382 H. Vom Ideal des Schönen.
sehr fein bei ihren Idealen, sowohl in der Gestaltals Größe. Im Olympischen Tempel ergriff jedendas Gefühl, daß, wenn der Gott aufstünde, er dasTcmpcldach wcghübe; so war der Koloffus gesetzt,so wuchs er dem Anschauendcn vor Augen. Mehre-re Epigramme der griechischen Anthologie, wenn sieKunstwerke beschreiben, mahlen diese dem Anblickwachsende Wirkung. Nicht anders ists uns im Le-sen Homers; die Gestalten wachsen der Phantasie,je weiter wir fortlescn. Nicht anders im Dramader Griechen. Philvktet, Ocdjpus, Ajax, erscheinenuns von Act zu Act größer; im Drama der Neuernwerden sic oft von Act zu Act kleiner. Mit Ang e l o's,Raphaels, da Vinci Gestalten ists nicht an-ders. Vollends in der Musik und Dichtkunst; un-glücklich ist der Dichter, der nicht mehr Gedankenzu wecken weiß, als er ausdrückt, dessen Gestaltenund Eindrücke unserm Gemüth nicht wachsen. Diesist das iminensuni insinituiriyus, das Uner-messene, Ueberschwangliche, wvrnach dieKunst strebt, und das nur der Genius bewirkt.Stets umgrenzt rücket er immer weiter und weiterhinaus die Grenze.