Z. G. v. Herders sämmtliche Werke. Zur Philosophie und Geschichte. Fünfzehnter Theil. -MM- K a l l i g o n e. Mit Gt'vßherzvglich Badischem gnädigstem Privilegio. Carls ru he, im Bureau der deutschen Classiker. 1820. ,,-^on einem Buch, (jagte die Vorrede zur Metakritik deutlich*),) von einem Buch ist die Re- „de, .von keinem Verfasser. Noch weniger von „eines Verfassers Gaben und Absicht, son- „dern von eines Buchs Inhalt lind W irku ng." Dem Verfasser, feinen Gaben, feiner Gelehrsamkeit und Denkart, wie ich sic kannte, hatte ich längst vorher öffentlich**) meine Hochachtung, eben sso unaufgefordert al'S aufrichtig bezeuget. Und wenn die Absicht seiner Philosophie dahin ging, falsche Spitzfindigkeiten der grübelnden oder schwätzenden Vernünftele! avzuschnciden, zu entwurzeln, oder mindestens zu umzäunen; wer hätte etwas gegen diesen Sokratismusf Von des Buchs Inhalt >war die Rede, und von dessen Wirkung. Ob jene Absicht erreicht sey oder habe erreicht werden können, wenn eincr Objekt--und Regellosen Vernunft/(dergleichen sie nach dieser Kritik seyn soll,) das Amt *) Metakritik zur Kritik der »einen Vernunft. LH. i. Vorr. S. LVI. *') Briefe zur Beförderung der Humanität. Sammlung 6. VI Vorrede. und die Macht gegeben wird, sich vor aller und ohne alle Erfahrung die Natur zu schaffen, wenn ihr, (der ein ewiger Jrrschein von Paralogismen vor- und nachlaufcn soll, ihr, die angeblich in einem Gehänge von Antinomicen ihrem Wesen nach schwebet,) dennoch auch der Beruf angewiesen wird, auf absolute Allheit und absolute Nothwendigkeit hinauszuzielen, diese durch eine reine Synthese a priori , durch allgemein gültige Posiulate nicht zu erweisen, sondern zu ersodern und von Vollendung des menschlichen Wissens zu reden, wo kaum etwas angefangcn worden u. f. Davon durfte bei einem Werk die Rede seyn, zu dessen Mitvollcndung Jedermann aufgefordert war*), bei einem Werk, das diese Mitarbeit Jedermann aufgcdrungcn hatte**). Wer wollte für alle zukünftige Zeiten die reine Gesammtvernunft aller vernünftigen Wesen nicht mit vollenden helfen? Wie an den Früchten den Baum, so erkennt man eine Lehre an ihrer W irku n g; die Wirkung dieser Philosophie liegt am Tage. Bei der rühmlichsten Absicht konnte auf dem genommenen Wege nichts erfolgen als: e. Die Errichtung eines Reichs unendlicher Hirngespinste, blinder Anschauungen, Phantasmen, Schematismen, leerer *) S. den Schluß der Bernunftkritik und die Einleitung. "> S. Prolcgomenen zu jeder künftigen Metaphysik«. s. Vorrede. VH Duchstabcnworte, sogenannter Trans- cendental-Jdeen und Spekulationen. Die reiche AuSsaat derselben in der Kritik konnte nicht anders als eine tausendfältige Ernte gewähren, die den Sacmann bald überwuchs. Hier und dort, und aber dort und wiederum dort grünt und blühet ein Wald oder ein Buschwerk neu er Phantasmen; statt scharfsinniger Buchstabenwörter, substanziirtc Bild Wörter, aus allen Wissenschaften zusammengeworfene, in einander gekuppelte Metaphern und bei einer völligen Armulh oder einer freiwilligen Lossagung von allen Oatis der Erfahrung ein ewiger Widerhall derselben Wortschalle, derselben Ncbcltraume. Konnte die über alle Erfahrung erhöhte, neueröffnete Trans- cendental-Philosophie etwas anders als dies werden? Und sie ist noch lange nicht geworden, ob jede ihrer Schulen gleich, beinah auf jeder Seite jedes Buches, es sagt: L7roi>r»-« , Ich vollende. Zur Vollendung fehlte 'uns nur noch Ein Begriff; hier ist er." Hocherhaben fahren ffie fort und sagen: „Der Verf. der Kritik blieb unten auf dem Reflektirpunkt stehen; fehet, wie klein er ist! Wir philosophircn in Ansch a u- ungen, schaffend das Universum rein aus uns selbst, Kunstwortc dichtend." Zu allen diesen Künsten, wer hätte nicht etwa nur das Licht in den Kasten gesetzt und die ersten Bilder vorgeschoben, sondern wer hatte, daß dicß künftig a llein Philosophie seyn und heißen solle, allge- Vkll Vorrede. meingültig anbefohlen? Die Kritik der reinen Vernunft. Durch sie ward die Philosophie, was sic nie gewesen war und nie seyn sollte, Phantasie, d. i. schlechte Poesie, Abstraktion e n d ic h r u n g. Isis ein Wunder, daß jetzt Alles so dichtet? absolut nothwendig, all- gültig, transcendcnral, kritisch. WaS man sonst kaum Hypothese zu nennen gewürdigt hätte, nennt man jetzt die einzig-mögliche Synthesis a priori. Der Meister, heißt cs, hats also geordnet. 2. Daß auf diesem Wege, der höchsten K e ck, Heit ein ojsner Marktplatz eingeräumt werde, war vorauszusehen und fast unvermeidlich. Gebt einein brausenden Jünglinge Macht und Gewalt; ja befehlt ihm Kraft Eures Namens und Eures Wortkrams, ohne alle Erfahrung, d. i. ohn' alles feinere Ausmecken, nicht etwa nur außer sich Welten, („die Kleinigkeit!") nicht etwa nur das Urwefen, den Grund alles Daseyns, aller Kräfte und Ordnung, („eine fast lächerliche Kleinigkeit, von der nicht mehr die Rede seyn sollte") sondern sinnen eignen Verstandzu schaffen; che er Verstand hat, schafft er ihn euch zusehends, transcendental-kritisch. Gott, die Welt, sein Ich in der ersten, zweiten, zehnten Potenz läßt er vor euch entstehen; Er selbst wird vor euren Augen, ohne zu seyn, „weil seyn abgeschmackt ist," und sagt euch Grobheiten, wenn Ihr seiner Keckheit nur entgegen ltsi Vorrede. pelt. „Ich wälze mich," sagt und darf jeder Käfer-Jupiter sagen: „denn so vollende ich das Weltall, indem ich idealistisch mich vollende." 3. Daß aus dieser Sprache das Reich der krassesten Ignoranz hervorgehen mußte, ist durch sich klar. („Vor dieser Philosophie ist keine gewesen, nach ihr wird keine seyn. Die Allvollenderin und die Allvvllendung, (pUiloso- ist ste. Wenige Jahre, und niemand.wird ein andres Buch als uns lesen mögen; denn alles andre gehört zum Reich der Plattheit.") So sprach man; so spricht inan noch, hinabsehend mit kühner Verachtung auf alle Bemühungen voriger Zeiten, die man zu kennen weder Sinn noch Lust hat. „Was studi- rcn Sie, m. H.? was treiben Sie vorzüglich? Geschichte? Sprachen?" — — („Deß 'Allen bin ich überhoben; es giebt nur Ein Buch zu studiren, die Kr it i k der rei ne n V e r n u n ft*), aus ihr werden alle Wissenschaften constiru- ircr-") Sv albern dem Urheber der Kritik dieser Wahnsinn Vorkommen muß: so natürlich ist er'aus den Anschauungen Seiner Kritik, aus der dem Idealismus und den Postulaten von ihm ertheilten Macht, aus der Weise, wie Er von älteren Systemen und von Seinem Sy- Späterhin hieß es die Wissenschaftslehre, bald wird es Z — B — heiße». X Vorrede. sinn sprach, aus dnn kategorischen Imperativ U. f, entstanden. Lxsmplumgus Osi guisgns vsl in irnnAins parva. Bei einem einreifsenden Ucbel hilft wer kann; hier gilt kein müssigcS Erwarten, daß der an- wachsende, überschwemmende Fluß allmählich ablaufen werde. In meiner Situation, in der ich so manche, manche, durch die Kritik verderbte Jünglinge sah, warf ich es mir selbst oft vor, daß, so schwach meine Stimme seyn mag, in meiner Wicht ich so lange geschwiegen. War, was von Akademicen aus, der Kritik entgegen- gesiellt war, großtentheilS als ein liZuIus kign- lum angesehen und mit verachtendem Hohn empfangen worden; warum sollte sich eine von Zunftgesehen freie Stimme, der es um Mitwelt bcrci eines Ruhms in der „philosophischen Fakultät" nicht zu thnn seyn konnte, an alle gebildete Leser in Deutschland nicht wenden dürfen? Ja wenden müssen, wenn Erfahrungen vom Erfolg dieser Philosophie es fodern ? Zunft- abschließungcn im Felde der Wissenschaften sind zu unsrer Zeit eben so lächerlich als verächtlich; am meisten sind sie's in der Philosophie: denn der Geist der Philosophie läßt sich durch ein Diplom eben so wenig erwerben als sichern. Woher dann hat die Metaphysik ihre Worte? AuS der Sprache. Diese ist aber ein Gemeingut; jeder kann für ihre Bestimmtheit rechten. Wessen sind die Seelenkräfte, die der Philosoph zergliedert, betrachtet, anwendel? Der Mensch- Vorrede. XI heit. Wer Mensch ist, trägt sie in sich; er darf zu Menschen über ihren Gebrauch und Misbrauch reden. An die Quelle der Misbräuche mußte sich also die Metakritik halten, an die Kritik selbst; nicht wollte, noch konnte sie jedem Bach oder Bächlein nachlaufcn. Nehmen doch diese Bäche und Bächlein einen so vcrschiednen Lauf, daß sie selbst nicht wissen, wohin sie sich in der letzten Potenz verlieren mögen. Auch nur in Gegensätzen konnte sich die Me; takrilik der Kritik nachstellcn, ohne diese Gegen- sätze zu einem System zu binden: denn vom Druck des kategorischen Despotismus wollte sie befreien, nicht aber ein neues Wortjoch außegen. In jedem Leser seine Metaphysik wecken, wollte sie; deshalb analysirte sie die Begriffe in und aus der Sprache. Die Sprache der Menschen trägt ihre Dcnkformen in sich; wir denken, zumal abstract, nur in und mir der Sprache. Habt Ihr zu euren Anschauungen, wie Ihr sagt, eigne Schemare nvthig, ko laßt uns unsre Sprache unverwirrt, und erfindet euch Ziffern, schema- tisirr tibetanisch. Der Gesamimgeist aller kulti- virken Volker Europa's hat Ein philosophisches Idiom; von Plato und Aristoteles reicht es zu Locke und Leibnitz, zu Condillac und Lcssing. Ein Rottwelsch, das mit Jedermann - verständlichen Worten neue Nebelbegriffe verbindet, ist und bleibt Rottwelsch; es kann tk , und darf sich dein Geist, der Sprache der Nation, geschweige aller Nationen nicht eindrangen, seine Eier, die doch nur den einigen und ewigen Kuk- kuck wiedertöncn, mit imperatorischer Allgemein- gültigkeir in die Gesammtnestcr der alten und neuen Welt nicht legen. Bleibe dem Kuckuck sein Nest, wie seine Stimme; wir lassen ihm beides. Mit eben dem Recht und aus eben der Pflicht, auS und mit welchen ich der Kritik der leeren Vernunft eine Metakritik zugab, führe ich der Kritik der kl r t h e i l S k ra ft eine Kalligo- ne zu, gleich unbekümmert, wie man sie aufnehme: denn wer sich darüber den mindesten Kummer machte, hätte keine Metakritik geschrieben. Mit eben dem Recht: denn das Wort Kritik fodert zur Kritik, das Wort Urt Heilskraft zum Unheilen auf; beide sind an Niemanden vergeben oder verpachtet. AuS eben der Pflicht. WaS der kritische Idealismus in seiner Anwendung auf Ge- schmackSurrheile fey, was für Principien er setze, welche Begriffe vom Schönen, von'fchvnen Künsten und Wissenschaften, von ihrem Werth und ihrer Anwendung, allgemein und einzeln, cr all- gemeingültig zum Grunde lege, was er vom Erhabnen, vom Ideal, vom Sirrlichschvnen leh- Vorrede. XIII re, soll eben die Kalligone zeigen. Ueberdrü- ßig indessen deS Widerspruchs, meistens über Behauptungen, die eines Widerspruchs kaum werrh waren, entzog sie sich diesem, sobald sie konnte. Sobald er kann, entziehe sich ihm auch der Leser: denn an den Principien deS „Begrifflosen, deS Zweckmäßigen ohne Zweck, deS.ästhetischen Gemein sinn es u. f." ist nichts zu erbeuten. Jsts nicht traurig, daß die sich nennende ei n z i g m ö g li c he Philosophie dahin gehen soll, unserer Empfindung alle Begriffe, dem Geschmacksurkheil alle Urtheilsgründe, den Künsten des Schonen allen Zweck zu nehmen, und diese Künste in ein kurz- oder langweiligäffisches Spiel, jene Kritik in ein allger meingültiges, diktatorisches Aburtheln ohne Grund und Ursa eh zu verwandeln? Kritik und Philosophie haben damit ein Ende. Und doch find, seitdem die Kritik der Ur- theilskraft erschien, diese Oscitanzen, die man zu andrer Zeit zu bekennen sich geschämt hätte, l e i- lende Ideen, Ordnung des Tages worden; sie haben, wie eS nicht anders seyn konnte, Keckheit und Insolenz, Begrifflose Unwiffenheit und allgemeingültige Anmaßung zu philosophischen Principien gewürdct. Fast ist (dies haben mehrere gefühlt) mit Leßing die Kririk des Schönen aus Deutschland ver! uwunden: wogegen sich mit dem kritischen Zdealism in Theorien sowohl als Urtheilen tue Akritik in Form XIV Vorrede. auf den Thron gesetzt hat. Und wir lassen eS geschehn! wir dulden es, bis daß der Strom ablaufe! Denn die blinde'Abgötterei, die man einigen Kunstprodukten ohne Gründe und Regel erweiset, kann jene Schlaffheit deS Begrifflosen Ungeschmacks so wenig verbergen, als der in Gang gekommenen Akrisie abhelfen; vielmehr ist sie der größte Erweis beider. Schwätzet so viel ihr wollt von der „absoluten Bewußtlosigkeit des Genies, die mit dem Bewußtseyn unerklärlich kämpfet," erfindet im Taumel der Entzückung hundert mystische Worte, und fallet nieder wie vor euren ausgestellten Idolen, so vor euren eckelhaft-wiederholten Wortformen. Be- daurend geht der Verständige diesem Taranteltanz vorüber. Wie? die Weisen aller Zeiten bestrebten sich das Reich menschlicher Begriffe aufzuhellen, Gesetze der Natur zu finden, und die Gleichförmigkeit der Menschheit mit ihnen zu fördern; und wir stürzen uns s priori, d. i. Kopfüber in den Abgrund unergründlicher Anschauungen, eines ewig-Bcgrifflosen Mysticismus? Die Guten aller Zeiten bestrebten sich das Schöne als eine Darstellung des Wahren und Guten anschaubar zu machen, und durch seinen Reiz das ReimSitt- liche zu fördern; und wir strecken eine kalteiserne Hand aus, was die Natur in uns zart verschlungen hat, unerbittlich zu trennen; lvbjauchzen auf Vorrede. XV dem gefundnen kahlen 7 leck, „auf dem das Schöne weder wahr noch gut seyn muß," darüber als über die höchste Entdeckung, als über das gefundne Reingöttliche, d. i. Höchst - Nutzlose, durchaus - Formelle, mithin Höchst-Leere? Wenn dies nicht Entweihung des Edelsten der Menschheit, der Künste, der Gaben, des Gefühls, der Vernunft heißt, so kenne ich keine. Drei ernste Wünsche oder Fragen lege ich also dem Leser ans Herz; er antworte und richte. i. Jsts gut, daß eine kritisch - idealistische Transcen dental -Philosophie, (welche es auch sey,) nicht nur zum akademischen Studium, sondern so g ar z ur Pfvrt e des akademischen Studiums gemacht werde? Für Akademien der Wissenschaften gehört (wenn es solch ein Ding giebt,) die ^Transcendental - Philosophie, nicht aber für Schulen. Jünglinge, die von Schulen aus Schulen kommen, gehen entweder, wenn sie gesunden Verstandes und von festen Grundsätzen sind, in diese Traumwelt nicht rin, und so verlieren sie langweilig ihre Stunden; oder wenn ihre Phantasie lebhaft und ihre Zunge geschwätzig ist, reißt sie der Dünkel des Wort- welten-Erbauers hin, sie bringen Phantasmen, ein Bewußtseyn nach dem andern zu Stande und gefallen sich in diesem müffigen Zustandebringen so sehr, daß sie dafür streiten und eifern. Im hohen Gefühl des eignen Zustan- XVI Vorrede. degebrachthabens verachten sic, was die Natur zu Stande gebracht hat, vernachlässigen die Wissenschaften, durch welche sie etwas zu Stande bringen sollen, und werden die unerträglichsten Schwätzer, fahrende Raufbolde der Trans- cendenz, unwissende „Deducenken u priori." So darbten über die Erziehung der Jünglinge die Alten nicht; andre cultivirte Nationen denken nicht also. Jene sagten, „philosophire mit Wenige!»," nutzbar, gründlich; zur Abstraktion federten sic reifere Jahre. Diese sind über das Verderbliche und Lächerliche des puren putcn Scholasticismus zumal auf Schulen einig. Nur wir Deutsche dulren den Verderb junger Gemü- ther, die Verführung der jugendlichen Phantasie zu unnützen Künsten des Wortkrams, derDispu- tirsucht, der Rechthaberei, deS stolz-blinden Enthusiasmus für fremde Wortlarven, diese Verödung der Seelen, die ignorante Merlei- dun g alles reellen Wissens und Thuns die unerträgliche Verachtung allerGutcn und Großen, die vor uns gelebt haben; sie duften wir als erstes akademisches Studium unter dem Namen der kritisch idealistischen T r a n s c en d e n t a, l p h i l o s v p h i e gern und willig. Wir sehen sie als ein Phänomenen an, dem man auch seine Zeit lassen müsse, weil Alles seine Zeit habe. Und die Nachbarn spotten unser; und unsre Jugend verdirbt t r a n's c en d ire n d! Die Vorrede. XVII Die Zeiten der Revolution, hoffett wir, sind vorüber; die idealistischen Traume, mit denen sich die kritische Philosophie auch dem Ausdruck nach an sie schlang, gehören im „constiruirenden Ich der zweiten, dritten und letzten Potenz des Bewußtseyns," mit der ersten, zweiten und dritten Epoche der Revolution ins alte Register. „Kritisch-idealistische Transccndentalphilosophie" solchen Schlages auf deutschen Akademien, im Ohr und Munde und in der Feder siebcnzehn- jähriger Jünglinge ist ein so zeitloses Wort, daß unsre Nachkommen den fortgesetzten St. Veitstanz kaum glauben werden, wenn sie nicht seit ne häßlichen Folgen spürten. Hinzu also, alle Verständige und Gute, den Frevel, der mit der Jugend getrieben wird, abzusiellen, nicht etwa nur zu entlarven: denn er entlarvt sich selbst täglich. Zweitens. Nur dadurch griff die Trans- cendemalinfLuenza um sich , daß sie einen Krankheitsstoff fand, der sie willig ausnahm. Dies war Theils die V e rfa l le n h e i t der alten abgenutzten Systeme, statt deren man zeilmäßig ein Neues begehrte, Theils die stolze Trägheit mit Worten alles abzuthun, und indem sich die Welt politisch regte, wenigstens idealistisch sein Faß zu wälzen. Man hat eS gewälzt; der babylonische Thurm aus Backsteinen, der bis an die Wolken reichen sollte, hat die Sprache der Arbeiter verwirret; jeder bauet jetzt Herders Werte u. Gesch. XV. b XVIII Vorrede. aus seinem „unbewußt-bewußten und bewußt- unbewußten Ich" sein Thürttichen. Mögen sie bauen; nur Ihr Verständige, Bescheidene, leget die Hand Nicht in den Schoos, sondern bauet auch, und etwas Besseres. Durch Thar spricht der Mann, nicht durch Worte. Sie sind rüstig; wir müssen und können noch rüstiger seyn, ihre Akrisie nicht zu widerlegen, sondern a ufzu heben, ihre Begrifflosigkeit durch Begriffe zu zerstreu cn, ihr ZwcckloSjahnendeS Spiel durch fröhlichen Ernst so in Vergessenheit zu bringen, als ob cS nicht da wäre, vor allen jene dumme Abgötterei gegen Genieprodukte und Kunstformen durch Maas und Gewicht in eine Heilbringende Kritik zu verwandeln. M aas scy unser stilles Zeichen; d a s W a h r e, Gute, Schöne, u n g e r r e n n t und unze r- trennlich sey unsre Losung. In wessen Hunden dies Blatt ist, fühlet er sich rüstig zum Werk, so feire er nicht, sondern khue das Seine, damit die übersinnliche TranScendenz descendire. Die ganze Vorgeschichte der Menschheit ist für uns; alte cultivirre Nationen sind mir uns; die Natur selbst strebt dahin, allenthalben ih re Gesetze ernster zu enthüllen, fruchtbarer zu offenbaren. Umsonst leben wir nicht jetzt und h e u t. Drittens. „Soll ich aber vergessen, was ich mit Mühe erlernt habe? was mir in Stunden t es i d e a l i st isc h e n Enth :> sias M u s so Wvrtselig zuflog ? Das holde, dicke Buch! Vorrede. XIX und das noch dickere Lexicon darüber! Es ist doch Schade um so viel Witz und Scharfsinn." Antwort. Wie alle Gährungen hat auch die kritische Philosophie ihren Zweck erreicht, aber nur als Gährung. Was in dem dicken Buch besteht, bestehe; Wahrheit ist und bleibt überall Wahrheit. Nur setze sie sich und werde deine Wahrheit; die angeflogenen oder auswendigge- lernten Worte mögen verfliegen. Vor mehr als dreißig Jahren habeich einen Jüngling gekannt, der den Urheber der kritischen Philosophie selbst und zwar in seinen blühendsten männlichen Jahren, alle seine Vorlesungen hindurch, mehrere wiederholt, hörte*). Der Jüngling bewunderte des Lehrers dialektischen Witz, seinen politischen sowohl als wissenschaftlichen Scharfsinn, seine Beredsamkeit, sein Kenntnißvollcs Gedächtnis); die Sprache stand dem Redenden immer zu Gebot; seine Vorlesungen waren sinnreiche Unterhaltungen mit sich In den Jahren 1762 — 65, in denen die fal. scbe Spitzfindigkeit dev vier syllogi- sriseden Figuren; der einzig-mögliche Beweisgrund des Düseyns Gottes: der Versuch, den Begriff der negativen Größen in die WeIlweisheit einzufüd- ren; die Ve 0 bachtungen überdas Ge - fNht des Schönen und Erhabenen u. f> erjcluenen, b 2 XX Vorrede. selbst, angenehme Converfalionen. Bald aber merkte der Jüngling, daß, wenn er sich diesen Grazien des Vortrages überließe, er von einem feinen dialektischen Wort netz umschlungen würde, innerhalb welchem er selbst nicht mehr dächte. Strenge legte erS sich also auf, nach jeder Stunde das sorgsam - Gehörte in seine eigne Sprache zu verwandeln, keinem Lieblingswort, keiner Wendung seines Lehrers nachzusehcn und eben diese gesticffcutlich zu vermeiden. Zu solchem Zweck verband er mit dem Hören das Lesen der bewährtesten Schriftsteller aller und neuer Zeir mit gleicher Sorgfalt, und erwarb sich dadurch, wie er glaubte, die Fertigkeit, in der Seele jedes Schriftstellers auf einige Zeit wie in seinein Hause zu wohnen, allen besten Hausralh bequem und nützlich zu gebrauchen, in allen Zeiten und in den Verschiedensten Denkarten zu leben, aber auch aus- ziehen zu können und mit sich selbst zu wohnen. In dieser Uebung bestärkten ihn insonderheit Plato, Baco, Shaftesburi, Leibnitz. Nie also fühlte er sich freier und ferner vom System seines Lehrers, als wenn er dessen Witz und Scharfsinn scheu ehrte. P oung giebt einen ähnlichen Rath, die Alten dadurch in ihrem Sinne nachzuahmen, daß man sich von ihnen entfernt. Wer will, befolge den Rath; er wird sich dadurch frei, verjüngt, Herr über seinen Geist, über seine Feder und Zunge fühlen. Wer gegentheils Vorrede. XXI selbst im gemeinen Gespräch kein Urthcil verstehen kann, bis er es sich mit augenscheinlicher Mühe in die kritische Sprache übersetzte, und es sodann von sich giebt „transcendental-kritisch," wer selbst mit Gort und mit seinem Weibe nicht anders als „transcendental-kritisch" zu sprechen weiß, o der ist lahm, lahm an Worten, an Gedanken, und gewiß lahm in Führung des Lebens. Welcher Gott, welcher Heilige hilft ihm zum eignen Gebrauch seiner Glieder? Ein schönes Zeichen der fortwährenden Jugendkraft des Urhebers der kritischen Philosophie wäre es, wenn Er selbst, nachdem er die über- oder gegen seinen Willen erfolgten Wirkungen seiner Philosophie erlebt hat, sich von ihnen lossagte, den Misbrauch derselben öffentlich bezeugte, und seinen primitiven Zweck erklärte, „Nutzlose Spekulation abzuthun, nicht aber durch einen dem Schein nach immer vollendeten, der Wahrheit nach nie endenden TranscendentaliS- mus Dornen ewiger Spekulation zu pflanzen." Die beste Absicht kann misrathen; ein offnes Geständnis?, daß sie misrathen sey, zeigt den Unternehmenden großer als sein Werk und als seine Absicht. Die kritisch - idealistische Transccndentalphi- losophen wollen wir sodann sammtlich und sonders in Eine Stadt thun, wo sie abgesondert von allen gebohrncn Menschen (denn sie sind nicht gebohren) sich idealistisch Brod backen und XXII Vorrede. darüber ohne Objekt und Begriff Idealistisch Ge- schmackurtheilen; wo sie sich idealistische Wellen schaffen und solche „bis Gott seyn wird," nach ihrer Moral, Rechts - und Tugendlchre, auch nach ihren „persönlich-dinglichen" Ehegesetzen idealistisch cinrichten, vor allem andern aber sich durch gegenseitige Kritik einander vollenden. Ohne neuhinzukommcnde, neugekäuschte Jünglinge wäre ihr Aristophanischer Vögelstaat bald vollendet. Ulest! Wir indeß wollen ohne „Transcendentalge- schmack, dessen Principium im übersinnlichen Substrat der Menschheit im absolut Unbewußten wohnet" hienicden im Bewußten unsern Geschmack bilden, die Gesetze und Analogieen der Natur kennen lernen, und weder Kunst noch Wissenschaft des Schonen zum Spiel oder zur Abgötterei, sondern mit fröhlichem Ernst zur Bildung der Menschheit gebrauchen. Weimar, den r. Mai r8oo. A. G, Herder. I n h a l t, Erster Tb eil. Dom Angenehmen und Schönen. I. Dom Angenehmen der untern Sinne. S. 3 . Was angenehm heiße? Angenehm dem Gefühl und Vorgefühl. Abscheu. Ob das Angenehme der sinnlichen Empfindung vom Unheil des Gefallens abhänge? Lieferer Grund des sinnlichen Wohlgefallens, die Empfindung unsres Daseyns. Vom Geruch und Geschmack. Widerung, Eckel. Eckel auch in Absicht des Ungeziemenden und Unanständigen. Das Angenehme des Geruchs und Geschmacks, ein ibnenhar- mo n i sc h c s G u t e s. Ob Angenehm, Schon und Gut einander entgegengesetzr sei)»? II. Vom Angenehmen in Gestalten. S. 17. Analytik des Schönen nach vier Momenten des Ge- schmacksurkheils. Prüfung dieser Momente. Das Wohlgefällige des tastenden Gefühls. Linien und Gestatten der Festigkeit. Der Bewegung. Ob es eine Linie der Schönheit oder des Reizes gebe? Die Ellipse. Die Cykloibe. Undulalioncn. Grund des Wohlgefälligen der Symmetrie und Eurythmie der Gestalten. Ob ein Geschmacksur- theil Begriffe, Vorstellungen und Zweck aufhebe? Gestalten des Angenehm - Zweckmäßigen, Aweckma- XXIV Inhalt. x ßig - Angenehmen in der Natur. Das Schöne in Gestalten. Allgemeine Resultate. III. Bum Schönen und Angenehmen der Umrisse, Farben und Töne. S. 42. Schönheit des Lichtes. Finstcrniß. Was das Licht dem Auge eigentlich gewähre? Festes Gesetz der Haltung. Viele-- auf Ginmal, aus Einem Punkt, ein Ganzes. Untrennbare Leiter der Farben. Grund des Ang.nehmen der Farben. Schwarz Licht, cin Medium. das die Regel selbst exponiert. Was der Schall ousdrücke? Jedermann verständlich. Wae daraus, daß er sich in Wellen zeitmäßig bewegt, folge? Er giebt eine Haltung in Zeitmomenien nach einander, Conso- nanzen, Accorde, eine Scala. Ob das Zahlen der Verhältnisse die Anmuth der Musik mache? Wirkung der Töne in elastischer Mitcmpsindung. Ursachen der Verschiedenheit dieser Wirkung. Feste Regel des Toncyklus Was die kritische Philosophie von der Musik halte? .IV. Von der Bedeutsamkeit lebendiger Gestalten zum Begriff der Schönheit. S. 68. Recapitulation Ob jede Gestalt einen Exponenten ihrer Bedeutung habe? Schönheit der Blume. DeS Baums, der Früchte. Wceresaebilde. Was uns in Bildungen widrig und häßlich scheine? Schönheit der Meeresgebilde. Uns fremde Gestalt der Luftgeschöpte Scheinbare Misbildung der Geschöpfe zweier Elemente. Virtualität der Lustge- schöpie. Verhältnis» der Erdgeschöpfe zu uns. Welche Gestalten unter ihnen wir für schön hatten? Schönheit dos Menschen, ein Ausdruck seiner Virtualität. Resultate, V. Vom Misbrauch der Namen. S. 91. a, D c s A n fl e n c h m e n. Ob es dem Schönen entgegengesetzt sey? 2 Des Schönen. Was das Wort den Griechen bedeutet? Das Schöne des Plato. Der Platonischen Schule. Bemühungen der Franzosen, Eng- Inhalt. XXV länder und Deutschen um Entwicklung dieses Begriffs. Z. Interesse. Entbehrlicher Doppelsinn des Worts. Nothwendiges Jnieresse om Schönen. st. Reiz, Rührung. Was Reiz, Anmuth, Charis sey? b. Begriff. Form der Zweckmäßigkeit. Form. Ob Geschmacksurtheile ohne Begriffe seyn können? Ob eine Zweckmäßigkeit ohne Zweck statt finde? Miebrauch des Worts Form. Vollkommenheit. Ob Schönheit der sinnliche Ausdruck einer Vollkommenheit sey? Misdculung dieser Formel. 7. Nothwendiges Wohlgefallen ohne Begriff. Allgemeine Norm und Gemeinsinn des Schöne». Ob der Künstler tür den gemeinen Geschmack arbeite? Tyrannei des Rcr- malgeschmacks. Prüfung der Gründe, auf denen die allgemeine Nothwendigkeit der Gcscbmacksurihei- le ruben soll. Wie allein diese sonderbare Theorie entstehen konnte. VI. Von einer Regel des Schönen. S. 126. Daß es eine solche gebe. Daß diese nicht ohne Begriffe erkannt werde. Vom Typus lebendiger Bildungen in der Nalur. Ursachen dieses Typus. Typus der Menschengestalt. Der Mensch denkt in Gestalten. Gestallcns-hdpfung im Menschen. Nach welcher Regel und zu welchem Zweck er dichte? Baco. XXVI Inhalt. Zweiter Theil. Kunst und Kunstrichtcrest I. Natur und Kunst. S. i3g. Ihr Unterschied non einander. Der Mensch, das Kunst- geschöpi, geschaffen zum Künstler der Natur. Wer ihn dazu erzogen? Freie und unsreie, auch Magister - Künste. Erste freie Kunst des Menschen, das Bauen. Unter Baumen, in Höhlen. Zweck der Baukunst bei verschiedenen Völkern. Zweite freie Kunst des Menschen, der Garte n. Eine fortgehende sich erweiternde Kunst, Bild der frühesten und spatesten Culkur. Dritte freie Kunst des Menschen, Kleidung. Verdienste des Weibes um sie, und durch sie auf mehrere Künste. Vierte freie Kunst des Menschen, das Schöne in männlichen Uebungen und Kämpfen, mit seinen Folgen. Fünfte freie Kunst des Menschen, Sprache. Verdienste des Weibes um dieselbe. Wie sehr die Sprache eine freie Kunst se>). lirtheil der Krilik über die erste Kunstbildung des Menschen. Prüfung dieses Urtheils. II. Poesie und Beredsamkeit. S. 164. Ob Beredsamkeit ein Spiel mit Ideen scy, um die Zuhörer zu unterhalten? Ob die Dichtkunst ein Spiel mir Ideen sey, wobei für den Verstand auch etwas herauskomml? r. Von der Dichtkunst, als eine menschliche Kunst betrachtet. Inhalt. XXVII t. Dns Epos der menschlichen Natur- s p r a c N e. Wie es entstand. Sein Wesen. Sind Dichlunqe» bloße Jdrensvicle ? Wlikurrgeu ocs Epos in ccn artest-» Zeiten. In fpätern Zeiten Uttd als Roman. 2. Poesie menschlicher Empfindung. Sie ist k-in bloßes Spiel, weder als Melos, noch als Drama. Irrung durch das Wort Spiel in seiner vielfachen Bedeutung. Wiefern sptell das Drama ? Wiefern der Roman? Wirrer» der Scherz? Pindar aber die Wirkungen der Dichtkunst. I. Bon der Beredsamkeit als einer menfehlt c h e n Kuns r. Was Rede sei) ? Yb in der griechischen und römischen Beredsamkeit Geschäfte zum Spiel der Einbildungs- kraf! gemacht wurden? Mislnäriche der Redekunst, wenn dleies geschah. Französische Lobrede«. Fran- zoilsche Wohrrcdeuheit Wob redenheil der Engländer. Deutsche Berel-samtetk. Aireck der großen uns der ruhigen Beredsamkeit. Irrrtzbarkeit der Lustalien dazu. Aillmunrerung, die pceoe «ie Kunst zu üben. IH. Von bildenden Künsten. S. 200. Kritische Erklärung derselben Plastik, eine schöne Kunst der Mensch- Veit. Ihr llmiang und Wesenhaftes bei den riechen. Jh.e Bedeutsamkeit und Wirkung Ihr Gutes für die Menschheit. Kritische Erklärung der Malerkunst und Lrrstgärtnerel. IV. Von Musik. S. 2,2. ^ Kritische Erklärung derselben. Musik, eine Kunst der Menschheit. Ihr Grund in der Natur. Bechertet mit Tanz. St me und Gebctzrdriug. Wirkung der Musik, ..che drei Regionen, Ob sich der Ton nie vom Wort oder von der Gebehrde trenne» dime? Was die Musik von allem Fremden gesondert bade? Ob bas Vorübergehende in ihr ihr zum Nachiheil gereiche ? Ob XXVIII Inhalt. sie Wiederholung leide? Vom Werth der Musik für die Cullur, beibnitz über Macht und Anwendung der Musik. V. Von Kunstrichterei, Geschmack und Genie. S. 233. r. Kritische Definition der schönen Künste. 2 . Eunomic der kritischen" Geschmacksurrheile. Prüfung derselben. 3. Kritische Aussprüche vom Genie. Prüfung dieser Aussprüche. I. Genie. Entwicklung dieses Begriffs, seiner Kraft, seines Werks, seines Zwecks, seiner Wirkung. H. Geschmack Ob er erstes Principium der Kunst senn könne? Weßhalb der Geschmack Bezeichnung des Cultivirten und Cultivabeln worden? 1. E r t v r d e r n i ssie des Geschmacks. Wiefern Geschmacksurlheile der sogenannten Kenner gelten? 2 . Verschiedenheit desGeschmacks. Warum man über den Geschmack nicht streiten müsse? Verschiedenheit des Geschmacks. i. Nach der Beschaffenheit der Organe, des Temperaments, des Klima. s. Gewohnheiten bilden den Geschmack. z. Den Geschmack sixirten Muster, denen man willig folgte. !». Neuhervorstehende Muster und Uebungen ändern den Geschmack. 3« Bildung des Geschmacks. Hauptfrage: woran man Geschmack habe? Geschmack muß in allem herrschen, das von uns abhängt. Proben des Unzeschmacks bei fernher erborgten Uebungen und Künsten. Ursachen res fortdauernden Ungeschmacks iu Deutschland. ff. Hülfsmittcl zurB ildung des Geschmacks. i. Frühe fange sie an. I n h ci i t. XXIX 2 . In nichts sei) Ungcschmack erlaubt. 3. Nichts schadet dem unreifen Geschmack mehr , als wenn man alles zum Lpiel macht. NI. Kritik. Sie ist Ausspruch nach einer Regel, mir Gründen. Er» apodiktisches Tribunal der Kritik ist eben so lächerlict, als anmaaßend und schädlich. Was Necensiren heiße? Zn Arbeiten des Fleißes, in Wiffenschasrc» und Künsten, in Werken des «enies und Charakters. Was bei Misbrauch derselben die Nation für Mittel gegen diesen Mts- brauch habe. Dritter T h e i l. I. Vom Erknbnen. S. 28 t. I. Geschichte des Erhabenen in der menschlichen Empfindung. S. »8t. Ob die Griechen vom Erhabnen und Schonen im Gegensatz geschrieben? Warum 'nicht ? L 0 nginS Erhabnes, was es sev? Ob man das Erhabne und Schone Junftmäßig trennen müsse? Ob das lhätige und leidende Principium in der Rarnr zu dieser Eintheüung Antaß gegeben? Burke vom Erhabenen und Schönen. Geschichte des Schönen und Erhabenen im Anblick der Schöpfung. Der Weltgeschichte. Der Künste lind Wissenschaften. In unsrer Empfindung, beim Anblick des Himmels. Des Meeres. Der Berge und Abgründe. Der Nacht. Hoher Bäume. Der Schulwissenscharlen» Der Arithmetik. Poetik Der Moral und Geschichte. Der Philosophie. Verhältniß beider Begriffe zu einander. 2 . KritischeAnalise des Erhabnen. S, 3o». Zn Frage und Antwort, zwanzig Fragen. 3, Bom Erhabnen, ein Entwurf. G. 3-4. k. Wörter klär nngen des Erhabnen. Hoch, Höbe. Größe Hochachtung, Staunen, Erstaunen, Entsetzen, Schauder. Tiefe, Wette, erbeben, erhaben. Erhabne Gedanken, Gefühle. Gefübl des Erhabnen, Elevation, Erhebung, was eS sey? Dagegen PaVenthyrsus. II. Grund des Erhabnen in der Natur und der menschlichen Empfindung. Unsre Bildung. Hthe und Tiefe, Himmel und Erde. Uebenragung dieses Hemisphäre in die menschliche Seele. Maas und Umschrankung desselben» Stille Einwirkung des Erhabnen. Hohe Gedanken, Gesninungcn, Lyalen. Ausdruck des Erhabnen. Erklärung Itl. Sinne zum Gefühl desErhabnen. Vom erhabnen Schauder. r. Erhabnes dem tastenden Gefühl. 2. Dem Gesicht. IV. Künste, in denen sich das Erhabne dem Anblick offenbaret. r. In der Baukunst. Bei Aegyptern und Grieche». Das Erhabne der Peterskirche. 2. In der Bildnerei Vom heilige» Styl der Griechen. Seit wann dies Erhabne vcn der Erde verschwunden? 3 . In der Malerei. Unterschied der alten und neuen Malerei. Daß das Erhabne auch energisch, d. i. fortschreitend wirke, in Musik und Dichtkunst, V. Vom Erhabnen hörbarer Gegenstände. Ob dies Intervalle der Scala machen? Ob das Gehör objektive Formen gebe? Wirkungen desselben durch Succession und Progression in vier Arien der Energie Ob das Erhabne auch hier ohne Maas bewirkt werde? Wierern alle Künste des Schonen ein Unermeßbares haben? Von der sogenannten reinen Objektivität der Poesie. Falsche Eiiauon Homers hierüber Von der sogenannten reinen Subjectivitüt der Poesie. Anwendung des Gesetzes der Progression auf Miilon, Klopstvck, das Drama Inhalt. XXXI u. f. Proben aus dem Alterthum, hast beym Erhabne» ans UnermejUiche ein Maas gelegt werde. VI. Das Sittlich-Erhabne. Wie nothwe»-- dig in ihnr Maas sey? Wer waren uns die sill- lich - Erhabensten der Menschen? Woran sich das Gefühl des Erhabnen am meisten stosic? Proben falscher Erhabenheiien m Anssprüchcln der kritischen Schule. In hohen praktischen Grundsätzen dieser Schule. VII. Das Erhabne im Wissen ist nicht Trans- cendenz, die uns im Leeren Nichts giebt. Was das Erhabne im Wissen seu? II. Vom Ideal des Schönen. S. 356. Kritische Grundsätze hierüber und Zweifel dagegen. a. Ideale der bildenden Kunst. Zevs und sein Geschlecht. Won wem gebildet? wie bestimmt in Gestalten. re. Ursprung d i e sc r I d e a l e. Reine Idee der Form, die den Menschen vom Thier unterscheidet. Wo »othwendig also das Ideal beginnen muhte? Was daher folgte? Erklärung der hohen Ruhe, der stillen Würde, der erhabnen Einfalt aus der Gestalt des Mcnschengeblldes. 3 Folge» des Ideals. Für die griechischen Kunstschulen, Für spätere Zeiten. g.. Unterschied beeJndivid »eilen und des Idealen. Ob es auch Thierideale gebe? s. S c h l u ß f o l g e n. Gegen die Formlosigkeit. Unterschieb zwischen ideisicen und idealisiren. Ob allenthalben ein Ideal stakt finde? Ob andre Völker das Ideal der Griechen gehabt? Ob der moralische Gliedcrinann ein Ideal sey? III. Von schönen Wissenschaften und Künsten. S. 383. Kritische Misdeulung des Ausdrucks. Ursprung desselben. Elweiterung und Veredlung des Begriffs bei verschieimen Völkern. Altmühl Ich in Deutschland. In weiche Zelten uns die kElische Geschmacksphilo! sophie zulückwecfe? XXXII I n h a l r. Begriff der schönen Wisse nscha ften und Künste Was sie nicht seyn wollen? Dagegen ihre Bestimmung und ihr Charakter. Frager. Was ist iin Menschen cultiva- bel? Glieder, Sinne, Leetenkräfte, Neigungen. Bestimmung der bildenden Künste und Wissenschaften nach solchen. Frage 2 . Was ist durch Menschen bildbar? Die Nacur, die menschliche Gesellschaft, die Menschheit. Daher entspringende schöne Künste. Frage 3. Wie wirken Wissenschaften und Künste zur Cultur der Menschheit? Durch Wissen Wissenschaft, durch Können Künste. IV. Schönheit als Symbol der Sittlichkeit betrachtet. S. 4«4- Kritische Exposition des Symbols und der Sittlichkeit in Symbolen mit Anmerkungen. i. Das Schöne als Symbol betrachtet. Natursvmbole. Grund ihrer Bedeutung. Conventionelle Svmbole. Unterschied der Symbole fürs Auge und Ohr. ».Wie kann eine schöne Gestalt Symbol der Sittlichkeit werden? Wodurch nicht? Von der sitttichen Grazie verschiedncr Künste. Bersasiedner bcbensalter. Vom Naiven, Sentimentalen, von der Natur - und sittlichen Poesie, nach unsern Jeiterfvrdernissen, Gesinnungen und Wünschen. Kaliigrmc. Kalligone * Vom Angenehmen und Schonen. Erster Theil. r 8 o o. Herders Werke z. Phil. u. Gesch. XV. A X-rtt-Lo-ic. I. Vom Angenehmen der untern Sinne. B. Angenehm, spricht die Urtheilskraft, ist: „was den Sinnen in der Empfindung gefallt." *) A. Gefallen setzt ein Urthcil voraus; ur- thcilt der Sinn in der Empfindung? Also werden wir wieder rückwärts gehen und sagen müssen: unfern Sinnen gefallt, was ihnen angenehm ist, «der wir müssen ein schicklicher Wort wählen. ") S. 7. Sie rügt dabei „eine ganz gewöhnliche Verwechselung der doppelten Bedeutung, die das Wort Empfindung haben kann, und erklärt es durch «ine „objektive Vorstellung der Sinne unter dem sonst üblichen Namen Gefühl. Die grüne Farbe der Wiesen gehöre zur objec- tiven Empfindung, die Annehmlichkeit derselben aber zur subjektiven Empfindung, wodurch kein Gegenstand vorgestellt wird." Eine Benennung, die vom Sprachgebrauch wie von der Natur abweicht. Objektive Empfindung sagt niemand, denn jede Empfindung ist subjektiv, d.i. im Empfindenden, nicht im Object; es sei) grüne Farbe, die gewiß nur in meinem Auge ist, oder sonst etwas. Lbjective Empfindungen find A 2 C. Kein schicklicheres, als das Watt angenehm selbst. Angenehm ist, was unser Sinn gern annimmt, was ihm genehm, d. i. angemessen ist, was er im Empfangen genehmigt. Unangcn.hm, was ihm widert, was, seiner Organisation nicht gemäß, ihn stöhrt oder zcrstöhrt. A. Getrauen wir uns, dies von jedem Sinn zu behaupten? E. Von Jedem. Was sagen alle Ausdrücke des Schmerzes? Er ängstiget, d. i. er verengt unser Dasevn, ec schneidet, er zermalmet. Wir sprechen von einem brennenden, drückenden, quälenden, kochenden Schmerz. In Dante's Hölle, wo die Verdammten so vielfach gepeinigt werden, in jenen Klagen und Verwünschungen, die in Trauerspielen ertönen; alles spricht von einem zerreisfenden, beklemmenden, das freie und fröhliche Daseyn anfeindende n Zustande. A. Dagegen angeneh m ist — E. Was unser Daseyn erweitert, frei macht, erfreuet. Die Dichter des Paradieses, die Schilde- rer jedes Elysiums, was geben sie uns zu sühlcn? Angenehme Lüfte wehen die Seligen an; ihr elastisches Daseyn, ungekrankt, unbeängstigt, lebet und webt froh und frei. keine Empfindungen, aber auch keine subjektive sind ohne Object möglich. Denn empfinden heißt, etwas sich innig anfinden, den Fund sich zueianen; dies setzt immer ein Object, dasich finde (und wäre es in mir selbst etwas), zum Grunde. und Schönen. 6 U. Und diese Beschreibungen fangen imm r so gern von den Aasivi, von ken holden Lüft.n an — C. Sind wir nicht in ein Element gesenkt, das uns so oft feindlich begegnet? aus dem wir zuweilen gar Pest und Tod cinathmcn? Unsre vielver- anderliche atmosphärische Luft ist eine Last, die uns drückt, die uns Krankheiten und Quaal bereitet. Das erste Gefühl, womit ein Kind die Welt begrüßt, in seinem neuen Element ist — Frost und beschwerliches Akhmen: daher seine erste Stimme Weinen. Jedes unangenehme Gefühl, das uns mit Schauder übergießt, ist dem Frost abrlich; dies empfinden wir bei jedem Schrecken, vor jedem Abgrunde einer drohenden Gefahr, bis es etwa die Angst in eine fieberhafte Hitze auflöset. Mit Recht also ist der erste Wunsch unsrer sinnliche» Litanei: „Himmel! bewahre uns vor Schauder und Frost, gib uns milde Lüste." A. Hatte uns aber die Natur umsonst mit diesem schauderhaften Vorgefühl unangenehmer Empfindungen begäbet? E. Gewiß nicht; sie bat uns damit gegen die Anfalle des Unangenehmen selbst gcwaffnct. Schaudernd tritt unser Gefühl auf seinen Mittelpunkt zusammen und ermannet sich; wir rüstcn uns zum Widerstande oder zur Tapferkeit im Ertragen. Beim Abscheu selbst — A. Was nennen wir Abscheu? E. Ein Zurücklreten vor dem Widrigsten, vor dem, was uns Untergang drohet. Es ist der mach- I 6 Vom Angenehmen tige Repuls der Natur, der Jedes Lebendige von seinem plötzlichen Verderben zurückscheuchet. U. Jedes Lebendige? C. Jedes Lebendige liebt sein Leben und verabscheut seine Auflösung. Daher die Seyen des flüchtigen Rosses vor dem tobten oder auch nur ächzenden, gequälten Roß. Daher — doch wer könnte aus der ganzen lebenden Schöpfung diese Gefühle des Abscheus, wirksame Stacheln zu Erhaltung des Lebens und Wohlfeyns, hernennen, herzählcn? A. Was sagen wir nun? Gnügt uns die Erklärung des Angenehmen, daß es den Sinnen in der Empfindung gefalle, auch wenn wir von allem Disputat des Urtheils, warum es gefalle, abstän- den? E. So löslich und gefällig hat uns die Natur nicht gehalten, daß unsre gestimmte mächtige Sinnlichkeit blos mit Gefallen und Nichkgefal- len afsicirt werde, und in diesem Traghimmel schwebe. Im Angenehmen und Unangenehmen ziehet und knüpft sie die Bande fester. B. Das holet die Kritik selbst nach. Sie spricht: „das Wohlgefallen am Angenehme» ist mit Interesse verbunden. Daß mein Urtheil über einen Gegenstand, dadurch ich ihn für angenehm erkläre, ein Interesse an demselben aus- drücke, ist daraus s rhon klar, daß es (das U r- thcil) durch Empfindung eine Begierde nach dergleichen Gegenständen rege macht, mithin das Wohlgefallen, nicht das bloße Urtheil über ihn, und Schönen. 7 sondern die Beziehung seiner Existenz auf meinen Zustand, sofern er durch ein solches Object afflcirt wird, voraussetzt. Daher man von dem Angenehmen nicht blos sagt: es gefallt, sondern es vergnüg t." *) E. Und vorher sollte es nur gefallen? Aber was? Gefallen und Vergnügen, Urtheil und Urthcils-Verbindung; das Gefühl der Kalte, das mich ergreift, wartet nicht auf mein Urtheil, bis ichS für unangenehm erkläre. Das Unangenehme, das meine Existenz martert, preßt und aufhebt, ist mit einem Interesse, nicht etwa durch ein beliebiges Urtheil verbunden, sondern betrifft mein isssrs und bans esse, ohne welches das Daseyn selbst Quaal ist. Die Beziehung der „Existenz" des Objects auf meinen Zustand macht nicht meine Marter; sondern seine Einwirkung auf mich, die ich empfinde. Das Angenehme vergnügt nicht nur, sondern das Innigst - Angenehme erweitert, kräftigt, stärkt mein Daseyn; das innigst angenehme ist mein lebendiges gefühltes Daseyn selbst. A. Wir bedürfen also auch keines andern Grundes der Lust und des Schmerzes? Etwa eines tranfcendentalen, der im übersinnlichen Substrat der Menschheit läge? C, Könnte es einen andern und tieferen, als die Empfindung meines Daseyns selbst geben? Was, nachdem ich organisict bin, das Gefühl meines Daseyns beangstet, angreift und befeindet, *) S. 7. 8 Vom Angenehmen ist unangenehm; was dagegen es erhalt, fördert, erweitert, kurz, was mit ihm harmonisch ist, das nimmt jeder meiner Sinne gern an, eignet es sich zu und findet es angenehm, gesetzt, daß es auch ein anderweit urtheilender Verstand nicht dafür erklärte. Wir, die wir den Bezirk unsres Verstandes kennen, wie könnten wir die sinnlichste Empfindung unsres Daseyns auf eine Vcrsiandeshandlung bauent als ob jede Weise, wie das Universum uns afficirt, in der Empfindung des Sinnes, ja zuletzt in unscrm Daseyn selbst blos und allein ein logisches Pradica- mcnt wäre! — B. Nicht völlig also. Die Kritik spricht: ,,Es ist nicht ein bloßer Beifall, den ich dem Angenehmen widme, sondern Neigung wird dadurch erzeugt, und zu dem , was aufdie lebhafteste Art angenehm ist, gehört sogar kein Unheil über die Beschaffenheit des Objects, daß diejenigen, so immer nur aufs Genießen ausgehen, sich gern alles Urtheilcns überheben." E. Dank also der Kritik, daß sic wenigstens den Genießern eine Empfindung an sich erlaubet. Da aber nicht bestimmt werden kann, wo die lebhafteste Art der Empfindung, die unabhängig vom Urthcil seyn soll, anfangt oder aufhört: so wollen wir uns alle zu diesen Genießern zahlen, und Wohl seyn, Heil, Gesundheit, als den Grund und Zweck der Existenz jedes Lebendigen behaupten , wie tief auch die Kritik das unschuldige, ') S> 7. und Schonen. S den Griechen so licde Wort Eudämonie hinun- tergesetzt hoben möge. Wohlseyn begehren wir alle, und angenehm ist, was dies Wohlseyn in jeder Art fordert. A. Da die Kritik also keinen Grund des Gefallens am Angenehmen giebt, außer daß sie es durch ein Urtheil mit einem Interesse verbinden läßt: so, dünkt mich, gingen wir auf unserm Wege fort, und erforschten den Grund des Angenehmen mehrerer Sinne. Dem Gefühl lag Wohlseyn zum Grunde» zu Erhaltung unseres körperlichen Daseyns, was für Sinne gab uns die Natur ? B. Geruch und Geschmack. Der Geschmack prüft die Speise; der Geruch prüft, che die Zunge kostet. Nicht mir die Beyspiele der Thiere, die bey- de Sinne vereinigt gebrauchen, die Beyspiele aller Volker, die in der Natur und der Natur gemäß leben , bezeugen dies; noch mehr bezeugst's die Erfahrung der Unglücklichen, die Hülf- und Nahrunglos in ein unbekanntes Land, auf eine wüste Insel geworfen wurden. Wie furchtsam prüften und kosteten die! oft mußten sie di; Unerfahrenheit ihrer in der bürgerlichen Gesellschaft stumpfgcwordnen oder verwohnten Sinne mit Uebclkcit, Schmerzen, ja mit dem Leben selbst büßen. A. Wie nennen wir die heftige Empfindung, die uns mittelst dieser Sinne für Uebel, Krankheit und dem Tode bewahret? B. Widerung, Ekel. Bey feinen Organisationen wirkt Ekel so stark und unaufhaltsam, daß bloß Las Nennen oder Schreiben eines Namens, der Vom Angenehmen rei Anblick einer Farbe dazu empöret. Und wie gewaltsam ist die Wirkung des Ekels, das Erbrechen! Die ganze körperliche Natur ringt, hinwegzustoßcn, was nicht zu ihr gehöret. A. Beym Sinn des Gefühls bemerkten wir gegen das Widrige Grausen, Schauder, Abscheu; wirken diese oder der Ekel starker? V- Ihr Zweck ist verschieden ; jene stoßen uns in uns zurück; dieser soll ein verderbliches Ucbel von uns entfernen. Seine Empfindung des Unan- nehmlichcn ist also mit einem unsrer Natur unentbehrlichen heilsamen Streben verbunden. Insonderheit der Geruch, unser Wächter, er wirkt oft durch die wunderbarsten Antipaihiccn, bis zu den schreckhaftesten Zufallen, in die Ferne, in das Verborgne, seinem Feinde unversöhnlich. Mit Recht nennet unsre Sprache den Zustand, den er hervocbringt, Ue- belkeit, Widrung. E. Zn jeder Darstellung bleibt er widrig. Schauder, Grausen, Abscheu können Dichter in ihre Gc- mahlde mischen, selbst theatralische Dichter dürfen sie mit Vorsicht gebrauchen. Verschlossen aber ist die Pforte der schönen Künste dem Ekel. Seine Darstellung wird, wenn sie nicht wirkt, lächerlich; wenn sie wirket, widrig. A. Also gab uns die Natur auch in Absicht des Geziemenden und Anständigen das Gefühl des Ekels wohl nicht umsonst? E. Gewiß nicht. Auch für andre sollen wir lernen, das Widrige und Ekelhafte vermeiden, da seine Folgen so unhinterkreiblich, seine Wirkungen ansteckend sind. Wir kennen Ekel erregen, aber nicht dämpfe» ; der Einbildungskraft bleibt er oft unaustilgbar. Allenthalben sehen wir's also als den ersten Schritt zur Eultur an, daß ein Mensch, eine Gesellschaft, eine Hausgenoffenschaft, eine Nation das Ekelhafte vermeidet. A. Und welches wäre das Erste dieser Art? Hatte die Natur uns darinn einen Weg gewiesen? B. Ohne Zweifel. Was sie selbst von unserm Körper absondert, zeiget sie damit als unbrauchbar, mir ihm ferner unverträglich. Ein Mensch, der, worinn cs auch sei), seinen Unrath an sich trägt, der ihn auch nur nennet, ist andern Menschen zum Ekel- So manche falsche Ziererey die feinere Sprache der Gesellschaft sich eigen gemacht haben möge; die Vorsicht ist nie Ziererei, die durch Worte und Bilder unfern Geruch zu beleidigen fürchtet. Höchst anständig ist's, wenn sich eine Sprache in dergleichen Ausdrücken gleichsam gewaschen und polirl hat. Manche morgcnländische, manche sogenannt wilde Nationen übertrcffen uns in diesem Euphemismus weit: sie errötheten oft über Fragen und Scherze der Europäer, die sic dann für Ungewaschene, Ungcbadcte> für unreine Thicre hielten. A. Wie aber? wenn eine höhere Pflicht es federt, sich dieses zarten Gefühls zu entwöhnen? E. Sobald diese es fodert, wird ihm Mann und Weib entsagen können; im Gefühl des Hel- dcnmuths, der Liebe und Andacht bezwangen die zartesten Weiber das Widrige am kühnsten. Nicht ge- 12 Dom Angenehmen be dies aber dem Ekel einen Freyheitsbricf und eine Ruhestätte in der Gesellschaft. Wo Kerker und Krankenhäuser, wo Straßen und Gaffen, Hauser, Schulen und Tempel Wohnungen des Ekels sind, wo bleibt Staaken und Städten der Name nicht etwa einer cultivirten, sondern nur einer aus Unrat!) und ansteckenden Dünsten hervorgctretcnen Menschheit? Zarte Organisationen, Schwangere zumal, können sich dieser Eindrücke nicht erwehren, die sich sodann in angebohrnen MiSgefühlen, in Jdiosynkrasieen, oder gar in unseligen Abdrücken auf Ungebohrne verbreiten. Und gab' uns die Natur dagegen nicht allenthalben einen unkostbaren Balsam? Reines Wasser, frische Luft, freien und reinen Athem. Wer darf diese, eine gemeinsame Himmelsgabc, Kranken und Gefangenen entziehen? wer darf sie Kindern, öffentlichen Versammlungen, wer mag sie sich selbst weigern? Labung ist Wasser dem Körper; Erquickung der Seele selbst ist die erfrischende Lust, ein reiner Himmels - Athem. B. Auch hierinn übertrcffen uns manche mor- genlandische Völker, wie ihre Lebenurt und Dichtkunst zeiget. In den Bildern dieser umfließen uns kühle Welle», in ihnen wehen crquickenoe Lüste ; ihre Phantasie wohnt, wie eine Pcri, auf den Zweigen der Baume, wo sie vom Blumcndust und der Ambrosia reiner Früchte lebet. Fast immer haben geistige Menschen angenehme Gerüche gelicbet; der Athem einer Frucht erquickt sic mehr, als andre das Zermalmen derselben zur Speise. Im eigentlichen Sinn kosteten sie den .Wein des Lebens in seiner Frische, nicht in seiner Neige. Dem Geruch ent- lehnten die scharfsinnigsten Nationen ihre Bilder von der Saqacitat des spürenden Kopfs, des reinen Gehirns, des aufstrebenden Muths und Berstendes. E. Dem Geschmack wölken wir indessen seine Ehre auch nicht versagen. Den vornehmen Namen guter Geschmack (buon Aiisto) hakten Spanier und Italianer von den Römern geerdet; fast alle Nationen Europa's sind ihnen in der Benennung, ob alle auch in Erlangung der Sache selbst, gefolget ? Geschmack soll bezeichnen, daß jeder seiner eigene» Empfindung des Angenehmen folge: denn nur ein Geschmackloser wird, wie eine Speise schmeckt, erst aus dem Gemeinsinn des Angenehmen, dem allgemeinen Urtdcil des Tafelpublikums, lernen. Bon einem andern zu vcrnebmen, wie Mir die Speise schmeckt, ob bepm angenehmen auch I c h mich vergnügt habe, ist abgeschmackt und albern. Auch soll das Wort Geschmack uns vom Klügeln zum Genießen, vom Gehirn ans die Zunge führen; durch angenommene Regeln und allgemeingültige Ge- schmacksurtbcile ausmachcn, wie eine Speise schmeckt, giebt ungesalzene Eensurcn. Geschmack endlich soll unser Wächter seyn; Wächter zu Erhaltung unsrer Gesundheit, ein schneller Prüfer dessen, was unS dient und nicht dienet, Lheiler und Geber kräftiger Nahrung; Mittel, nicht Zweck; nicht Herr, sondern Diener. Auch im Geistigen soll uns das Ungenießbare anekeln; nicht sollen wir Stroh kauen und wieder kauen, es aus Gefälligkeit mitspeisen und lobpreisen Nahrung soll unser Geschmack dem Geist zuführen, gesunde Nahrung; saxers au äs. -4 Vom Angenehmen A. Wir wären also darüber Eins, meine Freunde, daß auch Key Lene» Sinnen, die man die gröbsten zu nennen pfleget, ihr Angenehmes ein ihnen h a r m o n i s c h e s G u t e sey, das zur Erhaltung unsres Scyns und Wohlseyns dienet. Das Unange- nebme dagegen sey ein ihnen feindliches, dem Körper unzuträgliches Fremde, gegen welches die Natur eben diese Sinne selbst und die mit ihnen verbundne Empfindungswerkzeuge, zu Wächtern und Abwebrern gesetzt hat. Gesetze der einfachen gesunden Natur führten uns hiebei), ohne daß wir uns durch Misbräuche oder Krankheiten verwöhnter Sinne verwirren ließen. Auch das Sinnlichstan- genchme erschien uns also als eine Mitt Heilung deS Wahren und Guten, sofern cs dieser Sinn fassen konnte; die Empfindung der Lust und Unlust dabey war nichts anders, als eben das Gefühl des Wahren und Guten, daß der Zweck deS diencndcn Organs, nämlich die Erhaltung unsres Wohlseyns, die Abwehrung unsres Schadens erreicht sei). Spricht die Kritss anders? B. Anders. Sie unterscheidet „drey specifische Arten des Wohlgefallens , das Angenehme, Schöne und Gute. Dies seyn drey verschiedene Verhältnisse der Vorstellungen zum Gcsübl der Lust und Unlust, in Beziehung, auf welches wir Gegenstände oder Vorstellungen von einander unterscheiden. Was das Interesse der Neigung bcym Angenehmen betrifft, so sagt Jedermann: Hunger ist der beste Koch, und Leuten von gesundem Appetit schmeckt Alles, was nur eßbar ist; mithin beweiset ein solches Wohlgefallen keine Wahl nach und Schönen. i2 Geschmack. Nur wenn das Bedürfnis befriedigt ist, kann man unterscheide», wer unter vielen Geschmack habe oder nicht."*) E. Ein Geschmack nach befriedigtem Bedürfnis ist Leckerey; dagegen ein Geschmack, der jedes Genießbare mit dem ihm gebührenden Appetit kostet und unterscheidet, ein unverdorbener reiner Geschmack heißt, der beste Koch für die Gesundheit. Möge die Kritik ihre drei, speci fisch vcrschiedne Vorstellungsarten siebenfach unterscheiden; böse für sie, wenn ihr Schönes nicht angenehm und ihr Gutes nicht schön ist. **) *) Kritik. S. ich. 16. ") Daß mit den Worten, „angenehm, schön und gut", in der Sprache verschiedene Begriffe bezeichnet werden, daran zweifelt niemand. Eine unangenehme Lrzncy kann sehr gut seyn, wie die schönste Ruthe dem muthwilligen Kinde nie angenehm ist. Daß vieles, was uns schön dünkt, nicht gut sey, darüber gewährt von jenem Baum des Erkenntnisses an die Geschichte der Menschheit traurige Erweise. Daß aber, da unsre Natur in allen ihren Begriffen und Gefühlen Eine Natur ist, die denkt und begreift, die empfindet, will und begehrt, diese verwandten Begriffe auch an einander grenzen müssen, und wie sie grenzen? wie sie zu scheiden oder zu verbinden seyn? das ist die Frage. Bloße Gegensätze lösen das Räthsel nicht auf; noch weniger willkührlich gesetzte Wortschranken. Das kalte Gefallen z. B gnüget der echten Schönheit nicht; so wenig, als dem wahren Guten die bloße Scha- Dom Angenehmen r6 B. „Angenehm heißt Jemanden das, was ihn vergnügt; schön, was ihm b los gefallt; gut was geschätzt, d. i. worinn von ihm ein objec- livec Werth gesetzt wird" spricht die Kritik. E. Um so schlimmer für die Kritik, wenn, nach diesem Wortspiel, was sie vergnügt, ihr nicht gefallt, und was ihr gefallt, sie nicht ver- gnü gt; wenn was ihr gefällt und sie vergnügt, von ihr nicht geschätzt, d. i. ihrem Object kein Werth gegeben wird und wenn was sie schätzt, d. j. dem sie einen Werth giebt, weder vergnügen noch auch blos gefallen kann. Ende! tzung und Werthachtung. Dieses will auch begehrt, das Schöne auch erkannt und geliebt seyn; das Angenehme endlich oder Annehmliche, das W oh l g e fä l l i g c, Erfreuen- d e, V e r g n ü g e nd e, Beseligende liegt allen zum Grunde. Der Zweck unsers Daseyns ist Wohl- sevn; wie es erreicht, wie es beschränkt, wie seine verschiedenen Zweige einander untergeordnet werden, das ist die Aufgabe, leichter oder schwerer (nachdem man's angreist) in der Theorie, als in der Uebung. H. - n. Vom Angenehmen in Gestalten. „Analytik des Schönen nach drey Momenten des Geschmacksurtheils."*) „Erstes Moment des Geschmacksurtheils, der Qualität nach. Aus ihm folgt die Erklärung des Schönen: Geschmack ist das Bcurtheilungs- vermögcn eines Gegenstandes oder einer Vorstellungs- art durch ein Wohlgefallen oder Mißfallen ohne alles Interesse. Der Gegenstand eines solchen Wohlgefallens heißt schön."**) „Zweytcs Moment des Geschmacksurtheils, nämlich seiner Quantität nach. Das Schöne ist das, was ohne Begriffe als Objekt eines allgemeinen Wohlgefallens vocgestellt wird.***) Hieraus folgt die zweytc Erklärung des Schönen der Quantität nach : ^ chön ist, was ohne Begriffallgemein gefällt. " -f) „Drittes Moment der GeschmackSurtheile nach der Relation der Zwecke, welche in ihnen ") Kritik S. 3. **) G. 16 . ***) S. » 7 . -f) S. 32. Herders Werke j. Phil» u> Gesch. XV. B ,8 Vom Angenehmen (den Geschmacksurtheilen) in Betrachtung gezogen werden. Aus diesem dritten Moment folgt die dritte Erklärung dcS Schönen: Schönheit ist Form der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes, sofern sie ohne Vorstellung eines Zwecks an ihm wahrgcnommen wird." *) „Viertes Moment des Geschmacksurtheils nach der Modalität des Wohlgefallens an den Gegenständen. Schön ist, was ohne Begriff, als Gegenstand eines nvth wendigen Wohlgefallens erkannt wird. " E. Sie scherzen. B. Lesen Sie selbst. E. So wünschte ich zu erfahren, was hier Moment heiße? Ists Punkt der Neigung oder Bewegung, in dem etwas schön ist? Oder ists Augenblick der Betrachtung, in dem ich das Schöne erkenne? warum sodann vier Momente? Oder (da die Kritik gern mathematisch spricht) , ist Moment das Product der Schwere der Schönheit in die Geschwindigkeit, mit welcher sie sich beweget? Oder — B. Die Kritik spricht: „Das Geschmacksur- thcil ist ästhetisch. Die Definition des Geschmacks, welche hier zum Grunde gelegt wird, ist: daß er das Vermögen der Beurtheilung des Schönen s e y."**) E. Also kostet mein Geschmack, aber nur, um urlheilen zu können ? nicht zu genießen, mich zu la- *) S. 6o. *') S. 3. Note und Schönen. rZ bcn, zu stärken? Wein an der Parade eines Ge- schmacksurtheils liegt, wer nur schmeckt, um zu ur- theilen, wie nennen wir den ? B. „Die Momente, worauf diese Urtheils- kraft in ihrer Reflexion Acht hat, sind nach Anleitung der logischen Funktionen zu urth eilen aufgesucht: denn im Geschmacksurtheil ist immer noch eine Beziehung auf den Verstand enthalten*) C. Nebel, wenn sie nicht enthalten wäre. Dennoch sagt das zweyte Moment: „schön ist, waS ohne Begriffe gefällt." Das dritte redet von einer „Form der Zweckmäßigkeit ohne Vorstellung eines Zwecks." Das vierte von einem „Erkennen des Gegenstandes eines nothwendigen Wohlgefallens, ohne Begriff;" Urtheile obne Begriff, ohne Vorstellung eines Zwecks der beurtheil- ten Sache wären also kritische Geschmacksurtheile? Uebcrhaupt aber, was sagen alle vier Erklärungen vom Wesen des Schönen? Nichts. Die erste: „schön ist, was ohne Interesse gefallt," ist blvs verneinend; und dabey falsch verneinend: denn nichts kann ohne Interesse gefallen, und die Schönheit hat für den Empfindenden gerade das höchste Interesse. Die zweyte Erklärung sagt mit eben dem innern Widerspruch eben so wenig. „Was ohne Begriffe gefällt," erklärt nichts; daß etwas ohne Begriffe gefallen, ja allgemein gefallen könne, ist wider die Natur und Erfahrung. Ueberdem wie ich, der Em- B - *) S. l». Vom Angenehmen 2 « psindende, wissen könne, daß etwas allgemein gefallt, sagt mir die Erklärung nicht, und daß ich das nur schön finden solle, was allgemein gefallt, daß mein Urtheil Urtheil der Menge sepn müsse, damit cs ein ästhetisches Urtheil werde, erniedrigt di« Schönheit. Das reinste Schöne wird nur von den Wenigsten erkannt und geliebt, wie es geliebt werden will; der große Haufe haftet am Niedrigen, am Gemeinen. Aber auch dieser nicht einmal urtheilt ganz oh ne Begriffe, so grob oder entlehnt sie seyn mögen. A. Und eine „Form der Zweckmäßigkeit, die ich ohne Vorstellung eines Zwecks wahrnehme," ist auch schwer - begreiflich. Wäre sie cs aber auch nicht; das bloße Wahrnehmen einer Form ist nicht Empfindung., die Form des Zweckmäßigen uncmpfundcn ist nicht Schönheit. Alle drei Erklärungen gehen das Wesen der Schönheit gerade vvr- bey , und führen auf weite Abwege. Die vierte endlich, „daß etwas ohne Begriff erkannt, als Gegenstand eines nothwendigen Wohlgefallen- ohne Begriff erkannt werden könne," ist ein hohes Rathsel. E. Wie konnte auch aus logischen Functionen zu urtheilen der Begriff des Schönen aufgesucht, und diese Rücksichten Momente genannt werden? Das Schone und die Schönheit nach Quantität, Qualität und Relation bestimmen, d. i. wagen, messen, visiren und abur- thcilen, entfernt vom ersten Begriff der Schönheit. Nach solchen Principien und Erklärungen würde ich mein Ohr mit dem hart-zusammengesetzten Rainen und Schönen. LI „Geschmacksurtheil aus logischen Functionen" verschont wünschen. B. Damit kann es nicht verschont werden, denn von lauter „Eeschmacksurtheilen, aus logischen Functionen geurcheilt," ist in der Kritik die Rede. „Das Geschmacksurtheil ist ästhetisch. Das Wohlgefallen, welches das Geschmacksurtheil bestimmt, ist ohne alles Interesse. Und doch beruht das Geschmacksurtheil auf Gründen a priori; es ist vom Begriff der Vollkommenheit gänzlich unabhängig u. f." A. Mich dünkt, wir waren gestern auf einem «benern Wege; wie, wenn wir dahin ruhig zurückkehrten? Wir sahen, daß auch bey den dunkelsten Sinnen unser Gefühl von Lust und Unlust auf etwas sehr Wesentlichem, aus der Erhaltung unsres Seynsund Wohlseyns ruhe, daß der fühlende Sinn selbst nichts anders sey, als eine Macht, das ihm Harmonische sich mit einer Empfindung dieser Harmonie, d. i. des Genusses anzueig- nen; dagegen das Feindliche kräftig von sich zu entfernen. Wir sahen, daß zu Ausübung der letztgenannten Energie die Natur uns, nach Beschaffenheit des Sinnes, mit einer weckenden Vorahnung begabt habe, und daß auf dem regen Spiel dieser Kräfte das Wohlbefinden unserer Sinnlichkeit, die Eudämonie der Gesundheit beruhe. Wollten wir nicht mit gleich ruhigem Schritt zur Region der feineren Sinne hinaufstcigcn'? Also dann. Gewiß waren wir von der Natur stiefmütterlich-karg auSgestattete Wesen, wenn unz unsre Sinnen und Triebe blos auf die thie rische 22 / Vom Angenehmen Erhaltung unsres JchS einkchränkten. Am Universum nähmen wir sodann keinen weitern Antheil, als sofern >s auf unser lcidcntlichcs Gefühl wirkte, und annehmlich oder unangenehm unserm Körper sich mit- theilte. Der Maulwurf und die Auster, wofern sie durch Licht und Schall am Unermeßlichen Thcil nehmen , wären reicher begabet. Die Natur gab uns umfassendere Sinne, Gesicht und Gehör. E. Vergessen wir den Sinn des tastenden Gefühls nicht! der in dem, was er uns giebt, mit Unrecht zu den gröberen Sinnen gezählt wird. Nicht blos als Helfer und Prüfer stehet er dem Gesicht und Gehör Key; jenem giebt er sogar seine festesten Grundbegriffe, ohne welche das Auge nur -F lachen, Umrisse und Farben wahr- nahmc. A. Das hat uns Berkeley gelehrt,*) und die seitdem gemachten Erfahrungen mit Blindgebor- nen haben seine Theorie bestätigt. Gabe nicht also vielleicht auch das tastende Gefühl mit Wohlgefallen des inneren Sinnes, uns Begriffe vom Schönen f Die blos.leidcntlichen Unannehmlichkeiten des Scharfen, Spitzigen, Rauhen u. f., setzen wir da- *) Lcrleele)- ou ilio priuoiples ok human lrnov- lechgs und seine uev rlicor^ ok Vision. 6. Ver- leeleg-'s vorles Vol. I. I,omk. 178 >. Oilleror lettres sur los aveugles und die über Blindge- borne und Sehendgewordne von Chcselden gemachten Bemerkungen in Smith- Kästners Optik, P r i e s t l e y - KI üg e ls Geschichte der Optik u. f. und Schönen. 2Ä bev zum Grunde; sie gehören dem gröberen, dem sich bewahrenden Gefühl, also nicht hieher, wo unser Zweck auf feinere Begriffe ausgcht. Lassen Si» uns zu dem Ende Gesicht und Gefühl verbinden, und Jenes auf Dieses zurückführen. Das tastende Gefühl, wie nimmts eine Linie wahr? C. Als das Ende einer Flache, die Flache als das Ende eines Körpers. Auch die subtilste Mathematik betrachtet Linien und Flachen nicht anders. Der blinde Saunderson konnte die ganze Geometrie lehren, indem er in ihr von der Körperlehre, der Stereometrie, ausging. A. Welches wäre nun die Linie der Festigkeit, auch dem tastenden Gefühl der Körper? C. Die gerade Linie. Horizontal und vertikal tragt sie, und stützt aufs gewisseste, aufs stärkste. Nichts beleidigt das Gesicht und Gefühl mehr, als ein Hangender Balke, der gerade liegen, eine schiefe Säule, die gerade stehen, eine krumme Schwelle, auf die man treten soll. Jene drohen zu fallen und zu erschlagen; über diese fällt man. A. Ein zackichtes Lineal, ists dem Gesicht und Finger angenehm? C. Weder jenem noch diesem, weil es dem Begriff dessen widerspricht, was Auge und Gefühl hinauf- und hinabglcitcnd erwarten. A. Erhöhen wir diese Linien und Flächen der sichern Festigkeit zum Körper; welcher wird cs? C. Ein Würfel. In ihm sind alle sechs Sei- 24 Wem Angenehmen ten einander gleich: er liegt oder steht, hält und trägt auf jeder Basis gleich fest, unbeweglich. A. Erweitern wir das körperliche Viereck zum Rectangul; was sagt uns der Körper? E. Er fragt: „warum ist meine Lange grösser, als meine Breite ? was soll ich tragen ? Würde Eine meiner Nebenseikcn zur Basis; wozu wäre, was träge ich dann ? " A. Also ist dies körperliche Viereck auch dem tastenden Gefühl weniger in sich vollendet, als jener sich selbst entsprechende Würfel? E. Er hat allerdings über seine Gestalt eine weitere Auskunft nvthig. Noch mehr alle unregelmäßige Figuren. A. Bauen wir den Würfel in die Höhe — E. Er wird ein Rectangul, so hoch er geführt werde; seine Basis der Festigkeit bleibt ihm. A. Führen wir ihn zur Spitze auf seiner Basis - C. Es wird das Gebäude der höchsten Festigkeit, die ewige Pyramide. So lange ihre Grundfläche dauert, ruhet jeder Stein über ihr bis zum obersten Schlussstein unbeweglich. A. So auch die Pyramide auf der halben Basis des Würfels? so auch das Prisma? C. Nach Verhältnissen ihrer Grundfläche und Höhe. Gerade Linien können dem Gefühl keine andern Begriffe, als der Festigkeit und Sicherheit gehen , nach den Verhältnissen, in denen sie Körper begrenzen. und Schönen. 2.5 A. Nehmen wir aber statt der geraden die krumme Linie, deren kein Lheil einem Ehest Jener gleich ist, den Cirkel z. B., und enveitern ihn körperlich zur Kugel; was sagt die Kugel dem lastenden Gefühl, wie dem Auge? C. Bewegung. Nur auf Einem Punkt ruhet sie, immer zum Umkreisen bereit, immer im Lauf. Alle Radien streben in ihr zum Mittelpunkt; mit sich selbst umschlossen, ist sie ein Körper der regelmäßigsten Fülle, geschickt zur gleichmäßigste» Bewegung. A. Eine Kugel, auf einem Würfel ruhend, ist also wohl ein sehr ausdrückendcS Bild? E. Der Würfel ein Bild der höchsten Festigkeit, die Kugel ein leibhaftes Symbol der leichtesten gleichmäßigsten Bewegung; beydc die regelmäßigsten, in sich beschlossensten Körper. A. Erhöhen wir, wie dort die Basis des Vierecks zur Pyramide, so hier die Kugel zur Spitze des Kegels. E. Aum Stande des Kegels muß ich ihr die Linie der Festigkeit, eine flache Basis geben; abstra- chirt von dieser, behalt sie ihren Charakter. Sie eilt in der schnellsten Schwingung, wie die Flamme, zu einer Spitze hinauf. Ihr Charakter war und bleibt also Bewegung. Es giebt in der Natur kein ausdrückendercs Bild derselben, als die Flamme , die zur Spitze hinauf eilet. Auch haben die zeichnenden Künste das Bild, selbst wo cs nicht hingehörte, angewandt und dadurch die aufm allen- -6 W om Ang e ne h m e n de Bewegung in ihren Darstellungen zuweilen sogar übertrieben. *) A. Also werden wir allenthalben in der Natur, *) kt Gerölld in gnesto looo onlle molto n ^iro- xosito NN xreoetto cli llliollel Lngelo, non Issoiero 61 nekerirlo sein^Iioeniente, Isscinn- äo pol I'intei-pietnrione e I'intelÜAenrn cli essn nl ^>rn6ente lettoio. Ilice^i sünngno olle llliollel ilngelo clieäe nun voltn c^nesto nvventiinento ll IVlnroo 6n 8ienn pittore sno äisoepolo, olle äovesse sempre kn re ln klgnrn 1 rsIN 1 6 21e, serpentinnts ernolti^IicstLpernno, cloe s trd. kt in c^nesto precetto pnnni olle oonsists tnt- to il seoroto 6e ln ^ittnrs. Iinxeroolle ln nniggior tzrnrin e leg^inäris olle xossn llnver nnn lignrs e, olle inostri 6e >n o V e r s 1, 11 olle olliunnino 1 ^ittoii knr in 6e In liAnrn. kt pur rspxiesentnre c^uesto in o t o non vi e koinnn pin ncoonioclnts, olle Duells cl e ln lisinmg clel looo, Ingnnle, «eoon6o olle üicono ilristotels e tntti i kilosoii, e ele- mento piu sttino 61 tntti e In Io rinn <1 e In « n -> kinminn e piu nttn nl inoto 6^1 tutte. kerolle lln II oono e In pnnts ncntn, con Inc^unle ^nr olle votzlin roinper 1' nrin e nscencler n In snn 5lern. 81 olle innnäo ln lignrn llnvrn c^nestn lorinn, snrll llelissirnn. U. f. tllonisrro Irnttnto dell' i^ote äelln kittnrn, Zcoltur» e Urollitetturn. k^. I, L, I. 22, -2«-: und Schönen. 27 wo diese aufwallende emporsieigende Bewegung sich zeigt, auch diese Linie finden? E. Allenthalben, nur nach dem Maas der Bewegung, nach der Beschaffenheit der Körper und Elemente verändert. Auch der Rauch, die Dünste, stci» gen also auf. So die Wellen des im Sturm kochenden McereS; so in sanfteren Umrissen der Kelch der Blume, so die Knospe, so die schönste Knospe, die Rose — A. Und diese aufsteigende Bewegung ist jedermann verständlich? E. Sehr verständlich in allen Gestalten. Wie man weiß, daß die Spitze sticht, das Eckichte stößt, das rauhe reibt, der Keil spaltet: eben so begreift sich das Sanftaufstcigende und Mederfliessende, das svelto. A. Für eine schöne Sache, ein schöner Name. 8ve1tc> ist gleichsam sveZIiato, aus der Ruhe geweckt, aufstrebend; wogegen die gerade Linie fest und starr, aber sicher stehet oder lieget. Alle Linien der Schönheit werden sich also zwischen der Kreis- und geraden Linie finden, und jede in dem Maas, als sie an Festigkeit oder an Bewegung Theil nimmt, auch jener oder dieser sich nähern ? E. Jede. Um je mehr sich die Linie der geraden nähert, um so standhafter und schwerer wird sic; je leichter sie sich schwingt und forlschwingt, desto ausdrückender wird sie für Bewegung. Vorausgesetzt, daß sie nicht als bloßes Spielwcrk allein, sondern als Natur der Sache an Körpern oder Figuren erscheine- 28 Dom Angenehmen Indessen auch als Spielwcek verlaugnct sie ihren Charakter nicht, wie alle wohlgewahltc Verzierungen zeigen. Die schönen Arabesken Raphaels und der Alten, selbst die Verzierungen der Kunst, die mit Zicrathen am sparsamsten seyn muß, der Baukunst zeigen dieß in den schönsten Erweisen. A. Man schrieb und sprach einmal viel von der Schlangenlinie, als der Linie der Schönheit. E. Der Name ist unbestimmt, weil er nicht sagt, in welcher Richtung und mit welcher Biegung die Linie sich schwingen soll, ob einförmig oder abweichend. Anders schlangelt sich die Schlange auf ihrem geraden Gange; anders wenn sie sich hebt, anders wenn sie Ringe flicht u. f. Allgemein aber kann der Name nichts auSdrücken, als eine sanfte oder stacker fortschießende, endlich eine heftige Bewegung. *) Warum soll ich mir aber bey Allem, *) Schon Michel- Angelo Lachte an die llguva serpontinata, die er aber mit der xirainiäale, dem cono, der kiainina elel koco verband. Patent untersuchte die Linie der körperlichen Schönheit, cte8 conto,>r8 cle^ans, äos inslexion» äonoes et lento- mathematisch, es war nicht fein, daß man ihn, der viele Gegner hatte, durch Spott abschreckte. Zu unsrer lIeit brachte Ho- garth, der nichts minder, als ein Mahler der Schönheit war, die Wellen - und Schlangenlinie, als den Contour des Reizes und der Schönheit in Bewegung, über dessen Zergliederung de« Schönen (übersetzt, Berlin i7bi».) der Anhang und Schönen. 29 waS sich sanft wendet und windet, was sich liebt und aufsteigt, oder senkt und niedcrstießt, bey Verjüngungen an Stengel und Stamm, an Äesten und Baum, bey Convolveln, Knospen, Kelchen, Blattern und Früchten immer nur die Schlange denken? Unzählige Biegungen von der Spirallinie und Conchoi- de an, alle Undulationen hindurch, sind nach Beschaffenheit des Zwecks der Bewegung den vcrschied- nen Gestalten der Natur aus eine so eigne Art zu- gemcssen, daß jede nur an ihrem Körper bedeutet, was sie bedeuten soll. Keine Biegung, die zwischen dem Eirkel und der geraden Linie liegt, möchte ich ihres größeren oder kleineren Antheils am Ausdruck schöner Bewegung berauben. A. Also gäbe es keine eigentliche Linie des Reizes? C. Wenn dies Wort die Charis der Griechen, die veurwtas der Römer bedeuten soll, so hat man, dünkt mich, den Namen der zartesten Bewegung hier gemißbcaucht. Eine Linie drückt so wenig jeden Reiz jeder lebendigen Bewegung aus, so wenig sich die Charis in zwei Gestalten und Bewegungen gleich offenbaret. A. Bleiben wir also bey unfern bestimmten Körpern. Da wir Einen Körper der höchsten F e - stigkeit, den Würfel, Einen der vielseitigsten Beweglichkeit, die Kugel fanden; wie? wenn zu Hagedorn« Betrachtungen über die Mahle- rey (Lcipz. 176a.) LH. 2. S. 79b. eben so bescheiden, ol« gründlich urtheilt. beyde sich einander nähern, und gleichsam verschmelze werden sollen, so daß jener von seiner festen Unbeweglichkeit, dieser von seiner leichten Allbcweglichkeit gleichviel aufgebe; was wird werden? E. Ein Oval in einer sanften Ellipse. Es hat Beweglichkeit, aber nicht nach allen Seiten gleich, wie die Kugel; nicht in Einer einzigen Richtung, wie die Walze. Das Ei walzt sich und ruht, ein mit sich selbst beschlossener Raum, geweitet gleichsam zu einer stillen Entwicklung. Seine längere Axe ist die Linie seiner Festigkeit, die kürzere sein Diameter der Bewegung, die schönsten Proportionen sind in ihm dem Auge sichtbar, der tastenden Hand begreiflich. A. Wollen wir von zwey gegebnen Punkten einen Bogen aufführen, der sich selbst halt und traget, was wird? E. Eine Cykloide; je leichter sie sich halt, desto schöner. Aufgethürmt wird sie eben so schwer anzuschen, als gefährlicher und unsichrer zu ihrem Zweck, den sie bei wachsender Aufthürmung kaum mehr erreichet. A. Von zwey gegebnen Punkten lassen wir einen Körper hinunkerfließen, der sich selbst trage, was wird er? E. Eine Eykloide. Zerrt man die in sich selbst schwebende Blumenkette, so zerreißt sie, oder macht eine spitze unangenehme Gestalt. A. Wie die Gestalt in Ruhe, so in der Bewegung. Schlagt man ein gespanntes Seil, was erfolgt ? C. Eine Well« Schwingungen, an Gestalt und Schnelle nach Verhältnissen der Dicke und Spannung des Seils und nach der Kraft des Schlages verfehle, den. Aber die Wellen legen sich, die Schwingungen ermatten, bis im sanftesten Ueberqange das Seil in sich selbst zurücklritt, und lose gespannt in der ihm eigenthümlichen Schwere zur Nuhe sinket. A. Schwingen wir das Seil — C. Es erfolgt ein Gleiches, ebenfalls in zusammengesetztem Verhaltniß. A. Lassen wir die Linie der Festigkeit selbst, einen geraden Körper, einen Stecken, ein Lineal schweben , was suchen wir in ihm? C. Seinen Schwerpunkt, damit er von beyden Seiten gleich schwebe. Ist der Körper regelmäßig und von beyden Seiten gleich, so finden wir den Schwerpunkt in seiner Mitte; zu beyden Seiten wiegen sich seine beyden Arme gleichförmig. A. Wie nennen wir diese Wohlordnung einer Mitte zu ihren beyden Seiten? C. Symmetrie. Wir suchen sie bey jeder Breite und finden sie mit Vergnügen. Die ganze Eurythmie der Bankunst ist auf sie gebauet; in allen Gestalten der Natur, in denen ein Mittelpunkt oder eine Mitlelgestalt ist, ist sie die Herrscherin, die auf beyde Seiten hinausordnet. A. Diese zu finden, allenthalben zu finden, gewährt uns Vergnügen? C. Auch der Blinde sucht und findet sie und genießt ihrer, wenn ihm gleich der schnelle Ueberblick 32 Vom Angenehmen des Auges fehlet; seine Wohlgestalt, eine auf sich selbst gegründete Konsistenz der Wesen ertastet er sich langsamer, ruhiger, aber vielleicht sichrer, fester. A. Sammlen wir diese Grundbegriffe, was für ein Resultat geben sic? C. Das einfachste, das wir denken können: denn die Natur handelt in Allem sehr einfach. Wohlgestalt, gefällige Form der Körper ist eine Verbindung ihrer Theile zu einem Ganzen, zu dem Ganzen, das dieser Körper seyn soll, sofern sie unseren tastenden Gefühl oder nnserm Auge, das dem Finger unendlich zarter nachtastct, ein sanftes Gefühl ihrer Ein - und Zusammenstimmung geben. Wohlgestalt ist uns eine gefällige Fassung und Zusammenordnung der Theile eines Körpers zu seinem Ganzen. Da nun aus glühe und Bewegung die Harmonie der Natur zusammengesetzt ist: denn der Körper soll i n sich bestehen, und die ihn constiruirenden Kräfte sollen aus sich wirken: so kann man ihn wie im Streit der Elemente empfangen, nachdem sich diese friedlich geschieden und in Biegungen umgrenzet, in seiner Bestandheit gleichsam aus Ruhe und Bewegung zusammengesetzt denken. Je naher der geraden Linie, desto mehr bezeichnet seine Gestalt Festigkeit; je biegungsrcicher oder gebogner seine Formen, desto mehr, auf- oder abschwingend, sind sie Ausdruck seiner Bewegbarkeit. Da aber auch diese nicht ohne Mittelpunkt, ohne Achse oder Brennpunkt seyn können, so ordnet sich die Eurythmi e der so verschieden gestalteten Körper nach dem Umfange , und Schöllen, 33 fange, dem Mittelpunkt und dem Maus ihrer Kräfte. Den Inbegriff ciller Linie», sowohl der Festigkeit, cils der Bewegungen, macht uns der Kreis, die Kugel sichtbar; in ihr kann alles bezeichnet und zur Anschauung gebracht werden: Ruhe in ihrem Mittelpunkt, Bewegung in ihrem Umkreise, in ihren Ausschnitten und Beugungen, jede Art, jeder Grad der Bewegung, Festigkeit in ihrcln Durchmesser, >>, jedem auf ihren Mittelpunkt gestützte» Winkel, Keine Linie, keine Gestalt und Umgränzung der Natur ist ein willkührliches Spiel; an Körpern ist siedeln tastenden Sinn sogar, reeller Ausdruck ihres WeseNs, ihres S epN S, zusammengesetzt aus Solidität und auS Kräften, in Rücksicht auf R u h e und Bcwcgu n g. A. Alch wird's bey allen Gestalten auch ein Maximum ihres Dasepns - einen Punkt ihrer Vollkommenheit geben? C. Bey jedem Thcil jedes Ganzen sogar gibt's ein Maximum seiner Art, Wo Regeln einander einschrank.n, so daß, was nach Einer Regel zunimmt- nach einer andern abnehmeN muß, wird immer ein Maximum oder Minimum, nach Rücksicht auf Mittel und Zweck, in Ruhe oder in Bewegung» Die sinnliche Wahrnehmung dieses Maximum in allen dahinstrcbenden Mitteln und Kräften ist das Gefühl der Vollkommenheit eines Dinges, seine Schönheit. B, Das Alles wird UNS die kritische Philosophie nicht zuqebem Das Wohlgefallen ihrer ,,Gc- schmacksurthcile" aus allen Sinnen und Kräften der Herders Werke z. Phil. u. Gesch. XV. E /entt/Kan". 34 Vom Angenehmen menschlichen Natur, geschweige aus diesem ihr gewiß grob scheinenden Organ ist, ,,vhn' alles Interesse, ohn' allen Begriff; vom Begriff der Vollkommenheit ganz unabhängig, Gegenstand eines nothwendi- gcn, allgemeinen Wohlgefallens ohne Vorstellung eines Zwecks am Gegenstände, aus Gründen a. priori." C. Ueber das Leere und sich selbst Widersprechende, über das Gemeine und Gemeinste solcher Geschmacksmomcnte sollte man kaum ein Wort verlieren , da sie blos zum Scherz und im Scherz auf- gestellt scheinen. Eine Sanfte der Gcschmacksurthei- le von vier logischen Funktionen, Quantität, Qualität, Relation und Modalität, die alle ohne Begriff sind, getragen; die Sänfte hat weder Sitz noch Boden, und das Wohlgefallen, die Charis in ihr, auch ohne Begriff und Grund, die weder sitzen noch stehen kann, mußte sich auf die Straße des Gemeinsinnes verlieren. Wenn aber dabey die Träger dieser „Geschmacksurthcile" so zudringend werden, daß, indem sie ein „Schönes ohne Interesse , Begriff und Vorstellung" postuliren, sie ein solches zugleich alsein „allgemeines, noth- wendig es Geschmacksurtheil," ja gar als einen „Gemein sinn" aufdrängen, fordern, gebieten, so weiche jeder einer Philosophie aus, die alle Philosophie aufhebt. Ein allgemein - nothwendigeS Wohlgefallen ohne Begriff und Vorstellung des Zwecks als Basis aller Geschmacksurthcile vorausgesetzt und po- stuliret, macht auch geneigt, ein solches Wohlgefallen ohne Begriff und Vorstellung als subjectiv- nothwendig aufzudrängen und zu zürnen, wenn der Gemeinsinn ihm nicht beystimmt. und Schönen. 35 A. Lassen wir also diese „Kritik des Schönen ohne Begriffe und Vorstellung," und bleiben beym wahren G e m e i n si n n , dem Urtheil aus Gründen: denn der natürliche Verstand, den jene Kritik unter dem Namen des populären Verstandes tief hinabsetzt, vermißt sich nie ohne Gründe zu urthei- len, so oft er sich auch an ihnen betrüge. Einer blindgebohrnen Bäuerin ward die Frage vorgelegt: welcher Tisch schöner, d. i. ihr angenehmer sev, ob der viereckige oder der runde? „Der ovale, antwortete sie: denn daran stößt man sich weniger, als an den Ecken des ändern, an ihm ist alles auch angenehmer beysammen" u. f. Dergleichen Urtheilc über Wohlgestalt und Schicklichkeit der Theile zu einander, über das angenehm - Zweckmäßige der Natur - und Kunstproducte höret man im gemeinen Leben vom gesunden Verstände allenthalben, wenn sich der spielende mit Kriteleyen und Wahnbcgriffen aufhalt. Woher dies? Die Natur hat uns allenthalben mit dem Angenehm -Zweckmäßigen und Zweckmäßig-Angenehmen so reich umgeben, Und beyde in einander so genau verschmelzt, daß nur ein verwöhnter Sinn sie trennen Mag. Wir öffnen z. B. das Auge und sehen den HimMel, was sichet buch der gemeinste Sinn in ihm? E. Ein schönes Gewölbe, so sanft gebogen, die Hobe Zeltdecke so gleichmäßig gespannt und geründet, daß er nicht anders, als mit hciterM Blick Zu ihr hinauf sicht. Sie tragt sich selbst, die erhabne Hemisphäre , am Ende des Horizonts gespannt auf die ewigen Pfeiler der Berge. Beyde Gestalten, der Festigkeit und Schönheit, heben und stützen einander; C 2 26 Vom Angenehmen unter diesem Doch wohnen wir, mit einer Abwechr selung der Nncht und des Tages, über allen Ausdruck erhaben und freundlich. A. Die Luft, wenn in Stoßen, oder in Wirbelungen der Sturm ausgebrauset hat und sie sich sanft zur Ruhe senket; noch webet das Laub, noch schwanken die Gipfel, bis auch sie ermatten, noch horchend gleichsam, ob alles Feindliche schlaft. E. Das Meer, in prächtigen Wellen hob es der Sturm empor; unzahlbar verschieden waren seine Vertiefungen und Wasserbcrge. Der Sturm sank, und in den schönsten Uebergangcn legen sich unter ihm die Wellen zur glatten Fläche nieder. Ein Occ- an schöner Formen in Ruhe und in Bewegung. A. Am Himmel rollen die glanzenden Kugeln hinauf und hinab, Urbilder der sanftesten Bewegung jm Lauf wie in der Gestalt. Und dort steht am Himmel die zurückgeworfene Glorie der Sonne, der farbigflammende Bogen. C. Auf der Erde Linien der Wohlgestalt, an jeder Hervorbringung derselben in Ruhe und in Bewegung. Die spitzen Pfeiler des Himmels rundet die Zeit ab; sanfte Linien fließen von Bergen zu Bergen. Man reiset mit ihnen; das Auge hangt an ihnen und verfolgt sie. Verhaßt wird uns eine zackige Gegend; eine nichtssagende, charakterlose wird uns langweilig. Wo die Natur sich mächtig in Bergen, sanft in Thälern bezeichnet, da stiegt unser Much in kühnem Traum empor, da wohnt im Busen des Thals unsre stille Seele. A. Jm Thale schlangelt sich ein Fluß. Als er und Schönen. 37 vom Felsen herabstürzte, und diese ganze jetzt schöne Vertiefung mit leistenden Fluthen bedeckte, nannte man die Gegend fürchterlich, grausend. Die Wasser sanken : »ach ewigen Regeln der Natur ist des Stromes Bett sanft bereitet. Da schleicht er, lustwandelnd, auS- und ein sich beugend fort, und liebet und küßt die' Gegend. Nach unwandelbaren Gesetzen der Natur sind diese Umwandelungcn erfolgt und erfolgen: wir mögen diese deutlich erkennen oder nicht, ihre Resultate sind uns vor Augen, sie werden von unserm Sinn erkannt, sind unscrm Gefühl harmonisch. ö. Dieser Baum, in seinem Aufstreben gerade, in Aesten und Zweigen so vicla.rtig und doch sich seblst so harmonisch gebogen —> A. Im Bau und Umriß seiner Blätter, Blü- then und Früchte so vielfach und doch sich selbst fo harmonisch. C. Vom höchsten bis zum niedrigsten, vom Palmbaum zum Moose, zum Schimmel zur Flechte. Dürfen wir uns nicht freuen, daß wir in einer Welt der Wohlordnung und Wohlgestalt leben, wo alle Resultate der Naturgesetze in sanften Formen uns gleichsam ein Band der Ruhe und der Bewegung, eine elastisch-wirksame Bestandheit der Dinge, kurz Schönheit, als leib, haften Ausdruck einer körperlichen Vollkommenheit, ihr selbst und unserm Gefühl harmonisch offenbaren? Höchst reell und energisch drängt uns die Natur allenthalben das Wahre und Gute, Realität in Wirksamkeit und Bestandheit, mit ihre.n Gründen und Folgen, mehr 33 Vom Angenehmen oder weniger von uns erkannt, aber erkennbar, selbst auf. Dies füblt unser Sinn; wir genießen die Früchte dieser harmonischen Zusammenordnung; alles Unangenehme und Widrige, alle Leiden machen uns darauf auch wider Willen aufmerkcnd. Der gemcmste Finger versteht, daß eine Spitze steche, eine Scharfe schneide, daß also, wo die Natur dergleichen Glieder der Distel, dem Schwcrdfssch, dem Rachen des Ungeheuers verlieh, sie auch an ihm Werkzeuge seiner Erhaltung durch fortsiofiende oder zermalmende Kräfte seyn sollen, daß sie sich, als solche, die sie sind, reel barste lle» und unscrm Gefühl sehr empfindlich werden. Auf gleiche Weise erkennet der Sinn und in ihm der Verstand das Sanftgehogenc, das mit sich und dem Gefühl Uebcr- einstimmende, das in sich selbst Beschlossene, Umschrankte. Je mehr Ideen der Sinn dem Verstände, in gehörigem Maas, in einer angemessenen Zeit gewähret, je tiefer, reicher, ausgedrücklcr diese Ideen sind, desto schöner erscheint die Gestalt dem Verstände. Unselig wäre das Geschöpf, das in ewiger Disharmonie mit sich selbst und allen Einrichtungen der Natur lebte; es lebte nicht oder schmerzhaft; seine Existenz ist undenkbar. Flach und oberflächlich empfände ein Geschöpf, das in allem Angenehmen ei» D. u a si - N i c h t s empfände. Vor dieser Scheinwelt ebne Begriff und Zweck wollen wir uns wie vor dem Tartarus scheuen, dem Reich der Schatten und Träume. B. Sammle» wir diese Bemerkungen, so ergeben sich daraus folgende Resultate: r. Was empfunden werde» soll, muß Etwas und Schönen. 39 seyn, d. i. eine Bestandheit, ein Wesen, das sich uns äußert; mithin liegt jedem für uns Angenehmen oder Unangenehmen ein Wahres zum Grunde. Empfindung ohne Gegenstand und desselben Begriff ist in der menschlichen Natur ein Widerspruch, also unmöglich. 2 . Das Seyn oder die Bestandheit eines Dinges beruhet auf feinen wirksamen Kräften in einem Eben- und Gleichmaas, mithin auf seiner U m sc h r än ku n g. Bewegung und Ruhe constituiren ihm ein IVlaxiiiruin, und bey mehreren Gliedern oder Rücksichten mehrere Mäxiirm, Exponenten seines Bestandes. Wird diese Eonformation zum dauernden Ganzen uns sinnlich empfindbar, und ist dies gefundkne iVIuxirriurn meinem Gefühl harmonisch, so ist die Bestandheit des Dinges, als eines solchen, uns angenehm; wo nicht, so ists häßlich, fürchterlich, widrig. Die Selbstbestandheit, d. i. das Wohlseyn des Dinges steht also im Verhältnis mit meinem eignen Wohlseyn, freundlich bder feindlich.. 3. Der Punkt seines Bestandes ist eine Mitte zwischen zwey Extremen, gegen welche seine Kräfte sich äußern; daher nun Symmetrie und Eurythmie in Verhältnissen, die vom einfachsten zur künstlichsten Verwicklung hinaufsteigen. Je leichter und harmonischer das Gefühl diese Verhältnisse wahrnimmt und sich aneignet; desto angenehmer wird uns die fremde, uns zugeeignete Bestandheit. Es trifft auf den Punkt seines Wohl- bestandes, seiner Schönheit. Je schwerer, je dis- 40 Dom Angenehmen harmonischer; desto entfernter, häßlicher, fremder ist uns die Gestalt. 4. Da aller Bestand der Körper auf Gleichmaas beruhet; so sind in Ansehung besten gerade Linien fein bedeutendes Maas. Da aber alle Kräfte sich äußern und aus sich treten und widerstehn, wo iknen andre oder daS ganz? Universum ersigegen- strebet: so werden U m sc h r ä n k u n g e n, Grenzen der Dinge eben so bedeutend uns in Biegungen gegeben, die vom Kugclumfange an bis zum letzten ermatteten oder ermattenden Druck auf einer Ebne reichen. Jedem verständigen Gefühl sind diese Linien durch sich verständlich : denn sie bezeichnen reell den Ausdruck jeder Bewegung, im Stoß und Druck, im 8kiz und Neiden, wie in der sanftesten Berührung; vom Stich gn bis zu dem leisesten Druck fast überirdischer angenehm nahender Empfindung. ö. Da jede Empfindung vom leisesten Anfänge zum Maximum hinauf, und bis zum unmerklichen Ausklange hinunter ihre Bahn durchläuft, und die Gesetze jeder Bewegung ihr hierin gleichförmig oder widrig seyn müssen; so giebt das Verhgltniß Einer zur andern Bewegung Harmonieen und Disharm oni een, die jedem feinern Gefühl rmvfind- lich werden. Die sanfteren Auf- und Abgänge sind ihr die angenehmsten, wenn nicht eine höhere Regel dazwischen tritt und ihr Ungestüm sowohl rechtfertiget als auflöset. Alles dies wird wahrscheinlich in den Gestalten und Bewegungen lebendiger Wesen durch alle Reiche der Natur sichtbar werden; wie wäre und Schönest. Hl es, wenn wir uns in diese Lchrschule abgemessener ewiger Naturgestalten begäben? A. Es wäre zu früh, da wir die Gesetze unserer feinsten Sinne, des Gesichts und Gehörs nsch nicht durchgangen sind und die Medien noch nicht kennen gelernt haben, durch welche diese am Universum Theil nehmen. Hier also gehl unser Weg. ^kl.- Vom Schönen und Angenehmen der Um- risse, Farben und Töne. A. //Heil« heilig Licht! Quell des Lebens! Offenbarerin der Schönheit, Taqesbrunn! " Mit jedem Tage sollten wir jene ausgehende Morgensonne also anreden; wir wollen sie aber, so viel an uns ist, besser preisen. Kennen wir etwas reineres« holderes, crfreucndcres, als das Licht? E. Alle Nationen nennen es die Quelle der Schönheit. Vom Glanz, vom Schein leitet unsre Sprache das Schöne ab; es erscheinet.. Wie Gold glanzt cs ins Auge und leuchtet. A. Was giebt uns das Licht ? E. Sich selbst; verborgen ist seine Pracht und Kraft, mit allen ihren Heilbringenden Wirkungen und Wundern. Indessen, das fühlen und wissen wir alle, die Empfindung zu erwecken« die Schöpfung zu regen, zu reizen, das ist des Lichtes ewiges Amt. Allem Lebendigen schafft die Sonne Thä- tigkeit und Genuß, die Warme eines fröhlichen Da- seyns. Ohne jene mächtige Lebenskugcl empfanden, genössen wir nicht. A. Was stehet dem Licht gegenüber? und Schönen» 43 E, Finsterniß. Wie das Licht mit sich selbst Leben giebt und zeigt, beseligend und befruchtend; so ist Finsternis; das Gegentheil von ihr in Allem; sie giebt nichts und zeigt nichts, eillcs Lebendige verschlingt sie oder bindet es mir schweren Fesseln. B. Da behaupten wir vielleicht zu viel, meine Freunde: denn ob die Finsterniß bloß eine Lichlbe, raubte oder eine Räuberin des Lichts scy, wer mag darüber entscheiden? Der Blindgcbobrne, der nie das Licht sah und seine Wirkungen aufs Auge nicht kennet, bat eigentlich so wenig sinnlichen Begriff von, der Finsterniß, a!S vom Licht; wir leihen ibm solchen. Licht und Finsterniß sind Gegensätze, di» einander ausschisi'ßcndaS Wirksame des Lichts kennen wir; ob die Finsterniß auch wirke? mich dünkt, das lassen wir noch unentschieden. A. So bleibe es vorjetzt unentschieden. Was Wirket, was giebt das Licht dem Auge? B. Die Erfahrungen der Blindgcbohrnen, die sehend wurden, baden es gezeigt, nichts als eine erleuchtete Fläche, auf ihr Umrisse, d. i. Figuren und Karben. Wie eine Bildcrtafel stand die Welt vor ihnen da, oder vielmehr wie ein bunter Teppich lag sie auf ihrem eröffnelen Auge. Neugebokreu mußten sie die Dinge, die sie als Körper mittelst des Gefühls wohl gekannt hatten, als Bilder auf der Flache erst kennen lernen. Die Entfernung derselben gleichfalls: denn nur körperlichen Raym kannten sie, auch den fühlbaren Flä- chenraum nur an Körpern. Jetzt, da ihnen eine Welt von Umrissen in mancherlcy Distanzen auf Einer sichtlichen Flache vorgestM ward, mußte» V o m ?lngeI, c h m e n si'e jene körperlichen Darstellungen mit diesen gemahl- len Verstellungen vergleichen, bepde zur Identität knüpfen, aus Merkmahlen des mehreren Lichts, des dunkler» Schattens, durch Hülfe mancherley oft trügender Erfahrungen, Urtheilc auf Nahe und Ferne der Dinge wagen, sich also eine sichtl iche Welt harmonisch der f ü hlbare n ordnen. Kinder, Schwach- sehende thun cs noch; in Fällen, wo beyde Sinne mit einander zu streiten scheinen, haben wir alle keine andre Auskunft, kein Mittel zur Vereinigung der Sinne, als das Gefühl leibhafter Formen. Das Gesicht also auf einem gemahlten Flächenraum giebt uns nur Umrisse, Figuren, Farben. E. Giebt cs damit nicht gnug? Nicht etwa nur eine neue Sprache, ein verkürztes Alphabet für jene im Dunkeln ertastete Gefühle, deren .Objekte es auf eine Tafel mahlt, und den Körper in eine pcojicirte Flache verwandelt; sondern — heilige Macht! das allgegenwärtige Licht schafft uns gleichsam auf einmal zu Allgegenwärtigen um. Eine Welt von Gegenständen, die wir sin Dunkeln uns langsam, oft vergessend, selten vollständig hervorta- stcn, oder aus den Aeußerungen andrer Sinne nur ahnen mußten, stellet Ein Lichtstrahl dem Auge, und dadurch der ganzen Seele, wie ein großes Mit- und Nebeneinander vor, nach ewigen Gesetzen geordnet. A. Welches wären diese ewigen Gesetze? Wir treten vor die heilige Lichttafel dkr Schöpfung. E. Zuerst und vor Allem Haltung. Ein Punkt ist der hclleste im Auge und im Object; auf ihn fallt der Lichtstrahl. Zu allen Seiten treten die und Schönen. /,5 Objekt« in vcrschiedne Grade der Helle und Dunkelheit; dadurch wird eine unveränderliche Ordnung des Mit- und Nebeneinander im sichtlichen, wie dort im körperlichen Räume. Ein Punkt, der Lichtpunkt entscheidet. Dort ertastete sich das Gefühl ekne Mitte mübsam; cS ermaaß aus ihr Symmetrie, Verhältnisse in Wirkungen strebender Kräfte, zwar sicher, aber dunkel und langsam, hier steht alles auf einmal da in hcllgezeichncten Linien und Figuren. Eins .Zauberhand, der Finger der Gottheit zeichnet sie uns vor. A. Darf die Einbildungskraft mit diesen Gesetzen der Haltung spielen t E. Ein Künstler, der mit der Haltung des Lichts zu spielen gedächte, wäre ein Wahnsinniger -, der Spott einerndtcte, vom gemeinsten Auge. „Er kann ja nicht sehen, wird man sagen; sonst würde er nicht so zeichnen." Haltung der Figuren in ihren Gliedern, Zusammenstellung derselben neben-, vor-, hinter einander; allgemeiner Zusammenhalt derselben im Hell und Dunkel; und wo es Farben gilt, die Beobachtung jeder Localfarbe, die Verschmelzung, der Widerschein derselben; in Ansehung des ganzen Ge- mahldes endlich die Harmonie aller mit allen Farben, sind unerläßliche Pflichten eines Zeichners und Farbengebers. Die kleinste Abweichung, geschweige ein willkührliches Spiel, eine phantastische Behandlung derselben, zernichtet seine ganze Kunst. A. Diese unzerstohrliche Haltung also, diese Ordnung der Dinge neben-, vor-, hinter einander, ist sie Quell einer angenehmen Empfindung? B. Einer der angenehmsten, indem sie uns ein WLM WM, 46 V 0 m A n g e n e h m en Vieles auf Einmal, und zwar im richtigsten Maas, in den bestimmteren Gegensätzen und Schran- ken vor die Seele bringt, und so lange wir wollen, fest hält. Der tastenden Hand entwich ein Lheil nach dem andern; diese Ordnung stehet da, und wenn ich den Gesichtspunkt verändere, sehe ich ein neues, eben so festes und reiches Gemählde, von einer neuen, endlich von allen Seiten. E. Setzen wir hinzu, daß mittelst des Lichtstrahls, wo meine Hand nicht hintasten kann, mein Auge hintastet. Den ganzen Umriß schöner Gestalten empfängt und umfangt es; es reicht durch Wolken , durch Hüllen und Gewände. Wenn ihm der innere Bau des Körpers bekannt ist, stehet es durch die Haut das Spiel der Muskeln, den Knochenbau, den Lauf der Adern, mittelst des Lichtstrahls tastend, B. Vor allem aber, es stehet in jedem Einzelnen das Eins, ein Ganzes. Dieß steht es, früher als einzelne Theile, in allen Theilcn auf Einmal, und fließt sodann vom Ganzen guf seine Glieder. Die hellcste Synthesis, ein unwandelbares Eins zu constituiren, ist das Geschäft des Sinnes, dem wir die größte Wandelbarkeit zuschreiben, und seines Mediums, des Lichts. Durch einen Punkt trifft es, faßt zusammen und bindet. Giebt es eine klarere, festere, schönere Einheit, als diesen Punkt der Licht-Einheit i Da nun kein Lichtpunkt obnt Ausstralung nach allen Seiten, kein Punkt im sichtlichen Raum ohne Weiten und Raume zu allen Seiten hingedacht werden kann; welche Welt unzecstvht- barheller Harmonie und Ordnung tritt vor uns! A. Wenn diese Welt der Haltung also sich und Schönen. 47 aus ihrer Haltung nicht bringen laßt; ein desto leichter Spiel hat wohl die Einbildungskraft mit den Farben? Ein tändelnder Licht- und LuftgeniuS hat sie vielleicht auf die Körper geworfen, und tändelt fort mit ihnen; warum sollte die Phantasie dieser Genius nicht scyn und mit ihnen spielen? E. Das wird niemand sagen, der je ein Prisma verständig in die Hand nahm. Die Farben, was sie auch seyn mögen, folgen einander in unverrückter Reihe; sie fließen aus- sie wandeln sich in einander; kein Brechen und Beugen kann dieses untrennbare System andern, das in sich so fest steht, als jedes andre System körperlich-geistiger Erscheinungen und Kräfte. B. Ich wünschte darüber eine nähere Erklärung. C. Unvckwirrbak folgen in ihren Abstufungen auf- und niederwärts die Falben von Blau zu Gelb, von Gelb zu Roth auf einander, wie wir sie Key jeder Flamme des Lichts mit und ohne Pcicma wahrnehmen können; sie bilden ein unzerstöhrbar System, eine Scala. B. Sie glauben also, dü Sie nur drey Farben nannten, nicht an Newtons sieben einfache Farben? C. Gern glaubte ich, wenn ich nur wüßte, wo dies Einfache anfangct oder aufhört? Daß meinem Auge das Farbensystem der Natur nur bis auf einen gewissen Grad bemerklich werde, daß meine Hand manche zu fern aus einander stehende Farben dergestalt nicht mischen kann, daß ihre Mittelfarbe erscheine, beweiset weder, daß diese Farben an sich 43 Vom Angenehmen rein, noch daß jene an sich hochsteinfach sind' denn was waren höchsteinfachc Farben? Was mir alS Farbe erscheint, entspringt ans dem Lichtstrahl, d. i. ans einer sich ansbreitenden Flamme, deren jeder Theil nach ihrer Kraft wirket; roth, das schnellste, das ich zuerst sehe, das mir, nach schnell wegqenomme- ner Flamme, zuerst erscheint, auch dem Prisma a>N wenigsten brechbar; blau, das schwerste und bleiben- stc, daher cs vielarkig gebrochen werden kann; Gelb mit Blau gemischt, gibt grün, mit Roth andre Farben. Nach der Bildung meines Auges kann die Erscheinung nicht anders seyn t denn wenn mein Sch- neroe in allen Punkten und Graden seiner Reizbarkeit harmonisch erregt und thatig gemacht werden sollte; so entstand in ihm die Scala der Farben Natürlich. Konnte ich jede Farbe aufs neue Nuanci- rcn, so bekäme ich statt sieben (und warum sieben?) siebzigmal sieben Farben in immer derselben feineren Farbenscala. Wie durch Einen reinen Ton der Musik uns unzerreißbar ihre Tonleiter in allen ToncN und Tonarten gegeben ist, so im Lichtstrahl oder in seinem irdischen Repräsentanten, der Flamme, nach einem festen System alle, d. i. unendliche Farben, jede mit jeder gegeben, keine ohne die andre denkbar. Tobias Mayer hat aus Mischungen der drey ^ Hauptfarben 819 Farben deduciret. *) A. Also muß auch das Angenehme der Farben ein System sevn? E. S. I'ob. üb nKinitaie colnrntn in osist, kj. ineäitis Vol. I. x. Zr, Eötlingen 1775. «nd Schönen. 49 C. Nicht anders. Jede Farbe, so reiner sie uns erscheint, desto angenehmer. Weiß vor Allem: denn es ist der Repräsentant des Lichts; es strahlet zurück alle Farben. Sodann in großen Gegensätzen, obwohl mit gleichem Wohlgefallen rorh und dlau; weßwegen auch mehrere Nationen diese die schonen Farben Nennen und sie benden Geschlechtern zuthei- len; festes Blau dem Mann, zartes Roth dem Weibe. Grün ist eine gemischte, gelb ein Luri^ caw der Lichtfarbe; die andern feiner gemischten sind Uebergange, auf denen das nicht verwöhnte Auge weniger rubet, die es nur als Uebergange angenehm betrachtet. Die grauen schmutzigen Farben, insonderheit wo das schöne Weiß und Roth befleckt erscheint, (das festere Blau dann mehr ertragen) mißfallen ihm; die zu bunt gemischten verworrenen Farben sind ihm widrig, alles nach Gesetzen des Lichts und seines feinen Clavichords, des Auges. *) B. Darf ich, ob wir gleich die Finsterniß oder das Schwarz von unsrer Untersuchung nusschlossen diesem schwarzen Wesen oder Unwesen eine Lobrede halten? Es scheinet mir, wenn das Licht, der glanzende Baker des ganzen Farbensystems ist, die Mutter der Farben, Als Licht die Finsterniß bestrahlte, ging jenes tiefe Blau aus ihm hervor, in welchem auf den höchsten Gebirgen Mond und Sonne herrlicher strahlen, als unser Auge je sie sah. Es scheinet schwarz und mußte sich ricf herablaffen, eh cs *) S. Mengs Gedanken von der Schönheit- Zürich! I7 7ßt HerbersWerke z. Phit, u, Gesch. XV. D Litton-, 5c> Vom Angenehmen zu irdischen Farben gelangte. Danieden mit Licht gemischt, webte es den grünen Teppich der Erde, aus welchem nach vielen Verarbeitungen des Lichts endlich auch die Lilie, die Rose, die goldne Sonnenblume hervorsteigen konnte. Ganz aber ließ es sich sein Antheil an Bekleidung der Welt nicht nehmen, auch dunkle Blumen färbten sich; ein Theil des Menschengeschlechts, der sinnlichste, der geschlankste, kleidete sich in seine Farbe. Von Anbeginn an ward das Regiment der Schöpfung zwischen Licht und Dunkel gethcilt; da sitzt sie, die Nacht, die Thronende, und bewahrt die Grenzen der Schöpfung. A. Der Lobrede, im Scherz oder Ernst gesagt, bleibe ihr Werth; allerdings gehört zu einem Satz ein Gegensatz, wie zu einer Mitte zwei) Extreme. Das wirksame Weiß, das alle Strahlen fortsendet, beziehet sich endlich auf Etwas, das alle Strahlen verschlingt; in beyden erscheint abermals ein Maximum und Minimum seiner Art, wie wirs bey den Objecten andrer Sinne bemerkten. Gabe es aber nicht einen Haupt-Unterschied zwischen den Empfindungen dieses und der vorigen Organe, den wir bisher übersahen? Beym leidenden Gefühl, beym Geruch und Geschmack ward das Objekt oder Theile desselben mit uns Eins; wir haßten und liebten, begehrten und schcueten in - und für uns. Auch bey dem tastenden Gefühl war noch kein Medium zwischen uns und dem Gegenstände, den wir unsrer Natur zueigneten — C. Hier aber steht zwischen uns und dem Gegenstände das wirksame Medium rein und unwandelbar da, in ihm selbst die Regel zer- und Schönen. 6 » g«nd, zu der unser Organ geformt ist; gllerdinqs ein großer Exponent zu Aufhebung unsrer Begriffe des Jlngcnehmen und Schönen. Verkürzt muß die« sein Sinn das körperliche Objekt wie eine Flacht N- signr erscheinen, damit es in der sichersten Haltung nach Licht und Schatten, in Linien und Farben von ihm gefaßt werde, damit das Auge verständig sehen lerne. Sein Angenehmes wird hiermit ein fortgchendcs Werk beS zeichnenden ewigen Verstandes. A. Wollen wir also nicht, um diesen Exponenten, ein abgehetztes reines Medium kennen zu lernen, dem viellehrende» klaren Sinn des Gesichts sogleich seinen Bruder, das Ohr, Zufuhren? Wir treten damit in eine neue Welt ein. E. Für Mich eine dunkle Welt. In ihr schwinden nicht etwa nur körperliche Formen, sondern auch Umrisse, Figuren, Raum und das Licht selbst. Wir steigen zu einem Tartarus nieder. A. Der goldnc Zweig, und die heilige Flamme und Orpheus Leier sollen uns begleiten. Wir steigen ins Gebiet der Töne, zwar eine unsichtbare Welt; was haben wir aber vcrlohren? Nichts als A e uß er l i c hke i t e n der Dinge, Form, Umriß, Figur- Raum ; vom Innern erfuhren wir durch sie wenig, und dies Wenige nur durch ein Iurückivm- Men auf uns selbst. Dies Innere, unsre Empfindung- bleibt uns. A. Wenn Dinge um uns her uns ihr Inneres nicht an deuten, sondern a» kündigen wollen, D 2 Z2 Vom Angenehmen wodurch geschieht cs? wodurch kann es allein geschehen ? C. Durch einen leeren Schall? A. Durch einen nicht leeren Schall: denn jeder Schall ist ausdrückend, also mehr als an- deutend. Er drückt ein Inneres aus; er bewegt ein Inneres. Hören wir uns selbst und die Natur. Wodurch äußert sich die allgemeinste, allverbrcitcte Kraft der Körper? C. Durch Bewegung; mittelst dieser offenbaret sie sich selbst in Wirkung. A. Und diese Bemerkung wird erregt? E. Von außen durch Bewegung, Anstoß, Schlag oder sonst Anlrieb eines Körpers. A. Wie nennen wir den Körper, der gestoßen sich widersetzt und sich wiederhcrstellt? E. Jenen einen harten, diesen einen elastischen Körper. Alle harte Körper sind bis zu einem Grad elastisch. A. Geflossen, elastisch sich wiedcrhcrstellend, gicbt nicht jeder Körper einen Schall? Ist nicht ein Medium da, das diesen Schall aufnimmt, fvrttragt und andern harmonischen Körpern mittbeilt? Was ist also der Schall anders, als die Stimme aller bewegten Körper, aus ihrem Innern hervor? ihr Leiden, ibren Widerstand, ihre erregten Kräfte andern harmoniseben Wesen laut oder leise verkündend. Tönen die Summen aller dieser Bewegten und Widerstrebenden alle gleich? und Schönen. 53 E. Bei weitem nicht. Anders tönt das geschlagene Metall, anders die gerührte Saite. Anders lispelt das Rohr, anders ruft die gelautete Glocke, anders die Tuba. A. Und alle doch unsrer Mitempsindung verständlich. Auch das stumpfste Ohr vernimmt den Unterschied zwischen dem Trommelschlage und dem Laut einer Glocke, zwischen dem Trometenhall und dem Seufzen der Laute. Lhiere sogar sind dem Schall dieses oder jenes Instruments empfindlich. Und leidenschaftlichen gefühlvollen Menschen! Ihnen seufzet der Wind, ihnen ächzt das Lüftchen. Sind uns nicht Beispiele bekannt, da einsame, bewegte Menschen, die ein Wort, einen Laut oder Gesang im Gemüth trugen, diesen im Winde, im Schalk jeder Bewegung hörten ? So viele Geschichten und Gedichte dieser gerührten Einsamen, die Lieder und Selbstgespräche Fürchtender, Hoffender, Liebender sind dieser Empfindung voll; und wer anders, als eine Musik- und Melodielose Seele wäre in den bewegtesten Zuständen seines Lebens davon frei gewesen? Spricht also die bewegte Natur mittelst des Schalles oder Lauts z» harmonischen Wesen: (denn auch die kleinste Bewegung, wenn wir sie vernehmen könnten, würde nicht ohne Laut seyn:) so ist an unsrem Mitverstande, an unsrer Mitempsindung mit der Stimme lebendiger Mitgeschöpfe wohl nicht zu zweifeln. B. Gewiß nicht. Die Luft, der Wald ist voll Gesanges, und jeder Aufmerksame vernimmt sie. Sein Daseyn, seinen inner» Zustand, seine Sorge, Leid, Gefahr, Schmerz, seine Freuden zu verkündi» 64 Dom Angenehmen gen hat jc> das Tbier nichts anders, als Stimme und G ebebrdein Jedes mitempfindendc Tbier versteht sie. Bemerken wir nun, wie genau Stimme und Gebebrden Zusammenhängen, da beide lebendiger Auedruck ^incr Sache, des Innern Seyns, der i m»G e s c b p p f c rreg te n Veränderung und Leidenschaft sind! Man sehe den Vogel, wie er singend gesticulirt und durch bcvdes seine Empfindung ausdrückt. Man sehe und höre den krähenden Habn, den brüllenden Löwen. Dem Naturmenschen sind Stimme und Gcbehrden wie Eins; es kostet ibm Mühe, Eine ohne die Andre zu gebrauchen, weil bevde Auedruck Einer Sache sind, deren Eine, die Gebebrden, dem Gesicht, die Andre Stimme, dem .Ohr zu vernehmen gicbt, waS das empfindende Geschöpf im Innern fühlet. Auch in der Einsamkeit spricht, fingt, ruft, gesticulirt der leidenschaftliche Mensch, ohne Rücksicht darauf, daß man ibn höre. Es ist der natürliche Ausdruck seiner Empfindung. A. Wenn der Schall also ein allgemeiner A u sdr u ck d e r b e we g t e n elastischen Natur ist, was wird körperlich seine Eigenschaft scyn? Wird er sich nicht in Wellen bewegen? B. Die elastische Natur der schallenden Körper und der Luft als einer Trägerin des Schalles fodcrt dieses. Zeitmassig werden diele Wellen erregt werden, in Verhältnis; der Länge oder der Gestalt, der Dicke oder Spannung der vibrirenden Körper. A. Hier schlagt also unser qoldner Zweig. Zwei Analogieen zwischen Licht und Schall liegen vor uns, «bgleich in der größten Verschiedenheit beider Sinne und Schönen. 55 und Mittheilungsweisen. Wie das Licht sich selbst als den großen Erwecker der Tbatiqkeit sichtbar zeigte, so Schall, der große Verkündiger und Erreger der Leidenschaften in der Natur unsichtbar. Dieser erweiset sich erschütternd, regend; jenes, das Licht, sanft-reizend. Wie das Licht Flache, d i. eine unzerstöhrliche Haltung im Raum, ein Nebeneinander, bereitet und Fi g uren darauf zeichnet; so der Schall Dauer, eine unzer- stöbrliche Haltung in Zeit Momenten nach einander, in denen wiederkommende Stöße der Bewegung sich offenbaren. Wie nennt man die harmonisch mit- und nachklingende Töne auf der gespannten Saite? B. Eonsonanzen. Die Saite hat nach Zahl und Verhaltniß consone Punkte, zwischen welchen die Dissonanzen unerweckt liegen. A. Jene also, um in der Sprache der vollstimmigen Natur zu reden, sobald elastisch der Ton erklingt, erheben sich gleich, oder einstimmig zum Widerstande; der Zeit sowohl als ibrer inneren Art nach sind sie wie jene Figuren im Raum nach einer unwandelbaren - festen Ordnung da, sich zugleich offenbarend. Accord heißt diese Haltung. Mit jedem klingenden Ton tönt alles Gleichförmige mit; bis zu einer unerreichbaren Höhe und Tiefe tönen die Eonsonanzen nach - und zu einander. Hohe Gesetze der unwandelbaren Natur! Ein Ode um, ein Saal ewiger Harmoniken, in denen wir bis zum Unmerklichen, unverfolgbarcn hin, leben. Unison und conson folgen die Töne, sie folgen nach ewigen Verhältnissen aus der Bestandheit und widerstehen- 56 Vom Angenehmen den Kraft der Körper. Alles will bleiben, was es ist und stellet sich wieder her; alles Gleichartig hilft ihm dazu und stehet mit auft Die Stimme, die dies ankündigt, nennen wir Aceorde, im weitern Umfange Consonanzcn. C. Hrre ich nicht, so wird hiemit eine dritte Analogie, unabtrennlich von Jenen, zwischen Farben und Tönen kennbar, nämlich die Tonleiter, Scala, die mittelst dieser Verhältnisse auf sich selbst rubet. Wir nennen sie Scala, weil sie auf einer Saift, dem Monochord, sich unserm Obr hinauf und hinab Zeitmaßig offenbaret; eigentlich aber sind, wie dort mir Einem Sonnenstrahl alle Farben so mit Einem angeklungenen To» alle Töne auf- und niederwärts gegeben. Statt sieben könnten wir sieben und siebenzig nennen, und sie beschlösse doch derselbe Tonkreis, aus welchem und über welchen unser Ohr nicht hinaus kann. Es ist mit ibm umschlossen, es ist zu ihm gebildet. Ich ahne jetzt, worin das Wesen und die Anmuth nicht nur der Harmonie, sondern auch und vorzüglich der Melodie ruhe? D. Der Grund der Harmonie entdeckte sich im Vau der Körper selbst, in den jeden erklungenen Ton begleitenden Mittönen; be» der gerührten Saite und in Chladni's Versuchen bey gestrichenen Glastaseln wird sie sogar dem Auge sichtbar.*) *) S. R.LMSLN traits cle l'hürmonie eilit. cls I e m 5 e rt - O i cte i'o t , Aeno- raux äe (Oeuvr. pbilospli. 1?, und Schönen. ?7 In einfachen Verhältnissen, in leicht zu fassenden Proportionen erscheinen die Töne und sind berechnet, Was die Melodie betriff: (ich gestehe es gern), baden mich weder Ra me au noch Tartini ganz besrie- digt; Rousseau's Zweifel gegen diese und andere Theoristen scheinen mir gegründet. lleberhaupt will mir das bloße Zählen der Verhältnisse, das Messen der Intervalle, als Erklärung wes Wohlgefallens der Seele an der Munk, so wenig zu Sinn» daß ich vielmehr durch diese Zahlmeisterei), wenn die Munk nichts anders wäre, aus immer von ihr ab- geschreckt würde. Wer zählt, wer mißt wobl, wenn rr die Freuden der Musik aufs innigste und lebhafteste empfindet? Höre man einen Tonkünstler im glücklichsten Feuer phancasiren, sehe man ihn mit Genie und Enthusiasmus componircn; er ist mit andern Dingen beschäftigt, als mit Rechnen und Zahlenschreiben. Kaum zu begreifen ists, wie die Seele eines Glucks, Mozarts, Haidn u. f. solche Zaubereycn auf Einmal dachte und hervorbrachte. A. Ob wir wohl keine Tonkünstlcr sind, so müssen wir doch, da wir alle das Organ in uns haben, das diese wundersam-schnellen Kräfte empfindet, es wissen, d. i. unser Bewußtseyn muß es uns sagen, ob unser Vergnügen an der Musik im Zah- VI.) CHIadni Entdeckungen über die Theorie des Klanges. Leipz. 1787. Eine Schrift voll merkwürdiger Beobachtungen. ') Hoassaau OrLtioiiairs cla lVIuei^ue, hin und wieder. Vom Angenehmen üö len und Rechnen bestehe, oder worin es liege? Bestünde cs aber darin (in der Natur ist alles nach Verhältnissen geordnet), warum wollten wir nicht auch rechnen, wenn okme Rechnen keine Musik Statt fände? Zumal wenn die Natur uns dies Rechnen so leicht gemacht batte, daß wir nicht nur keiner Anstrengung, keines Aahlenschreibens dabey bedürften, sondern durch das blosse Empfangen dieser goldnen Münzen mit einem Rcichthum von Empfindungen, wie mit Wellen der Freude übergosscn würden. Die Natur hatte sodann selbst für uns gerechnet,*) Lassen Sie ') Luch den Unbegriff, daß unser Vergnügen an der Musik aus Aahlenschreiben cuistehe, har man L e i kill i tz aufgebücdct , ihm, der für die Musik ein großes Gefühl halte, und sie würdig angewandt wünschte. Wenn er irgendwo sagt, daß die Seele bey der Musik ihr selbst unbewußt rechne, so zeigen eben diese Worte ,,ihr selbst unbewußt", daß er dabev etwas Höheres, als ein trockenes, nichts sagendes Aahlenschreiben dachle. Euler in seinen Briefen an eine deutsche Prinzessin (Br. 8.), setzt das Vergnügender Musik ins Errathen des Sinnes des Componiflen, als eines Pantomimen, mithin in die fortwährende Auflösung eines Siäthscls. Os xlsisir vienr äoirs cle SS Hii'sir clsvlns pour sinsr clirs Iss VU6S ei Iss ssiitiirisirs ÜII som- xosiieirr, äsrid l'exesritioir, sii ts.-ri c^ir'sn Is sslgs beursuss, remxlir l'esprir ä'uiie agreak- le sariskasrion. L'esi L xeir prss uns sem- blable ssrlskastion, ressent Sir vn^aur uns belle knursrnime, oü oir xeub clevluer und Schönen. §S uns ohne spitzfindige Theorie unsre Untersuchung fortsetzen , wie die Verkündigerin des Leidens und Widerstandes in der körperlicher Natur, die elastische Bewegung wirke. Sie wirkt doch reell, d. i. sich selbst ausdrückend? B. Höchst reell. Nichts in der Natur drückt sich starker aus, als eine erschütterte Macht, Zt. Ein Stoß erschüttert den Körper; was sagt sein Schall? B. „Ich bin erschüttert; so vibriren meine Theile und stellen sich wieder her." A. Sagen sie dies auch uns? B Durch und durch sind wir elastische Wesen; unser .Ohr, die Gekörkammer unsrer Seele ist ein Akroaterion, eine Echokammer der feinsten Art. A. Wenn also ein einzelner Ton aufweckt; was thun ab ge setzte einzelne Töne? xsr les Aeütea et les sction8, le» sentiinen» et leü chiseoin'8, «girr en 8ont repeesentes et HUI sxsentent Oiitre esls NN liean ciessein. (lette eingnie cln kzinenenr, gui n tant pilu s V. ine sonrsit anssi nne lielle ill8tanee ete, Vvilb ä inen uvi» les vreis prinei- pes, snr lesgnel» sont tenller tous les juse- niens snr la cheaiitä cle5 pieee8 cie in,i8i^iie; IN.1I8 ee n'e8t c^ne I'avis c!' NN b ein ine, ni n'e n entencl Ii e n ä li tont ete. Die letzten Worte des bescheidnen Mannes entschuldigen das Unbinreichende seiner Hypothese, die übrigens ihre Ausgabe doch nicht ganz verfehlet. 6o Vom A ngenehnien Bl Sic erneuen und verstärken dis Erschütterung; sic wecken, wie eine Tuba, wiederholt auf. A. Und langgezogene, anhaltende Töne? V. Sie dehnen die Empfindung, indem die Erschütterung anhalt. Sic wirken ungemein mächtig. A. Und wachsende oder abnehmende, steigende oder sinkende Töne, ein langsa- rn c r oder schneller, ernsthafter oder hüpfender, a n dr i» g e n dcr, zu r ü ckw e i ch e n - der, hart- oder weicher, gleich- oder ungleichmäßiger Fortgang der Töne, d. i. der Stöße, Schlage, Hauche, Wellen, der Rührungen lind Vergnügen, was wirken sie auf unser Gemüth ? B. Gleichartige Regungen, wie jeder die Musik begleitende unwillkührlichc Ausdruck unsrer Affekten zeigt. Das Leidenschaftliche in uns (-r-° -Au/zircoo) hebet sich und sinkt, es hüpft oder schleicht und schreitet langsam. Jetzt wird cs andringend-, jetzt zurückweichend, jetzt schwacher-, jetzt stärker gerührt; seine eigne Bewegung, sein Tritt verändert sich mit jeder Modulation, mit jedem treffenden Accent, geschweige mit einer veränderten Tonart. Die Musik spielt in uns ein Clavichord, das unsre eigne innigste Natur ist. A. Es ist doch nicht etwa P. Easteks Farbe» - oder ein Bilderclavier, was in uns gerührt, wird? B. Keine Bilder! Was hatten Bewegungen des Ecmüths, Schwingungen und Leidenschaften un- und Sc Hünen. 6c srer ,'nnern elastischen Kraft mit Bildern? Das hieße, Tone mahlen. A. Empfindet jeder offne Naturmensch eine solche Wirkung der Töne? V. Man sollte glauben. Eine gewisse Musik macht alle traurig; eine andre rasche, hüpfende, macht alle rasch, lustig, hüpfend. Dieser kann zu dieser, jener zu jener Musik von Natur geneigter, nach seiner jetzigen Stimmung aufgelegter seyn; er kann nach seinem Körperbau und Charakter im Me h r und Weniger des Schnellen und Langsamen, des Hart- und Weichen, des Heftigen und Gelinden, des Muntern und Schweren verschieden empfinden, und seine Musik darnach eingerichtet wünschen; die Grundcharte der Empfindungs - und Tonarten aber liegt einstimmig in Aller Gemüth. Die Nationalmelodien jedes Volks enthüllten seinen Charakter. A. Zugleich aber auch die Stufe seiner musikalischen Bildung. Nicht etwa nur, wie durch Töne diese Nation bewegt werden will, sondern auch wie sie bewegt werden kann oder bisher vergnügt wurde, zeigt die Nalionalmustk jedes Volkes. Gewiß haben sich bey allen Völkern oder Menschen nicht gleichviel Gange der Bewegung, der Leidenschaften und Töne entwickelt; ihr leidenschaftliches Gemüth ist nicht auf gleiche Weise urbar gemacht, ihre Clasticitat nicht auf Einerlei) Wegen, nicht in gleichen Graden geregt worden; daher dann das versckiedne Urtheil über die verschiednen Wirkungen dieses oder jenes Stücks, dieses oder jenes Vortrags. Manche trage Völker steigen in wenigen Conso- 62 Vom Angenehmen naiven auf- und nieder; andre, berauschte, dreben grob oder hüpfend ein Rad sogenannter Sangweisen Umher, nach denen sie Hüpfen und laufen. Leichtere, feinere, insonderheit Bergvölker schwinge» sich am kühnsten Seil auf und nieder; fest und leise treten sic auf jede kleinste Sprosse des Baums der Zone. Wodurch, meynen wir, hat die Natur diese leichte Sicherheit unsrer innern Elasticitat bewirket? Etwa durch Harmonie allein? B, Die liegt freylich, wie die festen Verhältnisse der Baukunst, aller Musik zum Grunde, da sie aber die ganze Musik, ihre Kraft und Wirkung nicht ausmachl, so muß der besondre Weg, den jetzt diese und keine andre Empfindung in ihrer Eigenheit nach ihrem Maas und Ziel, in allen Wen, düngen ihrer Kraft nimmt, steigend und sinkend, nachlassend und widerstrebend, stark und schwach, rasch und ermattend, in einer Regel enthalten seyn, einer sichern Regel. A. Lage diese nicht vor uns? Der Cyklus der alle Töne und Gange durch ein unauflösliches Band dergestalt knüpft, daß mit Einem Ton uns alle gegeben sind, und in ihm nicht nur Melodie, sondern der Gang aller Melodien möglich wird, auf einer festbestimmten, höchstsichern Tonleiter, wäre dieser nicht Regel? Was unter den Linien die gerade Linie, unter den Figuren das Quadrat oder Rectangul war, die Basis der Richtigkeit, aus welchen allein aber keine Form beweglicher Schönheit entspringen konnte, das ist in Tönen die Harmonie, gleichsam die Baukunst der Töne, aus welcher aber auch eben so wenig die viel-bewegliche Melodie der Lei« «l nd Schonen. '6L denschaftcn entstehen konnte, wenn jede Empfindung nicht in diesem festumschloffenen Tonkreise ihre Curve, ihren Brennpunkt, ihr Ziel und Maas hatte. Die ganze Anzahl von Linien, die zwischen der geraden und dem Kreise liegen und dort Linien der Schönheit waren, sind in dieser Kunst Melodische Gange, jeder in seiner Bahn mit jedem andern unvertauschbar, alle aber von Einer ewigen Regel, dem To »kreise gebunden. Dieser stehet und bleibt; unzählige Melodieen, d. i. Schwingungen und Gange der Leidenschaft sind in und mit ihm gegeben. B. Gute Aussicht! Trost für den, der fürchtete, daß in der Musik bereits Alles erschöpft sey. So lange Leidenschaften in der menschlichen Brust sind, so lange jede Empfindung in Tönen spricht; und jede Nation auf ihrer Stufe der Ausbildung sich derselben gemäß ausdrückt, werden mit den sieben uralten Tönen neue und neue Lieblinqsmelodieen ertönen. Wie stchets nun aber mit dem Messen und Zahlen in diesem so fest gebundnen System, das so zahlreiche, ja unzahliche Tongange frey laßt? A. Nicht wir zahlen und messen, sondern die Natur; das Clavichord in uns spielt und zahlet. Ist dies mangelhaft, hörten wir keine andern Gänge, keine reinern Töne, als Schalle und Klänge , so urtheilen wir nicht feiner , als wir empfinden. Wird unser Ohr reiner gestimmt, wir lernen feiner unterscheiden, in freieren Schritten den Gang unsrer Empfindung üben, so wird innerhalb der sieben Töne, aus welchen wir nie gelangen, in jedem musikalischen Werk eines Meisters uns ein neues unendliches Vergnügen bereitet. Wie sich bey Dom Angenehmen 64 diesem und keinem andern elastischen Druck diese und keine andre Gegenwirkung offenbar!: so berni Anklange jeder Leidenschaft, beym Schwünge jeder Emr pflndung. Aberglaube wäre es, Zahlen und Zeichen bepmcffcn wollen , was Dem allein gilt, was Zahlen und Zeichen bezeichnen, der Regung des Gemülhs, der Empfindung. Die musikalische Skala war da, eh' Pythagoras sie maaß; der Gang in ihren Verhältnissen, die Energie der Natur wirkt, ohne daß unser Gemüth bey jedem Tritt die veränderte Bewegung signire. Wer nicht rein und bestimmt die Scala, an der wir auf- und nieder steigen, in sich hat, dessen stumpfem Ohr, dessen falscher Stimme, dessen miSgreifender Hand, dessen gelehrtmißstimm- tem Instrument wird Eulers ganze Musiktheorie zum musikalischen Gefühl nicht helfen. C. Der Farbenbogen stand, dünkt mich, doch Heller da, als diese Scala. A. Nicht Heller. Dort wie hier kommts auf das Organ an, mit-welchem man Töne oder Karben' wahrnimmt. Won Farben spricht Zeder, der auch nicht sehet; so ungefähr nennt er blau, was nur nicht schwarz, rorh, was nur nicht gelb ist, und urtbcilk. Zu den Nüancen der Farben gehört ein so geübtes Auge, wie zu Empfindung der Awischen- töne ein fein geübtes Obr. Keinem Sinn kann durch Zahl und Zeichen bemerklicj, gemacht werden, was er nicht selbst empfindet. Ucbrigens ists Wobl- thdt der Natur, das sie uns bey Tönen wie bey Farben in dies leicht begreifliche feste Sysi.m geschlossen, sowohl um uns m Ordnung zu lallen, als und Schönen. 65 als uns das Meiste und Schönste auf die leichteste Weise mitzutheilen. Beyde Medien enthüllen uns mittelst einer d ,r s Weltall umschließ e n - den Regel, jenes ein sichtbares, dies ein hörbares All, eine W c l t o r du u n g. B, Und wie ein Instrument ausgcspielt wird, indem von der Hand des Meisters dessen elastische Lagen und verschlossene Gange geöffnet werden, so wolle» wir dieser Regel zufolge, unser Lhr und Auge, jedes durch Erziehung für sein Weltall bilden. Sehr angemessen gaben die Griechen dem größcsten Tbeil ihrer praktischen Musenkünste den Namen Musik : denn durch sie sollten die Empfindungen und Leidenschaften ihrer Zöglinge harmonisch erweckt und geordnet, melodisch geleitet und fortgeführt werden; so bilde sich auch unser Gemttih, unser Lhc und Auge. A. Auch hier finden wir uns also unter dem allaewaltigen Gesetz des Naturschönen, als eines M apimum, das zwischen zwey Extreme» sich selbst beschranket. Zu - und abnehmende Empfindungen werden von einer elastischen Kraft hervorgebracht, von einer Regel geleitet, von unserm Gefühl harmonisch sich ungeeignet. Was sagt die Kritik hierüber? B. Was ich isir nachzusagcn mich kaum getraue. Sie findet zwar, ,,nls Künste des schönen Spiels der Empfindungen eine angenehme Farben- und Tonkunst;" nur weiß sie nicht, „ob Farbe und Ton blos angenehme Empfindungen, oder an sich schon ein schönes Spiel der Empfin- Herders Werke z.Phil. u. Gesch. XV. E Xattr'§on«. 66 V o m A n gene h m e n düngen seyn, und als ein solches ein Wohlgefallen an der Form in der ästhetischen Beurtheilung be» sich führen." *) Sie bleibt ungewiß, ob sie die Musik für „das schöne Spiel der Empfindungen durchs Gehör oder angenehmer Empfindungen " erklären soll.**) „Durch lauter Empfindungen spreche sie ohne Begriffe, sey also mehr Genuß, als Eultur, und habe, durch Vernunft beurtheitt, weniger Werth, als jede andre der schönen Künste. Nur den untersten Platz nehme sie unter diesen ein, weil sie blos mit Empfindungen spielt, indeß die andern Künste ein Product zu Stande bringen, und von bleibendem, sie aber nur transitorischem Eindruck sey.***) Alles wechselnde srepe Spiel der Empfindungen, die keine Absicht zum Grunde haben, vergnügt indeß, weil es das Vergnügen der Gesundheit befördert; z. B. daS Glücksspiel, T o n s pic l und Gedanken- spiel. Das Tonspiel fodre blos den Wechsel der Empfindungen , deren jede ihre Bezieh» ng auf Affect, aber ohne den Grad eines Affekts habe und ästhetische Ideen rege mache. Musik und Stoff zum Lachen seyn zweierlei) 'Arten des Spiels mit ästhetischen Ideen, oder auch mit Verstandesvor- sttllungen, wodurch am Ende nichts gedacht wird, und die blos durch ihren Wechsel lebhaft vergnügen können, wodurch sie ziemlich klar zu erkennen geben, daß die Belebung in bcyden blos körper- *) Kritik der Urtheilskraft, S. 208» Log. *') S. 210. *'") S. Liö. 2i8. und Schönen. 67 -lick» sey, und daß das Gefühl der Gesundheit durch eine ihrem Spiel correspondirei.de Bewegung der Eingeweide, das ganze für so fein und geistvoll gepriesene Vergnügen einer aufgeweckren Gesellschaft auSmachen, Nicht die Beurthesiung der Harmonie in Tönen oder Witzeinfällcn, sondern das beförderte Lebensgeschaft im Körper, der Affekt, der die Eingeweide und das Zwergfell bewegt, mit einem Work, das Gefühl der Gesundheit, welche sich ohne solche Veranlassung sonst nicht fühlen laßt, machen das Vergnügen aus, welches man dabey findet, daß man dem Körper auch durch die Seele bei) kommen, und diese zum Arzt von jenem brauchen kann. "*) C, So ist doch die schöne Kunst, die „ohne Interesse und Vorstellung der Zweckmäßigkeit allgemein - nothwendig wirken soll," die Musik, noch zu Etwas dienlich! Zur heilsamen Erschütterung des Zwergfells und zur gesunden Verdauung in einem uninteressirtcn, rein ästhetischen Gedankenspiele. *) S. 2L1. E 2 68 B v m » g c n e h m c n I V. Von der Bedeutsamkeit lebendiger Gestalten zum Beguff der Schönheit. A. Stakt daß bcy den nieder» Sinncn Subjekt und Objekt in der Empfindung gleichsam Eins wurden, fanden wir im vorigen Gespräch den unfern feiner» Organen, denn Gesicht und Gehör n-o ein Medium, das zwischen den Gegenstand und den Empfindenden trat, jenen, de» Gegenstand ausdrückend oder abbildend, diesem, dem Empfindenden, den Äus- oder Abdruck harmonisch zuzählend. Mit Recht nannten wirs also den Exponenten der Be rh äl tn i s s e ; w i s e h e n de m Object und Subjekt, und bei, angenehmen Empfindungen den Schlüssel ihrer Ha r inoni e. r. Das Liebt, angenehm und erfreuend durch sich selbst, zeigte uns eine große Bildertafel, eine Welt von Umrissen in der festesten und zugleich leisesten Haltung. Es webte uns einen Teppich von Figuren, und machte uns auf Einmal ein Hcmi- sphär gegenwärtig, das keine Macht der Natur, als die Finsterniß, zerreißen konnte. Durchs Auge wurden wir allgegenwärtig in diesem Halbkreise: denn und Schönen. 69 alles, was uns das Licht zeigt, soften cs uns solches zeigt, ist sichtliche Wahrheit. Dem tastenden Gefühl war diese ganze Welt fremde. 2. Der Schall, angenehm und erregend durch sich selbst, verkündigte uns die innere Erschütterung elastischer, uns gleichgestimmter Wesem Widerstand aller consonen Theile bis zur Wiederherstellung wa- -> re» sein Ausdruck, unserer Elasticitat harmonisch. Er gab uns also das Gefühl nicht nur des Zusammenhanges in der empfindenden Natur für den Augenblick, sondern indem der Ton ausklang, und seine consone Klange nachhallten, ein Gefühl der Dauer, und Key jedem wiederkomnmi- dcn Ton einer neuen Dauer der Empfindung, mithin eine unzerreißbare Folge der Momente, worin das Wesen der Melodie lag. Unser Gemüth und Ohr wurden in eine Zeitfolge hingezogen, s 0 rthörend. Dem Gesicht war dieser erregte Zustand und Zusammenhang innerer Empfindungen fremde. In beydcn Sinnen waren Licht und Schall weder Objekt noch Subjekt; sie standen aber zwischen bepden, und erzählten Diesem, waS an oder in Jenem vorginge, ihm harmonisch oder disharmonisch. Dies erregte Gefühl war Begriff von der Sache, wie durch diesen Sinn der Empfindende sie erlangen konnte, mühin Wahrheit. Bepde Medien hatten eine unwandelbare Regel in sich, dem Organ harmonisch. Das Lichr entfaltete einen Farbcnkrcis, der Schall einen Ton kreis, unfern Organen zusammenstimmcnd gecronet. Wie man ihn sich denken müsse, ob als 7 ° Vom Angenehmen Kreis oder Bogen, als Scala oder Pyramide, gehöret nicht hiehcr; genug, die Regel ist da, und auf sich ruhend, in sich beschrankt und in jeder Nuance ansdrückend, bedeutend. Sie ist für den Sin», der Sinn für sie bereitet. Beyde Exponenten, als eine Regel des Wahren und Schönen, auf die Gestalten der Körper an- zuwenoen und dabey unser Gefühl zu befragen, was ihm diese Form, jene Gestalt, an ihrem Ort, im Reich ihrer Zustände und Momente bedeute, dies scy jetzt unsre Krage. Sic wird uns beantworten, ob es eine Empfindling des Schönen ohne Begriffe, ein Zweckmäßiges ohne Zweck, einen Gemcinstnn des Schonen ohne Verstand gebe. Wenn wir eine rohe gemischte Steinart ansehcn, was vermissen wir an ihr? C. Gestalt. Wir fragen, wie der Granit, der Gneiß, die Wacke bricht. Entdecken wir keine ursprüngliche Form in ihnen, so sehen wir sie nur als eine uX>;, eine gehärtete, gemischte Masse an, bcy deren Bestandtheilen wir wieder nach der ihnen wesentlichen Form fragen. A. Finden wir, daß z. B. der Sandstein aus zusammcngekittctcn Körnern besteht — E. So erneuet sich die Frage über die Gestalt des Sandkorns wiederum, bis wir diese entdecken, und sie in ihrer Art sich selbst harmonisch finden. A. Diese gefunden, wofür gilt uns die Form? E. Für das Gesetz der Bestandheit dieses Körpers. Ist sie regelmäßig, so gefallet sie uns noch mehr. II nd Schöne n. 7 ^ A. Wenn sich nun bey einem Stein noch mehrere unsern Begriffen harmonische Eigenschaften finden, z. B. Härte, Glanz, eine reine, sogar Feuerbeständige Farbe in f ? E. Auch ohne Absicht auf Nutzen oder Gebrauch ist er uns schön. Ein Kind schon liefet die bunten, glatten, sonderbar gebildeten Kiesel mit Vergnügen am Ufer; Mineralogen erfreuen sich an Steinen und Krystallen, an Salzen, Metallen, Erden, und suchen in jeder Art das schönste Exemplar. Die Liebhaber der Edelsteine endlich — wer weiß nicht, wie viel böber und khcurer der Diamant über der Holzkohle stellt, die, wie er, im Brennpunkt verfliegt, vielleicht auch dem Ursprünge nach seine Schwester. A. Liegen allen diesen Liebhabereien Begriffe zum Grunde? C. Ohne Zweifel. Auch ein Kind weiß, warum es seinen bunten, glatten Kiesel schön nennt; der Mineralog, der Juvelier, der Steinschneider, die Liebhaberin des Schmuckes noch vielmehr. Jedem ist das Seine aus Begriffen schön, so weit diese auch von einander abwcichen mögen; und jeder dieser Begriffe enthalt etwas Zw eck Haft cs, zur vcr- mepnten Vortrefflichkeit oder Vollkommenheit der Sache in barmonischer Bezicbung auf den Wah^iehmen- den gehörig. Welche Freude haben Krpstallisationen den Menschen gemacht! Welchen Neid haben Edcl- gesteinc erreget! Und dann, das schöne Gold, auch außer seinem Gebrauch, wie schön ists! — A. Und doch, wie unglücklich war Midas, unter dessen Händen alles zu Golde ward! wie Unglück- 72 Vom Angench m cn lich waren manche Besitzer großer Kleinodiengcwölbe! Lassen Sie uns aus kiesen Pallästen der Todten, wo alles Schöne in Glanz, Pracht, Farbe, Form, Dauer, Seltenheit u. f. bestellet, in die Gefilde des Lebens eilen. Wer freu.te sich nicht, wenn er durch lange Wüsten, auf ungeheuren Felsen und Sandbänken, oder durch Asche und Lara ging, der ersten Blume, die er sab? Ist doch dem Menschen schon im Gestein das Wahnbild eines sprossenden Baums erfreulich. * * B. Willkommen also, liebliche Blume! allen Nationen ein Bild der Schönheit und des zu bald verbindenden Reizes. Ungesehen schlagen sich deine Wurzeln in den Boden, und suchen irdische Nahrung; Du selbst aber, feine lebendige Gestalt, anf- sprießend und sanft geschwungen, akhmest die Lust, saugest das Licht, Blatter sprossend und Knospen, Je höher hinan, desto gelauterter, seiner; bis endlich mit gesammelter ganzer Macho du zeigst, was du bist, was du vermagst. Da stehet die Krone deines Lebens, dein Werk, die Blüthe, eine Brant- kammer der Liebe, eine Erziehungs-, Schutz- und Nahrungsstatte der jungen Pflanze. Ihr opfert die grünende Mutter all' ihre Kraft; auf dem Gipfel dieser mütterlichen Triebe erscheint sie selbst in voller Schönheit, d. i. in der ganzen Wirksamkeit ihrer Kräfte, hinter welcher sie allmählich welkt und sinket. Ihre zarte Geburt bewahrt die Natur sodann, unscheinbar zwar, aber festumschlossen und in sich geordnet auf. Sie hat ihr Amt vollendet. Wcnn und Schönen. Menschen sich an der Blume erfreuen, so istS, weil ihre Organe mit der Gestalt und Wirkung dieses lieblichen WeftnS übcreinsiinunen; wo nicht, so blühet sie, ihnen unbemerkt oder widrig, ihr selbst aber gnügcnd. Der Flor der Blume ist immer schön, die volle Erscheinung ihres WohlsepnS, ihrer sic darstellenden Kräfte. A. Die Schönheit der Blume ist also (um in unsrer Sprache fortzufahrcn) das Maximum ihres eigenthümlichcn Dascpns und Wohlseyns; uns ist sie schön, wenn unsre Empfindung dies Maximum harmonisch sich zucignen darf und gern zueignet. Wie die Blume, so der Baum — V. Eine in die Lust erhabne Welt, ein Wald von Biücben. Sein Stamm, seine Acste bereiten eine höhere Region den Früchten und Zweigen, die statt des gröberen Bodens der Nährerin Erde j.tzt ans ibm gedeihen. Zwar sind diese Früchte in ihrer Wohlgestalt, in ihrem Duft und Geschmack, nn ganzen Glanz ihrer Farben ursprünglich nicht snr uns, sondern für den Kern da, den sie nähren und bergen; andre Gewächse bedecken ihn mit einer barten Schale, mit Spitzen und Stacheln, uns nicht so angemhm, in sich aber eben so sclbsidesländig und schön und dem Innern wohlthalig. Unser Sinn und Gemüth ergreift das Schone, wo crs findet. Er spricht: ,,du bist mein! denn ich empfinde deine Eigenschaften mit harmonisch!" A. Verstehet auch der gemeinste Sinn diese Na; tursprache? B. Ec verstehet sie, weil sie die Sache selbst 74 Pom Angenehmen ist Annehmlichkeit und Schönheit der Blumen, der Früchte u. f. sind ihm Ausdruck ihrer Gesundheit, ihres Wohlseims / harmonisch seine» Organen. Alle Völker der Erde kenmn diese Sprache und gebrauchen ihre Bilder. Wem vergleicht sich die Jugend am liebsten? in welchem Lebe» siebet sie ihr eigen Schicksal ? Was bedeutet der Blumenkranz der Jungfrau t Die Gleiche schmücket sich mir ihres Gleichen. Eben so fühlet der Jüngling sich im aufstrebenden Baum; alle Naturvölker beweinen den Tod ihrer Eobne unter diesem Bilde. Weiter hinauf im Lebe» giebt der Mann Schatten und neigt seine Fruchtzweige allmählich nieder; endlich der Greis? Zcner berühmte Unglückliche*) blieb zurück bei, emem oberhalb verdorrten, unten grünenden Baum, und betrauerte in ihm zum voraus sein eignes Schicksal. A. Aus dem Garten der Schönheit in Blättern und Bäumen, in Blüthen und Früchten wollen wir ins nasse Reich Neptuns hinabsteigen; wohnt Schönheit auch hier? E. Wie sie in diesem Element, ihm harmonisch sich bilden konnte. Wasser ist ein schweres Element, dichter als die Luft, immer beweglich. Die zarten Umrisse und Biegungen, die der zBaum mit seinen Blüthen und Zweigen in der freien Himmelsluft gewann, wird man unter den Wellen in dem Abgrunde nicht erwarten, wo nach des Sylphen 'Ariels Liede alles „verwandelt wird zu Korallen und Pcr- *) Swift. und Schönen, len." Auf geharnischte Formen also, eins wunderbare , und wo es die Bildungsstätte zulies, auf schöne Wölbungen, alle mit dem lebendigen Begriff ihrer örtlichen Bestandheit gezeichnet, werden wir uns Rechnung machen dürfen. Die äußersten -Regionen, wo Erde und Meer sich mischt, zeigen, wie in andern Uebergangen zweier Naturreiche in einander so auch hier ein unscrm Gefühl D 0 p p e l a r t i q e S, mithin dem ersten Anblick Häßliches, Fremdes. Und doch sind auch diese Uebcrgänge, wenn man sie naher betrachtet und sich an ibren Anblich gewöhnt, äußerst leise, dem zwiefachen Element harmonisch geordnet. Die Schildkröte, der scheußliche Krokodil!, andre Amphibien die uns so widerlich, so schrecklich erscheinen, sind, wie mit dem Eompaß in der Hand, für ihre Elemente gebildet. A. Db sich dies unscrm Gefühl Widrige nicht in Elasten bringen ließe? E. Offenbar widrig ist uns r. Was kriecht und schleicht. Wirschen es als ein niedriges Geschöpf des Schlammes, des Staubes an, vor dem man sich büten müsse, das uns nachschlcicht, vielleicht nachtrachtet. 2. Alles S c h! a m m a r t i g - Zerfliessen - de, in dem wir keine feste Bildung wakrnebmen. Das Gefühl schaudert vor seinem ungegliederten Körper zurück, und ergötzt sich lieber an der ihn umschließenden Muschel, an seiner Silberschals. 3 . Wo die Gebilde zweier Elemente, das Land - und Seethier sich, gleichsam widrig, in einander fügen. An Haupt und Brust ein Geschöpf der Erde, schleppt es Glieder des Meeres nach; unserm 7 6 -Vom Angenehmen Gefühl disharmonisch. Unbeachtet der mütterlichen Llriebe einer Seekuh, ungeachtet dcS sinnreichen Kunst- Hanes der Biker kann unser Auge sich mit ihrer Gestalt kaum versöhnen. Ist vollends die des Ampbibiums fürchterlich; stehet es, wie der Hippopo- lamus, riesenhaft da, so ist es uns gräflich. A. Also von Schlamm und Ufer hinweg, wo die schaffende Natur gleichsam beengt war, ins freie Meer reiner Mcercsgebildc, wornach unheilt hier unser Gefühl s E. Schone Gebilde des Meeres dünken uns alle zu ihrer Wirklichkeit, d. i. zum Leben in ihrem Element rein und fren und froh gebildete Gestalten. Als lebendige Fahrzeuge, als Schwi m m e r erscheinen sie uns, wo Schiff und Schiffer Eins ist, durch die Wellen hindurch gleitend. Ihre vertheidi- gcnden Instrumente hat die Natur meistens dahingelegt , wo das bewehrte Geschöpf sich Bahn macht und die Wellen durchschneidct, obgleich oft auch Seiten und Nücke» des lebendigen Schiffs im freien Element des Wassers ganz gerüstet und bewehrt wurden. Außer diesen Waffen der Noch aber, in wie sanften Linien ist die Gestalt der Mecresbewohncr hinabgelcitct! Der Fisch schwebt und wiegt sich auf seinen Meercsflügcln, und schießt hinuntesi und fahrt hinauf, und streicht und sicuret. Ein unerreichbares Urgcbilde lebendiger SchiffSbaukunst. Betrachten wir dabcy seine Empsindungswcrkzeuge, das farbenreiche Auge, mit dem er in seinem gläsernen Hause hinauf-, hinab- zu allen Seiten sieht, und in seinem Element alle Gegenstände runder, größer wahrnimmt; von innen seine zarte Structur, von außen, Key so vielen Gattungen, die Glanzreichcn, und Schönen. 77 .Kunstvollen Schuppen und Farben; so scheint er uns, was er auch ist, eine lebendige Darstellung des silbernen Meeres selbst zu seyn, das sich in sinn nicht etwa nur abgcspiegelk, das sich verkörpert in ihm hat, und, wenn man so sagen darf, sich in ein Gefühl seiner selbst verwandelt. „Es rege sich, sprach die Stimme der Schöpfung, das Weltmeer, mit Leben und Bewegung, und es geschah also." Das lebenSschwangre., immer bewegliche Element, mit allen seinen lebendigen Kräften fuhr zusammen; was Fühlbarkeit in ihm war, ward organisirtes Gefühl, lebendige Gestaltung, eine dieser Wafferwelt harmonische, thatig - genießende Empfindung. Die kleinste Silbecschuppe auf dem Rücken des Fisches, wie die ganze Symmetrie seines Baues, Alles, was an ihm ist und zu ihm gehöret, ist Ausdruck dessen, was cr Kraft seines Ele m ents seyn konnte, lebendige DarskelIun g seines innern und äußern elementarischcn DascynS in Verhältnissen, Kräften, Gliedern. B. Mir ist ein morgenländischcS Buch in die Hände gefallen, Gespräche eines Menschen mit den Bewohnern aller Elemente, das auf dieselbe Vorstellung hinauSgeht. Ein Bewohner der höchsten Gebirge, ein Raubvogel saß vor dcm Betrachtenden da; mit scharfem Blick ihn anschauend sprach er also: „Was hast du mit mir, fremdes Wesen? Was Dir die Natur gab, hat sie mir versaget. Bon deinem tastenden Gefühl, von deiner über und 7 » V o m 7t n genc h m e n über empfindlichen Oberfläche, von deinem Munde, deinem Gaum weiß ich nichts; mit struppigen Federn bedeckt, mit Schnabel und Klaue bewaffnet, be- rübre ich deinen Erdboden kaum, gehorchend in meiner Region andern Sinnen und Trieben. Blick und Geruch schaffen mir eine Welt; für sie bin ich gebildet." So sprach er mit dem Elephanten, dem Papagei, dem Walisisch; sie sprachen alle aus i h- r e r Welt, aus ihren Elementen. 7t. Und doch sprach immer nur Er, der Mensch in ihnen; im Namen Aller führt der Mensch diese Gespräche. Er setzt sich, so weit ec kann, in jede Natur, und wo ihn durch dunkeln Abscheu oder durch ungehörige Annäherung zu sich die Sinnlichkeit nicht verlockte, wird er ein Beurtheilec der Welt, ein Richter ihrer Wohlgestalt und Schönheit. Sieh, da flattert eine Fledermaus; was sagte sie dem Morgenländer ? B. „Aus dem Ehor der Vögel in die Schaar saugender Erdcmütter verbannt, zischte sie, bin ich ein Doppelgeschöpf zweier Naturreiche, zur Region der Finsternis; gehörig. Schwarz wie die Nacht, und mit allen leisen Fühlbarkeiten der Nacht begabet, sitze ich in meiner Dunkelheit und rausche hervor, furcht- samkühn, in ungcwißscheuem Fluge. In diesem Fluge suche und scheue ich das Licht, mit einer unglücklichen Anhänglichkeit an Menschen und Thiere gestraft, sie zu schrecken und auszusaugen." E. Ein Doppelgeschöpf zu zweyen Reichen und dazu noch zu der uns furchtbaren Region der Nacht gehörig, ist also »ins doppeltem Grunde uns häßlich. und Schönen. 79 A. Wenn Alles indessen in der Natur ist, waS daseyn konnte, so mußte» auch Nachtgeschöpse sepn, wie Tagcsgeschöpse. Diese Tochter der 9kachl trägt olle Vollkommenheiten ihrer Mutter, in Sinnen, im Bau, in Forde, in Triebe» — on sieh; wir losse» sie ihrer Region, ihrem Elemente. B. Jene Jnsektenhcere, die ous Morost sich mir erborgten Flügeln emporgeschwungen zu hoben scheinen; ihres geharnischten oder feinen Baues, ihrer glanzenden Farben ungeocht,t, sind meinem Morgenländer Geschöpfe eines D o p p c I e! e m c n t s, gefürchtete Geschöpfe; wie bcpnoh olles gefürchtet wird , woS umherschwirrk, oder fein - und viclfüßig doherschreitet. Vor der tollergrimmtcn, brausenden Wespe scheuen wir uns, und verjagen sie in die Region, wohin sie gehöret. Wir scheuen uns vordem leisen Aufkriechen jedes Viclfüßigen; cs gehöret nicht zu uns, cs kommt ouS Moder. Selbst wenn die Vögel des Himmels, diese reine Luftgcister, die Helle Wasserfläche, ein der Luft so ähnliches Element, gleichsam verlockt zu haben scheint, darauf zu schwimmen, darin zu wohnen, sogleich bemerken wir an ihnen ein Doppelartigcs, eine daher entsprungene scheinbare Verunstaltung. Ihre Füße dünken uns ungeschickt, ihr Gang auf der Erde un- gemächlich. Selbst den schönen Schwan mögen mir am liebsten schwimmend sehui, wie er seine Wassergestalt, den Wellegeschwungenen Hals, sein glattes reines Gewand, das leibhafte Abbild der silbernen Spiegelfläche, in seinem Element sichet und betrachtet. So sehen wir jeden Vogel des Himmels am liebsten in seiner Luft, auf seinen Zweigen Lo V o m A ngeneh m c n A. Auf also! Von den Grenzen und Mischungen hinweg in die freie Region der! Luftreichs; was spricht von dieser freien Region der Morgenlander? B. Was die Lust ihren Gestalten geben konnte, sagt er, Licht und Blick, Schall und Stimme, Elasticitat und Schnelle, Glanz und Farben bat sie ihmn gegeben. Die ungezierte Floßfeder des Fisches, die de rin Erdcnihier der mübende Vorderfuß oder die Hand ist, ward dem Vogel Schwinge; die Schuppen des Wafferbewohners wurden ihm bunte, s»m- metrischgemahlte Federn. Schall und - Luftgei- ster haben den Vogel von innen; Licht- und Luft- gcister von ausse n gebildet. A. In Unsrer Sprache zu reden, hieße dieß also: in ihm sieht unser Auge einen Inbegriff von Eigenschaften und Vollkommenheiten seines Elements, eine Darstellung seiner Virtualität als eines Lieht-, Schall- und L u st g e sc h ö p fs, dem in jeder Gattung sein Habitus zuflimmt. B. Wenn mein Morgenländer den Kranich in seiner ziehenden Republik und den wicderkommenden Storch in seiner neuen Flühlingswirthschaft betrachtet; trenn er mit seiner Laube und Nachtigall, dem Pfau und Kolibri in Ansehung ihrer Lebensweise, einstimmig mit iffrer Gestalt, ihrer Art, ihren natürlichen Trieben Gekrache halt; o da verlangt mich kaum nach Aristoteles verlvbrnem Werk über die hundert Staatsverfassungen des Alterthums. Allenthalben sehe ich die Natur in höchster Zusammenstim- mung zum Wohlscyn des Geschöpfs, in ursprüngli- chcr, jeder Region angcmcsscnec Schönheit. und Schönen. 81 A. Treten wir nun zur Erde hinab, so werden wir freilich weder Lust - noch Waffergcstalten, sondern Erdgeschöpft sehen wollen, deren Bau ihrer Region auch gemäß sey. E. Die sehen wir wirklich. Fester und sich immer mehr verkalkender Thon ist die Grundform ihres körperlichen Baues; eine Form oft bis zur Trockenheit ausgebildetcr Glieder. Im Tropfen ent, sprungen, nährt unser Flammchen sich von Licht, Lust und mancherlei Saften, bis es zu erlöschen scheint, und der große Lebensgeist cs anderswo anzündet. Unser Urtheil über die Erdcthiere muß also um so partheilicher werden, je naher sie uns leben. A. Das sollte es nicht. Als Mitbewohner Einer Erde dürften wir uns nur in die Stelle jedes unsrer Verwandten setzen, dessen innerer und äußerer Bau dem unfern oft so ähnlich ist. E. Eben diese Aehnlichkeit ist verführend. Sie besticht oder macht, wie wir cs schon bei andern Grenznachbarn bemerkten, unser Urtheil irre Welche Thiere z. B. sind uns offenbar die ähnlichsten ? Gerade die häßlichsten, der Affe und das Faulthier. Weßhalb sind sie uns dies? Eben ihrer Aehnlichkeit mit uns wegen, da sie uns nicht sowohl, was sie sind, sondern eine rohe, verzerrte Menschengestalt scheinen. Den großen traurigen Affen, diese ssria kestia unsrer neuen cynischcn Philosophen, hassen und bedauern wir; so wie den lüsternen , üppigen Affen niemand leicht ohne Schaam und Abscheu ansieht. In der Stille sagt man zu sich selbst: „wie manchem unsres Geschlechts ist er Herders Werke z. PHU. u. Gesch. XV. F K-r Vom Angenehme« so ähnlich!" Denn liegt nicht selbst die Anlage dessen, was den Menschen zum Kunstgcschöpf macht, der Teicb zur Nachahmung, im Affen vor uns ? Jenes nachaffende Spiel ohne Begriff und Zweck, aber dem Anscheine nach zweckmäßig, wo ist cs uns sichtbarer, als im Affengeschlechtc? Und der arme träge, zweisingrige Ai! — B. Also hinweg auch von diesen zufammcn- stoßcndcn Winkeln zweier Gattungen der Erd-Geschlechter! Wir wollen sie anschaun, als ob wir nicht zu ihnen gehörten. Es war eine Zeit, sagt der Morgenländer, da noch keine Menschen auf Erden waren, da Genien alles bewohnten. Als solche Genien müssen wir jede Thiergaktung betrachten, keine entartet. Entfernt aus ihrem gezwungenen dienenden Zustande, tritt jede an ihre Stelle ins freie Leben der Natur; alle Widrigkeiten unsers Geschlechts gegen ganze Gattungen derselben, aus Furcht oder aus Sorge für unsre Sicherheit, für unsre Gesundheit und Reinheit, die unser Urtheil irre führen, werden abgesondert. Gegen die Liebhabereien, die Einer Thicrart, als wäre sie unsers Gleichen, Gunst erweisen, eifert er gleichfalls. Die Scheu hingegen, die unsrer Natur vor langgeschwänzten, kurzfüßigcn, schleichenden Höhlenthieren oder vor springenden Bestien cinwchnt, bearbeitet er in seinen Gesprächen sehr vernünftig, und siigt, wie der Mensch eine widernatürliche Liebe und Freundschaft am liebsten gerade ans Häßlichste verschwende. Nach ihm gefallen einem unverdorbnen Menschen!lick am meisten i. Thiere in einer entschicdnen Gestalt, hochgebaucte, freie, edle und Schonen. 83 Lhiere, an denen keine Waffen des Anfalls uns drohend zurückscheuchen. 2 . Andre, die die Miene der S a nftmu th »hne tückische Hinterlist, als Charakter zeigen. * 3. Unter den Erd.-kbieren, die sich häuslich, oft kümmerlich nähren muffen, gefallen unseren sinnlichen Mitgefühl, die am meisten, die auf eine für uns anschauliche Weise, mit einer uns unschädlichen Naturvollkommenheit begabt, in ibrer Art glücklich, sich s el bst h armvni Nb Ieben. Dieser Geschöpfe freie, leichte Gestalt, ihr reines, der Natur gemäßes Leben führt meinen Philosophen an die höchste Behörde des Menschen, an seine Gestalt, an scin Decvrum. Vom Hirsch und Roß, von der Gemse und dem Elephant steigt er zum Menschen — A. Wsblan, meine Freunde. Wenn jedes lebendige Geschöpf, seiner Gestalt nach, ein Maximum seiner Bedeutsamkeit an sich trägt, dessen Anerkennung, verständig oder sinnlich, uns den Begriff seiner Schönheit, d. i. des Wohlsepns in seinem Element gewahret, wird dem Menschen dieser Ausdruck seiner Virtualität fehlen? Ihm, dem Mittelpunkt aller lebendigen Erdgelchöpse. C. Alles am Menschen ist darstellend« ausdrückend, reell bedeutend. Nicht wie in einer Schachtel wohnt des Menschen Geist, die ihn belebende, ihm angcbohrne Kraft, sondern charakteristisch und energisch, ausgcdrückt in seinen-Gliedern, Bewegungen und Gcbchrden. Die F 2 84 Vom Angenehmen Stirn des Menschen; sie zeigt nicht etwa nur jetzt und dann Gedanken, sie ist seine Gcdanken- fo rm. Die Wölbung seiner Augenbraunen, be- »beglich und daurcnd, ist Ausdruck seiner Gesinnung; das Auge der Sprecher seines Blicks, seines Willens und Begehrens. Die ganze Form des Gesichts und Körpers ist das Gepräge seines Ebarakters, der Empfindung Jedes unverdorbenen Menschen verständlich. Z. B. Wer wird einer zerbrochenen Schulter irgend eine Last auflcgen? Wer von einem Menschen mit gekrümmter, zerquetschter Brust Helden - Gesinnungen erwarten ? Oder der schleichenden Affcnhand eines Heuchlers seine Hand reichen? Wer dem ausgelöschten, un- sichcrn Auge Herzlichkeit, oder dem irrenden Blick eines Wahnsinnigen streng - und inniggefaßke Wahrheit Zutrauen? So zeichnet der Gang des Menschen sein Kommen, Sitzen, Weggehen, das Tragen seiner Hände, die Oeffnung und der Schluß seines Mundes, sein Reden und Schweigen, ohne daß Trügcrei Hilst, alles zeichnet ihn wie er ist,-reell, w ah r h a fti g. A. Es zweifeln doch aber so manche an der Wahrheit der Physiognomik? C. An der Wahrheit der Physiognomie zweifelt niemand; Jedem Aufmerksamen, jedem Menschen von Empfindung zeichnet sie sich, wie sich der Baum, die Frucht, die Pflanze, das Thier zeichnet. Ein Kind schon verstehet die Sprache des Gesichts und Auges, cs unterscheidet bestimmt und heftig. Der unverdorbene Naturmensch fällt die sichersten, feinsten Urtheile, indem er nach ihnen handelt. und Schönen. 85 Nur jeder bemerkt in seiner Weise. Der Spötter findet das Lächerliche, der Stolze das ihm Verächtliche , der Starke das Schwache, der Kleinling des Geschmacks das Unanständige zuerst und am liebsten; er hangt sich daran, und läßt die bessern Buchstaben dieser Schrift oft unbeachtet. A. Dagegen der Verständige, Sittsair«, Edle — B. Wohlwollend sucht er die guten Auge dieser Naturschrist auf und wendet sich, die andern vorerst vergessend, an sie vorzüglich. „Sprich mit dem edelsten Lheil eines fremden Gesichts," sagt mein Morgenländer, „nicht mit dem unbedeutendsten und schlechtsten." Dem Rath bin ich gefolgct und habe mich wohl dabei gefunden. Ich knüpfte meine Gesinnung an diese bessern bedeutenden Züge, als an meine Gehülfen, und zwang dadurch oft den Schlechtsten, für den Augenblick seinem bessern Genius, den ich in ihm ausweckte, zu folgen. A. Also ergreift die empfindende Seele ein ganzes Bild vom ganzen Menschen in seinem Seyn und Charakter? C. Ein ganzes Bild vom ganzen Menschen, sein geistig-körperliches Daseyn. Dies prägt sich ihr zuerst ein und aus einmal und unzerreißbar. Was wir bei jeder Tbierart bemerkten, daß sie für ihr Element wie im Handeln gebildet, sogar ossisicirt worden, so zeigt sich jeder Mensch in seiner Gestalt, in seinen Gebehrden dem, der ihn zu sehen vermag, handelnd. A. Sollte der Mensch in dieser seiner achten Gestalt sich selbst erkennen und merken können. 86 Vom Angenehmen was an ihm schwach und stark, Form oder Unform scy? C. Trage er nicht sein Bild, seinen Charakter selbstbewußt mit sich? Charakter aber heißt Einschnitt , e i n g e g ra b e n e Bezeichnung. Er weiß, wenn ers wissen will, woran es ihm feble, wo der Berg in ihm ein Thal, das Ueberladene Schwachen gebe, und wie die Natur, wo immer möglich, die Unform compensire. Daß ers nicht immer wissen, noch weniger sagen mag, gehöret nicht hieher, daß er sich aber in seiner Gestalt fühle, wie er sich in ihr auch jedermann zur Schau tragt, leidet keinen Zweifel, da cs ja Realität, d. i. die Sache selbst ist. A. Also findet in unedlen, verwirrten und verworfnen Menschenfcrmcn auch eine Compensation Statt? C. Dank der Natur! auch an der verwirrtesten und verworfensten sind noch Züge der Menschheit kennbar; indeß freilich andre Gestalten, die an Reinheit, Kraft und Harmonie sich auszeichnen, uns wie Engel unter Menschen erscheinen. An ihnen hangt unser Auge; zu ihnen spricht unser Herz; es fühlt sich dem Brennpunkt menschlicher Virtualität, der Reinhctt eines menschlichen Daseyns nahe, nahe, mit innigster Freude. Diese in allen Zügen und Formen bedeutende reine Menschengestalt ist menschliche Schönheit. A. Das Resultat unsrer Unterredung wäre also dieses, daß ohne Begriffe und Vorstellung eines Zwecks das Wort Schön und Sch önhe it nirgend Start finde. Je flacher der Begriff der Sache ist/ lind Schönen. 87 bei dem wirs gebrauchen, desto kindischer wirds genannt. Je wescnhaster, desto treffender ist unser Begriff von ihrer Schönbeit. Ohne Objekt sich einen Inbegriff der Eigenschaften des Objekts, d. i. ohne alles Schöne sich Schönheit denken ist Traum; ein Gefühl ohn' alle Begriffe Wahn, und eine Philosophie, auf solchen Wahn gcbauet, ihrem eignen Geständnis nach, die Begriff- und Zweckloseste, die je dieses Namens sich anmaaßtc. I. Im gemischten formlosen Reich der Schöpfung, giebt uns das erste Geschiebe, der erste Rhombus, in den eine Steinart bricht, als Gestalt nur dadurch Vergnügen, daß sie Gestalt ist, uns anschaulich, uns begreiflich. Alle Kristallisationen noch vielmehr. Je regelmäßiger, je vielartig - einiger, desto angenehmer. Vom Basaltpfcilcr bis zur Schneeflocke und dem Baum Dianens. Farbe, Glanz, Harte u. f. sammt dem ganzen Complexus der Eigenschaften des Dinges, nur nach Begriffen und Zweck gehören sie zum Reich des Wohlgefallens; das Formlose schätzen wir nur in Absichten, daß cs durch uns Form erhalte oder zur Verschönerung unserer Form diene. II. Im Reich der Organisationen herrschen die Elemente. Sie gebieten und geben Form, d. i. sie beschranken den organisirenden Geist, der in diesem Element wirket, so daß jedes Gebilde als ein Inbegriff der Wirksamkeiten und Fühlbarkeiten zu betrachten ist, die in diesem Element nach Ort und Zeit Statt fanden. Das ganze Wohlscyn 83 Vom Angenehmen ' ihres Inbegriffs von innen macht ihre Wohlgestalt von außen, d. i. ihre Naturschönheit; von uns begriffen , unfern Sinnen harmonisch wird cs uns schön. I. Im Reich der Vegetation. Das Wort Gewächs weiset auf Lebensalter des Gewächses. Die Zeit seiner Blüthe offenbart alle seine Kräfte; mithin ist sie das Zeitalter seiner Schönheit. Blüthe und Frucht sind uns nur sofern schön, als sie unfern Organen zustimmend sich äußern; die Form jedes Gewächses ist dadurch an sich selbst schön, daß cs, in allen seinen Thei- len und Kräften mit sich Eins, seinem Element gemäß lebet und wirket. II. Im Reich lebendiger Wesen. r. Des Wassers. Hier wurden Gebilde, wie sie der Geist des Elements tbätig und fühlend hervorbringcn konnte. Aus bcidem entstand ihre Form; in ihrem Element zu leben, und ihres Daseins zu genießen, sind sie gebildet. Uns dünken sie schön oder häßlich, nachdem diese ihre lebendige Form von uns sinnlich begriffen wird und Nebcn- ideen sie nicht verdunkeln. Alle lebendige Wesen, die, am Rande eines Naturreichs gestaltet, zu zwei derselben gehören, dünken uns häßlich, weil der Inbegriff ihrer Naturkräfte entweder unentwickelt ist, oder uns doppelgesichtig, mithin verworren erscheinet. 2. Im Reich der Luft, als in einem uns verwandteren Element bildeten sich schon harmonischer mit uns die Gestalten, und noch nehmen und Schönen. 89 wir an ihrer Schönheit fast nur durch ihre Bekleidung, durch ihren Laut und durch das Wohlgefallen an ihrer Lebensweise Thcil. Licht und Lust erschufen schöne Gestalten, die mit sich selbst harmonisch im Reich der Freiheit leben und wirken. Wo auch in diesem Reich zwei Elemente an einander grenzen, erscheinen uns Mißgestalten; die Geschöpfe der Nach^ sind uns gar widrig. 3. Erdenge schöpfe, dis letzten und festesten stehn uns am nächsten; wo sic unsrer Bildung zu nahe sind, oder durch falsche Neigungen zu uns gehören, führen sie unser Urtheil irre. Leicht und in schöner Proportion gebaucte, uns unschädliche, mit cdeln Kräften begabte, reine, muntre Thiere sind uns die angenehmsten, die schönsten. 4 . Der Mensch endlich ist uns das Maas und Muster der organischen Schönheit; in ihm sind alle seine Formen bedeutsam. Hier brach unser Gespräch ab, wo dann ein neues sich anknüpfen sollte, nämlich: wie steigen die organischen Gestalten hinaus zur menschlichen Schönheit? Vielleicht nehmen wir die Materie bald wieder auf. Was sagt zu diesem Allem die Kritik? B. „Es wird also, sagt die Kritik, *) eine Gesetzmassigkeit ohne Gesetz, und eine subjektive Ueb.reinstimmung der Einbildungskraft zum Verstände ohne eine objektive (da die Vorstellung auf einen bestimmten Begriff von einem Gegenstände bezogen wird), mit der freien ) S. 63» s° Dom Ungenehme« Gesetzmässigkeit des Verstandes (welche auch Zweckmässigkeit ohne Zweck genannt worden), und mit der Eigenthümlichkeit eines Ge- schmacksurtheils allein zusammen bestehen können. " C. Um ein abgeschmacktes, d. i. Begriff-, Objekt- und verstandloscs Urkheil zu werden. Dergleichen witzige Gegensätze, „Zweckmäßigkeit ohne Zweck, Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz, Gefühl ohne Begriff u. f.," heben allen Begriff und Geschmack wie alle Kritik auf; Gefühl, Urtheil und Kunst machen sie — wozu? zum Affenspiele. und Schönen. V. Vom Misbrauch der Namen des Angenehmen und Schönen, des Interesse, des Reizes und der Rührung, des Begriffs, der Form und Zweckmäßigkeit, der Vollkommenheit, allgemeinen Norm und des Gemeinsinns am Schönem Wie lange sollen Männer mit Worten spielen, und Jünglinge diese Wvrtspielerci bewundern? Was angenehm, schön, zw eck massig, gefällig, was Jntcrresse, Form, Begriff, Gemein sinn sey, können wir alle wissen; es würde eine rmcultivirte Nation anzcigen, der diese Worte entweder noch unbestimmt wären, oder die sich solche wilfkührlich bestimmen ließe. i. Angenehm, (weiß jeder) heißt was ma» gern anninimt; am meisten brauchen wir das Wort von Gaben, von dem, was uns als Geschenk zukommt. *) Eine Empfindung, eine *) Der Römer gr-eim«, grati,-, u. f. ging eben dahe^ aus; von einer freiwillig eizeigten, dankbar ange- 92 Vom Angenehmen Begebenheit und Nachricht nennen wir vorzüglich dann angenehm, wenn sie unS unerwartet kommt, aber wohlthatig, annehmlich. Daß uns also auch das Nützliche sowohl, als das Schone sehr angenehm kommen könne, wer zweifelte daran? Auch außer seiner Schönheit ist uns B. ein Gcmähldc sehr angenehm, wenn es von guter Hand kommt und uns angenehm erinnert. Nicht Gegensätze sind diese Begriffe, sondern Unterschiede, deren mehrere nicht nur beisammen sepn können, sondern in den angenehmsten Gegenständen beisammen sind; daher bei diesem, wie bei tausend andern Worten, die sub - und objektive Bedeutung Eins ward, und man der Kürze wegen dem Objekt zuschricb, was, wie jedermann begreift, nur dein empfindenden Subjekt gehöret. „Wie ist der Abend so angenehm! welche angenehme Musik ertönet!" sagt man, und jedermann verstehet die Worte. Im engsten Sinn endlich, künstlerisch genommen, bezeichnet das Wort angenehm die Manier und Behandlung, die sich nicht etwa nur vom Unangenehmen, sondern auch vom Großen, Heftigen, Lustigen u. f. unterscheidet. Diese bei allen cultivirten Nationen eingeführten, geltenden Bedeutungen der Worte darf man weder verwirren, noch sinken lassen: denn nach hen Begriffen der Kritik selbst gehören Geschmack und Kunst für den Gemein sinn. 2. Ueber das Schöne und die Schönheit nommenen Wvhlthat. Die Charis der Griechen nicht anders, wie die Abstammung und Fortpflanzung des Begriffs in Worten und Formel» zeiget. und Schönen. g3 ist gesprochen worden, seitdem man sprach; allemal drückten sich dabei nicht nur Begriffe, sondern auch Gesinnung und Lebensweise, Empfindung und Ur- thcilsfähigkeit des Sprechenden aus. Bei den Griechen (um nicht zu altern Völkern hinauszusteigen) bezeichnete das Schöne (a-s was herverscheint und gleichsam hervorruft an Glanz und Ansehen, die Sonne, das Gold; eine ansehnliche Gestalt, hervorglanzcndcr Muth und Ruhm, auszeichnende Ahnten. Daher die häufigen Sprüche der Griechen: das Schöne scy schwer, des Schönen sey wenig, das Schönste sei) das Vortrefflichste, Höchste. Schön und groß, schön und brav fügten sie zusammen; das x«- Xo? «-/-x-Z-o? war immer in ihrem Munde. Da also von Glanz, Ruhm und Vvrtrefflichkeit bei ihnen die Idee der Schönheit ausging, so konnte sich auch ihr Name nicht anders als mit Kraft und Bestreben, nicht mit schlaffem Genuß oder Nutzloser Weichheit paaren. Auch die verfemte Sprache der Griechen wich von diesem edcln Ursprünge nicht ab; das Ans tand ige und N u h m bringende blieb in der Idee, wie bei den Römern das prck- arurri als ein Ironsstunn, clecsirs, cksaoruin. Künste des Schönen hießen dem Griechen nicht, was sie der Kritik heißen, muffige Spiele; gerade die schwersten waren ihnen die edelsten Künste, die zu dem Vortrefflichsten geschickt machten und zu ihm gehörten. Auch uns soll dieser Sinn des Wortes schön nicht untcrgehen: denn ihn gebietet auch unsere 94 Vom Angenehmen Sprache. *) Das Hervor scheinende, das Anständige und Edle in Gesinnungen, Gestalt und Thaten, nur das sey uns schön. Seit Plato über das Schöne und Gute (xaXsr re' «>)urZon) plnlosophirte, verbanden sich beide Begriffe fester. Das Schöne war ihm eine Darstellung des Guten und Wahren. Einen Hip- pias nur zieht sein Sokrates mit der Frage: „was ist das Schöne?" hin und her, und verstehet ihn zuletzt mit keiner andern Auskunft, als daß das Schöne zu finden schwer sey; gegen Andre hat er sich deutlicher erkläret. Sein Schönes (der griechischen Bedeutung gemäß durste er das Wort also gebrauchen) war das Bleibende der Dinge selbst, ihre innere Gestalt, von welcher die äußere nur ein veränderliches Traumbild sey. In menschlichen Seelen war ihm das Gerechte, Schöne und Gute Eins; er tadelte, als Sophistenkunst, wenn man sie trennte. Immer, ihr Freunde, soll uns sein Gespräch mit Phadrus **) werth, der Ahorn am Jliffus, unter welchem es gehalten ward, ein heiliger Baum und Sokrates Gebet zu Ende der Unterredung unser Gebet bleiben: „Guter Pan! und ihr andern Götter dieses heiligen Ortes! Gewährt mir, daß mein Inneres schön, und mein Aeußercs dem Inneren harmonisch sey. Reich ist nur der Weise. Geldes sey mir nur soviel beschert, als dem Mäßigen gnügct. Sollen wir *) Schön komnot von scheinen, hervorschei- n c n. ") lieber das Schöne. ^ und Schonen. 9L noch um etwas anders bitten, ihr Freunde? Mir ist dies Gebet hinreichend. " In der Platonischen Schule erhielt sich dieser edle Begriff des Schönen, bis man ihn zuletzt überfeinte. Unverkennbar indeß sind die Spuren desselben auch noch in den scholastisch - dunkeln Zeiten, die man oft, auch wo man sic nicht erwartet, angenehm - betroffen findet. In Augusti n und B 0 ethius , in Erigena, Thomas vor» Aquin 0, Albertus Magnus, in Tauler und andern zeigt sich der schöne Begriff unter dunkleren und helleren Wolken, bis er bei Wiederauflc- bung der Wissenschaften mit dem griechi chcn Plato wie ein Morgenstern aufging. Dank diesen Plato- »istin! Dank allen Beförderer» des Schönen und Guten damaliger Zeit! Eben- mit ihren Schwärmereien für diese Begriffe haben sie Europa zum Licht geholfen. Früher als andre ward die Italienische P 0 e si e von der Fackel erleuchtet, in der das Wahre» Schöne und Gute, als Ein dreifarbiger Strahl erschien; die Gedichte Dante's, Pctrarka's und so vieler andern glanzen noch in diesem Lichte. Selbst Philosophen, EampaneUa vor andern legten in der damals beliebten Form dieses heiligen Drei, des Wahren, Guten und Schönen, auch ihre wis, scnschaftlichen Gebäude an; ja kein umfassender, geschweige eindringender Geist, der im Mannigfaltigen Einheit, in Worten Sache, ini Schein die Wahrheit suchte, hat diesen Bund der drei wesentlichen Tendenzen unsers Dasepns trennen mögen. S6 Nom Angenehmen Die gesellschaftlichste Nation Europens behandelte den Begriff des Schönen meistens als ein Angenehmes, gesellschaftlich, oft spielend. Ungerecht wäre es indessen, den Witz oder Scharfsinn zu verkennen, der in den Untersuchungen mehrerer französischer Schriftsteller auch über diese Begriffe, z. B. Diderot' s, N o u ff e a u' s, Montes- quicu's, und vor ihnen Crousaz, de Pouil- ly u. f. hervorlcuchtet. Die Zahl ihrer feineren Kritiker ist fast unnennbar; ihre Sprache selbst ist Kritik, Kritik des Schönen in den feinsten Unterschieden der Begriffe und Worte. Unsre westliche Nachbarn, die Insulaner — in Ausübung der Künste des Schönen waren sie zwar selten Meister, und im Geschmack an ihnen oft mehr Käufer und Besitzer, als wahre Eigen- thümer; in der Philosophie des Schönen indes, in Anwendung des Schönen aufs Sittliche, haben sie dem edlen Begriff der Griechen nachge- strcbet. Außer ihren großen Dichtern und dichtenden Denkern, die, wie Shakespeare, Milton, Pope, st) oun g u. f. oft in wenigen Zeilen eine ganze Theorie vortragen, dürfen wir uns nur der Stunden erinnern, die uns S h a ft e s b u r i und Addison, Johnson, Cumberland, Hurd, Wharton, Webb, Spcnce, unter ihren Nachbarn Blackwell, Harris, Home, Smith, Beattic verschafften. Durch Lcs- sing, bfcbenburg, Garve, Blankenburg u. f. war ein großer Theil dieser brittischcn Kritik uns so eigen worden, daß wir die unsre, dem brittischm Baum cingcimpft, als ein neues eignes und Schönen. 97 eignes Gewächs fortblühend hofften, als plötzlich die kritische Philosophie zeigte, wie wir vor ihrer Erscheinung baar und blos a l le r Grundsätze zur Kritik des Schönen gewesen, daß trotz eines Dürers und beider Hagedorne, trotz Hallers, Kl o pst o cks , Lessings, Mendels o hns, Kästners, B a umga r tens , Su I zer s , Engels, Garve, Hemsterhuis, Mengs, Winkclmanns u. f. wir dennoch von der achten Kritik der Geschmacksurtheile nichts gewußt, bis sic uns offenbarte: „Das Gcschmacksurtbeil sei ästhetisch; das Wohlgefallen am Guten sei nicht schön. Schön sei der Gegenstand eines Wohlgefallens ohn' alles Interesse; Schönheit sei, was ohne Begriff als Gegenstand eines noch wendigen Wohlgefallens erkannt wird." Mit diesen Spielmarken zahlt man in Deutschland seit dem Jahr 079 ». Die seit Homer und Plato bei allen cultivirten Völkern Europa's über die Natur dcS Schönen geprägte Münze ist verrufen. 52 i-wu -9-wu ldilrw uff -§5/, 5 < -Asvt' X2X5/P <75 r^-r. c5r' ?-o nun voz/.eA?«« Doch schnell zur folgenden Zahl, der Aufklärern: dieses — 3. Interesse. Seit Helvetius übertriebenen Behauptungen hat das Wort, wie einst volu^ias, eine Scheu erregt, die, wenn man statt seiner an Ort und Stelle den deutschen bestimmteren Ausdruck Eigennutz gebraucht hätte, fast ganz unterblieben wäre. Obn' allen Eigennutz kann Herders Werkez.Phil.u. Gesch. G 9 » Vom Angenehmen ich mir sehr nützlich, mit allem Eigennutz mir und andern sehr schädlich werden. Mit Nutzbarkeit für mich kann die Tugend bestehen; mit Eigennutz nie. Würde endlich Eigennutz die Basis der Kritik alles Wahren, Guten und Schönen-kur;, zum Begriff der Schönheit gekört das Wort Eigennutz gar nicht. Wer die Vortrefflichkeit eines Kunstwerks fühlet, wird nicht fragen: wie viel es koste? sondern ausrufcn: es ist unschätzbar. Hätte aber auch jemand so große Liebe zum Kunstwerk, daß er es (wir fetzen den äußersten Fall) entwendete; wäre jemand von der Schönheit eines Weibes so umstrickt, daß er sie entführte: so geht sein Gefühl der Schönheit Einen Weg, seine Thorheit oder sein Verbrechen den andern. Dort bcurtheilt ihn der Schöndelts-, hier vcrurtheilt ihn der Eriminalrichter; beide haben nichts mit einander. Interesse aber hat die Schönheit; ja alles Gute hat nur durch sie Interesse. Denn was heißt das Wort? Interesse ist cznock inan internst, was mich angehU Betrifft eine Sache mich nicht, wie könnte ich an ihr Wohlgefallen finden ? Um zu gefallen muß der Dichter, der Künstler, ja die Natur selbst uns zuerst interessant werden; sonst geht alles, was sie uns auftragen, uns wie ungewürzte Kost, wie ein Gericht Nußschalen vorüber. Interesse ist wie des Guten und Wahren, so auch der Schönheit Seele. Nimm ihr das, wodurch sie an sich zieht und an sich festhält, oder, welches einerlei ist, wodurch sie sich uns mittheilet, aneignct; was habe ich mit ihr? Gicb ihm Inter- und Schönen. 99 esse, und ein Mahrchen der Mutter Gans gefallet mehr als eine langweilige Hcroide. Interesse am Schönen; gicbts ein reineres Interesse? Was ist dagegen der kalte Eigennutz, der philosophische Stolz, die üppige Selbstliebe? Vermöge des Wesens, das mich aus nstc selbst setzt, indem cs sich mir aneignet, vergesse ich meiner. Ohne kleinliche Rückkehr auf mich bin ich von der Idee erfüllt, die mich über mich hebt, die alle meine Kräfte beschäftigt; dagegen jedes Uninteressante mich leer laßt, und wenn ichs geschehen lasse, vor langer Weile mich tödtct. Kein schönes Werk der Kunst oder der Natur soll uns also ohne Interesse sevn; in dem reinen Verstände nämlich, in welchem alle cultivirte Nationen das Wort gebrauchen, der dann jeden schändlichen, der Kunst unwürdigen Nebenbegriff des Eigennutzes, des Wuchers u. ft ganz ausschließt. Warum wollten wir Deutsche, und wie dürfen Wir die gemeinsame Sprache der Völker, die früher als wir, die Kritik betrieben, eine angenommene Sprache verwirren und ummodcln? Der feine complexe Begriff, der sich in Sachen der Kunst und des Geschmacks das Wort Interesse, interessant u. ft einmal zugebildct hat, und dabei weder an Eigennutz, noch an Zinsen denkt, wundert sich, daß man ihm so Etwas nur gegenüber stellen, geschweige mit ihm verwirren möge. 4. Reiz, Rührung. „Das reine Ge- schmacksurthcil soll von Reiz und Rührung unab- bangig sepn;" wie ist ein Geschmack ohne Geschmack, eine Empfindung des Schönen ohne Reiz und Rüh- G 2 ruu Vom Angenehmen rung möglich? Wurde nun gar, was im Urthcil des Geschmacks von Reiz und Rührung abhangk, dem reinen Geschmacksurtheil entgegengesetzt, und als unrein, als empirisch verworfen, wo gerochen wir hin mit dieser neuen kunstwidrigen Kunstsprache ? Das Feinste und Reinste des Interessanten heißt Reiz; das xunutum sslisms verwirkenden Schönheit. Hat sie keinen Reiz für mich, weh' ihr, der Leblosen! Habe ich für ihre Reize kein Gefühl; wehe mir, dem Gcfühlberaubtcn! Was wir Anmuth und in höherer Wirkung Reiz nennen, nannten die Griechen Charis, die Römer venrislas; sie können nicht zart genug davon reden. Es ist das Pünktchen auf der Wage des Wohlgefallens, das den Ausschlag gicbt, eben nach welchem die Kunst sowohl, als das natürliche Wohlgefallen, die Charis, strebet. Karg mit dem Lobe über dies höchste Ziel der Kunst, schätzen sic Reiz für eine, die lauterste Göttergabe; jene himmlische Anmuth nämlich, die dem gemeinen Auge der Sterblichen nicht einmal erscheinet. Zn einem Gürtel verborgen, kündigt selbstbewußte Ruhe sie an, Einhalt des Sinnes kheilct sie mit, heilige Freude halt und bewahrt sie. Sie, die Grazie, das auszeichnende Eigcnthum der himmlischen Aphrodite. Diese für Schaum, den Mittelpunkt des reinsten Wohlgefallens für Empirismus erklären, vor welchem sich das Geschmacksurtheil zu hüten habe, errichtet ein Tribunal, auf welchem freilich die Grazien nicht, auf dem die Reiz - und Rührungklofen thronen, und thronen mögen! und Schonen. 2010 Die Beispiele, welche die Kritik von Reiz und Rührung giebt, *) z. B. „die grüne Farbe der Wiesen, der einfache Ton einer Violin (von welchem es noch ungewiß scy, ob er eine Form habe), die Farben, welche den Abriß illuminircn, Gewänder an Statuen, Saulengänge an Gebäuden, der goldnc Rahmen am Gemälde" sind unter der Kritik. Ist Reiz (wie die Kunst das Wort nimmt und behalten muß) eben der höchste Punkt, nicht etwa blos der Zeichnung, sondern des fast Unerreichbaren der Zeichnung, der Seele des Bildes, der Schönheit in lebendiger Bewegung, im Moment der Charis, der Mittheilung; ist Rührung, wie hier davon die Rede feyn kann, nichts als die Empfindung des Schonen selbst im Augenblick des reinsten Erkennens und Aneignens; wie? von diesem Moment, dem Quell und Wcsen alles Schönen, sollte das kritische Gefchmacksmtheil unabhängig seyn, damit cs a priori „ohne Reiz und Rührung" urtheile? Ohne Reize gewiß, und dem Sinn jedes Verständigen mit unangenehmer Rührung. Uns, Freunde, werde im Wirken und Ur- theilen nie die Charis unhold, die allen Künstlern, Weifen und Dichtern alter und neuer Zeiten so unaussprechlich werth war. Nichts flohen sie in Kunst und Vortrage mehr, als die Schlaffheit, den Reiz - und Rührungslosen Acharientism u S. ü. Begriff. Form der Zweckmäßigkeit. Form. *) Kritik. S. 38. t 102 Bom Angenehmen Was Begriff sey, weiß Jeder. Jeder meynt und nennet darunter die Vorstellung eines Gegenstandes, das, was ich mir von ihm erkennend aneigne. Nachdem das Organ, der Gegenstand, die aneignende Kraft ist, wird der Begriff dunkel oder hell, vielfasseud oder dürftig, lebhaft oder matt und welk; einiges Licht, einige Kraft, einiges Leben muß er indeß doch haben, sonst wäre es kein Begriff. Das Spiel, das in andern Sprachen mit dem Wort Idee getrieben worden, ist unserm deutschen Wort Begriff fremde. Uebri- gcns ist das Feld der Vorstellungen in der menschlichen Seele von den Griechen sowohl, als Neuern auch in der Sprache mit so Hellen Unterschieden bezeichnet, daß alle cultivjrte Nationen Europens sich über psychologische Gegenstände nicht nur verstehe», sondern gewiffermaaßen in allen Wissenschaften an Einer und derselben Wissenschaft fortzubauen schienen: so faßlich, so naturgemäß war, wenige Unterschiede ausgenommen, in Plato und Aris to - teles, Eartes und Leibnitz, Locke und Condillac die angenommene psychologische Sprache. Hören wir nun plötzlich von „Geschmacks u r- tbeilen ohn' alle Begriffe, weil von Begriffen cs keinen Uebergang zum Gcfübl der Lust und Unlust gebe," *) so stehen unsre Begriffe still. Wie? fragen sie ciuandcr, giebt es in der menschlichen Natur, nicht etwa nur ein Gefühl der Lust und Unlust, sondern Urthcile sogar, ästhetische Ge- ') S. 17. 18. und Schönen. ,rV schmacksurtheile ohne Begriff, ohn' alle Begriffe? Sind wir unter die Auster und Milde hinabgcsun- kcn, bei denen selbst für uns ein Gefühl ohn' irgend eine Vorstellung, so dunkel sie auch sei), kaum denkbar ist? Und wäre an einem Uebcrgange von Begriffen zu Gefühlen der Lust und Unlust, oder von diesen zu jenen auch nur zu zweifeln, geschweige ein solcher als undenkbar zu lgugnen, da zwischen Einem und dem Andern, die wir überhaupt nur durch Abstraktion theilen, wir uns des innigsten Ucberganges jeden Augenblick bew.ußt find? Der Schwärmer selbst senkte sich nie so tief in den dunkeln Grund seiner Seele, daß er ohn' alle Begriffe zu empfinden, geschweige zu urtheilen glaubte; und hatte er diese Begrifflos,gkcit zum Criteriuni und Postulat gemacht, daß eben deshalb seine Empfindungen und Geschmacksurlheilc allgemein - gültig seyn m ü ßten : so würde man nichts als das kleine Wunder von ihm begehrt haben, ohne Begriffe diese Begrifflose GcschMacks- urtheilsgabe andern und jedermann mitzutheilcn. Allen Freunden des Schönen war auch bei der innigsten Empfindung desselben der Begriff der Schönheit heilig und werth; den Griechen schien er der Begriff der Begriffe selbst, die inner st e Z u s a m m e n fa s su n g und Energie unsrer Seele, auch das Wahre, das Gute sich innigst zuzueignen. Wenn unser Verstand sich seine heitersten Begriffe denkt, muß er sich ein Ganzes constiiuiren; mithin schafft er sich eine Idee, ein Bild der Schönheit. Soll unser Wille auf ein Gutes wirken; einladend muß cs ihm entgegen 7 ? kommen, in seine Bewegungsgründc, als in wesentliche Reize gekleidet, die aus dem Gegenstände selbst entsprungen, ihn bilden, ihn constituiren, ein Bild der Schönheit. Jeder Sinn, sahen wir, ist dazu organisirt, daß er sich ein Eins aus - und mit Vielem, aussondre, ancigne; sonst war er kein organischer Sinn einer Seele. Mittelst der tastenden Hand schon, bei jeder Flache, jeder Linie des Körpers ertastete die Seele sich Theilbegabte totu; so allein füllcte unsre Phantasie sich mit lebhaft- unterschiednen Begriffen, deren keiner ohne einen Grad Lust oder Unlust seyn konnte. Dem Auge und Ohr endlich traten sogar eigne Medien vor, jedes mit einer unzerreißbaren Ausammenord- nung eines Vielen zu Einem, der Bildung des Organs harmonisch, begabt; den Sinnen selbst also ward durch diese Regel des Schönen nicht etwa nur der rohe Stoff der Begriffe verwirrt und unbildsam entgegcngeworfen, sondern von der Natur in einem uns unabänderlichen, dem Sinn durchaus verständlichen Maas zugem essen, zugewogen. Bei der verworrensten Empfindung also', wie könnten wir uns in einem Begriff losen Tartarus wähnen, mit der Hoffnung, je daraus zum Licht Eines Begriffs zu gelangen? Giebks von Begriffen keinen Uebergang zum Gefühl von Lust und Unlust; so auch von Diesem nicht zu Jenen. Die ehern? Pforte wäre verschlossen, unüberfteigbar stünde eine Kluft vor uns da. Dank der Natur, die in Allem das Gegenthcil thut von dem, was die Kritik postu- liret. In einem verständig - empfindenden Wesen ist kein Gefühl ohne Begriff, das Ja und Nein keines Uriheils ohne Gefühl der Eonvenienz oder Discon- und Schonen. /n5 venienz, mithin ohn' einiges Gefühl des Angcnch- men und Unangenehmen auch nur denkbar. „Form der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes, sofern sic ohne Vorstellung eines Zwecks an ihm wahrgc- nommenwird. " Ist diese Wahrnehmung möglich? und wäre sie's, ist sic die Empfindung der Schönheit? Wo ein Zweckmäßiges in der Form des Gegenstandes so lebhaft wahrgenommen wird, daß diese Wahrnehmung mir Lust gewähret, da muß ich mir einen Zweck verstellen, oder die Form des Zweckmäßigen verschwindet. Ein leeres Gedankenspiel ists, daß „eine Zweckmäßigkeit auch ohne Zweck seyn,"*) daß ich mir jene der bloßen Begreiflichkeit wegen, (zum Scherz gleichsam) setzen und wegräumen könne." Nur der kann es, dem die Zweckmäßigkeit der ganzen Natur, mithin der Verstand selbst ein Scherz ist. Könnte ichs aber auch, was thäte dies zum Begriff, in welchem von dem Zweck die Rede ist, der im Gegenstände auf mich wirkt, zum Begriff der Schönheit? Aus einmal wirken und nicht wirken kann dieser doch nicht; wenn er mich also wirklich erfüllet, was dcr Urheber sonst für Absicht hatte, was das Werk auf andre für Zwecke habe, was thut dies mir? Ich genieße den wcscnhasten Zwcck, ich lebe im Geist des Werkes. ) S. 33. Vom Angenehmen ic>6 Im Geist; nicht in der todten Form: denn ebne Geist ist jede Form eine Scherbe. Geist erschuf die Form und erfüllt sic; Er wird in ihr gegenwärtig gefühlt; Er beseligt. Schnitzt und tappt, so lang' ihr wollt, an der zweckmäßigen Form ohne Vorstellung des Zwecks, Kraft - und Geistlos; ihr wühlt in Sägcfpänen, ihr bildet aus kaltem Leimen- Mit dem Wort „Form ohne Begriffe des Schonen," mit dem spielenden Gegensatz „Form der Zweckmäßigkeit ohne Zweck," hat sich in der Kritik ein Endloses Geschwätz erhoben, voll leerer Worte, voll Widersprüche und Tavtologiecn, die unglücklicher Weise auch eben so leere Werke zur Welt gefördert haben. „Was thut ikr da, ihr geschäftigen Leute?" „Wir schneiden Formen; Formen der Zweckmäßigkeit ohne Zweck, aus nichts, zu nichts. Diese Leerheit heißt uns reine Form, Darstellung reiner Objektivität ohne Objekt, und ja ohne Beimischung eines Funkens Subjektivität: denn diese Subjektivität wäre vielleicht gar Genie, ein in der kritischen Geschmacks-Urtheilswelt verschriee, „er Name." Seic es durch sie Tag worden ist, hat sich der Geist davon geschlichen; aber „Ge- schmacksurthcile ohne Begriffe und Zweck" gelten. Sie urtheilen nicht über Geisteswerke, sondern über Formen, über O b j e k r! o s e, reingricchi- schc Formen. Sinnvoller Aristoteles ! wenn du den Mißbrauch, wie so vieler deiner Worte, so auch dieses Worts sähest! Form war dir die Wesenheit der Sache selbst sei-a-5>.k^5<«, -ns «w«./), in welcher die andern Bedingungen ihrer Existenz, Materie, und Schonen. »7 wirkende Ursache, Zweck, als im Mittelpunkt zu- sammcntrafen; hier sind sie durch einen willkürlichen Machtspruch wesentlich und nolhwendig getrennt; ein Setzen des Zweckmäßigen ohne Zweck, cin Ur- theil ohne Begriffe ist die kritische Geschmackslosung. 6. V o l l ko m m c n d e i t. Mehrere batten die Schönheit durch den sinnlichen Ausdruck eines Vollkommenen erklärt, die Kritik verwirft diese Erklärung. „Das Formale in der Vorstellung eines Dinges, d. i. die Zusammenstimmung des Mannigfaltigen zu Einem (unbestimmt, was cs ftyn solle), giebt für sich ganz und gar keine objektive Zweckmäßigkeit zu erkennen; weil, da von diesem Einen als Zweck (was das Ding fern solle) ab- strahirt wird, nichts als die subjektive Zwe^mäßigkeit der Vorstellungen im Gemüth deS Anschauenden übrig bleibt, welche wohl eine gewisse Zweckmäßigkeit des Vorstellungszustandes im Subjekt, aind in diesem eine Behaglichkeit desselben eine gegebne Form in die Einbildungskraft aufzufassen, aber keine Vollkommenheit irgend eines Objekts, das hier durch keinen Begriff eines Zwecks gedacht wird, angiebt. Wie z. B. wenn ich einen Rasenplatz im Wolde antreffe, um welchen die Bäume im Eirkcl stehen, und ich mir dabei nicht einen Zweck, nämlich, daß er etwa zum ländlichen Tanz dienen solle, vorstelle, nicht der mindeste Begriff von Vollkommenheit durch die bloße Form gegeben wird. Eine founalc objektive Zweckmäßigkeit, d. i. die bloße Form einer Vollkommenheit (ohne alle Materie und Begriff von dem, wozu zusammengesiimmt wird), sich vor- Vom Angenehmen iv3 zustellen, ist ein wahrer Widerspruch." *) Und ^ die Wahrnehmung der Form der Zweckmäßigkeit ohne alle Vorstellung eines Zwecks wäre cs mindere Kein Philosoph hat je behauptet, daß die Zu- sammenstimmuna des Einen zum Vielen, „unbestimmt, was cs seyn solle," eine objektive Zweckmäßigkeit zu erkennen gebe: denn wenn weder dies Eine, noch die Zusammenstimmung zu diesem Einen bestimmt ist, so ist kein Eins und keine Zusammenstimmung ; wir sprechen im Traum. Eben das bestimmte Eins der Ausammenstnnmung giebc den Begriff des Zweckcrreichenden im Objekt, wobei das Eine, der Awcck selbst, die Form 50 - >r-5X^5tar) die Seele des Ganzen ist und blcibt, die nach keinem fremden Zweck außer sich dürstet. Ist der grüne Rasenplatz im Walde an sich schon d. i. eine seltene Zusammcnstnnmung des Vielen zu Einem, so bleibt ihm diese Zusammenstimmung, es möge daraus gespeist oder getanzt werden, wenn nicht von Menschen, so von Feyen.und Dryaden. Diese schöne Einöde, der Schattenplatz unter diesem Baum, Anakreons und Bathyllus das jeden Vorübergehenden cinlud; mag es die Natur oder mögen es Menschen angelegt haben; jetzt ist der Ort mein; ich lasse mich darauf nieder, weil ich in ihm' eine Zusammenstimmung zur Einheit, die mich ergehet, die mir wohlthut, finde. Halten es andre, wie es ihnen gefällt, dem Ort selbst blcibt der Naturgcist, der ihn belebet. Ferner. ') Krit. S. HS. H6> und Schönen. L09 Kein vernünftiger Philosoph Hot die objektive Zusammenstimmung einer Sache zur Schönheit gemacht ohne subjektive Vorstellung dessen, der sie schön findet. Sich selbst ist die Sache was sie ist; vollkommen in ihrem Wesen oder unvollkommen; mir ist sie schön oder häßlich, nachdem ich dies Vollkommene oder Unvollkommene in ihr erkenne oder fühle. Einem andern ftp sie, was sie ihm sepn kann. Die Formel der Philosophen, baß Schönheit die Darstellung, d. i. der sinnliche, zu empfindende Ausdruck einer Vollkommenheit sey, hat also nicht nur nichts Widersprechendes in sich; sie ist auch wahr und hell und prägnant, vor Irrwegen bewahrend und zu etwas Sicherm leitend; alle vier Momente der Kritik sind gegen sie vier zerfallende Luft, aber. Wesenheit des Dinges, innere Bestandheit und Einheit, es sey rein in sich oder in constituirenden Theilcn, muß dascpn im Objekt, selbst des schönen Traumes. Zweitens. Es muß sich dar stellen, d. i. reell ausdrücken, empfindbar zeigen. Diese Darstellung, sein lebendiger Ausdruck, muß drittens meinem Organ, wie meiner Empfindungs-und Vorstellungsfähigkeit harmonisch sepn; sonst ist das Schönste mir nicht schön ; diese drei Momente sind jedem Objekt wie jeder Empfindung des Schönen unerläßlich. In welchem Grad der Lebhaftigkeit und Klarheit ich übrigens empfinde, dies hängt von der Beschaffenheit des Objekts sowohl, als meiner selbst ab; hier ist eine Leiter unendlicher Grade und Verschiedenheiten. Selten sind alle Vorzüglichkeiten im r t0 V o in A »genehmen Objekt und Subjekt beisammen; mich unsrer Organisation schränken manche einander ein, z. B. Lebhaftigkeit die Helle, Tiefe den Umfang. Da indessen auch hier eine Compensation Statt findet, so kann über die Sache selbst uns der Grad nicht irren. Und wenn die Kritik verworrene Begriffe und das objektive Urtheil, das sie zum Grunde hat, durchaus nicht für „ästhetisch" gelten lassen will, „weil man sonst einen Verstand haben würde, der sinnlich urthcilt, oder einen Sinn, der durch Begriffe seine Objekte vorstellte;" so lasse man ihr ihre Wahrnehmung der Form des „Zweckmäßigen der Gegenstände ohn' allen Begriff," und freue sich der Natur, die uns allerdings einen Verstand verlieh, der sinnlich, d. i. nach Wahrnehmungen der Sinne urtheilt und uns allerdings Sinne verlieh, die uns Objekte zu Begriffen darftel len, mit denen die innigste Lust oder Unlust nicht nur verbunden fepn kann, sondern jeden Augenblick wirklich verbunden ist, wie wirs alle wissen und empfinden. Jsts nicht widrig, daß eine Philosophie, die die Natur auslegen soll, sich unterfängt , der Erfahrung Jedermanns zu widersprechen? die Sprache der Gesinnungen aller, auch der ältesten Welt zu ändern, und einander entgegengesetzte Winkel, die ohne einander nicht seyn können, deshalb zu laugnen, weil sie einander entgegengesetzt sind? 7. „ N 0 t h w e n d i g e s Wohlgefallen ohne Begriff. Allgemeine Norm und Gemein sinn des Schönen." Jeder Mensch von feinem Gefühl erfahrt, und hat cs erfahren, daß in halbgebildeten oder irregeführtcn Völkern und Schönen. l c i. nichts so selten jey, als das reine Gefühl und Wohl- qefallcn am echten, geschweige am erhabenen Schönen. Der wahre Künstler arbeitet daher nicht für den gemeinen Geschmack, ist auf das Unheil des Pöbels nie stolz; das Lob des Narren beschämt ihn, und der Beifall, die Aufmunterung Eines Kenners gilt ihm statt Vieler, statt Aller. Eigentlich aber arbeitet er auch nicht für diesen Kenner, sondern für sich; die Idee, die in ihm liegt, die ihn treibt und beseligt, sie darzustellcn, ist seine Sorge, sie dargcstellt zu babcn, scin Lohn. Vorschreien will Er der Menge nicht; noch weniger dem Unheil des Kenners gebieten, und durch ein Postulat „So soll cs seyn !" ihm den Mund stopfen; er benähme ja damit jeder freien Stimme die Luft, und entzöge sich selbst alle belehrende Aufmunterung. Ein Tyrann des Geschmacks ist sdas wissen wir alle) die albernste Figur, die je die Sonne beschienen. Hierüber sind nicht nur alle Zeiten einig; sondern es gründet sich hieraus auch aller Fortgang der Kunst, ülleEultur des Schönen. Wäre es Einem Geschmacksurtheilec erlaubt, sein Veto oder „Soll" auszusprechen, es zur Norm für alle Zeiten zu machen, und von „Gemeingüitig- keit, von innerer Norhwendigbcit, als dem letzten Moment der Schönheit ohne Begriff" zu reden; wahrlich, so stünden wir noch vor Dädalus Bildsäulen und beim Karren des Thcspis. Alles was Kunst ist, will Uebung, also auch eine freie Bahn der Uebung; jede Anlage der Menschheit bedarf einer Erziehung; vor allen andern die zarteste Pflanze unsrer Natur, das Gefühl und die Kunst des Schönen. I 1.2 Bom Angenehmen Daher steht gegen die Normaltyranncn des Geschmacks ?llles, auch das Ruhigste auf, wenigstens mit in- mmi Spott gerüstet. Wir sehen den Schaden, den sie bei der unwissenden Menge stiften; deshalb eben, sobald wir unsres Geschmacks sicher sind, treten wir in uns selbst zurück sprechend: „in Sachen des Geschmacks soll niemand uns ein Soll sagen; wir dürfen fühlen, wenn wir gleich, was wir füblen, nicht sage n dürften. Das Urtheil des Geschmacks ist frei. Wie wenig übrigens in Sachen des Gefühls am Schonen aus dem Sagen herauskomme, wie wenig dies Sagen andern eigentlich sage; wer ist, der nicht auch dies oft erprobt hätte? Der gemeine Haufe betet Worte nach ; der Schief - und Halbkenner verwirret sich in diesen Worten, und der Blödling folgt ihm. Endlich kommt der Satzungcn- siifter und behauptet exemplarisch: er gebeut. Ein frecher Anhang folgt ihm und beweiset; beweiset, was er weder verstand, noch was je bewiesen werden konnte. Lebe sodann wohl, auf ganze Zeiten lebe wohl, Tradition des guten Geschmacks; das „gemeingültige Urtheil, der exemplarische Nvrmal- gcschmack" des Einen herrschet. So dachten die Weisen alter Zeiten nicht; sie sagten nicht: „Schon ist, was ohne Begriff a l l - gemein gefallt. Schönheit ist, was ohne Begriff als Gegenstand eines nothwendigen Wohlgefallens erkannt wird," sondern sie suchten Begriffe zu geben, zu lautern, sie fester und fester, wenn auch nur Wenigen anzubilden. Die Schüler der kritischen Schule dagegen, sie sind es allein, die, was „nothwcndig, also auch allgemein gefallen müsse," ohne und Schönen. 113 ohne Begriff erkennen und allgültig vorschreiben, und wenn ihr Gebot nicht befolgt wird, trotzen und zürnen. Alles vermöge der kritischen Urlheilskraft, ans Macht ihrer allgemcingültigen Postulate. Die Gründe, auf welche die Kritik „die allgemeine Nothwendigkeit ihrer Gcschmacksurtheile ohne Begriff" bauet, sind so morsch, daß sie eigentlich sich selbst abläugnen und widerlegen. „Weil ich von jeder Vorstellung sagen kann: wenigstens sey es möglich, daß sie (als Erkenntnis) mit einer Lust verbunden sey, und man sich vom Schönen denkt, daß es eine nothwendige Beziehung aufs Wohlgefallen habe: so kann die Nothwendigkeit in einem ästhetischen Urtheil nur exemplarisch genannt werden, d. i. die Nothwendigkeit der Beistimmung Aller zu einem Urkheil, was wie Beyspicl einer allgemeinen Regel, die man nicht angeben kann, angesehen wird. *) Beyspiel einer allgemeinen Regel, die man nicht angeben kann? Fordert nicht geradezu das Beyspiel, daß ich die Regel in ihm erkenne? und schrankt sich hiemit selbst ein, daß eS außer dieser Anerkennung kein Beyspiel sey. ,,DaS Geschmacksurthcil sinnet jedermann Bestimmung an, und wer etwas für schön erklärt, will, daß j e der m a nn dem vorliegenden Gegenstände Beyfall geben, und ihn gleichfalls für schön erklären solle." Nur der Tyrann des Geschmacks will dies; selbst der Sophist, der eitle Schönheitsmakler sinnet uns ein solches Soll nicht an; er will beschwatzen, überreden. 1 S. 6r. Herders Werke z.Phil, u. Gelch. XV. H XoU-Fcm». Vom A n g c nc h m en „DaS Sollen im ästhetischen Urtheil wild also selbst nach allen Datis, die zur Beurtheilung erfordert werden, doch nur bedingt ausgesprochen."*) Bedingt und doch allgemein nolhwendig? „Man wirbt um jedes andern Bcystimmulig, weil man dazu einen Grund hat, der allen gemein ist, auf welchen man auch rechnen könnte, wenn man nur immer sicher wäre, daß der Fall unter lenem Grunde als Regel des Beyfalls richtig subsu- mirr wäre." Da man dies nun nach der Kritik, die ohn' alle Begriffe, mithin auch ohn' alle Gründe urtheilt, nie seyn kann, woher das bcgrifflose Sollen? Es hebt sich selbst auf. „Geschmacksurchcile muffen ein subjektives Prin- cip haben, welches nur durch Gefühl und nicht durch Begriffe, doch aber allgcmcingültig bestimme, was gefalle oder mißfalle. Ein solches Princip aber konnte nur als ein Ge mein sinn angesehen werden, der vom gemeinen Verstände (scmsus communis) wcscntIi eh unterschieden ist. Also nur unter der Voraussetzung, daß es einen Gemein- sinn gebe (wodurch wir aber keinen äußern Sinn, sondern die Wirkung aus dem freien Spiel unsrer Erkenntnißkräste verstehen), nur unter Voraussetzung, sage ich, eines solchen Gc- meinsinnes, kann das Geschmacksurtheil gefällt w er d c n."**) Nur unter solcher unbewiesenen Voraussetzung ? Kein Geschmacksurtheil kann gefallt werden, als unter Voraussetzung eines Sinnes, der ') S. 62. **> S. 6Z. 6t,. 7 und Schönen. ri5 vom gemeinen Verstände „wesentlich" verschieden ist, weil dieser nicht noch Gefühl, sondern jederzeit nach Begriffen uctheilt, und jener, Kraft des Interdikts der Kritik, nicht so urtheile» sollte? Und doch soll jener Sinn, der ohn' „alle Begriffe" urthcilt, die Wirkung aus dem freien Spiel unsrer „Er k c nntni ßr k afte " sepn ? die also in ihm alle Begriffe, d. i. sich selbst abgelegt haben? Ein Gemeinsinn, aus ein freies Spiel unbestimmter Kräfte gebaut, das G e sa m m t - G c fü h l des Schönen als eine unbestimmte Wirkung unsrer in Verschiednen so vcrschiednen Eckenntnißkcaftc vorausgesetzt, damit ein Urtheil des Geschmacks nur gefällt werden könne? Nun dann, so falle cs nicht. Behalte es dir, und laß jeden andern nach seinem Gefühl urthcilcn. „Ohne Voraussetzung eines Gemeinsinns ist kein Geschmacksurtheil möglich." Nicht? und was brauchts ? Sey du dir selbst Ge- mcinsinn; urtheile Dir. „Sollen sich Erkenntnisse mitthcilen lassen, so muß sich auch der Gcmü t h s zu sta n d, d. i. die Stimmung der Erkenn tnißkraftc zu einer Erkcnntniß überhaupt, und zwar diejenige Proportion, welche sich für eine Vorstellung gebührt, um daraus Etkenntniß zu Machen, allgemein mittheilcn lassen, weil ohne diese als subjektive Bedingung des Erkennens, das Erkenncniß als Wirkung nicht entstehen könnte. Diese Stimmung kann nicht anders als durchs Gefühl (nicht nach Begriffen) bestimmt werden. Da sich nun diese Stimmung selbst muß allgemein mitthcilen lassen, mithin auch das Gefühl dersei- H 2 Vom Angenehmen 116 ben (Key einer gegebnen Borstellung) die allgemeine Mittheilbarkcit des Gefühls aber voran ssctzt: so wird dieser mit Grunde angenommen werden können, und zwar ohne sich deßfalls auf psychologische Beobachtungen zu fußen, sondern als die noth w c ndig e Bedingung der allgemeinen Mittheilbarkeit unsrer E r k e n n t n i ß , welche in jeder Logik vorausgesetzt werden muß." Weil also Erkenntnisse sich mittheilen lassen „müssen," so „müssen" sich auch Gefühle allgemein mittheilen lassen, und zwar durch eine „Stimmung" ohne welche keine „Erkenntnisse, als Wirkungen der Stimmung entstehen" könnten, welche Stimmung nicht anders, als durchs Gefühl, nicht aber nach Begriffen, bestimmt werden kann. Diese „Stimmung, die Erkenntnisse hervorbringt und allein vom Gefühl bestimmt wird," setzt einen Gemeinsinn voraus, der „ohne Begriffe urtheilt;" mithin giebts einen solchen Gemeinsinn. Auf psychologische Beobachtungen darf er nicht fußen; als die ,,n 0 t h w e n d i g e" Bedingung der allgemeinen Mittheilbarkcit unsrer Erkennt- niß „m uß er vorausgesetzt" werden!- So werde er dann vorausgesetzt, und so thcilct euch Gefühle und Stimmungen mit ohn alle Begriffe. Wer je in einem Kunstsaal die Stimme dieser Stimmer, „der allgemeinen Gefühlsinittheiler ohne Begriffe aus bloßer Stimmung und deren Proportion zu daraus entstehender Erkenntnis" gehört hat, und ihre Stimmung auf einander zu „Ge- schmacksurtheilen von allgemeiner Nothwendigkeit" in ihren Folgen sah, geht stumm und verstimmt und Schönen. i >7 von dannen, sich vor diesen „allgcmeingültigen, nvth- wendigen Geschmacks- und Slimmungsmittheilern" wahrend. * * Wie in der Welt war eine solche Philosophie voll Bodenloser Voraussetzungen, voll verführender Postulate nur möglich? Und wie entstand sie? Nichts liegt klarer am Tage; der Inhalt und die Folge der kritischen Werke selbst gicbt darüber Auskunft.*) Die „Kritiken der reinen und praktischen Vernunft" waren geschrieben. Nach Jener blieben den Sinnen keine Gegenstände, als die leeren Anschauungen von Raum und Zeit, („transcendentale Aest- hctik") dem Verstände nichts als leere, übelgeordnete Facher der Kategorien, bedeutungslos in sich und doch die Form des menschlichen Verstandes; („transcendentale Analytik;") der Vernunft endlich , die ganz ohne Kanon gelassen ward, blieben nur ,,Paralogismen, eine Thetik und Antithctik, zuletzt ein herausvernünfteltcs Ideal" übrig, die alle sich selbst aufhoben. Mithin entstand eine große Wüste und Leere, in der dennoch alle Kräfte und Formen der Begriffe, der Ideen sogar "und des Ideals selbst, ohn' Auslassung eines Jota, allgültig und auf ewig umrissen und verzeichnet seyn sollten. °> S- die Vorrede und Einleitung zur Kritik der Nr- theilskrast. Vom Angenehmen Und doch fühlte der Philosoph Lust und Schmerz; wohin mit dielen? Ins Reich der Wegriffe gehörten sie ihm nicht; mit keinem seiner reinen Phantasmen hatten sie etwas gemein, konnten auch in Ewigkeit mit ihm nicht verbunden werden. Der „kritisch- transccndentale Verstand" hat etwas anders zu thun, als sinnliche Dinge mit Lust oder Unlust wahrznnchmcn; er kommt zu keinem Sinn, kein Sinn zu ihm; ewig prägt er aufs Nichrs, auf Raum und Zeit, seine Formen. Die „kritisch- rranscendcntale Vernunft" hat ein ganz anderes Geschäft, als Wahrnehmungen des Verstandes mit Lust und Liebe zu ordnen; wie der Jager Orion jagt sie dem All nach, jenseit der Weltgranzen. Wohin nun mit Lust und Unlust? Den Philosophen gingen sie nicht weiter an, als sofern er darüber „urtheilt;" das Empfinden mochte an seinen Ort gestellt bleiben. Also werde Materie zum „Urrheilen ohne Objekte, ohne Empfindung" wie folget; Postulat i. „Empfinden und urtheilen ist Ein s." „Wer empfindet, urtheilt; und wer urtheilt, empfindet." „Empfände er aber nicht?" „Es wird angenommen, als hatte er empfunden; denn das Geschmacksurtheil ist seiner Natur nach ästhetisch." Der geschwätzigste Uctheiler ist der feinste Empsindcr. „Nur muffen seine Urtheile ohne Begriffe sepn: denn Begriffe gehören dem Verstände, die und Schone n. "9 ästhetischen Urtheile sind reine Geschmacksurthcile ohn' alle Begriffe; also" Postulat 2. „Gef chmacksurtheile über das Schöne sind ohn' alle Begriff c." „Bom Objekt, von seiner Beschaffenheit und Zweck darf, ja muß der Geschmack nichts wissen; sonst würde er Verstand oder gar Vernunft; hiemit bliebe er nicht Geschmack. W. z. E. „Und doch? ohn' allen Begriff; wohl also auch ohn alles Objekt?" „Ohn alles Objekt." Postulat 3. „?l esthetische Gescbmacks urtheile betreffen Formen, keine Objekte/' „Eine Form aber ist doch zu Etwas, d. i. zu einem Zweck, und weil cs eine Geistesarbeit ist, doch wohl mit einigen Begriffen geformet?" „Zu keinem Zweck. Der gehört für den Verstand; der Geschmack aber ist nicht Verstand. W. z. E. Witzig unterscheidet die Kritik also Postulat 4. „Das Zweckmäßige in den Geschmacks urtheile n wird ohne Vorstellung des Zwecks, d. i. u n z w c c k- haft wahrgen 0 mme n " „Wahrgenommen ohne Begriffe? Das Zweck- 120 Vom Angenehmen mäßige ohne Zweck?" Allerdings; denn Begriff und Zweck gehören dem Verstände, der mit Lust und Unlust nichts gemein heit. W. z E." Postulat 5. „Das Gesch macksurtheil ist vom Begriffder Vollkommenheit ganz u n a bhangi g." „Wie interessirt es aber sodann? wie wirkt cs Lust und Unlust?" „In der Kritik der praktischen Vernunft ist postulirt, daß das rkine „Sollen" vhn alle Beweggründe geschehen müsse, weil es sonst kein reines „Soll" wäre. Lb es auf solchem Wege geschehe oder nicht geschehe, daran liegt der reinen Vernunft nichts; gnug, es soll geschehen; und woher hätte sich nun das Geschmacksurtheil ein mehcercs zu erfrechen und anzumaaßen, als die praktische Vernunft selbst? Also" Postulat 6. „DasGeschmacksurtheil ist ohn alles Interesse." „Höchst uninteressant also; niemanden als Ur- theil intereffirend: denn von allen Begriffen, von jeder Vorstellung eines Zwecks frei), wen könnte es intereffiren?" „Es soll und muß jedermann gelten : denn es ist ein Urth eil, obwohl ohne Begriffe. W. z. E. und Schönen. 121 Postulat 7. „G c sc h m a ck s u rth ei l e sind allgemeingültig und n 0 thwcndig : denn sie sind Urtheile." „Urtheile ohne Begriffe allgemeingültig und noth- wendig?" „Allerdings: denn sie sind allgemein> mittheilbar; und umsonst wird man sie nicht mitlhcilen wollen? Man will, daß sie allgemein gelten; man setzt einen Gemcinsinn des Schönen voraus, ohne den kein Geschmacksurtheil Stakt fände. Also: Postulat 8. „Es giebt einen Gemcinsinn des Schönen in Jedermann, enthaltend die reinsten ästhetischen Gesetz m a c k s u r k h e i l e." „Gemcinsinn des Schönen? Wäre es etwa ein eigner Sinn? oder was wir sonst den gesunden Verstand nennen?" „Weder Dies noch Jenes; sondern Postulat 9. „Der Gemeinsinn des Schönen ist vom gemeinen Verstände (ssnsus corninnnis) wesentlich verschieden; die Wirkung eines freien Spiels unsrer E r k enn tni ß kr ä ft e." „Unsrer Erkenntnißkcäfte? und doch soll er ohne r 22 Bom Angenehmen Begriffe wirken? Wirkung eines freycn Spiels; ohne Gesetze? Ecmeinsinn des Schönen, die Wirkung eines Spieles?" „Dies ist der einzige Weg, wie eine Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz, eine subjektive, Uebcrcinstimmung der Einbildungskraft zum Verstände ohne eine objektive, mit der freien Gesetzmäßigkeit des Verstandes und mit der Eigenihümlichkeit eines GcschmaeksurtheilS zusammen bestehen kann. Also" Postulat ro. „Es g iebt eine Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz; eine subjektive Ncbeccin- stimmung der Einbildungskraft zum Verstandc ohne eine objektive; dicmit der fr eye n Gesetzmäßigkeit des Verstandes und mit der Eigenthümlichkeit eines Geschmacks urt Heils zusammen bestehen kann." „Aber wie bestehen sie mit einander? Wo hören die Gesetze auf? wo fangt die Frcyheit an ? Und in zweien von einander so getrennten Kräften, die durchaus nichts mit einander zu schaffen haben?" Mittheilung verbindet sie beyde, und diese setzt Stimmung voraus. Aus Stim mung entstehen Erkenntnisse; warum nicht auch Geschmacksur- theile? warum nicht auch die allgemcingültige Noch- ! Wendigkeit derselben? Also Postulat n. „S timmung macht den allgemeinen gültigen Werth und die Nothwen- und Schonen. 123 digkcit der Gcschmacksurtheile, ohne Begriffe und Zweck; Stim - m u n g !" „Stimmung? Aber wer stimmt? und wonach? nach welchem Grundton? Zsts der Verstand etwa? der theoretische? der praktische?" „Keiner von beiden. Die Gefchmacksurtheilskraft ist eine unabhängige Grundkraft der menschlichen Seele. Zwischen der reinen Vernunft und der reinen praktischen Vernunft, die beyde auch nichts mit einander zu thun haben, hat sie ihr eignes, reines Queerbankchen." Wie die protestantischen Bischöfe auf dem Reichstage. Also .Postulat 12. „Die Gefchmacksurtheilskraft ift eine Grundkraft der menschlichen Seele, vom theoretischen Verstände, wie von der praktischen Vernunft unabhang i g."^ „Aber wie viel Grundkrafte konnte man da errichten ? und ist in der menschlichen Seele Alles gcibeilt? Und worauf beruhet denn diese Erund- kraft? worinn bestehet, worauf wirkt sie?" „Das Urtheilen bestehet im Urtheil; es beruhet auf dem Gemeinsinn, und wirkt zur allgemeinen Mitt Heilung, allgemeingeltend; übrigens ein freies Spiel der menschlichen Seelenkrafte." 124 Vom Angeneh m e n Postulat i3. „Die Geschmacksurtheilskraft bestehet im Urth eilen, beruhet auf dem G e m e i n s inn, und wirkt zur allgemeinen Mitthcilung allgemein gültig; übrigens ein freies Spiel der menschlichen Seele n- k raste." Daß diese aus Noth entstandene, leere, hohle verderbliche Theorie, eine Kritik vhn' alle Kritik, bey einigem ernsthaften Studium des Schönen, sowohl in Gegenständen, als in den Empfindungen desselben nie entstanden wäre, bedarf keines Erweises. Auf einem vermeyntlich - lecrgclasscnen Fleck, ist sie a xri- ori geworden; ein Spiel des Witzes und Scharfsinns Zwecklos-zweckmäßig und zweckmäßig-zwecklos. und Schönen. irö VI. Won einer Regel des Schönen. B. Wir fanden bey unfern feiner» Sinnen, dem Gesicht und Gehör, ein Medium, das eine Regel in sich enthalt, die Farben- und Tonleiter. Bei dem lastenden Gefühl, der Basis unsrer Ge- sichtsidecn, ergab sich eine Regel der Bedeutsamkeit, die von der geraden zur Kreislinie durch alle Schwingungen emporstieg. Dies angenommen, wie ist bey der unendlichen Verschiedenheit der Gegenstände sowohl, als der empfindenden Organe diese Regel anwendbar ? Die Natur färbt und tönt den Gegenständen nach, so verschieden und den Organen nach, so inviduell, daß keine Sprache hinreicht die Ton- und Farbenmischungen, noch weniger die Bildungen zu bezeichnen, an denen jene Linien erscheinen. Vollends unsre Empfindungsorgane; sie sind nach Personen, Lebensalter», Umständen, Gewohnheiten , selbst durch den Eigensinn des Moments so verschieden gestimmt, um Eindrücke zu empfangen, und in ihnen die Regel zu bemerken, daß diese wohl eine Lesbische Regel seyn dürfte, die jedem 126 Bvm Angenehmen Gegenstände, so wie der Willkühr jedes Gebrauchen- dcn nachgiebt? Wozu also die Rege!? A. Freunde, das Clavichord und der Farbcnbo- gen, die gerade Linie und der Cirkel stehen da; die Regel wollen wir nicht verschmähen, wenn sie anzu- wenden, auch Mühe kostete, wenn sie auch oft übersehen oder falsch und kränklich angewandt würde. Denn was gewonnen wir durch diese Hinlas- sigkcit? Einen regellosen Zustand, Urtheile obne Regel. Allerdings fodcrt cs Beobachtung, Fleiß und Hebung, Töne, Farben, Linien, Figuren, allenthalben recht zu bcurthcilen; deshalb hat auch das Gcfübl des Schönen Cultur nöthig. Der Begriffe kann cs sich nicht cntschlagen, ohne ein blos fieberhaftes Gefühl, ein Schwanken zwischen Ruhe und Bewegung, oder wenn es urcheilt, ein jehnendes Urtheil zu werden. Daß es Menschen von mißbil- deten, verstimmten, oder von ungebildeten, groben Organen gicbt, kann unser Bestreben nicht aufhal- tcn, das Empfindungssystem unsrer Natur rein zu stimmen, es den Gegenständen gemäß, nach richtigen Begriffen zu ordnen und auszubilden. Auch wer verworren sieht, muß eine Farbenlciter, auch der, der keinen Tackt hält und von keiner Scala weiß, muß Scala und Tackt anerkennen. So die gerade Linie und den Cirkel, wenn er auch keine zu ziehen wüßte. Wer sich in den Linien der Schönheit, oder in ihrer Bedeutung noch so oft träge; er muß sie besser erkennen, die Regel besser anwenden lernen, nicht aber die Regel leugnen oder eludiren, d. i. mit dem Begriff und Gefühl des Schönen spielen. Hatte uns die Natur vergebens und Schöne n. .27 zu Menschen gemacht, zu Beurkheilcrn, ja noch mclr zu Erfindern des Schönen nach Regeln, die in un- ftrm Weltall, wie in unsrer Natur liegen? Zm Menschen ist das Maas der Schönheit — B. Doch nur für Menschen, nach menschlichen Begriffen und Gefühlen? A. Von empfindenden Wescn anderer Art reden wir nicht, und cs ist doppelte Thorhcit, sich in dergleichen unbekannte Wellen hineinzuträumen, oder mit Schattenbcgriffcn aus ihnen, als ob wir aus der Höhle Trophonius kamen, die unsre zu verdämmern. Lieber sehen wir wie die Natur uns zur Anwendung der Regel des Schönen, mithin zur Kunst hals und uns aus diesem Wege befestigt. Der allgemeine Typus, den die Natur in Bildung lebendiger Organisationen nicht zu befolgen sehe, int, sondern wirklich befolgt, könnte uns darauf führen. E. Nach Einem unsrer vorigen Gespräche ist mir die Ursache davon ziemlich klar. In jedem Element nämlich hatte die Natur das Lebendige zum Wohlscyn in diesem Element zu bilden; hiernach ordnete sie seine Gestalt, seine Kräfte und Glieder, also sehr verschieden. Da sic aber bei) allen Einen Zweck hatte, Wohlseyn, Genuß des Lebens in diesem Element; so mußte in einer gemeinschaftlichen Welt, in der Ein Lcbcnsgcist herrscht, auch ein Gemeinschaftliches in Reizen, Empfindungen, Sinnen und Trieben, mithin eine allgemeine Analogie , ein G e s a m m t - Ty p u s wie in Vom Angenehmen 12S Bildung so in Gefühlen und Bestrebungen werden. Dos lebendige Geschöpf bedurft« 1 . Nahrung; Gefasst der Nahrung wurden allen gemein, jedem nach seinem Element, in seiner Weist. Der lebendige Schlauch bedurfte r. Kräfte, sich diese Nahrung zu verschaffen, solche seiner Natur anzueigncn, also Bewegungswerkzeuge, Muskeln und was deren Stelle vertritt oder zu ihnen gehöret. Diese Bewegungen mußten 3. Erweckt, in Triebe verwandelt und bis zum höchsten Triebe, der Fortbildung seines Geschlechts befeuert werden, wodurch anders, als durch Sinnenreiz, durch Sinnenkräfte? In jedes Geschöpfpflanzte sich also das allgemeine Sensori- um, nach dieses Geschöpfs eigenlhümlicher Bildung, aber dem Weltganzen harmonisch. Alle genießen Ein Licht, Eine Luft; zur Aneignung des Lichts, des Schalles, gehörte, wie verschieden cs auch gebildet ward, Auge, Ohr; so die übrigen, allem lebendigen gemeinschaftlichen Sinne und Triebe. Allen war zum Empfinden die Ncrvenkra ft, oder was sie ersetzt; zum Denken und Vermögen war den vollkommener» Bildungen Gehirn, Rückenmark, und was aus ihnen entspringt, unentbehrlich ; daher in einer gemeinschaftlichen Welt, zum gemeinschaftlichen Wohlseyn, der sogenannte Ge- sammt-Typus. A. Er stieg empor —- E. Nach Elementen und Regionen. Dem sc hw i m - und Schönen. »29 schwimmenden Geschöpf ward eine horizontale Gestalt, in der die genannten Systeme zur Nahrung, Bewegung, Fortpflanzung und der sie belebenden Empfindung mit und durch einander verwebt sind; selbst der Kopf mit seinen Sinnenwcrk- zeugen streckt sich nur ho rizonlal vor. Der Vogel, in einem feinern Element fliegend, gewann schon eine freiere Bildung, indem cr nicht immer fliegen, sondern auch sitzen, Hüpfen, ruhen durfte. Hals und der Kopf mir seinen Sinnen heben sich empor, noch aber dem Fluge dienstbar. Je mehr aus Wasser und Luft die Bildungen Erdegestalten wurde», desto mehr bekamen sie auf ihrem festeren Stande eine aus einander gesetzte, höhere Bildung, bis endlich der Mensch, auf die kleinste Basis gesetzt, in aufgeriehteter Gestalt erscheinet. Den Sitz seiner edelsten Sinnenwerkzeuge tragt cr hoch empor, m seiner ganzen Gestalt mit einem ihm eianen Sinn, dem tastenden Gefühl begäbet. Zn dieser Bildung werden ihm Ohr, Äuge und Hand zusammen wirkende Sinne, deren Einer den andern berichtiget, begründet. Weil cr ein Universum sich ertasten konnte, so siebet er auch tastend ; seine Gesichtsidecn, aufs Gefühl gegründet, stehen auf einer eignen Basis. Wodurch konnte der Elephant das Weiseste der Thiere werden? Durch seine vielgelenkige Hand, den Rüssel.*) Die Bil- Einige Thieraattungen, die Schlüsselbeine haben, näher» sich dem kastendcn Gesicht des Menschen, doch nur sehr von fern. Herders Werke z. Phil. u. Gesetz. XV. I i r Vom Angenehmen i3o düng unsrer Hand mit ihren festesten sowohl, als feinsten sinnlichen Begriffe; sie, verbunden mit dem Auge, macht uns zu K u n st ge sc h ö p fe n. U. Und was die Hand dem Auge, ist unser Mund dem Ohr. Hatten wir nur Stimme und Kehle; mit dem schönsten Vogelgesanqe spräche sich unser V e r u om m c n e s nicht ans. Dieselbe Ziegel , die unsrer Hand tastbare Gegenstände unterlegt, giebt allen unsern Begriffen Accentuation und Dil, düng der Sprache. So half die Natur und der Mensch erschafft sich, d. i. er bemerkt und gebraucht die Regel. Nicht ohne Eultur; ohne diese, ohne Begriffe und Vorstellungen bleibt unser Gefühl ein Land verworrener Traume; der Verstand erkennet die Regel. B. Der Mensch also wäre, wie er empfindet und denkt, zu einer Regel gebildet. A. Zu einer Regel. Wie sein Sinn nicht anders als unter festgestclltcn Verhältnissen sehen, hören, tasten kann: (die Haltung der Lichttafel vor ihm, die ganze Welt seiner andern Sinne ist Verhältnis;;) so übt er, durch seine und die gelammte Naiur gezwungen, diese Verhaltnißmaaße, fortwährende Zusammenfassungen des Vielen unter Eins, wahrend seines ganzen Lebens. Was er sichet, sind Gestalten nach einer unzerreißbaren Eontiguitat >m Raum; was er höret, Töne, nach einer untrennbaren Succcffion; was er tastet, Formen, in bestimmten Zahlen und Maaßcn, als Verhältnissen zur Ruhe und zur Bewegung. Was seine Phantasie in sich tragt, ist eine Beule aller Sinuc und und Schönen. iZr Eindrücke, in einander gemischt und verworren; was er aus ihnen hcrausdenkt, sind Konfigurationen. Immer ist er, gut oder schlecht, ein Künstler. Triebe sind Gestaltungen unsres Begehrens; Gewohnbeiten sind gewonnene feste Formen unsrer Uebung; Denkart, Charakter sind die ganze Gestalt unsrer Gesinnungen, Willensmey- nungen und Triebe; in allem ist des Menschen Natur eine sich ausdrückende Regel. B. Sollte aber wenigstens seine Phantasie kein freies Spiel haben? A. Verstellen wir unter Phantasie, die aus Wallungen des Bluts und der Lebensgeister vor un- sern geschlossenen Augen vvrbcystreichendcn Gestalten (Farben, Blumen, Antlitze, Figuren): so stehen sie freilich nicht unter unserm Gebot, dennoch aber gewiß unter einer Regel unsrer Constitution, unsrer Gesundlleit. Cs sind Fieberzufalle; ihre Kritik ist Diät und Kühlung. Verstehen wir unter Bildern der Phantasie Traume: so hangen sie abermals zwar nicht von unsrer Willkühr ab, wohl aber stehen sie unter einer Regel, die dem Träumenden oft den Grund seiner Seele, seine natürliche Neigungen, Triebe, und Anlagen, seine geheime Wünsche und Fehler/wenigstens den Zustand seiner Gesundheit offenbaret. Eben sie zeigen nicht nur die Macht, die üi uns liegt, sondern auch die nothwen- dige Regel unsrer Natur, aus allem, was wir erlebten und fühlen, sofort Configucationen uns zu erschaffen, d. i. nur durch Gestaltung zu' denken. Krankheiten, Visionen, der Wahnsinn zei- Z 2 l32 Nom Angenehmen gen ein Gleiches. Da ben den meisten Menschen das Gesicht der herrschende Sinn ist, was kan» ihre Pkankasie anders, als Bilder zurücknehmcn und neu zusammensctzen, d. i. schlafend oder wachend träumen? Diese Pbantasieen folgen einander gewissermaaße leidend; erschaffen wir aber mit Sclbstbewufitseyn Bilder, welches die Griechen Bildungskraft (Jdolopöie) nannten, so geschie- hcls nie ohne Regel, der sich in schnellen Momenten, selbst unser bedrohtes Auge nicht entstehet. Verstand und Regel, d. i. schnelle Vorsicht ist von der Natur in alle unsre Lebcnsverrichmngen ergossen, alle werden mit oder ohne Bewußseyn non ihnen geleitet; wie? und die schaffende Einbildungskraft, dies mächtige Vermögen der Seele, sollte Regellos wirken? B. Von welcher Regel würde es also Key seinen Wahrnehmungen sowohl, als bcp seinen Trieben und Schöpfungen, wenn auch unoermerkt, geleitet ? A. Von der uns eingepflanzten Regel, Harmonie, Wohlseyn. Lbne Absicht unternehmen wir nichts, so unbeträchtlich die Absicht scheine. Bezweckte sie auch nur, uns der Unthatigkeit oder einem andern Mißgefübl zu entreißen; so beabsichtigt sie etwas. Wohlgefallen an der Harmo, nie, in der Zusammensetzung selbst, erleichtert der Imagination die Mühe ; sie greift nach den leichtesten und nächsten, oft nack den entferntesten und schwersten Eombiuationen, wenn sie mir Lust sinnet und handelt. Liebe endlich, der höchste Grad des 7 und Schonen. ^33 Wohlgefallens, der beseelende, webende Geist der Jdecnschöpfung: er nimmt aus dem Borrath, der uns beywolmet, das Angenehmste, das Liebreichste, setzt cs zusammen, und umarmt sein eignes Gebilde. E. Dem Menschen ist also Menschheit das Schönste. Der ganzen Schöpfung rauben wir ihr Reizendes, um cs Dem, der uns liebt, den wir lieben, zu geben. Den Blumen nehmen wir ihre Pracht, der Morgenröthe ihr Kleid, der Nachtigall ihren Gesang, allem Lebendigen sein Bedeutendes, Schönes, Erhabnes, um in der Menschheit Das zu bezeichnen, was wir verlangen, ehren und lieben. A. Ja, wir gebieten uuscrn Empfindungen, und leihen sie der gesummten Natur. Leidenschaft (sagt ein mächtiger Schriftsteller), Leidenschaft allein giebt Abstractionen sowohl, als Hypothesen Hände, Füße, Flügel; Bildern und Zeichen Geist, Leben, Zunge. Wo sind schnellere Schlüsse l Wo wird der rollende Donner der Beredsamkeit erzeugt, und sein Geselle, der einsylbige Blitz, Der jetzt im Nu entfaltet Himmel und Erd' Und eh' zu sagen man vermag: sieh da! Schon in den Schlund der Dunkelheit hinab ist.") Allenthalben in der menschlichen Gesellschaft bieten sich die Erscheinungen der Leidenschaften dem Beobachtenden dar, wie Alles, was noch so entfernt -I ') Shakespear's NiZkl-s Vresm. Vom Angenehmen 1Z4 ist, ein Gcmüth im Affekt mit einer bcstndern Richtung trifft; wie jede einzelne Empfindung sich über den Umkreis aller äußern Gegenstände verbreitet; wie wir die allgemeinsten Falle durch eine persönliche Anwendung uns zuzueiqncn wisse» , und jeden einheimischen Umstand zum öffentlichen Schauspiel Himmels und der Erde ausbrütcn. Jede individuelle Wahrheit wächst zur Grundfläche eines Plans, und ein Plan, geraumer als das Hemispkar erhält die Spitze eines Sehpunkts. Kurz, die Vollkommenheit der Entwürfe, die Starke ihrer Ausführung, die Empfängniß und Geburt neuer Ideen und neuer Ausdrücke; die Arbeit und Ruhe des Weisen, sein Trost und sein Eckel daran, liegen im fruchtbaren Schooß der Leidenschaften vor unfern Sinnen vergraben." *) B. Die Ursachen des Bedeutenden in Farben , Formen, Tönen und Gestalten werden sich also auch im Allgemeinen Nicht weiter entwickeln lassen, als daß sie bedeuten? A. Was haben die Buchstaben mit den Ideen gemein, die sie bezeichnen? Weit natürlicher, dünkt mich, spricht die Farbe der Wange, der Liebreitz des Mundes, das Seelenvolle Auge, die Gedanken» reiche Stirn, der Ton der Sprache, die Bewegungen der ganzen Gestalt u. f. Sie sprechen Das aus, was dies lebendige Wesen mir sey, keinem Kreuzzüge des Philologen, S. ig6. und Schönen. i35 andern. Wer sich dies Alphabet vorbuchstabiren lassen müßte, oder gar leugnete, daß irgend ein Naturalphabet Bedeutung habe, für den habe sie keine Bedeutung! „Hinweg, *) sagt Baco, die ungeschickten Welten - Manschen ! die Aeffchen, die die Phanta- sieen der Mensche» in ihren Philosophier» aufgestellt haben. Wisse der Mensch, welch ein Unterschied es sey, zwischen den Idolen seines und den Ideen des göttlichen Verstandes. Des menschlichen Verstandes Idole sind nichts als beliebige Abstraktionen; die Ideen des göttlichen Verstandes sind wahre Bezeichnungen des Schöpfers auf den Ge- *) lVloäulor ineptos nrunäoruin et tauguarn K- inioiss, HUAS in pliilosopluis plisntssiae leo- ruinuru sxstruxsrunt, oninino äissipsnäss säicinius. Lcisnt itsgus Uoiuines, guan- tuni intvrsit Inter Iiuinanss inentis iäols et äivinss inentis iäeas, Huniaune nrsntis iäo- 1r> nii sliuä snnt gusin alistractioiiss sä pls- cituin; äivinas inentis iäess in nt Vers sig- nasuls srestoris super cresturas, prout in Nniteris per iinsas veras et exquisites iinpri- ninntnr et tsrininantur, Itaque ipsissiinas re8 bunt Veritas st Vtilitss, atqus Opera ip- sa pluris kacienäs sunt, quatenus sunt vsri- tatis pignora, quain propter vitus soiiinioäa. Lseo äs intsrprstatione lXuturas et rsgno Hominis, Xpliorisrn. LXXIV. i36 Vo m A ng en e h m e n rc. re. schöpfen, wiefern sie der Materie durch wahre, ausgesuchte Lineamente eingedrückt und in ihr beschrankt werden. Die Dinge selbst sind Wahrheit und Güte; die Werke durch sie und mittelst ihrer sind nicht sowohl der Bequemlichkeiten des Lebens wegen hoch zu schätzen, als vielmehr wie Unter--fände göttlicher Wahrheit." K a l l i g o n e. Von Kunst und Kunstrichterey. Zweiter Theil. 7 I. Natur und Kunst. linst kommt von Können oder von Kennen her (iioügs aut xosss), vielleicht von bcyden, wenigstens muß sie bcvdes in gehörigem Grad verbinden. Wer kennt, ohne zu können, ist ein Theorist, dem man in Suchen des Könnens kaum trauet; wer kann ohne zu kennen, ist ein bloßer Praktiker oder Handwerker; der echte Künstler verbindet bcydes. Natur und Kunst werden „wie Thun vom Handeln, (Wirken,) wie Werk von Wirkung (kacars und aAk-ro , opus und eklsatiis) nicht genau unterschieden.*) Auch die Natur wirkt und schafft Werke; auch der Künstler thut (kw- cit, ersiei). Bey allen vorübergehenden Künsten sind seine Produkte Wirkungen nicht Werke, dagegei», wo ein bleibendes Werk (oxrrs) *) Kritik. S. 171. sein Ziel ist, seine Energie solange unvollendet ist, als er wirket. Genauer und vollständiger Kat Harris*) von der Kunst in einem echtgriechischen Gespräch gehandelt. Er zeigt sie als „eine Fertigkeit des Menschen, nach Maasgabe eines Systems von Vorschriften, Ursache einer Wirkung zu werden," und untersucht dabey die Gegenstände sowohl, auf welche die Kunst wirkt, als ihren Ursprung, ihre Wirkungen und Werke; ein vortrefflich Gespräch in Form wie an Inhalt. N a t u r und Ku n s t sehen wir einander oft entgegen, oft schreiben wir der Natur selbst eine und zwar die großcste Kunst zu; woher dieses? Beides nicht ohne Ursache. In allem nämlich, wo viele und mancherlei) Mittel angewandt werden, um Werke hervorzubringcn, die als treffliche Zusammen sc tz u ng en ins Auge fallen, in denen bey einem System von Regeln ein offenbarer Zweck erscheinet, nennen wir mit Recht die Natur eine Künstlerin die kunstreiche Werkmeisterin (rraXu,5-005 Ergane. So nennet sie der orphischc Hymnus; so flehet sie aller Menschen Sinn an: denn in einem organischen Wesen verkennet niemand die Zufammenstim- mung des Vielen zu Einem. „Daß man von rechts- *) Harris drey Abhandlungen über Kunst u. f> übersetzt, Danzig 1756. Halle 1780. Die letzte Ausgabe ist mit Anmerkungen und Stellen aus den Alten reich vermehret. und Kun strichle r ey. Ist wegen nur dis Hervorbringungen durch Freiheit' d. i. durch eine Willkühr, die ihren Handlungen Vernunft zum Grunde legt, Kunst nennen sollte/"") ist willkührlich geredet. Ob ein Werk aus Willkühr oder aus Zwang gemacht sey, dies ändert seine Einrichtung nicht; und wer sagt uns, daß den Werken der Natur nicht Vernunft, d. i. vom Geist gedacht, eine allordnende Regel zum Grunde liege? Als eine lebendige Wirkerin, die Natur zu denken, ist dem gesunden Mcnschensinn gewiß angemessener als zu fragen: ob irgend auch Vernunft in der Namr se>) t Die Werke der Bienen z. B., den Vau der Biber u. f. nennt jedermann Kunstreich, wenn ihren Arbeitern gleich menfch liehe Vernunft und Freyheit fehlet. Wie ihr auch die Kräfte, durch welche sie hervorgeöracht sind (wird man mit Recht sagen), nennen moget; die Werke selbst sind Kunstreich. Hatten wir alle die Mittel in unsrer Hand, die die Natur hat, und konnten nach eben so großen Entwürfen so lange, so fest und unfehlbar, so leicht und angemessen wie sic wirken; gewiß nennten wir uns Allkünstlcr. Eben nur unsre Eingeschränktheit macht, daß wir mensch ! iche, von der Nat u rrunst unterscheiden: denn wie arm und ohnmächtig sind wir gegen die mächtige Wirkerin, Natur! Erstens. Zu dem, waS die Natur macht, findet sie überall Stoff, Mittel und Wege; sie kann, was sie will und will nu>^, was sie kann. Wo ihren strebenden ) Kritik. S> 070. Don Kunst 142 Kräften Hinderungen in den Weg treten, wendcL sie sich und braucht ihre Kräfte anders. Wir müssen Stoff und Mittel mit Mühe suchen, mit Vorsicht gebrauchen. AweytenS. Jedes Kunstwerk der Natur har seinen Zweck in sich, daß es der ihm geschenkten Form, d. ist seiner selbst sich erfreue und in ihr lebe. Unsre Kunstwerke, todt in sich, sind nur für andre zu Zwecken berechnet. Drittens. Da die Werkstätte der Natur so groß ist, wie das All und ihre Energie wirkt, so lange Moment auf Moment folget, so kann sie nicht anders, als die entgegengesetzten Ende zusammenknüpfen; sie schafft, indem sic zerstört, und zerstört, indem sie schaffet, eine immer emsige Penelope, die ihren Schleier webt und trennt, trennt und webet. Individuen laßt sie sinken und erhält Geschlechter, Gegentheils, da dem Werk des menschlichen Künstlers das Lebe» gebricht, dadurch es sich selbst fortpflanzcn könnte, so hört dies zerstörende Schaffen, dies schaffende Zerstören Key ihm von selbst auf. Er schafft, daß sein Werk bleibe. Viertens. Im All muß Alles scyn, das Schwächste und Stärkste, das Größeste und Kleinste; es ist da. Da dem Menschen ein solcher Umfang, eine solche Dauer nicht gegönnet ist, so muß ec sich gegen die Anfälle der zerstörenden Natur, aus deren Schoos er seine Werkzeuge nimmt, aus deren Schoos er selbst entsprang, in deren Schoos er zurückkehret, waffnen; er muß sein Werk schnell, nutzbar-dauerhaft ausführcn, so gut er kann, also das Beste, das er vermag, aufs Beste, mit Plzm und Absiclst. So und deshalb setzt er seine Kunst der Natur entgegen. Ein böser Haushalter wäre er, wenn er es und K un str i ch ter ey. 14) der großen Haushälterin nachthun wollte. Unbekümmert spräche sie zum Nachlässig-Stolzen: „ich kenne dich nicht! " und ließe ihn sinken. Das Gabenreichste Kunstprodukt der Natur, der Mensch soll selbs t Künstler seyn ; darauf ist alles bev ihm berechnet. Der Natur Erzeugnisse soll er nicht nur zu seinem Zweck gebrauchen, sondern auch, wo diesem Zweck die Natur in den Weg tritt, ihre Hindernisse überwinden, ihre zu weite Bahn für sich beengen, ihren Schritt fördern. Er lebet nur kurze Zeit, und muß rasch zu Werk gehn, wenn er was Bleibendes auSrichtcn, und auch für die Nachwelt gelebt haben will. Aber wie wird er Künstler? Jetzt, da sich die Menschengesellschaft in einem fortgehenden Gebrauch ihrer Kräfte findet, wird ers von Kindheit auf durch Erziehung d. i. durch Anweisung und Nachahmung. Trank und Speise, Kleider und Wartung kommen ihm entgegen; er lernt tasten, sehen, hören, gehen, Beschaffenheiten der Dinge kennen, und durch jeden Sinn ein Maas gewinnen. Man gehet ihm in Allem vor, man hilft ihm. Wer half aber dem werdenden Menschengeschlecht? wer nahm den Unerfahrnen in seine Kunstschule? Die Thiere? welche Gattung derselben? und warum verwilderte er nicht mit ihnen, indem er sie brüderlich nachahmte? wie Alle unter die Thiere gerochene Menschen. Wie hieß also der bessere Vater, die Verstandreiche Mutter, die ihm den Gebrauch jedes seiner ^mie, in jedem den Gebrauch seiner Vernunft förderten, lenkten? die ihn zum Herrscher der Welt, zum Kunstschöpfer der Schöpfung mach- Von Kunst ^44 ten? Immer werden wir hier, wie wir sie auch nennen möge», eine ihm sich aneigncnde, ihm besonders günstige Mutter-Natur, Mutter- Vorsehung annchmen muffen, die in die Pflege dieses Letztgebvhrncn der Schöpfung, des eigentlichen Kunstgcschöpfs selbst, ihre liebende Kunst setzte. Und warum sollten wir dies nicht? Wenn in jedem Element alle Fühlbarkeiten desselben zusammen kamen, um Geschöpfe dieses Elements mir allen Kräften seines Gebrauchs und Genusses zu bilden, müßte nicht auch der Vernunftgeist der Schöpfung sich ein Organ bereiten, worin Er wirke? Er thatS: und machte seinem eigensten Geschöpf, das alles durch sich selbst werden sollte, den Weg zu seiner Bildung — leicht oder schwer? Leicht; aber gewiß nicht zu leicht, da dies Kunstgeschöpf nicht etwa blos zum Genuß unter Rosen , sondern auch zum Kampf unter Stürmen ausgerüstet werden mußte. Also auch unter fehlgeschla- gcncn Versuchen, durch Mühe und Arbeit erzog die Natur den Menschen; das große Gesetz war vor ihr: „nur was der Mensch versucht und erprobt, kann er! nur, was er sich erwarb, hat er; überstandene Mühe giebt ihm den süßesten Genuß, des Menschen Seligkeit muß sein eigen Werk, der Kunstpreis seines Lebens werden." Mit diesem Gesetz knüpft sich, was die Dialektik eigenmächtig sonderte, innig und genau; das Angenehmste wird aus dem Schwersten. Weder zu ihm, noch zum Schönen Ware der Mensch gelangt, wenn es ihm nicht nützlich, ja unentbehrlich gewesen wäre» ein UN d K u n slr i ch te re I). r,,s ein völlig Nutzloses Schone ist im Kreise der Natur und Menschheit gar nicht denkbar. Mithin sind Kunst und Handwerk nicht dadurch unterschieden,*) daß „jene frei), diese eine Lohnkunst heißen möchte, indem jene nur alS Spiel, d. i. als eine Beschäftigung, die für sich selbst angenehm ist, zweckmäßig ausfallcn, diese als Arbeit d. i. als eine für sich unangenehme und beschwerliche Beschäftigung nur durch ihre Wirkung, z. B. den Lohn anlockend ist, mithin Zwang mäßig aufgelegt werden kann ;" eine Abtheilung poli- zirler Staaten, von der die Natur nicht weiß. Sie kennet ursprünglich nicht gcbohcne Patricier, die allein Künste des Spiels, und gebohrne Knechte, die nur Sklavenkünste (avtss illiberales s. serviles) treiben müßten. Sie kennet keine Kunst, die blos Spiel seyn dürfe, wenn sie gelingen soll: denn keine Kunst laßt mit sich spielen; dagegen ist, was Mühe kostet un was „Zwangmaßig aufgelegt werden kan ," auch nicht Eins; selten wird aus einer so aufgelegten Mühe Etwas; und wer durste sich gcbohren glauben, andern Arbeit und Beschwerde Zwangmaßig aufzulcgen, damit er als ein Freyec die Kunst spiele? Der Freisinn der Natur (inZeriuitas, libevali- las nsturas) gehet auf einem andern Wege. Sie giebt Gaben, daß sie gebraucht werden; wer die seine aufs reichste, fleißigste, glücklichste gebraucht, der ist ihr Liebling, (iwßenuus, libsrslis liruno) *) Kritik S. r?Z. HcrdersNz erkc z, Phil. u. Gesch. XV. K Aall-§one. Von ,Kunst ag6 Jede Mühe wird ihm süß; je höher das Ziel, desto muntrer streben seine Kräfte; seine Energie und ihr vollendetes Werk sind seine Belohnung. Gegen die große Ausspendung der vielfachsten Gaben aus den Händen der Narur sind die sieben freyen Künste (eine Einthcilung barbarischer Zeiten, die zu lange unsre Schulen entehrt hat, und auch in diesen selbst verachtet wird), eine sehr karge Abtheilung.*) Was die Menschheit ausbildet (czuvcl ncl nolcm- äarrr et exeolenclarn ftunranitateiw spectat), ist eine freie, edle Menschenkuust; sonst gicbts keine. Lastet uns also, da jene Sklaveneinrheilung von freien und unfreien, Lohn - und Spielküusten nicht *) „Ob in der Rangordnung der Zünfte Uhrmacher für Künstler, dagegen Schmiede für Handwerker gehalten werden sollen," wer wird eine solche Frage in der Kritik der Urteilskraft erwarten? — Ob auch unter den sogenannten sieben freien Künsten nicht einige den Wissenschaften beizuzählen, manche auch, die mit Handwerken zu vergleichen sind, aufgeführt worden scpn möchten?" Diese Frage wird durch die komische Dcnkverse der sieben Magisterkünste selbst erledigt: 6 rum logrritur, Diu verlier cloeet; Ik Ii e verlau iiiiiiistrut; Mris eauit; Kr urinierst; Oe poucler-it; K8t colit eistru. Wenn sie als Spiel getrieben werden, sind sie weder den Wissenschaften beyzuzählen, noch mit tüchtigen Handwerken zu vergleichen; die Kritik (S. > 73 . 17h) zeigt, wohin sie sie zähle. und K u n s t r i c h te r e y. a ez, besteht, den Kunstgang der menschlichen Natur, wie er nie ohne Veranlassung und Mühe erfolgte, natürlich bettachten. Erste freie Kunst des Menschen» Der Mensch, ins freie der Natur gestellt, ihren Witterungen und Gefahren ausaesctzt, bedürfte der Hut, eines Hauses. In milden Gegenden gaben ihm dieses Baume; ihre verjüngt emporstrebenden Stamme waren die Säulen seines Hauses, deren Zweige er sich zur Wand zog, deren Wipfel er sich zum Obdach wölbte. So stand die erste Co- lenade da; so war die erste Laube gewölbet. Weiterhin umzog er sein Haus mit einer Hut, die das, was er das Seinige nannte, seine Baume, seinen Quell, seine Thicre mit entschloß. Ln vielen alte» Sprachen ist das Wort Garten die Stammmutter der Bezeichnungen von Hut und Sicherheit worden, indem es zuerst einen umschlossene», verwahrten Ort, sodann eine Stadt, eine Festung, einen Hof, eine Sicherheit durch Menschen, ja zuletzt den großen vom Himmel umschlossenen Erdkreis bedeutete. Garten- und B aukunst gehörten also zu den frühesten Künsten; der erste Qrtsci». nehmer, Besitzer und Eultivator, mithin der erste Künstler der Welt hieß Bauer; seine Mühe hieß baue»; Bau war sein Weck.*) Er genoß, was *1 Bauen heißt „etnnehmen, besitzen, an einem Ort K 2 Von Kunst 148 er erbauet hatte; er fceuete sich seines Werks in und nach der Arbeit. Dies war die Kunst des Paradieses. In andern Gegenden ging der Bau von Höhlen aus; sic bargen und hehlten den Menschen; die Natur hatte sie für ihn gehöhlet. Dies ward die Grundlage einer festeren Bauart. Offenbar ist in Indien und Aegypten die Baukunst mit dem Wunderbarsten, was sie darstellt, von Hohlen aus- gegangen, wie ihr Material sowohl, als der Geist des Baues zeigen. Man erstaunt über die Wölbungen und Pfeiler, über unterirdische Labyrinthe, über aufgcspitzke Pyramiden und Obelisken; und freuet sich, daß zu Zwecken, wozu jene dienten, man solcher Mittel nicht mehr bedarf. Zu ihrer Zeit war diese symbolische Baukunst in der Ordnung der Dinge ; zu wünschen wäre cs, daß wir sie verstünden. So ward aus der Natur Kunst, durch Mühe, zu Zwecken, aus Bedürfniß. Der Griechen Baukunst stand frey über der Erde; jeder ihrer Pfeiler drückte seine Bedeutung bleiben, ihn einrichten." Bau heißt Wohnung, Besitz, sodann gemeinschaftlicher Wohnort, Bearbeitung, Einrichtung, Cultur desselben; Dorf, Stadt u. f. Von Ward, Gardd (Garte) kommt Gurt, gürten, Aarüe, corks, cour, selbst Karthago. Haus (Hus) und Hut ist dasselbe. Mitte tgard, Mitgard hieß unfern Vorfahren die Welt, Gard ein sHof, Pallast u. f. S. Wächter, Ihre, Adelung u. f. / und K u n st r i cht c re y. 149 selbst aus. Ihre Tempel z. B. sagten die reine Idee: „ich bin das Haus eines Gottes;" so sagten es andre Gebäude. Da i ie Geschichte der Baukunst in Tempeln, Gängen, Pallästen, Burgen u. f. nach Orten und Zeiten durchzugchcn, hier ein unnützes Werk wäre, so bemerken mir blos: „Zweck und Absicht ist die Seele jedes Gebäudes." Wo diese Einwohnerin nicht alles erfüllt, da ists kein Bau, d. i. keine Einrichtung, sondern ein kostbares Spiel- werk von Holz und Steinen. Klima also, Lage des Orts, Zweck und Gewerbe fordern, jedes seine eigne Architektonik, d. i. Baueinrichtung. Wie jeder Vogel sein Nest, sein Dach und Fach, sich angemessen bauet, sollten es weniger die Menschen? So treffliche Meister über diese Kunst, gründlicher als über irgend eine andre, geschrieben haben; so konnten sie, außer dem mathematischen Theil, einer Kunst, die kein reines Ideal hat, auch kein solches geben. Sie ist da, daß sie jeder Absicht der Menschen Ortmäßig, rein und vollkommen diene. Man nennt sie eine schöne Kunst; gewiß nicht ohne Zweck, nicht ohne Mühe, ohne Bedürfniß entstanden und ausgedildet. Zweite freie Kunst des Menschen. Geselle sich zu dieser schönen und nützlichen Kunst also sogleich ihre mitgebohrne Schwester, die Kunst des Gartens; des Gartens in dem großen Sinn nämlich, daß eine Gegend mit allen ihren ron Bon Kunst Erzeugnissen ein Gurten werde. Ein Bezirk, wo jedes Lund und Beet das Seine, in seiner Art das Beste trugt, und keine kühle Hohe, kein Sumpf und Moor, keine verfallene Hütte, keine unwegsame Wüstenei) von der Trägheit ihrer Bewohner Zeige — wo diese schöne Kunst ein Lund verschont, bedarf es keiner Bildsäulen um Wege; lebend kommen uns mit ihren Guben Pomona, Eeres, Pulks Ber tumnus, Sylvan, Flora entgegen. Die Kunst ist zur Natur, die Natur zur Kunst worden, nicht ohne Mühe, nicht ohne Nutzen und Bedürfnis. Glücklich die Menschheit, die an Bemühungen und Gegenständen dieser Arc Freude zu haben, frühe gewöhnt ward. In der Natur Harmonie und Disharmonie unterscheiden, den Eharakter jeder Gegend kennen und gebrauchen lernen, mit dem regen Triebe, da.S Schöne der Natur allenthalben zu erhöhen, zu vcrsammlen; wäre dies keine schone Kunst,, so gäbe cs keine. In der Kindheit schon keimt zu ihr der Trieb in uns. Gewächse zu erziehen, Blumen zu pflegen, sich Garten, Haus und Hof einzurichten ist das Geschäft der kindlichen Hand. Und mit welchem Eifer erklimmt der Jüngling, um eine neue Aussicht zu genießen, Höhen und Berge! Wie selige Stunden verträumt er in der Dämmerung des Hains, an der Quelle des Thals! Könnte jeder ins Werk setzen, was er hier träumte, und würde seine Thätigkeit frühe dazu geleitet, wie schöner würde dadurch das Leben! durch Anbau jeder Naturfchönheit die Erde wie schöner ! Nicht ohne Grund also sing der Gesang der ländlichen Muse von Einrichtung der Natur und des und Ku n st r ic h t e r ev. -5r Lcbcns, von Werken und Tugen an; die große Ordnung der Zeiten, der Lauf des Himmels, sofern er die Erde regiert, waren jene Naturpoesie, der Menschheit früheste, vielleicht auch die letzte, bleibendste Muse. Wenn mit den Jahren uns die Tuba langst widrig ward, tönt uns die Hirtenflöte noch lieblich; Ceres und der Flora Kranze verjüngen den Greis, um dessen Schlafe die Lorbern langst verwelkt sind. Sollen Beschreibungen der Natur nur als schöne Dichtungen gelten, deren Ausübung und Darstellung keine schöne Kunst wäre? Dafür hielt sie die alte und älteste Welt; die ersten Gesetzgeber gingen von dieser schönen Kunst aus, und die reifste Philosophie des Lebens wird zu ihr zurück- führcn. Lebendiger Natur - Unterricht wird und muß einst unser tobte Schulunterricht werden, wohin auch jetzt schon das Bedürfnis? spornt, und das allenthalben vermehrte Naturstudium, so wie jede erlangte Kunde fremder Lander in tausend Winken uns mit Macht und Güte weiset. Die Kunst, die aus Natur ward, kehrt zurück zur Natur, allenthalben sie nutzend, sie verschönend. Dritte freie Kunst des Menschen. Außer Wohnung und Nahrung bedurfte der Mensch Kleid e r; zu welch' einer schönen Kunst ward ihm durch dies Bedürfnis? die Pforte geöffnet! Wenige Völker der Erde geben nackt, keines vielleicht ganz nackt; und auch bei) den halbunbckleidctcn er- 1.12 Bon Kunst setzt eine Verzierung ihres Körpers den Schmuck des Gewindes. Es kommt nicht darauf an, in welchem Geschmack diese Verzierung geschiehst; vom Triebe zur Verzierung selbst ist die Rede. Da war dann bcy allen Völkern die Darstellerin der schönen Natur aus eigner schöner Kunst, das Weib, die Jungfrau. Sie, das jüngste Kind der Natur, stellte die Mutter, wie sic erscheinen will, dar, eine lebendige N a t u r sc h ö n h e i t. Liebe war ihr Beruf; Liebe zu gefallen, erweckt Liebe. Was sie begehrte, sollte der Weigernden werden; unsichtbar also mußten die Bande seyn, wodurch sie an sich zog und siegte. Schaam, die jüngste Huldinn, gesellte sich zu ihren Schwestern, Reiz und Liebe; so ward durch Veranstaltung der Natur selbst die schönste Kcmst, eine anständig-sittliche Darstellung des weiblichen Körpers und Betragens. Reinheit ist des Menschen erste Zierde, wozu das Weib die Natur selbst zwang. Der klare Bach der der Jungfrau ihr Angesicht zeigte, badete und stärkte auch ihre Glieder; bcy allen feineren Nationen waren die Bader daher der Liebe, der Gesundheit und den Grazien heilig. Verjüngt stieg sie aus der Welle hervor; das erste Gewand, das sie um Schulter und Hülfe schlang, die Blume oder Feder, womit sie ibr Haar schmückte, die Perlen- oder Muschelschnur an ihrer Brust waren der leichte Anfang zu einem großen Eoncert, das unendlich variirt werden sollte. Es ist variirt, durch alle Völker und Zeiten. Lieber ging man in ihm die schroffestcn Mistönc durch, als daß man in Moden der Klei- u n d Ku n st r i c h t c re y. i53 der eintönig ermüden wollte; aber auch in jedem sich bald auflösenden Mißton suchte mein wo nicht eine durch sich gefällige, so doch eine die Schönheit vertretende Schönheit. Sehet diese Wohlgeschmückte. Vom Krem; ihres Haars bis zum Saum ihres Gewandes tritt sie wie eine Pcri daher, des Naturgenius Braut, der Mutter Natur nachahmende Lieblingstochter. Nichts Ungehöriges ist in ihrem Schmuck, nichts fremdes, kein Reiz kann ihr entwandt, kein Schmuck ihr entlehnt werden; srmxlex rriunäitiiZ, ganz die sie ist, nur sich selbst ähnlich. Und doch ist alles in diesem Schmucke gewählt, jedes Band, die Farbe jeder Blume. Gicbts eine schönere Kunst, als die Darstellung eines schönen Gebildes im Schmuck des Wohlanstandes sittlicher Reize? Sehet diese Statue an. Stein kann ein Gewand weder darstellen noch nachahmcn; selbst seine Umrisse und Falten zeiget er hart und spröde. Und dennoch betrachtet diese Muse; Kleid und Unterkleid, Gurt und Mantel, bis zum Schwünge jeder Falte ist alles wohlangelegt und zierlich. Dies Haar, dieser Armband, dieser Fußschmuck, wie ganz ziemt er dem fcstsanften Tritt, auf dem die Gestalt ruhet? Wie? In der steinern - tobten Nachahmung wäre schöne Kunst, was lebend dargestellt cs nicht seyn sollte? Die Kranzflechterin in Athen, Glycc- ra, setzte den Blumcnmahler Pausias in Wetteifer; und ein Wesen, der die Anmuth Natur, der Gefälligkeit ihr Beruf, ihre Erziehung war, sie hätte nicht mehr und feinere Geschmacksregeln abstra- Bon Kunst >t>4 Hirt, als von denen eine transscendentale Aesthetik je träumte? Mein höre ihre Urtbcile, ihre C nsuren. Dem Weibe, sobald sie in die Ehe tritt, ziemt nicht mehr der Schmuck der Jungfrau; alle Naturvölker bezcichnekcn dies bei der Hochzeit, und machten eS der Braut zur Pflicht. Jetzt sollte die Haube sie zieren; der Kranz, dass sprechende Bild des Frühlings ihrer Jugend war nicht ihr Symbol mehr. Der Matrone endlich wird Anstand Schmuck: und die Vestale (denn auch hier sind die Griechen Muster des höchsten Wohlanstandes in jedem Alter, in jedem Stande) steht Ehrfurcht gebietend da, in verhülltem Reiz der Schönheit; eine der Göttin gelodete Jungfrau. Beschämen muß die Kleidung der Griechen jede Frechheit, die vor sie tritt, so wie jede groteske Verhüllung, die offenbar nur erfunden ward, Fehler des Körpers zu verhehlen, oder versagte Formen zu lügen. Keine von beyden, weder Frechheit noch Heuchele») erreichen ihren Zweck; Bcquemlich, kcit und Wohlanstand sind jedem Körperschmuck un- crlaßbar. Nach den Kleidern richtet sich unvermerkt die Gebehrdung: denn wie man sich selbst ansiehet und tragt, so betragt inan sich, so sehen uns andre an in ihrem Betragen. Zu jeder Zeit sind Frechheit und Ueppigkeit in gleichem Schritt mit einander gegangen, »renn nicht öffentlich, so verstohlncrwcisc, da gegentheils auch Ehrbarkeit in Kleidern und die jungfräuliche Schaamhaftigkeit unvermerkt die Zucht cinladen, ja einführen. Vor einem ehrbaren Weibe flieht jeder unanständige Scherz; selbst der Zank der Männer wird in ihrer Gegenwart milder. Der Gestalt folgt die innere Einrichtung 7 und Ku n s t r ic h t e re y. 1 5 ., des Hauses. Eine reine Hand wird uns, wäre cs auch nur auf einem Blatt, reine Früchte darreichen, auf einer wohlgeordneten reinlichen Tafel. Dem Geist der Weiblichkeit sind wir die schöne Kunst d e s Le b c n s, häusliche Ordnung und Zierlichkeit in dem, was uns täglich umgiebt, schuldig; unausstehlich ist dem Gefühl des Weibes, was diese beleidigt, da der Mann cs oft weder fühlet noch wahrnimmt. Dem allen folgte oder gieng vor die schönste und nützlichste Kunst, des häuslichen Fleißes. Seitdem weibliche Hände Gewänder, Kranze, Decken, Teppiche oder auch nur ein Körbchen webten, was ist nicht gewebt und bereitet! Der Finger der ^Künstlerin Pallas ging tausend Künstlern vor. An diesen häuslichen Erfordernissen, an diesem in Materie und Gestalt so mannigfaltigen sogenannten Hausrath, wie manche schöne Kunst hat sich gebildet und erhalten! Nicht ohne Bedürfniß und Mühe sproßten diese Künste: ihr schönstes, innigstes Bedürfniß war das der menschlichen Natur unentbehrliche Gefühl der W o h l a n s l a n d i g k e i t (a-o , äecorrun). Vierte schöne Kunst des Menschen, Dem Mann gebührte ein höheres Anständige, das Ironsstnin. Zu schützen'sind Männer da; Kämpfe und Ucbungen sind ibr Schönes (-rc> nc-Xor). Mühvolle Ucbungen! ihr Kampfpreis ist das Schönste der Welt, Dank und Ruhm der Beschützten, ! -ja i56 Von Kunst Diesen zu verherrlichen, erzeigten sich Zeit noch Zeit mehr Künste; die Gestalt der Männer selbst war dieser Künste schönster und höchster Kampfpreis. Nackt stehen sie da, die Ringer, die Helden; nicht durch das, was sie verhüllt; durch das, was sie sind, wollen sic glanzen. Was selbst den Morgenländer aus seiner Umhüllung riß und gleichsam sichtbar machte, waren Arbeiten, Gefahren, am meisten der muthige Theilhaber der Gefahren des Helden, das kriegerische Roß. Das Roß zeigt des Mannes Gestalt, leichter und früher zeigten es die Jagd, die Spiele Das Urbild aller bestandenen Gefahren war Herkules , er durchschritt die Welt, und stiftete Kampfe. Allenthalben war Mühe der Keim des edelsten, des m a nnl i c h - S c h ö nen; 'Aufmunterung zu neuer Mühe war sein Zweck. Der Kampfsanger selbst ward als Theilhaber des Sieges als Sieger gekrönet; nichts Vortreffliches erwuchs ohne Mühe aus müfsigem Spiel, wie Pindars Gesänge singen und preisen. Fünfte schöne Kunst des Menschen. Zum Beysammenseyn bedurfte das Menschengeschlecht von frühauf Sprache; nicht ohne Bedürfnis; ward sie erfunden, dieß Werkzeug der edelsten Geistcskünste, in ihr selbst wahrlich eine schöne Kunst "der Menschheit. Und auch zu ihrem Erwerb, wer trug das meiste Key? In Fortbildung der Sprache ohne Zwei- und Kun s t c i c h t c re y. 157 fel das Weib; sic, die Ncnncrin, sie, die Bezeichntem der Dinge mit ihrem leichteren Witz, mit ihren behenderen Organen. Bon Müttern haben wir sprechen gelernt; wohl uns, daß wir cs von ihnen lernten! Ihr klingender Ton, ihre angenehme Redseligkeit, das »»ermüdete An-, Zu- und Fortsprcchen des weiblichen Geschlechts mit Kindern bringt mit Accent und Gcbehrden, mit Sinn und Gcdankenfü- gung eine Melodie der Sprache in Geist und Herz, eine reiche Quelle des Vielfach-Schönen. Würde Alles, was wir zu den redenden Künsten zählen, geübt, wie wirs lernten, nie ohne Veranlassung und Inhalt, nie ohne Kraft und Zweck; frei) und ledig blieben wir von leeren Gedanken - und Wortspielen. Denn kein wahrer, d. i. energischer Ausdruck, keine wirklichschönc Redeform ward als ein müssiges Spiel erfunden. Ucberhaupt, die Sprache der Menschenarme wohlklingende, wohlgeordnete, ausdrückende Sprache, welch eine Kunst! Nicht in Wörterbüchern und Grammatiken (da sind nur ihre Materialien und Bauregcln zu finden), im lebendigen Gebrauch und Bau derselben, da zeigt sich ihre energische Schönheit. Bon einem feste» und zarten Organ gesprochen, in Erzählung, Gespräch, Rede, ist, mit Montaigne und Plato zu reden, die Sprache eine so leicht- hinschwebende dämonische Kunst (un srt Is- Ker, volags, ciemoniaule) , daß diesem geflügelten Wesen nur mit Mühe, oft den Geist tödtcnd, Fesseln angelegt, werden konnten. Jeder Sinn, jede Leidenschaft, jedwedes Alter, jeder Stand, jede Gesellschaft haben ihre Sprache; angemessene Ei- genthü mlichke.it der Worte und Wortsügun- t 58 Von Kunsc gen ist allenthalben ibre schönste Zier, ihr,e bequemste Kampfrüstung. Hatte Jeder, der spricht und schreibt, diese Kunst inne; wie manche falsche Wortkünste würden wir entbehren! Dock) wir vergessen die Kritik. ,,Für sich ür- dc ein verlassener Mensch auf einer w c- der seine Hütte, noch sich selbst au e ^ r Blumen aufsuchen, noch weniger sie pflanz , m sich damit au s zu sc bm ü cken ; sondern nur in Gesellschaft kommt es ihm ein, nicht blvs Mem'ch, sondern nach seiner Art ein feiner Mensch zu seyn (der Anfang dcr Civilisirung): denn als einen solchen beurtheilt man denjenigen, dcr seine Lust andern mitzutheilen geneigt und ^geschickt ist, und den ein Objekt nicht befriedigt, wenn er das Wohlgefallen an demselben nicht in Gemeinschaft mit andern fühlen kann. Auch erwartet und fordert ein jeder die Rücksicht auf allgemeine Mittheilung von jedermann, gleichsam aus einem ursprünglichen Vertrage, der durch die Menschheit selbst diktirt ist, und so werden freilich anfangs nur Reize, z. B. Farben, um sich zu bcmahlen, oder Blumen, Mufchclschaa- len, schonfarbige Vogelfedern, mit der Zeit aber auch schöne Formen, als an Cano ts, Kleidern u. s. w., die gar kein Vergnügen, d. i. Wohlgefallen des Genusses bei sich führen, in dcr Gesellschaft wichtig und mit großem Interesse verbunden, bis endlich die auf den höchsten Punkt gekommene Civilificung daraus beinahe das Haupt- und K u n s t r i c h t e r e y. 1 s>9 werk der verfeinerten Neigung macht und Empfindungen nur so viel werlh gehalten werden, als — sie sich allgemein milthcilen lassen, wo denn, wenn gleich die Lust, die jeder an einem solchen Gegenstände hat, nur unbeträchtlich und für sich ohne merkliches Interesse ist, doch die Idee von ihrer a l lg e m e in e n"M itt h eiI- barkeit ihren Werth beynah unendlich vergrößert."*) Ist dicß die reine Geschichte der Menschheit in Betracht ihres Wohlgefallens am Schönen i Ein auf einer wüsten Insel Verlassener ist so wenig ein reines Exemplar des ursprünglichen Naturmenschen, als wenig das Ausputzen des Mannes würdige Beschäftigung ist. War der Verlassene in der Gesellschaft (denn in dieser ist er gcbohrcn) zur Reinheit gewöhnt; so wird er auch in der Einsamkeit seine Hütte rein halten. Liebte und kannte er die Blumen, so wird er sie auch jetzt aufsuchcn, pflanzen, anwenden, wie er gutfindet. War ec menschlich zu leben gewohnt; so wird er auch hier nach seiner Art als ein feiner Mensch leben, wenn er gleich, unglücklicherweise, scine Lust andern nicht mitlhcilen könnte. Nun aber (Dank der Natur!) sind wir auf keine wüste Insel hingeworftne, sondern der Gesellschaft gehörige Geschöpfe; sie ist uns, wir sind ilw angeerbet. Gegenseitige Mittheilung fodcrn und geniesten wir nicht „aus einem ursprünglichen Vertrage, der durch die Menschheit selbst di'ktirt ist;" (fremde Wortspiele!) sondern weil ein gemeinschaftliches Bedürfnis uns bindet, weil wir zu gegen- ) S. r6u 062. Von K u n s t 160 seitiger Mittheilung die dringendsten Neigungen und Triebe in uns fühlen. Farben, Muscheln und Vo- gelfedcrn sind keine ursprünglich dikrirlcn „Reizes der Menschheit, denen „mit der Zeit nur" die Formen nachgckommen wären; und eine wohlgefällige Zier in Kleidung hat sie nicht auch einen „Genuß" be» sich? W-rre aber die auf den „höchsten Grad gekommene Eivilisirung " so weit gekommen, daß sie aus Eanots und Vogelfedern das Hauptwerk der verfeinerten Neigung machte, so zeigte sie eben damit, daß sie nichts weniger als die höchste Eivilisirung scy; so wie „Empfindungen nur so weit wcrth zu halten, als sie sich allgemein mittheilen lassen," Mangel an aller Empfindung zeiget. Wenn die dem Lüftenden selbst „unbeträchtliche Lust an einem Gegenstände durch die Idee von ihrer allgemeinen Mitthcilbarkeit ihren Werth bcynah unendlich vergrößert," wie nennt man auch in der verderbten Gesellschaft diesen ohne Lust lüftenden Allge- meinlust - Mitthctler? Entstellt wird durch solche Vorstellungen die Menschheit in ihren heiligsten Anlagen, und der Mensch zum Affen der Gesellschaft erniedrigt. Auf dem Wege der Natur sahen wir etwas Schöneres. Erstens. Der Mensch ist seiner Gattung nach ein Kunstgeschöpf. Auf den Gebrauch thaciger Vernunft mittelst sinnlicher Organe, mithin auf Kunst ist das Scyn und Wohlseyn seines Geschlechts gebauet; nur durch Kunst ist er, was ec ist, worden. Seine Bedürfnisse zwangen ihn; seine Fähigkeiten und K un s tr i ch tcr c y. i6r higkeiten und Kräfte luden ihn dazu ein; Kunst , st i h in a l s Vi enschen natürlich. Zweitens. Das Schöne und Häßliche, das Wohlgereimte und Abgeschmackte unterscheiden, ist dem Menschen kein Spie! massiger Ideen, sondern das Gefühl derselben ist sein N aturch arakter, sein inneres und äußeres Bedürfnis;. Wenn allenthalben in der Natur Schönheit nur der lebendige Ausdruck des Wohlseyns der Geschöpfe jedes i» seinem Element ist, sofern diesen Ausdruck des Menschen Sinne sich harmonisch empfinden: so ist auf dieser vi.lsprossigen Leiter dem Menschen daS Schöne niraenv uninteressant, Angenehmes und Widriges nirgend gleichgültig. Er lebet in der Natur, ihr harmonisch gebauet, und muß mit ihr leben. Daher die Geschichte seiner Eulrur in Anerkennung und Uebung des Schönen, Natur - und Kunstmaßig. Diese ist ein menschlich geformter Abdruck jener. Dritten s. Da die Natur auf die Fortdauer der Geschlechter alles angelegt und berechnet, mithin den Flor der Schönheit in die Zeit der Blüthe gesetzt hat: so müssen sich im Vcrhaltniß beider menschlicher Geschlechter eben so natürlich Schönheit und Liebe paaren, als eben so natürlich, d.i. dem Charakter unseres Geschlechts gemäß Wohlanstan- digkcit ihnen sogleich zur Seite tritt, die eben so wenig von bloßem Ucbereinkommniß der Gesellschaft abhangt, als Schönheit und Liebe. Nicht „des allgemeinen Mittheilens wegen" ist der Wohlanständige anständig, sondern sein selbst wegen; des Menschen Gestalt, seinen Bedürfnissen und Trieben, der ganzen menschlichen Lebensweise ge- Hcrders Werke z. Phil. u. Gesch. XV. L 1§2 Don Kunst ziemt An stand. Dem Reiz der Schönheit ist er in einer unverdorbenen Mcnschcn-Natur congenia- lisch. Cynis m u s verjagt die Gefühle der Schönheit, mit ihr das zarteste Wohlscyn unsres Geschlechts; er brukalisirr die Gattung. Nicht aus Gedankenloser Nachahmung ist er zu meiden, sondern aus Gefühl seines Unbestandes mit der Menschheit. Ihrem Charakter zuwider ist er auch dem Einsamen häßlich. Hinweg also jene falsche Prinzipien, zu denen man die Künste des Schönen erniedrigt, „muffiges Spiel, bcdürfniß- und lohnfrcie Ucbung, marktende Mittheilung in der Gesellschaft." Ohne Bedürfmß und Ernst ward keine Kunst: keine laßt mit sich spielen; keine wird ohne Lohn geübt. Der Regent wie der Künstler arbeiten um Lohn; jedes Werk erfordert Mühe; ohne Bedürfmß und Zweck, mithin ohne Nutzen ist kein Geschäft, geschweige eine achtschöne Kunst, nur denkbar. Jemehr die Vernunft der Menschen sich besinnet, desto mehr müssen auch ihre Künste des Schönen vom. Tändeln zum Ernst, vom Zwecklosen zur Absicht zurückkehren. Offenbar arbeitet hierauf die fortgehcnde Cultur der Menschheit. Wie manches unnütze Spiel mit Gedanken, Worten und Sachen haben wir schon weg- geworsen; zu hoffen ist, daß wir noch manches andre abwerfen werden. Ehe man eine schöne Gegend im Spiel zeichnet, muß man sie kennen und sehen lernen. Der Unterricht wird sich also dahin wenden, sie recht zu sehen, ein gutes Auge sowohl als eine richtige Hand zu gewinnen. Die ernstesten Wissenschaften, Natur- und K u n s tr i c h t e re y. i63 kcnittniß und Mathematik, werden also allem Schönen Grundlage werden, weil die Natur cs fordert. Diese mit Wahl und Absicht gebrauchen ist die durch alle Bestrebungen der Menschheit sich erstreckende Kunst, bei welcher es der Begriff dieses Gebrauchs schon mit sich bringet, daß die Mühe eine süße Mühe, der Ernst kein saurer Ernst sey. So weit die Natur verschönert, d. i. vom Menschen seiner Natur harmonisch mit Wahl und Absicht angewandt werden kann, so weit erstreckt sich das Gebiet des Schönen in Wissenschaften und Künsten. Da alles dicß zum Wohlteyn der Menschen geschieht, so müssen jeder Bestrebung zur Kunst Bedürfnisse und Triebe, Begriffe und Neigungen zum Grunde liegen, ohne welche kein Bestreben Statt findet. Alles Lebendige in der Natur strebet zum Wohlseyn, d. i. die Natur sich, sich der Natur harmonisch zu machen; der Mensch allein kann cs mit Vernunft und Ueberlegunq. Je zu reel- lcrn Zwecken er diese Harmonie zwischen sich und der Natur stiftet, desto würdiger ist seine Kunst; vom Wohlstände geht sie aus, und reicht bis zum feinsten Wohlanstande: denn auch dieser ist nach Verhältnissen und Zwecken ein der Menschheit wesentliches Bedürfniß. Beide Geschlechter tragen dazu bei; es ist das Werk, der Kampspreis ihres Lebens. Daß ihre Neigungen hiebei frühe und recht gelenkt, daß die Mittel dazu gefordert und recht angewandt werden, dieß ist das fortgehendwach- sende Geschäft menschlicher Kunstweisheit. L » Von Kunst ^ 64 H- Poesie und Beredsamkeit. „Es giebt nur dreierlei) Arten schöner Künste, die redende, die bildende Kunst und die des Spiels der Empfindungen, als äußerer Sinncneindrücke. Die redende Künste sind Beredsamkeit und Dichtkunst. Beredsamkeit ist die Kunst, ein Geschäft des Verstandes als ein freies Spiel der Einbildungskraft zu betreiben; Dichtkunst, ein freies 'Spiel der Einbildungskraft, als ein Geschäft des Verstandes auszuführen, " *) „Der Redner also kündigt ein Geschäft an, und führt es so aus, als ob es blos ein Spiel mit Ideen sey, um die Zuhörer zu unterhalten." Ernster Demosthenes, darf dies sagen , wer Eine deiner Reden gelesen? wem dein Nachdruck, deine im Inhalt, Zweck und der Form deiner Reden bekannt ward? Du hattest ein Geschäft angekündigt, und es im Reden fv auS- ) Kritik, S» 202. LoZ. Un d K uns trichterey. i65 geführt, als ob es blos ein „Spiel der Ideen" scp, um die Zuhörer zu unterhalten? Und ihr andern krnsten Ucedrier der Griechen, ibr Römer, die Eice- ro's Orator und das spatere Gespräch vom Verfall der Beredsamkeit so strenge inusiert, du selbst, Tullius, wußtest es nicht, daß die Beredsamkeit „ein Spiel mit Ideen sey, um die Zuhörer zu unterhalten, die Kunst, ein Geschaht des Verstandes als ein freies Spiel der Einbildungskraft zu betreiben ; " Quintilian auch nicht; und du, guter Sokrates, der. über manches kleine Wortgcschwatz die Sophisten ironisch zusammentrieb, du gar nicht. „Der Dichter kündigt bloß ein unterhaltendes Spiel mir Ideen an, und es kommt doch so viel für den Verstand heraus, als ob er bloß dessen Geschäft zu treiben die Absicht gehabt hatte." Und daß „doch so viel" herauskäme, griff er vielleicht in einen Eluckstopf? Seinen Kopf, den Glückskopf schüttelte er so lauge, bis durch ein Zusammentreffen der Ideen „im freien Spiel der Einbildungskraft so was für den Verstand hecaus- kam, das aussah, als sey es ein Geschäft des Verstandes. " „Der Redner giebt also zwar etwas, was er nicht verspricht, nämlich ein unterhaltendes Spiel der Einbildungskraft; aber er bricht auch dem et- was ab, was er verspricht, und was doch sein an- gckündigtes Geschäft ist, nämlich den Verstand zweckmäßig z» beschäftigen. Der Dichter dagegen verspricht wenig, und kündigt ein bloßes Spiel mit Ideen an, leistet aber etwas, was eines Geschäftes würdig ist, nämlich dem Verstände spielend'Nah- i66 Von Kunst rung zu verschossen, und seinen Begriffen durch Einbildungskraft Leben zu geben." So kündigte sich kein Dichter des Alcerthums an; ein bloßes „Spiel mit Ideen" war so wenig sein Präconium, als der eingeschränkte Zweck, „ V c r s t a n d e s b e g r i f - fen Leben zu geben," immer sein Zweck, sein Hauptzweck war. Auch die Kunst des Redners beruhete auf nichts weniger, als auf dem feinen Betrüge eines Verstandes - Diebstuhls. Wie niedrig stünden Redner und Dichter, wenn sie dieß tändelnde Spiel zum Geschäft ihres Lebens machten! und wie übe! zusammengeleimt wäre die menschliche Natur, wenn sie dieses Spiels bedürfte ! Der Verstand müßte die Einbildungskraft, diese den Verstand hintergehen, und der beide hin- tergchcnde Täuscher wäre der „redende Schonkünst- lcr!" Jetzt schlägt er sein Hocus von oben herab: cs ist Beredsamkeit; jetzt das Pocus von unten hinauf; cs heißt Dichtkunst. Da diese Wortspiele der kritischen Schule geradehin zu bündigen Grundbegriffen ihrer ästhetischen Beurtheilung aller alten, neuen und neuesten von ihnen so genannten redenden Künste dienen, wobei die vormals geltende Kritik, von Aristoteles bis Lessing, als eine unwissende Schülerin behandelt wird, der cs an chten Grundsätzen gef Act, so wird es der Mühe wcrth scpn zu sehen, worin dic Vorwelt in Lehre und That das Wesen der Rede - und Dichtkunst, das Werk der sprechenden Muse setzte. Wir nehmen den Faden auf, wo wir ihn bei den Anfängen der Künste sinken ließen, und reden zuerst und Kun siri c h ter ep. 167 I. Von der Dichtkunst, als eine menschliche Kunst betrachtet. „Poesie, sogt ein Schriftsteller, ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts, wie der Gartenbau alter als der Acker, Malerei a!S Schrift, Gesang als Deklamation, Gleichnisse als Schlüsse, Tausch als Handel." „Sinne und Leidenschaften reden und verstehen nichts als Bilder. In Bildern besteht der ganze Schatz men-schlicher Erkenntnis; und Glückseligkeit."*) — Was hier abgerissen gesagt wird, haben Du Bvs, Goguet, Eondillac und wie viele andre historisch sowohl, als philosophisch erläutert; der Ansang der menschlichen Rede in Tonen, Gebehr- den, im Ausdruck der Empfindungen und Gedanken durch Bilder und Zeichen konnte nicht anders als eine Art roher Poesie seyn, und ists noch bei allen Naturvölkern der Erde. Als diese Bilder - und Affektvolle, Ton - und Gebehrdcnreiche Sprache der Menschen sich mehr und mehr zu binden, zu ordnen ansinq, so ward, nachdem es der Umfang der Stimme und der Gedanken gab, eine Art melodischen Maaßes einge- führt, bei welchem die Gebehrdung lange noch den Accent unterstützte und die Interpunktion vertrat. Wir, die die Sprache von Kindheit aus mit - oder *) Kreuzzüge des Philologen, S. ikZ. > r . i68 Von Kunst gar nach Bucbsraben kernen; wir, die die Worte hören, nie sie geschrieben stehn, wie die Grammatik sie ordnet, sprechen und hören Bnch- staben und Sylben; so hören »nbuchstabirte Naturmenschen nicht. Abgesetzt oder ununterbrochen fließen oder stürmen ihre Reden wie ein Strom daher; die Reden des gemeinen Volks, zumal im Affekt, erweisen dieß täglich. Wenn diesem Strom der Töne Einhalt getha», wenn er geführt und geicnkt werden sollte, wodurch geschah dieß zuerst und vornehmlich ? Durch Erzahlun g. Auf das, was vor mir steht, zeige ich: was in mir vorgeht, drücke ich durch Töne und Gebebrden aus; was aber abwesend oder einst geschah, bedarf, wenn cs vernehmlich werden soll, ciner zusammenhängend-geordneten Rede. So ward das Epos. *) i. Das Epos der menschlichen Natursprache. Nicht anders konnte dieß Epos sich gestalten, als es die Sprache und Phantasie des Erzählenden, das Dhr und die Phantasie des Hörenden forderte und gab. Der Naturmensch schildert, was und wie dr cs sieht, lebendig, mächtig, ungeheuer; in der *) Epos beißt bei Homer Wort, Sache, Geschichte, Erzählung. So das deutsche Wort von werden, das nordische t->1 (vale) u. f. und Kun s tri ch t er e >). 169 Unordnung odcr Ordnung, als er cS sah und horte, eirbt crs wieder. So ordnen nicht nur olle wildcn Sprechen, sondern ungeachtet der großen Eultur, die sie erlangt hatten, auch die Sprachen der Griechen und Römer ihre Bilder. Wie sie die Sinne geben, zählt sie uns der Dichter zu, insonderheit Homer, der in diesem Punkt, dem Kommen und Entweichen der Bilder fast unerreichbar der Natur folget. Ansichten schildert seine Erzählung, Zug auf Zug, Scene auf Scene; so auch Menschen, leibhaft wie sie dastchn, wie sie sprechen und handeln. Treu erzählt die Muse ihre Worte nach, und ändert kein Wort auch in Wiederholung derselben. Veränderte sie solche zum Spiel, würde man ihr glauben? Wie Gestalten und Reden, treten auch die Begebenheiten vor; das Feld vor Troja mit seinen Helden und Abentheuern rückt uns Scene nach Scene vor Augen. Wer bewirkte diesen ruhigen Fortschritt ? die Sprache und in ihr der Verstand des Dichters. Er ordnete die Scene», das Auge unsrer Einbildungskraft halt sie fest, unsre Empfindung folgt ihnen, als sähen wir leib - und gcifthafte Wahrheit. Bei Ossian, bei allen Dichtern, die lebendig erzählten, ists nach Verhältniß der Sprache, der Zeiten und Sitten, ein Gleiches. Eben hiedurch nun trat die erzählende Poesie, so sehr sie Geschichte war, auf den Weg, sich von dem, was man späterhin Geschichte hieß, zu sondern, indem sie nicht etwa bloß, was geschehen war, flach hererzählen, sondern cs ganz, wie cs.geschehen sey, wie es im gegebnen Zusammenhänge nicht anders habe geschehen können, lcib - und gcisihaft Von Kunst 170 darstellcn wollte. Als Poesie schosst sie, sie bildet (giZnit, crsat, conäit, >csvmuriL6 u. f.; sie fodern cs unerbittlich. Wer auf diesem Schaugerüst mit den Ideen unsrer Einbildungskraft oder unser» Empfindungen spielen zu dürfen glaubt, wer als Kritiker spielend urrhcilt, der ist des hölzernen Huliai- nsllo selbst nicht wcrth; denn auch dieser meync es, wenn Puppe an Puppe klappt, sehr ernsthaft. Offenbar kommt die ganze Verwirrung vom Mißverständnis des vieldeutigen Worts Spiel her*), *) 8pi1 (Ditera L in insäio vocsis ah antignis non agnosoitur) vox valils aegnivooa st: non nnins äonricilü. Igidur ns toi vooss, ignse proeier connin nidil kadent cainnnens, oonknnclantili-, iotnni oginen elooencli oansa in olasiies üi-petzosin. ^Vacsidsr. Die Clas- sen sind indessen bei ihm nicht wohl gesondert. -Herders Werke z.Phil. u. Gesch. XV, M Von Kunst 178 das eigentlich nichts heißt, als eine leichte Bewegung.*) Der leichten Bewegung unsres Körpers eignete man das Wort vor andern zu, und eben Key den schwersten Bewegungen ward von Ringern, Fechtern, Jagern das Schwerste in ein Leichtes, d. i. in ein Spiel verwandelt. **) Wem kam diese leichte Bewegung mehr zu als den Gcbchrdcn- und Saitenspielern? daher sie sich, je schwerere Dinge sic schnell und leicht darstclltcn, desto mehr des Worts Spiel bedienten. ***) Auf die leichte Bewegung der schwersten Kunstmaschinen sogar gicng das Wort über. So ward dann das Spiel der Redner, das Spiel der Affekten, der Action, der Kriegsmaschinen, Kanonen und Bomben (Is jsu clss inaclciiass, clss pmssioris, cls 1'actlorr, clss looinloss u. f. ein Kunstaus- d r u c k. In diesem Verstände spielt der Dichter allerdings und laßt spielen, Leidenschaften, Charaktere, Gebehrdcn: denn daß er in seiner energischen Kunst das Schwerste auf die leichteste.'Art bewirke, ist al- *) So sagen wir: die Lüste, die Lichtstrahlen, die Farben, die Flamme spielen. *>) Daher die Ausdrücke unsrer Vorfahren: mit Schwerd- tern, Vögeln, Würfeln, Fäuste» spielen; das Feder-, Wind-, Jagd-, Turnierspiet u. f. Saitenspiel , Gcbchrden - Possen- Gaukelspiel, Schauspiel u. f. u n d Ku n f tc i c h t e r e I). 179 lerdings der Elirenpunkt derselben. Gehen die Rcp- der schlecht, stockts hie und da und allenthalben, wehe dem schlechten Dichter und Kunstspicler. Sofern spielt der Dichter auch mit unfern Gedanken und Leidenschaften, d. i. er hat sie in seiner Hand, sie zu erregen, festzuhalten, zu verwandeln, verschwinden zu machen u. f., alles aus Kräften seines Genies, nach Maasgabe seiner Kunst. Fehlt ihm.Jenes, überschreitet er diese, so ist er ein schlechter Kunstspicler. Da nun mit jeder leichten Bewegung, wir mögen sie selbst bewirken oder anschauen, anhörcn, eine gleiche Bewegung unsrer Lebensgeister verbunden ist, so gieng der Name Spiel in die Bedeutung einet anmurhigen Bewegung oder Begebenheit über, die sich auf die Erzählung oder Darstellung der Begebenheit erstreckte.*) Spiele zu sehen, Bcyspiele zu Horen, versammlete sich das Volk; des Rhapsoden Epos, die Chöre und Dithyramben, aus denen das griechische Theater erwuchs» zogen das Volk an sich, als Spiele. Da glaubte nun ein Gaffender leicht, das Spiel sey blos ihm zur Ergötzung, d. i. zur Zeitkürzung vorgestellt; der anmaßende Gaffer mcynte vielleicht gar, aus feinet Eonvenienz, der Vor- *) 8pe1, kavnlatio, 8ornro> liisbaris, cloctrina, Spills», »arrare, pr-reäicsre, nuiiaisre. (S. Wachter, So MN er u. a.> Bey spiel, Widerspiel, Gegenspiel, klar spiet (Predigt), Gottspiel (tzvspel, llleangoliuni, Gottesrede). M 2 Von Kunst rkic» stcllnng Regeln verschreiben zu dürft» , wie lange z. B. dcr Weinende weinen, der Sänger singen, der Chor der Götter verehren müsse, weil sie ihm spielen. Wie es aber von dem, dcr die Vorstellung in ernsterer Absicht gab, oder von dem, der sie nach Regeln dcr Kunst darstellte, niedrig gewesen wäre, sich hierin dem Gaffenden zu bequemen: so wird der Mißbrauch des Namens Spiel schon hiemit sichtbar. Die Vorstellung ward vor dem Volk gegeben, es konnte durch Anschauung derselben sich ergötzen, sich belehren u. ft, nicht aber konnte es aus seinem Wohlgefallen einer in sich selbst gegründeten Handlung Gesetze geben. Bei jedem Kampf- oder Glücksspiel mögen die Zuschauer nach Gefallen unheilen, denken, empfinden, hoffen, fürchten und wähnen; die Kampf- oder Glücksspielcr spielen sich, nicht ihnen. Endlich gab cs lustige, selbst lustig - grausame Spiele, die wirklich dem Volk gegeben wurden, in denen eS durch Zuruf und Federungen sogar mitspielte. Es gab betrügerische Spiele, mit denen das Volk geafft und hintergangen ward, in denen man ihm also (wie unsre Sprache sagt) mitspiel- te, z. B. Wunder - und Gaukelspiele — In diesen Bezirk wollen wir keine dcr schönen Künste, wäre es auch nur zur' Zeitkürzung, pflanzen. Jedes ehrliche, geschweige edle Spiel ist ein Wettkampf, nach Regeln, zwischen freien, ihrer Vernunft mächtigen Personen, mit Treue und Gleichheit. Jeder Betrug im Spiele ist verhaßt und unedel. „Wie aber, soll dcr Dichter nicht tauschen? Will nicht das Volk getauscht seyn? " Von Tau sc,h und Kun str ic h t c r cv. r3r kommt tauschen, " und allerdings täuscht mich der Dichter, wenn er mich in seine Denkweise, in seine Handlung und Empfindung versetzt, ich tausche mit ihm die meine, oder lasse sie, so lange er wirkt, schlummern; ich vergesse mich selbst. Dem barst c l l e n d e r z a h l e n d e n Dichter folge ich willig, wohin er mich führet; ich sehe, höre, glaube, was er mich sehen, hören, glauben macht; vermag er dies nicht, ist er kein Dichter. Ein Gleiches ists, mit dem Ausdruck seiner Empfindungen; vermöge der dem Ausdruck selbst seinwohnendcn Macht fühle ich mit ihm. Die dramatische Vorstellung endlich, unterhalt sic mich blos als Spiel, oder schafft dem Verstände spielend einige Nahrung, so hat sie gewiß den ihr cigenthümlichen, dramatischen Zweck verfehlet. Vergessen soll ich mich selbst, vergessen sogar meine Zeit und meinen Raum, auf den Flügeln der Dichtkunst, in die dramatische Handlung, in ihre Zeit, ihren Raum getragen. Von Decorationen hangt dieser Tausch nicht ab: denn historisch vergesse ich nicht, daß ich vor einem Brettergerüst stehe, und es wird lächerlich, wenn mich das' französische Trauerspiel durch Kunstgriffe und Worte selbst daran erinnert, daß ich nicht davor stehe, sondern hie oder dort zu sepn belieben werde. Aus Macht der Handlung, geistig also muß ich da seyn, wo der Dichter mich sepn laßt; meine Einbildungskraft, meine Empfindung, nicht meine Person steht ihm zu Dienst; was wollte er mit dieser ? Legte ers auf eine andre Täuschung an, wollte er mich z. B. um meinen Verstand bringen, das ich ihm glauben soll, was nach seiner eignen Darstellung nicht zu glauben ist; sänge er mir Em- 182 Von Kunst psindungcn, die mich jeden Augenblick erinnern, daß keine Wahrheit in ihnen, sondern alles nur ein Spiel sey, so gebe ich meinen Begriffen zuerst dadurch Leben, daß ich sein Spiel sür Pfuscherei, seine Dichtkunst sür eine Unkunst erkläre, die nicht kann, was sie will, und nicht weiß, was sie soll. „Wozu, sagt Lessing,*) die saure Arbeit der dramatischen Form? wozu ein Theater erbaut, Männer und Weiber verkleidet, Gedächtnisse gemartert, die ganze Welt ans einen Platz geladen? wenn ich mit meinem Werk und mit der Aufführung desselben weiter nichts hcrvvrbringen will, als einige von den Regungen, die eine gute Erzählung, von jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen, ungefähr auch hcr- vorbringen würde. Die dramatische Form ist die einzige, in welcher sich Mitleid und Furcht erregen laßt; wenigstens können in einer andern Form diese Leidenschaften auf einen so hohen Grad schwerlich erregt werden: und gleichwohl will man lieber alle andre darinn erregen als diese; gleichwohl will man sie lieber zu allem andern brauchen, als zu dem, wozu sie so vorzüglich geschickt ist," Wir wollen ihr solche Tändeleyen,. nicht Nachsehen; denn in jeder Form muß die Kritik auf den reinen Punkt treffen, der dieser Form gebühret. Wir kennen Sophokles , wir kennen Shakespeare. *) Dramaturgie. St. go. und K u II s t r i c h tc r ey. i83 So bei) dcm Lustspiel. Narren des gemeinen Lebens, langweilige Thoren spielen uns oft gnug ihre langweiligen Spiele; jene ausgesuchte, ausgcführ- te Theaternarren und Thoren sollen uns mehr als spielen. Nicht bloß langweilig lachen wollen wir über sie, sondern was wir sonst nirgend lernen konnten, an ihnen lernen. Die Charakteristik menschlicher Sitten, wo zeigte sie sich offner und entwickelter, als auf dcm Theater? Und sie soll sich darauf zeigen; dazu ists Sitten - Theater. Der darstellend - erzählenden Dichtkunst endlich auf ihrem weiteren Schauplatz menschlicher Wirkung bleibt das bloße Spiel ganz untersaget. Wozu umfaßte sic Himmel, Erde, ja selbst den Orkus ? Da sic weder die Geschichte, noch de» Roman ausschließet.- (denn wie in der Geschichte viel Gedichtet, d. i. Zeitmaßig, national, partheiisch, politisch vorgetragen und raisonirt ist, so darf sie auch aus der Geschichte viel dichten; sie ruft die Verstorbenen dadurch ins Leben;) da der Roman, als die weiteste epische Dichtung vbm kleinsten ZdiMon und Mahrchcn bis zu Fiel ding - Richard so ns Schöpfungen, zum Agathon-Obcron, Wilhelm Meister u. f. hinauf und wieder hinab zum Mahrchen, zur äsopischen Fabel steiget; in dies Reich der Circe, das keine Grenzen hat noch haben kannsollten wir uns blvs zum Spiel obne Merkurs Moly wagen? Dieß Moly ist ernste Kritik die nirgend, auch im Roman nicht, ein bloßes Spiel, seys mit Phantasmen oder Gefühle, »erstattet, sondern allenthalben den Spruch der großen Göttin.- „das war ich, dies bin ich, bis ich jenes scpn wer- » r Won Kunst 18^ demit Wohl und Absicht befolgt vor sich sehen will, in Bildungen gestaltet vom Dichter. Nur durch Darstellungen solcher Art wird die Dichtungsaabc zur Dichtkunst, ja durch sie oft ein Mährche» zur C'popee, wie ohne sie die ganze Weltgeschichte zum Mährchcn. Und da sich in diesem Felde alles so wunderbar mischt, da in Apul ejus goldncm Esel Amors und Psychens Geschichte wie ein jchöngearoeireter Stein begraben liegt, dagegen auf manchem scyongearbciie- ten Stein nur Silens Esel stehet, wie nöthig ist hier der Pallas Berührung, die uns das Auge hell macht, von Wahrheit Trug zu unterscheiden! Verbannen soll die Kritik durch ernste Regeln das blos unterhaltende muffige Spiel aus jeder Dichtung; nicht, als wäre dies ihr wesentlicher Endzweck, es als Schild emporheben. Selbst das Talent zu scherzen bedarf des Ernstes: denn eben Scherz ist der menschlichen Cultur zarteste Pflanze. Da wir aus Rabelais, geschweige aus Fischarts Zeit ziemlich hinaus sind, so wollen das Lachen*) und der Iocus gerade die *) S. 222. der Kritik wird das Lachen durch eine n A f f e k t, aus der p l ötz > i ch e n ^Verwandlung einer gespannten Ersiv a r - tung in nichts" erkläret; es ist w§de'r ein Affekt, noch darf es jederzeit plötzlich hervorprallen, noch immer auf eine gespannt gewesene Erwar- tung folgen. Das Lächerliche (g/rAowv) ist ron so vcrschiedner Art, daß zur Exposition desselben in und Kun stri c h t e r e y. i85 ernsteste Behandlung. Ein scherzhafter Schriftsteller überlebet sich bald, wie so viele Bcyspiele zeigen; man wird seiner Manier gewohnt und will andre Manieren. War nicht Sternes unvergleichlicher lmmour selbst nabe daran, zu ermüden? Der Hora zische, C e r v a n t i s c h c, Swiftische, Ga'ianisehe Scherz fliegt die Materie nur an z der feinste weiß sich sogar in den vollesten Ernst zu verwandeln. Zu jeder Gattung des Vortrages, seys Poesie oder Prose, gehört Bildung. Warum ist der Name Dichter in seinem Ansehen so gesunken? Weil man unter ihm einen langweiligen Versmacher versteht, einen Spieler (a Zlnnman, iemulawr)- Die häßlichste Kunst aller Künste, I'art cl'ennuvsr, ein Spiel zum Jabnen. Wenn in Bepspielen über Bei-spielen die Poesie dies geworden, wenn beynah in jeder Gattung die schärfsten Formen abgestumpft und die geistreichsten Gedankenweiscn gemißbraucht sind, wollten wir diese Mißgeburten zu Mustern menschlicher Bildung nehmen? Der Ungebildete Hann nicht bilden, der Empfindungslose nicht bewegen; hört oder liefet man aber die wahren Dichter, jedem feinen Zuge kaum ein Wörterbuch hinreicht; cs verändert, verfemt oder vergröbert sich mit Zeiten und Völkern. Die Kritik scheint nur Späße und Schwänke lächerlich z» finden, so wie überhaupt das höchste Ziel, wohin ihr Scherzspiel gelangen kann, Swifts polite conversations sehn möchten. Von Kunst und sieht dos Füllhorn von Lehre, Trost, Philosophie und Weisheit, dos sie zur innigsten Selbstdil- dung über die Welt ausqeschüttet hoben, sicht die ewiglebendcn Gebilde der Wahrheit, Schönheit und Güte, die sie der gcsammten Menschheit schaffen — Goldene Harfe Apollo's Und der dunkellockigen Musen Mitthronendes Eigenlhum, Der des Tanzes Voriritt horcht, der Freude Beginn! Die Sänger auch, sie horchen deinen Zeichen Wenn der Choranführcnden Lieder Takt Du anstimmst, sanft gerührt. Der ewigen Flamme zückenden Strahl Löschest du aus. Es entschläft Auf Dios Sccpter der Adler, Die schnelle Schwinge zu beiden Seiten hinabgesenkt. Der Gefieder König! Dunkeln Nebel Gießest du über das krummgebogne Haupt, Süße Fessel dem Augenlied'. Entschlummernd Hebt er den wogigen Rücken, von deinen Geschossen durchbohrt, Auch der stürmige Ares legt Nieder den scharfen spitzigen Spieß Und labt sein Herz mit Könen deines Gesangs. Denn auch der Götter Brust erquicken deine Pfeile, Umsiedert rings mit des Latoiden Weisheit Und der hochgegürteten Musen. Was aber Jevs nicht liebte, Schaudert zurück der Stimme der Pieridev, und K un st ri ch tc c e >). 187 Der hallenden, es schaudert zurück Auf der Erd' und im stimmigen Meer. -Viel Wundervolles geschieht. Es täuschen der Sterblichen Herz auch über die Wahrheit hinaus Mit bunten Lügen künstlich-gebildete Mährchen. Und die Charis, sie, die den Menschen alles lieblich macht, Giebt ihnen Ansehen, macht das Unglaubliche oft Glaubhaft ; aber die weisesten Zeuge» sind Die kommenden Tage. —. — Der beste Arzt vollendeter Thaten Ist Fröhlichkeit; und weise Gesänge, Der Musen Töchter, streicheln sie Mit sanfter Hand. So mild' erquickt die Glieder Kein warmes Band, als Ruhm Bon der Cither begleitet. Es überlebt Thaten das Wort, das mit Huld der Charitinnen. Die Aung' aus tiefer Brust erholt. P i n d a r. r88 Won Kunst II. Won der Beredsamkeit, als einer menschlichen Kunst. Rede bedeutete der ulten Wett das innere sowohl als das sich äußernde Gemüth, Vernunft und 'Sprache. Redlich und redhaft hieß ein Mensch von Treue und Wahrheit. Wer seines Herzens Gedanken kräftig ausdrücken konnte, hieß beredt. Wem einsDing ernst und angelegen ist, sagte man, darf für Worte nicht sorgen. Idains cli- ssrtuin kamt, war aller Naturmenschen Sprüchwort. Aber den römischen Rabulisten, die über Alles Ja und Nein zu sagen wußten, begegneten die alten Germanen hart; sie wollten kein „Geschäft in ein freies Spiel der Einbildungskraft" verwandelt wissen; sie liebten keine zwcizüngig - spielende Rede. So die ersten griechischen Weisen. Als ihre Redner sich allgemach ein „Geschäft zum Spiel der Einbildungskraft " zu machen erlaubten , von wem lernten sie diese Kunst? Von den Sophisten. Vor wem trieben sie sie? Vor dem unwissend-neugierigen Volk, das über Dinge solcher Art weder urkhei- len konnte, noch sollte. Nicht Wesen der Kunst also, cs war Mißbrauch der Rede in einer Übeln Staatscincichtung, wenn durch Erregung der Affekten ausgerichtet ward, was der klaren Vernunft allein zugebörte, wenn ein Geschäft zum Spiel der Einbildungskraft gemacht ward. Daß aber nicht alle griechische oder römische und Kunstric Hst ecey. Redner Histrionen der Art gewesen, wissen wir aus mehreren ihrer überblicbenen öffentlichen Vorträge; die Gesetze derselben gierigen nus etwas anders als ein Spiel hinaus. Wenn in den folgenden Jahrhunderten Beredsamkeit hieß, was gleichfalls Mißbrauch der Rede genannt werden sollte, wenn z. B. Ehrysosto- mus selbst, in Constantinopel dem Pallast und Theater zu nah, die athenische Rednerey nachahmte, und bisweilen den Tempel zum Theater machte, wer sichet nicht, daß er den Geist der Sachen, die er vortrug, eben so sehr, als den Zweck, auf den er wirken sollte, verkannte? Wenn die französische Hof- und Parlementsberedsamkeit aus ihren Schranken trat, und sich einen Wortflittcrstaat erlaubte, so mißbrauchte sie der Rede und ihres Platzes, wie die brittische, wenn über Geschäfte des Staats sie ein Spiel der Affekten wird, oder erkauft heuchelt. Lauter Mißbräuche, die in einer Übeln Verfassung des Staats lagen, und sich selbst straften. Wer unter den Deutschen liefet jetzt die weiland französischen Hofrcdner? Ihre Hofredneren ist uns so unbrauchbar, wie unsres wohlfeilen Lünigs Staatsrednerey uns langweilig-albern und abgeschmackt vorkommt.*) Einkönig und geziert sind allerdings auch die meisten Bewiilkommungsreden der französischen Akademie; sie mußten cs seyn, weil man gesetzlich den Vvr- *) Großer Herren, vornehmer Minister und anderer großen Männer gehaltene Reden. Leipz. 1.70g. 6 Lh-ile. Von Kunst ^90 Hunger, den König und den Minister loben mußte. Der Grund des Fehlers lug in einer üblen > Anwendung der Rede. Den französischen Lobreden (eloxeo) gab daher schon Fontencl le einen freyeren Geistesschwung, indem er sie der Wahrheit naher brachte. Die verschiedensten Köpfe, deren Verdienste er zu nennen hatte, legte er wie Wachsbilder zart aus einander, allenthalben mit der feinsten Metaphysik der Sprache. Indessen kam schon wahrend der Monarchie eine andre Zeit. Buffon, Rousseau, Diderot erschienen, ein großes Triumvirat der Beredsamkeit, jeder in seiner Act. Des Naturforschers Styl ist rukig, groß und weit wie die Natur; eben so sinds seine Vorschriften zur Kunst des Ausdrucks, st Rousseau, der verscheuchte Menschenforscher, machte durch die Kraft seiner Beredsamkeit mehr Eindruck als durch die Starke seiner Gründe, die oft weit von der Wahrheit abweichcn. Diderot endlich, § ein Liebhaber der Kunst, voll Begeisterung und voll Sophismen, mahlt in seiner Schreibart sich selbst mit jedem Wechsel seiner Gedanken. Und der ihnen allen in großer heiliger Natur vorgieng, Fenelon, liebenswürdig-beredt, erhaben in Einfalt er schrieb wie er dachte und empfand; ändere jemand in ihm Einen Ausdruck! Durch so manche, vielseitige Bearbeitung hat *) Lnr Is st^le, üiseorirs prononos äaus äeinie kranooiss p. Lukkon. lom. V. bist» iratur. kar. 176g. und Kun st c ic h tc re y. die französische Wohlrcdenheit (Beredsamkeit ist von ihr nur dem Grad nach unterschieden) durchgehen müssen, um dahin zu gelangen, daß auch über die Unklarsten Dinge in dieser Sprache wenigstens nichts Verworren gesagt werden mag. Die Zeit des gestickten Witzes ging bald vorüber; jemehr die Vernunft erwachte, steuerte die Beredsamkeit vom Spiel der Einbildungskraft hinweg , Sprache der Vernunft zu werden. An Formen der Rede gehet hierin» der französische Styl ^,bcynah allen Sprachen Europa's vor: auch bey Unklaren Dingen herrscht in ihm, den Gesetzen des Vortrages nach, reine, sogar affek- tirte Vernunftklarheit. Der Einbildungskraft auch nur in Gleichnissen und Figuren zu viel Spiel zu geben, heißt in dieser Sprache Geschmacklos. Die großen Muster der Engländer in der Wohl- redcnhcit sind gewiß nicht jene phantastische Wort- spielcr aus den Zeiten Jacobs und Cromwells; seil Tillotson beflissen sich ihro Kanzelredncr selbst meistens nur des schlichtesten Vortrages. Und ihre moralisch-politische Schriftsteller Swift, Addison, Steele, Bolingbroke u. f., die den Styl ihrer Prose geformt haben? Dem ersten, Swift, hieß das große Gesetz des guten Ausdrucks Angemcssenhc it (xrnxristy) der Worte, jedes Wortes an Stell' und Ort; durch diese, von ihm mit strenger Pünktliclsteit befolgt, ward sein Witz zum Schwerdt, und doch blieb Dingen des Gemeinwesens sein Scharfsinn Jedermann verständlich. Durch politisch - moralische Blatter und Wochenschriften hat die brittische Wohlredenheit sich eine Temperatur der Philosophie, Moral und Von Kunst 192 Politik eigen gemacht, die bloße Ejaculationen der Einbildungskraft von selbst ausschlicßt. Vollends Geschäfte zu Spielen der Worte zu macken, .dazu denkt der Britte zu kaufmännisch, zu politisch. Die deutsche Beredsamkeit war von jeher ein Werk des kalten gesunden Verstandes, daher sie sich so gern an Sprüchwcrtcr hielt, und auf Gemeinplätze zurückkam. Unsre Verfassuin, machte, daß wir politisch-beredt nicht seyn konnten; unsre Staats - und Ecremonienberedsamkeit prangt daher in der Geschichte europäischer Nationen fast caricaturmäßig; fepcrlich - leer, frostig - ernsthaft. Unsre Kanzclberedsamkeit hatte sich nach des großen Luthers Vorbilde ganz auf den Weg der gesunden Vcrstandessprache gewandt, bis sie fremde Nationen nachzuahmen ansieng; bald aber ist sie, insonderheit seit Spaldings ruhigem Vortritt, in ihre alte Weise zurückgekehret. Unter allen Völkern Europa's haben wir Deutsche vielleicht den schwerfälligsten Styl; an Spiele der Einbildungskraft ist in ihm am wenigsten zu denken. So unsre Philosophie, unsre Geschichte; begegne man jener, der sogenannten Populär-Philosophie, noch so verächtlich: keine andre wird sie von ihrem Platz verscheuchen. Weder unsre Sprache, noch unsre Nation sind rransscen- dcntale Spielerinnen; jene wird die ihr aufgezwungene Veränderung des Sinnes ihrer alten bedeutenden Worte bald abschütteln; diese wird sich aus dem luftleeren Raum, wohin man sie im Traum gehoben, baldmöglichst wieder in ihre Region begeben. Diese heißt guter Verstand, Biedersinn, T re.u sin n. War und K unstr i cht ere y. War also das Amt, das die „Kritik" der Beredsamkeit anwciict, der Geschichte derselben zuwider, und nur auf Mißbrauche, d. i. auf Uebertretungen ihres Amtes gcbauet, so ist diese Verunglimpfung der Sache selbst noch mehr entgegen. Wozu ist Rede dem Menschen gegeben? Damit er Geschäfte in Spiele der Einbildungskraft verwandle? oder daß er andern seine Gesinnungen sage? Verstand und Bedürfnis; haben die Rede erfunden, Geselligkeit hat sie ausgebildet; nicht zum Spiel, sondern zum Gebrauch, zur Gedankenmittheilung. Rede bespricht sich über Geschäfte, stellt solche dar, giebt ihnen durch Worte Maas, Ziel, Gewicht; nicht spielt sie mit Worten als Meteoren. Alle Lehrer der Beredsamkeit und Wohlredenheit unter Griechen, Römern, den kultivieren Rationen des neueren und neuesten Europa's haben vor diesem Mißbrauch, als dem wahren Verfall der Kunst, gewärmt. Die große Beredsamkeit fordert .große Geschäfte, die mächtige eine mächtige Versammlung; ein starker Wille bei einer großen Vernunft muß jene ordnen, diese regieren. Spiel und Einbildungskraft sind solcher Beredsamkeit entweder fremde oder werden durch sie verderblich. In Zeit- kriesen, wo auf Einen Entschluß, auf Eine Unternehmung Alles ankommt, wer waren die größesten Redner? Die mit dem Wenigsten das Meiste sprachen, aus hohem Verstände, tief in die Seele; Ein Blick, ein Wort entschied; der phantasierciche Wort- spielcr stand beschämet. Menschen von starkem und dochvorragcndcm Verstände sind jederzeit die dauerndsten Volksführer gewesen; pompöse Schwätzer waren Herders Werke z. Phil» u. Gesch. XV. N Ln/tiF-m-. meistens erkaufte oder verblendete Organe eines ver- schwitzten Kopfs, wo nicht gar aus eignen, Triebe Verblender, des Geschäfts und der Sache Verraihcr. Sie riechen nicht, sondern »erriechen. Die ruhigere Beredsamkeit ist vom Spiel noch entfernter, Ihr Zweck ist, die Sache von allen Seiten darzustcllen, dem Entschluß Gründe und Gegengründe vorzuwägen. Je Heller und treuer sie dieß lhut, desto w> Niger darf sie spielen, Ueberreden läßt sich nur der Schwache, täuschen der Verwirrte, führen der Blinde; aufhelle» soll die Beredsamkeit, und ordnen, überzeuge». Niemanden also anders als der kritisch-lgläubi- gen Schule wird es die „Kritik" einreden, daß die Beredsamkeit als Kunst zum Zweck habe, das Wichtige zum Nichts zu machen, zum Spiel der Worte; das Eitle dieser Kunst hat sie selbst in ihrem Gebiet genug gezeigct. Denn was chatte sic nicht zum Schatten - und Wortspiel gemacht? was ließe sich nicht dazu machen durch ihre entzweiende, Bcgriff- und Sachen trennende Wortspiele und Distinctioncn? Und was den Styl betrifft, hat je ein asiatischer Wahnredner (nenne man einen!) längere Perioden, voll verwirrter Eonstruktionen, voll in einander geschobener Parenthesen, kurz Pnevmata gemacht, als die „Kritik?" Welcher griechische Schul - oder Prunkrcdner hat endlosere Worte und Phrasen erfunden? *) Diese Gattung von Beredsamkeit an *) Ein Verehrer der Kritik hat ihre längsten Worte und Phrasen zum Gebrauch der kritischen Poesie, von der wir schon beträchtliche Probe» und K unstri chterey. Ig5 Spielen der Einbildungskraft sowohl als an oratori- schcr Kunst ist in ihr erschöpfet. Der achten Beredsamkeit bleibt ihr Weg, wie ihr Ziel unangetastet. Dicß ruft sie auf, jedes Ding (sey's Sache oder Begriff, Geschäft oder Rath) mit dem Nachdruck zu nennen und auszudrücken, der ihm gebühret. So Vernunftlos es wäre, auf dem Fifchmarkt zu demosihenisiren, so wenig ziemt ein langweilig-schleichender Vortrag dem Ohr einer Versammlung, in der Alle beschäftigt, erleuchtet, geweckt seyn wollen; sie hangen an den Lippen des Redners. Und er selbst weiß, wie weit seine Rede Platz greift, wie tief und weit sie die Aufmerksamkeit erfasset und fest halt. Festhalten muß er diese; oder sein Athem ist verloren. Kein „Spiel" ist dieser Kampf mit der Trägheit, der Unbesonnenheit, der Gedankenlosigkeit, noch minder mit Voructheilen, Neigungen, Leidenschaften vieler und vielarkiger Menschen ; sondern ein Kampf; ein Kampf für Vernunft, Sittlichkeit, Wahrheit. Nichts weniger also als verrufen wollen wir die Statten und Anstalten, wo sich noch einige laute Rede, z. B. zur Bildung des Volks erhält, wo man nicht aus dem Stegreif hersagcn darf, was dem Redenden einfällt, sondern überdacht, zusammenhängend, mit Würde und Wohlstand gesprochen haben, peosodilch gesammlet und geordnet» Unter dem Namen der kritischen Edda wird das brauchbare Werk vielleicht erscheinen; es ist Merkwürdig. N 2 Bon K u n s t rZst wcrdcn nmß, wenn der Nedncr seine Versamnilung, scin Amt, ja auch nur sich selbst ehret. Woher sollt» drin Volk, das nicht liefet, Begriffe und bessere Begriffe rominen alS von andern, durch stccde? Und wenn dieses nicht im täglichen Umgänge geschehen kann, wo anders als in einer Versammlung, in der der Weisere spricht, die Versammlung merket? Spreche nur stets der Weisere in ihr, nicht oft der Unverständigste der galten Versammlung, unwürdig, mit Ansehen, unwürdig mit dem Amt zu sprechen, bekleidet! Vergesse er nur nie seines Zwecks, die Menrge zu unterrichten, ihre Begriffe auszuhellen, ihr menschliches, moralisches Gefühl zu bilden! Und sei) die Wahl und der Ort der Versammlung so eingerichtet, daß Jeder, was ihm srommet und keinem andern, zu rechter Zeit, bequem und mit Lust höre! Die Zaubergewalt, die eine menschliche Stimme und der laute Vortrag hat, wollten wir sic zum Spiel mißbrauchen? *) Lies und wisse das Präch- ') — — Oecm >5 er« II ^?ewcrw« -u' ' 5 m, Si7r5^> 0 ch5u^k.,,u5l>, «VL7ri--^o<. -/ c!' «u ers/Hcl Unpal. O mächtige Menschenzunge! Sic beflügelt uns, Durch Ein Work: „fliehen wir!" Sie hält z»^ rück uns Durch Ein Wort: „bleibt!" und K u n ft r i c h t e r c y. i97 tigste; cs wird dir andringendcr, wenn es, dir angemessen, dein Freund zur rechten Stunde fagct- Die Denkweise derer, die sich selbst lehrten, und derer, die durch einen lebendigen Vortrag nicht nur denken, sondern auch sprechen lernten, bleibt entschieden auf ihr ganzes Leben; man Hort es einer Schrift an, ob und wie ihr Verfasser zu sich und andern sprach. Wer z. B. eine Spielerei von Worten und Schemen auf die Redstühle schüttet, die der Rede ans Volk, der klarsten, herzlichsten Mensci)»n - Ansprache verständliche Wahrheit, mithin Athem und Macht rauben, hat er nicht dem Volk sein letztes Mittel zur Bildung, das Wort, das unmittelbar an Verstand ulid Herz spricht, genommen? „Was ihut der Mann auf sener mit Schematismen umhangencn Rednerbühne?" fragt man. Er übt die kritische Beredsamkeit, er „Wortspielet." Von Jugend auf lasset uns in Menschen ihre edelsten Werkzeuae Vernunft und Rede vereint bilden : denn durch sie ward das Menschengeschlecht menschlich. Warum sprechen Naturvölker und Stande über den Kreis von Dingen und Geschäften, den sie kennen, verständig, bestimmt, nachdrücklich, überzeugend? Weil sic ihn kennen und Worte nie ohne Sachen lernten, d. i. weil ihnen Geschäft Geschäft, nicht Wortspiel der Einbildungskraft ist oder je war. Lese man die Reden der sogenannten Wilden in Amerika; man erstaunt über den Verstand und Wohlaustand, über die nachdrückliche Kürze, Ordnung und Bestimmtheit ihrer Reden. Dagegen hört die verworrene Sprache unsrer halbgelehrten, unsrer falsch pdec unreif gebildeten Stände an, zumal wenn Von Kunst 198 sic geziert reden, höret, wie Ein Wert das andre überwirst und was gesagt werden sollte, Hoch nicht sagt, da das zehnte nicht am rechten Platz stehet; woher dieses? Weil sie in Schulen wie in Büchern Worte ohne Sachen lernten. Sie übcr- füllcten den Kopf mit Schallen ohne bestimmte Bedeutung und Anwendung; ihre Phantasie wie ihr Organ spielet. Von diesem bösen Spiel hinweg reiße man das Kind, den Jüngling; er spreche nur das, was er weiß, Ließ aber lerne er ganz sagen, klar, rund, bestimmt, ohne Scheu, wohlanständig und mit Nachdruck. Freien Menschen ziemt freie Rede; Sklaven mögen umschreiben und verhüllen, Schwätzer mit Formeln und Worten spielen; der Verständige spreche ernst, der Herzliche herzlich. Nicht hoffen nur, erwarten dürfen wirs also, daß jede redende Kunst, wie sie auch heiße, immer näher dazu komme, wozu sie ihr Name weiset; Rede, das Organ der Vernunft, die Bildnerin menschlicher Gedanken. Als solche har sie viel geleistet und wird es leisten; unaufhaltsam strebet jede Sprache darnach, Sprache der Vernunft zu werden. Wenn z. B. Homer seine Götter, Dante und Mil ton ihre Hölle und Teufel aus damaligen Volksbegriffcn durch Rede zu einer ihrer Zeit und ihrem Zweck gemäßen, verständigen Form bildeten, so thaten sie ihr Werk; sie läuterten die Phantasie durch Rede. Mit vorübergegangcncn Volksbegriffen sind auch diese Formen für uns altes Gerath; wir können sie nicht oder nur in einem höheren Verstände mit Wahl und Absicht gebrauchen, sonst werden wir altväterisch - kindisch. Homers Held darf und Kunstrichkerey. 199 unser Held nicht scvn, ob der Dichter gleich auf ihn, als auf ein gegebnes Ideal seiner Zeit, seine Kunst unerreichbar wandte. Die Kunst bestehet; fortwährend können wir an ihr lernen; die Idee selbst aber ist hinaufgerückt und das Material der Kunst verändert. So die Beredsamkeit. Demosthenes und Platons Kunst dauret; die Mittel der Kunst sammt dem Zollmäßigen Zweck derselben sind dahin, und wie schlecht auch unsre Kunst stehen möge, sagen wir doch, da Jahrtausende hin Vernunft und Sprache einen andern Standort gewonnen — xanl- Ic> mniorn c-rwamrw. Za es wird eine Zeit kommen, da in Poesie und Rede nur das Lauterste gesprochen, nur das Wahrste gebildet werden darf, wozu selbst die schlechtsten Gebilde unsrer Zeit helfen. Zu diesem Zweck trägt auch die kritische Philosophie bei. Mit Witz und Scharfsinn hat sie in unsrer Sprache vielleicht den Gipfel des Objektlosen Idealismus erreicht, und sowohl das Spiel deS Traums als den Traum des Spiels in Wortkünstcn erschöpfet. Hinter ihr muß man nolhwcndig von Worten zu Sachen kommen, da cs denn die erste Regel wird, „Geschäfte nicht als Spiel, Spiel nicht als Geschäft zu behandeln." Eine Probe der Unbestandheit ihrer Erklärung beider Künste ist, daß man das Wortspiel umkehrcn und von der Einen sagen kann, was sie von der andern saget. Von Kunst HI- Won bildenden Künsten. „Die bildende Künste, oder die des Ausdrucks für Ideen in der S in n e n a n sch a uu ng sind entweder die der S i n n c nwn h r he i t oder des S i n n e n s c h e i n s. Die erste heißt die P l a- s t i k, die zweite die M aIerei. Zur Plastik, als der ersten Art schöner bildender Künste gehört die Bildhauerkunst und Baukunst."*) Zsts erhört, daß bei einigem Begriff von Plastik man zu ihr die Baukunst rechne? Sinnenanschauung und Sinncnschcin; Sinnenschcin und Sinnenwahrheit, wie unterscheiden sie sich? Fehlt dem Schein die Wahrheit ganz, was für Ideen können in ihm angeschaut werden? Und wer zählete je die Malerei, sofern sie Schein verstellt, zu den bildenden Künsten? Laßt sich der Schein bilden? „Plastik ist die Kunst, welche Begriffe von Dingen, so wie sie in der Natur existiren könnten, körperlich darstellt, doch als schöne Kunst mit Rücksicht auf ästhetische Zweckmäßigkeit." **) ) Krit. S, 204, 205» ") S. 20L. und K u n s tr i c h te r ey. 20 t, Wenn das „so wie" a.rfDinge geht, welche Dinge sinds, die zwar nicht existiren, aber existiren konnten? Und wie stellt eine Kunst Begriffe körperlich dar? Eine Kunst, die Sinncnwahrheit darstcllcn soll, Begriffe, die existiren könnten? Und da (der Kritik zufolge) nur das schön ist, was ohne Begriff gefallt, wie darf eine schöne Kunst Begriffe darstellen, die nur ohne Begriffe (sonst waren sie unschön) gefallen dürfen? Uebcr- haupt Begriffe, die existiren könnten, mit Rücksicht auf ästhetische Zweckmäßigkeit körperlich darstellen, welch eine Forderung I Und dieser Wort- nebel wäre eine Erklärung der leibhaftesten Kunst, zu dem großen Zweck, wie sie „Begriffe, die existiren könnten, in leibhafter Sinnenwahrheit anschaulich - schön, ohne Vorstellung eines Zwecks Zweckmäßig, ohne Interesse mit nothwendigem, allgemeinem Wohlgefallen" darstellt? Lasset uns abermals den verlassenen Faden aufnehmen — Plastik, eine schöne Kunst der Menschheit. Auch der Abwesenden Gestalt ist uns lieb; oft schwebt den wachend-Träumenden ihr Bild vor Augen, Diese Bildercrfasscnde, Bilder nicht lassende Einbildungskraft war die Mutter der Plastik, der die Natur selbst Borzeichncrin ward. Entwarf nicht sie selbst, die Natur, des Geliebten Schatten? Ein Umriß dieses Schattens, eine nach ihm aus dein Andenken gebildete Gestalt brachte dem Anden- kenden d.je ganze lebende Person wieder. So erzählt 202 Von Kunst das Mährchen die Erfindung jener Korinthischen Braut, die den Schatten des Geliebten zeichnete, und ihres gefälligen Vaters, der ihn formte. *) Die Acgvpter stellten ihre Figuren in Mumiengestalt dar; sobald Dädalus die todte Gestalt zu beleben, ihren Händen und Füßen Bewegung zu geben anffng, war die große Bahn der griechischen Kunst in Stellungen aller Art geöffnet. Und bis an die äußersten Grenzen derselben hat sic sich gcwaqet. Sehet die Ringer, Kampfer und Fechter im Ausfall, in der Bewegung; die Stellung des ManneS, der den Pfeil aus seiner Ferse zieht;**) dessen, der sein Haar rückwärts wäscht; ***) dessen, der mit dem Palladium in der Hand sich hebt; des Fauns, der den Knaben auf seinem Fuß wieget und so manche andre lauschende, haschende, schwebende Stellung. Vom gestreckten Körper Marsyas an bis zur Leiche Patroklus, vom träumenden Hermaphroditen, bis an die Grenzen menschlicher Bewegung hat die Kunst gereicht und beinah das Unmögliche *) Was ist unseltner, als das Talent, Profile zu zeichnen, Gefallen mit der frappantesten Ackn- lichkeit zu bilden? Oy»' alle gelernte Regeln wird von denen, denen die Natur dazu Auge und Hand gab, dieß Werk der nachbildendcn Einbildungskraft grübet. **) Winkelmanns Gesch. der Kunst, Schluß-Vignette. Th. r. Kap. 5. ^**) Eben daselbst Th. 1. Rap. st. Absichtlich werden die bekanntesten Beispiele angeführt. und Kunstrichterey. 2»3 berühret. Ucber manche Namen dieser Figuren ist Manches vergebens gesagt worden, da es offenbar die schwersten, mithin Mcisterstcllungen der griechischen Kunstschule waren, die in ihren Schranken jedes Bewegliche unscrs- vielbcugsamen' Körpers darzustellcn, jeder Stellung Ruhe und Bewegung auf der Goldwage zuzuwagcn sich getraute. Bewegung also, d. i. Leben, vom ruhigsten Stande oder Sitz einer Gestalt bis zur heftigsten Erzeigung ihrer Wirksamkeit, bildete die griechische Kunst, geführt von Weisheit. Denn da das Heftigste nur Einen Augenblick dauert, mäßige Bewegung dagegen, wie im Gleichgewicht schwebend, sich lange erhält und den Auschaucnden zu einer glcichruhigcn, betrachtenden, sich vergnügenden Ge- mülhsbewegung einladet, so nehmen freilich, dem Zweck und Wesen der bildenden Kunst gemäßh ruhige Figuren, auch ohne Rücksicht auf Schönheit, die große Mitte der griechischen Kunsttafel ein. Das Gewaltsame stehet nur am Ende, meistens in einem untergeordneten Bezirk; indessen stchts auf ihr auch da, gebildet. Daß unter morgenländischer Verhüllung weder an Maas noch Gestalt der Glieder, sie gewiß und richtig zu bilden, gedacht werden konnte, ist durch sich klar; die Hülle mußte abgcworfen werden und der Körper sich, wie er ist, zeigen. DaS griechische Klima, die griechischen Sitten und Uebungen, vorzüglich die ganze Denkweise der Griechen begünstigten diese Enthüllung, und so trat das schöne M e n- schcngebildc ans Licht, das in sich selbst ganz Maas und Gestalt ist. Alles mißt und ordnet sich Von Kunst 204 an unscrm Körper; Einheit und Symmetrie, der vielfachste Gliederbau in der genauesten Zusammen- füqung und Beziehung machen an ihm ein so übersehbares in Einen Blick zu fassendes Ganzes, daß unser Auge an ihm wie an einem beschlossenen Vollkommenen mit Befriedigung hastet. Wie der Tons kreis, wie der Farbenbogcn ist die Menschengestalt ein Untrennbares. Nicht nur erinnert jeder Theil an den andern, sondern jeder Theil des Theilcs bestimmt und misset das Ganze. In dieser Wohlordnung steht das Gebilde da, aufgerichtet; es ladet ein zum Betrachten, zur Zeichnung, und weil cs Form ist, zur Formung. Und da dies erhabne Gebilde die kleinste Basss unter sich hat; mithin in jeder Bewegung sich Gleichgewicht, Wechsel der Kräfte und Ruhe aufs sichtbarste zumisset, und die Regel seiner Proportionen, verändert, in jeder Bewegung zeiget; was konnte die Kunst anders als diese Regel bemerken? sie nach Lebensaltern, Geschlechtern, Charakteren, Stellungen bezeichnen, ordnen? Lebensalter also, Geschlechter und Charaktere unterscheiden, wie die Menschen, so auch die Bildwerke; Jedes derselben hat in sich sein Reinstes, sein Höchstes. Nicht etwa nur krüppelhafte Kinder verunziere» die Kindheit; in der Kindheit selbst ist Ein Punkt, wo das Kind am schönsten Kind ist. Ein gleiches ists mit jedem Alter in beiden Geschlechtern. Diesen Punkt zu finden konnte einer Kunst nicht gleichgültig seyn, die den fürs Angedenken günstigsten Augenblick der Lebens- Hora verewigen wollte. Mit liebendem Auge forschte und K u nstr, chtere y. 20 5 sic; auch in der dem Alter, dem Geschlecht und Charakter günstigsten Stellung und Handlung wählte sic das schönste Moment der Zeit, wert!), daß eS dem Angedenken verewiget würde. Dieß alles lag im Begriff der Kunst, wenn sie im Bildsamsten daS BildungswürLigste darstellen wollte. Manche oft unanständige Fragen, warum die griechische Kunst in beiden Geschlechtern Das oder Jenes nicht, oder nur also, oder nur bei diesen und jenen Figuren, und bei diesen also gebildet habe? beantwortet diese stiege! entweder selbst oder einige Erwägung beste , was Form als Form darstellen kan», oder endlich das leiseste Gefühl des sichtlichen Anstandes. Die nackte Kunst muß zugleich die schüchternste, die sittsamste fern, ganz innerhalb ihrer Grenzen wohnend. Sie kann und will nicht malen, noch weniger Lüste reizen. EinNatui- gcbilde schaffet sie, wie Gott cs schuf, durch seine Natur heilig. Und durch seine Natur bedeutsam. Lebe Form der menschlichen Gestalt spricht zu uns, weil wir selbst, mit dieser Form bekleidet, den Geist fühlen, der sich in dieser Form offenbaret. Wie wolltet ihr einem Kinde ein zorniges oder ein freundliches Gesicht begreiflich machen, d. i. ihm den Zcin oder die Freundlichkeit durch Unterricht beibringen, wenn cs den Nakurausdruck dieser Affekten sym-od.r antipakhetisch nicht in sich fühlte? Nicht anders füllen wir den Gemüthscharakter jedes achtgebildetcn Werkes der Kunst, den Geist, der es bewohnet; schnell oder sanft gehet er in uns über. Mein Arm .erhebt sich mit jenem Fechkerarm; meine Brust 2o6 Von Kunst schwillt mit jener Brust, eiuf welcher Antaus erdrückt wird. Meine Gestalt schreitet mit Apollo, oder lehnt sich mir ihm, oder schaut begeistert empor- Laokoons und der Niobe Seufzer dringen nicht etwa in mein Ohr; sie heben meine Brust selbst mit stummem Schmerz. Das Angesicht jenes Genius, dieser Tochter blicken mich an und erfüllen mich dadurch selbst mit ihrer Liebe, mit ihrer Unschuld. Durch alle Theile des schönbclcbten Körpers ist diese Harmonie ergossen. Nicht etwa nur jener Rücken des Herkules ist bedeutend; diese Trümmer eines lieblichen Mundes, dieser zerbrochene Jupitersschadei führen ihre ganze Bedeutsamkeit tnit sich. Ueber jenem schwebt noch die Pithv; unter diesem erzeugen sich noch Zevs Gedanken. Der Ausdruck der plastischen Kunst ist leibhaft, also auch mittelst leibhafter Formen geisthaft, d. i. sympathetischwirksam. Dieß war Plastik nach dem Begriff der Griechen. Keine Kunst nämlich, die „Begriffe" körperlich darstcllt; sondern Körper von Geist belebet. 'Nicht „Begriffe von Dingen, wie sie in der Natur erisiircn könnten:" denn woher kennten wir diese? sondern wie sic in der Natur epistirte»; vor allem Menschen, und unter ihnen das Bildungswürdigste am Menschen, sodann andre belebte Wesen. „Mir Rücksicht auf ästhetische Zweckmäßigkeit" wellte die griechische Plastik nichts dar, weil diese vieldeutigen Worte eigentlich nichts sagen. Jedes Wesen in seinem Geist und Charakter, zu dem Zweck, wozu dieß und kein andres seyn kann, dargestellt; sev dieser Zweck Liebe, Verehrung, Andenken, und K u n f t r i c hte rep. 207 Kunde: 1 als Gebild Hut es keine weitere „ästhetische Zweckmäßigkeit" nöthig. „Aber das Ideal der Kunst? Die „Kritik" scheint mit dickem Wort denselben Scherz zu treiben, wie mit den Sehe malen. Schematisirte sie dort Hasen ohne vier Füße, Triangel ohne drei Ecken und Winkel, so will sie auch Begriffe von Dingen dargestcllt, wie sie cxistiren könnten, d. i. Figuren, wie ein Nebel zusammengestaubet. Dank der großen lebendigen Natur, daß solche idealische Sche- mate, in sich selbst unstandhast und unbedeutend nirgend existiren. Die Griechen wußten nichts von diesen Idealen. Ihre Götter sind Personen, von bestimmtem Ebaraktct und Lebensalter vorgestellt zum bestimmtesten Zweck. Zevs, der himmlische Hausherr und Hausvater, Here, die Herrin u»v Hausfrau. So Apollo, Diana u. f. Wenn sic zu einem besonder» Zweck also vorgestcllt waren, ward dicß durch ein ihnen beigelegtes Eigcnksiümli- ches oder einen Beinamen bezeichnet; als abstrahiere Begriffe konnten sie so wenig als der ckarrs cro^r- tus oder die clsa tussis erscheinen. Der olympische Gott, die höchstverehrte Person Griechenlandes, besuchte und beschirmte sein Haus; der de-- lische Apollo wohnte in seinem Tempel. Deß- halb sang man ihm Lobgesange, darum brachte man ihm Geschenke, und stellte, daß er sich seines Abbildes nicht zu schämen hatte, sein Bild herrlich dar. Damit keine der Dortrefslichkciten dem Bilde fedlte, die in den Hymnen der Dichter vor diesem Bilde gesungen wurden, deshalb schuf der Künstler cs so herrlich. Denn noch immer blieb die Kunst hinter 2v8 Von Kunst den stobgcfongen der Dichter. Phidios rong mit Homer, um die Mocht des Mächtigsten ouszu- drückcn; in Mooßcn schien der Gott größer cils ec wor, olle Attribute um ihn verherrlichten den Böker und Ordner des WctrollS; und dennoch bewegte dos Winken seiner Stirn nicht Himmel und Erde; die Kunst, die on ihr Höchstes reichte, blieb hinter dem Dichter. Der schreitende Avollo Homers stehet in der bckonntcn Bildsäule verstcint do; der Köcher erklingt nicht aus seinen Schultern. Do also in dem von Dichtern und der Soge gegebnen Ehorok- ter der Personen, welche die Kunst dorstellen sollte, sic sogor hinter ihnen zurückblich, geschweige, doß sie ein oußcc der Menschheit gcstoltctes Schemo sich selbst hotte erzeugen wollen und mögen, so woren und bleiben olle Göttcr der Griechen Vien sehen, nur ober dos Höchste der Menschheit stellten sie dor. Dnrous ergiebt sich sowohl dos Gute, dos die Plnstik der Menschheit geleistet, ols dos Schöne, dos ihr wesentlich zukommt. Im reinsten Umriß, in ousdrückenden Formen olles Vortreffliche, Große, Edle, Reizende der menschlichen Gestolt Hot sie dor- gestellt, mithin leib - und wescnhoft gezeigt, welche Kräfte den menschlichen Bon regen und bewohnen. Mein Schenkel schreitet, wie der des Apolls; Jupiters Stirn ist die meine. Zu jeder hohen Ruhe, zu jcdcm großen Verhältniß erhebt sich meine mitfühlende Brust. Ich spreche mit diesen reinen Gcstoltcn, wie mit Brüdern und Schwestern: denn ich fühle, sie find meines Geschlechtes. Hier und Kun str i ch te r ey. 209 Hier also bedarf es keines apodiktischen Postulats eines „allgemein nothwendigen Wohlgefallens wegen erreichter ästhetisch-zweckloser Zweckmäßigkeit ohne Begriff und Interesse;" das höchste Interesse an der Wahrheit dieser Gestalten liegt in mir. Ihr Begriff ist in meinen Geist geschrieben, ihr Gefühl in meine Gestalt gcpräget. Mögen sie dem Griechen außerdem Zwecke gehabt haben, die mir nicht mehr- gelten; möge der Gothe nach gothischem „Gemeinsam" die Athenische Pallas für ein ZaubcrbilL, das Haupt des Zcvs Scrapis für eine Teufelslarvc erklären ; was kümmerts mich? In beyden kühle ich reine Gestalten der Menschheit und freue mich daß ich der Art bin. 1 er ^ „Die Mahlerkrmst als die zweite Art bildender Künste, welche .den Sinnenschein künstlich mit Ideen verbunden dar stellt, würde ich in die der schönen Schilderung der Natur und in die der schönen Zusammenstellung ihrer Produkte eintbeilen. Die erste wäre die eigentliche Mablerey, die zweite die — L u stg a r t n er e y." *) **) Also schildert Mahlerey die Natur, unterschieden von ih- *) Daß hier die Fortsetzung über andre erhabne Vorstellungen Anagluphik u. f. fehle, bemerkt jeder Kunstverständige Leser. Was sollte sie hier? S. 206. Herders Werke z. Phil. u. Gesch. XV. O Xatt/L-me. 2 l» Von Kunst ren Produkten? Diese stellt sie nicht zusammen vor? und das sonderbare Naturprodukt, der Mensch gebet sie gar nicht an? Es giebt keine Portraitc, keine lustorische Eompositionen? „Mahlerev giebt nur den Schein körperlicher Ausdehnung;" Charaktere, Leidenschaften, Handlungen, die Seele zu mablc», davon verstehet sie nichts? auch wenn sie „den Sinnenschein künstlich mit Ideen verbunden darstellt." Den Sinnenschein künstlich mit Ideen verbunden, als ob er für sich nichts sagte, und der Mahler durch künstliche Verbindung ihm Ideen anschüso l Fcevlich ein reiner kritischer Idealismus, der aber das Wesen dieser Kunst aufhcbt. Keinen Sinnenschein stellt die Mablercv Lar, entgegengesetzt der Sinnenwahrheit. Diese, sofern sie das Auge mittelst des Lichts und der Farben siebt und mit plastischen Begriffen einigt, kann die Kunst mit keinen Ideen verbinden, die in ihr als Naturgestalt nicht schon waren; sie kann auch nichts darstellen, als sofern Farbe und Licht es mahlen. Und die Lustgartnerei ? Sic soll „die körperliche Ausdehnung.zwar nach der Wahrheit, aber nur den Schein einer Benutzung und Gebrauchs zu andern Zwecken als blos für das Spiel der Einbildung in Beschauung ihrer Formen geben." Giebt eine sichtliche Kunst körperliche Ausdehnung? und die Form dieser Kunst, ist sie ein Gemablde ? in welch.s die „Benutzung und der Gebrauch" nach Grundsätzen dieser Philosophie ohnehin nicht gehöret. Dank dem bestern Gefübl der Menschen, daß wir auch im Gartenbau über dies tobte Spiel der Einbildungskraft, eine Gegend bloß als Malere» zu ordnen, und mit ausgehauenen Alleen, mit Thicrgeformtcn und Kunstricht erey. 21t. Bäumen, mir Wasservarkieen aus Arabischen Felsen- und Sinesischcn Luftbrücken und Neapolitanischen Vulcanen als mit „Kunstformen" zu verwüsten, hinweg sind. Wo Neste dieser malerischen Formen sich finden, wendet der Mensch von Gefühl sich weg und grüßt, wie jener Wilde Raphaels Engel, die freye Natur als seine Schwester. „Zu der Malerey im weiten Sinne würde ich noch die Verzierung de" Zmimer durch Tapeten. Aufsätze und alles schöne Ameublement, welches blos zur Ansi cht dient, zahlen: imgleichcn die Kunst der Kleidung nach Geschmack, Ringe und Dosen." Olis iann satis ! *) *) Hier bricht die Materie ab, wahrscheinlich, weil dem Redenden der Faden der Geduld riß, oder die hieher gehörige Blätter sind verlvhren» O s 21 2 Won Kunst rv. Von M u s i k. So sprach die „Kritik der allcingeltenden ästhetischen Uriheilskraft" von Poesie und Beredsamkeit, von Plastik und Baukunst, von Malerei, s'ustgart- nerei, AmeublemeNt und Kleidiinq; unglücklich blieb von den schonen Künsten die Musik übrig, und wobin diese? Sie werde „ein schönes Spiel der Empfindungen, die von außen erzeugt werden, und das sich gleichwohl doch muß allgemein mittheilen lassen; welche schöne Kunst sodann nichts anders als die Proportion der verschicdnen Grade der Stimmung (Spannung) des Sinns sepnkann, dem die Empfindung angehört, d. i. den Ton desselben betreffen , und in dieser weirlauft i gen Bedeutung des Worts kann sie in das künstliche Spiel mit dem Tone der Empfindung des Gehörs und der des Gefühls, mithin in Musik u n d Fa r b e n k u n st eingclheilt werden." *) Da jede Empfindung nicht der Töne allein, Grade, mit- *) S. 208. LVI, hin auch Grade der Stimmung unsres Organs haben muß, und jeder Grad Proportionen an- nimmt, weil er selbst Pioportion ist; da ferner alle Empfindungen in uns ein sensoi-ium, noin- muns, mithin einen gemeinschaftlichen Maasstab haben, mittelst dessen wir die Empfindungen der verschiedensten Organe gleichstimmig berechnen: so ist für die Tonkunst hicmit nichts gesagt. Vollends Farben- und To»-; Ton- und Farben- kunst zusammengestellt; als ob Farben ohne Zeichnung sich als Medien der Kunst Tönen glcichstellen ließen; endlich „ein schönes Spiel der Empfindungen , die v o n a u sse n e r z c ugt werden, und das sich gleichwohl doch muß allgemein mittheilen lassen;" da jedermann weiß, daß die durch Töne erregte Empfindungen dieser apodiktisch - allgemeinen Mittheilung am wenigsten fähig sind— was ist darüber zu sagen? Zurück auf unfern Weg? Musik, eine Kunst der Menschheit. Wir nahmen wahr, daß i. In der gesummten Natur alle elastischen Körper auf einen Stoß oder Strich (uns hörbar oder minder hörbar) ihr Inneres, d. i. ihre erregten und sich wieder hcrstcllendcn Kräfte zu erkennen geben. Dies nennen wir Schall, und feiner erregt, Klang; Klang, der jede ähnliche Organisation in gleiche Schwingung versetzt, und bcy em- 214 Von Kunst psindenden Wesen eine analoge Empfindung wirket. Wir fanden 2. Daß auch hier der Mensch ein allgemeiner Tbei ln chm er, ein Akroatiker des Universum fe», daß er jedem erregten Wesen, dessen Summe zu ihm gelangt, sein Mitgefühl leihe» müsse. Veobacbkungen gemäß reicht sein non außen verborgenstes Gehörorgan am tiefsten ins Innere des Haupts, dem empfindenden Eemcinsinn zunächst sich nahend, und so verbreitet, daß, wie Erfahrungen zeigen, wir fast mit unscrm ganzen Körper hören. Wir erinnerten uns 3 . Daß jeder Ton seine Art der Regung, seine bedeutende Macht habe. Nicut nur jedem klangbaren Körper, jedem als Instrument gebrauchten Naturwefen steht seine Art der Tönung, sondern auch jeder Schwingung ihre Modulation und mit dieser ihre eigne Weise zu, auf unsre Empfindung zu wirken. Wir fanden 4. Daß cs für unser Dhr eine Leiter von Tonen gebe, deren Sprossen durch einander bestimmt , von einander unauflösbar, deren Schwunglinie aber, und mit ihr unser Gang auf dieser Leiter vieler Veränderungen fähig, mithin in den Händen der Kunst ein Werkzeug zu Erregung vielartiger Empsindanuen sey; daß diese Gänge und Modulationen als Empfindungen desselben Geschöpfs in ihren Arte» wiederkommen müssen, eben aber durch ihr Wiederrrmmen, in derselben oder auf verschiedene Weife, unsrer inner» Elasiicität Schwung und Wiederherstellung, Druck und Hebung, kurz die Wirksamkeit geben, die so viclartig, schnell und K u n s t r i c h t e rey. 2l5 und mächtig sonst nichts ihr geben kann. Das empfindende Geschöpf fühlt sich bewegt, d. i. aus seiner Ruhe gebracht und dadurch veranlaßt, durch eigne innere Kraft sich dieselbe wiederzugcbcn. Es fühlt sich nach Verhältnissen, mithin angenehm bewegt, geschwungen, und kann nicht anders als in solchem Verhältnis; zur Ruhe wieder zurückkehccn. Dies ist Musik, nichts anders. 5. Alles also, was in der Natur tönt, ist Musik; eS hat ihre Elemente in sich: und verlangt nur eine Hand, die sie hervorlocke, ein Ohr, das sie höre, ein Mitgefühl, das sic vernehme. Kein Künstler erfand einen Ton, oder gab ihm eine Macht, die er in der Natur und in seinem Instrument nicht habe; er fand ihn aber und zwang ihn mit süßer Macht hervor. Der Compositeur fand Gange der Töne, und zwingt sie uns mit sanfter Gewalt auf. Nicht „von außen werden die Empfindungen der Musik erzeugt," sondern in uns, in uns; von außen kommt uns nur der allbewegende süße Klang, der, harmonisch und melodisch erregt, ^.sanier; X«- §2-3-» Tn rc«,c/.7ruXau. vs Lee nn rrsiNd -Treusreu ). 225 hob er und tiefer, mehr und minder ist seinb Bedeutung, sein Eindruck. Im Kommen und Fliehen, im Werden und Gewesenseyn liegt die Siegskraft des Tons und der Empfindung. Wie jener und diese sich mit mehreren verschmelzen, sich heben, sinken, ruitergehn und am gespannten Seil der Harmonie nach ewigen, unauflösbaren Gesetzen wieder cmporkvmmen und neu wirken, so mein Gemüts), mein Muth, meine Liebe und Hoffnung- Dagegen jede Kunst des Anschauens, die an beschränkten Gegenständen und Gebehrden, gar an Localfarben Hafter, obwohl sie auf Einmal alles zeigt, dennoch nur langsam begreiffen wird, und weil nichts Sichtbares Vollkommenheit gewahren kann, zuletzt mit Ersattigung lehnt, gleichsam sich selbst übcr- daurend. Auf leichten Tönen kommt und flöhet ihr davon, ihr wandelnden Luftgcister, bewegtet mein Herz und ließet nach in mir, durch euch, zu euch eine unendliche Sehnsucht 17. ktebriqens ist der Streit über den Werth der Künste unter einander, oder in Rücksicht auf die Natur des Menschen allezeit leer und nichtig. Raum kann nicht Zeit, Zeit nicht Raum, das Sichtbare nicht hörbar, dies nicht sichtbar gemacht werden; keines maaße sich ein fremdes Gtbiet an, herrsche in dem seinige» aber desto mächtiger, gewisser, edler. Eben dadurch, daß die Künste in Ansehung ihres Mediums einander ausschliessen, gewinnen sie ihr Reich ; vereinigt nirgend als in det Natur des Mert- schen, im Mittelpunkt unsrer Empfindung. Wie diese sie genießen und ordnen soll, hangt von unsrem Geschmack, oder vielmehr von der ordnenden Ver- HerdersVskrke j. Phil. u. Liesch- XV. P Xat/sZ-o«, 226 Von Kunst nunft ob. Will diese, weil zwischen Tonen und Farben eine Analogie gedacht werden kann, Töne als Farben, Farben als Töne behandeln, in der Musik Bilder sehen und die Gemahlde der Dichtkunst wie sie der Dichter schuf, in Pastell mahlen: so thuc sie's. Die Künste selbst sind an diesem Nichtgeschmack einer Aftervernunft unschuldig. Die „allgemein gültig - nothwendigen Urtheile der kritischen Urtheilskraft von der Verbindung der schönen Künste in einem und demselben Produkt, begleichen die Vergleichung des ästhetischen Werths der schönen Künste unter einander "*) werden uns also nicht lange beschäftigen. Ist die Musik ein „Tonspiel, wie die Malerei eine Fa r b en kunst ist, wo bei der ersten noch die Frage bleibt, ob sie als eine schöne oder nur als eine angenehme Kunst (wie die Kochkunst etwa, wie das Glücks- und Lachspiel) zu betrachten sei):"**) so darf die kritische Behauptung nicht befremden, daß sie „ohne Begriffe durch lauter Empfindungen > die von außen erzeugt werden, spreche, blos vorübergehend und mehr Genuß als Eultur sey, (das Gedanken- spicl, was nebenbei dadurch erregt wird, sey Klos die Wirkung einer gleichsam mechanischen Association) daß sie also durch Vernunft be- *) S. 211 — 21g, ") S. 222 — 2-7- und Ku n str i c h l e r e y. 227 urthcilt, weniger Werth als jede andre der schönen Künste habe. Daber verlange sie, wie jeder Genuß, öftern Wechsel, und halte die mehrmalige Wicderholrmg nicht aus, ohne Ueberdruß zu erzeugen." Zuwider aller Erfahrung. Gerade die Musik leitet und fodert unter allen Künsten am meisten Wiederholung; bey keiner wird das ancüra so oft gehört. Eine bloße Zersetzung der Töne, d. i. Harmonie ermüdet und muß ermüden, weil sie immer Dasselbe, dazu ein sehr Bekanntes saget; eigentliche Musik aber, d. i. Melodie, die Schwunglinie des ganzen Ganges der Töne, wird eben durch ihr Wiederkommen erfreuender; bis zum Entzücken kann ihre Wirkung steigen. Stellen, die uns innig rühren, können wir nicht genug hören. Ach, und sie verhallen! unersättlich wünschen wir also ihre Rückkehr, bis sic (so meynen wir) mit uns gehn und unsre Seele bleiben. Bilder verlassen uns und verdämmern; Töne gehen mit uns als unsre innigsten Freunde, die von Kindheit ans uns aufnmntcrtcn und erhoben, erfreueren und stärkten. „WeNn man den Werth der schönen Künste nach der Eultur schätzt, die sie dem Gemülh verschaffen), Und die Erweiterung der Vermögen, welche in der Urteilskraft zuM Erkenntniß zusammen kommen müssen, zum Maasstabc nimmt, so hat Musik unter den schönen Künsten den untersten Platz, weil sie blos mit Empfindungen spielt." Elende Musik, die dieses chut; tonloses Gemüth, das in jeder Musik nur ein Spiel m i t Empfindungen höret. — Do but rrots a evisil ancl rvantoir Irerck Or raus ol )'outlrbu1 ariel unlranellscl cvlts P 2 22Ü Von Kunst ibstckiinA iiiaä sionnäs, kollovviiiA kinci nsi^- IiinA louä Ik tlis)' xorolinncs knt liesr 11 krnm^st Or un)i nir ok irinsik ioucli ilisir sars, ^ou. sliall ^erosivs tlisni nialcs n rrioiukil skanä, llieil savaAS s^es inrii'ä ko kl nioässk Akirs kiis srvsst ^orv'r ok inrrsile. Nlisrskors klio ?oot Oiä ksiAii tlrak Orzolisus ärorv kross, Sionos nnä klooäs; Lines nouZIrt so stoleis'li, Iiarä nnä knll ok i-UAS Lnt inusilr kor tlio tirns äotsi oliLnZAS kri s nu turo. *) Sollte man ohne alle Fabel die Wirkungen sammeln, die Töne und Lieder aufs menschliche Gc- müth einzeln und in Familien, Haufen, Versammlungen, Nationen gemacht haben, eine Reihe von Wundergeschichten würde die Musik vom untersten Platz, auf welchen sie gestellt ward, auch in Beziehung auf die E u l t u r d e r Menschheit hoch empor heben, „Die Ideen der Musik sind von transitorischem Eindruck; sie erlöschen entweder gänzlich, oder wenn sie unwillkührlich von der Einbildungskraft wiederholt werden, sind sie uns ^ Llislccsp. lVIcrclisnä ok Venicc. -ick, V. sc. l. und K u n st r I cht e re y. ,2A «her lästig als angencbm. " *) Elende Musik, die unwillkührlich wicderkommend zur Last wird ! und ein Gemüth, dem wiedcrkommcnde Tone, die ihm c nst anmuthig waren, zur Last werde», in welchem Zustande befände sich dieses? In Träumen selbst klingt uns nichts himmlischer als Musik; sie übertrifft an Reiz alle geträumte schöne Gestalten. Den Sterbenden endlich, wie Beispiele erweisen, hebt Ein im Innern gehörter Ton von der Erde. *) S, Von Kunst L e i b n i tz, über Macht und Anwendung der Musik. „Bekannt ists, daß Märtyrer die grausamsten Qualen nur dadurch überstanden, daß eine starke Vorstellung zukünftiger Freuden ihren gegenwärtigen Schmerz besiegte. Der Weise also, wenn er sich Einmal und aus Immer die Schönheit des zukünftigen Lebens, d. i. Gottes und der Harmonie der Dinge stark eingeprägt hat, und daraus fortwährende Freude schöpfet, wird, darauf immer zurückkommen , dies Ende stets vor Augen haben, so daß ihn nichts von dieser Liebe zu scheiden vermag. Von Jugend auf sollte den Menschen, Weisen sowohl als dem Volk, durch alle Mittel der Künste dieser Eindruck cingepflanzt werden. Und da ein starker Eindruck entweder durch Gcmählde oder durch Töne erweckt wird (die Eindrücke der übrigen Sinne sind gröber und nicht so bedeutend): so ist der Eindruck durch Gemähldc zwar entwickelter, weil das Gcmählde vor uns bleibet, der Eindruck durch Töne aber ist starker: denn er enthalt Vewe? und Kun str i c h t cre y. 23 t gung; überdcm dringen auch Worte, die die Töne begleiten, das Andenken jener Eemahldc von selbst hervor. Gesänge also, die sowohl Bilder erwecken; als durch Tone bewegen, haben eine unglaubliche Gewalt; durch Tone kann ein Mensch in alle Affekten, in jeden Ausland versetzt werden. Die Reformatoren haben sich dieses Mittels sehr bedient: Deutschland und Frankreich sind durch Gesänge resormirt worden. Ja noch jetzt ist kein Handwerker, keine Näherin, die nicht durch Gesänge sich die Stunden kürzen, und den Uebcrdruß der Arbeit mit. inniggesühltem Vergnügen, hinwegsingcn sollte. » Ich glaube daher, daß Dichter sich um den Staat nicht besser verdient machen können, als wenn sie edle Freuden des Gcmüths durch Gesänge dem Volk einsingen und cinprägen. Denn auch schlechte Gesinnungen und Affekten, auch Laster prägen sich durch Dcama's und Lieder ein; und da es einmal Borurtheil des Volks ist, „Liebeslieder seyn die schönsten Lieder;" so, wenn jede edlere Liebe, wenn alle Freuden der Unschuld und Tugend wie Harmoniken einer andern Welt in Gesänge gebracht und mit aller Anmuth der Musik Menschen von Kindheit aus cingesungcn würden, so stünde es vielleicht besser um die menschliche Gesellschaft. Sind Gesänge vermögend, das Gemüth in die höchste Freude zu setzen, können Krieger durch Tro- meren- und Kriegslieder den Tod zu verachten, belebt und angeftuert werden, kann überhaupt die Musik alle Affekten erregen; so kann auch jeder Von Kunst 23 2 sodann durch eine lebhafte Erinnerung und Wiederholung dieser-besänge sich selbst Affekten erregen, sich selbst die Freude dieser Affekten gewahren. Oie Gabariten setzten Preise für den aus, der ein n e u e s Vergnügen erfände; ein Ehristenstaat, glaube ich, wäre dem am meisten verbunden, der, daß Tugend und Pietät den Menschen das Ange. nehmste, das Entzückendste würde, durch jedes Mittel bewirkte. *) *) I^eikickt, 1. VI. x. go§. und Kunstrichte rey. 233 V- Von Kunstrichterey, Geschmack und Güte. Kein Name sollte vorsichtig-scheuer machen, als her Name Kunsrri chter: denn ein wie hohes Geschäft ists, über Kunst richten! „Verstehe ich auch, spricht der Bescheidene zu sich, was Kunst und diese Kunst sey? Habe ich das System ihrer Regeln gefaßt und erprobet ?" Denn wie keine Kunst ohne Uebung möglich ist, so auch ohne Kenmniß dieser Uebung kein verständiges, reines, richtiges Ur- theil. Und dieses Kunstwerk zu kennen, zu beur- Iheilen, bin ich Geschäftes, unparttzeiisch, munter gnug? Unterrichtet gnug zu sehen, wie eben dies Werk im Reich und in der Geschichte der Künste steht? Kenne ich dies Reich? übersehe ich diese Geschichte?" So der Bescheidene. Denn wen verdammt, wen lobet sein Uriheil? Nicht das Werk, sondern sich selbst; jenes bestehet für sich, wie es ist, gut oder böse; in der Kritik ist vc», seinem Ur- thcil die Rede. Dies rechtfertigt die Zeit, oder begrabt es mit Verachtung. Die Namen der Urheber schlechter Urtheile kommen ans Licht oder sie bleiben Ms sie seyn Mlltesl, Ahn na men, Anonymem Von Kunst 284 Schädlicher noch wird die Kunstrichtcrei), wenn sie noch falschen Grundsätze!) blind richtet, und mit einer Kühnheit, die ein Machtwort, „kritische Philosophie," in die Faust giebt, apodiktisch gewiß, all- gcmeingeltcnd und nothwendig postulirt, wo nichts weniger als postulirt werden sollte. Da seit Zabre» eben die „Kritik der Urtheilskraft ein Codex solcher Kunstrichlerey in Deutschland, sogar der Sprache und Schreibart nach, worden ist, vor welcher, sobald in dreisten Worten dieser Philosophie die For. mel tont, alles sich bückt und schweiget: so lastet uns hören, wie die kritische Philosophie in ersten Grundbegriffen der schönen Künste kritisire. Kritische Difinition der schönen Künste. „Von der Verbindung der schönen Künste in einem und demselben Produkte" spricht der Meister: „die Beredsamkeit k a n n mit einer wählerisch e n Darstellung ihrer Subjekte sowohl als Gegenstände, verbunden werden in einem Schauspiele. Gesang zugleich mit mahlerischer (theatralischer) Darstellung verbunden in einer Opera: auch kann die Darstellung des Erhabenen, sofern sie zur schönen Kunst gehört, in einem gereimten Trauerspiele, einem Lehrgedichte, einem Oratorium sich mit der Schönst e i t vereinigen, und in diesen Verbindungen ist die schöne Kunst noch künstlicher, ob aber auch schöner, kann bezweifelt werden." Wer erröthet und Kunstrichtercy. 235 nicht, indem er dies liefet? Das Trauerspiel, in dem sich das Erhabne mit dem Schönen verbindet, muß „gereimt" scyn? Wahrscheinlich in Alexandrinern; sonst wäre cs nicht erhaben? Und wenn das Erhabne sich mit „der Schönheit vereinigt, wird die schöne Kunst zwar künstlicher, aber durch die Dazukunfr der Schönheit vielleicht nicht schöner!" Und Trauerspiel, Lehrgedicht, Oratorium, Beredsamkeit, Opera, mahlerisch, theatralisch so bei einander? Stand zu Christian Weisens Zeiten die Kritik in Deutschland tiefer? „Doch in aller schönen Kunst besteht das Wesentliche in der Form, welche für die Beobachtung und Bcurrheilung z.w eck mäßig ist, wo die Lust zualeich Cultur ist, und den Geist zu Ideen stimmt, mithin ihn mehrerer solcher Lust und hi nter h al tu» g empfänglich macht; nicht in der Materie der Empfindung (dem Reize oder der Rührung) wo es bloß auf Genuß angelegt ist u. si" Dies große Kriterium der kritischen Kritik, das uns bereits formelle Dichter und Künstler ohne Materie, griechische Formen ohne Form gegeben, ist selbst die lecreste Wortform, die es je gab. Form ohne Inhalt ist ein leerer Topf, eine Scherbe. Allem Organischen schafft der Geist Form, die Er belebet; ohn' ihn ist sie ein todtes Bild, ein Leichnam. Und diese Formen töpfert die kritische Kritik blos zur „Beobachtung und Beurtheilung , " Luftblasen zum optischen Spiel. Bannflüche deS' Empirismus fallen auf Jeden, der an Inhalt der Form, ob er zu ihr gehöre? oder ob einiger da sey? an Geist, der die Form belebe, nur denket. Schaffte Von Kunst die Transcendentalphilosophie durch Bsurtheilung nicht sogar ,,Natur," und erklärt-, nur dieser, „der kritische, durch Veurtheilung Natur-erschaffende Weg sey uns allein noch übrig? " Häßlich ist ihr das Wort Genuß; „Genuß, der nichts in der Idee jurücklaßt, den Geist stumpf, den Gegenstand anekelnd, und das Gemüth, durch das Bewußtseyn seiner im Urtheile der Vernunft zweckwidrigen Stimmung mit sich selbst unzufrieden und launisch macht;" dagegen gilt das „Jdeenspicl, die Lust, die zugleich Cultur ist, d. i. die uns zu mehrerer solcher Lust und Unterhaltung empfänglich macht." K B a u. b o,, B a u b o! 2. Eunomie der kritischen Geschmacksurtheile. Auch jene dialektische Antino mieen der rer- ncn Vcrnu'nft kommen hier wieder; eine,,Dialektik zwar nicht des Geschmacks (denn der schmeckt ohne Begriffe allgemein - nothwendig;) : aber der Kritik des Geschmacks in Ansehung ihrer Principien, da nämlich über den Grund der Möglichkeit der Ge- schmacksurkheile überhaupt einander widerstreitende Begriffe auftreten;" im Felde des Schönen wie cckelt dies Schauspiel! „Jeder hat feinen eignen Geschmack; und doch i st nur E i n Geschmack ; ohne Begriffe nothwendig, ohne Vorstellung des Zwecks zweckma ßig. Ueber den Geschmack laßt sich nicht streiten; und doch läßt sich UN d Ku» strichle r ey. ^7 über ihn streiken, d. i. disputiren; das Disputiren ist nothweudig. Beyde Sätze sind wahr." Aus hundert und aber lnmdert Waidspcüchen lassen sich dergleichen Antinomieen hinstellen, die eben durch ikren Gegensatz zeigen, daß das Gesetz zwischen oder über ihnen liege, die also schon im gemeinen Leben bcy hundert Sprüchwörtern jede Vetuls. beseitigt. Und wie legt die Kritik ihre ini Streit befangene Sprüchwörter, Antinomie en genannt, zurecht? Folgendermaaßen: „Nun fallt aber aller Widerspruch weg, wenn ich sage: das Geschmacks- urtheil gründet sich auf einem Begriffe (eines Grundes überhaupt von der subjektiven Zweckmäßigkeit der Natur für die U r l h e i l s k r a f t), aus dem aber nichts in Ansehung des Objekts erkannt und bewiesen werden kann, weil er an sich unbestimmbar und zum Erkennt- niß untauglich ist; es bekommt aber durch eben denselben (Begriff) doch zugleich Gültig, keit für jedermann, (bey jedem zwar als einzelnes die Anschauung unmittelbar begleitendes Ur- theil) weil der Bestimmungsgrund desselben (Begriffs) vielleicht im Begriffe von demjenigen liegt, was als das üb ersinn Iiche Sub strat der Mensch- heit angesehen werden k a N n." *) Erhabne Entscheidung ! Eiir übersinnliches Substrat der Menschheit! das angesehen werden kann, und von dem ich doch keinen Begriff habe! Und in dem doch der BestimMnngsgrund meines durchaus unbestimmbaren Begriffs vielleicht liegt! und mittelst welches ') Kritik. S --ZS. 233 Von Kunst unbestimmbaren Begriffs ich dennoch mit allgemeiner Gültigkeit urtbeile! „Es kommt bei der Auflösung einer Antinomie nur auf die Möglichkeit an, daß zwei einander dem Schein nach widerstreitende Satze einander in der That nicht widersprechen, sondern neben einander bestehen können, wenn gleich die Erklärung der Möglichkeit ihres Begriffs unser Erkcnntnißver- mögen übersteigt."*) Uebersteigt sic dies, wie ists möglich, die Möglichkeit zu zeigen, daß beide Satze sich in der That nicht widersprechen, sondern neben einander bestellen können? „Man sichet also, das; die Hebung der Antinomie der ästhetischen Ur- tbeilSkraft einen ähnlichen Gang nehme, als den die Kritik in Ansehung der reinen theoretischen Vernunft befolgte, und daß eben fo hier und auch in der Kritik der praktischen Vernunft die Antinvmicen wider Willen nöthigen, über das Sinnliche h i n a u s z u s e he n, und im Uebersinnli - chen den Vereinigungspunkt aller unsrer Vermögen n priori zu suchen, weil kein andrer Ausweg übrig bleibt, die Vernunft mit sich selbst einstimmig zu machen." Eine Vernunft, die mit sich selbst einstimmig gemacht werden muß, da sie die Regel der Einstimmung in sich enthalten soll; die einstimmig gemacht werden muß durch einen Vereinigungspunkt im Uebersinnlichen, von dem wir keinen Begriff haben; und dies bei sinnlichen Urthcilen, bei welchen wir wider Willen über das Sinnliche hinaus sehen müssen, ob wir darüber gleich nicht hinausschen können; o des Nomos, der die Antinomieen des Ge- *) S. -3H. und Ku n s tri chtc rey. 2Z9 schmacks hypernomisch vereinigt! Er liegt jenfeit der Sinnlichkeit, jenseit des Verstandes und der Vernunft im unbekannten Vereinigungkpunkt aller unsrer Vermögen n xriori, auf den wir uns aber bei jedem Gcschmacksurkheil stemmen müssen, damit es (abgeschmackt wie es sey) ewige Gemeingültigkcit, subjektive Nothwendigkeit erhalte. ,,Es ist jedem vergönnt, sagt Lessing, seinen eignen Geschmack zu haben; und es ist rühmlich, sich von seinem eignen Geschmack Rechenschaft zu geben suchen. Aber den Gründen, durch die man ihn rechtfertigen will, eine Allgemeinheit ertheilen, die, wenn es seine Richtigkeit damit hatte, ihn zu dem einzigen wahren Geschmack machen müßte, heißt aus den Grenzen des forschenden Liebhabers herausgehcn und sich zu einem eigensinnigen Gesetzgeber aufwerfen. Der wahre Kunstrichter folgert keine Regeln aus seinem Geschmack, sondern hat seinen Geschmack nach den Regeln gebildet, welche die Natur der Sache er so deck."*) Wenige Zeilen, die die ganze Objekt-, Grund - und Begrifflose, sogenannt transccndentale Kritik der ästhetischen Urtheilskraft in ihrem stolzen Ungrunde zeigen, im dunkeln Abgründe des Geschmacks-My stic i sm us. „Weil ein Geschmacksurtheil kein Erkcnntniß- urtheil und Schönheit keine Beschaffenheit des Objekts, für sich betrachtet, ist, so kann der Ratio- nalism des Prinzips des Geschmacks niemals da- rim'gesetzt werden, daß die Zweckmäßigkeit in diesem Urtheile als objektiv gedacht werde, d. i. daß daS *) Lessings Dramaturgie St. ig. Aon Kunst 240 Urtbeil theoretisch, mitbin auch logisch (wenn gleich Nur in einer verworrenen Beurtheilung) ans die Vollkommenheit des Objekts, sondern nur ästhetisch nuf die llebereinstimmung seiner Vorstellung in der Einbildungskraft mit den wesentlichen Prinzipien der Urtbeilskrast überhaupt im Subjekt gebe." Entweder sagt dies Pciueip etwas schr Gemeines, oder etwas sehr Falsches. Dasl ich für mich, nach und mit meinem Organ empfinde, nicht ausser mir oder in dem Objekt, sage ich schon damit, daß das Objekt mir gefallt, mithin seine Vorstellung in meiner Einbildungskraft, wenn ich darüber urthcilc, mit den wesentlichen Prinzipien der Ucrheilskeast in mir übereinstimmen müsse; wer hatte daran gezweifclt? Heißt aber der Satz soviel, daß, weil ich in mir schmecke und urtheilc, mein Urtheil mit dem Objekt nichts zu schaffen habe , daß , weil i c h Schönheit empfinde, keine Beschaffenheit des Objekts diese Empfindung bewirke oder erkläre, daß, weil mein Empfinden kein deutliches Erkennen des Gegenstandes sep, gar kein Erkennen dabei) Statt finde, indem zwischen dem Geschmack, ja sogar dem Geschmacks- nrtheil in mi r lind dem Erkenntnißurtheil i n m i r eine unübersteigliche Kluft befestigt sey, und auch mit der verworrensten Beurtheilung des Objekts mein Geschmacksurtheil, nichts gemein habe; so ist das sogenannte Prinzip eben so widersinnig als verderblich. Es errichtet ein Tribunal, olmt Sache und Grund der Sache in der Seele des träumenden Richters, der selbst Parrbei und Sache, Urtheiler ohn' allen Grund, (maaßen dieser in der unanschaulich - unsiunlichcu teriu irmvKnita kicget,) u n d Kun s tri ch ter ey. 241. lieget,) urthcilt und dennoch die Macht hak, sein Erkenntniß ohn' alles Erkenntnis, als für ihn gar nicht erkennbar, unter der Form eines ästketischen Unheils apodiktisch zu sprechen, weil Alles in ihm und als Geschmacksurtheil nur in ihm eristiret. So existire es in dir und schweige; dein rsl agt notrs pleriüir ohne Grund und Erkenntnis andern als gemeingeltend aufgedrungen, ist Inkompetenz und Insolenz in aller Vernünftigen Urlheil. 3. Kritische Aussprüche vom Genie. „Genie ist i) Ein Talent, dasjenige, wozu sich keine bestimmte Regel geben laßt, hervorzu- brinqen; Originalität muß seine erste Eigenschaft seyn." *) Zu geschweige«, daß diese Bestimmung bloß verneinend ist, ist sie auch verführend. Allerdings .arbeitet das Genie nach Regeln, erfand nach Regeln, und ist sich selbst Regel, gesetzt, daß l jeder Dritte ihm diese auch nicht vorzählen konnte. ! Seine „Originalität," (ein sehr mißbrauchtes Wort), I kann bloß bedeuten, daß der Genius ei» Werk seiner Kräfte darstellt, nicht nachgeabmt, nirgend cr- j borget; sonst kann cs, wie die Kritik selbst sagt, ^ „auch originalen Unsinn geben." 2) „Die Produkte des Genies müssen zugleich Muster, d. >. i exemplarisch seyn, und andern zur Nachah- *) S. 180. Herders Werke z. Phil. u. Gesch. XV. O LnU-xon«, 242 Von Kunst liiung, d. i. zum Nichtmaas oder Regel der Be- urt Heilung dienen." Das Werk des Genies be- stehet, auch wenn es nie nachgcahmt würde; es stehet sodann einzig in seiner Art da. Zur Nachahmung oder gar zur BeurtheiIung ward das Werk nicht geschaffen, und wird durch Nachahmung ohne Genie geschändet. Auch sind Nachahmung, und eine Regel zur Beurtheilung wie verschieden! Weder als Flügel - noch als Gliedermann tritt der Genius hervor, unbekümmert, ob er Regel der Beurtheilung, Muster der Nachahmung werde oder nicht werde. Unbescheidene Nachahmung, unverständige Regelannahme schmerzt ihn. 3) „Da cs, wie cs sein Produkt zu Stande bringt, selbst nicht wissenschaftlich anzeigcn kann, so giebt es als Natur die Regel." Diese zu gcbcn ward das Werk des Genies nicht hervorgcbracht; auch erklären Natur und Wissenschaft als Gegensätze einander nicht. 4 ) „Nicht der Wissenschaft, sondern der Kunst schreibt die Natur die Regel vor, und dieses auch nur sofern sie schöne Kunst scyn soll." Weder der einen noch der andern; beide aber können an dem, was in einem Grad von Vollkommenheit hervorgebracht ist, als an einem Exemplar lernen. „Wer niemals was mehr als lernen und nachahmen kann, heißt ein Pinsel." *) Das heißt er nicht, wenn er treu lernte und genau nachahmet; er kann mit seinem Gelernten, mit seiner treuen Nachahmung des Schönsten und Besten ein viel- wissender, geschickter, nützlicher Mann seyn, oder *) S. i8i. und Kunf trichrerey. 243 ganze Facultatcn und Schulen waren Berufs-mäßig P i n se l. „Was auch hatte können gelernt werden, also doch auf dem natürlichen Wege des ForschcnS und Nachdenkens nach Regeln liegt, ist von dem, was durch Fleiß vermittelst der Nachahmung erworben werden kann, specifisch nicht verschieden. So kann man olles, was Newton in seinem unsterblichen Werk der Prinzipien der Naturphilosophie, so ein großer Kopf auch erforderlich war, dergleichen zu erfinden, gar wobl lernen; aber man kann nicht geistreich dichten lernen. Die Ursache ist, daß Newton alle seine Schritte, die er von den ersten Elementen der Geometrie an, bis zu seinen großen und tiefen Erfindungen zu rhun hatte, nicht allein sich selbst, sondern jeden andern ganz anschaulich und zur Nachfolge bestimmt vormachen könnte, kein Homer aber oder Wieland anzei- gen kann, wie sich seine Ideen in seinem Kopfe hervor - und zusammensinden. Im Wissenschaftlichen also ist der größte Erfinder vom mühseligsten Nachabmer und Lehrlinge nur dem Grade nach unterschieden." Homer und Wieland werden auf Newtons Kosten dieß Lob schwerlich annehmen. Wer in Wissenschaften erfindet, bringt eben sowohl etwas Eigenthümliche.s, Neues aus sich hervor, das er nicht lernte (sonst hatte erS nicht er fu n d e n), als der Dichter. Und je wichtiger, je umfassender und größer dieß Neue war, Prinzipien der qefammlen Naturphilosophie z. B., die der Erfinder im anschauenden Blick vor sich sah, desto mehr war ec ein Genius der Wissenschaft, Q 2 244 Non Kunst die durch ihn ward, vom Lerner und Nachahmer specisisch verschieden. Möge Newton seinen Kranz mit Ke pp! er, Da crom und hundert andern Mit - oder Borcrstndern theilcn; auf die Bank der Lerner und Nachahmer (der Pinsel), wenn gleich am obersten Platz, gehört kein wissenschaftlicher Erfinder. Al» ec erfand, lernte er nicht; mögen andre von und an ihm lernen. Und dann, lernten Homer und Wieland nicht auch? Ware cs das Kennzeichen des Genies, daß „sie nicht wissen, wie ihre Ideen sich in ihrem Kopfe hervor - und zusammenfindenin welchem Hause wären die regel- freiesten Genies versammlet? „Wenn jemand sogar in Sachen der sorgfältigsten Untersuchung wie ein Genie spricht und entscheidet , so ist es vollends lächerlich; man weiß nicht recht, ob man über den Gaukler, der um sich so viel Dunst verbreitet, bei dem man nichts deutlich beurtheilen, aber desto mehr sich cinbildcn kann, oder mehr über das Publikum lachen soll, welches ssich treuherzig einbildet, daß sein Unvermögen das Meisterstück der Einsicht deutlich erkennen und fassen zu können, daher komme, weil ihm neue Wahrheiten in ganzen Massen zugcworfen, wogegen ihm das Detail durch abgemessene Erklärungen und Schulgerechte Prüfung der Grundsätze nur Stümperwerk zu seyn scheint." *) Wer ist dieser Jemand? dieser dunstvcrbrcitende Gaukler, der mit großen Massen neuer Wahrheiten *) S. >85. » n d K u n str i c h t e r e y. 245 die äw wie ein Vulkan auswars, das Publikum lächerlich affte? Ist tlrs Ltrolcen rlsor Ao vesep, Hie Irart unAsllscl pila)'f kor some must rvatuli, rvlrilst sonao Musi sls6^>; 80 rurrs tllo rvorlcl uevny. Daß „Einbildungskraft und Verstand (in gewissem Verhältnis;) das Genie aus machen," *) ist wahr und nicht wahr, d. i. nichts sagend. Wie stellte sich die Einbildungskraft z. B. Mozarts, Glucks ihre Fülle von Tonen vor? wie ordnete ihr Verstand diese Töne? Daß zum Genie auch eine Disposition sinnlicher Empfindbarkeiten eben so wohl, als jener heilijge Trieb, jene stille Geisteswarme gehöre, die Enthusiasmus, nicht aber Schwärmerei) ist, wer könnte dicß bezweifeln? wer wollte es aber auch bezeichnen? Wie ohne Trieb kein Gewächs wächst, so am wenigsten jene ambrosisch-genialische Frucht, das Leben des Lebens. Durchs bloße Urtheln und Phan 1 asiren wird nichts. Paare Kritik (um in la Motte's Fabclsprache zu reden) den Herrn Verstand und die Jungfrau Phantasie leibhaft zusammen; ohne Stimme eines heiligen Orakels, d. >. ohne Empfindung und Trieb und das Eigenste innenwirkender Kräfte werden Deukalions und der Pyrrha hinter sich geworfene Steinern i e ) S. >95. 246 Von Kunst leben. Eben diese und allein diese unberedbeire, wo sie fehlt, unerntzbare, stille Naturkraft und Nei ung ists, die Pdanrane und Verstand, die Gegenwart und das Vergangene, Sichtbares und das Unsichtbare zu Einem knüpft, und sowohl mit Phantasie - als Gedanken - und Empfindungsreichen Geistesgebilden die Welt beseligt. Auch die Vernunft erbittet der Genius sich; Redner, Dichter, oder jene höheren Dichter, Genien der Menschheit, die Erfinder und Stifter aller Ordnung und Harmonie, die je die Menschennatur beglückte, wollen der Vernunft nicht entbehren. „Ob der Welt durch große Genies im Ganzen sonderlich gedient sey, weil sic doch oft neue Wege einschlagen und neue Aussichten eröffnen, oder ob mechanische Köpfe, wenn sie gleich nicht Epoche machten, mit ihrem allkaügcn, langsam am Siecken und Stabe der Erfahrung fortschreitenden Verstände nicht das Meiste zum Wachsthum der Künste und Wissenschaften beigetragen haben (indem sie, wenn gleich keiner von ihnen Bewunderung erregte, doch auch keine Unordnung stifteten), mag hier uncrörtert bleiben." *) Die Geschichte der Welt hat es gnugsam erörtert. Jeden Fortschritt, geschweige jeden 'Anfang einer Wissenschaft und Kunst, einer Harmonie und Ordnung, ist die Menschheit nicht den alltägigen Gängern am Stecken und Stabe, sondern dem wachenden und erweckenden Genius schuldig. Eben die Er fahr ring weckte ihn; die Erfahrung neu anzusehen, zu nutzen und zu ordnen, H Anthropol» S. r6s, und K un strich tcrep. 247 weckte er andre. Wie viele oder wenige große Genies die Vorsehung der Welt gebe, stellen wir ,hc anheim; wir wollen keine Hirnmclsgabe, klein oder groß, verunglimpfen, und weil manche ihr Talent mißbrauchten, das Talent selbst deshalb nicht Holmen. Waren jenen Mißbrauchenden nut einem bessern Gebrauch ihrer Gaben andee kräftig in den Weg getreten, so hatte sich ihr Uebermnth bald ge- Icget. Eben also, sie machen in jedes Menschenfreundes Brust den Wunsch rege: „gütige Mutter, in den ewigen Lodesschlaf laß dein Geschlecht nie entschlummern! Nach deinem Plan wecke in ihm stets neue und neue Genien, erwecke in ihm alle Kräfte. Nur wenn der Uebermachtige Schwache, lauter Schwache um sich flehet, wird er übermüthig; ein Gegengewicht, die Scheu vor andern, kann ihn allein im -Zaum halten. Daß übrigens, weil einige freche Jünglinge den Namen des Genies mißbrauchten, die Deutschen sich dicß Wort selbst zum Spott und Ekel machten, und in solcher Bedeutung *) von G e ni cm ann e rn, Geniestreichen , er »st ein Genie u. si, nicht oft und nicht verächtlich genug sprechen können, als ob ihnen nichts entbehrlicher wäre, als diese Himmelsgabe; dieser Allemannismus hat der benachbarten Nationen Hochachtung gegen sie nicht vermehret. „Ihr, sagen sie, denen die Natur Männer von Talenten, Künstler von Genie nicht versagt hat, ihr m cht der Natur edelste Gabe in eurer Sprache zum Spottwort i Uns ist der Aus- j Anthropol. S. 162. 248 Von Kunst druck, Zug des Genies, eine Ehrcnbezeichnung; e»ä, ist Geniestreich ein Schimpfname? Bildet ihr euch etwa ein, daß, als ihr den Namen ersännet, ihr selbst einen solchen Streich machtet?" Verzeihe, Genius, daß ich deinen Namen so oft mißbrauchen mußte; seyn diese Blatter eine Versöhnung am Fuße deines Altars, I- Genie. Die Alten sprachen vom Genie weniger, ehrten aber und cultivirken es vielleicht mehr als wir. Die höhere Macht, die einen Menschen zu Hervorbrin- guna seines Werks belebet, das wir als unnachahmlich, als unerreichbar erkennen, aber mächtig oder sanft auf uns wirkend fühlen, diese auszcich- nende Himmelsaabe nannten sie Geist, Genius. Ein mit uns gebohrner Geist, vis aniuii cüvinior, von dem sie Cultur, Kunst, Fleiß so wenig ausschlossen, daß sie vielmehr Ihn als Vater, Stifter, Beleber und Schutzgott aller Eultur und Mcnschenbelebung anerkannten, priesen, verehrten. Die neueren Sprachen sind ins Kleine gegangen. Nicht nur gonio.und in^onio, sondern auch Genie, Talent und Geist (esxrit) haben sie so künstlich unterschieden, daß cs ihnen bei weitem nicht gleichgültig ist, „Genie haben und ein und Ku n s trich terep. 24S Genie sei) 11, Talent haben und von Talenten fern, Esprit haben und ein großer Geist seyn;" auch giebts bei ihnen der Genie's, Talente und Esprits so viel Stufen und Arten, daß zu Bezeichnung des großen, reichen, tiefen, fruchtbaren, schöpferischen Genies, des feinen, subtilen, ordnenden, aber auch des fal sehen, s u bti li si r e n d cn Geistes u. f, insonderheit die französische Kritik Commentare geliefert. Seit Hel- vetius versteht jeder xetit sspnit diese Nuancen der Espritrcichsten Sprache; mehrere Nationen haben sic sich zugecignet, ohne sich doch die Herabsetzung des Worts Geist (s^irito, szoirit) gefallen zu lassen.- Ztalianern und Spaniern und.Engländern und Deutschen blieb das große belebende Prin- zipium aller unsichtbaren Wirksamkeit, Geist in Werth. Den von ihm Erfüllten nannten sie begeistert. Der kältere Sinn der Deutschen legte dem Wort noch eine Verstandcskrast bei, die andre Sprachen in dem Umfange und in der Wichtigkeit nicht bemerken. Ein vielumfassender, hellsehcnder, tiefergründender, schöpferischer, ein erfindender, ordnender, thatiger, wohlthatiger, beseeligendcr Geist sagt in unsrer Sprache soviel, daß man über ihn das vieldeutige Wort (Schmie) Zunis, außer wo es Genius, d. i. angebohrne eigenkhümliche Art bedeutet, leicht entbehren möchte. Lasset uns diese ursprüngliche, einfache Bedeutung am Wort Genie, Genius entwickeln. 1. Genie ist an geb obren; (Asnius est, gnoci una Aenitnr nokiscurn, in auius tntels vivinius nati; inAenirnn inZknitrun est). 2NO Von Kunst Weder erkauft noch erbettelt, weder erstritten noch crstudicrt kann es werden. Es ist Naturart (na- tivirrrr cguicl), es wirkt also aus sich, aus ange- bohrnen Kräften, mit angcbohrmr Lust, leicht, genial i s c h. Seinem Gcmus leben, folgen, nachsehn bedeutete der alten Well ein seiner eigenthüm- lichcn Natur gemäßes, freudiges Wirken und Leben. 2. Der Genius schaffet, erzeuget, stellt sich selbst d a r Genius AiAmt, sui riirnls procrnnt, conckit A s n u 5 ). Von dem, der nichts hervorbrachte, kann man seine Anlagen rühmen; von dem, der fremde Materialien zusammen zimmert, darf man sein Talent der Zusammensetzung , der Ordnung, des Fleißes preisen; Genius war nur der, der ein lebendes Ganze, scy es Entwurf oder Geschäft, ein Werk des Geistes oder der Kunst aus sich hervorbrachte. Und zwar 3 . War er Genius im Augenblick des Ersetz affe ns, als (so sagt die begeisterte Sprache) der göttliche Funke in ihm schlug, als in Einem Gedanken sein Werk oder Geschäft ihm ganz dastand. Da (heißt, es) belebte sein Genius ihn; das war die genialische Stunde. Wenn in Vollbringung oder Darstellung seines Werks der Genius ihn verließ, so bedaurcn wir den Verlassenen, ehren aber noch die Idee des Ganzen, die sein ist und bleibet. 4. Vollführte er was er begann, so stehet sein Werk genuin und genialisch da, ein Abbild seiner in Vollkommenheit, oft auch in Kehlern. Ist diese ihm cigenthümliche Art ein in u n d Ku n str i ch t er e y. 25t sich Bestellendes, das sich erhält und fortpflanzt, so wird sie, nicht etwa ein todt dastehendes Muster zum Nachabmcn oder zum Beurkheilen, sondern Geschlecht zZsnus) oder Gattung. Trage sie seinen oder einen fremden Namen; dem Genius gehöret sie an. 5. Und eben daß wir in ihr den Naturgeist, der hier rein und cigenthümlich wirkte, anerkennen, und uns seines, ihn unsres Geschlechts fühlen; dies macht uns genialische Freude. Wir werden m l tgc ni a l i s c h (uon^swiul) mit ihm, fühlen uns seiner Art, er bildet in uns seine Empfindungen, seine Gedanken. Andre wirken auf seiner Bahn fort, lebendig, selbstwirkfam, seines Geschlechtes. So klar und umfassend leitet sich alles aus dem ursprünglichen, nativen und genuinen Begriff des Wortes selbst her. Was nun schafft dieser Genius? Was für Werke oder Wirkungen sind sein? Wie der Natur ge ist sich in allen lebenden Gattungen und Geschlechtern erzeugt habe und erzeuge, was er in ihnen und durch sie schaffe und wirke, sehen wir auf dem großen Schauplatz der Schöpfung. Wie er sich in der M e n s c h e n - N a t u r erweise, zeigt die Geschichte unsres Geschlechts in allen seinen Erfindungen, Thätigkeilen und Produktionen; seine künftige Geschichte wird cs zeige». In Absicht auf diese Zukunft sind wir selbst Embryonen. Jeder Tag, jeder Augenblick schafft und fördert das vielfache Werk des Menschcngenius weiter. Unglücklich, wenn hiezu nur Bildhauerei) und 252 Won Kunst Dichtkunst, Redner- und Malerey gehörte, als ob diese Werke des Namens Genie allein wcrth wären. Was irgend durch menschliche Natur genialisch hervorgebracht oder bewirkt werden kann, Wissenschaft und Kunst, Einrichtung oder Handlung ist Werk des Genius, der jede Anlage der Mensch- beit zu erwecken und zu ihrem Zweck zu fördern, eben Genius ist. Jeder Mechanismus erfordert Geist, der ihn ins Werk stelle; alles Geistige, damit cS ins Werk gestellt werde, erfordert Mechanismus. Ein unsichtbares Fortstreben bei einem sichtbaren Verschwinden und Wiedcrkommen ist die Erscheinung des göttlich-menschlichen Geistes. Vergönne mir, noch einige Worte von dir zu stammeln, großer heiliger Genius der Menschheit. Genius ist ein höherer, himmlischer Geist, wirkend unter Gesetzen der Natur, gemäß seiner Natur, zum Dienst der Menschheit. Sey der Auf- klar er und Ordner, der Beherrscher gleichsam eines Elements, oder der leitende, wirkende Schutzgeist feines Geschlechts, er dienet seinem Geschäft, und indem er die Glorie im Antlitz des Ewigen schauet, tragt er das Kind auf seinen Händen. Unsichtbar, sich selbst vergessend, gleichgültig, ob er erkannt und wie er genannt werde, lebt er in seinem Weck, der Vorsehung wirkender Bote. Ein Heil - und Friedensbote, zum Erhalten, nicht zum Zerstören, zum Segnen, nicht zum Verwüsten. Würgengel sind Strafgerichte; die ewigen Ankläger ihrer Brüder, die sie, ohne ihnen zu helfen, «nd Kunstrichterey. 253 Tag und Nacht verklagen, sind keine- andern Lohns fähig, als die G c w a I t i g e r, die Peiniger ihres Geschlechts zu werden. Die Genien der Natur beleben das Todtc, erquicken das Lechzende. Den, Halm in der Wüste und dem Vogel auf dem Gebirge gewahren sie auch sein Tröpfchen Lhau. Die Genien des Menschengeschlechts sind des Menschengeschlechts Freunde »nd Retter, seine Bewahrer und Helfer. Ein Heilbringender Gedanke, den sie erwecken, schafft oft eine neue Ordnung der Dinge mit stillem Schritt. Eine schöne Ahat, zu der sie begeistern, wirkt unauslöschlich in die tiefste Ferne. Menschliche Seelen sind ihr Reich; da bilden und fördern sie, ungesehen und unabseh- lich, stille Entschlüsse, lange Gedanken. Von Eitelkeit also fern, weil sie einer höheren Art sind, erkennen sie nur ihre Grenzen, ihre Mangel. Weil diese dem nieder» Geschlecht gemeiniglich zuerst ins Auge fallen, so trauren sie über die Nachahmung dieser. Idole zu werden ist weder ihr Wunsch noch ihr Beruf; vollends mit sich, mit dem Werk eines Einzelnen, das Geschäft des Ge- sammtgenius beschlossen zu halten, ist ihnen undenkbarer : denn es ist eng und eitel und anti- genialisch. Geist zu erwecken, Kräfte zu beleben, ist ihr Dienst und der Lohn ihres Dienstes. Je weiter die Menschheit rückt, je mehr und feiner sich ihre Angelegenheiten und Gefahren verflechten, desto höbere und immer höhere Genien hat sie nöthig. Die Zeit ist vorüber, da man den Namen des Genies bloß Bon Kunst 2 5 ^ an muss,'ge Kunstprodukte verschwendete, oder gar zum Fröhner alberner Ergötzlichkciken machte; höhere Geniccn, kommet uns zu Hülfe. Euch rufet die Zeit. Geschmeckt und geschmeckt haben wir lange; das Angenehmste ist uns zum Ekel worden; beinah in Allem sogenannt Schönen, leiden wir an Ueber- maaß, an Ueberdruß, am Mangel des Triebes, Gefühls und Gcnujses, daß sogar die Philosophie a priori es dem Gcmeiiistnn deducircn dürfen, „Kunst sey nichts als ein Spiel der Empfindungen und der Einbildungskraft ohne Zweck und Begriff." Komm' uns zu Hülfe, Geist, der dieß kindischgrausame Spiel, das Schlenkern des Maikäfers um einen Stab, damit er sumse, in Theorie und Ue- bung, der Verachtung Preis gebe. Die herrlichsten Talente, die größestcn Genien auch in unserm Volk, woran mußten sie ihre Gaben oft und meistens verschwenden? und wie mißbrauchen wir ihre Werke? In Musik und bildender Kunst, in Dichtung und Rede, noch mehr in That und ordnenden Gedanken jahnen wir dem Genius zu, höchst ungcniaüfch. Wer erweckt Hunger in uns, damit wir nicht nur schmecken, sondern auch Lebenssaft empfangen ? wer weckt in uns Neigungen, Kräfte? Und zwar von Kindheit, von Zugend auf: denn ach, o Genius, dein spateres Erscheinen ist schmerzhaft. und Kunstrichterey. 255 H. Geschmack. Geschmack (wissen wie alle) ist der individuelle, augenblickliche Reiz der Zunge, die Wirkung eines Gegenstandes auf ihr Organ, von dem sie weiter keinen Grund angebcn kann, als daß es ibr so und nicht anders schmeckt, d. i. vorkommt. Geistig angewandt kann also Geschmack kein Prinzipium des Wohlgefälligen oder Schonen werden: denn er ist Erstens individuell; vielleicht kostet eine andre Zunge anders. Zwei te n s. Er gilt nicht für alle Zeiten: denn der Geschmack ändert sich mit Umstanden, vielleicht mit Augenblicken und Jahren. Drittens. 'Er kann überhaupt kein Prinzipium seyn: denn er giebt keinen Grund an; ja er schneidet es ab nach einem Grunde zu fragen. Wahrscheinlich war der letzte Umstand eben die Ursache, warum die „Kritik" dieß Wort wählte. Ohne Gründe, Begriffe und Vorstellungen darf ich kosten, um zu kosten, und jedes Warum abweiscn. „Mir schmeckts also. Meine Zunge hat gcurtheilt, der höchste Postulator." Was man vom Geschmack gewöhnlich aussagt, weiset darauf hin , daß er kein erstes Prinzipium der Kunst seyn könne und seyn dürfe. Man nennet ihn grob und fein; wo liegt die Regel dieser Schatzung § Den gemeinen Geschmack nennet man verächtlich; wie mag also der Gemein sinn, d. i. der gemeine Geschmack eine Regel des Schönen seyn, des höchsten Schönen? Man spricht von einem National- und Zeitgeschmack, die man bald lobt, bald tadelt, über welchen man aber das Von Kunst -56 achte Werk der Kunst und des Genies emporhebt. Endlich redet man vom unreifen, vom verderbten, vom schiefen und uneingeschränkten , vom allgemeinen, vom barokken Geschmack; lauter Anzeigen, daß Er nach einer Regel gebildet werden müsse, nicht aber daß Er die Regel bilde. Keiner unsrer Sinne nämlich ist so eigensinnig und veränderlich, keiner aber auch so gewöbnbar und verwöhn bar als dieser. Wo;u haben Menschen, Geschlechter, Völker, geistig und körperlich ihren Geschmack nicht gewöhnt lind verwöhnet? Die Geschichte der Nationen und Zeiten giebt davon Beweise zum Erstaunen. Eben also weil dieser Sinn als der cul t i va bclste erschien, brauchte man ihn zur Bezeichnung des schönen sowohl als des sittlichen GewöhnenS. Durch Muster und Umgang, sagt man, wird der Geschmack gebildet, nicht durch Worte; *) am Gcschmack des Menschen sehe man, mit wem er gelebt? wie er lebe? und dehnt dieß Kennzeichen auf alles aus, wodurch sich der Vortretende zeiget. Kleidung, Ge- behrden, Wohnung, Rede, in ihr Wahl des Inhalts sowohl jals Vortrag, enthüllen den Geschmack oder Ungeschmack eines Menschen, dem Einsehenden unabbittlich. Hat der Geschmack ein so weites Reich, daß er sich in Allem zeiget, und zugleich eine so eng-andringende Sphäre) indem er im eigensten Habitus eines *) 6n8tu8 non traäitnr arte, sagt 2 Uirtiliai>. und Knn strich tcrcy. 2Z7 eines Menschen oder eines Volks, in seinem.Kreise von Gegenständen, Bemerkungen und Empfindungen wohnet; ist der Gcschmcick so stolz, daß er fast nie verzeihet, und doch zugleich so cnltivabel, daß er sich beynah zu allem gcwöbnet; so verdient er eine tiefere Beherzigung, als daß man ihn blos .als ein flüchtiges Unheil flüchtig betrachte. >. Erfordernisse des Geschmacks. 1. Eine unreine Zunge schmeckt nicht; stumpfe Organe empfinden nur nach den schärfsten Reizen, oder sie kauen mehr als sie empfinden. So auch der geistige Sinn des Menschen. Umschlammt von Vorurtheilen, unerwcckt trage in niedriger Gewohnheit ist der Geschmack grob, khierisch. Wer einem Volk Reizbarkeit geben, wer im Denken sowohl als im Begehren und Handeln Hindernisse des richtigen Erfassens der Dinge, ihres Empfindens und Ancignens dadurch hinwcgthun kann, daß er den Beistand aufhellet, die Kraft des Willens auf den rechten Punkt lenkt, der befördert damit den bessern Geschmack des Volks; ein Woblthater der Menschheit. Was die Reinigung des Verstandes von Vor- urtbeilen, die Wegraumung schlaffer Gewohnheiten in Sitten und Künsten, die Richtung d>r Neigungen aufs Bessere bei Rationen gcwirkct, zeigt eine Vergleichung der Jahrhunderte, Nie war der Geschmack eines Volks etwas anders als eine Folge sei- Herderö Werke z.Phil, u. Gesch. XV. R 258 Von Kunst nes ganzen Habitus im Denken, Empfinden, Handeln, die Aeußcrung seiner Zwanglosen Lust und Freude. 2. Der Geschmack löset auf und scheidet; eine schnelle oder behutsamere Analyse ist sein erstes Geschäft, ohne welches er nicht stakt findet. Das Gefühl nimmt ganz auf, oder gicbt dem Gegenstände sich ganz hin; der Eindruck, den eS empfindet, ist stark, aber ungegliedert. So empfinden rohe Menschen; Key überraschend - großen Gegenständen empfinden wir alle also. Menschen dagegen von ruhig-zarten, nicht schlaffen Sinnen, die bcy dem Erfassen des Ganzen leicht in die Thei- le übergehen, und sich eben so leicht aus diesen das Ganze bilden, sie sind vorzüglich zum feinen, richtigen Geschmack geeignet. Andre, in denen Eine Empfindung alle überwiegt, bleiben nicht nur vielen Gegenständen unempfindlich, sondern hangen auch in ihrer Welt der Gefühle vom Stoß und Triebe des Moments so gewaltig ab, baß ihnen Zeit und Fähigkeit zur Analyse mangelt. Dos Zranclss booa- cies son piarn Aranäes pmlaäaros, sagt das Spanische Sprüchwort, *) und Graziano bestimmt damit sogar eine eigene Gattung des hohen Geschmacks (Austo relevante). Die mittlere Region zwischen dem zu Vesten und zu Zarten ist unstreitig die Temperatur der feinen, doch nicht überfeinen Analyse. Daher heißt kosten eigentlich prüfe n. *) Für einen großen Mund gehören große Bissen. Orav. ninnusl äs lb>or, OrnriiMo. ^tkor, 65. und K u n s t r i c h I e r cy. 2!1g 3 Da diese Analyse indeß nur zur Aneignung deS Gegenstandes geschieht, ohne welche alles Analysiren lästig und vergeblich wird, so ist, was alle gebildete Nationen durchs Wort Geschmack eigentlich bezeichnen wollten, der letzte, höchste, sei n ; u sa m m e n fa s s e n d e Punkt des Reizes einer Sache, von dem sich weiter keine Gründe anqeben lassen, der aber als ein „Ich weiß nicht Was" des Wohlgefallens oder Mißfallens innig vergnügt, mächtig wirket. So sprachen Montesquieu, Voltaire, Mcngs, Cooper, Gerald, u. a. über den Geschmack als über die feinst e u n d l e tz t e P o l i t u r des Urtheils in einer z u s am m c n f a s s e n d e n Empfindung des Ganzen; und unterschieden ihn sowohl vom Genie als von dem Empfindungslosen Urthcil des kalten Verstandes. Genie bringet hervor; glücklich , wenn es mit Geschmack hcrvorbringt, d.. i. mit Zusammenfassung des Vielen zu einer harmonisch- ergetzenden Einheit. Eben diese Einheit macht dem Genius die Hervorbringung, andern die Anschauung seines Werks leicht und anmuthiq; die Mühe der Politur selbst wird ihm angenehm, indem das Ziel ihm beständig vorsteht, die leicht zu fassende, in allen Tbeilen ü b e r e i n st i m m e n d e, anmu - thige Einheit. Geschmack kann die Stelle des Genies nie ersetzen, oder er erkünstelt schwächliche Arbeit, der bei allem Glatten und Einnehmenden das Wesentliche, Geist und Leben, fehlet; wohl aber wäre es nur ein rohes Genie, das ohn' allen Geschmack arbeitet. Der Geschmacksurtbcilcc nennt sich gewöhnlich Kenner, warum ist der stolze Name zum Schimvf R 2 Von Kunst llüll worden? Eben weil er meistens anS dem Bezirk des Geschmacks hinausschreitet und noch den beide» „Eigenchümlichkeiten des GefchmackSurtheils," die die „Kritik" feierlich stslsteUt, „seinen Gegenstand in Ansehung des Wohlgefallens (als Schönheit) mit e in e m A n s p r u c k auf Jedermanns Veist im mung ohne Beweisgründe bestimmt, mithin unaufhörlich postuliret." Diesem Kcnnersto.!;, dem das Kunsturtheil in einem vornehm-entscheidenden Kitzel auf der Zunge wohnet, ist die Kunst sowohl als der gesunde Verstand feind; fein Spiel ist ihnen lächerlich, sein Gebot verächtlich. Das echte Geschmacksurtheil ist für andre Aussage, Zeug- niß, kein Nichtcrspruch; je feiner es den feinsten Punkt des Wohlgefälligen trifft, desto mehr beschei- det eS sich, daß es nicht für die Menge kostet. Dieser behagl die Ananas oft weniger als die Distel. 2. Verschiedenheit des Geschmacks. Daß man über den Geschmack nicht dispukiren müsse, ist eine weise Regel: > denn woher und wozu der Disput, wenn er nur den Geschmack betrifft und keine Gründe anzuführen weiß ? Ohne Gründe wirst du den andern nie überzeugen; hvohl aber verwirren oder gar wider dich aufbringeu; der deinigen setzt er seine Anmaaßung entgegen. Ja, spräche er ohne Gefühl dein Urtheil nach, was hast du aus ihm gemacht, als einen Heuchler und Wvrtmißbrauchcr ? Un- und Kunstrichte re y. 26t zahliche solche haben wir in Sachen deS Geschmacks zmn Nachcheil der Sprache sowohl als jeder wahren Empfindung ; in Betreff des feinsten Punkts dieser ist das Postulircn sogar unhöflich. Verschieden ist der Geschmack der Menschen und muß es seyn r. Nach der Beschaffenheit ihrer Organe, ihres Temper a ments, ihres K l i- ma. Gehet die Charte der Völker durch, ihr werdet finden, daß mit den Nationalbildungcn sich auch der Geschmack der Völker in allem, was zur leichten Erfassung des Angenehmen und Schönen gehört, merklich ändert. So unterscheidet sich der Geschmack der Mongolen, der Indier, Perser, Türken, Griechen , in Ergötzlicbkeitcn , in Kleidung, Musik, in phantastischen Erzählungen, Spielen; in jedem Volk bemerkt man eine ihm eigne Wendung in Zusammenfassung des Angenehmen, d. i. Lust un d Lieb e nach feiner Weise, die ohne Zweifel im Vau seiner Organe und ,im Ver- haltniß derselben zu de» ihnen entsprechenden Gegenständen den Grund hat. Mil einem liebenden Neger über das Ideal seiner Schönheit, mit einem Türken über den Werth der Jtaliänischen Musik, mit einem Sineser über das Europäische Eerimoniel dis- putircn, hieße Zeit und Athem verschwenden; so widersinnig es gegenseits Ware, wenn man den Geschmack ferner Zone», fremder Temperamente und Organe wider Willen der Natur sich zueignen wollte. Was zum innigsten Erfassen und Genießen der Lust und Freude gehört, bleibt und bleibe dem Himmelsstrich , unter welchem es empfangen ward. In Jta- 262 Von Kunst licn z. B., in Griechenland, in Asien erscheinen die Farben dem Auge anders, als Key uns; der Geschmack (wenn cs auf nichts weiteres ankcmnu) darf sie dort also, wie sie ihm erscheinen, zufammcnfetzen, wählen, gebrauchen; unter uns dagegen bleibe Jeder seinem Klima, seinen Drgamn treu, ebne der Heuchler und Nachaffer eines fremden Geschmacks ohne Geschmack, d. i. ohn' einheimische und eigeiuhüm.- liche Lust, Liebe und Empfindung zu werden. 2. Gewohnheiten bilden den Geschmack; insonderheit frühe Gewohnheiten der Kindheit und Jugend. Kein fröhliches Volk giebts auf der Erde, das nicht in einigen Dingen, und zwar eben in denen, die es mit Lust 'und Freude trieb, sich eine Art eignen Geschmacks erworben hatte, der oft auch daS Auge des Fremdlings reizet: denn meistens waren es Jünglinge und Mädchen, die, was zum Kreise des Lebens gehört, zu besorgen hatten, und sie besorgten es fröhlich. Ihr Blick faßte zusammen, wie es am schönsten gemacht werden könne, und traf dies «schönere glücklich; denn was sie machten, waren oft Geschenke, die sie dem Geliebten geben, ein Hausrath, womit sie glänzen, ein Eigenthum, womit sie andre üdertrcffe» wollten; diese Neigungen beflügelten den Blick, eben den Punkt des Reizes zu finden, der andern fehlte. Ucbcrhaupt. sind in Sachen des Geschmacks daS Weib mit seinen zarteren Drgancn, die Jugend in ihrer frohen Thatigkeit jederzeit die muntersten Wählerinnen gewesen; der Mann, zumahl nach Jahren , bcgiebt sich des Neuen, treu dem Alte», so unbequem und Geschmacklos cs seyn mag; ihm ists und Ku n st r i c h tf rey. 263 Gewohnheit. Unter Völkern, wo das Weib als eine Magd der. Hütte arm und in einem gewaltthati- gen Klima dem drückendsten Bedürfniß dienet, ist an Geschmack weniger zu denken, als bey Völkern die unter günstigem Himmel ihr Spiel des Lebens treiben. Wie oft lachten diese den zwar Kunstvollen aber ungeschickten Europäer aus, mit stolzer Freude, daß sie die Kunst zu leben besser als Er verstanden, und sie von Jugend auf leichter, glücklicher übten! Ist Geschmack ein Kind der Lust und Freude an Dingen des Lebens ; wo wohnet er lieber als bey fröhlichen Völkern? 3. Den Geschmack fixirten Muster, denen man willig folgte, Ucbungen, dieman mit Lust und Liebe »achthat. Bemerkte man die gute Wirkung des Geschmacks im Andern; mußte man nicht auf den wirkenden Punkt des hervorstechenden Reizes in ihm aufmerksam werden und ihm nachstreben? So ward der Geschmack eines Kreises der Gesellschaft, einer Familie- und Zunft, einer Stadt, eines Landes gebildet, ohne Gesetze, durch Nacheiferung oder durch eine willige Nachfolge, die endlich Gewohnheit ward; Gewohnheit, die oft auch das Widersinnige angenehm macht, blos weil man sich daran frei gewöhnte. Gebieten Gesetze dem Geschmack; wehe sodann dem Reiz, der in ihm immer doch der lebendige Punkt sepn jollte! Oder haben Wohlgefallen, Lust und Liebe Dch in ihm überlebt; 0 so jahnt man, um Geschmack zu haben, dem alten Schemen zu, und folgt ohne Geschmack der Geschmacksgewohnheit. Von Kunst 264 Nichts ist daher einem Volk, einer Gesellschaft, Spruche und Zunft schädlicher, als wenn Gesetze sich zumul des noch unreifen Geschmucks einer Nation apodiktisch bemustern; sie morden den des- Fern Geschmack auf eine Reihe zukünftiger Geschlechter. Beyspiele davon sind das alte Aegypten, China von Alters her; und bei uns in Standen, Zünften , Gewohnheiten, giebt cs nicht auch manches sipirte Geschmacks-China? 4. Neu-hervorstechende Muster n 11 d Uebungcn andern den Geschmack, zum Bessern, zum Schlimmern, wie cs die Zeilen geben» Ein Geschmack, dcm man sein Veränderliches ansieht, heißt -Mode; man macht sie mit, wenn sie nicht zu albern ist, der Verständige hält aber nicht mehr von ihr, als sich zu halten gebühret. Geschmack eines Einzelnen in Uebung gesetzt, heißt seine Manier; wenn eine Schule diesem Lavoir fairs folgt, heißt cs Manier der Sc hüll e. Nolhwendig wird durch sie der Geschmack verenget und unrein: denn er hangt nicht blos ohne Urthcil am Urtheil, sondern auch an der Wirkungsweise des Einen, eines Fremden. Dadurch verschiebt man sich für alles Bessere und Freiere den Anblick, das man schief, enge und parkhei- isch ansieht, und lähmt sich zu jeder eignen freien Kraftübung. Ist der Geschmack des Einen vollends Geschmacklos, Gcschmackverderbend, weh der nach- ziehenden Eefchmacksheerde! Die Geschichte der Volker und Zeiten halt uns hierüber warnende Bey- fpiele vor: denn wie traurige Perioden bat der Ge- und K u n s t r i ch t c r e y. 265 schmack Europa's durchlebt, und wo stehen wir in Manchem mit ihm noch jetzo? 3. Bildung dos Geschmacks. Es hing nicht von uns ab, zu welcher Zeit, in welchem Lande wir gcbohren wurden, welche Muster sich uns zuerst und am tiefsten eindcückken, mit welchen Menschen wir lebten und leben mußten; wohl aber hängt es von uns ab, uns Red' und Antwort hierüber zu geben und soviel an uns ist, den aus allen diesen Umstanden gewonnenen Geschmack zu bilden, zu bessern. Die Hauptfrage hiebey ist also: woran hast du Geschmack? d. i. was treibst du mit innerer Lust und Freude? Nichts? Du folgst in Allem der tragen Gewohnheit; wohlan stelle dich wohin du willst, nur nicht auf die Seite der Kenner, im bessern Sinne des Wortes. Wie viel ehrbare Leute werden abgeschmackt, sobald sie über Sachen des Geschmacks den Mund offnen. Sprache jeder aus seinem Kreise über Dinge und Uebungen, denen er den höchsten Punkt des Reizes in Theorie und Uebung abgewann, wie unterrichtender, anmuthigfrischer und nützlicher würden manche Unterhaltungen, die jetzt als Almanachs- und Thea- terconversationen, leere Danaidenfasser walzend, unser Ohr betäuben, unsre Seele veröden. Eben ein Zeichen der Geschmacklosigkeit ists, zu wahnen, daß nur bei den sogenannt-schönen Künsten, Musik und 266 Von Km, ft Malerei, bei Tanz und Nomancn Geschmack nöthig oder möglich sei); da wir doch offenbar sehen, doß der anmaaßendste Kunstkenner und Gcschmackskramer dieser Künste der abgeschmackteste Mensch in seiner Lebensführung, ja in der Weise selbst seyn könne, in der ec diese Kennerschaft anbringt. , Wer Portier und Pompeji sah, der weiß, daß die Griechen Geschmack in Allem übten; im kleinsten Hausgerath, in den Gräbern selbst ist er sichtbar. Und so sollte kein Volk, kein Stand, kein einzelner Mensch sich des Geschmacks rühmen dürfen, der nicht in Allem, was von ihm abhangt, Geschmack zeiget. In mancher armen Hütte wohnt der Geschmack angenehmer, als im überladnen Pallast; in einer anständigen Kleidung kann er sich edler zeigen, als im buntsten Flitterstaat; an einer einfachen Tafel reizender, als beym Krönungsftst des römischen Kaisers. Kann und soll also Geschmack in Allem herrschen, was mit eigengefühltcr Lust und Wahl zur Sphäre unsrer Wirksamkeit gehört, 'so treten hiemit sogleich alle fernher erborgten fremden Künste Seitwärts, sobald sie nicht mit Geschmack, d. i. mit Anwendung auf unfern Lebcns- krcis angenehm und würdig gebraucht werden. Dein Griechischer Geschmack, deine römische Beredsamkeit, was Hilst sie dir und uns, wenn du sie wie ein Kamtschadal anwendcst? Giebts nicht über Sachen des Geschmacks gerade mit dem größestcn Ungeschmack geschriebene Folianten? Die Kenntnisreichsten Antiquare, waren sie nicht oft die Geschmacklosesten Barbaren ? Hier also fange das Werk an. In der ei- und Kunstrichterey. 267 gcnsten Funktion unsers Lebens, in der uns enganschließenden Spbare von Empfindungen, Verrichtungen und Gedanken sollen wir uns Geschmack, d. i. den lichtesten Prmkt der verständigsten, leichtesten Wirksamkeit mit Lust und Liebe erwerben; oder alles Schöne fernher gebrachter Wissenschaften und Künste wird Zeitvertreib und Zeitverdcrb, eine Trödelei, die wir bald beiseit legen, weil sie uns zuletzt aneckelt. Das Lesen der Alten selbst, wenn es nicht bis zum innersten Kern dringt und uns zu ibren Gesinnungen in einer ganze» Lebensweise bildet, sondern blos Kennerschaft bleibt, ist auch Ungeschmack: denn berauS mit der Sprache! Jsts Geschmack oder Ungeschmack, wenn alte Autoren so gelesen, oder wie man sagt, getrieben werden, daß, wenn die Muse will, Alles bei ihnen hcrvorspringt, nur nicht der lebendige Punkt, auf den sic Alles anlegken? Wird dieser nicht mit der Leichtigkeit, Lust und Liebe gefasst, die unabtrennlich vom Geschmack sind, was nützen den Armen, die ihr mit Eurer Gelehrsamkeit quälet, die trefflichsten Geschmacksmuster? Auf Lebenszeit habt ihr ihnen diese verleidet. Jsts Geschmack oder Ungeschmack, wenn man die alte oder neue Geschichte ohne lichte Punkte des Zusammenhanges, des Ueberblicks, der Anwendung auf unsre Zeiten vortragt? Jetzt wird sic ein Labyrinth, dann eine Wüste, in der längst vergessene und der Vcr. gessenheit würdige Namen wicderhallcn, ohne daß sie einmal angenehm tonen. Jsts Geschmack oder Ungeschmack , wenn griechische Formen widerstrebenden Gegenständen nicht angepaßt, sondern wie Gypsfor- men übcrgossen werden, so daß der Gegenstand selbst zuerst darunter erstickte ? Ungeschmack oder Geschmack, 263 Don Kunst wenn man eine Jugend, die kaum der Schulbank entrann, mit Geheimnissen der Transcendenz so übcrladet, daß sie fortan den Geschmack an aller Erfahrung, dem leidigen Empirismus! verlor, und sich ihren Geschmack u priori bildet? silnter solchen Ge schmucken lebe» wir und sind ihrer gewohnt; oft ohne ein Fünkchen wahren Geschmacks, d. i. eigen gefühlter innerer Lust und Liebe zu dem, worauf es ankommt, woraus und wornach sich Alles leicht faßt, und bezieht und ordnet. Die Ursachen dieses Ungcsehmacks hercrzählcn, hieße eine Jliade der Uebel singen, unler denen die Hekuba des Schulgeschmacks sowohl, als die vom Apoll begeisterte Eassa ndra leiden. Von allen nur eine Ursache, die unanstößigste von der Geschichte erwiesen. Außer dem Jagd-, und Heer- und Zunftwesen ist der Geschmack unsrer Nation eine fremde Wanze, auf einen rauhen Boden, spat herüber gekommen, aus manchcclev Völkern. Nic*hat er in ihm tiefe Wurzel geschlagen, noch weniger ist er zur Reife gediehen, und am wenigsten ist er in feincrn Dingen Nationalgeschmack worden. Da der Einrichtung nach unsre hohe und niedre Schulen größtenthcils noch im sechszehnten Jahrhundert sind, und an dieser Einrichtung sich unter dem Schutz der Dürftigkeit ein langstvcrlebter Geschmack unglaublich fcsthalk; da ganze Stände am wahren Geschmack gar nicht Theil nehmen, und nur von dem wissen wollen, der an Tafeln, in Besuchfalen, oder bei Gelagen und in Stallen wohnet; da die Vcrthcilung unsrer Nation an sich selbst schon den buntscheckigsten Geschmack hcrvorbcingt, vielfach ge- färbt, wie die deutsche Reichscharte zeiget; da endlich außer den Alten der Arabisch-, Spanisch', Französisch-, Englisch-, Italienische (warum nicht auch der Türkisch - und Ruffische?) Geschmack periodisch oder durch einander" ibr Werk in Deutschland getrieben baden; wie wäre, bei der gutmürhigen Nachgiebigkeit und Anhänglichkeit der Deutschen a» alles Fremde, ein sichrer Geschmack unsrer Nation, aus innerer Liebe, auf den wesentlichen Punkt des Lichtes und Reizes gerichtet, nur denkbar? Sacke voll fremder G e s c h m a c k e sind über rms geschüttet, und werden über uns geschüttet werden, mit gleicher Gleichgültigkeit der Deutschen zu Dem und Jenem. Aufs lindeste zu reden ist unser Geschmack also jung und unreif, vermische und ungesvndert, zu gukmü? lhig - nachgcbend , d. i. Charakterlos, gleichgültig und — ohne Geschmack, vhn' innere Lust und Liebe. Sind wir im äußerst langsamen Werden; wenn werden wir geworden seyn? wer weiß cs? A. Hülfsmittel zur Bildung des Geschmacks. Wem weihe ich diese wenigen xiu votrr? Der Zeit und der Hoffnu n g. r. Frühe muß die Bildung des Ge- schma cks ansangcn, oder sie kommt zu spat, zumal bei eigensinnig - harte» Organen. Glücklich, wer sagen kann: „ich sah und hörte von Kindheit auf „nichts Ungeschicktes; das Geschmacklose ward mir, „wie das Laster der Trunkenheit den Spartanischen „Knaben an Sklaven gezeigct. Früh lehrte man „mich in jeder Sache den lichtesten Punkt finden, „in jeder Ucbung die leichteste Weise frei und frob „treiben." Wer von diesem Glück nicht sagen kann, vielmehr seinen Geschmacks-Becher lange und langsam von Hefen läutern mußte, der komme andern, er komme der Jugend zu Hülse, für sie ihn zu läutern. 2. I n nichts sey Unge sch mack erlaubt, weder in Werk noch Lehre, weder in Wissenschaft noch Uebung. Gs ist selbst Geschmacklos, wenn man Materien des Geschmacks absondert und sich damit ein großes Reich des Ungcschmacks Besitz- mäßig vorbehält: denn da Geschmack kein Rcdcziec- rath, sondern die ganze Art ist, eine Sache anzusehen, ein Geschäft zu behandeln; so sind Geschmack oder Ungeschmack untrennbar von uns im Kleinsten und Großesten; Eins oder das Andre müssen wir zeigen. Kein Buch also sollte Geschmacklos geschrieben seyn, wovon es auch handle; Euklids Elemente, Newtons Principien, la Place Werke sind ihrer Art nach im größten Geschmack, Kästners mathematische Schriften mit eben dem treffenden Geist, wie seine Vorlesungen und Epigramine geschrieben. Kein Ungeschmack im Vortrage sollte erlaubt seyn: denn jede falsche, dunkle, nebelhafte Jdeenverbindung, jedes lahmende Gedanken- und Wortspiel hat Geschwister, Nachbarn, Freunde. Kein Geschmackloses Buch sollte der Jugend in die Hände gegeben werden, auch bei dem reichsten Inhalt desselben: denn je mehr sie an diesem hängt, und Kun stc i chter ey. 27» desto tiefer drückt sich ihr mit dem Inhalt die schlechte Form ein; offenbar zu ihrem mindern Nutzen als Schaden. In dieser Geschmacklosen Form und Manier denkt sie jetzt weiter. Hatte die kritische Philosophie uns Geheimnisse entdeckt, die von der Welt Anfänge an verborgen gewesen waren; die Art ihrer Entdeckung hat einen Skotismus verbreitet, der von Lehrstühlen bis zu Kanzeln und zum Theater reichet. 3. Nichts schadet dem schlaffen odet unreifen und verwirrten Geschmack einer Nation mehr, als wenn man ihm alles zum Spiel macht, und dies Geschmacksspiel sogar auf seynsollende Grundsätze desselben, auf Wortspiele gründet. Dadurch wird dem gleichgültigen oder dem glaubenden Haufen dann Alles ein Spiel, ein Zeitvertreib zum Jahnen, ohne Theilnehmende Erfassung des lebendigen Punkts von Zweck und Wirkung, mithin ohne wahren Geschmack und Ankhcil. Jetzt wird mit dieser, jetzt mit jener Form gespielt, bald der Esel gelobt, bald Satanas apodiktisch erwiesen; Kraft der Antinomie- en des Geschmacks sind alle Geschmacke gut und heilsam. Dieser Gaukelei sollte sich entgegen setzen, was Geschmack hat: denn durch sie wird dem Menschengeschlecht alle wesenhafte Freude und Theilnehmung von Grundaus verderbet. Je artiger die leere Form ist: desto schädlicher ist das Gespenst: denn es lüget. Es lügt Gesinnungen, Empfindungen; die Wahrheit selbst ist ihm Gesetzmäßig Hypokrisis, Lüge. Da dieser kritische Wahn durch apodiktische Behauptungen sowohl als durch gepriesene Muster Ordnung des Tages ist: worauf stehen wir mit un- 272 Von Kunst scrm Geschmack ? Der kritische Geschmack, auf dem AllcS steht, behauptet selbst von sich, daß er auf nichts stehe, sondern ein Spiel sey; ein Spielge- schmack aber, ein vornehmer Schemen, auf dem Alles ruht, ist der leichtfertigste, mithin der schlechteste Geschmack von allen. Holde Gabe, wem sic verstehn ward, und wer sie von Jugend auf rein und allgemein, und richlia, und leicht, und ernst auszubilden strebte, Geschmack! feinster Fade» im Gürtel der Grazien sowohl, als im Schleier der Musen. In allem lehrt der Geschmack Uebertreibungen mildern, Superlativen vermeiden, thorichtcn Antipathiecn entsagen, schwär» inenden Sympathiecn entweichen, neben dem Licht auch den Schatten, der jenem aufhilft, erkennen und dulden, allenthalben aber den Punkt treffen, durch den uns Alles licht und leicht wird. Was das schnelle Erfassen des Wahren dem Verstände, was die Regung des moralischen Gefühls dein Wille», ist zwischen beiden in 'Ansehung des Schonen und Angenehmen sowohl in Empfindung als Ucbung der Geschmack, d. i. die leichte und sichre Eomprc- hcnsion desselben im feinsten Punkt seines Reizes. HI. Kritik. Genie erschafft, Geschmack kostet, Kritik urtheilt. Mithin will sie Gründe des Urthcils; sie setzt einen Zweck dcs Werks voraus und halt an lind, Kunstrichterey. 27Z ' an ihn die Mittel seiner Erreichung. Ihr liegt ein Gesetz, eine Regel zum Grunde, die sie an- wendek. Eine Kritik ohne Gesetz, ohne Regel und Gründe heißt Akrisie und ist blinde Willkühr. Sie zerreißt den Faden Heller Begriffe und Uctheile, der von Griechenland aus durch alle culkivirte Nationen fortging, und öffnet der apodiktischen Barbarei) die Thore. Dem Namen selbst nach ist Kritik Ausspruch nach einer Regel, die dem Beurtheilten sowohl als dem Urtheiler unerkennbar, von beiden anerkannt und dem Werk anpassend ist, über welches gesprochen werden soll. Ohne diese Bedingungen ist der Ausspruch des Richters eine u n ap 0 d ik ti s che Apodixis, d. i. ungebührliche Anmaßung. Echte Kritik mit Gründen, nach Gesetz und Regel, ernsthaft erwogen, unpartheiisch gesprochen, ist einer Nation unentbehrlich: denn wer sollte die »»belehrte Menge belehren als die Kritik mit Gründen ? Ein apodiktisches Tribunal dagegen, das ohne Gründe, nach einem Codex, der Begriffe, Zweck und Vorstellungen des Zwecks förmlich aushebk, nach solchen willkühclich oder leidenschaftlich spricht, ja die Gesetze selbst in ein Spiel setzt, mit dem man spielet, ein solcher Markt ist der Nation eben so unanständig als schädlich. Ueber s keines Vernünftigen Werk urtheilt man vor einem Vernünftigen ohne Gründe. Wer sich nur vor einer Nation und zu ihr sprechend über alle ihre Gcisteswerke dergleichen apodiktische Urtheile anmaßt; entweder muß der erweisen, daß über ihn der Geist alles Genies und Herders Werke z. Phil. u. Gesch, XV, S Xe-l/sZ-oue. Non Kunst Wissens, aller Kunst und Eultur gekommen sev, oder die Nation betrachtet ihn als ihren Schätzer und Hohn er. Faktoren eines merkantilischen Instituts, die nach jeder Messe alle Produkte des" Genies und Fleißes, der Kunst und Wiss-nschaft, der Wünsche und Bestrebungen ihrer Nation vom Titel aus zur Beurtheilung an ihre Söldner vertheilen, spotten der Nation selbst mit ihrem Namen. Redakteurs des Geistes der Nation, Faktoren ihrer K ritik aus A urori tat eines Verlegers, als Namen schon bezeichn, n sie Anmas- sungen, die der Geist des gesunkensten Volks nicht erlauben dürste, nicht erlauben müßte. Womit habt Jbr gezeigt, Schätzer-Faktoren, um das Zutrauen der Nation zu verdienen, daß Ihr die Be- urtheiler auch nur wählen, daß Ihr die sämmtlichen Bemühungen ihres Geistes an eure Zunft auch nud verthcilen könnet? und wer ist diese Zunft? Sc hä» tzer - Faktore n. Was heißt Recension? Der Name selbst enthält des Amts Pflichten. Eine genaue Ueber- zähl u u g oder Erzähl u » g dessen, was die Schrift enthält, nothwendig jeder Schrift in ihrer Weise — heißt Recension; also >. Arbeiten des Fleißes wollen eine treue Bestimmung dessen, was dieser Fleißige geleistet; ihre Recension setzt eine eben so genaue Kenntnis! dessen voraus, was vor ihm geleistet worden. Wer disse Kenntniß nicht hat, oder die fleißige Arbeit genau durchzugehen nicht Zeit, nicht Lust hat, ist kein 2. Wissenschaften und Künste federn einen Beurtheilcr, der die Wissenschaft, die Kunst genau kennet, und wie dies Werk zu ihnen siehe, Partheylos schätzen kann. In echten Wissenschaften gelten nur Axiome, klare Deduktionen, Erfahrungen, Schlüße; Postulats, die sich nicht durch sich selbst erweisen, verpflichten niemand. Zumulhungen, dergleichen anzunehmen, zernichten das Amt der Kritik völlig, und setzen an ihre Stelle einen literarischen Papismus. Bei den Künsten der Zeichnung wie Key der Wissenschaft liegen Werke dem klarsten unsrer Sinne vor Augen, der mittelst angegebner Gründe jeden Zwist entscheidet. In beiden urthcile nur der Meister, der Kenner; der Halbkenncr, der Ecschmackströdler schweige. 3 . Dem Genie bücke sich die Kritik; auch mit seinen Fehlern gebührt ihm Hochachtung: denn das feinste Urtheil als solches steht unter dem Genie; dies erfinde oder stelle dar, es entdecke oder bereite Entdeckung vor. Wer nicht beleben kann, soll auch nicht tobten. Eben den licbcralsten, den Genie-ahn- lichsten Kritiker zeiget es an, wenn er das Neue, das Schöne und Gute, anszeichnend ins Licht stellt, und wenn er kann, vervollkommn die Tadclsucht dagegen, die blos an Fehlern hangt und Federn ab- lieset, sie vcrräth eine kleinliche Seele. Ein Jahrbuch , das in jeder Wissenschaft und Kunst nur das Neue, Große und Schöne zum Nacheifer und weiterem Verfolg ansstellle, wäre ein Werk, dem Genius heilig, aufmunternd und nützlich. Nur daß, wie Lessing oft bemerkt hat, diese Hochachtung keine dumme Bewunderung werde! Die- S 2 276 Von Kunst se ist das nutzloseste Ding, das sich statt der Kritik einschleichcn mag, dem Gepriesenen selbst aneckelnd. Setzt vollends der Kritiker sich vor den Gepriesenen hin, uni an seinem Werk eine unerhört-neue Theorie für alle künftigen Werke ähnlicher Art auszusin- dcn, worauf unterm Artikel Genie die „kritische Kritik " selbst weiset: wie schülerhaft wird dies Excr- cicium vorm Angesicht des Meistenverks, das dazu nicht erschaffe» ward, und für den nachahmendcn Haufen wie verführend! Die Gepriesenen der Gott- schcdisch - Klohischen Schule, wo sind sie jetzt? Die kritische, kraft ihrer Postulake, neugeschaffene Idole der kritischen Schule, wo werden sie bald stehn? Das Reich der wahren Kritik ist nur Gin Reich durch alle Zeiten ; Aristoteles und Lessing rücken dicht an einander, und ernsten Schrittes geht die Kritik fort unter den Völkern. Der Halbtheorist wird vergessen; der großäugige Bewundrer siebt in kurzem da, wie am tobten Meer Loths Weib, die Salzsäule. 4. Werken des Charakters gebührt dieselbe .pochachtung, die dem Genius zukommt: denn auch im Charakter wohnt Genius, edler Trieb, Begeisterung. Begeisterung mit Weisheit gepaart, unverkennbare Güte, zum Wohl der Menschen von Einsicht und Klugheit begleitet, gebietet Hochachtung. Die Kritik, der Alles ein Spiel ist, spielt mit dem Ernstesten am liebsten. Sind dies der Kritik Pflichten, was hat bei ihrer Vernachlässigung die Nation für Mittel dagegen ? Ernste Mittel: denn so wenig ihr ein falsches Maas und Gewicht gleichgültig sevn kann und soll, so wenig soll ihr in Gcisteswerkcn ein Maas und Kun stri c hte re y. 277 »hne Regel, d. i. ei» kritisches Unmaas gleichgültig bleiben. Auch ist k ci l t e Verachtung nicht das Einzige, womit sie den Unwissenden oder Muthwilli- gen, der sic hintergeht, und mit ihr ein kritisches Spiel treibt, zu strafen hakte ; sondern r. Desto wärmere Theilnehmung an dem Beleidigten soll den Beleidiger strafen. Alle Männer der Wissenschaft und Kunst treten für den auf, an dem eine Kunst und Wissenschaft sgeschmä- het oder in Fortschritten zurückgchalken ward; so thu» es andre Nationen. Sind wir hierin» zn gleichgültige Deutsche, die wohl gar offenbaren Un» billigkeiten zulachen und mit einem „auch der bekam sein Theil" die Sache abgethan halten; so sind von dieser nieder» Unart gewiß nicht alle Deutsche. Die edlere Nemesis, die Uebermukh und Unrecht nicht dulden kann, schlagt auch in unser,» Bissen. Nie erhielt sich der Ruf eines Uebcrmüihigen nur bis an seinen Tod, geschweige langer; oft strafte ihn un- versehends deS Uebermüthigern Geißel und die strenge Zeit am strengsten. Rühmlicher ist kein Unnntth, als der ohn' Ehrsucht und ohne Parthei, gleichgültig, wie er auch beurtheilt werde, für den Ruhm seines Volks, für Förderung der Wissenschaft, 'für Freyheit des Gebrauchs aller Seelenkrafte, für echte Kunst und das Werkzeug aller Seelenkrafte, die Sprache, zürnet. 2. Die strengere Ahndung gegen den Mißbrauch der Kritik, übe die Kritik selbst, der die Ehre ihrer Kunst werth ist. Indem sie sich der Mitge- noffenschafr mit Halbkennern und Muthwilligcn entzieht, und sie als eine unchrbare Gesellschaft verach- 278 Won Kun st ic. ro. tet, fühlend den Verderb, der Jünglingen auf ihre Lebenszeit zuwächst, wenn sie Kritiker werden, da sie noch lernen sollten, und sich deshalb oben auf dem Parnassus wähnen, überläßt sic die, Kraft der kritischen Pluwfophie, unter jedem Lehrstuhl ausgebrü- tetcu Nester voll junger Habichte,*) die ohn' alle Begriffe und Kenntnisse kritisch richten, ihrer eignen Ignoranz und Arroganz und Insolenz u. f Scheuend entzieht jeder Edle sich einer Decke, unter welche Namenlos und Benahmt so manches Unreine sich streckt; und es wird eine Zeit kommen, da die Nation selbst sich jeder unwissenden, unanständigen, Regellosen Kritik als eines ihr zugefügten Schimpfs schämet. *) INero is an gier;' ok olnlären, liitle , ibak cr^ oni c>n kbs top ok gnostion, anä aro nrosi t^ranniosll)'olapt, kor it; rbeso are norv tbe kasbion etc. Ikainlar. K a l l L g o n e. Vom Erhabnen und vom Ideal. Dritter T h e i l. I. Vom Erhabnen. >. Geschichte des Erhabnen in der menschlichen Empfindung. Wenn man vom Schönen spricht, denkt man gern an die Griechen. Ist Ihnen ein Grieche bekannt, der vom Schönen und Erhabnen geschrieben hätte? B. Vom Schönen mehrere; Longin vom Erhabnen. Vom Schönen und Erhabnen, neben einander gesetzt, kenne ich keinen. A. Und doch war den Griechen, wie wir sahen, jene andre Verbindung des Schonen und Guten, des Schönen und Rechtschaffnen, Tapfern rc'«^«-Z-L) so geläufig, und vom X«« uchyXc.» oder u'chys« sprechen sie nie? B. In dieser Verbindung klingt schon das Wort widrig. Wenn das Schöne ihnen das hervor sc heinende, das in jeder Art Vortreffliche war, so konnte, von Prunk und Großsprecherei) 282 I. Vom Erhabnen. jWM M 282 I. Vom Erhabnen. n^x«l-7-osi« u. f.) gesondert, das wahrhafte Er- l ^ ^, habene, das am schwerste» zu erreichen ist, ihnen anders nicht als Gipfel des Schonen, Blüthe der Tugend («nz/.y «^^^5 , i-o «u^oo), iniibin x«X- k',^> ^ ' X/^on, das Schönste, das Beste heißen. Man bekommt einen hohen Begriff vom Hoch- k/'V / ^ - ^1Ä l .. ?'! ''- ' sinn und H 0 c b a n s k a n d e (z/L^ceXLcpuAi« , ^L^-eXoTn^sTr-Lt«) der Griechen, wenn man Pin- dar und Plato liefet oder die Denkmahle ihrer' Kunst stehet. A. Und Lang ins Erhabnes (7-0 ur^s^) darf es dem Schönen oder der Schönheit entgegengesetzt chl'/ werden? 0 bei den später» Grammatikern bis zum Bau des Perioden, zur Wahl jedes Bildes und Wortes hinab, fast ins Unendliche ging. **) Der Natur der Sache nach blieben die drei Haupt-Abtheilungen, des Hohen, Mittleren, Niedern die gemeinsten Abzeichen; ihre Grenzen stoffen in einander — ' *) khlietnvic. 3 . 12. S. U.Iietoro8 sslectl, ech bischer» lups. >775. I. Vom Erhabnen. 283 C. Mich dünkt, sie müssen bleiben, diese Merkzeichen , die in der Kunst am deutlichsten erscheinen- Mit Recht har Winkelmann seine Geschichte der Kunst nach diesem großen Maasstabe geordnet. Phi- dias und Lysipp behaupten so wenig Einen Eharakter des Stils, als Anakreon und Pindar. A. Zu abschließend indeß wollen wir auch hier nicht theilen. Lysipp, wenn wir dem Lobe der griechischen Epigrammatisten trauen dürfen (und wir dürfen ihm trauen) gab seinem Alexander ein so Erhabnes , daß er selbst in kleinen Bildnissen ein Gott schien; der Siegcssangcr Pindar dagegen schrieb auch Klage - und Brautgesange. Unsre Nation, die non jeher geschlossene Zünfte geliebt hat, ist bei Werken des Geistes bisweilen gar zu bald mit Gehegen, Wanden und Elasten fertig, die auf Spruch und Gebot als unübersteigliche, ja zuletzt als natürliche Maliern gelten sollen. Kündige sich Jemand in Einer Gattung von Gcisteswerkcn an; sofort soll er auf dem Schamel dieser (Werkstatte Lebenslang ihr Leibeigner seyn. „Am Erhabnen halte er sich, ruft man; was mischet er sich in eine fremde Provinz? warum steigt er zum Schönen hinunter?" — Bei allen Musen! so dachten die Griechen nicht; vielmehr glaubten sie, daß wer im Garten der Grazien wohne, ihn ganz durchgehen dürfe. Die Blume des Thals blühet sowohl für ihn, als, wenn er zu ihr gelangen mag, die höchste Goldfurcht der Hespc- riden. Wie vielartig übten die edelsten Griechen ihre Kräfte, am Schönen sowohl als dem Erhabnen. E. Eine andre Veranlassung fallt mir ein, die vielleicht zur Abtheilung des Erhabnen und Schönen I. B o m E r h a b n e n. 284 einlud; es ist die z w e i g e st a l t i g e Natur selbst, ihr th a t i q - und leidendes Principium, Tag und Nacht, Mann und Weib. Dem Mann gebübrt, sagt inan, Würde (cliAnitun); dem Weibe Anmuch (venu uns). A. Auch hierinn ist ein Wahres, aber in seinen Grenzen. Muß nicht an Ort und Stelle der Mann auch sanft und nachgcbend fern, oder soll er allein das ces^uoi' und -s-n'si-, lauter majestätische Tugenden üben? Gab es nicht unter den Weibern apch Heldinnen an Gemülksstarke? Ist Aphrodite allein Göttin? stehet nicht auch eine Diana, Pallas, Juno, und in der Göttcrreihe DionnsuS und Phöbus da? Und Phöbus, ist er allein Mu- sagetcs, oder nicht auch der zornige Drachentödter? Sitzt Bacchus nur neben der Ariadne, oder errettete er nicht anch den Olvmp? Und um biö zu Kindern hinabzugchn, erdrückte Herkules den Drachen nicht schon in der Wiege? Lasset uns also, wenn wir Geschlechter, Charaktere, Alter und Art bemerken und sondern, moralische Eigenschaften derselben und Geisteskräfte nicht abzauncn. Das Höchste und Edelste sev uns allentkalden das Schönste. In neuerer Zeit wars meines Wissens B u r- ke, der die Topik des Erhabenen und Schönen in Gang brachte. E. Sein Buch hat mich nicht minder vergnügt als unterrichtet, wie es denn auch in drey Sprachen mit Beifall gelesen ist. Jedem Liebhaber des Schönen wünsche ichs in die Hände. *) *) A pbilosnpbloal blri^nir^ lnta tbo Orißin ok our Iclsüs tbe zublimk! auä Lssurikul» I. Vom Erhabnen. E A. Burke war ein Talent - und Einsichtsvoller, ein beredter, und wo ihn Vorurtheile nicht blendeten, ein sehr verständiger Mann. Diese Schrift war ein Werk seiner Jugend, und auch in ihr schon zeigt er ganz den Britten. Sein Erhabnes und Schönes setzt er in zwei Tendenzen der menschlichen Seele, fast ähnlich den beiden Grundkraftcn des Universum nach Newton, Anziehung und Zurücksto- ßung. Wie die Liebe aus sich gebt und sich mittheilt, wie sie an sich zieht und sich vereinigt; so nach ihm das Schöne in seinen Wirkungen und Objekten. Ihm steht ein andres Gefühl entgegen, das uns in uns zurückzieht, uns auf unsrem Mittelpunkt festhalt, stark macht Gefahren zu überwinden, mächtig zu entfernen, was zu uns nicht gehöret. Es ist unser edles Selbst mit tausend Phänomenen erhabner Empfindungen, und Tbaken. Vermöge dieser zwei Kräfte gravitirt und erhalt sich das moralische Weltall, wie das physische durch jene zwei ähnliche Kräfte Newtons. Unser Herz ist der Brennpunkt beyder. B. Ein edles System und bei Burke in einer reichen Anwendung. Fast zürnte ich mit der „Kritik der Urthcilskraft," daß sie das Buch defihalb glimpflich hcrabsetzt, weil es nur „eine psychologische, lUonä. 1757. iUealiarclies pliilaüopbicsnas 8ur Uorlgiire cles Iclees, gne irons avons cln Lenu er cln Suplimc. Uonär. 1765. Philosophische Untersuchungen über den Ursprung unsrer Begriffe vom Schönen und Erhabnen. Riga, 177Z. bei Harlknoch. zuebersetzt von Garve.) 286 I. Vom Erhabnen. d, empirische, nicht aber eine allgemeingültige, transceutentale Exposition mit Gründen u priori^ gebe^). Läßt sich über Begriffs der menschlichen Seele anders als aus und nach ihr phiiosophiren? Alle unsre Gründe er priori der Logik, Metaphnsik n. s. sind sie anders woher als aus der menschlichen Seele? sind sie anders wo als in ihr? Gabe es endlich, da cS hier nicht sowohl abstrakte Ideen als Begriffe und Gefühle betrifft, eine reinere Trans- ccndcnz als die Reduktion ihrer aller auf die eben genannte zwei) Grundkcafte? Sie constituiren die Welt; warum sollten sie nicht auch unser Grmüch constituiren?" **) A. Ich will eine Geschichte des Scho- n en und Erhabne n erzählen. Wer sie wahr findet, stimme mit ein; wer dagegen einzuwendcn hat, sage auch seine Gedanken. Im Anfänge der Zeiten, erzählt die Sage, war in der Natur nichts als Hohe und Tiefe, *1 S. ir6 — i2g. "*) Im Jahr 17611., che Burke's Schrift ins Deutsche übersetzt war, erschienen vom Werk, der Kritik Beobachtungen über das Gefühl des Schonen und Erhabenen, (Königsberg 176h.) feine Beobachtungen voll Witzes und Scharfsinns. Eine Recension dieser Schrift, Muster einer eben so schonenden als riessehenden Kritik von I. G. Hamann (Kenigsbergische gelehrte und politische Zeitungen 1764. Sr. 26.) würde hier eingerückt werden, wenn diese frühere Schrift hieher gehört«. I. Vom Erhabnen. 287 Die Stimme der Schöpfung erschallte; das Hohe stieg nieder, die Tieft empor und es war Ordnung, 22-7^.05. Noch standen Fluthen über der Erde, ein erhabner Anblick. Wolken brüteten über dem kleinen Erdkern in einer fast unbegrenzten Atmosphäre; rings um den Erdkern krachten und spieen Feuer- schlünde. Fluthen und Wolken senkten sich; der Dunstkreis klarte sich ans, allmahlig schwieg das Grimmen der Erde, und es war eine bewohnbare Welt (xsav-sx). Leben regle sich in der Schöpfung; Krieg aller gegen alle giebt dem rohen Sinn ein wildes Erhabene. Hier nicht also. Die Grenzen der .Geschlechter wurden getheilt; der Mensch, begabt mit Vernunft, erschien; das erhabenste Geschöpf. Wodurch erhaben? Durch Vernunft, durch Ordnung. Stamme und Völker tobten gegen einander; schreckliche Thaten geschahn und wurden angestaunet; Menschen, die sie vollbrachten, Mörder, Räuber, Unterdrücker standen als Götzen auf den Altären; das war, sagt man, die Zeit des Erhabnen. Die Vernunft der Menschen klarte sich auf, die Billigkeit erwachte; und die Altäre der Götzen sanken! Die fesselnden Unterdrücker, mit Banden des Gemeinwohls , der Billigkeit und Vernunft selbst gefesselt, fanden sich, und mit ihnen andre, glücklicher als zuvor. Die Zeit des roh - Erhabnen ward eine Zeit des sitt! i eh - S c h ö n c n. In Künsten und Wissenschaften thaten sich Wun- dermanner hervor; sie wurden angestaunet, und je 288 I. Vom Erhob»? n. weniger man sie begriff, desto mehr verehret. Um geltend ihre Gabe zu mache», hüllten sic sich in das Gewand der Erhabenheit ein, mit ungeheurer Wirkung. Man nannte dies die Zeit des Erhabne». Das Licht verbreitete sich; man begriff, woher, was sic thate», sie zu thun vermochten, und ahmte sie nach. Oder man sing an statt des blvs Betäubenden, das Belehrende, das Nützliche, das Angenehme zu lieben ; man suchte die Wahrheit. Das einst nur angestannte Erhabne ward jetzt ein mit dem Geist erfaßtes Erhabenes, das Wohl- t h a ti g s t e, Schönste. Mit diesem Ucberblick der Welt- und Menschcn- geschichte gehen wir in unser eigenes enges Leben zurück ; wie dort, so hier! Klein und schwach empfing uns der Schauplatz der Welt; lauter Erhabnes und Großes, ein Unendliches («TrLiLlln) lag vor uns; ein Unendliches an Vielheit, Umfang, Kraft; von uns unversucht, unerfahren. Wir konnten nicht anders als es an staunen. Der Hobe Himmel! Was träumen wir nicht von dieser erhabnen Burg, von dieser blaugoldnen Wölbung, und von ihren Lichtern, dem Monde, der Sonne, den Sternen! Unsere Kindesphantasie flog in dies Land der Traume, bewohnte den Mond, berührte die Sterne. In den Brunn der Mor- gcnrörhe tauchten wir uns und schifften im Zuge der Wolken. Die Kindhcitspvesie aller Völker der Welt wohnt in diesem Erhabnen. Hohe Gestalten, Götter und Geister lebten einst nach den! Gesammtglauben aller Nationen der Erde in diesen erhabnen Gegenden, über der Veste oder in den Wolken, oder ans einem Olympus. Wie war uns, Freunde, I. Vom Erhabnen. 289 Freunde, als uns zuerst die Nachricht zukam, daß diese Veste, Lust, die Sterne Sonnen und Erden seyn? wie erbabncr ward unsre Aussicht zum Himmel da, und wie schöner! Schöner, weil sie die Heere des Himmels zu ordnen ansing; und immer erhabner und immer schöner, je mehr sie solche nach einfachen, innern, ewigen Kräften der wandelnden Weltkörper ordnen lernte. Jedem von uns bleibt gewiß die Stunde seiner Kindheit oder Jugend unvergessen, da er diese himmlische Offenbarung zuerst empfing; der Mann, der uns unter dem Sternenhimmel diesen Weltaufschluß gab, noch stehet er wie ein Genius vor uns, gen Himmel weisend, unsre Blicke beflügelnd. Jetzt standen wir auf dem Alkol, und fragten: „wo weiter hinaus? wo ist die Grenze der Schöpfung?" Und als der himmlische Genius uns naher trat, auch dies Bild der Einbildung ordnend; er zeigte uns Milchstraßen, Nebelsterne, Sonnensysteme; bis endlich Hersehe! kam und das Buch der Himmel, Blatt nach Blatt aufrollte. Die rob-.erbab- nen Traume unsrer Kindheit mit ihrem dumpfen Anstaunen sind verschwunden; ein Erstaunen andrer Art hat ikren Platz und besitzt ihn ewig. Unser Geist, nicht unser Auge, will jetzt umfassen das Weltall; d. i. er denkt dem Weltordner nach, Gottes ged anken. Nicht Grenzen giebt er dem Unermeßlichen, (kindische Phantasie!) sondern Gestalt, Ordnung nach einer innern ewigen Regel. Das Schönste und Höchste hat er hicmit zugleich erreicht; Herders Werke z, Phil. u. Gesch. XV. T Aa/t-Fone. 290 I. Vom Erhabnen. denn was ist höher und schöner, als «ne nach Einer inner» Regel geordnete Welt (rro-r^o?)! *) Und da nur ein Geist diese Regel denken und wirklich machen konnte, wie nirr ein Geist sie wahrnehmen kann, was ist Erhabner, was ist Schöner als dieser mit seiner Kraft und seinen Gedanken alles erfüllende, ewigschaffende Geist, Er dir thatige Regel alles Erhabnen und Schönen, des Universum. Jeder kleine Bcgrfif falscher Erhabenheiten , sammt ihrer abscheulichen Brut, Entsetzen, Furcht, enge Persönlichkeit, Abgötterei), kriechender Dienst, Heuchelei), Lüge verschwinden. Einer regiert und ist und herrscht ewig., das erhabenste Schönste, das Beste. C. Als zuerst ich das Meer sah; auch ein Unendliches, eine himmlisch- weite Ansicht; bis wo es sich in die Wolken verlor und der Himmel sich zu ihm senkte, verlor sich mein Blick >n die ungc- mcfscne Höhe und Tiefe. Auf einem Bret schwebend zwischen dem Endlosen über und unter mir, durch Fluchen und Winde über cincm unbekannten Abgrunde, welche Empfindung! **) Gern hört man ") Ah 57« X0-7UW7; «- vtw 6t6. 8o«?rnicst ") Ah 7r^sisi-z L/rurocAsi' 7r§- I. Vom Erhabnen. 2. Kritische Analyse des Erhabnen. B. Mein Versuch ist mißrakhen. Ick) wollte einem kritischen Philosophen den Inhalt unsres letzten Gesprächs, daß das Erhabne nämlich der,,schwer- zuerreichcnde Gipfel des Schönen" sep, vortragen; aber, aber — die kritische Analytik des Erhabnen — A. Nun dann. Damit wir diese kritisch e Analytik *) als ein -Erhabnes nicht bloß anstaunen, sondern als eine Analytik analysiren, wollen wir uns aus ihr Fragen vorlegen; wer Lust hat, beantwortet die Fragen: „Frage" r. Sollten wir uns, nicht „unrichtig ausdrücken, wenn wir' irgend einen Gegenstand der Natur erhaben nennen? ob wir zwar ganz richtig sehr viele derselben schön uennen können: denn wie kann das mit einem Ausdruck des Beifalls bezeichnet ) Kritik der Urlheilßkraft. S. 73. f. I. Vom Erhabnen. 3or werden, was an sich als Zweckwidrig ab gefaßt wird?" *) „Antw o rt." Ware der Ausdruck Erhaben nicht aus der Natur; woher hatten wir ihn? Schon der Schall boch! (in unsrer Sprache) mit der aufgehobnen Hand begleitet, drücket Gegenstand sowohl als Empfindung aus; ein gleichsam hinaufathmeuder Aufruf. So heben, erhaben; **) im Wort heben athmet die Mühe, die hiuaufsirebt; im Wort erhaben wird schon die Rübe des dabin Gelangten bezeichnet. Wer in der Natur nichts Erhabnes, als sich selbst, und jeden erhabneren Gegenstand zweckwidrig fände, der wäre sich selbst allerdings der erhabenste Endzweck. ,,Frage." 2. Darf man sagen: ***) „daß das eigentliche Erhabene in keiner sinnlichen Form enthalten seyn könne, sondern nur Ideen der Vernunft treffe, welche, obgleich keine ihnen angemessene Darstellung möglich ist, eben durch diese Unangemessenheit, welche sich sinnlich d a r- stcllen laßt, rege gemacht und ins Gemüth gerufen werden. " *) S. 75. *') Lllms, eminsny, LustUmi!,, sagen ihren Marionen dasselbe. S. 76 . / 1 ll 3o2 I. 3^0 m Erhabnen. „Antwort." Enthalten kann das Erhabne eben so wenig in einer Form scyn, als das Schöne; beide werden an Gegenständen empfunden. Trifft das Erhabne bloß Ideen der Vernunft, so kann cs (nach den Grundsätzen der Kritik selbst) kein Gefühl regen. Und, wenn sich Ideen der Vernunft (nach eben dieser Kritik) nicht darstcllcn lassen, wie laßt sich ibre Unangemessenheit darstcllen? so dar- ftellen, daß Ideen der Vernunft dadurch ins Ge- müth gerufen werden? Das ganze Alterlhum.hielt Phidias Jupiter, Polyklets Juno für erhaben, gewiß nicht allein durch das, was sie nicht, sondern auch was sie darstcllten. Wer der Kunst erhabne Formen ablaugnet, mit dem ließe sich weiter in der gewohnten Kunstsprache schwerlich reden; hatte aber die Natur keine erhabne Formen, d. i. Formen, zu denen das Gefühl des Erhabnen freiwillig sich gesellt, woher sollte die Kunst sie nehmen? „Frage." 3. Kann man sagen: *) „der weite, durch Stürme empörte Dcean könne nicht erha bcn genannt werden ; sein Anblick sey gräßlich, und man müßte das Gemüth schon mit mancherlei) Ideen ange- gefüllt haben, wenn cs durch eine solche Anschauung zu einem Gefühl gestimmt werden soll, was sc lb st' e r h a b e n ist, indem das Gemüth die Sinnlichkeit zu verlassen und sich mit Ideen, *) Kritik. S. 76 . I. Vom Erhabnen. 3o3 die höhere Zweckmäßigkeit enthalten, zu beschäftigen angcreizt wird." „Antw ort." Aesthetische Gefühle (setzte die Kritik selbst voraus) müssen ohne die hochpeinliche Halsgerichts-Ord- nung gefühlt werden: denn freilich dem im Meer Ertrinkenden, vom Hayfifch Verschlungenen ist der Ocean gräßlich. Auch ists gewiß, daß der Anblick des ruhigen Occans (wenn man die Worte genau nehmen will) das Gemüth eigentlich weite, nicht hebe. Desto gewaltiger heben es aber die empörten Wellen, die allenthalben umber, ringsum den ganzen Horizont, sich in die Wolken stürzen und heben. So in der Natur, und sogar im Gemälde des kämpfenden Schiffes oder des Schiffbruchs. Wem ist Lukrezens Luavs Muri nmAiro tnrbuntrdus usiguorn vsntis etu. nicht als ein erhabnes Bild an die Seele gedrungen ? wenn gleich vor einer wirklichen Scene der Art, wie in Shakespeares Miranda, sein erbarmendes Gefühl gewiß alle andre Empfindungen verschlungen hätte. Ist bei einem solchen Auftritt der Natur Alles in Sicherheit, so daß kein Angstgesicht sich uns darstellt, keine weibliche Klage ertönet; wer könnte, daß der Anblick des empörten Meers groß, -ja, wie man sich ausdrückt, furchtbarschön sei), laugnen? Die Britten haben prächtige Schilderungen dieses Gegenstandes; und h.ätten Wii> hätten sie Homer und Virgil nicht? e I. Vom Erhabnen. 304 Muß aber jemand sein Gemüth schon mit mancherlei) Ideen ange fü l l t haben, wenn es durch solche Anschauung zum Gefühl gestimmt werden soll; muß „sein Gemüth die Sinnlichkeit verlassen, und sich, wahrend die See stürmt, mit Ideen, die höhere Z w c c k m a ß ig keit enthalten, beschäftigen, wenn er zu erhabnen Empflndungen an gereizt werden soll;" der bleibt freilich Zweckmäßiger zu Lande, um sich das Gemüth mit manchcrley Ideen daheim anzusüllcn, die höhere Zweckmäßigkeit enthalten;" nur urtheile er alsdann auch von diesen Naturscenen nicht, am wenigsten absprechend, verneinend. „Frage." 4. „In dem, was wir an der Natur erhaben zu nennen pflegen, ist so gar nichts, was auf be- sondre objektive Prinzipien und dieser gemäße Formen der Natur führte, daß diese vielmehr in ihre in Ehaos oder in ihrer wildesten Unordnung und Verwüstung, wenn sie nur Große und Macht blicken läßt, die Ideen des Erhabnen am meisten erreget." „An twort." Das Chaos der Natur sah niemand; absolut genommen ists ein Uubegriffi denn Ehaos und Natur heben einander aus. Die Dichter schildern eS also nur als eine» Uebergang zur Ordnung. Nicht anders denkts unsre Seele. Alle Wesenheiten und Eigenschaften der Dinge waren in ihm schon vorhanden; ungeregelt äußerte jede schon ihren Trieb, und I. Vom Erhabnen, 3c>L lind bestrebte sich, ihren Platz cinzunehmen; also ward Ordnung. Das Ebaos selbst also war ein Streben zur Regel, und diesem Bilde der Natur soll unsre Phantasie folgen. Wer mit erhabnen Gefühlen ewig und immer über dem Ebaos brütete, ohne daß je eine Schöpfung würde, deffin Phantasie wäre das Lhobu Vabobu selbst, für nichts, wider nichts, aus nichts, zu nichts, Zwecklos-erhaben , erhaben - Zwecklos. Und wie könnte man an der Natur „in ihrer wildesten, regellosesten Unordnung und Verwüstung ein erhabenes Wohlgefallen" finden,*) ohne daß, wenn di.se Verwüstung auf einen blühenden Zustand erfolgt ist, sich Trauer, Grimm, Abscheu, oder gar eine verzweiflungsvolle Leere der Seele, Verdruß und Ueberdruß in die Empfindung mischte? Gehe man über rauchende Brandstätten, oder durch unabsihliche Felder voll Lavakrustcn und vulkanischer Asche, ohne Ein erfreuliches Bild der umherliegen- dcn glücklichen Erde, des schönen Himmels, des schönen Meers; nur einem Geist in Miltons Hölle könnten Gefühle des Erhabnen dabei geziemen. „Frage." 5. „Daraus sehen wir, daß der-Begriff des Erhabenen der Natur bei weitem nicht so wichtig und an Folgen reichhaltig scy, als der des Schönen in derselben, und daß er überhaupt n i c h t s Zweckmäßiges in der Natur selbst, sondern nur *) Kritik. S. 77- Herders Werke z.Phil.u. Gesch. XV, U Antt-Fon-. 3o6 I. Vom Erhabnen. in dem möglichen Gebrauch ihrer Anschauungen, um eine von der Na tu r g a n z u n a bhängige Z w e eff Mäßigkeit in uns selbst fühlbar zu machen, anzeige. Zum Schönen der Natur müssen wir einen Grund außer uns suchen; zum Erhabnen aber bloß in uns und der Denkungsart, die in die Vorstellung der erstcrn (der Natur) Erhabenheit h i n c i n br i n gt; eine sehr nölhige vorläufige Bemerkung, welche die Zdecn des Erhabnen von der (Idee) einer Zweckmäßigkeit der Natur ganz ab trennt, und aus der Theorie desselben (des Erhabnen) einen bloßen Anhang zur ästhetischen Beurtheilung der Zweckmäßigkeit der Natur macht, weil dadurch (durch das Erhabne) keine besondre Form in dieser (der Natur) vorgestellt, sondern nur ein zweckmäßiger Gebrauch, den die Einbildungskraft von ihrer Vorstellung macht, entwickelt wird." An twor t. Formlose Begriffe sind keine Begriffe. So wenig das Erhabene als das Schöne ist in der Natur Eine Form, wohl aber ein an Formen oder Maasen gefaßter Begriff, eine von ihnen unabtrcnnliche Empfindung. Außer der Natur giebts keine Natur, eine von der Natur unabhängige Zweckmäßigkeit ist dem Wort selbst nach eine Bestandlose Dichtung. Wie nun Einerseits nicht Jede Zweckmäßigkeit in der Natur für uns Schönheit ist; so sind Anderseits Ideen des Erhabnen von alle» Gegenständen der Natur getrennt, im Ehaos lustwandelnd, nichts als eine Verödung der Seele, sie zu den nichtigsten Truggestalten gewöhnend. Bewahre die Muse jeden Jüngling vor diesem „Appendix zur ästhetischen I. Vom Erhabnen. 3o? Beurtheilung der Zweckmäßigkeit der Natur," in welchem unter der Rubrik des Erhabnen alles ihr Zweckmäßiges aufhört, und das große Skotos beginnt, Chaos, Thohu — Vabohu, Bathos. „Frage." 6. „Das Wohlgefallen am Erhabnen eben sowohl als am Schönen muß der Quantität nach all- gemeingültig, der Qualität nach ohne Interesse seyn, der Relation nach subjektive Zweckmäßigkeit, und der Modalität nach die letztere als nothwendig vorstellig machen. Die Bewegung des Gemüths, die das Gefühl des Erhabenen als seinen Charakter bei sich führet, wird durch die Einbildungskraft entweder auf das Eckenntniß - oder auf das Begehruiigsvermögen b c- zogen: da denn die erste als eine mathematische, die zweite als dynamische Stimmung der Einbildungskraft dem Objekt bei gelegt, und daher dieses auf gedachte zwiefache Art als erhaben vorgestcllt wird."*) Antwor t. Heilige Tetractys! Da aber in der Mathematik niemand ein Chaos anstaunen, sondern Verhältnisse bestimmen soll; wie kommt der Name hie- her? „Mathematisch-Erhabnes, wo die Bewegung der Seele durch die Einbildungskraft auf das Er- kenntnifivermögcn bezogen wird," Im Dynamisch - Erhabnen wird sie auf das Begchrungsver- U 2 *) S. 78. I. Vom Erhabnen 8»8 mögen bezogen. Als ob die Dynamik nicht -auch zur Mathematik gehörte. „Frage." 7. „Erhaben nennen wir das, was schlechthin groß ist." *) Antwort. Schlechthin groß ist nichts; jedes Große hat und gewahrt Maas. Das Urwcsen allein nannte die alte Philosophie s-u-v ^.L^L-Z-e?, oha'alle Große, bei dem nicht nur jedes Maas als zu klein schwindet, sondern bei dem es gar wegfallt. IG er«,/, Ein und Alles, vor dem, in dem nichts groß, nichts klein ist. „Frage." 8. „Wenn wir etwas nicht allein groß, sondern schlechthin- absolut - in aller Absicht- über alle Vergleichung groß, d. i. erhaben nennen, so stehet man bald ein, daß wir für dasselbe keinen ihm angemessenen Maasstab außer ihm, sondern bloß in ihm zu suchen ver statten. Es ist eine Größe, die bloß sich selber gleich ist. Daß das Erhabne also nicht in den Dingen, der Natur, sondern allein in unfern Ideen zu suchen sey, folgt hieraus. Die obige Erklärung kann auch so ausgedrückt werden: Erhaben ist das, mit welchem in Vergleichung alles andre klein ist." ) S. 7g. I. Vom Erhabnen. 3o-- A ntwort. Der erste Sprechende konnte freilich Worte erfinden , wie er wollte, obgleich auch Er sie gemeinsamen Begriffen und Gefühlen anfügen musste, sonst verstand, lernte und behielt niemand feine Sprache; wir aber finden die Sprache, auch die Sprache der Empfindungen von den eultivirtestcn Völkern Euro- pens praktisch und kritisch gebildet vor uns. Vom Erhabnen ausschließen zu wollen, was diese alle darunter begriffen, was jedes Mcnschengefühl crbaben nennet, ja wovon aller Begriff des Erhabnen ausging, ist ein Despotismus, dem selbst bei römischen Imperatoren nicht gefolgt ward. Erbabcn nennen wir nicht bloß, mit welchem in Vergleichung Alles andre klein ist, sondern auch Vieles andre, überhaupt das, was wir mit jenem Eminenten in Vergleich stellen. Von unten hinauf, vom höchsten Denker bis zu Virgils Hirten hinab *) haben wir Maasstabe der Vergleichung, und vergleichen unvermerkt bei jedem Efifübl des Erhabnen. Die ganze Natur Verlusten, alle Gegenstände und Maasstabe vom Begriff des Erhabnen entfernen, heißt sich selbst den Boden rauben, von dessen Standpunkt auS uns etwas hoch und niedrig, groß oder klein erscheinet. Wem nur das Erhaben ist, in dessen Vergleichung alles andre klein ist, der sagt — psrvls eomponere irispnul solebgra, Verwiü b:tee tinitnrn slias luter espnt extn- llt urbes, t^nsutuiii leutL soleut luter vldurus cupreln>i. Virgll. I. Vom Erhabnen. 3rc> entweder: „mir ist nichts Anschaulich - und Empfindbares erhaben," mithin Horen alle Gefistete des Er-- Halmen in ihm auf; oder er sagt: „Ich bin das Einzige, absolut - und All - Erbabene : denn ich schaffe mir außer der Natur ohn' alle Objekte, ohn' allen Maasstab erhabene Gefühle; ich selbst aber stehe nirgend. Schwebend über dem Ehaos messe ich und bin nicht meßbar." „Frage." 8 . „Nichts, was Gegenstand der Sinnen seyn kann, ist auf den Fuß der Mikroskopien und Teleskopien betrachtet, erhaben zu nennen." *) Antwort. Auf diesen Fuß betrachtet das Erhabene niemand , weder durch Teleskope noch Mikroskope. Um erhabne Empfindungen zu wecken, schrieb weder Swift seine Lilliput- und Brobdingaksinseln, noch B o l t a i re seinen Mikromegas. Ist nichts, was Gegenstand der Sinne seyn kann, erhaben zu nennen, so schwindet alle Zusammenfassung, alle Gestalt , auch der Idee des Erhabnen: denn selbst in chaotischen Traumen aus Dünsten sich erhabne Wahn- gestaltcn zu schassen, bedarf die Phantasie Gestalten, Maase. „Frage." 9 . „Eben darum, daß in unsrer Einbildungskraft ein Bestreben zum Fortschritt ins Unendliche, in ') S. 63. I. Dom Erhabnen. 3n unsrer Vernunft aber ein Anspruch auf absolute Totalität, als einer reellen Idee liegt, ist selbst jene Unangemessenheit unsres Vermögens der Größcnschätzung der Dinge der Sinnenwelt für diese Idee, die Erweckung des Gefühls eines übersinnlichen Vermögens in uns, und der Gebrauch, den die Uriheilskraft von gewissen Gegenständen zum Behuf des letzteren Gefühls natürlicher Weise macht; nicht aber der Gegenstand der Sinne ist schlechthin groß, gegen ihn jeder andre Gebrauch klein, mithin Geistesst im m ung , nicht aber das Objekt ist erhaben zu nennen." *) Antwort. Daß jedes sinnliche Objekt groß und klein gedacht, auch darqestcllt werden könne, weiß man; daß jede Empfindung von einem Objekt, cs heiße groß, schon, erhaben, niedrig, klein, häßlich nicht im Objekt sondern im Empfindenden sei), weiß Jedermann; daß aber gewisse Objekte, aus einem gewissen Standpunkt, groß, hoch, erhaben gesehen und gefühlt werden mögen, ist eben so gewiß. Daß diese Ansicht, wie dicß Gefühl, nicht im Gegenstände sondern im fühlenden Anschauer liege; (nochmals gesagt) daran hat seit dem Anfänge der Welt niemand gezweifelt, daß aber das Gefühl des Erhabnen von einer ü b e r si n n l i c h c n Natur scy: daß es auf einer absoluten Totalität übersinn l i c k - a n sp r e c h e n d e n Vernunft beruhe, wem sagt da sein Gefühl nicht etwas Andres? ) S. 3l2 I. Vom Erhabnen. Nur eine Grenzenlose Phantasie schreitet ins Unendliche , nur eine Verminst, die ihr Richtmaas verloren hat, träumt von einer absoluten Totalität, die ein irrtsArao Nsutator Orion Dianas Oeirtiirianusigus t))'as verfolgen möge. „Frage." 10. „Wir können also zu den vorigen Formeln der Erklärung des Erhabnen noch diese Hinzuthun: Erhaben ist, was auch nur denken zu können, ein Vermögen des GemüthS beweiset, das jeden Maasstab der Sinne übertrifft. " Antwort. Jeder allgemeine Gedanke auch von der engsten Klasse niedriger Objekte übertriffc jeden Maasstab der Sinne, indem er, wie allbekannt, durch ihn ganz unausmeßbar ist. Wenn aber Erhabenseyn auf eine Gcmüthsvcrmögenhcit ankommt Uebersinn zu denken oder als Uebersinn gedacht zu werden, wo wohnen die Schöpfer des außernatürlich - schlechthin - und absolut-Erhabnen? Ein Mahrchen. Am Ufer des grossen Weltmeers wandelte ein Weiser tiefsinnend über das Unendliche. Weiter und weiter schritt seine Einbildungskraft fort in der unermeßlichen Wüste des Ur-Leeren, und im Ernst I. Vom Erhabnen. 3iZ glaubte er seine Vernunft mit der absoluten Totalitär des Alls beschäftigt. „Das Unendliche denken zu können, ja denken ;u müssen, sprach er zu sich, macht mich zum Erhabensten der Wesen: denn die einzige Erhabenheit, das absolut -Große schaffe ich selbst." In so tiefsinnigen Gedanken gelangte er an einen Ort, wo im Ufcrsande ein Kind spielte. In den Sand hakte es ein Löchlein gekehrt, und füllete es mit seiner kleinen Hand aus dem Meer emsig, emsig. „Was thust du da? sprach der Weise zum Kinde." Ich schöpfe das Metr aus, antwortete es freundlich, und fuhr fort zu schöpft». „Du, mit deiner kleinen Hand, das Weltmeer, in diese Hohle? Lhörichtes Kind!" „Und du (antwortete der schöne Knabe und erhob sich zum glanzenden Engel), du erhabener Weiser! Das Unendliche willst du nicht nur in dein noch engeres Hirn fassen, sondern glaubst sogar, daß dein enges Hirn dieß Unendliche zu schaffen eben gemacht sey; es wäre nicht, wenn du es nicht schüfest, d. i. nicht phantasirtest? Als ob ohne dieß Löchlein im U^er- sande kein Weltmeer wäre?" Der Engel verschwand; ob der Weise dadurch belehrt worden, davon schweigt das Mahrchen. „Anschaulich ein Quantum in die Einbildungskraft auszunehmcn, sagt die Kritik selbst, *) um eS zum Maaße ober als Einheit zu Gcößenschätzuug durch Zahlen gebrauchen zu können, dazu gehören zwei Handlungen dieses Vermögens, Auffassung -*) S. 86. I. Dom Erhabnen. 3i.z. und Zusammensetzung: Mit der Auffassung: hat es keine Noch: denn damit kann es in das Unendliche gehen; aber die Zusammensetzung wird immer schwerer, je weiter die Auffassung fortrückt, und gelangt bald zu ihrem Maximum, nämlich dem ästhetisch - größten Grundmaaße der Gcößcnschatzung. In der Zusammenfassung ist ein Größtes, über welches sie nicht hinauskommen kann." Womit sie denn sich selbst widerleget. Diese Zusammenfassung heißt Maas, Form, Gestalt; sic geben unS die Sinne, die Einbildungskraft erweitert sic, Verstand oder Vernunft setzen der Phantasie durch Vcrhältniß Grenzen. Um Savary ' s Bemerkung, „daß man die Pyramiden weder zu nah »och zu fern sehen müsse, um ihren Eindruck nicht zu verlieren" *) um sie richtig zu finden, bedarf es keiner Reise nach Aegypten; jeder Thurm, jedes Gebäude, eine Statue, ein Gemälde, alles will seinen Stand - und Gesichtspunkt nicht zu nah und nicht zu fern. So auch jedes Vermögen des Gcmnths, das allen Maasstab der Sinne übertrifft; zu einer Zusammenfassung bcdarss einer Ansicht. „Frage." 11 . „Eben dasselbe kann auch hinrcichen, die Bestürzung oder Art von Verlegenheit, die, wie man erzählt, den Zuschauer in der St. Peterskirche zu Rom beim ersten Eintritte anwandclt, zu erklären. ) 'S. 86. I. Vom Erhabnen. 3i5 Denn es ist hier ein Gefühl der Unangemessenheit seiner Einbildungskraft für die Ideen eines Ganzen, um sie d a r z u st c l l c n, worin die Einbildungskraft ihr Maximum erreicht, und bei der Bestrebung cs (das Maximum) zu erweitern, in sich selbst zurücksinkt, dadurch aber in ein rührendes Wohlgefallen versetzt wird." *) Antwort. Von dieser „Bestürzung und Verlegenheit, die aus einem Gefühl der Unangemessenheit unsrer Einbildungskraft für die Idee des Ganzen, solches darzustellen, indem sic ihr Maximum erreicht und es doch erweitern will, und weil sie in sich zurücksinkt, dadurch in ein rührendes Wohlgefallen versetzt wird," weiß der Beschauer der Peterskicche gerade am wenigsten. Vom Eintritt in die Saulcngange bis zur Schwelle des Tempels, vom Eintritt in diesen bis zum Hochaltar, vom heiligen Grabe bis zur Cuppole hinauf, durch alle Seilengange, bei jedem Nebenaltar sind Schönheit, Ordnung und Harmonie in ihr so eu-- rpthmisch vereinigt, daß das Ganze in seiner Größe dastcht, fast ohne daß man seine wahre Größe ahnet. Mit jedem Schritt wird cs größer, mit jedem mal, da wirs sehen, aufs neue größer; bei dem Maximum, das hier gefunden und ausgestellt ist, das unsre Einbildungskraft also nicht willkührlich aus sich erschaffen darf, ruht sie, erfüllt von Größe, ) S. 86. 3r6 I. Vom Erhabnen. und weiß von keinem Bestreben voll bestürzter Verlegenheit, das Vollständige noch großer zu machen, ein Maximum zu erweitern. Aus Eontorsionen dieser Art würde auch nie ein „rührendes Wohlgefallen " werden. Bei den Gebäuden der Alten, dem Pantheon, dem Colisaum, dem Grabe der Mctella u. f. ists ein Gleiches, vielleicht noch in einer höheren Art. Und o, wer einen Tempel Jupiters, wer seine Bildsäule zu Olympia sehen konnte ! Der flatternden Einbildungskraft waren da gewiß die Schwingen gebunden; erfüllt vom Anblick des Gottes, stand der Grieche anbetend. Unsre nordische Phantasie je kurzgcspannter und unkräftigcr, desto unruhiger regt sie ihre Flügel, und wähnt sich an der Decke des Olympus, sie mit einem Flügcl- schlage zu durchbrechen. Das wahre Gefühl des Erhabnen kennt diese Unruhe nicht; es hebt und weitet sich mit seinem Gegenstände, bis es ihn umfaßt; nun ruhet es, wo nicht wie der Adler auf Jupiters Sccpter, oder wie die ihn krönende Siegs- qötkin, so wie Eine der Gestalten am Fuß seines Thrones. „Frage." 12 „Wenn das ästhetische Urtheil über das Erhabene rein, (mit keinenk teleologischen als Vernunft- urthei! vermischt) und daran ein der Kritik der ästhetischen Uriheilskraft völlig aupafsendes Beispiel gegeben werden soll, so muß man nicht das Erhabne an K u n s t p r o d u k te n, z. B. Gebäuden, Säulen u. s. w. , wo ein menschlicher Zweck die Form sowohl als die Größe bestimmt, noch an Natur- dingen , deren Begriff schon einen bestimmten I. Vom Erhabnen. 3.7 Zweck bei sich führet (z. B. Thieren von bekannter Naturbesiimmung), sondern an der r o ben Natur und an dieser sogar nur, sofern sie für sich keinen Reiz, oder Rührung aus wirklicher Gefahr bei sich führet, bloß sofern sie Größe enthalt, aufzeigen. Denn in dieser Art der Vorstellung enthalt die Natur nichts, was ungeheuer, noch was prächtig oder gräßlich wäre; die Große, die aufgefaßt wird, mag so weit angewachfen fern, als sie will, wenn sie nur durch die Einbildungskraft in ei» Ganzes zusammengefaßt werden kann. *) — Wer wollte auch ungestalte Gebirgsmassen, in wilder Unordnung über einander gethürmt, mit ihren Eisppramiden, oder die düstre tobende See u. s. w. erhaben nennen." **) Antwort. Drei Blätter von einander hat Ein Verfasser beides geschrieben, wiewohl in verschiedener Absicht. Dort soll die rohe Natur und zwar ganz ohne Reize das Einzige sepn, dem die ästhetische Kritik ihre ästhetischen Urtheile anpasse; in ihr, der rohen Natur, sei) nichts ungeheuer, noch prächtig, noch gräßlich. Hier soll niemand unge- stalke Gebirgsmassen in wilder Unordnung über einander gethürmt, mit ihren Eispyramiüen erhaben nennen, weil „die wahre Erhabenheit nur im Ge- müth des U r t h e i le nd cn, nicht im Naturobjekte *) S, 83. ") S. s-r. 3r 8 I. Dom Erhabnen. muffe gesucht werden," wo das Gefühl des Erhabnen denn auch wohl niemand gesucht hat. Aber ein ästhetisches Urtheil soll durchaus keine Beispiele von K u n s t p r o d uktcn, z. B. Gebäuden, Säulen wählen? Die reinsten Beispiele, die das ästhetische Urtheil wählen kann, an denen sich, ohne Befragen der Kritik, das Gefühl der Menschen durch alle Jahrtausende hin erhob und stärkte. Auch nicht an Naturprodukten, deren Begriff schon einen bestimmten Zweck mit sich führet? So ist nichts Erhabnes in der Natur, wie in der rohen Natur dagegen nichts Ungeheures, nichts Gräßliches! Eine neue Nalursprache. „Frage." i 3 . „Ungeheuer ist ein Gegenstand, wenn er durch seine Größe den Zweck, der den Begriff desselben ausmacht, vernichtet." *) Antwort. So ist der Hippopotamus nicht ungebeuer, weil er durch seine Größe, den Zweck, der den Begriff desselben ausmacht, nichts weniger, als vernichtet. „Frage." 14. „Das Gefühl der Unangemessenheit unsres Vermögens zu Erreichung einer Idee, die für uns Gesetz ist, ist Achtung." *, S. 88. ") S. gb. I. Vom Er hob ne». 3rg A ntwort. Dos sogt das Wort so wenig, als dos Gesühl der Achtung. Achten heißt merken, ousmcrken, beobachten, befolgen, mithin hochholten, hochschätzen u. f. *) Achtung, die ich dem Gesetz erweise, wenn sie vernünftig ist und wirksani seyn soll, kann nicht aus einem Gefühl der „Unangemessenheit meines Vermögens zur Idee des Gesetzes" entspringen, noch weniger dieß Gefühl seyn; sonst achte ich nicht, sondern widerstrebe, verachte. Denn was gehet mich ein Gesetz an, das, meinem Vermögen „unangemessen , " mir fremd ist, mithin als Tyrann gebietet? Wenn das absvlut-Ganze, das schlechthin-Große meiner Einbildungskraft sowohl als meinen andern Seelenkräftcn ganz unangemessen ist; so erhebt mich dieß Erhabne so wenig, als der Mann im Monde. „Frage." r5. „Also ist das Gefühl des Erhabenen in der Natur Achtung für unsre eigne Bestimmung, die wir einem Objekt der Natur durch eine gewisse Subreption (Verwechslung einer Achtung für das Objekt statt der für die Idee der Menschheit in unserm Subjekt) beweisen." **) *) Die erste körperliche Nedentung war folgen, (ira post gueiri, sagen;) achter jemand gehen, auf ihn achten/ S. Wächter, Schiller u. f. ") S. gS. I. Vom Erhabnen. 3s o Antwort. Kebrt sich die Sache so? Ich achte und ehre die Natur, weil ich mich achte ; in mir verehre ich das Erhabene und bin das Erhabenste, Stifter alles Erhabnen, durch die Achtung, die ich mir selbst weihe. Die Ausführung dieses Systems kennen wir gnugsam. „Frage." 16. „Das Gefühl des Erhabnen ist also ein Gefühl der Unlust, aus der Unangemessenheit der Einbildungskraft in der ästhetischen Größcnscha- tzung für die (Größenschatzung) durch die Vernunft, und eine dabei zugleich crwcckte Lust aus der Ue- bereinstimmung eben dieses Urtheils der Unangemessenheit des größten sinnlichen Vermögens zu Ver- nunftidecn, sofern die Bestrebung zu denselben doch für uns Gesetz ist. " A ntwo r t. Das Gefühl des Erhabnen ist also Pein, ein Kampf zwischen der Vernunft und Sinnlichkeit; eine nnlustige Lust, eine lustige Unlust. „Frage" 27. „Es ist nämlich für uns Gesetz (der Vernunft,) und gehört zu unsrer Bestimmung, alles, was die Natur als Gegenstand der Sinne für uns Gr 0 ßes enthalt, in Vergleichung mit Ideen d e*c Vernunft für klein zu schätzen." I. V o m Erh ab n en. 32 r A nst wort. Meine Vernunft sagt mir dies Gesetz nicht. Was in der Natur sinnlich-groß ist, behalte seinen Werth, wie das der Vernunft Große den Seinen. „Frage" 18. „Und was das Gefühl dieser übersinnlichen Bestimmung in uns rege macht, stimmt zu jenem Gesetz zusammen." Antwort. Unvernünftiges kann mir die Vernunft nicht gebieten, meiner Einbildungskraft kein absolut Großes aufdringen, was kein Begriff ist, kein Ungemeß- nes und Unermeßliches ohne Maasstab. Dies gehöret der Phantasie, und für diese gab mir die Natur in meinen Sinnen und Seelenkraften so wie Organe des Zusammenstimmcnden, so Maaße des Erhabnen. In Ansehung Jenes legte sie mir überall Typen, in Ansehung dieses allenthalben Maasstabe vor; ver- nachlaßige ich diese, um außer der Natur in einer absoluten Hohe umherzuschwindeln, so verachte ich ihr Gesetz und sie achtet mich; d. i. sie verjagt mich aus der ganzen Region des wirklich Erhabnen. „Frage" 19. „Das Gemüth fühlt sich in der Vorstellung des Erhabnen in der Natur bewegt. Diese Bewegung kann, (vornehmlich in ihrem Anfang) mit einer Erschütterung verglichen werden, d. i. mit einem schnellwechselnden Abstößen und Anziehen des Objekts. Das Ueberschwangliche der Einbildungskraft, bis zu HerdersWcrke z. Phit. u. Gesch. XV. 3 : r - 322 I. V o m Erhabne n. welchem sie in der Auffassung der Anschauung'getrieben wird, ist gleichsam ein Abgrund, worinu sie sich selbst zu verlieren fürchtet. *) Die Qualität des Gefühls des Erhabnen ist: daß cs ein Gefühl der Unlust über das ästhetische Be urth e i lun gsv e rm ö g e n an einem Gegenstände ist, die (Unlust) doch darinn als Zweckmäßig vorgestelll wird; welches dadurch möglich ist, daß das eigene Unvermögen das Bcwußtseyn eines unbeschrankten Vermögens desselben Subjekts entdeckt, und das Gemüth das letztere (das unbeschrankte Vermögen) nur durch das erstere (das Unvermögen) ästhetisch bcurtheilen kann." Antwor t. Eine Vorstellung des Gefühls vom Erhabnen zum Grausen! Die Fiebererschütterung, das Auf- uud Abstossen am Gegenstände sind convulsivische Bewegungen, ganz unähnlich jener wahren Erhebung des Gemüths, das sich dem Erhabnen Gegenstände eben dadurch nahet, indem es vor ihm bescheiden zurücktritt, ihn in Gedanken und Neigung aber desto brünstiger umfasset und an ihm hinaufklimmt. Die Regung, mit welcher man sich fühlt, kleiner, als das Erhabene zu feyn, ist nicht das Nagen des Neides, sondern eine Himmelsluft, die uns hebt und stärket. Welch ein süßes Gefühl ist reine Bewunderung! ein Quell neuer Thatigkeit und Jugend. Die Brust erweitert sich; das Herz schlägt hoch auf. Mit einem neuen Geist begabt steigen wir frisch hinan; *) S. 97. I. Dom Erhabnen. 323 die Stimme ruft: „aufwärts!" Jede überwundne Schwierigkeit giebt uns neue Kraft, die innig-süßeste Belohnung. Dagegen sich an einem Haupthaar in die b'uft gezogen, vors Chaos getragen zu empfinden, wo das absolute Nichts, die rohe Natur, das Unding in wildester Unordnung uns wie im Erdbeben ab - und anstößt, ist kein Gefühl des Erhabnen, sondern das unlustigste Gefühl ohnmächtiger Anstrebung, Ipivns, Sifyphus Strafe. „Frage" 20. „Erhaben ist das, was durch feinen Widerstand gegen das Interesse der Sinne unmittelbar gefallt." ,,Erhaben ist ein Gegenstand (der Natur,) dessen Vorstellung das Gemuth bestimmt, sich die Unerreichbarkeit der Natur als Darstellung von Ideen zu denken." Antwort. Da der Difinitioncn so viel sind und sie so weit von einander abweichcn, welches ist die rechte? Das beste ist wohl, daß wir nicht außer, sondern in der Natur uns selbst die Erklärung finden. X 2 Z, Vom Erhabnen. Ein Entwurf. I'o ciukrsu^L^on -7-s >ra:< sturrLTror^tT-w. x 0 I. I. 0 I>t. I. Worterklärungen des Erhabnen. 1. Hoch nennen wir, was über uns ist; Hohe (wie Tiefe, Weite, Entfernung) bezeichnet nicht den Gegenstand, fondern sein Vcchaltniß zu uns, seine Gege n d. 2. Keine Höhe ist also ohne Maas zu uns. Größe hat ihr Maas in sich, und kann Maas eines andern werden; Höhe hat ihr Maas außer sich, im Vergleich der Gegenstände, die unter ihr liegen. Auch ein Punkt in der Höhe ist ein h o h'e r Punkt, ob er gleich keine Größe in sich hat; er senkt aber Linien herab, die das Niedere bestimmen, mes- I. V o m Er h a b n e n. 325 ftn, ordnen. Der große Gegenstand darf n.ü mir auf einem Boden stehn; er wird nur dann hoch, wenn er über mich und andres cmporraget. Dagegen darf eine Hohe, Weite, Tiefe auch leer seyn; sie bleiben doch, was sie sind, Regionen. 3. Ist keine Höhe ohne Maas zu uns; wie nennen wir das, wo dies Maas fehlet? Wir nennen es für uns zu hoch, unerreichbar, unerseh- lich. Sich ins Unersetzliche, ins völlig Unbekannte, woher auch kein Strahl zu uns gelangt, hinaufschwin- deln, verrath oder verursacht ein wüstes Haupt. Das grenzen- und maaslose Leere, in dem wir selbst keinen Punkt haben, (denn mit ihm würde sogleich Maas des Umfanges zu uns) ist ein leerer Traum, ein bodenloser Abgrund. 4 . Ist Höhe nicht ohne Maas zu uns, so ist, auch dem Wort nach, die Empfindung, die wir ihr weihen, Hochachtung. Ich achte hoch, was über mir ist: denn es ist hoch. Verlieren wir uns in Betrachtung darüber, so heißt cs Staunen. Erstaunen ists, wenn uns die Empfindung schnell ergreift; es wird ein Höhenmaas an uns gelegt, das wir noch nicht kannten. 5. Ein Aehnliches, doch nicht dasselbe ists mit dem Anblick der Tiefe und Weite.*) Entsetz e n nennen wir das Gefühl, das uns ergreift, wenn wir in die Tiefe hinabschauen; wenn dies Gefühl H Bei den Römer» konnte -Urituclo Höhe und Tief» bedeuten: für diese hatten sie aber auch andre Worte. 326 I. Vom Erhabnen. sich mit Furcht mischt, Schauder. In bevden setzt uns die Natur aus unfern Mittelpunkt zurück, uns vor dem Sturz zu sichern; Schwindel wirst unS hinunter. Selbst den schonen Himmel über - oder unter uns, z. B. im Hellen See zu sehen, gicbt nicht einerlei) Eindruck. Aufwärts, erhebt sich unser Dlick, er beflügelt unsre Gedanken; der in der Tieft zurückgcstrahlte Himmel gicbt ein ruhiges Bild, das vor uns schwimmt, in dein wir uns spiegeln oder sanft versinken. Der Anblick der Weite endlich erhebt nicht, sondern weitet unsre Seele. Eine große Ebne, wenn nicht Tumult und Gewühl sie zerthcilcn, oder fremde Gefühle der Finsterniß, der Gefahr, der Einsamkeit u. f. unscrm Gefühl Entsetzen, Schauder, Grauen, Angst hinzumischcn, giebt einen frohen, ruhigen Anblick. Vinn hat den Begriff des Erhabenen verwirrt, wenn man alle diese, zum Theil einanvcr widrige, fremde Gefüblc zusammen mischte. Insonderheit ist der Eindruck der Höhe und Tiefe dem Naturmenschen sehr verschieden. Allen Nationen, die die freie Weite lieben, ist die Höhe Himmel; die Hölle war ihnen ein Abgrund, wohl gar eine enge Spalte, ein grausenvoller Kerker. 6. Erhoben ist, was durch eigne oder fremde Kräfte empvrstieg; unscrm Gefühl nach geschieht ohne Mühe kein Heben. Die Sprache abstrahirt von dieser Mühe des Hebens, wenn sie das, was in der Hähern Region seiner Natur nach ist, erhaben nennt, ob dieses Wort gleich eigentlich nicht den Ort, sondern die Form bezeichnet. Eine erhabne Form gehet aus einer Flache hervor; so wie I. Vom Erhabnen. 827 eine hohe Gestalt in sich selbst ein Höhen m aas kraget. 7. Von -Kindheit auf haben wir dies Höhenmaas üben gelernt; der Begriff der Höhe zeichnete sich uns früh in die Seele. Was hoch ist, wird weit gesehen; von einer Höhe flehet man weit umher, man sichet vieles unter sich, niedrig. Eine Höhe zu erklimmen, kostet Mühe; sie zu erschwingen, bcdarfs Flügel; daher in allen Sprachen das Hohe ein Ausdruck der Vortrefflichkeit ward. Ein h os her Muth (Hochgemuth) erstrebt die Höhe; ein hoher Sinn hat sie durch Natur innc. Hohe Gedanken wandeln auf ihr; hohe Begierden streben hinauf/ 8. Was sagen nun aber erhabne Gefühle? was will das Gefühl des Erhabnen? Erhabne Gefühle können keine andre seyn, als die sich wirklich erhaben, d. i. vom Niedrigen entfernt, in einer Höhe fühlen. Sic stehen nicht drunten und krümmen sich hinauf: sie fühlen sich droben. Ein Gefühl des Erhabnen, oder am Erhabnen kann nichts als die Empfindung seiner Höhe und Vortrefflichkeit epn, mit einem Maas zu sich selbst, vielleicht auch mit Sehnsucht zu ihm zu gelangen, gewiß aber mit der Hochachtung, die dem Erhabnen gebühret. 9. Dies Gefühl heißt Elevation, Erhebung. Es erhebt zum erhabnen Gegenstände; über uns selbst gehoben, werden wir mit ihm höher, umfassender, weiter. Nicht Krampf ist dies Gefühl, sondern Erweiterung unsrer Brust, Aufblick und Aufstreben, Erhöhung unsres Daseyns. Verwirrungen 328 7. Vom Erhabnen. der Begriffe sinds, wenn inan das Erhabne in Nacht und Nebel, in Höhlen und Tiefen, im Grausendcn, Furchtbaren, gar im Formlosen sucht und sich daselbst Formlos verlieret. Verwirrung der Gefühle ists, wenn man dis seligste Empfindung, über sich selbst erhoben zu werden, zum Kampf der Titanen macht, die von der ihnen unangemcßenen Höhe angezogen und hinabgcschleudert, in der grausen Tiefe ihr Grab fanden. Dies falsch-anstrebende Gefühl des Erhabnen hieß den Griechen P ar enth yr sus. ?I. Grund des Erhabnen in der Natur und der menschlichen Empfindung. L. Der höchste Punkt über uns, unser Zenith, durchschneidct uns und die Welt bis zum tiefsten Nadir hinab; ringsum breitet unser Augcnmaas einen Horizont aus unter dem hohen Hemisphär, in dem wir leben! Zu unscrm Zcnith hinauf können wir nicht; der eingebildete Punkt steigt höher. Zum Nadir hinab wollen wir nicht; der eingebildete Punkt sinkt tiefer; wir haben im Universum unfern Standpunkt, an dem wir haften. kroira^ns cunr s^ectsirt nniirralia cetera ter- raur, Os Iiorniwi sulolirrre Usclit, cool w irr c^ire trieri ^ ussit et erectos a cl sickern tollere v ultrrs, I. Bom Erhabnen. 329 Unsre Höhe, der Sitz unsrer edelsten Vermögen ist das Haupt, mit ihm schauen wir umher und messen Höhe und Tiefe,*) Dies Hochgefühl in unsrer erhabnen Gestalt ist der Charakter der Menschheit. 2. Vor unserm Auge also scheidet sich die Natur in Höhe und Tiefe, Himmel und Erde. Das Schwere, Gemischte, Trage sinkt und liegt; das Geistige, Leichte, Kräftige steigt empor, so daß oben Licht und Reinheit herrschen, wenn Dunkel daS Niedrige deckt und in ihm das Unreine, Schwere sich sammlet. Diese Zusammenfassung und Sonderung der Natur, die Himmel,und Erde, das Lben- herab - Wirkende und Nieder - Erwirkte vor unfern Augen scheidet, hat unserm Blick Hochachtung für das, was hoch ist, geboten. Die Höhe, rein und mächtig, blickt weit mnhec, alles Niedere umfassend, erleuchtend, befruchtend segnend. 3 . Dies uns angebohrne Hemisphar der Welt tragen wir in die menschliche Seele. Was in ihr hell und rein, viclumfassend und ssillwohltha- kig ist, halten wir von himmlischer Art, heben es in die Region des Lichts und der Gestirne, als boch- wandelndcr, mächtig - wirkender, segnender Kräfte. Nicht nur die Mythologie aller sinnlichen Völker blieb dieser Verehrung der Höhe treu, wie unter Griechen *) Haupt kommt von heben und heißt Höhe, daK Oberste, Vortrefflichste. Das Wort hoch (hob!) selbst ist ein Nalurlaut, die Bewegung auswärts zu bezeichne». I. Vom Erhabnen. u. a. Worte, Dichtungen, Gebrauche bezeugen;*) sondern die Physik und Metaphysik selbst mußte in ihren Bezeichnungen dem großen Naturproceß, der Hohe und Tiefe schied, folgen. Der Glaube des Volks endlich, daß was oben ist, feiner Natur nach vortrefflich, göttlich und selig sey, ist fast unaustilgbar. 4. Da die Höhe ein Maas fordert, so zeichnet die Natur uns im Universum dies selbst vor. Welch Maas ist bestimmter, als der Lichtstrahl? welche Form fester und prächtiger als das himmlische Gewölbe? Unsre Stirn erheitert sich, wenn der Blick sich zu ihm erhebt; umsasscndfrey und licht werden unsre Gedanken. Die Bahn, die der hochschrcitcude Hyper io n, die Sonne, in den Wüsten des Aethers geht, der stille Pfad, den in den Gefilden der Nacht Selene wandelt, die unmerkliche und doch anschauliche Bewegung der Gestirne um den unbeweglichen Wellpunkt, sammt dem Auf- und Niedergehn der Sterne des Thicrkreises, und mit ihnen der Jahrs- zcitcn, sind uns Erdebewohnern das reinste Maas einer hohen Zusammenfassung der Dinge, der sichtbar gewordncn Weltordnung. Die Kräfte, mit denen die Himmelssphaie, auf das Niedre wirkt, sind uns das höchste Bild erhaben - stiller Einwirkung. *) Die vielen Namen der Götter und des Göttlichen, die im Griechischen mit (hoch) ansangen, die Verehrung der Berge, die Darstellung der Götter und Helden in kolossaiischer Gestalt, die ganze Abscheidung der Welt in den Olymp, Tartarus u. f. beweisen den Hochsinn der Griechen, ihre Hochachtung für Höhe und Hoheit. I. Vom Erhabnen. 33 r 5. Was also auch in menschlichen Kräften dieser himmlischen Höhe gleich wirkt, nennen wir erhaben, himmlisch, göttlich. Hohe Gedanken sind, die viel umfassen, viel geben; sie geben Licht; sie vricutiren eine Welt von Begriffen unter ihnen, und tbcilen sie ab in Ost und West, in Berg und Thal, in Länder und Meere mit ihren Erzeugnissen und Bewohnern; jedem Gegenstände sein Licht, seine Farbe und Haltung gebend. Hohe Gesinnungen — Vli'ins, repulsnc! noscin sorclielas, Inikiinlnarls kulgst Iinnnvidns — vulgäres et ncliini Lpeimir bumuni kugieurs penus» Von der Höhe hinab werden sie glanzende Vorbilder in stillem Einfluß. Tytancn, die den Himmel erstürmen wollen, sind nicht die Erhabnen; Jupiter ist der hohe, wallend in ruhiger Himmels- klarheit. Am Fuß seines Olymps zerthcilm sich Un- gewittcr und Stürme; Er regiert segnend. 6. Hohe Gesinnungen drücken sich also ohne Pomp auf die einfachste Weise aus, in Worten wie in Thaten. Das morgenländische „Er will und es wird. Er gebeut; es stehet da. Nacht war; es wehte lebendiger Geist; Da sprach die Stimme: „Sey Licht!" und es ward Licht! — Formeln dieser Art werden dem Erhabenen immer der angemesscndste Ausdruck bleiben. Es ver- chcn Dingen sind Müh' und Bestreben nichts und wirken nichts, wo der Himmelsgeist, die suru c»s- lesüs fehlet. Aber Ein Sinn, der aufwärts steigt, der über die Gedanken Gebückter Seelen geht, kennet seine Region und ihr gemäß die ihm einwohnende Kraft, die in Hoheit wirket. Eine Pracht, die tausend Lichter bedarf, um zu glanzen, ist eben so Erdmäßig, als eine Höhlenversammlung, die der Schimmer eines Lämpchens erleuchtet. Der Analogie der Natur zufolge ist also „Erhaben das, was seiner Natur und Region nach mit Einem Viel, und zwar das Viele in Einem still und mächtig giebt oder wirket." Dies Erhabne, unter hoben Gesetzen der Natur Zwanglos, kann nie seinen Eindruck verfehlen; das Niedre denkt und wirkt niedrig, mit vieler Mühe nichts oder wenig; das Hohe gicbt und wirkt mit wenigem Viel, das Himmlische ist und wirkt himmlisch. HI. Sinne zum Gefühl des Erhabnen. Man hat das Wort „erhaben" an Sinne verschwendet, für welche es nicht gehöret. Man spricht von einem erhabnen Schauder, einem h o - I. Vom Erhabnen. 333 hen Geruch, Geschmack ». f. Fühle ich den erhabnen Schauder, in dem ich für das Glück, noch mehr aber für die Gesinnung und den Entschluß eines über nnch erhabnen Wesens mitleidend zittre; so ist dies ein Schauder der Seele, ein hohes Mitgefühl mit Dem, der dies Gefühl verdienet. Wird mir dage- gen der Schauder durch Unlhatcn eines Bösewichts erpreßt, desgleichen die Sonne nicht sah, desgleichen die menschliche Nalur nicht leidet, so ist mein Gefühl Schauder vor dem Abgrunde (Baihos) oder Abscheu vor der Henkerkunst, die mit solchen Gefühlen aus und für und zu nichts martert. Ossine, Oar- uikex! rufe ich dem Dichter oder Künstler des geschundenen Bartholomaus zu, der seine Kunst so mißversteht und mißbraucht. Jagt endlich der Philosoph selbst mir Schauder ein, daß ich die Allbeit zu erfassen, aus mir selbst steigen oder ewig nach Etwas Haschen soll, von dem ich einsehe, es sey über meine Natur hinaus, ihr unangemessen, mithin zu ihr nicht gehörig, so würde Longin dies geradezu Unnatur, Frost nennen: denn Frost erweckt Schauder. Zur Natur gehören wir; völlig außer und über ihr kennen wir kein Erhabnes. Der Einzig - und Allerhabene ist ohne sinnliches Bild, ohne Maas und Größe. Also nur die feineren Sinne unsrer Natur sind Pforten zum Gefühl und Begriff des Natur- Erhabnen, und zwar, wenn wir auf die erste körperliche Bedeutung des Worts achten, so kann r. Dem tastenden Gefühl selbst der Begriff nicht abgcsprochen werden. Die Sehnsucht jenes blinden Greises, der eine lange Reise that, um 334 I. Vom Erhabnen. die heilige Stirn zu umfassen, in der Petrarka's göttlicher Geist wohnte; die Ehrfurcht, die eine erhabne Form des -Mcnschcnankiitzes, ja ein Zug dieser Form unwiderstehlich, unvergeßbar cinprägt, sie zeugen für das Erhaben - Bedeutende in Gestalten und Formen. — ndi commota kervat pledecula liils lkert an imn8, aaliäae secisse silenii» turdae LCaiestare ni a n n s. Geist spricht durch die Gebehrde zum Geist. 2. Allerdings aber gehört dem Gesicht das klarere Gefühl, das uns eine Welt von Gestalten und Formen auf Einmal zeiget. Unsäglich müßte das Erstaunen seyn, wenn wir mit gebildeten Sinnen plötzlich in diese Welt erwachten; mehrere Dichter haben es geschildert. Immer aber würde unser Blick zuerst und zuletzt an jenem Himmelsgewölbe, an Mond und Sonne, Nachts am Stcrnenvollcn Himmel hangen bleiben; denn dieser Anblick giebt gewiß mit Einem Viel, und Alles auf die stillest- Weise. Unter den Erdgcschöpfen würde uns die Menschengestalt, zuletzt das Menschenantlitz nothwcn- dig als das Erhabenste erscheinen; denn in ihm wohnt ausgedruckt, still- und vielbedeutend des Menschen Geist mit Herz und Seele. Sofort ergeben sich hieraus I. Vom Erhabnen. 335 IV. Die Künste, in denen sich das Erhabne dem Anblick offenbaret. Die menschliche Kunst schritt der hohen Natur nach. i. I n d e r B a u k u n st. Wer wölbte diese Felsen? wer hob diese Obelisken aus ihren Klüften? Und thürmte diese Pyramiden empor, deren Schatten selbst Ehrfurcht gebietet? Nicht zu tausend kleinen Beguemftchkeiten wurden sie errichtet, sondern zu Einem Zweck; in ihnen herrscht bei den einfachsten Verhältnissen E i n Gedanke. Deshalb ge, ben sie dem Sinn den Eindruck des Erhabnen, obwohl nicht immer dem Verstände, sofern er Mittel und Zweck gegen einander berechnet. Ein Erhabnes aus der Kindheit der Welt sind sie, uns hohe Macht und ewige Absicht, wenn gleich nicht immer auch Weisheit und Güte zeigend. Die griechische Baukunst verband ihr Eins mit Vielem verständiger, Heller, leichter, schöner. Wo der Eindruck des Einen mächtiger ist, wird uns das Gebäude erhabner: wo das Viele uns mehr beschäftigt, schöner. Nach Zweck und Stelle gebührt Jedem sein Maas; keins ist ohne das Andre. In keinen Tempel, in kein Bad, fast in kein Columbarium der alten Griechen und Römer treten wir, ohne diesen Eindruck nach Zweck und Maas. Die Säule ist ein Exponent des Verhältnisses zwischen beiden: das Gebäude selbst aber in allen seinen Theilen spricht mehr und etwas anders 336 I. Bo m E r h abne n. aus als ein bloßes Verhältnis. Das Erhabcn-Schö- ne, in andern das Scho» - Erhabne ist der Zweck- Hafte Geist, der den Bau erfüllt, der im Bau wobnet. So ist z. B. das Erhabene der Petrrskir- che dem Sinn und Geist nichts anders als die höchstberechnete Proportion der Größe und Pracht, in der sie dasteht; da sie aber nicht wie die Gebäude der Alten sichtbar von Geist erfüllet und belebt ist, so wird das kleinere Pantheon dem Gefühl erhabner wie sie; ja im Geist der christlichen Andacht wirds manche kleine Kirche und Eapclle, ja manches Grabmal. Dem Auge erscheint sie nie ganz, dazu auch bei großer Versammlung leer und immer leer; der Zweck, der sie als ein Eins in -Vielem beleben soll, erscheint uns auch bey den größcsten Feierlichkeiten nur in zerstücklen Gliedern. 2. Die Bildnerei; ihr Höchstes ist das Erhabne. Mit unbeschreiblicher Macht wirkt der sogenannte heilige Styl der Griechen auf die Seele, und läßt weit hinter sich das Gezierte: denn in wenigen, oft scharfen und rohen Formen giebt ec ein so stark - und festgehaltenes Eins, und mit ihm das Größte, über welches die ergriffene Phantasie nicht hinaus kann. Die uralte Gestalt der stürmenden Pallas wirft die jüngere, obwohl auch eine Heiden- jungfrau, an Wirkung zu Boden. Je naher überhaupt dem alten Götter - und Heldenstyl, desto einfacher und kräftiger wirken die Formen. Woher dies? Ein Wort beantwortet das andre; daS Einfache giebt dem Bilde Kraft, kraftvolle Einheit schafft und ist das Erhabne. Woher es gekommen, daß seit Hadrians Zeiten nicht nur aus der Bildner«, I. Vom Erhabnen. 337 nerev, sondern aus ollen Kunstwerken und Schrift.» dieß urolte fl n n l i c h-E r h 0 b n c der Vorwelt noch und noch verschwunden, so doß ouch keine Mühe es erreichen oder zurückbringen können, ist ein vielleicht noch unoufgelösetes Problem, reich on Betrochtung und Folgen. Gewiß ist», doß seit dieser Zeit on die Stelle jener ölten, leibhoften Hoheit noch und noch eine ondre Erhobencheit, entweder eine feinere, hölzerne Andocht, oder seit dem Wiederaufleben der Kunst eine molerische Gebehrdung trot, die jener leibhaft - hohen Einsolt durchaus nicht glcichkom. Keine von An ge l o's Statuen wird jemand, Trotz ihrer Kunst und Kraft, von einem Grieche» gedacht oder geformt glauben; und obwohl Mengs durch ein Gemälde mit den Alten zu wetteifern wogte, in Statuen würde ers unterlassen hoben. Geformte Bilder stehen leibhaft da, wie vom Geist beseelet; der Geist ist cs, der mit dem Wenigsten dos Meiste in höchster Natur ausdrückt, ec ist Ausdruck der hohen Alten. 3. Auch in ihrer Mole rey ist dieser Geist sichtbar, vbschon die Kunst der Neuern sich ein ungleich weiteres Ziel gefetzt und es in Vielem ouch erreicht Hot. In jener einfacheren Art dos Erhabne der Alten zu erreichen, war dos Ziel der neueren Malerei? selten; wogegen sich diese eine neue Welt der Zusammensetzung, groß wie dos Universum, schuf. Dos Vortreffliche war wie allenthalben, so ouch hier dos Schwerste: wenige erreichten es, und diese wenige fanden es nicht im Vielen, sondern in. Einen; nicht unten im Beifall der brausenden Menge, sondern oben on, Gipfel, im ruhigsten Punkt der Bewegung. Herders Werke z. Phil. ». Gesch. LV. Y L,//-'§one. / » lt I. Nom Erhabnen. ZZ6 Wenn nach Longin die Erregung der Leidenschaften auch eine Quelle des Erhabnen ist, so hat die Verkündigerin und Errcgerin der Leidenschaften, die Musik, unstreitig daran Antheil: denn ohne Worte schon, wer horte nicht Tone und Tongange, die sein Innres aufricfen, festhielten, erhoben, zerschmelzten? Das Einfachste war auch hier jederzeit das mächtigste; und mit größerer Macht kam es wieder. In Wenigem, oft mit einer Pause, gaben Tönt und Tongange so Viel; am Zartesten hing oft das Stärkste. Und wenn die Musik von Worten unterstützt ward, wer kennet nicht die Kraft alter Kirchen - und Nationalgcsange, deren Erhabnes von keiner jüngeren Kunst erreicht, geschweige überiroffen ward? Musik also auch in wortlosen Tönen hat ein Erhabnes, das keine andre Kunst hat, als ob sie, eine Sprache der Genicen, unmittelbar an unser Innerstes, als an einen Mitgeist der Schöpfung spräche. Die Dichtkunst ist ihre Zwillingsschwestcr; aus allen Regionen, (die Region des Verstandes und der Vernunft nicht ausgeschlossen) erhebt sie das Schöne.z-um Erbabnen und gestaltet das Erhabene zum Schönsten. Denn da alle Formen der Sinne und Gefühle, von der Phantasie belebt, mit allen Kräften musikalischer Bewegung ihr zu Gebot stehen; so schwingt sie sich hin, wohin keine Kunst einzeln gelangen konnte, und giebt dem Undinge selbst Formen. Man hat also Gattungen des Erhabnen nach den verschiedncn Arten der Dichtkunst aufgczahlet, I. Vom Erhabnen. 339 das Epische, Lyrische, Dramatische, mit mancherlei- Unterschieden nach Zeit und Ort, und hat jeder Gattung sogar ihre Grenzen angewiesen, über welche sie nicht hinaus soll, nicht hinan- kann. Daß Gegenständen, die durchs Gehör der Seele zukommen, ein andrer Maasstab gebühre, als sichtlichen Objekten, begreift Zeder; ob ihnen aber auch irgend ein Maas zukomme? oder ob sie unter dem Namen des Erhabnen in einer völlig Grenz - und Maasloscn Region umherschwarmcn? davon ist die Frage. V- Vom Erhabnen hörbarer Gegenstände. i> Machen höhere und niedere Töne der Scala hier den Unterschied des Erhabnen der Tonkunst ? Nein. Ihre höchsten Töne wirken nicht eben die erhabensten Empfindungen; mancher tiefe Ton wirkt inniger, starker. Auf Ausmessungen des Raums der Scala kommt cs hier also eben nicht an, außer sofern, sich dcr Umfang der Kunst und die Geschicklichkeit des Künstlers dadurch erprobet. Gehaltnc, einfach wiederkommcnde oder schwebende Töne thun mehr als das bloße, geschweige schnelle Steigen und Sinken dcr Töne in einem Reich, dessen weiteste, breiteste Harmonieen i» uns zusam- me »fließen und auf Einen Punkt verschmelzen. Y 2 Z^a I. Vom Erhabnen. 2 . Von festen Umrissen und Formen, wie sic das Auge zeigt, kann bei Empfindungen, sogar bei Gestalten, die durchs Gehör zu uns kommen, auch nicht die Rede seyn, da das Ohr eigentlich nie fest gestaltet. Könnten aber auch Töne formen oder Theile der Form bilden; sie dauern alle nur Momente; jeder nimmt seine Form mit sich und begrabt sie. Eine böse Kunst wäre es,, die durch lauter Zerstückungen wirkte, d. i. in einem Endlosen Maaße anlegte, die nichts maßen und kein Maas waren, die fließendes Wasser oder zerrinnenden Sand mit Tantalus und Sisyphus Mühe zu nicht - bestehenden Massen formte. 3. Vielmehr da es das Amt des Gehörs ist, uns S u cc e ssi o n e n , nicht Cocpistenzen, Progressionen, nicht Continua des Raums, Bewegung, nicht Stillstand zu geben: so wird auch sein Erhabnes nur durch diese lebendige Wirkung. Das stillhorchende Ohr wird eine Pforte erhabner Empfindungen, indem es uns mit Einem Viel mächtig giebt, aber auf eine ihm angemessene, dem Auge verborgne, geistige Weise. Ein einzelner Ton, zur Nachtzeit gehört, der Schall einer Glocke, der Klang eines Horns, eine weckende Trommcte, friedlicher das Getön der Harfe; oder von Stimmen der Natur der Donner, das letzte Rauschen der Wipfel vorm Unqewitter, das Ungewittcr selbst sprechen dem Einsamen, dem Furchtsamen sowohl als dem Furchtlosen, mit Wenigem Viel, auf die mächtigste Weise. Und wer empfand nicht das Still-Erhabne einer herzlichen Mcnschenstimme? wem tönte sie nicht in der I. Vom Erhabnen. 3.^ verschlossenen Brust unaussprechlich, unvergeßlich wieder? 4 . Wodurch wird diefi Erhabene oder vielmehr diese Erhebung der Seele in Worten und Tönen bewirket? Ohne Zweifel Erstens, daß uns durch den gehörten Klang auf Einmal der Faden unsrer Gedanken und Zcitmomcnke zerrissen wird, indem wir in eine neue Reihe der Dinge und Suc- cessionen plötzlich versetzt werden. Dieß bewirkt jeder Schall oder Klang, der uns auf Einmal viel «»kündigt. So der Donner, das Horn, die Tuba; sie wecken und fordern zur That oder zu großen Erwartungen auf. Große Ankündigungen der Musik (Ouvertüren) mit innegehaltnen, wicdcrkommenden Aufrufen, Ehöre, hohe Anklange der lyrischen Poesie thun ein Gleiches. Erwache, rufen sie dem Menschengemüth--, erwache! 5. Und wenn sich zweitens Stimmen und Töne wie Wogen des Meers sammeln und steigen und schwellen hinauf, uns hebend und tragend über der Fluch des Gesangs; neue Wellen des Stroms strömen hinan und brechen jene, uns höher und höher zu tragen; oder in sanftem Bewegungen hebt uns höher und höher der Hauch der Winde, oas lispelnde Hacfengetön, bis wir (wie auf jenem Symbol der- vier Lebendigen), wie über der Schöpfung schwebend, all' ihrc^Harmonieen im Zufammen- klang zu empfinden glauben; wie verschwcben uns alsdann Bilder und Formen! Kaum andeutend wagt der Griffel Luftgebilde dieser Art zu bezeichnen; iclbsi wenn der Dichter sie mahlt, laßt er ver- lchweben die Züge und zuletzt sich in Stimmen aus- / r ü I. Vom Erhabnen. 3^2 lösen: denn das Unnennbare, Hcrzersasscnde der Stimme hat keine Gestalt; es ist selbst der erquickende Athem des Lebens. 6. Wenn drittens diese Stimmen uns in cin Labyrinth führen, in dem wir uns verloren glauben; Pforten nach Pforten lhun sich auf und schließen sich zu, bis uns der Tonkünstlcr oder Dichter auf einmal, unvcrmukhct, aber still vorbereitet , leise oder prächtig einen Gang des Entkommens öffnet, und uns durch ihn mit sichern! Schritte durchführet; diese Frohheit der Seele, erhaben ist sie und erhebend. Der lyrische, epische, selbst der dramatische Dichter, ob dieser gleich an Formen der Vorstellung gebunden ist, eifert hierin den Verwicklungen und Auflösungen reiner Töne, ibrcn gewaltigen Katastrophen nach, und macht sie dem Geist, der dramatische Dichter dem Auge anschaulich. Das Unanschauliche aber ist die Katastrophe in unsrer Brust, unsre sich hebende, kämpfende , überwindende Empfindung. 7. Wenn endlich dann das Meer der Töne und der Empfindungen zur Ruhe sich senket; wer empfand nicht eben in diesem letzten zögernden Schweben das erhabne Gefühl der Bollcn.dung? Gern zögern wir, scheuend gleichsam das Ende, dem wir zuletzt doch mit beschleunigtem Fall zueilcn. Der Dichter jeder Art, bis zum Fabeldichter und zum Epigrammatisten hinunter eifert dem erhabnen Schluß des Tonkünstlers nach, entweder schnell fallend oder sanft die Flügel senkend^ Ein erhabner Ausgang ist das höchste Ziel der Kunst, in Einem Moment uns alles gewahrend. 8 . Daß keine dieser Energien des Erhabnen ebne Maas bewirkt werden könne, ist durch sich selbst verständlich. Die Erste bricht das gewohnte Maas und gicbt ein Neues; die zweite legt neue Maaße an und macht sie wachsen und wachsen; die dritte verwirrte die Maaße,. indem sic uns überraschend ein neues darbeut, das endlich uns dem völligen Maas, der Vollendung znführt. Sich u,,cnd eine Kunst oder Empfindung der menschlichen Natur Maas - und Grenzenlos denken, zerstört all' Kunst, wie alle Empfindung, geschweige die Ton-und Dichtkunst, deren Wesen das Maas ist, wie alle ihre Benennungen (nmtruin, inoäi, Modulation, Rhythmus, ^5X05, u. f.) sagen. 9. „Gicbts aber nicht ein Unendliches, Uner meßbares in allen Künsten des Schönen, geschweige des Erhabnen ?" Allen Wissenschaften und Künsten liegt ein solches zum Grunde; sonst könnte kein Maas daran gelegt werden; selbst die Mathematik hat ein Unendliches vor sich, an welches sie aber durch Zahl und Zeichen Maas leget. Unterließe sic dieß, so hörte ihr Begriff auf; nicht minder hörten Zeichnung und Bildung, Tonkunst und Sprache auf, wenn sie nicht, Jede in ihrer Act und mit ihren Maaßen, dem Unermessenen Umriß, Schranken, Bestimmung, Maas gaben. Der leere Ausruf: „0 wie unendlich! ganz unermeßlich!" verrath eben den Unkünstler, der ihm kein Maas zu geben wußte. Der Witz, der sich mit sogenannt-erhabnen Antithesen in die Sprache drangt, um durch Gegensätze das wahre Maas zu vernichten, ist so wenig ein Genius achter Philoso- I. V o m Erhabne n. p!üe als Dichtkunst. Selbst der Mathematik ist ihr Unendliches nur die immer mehr zurückweichcnde Grenze gegebner Verhältnisse, nie das absolute Null, weder im Unendlich'.roßen noch Unendlichkleinen. Im absoluten Null wie im absoluten All ist nichts meßbar. Ware Jemand so hoch gestiegen, daß er „nur das Schlechthin-, das außer allem M a a s Große" e r habe n nennte, und sich „die Unerreichbarkeit der Natur als Darstellung ihrer Ideen" dachte; der Unerreichbare hätte der Kunst sowohl als der Natur entsaget : denn das Unerreichbare gicbt keine Darstellung , und das außer allem Maas Große hat keine Größe. rc,. Offenbar entspringt die Irrung aus einer Mißnahme des Mediums, wodurch diese Künste wirken, seyn es Worte oder Töne. Glaubte man einerseits, daß Worte stehende Formen hervorbringcn können, so erschuf man sich das Hirngcspinnst einer sogenannten „reinen Objektivität der Poesie," das man griechische Form nannte, und das zuletzt auf ein steifes hölzernes Woctgcrüst hinausgcht. Ohne Tbeilnahme hört man die Hammerschläge einen Bau erschaffen, der nie ganz vor uns sieht, bei dem wir der Muse danken, wenn der letzte Hammerschlag austönet. Ist dies; griechisch? In Homer leben alle Bilder dergestalt, daß er selbst seine Gleichnisse in Bewegung setzt, jeder Zug ist ein Hauch seines Mundes; daher kein Künstler, der die Grenzen seiner Kunst kennet, auch wenn er aus Homer mahlt, gelüsten wird nach Homer z» mahlen und mit ihm im Punkt dieser fortschreitenden Energie I. Vom Erhabnen. 34 b zu wetteifern. Himmel und Erde z. B. setzte Phi- dias nicht in Erschütterung, als er seinen Zevs bildete; kein griechischer Künstler wollte die Stimme des Ares, wenn er wie zehntausend Krieger schrie oder Hufeulange Glieder der Götter bilden; Züge, die der lebendigen Energie der Dichtkunst allein zu- gehvrten. Eben so wenig wollte Homer in irgend einer Schilderung das Unding einer „reinen Objektivität" erreichen, durch welche das Wesen seiner Kunst rein vernichtet wäre. Gehet alle seine Figuren und Formen, selbst seine Bilder aus Achills Schilde durch; ihre stehende Form ist aufgehoben; sie bewegen sich, sie leben. Genau in dem Maas schreiten sie uns vorüber, als unsre Phantasie sie fassen, unsre Empfindung sie festhalten kann; kein Moment langer; von kalt-reiner und rein-kalter Objektivität ist bei ihm kein Gedanke. Dagegen ist von reiuwarmer Subjektivität bei ihm eben so wenig die Rede. Im Unermeßlichen schwimmen und sich darin baden, und darin wüthen und toben; dieser erhabne Mysticiömus im Abgrunde des Unendlichen, diese aus - und fortströmende Fülle im absoluten Nichts und All, im Leeren und immer Leeren, ist eben so ungriechisch als übermenschlich. Von einer Transcendenz unermeßlicher Gefühle weiß kein griechischer Dichter; Lang in hat sie mit ihrem eigentlichen Namen Transscendcnz, (U7v5§- sZ«72>') zum falsch - Erhabnen gczählet. ir. Besteht also das Erhabne hörbarer Vorstellungen in ihrer fortschreitenden Wirkung, so führt es sich, nur in einer andern Dimension, auf die Erklärung zurück, die wir bei ä, / ? lk I. Vom Erhabnen. sichtlichen Gegenständen wahrnabmcn. Es giebt uns mit Einem Viel", mächtig-fortwirkcnd, indeni cs i) den Faden unsrer gewöhnlichen Vorstellungen zerriß, 2^ uns hoher unch höher hebet; indem es 3 ) uns in Labyrinthe führt und glücklich hinausführt, und 4) froh vollendet. Mithin ruht das wahre Erhabne eigentlich im ganzen progressiven Werk des Dichters. Wer sich, bei Milton z. B., in, Vocgrundc seines Gedichts, in der Hölle verweilt, und in ihr das Pandamonium, die Brücke über das Ehaos, die Gestalt der gcfallncn Geister, ihren Sturz, ihre kühnen Entschlüsse nicht genug bewundern kann, ohne die untergeordnete Stelle zu bemerken, die dieser Abgrund im ganzen Kunstbau des Dichters entnehmen soll, wie fern ist er vom wahren Erhabnen Miltons, dem biefi Fürchterliche, Traurige, Graufendc einer kalten und kühnen Verzweiflung nur dienet. Wer bei Klop stock sich nur an Judas und Philo, an Engel und Teufel halt, ohne das Hauptgebilde des Dichters zu bemerken, den göttlichen Menschen, der durch Gesinnungen und Uebcrnahme für sein Geschlecht sich das Verdienst errang , ein allbeglückender M ensc he n- gott zu werden, wie fern ist er vom wahren Erhabnen des Dichters! Wer beim Drama das Drama vergißt, d. i. die entsprungene, fortgchcnde, sich aus der Verwicklung auflösende, Furcht und Mitleid erregende Handlung; dagegen aber an Sentenzen, an malerischen Situationen, an einzelnen Charakteren haftet; wie fern ist er vom Erhabnen Sophokles und Shakcspcars! Wer in Gedichten „reine Objektivität" verlangt, wenn sie auch ganz ohne Wirkung auf unser Subjekt wäre, oder un- I. Vom Erhabnen. 347 endlich - ausströmende „Subjektivität im Leeren, ohne Objekt, Maas und Grenze," wie fern ist er von aller Dichtkunst! r2. Man zeichnet bei Dichtern erhabne Stellen, Gesinnungen, Charaktere, Situationen aus; mache man den Versuch, ob die erhabensten, die sich in aller Welt finden, nicht eben die sind, wo ans Un- ermessene Maas gelegt, und eben dieß Hohe, Ucberschwengliche, an Daseyn oder an Kraft, das unerreichbar schien, als erreicht dargestellt wird. Ocdipus Schicksal, vor allem sein Tod, Äjax Schicksal, vor allem sein Schweigen in der Unterwelt, die Waage, womit Zevs Hektars Tod waget, gehören zum Erhabensten der Griechen; stellen sie uns nicht ein Unbegreifliches begreiflich, ein Unermeßba- res ermessen dar? So jenes uralte Buch, wo ein unbescholtener Mann nach großer Ergebung, gleichsam gezwungen, mit dem Schicksal kämpft, und auf seinem Aschcnhaufen mit dem Leichter der Welt rechtet. Gewiß nicht nur jene Stelle, die Burke anfübrt, *) ist erhaben; sondern vielmehr der Grund des Werks, sein Fo rt - un d Ausgang. Die Rathschlüsse des Weltenfchöpfcrs, des Allregicrers, und das kleine Leben, das kleine Verdienst eines Menschen liegen auf einer wagenden Waage. Das wahre und rein - Erhabne muß es dem gesummten Menfchengefühl seyn; alle kleinliche Sprach - und Zeit - Conventionen nutzen sich ab und verschwinden. Aber *) Hiob st, rZ. 348 I. Vom Erhabnen. VI. Das Sittlich-Erhabne. „Sollte in ihm ein Schwingen ins Unendliche, Unermeßliche ohne Maas und Ziel nicht nur erlaubt, sondern nicht sogar höchster Grundsatz seyn dürfen, ja seyn müssen?" Nirgend ist die Ucberspannung gefährlicher als in der Moral, wie die Geschichte der Zeiten zeiget. Wer die Menschheit hypermorali- firt, hat sie ermoralisiret; wer sie überspannt, löset sie auf. Sitten erfordern Maas; ein moralisches Gesetz ist selbst dem Namen nach nicht leere Form, sondern bestimmte Regel. Eine Heiligkeit, die über der menschlichen Natur liegt, liegt auch außer ihr; Visionen ins Rein - Uebcrsinnliche zu einer Bedingungslosen Pflicht aus Bedingungsloser Freiheit nach einem Bedingungslosen Gesetz, das über meine Natur hinaus ist, und nach welchem sie doch als nach einem Unerreichbaren immer hascht und greift, sind Katheder-Erhabenheiten, die nichts als anmaaficnde Schwätzer gebähten. Die kleinste wie die größeste Pflicht fordert Bedingungen, Schranken; unter je schwereren Bedingungen sie rein und ganz geschehet, so daß in ihr ein Unermeßliches meßbar, ein Unmögliches nicht nur möglich, sondern wirklich dar- aestellt wird, desto erhabner ist sic; sie giebt uns in Einem Viel, mächtig, auf die energisch - stille- ste Weise. Wenn wir in unser Leben zurückgehen, welche waren uns die sittlich - Erhabensten der Menschen? k I. Dom Erhabnen. 349 Die uns das Vortrefflichste, das Edelste als Gesinnung und Tbat, gleichsam als ihre eigne Natur, in mächtig-stiller Wirkung darstellten. Grundsätze, deren Ausführung wir für schwer oder für unmögt lieh hielten, wenn wir sie chne Prunk und Affekta- tion als herrschende Gesinnungen zu einer erhabnen Natur geworden, in ihrer ganze» stillen Kraft erblicken; sie überraschten, sie erniedrigten uns für den Augenblick, um uns eben damit auf immer über uns selbst zu erheben. Zn ähnlichen Fallen, im größten Sturm der Leidenschaften werden uns diese Götterbilder als Heilbringende leitende Sterne erscheinen, uns mit ihrem Hellen Anblick viel sagend. „Diese Gesinnung, sagen sic uns, ist nicht nur möglich, sondern auch die reinej Natur des Menschen; sie gewahrt Macht und ist weise, und schaffet Seligkeit; sie gebiert inncrn Frieden." Ze reiner uns diese Erhabnen erscheinen, je mehr machen sie uns das Schwere leicht, das Unermessene meßbar. Das Gefühl des Erhabnen stößt sich an nichts so sehr, als am Vielen, Vergeblichen, aus Nichts zu Nichts, an leerer Anstrengung, an kämpfender Ohnmacht. Wie eine ungeregelte blinde Macht Furcht und Schrecken oder gar Abscheu erregt: so ein Bestreben ohne Weisheit nach einer ihm unangemessenen Regel oder gar ohne Zweck und Absicht aus pur-blanker Pflicht, wirkt Geringschätzung, und selbst der gute Wille in äußerster Anstrengung ohne Macht und Weisheit Bedauren. Sind jene Drei, die im Grunde Eins sind, Macht, Weisheit, Güte in der 25o I. Vom Erhabnen. menschlichen Natur vereint, und in Gesinnungen sowohl als in That wirksam, dann nur dann bilden sie den Erhabnen. Die kritische Schule hat lange und oft jenes Epiphonem zur „Kritik der praktischen Vernunft: Zwei Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel übcr mir und das moralische Gesetz in mir" als den erhabensten Spruch bewundert, den je ein Mund sagte; ich will ihm seine Würde nicht rauben. Aber beides, der gestirnte Himmel und das moralische Gesetz zusammengestellt, was will die Parallele? Ist sie ein Wunsch, daß wie droben Ein großes Gesetz alle Sterne und Sonnen ordnet, auch das Gesetz in uns eben so wirksam die moralische Welt beherrsche und ordne, so kennen wir ihn längst in der einfach-erhabnen Bitte, daß der Wille des Ewigen von uns hienieden geschehe, wie droben: der dcmüthige Wunsch schlägt zugleich aber auch unfern Blick nieder. Denn herrscht das moralische Gesetz in unsrer Brust, wie droben in allen Welten das Gesetz der Bewegung? Eine solche Zusammenstellung demüthiget uns tief. Soll sie aber, vielleicht gegen die Absicht dessen, der sie aussprach, ein stolzer Spruch senn, daß wie droben der Schöpfer Heere von Welten geordnet, so der ^kritische Philosoph als Autonom durch sein kategorisches Soll auch eine Welt ordne: so lahmt die Vergleichung. Ein Gesetz, das nicht befolgt wird, das ohne Motive auch nicht befolgt werden kann, absolut aussprcchcn ist leicht; aber halten! halten! Die Parallele wird also ein dunkler Conirast; I. Bom Erhabnen. 3Si daS erhabne Epiphoncm wird Schwulst; Schwulst aber deckt, wie wir wissen, Wind oder eine Wunde. Die kritische Schule sondert das Sittliche nach Geschlechtern: „des Mannes Tugend sey erhaben, des Weibes Tugend schön. Sogar die Liebe Jenes sey Großmuth u. f." Gegensätze, die die Natur nicht kennet. Hat es nicht Weiber non so erhabnen Gesinnungen, von so festen Grundsätzen, als Ge- genseits schwache Männer genug gegeben? und ist die kritische Hcruntersetzung eines ganzen Geschlechts auch qroßmüthiq - erhaben ? Grundsätze kennen keinen Unterschied des Geschlechts; wohl aber modisicirt sich die Sittlichkeit nach Geschlechtern. Ein unweiblich Weib ist so widrig, wie der lieblos - großmü- thige Liebhaber. Die Kritik hat eine Reihe „erhabner" praktischer Grundsätze aufgestellt, die bei näherer Ansicht vielleicht nur eitel oder gemein oder sich selbst widersprechend sind; z. B. r. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein' allgemeines Gesetz werde. Oder: handle so, als ob die Maxume deiner Handlungen durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte." Der Satz klingt erhaben und ist nur eitel. Im Handeln bi» ich Thäter des Gesetzes, nicht Woller oder Gesetzgeber; Befolget- der Naturordnung in meinem Kreise, nicht Stifter derselben für alle mir unbekannte Bernunftwesen. Je mehr ich mich in meiner erhabnen Maxime wollend bespiegle, desto mehr unterlasse ich, demüthig nach ihr zu 352 I. Vom Erhabnen. handeln, und so habe ich einen stolzen Traum ge- träumct. Durch meinem Willen wird kein allgemeines Naturgesetz; meine That soll das allgemeine Naturgesetz, bedingt in meiner Existenz und Situation, ausdrücken, d. i. ihm folgen. Der allgc- m eingute Gesetzgeber-Wille ist eben so in- comvetent-anmaaßend als Kraftlos: denn nur im Besondern und Besondersten wird das Allgemeine, wie hier der Wille, durch That wirklich. 2 . „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck niemals bloß als Mittel brauchest." Und wenn Personen, wenn Mittel und Zwecke collidircn? So wird der eitelste Egoismus daraus, der den großen Zweck der muffigen „Allbeurkheilung," unter dem Namen „Sclbst- schätzung, Selbstachtung," Alles unterwirft und einen ewigen Krieg zwischen lauter „Selbstzwecken und Selbst-Gesetzgebern" anspinnet. Da in der Natur alles Mittel und Zweck ist, so sagt das erhabnere, bescheidnere Gesetz: „Du selbst gehörst der Natur und der edelsten Natur, die wir kennen, der Menschheit an; angewandt werde auch dein Leben, wie aller Leben, als Mittel zum Zweck des Ganzen, der Menschheit. Nach Hellen Begriffen und reinen Trieben verbrauche dich in ihrem Dienst, dich selbst vergessend, dich selbst aufopfernd." 3. „Der Mensch ist nur seiner eignen, dennoch allgemeinen Gesetzgebung unterworfen. Der Wille durch seine Maxime darf sich selbst als all- I. Vom Erhabnen. 353 allgemein-Gesetzgebend betrachten. Dies ist des Menschen Würde, Achtung für das von ihm selbst gegebne Allqemeingcsctz; ec achtet die Menschheit, ja das Reich aller Vcrnunftwesen in sich; er ist der allgemeine Sclbstachter." Eitler Wahn > Nachacbtung will das Gesetz; nicht speculativ- stolze Achtung, weil ich es mir und der ganzen Nacur gab und es eben so hoch hiuaussetzte, daß weder ich noch ein andres Vcrnunftwesen meiner Art es zu befolgen weiß. Entweder ein eitler, bald nach- laffendcr Kampf wird aus dieser überspannten Gesetzgebung oder eine eitle moralische Kunstrichterey, die ins Beurthcilen der Maximen allen Werth setzt, und dafür das Thun (denn das heilige Gesetz ist „unerreichbar") sich als einer brechlichen, mit dem bösen Princip gesättigten Natur, verzeihet. Das wahrhaft-erhabne, bescheidne Gesetz spricht: „handle nach dem Gesetz, als ob es deine Natur wäre; mache es dir zur Natur und vergiß, daß es Gesetz sep, geschweige, daß du es dir gegeben, geschweige, daß du es für das gesmnmte Vernunfkreich gäbest. Was hast du mit dem gesummten Vcrnunftreich als Gesetzgeber ? da du nur deine Vernunft gebrauchen und tkatig anwenden sollst und kannst Anmaßendstolze Selbstachtung ist das unlauterste Princip, worauf die Moralität gebaut werden kann; es macht egoistisch, und dabey vor lauter Kritik unthatig - eitel. Eitelkeit aber ist nach dem Ausspruch aller Zeiten das Grab der wahren Erhabenheit und Würde. Herders Werke z.Phil. u. Gesch. XV. Z I. Dom Erhabnen. 354 VII. Das Erhabne im Wissen. Dieses ist nicht die „Transcendenz," deren Erhabnes uns mit Vielem Nichts giebt, geräuschvoll- ohnmächtig, leere Schemate und Formen. Nahen wir uns ihrem Pandamonium, so gelangen wir durch zwey „blinde Anschauungen," die selbst bekennen, daß sie nichts sehen und nichts geben, als durch Hüterinnen der Pforte in einen Vorhof, wo aufge- hangene „Schattcnkafeln" selbst bekennen, daß sie „Objektlose Schemen" sind und nicht wissen, wie von Objekten abgezogne Worte auf sie zusammcnflogen. Ein scharfer Zugwind von „Paralogismen" führt unS sodann durch windige Kreuzgange von „Antinomieen" in die leere Halle der „leeren Vernunft," wo nach langer Erwartung der leere Schall, „du sollt," aus dem absoluten Nichts ertönet. Die Echo tönt daS absolute „Soll" rückwärts sehr vernehmlich im Worte „Los" wieder; denn was durch übersinnlich absolute Pflicht Bedingungslos gebunden ward, kann durch übersinnlich » absolute Freiheit Bedingungslos gelöfet werden. Also gehen wir leer aus dem Tempel, aber zu übersinnlichen Gesetzgebern und Nalur- schöpfern im absoluten Nichts aus Vollmacht der ob- jekrlosen leeren Vernunft gewürdet. Stolzes Spiel! Traum der Träume! Erhaben im Wissen ist, was mit Wenigem Viel giebt, mich auf einfachen Wegen Viel zu erkennen leitet, hell, mächtig, sicher, nicht aufdringend Worte sondern Kräfte erweckend in mir und Lust, Liebe, Neigung. lVlliniiriurrr est csuock scire Iskvro, fugte jener Weise; nur daß dies Minimum ein Maximum werde. Jeder Punkt in der Natur ist ein solches, und die Verkettungen in ihr, die Punkte ihres Zusammenhanges, Muxitria oon immer höherer Art, führen uns weiter und weiter. Immer rückt ferner die Grenze und bleibt doch vor uns; *) im Absoluten außer und über der Natur hat der Verstand nichts zu schaffen, die Vernunft nichts zu ordnen. Das „kritisch Erhabne" ist hier allenthalben ein Ueberfliegen oder Uebcrstürzen sein selbst ins Grenzen - und Bodenlose, den Abgrund; r-n-^/ILT-cm oder *) So breitet stolz die königlichen Flügel Der Adler im Entschluß, der ihn zur Sonne führt, Gleich Segeln aus. Von ihr allein gerührt, Sieht er, je mehr er steigt, die immer tiefer» Hügel, Ein immer tiefres Thal, ein immer tiesres Meer, Ein immer höh'res Sonnenheer. Von Creuz. II. Dom Ideal des Schönen. „G rund s a tz " i. „Da es keine objektive Geschmacksrcgel, die durch Begriffe bestimmte, was schön sey, geben kann: so ist die allgemeine Mittheilbarkeit der Empfindung des Wohlgefallens, und zwar eine solche, die ohne Begriff Statt findet, die Einhelligkeit (so viel möglich) aller Zeiten und Völker in Ansehung dieses Gefühls in der Vorstellung gewisser Gegenstände, das empirische, wiewohl schwache und kaum zur Vermulhung gereichende Criterium der Abstammung eines so durch Beyspiele bewahrten Geschmacks von dem ticfverborgnen, allen Menschen gemeinschaftlichen Grunde der Einhelligkeit in Beurtheilung der Formen, unter denen ihnen Gegenstände gegeben werden." Zweifel. Einhelligkeit in Beurtheilung der Formen, unter denen Gegenstände des Schönen gegeben wer- II. Vom Ideal des Schönen. 357 den ohne Begriff? Einhelligkeit, so viel möglich, aller Zeiten und Völker in Ansehung des Gefühls des Wohlgefallens in der Vorstellung gewisser Gegenstände (Welcher ?) ein Kriterium zwar nicht des Geschmacks, aber der'Abstammung des Geschmacks vom tiefverborgnen, allen Menschen gemeinschaftlichen Grunde der Einhelligkeit in Be- urtheilung der Formen? Und dies Principium, auf bloße Empirie gebaut, wäre a xriori? Und welches ist der tiefverborgne Grund, worauf das Kriterium zeigt? Wir fragen eben nach diesem Grunde. . „Grundsatz" 2. „Daher sieht man einige Produkte des Geschmacks als exemplarisch an; nicht als ov der Geschmack könne erworben werden, indem er andre nachahmt." Zweifel. Erworben nicht, wenn die Anlage dazu dem Nachahmenden fehlet, so wenig eine Geschmacklose Zunge, wenn sie das Kaue» nachahmt, wird schmecken lernen; aber erweckt, geleitet und mißleitet, gebildet und mißbildet kann der Geschmack durch vorstehende oder geltende Muster allerdings werden. Dies zeigt die Geschmacks-Moden- und Kunstgeschichte in allen Perioden und Schulen. Auch zum Wohlgefallen gewöhnt man sich, gesetzt man müsse auch Anfangs kriusch fragen; „habe ich mich wrrk l i c h amussret? " Ob das, was der Lehrling nachahmt, wirklich schön se»'? fragt er seltner; er folgt dem Meister und gewöhnt sich. 353 II. Vom Ideal „Grundsatz" 3. ,,Hieraus (weil man einige Produkte des Geschmacks als exemplarisch ansieht) folgt aber, daß das höchste Muster, daS Urbild des Geschmacks, eine bloße Idee sei), die jeder in sich selbst h e rv o r b r i n gen muß, und darnach er alles, was Objekt des Geschmacks, was Beispiel der Beurtheilung durch Geschmack sey, und selbst den Geschmack von Jedermann beur- thcilen weiß." Zweifel. Wie folgt das? Weil man Produkte des Geschmacks als exemplarisch ausieht, so muß Jeder das höchste Muster, das Urbild des Geschmacks, die Idee, darnach er alle Objekte und Beispiele des Geschmacks , ja den Geschmack Jedermanns beurtheilcn muß, in sich h e r v o r b r i n g e n? Bringt Jeder die höchste Muster-Idee, das Urbild des Geschmacks zu Beurtheilung jedes Objekts in jeder Kunst aus sich hervor, da, wie ihre Werke zeigen, es so manchen namhaften Künstlern und Kunstschulen , einem Troß von Kunstrichtern und Philosophen, ^a ganzen Nationen fehlte? „Grundsatz" 4. „Idee bedeutet eigentlich einen Vernunftbegriff; Ideal die Vorstellung eines einzelnen, als eines der Idee adäquaten Wesens." Zweifel. Weder Eins, noch das Andre. Ein Vernunft- bcgriff laßt sich nicht darstellen; jede Kunst aber deS Schönen. 359 stellt ihre Ideen dar. Kein einzelnes Wesen ist einer Vernunftidee ndäquctt, sondern nur unter ihr enthalten; mithin kann auch daS Ideal nicht die Vorstellung eines einzelnen Menschen als eines einem unvorstellbaren Begriff adäquaten Wesens seyn. Die Begriffe heben einander auf. „Grundsatz" 5 . „Daher kann jenes Urbild des Geschmacks, welches freilich auf der u n be sti m m te n Idee der Vernunft von einem Maximum beruht, aber doch nicht durch Begriffe, sondern nur in einer einzelnen Darstellung kann vorgestellt werden, besser das Ideal des Schönen genannt werden, dergleichen wir, wenn wir gleich nicht im Besitz desselben sind, doch in uns hcrvorzubringcn streben. Wie gelangen wir nun zu einem solchen Ideal der Schönheit? ^ priori oder empirisch? Jmgleichen, welche Gattung des Schönen ist eines Ideals fähig? " „Wir gelangen dazu 1) durch die ästhetische Normalidee; 2) Durch die Vernunftidee." Die ästhetische Normalidee ist eine einzelne Anschauung der Einbildungskraft, die das RichtmaaS der Beurlhcilung des Menschen, als zu einer besonder« Thierspecies gehörigen Dinge s verstellt." Zweifel. Daß also der Mensch ein zu einer besonder« Thierspecies gehöriges Ding ist, giebt, und zwar in 36o II. Vom Ideal einer einzelnen Anschauung, die ästhetische Normalidee zum Ideal des Schönen und der Schönheit? „G rundsatz " 6. „Die Normalidec muß ihre Elemente zur Gestalt eines Thiers von besondrer Gattung aus der Erfahrung nebmen; aber die größte Zweckmäßigkeit in der Eonstruktion der Gestalt, die zum allgemeinen Richtmaas der ästhetischen Beurtheilung jedes Einzelnen dieser Species tauglich wäre; das Bild, was gleichsam ab- sichtlicb der Technik der Natur zum Grunde gelegen bat, dem nur die Gattung im Ganzen» aber kein Einzelnes abgesondert adäquat ist, liegt doch blos in der Idee des Beurihcilenden, welche (Idee) aber mit ihren Proportionen, als ästhetische Idee in keinem Musterbiide völlig in Loriui-o- tc> dargestellt werden kann." Zweifel. Eine aus einzelner Erfahrung genommene Idee soll nicht nur ein allgemeines Richtmaas der ästhetischen Beurtheilung j e d cs Einzelnen derselben SpecieS, sondern auch mit ihren Proportionen als ästhetische Idee ein dacgestelltcs Musterbild des Musters werden, das der schaffenden Natur blos für die Gattung im Ganzen Vorgelegen, dem aber kein Einzelnes adäquat ist? Musterbild für die ganze Gattung, aus einem Einzelnen abgezogen, dem kein Einzelnes adäquat ist? „Grundsatz" 7. „Wie dieses zugehe, (denn wer kann der Natur des Schönen. 36, ihr Kcheimniß gänzlich „blocken?) wollen wir eine psychologische Erklärung versuchen.*) Da auf eine uns gänzlich unbegreifliche Art die Einbildungskruft nicht allein die Zeichen für Begriffe gelegentlich, sondern nuch das Bild und die Gestalt des Gegenstandes von einer unbeschreiblichen Zahl von Gegenständen vcrschiedner Arten, oder auch Ein und derselben Art, reproduciren kann, so weiß sie auch, wenn das Gernüth cs auf Vergleichungen anlegt, allem Vermachen nach wirklich, wenn gleich nicht hinreichend zun, Bewußtfeyn, Ein Bild gleichsam aufdas andre fallen Zu lassen, und durch die Congruenz der Mehreren von derselben Art ein Mittleres herauszu bekommen, welches allen zum gemeinschaftlichen Maassiabe dient. So geben tausend gesehene Mannspersonen eine Mittelidee, die Statur einer schönen Mannsperson, wie nach der Analogie der optischen Darstellung, wenn eine große Anzahl Bilder, vielleicht alle jene tausend aufeinander fallen, auf den Raum, wo die meisten sich vereinigen, innerhalb dem Umrisse, wo der Platz mit der am stärksten aufgetragenen Farbe illuminirt ist, die mittlere Größe kenntlich wird, die sowohl der H v h e als Breite nach von den äußerste» Grenzen der größten und kleinsten Staturen gleich weit entfernt ist." Zweifel. Tausend auf einander fallende Bilder, in einem Platz zusammenkreffend, der mit der am stärksten ) S, 56. 362 II. Vom Ideal aufgetr eignen Farbe i ll u m i n i r t ist? Und sie machen eine mittlere Größe kenntlich, die sowohl der Höhe als Breite nach (als ob Höbe und Breite die Gestalt bestimmten,) von den äußersten Grenzen der größten und klein sten Staturen gleich weit entfernt, folglich die schönste Statur oder Figur, das Ideal, Urbild und Muster aller Schönheit wäre. Optisch würde bei solchen Vatis auf solchem Platz nichts oder das Verworrenste erscheinen, das auch kein Kind für ein Bild geschweige für das Ideal aller Bilder erklärte. „G rundsatz " 3. „Man könnte eben dasselbe (Ideal) mechanisch herausbckommen, wenn man alle tausend Bilder maße, ihre Höhen nntcr sich, und Breiten und Dicken für sich zusammenaddirte und die Summe durch tausend dividirtc." Zweifel. Breiten, Dicken, Höhen von tausend Mannspersonen gemessen und addirk, sodann mit ivvo di- vidirt, geben das Ideal männlicher Schönheit sowenig, als (wenn unter den Tausenden auch keine Riesen und Zwerge, keine Schwindsüchtige und Fal- stafs in unbestimmter Zahl waren) Höhe, Breite und Dicke addirt, je ein Resultat der Schönheit geben. -.Grundsatz" 9 . „Wenn nun auf ähnliche Art für diesen mittleren Mann der mittl cre Kopf, für diesen die mittlere Nase u. s. w. gesucht wird, so ist diese des Sc Könen. 36Z Gestalt das Ideal des schönen Mannes in dem Lande, da diese Vergleichung eingestellt wird daher ein Neger nothwendia ein anderes Ideal der Schöndelt haben muß, als ein Wrisser, der Chinese ein anderes als der Europäer. — Diese Normalidee ist nicht aus von der Erfahrung h erg e n o m m e n e n Proportionen als bestimmte Regeln abgeleitet —" Zweifel. Wo hatte sie denn der Höhen und Dicken addi- rende Neger und Edinefer her? Kannte er sein Geschlecht anders woher, als aus Erfahrung? „Grundfa tz " rc>. „Sondern nach ihr, der Normalidee, werden allererst Regeln der Beurtheilung möglich. Sie ist das zwischen allen Einzelnen, auf mancherlei Weise verschiedenen Anschauungen der Individuen schwebende Bild für die ganze Gattung, welches die Natur zum Urbilds ihrer Erzeugungen in derselben Species unterlegte, aber in keinem Einzelnen völlig erreicht zu haben scheint." Zweifel. Was ein Neger und Sinefe aus einigen Gestalten seiner Zeit, seines Landes, vielleicht mit dem verworrensten, stumpfsten Blick auffaßte, ja was der Burate und Feuerländer mit halbgcfchlossenen Augen aus Dicken, Breiten und Höhen aufgefaßt haben darf, soll das himmlische Urbild sepn, das die Natur zu Bildung der ganzen Gattung, zu welcher die Gestalten aller Zeiten und Völker gehören, sich (nicht 364 II. Vom Ideal unter- sondern) vorlegte! Addirten und dividirtcn die Meister der Schöpfung den Grön - und Feucr- länder, mit dem Neger, Griechen und Kackcrlack an Dicke, Breite und Höhe in einander, um eine Normalidee der Menschengattung zu gewinnen, die dem Ideal der Menschcnschönhcit zum Grunde läge? „G ru n d s a tz" ir. „Die Normalidec ist keineswegcs das Urbild der Schönheit in dieser Gattung, sondern nur die Form, welche die unnachlaßliche Bedingung aller Schönheit auSmacht, mithin blos die Nichtigkeit in Darstellung der Gattung. Sie ist, wie man PolykletS berühmten Doryphorus nannte, die Negel; eben dazu konnte auch Myrons Kuh in ihre r Gattung gebraucht werden. Die Darstellung der Normalidce ist blos Schulgerecht." Zweifel. Eine Normalidee also, die gleich Polyklets und Myrons Bildwerken eine ausgedrückte Regel, eine Form und doch keine Form, eine dargestellte N o r m und doch zugleich kein Urbild, d. i. keine Norm seyn soll! Eher ließen sich alle Farben und Töne zusam- menmischcn, um die reine Normalidee der Farben und Töne zu gewinnen, oder alle Geschmacke und Gerüche addiren und dividiren, um sich der Normalidce des Geruchs und Geschmacks zu bemeistern, als auf solchem Wege eine schulqerechte Norm zum Ideal der Schönheit aus Länge, Dicke und Breite errechnen, die mit der Schönheit selbst nichts gemein hat. In der Mathematik nimmt man zwischen zwei Extremen eine mittlere Größe oder Zahl, um ver- des Schönen. 365 mutheke Fehler zu vermindern; weis soll das aber hier, da bei) der Gestalt des Scböncn aufs kleinste xoco äi xiü und xouo äi wrsnc, alles ankommt? „G rundsa tz" 12 . „Bon der Normalidee des Schönen ist doch noch das Ideal desselben unterschieden, welches man lediglich an der menschlichen Gestalt erwarten darf- Un dieser nun besteht das Ideal in dem Ausdruck des Sittlichen, ohne welches der Gegenstand nicht allgemein und dazu positiv gefallen würde. Der sichtbare 'Ausdruck sittlicher Ideen, die den Menschen innerlich b c he rr sch c n, kann zwar nur aus der Erfahrung genommen werden; abcc ihre Verbindung mit allem dem, was unsre Vernunft mit dem Sittlich guten in der Idce der höchsten Zweckmäßigkeit verknüpft, die Seelengüre, oder Ncinigkeir, oder Stärke, oder Ruhe u. s. w. in körperlicher Aeußerung gleichsam sichtbar zu machen, dazu geboren reine Ideen der Vernunft und große Macht der Einbildungskraft in demjenigen vereinigt, der sie nur bcurtheilcn, vielmehr noch der sie darstellen will; welches dann beweiset, daß die Beurtheilung nach einem solchen Maasstabe niemal s r e i n ä s t h e t i s c h seyn könne, und die Beurtheilung nach einem Ideal der Schönheit kein blosses Unheil des Geschmacks sey." Zweifel. Also ist die Beurtheilung des höchsten und reinsten Schönen nie rein ästhetisch, d. i. seine reinste Empfindung unrein? Also soll, was jene Normal- ihre, die uns in die verwornnste Mischung führte, 366 II. Bom Ideal dcm Ideal des Schönen nicht geben konnte, ein der Empfindung fremder und uufaßlicycr Begriff, der Begriff des S i t l l i c h e n geben ? da doch, der Kritik zu Folge, die Begriffe des Guten und Schönen ganz getrennt sind. Und dann, wie Seelengute, Reinigkeit, Stärke, Ruhe u. s. w. Ideen, die den Menschen innerlich beherrschen, in Formen erscheinen, um ein Ideal des Schönen zu gewahren? davon eben war ja die Frage. — Da mit allem diesem viel verwirrtes gesagt ist, überhaupt auch von diesem Zauberbilde, Ideal des Schönen genannt, viel Wahngestatten und Cari- caturen *) umhergehn; hinweg das Buch! Inden Sälen der Götter und Genien, unter den Idealen der alten Kunst wollen wir, was Ideal des Schönen sey, anschauend lernen. *) Nicht Carricaturen, (S. 5g) Ueberladen heißt Jlaliänisch caricato. Daß „ganz regelmäßige Gesichter im Innern gemeiniglich einen nur mittelmäßigen Menschen verrathen, von dem man nichts, von dem, was man Genie nennt, erwarten dürfe, welches (Genie) nur bei Einer unter den übrigen hervorstechenden Gemüthsanlage, die sich durch Caricatur ausdrückt, zu erwarten sey," ist eine in Norden zwar gemeine, nichts desto weniger aber rohe, der Erfahrung widersprechende Behauptung, die die Natur mit sich selbst in Disharmonie setzt, und das echte Genie sowohl als alle regelmäßigen Gesichter beleidigt, die freilich CaricaturgenieS weder seyn wollen, noch seyn dürfen. S. 5g. des Schonen. Z67 I. Ideale dec bildenden Kunst. Hier thront Zevs in freundlicher Majestät, Vater der Götter und Menschen. Sehet sein Haupt, eine Form, die ihr an keinem Sterblichen sähet. Vorgerückt ist der Schädel, dass er diese Stirn und unter der Stirn dies ernst - ruhige Antlitz bilde. Solche Form ist nur eine Idee, ein zusammenfassender Gedanke. Der Geist, der dies Haupt belebt, bewegte auch die Locke seines Haars, er erfüllt die göttliche Brust und den Bau des Körpers. Als das Bild des Olympiers vollendet war, bat Phidias den Gott um ein Zeichen des Wohlgefallens an feinem Werk; ein Blitzstrahl fuhr vor ihm nieder. Ward dies Gedankengebilde als eine Mittelidee aus tausend Gestalten hcrvorgegriffen, da physiologisch dem Künstler keine Menschengestalt dies Gebilde geben konnte? Das Winken des Haupts, das Bewegen der Locke Key Homer gab es ihm, Verstand dem Verstände, Geist dem Geiste. Lange musste die Kunst geübt seyn und tiefe Studien gemacht haben, che sie ihren Ideen die höchste Idee, das Ideal der Majestät und Würde als ein Diadem aufsetzte. Neben Zevs steht dies kolosalische Haupt der Juno. Wagte die Hand des Künstlers nicht, ihm das ganze Gebilde der Himmelskönigin beyzufügcn? Poliklel bildete sie nach Homer, Zevs Gemahlin und Schwester. Wer sah auf Erden eine solche Gestalt, nicht etwa dem Maas sondern dem Geist nach, der dies Gebilde belebet. , . 363 II. Vom Ideal Pallas, die Tochter Zevs, aus seinem Haupt gebcchren. Schon in Homer erscheint die stürmende, die Stadtezerstörcrin; P h i d i a s har sie gebildet. PH ob ns und Artemis, Zevs Kinder, des Vaters würdig. Phidias bildete den Apoll, gewiß nach Homer, Praxiteles die ArlemiS, PhobuS Schwester. Auf seine Brüder Posidon und Pluto, (Jupiter-S e r apis) ging Zevs bohe Gestalt über. Seine Söhne Ares und Herkules bildete Phidias, würdig dem Vater. Bacchus und Aphrodite, Kinder Zevs. Praxiteles bildete sie, so auch den Eros, dcn Hermes. In mehreren seiner Gebilde war Sko- pas ihm vorgegangcn; noch sanftere Gestalten gehören dem Myron, dem Lysippus. Mit Lp» sipp, ja vielleicht schon vor ihm war der Kreis der Ideale geschlossen; das hohe Evltergeschlecht war vollendet. *) Daß diese Ideale nicht durch „Addiren und Dividi- *) S. Heyne sie !lNLrori6n8 lorniarnin, gilihns Oil in priscas srtis opp, eüicli 8rrnt. tloin- menrsx. 8ec. 6c>ttir>^. Vol. VIII x. XVI. Eine vollständige Geschichte dieser Formen - Urheber läßt sich nicht geben, da uns sowohl Werke als Nachrichten darüber fehlen. Einem Griechen selbst wäre sie schwer worden; und Wir haben das meiste dazu nur durch einen Römer, und durch welchen! Divkdiren dcr Höhe und Dicke, nicht durch ein Zu» sammcnmerfen dcr Gestalten auf den illuminictcsten Fleck als durch eine Normalidee" herausgcbracht sind lehret ihr Anblick. Als Eine Eötterfamilie stehen sie da, jeder nach seinem Charakter und Lebensalter, wie durch Einen Gedanken in allen seinen Formen gebildet. Daß Homer die meisten dieser Formen und Charaktere dem Geist der Künstler gab, leidet keinen Zweifel. Also gehen diese Ideale schon in drei Ideen enge zusammen: 1. Alle Ein Geschlecht, von Einem großen Vater stammend oder ihm angehörig. 2 . Nach der geistigen Gestaltung Eines Dichters , des Homer. 3. Von wenigen Künstlern gebildet, denen die andern folgten. Und sie folgten ihnen so standhaft, daß fast nichts gewisser ist, als die Gestalten dieser Götter in allen ihren Gliedern. Wenn in Trümmern ein neues Gebilde der Erde entrissen wird, so sprechen wir sicher: „dies ist Herkules Brust, dies Bacchus Hüfte, dies eine Stirn Zevs, ein Busen dcr A p h r o d i te." Und wenn ein Unwissender z. B. auf der Melpomene Leib den Kopf einer Bacchante *) fetzte; wir fühlen den Miston wir kennen das fremde schöne Haupt und zürnen dem Varbaren, der damit zwei Gestalten verwirrte. Wo- ') Ehemals in der Rotonda des Vatikans. Herders Werke z. Phil, u, Gesch. XV. Aa 3?o II. Vom Ideal her nun daS erste Vater - und Mukterideal dieses Götlergeschlechts? 4. Ursprung dieser Ideale. Ideal kommt von Idee; cs ist die reinste Idee eines Dinges , aus seiner innern Natur geschöpft, von allem Unwesentlichen und Unlautern scharf gereinigt. Wenn jede Kunst das Vollkommen- ste ihrer Art sucht, so mußte die Kunst, die Organisationen leibhaft bildet, sich an die vollkommenste Organisation, die Men s c h e ng e st a l t vorzüglich halten, und in dieser das Vollkommenste, die reine Idee der Menschheit suchen und bilden. Welches war diese? Ohne Zweifel die Form, die den Menschen am wesentlichsten vom Thier unterscheidet und seinen geistigen Charakter ausdrückt, mithin seine aufgerichtele Gestalt, sein Antlitz und was das Antlitz bildet, seine Stirn, seinen Schädel. Wie aus Zevs Haupt die Verstandrcichs Jungfrau hervorging: so war mit der Stirn und dem Oberhaupt des Gottes das sogenannte Ideal der griechischen Kunst gegeben. e. Der Mensch allein tragt sein Haupt aufrecht; daher hat er ein Antlitz. Bei allen zur Erde gestreckten Thieren ist der Kopf nur das Ende des horizontalen Körpers; vorgeschoben sind die untern Theile desselben, Speise suchend, .Nahrung ergreifend. Stirn und Oberhaupt sind zurückgeschoben, verkürzt und bey mehreren Gattungen fast verschwindend. Je mehr das Thier sich hebt und mit erhabenem Halse den Kopf emporträgt, sondern sich auch die Formen seines Anblicks; immer dennoch vorwärts hangend, an den Nacken befestigt. Der Mensch allein hat ein Haupt; dies wird unter seinem Schädel. Der Schädel wölbt seine Stirn: unter und mit ihr bildet sich das Mcnschenantlitz. Je zurückgehcnder diese, (wie Camper sichtlich erwiesen,) desto Thierartiger; je menschlicher, desto edler gewölbt ist der Himmel des menschlichen Da- seyns, Stirn und Schädel. Die Griechen, eine wohlgebildete Nation, fühlten auch hier ihren Vorzug vor andern insonderheit afrikanischen Völkern; und da sie eben so wohlgebildet dachten, so war eS Natur der Sache, daß sie bey ihrer Kunst daS menschlichste in der menschlichen Form, das Antlitz und in diesem den Grund aller Züge des Antlitzes, die Bildung und Stellung des Oberhaupts vorzüglich charakterisirten. Nothwendig wurden sie hierdurch auf die edelste Form geleitet, die sie, da eS Götter galt, als ein Ueberschwängliches in dieser Form, sofern es mit der Wohlgestalt bestehen konnte, ausdrückten. Sowohl dem Homer, als nach und aus ihm dem Phidias erschien im Vorder-, im Oberhaupt des höchsten Gottes Größe. — L7r' o-H^uer« veuo-r L7i-5^K>a«v 7-0 XL-xT-ox «ev' »-A«»-«7'oeo : «I'sXeXtAv 3^2 II. Vom Ideal 2. Ans diesem Oberhaupt, wie aus einem vom Himmel entsprossenen Keim entsprang durchs ganz« Gebilde eine höher'« Harmonie der Glieder. Unter der heitern, ebnen, vorgesenkten Stirn trat die Gegend über den Augenbraunen, welche den Griechen der Sitz der denkenden Seele war, in ihr bedeutendes Licht. Die Augenhöhle wölbte sich erhabner; in ihr leuchtete ein Volks ruhiges Auge, und sanft floß die Wange nieder. Unter der Gedankengcgcnd der Stirn theilte die Nase das Antlitz, nicht hinausstrebend, aber breit und scharf; und unter ibr ward der Mund lieblich gebildet. Die eben genannte Form der Stirn, der Wangen und Nase schrankte diesen natürlich zu dem ein, was er im Menschenantlitz seyn sollte, zum Sitz der Svada; das thierisch- Vorragendc, Nahrungsuchcnde, war, da die menschliche Lippe ihn umschloß, verschwunden. Ein solches Haupt und Antlitz gebot dem ganzen Bau der Glieder. Hals, und Nacke, Schultern und Arme, vorzüglich die erhabne oder sanfte Brust mußten der Bedeutung des Antlitzes würdig seyn; mithin wurden den untern Theilen des Gesichts, die die Sinnlichkeit ausdrücken, auch die Glieder des Leibes harmonisch. Nüchtern trat der Unterleib zurück und beschrankte sich zwischen Hüften, die das obere Ver- haltniß der Theile des Gesichts zu den Füßen hinab fortführten. Diese Harmonie der Theile war nicht etwa blos eine Zahl-Proportion ihrer Lange und Breite: sie war ein im Geist empfangenes untheilbares Ganze , das sich mit jedem Gott, mit jeder Göttin, nach Alter und Charakter modificirt«, sich mithin in jeder Gestalt eigne Verhältnisse schuf, alle entsprossen aus der Wurzel der Menschheit, dem Haupt, nach des des Schönen. 3^3 Bildes Bedeutung. Größe, Stellung, Anstund sind hiernach wie nach einem reinen Akkorde dieser oder jener Tonart den Gebilden zugemessen, zugewogen. 3. Hieraus erklärt sich, was man in ihnen die hohe Ruhe, die stille Würde, oder erhabne Einfalt zu nennen pflegt und unrecht aus der Sittenlehre holet. Es ist die in diese rein - menschliche Gestaltung gegossene, ihr durchaus entwöhnende Seele, der Zusammenklang ihrer Glieder. Da nämlich die Natur den menschlichen Körner symmetrisch gcbauet und die Bewegung seiner Kräfte einen Antagonismus nicht nur beider Seiten gegen einander, sondern in jedem Theil seiner Muskeln und Glieder anvertrauet hat: so ist dieser Zusammenklang einer harmonischen Disharmonie, wie in einem melodischen Rhythmus eben das Seelen hafte, Bezaubernde, das in der ganzen Stellung der Gestalt zu uns spricht, in uns übergeht, und wie ein Gefühl göttlicher Ruhe sich uns mittheilet. Bemerkt das schwebende Gleichgewicht in allen Theilen, in allen Gliedern. Auf sanfte Gegensätze ist es gebaut, in denen dem Andern Nichts scharf entgegenstrebt, nichts aber auch welket. Freundlich unterstützen sich die Glieder, von dieser, von jener Seite; Ein Theil spricht zum andern : „ich helfe dir, du trägst mich, bis ich dich ablöse;" sie lieben einander, als Ein von Einem Geist bewegtes Ganzes. Ein «rztvunge- nec Eontrast, ein Widerspruch mit sich und andern ist nirgend sichtbar; nie stehen wir auf der Zehspitze eines peinlichen Strcbens. Woher hat sich diese Ruhe ergossen? Vom Haupt hinab, in Brust und Hände, in die ganze Haltung und Stellung des Körpers. Nicht tobte Ruhe ists, sondern ein mit sich 374 H. Dom Ideal selbst einiger Geist und Körper; Bewegung in Ruhe, Ruhe in Bewegung, auf der Spitze einer Goldwage dem Gebilde zugewogen; eine Melodie der Glieder. So einfach erklärt sich das Ideal der Griechen. Es war die reine menschliche Gestalt, von allem Thierischen gesondert, ihre eigene Vollkommenheiten ausdrückend in allen Charakteren und Gliedern. 3. Folgen des Ideals. Nach diesem Begriff sehen wir, daß die an Leib und Geist menschlich - gebildeten Griechen auf den Weg des Ideals frühe kommen und darauf glücklich seyn mußten, eben weil sie kein Hirngespinnst, keine Unfvrm, sondern eine in der NatUr vorhandene, un- serm Geschlecht wesentlich einwohnende Idee und Regel, d> i. die r e i n me n sc h l i c h e Form suchten. Frühe also sehen wir sie schon auf der Bahn dazu, in sehr alten Kunstwerken, bei noch schroffer Zeichnung. Vom Haupt hinab entsprang die Gestalt; war das griechische Haupt, (unrecht nennet man es blos das griechische Profil) in seiner geistigen Bedeutung da, so war mit und aus ihm die Gestalt des Körpers gegeben. Mit Ruhm nennet die griechische Kunstgeschichte die Namen derer, die in einzelnen Gestalten dies des Schönen. 375 reine Ideal der menschlichen Natur vollkommener oder in höchster Vollkommenheit darstcllten: Phidias und Alkamenes, sein Schüler und Mitgehülfe, vorzüglich in männlichen; Praxiteles und L y- sippus in weiblichen oder weicheren Gestalten. Dem Skopas,Myron und andern vor Phidias blieb auch ihr Antheil. Als der Kreis der Gestalten vollendet war, verlor sich das Ideal nicht in die gemeine oder Unnatur (dahin konnte es sich auf einer so festen Basis bey den Griechen nie verlieren), sondern in Glatte und Zierde. Der Geist, der dem Geist nichts mehr Hinzuthun konnte, diente dem Körper. Inzwischen blieb das Einmal Ekfundene und Festgestellte eine glückliche Tradition der Kunstschule. Bei wir manchen fehlerhaften Werken des Alterthums schätzen wir dennoch die hohe Idee des Werkes! Der fehlerhafte Künstler erfand diese nicht; sie war da und er mußte sie, wenn auch schlecht, ausführen. Nur mit den Göttern Griechenlands und Griechenland selbst ging dies Ideal, d. i. eine reinmenschliche Kunstbildung unter. Als nach überwundener Barbarei hölzerner Andacht und des ehernen Rittergeistes die Kunst wieder erwachte, fand sie sich in einer neuen Welt, in der die Malerei mit geistigen Idealen leichter und reiner hervortreten konnte, als die Bildnerei mit Gestalten. Blickt zu jener Decke hinauf! Angelo's ewiger Vater, seine Sibyllen und Propheten, sind große Erscheinungen, wie durch da Vinci und Raphael sich die schöne Seele der Menschheit in neuer Verklarung offenbarte. Jede der Madonnen, fast jede der Gestalten Raphaels ist von einem Geist II. Vom Ideal 376 durchhaucht, der allenthalben, im Widerstrebenden selbst, die Anlage der Mcnschennatur, die man den Engel im Menschen genannt hat, zeiget. Schöne Seelengebildc, die sich seitdem in den Kunstschulen Italiens, Spaniens, Deutschlands u. f. durch Schwarz und Weiß, durch Licht und Farben vervielfältiget haben; denn Licht und Farben heben gleichsam das geistigste Daleyn des Menschen empor; Masse und Körper bleiben zurück; die Idee des Menschen, sein Genius wird sichtbar. Licht und Farben sprechen eine zartere Sprache, als leibhafte Formen, sobald das Auge des Künstlers den Geist seines Gegenstandes zu sehen, seine Hand ihn darzustellcn vermochte. Glücklich ist, wer unpartheiisch und Neidlos in jeder Kunstschule das Höchste zu erfassen und zu schätzen vermag, nach welchem sie strebte, sei's in der Zeichnung oder Composition, in Farben oder im Geist der Gestalten. Unterschied des Individuellen und des Idealen. Seht jenen Kopf des Junius Brutus, und dies vergötterte Haupt Alexanders; dort den August und Casar als Menschen, hier als Heroen. Auf den Münzen der Griechen und Römer ist dem stumpfsten Auge der Unterschied des Ikvnischen und des Ideals sichtbar. Worinn bestehet dieser? Jede nicht ganz mifibildcte und verworrene Gestalt trägt eine Idee mit sich, die ihr Wesen nusdrückt , wns sic seyn soll. „Sprich mit der reinsten Gestalt deiner selbst, sagt uns die Moral; siche in jedem Gegenstände die Idee desselben, saget die Kunst dem Künstler. Der identische Mensch siehet sie allenthalben; der idealische Künstler macht sie in jeder Gestalt sichtbar. Nicht tausend Menschen darf er zusammenplacken, um den Geist dieses Menschen wahrzunehmen; vielmehr entfernt er sich, versenkt in ihn, von allen fremden Gestalten. I« ungleicher oft das Bild, vom groben Auge des Vergleichers betrachtet, dem Gegenwärtigen scheinet, desto, zusprechender, und gleichender wirds dem Abwesenden vorm reineren Auge der Phantasie. Die Gestalt ging in die Seele des Künstlers und ward in ihr Idee; eine die Gestalt darstellende Geistes- E c h o. Die Griechen ordneten die Gestalten in Götter, Genien, Heroen,' zuletzt kamen Saryren und Faunen ; der idealische Künstler siehet in jeder Gestalt, wohin sie gehöre. „Polygnot (sagt Aristoteles) verschönert, d. i. idcalisirt die Bilder; Pauson hebt das Ueberladene in ihnen hervor, sic werden Cariea- tur; Dionysius macht sie dem Urbilde ähnlich, d. i. er laßt diesem sein Vollkommenes und Unvollkommenes, sein Häßliches und Schönes. Diese Glas- sisikation der Künstler dauert durch alle Zeiten. Aus mehreren; Schönen sammlete Zeuxis nach einer bekannten Geschichte ein Ideal der Schönheit; was heißt dies? Hatte der wählende, der sammlen- de Künstler kein Ideal des Ganzen in seine Seele; 378 17. Vom Ideal so konnten ibm einzelne Ideen, wenn sie auch die: schönsten waren, dazu nicht helfen; und setzte er sie ungeschickt zusammen, so verfehlte er gewiß seines Endzwecks. War aber das Ideal des Ganzen in ihm fest, so wußte er, wozu ec sie wählte. Er ließ jedem Charakter das Seine; und stellte aus ihnen seine Idee dar. Daß es auch Thierideale gebe, wer könnte daran zweifeln? Tragt nicht jede Thiergattung ihren Charakter ausgedrückt in ihrer Bildung, entschieden ein sich? Gab und giebt es nicht vielleicht mehr vollkommene Thier - als Menfchcnmahlcr? Nicht tausend Löwen durfte der Künstler sehen und messen, der den Löwen zu Venedig oder im Eampidoqlio bildete ; Ein wackerer Löwe gnügte ihm. Er durchschaute seine Natur, erfaßte seine Idee und bildete in ihm die Idee des Löwengeschlechts, den Monarch der Thiere. 5. Schlußfolgen. Ist Ideal also das reine Verstandesbild der wesen haften Form einerSache, was folget ? 1 . Daß ihm nichts fremder, als das Nichts» die Formlosigkeit, nichts widriger als spielende Will- kühr oder jenes Gemisch von Eindrücken sey, die der Phantasie gleichsam am Boden geblieben. Jedes Bestreben nach dem Ideal geht auf das lauterste Wesen des Dinges, ihm die bestimmteste Form zu gebe»; so sprechen wir vom Ideal einer Kunst, eurer Wissenschaft, als vom reinsten Inbegriff ihrer Regeln nach Zwecken und Mitteln, wocnach der Wissende oder Ausübende strebet. 2. Kunstmaßig kommt das Wort am meisten belebten Wesen zu, deren Idee der Dichter oder Künstler ausdrückt. Kann ec dies nur sofern, daß «r sie, von Fremdem gesondert, in diesem Einzelne» darsteilt, so ideisirt er zwar nur, ist aber deß- halb kein gemeiner Künstler; vom Portraikmahler, der ein Jdceloses, obwohl genaues Eonterfail macht, wie Holbein von Denner verschieden. Hat ihm die Natur jene glückliche Gabe gegeben, im Einzelnen den Grund zu sehen, der die ganze Gattung bezeichnet: so mahlet er wescnhafter, und wenn ihm das Höchste hierinn zu erreichen gelingt, idealisch. Ohne Verlust des Bestimmte» nimmt man sodann im Einzelnen ein Alles derselben Art wahr, mit idealischer Freude. Die Gabe, so zu idcalisiren, laßt sich nicht crstudiren; wohl aber wird sie durch Beobachtung, Studium, Uebung erweckt, geleitet, gestartet. Wer sie nicht hat, wird sie in idenlischen Werken nicht einmal gewahr oder tadelt den Künstler, daß er nicht gemeiner portrarirte. Die Grieche» besaßen sie, durch eine sonderbare Harmonie ihrer Seelenkrasce und Uebunqen ausgezeichnet. Homer, Sophokles, die Schöpfer ihrer Ideale in Wissenschaften und Künsten stellen uns auf dem Wege der Natur, fast ohne Anschein der Mühe mit dem Nichtigsten, rein umschrieben, das Prägnanteste feiner Art dar, exeirrzrlarän Oraacn. Freudig staunt man, wenn man im Arffchaun des Allgemeinen im Beson- 33o H. Vom Ideal dern zwischen beiden die Grenze sucht und sic kaum findet. 3. Auch der idealische Künstler idealisirt nicht a ll c ntb a I b e n; in einem Werk von großer Zusammenfassung müssen diese und jene Wesen nur ideisirt seyn, um jenen höher und höher - Jdeali- schen zu dienen. So bey Homer und Raphael; bei Polyqnots großen Eompdsicioncn wars gewiß nicht Minder. 4 . Da die Menschennatur die Idecnvollste Form ist und Formen die Wesenhaftigkeit aufs gewisseste ausdrücken: so konnte nur in ihnen das Ideal der menschlichen Schönheit bleibend dargestcllt werden. Farben verwittern, Töne verhallen, Worte verfliegen oder werden in andern Zeiten anders verstanden; Formen bleiben mit unwidersprechlicher, unaustilgbarer Bedeutung. Die griechische Kunst macht unscrm innern Sinn Homer und die Griechen erst verständlich. 5. An griechischen Göttern allein konnte das Ideal der menschlichen Natur in Formen erfunden und festgcstellt werden: denn das Göttliche und Gott- ähnliche war den Griechen nur die reinere Menschheit. In Göttern ward diese also mit höchstem Fleiß «usgcbildet, mit Begeisterung verehrt, mir Eifer erhalten. Unglücklich, wer in dem sogenannten heiligen Stpl nur Reste der alten hölzernen Form sichet, da eben dieser Styl eben den festen Punkt des Unterschiedes und Vorzugs unsrer Gattung scharf bezeichnet. Was Menschen zu Göttern macht, sagen diese Formen. 6 . Kein andres Volk, wenn es auch Jahrtausende lang diese Künste trieb, ist zum Ideal der Griechen, als einem vom Genie und dem Verstände er- des Schönen. 38e fundnen System gelanget, wie Aegypter und Indier beweisen. Weder jene noch diese zeigen davon auch in ihren sonst feinsten Zeichnungen eine Spur; beide zeichnen zurückgehende Stirnen, die kein Homer und Phidias vergeistete, d. i. idealisirte. -7. Ungereimter Mißverstand ists, wenn man das Idealismen mit dem Moralisiren verwechselt und z. B. in der Epopee und im Drama sogar den steifen oder stolzen moralischen Gliedermann für ein Ideal halt. Dieser wird nicht geschaffen, sondern gemacht und zusammengeschrieben; er wirkt nicht, sondern hindert und steht im Wege. Da jede Kunst Charaktere, d. i. lebendige Wesen zu ihrem Zweck, nach ihrer Weise idealisiret, so wird, wo kein Charakter sichtbar, kein Zweck und keine Weise empfindbar sind oder Eins dem Andern ent- gegenstrebet, der Name Ideal sowohl als Real elend gemißbraucht; denn Jener ist nur die höchste Idee dieses; dies nur der völligste Ausdruck von Jenem. Die edelsten Geister sinds, bie beide in einander sehen, beyde in einander auf ewige Zeiten hin untrennbar verbinden. 8. Das Ideal hat auch darinn etwas Zauberisches in sich, daß, weil es das reinste Wesenbaste, mithin das innerste Leben darstellt, selbst in bestehenden Formen uns mit Leben, d. i. mit einer Art Progression täuschet. Der Koloß wächst gleichsam vor unfern Augen; Apollo schreitet; das himmlische Gewächs, Aphrodite, sproßt vor unfern Augen; je langer ich ins Antlitz des ehrwürdigen Zevs, der Königin Here schaue, desto ehrwürdiger wird Jenes, desto majestätischer dieses. Den Punkt des sich offenbarenden wachsenden Lebens trafen die Griechen 382 H. Vom Ideal des Schönen. sehr fein bei ihren Idealen, sowohl in der Gestalt als Größe. Im Olympischen Tempel ergriff jeden das Gefühl, daß, wenn der Gott aufstünde, er das Tcmpcldach wcghübe; so war der Koloffus gesetzt, so wuchs er dem Anschauendcn vor Augen. Mehrere Epigramme der griechischen Anthologie, wenn sie Kunstwerke beschreiben, mahlen diese dem Anblick wachsende Wirkung. Nicht anders ists uns im Lesen Homers; die Gestalten wachsen der Phantasie, je weiter wir fortlescn. Nicht anders im Drama der Griechen. Philvktet, Ocdjpus, Ajax, erscheinen uns von Act zu Act größer; im Drama der Neuern werden sic oft von Act zu Act kleiner. Mit Ang e l o's, Raphaels, da Vinci Gestalten ists nicht anders. Vollends in der Musik und Dichtkunst; unglücklich ist der Dichter, der nicht mehr Gedanken zu wecken weiß, als er ausdrückt, dessen Gestalten und Eindrücke unserm Gemüth nicht wachsen. Dies ist das iminensuni insinituiriyus, das Uner- messene, Ueberschwangliche, wvrnach die Kunst strebt, und das nur der Genius bewirkt. Stets umgrenzt rücket er immer weiter und weiter hinaus die Grenze. Don schönen Wissenschaften und Künsten. Vielleicht sind wenige Worte in der Sprache s» unbestimmt, als die Namen „schöne Wissenschaften und Künste." Bei dem verworrenen Begriff, den man mit ihnen verbindet, weiß man oft nicht, was sie bedeuten, noch weniger, woher und zwar in mehreren neueren Sprachen diese Unbestimmtheit kommt? Lasset uns die Kritik darüber hören. „Was den gewöhnlichen Ausdruck „schöne Wissenschaften" veranlaßt hat, ist ohne Zweifel nichts anders, als daß man ganz richtig bemerkt hat, es werde zur schönen Kunst in ihrer ganzen Vollkommenheit viel Wissenschaft, als z. B. Kenntniß alter Sprachen, Belesenheit der Autoren, die für Klassiker gelten, Geschichte, Kenntniß der Alterlhü- mer u. s. w. erfordert, und um daher diese historische Wissenschaften, weil sie zur schönen Kunst die nothwendige Vorbereitung und Grundlage ausmachen, zum Theil auch, weil darunter selbst die 384 III. Bon schonen Wissenschaften Kenntniß der Produkte der schönen Kunst (Beredsamkeit und Dichtkunst) begriffen worden, durch eine W o r tv e r w e c h s e l ung selbst schöne Wissenschaften genannt hat." *) Daß dies der Ursprung des Namens nicht sey, zeigt die Geschichte. r. Weder Griechen noch Römer kannten das Wort schöne Wissenschaften in unserm Sinn. Gymnastik, Grammatik, Musik, Graphik, Rhetorik übten Jene als bildende, d. i. den Menschen und Bürger ausbildende Künste, deren keine ihr Wissenschaftliches, d. i. ein System von Vorschriften zur Ausübung entbehren konnte. Der Römer schöne Cultur und Politur war auch dahin gerichtet; Frei- gebohrne trieben diese Künste, weil sie sich durch solche zu bilden glaubten, wie der Name (artes Irke- rslus) saget. 2 . Zu den Zeiten des Ritterthums galten die sogenannten galanten Künste, die den Züchter galant, d. i. tapfer, liebreich, gefällig, artig machen sollten; die Theorie hiezu waren seine schöne, d. i. galante Wissenschaften. Sein Breviarium über diese mußte er können, seine Lehrjahre ausge- standen liaben; kritische Wissenschaft ward von ihm nicht gefodert. 3. Die Zeiten änderten sich. Der gebildete Mann sollte auch lesen, schreiben, verständig sprechen können; und so wurden die Kellas lettrss daraus, die ein Mann von Stande, sodann auch mit der Zeit ein Mann, eine Frau von guter Gesellschaft bedurfte. Zu vecschiednen Zeiten bedurften sie ein Verschiedenes , P S. r7S. und K ü nste n. 38L -ncs, wie die Romane, die Regeln für dcn oouv- tois und uortssano, uni deurlichstcn aber die zu solchem Zweck geschriebne Zahllose Bibliothek der schonen und galanten Li te r c, tu r .der vorigen Jahrhunderte in Italien, Spanien, vorzüglich in Frankreich zeigen. Die bollss lattres sollten dem dumpfen Junker d.n Geist aufklären, die Sprache bilden, seinen Umgang würzen, seine Sitten mildern , wie die k>-aiax arts seinen adclichcn Körper stärkten. Hier also gingen beides Isttros und bsaux urts allmählich aus einandcr. Jene enthielten was man las, diese, was man trieb; jenes war galante und galantmachende Literatur, dieß Ritterkünste. Manchen viel jüngern Anstalten für dcn Adel und die sogenannten höheren Stande lag, wenn man von schonen Wissenschaften und Künsten, bsllss lcwtrns nt baaux nrts, sprach, kcin reinerer und hollerer, als dieser Begriff, zum Grunde. 4. Je tiefer also eine Nation in Cultur und Politur der obern Stande stand, desto niedriger formte man sich den Begriff der schönen Wissenschaften, im gewöhnlichen Verstände. Noch in d>r Mitte des abgchenden Jahrhunderts machte wenig mehr als Reiten, Jagen, Fechten, Ballschla- gen, Voltigiren, Tanzen das Register der schönen Künste aus, die man außer dem Pcdanlismus der Schulen dafür anuahm; die Kenntniß dieser Künste, sammt etwa der theatralischen und edlen Wappenkunft hießen die schönen Wissenschaften unsrer Ritter und Helden. *) *) Sie sind galant zusammcngefaßi wie in mehreren Büchern, so in dem curiosen Reit-, Jagd-, Herders Werke z. Phil. u. Gesch. XV, B b L-ttsxone, 3st6 III. Bon schönen Wisscnschaften 5. Als endlich die Barbarei Platz machen mußte, indem der unter mehrere Stands verbreitete bessere Geschmack keinem einzelnen Stande das Borrecht, allein, dazu falsch und schlecht cultivirt zu seyn, schmeichlerisch weiter gestatten wollte; vielmehr laut oder thatig gesagt ward: „auch wir sind Willens, uns und zwar zu einem größern Zweck, als ihr im Sinne habt , zu bilden : " da ging von selbst der Begriff der schöne» , d. i. der bildenden Wissenschaften und Künste ins Weitere, Höhere, Freiere, Feinere. Italien und Frankreich als Vorgängern bar hierin ganz Europa manches zu danken. 6. Mehr aber noch dem erweckten Studium der Alten und der wachsenden Cultur jeder Landessprache in allen Landern. Ein Nest des Barbarismus wäre es, zu wahnen, daß nur, „um zur schönen Kunst in ihrer ganzen Vollkommenheit, d. i. zur Beredsamkeit und Dichtkunst zu gelangen, Kcnntniß alter Sprachen, Belesenheit der Clas- siker, Geschichte u. f. als Borbereitungen und Grundlage oder auch als ein Th eil der Produkte der schönen Kunst (Beredsamkeit und Dichtkunst) erfordert werden." * *) Seit Pctrarka's Zeiten sähe man in Italien zuerst, nach und nach auch in an- Fccht-, Tanz -Rittercxercitien-Lexi- con, verfasset von Walentine Trichtern, Stallmeister der G. A. Universität Götkingen, I7g2. wo sich denn auch die edte Musik, vorzüglich die Jagdmusik unter Len schönen W isse n sch a f- tcn befindet. *) S. t'/S' und Künsten. 337 dern zur Eultur aufstrebenden Landern Europens, die Kenntniß der alten Sprachen, das Lesen der Classiker, Kenntniß der Vaterlands - und alten 'beschichte anders an; ;ur Culrur deS Verstandes und Geschmacks, der Gesinnungen und des Herzens las Wan (wenigstens die Verständigen; lasen also, und dazu) die alten. Man fand in ihnen, was man in den neuern nicht fand; sie sagten ihr Wort, wie es die neuern nicht sagten. Von Jkalianern, Spaniern, Franzosen, Britten und Deutschen wurden T aci tu s und Süllust, Plutarch und Plato, Horaz undLivius gelesen, geliebt, commenkirt, nicht bloß und von allen um Redner und Dichter zu werden, sondern ihres Verstandes und Vortrages, ihrer ganzen höheren Denkart wegen. 7. Je Mehr die Neuern Sprach"; sich bildeten, als man die neu - aufstehend"; Landesl'chnftstcller, Geschichtschreiber, Philosophen und Dichter la- und trieb, ward natürlicher Weise der Name der schönen Wissenschaften nationellcr. hwcndig , daß er damit gemeiner ward; viele Freier der Penelope warben um die Braut auf die bomeri'sche Wei'e, Also ward der Name Schöngeist, «Pal Lsprrt) der Vcrslein machte, der witzig schrieb und sprach, bald unter allen so--gebildeten Nationen verächtlich, und von der, die ihm den 'Namen gab, ward er aufs sinnigste pcrsifliret. Die „All, emein-Geschmacks- mittheiler," nannte man bald die Anlauts äs 1a visills sour, die Gemein - Amusirer. 8. Allgemach thatcn sich iu diesem Trupp auch Philosophen hervor, die über die schöne Natur Bb 2 388 III, Von schönen Wissenschaften (In kslle idlaturss aus allen Künsten und der Natur selbst philosophieren. Gut und schlecht, wie es die Kreise der Versammlung gaben, worin mau las und voclas. In Frankreich ward der Akademie der Aufschriften, die ursprünglich einer Eitelkeit bestimmt war, der Name l>c>1!ss Duttren angchängt; die schönen Wissenschaften alle schlichen hinter den Siegsinscriptioncn. Gesondert blieb diese Akademie von einer andern (Aaaclsipio ssiuncoisL) die, wenn sie nützlich scim wollte, den schönen Wissenschaften nicht nur, sondern jeder Wissenschaft nützen und dienen mußte, Indesi haben alle geleistet, was zu leisten war, fast immer jcnseit der ihnen gesetzten Minisieualsehranken. Ihnen und der französischen Bühne, durch die mit einer gebildeten Sprache ein besserer Geschmack allen Ständen sich mirtbeilte, ist das ganze Europa viel schuldig. Maliers allein hat mehr als eine Akademie geleistet. 9. So kamen denn auch die ssolles Isttres nach Deutschland; lasset uns vergessen, wie elend sie dahin kamen. 10. Wer ihnen am standhaftesten Widerstand that, waren Lehrer der alten schönen Wissenschaften, der Hu manioren. Rap in war ihnen recht c aber mit dem Batteux und den Bcllcs- Lettrcs, die sie vielleicht gut deutsch mit allen Buchstaben ausfprachen, konnten sie sich nicht vcr- sobnen. Hatten sie darin so ganz unrecht? Sagten die alten Autoren, sagten die Lehrer der alten Sprach- und Dichtungskünste, Aristoteles, H 0 raz, Quin tili an u. f. ihnen nicht mehr und etwas besseres, als die gewöhnlichen Verschönerer der Na- und Künsten. 389 tur im Flittcrkleibe? Selbst Kritiker, Erasmus, Muret, Skaliger, Voß, Grotius, Hein- sius u. f. hatren sie in ihren Bemerkungen sowohl als in ihren Nachbildungen nicht eine feinere Kunst und Wissenschaft des Schönen aus den Ulten gründlicher geschöpfet? 11. In Deutschland trat ei» Man» zwischen,*) der auch eine kritische Dichtkunst und Beredsamkeit schrieb, fast nach der neuen kritischen Methode. .Ohne Begriffe, auf schlaffen Gcmcinsinn gc- bauet; und das seichte Geschmacksurtheil gedieh: denn so konnte Jeder urtheilen, Jeder dichten. 12. Baum garten trat aus der Wölfischen Schule hervor — hatte er seine Aeslhclik vollendet! Die ihn umschrieben, thakcn wenig hinzu als Worte, und doch stand auf diesem großen Felde der Scelen- lehre in einem freieren Vorträge manches zu erwarten, das nicht leicht in einem andern Gesichtskreise entdeckt wäre. Laugnen können wirs nicht; der Wölfischen Schule sind wir Deutsche in Entwicklung der Begriffe des Schönen viel schuldig; von Breitin ger bis Sulz er schloß sich an sie, was dachte, an, und auch forthin darf niemand sich einer Sprache schämen, in der Lessinq und Mcndelsohn schrieben. Der Begriff der schönen Wissenschaften gcrieth hiemit in die Region der sogenannten untern Seelenkrafte, denen Su lzer und Mendelsohn die Empfindungen zuführten. So unvollkommen cs seyn möge, dürfen wir doch frage», ) Gottsched. III. Von schönen Wissenschaften 3g n welche andre Nation ein Werk wie Sulzers Wörterbuch der schönen Künste und Wissenschaften habe? 1 3 . Auch die Bibliothek der schönen Wissenschaften *) hat für Deutschland kein kleines Verdienst, indnn sic die Kunde des Geschmacks und Genies über niedrere cultivirte Nationen ausbreit ke und die Grundsätze der ÄIwn dabei nicht ausschloß. Der freie, alle Künste des Schönen umfassende Geschmack, zu ''enr mit Sache und sthat (denn in Einzelnen GebUdemn war er langst vorhanden) Lcssing als Knicker so viel beigetragcn, bekam in ihr eine Sprachstatte. Zu eben der Zeit trat Winkel- m a n n auf, der in Sachen der Kunst mit Heller Fack-l vorleuchckte; der Musik fehlte es auch nicht au Theoristen. Die Sammluna vermischter Schriften, die zu Beförderung sammt- lichcr schönen Wissenschaften und Künste, aus allen gebildckn Sprachen angefangen ward, **) zeigte, daß wir endlich der Ansicht andrer Nationen gleichständcn und nicht mehr im untern Stockwerk des Fccht - und Tanzbodens oder des SchulkerkerS und Auditoriums saßen. 14. Für viele indcfi ist der Begriff der schönen Wissenschaften noch so unbestimmt als er war, und die „Kritik" stürzt uns mit Grundsätzen sowohl als mit ihrer Eintheilung ins alle Chaos wieder. Ihre sogenannt redende Künste sind auf ein Wortspiel gebaut, das beide, und zwar nicht im Kunst- *) 2m Jahr 1757. ") Berlin, bei Nicolai 175g. und Künsten. 891 sinn des Wert-;, zum Spiel macht; über die bildenden Künste sowohl, als über die Kunst, die Empfindungen wirkt, ist von ihr nichts, was zum Wesen Jeder und zum Wesen Aller dient, geredet. Ueberhaupt wie unterscheiden N e d e n , Bilden und Emp fi n dun g w i r k en das Gebiet der Künste? „Angenehme Künste sind die, welche bloß zum Genüsse abgezweckt werden, dergleichen alle die Reize sind, welche die Gesellschaft an einer Lasel vergnügen kennen. Die Art, wie der Tische zum Genüsse ausgerüstet ist, bei großen Gelagen die Ta fel m usik. Dazu gehören ferner alle Spiele, die weiter kein Interesse bei sich führen, als die Zeit unvermerkt verlaufen zu machen. *) Alle die Reize, welche die Gesellschaft an einer Tafel vergnügen können, als: unterhaltend zu erzählen, die Gesellschaft in freimütbige und unterhaltende Gesprächigkeit zu versetzen, durch Scherz und Lachen sie zu einem gewissen Ton der Lustigkeit zu stimmen, wo, wie man sagt, manches ins Gc- lag hinein geschwatzt werden kann u. f." Die Alten nannte» diese Annehmlichkeiten Parasit e n k ü n s t e. „Schöiie Kunst ist eine Borstellungsart, die für sich selbst zweckmäßig ist, und obgleich ohne Zweck, dennoch die Eultur der Gemüthskrafle zur geselligen Mittheilung befördert."**) Kunst eine Borstellungsart? für sich selbst zweckmäßig, dennoch ohne Zweck? die Eulcur der Gemüthskrafle nur zur *) S. 176. *') S. 176. 392 IH. Von schonen Wissenschaften geselligen Mittheilung, befördernd? Haben und cul- tiviren wir unsre Geniüthskrafte zu nichts Andcrm? „Schöne Kunst ist eine Kunst, sofern sic zugleich Natur zu sezn schein:. Oie Natur war schön, wenn sie zugleich als Kunst aus sähe; und die Kunst kann nur schön genannt werden, wenn wir uns bewusst sind, sie sey Kunst, und sie uns doch als Natur aussieht." *) Und doch arbeitet in allen Künsten, die fortschreitend wirken, der Künstler darauf, daß man seine Kunst vergesse; er siebe: die Augenblicke dieses Vergessens als sein höchstes Lob, der Kunsterfreute für die Momente des höchsten Genusses an. Eine Natur, die zugleich als Kunst „aussieht," und eine Kunst, die eines Theils nur sofern schöne Kunst ist, als sie Natur zu seyn „scheint," andern Theils nur sofern wir uns „bewußt sind," sie sey Kunst; klären diese witzigen Gegensätze, die schon oft,.dazu schöner gesagt sind, **) philosophisch etwas aus? Machen sie das Zusammentreffen und den Unterschied der Natur und Kunst verständlich? „Schön ist das, was in der bloßen Beur- ') S. 177. '") Lessing z. B. schrieb in das Stammbuch eines Schauspielers: Wo Kunst sich in Natur verwandelt, Da hat Natur wie Kunst gehandelt, Vortrefflich in ein Stammbuch; in seiner Dramaturgie begnügte sich Lessing nicht mit der An- thilese, geschweige, daß er sie zum Prinzipium der Kunst gemacht hätte. - MW WWM- und Künsten. 3^3 tHeilung, nicht in der Sinncncmpfindung, noch durch einen Begriff gefällt." *) Nicht in der Sinncncmpfiudung? Wenn es in dieser gefällt, ist es also nicht schön? Nicht durch einen Begriffe und soll doch beurtheilt werden? „Schöne Kunst ist Kunst des Genies." **) Wohlcm also wenigstens ein neues Wort. Ehe wir daran gehen, leistet uns die Charte der sogenannten schönen Künste und Wissenschaften noch einmal ansehn, ob sich kein bindender Hauptbegriff zwischen ihnen finde. Begriff der schönen Wissenschaften und Künste. Schöne Künste und Wissenschaften, was . sagt dies? unbestimmte Wort? Jede Wissenschaft und Kunst, recht gefaßt und vorgetragen, ist dem Verständigen schön, in der Art nämlich wie eine Wissenschaft und Kunst schön seyn kann. Eine Seien; des Schönen ists nicht, was man mit dem Wort meynet: denn- selten ist den Liebhabern dieser Wissenschaften an einer Scienz gelegen; auch sind wir von ihr in manchen Theorieen des Schönen noch weit entfernet. Der Name „Künste des Schönen" sagt auch nicht, was gesagt werden wollte. Sehr mich C. 177. **) S. r? 8 . 394 III. Von schönen Wissenschaften eigentlich nennt man z. B. die Musik schön und auf die mannigfaltigsten Geistes - und Kunstprodukte angewandt, wird die Bezeichnung „schön! o schön!" so flach und unbedeutend, als der Zweck, sich durch sogenannte schöne Künste und Wissenschaften jahnend vergnügen, zerstreuen, streicheln zu lassen, unwürdig ist, für den Gestreichelten sowohl als für den Streichler. Also der wahre bindende Begriff Aller, welches ist er? Bildend soll diese Gattung Künste und Wissenschaften werden; den M e n sc h e n c h a r a k t e r in uns bildend; dieß ist der Punkt, in dem alle Zusammentreffen, die sich sonst in der Art ihres Wirkens nicht vereinigen. Er bezeichnet ihr Wesen sowohl als ihren der Menschheit, so lange sie dau- ret, würdigen Zweck. Erforschen wir uns genau, was wir bei dem Wort „schöne Künste und Wissenschaften " meinten, so finden wir: „dieß nur haben wir gemeyner. " Die Namen Humaniora,*) der Griechen , das grulcruur der Römer, selbst die g a l a n t e n Künste der Ritterzeiten, die Kaller lettrvs et bsanx nrts, Wissenschaften und Künste der Eultur u. f. deuten auf nichts anders. Es ist der einzig bestehende Begriff, der Trotz aller Veränderungen des Geschmacks, Trotz aller Abbie- *) Don 3 6 Ilterse» ^ninLniores Lri.es snrii csirae Lä coleiiclenn ei) exLolev^Lin linrnaiuiJ- iein speetant. Humsniores liierss clienniur, eus res LirAeni ei po1Luii.i> Huikus )',o;nines siisseruni 3.K rrniniülikus, raiionein ei orLiionein. und Künsten. ^5 gungen und Verstümmelungen, liier, da und dort, einen Maas st ab nicht nur, sondern auch eine Regel der Würdigung des vielarrig Schönen, d. i. Bildenden giebt für alle Zeiten und Völker. Je reiner und umfassender nämlich man den Begriff der M e n s c h c n n a t u r nach Anlagen und Zwecken anerkannte, je bessere Mittel man wählte, die vorzüglichsten Anlagen zu den vorzüglichsten Zwecken auszubilden, und sich in Anwendung dieser Mittel aufs schicklichste nahm, desto würdiger trieb man Wissenschaften und Künste des Schönen. Dagegen , wenn man an Tandeleyen und Nebenbegrif- fen hing, und mit Vcrabsaumung des Großen und Edlen zu kleinen Zwecken niedrige, wohl gar unschickliche Mittel anwandtc, desto enger und tiefer setzte man nicht nur die Menschheit hinab, sondern entwürdigte den Begriff des Schönen. Lhngeachtet aller dieser Entweihungen aber, in Rittersalcn sowohl als in wissenschaftlichen und Kunstschulen konnte man so wenig der Menschheit ihre Natur, eine fortgehendc Tendenz z u r A n s b i l du n g, als unter allen Abwechselungen des Wcrthes dieser oder jcwr Kunst, der Cultur dieser oder jener Seelen- krafte, den schönen Künsten überhaupt ihre Tendenz nehmen; diese ist, die Menschheit in ihrem ganzen Umfange nuSzubilden, was irgend in ihr und durch sie cultivabel ist, mit immer größerer Harmonie und Energie zu culuvircn. Dieser, der einnge und ewige Begriff des menschlich- Sehönen ist einer Auseinandersetzung nicht un- werth. 3g6' III. Von schönen Wissenschaften Erste Frage. Was ist im Menschen cultivabel, d. i. aus bildbar? Alles, und alles erwartet an ihm diese Ausbildung. Ohne Cultur war und ist der Mensch nicht etwa nur ein rohes Holz, ein ungeformter Marmor, sondern er ist und wird ein kruturn. Ausgcbildet müssen in ihm werden r. Alle Glieder seines vielgebildcten, so vieler Künste fähigen Körpers. Die Künste, die dazu angewandt werden, nannten alle Volker schöne Künste; sie geben dem Leibe Wohlgestalt und Gesundheit, fördern seine Geschicklichkeiten zu Geschicktheiten, und machen ihn zu tausend fröhlichen und nützlichen Hebungen brauchbar. Der Leib ist ein Ausdruck der Seele; mit diesem wird jene in allen Zugängen ausgcbildet, für welche die Sprache selbst keinen Namen hat; eine Menge von Mangeln und Fehlern in ihr, falsche Urtheile und böse Affekten hangen unerkannt an der uncultivirtcn Trägheit und Ungeschicklichkeit des Körpers. In Schriften sogar, geschweige im Reden und Handeln, ist diese sichtbar. Mit welcher Art und Kunst, in welcher Harmonie und Proportion, zu welchen Zwecken endlich, der Körper, schicklich der Person, dem Ort und der Zeit, in der er lebt, ausgebildct werde, diefi ist die Kunst des Schönen dieser schönen Künste. Barbarische Zeiten und Völker bilden ihn zu barbarischen Zwacken in barbarischen Künsten; weichlich - lüsterne Zeiten zu Zwecken ihres Gefallens. Je reiner und wirksamer der Begriff der Menschheit sich gestaltet, desto mehr wird man einen Roscius und Histrio, einen u n d K ü nstc n. 397 edelgcbildeten Mann vom Gladiator, auch dcm Wcrrh nach, unterscheiden. ssioch stehen viele soqc- nannt schöne Künste in zu hohem, andre ungleich mehr bildende, anständigere, nutzbarere in zu geringem Werlh; die Waage des Urtheils ist in der Hand der Zeit; sie, die sich langsam besinnt und bann schnell entscheidet, wird manche Gewichte andern. 2. Die edlen Sinne der Menschheit, Auge, Ohr, Hand und Zunge, fordern Ausbildung: Wissenschaften und Künste, die sie cultiviren, heißen schöne Wissenschaften, schöne Künste. Was dem Auge ein richtiges Maas, ein schnelles Urthei! über richtige, schickliche, schöne Gestalten giebt, und cs durch die Hand, die Hand durchs Auge bildet; was das Ohr gewöhnt, verständig zu hören, nicht nur Töne, sondern auch Gedanken der menschlichen Rede; was die Zunge gewöhnt, diese Gedanken auszudrücken, wie ihre Natur und ihr Zweck eS fordern; das ist schöne Kunst und cullivirt den Menschen: den» wer weder ersehen noch vernehmen kann, ob er gleich siehet und hört; wer viel zu sprechen, aber nichts zu sagen, geschweige recht und gefällig zu sagen weiß, H ist ein Ungebildeter, wie wer Auge, Ohr, Hand, Zunge an keiner Kunst der Eurythmie versucht hat, ein Böotier heißt und den Namen verdienet. In welcher Ordnung und Proportion, zu welchen Zwecken, mit welcher Wohlan- siändigkeit diese Sinne geübt und ausgebildet werden, idl u p 0 I i s» 3Z3 III. Von schonen Wissenschaften ist Weisheit der Kunst, die sie ausbil-ek. Auch hier hängt die Waage noch ungerecht, indem mir aus tun sogenannten goldnen Jahrhunderten der Vor;eit, Künsten einen Werth neben, !-n so für uns nicht mehr haben, oder !n Lehre und Uebnng derselb n, Minderheit der Redttrcey und Schreibart ein Gepäck schleppen, dessin unsre Zeit nicht bedarf, unsre Sprache und Verfassung auch nicht einmal leidet. Die Zeit wirds andern. 3. Da unsre See len kr aste nur durch lehrhafte Muster und Hebungen cultivirt werden können: fo sind der Einbildungskraft sowohl, als dem Verstände, ja der Vernunft selbst schöne, d. i. bildende Wissenschaften und Künste unentbehrlich. Die Phantasie zu erwecken und in Schranken zu halten, ihr und der Bildungskraft menschlicher Gedanken Maas und Gestalt einzupragen, und sie zu gewöhnen, daß sie dem Verstände gehorche; durch Muster, Lehre und Hebung die U rtheil s kr a ft zu sichern, daß sie weder dem spielend-vergleichenden Witz, Noch dem spielend - sondernden Scharfsinn , Jenem , wcnn er Ungereimtes reimt, Diesem, wenn er das Lebendige zerpflückt und Fäserchen zupfet, nachgebe, sondern nach dem Vers tandencn spreche und ur- lheile; die Vernunft endlich vor jenen Träumen der Spcculation zu bewahr.n, denen zuletzt nicht einmal ungenannte Wortschemen zum Grunde liegen; dieß Alles kann nur durch Wissenschaften und Künste bewirkt werden, die selbst Form, Vorbild, Muster gewahren, und durch solche eben so unvermerkt als angenehm bilden. Durch Regeln ohne Thal wird wenig in der Welt ausgcrichtet; Form- und Künsten. -Fisole Luftgebilde zerfliegen; aber Kunst, in Vorbildern sichtbar, durch U e b u n g eindrücklich, durch Wissenschaft gründlich, sie bildet. Wie nun Jeder nach seiner herrschenden Anlage und Seelcnkraft, seinem Zweck gemäß, jedoch alw gebildet werde, daß auch der Phantasiercichste n.cht ohne Verstand dichte, der festeste Urtheiler nicht ebne Witz und Scharfsinn richte, der abstrakteste Vernünftler mit Wortschatten nie spiele; dieß ist das große Werk der erziehenden Pallas - Minerva. Sie übet es fortgchend durch alle Zeiten, immer mehr das Urtheil läuternd, immer mehr den Verstand befestigend und erheb,",:!). Wie manchen Phantomen der Einbildungskraft und Vernünftcley, wie manchem falschen Witz und Scharfsinn, albernen Dichtungen, Verstandlosen Hypothesen haben wir entsa.ct und werden ihnen entsagen — wodurch? durch Hülfe verständiger Grundsätze, Ucbungcn und Muster. Wenn das Bessere dasteht, schämt sich das Schlechtere , und so sehr cs der falsche Geschmack f,'schalten will, es verschwindet. Verzweifle niemand an der Macht des Wahren und Schönen; wie di, Sonne hinter Wolke», schafft cs sich Raum und leuchtet. Verzweifle niemand an der Macht der Natur im Winter; der Frühling kommt und das alte dürre Laub fallt. 4. Unsre Neigungen selbst werden nicht anders als durch Künste und Wissenschaften eines Schönen, eines Schöneren und Schönsten gebildet. Befehle sagen was zu lhun sey; sie sagen aber nicht, wie es geihan, und von uns gethan werde; noch weniger geben sic Willen und Kräfte. Dieß alles erweckt ein Bild, eine Form und Ue bring des III. Aon schönen Wissenschaften HNO erreichbar-Schönen, des Großen, Guten und Edeln. Zweck und Regel, That und Vorbild treten uns in ihr auf einmal einladend, auffordcrnd, als Idee und als Muster, zum Erlangen, zum Nacheifern, zum Uebcrtreffcn vor Äugen; unsre Gedanken und Entschlüsse, Anschläge, Handlungen, unsre ganze Lebensweise richtet und bildet sich unvermerkt oder mühsam, aber desto mächtiger nach ihr; so wird der moralische, der praktische Mensch gebildet. Allenthalben liegt eine W ohlge sta lt cderAnmutb, ein Wohlstand oder Wohlanftand dem begehrenden , strebenden, thatigcn Eemüth im Grunde. Daß hier der Mensch, zu würdigen Zwecken auf richtigen Wegen, in der Gestalt des Reizenden und Schönen nur das Wahre und Gute anstrebe, liebe und wähle, daß er durch kein Hinderniß abgeschreckt , durch jede Schwierigkeit angeftuert werde, seine Idee immer reiner zu suchen, brünstiger zu verfolgen, ganz zu vollenden; dieß ist die bildende Kunst des Lebens. Wer nie weiß was er will oder auf gemeine, Nutzlos, sogar schlechte Zwecke hinausgcht; wer nie weiß, wie er zu etwas gelange, sondern stets versucht, und nimmer erprobt bat, wen Verstand-und Herzlos Lüste leiten oder Wahn, der ist ein Ungebildeter an Herz und Charakter. Dagegen, wer sich bezwinget und taglieh mit sich kämpft, „wegzunch- men, was am Holz nicht seyn soll, und dadurch die Form des Bildes fördert," (wie Luther sagt) der ist Pygmalion seiner selbst; nach der Idee des Schönen und Hohen, die ihn belebet. Wie viel ungeschickte, unziemcnde Formen allen Standen unter uns, aus schlechten Mustern, aus halben Begriffen, aus unreifen Hebungen vorschwebcn, wie viel andre ohne alle Bildung ihrer selbst lMWW und Künsten.. ^or selbst nur das sind, wozu sie Zeit und Zufall machte, lehrt die Erfahrung. Unstreitig Hebt es! mehr Gebildete von Kopf, Gebildete in Zalenten, Sitten, im Geschmack, als von Geist, Herz und Charakter. Die schönste Kunst ist, die mit dem Verstände auch die Empfindung des Vortrefflichen in uns läutert, und unsre Neigungen zu Zhm, nur zu Ihm, dem Edelsten, dem Vortrefflichsten beflügelt. Heil Alsim, was' zu ihr beitragt! zur schönsten Kunst deS höchsten Schönen. Zweite Frage. Was ist durch Menschen bildbar? Alles. Die Natur, die menschliche Gesellschaft, die Menschheit. Die Natur. Wie sehr ist sie durch Verstand und Fleiß und gute Neigungen der Menschen verschönt, d. i. zu einer Harmonie und Vollkommenheit gebracht worden, die sie, sich selbst überlassen, nicht erreichte! Wer mag es laugnen, daß viele ihrer Produkte, wie die Natur sic jetzt hervorbringt, dem cultivirenden Genius der Menschen zugchören? Schöne Künste! Wer mag es aber auch laugnen, daß durch Abgeschmacktheit der Menschen die Natur verwüstet und verstümmelt, ihr Anbau und ihre Vervoll- kommung erschwert und aufgehalten werde; wer mag eS laugnen? Wir wollen cs nicht der tragen Zeit überlassen, daß s i e diese Verwüster und Verstümmlet' der Natur, oder die tragen Zögerer ihrer Ausbildung wegräume: denn da manche sogenannten Prin- cipien, Manchen angebohrne Gesetzlosigkeiten sind, und die Neigungen dazu mit ihnen neu gebohrcn werden, so geschähe dieo Werk niemals. Eultur wird nur HerdersWerke z. Phit. u. Gesch. XV. Ec III. Won schönen Wissenschaften durch Eultur, Werk durch Werk: eine gebildete Natur nur durch edlere, glücklichere Naturen. Also was lebt, ist ein Agent der Zeit und muß ihr Geschäft fördern. Wer wagts die Grenzen zu bestimmen, wie weit die Natur und zwar Alles in ihr cultivirt werden könne und werde ? Da von ibrcn Elementen an bis zu ihre» böchsten Produkten AllesmitAl- l e m unzähliger Mischungen, Umwandlungen, Anwendungen fähig ist, und Ein neugetroffener Punkt der Verbindung und Analogie mehrercrKrafte eine Welt neuer H a r m v n i e e n und A n o r d n un g e n giebt; wie viele dergleichen noch uncntdeckte Welten schlummern in dieser! Wie viel und doch wie wenig Punkte allgemeiner Verbindungen sind noch zu Tage gefördert! Die Zeit wird sie fördern, und wir wollen die trage Zeit treiben. Die menschliche Gesellschaft, die Mens chheit sogar — welcher Cultur bedarf sie noch in vielen, in allen Standen! Gräßliche Stimmen erheben sich hier, Geschrei der Halbmenschcn, der Unmenschen: Seufzer der gcmißbrauchten, der dienenden, duldenden Ereatur. Diese wünscht und hoffet; jene protestiren wider alle weitere Ausbildung. Die Zeit fördert sie, sie fördert gewaltig. Lasset einige Zeit einige entbehrliche Künste unbearbeitet bleiben; statt ihrer werden Kräfte geübet. Die eiste und größeste Frage selbst: „wie bildet und mißbil- det sich eine menschliche Gesellschaft?" trat in kühnen und schrecklichen Versuchen eben jetzt der Welt vor Augen. Wer lernen kann, lerne. Kurz und nochmals gesagt, den Menschen als Menschen zu erziehen und auszubilden, das Thierische in ihm gegen sich und die Gesellschaft unvermerkt und von allen f ^ und Künste». 403 Seiten auf die sanfteste, wirksamste Weife hinwegzu- thun, dazu find die Künste der Musin; oder sie sind Trödel. Dritte Frage. Wie wirken Wissenschaften und Künste zur Cultuc der Menschheit? Jede durch das, was sie ist, Wissenschaft durch Wissen, durch Können Kunst. Beide Worte bezeichnen die Sache selbst mit Nachdruck. Was ich weiß, weiß ich; niemand als Krankheit, Alter oder der Tod können mir die Wissenschaft ranben. Ein m e hr e re s Wisse» zerstört sie nicht, sondern vermehrt sie, gründet sie tiefer, hellet sic auf. Was ich weiß, kann ich auch mittbeilen, klar und deutlich, wie ichs weiß; jede Unklarheit ist deS Nichtwissens Tochter. Wer wollte nun eben dem, wa^ die Menschheit bilden soll, dem Schönen, die Wissenschaft nehmen? Bilde ich durch das, was ich nicht weiß ? Ward nicht allein durch das, waS als Wissenschaft in den andern übergieng und von ihm als solche angewandt ward, die Menschheit ge« bildet? eben daS Wissenschaftliche der Wissenschaft gab ibr Form, Nei;; eben dies machte den Empfangend.» (denn das Formlose theilt sich nicht mit) zum Erfassen und Anwendcn derselben geschickt, und munter. Dadurch ward die Wissenschaft ihm schön und bildend. Ehe das Monochord, oder auch nur Pans Hirtenflöte erfunden ward, wer halte an eine Wiffen- ^ schafc der Töne gedacht oder sie möglich erachtet? Ehe die Buchstabenschrift erfunden wa. , wer träumte von einer Wissenschaft articulirter ..rede, wie wir Cr 2 40/,. III. Von schönen Wissenschaften sie jetzt für eine Welt der Leser aufs viclartigste anwenden? So zeigte das Prisma die Farbcnleiter u. ft Wer darf irgend einer Reihe von Kenntnissen, die noch nicht Wissenschaft worden ist, die Hoffnung rauben, daß sie ihr Clavichord, ihr Alphabet, ihren Eal- cul, ihr Prisma finde? Eine Wissenschaft dahin dc- duciren, daß man sic von Begriff und Zweck entfernt, mithin ihr Grund und Absicht raubt, damit sie ein seichter, unbestimmt-platter Gemeinsinn werde, heißt sic aus dem Lande des Wissens verbannen. Und wer sie bei dieser Nichtwiffenschaft zur Allgemein - Mittheilerin macht , ja auf dies Allgemein- Mittheilen ihr Wesen, ihre Kunst setzt, was hat er anders als eine K r a henkunsk errichtet? Eben das was bildet, sollte Wissenschaftlos seyn? und sollte bilden, ohne daß man wüßte? Aristoteles, Shaftesburi, Winkelmann, Lessing n. f. dachten nicht also; auf eine Wissenschaft des Schönen arbeiteten sie; und wer freuet, sich nicht ihrer Principien, an denen er mit gewonnener Ueberzeugung sich selbst bildet? Auf eine mathematische Methode, die in der Mathematik selbst nicht allenthalben auf gleiche Art angewandt wird, kommt es hier nicht an; jede Wissenschaft hat, wie ihren Gegenstand, so auch ihre Methode; überzeugt sie, aus Gründen, und erprobt sich; so hat sie ihren Zweck erreichet. Künste bilden durch Können, d. i. durch das was sie als Wirkung oder als Werk leisten. Sie bildeten den Künstler durch alles, was in ihm vor- gieng, ehe er sein Werk zu Stande bringen konnte; sie bilden andre, die mit Verstand und Genuß an seinem Werk Theil nehmen; der Unverständige, be- und Künsten. 400 säße er es gleich selbst, bleibt davon ungebildet. Daß man diese Wirkungen nicht immer richtig unterschied noch weniger sie auf der Waage der Eultur wagte, hat den Künsten -selbst geschadet. Denn kann man ihnen empfindlicher schaden, als wenn man ihnen einen Unrechten Ort bestimmet und einen falschen Werth beilegt? sey es zu hoch oder zu niedrig. Auf ihm können sie sodann weder gedeihen, noch fortwirken. Soll der Musikus zum Tafelgesprach blasen; ist das Schauspiel zur Zeitkürzung da; singt man, wo man heulen, und heult, wo man singen sollte — ach der Anwendung so mancher unsrer schönen Künste, der Musik, der Schauspiele, der Dichtkunst u. f. Ach! Woher die Verachtung, die man mit dem Wort schöne Wissenschaften und Künste verbindet ? Dem Schönen ohne Begriff und Zweck, dem Spiel mit Empfindungen oder Phantomen zur Zeitküczung und Langenwcile, was gebührt ihnen anders als Verachtung? Eultivirende Künste aber mit Ernst und anwcndendem Verstände behandelt, kann nur der Thor verachten. IV. Schönheit als Symbol der Sittlichkeit betrachtet. Schönheit als Symbol der Sittlichkeit betrachtet Ären lockt die>e Auychrcft nicht? and wer füblr nicht bald das Schwere derselben t Sittlichkeit ist ein abstrakter Begriff, sowohl als Schönheit; wie könnte Eine Abstraktion Symbol einer andern werden? Was ist Symbol? Die Kritik sagt: „Alle Hypo typ ose (Darstellung) als Bersinnlichung ist zwiefach, entweder schematisch, da einem Begriffe, den der Verstand faßt, die correspondirende Anschauung u yrioii gegeb-n wird*)." Einem Bcrstandesbe- griff laßt sich keine corrcspondircnde Anschauung a xriori geben; verwischte Vorstellungen der Phantasie oder in Buchstaben oder Lauten angenommene Charaktere, mit denen wir Traumbegriffe verknüfsen, sind keine Anschauungen, sondern blmde Schemen. „Die symbolische Darstellung ist, da einem Begriffe, den nur die Vnnunst denken, d.m aber keine sinnliche Anschauung angemessen seyn kann, ei- ) S. 2N1. I V. Schönheit als Symbol der Sittlichkeit betracht. .',«7 ne solche unterbelegt wird, mit welcher dati Verfahren der Urthcilskrafc, demjenigen, was sie im Schematisiren beobachtet, bloS analogisch ist, d. i. mit.ihm blos der steegel dieses Verfahrens, nicht der Anschauung selbst, mithin blos der Form der Reflexion, nicht dem Inhalt nach übcreinkommt. Es ist ein von den neuern Logikern zwar angenommener, aber S i n n v e r k c h r e n d e r, Unrechter Ge - brauch des Worts symbolisch, wenn man es der intuitiven Vorstellungsart entgegensetzt: denn die symbolische ist nur eine Art der intuitiven." Jedes Merkmal, woran man sich erkannte, hieß ursprünglich Symbol*); ( und Begriff! ose , jedoch allgemeingültige Beurteilung, ein Ddjektloses Spiel der Einbildungskraft und der Mitteilung gründet. Grab aller achten Kenntniß, Kritik und Empfindung. Da das Feld der menschlichen Symbolik unge- hcncrgroß und vielartig ist, so sind uns hier nur wenige hinten erlaubt; man ziehe sie weiter. I. Das Schöne betrachtet als Symbol. r. Jedes DNIg bedeutet, d. i. cs kragt die Gestalt dessen, was es ist; die darstellendsten, ansdrückendstcn, prägnantsten sind also die Natursymbole. Die weiße Farbe zeigt an, was sie selbst ist, eine ungemischte, das Roth die schnellste lebhafteste Farbe; so blau, grün und ferner. Wer der Sittlichkeit betrachtet. 4 -:; diesen Natursing in ihnen erkennet, spricht ihre Prädikate verständig ans; wer blos aus Tradition das beständige Man als ein Symbol der Beständigkeit, Roth der Liebe und Jugend, Grün der Hoffnung, Weiß der Unschuld u. f. angicbt, spricht conveutisiicUe Begriffe, (politc- clisuurses) Worts. Jede echte Convention hatte in der Natur ihren Grund; der Verständige sucht sie aus; und auch ein abgegriffenes Symbol gebraucht er nicht ohne Bedeutung. Der ..majestätische" Baum tragt seine anschaulichen Begriffe mit sich, indem er in Einem Stamm, mit vielen Zweigen ein weites Gebiet überschattet und aussaugt, dagegen aber Vielem auf ihm Lebende, einem Staat von Blattern, Blüthen, Früchten, Zweigen, Bienen, Vögeln und Insekten eine Hofstatt gic'bt. Das Wort darf also nicht etwa nur „majestätisch," d. i. als ein unverstandenes Symbol genannt werden. Die „lachenden Fluren" lachten nicht, wenn sie nicht grünten, nicht blühten. 2. In allen lebendigen Organisationen erscheint uns also im Aeußeren das Innere, die Seele des Gegenstandes. Das stumpfe Auge, das am Aeußern verweilt, nennet und unterscheidet blos Gestalten; das schärfere, das ergreifende, schauet an Geist in der Gestalt, Seele im Körper. Eben deßhalb aber schauet es nichts als prägnante Anlagen der Natur zu mehr oder minderer Wirkung; ob jede dieser Anlagen zur Wirkung gekommen, ob z. B. in der so vielseitigen menschlichen Organisation die Kräfte, die der Körper andeutet, zu einem großen oder güten Zweck, in gegenseitigem Vcrhaltniß angewandt worden, darüber entscheidet eine feinere Form, H a nd' 414 IV. Schönheit als Symbol lung, Bon Haltung der Gliedes 'elbff non denen zur Gewohnheit gewordnen Lineamenten des Gesichts fingt Jorm als Handlung an und reicht, atle Stellungen hindurch, bis zum Moment des schwersten Entschlusses, des inniqsten ?!ff.kts, der herzlichsten Lhellnadme oder Mißhandlung. Das ruinaste Charakterbild einer einfach - menschlichen Vorstellung wird uns nicht minder Spiegel der Seele als die größte historische Composition einer Begebenheit, an der jeder doch nur nach seiner A et, in seinem Charakter Tbeil nahm. Jedem Gesicht, jeder Miene und Stellung ahnen wir gleichsam ab, was eS tbun könne, was es thun würde; und sind um so alücklicher, wenn dieses uns in Handlung gezeigt wird. Daher die hohe Zufriedenheit, wenn in einer Üarstellung bis aufs Kleinste, bis aufs Tod- te sogar, sich dieser Handlungsvolie Charakter der Lebenden verbreitet. Nichts bleibt uns sodann zu wünschen übrig: denn Alles, sägen wir, ist Geist und Seele. Das sonst unbedeutende symbo- l i s i r e t. 3 . Giebt also das Lebende dem Tobten Bedeutung: so konnte es nicht fehlen, daß an sehr merkwürdigen- Geist und Bedeutungsvollen Charakteren Alles bedeutend ward. An geliebten Personen gewinnt Alles 'Reiz; an AuakreonS Knaben gehörte auch das ihn auszcich- nende Maal zu seiner eigenihümlichen Schönheit. So stieg das convenlionelle Symbolische zum Natursymbol hinauf; es ward nicht anbcfohlen, noch weniger kalt verabredet; stillschweigend, aus Bewunderung, aus Liebe und Nachahmung wards angenommen und erhielt sich durch Gewohnheit, bis der Sittlichkeit betrachtet. §»5 man entweder sein Unbedeutendes einsab oder sonst desselben müde ward, und vielleicht gar ein andres noch BedcutungkleerereS, aber Jüngeres, Ecliebtercs an seine Stelle setzte. Der Gedankenlose Theil der Menschen hangt am Symbol; je leerer, desto willkommener ist ihm dies; für das Leerste streitet er am hitzigste», am stärksten. Zeugen davon sind in jeder Kunst und Wissenschaft jene Weltgepriesene leere Wortschälle, Terminologie? n, Schemen; mittelst dieser faßt man den Pöbel an beiden Ohren und halt ihn fest, bis andre Klänge den stumpf-verwöhnten Sinn ablöscn. In jedem Stande sind leere Ceremomen, Wort- und Gebebr- densymbole, der Kitt ihrer Verbindung; nehmet ihn weg und manches Gebäude zerfällt Geistlos. An Ohren und Augen wird der Pöbel festgchaltcn durch Symb ole. 4 . Symbole fürs Auge und fürs Ohr sind von verschied» er Wirkung. Ist ein Symbol dem Auge leer oder unverständlich, so spricht das Auge: du gehörst nicht für mich ; „d u bist mir zu gelehrt, und du mir unbedeutend, ich darf eurer entbehren." Die Kunst also, die am Naturausdruck lebendiger Formen haftet, ist äußerst strenge und sparsatn mit Symbolen; wo sie kann, laßt sie statt.ihrer Handlung sprechen und gebraucht selbst die angenommene Sprache der sogenannten Attribute frei und Geistvoll. In der Malerei, weil sie ihrer noch leichter als die bildende Kunst entbehrt, sind uns die bloßen Symbole, wo sie nicht von der Composition belebt werden, alS tvd- tes, fremdes Beiwerk zur Last; selbst die belebtere Allegorie, Personifikationen sogar wollen die ver- §l6 IV. Schönheit als Symbol ständigste Behandlung, oder sie erscheinen zwischen bistorischen Personen wie Gespenster, Widriger ist nicht? als wo diese unter den Lebeneinen umherwandeln. so daß mein nicht weiß, ob man mit einem Menschen oder einem Dämon spricht, ob man eine Geschichte oder einen Traum vor sich siehct. Ge - stall ete Begriffe können nicht anders als mit feierlicher Abzeichnung, wie aus einem köderen Reich erscheinen; und doch muffen sie Naturgestalten so nahe kommen, daß sie zur Geschichte gehören, mithin Symbole und Nicht-Symbole zu seyn scheinen. Auch hierin waren die Griechen die dreiststen Meister. Ihre Allegorien und Personifikationen, geschweige ihre untergeordnete Merkzeichen, sind fast Natursymbole. Daher die reichen Auslegungen ihrer Mythologie, moralisch und physisch; nur durch die innig - bedeutende Naturwahrheit der Vorstellungen wurden sie möglich und sind uns wohlgefällig, auch als'Träume. Nirgend schweift in ihnen das Auge der Phantasie jenscit der Natur hinaus; auch die erdichteten Prädikate erscheinen anschaulichschön, mit Kunst - und Naturweisheit geordnet. Dies befriedigt das Äuge, indem es den Geist erhebt: den» Unnatur ist dem gebildeten Auge in anschaulichen Symbolen unerträglich. 5. Dem Ohr dagegen sind Symbole von einer andern Art; sie legen ihre Natur ab und werden selbst, was sie bedeuten. So Töne; ihr Klang und Gang und Rhythmus bedeuten nicht nur, sondern sind Schwingungen des Mediums sowohl als unsrer Empfindungen; daher ihre innigere Wahrheit, ihre tiefere der Sittlichkeit betrachtet. 417 liefere Wirkung. So die Worte der Sprache; das Symbolische der Laute oder gar der Buchstaben bleibt in einer uns geläufigen Sprache ausserhalb der Seele; diese schaffet und bildet sich aus Worten eine diesen ganz fremde, ihr selbst aber eigne Welt, Ideen, Bilder, wesenhafte Gestalten. Führt diese der Dichter energisch vor, d. i. giebt er unsrer Seele Kraft, sie mit innrer Bestandheit Zweckhaft vor sich erscheinen zu lassen; wer mag ihm Grenzen setzen? wer seinem Zaubcrstabe widerstreben? Nicht für den Meifsel oder Pinsel dichtete er, sondern für die innere Kraft der Seele; traurig für uns und für ihn, wenn er, (wie eine nachbarliche Poesie es im Gebrauch hat), Wortallegorien hinpflanzt, die der Phantasie kein Bild geben, indem Ein Zug den andern zerstöret, oder wenn er mit Buchstaben spricht, als ob sie der poetischen Phantasie Symbole waren. Alle Symbole des Dichters von Worten, Tönen und dem Rhythmus an bis zum Abstraktsten seiner Bilder sind ihm Nichtoder Natur-Symbole; er erfüllet sie mit Leben. 6. Sogleich aber wird sein Werk andrer Art, wenn es vorstellbar seyn soll. Ein Allegorisches Drama ist das kälteste Schattenspiel, worin mit fortgehendem Widerspruch Nichtigkeiten sprechen, Nichtigkeiten handeln. Im Dcame tritt der Dichtrr unter das Gesetz eines andern klarerem Sinnes, des Gesichts, und muß ihm gehorchen. Herders Werke z.PHÜ.u. Gesch. XV. D d IV. Schönheit als Symbol H >8 II. Wie also kann eine schöne Gestalt Symbol der Sittlichkeit werden? 1. Symbol einet Sittlichkeit im kritischem ab, strnuto nie; wohl aber kann und muß sie sittlich erscheinen, im Wobllaut ihecr Glieder sowohl, als in Stellung und Handlung. Und da der feinste Punkt des Wohlgefallens der Schönheit, Reiz ist; was bat das sittlich - Schöne am sorgsamsten zu vermeiden? Das Lüsterne. Vor ihm flicht die sittliche Grazie. Lüsternheit, je gröber sie dargestellt wird, um so mehr vernichtet sie, Gesetzen der Natur und Kunst zufolge, die Schönheit; daher die Griechen sie geradezu dahin, wo sie dem Ausdruck nach gehört, ins Geschlecht der Faunen setzten. Kein üppiges, geschweige gewalkthätiges Gemälde ist schön, nach innern Regeln der Kunstschönbcit; je mehr cS den verdorbenen Geschmack oder die Lüste reizt, desto mehr entsagte es der Kunst. Gegentheils je sittlichreizender ein Gemälde die reine Grazie belebet, desto mehr entzückt es dett innern Sinn; cs weckt Empfindungen einer höheren Ordnung. Und welcher? 2. Etwa des Stolzes, daß ich moralisch fühle und es jedem als Pflicht zumuthe, auch so zu fühlen ? Des Stolzes, daß ich mich über die Sinnenlust erhoben, ins unbekannte Jntelligible schallend wahne? Der reine Genuß des Sittlichschönen tilgt, und zwar vielleicht zuerst, Eitelkeit aus. Daß jedermann mit mir gleich genösse und empfände die reine unumschränkte Himmelsgabe, wünsche ich zwar, Mein Gefühl aber dränge-ich niemanden auf: denn der Sittlichkeit betreichtet. 419 diese Wohlordnung, diesen Reiz, erhaben über niedrige Reize, empfinde ich edler, d. i. sympathetisch, ihr gleich zu denken, ihr gleich zu handeln. Nicht in Andern, im unbekannten Fremden nicht, in Ihr, der Schönheit, als ob sie Alles wäre, wohnt des Anschaucnden Seele. 3 . In jeder Kunst zeigt diese sittliche Grazie sich auf eigne Weise. In den heiligen Formen der Plastik am völligsten; sodann in Gemälden, die ihr als Ausdruck reinmcnschlicher Empfindungen nahe kommen und im Zauber der Farben gar vorangehn. Gicbt es eine sittlichere Grazie als im Gemälde der mütterlichen Liebe, verschmolzen mit jungfräulicher Unschuld? So in den Spielen der Kinder, in Lusiübungcn der Jugend, in frohen Thaten des Mannes, in der ruhigen Betrachtung des Greises. Die heilige Andacht endlich hebt das Eemüth zu einer Hohe empor, in der sich die Grazie in den Demuthsvollen Engel verlieret. 4. Da große (Kompositionen eine Abstufung der Sitten und Charaktere fodern, so muß in ihnen die Ethopöie jeder Gestalt ihr Maas der Sittlichkeit zu wägen. Dieß um so mehr in der Dichtkunst, da Worte, gleichsam mit zurückgelassenem Symbol, als unmittelbare Eingebungen so mächtig wirken. Unsittliche Gemälde der Dichter regen tiefer und daurendcr auf als unzüchtige Farbcn- gemälde. Dieser wird das Auge satt, vielleicht waren sic ihm schon im ersten Moment ekel; daß Gemälde des Dichters zeigt und verhüllet; es reizt und lockt, indem es innig-progressiv wirket. Der Einbildungskraft hält eS verstohlen ein Unendliches vor; ein Zauberbild in den Lüften. Selbst aus Liebe >zu Ld 2 4 Zc> IV. Schönheit als Symbol seiner Kunst also wird sich der wahre Dichter vom Unsittlichen entfernt balten: denn es zerstört den hohen ewigen Reiz, den uns auch im spateren Andenken seine Muse gewahren soll; die wollüstige Gaukele») gehet vorüber. 5. Ein höchst-Sittlich cs fodcrt das Drama, im Trauerspiele sowohl als im Lustspiele. In diesem muß keine Thorheit außer den Grenzen des Ehrbaren spielen, und alle müssen zuletzt der Huldgöttin dienen, die Verstand und Güte, Wohl- anftand und Mcnschcnglückscligkeit verbindet. Eine Verstellung des moralischen Gesichtspunkts und Gesichtskreises macht das Kunstreichste Gemälde komischer Figuren und Situationen unleidlich. Hierüber ist unser Gefühl so zart, daß selbst das Genie die beleidigte moralische Grazie zu versöhnen nicht vermag. Wir verwünschen den Dichter mit seinen verstellten Gestalten Dein hohen Trauerspiel ist das Unsittliche des Charakters, derFurcht und Mitlcidcn erregen soll, unausstehlich. Menschliche Kehler darf und muß er haben; ein Unmensch aber, Thor und Bösewicht darf rr nicht scyn, oder der mit Unmcnschlichkeitcn uns quälende Dichter ist der Kur ca würdig. L>. Gehn alle Künste und Wissenschaften des Schönen auf Bildung hinaus, da sie die Empfindung schwingen und beleben, da sie Ideen, Gestalten, Charaktere formen; ist und bleibt sittliche Bildung in» ächten Verstände der höchste Punkt menschlicher Bildung, der alle Seclenkrafte umfaßt und keine Aeußerung derselben ausschlicßt, so wird hierüber der Ausschlag der Waage ganz Streitlos. Moralien oder die gute Absicht des Dichters und Künstlers können den Mangel seines Genies oder seiner der Sittlichkeit betrachtet. 421 Kunst nie ersetzen; nebmt aber dem Dichter bei allen seinen Talenten das Zauberische, das der Finger der moralischen Grazie heißt; mit aller Kunst bleibt er im Gemeinen. Ein bloßes Spiel sinnlicher Empfindungen befriediget den Menschen nicht; er will .geistige, sittliche Speise; und von dieser Unvollkommenes oder Schlechtes dargestellt zu sehen ekelt ihn bald. Gehörter Unterricht, verlachte oder gar gestrafte Thorheit ermüden oder erbittern; was sich uns unvermerkt und mit Entzücken anbildet, sind Wahrheit und Güte im Bilde des x^«- 3 -s, edle Schönheit. 7. In jedem Lebensalter hat diese sittliche Grazie ihren eignen Namen. In der Kindheit nennen wir ihren Ausdruck naiv; und 0 wie reizend ist dies; kindlich - Schöne, kindlich - Erhabene! Es gicb.t mit Einem oft so viel, ganz aus der Natur des Kindes, ohne Anmaßung, still und mächtig; Eine naive Frage oder Antwort, oder Gcbehrde sagen mehr als tausend Worte. Dieß ist die Knospe der Rose. Sie blühet zur Empfindung auf, die man Senli m e n t nennt: denn nicht einander entgegengesetzt sind diese beide, Sentiment und Naivetat, sondern Entwickelungen Einer Charis. Sentiment entfaltet sich in tausend Reizen. Und strebt zur That hinauf, der Frucht der Blume; Worte können diese nur als Blätter bekränzen. In ihr selbst, der Frucht, ist wiederum Saft zu Samenkörnern einer neuen Art; dieß sind reife Gesinnungen, schweigend-erhabene Aussichten, Anregungen, Gedanken. So sprechen Weisheit und Andacht; das Erhabenste der Musik ist oft eine Pause. . 8. Komme die Zeit dieses sittli ch-Sch önen allen mißbrauchten Wissenschaften und Künsten bald! H22 IV. Schönheit als Symbol Des leeren, muthwilligen Spieles sntt, wünscht Jedermann Ernst dem langweiligen Spiele. Der naiven Muse können wir nicht entbehren, so lange wir Natur und offne Unschuld auch nur in Resten lieben; sie ist nicht ausgestorben, so lange dem Menschengeschlecht die Kindheit grünet, dieJugcnd blühet. Statt abgelebter steifer Formen lasset uns mit Kunstsinn und Kunstfleiß die Natur sprechen, die aus Theokrits und Aesops, aus Jbykus und Bacchylides Munde jetzt sprechen würde, nach unsrer Zeiten Empfindung. In allen Standen leben Naturmenschen; laßt ihre Stimmen erschallen, laßt ihre Seufzer ertönen. Die naive Muse darf sprechen, was außer ihr niemand spricht. 9. Die Muse des Sentiments nicht minder. Vorüber mögen die Zeiten seyn, da man unter diesem Wort gaukelnden Witz verstand oder kranke Gefühle. Triebe der Wohlanstandigkeit und Milde, Regungen der Ehre und Liebe fodcrt unsre Zeit, wie sie Horaz und Pindgr, Terenz und Menander jetzt singen würden. Reizender ist nichts als die Muse des sittlichen, des häuslichen Umgangs; und was bedarf in unsrer Zeit mehr der Erweckung als der entschlafne Trieb der Ehre? was bedarf einer sittlichen Richtung mehr als der verwilderte Trieb der Liebe? So manches hat die Poesie, so manches die Kunst zu vergüten, was sie hier Übels gestiftet, und womit sie sich selbst geschadet haben. Ernste Zeiten rufen von Bulereyen zurück; sie fodern eine frische, eine zu Anstrengungen und Entbehrungen gebildete Jugend; und was bildet inniger den Charakter als bei Vorbildern und Beispielen die Stimme der Muse? Aus Euren Gräbern tönt hervor, ihr Gesänge edlerer der Sittlichkeit betrachtet. 42^ Gemüther, festerer Nerven, zu Zwecken unsrer Zeit mit schärferem Reiz gewürzt und mit süßerer An- muth. Die Verkündigerin der Ehre hat durch ihr leidiges Spiel Macht und Glauben verloren; Macht, Glaubwürdigkeit und Ehre kommen der Entweihe- ten wieder! in. Die Zeit grüßmüthiger sowohl al^ guter Thaten ist nie vorüber; noch minder die Zeit der Gefahren. Reich an allen ist die unsrige; wer darf sagen, daß er sie umfasse? Und sie ist schwanger von einer großen Zukunft; das Häßlichste steht in ihr neben dem Schönsten. Manchen Auftritten und Begebenheiten leben wir ohne Zweifel noch zu nah; die Jahrhunderte aber, aus denen sie entsprangen, sind vor uns, und wir sehen, was diese bewirket. Jede Unvernunft und Unsittlichkeit hat in ihren Folgen sich selbst gestraft; diese Folgen klare die Muse auf vor den Augen der Welt und Nachwelt. In manchen schönen Formen alter Zeiten ist der Geist ihrer Grundsätze uiid Sitten uns so fremde, dazu in sich so roh, so Vernunftlos und unmenschlich, daß wir uns Zwang aNthun müssen, sic noch zu verehren oder zu lieben. Einmal höre dieser heuchlerische Zwang auf; nur das Wahre ist schön; nur das Gute werde geliebet. Abgötterei) und Aberglauben, Erschlaffung und Willkühr, an welchen Formen sie hangen mögen, diese Feinde des Menschengeschlechts, auf Wegen und Stegen verfolge sie die Muse, statt nach alten Formularen ihnen Lob zu heucheln. Wie lange wollen wir einer verweseten Galanterie fröhnen? Ihr edlen Schatten der Vorzeit, (zahlreich sind eure Namen) steiget herauf, Del-und Lordeerkcanze, Nesseln und Dornzweige in euren 424 VI. Schönh. als Symb. d. Sittlich?, rc. Händen. Die Muse, die Thakcn darstcllt und Gesinnungen richtet, sei) eine Freundin der Menschlichkeit und Wahrheit. n. Die Musik trete ihr nach, das Lobwürdige zu singen und nichts zu singen, als was Lob verdienet; es mit gehaltener Kraft in unsre Herzen zu verschmelzen, nicht zum tändelnden, sich selbst verwirrenden Spiel. Was sie in Sprüngen vermöge, wissen wir gnügsam; langst und zu lange hat sie ihre Kunst gaukelnd gezeiget; welche neue Welt ernster Zwecke liegt vor ihr! 12. Und die Poesie der Natur mit der sittlichen Poesie vereinigt; — leben wir denn vergebens hinter allen den großen Offenbarungen, die uns von Hcrschels letztem Sternennebel an, bis zur Pflanze des Meers, von Galvani's zuckendem Frosch, bis zur feinsten Erfahrung der Seelenlehre zu Theil worden sind, um immer am allen galanten Spielwcrk der sieben schönen Künste fortzu- kiöppeln und uns damit recht amüsant zu ennuiren? Wenn der Pythagoreischen, der Orphischen Schule, wenn einem Empedokles, Parmcnides und Lukrez die Wunder der Natur, die wir kennen, bekannt gewesen waren, würden sie mit ihnen gespielt haben? Wodurch unterscheidet sich der Affe vom Menschen? Des Menschen Spiel, wie das Spiel der Natur ist sinniger Ernst; die Aefferey spielt ohne Begriffe und Empfindungen mit Formen, wie mit der Kritik, um zu spielen.