I. G. v. Herders sammtliehe Werke. Zur Philosophie und Geschichte. Sechzehnter Theil. Herders Leben. Mit Großherzoglich Badischem gnädigsten Privileg,'». Carls ruhe, im Büreau der deutschen Classiker. L 8 2 2. Johann Gottfried von Herder'ö würdiger Tochter: Der Frau Geheimen Kammerralhin Luise Stichling zu Weimar, Dankbar gewidmet vom Verfasser. V o r r e d e. Johannes von Müller sagt, in seinem Vorwort zu Persepolis: *) „Herders Leben, wie er gegen die Widrigkeit des Glückes, manche Mißverständnisse, manchen verstimmenden Einfluß der Menschen, mit innwohnendcr Kraft sich durchgekämpft; wie reichlich eine hohe umfassende Idee, worüber er die Welt vergaß, ihn oft belohnt, wie er in der That war, und die Summe der Mühe aller seiner Tage, und die Frucht seiner schönsten Stunden: „Diese Darstellung wird schließen!" — *) S. Herders sämmrliche Werke, zur Philosophie und Geschichte. Erster Theil: die Vorwelt. Her- ausgegcben von Johann v. Müller. Band!' Eine solche Biographie, wie dieser nun auch langst dahin gegangene Heros der deutschen Literatur, noch bis in die letzten Mo- nathe seines Lebens, dem Andenken seines Freundes Herder, am Schluß einer besorgten neuen Ausgabe seiner Werke, zu widmen gedachte; und wie nur Wenige, noch unter uns wandlende, durch vertrauten persönlichen Umgang dazu besonders berufene, verwandte Geister, vielleicht noch zu liefern im Stande seyn würden: eine solche — darf der Leser hier nicht erwarten. Nur eine Zusammenstellung und Bearbeitung der reichhaltigen Materialien, welche die würdige und geistreiche Gattin mit so viel Liebe gesammelt, mit so viel Zartheit gesichtet, und der edle Hausfreund Johann Georg Müller, unter dem bescheidenen Titel: Erinnerungen aus dem Leben Johann Gottfrieds vonHer- der rc. mit vielen Anmerkungen und Zusätzen bereichert, als Wermächtniß seines Bruders, in zwey Banden herausgegeben hat; — mit möglichster B e Nutzung alles dessen, was hie und da, über Herders Leben und Wirken in neueren Zeiten erschienen und gesagt, IX oder was durch freundschaftliche literarische Verbindungen des Verfassers, an neuen, einzelne Perioden seines Lebens mehr aufklarenden Bemerkungen, noch ungedrucktcn Briefen und Familien - Nachrichten, demselben zugekommen und zum Theil auch selbst von den Angehörigen des großen Verklärten, mit so viel Güte und schmeichelhaftem Zutrauen, mitgetheilt worden ist; nur dieses, in einen Band z u sa m m e n g c d r ä n gt, war die Aufgabe, deren Lösung der Verfasser sich bey gegenwärtiger Lebens -Beschreibung zum Ziele setzen konnte und mußte. Wenn ihm der Vorwurf gemacht werden wollte, seinen Gegenstand vielleicht mit all zu viel Vorliebe behandelt zu haben; so kann er dabey auf den Schutz derer rechnen, die in den Geist des unwiderstehlich zu sich hinreißenden , erhabenen Priesters der Humanität und unermüdlichen Forschers nach Wahrheit und Schönheit, einzudringen der Mühe werth gehalten haben. Und wenn er auf der andern Seite, da — wo die zärtlich liebende Gattin, mit dem edelsten weiblichen Gefühl, zu entschuldigen, zu mildern und abzurunden bemüht war, sich erlaubt hat, den eigenthümlichen Charakter des Mannes, mit seinen schärfern, oft rauheren Umrisse», und mit seinen eigenen, kräftigen Worten mehr hervortreten zu lassen: so kann ihm nur billige Nachsicht seiner ach- tungswerthen Familie, nur gerechte Würdig gung des Lesers zu Theil werden. Inhalt. Seite Herders Geburt, Eltern und Geschwister . r Jugcndgcschichte bis zum Jahr 1762 . . 3 Aufenthalt in Königsberg von 1762 bis zur Berufung als Mitarbeiter an der Dom- fchule zu Riga im Herbst 1764 . 22 Herder als Lehrer und Prediger zu Riga, vom Ende Nov. 1764 bis zum 24. May 1769.^ Reife zur See nach Nantes; von da nach Paris, Brüssel, Antwerpen, Haag, Amsterdam und Leiden; und über Hamburg nach Kiel und Eutin; vom 5 . Juny 1769 bis zum Frühjahr 1770 . . 70 Verhältnisse in Eutin, Reise mit dem Prinzen , und Aufenthalt in Straßburg , vom Frühjahr 1770 bis zum April 1771 84 Verhältnisse Herders in Bückcburg vom May 1771 bis zu seiner Verhcurathung im May 1773.106 XII Seite Eheliches Verhältnis? und fortgesetzter Aufenthalt in Bückeburg bis zur Berufung nach Weimar, vom Zrübjahr 1773 bis ins Spatjahr 1776 . . j . Herders Leben in Weimar bis zur Reife nach Italien. Vom Octobcr 1776 bis August 1766. Reise nach Italien vom 6. August 1788 bis 9- Z»l» >789 .... Herders Wirken in Weimar seit seiner Rückkehr aus Italien, bis in die letzten Jahre seines Lebens- Von 1789 bis r8or. Herders letzte Lebensjahre von 1801 bis zu seinem Tode. Charakter-Züge . . . . . r53 190 2ir 227 3o8 333 Herders Herders Leben. 7>t> tOohann Gottfried von Herder — der Sohn eines Mädchen-Schullehrers Gottfried Herder und einer Huf- und Waffenschmidts- Lochter Anna Elisabeth Pcls, von Mohrungen in Ost - Preußen, ward gebohren am 26. August 1744. und starb zu Weimar am 18. Deccmber r 8 v 3 . als Herzog!. Sachsen-Weiniarischer Oberhofpredigcr, General-Superintendent, Ober-Pfarrer an der Weie marcr Stadckirche, Ephorus der Schulen und Präsident des Ober - Eonststoriums; als -Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, so wie der dortigen konigl. Akademie der Künste und mechanischen Wissenschaften; der 8ocie- lä Istteraria äs Volsci zu B.Ilelri; und der physikalischen - und lateinischen Gesellschaft zu Jena; — zugleich aber auch, als einer der ausgezeichnetsten Gelehrten und verdienstvollsten Schriftsteller seiner Zeit! — Herders W.z. Phil. u. Eesch. XVl. A I-eLen. 2 Herders Leben. Sein Vater war ein ernster, seine Pflichten gewissenhaft erfüllender Biedermann, der in Allem auf pünktliche Ordnung hielt, dabcy gutmüthig aber von wenig Worten. Die Mutter, eine verständige, flechsige und stille Hausfrau, mit der zärtlichsten Liebe und Frömmigkeit an ihren Kindern hängend; durch (Leistes - und Gcmüths - Gaben, 'so wie durch ihr Betragen ausgezeichnet vor andern ihres Geschlechtes und niedrigen Standes. Ein Bruder und eine Schwester starben früh; zwey Schwestern verheuralheten sich, die eine an Fleischer Neuma nn , und die andere an Bäcker Güldenhorn, beyde Bürger zu Mohrungen. Der Vater starb dort 1763 die Mutter 1772 und die zartere Schwester Güldenhorn, die von ihrem Manne nicht gut behandelt wurde <— später bey Herder in Weimar, wohin er sie, mit großen Kosten und Beschwerden hatte kommen lassen. Der Großvater Herders war aus Schlesien gebürtig — und wahrscheinlich wegen Religions- Verfolgungen im Anfang des vorigen Jahrhunderts ausgewandert. Eltern, Kinder und Geschwister verband eine fromme Anhänglichkeit an die Religion der Väter. Fleiß, Ordnung in Geschäften und treue gegenseitige Liebe erleichterten ihnen eine zwar nicht dürftige — doch nahe an Armuch grunzende häusliche Lage. Jugend-Geschichte bis 1762. 3 Jugend-Geschichte Herders, bis zum Jahr 1762. Auch Herders Jugend-Geschichte giebt das immer wiederkehrende Resultat: daß unterdrückte Geistes - Entwickelung , Kampf mit Bedrängnissen und Entbehrungen — das angcborne Talent nur um so kräftiger Hervorrufen und vielseitiger ausbildcn; den natürlichen Hang des Menschen zur Trägheit leichter besiegen — und eine anhaltendere Tha- tigkeit zur andern Natur und nützlichen Gewohnheit machen: während die häufig mißverstandene neuere Methode, der Jugend alles leichter machen zu wollen — nicht selten unordentliche, sich selbst zu viel vertrauende, weniger gediegene Menschen bildet. Seiner Eltern gedachte Herder immer mit frommer Liebe und Zärtlichkeit, obgleich die Erinnerung an seine durch Armuth verkümmerte Erziehung ihm gewöhnlich nur Schmerzgefühle erregte. Dem Vater verdankte er vorzüglich das auch von ihm beobachtete Regelmaas strenger Ordnung, welches er in allen seinen Geschäften stets beobachtete; das ihm früher die Erfüllung seiner Pflichten erleichterte und später zur angenehmen und nützlichen Gewohnheit wurde. Oft konnte er zu seinen Kindern sagen: tz: „Ach, welch eine andere glückliche Jugend habt ihr vor der meimgen voraus! Bep meinem Vater waren alle häuslichen Geschäfte, so wie die Lektionen, an Zeit und Ordnung streng gebunden. Wenn daS Geschäft jetzt gethan werden mußte, so durfte kei- A 2 H e r d c r s L c b c n. »es der Kinder sich entschuldigen, cs mußte ge- khan wcrdcu. sliur be» einer so strengen Ordnung koniitcn m>ine Eltern mit ihrer geringen Einnahme auskommen. — Wenn mein Vater mit mir zufrieden war, so verklärte sich sein Gesicht, ec legte seine Hand sanft auf meinen Kopf und nannte mich: Gottes Friede! dieß war meine größte, süßeste Belohnung. Streng und gerecht in hohem Grade, aber eben so gütmülhig war er; sein ernstes schweigendes Gesicht — mit dem kahlen Scheitel — vergesse ich nie! — " Der Mutter Gesichts - Züge und Charakter: ein schnelles Auffassen des Gehörten, Liebe zur Stille, Gutmüthigkeit und herzliche Theilnahmc an der nächsten Verwandten Leiden und Freuden — waren gleichsam als mütterliches Erbtheil auf den Sohn übergegangen. Schon als vierjähriger Knabe verhielt er sich still und ernst. Laufen, springen oder laut auf- schrepen — war seine Sache nicht; nur abgesondert von andern Kindern, die ihm nicht zusagten, konnte man den kleinen, dicken, rothwanqigten Jungen spielend an der Hausschwclle beobachten. Die patriarchalische Lebensart der Familie Herder, die jeden, im Fleiß und Beruf vollbrachten Tag, mit gemeinsamer Absingung eines geistlichen Liedes zu schließen pflegte, — machte einen tiefen bleibenden Eindruck bcy dem Sohne. Noch in spätern Jahren erinnerte er sich oft mit Rührung und weh- mükhiger Sehnsucht an jenen frommen häuslichen Abendgesang. Ucberhaupt hat die fromme Weise seiner Eltern, ihr einfacher stiller Lebenswandel, Jugend-Geschichte bis 1762. 5 ihre häusliche Zuftiedcuhcit bev Erfüllung ihrer Pflichten, ihre Anhänglichkeit und Liebe zu cinan- der — den Keim der Religion und der Liebe zur Tugend früh in ihm geweckt. Auch erklärt, i» Verbindung mit Obigein, das in der ersten Ent- wickelungs-Zeit vom Vater beynabe ausschließlich gebotene Lesen in der Bibel und im Gesangbuch — zum Theil, jene mit religiöser Andacht vcrschwisicrte Sentimentalität Herders — und jene entschiedene Vorliebe desselben für den Jnnhalt und Geist der orientalischen Poesie. In diesem seng geschlossene» häuslichen Paradies, mit den Dornen der Armuth umzäunt, war er im Schuh gegen manche Verschwendung und üble Anwendung seiner Jugendzeit. Auch erkannte er in der Folge dankbar diese wohlthätige Beschränkung und bedauerte nur darum die Armuth seiner Eltern, weil sie ihn mancher Mittel zu seinem Studieren, und einer mehr für ihn passenden Erziehung so bitter beraubte. Auch in der Diät übte der alte Vater Herder, zur Erhaltung der Gesundheit seiner Kinder, strenge Regeln: zu bestimmten Jahrs - Zeiten mußte nemlich von sämmtliche» Kindern ein Pulver gegen die Würmer genommen, im Frühling Tkee von Schwarzdcrwblüthen getrunken und bey Erkältungen, . Flicdcrmnß. zum Schwitzen geschluckt werden. Lächlend erwähnte zuweilen Herder dieser gesetzlichen Arzney-Taao, deren er bey seiner gesunden kraftvollen Natur nicht bedurfte; und die auch unter uns noch Manchen an bittere Stunden ähnlicher.hausärztlicher Vorsorge früherer Zeiten erinnern werden. Den ersten Schul-Unterricht genoß er bey dem an der Mohrunq'schen Stadtschule damals ange- stellten flrektor Grimm; einem im ehelosen Stande, einsam lebenden, finstern, durch blasse Gesichtsfarbe und eine schwarze Perücke noch finsterer gemachten, zwischen 6» und 7« Jahre alten Manne; der fedoch wegen seines gründlichen Unterrichts und feiner Rechtschaffenheit , als verdienter Schulmann , auch lange nach seinem Tode noch bey seinen Mitbürgern in Achtung stand. Latein und etwas Griechisch, Geschichte und Erdbeschreibung der Jugend beyzubringen, hatte er durch lange Uebung gelernt, doch mehr nur als Gedachtnißsache behandelt, nicht als Uebung des Urtheils und des Verstandes. Mir Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und Strenge, und durch wiederholtes Aussragen des Gelernten, wußte er es dahin zu bringen, daß seine Schüler im Examen gut genug bestanden. Auf Veredlung des Herzens und Verfeinerung der Sitten konnte er jedoch nur so weit wirken, daß er neben gewöhnlicher Belehrung über die Pflichten der Jugend, nicht die geringste Unsittlichkeit vergab. Als pedantischer Schulmann, üble er häufig eine übertriebene Strenge, weswegen er seine früher zu Salfeld bekleidete Rektors-Stelle aufgeben mußte. Ohne Peitsche und Ruthe — als der vermeintlich wirksamsten Triebfedern einer durchgreifenden Schul - Disciplin — glaubte der gute Mann nicht bestehen zu können: daher die Anekdote eines muth- willigcn Mohrungcr Schulknaben, der einem, mit Kälbcrfcllen beladenen Bauern, auf die Nach- Jugend-Geschichte bis 1762. 7 frage nach einem Rothgerbcr — die Wohnung seines Schul - Rektors Grimm nachwies; der ihm wahrscheinlich kurz vorher den Rücken roth gegerbt haben mochte. Der scheue, furchtsame Anstrich in des Knaben Herders ganzem Acußerem — den er auch in den Jünglingsjahren lange noch beybehielt, mag wohl zum Theil eine Folge dieser Schultyranney gewesen seyn. Kinder von lebhaftem Geist pflegen zwar unter solchen Verhältnissen wilder, ausgelassener und boshafter zu werden; doch Herders gute Gemüthsart verhütete diese nachtheilige Folge, die sich bcy ihm mehr in etwas heimlich Grämliches, in Verschlossenheit und Mißtrauen umwandelte, und aus dem Druck, in welchem er zu Hause — wie bcy seinen Jugendlehrein gehalten wurde, leicht zu erklären ist. Ein vortreffliches Gcdachtniß, Nachdenken und scharfe Urtheils - Kraft — ließen ihn schnelle und große Fortschritte auch im Griechischen, besonders in den letzten Schuljahren machen. Im Lateinischen, worin Grimm besonders gut bewandert war, bekam auch Herder vorzügliche Fertigkeit. Molden- Hauers deutsche Einleitung in die Alterthümer wurde damals von Grimms Schülern ins Lateinische übersetzt und an gewissen Tagen die Reden Alexanders aus Curtius deklamirt. Gegen seinen Schul-Rektor hegte der junge Herder, aller Strenge ungeachtet, die größte Hochachtung; dagegen war auch er dem Knaben ausserordentlich gewogen, stellte ihn häufig als Beyspiel 8 Herders Leben. zur Nachahmung in der Schule auf, und soll jederzeit viel Gutes über ihn prophezeiht haben. Die Zahl der Schüler belief sich damals auf dreyßig; doch war Herder unter diesen nicht der Erste, sondern sein treuer Freund — Johann Christian Emmerich. Auch der nachhei ige Amtmann K r ü- gcr zu Lochstädl, war sein damaliger Schulfreund, der manche Erinnerungen aus Herders Jugend, als Bevtrag zu seiner Lebens-Geschichte lieferte. „So streng er war" pflegte oft Herder von seinem ersten Schullehrer zu sagen, „und so grimmig er aussah, wie sein Name hieß, so verdanke ich jhm doch den Grund meiner Kenntnisse. Auf Erlernung der grammatischen Regeln hielt er streng und unerbittlich. Jede Lektion, welche cs auch war, ließ er so lang und oft wiederholen, bis wir ihren ganzen Sinn mit Verstand und Gedacht- niß gefaßt hatten. Während dem Hcrsagen der Lektionen mußten wir stehen; diese Weise lehrt den Schüler Ehrerbietung gegen den Lehrer und Aufmerksamkeit auf die Lektion. Er forderte Ehrerbietung und erhielt sie auch von uns Schülern in hohem Grad; wir zogen schon unsre Hüte ab, so bald wir ihn und seine Wohnung von ferne erblickten. Dagegen bezeugte er auch den Fleißigen , ungeachtet seiner strengen Forderungen, gerne seine Zufriedenbeit, und zeichnete einige Wenige, worunter auch icl, war, dadurch aus, daß er uns auf seine Spaziergänge mitnahm, wo wir ihm Ebrcnpreiß und Schlüsselblumche» zu seinem Thee, den er täglich trank, suchen m.ufiten. Immer sind mir daher Ehrenpreiß - und Schlüssel- Jugend-Geschichte bis 1762. 9 blümchen so wcrth geblieben: sie erinnern mich an jene Spaziergänge, nn die Ehre und Belohnung meines unvergeßlichen Rektors. Zuweilen gab er einem oder dem andern Schüler, dem er seine Zufriedenheit ganz besonders zeigen wollte, auf seiner Studierstube eine Tasse solchen Thees, mit einem kleinen Stückchen Zucker; dieß war eine ehrenvolle Auszeichnung. Mit mir war er meist zufrieden, schenkte mir seine Aufmerksamkeit und war mir gut." Indessen mißbillgte doch Herder zuweilen seines ehemaligen Rektors allzu pedantische Lehr - Methode, ohne welche sein Geist eine freiere Bildung durch praktisch anschaulichen Unterricht erhalten haben würde. Seine große Lern - und Lese-Begierde zeigte sich schon frühe; die Schwester Eüldenhorn erzählte davon: er habe oft das Buch mit zum Mittag- und Abendessen genommen, vom Vater aber gewöhnlich darüber einen Verweis erhalten. Ganz buchstäblich wird jedoch die, in Jordcns - im Eonv. - Lerikon und a. O. enthaltene Angabe nicht zu nehmen scyn: daß ihm sein Vater nur Bibel und Gesangbuch zum Lesen gestattet habe. Auch Jemand aus Mohrungen, der Herdern noch als Knaben gekannt hatte, erzählt von ihm: er fcye, wenn er in der Stadt irgend ein Buch, etwa auf einem Fenster im Vor- bcygehen habe liegen seben, sogleich in das Haus mit der freundlichen Bitte eingetrcten: ihm doch dieses Buch zum Lesen zu leihen! Seiner Schwester zeigte ec einst auf der Landkarte — Italien, mit jv Herders Leben. unbeschreiblicher Freude und rief deibey aus: O mein Italien! dich muß ich einmal sehen! — Die liebsten Erholungen waren ihm, einsame Orte in der freien Natur. Mit einem Buch in der Hand, unter Blüthcn und unter dem Gesang der 'Vogel, auf einem Kirschbaum seines väterlichen Gartens mit einem Riemen festgeschnallt, brachte er manche Stunden hin, die ihm bis ins Alter in der Erinnerung werth geblieben sind. Sein Lieblings-Gang warum den Mohrunger See und durch das sogenannte Paradies-Wäldchen. In dem Gedicht: „Fliegt ihr meiner Jugend- Träume" (B. 3 i. p. 5 .) hat er diesem See «in wehmüthig süßes Denkmal gesetzt. Mit welcher Empfindung er schon damals die Alten gelesen habe, beweist die Stelle eines Brieses an seine Braut (1771.), wo ec sagt: er erinnere sich, als er noch ganz jung im Homer — die Vergleichung des Frühlings und der abfallenden Blätter im Herbst, mit dem Verschwinden eines ganzen Menschengeschlechts, gelesen habe: ihm, was einem Schulknaben selten zu kommen pflege, unwillkühclich die Thranen aus den Augen getreten seyen. Musik und Gesang ergötzten ihn schon von früher Kindheit an. Zwar erhielt er nur in der Schule, mit vielen andern Schülern zugleich, sehr dürftigen Unterricht i 1 Klavier-Spielen, wozu ein armseliges Instrument jedesmal aus einer Schulstube in die andere geschleppt werden mußte. Dennoch hatte er sich, durch besondere Bemühung seines Schul-Rektors Grimm, im Generalbaß gründ- Jugend-Geschichte bis 1762. rr lichc Kenntniße erworben und lieble vorzugsweise die ernsten, einfachen und erhabenen Töne der Kirchenmusik, welche das Gefühl des Feierlichen erregen; und schmerzlich empfand er cs, wenn in solchen Augenblicken des starken Eindrucks einfach rührender Ehoral-Töne, der Strom seines Gefühls unterbrochen wurde. Immer bedauerte er, in seiner Jugend keinen bessern Unterricht in der Musik und im Zeichnen erhallen zu haben. In der Religion wurde Herder von dem damaligen, wegen seiner Seelengute und Wchltha- tigkeit allgemein beliebten Prediger Willamov zu Mehrungen, dem Vater des bekannten Dichters Joh. Gottlob Willamov — unterrichtet; von welchem er auch coufirmirt wurde. Mit ganzer Seele hieng der junge Herder an diesem würdigen Geistlichen, dessen Familie mit der Familie Herder, durch Armuth und edle Denkungsart gleich verwandt, in vertrauter Freundschaft lebte. Hier fand er als Knabe und Jüngling reiche Nahrung für Verstand und Herz — denn hier war er wahrhaft geliebt. Unter Herders nachgelassenen Papieren fand sich ein Aufsatz mit der Aufschrift: „der Redner Gottes" den er im Anfang seiner Studien-" Jahre zu Königsberg verfaßt und worin er die Hauptzüge zum Ideal eines Predigers und Seelsorgers — aus dem Leben und Wirken Wlllamovs entlehnt hatte; so wie überhaupt seine prosaischen und dichterischen Arbeiten immer durch lebendigen Eindruck von Aussen veranlaßt wurden und nur selten aus der reinen Phantasie entsprangen. Eine neu?-, für die Entwickelung des Geistes und Charakters des jungen Herders entscheidende Periode feinet Jugendgeschichte fing mit der Erscheinung des Predigers Sebastian Friedrich Tr esc ho — iU Mvhrungen an. Harre der finstere Charakter seines Schul-Rektors Grimm nachrheilig auf seine Bildung gewirkt, so war dieß noch weit mehr der Fall, bey dein Einfluß, welchen Trescho auf leine Erziehung, seit dem Jahr r/6n erhielt; wo dieser, in der theologischen Literatur-Geschichte nicht ganz unbekannt gebliebene Geistliche als Diakonus in Mobrungcn angestellt und der i6jahriae Jüngling Herder, in das einsame Haus dieses kränklichen, hypochondrischen, ehrlosen und unfreundlichen Mannes — als Famulus ausgenommen und als Abschreiber seiner damals heraus- gegebenen, in der allgemeinen deutschen Bibliothek bitter heruntergemachtcn asketischen Schriften — mißbraucht wurde. Das in JordenS Lexikon gerühmte Verdienst Trescho's uni die Bildung Herders. — erscheint hiernach und aus weiter unten vorkommenden That- umstanden, sehr problematisch; und irrig ist offenbar die dort, und in vielen literarischen Blattern, ja selbst in der Charakteristik Herders von Danz und Grub er pag. 169. enthaltene Angabe! „daß Trescho ihm, mit seinen Söhnen — Unterricht im Lateinischen und Griechischen gegeben habe" — da er keine Sohne hatte — und immer unverheurathet geblieben ist. Trescho hatte Herdcrn schon in seiner Kindheit Jugend-Geschichte bis 1762. i 3 gesihen, da ec in WÜlamovs Hause zu Mohrun-> gen einige Zeit als Zögling zugebracht hatte — und fand ihn nun, zu seinem Erstuumn als einen der ersten Schüler der lateinischen Schule wieder, der fertig und besonnen auf stine katechetischen Fragen zu antworten wußte. Da die Mädchenschule im elterlichen Hause viel Unruhe und Geräusch verursachte — und der Knabe dadurch vielfältig am Lernen verhindert wurde, so nahm ihn Trescho, gegen Obdach und Schlafstatke — zu seinem Famulus an, ohne ihn deswegen in seinen Schulstunden zu beschränken, aber auch ohne ihm selbst einigen Unterricht zu erthcilen; um damit den Äekloc Grimm nicht zu beleidigen. „Wenn er von den Eltern nicht zu ihren häuslichen Verrichtungen gebraucht wurde," erzählt Trescho selbst — „so saß er Abends b.n) mir, an meinem Schreibtisch, lernte seine Lektion, gierig zum Speisen zu seinen Eltern und hernach still in seine Schlafkammer, nahe an meiner Wohnstube." Von einigem Nutzen war ihm zwar der -Gebrauch seiner Bibliothek und die Uebung im Ab,- schrciben; — allein Trescho gesteht selbst, daß er ihm den Gebrauch seiner Bücher nur dazu gestattet habe, um ihm abzumerkc», wohin etwa seine Neigung gehen möchte. „Aber hier stand mir" wie Trescho sich ausdrückt — „sein durch die Schul- Sclaverey furchtsam gemachter Geist .entgegen; nie sprach er etwas mit-dreister Gebehrde, sondern-beantwortete meist schüchtern-/ was ich ibm etwa zu bestellen austrug; — seine Stimme war nur halb »4 Herders Leben. laut und er blieb tief in sich verschlossen. Nie sprach er von selbst und cs war ihm nichts zu entlocken, woraus ich ihn für etwas mehr, als ein ganz gewöhnliches Geschöpf hatte halten können. Daher, und wegen der Armuth seiner Eltern, habe er den Sohn von seiner leidenschaftlichen Neigung zum Studieren abzubringen und ihn zu Erlernung eines Handwerks zu bestimmen gesucht." — Dazu hatte jedoch Herder durchaus keine Neigung und kein Geschick — und gedachte in spater» Jahren öfter mit Unmuth der unfreundlichen Behandlung Trescho's und der Hindernisse, welche dieser seinem Hang zum Studieren entgegen gesetzt hatte; aber er vergab ihm bald wieder und sein Dankgefühl für den gestatteten Gebrauch seiner Bibliothek gewann immer die Oberhand: denn hier lernte er seinen unvergeßlichen Dichter Kleist, mehrere altere deutsche Dichter und seinen Landsmann Simon Dach, den er so hoch hielt, zuerst kennen. Nach allen Spuren war seine Dienstzeit Key Trescho — die niederschlagendste Periode seines Jugend-Lebens. Sein heißer Durst nach Erweiterung seiner Kenntnisse ließ sich jedoch durch keine Schwierigkeit unterdrücken und manche nächtliche Stunde opferte er der Befriedigung seiner Wißbegierde. „An einem Abend" erzählt Trescho in seinen Fragmenten zur Jugendgeschichte des Herrn Präsidenten von Herder, welche er der Wittwe im Jahr 1804 übersandte — „da Herder mit brennendem Licht in seine Schlafkammer gegangen war, em- I u g end-G e sch ich te b i s i 7 6 2 . i5 pfand ich eine geheime Unruhe: ob er nicht etwa beym zu Bette gehen das Licht auszulöschen vergessen haben könnte? ich schlich mich daher spater in seine Schlafkammer und fand ihn da, zu meinem Schrecken entkleidet, aus dem Deckbette liegend — in tiefem Schlafe! Um ihn her zerstreut auf dem Fußboden lagen eine Menge, zum Theil aufgeschlagene, griechische und lateinische Klassiker, auch mehrere deutsche Dichter — und in der Mitte stand das noch brennende Licht! — Natürlich mußte mir hierher, die Ueberraschung, was eigentlich für ein Geist in meinem lieben Herder athme, über alles angenehm — und doch zugleich kummervoll seyn. Die kleine Warnung die ich ihm am Morgen wegen seiner Unvorsichtigkeit gab, war bald vorüber und als ich ihn hierauf fragte: Ob er fähig sey, diese Bücher zu benutzen? — antwortete er einsilbig: Ergebe sich Mühe, sie zu verstehen! — Nun entdeckte ich, daß ich statt eines Mohrungischen lateinischen Schülers, einen Mann vor mir habe, der durchaus in eine ganz andere Entwickelungs-Schule seines großen Geistes versetzt werden müsse, wenn nicht eine Art von Geistes-Mord an ihm verübt und ein Leben in seinen ersten Alhemzügen erstickt werden sollte, welches - zu großen Zwecken geschaffen schien. Ich beschäftigte ihn von da an, in seinen müßigen Stunden wenigstens so — daß er Kenntnisse erlangen konnte, die er vorher zu sammeln keine Gelegenheit hatte." — Dem ungeachtet scheint Trescho auch jetzo noch wenig in seinem Benehmen geändert — vielmehr eine gewiße Unterdrückung des in dem jungen Herder aufstrebenden Genies fortgesetzt 16 Herders Leben. zu Huben — und es bleibt in jedem Fall höchst bedauerlich , daß er die Entdeckung der vorzüglichen Geistes-Gaben an seinem FamuluS nur erst so spat gemacht hat! — „Bald darauf" erzählt Trescho weiter — „fand sich ein neuer Anlaß, das große Talent Herders kennen zu lernen: ich hatte ein Flugblatt, Geschichte meines Herzens, an den Buchhändler Kanter in Königsberg zu schicken. Der junge Herder übernahm das Abschreibcn, Versiegeln und Absenden desselben. Ein paar Posttage hernach schrieb mir Kanter: er habe in einem Paket ein Gedicht: „An Eyrus, den Enkel Astya- g es"*) voll Geist und Salbung gefunden, es sogleich abgedruckt und mit großem Beyfall der Kenner ausgegebcn; er bäte mich, ihm den Verfasser zu nennen: Und wer konnte dieses anders seyn — als Herder? Er läugnete es auch nicht, als ich ihn darüber fragte, ward roth — und lächelte! " Wenn Herder später an die Bekanntmachung dieses seines ersten Gedichts, a!s Jüngling von Jahren erinnert wurde — beklagte er lächlend seine damalige Unkunde der Welt und Menschen. „Er habe fest geglaubt, daß er durch das heimliche Versiegen *) AufKaiier Peter Hl, Enkel Peters des Großen anspielend ; der damals Friede mit Preußen gemacht und mehreren nach Sibirien Verwiesenen — die Freiheit geschenkt hatte. (B. 3 r. pag. g8.) Zugend-Gcschichte bis 1762. »7 Beylcgen des Gedichts zu Trescho's Schrift unbekannt bleiben, und Niemand nach dem Verfasser fragen würde." — Eine frühere Begebenbeit erzählt Trefcho noch, von welcher zweifelhaft ist, ob sie Herder wirklich zugeschrieben werden kann; deren Zusammenstellung jedoch, so wie sie Trefcho gibt, das Verhältnis zwischen bevden aufklärt. Als Trefcho nämlich an einem Sonnabend in den Beichtstubl trat, fand er dort einen versiegelten Brief liegen , dessen Handschrift ihm unbekannt war. Er enthielt wehmütbige Selbstgeständnisse der Fehler und Naturverdorbenheit des Briefstellers, nebst einer Erzählung, wie er Sonntags vorder, durch Trcscho's Predigt inniast wäre betroffen und wie aus dem Schlafe geweckt worden. Trefcho hatte nämlich nach Lucä VII. 36 — /,2. von dem leichten Weg des Evangeliums Christi, zur Seelenruhe und Besserung zu gelangen, gesandelt. Nebst dem Wunsch, auch auf diesem Wege geleitet zu werden, enthielt dieser Brief Ausdrücke der innigsten Ueberzeugung von den Wahrheiten der Religion , Klaaen über fehlgeschlagene Versuche, jenen Weg zu betreten und viele gute Vorsätze für die Zukunft. Zugleich wurde dnrinn gebeten, die Antwort eben so verschlossen in den Beichtstuhl zu legen. Dieß geschah, und erst nach einiger Zeit glaubte Treschs Aehnlichkeic mit Herders Handschrift, wenn er flüchtig schrieb, in jenem Briefe zu entdecken; und erwartete nun von einer Zeit zur andern, ob er ihm etwas von den Wirkungen seiner Antwort mündlich oder fänsitlich entdecken werde. Allein keines von Heyden erfolgte, und Trelebo will auch keine Ver- Herders W. z,Phil. u. Gesch. XVI» B Her-l. XeLen. i6 HecderS Lebe». zu Huben — und cs bleibt in jedem Füll höchst bedauerlich , daß er die Entdeckung der vorzüglichen Geistes-Guben un seinem FumuluS nur erst so spät gemacht Hut! — „Buld darauf" erzähltTccscho weiter — „fand sich ein neuer Anlaß, das große Talent Herders kennen zu lernen: ich hatte ein Flugblatt, Geschichte meines Herzens, an den Buchhändler Kanter in Königsberg zu schicken. Der junge Herder übernahm das Abschreibcn, Versiegeln und Absenden desselben. Ein paar Posttage hernach schrieb mir Kanter: er habe in einem Paket ein Gedicht: „An Eyrus, den Enkel Astya- g cs"*) voll Geist und Salbung gefunden, es sogleich abgedruckt und mit großem Beysall der Kenner ausgegebcn; er bäte mich, ihm den Verfasser zu nennen: Und wer konnte dieses anders seyn — als Herder? Er langnete es auch nicht, als ich ihn darüber fragte, ward roth — und lächelte! " Wenn Herder spater an die Bekanntmachung dieses seines ersten Gedichts, als Jüngling von Jahren erinnert wurde — beklagte er lachlend seine damalige Unkunde der Welt und Menschen. „Er habe fest geglaubt , daß er durch das heimliche Beylegen *) AufKaiier Peter Hl. Enkel Peters des Großen anspielend; der damals Friede mit Preußen gemacht und mehreren nach Sibirien Verwiesenen — die Freiheit geschenkt hatte. (B. Zr. pag. g8.) Jugend-Geschichte bis 1762. »7 Bcylcgen des Gedichts zu Trcscho's Schrift unbekannt bleiben, und Niemand nach dem Verfasser fragen würde." — Eine frühere Begebenheit erzählt Trescho nach, von welcher zweifelhaft ist, ob sie Herder wirklich zugeschrieben werden kann; deren Zusammenstellung jedoch, so wie sie Trescho gibt, das Verhältnis; zwischen bevden aufklart. Als Trescho nämlich an einem Sonnabend in den Beichtstuhl trat, fand er dort einen versiegelten Brief liegen , dessen Handschrift ihm unbekannt war. Er enthüll wehmütbige Selbst- gesiändnisse der Fehler und Naturverdorbenheit des Briefstellers, nebst einer Erzählung, wie er sonntags vorher, durch Trcscho's Predigt inmost wäre betroffen und wie aus dem Schlafe geweckt worden. Trescho hatte nämlich nach Luca VH. 36 — e,2. von dem leichten Weg des Evangeliums Christi, zur Seelenruhe und Besserung zu gelangen, gehandelt, flickst dem Wunsch, auch auf diesem Wege geleitet zu werden, enthielt dieser Brief Ausdrücke der innigsten Ueberzeugung von den Wahrheiten der Religion , Klaoen über fehlgeschlagene Versuche, jenen Weg zu betreten und viele gute Vorsätze für die Zukunft. Zugleich wurde darinn gebeten, die Antwort eben so verschlossen in de» Beichtstuhl zu legen. Dies; geschah, und erst nach einiger Zeit glaubte Trescho Achnlichkeir mit Herders Handschrift, wenn er flüchtig schrieb, in jenem Briefe zu entdecken; und erwartete nun von einer Zeit zur andern, ob er ibm etwas von den Wirkungen seiner Antwort mündlich oder scbustlich entdecken werde. Allein keines von beyden erfolgte, und Treicbo will auch keine Ver- Herders W. z.Phit. u. Gesch. XVI. B Ler-r. XeLen. Herders Leben rö andcrung in ihm bemerkt haben, „er blieb immer der stille, eingezogene, vorsichtige und gut hmidlende Jüngling." Herder selbst, wenn er auf seine Jugend- geschichte zu sprechen kam, ermahnte niemals dieser Begebenheit, auch fand sich Trescho's Antwort nicht unter Herders nachgelassenen Papieren. Wenn aber auch der junge Herder jenes Schreiben wirklich verfaßt, und die Antwort Trescho's unerwiedcrt gelassen hat, so laßt sich beydes leicht erklären. Der geistliche Stand war dem Jüngling in seinem lieben Willamov , als der ehrwürdigste und wohlthätigste erschienen; auch auf Trescho trug er diese tiefe Verehrung als Geistlichen über, und durch eine seiner mystisch-frommen Predigten, zu unbekannten Gefühlen aufgeregt, hoffte die junge feurige Seele sich inniger mit dem ewigen Quell der Ruhe und Weisheit zu vereinigen, und in ihm den weisesten Nathgeber für die innersten Angelegenheiten feiner Seele zu finden. Allein Ton und Jnnhalt der Antwort, die nicht bekannt geworden ist, mögen den Jüngling nicht mebr ange- sprochen haben; sein durch die hohe Einfachheit der biblischen Sprache langst gerührtes Her; und sein durch das Studium der Alten damals schon gebildeter Geschmack, konnte wahrscheinlich jene Antwort nicht mehr genießbar finden : daher sein Schweigen ! — und je mehr Herder das Betragen und die Gesinnungen Trescho's gegen ihn bemerken und bcurtheilen konnte, je mehr mußte er sich von einem Manne zurückziehen, der seinen Geist in Fesseln zu halten bemüht war, und der nie sein wahrer, ihn Jugend-Geschichte bis 1762. lg richtig schätzender Gönner gewesen zu senn scheint Auf eine Stelle eines Briefes, welchen Trescho i,rl Jahr 1766 an Herder nach Königsberg schrieb, bezieht sich wahrscheinlich folgendes Gedicht Herders aus jener Zeit, das seine Empfindung über das Benehmen Treschü's gegen ihn ausdrückt:, »,Du willst Vereinigung jenseits des Arales? DU? Und für gehabte Müh' Respekt und Dank dazu? Ja Dank! Du wärst der Stock- der starr das Bäumchen bog Der Rosenstrauch, der sie, die Rose auferzog, Das Marter-Kreuz, an dem der Engel aufwärts flog?> Noch ein anderer Druck lag schwer auf Herders Entwickelungs-Periode, der auf seine Cbnrakter- Bildung Einfluß gehabt und schon so manchen hoffnungsvollen jungen Mann in alteren lind Neueren Zeiten gequält und von seiner bessern Bestimmung abgezogen hat: Er war in seinem Kantons- Bezirk in das Militär eingeschrieben? und hatte täglich die peinigende Aussicht als Rckruk äusgehoben zu werden! — Zum Glück war seine kleine, schmäle Gestalt Und sein krankes rechtes Auge - an welchem er seit seinem fünften Jahre an einer Tbränenststel litt, keine Empfehlung zum Soldakenstand - und daher Uiäq es auch gekommen leyn, daß so lange er in Mohrungen lebte, seine Aushebung nicht erfolgte. DeNnoch schwebte er mehrere Jgbre hindurch in beständiger Unruhe und Furcht. wegen der täglichen Gefahr seiner vorherrschenden Neigung zum Studieren auf immer entrissen zu werden. Diesem Umstand B 2 20 Herders Leben. ist es zum Tbcil zuzuschreiben, daß seine Jugend so scheu uud verschlossen war; und diese frühen Eindrücke militärischer Gewalt und Sklavere» wirkten nus sein zart fühlendes Gcmüth so tief, daß er eine Abneigung gegen die damalige militärische Verfassung seines Vaterlandes nie ganz zu unterdrücken vermochte. Mit Bitterkeit nannte er oft diese Militär - Mas- rcgeln roh, inhuman, die Sitten im Grund verderbend , Unwissenheit und Müßiggang pflanzend und meistens nur auf Spielerei) hinaus laufend! —> Eines seiner frühesten Gedichte „der Säuglings (B. 3 r. x. 44.) ist in Vielem Gefühl entstanden. Ost beklagte er, daß diese frühen Eindrücke, diese Furcht vor dem Soldatenstand, diese beschrankte Schul-Erziehung, seiner Seele eine gewisse Furchtsamkeit und zu weit getriebene Demuih eingepragt hatten, die ibm in der Folge, wo es auf augenblickliche Entscheidung, auf schnelle Benutzung günstiger Momente ankam, sehr nachthcilig gewesen sei). Eine höhere Fügung lies endlich dcm jungen Herder seinen Rettungs-Engel erscheinen! Ein aus dcm. siebenjährigen Krieg zurückkcbrendeS Regiment Russen stand damals, zu Anfang des Jahrs 1762 zu Mohrungen im Winterquartier. Der Wundarzt dieses Regiments kam oft zu Trcscho und auch zu Herders Eltern; er soll ein Kurlander gewesen seyn und Schwarz er loh geheißen haben. Doch ist dieses sehr ungewiß. Herder» selbst war sein Name gänzlich entfallen; nur sagte er, daß er ein Schwede, ei» Mann zwischen gu bis 5 o Jahren gewesen sei) und in Abo studiert habe. Er besaß bey einer freundlichen Eesichtsbildung viel Geschick- l Jugend-Geschichte bis 1762. 21, lichkcit in seinem Fach als Wundarzt, sprach gern von literarischen Gegenständen und lebte nach den Regeln der strengsten Sittlichkeit. Bey Trescho auf dem Zimmer, verlangte er eines Tages ein Glas Wasser, welches ihm der junge Herder — als Trescko's Famulus, reichen mußte. Beym Her- eimreten sah er ihn aufmerksam an, und fragte nachher, .als er sich wieder aus dem Zimmer entfernt hatte, wer er sey und was er lerne? Auf Trescho's Antwort, sagte.er sogleich: „Ich nehme ihn zu mir!" — Ob vielleicht durch der Mutter Fürbitte der Wundarzt zu diesem Entschluß bewogen wurde, ist ungewiß; indessen war er ein Freund von Herders Eltern, und that es also doch wahrscheinlich aus Liebe für sie und ihren Sohn. Herder sagt selbst in einem Brief an seine Braut vom 22. Scpr. 1770. „Nachdem der Regiments-Chi- rurgus sich von meinen Kenntnissen naher unterrichtet imd mich im Latein gut gefunden hakte, that er mir den Vorschlag: er wolle mich nach Königsberg mit- nebmen, mich die Chirurgie lehren und nur für mein krankes Auge Hülse verschaffen; dafür sollte ich ihm gleich nach unser Ankunft in Königsberg eine mcdi- cinischc Abhandlung ins Lateinische übersetzen; auch wolle er in der Folge, wenn ich mehr Lust zur Mcdicin hatte, mir dazu helfen, daß ich sic in Petersburg unentgeldlich studieren könne." —- Wie ein Licht vom Himmel in dunkler Nacht, erschien ihm und seinen Eltern dieser Vorschlag! Ohnqcachtet er keine Neigung zur Chirurgie hatte, so nahm er doch das Anerbieten des Ncgimcnts- Chjrurgus als eine Erlösung aus seinem gualvyllon 2? Herders Leben Ausland mit Freuden an; und alle Freunde und Bekannte in Mobrungen nabmen Thcil a» der, für den hoffnungsvollen Jüngling sich eröffnenden, vor- theilbaften Aussicht; trugen thatig und nach Vermögen bey, um den jungen Herder in reisefertigen Stand zu setzen und wünschten ,hm Glück auf den Weg! — Eines seiner frühesten, in der Sammlung nicht abgedruckten, Jugend-Gedichte: „An meinen Genius, am Geburtstage 25 . Auq." hat ohne Zweifel Be;ug auf diese, für ihn entscheidende Wendung seines Schicksals, Im Vertrauen auf eine unsichtbar versorgende Leitung, reifte er im Sommer 4762 mit seinem Erretter von Mohrungen ab, und sah seine guten Estern nie wieder! Aufenthalt in Königsberg, yon 1762 bis zur Berufung als Mitarbeiter an der Dom schule zu Riga im Herbst 17(14, Welchen Eindruck der Uebergang aus dem armseligen, finstern Mohrungen, in die große, volkreiche und gewerbsame Stadt Königsberg — auf den gleichsam dem Kerker entronnenen, wißbegierigen in Königsberg von 1762 bis 1764. 23 über beschränkten Jüngling machen mußte, der nun der Erfüllung seiner schönste» Wünsche entgegen gieng: laßt sich nur dann recht wahr und lebhaft fühlen, wenn man selbst sich mehr oder weniger in ähnlichen Jugend-Lagen befunden hat. — Je kleiner der Maasstab ist, den man aus seinem häuslichen Leben mit herausbringt in die Welt, je größer und gigantischer crsch inen die Gegenstände die das physische und moralische Auge des Neulings zuerst erblickt; —- und nur erst nach oft wiederholter rubigcr Vergleichung wird endlich das wohlorganisirte Aug und Herz den richtigen Maasstab zu finden wrffen, nach welchem der Weise das Treiben und Schaffen der sogenannten großen Welt zu betrachten und zu beurlheile» hat. Dem Gedächtnis; Herders waren die Straßen Königsbergs, seine Kirchen, das OolleZium kri- cksrrcnanuirl, die Häuser seiner Freunde und Bekannten , die großen öffentlichen Gebäude, der Hasen, die Plätze und Gärten, noch in später» Jahren so lebendig gegenwärtig, als ob er sie gestern erst gesehen hätte. Schon vor seinem Abgang nach Königsberg hatte er, unter der Leitung seines neuen Lehrers, des Russischen Regiments-Ehirurgus, angcfgngen, sich auf die Kräuterkunde zu legen; jetzt, in Königsberg, sollte es auch rasch an das Studium der Chirurgie gehen. Sein Befreier und Wohllhäter fübrkc ihn daher bald nach ihrer Ankunft zu einer anatomischen Sektion; allein Herder sank hier vor Graußen in Ohnmacht! — Dieser natürliche Zufall entschied für 24 Herders Leben seine künftige Bestimmung. Es war nicht etwa Verstellung oder nur ein vorübergehender Eindruck, denn guch später konnte ec nie Lei, ieiner Sektion aus- hcilten , und schon das Sprechen über eine chirurgische Operation erschütterte sein zartes Nervensystem. Traurig nachdenkend, was nun aus ibm werden sollte? begegnete ibm sein alter Schulfreund Emmerich; *) — diesem entdeckte er seinen Kummer, seine Abneigung gegen die Wund- arzneykunde, und seinen Wunsch, bey seinem unveränderlichen Hang zum Studium der Theologie zu bl,iden. Emmerich billigte seinen Vorsatz und gab ihm den Rath, sich unverzüglich als Akademiker cinschreiben zu lassen. Seine Zweifel, ob er auch wohl hinlängliche Kenntnisse zum Examen haben würde? wußte ihm Emmerich bald zu benehmen; und über seine Besorgniß daß seine, zu 3 Tblr 8 Gr. preußisch Courant bestehende ganze Barschaft — für die Einschreibgebühr kaum hi reichen würde, konnte er ibn mit der Versicherung beruhigen : daß nach Abzug der Jnscriptions- Gebühren selbst noch etwas übrig bleiben würde. N,n> giengcn beyde sogleich zum Prorektor, wo Emmerich die Bitte seines Freundes, um ein Examen und um Aufnahme a!S Akademiker vorbrachte. Das Examen wurde angesetzt, Herder bestand mit großem Lob, und erhielt die gewöhnlichen Zeugnisse; das eine, wegen bestandener Prrp- *) Damals Kantor bey der Tragheimischen Kirche, nachher Feldprediger und später Dorfpfarrer. in Königsberg von 1762 bis 1764. 28 fimg vom 7. August dalirt und dos andere, über seine Aufnahme als Student vom 9. August, unter dem Protektorat des M. D. Bohl. Nun mußte aber auch dem Russischen Regiments - Chirurg der rasche Entschluß verkündet werden! — der, wie natürlich, darüber sehr ungehalten war; ihm das verscherzte Glück, welches er ernst als Arzt in Petersburg hatte machen können, mit lebhaften Karben schilderte, und dagegen die dürftige Lage eines Preußischen Dorspfarrers, als das höchste erreichbare Ziel seiner neu gewählten Laufbahn , damit irr grelle Vergleichung brachte. — Allein, der junge Herder blieb standhaft! — Die versprochene Ueberletzung der medicmischen Abhandlung ins Lateinische, womit der Regiments - Chirurg Glück zu machen hoffte, wurde noch vor der Trennung gewissenhaft gefertigt und an seinen Wohtthatcr ab- gcliefert; und dieser soll in der Folge auch wirklich damit seine Wünsche erreicht und sich zum Arzt in Petersburg cmporgeschwungcn haben! — Auch seinen Eltern und dem Diakonus Trescho meldete er unverzüglich seinen veränderten Studien - Plan, mit dem Bcyfügen: „daß ec zu seinem weitern Unterhalt nichts verlange, sondern durch eigenen Fleiß sch fortzuhelfen getraue!" — und er hat redlich Wort gehalten! —- Freund Emmerich besorgte ibm eine Wohnung und einige Informationen. Mit einem bisher noch nie gekannten Gefühl innerer Zufriedenheit trat er in sein mu gewähltes Verhältnis ein, und sein ganzes Leben hindurch blieb er seinem Freund und 26 Herders Leben dem Regiments - Chirurg dankbar, für die erwünschte Richtung, die beyde seiner künftigen Bestimmung gegeben hatten. Durch Geschenke wohlthatiger Freunde aus Mobrungen, hatte sich zwar seine Barschaft um etwas vermehrt, worüber er die strengste Oekonomie führte; dennoch blieb seine Lage drückend, bis zur Anstellung im ^rickoriaisnunr. Oft erzählte er spater dm Seinigen, daß er sich damals manchen Tag, nur mit einigen Semmeln hingchal- tcn habe! — Neben seinem Privat-Unterricht, besuchte er die Akademischen Vorlesungen fleißig. Bey Lilien- tbal horte er Dogmatik; bey Arnold Kirchengeschichte; bey Kypke Philologie; bey Kant Logik, Metaphysik, Moral, Mathematik und physische Geographie; bey Teske Phypk. Obgleich Lilieuthal und Kant von ihm vorzüglich hochgeachtet wurden, so ehrte er doch auch die andern dankbar — denn er verstand schon früh die Kunst, von allen zu lernen und ehrte in Zc- dem die Wissenschaft. Herder scheint sehr bald die Bekanntschaft des dortigen Buchhändlers Kanter gemacht zu haben, der schon früher, durch das eingelegte und in Königsberg bewunderte Gedicht: ,,An Cyrus, den Enkel Astyagcs" — auf den jungen Mann aufmerksam gemacht worden war. In diesem Hause fand Herder Nahrung für seine Wißbegierde, Kanker «erstattete ihm den Gebrauch der Bücher seines Buch- ladcns; und da er überhaupt damals vieles zur?suf- in Königsberg von 1762 bis 1764. 27 nähme der Literatur in Königsberg beytrug und täglich die dortigen vorzüglichsten Gelehrten Key stich sah — so konnte er dem jungen hoffnungsvollen Mann leicht Gönner und Freunde verschaffen. Hier brachte er mit dem Lesen ungebundener Bücher oft halbe und ganze Tage zu; dagegen ermunterte ihn Kanter zu kleinen Aussätzen und Gedichten für die Königsberger Zeitung, die bey ihm damals heraus Ham: und Herder erzeigte sich auch dadurch so wie auf jede andere Weist gern dankbar gegen ihn. Am Grabe einer unverheuratheten Schwester Kanters, hielt er im Frühjahr 1764 eine Gedächtnis - Rede voll Feuer, die nachher gedruckt erschien und allgemeines Aufsehen erregte, *) Seine Anstellung als Lehrer am dortigen Friedrichs-Collegium , in welchem er als Aufseher einiger Pensionärs, schon einige Zeit freie Wohnung genossen hatte, erfolgte gegen Ostern 1763. Sein ausgezeichnetes Talent und seine vielen Gönner hatten ihm dazu vcrholftn. Die blühende Lehranstalt stand damals unter dem Direktor Dc. Daniel Heinrich Arnold, und unter zwey Inspektoren: Schiffer! und Domsien. Jener stellte ihn bey der zweyken untern lateinischen Klasse, bey der ersten *) Sie ist, als erste vielversprechende Blüche seifles Redner - Talents in den „Erinnerungen aus dem Leben Joh. Gottfrieds von Herder, gesammelt und beschrieben von Maria Carolina von Herder, geb. Flachsland rc." 1. Lheil S. 70, größten« theils abgcdruckt, historischen, der philosophischen, der dritten mathematischen und der dritten französischen Klasse an. Durch gründlichen Unterricht, gewissenhafte Amtsführung, bescheidenes Betragen, so wie durch seine öffentlichen Rede» und Gelegenheit» - Gedichte und seine Katechisationen — die er bisweilen in der Kirche dieser Lehranstalt auf besondere Aufforderung hielt — wußte er sich allgemeine Achtung zu erwerben. Als ernster, aber doch gegen die Jugend stets tbcilnchmcnd und liebevoll handlendcc Lehrer, der sehr auf Fleiß und Ausmerksamreit in seinen Klassen, aber auch gegen sich selbst auf gewissenhafte Beobachtung seiner Lehrer - Pflichten hielt, konnte er die Liebe der Tragen nicht gewinnen; wogegen er Key Würdiger» stets in dankbarem Andenken blieb. Mit dem Inspektor Domsien, einem sonst gut denkenden aber etwas pedantischen Manne, konnte er sich nicht ganz vertragen; unter andern soll dieser, eine Perücke auf dem Kopfe, als notbwendiges Requisit eines tüchtigen Lehrers von ihm verlangt, und Herder ihm sein natürliches schlicht getragenes. Haar, als wohlfeilere Kopfbedeckung, entgegen gehalten haben. Noch weniger konnte er sich in die, damals bei) jener Lehr-Anstalt herrschende Frömmelei, fügen, die seinen aufrichtigen, religiösen Gesinnungen durchaus zuwider war. Hippel erzählt in seiner Jugend- geschickte, man habe das LoIIsAiuw ssviäsrioiuiiuwi, in welchem auch Kant seine frühere Bildung erhalten hat, gewöhnlich nur die Pi e t i ste n - H c r- berge genannt. in Königsberg von 1762 bis 1764. 29 Ein gräflich dohnaisches Stipendium, dos Herder als ein gcbohrner Mohrunger von Ostern 176) nn genoß, und obige Anstellung um Fciedcrichs- Eollegium hotten ihm einige Erleichterung in seiner ökonomischen Lage gewahrt; und so sehr ihn das Unterrichtgcbcn an seinen eigenen Studien verhindern mochte, so verkannte er doch die Nor- theile des Selbst-Lehrens nie, und hielt de» Wirkungskreis eines Lehrers über alles hoch, würdig und folgenreich. Wahrend eines bevnahe zwevjahrigen Aufenthalts zu Königsberg genoß Herder allgemeine Liebe und Achtung. Mehrere angesehene und gebildete Familien zogen ihn in ihre Gesellschaften, und diese ehrenvolle Auszeichnung mußte auf denMohrungischen scheuen Jüngling sehr vortbeilhast würken. Trescho schreibt hierüber: „Im Jabr 176g besuchte ich Königsberg, uns Herder eilte mir froh entgegen. Welch ein ganz anderer Jüngling! — Nur wenig Spuren von Scheu und Blodigkeit im Sprechen. Von seinem Fleiß und guten Sitten erhielt ich die rühmlichsten Zeugnisse. Umgang mit feinern Menschen hatte mild und wohltbatig auf ibn gewirkt, daß er für die große Welt gemacht da stand. Auch die höfische, hochverfcinke, sreimüthlg unbefangene, in Blick und Sprache ungenirte Lebens-Manier stand ihm spater zu Gebot, wenn Ort und Umstande sie erforderten. — Aber dieß junge Genie erhielt gleich bevnahe zu viele Bewunderer und Schmeichler; und Dank sey seiner Festigkeit, daß er nicht dadurch verdorben ward." — Aber auch jugendliche Freundschasks-'Verbindungen von gleichem Alter waren ihm hier zum 3c, Herders Leben Bedürfnis; geworden, um dasjenige, was seinen Geist und sein Herz ansprach, gleichfüblendcn Gemächern sreimüthig mitzuthcilen. Seme erwabltcn akademischen Freunde waren ausgezeichnete, edle Jünglinge. Das Andenken an seine reizenden und belebenden 'Verbindungen auf der Universität, die von gemeinsamer Liebe zu den Wissenschaften, won gegenseitig sich ansprechenden und anziehenden Eba- raktcrcn in den romantischen Jünglings-Jahren geschlossen werden, blieben ibm stets theuer und unvergeßlich. Unter seinen Königsberqer Jugend - Freund den nannte er vorzüglich den nachheriqen Krieqsrath Kurella, Kriegs- und Zbdmiralüaks - Rath Bock, Hospitalprediger Fischer von Königsberg; sodann Buchhändler H a r l kn o ch und Bürgermeister Wilpert Nus Riga. Kriegsrath Kurella schreibt an Pastor Psittlich zu Herzogswalde am 2 . April iöv5. „Der verewigte Herder wa" mein innigst geliebter Umgangs-Freund. Wir waren die Zeit, da er Lehrer im LolU-Zio ssiiciericiuno war, fast täglich beosammen und es war uns dieser Umgang ein ordentliches Bedürfniß. Ein Mann von dem Geiste des Verewigten, genährt und gereist im Umgang der alten Klassiker und der besten deutschen Schriftsteller; von dem liebsten Kopfe, von einem glücklichen Temperament und gefüblvollen Herzen, voll glükendcr Einbildungskraft, die nie in Schwär- meren ausarteke, voll der edelsten Gesinnungen und recht geschaffen zur Freundschaft, der mußte einen Jüngling fesseln, der mit seiner Denkart völlig har- monirend und von äbnlichem Temperament, ganz cnn aorst? und c.on sinors an ihm hiesig. — Die gewöhnlichen. Gegenstände unsrer Unterhaltung in Königsberg von 1762 bis 176/,. 3 r waren die schöne Literatur und die neusten kritischen Journale. Seine Superioritat benutzte ich mit HeiS- hunqer, er war schon damals eine lebendige Bibliothek. Ich habe Hcrdern immer sich gleich, immer heiter und froh sich mittbeilend gesunden, stets strenge sittlich. Wenn zuweilen meine muntere Laune much- willig ward, so lächelte er zwar auch, wußte aber sogleich durch die zarteste Wendung sie in ihre Schranken zurück zuführen. Der Geist der Religion und Humanität umwehte ihn überall." Ein Gedicht: „Fragment zweyer dunkle r A b e n d g c sp r ä c h e, an Herrn Kurella, Key dem Tode seines Vaters" hat seine Entstehung der Erzählung seines Freundes bey einer solchen Abend - Unterhaltung , in der rührenden Empfindung die ihn dabey ergriff, zu verdanken. Es wurde nachher in der Klozischcn deutschen Bibliothek abgedrurkt und gelobt. Bürgermeister Wilpert zu Riga- sagt von Herder in einem Brief: ,,Zu Königsberg hörte ich mit ibm bey Lilienthal Dogmatik, bey Kant Metaphysik, Moral, Logik und physische Geographie. Wir saßen an einem Tisch; er wär damals schüchtern und still, sein Ganz gebückt und schnell, sein eines . Auge mehreN- thells krank; seinein Aeußern sah man an- daß er' arm war; sein Geist war aber schon damals reich, und wenn er sich über den Vortrag des Lehrers mittheilte, so war das so gründlich und entschieden, daß er seinen Eommilitonen Achtling und Liebe ab- nökhigte. — Herder lies damals bisweilen in die Königsbergcr Zeitung Gedichte einrücken, die mehren- 32 Herders Leben thcils etwas schwärmerisches hatten. Ich erinnere mich, daß Kant einmal Key Gelegenheit eines Edar- frcytags-Gedichts von ihm sagte: Wenn dieses brausende Genie wird abgegohren haben, so wird bcy seinen großen Talenten ein nützlicher Mann daraus werden." Auch Krieqsrath Bock in Königsberg schreibt: „In den Jahren 1763 und 1764 lernte ich Herdern in Kants Vorlesungen kennen; und er schrieb mir über diese noch im August «788 auf dem Weg nach Italien. Ich hatte im Felde der schönen Literatur mehrere Kenntnisse gesammelt und Geilte ibm aus meiner Armukh mit. Besonders erinnere ich mich noch, daß ich ihm auf die Frage: wie er doch in diesem Fach, vornehmlich in der neuern Literatur am leichtesten theoretische Kenntnisse und Geschmack erlangen könne c den Nammler'schen Batteur, die Literakur-Briefe und die Leipziger Bibliothek der schönen Wissenschaften, die damals ihren Anfang genommen batte,, empfahl. Er war, wie jeder studierender Jüngling tl un sollte, gewohnt, sich gehaltreiche Auszüge aus dem, was er las, zu machen; und das unterlies er am wenigsten bey den Literatur- Briefen , die ihn durch Janbalr und lebendigen Vortrag- sonderlich anzoaen. Schon damals gienq er mit dem Vor-'atz um, fragmentarische Zusätze zu diesem Werk zu machen, und noch vor seiner Abrene nach Rica aab er mir einige Bemerkungen zu lesen, die ich hernach, in den gedruckten Fragmenten zur deutschen Literatur wieder erkannte. Kant lies ihn alle seine Vorlesungen unentgeldlich hören. Mit gespannter Aufmerksamkeit faßte er jede Idee, jedes in Königsberg von 1762 bis 1764. 33 jedes Wort des großen Philosophen auf und ordnete zn Hause Gedanken und Ausdruck. Dft theilte er mir diese seine Nachschrift mit und wir besprachen uns darüber in einer abgelegenen Sommerlaube eines wenig besuchten öffentlichen Gartens, an der Alt - Roßqartischen Kirche. Einst in einer heiteren Frühstunde, wo Kant mit vorzüglicher Geisteserhc- bung, und wenn die Materie die Hand bot, wohl gar mit poetischer Begeisterung zu sprechen, und ans seinen Lieblingcdichtcrn Pope und Haller Stellen anzuführcn pflegte, war es- wo der geistvolle Mann sich über Zeit und Ewigkeit mit seinen kühnen Hypothesen ergoß. Herder wurde sichcbarlich und so mächtig davon ergriffen, daß, als er nach Hause kam, er die Ideen seines Lehrers in Verse kleidete, die Hallern Ehre gemacht halten. Kant, dem er sie am folgenden Morgen vor Eröffnung der Stunde überreichte, war eben so betroffen von der meisterhaften poetischen Darstellung seiner Gedanken, und las sie mit lobpreißendcm Feuer im Auditorium vor." Dieses Gedicht hat sich unter dem Herderschen Nachlaß nicht gesunden und ist vielleicht unter den Kanlischen Papieren zu entdecken —> auch ohne Zweifel das nemliche, dessen Kant in einem Brief an Herder gedenkt und worauf dieser in seiner Antwort cl. cl. Niger 0767 sagt: „Lassen Sie doch das dunkle raue Gedicht, an das Sie gedenken, in seiner Nacht umkommen." *) Herder selbst erzählte oft: „er habe zuweilen seine Ideen-über KantS Vor- *) Der Brief ist in den Erinnerungen, LH. II. 246 abgedruckt. Herders W, z. Phil. u. Gesch. XVI. E H e r d e r s L e b c n lesungen, demselben nachher mitgecheilt, und so sehr seine Achtung genoßen, daß ihm Kant mehrere seiner Arbeiten im Manuscript anvcrtraut habe, uin seine Meinung darüber zu vernehmen. Am liebsten habe er ihn über Astronomie, physische Geographie und über die großen Gesetze der Natur reden hören: da seye sein Vortrag vortrefflich gewesen. An seiner Metaphysik hingegen, die er richtiger gefaßt zu haben glaube, als seine spatere Schule, und die Kant damals noch mit aller Jugend-Beredsamkeit, in einer viel bclleren Sprache, als der spatern scholastischen Kunstsprache, vorkrug; habe er weniger Geschmack finden können, und seye nach mancher metaphysischen Vorlesung, mit einem Dichter oder mit Rousseau ins Freie hinaus geeilt, um jener Eindrücke wiederum los zu werden, die seinem Ge- müth nicht zugesagt hätten." Für Kants Persönlichkeit hegte Herder jederzeit die größte Hochachtung und bezeugte mündlich und schriftlich seine hohe Dankbarkeit gegen seinen vormaligen Lehrer. Aber er verbarg ihm auch seine eigene, oft sehr von ihm abweichende Art zu denken nie; er wollte und konnte sein blinder Nachbeter nicht seyn und werden! Eine eigentliche Sympathie konnte daher auch zwischen beyden Gcmüthern niemals entstehen. Einen der merkwürdigsten Jugendfreunde Herders, mit dem er am meisten sympalhisirle, und den er, wie er selbst erzählt, im Beichtstuhl zuerst sah, wahrscheinlich aber im Kanterischen Hause genauer kennen lernte: war Johann Georg Ha- in Königsberg von 1762 bis 1764. 35 mann, ein origineller Kopf, der damals schon durch mancherley Wetterführungen geprüft, auch als Schriftsteller zwar bekannt, aber von seinen Zeitgenossen nicht gehörig gewürdiget und nur später erst — durch Herder, Göthe, Jean Paul Richter und Jakobi mehr empor gehoben wurde. In diesem Mann fand Herder, was er suchte und bedurfte: ein mitempstndendes, für alles Große und Gute glühendes Herz, einen mit den Wellverhaltnissen vertrauten, an Geist und Gcmüth reichen Genius, an den er sich als Freund für die Ewigkeit entschließen konnte. Hamann, dessen Brodstudien — Theologie und Rechtswissenschaft — ihm niemals ganz zusagten , bekleidete damals gerade in den Jahren rf 63 -— 1764 eine unbedeutende Kanzleystelle in seiner Vaterstadt Königsberg und beschäftigte sich vorzüglich mit der schönen Literatur. Bep seinem regen Eifer, studierenden Jünglingen nützlich zu scpn, konnte Herders emporstrebendes Talent ihm nicht lange verborgen bleiben, und nun suchte er gemeinschaftlich mit Kanter, zur Fortbildung dieses aufkeimenden aber schüchternen und uncrfahrnen Genies beyzuwicken. Sie lasen zusammen neue und vorzügliche Werke und durch Ideen-Mittheilung und Auswechslung gegenseitiger Empfindungen mußte sich die Harmonie ihrer Gesinnungen sehr bald entwickeln. Besonders die Bekanntschaft der englischen Sprache, die Hamann — Key einem langern Aufenthalt in London sich erworben batte, war Herder sehr willkommen. Mit ihm studiere er diese Sprache — Shakespears Hamlet, war sein erstes Lese« C 2 Herders Lebin A6 buch; noch in spatcrn Jahren konnte er die schönsten Stellen. auswendig deklamiren. Shakespear und Dssia» , seine Lieblingsdichter, entwickelten seine eigenthümliche Vorliebe für die einfache rührende Natnrsprache der Volks-Lieder, deren Keim durch die morgcnlandischc Poesie in früher Jugend schon in ihm geweckt wurde. Mit Hamann war Herder in Königsberg am meisten zusammen. Seine hohe Religiosität und Moralität fand bey ihm stets Nahrung und sein tiefsinnig edler Geist zog ihn besonders an, er war und blieb für ihn ein heiliges Wesen! Ihr Briefwechsel , worin sie sich in der Folge alles Merkwürdige ihres Lebens und Herzens mittheilten, enthalt die treueste Darstellung ihrer Gesinnungen, Verhältnisse und Schicksale. Hamanns Briefe an Herder sind alle sorgfältig bey seiner Familie aufbewahrt; und es ist sehr zu bedauern, daß Herders Briefe an Hamann nicht mit gleicher Sorgfalt behandelt wurden — nur wenige, aus den frühsten Seiten sollen erhalten seyn. Ein eingelaufener Brief von Hamann — war immer ein Fest für Herder; im Zimmer konnte er dann nicht mehr bleiben, er mußte hinaus in die große, freie Natur — seine ganze Seele war bewegt, und Freuden-Thräncn glanzten in seinen Augen! — Nach seinem Abgang von Königsberg sah er diesen Freund seines Herzens nie wieder; als Hamann im Begriff war, ihn spater noch in Weimar zu besuchen — starb er in Münster an 2r. Juny 1786. Mit diesem Freunde seiner Jugend war ihm viel versunken; im Littern in Königsberg von 1762 bis 1764. .'>7 Gefühl über diesen Verlust — eilte er damals nach Italien *)". Wahrend Herders Aufenthalt in Königsberg starb sein Vater, und hinterließ seiner Familie ein kleines Haus mit einigen Güterstücken. Das einzige, was damals der arme Sohn der verlassenen geliebten Mutter bieten konnte; war dieses sein spärliches, väterliches Erbtheil, das er ihr zum einstweiligen Unterhalt überlies. In der Folge konnte er die gute Mutter kräftiger unterstützen. Im Spatjahr 1764 erhielt Herder den Nus als 'Collaborator an der Domschule zu Riga, den er vorzüglich dem damaligen Rektor jener Donischule, dem nachmaligen Professor und KirchenRath zu Kö- *) Göthe sagt, im Iren Khcil: Aus seinem Leben „er besitze eine meist vollständige Sammlung von Hamanns Schriften und einen sehr bedeutenden handschriftlichen Aufsatz über Herders Preisschrift, den Ursprung der Sprache betreffend, worin dieses Herdcr'sche Probestück, auf die eigenste Art, mit wunderlichen Schlaglichtern beleuchtet werde." — Die von Göthe bey dieser Gelegenheit erregte Hoffnung zu einer neuen Herausgabe der beynahc verlornen Werke Hamanns geht nun in Erfüllung: indem Hamanns Schriften von Friedrich Roth in München — Berlin bey G. Reimer 180 > in zwcy Banden bereits erschienen sind, und in einem ZcUraum von 3 Jahren zusammen in 8 Banden — vollständig hcrausksmmen werden. 33 Herders Leben nigsberg, Johann Gotthclf Lindner; vielleicht auch zum Theil seinem Mitarbeiter am Collegio Fri- dericiano, Schlegel; gewiß aber auch, seinem Freund Hamann, der mit Lindner in Riga in freundschaftlicher Verbindung stand, zu verdanken hat. Ueber Letzteres drückt sich Herder selbst, in einem Brief an seinen Freund Hamann vom 16. Jänner 176h deutlich aus, indem er darin sagt: „Ich habe meine jetzige Lage Ihnen zu danken, und bey jedem Guten und Bösen erinnere ich mich also Ihrer; und zum Glück, daß es bisher meistens Gutes gewesen." Aber auch Ersteres, und besonders daß ec durch seine Bekanntschaft mit Hamann , zuerst in Briefwechsel mit Lindner kam, dessen Ruf als Professor nach Königsberg, Herder» schon damals bekannt geworden war, und daß er die Erlangung der Lehrer-Stelle zu Riga zuerst an den dortigen Rektor, Magister Lindner gesucht, und durch dessen vorzügliche Verwendung erhalten habe, geht aus Folgendem noch deutlicher hervor. Am 29. August 1764 schrieb ncmlich Herber von Königsberg aus an den damaligen Magister Lindner in Riga : „Sie werben sich wundern, daß ein Unbekannter Sie mit einem Briefe beschicket, worin er nichts anders zu thun hat, als Ihnen seine Ergebenheit zu bezeugen; allein meine Kühnheit wird, wie ich hoffe, eine kleine Entschuldigung verdienen, da Ihr Charakter, den ich Gelegenheit batte kennen zu lernen, mich dazu aufgemuntert. Ich meine: Ihr Charakter, nicht blos als Autor, sondern insonderheit als Mensch, als Freund, als Gesell- in Königsberg von »762 bis 1764. Az, schafter. Von jenem überzeugten mich Dero Schriften; von diesem, die öfteren Gespräche, die ich m dem Umgang des Herrn Hamanns von Ihnen hörte, und in beyden lernte ich Sie hochachkcn und verehren. Da Herr Hamann mir nun bei, seiner Abreise noch mit dem letzten Kuß cs aufgab, an Sie gelegenheitlich zu schreiben: so ergreife ich diese Zeit um Eurer re. meine Hochachtung ergebenst zu bezeugen und in meinem und in meines abwesenden Freundes Namen Dero Gewogenheit mir auszubitten. Ich freue mich ganz besonders auf Dero Ankunft Hieselbst, und noch mehr vergnügte mich die Hoffnung , Sie auf unserm Eollegio vielleicht erwarten zu können. Da ich auf diesem einige Elasten in I^riina und Lsaunäa habe: so würde Ihre Anwesenheit hicselbst auf mich von einigen nähern Folgen gewesen seyn, als auf die, die auf der Akademie Ihre Ankunft wünschen. Herr Hamann befindet sich jetzt in Frankfurt am Main, wo er den Herrn von Moser erwarten will, *) der sich jetzo in Angelegenheiten des Landgrafen in Holland aufhalt." rc. Friedrich Karl von Moser hatte Hamann kurz vorher eine vortheithaste Anstellung in Darmstadk angeboren, auf die er damals nicht eingieng; nun wollte er diesen seinen Gönner in Frankfurt rrcffen, kam aber ohne ihn gesprochen zu haben, nach Königsberg zurück. <. S. Vorbericht zu Hamanns Schriften, hcrauSgegeben von Friedrich Roth iliar.) 4o Herders Leben In einem kurz darauf an Magister Lindncr erlassenen zweiten Brief ei. ä. Königsberg den 5 . Oktober 1764 bringt Herder das förmliche Gesuch Key ihm an, ihm durch feine Verwendung die Lehrer- Stelle in Riga zu verschaffen; und giebt damit einen merkwürdigen Beweis feiner ausserordentlichen Geistes - Entwickelung, womit der, noch kaum vor 2 Jahren von Mohrungen »ach Königsberg gekommene, unerfahrne Jüngling schon damals gelehrte Nerbindnugen zu knüpfen und für sich zu benutzen verstand. Es wird daher die wirkliche Einrückung des folgenden und dreyer weiteren, die Geschichte seines Rufes nach Riga erläuternden, sehr charakteristischen und noch ungedruckten Briefe Herders, hier nicht unwillkommen scyn; die der Bearbeiter dieser Biographie der freundschaftlichen Mitiheilung des würdigen Neffen des vormaligen Professors Lindncr zu Königsberg zu verdanken hat. Hochedelgebohrner Hochzruhrcnder Herr Magister! Verehrungswerther Freund! „Eben sing ich schon an, über Dero langes Stillschweigen unruhig zu werden, die Schuld bald auf Riga, bald auf wer weiß, was? zu schieben, ebne einmal auf den Gedanken zu kommen, daß mein Kanal selbst sich könnte verschlemmt haben; als ich Ihren allerliebsten Prüf unvermuthet empfing. Ich las ihn hüpfend, und hüpfte noch mehr, da ich ihn gelesen hatte, ihn, in dem mir jede Zeile lheucr ist. Zum Vcrmachtniß kommen Sie I n Kö n ig s b c rg 1 ) on 1 7 62 b is 1 7 64 . 4^ indessen mit Ihrem Briefe beynahe zu spät, weil unser gemeinschaftlicher Freund, (kann ich ihn nicht mit Entzücken so nennen, da ich durch ihn Eure ec. meinen Freund heißen kann?) schon seit 3 Tagen den vorigen Besitz von mir genommen hatte. Indessen , da ich kein Bathyil bin, um den sich Poly- kratcs und Anakrcon zanken werden, so gebe ich mich mit ganzem Herzen Ihnen hin, um zwecn Herren zu dienen. Nicht alle Vermächtnisse sind von gleichem Werth und Pandorens Büchse gehört eben so gut dazu, als der falsche Schlüssel Petri. — Nur immer gut, daß Hr. Hamann wieder zurück ist, und daß alle Ihre Wünsche meistens erfüllt sind, die Sie in Ihrem Briefe thun. Seine Wolke der Hypochondrie ist etwas verstreut, und er ist so heiter, als Bion, da er einen Theil seines Goldes ins Meer warf, um hernach leichter springen zu können. Kommen S i e insonderheit nach Königsberg , so wird er gewiß wie ein berauschter Riese völlig vom Schlafe aufwachcn, und Ihnen Bewill- kommung zujauchzen. Was für eine neue Sphäre wird sich Ihnen hier aufthun; hier, wo der Nebel unsrer böolischcn Luft so dick ist, daß er sogar Schlaftrunkene machen kann, die sich gegen die Aufwecker strauben. — Und vollends auf unierm Kol- legio! Diese ehrlich-, alte, sechzigjahrige Fridcrike mag vormals eine Schmarre der Religion und eine Runzel der Pedanterie zu Schönfleckchen gehabt ha« ben; aber jetzt ist alle Jugend weg; und jene Schminke laßt desto übler *). — Ich strecke meine Auf die hier erscheinende Vorliebe Herders für die Sprache der Ironie — in jugendlicher Nicherfüllung — darf wohl kaum aufmerksam gemacht werden. 42 Herders Lebe» Heyden Hände nach Ihnen aus; und ich gewiß nicht allein!-und Ihren Nigischen Schuldienst? — Beynahe hatte ich Lust , den Einfall von Dr. LutherS Brautwerberey hier anzubringcn, wenn er nicht schon öfters verunglückt Ware. — Mir gefällts in der That nicht sehr sonderlich hier in Königsberg und noch etwas minder auf unserm Fridcriciano. Sollten Eure re. hier mein Vorgesetzter werden, so weiß ich, daß ich beydcs nicht geschrieben hatte; aber — kurz in der Latinitat habe ich hier groß Lscnnäa, in der Mathematik Lecnnäa, auch im Französischen bisher eine Elaste gehabt. Im letztem habe ich nun zwar nicht Uebung im Sprechen gehabt: aber die Grundsätze beyzubringen getraue ich mir ganz leicht. Geduld habe ich hier schon ein wenig gelernt, und da es in gewissen Fällen allerdings wahr ist: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand; so entstand schon seit einiger Zeit bei) mir eine gewisse kalke Zuneigung zu dieser Stelle. Ich biete mich an, und fange also durch diese Dreustigkeit Eure ec. auch an zu usurpiren. Ich bitte mir nämlich zuerst ein etwas genaueres Detail der Arbeiten, Verbindungen, Beschwerden, Vortheile und Aussichten Key dieser Stelle aus, um mich darnach bestimmen zu können. Eure rc. lhun dieses nicht als der, dem ich mich vorschlage, sondern als mein Privatgönner; und so dleibts bei) alle dem noch immer unausgemacht, ob ich Ihnen gefalle oder nicht. Sollte das erstece sey» , so käme ich alsdann in einen Kampf meiner Wünsche, ob ich Sie lieber Ihren Königsberger Freunden oder mir gönnen soll: denn Gott! welch ein Vortheil wäre es, unter Ihnen zu arbeiten, Sie genießen zu können. Werweiß, in Königsberg von 1762 bis 1764. 43 wen der Himmel alsdann in Ihre Stelle setzte? — doch dieser Strich ist zu viel, und vielleicht das Ganze ein Projekt. Schreiben Sie mir, allerschön- ster Herr Magister! Ihre Gedanken drüber, die mir sehr rathen werden. Aber bey alle dem bitte ich auch recht sehr, den ganzen Briefwechsel dieser Sache etwas geheim zu halten, da ich alles leere Gerücht verabscheue, und das ganze Ding mir hier noch in manchen kleinen Planen einen Quecrstrich machen könnte. Ihr Hamann empfiehlt sich Ihnen und erwartet Ihre Antwort. — — Endlich schöpfe ich Athem, von meinem steifen, ewigen Plaudern, um Ihnen noch meine ganze Hochachtung zu bezeigen und mich Dero Liebe zu empfehlen als Eurer ic. ergebenster Diener I. G. Herder. Königsberg den 5 . Ort. 1764. ,,Jch danke Ihnen ergebenst für den sorgfältigen, getreuen Brief, der mich über meine Anfrage so genau unterrichtet, und meine Berathschlagung sicherer macht. Da ich bisher bepnahe nur in einem ernsthaften Traum daran gedacht habe, so denke ich jetzt wachend darüber, und fange an Ihre Punkte reiflich zu beantworten. Die Arbeiten gefallen mir, ihrer Menge und Beschaffenheit nach und die meisten sind für mich ein unverändertes Feld, worinn ich 44 Herders Leben mich schon hier beschäftige. Sie mochten wohl nicht völlig das Ziel scyn, was ich mir in den Beschäftigungen meiner Willkühr festsetze; aber Sachen bestimmen uns mehr, als Entschlüsse. Uebcr- dem hoffe ich, daß ein gewisser Ernst, zu dem ich mich in 3 Schuljahren habe gewöhnen können, und den man in Privat-Informationen, insonderheit invitc, Amaio langsamer, als öffentlich lernt, meine Arbeiten befestigen werde. Die kleine Uebung, die ich bisher im Erfahren und Beobachten vielleicht nicht blos des Handwerks wegen, angestellt haben mag, dürfte sie erleichtern und die Handleitung Eurer w. vornehmlich im Anfänge unterstützen. Auch hier habe ich schon längst es erfahren, wie nicht blos eine gemeine Faßlichkeit dazu gehört, die Saiten der Aufmerksamkeit den Kindern zu treffen und der Anfangs - Versuch wäre hier schon überwunden. Die Verbindungen und Beschwerden sind theils gewöhnlich , theils in Vergleichung mit vielen andern klein; überhaupt aber am besten aus der Erfahrung kennen zu lernen. Da Eure rc. blos einem Unbekannten das Bild haben zeichnen müssen: so bleibt dieser ausgebreitcte Artikel immer iin ganzen ein versiegelt Buch, dazu blos Zeit und Drt den Schlüssel geben kann. Der Arbeiter in einem fremden Felde arbeitet zu Versuchen: und mein neuer Schritt ist ein Anfang zu Proben über mich selbst. Wer kann immer bestimmen, ob eine Sache Zweck oder Mittel seyn werde; ich urtheile vorläufig, und verspreche immer gemäß meiner Verbindungen zu handlen. Eben so urtheile ich von den Einkünften, bis ich Riga mit mir und mich mit irm vergleiche. Die Bewilligung der Reisekosten Eines hochweiftn Magi- i n K Znigsb erg v o n i 7 62 b is i 7 6 4- 4 ^ strats ist auch für mich; und da ich überhaupt eine Abneigung gegen alle Veränderung trage; so wird, wie ich glaube Riga mich lange festhalten kennen. Ich hintcrlasse in meinem ganzen Lande nichts veil besonderer Anziehungskraft; nichts was meine Sehnsucht zurückriefe, keine Muse, keinen Apoll; und um weiter zu kommen, muß man jederzeit da seyn, wo man ist. Eben jetzo bekomme ich erst die Nachricht , von der Eure rc. meinen, daß ich sie schon längst bekommen hatte. Sie ist mir wirklich sehr merklich in jedem Wort; und in dem Fall Ihrer Weqrückung, bin ich sehr geneigt, mir in Gedanken die Verwickelung noch zu vergrößern. Hatte jemand einen Rath und Freund hiebei nöthig, so bin ich's gewiß.-- Eure re. werden immer hieraus meine größere Neigung, für als gegen Riga erkennen; und sollte ich. die Stelle durch Ihre gütige Beihülfe erlangen: so entschließe ich mich, im Namen dessen, der Lehrer ausstößt in seine Ernte, mit Munterkeit in mein Feld zu gehen/ Da es aber noch immer eine öffentliche Sache bleibt, so bin ich auch zum Gegentheil gefaßt, und werde mit Pcdaret sagen: ich freue mich, daß es hundert Bessere gibt, als ich bin Meine Jugend und meine hiesige gesetzte und gemäßigte Lage, werden mich auch das Gegentheil hören lassen. — In der Eil schicke das Erste, das Beste; das eine ist eine Rede, die ich hier habe deklamiren lassen: das zwevte eine Schulmaterie; das übrige — — ich hoffe, man wird die Nachsicht beweisen, mich hieraus einigermaßen beurtheilen, nicht aber messen zu wollen. Im Fall die Sache nicht rückgängig würde." so bitte mir von Eurer n. einen gütigen Rath wegen 46 Herders Leben meiner specielleren Einrichtung aus, empfehle 'mich ia Dero Gewogenheit und bin mit aller Achtung Eurer >c. ergebenster Diener I. G. Herder." Königsberg den r6. Oct. „Wie viel Verbindlichkeiten bin ich nicht Eurer rc. schuldig < da Sie aus bloßer Güte so viel Bemühungen für mich übernehmen — für einen Unbekannten, der Ihnen kaum durch einen kleinen Schall empfohlen ist, und noch nie die Ehre gehabt, Ibnen persönlich die mindeste Achtung zu bezeigen. Würden alle Ihre Bemühungen so geendigt, daß Sie Ihrer Schule ein geschicktes, fleißiges und ausdauerndes Subjekt verschafften, was die Zufriedenheit seiner Oberen erhielre, so, weiß ich, würde das für Sie der beste Dank seyn; und eben so wünschte ichs, daß es durch mich geschähe, wenn ein hochcdler und Hochweiser Rath mir die Stelle anvertraute. Da ich an Geschicklichkeit mich so wie ich bin, hin- gcben muß, in der Hoffnung, die Lücken durch Fleiß und Hebung ersetzen zu können: so stößl's sich vielleicht blos an dem Einen — wie lange ich aus- dauren würde. — Und hierin bitte Eure ec. ergebenst, Einem hochcdlen und hochweisen Ratb zu insinui- ren, wie ich mir vest vornehme und eben so aufrichtig verspreche (so viel als menschliche Augen in in Königsberg von 1762 bis 1764. 47 die Zukunft sehen können) daß ich, in Hoffnung einer geneigten Zufriedenheit mit meinen Arbeiten, von Seiten meiner Obern, und an meinem Theil, in Erwartung einer fortdaucenden Gesundheit und Munterkeit, wenigstens 3 Jahre der Domschule zu dienen gedenke: wobey ich aber auch hoffe, daß ein hochedler Rath in Krankheiten und wichtigen Angelegenheiten, die Niemand voraussehen und bindern kann, gütige Nachsicht beweisen, und durch Dero sicheres Versprechen eines freien Logis, nebst der sps suc- uuäLnäi innerhalb der Schule, und gütigen Beförderungen außerhalb nach der Lage der Umstände meinen Stand erleichtern werden. Da ich dieses Versprechen frei und entschlossen thue: so hoffe ich eine geneigte Aufnahme von Seiten Eines hvchweisen Raths, uni) wegen meines Verhaltens fernere Instruktionen. So bald als ich über diese Sache völlige Gewißheit bekomme, so halte ichs vor meine erste Amts-Pflicht: zu lhun was ich thue und ich hoffe, daß ich hiesigen Orts keine Verwickelungen in Absicht meiner Ausreise außer Land, und noch weniger aus meiner jetzigen Schule haben dürste — — und so viel hievon! — Von Hrn. Hamann übcrschicke Eurer rc. eine Umarmung. Er sucht im Jordanus Bru- nus, und im S ax 0-G r a m m a ti c u s, im Euklid und Eaßiodor die Rübe, die er auf seimm Kreuzzuge gesucht hak: und nicht gefunden har, und nicht findet, und — wie Sie und ich wünschen — finden mag. Die unendlichen Schwarmerei-cn des S c Hw e d e n b 0 r g s hat er auch letztens durchwandert. Ihn, den keine Muse mehr trösten kann» die ^3 Herders Lebe» aus staubigten Büchern blickt, wird gewiß Ihre Umarmung, die Umarmung einer lebenden Muse auf- heitcrn und sammlen können. Ec wünscht Sie also sehr; und o möchte der Gott Ihres Schicksals das Loos so geschwinde aus seinem Schoos werfen, als Sie meines befördert haben — doch ja nicht eher, bis mein Standpunkt festgestellt ist: so eigennützig bleibt immer mein Wunsch. Eure w. werden mir, da Sie das Größere geschaffen haben, auch das Kleinere mit ausbilden helfen, und Vorsorge, Rath und Antwort mir in Absicht meines ersten Etablissements ertheilen, wo ich Ihnen keine Fragen und Bitten vorzulcgen weiß. Auch in Absicht meines Logis vor der Hand erbitte ich mir Dero Vorsorge, und in den ersten Zeiten meiner dortigen Haushaltung Ihre gütige Privat-Unterstützung, da ich nicht gleich öffentlicher Pflege bcnölhigt sepn wollte. — O Gott wie viel hat man immer zu wünschen und zu hoffen und zu fürchten, und vielleicht alles ins Blinde! Nochmals statte Eurer w. den ergebensten Dank ab und bin Dero ergebenster Diener Herder. Königsberg den 3 r. Oct. 1764. D. k. den 7. Nov. Königsb. Durch Dero gütige Bemühungen ist meine Sache so unvermulhet geeilet, daß ich die Vokation zu in Königsberg von 1762 bis 1764. 49 zu einer Zeit erhielt, da ich sie am wenigsten erwartete, weil Eurer ic. Brief mir dazu keine Hoffnung gab. Eben daher muß sich meine Reise wider meinen Willen etwas verzögern, weil, ob ich gleich Meine bisherigen Arbeiten sogleich im Evlleqio auf- sagtc, ich mich noch diese Woche zu Ende (wenigstens!) an die Eiassen gekettet sehe, die, da sie die wichtigsten beynahe sind, sich schwer besetzen lassen. Ich eile indessen mit Hand und Fuß, und am meisten in Gedanken, nach meiner neuen Sphäre, und nach dem Vergnügen Eurer re. mündlich den lebhaftesten und vielleicht stummsten Dank vor Ihre Güte, Zutrauen und Vorsorge sagen zu können. Den geraden Punkt weiß ich nicht, heut über 8 Lage ist beynahe zu früh und über 14 immer zu spat; und selbst bey der frühsten Abreise würde mich Alt Martin überbolcn. An Einen Hochedcln und Hochweiscn Rath antworte eben jetzt, und lege die Kopie bey, (sie einbalt Accepkation, Dank und Versprechen zu Treue und Fleiß im Amt.) So viel vom Aeußcrn, und zu dem übrigen, dem wichtigsten, dem ganzen Schritt; wie sehr wünsche ich mir hier Eurer w. Zufrüdenbeit und überhaupt ein Schicksal, das mir angemessen wäre. Dies ist vermulhiich der letzte Brief vor meiner Abreise, auf den aber, ach wer weiß, welch' kurzer persönlicher Umgang mich beglücken wird, da eben jetzt die gc. ße Rede gebt, von Ihrer Gewißheit in Absicht der Prosession, desto mehr eile ich, um dies Glück wenigstens auf eine kurze Zeit mir auszukaufen. Schließen Sie mich ferner, und immer unverdient, in Ihre Gewogenheit und Vorsorge, sowohl diesseits Herders W.z. Phil. u.Gesch.XVl. D Lcrllerr LeLen. 6o Herders Leben der Reise, als pvsr kusiicoiiis a^nas verharre ich mit der dankvollesten Hochachtung Eurer ic. ergebenster Diener Herder. Schon zu Anfang des Jahrs 176b gieng Lind- ner als Professor nach Königsberg, und Herder konnte also nur noch kurze Zeit mit ihm in Riga zusammen seyn, schrieb aber in der Folge von Riga aus öfters an Lindner in Königsberg, der im Jahr 1776 dort starb. Noch vor seiner Abreise mußte Herder in Königsberg die erschütternden Scenen einer am ri. November 1764 ausgebrochcncn verbeeren- den Feucrsbrunst erleben, und trennte sich wenige Tage nachkcr von seinen dortigen Freunden, um in seine neue Stelle in Riga einzukreten. Mit Schaudern hörten ihn die Seinigen in der Folge oft, von den schrecklichen Wirkungen der 5 — 6 Tage lang fortwütbenden Flammen erzählen, und von dem tiefen Eindruck dieser Schreckens-Bilder auf fein zart empfindendes Gcinüth, zeugt sein G.dicht: „die Asche Königsbergs" als bleibendes Denkmal. Kurz vor feinem Abzug wurde ibm von dem dortigen Militär-Gericht ein Eid abgefordcrt: „Zu- *) Band 3i> S. roh. in Königsberg von 1762 bis 1764. 5 r rückkehren zu wollen, wenn er als Soldat requirirt werden sollte." Mit dem tiefsten Unwillen, mußte er sich dazu bequemen; aber nie kennte seine Seele des schmerzlichen Eiiwruckes wieder los werden, den diese Beband- iung auf ihn qemacht hatte. Er eilte an die Gränzd und sagte dort- semeiN preußischen Laterlande ein bitteres — Lebewohl! Herder, als Lehrer und Prediget zu Riga, vom Ende No v. »76/4 bis zuM 24- May r 7 69, Schön als zwanzigjähriger Jüngling batte, sein aufstrebender Geist sich von der niederen Stufe empotgeschwungen, auf welcher damals noch der größere Theil der protestantischen Geistlichkcit stünds kein Wunder also - wenn die Verfolgungswuth dieser Schwachen - ihn auch damals schon erreichte. Ungeachtet einer - nothgedrungen, nun endlich benqelegten Perücke, um sich damit ein älteres und geistlicheres Ansehen zu geben: mußte er sich dennoch, nach seiner Ende Novembers erfolgten Ankunft in Riga, einem verfänglichen Examen der gegen ihn Eingenommenen, unterwerfen; wobei) er jedoch durch große Überlegenheit, sich die Achtung seiner Herrn Examinatoren zu erwerben wußte, D 2 52 Herders Leben In den Annalen des geistlichen Stadtministeti- rims heißt cs hierüber unterm 24. Februar 1765: ,, Loclaim wird Herr Herder über willkührliche Artikel der Theologie tentirt, und ward darin, wie in der lateinischen und griechischen Sprache wohlgeübt befunden; im Ebraischen aber verbat er sich das Tcntamcn. In seiner ersten Predigt am r 5 . Marz über einen Abschnitt ans der Leidens - Geschichte Jesu, sprach er von der Unschuld Jesu Christi." Schon am 7. Dccember 1.764 wurde er als Collabcrator der dortigen Domschule vorläufig angestellt, seine öffentliche und feierliche Introduktion aber erfolgte erst im Junp, zugleich mit dem nachmaligen Superintendenten Schlegel in Greifswalde, welcher damals als Rektor der Rigaer Domschule, an die Stelle des nach Königsberg abgegan- nen Professors Lindncr, eingeführt wurde. Als Lehrer und Prediger gewann er bald aller Herzen. Ucber seinen Unterricht war in Riga, wie früher in Königsberg, nur eine Stimme des Wegfalls, die nach vielen Jahren noch, ihm schriftlich und mündlich nachballte. Ober-Pastor Bergmann zu Riga schrieb hierüber an Herders Wittwe: „Auch ich war Herders Schüler, und habe sowohl in der Schule als privatim in der lateinischen Sprache -c. seinen Unterricht genossen. Seine Lehrmethode war so vortrefflich, der Umgang mit seinen Schülern so human, daß sie keiner Lektion mit größerer Lust beiwohnten, als derjenigen, die von ihm gegeben wurde," in Riga von 1764 bis 1769. 53 Eben so Bürgermeister Wilpert zu Riga: „Die ich hier, als Herders Schüler gekannt, wovon noch einige leben und Mitglieder des Magistrats und des Ministern sind, erinnern sich der Jahre seines Unterricht-Z mit großem Vergnügen; eben so drey Töchter aus angesehenen Familien unsrer Stadt, denen er Privat - Unterricht gab. Lange hat er in den Seelen dieser Frauen gelebt." re. Mit wahrer Religiosität wußte er in seinen Predigten Geist und Herz zu beleben und zu befriedigen; zur Ausübung jeder Tugend, zur Liebe zu Gott und den Menschen auszumunkern und das Gefühl der Unsterblichkeit zu erwecken. Diese Themata, vorgctragen mit seiner scelenvollen Beredsamkeit, mit dem Schmuck jugendlicher Phantasie, in wohlklingender , anmuthiger und gefühlvoller Sprache, ergriffen unwiderstehlich das Herz. Seine Predigten schrieb er sorgfältig wörtlich auf, jedoch mit abgekürzter Schrift und jedesmal bepgefügter tabellarischer Disposition. In spateren Jahren schrieb er nur letztere auf. In einer Zeitschrift vom Jahr 1L06 sagt Jemand, der ihn i» Weimar oft predigen hörte: „Herders ausdruckvolles, feines, durchaus sprechendes Gesicht, seine klaren, sprechenden und lieblichen Augen, das Edle und Schöne seiner Haltung und seines Anstandes, der wohlwollende Ton seiner Stimme, erhöhte den Eindruck, den der Inhalt seiner Predigten machte." :e. Es waren immer biblische Begriffe, die er vortrug, und er blieb immer genau bcym Text, den er nach analytischer Methode entwickelte. Dogmatische und ascciische A'usdrücke, die nur irgend an eine Sekte erinnern 54 Herders Leben und hinter welchen sich die wahre Empfindung verliert , vermied er sorgfältig, Obgleich er seine Kanzel-Vortrage in Riga jmmer mir Nachmittigs und in einer entlegenen Kieme in der Vorstadt hielt, so war sie von den Skadrern, und besonders auch von jungen Leuten dennoch sebr häutig besucht. Ein Faktor der Hof- mannischen Buchhandlung zu Weimar, der zu gleicher Zeit mit Herder in Riga g,wesen war, bat jbn in spärern Zeiten, als er sich selbst etabliren wellte, um einen Band seiner Predigten zum ersten Verlag: nannte aber ausdrücklich solche, die er in 8u, a gebalten babe. Ferker lächelte und bemerkte baden: „Freilich waren me ne Predigten damals mit jugendlicher Phantasie und Beredsamkeit ausgc- schmück; dergeichen Bütben und Blätter fallen nach und nach ab." Von diesen schonen Blüthcn zeugen die treffuchen Worte eurer in Riga gehaltenen Predigt über die Unsterblichkeit; „Wir leben nicht für diele Welt allein, Es fommr der Augenblick, da alles von uns genommen wird, da unsre Freuden und Vergnügungen hinter uns sind, da alle lachende Farben vor unfern Augen sterben, da alles Glück und Hobelt der W>lt sich in Lhranen hüllt, da alle Lorbeeren und F cudcnkränze um unser Haupt verwelken; es kömmt die Zeit, da der Tod uns aus dem Schooße unsrer Freunde, und von dem Busen unsrer Geliebten, und aus den Armen unsrer Kinder, und aus den Planen unsrer irdischen Hoffnungen heraus- rcißcn wird. O! lasset uns machen, daß wir nicht in R i g a v o n 1764 bis 1769. 5b mit schwerem Herzen, mit Selbstvorwürfen, mit Thronen in den Augen, mit Seufzern in der Brust, mit Blut cm unfern Händen, mit Flecken in unsrer Seele weg müssen! Wir wollen hier für unsre Seelen sorgen, in ihren Boden Tugenden pflanzen: denn dos bleibt unS und soll ouSgebildct werden; Mäßigkeit, Güte, Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Menschlichkeit bleiben uns im Tode, und alle gute Wecke folgen uns noch in die Ewigkeit." In Riga fand Herder ein n.ucs Vaterland! Seine Loge wurde nun mehr sorgenfrei. In dem süßen Gefühl einer ganz andern Freiheit, alS selbst auf der Universität Königsberg, wo drückende Nahrungssorgen seine Must beschrankten. konnte er nun, im Besitz seiner Selbst, ganz den Pflichten seines Amtes und seiner Liebe zu den Wissenschaften leben, Freundschaft und Geselligkeit erhöhten und beförderten den Aufschwung seines Talents, das allgemeine Bewunderung erregte. Seine reinen Sitten, sein edler Charakter, sein scharfes Gefühl für Recht und Wahrheit, für das Schöne und Wohlanständige; sein zartes Mitgefühl bcy Anderer Leiden, seine geistvolle Laune im Umgang, mit heiterem Ernst gemischt, erwarben ihm Liebe und Hochachtung. Auch die allgemeine» Angelegenheiten der Stadt und des Landes, waren die Seinigcn! Wey der Einweihung des neuen Rgthhauses zu Riga 176.5 hielt er die Rede: Haben wir noch das Publikum und Vaterland de r A lk cn? —> (Ad rast ca 3 . D. 11. pag. 176.) 56 Herders Leben Riga's gefällige Bewohner suchten ihm als Freund und Lehrer ihrer Kinder, als treuer Theil- nchmer ihres moralischen und häuslichen Wohlstandes, das Leben angenehm zu machen, und in nie getrübten Verhältnissen genoß er vier und ein halbes Jahr hindurch dieses bencidenswertbc Glück. Hier fand Herder noch die schönen Reste jenes hanseatischen Gememgeistes (voimrron spiirit der Engländer) der seine Grundsätze über bürgerliche uad Staaksvcrhältnisse noch mehr befestigte. Die Han- dclswelt, wie, sie damals noch in Riga, mit un- beengter Freiheit und mit einer gewiss,n Liberalität ihre Geschäfte betreiben konnte, mu,te seine Lebens- Anstchtcn erweitern, seine Ideen über bürgerliche Freiheit und über das wohlthalige Wirken dafür erhöben. Unter Kausleuten fand der Fremde hur seinen ersten Eintritt in die Gesellschaft, und unter ihnen seine ersten Freunde. Dort fand er ausser Hartknocb, den nach- hcrigen Bürgermeister Karl Wilpert, die Brüder Berens, die Familien Schwarz, Grave, Zuckerbecker, Busch ic. als thatige Freunde, in deren Umgang er manche fröhliche Abendstunde zubrachte. In diesen Hausern gewann er das Ri- gassche Familien - Leben lieb ; wo damals ein männlich freier Geist, mit .Offenheit und Eutmütbig- keit verbunden, herrschte und nach vielen Jahren schrieb er einem dorthin berufenen Rektor hierüber folgende Worte: „Der Umgang in Riga ist leicht und gefällig; der Kaufmann gibt den Ton an und der Gelehrte bequcmt sich dem Kaufmann. Die Jugend ist milden Temperaments, faßt leicht, ver- in Riga von 1764 bis 1769. 27 gißt leicht, gehorcht leicht, und will mit Liebe behandelt se»n, ist auch größtenteils von guten angenehmen Titten; so wie überhaupt guter Umgang mit Würde und Anstand viel gilt." — Mit Hartknoch hatte er schon zu Königsberg, wo dieser Theologie studierte, Freundschaft geschlossen, und ihm den ersten Gedanken, einen Buchhandel cinzurichten 'an die Hand gegeben. Dieser qieng in die Idee ein, und führte sie nachher in seiner Vaterstadt glücklich aus. Auch war er Herdern dafür stets dankbar, nannte ihn den Stifter seines Glücks und benutzte jede Gelegenheit ihm wieder nützlich zn seyn. Hartknoch ward sein Verleger, und erwies ihm auf seiner Reise nach Frankreich wichtige Dienste. Sie blieben Freunde bis zum Tod, und auch auf Harrknochs Sohn gieng diese Freundschaft über, der den Buchhandel seines Vaters übernahm. — Im Jahr »766 wurde Herder auch in den dortigen Freimaurer-Orden ausgenommen und selbst zum Sekretair der Loge ernannt, ohngcachtet er nicht den dazu erforderlichen Grad hatte. Vielleicht mag ihm durch diese Verbindung seine nachherige Reise nach Frankreich erleichtert worden seim, in seinen Briefen und Papieren findet sich jedoch nicht die mindeste Spur davon. Was spater behauptet wurde: daß Herder für seine älteste Urkunde d es M cn sc h c n - G e- schlcchts von den Freimaurern ein Geschenk von Einhundert Fciedrichsd'oc erhalten habe, und was vielleicht durch die ihm in Weimar, von unbekannter Hand, zugckommcne bedeutende Geldsumme, wovon 5 !! Herders Leben weiter unten die Rede se>)n wird, irrig verbreitet worden sexn mag; wird von seiner (Göttin, die damals schon mit ihm vcrheurathet zu Vükeburg lebte, eils die befragte Schrift heraus kam, bestimmt und mit dem Beysatz widersprochen: Hartknoch bade dafür das verabredete Honorar, mit einem Fricdrichs- d'or für den Bogen bezahlt; etwas Weiteres aber sc»e dafür nicht cingegangen. Auch widerspricht die Annahme eines solchen Geschenks dem Charakter Herders, der, auf das ibm von Bode in Weimar gemachte Anerbieten: Seine Schriften, besonders aber die Philosophie der Geschichte, nach ähnlichen Beyspielen jener Zeit, durch die Freimaurerei, in lebhafteren Umlauf bringen zu wollen, die Amwort gab: „Meine Schriften sollen durch sich, durch ihren innern Werth allein wirken; jenes sind Nebenwege und fremde Maschinerien, die ich für mich verwerft !" In Weimar, sagt seine Gattin, hat er sich aus wichtigen Gründen, nie als Freimaurer bekannt und nur mit auswärtigen Ordens - Gliedern von anerkannt gutem Charakter, in Gespräche darüber eingelassen : was ihm vielleicht den Unwillen Mehrerer zugezogen hat. Cr wußte aber alles wichtige, was in der dortigen Loge vorgieng und sprach allein mit Bode über diese Verhältnisse sehr vertraut. Mit dem Geiste des Orients und mit dem Sinn der Symbole und Bilder der alten Zeit bekannt, batte er sich wichtige Data, auch aus dem Mittelalter gesammelt und glaubte den Sinn und Grund der Entstehung dieses Ordens und seiner Sym- in Riga von 1764 bis 1769- 69 bole gefunden zu Huben. Er Hütte sein eigenes System darüber, das er einst ausarbcicen wollte und glaubte, daß auch bey diesem Institut ein neuer, unsrer Zeit gemäßer Geist geweckt und die veralteten Gebrauche wieder belebt werden sollten. Es war ihm zuwider, wenn er verständige, durch Zeit, Wissenschaft und Religion aufgeklärte Männer mit diesen Gebrauchen gleichsam nur spielen sah, ohne ihnen einen, für unsre Zeit dringend bedürftigen Zweck zu geben. Er hielt auf Bündnisse anerkannt rechtschaffener Männer zu edlen Zwecken sehr viel, denn, wie er oft sagte: nur durch vereinigte Kräfte kann etwas Großes gedeihen; und daß man auch ihn für den Mann hielt, durch den solche Zwecke erreicht werden konnten, davon werden im Verfolg seiner Lebens-Geschichte merkwürdige Belege vor? kommen, Seine Gespräche in derAdraffea über die Frci- maurerey sind nur der Anfang dessen, was er hierüber Umfassenderes mitrbeilen wollte. Er suchte und sammelte dazu aus vielen Büchern, die er aus der Göttinger und Dresdner Bibliothek sich zu verschaffen wußte. Der Orden, sagte er, müsse in unsrer Zeit, am Lichte des Tages, offen und frei handlen, sein. Einfluß würde dadurch nur gewinnen und mehrere Thcilnehmcr dadurch sich erwerben. Das Gute, was übrigens der Orden auch jetzt noch, durch edle und thätiqe Vorsteher wirkt, war ihm stets ehrwürdig, nur schmerzte ilm die .Aufnahme unwürdiger Mitglieder in ein Institut, das ohnehin für unser Zeitalter nicht mehr ganz paßt und in seiner Wirksamkeit dadurch noch mehr geschwächt wird. — 6c> Herders Leben Einen Ruf nach St. Petersburg, a!s Direktor der Königen Peters-Schule, den er im April 1767 erhielt, schlug er aus; da der Rath von Riga, um ihn nicht zu verlieren, nach seinem Wunsche, eine besondere Prediger-Stelle für ihn stiftete. Jene Stelle in St. Petersburg erhielt in der Folge der bekannte Dichter Willamov, der auch dort starb. Vor dem Antritt seiner neuen Predigers-Stelle wurde er über ein selbst gewähltes und verfertigtes Schediasma: Da Lpiritu 8. salutis humaner« Lvrotove, im Juny examinirt, hierauf im Juli) ordinirt, und unter Bcybebalrung seines Schulamtes und Ernennung zum Adjunct des Stadt - Ministern, in zwey Kirchen, der Jesus- und Gertruden - Kirche, als Nachmittags-Prediger, von dem damaligen Dberpasioc von Essen, feierlich introducirt. In diese Zeit fällt auch die Herausgabe seiner F r a g m e n t e ü b e r d i e neue deutsche Lite- ratur sB. 17. u. a8.) womit er sich an Winkelmann, Lcßing tind an die damaligen Verfasser und Herausgeber der Literatur-Briefe, gegen die Klotzianer anschloß; und sich dadurch manche würdige Freunde, aber auch sehr viele Feinde erwarb, unter andern selbst Schlozer in Göttingen, durch die Streitigkeiten, in welche er, über diese Fragmente, mit der damaligen Gcgcnparthic gericth. Die zweite Ausgabe davon sollte schon im Jahr 1768 erscheinen, und war bereits gedruckt, als Herder, unzufrieden darüber, daß im 3 . Lheil der Kjotzijchen Bibliothek der schönen Wis- in Riga von 1764 bis 1769- 6» scn sc haften und freien Künste bereits eine Rccension derselben erschien, ehe noch ein Eremplar dieser Ausgabe ins Publikum gekommen seyn konnte, solche vom Verleger nicht auSgeben lies. Auch das Denkmal auf Thomas Abbt, kam im Zahr 1768 heraus, das, unter seiner Nachlese historischer Schriften (B. p>. 5 -— (-4.) unter dem Titel zu finden ist: lieber T h 0 m a s A b b t s Schriften — und in der Vorrcoe des Herausgebers, Johannes von Müller, „als Muster der Analyse solch' eines Mannes geschildert wird: der Kennern lieb sevn muß, so lange der Kampf nach Verdienst unter uns besteht und Tod für 's V a t c r l a n d nicht ganz für schwärmerische Grille gilt." Eine Schrift, die noch weit mehr, als alles bisher von Herder Erschienene, den polemischen Ton annahm, und in den Jahren 1768 und 1769 unter dem sonderbaren, nach Statins und Jakob Balde gewählten Titel: KritischeWalder heraus kam; (B. 2<> und 21) würdigkeim ersten Stück Lessings L a 0 k 0 0 n. Das zweite und dritte Stück dieser kritischen Wälder sollte Klotzen züchtigen; und zog ihn noch weit mehr, als seine Fragmente in höchst unangenehme persönliche Verhältnisse hinein. Viel hat die polemische Methode, was sie empfiehlt; manches, was Schaden stiften kann. Wetteifer wird der Eeistesstreit, oft unvcrmu- thct entspringt aus dem Reiben der Geister ein neues Licht: ganz sicher wird Einseitigkeit verhütet,, und durch das Leben , das in jeder polemischen Dar- 62 Herders Leben stcllung sich regt, das Interesse gefesselt: schlimm nur, wendet der Streit sich gegen den Mann, nicht gegen die Sache, ein unwürdiges Spiel —giebt sie dann dem Mulhwillen ein Fest, der Wahrheit keinen Sieg. '— Die Schrift erschien zwar anonym, und er mißbilligte selbst spater den darum herrschenden Ton- bekannte sich auch nie gern dazu, und sagte in der Vorrede zum zweiten und dritten Wäldchen: „Der Verfasser darf seinen Namen nicht, und wird ilm auch nie entdecken; er wird nie das Buch unter die Kinder seines Namens aufnehmen: denn es war nicht dazu, cs war blos für eine Aeitvcrbindung geschrieben , die in der Literatur schädlich ward; in einem Tone geschrieben, dcr für das Ohr dieser ZcitverbiN- dung eingerichtet werden mußte." Sein rasches, jugendliches Feuer hatte ibn jedoch hier zu wett geführt, auch hatte er spater sich vorgenommeii sie umzuak- beitcn, kam aber nie dazu. Nach seinem Tode erst ssel seinem Freundt Herne das traurige Loos, diese Wälder, die eint Ausbesserung von der eigene» Hand des Veifassers hatten erhalten sollen, revidirt, und in dcr Vorrede sehr zart und treffend gewürdiget, herauszugebcn. Alle diese literarischen Arbeiten zeugen vöii Herders großer Thangkeit in Niga, wobey er den geselligen Umgang zu seiner Ausbildung und Erhör lung keineswegs vetnachlaßigte. Seme anqencbmsten Erholungssiundcn brachte er auf dem Landsitze Heide v o g c l s , zu Graivnbeide, und des Baron Budberg, zu Tcessenhof zu, denen er gefühlvolle dickstes > n Riga von i 7 6 4 bis »769. 63 rische Denkmale dankbar widmete, und die sich in der Sammlung seiner Gedichte aufbewahrt finden.. (B. 3 r. p. rr 3 .) So wohlthatig aber auch diese glückliche Lebens- periodc, gleichsam sein goldenes Zeitalter, auf seine feurige gefühlvolle Seele so wie auf seine körperliche Gesundheit wirkte; so konnte dennoch der Aufenthalt in Riga, diesem aufstrebenden Riesen - Geist nicht genügen! Der Gebrauch einer großen Bibliothek und der Umgang mit eigentlichen und ausgezeichneten Gelehrten , war das Einzige , für ihn unentbehrlichste, was er in Riga vermißte. Zu dem kam noch, daß die widersprechendsten Urtheile über seine Schriften, unangenehme, anonyme Briefe, die er darüber erhielt; vorzüglich aber Klotzens pöbelhafte Ausfälle und Beschuldigungen, wegen angeblicher Sprachfehler im Lateinischen und GriechU-Nen, fein empfindliches Ehrgefühl kranken und aufreizen mußten, da er sich nur der reinsten Zwecke bewußt, nur die Wissenschaft bereichern, den Geschmack verbessern , nicht persönlich beleidig n wollte. Nur einmal erwid-^te er die Angriffe der Klotzianer in der Berliner priv. Zeitung vom Jahr 1767 Nro. 164, und als er eines'Tages, in Weimar, von einem elend gekleideten Reisenden, der in seine Stube trat, um ein Vinticuni angefprockcn wurde, und dieser auf die Frage, wie er heiße: den Namen Klotz angab, drückte Herder dem in ihm entdeckten unglücklichen Sohn seines Gegners, ein Goldstück in die Hand, gierig tief ergriffen in ein anderes Zimmer und sprach denselben Nachmittag nur sehr wenig! — 64 Herders Leben Um allen Aergernissen auszuweichen, und um nichts mehr davon hören zu müssen, ergriff er den raschen, jedoch lange schon in seinem Innern vorbereiteten Entschluß, eine Reise inS Ausland zu unternehmen. Sein Hauptzweck dabei) war, wie er seiner Gattin in der Folge oft mündlich erzählte: die besten Erziehungs-Anstalten und gelehrten Institute in Frankreich, Holland und Deutschland kennen zu lernen und wo möglich auch Italien zu sehen; Key seiner vorgchabten Rückkehr nach Riga aber, ein Lieflandisches National - Erziehungs - Institut, unterstützt von der dortigen Regierung und seinem Gönner dem Gouverneur von Ca m pe u h a u se n, zu errichten. Die Reise war nun einmal dringendes Bedürf- niß seines Geistes und Gemüchs geworden. Er konnte die unwürdigen Schmähungen, die wegen der begonnenen literarischen Fehde, über ihn ausgegossen wurden^ in seinem Verhältnis als Geistlicher und Lehrer, in Riga, wo cs ihm auch nicht an Neidern und Gegnern fehlte, nicht langer ertragen. In einem Brief an seine nachherige Gattin schrieb er im Jahr >770. „Ich gjcng nach Riga, dort besaß ich in kurzer Zeit die Liebe der Stadt, die Freundschaft dreyer der würdigsten Männer, die ich kenne; die Hochachtung der originellsten Köpfe, die mir in meinem Leben aufgestoßen sind, und von denen, und ihrem wunderbaren Zutrauen ich Bücher schreiben könnte: auf der andern Seite den Haß mehrerer Geistlichen, ohne daß sie doch gegen mich einen Finger regen wollten oder konnten, und dm schaalen in Riga von 1764 bis 1769. L5 schaalen Neid einiger kriech.-nden Geschöpfe. Bey alle dem, habe ich in Lieflanb so frei und ungebunden gelebt, gelehrt und gehandelt, als ich vielleicht nie mehr im Stande scyn werde. Geli.btvon Siadt und Gemeinde, angebelet von meinen Freunden und einer Anzahl von Jünglingen, die wich für ihren Christus hielten; der Günstling des Gouvernements und der Ritterschaft, die mich zu großen Ab- und Aussichten bestimmten, gieng ich demungeachtet vom Gipfel dieses Beyfalls, taub zu allen Vorschlägen, unter Tbrancn aller, die mich kannten, weg, da mir Mein Genius unwiderstehlich zurief: Nutze deine Zeit und blicke in die Welt! — Und noch hat es mich keinen Augenblick gereut!" — Unter diesen, und manchen andern ztckammen- wirkcnden Ursachen, die Herder» zu einer Reise, vorzüglich nach Frankreich, bestimmt haben mögen, war ohne Zweifel auch das Studium d,r französischen Sprache und die kühn und tnff.nd auf-.cfaßte Idee: SA) von dorraus seinen hehercn Standpunkt zu nehmen, um über unsre deutsche Literatur ein unbefangenes Urth il fallen zu können. „Sic glauben nicht," schrieb er an Hartknoch, „wie viel Neues man sicht, wenn man aus seiner Situation heraus ist. Das ist der Punkt, den Archimed außerhalb der Welt verlangte, um die Welt bewegen zu können" und das ist in Bezug auf meine bisherige Lage des Lebens, meine Reise!" — Sein Reise-Journal fangt mit den Worten an: „Den 23 May 1769 re.sece ich von Riga ab, um, ich weiß nicht wohin? zu gehen, Ein großer Herders W» z, Phil, u, Gesetz» XVl. E I-eäeu, 66 Herders Leben Theil unsrer LcbenSbegcbcnheiten hängt wirklich vom Wurf, von Aufallen ab. So kam ich nach Riga, so in mein geistliches Amt und so ward ich desselben los, so gicng ich auf Reisen. Ich gefiel mir nicht als Schul-Lehrer, die Sphäre war mir zu enge, zu fremd, zu unpassend und ich für sie zu weit, zu fremd, zu beschäftigt. Ich gefiel mir nicht als Bürger, da meine häusliche Lebensart, Einfchran- kungen, wenig wesentliche Nutzbarkeiten, und eine faule oft ekle Ruhe hatte. Am wenigsten endlich gc- si l ich mir als Autor, wo ich ein Gerücht erregt hatte, das meinem Stande eben so nachtheilig, als meiner Person empfindlich war. Alles war mir zuwider ! Much und Kräfte genug hatte ich nicht, alle diese Miß-Situationen zu zerstören und mich gen; in eine andere Laufbahn hinein zu schwingen. Ich mußte also reisen; und da ich an der Möglichkeit hiezu verzweifelte, so schleunig, übcrtaubend und fast so abcnthcuerlich reisen als ich konnte." — Weiter hin, nachdem er in eine Art Selbst- Anklage darüber ausgcbrochen war, was er bisher zu thun versäumt zu haben glaubt; sich aber zugleich darüber deutlich ausdrückt, was er noch zu thun vorhabe, und was er größtenthcils in der Folge wirklich gctban, oder selbst umfassender und gründlicher, durch stete Verbindung mit dem Studium der Alten und der neueren klassischen Literatur, geleistet hat; fahrt er mit den Worten fort: „und die französische Sprache, mit allem diesem verbunden, zum Hauptzweck gemacht! und von da aus die Henault's, die Velly's, die Montesguieu's, die Voltair's, die St. Marc's, die LaeCombe, die Copcrs, die in Riga von 1764 bis 1769- 67 St. Reals, die Duclos, die Linquets und selbst die HümeS französisch studiert; dann die Bufföns, die d'Alembercs, die Maupertuis, die La-Eaille, die Eulers, die KästNers, die Newtone, die Keile, die Mariette, die Toricelli, dis Nollets studiert; und endlich die Original-Geister des Ausdrucks, die Cre- billons, die Sevigne, die Meliere, die Ninons !ck hinzu gcthan, das wäre eine Laufbahn, das hieße seine Situation genutzt, und ihrer würdig geworden! Dünn wäre diese mein Vergnügen, und meine eigene Bildung nie ermüdend, nie vernachlaßiget gewesen! Geschichte, Natur - Ketin.»iß , Mathematik, Zeichnung, Munk, Umgang mit Frauenzimmern, Talente deS lebendigen Vortrags, in weiche Gesellschaften hatten sie mich nicht bringen können! — Autor Ware ich alsdaNn Gottlob! nicht geworden, nichr ein Tintenfaß von gelehrter SchriftstelUrey, nicht ein Wörterbuch von Künsten und Wissenschaften die ich nicht gesehen habe und nicht verstehe- Ich wäre Situationen entgangen, die Meinen Geist entschlossen." — Ein so hohes und glanzendes Ideal schwebte ihm vor Augen! wie er anders hatte seyN sollen, Und wie et, Man kann es wohl lagen, Hey strenger Verfolgung dieses Ziels, das Nicht geworden Ware, was er wirklich ward " Und auch Hierinn ist das Eigenthümliche »rb Außerordentliche im Charakter des, in das HtiliathuM der Wissenschaft.N mit Ungestüm eindrmgeNden IüngliN.s treffend bezeichnet, indem er sich, wie der Weisheit achter Jünger, daS höchste, beyNahe unerreichbare Ziel äussteckte! — Wahrend oft attdete — sonst talent wlle Jünglinge, E 2 68 Herders Leben ihre Kräfte zu überschätzen nur gar zu leicht geneigt sind und in ihrem genialischen Dünkel, der vollen Spannkraft nicht zu bedürfen wähnen; aber auch vom sich selbst mißtrauenden und darum jede Sehne schraffcr spannenden, nur mittelmäßigen Kopf, nicht selten überflügelt werden! — Mil Wahrheit kann daher auch von Herder gesagt werden, was Tacitus im Bilde Agrikola's so schön ausdrückt: „Ein stolzer und hoher Geist strebte er nach Schönheit und Glanz erhabenen und großen Ruhmes, heftiger als behutsam. Bald milderten Vernunft und Zeit, und nur das Schwerste in der Weisheit blieb zurück — das Maas." — „Was verliert man nicht in gewissen Jahren durch Leidenschaft, Leichtsinn und Hinreißung in die Laufbahn des blinden Zufalls!" Diesen Ausruf Herders, sollte jeder aufblühende junge Mann sich recht oft wiederhole», um strenger gegen sich selbst in Verfolgung eines hoch gesteckten, festen Lebensziels zu seyn! Er kann dabei) nur gewinnen, und erspart sich das bittere Gefühl zu später Reue! — Dis Freunde und Gönner Herders boten Alles auf, um ihn zu bewegen, von seiner vorhabendcn Reise abzustehen und unter ihnen zu bleiben; als sie aber sahen, daß sein Entschluß fest und unerschütterlich stehe, so vereinigten sie sich, um ihn gemeinschaftlich Zu unterstützen. Harlknoch war darunter der erste, der alles mit treuer Thätlgkeil leitete. Am 5 . May 1769 bat Herder bei) dem Rath von Riga um Entlassung von seinen Aemtern und erhielt, nach mehrmalig vergeblichen Versuchen ihn in Riga von 1764 bis 1769. 69 von seinem Vorhaben abzubringen, am 8. May sein Entlassungs-Dekret unter nachstehenden ehrenvollen Ausdrücken: „Es wird dem Herrn Pastor, Adjunctus und Eollaborator I. G. Herder in seinem Gesuche gefuget, derselbe seiner bisher mit Ruhm und bestem Beyfail bekleideten Aemtcr, angeführter Ursachen halber entlassen, ihm zu seiner verhakenden Reise und künftigen Unternehmungen alles Glück und des Höchsten Beystand ange- wünschet; wornachst derselbe in Absicht seiner vorzüglichen Geschicklichkeit sich auch in seiner Abwesenheit der ferneren Wohlgewogenheit Eines wohlcdlcn Nathes versichert halten kann." Es ist daher eine entstellende hämische Bemerkung seiner Gegner, wenn es in Gäbe dusch's zweit.m Lheil seiner Lieflandischcn Bibliothek S. g5, nachdem vorher von der allgemeinen Achtung Herders in Riga die Rede gewesen, daselbst weiter heißt: „Er geriekh auf den Gedanken, eine langwierige gelehrte Reise vorzunchmen, als er deshalb beym Nathe die Erlaub niß suchte, gab man ihm kurz und gut seinen Abschied. So sehr hatten sich die guten Gesinnungen geändert." — Vielmehr ließ die Regierung von Riga ihm auch nach erhaltener Entlassung , neue Einladungen zum Bleiben machen. Geheime Rath von Eampenhausen hatte ihm das Rektorat bei) dem Kaiserlichen Lyceum, nach dem bald zu erwartenden Tode des kränklichen Rektors Lader zugesichert, mit der Aussicht auf die Nachfolge in der Superintcndur. Herder versprach auch, 7» Herders Leben. mich seinem aufrichtigen Wunsche, wieder zu kommen , aber seine Reise wollte und konnte er nun einmal nicht mehr aufgcben, Am 17. May hielt er seine Abschiedsprehigt, und am 25 . May ging er in Neglcitung seines Freundes Gustav Bercns, mir einem Schiff nach Nantes, in Frankreich ab. Ein Ungewitter swied ilm von Riga und von seinen Freunden auf immer! — dem Andenken an sic, auf der See, widmete er die Ode: „Sieh, Freund! da fliek'n sie hin im Ungewitter!"-— (B. x>. 226,) Reise zur See nach Nantes; von da nach Paris, Brüssel, Antwerpen, H a a g, A m st e r d a m und Leiden; und über Hamburg nach Kiel und Eutin; vom b. Juny >760) bis zum Frühjahr 1770. Herders Freunde, unter andern auch Hart- knock und seine Gattin, hakten ihn noch an einem Sonntage in einer Schaluppe nach her Boldera, und von da auf die Rhede hinaus an Nord des Schiffes begleitet; noch einmal schrieb er am folgenden Tag vom Schiffe aus, muntere und herzliche Reise nach Frankreich von 1769 bis 177N. 7, Briefe an diese Lieben , die, auf der Heimfahrt vom Gewitter verfolgt und wohl durchnäßt, ihm Stoff zu scherzhaften Bemerkungen und zugleich Linderung seines Schmerzgefühls über den Abschied gewahrten. Am 5 . Iuny gieng er mit Gustav Bereits unter Secgel, anfangs betrübt und schwermüthig, bald aber aufgcheitert, durch die wohlthätig auf ihn wirkende Seeluft. Auf dem Verdeck, in freier Luft und durch den Genuß meist trockener kalter Speisen, wußte er sich, bis auf eine „anderhalbtägige Uebcl- keit, oder vielmehr nur Vorfchmack von Uebclkeit," von der eigentlichen Seekrankheit frei zu erhalten, und nie fühlte er sich gesunder, als aus dem Meer- Die großen Gegenstände von Meer und Himmel; das einzige Schauspiel der auf- und niedergehenden Sonne zur See; die Nächte; die elektrisch-funkelnden Mecreswcllen; der Sternen - Himmel, der Mond- Regen, Ungewitter, Gefahr — alles wirrte groß und mächtig auf seine empfängliche Seele. Diese Reise, und Italien, waren ihm das Merkwürdigste, nach der Größe des Eindrucks auf sein Gcmüth. Hier, auf dem Schiffe, an der Seite seines Freundes , überdachte er Vergangenheit und Zukunft und entwarf Plane seines künftigen Lebens. Das Gedicht: „der Genius der Zukunft," (B. 3 r. x. 129.) ist Erguß seiner damaligen Empfindungen, Hoffnungen und Ahndungen. Er selbst sagt darüber in seinem Tagebuch: „Welch weite Sphäre zum Denken, auf dem Schiff, das zwischen Himmel und Meer schwebt! Alles giebt hier dem Gedanken Flügel! Das flatternde Scegel, das immer wankende 72 Herders Leben. Hans, der rauschende Welsinstrom, die fließende Wolke, der weite unendliche Lufrkrers! — wo ist das feste Land, aus dem ich so ruhig stano? und die kleine Kanzel oder das Katbeder worauf ich mich brüstete? wo sind die, vor denen ich mich furcht,te und die ich lieble? —> So schiffte er ohne besondere Begegnungen an den Küsten von Kurland, Preußen, Schweden, an der Kuppe des Dlaus, an Dänemark, Jütland, Schottland, Holland, England und an den Niederlanden vorbey. Einer seiner Briefe zur Sec geschrieben, an Hartknoch, sagt unter andern: „Wir sind moraen vierzchen Tage aus Riga, und jetzt der Insel Meene nabe. Schöne Tage und Abende und oft eine spieqclqlatte Helle See, dabey aber langsame Fahrt! — geben Sie mir Nachricht von dem, was die Klotzi- schen sieben Journale künitig über mich belieben werden und was diese Urthcile und Pa guillen in Riga für Eindruck machen ? — Ich wünschte sehr zu meiner Reise Klopstocks Messias, Lieder, Hermannsschlacht :c. gehabt zu haben; ich bin wie ein Betäubter gereist, zur See mit dem Kopfe zu arbeiten, habe ich noch nicht gelernt; es ruhet also alles, wo es ruht!" — „Man bildet sich ein, wenn man auf Meeren, Lander und Welttheile vorbey fliegt, viel von ihnen denken zu können. Allein diese Länder und Wclitheile sieht man nicht, sie sind nur fernher stehende Nebel, und so sind auch meistens die Ideen von ihnen. Die Sckiffarkh der Alten war hierinn anders: Sie zeigte Küsten und Menschen- Eatrunaen; in ihren Schlachten redeten Charaktere und Menschen, jetzt ist alles Kunst, Schlacht und Reise nach Frankreich von 1769 bis 1770. 73 Krieg und Seefahrt. Ich wollte den Reisebcschrcibcr zu Hülfe nehmen, um an den Lüsten jedes Landes dasselbe zu denken, als ob ichs sähe; aber noch vergebens. Ich fand nichts-, als Okular - Verzeichnisse und sähe nichts, als entfernte rüsten!" Am ,7. Juny war er vor Kopenhagen, am 19. bey Helsin gor; am 2. July im Kanal, am i2. be» Dovcsende, ankerte am i 5 . bey Paimboeuf und fuhr am 16. nach Nantes. In seinem Reise-Journal bedauert er, nicht zu Kopenhagen gelandet, Klopstock, Gerste n-- bcrg, Kramer, Nescwitz kennen gelernt, und von da, nach Deutschland sich gewendet zu haben. Unter der Aufschrift: „Journal meiner R e i s e i m Ia h r r 7 -69," ist eine, schon mehrmals erwähnte Handschrift Herders, von 72 eng- geschriebcncn Quarrleiten vorhanden, an der jedoch das Ende und in der Mitte einige Bogen fehlen. Sie enthält wenig Historisches, und mehr Selbstgespräche über sein voriges Leben, auch ausführliche Plane für seine künftige Wirksamkeit in Riga, wohin er zurückzukonimen nicht zweifelte. „Liesiand, du Provinz der Barbarei) und des Lurus, der Unwissenheit und eines angcmaßten Geschmacks, der Freiheit und der Sclar-erey, wie viel wäre in dir zu khuu! " heisst es in einer Stelle dieser Handschrift, „was nluß ich khun, um ein zweiter Zwingli, Ealvin oder Luther dieser Provinz zu wer, den? Unnütze Kritiken und rodte Untersuchungen 74 Herders Leben. aufgeben, mich zum Nutzen und zur Bildung der lebenden Weit einwcihc»; Frankreich, England, Italien und Deutschland in diesem Betracht durchreisen; französische Sprache und Wohlanstand, englischen Geist der Realität und Freiheit, italienischen Geschmack feiner Erfindungen , deutsche Gründlichkeit und Kenntnisse und holländische Gelehrsamkeit einsammeln rc. Doch, die Kleinheit deiner Erziehung, die Sclaverci) deines Geburtslandes, der Bagatellen-Kram deines Jahrhunderts, die Unsta- tigkeit deiner Laufbahn hat dich eingeschränkt. In kritischen, unnützen, groben Wäldern verlierst du das Feuer deiner Jugend " rc. Im Anhang zum Sopbron, B. 12. ist einiges aus obiger Handschrift enthalten; Urthcile über die französische Literatur rc. finden sich in der Ad rast ca, zum Theil mehr ausgearbeitet; und was noch sonst daraus als Beitrag zur Kenntniß seiner Gemüths- und Denkungsart dienen kann, ist in einem Anhang zum ersten Band der Erinnerung enrc. abgedruckt, auch hie und da, in gegenwärtiger Lebens-Beschreibung benutzt. Einige treffliche Gedanken, wahrend seiner Seefahrt, sind in dem Aufsatz: „Ossian und die Lieder alter Völker", B. 24. pag. 14, 16 und 17 aufbewahct. Herders Vorsatz war, einige Monate in Nantes zuzubringen und sich dort vorzüglich die, für den Deutschen so schwere französische Eonversations- Sprache mehr eigen zu machen. In ein dortiges Reise nach Frankreich von 1789 bis 1770. 76 angesebcnes Handlungshaus empfohlen, wufte die Frau des Hauses, Madam Babüt, selbst eine angenehme, geistreiche Gesillsichafterin, ihm durch Einführung in die ausgcwahltesten Familien - Eirkel der Stadt, so wie bey klein n Landparkhien, durch Bekanntmachung mie dem in Frankreich fo liebenswürdigen und gastfreundlichen Lon der gebildeten Bewohner schöner Landdausi-r, hierzu die angenehmste Gelegenheit zu verschaffen. Hier lernte er die vorthcilhafkeste Seite des französischen Charakters, wie er noch unverdorbener in der Provinz zu finden ist, kennen und schätzen; und gefiel sich in dem Umgang mit dtesen naiven, geistvollen und achtungswcrthcn Menschen, die ihm überall mir Frohsinn und Freundschaft entgegen kamen und denen er selbst seine eigensten Gefühle, seine reine und theilnehmeude Seele offen mittheilen konnte. Seinen schriftstellerischen Charakter, konnte er, bey der lobenswerthcn, uns D>utschc,>. weniger eigenen Art der Franzosen: sich wenig um die Individualität des Fremden zu bekümmern, wenn er nur angenehmer Gesellschafter ist, leicht verbergen; auch passirte er lange Zeit für I^lr. L-räür schlechtweg : bis endlich ein junger Schwede, Namens Koch, der als Freund der deutschen Literatur, Herders Bekanntschaft in deutschen Journalen gemacht hatte, ihn bey den dortigen DamcN vcrrieth, und ihm dadurch zwar noch mehr Achtung, aber auch mehr Zwang in seinem Benehmen und was ihm am schätzbarsten war, die Bekanntschaft mit seinem talentvollen Verrathcr zuzvg, der ihn als seinen in Nantes gefundenen guten Genius verehrte und jede» Morgen um 5 Uhr zu angenehmen Spaziergängen abzuholen pflegte. Kleine Abstecher in die Provinz, besonders nach Angers, beschreibt er in einem Brief an Hartknoch mit den Worten: „In Angers bin ich an ein Mitglied der Akademie äs sisllsg Isttrso adressier gewesen, aber eine ^saäsmie äs sislls, Isttrss mit 3» Mitgliedern, die keine Mitglieder sind, ohne IVlerrroirss seit einigen Jahren und ohne Bibliothek, ohne Plan und fast ohne Sitzungen ist immer wenig reihend! Fast in eben dem Zustande ist die ^eoaäeirris äss Lxsrcicss daselbst, sonst ist die Lebensart familiair und artig." Als Hart- knoch ihm über seinen bis zu Anfang Novembers verlängerten Aufenthalt in Nantes freundschaftliche Vorwürfe machte, antwortete er ihm: „Laßt uns aus der Welt gehen, wie ich aus Nantes, so ist es nicht unnütz und nicht ganz ohne Achtung!" — Nachdem er leicht und ungehemmt sich französisch auszudrücken gelernt hatte, gieng er am 4 . November von Nantes ab, und kam schon am 8 . in Paris an. Als Central - Punkt der ganzen Nation , mußte Paris für ihn vorzügliches Interesse haben. Gleich nach seiner Ankunft, schrieb er an Hartknoch: ,,Sie können nicht glauben, wie oft Porik im Shandy, und in seinen sentimentalen Traumen, der französischen Nation bis auf Herz und Busen Reise mich Frankreich von 1769 bis 1770. 77 gegriffen hat! Es ist eine Lüge, daß er nicht ausser England gewesen, er hat gereiset, und hatte sonst nicht so schreiben können. Wille mahnt mich an, einen Winter hier zu bleiben, denn in einem Monath ließe sich in Paris wenig sehen und nichts anknüpfen; ich glaube nicht, daß ich in den Geschmack kommen werde." Schon im Decembcr 1769. schilderte er seinen Aufenthalt in Paris mit folgenden Worten: „Meine Zeit habe ich hier, in Bekanntschaften mit Gelehrten, in Besuche der Bibliotheken, Eallerien, Antiquitäten- und Kupferstich-Sammlungen, Schauspiele und Gebäude, die des Anschaucns werlh sind und dann, in Studien und Verdauen gcthcilt. Alles, was Geschmack und Pracht ist, in Künsten und Anstalten, ist in Paris im Mittelpunkt. So wie aber der Geschmack nur der leichteste Begriff der Schönheit, und Pracht nichts als ein Schein und oft eine Ersetzung des Mangels derselben ist, so kann Frankreich nie völlig sättigen, und ich bin seiner auch herzlich müde. Indessen wollt' ich um vieles nicht, es nicht gesehen zu haben, und die Erfahrungen und Begriffe verloren zu geben, die ich über seine Sprache, Sitten, Geschmack, Geschichte, Künste, Wissenschaften, in Zustand und Ursprung derselben gesammelt habe. Ich habe gesucht, Bücher und Menschen, Deklamation und Schauspiele, Tanze und Malercren, Musik und Publikum zu studieren. Die Saamenkörmr sind aber verscharrt, bis auf einen Frühling der Zukunft, Von Gelehrte» kenne ich Diderot (der ihm vorzüglich gefiel) d'Alembert, Thomas, d'Ar- 7 » Herders Leben. naud, du Clos, Barthelemy, de G u i g- nes, d'Aubcnton, Garnier, und wie sie weiter heißen. Büffon, Marmontel, Grimm re. sind auf dem Lande." „Von Künstlern kenne ich Wille, er ist hieb mein bester und einziger Freund, nur zu zerstreut und zu sehr Liebhaber von Plaisanterien." Auch in Versailles sah er alles Merkwürdig und nutzte seine kurze Zeit aufs sorgfältigste, wozu ihm seine Nähere Verbindung mit den sogenannten Encyclopadisten sehr förderlich war. Las französische Theater intercssirte ihn als Darstellung des Charkters und Geschmacks der Nation und ihrer Kultur; so wie als Studium der Sprache. Er bewunderte die Talente einer Du mell il, Clairon und cmes Le Ca in, jedoch weniges ausgenommen, war das Ganze für ihn nur conveNtionelte Kunst. Es konnte noch in spateren Jabrcn feinen Unwillen und Tadel erc.gcn, wenn man französische Stücke mit der so eigenthümlich angenommenen Repräsentation des französischen Theaters auf die deutsche Bühne verpflanzen wollte; die, den unfern schwerfälligen AeusserungcN, als gewagte Nachahmungen ihrer feinen Pointen und ihrer französischen Gewandtheit, nur als lächerliche Karrikaturen erscheinen müssen, uno unscrm ruhigen und ernsten National - Charakter gänzlich zuwider sind. Die schone Simplicitat der griechischen Kunst, die einfache Narur und Wahrheit des Menschen - Charakters, und Shakespeare lagen zu tief in seiner Seele, als daß ec dem französischen Theater, die pantomi- Reise nach Frankreich von 1769 bis 1770. 79 mischen Tanze ausgenommen, die ganz aus dem Charakter der Nation hcrvorgehcn, im allgemeinen hatte Geschmack abgcwinnen können. Doch verkannte er nie das Gute irgend einer Nation, und seine Bekanntschaft mit der Provinz sowohl als mit der Hauptstadt, gab ihm den sicber- steu und gerechtesten Maasstab zur Würdigung des französischen National - Charakters. Nur das Nachäffen der Franzosen und Engländer, das uns Deutschen damals noch so sehr anhicng, war ihm ein Greuel, weil er nur Zcrnichtung seiner Nation daraus hervorgehen sah. Herder war kaum in Paris angekommen, s» erhielt er schon unterm n. November 1769 durch den Prediger Rescwitz zu Koppenhagen den Antrag: den Prinzen Peter Friedrich Wilhelm, Sohn des Fürst Bischoffs Herzogs Friedrich August von Hollste,n - Oldenburg zu Eutin, als Jnstruc- tor und Reise-Prediger, in Gesellschaft des Oberhofmeisters des Prinzen, Baron von Cappelmann, drey Jahre auf Reisen zu begleiten. Dieser Antrag mußte ihm auf der einen Seite höchst erwünscht seyn, da er damit seine eigenen Reise-Zweke sehr vorcheilhaft und ausgedehnter verbinden konnte; und nun die Güte seiner Rigaer Freunde, die ihn bisher auf seiner Reise unterstützt hatten, nicht langer mehr in Anspruch zu nehmen nöthig hatte; auf der andern Seite hing er mit ganzem Herzen an seinem lieben Riga und an dem Erziehungsplan, den er dort auszuführen gedach- Herders Lebe». Lei te, und mm, durch dielen Ruf, in die weite Zukunft und ins Ungewisse hinausgesetzc sehen mußte. Sehr natürlich war umer diesen Umstanden seine Verlegenheit über die Wahl seines künftigen Schicksals. Ein schneller Entschluß war ihm jedoch so dringend gemacht, und die Entfernung von seinen vertrauten Freunden war so groß, daß er wohl schreiben, aber ihre entscheidende Stimme nicht erwarten konnte. An Hartknoch schrieb er aus Paris: „Wenn man in einer Verlegenheit, oder unmittelbar vor einer wichtigen Veränderung, ohne Freunde in der Fremde sich befindet, durch Siiuationen und Befürchtungen sich umlagert sieht, und sucht alsdann die Meinung seiner Freunde, — und die sind stumm — das schmerzt!" — In die Umstande selbst scheint er gegen seinen Freund nicht einqegangen zu seyn, lheils weil er nun doch einmal keine Antwort darauf erwarten konnte, »Heils weil er besorgt haben mag, seine Rigaer Freunde durch Hinneigung zu dem Entschluß, der ihn für mehrere Jahre von dort entfernt halten mußte, empfindlich zu kranken. Die Bedingungen des erhaltenen Rufes waren höchst reihend und vonhcjihaft, sie mußten seinen augenblicklichen Entschluß bestimmen. Resewitz schrieb ihm darüber: „der Prinz seye 16 Jahre alt,*) gutherzig und besitze für sein Älter und Stand *) Geboren den 3 , Jänner Reise nach Frankreich von 1769 bis 1770. Stand Wissenschaften genug. Man erwarte von Herder, daß er an Orten, wo keine Evangelische Kirche sey, predige, die philosophischen Lektionen, die der Prinz etwa noch Horen könnte, mit ihm wiederhole, lateinische Autoren mit ihm lese, und seinen deutschen Styl bilde. Dafür verspreche ihm der Vater freie Station, 3 »c> Rthlr. Hamburger Eurant jährlichen Gehalt und nach 3 Jahren, Anwartschaft auf eine Prediger - oder Professor-Stelle zu Kiel." Dabcy rieth ihm Rcsewitz vertraulich, aus eigener Erfahrung, statt der angebotenen 3 oo sogleich 400 Neichslhaler — und Fortsetzung dieses Gehalts , bis ec spater eine jener Stellen wirklich erhalten habe, zu fordern; auch Hoffnung auf ein Geschenk für die Ausrüstung zur Reise dabey zu äußern. Herder folgte diesem freundschaftlichen Wink, und erhielt vom Herzog alle gemachten Bedingungen in einer schriftlichen Zusicherung bewilligt. Für die Kosten der Reise nach Eutin wurden ihm ioo Rthlr. ausgcsetzt; auch versprach ihm der Fürst, einem nach 3 Jahren an ihn erfolgenden Rufe nach Riga nicht im Wege seyn, und ihn auch in Petersburg empfehlen zu wollen. Er hat also, wie man hieraus deutlich sieht, auch bc» dieser gefaßten Entschließung, den Ruf anzunchmen, dennoch seine Licblingswünsche im Auge behalten und den Pflichten gegen seine Rigaer Freunde so viel möglich Genüge gcthan. Scho» im December 1769 reiste er von Paris ab; nachdem er noch von dortaus an Hartknoch, die so wahren Worte geschrieben hatte: ,,Wie anders lernt man die Welt kennen, je weiter man Herders W. Phil. u. Gesch. XVt. F Ilercl. I-cLen. 82 Herders Leben. in sie tritt. Jeder Schritt ist Erfahrung, und jede Erfahrung bildet. Die Sachen der Menschen gehen wahrlich so bunt durcheinander, daß manchmal me- thaphysifche Tröstungen gerufen werden müssen, um uns zu sagen: daß Alles gut sey. Meinen Charakter zu bilden, ist mein Werk auf der Reise, alles übrige, sehe ich, kann man zurücklaffcn, nur den nimmt man mit! und verliere ich den, so habe ich alles verloren!" Um Weihnachten traf er in Brüssel ein, sah dort und in Antwerpen alles Sehenswürdige der niederländischen Kunst und gicng von da, aus einem Schiff nach Amsterdam. Wahrend der Ueberfahrt entstand ein heftiger Sturm, das Schiff stieß auf eine Sandbank chnweit der Gegend vom Haag. Man that Nochschüsse und steckte die Nothflagge auf; die ganze Nacht saß das Schiff auf der Sandbank, in beständiger Gefahr zu sinken. Nur erst Morgens kamen die Fischer von der Küste mit Booten zur Rettung. „Ja, das Gefühl jener Nacht ist noch in mir," sagt er (B. 24. pag. 17.) „wo ich auf scheiterndem Schiff, das kein Sturm und keine Fluth mehr bewegte, mit Meer bespühlt und mit Mitternachts-Wind umschaucrt, Fingal las — und Morgen hoffte!" Unter heftigem Regen und schäumenden Mcercswellcn, kam er und feine Gefährten endlich ans Ufer, und sahen von da aus, nachdem alles gerettet war, das Schiff versinken. Mit lebendigem Gefühl des Dankes gegen die Vorsehung wendete er sich von jenem erschütternden Anblick, und erzählte in der Folge oft seiner theilnehmend auf ihn horchenden Familie, die schauerliche Geschichte dieser gefahrvollen Nacht. Reise nach Frankreich von 1769 bis 1770. 83 Am 2n. Jenner 17^0 war er im Haag. In Leiden und Amsterdam machte er die Bekant- schaft mehrerer Gelehrten und gicng von da, durch Fries Iand über Hamburg nach Kiel, wo sich der junge Prinz von Oldenburg mit seinem Obcrhosmeisier damals aufhielt. In Hamburg lernte er Leßing persönlich kennen, und schwärmte dort mit ihm vierzehen Tage lang höchst beglückt herum. Da LcßiNg eben sü wenig als Herder Freund vom Briefschreiben war, so wurde ihr Briefwechsel nie regelmäßig und anhaltend. Die wenigen Briese, die Leßing an Herder schrieb, schickte dieser nach Leßings Tod', auf Verlangen der Erben zurück; auch sind sie unter dessen Nachgelassenen Schriften ausgenommen und gedruckt. Auch Claudius, Bode, ReimaruS, Und der Senior Joh. Melchior Göze, gehören unter seine dort gemachten Bekanntschaften; besonders Mit den beiden erster-,, schloß sich hier der Bund treuer Freundschaft, der selbst nach dem Lode sich noch lange unter ihren Familien fvrterhal- ten hat. F 2 84 Herders Leben Verhältnisse in Eutin, Reise mit dem Prinzen, und Aufenthalt in Straßburg, vom Frühjahr 1770 bis zum April 1771. Mil der Ankunft in Eutin, begann für Herder» ein noch unbekanntes, seinem Charakter nicht zusagendes, obgleich damals schon in sehr gelauterten Formen dort bestandenes Verhaltniß, des Hof- lcbcns! — Vom Herzog und der Herzogin», einer geborncn Prinzessin» von Darmstadt, wurde er mit Achtung und Zutrauen ausgenommen. Der fürstlichen Mutter lag die geistige und moralische Ausbildung ihres Sohnes sehr am Herzen. Zu Erreichung dieses schönen Zweckes hatte sie Herder» sehr bald ihr ganzes Vertrauen geschenkt, und nachdem die Lehrstunden mit dem Prinzen angefangcn hatten, wuchs die Liebe zu dem neuen Lehrer bey den fürstlichen Eltern sowohl, als bey dem Prinzen, mit jedem Lage. Allein, es hatten sich nun einmal schon höfische Mißgriffe und Fehler in der Behandlung des Prinzen cingcschlichen, die kaum mehr zu beseitigen waren. Zwar wußte Herder, durch liebevolles Benehmen, die hervorstechendsten Neigungen dcS Prinzen sehr bald zu entdecken, der nicht gemeinen Geist, entschiedenes Talent für Mathematik und Zeichenkunst, richtiges Urtheil, aber auch Vorliebe für tiefsinnige Spekulationen, mit einem Hang zu religiöser und moralischer Skrupulosität und Wohlge- in Eutin, Darmstadt und Straßburg 1770. 85 füllen an blos sinnlichen Religions-Ucbungen verband: wozu ohne Zweifel die etwas pedantische Unterrichtsart seines früheren Lehrers Eoriarius- vieles bcygctragen haben mag. Aber besonders, die Wahl seines Obcrhofmci- stcrs, der mit vielen Eigenheiten, ein zurückhaltendes, ängstliches Wesen verband, war nicht glücklich! — Herder» konnte dieses nicht entgehen und ohn- geachtct er wohl einsah, daß eine Abänderung kaum mehr zu hoffen sei), so konnte er mit seinem Pflichtgefühl und seinem offenen Eharaktcr ein gänzliches Stillschweigen hierüber nicht vereinigen. Er vertraute seine Bemerkungen hierüber einer Freundin der Herzogin», der Hofdame Fraulein Duhamel; allein der Oberhofmeister war nun einmal da, die Zeit zur Abreise vor der Thür und eine andere Wahl konnte in dem Augenblick nicht mehr getroffen werden. Unter diesen Umstanden konnte er kaum etwas Gutes wirken, und da auch selbst der, vom Ober- Hofmeister entworfene Reiseplan, eben so unzweckmäßig war, als seine Behandlung des Prinzen, so ahndete ihm, daß diese Reise nicht gelingen, oder wenigstens nicht lange dauern würde, und bat sich daher, noch vor der Abreise die Erlaubniß aus: auch wahrend der Reise um seinen Abschied bitten zu dürfen, wenn er sehen sollte, daß seine Gegenwart nicht mehr von entschiedenem Nutzen für den Prinzen scyn könne. L6 Herders Leben Indessen verflossen ihm die wenigen Monathe seines Aufenthalts zu Eutin sehr angenehm in dieser edlen Fürsten - Familie, die das häusliche Glück kannte, und werth war, durch ihre beyde Kinder beglückt zu werden. Die jüngere Prinzeßin Hedwig Elisabeth Charlotte, des verstorbenen Herzogs von Südermannland, Karl Xlll. Königs von Schweden nachherige Gemahlin, schrieb noch im Jahr i 3 n 5 , nach dem Tod? Herders, in sehr gnädigen Ausdrücken an seine Wittwe und bezeugte ihr hohe Achtung für den Verstorbenen. Die schöne Natur der Umgebungen von Eutin, das frische Grün der Hollsteinischen Wiesen und der Umgang mit vielen edlen Menschen ließen den angenehmsten Eindruck in ihm zurück: „das schöne grüne Hollste in!" pflegte er immer auszurufcn, wenn er von den dort verlebten frohen Tagen zu sprechen ansteng. In Kiel erwarb er sich die Freundschaft des durch Wissenschaft und Charakter, besonders durch astronomische Kenntnisse ausgezeichneten, nachmaligen ErblandMarschalls Grafen von Hahn, an welchen seine Ode: „Orion" (B. 9. Adrastea r. pag. 426.) gerichtet ist; — und der ihm auch spater noch Beweist seiner fortwährenden Freundschaft gegeben hat. In der Schloßkjcche zu Eutin predigte er zuweilen mit vielem Bepfall; doch fehlte es ihm auch dort nicht an Gegnern, unter der Geistlichkeit: der damalige Hofprediger Wolfs, klagte ihn als So- in Eutin, Darmstadt und Strafiburg 1770. 87 cinianer an, ohne jedoch Key Hofe damit befondcrn Eindruck zu machen Am i 5 . July 0770 hielt er seine Abschieds- predigt zu Eutin und trat hierauf mit dem Prinzen und dessen Obcrhosmeistcr die Reise wirklich an. Der Weg gieng vorerst über Hamburg, Hannover, G ö tt i n ge n, E a sse l , Hanau, Darmstad°t, Karlsruhe bis Strafiburg, wo der Prinz den Winter über bleiben sollte. In Darmstadt, als am verwandten Hofe und wo sich eine Verlobung mit einer dortigen Prinzessin anknüpfen sollte, verweilte der Prinz vierzehen Tage. Hier konnte Herder, ohngeachtet ec Lehrer und Kabinctspred-Zer des Prinzen war, nicht an die Hoftafcl gelangen, und war glücklich genug, mit der Gouvernantin der Prmzcfiinnen, Demoisclle Ravanell, speißen zu dür'en! — Diese sonderbare, in neuern Zeiten etwas milder gewordene Hofsitte, sollte ihm zufällig genug, sein künftiges häusliches Lebens - Glück, seine nachmalige vortreffliche Gattin zuführen! Durch Mademoiselle Ravanell wurde ncmlich Herder mir dem dortigen Kriegsrath Merk, in Göthe's Leben trefflich geschildert, und durch diesen, mit dem Geheimen-Rath Heß daselbst bekannt, der eine jüngere ledige Schwester seiner Gattin, eine geborne Flachsland, bey sich auf Besuch hatte. Götbe sagt von diesen beyden Schwestern: „die Geheime - Räthin von Hefi und ihre Schwester, De- moiselle Flachsland waren Frauenzimmer von seltenen Verdiensten und Anlagen; letztere, Herders 88 Herders Leben Braut, doppelt interessant, durch ihre Eigenschaften und ihre Neigung zu einem so vortrefflichen Manne." Wir lassen hier Frau von Herder forterzählen: solche Verhältnisse können nur aus dem innig fühlenden Herzen der Gattin, nur von lo zarter weiblicher Hand, mit Wahrheit geschildert liurdtn! — „Man fand in Herders Umgang," sagt diese, „so viel Unterhaltendes und Geistvolles, daß unser kleiner Kreis — Merk, mein Schwager und Mademoiselle Navanell sich verabredeten, ihm seinen Aufenthalt in Darmstadt so angenehm wie möglich zu machen; oder vielmehr uns selbst den schönsten Genuß zu bereiten. Wir sahen ihn also fast jeden Nachmittag in unfern Wohnungen, in kleinen Gesellschaften oder auf den angenehmen Spaziergängen der nahen Wälder um Darmstadt. Statt daß wir ihn unterhalten wollten, unterhielt er uns auf die manchsaltigste geistvolleste Weise. Sein Urtheil, sein Gefühl war überall das richtige, verbesserte und erhöhte das unsrige. Aus Klopstocks Messias, die schönste», menschlichen Scenen, aus seinen Oden, aus Kleist, feinem und meinem Lieblings- Dichter, aus den Minnesängern, las er »ns vor. Unvergeßlich ist mir die Darmstädter Fasanerie, wo er in der Stille des Waldes, in der feierlichen Einsamkeit des Ortes, Klopstocks Ode: „Als ich unter Menschen noch war," mit seiner feclen- vollen Stimme aus dem Gedächtniß dcklamirte! — In Klopstock und Kleist haben auch unsre Seelen sich gefunden! " in Eutin, Darmstadt und Straßburg 1770. 89 „Am 19. Aug. predigte Herder in der Schloßkirche. Ich horte die Stimme eines Engels und Seelenworte, wie ich sie nie gehört! — Zu diesem großen, emsigen, nie empfundenen Eindruck habe ich keine Worte, ein Himmlischer, in Menschengestalt stand er vor mir! — Den Nachmittag sah ich ihn, stammelte ihm meinen Dank, von dieser Zeit an waren unsre Seelen nur Eins und sind Eins: Unser Zusammensiudcn war Gottes Werk. Inniger können sich die Seelen nicht zusammen verstehen, zusammen gehören! — Er hörre von andern, wie ich meine Geschwister liebe, und auch hierinn war unsre Liebe nur Ein Gefühl, Harmonie, Dank zu Gott. Ach, gewiß hat Niemand seine heilige Seele so gekannt wie ich!" — „Von diesem Tage an sahen wir uns täglich. Ich fühlte ein nie empfundenes Glück, aber auch eine unbeschreibliche Wchmuth und Schwermuth; — ich glaubte ich würde ihn nie Wiedersehen." „Den 25 . August feierten wir seinen Geburtstag in dem kleinen Kreis der Freunde bey Mamselle Ravanell im Schloß; — da gab er mir seinen ersten Brief, ach ich empfing mit diesem Brief das Heiligste, was diese Erde für mich hatte! ich konnte nur Gott und ihm danken." — Einige Nachrichten von der Herkunft der nachmaligen Gattin Herders, werden wohl hier nicht am Unrechten'Orte stehen. Nach ihren eigenen Angaben , war sic die nachgelassene jüngste Tochter eines Herzogl. Würtcmbergischen Amtsschaffncrs zu Reichen- 9° Herders Leben wcicr im Elsaß , Namens Job. Friedrich Flachsland. Sie war geboren den 28 . Jänner und verlor ihren Vater schon 5 Jahre nachher, in der Blüthe seines Alters, an einem hitzigen Fieber. Ihre Mutter, eine geb. Manritii, Schwester des ehemalige» Kirchenraths Niauritii zu Karlsruhe, war vierzehn Tage Wöchnerin, als der Vater, mit Hinterlassung von 8 uncrzpgcnen Kindern in Armuth starb. Ursprünglich scheint die Familie FlachSland von Bern oder Basel abzustammen. Cie war adclich. Nach einer Familien - Sage sollen zwei) Brüder von Flachsland zur Zeit der Reformation oder etwas spater, ihre Familie und Vaterstadt aus unbekannten Gründen verlassen haben. Der eine wurde katholisch, blieb adclich und lies sich im Elsaß nieder; der andere wurde lutherisch, legte den Adel ab, trat in den Bürgerstand und wohnte in der Markgrasschaft Baden. Er hinterstes seinen Kindern die Geschichte sei. ncr Abkunft und das adclichc Flachslandische Siegel; aber die alleren Geschlechts-Register giengen im 3ojahrigcn Krieg durch Brand zu Grunde. Von diesem lutherischen Flachsland stammte der Vater der Frau von Herder ab. Während seines Aufenthalts in Darmstadt erhielt Herder einen wiederholten Ruf nach Bückeburg, zum geistlichen Primariat mit einer E 0 n sisto r i a l-Rat h s- Stelle bey dem Grafen Wilhelm von Schaumburg - Lippe. Der erste Einladungs-Brief des gräflichen Reut-Kammerraths und Polizei) - Direktors Wcstfeld zu Vückeburg in Eutin, Darmstadt und Strassburg 1770. 91 vom 1. Febr. 1770, war noch Ruin gelaufen, und kam Herdern erst im Augenblick der ?lbrcise in Eutin zu, wo er ihn nicht mehr beantworten konnte. Er fühlte zwar damals schon das Mißverhältnis lebhaft, in welches er durch den Oberhvfmcister von Eappelmann, Key dem Prinzen von Eutin gesetzt worden war; getraute sich aber doch in jenem Augenblick noch nicht, einen so raschen Entschluß zu fassen. — Nun, bcv dem Empfang des zweiten Briefes in Darmstadt, mag wohl das Ausammen- sinden mit seiner nachherigen Gattin, für die Annahme des sehr dringend gemachten und schmeichelhaften Rufes nach Bückcburg entschieden haben. Am 24. Aug. schrieb er vorlausig zusagend, nach Bückcburg, jedoch unter dem Vorbehalt, sich über die Zeit seines Amts-Antritts noch naher bestimmen zu dürfen. Auch scheint er sich zugleich einen verlängerten Aufenthalt in Strassburg, zur Vornahme einer Augen-Kur, und nach Verlauf einiger Jahre die Erlaubniß zu einer Reise nach Italien ausbedungen zu haben, indem auch diese beyden Punkte ihm in einem rückantwortlichcn Handschreiben des Grafen vom 3 o. Aug. unter sehr schmeichelhaften Ausdrücken zugesichert wurden. Schon im Jahr 1768, aus Anlaß der Zufriedenheit des Grafen mit dem literarischen Denkmal Herders für Thomas Abbt, der Freund und täglicher Gesellschafter des Grafen gewesen war, hatte Westfeld ein sehr verbindliches Schreiben Namens des Grafen an Herdern erlassen müssen. Nun sollte er, in gewisser Art, die Stelle des, für die Welt und den Grafen zu frühe Verblichenen, ersetzen. Sehr ehrenvoll war dieses für Herder», aber auch besonders anlockend waren für ihn die Worte des Einladungs-Schreibens: „In der Theologie haben Sie völlige Freiheit zu lehren, was Sie denken« Ich soll Ihnen auch erklären, daß wenn cs Zeit und Umstande zulassen werden, Sie, auf die Aenße- rung Ihres Wunsches wohl ganz in den weltlichen Stand versetzt werden können, wofcrne Sie es wollen/'— Eine Einwirkung in politische Regicrungs- Geschaste scheint jedoch Herders Absicht nie gewesen zu seyn; da er seinen geistlicheiss/Skand und seinen Wirkungskreis als Lehrer und Schriftsteller zu sehr liebte. Herders Abschied von Darmstadt wird von seiner Gattin mit folgenden Worten geschildert: „Am 27. August reisten sie von Darmstadt nach Straßburg ab. Ich sprach ihn noch am Morgen der Abreise bey Merk, in dem Augenblick der Trennung, zum erstenmal allein! — Keine Worte bedarf cs hier, wir waren Ein Herz, Eine Seele, die Trennung konnte uns nicht trennen!" — Am folgenden Tag schrieb Herder an Dcmoisellc Flachsland aus Heidelberg und am 3 o. aus Karlsruhe. Die Briefe giengen durch die Hände des Kriegsraths Merk , bey dem sich Herder und seine Verlobte am häufigsten sahen. *) Den damals schon kränklichen Merk brachten Hypochondrie und fehlgeschlagene merkancilische Projekte, bald nachher zu einem frühen, gewaltsamen Lode. in Eutin, Darmstadt und Straßburg 1770. gZ In einem seiner Briefe aus Karlsruhe sagt Herder vom verewigten Großherzog Carl Friederich: „Der Markgraf, mit dem ich die erste Viertelstunde sprach, ohne ihn zu kennen, suchte mich auf eine sehr gute Art, Mittags und Abends zu seiner Unterhaltung auf; und da er der erste Fürst ist, d>n ich ganz ohne Fürsten - Miene kenne, so fallen unsre Gespräche meistens auf Dinge, dir zur Einrichtung und Freibeit des menschlichen Geschlechts gehören, und über die ich mich so frei ausdrücke, als ob ich mit keinem Fürsten spräche,— Ich bin in Karlsruhe von Tag zu Lage mekr mit Gnade, insonderheit des Markgrafen ausgezeichnet; aber ich selbst bin in solcher-Zerstreuung und Wüstheit des Kopfes gewesen, daß im Lesvndrrn Umgang kein Mensch aus mir hat klug werden können; nur die Einsamkeit, der Wald und die Abenddämmerung sind die Sammelplätze meiner zerstreuten Gedanken geworden. Da mich jetzt nichts, was blos für den Kopf ist, interessirt, urtheilen Sie wie froh ich war, da ich hier einige Klopstockische Oden fand, die mir neu waren und ganz, ganz Gefühl sind!" — Bald nach seiner Ankunft in Straßburg, schrieb er über seine Lage mit dem Prinzen, an seine Verlobte: „Meine hiesige Situation, die mir durchaus nicht gefallt, die allen Absichten des Eutiner Hofes und meiner Bestimmung entgegen lauft und mich jeden Tag mit empfindlichen Busenstichen krankt, ist eben die Ursache meiner Schwermuth und die Sache laust so, daß ich, ohne ganz aufzuhören ich selbst zu seyn, alles umwerscn muß. Der Entschluß ist genommen, die Nvlhwendigkcit ist da und 94 Herders Leben es stoßt sich jetzt blos daran, wie der genommene Entschluß mit aller Schicklichkeit sür mich, für den Prinzen, seine Eltern und das Publikum auszufüh- ren sei) und das muß sich bald zeigen. Doch warum martere ich Sie mit Situationen, die an sich zu klein waren mich zu martern, wen. ich nicht suhlte, daß meine offene, unschuldige Güte des Herzens an vielem Schuld gewesen und freilich das sticht nachher empfindlicher." Nach wenigen Wochen bat Herder um seine Entlassung bcym Eutiner Hof, die man ihm nur ungernc zugestand. Die Trennung vom Prinzen, den er liebte, und von der humansten fürstlichen Familie, hatte ihn Kampf gekostet. Es lag nicht an ihm, das, was er schon vor der Reise sah und ahndete und täglich zunahm, jetzt durch einseitige Vorkehrungen plötzlich anders zu lenken. Unerfahren in politischen und Hof-Verhältnissen, wie er war, und blilb, lag cs durchaus nicht in seinem Charakter, eine heimliche Gegen - Parthie zu bilden, oder sich in die Pflichten eines andern einzudrangen Er war zum Instruktor und Reise-Prediger berufen, und in diesen Schranken hielt er sich gewissenhaft. Da er aber die Folgen unzweckmäßiger Behandlung des Prinzen täglich wachsen und keine Möglichkeit dagegen zu wirken vor sich sah, so blieb ihm nichts übrig, als nach seinem offenen Charakter zu handeln und aus dem Verhältnis) heraus zu treten. Herder schrieb darüber an seine Verlobte: „Eben jetzt komme ich vom Prinzen; ich habe ihm mit weinenden Äugen meine Trennung angekündiget. in Eutin, Darmstadt und Strasburg 1770. g 5 Ec war eben so gerührt wie ich, und ich Hube ihn bloß wie eine Leiche verfassen, er sucht wenigstens noch Wochen und Monate Aufschub, fühlt aber mit mir alle Beweggründe und Veranlassungen, so wie ich sie selbst fühle." — Spater von Bückcdurg aus schrieb er hierüber weiter: „Sie wissen die halb schiefe freundschaftliche Art, mit der sich der -Prinz, den ich begleitete, von mir trennte, da ich, ohner- achlet seines vierteljährigen SiürmenS, nicht langer bey ihm bleiben wollte. — Schon bei) meiner Anwesenheit in Eutin war die Hauptkrankheit, an der meine Mitqefahrteu schleichend laborirten — Neid! Ich war bei) Hof auf solchen Ton gewesen, daß mein Zutrauen und die Freundschaft, die ich genoß, gegen die Kalte, mit der sie behandelt wurden, wenigstens wie 99 zu 1 war, und oft minder. So wars auf der Reise noch mehr, weil der Prinz in manchem Betracht blos mit mir reifete, und da ich nun weggieng, ist alles bald gebrochen. Als ich nach Bückeburg kam, fand ich einen Brief vom Prinzen, aus Brüssel, ich schrieb nach Eutin, und da hörte ich nun eben, der Prinz scye mit Allem auf der Reise brouillirt, habe sich mit dem Gouverneur Überwürfen, sei) melancholisch, in Religions-Zweifeln und hundert andern Ideen — kurz, ihm sey? besohlen worden, so schleunig als möglich nach Hause zu kommen. Sie können nun denken, daß alles auf den Gouverneur gelegt worden, nn» hieß cs, das alles hatte ich vorausgesehen und wäre deshalb weggegangen , es hieß, wenn ich nur da geblieben wäre w. Unterdessen lies mir die Herzogin sagen, daß dir Hofprediger - Stelle offen wäre :c. Aber ich fand nicht gut, hieraus zu antworten. Der Prinz kommt < 96 Herders Leben an, im elendesten Zustande, blaß, gelb, melancholisch, voll unsinnigem Zeug im Kopf. — Er und die Erzieherin (Fraulein Duhamel) schreiben mir im Namen der Mutter, und da er mich für den Einzigen halt, mit dem er sich einlassen wollte, so antwortete ich ihm auch gleich, wo ich mich weniger an seine Fragen kehrte, als den Zustand seiner Seele ihm m>t der Wahrheit malte, mit der ich allein fast ihn kenne, und mit der Freiheit, die ich mir immer gegeben, ihn malen konnte. Dies hat gut angeschlagen , er hat sich erholt, das heißt aber immer blos seine Gedanken in den Wald gejagt, er ist ein sonderbar grüblcnder Kopf, und eben dadurch bin ich in Briefwechsel gerathen, der tiefer zu werden nn- fangt, als ich wollte. Sein Hofmeister ist sogleich entfernt. Sie suchen jetzt einen andern, Keiner, scheints, will gegen mich das erste Wort haben (als Begleiter nämlich.) Der Briefwechsel selbst hat von dorther, ich weiß nicht welche misierieuse Miene. — Indessen so wenig ich mich hier im mindesten auf meinem Platz fühle, so bescheiden und furchtsam würde ich doch feyu, mich je wieder mit dem Prinzen naher einzulaffcn rc." In der Folge wurde Herder noch einmal von der Herzogin Mutter über die Lage ihres SohncS confultirt, und selbst zu einer geheimen Reise nach Darmstadt, zu dem damals sich dort aufhaltendcn Prinzen, mußte cr sich im Jahr 177h aus dringendem Auftrag der fürstlichen Ellern bequemen, ohne damit etwas Nützliches bewirken zu können. Es war zu spat! Bey dem übcrhandnehmendcn Gcmüths- zustand des Prinzen, war weder zu rathen noch zu helfen. in Eutin, Darmstadt und Straßburg 1770. 97 helfen. Er wurde im Jahr r ?85 der Regierung unfähig erklärt und lebte nachher zurückgezogen in Ploen. Mit Herders Antretung seiner Neuen Stelle in Bückeburg stand cs indessen volle drey viertel Jahre an, da seine Entlassung von Eutin erst Anfang Oktobers erfolgte, und er nun die gute Gelegenheit benutzen wollte, durch den berühmten Arzt Lobstein zu Straßburg seine Thranensistel operiren zu lassen, was ihm dieser als eine leichte, in wenigen Wochen zu vollbringende Sache dargestellt hatte. „Dieses Uebel," sagt Göthe, „ist eines der beschwerlichsten und unangenehmsten und nur desto lästiger, als es nur durch eine schmerzliche, höchst verdrießliche und unsichere Operation geheilt werden kanm Das Thra» nensackchen nämlich ist nach unten zu verschlossen, so daß die darinn enthaltene Feuchtigkeit nicht nach der Nase hin um so weniger abfließen kann, als auch dem benachbarten Knochen die Oeffnung fehlt, wodurch diese Absonderung natucgemaS erfolgen sollte» Der Boden des Säckchens muß daher ausgeschnitten und der Knochen durchbohrt werden, da denn ein Pferdehaar durch den Thräncnpunkt, ferner durch das eröffnet« Säckchen und durch den damit in Verbindung gesetzten neuen Kanal gezogen und täglich hin und wieder bewegt wird, um die Communikation zwischen beydcn Theilen herzustellen, weiches alles nicht gekhan und erreicht werden kann, wenn nicht erst in jener Gegend äußerlich ein Einschnitt gemacht worden/* Lobstein unternahm diese Operation, verfehlte über die rechte Stelle, kam auf den Nasenknochcn, -Herders W. z.Phil. u. Gesch. LVI. G I-cLen» Herders Leben 9 » wollte mit Gewalt durchdrücken und — das Instrument brach! — Die Operation wurde zweymal wiederholt, ohne zu gelingen. Um die Milte Octobers schrieb er darüber an seine Braut: „Morgen sollen die Präparationen zur Kur meines Auges anfangen. Heute ist der Schade sondirt, gar nicht gefährlich gefunden; die Kur ists auch ganz und gar nicht, und ich sehe ihr also zu Ende folgender Woche mit Ruhe und neuer Hoffnung entgegen. Die Operation hat eigentlich mit dem Auge nichts zu tbun, sondern ist nur am Auge; sic kann, im Fall sie auch nicht hülfe, wenigstens nicht schaden, und meine Seele weissaget mir eigentlich auch gar nichts Böses. Nur ists vielmehr noch immer, als wenn nichts daraus werden sollte, mir in der Ahndung; und das macht mich auf den Ausgang eher neugierig als furchtsam erwartend. Es ist überhaupt mit meinem Auge sonderbar gegangen, jetzt ists zum siebentenmal, daß ich mich auf eine Operation fertig mache, in Preußen, in Riga, in Frankreich, in Hollstein, immer wurden Versuche und Anstalten gemacht; ein paarmal habe ich schon gesessen und der Operalor stand schon bereit, und immer kamen zum Theil wunderbare Zwischenfalle dazu, die meine schöne Zubereitungen, oft von einem Vierteljahr her, vergeblich machten. Dich sonderbare Spiel von Umstanden macht mich, da ich überhaupt in meinem Leben eine gewisse frappante Aehnlichkeit wiederkommendcr Umstande bemerke, auch für jetzt zweifeln, ob nicht wieder so eine Hand aus den Wolken sich zwischen das Instrument und Mein Auge plötzlich stelle und rufe: „Du sollst nicht!" — in Eutin, Darmstadt und Straßburg 1770. 99 Wird aber was daraus , so hoffe ich alles Gute und will thun, was ich kann, Um von mir den Vorwurf der Schuld abzuwenden." Nach vollzogener Operation schreibt er darüber am 28. Oct. weiter: „Von meiner Operation werden Sie bereits Nachricht erhalten haben. Ich habe 6 Tage die Bleistange, die ich zum ewigen Andenken üufhebe, in der Nase getragen. Seit gestern ist sie heraus, und es wird in die Wunde > die fast zwey Zoll tief ist, täglich ZweyMal eine Wike gesteckt und gespritzt; dieß geht nun zwar ohne alle Schmerzen nicht ab e seit gestern Abend ist mir auch das Auge Und die ganze rechte Seile des Gesichts geschwollen.". Unter Beyhülfe eines zweytett Arztes, Wahrscheinlich des damals in Straßburg bekannten Und geschickten Chirurgen Marschall, rückte die Kur endlich Mehr vorwärts, nachdem dieser einen scheinbar glück- lichern Versuch gemacht hatte. „Mit meinem Auge" schrieb Herder im December, „geht es, seitdem ich den andern Chirurgus dazu genommen, ernstlicher, Und die Eine gefährliche Operation, um die Lobstcin solange umhergczogen war, ist glücklich, glücklich gemacht. Ich sehe jetzt im Ernst der völligen Besserung bald entgegen." — und im Frühjahr 177 a. „Meine Kur ist jetzt zu Ende! Aber haben Sie mit mir Mitletden! nach allen Schmerzen, Kosten, Abmattungen, Versäumnissen, Verdruß und Kränkungen ists schlechter, als es voraus gewesen! Die Kur ist fehlgeschlagen!" — „Ach mit welchen Ideen gedachte ich zu Ihnen zu kommen, und wie komme ich? — Ich beißt G 2 Herders Leben ino die Zähne zusammen ! Was ists doch mik aller Munterkeit des Lebens, wen» man ein halb Jahr, zwischen vier Mauern eingeschlosscn war :c.! " Lobstein schrieb das Misslinge», der besonderen Bildung eines Nasenknorpels zu, da er sonst viele dergleichen Operationen mit glücklichem Erfolg gemacht Halle. Görhe, der damals täglich Key Herder war und den Operationen häufig beygewohnt hatte, sagt darüber in seinem Leben folgendes: „Nachdem die Kur langer als billig gedauert, Lobstein in seiner Behandlung zu schwanken und sich zu wiederholen ansing, so dass die Sache kein Ende nehmen wollte, auch mirPeglow lein früherer Bekannter Herders von Riga aus, der sich bey Lobstein in der Chirurgie ausbilden wollte) schon heimlich anvertraut hatte, daß wohl schwerlich ein guter Ausgang zu hoffen sei), so trübte sich das ganze Verhaltniß: der bisher standhaft gebliebene Herder, ward ungeduldig und mißmüthig, es wollte ihm nicht gelingen, seine Thatigkeit wie bisher forkzusetzen und er mußte sich um so mehr schonen und cinschranken, als man die Schuld des mißrathenen chirurgischen Unternehmens auf Herders allzugroße geistige Anstrengung und seinen ununterbrochenen lebhaften, ja lustigen Umgang mit uns zu schieben anfing. Genug, nach so viel Qual und Leiden wollte die künstliche Thra- ncnrinne sich nicht bilden und die beabsichtigte Eom- wunckatiou nicht zu Stande kommen. Man sah sich qenöchigt, damit das Uebel nicht arger würde, die Wunde zugehen zu lassen. Wenn man nun bey der Operation, Herders Standhaftigkeit unter solchen in Eutin, Dormstodt und Stroßburg 1770. ror Schmerzen bewundern mußte, so hotte seine melon- cholische, jo grimmige Resignation in den Gedanken, Zeitlebens einen solchen Makel trogen zu müssen, eiwos wohrhoft Erhobenes, wodurch er sich die Verehrung derer, die ihn schonten und liebten, für immer zu eigen mochte. Dieses Uebel, dos ein so bedeutendes Angesicht entstellte, mußte ihm um so ärgerlicher fern, ols er ein vorzügliches Froucnzimmec (seine nochherige Göttin) in Dormstodt kennen gelernt und sich ihre Neigung erworben hotte. Hauptsächlich in diesem Sinne mochte er sich jener Kur unterwerfen, um bei) der Rückreise freier, fröhlicher, wohl- gebildeter vor seine Holbverlobte zu treten und sich gewisser und unverbrüchlicher mit ihr zu verbinden." Bis zum April 177 r wurde er mit diesen unglücklichen Versuchcn i» Stroßburg hingehalten und mußte beynohe die ganze Zeit dos Zimmer hüten. Dos gänzliche Mißlingen der Kur schmerzte ihn um so mehr, da er es so theuer erkaufen und ganz aus seine Kosten in Stroßburg leben mußte. Nicht nur seine Oekonomie kam dadurch in Unordnung, wie eine merkwürdige Stelle in Göthe's Leben beweist, wo von der Art der Heimzohlung einer von Göthe für ihn in Straßburg erborgten Geldsumme die Rede ist; sondern es verzögerte auch zu seinem Nochtheil, seinen Aufzug in Dückeburg, wo er vom Grafen mit Sehnsucht erwartet, jedoch im Februar 1770 darüber beruhiget wurde; indem der Gros ihm ausdrücklich schreiben ließ: ,,cr solle sich jo nicht zu frühe in Gefahr begeben und sich in Stroßburg mit gehöriger Muße ouskuriren lassen." — ivs Herders Leben Dieser verlängerte, allerdings traurige Aufenthalt Herders in Straßburg, war jedoch nicht ganz ohne heitere Stunden; nicht ganz für seine wissen, schaftliche Ausbildung verloren. Osssgn und Shakespeare, die Griechen und Alopstock, waren in dieser traurigen Zeit seine Erholung und Aufmunterung. Die Preisschrift: „über den Ursprung der Sprachen," beschäftigte ihn hier in schmerzlosen Stunden, die er ernsterer Arbeit widmen konnte; und die dortige öffentliche Bibliothek benutzte er, so weit es seine Augcnkur erlaubte. Vorzüglich aber erheiterte ihn der Umgang mit den dortigen ausgezeichneten Gelehrten, und mit den zufällig der Vollendung ihrer Skud.en halber dort zusammengekommenen talentvollen jungen Männern, unter andern eines Göthe und Jung-Stilling die ihn fast täglich besuchten. Ein schöneres und richtiger gezeichnetes Bild, über dieses Zusammen- seyn und Wirken mit Herder rc. in Straßburg, wird man vergebens zu entwerfen sich bemühen, als cs uns Göthe im X. Buch „Aus seinem Lebens gegeben hat; es verdient daher diese im Auszug verlierende Schilderung, hier noch einmal im Zusammenhang, zur Beurtheilung dieser ausgezeichneten Männer nachgclesen zu werden. Ein Andenken dieses Zusammenlebens in Straß, bürg ist der Aufsatz Gölhe's: „Von deutscher Baukunst" in Herders fliegenden Blattern über deutsche Art und Kunst. Seine Bekanntschaft mit in Eutin, Darmstadt und Skraßburg »770 ic >3 Göthe, auf der Treppe im Gasthof zum Geist in Skraßburg angcknüpft, und während seines gramvollen Aufemhalts daselbst mit gegenseitiger Achtung und Liebe gepsseat, wurde auch nach dem Abgang Herders durch Briefwechsel fortgesetzt und bis zur engeren Freundschaft gesteigert. ,,Es waltete zwischen uns" sagt Gökhe „ein gemächlich literarischer Verkehr höchst lebhaft fort; nur Schade, daß er sich niemals ruhig und rein erhalten konnte. Aber Herder unkerlics sein Necken und Schelten nicht!" — Herder selbst gesteht auch dieses cha- rakterisch genug, in einem Brief an seine Braut: „Göthe ist wirklich ein guter Mensch, nur etwas leicht und spazenmäßig, worüber er meine ewigen Vorwürfe gehabt hat. Er war mit unter der Einzige, der mich in Straßburg in meiner Gefangenschaft besuchte und den ich gerne sähe; auch glaube ich ihm ohne Lobrednerey, einige gute Eindrücke gegeben zu haben, die einmal wirksam werden können." Das hohe Ideal, das in Herders Seele lag, nach welchem er unermüdlich strebte, und sich oft selbst anklagte, nicht alles gethan zu haben, was zu dessen Erreichung führen sollte, erklärt zum Theil jene Strenge, die er auch gegen andere übte und mit der er selbst die besseren Leistungen genialer Köpfe, namentlich eines Göthe, nicht immer voll anerkennen, sondern durch den Reiz des Tadels, ihre Kräfte noch höher spannen wollte. Es geht auch hieraus klar hervor, was der erste Grund des, in spateren Zeilen zwischen Göthe und Herder, an ein und dem nämlichen Ort ejngetretcnen, entfernteren, durch Verschiedenheit der Lagen und Ansichten, genährten Verhältnisses in Weimar gewesen seyn mag. Herders Leben Mit Jung-Stilling, dessen schwärmerisch religiöser Charakter, und dessen treues gemülhlicheS Streben auch für Herdern anziehend seyn mußte, erhielt sich der in Straßburg geschlossene Freundschafts-Bund schon mehr und fester. Die spatere Lebens - Periode Jungs , hat freilich Herder nicht mehr erlebt; aber eine große Meinungs-Verschiedenheit mußte auch schon früher zwischen diesen beydeNg an Geisteskraft so sehr von einander abstehenden Männern, nothwendig cintceten, die bey der, mit so viel gutem Willen gepaarten Umschrankthcit Jungs, von Herder eine weit nachsichtigere Behandlung zu gewarten hatte, als seine übrigen geistvolleren Freunde von ibm nicht erfuhren; indem er die Gegenwirkung auf Andere, stets mit der Kraft-Aeußerung die auf ihn geschah, im Vcrhaltniß zu erhalten suchte. Im Frühjahr 1771 reiste Herder endlich von Straßburg ab, um seine neue Dienststelle als Con- sistorialrath in Bückeburg anzutrelen. Sein Weg führte ihn über Karlsruhe, wo ihn der damalige Markgraf Karl Friedcrich, eben so wohlwollend, als das erstemal aufnahm, und wo er auch, nach dem ausgedrückten Wunsche des Fürsten und seiner Gemahlin, in der dortigen Schloßkirche predigte. Daß man auch hier, Herders vorzügliches Prediger- Talent zu würdigen, und gegen die ihn überall hin verfolgende Tadelsucht seiner schwachen orthodoxen Amtsbrüder zu schützen wußte, beweisen die damals von einem aufgeweckten Geistes-Verwandten, nach an- gehörter Predigt niedergcschriebencn Zeilen: „Ach, zürnt doch über Herdern nicht Ihr Stümper! denn wenn Herder spricht» in Eutin, Darmstadt und Straßburg 1771. rc>5 So reißt er durch sein mächtig Wort Verstand, Her; und Gefühl, auch wider Willen sorr; Wenn ihr sprecht, ist's — ach, leider! so. gedehnt — Daß man auch wider Willen gähnt!" — Von da kam er nach Darmstadt, wo er seine Verlobte, Dcmoiselle Flachsland wieder fand, und kurze glückliche Stunden mit ihr zubrachte, die leider! wie seine Gattin sich ausdrückt: „nur durch das Kritischen einiger Freunde, die sich in ihr beyderseiti- zes Verhältnis; mischten und es nach ihrer Denkart modeln wollten, gestört wurden." — Ein gewisser Mann zu Darmstadt, den Göthe in seinem Leben geschildert hat, soll Herdern gegen seine Braut, als habe sie zu wenig Geist und Bildung für ihn, und Umgekehrt auch die Braut gegen ihn, als habe er keinen festen Charakter, cinzunehmen gesucht haben. Allein keine fremde Stimme konnte die Liebenden trennen, ihre Herzen waren auf ewig vereint; und Herder schied mit dem festen Vorsatz aus Darmstadt, seine Verlobte.bald möglichst nach Bückeburg heimzuholen. Herders Leben i»6 WerhaltnisseHerders inBückeburg vom May 1771 bis zu seinerWer- heurathung im May >773. Herders Freunde freuten sich über seine ehrenvolle Anstellung in Bückeburg, denn sein neuer Patron hatte, wie Gölhe sagt, „den höchsten Ruf als ein einsichtiger, tapferer, obwohl sonderbarer Mann gewonnen." Thomas Abbt war in des Grafen Diensten bekannt und berühmt geworden. Dem früh Verstorbenen klagte das Vaterland nach, und freute sich an dem Denkmal, das ihm sein erhabener Gönner, der Graf, und sein unbekannter Freund, Herder gestiftet hatten. Nun sollte Herder an der Stelle des Verblichenen , alle diejenigen Hoffnungen erfüllen, welche sein Vorgänger so würdig erregt hatte. Ucberhaupt waren zu jener Zeit mehrere deutsche Fürsten, unter andern auch ein Karl Friedrich von Baden, hochherzig und aufgeklärt genug, um aus dem gewöhnlichen Hofzwang herauszutreten, und statt, meist unwissender Hofleute, nicht nur Geschäfts- Männer, sondern auch geistreiche und vielseitig gebildete Gelehrte, z. B. einen Kl 0pst 0ck, Lavater, Schloßer und Andere, deren historischer Name, von ihnen selbst als ersten Erwerbern aus gierig, sich zum täglichen und belehrenden Umgang zu wählen. — In der gespanntesten Erwartung, kam daber auch Herder im May 177a in Bückeburg an, um in Bückeburg von 1771 bis 1773. 107 in sein neues, ausgezeichnetes Verhältniß mik dem Grusen von der Lippe einzutrclen. Abends gegen 7 Uhr war er mit Westfeld, der ihm entgegen gefahren war, in Bückeburg ange- lemgt, ohne die geringste Ahndung, vielleicht noch um nämlichen Abend bcym Grusen seine Aufwartung machen zu müssen. Plötzlich kam die Einladung des Grafen: sogleich zu kommen! — Darüber entstand einige Verlegenheit; bey seinem aus Frankreich mitgcbrachten Gefühl von Anstand, wollte ec nicht unrasirt und «nfrisirt erscheinen, allein in der spaten Abendstunde waren die Leute dazu nur erst nach langem Aufsuchen zu finden! — sein sorgfältiger Anzug nach dem Schnitt eines französischen Abbes, mit langem schwarz seidenen Mantel, sein gepudertes Haar, in eine runde Locke aufgcstcckt w. erforderten Zeit (was spater weniger der Fall war, wo er keine lange Toilette mehr machte und dabey niemals in den Spiegel sah) so daß er erst gegen 9 Uhr beym Grafen erscheinen konnte! — Dieser an sich unbedeutende Umstand, zog ihm einen sehr kalten Empfang bey seinem neuen, durch daS lange Ausbleiben verstimmten Herrn zu, der aN schnelle militärische Vollziehung seiner Befehle gewohnt , vielleicht auch den mehr bey süddeutschen Höfen gebräuchlichen französischen Anzug eines deutschen Weltgeistlichen etwas auffallend fand. Auf der andern Seite mußte das gravitätische Aeußere und Innere, des um 20 Jahre alteren , durch manche außerordentliche Katastrophe des Lebens ernst gewordenen Grafen, auf die zarte, unbefangene, aber doch Herders Leben insi schüchterne Natur des 27jährigen tcbbasten Jünglings, der zwar nicht anmasend oder hcrvortretend war, aber doch durch sein AeußereS imponiren wollte, empfindlich wirken; indem ein mächtiges Ehrgefühl nur um so tiefer in dem reizbaren und leicht beweglichen aber gutartige» Gemüth Herders verborgen lag. Awey sehr entgegengesetzte aber edle Ebaraktere, standen hier, jeder Etwas anderes erwartend, sich gegenüber! — Bey näherer Beleuchtung der gegenseitigen Verhältnisse wird diese nachtbcilige Wechselwirkung bcym ersten Empfang, deren Eindruck nur die Zeit langsam mildern, nie ganz verwischen konnte, sehr natürlich und erklärbar erscheinen. Der Graf, vielleicht in ganz Deutschland, durch Naturanlage, Erziebung, Lebens-Erfahrungen und Selbstständigkeit, Einzig in seiner Art, bedurfte einer steten Huldigung. Sein Freund, Thomas Abbt war, bey seinen wissenschaftlichen Verdiensten, auch Menschen - Kenner; er verstand, dem Grafen auf eine leichte Art zu huldigen. Auch war er mit ihm mehr in persönlichen Verhältnissen; er wohnte im Schloß, speiste an seiner Tafel und war des Grafen täglicher Gesellschafter. Doch soll er bey dieser angestrengten ganz sich hingehenden. Aufopferung viel gelitten haben und würde sicher, wenn nicht der Tod schon nach fünfeieriel Jahren diesem drückenden Wcrhaltniß mit dem Grafen ein Ende gemacht hätte, sehr bald genöthiact gewesen scyn, auf andere schickliche Weise abzubrechen. Ein solches Verhältniß konnte zwischen dem Grafen und Herder niemals statt finden; Herders in Bückcburg von 1771 bis 1773. 109 geistliches Amt batte kein Interesse für den Grafen, der nur eines wissenschaftlich gebildeten Freundes bedurfte , dem er seine philosophiscben Meinungen und Grundsätze, seine Ideen, ans Lebens-Erfahrung und Lektüre geschöpft, mittheilcn wollte. Er wünschte selbst, daß Herder sich mehr mit der Literatur, und weniger mit seinem Pastor-Amt beschäftigen möchte. Amts-Pflichten zu erfüllen, hielt der Graf für ein Geschäft subalterner Menschen, und suchte Hcrdern immer zu überzeugen, daß auch in höherer Ansicht, Key Verbesserung gesellschaftlicher Einrichtungen, trotz aller unsrer menschlichen Bemühungen Nichts heraus kom m e. Gegen diesen , die Bestimmung des Menschen entwürdigenden Grundsatz, einer moralischen Stabilität! kämpfte Herder mit stets reger Seelenkraft: er wollte forcschreitcn, nicht stehe» bleiben; er fühlte und wollte das Bessere, und liebte sein geistliches Amt, für das er vorzüglich zu lebcn und zu wirken sich vorgesetzt hatte. Geschmeidiges Hingeben gegen die Großen, wobei) der Hingebende meist verborgene Absichten zu erreichen sucht, war nie seine Sache. Was ec von ihnen wollte, das wollte er auf offenem Wege der Gerechtigkeit und Pflicht. Verlust der Zeit bei) einem solchen Umgang, war Ihm peinlich und diesen Eindruck konnte er äußerlich nicht verbergen. Dagegen war es ihm innigst angelegen , für den höheren Beruf, den ec in sich fühlte, für Beförderung des Menfchcnglücks durch sein Talent zu wirken, und durch seinen festen Glauben an einen guten Erfolg, sich dazu zu stärken. Das blos spekulative philosophische Leben, wozu ihn der Graf so gerne hinziehcn wollte, war seiner inner» Neigung t IO Herders Leben zuwider; nur lebendiges Wirken war für ihn Be- dücfniß, nur dieses hatte für ihn vollen Werth! — Die Lage Herders war unter diesen Umstanden nichts weniger als angenehm und keineswegs so, wie er sie mit Recht hatte erwarten können. Im geselligen Umgang mit den Menschen, die er dort fand, die größtentbeils aus herrschaftlichen Dienern und Offizieren bestanden, und die ihn als neuen Ankömmling am Hofe mit Neid verfolgten, musste die Mißstimmung über seine getauschten Erwartungen nur vergrößert werden. Von den Männern, die ihm die Eigenschaften des Grafen aus der Entfernung so anlockend geschildert hatten, mußte er nun gerade das Gegcnthcil vernehmen. Die Eigenheiten und despotischen Grundsätze des Grafen wurden ihm durch das gefärbte Glas zucückgesetzter und mißstimmter ehemaliger Günstlinge mit grellen Farben dargesfillt; und freilich konnte die selbst gemachte Erfahrung beym ersten Empfang, verbunden mit der damals in ganz Deutschland bekannt gewordenen Thatsachc: dass die kostspielige Unterhaltung der Festung Wilhclmstcin im Steinhuder See, des Grafen unbeilbcingendes Steckenpferd fey, dem ec seine ganze Aufmerksamkeit widmete und alle Sorgen für das Wohl seines Landes aufopfecte; ihm wenig Hoffnung übrig lassen, hier etwas Gutes nach seinem Sinn zu stiften. Der Graf hatte wirklich im sogenannten Stein- hüber Meer, an der Gränze seines kleinen Land- chens, gegen das Hannövcrsche hin, eine starke Festung in Bückcburg von 1771 bis 1773. irr erbauen lassen, wozu der See-Grund zuerst mit großen Kosten pilotirt werden mußte. Diese, der Feuchtigkeit des Bodens halber, dem steten Verderben aus- gesetzre gräfliche Landes-Festung, auch im liefen Frieden auf dem Kriegsfuß zu unterhalten und zu verproviantiren, kostete unverhaltnifmaßigc Summen, die dem Lande auch durch die zufällig damit verbundene und wohlthäkig wirkende Austrocknung, Urbarmachung und Andauung des sumpsigtcn, moorigtcn Landes der See-Umgebung nicht wieder ersetzt werden konnten. Unter solchen Verhältnissen, mußten Herders schöne Plane und Hoffnungen sehr verkümmert, auch die Heimholung seiner Braut, durch eigene ökonomische Bedenklichkeiten schon verzögert, unter diesen ungünstigen Aussichten noch weiter hinaus geschoben werden; da er das, vom Grafen voraus empfangene Geld auf seinen lhcuren Aufenthalt in Scraßburg verwenden und noch Schulden dazu machen mußte, deren Heimzahlung erst nach abverdienter Besoldung erfolgen konnte. Auch in seinem Amts-Verhaltniß konnte er anfänglich nicht zur gewünschten Wirk» samkeit gelangen. Als Geistlicher war et zwar Haupt.-Pastor an der Kirche, allein seine eigentliche Gemeinde bestand kaum aus zwanzig Personen, und da die Pfarrstells ungewöhnlich lange unbesetzt geblieben war, sö waren ihm auch diese wenigen Beichtkinder entgangen. Auf die Heizen der Einwohner konnte er als Fremder, nur Nach und Nach, durch seine Predigten, durch Eonfirinationen der Kinder und durch sein streng moralisches Betragen Einfluß gewinnen. tlU Herders Leben Das verfallene Gymnasium zu Bückebnrg und die Schulen wollte er neu organisirt Herstellen und sprach darüber oft mit dem Grafen, der auch die Noihwendigkeit davon wohl einsah; aber cs war nie Geld dazu vorhanden, da der Kammer-Direktor genug zu ihun hatte, um die Kosten zur Unteihal- tunq der Landes - Festung herbeyzuschaffen! Der Graf vertröstete ihn daher von Zeit zu Zeit auf das Abstrichen des alten Rektors, was jedoch wahrend Herders Anwesenheit in Bückcburg nicht erfolgen wollte. Als weltlicher Consistorial-Rath lernte er den gerichtlichen Gang der Geschäfte, nur von der nach- lheiligen Seite kennen, da er beynabe in jeder Sitzung gegen Ungerechtigkeiten, die sich hinter juristische Formen zu verbergen suchten, zu kämpfen halte. Demungeachtet ließ et sich über seine damalige Stimmung, seine innersten Gefühle und seine übcr- handnchmende Muthlosigkeit, immer nur sehr schonend aus, und trug sein augenblickliches Mißgeschick, mit dein unerschütterlichen Glauben an eine höhere Leitung, die auch hieraus etwas Gutes für ihn zu Tag fördern werde, und mit dem Vorsatz: nur so lange zu bleiben, als Pflicht und Dankbarkeit gegen den Grafen es fordern. Von der, in stiller Verborgenheit lebenden edlen Gemahlin des Grafen, erfuhr er damals noch sehr wenig, so daß auch von dieser Seite, keine Aussicht zum Besserwerden sich für ihn zu eröffnen schien, Um in Bückeburg von 1771 bis 1772. n 3 Um das sonderbare Verhältnis; Herders zum Grasen in seinem ganzen Umfang bcurlheilen zu könne», das ec s^bst in einem .Brief an seine Verlobte im August 1772 mit den Worten schildert: „Meine Situation gegen den Grafen ist noch immer dieselbe, unkenntlich, entfernt, nicht für einander! — Ein edler Herr, aber aus- scrst verwöhnt. Ein großer Herr! aber für sein Land zu groß! Ein philosophischer Geist, unter dessen Philosophie ich erliege! Im Lande ist für mich nichts zu thun. Ein Pastor, ohne Gemeinde! Ein Patron der Schulen, ohne Schulen! Ein Eonsistvrial- rath ohne Eonsistorium!" — dürfte eine interessante historische Schilderung dcS in der Europäischen Staaten-Geschichte nicht unbekannt gebliebenen Grafen, und des Hcrdcr'schen Amtsantritts in Bückeburg, so wie sie aus der Feder des damaligen Nentkammerraths und Polizey- directors Westfeld *) zu Bückeburg geflossen, und von demselben im Jahr r 8 o 5 der verwittwcten Frau von Herder zum öffentlichen Gebrauch mitge- theilt, auch in ihren „Erinnerungen" wirklich ab- gedruckt worden ist, hier im Auszug, gewiß nicht am Unrechten Orte stehen: ') Er trat in der Folge in König!. Hannoversche Dienste und wurde später Oberamtmann in Wehnde, Hey GLtlingen. Herders W. z. Phil, u, lLesch. XVI, H Äbrä-rr I-cLen. / X "4 Herders Leben „Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe war im Jahr 1724 in London, von einer natürlichen Tochter Königs Georg I. — einer Gräfin Oynhau- scn, vermahlten Gräfin von Bückeburg geboh- ren, und halte dort einen Thcil seiner Erziehung, oder doch die Eindrücke, die nachher zur Bildung seines Geistes das meiste beygctragen haben, erhalten." „Von der Natur mit großen Fähigkeiten ausgerüstet, hatte er sich leicht zu Allem machen können, was er nur gewollt hatte. Aber da er bis gegen sein r8. Jahr, als der zweyte Sohn keine Hoffnung hatte, zur Regierung seines kleinen Landes zu gelangen, blieb seinem Ehrgeitze, besonders unter den Umstanden, worunter er seine ersten Jugend- Jahre zugcbracht hatte, fast keine andere Laufbahn übrig, als die militärische. An seiner früheren Unterweisung war nichts versäumt worden; man hatte ihm alle Wissenschaften beyzubringen gesucht, die ihm in seinem Stande nur irgend hatten nützlich scyn können. In der Thal hatte er sich aber nur mit der Mathematik, so weit, als ihrer der Militär bedarf, mit etwas Physik, mit der Kriegskunst und mit der römischen Geschichte bekannt gemacht. Dabcy sprach er sehr gut englisch, französisch , italienisch und portugiesisch. Dagegen lernte er nur erst in spateren Jahren, wahrscheinlich durch Abbts Schriften und persönlichen Umgang, sich ungemein gedacht, kräftig und edel, aber nie richtig, in seiner deutschen Muttersprache ausdrük- ken. Von sehr vielen Wissenschaften hatte er nur fragmentarische Kenntnisse." in Bückeburg von 1771 bis 1773. n 5 „Seinem Charakter hatte sich der Seelen-Adel, wodurch sich die vornebmcn Engländer gemeiniglich so voclheilhaft auszeichnen, tief eingedrückt. In seinen Handlungen bestimmte er sich mit der größten Rechtschaffenheit, die er so gerne ,,Probität" und „Droitüre" nannte. Ebrgeiz war dabcn aber die Leidenschaft, der er ganz lebte. Zur Vollendung seiner Studien war er in Genf gewesen und nachher hatte er sich in Wien nufgehaltcn, und von da, große Reisen nach Italien, nach Ungarn und bis in die Türkei) gemacht." „Als sein älterer Bruder starb, war er etwa 18 Jahre alt. Der Vater rief ibn nun nach Hause, um ihn zum Nachfolger zu erhalten und um ihn mit seiner Bestimmung zum Regenten des Landes, naher bekannt zu machen. Der Plan, in irgend einem großen Lande Militärdienste anzunebmen, wurde ihm dadurch, wenigstens damals vereitelt,- jedoch für seine Bildung zum Regenten, auch nichts gewonnen. Der Vater war zwar ein guter Regent; er war so aufgeklärt, als es ein Herr seines Standes in jenen Zeiten scyn konnte. Er verstand das Allgemeine der Regierungs-Wissenschaft und batte sich für jeden Zweig der Geschäfte tüchtige Diener zu verschaffen gewußt. Die Geschäfte wurden mit Kcnntniß, mit Ucbcrlequng, mit Thätigkeit, mit Ordnung und mit Rechtlichkeit verhandelt. DaS eigene Haus des alten Grafen war aber schlecht bestellt. Seine ungemäßigtc Liebe zur ceremoniöfen deutschen Pracht, und seine Anhänglichkeit an die Weiber verdarben inwendig alles, was auswendig gut gemacht wurde." H 2 Herders Leben n6 „So einträglich auch das kleine Land war, denn il)o,oc>o Rcichsthaler mochte cs auch wohl damals schon jährlich abwerfcn, so konnte doch der Aufwand des Hofes davon nicht bestritten werden. Man mußte aufleihcn; ein großer Theil der Einkünfte gieng in Zinsen weg. Die Diener, die sich nach dem Hofe richten mußten, konnten mit ihren, ohnedies nicht großen Besoldungen, nicht auskom- Men. Der Graf lebte in der zweiten, aber kinderlosen Ehe mit einer Prinzcßinn von Nassau-Siegen in sehr gespannten Verhältnissen. Eine Grasin Bentink, die sich an dem kleinen Hofe nicht aufhielt, war die Frau seines Herzens, und herrschte durch die Ueberlegenhcit ihres Geistes, durch Kenntnisse und Jntriken." „Zn dieser Lage denke man sich nun den Erb- grafcn, wie er das Regieren lernen sollte; den, an englische Sitten und Ungebundcnhcit gewohnten jungen Mann, in dem Zwange des kleinen, steifen, ceremvniösen Hofes; den, der die Pracht des Wiener und Londner Hofes kannte, in der, des winzigen Bückenburgischcn; den Sohn neben dem Vater, der die Welt aus einem ganz andern Gesichtspunkt ansah, als er; neben der Stiefmutter, einer stolzen, und doch gerade gar nichts bedeutenden deutschen Fürstin, die sich in dem Umgänge mit Frommlingen für alle die Glückseligkeit schadlos hielt, die ihr, wie sie glaubte, gebührte, und die sie doch nicht hatte: neben der Maitresse des Vaters, die die Einkünfte des Landes vergeudete, die die Ursache war, daß die Schulden von Tage zu Tage noch mehr gehaust werden mußten, und daß auch in Bückeburg von 1771 bis 1772. 117 er, der Sohn, sich so vieles entziehen mußte, was er so gerne gehabt hatte; man denke sich ihn, der für alle Negierung noch gar keinen Sinn hatte, in der Lage, eine Regierung hier anschaulich studieren zu sollen; und zwar eine Regierung, die ec verachtete, weil er nur die Fehler des Hofes sah, und das Gute, was im Lande geschah, zu beachten sich nicht einmal die Mühe gab. " „Doch kaum war der Graf Wilhelm 24 Jahr alt, als der Vater starb und er nun selbst die Regierung antrat. Was ein jeder vorher denken konnte , geschah. Nicht das Gute der väterlichen Regierung wurde bcybchaltcn, und das Fehlerhafte verbessert, der ganze Zustand der Dinge wurde mit einem Male um - und umgeworfen. Die Fürstin Mutter verließ den Hof und bezog ihren Wittwcn- sitz zu Stadthagen. Die Gräfin Bentink gieng nach ihrer Heimath. Alle vorhandene Pracht wurde, nicht abgestellt, sondern mit einer Art von Wuth vertilgt. Gebäude wurden ohne allen Grund und ohne alle Schonung niedergcciffen und die Ruinen zu Jedermanns Schau und nachtheiliger Bcurtheilung deS Zerstörers liegen gelassen; Gärten wurden verwüstet; die kostbaren Geräthe und Meublcn verschenkt, verkauft, verworfen, vernichtet; das Personale verändert, die Regierungs-Grundsatze verschwanden und die Diener, die das Ruder ergriffen, konnten, so weit als sie die Reichsgerichte und die Gläubiger nicht zu fürchten hatten, cS so ziemlich nach ihrem Belieben führen. Der Graf meinte zwar zu regieren, aber er kannte die Regierungskunst nicht, studierte sie nicht und ordnete sie seiner Lieblingsneigung, eine Herders Leben iiö Kriegsmacht zu fern und zu werden, gänzlich unter- Das Land harte durch die im Westphälischen Frieden ungeordnete Thcilung mit Hessen, seine Landstände verloren; und hatte also keine Fürsprecher mehr. Der Graf konnte despotisircn so viel er wollte; wenn er nur verhütete, daß an die Reichsgerichte keine Klagen gebracht wurden, Die Bedienten eines sou- veraincn Herrn, sind sehr schwache Vertreter des Volks. Wenn der Fürst sie auch ihrer Dienste willkührlich nicht entlassen kann, wozu das Publikum sein Recht, vor Erscheinung der Schlözerischcn Zeitschriften eben nicht bezweifelte: so kann er ihnen ihre Ratbe gegen seine Grundsätze doch auf tausenderlei) Art verleiden; und wenn sie auch damit noch nicht zu zwingen sind, so kann er sie, wie Friedrich Wilhelm II. den Minister Hcrzberg, in Un- thatigkeit sinken lassen, und bald gefälligere Menschen an ihre Stelle bringen. Die rechtschaffenen Diener, die der Graf Wilhelm beim Antritt seiner Regierung fand, unterließen anfangs nicht, sich gegen das neue Regierungssystem zu erheben; sie wurden aber mit Ehre und Wohlthatcn überhäuft, und entfernt; — und mit einem Male standen andere an ihrer Stelle, die gefälliger waren! diese hatten den Plan, die Landes - Regierung mit allen ihren Ehren und Nutzungen an sich zu ziehen, und um damit zum Zwecke zu kommen, bedurfte cs nichts weiter, als dem Grafen in seiner Leidenschaft für das Militarsysicm »achzugeben. Bald ward also das Land ein militärischer Staat; ohngefähr der «6te Mensch des Landes, wurde zum Soldaten gemacht. Festungen wurden erbaut, Stückgießereyen angelegt, Kriegsübungen vocgcnommen und militäri- in Dückeburg von 1771 bis 177^. "9 sehe WissensÄ-aften studiert. Die Negierung gieng» wie sie die ersten Diener gehen lassen wollten; und mußten sie oft schlecht gehen lassen, um die militärischen Plane des Grasen erfüllen zu können. Es konnte nicht fehlen, daß das Land dabe» in seiner Verfassung, seiner Industrie, seinen Sitten und seinem Wohlstand verwilderte: nur plötzlich arm konnte cs nicht werden, weil seine militärische Umwandlung., eine größere Geldmasse für den Augenblick in Umlauf brachte. Und ausser dem militärischen Druck konnte keine schreiende Ungerechtigkeit Vorgehen, weil der Graf von Nauir mild, gut und populair war. Das Land verwilderte aber und verlor nach und nach alle Achtung, die es sonst beiden Nachbarn gehabt hatte." „Der Graf selbst erreichte jedoch dabey seinen persönlichen Zweck, er bildete sich zu einem großen Militär sehr glücklich aus, und erwarb sich sogar als militärische Macht einiges Ansehen. Da der siebenjährige Krieg entstand, konnte Hannover ihn nicht übersehen, cs mußte sich ihm, wie er cS nannte, alliiren, oder seine Truppen in Sold nehmen und ihm selbst eine hohe militärische Charge geben. Und gewiß, er hat die alliirten Machte reichlich dafür belohnt. Er und seine Leute haben die besten Dienste gclhan und das mit einer Uneigen- nütziqkeit und einer Aufopferung, die man von Hülfstruppen jetzt nicht mehr gewöhnt ist. Eifer, sucht und Schwäche führte jedoch Verhältnisse hcrbey, unter welchen der Graf nicht bis zum Frieden beider Armee bleiben konnte; und ein glüklicher Zufall 120 Herders Leben zerschnitt den Knoten besser als menschliche Klugheit hatte losen können: " „Spanien hatte an Portugal! den Krieg erklärt, und England mußte diesem Laude einen General geben, der eine portugiesische Armee nicht nur com- mandiren, sondern auch erschaffen konnte: Zu diesem großen Zweck wurde Graf Wilhelm mekr durch seine Feinde, als durch seine Freunde empfohlen. Er übernahm das Werk, und wie herrlich er es vollführt hat, ist bekannt." „Aus Portugal! kehrte er endlich nach einer Reihe von Jahren in sein Land zurück, in seinen Gesinnungen ungemein verändert. Er war um so viel älter und gesetzter geworden, aber er hatte auch die Welt und die Menschen aus andern Gesichtspunkten zu betrachten gelernt. Er hatte den Grafen Pombal das so viel größere Reich nach ganz andern Grundsätzen regieren gesehen, als nach denen er sein kleines Land seither regiert hatte. Dadurch war sein Nachdenken geweckt, und so manche bessere Entschließung in ihm rege gemacht worden. Zwar war er noch Militär, nach wie vor, obgleich auf eine, in jedem Betracht viel reellere Weise. Aber er hatte nun doch auch den Vorsatz, seine bürgerliche Regierung gut zu führen. Er hieng gern Betrachtungen nach über die Bestimmung der Menschen und über die erhabensten Gegenstände der Philosophie; er faßte für manche unmilitärische Wissenschaft und die Kenner derselben, Achtung. Seine Sitten waren unendlich viel sanfter und dem Geist der Zeit angemessener; in seiner Denkungsart in Bückeburg von 1771 bis 1773. 121 näherte er sich den Menschen mehr, und theilte kleine Freuden und Leiden mit ihnen; ja, er lhat sogar was seinem L-chensplane von Jugend auf gänzlich entgegen gewesen war, er heurathete — und zwar nicht aus Leidenschaft, denn er hatte das gute, seiner so würdige Geschöpf vorher nie gesehen, er heurathete nach einem Bildniß und nach einem Briefe, der ihm zufällig in die Hände fiel'und den seine nachherige Gemahlin (eine gebohrne Gräfin von Lippe - Bisterfeld) mit der ihr so natürlichen Hcrzensgüte und Unschuld an ihren Zwillingsbruder geschrieben hatte." ,,Der Graf war jetzt ein guter, edler, vortrefflicher Mensch, und er wollte von Grund seines Herzens ein guter Regent scyn, und war es auch wirklich, so weit er cs nach seinem besten Wissen und Gewissen seyn konnte." „Um diese Zeit war es, daß er Abbten, der damals als Professor der Philosophie in Rinteln stand, kennen lernte; nicht aus seinen Schriften, denn damals las der Gras noch keine deutschen Bücher , sondern die Persönlichkeit des Mannes war es, die auf ihn den großen Eindruck gemacht hatte, daß er ihn sogleich als Regierungsrath in seine Dienste nahm. Es mag scyn, daß Abbt, der sehr wohl wußte, wie man Menschen gewinnen konnte, diese Entschließung bei dem Grafen geweckt und bestärkt hatte. Da er in seiner Lage höchst unzufrieden war, den Profcfforstand, wie wir uns aus den Litcraturbriefen erinnern, überhaupt nicht liebte, und hier eine in allem Betracht gute Aussicht vor 122 Herders Leben sich fand: wer wollte cs ihm Übel deuten, daß er diese benutzte? Kurz, der Graf nahm ihn als Re- gierungsralh, oder vielmehr als Rathgeber, Gesellschafter und Freund in seine Dienste. Daß ein bloßer Professor der Philosophie zum Regierungsrath nicht vorbereitet sey, und daß er wenigstens die Rechtsgelchrsamkcit studiert haben müsse: das siel dem Grafen nicht ein; indem er ganz im Ernst glaubte, daß man sich mit Talente» von selbst zu allem machen könne und »veil er besonders der Rcchtsgelehcfamkeit, unter der er sich gerne nichts weiter, als die Kunst des schikanicenden Advokaten Lachte, nie gut war. Abbt hatte aber die viel größere Klugheit, die Rechtsgclehrsamkeik geschwind, noch im Stillen zu studieren; und er würde gewiß auch als Richter und Rechts - Eonsulent des kleinen Staates seine Bestimmung vollkommen erfüllt haben, wenn ihm sein Schicksal ein längeres Leben vergönnt hatte. " „Der Graf und Abbt lebten nun zusammen, lebten sogar unter einem Dache und lebten (wenigstens dein äußern Schein nach) unaussprechlich glücklich. Der Graf fand an ihm den Mann, dessen sein Geist und sein Herz bedurfte. Abbt verstand ihn und faßte seine Ideen auf; gab ihm aber auch Ideen zurück, die ihn intcressirten und sein Nachdenken beschäftigten. Die bepden Menschen erbauc- tcn sich einer aus dem andern; und was Abbten dem Grafen so ganz vorzüglich werth machen mußte, war die große Klugheit, womit er die Schwächen des Grafen schonte, seinen älter» Neigungen nicht gerade zu in den Weg trat, und seiner Eitelkeit in Bückcburg von 1771 bis 1773. 123 nachgab. Schmeichelet) konnte man seine Nachgiebigkeit durchaus nicht nennen; denn er erhielt ihn nicht Key ftincn Vorurthcilen, sondern brachte ihn nach und nach davon zurück. Unverkennbar war cs, wie sich der Graf in seiner Art zu denken, seinen Grundsätzen, seinen Neigungen, seiner Art zu handeln, umstimmte. Abbt zeigte sich hier als handelnder Mann wohl noch viel größer, als er sich als Schriftsteller gezeigt hatte. Abbt starb jedoch schon im Anfang des zweiten Jahrs dieser glücklichen Verbindung." „Wenn je ein Verlust aufrichtig betrauert wurde , so ist es der gewesen, den der Graf an Abb- ten erlitten hat. Mit ihm war ihm der Freund seines Herzens gestorben; ein Freund, der ihm auch nachher nie wieder ersetzt worden ist. Der Graf ehrte das Andenken des Verstorbenen auf eine Weise, wie man cs damals von den Großen nicht gewohnt war; *) und auch damit halte er sich selbst bcy *) Herder sagt hierüber in seiner Abhandlung „Uetz e r L h 0 m a s A b b t s Schriften" (1768.) „Der erhabene Fürst, der unfern Abbt kannte, besaß und zu schätzen wußte, hat gezeigt, auf welche vorzügliche Art ein regierender Herr das Verdienst ehren könne: Er, der mit der Tapferkeit eines römischen Helden, und mit der Sorgfatt eines deutschen Landesvaters, die Gesinnung eines griechischen Weisen zu verbinden wußte, hat bey Abbts Lode, jene goldene symbolische Zeit erneuert, da auch für das stille und 124 Herders Leben weitem noch nicht genug gethan. Er sprach nachher wenig von Abbt, aber er behielt die Stimmung, worein ihn dieser vortreffliche Mann versetzt hatte und handelte in diesem Geist bis an sein Ende." betrachtende Verdienst Denkmale und Bildsäulen und festliche Gebrauche bereit standen. Das Monument das er errichtete, spricht mehr, als alle Denkmale von Papier erbaut." In der Schloßkapclle zu Bückeburg, an einem Platz wo sonst Niemand je beerdiget wurde, steht auf einer schwarzmarmornen Lasel mit vergoldeten Buchstabe», folgende von dem Grafen selbst verfertigte Grabschrift: Hier ruht der Leichnam von Thomas Abbt, Gräflich Schaumburg-Lappischen Hof-Regicrungs- und Consistorialrath, auch Patronus Scholarum. Gest, den 3 . Nov. 1766 im 28. Jahr seines Alters. Wenn vernünftige Ehrfurcht vor Gott, Weisheit, thatige Lugend, aufrichtige und anmu- thige Freundschaft und glanzende Gaben — Verdienste sind: so besaß derjenige, dessen Gebeine hier ruhen, was er der Welt angcpriesen hat. Wilhelm 7 . regierender Graf zu Schautnburg- Lippe, der an dem Verstorbenen einen Rath- in Bückeburg von 1771 bis 177!). 225 „Unter manchem Guten, wozu der Graf durch Abbt gebracht worden war, war auch das: daß er nun deutsche Wucher laS und deutsche Gelehrte schätzte. Wey den Verhältnissen in denen ich (West» feld) zu ihm stand, konnte ich dieser seiner Neigung immer neue Nahrung geben; und ich that cs ge. wiß eben so gerne, als er cs von mir annahm. ES war um diese Zeit, als Herders „Thomas Abbt, ein Torso" heraus kam. " „Ich kannte von diesem jungen Schriftsteller da» mals noch nichts als die kritischen Wälder; aber auch daraus hatte ich schon eine so hohe Meinung von seinen Talenten gefaßt, daß ich in dem „Thomas Abbt" ein Werk erwartete, das den Grafen durch seinen geistigen Innhalt eben so sehr anziehcn würde, als es ihn durch die Erinnerung an seinen alten Freund interessiren müßte. Ich gab es also dem Grafen, und erreichte dabey meinen Zweck vollkommen." „Der Graf las es mit dem größten Vergnügen, erkannte in dem Verfaßcr den großen Geist , den wir geber von den vortrefflichsten Eigenschaften, und was noch mehr ist, einen Freund verlor, hat mehr zum Denkmal seines eigene» Schmerzes, als zur Ehre eines Mannes, dessen Name schon ein Lobspruch ist, die entseelte Leiche allhicr beerdigen lasse». »26 Herders Leben alle nachher immer mehr und mehr an ihm bewundert haben, und wünschte nun nichts mehr, als kleinen so vortrefflichen Mann, ganz als den Scinigen besitzen zu können. Zwar war damals in dem kleinen Lande keine Stelle für ihn offen; aber das war kein Grund gegen seine Berufung. Für einen solchen Mann lies sich wohl eine außerordentliche Besoldung aussetzen; der Graf war auf diesen Punkt ohnedies gar nicht knauserig. Zwar waren seine Finanzen in schlechten Umstanden; aber cs lag ihm auch gar nicht am Herzen, sic zu verbessern. Er hatte die Hoffnung aufgegeben, sich noch beerbt zu sehen. Das Land siel nach seinem Tode an einen entfernten Vetter, dem er nicht wohl wollte; und sein Allodial-Vermögen, an Anverwandte mütterlicher Seite, die sich so wenig um ihn bekümmerten, als er sich um sie. Er hatte also keine Ursache etwas zu hinterlassen, sondern brauchte nur so zu wirthschaften, daß er bis an sein Ende auskommen konnte und seine Gläubiger gedeckt blieben. Ausgaben zu edlen Zwecken waren also sehr wohl angc- wcndet, und wenn er je hie und da etwas zu "viel darauf verwandte, so nahm er zu der großen Hülfe seine Zuflucht, es an sich selbst wieder zu ersparen. Die Aussetzung einer ausserordentlichen Besoldung kostete den Grafen also keine große Ueberwindung. Sie wurde zu 6»c> Reichsthaler bestimmt, als wie viel man damals in dem kleinen Lande für einen jungen Mann vom ersten Rang für sehr annehmlich und auch für hinlänglich hielt. Mir aber gab der Graf den Auftrag: Herdern seine Dienste mit dieser Besoldung ohne alle Verpflichtung zu irgend einer Beschäftigung anzubieten. Zch schrieb es ihm in Bückeburg von 1771 bis 177b. 137 nach Riga, wo ich glaubte, daß er, wie vorhin, noch bey der Schule stände." „Wirklich war er aber nicht mehr da, sondern er war an den Hof von Eutin berufen worden w. In dieser Lage nun, war Herdern der Ruf in Bükeburgische Dienste, von Riga nach Eutin nachgeschickt worden. Hatte er bey dem Entmischen Hofe in guten Verhältnissen gestanden, so würde dieser Ruf durchaus nicht annehmlich für ihn gewesen scyn. So groß auch die Achtung war, worin der Graf damals bey den deutschen Gelehrten stand, so gewahrte Herbem doch eine Stelle in Bückeburg keine Aussicht. Wenn auch der Eutincr Hof keiner der prächtigsten, und das Land so sehr groß nicht war, so war er doch weit mehr Hof, als der kleine philosophisch-soldatische zu Bückeburg. Die nächste Perspective für ihn, war eine Reise, und zwar eine Reise mit einem Prinzen. Der Ret- seprediger, der wohl wußte, was in ihm lag, und wie er sich geltend zu machen verstand, hatte gewiß nicht übersehen, wie sich die Verhältnisse an den Höfen, die der Prinz besuchen würde, und mit den Großen für ihn nutzen lassen würden. Zunächst vor ihm, stand Darmstadt, wo der Prinz sich vermahlen sollte; und im Hintergründe lag ihm endlich Petersburg, worauf er von seiner Stelle in Riga her gar wohl manche Absicht haben konnte. Kurz, in dieser Lage konnte ihm der Bückeburgische Ruf nicht annehmlich seyn; und ein Anderer würde denselben gleich abgelehnt haben. Ob aber seine Eutinsche Verhältnisse damals etwa schon gespannt, (wie sic es denn wirklich) waren, oder was sonst Herders Leben i r8 die Ursache scyn mochte? Herder nahm einen andern AuSweg, er ließ dir Sache unentschieden. Ich schrieb Briefe auf Briefe, jedoch alle blieben unbe» antwortet. Der Graf, der Key seiner großen Lebhaftigkeit nie warten konnte, wurde freilich ungedul- tig, mußte sich aber beruhigen; weil in der Reise Herders mit dem Prinzen doch auch manche Entschuldigung lag. Endlich nach vollen drcy Viertel- Jahren schrieb Herder zum erstenmal; erklärte sich gleich zur Annahme des Antrags und verlangte Reisegeld. Hocherfreut über diese Willfährigkeit, wurde dieses sogleich überschrckt; mit Herders Ucber- kunst sing cs sich aber von neuem an zu verzögern. " ,,Indessen «öffnete sich eine Stelle zu Bücke- burg, wovon der Graf meinte, daß sic Herdcrn noch angenehmer scyn würde, als die ihm angctra- gcnc bestimmungslose. Es starb nemlich der erste lutherische Prediger und Consistorialrath, dessen Stelle auf Lon Rcichsthalcr jährliche Einnahme geschätzt wurde. Diese mußte ich ihm also antragen, mit der Erklärung, daß wann die Einnahme wegen der Ungewißheit der Accidenticn wirklich nicht auf 800 Reichsthaler kommen würde, daS Fehlende baar aus den Kammer-Einnahmen zugeschossen werden sollte. Herder nahm den Antrag an, kam aber noch nicht; und schrieb auch lange nicht. " „Indessen hatte er sich von dem Prinzen getrennt und seinen Aufenthalt in Strasburg genommen. Hier nutzte er die Gelegenheit, sich die Thrä- nensistel, womit er behaftet war, operiren zu lassen. in Bückcbnrg von 177 c bis 1773. ^29 lassen. Seine Ucbcrkunft verzögerte sich darüber nun zwar auss neue; erfolgte aber, nachdem ihm noch ein Zuschuß zum Reisegeld geschickt worden war, am Ende des zweiten Jahrs nach der ersten Berufung doch wirklich." — ,,Sobald man in Bückeburg gewiß wußte, daß Herder kommen würde, sah ihm alles mit der größten Erwartung entgegen. Am redlichsten freute sich wohl der Graf auf den Mann von so großem Geiste, dem ec sich würde mittheilen, und von dem er so manche neue Ideen und interessante Aufschlüsse würde erhalten köunen. Die fromme, sanfte, gute und doch aufgeklärte Gräfin, lebte der süßen Hoffnung , daß ihr Gemahl durch den Besitz dieses seines so würdigen Freundes, zu dem Genüsse der Glückseligkeit gelangen würde, die ihm in seiner Abgeschiedenheit von geistigen und herzlichen Menschen gänzlich fehlte; und dabcy rechnete sie für sich auf die Veredlung und Erhöhung ihrer Religionsbegriffe. Die herrschaftlichen Diener und Offiziere, woraus die höheren Stande des kleinen Landes damals allein bestanden, hatten viel lieber gesehen, Herder wäre gar nicht gekommen. Zwar waren unter erster» einige redliche, gute Gcfchäftsmanner; kein einziger war aber durch Wissenschaften merklich gebildet, und kein einziger liebte und schätzte die Wissenschaften. Gelehrte wurden für Leute ange- schcn, deren man bei) der Verwaltung eines Staats gar füglich entbehren könne; und deren man zum Besten des Staats durchaus entbehren solle: denn Sic seycn cs, die die Sachen aus dem bisherigen guten, ordentlichen Gang bringen, die immer -Herders W. z. Phil. u. Gesch. XVF. I Herders Leben i3c> Neuerungen cinführen. und Projekte realisiren wollen, nuü denen doch am Ende nie etwas anderes hcrauSkomme, als Zerrüttung, Geldverlust und Unzufriedenheit! *) Noch war den Bückeburgern gar zu gegenwärtig, was alles für Unheil Abbl anzurichken im Begriffe gewesen war, und in ihrem Herzen erklärten ste es für eine besondere Gnade der Vorsehung gegen das arme Land, dafi sie diesen gefährlichen Mann von dem Schauplatze abgerufen hatte, ehe von seinen Planen noch viel zur Ausführung gekommen war. Herder, fürchteten sie nun, würde bald des Grafen anderer Abbt werden und die unglückliche Periode der Projektemachern) von neuem angehen. Die Geistlichkeit des Landes, unter der sich nur ein oder höchstens zwep vorur- tbcilsfreie Männer befanden, zitterte bcy der Ankunft des neuen Ebefs. Der erklärteste Freigeist- das war das wenigste, wofür sie ihn hielten. Der Untergang der Religion in der Grafschaft, meinten alle, seye unvermeidlich, wenn nicht Gott von oben herab darein sehe, und daS Unglück wende. Das Volk konnte so, wie die Dienerschaft, Gelehrte, Neuerer, Projektemacher, nicht von einander unterscheiden, und fürchtete und hafte sie also; batte auch wohl Ursache dazu, denn Neuerungen und Projekte waren, wenn auch nicht immer von Gelehrten, doch mit einem Schein von Gelehrsamkeit *) Eine Ansicht, -ie sich in unscrm Jahrhundert, unter ganz veränderten Umständen, und bey einer ganz andern Klasse von Menschen erneuert hat! — . - in Bückeburg von 1771 bis 1773. r 3 r gekommen. So war die Stimmung d.es Landes gegen den Kommcndeik! " „Herder hatte feinen Sinn und Welt- und Menschenkenntnis! genug, um wahrzunehmen, daß der Eindruck, den er zu machen gehofft hatte, gänzlich verfehlt scp. Aber er traute cs sich wohl zu, daß er mit der Ueberlegenhcit seines Geistes in der Folge noch manches wieder werde andern können; und es war auch nie seine Absicht, sich in Bückeburg zu vergraben; er sah daher seine ganze jetzige Lage nur als ein Standquartier an, das er sobald, als sich irgend günstige Winde erheben würden, wieder verlassen wolle." „Ehe ich zu erzählen fortsahre, muß ich eines Mannes erwähnen, der einige Wochen vor Herders Ankunft in Bückcburg auch auf die Bühne getreten war. Es war ein sächsischer Edelmann von Zan- thier, ein Mann von ungemein vielem Kops, einer Menge von Kenntnissen, sehr ausgeklart und vorurtheilsfrci und auch Schriftsteller. Er hatte sich früh dem Militarstand gewidmet, hatte Sachsen, Preußen, Dänemark und vielleicht auch noch meh- rern Landern als Offizier gedient, nirgends aber, ich weiß nicht, ob durch seine oder fremde Schuld, zu einem hoben Posten gelangen können. Avanturier und dienstlos, hatte er einen Anschlag auf Portugal! gemacht; und suchte nun da, durch den Grafen, an- gcstellt zu werden. Ob ihm der Graf nicht gleich eine Stelle in der dortigen Armee verschaffen konnte, oder ob er ihn dazu erst selbst noch besser vorberei- len wollte, kurz er nahm ihn zuerst nach Bücke- I 2 X 1.32 Herders Leben bürg in seine eigene Dienste. Hier kam derselbe nun an, als man Herdern eben zunächst mvartete. Von ZanthicrS Ankunft wußte vorher Niemand etwas; es war also in der kleinen Stadt, worin die Ankunft eines Fremden schon eine Seltenheit war, sehr natürlich, daß man den einführenden Zanthicr für Herder ansah. Zwar hatte das Port d'epo'e und die merkliche Narbe von einer Stichwunde unter dun Auge so eine Täuschung hindern sollen; aber man vcrmulhctc einmal im Herderschen Anzüge etwas Austerordentliches, und dann machte die Narbe die Sache noch viel mehr wahrscheinlich, indem man sic für ein Uebcrblcibsel der Thrancnsistcl ansah, wovon man wußte, daß Herder operirt war. Der gemeine Mann hielt also einige Tage, den von Zanlbicr für Herdern; und dieser J.rrthum hat wirklich viel dazu bevgclragen, daß Herder als Geistlicher bey dem Publikum die Achtung nicht erhielt, auf die er sonst doch noch mehr hatte rechnen können." ,,Herder wandte nun die ersten Wochen nach seiner Ankunft dazu an, sich mit dem Grasen, den verschiedenen Klassen des Publikums und mit seiner Lage und Bestimmung naher bekannt zu machen. Den Grafen sah er oft, und er ließ sich gewiß sehr angelegen seyn, den ersten widrigen Eindruck, den er auf ihn gemacht hatte, wieder zu verbessern, und ihm Beweise von der Größe seiner Kenntnisse, der Erhabenheit seines Geistes und von seiner Freiheit ven Borurtheilen zu geben. Der Graf erkannte diese Vorzüge, unterließ nicht, seine eigenen Talente auch gegen Herdern in ihr wahret- Licht zu in Bückeburg von 1771 bis 1773. r 33 schon; aber Zutrauen und Zuneigung konnte er nun einmal nicht zu ihm gewinnen. Beyde sahen sich gegenseitig als vorzügliche Männer an, aber sie fühlten auch beyde, daß sie nicht für einander waren. Die Richtung des Herderschen Geistes war von ganz anderer Art als die, worauf der Geist des Grafen gestimmt war. Auch fühlte der Gras wohl Herders Ucbcrlegenheit nicht ganz ohne Eifersucht, und endlich überzeugte er sich, daß Herder der Mann nicht sey, der zu den Zwecken die ec in seinem kleinen Lande noch ausführen wollte, Mitwirken könnte und wollte. Es war ein Unglück für den Grafen wie für Herdern, daß ihre beyderley Zwecke verfehlt waren." „Einige Wochen nach seiner Ankunft hielt Herder seine Antcittspredigt, nach der Schilderung der Einwohner zu Bückeburg, (die jedoch Frau von Herder für zu hart und von einer Mißstimmung des Verfassers eingegeben, erklärt) konnte man sich schon im voraus sagen, daß er keinen großen Eindruck machen würde. Seinen Geist verstand Niemand und wollte Niemand verstehen. Mit Rednerkünsten wollte er eigentlich nicht wirken, ob er es gleich vermöge seiner vortrefflichen Darstellungs- gabe und der Schönheit und Lebhaftigkeit feines Vortrags in einem hohen Grade vermocht hatte. Er wurde mit Gleichgültigkeit gehört, seine Zuhörer merkten zwar wohl, daß er kein Alltagsprcdiger war, aber sie fühlten sich durch seine Rede doch auch nicht erschüttert, gerübrt, zu Entschließungen hingerissen. Sie gieng.cn so kalt aus der Kirche als sie hinein- gegangen waren. Zum Kirchcnredner fehlte es ihm 134 Herders Leben auch wirklich an körperlichen Talenten: er war fast klein, war sehr schmal und zart gebaut, batte kein blühendes, sondern vielmehr ein schwächliches Ansehen, eine blasse schwärzlich« Gesichtsfarbe; gab sich, indem er sich stark pudern ließ, ein noch tod- tenhastcres Aussehen. In seinen körperlichen Bewegungen zeigte er zwar viel Gesetztheit und Anstand, aber doch wenig Leben. Der Ton seiner Stimme war schwach und einförmig. Für das Zimmer dcklamirte er äusserst schön und gefällig; abvr in einer großen Kirche machte seine Deklamation keinen Effekt." :c. „Mit der Prcdigcrstelle war die eines wirklichen ConsistorialrathS verbunden; aber das Eonsistorium kann in einem so kleinen Lande nicht sehr bedeutend seyn, und die kleinen mechanischen Geschäfte der Stelle waren lhcils unter Herders Würde, theils hatten sie die beydcn rechtsgelehrten Rathe des Collegiums schon an sich genommen; und Herder lies sie ihnen gerne, weil sie doch einige Kenntnisse der juristischen Praxis erforderten, die er damals nicht hatte." „So war Herder als Staatsdicner, selbst in diesem kleinen Staate auf allen Seiten beschrankt und durch die Umstande gehindert, mit seinem Geiste und mit seiner Kraft cinzuwirkcn." rc. rc. — Sein äusseres Verhältnis zum Grafen blieb indessen immer würdig und achtungsvoll. Er winde oft nach Hof zur Tafel und zum Conccrt cingelabcn, wo der Graf sich meist allein mit ihm unterhielt' in Bückeburg von 1771 bis 177.?. i 35 Alles, was zur Aufklärung des menschlichen Geistes beykragen konnte, und in älteren und neuern Schriften ihm verkam, war für den Grafen Gegenstand seiner Unterhaltungen mit Herder. Eine seiner Lieblings - Ideen, worüber der Graf oft und gerne sprach, die diesen merkwürdigen, für einen großem Wirkungskreis geschaffenen Mann von seiner schönsten Seite schildert, und die auch zu unsrer Zeit, besonders in konstitutionellen Staaten wiederum lebhafter erörtert worden, war : „daß keine a n g r e i- fenden Kriege mehr seyn, daß jedes Land seine Kräfte nur zur eigenen Vertheidi- gung auSbildcn und a n w c n d e n, . u n d überhaupt die ganze Kriegskunst nur auf V e r t h e i d i g n n g gelenkt werden sollte; als das einzige Mittel die Kriege zn vermindern und sie weniger zerstörend zu machen." — Diese schöne Idee hatte der Graf in einer bcsondern Schrift näbec ansgesührt; sie ist aber leider mit andern handschriftlichen Aufsätzen des Grafen in die Hände seines Nachfolgers in der Regierung, und da auch dieser nach wenigen Jahren starb, in die Hände der hannoverschen Vormundschaft, unter Graf Wallmoden, gerathen. Als Herder aus diesen zurückgelassenen Handschriften des Grafen, demselben später ein Denkmal stiften wollte, und sich darnach erkundigte, wollte Niemand mehr wissen wo diese Handschriften hingekom- men waren! Ganz besonders stieg Herder in der Achtung beym Grafen, als ihm wenige Wochen nach seiner Ankunft in Dückeburg, im IUny M71., von der r36 Herders Leben Berliner Akademie der Preis für seine Abhandlung: „U e b e r den Ursprung der Sprache" (L. 2. Propyläen pag. i — 166.) zuerkannt wr:rde. Die Preisfrage der Berliner Akademie: Ob Menschen, ihren natürlichen Fähigkeiten allein überlassen, im Stande seyn würden, eine Sprache von selbst zu erfinden? wurde durch den damals in Frankreich und Deutschland ventilirten Streit: Ob die Sprache göttlichen oder menschlichen Ursprungs sey? veranlaßt; und es mußte dem Grafen schmcichlcn, den berühmten Schriftsteller, der den Preis davongc- tragen hatte, in seinen Diensten zu haben; er konnte damals oft sagen: Ich wundere mich, daß man mir Herder» in Bückcburg noch laßt! Für Herdcrn hatte damals , in seiner verstimmten und sich einsam fühlenden Lage, nichts beson- reu Reiz, auch war er gar nicht aufgelegt neue Geistesarbeiten vorzunehmen. Desto fleißiger beschäftigte er sich, Materialien zu künftigen literarischen Arbeiten, zur ältesten Urkunde, der Philosophie der Geschichte der Menschheit rc. zu sammeln. Einige Rccensionen für die allgemeine deutsche Bibliothek, die Lemgoer Bibliothek und Bevtrage für den Wandsbecker Boten, waren das einzige was ec damals drucken ließ. Zum Mitarbeiter an den Frankfurter gelehrten Zeitungen hatten ihn Merk und Gothe angeworben. Seine Gemüths-Erholung bestand, neben seinen Predigten an jedem Sonntage, in der Lektüre o.c Alten, der großen Dichter in Bückeburg von 1771 bis 1778. 137 jedes Zeitalters, der alt deutschen Dichter und der englischen Volkslieder. Einige Auszüge aus Briefen, die er um diese Zeit an seine Verlobte nach Darmstadt schrieb, bestätigen lheils, was Westfeld über seine damalige Lage in Bückeburg mit etwas starken Farben aufkrug, theils geben sie Kunde darüber, was damals in seiner Seele verging und was er zu Begründung eines festen Platzes für die Zukunft gethan hat. Im Juny 1771. „Ick) bin Ihnen ein Bekenntnis; des Herzens schuldig, wie es mir hier gefallt ? und ich glaube, daß wenn ich langer damit ganz zögere, so sehen Sie die schwache Seite mehr, als wenn ich sie geradezu zeige. Wissen Sic also, daß Alles das wahr ist, was ich Ihnen von meiner guten, ruhigen, angesehenen Stelle und von der Achtung die ich hier genieße, geschrieben habe. Warum ich aber vom Grafen geschwiegen? — weil ich von ihm wahrhaftig noch nicht urtheilen mag. Wir leben so entfernt von einander; er ist so sehr, so ganz übertau- bendc Achtung und Aufmerksamkeit für mich, daß ich noch so wenig von seinem näheren Charakter weiß, als er vom meinigcn. UebrigenS herrscht hier in dem kleinen Landchcn ein solcher Despotismus, eine solche kriechende und garstige Kleinheit, als ich selten in den despotischsten Orten nicht gefunden. Sieben bis acht Leute, die sich rühmen können, Lieblinge des Grafen gewesen zu seyn, und es auch sehr gut genützt haben, wollen durchaus, wenn ich sie sammtlich von oben bis unten betrachte, daß ich nicht von ihrer Zahl werde. Ich lasse mich also an der i33 Herders Leben entfernten Ächtung, die tausendmal sicherer ist, begnügen :c. — Bey der Hoftafel oder be» Eonccrten, bin ich der nächste zum Herrn, Hobe ihn ganz nllein zum Gespräch, in welchem ec. ein bischen zu sehr sich selbst Hort und nuf alte Lieblingssätze das ihm Gesagte reducirt. Nur von weltlichen Geschäften habe ich mich bisher ganz zurückgezogen, und denke cs auch hier zu tbun, so lange ich kann; ob es mir gleich ein leichtes und nur die Mühe eines Winkes wäre, in der Negierungsconferenz Stelle zu haben ec. — Die Gräfin, die beste menschenfreundlichste Dame, die sonst aber nicht die großeste Einwirkung hat, ist meine große Gvnncrin. Die Lenke in der Stadt halten mich für einen großen Gelehrten, weil ich morgens 4 Uhr in den Wäldern umhcrtreibe; und für den größten Hofmann, weil ich so ziemlich machen kann, was ich will; und für den berühmtesten Mann, weil ich den Preis bekommen habe." Am 2. Juli) 177t. „Ehegestern ist die Gräfin niedergekommen, zu Alter Leidwesen mit einer Gräfin! Unsre Gratulation beym Grafen ist also sehr schief angekommen, und die Leute alle, die sich auf Freu- densbezeugungen gefaßt gemacht hatten, sehen auch schief!" — Der Gras hatte sich auf die Nachricht, daß ihm eine Tochter geboren se», beinahe einen ganze» Tag in sein Zimmer eingeschlosscn und durchaus Niemand vor sich kommen lassen; doch vergütete ec eS nachher seiner Gemahlin durch die zärtlichste Thcilnahme. „Ick) kann jetzt gar nichts zusammenhängendes arbeiten, Shakespeare und Plastik und Moses, liegen in Bückeburg von 1771 bis 1773. i 3 Z noch. Ist unter den Stücken, die Sie von Shakespeare gelesen, auch Julius Casar? wo nicht, so haben Sie noch nicht Einen der edelsten Sterblichen kennen gelernt, Brutus! In allem edel, mehr will ich von ihm nicht sagen, aber in meinem Herz«» ist sein Bild sehr tief!" — Er scheint damals die erste Idee gefaßt zu haben, diesen Charakter zu einem Melodrama zu benutzen; und hat sie auch im folgenden Jahr unter dem Titel: Brutus wirklich ausgcführt. Der damalige Kapellmeister des Grasen, der würdige deutsche Tonsetzer Christian Bach , Freund Herders, setzte die Musik dazu, und auch der Graf, der aus Höflichkeit des Herzens dem Autor gerne ein Interesse an seinen kleinen Schöpfungen beweisen wollte, übersetzte einige Stellen daraus, die ihm vorzüglich gefielen, in französische Verse. Ende Augusts 1771. „Die Muse ist ein Unding! aber der Blick, der Wink aus der Seele eines Freundes, einer Freundin, die man kennt und die uns im Herzen lebt, das ist Gottheit und Eingebung! — Freilich ists wahr, daß ich in meinem Leben noch nie so betrogen worden bin, als in den meisten Erwartungen dieses Orts; aber das sind doch einmal Führungen Gottes, die Niemand vor- aussehcn kann. Das Einzige, was mir dabey am nächsten geht, ist der völlige Mangel an Freunden und Gesellschaft, da ich auch selbst in dem Hause, wo ich bisher gespeist, es kaum mehr ertragen kann und vielleicht in kurzem gar auf meiner Stube werde essen müssen. Ein solches Schicksal ist nicht viel von Bastille oder Bicetre unterschieden." Herders Leben > 4 » Im September 1771. „Sie gedenken an eine Versorgung für mich in jenen legenden; ich erkenne das ganze gute Her; Ihrer Freundin, aber diese Ideen sind auf hundert Meilen nicht für mich. Meme Stelle ist und dlcibt hier dceymal vortrefflicher, als sie dort sevn kann. — Zudem fehlts mir nicht an anderweit,,.er Beförderung. Aber eigentlich ist, da ich jetzt ungemein anders und ruhig zu denken anfange, me,n Ent!chluß kein anderer, als mich für eine sichere Srel.e auf Lebenszeit zu verändern. Dieses könnte im Hannoverschen oder in Berlin seyn." (Wohin ihm seine auswärtigen Freunde wenigstens Aussichten eröffnetcn.) „Nach Gießen etwa hin, war einmal Zeit, wenn ich das Unglück hatte, nur als Gelehrter leben zu müssen, und alsdann wäre es freilich ein guter Platz." — „Wer sonst in vielen Sachen am harmonischsten mit mir denkt, wäre vielleicht im ganzen Lande Niemand anders, als der Landesherr selbst; allein ein Landesherr, zu wie vielen Stunden kann er Mensch seyn! und dabcy bleibt er doch immer zu sehr Fürst! Und der unsrige ist gegen mich ruhigen, weichen Philosophen zu sehr Held; und dazu haben wir uns beyde schon so viel Eigensinn bewiesen, und wenn das Alles auch nicht wäre, Alter und Stand verdirbt alles!" — So verging das Jahr 1771 für Herdern traurig, unbefriedigt und einsam; nur erst mit dem Jahr 1772 fieng seine Lage an, durch Vermittelung der Gemahlin des Grafen, eine günstigere Wendung zu nrhmen. Eine gewisse Schüchternheit der Gräfin, in Bückeburg von 1771 bis 177b. rgr ihre Schwangerschaft und Niederkunft und eine vierteljährige Abwesenheit, waren zufällige Ursachen, d-aß Herder bisher noch sehr wenig mit ihr in Verbindung gekommen war. Am Neujahrs - Tag endlich wußte sie dem an ihn, als ihren Beichtvater, gerichteten gcwvbnlichcn Neujahrs-Geschenk, durch Beylcgung des Bildnisses ihres Gemahls einen höheren Werth zu geben und nahm davon zugl.ich auf eine sehr zarte Weise Anlaß, einen verbindlichen Brief an Herder zu schreiben; ihn darinn zu Fortsetzung seiner Amts - Bemühungen als Geistlichen auf- zumuntern und zugleich zu ersuchen, sie aus dem Wege der Tugend und Gottseligkeit fernerhin, sowohl durch seinen öffentlichen Vortrag, als auch durch schriftliche Belehrung fortznlciten. Dadurch kam nun Herder in Briefwechsel mit der Gräfin. Mit offener Unbefangenheit machte er sie sogleich mit seiner ianern und äußern Lage in Bückeburg bekannt, und dadurch entstand auch nach und nach ein näheres und offeneres Verhältnis! mit deni Grasen selbst; indem die Gräfin die Briefe Herders ihrem Gemahl jedesmal mittheilte. Den Grafen beschäftigte die allmahlig erkannte Miß- lage Herders, und er bemühte sich, mitunter auch durch Gründe seiner Philosophie, die nun Herder auch mit mehr Geduld anhörte, dieselbe zu milder». Uebcr dieses neue Verhältnis; schrieb er sogleich an seine Verlobte: „Ich fange seit vierzehn Tagen in Bük- keburg zu leben an und alles scheint sich mir zu ver- ändcrn, durch die Veränderung einer Seele. Nehmen Sie an meiner Freude Theil! Die hiesige regierende Gräfin, wollen Sie sich ein Bild der (la- irtä, der Sanftmmh , Liebe und Engels - Demuth in einer Person denken, so denken Sie sich, sie. 142 Herders Leben Sie hat sonderbare Schicksale des Lebens gehabt; eine geborne Grasin von Lippe - Biesterfeld , aber eine verlassene Waise von Kindheit an; sic ist unter Andere, Verwandte, Freunde weggekommen, nach Magdeburg, Schlesien; da ist sic Pietisten in die Hände gefallen: ein weiches, fühlbares Herz unter solchen Umstanden! — Sic können sich die Eindrücke selbst denken. Unser Herr hat sie darauf auf ihr Poc.rait gehcuratbet. Ich lernte sie erst unbedeutend kennen. Ihre natürliche Blödigkeit thcilS, theils die hier angenommene Rückhaltung ic. ließen mir ungemein wenig Züge ihrer Seele, und alle nur durch einen Schleier sehen. Ich hörte zwar von ihrer allgemeinen Wohlthatigkeit, Liebe und Sanftmuth, ich bewunderte sic mehr als einmal, wie sie sich bey dem Herrn so lang erhalten konnte, aber, wie cs schon ist, wenn man um etwas sich nur mit der Idee bekümmert, man verliert es unter der Menge. Ich glaubte, daß ihr nach ihrer Denkart weder ich noch meine Predigten gefallen könnten; ja da sie theils einmal meinen Besuch nicht annahm, theils aus andern Ursachen, sing ich mich an zu ärgern; und, denken Sie, wie ich mich betrogen fand, da sie im Anfang dieses Jahrs Gelegenheit suchte, selbst an mich zu schreiben. Und einen Brief von solcher Denkart, Vernunft und gutem Herzen und süßer Seele, wer war mehr erstaunt als ich! — Ich antwortete ihr glejch, sagte ihr alles Unnütze, wozu ich hier wäre und, Sie können nicht denken, wie ich sie den Abend darauf,, zum Concert ringelnden, fand, so schüchtern, unruhig. Der Graf hielt mir darauf eine lange philosophisch-moralische Predigt, und entweder weil ich nun hörsamer und faßlicher in Bückeburg von 1771 bis 1773. 143 war, oder weil sic ihm davon gesagt haben muß, kurz, er ist ganz anders! Ich habe sic darauf besucht. Sie hatte die Sternheim gelesen. Sie ba^ mich, ihr eine Predigt zu geben, mit welcher Art! Ihre Aiunerkungeu über die Sternheim,' Spalding u. a. waren voll des feinsten Gefühls. — Zhr Bild hat gleichsam durchaus die Miene, daß sie für diese Welt zu gut ist; sie ist zart und schwächlich; seit ihrem Wochenbette liegt eine kleine Blässe aus ihrem Gesicht, wie ein himmlischer Schleier, daß sie schon zu einer höheren Welt cingeweiht ist. So kommt sie mir immer vor, sie wird nicht lange leben. Ost mit ihr zu sprechen, geht nicht an, cs bleibt mir also nur übrig, von der Kanzel mit ihr zu reden. Ich will lkw einige Stunden widmen, und etwas über die Unsterblichkeit der Seele, über das Vorgefühl eines künftigen Lebens schon in dieser Welt, in Form einiger Sokrakischen Gespräche schreibend — Tiefes neue Verhältnis; mit der Gräfin Maria, wurde durch Briefwechsel, Mitthcilung von Büchern, mündliche Aufmunterung und gegenseitige Thcilnahme, sorgfältig gepflegt, und gewährte auch Herder» neuen Mukh zum AuSharrcn, und zum religiösen Vertrauen in die Leitung einer höheren Hand, die seine künftige Lage und Bestimmung zur baldigen Reife bringen werde. Durch den im Frühjahr 1772 erfolgten Tod des Zwillings-Bruders der Gräfin, der mit seiner Familie sich damals zu Bückeburg aufgehnlten hatte, wurde ihr Herz tief erschüttert und auf immer gebrochen ! — Herder bemühte sich durch Privat- i Herders Leben Unterredungen und besonders durch die Gedachlniß- Prcdigt am Grobe des Verblichenen, die unter dem Titel: „Ueber die dunkeln und Hellen Aussichten nn einem menschlichen Grobe," im ersten Theil semer Predigten cibgcdruckt ist; und durch seine thatige innige Theilnahme, die Gräfin nach und nach wiederum oufzurichten. Es gelang ihm auch in so weit, daß sic mit Ergebung, ihren Verlust ohne Klage in tiefbewegter Seele trug, und ihren manchfaltigen, oft schwer zu übenden Pflichten fortlebte; allein, wie Herder sehr bald und richtig sah, ihr zarter Körper, der nach ihrer Entbindung nie wieder zur vollen Gesundheit gelangte, reiste mit ihrer tiefempfindcndcn Seele zusehends einer höheren Welt entgegen. Einen rührenden Beweis ihrer zarten Denkungsart und ihres besonder» Zutrauens zu Herder», gab sie nach jener Zeit, durch nachstehenden Brief vom Decoder 1772 womit sie die Bildung ihres Edelknaben von Zeschau Herders Sorgfalt empfahl: „Eurer Hochehrwürden die Freude meiner Seele zu beschreiben, in welcher ich Neberbriugern dieses Ihren Unterweisungen übergebe, ist mir gar nicht möglich , da ich ihn* keinen bessern Händen als den Ihrigen anempfehlcn kann. Denken Sic sich indessen, daß derselbe von den würdigsten, redlichsten Eltern auf das andrin- gcndste meiner vorzüglichsten Sorge anvertraut worden; daß er der Erste ist, den ich aus der Taufe gehoben; daß ich ihn von Kindheit an kenne, und dann beurtheilen Sie selbst den Antheil, in Bückeburg von 1771 bis 1773. 146 Anthcil, den ich ncbme und nebmen muß. Ich Hobe, um Sie nicht zu gcnircn, nicht eher selbst gegen Sie davon sprechen mögen; nun Sic ober so gütig sind, sich seiner anzunehmen, hoi meine Freude auch keine Gränzen. Wie Sie bemerkt hoben, sein Herz ist gut und er zeigt die hoffnungsvollsten Anlagen- Ab.r er läßt sich auch noch wenden wie man will. Kann man ihn nun nicht oller Verführung entnehmen, so wird er doch lernen solcher zu begegnen, und nicht sein letztes Werk sepn zu lassen, was sein erstes seyn sollte. Manche schwere Stunden Hot mir dieser junge Mensch schon gemocht, allein in diesem Augenblick, da ich ihn Ihnen übergeben darf, sehe ich nichts, als die Erfüllung meiner Wünsche für ihn, da ich hoffe, die göttliche Gnade wird geben, daß unter .Ihrer Anleitung das Gute, was in seiner unausgebildeten zarten Seele ist, zu solcher Starke und Festigkeit kommen könne, als cs bey einem Menschen möglich ist, und Sie die Freude an ihm sehen, die Sie von Ihren gütigen Bemühungen cre warten können. — Alles, was Sie für ihn thun, erzeigen Sic sehr edel denkenden rechtschaffenen Eltern, denen die Wohlfahrt dieses jungen Mensche», ihres liebsten und jüngste» Sohnes, vorzüglich anliegt und jede ihm geschenkte Stunde wird mit zwiefachen Segnungen deS Himmels auf Sie zurückkommen." Der Unterrichts-Plan , den Herder sich hierzu entwarf, ist im Anhang zum Sophron, Band 12. Herders W. z. Phil. u. Gesch. XVl. K ÜerÄ. Herders Leben 146 277 unter der Aufschrift: „Grundriß des Unke r r l ch t s f u r einen j u ng e n A d e I i ch c n" abgc- druckt, und der Graf, dem dieser Erziehungs-Plan von seiner Gemahlin mitackheilt wurde, machte die Bemerkung dabey: „So ist wohl noch kein König unterrichtet worden!" — Herders Bemühungen an diesem hoffnungsvollen Jüngling sind auch nicht ohne schöne Früchte geblieben. Er trat in der Folge in Kur-Sächsische Militär-Dienste, stand im Jahr iLv 5 als Major zu Zciz, und bat erst neuerlich, als General-Lieutenant und erster General - Adjutant des Königs, unter Enthebung von seinen bisher bekleideten Stellen: als Staats-Sekretair der Militar- Eommando-Angelegenheiten und als Präsident der Kriegs - VerwalkungS - Kammer zu Dresden, und unter Bezeugung der höchsten Zufriedenheit seines edlen Königs mir seinen bisher geleisteten Diensten, die Dekoration des K. S. HauSordcns der Rautcn- Krone erhalten. Bei) all dieser Begünstigung und zarten Behandlung von Seiten seiner beydcn hohen Gönner, blieb jedoch Herders Lage in Bückeburg immer noch sehr beschränkt. Sein Streben nach einem höheren Wirkungskreis konnte hier keine Befriedigung' finden. Dre Wahl zwischen dem Professor-Leben auf einer Universität und einem festen, einträglichen Platze im Staat, wo er mehr unmittelbar ins große Leben cinwirken und zugleich sein häusliches Verhältnis besser begründen konnte, scheint zu jener Zeit stark in ihm hin und her gekämpft zu haben. Seine schnelle Reise nach Göttingen zu Anfang des Jahrs 1772 , wo er Heyne und seine Familie in Bückeburg von 1771 bis 1772. 147 persönlich kennen lernte, hatte offenbar hierauf , Bezug, wenn auch vielleicht literarische Untersuchungen in der dortigen Bibliothek mit Zweck davon gewesen seyn mögen. Im Februar 1772 schrieb er darüber an seine Braut: „Der Zustand meiner Seele machte mir die Reise nach Güttingen nolbwendig, und wenn ich je eine nützlich „nd vergnügt zurückgelegt habe, so ist-Z diese. Nicht nützlich an Gelehrsamkeit: denn okr ich gleich mit zu einem großen und wichtigen Plan hinreiste, und zu ihm auch Nachte zu Hülfe nahm, so sind doch sieben Tage voller Störung nichts, aber ich fand statt dieses einen Freund und I eine Freundin ! " — l Er war damals voll Enthusiasmus über seine neu geschlossene Freundschaft mit Heyne und seiner Gattin; und schilderte beyde seiner Braut mit folgenden Worten: „Er ist die edelste, feinste, wohlklingendste ! Seele, die man je in einem lateinischen Manne ! suchen, und auch vielleicht in Jahrhunderten z nicht finden wird; ei» Feind der Nanke, und des kleinsten Grades von zu Freiem, sanft <- und bescheiden; worunter er die tiefste Eelehr- ! sanikcit, Sentiment und Selbstdcnkcn verbirgt, sorgfältig, daß es ja kein unhcikiges Auge I sehe. — Sic, das starke, innigst empfindende i Weib und die beste Mutter. Ihr ganzes Gee ! sicht ist in einem Zuge der Empfindung gebil- ! K 2 i^L Herders Leben det, die die unregelmäßigsten Züge ihr eingeprägt hat." — Später scheint seine Hoffnung, die auf Heyne's Verwendungen gebaut gewesen seyn mag, wiederum gesunken zu seyn; zwar tröstete er sich und seine Verlobte mit den Worten; „Von Göttingen, von dem vortrefflichen Paar, habe ich noch nichts, kann auch noch nichts haben" und fügt denn weiter be»: „Ich fühle, seit ich aus Göttingen bin, es um so mehr, daß ich hier auch keine Situation habe. Der Graf sieht's, glaube ich, so tief wie ich ein, daß ich kein guter Schaumdurger seyn kann." Auch nach Ostern 1772 war er noch immer des Glaubens, daß ihm von Göttingen her eine bessere Aussicht werde eröffnet werden. „Wenn ich daran denke," schrieb er damals, „den Wanderstab anders wohin setzen zu wollen, so weiß ich nicht, wie zitternd ich ihn jetzt sehe, um ihn gewiß zu setzen. Man hat mich in Göttingen auf alle Weise dahin bereden wollen. Es ist wahr, der Ork hat mir jetzt auch sehr gefallen; das Professor - Leben selbst jetzt auch weit mehr als sonst; da ich hier die ganze elende Nichtigkeit des Pastorlcbens fühle, und jenes doch für mich und zu wahrem Zwecke auf der Welt, freiere Anwendung meiner Kräfte in LcbenS- und Denkart ist. Vier Stunde wöchentlich zu lesen, ist eine leichte Sache, und übrigens ist man frei, ich habe die ganze Welt vor mir zum Wirken." — Im August hingegen, nachdem er noch immer keine Nachricht von Göttingen erhalten hatte, bricht in Bückeburg von 177r bis 1773. I-Z9 cr in die bittsrn Worte aus: „Heyne ist ein kleiner, guter, ober in allem etwas furchtsamer Mann. Wenn cr gefragt würde, spräche cr wohl, aber soll ichs seyn, dechs mache, daß cr gefragt würde? — Wir sind jetzt auf sonderbare Weise gegen einander stille. Oft sind die elendsten Sachen, Titel und Scherben, Hindernisse und Glaskörner» die man sich in den Fuß tritt, daß man nachher nicht aus der Stelle kann. Ohne Titel können sie mich nicht rufen, und gibt das dumme Ding Brod und Leben?" — Zwischen durch kam auch „der leidige Beelzebub, Mammon und Leviathan, der die ganze Welt verschlingt — Geld !" mit ins Spiel, das ihn in seinen Planen zur häuslichen Einrichtung störte; „arm ge- bohren und erzogen, fährt cr nach obigem Ausruf fort, bin ich auch weiterhin durch die Welt blos durch mich und fast ohne Geld, gekommen. Meinen Cbaraktcr, Temperament, Unbedachtsamkeit, Jugend, Freithulichkeit w. dazu genommen, so habe ich immer nur mit dem Metall gespielt, so bin ich zum Theil gereist, auf anderer Leute, wie es jetzt mir vorkommt, Beutel; wie es damals hieß, Kopf und Herz. Meine dumme Situation hier hat mich aus allem heraus gesetzt. — Denken Sie sich jedoch nicht, daß ich hier Noth leide; das Aeußcre ist nur immer Lumperey, die sich durch einen Eoup andern laßt oder nur eine mäßige Geduld fordert. — Einrichtung bin ich Ihnen, mir, der Welt, Allem schuldig. Und das ist das elende, kleine Hindernis;, zu dem ich, wieder selbst durch meine Unbedachtsamkeit so vieles beygetragcn habe. Ich habe vom Prinzen frei und großmüthig gehen wollen, und mußte Herders Leben r5o alfe arm von ihm geben, ebne daß dos Jemand bedachte. Ich wollte in Lieflaud vom Publikum unabhängig reisen, und entsagte also einem Gcbalt, den ich ja kaum verdiente. Ich traute Freunden mehr ru, als ich sollte oder verdiente; ich habe mich an diesem Ort bier, so geirrt ! Dabcy bade ich, in meiner Hitze eines Plans hier im Anfänge , ehe ich den Ort kannte, weil hier kein Buch zu haben ist, hüdsch Wucher-Schulden gemacht, so manches Lehrgeld geben müssen :c. Im Spatjabr 1772 schreibt er weiter: ,,Jch war abwesend, zerstreut, sechzig Lachter in der Erde, auf den Gebirgen umher und da ich wieder kam, lag em Brief auf dem Tische, daß meine Mutter lodt sey! Sie ist wokl versorgt und besser als irgend rin Mensch hier auf der Welt; aber so manche Zu- rückerinnerungcn — ich muß abbrechen. Ich bin in allen diese» Tagen meistens außer dieser Welt gewesen und immer nur mit mattem Flügel al.lein wieder zurückgekommen ! " — ,,Wir müssen durchqreifen, sonst wird des Wartens kein Ende und wir verderben! Ich Thor, hatte gleich meine Augenkur unterlassen, gleich kommen, Sie mit mir fortreißcn sollen! 0 wie thöricht, wenn man immer noch an Neben-Sachen hangt, sich abschrccken, locken, abwcnden laßt, man kömmt nie zur Hauptsache. Gott, wo waren wir jetzt! Aus dem Trödeln und Säumen wird Nichts in aller Welt. Drei) Jahre vergnügt gelebt und auch ein bischen gedarbt und sich gequält, ist besser, als drey Jahre unthätig, müßig, unlustig, wo Leib und - IN Bückcburg von 1771 bis 1773. rbr Siele verdirbt. Ich bin in den lumpen zwei) Jahren, wie Dr. Swift in Irland, zwanzig Jahre alter geworden." — Eine Anfrage der Herzogin von Hollstein, ob er nicht die .Hofprediger Stelle in Eutin anzunrhmen gedenke ? und eine Aufforderung des Geheimen-Ralhs Heß zu Darmstadt, als damaligem Eurator der Universität Gießen, zur Annahme einer Professors- und Predigers-Stelle daselbst siel noch in jene Zeit; allein beyde Vokationen konnten seiner Neigung um so weniger entsprechen, da auch damals noch immer der Wunsch nach Riga zurück, tief in seiner Seele lag. Unter solchem Hin - und Herschwankcn verfloß das Jahr 1772, doch schien der Einschluß seine Braut im Frühjahr nach Bückcburg heimzuholcn sich allmakliq in ihm zu befestigen und in diesem Sin» schrieb er wohl die charakteristische Stelle an dieselbe nieder: ,,Der Stand eines cdeln treuen Weibes und Priester- Weibes ist, ohne Eigenheit und Selbstheit gesprochen, der würdigste und schönste auf der Welt; und mit guten Kindern muß er ein himmlischer Stand werden können. Aber auch selbst ohne sie, ob cs gleich für mich ein böser Gedanke wäre, noch immer himmlisch, wenn er wirksam ist, wenn er zwey Menschen zusammen knüpft, die ohneeinander ermattet waren, aber sich so starken und tausendfachen Beruf Gottes von einander lernen. Luther, dessen Lebens - Umstande ich jetzt recht mit innerer Stärkung lese, heiralhete eben in den mißlichsten Umstanden seines Lebens: da der Kurfürst starb und der Herzog von Sachsen ihn verfolgte, und der König von England gegen ihn i 52 Herders Leben schrieb und Pabst und Kaiser wüthctcn und der Bauernkrieg anbrach: da heiraibete er, und lernte säen und drechslcn. Verzeihen Sie die Vergleichung. Ich habe noch in der Welt nichts gekban, diesem großen Mann seine Schuriemcn aufzulosen, aber ich hoffe es zu werden!" — In diese Zeit fallt die Anknüpfung eines Briefwechsels Herders mit Lavater. Dieser batte schon früher nach Liefland und nach -Paris Briese an Herder gerichtet, die unbeantwortet blieben. Nun las er seine „Aussichten in die Ewigkeit" *) und einige andere Sachen, die ihn aufmerksamer auf den Mann machten; und schrieb ihm in Beziehung auf dieses in vier Banden erschienene Werk Lavaters einen langen Brief, mit allem was er davon dachte, und wie er sich darüber ausdrückte: „nur der schärfsten und lindesten Hand, der ich ihn Werth glaubte." Hierauf erhielt er eine Antwort voll Wahrheit und Güte des Herzens, und eine freundschaftliche Einladung zu einer Schweizer-Reise. Sein damaliges Urlheil über Lavater ist eben so merkwürdig als richtig aufgesaßt, indem er ibn „nach Klopstock, für eines der ausgezeichnetsten Genies von Deutschland, nur nicht zum Dichter, erklärt; der jede alte und neue Wahrheit mit einer Anschauung erfaßt, die selbst alle seine Schwarmereyen übersehen macht und in Alles, auch wo erwähnt und schwärmt, eine ) Aussichten in dic Ewigkert, in Briefen an -Hrn. Joh. Georg Zimmermann K, Großbrit- lanischen Leibarzt in -Hannover. 1778. g. Bande, IN Bückcburg von 1771 bis 1773. i 53 Wahrheit des Herzens bringt, die jeden Glcichfüh- lendcn bezaubert." — „Eine Schweizer-Reiseschreibt er hierüber an seine Braut, „ist für mich, ein guter, lieber Freundes - Einsall, aber aus zehen Gründen jetzt nicht mebr. Ich habe schon viel zu viel in der Welt geselle» ; nun habe ich nichts so nöthig zu thun, als was ich noch wenig gethan habe, zu leben! Heil dem, der mich in das Land deS Lebens führt! und das ist allein meine Freundin!" — Eheliches Verhaltniß und fortgesetzter Aufenthalt in Bücke bürg bis zur Berufung nach Weimar, vom Frühjahr >773 bis ins Sparjahr »776. Bis ins Frühjahr 1773 verzog sich die Reise Herders nach Darmstadt, um dort seine geliebte Freundin und Braut, Demoisclle Maria Karoline Flachsland, die unterdessen bey ihrer Schwester der Geheimen Rathin Heß daselbst geblieben war, als seine Gattin nach Bückcburg hcimzuholcn. Die Grasin, die an allem warmen Ankhcil nahm, was Herders Zufriedenheit mit seiner Lage Herders Leben 164 befördern konnte, und eine vortheilhafte Schilderung feiner künftigen Gattin von auswärts her erhalten hakte; schneb an Herder, der mit seiner vorhabenden Verbindung immer noch etwas zurückhaltend gewesen zu seyrft scheint, am 3 e. Marz 1773 nachstehenden verbindlichen Brief: „Jetzt haben Sie wohl nicht viel Zeit zum Lesen? worüber ich Sie nicht beklage, sondern mich sehr Ihrer Zerstreuung freue, die ja, ich darfts nach dem, was ich gehört, mit Zuversicht von Gott erwarten, Verkündigerm vergnügterer, glücklicherer Tage auf lange, lange Lebenszeit scyn wird, da nun lange genug alles düster um Ihnen geschienen. Ungesucht, unerwartet, von unbekannter Hand, wie darf ich und kann ich meine Freude ver- heelen? wird mir letzthin ein Lob einer lieben Ungenannten zugeschrieben, das mein Verlangen nach deren Bekanntschaft ungemein erhöhet, wenn sie Sic auch nichts angienge, und in meiner Verweisung mich hoffen macht, wieder Freunde verehren zu dürfen, deren Freundschaft mir die Bitterkeit meines Verlustes lindern wird. Wie glücklich , wenn Sic mich würdigten, jetzt irgendwo in Etwas dienen zu können; da ich weiß, was cs ist um ein uncin- gerichtctes Haus, dürfte ich nicht wenigstens diese Mcubles überreichen?" — (Damit war ein ansehnliches Geschenk zur Haus-Einrichtung verbunden.) „Hier sollte ich nun der Etikette gemäs eine Reihe von Wünschen hersetzen; aber eben weil es den Anschein der Etikette hatte, und ich nicht nach derselben wünsche, thu ichs nicht, weiß aber wohl, was schon lange und seit der Zeit ich das erste Wort von Ihnen gehört, in meiner Stille oft gewünscht in Bückeburg von 1773 bis 1776. ik5 Habs und täglich von Gott wünsche. Glücklich werde ich se»n , an ' >cem bevderseitigen Vergnügen Theil nebmen zu dürfen, oder Gelegenheit zu finden, wo ich zu Dero Zufriedenheit bcntragcu kann. " „Sehr erfreut auch meinen Herrn Ihr Entschluß ; kaum ist cs Ihnen zu vergeben, daß Sie uns diese Freude und die Bekanntschaft eurer so edeln, vortrefflichen Freundin so lange entzogen! aber so groß der Antheil an Ihrer bisher unangenehmen Situation war, um desto großer wird er in den künftig zufriedenen Tagen scyn , die Ihnen Ihre würdige Braut entgegen bringt." Und noch kurz vor Herders Abreise nach Darmstadt richtete die Gräfin am r8. April 1778 folgende Zeilen an ihn: „Sie verlassen uns, um Ihrer vortrefflichen Freundin willen, um mit neuer Freude zurück zu kommen, zufriedenere Tage Key uns zu leben. Auch der trübe Gedanke, daß man Sie von uns anderwärts hin berufen möchte, soll mein Vergnügen über Ihr Glück nicht stören; schlimm genug, wenn die traurige Zeit, wovor mir graut, für uns erschiene, die ich immer lieber noch entfernt denken will; doch auch alsdann, geht es Ihnen nur nach Wunsch und Verdienst, so will ich mich dennoch freuen rc." — Am 2. May wurde die Hochzeit zu Darmstadt gefeiert. „Ein ehrwürdiger alter Geistlicher, sagt Frau von Herder, kopulirte uns im Kreis meiner Verwandten, bcy einer schönen Abcndröthe. Es war Gottes Seegen, den er über uns aussprach. Die Liebe meiner Geschwister und die heitersten Maytage verschönerten unser Freudenfest; es war uns, als i56 Herders Leben fühlten wir Gottes bestätigende Stimme zu unscrm Bündniß." „Der Abschied von meinen guten Geschwistern war mir schmerzlich; aber Er ersetzte mir mehr als Alles, gab mir tausendfältig mehr, als ich je verdiente , je hatte ahnen können! Mit Schmerzen denke ich jetzt noch daran, wie ich ihn wahrend meines Brautstandes mit meinen Vorstellungen quälte: mich zu vergessen, da ich weder Vermögen noch andere Vorzüge besitze, ihn so glücklich zu machen, wie crs verdiene! In jedem Brief sagte er mir, daß ich das Glück seines Lebens sei), ich dürfe ihn nicht, ich solle ihn nicht verlassen, er wäre sonst allein in der Welt; Gott werde uns nicht verlassen! — Aus den Aeußcrungcn der Frau von Herder geht deutlich hervor, daß in der langen Zwischcn-Zcik, wo Herder zauderte seine Braut heimzuholen, mancherlei) nachtheilige Einstreuungen von Freunden und Bekannten, gegen diese Verbindung gemacht worden seyn mögen; die unter andern auch Herders Charakter und sein langes Zögern tadeln wollten und daher beyden empfindlichen Kummer verursachten. Ueber- haupt hatte Herder das Schicksal aller außerordentlichen, nach ihrer Eigenthümlichkeir Handlenden Menschen, von Andern stets getadelt und nach fremdem Masstab bcurtheilt zu werden. Sein Charakter war streng rechtlich, wobcy jedoch die Güte des Herzens stets die Oberhand behielt, und sein lebhaft männliches Ehrgefühl konnte durch ungerechten Tadel empfindlich gekränkt werden. Um so mehr eilte er nun mit seiner Gattin aus Darmstadt weg, in seine stille Häuslichkeit nach in Bückeburg von 1773 bis 1776. , 5 ? Bückeburg; wo er drei) »nd ein halbes Jahr das Glück dev Ehe, unter Liebe, Thcilnahme und Freundschaft edler, seltener Menschen genoß. Für Herder begann nun rin ganz verändertes schöneres Leben in Bückeburg. Die Bewohner faßten neues Zutrauen zu ihm und eine liebevolle Theilnahme an seinem ehelich häuslichen Glück sprach sich allgemein und sichtbar aus; und auch er lernte nun seine Bückeburgcr auf der besseren Seite kennen. Eine Dame, die sich langst im Stillen als teilnehmende Freundin Herders bewiesen hatte, Frau von Be sc besser, wurde nun auch die erste, leitende Freundin und Rathgcbcrin seiner jungen Gattin ; der sie um so mehr mit Dank und Liebe ent, gegen kommen mußte, da sie ihre älteste Tochter aus Darmstadt zum Besuch nach Bückeburg ihr zugc- bracht batte. An dieser seltenen, rastlos thäkigen und durch manche Leiden geprüften frommen Seele fand Herders Gattin eine zweite Mutter und thcilnehmcnde Freundin. Der Graf und die Gräfin wohnten damals auf ihrem Landsitz zum Baum, und ließen die Neuangekommenen sogleich hinaus zur Mittagtafel laden, wo sie ausgezeichnet gnädig und theilnehmend empfangen wurden. Zwischen den bcyden weiblichen Seelen entspann sich bald ein zartes, wie Frau von Herder sagt: „heiliges Verhältnis, das Worte nicht aus- drücken." Die Gräfin selbst sagt darüber in einem Brief an Herder vom 2. Juny 1773. „Mehr als Jemand, ^53 Herders Leben mehr als jemals nehme ich wabrcn ?knthcil an Ihrer gerechten Freude, und danke Gott, dessen Verheißungen sich als Ja und Amen auch hierinn verherrlichen. Glauben Sie mir, wie mein Inneres jetzt für Ihre Freundin spricht, ist in keinem Vergleich mit dem, wozu der allgenieine Nuf mich zog. Jener 26. May wo ich sie zuerst sah, wird einer der frohesten Tage meines Lebens seyn; ich kenne noch keine, die ihr gleich wäre, keine Bekanntschaft, deren erste Stunden mich so befecligt hatten re." — Herder war nun seiner eigcnthümlichcn Natur, die durch nichts fremdartiges gestört wurde, ganz wiedergegebcn. Er stand auf sicherm Grund und Boden, mit einem Wesen, das ganz mit ihm hac- monirke und das er sich, als ganz ihm angchörig, zubilden konnte. Seine Kräfte waren neu belebt, rasch und mit Freude gieng er daher nun an die Ausführung seiner Geistes-Plane. Zwar mit etwas Schulden mußte der Ehestand begonnen werden; allein dieß gab ihm nur neuen Trieb und erhöhte fein fröhliches Vertrauen in die ailwaltende Vorsehung. Früher schon zu Riga, hatte er die erste Idee zu dem Werke: „A clteste Urkunde des Men- schc n - G e sc hl ec h t s" gefaßt, aufgesetzt und ver- schicdencmale umgearbcitet; jetzt, im August und September 1773 wurde an eine ganz neue Bearbeitung desselben geschritten. Der erste Thci! erschien Ostern 1774; der zweite erst 1776, denen noch einige Theile folgen sollten. Die glückliche Veränderung seiner Lage, seine feurige Phantasie, sein glühender Eifer für das Gute, hoben ihn zum Gipfel der Begcistc- >»-" - in Buckeburg von 1773 bis 1776. i 5 g rung für die Religion und für die Läuterung ihrer Begriffe aus den Urquellen. Wie aus einer Empfindung, in einem Guß und Achem nieder geschrieben , wurde der erste Tlicil schon in sechs Wochen an heiteren schönen Sommertagen, wo er sich öfters schon um 4 Uhr Morgens zur Arbeit schlich, in der schönsten Stimmung vollendet. Auch seine Freundschaft mit Heyne, seine Aussichten und Hoffnungen nach Gölkingen hin, belebten zum Theil seine Arbeiten. Man wünschte in Hannover von seinen theologischen Meinungen durch eine Schrift unterrichtet zu sepn, und dieses mag die Entstehung der Protz i nzi a l - B l a ttc r an Prediger, die er im Winter von 1778 auf 1774 schrieb, veranlaßt haben. Sie gehören zwar unter die originellsten seiner Schriften , allein sie sind in einer gereizten Stimmung geschrieben, im heiligen Eifer über die damals zu weit getriebene Exegese, womit das Erhabene des hohen Alkerthums, das Heilige und Göttliche in der Bibel, das Positive der Religion, zu stark angegriffen, verunstaltet und herabgewürdiget wurde. Au heftig für die damalige Zeit, zwar kräftig und durchschlagend, aber oft etwas zu hart war der Ton, der darinn herrschte; so daß er selbst darüber erschrak, als "er diese Blatter gedruckt erblickte. „Er war zu sehr Dichter, um guter Exeget zu seyn!" konnten ihm seine damaligen Gegner, schonend genug entgegen halten, wenn er gegen ihre gewagten Auslegungen der heiligen Schriften zu Felde zog. Er wollte nicht gerade gegen Spalding schreiben, dessen Buch von der Nutzbarkeit des Predigtamts r6o Herders Leben kurz vorher erschienen war, sondern nur gegen die damals herrschenden Meinungen und gegen die neuen, zu sehr dem Zeitgeist sich schmiegenden Herabwürdiger der Kirche und des geistlichen Lehramtes, besonders im Preußischen Staate. Er nahm zwar einige Mokto's zu seinen Briefen aus Spaldings Schrift, allein er sagte in seiner Vorrede deutlich genug: „Wenn hier vor manchen Blattern Stellen aus einem bekannten Buche angeführt werden, so müßte cs nur ein des Buches und der vielverbreiteten neusten theologischen Literatur Unkundiger seyn, der diese Stellen anders, als Gelegenheiten ansähe, über gewisse ähnliche Materien weiter hinein zu gehen und zu forschen. Man kann uneinig in Meinungen seyn, und doch die Denkart eines ManneS, selbst mit dem, was uns Mangel oder Irrthum dünkt, sehr ehren, und vielleicht als Mensch sich gar die Denkart mit allen Fehlern wünschen. Vergiß also Personen Leser, und suche Wahrheit!" — In diesem Gefühl schickte er das erste Exemplar der Provinzialblatter an Spalding selbst, mit einem hochachtungsvollen unbefangenen Brief. Der aber bey Spalding einen ganz entgegengesetzten Eindruck machte. In Berlin, Bcaunschweig und an andern Orten wurde darüber viel zum Nachlhcil Herders gesprochen und der Brief selbst entstellt. Dieses veranlaßte ihn, den Brief von Spalding zurückzusordern, der, Herders eigentliche wahre Meinung wenig berücksichtigend , nur allein seine vermeintlich beleidigte Person vor Augen hatte. Ganz eigen- in Bückcburg von 177?, bis 1776. 161 eigenthümlich war nun einmal Herbem, ein sonderbares Vergessen und Nichtachten der Personen und Umstande, wenn er im Feuer über eine Materie schrieb. Jene Weltklugheit besaß er durchaus nicht, mit der man sich, Key einem Wunsch oder Zweck zu p0lit i sc hen R ücks ichten bequemt; und wollte er cs auch , gegen sein Naturell, so gelang cs ihm nicht! So gicng es ihm bey seiner ältesten Urkunde: er wünschte damals nach Göttingen berufen zu werden, und dennoch schrieb er im Jugendfeuer und im Drang für Wahrheit, gegen Michaelis und Schlözer, die beyde damals sehr viel für ihn thun konnten! So gieng es ihm nun auch mit Spalding; er hatte alle Achtung für Spaldings Verdienste, wollte nicht gegen ihn schreiben, und hatte also nur keine Stellen aus Spaldings Werk zu Motto's wählen sollen. Um dieses wieder gut zu machen, begrenz er den weiteren doppelten Fehler: daß er selbst an Spalding schrieb, und nach dem er das anscheinend Widersprechende in seiner Handlungsweise, seinen Feinden als Waffe gegen ihn in die Hände gegeben hatte, seinen Brief zurücksorderte und damit das Ucbel noch arger machte! Durch den sanften Einfluß seiner Gattin, hat er in spateren .Jahren angesangen, gemäßigter und minder beleidigend zu schreiben; wurde er bey der zweiten Durchsicht seiner Arbeit kälter und besonnener, oder von seiner Gattin auf solche Harte» aufmerksam gemacht, so fühlte er seinen Fehler und strich die Stellen gerne aus. Herders W, z. Phil, u, Gesch, XVl, L Äerll. I-eLr-r. i6r Herders Leben Der Mißverstand und Mißbrauch jenes Spal- ding'schen Briefes, wirkte übrigens mit, zu jener Scheue vor gelehrtem Briefwechsel, die er in der Folge immer mehr beybchielt. In den Jahren 1772 — 1776 hielt er eine Reihe von Predigten über das Leben Jesu, die bei) der ganzen Gemeinde und selbst bcy den in die Bückeburgcr Kirche cingepfarrten Bauern, eines nahe gelegenen Dorfes, die jedesmal ihre Bibeln zur Bemerkung der Texte in die Kirche Milbrachlen, den größten Eindruck machten. Zur nemlichen Zeit war Kleukcr, nachmals Professor der Theologie zu Kiel, als Hauslehrer in Bückeburg, und jene Predigten schienen ein näheres Verhaltniß zwischen ihm und Herder veranlaßt zu haben. Herder schätzte an ihm die warme Liebe für alles Gute, trug viel dazu bey, daß er als Rektor nach Lemgo berufen wurde, und nahm an seinem Schicksal immer redlichen Anthcil. Bon Weimar aus aber blieb er ihm auf mehrere Briefe Antwort schuldig; und dieses zur Gewohnheit gewordene Nichtantwortcn auf Briefe, das ihm manche gute Menschen zu Unzufriedenen, und selbst zu Gegnern umbildete, scheint auch Klerikern von ihm entfernt zu haben. Im Jahr 1774 schrieb er die Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit, ein Werk, in dem sich ohne Zweifel die schönsten Strahlen seines Geistes vereinigt haben; und man kann wohl sagen, der größere Theil sei- in Bückeburg von 0773 bis 1776. i63 ner Schriften sind Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Ec war Humanist, im schönsten Sinn des Worts, und spricht jeden in diesem unvergänglichen Denkmal seines Geistes, in seinen „Ideen" schön, rührend und erhaben an. Was auch im Einzelnen gegen dieses Werk, aus welchem EallS Lehre hcrvorgieng, sich sagen laßt, cs bleibt im Ganzen eni klassisches Werk, das in dem Strom der Vcraessenheit so leicht nicht untcr- gehen, und hellere Gedanken in den Seelen der Nachlebenden erwecken wird. Auch an der Ucbertragung der Volkslieder verschiedener Nationen arbeitete er damals schon, und lebte in diesem vollen Garten der Poesie aller Völker höchst genußreich, an der Seite seiner mitfühlenden Gattin, die die schönen Stunden dieser Beschäftigung, selbst durch Aushülfe im Abschrecken, mit ihm Geilte. Die wirkliche Herausgabe derselben erfolgte erst spater im Jahr 1778. Mit Gleim stand Herder schon früher in freundschaftlich literarischem Briefwechsel; nun machte er im Sommer 1774 in Pyrmont, seine persönliche Bekanntschaft und.schloß dort mit ihm den Bund der Freundschaft für die Ewigkeit! Auch Herders Gattin wurde in düsen Bund mit ausgenommen; und alles was er that und schrieb, was für ihn geschah, oder geschehen sollte, war von nun an Gleims eigene Angelegenheit! der ihn.nur überall gerne an der rechten Stelle für die Wirksamkeit seines Genius wissen, und sein möglichstes dazu bey- tragcn wollte. Gleim rheilte von nun an Freude L 2 ak4 Herders Leben » und Leid aufs innigste mit Herders Familie, und unterstützte selbst die Söhne Herders in ihren Studien-Jahren mit ansehnlichen Summen. Wenn Geist und Herz Erholung bedurfte, so eilte er mit den Scinigen zu seinem treuen Freund nach Halbcr- stadt, und kehrte jedesmal aus diesem Heiligthum der Freundschaft und aus der liebevollen Behandlung seiner Dorothea Gleim, Louise Ähre ns, und seines Wilhelm Körte, neugestärkt zurück. Der 28. August 1774 war einer der schönsten und glücklichsten Tage seines Lebens: Sein erster Sohn, sein guter Gottfried wurde ihm geboren. Diese frohe Begebenheit vermehrte sein häusliches Glück unaussprechlich. Auch der Graf und die Gräfin nahmen herzlichen Antheil daran, Letztere, nicht ohne Thronen, denn sie halte zwei Monathe vorher ihre einzige Tochter verloren. Herders Berhältniß zum Grafen, so wie daS seiner Gattin zur Gräfin wurde täglich vertraulicher. Durch den Tod des alten Superintendenten Meier zu Stadthagcn, im Anfang des Jahrs 177b wurde die Supcrintendur im Bückcburgischcn erlediget. Die Geschäfte dieses Amtes, Examina, Ordinationen , Einführung der Geistlichen rc. konnte nach Herders Rang und Posten, keinem andern als ihm übertragen werden; und dieses geschah auch wirklich unterm 8. April 1776. Ostern 1776 erschienen die Erläuterungen zum neuen Testament, aus einer neuerösf- in Bückeburg von 1773 bis 1776. 165 neten morgenländischen Quelle, »nd die Briefe zweier Iünger Jesu, worinn er, durch psychologische Kritik darlhut, die Apostel Jakob und Judas scycn Brüder Jesu gewesen. Im Juny darauf erhielt er zum zweitenmal den Prciß von der Berliner Akademie für die Schrift: „U e b e r die Ursachen des gesunkenen Geschmacks bey d en v e r sc h i ed en e n V 0 l ker n, da er ge blüh et." (B. 23 . Abhandlungen über schone Literatur und Kunst pag. 1 — 6».) „Wer auf die G e sc h i c h t e d c s Geschmacks wirken will" sagt er darin, „muß auf seine Veranlassungen wirken; er pflege den Baum nicht am Gipfel, oder an der Blüthe, sondern in der Wurzel. Wer eine goldn e Zeit schaffen will, schaffe erst Veranlassungen zu goldnen Zeiten; diese kommen von selbst." — „So lange die Natur Genies wekt, bereitet sie auch Perioden des Geschmacks sich selbst, und das geschieht in wechs- lendcn Intervallen von Land zu Lande."— ,, Hatte man, was im hohen Geist des großen Alterthums gedacht, in Anwendung auf unsre Bildung daraus folgt, mehr beherzigt, es würde besser um uns stehen; unsre Erziehungsanstalten waren nicht versuchtet, unsre Jünglinge spielten nicht, und Voß hatte eine Mühe weniger gehabt! Wer der Jugend, unter welchen Vor wanden es sey, die Werke der Alten aus den Händen bringt," (oder wohl gar verstümmelt) was er ihr auch dagegen von seinen Sächelchen in die Hände gäbe; kann den Schaden mit nichts ersetzen. Das war Julians Kunststück, wodurch er seinen Feinden die tiefste Wunde schlagen wollte!" Schon gegen das Ende des Jahrs 1774 begannen die Unterhandlungen Herders wegen einer Lehrstelle in Göttingcn, mit dem hannoverschen Gc- humcn Rath von Bremer und Hosrath Brandes, nachmaligen Schwiegervater Heyn e's etwas reger zu werden, und zogen sich durch das Jahr 1776. Ohne gerade davon einen Anlaß nehmen zu können, wirkten in jener Zeit einige andere kleine Borgange nachthcilig auf die Stimmung des Grasen gegen Herder. Seine Reise nach Darmstadt zu dem Prinzen von Hollstein , die ein Familien - Gchtim- mß bleiben sollte, deren eigentlichen Beweggrund er daher dem Grasen verheimlichen mußte; besonders aber seine kurz darauf standhaft verweigerte Ordination eines, in schlechtem Rufe gestandenen ausländischen jungen Geistlichen, der vom Grafen bereits den Befehl dazu, ohne vorgängiges Examen, auszuwirken gewußt hatte; reihte den Grafen empfindlich , und mußte Key ihm eine Wunde zurück- lassen, die nie ganz wieder vernarben konnte. Diese Geschichte enthält sehr charakteristische Züge Herders und bcthaiigt seine strengen Grundsätze bey Ausübung seines geistlichen Amtes; sie verdient daher hier umständlicher erzählt zu werden. In der Herderschcn Amts-Relation heißt es: ,,dcr Kirchenordnung des Landes zu Folge ward der Kandidat N. den 21. Sept. (1776) ercl (Konsistorium in Bückeburg von 1778 bis 1776. 167 pro oxanrins citirk. Er erschien nicht und schickte gerade in der Stunde, du er erscheinen sollte, einen (elend geschriebenen) Verwcigcrungsbrief. Er wurde auf den 3 . Dekoder miss neue citirt: erschien nicht und entschuldigte sich nicht! Ein Mitglied (des Eonsistoriums) rückte aber mit einem mündlichen Befehl des Landesherrn heraus: , ,daß N. ohne Examen 0 rdinirt werden soll c." Hierauf hielt sich Herder amtshalber verpflichtet dem Grafen die wahre Geschichte, und die Gründe anzugcben, warum er diesem landesherrli-, chen Befehl nicht Folge leisten könne. Der Kandidat war nemlich zu Rinteln examinirt, aber cin- müthig abgcwiesen und f ü r uns a h i g zum geistlichen Amt erklärt worden. Der Zufall warf ihm in Hannover das große Loos in der Lotterie zu. Von diesem verwendete er 200 Thaler, um von einem hungerigen hannoverschen Edelmann eine Pfründe zu kaufen. Das Eonsistorium von Hannover wollte ihn darauf examiniren, erließ ihm sogar die lateinische Sprache und fand sich doch genothigt, ihn vom geistlichen Amt abzuweisen. Er trotzte: „da er die Stelle erkauft, müsse sic ihm wohl werden! " Als man ihm darüber den Prozeß der Simonie machen wollte, worauf nach dem Landes - Kirchen - Recht Infamie steht, stellte er sich toll, lies sich Wache geben, gab seinen Freund und Unterhändler bepm Pfarr - Kauf selbst an, welcher darüber beynahe selbst seine Pfarrey, der Edelmann aber wirklich sein Patronatrecht verlor. Er gieng nach Eaffel, wagte, es, das Rintelnsche i68 Herders Leb e n Eonsistorium zu verklagen, wurde aber mit seiner Klare abgcwicsen und wandte sich nun nach Dücke- burg, als Herder eben abwesend, zu Darmstadt war. Das allgemeine Gerücht sagte: er habe durch ein Anleihen von /,nao Thalern an die graflich- bückeburgische Ncntkammer, die Anwartschaft auf eine Pfarrey erhalten, welches üble Reden gegen die Regierung und gegen den Landeshcrrn selbst veranlaßt. Am Schlüsse dieser, durch Zeugnisse unterstützten amtlichen Relation bat Herder: ,,ihm in Rücksicht so vieler schreienden Umstande, zu Befriedigung seines Gewissens und Rechtfertigung der Ehre des Landes, nach seiner, in der Kirchenordnung und feinem Beruf ihm aufgelegten Pflicht, das Examen dieses Kandidaten gnädigst zu vergönnen," und fügte in seinem Amtseifcr die energischen Worte bey: „Ewiges Brandmal würde cs mir an Stirn und Brust fey» , wenn ich einen zweymal abgewie- sencn, einer Infamie berüchtigten, mir nur durch üble Gerüchte und persönliche Grobheit bekannten Menschen, dessen Fähigkeiten ich nicht geprüft und der nicht zum voraus den Eid der Simonie abgelegt hatte, crdinirte. Er zeigte zugleich, daß die Kirchenordnung ausdrücklich verschreibe: keinen Kandidaten zu ordi- niren der nicht vorher cpaminirt worden scy, und in Bückeburg von 1773 bis 1776. 169 daß damit schreiendes Unrecht zweien andern würdigen und verdienten Geistlichen des Landes zugcfügt werden würde. Hierauf setzte der Graf, in seiner aufgereihten Empfindlichkeit und von einigen Gegnern Herders bcratben, eine vermischte Commission aus Mitgliedern anderer G e r i c h t e z u r U n t e r- suchung der Sache nieder. Wogegen Herder in einem Schreiben an den Grafen mit den Worten prokcstirte: „Daß er kein Ankläger des Kandidaten , kein Fiskal und noch weniger selbst ein Verbrecher sey; sondern nur treu und offen die Fackel der Wahrheit in das Kabinet seines Landesherr» selbst getragen, auch sich freiwillig zu Beweisen alles Gesagten erboten habe, die keine Commission ihm harte auflegen können! Lieber lege er die ihm von seinem Landesherr» aufgetraaene Stelle eines Superintendenten und Consistorialraths sogleich nieder, kraft deren er Mitglied eines immediaten Ccllegü sey und unter Niemand als unter der höchsten Person des Regenten und seines Consistorii stehe rc. Vor dcm Landesherrn oder dem Conftstorio wolle er sich stellen und seinen Bericht beweisen, aber nicht als Verbrecher, nicht als Ankläger, oder Angeklagter, sondern als Superintendent, als erstes geistliches Mitglied" rc. — Darauf erfolgte unterm 17! Oktober aus Auftrag des Grafen die mündliche Anzeige an Herder, durch einen Justizrath: daß eine solche Justitz-Com- miffion nur deßwcgen niedergesetzt worden, weil das Consistorium vermählen nicht vollzählig sey, und der i7» Herders Leben Kandidat als noch nicht ordinirt, auch sein Forum vor dem Consistorio noch nicht habe. Da er aber diese landesherrliche Verfügung auf eine u n a lagen ehmc Art empfinde, so habe der Graf die Kommission wieder aufgehoben und werde einen andern 'Weg einschlagcn. Auch schrieb ihm der Graf selbst, der Ausdruck „Anklage" rühre von ihm selbst, nicht von der Justiz-Commission her, indem er geglaubt habe, seine Relation vom 3. Dekoder scyc eine solche. Er möchte also ein passenderes Wort, als etwa Anzeige, Bericht re. als substituirt ansehen. Vielleicht habe er geirrt, er seye aber von Unvollkommenheiten, auch grammatischen, nicht frey!" Ohngeachtet dieser Einlenkung von Seiten des Grafen, fühlte sich Herder nun einmal in seiner Amtspflicht und seinem Charakter tief gekrankt; und ehe er seine weitere Rechtfertigung zu Bewahrung seines früheren Amtsbcrichts aufzuse'tzcn im Stande war, gieng er in so großer Gcmüthsbewe- gung und mit so heftigen Schritten geraume Zeit im Zimmer auf und nieder: daß er eine zufällig in der Hand gehaltene Stange Siegellak, breyweich gedrückt, und die Fußsohlen sich wund getreten hatte! — Unter dem Rubrum: „den Kandidaten N. N. betreffend, den ich ungeprüft und ungereinigt zum Prediger ordnen s o l l- te und nicht konnte;" führte nun Herder seine Gründe weiter aus, und sagte am Schlüsse: in Bückeburg von 1773 bis 1776. 17 r „davon, daß vorher dem Kandidaten der Eid der Simonie abgenommcn werde, kann ich nicht abge- hen, so laiige das Wort dastcbt: der Lebrcr soll unbescholten seyn, nicht schändlichen Gewinnst treiben; muß ein gutes Zeugnis haben, be» denen die draußen sind, daß er nicht falle dem Lästerer in Schmach und Strick; weiter habe ich mit dieser stinkenden Sache nichts zu thun. Fließe aller Un- flalh, den fremde Lander ausfchaumen, wobin und um welche Procentc er wolle; nur werde ich nicht Kanal, wodurch er fließe! Nur werde von mir nicht gefordert, daß ich den bcschricnen Unflath vor Gottes Altar und Gemeine, ununtcrfucht und ungereinigt, als Kirchengold darstelle und preiße! " Ben dieser Geschichte, die sich mit der Zurücknahme des Befehls deS Grafen endigte, und dem Kandidaten in der Folge, das Oonsiliuiri akuunäi zugezogcn habe» soll, zeigte sich der edle Charakter und der Verstand der Gräfin, gleich groß; wahrend sie in ihrem Innern die schmerzlichsten Empfindungen zu unterdrücken wußte, suchte sic die Ehre ihres Gemahls, der niedriger Handlungen durchaus unfähig war, auf der einen Seite zu rechtfertigen, und auf der andern Herders Pflichtgefühl zu würdigen, seine harten Aeußerungcn zu entschuldigen , und beyde Männer mit zarter Hand wieder zu vereinigen. Kurz vor dieser unangenehmen Begebenheit erhielt Herder unterm r 3 . August 1776 die vorläufige Vokation aus Hannover: als vierter Professor der Theologie und Universilats- 172 Herders Leben Prediger nach Göttingei,, mit dem Versprechen eines Gehalts von 70c, Thalern, jedoch mit dem unangenehmen Anhang: „sich einem Colloquium be» der Eöttingischen theologischen Fakultät vorerst zu untcrzieben; und später im Decembcr desselben Jahrs, während des Fortgangs der Unterhandlungen wegen Göttingen und seines Kampfes gegen die angehängtc Bedingung, eine vorläufige Anfrage von Göthe: ob er die Stelle eines General- Superintendenten zu Weimar annehmen wolle? — Man hat Herdern damals verleumderisch nachgesagt: er habe sich als „Belletrist," vor dem theologischen Examen gefürchtet, und deßwegen den Ruf nach Göttingen abgelehnt! Es wird daher um so nothwendiger sepn, den ganzen Gang der Verhandlung, wie er zwar dieses Zumuthen anfänglich mit Würde ausschlug, endlich aber doch, durch freundschaftliche Vorstellungen zur Erklärung seiner Bereitwilligkeit zum Colloquium gebracht wurde, und überhaupt die Corresponden; hierüber, die Herders Denk- und Handlungsweise, zugleich aber auch den damaligen Zeitgeist näher beleuchtet, hier wenigstens im Auszug mitzutheilen. Schon am 21. Jänner 1774 schrieb der G e- bcime Rath von Bremer in Hannover, an Herdern in Bückeburg: „Wie sehr er sein Genie und Schriften hochschähe und wünsche, ihm nützlich zu sepn; er möchte einmal nach Hannover hinüber kommen und sich allenfalls auf eine da zu haltende in Bückeburg von 1773 bis 1776. 473 Predigt anschicken." Herder gieng zwar damals auch hin, predigte aber nicht. Am 25 . Marz schrieb ihm darauf Hofrath Brandes: „Wie sehr seine persönliche Bekanntschaft, seinen Wunsch, ihn auf beständig zu besitzen, neu belebt habe. Dies seyen auch die Gesinnungen Anderer, nur noch nicht mit gleicher Ungeduld verbunden. Das Verlangen sey allgemein, ihn als Kanzelredner näher kennen zu lernen; ob er auf nächste Exaudi eine Predigt in der Schloßkirche halten wollte? Unsre Lokaldcnkungsart ist Ihnen nun wohl nicht so ganz fremd mehr; doch darf ich dcßfalls so viel noch erinnern: daß Sie unscrm Gaumen nicht zu viel zutraucn, und ihm keine zu sehr gewürzte Speise darbieten müssen." Herders Antwort, worin er sich wegen der Predigt entschuldigt, fehlt unter den hierüber von seiner Familie gesammelten Papieren. Am 10. April schreibt Brandes weiter: „Er danke ihm für seine Freimüthigkeit, und wolle sie ebenfalls dadurch verdienen. Sie wissen daß die offene Stelle zu Güttingen hauptsächlich vom Eonsi- storio abhangt, und der Professor nur ein Ncbcn- siück davon ist. In Ansehung des letztern, habe ich schon den lauten Ausspruch gekhan: daß Sie der Mann meines Wunsches und eine Perle für die Universität seyn würden. Darauf hat man mir er- wiedcrt, daß man Sie zwar als Belletristen, aber noch nicht als Theologen kenne ic. Es fehlte mir an gedruckten Beweisen gegen den Unglauben und ich dachte also, wenn ich den, ihrer Meinung nach 174 Herders Leben noch nicht genug cingcsalbten Mann, ihnen von der Kanzel zeigen könnte, so würden doch dadurch einige Schuppen von den Augen fallen. Zn der Wage, womit ich einen Theologen, ja selbst einen Prediger wage, gicbt zwar eine Kanzelrede nur eine» sehr geringen Ausschlag. Hier aber ist die Schale in solchen Händen, die nicht viel mehr als predigen können, und also das Gewicht blos darnach bestimmen. Auch muß ich in dem gegenwärtigen Fall der Homiletik etwas mehr wie sonsten zugestehen und ich dachte, daß eine Predigt von Ihnen schon ein solches Ideal zeigen würde, das selbst Eonfi- stvrialrälhen gefallen und zur Ergänzung des von ihnen der Universität in diesem Stück mehrmals vorgeworsinen Mangels Hoffnung gebe» möchte. — Er glaube aber doch nunmehr selbst auch, daß man fürs erste es bey der Sache bewenden lasse; die Stelle blcibe offen und würde im nächsten halben Jahr nicht vergeben werden." re. Wahrscheinlich in Bezug auf obige Acuficrung Brandes, daß cs ihm an gedruckten Belegen seiner theologischen Meinungen fehle, hatte ihm Herder die zum Theil zu jenem Zweck geschriebenen Provinz i a l b l a t t e r an Prediger, und den gerade damals herausgckommenen ersten Band der ältesten Urkunde des Menschengeschlechts übcrschickt; und der feine Brandes dankte ihm dafür unterm 23 . Juni, 1774 mit de» sehr richtig wägenden und doch schonenden Worten: „Die Ungeduld womit ich diese Schriften erwartet, hat meinen Blick sofort auf sie geheftet, aber noch zur Zeit nur einen schnell fortschreitenden Blick, der in Bückeburg von 1773 bis 1776. 172 nur über - nicht durchschauet. Beyde Gegenstände verdienten die Untersuchung eines denkende», wohl ausgerüsteten und nicht voreingenommenen Kopfes. Diese Eigenschaften zeigen sich gleich auf den ersten Blatter» und cs war freilich nicht anders möglich, als daß Sie überall vor die Stirnen derer stoßen mußten, die sich so dreist an die Spitze gestellt hatten. Mit mjnderm Genie und mit weniger Warme für die Sache, würden Sie vielleicht schonender zu Werke gegangen seyn und ich kann nicht laugncn, daß ich cs schon hie und da gewünscht habe. Auf Larmen müsten Sie sich allezeit schicken und der Haufe ist beträchtlich, den Sie angegriffen haben. Im Ernst kann ich Ihnen, werrhester Freund, nicht verheelen, daß ich in den Provin- zialblattcrn weniger Ironie und lyrischen Ton gewünscht hatte. Der simple Haufe sollte sie eben sowohl als der aufgeklärtere mindere Theil der Wahrheitsforscher lesen und die volle Kraft empfinden." rc. Nach einem längeren Zwischenraum wird endlich Herdcrn durch Brandes unterm r 3 . August 1776 eröffnet: „daß man im hannoverschen Ministerio beschlossen habe, an den König den Vorschlag zn erlassen, ihn zum vierten I'rofsssors ilmoloAius orclinerrro und Univcrsitatsprcdiger zu Göttingen mit einem Gehalt von 60» Reichsthaler und 40 Rcichsthaler Licentgcldcr jährlich, beydcs nach han- növerschcm Kaffenwcrth, die Pistole ü 7 fl, anzu- stellcn. Herder möchte nächstens antworten, ob er den Ruf annchmen wolle? Man habe zugleich den Professor Koppe von Mictau berufen, der im ,76 Herders Leben Rang nach ihm stehen auch weniger Gehalt bekommen werde." Der vormalig gräflich - bückcburgische Nent- kammerrath und Polizeydircktor Wcstseld, der unterdessen in bannövcrsche Dienste übcrgetrctcn war, schrieb ihm unterm 4. September von Hannover, aus Auftrag des Gehcimenraths von Bremer „daß man ihm für einmal einen höhern Gehalt nicht geben könne;" und suchte ihn mit vielen Gründen zur Annahme des Rufs zu bereden. Am 5 . September schrieb eben dieses Geheimeratb von Bremer selbst. Am ib.Sept. Brandes: ,,daß das Ministerium vorläufig sein Gehalt auf 660 Rcichsthalcr erhöht, und ihm r 5 o Ncichsthaler für Reisekosten bestimmt habe." Herzog Karl von Mecklenburg sagt in einem Brief vom 17. Oktober 1776 von London aus, an einen Ungenannten: „der König habe von der Geschicklichkeit Herders die größte Meinung, inzwischen mache man gegen seine Orthodoxie verschiedene Zweifel und Einwendungen; cs batte daher das Ministerium nochmals über diese Sache eine genaue Prüfung anzustellen und alsdann weitern unterthanigsten Bericht abzustatten. — Nr. äs OsnnninAsn na'a asoure c^ussl Im portal r trop ü sslionnsur et 1a Zloris ein Ninlgte- rs äs kairs rsussir estts aftairs sn ka- vsur äs notre ami, et ^us par eonssgusnt 1s Ninistürs retourneroit äs nouveau ü la eliarZe, «s ftattsnt äAvanes ä'uns ftsurouss issus. Voila in Bückcburg von 177Z bis 1776. 177 Voilü au justs 1a Situation de oette uffaire qui tue tient vn ns peut plus a ooeur st pour la isussits de la quelle je nie suis Zloirs et uu uAreaUls devoir cls ooutrilrusr autant qu'il peut dependrs de inoi." — Frau Ober-Kammerherrin von Löw, sagt in einem Nillek an den Leibarzt Zimmermann unkcrm ^9. Nov. „Die Fakultät accordire zwar Herdern die Orthodoxie, tadle aber seine oft unbestimmten und dunkeln Ausdrücke ?uis on lui iinpute de ns pss oroirs 8. daques et 8. dudas Iss vrais autsurs des Lpitres que nvus avons sous leurs ncnns. (Wahrscheinlich ein Mißvecständ-- niß, aus seinen Briefen zwcyer Jünger Jesu entstanden.) Indessen scy der Vorschlag nach London abgcgangen und Hr. von Bremer verliere den Much nicht." Auch Hofrath Brandes bittet Herdern unterm -7. Dec. „sich die Geduld nicht vergehen zu lassen, da die Unpäßlichkeit des hannoverschen Ministers in London und der unrichtige Postenlauf die Antwort von da verzögert habe." Zugleich aber eröffnet er ihm nun den wörtlichen Jnnhall der von London erfolgten Entschließung dahin: „Da Herder noch keine akademische Lehrstelle bekleide^ habe, so würde er z u vö rde r st denOra- duiuvoet. IltsoloZiue anzunehmen, mithin entweder dabey, oder doch als Zu bestellender UniversitakS - Prediger sich einem Lxainini oder Lolloquio bei) der theologischen Fakultät in Göt- Herdcrs W. z.Phil, u, Gesetz, XVI, M Äer-l. L-eLeu, Herders Leben 178 tingcn zu unterwerfen haben." Diese Bedingung habe man überhaupt für alle Professoren der Theologie und künftige Universitäts-Prediger festgesetzt, fahrt Brandes fort; und es seye in vielem Betracht am anständigsten, wenn er diese Formalität, durch Annahme der allemal einen gewissen Glanz gebenden und in der Folge erforderlichen Doktor - Würde, über sich ergehen lasse. Tie Jnau- gural - Disputation selber könne dabey immer noch ausgesetzl bleiben und nur das Colloquium vcran- gchen. — Alsdann solle kein weiterer Verzug ein- iretcn und alles zu seinem förmlichen Rufe ausge- fertigt werden." Natürlich mußte diese Anmuthung Herdern äußerst krankend erscheinen, und in diesem Vorgefühl schrieb Leibarzt Zimmermann sogleich durch einen Erpressen an ihn, um zu verhindern, daß er nicht etwa auf der Stelle einen Schritt thun möge, der für seine ihm innigst ergebenen Freunde schmerzhaft gewAen sevn würde. „Das königl. Ministerium habe seine Bitte, ihn zum k?rok. Bliaol. zu ernennen , wiederholt an den König gelangen lassen. Die Antwort des Königs, daß et vorerst zu einem Eol- lvquio mit der theologischen Fakultät zu Götkingen solle ausgcfordcrt werden, habe alle seine Freunde zu Hannover äußerst betrübt. Geh. Rath von Bremer, Brandes, der Prinz von Mecklenburg und andere hatten ihn aufgefordert, ihm vorzuschlagen, daß er, anstatt sich zum Colloquio zu stellen, welches Bremern ein Aergcrniß seye, lieber gerade hin Doktor der Theologie zu Göltingcn werden solle; alle Kosten wolle man ihm in der Folge erstatten. — „Wir in Dückeburg von 1778 bis 1776. 179 Md gewiß daß Sie Professor werden, wenn nur erst die orthodoxen Theologen Sie zum Doktor gemacht haben." — Ec möchte am liebsten selbst schleunig nach Hannover hinüber kommen rc. w. — Eben dieses schrieb ihm auch am 23 . Dec. der Geh. Rath von Bremer. Herder antwortete hierauf an Bremer oder Brandes, was aus dem nur im Entwurf noch Vorgefundenen Brief nicht deutlich ersehen werden kann: „Ein Colloquium zu Eöttingen ist mit meiner gegenwärtigen Stelle unvereinbar;, es wäre fremde Pflicht in die ich mich einließe. — Ucberdcm, worüber soll ich also im dunkeln collvquiren? mit wem? und wem zu gut? ein edleres, freieres, würdigeres, äufklarenderes Mittel wäre ein schriftliches Colloquium über die Punkte, worüber das königliche Ministerium Meine Meinung will, worüber ich mich öffentlich erklären und vorm Lichte der Welt besprechen soll !c." Zimmermann bedauert (unterm 23 . Dec.) den ganzen Gang der Sache. „Man glaube zu Hannover allgemein, ec seye von Göttingen aus, durch einen gewissen Hofprcdigcr beym König nachtheilig und heterodvx geschildert worden." Brandes gesteht (am 3 c>. Dec.) „daß dem Ministerium die königliche Antwort auffallend gewesen , da es sonst gewohnt sey, die königliche Entschließung auf gemachte Anträge ohne einigen Rückhalt zu vernehmen; entschuldiget aber die königl. Sorgfalt für Reinigkeit der Lehre auf der Akademie; rath zur Annahme des Doktor - Grades, als dem natürlichsten und am wenigsten auffallenden Ausweg und mißbilliget Herders Vorschlag schrift- M 2 Herders Leben 180 licher Colloquien, wofern er nicht eine ganze Dogmatik schreiben wolle! Denn Key jenen würde man immer einwenden, daß er über den und diesen Lehr- Satz seine Meinung doch nicht entdeckt habe re. Uebcrdenken Sie die Sache noch einmal recht, und zeigen Sie mir ein hinreichendes Mittel, um auch über diesen rauhen Weg zum Ziele zu gelangen. Die Ausweichung eines mündlichen Colloquii könnte bey gewissen Leuten noch viel nachthciligec wirken re." Hierauf antwortete Herder unterm 5 . Jenner 2776 an Brandes noch etwas bitterer; und sagt unter andern, in Rücksicht auf seine zu Gottingen und berm Eonsistorio zu Hannover verdächtige Orthodoxie: „pro ternpors Prediger der Grafschaft Schaumburg-Lippe bin ich auf die Augsburgische Eonfession berufen, und als Superintendent und geistlicher Conststorial-Rath gar bestellt, über die rechtgläubige Lehre nach den symbolischen Büchern in diesem Lande zu wachen und Kandidaten und Prediger dazu anzuhalten; darüber habe ich Bestallung, Cid und Pflicht. Wer also meine Orthodoxie ansicht, sicht meine gegenwärtige Stelle, Ehrlichkeit bey Amt und Eide, Landestreue und Gewissen an. Der dunkle Berlaumder trete hervor und zeihe mich Ketzer; so lange ist er Verläumder! Verlaumder eines fremden Superintendenten, der auf dieselbe Pflicht geschworen, auf die er schwören mag, dessen Treu und Glauben er also im Amte schmähet. Dazu schrieb ich den neulichen Brief, und dazu müßte ich, falls meine Bitte keine Erhörung fände, mich an das königl. Ministerium oder den König von Großbrittanicn selbst in Bückeburg von 1773 bis 1776. r8e wenden! Es ist die Sache meiner Ehre, meiner Landespflicht, meines guten Namens rc." — „Schimpflich und unpassend hingegen, so viel ich einsehcn kann, eine Orthodox al-Citation nach Gottingen, mit welchem Namen man sie auch decke! Der fremde Superintendent soll, che er Amt und Ruf hat, nach einer ausländischen Universität ziehen, die Orthodoxie seines Hirns untersuchen zu lassen! Welche Beziehung hat ex mit der ausländischen Universität? Wann hat er ihr das Recht eingeraumt, über ihn urthcilen zu können ? Welch ein Gesetz, welche Veranlassung sollt' cs ihm zur Pflicht machen, seine Orthodoxie von ihnen, von ihnen! stempeln zu lassen? In meinem Lande hat noch Niemand an meiner Orthodoxie gezwcifelt; wer in einem andern daran zweifelt der citire mich nicht vor sich, sondern trete auf, mich meiner Ketzerei) zu überweisen! Die Zeiten sind vorbey, da man, mit dem Kopfe in der Hand, nach Rom wallfahrrcte, um sich orthodoxircn zu lassen, und wenn sie noch waren, so ist Göttingen das Rom schwerlich. Einem sogenannten Eolloquio der Orthodoxie wegen, d. i. einem inquisitorischen Ketzer- und Knaben - Verhör ausweichen, fein und blöde aus weichen, darf ich also nicht: ich werfe es mit Befremden von mir w.! " „Aber — wendet man ein — ich habe noch auf keiner unbescholtenen Universität als Professor gelehrt!" und auch auf keiner bescholtenen! Ein königl. Ministerium wußte dieß, che cs mir den Ruf antrug. Vor fünf Jahren , da ich noch weniger 182 Herders Leben in der Welt bekannt war, als jetzt, wurde mir auf einer Streik- und Orthodoxie-berühmten Universität (Eiestn) der Leus als zweite r Professor der Theologie , als Prediger und Superintendent eingetragen, den ich ausschlug, und mich dessen in keiner Zeitung einmal rühmte. Niemand kam's ein, dasi ich nicht schon auf einer unbescholtenen Universität gelehrt habe; käme es allen Universitäten ein, so müßten sie aussterben, oder wie Phönixe sich verjüngen." — „ Und noch keine eigentlich dogmatische Schriften herausgcgeben. — Mir ists cinerlcy wofür man meine Schriften halte; genug, der Zweck von drcy oder vier ist, Orthodoxie, wahre Theologie herzustellen, gerade dem Strom des deistischcn Iabr- hundcrts unsrer unrechkglaubigcn Theologen entgegen; und vielleicht kömmt die Zeit, die da sagt, daß meine undogmatischen Schriften dieß tiefer und wurzelfester gcthan, als hundert Spinnweben von Dogmatiken und verjährten Kalendern. Es ist neu für mich, daß, um orthodox zu feyn, man eine Dogmatik- müsse geschrieben haben; *) eben hinter sie haben sich alle Ketzer versteckt, so wie aus ihr alle Kctzerepen entstanden. Nicht eigen fabricirte Dogmatiken sind, nach Deutschlands Gesetzen, das Siegel der Orthodoxie, sondern Con fessionen , die Eon fest *) Unter seinen Entwürfen zu Arbeiten hat man ein vollständiges Heft: „Grundriß zu Vorlesungen über die Dogmatik" vorgefunden; das wahrscheinlich um diese Zeit von ihm geschrieben worden ist. IN Bückcburg von 1773 bis 1776. i8Z si 0 nen Deutschlands. Wer auf diese zu sagt, muß so lange orthodox gelten, bis man ihn als k'ulsuriurri bczüchtiget; und dicß thue man mir« Ich will zeigen, daß ich mit Herz und Mund auf symbolische Bücher geloben kann, was viele nicht können. — Genug, was ich geschrieben, war bekannt, ehe man mir den Ruf antrug, und seitdem habe ich nichts geschrieben. Und wird mir auf Zusage und Confcssion nicht getraut, worauf sollte mir denn getraut werden? Fleuch unwürdiges Lehramt, wo jedes meiner Worte dem Wahn und Gutdünken oder gar der dunklen Anklage und Ber- laumdung eines Etwclchen, den ich nicht kennen soll, ausgcsetzt seyn sollte! nicht Amt eines Lehrers wärest du, sondern eines treu- und hirnlosen Knaben, da- bingcgcbc» dem Wahn jeder dunkeln Kabale!" — „Mir bleibt also nichts, als die Gerechtigkeit Cr. königl. Majestät anzuflehen, daß mir meine Ankläger und die Punkte ihrer Anklage mitgetheilt werden; sodann urtheile dcr^ König oder die Welt! ic. :c." — Bald darauf lies ihm Geheimcratb von Bremer den Wunsch durch Zimmcrmann unterm 11. Jenner 1776 nochmals wiederholen: sich zum Doktor pro- movircn zu lassen, oder zu einem Eolloquio sich zu stellen. „Er solle versichert seyn, daß nicht nur solche Eolloquia, wenn man zu einem geistlichen Amt gelangt ist, oder dazu gelangen soll, zu Hannover in Jahrhundert alter Uebung seyen; daß es keine Falle seye; daß man den Theologen zu Göttingen das Nölhige insinuiren werde; daß er dieselben mit Herders Leben 184 «in paar guten Worten ganz gewinnen, und die Ernennung zum Professor der Theologie die Folge des Eolloquii oder der Doktor-Promotion scyn werde. — Dos Ministerium seye ihm von Herzen gut, Bremer besonders liebe ihn mit väterlicher Liebe und wünsche nichts so sehr, als ihn in Köttingen zu haben; «s handle nicht ungerecht gegen ihn, sey aber gezwungen, so zu handlcn, weil man den König gegen ihn eingenommen habe; und der König bleibe immer bcy seinen ersten Entschlüssen. Zu dem Doktorhut wolle das Ministerium die Kosten hergcbcn, auch der theologischen Fakultät zu Köttingen befehlen, über alles, was bey dem Eramen geredet werde, Protokoll zu halten und dieses Protokoll nach Hannover zu schicken. Westfcld habe Ordre, nächster Tagen mit ihm an der Kranze sich mündlich zu unterreden, und ihm die Schwierigkeiten zu benehmen, auch ihm vollkommene Sicherheit gegen alle Ehikanen und Consequcnzcnmachereyen zu versprechen, so wie die bestimmte Erwählung. Brandes zweifle gar nicht daran, daß Herder nicht kommen werde, weil er gewohnt sey, deutsche G e l e h r t e a l l e ß t h u n zu sehen, uin Prose s so rcn in Köttingen werden zu können rc." *) Brandes selbst suchte Hcrdcrn zu besänftigen und ihm darzuthun, daß das mündliche Colloquium ') Hlppels „Iimmermann I. und Friedrich It." wird manchem Leser bey diesen stolze» Worten ins Gedächtnis kommen. in Bückeburg von 1773 bis >776. i 85 riicht das mindeste Nachtheilige für seine Ehre Hobe; der Wille des Königs werde damit buchstäblich erfüllt und es könne dann nichts weiter mehr gesagt werden. Endlick), bey einer mündlichen Unterredung mit Westfeld, ergab sich Herder ein Colloquium einzugchcn und versprach auch, auf der Hin - und Herreise zu Hannover zu predigen. Brandes bezeugte ihm darüber unterm 27. Zauner sein und des königl. Ministern größtes Vergnügen, „nicht nur weil es seine Aufnahme zu Göttingen noch immer recht sehr wünsche, sondern weil es bey den dagegen erregten Schwierigkeiten sich selbst interefsirt halte." Er solle nur die ihm beliebige Zeit bestimmen. Noch am 3 i. Jänner schrieb Herder an Zim- rnermann: „er scye zu dem sauren Gang nach Göttingen fertig!" Allein, am folgenden Tag erhielt er den sehr ehrenvollen Ruf nach Weimar, worüber ihn Göthc schon im Dccember vorläufig sondirt hatte, und man kann denken, daß er unter diesen Umstanden mit frohem Herzen nun Ja dazu sagte! — Mit Göttingen war nun auf einmal alles aus! Zuerst schrieb er es im Vertrauen an Zimmermann, der die Nachricht mit dem tiefsten Schmerz vernahm, da er Herdern mit der wärmsten Liebe ergeben und cifrigst darauf bedacht gewesen war, alles am Ende zu seiner Ehre und seinem Triumphe durchzusetzcn. Auch Brandes schrieb noch unterm 24. März 1776 nach einer Abwesenheit von Hannover an Herder : „Er beklage es von Herzen, daß die große i86 Herders Leben Hoffnung, die er von seinem Ruf nach Göttingcn geschöpft, vereitelt werden muffe; auch von dem königl. Ministerium versichere er ihm der gleichen Empfindung." Eben dieses sebricb Bremer, aufrichtig lheilnebmend, meinte aber doch für sein Genie und seine Gelehrsamkeit wäre das größere Theater zu Göttingen weit passender gewesen, als das kleinere zu Weimar. Es sep wahr, daß der Eingang zur Götkingischen Professur ihm durch seine Feinde und Neider sehr erschwert und verleidet worden; aber so gefährlich, wie er sich's vorgestellt, wäre das Colloquium nicht gewesen, und seine Gegenwart würde ihm einen völligen und leichten Sieg über jene verschafft haben. Da es aber die göttliche Vorsehung anders bestimmt habe, so gehe die Sache gewiß nicht ohne Grund also, und der Weg nach Göttingcn seye ihm vielleicht nicht auf immer verschlossen." Heyne nahm an dem allem, unter der Hand, den lebhaftesten Antheil, und ihat alles, was Gründe und Freundschaft vermögen, um Her- dcrn zu stimmen, daß er sich die geforderten Bedingnisse gefallen lasse. Er machte ihn mit der innern Geschichte der Unterhandlung bekannt — „Meissen Sie mich nur einmal, schrieb er ihm unterm r 5 . Februar ^776, mit einem Wort aus meiner fast unerträglichen Unruhe, wozu Sic sich entschlossen haben?" (Ob nach Weimar yder,Göttingen?) „Das Ministerium hat sich in eine solche klägliche Lage gesetzt, daß es ganz von der Vorschrift aus London abhangt; und so waren alle Versuche hier etwas zu andern vergeblich. Das Einzige bleibt, daß Sie gerade zu Doktor werden, so ist alles am Ziel. Wollten Sie in Bückeburg von 177Z bis 1776. 167 ober dem Ruf noch Weimar folgen; so werde ich freilich drevfach trostlos feyn, aber Gott! ich liebe Sie uni Jbrer selbst willen zu sehr, als daß ich nicht Ihr eigen Bcsserseyn dem Meinigcn vorzöge. Uns hier widerführe, was recht ist; und mir verdienten doch immer noch mehr." Nachdem Herder auch an Hexne seinen Entschluß, den Ruf nach Weimar anzunekmen, eröffnet hatte, schrieb dieser ihm in der trübsten Stimmung über den Tod seiner ersten Gattin, unterm 3 . März t7?6. „Ihr Schreiben nimmt mir also Alles. Es hat nicht fern sollen. Und der, der das Gewirr menschlicher Thorheiten durchschaut, wird cs wissen, warum? Indessen für mich, Adieu mit allem, was meiner Seele noch eine Feder hatte ansctzen können , diesseits des Grabes zu stiegen. Indessen übereilen Sie nichts in Beziehung auf Göttingen, Sie stellen sich alles gefährlicher und schwarzer vor, als es ist. Nichts ist gegen Sie angeführt, alS: man könne Sie keiner Ketzerei) zeihen; man verstände Sie auch nicht genug dazu; Sie hatten auch noch keine eigentlich dogmatischen Schriften geschrieben; einige Sätze kämen vor, die nuder die symbolischen Bücher liefen rc." — Alles Zureden war jedoch vergeblich und Herder war für Göttingen, durch Ungeschichte Leitung, nun einmal verloren. Aber auch zu Weimar erhoben sich Anstände gegen seine Anstellung. Ein Geistlicher der dortigen Stadtkirche hatte bereits von zwei) Regierungs-Mitgliedern die General - Superintendur zugesagt erhalten ! Nun wurden also Gerüchte in der Stadt verbreitet l r88 Herders Leben „der neue General-Superintendent seve kein Geistlicher; könne nicht predigen; glaube nicht an Ebri- stum rc. >c." — Auch der Weimarer Stadt-Rath, der das Recht besitzt, den General-Superintendenten als Ober-Pfarrer zu wählen (beyde Stellen sind in ökonomischer Hinsicht vereinigt) bestand wenigstens darauf, daß der neue Ober-Pfarrer zuerst nach Weimar kommen und predigen solle; damit man ihn erst kennen lerne. Die Unterhandlungen darüber verzogen sich vom Marz 1776 bis in den Monat Juny, wo denn in Weimar entschieden wurde: daß Herder keine Probe-Predigt zu halten, sondern auf Michaelis sein Amt daselbst wirklich anzutrcten habe. In dieser schweren, den Kampf des Abschieds von Bückeburg vorbereitenden Zwischen - Zeit, sank auch der gute Genius der Herdcrschcn Familie, die Gräfin Maria, an einer schnellen Auszehrung ins frühe Grab! — Fast unerwartet, für ihren Gemahl, dem sic ihre Leiden sorgfältig zu verbergen wußte, aber von Herder und seiner Gattin, mit unterdrücktem Schmerzgefühl schon ein halbes Jahr vorausgesehen! Sie starb am 16. Juny 1776 und wurde auf dem Landsitz Zum Baum feierlich beyge- setzt. Herder sprach an ihrem Grabe das Gebet, das in seinen Werken zur Religion und Theologie abgedruckt ist. Ihr Grabmal, mit der Jnnschrift vom Grafen versaßt, steht abgcbildct in Theod. Schmalz Denkwürdigkeiten des Grafen Wilhelm. Hannover »788. Die Jnnschrift ist auch in den „Erinnerungen" abgcdruckt. Im Sommer 1776 wurde Herdern sein zweiter Sohn, August, gebohrcn; und fünf Wochen nach- in Bückeburq von 1773 bis 1776. 189 ber schickte er sich mit seiner Familie zur Abreise von Bückeburq nach Weimar an. Dcr Graf, der durch den Tod seiner Gemahlin in den berlagens- werthcstcn Zustand versetzt wurde, entließ Herdern achtungsvoll und mit gegenseitig tiefer Rührung. Er folgte seiner Gemahlin schon im Jahr darauf am 1«. Sept. 1777 in die Welt des Lichtes! Noch im Sommer vor seinem Hinscheiden ließ er Herdern von Pyrmont aus mit seiner Equipage zu sich abholen , unterhielt sich mit ihm nur allein von der verstorbenen Gräfin und nahm für immer von ihm Abschied! — Auf der Hinreise nach Weimar, blieb Herder mit seiner Familie acht Tage zu Halberstadt bey Freund Gleim. Dieser gab seinen vollen Beyfall zur Wahl Weimars gegen Güttingen, und meinte, in genialischer Mensch könne in dem kanäasmv- nioia einer Universität, dem Sitz des Brod-Neids und der Kabalen der Gelehrten niemals glücklich leben. Er wünschte Herdern nach Klosterbergen oder nach Berlin in die Akademie. „Der Preuße Herder, meinte ec, sollte seinem Vaterlande angeboren. Diesen Wunsch hegte Gleim fortwährend und hoffc^ als guter Patriot, ihn in der Folge vielleicht noch erreichen zu können. tgo Herders Leben Herders Leben in Weimar bis zur Reise nachItalien. Vom Oktober r 7 7 6 bis August »788. Bei) finstrer Nacht, und unter dem starken Zuruf des Nachtwächters: „E ins ist N 0 th! ach Herr, dieß Eine leb re mich erkennen doch!" — zog Herder mit seiner Familie Abends 9 Uhr, am 2. Oktober 1776 in Weimar ein! Geistlicher Neid und Verketzerungssucht kanten ihm auch hier entgegen! Zwar wurde er vom Herzog und der Herzogin, so wie von der Herzogin Mutter sehr gut und gnädig, und von Gölhe, als treuer, liebender Freund ausgenommen. Auch die weltlichen.Autoritäten empfingen ihn höflich und mit Achtung, nur Key der Geistlichkeit bemerkte er eine gezwungene Unterwürfigkeit, die ihn befremden mußte und nichts gutes ahnden ließ. Alles war in Weimar' voll Erwartung auf seine Antritts-Predigt; er hatte den 20. Oktober dazu bestimmt. — Vorher aber wurde er, am i 5 . Oct. im Ober - Eonfistorium als Eonsistorial-Rach eingeführt und verpflichtet. Nach der Eides - Ablegung las ihm der Präsident ein Rescript vor, nach welchem der ersten Klasse seiner Gemeinde, die eigentlich allein seine Gemeinde ausmachte, die Wahl ihres Beichtvaters frei gegeben wurde! in Weimar von 1776 bis 1788. igi Gegen diese, den Worten seiner Dotation widersprechende, ganz das Gepräge einer einseitigen geistlichen Ehikane an der Stirne tragende Lossagung der Gemeinde von ihrem geordneten Beichtvater, äußerte er sogleich vor dem ganzen Collegium dem Präsidenten seine befremdende Empfindung; worauf ihm dieser antwortete: Der Ausdruck in der Dotation : „auch hörct ec die Beichte derjenigen von der ersten Klasse," seye dahin zu verstehen : „w 0 f e r n s i e n ä m l i c h i h m b c i c h- ten wollten" und drückte also damit dem Verfahren gegen ihn, den schon bezcichneten Stempel einer Ehikane noch deutlicher auf! — Noch an demselben Tag schrieb Herder darüber an den Herzog und an Gcthe: „daß er unter dieser Kränkung, indem man ihm damit seine Gemeinde nehme, sein Amt nicht antreten werde." — Der Herzog und Göthe waren zufällig nicht in der Stadt, und der erste Geheime Math, der das Ganze absichtlich so veranstaltet zu haben schien, wollte es auf das Aeußcrste entkommen lassen; allein Herder blieb standhaft auf seinem Entschluß, bis endlich, noch am Sonnabend Nachmittag um 4 Uhr, wo Herder am andern Tage seine Antritts - Predigt halten sollte, die herzogliche Resolution erfolgte: „daß seine Gemeinde bey ihm als ihrem Beichtvater bleibe." — Seine hierbey bewiesene Festigkeit wurde bekannt und erwarb ihm bey einem großen Thcil des Publikums Hochachtung; bey Manchen aber auch den unverdienten Vorwurf eigennütziger Psafferey! 192 Herders Leben Mit etwas angegriffenem Gemükh hielt er nun am folgenden Morgen seine erste Predigt. Die Kirche war gedrängt voll und der Eindruck allgemein überraschend! Man hatte unter dem Volke verbreitet, er könne nicht predigen. Nun horte man nur eine Stimme des Sieges der Wahrheit. Dem ungeachtet unterließ der geistliche Neid nicht, die absurdesten Sagen über sein öffentliches Benehmen selbst bis nach Berlin zu verbreiten, wo man sich erzählte: Herder reite nach jeder Predigt dreymal um die Kirche in Weimar herum und dann zum Thor hinaus! Er selbst schrieb an Hartknoch, zu dem ähnliche Gerüchte gelangt waren: „Glaube solchem Geschwätz nicht, lieber Harrknoch! oder schreibe mir'S wenigstens nicht; von meinen Predigten in Stiefeln und Sporn, in galonirtcn Kleidern rc. wer wird da nur eine Feder ansetzen um zu widerlegen! Ich lebe im Strudel meiner Geschäfte, einsamer und zurückgezogener als ich in Bückcburg nur gelebt habe und stehe in Doktor Luthers Priester-Rock und Chorhemde, wo die andern stehen." — Den ersten Winter seines Aufenthalts in Weimar widmete Herder größtenthcils der näheren Bekanntschaft mit seinen Amrs - Geschäften. Eine fünfjährige Sedisvakanz hatte die Stelle um ihr altes Ansehen, aber auch um mehrere Geschäfts-Zweige und Einkünfte gebracht. Zur Wieder-Erwerbung dieses Verlustes konnte er nur allmahlig und nur unter verdrießlichen Kämpfen gelangen. Alle Kirchen - und Schul - Einrichtungen waren damals auch in Weimar, wie bcynahe überall, gering in Weimar von 1776 bis 1788. rgL gering geschätzt; der geistliche Stand und dessen pedantische Stuben - Gelehrsamkeit häufig gegen den kräftigen Naturzustand des Jägers oder Soldaten verglichen, lächerlich gemacht. Daher auch Herder, den man anfangs für einen leichtsinnigen Weltmann hielt, zu diesen Ansichten umgestimmt werden sollte. Allein er blieb seinem geistlichen Beruf, seinen Grundsätzen über Moralität, Religion und Wissenschaft, und den dafür gegründeten Erziehungs-Anstalten unerschütterlich getreu. Seine Amts-Geschäfte bestanden in den gewöhnlichen Verrichtungen eines Predigers und Beichtvaters und nebenbcy in einer höchst unangenehmen Revision einer beträchtlichen Anzahl von Kirchenrechnungen seiner Diöces. Beynahe täglich mußte er die Beschwerden der Geistlichen und Schullehrer anhören, ohne sogleich helfen zu können. Bon der ganzen Staatshaushallung mußte er sich genauere Kenntniß verschaffen, um so manchfallige Klagen beurtheilen zu können, und so wenig Talent er für solche Geschäfte in sich fühlte, so hielt ihn doch der Gedanke dabey aufrecht und thätig, daß er hier so manchem Gedrückten nützlich seyn könne l Die Landgcistlichcn überzeugten sich auch sehr bald von seiner Gcccchtigkeitsliebe und von der Billigkeit seiner Aussprüche. Im Eonfistorium, wo er Sitz und Stimme hatte, war aus der veralteten, ihrer Falten wegen noch geehrten Form, der Geist längst entflohen! — Seine College» hielten ihn für einen gefährlichen Hcrders W.z. Phtt. u. Gesch. XVI. N Neuerer, und bekämpften jeden siincr Versuche zu Verbesserungen in Schul- und Kirchcnsachen mit Eigensinn und Vorurtheil, als unausführbar! Sechs Stimm.su hatten sich meist schon gegen ihn einverstanden, wenn er mit seiner siebenten einwirkcn wollte. Sein Epigramm „auf das Erucisix im Con- sistorialsitzungszimmer in Weimar zeugt von seiner damaligen, unmuthsvollen Laune und von seinen bittern Gefühlen gegen die meisten seiner Herrn Eollegen: „O du Heiliger! bleibt dir immer dein trauriges Schicksal, Zwischen Schächern gehängt, sterbend am Kreuze zu seyn? Und zu deinen Füßen erscheint das Wort des Propheten , Von der Ochsen und Farr'n feißten geselligen Schaar. Heiliger! blick' auf mich und sprich auch mir in die Seele: „Vater, vergieb! denn die wissen ja nie, was sie lhun," Wenn auch hier ein ungünstiges Geschick seinen Planen für die Verbesserung des Erziehungswesens im Anfang seindserlig entgegen trat, so suchte er allmählig durch seine öffentlichen Vorträge eine richtigere Meinung von sich, und bessere Einsichten unter seinen Gegnern und dem großen Publikum zu verbreiten. Hof und Stadt waren sehr bald auf seiner Seite, und nachdem man sich von seimn festen religiösen Grundsätzen mehr überzeugt hatte, in Weimar von 1776 bis 1788. ig 5 betrachtete man ihn immer mehr als eine moralische Mauer gegen die einbrechende Mvdesucht leichtsinniger ReligionSspöktcrcyen und achtete ihn daher täglich hoher. Große Einwirkung in die Geschäfte konnte er jedoch nur langsamer gewinnen und mußte sich auch hier wie in Bückeburg anfänglich mit Geduld waffnen. Wenige Monathe nach seiner Ankunft in Weimar, ward er von einem Gallensieber heimgcsucht, das eine Folge der Verdrießlichkeiten bey feinem Dienstantritt gewesen seyn mag; und nicht gehörig behandelt und radikal gehoben, Stoff zu allen seinen künftigen Beschwerden und Krankheiten gegeben zu haben scheint. Im Frühjahr 1777 befiel ihn die Gelbsucht mit Schmerzen an der Leber. Zu seiner gänzlichen Wiederqenesunq wurde ihm das Pyrmonter Bad verordnet. Dort machte er die Bekanntschaft mehrerer ausgezeichneter Personen, worunter Sturz, vorzüglich aber der Prinz August von Gotha war, durch welchen er auch auf der Rückreise dem Herzog von Gotha vorqestellt, und mit der Familie des dortigen Ministers von Frank en- bcrg bekannt wurde. Mit dem Prinzen August und mit der Frau von Frankenbcrg entspann sich in der Folge ein engeres Frcundschaftsband. In Weimar wurden damals, dem jungen herzoglichen Ehepaar zu Ehren, durch die Herzogin Mutter Amalia, und unter Mitwirkung Göthe's, von Knebel's und Sigmunds von Seckendorf, kleine N 2 296 Herde cs Leben Feste, Conccrte, Schauspiele, Vorlesungen und andere gesellschaftliche Unterhaltungen veranstaltet, woran auch Herder meist Anthcil nahm. Die junge, ernste Herzogin Louise, (geborne Prinzeßinn von Darmstadt) hörte Herders unterrichtende Gespräche gerne und nahm Key ihm Unterricht in der lateinischen und englischen Sprache. Sic ehrte besonders seine strenge Moralität; und das Wohlwollen dieser Fürstin, so wie der Herzogin Mutter wuchs mit jedem Jahr. Die schönsten geselligen Abendstunden fand man damals gewöhnlich bey der Herzogin Mutter, die geistvolle Männer gerne um sich her versammelte. Vorlesungen aus alten und neuen Dichtern der Griechen und Italiener, oder von Shakespeare, Lcs- sing, Göthe, Wieland, Herder, Einsiedel und Knebel, auch zuweilen Gespräche über Kunst, Literatur und Politik, gaben Stoff zu diesen interessanten Abendunterhaltungcn. Verständige Männer konnten hier, auch über die Weltbegcnheiten, ihre politischen Meinungen, Bemerkungen, Hoffnungen und Besorgnisse, so sehr sie auch damals schon von einander abweichend waren, mit anständiger Offenheit äußern. Auch auf ihren Sommerlandsitzen zu Ettersburg und Tieffurt sah die vecwittweke Herzogin häufig dergleichen belehrende und unterhaltende Vereinigungen ausgezeichneter Männer. In jedem dieser kleinen Eickel bezeugte sie gegen Herder eine besondere Achtung und ein unumschränktes Vertrauen in seine Urthcile, so wie in seinen Charakter. in Weimar von 1776 bis 1788. i.97 Beyde Herzoginnen nahmen auch an seinen häuslichen Freuden und Leiden vielen Anthcil; und der junge regierende Herzog selbst gab ihm öftere Beweise seiner wohlwollenden Gesinnungen: so daß diese angenehmere Seile seiner Verhältnisse ihm Aufmunterung und Ersatz gewähren mußte, für so manches Unangenehme, das er im Wirkungskreis seiner Amtsvcrrichtungcn zu erfahren hatte. — Unter der Zahl seiner damaligen Freunde in Weimar, (Göthe war mehrere Jahre abwesend, in Italien,) stand Wieland oben an, dessen gutmüthige Seele sich sehr bald an Herder, so wie beydcr Familien, sich herzlich an einander anfchlosscn. Kamen auch hier zuweilen Mißklange vor, so waren sie nur von kurzer Dauer. Beyde achteten sich als Männer von eigcnthümlichem Werth, zu sehr, als daß sie nicht bcy aller Verschiedenheit der Ansichten , sich dennoch als hervorragende Naturen einander geistig verwandt erkannt halten. Wieland ward aber auch Hausfccund Herders im engern Sinn: wo dieser, ohne alles Vermögen, in den ersten Jahren zu Weimar zuweilen in peinliche Geldverlegenheiten gericth, da wußte jener, durch kleine Anlchen wohlthätig auszuhelfcn. Unter die übrigen beynahc täglichen Gesellschafter und Freunde Herders gehörte vorzüglich: Baron von Knebel aus Anspach, der damals am Wei- mar'fcheu Hose lebte, und angenehmes Dlchtcrta- Icnt mit edlem Charakter und liebenswürdigen Eigenschaften in der Gesellschaft verband, ferner Graf Görz, der Erzieher und Reiscgcscllschafter des 19b Herders Leben jungen Herzogs Kurl August, nachheriger Hofmeister der jungen Herzogin Louise, bis er in seine größere diplomatische Laufbahn cintrat; und Bergrath von Einsiedel, als gelehrter und origineller Kopf bekannt, der Hcrdern vorzüglich in den ersten Jabren seines Lebens in Weimar, durch geistreiche und vertrautere Unterhaltungen, besonders über seine Lieblingswissenschaft, die Chemie, deren neuere Entdeckungen ihm bekannt waren, aufmunterte und sich gleich jenen, bis zum Grabe als Herders treuer Freund bewies. Mit dem damaligen Kur-Mainzischcn Stadt- Halter zu Erfurth, nachherigen Fürsten Primas und Großherzog von Frankfurt Karl Theodor von Dalberg, kam Herder um diese Zeit in freund- schaft'ichen Briefwechsel. Unter vielen Freundinnen des Hcrder'schen Hauses in Weimar, zeichnete sich Fraulein von Vo Igstadt, Verwandte der Frau von Beschefcr zu Bückeburg , bey allen häuslichen Vorfällen hülfreich- theilnehmcnd aus. Von den Amtsgenossen Herders, schlossen sich schon in den ersten Jahren: Stiftspredigcr Weber und der nachherige Eonsistorialrath Günther, den Herder als seinen Zögling anschcn konnte, naher an ihn an. Diese waren beynahe die Einzigen, denen er sich über Theologie und Amtsgcschafte offen mittheilen konnte. Beyden suchte er seine Grundsätze und sein Streben: „Für das Ganze tha- tig zu seyn" immer mehr einzuflösen; auch sind in Weimar von 1776 bis 1788. 199 beyde ausgezeichnet thatige Männer in ihrem Berufe geworden. Bey einem schweren Anfang im eigentlichen Beruf, fand Herder in seinen übrigen Geistesarbeiten, in seinem innern Genius, der ihn stets zum Fortschreiten nach einem höheren Ziel an- trieb, Aufmunterung und Trost. In diesen Beschäftigungen und in dem Umgang mit Gattin, Kindern und Freunden, fand er sein stilles häusliches Glück. Wahrend dieser schönsten Blüthe seines Lebens, in den Jahren 1778 und 1779 unternahm er nun auch die wirkliche Ausführung eines sehr glücklichen früher schon gehegten und gepflegten Gedankens: die originellsten und beliebtesten Lieder verschiedener Na- ti >en, mit jener ihm eigenen Treue und Lebendig- ke> in unsre Sprache zu übertragen und herauszugeben. Der erste Theil dieser Volkslieder, kam im Jahr 1778 und der zweite Theil im folgenden Jahr im Druck heraus. (B. 24. Stimmen der Völker in Liedern.) Der nachmalige Königl. Preußische Gesandte Siegmund von Sckendorf, fetzte mehrere dieser Lieder in Musik. Als unbestochnes Urtheil über diese Volkslieder mögen hier die Worte A. W. Schlegels stehen: „Herder hat die Volkslieder der verschiedensten Nationen und Zeitalter mit gansticher Reinheit von aller Manier und poetischem Schulwesen, jedes treu in feinem Charakter übertragen. Diese Sammlung, wo die eigensten Naturlaute mit allseitiger Empfänglichkeit her- ausgkfühlt sind, ist einzig in ihrer Art." 200 Herders Leben Auch seine „Lieder der Liebe, die ältesten und schönsten des Morgenlandes, ncbst 4 4 alten Minnelicd ern," womit er das mißkannte, durch Allegorien und Mystik so verunstaltete Lied Salomonis, in seiner kindlichen Naivität, Zartheit und Unschuld darstellte, zugleich aber auch den süßesten Liedern Anakrevns und Eatulls und den noch süßern der Sakontala an die Seite setzte, und damit den Verehrern der Bibel und folglich wohl auch den Theologen, einen wesentlichen Dienst erzeigte, so wie seine „Bemerkungen und Träume vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele." (B. 8. Seele und Gott, pag. 4 — 92.) und seine „Plastik: einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Traume." (die ,cdoch größtenthcils schon in den Jahren 1768 — 70 geschrieben waren, B. 27. über römische Literatur, pag. 282-347.) kamen im nervlichen Jahr heraus; ferner wurde ihm in demselben Jabr von der Baierischen Akademie der Preis für die Schrift zuerkannt: Von der Wirkung der Dichtkunst auf die Völker. (B. 25 . Blumenlese, pag. 36 r — 464.) Im Jahr 1779 schrieb ec „Maran- Atha; das Buch von der Zukunft des Herrn" (oder die Offenbarung Johannes) und erhielt im nemlichen Jahr zum drittenmal den Preis der Berliner Akademie für die Schrift: Vom Einfluß der Regierung aufdie Wissenschaften und der Wissenschaften auf in Weimar von 1776 bis 1788. 2e>, die Regierung. (B. 7. Postscenien, pag. 261 — 400.) Bey dieser Gelegenheit gab ihm die Berliner Akademie, die ihn gerne zu ihrem Mitglieds gehabt hätte, den vertraulichen Wink, sich deshalb an den König zu wenden. Allein sein Gefühl widerstrebte dem eigenen Nachsuchen um eine solche Gnade; es unterblieb daher bis zum Jahr 1787 , wo ihm unterm 23 . August die Akademie das Diplom ungesucht übersendete. Am rv. Fcbr. 1789 wurde er auch in die dortige königl. Akademie der Künste und mechanischen Wissenschaften als Mitglied ausgenommen. In den Jahren 178» und 1781 schrieb er die Briefe: Ueber das Studium der Theologie, in zwei) Banden, und um diese Zeit erhielt er auch von der Münchner Akademie zum zweitenmal den Preis für die Schrift: Von dem Einfluß der schönen, auf die höheren Wissenschaften (B. 26. Blumenlese x. 887 — 36 o.) Der edle Geist, der in dieser Schrift athmet, verdient allgemeiner Geist zu scyn; denn cs gibt kein schöneres Ziel für Wissenschaft und Kunst: als, „daß der Geist hell, die Phantasie wohlgeordnet, der Ausdruck durch Wahrheit schön, geschmückt durch Einfalt werde, daß aber vor allem in ihnen der Sinn sich bilde, die Menschheit überall zu lieben und ihr wahres Gute zu befördern!" — Die Bekanntschaft Herders mit dem jungen Georg Gottfried Müller von Schaffhausen, seinem nachmaligen Freund und Herausgeber eines 202 Herders Leben Thcils seiner Schriften und der Gattin Erinnerungen aus seinem Leben, dem Bruder des Johannes von Müller, fallt ohngefähr in diese Zeit. Der junge Müller hatte im Jahr 1780 eine Fußreise von Got- tingcn nach Weimar gemacht, um Hcrdern dort zu sehen, ihn über seine Studien um Rath zu fragen, dessen Schriften ihn schon zwey Jahre vorher wunderbar angeregt, und seinem Geist einen ganz neuen Schwung gegeben hatten. „Herder empfing mich freundlich, erzählt Müller selbst, und bald kam die Rede auf meine Studie». Ich fragte ihn über verschiedenes um seinen Rath. Ein heiteres Lächeln verklärte sein Gesicht, er stund auf, holte aus einem Schrank ein Buch, gab mir's und erbot sich mir, über alles zu schreiben, was ich weiter zu wissen wünschte. Es war der erste Theil der Briefe über dasStudium der Theologie, worinn er so schon und auch noch für die jetzige Zeit so wahr und treffend sagt: „Es bleibt dabey, das beste Studium der Gottesgelehrsamkeit ist das Studium der Bibel, und das beste Lesen dieses göttlichen Buchs ist menschlich." — Nur eine Stunde vorher hatte er dieses erste Exe m- plar von dem Verleger erhalten; und es mußte ihn sehr freuen, gleich in der nächsten Stunde einen Jüngling zu finden, für den es, so zu reden, eigens geschrieben war und der es gewiß mit Lcrnbegierde und mit dem herzlichsten Dank von seiner Hand empfing. Alle Fragen, die ich an ihn thun wollte, und noch viel mehr, waren darinn voraus beantwortet. Wie mir zu Mulhe war und meine Empfindungen dabcp, drückt Klopstocks Ode an Vodemer: „der in Weimar von 1776 bis 1788. 2o3 die Schickungen le nkt," ganz aus. — Von dieser Stunde sienq sich unsre Freundschaft an, und wurde noch ester begründet, als ich den ganzen Winter von 1781 auf 1782 in seinem Hause in Weimar lebte. Ewig unvergeßliche Tage! wo Herder auch meinen Bruder Johannes kennen leinte, der mich von Cassel aus besuchte." Dieser schrieb gleich darauf von Cassel, mit lebhaftem Dank-Gefühl an Herder: „Es ist unnöthig, Ihnen meine Gedanken über Weimar zu sagen, denn Sie haben sie gesehen, was aber nicht möglich war zu sehen, ist mein Schmerz, daß ich Sie, daß ich Ihre Frau, ja Ihre Kinder verlassen mußte-. Nie hat mich in einem Hause so alles eingenommen, und ich sah nie eines in diesem Grad für erste und fröhliche Augenblicke so gleich gut gestimmt, nie einen Gelehrten, d.r so ganz gewesen wäre, wie der Weise scyn soll und wie der Verständige zu seyn wünscht." — Dieses doppelte Freundschaftsband mit den beyden edlen Brüdern erhielt sich, so lange Herder und seine Gattin lebten und hat sich auf die Kinder fortgepflanzt. Durch die Besorgung der Herausgabe seiner Werke haben bcyde Brüder gegen den Verstorbenen eine schöne Pflicht erfüllt! Herders Gattin selbst spricht von diesen Verhältnissen in den gcrührtesten und schmeichelhaftesten Ausdrücken und glaubt, daß manche unvollendete Arbeit Herders, durch Aufmunterung und Ansprache Georg Müllers, der gleichsam als der liebende und geliebte Sohn des Hauses betrachtet wurde, vollendet worden waren, wenn dieser noch in spätem Jahren Herders Leben um ihn hatte seyn können» Mit Bescheidenheit bemerkt dabey Georg Müller, daß er wenigstens zur Herausgabe des 4ten Theils der Philosophie der Geschichte, durch seine wiederholten Vorstellungen bey- getragcn zu haben glaube. Im Jahr 1782 und 83 kam der erste und zweite Theil des Geistes der hebräischen Poesie heraus. Ein Werk, worinn zwar mehr Herders, als der Hebräer Geist athmet, das aber kräftig in den Zeitgeist cingegrisftn und die Stimmen frivoler Geister verstummen gemacht hat. Zu seiner Erholung gieng er hierauf im Frühjahr 1783 über Halbcrsiadt zu Freund Claudius nach Wandsbcck, und machte persönliche Bekanntschaft mit Klopft ock. In Braunschweig lernte er auch Jerusalem kennen und gewann dieses cdeln Mannes Herz. Bei) Claudius schrieb er, auf dessen Anregung, den ersten Brief an Friedrich Heinrich Jacobi. Von seiner Gattin heißt cs darinn, unter andern: ?„Jch habe eine Frau, die der Baum, der Trost und das Glück meines Lebens ist, selbst in schnellen fliegenden Gedanken mit mir Eins, worüber wir beyde oft erstaunen. Sie leidet in ihrer Seele nur, sofern sie mich leiden sieht; sonst ist sie die Ruhe und Thatigkcit selbst, immer voll guten Muths und sorgloser Aussicht rc. rc." Der erste Theil seiner Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit kani hierauf im Jahr 1784 heraus (B. 3 . 4. 5 .), in den Jahren 1786, 86 und 87 drep Sammlungen in Weimar von 1776 bis 1788. 2»5 der zerstreuten Blatter und im Jahr 1788 seine Gespräche über Gott. (B. 8. Seele und Gott.) Das Jahr 1788 war für Herder und seine Familie in mehrfacher Hinsicht höchst merkwürdig! Am ro. Marz erhielt er mit der Post, franko Eisenach , ein Geschenk von zweitausend Gulden Rheinisch , in Dukaten, mit einem Brief von unbekannter Hand, folgenden Inhalts: „Verwerfen Sie nicht das geringe Lpfer der größten Verehrung, vergelten Sie nicht mit Verachtung meinen guten Willen, und benehmen mir nicht den schönen Trost, daß auch ich etwas zur Beruhigung und Zufriedenheit eines großen Mannes, beytragcn konnte; halten Sie sich ja nicht für beleidiget, denn mein Wunsch und Zweck ist rein, vergessen Sie den Unbekannten, der dieses Blatt schreibt und auch die Veranlassung dazu. Sie werden nie erfahren wer ich bin; Schweigen Sie, denn ich werde ewig schweigen." Auf zwei) Adressen und im Brief selbst sind drey verschiedene Handschriften, worunter wenigstens zwcy weibliche zu seyn schienen. Weimar war auf der einen Adresse: „Waimar" geschrieben; der Umschlag war stark abgenützt, als wäre er viel weiter als von Eisenach hergekommen. Man kann denken, welchen freudigen Eindruck dieses unerwartete und bedeutende Geschenk bey der 2«6 Herders Leben Familie Herber gemacht haben mag, denn es kam zur glücklichen Stunde! Einige drückende Rückstände wurden sogleich bezahlt, die theils durch die ersten Einrichtungs-Kosten in Weimar, theils durch außerordentliche Ausgaben Key öfteren Krankheiten und Badereisen verursacht worden waren. Herders damalige Dienststelle wurde zwar auf 2noo Reichsthaler angeschlagen, allein sie trug im Durchschnitt doch nicht mehr als jährlich etwa 1200 Thlr. cs wurde ihm daher schwer ins Gleiche zu kommen. Den ungenannten Freund und Wohllhater konnte die Familie nie in Erfahrung bringen. Bey Hof und Stadt erregte dieses glückliche Ereigniß allgemeine Teilnahme, und es scheint selbst auf die, wenige Tage darauf erfolgte gnädige Entschließung des Herzogs einigen Einfluß gehabt zu haben; indem dieser, mittelst Handbillcts vom 20. Marz Hcrdcrn die Versicherung zugehen ließ: daß er von jetzt an eine jährliche Zulage von 3 no Nlhlr. aus der herzoglichen Ehatoulle zu erheben habe. — Und nur wenige Wochen nachher, als Herder eben durch den Tod eines seiner Kinder, des nur ilZ Wochen alt gewordenen kleinen Karl Alfred, und überhaupt durch so manches Unbefriedigende in seiner Lage zu Weimar, in die traurigste Gemüths- Stimmung versetzt worden war, erhielt er die ganz unerwartete Einladung des damaligen Domherrn zu Worms und Speyer, Freyherrn Friedrich von Dalberg, Bruder des Eoadjutocs von Mainz, in seiner Gesellschaft eine Reife nach Italien zu machen ! — in Weimar von »776 bis 1788. 207 Dieser Antrag mußte ihm höchst willkommen feyn! Italien zu sehen , war nicht nur Gemüchs - Erheiterung, es war Bedürfnis für ihn und der schönste Wunsch seines Herzens von'Jugend auf! —> Der Herzog gab ihm dazu gerne einen unbestimmten Urlaub. Im Juny 1788 kam Göthe, nach einer zweijährigen Abwesenheit aus Italien zurück, stnd Herder reiste am 6. August desselben Jahrs von Weimar dahin ab! — Ehe wir ihn jedoch über die Tyrolec Gebirge in dieses klassische Land begleiten, möge eine kleine Episode hier noch erlaubt seyn, die von der großen Achtung zeugt, in welcher Herder schon damals in ganz Deutschland stand; und zugleich zu merkwürdigen Vergleichungen Anlaß gibt: was deutsche Fürsten im Jahr 1788, im Einverständnis mit deutschen Gelehrten, auf das mit ihrem eigenen Wohl innigst verwebte Wohl ihrer Völker zu wirken hofften, und was man dagegen heutzutage von den Gelehrten befürchten zu müssen glaubt! — Der edle und unvergeßliche Markgraf Karl Friedrich von Baden, der mit Herder schon früher, bey seiner ersten Anwesenheit in Karlsruhe mündlich st'ne Gedanken über bürgerliche Einrichtung, Freiheit und Gemeingcist der Völker ausgewcchselt hatte; unterstützt von seinem würdigen Minister, Freyherrn Wilhelm von Edclsheim und seinem genialen Geheimen Math Schlosser, wollte zur Zeit der Errichtung des deutschen Fürstenbundcs, eine seiner Lieblings-Ideen zur Ausführung bringen: durch 203 Herders Lebe» eine nä h e r e V e r b i n d u n g der aufgeklärtesten Gelehrten Deutschlands, unter den Auspicien der erhabenen Vorsteher einzelner deutscher Staaten, auf den Gemeingeist ihrer Völker einzu wirken; in der innigen Ueberzcugung, daß nur allein von der Erhaltung und Beförderung eines guten Gemcingei- stcs auch die Erhaltung und Befestigung der Throne und des großen Staaten - Verbands abhange! — Zu diesem schönen Vorhaben Karl Friedrichs hatte Herder vor seiner Reise nach Italien und auf Veranlassung dieses vortrefflichen Fürsten, einen Plan entworfen, der, nach seinem Tode gedruckt, unter „den Früchten aus den goldnen Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts." (B. 28. x. 5o3 — 523.) mit der Aufschrift: „Idee zum ersten patriotischen Institut für den Allgemeingeist Deutschlands" in seinen gesammelten Werken ausgenommen worden ist; und worüber auch der, in diesen deutschen Fürsten- und Gelehrten-Bund mit hineingezogene Johannes von Müller, in seinen Werken (Theil XVI. x. 3,5.) gewichtige Worte spricht. Unterm 3o. Juny 1788 schrieb Markgraf Karl Friedrich hierüber an Herder folgendes: „Mein Lieber Herr General - Superintendent! Ich habe Ihnen viele Entschuldigungen zu machen , daß ich Ihnen so spat für die schöne Ausarbeitung der Ideen zum ersten patriotischen Jnstitutfür den Allgemeingeist Deu tsch- lnds in Weimar von 1776 bis »788. 209 lands meine Danksagung abstatte. Die Verhinderungen waren von verschiedener Art und liegen zum Thcil darin, daß man sich mit verschiedenen Personen über den vorliegenden Gegenstand besprechen mußte, um die Meinungen zu vernehmen, ob und wie die Sache ins Werk gesetzt werden könnte. Daraus entstand beiliegender Plan einer Vorbereitung zum Ganzen, welchen man nöthig fand, um die Geister zu prüfen, und sie, nach Graden, zu dem von Ihnen entworfenen vollständiger!!, h er a u fz u st im me n. Ihre Meinung darüber wird einem Jeden, der daran Lheil hat, und mir insbesondere von Wichtigkeit sevn. Ich verbleibe mit vieler Hochachtung Ihr wohlaffeckionirker Carl Friedrich, Markgraf zu Baden, Karlsruhe den Iuny »788. Dieser weitere Plan, so wie ec in den Erinnerungen Theil II. pag. 282 —289. abgedriickt ist und sehr beherzigungswerthe Bemerkungen enthalt, gehört nicht hieher; verdient aber, so wie die schön aufgefaßte Idee überhaupt, die wahrscheinlich nur, wegen der bald darauf ansgebrocheNeN französischen Revolution, damals nicht verfolgt werden konnte, Herders W. z. Phil, u, Gisch. XVl« D /der-ler.e Xeörn, Stk) Herders Leben. von dem künftigen Geschichtschreiber Karl Friedrichs genauer erörtert und gewürdigct zu werden. Nur so viel, dient hier noch zur Beurtheilung des durchdachten Plans, daß die größeren deutschen Fürsten eine Auswahl von 8 — io Gelehrten Deutschlands zu treffen, bereits die Absicht ausgesprochen hatten, die als erste Stifter des Unternehmens sich voranstellen sollten; und zu diesen wurden in dem Plan als geeignet vorgeschlagen: aus dem Brandenburgischen: Garvc, von Göcking oder Engel; aus Sachsen: Herder und Wieland; aus Hannover: Spittler oder Lichtenberg; aus der Pfalz: Jakobi von Düsseldorf; aus Mainz: Johannes Müller; aus Fulda: von Bibra; ferner: Friedrich Graf von Stollberg, Kleriker von Osnabrück, Voß, Bürger und Meusel. Einer davon sollte sich mit der ersten Einleitung beschäftigen. „Niemand, heißt es am Schluß dieses Plans, scheint dazu in allem Betracht besser geeignet zu seyn, als Herr General-Superintendent Herder, wenn derselbe diese Mühe übernehmen will; und wenn dieser die Gesellschaft zusammen beruft, wird jeder gerne einer Unternehmung beytretcn, deren Gedeihen, ein solcher Mann, sich zum Geschäfte macht." Reist nach Italien von 1788 bis 1789. irrt Reise nach Italien vom 6. Ztugust >788 bis 9. Zuly 1789. In der Gesellschaft des edlen Domherrn Friedrich von Dalberg, dieses durch vielseitige Talente ,*) Kenntnisse und Geschmack, allgemein bekannten und geschätzten deutschen Marines! Mußte eine Reise nach Italien, unserm Herder iM schönsten RöseNlichte erscheinen! Stets verdankte er diesem zartfühlenden Freund, ihn in das Land seiner Zugendsehnsucht geführt, Und ihn dort gtoß- mülhig unterstützt zu haben! — Nur ein küunigtes Weib, als Reifegesellschafterin, konnte ihm den schönen GeNuß des italienischen Himmels eine Zeitlang Verkümmern, und verursachte zuM großen Verdruß Dalbergs und Herders, kitte Trennung der Gesellschaft, auf der Hälfte des Weges, in Nom! Dafür beschied ihm ein Zufall das Glück, von der Hand einer würdigeren Repräsentantin ihres Geschlechts, der verwittweten Her- *) Wer kennt nicht die von ihm fü ergreifend Und genialisch in Musik gesetzten Herderischen Lieder! „Die sch Western des Schicksals" Und „der Gewinn des Lebens?" (8Z, 3i» Pag. t»7 und 3i, O L 212 Herders Leb e n. zogin Amalla von Weimar, die auch damals eine Reise durch Italien machte, durch Aufnahme in ihr Reisegefolge, für jene Unbilde auf eine höchst angenehme Weise entschädiget zu werden. Bon dem Augenblick an, wo Herder sich von Dalberg trennen mußte, hatte er seinen täglichen Tisch bcy der Herzogin und begleitete sie nun zu allen Sehenswürdigkeiten, was ihn nichts kostete: und so konnte er seine übrigen Bedürfnisse leicht ans eigener Kasse bestreiten. Aber auch die Herzogin gewann durch seine Gegenwart; ihr Aufenthalt in Italien mußte durch Benutzung seiner Kenntnisse für sie um so angenehmer und belehrender werden. Von diesem Zeitpunkt an, war auch das Wohlwollen dieser vortrefflichen Fürstin gegen Herder noch fester begründet. Hier hatte sie täglich Gelegenheit seinen Werth mehr schätzen zu lernen, und blieb ihm von nun an mit zarter Anhänglichkeit und großer Achtung bis zum Tode ergeben. Herder war nie so glücklich, so gesund, s» heiter und so jovialisch, als während seines Aufenthalts in Italien und besonders, zu Neapel. Nur einmal, erzählt Geheimerath von Einsiedel, der vom Gefolge der Herzogin war, als er mit Herder allein im Wagen, von Pausilippv aus, nach Poz- zuoli, Bajä, Euma rc. bcym schönsten Wetter und voll vom Eindruck der prächtigen Natur, zurückgc- fahren sepe, habe Herdern auf einmal eine solche schwermüthige Stimmung befallen, daß er selbst für seine Gesundheit einige Zeit in großer Besorg- niß gewesen sey. Reise nach Italien von 1788 bis 1789. 2r3 Der Abschied von Weib und Kindern, deren er damals sechse am Leben hakte, ein Sohn Rinaldo, kam erst im Jahr 1790 nach, scheint besonders von Seiten seiner Gattin, einen schweren Kampf gekostet zu haben; — wie aus seinen ersten, in kindlich treuem liebevollem Ton geschriebenen Briefen hervorgeht. Von Weimar bis Augsburg, wo er mit Dalberg zusammentrcffcn sollte, reiste Herder allein, mit seinem treuen Diener Werner. Der Weg gieng über Erfurkh, Bamberg, Erlangen, Nürnberg und Anspach, wo er Uze ns persönliche Bekanntschaft machte. Von Augsburg aus schrieb er am 24. August an seine Gattin: „Heute ist der Tag unsrer Verlobung im Geist, da ich dir den ersten Brief brachte! Ich habe dich tausend, tausendmal lieber, als da ich dir ihn zitternd gab; 0 glaube mir, du Vielgeprüfte, gute, lieb- und aufopfcrungsreiche Helden - Seele! Du hast mich zu allem gemacht, hast seitdem für alles gesorgt und dich für mich auf tausendfache Art hingegebcn! Und was habe ich dir gethan? Und wie kann ich's dir vergelten? Sorge für dich und die Deinen, schone deiner Gesundheit und wir werden, ich bin's gewiß, wie meines Daseyns, ein neues bräutliches Leben führen, ja glücklicher als das alte war: denn wir sind weiser und am Ende doch auch besser geworden. Ich fühle es ganz, daß unsre kurze Trennung ein wahres Geschenk ist, das uns die ewige Güte zuwandte. Reiß alle Zweifel aus deinem Herzen, und sey mit deiner guten, starken Seele bey mir, mit 214 Herders Leben. deiner lieben, süßen Gestalt vor mir und zn meiner Seite, Amen!" Am Montag den 25. August um Mitternacht schrieb er weiter: „Auf einen Brief von dir hoffte ich heute nicht, weil ich hörte, daß die Post erst Dienstag ankomme. Gegen Mittag trat jedoch Werner mit deinem — und der Kinder Briefen vor mich! Welch vergnügtes Mittagsmal ich gehabt habe, kannst du nicht denken Ich danke dir, und auch den vier Kindern für jede Zeile, an Augusts Geburtstag, zu meinem Geburtstag und zu Adel- berts Geburtstag geschrieben, und küsse euch alle im Geist, ja ich habe euch hundertmal geküßt. — Ihr Lieben werft mir Kranze zu, und du weißt sie mit einer Genauigkeit und Liebe, wie eine Griechin, die du auch bist,*) zu werfen! Schlafe wohl, liebes Herz, schlaft wohl ihr Sprvßlinge unter dem Palmbaum der Mutter!" — Am nemlichen Abend war Dalberg in Augsburg angekommen, und nun wurde noch tief in die Nacht hinein geplaudert. Am folgenden Morgen brachen unsre Reisenden von Augsburg auf, und schon am 29. August schrieb Herder an seine Gattin von Jnsbruck auS; *) Sie hatte eine liebliche griechische Gestalt, „Blququgigt, wie das Himmelszelt, Gin schwebender Engel auf dieser Wett, " beschrieb sie Jemand im Jahr 1773. Reise nach Italien von 1788 bis 178g. 2,5 „Mir wird sonderbar enge umtz Her;, da ich immer weit» von dir rücke und in wenigen Tagen nun Deutschland hinter mir sehen werde. Doch meine Wünsche sollen und werden auch über die Alpen fliegen und du wirst bey mir scyn, mich ermuntern und starken, wie uyd wo ich auch lebe." „Unsre Reise hat sich nun freilich ganz verändert. Sonst war ich frei, jetzt bin ich's minder, indessen wie sich in einem Sack alles zusammen rüttelt und schüttelt, so auch hier. Unser erster Reisetag war regnigt und unangenehm; das Wetter klarte sich aber am folgenden Tage auf und heute ist ein entzückender Morgen gewesen. O was Tirol für ein schönes Land ist! prächtige Berge, gutherzige , naive Leute. Hier in Jnsbruck schon ei« halb italienischer Himmel, wirklich schon blauer, als wir ihn dort zu sehen die Ehre haben. Der Znn ist ein prächtiger Strom, und macht die schönsten Gegenden, Amphitheater von Felswänden, lachende Wiesen, Felder voll welschen Korns:c. Aber, die Regierung, Verfassung und Einrichtung! — O weh! — Unter den «Ilten tiroler Grafen muß das Land einzig und glücklich gewesen seyn. Die Zeiten kommen aber nicht wieder! — Noch einmal, an Deutschlands Grenze, von Bozen aus, am 1. Scpt. schrieb Herder, an alle seine lieben Kinder: Gottfried, August» Wilhelm, Adelbert, Louischen und Emil in dem Tone des liebenden Vaters, der sich zu dem Fassungsvermögen der Jugend, so gcmüth- lich und belehrend herabzustimmen verstand; auch wird Herders Leben. damit ein freundliches Licht über das Gemälde des Mein, ncs verbreitet, dessen Lebenszüge so vielseitig anziehend, so nachahmungswürdig sind! — „Ich bin jetzt noch an den Grenzen Deutschlands, und habe die großen Tiroler - D^rge beynahe zurückgelegt. Es sind hohe Berge; auf einigen war viel Schnee, und die sogenannte Pforte oder Klause, dadurch man nach Tirol kömmt, ist besonders wild, schön und prächtig. Auch die M a r- 1 iNSwa n d sind wir vorbeygekommen , wo Kaiser Maximilian sich verflieg, und haben in Jnsbruck mitten in der Kirche ein sehr schönes Monument auf ihn gesehen, davon ich Euch mündlich erzählen werde, Jetzt bin ich nun in Bozen, wo heute eine unsägliche Menge Volks ist, weil ignuo Kinder gcfnmelt werden sollen, da der Bischofs in vielen Jahren nicht gefirmelt hat, weil er zu faul gewesen! — Da ist nun vor unserm Wirthshause zur Sonne ein . solcher Dbstmarkt, als ihr in eurem Leben nicht gesehen habt, . Birnen, Quetschen, Weintrauben, Nüsse, Feigen: denn hier wachsen schon Feigen- und bald werden wir auch dahin kommen, wo die Pommeranzen - und die Citronen- bäumc blühen, Auch giebt es hier schon platte Dächer, wie.es in Italien viele geben soll, wo man dann weit umher sehen kann; und die Luft ist gar sanft, warm undmilde. Auf denTiroler-Bergcn haben wir auch Gcmrli springen sehen; auch Eins in Jnsbruck gegessen lind ein zahmes gesehen, das gar niedlich war, seiner Nährerin, einer Bauersfrau überall hinfolgte. und so geschlank war, als ich euch allen zu scyn wünschte, Da wollte ich, daß Reise nach Italien von 1.788 bis 176g. 217 ihr dabey gewesen wäret, auch wünschte ich, daß ihr die Tiroler-Berge einmal sehen und fröhlich bereisen mögek. Lernet nur fleißig und führt euch gut auf; lernt auch hübsch zeichnen, denn das beklage ich sehr, daß ichs nicht kann. Es sind gar zu schöne Gegenden und tausend Wasserfalle zwischen den Bergen, die ein Strom, die Etsch macht. Ec fließt sehr schnell zwischen den Gebirgen und hat insonderheit im Bistum Bripcn schöne Baume an seinem Ufer, Pappeln, Birken und Wndenbaume. Morgen kommen wir nach Trento rc. Am Abend des 3 . Septembers kamen unsre .Menenden glücklich in Verona an. Das dortige Ampbieihcater, eines der best erhaltensten Denkmäler der Römer dieser Art, wurde sogleich besucht, so wie die übrigen Sehenswürdigkeiten die daran granzcn. ,,Verona ist sehr groß, schreibt Herder am folgenden Tag an seine Gattin: „In Absicht der Gebäude giebks, glaube ich, in ganz Deutschland nichts dergleichen. Die Gegend umher ist wohl eingebaut und schön, aber einförmig. Prächtige Trauben schlingen sich überall zwischen den Maulbeerbäumen i» Kränzen herauf, und Werner hat schon manchen vollen Raub begangen, der hier allenthalben auf den Straßen erlaubt ist. In den Wirths- .Hausern, sichts desto elender aus, ob mir gleich alles .sehr klar ist, und ich manches sogar billige, worüber andere sich quälen. Der Italiener lebt sich selbst; wir arme Nordländer leben allein für andere." Und nun folgen Ergießungen innigster Nüh- Herders Leben. 2 lF rung über die Trennung von den Seinigeu und dankbarer Anerkennung der vielen Sorgen, unter welchen er seine geliebte Gattin zurückgelassen hat, wahrend er selbst im reinsten und schönsten Genuß seiner lang ersehnten Wünsche schwelgt. Am 5. September fährt er über Verona weiter zu erzählen fort: „Gestern gierigen wir, das Theater, die Akademie und die Antiquitäten zu sehen, die M affei gesammelt hat. Die beydcn ersten Gegenstände gierigen wir leicht vorüber; unter den alten Steinen, die grvßtentheils Grabsteine und Sarkophagen sind, übernahm mich das Andenken unsrer gemeinschaftlichen Freude und Arbeit so sehr, daß ich in ein Nachdenken kam, das mich fast zu Thcänen erweichte. Da standen die Gegenstände der griechischen Epigramme ruhig da, die Hände, die sich einander auch auf dem Grabstein mit Treue geben und die Kinder zwischen ihnen. Hier eine häusliche Gesellschaft um den Tisch; dort ru, hende Personen; vier, fünfmal auch unser Freund Schlaf, mit der gesenkten Fackel. *) Nachmittag sahen wir sie noch einmal in Gesellschaft, des Morgens sah ich sie mit Dalberg Min. Wir giengcn und sahen noch den Bogen *) Wahrscheinlich in Beziehung auf seine antiquarische Abhandlung : „Wie die Alten den Tod gebildet?" als Nachtrag zu Hessings Schrift über den nemlichen Gegenstand. (B. 27. Heber römische Literatur pag. hog — H77.) Reift nach Italien von 1788 bis 178g, 219 Vitruvs, die kostbare Brücke über die Etsch. Gegen Abend fuhren wir, durch Höflichkeit des Bankiers Locatelli, an den Dalberg empfohlen war, zur Comödie in die Arena oder das Amphitheater, wo wir einen Akt durch blieben und das lustige kleine Schauspiel bei) Hellem Tage sahen; sodann in ein Ngturalienkabinet von merkwürdigen Petrr- fakten; dann im Corso umher und auf den Braa- Platz, wo die ganze schöne Welt von Verona, von der ersten Dame, bis zur gemeinen Fälle, vom Sluzer bis zum Pfaffen umher säbrt, geht, con- versirt rc. Wir giengen das größte Kaffeehaus durch und sahen die Gesellschaften, unter denen auch Damen waren, nahmen eine Tasse Ehokolade und kehrten nach Hause. So ward der erste Tag in einer italienischen Stadt zugebracht." — Den andern Tag besuchten sie noch einige Kirchen, Garten Und Pallaste; und gegen Mittag fuhr die verwitt- wete Herzogin von Weimar mit ihrem Gefolge pn ihrem Gasthof vorbey, von Verona ab, ohne daß sie damals von der Dalbcrgischen Reisegesellschaft besondere Notitz genommen hätte; auch ohne eine Ahndung von Seilen Herders, daß sie bald seine Beschützerin und ulma lVlutsr auf seiner italienischen Wanderung werden würde. Später fahrt er in seinem Brief fort: „der Himmel ist hier sehr schön und alles lebt und webet. Die Hauser sind gegen die Hitze wohl eingerichtet, nicht aber so gegen die Kalte," Unter den Gemälden der Kirchen hat mir insonderheit ein Raphael wohl gefallen, der erste den ich in Italien sähe. Es ist eine Ankündigung; der Engel ist himmlisch 220 Herders Leben. leicht, ein hinanschwebender Jüngling voll Naivetat und Unschuld; dis Moria bescheiden in sich gesenkt, gar nicht exaltirt, sondern innig menschlich, nicht eben schon, aber sehr sittsam und bescheiden. Die Veronese, sind nicht für mein Her; sprechend, so voll Kunst der Farben und des Lichts sie seyn mögen. Wir sahen den bischöflichen Pallast und den Bischofs selbst: eine schone, große, edle Figur, mit einer venelianischcn Nase und scharfe Augen, siebenzig Jahr alt und noch sehr munter. Mich hat, wie er lebt und wie er schlaft, sehr behaget: zwey Figuren, die sich herzlich umarmen, in seinem Schlafzimmer, und neben an, eine sehr sanfte Magdalcne! Er nahm uns sehr würdig und artig auf. Gegen Abend fuhren wir in die Giustischen Garten, wo ich zuerst die Ehre hatte unter Pinien (E,-pressen) umherzuwandeln, und diesen edlen, melancholischen Baum in die blaue Lust steigen zu sehen. Der Garten geht hoch an einem Felsen hinauf, so daß gleichsam ein Garten über dem andern steht, bis sich oben die weiteste, schönste Aussicht öffnet. Ganz Verona sieht man sich zu Füßen liegen, zur Linken die schöne Ebene, die bis Venedig hinzieht, zur Rechten in der Ferne die blauen Gebirge, die unter einem Himmel, wie ihr ihn nie sehet, da liegen. Vor sich hin sicht man die -Thurms von Mantua, dis Berge von Parma, und in dieser Aussicht gierig die schöne Sonne unter und der holde Mond stand da. Ich war meistens wie im Traume, und fühlte mich, da ich die schöne Sonne durch die Reihe von Erpressen untersinken sah, wunderbar still und traurig. Wir fuhren nach dem Eorso, wo ich nochmals mein großes, Reise nach Italien von 1788 bis 1789. 221 majestätisches Amphitheater begrüßte, und von ihm Abschied nahm. „Morgen gehts nach Mantua, vielleicht zu Wasser nach Ferarra, dann nach Ravenna, Rimini, Ankona, Lorctto, wohin ich zu dir, meine liebe Mutter Gottes, und zu unsrer armen heiligen Hütte, die freilich nicht voll Silber ist, wie diese Lauts Lass, mit herzlichen innigen Gebeten für dich und die deinigen wallfahrten werde." Bon Ankona, vom ri. September: „Laß dir jetzt erzählen, wie wir auf den Stiefel heruntergerutscht sind, und was wir seitdem gesehen und nicht gesehen haben. In Mantua logirten wir in einem so trefflichen, geschmackvollen Wirthshause, als ich auf allen meinen Reisen nicht gefunden habe; wir fürchteten die Bezahlung, es gierig aber damit ziemlich gnädig ab, eilten schnell durch Cnr- pi und kamen auf schonen Allerwegen spät in Modena an, wo wir den folgenden Tag blieben. — In der schönsten Mondnacht reiseten wir weiter, kamen Key Tages-Anbruch durch Bologna, daS wir auf unsrer Hinreise nicht sehen wollten, kehrten in Faenza ein, und warteten dort die Hitze des Tages ab, die seit Trident schon sehr stark worden war, und fuhren wieder die Nacht durch, die noch schöner als die vorige war. In Rimini wollten wir Halt machen, da wir aber hier mit Tages- Anbruch ankamen, waren wir alle in so festem Schlaf, daß der Kammerdiener Dalbergs, der die Posten auszahlte, davon keine Notitz nahm, weiter 222 Herders Leben. fubren, nach Rimini noch zu kommen glaubten, das adriatische Meer sahen und nach diesem unnennbar schönen Anblick erst entdeckten, daß wir Rimini schon passirt hatten. Wir mußten also bis Pcsaro fahren, wo wir aber alle sehr ermattet waren, und entsetzlich schliefen. Seit Pesaro bis Ankona haben wir das Meer gar nicht verlassen und oft gieng der Weg Stunden lang dicht am Ufer fort. Das Meck war nicht ganz ruhig, aber auch nicht völlig im Sturm; die Schiffe flogen darauf, einige so Nahe an uns vorbei), daß wir die Seegel und Menschen erkennen konnten, und Wcriicr rief einmal übet das andere! ,/O wenn jetzt doch die Kinder hier waren!" und nannte, was ein jedes sagen würde. So kamen wir über Forli, Sinigaqlia !c. bis Ankona, welche Stadt mit ihrem Hafen sonderbar malerisch und schön liegt. Ucber dem Meer schwebte ein Gewitter, das uns zur Seite dann und wann seine Strahlen schoß Und seine hohle Meeresstimme hören ließ. Als wik in Ankona waten, ward es starker, gab uns den Abend prächtige Stimmen zu kören, und heute Morgen 6 Uhr that cs einen Schlag auf's Meer, daß mein ganzes Zimmer wie in Flammen zu stehen schien. Diese Scene und die kühle, erfrischende Meeresluft, nach einer Reihe so heißer Tage und die Ruhe die wir hier genoffen, hat uns asten ein neues Leben gegeben. Mir sind die Sec- scenen Meinet Jugend wieder vor die Seele getreten, und ich habe gestern Abend den ersten Blick wieder in Homers Odyssee gcthan. Diese Nacht habe ich unter dem prächtigsten Ungewittcc recht majestätisch Reise nach Italien von 1788 bis 1789. 223 geschlafen, und noch Niemanden, als Werner, die Kaffeekanne und den alten Homer gesehen, allein man kömmt in Italien zu nichts, man mag nicht lesen, denken noch weniger — das Schreiben aber an dich, wird mir aufserst süß. Dein alter gewanderter Ulysses skht dich, meine treue Penelope und unsre Kinder, klein und groß lebhaft vor sich. Grüße sie alle von mir mit einem Kuß! Heute Nachmittag wollen wir das Merkwürdige in Ankona sehen, zu Wagen nemlich, denn die Stadl ist äußerst schmutzig und es regnet unaufhörlich. Morgen gehts wahrscheinlich nach Loretto. Von Tecni aus erzählt er unterm 17. September über Ankona weiter: „Einen berühmten Mission air zu hören, den der Pabst aus Rom nach Ankona geschickt hatte, die Ketzer zu bekehren, gicng ich auf einen großen Platz, wo er vor vielen tausend Männern und Weibern predigte. Der abgefeimteste Pfaffe, in der schönsten italienisch-römischen Mundart, so infam, daß ich Dir den Gräuel nicht sagen mag; weil er mit den religiösesten Gebehrden lauter Geschichkchcn und Gespräch« der Donne aus dem Beichtstuhl erzählte! Hinter jeder derselben lachte das ganze andächtige Auditorium laut auf, und blieb immer andächtig. Wie baben keinen Begriff von solchen instrurrioire, wie sie cs nennen, in unsrer Gegend. Wie seine Stunde aus war, trat er ab; es wurde wieder gesungen , und ein Dominikaner trat auf das Gerüste zu einer ernsthafte» Predigt. So verbringt man die Zeit, wenn keine Dpec oder Eomödie da ist, und das Damen wie Herrn und das Volk. Man 2,4 Herders Leben. hat keinen Begriff von dem in den Tag hinein leben unter dem freien Himmel! — Den Tag darauf wanderte ich allein durch die Stadt, weil Dalberg Zeichnete und unsre gleise - Gesellschafterin nicht wohl war. Gegen Mittag kam ich auf die schönste Hohe der Welk, die über den Hafen von Ankona auf's adriatische Meer hinausblickt. Hier hat einst ein Tempel der Diana an einem würdigen Platz gestanden, jetzt ist der Dom da. Auch vom Balkon der Börse hat man eine ruhige, unendlich schöne Aussicht auf's Meer. Nachmittags sahen wir noch einige Kirchen und die porter nuova. Am folgenden Morgen giengs aus Ankona nach Loretto, wo wir Mittags ankamen, sehr unrein, garstig und schlecht logirten und gleich den Nachmittag die Ls'nta essa der Maria, die im Altar ist, mit alle» goldenen Kindern, allen unnennbaren Juwelen, Diamanten, Schmuck, Perle», Gold, silbernen Statuen rc. sahen. Es ist nicht zu beschreiben, und verdient auch keine Beschreibung , ich will Euch davon mündlich erzählen. 'Das Beste für mich war, ausser vortrefflichen Bas- reücfs rings um den Altar, eine Madonna von Raphael in der Schatzkammer, und eine kleinere, riebst einem kleinen Johannes in dem Zimmer deS Papsts, wenn er herkömmt. Sonntag Mittag fuhren wir über Recanati, wo zuerst die Lerntet Versa gestanden, bis Macerata, logirten schlecht und theuer, und fuhren Morgens mit Tages An- 'bruch unter Regen in die Gebirge; es heiterte sich aber Reife nach Italien von 1788 bis 1789.1 226 aber bald auf, und wir kamen Abends unter der schönsten Mondbclcuchtung durch Thalcr und Gegenden , von denen wir keinen Begriff haben, bis nach Foligno. Morgens sahen wir einen Raphael, viel schöner als der in Lorctto, eine Maria mit dem Kinde auf den Wolken, das Kind steigt aus ihrem Schoos und tritt mit dem einen Füßchen auf die Wolken; unten ein vortrefflicher Jobannes der Täufer, ein Mensch, der eine Welt in sich hat, Und auf das Kind zeigt und zwei) Heilige; (Hieronymus und Franciskus) die eine der knienden Figuren ist das Portrait dessen, für den Raphael das Bild inalte, ein Sekrerair des Papstes Julius II., sein Freund, und hieß diAismunclus cls Loirrilidus Es ist ein herrliches Stück, nur leider beschädiget, die Nonnen lassen es verderben. *) Wir hätten von *) Dieses 11 Fuß hohe und 6 Fuß breite Votiv-Gemälde Raphaels, das keinem seiner schönsten Arbeiten nachsteht, ist unter dem Namen: ücmnn cli I'oliAno" allgemein bekannt, und an dem schönen stehenden Engel-Knaben, milder, vor der Brust hallenden Votiv-Lasel, aus dem unlcrn Lheil des Bildes sehr leicht zu erkennen. Es war seit dem Jahr rö>65 in dem Nonnen- Kloster elello Lmnkexse, zu Foligno, bis in die neuern Zeiren zu sehen; wo cs, sehr beschädigt, nach Paris kam und dorr vom Holz auf Luch übertragen, auch Lurch den vortrefflichen Grabstichel Herrn Oosno^ors, als ein vorzügliches Kupserblatt, in die Hände vieler Kunstfreitzide gebracht wurde. Das Original ist nach Italien Herders W. z. Phil. u. Gsfch. XVll. P Ärr-l. D-ben, 226 Herders Leben. Foligno in der schönsten Ebene von ganz Italien nach Perugia fahren können; unsre Dame wollte aber nicht, wir rciseten also über Spoleto, gleichfalls in einem vortrefflichen entzückenden Tbale zwischen den Apennincn. Bon der Schönheit der Apen- nincn ist nicht genug zu sagen. Es giebt, glaube ich, keine schönere Gegend des Gebirges, *) ob die Tiroler Berge gleich viel höher, wilder, kühner und größer sind. Ein schöner Fund, den wir antrafcn, war ein ganz erhaltener Dianen-Tempel, nicht weit von Rene, eine Station von Spoleto. Da es der erste Tempel ist, den ich sah, lief ich voll Freude hinab, umfaßte die eine-, schöne Säule, ganz mit Lorbeerblättern geziert und sah mit entzücktem Blick auf die schönen Flüsse und Gegenden im Thal, mit ihren Nymphen hinab. Das innere Tempelchen hat ein Pabst zur Kirche weihen lassen, damit cs verschont bleibe; ich stieg wie toll auf den Altar, zur Nische, wo die heilige Göttin gestanden hatte; sie war aber nicht da. Hier hast du zwey Zweiglein aus den Mauren des Tempels, die ich für dich gepflückt habe. Dalberg hat ihn in der Eile gezeichnet und will mir ihn zum Andenken der schönen Stunde geben, die zurückgekomme», unb dermalen im Vatikan zu Rom aufgestellt. Die Carnation an der Madonna und dem Kinde ist etwas rbthtich, und der gruppirre Engel-Chor im Bogen, verliert sich im bläulich gehaltenen Ton der Wolken. Das übrige Colorit ist vortrefflich, und der flammandischen oder venetianischen Schule würdig. Die Schweizer-Berge hat Herder nie gesehen! Rcise nach Italien von 1788 bis 1789. 227 wir da genossen. Die Gegend wird ewig in meiner Erinnerung bleiben. Zu guter Zeit waren wir in Spvleto, besahen noch die Porta I?uZas» wo Hannibal floh, da er beym Traffmcnischcn See geschlagen war; *) ein Gemälde mit Wasserfarben von Raphael in seiner ersten Manier und die ungeheure Brücke zwischen zwey Bergen zur Wasserleitung. Dalberg zeichnete diese den Morgen darauf, wahrend dessen ich die Drücke begieng und das Schloß bestieg. Um 10 Uhr fuhren wir weg, kamen Mittags auf die Somma, die höchste Höhe der Apcnnincn, Nachmittags durch den ersten Olivenwald, von dem ich dir ein Zweiglein von einem Ast beylege, der vor mir voll Früchten liegt, und ich durch Werner pflücken ließ, damit ich Euch, wie die Taube Noah's ein Friedens- und Weish its - Zeichen 'übersende. Und nun sind wir hier in Tcrni. Morgen gehts zur berühmten Kas- *) Ein kleiner geschichtlicher Zrrthum! Hannibal wurde am Trasimenischen See, jetzt lösßoäipo- r-u^ia genannt, nicht geschlagen und nicht zur Flucht gcnöthiget; vielmehr trug er hier einett großen Sieg über den römischen Consul Flaminius im I. R. bü7 davon. Die Sage von der Ports pugso zu Spolcto mag vielleicht davon herrühren, daß Hannibal damals die Stadl Spolero mir einem Theil seines Heers besetzen lassen wollte und von den Einwohnern daran verhindert wurde; die sodann im Gefühl ihrer Tapferkeit das Thor, von wo aus sie den Angriff abschlugen, die Port» k'uAss genannt haben möge». P 2 32Ü Herders Leben. kade! — „Wir sind beym Wasserfall gewesen, und eilen fort. Ein großer Anblick, doch nicht größer, als meine Erwartung ihn dachte. Der Strom Vel- lino, che er fallt und in der Enge zwischen Felsen rauscht, erfüllte mich mehr, als da er in seine Kluft stürzt und allgemach sein Bette findet. — Heute Nacht in Eitta Eastellana, dann geht der neue Weg an, und Morgen Mittag oder Nachmittag sind wir in Rom!" — Am 18. Sept. 1788 kam Herder mit seiner Reisegesellschaft in Rom an. Der Eindruck von dieser welthistorischen Stadt war ihm nicht so groß und reizend, als er von Andern geschildert wird. Etwas mag hiezu im Anfang mancher Verdruß mit der oft bezeichnten launigten Rcisegesellschaftcrin, die sehr bald seine Trennung von Dalberg veranlaßte und dann auch die äußerst ungünstige, fast immer regnerische Witterung dazu beygetragen haben. Die Deutschen in Rom , unter andern M 0- ritz, Rehbcrg, Angelika Kaufmann, Trippel rc. sammelten sich bald um ihn her, und die vornehmen Römer, besonders die Eardinäle B 0 r- gia,Bernis,Herzan, der spanische Gesandte Azara und andere erzeigten ihm viele Ehre. Nach überstandenem etwas trübem Anfang genoß er da die heitersten gesundesten Tage seines Lebens. „Italien ist mir die größte Bildungsschule gewesen," sagte er oft. „Jeder Gebildete oder sich selbst bildende Mann , der mit den nöthigen Kenntnissen in der Geschichte, Literatur und Sprache des Landes ausgerüstet ist, wird Reise nach Italien von 5788 bis 178g. 229 hier eine hohe Schule finden und seine Urthcile nach einem großen Maasstab berichtigen lernen." — Seine Briefe aus Italien, meist nur an seine Gattin und Kinder geschrieben, enthalten keine zusammenhängende Schilderung seines dortigen Lebens und Treibens. Das beste versparre er auf eine mündliche Erzählung, und ein fortgesetztes Tagebuch scheint er nicht geführt zu haben. In den Briefen zur Beförderung der Humanität und hie und da, in der Adrgstea, gibt er Rechenschaft über den Eindruck, welchen die Werke der Kunst auf ihn gemacht haben; und auch in de« Briefen an seine Gattin und Kinder ist Manches über Kunst und Alterthum so wie über die Natur des Landes und der Menschen zerstreut enthalten. Einiges aus Letzter« im Auszug, gibt einen Begriff von dem, was er für seine Zeitgenossen und die Nachwelt über Italien hatte liefern können, wenn sein Geist und seine Zeit nicht zu vielfach in Anspruch genommen gewesen waren. „Ehe ich Bekanntschaften mache," schrieb er am 28. Oct., „muß ich erst mit dem tobten Rom wenigstens halb fertig scyn, und da fehlt noch viel. Rom ist so groß und reich: eine Welt von dritthalb- tausend Jahren ist hier zu suchen und zu finden; alles liegt so weit auseinander, und hat Ideen neben und vor sich, daß ich mir jeden Tag unwissender dünke. Ich habe tausend Sachen im Kopf und noch keine Zeile schreiben können, was ich gesehen habe. Da vergißt man Papst und Kardinale! "— 2 3c, Herders Leben. 'T', „Rom erschlafft die Geister, wie man selbst an den meisten Hirschen Künstlern sicht, wie viel mehr einen bloten Gelehrten. Es ist ein Grabmal des Alterchums, in welchem man sich aar zu bald an ruhiqe Traume und an den lieben Müßiggang gewöhnt. Auf mich hat cs nun zwar die Wirkung nicht, da ich so leicht keinen Tag vorbcy streichen lasse, ebne was gesehen oder mich um etwas bemüht zu habeni es bleibt indessen auch für mich ein Grabmal, aus dem ich mich allmahlig heraus wünsche. Man fühlt sich darinn wie in einer Tiefe, in der man nicht viel weiter kömmt, je mehr man mit Händen und Füßen strebet. Das Alterthum, als Studium betrachtet, ist unendlich an Tiefe und Weite; die Faden, die sich aus Rom in alle Geschichte schlingen, sind so vielaetig, und die Mittel, sie zu verfolgen, werden hier so erschwert, daß cs besser ist, zu guter Zeit sic aus den Händen zu lassen- und nur den Knäuel in seinem Gcmüth zu behalten. Aus dem Vatikan werde ich nicht viel bringen; er liegt mir zu weit ab, mir fehlt Zeit, einen freien Gebrauch der Katalogen habe >ch nicht erhalten können, noch weniger eine freie Ansicht der Schränke. Ich muß fordern, so wird mir, obwohl mit Mühe der ungeschickten Sucher gewahrt, was ich fordere, kann aber nicht mitnch- men, und so gehen Stunden und halbe Tage hin, ohne daß man was erbeutet. Das Glück müßte mir sehr wchl wollen, wenn ich noch einen Fund thate. O wie manches'ist anders in der Wirklichkeit, als in der Idee und Hoffnung! Desto fleißiger bin ich nun nach meiner Art in der Kunst." — Im Decrmbcr. „Im Grunde wird mir hier alles Schauspiel! Die große Welt, die Kardinale, Reise mich Italien von 1788 bis 1789. 281 lVIonsiZnori, krinei^s und Vrincizossss fangen mich auch an zu ennuyren. Es ist indessen auch gut dieß Schauspiel gesehen zu haben, an etwas Ernsthafteres ist hier gar nicht zu denken. An Liebe vollends hier gar nicht; sie scheint in diesem Lande gar nicht Sentiment, sondern himmlischer Genuß zu seyn. Das andere ist ein Train von seelenlosen Eon- versationen und Observanzen die zu viel Zeit und Geld kosten, als daß sie der Müh werth waren." — „Um wie manches hat mich diese Reise klüger gemacht! wie viele Saiten meines Wesens hat sic leise und rmleise berührt, die ich sonst kaum kannte! Das weiß ich gewiß, sie hat mir die Augen über die Menschen tausendfach geöffnet, und mich recht gezwungen, den wahren Werth des Lebens finden und insonderheit Treue und Liebe schätzen zu lernen, weil cs ihrer in der Welt so wenig giebt. — Italien und besonders Rom, ist also freilich für mich eine hohe Schule gewesen, nicht sowohl aber der Kunst als des Leben s. Ernster wirst du mich gewiß finden, wenn ich wiederkomme, aber fürchte meinen Ernst nicht; er knüpft mich an dich und die Meinigen mit neuen unauflöslichen Banden." — Aus den, zu verschiedenen Zeiten an seine Kinder geschriebenen Briefen folgen hier noch einige Auszüge: „Bald kommt Herr Moritz zu Euch, der künftige Woche von hier abreisen wird (der Brief ist von Rom den r 5 . Oct. 1788) , er wird Euch vieles von Rom und von mir erzählen. Er ist ein gar Herders Leben. 2Zs guter Mann. Er kennt auch Rom recht gut und hat es recht durchstudiert. Auch Hr. Geh. Rath Göthe wird große Freude haben ihn wieder zu sehen; mich aber betrübt cs recht, daß er nicht hier bleibt, ich verliere an ihm den besten Menschen." Aus spaterer Zeit an seinen ältesten Sohn Gottfried: „Ich muß an Dich, da Du doch schon ein Akademikus bist, auch einmal einen ordentlichen Brief schreiben, und zwar von Tivoli, oder dem alten Hbur, das ich mit dem großeen Vergnügen gesehen und genossen habe. (Er war mit der Herzogin Amalia, und in sehr zahlreicher Gesellschaft , unter andern auch der Angelika Kaufmann, dahin gereis'l.) Die Stadt selbst ist ein Bettelnest, wie alle kleine Städte im Kirchenstaat, und die Straße dabin ist, wie alle Gegenden um Nom, wüste und öde. Aber d i c Natur, hat alle menschliche Faulheit nicht zerstören können; sie ist noch dieselbe, wie sie in Horaz Oden und in der römischen Geschichte gemalt ist. Hier war die' Villa des Macc- nas, sie steht in den Ruinen des untern Stockwerks und unterirdischen Gewölbe noch prächtig da; das stolze hohe Haus aber, die „suPsrlia nlta äomrw lVlaeaenatis" ist verschwunden. Sie sah weit vor sich; stand aber noch mehr da um gesehen zu werden, und muß über alles, was wir jetzt machen, schön und prächtig gewesen seyn. Jetzt aber stehen Weinreben auf ihr und wachsen über Stangen die großen schwarzen Trauben Pergolese. An der andern Ecke des Berges, wo jetzt die Villa d'Este ist, und im Garten Zocssahrige hohe Eypreffen stehen, auch die Königin der Fontainen, wie sic Michel Angelo nannte, Reise nach Italien von 1788 bis 1789. 233 ihr Wasser ausgießt, war die Villa des Casars, die nachher Sallust kaufte. Alles dies aber, was die Vorderseite gegen Nom zeigt, ist nichts gegen das, was das Hintere Thal verbirgt. Der sanft schleichende An io glaubt nicht, daß in wenigen Schritten ihm so viel Kampf und Sturz von der Natur bereitet werde. Wunderbar sind die Grotten, durch die er stürzt, der prueue^s Anio des Horaz, und schon ist der Anblick, den er giebt, wenn init Regenbogen Farben die Sonne auf ihm spielt. Ich habe zwey schöne Tage genommen , dieses Schauspiel der Natur zu sehen, bin beyde Tage in der besten Stunde bis zur innersten Grotte Neptuns hinunter gestiegen und habe in der Silberwolke des aufstaubenden Wassers mit dem sanften Entsetzen, welches die Alten Begeisterung der Nymphen nannten, gestanden. Oben an der Ecke des Berges steht ein lieblicher Tempel der Vesta, gemeiniglich der Sybillen - Tempel genannt, rund und schön; *) wir haben beyde Tage Mittags in ihm gegessen. Der stille Anio ist vor dem Blick, der rauschende Anio im Ohr und erfüllt das ganze Tibur, wo man geht und steht, mit einer hohen und schönen Empfindung deL Schauers und der göttlichen Gegenwart. Nachmittag stiegen wir hinab, den Anio hinüber und umgiengen das Thal, wo der Strom alle seine kleinern Leiden hat und seine lieblichen Künste beweiset. Das ist ein Spaziergang, wie wohl wenige in der Welt sind; auch haben die Ein anderer längtichter Basiliken - Tempel, der eigentlich der Sybillen - Tempel genannt wird, steht nicht weit davon. 234 Herders Leben. Römer, die zu leben wußten, jeden Fleck dieser schönen Höhe benutzt und genoffen. Am schönsten Ort der Aussicht, wo jetzt das Kloster des Antonio ist, hatte Horaz sein Haus, wenn er in Tivoli war; seine kleine Villa lag dre» deutsche Meilen in den Sabiner Bergen, deren lellons Ducrstilis voll Zic- gcnheerden, ich auch einmal besuchen will; der Weg von ihr nach seinem Tibur am Anio hin soll sehr schön seyn. Hier war denn der Winkel der Erde, der ihm am schönsten gefiel und wo er sein ruhiges Alter hinbringen wollte; es ist auch ein gar lieblicher Erdcnwinkel, der die Phantasie so ausfüllt in einem engen Raum, daß ihr nichts übrig bleibt. Hier waren denn, das Oornus ^Ikurisao rssonantis Dt tämio ao Ukrurni luous et uck« sVlobilikus Pornaria rivis *) vor seinem Blick, wo er allen seinen Freunden Fröhlichkeit zusang, als den einzigen Genuß des Lebens. Ich bitte dich, lies die 7W Ode des ersten und die 6tc des zweiten Buchs, und habe den Horaz lieb, den, wie du weißt, ich immer lieb gehabt und jetzt siebenfach lieber habe, nachdem mir die Wahrheit und Schönheit seiner Empfindungen, der Natur und des Lebens in seinem heiligen Tibur recht lebhaft ge- *) „Albunea's rauschende Wohnung, Des Anio Sturz und Tiburnus Hain und des Obstes Gärren, getränkt von beweglichen Bächlein." Voß. Reise nach Italien von 1788 bis »789. 28Z macht worden. Aber wer einige Wochen zu guter schöner Zeit in diesem Lustort der Natur verweilen, und jedes Plätzchen in seiner Tagesstunde genießen könnte; es ließen sich schöne Sachen daselbst denken. Unfern kurzen Nachmittag haben wir lehr glücklich genützt, sind zu den Kaskatellen an jedem schönen Ort herunter gestiegen und haben das ganze Thal unten wie einen schönen Tempel der Natur durchwandert. Auf der schönsten Kaskatelle sahen wir die untergehende Sonne mit ihren letzten Strahlen und begrüßten noch in der schönsten Abcndröthe die Quelle Aguonia, die so heimlich und still liegt, daß man jeden Augenblick die Erscheinung der Nymphen Dianens erwartet. Dann stiegen wir müde und vergnügt den Berg hinan, und aßen jeder seine zwcy Eier und legten uns so sanft zur Ruhe, als ob unsre, rauschende, knirschende Schilfmatraze das schönste Bett gewesen wäre. Das Wirthshaus steht in der schönsten Gegend und der Tempel der Vesta gehört zu ihm, er steht in seinem Gärtchen. Der Anio rauscht einem also auch im Schlaf ins Ohr, und da ich immer, wenn ich die Augen schließe, wie du weißt, Bilder sehe, so schwebte Tibur wie ein schöner Kranz vor mir, in dem die Strecken der dunklen ruhigen Oel- bäume, Rosmarin - Sträuche und die hellen silbernen Kaskatellen die Perlen und Edelsteine waren. Unter den vielen Villen, die den Kaskatellen gegen über lagen, war auch des Varus Villa, an den Horaz die r 3 . Ode machte; er warsein Nachbar; auf seinen Trümmern wachsen auch jetzt nichts als Weinreben, als ob Horaz Oden erfüllt würden. Ich bitte dich also noch einmal, lerne hübsch Latein, und balte den sZ6 Herders Leben. Hora; in Ehren; er ist ein gar lieber Dichter. Rammler und alle seine Nachabmer sind steife . . . gegen ihn; denn ihnen fehlt der Geist und die schönste Blume seiner Lieder: Leichtigkeit, Fröhlichkeit, Artig, keit, lic^icher Anstand, das Gefühl der schönsten Lebensweise, welches seine Philosophie sowohl als seine Begeisterung war. Viele Dinge um Tivoli bade ich noch nicht gesehen z. B. die Villa des Hadrians, in ihren ungeheuren Ruinen. Auch die Königin Zenobia hat, da sie als Gefangene aufgeführt war, bey Tivoli gewohnt, und man hat noch ein Grabmal ihrer Tochter mit einem goldenen Armbande gefunden; ich habe aber die Stelle, wo die stolze Königin ihr Leben als eine Hausmutter verleben mußte, noch nicht betreten. So auch noch nicht die Villa Catull's, wo jetzt ein Kloster auf dem Berge ist. Die größten und elegantesten Leute, MariuS, Attikus :c. haben hier gewohnt, und alles was schön und ruhig leben wollte, ist hier hinaus geflüchtet. , In einem Brief an seinen jüngern Sohn A u- guft, erzählt er in einem mehr herabgestimmten kindlichen Ton: „Vorigen Sonntag sahen wir das Museum des Vatikans, mit der Fackel, die so und anders gewendet wird, damit die Skatüe recht ins Licht kommt. Da saß der große schöne Herkules (Torso), dem aber Kopf, Arm und Füße fehlen; seine Muskeln, seine weite Brust, sein schöner Rük- ken, seine tapfern Beine sind bis zum Leben. Wir giengcn aber schnell in die lange Galerie zum großen Jupiter, der auf dem Thron sitzt. Er sah mit seiner gewaltigen Stirne, aus der die Weisheit heraus trat, auf uns wie ein sanfter, gütiger Vater herunter. Reife nach Italien von 1788 bis 1789. 287 Nicht weit von ihm stehen viele schöne Köpfe, unter Lenen auch einer dem Herrn von Knebel sehr ähnlich sicht. Du kannst ihn grüßen und ihm sagen, daß bei, lebendigem Leibe lein Kopf im größten Museum der Welt unter Göttern und Helden, unter Kaiserir und Philosophen stehe; und daß ich ihm daselbst meinen tiefen Respekt bezeugt habe. Weiterhin zur linken Hand, wenn man vom Vater der Götter kömmt, kam die schöne Jägerin Diana aufuns zu; das ist eine so leichte, schöne, jungfräuliche, schlanke Figur, daß ich sie gerne mitnehmen und dem Lutschen bringen wollte. Weiterhin kam ein schöner lieblicher Genius; da saßen und standen Frauen in mancher- ley Stellungen. Eine schöne Heldin Amazone stand da, ein trauriger Adonis am Schenkel verwundet; da saß Paris gar breit und gemächlich, um der schönsten Göttin den Preis zu geben, und viele andere Gestalten. Auf der andern Seite stand Neptun mit seinem Dreyzack. Da stand ein schöner BaccchuS mit seinem umgestürztcn Kruge, da eine schöne Nymphe mit einer großen Schaale in der Hand, auf die sie traurig hinab blickt; daher man sie auch die weinende Danaide nennt. In einem Eckchen stand eine schöne Göttin mit erhabenen Händen, die man Pietas nennt, auch nicht weit davon ein sehr treues Denkmal der ehelichen Liebe, Mann und Frau in halben Figuren, die sich einander so treu die Hände geben und im Gesicht so redliche Züge haben, daß man schwöret und glaubt sie leben. Von da kamen wir in ein schönes kleines Zimmer, in dem ich wohnen möchte. Es ist ein schöner Fußboden von Mosaik und herrliche alte Porphyrstühle aus den Bädern der Alten stehen darinn. Da kehrte sich denn die Venus, Herders Leben. 238 wie sie aus dem Bade steigt, am Licht der Fackel umher und ließ uns ihren schönen Rücken sehen. Da stand auch ein schöner Adonis !c. Wir giengen ins Zimmer der Thiere, da lagen zwei) ungebeure Flußgötter, die Tiber und der Nil, auf dem 16 kleine Jüngelchen herauf und herabstcigen. Da stand wieder eine hübsche Diana, aber nicht so schön wie die erste, und ein vortrefflicher Meleagcr, der Zager. „Zwey große Hunde" erzählt er weiter in einem Brief an seinen noch jüngern Adelbert (der sich der Landökonomie gewidmet, und spater ein eigenes Landgut in der Obcrpfal; ncguirirt hat), „stehe n an der Thüre dieses Zimmers, die den, der hinein geht, anbellen; aber sie sind von Stein und man kann sie nicht bellen hören. Gleich an der Thür ist ein vortrefflich Schwein, an dem die Jungen saugen und das sich so gerne aussaugen laßt, daß man seine Freude im Stein recht flehet. Du würdest sagen: „das ist ein excellenlcs Schwein!" Und würdest mich dann zu einem lodten Lamm rufen, das auf einem Altar hangt. Der Kopf hangt so herunter, mit allen Gliedern, daß man glauben möchte, es sey ein wirkliches Lamm. So ist eine vortreffliche Kuh, die da blökt, von Erz; eine schöne Ziege, die ehemals ein Kind am Bart gefaßt hat, man sicht aber nur noch die Hand des Kindes; ein Hirsch, den zwey Hunde anfallen und zwey Windhunde, die mit einander spielen; ein Storch, der eine Schlange frisst, und ein Adler, der sich aufschwingk. Auch sonst noch viele andere Thiere: Raubvögel, Rebe, Pfauen, eine Henne, eine Taube :c. sogar ein Stachelschwein und ein rother, rotber Krebs, alles aus Steinen. Dabey sind denn auch schöne Figuren, die Mil den Reise nach Italien von 1788 bis »789. 289 Thieren was zu thun haben: Ganymed z. B. den der Adler wcgführct, ein Amor der auf dem Centaur reitet, ein Centaur, der ein Mädchen entführt; eine Katze die ein Hulm geraubt hat, ein Fuchs raubt es ihr wieder. Amor auf einem Wagen von zwey wilden Schweinen gezogen, ein Bild dessen, daß die Liebe auch die wildesten Leute bändige." Zm Brief an August wird in der Beschreibung des Museums im Vatikan weiter fortgefahren: „Nun kommen wir aber ins Heiligthum der Musen, das mir vor allen wohlgcfällt und wo ich in der schönsten Gesellschaft der Welt zu scyn glaubte. Beym Eintritt steht Apollo, der Eidexentöder, und ein schöner Schlaf. Er hat sein Haupt seitwärts geneigt, und eine unten hinabstnkende Fackel in seiner Rechten. Alsdann kömmt man zum Apollo und allen Musen, die in einem schönen Kreise umher stehen. Apollo ist der schönste Jüngling, fast wie ein Mädchen schön und fast auch mit einem weiblichen Mantel bekleidet, er schlagt die Leier, und hebt das Auge in einer hohen Begeisterung, daß man seinen Gesang fast zu hören glaubt. Sage dem Hrn. Geh. Rath Göthc, daß unter den Musen mir vorzüglich die zur rechten Seite gefallen , dieMnemosyne oder die Fabel, die die Arme so still in den Mantel schlagt; die horchende Kalliope mit der Schrcibtafel, die Urania ; aber am meisten seine Muse, die tragische Mclpomene. Diese ist, neben der Diana, der hohen Juno-Ludovisi und der hohen Melpomene weiterhin in der Roronda, meine Göttin, und wenn sie auch die Seine ist, so soll michs sehr freuen. Sie hat eine Würde, einen Aoel und einen hohen, stillen Schmerz, der mir ganz neu war. In der Rotonda stand die hohe tragische Muse, die breite Ceres, di^ 240 Herders Leben. beyden Zuno's prächtig da; auch Jupiters Kopf und der Kopf HadrianS zieren ihre Stelle, wo du denn wieder dem Herrn Geh. Rath Göthe sagen kannst, daß sein Antiguarius Hirt ihn mit aller Gewalt zu diesem Kopf Hadrians machen will; welches denn keine Schande für seinen Kopf ist. — Und nun gierigen wir zu dem schönen Anttnous zurück, und von ihm zum schönen Apollo, zum duldenden, aus- athmendcn Laokoon und wieder zum schönen Apollo, wo wir denn unsre große Göttcr-Ecscheinung schlossen." An seinen Sohn Wilhelm, der zwischen August und Adelbert steht, schrieb er ebenfalls einen besondern Brief über öffentliche Gebäude in Rom. „Die schönste Kirche oder vielmehr der schönste Tempel nach meinem Sinn, ist die Rotonda Wenn man alle Dächer und Kuppeln in Rom von einer Höhe sieht, zeichnet sie sich eben sowobl von oben schön und prächtig aus, als wenn man sie vorn oder von innen betrachtet. Auch wen» der Mond sie bescheint, ist sie gar schön, so wie alle Tempel, Säulen, Dbeliskcn, Pallaste und Ruinen, die im Mondschein was recht zauberisches an sich baden. Ich habe die Säule des Antonius und das Kolifäum an schönen Mondabenden gesehen und man kann nicht davon wegkommen; insonderheit im Kolisaum wirds einem gar sonderbar zu Muthe. Das ist nun wohl der größte Vau, der in der Welt epistirt, in dem nämlich alles so genau auszerechnek und so schön geordnet ist. Ich bin darauf so weir gegangen und geklettert, als man darauf gehen und klettern kann; es ist ein großes Uebcrbleibse! vom Kai.gr TituS, von dem auch noch sein Triumphbogen, au-i drcy Bogen Reise nach Italien von 1768 bis 1789. 241 Bogen von seinem Fried cnstempel, auch Reste von seinen Badern da sind; allesammt große Werke. Wenn man vom Kapitol hinunter auf den sogenannten tüamxo VaLoino geht, so geht man zwischen Resten des Altctthums, die an die größten Dinge erinnern und alle liegen wenige Schritte von einander. Da stehen Säulen- prächtige Säulen von einem Tempel des Jupiter Fulgurator, und wenige Schritte davon schöne Säulen vom Tempel der Concordia. Nicht weit davon ist der Triumphbogen des Kaisers Septimius Severus, aus welchem man erst die schöne Promenade antritk. Da stehen zur Rechten zwey hohe Säulen vom Tempel des Jupiter Stator; dicht daran war das Forum Romanum, und andere Fora - da hielt Cicero und so viele andere große Männer ihre Reden; das Kapitol war gar nicht weit von ihnen. Da war der Platz, auf welchem die Sabinerinnen sich ins Mittel schlugen, und zwischen den Römern und ihrem Volke Frieden machten: die beyden Völker kamen von zwey Bergen, die gar nahe beysammen liegen. Hier war auch der Schlund, in welchen sich Curtius gestürzt haben soll; auch der Dct, wo Nomulus und Re- mus ausgesetzl waren, ist nicht weit davon. Auch die Juturna, die erste Quelle der Römer, an welcher Castor und Pollux ihre Pferde tränkten, da sie den Römern zu Hülfe kamen; auch die Cloaca maxima, die Tnrguin anlegtc; auch der sogenannte Janustempel, alles liegt an einem Lrt, wenige Schritte von einander. Da sind die Gebäude recht gedrängt gewesen, von denen aller Ruhm der Römer ausgegangen ist. Nun fängt sich zur Rechten der palatimsche Berg an, auf welchem die Herders W.z. Phil. u. G-sch. XVI. Q L-r-r.XeL-n. 2g 2 Herders Leben. Kaiscrpallaste waren; sie nehmen mit der Zeit den ganzen großen Berg ein, und das goldene Haus des Nero erstreckte sich auch zwischen den Bergen weit umher, so daß. das Kolisäum zu stehen kam, wo ein großer Teich im Garten dieses goldncn Hauses war. Du hast keinen Begriff, lieber Wilhelm, wie weit cs die Kaiser in ihrer Pracht getrieben haben. Kaligula wolltesogar vom palatinischen bis zum kapitolinischen Berge eine große Brücke führen lassen, die über das Forum Romanum und viele Tempel weggienge; er ward aber, ehe das Werk zu Stande kam, ermordet. Auch der Brand den Nero anlegte, und den er den Christen Schuld gab, war rings um diesen Berg; er wollte Raum zu seinem goldnen Hause haben, und ließ also Tempel, Hauser und Gebäude wegbtenncn. Es muß ein fürchterlicher Brand gewesen scyn, den er oben vom Berge auS seinem Pallast mit Freuden ansah, wie die Flamme sich so weit umher erstreckte und sang dazu seine Werse. Wenn man die Bäder des Karakalla betrachtet, die an einem andern Drt liegen, so kann die Einbildungskraft kaum den Umfang ihrer Einrichtungen fassen, so groß ist er. Zur Linken des Berges der Kaiserpallaste sind eben so treffliche Denkmale. Ein schöner runder Tempel des Romu- lus, in den ich immer gehen muß, wenn ich hier vorbcy wandre; schöne Säulen von einem Tempel des Antonius und der Faustina. Die Reste vom Friedcnstempel des Titus, in welchen alle Beute zusammen gebracht ward und alle Kostbarkeiten der Welt waren; der Tempel der Sonne und des Mondes, (gegen Aufgang und Untergang gerichtet,) die auch gar schön sind, und von deren einem man Reife nach Italien von 1788 bis 1789. 243 in den andern kommen konnte- denn sie stehen dicht neben einander. Dann geht man durch den Triumphbogen des Titus, (nach der Eroberung Jerusalems errichtet) aus welchem der jüdische Leuchter rc. (aus dem Tempel zu Jerusalem) abgebildet ist; weiter hin kömmt man zum Kolisäum, mit dessen Anblick sich der herrliche Spaziergang endet. Ihm zur Seite ist der Bogen Eonstantins; der die vortrefflichen Basreliefs vom Bogen Trajans hat, von dem Eonslantin sie stahl." rc. Am Schluß seines Briefes an Adelbert, machte er noch einige allgemeine sehr wahre und charakteristische Bemerkungen über Nom: „die Wölfin, die den Romulus und Rcmus gesäugt hat, sichet man in Nom sehr oft; auch viele kleine schlafende Amors, einige schlafen sogar in Nesterchen und liegen mit Arm und Beinen gar hübsch über einander. Die stehen dann in manchen Pallastkn auf den Tischen und sind von weißem Marmor, als ob man sie aufessen sollte. Solche schöne Kinderspiele findet man aus der alten Kunst viel- und wenn es auf schönen Marmor, auf prächtige Treppen und Tische, von Porpbyr, Vasen von Alabaster, auf Statuen und Gemälde ankäme: so wären wohl keine glücklicher» Häuser in der Welt- als viele in Roiri. Aber siehe lieber Adelbert, darauf kömmt nicht alles an. Da sitzen sie dann in einem engen Winkel, und lassen die schönen Zimmer leer stehen und leben wohl gar schmutzig und gcitzig; sie halten eine Menge Bedienten und geben ihnen sehr wenig; auf mancher Kutsche stehen vier hinten und einer auf einem hängenden Tritt, der die vier Q 3 2/,4 Herders Leben. nn den Füßen hält. Das sind lauter unnütze müßige Leute. In ganz Rom ist alles voll Müßiggänger ; dis Familien die Geld haben, haben Alles; die andern sind arm und müssen sich nähren wie sie können und mögen. Die Häuser der Bürger und gemeinen Leute sehen entsetzlich schmutzig aus; und alle sorgen nur für den heutigen Tag. Das ganze Land um Rom herum ist unbebaut; da sicht man keine schöne Ochsen und Kühe, keine Garten und Früchte, alles muß weit hergebracht werden, auf Esclein gar eben, mit lauter klingenden Glöcklein und inan hat manchmal die Ehre, einigen hundert Eseln, die vom Markt wiedcrkommcn. auf einmal zu begegnen. In den römischen Garten wachsen zwar Lorbeerbäume, Eypresscn und Eikroncn, aber kein Obst und kein Gemüse. Selbst die Eitroncn sind in gewissen Monaten hier theurer, als bei) euch in Weimar; weil man sie nicht aufbewahrt, sondern vom Baum herab verkauft. Siche mein Freund, das ist eine üble Wirthschaft! und der Wein ist hier, mit Respekt zu sagen, meistens widerlich oder schwer und abscheulich. Dafür aber sind hier schöne Skatüen und Gemälde!" — Der ungewöhnlich kalte Winter von 1788 auf 89 verfolgte auch Hcrdern unglücklicher Weise bis nach Italien: gegen Neujahr 2789 gieng er im Gefolge der Herzogin Amalia von Rom nach Neapel, wo er am 5 . Jauner ankam und gleich am folgenden Tag an seine Gattin schrieb: „Ich bin glücklich in Neapel! die Reise war beschwerlich, denn die schönen Orangenwalder dieses glücklichen Erdstrichs liegen unter nie gesehenem und nie erhör- Reift nach Italien von 1788 bis 1789. 2 /,5 tcm Eise. Ein trauriger Anblick! Pferde und Menschen , die des Eises und der Kälte eben so ungewohnt waren, konnten sich auch nicht drein finden, und naniiten cs krutta ucwa, Key solchem Wetter zu reisen. Wer konnte cs aber voraussehen? Trotz der Kalte ist die Luft hier, wie ich sie Zeitlebens noch nicht gefühlt habe, balsamisch und erquickend. Vom drückenden Rom befreit, fühle ich mich wie einen ganz andern Menschen, wiedergeboren an Leib und Seele. Was muß das für ein Aufenthalt seyn, in der schonen Jahrszeit! Wir wohnen am Meer, mit der schönsten Aussicht! Hier wünschte ich Dich, nicht in Rom; hier ist Gesundheit, Ruhe und Leben , die schönste Welt, ^ch glaube cs den Neapolitanern: daß, wenn Gott sich eine gute Stunde machen will, er sich ans himmlische Fenster legt, und auf Neapel herabsieht! — Auch sehe ich oder fange an zu fühlen, wie man ein Grieche seyn konnte. „Das Wetter ist bis jetzt nicht von der Beschaffenheit gewesen," fahrt er nach einigen Tagen fort, „daß wir viel hatten sehen können. Die Lust ist indessen auch in Kalte, im Scirocco und im Sturm des Meeres hier so schön, daß man alles vergißt und nur athmen, sehen, essen und trinken möchte- Auf meiner ganzen Reise habe ich mich nicht befunden, wie hier. Ich bin gerade in dieser Seeluft, wie ich war, als ich die Meere durchstrich und hoffe blos durch Neapel gesund und gestärkt zurückzukehren. Wenn der König mich hier irgendwo zum Erzbischofs machte, und der Papst mir erlaubte, Dich und die Weinigen zu behalten, so kämest du mit den sechs Kindern nach, oder vielmehr ich holte dich ab und wir wollten hier leben, dann 2^6 Herders Leben. giengcn wir auf den Sommer auf die Insel Jschia, und lebten da, von der Welt abgeschlossen und als ob uns alle Welt gehörte! Rom ist eine Mördergrube gegen diesen Ort, und ich sehe jetzt gar wohl, warum es mir da nie recht wohl ward. Ich wollte, daß alle Gegenstände des Studiums hier waren! — Himmel und Hölle, Elysium und der Tartarus ist hier erfunden; Homer und Virgil haben das Einzige Ewige ihrer Gedichte aus Einer Gegend genommen die vor meinen Augen ist. Auch für meine Philosophie der Geschichte habe ich hier in acht Tagen mehr erwischt, als in Rom in 3 x Monaten Ich wünschte, daß cs mir immer so wohl seyn könnte und diese Physiognomie mir auch hinter der Peter- und Paulskirche zu Wejmar bliebe. „Ich habe den Erzbischofs von Tarent, Oiu- sepipa Euxeuus, Oatrc» (den Stollberg in seiner Reise 3 . Th. S. 179. und auch Frau von der Recke in ihren Erinnerungen aus Italien sehr vorthcilhaft schildert, und der die schöne Elegie auf den Tod Herders, am Schluß dieser Lebensbeschreibung, gedichtet hat) kennen lernen; den gescheidstcn, lebhaftesten, gelehrtesten, sinnreichsten, liebenswürdigsten Geistlichen, den ich je gesehen habe. Ich habe mit ihm schon fünfmal Eonversalionen gehabt, und habe einen Ort, wo ich ihn fast täglich sehen kann, welches mir denn sehr wohl thut. Heule Mittag (den 12. Jänner) habe ich ihm Visite gemacht, und bin nach zwey Stunden, mit allen seinen Schriften, die er mir schenkte, von ihm gegangen." Reise nach Italien von 1788 bis »789. 247 Die Neapolitanischen Großen und Gelehrten, deren Herder sehr viele kennen lernte, und von ihnen ausgezeichnete Ehre genoß, nannten ihn gewöhnlich Vsssovo äi luringia! Am 19. 2 anner. ,,Wir kommen eben aus Pompeji und haben die herkulanischen Gemälde durchsetzen, an einem sehr schönen reihenden Tage. Luft, Himmel, Berge, Meer und Erde sind ein Zaubcranblick, in dem man wie versunken ist. Man fahrt mitten im Winter durch Garten Adonis und wird von dem holden Traum trunken. Ehegestern fuhr ich allein um den Paustlipp herum, wie hinein in die Abendröthe und kam so sanft traurig wieder, daß ich drei) Stunden hernach wie stumm war. — Grüße Göthe und Knebel und sage dem Letztem, daß ich ihn oft her wünsche, mit ihm am Ufer des Meeres spazieren zu gehen, den Vulkan mit ihm zu besteigen, am Grabe des Sanna- zar's, auf Lupo cli Monts oder sonst mit ihm in Magna Oraocna zu philosophiren." Am 10. Februar, (an Frau von Diede, Gattin des Dänischen Gesandten zu Regcnsburg.) „Sie' kennen Neapel, und also darf ich's nicht weitläufkiger erklären, wie sehr diese Nymphe »htzr Sirene Parthenope reihe. Sie kömmt nicht aus dem Wasser hervor, sie schwebt unaufhörlich über den Wellen des Golso, und bestrickt so die Seele, daß man ans Schreiben nicht kommt. So habe ich denn auch endlich die Gegenden gesehen, die ich je zu sehen fast verzweifelte, den Paustlipp mit seiner Grotte, mit seinen schönen Landhäusern < 2^3 Herders Leben. und den Zauber - Inseln, die vor ihm liegen: den See Agnano, den Avernus und Acheron, den Styx, die clifaischen und pflegcaischcn Felder, Gegenden, aus denen alle Dichtkunst über Himmel und Hölle entsprang; das misenische Vorgebirge und das reiz- zende Baja mit seine» wenigen kostbaren Trümmern. Ich bin in den Grotten des alten Ecaters, der Solfatara gewesen, und habe auf der andern Seite, unter den Kostbarkeiten des alten Herkulans und in Pompeji umhcrgewandclk. Jetzt ist uns Pastum noch übrig, wohin wir morgen gehen; alsdann, schöne Pgrthcnope, lebe wohl! Dann geht's wieder ins alte Rom, und allmählich ziehe ich mich zurück nach Deutschland: ein Land und ein Volk, das ich jetzt mehr schätze und liebe, seit ich Italien kenne und den Geist und die Wirlhschast seiner Nation gesehen habe." Am 29. Februar reiste er von Neapel zurück nach Nom. Einige seiner Gedichte, besonders „Am M ee r b ey N ea p el " und „Andenken an Neapel," sind schöne Blüthcn seiner damaligen Empfindungen, Auch „Amor uyd Psyche," „Ap di? Herzogin Amalia, " „Die Farbengebung" „Die sinnende Zeit" „Bitten an Gott" sind Gedichte, die ihre Entstehung dem Einfluß hes italienischen Himmels zu danken haben. (B. 32 .) „Seit gestern," schreibt Herder am 2r. Febr. „sind wir wieder in Rom, und statt des bellen ewig beweglichen Meeres, stehen stille dunkle Erpressen mir vor den Augen, an denen sich kein Wipfel- Reise nach Italien von 2768 bis 1789. sgy chen regt, alles ist still und todt um uns her, weil die Villa Aguaviva oder Malta, wo wir auf dem Monte Pincio wohnen, meistens schon unter Garten liegt. Rom, mit seinen Dächern und Cupolen ist unter uns, und auch da war's äußerst todt auf den Straßen, gegen Neapel verglichen, als wir gestern Abend unfern Einzug in Rom hielten." —- „Rom ist kein Ort für mich, so viele Schätze der Kunst, vielleicht auch der Literatur, wenn solche zugangbar waren, darinn gesammelt seyn mögen. „Wlmt's Ilsauloa to chiwi or Iis to Icksculrn?" — sage ich mit dem guten Hamlet, und will mich gern wieder in meine kleine Nußschale einsperrcn, wenn ich nur schon zu ihr gelangt wäre. Ich sehne mich aus Italien, und wollte, daß ich schon an der deutschen Grgnze wäre, ob ich gleich an meine kirchliche und politische Situation in Weimar eben nicht mit Vergnügen denke. Auf der andern Seite wünscht die Herzogin, daß ich mit ihr auf den Sommer nach Neapel zurückkehre. Der Erzbischofs von Tarent hat mir dort äußerst angelegen, nur ein halbes Wort, uns cksmi xaross darüber zu geben; und General Salis hat mir sogar den Antrag gemacht, mit ihm nach Sicilien zu gehen, wohin ec im Frühling zu reisen gehenkt. Das alles wgre nun wohl recht und gut, aber thcils fürchte ich für meine Gesundheit, thests habe ich's etwas satt, als Appendix unter den Menschen, wenn auch unter guten Menschen, zu leben, und sehne mich nach meiner Heimath." „Ich laufe jetzt mit Meyer noch einmal die Haupt-Denkmale des Altexihums über. Er ist ein 220 Herders k e b c n. vortrefflicher Mensch, einer aus Tausend und abermal Tausend, an Sinn und tiefem Verstand, eine rechte Seele vom Menschen. Binnen 8 Tagen habe ich einmal bey Bernis, einmal beym dänischen Gesandten und einmal bey Angelika Kaufmann gespeißt." — An den alten Kardinal Bernis, damals noch immer lebhaft wie ein Jüngling, war Herder von Frau von Diede zu Regcnsburg empfohlen worden , der ihn auf's gütigste empfangen und ihn mit seiner gewöhnlichen Heiterkeit behandelt, auch in seine Conccrt - Eonvcrsation ausgenommen hat. Auch Kardinal Borgia war sehr zuvorkommend und gefällig gegen ihn. Er war der erste der ibn besuchte, sobald er hörte, daß er wieder in Rom sey. Von ihm crbielt er die erste Nachricht, als er eben bey Bernis mit ihm zusammentraf, daß die Akademie der Volsker in Velletri (Loaietü I^stterariu cls Volsoi) ihn zu ihrem Mitglieds ausgenommen habe. Mit Angelika Kaufmann kam er in Rom sehr häufig zusammen. In den Briefen an seine Frau sagt er über diese bekannte deutsche Künstlerin Folgendes: „Angelika ist eine gar zarte jungfräuliche Seele, wie eine Madonna oder wie ein Täubchen. In kleiner Gesellschaft, zwischen zwey und drey ist sie gar lieblich; sie lebt aber sehr eingezogen, ich mochte sagen in einer malerischen Ideen-Welt, in der das Vögelchen auch nur alle Früchte und Blumen mit dem Schnabelchen berührt. Ihr alter Zuchi ist ein braver Mann in seiner Art, er kömmt Reise nach Italien von 2788 bis >789. s 5 i mir aber immer wie ein venetianischcr Alter in der Eomedie vor. — Leider ist sie durch die fatale Kunst, in der sic wie ein Engel eyistirt und von Kindheit auf existirt hat, auf ihrem Stamme vertrocknet Sie ist eine Dichterin mit dem Pinsel und hat eine sehr zarte Empfindung. Sie grüßet dich sehr, und hat mir angetragen, mein Gemälde ihr zu lassen. Zum Pendant von Göthe, den sie auch gemalt hat. — Sie ist meine einzige Trösterin in Rom. Je mehr ich sie kennen lerne, desto mehr gewinne ich dieses seltene jungfräuliche Kunstwesen lieber; eine wahre himmlische Muse, voll Grazie, Feinheit, Bescheidenheit und einer ganz unnennbaren Güte des Herzens. Sie hat mich auch recht gern und die Stunden, die ich bey ihr znbringe, sind mir ohne Vergleich die liebsten, die ich hier genossen habe; es sind aber nur wenige, weil sie äußerst fleißig ist, und ich sie in ihrer Arbeit nicht stören mag. Ihr Eindruck wird mir wohl thun auf mein ganzes Leben; denn er ist von allen Buhlereien, aller Eitelkeit und Falschheit entfernt; sie weiß nichts davon und ist bey aller der demüthigen Engels-Klarheit und Unschuld, von der alle ihre Arbeiten zeugen, vielleicht die cultivirteste Frau von Europa. — Ich ließ sie neulich, da wir in einer Ecke der Gesellschaft sprachen, die Stelle deines Briefes, die von ihr handelt, lesen; sie brach auf einmal in Thränen aus und war so bewegt, daß sie sich lange nicht fassen konnte. Neulich sagte sie mir, so nach ihrer füllen Weise, daß sic doch wenigstens bey uns zu sterben wünsche, da sie nicht bey uns leben könne. Dich kennen lernen müsse sie wenigstens gewiß, wenn sic nicht bald sterbe. Ich suchte dies alles untcrzutauchcn und zu besänftigen; aber 25 2 Herders Leben. ich glaube gewiß, wir haben an ihr einen trefflichen treuen Seelcnschatz unsres Lebens. Sie will dir in der ersten Muße ihr Bild malen." „Wenn mich etwas in Rom tröstet, sind's die Statuen und Köpfe. Deinen Charakter habe ich auch gefunden, und wir wollen den Namen Electra jetzt fahren lassen; du bist Ariadne. Zwar bin ich nicht Thescus und Baccchus; nur in so f.rn ich Wein trinke und Tabak rauche; ich kann dich auch nicht zur Himmels - Göttin erheben. Dafür habe ich Dich aber auch nicht verlassen , und Deine treue, feste Reinheit, die liebestrunkene Großheit und An- muth Deiner Seele ist eine Gabe, die Dein ist, und die keiner wieder geben noch rauben kann. Bleibe mein, ich will Dein bleiben, mein süßes einziges Leben, mein Weib und meine Geliebte, mein Bruder und meine Freundin!" —- In den Vatikan kam Herder, nach seiner Rückkunft yon Neapel nicht wieder, theils weil er jetzt noch entfernter wohnte, theils weil ihn eine Art innern Ekels und Verdrusses von diesem Kerker, wie er sich ausdrücktc, zurückhielt, indem so viele Gefangene hinter Schlossern so unnütz liegen. Man müßte, um sie zu befreien, ganz andere Muße und Bequemlichkeit, am meisten aber mehr Zeit und Zugang, im Grunde auch mehr Jugend Haber. , die zu solchen Entführungen *) bezauberter Prinzessinen den ) Die Schätze des Vatikans waren zumTheil unterdessen ig das Land der augenblicklichen Freiheit- wirklich entführtj und dort mit Bequemlich- Reise nach Italien von 1788 bis 1789. s 53 regsten Zunder gibt. — Indessen schied Herder dennoch vergnügt und zufrieden von seinem lang ersehnten klassischen Italien , da er in Rom sowohl als in Neapes eine Aufnahme gefunden hatte, deren sich nur wenige Fremde rühmen können. Daß seine Hoffnungen in Ansehung der Bibliotbeken nicht erreicht wurden, hat nicht an ihm gelegen und Manchen schon, vor und nach ihm, unangenehm getauscht. Am i 5 . May gieng er Mittags, mit einem Vetturins von Nom ab, über Siena und Pisa, wo er das Merkwürdigste kennen zu lernen suchte, und traf am 22. May Mittags in Florenz ein. Gleich am ersten Tag wurde die berühmte Venus , die Niobe u. a. sammt der Galerie beseben und Abends noch schrieb er an seine Gattin: „Die verschlossenen Zimmer bin ich zweymal durchwandert, muß aber noch wenigstens ein oder zwey Tage daran wenden. Gottlob! in Florenz fangt das Herz mir wieder an aufzugehen; hier sind, wie jener Schiffer sagte, doch wenigstens Fußtritte von Menschen, von keit zu schaue»! doch bald entzog die tief gekrankte Göttin sich, und wir ihr, die, nur in ihrem Bereiche erzeugten und gedeihenden Werke der Kunst, dem Blicke der Unwürdigen! Sie ist mit ihren Schätzen der lang gewohnten Sklaverey, aber auch ihrem klassischen Himmel zurückgegeben, um dort, für bessere, lichtvollere Zeit, in ihrer Reinheit bewahrt, aus den Wolken des Augenblicks einst wieder allbelebend hervorzutreten, (S. Adrastea 1. pag. ilr?.) Herders Leben. 264 großen Menschen alter Zeiten, die alle auf diesem Punkt gelebt und gewirkt haben. Denke Dir, wie ich heute Nachmittags in der Kirche S. Croce unver- muthct auf dem Ort stand, wo Michel Angela Buo- narotti, Galilai und Machiavel, drey der größten Geister, die Floren; und durch sie, die Welt gehabt hat, begraben liegen, unter schönen Monumenten. Und neben ihnen andere brave Männer, Filicaja, Lami, Leonardo Bruno, Eocchi, Michcli; auch Staatsmänner u. a. Und zwischen ihren Grabmalern, Altäre mit Werken der denkendsten Maler, die die florcntinische Schule fast ausschließend hat, in simpler Bedeutung geziert. Und als ich nachher in die Kirche Anunciada kam, und meinen lieben Andrea del Sarro im Vorhofe unter den Meisterstücken seiner Kunst und seiner Bildsäulen begraben fand; und beym Eintritt in die Kirche seinen männlich schönen Ehristus, den schönsten nach Vinti, unter einer Last von Gold, Silber, Edelsteinen, Gelübden und Mar» mor verehrt sah, und so weiter hinauf bis in die letzte Grab-Kapelle des Johann bon Bologna rückte, darauf beym Herausgehen eines seiner vielen Werke, den Großherzog Ferdinand in Erz grüßte, und in die Gärten Boboli eilte, um über dem Arno die Sonne untergehen zu sehen! — So war mir gestern, da ich Giötto und Eimabue's Bild im hiesigen Dom; und in Pisa, da ich Algarotti's Grab neben Eiotlo's alten heiligen Anfängen der Kunst im Larnzio Santo fand; so war mir heute morgen, da ich in der Galerie die unendliche Reihe der großen Männer aller Zeiten, und in zwey Sälen die von ihnen selbst gemalten Bildnisse aller großen Maler aller Nationen sah, und auch meine liebe Angelika, wie einen Reise nach Italien von 1788 bis 1789. 255 Engel im weißen Gewand unter ihnen erblickte! Hier sind Fußtritte von Menschen, nicht Heilige und Götzenbilder allein. Morgen gchts in den Pallast Pikki u. s. w. Die Straßen und Kirchen sind schön kühl und der Boden so rein, daß man allenthalben nieder- sitzcn und Gastmal halten möchte." — Bon Florenz , wo er mit dem damaligen Großherzog zwey Stunden allein zu sprechen das Glück hatte, reiste er nach Bologna und von da nach Venedig; von wo er am 6. Juny schrieb: „Ich bin sehr gesund, und habe abermals das Erfrischende des See-Elements gefühlt, das mich in meiner Jugend , da mich vorher jeder Wind umwerfen wollte, neu stärkte. Den dritten Pfingst - Feiertag Abends gienq ich mit dem Courier von Bologna zu Schiff nach Venedig; es war ein schöner Mond-Abend, in der Nacht schlief alles wie und fo gut es konnte. Gegen Mittag waren wir in Ferrara. Ich begrüßte Ariosto's Grab. Nachmittags giengs weiter und gestern zwischen 2 und 3 Uhr waren wir in Venedig. Nachdem ich mich erholt, und die Sachen abgemacht hatte, die eine Last der Reisen sind, sah ich den Markus-Platz und alle Gebäude desselben von außen, die Brücke Rialto rc. kaufte mir den Ariost, sah den Markus-Platz nachher erleuchtet und gieng Abends zwischen io und ri Uhr in die Oper, die gegen 2 Uhr aus war. Heute sah ich die Bibliothek und will nun noch ein Giro um Venedig in einer Gondel machen. Das ist keine Parthenope wie Neapel mit sanften lockenden Armen, sondern ein See - Ungeheuer mit zehentaufend Händen, das in jedem Gliede lebt und auf Nutzen bedacht ist. 256 Herders Leben. Es reuet mich indessen nicht, daß ich auch dies! Nomphe der Lagunen hinter Rohr und Schilf gesehen habe. Es ist ein ganz eigenes Universum in ,hc; in allem das Gegentheil von Rom und von allen Landstädten. Selbst Amsterdam ist an Seltenheit nichts gegen sic; cs ist eine Seespinne mit hundert Füßen und Millionen Gelenken. — Nun bin ich, fahrt er an seine Kinder fort, in solch einem kleinen schwarzen Hause geschwommen, das man eine Gondel nennt. Es ist lang und schmal, vorn und hinten spitz, und sieht wie ein Frauen - Pantoffel aus. Das viereckte Kämmerchen darauf mit vier Sitzen ist mit schwarzem Tuch beschlagen, so wie auch die Gondel schwarz ist. Der Gondelier steht hinten drauf und lenkt die Gondel mit seinem Ruder so gefchickt- daß man es kaum sich denken kann, wenn mans nicht gesehen hat. Man schwimmt dicht auf den Wellen so sanft, wie in einer Wiege, und sieht an beyden Seiten große hohe Palläste einer dicht am andern; unter den Brücken fährt man durch; zwischen Gondeln, Schiffen und Brücken fliegt man wie auf einem Pfeil hin, daß im größten Gedränge eine Gondel die andere kaum berührt. In manchen ziemlich engen Kanälen gehen drey Gondeln neben einander so schnell vorbey, als wenn man einander vorüber flöge, Die Damen sitzen mit ihren Herrn drinn, und sie haben es zehenmal bequemer, als wenn sie in den Kutschen gerüttelt würden.. Zn Venedig sind keine Kutschen, alles wiegt sich in Gondeln, was nicht über die Brücken - Treppe auf und ablaufen will. Es ist eine sonderbare Stadt, die gleichsam aus der See empor steigt, voll Gedränges von Menschen, voll Fleiß und Betrügerey. Es ist mir Reise nach Italien von 1788 bis 1789. 267 mir lieb, daß ich sie gesehen habe. Morgen gehts nach Padua, auch zu Wasser, dann weiter bin zu Laude, und endlich zweymal über die Berge, bis ich bei) Euch bin und Euch wieder sehe rc." Ueber Padua, Bicenza, Verona, Mantua, Guastalla, Parma, Piacenza reis'te Herder nach Mailand. „An die Schweiz," schreibt er von dort, an seine Gattin, „ist nicht zu denken! Meine Seele faßt keine neue Eindrücke für jetzt mehr, und die Schweiz, wenn man sie noch nicht gesehen hat, zum Appendix von Italien zu machen, wäre unverzeihlich! —Laß das seyn, sage ich mir, bis ein andermal, wenn es anders das Schicksal will. Dann sehe ich diese schönen Gegenden . mit Dir; allein mag ich nichts mehr sehen." — Von Mailand über Jnsbruck nach München und Nürnberg eilte er in die Arme der Scinigen nach Weimar, wo er am 9. Iuly 1789 glücklich ankam« Herders Wirken in Weimar seit seiner Rückkehr aus Italien, bis in die letzten Jahre seines Lebens. Von 1789 bis l8ol. Noch einmal sollte Herder, durch einen erneuerten Ruf nach Göttingen, in seinem künftigen Lebens- Plan schwankend gemacht werden! Als er noch in Herders W. z. Phil. u. G-sch. XVI. N Hn. 253 Herders Leben Rom war, erhielt er von Freund Heyne unterm 12. Mär; 1789 folgendes Schreiben: „Zu den Sonderbarkeiten unsrer Schicksale gehört auch dieses, mein lieber Freund, daß ich Ihnen nach Rom über eine seltsame Angelegenheit schreiben muß, die Ihnen nach ehemaligen Vorfällen anfangs unbegreiflich sexn muß. Kurz, ich habe Ihnen, in Auftrag des Ministern, unter höchster Genehmigung, den feierlichen Antrag zur kiokessio tlreoloZiss vrckinurin und ersten Univcrsitats - Predigcrstelic, mit dem Charakter eines Consi'stori'alraths, der in unfern Landen der höchste ist, mit Stelle in der Fakultät, mit einem Gehalt, den Sie nach Ihrer jetzigen Lage selbst bestimmen können und müssen, mit 200 Rthlrn. jährlichen Wittwengehalt, mit 40 Pistolen Antritts- Kosten, zu khun. Wie dieses alles so herum gebracht worden ist, gehört in diesen Brief nicht. Genug, Sie haben völlig Satisfaclion für das Vergangene. Aber was ich dabey fühle, mein Thcucrster! kann ich Ihnen nicht sagen; noch weniger was ich wünsche. Und .doch will ich mich keinem Wunsche eher überlassen, als bis ich höre, wie Sie über die Sache denken. Ihre Lage und Verhältnisse in Weimar kenne ich nicht. Also hierüber kein Wort. Was Sie nicht sowohl wissen können, ist, was Göttingen anbetrifft. Hier hat sich alles verändert. Hier ist alles zu Ihrem Vortheil. Sie können, Sie müssen hier geehrt und glücklich seyn. Selbst unser Lcß, mit dem ich kürzlich sprach, sieht Sie als die einzige Rettung unsrer theologischen Lage an. Milche Veränderung der Sachen in so wenig Jahren! Jetzt sind Sie als einzige Stütze der gesunden Theologie von Hohen in Weimar von 1789 bis 1801. 25 g und Niedrigen betrachtet, gewünscht, gesucht. Alle Minister sind für Sie. Sie sind in London vorgeschlagcn und genehmiget und ich habe durch ein solennes Rescript Auftrag, alles mit Ihnen zu verhandle». Koppe in Hannover und Eichhorn in Göttingen erleichtern noch niedreres. Mit einem Worte: Hier haben Sie nichts als Achtung und Liebe zu erwarten, nirgends Anstoß. Die Predigerstelle Key der Universitäts-Kirche gicbt Ihnen einen mächtigen Einfluß in das Ganze, und in das theologische Fach insonderheit. Das ganze Prakiische der theologischen Eollcgien fällt in Ihre Hände. Als zweiter Prediger soll Marezoll eingesetzt werden. Moral und Dogmatik wären außerdem Ihx Ankheil. Günstig ist also jetzt Alles, und ich wüßte Nichts, was Ihre Lage drücken oder schmälern konnte, dagegen was könnten Sie in der Lage Alles wirken ! " „Ihre häusliche Lage müßte gewinnen bey der besseren Gelegenheit, die Sie für Ihre lieben Söhne haben; sowohl für den Unterricht auf der Akademie, als für künftige Versorgung. Eingeschränkt leben wir hier in unserm Innern größtenthcils, wer nicht Thor ist und es anders will. Ich lebe für meine Familie, habe das ganze Jahr kaum 2 bis 3 mal Gesellschaft. Und so machen es aridere, jeder nach seinem Willen. Jeder ist sich selbst Gesetz." „Da die Sache in meiner Hand ist, so würde ich alles einleiken, wie Sie cs wünschen. Ehe ich aber hierunter weiter gehe, muß ich erst wissen, was Sie beschließen können und wollen. Erweisen Sie mir die Liebe und antworten Sie mir bald rc." R 2 Natürlich konnte Herder aus Italien hierüber keine entscheidende Erklärung geben, er entschuldigte sich also in einer bald darauf an Heyne ertheilten Antwort-, mit der Unmöglichkeit, in der Unruhe und Zerstreuung der Reise, einen Entschluß von sich zu geben. — „Sie kennen meine Neigung für Göltingen, und für den Wirkungskreis, zu dem Sie mich einladcn und in dem ich gewiß nicht ohne Nutzen zu seyn hoffe. Ich danke dem königlichen Ministerium für das Zutrauen, das es auf mich setzt, und im Fall das Schicksal mir wirklich dies Feld anweiset, werde ich mich gewiß als einen treuen Arbeiter zeigen. Es ist aber natürlich, daß ich erst in den Kreis zurücktrcte, aus dem ich gegangen bin und hinterrücks nichts voreiliges unternehme. Schon vor meiner Abreise hatte der Herzog, dem ich mit meiner Zufriedenheit diene, im Sinne, einige Umstande mit meiner bisherigen Situation zu andern. Er hat mir, ohne die mindeste Anregung von meiner Seite, einige Punkte darüber zukommcn lasten, und es erfordert also sowohl die Pflicht der Dankbarkeit gegen ihn, als die Sorge für die Mcinigen, daß ich nichts übereilt lhue ic." Viel entschiedener für Göttingcn soll er sich in den Briefen an seine Gattin ausgesprochen haben, die sie jedoch, verschiedener Ursachen wegen, zum Druck zu überliefern, damals Anstand nahm, ohn- geachtet sie seinen Geist, sein edles Herz und seine 'gesunde Ansicht der Dinge und Personen in das schönste Licht setzen sollen. Durch unglückliche Kriegs - Ereig- msse scheinen diese, und manche andere herrliche Aufschlüsse und Belege, auch für die Nachwelt verloren zu seyn. in Weimar von 1789 bis 1801. 260 Auch Spittler, schrieb ihm von Gottingen aus nach Rom, nahm cs für ganz gewiß, daß Herder den >Ruf annehmen werde, bezeugte ihm seine innige Freude darüber und erbot sich zu jeder Nachricht über Göttingen: „Dieß ist nichr Auoringlichkeit gegen Sie," fahrt Spittler fort, „sondern reinste Pflicht der Dankbarkeit Denn, Koppen in Hannover ausgenommen, bin ich keinem Menschen auf Erden den Dank schuldig, den ich Ihnen schuldig bin. — Ich bin hier höchst glücklich! Seyen Sie versichert, Sie werden es gewiß auch sey»; denn es gicbt vielleicht wenige Orte in der Welt, wo man cs so cinrichten kann, daß man recht glücklich lebt, als gerade hier. Mein innigster Freund, im vollsten Sinn des Wortes, ist Dr. Plank, und mit diesem lebe ich so vergnügt zusammen, als selten zwcy Brüder zu thun pflegen. WaS ich zu seinem Lobe sagen würde, könnte also verdächtig scheinen; doch aller Glaube an die Menschheit müßte mich trügen, wenn Sie nicht einen höchst edel», zuverlässig treuen und aufgeklärten Eolleqen in ihm finden sollten. Lassen Sie sich doch in Ihrem Entschlüsse, zu uns zu kommen, durch nichts erschüttern; es wartet viel Liebe und viel Freude auf Sie in Göttingen." — Eine bekannte geistvolle Frau und Freundin der Herderschen Familie, Frau von Berlepsch aus Hannover, die gerade damals in Göttingen wohnte, schrieb die feurigsten Briefe, voll zärtlich treuer Sorgfalt für das Glück ihrer Freunde, um Herders Gattin, und durch sie ihren Mann zu bewegen, den ehrenvollen Ruf nnzunehmen, „dem sich weder zu Hannover, noch zu Göttmgen auch nicht eine Stimme wider- 262 Herders Leben setze; alles habe sich gegeben; das vom König selbst noch vor seinem Zufall unterschriebene Concept habe sich gefunden, und die Minister machten nun den erwünschten Gebrauch davon. Herder solle nur Bedingnisse machen, welche er wolle." — Allein eben dazu konnte sich Herder am wenigsten entschließen, und wünschte, daß vielmehr die hannoversche Regierung ihm die pekuniairen Bedingungen Vorschlägen möchte, indem er die richtige und bescheidene Bcsorgniß hegte, man könnte seine Forderungen als übertriebene Schatzung seiner selbst ansehen. Uebrigens war auch, abgesehen von den bessern Gehalts-Bedingungen, sehr Vieles für ihn jetzt vvr- thcilhafter als früher: besonders auch die künftige Versorgung seiner Söhne und der größere Einfluß, den er sich weit mehr als durch Bücher, durch die studierenden Jünglinge nicht nur auf ganz Deutschland sondern auch auf das übrige cultivirte Europa versprechen konnte. In Weimar war sein Ruf nach Göttingen sehr bald, und noch ehe er von Rom zurückgckehrt war, bekannt geworden; doch wollten seine dortigen Freunde den Gedanken nicht aufkommcn lassen, daß er je Weimar verlassen könnte, und drangen wenigstens darauf, daß er keinen Entschluß hierüber nehmen möge, bis er mit ihnen reiflich das Für und Wider erwogen und durchgesprochcn haben würde. Auch Göthe bewies sich in dieser Lage, wie Herders Gattin selbst versichert, als treuer Freund, 26Z in Weimar von ^789 bis 1801. wollte nicht darein reden, Herders Schicksal nicht ir«e leiten, sprach jedoch von der Gefahr einer solchen Veränderung in diesem Alter und bat nur, daß er und seine Gattin in der ersten Agitation nicht handlen und möglichst ruhig, beydc Situationen gegen einander abwagen möchten. Nach seiner Zurückkunft nach Weimar, suchte man ihm alles Nachthciiige, was gegen das Universitäts-Leben gesagt werden konnte, und was früher auch Freund Gleim ihm wohlmeinend vorgestellt hatte, jetzo mit einiger Uebertreibung und dagegen das Leben in Weimar, als einen Rosenhain, zu schildern. Lange blieb Herder unentschieden, die Stimme seines Genius war für Göttingcn; als er aber die Liebe und das Zutrauen so vieler von ihm verehrter Personen zu Weimar vor sich sah; als er die Wünsche der regierenden Herzogin von ihr selbst vernahm, und der Herzog ihn sogleich nach seiner Zurückkunft, zum Vice-Präsidenten des Ober-Consistoriums ernannte, auch andere vorthcilhafte Bedingnisse zur Verbesserung seiner Lage in Weimar ihm vorschlug, so entschloß er sich endlich, mit schwerem Herzen, seinem Lieblingswunsch zu entsagen, und den Ruf nach Göttingen auszufchlagcn! — Nur wenige Wochen nach diesem entscheidenden Schritt für sein noch übriges Leben verschwand schon wieder der günstige Anschein, um den er in Weimar zu bleiben, dem ausgedehnteren wissenschaftlichen Wirken in Göttingen vvrgezogen hatte! — Durch seine Ernennung zum Vice-Präsidenten im Ober - Eonsistorium , wurde er zwar von den Wochenprcdigten, den Predigten in der Hofkirche, Begräbnissen - und Leichenreden und besonders von den lästigen Kirchenrcchnungen befreit. Allein verschiedene neue Einrichtungen im .Ober - Eonsistorium verdarben ihm scjne Freude über gehoffte Erleichterung sehr bald wieder; und besonders der Umstand: daß der alte, beynnhe blinde und grämliche Präsident, noch zwölf Jahre lang forklebte; sich in jeder Session cinfand, und Herder also nur unter ihm, das Präsidium führen mußte: lähmte seine Thätigkeit und hemmte jede ihm nöthig geschienene Verbesserung! dazu kamen noch verschiedene tief gefühlte Kränkungen und ochäßige Mißverständnisse , die ihn mißmüthig machte». Mit tiefem Schmerz fühlte er nun Reue im Herzen, den Ruf nach Göttingen, wo ihm so viel Liebe und ein weit freierer Spielraum für seine Thärigkeit geboten worden war, ausgeschlagen zu haben. Er wurde niedergeschlagener, als nie vorher, und oft war es an dem, daß er alle seine Stellen niederlegen und anderwärts fein Glück suchen wollte. Natürlich mußte diese Stimmung auch auf seine Gesundheit nachtheiligen Einstuß haben; schon im Winter von 1789 aus 179a wurde er mehreremal bettlägerig, und selbst sein Lelnn war in Gefahr. Mit dem kommenden Frühjahr kam zwar Gesundheit und Heiterkeit wieder, aber nie mehr so, wie er sie früher genossen hatte. ,,Ach mein verfehltes Leben!" rief er oft in tiefer Wehmuth aus. Neue Anfälle nöthigten ihn im Jahr t"9>r eine Badekur in Karlsbad zu gebrauchen, wohin ihn seine Gattin in Weimar von 1789 bis i8ci». 260 begleitete. Seine Beschwerden wurden jedoch dort mehr aufgeregt als erleichtert. Unter manchen in Karlsbad geknüpften angenehmen Bekanntschaften der Familie Herder, verdient vorzüglich die Gräfin Vaudiss in aus Hollstein genannt zu werden, die unter dem Namen „Karoline" in Herders Gedichten vorkömmt. Im folgenden Jahr wurde er von heftigen rheumatischen Schmerzen verfolgt, wogegen ihm der Arzt, Hosrath Stark in Jena, den Gebrauch der Dampfbäder in Aachen vcrordnete. Dort verweilte er in Gesellschaft feiner Gattin beynabe drcy Monate und empfand Erleichterung von seinem Ucbel. Fr. Heinr. Jacobi besuchte ihn dort und Herder gab diesen freundschaftlichen Besuch auf der Heimkehr, in Pempelfort zurück. Auch in Aschaffenburg, wohnte er einige Tage bey Freund Johannes Müller. Heiter und froh über die glückliche Kur, kam Herder nach Weimar zurück, wo aber sehr bald, mancherley Verdrüßlichkeiten seine Heiterkeit aufs neue umwölkten. Bisher hatte bey dem dortigen Ober - Eonfisto- rium die Einrichtung bestanden: daß einer der alteren Regiecungscathe, als Mitarbeiter in Justiz- Sachen den Consistorial - Sitzungen beywohnte. Dieses Hörle seit 1789 auf, und da die getroffene neuere Einrichtung diesen Abgang nicht hinlänglich ersetzte: so sah sich Herder gcnöthiget, nun erst in spateren Jahren, die Rechtswissenschaft und besonders auch die Prozeßordnung zu studieren, wovon 266 Herders Leben eine Menge Auszüge in seinen Excerpten - Büchern zeugen. Aber gerade diese Haupt-Mühseligkeit, diese traurige, für die ganze Literatur nachtheilige Ursache, die in seinen letzten sünfzehen Jahren ihm nur so wenig Zeit für die Wissenschaft und für die Fortsetzung seiner angefangcnen Werke übrig ließ: diese juristischen Arbeiten, die ihm seine Vicepra- sidentenstelle auflegte und in mancher Woche acht bis zehen Stöße Akten zu durchlesen oder auszuziehen nöthigte, mußten ihn Niederdrücken und waren vorzüglich daran Schuld, daß er in dieser seiner spateren Lebens-Periode nur so wenig von dem zu Stande brachte, was sein reicher und großer Geist zu bearbeiten oder zu vollenden sich vorgenommcn hatte. Was jedoch Herder, auch selbst Key diesen lästigen und zcitverdcrblichen Ncbcngcschaflcn, als Schriftsteller sowohl, als in seinem eigentlichen Berus, besonders seit seiner Rückkehr aus Italien bis zu seinen letzten Lebensjahren, dennoch gethan hat: darüber muß hier noch in gedrängter Kürze das wesentlichste angeführt werden. Gleich bcy seinem Dienstantritt in Weimar, drängte sich ihm die Nothwcndigkeit auf, eine allgemeine Verbesserung der dortigen S ch u l ansta l ke n sich zum Geschäfte zu machen, er erhielt auch bald nachher vom Herzog den Auftrag : einen umfaßcnden Plan hierüber ein- zureichcn, und so wenig auch nach seinem Tode, in Weimar von 1789 bis 1801. 267 von seinen Verdiensten um das Wcimarischc Schulwesen, öffentlich gesagt worden ist, so zeugen doch seine Schulredcn, die, unter dem Titel: „So- phron" B. 12. in seinen Werken für Philosophie und Geschichte gesammelt, jedem Lehrer und Vorsteher einer Lehranstalt zum Studium zu empfehlen sind, von seinen tiefen Einsichten, so wie folgende Skizze von dem, was er hierin wirklich gethan hat, von seinem unermüdlichen Eifer in diesem Fach! Bei) seinem Dienstantritt fand er am Gymnasium in Weimar als vorzüglichen Lehrer, den würdigen Direktor Joh. Michael Hcinze, vertraut mit der alten klassischen Literatur und von vortrefflichem, obwohl etwas schüchternem, und bey her- annahendcm Alter zu Ausführung neuer durchgreifender Schulplane, nicht mehr ganz geeigneten Charakter; und neben diesem, den genialen Mu- saus, der zwar weniger ausgezeichnetes Talent für das Lehrfach, aber als Schriftsteller, besonders als Verfasser der Volksmährchen und der physiogno- mischen Reisen, einen höchst liebenswürdigen Eha- rakter entwickelt und durch gewissenhafte Pflichterfüllung sich allgemeine Achtung erworben hatte. *) Ausser diesen beyden Männern, waren zumal die unteren Klassen, mit alten untauglichen Lehrern *) S. Sophron B. 12. 8 . pag. LH.. Andenken an den Professor Musaus. 263 Herders Leben besetzt, mit denen neue Thatigkeit in die veraltete Maschine nicht gebracht werden konnte. Nur langsam und theilweise mußte er also mit seinen projectirte» Schulvcrbesscrungsplanen vorwärts schreiten. Bor der Hand bemühte er sich: r) Einen verbesserten Lectionsplan für das Gymnasium in Weimar einzuführen, bcy dem er vorzüglich von dem Grundsatz ausgieng: die untern Klassen zu Realschulen für nützliche Bürger, und die oberen Klassen als Gymnasium für Studierende einzurichten. 2) Den vom Hcr.-oq Wilhelm Ernst im Jahr 1701 gestifteten Ehrentisch, in seine ursprüngliche Gestalt, zu einer Belohnung für ausgezeichnete fleißige und fähige Schüler, umzuwandlen. 3 ) Den Lehrern des Gymnasiums und der Stadtschulen verbesserte Gehalte, durch Ausmittlung eines neuen Fonds aus der eingehenden Besoldung einer Garnisons-Predigers-Stelle, zu verschaffen; was jedem Lehrer eine jährliche Zulage von 3 o bis 5 c> Thalern seit 1787 eintrug. Nebenbei) errichtete er aus mühsam zusam- mengetragencn Mitteln eine eigene Schulkasse zu den nöthigsten Schulbedürsnissen und legte seine eigene Besoldung als Rechnungssührer des oben er- wäbnten Ehrentisches mit jährlich r 5 fl. als sein Schärflein in diese Kasse. in Weimar von 1789 bis 1801. 269 4) Die Errichtung eines Schullehrer- Seminariums, worüber im Jahr 1788 das genehmigte Regulativ erschien, war ebenfalls sein gelungenes Werk. 5 ) Am dringendsten war die Besser stel» lung der Schullehrer auf dem Lande, deren Einkünfte zum Theil nur in 26 — 5 oTha- lern jährlich bestand; und auch hier gelang es ihm, durch Einziehung einiger geistlichen Stellen und durch einen Beytrag der Landschaft, einen Fonds dazu auszumittcln. 6) Eine verbesserte Einrichtung des wcimar'schcn Waisenhauses, die der Herzog mit Herdern mündlich berathen hatte, wurde unter der Aufsicht des Lber - Eonsistoriums glücklich ausgeführt. 7) Auch die zweckmäßigere Einrichtung der niederen Schule», der Stadt- Garnisons- Waisenhaus- und Armen-Schule, in Verbindung mir einer Industrie-Schule, kam endlich durch Herders Bemühung so weit, daß ein kleiner Fonds dazu langsam bcrbey gebracht wurde. Nach seiner Zurückkunft aus Eger im Jahr r8oZ wollte er Hand an deren Vollendung legen, sah aber wie Moses, sein erwünschtes Land nur in der Ferne. Im Jahr 1786 gab er ein verbessertes ABE Buch, und im Jahr 1798 einen neuen Katechismus, unter dem Titel: „Luthers Kate- chi smus, mit einer k a t e ch et j s c h e n Er- 270 Herders Leben klarung zum Gebrauch der Schulen," heraus. Ein besonderes Buchstabier und Lesebuch, für die unteren Schulen, welches in einer Auswahl von Beyspielen zur Nachahmung bestehen, und ein naturhistorisches Lesebuch, welches über die zunachstlicgenden natürlichen und ökonomischen Dinge, den Kindern richtige Begriffe beybringen sollte, blieb ein schöner Plan, dcr mit ihm versunken ist. Für den Kirchen- und Schulgebrauch besorgte «r im Jahr 179b ein neues Gesangbuch, das aber freilich um der vielen Rücksichten willen, die er dabey zu beobachten hatte, nichts weniger als ein geistliches Liederbuch nach seiner Idee wurde; dessen Ausführung er sich auf eine andere Zeit Vorbehalten hatte. Schon früher, in den erstell Jahren seiner Amtsführung gieng sein Vorschlag zu Entwerfung eines neuen Gesangbuches nicht durch. Eingedenk nun dcr vielen Schwierigkeiten die bcy Einführung neuer Gesangbücher auch in andern Landern sich erhoben, suchte ec mit möglichster Vorsicht alle Hindernisse zu beseitigen. Er ließ sich die Licblingslicder der Stadt- und Landgemeinden von ihren Geistlichen anzcichncn, sonderte die alten und neuen Lieder in einem ersten und zweiten Theil, damit der Leser das Alte und Neue sogleich unterscheiden und wählen konnte. Stadt und Land nahm nun ohne Schwierigkeit das neue Gesangbuch a», das Niemand anzuschaffen gezwungen und nur all- mahlig eingesührt wurde. Nur allein die Ienai- in Weimar von 1789 bis 1801. 271. sche Diöccs, nahm weder sein Gesangbuch noch seinen Katechismus bey seinen Lebzeiten an, weil ein gewisser Superintendent Vorurtheile dagegen zu unterhalten suchte. Zu einer neuen Professors-Stelle am Gymnasium zu Weimar, reichte Herder im Jahr 1797 auf Befehl des Herzogs einen Plan ein, nach welchem die Jünglinge mehr vorbereitet in Sprachen , Philosophie und Geschichte auf Akademien befördert werden sollten. Der Vorschlag wurde aber damals nicht ausgeführt. Die in jener Zeit aufgekommene rohe, stolz absprechende Art vieler jungen Leute, beson - dcrs auf Akademien, war ihm höchst unleidlich. In einer ungedruckten Schulrede vom Jahr 1798 spricht er darüber unter andern folgende treffliche Worte: „Der schönste Fortgang des Jünglings im Guten macht sich durch überlegte Reden und Handlungen, durch gute Sitten und einen stillen Plan des Lebens merkbar. Heil jedem Jüngling der sich dessen bewußt ist. Es wird ihn vor unverständigem, vor wüstem Gewirr in seinen Arbeiten, noch mehr vor Ausschweifung und frechem Eigendünkel und am meisten vor jener Wildheit der Gedanken bewahren; die das verdammte Lied brüllt: „Ein freyes Leben führen wir" rc. Statt dessen wird er das schönere Lied singen: „Der Muse Leben führen wir, Ein Leben voller Wonne Bescheidenheit ist unsre Zier, Die Wahrheit unsre Sonne." 272 Herders Leben „Zwischen Schulen der Weisheit läßt sich kein anderer esxrrt äs oorpis als Weisheit, eine freundschaftliche Verbindung zu stillem und thatigem Fleiß, zu Nacheiferung in allem Guten und Schönen, zu jeder schweren und schwersten Tugend denken. Dieß ist der Bund der Liebenswürdigen vor Gctt und Menschen rc." Sein Eifer, dem Gymnasium und den Schulen überhaupt aufzuhclfen, war unerschütterlich. Als der verdienstvolle Hcinzc gestorben war und cs zu Besetzung einer seiner Lehrstunden einige Zeit an einem tauglichen Lehrer fehlte, übernahm er selbst diese Lehrstunde; auch dirigirte er, so lange die Directocsstelle unbesetzt blieb, den RedeakluS der Jünglinge vor ihrem Abgang auf Universitäten und Jedermann war über seine Anordnungen und über die Art, wie er die jungen Leute leitete, höchst erfreut. Auf besonder» Befehl des Herzogs machte er zu einer verbesserten Liturgie, mit den gestund. Bußtags-Gebeten den Anfang, die in der Art genehmiget wurden, wie sie von ihm entworfen und einige derselben zur Probe im Zusatz 8. der ,,Erinnerungen" Thl. 2. pag. 171. rc. abgcdruckt sind. Auch zu einer erhebenden einfachen Kirchen- Musik, nach der Manier eines Handel oder Gluck, suchte er das Seinige redlich bryzutragcn; wenn jedoch seine Bemühungen dabei? nicht von dem gewünschten Erfolg waren, so mag unter andern wohl in Weimar von 1789 bis 1801. 273 wohl auch die nicht glückliche Wahl der Kantors- Stellen, und die Benutzung des Singchors des Gymnasii zur Theater-Musik bei) den Opern etwas beygetragen haben. Eine Veränderung in dem Aeußcren des Gottesdienstes lag damals besonders in den Wünschen der höheren Stande. Allein Herder meinte, nicht von Außen, etwa durch theatralische Manövers, sollte der verfallene Gottesdienst wieder aufgerichtet werden; sondern von innen heraus, durch Wicdcr- Erwcckung des wahren und einfachen Geistes des Ehristcnthums. Religion und Kirche waren besonders zu Anfang der 90er Jahre, vorzüglich auch durch die von Jena ausgehenden Kantianer, so verächtlich gemacht worden, daß er jetzt um so mehr die alte Form sesihalten, und nur im Stillen den alten Geist verjüngen und beleben zu müssen glaubte. Eine seiner Lieblings-Ideen, war die Errichtung eines Kandidaten- oder Prediger- Seminariums zur Bildung derselben für ihr geistliches Amt. Der Plan war dazu entworfen und ist in den Erinnerungen LH. 2. Zusatz 4. x. 164 abgedruckt Er konnte ihn jedoch ohne taugliche Gehülfen und ohne Geldbepträge, nicht ausführen. Noch im letzten Jahr feines Lebens sagte er; „Vielleicht war's gut, daß das Kandidaten-Seminarium bis dahin nicht zu Stande kam, meine Ideen sind nun viel reifer, und sobald ich Zeit habe, mache ich einen neuen Plan der viel vollkommener werden soll." Verbesserte Kirchen-Protokolle, zum richtigem Einträgen der Gebornen, Verstorbenen und Herders W. z. Phil. u. Gesch. XVI. S Lrüm. 274 Herders Leben Berehlichten, und vortheilhafkere Einrichtung des Ki rche n «R ec h nun gs w e s e n s, waren sein glück lieh durchgeführtes Werk. Ordnung und Gerechtigkeit in seinen Amts- geschastcn gieng ihm über alles. Geschenke, die man ihm Anfangs häufig anbot, wurden mit Nachdruck zurückgewiesen. Schmeichler haßte und verachtete er tief. Gegen junge Theologen und Lehrer nahm er einen väterlichen Ton an; nur diejenigen, die ihn zuweilen mit unmöglich zu erfüllenden Bitten bestürmen wollten, konnte er mit ernsten Blicken zurückweisen. Zu Ende der 90er Jahre machte man ihm den Vorwurf: er habe junge Theologen, welche die Kantische Philosophie liebten, hart und ungerecht behandelt. Außerdem, was bereits von Kant und seiner Lehre in der Jünglings-Periode Herders bemerkt ist, und was hierüber weiter unten bey seinem literarischen Wirken in den letzten fünfzehen Jahren seines Lebens noch umständlicher angeführt werden wird, muß hier zur Erläuterung und Beseitigung dieses Vorwurfs der besondere Fall erwähnt werden, wo Herder gegen einen solchen jungen Theologen, der einen Aufsatz gegen die Ehe geschrieben und zu gleicher Zeit in ungestümen Bittschriften um ein geistliches Amt nachgesucht hatte, die anscheinende Härte übte, daß er ihn mit seinen philosophischen Principien, wenigstens nicht jeder Landgemeinde zum Seelsorger geben wollte. Durch jene Schrift hatte er die Grundsätze seines Amtes selbst gefährdet, eine kleine Prüfung war ihm daher gewiß heilsam. in Weimar von 1789 bis 1801. 270 Uebrigens sprach Herder in väterlichem Ton mit ihm, gab ihm Rathschiäge und sann oft auf eine paffende Stelle für diesen nicht gemeinen Kopf. Der junge Mann kam übrigens später selbst von seinen überspannten Begriffen zurück, und Herder erlebte noch die Freude ihn be» bessern Gesinnungen zu sehen. Was Herder als Schriftsteller in dieser Lebens- Periode war und gethan hat, bleibt nun noch zu berühren übrig. Nach seiner Rückkunft aus Italien, nachdem er einen ehrenvollen und höchst anziehenden Ruf nach Göttingen zum zweitenmal ausgeschlagen hatte und seine Ernennung zum Vice - Präsidenten des Ober- Consistoriums in Weimar, ihm neue, unangenehme und zeitverderbliche Amts-Geschäfte zuzogen, wozu noch Krankheit des Körpers und Niedergeschlagenheit des Gemüths kamen, war er zu eigenen literarischen Arbeiten verstimmt und im ersten Jahr bey- nahe unfähig. Erst gegen Ostern 179 r sieng er an, die zweite Ausgabe der „zerstreuten Blätter" herauszu- gebcn. Zwischen Weihnachten 1791 und Ostern 1792 wo er unter den heftigsten Schmerzen krank darnieder lag, konnte er kaum die einzelnen Blatter bis zur vierten Sammlung in heitern Augenblicken zum Druck zusammen legen und schrieb die meisten im Krankenbette. Im Jahr 1798 erschien die fünfte und 1797 die sechste Sammlung. 1793. Uebcr Auferstehung, und über die Gabe der Sprachen. (B. 17. Fragmente r.) S 2 276 Herders Leben 179b. Die Fortsetzung dieser kleinen Schriften, in fünf Theilen, unter dem allgemeinen Titel: Christliche Schriften. Der vierte Theil der Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, kam 2.794. heraus. Die Terpsicliore (B. 3 n) kam in den bey- den Jahren r^.b und 1796 in zwey Theilcn zum Druck; und von 1793 bis 1797 erschienen die Briefe zur Beförderung der Humanität, 10 Sammlungen in 5 Bändchen. 1799 und i8no. Die Metakritik und die Kalligone. (B. 14 und rö.) 1800. Die zweite Ausgabe der Gespräche von Gott, die zuerst im Jahr 1787 heraus kamen. i8or — r 8 o 3 . (B. 8.) Die Adrastea (B. 8. 9. 10.) und der Cid. (B. ^9.) In der letzten Halste der 90er Jahre, gab er auf Bitten der Herausgeber, verschiedene kleine Aufsätze in die Horen, die neue deutsche Monath- schrift, in die Schiller'schen, Viehweg'schen und Willmann'schen -Musenalmanache. Aeußerst anziehend, besonders in Bezug auf seine Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, war ihm jede Nachforschung über die Organisation der Menschen. Daher sein warmes Interesse für die Entdeckung des Galvanismus, worüber ihm der nunmehrige Berg-Cvmmissions-Nalh Ritter zu Dresden Erläuterung gab, und für Werners in Weimar von 1789 bis 1801. 277 geognostifchcs System. Sein zweiter Sohn Aug u st, der sich dem Bergwesen widmete, mußte ihm dcsvon erzählen, und Werner selbst erthcilte ihm bey einem persönlichen Zusammentreffen mit ihm in Aachen im Jahr 1802 in mehrern Stunden mündliche Erläuterung über sein System. Auch Kalls SchädesiLehrc erregte seine Aufmerksamkeit; und oft sehnte er sich nach der persönlichen Bekanntschaft dieses Mannes um mit ihm über seine, in die feinsten organischen Gesetze der menschlichen Natur eingreifenden Satze und Bemerkungen sprechen zu können. Auch Gall gedachte oft mit Hochachtung in seinen Vorlesungen der Ideen Herders, die ihn auf seine Forschungen und Entdeckungen geleitet hatten. Als er die Gespräche über Gott im Jabr 1787 schrieb, lebte er ganz in diesem erhabenen Gedanken und ließ sich das Manuscript von seiner Gattin noch einmal vorlesen. Mit Jacobi kam er aber darüber in unangenehme Verhältnisse. Herder meinte nämlich, Jacobi habe in seinem: „Etwas was Lessing gesagt hat" diesen, über Spinoza unrecht verstanden, und sprach auch darüber mit Jacobi unbefangen, bey einem Besuch in Weimar in den Jahren 1766 oder 1786 und sagte dabey: „Ich habe mir schon lange vorgenommen über Spinoza zu schreiben, ich werde cs jetzt ausführen, um Spinoza's Idee aufzuhellcn/' In diesem harmlosen Sinn, schickte ec nun kurz vor seinem Abgang nach Italien die Schrift über Gott, an Jacobi, der jedoch höchst aufgebracht darüber, ihm biktern Verdruß verursachte. 278 Herders Leben Als er nun diese Gespräche im Jahr 180s zum zweitenmal herausgab, strich er alles weg, waS Bezug auf Jacobi's Meinung über Spinoza hatte, und schrieb an Jean Paul Rieh rer: „Hier schicke ich Ihnen zum Psingst-Gcschenk eimn Gott.— Seyen Sie insonderheit, was auch Ihr Name sagt, Richter zwischen Jacobi und mir, in Ansehung des Benehmens nämlich, wo ich alles, auch nur von Ferne ihm widrig scheinende ausgelhan und getilgt habe. In Ansehung der Meinung über Spi- noza's System gehen wir beyde, Jacobi und ich, jeder seines WegeS, und ich meiner geringen Wenigkeit nach bleibe auf dem Meinigcn noch fester." Der Gedanke, die lateinischen Gedichte des deutschen Dichters Jakob Balde von Ensishcim im Elsaß, zu übersetzen, entstand Key ihm zu einer Zeit, wo seine Seele durch mancherlei) Kränkungen verwundet war, die Uebersetzung dieser Oden gab ihm neuen Aufschwung; sie waren jeden Abend Belohnung für die Mühe des Tageö. Oft nach dem Nachtessen vollendete er noch eine Ode und las sie seiner Gattin vor. Einzeln, in Journalen oder Mnftn-- almanachen eingerückt, hatten diese Oden vielleicht größeren Eindruck gemacht, als gesammelt, in seiner Tcrpsichore; wo sie als überfüllter Ncichlhum weniger gcwürdiget wurden. Keinem Freund alter deutscher Dichtkunst aber darf das Kenotaphium Balde's unbekannt bleiben, das ihm Herder in der Terpsichore sB. 3 o. p. 2u(i — 257) errichtet hat. Auch seine Arbeit über die Legenden, die zuerst in den zerstreuten Blättern erschien, erheiterte ihm manche Stunden des Drucks und des Trübsinns. in Weimar von 1789 bis i8nr. 279 Er nahm sie aus alten vergessenen Büchern, wußte aber das, ohne allen Zusammenhang grell, märchenhaft und mönchsmäßig Hingcstellte, rein menschlich, geistig, als rührendes und erhebendes Bcyspiel von Vorsehung, Tugend uud Gottergebung wieder zu geben. Schmerzlich mußte jedoch Herder bemerken, daß auch diese Arbeit, selbst in Weimar schief beur- theilt und mißverstanden wurde. Nach seinem Tod wurde im deutschen Merkur (1806) gesagt: „Er habe behauptet, aus den bidli- schcn Geschichten liefen sich noch viele solche schone Legenden machen." — Was auch Göthe wirklich gethan hat. Allein dieses würde Herders Ansichten von den einfach erhabenen Erzählungen des Evangeliums , die er vielmehr gegen solche poetische Zusätze zu verwahren trachtete, ganz zuwider gewesen seyn. Auch hat sich unter seinen Papieren keine Spur eines solchen Versuchs vorgefunden. Zu Ende der 90er Jahre bat der juuge Hart- knoch Herdern: die Redaktion einer Monatfchrist zu übernehmen, die mit dem beginnenden neuen Jahrhundert in seinem Verlag unter dem Namen Aurora heraus kommen sollte. Schon waren Plan, Ankündigung und einige Fragmente dazu von Herder aufgesetzt (B. 28. za. 5^5 — 565 .) Auch Jean Paul Richter und Geh. Rath v. Einsiedel wollten Mitarbeiter seyn. Es wurde jedoch in Weimar zu viel und zu laut davon gesprochen, che noch eine Zeile gedruckt war. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen meldeten sich von allen Seiten! Dadurch ließ sich Herder abschrecken und gab den Plan wieder aus. 280 Herders Leben Hierüber in Verlegenheit, bat ihn nun Hartknoch, eine Zeitschrift von ihm allein verfaßt und in anderer Gestalt Key ihm hcrauszugcben, und aus Freundschaft für den Sohn seines Jugend-Freundes sagte- er zu. Sic sollte eine U e b c rs i ch t u n d Würdigung des Merkwürdigsten des vergangenen Jahrhunderts enthalten, und daraus entstand die Adrastca! *) L Damit übernahm Herder eine größere Arbeit, als seine übrigen Amts-Geschäfte, seine schwankende Gesundheit, besonders aber auch seine geschwächten Augen zuließen; indem er dazu mehr Bücher als zu irgend einem andern seiner Werke ducchlesen mußte. Schon beym 5 . Stück mußte ein veränderter Druck gewühlt werden, um die Correktuc übernehmen zu können. Mehrmals sagte er: mit dem 12. Stück wolle und müsse er aufhören, weil andere Arbeiten, besonders die Vollendung der cbraischen Poesie und der ältesten Urkunde, seiner Pflicht und Neigung naher lägen.— Auch stand ihm damals eine revidirte Ausgabe seiner sämmtlichen Wecke bevor. Allein zu allen diesen vorgehabten Arbeiten kam er nicht mehr! Auch die Pe r sep 0 l i tan i sc h e n Briese, die c im Jahr 1799 oder i8no schrieb (B. r. die Vorwelt) , vollendete er nicht, da er noch mancherlei) Quellen und Hülfsmittcl von auswärtigen Bibliotheken dazu nöthig hatte. Auch scheint er wichtige Bey- *) S. Merkels Briefs an ein Frauenzimmer 8. Heft. 82. Brief, p. Ü12. XVII. Heft. 70, Brief, p, 802. XVIII. Heft. 7g. Brief, p. Z65, in Weimar von 1789 bis i 3 oi. 281 trage in der Dresdner Bibliothek gefunden zu haben, denn als er r 8 o 3 von dort zurück kam, war er voll von dem Gedanken, im nächsten Winker, diese Briefe, und den 3 ccn Thcil der ebraischen Poesie zu schreiben. Leider hat ihn der Tod dabey überrascht. Viele Plane, die er mit sich herum trug, kamen gar nicht oder nur stückweise zur Ausführung. So wollte er die Bibel übersetzen, auch den Ossi an nach dem Urtext. Den Horaz gedachte' er schon früher übersetzt und mit Anmerkungen hcrauszugeben- Bey fünfzig Oden haben sich unter seinen Handschriften gefunden, aber meist nur im ersten Entwurf, und was von den Horazischcn Oden gedruckt erschienen ist, hat er immer nur als eine unvollendete Probe angesehen, mit der er selbst nicht ganz zufrieden war. (B. 27. über römische Literatur x. 3 bis 101.) Vorn Pindar fanden sich zehen Gesänge übersetzt, aber auch nur als Entwurf. Nur zwey Oden waren ganz ins Reine geschrieben: An den Theron und an die Grazien; die letztere stand zuerst in den Horen. (B. 26. über griechische Literatur x. 36 i — 89h.) Einzelne Trauerspiele der Griechen und seinen Shakespeare zu übersetzen, lag ihm oft in der Seele; von Letzteren fanden sich mehrere übersetzte Stellen unter seinen Papieren. Zu einer Geschichte der Poesie, shatte er schon auf der Akademie angcfangen zu sammeln. Seit seiner Reise nach Italien, kam ihm die Idee nie aus der Seele, über die griechische Mythologie, etwas vollständiges zu liefern. Herders Leben 262 Als er den Aufsatz: „Iduna oder der Apfel der Verjüngung," (B. 28. Früchte aus der goldncn Zeit x. 407 — 482.) für die Heren 1796 schrieb, war er von der nordischen Mythologie ganz erfüllt, und sprach oft von der Möglichkeit, aus dieser frisch cröffnctcn Quelle neues Leben und Interesse für deutsche Poesie zu schöpfen, da sie unfern» Land - und Volkscharakter so viel naher sey; nur müsse die achte Mythologie aus der fremdartigen Zumischung mit Einsicht und Verstand gesondert werden. In der Adrastea giebt der Aufsatz: Zutritt der nordischen Mythologie zur neuern Dichtkunst, Fingerzeige hierüber. (B. 28. Früchte aus der goldnen Zeit, pag. 48» bis 440.) Zur Preißaufgabe des französischen Instituts: „lieber den Einfluß der Reformation, Luthers auf die politische Lage der ver- s ch i e d e n en S t a a t e n Eur 0 pa's und auf die Fortschritte der Aufklärung," wollte er als Mitarbeiter auftreten und hatte seinen Plan dazu schon entworfen. *) „Wenn ich, sagte er, auch den Preis nicht gewinne, so soll's doch eine hübsche Schrift für Deutschland werden." Zeit und Gesundheit fehlten ihm zur Ausführung! Er ist unausgearbcilet, in den Erinnerungen Ik. pag. 261. abgedruckt, auch ins Französische übersetzt von Villers, in der Zrcn Ausgabe seiner Prcisschrift, Paris r.8ul!, ln Weimar von 1789 bis 1801. 283 Für die spanische Literatur hatte er eine besondere Vorliebe: „Wie viele goldene Acpfel, sagte er, hangen an jenen Baumen, in jenen Garten, und so verborgen und unerkannt! " Die Bearbeitung des Cid, (B. 19.) war ihm den schweren trüben Winter hindurch von 1602 aus i 8 n 3 eine glückliche Erholung , von der seine ganze Seele erfüllt war. Seine Rührung, wenn er ihn den Seinigen vorlas, war ungewöhnlich; manchen Gesang konnte er aus Bewegung nicht vorlesen, kaum vorlesen hören! Wie hoch er den Cid als Epopöe gehalten, sagt er in der Adrastea: „In Frankreich hat man den Cid, das erste tragische Sujet genannt; daß er das erste Epische sey, wird sich zeigen," und gedachte dieses in einer besonder» Abhandlung auszuführen. Die Beurtheilung seiner Bearbeitung des Cid von Merkel, im Freymüthigen, Jahrgang r8»6 Nro. 22. ist merkwürdig genug, um hier im Auszug eine Stelle zu verdienen: „Der Cid von Herder, besteht aus einer Reihe von stebenzig Romanzen in manchfachen Versartcn und von manchfachem Charakter, die das ganze Leben des großen Cid umfassen. Joh. Müller sagt in der Vorrede: Herder habe sie mit cigenkbümli- cher Innigkeit und Vergegenwärtigung übersetzt. Ich muß dagegen gestehen, daß mir dieses, tausend inner» Merkmalen nach, sehr unwahrscheinlich ist. Der Ton, der in ihnen herrscht, ist freilich dem ächten Charakter der alt spanischen Romanze durchaus treu , aber der Geist, der in diesem Tone spricht, ist zu philosophisch edel, zu gebildet zart; 284 Herders Leben als daß auch er dem Mittelalter angehören konnte; er bleibt sich in allen 70 Neomanzen zu gleich, und diese machen zu augenscheinlich Ein Werk aus, als daß sie nicht von Einem Verfasser herrühren sollten. Hatte aber ein solches Werk in der spanischen Literatur eristirt, wie Ware es möglich gewesen, daß es Jahrhunderte lang unbekannt geblieben, daß es nicht langst, seinem hohen Wcrkhc gemäß, in ganz Europa bewundert, in alle Sprachen übersetzt worden ? Noch mehr: Müller kennt das .Original offenbar nicht, denn er führt cs nirgends an, so reich auch seine Vorrede an Eitationen ist; — und, der Titel sagt ausdrücklich: besungen von Her, der nach Romanze n." „So ists auch augenscheinlich. Benutzt hat Herder was vom Cid in manchen einzelnen Romanzen gesungen und in dem verstümmelten Uomrm ckol und in Chroniken erzählt wurde, -aber nur benutzt, um ein eigenes Ganzes zu schaffen. Und welch' ein Ganzes! diese Schöpfung, deren Stoff und Charakter nur tiefes Studium gewinnen konnte, deren Geist aus einem fernen Zeitalter erstand , um durch Herders Genius veredelt, unserm und jedem gebildeten Zeitalter anzugehören, hinfort unsterblich zu seyn: sie ist der glänzendste Beweis, den Herder je von seinem Dichtertalente gab, von dem hochstcebenden, genialischen Kosmopolitismus, durch den ec so mächtig sich das Edelste jedes Zeitalters anzucignen vermochte, und von seiner allumfassenden Gelehrsamkeit. Durch diesen Cid, har er die Rüge vernichtet: daß er seiner Nation kein von ihm geschaffenes Kunstwerk zurückgclaffen habe; dieses ! in Weimar von 1769 bis r8or. 285 I Werk steht einzig in seiner Gattung da, und ist eine der schönsten Früchte, welche die Universalität i der deutschen Kunsibildung hcrvorgebracht hat: cs j gehört den Deutschen, und doch würden die Spa- ! nier, könnte es treu und wahr übertragen werden, ! ihr Eigcnihum daran reklamircn, die Nationalität ! ihres schönsten Zeitalters darin verklärt zu erkennen j glauben." — Man hat Herder» mit einigem Schein, den Vorwurf gemacht: daß er als Schriftsteller zu Viel- erley unternommen babe. Allein unter mancherlei) freude- und geistlosen Amtsgeschäftcn, waren ihm Geistesarbeiten Bedürfniß und Erholung. Seinem vielseitig reichen, immer kraftvolljugendlichen Geist, war nichts zu viel; nur an j Zeit zur Vollendung hat es ihm gefehlt! — Ehrgeiz allein, hat ihn nicht zum Schriftsteller gebildet, sonst würde er es ganz anders angefangen und mehr i dem Zeitgeist gehuldiget haben, es war innerer ! Trieb und Lust seiner Seele, immer neue Quellen ! der Erkenntniß aufzusinden, immer mehr herrschen- ! de Jrrthümer aufzuklären, immer mehr Licht der Wahrheit unter dem Menschengeschlecht zu verbreiten. Nur wenige, spätere Werke, hat er nicht eigentlich aus innerem Trieb, sondern zum Vortheil Anderer geschrieben. ! Mit keiner ftincr literarischen Arbeiten hat sich ^ Herder so viele und so erbitterte Feinde zugezogen, l als mit seiner Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft, und seiner Kalligone, die im Jahr 1799 und r8ci» herauskamen! Her- 266 Herders Leben ders wohlgemeinte und so ziemlich erreichte Absicht war, dem damals auf den höchsten Grad gestiegenen Unfug zu steuern, welchen das Mißverstehen der Kantischen Philosophie, besonders von dem benachbarten Jena aus, unter der studierenden Jugend verbreitet hatte. Daß er darüber mit Kant persönlich zerfallen sollte, war weniger seine Absicht, als eine natürliche Folge der starken Ausfälle seiner Gegner und Kants eigenen Benehmens. AuS der Jugcndgeschichte Herders ist bekannt, daß er stets ein dankbarer Schüler und Verehrer seines Königsberger Lehrers war, und ach seinem Abgang wechselten sie einigemal Briefe miteinander. Einer von Herder an Kant, von Riga aus, vom Jahr 1767 ist durch den Druck bekannt geworden, und zeigt theils, wie hoch Herder den Philosophen ehrte, theils aber auch, wie wenig er damals schon seine N ich tb e y st i m m u n g zu manchen seiner philosophischen Meinungen zu äußern Anstand nahm. Er möge hier, als viclbeweisende merkwürdige Urkunde abgedruckt stehen: An Hrn. Professor Kant in Königsberg. Sie haben, ich weiß und hoffe es, einen zu gütigen Begriff von meiner Denkart, als daß Sie mein bisheriges Stillschweigen für Saumseligkeit, oder etwas noch ärgeres halten sollten. Blos meine Geschäfte, die wegen ihrer Jncommensurabilikät insonderheit lästig fallen, eine Menge Zerstreuungen, und dann insonderheit jene uneariusss der Seele, die in Weimar von 1789 bis 1801. 287 Locke für die Mutter so vieler Unternehmungen hält, ist Key mir nur eine Aeitlang die Mutter einer gelähmten Ruhe gewesen, aus der ich jetzt kaum wieder erwache. Ich kann nicht sagen, wie sehr mich Ihr Brief erfreuet hat. Das Andenken meines Lehrers, der so freundschaftliche Ton, der darin herrscht, der Inhalt selbst — alles machte mir denselben so sehr zum Geschenke, als mir keiner von denen Briefen wird, die mich oft aus Deutschland und von den würdigsten Leuten daselbst, bis von der Schwei; aus aufsuchcn. Um so mehr war er mir thcuer, da ich Jbre Ungcncigtheit zum Briefschrciben, von der ich auch was geerdet, kenne. — Doch was Hilsts, ein Vergnügen demonstrativisch aufzahlen zu wollen. Sie sind so gütig, meiner Autorschaft in einem Tone zu erwähnen, in dem ich an sie nicht denke. Ich nenne dieselbe wenig mehr als einen leichten Schritt der Jugend, der mir freilich nicht zum Schaden, oder im Ganzen zur Unehre gereicht hat, den ich aber in manchem Betracht zurückwünsche. Nicht als wenn ich so viel Unverantwortliches geschrieben; sondern vornehmlich, weil mein Name dabey so bekannt, und auf manchen Lippen dabei so abusirt worden, daß Ihr guter Wirth und mein guter Freund, Herr Kanter, mir ohne seinen Willen dabey den übelsten Streich und das auf Reihen von Vorfällen hinaus gespielt hat, indem er die erste Ursache dieser Bekanntmachung geworden. Mein ' ster Norsatz, und ich schreibe dies kaltblütig hin, 283 Herders Leben war völlig ohne Namen zu schreiben, bis ich die Welt mit einem Buche überraschen könnte, das meines Namens nicht unwürdig wäre. Hiezu, und auS keiner andern Ursache war's, daß ich hinter einer Blumendecke eines verflochtenen Styls schrieb, der mir nicht eigen ist, und Fragmente in die Welt sandte, die bloß Vorläuferinnen seyn wollen, oder sie sind unleidlich. Von meiner Seite werde ich mein namenloses Stillschweigen sortsetzen, aber was kann ich dafür, daß die einzeilige Güte meiner Freunde mir Key diesem Stillschweigen den Pia» verdorben? Sie, m. T., müssen Einer derer sipn, die cs wissen, daß Materien der Act, wie in meinen bisherigen Bändchen , wohl nicht der Ruhesitz meiner Muse seyn sollten; warum sollte ich aber mein bischen Philosophie eben bey den Modematericn unsers Halbviertel Jahrhunderts anwenden, wo die Anwendung, wie ich mir schmeichelte, einer gesunden Philosophie so vieles berichtigen konnte? Ich weiß nicht, wie sehr unsre Philologie und Kritik und Studium des Alterthums in das Mark einer nahrhaften Kürze zurückiretcn müßte, wenn überall Philosophen phi- losophirten und kritisirten, und die Alten studierten. Schade aber, daß dicß Wort anfangt in Deutschland beonahe zum Gespött zu werden, und Studien die Modewissenfchaften werden, wo die unphilosophischsten Köpfe schwatzen. Doch ich schreibe ja beynahe schon wieder als Kunstrichtec und Fragmentist, und breche also um so kürzer und harter ab. Das in Weimar von 1789 bis r8oi. 289 „Das Held, mein geschätzter Freund, das Sie Mir auf meine künftigen Lebensjahre hinter einem Montagne, Hume und Pope anwciftn, ist, wenn die Hoffnung darüber zu schmeichelhaft ist, wenigstens (doch Mit einer kleinen Abbeugung des Weges) der Wunsch Meiner Muse. Es ist für mich die Beschäftigung mancher süßen Einsamkeiten gewesen, Monragne'n mit der stillen Reflexion zu lesen, mit der man den Launen seines Kopses folgen muß, um jede Geschichte, die er im Zuge anführt, jeden losen und schlüpfenden Gedanken, den ec vekrakh, zu einer Naturproduction, oder zu einem Kunstexperiment der menschlichen Seele zu machen. Welch ein Mann war' cs, der über Baumgartens reiche Psochvlogie Mit eines Mvntagne Seelenerfahrung redete! — Hume konnte ich, da ich noch mit Rousseau schwärmte, weniger leiben; allein von der Zeit an, da ich es allmählig mehr inne ward, daß, es sey Wes Weges eS sey, der Mensch doch einmal ein geselliges Tkier ist, und sepn muß — von da aus habe ich auch den Mann schätzen gelernt, der im eigentlichsten Verstände ein Philosoph menschlicher Gesellschaft genannt werden kann. Ici) habe in dck Schule die britannische Geschichte Meistens auch deßwegen angefangen, um mit dem größten Geschichtschreiber unter den Neuern auch seine Geschichte durchweg durchcasonniren zu können, und ich ärgere Mich, daß sein neuer Abriß von Großbritannien einem so halbklugen Ucbersetzer in die Hände gefallen, der weit ist, wenn er uns an manchen Orten auch halbklug laßt." Herders W, z. Phil, u, Äesch« XVl. T Äerllerr i,cbcn. 290 Herders Leben „Aber warum vergessen Sie, mein liebenswürdiger Philosoph! zu Ihrem Paar den dritten Mann ? der eben so viel gesellige Laune, eben so viel menschliche Weltwcisheit hat, — den Freund unser- alten Leibnitz, dem dieser ungemein viel schuldig ist, und den er sehr gern gelesen,-den philosophischen Spötter, der mehr Wahrheit hcrauslacht, als andre hcraushusten oder geistern — kurz den Grasen Shaftesburi? Es ist ein Elend, daß die Sirlen- lchren desselben und seine Untersuchungen über die Tugend, und neuerlich seine Abhandlung über den Enthusiasmus und die Laune in so mittelmäßige Hände gefallen sind, die uns halb am ihm verekeln, wohin ich insonderheit das Mischmasch von langen und tollen Widerlegungen des neuesten Uebersetzers rechne. Aber sonst, ob mir gleich das Kriterium der Wahrheit bey ihm, das bei) ihm Belachens- würdigkeit ist, selbst lächerlich scheint, sonst ist dieser Autor mein so lieber Gesellschafter, daß ich sehr gern auch Ihre Meinung für ihn halte." „Lassen Sie doch ja das dunkle rauhe Gedicht, an das Sie gedenken, in seiner Nacht umkommen. Ehe Pope in ibm seyn sollte, ehe ist in unserm Lindner der schar fbestimmle Aristoteles und in Meinem Schlegel das Mustcr aller Urbanität." „Sie geben mir von Ihrer werdenden Moral Nachricht, und wie sehr wünschte ich, dieselbe schon geworden zu sehen. Fügen Sie in dem, was Gur ist, ein solches Werk zur Kultur unsers Jahrhunderts hinzu, als Sie es gelhan, in dem was Schön und Erhaben ist. U.brc die letzte Materie in Weimar von 1789 bis 1601. 29 t lese ich jetzt mit vielem Vergnügen ein Werk eines sehr philosophischen Britten," (Bucke.) „Er dringt in manchen Stellen tiefer, so wie Sie auf manchen Seiten unsre Aussichten mehr zu gemralisiren und zu contrastiren wissen, und es ist eine Wollust, zween so originale Denker jeden seinen Weg nehmen zu sehen, und sich wechsclS- wcise wieder begegnen." „Wie manches Härte ich Ihnen zu sagen, wenn ich wüßte, daß Sie Geduld haben würden, mir zn antworten. Zweifel wider manche Ihrer philosophischen Hypotbesen und Beweise, insonderheit da, wo sie mit der Wissenschaft des Menschlichen grenzen, sind mehr als Speculationcn: und da ich auS keiner andern Ursache mein geistliches Amt angenommen, als weil ich wußte, und cs täglich aus der Erfahrung mehr lerne, daß sich nach unsrer Laac der bürgerlichen Verfassung von hier aus am besten Kultur und Menschenverstand unter den ehrwürdigen Lheil der Menschen bringen lasse, den wir Volk nennen; so ist diese menschliche Philosophie auch meine liebste Beschäftigung. Ich müßte ungerecht seyn, wenn ich mich darüber beklagte, daß ich diesen Zweck nicht erreichte, wenigstens machten auch hierin die guten Anlässe, die ich sehe, die Liebe, die ich bey vielen Guten und Edeln genieße , das freudige und willige Zudrinqen des bildsamsten Theils des Publikums, der Jünglinge und Damen-alles dieses machet mir zwar keine T 2 293 Herders Leben Schmeichelei, aber desto mehr ruhige Hoffnung, nicht ohne Zweck in der Welk zu se>)n." „Da aber die Liebe von uns selbst anfangt, so kann ich den Wunsch nicht bergen, die erste beste Gelegenheit zu haben, meinen Ort zu verlassen und die Welt zu sehen. Es ist Zweck meines Hie- seyns, mehr Menschen kennen zu lernen, und manche Dinge anders zu betrachten, als Diogenes sie aus seinem Fasse sehen konnte. Sollte sich also ein Zug nach Deutschland vorfinden, (ich binde mich selbst kaum an meinen Stand;) so weiß ich nicht, warum ich nicht dem Zuge folgen sollte, und nehme es mir selbst übel, den Ruf nach Petersburg ausgeschlagen zu haben, welche Stelle, wie es der Anschein gicbt, sehr leidig besetzt ist. Jetzt suche ich, wie eine zurückgehaltene Kraft zu bleiben, ob ich gleich nicht sehe, wie der Rückhalt meine innere Tendenz vermehren sollte.-Doch, wer weiß das? und wo komme ich hin? — Lieben Sie mich, mein liebster, hochgeachteter Kant, und nehmen Sie die Unterschrift meines Herzens an. (Riga, 1767.) Ihr Herder." „k. 8 . Freilich darf ich um Ihre Briefe nur sehr unzuverlässig bitten, da ich Ihre Ungemächlichkeit zu schreiben kenne; aber würden Sie meine Begierde kennen, Briefe von Ihnen mir gleichsam in Weimar von 1789 bis i 3 or. 298 statt eines lebendigen Umgangs zu Nutze zu machen; so würden Sie Ihre Ungemächlichkeit überwinden." Einen Brief von Kant an Herder hatte Herders ältester Sohn unter seinen Papieren, aber nach seinem Tode >807 wurde er vermißt und kam nicht wieder zum Vorschein. Kant mochte vielleicht die Hoffnung hegen, an dem vielversprechenden Jüngling Herder, einen warmen Anhänger zu finden, und die Art, wie Herder mehrere seiner Jugendfreunde von Riga aus aufforderte, Kant zu hören, konnte ihn vielleicht tauschen. Allein nach Herders Abgang von Riga hörte alle Verbindung mit Kant aus. Nur erst durch Briefwechsel mit Hamann, im Jahr 1772 schickten sich beyde, durch Hamann und Hartknoch, zuweilen Grüße zu; doch sah Kant wohl, je mehr Schriften von Herder im Druck erschienen, daß er seine eigene literarische Bahn gehe und kein Anhänger seiner Parthey werden wolle. Bey einem Besuch Hartknochs in Weimar, im Jahr 1788 fragte Herder wie gewöhnlich nach Kant. Hartknoch sagte hierauf: „Ich will es Ihnen im Vertrauen sagen: Kant glaubt, Sie scyen Ursache, daß seine Kritik der Vernunft nicht eine solche Aufnahme in Deutschland gefunden, wie er gehofft hatte." Herder antwortete: „Nie ist mir's zu Sinne gekommen, gegen irgend Jemand eine 2Z4 Herders Leben Kabale zu machen, am wenigsten gegen Kant. Seine Kritik ist mir zwar unqeniesbar und meiner Borstellungsart zuwider, aber ich babe gegen dieselbe weder geschrieben noch etwas veranlaßt; das können Sie Kant versichern." Der Druck der Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit wurde gerade damals mit Harlknoch verabredet. Die einzelnen gedruckten Bogen kamen nach und nach an Hartknoch und Hamann, und durch einen von diesen, in Kants Hände, noch ehe selbst der erste Thcil in Königsberg erschienen war. Nun ließ Kant in die Berliner Monatschrist (November 1784.) eine Abhandlung cinrücken, unter dem Titel: „Ideen zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absich t." — Worin er dazu einen ganz entgegengesetzten Weg, als Herder in seinen Ideen genommen hatte, vorzeichnete, als sollte sie ein vorläufiges Antidotum gegen dieses Buch sepn. *) ^ Ohngeachtet Kant anfangs mit Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte wohl zufrieden gewesen zu scyn schien, wie aus Hamanns Brief an Herder vom 18. August 1788 erhellet, so soll dennoch Kant, wie Hasse in der Schrift: „Kants letzte A e u ß c r u n g e n S. 84. sagtfast Siehe Merkels Freimüthigen, Jahrgang i8c>5. in Weimar von 1789 bis 1801. 29b leidenschaftlich über Herder geurtheilt und ihn beschuldiget haben: er wolle Diktator seon und gerne Jünger machen! " Wenn auch dieses letztere Urtbcil Kants, Her- dcrn niemals zu Ohren gekommen sevn sollte, so mußte ec doch ein höchst unangenehmes Befremden über Kants öffentliches Benebmen gegen ihn empfinden ; und dieses mußte sich noch erhöhen, als bald darauf ein zweiter öffentlicher Beweis non Kants Abneigung erschien. Kant wurde nenilich von den Unternehmern der mit dem > Jänner 1780 ans Licht getretenen Jenaer allgemeinen Literatur-Zeitung zum Mitarbeiter ausgeforderr. Er verweigerte zwar die Thcilnahmc daran, versprach aber „Eine Recension gewiß einzuschicken." Diese Antwort wurde bekannt, man wurde auf den Inhalt dieser einen Recension äußerst begierig, und, nun erschien die Recension Kants über den ersten Theil von Herders Ideen, worin eine Mißstimmung gegen das Buck) und wohl auch gegen dessen Verfasser nicht zu mißkennen war; sie mischte in einem gewissen schulmeistecischcn Ton und durch Consequenzenmacherey auf Absurditäten hinweisend, zu welchen einige Satze Herders führen konnten, Lob und Tadel, so sonderbar sauersüß durcheinander, daß man am Ende nicht weiß, was man vorziehen soll. Dieses Benehmen wußte Herder nicht anders, als aus einer Art von Rache Kants zu erklären, weil er seine Bücher nicht ausposaunt hatte, und 296 Herders Leben so sehr er auch darüber betreffen war, so wollte er dennoch gegen seinen ehemaligen Lehrer, dem er verpflichtet war, keine andere Parlhie nehmen, alS zu schweigen. Nach Hamanns und Hartknochs Tod (nach 1788) kam Herver aus aller Verbindung mit Königsberg. Im Jahr 1796 nahm er Gelcgenhrit in den Briefen zur Beförderung der snimanitat, (B. 11. Adrastea 8. Br. ,49. pag. 288 rc.) öffentlich und dankbar zu sagen, was Kant ihm einst gewesen war! — vielleicht zugleich sein Bckennt- niß zu geben, in welchem Gesichtspunkt Kants Philosophie anzuschen sey, einige Erörterumecn über dieselbe bepzufügen und zugleich gegen den Mißbrauch derselben zu warnen. Aus dem noch vorhandenen ausführlicher» Manuffript des Verfassers, das zu einer Zeit geschrieben war, wo er durch den Skandal, den die blinde schwärmerische Nachbetung der Ideen des Königsberger Philosophen, unter den Jünglingen, die auch seiner Sorge zum Tbeil an- verlraut waren, angerichtet hatte, noch nicht so sehr gereizt war, als einige Jahre spater, geht deutlich hervor, daß er damals, zur Schonung seines ehemaligen LekrerS noch gerne alles unterdrücken wollte, was ihm, als Mißbrauch der Kan- tischen Lehre zwar eine Rüge zu verdienen, jedoch nicht gerade hieher zu aehören schien. Zur gerechten Beurtheilung der Ansichten Herders, mag hier ein Theil davon aus dem unterdrückten Manuskript ergänzt folgen: „Und nun denken sie leicht, fährt er in seinem in Weimar von 1789 bis 1801. 297 Manuskript fort, daß es seine Schuld nicht sey, wenn man seine Philosophie mißbraucht und ihr zum Theil eine andere, ihrem Urheber ganz unähnliche Gestalt gegeben. Ich weiß, in welchem Geist und zu welchem Zweck er seine ersten kleinern Schriften schrieb; dieser Geist hat ilm bei seinen letzten großer» Werken nicht verlassen ; davon sind diese Werke selbst Zeugen. Falsch ist es, ganz und gar falsch, daß seine Philosophie von der Erfahrung abziehe, da sie vielmehr auf Erfahrung, wo diese irgend nur statt finden kann, endlich und stracklich hinweiftt. Falsch ist es , daß er eine Philosophie liebe, die ohne Kennt- niß anderer Wissenschaften immer und ewig leeres Stroh drischt; die das lhun, sind nicht seiner Art und Gattung. Seine Kritik der reinen Vernunft sollte ein Katarklikon, eine Prüfung ihrer Kräfte, eine Bestimmung ihrer Kränzen, eine Reinigung der metaphysischen Tenne, nicht aber zugleich der Jnnhalt alles menschlichen Wissens und Denkens seyn, worüber des Verfassers deutlichste Erklärungen da stehen. Wenn man also den Umriß für die Sache selbst, den Rahmen für das Bild, das Gefäß, dessen Fugen er darlegt, für den völligen Znnhalt des Gefäßes annimmt, und glaubt, daß man alle Schätze der Erkenntniß hiemit in sich gesammelt habe; welch ein Mißverstand, welch ein Mißbrauch! — Kants meiste Schriften find, wie es ihr Zweck erforderte, als Untersuchungen, «ls Prüfungen, als Discurse geschrieben; zu solchem Zweck sind sie selbst schön geschrieben; eine dem Inn.- halt angemessene Schreibart, eine sehr glückliche, ich möchte sagen, Baumgarten'sche Bezeichnung der Hauptbeqriffe in einer passenden Terminologie; mehr 29 " Herders Leben als alles aber der Geist des eigenen Denk.ns, der alles belebt, machen jede Schritt zu einer lebendigen Unterredung, die vom eiqcnthüml ichen Gepräge ihres Urbebers, gewiß nicht unangenehm bezeichnet wird- Wie verwunderte ich mich, da ich las und horte, daß eine Jahrelange Mühe dazu gehöre, sich in diese dicken Bücher, wie eine Motte, nur hinein zu lesen; daß der Jnnhalt dieser Schriften dergestalt - schwer zu verstehen, zu umfassen, zu begreifen fey, daß cs durchaus kein anderes Mittel gegen den Un- und Mißverstand gebe, als die authentische Erklärung des Autors. Einer der Partbeyfirhrcr ließ gegen den andern sich mit dem Attestat stempeln, daß er den Autor recht verstanden habe; und so ward der lichte, Helle, sogar oft wortreiche Kant zu unser» Zeiten ein anderer Duns Skotus, nach dessen wahrem Sinn man wie ein Maulwurf graben, oder zu ihm selbst wallfahrten mußte. Die Intoleranz endlich, mit welcher diese gestempelten und nicht gestempelten Kantianer von ihrem allgemeinen Tribunal sprachen, verdammten, lobten, verwarfen; sie ist dem gesunden Theil von Deutschland so verächtlich gewesen, als sie dem toleranten Charakter und überlegenden Wahrheits- Sinn des Urhebers dieser Philosophie zuwider seyn mußte. Eine kritische Philosophie, die durchaus keinen Dogmatismus predigen will, mit Feuer und Schwert, mit Höhnen und Schimpfen einführcn wollen, ist der erbärmlichste Despotismus." „Aber was thut dieß Alles zur reinen Sache des Autors? Hat man nicht mehr Beyspiele, daß die — aner jedes Namens ein verhaßtes, verachtete- Welk gewesen oder geworden sind, indeß der Mann, in Weimar von 1789 bis 1801. 299 dem sie sich unglücklicherweise anhängten, gar nicht ihres Sinnes war, und durch sich in bescheidenem unsterblichen Verdienst glanzte? Sogar geheime Gesellschaften , Geisterseher und Wundertbätcr bemühten sich für die Komische Philosophie, weil sie glaubten, daß durch das ihr zugeschricbene Principium eines Glaubens der Gonvenienz und eines blinden Gehorsams unter denselben alles gesunde Denken, ihnen zum Vortheil, zerstört werde; ist dieß aber Kants Sinn, den ihm aitch nur sein ärgster Feind bcnlegen könnte? Niedrige Partheysucht erklärte sich für oder wider Kant, nachdem hie oder da Stimmen galten, Stimmen entschieden; dieß unphilosophischc Gezücht geht und gehe unter, indeß Kants eigene Werke bleiben.^ „Und sie werden bleiben. Ihr Geist, wenn auch in andere Formen gegossen, wenn auch mit andern Worten umkleidet, wird wesentlich weiter wirken und leben. Gr hat schon viel gewirkt; fast in jedem Fach menschlicher Untersuchungen sieht man seine Spuren. Durch Kant ist ein neuer Reiz in die Gemüthcr gekommen, nicht nur das alte zu sichten, sondern auch, wohin insonderheit der Zweck der Philosophie geht, die eigentlich menschlichen Wissenschaften, Moral, Natur- und Volker- Recht nach strengen Begriffen zu ordnen. Sehr heilsam sind diese Versuche, sic werden in 2 hat-Handlungen greifen und einst, so Gott will! selbst zu angenommenen Maximen werden. — Lassen Sie uns indeß dem philosophischen Nestor erst seine Dis- ciplinen vollenden; wenn er uns noch mehrere s» ideenreiche Werke, als sein Neueres, die Kritik Herders Leben 3c>c> der Urt Heilskraft schenkt: so wollen wir gerne noch im Einzelnen lernen, ehe wir untersuchen, ob systematisch betrachtet, auch alles haltbar seyn möchte, oder sich Manches nicht auch anders sagen ließe? Die Versuche hierüber wird Kant Niemand wehren. Glücklich, wenn wir aus Kants und seiner Nachfolger Schriften die Sphäre der Humanität, unsre Kräfte und Pflichten rein kennen und immer richtiger gebrauchen lernten! Seine Kritik der praktischen Vernunft und die darauf gebaute Moral-Philosophie, legt den Grund zu einem Natur- und Völker-Recht, das wann? allgemein anerkannt, wann? allgemein angewandt seyn wird!?" — So achtungsvoll und würdigend sprach damals Herder von Kam und von seinen Verdiensten um die Philosophie; nachdem aber einige Jahre später der Taumel seiner Schüler und Nachahmer, Vorzug, lieh auch unter den jungen Theologen , die nicht mehr wußten, was Religion, Theologie und Philosophie sey, immer höher stieg; allen Wissenschaften, Kenntnissen , Erfahrungen und Pflichten öffentlich Hohn gesprochen wurde; nachdem Fichte in Jena vom Katheder herab laut ausgesprochen hatte: „In fünf Jahren ist keine christliche Religion mehr; die Vernunft ist unsre Religion!" nach diesem Orakelspruch, der auch da und dort theologische Professoren irre machte; wo junge Theologen nach Weimar kamen, deren Unwissenheit, Arroganz und freche Antworten Herbem zugleich empören und schmerzen mußten; da mancher gutartige Jüngling eingestand, nicht anders in Weimar ven 1789 bis 1801. 3 oi gelehrt worden zu seyn, ja, einer sogar ans Verzweiflung über sein verfehltes Studium sich selbst entleibte; nachdem zügellose Aufführung und Verachtung alles Ehrwürdigen sich unter den Jünglingen verbreitete, die heiligsten Bande der Natur ihnen nichts mehr galten; Elternliebe, Kinderliebe, Liebe der Gatten, nur für Gewohnheit und sinnliches Bedürfnis; erklärt wurde, wofür man keinen Dank schuldig sey; Treue und Glauben zu Hallen, man sich nicht mehr für verbunden erachtete und christliche Religion für Aberglauben erklärte: da fühlte sich Herder berufen, diesen Unfug, der auch erwachsene Männer zu ergreifen ansieng, mit voller Kraft seiner innern Ueberzeugung zu bekämpfen! Nun schrieb er seine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft, und seine Kalligone! Merkwürdige Worte über diese beydcn, gegen die Kantlsche Philosophie gerichteten polemischen Werke Herders, spricht dessen Freund und Verehrer, dex zu frühe für die Wissenschaft im Jahr 1808 verstorbene Professor Thorild zu Greifswalde, welche in der Vorrede Georg Müllers zur Matakritik, wörtlich ausgenommen, dort nachzulefen höchst würdig sind. Aber auch damit schien Herder noch nicht zufrieden zu seyn! Eine dritte, und zwar die wichtigste Schrift wollte er noch folgen lassen: „Ueber die schädliche Einwirkung der kritischen Philosophie auf die Moralität und die innere Glückseligkeit deS Menschen." Indessen hatte er schon zum Thcil diese Absicht durch die Vorrede zur Kalligone erreicht, und 3o2 Herders Leben ob cr gleich zuweilen gegen vertraute Freunde oder gegen die Seinigen sagen konnte: „den dicksten Knoten und meine stärksten Pfeile habe ich noch zurück!" so ließ er sich doch, durch vereinte Zusprache seiner Freunde, besonders durch Göthe und Falk, mit welch Letzten» er stets in vertrautem häuslichen Verkehr stand, von diesem Vorhaben wiederum abbringen. Bey Ehre und Freundschaft beschwor ihn dieser, nachdem auch die Kalligone im Jahr 1600 erschienen war, nun nicht weiter gegen die Kantischc Philosophie zu schreiben! „cr habe durch die Kalligone gesiegt, und mit diesem Siege solle cr zufrieden feyn!" Heeder versprach auch am Enve es dabey zu belassen und sein Hauptziel gegen die kritische Philosophie nicht weiter zu verfolgen. Auch andere auswärtige Freunde, besonders auch Gleim baten ihn um erfreulichere und allgemein nützliche Schriften, sie wollten ihn nicht gerne mehr als Streiter lesen! — Zwar hielt er Wort, und schrieb nicht weiter, aber immer blieb er über diese aufgegebcne Materie unbefriedigt und bereute cZ zuweilen gegen seine Freunde zu frühe nachgegcben zu haben. Ohnqefähc zu derselben Zeit gab Professor Ammon eine Schrift: „Ueber den nachtheiligen Einfluß der kritischen Philosophie auf die Moralität" heraus, die für Herbem wenigstens zum Theil Ersatz dafür war, was cr selbst darüber noch hatte schreiben wollen; und cr dankte ihm dafür in einem Brief, mit den Worten: „Die klare Bestimmtheit der Satze, Ihre heile Deduktion und zwanglose Verkettung, sodann in de» 3o3 in Weimar von 1789 bis i8ni. Eorollaricn, die treffenden Blicke auf das dürre Tlsier der EantinZ-kliilosopisiv, die — o — «0 immer Alles und Nichts sagt, muß jeden freuen, der Menschen-Sinn im Kopf, Herz und Gefühl in der Brust t: >„t. Zum kleinen Gegengeschenk stellt sich meine Kalligone dar, «ra-/ ^-«7. Ich mußte in dieses Jugendfeld zurück, da ich den Gareen der Musen seit so vielen Iabre» durch die kritikloseste Kritik entweiht und zertreten sah, indem die Grundsätze dieser Lhn - Urtheilskrast jetzt ber/nahe der gebietende Codex aller A - Kritik worden sind. Auch dafür Dank, daß durch Ihre und Anderer Bemühungen mein Weg gegen den -rnisrnus ansehnlich verkürzt worden. Ich ward auf ihm matt und müde!" Einem andern Freund, dem er die Metakritik in der Handschrift zur Prüfung geschickt hakte, schrieb er im Juny r 3 oo. „Ich bitte etwas weniger mitleidig gegen Kant zu seyn, mit dem ich durchaus nichts zu schaffen habe; desto mehr und strenger mit den heillosen Grundsätzen einer Kritik, die alle ernste Realität in Sachen der Empfindung aufhebt." Die groben Ausfälle einiger kritischen Lehrlinge, auf die er sich zwar im Voraus gefaßt gemacht halte, giengcn jedoch zuweilen über seine Erwartung und Geduld. Lft sagte er: „Das Betragen dieser Philosophen gegen mich, ist der'sprechendste Beweiß und Beleg meines Thcma's, welch ungesittete und unmoralische Menschen die neue Philosophie bilde." Als die wülhende Schrift des Prof. Rink in Königsberg: „Manch erley zur Geschichte V 304 Herd»rs Leben der metakritischen Invasion," gegen Herder heraus kam, äußerte Oberhofpredigcr Reinhard in Dresden: „daß Herder sich nothipendig gegen diese Schrift rechtfertigen müsse!" Allein er that es nicht, und sagte nur: „Ich werde auf ganz anderm Wege, als au Rink antworten , wenn meine Stunde kommt." Uebcr Kant selbst schien er nur darum persönlich aufgebracht zu seyn, weil er dem Mißbrauch seiner Satze und Ideen zu wenig zu steuern suchte. Er wollte Kant durch seine Schriften bewegen und ausreften, damit er sich endlich selbst über daS Mißverstehen seiner Philosophie erklären möge. Zwar weiß man, daß Kant zu niihrern seiner vertrauten Freunde gesagt hat: „Er seye in seiner Philosophie nicht verstünden worden, außer nur von Einem, dem Hosprediger Schulz zu Königsberg." — Allein dieses war für Herders wohlqenninte Absicht nicht hinlänglich, um dem großen Unfug zu steuern; er sagte daher unverrolen: „die Kantische Philosophie ist als ein Ferment anzuschen; die Dummheit nahm diesen Sauerteig für den Teig selbst." Es ist aber klein von Kaut, daß er, der es besser weiß, die Menschen jn dem Irrthum laßt und die Wahrbeit der Eitelkeit aufovfert, eine Schule gestiftet zu haben! Auf meiner Stelle war es mir Pflicht, gegen die verderbliche Wirkung derselben so laut zu rufen, als ich gethan habe; ich wollte sie aufteizen, damit sie mich hören. Eure Scbrift in sanfterem Tone wäre ganz ohne Wirkung geblieben." — Auch andere ausgezeichnete Gelehrte, besonders zu inIWeimar von 1769 bis 1801. 2 c >5 Königsberg, billigten damcils Herders Sturm gegen diesen philosophischen Sekten-Geist. Jean Paul Richter, als damaliger Haus» freund Herders, war ganz offen für die Tendenz seiner Metakritik, die ihm Herder in der Handschrift, zur Einsicht und zu etwaigen Bemerkungen mitge- theilt und nachher Manches nach dem Urtheil seines Freundes verbessert hatte. Bon H. D. Ernst Platner in Leipzig, dem er ein gedrucktes Exemplar seiner Metakritik zusandte, erhielt er folgende Antwort: „Als ich das schätzbare Geschenk der Metakritik von Eurer rc. erhielt, glaubte ich ganz gewiß Ihnen, wenigstens nach Verlauf eines Monats, meine Moralphilosophie als Gegengeschenk schicken zu können. Allein Geschäfte anderer Art nöthigten mich den Druck zu unterbrechen; die Vollendung des Merkchens verzog sich von einer Woche zur andern, und so verspätete sich denn auch die Beantwortung Ihrer Zuschrift. Daß die Metakritik ungnädig ausgenommen werden mußte, das war vorher zu sehen. Der Total- Eindruck, den sie selbst auf den Kantianer, wie vielmehr auf den unbefangenen Leser, macht, ist zu stack Und der Sekte zu nachthcilig. Bücher dieser Art sind Ehren-Rettungen unsres Zeitalters, welches die Nach, Welt außerdem für wahnsinnig halten müßte. Aber Herders W. r. Phil, u. Gesch, XVI. U Lekr.-r. 3c>6 Herders Leben sic sind auch Wohlthatcn für das Zeitalter, welche dasselbe vor dem Wahnsinn bewahren können. Bei) dem allem, thcuerster Herr Vice - Präsident, bin ich gerade in den Hauptsätzen, welche die Metakritik den Kanlianischen entgegenstellt, nicht Ihrer Meinung; besonders was den Empirismus und die Objektivität des menschlichen Erkenntnisses betrifft. Wollten Eure.>c. gelegentlich von dem, was ich vorlängst über den SkepticismuS gesagt habe, einige Notiz nehmen; so würden Sie sehen, baß ich jedoch auch da, wo ich von Ihnen abgehc, Ihnen näher bin als Kanten. In der Moral-Philosophie glaube ich keinen Kant, also auch keinen Kantianer. Gäbe es ihrer da, so würde ich am Ende selbst einer. Kants ganzer Purismus (und das ist allenfalls das Eigene seines Moral-Systems) beruht in einer zwanghaften Entsinnlichung der Sprache; woraus doch nie eine Entsinnlichung des Menschen und seines Willens werden kann. Der Mann meint, wenn er, statt Glückseligkeit, Achtung gegen das Gesetz, oder moralische Zufriedenheit, gesagt hat; so ist nun der Antrieb reingeistig: gerade wie die gemeinen Wolsianer, welche, wenn sie das Wort Atom vermeiden, und das Wort Monade gebrauchten, über diese Vorstellungs- Art von Ausdehnung und Raum hinaus zu seyn glaubten. Giebt cs in der Moralphilosophie einen Kantianismus, so liegt er in dem verworrenen Begriffe von der Sinnlichkeit, und nächst dem auch in der sprachwidrigen Behandlung des Wortes eigennütz i g. in Weimar von 1789 bis 1801. 807 Da ich, zur Schande der Philosophie, einmal in dem Rufe bin, gegen die Damen galant zu seyn, so koste es nun was es wolle; ich bitte Eure rc. mein Andenken bei der würdigen Frau Vice-Präsidentin zu erneuern. Ich bin mit der größten Hochachtung Eurer rc. ganz ergebener E. Platnec. Leipzig 20. Jus. 1800, Was aber auch immer Herders Freunde und Verehrer für die wohl begründeten Motive seiner unternommenen Feldzüge gegen die kritische Philosophie sagen mögen und mit Recht sagen können; so geht doch auch so viel aus dem bisher Angeführten, bey näherer Prüfung des Streit-Gegenstandes selbst hervor: daß Herder hier nicht ganz in seiner Sphäre war und blieb; und wenn auch in dieser Arbeit^ mancher treffliche Gedanken-Keim und manche Blitztz des Genies dnrchglanzcn, so wird doch vielleicht nicht unrichtig auf ihn angewendct werden können, was Lessing von Huart *) sagt! „Ich vergleiche ihn *) Huart> geb. zu St. Jean Pie-de-Pont, einem Städtchen in Nieder-Navarra, lebte gegen 1H80 zu Madrid als Arzt, seine Schrift: „Txarneir äs iiiAtzriios para las ssiensias," Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften, wurde von Lessing aus dem Spanischen übersetzt. Leipzig und Zerbst 17L2. Zweite verbesserte Ausgabe, mit Anmerkungen und Zusätzen von J0H4 Jac. Ebe rt. Wirtenberg 178b. U 2 Herders letzte Lebensjahre mit einem muthigen Pferde, das niemals mehr Feuer auS dm Steinen schlägt, als wenn es stolpert." — Herders letzte Lebens-Jahre von kLor bis zu seinem Tode. Mit dem Beginnen des neunzehnten Jahrhunderts, hatte Herders geistiges Wirken den höchsten Gipfel erreicht! — Seine, mit Anstrengung durchgeführten Kampfe gegen die schädlichen Auswüchse der neueren Philosophie; seine vermehrten, geisttödtenden Berufs-Arbeiten; (er war seit röor durch das endliche Absterben des alten blind gewordenen Präsidenten, in die Stelle eines wirklichen Präsidenten des Ober - Konsistoriums eingerückt) seine manchfaltigen Verdrieslichkeiten, die er im Dienst mit einzelnen Menschen in Weimar durchzumachen hatte; und seine täglich steigenden Familicn-Sorgen, besonders wegen des Fortkommens seiner (6) Söhne, die er zum Thcil im Ausland unterzubringen bemüht war; alles dieses zusammen genommen, ließ ihn in jener Zeit eine merkliche Abnahme seiner Kräfte fühlen. Besonders eine große Schwäche seiner Augen nahm damals so sehr über Hand, daß er oft das, was er las, oder schrieb, nur wie durch einen Flor erkennen konnte. Eine Familien-Angelegenheit, die um diese Zeit sein Gemüth sehr beschäftigte, war der Ankauf von i 3 ot bis r 8 c> 3 . Zog der Hofmark Stäche Sried in der Oberpfalz; wozu sein Sohn Adelbert/ damals schon zu Betreibung der Landwirthfchaft auf einem großen Gut in Franken als Oekonomie - Verwalter angestellt, im August 1801 Gelegenheit fand, und daraus großen Vortheil, bey künftig verbessertem Kulturstand derselben zu ziehen, auch zugleich seinem Vater einen angenehmen Erholungsort für die spatern Jahre seines Lebens bereiten zu können hoffte. — Dieser Ankauf war jedoch eine Quelle großer Sorgen und manches Familien-Kummers der Eltern und Geschwister, zugleich aber auch der erste Anlaß zu einem Schritt des Vaters, der ihm viel Verdruß, ungleiche Beurthcilung seines Charakters und den Vorwurf zuzog: da Schwache gezeigt zu haben, wo der, durch eigenes Verdienst groß gewordene Mann, stark und auf seinen bürgerlichen Charakter stolz seyn, und sich nicht einer Kaste cinverleiben zu lassen streben sollte, die ihm keinen Glanz geben, wohl aber hämische Verkleinerung durch nichtswürdigen Ahnenstolz zuziehen konnte. Zeit und Umstande, unter welchen Herder diesen Schritt: sich in den Adelstand erheben zu lassen, und die Art, wie ec ihn gethan hat; muß ihm jedoch bey jedem Unbefangenen zu einiger Entschuldigung dienen. Bald nach geschlossenem Kauf, schrieb nämlich der Sohn Adelbcrt seinen Eltern: „Der Edelmann in Baicrn habe das Vorrecht der Loosung binnen Jahresfrist, gegen jeden bürglichen Käufer adelicher 3rci Herders letzte Lebensjahre Güter; und cs werde ihm wirklich mit der Ausübung dieses Einstands - Privilegiums von einem gewissen bairischen Edelmann gedroht. Dadurch gcrathe er in große Verlegenheit und in bedeutenden Verlust, indem er auf jeden Fall im ersten Jahr irgend eine Verbesserung auf dem Gute vorzunehmen verhindert werde und nur allein durch Erlangung eines Adels- bricfes im Besitz seines Eigenthums gesichert werden könne." — Hier war also nicht eitles Streben nach eingebildeter Ehre, sondern die Sicherung eines erworbenen Guts für den Sohn, das Motiv des guten Vaters , wenn er sich, gegen seine Grundsätze, zur Nach- suchung eines Adels - Diploms entschloß. Hatte er indessen ahnen können, daß dieses dem Sohn gebrachte Opfer seiner Grundsätze, dem wahren Glück seiner Kinder so wenig förderlich werden, und selbst dem Sohn Adelbcrt ein höchst trauriges Schicksal in der Folge bereiten würde; gewiß würde ec diesen Schritt nicht gcthan haben! Adelbert verlor spater den Besitz dieses angekausten Gutes wieder; theils wegen all zu rasch aufgcwendetcr Meliorationen theils von Kriegs-Unfällen gedrängt; irrt nun zum wahren Kummer der Scinigen, mit der fixen Idee: der Wieder-Erlangung Stachcsrieds, umher, und laßt sich durch keine Vorstellungen und Bitten bewegen, zu einem seiner getreuen Geschwister zurückzukehren! Nachstehendes Schreiben, welches der Vater zuerst wegen Erlangung eines Adels-Diploms an Geheimen Rath von Rezer in Wien, der ihm bei einem Besuche in Weimar Beweise von Freund- von r 8 c> r bis 1 8 c> 3 . 3rr schast gegeben hatte, unterm ic>. July 1801 , gleichsam als Vor-Erkundigung erließ, zeugt von dem richtigen Gefühl, das ihn dabei geleitet hat und ihm stets gegenwärtig blieb. ,,Jch habe eine Reihe von Söhnen," schrieb damals Herder, „deren Einen, den Arzt, Sie kennen , deren Keiner meinen Stand gewählt hat. Der Eine hat sich die Bergwissenschaft, theoretisch und praktisch, der andere die Forstwissenschaft, ein Dritter die Oekonomie eben also erwählet; und der jüngste wird Ihnen wahrscheinlich folgen. Alle diese tapfern Leute, groß, stark, fleißig, unternehmend, stehen jetzt, nach geendeten oder bald geendeten Studien und klopfen , jeder an seine Pforte des Eingangs in die Welt, wo ihnen dann bey Gaben, Fleiß und Geschicklichkeit zum bessern Fortkommen (nach bestehender Routine Deutschlands) die kleine Sylbe von fehlet. Diese bringt in die ganze Laufbahn des Berg- und Forstmanns, des Oekonomen eine solche Verschiedenheit, als ob Adel und Nichtadel, durch eine unüber- steigliche Kluft getrennt, zwey verschiedene Lxscisz der Menschen wären. Amt und Namen des Vaters können die Sylbe von mit den Prärogativen nicht ersetzen, die ihr der deutsche Adelsinn gegeben." „Also, um meine Söhne, ihren erwählten Standen nach, anständig in die Welt zu bringen und sie nicht andern Nachtreten zu lassen, muß ich aus väterlicher Pflicht für sie, mich um den Adel bewerben ; die Verfassung der meisten Lander Deutschlands im Fortkommen, im Ankauf des Oekonomen rc- zwingt mich dazu; ich muß ihnen nach dem braven r. Si2 Herders letzte Lebensjahre Valor, den sie sich lernend und thätig erworben, auch den äußern verschaffen, der jenem aufhilft. — Für mich diese Auszeichnung zu suchen, wäre mir, beym Himmel! nie in den Sinn gekommen, da ich dergleichen Auszeichnungen überhaupt eben so klein als lächerlich finde, sie mir auch in meinem Wirkungskreise sehr entbehrlich sind. Meinen Söhnen aber sind sie leider nicht entbehrlich, und als Vater bin ich ihnen das Ksneiiciurn schuldig. Ob ich als Schriftsteller einer Auszeichnung dieser Art werth sey? Darüber hülle ich mich aufs bescheidendste in den dicksten Mantel der Unwissenheit; denn wahrlich zu einem solchen Zweck habe ich keine Sylbe geschrieben, und mit Männern, denen diese Ehre widerfahren ist, setzte ich mich nie in Vergleichung. Genug, wenn ich meinem Vaterlande nicht Schande gemacht und dieser Ehre nur so werth bin wie andere, denen sie doch auch widerfahren ist und widerfahret rc." Spater schrieb Herder auch an seinen alten, treuen Freund, den Grafen von Görz in Regensburg, um für seinen SohnAdelbert, die in Baiern geltenden adelichcn Freiheiten und Privilegien, bcy dem Kurfürsten auszuwic- ken; und noch ehe etwas hierüber erfolgen konnte, hatte Herder in einem weiteren Schreiben, den Grafen, wie es scheint, in einer Anwandlung von Reue- Gefühl, gebeten: „Seinem früheren Gesuch kein? weitere Folge zu geben." Allein die kurfürstliche Antwort war schon ausgeferliget und das Rescript an den Grafen von Görz vom 26. Sept. rbor lautet für Herder äußerst schmeichelhaft: von 1801 bis l 8 kl 3 . - 3i? „Wir haben mit Vergnügen die Gelegenheit ergriffen, einem der vorzüglichsten, von Uns längst geschätzten Gelehrten Deutschlands ein Merkmal Unsrer Zufriedenheit zu geben; Wir lassen für den. selben, seine Sohne und deren Posterität die, zu unbehinderter Erwerbung adelicher Güter in Unseru obern Kuelanden erforderlichen Jndigcnats- und Nobilitäts - Briefe ausfertigen; — wobei) Wir Euch ersuchen, dem Präsidenten Herder in Unserm Na- men zu eröffnen, wie Wir hierunter weniger eine Belohnung seiner allgemein bekannten und längst geadelten Verdienste, als die Erleichterung des Ansässigwerdens seiner Familie in Unfern Landen bezwecken." rc. Die Diplome, deren Auswirkung und Ausfertigung, dem nun auch dahin gegangenen edlen Grafen von Görz, eine höchst angenehme und treu-eifrige Freundes-Sorge war, wurden Herdern auf speciellen Befehl des Kurfürsten taxfrei zugcstellt. Unterdessen hatte das Augen-Uebel Herders, im Winter i 3 or und im darauf folgenden Frühjahr sehr zugenommcn, so daß er oft gar nicht mehr arbeiten konnte. Nach dem Anrath des Hofraths Or. Stark zu Jena mußte eine Hauptkuc an einem dazu geeigneten Badort mit ihm vorgenom- mcn werden; und da Herder selbst eine gewisse Vorliebe für Achen hegte, wo er vor zehen Jahren mit gutem Erfolg das Bad gebraucht hatte, so gieng er im Sommer 1802 mit seiner Gattin dahin. Allein die dortige Augen-Kur entsprach seinen Erwartungen nicht; er mußte sich abwechslend alles Lesens und Schreibens enthalten, seine Augen Z14, Herders letzte Lebensjahre ganz ruhen lassen, und nach einem bepnahe drey- monatlichen Aufenthalt, der auf sein übriges körperliches Wohlbefinden so wie auf seine Gemüths- heiterkeit gut gewirkt hatte, konnte er nach häufigem Wechsel, nur kaum von einiger Besserung seines Augenübels sprechen. In Aachen tcafer zur Unterhaltung und Belehrung seinen alten Freund, den würdigen Bergrath Werner, der viel zur Ausbildung und Anstellung seines Sohnes August in Kursachsen beygetragen hat. Auf der Rückreise wurde er von Gerning in Frankfurt gastfreundlich ausgenommen und lernte dort den geistvollen Anatomen Sömmering, auch den Hofrath und Bibliothekar Niklas Vogt persönlich kennen. Den damaligen Kurfürsten Karl Theodor von Dalberg sprach er zum letztenmal in Aschaffenburg, und gieng von da über Nürnberg zu seinem Sohn Adclbert auf sein neuerkauftes Gut Stachesricd. Auch seinen alten Gönner und Freund Grafen von Görz fand er in Rcgensburg, zu seiner großen Freude, unverändert und wie verjüngt wieder, und lernte auch dort dessen würdigen Schwiegersohn, den Grafen von Rechbcrg persönlich kennen, der ihm in der Folge ein thätiger Freund für seine in Baiern lebenden Söhne wurde. Erst im Oktober kam Herder mit seiner Gattin nach Weimar zurück, und wollte mit heiterer Seele nun wieder an seine Berufs-Arbeit gehen; voniLvibisiLoZ. 3 r 5 allein sehr bald zerstörten mancherlei) persönliche Unannehmlichkeiten, die guten Wirkungen der Badekur. Im Winter 1802 bis ins Frühjahr r 8 o 3 war seine Gesundheit sehr schwankend und seine Gei- stcsstimmung schwermüthig: doch diente ihm die Fortsetzung seiner Adrastea und die Bearbeitung deS Cid, zur angenehmen Geisteserholung. Im May 180? gierig er auf einige Tage nach Jena, um dort den Superintendenten Marezoll einzuführen, der ihm früher im Jahr 1789 bey seinem zweiten Ruf nach Göttingen, dort als zweiter Universitqtsprediger zu seiner Erleichterung bey- gegeben werden sollte. Wenige Tage vorher begegnete ihm in Weimar der kleine Unfall, daß er, mit seiner Gattin, als sie eben zur Gräfin Bernstorf in eine Thec - Gesellschaft fahren wollten, bey einer zu raschen Wendung des Wagens um eine Straßenecke, umgeworfen wurde. Sie kamen zwar beydc unbeschädiget davon, und Herder wollte selbst, alles Zuredens seines Sohnes Gottfried ungeachtet, kaum etwas gegen die Alteration zu sich nehmen, da er nicht das mindeste Unwohlseyn empfand: allein die üblen Folgen dieses plötzlichen Schreckens scheinen sich doch spater noch eingestellt zu haben. Johannes von Müller sagt zwar in einem Brief an seinen Bruder cl. äo. Weimar den 25 - Jänner 1804, also wenige Wochen nach dem Tode Herders: (Theil VII. pag. irr. der gesammelten von Müller'schen Werke.) dieser Unfall seye ihm auf der Reise nach Jena begegnet, wo ihm der 2i6 Herders letzte Lebensjahre Wagen unterwegs gebrochen und er genöthiget gewesen sey, bey starkem, kaltem Regen, die ganze Steige herunter nach Jena zu Fuße zu gehen; was freilich noch nachtheiliger auf seine schon geschwächte Gesundheit hakte wirken können. Allein, wenn man nicht ziemlich unwahrscheinlich annehmen will: daß man diesen zweiten Unfall seiner Gattin verschwiegen haben könnte; so muß die Angabe der Gattin, in den Erinnerungen, für richtiger angenommen werden, als die im Brief I. v. Müllers an seinen Bruder, indem jener, mancherlei; unverbürgte Gerüchte, in der ersten Bestürzung über Herders Tod, bey seiner 'gleich darauf erfolgten Hinkunft in Weimar gehört haben mochte, die Niemand besser, als die Gattin spater berichtigen konnte, und übrigens kaum zu denken ist, daß «in solcher Aufall ihm in kurzer Zeit zum zweitenmal sollte begegnet seyn, ohne der Gattin zu Gehör zu kommen und ohne von ihr in den Erinnerungen oder von dem Bruder des Joh. von Müller, als spaterem Herausgeber derselben, aus jenem Briefe eine Berichtigung erhalten zu haben. So viel bleibt übrigens hergcstellt: Herder kam etwas unwohl von Jena nach Hause zurück. Nach vier- zehcn Tagen, da er die Eonfirmation der Kinder am Pfingstmontage gehalten und sich beym Nachhausegehen erkältet hatte, brach eine galligte Krankheit mch großer Nervenschwäche aus. Bey einer sehr zweckmäßigen ärztlichen Behandlung seines Sohnes erholte er sich zwar langsam wieder, aber eine gänzliche Wiederherstellung war, ohne eine anhaltende Luftveränderung, nicht zu hoffen. Auch sein Geist war verstimmt und abgespannt. Gattin und von 1801 bis i 8 o 3 . 817 Freunde lagen ihm daher dringend an, sich für ein ganzes Jahr Urlaub zu nehmen, um entfernt von allen amtlichen Geschäften, ganz seiner Gesundheit zu leben und seine Gemüthsheitcrkeit wieder zu erlangen. Dazu war er aber nicht zu bewegen, doch entschloß er sich endlich zum Gebrauch des Ege§- Brunnens, wohin er am 12. July röo 3 über Schneeberg abreiste. Ehe er morgens in den Wagen stieg, gab er seiner Gattin das reingeschriebene Manuskript seines Cid, mit einem unbeschreiblich wehmüthigen Blick und mit den Worten: „Hier hast du deinen C.id!" — Rcy seinem Sohn August in Schneeberg, damals Königl. Sächsischen Bergamts-Assessor, verweilte er ohngefahr vierzehcn Tage, von wo er sodann in Gesellschaft der Frau von Berg, die ihn dort abholte, weiter nach Eger reiste. Die reine Bergluft in der Gegend von Schncebcrg, in die ihn sein Sohn täglich hinausführte, stärkte und erheiterte ihn. Seiner Wohnung gegenüber, an der Anhöhe eines Berges lag ein Wald. Am Eingang desselben saß Herder oft mit seinem Sohn und sagte dort mehrmals, ahndungsvoll: „Ich lebe nicht mehr lange, du wirst eS sehen, die Mutter dauert mich!" — Auch schon in Bückeburg sagte er öfter zu seiner Gattin: „ich werde nicht alt; cs ist mir, als werde ich mitten im Leben eines schnellen unerwarteten Todes sterben." An jener Stelle, wo der Vater oft und gerne saß, erbaute nachher der treue Sohn, am Eingang des Waldes unter Fichten und Buchen ei- 3 i 8 Herders letzte Lebcns jahre nen, mit Sitzen umgebenen Altar, und nannte den Lrl: Herders Ruhe. Auch jetzo noch kann der Wanderer unter diesem Namen, die liebliche, von kindlicher Gemächlichkeit bezcichnete Stelle finden! — Wahrend seines Aufenthalts in Schneeberg, Vollendete er, in den Sonnenblicken der Hoffnung zur Wicdcrgcnesung, seine letzte literarische Arbeit, eine dramatische Dichtung: Admetus Haus; — die et früher schon im Winter von 1802 auf r 8 c >3 in Weimar unter dem Titel: Hygea angefangcn hatte. Sein Sohn Gottfried sagt darüber, in der Vorrede zu den dramatischen Stücken und Dichtungen B. 22., „Sie ist das Vcrmachtniß einer zarten, dem Himmel schon verwandten Seele, ein Kranz für eheliche Liebe und Lugend. Die Form entlehnte der Dichter von den Griechen. Die hohe Einfalt des griechischen Drama, der tiefe Sinn des griechischen Chors schwebte ihm vor Augen, und so fort ist Admetus Haus, wie dessen frühere Schwestern, Ariadne und der entfesselte Prometheus, Versuch, das griechische Drama auf deutschen Boden zu verpflanzen." — Er selbst sagt darüber in einem Brief an seine Gattin von Schnccbetg aus: ,,Jch schicke Euch ein Haus, das ich hier gebaut, d. h. abgcschrieben habe. Was ich in Prosa von der Ariadne sagte, habe ich hier im Prolog gesagt. Lies es Liebe, und sage mir deine Meinung , wohin es sich schickt. Es arbeitet sich hier ungemein leicht. Prolog und Epilog ist eines Vormittags leichte Arbeit." — Von Egcr aus schrieb er unterm 5. August ,,Mit meiner Gesundheit gehts sehr wohl, das Wetter ist dem Brunnen und Bade günstig. An Kräften fühle ich mich schon sehr gestärkt. Daß der Brunnen auf die Augen direkt wirke, habe ich nicht erwartet; das wollen wir der gütigen Hand der Zeit, oder vielmehr der Vorsehung überlassen, die ja schon so manchem Blinden das Auge gestärkt hat. Jetzt vegetire ich, lese durchaus nichts, trinke, esse mäßig, spaziere, schlafe, bade und spreche, denn ohne dies geht es im Bade nicht ab. — Das Treiben der Gesellschaft halte ich von mir ab; diese Jahre sind vorüber. Ich wandte ruhig zwischen den fremden, zumal polnischen Gestalten, die jetzt den größten Lheil der Gesellschaft ausmachen. Himmel, welche Verschiedenheit der Lebensarten zwischen den Reichen, und fast möchte .ich sagen, den Vernünftigen des Menschengeschlechts; — doch auch unter jenen giebks dergleichen, nur auf ihre Weise" rc. Mehr, als der Gebrauch des Brunnens zu Eger, wirkte auf ihn, der Aufenthalt in Dresden, wohin er endlich auf seiner Rückreise kam, nachdem er sieben und zwanzig Jahre lang in der Nachbarschaft dieses „deutschen Florenz" gelebt hatte, ohne es gesehen und genauer kennen gelernt zu haben. Vielfacher Genuß mußte hier seiner lechzenden Seele zu Thcil werden: die große freundliche Stadt mit der schönen Natur ihrer Umgebungen; die Bibliotheken und Kunstsammlungen, die prächtigen Kirchen mit ihrer herrlichen Kirchenmusik; und so viele vorzügliche Menschen, die er hier beysammen fand. 320 Herders letzte Lebensjahre mußten ihn auf das a.-gEhmste überraschen und ihm schöne Erinnerungen an Italien gcwah en! Sein erster Gang war auf die kurfürstliche Bibliothek, wo er von dem ersten Bibliothekar Karl Wilhelm Dasdorf, so wie von den übrigen Bibliothekaren jederzeit mit unermüdeter Gefälligkeit behandelt wurde. „Dasdorf" schreibt er am 24 . August, war über alle Maasen freundschaftlich und willfährig. Er führte mich durch alle Schätze durn-, und ich hoffe, sie werden mir in der Folge ersprießlich seyn. — Auf der Bibliothek erfuhr ich, daß der Kurfürst die Adrastea lese, sich auch erkundige, ob neue Stücke da seyen. Meine Stelle über Kursachsen , war in des Bibliothekars und ist in mehrerer Minister Munde: (S. Adrastea I. 3. Pag. 3o8 — 3iy.) „Blühe deutsches Florenz mit deinen Schätzen der Kunstwelt: Stille gesichert sey Dresden Olympia uns. Phidias - Wink elmann erwacht' an deinen Gebilden, Und an deinem Altar sprosse» Raphael« Mengs." Der Minister Zinzendorf dankte ihm ei- gens und sehr verbindlich für de» Aufsatz über seinen Onkel. (Adrastea 2 . 6 . pag. 56.) Am 25. August wurde Herder zu seinem Geburtstag vom Bibliothekar Dasdorf mit einem gedruckten druckte» Gedicht überrascht, das er am folgenden Tag seiner Familie mit dem Ausdruck der Bescheidenheit zusandte: „Ich war und bin darüber ganz beschämt." v i r t r> s et ^rrick sapisiriin Yassir, Ilrilu xroposrrit nobis exein^Iur."- Hörnt. Wenn hoher Geist und Sinn in edeln Herzen thronen So bilden sie Unsterbliche wie dich: Dann streiten Grazien und ernstre Musen sich, Mit Myrthen und mit Lorbeerkronen Den Plato Deutschlands zu belohnen, Der früh der Biene gleich auf Nos' und Veilchen flog, Aus ihren Nektarkelchen Honig sog; — Doch bald dem Adler gleich zu hoh'ren Regionen Sich auf mir kühnem Fittig schwingt, Die Gluth der flammenden und nahen Sonne trinkt, Und himmlische Begeisterungen, Die lieblicher wohl kaum den Griechen einst gelungen, In ihm verwandte Seelen singt, Und seine reinsten Huldigungen Dem bleibenden Verdienst und wahrer Größe bringt. Wie glücklich! — daß wir Ihn in unsern schönen Kreisen Den wahrhaft großen Mann voll stiller Würde sehn; Noch glücklicher! — daß wir Mit ihm dem milden Weisen, Den über Tausende sein Geist und Herz erhöh», Für dessen blühend Wohl so viele Tausend stehn, Herders W. z. Phil. u. Gesch. XVI. 2 Ilcrll. DeLen. 322 Herders letzte Lebensjahre Den schonen Tag, der Ihn der Welt gegeben, Durch seine Gegenwart entzückt, so froh verleben. Nur einen Wunsch soll Dir die Muse weihn: O möchtest Du bcy ew'ger Geistes - Blüthe Auf unfern Lebcnöpfad noch manche Blume streu'», Und durch die rührende und hohe Herzensgute Die magisch-schöne Kraft dem, was Du schaffst, verleih», So werden Enkel noch sich dieses Weisen freun: Und liebesvoll verehrt von selbst verehrten Männern, Von daurender Verdienste wahren Kennern Wirst Du, erhabner Mann, der Stolz der Deutschen scyn. So wurde ihm von vielen, cdeln und ausgezeichneten Männern am Hof und i» der Stadt die größte Aufmerksamkeit und eine Achtung bewiesen, die ihn beinahe befremden mußte; da ihm anderwärts, und da, wo er zunächst wirkte, wie es dem Mann von Verdienst bcynahe überall zu gehen pflegt, nicht immer gleiche Behandlung widerfuhr. Auch eine umständliche Unterredung mit Frieder ich August, dem ehrwürdigen Regenten Sachsens, wurde Herdern wahrend seines drcywöchent- lichcn Aufenthalts in Dresden zu Thcil. „Ich habe den Kurfürsten gesprochen," schreibt er am 4. Scpt. „der mich, ich möchte sagen, nicht nur gnädig, scn- dern auch gütig aufnahm. Eine honettere Seele kann es kaum in der Welt geben, gerecht, bieder, wohldcnkcnd, wohlwollend, von allem unterrichtet, und im höchsten Grad und Maas bescheiden. Allem, was auch nur von Ferne auf sein Lob oder Dres- von I 8 oI bis 1 8 o 3. 323 dens Lob treffen konnte, bog cr ungemein anständig uns; und mehrmals, wo es was Edles und Reines im Gemüth auch nur fern betraf, erwärmte sich sichtbar seine Seele." — Die Unterredung verbreitete sich vorzüglich über Herders literarische Arbeiten, seine Amts - Geschäfte, seine Zdecn zur Philosophie und Geschichte und über Geist und Kunst der Regierung. Unter andern fragte ihn der Kurfürst: „Neben Ihren weitläufigen Amts-Geschäften, beschäftigen Sie sich noch mir den schonen Wissenschaften: woher nehmen Sie Zeit dazu?" — Herder antwortete ihm darauf: „Dieses sind Stunden Meiner Erholung; die Poesie ist für mich die Sprache des Herzens, die mit lebendigerer Energie auf uns wirkt als die Prosa, und die ich zur Erhebung und Veredlung des Gemüths und Charakters der Menschen fast unentbehrlich halte." Als cr am Ende des Gesprächs, seinen zweiten Sohn August, der in des Kurfürsten Dienste stand, bescheiden empfehlen wollte, wurde er sehr freundlich, fragte wie sein Sohn zu diesem Fach gekommen sey, und sagte: „Von der Erziehung eines solchen Vaters kann man nichts anders als das beste erwarten." „Dieses war das einzige Complimcnt, das der Kurfürst mir höchst einfach machte," schrieb Herder an seine Gattin, „mein ganzes Herz segnet ihn; möge ich Ihm auch nur die Halste so wohl gethan haben als ec mir lhal!" — Der Eindruck, den beyde auf einander machten, wirkte gegenseitig höchst wohlthakig, und der Kurfürst soll nachher die Aeußerung gegen einen sei- x 2 324 Herders letzte Lebensjahre nec Minister gemacht haben: „Ob es nicht möglich sey diesen Mann in seine Dienste zu bekommen?" — Auch aus das künftige Glück des jungen August von Herder, Harke diese Unterredung des Bakers mit dem Kurfürsten einen günstigen Einfluß; er ist dermalen B erg h a u p t m a n n in Frepberg und Ebef des sammtlichcn Bergwesens in Sachsen; erfreut sich der vorzüglichen Liebe und Auszeichnung seines Königs, der ihn in den Freyherrn Stand erhoben hak; ist Eomthur und Ritter mehrerer Orden, und wird wegen seiner Verdienste allgemein geachtet. Nach des Bakers Tode hat er sich mit Sophie Hanel aus Schneebcrg, eines dortigen Kaufmanns Tochter vcrheurathet, und besitzt einen hoffnungsvollen Knaben. Am , 8 . Sept. kam Herder von Dresden, gr- quickt von den letzten Sonnenstrahlen seines Lebens glücklich und froh zu den Seinigen nach Weimar zurück. Seinen Sohn und Liebling Wilhelm, fand er unerwartet im Kreise seiner Familie; krau- rcnd über den Verlust seiner Gattin, Amalia Ellin- gcr, einer Kaufmanns Tochter aus Hamburg, die im ersten Wochenbette, mit dem neugebohrncn Söhn- chen in Stachesricd, wo er sich damals aufbiclt und ebenfalls anzukaufen gedachte , eben erst gestorben war. Durch die Zertrümmerung dieser glücklichen Ehe, in seinen Planen gestört, gieng er nach des Vaters Tode nach Petersburg, ist dort seit vier Jahren mit einer Hamburgerin Maria Korn, wieder verheurakhet, treibt seine Handelsgeschäfte daselbst mit vieler Gewandtheit, und weiß sich durch seine liebenswürdigen Eigenschaften allgemeine Achtung zu erwerben. von r 6 oI bis 180 3 . 325 Nach diesem, folgt im Alter zunächst der Sohn Adelbert, von dem bereits oben die Rede war; und sodann, Emil, der sich dem Forstwesen gewidmet hat und sehr bald in königl. bairischen Diensten in seinem Fache angestellt wurde. Er war früher als General-Forst-Taxator in München, wurde aber vor einigen Jahren zum RegierungS - Rath und Forst - Referenten zu Bayreuth befördert. Seit einem Jahre befindet er sich in München, wegen der neuen Forstorganisation, die er mit bearbeitet und durch dieses ihm übertragene ehrenvolle Geschäft seine vorzüglichen Kenntnisse und Eigenschaften beurkundet. Als Jüngling besuchte er zuweilen seinen Freund und Eollegen, den Oberförster von Grcyers zu Günz- burg und lernte dort dessen aufblühende junge Schwägerin , LuiseHubcr, Heyne 's Enkelin, kennen, mit der er nur kurze Zeit verhcurathet war. Bcy der leisen Berührung dieses Verhältnisses schweben gewiß manchem Leser, mit uns, die anziehenden Bilder vieler ausgezeichneten Menschen, in angenehmer und dankbarer Erinnerung vorüber; aber es drangt sich dabey auch ein tiefgefühltes Bedauern auf; daß selbst das frühere enge Freundschafts-Band der edlen und großen Väter, ein später zwischen Sobn und Enkelin geknüpftes Band der Liebe, nicht fester hat zusammen halten können. *) Die einzige Tochter Herders, Luise, vereinigt in sich die Tugenden ihrer verklärten Eltern und ist Mit innig thcilnehmcndcr Freude vernehmen wir, daß eine Wieder - Vereinigung der allzulange Getrennten statt finden soll. 326 Herders letzte Lebcnsjahre glückliche Göttin eines sehr würdigen Mannes, des großherzoglichen Geheimen Kammerraths Stichling zu Weimar, Ritters des großherzogl. weißen Falken - Ordens. Der Eingang eines oben eingerückten Briefes, den Herder im Jahr r8or an Geheimen Rath von Rezcc in Wien schrieb, und eine Stelle in den Erinnerungen II. pag. 3v2. wo die Wittwe von dem hcrannahenden Tode ihres Gatten spricht, und dabey sagt: „drey Sohne waren abwesend, zween und die Tochter gegenwärtig,""— könnten glauben machen, Herder habe nur 5 Söhne hinterlasscn. Allein, noch ein sechster im Jahr 1790 geborncr Sohn, Namens Rinaldo, ist als königl. bairischer Forstmeie ster in Lohr, auf dem Speßart eingestellt und durch die edclmüthige Fürsorge des Fürsten Primas und nachhcrigen Großherzogs von Frankfurt, der seit dem Jahr 1808 Vaterstelle an ihm vertrat, dahin empfohlen worden. Herder war nach seiner Heimkunft voll von Planen, was er alles, im nächsten Winter zu arbeiten und auszuführen gedachte: die Vereinigung der unteren Schulen in Weimar, und noch andere kirchliche und Schul - Einrichtungen wollte er mit Günthers Hülfe bewerkstelligen; der dritte Theil zum Geist der ebräischen Poesie, und die Perscpoli- tanischen Briefe sollten ausgcarbeitet werden. Allein, von Allen dem, konnte nichts mehr geschehen! — Als eine tief in seinem Herzen sich regende Ahndung, äußerte er um diese Zeit gegen seine von 1801 bis 180 3 . 327 Gattin: „Ec werde bald aus Weimar wegkommen." Eine erhöhte Reizbarkeit war an ihm zu bemerken; immer noch verfolgte ihn die Neue, Göltinqcn auS- geschlagcn zu haben! Er fühlte zwar keine Abnahme an Geistcsfchwung, denn nie erhob er sich öfter und höher, als in den letzten Monaten seines Lebens; aber er klagte oft, daß er die Gedanken nicht mehr festhaltcn, nicht sixiren könne. Er befaß die eigcn- thümliche Macht und Kraft, alles neu und anders zu zeigen; und wenn es fo aus ihm gleichsam geblitzt hatte, so konnte man in der letzten Zeit, wie ein Durchzittern seines ganzen Nervensystems bemerken. Am letzten September hielt er noch ein öffentliches Candidaten - Examen. Mit einer, allen Anwesenden auffallenden, ungewöhnlich erhöhten Gemüths- stimmung, kam er auf die Lehre von den Engeln; und wie aus einer andern Welt sprach ec über diese Wesen, in deren Verwandtschaft er sich bereits versetzt fühlte. Bald darauf war eine Ausstellung bey Göthe, er gieng hin, der Saal war nicht geheizt und er siel dort in eine Ohnmacht! Von dem ersten Krankheits-Anfall am 17. oder r8. Oktober erholte er sich bald wieder, und blieb nicht im Bette. Das zehnte Stück der Adrastea war fast zur Halste von ihm geordnet und geschrieben und in guten Stunden arbeitete er daran noch weiter fort, bis zu der ergreifenden Stelle, eines, für die Adrastea bestimmt gewesenen Aufsatzes: Ueber die Nordische Mythologie (B. 28. x. 489.) die mit den Worten schließt: „Das feinste und klangrcichste Gedicht *) über *) Gedicht eines Skalden von Gerstenberg. 328 Herders letzte Lebensjahre sie (die nordische Fabel-Lehre) konnte sie nicht anders enden lassen ; sie verhallet in den Ton: ,,Er mißt den Himmel, stillt die Meere; Gericht und Recht ist um ihn her! Er ist der Herr! der Gott der Heere! Er ist! — wo ist ein Gott, wie Er?" -,,Jn neue Gegenden entrückt Schaut mein begeistert Aug' umher, erblickt Den Abglanz höherer Gottheit, ihre Welt, Und diese Himmel, ihr Gezelt! Mein schwacher Geist, in Staub gebeugt, Faßt ihre Wunder nicht und schweigt." — und schweigt! — er wollte noch etwas hinzusetzcn, durch Uebclbesinden wurde er gcnokhigt abzubrechcn, und so blieb das Blatt offen auf seinem Schreibpulte liegen. Der treue Sohn Gottfried warf, wahrend der ärztlichen Behandlung seines immer kranker werdenden Vaters, manchen kummer- und ahndungsvollen Blick auf dieses prophetische Blatt, dessen grausame Erfüllung er täglich naher heran nahen sah, cs waren „die letzten Strophen seines Lebens!" — Der Kampf einer kraftvollen Natur mit höchst gereizten und geschwächten Nerven dauerte bcynahe zwey Monate. Alle seine alten Uebel: Hämorrhoiden, Gichtscharfe, Lcberbefchwerden, Verstopfung des Unterleibes waren in Aufruhr! — Wollte der Arzt gegen eines dieser Uebel wirken, so ward es den Nerven gefährlich und umgekehrt. Mehrere Nerven- v o n r 8 o r b i s r 8 o 3. 32c, schlage verursachten endlich eine Atome aller Lebens- functioncn, die kein Arzneymittel wirkend nnnahm. Seine physischen Kräfte sanken Key völligen, Bewußt- seyn, bey voller Kraft dcS Geistes und in täglicher Hoffnung der Besserung. In den ersten Wochen seiner Krankheit sagte er oft: „Ach, wenn mir nur eine neue, große, geistige Idee woher käme, die meine Seele durch und durch ergriffe,rmd erfreute, ich würde auf einmal gesund! " Doch war auch dieses Gefühl sehr abwechslend. Nach fortdauernden schlaflosen Nachten, sagte er: „ich begreife meine Krankheit nicht, mein Geist ist gesund und nur mein Körper so krank; wenn ich aus dem Bette seyn könnte, ich wollte viel viel arbeiten." ' So gerne hatte er noch langer gelebt, um manchen Gedanken noch auszuführen, der in ihm lag, und über das, was ihm das Wichtigste war, sich noch einmal völlig auszusprechen! Noch wenige Tage vor seinem Tode, schon in einem veränderten Gefühl feines Geistes und Körpers, wünschte er: „nur noch zwcv Stücke der Adrastea schreiben zu können; sie solle seine letzte vollendete Arbeit seyn; in sie wolle er sein ganzes Bekenntnis, legen, da ihm jetzt so Manches ganz anders erscheine." Er klagte, daß er so wenig in seinem Leben gethan habe, daß man zu hoch und künstlich zu forschen suche, und doch läge die Menschheit so klar und offen, wie ein ausgeschlagenes Buch, vor Augen; man dürfe nur lesen, statt daß man sich alles so schwer mache! — Herders letzte Lebensjahre Besuche sähe er in der letzten Zeit nicht gerne, sie machten ihn noch kranker. Lesen, und sich vorlesen lassen, war ihm die liebste Unterhaltung. Osflan, Isspüius rls 6orrstantier, Thorild's Maxi- inunr seu ^.rcUirnstria *) mußten bald^ be>) Seite gelegt werden, weil es ihn zu sehr angriff. Georg Müllers Reliquien, aus der Bibel, das Buch der Propheten nild einige Unterhaltungs-Schriften wurden abwechslend zum Vorlcsen von den Scinigen gewählt; sie kamen aber nicht weit darinn und legten sie bald zurück, weil nicht anhaltend gelesen werden durfte. Auch das Klavier, nach welchem er sich oft sehnte, griff ihn zu sehr an. Die Hoffnung, obgleich immer schwacher, erhielt sich noch bis zum letzten Tag. „Mein Freund, mein liebster Freund," rief er am Halse seines Sohnes Gottfried hangend, „rette mich noch, wenn es möglich ist!" — Sonntag Morgens den r8. Dcccmber r 8 o 3 verfiel er, nach einem großen Schmerz in der Brust, in den letzten Schlaf, aus dem er nicht wieder erwachte; und Abends gegen halb ri Uhr war er sanft hinüber geschlummert. „Ec starb," wie seine Gattin viclbedeutend sich ausdrückte: „an einem, über seine verpflanzte Lage und über die Zeit-Umstande verwundeten, gebrochenen Herzen, an höchst gereizten Nerven! " — Nur 69 Jahre und vier Monate hatte er gelebt; aber mehr als 40 Jahre lang mit rastlosem *- Berlin 1799. S. Herders Recension dieses Werkes. B. rZ. pag. tzKg — 9^6. von 1801 bis i 8 o 3 . ?3e Eifer und stets für das Gute, wenn auch nicht immer mit gleichem Glück gewirkt. Seine treue Gattin folgte ihm bald nach, am >5 Sept. 1809 ohn- gefahr zwey Jahre, nachdem sie für die Kinder gesorgt , und seine Lcbcnsgeschichte, so wie sie in den „Erinnerungen" zusammengestellc und von Georg Müller hcrausgegebm worden ist, vollendet hatte. Johannes von Müller schrieb ihr am 22. Jul. r8vö die schönen ergreifenden Worte zu: „Sorgen Sie, liebe Freundin, für Ihre Erhaltung; Sie werden in unserm Cid finden, daß, gleich wie er, so wie der Vater, durch Hofgunst nicht belohnt ward, so hingegen Timena nicht eher ausgelcbt hat, als nachdem sie für den Verewigten alles vollbracht und das Glück ihrer Kinder gesehen." Nach dem Tode ihres Gatten, zu Anfang des JahrS 1804 hatte sie die beydcn Brüder Johannes und Georg Müller, als Freunde, ersucht: Zur Bearbeitung und Herausgabe einer Lebensbeschreibung ihres Mannes gemeinschaftlich mitzuwirken, wozu sie die nöthigen Belege beyzuschaffen versprach. Mit unbeschreiblicher Mühe, rastloser Thakig- keit und vielem Verstand suchte sie, besonders über die im Dunkel gebliebene Geschichte seiner früheren Jahre etwas Ganzes zusammen zu bringen und wurde von seinen Landsleuten und Freunden in Mohrungen, Königsberg und Riga sehr thätig und edelmüthig unterstützt. Kirchenrath Borowsky zu Königsberg sagt hierüber unter andern: „Beo weitem herrlicher als je, steht jetzt die Caroline Her- 33r HcrderZ letzte Lebensjahre der vor meinem Auge: ihre so treue Anhänglichkeit an den ihr zu früb Entrissenen; ihr Eifer für die Ehre seines Namens; ihre tbatige Bemühung Alles aufzuiammeln, was ihn einst der Nachwelt im rechten Lichte zeigen kann; ihr daher fließendes Fle> den und Bitten; ihr Anklopfen an allen Thüren um eingelassen zu werden und zu Horen, was man von ihrem unvergeßlichen Herder weiß; dieß alles macht mir diese Frau in einem unaussprechlich hohen Grade wertk, und ich würde alles in der Welt aufbieten, um ihr Materialien zu dem Denkmal zu liefern, das Sic ihrem Manne setzen will." — Nachdem sie ihre Familien-Sachen in Ordnung gebracht, die Herausgabe seines gelehrten Nachlasses geordnet, einen ausgebreiteten Briefwechsel darüber geführt, auch viele Widerwärtigkeiten und Hindernisse glücklich besiegt hatte, entwarf sie aus den gesammelten Materialien ,,dic Erinnerungen aus seinem Leben w." nicht für das Publikum und zum Druck unter ihrem Namen, sondern zur Bearbeitung und Herausgabe für die Heyden Brüder Müller, denen sie diese Handschrift mit einer Menge wohlgeordneter Beylagen im Jahr 2807 vertrauensvoll in die Hände legte. Da jedoch Johannes von Müller schon am 29. May 1809 in Eassel starb, che er Hand an diese sich vorbehaltcne Arbeit legen konnte, so übertrug sie hierauf die Vollendung seinem jüngern Bruder , dem Professor zu Schaffhausen. von r 8 or bis r 8 o 3. 373 Die wirkliche Herausgabe Hot sie jedoch nicht mehr erlebt; schon wenige Monate nachher legte auch sie ihr müdes Haupt nieder; nachdem sie vorher Alles reinen und treuen Händen anvertraut, ihre Kinder versorgt, und auch ihre treue Pflegerin und einzige Tochter Luise, einem würdigen Gatten angetraut gesehen hatte! -— Diese gebildete, geistreiche aber bescheidene Frau, hakte sich leicht auch schrisstellerischen Ruhm erwerben können; allein ihr Stolz war — ihr Mann, und ihr stetes Bestreben; Erfüllung ihrer Pflichten als Gattin und Mutter! —- Den Anstrich einer gelehrten Frau konnte sie sich, bcy ihren entwickelten häuslichen Tugenden um so weniger geben wollen, da auch ihr Gatte mit Recht, über diese Art Frauenzimmer, zuweilen ein scharfes Urthcil auszusprechen sich nicht enthalten konnte; und höchst merkwürdig sind in dieser Beziehung die Worte, die er schon seiner Braut, von Bückeburg aus, vielleicht als freundliche Warnung vor diesem Uebel, nach Darmstadt zugeschrieben hatte; „Ich bin auf daS gelehrte Frauenzimmer vielleicht zu sehr erbittert; aber ich kann nicht dafür, es ist Abneigung der Natur. Eigentliche Gelehrsamkeit ist dem Charakter eines Menschen, eines Mannes schon, so unnatürlich, daß wir ihr nur aus Noth uns unterziehen müssen, und dabei) doch schon immer verlieren. In dem Leben, in der- Liebe, in dem Mund eines Frauenzimmers aber, die noch die einzigen wahren menschlichen Geschöpfe auf dem politischen und Epercier- Platz unsrer Welt sind, ist diese Unnatur so tausendmal fühlbarer. — Damit will ich aber nicht sagen, .'^4 HcrdcrS letztc Lebe n S j ahre daß ein Frauenzimmer sich nicht auch durch die Lektüre bilden, Geist und Herz verschönern müsse. Eine Zahre Key Klopstock geweint, kann ein schönes Auge nie entehren. So wenig, daß ich vielmehr glaube, das weibliche Geschlecht sei) das einzige richtende Publikum über eine Reihe von Materien des Geschmacks und der Empfindung, und daß jede Mannsperson, die kein Pedant seyn will, im Kreise der Frauenzimmer muß gelernt haben , gewisse Bücher zu lesen. Ich sage gewisse Bücher: denn alle Sachen, alle Materien, alle Wissenschaften sind nie für die Weiber, und über viele können sie in ihrem Leben nicht anders als schiefe Urtheile fallen. Allein desto besser für sie, daß diese nicht für sie sind! Für sie bleibt nur das, was bildet, was die Seele menschlich aufklart, die Empfindungen menschlich verfeinert, und sie zur Zierde der Schöpfung, zum Reiz der menschlichen Natur, zum höchsten Gut der Glückseligkeit eines gefühlvollen, würdigen Jünglings, zur immer neuen, immer angenehmen Gattin eines würdigen ManncS, zum Vergnügen einer guten Gesellschaft und zur Erzieherin guter Kinder macht. Großer Gott! sind das nicht Zwecke und Plane genug, die schon beleben und aufmuntern und beschäftigen können, insonderheit wenn man sie albe in Harmonie und Proportion zu erreichen sucht! — Wir Mannspersonen haben den andern Zweck, uns zu braven, würdigen, edlen, geltenden Personen, Männern, Vätern zu bilden; und nur dem eigentlichen Gelehrten bleibt cs übrig, sich nichts gleichgültig seyn zu lassen, was Wissen, was Kenntniß ist; wer wird gerne diese Last mit ihm theilen wollen ? Denn unter nichts erliegt die wahre Empstn- dunq und Ausbildung, und Geschmack und lebendige menschliche Wirksamkeit so sehr, als eben unter der Gelehrsam keit." Die Nachricht von Herders letzten Lebens- Umstandcn, aus der Feder seines ihm schon rüo6 nachgcfolgtcn Erstgebohrnen, lautet also: „Seit mchrern Jahren empfand mein seliger Vater eine merkliche Abnahme seiner Kräfte, die aus dem künstlichen Leben, das er führte, entsprang. Er lebte nur geistig, in einer fortdauernden Verschwendung seiner Seelen - und Ncrven-Kraft, indeß sein körperliches Leben nur in einer Vegetation bestand, ungeübt blieb sein Muskulär - System. Das Gleichgewicht zwischen Irritabilität und Sensibilität Kob sich aus, und hypochondrische und Hamorrhoidal- Bcschwerden, mit Verfall der Verdauung, Assimilation und Nutrition traten ein. Im Frühjahr und Sommer iL»3 stieg das Uebel auf einen sehr hohen Grad, die Nervenschwäche bemächtigte sich des ganzen LrganismuS, seine Sehkraft schwand, und er mußte die Augen schonen, wodurch ihm noch mehr geistige Reize entzogen wurden. Er wurde schon so krank, daß er täglich ohnmächtige Zufälle bekam. Durch geistige Mittel hob sich das Uebel; er mußte nach Eger und Dresden reisen. Diese Reise that ihm unendlich wohl. Die neuen Gegenstände aller Art, die er in Dresden sah, verbunden mit den angenehmsten Eindrücken und mit Erinnerungen an Italien, waren die zweckmäßigsten Reize für seine Nerven, die in einem freilich künstlichen und angespannten Zustand erhallen wurden, ihm aber das Herders letzte Lebensjahr Gefühl von Wohlsevn gaben. Nach der Reise fand er in Weimar nichts geistig Erhebendes mehr, ec traf in das schlechte Wetter, und ein plötzliches Hcrabsinken der angespannten Nerven war die Folge. Ec wurde schwacher und schwacher, es gesellte sich eine Lähmung des Magens und der Eingeweide dazu, die nach einem schlagartigen Zufall zurückblieb; er aß nichts mehr und wurde nur künstlich genährt. So sank die edle Maschine seines Körpers immer tiefer, bis er den 18. Dccember sanft einschlief." — Am 2i. Dccember, Abends 9 Uhr wurde Herders Leiche in der Wcimar'schen Stadtkirche zu St. Peter und Paul unter dem Geläute aller Glok- ken feierlich beygesetzt. Der umwölkte Himmel klarte sich wahrend des Leichenzuges auf, und leuchtete mit seinen funkelnden Sternen, „als blickte der verklärte Geist, gleich den Geistern Ossians, von der heitern Stcrncnbühne auf seine sterbliche Hülle und seine Lieben freundlich herab." Der erste Diakonus der StadtkircheJ.G. Zun- kel, hielt von seinen geistlichen Mitarbeitern und von vier bis fünf tausend Zuhörern umgeben, eine würdige Gedächtnis? - Rede, worinn er zuerst nur kur; seiner schriftstellerischen Verdienste, namentlich der Adrastea mit den Worten gedachte: „Die Wage der Gerechtigkeit mit männlicher Rechten erfassend, hat ec darinn manchem verkannten und vergessenen Mann, ein ehrenvolles Denkmal gesetzt; manchem Schein-Verdienste die glänzende Larve abgezogen," und dann ausführlicher auf seine Verdienste um Kirchen und Schulen übergicng. Nach von I, 8 o I bis I 8 o 3 . 337 Nach den früheren Angaben Georg Müllers von Schaffhauscn wurde im Jahr 1818 auf Befehl des Großherzogs von Weimar ein Denkmal auf Herders Grab in der Peter- und Pauls-Kirche angebracht. Auf einer horizontal liegenden, mit einer vergoldeten Masserlaub - Verzierung eingefaßten, schwarz glanzenden, in Berlin gegossenen, eisernen Platte, erblickt man in erhabener Arbeit, sein eigenes im Siegelring gewöhnlich geführtes Symbol, das Sinnbild der Ewigkeit: die ringförmige Schlange mit dem Schwanz im Munde, eine Glorie um den Kopf, in der Mitte das griechische, Anfang und Ende, oder Gott bezeichnende und ! 2 ) Alpha und Omega; und innerhalb herum, die Worte: Licht, Liebe, Leben. So ist cs auch auf gegenwärtiger Titel- Vignette dargestcllt. Die Summe seiner Philosophie, seiner Religion, seines Glaubens, seiner Hoffnung und seiner Liebe; Princip, Charakter und Zweck alles seines Slrebcns im Leben wird damit einfach ausgedrückt. *) Früher, ohngefähr um die Zeit, wo er der militärischen Sklaverey seines Vaterlandes glücklich entronnen, von Königsberg nach Riga gezogen war, hatte er sich Donks Siegel angeeignet, mit der Abänderung: daß der nun nicht mehr gefangene Vogel, auf einem Wölkchen schwebend, ein Oelblalr im Schnabel rrägt; unten mit den Anfangsbuchstaben seines Namens. Herders W. z. Phil. u. Gesch. XVI. Y Kn-ten 338 Herders Leben. Unter diesem Symbol steht mit erhabenen goldncn Buchstaben: 5 0 8. O 0 1 1 8 8. v c> 8 8 k. 8 L 8. OLL. XXV. ^.80. LIOLLXLIV. OL81. XVIII. VOLL. LIOL ELIII. Von seinen Freunden, seinem Charakter und seinem häuslichen Leben, nur noch wenige Züge: Sehr viele seiner Freunde und Bekannten hat die Wittwe von Herder in den Erinnerungen genannt und ihnen damit ein zartes Opfer der Dankbarkeit dargebracht; Tod und Zeit haben das Andenken an Manche bereits verwischt; Mancke hat schon im Leben, Verschiedenheit der Individualität und Tendenz, und daraus abzuleitende ganz entgeacngesehte Ansicht und Meinung, besonders auch über die französische Revolution , deren Entstehen und Folgen , — von ihm entfernt: während andere, wie z. B. I. P. R i c liier, der in der letzten Halste der 90er Jahre nach Charakter-Züge. 33z) Weimar kam und durch das hohe sittliche Gemüth in seinen Geisteswerken Herdern besonders anzog, sich gerade in dieser Periode, wo er verkannt, verlassen und beynahe vergessen da stand, sich enger an ihn anschlossen. Sehr viele, die Deutschland mit Stolz nennt, werden mit ihm im Tempel der Un- sterblichkcir fortlcben! — Sein väterlicher Freund Gleim, ist ihm rc> Monate früher in die Ewigkeit vorangegangen; Wielank und Schiller, letzterer schon nach zwei Zähren, sind ihm gefolgt, und auch die Herausgeber seiner Schriften: Johannes und Georg Müller, Heyne, Thorild und sein Sohn Gottfried sind nicht mehr! Letzterer starb im 3r. Jahr seines Lebens am ii. May r8c>6 in seinem Beruf, am Nervenfieber, das Mit dem Krieg nach Weimar gekommen war, und das er sich durch gewissenhafte Behandlung seiner Kranken zugezogen batte, nachdem ihm noch die schmerzvolle Beruhigung zu Thcil geworden war, die letzten Tage seines kranken Vaters, als Arzt uNd Freund erleichtert und aufgeheitert zu haben ; und nachdem er sich als würdiger Sohn eines würdigen Vaters allgemeine Achtung und Liebe erworben hatte. (S. B 22 . die Vorrede zu den dramatischen Stücken und Dichtungen.) Daß Friedlich von Schiller, unter den Freunden Herders, in den ,,E rinn er ungen" nirgend aufgeführt erscheint, mag vielleicht absichtslos Unterlassen worden seyn; ließe sich jedoch aus Schillers natürlicher und inniger Verbindung mit Gölhe, nach dessen Rückkehr aus Italien; und auch aus 2> 2 der Stelle eines Briefes, den Schiller von Weimar aus schon im May 1788 an Kammerrath Schwan in Mannheim schrieb, und über sein Verhältnis mit Herder merkwürdigen Aufschluß giebt, hinlänglich erklären; wo es heißt: ,,Mit Wieland bin ich ziemlich genau verbunden, und ihm gebührt ein großer Antheil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn liebe, und Ursache habe zu glauben, daß er mich wiederum liebt: Weniger» Umgang habe ich mit Herder, ob ich ihn gleich als Menschen, wie als Schriftsteller, hoch verehre. Der Eigensinn des Zufalls trägt eigentlich die Schuld; denn wir haben unsre Bekanntschaft ziemlich glücklich eröffnet. Auch fehlt cs mir an Zeit immer nach meiner Neigung zu handeln rc." *) Eine eigentliche und vollständige Charakteristik Herders, sowohl des Menschen als des Schriftstellers, kann diese gedrängte Biographie nicht enthalten; was dazu Danz und Grüber, in ihrer „Charakteristik Joh. Gottfr. «.Herders, Leipzig 180 5 bey Joh. Friede. Hartknoch" bereits geleistet haben, ist langst in der literarischen Welt gewürdiget; was die liebende Gattin gesammelt und in den Erinnerungen mit so viel Vorsicht und Schonung gegeben hat und auch hier, so weit es der Raum erlaubte, benutzt ist, bleibt immer erste und zuverläßigste Quelle jedes künftigen Bear- *) Friedrich von Schillers Leben, von Heinrich D 0 ering. Weimar verlegt von Len Gebrüdern Hoffmann. 1822. Seite 377. Charakter-Züge. 841 Leiters seines Lebens; was aber nur ein gleichzeitiger, mitHerder in persönlichem Umgang gestandener Freund, mit Benutzung der, aus mancherlei, Rücksichten von seiner Familie bisher zurückgehaltenen Materialien, vielleicht noch leisten könnte, muß von der nächsten Zukunft erwartet, oder für immer aufgegeben werden! — Herder war ein Mann, von der glücklichsten Organisation , nicht groß von Körperbau, aber kraftvoll, muskulös, blutreich in tief liegenden Adern, voll natürlicher Elasticität, ohne jedoch eine künstlich ausgebildete körperliche Gewandtheit erlangt zu haben, von breiter hoher Brust, aber von sehr zarten, reizbaren Nerven. Tägliche Bewegung in freier Luft, war ihm Bedürfnis, in frühem Jahren zuweilen auch ein Spazier - Ritt. Von Kindheit auf an Mäßigkeit und Ordnung im Genuß gewöhnt, bekümmerte er sich nie um die Küche und die Tafel. Suppe, gebratenes Fleisch und Gemüs, mit einer halben Boutcille Wein, war sein tägliches Mittagsmahl. Nach der JahrSzeic, frisches Obst zum Nachtisch. Nur erst in dcn letzten Jahren trank er eine Stunde vor Tisch, zuweilen auch Abends, statt des Lhces, der ihm unruhige Nachte machte, ein Glas Wein. Bey der Arbeit war ihm Caffee angenehmer. Das Tabakcauchen sieng er erst in Weimar an, weil man cs ihm gegen das Kopfweh angeralhen hatte. Herders Leben. Z42 Die Reinheit seines Gemüths, verbunden mit natürlicher Schüchternheit und Schamhaftigkeit, hielten ihn von jeder Ausschweifung zurück. Gegen Frauen wird ihn Niemand auch nur eine Zweidcu- digkeit anssprechen gehört haben. Für Gegenstände des Luxus verwendete er kein Geld, mehr für gute Bücher, aber nicht zur Parade, meist in Auktionen nm billige Preise erkauft. Seine Zimmer waren einfach meublirt; besondere Liebhabereien hatte er keine. Sein hervorstechendster Charakter war: ein strenges Gefühl für Ehre und Recht; das leicht aufgereizt, aber bei) der Güte seines Herzens und der Zartheit seiner Gefühle eben so leicht wieder gedämpft werden konnte. Unerträglich war ihm, Obere zu haben, deren Charakter er nicht achten konnte. „Es ist gegen alle Gesetze der physischen und geistigen Natur" sagte er oft, „daß der Schlechte und Niedrige herrsche. In der Natur dient das Niedere dem Höheren; in geistigen Verhältnissen, und menschlichen Einrichtungen, müssen diese Gesetze noch strenger geübt werden." — Gegen alles Niederträchtige, Gemeine, Eigennützige, Heuchlerische und Unwahre; gegen Uebermuth, frechen Egoismus und Despotismus , äußerte er überall, wo er sich zeigte, die tiefste Verachtung. So bestimmt er schlimme Zeiten, als noth- wendige Folge des verdorbenen Geistes seiner Zeit voraussagte: so ließ er dennoch die Hoffnung und Charakter-Züge. 3g3 den Glauben an bessere Menschen und Zeiten nie ganz sinken. „Jeder Gute," sagte er, „sey berufen, bessere Zeiten, wo nicht hervorzubringcn, doch an seinem Theil vorzubereiten." Eine gewisse Offenherzigkeit bey seinen mit ihm umgehenden wohlthätigen Planen, benutzten seine Neider und Gegner oft, um sie sich anzucignen oder scheitern zu machen. Sein Glaube an noch unerklärliche Kräfte der Natur, und an Ahndungen, der ihm oft als Schwache vorgcworfen wurde, war Glaube an das allbelebte, geisterfüllte Weltsystem, an innere Kräfte der Natur und Seele, die mit andern, uns bekannten Gesetzen innig Harmoniken, uns aber noch nicht aufgeklärt sind. Er glaubte, daß eine reine wohlgcbildete Seele, in Augenblicken stiller Einkehr in sich selbst, durch irgend eine innere unbekannte Bewegung, der Ahndungen über bevorstehende wichtige Ereignisse allerdings fähig sey. Wenn fein Gemüth durch irgend einen Kummer, einen Wunsch, eine Sehnsucht bewegt war, so schlug er gerne' in der Bibel oder einem andern Lieblingsschriftsteller auf; die Stellen, die er fand, sie mochten aufmunternd, trostend, warnend, zurechtweisend, oder prvphezeycnd seyn, sprachen aus einem unsichtbaren geistigen Reich zu seinem Herzen, und belebten seine aufmerkcnde Seele. Arbeitete oder las er in seinem Zimmer, so war er mit ganzer Seele dabey; daher jede Unterbrechung eine unangenehme Empfindung für ihn war, die ihn gewöhnlich für einige Augenblicke betroffen und unbehaglich machte. Herders Leben. 3-i4 Seine Neigung, den vrganisirenden Kräften in der Natur nachzuspüren, um die Gesetze ihres wirkenden Geistes zu erforschen, wurde durch die neuere Entdeckung des Galvanismus, den er sich durch seinen Freund I. W. Ritter erklären ließ, durch Werners geognostischcs System, durch die noch zu erwartenden Aufschlüsse über Elektricitat, Magnetismus, und Doktor Galls Schädel - Lehre, so wie durch alles, was ihm aus der Physik und Physiologie von Camper, Sömmering u. a. zukam, immer mehr erhöht, und er wünschte manchmal erst jetzo gebobren zu seyn, um die Resultate dieser Ent, dcckungen noch erleben zu können. Sehr richtig und für unsre Zeit noch belehrend konnte er zuweilen sagen : „Die Fortschritte des menschlichen Geistes in Wissenschaft und Erfindungen haben uns das hellere und gewissere Licht gebracht; auf diesem Wege müssen wir den großen Bau weiter führen und für unsre Erkenntnlß der großen Natur-Gesetze Gewißheit und Wahrheit suchen. Wir bedürfen der Dämmerung voriger Jahrhunderte nicht mehr"— (wohin uns eine Parlhey politischer Mystiker neuerer Zeit, so gerne zurückbringen möchte!) und in dieser Beziehung auf die Fortschritte in der Er- kenntniß der Natur und des Menschen, hielt er die krüischc Philosophie für die schädlichste Verderberin, welche die Erfahrung und Beobachtung herabwürdigc, scholastische Sprache und Schlüsse an ihre Stelle setze und selbst Hellen Köpfen dadurch die reine Ansicht verwirre. „Sie, und die französische Revolution ," sagte er oft, „werfen uns um hundert Iassre zurück." — 345 Charakter-Züge. In jünger» Jahren ließ er seiner Neigung zur Ironie mehr den Zügel schießen, und wurde häufig mißverstanden. Der beschränkte, nicht selten mit Eigendünkel erfüllte Kopf mußte sich in der Nahe seiner Geistcsüberlegcnheit, durch seinen versteckt ironischen Ton gedrückt fühlen, wo nur die Helle seines Blicks ihn überstrahlte. In späteren Jahren, nach manchen unangenehmen Erfahrungen, enthielt er sich mehr der ironischen Sprache; nur im Umgang mit Vertrauten und in der Poesie versagte ec sich diese Würze des Geistes nicht. Zwischen Berufs - und eigenen Arbeiten war seine Zeit in Weimar, aus folgende Art eingelhcilt: Sonnabend Nachmittag kamen gewöhnlich zehen bis zwölf Akten - Behälter zur nächsten Sitzung des Confistoriums. Da er als vikarirender und spater als wirklicher Präsident den Vortrag hatte, so mußte ec diese Dcliberations-Gegenstände nicht nur oberflächlich durchgehen, sondern so durchlesen, daß ec zu jeder Nummer den etwa zu fastenden Beschluß auf einen besondern Bogen sich aufnotircn konnte. Der Montag Vormittag war gewöhnlich noch zu Consistorial - Arbeiten bestimmt. Nachmittags, Erholung, Lektüre, Briefwechsel. Jeden Dienstag Morgen um 9 Uhr war Sitzung des Ober-Confistoriums, die gewöhnlich bis !> gegen r Uhr dauerte. Nachmittags konnte er selten an seinen gelehrten Arbeiten etwas thun: dazu war er gewöhnlich verstimmt! — 2^6 Herders Leben. Mittwoch Vormittag kamen Briefe und Berichte von den Landgeistlichen, oder sie selbst in Person, gewöhnlich auch die Landschulmeister mit ihren persönlichen Anliegen. Vom Mittwoch Nachmittag sicngcn die freien Stunden zu seinen schriftstellerischen Privatarbeiten an, die aber doch häufig durch kleinere Consistorial- Gcschäfte unterbrochen wurden. Der Sonnabend Vormittag war wieder zum Empfang von Briefen und Besuchen von Landgcist- lichcn bestimmt. Nie hatte er einen vollen Tag ganz für sich. Er arbeitete schnell und leicht, schrieb eine reine, deutliche selbst schöne Handschrift, wenn seine Feder nicht wie gewöhnlich, dem raschen Gang seiner Ideen eben so rasch folgen mußte. Geistes- Arbeiten ermüdeten ihn nie, und er war nie heiterer, als wenn seine Seele ganz von seiner nuszuarbeitenden Idee erfüllt war. Fühlte er den Reiz zu Arbeit, durch äussere Umstande, ermatten, so machte er sogleich eine Pause. Poesie und Musik, waren für ihn höchst anziehende Erholungen; er spielte selbst, doch nur selten, einfache Melodien und Ehorale aus dem Klavier. Handel, Gluck, Hayden und Mozart waren seine Lieblinge. Wenn die Ehorschüler vor seinem Hause sangen, so legte er Buch oder Feder weg, und folgte der Melodie. Eine schöne Oper versäumte er nie. Ohne irgend ein klassisches Buch alter oder neuerer Zeit in der Tasche zu haben, gieng er nie allein spazieren. Hatte er auf seinen Spaziergängen nicht irgend einen sirirten geistigen Gegenstand, so sielen seine Gedanken leicht auf sinne ihm nicht passende Lage, auf sein „verfehltes Leben" wie er es oft nannte, und er kam dann erhitzt und bewegt, trübe und gleichsam kämpfend mit seinem Genius, nach Hause. Die Erziehung seiner Kinder lag ihm sehr am Herzen, doch waren ihm Amtsgeschäfte, literarische Arbeiten, und selbst eine allzu große Liebe für seine Kinder dabcy oft entgegen. Seiner Gattiir konnte und mußte ec vieles, besonders auch in ökonomischer Hinsicht überlassen. Ins Detail über die Erziehungskosten ließ er sich nie gerne ein. „Du wirst cs aufs beste, cinrichtcn" sagte er immer zu seiner Gattin, „verschone mich nur mit diesen Dingen, du weißt es, Geldsachen sind nicht für mich und machen mich nur unruhig." Die Hauslehrer instruirte er schriftlich, wie die Kinder behandelt und unterrichtet werden sollten; doch zog er den öffentlichen Unterricht, besonders Key den Knaben vor, und ließ sie daher, sobald als möglich, die obern Klassen des Gymnasiums besuchen. Z4^ Herders Leben. sellsckaft, verband er zuweilen Ernst und sanfte Schwermuth. Der Reichthum seiner manchfalti en Kenntnisse, sein richtiges Urtbeil, seine überall hervorleuchtendc Milde und Gutmüthigkcit, die Zartheit stines Benehmens gegen andere, machten seinen Umgang höchst angenehm. Niemand in der Gesellschaft lieh er absichtlich seine Ucbcrmacht drük- kend fühlen. Nur denen, die arroaant die Vornehmen gegen ihn spielen wollten, zeigte er sich zuweilen herbe und unbiegsam; doch immer kehrte seine sanfte Gutmüthigkeit sehr bald zurück. Jeder Gegenstand des Gesprächs bekam durch ihn, eine vielseitige, immer geistreiche Ansicht, nie aber auf Kosten, sondern zum Vortheil der Wahrheit. — „Es ist nur eine Wahrheit in jeder Sache," sagte er, „und diese ist heilig!" — Zum Thee und Abendessen behielt er zuweilen durchreisende Fremde und Bekannte bey sich. Un- cingeladen, bildete sich Sonntag Abends eine Thee- Ges.llschast in seinem Hause, wobei) sich Professor Heinrich Meyer, Fr. Meyer, Mahler, Merkel, Bö ttig c r, zuweilen Wieland, I. P. Richter seltener, weil er lieber und öfter im engem Kreise der Herderschen Familie seine Abendstunden zubrachte, und andere sich gewöhnlich einsandeu. Spater hob er diese Gesellschaft wieder auf, da sie ihm zu lästig wurde, auch zu ungleichen Beurtheilungcn Anlaß gab. Man hat verschiedene Bildnisse von Herder. Eines der frühesten, schon in Bückeburg gezeichnet Charakter -Züge. 3g 9 und von Lips gestochen, findet man in Lavatcrs Physiognomik Thl. II!. 292. das damals Aehnlich- keit gehabt zu haben scheint. Das ähnlichste Bild von ihm ist die marmorne Büste, die der setze e Großherzog von Weimar bcy Trippel in Rom im Jahr 0789 hat verfertigen lassen, und die jetzt auf der Großherzoglichen Hofbibliothek zu Weimar steht. Auch Angelika Kaufmann hat ihn in Rom gemalt, und Kügelchen in Dresden, jedoch dieser erst nach feinem Tod , und ohne ihn persönlich gekannt zu haben. In der Glcim'fchen Sammlung zu Halberstadt soll ein, von Anton Graf gemaltes Bild von ihm feyn. Nach Tisch- beins Zeichnung hat Pfeiffer in Wien im Jahr 1797 einen Kupferstich von ihm, in punktir- ter Manier geliefert. Ucber eine Denkmünze auf Herder, von Abramson, steht eine Nachricht in der allgemeinen Zeitung 2804 vom i 3 . November. Auch eine Abbildung in Steindruck kam neuerlich von Schulz in München heraus, die viele Aehnlichkeit zu haben scheint. Ein Bild, das Merkel im Frcimüthigcn 1804 Nro. 125. als vorzüglich ähnlich rühmt, und dabey eine merkwürdige Parallele zwischen Herder und Engel zieht, das aber mehr wegen des Gemäldes von Bury in Berlin, als wegen des Grabstichels von C. Müller in Weimar Lob verdient, laßt ihn als ehemaligen Hausfreund Herders in die Worte auSbrechen: 35u Herders Leben. „In so sah er aus, der unsterbliche Herder, der imnschcnsreundliche Weise, der eben so viel Genialität des Herzens als des Geistes besaß! diese männlich schönen Züge waren cs, die durch ihren hoben Adel, durch ihre imponircnde und doch zugleich liebevoll begeisternde Würde, die Erhabenheit, die Kraft und die unerschöpfliche Güte seiner Seele verkündeten! Zu diesen Zügen sah man mit freudiger Ehrfurcht auf/ wenn er in den kleinen Gc- sellschastszirkel trat, der sich oft in seinem Hause versammelte. Mit welcher leichten, srobcn Unbefangenheit gab er sich jeder Wendung hin, welche die Unterhaltung nahm und welchen großen Ehätak- tcr wußte er ihr gleichwohl zu verleihen, durch die Blitze des Genies, die er mitten im Scherzen und Lachen versendete, Nie verließ man seinen Zirkel, ohne Geist und Herz erweitert, veredelt zu fühlen und mit Enthusiasmus an die großen Stunden zurückzudenken. An diesen Zügen wird aber auch in der Folgezeit jeder Deutsche mit bewunderndem Staunen hangen, der es weiß, der im Stande, ist, es ganz zu fassen, was Herder seiner Nation war! Wie Manchsaltigc Facher des menschlichen Wissens umfaßte sein Niesengeist! Und jedes, mit dem ec sich beschäftigte, erleuchtete sein Buck; für jedes stellte er neue Ansichten auf, in jedem machte er wichtige Entdeckungen. Der Dichter Und der Philosoph, der Altcrthuinsfcrschcr und der Psycholog, der Theolog uüd der Politiker, wie der Sprachgrüb- lcr und der Kunstrichter, lernten aus seinen Schrif- t.n die erhabensten Zwecke ihres Geschäftes kennen: denn von ihm galt in vollem Maase, was Pope von Homer sagt: „Was sein Blick bestraltc, ward Charakter-Züge. 35 r Gold!" — Wie viel von dcm, was in den letzten dreyfig Jahren der Stolz unsrer Literatur ward, ist Frucht der Saat, die Herder streute! Hundert leuchtende Flammen die in andern Geistern aufblitzten und wohlthälig leuchteten und wannten, entstanden aus den Funken, die Herder in sie geworfen hatte. ^ Bey Vergleichung dieses Herderfchen Bildnisses mit einem von Freidhof geschabten und von Wcitsch gemalten Bilde des bekannten Verfassers des „Lorenz Stark" — fahrt Merkel fort: ^Engel, besaß nicht Herders Genie, aber einen kräftigen, sonnenhellen, nie getrübten Verstand und glänzende Talente. Er hat eigentlich nicht, wie Herder, das Gebiet des Wissens erweitert, aber er hat es mit Glück und hohem Verdienst cultivirt w. — Herders Genie war ein Adler, der der Sonne entgegen stürmte, den aber sein Weg dabey zuweilen durch Wolken trug. Engel hingegen, ein Beobachter, der auf dem Boden den Stand des großen Weltkörpers berechnet und den Flug des Adlers dazu, dcm aber die Flügel fehlen, sich wie der Adler in die höheren Lüfte zU erheben. Mehr merkwürdig, als sonderbar ist es bey dieser Verschiedenheit, daß diese beyden ausgezeichneten Männer einander, als Schriftsteller, nie gewogen waren. Der eine mochte nicht einmal lesen, was der andere geschrieben hatte. Engel sprach immer von Herder mit sehr warmer .Hochachtung, aber als ihm einst Merkel ein neues Werk von ihm brachte: „Nein! rief er aus, Herder ist Lssians 352 Herders Leben. majestätischer Geist von Loda, der in Nebeln dahin zieht; ich mag ihn nicht beschwören, ich brauche Sonnenschein; erzählen Sie mir das Vortreffliche, das gewiß in dem Buche steht." — Herder wiederum, erwies, wenn man von Engel zu ihm redete, ihm eben so viel Gerechtigkeit; doch sagte er einmal zu Merkel: lesen mag ich ihn nicht! — Recht hat er immer, aber ich weiß bey der dritten Seite schon, was er auf der zwanzigsten sehr schön beweisen wird. Mir ist cs nur um die Wahrheit zu thun; ich kann sie nicht schnell und nakt genug erhalten, und Engel giebk sie durchaus nicht eher her, als bis er ihr ein Kopfzeug aufgesetzt hat." — So mußten sie einander wohl beurtheilen: denn Herdern wurden die Wahrheiten von seinem Genie, ohne Grübeln, gleichsam gevffenbart; daher stellte er sie auf, wie sie ihm erschienen waren, in üppig poetischen Bildern, und zwar immer nur Resultate, nicht die Schlüsse, die zu denselben führten. Engel hingegen brachte sie durch die Anstrengung seines Verstandes , durch scharfsinniges Nachdenken heraus: daher führte er auch den Leser den Weg, den er selbst gegangen war, gab ihm die ganze Leiter von Schlußfolgcn und ließ ihn dieselbe an seiner Hand hinan klimmen. Persönlich kannten Herder und Engel sich nicht. — In den „Fr a g m e n tc n a u s dem Nachlasse eines jungen Physikers r. Thl. Heidelberg r8ro" erzählt der geistvolle I. W. Ritter, wie er im Herder'schcn Hause zu Weimar im Jahr 1801 bekannt wurde, und giebt bei) dieser Gelegenheit E h a r a k t e r - Z ü g e. 253 heit einige sehe treffend charakterisirende Züge von Heeder. Er hotte den großen Vortheil voraus, vorher nie etwas von ihm gelesen zu haben; also nicht den Schriftsteller, sondern den Menschen, so wie er war, hatte er vor sich. „Besonders Sonntags konnte man ihn so finden" sagt Ritter, „wo er seinem Schöpfer feinnd, ruhte; und den Tag im Schooße seiner Familie verbrachte. Nur Frem- d e durften dann nicht Key ihm seyn. Gleich herrlich und göttlich erschien er, wenn er, was er sehr liebte, an einem schönen Sommertage eine ländliche Gegend, z. B das schöne Wäldchen an der Ilm, zwischen Weimar und Belvedere besuchte; wohin dann aber, ausser seiner Familie, ihm nur folgen durfte, wen er ausdrücklich einlud. An solchen Tagen dann, den einen oder andern erschien er wirklich wie ein Gott, der von seinen Werken ruhet, nur doch als Mensch, die seinigen nicht, sondern die des Gottes selbst, erhebend und preisend. Mit Recht wölbte sich dann über ihm der Himmcl zum Dome, und selbst des Zimmers starre Decke gab nach; aber der Priester darin war nicht aus diesem Lande, noch dieser Zeit. Zcroastcrs Wort stand auf ihm, und strömte Andacht, Leben, Friede und Freude in die ganze Umgebung; so wird in keiner Kirche Gott gedient, wie hier, wo sich erwies, daß nicht das Volk, sondern der Priester sie fülle. Hier! — Hier habe ich gelernt, sagt Richter, was die Natur, der Mensch in ihr, und eigentlich Physik, und wie die letztere Religion unmittelbar sey." Herders W. z. Phil. u. Gesch. XVI Z Il-r-l, I-eLen. 35^ Herders Leben. „Von diesem Jahr des näheren Umgangs mit Herder," fahrt Ritter fort, „daiirl sich unendlich viel Neues in meinem Gemüthe, selbst in meinem Leben, und dieses ganze letztere schien wieder in seine ursprüngliche, ihm natürlichste Richtung eingesetzt. Gelesen halte ich i» dieser Zeit wenig, aber viel: daS Hauptwerk war mir die älteste Urkunde des M e n sc h e n - G e sc h l e c h ts; wobei) ich Gen ausnehmenden Vorkheil genoß, den Versasscr selbst zum Eommcntaror derjenigen Stellen zu haben, die mir schwerer zu verstehen waren. Dieser selbst wurde hierdurch wieder ganz in jene Zeit, wo sie ihm entstanden und die er immer als eine vorzüglich selige in seinem Leben pries, zurückversetzt, und jede Mühe wäre vergebens, die Feuerhimmel der Vorwelt, die dann sich ihm, und wer ihn sah und hörte, aufthaten, zu schildern. Er selbst beschrieb und schilderte nicht; er führte blos zur Stätte hin, und zeigte: es a u S z u sp r e c h e n vermochte er nicht und unternahm es auch nicht. Aber Er selbst in diesem Augenblicke, sein ganzes Wesen, sein Auge, Angesicht und Scyn, wurde zur lebendigen Hsiroglrphe des Wortes, für welche die Zunge das zureichende Organ nicht mchrwar. — So mußte man Herder» sprechen sc h c n, um ihn überhaupt zu hören und zu verstehen; so mußte man ihn gehört — und schweigen gesehen haben, um sagen zu können, man lese ihn." Der gewissenhafte und unbefangene Biograph darf jedoch die Schattenseite seines Originals nicht ganz unbemerkt lassen. Dem aufmerksamen Kunst- Charakter-Züge. 3A5 kenner sind gewiß die einzelnen Züge und Charaktcr- Striche nicht entgangen, die der ungeübte, aber der Natur und Weibrhcit treu gebliebene Zeichner, in seinem Bilde anzubringcn gesucht Hut. Aller, dings wurde Herder als Mensch und als Schriftsteller oft verkannt, oft unrichtig beurthcill! Mehr oder weniger mit Recht, wurde ihm der Vorwurf gemacht: daß er selbst, sonst so liberal und edel, zuweilen mit so viel Stolz und Härte ausgetreten sey; daß er als Priester der Humanität, mit wenig humaner Polemik, nicht nur in früheren Jahren die Klotze gcgcisselt, sondern auch später gegen seinen Freund und Lehrer Kant mit so großer Heftigkeit gekämpft habe; und selbst den Verdiensten eines Spalding zu nahe getreten sey. Diese Vorwürfe, sind bereits zur Genüge erläutert und entschuldiget, und müssen zum Thcil aus seiner Natur, seiner Bildung, seiner eingeschränkten und gedrückten Jugend; zum Theil aber auch aus seinem Zeitalter, auf das er wirken wollte, erklärt werden. Immer bleiben die Grundzüge seines Charakters: Größe der Denkart, idcalische Stimmung, Kindlichkeit des Gemüihs, Fröhlichkeit des Geistes und ein hohes, für Gott und die Menschheit, mit r.instcm Wohlwollen glühendes Herz! Was er, trotz aller Hindernisse in seiner Lage geleistet bat, wird das deutsche Vaterland, so wie das Ausland, stets dankbar erkennen: Als Theolog, beförderte er der heiligen Urkunden historische, und wenn man so sagen darf, klimatische Interpretation; als Philosoph, wenn nicht der Schule, doch des 3 2 -56 Herders Leben. Lebens, hinterlaßt er einen Schatz bewahrter Natur- Menschen- und Welt-Beobachtungen ; als Erklärer des klassischen Alkcrthnms, bewirkte er harmonische Bildung des Menschen durch beförderte Liebe zum Studium der Alten; zur Belebung des Natnr- Stndiums trug er sehr vieles Key, läuterte und bildete allseitig den Geschmack in der deutschen Literatur; erbeb uns, durch Anschauung der schönen Kunst zu reiner Menschheit, zur Gottahnlichkeit; stimmte fast in allem was er schrieb, zur Begeisterung ; weckte rührend zum Einten; bauchte unfern Seelen edle Gefühle ein und entstammte sie zum Enthusiasmus für alles wahrhaft Schöne und Große, und dieses Alles, wahrend er auch als Prediger, den Saamen der Wahrheit und Tugend ausstreute, als Vorsteher des Eonsistoriums alles für bessere, schönere Menichenbildnng anfbot, selbst verbesserte Volkslehrbüchcr herausgab und oft unter einer Last geisttödtender Amtsgeschafte seufzte. Sein Name gehört der Bildungsgcschichtc des verflossenen Jahrhunderts an, das nicht genannt werden kann, ohne seiner dankbar zu gedenken, der, mühsam durch eigene Kraft sich selbst zu dem bildete, was er war. Auch das kompetente Urtbeil eines ausgezeichneten französischen Gelehrten Os Osvanäo, der selbst über die Geschichte der Philosophie ein klassisches Werk geschrieben und auch die Kankische Philosophie zu prüfen und zu würdigen gewußt hat, mag hier noch im Auszug als Beweis der Würdigung Herders, auch im Auslände— seine Stelle finden, wo dieser, im Eingang einer kurzen, zwar Charakter-Züge. 357 manche aus deutschen Quellen geschöpfte Unrichtig, keilen, aber Charakter und Verdienst treffend auf- faffenden Lebensbeschreibung Herders, in der Lio- Zrnpilns univsvsells nncisnno ei ino6srns. kn- 118,1820 1. 20. 241. von ihm unter an- derm sagt: ,.I?un 6ss Iionnnss Iss ^>tus clistin- ßues n tous ^Anirls, i^us 1'^.IIornnAns «'Iionors 6'nvoir p>ro6uits 6nns In ssvon6s inoitis 6u XVIII">e sisvls, <^ui s'sst illustrs SAnIernsnt vonnns evrivnin, vonnns eru6it, vonnns Ui- storisn, vonnns inornlists, stc>ui nrslsve 1'svlnt 6s soll tslsnt ^nr In 6irsvtion 60 ses trnvnux vonnns ^ar Is inörits 6s son cnrnvtsrs. OiAno sniuls riss IVIenäsIsolin st 6s l^ossinA, sn tsn6ant nu insins büt, il s'est ouvsrt uns xlus vnsto vnrriero. uns soogns oü In plri- loso^lno ötnit nccuses 6'nkkniblir Iss cro)'nnvss utilss st los sentirnonts A^nsroux, oü Iss 6octrinos 6s I'int^ret psrsonnsl et Iss nrZu- insuts 6u svspticisrns n'ont sn skkst trouvs huo tro^ 6s ssvtstsurs, oü uns 6islsvtic^us »ulitils, uns rnötnpili^sigus olisvurs, n'ont cjus tropi souvsnt olitenu guslc^uo suvcss 6nns Iss ecoiss, 1'^IIsinnZns n vu rsvivrs 6ans IIsr6sr un 6isvip>Is 6s klnton, inspirs pur I'nniour 6s l'Iniinsnitä st pnr I'nniour 6s In vsrtu; so 6svousnt n ssrvir cetts 6oukls vsnss nvsv Is nokls sntliousinsnis gui sn ost 6izns; rnllumsnt Is ksu snvrs 6nns Iss sosurs; sloc^usnt 6nns sn pilnlosoplns, poöts insins 6nns son 6ru6ition; etonnsnt n In kois pnr l'innnsnss etsn6us 6s sss rsvkievsliss, st p>nr In jounssss ä'nnis st 6'ininAinntion Hu'il von- 358 Herders Leben. serva toujours; rnrnennnt tous res trnvaux n uns ssuls et Knuts pense's, et estts Menses n uri ssntirnent nrornl" etc. „Hsrcler clüt tont 5 1ui-ncKrns, et son ^enis trionrpkn des okstncles clont I'nvait en- vironnä In lortune. Kino xiete nrclents et Pure, rnsis exeinpts cls sujicustition, uns Kien veillnnco tsnclrs et inepuisnols pvur Iss korninss, un entkvusinsino eclnirö ^our tout es Hui est kenn et Kon, Icunnnient Is loncls cls son carnctsrs. II etnit cloue cl'un es^rit sersin, cl'uns inin^inntion vivo; In inoclestis et In siin^licits ornaient son cnrnctere. II n'stnit ce^enclnnt xns e'trnnAsr nu clssir du 8uccös, soit dans I'o^inion, soit rnerns nu- pros des Zrnnds; ninis 1'elsvntion cle sss sen- tirnents, In di^nite eslnis cle res ninnieres, cle son InnAar;s> cls son Exterieur, en pnrnis- snnt nssurer cs succss, 1s Anrnntissnient de toute ^rstsntion nllsctee. II )' n dnns sn vie, cornnre I'un des cksls clu cults cls son pn)'s, c^uelcjue ckoss c^ui rn^ipells l?6nelon; Ilsrder sst, n ^ilusieurs s^nrds, Is Tension ils 1'^.IIe- rnn^no et clu culte rslornre. — k,es divisions c^us cls nouvesux s)stsn!es ont introduites en I^llernnAne ^>nrini los kcnnines cle lettrss et Iss snvnnts, I'ojrinion ^nrticulisrs c^u'ndo^ln Herder dnns ces cliscussions, les ecrits po- lenciczues iju'il ^uklin contre cjuelc^ues - uns cles ckels ou cles ^nrtissns cles sectss nouvel- les, I'nrneriuins n In c;uells il se Inissn c^uel- cjuelois entrniner, contre sss dis^ositions nn- Charakter-Auge. 35g tursllss, äans guslguss-uns äs sss scrits, out pu kaire ruorueutausiusut uiesonuaitrs ü äss ssprits präveuus tout lu part äs Aloirs ^ui lui appsrtisut, taute 1a. rssouuoisssucs ^ui lui sst äus. Du tuoins uu uiouuuisnt äigue äs lui a äts slsvs ü su ursuioiis par Hs)'us et ilsau et OeoiAe äe lVlüllorv llr out ete Iss eäitsurs äs 1a eollectiou clioisis äe sss osuvres, puloliäs sprüs sa uroot, uraissur Iss iuäioutious yu'il uvait äouuses ü sss illu- strss aruis." Würdiger kann das Aden Herders nicht-schliessen , als mit den geistreichen Skizzen, die sein genialer Hausfreund Jean Paul Richter von ihm entworfen hat; — und mit dem schönen, von den Alpen herüber tönenden Klaggcfang eines Erz- bischoffs von Tarent, womit dieser ausgezeichnete und gelehrte Prälat Neapels, die Herzogin Mutter Amalia von Weimar über den Tod ihres Freundes zu trösten suchte: dessen Hinschciden eine düstere Wolke über ihre noch übrigen Lebenstage zog, und die noch am Morgen ihres bald darauf erfolgten Todes mit unaussprechlicher Ruhe in die Worte ausbrach: „Nun bin ich bald bey meinem lieben Herder" " Im 3ten Theil „der Vorschule der Ae sitz et ik sagt I. P. Richter mit der ihm so ei- gcnthümlichen Sprache des Gefühls: „der edle Geist wurde von entgegengesetzten Zeiten und Partheien verkannt; doch nicht ganz ohne seine Schuld: denn er hatte den Fehler, daß ec kein Stern erster -W u-qM, --MiA, xÄ 36o Herders Leben. oder sonstiger Große war, sondern ein Fascikel von Sternen, aus welchen sich dann jeder ein beliebiges Sternbild kerausbucvstabirc. — Menschen, mit vielartigen Kräften werden stets, die mit einarcigen selten verkannt." Im Schmerzgefühl über den Verlust seines da- hingegangencn Freundes, fährt Richter an einer andern Stelle fort: -„Ich gierig so weit in den schönen Garten, bis ich eine freie Aussicht in die sanfte rosen- roth darnieder ziehende Sonne hatte. Die Nachtigallen schlugen in den Blüthcn, hoch über ihnen die Lerchen in den Abcndwolken: durch alle runde Laubwäldchen war der Frühling gezogen und hatte seine Spuren an ihnen hängen lassen, als Blüthcn und Düfte, ich dachte an jenen Geist, den ich, fo selten auch der verschwendete Beinamen gegeben werden darf, doch nicht anders nennen kann, als einen großen Menschen. Wie war er immer unter Bäumen und Blumen, auf dem Lande so genesen — glücklich! — Gleichsam mit einem Liebestrank der Jnnbrunst gegen die ganze Natur geboren, hielt er wie ein Bramine mit dem hohen Spinozis- mus des Herzens jedes Thierchen und jede Blüthe werth und am Herzen fest; und der Rcisewagen, durch grünendes Leben gehend, war fein Sonnenwagen, und nur dem freien Himmel schloß sich wie unter der Musik sein Herz wie eine Blume recht weit erheitert auf." — — „War er kein Dichter, was er zwar «st von sich selber glaubte, eben NM homerischen und shnkespenrischcn Mnnsstnb stehend, so mar er blos etwas besseres, nämlich ein Gedicht, ein indisch-griechisches Epos von irgend einem reinsten Gott gemacht! — Wie soll ichS anseinandersetzen, da in der schönen Seele, eben wie in einem Gedichte, alles z u s a m m e n fl o ß, und das Gute, das Wahre, das Schöne untbeilbar in ihr war? Griechenland war ihm das höchste, und wie allgemein auch sein kosmopolitischer Geschmack lobte und anerkannte, so hieng er doch, zumal im Alter, wie ein vielgereiseter Odrsseus, nach der Rückkehr aus allen Dlüthen - Landern, an d>r griechischen Heimat!) am innigsten. — Herder war gleichem nach dem Leben griechisch gedichtet. Die Poesie war nicht etwa ein Horizont - Anhang ans Leben, wie man oft bey schlechtem Wetter am Gesichtskreise cinen regenbogenfarbigen Wolkenklumpcn erblickt, sondern sie flog wie ein freier'leichter Regenbogen glänzend über das dicke Leben als Himmelspforte. Daher kam seine griechische Achtung für alle Lebensstufen, seine zurechtlegende epische Manier in allen seinen Werken, welche als ein philosophisches Epos alle Zeiten, Formen, Völker, Geister, mit der großen Hand eines Gottes unparthepisch vor das sakularische Auge führte und auf die weiteste Bühne. Daher kam sein griechischer Widerwille gegen jedes Ueberschlagcn der Wage auf eine oder andere Seite; manche Sturmund Folter-Gedichte konnten seine geistigen Marter bis zur körperlichen treiben; darum zog er, ..ne ein griechisches Gedicht, um jede, auch schönste Empfindung z. B. der Rührung, oft durch die Gewalt des Scherzes, früh die Granze der Schönheit." 362 Herders Leben. Wenige Geister waren auf die große Weise gelehrt, wie Er. Die meisten verfolgen nur das Seltenste, Unbekannteste einer Wissenschaft; Er hingegen nahm nur die großen Strohme, aber aller Wissenschaften in sein himmel-piegclndes Meer auf, das ihnen aufgelöst seine Bewegung von Abend gegen Lssten aufdrang. Viele werden von der Gelehrsamkeit umschlungen, wie von einem auStrocknendcn Epheei, Er aber wie von einer Trauben-Liebe. — Ueberall das Entgegengesetzte organisch -poetisch sich anzueigncn, war sein Charakter; und um das trok- kene Kernhaus eines Lamberts, zog er eine süße Fruchthülle. So verknüpfte er die kühnste Freiheit des Systems über Natur und Gott mit dem frömmsten Glauben, bis sogar an Ahnungen. So zeigte er die griechische Humanität, der ec den Namen wieder gab, in der zärtlichsten Achtung aller rein- menschlichen Verhältnisse, und in einem lutherischen Zorn gegen alle von Religionen oder vom Staat geheiligten Gifte derselben. — Wie herrlich, unversöhnlich entbrannte er gegen jede kriechende Brust, gegen Schlaffheit, Selbstzwist, Unredlichkeit und poetische Schlamm-Weiche, so wie gegen deutsche kritische Rohheit, und gegen jeden Zepter in einer — Tatze; und wie beschwor er die Schlangen der Zeit! — Aber wolltest du die süßeste Stimme hören, so war cs seine, in der Liebe; cs sey gegen ein Kind oder ein Gedicht oder die Musik, oder in der Schonung gegen Schwache." — „Wenn er seinen Hamann als einen zürnenden Propheten, als einen dämonistischen Geist schilderte , und wenn man mit Schmerzen hörte, wie ihm in dessen Grab seine rechte Welt und Freundschafts - Insel nachgesunken, so wurde man aus seiner Sehnsucht inne, Laß ec innerlich, nach einem höchsten Ideale, viel scharfer über die Zeit richte, als cS äußerlich seine Duldung und Allseitigkeit ver- cielh; daher gehr durch seine Werke eine geheime, bald sokratische, bald horagische Ironie, die nur seine Bekannten verstehen. Er wurde überhaupt wenig, nur im Einzelnen anstatt im Ganzen gewogen und erwogen; und erst auf der Demantwagc der Nachwelt wird cs geschehen, aus welche die Kiesel nicht kommen werden, womit die rohen Stilistiker, die noch rohern Kantianer und rohen Poetiker ihn halb steinigen, halb erleuchten wollten." „Der gute Geist gab viel, und litt viel. Zwei Neben von ihm bleiben, obwohl andern unbedeutend , mir immer zur Betrachtung; die eine, daß er einst an einem Sonruage mit wehmükhigem Schmerz über die kahle kalte Zeit, unter den, wie aus den alten Jahrhunderten herüber fließenden Tönen des nahen Kirchcngclaules sagte: „Er wünschte, er wäre im Mittelaller geboren worden! — Die zweite, ganz andere Ncde war, daß er sich eine Geister--Erscheinung wünschte, und daß er gar nichts von dem gewöhnlichen Geister - Schauder dabcn empfände und atmete. O die reine geister-verwandle Seele! Ihr war dieß möglich, so dichterisch sie auch war, und so sehr gerade eine solche am meisten er schaudert vor den langen stillen Schleiern die hinter dem Tode wohnen und geben; denn sie war selber der Erde eine Geister - Erscheinung, und vergaß nie ihr Reich. 36^ Herders Leben. ,,Er kommt mir jetzt, so sehr auch sonst der Tod die Menschen in eine heilige Verklarung hinein hebt, i» seiner Ferne und Höhe nicht glanzender vor als sonst hier unten neben mir; ich denke mir ihn drüben hinter den Sternen, gerade an seinem rechte» Ort und nur wenig verändert, die Schmerzen ausgenommen. Nu» , so feiere nur recht drüben dein Erndte-Fest, du Reiner, du Geister - Freund ! Dein schwerer Achrenkranz erblühe dir aus deinem Haupte zur leichten Blunicnkrone, du Sonnenblume, endlich auf deine Sonne versetzt." — „Wir wollen jetzt die große Seele mit einander lieben; bewegt dich zuweilen die Erinnerung zu schmerzlich, so wollen wir alles wieder lesen, wodurch sie das Unsterbliche und das Göttliche in sich verkündiget hat, es möge nun die Trauer stillen, oder auch vermehren." — Antwort des Erzbischoffs von Tarent, o. Ln- zgoLaa-I^utro, zu Neapel, a u f die, von der v c r w i t t w e t e n H e r z o g i n Amalia zu Wei ni ar demselben c r- theilte Nachricht vom Tode Herd e r s. Lja aniniunr coinvoue assrnin, Lmripesco gnerelas, lble lleräeri rninpas olia sancta Übel! l-ler- C y a r a ? r e r - Z ü g e. Heräcr aeilierei gauclei novus incola reZni Li capiai pnri praeinia cliAna aniini. Lerpeiuain lininanos I^nesins inrdsre ^nieiein Lrecliinus; Ll^siuin pax ienei uscine neinus» Illic intn c^nies, tvan^uillse ei ganäia viiae, (^nis^ne pins ceriis perlruiinr^ne lionis. Illic c^nisgne sil>i kelices iransiZii lioras, Lecuro calcans grninina laeia pelle. Illic aeterni tlores, aeierna vireia, lVlens^ns aliinr veris cilnllicia cleliciis. I^n nescis ^uoi viin rnalis odnoxia? gnas sii Ruinani inlelix conäitio generis? llnclicxne perpeino jaciamur iurdine reruin II, nc laii, liinc casus veriininr ardiirio. Läils ^uolainra inori: Haiura volnnias Lirma Oenin, Luperi gnicl nisi recia volnni? Lja aniinnin coinpone aeZruin, conipesce ^uerelas Ho Heräeri rninp-ts Aanäia sancia lui! 6. tlapecce - Lctro , ^rclvercovo lir iLaranto. u e b e r s e tz u n g. An die Durchlauchtigste Fürstin Amalia. -Hemme den Schmerz, verschließe dem Trost das kranke Gcmüth nicht, Daß du die heilige Ruh' Herders, des Deinen, nicht störst! Herders W. z. Phil. u. Gesch. XVI. A a Ner-i. D-L«». 366 Herders Leben. Herder freuet sich nun, ein neuer Bewohner des Aethers, Schmückr mit des reinen Gcmüths würdigem Kranze die Srirn. Daß durch irdische Klage die himmlische Ruhe gestört wird Glauben wirr Friede bewohnt stets den Elysischen Hain. Dort ist ewige Ruh, in überschwänglicher Wonne Wird dem Redlichen dort sicherer Güter Genuß. Hoher Genuß seiner selbst erfüllt die secligen Stunden Seinen Tritten entsprießt nimmer verwelkendes Grün. Dort blüht ewiger Lenz, dort kühlen ewige Schalken, Und der entkörperte Geist nährt sich mit göttlicher Lust. Kennst du die Leiden nicht, die unser Leben umringen? Nicht des Menschen Geschlechts unwiderrufliches Loos? Ach! wir treiben umher im ewigen Wirbel der Dinge Bald wie das strenge Geschick, bald wie der Zufall es will. Auch der Glückliche soll die Schrecken des Grabes verachten, War er weise und gut, dünkt ihm kein Uebel der Tod. Tod ist gerechtes Gesetz der Natur und was die Natur will Ist der Götter Gebot, was sie gebieten, ist gut. Hemme den Schmerz, verschließe dem Trost daß kranke Gemüth nicht, Daß du die heilige Ruh' Herders, des Deinen, nicht stör'st! Charakter-Züge. 367 An Johann Gottfried Herder. „Geist, den der Ewige, als er zu uns dich sandte Mit leichtem Schleier angerhan, Wie früh brach'st du hervor, wie unaussprechlich brannte Dein heil'ges Feuer himmelan !" — „Zu dicht war dir die Lust in Äesen tiefen Fernen, Zu neblicht dieses enge Lhal; Du flog'st der Sonne zu: nur unter Gottes Sternen Genoßest du dein Lebensmahl." „Unsterblicher! — wie frei, mir welchem kühnen Zuge Erhob'st du deine Bruder-Schaar Von ihrer Erdenwieg'; es staunte deinem Fluge Wer allzuschwach zum Folgen war." „Doch traf dein Blick die Welt, so flohest du die Küsten Vom kalten Europäer-Land. — Im stillen Asien, da war's wo sie dich grüßten Nom Jordan bis zum Indus-Strand." „Die hohen Seher - Reih'n, die Weisen und Propheten Die durch die geistige Magie Dir nah verwandt, schon früh die Zeiten Furch' befallen Mit Bildern und Allegorie." 36ö Herders Leben. „Dort, wo in milder Nacht ein schöner Himmel glänzet Bon Gottes Finger hehr umsäumt. Dort ward dir wohl — und von Siona selbst umkränzet Hast du dir Seeligkcit geträumt." „Ein göttlicher Accord ertönte deinem Ohre, Wenn du zum Paradiese kamst, Dir öffnete» allein sich seine goldnen Thore, Der du Jehovahs Tritt vernahmst." „Wie war dir Herrlicher, im Aufschwung der Gefühle Als du des Menschen Urbild sangst, Den stolzen Erdenfürst, »och nicht vom Wollust - Spiele, Bon Schwache, Furcht und Sünden-Angst" „Erniedriget zum tiefgesunkncn Wesen, Mit Gott und Welt und sich entzweyt, Ein traur'ger Tummelplatz des Guten und des Bösen Ein leichter Federball der Zeit! " „Vernimm, Verklärter! nun des Dankes stille Wonnen, Daß du so hoch dich selbst geführt. — Durch dich ist mir ein Stern in dunkler Nacht gewonnen Der meinen stillen Pfad regiert!" —