348 I. Vom Erhabnen.
VI. Das Sittlich-Erhabne.
„Sollte in ihm ein Schwingen ins Unendliche,Unermeßliche ohne Maas und Ziel nicht nur erlaubt,sondern nicht sogar höchster Grundsatz seyn dürfen,ja seyn müssen?" Nirgend ist die Ucberspannunggefährlicher als in der Moral, wie die Geschichteder Zeiten zeiget. Wer die Menschheit hypermorali-firt, hat sie ermoralisiret; wer sie überspannt, lösetsie auf.
Sitten erfordern Maas; ein moralisches Gesetzist selbst dem Namen nach nicht leere Form, son-dern bestimmte Regel. Eine Heiligkeit, die überder menschlichen Natur liegt, liegt auch außer ihr;Visionen ins Rein - Uebcrsinnliche zu einer Bedin-gungslosen Pflicht aus Bedingungsloser Freiheit nacheinem Bedingungslosen Gesetz, das über meine Na-tur hinaus ist, und nach welchem sie doch als nacheinem Unerreichbaren immer hascht und greift, sindKatheder-Erhabenheiten, die nichts als anmaaficndeSchwätzer gebähten. Die kleinste wie die größestePflicht fordert Bedingungen, Schranken; unter jeschwereren Bedingungen sie rein und ganz geschehet,so daß in ihr ein Unermeßliches meßbar, ein Un-mögliches nicht nur möglich, sondern wirklich dar-aestellt wird, desto erhabner ist sic; sie giebt unsin Einem Viel, mächtig, auf die energisch - stille-ste Weise.
Wenn wir in unser Leben zurückgehen, welchewaren uns die sittlich - Erhabensten der Menschen?