372 II. Briefe zu Beförderung
meines Standes diest Gattung Geschöpfe auf zweiBeinen ohne Federn sehr gut kenne , muß euch Vor-aussagen, daß alle Philosophen der Welt das mensch-liche Geschlecht von dem Aberglauben nicht frei Ma-chen werden, an dem es hangt, Die Natur hatdieses Ingrediens in die Komposition der ganzen Gat-tung gemischt; eine Furcht, eine Schwäche, eineLeichtgläubigkeit, eine Uebcreilung des Unheils ziehetMenschen durch einen natürlichen Hang in das Systemdes Wunderbaren; und es giebt nur wenig philoso-phische Seelen , die stark Henug gcbauct sind, um dietiefen Wurzeln und Vvrurtheile, die die Erziehung insie schlug, zu zerstören. Diesen hat sein gesunderVerstand von einigen Volksirrthümcrn losgemacht, erempörte sich gegen Ungereimtheiten; jetzt kommt derTod ihm näher, und aus Furcht fällt er in denAberglauben; er stirbt als Kapuziner. Bei jenemhängt seine Art zu denken von einer guten oder ÜbelnVerdauung ab. Es ist also nicht genug, Menschenden Trug zu entnehmen; man müßte ihnen aucheigne Stärke des Geistes einhauchen, oder Em-pfindlichkeit und der Schrecken des Todes werden auchüber die stärksten , nach aller Methode vorgetragenen,Vernunstlebren triumphiren. Ihr glaubt, weil Qua-ker und Socinianer eine einfachere Religion festgc-stellet haben, man noch mehr simplificiren und aufsolchen Grund einen neuen Glauben aufführen könnte;ich komme aber auf mein Voriges zurück, und binüberzeugt, daß wenn diese Heerde Neuglaubender an-gewachsen wäre, sie in kurzem einen neuen Aber-glauben in die Welt stellen würde; es sey denn, daßsie nur aus Seelen, frei von Furcht und Schwach-heit bestände. Und diese sind nicht die gemeinsten.