und Ku n st r i c h tf rey. 263
Gewohnheit. Unter Völkern, wo das Weib als ei-ne Magd der. Hütte arm und in einem gewaltthati-gen Klima dem drückendsten Bedürfniß dienet, istan Geschmack weniger zu denken, als bey Völkerndie unter günstigem Himmel ihr Spiel des Lebenstreiben. Wie oft lachten diese den zwar Kunstvollenaber ungeschickten Europäer aus, mit stolzer Freude,daß sie die Kunst zu leben besser als Er verstanden,und sie von Jugend auf leichter, glücklicher übten!Ist Geschmack ein Kind der Lust und Freude anDingen des Lebens ; wo wohnet er lieber als beyfröhlichen Völkern?
3. Den Geschmack fixirten Muster,denen man willig folgte, Ucbungen,dieman mit Lust und Liebe »achthat.Bemerkte man die gute Wirkung des Geschmacksim Andern; mußte man nicht auf den wirkendenPunkt des hervorstechenden Reizes in ihm aufmerk-sam werden und ihm nachstreben? So ward derGeschmack eines Kreises der Gesellschaft, einer Fami-lie- und Zunft, einer Stadt, eines Landes gebildet,ohne Gesetze, durch Nacheiferung oder durch einewillige Nachfolge, die endlich Gewohnheit ward;Gewohnheit, die oft auch das Widersinnige angenehmmacht, blos weil man sich daran frei gewöhnte.Gebieten Gesetze dem Geschmack; wehe sodann demReiz, der in ihm immer doch der lebendige Punktsepn jollte! Oder haben Wohlgefallen, Lust undLiebe Dch in ihm überlebt; 0 so jahnt man,um Geschmack zu haben, dem alten Schemen zu,und folgt ohne Geschmack der Geschmacksgewohnheit.