Z. G. v. Herders
sammtliche Werke.
Zur Philosophie und Geschichte.
Zehnter Theil.
Adrastea II.
Das achtzehnte Jahrhundert,
Briefe zu Beförderung der Humanität. Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privileg!».
C a r l s r u h e,
im Bureau der deutschen Clafsiker. 1820.
und
Inhalt
des zehnten Th eile S.
Seite.
I. Abrösten und das achtzehnte Jahrhundert.
Unternehmungen des vergangenen Jahrhunderts zu Beförderung eines geistigen Reiches.
1. Säcularische Hoffnungen. . . st
Das Maas jedes Zeitalters. Eine Stimme. 12 Fortsetzung. . . . . . rh.
Das Licht am Abend. Eine Stimme. . ist
2, Propaganda. . . - . 2»
Gespräche über die Bekehrung der Indier durch
unsre Europäische Christen. . . 22
Z. Christia nisirung des Sinesi sehen
Reichs. . . . . . stst
ü. Paraguay. Republik der Jesuiten daselbst, tzc Montesquieu über Paraguay. . . H6
5 . Am Nordpol eine christliche Aurora. . . . . -hg
Christenthum in Grönland. S. hg. In Lappland, v c Grönländisches Chor am Geburtstage des Kronprinzen. . . - . .
6. Zinzendorf. . . . . 66
Ueber Rational-Religronen. Erstes
Gespräch. . . . .63
Bilder von National-Religionen.
Zweites Gespräch. . . . »79
Die Adrastea des Christenthums.
Drittes Gespräch. . . . .89
Hartley' s zwei und achtzigster Lehrsatz. e 6
7. B e k e h run g d er I u d e n. . . 98
Vl
Inhalt.
Seite.
Vorstellung des Rabbi Simon Luzatto zu
Venedig. . . . . .
Hartley's Hoffnung einer Rückkehr der Juden nach Palästina. ....
Montesquieu. Wie sich der Handel in Europa mitten durch die Barbarei Licht machte.
Fortsetzung, lieber die politische Bekehrung der Juden in Europa zur Ehre.
Lied zu Bewillkommung des großen Ruhetages der golducn Zeit. . . . .
8. Lord Herbcrr von Cherburi Himmels-
zeichen für die Wahrheit.
Stellen aus Luther für's Bekenntniß der Wahrheit. . . . . .
9. Freidenker. Ursprung des Namens, .
Nutzen der Seele. . . . .
L 0 l a n d.
C 0 llins. W 0 0 lst 0 n.
Fortsetzung. Unterschied der Freidenker. .
Der Rechldcnkcr zu den Freidenkern, L e s- sing. ......
Beilage. B a ko von der Wahrheit.
1 n. M a n d e v i I l e' s B i e n e n fa b e l. .
Wahrscheinliche Veranlassung derselben.
Ihr verfehlter Zweck. . . .
Große Aufnahme des Buchs im Geist des Jahrhunderts. . . . . .
Ist Ehre ein Gemachte der Staaten? .
Fortsetzung. Unterscheidung des Lobes.
Des Ruhms, der Ehrenstellen u. Achtung..
Entstehungen. Eine Bienen - Parabel. .
Oiirurri, äiuriui, nicn, ein Sicilisches
Liedchen. , . . . .
Flora Melitta. Eine Erscheinung.
F l 0 ra Psyche. Eine Erscheinung.
Die Vampyre. Eine Erscheinung. .
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Inhalt.
V !1
Seite.
ii. Freimaurer. Seit wann ihr Name bekannt worden. ..... i6st
k'sma iraternitatis, ein Gespräch . » 166
Was ehemals die Freimaurer gelhan, als sie noch wirkliche Maurer waren. . .<73
Salomo's Siegelring. Eine Fortsetzung des vorigen Gespräches. . . . 182
Freimaurer Kunstlied. . . . . 18b
An die Aeolsharfe. .... 186 Die arbeitenden Genien am Tempel Salomonis.
Eine morgenländische Fabel. Stelle aus dem Koran. Ursprung der Fabel. . . 188
Jhr.e Verwandlung. .... 18g Der ersterbende Phönix. Eine Parabel. . 196 Salomo's Thron. .... 196
12. Enthusiasmus. Methodisten. Unentbehrlichkeit des Enthusiasmus für die Menschheit. . . . . .
Nöthige Vorsicht, daß er nicht übel geleitet werde. Einschränkung desselben durch den Jndifferen- tismus. , . . . .
Casaubonus Abhandlung.
Almanach edler Enthusiasten.
Methodisten.
Vergleichung ihrer mit den Brüderge-meinen. Jüge aus Johann Weslei Leben.
Bako von der Ralurart im Menschen.
»99
2N2
2»3
20 h.
205
206 206 20,8 211 22Ü
i 3 . Atlantis. Vereinigung und Organisation geistiger und moralischer Kräfte. , .
1. Schulen und Universitäten. .
2. Schriften. . . , . .
3 . Sitten. . . . . .
Die Verhängnisse. Ein Chorgesang. .
22h
225
229
236
2ll1
Hoffnungen eines Sehers vor dreitausend Jahren. . . . . . shZ
VIII
Inhalt.
Seiten
II. Briefe zu Beförderung der Humanitär.
Rr. i. Ein Bund der Humanität zwischen Freunden. 2hg
— 2, lieber Benj. Franklins Lebensbeschreibung von ihm selbst. . . . 25»
— 3. Franklins Fragen zu Errichtung einer Gesellschaft der Humanitär mit Anwendungen 256
— st. lieber Schlich t c gr o l ls Nekrolog. .26t,
— b. Desgleichen. .... 267
— 6. lieber die Verbindung der Deutschen Völker
und Provinzen zum Anbau der Humanität 273
— 7. König Friedrichs nachgelassene Werke. . 276 >— 8. Einige Gedanken und Maximen desselben. 28h.
— g. Fortsetzung. . . . . .293
— 10. Gespräch nach dem Tode des Kaisers Josephs
des Zweiten. .... Z02
— 11. Von Lheilnehmung der Poesie an öffentlichen Begebenheiten und Geschäften. . 3ah
>— 12. Fortsetzung. .
. 327
— r3. Fortsetzung. Stollbergs Ode an
den
Kron-
prinzen von Dänemark.
. 33e»
ih. Was ist der Geist der Zeit?
. 335
— i5. Beantwortung der Frage. .
,
. 335
— 16. Beantwortung eines andern.
. 338
— 17. Fortsetzung. Luthers Gedanken von der Rc-
gimentsveränderung. . , . 3hi
— 18. Luther ein Lehrer der Deutschen Nation. Seine
Gedanken vom Pöbel und von den Tyrannen. 3H8
— ig. Vom Eckstein der menschlichen Gesellschaft.
Lob der Deutschen von Luther. . .. 35h,
— 20. Klopstocks Ode über den Nordamerikanischen
Seekrieg. ..... 356
— 21. Zweifel über den Geist der Zeiten. Fortsetzung einiger Gedanken Friedrichs II. 35'z -— 23. Beantwortung dieser Zweifel . . 3?3
— 23. lieber eine unsichtbar-sichtbare Gesellschaft,
zwei Gespräche. . . . .378
I. Adrasrca
I.
A d r a s t e a
und das
achtzehnte Jahrhundert.
(Schluß.)
Bon
I. G. Herdrr,
Herders Werke z. Phil. u. Eesch. X. A II.
Unternehmungen
des
vergangenen Jahrhunderts zu Beförderung eines geistigen Reiches.
i.
Säcularische Hoffnungen.
V^/egen den Abgang jedes Jahrhunderts rafften sich, wie wir in der Geschichte bemerken, die Menschen zusammen, um dem neuen Jahrhundert rüstig zu begegnen. Im Dunkeln oder helleren Gefühl, daß sie bisher gezögert, wollten sie das Versäumte schnell einholen, che das neue Jahrhundert käme, damit dies «ine neue Zeit anfangen könne. Die Roße der Begierden und Wünsche sahen ein nahes Ziel, die Herberge; sie nahmen ihre Kräfte zusammen, und eilten dahin schnaubend.
Jedes neue Jahrhundert sing daher gewöhnlich mit Pracht an. Man wollte seinen Einzug mit
A 2
4 I. Unternehmungen d. vcrgang. Jahrhunderts
etwas Neuem und Großem bezeichnen; man schmückte sie schön aus, die Pforte der Hoffnung.
Durch die ganze christliche Aera dies zu erweisen, wäre ein zu weiter Gang; in den neueren Jahrhun» dertcn fallen die Wirkungen dieser Jubelfreude sichtbar ins Auge. Welche Bewegungen zu Ende des dreizehnten, zu Anfang des vierzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts in Geistern und Seelen der Menschen! Ihnen sind wir Petrarea., Huß, Luther, die Revolution in den Künsten, die Reformation, so manche Anlagen, Stiftungen, Unternehmungen, Entwürfe mitschuldig.
Und in unsrer Zeit — wer denkt nicht an den Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts mit einem stummen Entsetzen? Seit 1790 bis 1800 geschah, was das ganze Säkulum nicht geschehen, worauf aber Manches langst zubcreitct war- Wie viele Unglückliche sind aber nicht mehr, die mit dem Anfänge unsres Jahrhunderts eine neue Welt hofften! Politisch und Philosophisch stürmten die Wünsche, die Hoffnungen zusammen; das avto nomische sollte das neue Jahrhundert heißen, wo jeder sich Gesetze gäbe. Sogar eine neue Poesie und Kritik sollte ans Licht treten! ja man glaubte sich schon im Besitz derselben; eine Poesie und Kritik, die das zum Vorzüge habe, daß sie sich an keine vorige Zeit anschlösse, sondern, in erwählten Menschen unmittelbar vom Himmel gestiegen, in ihnen leibhaft wohne. Im Jahr i8ng, glaubte man, werde die ganze Welt zu dieser neuen Poesie, Metaphysik und Kritik, ja auf ihren
zu Beförderung eines geistigen Reiches. S
Flügeln zu einer neuen Physik und Medicin bekehrt seyn; man werde nichts als diese Schriften lesen.
Sonderbarer Eontrast zwischen dem Anfänge des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts! In Jenem holte man Alles vom Himmel herabnach dem jüngern Helmont sollte das tausendjährige Reich 1734 eintreten, nach Petersen alle Dinge wiedergebracht werden ; in lieblichen Stimmen bewillkom- mete er die selige Zeit *). Man rüstete sich zu ihr durch Gebete, Büßpredigten, durch scharfe Rüge der Misbräuche und Laster; die Erwählten, die Verfolgten stärkten einander und hofften. Am Ausgange des Jahrhunderts entsagte man Gott, erwartete von oben keine Hülfet durch Autonomie sollte das Glück der Menschen gegründet werden; selbst müßten sie sich Recht schaffen und Anrichten., Jene hieß man zu ihrer Zeit Enthusiasten, Fanatiker, Schwärmer; mit welchen Namen Diese sich geziert, ist Jedermann in Andenken. Die Avtonomie erfordert auch in Benennungen einen eignen hohen Egoismus.,
Wieviel von sakulacischcn Hoffnungen zu hoffen und nicht zu hoffen sey, müssen uns Vernunft, Erfahrung und die Geschichte älterer Zeiten sagen: denn unglücklich ist ein Jüngling, der in einen solchen Strudel verwirrter Ideen, grober und seiner Anmaßungen fällt. Er rettet sich spät oder gehet un-
- *> Petersen» Stimmen aus Zion,
ü I. Unternehmungen d. »ergänz. Jahrhunderts
tec; immer aber verlor er mit dem Richtmaas seines Lebens auch seine schönsten Jahre.
1. Hoffen ist allerdings dem Menschen unentbehrlich. Alles was lebt, was geht, stehet und hofft vorwärts, in die Zukunft. Bei Dante ists eine der Höllcnstrafcn, mit dem Gesicht auf dem Rücken hinter sich zu schauen, und indem man vorwärts will, rückwärts zu kommen. Was nützte cs, im Traumbuch der Vergangenheit zu blättern, wenn man aus ihm mit verglichener Gegenwart der Dinge nicht Schlüsse auf die Zukunft zöge? Umsonst hattet Ihr, Philosophen der Geschichte und Gesetzgebung, Plato und Aristoteles, Macchia- vell, Eampanella, Montesquieu, Partita u. f. über vergangene Zeiten und Zeitveran- derungen philosophirt; ohne Vorblick auf das, was etwa werden kann und soll, wäre eine Zerlegung vergangener Träume ein unnützer Traum.
2. Wenn also dem Menschen seine Augen vorwärts im Kopf stehen, und er vorwärts zu gehen hat, so ists natürlich, daß er das, was vor ihm liegt, auch messe und berechne. Rechnet er falsch , entweder nach einem unrichtigen Augenmaas (denn Augenmaaße sind sehr trüglich) oder gar nach einem falschen Einmal Eins, misset ec mit unrichtigen Stäben voriger Erfahrung, und steckt oder zahlt sie unrichtig; freilich so gewinnt er falsche, oft lächerliche Resultate. Ist er endlich mit Hoffnungen so freigebig, daß er sie ins Blaue, ins Leere ausspendet; so wird allerdings der großmüthige Hoffnungsspender bald ein Bettler: denn leichter ist
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 7
nichts als Hoffen, schwerer nichts als Hoffnungen erfüllen, ungewisser nichts als sie erleben.
3. Auf die Analogie der Dinge und Erfahrungen kommts also an, nach welcher man rechnete und zahlte; ist diese keine andre als die Zahl selbst, so hat man ein Zahlbrett, einen leichten, aber auch sehr grundlosen Kalender der Zukunft. Denn was ist Zahl r wie ungewiß zahlt man das Alter der Welt, Begebenheiten, Revolutionen! Endlich auf welch einem Sprunge steht diese ganze Zeitrechnung! Nachdem man mit gewissen Tagen oder Stunden Revolutionen der Natur, in den Gewachsen, in thierischen und menschlichen Körpern, zumal bei Krankheiten bemerkt hatte, wandte man diese auch auf mystische Körper, auf politische Verfassungen, Staaten, Familien an. Diesem Hause sollte jene, Jenem eine andre Zahl, gar ein Name immer fatal gewesen seyn; man fürchtete sich vor kritischen Stufenjahren der Reiche und Weltcpochen wie seines Lebens. Auf andre Zeitsignalc krönte man die Menschen, und lud sie zu ihnen ein; durch Prophezeihungen beförderte man manches, was ohne diese Prophezeiung kaum geschehen wäre. O welche Kinder sind die Menschen! Durch Traume und Zahlen werden sie regieret *).
*) Wer eine Sammlung solcher Zeitregeln zu lesen Lust hat, bekümmere sich um Georg Richters axioiiraia oscononiioa, Jena r6r8, um C. A. Brunners katnm, Leipz. 170g,. Im röten bis
3 I. Unternehmungen d, vergnüg- Jahrhunderts
4- Heften sich die Zahlen der Weissagungen an Revolutionen der Sterne, der Geister und Seelen, so bleiben sie immer nur Zahl: denn auf welchem Grunde stehet auch diese Himmelsleiter? worauf beruhen die Cyklen wiederkommender Geister * *)! Nach Card an sollte im Jahr 1800 das Christenthum untergehen, oder eine große Revolution leiden; er wollte die Weissagung aus der Natwitat Christi gestellt haben. Aber noch ist das Christcnthum nicht untergegangen; und woher wußte Cardan die Geburtszeit Christi **) ? Der Menschheit ist Glück zu wünschen , daß sie von einem großen Theil dieser Zahlen und Cyklen-Weissagungen befreiet worden; im r6ten, iMn Jahrhunderte beschäftigten sie die scharfsinnigsten Geister, Whiston, Detlev, Cluver n, a, verschwendeten ihren Calcuk, ihre Zeit, ihre Kräfte ***)? Andre mißbrauchten damit die Menschen, oder bcquemten sich ihnen. Ein bekannter Mathematiker gab im Namen seiner Akademie der Kaiserin Anna auf alle Wirterungsanfragen Bescheid, und prophezeihte sogar einmal den
ins r 8 te Jahrhundert waren dergleichen Axiome sehr im Gange; in manchen Gegenden und Familien sind sie es noch.
*) Oe revolntions siiimarnm Iiuinanarum. I.oiiü, 1634. vom jüngern H elmonr.
") S. Lessings sammtlichc Schriften. Th. XVII.
***) O. tlluveri nova erisis iem^ornni , oder Wett- Merkurius. Hamb, r.701.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 9
Tag des Eisganges der Newa — glücklich. Er wogte es aber nur Einmal.
3 . Noch sind wir ober bei weitem nicht über dies Zahlbrett der Weissagungen hinaus;, einige Normen stehen fest da, die man sorgsam, beachtet , z. B. die Weissagungen Malachias *), die Offeu- borung Johannis. Eine Wohlthat ists, wenn dergleichen Zahl-Prvphezeihungen ängstlichen Gemülhccn fern gehalten werden. Von der .Offenbarung Johannis ist zu erweisen, daß sie den ihr untergelegten Zeitenkolender nicht kenne, noch weniger geschrieben sey, ein solcher Kalender zu, werden **).,
O Schon 168g schrieb lVkenestrisr eine klcvuistine, des kroplieties Hussemeui stdribuees b 8r.
(dem Erzbischöfe von Armagh, nämlich, nicht dem Jüdischen Propheten.) Nach dieser Pabstrolle heißt der jetzige Papst ^guiln raxax, der vorige hieß ksrogrillms Lposdolicus,, welchen Namen man im Leben und Tode desselben erfüllet fand. Nach dem jetzigen sollen noch ist Papste folgen; der letzte ist ?etrus
INLNUS.
**) Rach Bengel (S. gründliche Beurrheilung des Zsiralters, worin wir jetzt nach, der Offenbarung Johannis leben. Frankfurt und Leipzig r?l!8.) leben wir jetzt Kap. >3, rr n. f. „Wer fiehet nicht (werden manche sagen) die offenbare Erfüllung? Den falschen Propheten mit dem Wahrzeichen , mit der ungeheuren Macht und überredenden Zunge, wer kennet ihn nicht?"- Schwerlich der, der die Weissagung stellte.
lo I. Unternehmungen d. verging. Jahrhunderts
Ueberhanpt wirkt gegen ahnende Traume der alten Zeit nichts so kräftig, als dos Erwachen. Wachend träumt man nicht weiter und flehet, daß das Vorige ein Traum war. Wer die fortgehende Erleuchtung der Volker hemmt, stürzt sie wieder in die dunkle Zeit zurück, da man, wie im Finstern auf irdes Geräusch, auf jede weissagende Stimme horchte.
6. Schreckenden Weissagungen thue man
ganz Einhalt; im Schrecken glaubt man, was man sonst nicht glauben würde. Aber auch fröhlichen vertraue man nicht zu sehr: denn wer sich ohne
Grund, also auch vergeblich freuet, kann sich nicht nur eben so leicht ohne Grund betrüben, sondern wird dies sogar leichter: denn Furcht wirkt heftiger, unvorgesehencr als Hoffnung. Ein solches Gcmüth ist trotzig und verzagt, jedem nichtigen Reiz offen und verführbar.
7. Eine Voraussicht der Zukunft aus bestimmten Aeitu m stand en nach der Analogie der Dinge selbst vermische man mit jenen Zahlhoffnungen nicht; wer sie hat, wird sie bescheiden anfthen und weise gebrauchen. Nichts ist kindischer, als der laute Selbstruhm: ,,habe ich dies nicht vorausgesagtt" nichts alberner, als auch in fast gewissen Erfolgen jeden Zeitumstand Vorhersagen. Mache man die Probe, bei gleichgültigen Dingen des Lebens seine Voraussehungskraft ins Spiel zu setzen: „wie Dies und Jenes erfolgen ? wie man Dies und Das finden werde?" Finden wird man, daß man gar oft weit ferne vom Ziel gemuthmaßet habe. Bei wichtigem Erfolgen, wer hatte dies nicht erfahren? und bei Weltbegebenheiten»
zu Beförderung eines geistigen Reiches, cc
bei Revolutionen, beim großen Gonge der Zeit, wo auf den tausendarmigen Zufall so viel ankommt, wer wollte sich über sie als ein All Vor- wisser geberden? Zuletzt, sehen wir, kommt nach abgestumpftem Rath und ermüdeten Kräften der Wirkenden das Größeste auf ein Kleines, oft auf das Kleinste an, das in der Hand der höchsten Vorsehung entscheidet.
^ Es ist schon bemerkt, daß unter denen, die man im Anfänge des vorigen Jahrhunderts spottend Enthusiasten, Schwärmer nannte, Männer waren, die an sorgsamer Vorsicht, so wie an Wirksamkeit kaum einem Staatsminister wichen, die sich daher, ihres reifen Verstandes wegen, keine dergleichen Zeitbestimmungen der Zukunft zu Schulden kommen ließen.' Sperrer z. B. war die überlegende Vorsichtigkeit, A. H. Franke die fröhliche Wirksamkeit selbst *); sic machten keine Kalender. Peterseu, ein Heller Kopf bei einem sanften Herzen, wurde durch seine Verfolger (man lese sein von ihm selbst geschriebenes Leben **), dahingebracht, daß er einer Hoffnung, die ihm sonst angenehme Hypothese geblieben wäre, zu viel Raum gab, und
*) Der Charakter beider drückt sich in ihren Liedern aus. Speners: „Welch eine Sorg' und
Furcht;" Frankens: „Gottlob ein Schritt
zur Ewigkeit." . In ihren Schriften und Handlungen ist Beides sichtbar.
Perersens Lebensbeschreib. 1718.
ir I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
sie sich zu nahe einbildete; ihre Zeit aber bestimmte er nie. Man höre seine kindlich-einfache, verständige Stimme r
*
*
Das Maas jedes Zeitalters.
Eine Stimme *). ^
Gott regieret weise; seine Wunder sind grost und viel. Nach Zahl, Maas und Gewicht ist Alles erschaffen; die Zeiten selbst vcrtheilcte Er.
Sie sind gleich einem Kreise, in welchem das Letzte nicht zu langsam kommt, noch das Erste zu geschwinde. Kein Geschöpf mag feinen Schöpfer übereilen; die Mutter gebierst ihre Kinder nicht auf Einmal.
Auch thur das Kind nicht, was dem Mann zugehöret; und der Mann nicht Werke der Kinder.
*) Petersen Stimmen aus Zions, Psalm 16. Hier mit Auslassung der Anspielungen auf die biblische Geschichte. Petersen war nicht nur ein redlicher und gelehrter, sondern auch ein Talent- reicher Man». Leibnitz schatzre seine Poesien. Küster, Venzky haben sie herausgebcn wollen; es ist aber unterblieben. Manche seiner Stimmen aus Zion lassen sich wie Idyllen lesen; liebliche Bilder voll reiner Empfindung und hoher Wahrheit.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. r3
Nüch Und nach offenbart Gott seine Wunder, und legt jedem Alter nicht mehr auf, als es tragen kann.
Er lasset Verheißungen vorausgehen, ehe das Reich kommt, das er verhieß.
Allmählich wuchs die Wurzel hervor. Sie wachst und wird in Taufenden ihre Früchte tragen.
Die Pflanze gehet schon hinauf, schon schlagen ihre Knospen aus; wenn ihre Zeit kommt, ist die Krone da.
Die Finsterniß gehet zwar jetzt gegen das Licht auf; aber das Licht gehet auch auf gegen die Finsterniß. Da muß Eins das andre offenbaren ; das Licht wird aus der Finsterniß, die Finsterniß durch das Licht erkannt.
Die Höhe wird erkannt aus der Niedrigkeit, die Niedrigkeit aus der Höhe. Das Recht aus dem Ungerechten; die Ungerechtigkeit aus dem Rechten der Gerechtigkeit.
Das Gute aber ist starker als das Böse, und das Böse muß dem Guten dienen. Es muß seine Bosheit offenbaren, indem es das Gute anklagt, und sich damit verräth, daß es nicht gut sey. Das Böse eilte zum Verderben; das Gute kommt allmählich nach und behalt den Platz.
Es ist Alles, o Gott, voll Deiner Weisheit; deine Ordnungen sind Güte und Wahrheit. Bleibet in der Ordnung Gottes, ihr seine Kinder, und eilet nicht vor der Zeit, zu stürmen die Mauern.
Arbeitet eine Mutter zur Frucht, ehe denn es Zeit ist e Mag jemand alt seyn, wenn er noch nicht
14 I. Unternehmungen d. vcrgang. Jahrhunderts
Jahre hat? Erbauet euch selbst zuvor zum neuen Bau; verwerfet nicht den edlen Saamen, der in euch keimet.
Seyd auch nicht weibisch, wenn Gott euch rufet zum Streit: ihr müsset noch viele Arten der Kampfe lernen. O herrlicher Kampf, wenn alle zusammen kommen! wenn alle Streiter in ihren Ordnungen daherziehn!
Die Ordnung selbst und der vereinte Geist schlagt die Unordnung; der Vorschein schon der heiligen Zeit vertreibet die böse Zeit.
Gelobt scy Gott! Der Feigenbaum hat Knoten geschlagen! die Pflanze ist da, daraus die Blume spciesen wird. Gelobt sey der Gott der Ordnung!
Fortsetzung.
Wer vermag diesen Grundsätzen zu widersprechen ? sie sind die Vernunft selbst. So waren auch die Wirkungen, die der hoffende Enthusiasmus fürs Gut« hervorbrachte, unvertilg- bar. Der Eindruck z. B., den der verständige , fromme, unermüdliche Spener machte *), erlosch an drei Orten, wo er lebte, Frankfurt, Dresden, Berlin, eben so wenig, als sein prüfender Geist in
*) Speners Lebensbeschreibung von C. H. von Canstein. Franks, und Leipz. 172g.
zu Beförderung eines geistigen Reiches, »5
den sogenannten Bedenken *) noch jetzt zu sprechen aufhört. Seine Verlaumder und Gegner, (die Neider und Zänker!) alle hak die Zeit entlarvt; ihre Namen sind gehaßt oder vergessen.
Frankens Waisenhaus, das er in Hoffnung, die bei ihm Zuversicht war, zu Stande brachte, har nicht nur durch sich das ganze Jahrhundert hinab der Menschheit an ihrer bedürfcndsten Seite achtchristliche Dienste geleistet, sondern auch ähnliche Anstalten , große und gute Seelen geweckt, die durch Franke glauben, lieben, hoffen, wirken lernten. Seme Verfolger beförderten viel Gutes, als sie ihn vertrieben.
Der Eifer, mit welchem Er und seine Collegen sorgsame Seelsorger, verständige Theologen, (nicht Philosophische Rechthaber, nicht philologische Radixfänger und Wunder-Ausgleicher) zu bilden strebten, hat vielen Provinzen Deutschlands in mehreren Generationen Vortheil geschafft: denn was sollen theologische Facultäten, wenn sie nicht zu ihren Aemtern tüchtige Männer bilden?
Wenn Christian Thomasius, den mau auch zu den Enthusiasten zählte, gegen die Mängel der Universitäten, gegen die Zügellosigkeit der Stu- dircnden, gegen die Verirrungen in verschiednen Wissenschaften practisch schrieb und Cautelen aufstellte; ist ihm hierin, wie in dem Licht, das er der Rechtspflege gab, nach und nach der Beitritt
*) Speners Theologische Bedenken, Halle 171». Lonsillil et juäien llllieol, Franks. 1709.
>6 I. Unternehmungen d. Vorgang. Jahrhunderts
aller Verständige'.» nicht gcfolgel ? Stellt in P o i- r ets Schrift, die er herausgab *), nicht viel Wahres und Gutes? Sprechen alle seine philosophische Schriften nicht wahre Vernunft, politische Klugheit, Kenntnis! seiner selbst und andrer, eine honette Sittenlchre ? Und gicbts einen edleren Enthusiasmus?
Wenn G. Arnold, ein schwächerer Kopf, Traumen der Mystiker zu sehr anhing, blieb deß- halb feine KircheNgeschichte ohne Frucht? Sorgsam wurden ihre Unrichtigkeiten ausgesucht und berichtigt, bitter ihre Schwächen gerügt; im Ganzen aber, indem sie die alte ausgefahrne Bahn verließ, brach sie eine neue Bahn. Theologen in Helm- ftädt, (einer Universität , die sich feit ihrer Stiftung eines liberalen Studiums beflissen hatte) unter welche auch Mosheim gehöret, späterhin Seniler, Spittler, 'Plank u. a. fuhren auf der Straße, die Arnold unkrittisch, aber frommgläubig, mithin muthig eröffnet hatte, weiter. Jetzt vertheidigt Nie- mand mehr eine heilig verfolgende Kirche.
Selbst Dippel, der freche Dippel ist dem Lutherthum nützlich gewesen. Schämet man sich nicht und erstaunet, wenn man hier, da und dort das heimtückische, arrogante Betragen ganzer protestantischer Ministerien damaliger Zeit liefet? Kleine und kleinliche Päbste! UM so giftiger, weil ihnen zum Verfolgen nicht nur die Macht, sondern auch
das
*) Oe eruäitione
snperklciLris et ksOa !
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 17
das Recht fehlte: denn der Protestantismus duldet reine Ketzerverfolgung *).
Wie in der Ch r i ste n hei t eine Hoffnung zukünftiger besserer Zeiten je hat verunglimpft und verfolgt werden können, ist fast unbegreiflich. Ist nicht das Christcnthum selbst auf diese Hoffnung gebauct? Prophetische Aussichten einer künftigen goldncn Zeit waren da; sie weckten Christum, der als Kind schon darüber fragte und disputirte. Gegründet, aber unvollendet ließ er diese Zeiten nach, lehrte darum bitten, befahl auf sie zu wirken, und ein Reich Gottes in sich zu gründen. Nur also, geistig und durch Vereinigung vieler Guten, könne es befördert werden, und werde unvermerkt, unablässig befördert; es kommt mit stillem Schritte. Jeder Strahl des Lichts, jede herzliche Lhat, jede reinere Gesinnung bringt es näher und näher; alle Gute wirken dazu, auch ohne einander zu kennen, einverstanden. Nehme man dem Christenthum diese Hoffnung, diesen Glauben; so ist cs selbst nicht
Die sogenannt -Unschuldigen Nachrichten sind von diesen Schleichgaiigcn aus altern und »eueren Zeiten, gegen ihre Absichten, treue Zeugen. Von 1701 haben sie bis über die Mitte des Jahrhunderts fortgedauert; ein merkwürdiges Deposilorium, von Anzeigen, Censuren, Berichten, Colloquien, Gutachten, Klagen, Briefen, Bejammerungen, und — echtem Ur- theilen. Der Censorgeist darin war selten L u- thers Geist, daher sich auch der Fortgang der Zeit ihm nicht bequemte.
Herders Werke z. Phil. u. Gesch. X. B A-irastea. II,
»8 I. Unternehmungen d. Hergang. Jahrhunderts
mehr da: denn nur im Glauben und in einem
stillen Wirken auf die Zukunft lebt es.
Maßen sich aber Christen an, der Vorsehung Maas und Ziel zu setzen, sie gegen die Vernunft zu zwingen, damit sie ihre Wege beschleunige: so zeigt das Mißlingen ihrer Wünsche selbst, daß der Berg, der ihnen so nahe schien, weiter, als sie dachten, entfernt liege. Glanzend stehet er dort in den Wolken — hin zu ihm! doch unübereilet.
Nemesis und die Hoffnung.
Hoffnung und Nemesis, Euch verehr' ich auf
Einem Altäre;
„Hoffe!" winket mir Die; Diese: „doch nimmer
zu Viel l"
Das Licht am Abend.
Eine Stimme *).
Höret, ihr Kinder der künftigen Welt, was ich singe; urtheilen fülltet Ihr, ob ich recht gesungen habe.
Es muß noch kommen das Vollkommene; und wenn es kommt, so höret das Stückwerk auf. Es wird blühen in der Natur eine Lilie; wrnn sie blühet, so genießet ihren Geruch die ganze Welt.
*) Petersens Stimmen aus Zion Ps.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 19
Das Reich der Güte wird immer größer und herrlicher werden; das Senfkorn wird zum großen Baum, daß die Vögel des Himmels unter seinen Zweigen wohnen.
Alles, was wachsen soll, hat einen kleinen Anfang; es gehet fort in der Ordnung; Eins kann das Andre nicht übereilen.
Ohne dem Kleinen ist das Größere nicht, und ohne dem Größeren kann das Größeste nicht erscheinen. Doch ist das Größeste das Größeste, und das Letzte ist das Beste.
Um des Letzten sind alle vorige Dinge; im Letzten sind begriffen alle vorige Zahlen.
Die Erde bringet zuerst das Gras, dann die Aehrcn, darnach in den Aehren den vollen Weizen. Wer hoffet nicht auf die Früchte, die der Baum endlich bringe? Wer will sich mit der Grüne, mit der Blülhe begnügen und mit der unzeitigen Frucht?
Ihr Thoren , wenn wollt ihr klug werden ? was leugnet ihr die bessern Zeiten in den letzten Tagen? Ihr werdet ja alter an Jahren, warum nicht auch an Verstände? Ihr sehet, daß das Kind sich verliere in dem Jüngling, wie der Jüngling in dem Mann.
Das Gegenwärtige dünket uns groß, wenn das Größere noch nicht gekommen ist; doch ist das Größere klein gegen dem Vollkommenen.
Aus dem Vorhofe kommt man in das Heilige; durch das Heilige gehet man ins Allerheiligste. Die Vorbilder gehen dem Buchstaben voran; das Wesen des Geistes überrrifft beides.
B 2
2o I. Unternehmungen d. vcrgang. Jahrhunderts
Die Stadt Gottes wird inwendig gebauet; wenn es im Herzen belle wird , so wird es auch auswendig glanzen. Hallelujah, das Vollkommene kommt, das Gme behalt den Sieg.
2 .
P r o p a g a n d a»
»VH.it dem Anfänge des achtzehnten Jahrhunderts bildete sich in England eine Gesellschaft zu Ausbreitung des Christenthums, die auch in Schottland Nacheiferer fand. Ihr Zweck war, (ob sie sich gleich zunächst der Armenfchulcn ihres Landes rühmlich annahm und solche errichtete,) allgemein ; daher sie auch, als die dänische Mission nach Tranquebar 1705 von Koppenhagen abging, das Werk dieser, die Bekehrung der Malabaren, willig unterstützte. Auch gegen die Salzburgischen Vertriebenen und sonst hat sie sich milde bewiesen. König Wilhelm hatte sie im Jahr 170» eigen con- 'stituiret.
Die königlich - Dänische Mission hat bekanntlich das Jahrhundert hindurch gedauert, von Dänemarks Königen unterstützt, deren Charakter ausgezeichnet christliche Güte gewesen. Ihr erster und berühmtester Missionar war Ziegenbald, der sogleich
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zu Beförderung eines geistigen Reiches. 2,
damit nnsing, sich ein Malabarisches Wörterbuch von 2c),noo Wörtern und Phrasen, ein poetisches von 17,000 zu sammlen, und mit vielem Eifer wirkte. Sein Gehülfe und seine Nachfolger waren großtcntheils aus der hallischen Schule, wie dann auch die Berichte der Mission mit allen ihren Fortsetzungen beim Hallischen Waiscnhause gedruckt erschienen. Auch zu diesem Werk wirkte der große A. H. Franke.
Ungleich sind zwar, (wie es nicht anders seyn kann) die Berichte der Mission, und haben jetzt, da Indien durch mehrere Nationen bekannt ist, viel an ihrem Interesse verlohren; Anfangs aber, auch in der Folge periodisch hie und da zeichneten sie sich durch Briefe der Bcamanen, durch Unterredungen mit ihnen und andern, Indiern und Muhammedanern sehr aus. Man hörte die Hindu's selbst sprechen, ihren Glauben und ihre Lebensart vonhei- digen; man sah sie leben. Unter den Missionaren waren mehrere fleißige und geschickte Männer, die über die Naturlehre des Landes, den Charakter, die Religion und Sprache seiner Einwohner Aufschlüsse gaben *) und manche Denkwürdigkeiten nach Europa sandten vom Zweck der Mission, der Bekehrung der Ma la b a r c n.
Könnte gegen diesen ein Einwand statt finden? SiUen nicht alle Völker gelehrt und getauft wcr-
*) Ein Auszug erschien, Halle i? 52 . Vstindische Naturgeschichte, Sitten und Alterthümern von G. F. Gerbert. I.
22 I. Unternehmungen d. vcrgang. Jahrhunderts
den? Sind dessen die friedlich-sanften Indier nicht vorzüglich werlh? Ja müßte in ihre stille Seelen die Wahrheit des Christenthums sich nicht aufs leichteste und tiefste einscnken?
Ferner. Sind sie nicht unter dem Joch ihrer Bramaneu, die für sie denken? Umfangen mit dem Bmmeniepplch zahlloser Götter, zu denen sie wallfahrten , denen sic .Opfer bringen, meistens zwar Blumenopfer, denen zu Gunst sie sich aber auch die gewaltsamste Bußen auflegcn, und sich lebender Weise langsam ertödten? Wer hat nicht die armen Büßenden beiderlei Geschlechts selbst in ihren körperlosen Entzückungen bedauret? Wen hat nicht bei den Leichenbegängnissen, da lebende Weiber ihren tobten Männern in der Glut Nachfolgen, geschaudert? Der Dienst der Bajaderen *) endlich, ihr Vcnus- dienst an Göttertempcln, der ihnen heilige Lingam — Lasset uns, sofern dies Alles eine Bekehrung der Indier durch unsre Christen betrifft, Gespräche hören; ein Europäer und ein Asiat, der beide Thcile kennt, sprechen mit einander:
Gespräche über die Bekehrung der Indier durch unsre Europäische Christen.
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Der Asiat. Sagt mir doch: seyd Ihr noch nicht davon zurückgekommen, Lölkcr, die Ihr unter-
*) Dienerinnen der Götter, tanzende, singende Weibspersonen.
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jocht, beraubt, plündert und mordet, denen Ihr Land und Verfassung genommen, denen Ihr mit euren Sitten ein Gräuel seyd, zu bekehren? Käme Jemand in Euer Land, erklärte Euer Heiligstes, Gesetze, Religion, Weisheit, Staatseinrichrung u. f. auf eine freche Art für das Abgeschmackteste, wie würdet Ihr ihm begegnen?
Der Europäer. Hier ist der Fall anders. Wir haben Macht, Schiffe, Geld, Kanonen, Eultur.
Asiat. Haben jene Völker keine Eultur? Mich dünkt, die feinste, die cs im Menschengeschlecht giebt. Sieh ihre» Körperbau, ihre Physiognomie und Lebensweise. Betrachte ibre Sitten, ibre Erziehung, lerne ihre Sprache. Lies ihre Dichter, höre ihre Weisen.
Europäer. Nicht weise zu unserm Himmelreich.
Asiat. Dahin wollen sie auch nicht, dafür schaudert sie, wenn sie es in sanfter Bescheidenheit auch nicht sagen. Mit Menschen, die in allen Lastern leben, die fluchen, zanken, Wein trinken, Schweine essen, die Haare mit Thierfett salben u.f. mit solchen wollen sic in keinen gemeinschaftlichen Himmel. Ich dachte, man ließe ihnen den Ihrigen; ihr Paradies, wohin sie durch Barmherzigkeit, Sanftmukh und gute Werke streben, den Himmel der Nahe Gottes, den ihr Volk in allem Guten und Schönen, den ihre Weisen nachsinnend im tiefsten Grunde ihrer Seelen suchen und verehren, Ihn, der Alles belebet, die ihnen sich in jeder Gestaltung verwandelt darstellt. —
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Europäer. Das eben hat ihre schreckliche Mythologie zahlloser Götter gegeben, die den Europäern viel Kopfbrechens verursacht haben. Wie un erböne, lange, viele, schwere Namen! welche Verwandlungen ! welche Mahrchen! Hinweg mit ihnen! es ist nur Ein Gott!
Asiat. Läugnec dies Ein Braman? Bilden sie sich nicht vom obersten Wesen so rein - erhabne Vorstellungen, wie sie der gemeine Europäer kaum zu fassen vermag? Und diese reinen erhabnen Weisen wolltet Ihr zu Eurer in den dunkelsten Jahrhunderten der Menschheit entstandenen Scholastik bekehren?
Europäer. Das Volk aber hangt an Pagoden, Götzenbildern und Gebräuchen.
Asiat. Das Eure nicht ? -Und woran hangen Eure Weisen? An barbarischen Wortformcln, den elendesten Symbolen. Wie geduldig und mühsam suchen sich Jene zu entkörpern, um den Einen zu finden, der, Bildlos selbst, Alles reget! Ihn so fest ins innerste Gcmütb zu fassen, daß Er allein da ewig lebe, ist der Zweck ihrer stillen Beschauung. Hast Du Geduld, einige Bramanische Andachten von diesen Palmblattern zu Horen?
Wünsche der Bramen.
„Laß uns die höchste Herrschaft der Gottheit anbeten, der Sonne, die Alles erleuchtet, Alles erquickt, von der Alles kommt, zu. der Alles kehret. Wir rufen sie an, um unfern Verstand gerade zu I w zu richten, auf unserm Wege zu Ihrem heiligen Sitz."
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„Was Sonne und Licht der sichtbaren Welt sind, das ist der unsichtbarem, der Verstandesw.lt Gort und die Wahrheit. Wie unsre körperliche klugen von Gegenständen einen Begriff bekommen, ment sie die Sonne erleuchtet, so erlangen unsre Seelen ein gewisses Erkennen, wem sic am Licht der Wahrheit Nachdenken, die vom Wesen der Wesen kommt. Dies Licht allein führt uns der Seligkeit
... " zU.
„Möge meine Seele, sie, die in wachenden Stunden hinaufsteigt, wie ein ätherischer Funke, die selbst im Schlummer, leicht wie ein Strahl vom Lichte der Lichter, weit umher stiegt; möge sie sich durch sinnende Andacht dem Geiste einen, der dir höchste Seligkeit, der höchste Verstand ist!"
„Möge meine Seele durch jene Kraft, durch welche die niedriggebohrnen Menschen ihre kleine Werke, die Weisen und Gelehrten ihre heilige« Weihgebräuche verrichten; Sic das crkohrne Weih- geschenk der Schöpfung, möge durch sinnende Andacht sic sich dem Geiste einen, der die höchste Seligkeit, der höchste Verstand ist."
„Möge meine Seele, Sie, ein Strahl vom Licht vollkommener Weisheit, ein reiner Verstand, ein unvergänglich Wesen, ein unauslöschlich Licht, gesenkt in geschaffene Leiber, möge sie einigen sich durch sinnende Betrachtung Ihm, der die höchste Seligkeit, der Höchste Verstand ist."
„Sie, die Unsterbliche, die das VerganM, die Gegenwart und Zukunft in sich faßt; sie, die das heiligste Opfer, dem sieben Diener dienen, allein nur weiht; möge sie einigen sich dem höchstverstän- digen, höchstseligen Geist."
ssi I. Unternehmungen d, vergang. Jahrhunderts
,,Si e, in welche die heiligen Gebote, den Speichen des rollenden Rades gleich, befestigt sind ; in welche gewebt sind alle Gestalten der erschaffnen Welt; sie, die dem Führer gleich, der die schnellen Rosse zügelt, den Wagen der Menschheit lenkt; sie, die in meiner Brust wohnt, befreit von Alter, schnell in ibrem Lauf; möge sie einigen sich der höchsten Weisheit, der höchsten Seligkeit."
Solche Begriffe von Gott, von Gottesdienst, von der menschlichen Seele haben die Indier in tausend Geboten; und Ihr wollt sic zu Eurem dornigen Scholasticismus bekehren?
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Europäer. Das gemeine Volk hat aber nicht so reine Begriffe; cs hangt an Fabeln, Mährchen und Erzählungen, an Festlichkeiten und unförmlichen, ja oft unzüchtigen Göttergestallten.
Asiat. Welches Volk hangt nicht an der Schaale? Nur nach und nach lernt cs den Kern kosten. Wenn Eure Missionarien alle diese Erzählungen gewöhnlich so mißverstanden, daß sie sie für nackte Wahrheit hielten, so standen sie unter dem Indischen Volk, das diese Mährchen, als Mähr- chen, dem Sinne nach hörte, der in ihnen liegt. So hören Kinder die Mährchen, wohl wissend, daß es solche sind; die Indier sind noch in diesem kindhaften Zustande. Erzählt ihnen Eure Geschichten ; sie hören sie nicht anders.
Europäer. Unsre Geschichten sind, hoffe ich, von andrer Art.
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Asiat. Allerdings. Sie sind daher ihrem sinnlichen Begriff, ihrer an schaue »den Fassungskraft, fern und fremde. Wie schwer muß dem Indier eine jüdi sche Geschichte zu denken seyn! eben so unbegreiflich, wie der Schnee, den nie sein Auge sah. Er vergleicht sie mit der Sei- nigen, an die er gewöhnt ist, und findet sie dürr, wunderlich, albern, macht sonderbare, in seiner Vorstellung aber treffende Zweifel. Ich höre, cs sey eine Hypothese bei euch im Schwange, daß die Weisheit der Indier westwärts von Griechenland hcrgeflossen, daß manche Fabeln ihrer Göttergeschichte, z. B. von Krischna, sich von Eurer Religion her- schreiben sollen, die iirt ersten Feuer der Völkerbekehrung hieber, ja bis nach China drang. Ware dem also, so bemerkt, wie sich in Indischen Kopsen die Sagen ferner Lander gestalten! Ein Gleiches bemerkt, wenn Ihr gebohrne Indier über Eure Religion sprechen höret, oder die Briefe Eurer bekehrten Katecheten leset. Die Sprache selbst crfodert schon Umgestaltung der Begriffe, neue Einkleidung. Einheimische, ihnen angemessene, mit ihnen erwachsene Erzählungen verleidet ihr ihnen also, und gebt ihnen dafür fremde, die sie nicht zu brauchen, und die sie doch nur in ihrer Weise geduldig, höflich, gläubig als Mahrchen hören.
Europäer. Im christlichen Unterricht ist aber nicht alles Geschichte.
Asiat. Gottlob nicht; Alles aber doch auf Geschichte gebauet und aus ihr abgeleitet. Wenn nun auch das Abgeleitete, wie es nach dem Gange de> Cultur in Europa nicht anders seyn könnte, in he-
2 L 1. Unternehmungen d. verzang. Jahrhunderts
braW - griechisch-lateinisch-deutscher Form erscheinet; waren diese Einkleidungen, Predigten, Katechismus - Uußüdungen, Lieder u. f. der Fassungr- kraft der Hindu's, Ta mul er, Kudelurer nicht abermals fremde? Drange inan gar darauf, daß in diesen fremden Formeln der Weg zur Seligkeit, der einzige wahre Glaube liege, und setzte dagegen die sinnreichsten, qemüihlichsten Vorstellungen der Indier tief hinunter: kann man's ihnen verdenken, wenn sic sagen: „Auch der hungrige Tiger, fräße er Gras? So bleibe Jedem feine Religion, ihm zugehörig. Aeße ein Armer Allerlei unter einander; wie wird ihm das bekommen? Und wenn man reine, schöne Speisen genießen kann, warum wollte man nicht dabei bleiben?" — „Die Leute von Eurem Geschlecht sind ja so unterschieden! Ihr habt so viele Gesetze; warum sucht Ihr diese nicht erst in Eins zu bringen? Wir, so verschiedene Stamme und Völker haben Alle nur Ein Gesetz. Lasset cs uns! — Die dreihundercdrcißig tausendmal tausend Götter kamen einmal zu Tsiw en und beklagten sich über die ungeheure Menge der moralischen und historischen Rcligivnsbüchcr und ihrer Gebote, bittend, daß er ihnen die Summe Aller in wenig Worten sage. Tsiwcn sprach: „dem
Nächsten Gutes thun ist Tugend; dem Nächsten UcbelS thun ist Sünde; das ist die Summe aller Gebote."
Hat Ts> wen Unrecht?
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 29
3 .
Europäer. So schön dies Alles klingt; wer mag längncn, daß die Indier unter einem doppelthar- ten Joch leben, dem Joch ihrer Religion und ihrer despotischen Gebieter? Wie wenn die Christen sie daraus zu befreien strebten?
Asiat. O thäten sie dies! Nun aber sagen die Indier: „was Hilsts, wenn man Jemand das Fußeisen abnimmt, und ihn dafür in den Block setzt?"— Haben die Europäer Me geduldigen Menschen glücklicher oder unglücklicher gemacht ? Haben sie ihre Lasten gemehrt oder gemindert? Land, Verfassung , Autonomie haben sie ihnen genommen, ihren heiligen Boden mit Lastern, Gräueln und Schande befleckt. —
Europäer. Doch nicht alle Nationen Europas in gleichem Maas?
Asiat. Gewiß nicht; indeß atbmet jeder Europäer, wenn er nach Indien kommt, Indische Luft. Kann er ein N a ja der Raja ' s , ein Unterdrücker der Unterdrückenden werden; Er wirds. Die Dänische Colvnie ist ohne allen Zweifel, (auch ihrer Schwäche wegc»,) die am wenigsten unterdrückende worden; indessen auch bei ihr fanden sich bisweilen nicht Gewissens-, sondern Bcutelfccupcl, daß die Mission dem Handel schade. Nur durch die feste Gesinnung gutmüthiger Könige in Dänemark konnte sie sich aufrecht und im Gange erhalten. Aus ihr sind die Missionen in Madras, Cudelur, Cal- cutta,Ticutschinapalli entstanden; die Engländer lehren und taufen die Völker durch
Zn I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
Geld, um Geld, mittelst Missionen andrer Völker. Die armen Deutschen lassen sich zu allem gern gebrauchen.
Europäer. Warum nicht? Jsts nicht gut wenn neben Blutsaugern auch ein Friedcnsengel erscheint?
Asiat. Könnte er aber auch Heil geben ! Brachten es z. B. die Europäer dahin, daß keine Frauen ihren Männern sich weiterhin im Feuer aufopfern müßten, dahin, daß keine Unterdrücker und sie selbst nickt mehr unterdrückten, vervortheiltcn, beraubten, quälten; gesegnet wäre die Religion inr Christen, auch ohne, daß Ein Indier sie fcrmula- risck - historisch annähme. Alle genossen die Frucht derselben, achte Humanität reiner Beziehungen in einer glücklichen Völkervcrbindung! Einmal hat den Europäern die Vorsehung Waage und Maas in die Hand gegeben; sie sollen messen, sie sollen wägen. Messen sie aber mit falschem Maas allein zu ihrem Vortheil, was wird in ihrer Hand die entscheidende Sc h i ck sa lSwa a g c, die zu Beförderung des Glücks der Völker ihnen anvertrauer ward?
Euro pa e r. Daran denkt in Europa niemand.
Asiat. Traurig! Wo Macht sich nicht mir Weisheit und Gute gesellet, da wird sie —
Europäer. Zudringlich.
Asiat. Das sanfteste Wort, das nur ein Europäer wählen konnte; aber ich nehme es an, welche Zudringlichkeiten babt Jbr Euch gegen uns erlaubet!
zu Beförderung eines geistigen Reiches. ->i
Europäer. Weil wir Macht, Schiffe, Kanonen und Europäische Eultur haben.
Asiat. Lasset uns dagegen unsre Asiatische. Zudrinqend kommt Ihr und befraget uns, selbst über die Geheimnisse unsres Hauses. Bei Euch, böre ich, ist Neugierde eine Art Höflichkeit; bei uns nicht. Wir drangen uns zu keinem Fremden, leben zurückgezogen ; das Andringcn der Fremden, ihre Fragen sehen wir als. einen Mangel der Erziehung und der Achtung an, die Einem Bolk gegen das Andre gebührt, und geziemet. Erscheint Ihr weintrinkende Schweinfleisch-Esser, nun gar, Thierhaare auf Eurem Haupt, unreine Salbe in eurem Haar, in einer uns unanständigen Kleidung, in schwarzer uns unleidlicher Farbe, ihr leget uns Bücher in die Thierbaute gebunden vor — wir dürfen und wollen sie nicht berühren. Versagt Ihr Euch den Höflichkeiten , denen sich bei uns nach hergebrachter Gewohnheit kein König entsaget, z. B. dem Ausziehen Eurer unreinen Schube, (weil, wie Ihr sagt, Moses seine Schuhe nur vor dem brennenden Busch auszog) quält und ermüdet uns allenthalben, auf Weg und Stegen, in Ruhehäusern und Pagoden mit einer zudringlichen Predigt, die Ihr an jeden kleinen Umstand unsrer Lebensweise knüpfet, was können wir anders als euch sprechen lassen, so lang Ihr wollt, bis Ihr — gehet *). Wenn Ihr uns
zu euch lockt: „Kommt zu uns, uns zu hören," antworten wir geduldig: „Wenn ich wissen will, ob
*) Die öftere Formel der Missionsberichte war: „sie hörten Einen an und ließen Einen gehe»."
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32 I. Unternehmungen d. Vorgang. Jahrhunderts
eine Feige gut schmeckt, muß ich sie erst kosten ? Ich weiß es schon aus dem Ansehn. So, wenn wir mit euch umgehn, wissen w.ir schon, wie es mit Eurer Religion beschaffen ist. Zu einem wasserreichen von den breiten Tamarei - Blattern bedeckten kühlen Teiche gehen gern die Leute, und waschen sich darin». Ist Eure Religion gut, so werden Leute schon zu Euch kommen, ohne daß Ihr sie aufsucht.
Europäer. Wir suchen sie auf, des Gewinns halber; das Andre (ich nebme die Dänische Mission aus, die einen reinen Zweck hatte) ist eine anständige Bekränzung.
Asiat. Deshalb führt Ihr auch mit jedem erpreßten und crwuchertcn Schatz Fluch nach En- ropa.
Europäer. Glaubst Du nicht, daß wir das wissen und vor unS sehen? Jener aus Indien rück- kehrcnde Tyrann und Räuber crhenkt, dieser erschießt sich; andre verthun ihre Schätze, durchjagend andre Lander, allenthalben die Sitten verderbend.
Asiat. Glaubt Ihr aber, daß damit Amerika, Afrika, Asien, unser Indien gerächt und versöhnt sen? Schaut Euer Portugal, und denkt an die Scheiterhaufen in Goa! Euer Spanien, und erinnert Euch des Kaisers M o te z u m a geröstet auf Kehlen, denkt an die Bergwerke von Potvsi! England endlich, .der stolze Phönix, der sich zum eignen Brande seine Specereun fernher holt, und selbst dereinst sich die Glut anfachl. — Christen, ihr habt viel zu vergüten, viel zu versöhnen! Daß Ihr
es
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zu Beförderung eines geistigen Reiches. 33
es thut, daß ihr eure Schuld erstattet, dafür bürgt das Schicksal.
Europäer. Der Knäuel der Ariadne, Men- schen-Errettung und V ö l ker-Vereinigung ist in unsrer Hand —
Asiat. Wohl Euch und Jenen, wenn Ihr ihn anwendet. Alle Nationen der Welt werden Euch danken. Vergesset aber nicht, daß dieser hohe Beruf keine ostindische Compagnie fey.
Europäer. Auch eben keine Londonfche Propaganda.
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Christianisirung des Sinesi- schen Reiches.
-^>er Anfang des vorigen Jahrhunderts fand die Europäischen, besonders die Römischen Christen in großer Erwartung; ein Welttheil, wie das Kaiscr- thum Sina ist, der schlaueste Welttheil Asiens, war auf dem Punkt, christlich zu werden, oder war, (so glaubten viele) es schon geworden. Welch ein Gewinn, sagte man, für den Himmel! Welch ein Gewinn für Europa in Ansehung der Wissenschaften Herders Werke z. Phil. u. Gesch, X. C ^l,--r§,ea. II.
34 I. Unternehmunigen d. vergang. Jahrhunderts
und — des Handels! Zu ba-ld zerging diese Hoffnung.
Frühe nämlich war das Christenthum schon in das ferne Tina gedrungen, und hatte daselbst in die Religion der Bonzen wahrscheinlich mitgewirket. In den neueren Jahrhunderten, seit Missionen nach Asten geschäftig waren, hatte es, der Verschlossenheit des Landes ungeachtet, auch hieher an Emiffa- rien nicht gefehlet.
Insonderheit waren die Jesuiten eben so klug, als thatiq; sie ergriffen das einzige und edelste Band, das sie mit Kaiser und Reich verknüpfen konnte, das Band der Wissenschaften, der Künste. Versagen kann man ihnen den Ruhm nicht, daß seit Pater Ricci, der ihr Ansehen dort eigentlich gründete, sie eine Reihe gelehrter, weltkluger, unverdrossener Männer dahin gefördert, die auch Europa mit Kenntnissen dieses großen Reichs und seiner anliegenden Lander, mit Kenntnissen ihrer Sprache und Bücher, ihrer Verfassung und Gebrauche sehr- bekannt gemacht haben. In Europa selbst kennen wir manchen Staat weniger als Sina.
Nun war zwar wahrend der Vormundschaft des unmündigen Kaisers Kang-Hi *) durch einmüthi- gen Schluß der Reichsstande das Christenthum für falsch und dem Reich schädlich erklärt, auch bei Leibes- und Lebensstrafe verboten. Den angesehenste» Vorsteher desselben, den Jesuiten S c h a l l, hatte man ins Gcfangmß gelegt und die Verfolgung gegen
3 Im Jahr 1664.
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zu Beförderung eines geistigen Reiches. 35
christliche Mandarine weil getrieben. Seit Kang-hi selbst aber auf den Thron kam und aus Liebe zu den Europäischen Wissenschaften auch ihre Lehrer liebte, seit Ec im Jahr 1692 die christliche Religion für gut, seinem Rath heilsam, seinen Unterthanen erlaubt erklärt hatte, den Jesuiten eine prächtige Kirche baute, eine Gesandschaft an den Papst schickte u, f, ; in wie großer Hoffnung lebte man ! Die Bekehrung des Kaisers und nach ihm des ganzen Reichs erwartend. Diese folgte nun zwar bis an seinen Tod nicht *); da die fremde Religion indeß wahrend seiner langen Regierung im Reich geblübet batte und der Kaiser, trotz aller Feindseligkeiten, die andere Orden der Jesuiten durch den Römischen Hof selbst erregte», seinen Freunden treu geblieben war, so hoffte und wirkte man fort. Unglaublich ist die Geduld, die der Monarch gegen die Eingriffe Roms in die Rechte seiner Herrschaft erwies, indem er sie jederzeit nur gesetzmäßig zurücktrieb oder läbmte, übrigens aber den Papst für „unverständig erklärte, daß er in einem ihm fremden Lande gebieten wolle, und über gesetzliche Gebrauche seines Reichs dem Kaiser selbst nicht glaube."
Durch wie kleinfügige Streitigkeiten machte man die große Unternehmung zunicht, um welche sich damals die Jesuiten so viele und so feine Müke gaben ! da sie bloß ein Eeremoniel betrafen, Tien z, B. heißt der Himmel in jener Sprache, mit welchem Wort
Der Kaiser Kang-Hi starb 1722,
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36 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
die Sincsen auch Gott benennen; statt dessen sollten sie christlich Tien-Ehu, „Herr des Himmels" sagen. Die Ehre, die man dem Andenken des größten Lehrers der Nation; Kungfu-tse, (den wir Eonfuciris nennen, und dem Andenken der Vorfahren überhaupt nach einem unverbrüchlich-gesetzlichen Landesgebrauch) erwies, sollte theils abgc- schafft, theils verändert, von den Tafelchen der Vorfahren z. B. die Ucbcrschrift ausgelassen und nur der Name derselben darauf bemerkt werden u. f. Welche unselige Mühe man sich über Dinge dieser Art gemacht: wie bittre Streitigkeiten darüber geführt, welche Bibliotheken für und wider geschrieben worden, wäre unglaublich, wenn eS nicht vor Augen läge, so daß der Papst selbst zuletzt alles Schreiben darüber verbieten mußte.
Und welche Gesandtschaften von Rom nach Sina, von Sina nach Rom! welche Eongregationen in Rom ! welche Machinationen in Sina ! da daun wie gewöhnlich die französischen Fechter die lautesten *), die Jtalianer, Mezza ba rba z. B, die vorsichtigeren waren , indem jene sich den Sitten dieses Reichs zuwider eben so unklug als unverständig denabmen, überhaupt aber in Rom selbst die Sache sehr un sine fisch behandelt ward. Könnt ihr die Sprach-Organe einer Nation andern? Wenn der Simse z. E. den Namen Maria nicht aussprechen kann, weil ihm Buchstaben in seinem Alphabet fehlen, die er nach seiner von Kindheit an
si Maitzrol, Lournon u. f-
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 3 ?
gewohnten Mundart verändert, wer will es ihm wehren? Eben so wenig könnt ihr seine Borste l l n n g sa r t andern, die an Gebrauchen und Eercmonien Lasset: denn auch diese sind eine Sprache und in Sina mit dem Staat sowohl als der Moral innig verwebet. Vom kindlichen Gehorsam gehet dort alles aus. Durch alle Stande bis zum Oberhaupt des Staats, ja bis auf die entferntesten Vorfahren verbreiten sich diese (Zeremonien, und Pflichten. Ihre Buchstaben, ihre Regeln und Sprüche, ihre elastischen Bücher, ihre häuslichen und öffentliche» Gebrauche, ihre Lebens - und Staatsweise ist auf dies Principium gegründet, ist darnach geordnet. Endweder mußte also der christliche Katechismus den heiligen Büchern gemäß, d. i. elastisch gemacht werden, oder er blieb der Nation unverständlich , unannehmlich. So auch mit den Gebrauchen. Der an sein Land, an die Sitten seiner Vorfahren gefesselte, von aller Welt abgeschlossene Sinese ist ganz ein Sinese und wird es wahrscheinlich noch Jahrtausende hinab bleiben.
Sobald Kang-Hi starb, verbot sein Nachfolger F) o n g - t sch in g das Ebristenthum, ließ im ganzen Reich, Pekin ausgenommen, die Kirchen nicderreißen, und verfolgte die Christen, deren Anzahl die Jesuiten damals auf 3 no,on« angabcn. Der Kaiser schrieb selbst einen Unterricht in der Religion für sein Reich.
Der gute Kien-Long, Nachfolger Jangtse hin gs, der seit 1734 das Jahrhundert hinaus eben so billig und gerecht, als klug regiert hat, liebte zwar die Wissenschaften der Europäer, so fern
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sie ihm in seinem Reich nützlich schienen, duldete auch das Cbristcnthuni in Pckin, ja gab einigemal günstige Befeble für die Christen in den Provinzen. Da diese aber immer gemißbraucht wurden, schloß er endlich die Kirchenfreiheit auf einige bestimmte Plätze seiner Residenz ein, hielt den fremden Gottesdienst, als gefährlich, unter strengem Gehorsam seiner Reichsgcsetze, und ließ die Fremden überhaupt nie ohne sorgsame Aufsicht. So lange die Beherrscher Sina's wie Kien-Long denken, wird kein europäischer Cultus in Sina aufkommen, zumal d e r nicht, der sich durch Anmaßungen und Unruhen dem Reich so feindlich gezeigt hat. An wie viel Verbannungen, Gefängnissen und Stockjchlägen christ- lichgewordner Mandarine sind die fremden Bekehrer Schuld gewesen. Und wofür litten diese Bekehrer? Für fremde Worte und Gebräuche.
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*
Der einzige Gewinn, der Europa durch diese Bemühungen worden ist, sind Kenntnisse, die gewiffermaße die Dst - lind Westwelt binden. Französischen und deutschen Jesuiten, den Vätern Ger- billon, Gr über, Couplet, Noel, Verbisst, du Halde, Amiot u. s haben wir mancherlei zu danken, wodurch Geist und Fleiß europäischer Gelehrter, zum Studium der dortigen Sprache und Literatur, der dortigen Zeitrechnung, Astronomie, Geschichte, Naturgeschichte u. s. erweckt sind. Der einzige Deguignes hat hierüber so viel ge-
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leistet, als eine stnesische Akademie; auch die vom Paw erregten Streitigkeiten über die Sineser haben durch die Beantwortungen der Vater von dort aus zu mehreren; Licht geleitet. Die Philosophie, vorzüglich die politische Sittenlchre jener Nation hat in Europa vielen Beifall gefunden; Leib- nitz, Bilfinger, Wolf nahmen sich ihrer in Deutschland an, der letzte fast mit einem ihm sonst ungewohnten Enthusiasmus *). In Frankreich sind die classischen Bücher der Siuesen in jedem Format erschienen; wie sich denn die stnesische Weisheit in französischer Sprache beredt und artig ausnimmt. Die Belehrungen der Kaiser an ihr Volk, die Antworten derselben an ihre Staatsdrener sprechen oft so väterlich als majestätisch **), und das Lob der reinsten Si t t e n-V e r n u n ft kann man ihnen schwerlich versagen.
Wer sich über den Fortgang der europäischen Wissenschaften in Sina am lebhaftesten gefreuet hakte, war Leibnitz; der große Mann sah ihre Verpflanzung aus der West - in die Ostwclt mit dem umfas-
S. Rede von der Sittenlehre der Sineser, in Wolfs kleinen philosophischen Schriften Th. 6. .
**) Siehe außer den bekannt gemachten classischen Büchern der Sinesen und des P. Du-Halde Beschreibung von Sina, die IVlemcwies, con- cernanr l'Iiisiaire, las Sciences , Iss arts, Iss nioeiirs , les nsages äes tlliiiiois p. Iss rnissionairsz äs l? ekln, karis 1776 U» s.
4-) l. Unternehmungen d. vergnüg. Jahrhunderts
senden Blick an, der dieser Erscheinung gebührte *). Den Umsturz seiner Hoffnungen erlebte er nicht; in den Streitigkeiten, die ihn vorbereiteten, wnr er stets auf Seiten der vernünftigen, billigen, gelinderen Meynung.
Was lehret dieses Ereigniß, das so weit aus- sebende Hoffnungen auf Einmal hinwarf? Die bekannte Regel der Nemesis: „wodurch Jemand
sündiget, dadurch wird er gestraft." Despotische Macht, stritt hier gegen despotische Macht, Gebrauche gegen Gebräuche; natürlich mußten in Sina die Römischen nntec den alten ewigen Neichsgebrauchen, die Macht des Römischen Bischofs unter der Gewalt des Kaisers, der .Oberpriester seines Reichs, ein Sohn des Himmels ist, erliegen. Wenige Pinselstriche eines kaiserlichen Edikts endeten den Handel; die zankenden Mönche erreichten ihren Zweck, und sofern hatte ihr Neid nicht übel gerechnet. Ob das angetretene Jahrhundert einholen werde, was das vergangene so schnöde verlohr? ist eine mißliche Frage. In Ansehung der Freiheit stehn in Sina die Christen hinter Juden und Mahomedanern.
Einen Zug indeß macht der politische Scharfsinn der Jesuiten für alle Zeiten merkwürdig, und viel-
*) I^ovissiin-r Linica, bistoriLirr nostri tsnipori-: illnstrrrtiirL. Läents O. 6. I, 16^7.
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leicht für die künftigen brauchbar. Als gelebrte Mandarine galten sie; giebts für Europäische Missionare einen edleren Namen? Jsts ihre reine Absicht, Völker aufzuklären, das Wohl der Reiche nicht zu untergraben, sondern durch Wiffenschastcn und Sitten auf dem Grundstein achter Menschlichkeit zu sichern, welchen Namen können sie edler führen, welch' Amt ehrenvoller verwalten, als das Amt gelehrter, sittlicher Mandarine. Dann fliegt der Schwan, den dort die Patres aus kaiserlicher Huld als Ehrenzeichen an der Brust tragen, gen Himmel und singt den Völkekn der Erde süßen Gesang,
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Paraguay.
I^m die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts stellten die Jesuiten dem Spanischen Hofe vor, daß die unordentlichen Sitten und gegebnen Aergernifse der Spanier die größten Hindernisse des Fortganges ihrer Missionen seyn ; ohne solche würden sich die unbekanntesten Theile von Amerika zur Kirche, mithin unter den Scepter der katholischen Majestät wenden, Sie baten sich einen Strich Landes aus, wohin
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ohne ihre Erlaubnis« kein Spanier kommen dürfte urd verpflichteten sich dabei nicht nur zu einer Kopfsteuer ihrer Heerde, sondern auch zu Stellung einer gewissen Mannschaft in des Königes Dienst. Sie erhielten dazu die Erlaubniß.
So brachten sie zuerst fünfzig wandernde Familien zusammen, die sie überredeten, sich bei ihnen niederzulassen. Sic kleideten sie, gewöhnten sie zum Ackerbau, unterrichteten sie in Handwerkern und Künsten, und erweiterten sich dergestalt, daß ihr Staat von 5 o zuletzt auf 3 oo,ooo Familien stieg und sie 60,000 Mann gewaffneter, wohlgeübtcr Völker ins Feld stellen konnten. Vcrfchiedne Völkerschaften gehörten zu ihm, zum Theil wilde und tapfre, andre sauft und Kunstreich, unter denen die Guarani er die Zahlreichsten waren, wie denn auch Guarani sch die Staatssprache dieses Reichs war. Nichts gehet über die Ordnung, zu der die Vater Alles gewöhnt hatten, in Schlaf und Wachen, in Religionsübungen und Geschäften. Sogar eine Gemeinschaft der Güter war eingeführt; und doch ward Jedem die Arbeit, wozu Er tüchtig war, so wie sein Lohn angewiesen. Fehler wurden väterlich bestraft, die Menschen überhaupt als Kinder behandelt; Ausschweifungen gab es fast keine. Die Vater geboten; die Amerikaner folgten; diese liebten ihre Abhängigkeit, auch wenn sie sich nach dem Lode sehnten. Denn fehlen konnte cs nicht, daß Völker, die ans den Wäldern oder aus einem umherirrendcn Leben in diesen der Sonne ausgcsetzten Staat gezogen und glei ch'am zur Ruhe gesetzt wurden , es häufig mit dem rebm bezahlten. Schleichende Fieber, Blattern
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und andre Krankheiten rissen viele dahin; und auch diese murrcten nicht. Man glaubt einen Traum zu lesen, wenn man die Einrichtung dieser Republik an Fest- und Werktagen, bei Hochzeiten, bei Arbeiten, Ernten und Lustbarkeiten nach den verschiednen Jahreszeiten lieset; die Act, wie sich der christliche Orden den Volksbegriffen der Amerikaner beguemee, war vielleicht unübertrefflich *). Wervermag zu sagen, was aus diesem Staat worden wäre, wenn er in der Stille hatte fortblühen und sich unbemerkt und ungestört erweitern mögen? Ueber Peru und Ehili hin hatte er sich, vielleicht über das ganze innere Süd- Amerika verbreitet.
Dazu aber hatte der Orden zu viele Feinde. Die Klagen sind bekannt, die mehrere spanische Bischöfe, unter andern der Ehrwürdige Palafox über die Anmaßungen der Jesuiten laut geführt hatten **); und obgleich die Mitglieder und Freunde des Ordens
*) S. das Schreiben des Jesuiten Juan de Escan- dos, imgleichen des P. Nuß dar fers in den Beiträgen zur Geschichte von Paraguay. Franks, und Leipz. 1768. >769. Desgleichen Dobritzhofer s Geschichte der Abiponen. Wien, 1788, ein lehrreiches Buch.
**) S. Palafox Briefe an Papst Jnnocenz X. Franks. 1778. In der Sammlung von Schriften, die Jesuiten in Portugal betreffend (8 Bande l». 1761,.) sind mehrere gegen sie gerichtete Schriften gesammlet. Im nten Bande ist auch eine Charte ihres Paraguay ersichtlich.
44 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
diese Klagen lange unkraftig machten, kam doch eine Zeit, da das Eis brach.
Als im Jahr 1752 zwischen den Besitzthümern Spaniens und Portugals am Uraguay eine neue Grenzvertheilung vorgenommcn werden sollte, vermöge welcher ein Tkeil des Staats der Jesuiten unter Portugiesische Hoheit kam, wollten sie oder angeblich diese Völker sich nicht theilen und abtrctcn lassen. Es entstanden Unruhen und Aufstande, die man den Jesuiten Schuld gab; zwei Feldzüge mußten beide Mächte gegen Völker der Mission thun, die dann den Portugiesischen Hof und dessen scharfsehenden Minister in ein solches Feuer gegen die Jesuiten setzten, daß nicht nur die traurige Zerstörung ihres Staats in Amerika *), sondern bald auch ihre Vertreibung aus Portugal, dann aus Spanien, endlich die Aufhebung ihres Ordens selbst erfolgte. In Amerika lag der Keim dieser Aufhebung. Die Schatze, die man dort und allenthalben bei ihnen zu finden glaubte, die ohne Zweifel übertriebnen Gerüchte, die man von ihrem Handels - Zusammenhänge durch die ganze Welt ausbreitete; ihre Unvorsichtigkeit endlich sich aus diesem bisher fast versteckt gewesenen Winkel der Erde zwischen die besitzenden Mächte Europa's gedrängt zu sehen und Widerstand zu leisten; dies und mehreres, woran der nach dem Könige von Portugal geschehene Schuß nicht Schuld war, beschleunigte ihr Verderben. So siel das Reich,
*) S. Dobritzhofer Geschichte der Abiponen LH. S. hi. f.
I.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. g5
woran sie ein Jahrhundert gearbeitet hatten, in wenigen Jahren; und mit ihm alle die Hoffnungen, die man der Krone Spanien zugesichert hatte. 8iu iransit gloria riruricir *).
Da indessen im Plan der Vorsehung kein Gutes verlohren geht, so ist ohne Zweifel die Mühe, die der Orden an diese Volker gewandt, sie zur Ordnung und Arbeitsamkeit, zu Künsten, Handwerken und Manufacturen zu gewöhnen, auch nicht verlohren. Die Folgen davon werden zum Vorschein kommen; es ist ein Baum, der in den Wüsteneien still wachset. Wie tapfre Nationen leben dort zwischen den Bergen, in jenen fast unbesuchtcn Einöden! Viele beritten, einige mit Fcuergewehr begabt, voll Sinnes und Muthes. Den Missionen haben wir wenigstens Nachrichten von diesen Völkern, wie von den Erzeugnissen des Landes, mithin auch manche nützliche Frucht und Arznei zu danken. Und bliebe der Name der Jesuiten in Allem verhaßt; was durch sie der Menschheit Gutes geleistet worden, bleibt immer Ruhmwürdig und wird gewiß den Nachkommen ersprießlich.
Auch dafür werden diese der Vorsehung danken, daß eben nicht auf .jenem engen Wege Süd-Amerika christianisirt oder humanisirt worden. Freilich gingen die Jesuiten mit ihren Untergebnen anders um als die Spanier; aber vom Stande der Einfalt, in
*) S. Dobritzhofers Geschichte der Abiponen, Nußdorfer und andre Deutsche Jesuiten, die den Vorgang sehr unparthekisch erzählen.
46 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
dem die meisten dieser Völker lebten, zu einer Jesu itensch ule war der Sprung zu groß. Der natürliche Geist der Nation erkrankte.
Montesquieu
über Paraguay *).
„Die alten Griechen, überzeugt von der Noch- Wendigkeit, daß Völker, die unter einer Volksregierung leben, zur Tugend erzogen werden müßten, machten, um diese ihnen einzuhauchen, sonderbare Veranstaltungen. Wenn wir im Leben Lykurgs die Gesetze sehen, die er den Laccdamoniern gab, glauben wir die Geschichte der Severamben zu lesen. Di« Gesetze von Creta waren das Urbild der Gesetze Lacedamons; Platons Gesetze sollten sie verbessern."
„Das Außerordentliche, das man in den Anstalten der Griechen wahrnimmt, haben wir im Abschaum unsrer neuern verderbten Zeiten wicderkommen gesehen. Ein Gesetzgeber, det ein honetter Mann war, hat ein Volk gebildet, dem die Frömmigkeit eben so natürlich scheinet, als der Muth den
Lxprlt äe« Ivix I,. IV. VI.
'*) Ein bekannter Roman, der eine idealische Dolks- nnd Sittenverfassung darstellt.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 47
Spartanern. P e n ist ein wahrer Lykurg: denn
obgleich Jener den Frieden, dieser den Krieg zum Gegenstand hatte, gleichen sie sich doch in Ansehung der besondern Bahn, auf die Beide ihr Volk setzten, in Ansehung ihrer Gewalt über freve Menschen, in Ansehung der Vorurtheile, die sie überwanden, der Leidenschaften, die sie sich unterwarfen."
„Paraguay stellt uns ein zweites Beispiel dar. Man hat einer Gesellschaft, die das Vergnügen zu herrschen als das einzige Gut des Lebens ansieht, ein Verbrechen aus ihrer Einrichtung daselbst mache» wollen; immer aber wird es schön seyn, Menschen zu regieren, indem man sie glücklicher macht *)."
„Glücklich für diese Gesellschaft, daß sie die Erste gewesen, die in diesen Gegenden die Idee einer Religion, verbunden mit Menschlichkeit, zeigte. Indem sie die Verwüstungen der Spanier gut zu machen suchte, sing sie an, eine der größten Wunden zu heilen, die je das menschliche Geschlecht empfing."
„Die feine Empfindlichkeit der Gesellschaft für Alles, was s i e Ehre nennt, ihr Eifer für eine Religion, die den Zuhörer viel mebr demüthiger als den Lehrer, haben sie große Dinge unternehmen Milchen; und sie sind ihr geglückt. Zerstreuete Völker hat sie aus Wäldern hcrvorgezogen, sie bekleidet, ihnen einen sichern Aufenthalt verschafft, und hatte sic nichts
*) Die Indier in Paraguay stehen unter keinem einzelnen Gebieter; sie zahlen nur Ein Fünftheil des Tributs, und haben Feuergewehr, sich zn vertheidigen.
43 I. Unternehmung«» d. «ergänz. Jahrhunderts
gethan, als daß sie die Arbeitsamkeit unter den Menschen vermehrte, so that sie viel."
„Die ähnliche Anstalten machen wollen, werden nach Platons Republik die Gemeinschaft der Güter einführen, die Hochachtung, die er für die Götter verlangte, und eine Absonderung von Fremden, die allein die Sitten erhalt. Den Handel wird der Staat treiben, nicht die Bürger. Sie werden ihrem Staat unsre Künste geben, nicht unfern Luxus, unsre Bedürfnisse, ohne unsre Begierden."
„Das Geld werden sie verbannen : denn es macht das, was die Menschen Glück nennen, über die Grenzen der Natur hinausgchn; cs gewöhnt daran, unnütz zu erhalten, was man unnütz zusammengescharrt hat; vervielfacht ins Unendliche unsre Begierden, und supplirt gleichsam die Natter, die unscrm Vermögen enge Grenzen gesetzt hat, indem es Leidenschaften aufregt, und Menschen durch Menschen verderbet."
„Als die Epidamnier merkten, daß durch den Umgang mit den Barbaren ihre Sitten verfielen, wählten sic eine Obrigkeit, die im Namen des Staats und der Stadt den Handel mit Fremden schlösse. Aas solchem Wege werden die Sitten vor dem Vcr- derbniß bewahrt und die Gesellschaft genießt zugleich die Vortheile des Handels."
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 49
Am Nordpol eine christliche Aurora.
v^uch in die Gegenden, wo im Winker die Nacht sechzehn Stunden dcmret, wo die Sonne zur Zeit des kürzesten Tages in sieben Wochen gar nicht über den Horizont kommt und nur am Mittag eine Dämmerung von wenigen Stunden veranlassen kann, in andere , wo sie anderthalb Monate hindurch gar nicht erscheinet; auch in diese kalte, dunkle, mit Schnee und Eis bedeckte Gegenden kam mit dem Anfänge des verflossenen Jahrhunderts ein Strahl der christlichen Aurora. Wohl ihnen, wenn sic eine Sonne der Erleuchtung und Erwarmung würde für diese dürftigen, in einer nackten Natur mit Sturm und Frost kampfenden Menschenvölkcr.
Im Jahr 1708 erinnerte sich Hans Ege de, ein Prediger in Norwegen, nachdem er etwas über Ein Jahr im Amt gestanden, einmal gelesen zu haben, daß in Grönland einst christliche Einwohner gewesen, von denen man jetzt nichts wisse. Er erkundigte sich bei einem Freunde zu Bergen, der öfters auf dem Wallflschfang gewesen, nach dem jetzigen
Herders Werke z. Phil. u. Gesch. X, D II.
Zo I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
Zustande Grönlands und fühlte ein herzliches MiL- leidcn mit denen, feiner Mepnung nach dorr zurückgebliebenen, versallnen Normannern, die er als Ror- mann auffuchen, denen er das Evangelium bringen müsse. Lange beangstete ihn dieser Wunsch; da er aber Frau und Kind, ja auch 'Anverwandte zu versorgen hatte, suchte er sich solchen aus dem Sinn zu schlagen. Vergeblich; ihn zwang sein Gcmüth, im Jahr 1710 an die Bischöfe von Bergen und Drontheim zu schreiben, die ihm im Jahr 1711 antworteten und sein Vorhaben lobten. Jetzt ward sein Wunsch bekannt; Frau und Hausgenossen stelleten sich ihm entgegen: „Ich bin wohl recht unglücklich , sprach sie, daß ich einem Mann, der sich und mich ins Unglück stürzen will, mein Herz geschenkt habe." Er stärkte sie, und bald war sie es, die ihn stärkte, die seinen sinkenden Much erhob. Sein Vorhaben ward, sobald es bekannt wurde, verunglimpfet, so daß der gute Ege de sich darüber in einer Schrift entschuldigen mußte *); Hindernisse fand es die Menge. Indessen legte er sein Amt nieder und glücklicher Weise für ihn traf Karl Xllr die Kugel vor Friedrichshall 1708 : Dänemark bekam Friede. Jetzt gingen langweilige Handel mit den Kaufleuten an ; denn neben der Missions - sollte auch eine Handels - Gesellschaft nach Grönland errichtet werden; endlich trat ec den 2. Mav 1721 mit
Schriftmaßige und vernünftige Resolution und Er, ktarung über die Einwürfe und Verhinderungen, den Vorsatz, die heidnischen Grönländer zu bekehren , betreffend. 171 b.
zu Beförderung eines geistigen Reiches.
seiner Frau und vier kleinen Kindern aufs Schiff, genannt die Hoffnung. Welche Mühe dies Schiff hatte, nur zu landen, welchen Anblick diese Menschen den Grönländern gewahrten, welcheMühe es dem eifrigen Mann gekostet, ihre Sprache zu lernen, ihr Land kennen zu lernen, ihr Zutrauen zu gewinnen; endlich welche Uebel er erouldet, da die Eolonie mehrmals verpflanzt werden mußte und bisweilen der Lebensunterhalt ausblieb; das Alles höre man aus seinem eignen treuherzigen Munde *). Bei allen Hindernissen ließ indeß die Gnade des Königes Friedrichs IV. dies Werk nicht sinken; und im Jahr 1733 kamen drei Brüder der mährischen Gemeine an , die fortan ihm neues Leben gaben **).
Auch in Lappland bekam mit dem vergangenen Jahrhundert die Mission neue Wärme. Seit 164) hatte sich der Bischof von Drontheim, Bredel, um sie Mühe gegeben; im Jahr 1707 sandte Friedrich IV. den Geistlichen Paul Resen durch Lappland, und im Jahr 1714, kam die Einrichtung zu
Hans Egede ausführliche und wahre Nachricht, vom Anfänge und Fortgange seiner Mission "I Cranz Historie von Grönland, wo im 1. Lheil B. h. auch Egede's Geschichte erzählt wird. Eine Schrift, mit dem ruhigen gesunden Verstände geschrieben, der überhaupt die Misfions- berichre der Brüder «uszeichnet.
D 2
52 I. Unternehmungen d. verging. Jahrhunderts
Stande. Thomas von Westen war der erste thatige Mann in diesem Werk; und die Vorselsrif- ren der Missionare sind wahrhaft evangelisch. Gelindigkeit wird ihnen anempfohlen und menschliche Theilnehmung; die Lappen vom Aberglauben und dem Betrüge der Zauberer zurück zu bringen, sie vor dem schädlichen Branntwein zu bewahren, ihren Geist zu scharfen und ihnen sonst nützlich zu werden ist, außer dem Predigen, die Pflicht der Missionare. Im Jahr 1702 stiftete König Friedrich V. zu Bergen ein Lappländisches Scminarinm und die Mission daucet forc. Ihr haben wir unter andern Knud Leems Nachrichten über die Lappen, besonders über ihre Sprache zu danken *).
Was ist von diesen Missionen zu sagen? Die Güte der Absicht leuchtet hervor; die dabei gebrauchten Mittel ordnen sich, wie Alles, nach Ort und Zeilen. Der Freidenker hat gut sagen i „was sollen den armen Grönländern und Lappen christliche Begriffe, die sie nicht verstehen, die für ihre Lebensweise nicht gehören? Ist ihnen der dogmatische Katechismus, sind ihnen, da sie nie aus ihrem Lande gekommen sind, die Bücher der Schrift, die Geschichten und Bilder aus Palästina verständlich? Ist die Religion, deren sie bedürfen, ihnen nicht ins
*) Dänisch und Latein, in tz, Koppenhagen 1767. Deutsch im Auszüge 1771.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 5.?
Herz geschrieben? Wenn nun der ehrbare Grönländer, der ohne Gesetze und Obrigkeit sittlich lebt, wenn der thätigc, muntre Lappe mit fremden, ihm nutzlosin Formeln und Gebrauchen, lasterhafte Sitten, Krankheiten, Blattern, Branntwein und den Tod empfängt, hat er gewonnen oder verkehren?"
„Gehört dies zum Christenthum? wird der Gegner sage»; zum evangelischen gewiß nicht. Ihm sind die scholastischen Formeln und das Unverständliche aus Palästina eben so fremde, als ärgerliche Sitten und der Volker-aufreibende Branntwein. Freilich gehört ein redliches Herz, ein Heller Verstand und eine sanfte Hai;d dazu, diese Unmündigen zu erziehen, so wie ein wachsames Auge, sie vor Aergernissen zu bewahren; hat dies nicht aber der Stifter der Religion in Ansehung jedes Unmündigen, geschweige ganzer Völker empfohlen , und die Laster des Gegenthcils davon hart verpönet? Ist nun, wie die Geschichte zeigt, das Christenthum in der Hand der Vorsehung das große Band, alle Völker der Erde einander zu nähern und sie mit einander zu verbinden; soll diese Religion, wie es offenbar ist, nicht nur eine Schule, sondern auch eine thatige Werkstatt der Menschlichkeit scyn, wer mag ihr Grenzen setzen, wohin sie nicht kommen dürfe ? Indem sie in der Einen Hand Werkzeuge bringt, der Menschen Leben zu erleichtern und zu verschönen, trägt sie in der andern die Palme stiller Tugend und Sanftmukh. Thate sie in jenen Gegenden nichts, als Lappen und Grönländer vom Betrüge der Angikocks befreien, ihren Verstand über die Natur, die um sie ist, aufklärcn, ihren Gcist durch Schrift und Sprache behend, r zu machen,
Z 4 I- Unternehmungen d. Vorgang. Jahrhunderts
und ilir vom Klima gedrückte? mühsames Leben durch ihnen nützbare Künste zu erleichtern, wie viel hatte sie getban! Ueberbaupt saer der Ackermann seinen Samen ; die Kraft der Natur ziehet und reift jeden in seiner Art. In der festen Einfalt manches Volkes keimt vielleicht, wenn die Vorsehung ihm eine reine, nicht verderbende Culkur zuführet, der Same zu Verfassungen, wie Minos und Plato, Fenelon und Berkelei sie kaum zu dichten vermochten: denn die reinste Narur ist allenthalben höchst einfach.
Heil also den Völkern, zu denen ohne fremde Gebräuche eine rein-menschliche Religion kam! Heil der milden dänischen Regierung, die ihre neubekchrte Völker unterstützt, nicht aber neue Lasten aufleget. Im Jahr 1729 sang ein Grönländer am Geburtstage des Kronprinzen und der Chor sang ihm nach, also *):
Grönländischer Chor am Geburtstage des Kronprinzen.
Heut' am Morgen, als ich ausging —
Amna Ajah **>,
Sah ich aufziehn Flagg' und Wimpel,
Hörte die Kanonen lösen;
„Warum lös't ihr die Kanonen?
Warum wehen Flagg' und Wimpel?"
Fragt' ich und sie sagten mir:
Amna Ajah!
*) S. Egede Beschreibung von Grönland Ausgabe von Krünitz 076z. S. 17).
**) Dieser Freudenruf des Chors wird immer wiederholet.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 55
„Königs Sohn ist heut gebohrcn,
Der nach seinem Later König,
Der wie Er regieren wird.
Darum wehen Flagg' und Wimpel ;
Darum lösen wir Kanonen."
Lus! sprach ich zu meinen Freunden,
Lasset uns dem Königssohne
Lieder singen, der einst Unser
König seyn wird, wie sein Vater. Amna Ajah!
Priester sandt' uns dieser Vater *),
Daß wir lernen Gott erkennen,
Daß wir nicht zum Teufel fahren —
Mach es auch so, junger König,
Lieb' uns einst, wie jetzt dein Vater,
Und wir wollen Dich auch lieben,
Wollen, wie einst unsre Väter,
Deine treuen Diener seyn.
Dein ist alles, was wir haben;
Liebet Gott und ehrt den König:
Auf! und trinket hocherfreut Unserm Könige Gesundheit!
Segen unserm Königssohn,.
Egede ward von den Grönländern sehr verehret, "l Abneigung von den Zaubereien der Angekocks- Berrüger.
k
56 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
6 .
Zinzendorft
^/ 4 -ikolaus Ludwig, Graf und Herr von Zinsendorf, Pottendorf u. f> gebohren 1700, ging im Jahr 1760 als ein Erobrer aus der Welt, desgleichen os wenige, und im verflossenen Jahrhundert keinen wie ihn gegeben. Er konnte rühmen, daß er „in Herrenhut und Hcrrenhang , Hcrrendick und Pilgerruh, Ebersdorf, Jena, Amsterdam, Rotterdam, London, Lxfort, Berlin, in Grönland, St. Eruz, St. Thomas, St. Jean, Barbesicn, Palästina, Surinam , Savannah, in Georgien, Earolina, Pensyl- vanien, Guinea, unter Ungern, Wilden und Hottentotten, desgleichen in Lett-, Lief-, Esthland, Lit- thauen, Rußland, am weißen Meer, in Lappland, Norwegen, in der Schweiz, auf der Insel Man, in Aethiopien, Persien, bei den Boten der Heiden zu Land und See," Gemeinen oder Anhänger habe. „Ruhig und gelassen, sagt sein Lcbensbefchrciber, sah er umher, blickte und sprach die Seinigen liebevoll an, freute sich seines vollbrachten Lebens und des Segens, der ihm zu Theil geworden war, und starb an einem Tage, dessen Losung bei seiner Gemeine war: Erwirb seine Ernte fröhlich ein- bringen mit Lob und Dank." Acht Tage darauf ward er unter ein«n Gefolge von 2100 Lei-
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 67
chcnbegleitern und 2000 Fremden in grösster Ordnung und Stille mit Ehrerbietung beerdigt. Zwei und dreißig Prediger und Missionare, deren einige aus Holland , England , Irland, Nord-Amerika und Grönland in Hcccenhut eben anwesend waren, trugen wechselnd den Sarg, unter Begleitung der ganzen Gemeine, mit Musik und Gesang, unter andern des Liedes:
Ei wie so selig schlafest du,
Und träumest süßen Lrnum!
Uebcr ganz Hcrrnhut, heißt es, waltete in dieser Stunde ein allgemeiner, herzrührender stiller Friede."
Solche Wirkungen hervorzubringen wurden Kräfte erfordert; entschieden weckte diese im Grafen Zinzen- dorf ein unablaßger Eifer, wie ers nannte, für seines Heilands Sache, von Kindheit und Zugend auf Nichts konnte ihn abwendig machen oder ermüden, Seelen für ihn zu sammlen und zu verbinden; so drohende als übcrstandne Gefahren lockten ihn dazu an. Widerspruch machte ihn behutsamer, aber auch fröhlicher und kühner. Die Unglaubliche Leichtigkeit, mit der er sein Werk trieb, tausenderlei gefällige Eingänge, die ihm dabei zu Gebot standen, eine Kühnheit mit Klugheit und Vorsicht, eine Heiterkeit, bei der er die Gegenwart des Geistes nie verlohr, eine Popularität, die sich bisweilen zum Gemeinen herabließ, vor allem aber Lust und Liebe zu seinem Werk, charakterisircn ihn in Handlungen und Schriften, in Predigten und Liedern. Naturell (wie er cs nennet) und herzlich zu sevn, ist allentbalben, oft nicht ohne einige Anstellung, sein Bestreben; dazu stand ihm die Sprache sehr
ä8 1. Unternehmungen d. vcrgang. Jahrhunderts
-MM»,?
biegsam zu Dienst; über Alles, über Glaubensartikel und Sittcnlehre, über Geheimnisse und Offenbarung spricht er seine Eonvcrsationssp racke, oft Französisch - Deutsch , aber frei und frank; ohne Scheu, was man davon sagen werde. Er gab seiner Gemeine also, ohne dass ers eben wollte, eine eigne vertraute Hof- und Herzenssprache, mit ihrem Mann, und dessen Mutter, dem Geist zu reden, so wie mit Brüdern und Schwestern unter einander.
Nicht leicht laßt sich eine biegsamere Anstelligkeit denken, als dem Grafen zu Theil geworden war. Ob er gleich, sobald er den geistlichen Beruf wählte, seinen Stand und dessen Vorzüge aufgegcben, so wußte er diese doch in jeder kleinen und großen Beziehung so unübcrtoeffbar zu nutzen, daß man unschuldiger Weise sagen könnte, er spielte wie mit seinem angebohrncn, so auch mit seinem angenommenen Stande. Hofmeister, Graf, Prediger, Mährischer Bischof, Herr von Thurnstcin, von Kochao, Bruder Ludwig, Pastor und Jnspector, Ordinarius seiner Gemeinen, ihr Gesetzgeber und Bruder, ihr Vorsteher und Diener, wußte er nach Ländern und Klimaten, nach Zeit-Umstanden und Situationen allen Allerlei zu werden, damit er nirgend und nie seinen Zweck verfehle. Nachreden und Gerüchte waren ihm für die Person gleichgültig; er wußte sie aber auch zum Besten seiner Sache zu lenken, wenigstens die Nachtheile, die daher entsprießen möchten, zu mindern; worin ihm dann mehrere seiner Mitbrüder, insonderheit sein treuer, kluger, erfahrner Spangenberg beistand. Zinzendorf erreichte, was er erreichen wollte: „nicht eine Reformation der
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 5g
Welt, sondern, wie ers nannte, eine Conservation der Seelen des Heilandes und deren Sammlung auf seine naher herannahende Zukunft." Diese Seele nsammlung hat er bewirket.
,,?lus welchem Triebefragt man; hierüber ist nur Gott Richter. Wer sein Leben liefet (wir haben von ihm mehr als Eine ausführliche Lebensbeschreibung, größtentheils aus des Grafen eignen Bekenntnissen, aus Zeugnissen der Brüder und aus Thatsachen der Geschichte *) bemerkt die Umstände leicht, die von Kindheit auf ihn zu diesem Beruf vorbereiteten und zu ihrer Zeit weckten. Seine Erziehung , die Denkart seiner Eltern und Verwandten, an die sich von Spencr an der Kreis der Frommen schloß, die Lage seiner Wohnorte, nachbarlich Halle, Dresden, Schlesien, Böhmen, wo allenthalben theils Erweckte, theils Verfolgte waren; der Streit dieser Erweckten selbst unter einander, vorzüglich aber die Eindrücke, die er in seiner Kindheit von der Leidensgeschichte empfangen hatte, (nebst vielen zusammentreffenden Fügungen) weckten ihn zum Bekenntnis dieses leidenden Heilan-
*) Leben des Grafen von Zinzendorf, beschrieben von Spangenberg, LH. , — 8. Nicht minder I. G. Müllers Bekenntnisse merkwürdiger Männer von sich selbst, Winterthur, i7g5. Band 3. S. r — 302. Eine schätzbare Sammlung. Ainzendorfs Leben ist darin eben so unpartheiisch, als herzlich dargestellt, in einem milden Lichte.
6n Z. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
des, wo möglich zur Vereinigung dieser Secten und (wie er sich ausdrückt) zu dem Geschäft- „das Lamm Gottes zu inthronisiren, als eigentlichen Schöpfer, Erhalter, Erlöser und Heiligmacher der ganzen Welt, und die Katholicität seiner Leidcnslehre als eine Universal-Theologie in Theorie und zmuxi einzuführen," Von diesem Punkt, einem Jugend-Eindruck Zinsendorf», ging alles aus; um i,,n formte sich die Ansicht der Schrift, die Sprache des Vortrages und die Einrichtung der Gemeinen, Was sic damit gewonnen? Einmüthig sagen die Brüder: „Friede!
Ruhe der Seele." Ist dem also; wohl! Giebts ein größeres Gut? ein schätzbareres Kleinod?
Daß indessen die Orthodoxen gegen manche Mittel nicht gleichgültig waren, die der Stifter sowohl, als die Genossen der Gemeine hie und dort anwandten, war ihnen auch nicht zu verargen: denn lassen sich alle auch noch so unschuldig-gebrauchte Ausdrücke und Familiaritäten Zinzcndorfs rechtfertigen? Wer des ernsten und eben so gewissenhaften und gelehrten Bengels Abriß der sogenannten Brudergemeine liefet *), muß ihm in jedem seiner Satze beipflichten; und wie ehrwürdig-schonend hat er die Sache behandelt! Zinzcndorfs Gemeine
Sein ganzer Titel heißt: Abriß der sogenannten
Brüdergemeine, in welchem die Lehre und die ganze Sache geprüft, das Gute und Böse dabei unterschieden und insonderheit die Spangenbcrg- sche Declaration erläutert wird, durch I. A. Bengel. Stuttgart, 1701.
zu Beförderung eines geistigen l)ieiche.s, ur
selbst hat den größten Theil der Eigenheiten ihres Stifters in Worten, sogar in einigen Anstalten fallen lassen; wie behutsame Dienste dabei haben Spangenberg; Lairiz, Lorez, Eranz u. a. geleistet! Welch ein Sprung ists, von der Theologie des Grafen, wie er sie hie und da in seinen Reden und Gesängen entwirft, zu S p a n ge n be rgs Icleu ficiei kratruin!
Und wird die Zeit nicht noch Manches ändern? Sie, die große Sichten» der Dinge, läßt unvermerkt fallen, was sich nicht halten laßt; sie bewahret nue die reine Frucht, das Beste. In Manchem hat sich seitdem der Gesichtskreis so erweitert und entnebelt; durch Kenntniß der Sprachen, der Gegenden und Zeiten har die Auslegung und Ansicht der Schrift eine so wahrere und (in der Sprache des Grafen zu reden) naturellere Gestalt gewonnen, daß man oft m Verwunderung gerath, wie man über so Etwas So-Etwas sagen und das Ding an sich, die Wahrheit, wie sie ist und war, übersehen konnte. Da dieser allgemein-ankommende Tag des Herrn alle Rizzen und Spalten durchscheinet, und kein Winkel sich dafür schützen oder verbergen laßt: so geht auch in der Brüdcrgemeine die Zeit mit stillem, aber festem Tritt fort, nicht nur fortpflanzend, sondern auch lauternd.
Da Zinzendorf kein Sectenstifter seyn wollte, sondern sich, soviel er konnte, .namentlich zurückzog, so gaben zuerst die Böhmischen Brüder, dann die Aug s b u r g i sc h e Eonfession, dann in doppelter Bedeutung die Gemeine zu Philadelphia seinen Versammlungen das Abzeichen;
L2 I. Unternehmungen d. verging. Jahrhunderts
zuletzt blieb ihnen der Name Brudergemeine. Und die bleibe sie fortan. Graf Zinzendorfs und seiner Mitarbeiter Verdienst sind seine Einrichtungen, Einrichtungen des Fleißes, der Ordnung und brüderlicher Gemeinschaft; eineWohl- that für seine Zeit und für mehrere Zeiten. Sich aus dem kalten Dorngebiet der orthodoxen Streiter, so wie aus den heißen Gruben der Mystiker, der Pietisten und Separatisten in Ruhestatcn zu ziehen, die Zinzendorf ihnen bereitete, thac damals Mehreren wohl, die unter dem Panier des Fleißes und der Ordnung an Licbessxmbolen sich beruhigten oder erquickten. Das Wesen der Theologie haben diese Symbole zwar nicht gefordert: hat nicht aber der HerrnbutianiSmus auch im Luthcrthum manche Harten gebrochen? manche Pcdantercien zerstört und auf den Zweck der Religion, der in brüderlicher und geselliger Eintracht lhakige Liebe seyn soll, durch seine. Tbatanstalren wenigstens gewiesen? Durch die Anlagen endlich, die die Gemeine von Grönland aus bis zu den Negern, Hottentotten und Amerikanischen Wilden gemacht hat, wie viel Gutes kann und wird für die Nachwelt erwachsen, da sie diese Völker nicht zu Sklaven macht, vielmehr ihre Sitten zu brüderlicher Menschlichkeit bildet ! Schon verdanken wir Europäer ihr manche treffliche Nachrichten aus diesen Landern, in der schlichten Sprache geschrieben, die (möchte man sagen) die Gemeine sich eigen gemacht hat; die Nachwelt wird ihr für ein Mehrcres danken.
Noch ein Wort von ihren Litaneien, Gesängen
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 6S
und Liedern. Sie reden auch, wie Alles bei ihnen, nur die Eonversationssprache; oft zu gemein und vertraulich; daher viele derselben den Gegnern zum Spott wurden, bis man aus der großen Menge eine kleine Sammlung kurzer Lieder und Verse zog. Auch ist in dieser Sammlung Vieles, was außer derBru- dergemeinc schwerlich gesungen werden möchte. Wer mag indessen auch den hingeworfensten Liedern des Grafen eine Biegsamkeit der Sprache, einen Rcichthum an kühnen Wendungen und Herzensausdrücken abspre- chcn, der oft überrascht, oft betäubet. Und in den »cles'neren Gesängen, zumal wenn sie die Gemeine und ihre entfernten Brüder betreffen, hier welche stille Ruhe! dort welche zarte Innigkeit und Demuth! Wenn Töne die unmittelbare Herzenssprache zu seyn scheinen, wo Viele und Alle sich in Einer Harmonie schwingen und bewegen , so ist mit Recht der Gesang die Losung einer Gemeine, die „eine Sammlung von Seelen" seyn soll; auch hat gewiß dies Mittel der Einigung viel, wo nicht das Meiste zu der Seligkeit deigctragen, die die Gemeine Friedendes Himmels nannte.
lieber National-Religionen
Erstes Gespräch.
Theodorich oder Dietrich. Winnfried. Dietrich. Du liesest so ernst , Winnfried.
64 I. Unternehmungen d. »ergänz. Jahrhunderts
Winnfried. Ein Gespräch zwischen dem de. jahrten Ossi an und St. Patrik, oder deutlicher, zwischen der verdrängte» Gallischen und der mönchischen Religion. Lies es mit mir *).
Ossi an.
Laß, Schristgelehrtcr, mich hören,
Wie lauten geschriebene Bücher?
Ist über die Reiche des Himmels Der mächtige Fin gal nicht Herr?
St. Patrik.
Die Bücher sagen Dir Wahrheit,
Du Held und Sänger der Thatcn.
Es herrscht nicht im Himmel Dein Vater,
Es herrschen nicht Oskar und Gaul.
Ossi an.
Du giebst mir traurige Kunde Von meinen Freunden, o Priester.
Wenn Fingal im Himmel nicht waltet,
Was soll deine Lehre mir daun?
Sr. Patrik.
Wach' auf aus jährigem Schlummer,
Wach' auf zu frommem Gesang!
Erloschen ist deine Stärke,
Nie ständest Du mehr in der Schlacht.
, Ossian.
*) Aus dem Englischen überseht. S. Spiele des Witzes und der Phantasie. Berlin, 179^.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 65 Ossi an.
Erloschen ist meine Starke,
Erloschen Fingals Gefährten;
Doch acht' ich darum keinen Priester Und keines Priesters Gesang.
St. Patrik.
Der Gesang des Priesters ist süßer,
Ms Einer, den je Du vernähmest.
Du warst ein Held auf den Hügeln;
Jetzt bist Du thöricht und schwach.
O s s i a n.
Ich war ein Held auf den Hügeln;
Du weißt es, tückische Zunge.
Ich war ein rüstiger Kämpfer,
Und thöricht spottest Du mein.
Zwölf Hunde spielten um Fingal.
Sie spielten im Thale von Smail,
Mehr liebt' ich das Bellen der Hunde,
Als, Priester, dein Glockengeläut.
St. Patrik.
Du liebtest das Bellen der Hunde,
Du liebtest der Waffen Getümmel Viel mehr als Beten und Beichten —
In Banden liegt Fingal dafür.
O s s i a n.
Du täuschest mit trüglichen Worten,
Dich täuschen geschriebene Bücher;
Herders Werke z. Phil. u. Gcsch. X. E aetea. II,
66 I, Unternehmungen d. verging. Jahrhunderts
Kein Gott und kein König har Bande,
Zn denen Fingal erliegt.
St. Patrik.
Gebunden umschließet die Hölle Den stolzen Spender des Goldes.
Er gab meinem Gott nicht die Ehre, Drum lechzt' er im Hause der Quaal.
Ossi an.
O lebten die Streiter von Bosga!
Die muthigen Streiter von Mo ran!
Wir brachen die Pforten der Hölle,
Und unser würde das Haus.
St. Patrik.
Ob alle Krieger vom Hochland'
Auf deinen Zuruf erstanden;
Nie brach't ihr die Pforten der Hölle,
Nie würde Euer das Haus.
Ossi an.
Wie lauten geschriebene Bücher?
Was sagen sie Dir von der Hölle?
Ist sic nicht so gut wie der Himmel? Gebrichts ihr an Hunden und Wild?
St. Patrik.
Es flattert die Mücke des Abends,
Es birgt sich die kleinliche Motte Nicht unter dem Schilde des Himmels, Bevor cs sein König erfahrt.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 67 Ossi an.
So lerne sein König von Fingal!
In Fingals freundlicher Halle
Fand Obdach und Labung der Wandrer,
Und niemand fragt' ihn: woher?
St. Patrik.
Vergleiche nicht Menschen dem Gotte,
Den Du, 0 Alter, nicht kennest.
Vorlangst begann seine Herrschaft,
Und ewig richtet sein Stuhl.
Ossian.
Ich sollte nicht Fingal vergleichen Dem Gott--*)
St. Patrik.
Dies, dies war Euer Verderben,
An Gott den Herrn nicht zu glauben; Drum sielen Brüder und Söhne,
Und Ossian trauret allein.
O ssi a n.
Nicht dies war unser Verderben;
Es sielen Brüder und Söhne,
Weil Fingal ferne von ihnen Sich zweimal wandte nach Rom.
*) Hier fehlen Zettln, die wahrscheinlich zu kühn waren, um übersetzt zu werden.
E 2
I. Unternehmungen d. «ergänz. Jahrhunderts
Einst wohnten Cool und Oskar Und Fingal auf hohen Gebirgen.
Laut war das Bellen der Hunde,
Wütig ihr Treiben im Thal.
Der mächtige Fingal war König,
Wir freuten uns seiner Befehle; Niemand, krummstabiqer Priester,
And niemand fragte nach Gott.
Sl. Patrik.
Halt ein mit lästernden Reden;
Sie führen und dulden ist Sünde.
Mein Gott ist höher und größer,
Als Hochlands Fürsten und Du.
O s s i a n.
Die mindergepricsne der Schlachten,
Die Fingal; mein Vater, gefochten.
Gilt mehr mir, als Der, dem Du dienest, And Schriftgelehrter, als Du.
St. Patrik.
Laß, bitt' ich dich, weisen und retten, Befolge die Lehre der Demuth.
Du sinkst in der Last deiner Jahre,
O sink' ohne Frevel ins Grab.
O s s i a n.
Ich will den zwölf hcilgcn Aposteln In ihren Schutz mich empfehlen!
Und Hab' ich Sünde begangen,.
So decke die Sünde mein Grab.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 69
Dietrich. Und dies erdichtete Gespräch machte dich traurig?
Winnfried. Nichts was die Menschheit angehl, ist mir gleichgültig. Das'erdichtete Gespräch spricht die Empfindung aller Nationen aus, denen die Religion ihrer Väter entrissen ward; mit ihr verlohren sie ihren Geist und Charakter, ja ich mochte sagen, ihre Sprache, ihr Herz, ihr Band, ihre Geschichte. Daher die stummen und lauten Klagen der Galen und Iren, der Kuren, Esthen, Letten, Li wen u. f. Daher ihr unauslöschlicher, unversöhnlicher Haß gegen die Fremden, die ihnen eine fremde Religion aufdrangen und dagegen chr Land, ihre Vater ihnen nahmen. Ja nicht nur nahmen; sie stießen diese, ihre geliebten, verehrten Vater, deren Andenken ihnen Sieg und Freude gewesen war, in die Quaalen der Hölle hinunter. Sollte dies sie nicht schmerzen? Erinnere dich , wie unsre Stammesvatcr, Germanen und Gothen, auf den Gräbern ihrer Vater für ihre Ehre und Religion föchte«. Erinnere dich, mit welcher Treue andre Nationen die Gebrauche der Väter, die man Aberglauben nannte, ungeachtet aller Verbote und Strafen , ein Jahrtausend durch bewahrt haben. Erinnre Dich —
D- Wollten wir uns nicht unter diese Linde setzen, Winnfried? Die Sonne geht so schön unter.
W. Und laßt alle Gewächse in ihren Farben, und theilet Allen ihren milden Glanz mit. ,
D. Eben daran erfreue ich mich. Vor der Abendsonne läßt sich von untergegangnen Nationalreligio-
7« I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
nen, auf die du so viel zu halten scheinst, sanft und vertraulich reden. Wirst du eS mir verübeln, Winn- fried, wenn ich dennoch das Christenthum für die Religion aller Religionen, aller Volker halte? Ein Hier und Eine Heerde ist seine stille Losung. Du kennest dies Bild. Es ist ein beliebtes Symbol des Christenthums auf seinen ältesten Kunstdenk- mahlen.
W. Der Fischzug Petri wohl auch? Sage mir, Dietrich; was unterscheidet, was sondert Nationen? Etwa: Flüsse und Ströme?
D. Die überschifft man; Berge und Mauern übersteigt man. Was Völker genetisch unterscheidet, ist — Bildung und Sprache. Unter Bildung verstehe ich nicht sowohl Cultivation, sondern Physiognomie der Seele und des Körpers.
W. Und was verstehst Du unter Religion?
D. Ich nehme das Wort in Römischem Sinn. Scheu vor den Göttern, heilige Verpflichtung.
W. Wohlan nun ; in welcher Sprache wird-dar Herz sich den Göttern am liebsten und innigsten verpflichten? Nicht wahr? in des Herzens eigenster, d. i. in unsrer Muttersprache. In welcher Sprache wir lieben, beten und träumen, das ist unsre eigenste, unsre Religionssprache.
D. Daran ist Etwas. Selten wird uns zu jeder Art der Unterhaltung jede Sprache gleich recht seyn.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 70
W. Und zur Unterhaltung mit dem Urheber unsres Daseyns, dem Forscher unsres Herzens, dem Kenner unsrer Gedanken, zu ihm wollten wir anders als aus der Tiefe unsres Herzens reden? Ihm wollten wir eine gelernte, fremde Hofsprache als Formular hersagen?
D. Wenn aber diese gelernte Sprache den Begriffen der Religion angemessener oder kräftiger wäre?
W. Ist sie meinen Begriffen nicht angemessen, entsprang sie nicht aus meinen eigensten Bedürfnissen und Gefühlen; so kräftig sie andern sep, sie ist nicht meine Religionssprache. Heuchle nicht, Dietrich. Freundschaft und Liebe, so wie das innigste Anerkennen der Wahrheit wollen die eigenste Herzenssprache.
D. Und der Cultus?
W. Was nennst Du Cultus? Jsts die Art wie wir mit Gott und unserm Schutzgeist, mit allen Heiligen und Seelen umgehn; so kann er nicht herzlich und innig genug werden. Jede erlernte fremde Hof- und Modesprache ist diesem Dienst Heuchelei, Gaukelei, Lüge. Und zwar die ärgste Lüge: denn
wer mit Worten, die er spricht, mit Gcbcrden, die seine Gesinnung bezeichnen sollen, Gott nicht treu ist, wie sollte er sich, wie Andern Treue erweisen? Sagen wir Formeln vor ihm, die wir nicht verstehn, spielen Gebräuche, die aus fremden Völkern und Zeilen entlehnt, unserm innern Sinn fremd sind; o so verdammen wir uns lebendig und leibhaft zur Schat- rcnwelt hinab, wälzend leere Fässer der Danaiden.
72 I. Unternehmungen d. verging. Jahrhunderts
Oder wir gehen in bleiernen Mänteln daher, wie in Dante's .Holle die Heuchler. Unter ihnen lechzt unser Geist wie unser Herz, ohne Religion, d. i. ebne innere Gewissenhaftigkeit und thätige Wahrheit.
D. Mich dünkt, wir sprechen von einer i n- dividuellen Religion, da wir von National- Religionen sprechen wollten.
W. Aus jener werden diese. Aus Familien entspringt ein Volk, aus der Sprache verwandter Stamme eine Nationalsprache. So auch National- Religionen. Gehe die ältesten aller Welttheile durch; dem väterlichen Boden entsprossen, auf Stammessagen, auf Familien-Bedürfnisse und Aussichten, auf die zarteste Physiognomie des Volks, auf die tiefsten Züge seines N a t io n al c h a ra k re r s waren und sind alle Nationalreligionen gegründet. Die Religion der Juden selbst — war sie nicht ganz eine Religion Palästina's?
D. Sie wars, nach Zeit - und Ortsumständen, ^ unter denen sie errichtet ward. Als aber die Zeiten sich verändert hatten, taugte sie selbst für Palästina nicht mehr; deßhalb eben erschien das Christenthum, um alle verlebte oder sich bald verlebende National- Religionen —
W. Zu zerstören.
D. Halt, Freund. Wozu sandte der Stifter deS Christenthums seine Boten unter die Völker? Zu zerstören oder zu lehren?
W- Indem sie lehrten, zerstörten sie; Götterbilder, Opfergefäße, Gebräuche, Tempel.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 73
D. Mögen sie es zur Zeit und Unzeit gethan Haben; doch aber lehrten sie. Und in welcher Sprache? Welch Svmbol war das Zeichen des Tages-Anbruchs, nachdem die Nacht alter National- Rcligionen vorüber war? gleichsam die Weihe des Christenthums. Wars nicht eben der Geist der Nation alz rin gen und Sprachen? „Parther und Meder, Elamiter u. f. in ihren Zungen hörten sie die großen Thaten Gottes reden." Dies war des Christenthums Anklang und sollte seine Haup t- bestimmung werde». In ihren Sprachen die Völker lehren, (oder wie wir sagen, culti- viren) sie halten lehren, was Christus befohlen, die reinen Gesetze der Menschheit nämlich, und Gott im Geist und in der Wahrheit, d. i. in der wahrsten Geistes - und Herzenssprache anzureden, das war des Christenthums Cultus. Nicht zerstören sollte eS National-Religionen, sondern sie läutern , ihnen aufhelsen. Daß jede Nation Gott auf die ihr eigenste Weise liebe, dem Nächsten auf die ihm gefälligste Weise diene. — „Den Juden bin ich worden ein Jude, den Griechen ein Grieche, den Schwachen ein Schwacher, damit ich Juden und Griechen, auch die Schwachen gewinne." Du weißt, Winusried, wer dieses sprach?
W. Derselbe, der in Athen seine Kehre selbst an den Altar des unbekannten Gottes zu knüpfen wußte.
D. Und der obigem Grundsatz allenthal- b e n gemäß handelte. Jeder seiner Briefe ist für die Stadt, für das Völkchen, an welche er gerichtet ist, so idiosynkratisch geschrieben, als
7^ I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
nur Ec es zu khuu vermochte. Und was sagst Du dazu, daß keine der Urkunden des Christcntbums, weder in der sogenannt-heiligen, der alten Ebraischen Sprache, noch in der Mundart, die der Stifter des Ehristenkhums selbst gesprochen hatte, geschrieben ist? Kann wohl ein klareres Document seyn, daß es im Ehristenthum keine sogenannt-heilige, den Völkern aber fremde Sprache gebe, daß keine sich unter solchem Vorwände, als Gottes Hof- und Eabincts- sprache sich den Nationen aufdrangcn, ihren Sinn benebeln, ihren Verstand Jahrtausende lang gefangen halten sollte.
W. Und doch hat dies die Lateinische, die Römische gethan, ja sie thut eS noch; fesselnd also, so viel sie kann, die eigne Religion der Völker. Indem der Priester die fremden, vom Volk unverstandnen Formeln ausspricht, stellt ec sich zwischen Gott und das Volk; beide trennend, nicht beide verbindend. Sprach EhristuS Latein?
D. Schwerlich verstand er die Römische Hofsprache.
Wt Und in dieser langst ausgestorbcnen welschen VrüZktta müßte jetzt noch, jetzt unter allen Völkern , für alle Völker zu Gott gesprochen werden?
D. Damit das Heilige nicht gemein —
W. Und die Perlen — Ich verstehe. Sobald das Hciligthum aber in einen Sarg eingeschlossen, wie eine Mumie, behandelt wird, ist es auch eine Mumie, ein todtes Heiligthum, das sich vor der Verwesung kaum schützen mag , und das man immer begraben möchte. Wer wollte sich mit der Kapsel,
zu Beförderung eines geistigen Reiches. ' 75
mit dem Sarge, worin die Mumie liegt, lebenslang und täglich umhcrcragen. Die eigentliche lebendige Eultur der Völker, womit sing sie immer an, Dietrich?
D. Mit der Erweckung und Bildung ihrer Sprache.
W. Und diese hing an der Religion.
D. Gewiß. Und eben deßhalb ereiferst Du dich umsonst, Winnfricd. Erinnere Dich des trefflichen Ulphila. Durch eine Ucbersetzung der Evangelien, d. i. durch Crrltur der Sprache seiner Gothen bildete er diese. In den dunkel» Mittlern Zeiten, womit sing die Aufklärung des gestimmten Europa an? Durch Uebcrsetzung der Bibel in die Limofinische und andre Nationalsprachen. Sobald dem Volk seine Sprache wiedergegeben war, waren ihm auch Verstand, HeH und Seele zurückgegeben. Es fühlte, daß es denken könne und dachte. Das that das Ehristenlhum; jeder verständige Missionar machte es also.
W. Nicht aber jene Hciligkhümer der Kapsele sie bewahrt eine fremde, tobte Sprache.
D- Wir lassen sie stehen, wo sie steht. Umsonst ist alle Einsargung und Beschränkung. Vergraben läßt sich die Wahrheit auf eine Zeitlang, aber nicht begraben. Das Her; der Menschen will selbst gefühlte Religion, der Verstand der Menschen will sclbstgedachtc Wahrheit. Gewiß hast Du es oft schmerzhaft empfunden, wenn man dieWabr- heit unwahr, das Lebendigste in tobten Formeln saate; Ich wie Du. Mir wars, als ob man eine blickende
76 k. Unternehmungen d. Vorgang. Jahrhunderts
Jungfrau mit Tüchern aus Grüfte» bekleidete und mit alten Masken bedeckte.
W. Das fühlt jedes Gewissen. Daher daS Widerstreben der Völker, wenn man ihnen mit ihrer Sprache die Religion ihrer Väter entnahm. Daher, als nach langem Todesschlaf unter dem drückenden Joch fremder Worte und Gebrauche das Menschen- gefühl wieder erwachte, die sonderbare Freude. Kennst Du den Deutschen, Dietrich, der mit der ächten Sprache seine- Volks ihm auch achte Religion, d. i. Ueber- zeugunq, Glaube, Geist und Herz zurückrief? Protestantismus gegen alles Unbehörige, alles Fremde.
D. Du mexnst Luther. Ach, daß der große Mann nicht erreichen konnte, was so sehr zu wünschen gewesen wäre, eine Kirche seiner Nation, eine Deutsche Kirche.
W. Eine Deutsche Ki rche, Dietrich? das wäre des großen Mannes unwerth. Bemerke, was aus Heinrich des achten Englischen und sonst aus jeder abgeschlossenen Kirche ward? Sie verwesen bei lebendigem Leibe. Aber Religion, die reine, freie Religion der Gewissenhaftigkeit des Verstandes und Herzens wollte Luther seinen Deutschen geben. Und hat sie ihnen gegeben, wiefern seine Zeit es zuließ.
D. Leider also nicht allen Deutschen. Auch ist feine Sprache in Manchem selbst veraltet.
W. Verjünge man sie! Aber sie verjüngt sich, Tmaufqehalten, unwidcrstrcblich. Hältst Du es für nichts, daß seitdem Er schrieb, jeder Deutsche, wenn
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 77
er vom be sse rn Theil der Nation gelesen seyn will, evangelisch, protestantisch, lutherisch, schreiben muß, und wenn er es auch wider Willen thäte? Das Larvenfest, die Zeit der Nachäffung fremder Völker und Zeiten ist vorüber. Protestantisch gegen Jrrthümcr und Aberglauben, zu Jedermanns eigner Ueberzeugung muß Jeder schreiben, oder man spottet seiner und er wird nicht gelesen.
D, Wenn nun aber keiner unsrer Großen Deutsch läse?
W. Desto Minimer für fie. Wer sich seiner Nation und Sprache schämt, hat die Religion feines Volks, also das Band zerrissen, das ihn an »ie Nation knüpfet. Ich fahre fort zu glauben, Laß wer jetzt, worüber cs sey, reine Gesinnungen, die Kraft seines Geistes und Herzens, aus den Altar des Vaterlandes legt, das Werk Luthers fortsetze und Nationalreligion im engsten Sinne des Worts, d. i. Gewissenhaftigkeit und Ueberzeu- gung fördre.
D. Ein achtpcotestantischer, lutherischer Glaube. Und in diesem Verstände, Winnfricd, wünschc- test Du Nati 0 nal-Rel ig io neu aller Völker der Erde?
W. In diesem Zum Frieden der Welt, zu Ausbildung jedes Volks auf seinem Stamm, in seinen Zweigen. Keine fremde Sprache oder Religion wird sodann die Sprache und das Gemüth einer andern Nation, welche es auch sep, despotisi- rrn; an «inen Dberhirten aller Menschenheerden,
1. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
deren Sprache die Nation nicht versteht, deren innigste Bedürfnisse sie nicht kennt, wird man gar nicht denken. Jede Nation blüht wie ein Baum auf eigner Wurzel, und das Christenthum, d. i. achte Ueberzeugung gegen Gott und Menschen, ist sodann nichts, als der rcineHim- melstbau für alle Nationen, der übrigens keines Baumes Charakter und Fruchtart ändert, der kein menschliches Geschöpf exnaturalisirct. Friede wird sodann auf der Erde, Friede!
D. Und Wohlgefallen der Menschen an einander. (Siehe , wie schön die Abendsonne sinkt.) Und Wohlgefallen der Menschen an einander. Wie jener Solimann sein Reich übersah, eine Wiese voll mancherlei Blumen, einen Garten voll mancher- l e i Früchte; so würde das Menschengeschlecht eine Familie der verschiedensten Charaktere und Nakional- religiouen, die es wirklich ist und nicht anders, als seyn kann, zu Einem Zweck.
W.' Und jede Religion, ihrer Stelle angemessen , strebte auf dieser Stelle die bessere, d. i. die beste ihrer Act zu werden, ohne sich mit andern zu messen und zu vergleichen. Unterscheiden sich Völker nicht in Allem, in Poesie und Lust, in Physiognomie und Geschmack, in Gebrauchen, Sitten und Sprachen? Muß Religion, die an diesem Allem Theil nimmt, sich also nicht auch national unterscheiden? »
D. Selbst individuell; so daß am Ende Jeder seine Religion, wie sein Herz, seine Ueberzeugung und Sprach« besäße —
>'.v-
zu Beförderung eines geistigen Reiches.' 79
W. Und kein andrer über das Innerste im Herzen eines Ändern richten dürfte. Wenn er bescheiden ist, wird er nicht einmal nach diesem Geheimnis fragen. Daß die sogenannte Fortpflanzung und Verbreitung des Christenrhums damit eine andre Art gewönne, darf ich Dir wohl nicht sagen.
D. Daß manche nutzlose Mühe dadurch ersparet würde, auch nicht. — Die Sonne sank. Sie war- einige Sekunden vorher untergegangen, als wir noch ihr Bild zu sehen glaubten. Sprechen wir uns morgen bei ihrem Aufgange wieder! Lebewohl, tNmu ^/lutsr! und bringe dort andern Nationen einen fröhlichen Morgen. Lebe Wohl, Winnfried.
LZilder von National-Religionen.
Zweites Gespräch.
Dietrich. So früh und fleißig bei Zim- mermanns zoologischer Wcltcharte?
Winnfried. Eine lehrreiche Charte. Ich wünschte nur, daß sie zweimal größer wäre.
D. Und Breitenbauchs Charte der Völkerstamme und Religionen daneben?
W. Als Charten kommen sie zusammen zu einem Spiel. Gestern Abend beim Rückgänge siel mir bei, daß, da die Thiergattungen klimatisch vcr-
Lo I. Unternehmungen d. vecgang. Jahrhunderts
theilt sind, und in jenen Zeiten, als National-Rcli- gioncn sich bildeten, die Menschen im Umgänge mit Thieren als ihren Freunden und Feinden lebten, noth- wendig auch ihre Religionen nicht nur ihre Thiere zu Symbolen ihrer Religionsbcgriffe gewählt, sondern vielleicht auch in Manchem den Habitus Dessen, was ihnen ein heiliges Thier war, angenommen haben mögen. Davon träumte ich, und so durchgehe ich jetzt die zoologische und Religionencharte unsrer Erde mit einander.
D. Und fandest? —
W. Was man leicht findet, wenn man einen Traum sucht; ich fand meine Idee bewähret.
D. Wohlan dann! Laß mich Deinen Traum, den Thierkreis menschlicher Religionen hören. Träume erzählt man gern; und deine Lieblings-Idee von National-Religionen wird mir dadurch sinnlich. Wir fangen von Sina air.
W. Die Religion des großen Reichs nach Ständen abgetheilt, politisch-künstlich geordnet, erschien mir prächtig. Der Religion des Kaisers in dem Sinnbilde, das er auf der Brust tragt, Symbol seines himmlischen Ursprungs und Amtes, nicht minder der Macht, des Reichthums, und der unbegreiflichen höchsten Würde, kurz des königlichen Drachen, oder wenn Du lieber willst, des Hang- Hoang, des Königes der Vögel. Ich könnte Dir es schön ausmahlen und doch bliebe es unter der Idee des Traumes.
D. Und die Religion der Mandarin e »?
W
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 81
W. Unter der Gestalt jenes Fabelthicrs, das Glück bringt, des Kilin. Als Confucius gebohren werden sollte, erschien es; vor seinem Tode erschien es wieder. Die Religion thätiger Weisen, wenn sie thun dürfen, was ihnen das Sitiengesetz auflegt, bringt Glück der Erde. Im Traum sah' ich das fabelhafte Geschöpf prächtig; sogar holte ich ihm einen glücklichen Stein aus seinem Munde.
D. Und schrittest sodann zu deinen guten Hin- du's; was zeigte Dir von ihnen der Traum ?
W. Höre, was Wischnu sprach, als er vor Arjun dastand:
Ich bin der Schöpfung Geist, ihr Anfang, Mittel und Ende
Aller Naturen das Edelste stets, in allen Geschlechtern.
Unter den Himmlischen Wiscynu, die Sonne unter den Sternen,
Unter den Lichtern der Mond, in den Elementen das Feuer,
Me r u unter den Bergen, das Weltmeer unter den Wassern,
Unter den Lehrern der Lehrer der Geister, unter den Worten
Das gerveihete Wort, Einfylbig und unaussprechlich.
Unter den Seelenkraften Gemüth, Verstand in den Lhieren;
Herders Werke z, Phil, u, Gesch. X, F Tratten, II,
82 I. Unternehmungen d, Vorgang. Jahrhunderts
Unter Gebeten das stille Gebet, das Edelste Aller.
Führer des himmlischen Heers, und in alle» Geschlechtern der König,
Unter den Strömen der Gang«, Asvata unter den Bäumen,
Unter den Rossen das Roß, das aus den Welle» des Milchmeers
Sprang, und der Elephant, aus eben de» Wellen gebohren;
Unter den Heerde» die Kuh des Ueberflusses;
der Schwcrtfisch
Unter den Fischen; der himmlische Garur in dem Gefieder,
Unter den Schlangen bin ich die gekrönt' - u nstc rb- liehe Schlange.
D. Fahre fort.
W. Fast zittre ich fortzufahren.
Unter den Reinigern bin ich der Wind, und unter den Helden
Ram, wie unter den Waffen der Schlacht der Blitz und der Donner.
Unter den Wissenschaften die Kunst den Geist z u b e h e rr s c h e n,
In Hxrganglichen Dingen ihr Anfang, Mittel und Ende.
Ich bin die Ehre, der Ruhm und das Glück, der Verstand , das G e d a c hrniß,
Tapferk e i t und Geduld, und der Harmonier» die schönste.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 82
Unter den Jahreszeiten der Frühling; unter Anschlägen
Bin ich Gewinn, und in Kämpfen der S i e g, und der Fleiß'in Gewerben,
Bei dem Gehcimniß Schweigen, und unter Weisen die Weisheit,
Aus dem Kleinsten erschuf ich das All, sah' an es und rühre.
Millionen Formen von allen Geschlechtern und Arten,
Alle belebet und wiederbelebt in Gestalten und Farben,
Das ist meine Gestalt. Auf! sieh mit erhelle- tem Auge
Mich, wie ich bin —
Arsun sah die hohe Gestalt in himmlischer Zierde,
Bielbewaffnet, mit Kränzen geschmückt und köstlichen Kleidern,
Duftend von Wohlgerüchen, bedeckt Mit seltenen Wundern.
Allenthalben umher sein Haupt und Auge gerichtet,
Stand der Unendliche da; die Gestalt des obersten Gottes
Hielt die Welten in sich, geschieden in aller Berand- rung.
Uebertaubt von den Wundern, das Haar vor Schrecken erhoben,
Sank der Anschauende nieder, und betete staunend den Gott an:
8ch I. Unternehmungen d. vcrgang. Jahrhunderts
„Ewger, ich seh in dir die Geister alle versammlet,
Alle Gestalten der Wesen. Ich seh den schaffenden Lramah,
Thronend auf dem Totos, in Dir! Ich schaue Dich selbst an,
Deine zahllose Waffen und Formen und Augen und Glieder,
Und doch seh' ich in Dir nicht Anfang, Mittel und Ende.
'Geist der Dinge, du Form des Alls'! Ich schaue die Krone
Deines Haupts, eine strahlende Glorie, gie-ßcnd in alle
Fernen unendliches Licht ; die Welten alle dein Abgla nz.
Alle schauen dich an und freun sich deiner und zittern ,
Zittern ob Deiner Rieseng estalt, mit unzahli- chen Augen,
Häuptern und Gliedern und Armen und Brüsten. Die Helden der Erde,
Reiche-beherrschend, sie stürzen in Deinen verschlingenden Arhem,
Wie ins wogig« Meer die zerrollende» Ströme sich stürtzen.
Wie in die Flamme des Lichts der Mücken Eine verschwindet. —
So sah ich den Gott und er entschwand. Denke wie mir dabei im Traume war.
D. Einem solchen Bilde entspricht keine Thier- gestalt; es ist der klarste Pantheismus.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 85
W. Si'.h indcß diese beiden Gemahlde *). Hier den Elephantcn, uns lauter lebendigen Thieren organisch zusammengesetzt, jedes an seiner Sielle bedeutend. Ruhig tritt er einher, und über ihn, sitzt die erhabne Gestalt mit der heiligen Flamme. Das Weltall in Ruhe.
Jetzt sieh hier das fliegende Roß, gleichergestalt aus lauter Lebendigem vrqanisirt und auf ihm sitzend den treibenden Genius, in dem Nies lebt und sich beweget. Das Weltall in Bewegung.
D. Fast mochte ich sagen: „ich zittre, wie Arjun." Weiter? Wie sahst Du die alte Religion Persiens im Traum ?
W. Prächtig. Unter den Elementen war das Feuer, unter den Himmelskörpern die Sonne, ibr Symbol; der alte König des Persepolitanischen Grabmahls stand vor ihrem Altar; die heilige Gestalt über ihm schwebend. Und neben ihm stand der Hund, der Perser heiliges Symbol unter den Thieren.
D. Ick) habe mich darüber gewundert.
W. Der Hund, der nach aller Wahrscheinlichkeit zuerst dorr am Gebirge Asiens den Menschen dienend und nutzbar gemacht worden, schickte sich sehr wohl zur Religion Zerdrischt. Seine Wachsamkeit für das Haus, seine unterwürfige Treue gegen seinen Herren und Wohlthatcr, sammt so
Zwei Gcmählde der Braminen, anderswo beschrieben.
36 I. Unternehmungen d. verging. Jahrhunderts
viel andern Vorzügen der feinen Sinne, der Aufmerksamkeit, der Anhänglichkeit an Menschen drückte die Pflichten lebend aus, die Zerdrischt Religion in Gebrauchen und Worten jedem Perser auflegte. Es war eine h ä u s l i c h e, das Land bauende, ökonomische Religion, die Treue und Wachsamkeit in jeder Pflicht, in nacht- und täglichen Stunden, nach Jahres- und Tagszeiten, nach Ständen und Lebensaltern foderte. Konnte sie ein besseres Thier wählen? Ach, daß die wilden, die grausamen Araber diese Religion zerstörten!
D. Und diese Araber? wie erschienen sie
Dir?
W. So lange sie in der Wüste lebten, war ihr Denkbild das lebendige Schiff der Wüste, das Kameel. Mit weniger Speise und fast keinem Trank gesärtiget, ausdauernd und geduldig, dabei rachsüchtig, hart und wild in der Brunst ist das Kamccl ein lebendes Symbol des viel - ertragenden, stolzen, dürren, eifersüchtigen Arabers, dessen Haushalt sich ohnedies ans Kameel füget. Seine alt-väterliche Religion war in eben dieser Weise; eine Religion Js- maels und der Wüste. Als nach Muham- meds Zeit dies Volk in reichere Lander kam , schwang es sich vom Kameel aufs Roß; muthig, stolz, kriegerisch und galant, wie dieses. Auf mancher Vega in Spanien tummelten sich Reiter und Roß vor den Augen der Schönen in Lustkampfen umher, stolz auf ihren goldnen, farbigen Schmuck, auf Pfänder der Ehre und Liebe. Mann und Roß
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 87^
hätten fast die Welt bezwungen; so glänzend scrh ich sie im Traume.
D. Wachend zeigt dir die. zoologische Charte ein Anderes. So wenig das Kamecl für kalte Gegenden geschaffen ist, so wenig ists der 'Araber und sein Muhammedanismus. Dafür hat er sich, wie die Kameele, in den wärmeren Welttheilen weit verbreitet. Afrika hindurch, in Asien bis über die Gebirge, bis gen Sina, bis in die Inseln, so weit Kameele und Rosse ihn trugen; da reitet und trabt er noch. Aber erzähle weiter.
W. Des alten Aegyptens Sinnbilder sind bekannt. Apis, dem Osiris, die Kuh der Isis geroeiht. — Kein Volk beweiset so viel für meine National - Religionen , als diese Volker, Aegypter und Hindu's.
D. Und die Juden?
W. Es war ein Thier- und Zahl ensymbvl. Rathe.
D. Wer crräth einen Traum? Lieber zu meinen Griechen. Wie sähest Du sie?
W. Menschheit war die Gestalt ihrer Religion , eine edle schöne Menschheit. Das Thier gaben sie dem Gotte nur bei. Seine» Körper trennten sic ab von aller Thierhcit, und suchten jeder Menschenform, jedem Menschenalter ihre Ideale. Diese sah ich im Traum. -Ein Olymp der Wonne in allen Gestalten.
D. Treffliches Volk! Daher auch ihre Poesie der Philosophie in Formen und Begriffen so mensch-
88 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
lieh war. Ich wollte, daß Du mir sie, wie Jene der Indier darstclltest.
W. Und ich möchte, wie ein gerufener Geist vor dem Zauberkreise sagen: „Entlaß mich!"
D. Und ich antwortete, wie Odin der weissagenden Volar
Nicht also, Jungfrau!
Ich frage weiter,
Und laß nicht ab,
Bis ich Alles weiß.
Die Religionen der europäischen Völker, wie sähest Du sie?
W. Du weißt, zuletzt, verwirret sich der Traum. Ick) sah mancherlei, größtenthcils wilde Gestalten; den Grönländer mit seinem weißen Bär, den Lappen mit seinem Rennthier, den Altpreußen mit seinem Elend, den Altdeutschen mit seinem Uhr. Fingal sah ich mit seinen Hunden, und Ossians Harfe tönte darein. Dann verwirrte sich der Traum noch mehr. Ich sah Wölfe und Tiger, Adler, Klapperschlangen, Vnguams — Der Traum ward ängstlich —
Da schwebte eine Taube herab, umflossen mit himmlischem Glanz und brachte den Oelzweig. Da sah ich ein Lamm gehen zum Altäre; es brachte zum Opfer sich selbst dar. Nach und nach flohn vor dem Lamm alle jene schreckliche Thiergestalten. Endlich schwebte ein Weib hernieder, eine Mutter; sie trug einen Knaben im Arm und setzte sich freundlich nieder. Ein andrer feuriger Knabe spielte mit dem Kinde, brüderlich, herzlich; die Mutter sah sanft auf sie nie-
zu Beförderung eines geistigen Reiches. Lg
der. Plötzlich ertönten um sie himmlische Töne; ibr Angesicht glanzte; um ihr Haupt leuchteten Sterne. Jetzt blickte sie mich an, wollte sprechen zu mir, und — ich erwachte.
D. Belehrt über deine National-Religionen, als ob sie zu Dir gesprochen hätte. Bedarfs der Rede?
W. Und doch wünschte ich Ein Wort aus ihrem Munde vernommen zu haben. Jetzt fehlt dem Traum Etwas.
D. Wohl, Freund, ich will ihn fortsetzen, Heu, Abend unter den Sternen. An der Linde finden wir uns. .Jetzt von Traumen zu Geschäften.
Die Adrastea des Christenthums.
Drittes Gespräch.
Dietrich. Ehe ich meinen Traum an den Dei- nigen knüpfe, Winnfried, muß ich Dir seine Entstehung erklären. Du weißt, Träume kleiden sich am liebsten in das Gewand von Jugend-Eindrücken, die zu jeder neuen Einkleidung fertig in unsrer Seele lagen.
In meiner Kindheit hatte ick) einen aus dem Spanischen übersetzten geistlichen Roman gelesen, in wel chem ein Verlangender, der Thorheit der Wett müde, die Liebe Gottes aufsuchte; zu einer an-
9» I. Unternehmungen b. »ergänz. Jahrhunderts
dern Zeit kann ich dir von ihm erzählen *). Auch hatte ich in manchen Büchern geistliche oder politische Sinnbilder (bnnpresas) mit Lust durchblattcrt. Aus Eindrücken der Art entstand mein Traum.
Ich war der Verlangende selbst, der, unbefriedigt mit sich ich weiß nicht was? suchte. Da rief eine Stimme vor mir her: ,,Wandrer, wo bin? D'u suchest Frieden, Friede wohnt hier!" Sie zog mich hichin und dorthin im Traum, unruhig, ängstig. Ich kam vor ein Kloster; bie Stimme rief: „Du suchest Frieden!" — Wohnet er hier? fragte ich; die Stimme schwieg. Ich kam vor einen Lehrsaal, vor ein Eoncilium zankender Weisen, auf einen Markt, in einen Rath, vor eine geheime Gesellschaft; die Stimme ging immer vor und wenn ich sehnend fragte: „wohnet er hier?" schwieg sie. Zuletzt fand ich mich einsam in der Mitte eines Waldes, auf einem freien ringsum dicht umschlossenen Platz, wie in einem heiligen Kreise. Es war dunkle Nacht; über mir leuchteten die Sterne. Abermals ließ sich die Stimme und glücklicher Weise auch die Antwort hören:
Du suchest Frieden;
Er wohin in Dir!
Melodisch, als ob alle Sterne zu mir herabsangen, ertönten die Worte; mein Innerstes erklang.
Er ist unter dem Namen Schatz der Seele (tesnro ciell' ulnre) fast in allen Sprachen, aus dem Französischen von ins Deutsche übersetzt rdi^ erschienen.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 91
Auf sah ich und vor mir schwebte ein Auge, das mich durchdrang. Ein so Helles Auge, als ich nie in der Welt sah; der Glanz aller Geister und Seelen war in ihm. Ernst-freundlich blickte es mich an, unbeweglich. Ich konnte dem Blick nicht entweichen, der tief und tiefer mich ergriff; ich fühlte, daß er mir immer gegenwärtig seyn und bleiben würde, der prüfende B l i ck d e s W e l k a l ls. Es war, als fangen mir alle Sterne:
„Das Liesverborgne wird offenbar;
Dies Äuge sichet! hell und klar."
Ich erwachte in einer sonderbaren Empfindung; alle Zustande meines Lebens standen mir als Ursachen und Folgen auf Einmal da und vor mir stand das durchdringende Auge. Ich schule mich wieder nach meinem Traum,
Und fand mich in ihm auf derselben Stelle im dichten Hain. In der Mitte des Platzes stand jetzt ein Altar; auf ihm lag ein Buch, geschrieben in wunderbaren Charakteren. Ich blätterte darin, verstand nichts, sah aber, daß die Charaktere die Blätter durchdrangen und auf der andern Seite des Blatts eine ganz andre Gestylt sichtbar machten, als die Vorderseite darstellte. Die Rückseite klarte die Vorseite auf, und das ganze Buch war Fortgang. Das himmlische Auge blickte mich an, und ich sah mein eignes Leben in diesem Buch; aber verschwunden waren in diesem Augenblick Buch und Altar und vom Pol herab schwebte zwischen Himmel und Erde eine allmächtige Waage. „Vergeltung!" rief eine Stimme; mir wars, als sängen alle Sonnen
02 I. Unternehmungen d. vcrgang. Jahrhunderts
und Sterne das einzige ewige Wort „D e r g e l tu n g!" Durchdrungen vom (Gefühl des großen Gleichgewichts das in der Natur Alles hält und tragt, das las Bewegte zur Ruhe bringt und das Ruhende beweget, in Stoß und Druck eben so sichtbar als in der moralischen Welt, erwachte ich zum zweitenmal und freuere mich einer Welt, die, aus so feste Gesetze gegründet, Allem Maas und Ziel gicbt und zu der auch ich gehörte. Nichts, suhlte ich, verklinge in der Schöpfung; Alles wecke und halte seinen Ton. Nur das Nichtige gehe unter.
Der Traum umfing mich zum drittenmale. Auf einem vicrcckten Marmorfuß voll emblematifchcc Bilder stand eine Säule vor mir; so hoch und schön sah sie mein Auge nie. In schlanker Velgüngung hob sic sich zu den Sternen, oben bekränzt mit einem Hellen Kranz. Nicht Lorbeer waren seine Blatter, sondern Myrrhen und Rosen. „Standhaftigkeit!" rief eine Stnnme, und von allen Sternen erklangen Gesänge, von denen mir nur die letzten Worte blieben:
„Misklang loset sich auf in Wohlklang" —
„Misklang löset sich auf in Woblklangl" hallte mein Znncrstes zurück; und an der Säule ging hervor — wie n-nne ich dir, was jetzt mein Blick sah? die ewige Waage des Weltgerichtes. Auf der Einen Schaale lauter vorübergehende Scenen; jetzt Kronen, Seepter, Schwerter, Waffen, Ehrenstäbe; die Schaale flog auf; zerbrochen und zerstreut sielen sie nieder. Jetzt Ungeheuer, Schlangen, Skorpionen; sie wucheren , verzehrten einander oder stürzten herab. Leer
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 93
flog die Schaule empor, voll Dnmpf und Nöauch. Auf der andern niederschwebcnden stand — heiliger Anblick — der Ebristenkelch in seinem bescheidenen Glanz; über ihm lag das Brot der Barmherzigkeit und Milde. Und so liebreich blickte mich das Auge an! (Ich fühlte in ibm das Sensorium der ganzen Schöpfung, das Alles sehe, Alles empfange, verzeichne und erstatte.) Die Stimme sprach: „Was Ihr gethan habt der Geringsten Einem , thatct ibr Mir!" — Dampf und Nebel der zweiten Schaale waren verschwunden; sie schwebte dieser gleich und auf ihr, dem Kelch gegenüber, blühte die Lilie, wehte die Palme. Friede war in mir: ich erwachte.
Nun weißt Du, Winnfried, was meine Religion aller Religionen ftp. Eine Ad rasten ists, aber in einer weit höheren Gleichung, als ibr die Griechen je gaben. Diesen war sie zuerst eine neidige, dann eine warnende oder strafende Göttin; ihr höchster Sinnspruch war: „nicht über
das Maas." Die Nemesis des Ehristenthums setzt in der moralischen wie in der phnsischen Welt Gleichgewicht und Vergeltung in Allem, dem Geringsten und Größten, als Naturgesetz zum Grunde; die Bestimmung des Menschen aber hebt sie zu Ucber Windung des Bösen durchs Gute, zur beharrlichen Großmut!) wohlthätig empor. Menschlichkeit endlich macht sie zur Zunge der Waage, und, als Compensation der Vorsehung , gleichsam zur entscheidenden Stimme des Weltnchters; des Richters, der immer kommt und da ist, der Alles empfängt und Alles vergütet.
I. Unleruehmungcn d. vergang. Jahrhunderts
Ist diese Religion nicht allgemein? ist sie nicht in jedes Menschen Herz geschrieben? oft aber unter einem Schleier, oft unter viel Hüllen verborgen. Weg zu thun sind diese Hüllen, damit die ewige Regel, das allgegenwärtige Auge sichtbar, das Buch auf dem Altar ihm aufgeschlagen werde. Ist dies, so mögen alle Nationen sich ihres Gottes, ihres Landes und ihres Lebens freun und Feste feiern. Der Kelch des Christenthums in Wohlthatigkeit und stillem Erbarmen, in brüderlicher Gemeinschaft, Verzeihung und Großmuth, in Geduld endlich und Beharrlichkeit wird immer das Fest der Feste bleiben.
Winnfried. An jenem Angclstcrn, der Weltachse, sagtest Du, hing die Wage. Die Sterne blickten uns an. Jene» himmlischen Wagen droben nennen die Araber des erweckten Lazarus Bahre; die Sterne hinter ihr sind ihnen Lazarus weinende Schwestern *). Alles schweigt um uns; und Alles erklingt. Alles scheint still zu stehen und es eilet. —
Alas! our sigl>t's kc> ill,
IBat tliinzs > vvliiali sxviktest move , seom ta stnnrl still **),
') S, sEichhorns allgemeine Bibliothek. B, 7 . St. 3. S. 3g8.
— Weh uns, daß wir so schwach und übel sehn: Der schnellste Flug, uns scheint er still zu stehn.
Co wley.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. g5
Und was kommt, sehen wir gar nicht. Mitternacht schlagt. Traume sanft, Dietrich.
Hartü'y's zwei und achtzigster Lehrsatz *.)
„Es ist wahrscheinlich, daß die gegenwärtigen Formen des Kirche n r c g im e n t s aushören werden."
„Dieser Lehrsatz folget aus dem vorigen **). Die bürgerliche und die kirchliche Macht'sind in allcN christlichen Landern so in einander gcwebet, und so mit einander verbunden, daß wenn die Erste fallt, die Letzte auch fallen muß."
„Wir haben manche Weissagungen, welche den Fall der kirchlichen Macht in der christlichen Welt verkündigen. Und obgleich eine jede Kirche sich mit der Hoffnung einer Ausnahme für sich zu schmei-
H David Hartley's Betrachtung über den Menschen, seine Natur, seine Pflicht und Erwartungen. LH. 2. S.
Dieser vorige Lehrsatz hieß: „Es ist wahrscheinlich , daß alle gegenwärtige bürgerliche Regierungen werden umgestoßcn werden." So wenig an diesem, als dem auf ihn gebauten lösten sogenannten Lehrsatz nimmt der Herausgeber dee Adrastea Amtheil-
96 I. Unternehnustigrn d. Vorgang. Jahrhunderts
chcln scheint, so ist es doch sehr deutlich, daß die Merkmahle, welche die Propheten angeben, auf sie alle gehen. Alle haben sic die wahre reine einfältige Religion verlassen und lehren Mem'chengcbote als göttliche Lehren *). Sie sind alle Kaufleute der Erde und haben ein weltliches Reich, wo Reichthü- wer, irdische Macht und äußerlicher Pomp über- stüßig anzutrcffen sind, aufgerichtet **). Sie haben alle einen dogmatisirenden Geist und verfolgen diejenigen, welche ihr Zeichen nicht annehmen und das Bild, das sie aufgestcllet-haben, nicht anbeten. Sie verabsäumen alle den Befehl Christi, das Evangelium allen Völkern zu predigen ***), und selbst zu den verlohnten Schaafen vom Hause Israel zu geben, deren eine unzählbare Menge in allen christlichen Ländern ist, die niemals unterrichtet worden sind zu lesen und welche auch in andern Absichten der Mittel, zur seligmachenden Erkenntniß zu gelangen, beraubt sind. Es ist sehr wahr, daß die römische Kirche die große Babylon, die Mutter aller Gräuel auf Erden ist; aber alle übrige Kirchen haben mehr oder weniger sie zum Muster genommen.
*) Doch, hoffen wir, Eine mehr als die andre. Im ächten Protestantismus bedarfs keiner Menschengebote als göttlicher Lehren. H. d. A.
**) Zunächst geht dieses wohl auf die Englische hohe Kirche. Im protestantischen Deutschland finden diese Ileichthümer, dieser Pomp, diese Macht keine Stätte.
***) Nicht alle; aber wie? unk in welcher Ansicht?
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 97
men. Ihre verderbte Regierungen werden sich immer dem wahren Evangelium entgegensetzen und eben dadurch werden sie sich selbst den Untergang zuziehen *). —
- - „Aus diesen Betrachtungen folgt, daß gutgesinnte Menschen um des Gewissens willen sich sowohl der festgesetzten kirchlichen Macht als jeder bürgerlichen unterwerfen müssen. Sie sind beide von Gott, sofern sie sich auf die Untergebnen beziehen; und es ist wahrscheinlich , daß diejenigen, welche dereinst den Untergang der Frommen des Kirchenregimcnts verursachen sollen, solches nicht aus reiner Liebe und christlichem Mitleiden, sondern aus höchstfalschen Bewegungsgründen vornehmen, folglich die strengsten Züchtigungen am Ende sich selbst zuziehen werden. Es ,st daher die Pflicht aller guten Christen, beides der bürgerlichen und kirchlichen Gewalt, unter welchen sie gebohren sind, zu gehorchen, (wofern ihnen nicht Ungehorsam gegen Gott befohlen wird, welches selten der Fall ist,) Unterwürfigkeit und Gehorsam bei andern zu befördern, Fehler sanftmüthig zu verbessern und für den Frieden und die Glückseligkeit ihres Jerusalems zu beten."
*) Dies alles wird in der Folge geprüft werden.
Herders Werke z, Phil. u. Gesch. X. G 8.
ljö I. Unternehmungen d. verlang. Jahrhunderts
7 .
Bekehrung der Juden.
Jahr 1.723 schickte Johann Müller, Prediger zu Gotha, ein zu Bekehrung der Juden geschriebenes Büchelchcn, 6 ^ Bogen'stark *), das keinen Verleger gefunden hatte, an den Prof. Callenberg zu Halle. Dieser sammlcte eine Collecte, ließ dies Büchelchen, ließ mehrere kleine Bücher Jüdisch- Deutsch drucken und schickte damit zwei arme Studiosen , die Ebraisch gelernt hatten, zu Bekehrung der Juden in alle Welt. Seitdem sind mehrere ge- reisct; vielleicht reisen sic noch. Man nannte diese fromme Anstalt Callenbergs Institut zu Bekehrung der Juden; cs war privile- giret **).
*) Das Licht am Abend zu erleuchten die Augen Israels, auf daß sie sehen den Lrost Zions, wenn Gott Zion bekehren wird. Halle 1728.
**) Schulz Leitungen des Höchsten durch alle vier Wetttheile, (Hatte 1770 u. f. g Bande) sind ein Prvbeleben dieser reisenden Judendekehrer, voll Erfahrungen in den niedren Ständen.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 99
Keinen frommen Wunsch muß man verunglimpfen , so wenig Anfangs Mittel und Zweck einander zu entsprechen scheinen; daß aber durchs Difputiren in Herbergen und Wirthshäuscrn schwerlich eine große Judenbekehcung bewerkstelligt werden möchte, ist eben so klar, als es gewiß ist, daß durch solche Disputen der Christen mit den Juden Jene sich Diesen oft zum Spott gemacht haben.
Im Anfänge des jetzigen Jahrhunderts sehen wir die sogenannte Judenbekehrung mit andern Augen an, als man sie im Anfänge des vergangenen ansah. Luthers Aussprüche von dieser Nation, die er, seiner Zeit gemäß, oft zu hart aussprach, haben sich während dessen so sehr bestätigt, daß, als am Ende des vorigen Jahrhunderts einige jüdische Hausväter sich einem neugebildeten, aufgeklärten Ehristenthum auf Bedingungen associircn und afsiliiren wollten, niemand darauf merkte.
Woher diese veränderte Ansicht der Dinge, verglichen mit dem Eifer voriger Zeiten? Sie entspringt aus der Natur der Sache selbst, beglaubigt durch eine lange Erfahrung.
Erstens. Was wollen die Christen, wenn sie mit Juden über alte Prophezeihungen difputiren ? Auch über die Grundsätze der jüdischen Grammatik und Auslcgungskunst, die von der christlichen so verschieden ist, hinweggesehen; hinweggcsehen darüber, daß bei einer Sprache, die chmals ohne Vocalen geschrieben ward, es dem Gegner an Ausflüchten nie fehlen werde; ist es ausgemacht, daß diese Vorker- sagungcn, als sie gesagt wurden, grvßtenthcils eine
G 2
,00 1. Unternehmungen o. vergang. Jahrhunderts
Zeit- und Ortmäßige Veranlassung tind Anwendung hatten, durch das vermehrte Vicht fortgchender Zeilen abcr, zuletzt durch die ganze Sammlung der Schriften selbst einen immer geistig ern Sinn erhalten haben. Alles hängt von diesem geistigen Sinn symbolisch ausgesprochener Hoffnungen und Wünsche. Wer an solchem keinen Geschmack hat, sondern die goldnca Decken und Schüsseln am neuen Opferaltar, die siebenmal hellere Sonne, Mond und Stern« in Natur haben und erwarten will, dem kann man nichts sagen, als: warte! Sinnliche Begierden, zumal auf National - Stolz gegründet, lassen sich selten weg- disputiren; man gönne sic dem, der sich daran freuet. Er war»!
Zweitens. Denn auch die Christen erwarten ja noch ein zukünftiges Reich, kommend in seiner Herrlichkeit, wie ihr Glaubmsbekenntniß saget. Wenn di« Juden auf ihre Weise auch darauf warten, so können beide Partheien ja einander gefällig seyn und es dem zukünftigen Richter anheim stellen, wie er die Ehre oder die Verachtung, die man seiner ersten Ankunft erzeigt hat, ansehen wolle. Niemand greife ihm vor. 8c>)^s ckonu llnik, xaroegns vcms stetes, sagte Voltaire; wem liegt etwas an Eurem Glauben oder Nicht-Glauben an den Gekommenen, an Eurer Auslegung und Hoffnung, an Eurem Nicht-Christmthume?
Drittens. Abcr die Sache Hai andre Seilen. Die Religion der Juden ist, wie sie selbst sagen, ein Erbstück ihres Geschlechts, ihr unveräußerliches Erbtheil. Nur der Gott ihrer Väter,
zu Beförderung eines geistigen Reiches.
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der iknren diese Gebote auflegte, smeynen sie) kann sie ihnen entnehmen, und -war nicht anders als durch einen so feierlichen Act, als die Gesetzgebung auf Sinai selbst war. Das Volk ist und bleibt also auch in Europa ein unserm Wclttheil fremdes Asiatisches Volk, an stncs alte, unter einem entfernten Himmelsstrich ihm gegebne und nach eignem Eeständniß von ihm unauflösbare Gesetz gebunden. Wiefern nun dies Gesetz und die aus ihm entspringende Denk- oder Lebensweise in unsre Staaten gehöre, ist kein Religionsdisputat mehr, wo über Mcynungcn und Glauben discurirt würde, sondern eine einfache Staats-Frage. „Wie Viele nämlich von diesem fremden Volk, das unter solchem fremden Nationalgesetz, in solcher Denk- und Lebensweise solche und keine andre Geschäfte treibet, diesem und keinem andern Staat entbehrlich , nützlich, oder schädlich scyn.? Wie man sie anzuschen und anzuivendcn habe?" Dies ist das Problem. Wen» von Sinesen, Indiern, Persern, Zigeunern, Mamlucken, die eben einwandcrten, die Rede wäre, bliebe es dieselbe Frage. Jeder Staat hat sie für sich zu beantworten, keiner darf dem andern darüber Gesetze verschreibe», am wenigsten hat der Philosoph a priori hierüber zu entscheiden. Denn da das Mosaisch- Sinaitische Gesetz und daS ihm anhängige Volk, seinem eignen Bekenntniß zu Folge, nach Palästina, nicht nach Europa gehöre; da Israel sich in seinen Gebeten als ein von allen Völkern un t er sch i e d n e s eignes Volk achtet; wie könnte es von andern Nationen anders geachtet werden?
io 2 I. Unternehmungen d. vergemg. Jahrhunderts
Endlich: da das Geschäft der Juden feil mcbr als dreitausend Jadren bekannt ist, und der Einfluß, den dies Geschäft auf den Charakter des Volks gehabt und unwandelbar noch hat, sich in der ganzen Geschichte desselben darlegt: wozu jene entfernteren Difcussionen z. B. über Rechte der Menschheit, wenn blos die Frage ist: „wie viele von diesem fremden Volk dürfen in diesem Europäischen Staat dies ihr Geschäft ohne Nachtheil der Eingebohrnen treiben? unter welchen Bedingungen? in welchen Schranken? unter welcher Aufsicht?" Denn daß eine unbestimmte Menge derselbe» einen Europäischen, zumal übelorganisirten Staat verderbe, davon liefert die Geschichte leider! traurige Beweise. Nicht allgemeine menschenfreundli. che Grundsätze, sondern die Verfassung der Nation, in welcher Juden ihr Gewerbe treiben, giebt hierüber Auskunft. Holland, d. i. Amsterdam kann hierin für jedes andre europäische Land, z. B. Polen, Deutschland, Ungarn, Italien, Frankreich auch nicht entscheiden, da keines dieser Länder in seinen Flecken und Dörfern Amsterdam ist und sepn kann.
Im Jahr r633 schrieb ein feiner Rabbine, Simon Luzatto zu Venedig ein Buch *), durch welches er seinem Volk mehrere Freiheit in der Republik bewirken wollte. Weit entfernt aber, auf
*) Dircorso circa Io stato cletzli Hebrsi, e in xarticolar dimorauti in Veneria. Da Limone I-urratto, Usbbino lklebrso. Venet. i6z8> l»>
zu Beförderung rincs geistigen Reiches. rol)
dergleichen Grundsätze zu bemen, die Alles und M mit Nichts erweisen, hält er sich fern von der Höhe des Meers am User der Lagunen. Er empfiehlt sein Werk der Republik als „den am Nilsirom ausge- setzten Moses, den die Tochter Pharao's aus Mit- Iciden aufnahm und der nachher ein Gesetzgeber worden so sollte Venedig sein Buch aufnehmen mit Liebe und großmüthigem Schutz gegen die Vcrläum- der. Sein Volk vergleicht er „einem Acker, der Unkraut und gute Frucht trage;" der Staat sollte ein kluger Ackermann seyn, diese zu erziehen nach Ausrottung Jenes. Er vergleicht es „einer alten, durch Lange der Zeit verdorbenen Bildsäule, die 'gleichwohl von der Hand eines Meisters hcrrühre, rmd der Aufbehaltung, der Restauration werth sey."
„Wie nach der Meynung der Stoiker Sonne, Mond und Sterne sich von den Dünsten der Erde nährten;" so, meynt der Rabbi, trage das Jüdische Volk dem Staat, als der geringste Theil desselben durch in- und ausländischen Handel Vieles ein, das durch Niemand anders so gut eingebracht werden könne. Denn Handel sey der Juden Gewerbe, da sie zum Kriegsdienst und Ackerbau untüchtig und ungeneigt seyn. Die christlichen Kauflcute, meynt er, setzten sich nach erworbenem Reichthum zur Ruhe, kauften Landgüter, erbauten Pallaste; der Reichthum komme in fremde Hände. Die Handelsstädte selbst hätten ihre Perioden und Lebensalter; der IM hingegen sey ein immer neusprießender Baum. Grundstücke dürfe er nicht besitzen, Eivilbedienungen nicht versehen, mechanische Professionen nicht lernen; der
io4 I- Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
Eölibat sey ihm untersagt, also bleibe ihm kein Ge- werk, als der Handel. Dem Staat, sagt der Rabbi, thue es wohl, wenn die Gewerbe, gleichsam nach Aegyptischer Art, vertheilt seyn; durch den Handel werde, der Jude von Künstlern sowohl als Staatsbürgern unterschieden. Von Jenen: denn auf Künste dürfe er sich nicht legen; von diesen: denn in Ländereien und Pallaste dürfe er seine Gelder nicht stecken; sie blieben also dem Handel. Eben deßhalb aber dürfe der Staat einen übermäßigen Reichthum der Juden nicht fürchten, theils weil nur der Erwerb von Ländereien das veränderliche Glück des Handels sichre, theils weil zahlreiche Familien die natürliche Folge früher Heirathcn und des ihne^t verbotnen Eoncubinats seyn, mithin den väterlichen Erwerb theilen. Auch schon der starken Abgaben wegen komme selten ein großes Vermöge» auf das zweite Glied des Geschlechts. Die Juden seyn als „nutzbare Knechte des Staats zu betrachten, da dann der Rabbi den Nutzen von 6000 Jüden für Venedig berechnet. Die Verbrechen der Juden können verhütet werden; ihr Gesetz sey nicht menschenfeindlich ; welches letzte er angelegentlich erweiset. Er zeigt, warum nicht in allen Städten und Staaten die Juden geduldet werden; Seehandelsstädtcn aber seyn sie nützlich. In katholische schickten sie sich mehr als in protestantische Staaten, da sie Jenen im Artikel der Traditionen und verdienstlichen Werke näher kämen u. f." So bescheiden, fein und klug schrieb der italianische Rabbi nach Ort- und Zeitverhältnissen im Jahr i 633 ; nicht stolz auf die Eultur seines Volks, nicht trotzend auf allgemeine
zu Beförderung eines geistigen Reiches. io5
Rechte der Menschheit, die zu Bestimmung dieser Frage nur als Eingang gehören.
Manasse Ben-Israel *) in seinem Gesuch um 'Aufnahme der Juden in England war eben so bescheiden; wie es denn auch Fremdlingen, die nach einem eignen Gesetz in einem fremden Staat, dazu in einem oft unübersehbaren Zusammenhangs leben wollen, gebühret.
Mit vielen Theologen hat cs ein Brittischer Philosoph **) wahrscheinlich gefunden, daß ,,die Juden einst in Palästina wieder werden eingcführt werdenund zwar außer den Weissagungen des alten und neuen Testaments aus folgenden Gründen: „Erstens seyn sie ein von allen Nationen verschiedenes Volk, von der Vorsehung wahrscheinlich für irgend eine solche Gunstbezeugung aufbehalten."
„Zweitens. In allen Landern der bekannten Welt seyn Juden; ohne
„Drittens in irgend einem Lande ein Erb- theil zu haben. Ihre Güter seyn Geld und Juwelen, die sic nach Palästina leicht mitnehmen könnten."
Manasse Ben-Israel Rettung der Juden aus dem Englischen übersetzt von Moses Mendelssohn. Berlin 1.782.
David Hartlei Betrachtungen über den Mensche». Band 2. S. Ü20.
I. Unternehmung»'« d. vergang. Jahrhunderts
„Viertens. Von den Nationen, unter welchen sie leben, werden sie meistens mit Härte und Verachtung, oft mit Grausamkeit Wandelt; dagegen
„Fünft cns stünden sie unter sich durch die ganze Welt in Briefwechsel; hatten auch bei solchem
„Sechstens an ihrem Rabbinisch - Ebraisch eine Univerialsprache und Charakter, welche Umstande mehr als wir es uns vorstellten, ihre Rückkehr erleichtern könnten."
„Endlich erhielten sie sich stets hiezu in Hoffnung und Erwartung."
Glück also, wenn ein Messias-Bonapartc sieghaft sie dahin führt, Glück zu nach Palästina! Schwerlich würde aber der reichen bewerbsamen Nation das enge Palästina gefallen, wenn ihr nicht zugleich der allgemeine Mittelhandel der alten und neuen Welt zugestanden würde. Für die alte Welt wäre ihr Land dazu wohlgelcgcn.
Feines, scharfsinniges Volk, ein Wunder der Zeiten! Nach der genialischen Gloße *) eines seiner Rabbinen liegen Esau und Israel einander weinend am Halse; beide schmerzt der Kuß, aber sie können nicht aus einander.
Zu i Mos. 33, st. Esau ist bei den Juden das Bild mächtiger, vorzüglich kriegerischer Völker.
zu Beförderung eines geistigen Reiches.
ION
Montesquieu.
Wie sich der Handel in Europa mitten durch die Barbarei Licht machte *).
„Als Aristoteles Philosophie in die Westwelt eingeführt ward, gefiel sie den spitzfindigen Geistern sehr, die in den Zeiten der Unwissenheit für- schöne Geister gelten. Mit ihr bethörten sich die Scholastiker, und entschieden aus diesem Philosophen **) über den Ausleih auf Zinsen, dessen Quelle doch im Evangelium natürlich dalag; sie verdammten ihn in allen Fallen ohn' Unterschied. Dadurch ward der Handel, der schon das Gewerbe niedriger Menschen war, ein Gewerb' unehrlicher schlechter Leute: denn jedesmal, wenn man eine natürlich-erlaubte oder gar nothwendige Sache verbietet, bewirkt man nichts als — unehrliche Leute zu machen aus denen, die sie treiben."
,,So kam der Handel einer Nation in die Hände, die damals für Ehrlos galt; bald ward er vom abscheulichsten Wucher, von Monopolien, von Erhebung der Subsidien , von allen mal honetten Mitteln Geld zu erlangen, nicht mehr unterschieden."
Die Juden, die durch Erpressungen reich geworden waren, wurden mit eben der Harte und
^8pvit 6.68 loix 1^. XXI. XX.
**) Aristoteles Politik, B. Kap. 9. 10,
io8 1. Unternehmungen d. »ergänz. Jahrhunderts
Tyrannei von den Fürsten geplündert; das tröstete dann die Völker, ohne daß es ihnen half *).
„Jndeß sah man aus dem Schoos dieser Plackereien und der Verzweiflung den Handel hcrvor- gehn. Die Juden, die einmal nach dem andern aus jedem Lande vertrieben wurden, fanden ein Mittel , ihre Effecten zu retten. Eben dadurch verschafften sie sich auch einen sichern Rückhalt: denn ein Fürst, der ihrer los seyn wollte, hatte, nicht essen auch Lust, sich ihres Geldes zu entaußern."
,,Sie erfanden die Wcchselbriefe; durch dies Mittel konnte der Handel der Gewaltthatigkeit aus- weichen und sich allenthalben halren. Der reichste Handelsmann hatte nichts als unsichtbare Güter, die er allenthalben hin versenden konnte, ohne daß sie irgendwo eine Spu-r zurückließen."
„So wurden die Theologen gcnöthigt ihre Grundsätze einzuschranken; und der Handel, den man gc- waltthatig mit dem Betrüge verbunden hatte, kehrte, wenn man so sagen darf, in den Schoos der Ehrlichkeit wieder zurück."
„Den Speculationen der Scholastiker sind wir also alles das Unglück schuldig, das den Verfall des Handels begleitete; und dem Geiz dsr Fürsten die
H, Montesquieu führt hier eine Reihe Grausamkeiten an, die man in England gegen die Juden beging. Leider machte man es in andern Landern nicht besser; die mittlere Geschichte ist soll dieser Erpressungen und Grausamkeiten.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. r«s
Errichtung einer Sache, die den Handel gewissermaßen ihrer Macht entziehet."
„Seitdem mußten sich die Fürsten klüger benehmen , als sie selbst kaum gedacht hatten: denn im Erfolg fanden sich die großen Machtstreiche immer so ungeschickt angebracht, daß es jetzt für eine anerkannte Erfahrung gilt: „nur eine gütige Regierung verschaffe Glück den Völkern."
„Man fängt an sich vom Machiavellismus zu heilen; man wirds immer mehr. Die Eonseils haben mehr Mäßigung nöthig; was man sonst Staatsstreiche (o.orrxa ck'stur) nannte, hieße auch ohne Rücksicht auf den Abscheu, den es erregen würde, Unklughcit."
„Ein Glück für die Menschen, daß, wenn auch ihre Leidenschaften sie böse machen wollen, ihr Interesse sie davon zurückhalt."
Fortsetzung.
Hat Montesquieu Recht, daß die ehemalige Barbarei in Europa zum Verderbniß deS Jüdischen Charakters durch ein gewallthatiges und häßliches Betragen gegen dies Volk mit beigetragen, welches wir ihm, der Geschichte zufolge, nicht abläugncn können; so ists der Europäer Pflicht, die Schulden ihrer Vorfahren zu vergüten, und die durch sie Ehrlos wurden, der Ehre wiederum fähig und werth zu machen. Wodurch dieses?
I IO I. Unternehmungen d. Vorgang. Jahrhunderts
Offenbar und vor Allem i) daß wir ihnen die Quellen Ehrlosen Gewinnes und Betruges verstopfen, die wir ihnen selbst öffneten und in schlechtcrganisirten Staaten noch offnen. Wer macht den Betrüger? Der Dummkopf oder der Gewaltthärige; oft sind beide in Einer Person. Lasset die Christen ihre Gewerbe so gut verstehen, so emsig betreiben , als die Juden das ihrige; lasset christliche Familien, Zünfte und Gesellschaften einander so beistchn, als eS die Juden, einander zu thun gewohnt sind, wer wird den Preis vor dem andern erjagen, Juden oder Christen? Und da Jene eben vom verderbtesten oder verfallenste» Theil der Nation ihren vcrbotnen Gewinn ziehen, von verschwendenden Jünglingen, z. B.; von Großen, die in dürftiger Pracht, von Mächtigen, die bei ihren aufs höchste gestiegnen Bedürfnissen in verschwendender Armuth leben; an wem liegt die Schuld, daß sie diesen vcrbotnen Gewinn Haschen dürfen? Der üppig-dürftige Große mißbraucht sie, und sie mißbrauchen ihn siebenfach mehr: denn wo wäre ein Winkel, wohin ei» Jude nicht kommen könnte? Der mächtige Verschwender läßt sie andre drücken, damit Er sie ausdrücken möge; ist die Schuld ganz die ihre? Stecken sie wie der Nagel in der Wand, dem man häusliche oft häßliche Geheimnisse aufhängt, die, wie man sagt, nur ein Ehrloser Jude wissen soll und darf, werden sie zwischen Thür und Angel geklemmt, was können sie thun, als dort in die Wand bohren, hier sich durchwinden, wimmern und beißen?
Wo also Juden sind, muß die Verbesserung bei Ehrlosen Christen angefangen werden, die den Ebraer
zu Beförderung eines geistigen -Reiches, m
mißbrauchen. Ein Ministerium, bei dem der Jude alles gilt, eine Haushaltung, in der-eür Jude die Schlüssel zur Garderobe oder der ganzen Easse des HaufeS führet, ein Departement oder Eommissariat, in welchem Juden die Hauptgeschäfte treiben, eine Universität, auf welchen Juden als Makler und Geld- Verleiher der Studirendcn walten, sind unauszutrock- nende Pontinische Sümpfe; die politische Bekehrung fangt vom Unrechten Ende an, wenn sie den Juden trifft, nicht den Christen. Denn nach dem alten Sprichwort, wo Faulniß ist, Hecken Infekten und Würmer. Ein dem Juden verhafteter oberer Stand druckt durch sie alle Stande; die härtesten Strafgesetze hierüber sind den Ebraern selbst Wohlthat. Zuerst muss das Ehrlose weg aus ihrer Zunft, che der Staat ihnen wahre Ehre erzeigen darf; so lange der Verdacht einer nakionsllen Ehrlosigkeit gegen sie dastchet, sind alle Weißbrennereien vergebens.
Dies fühlt der Ebraer selbst. Eine Judenschaft, der ihr guter Name lieb ist, wird den Ehrlosen unter ihnen weniger schützen, als die mit ihm zusammenhängende oder erkaufte und bestochene Christen. Wenn er aus ihrer Mitte verbannt und sein Name vertilgt wird, ists Jenen Freude und Gcnugthuung; Schimpf und Schande dagegen, wenn ihn christliche Gesetze begünstigen und dulden. Ehrlicbende Ebraer werden die Gelegenheiten nie gern sehen, da Einer ihres Geschlechts mit Recht und Unrecht zu einem überschwenglichen Reichthum kommt, weil er der ganzen Nation Haß und Neid aufladet. Sein Name, er heiße Süß oder Ephraim, wird Zeiten hinab auch dem Unschuldigen vorgerückt und Ec mit demselben gcstaupet.
Hl
,i2 I. Unternehmungen d. verging. Jahrhunderts
2. Wäre auf solche Weise der gute Name geschützter .Juden in Sicherheit gesetzt und würde darin durch» strenge Gesetze gegen Verlocker und Betrüger, gegen Hehler und Stehler, gegen Zins-, Trödel- und Betteljudcn gehalten: so betrachre sich
die Christenheit gegen das Judenthum als-der Wachthabende, gebildetere Theil, gehe ihm mit edlem Beispiel voran, und zwinge ihn gleichsam durch Vorsicht und Zutrauen zur Achtung gegen sich selbst, d. i. zur Ehre. Alle Gesetze, die den Juden arger als Vieh achten, ihm nicht über den Weg trauen und damit ihn vor den Augen Aller täglich, stündlich Ehrlos schelten, sic zeigen die fortwährende Barbarei des Staats, der aus barbarischen Zeiten solche Gesetze duldet. Um so mehr müssen dick Gesetze Rache, Haß oder mindstens verbissenen Groll, erzeugen, da in manchem Betracht der Jude ein schärferer Ehrenrichter ist, als der gemeine Christ cs seyn kann. Diesen druckt gewöhnlich die Würde seiner Vorgesetzten und der höheren Stände wie Blei und Eisen zu Boden, daß er kaum aufrecht stehen, geschweige gerade sehen kann, indem von Kindheit auf seine Begriffe über Stand und Ehre verschoben und irre gemacht werden. Nicht also der Jude. Da er auf keine Würden im Staat Anspruch machen darf, wohl aber mit allen Ständen Gewerb' hat, die Schwächen Aller kennet und ihre Geheimnisse weiß: so lernt Er alles schätzen und wahren Werth vom falschen gewiß unterscheiden. Also auch für seine Person hat er ein reineres Gefühl für Ehre, als man ihm gewöhnlich zutrauel, indem er dies« von Complimcnten, die ihm
nichts
zu Beförderung eines geistigen Reiches. rr3
nichts completiren, sehr wohl unterscheidet und Schuld- ner-CompIimente tief verachtet. Lessing insonderheit hat dies unbefangnere Urthcil gebildeter Juden, ihre schlichtere Art, die Dinge anzusehen, in Nathan dem W ei sen dargestellt; wer darfihm widersprechen, da der Jude als solcher von manchen politischen Vorurthcilen frei ist, die wir mit Mühe oder gar nicht oblegen? Meynet Ihr nicht, daß, wenn statt des Marquis d'Argens ein Jude wie Nathan Jüdische Briefe geschrieben hatte, diese in Vielem eindringender, scharfsinniger, selbst wahrer gewesen waren, als es jetzt die übrigens schätzbaren Dettrc-s luivss seyn konnten? Wer übertraf Sp in oza an Consequenz, die er in sein System der Moral und Politik, selbst der Theologie brachte ? Einen Drob i o, P int o , so manche treffliche Ausspräche und Parabeln der Rab- binen, die sich auf die feinsten Bemerkungen gründen, wird irgend ein Verständiger sie ohne Achtung lesen? Dem Pöbel der Schriftsteller zwar waren oft die sinnreichsten Parabeln aus Haß und Verkehrtheit bald lächerlich bald verächtlich; woher aber? Weil er in ihnen (von allen ist nicht die Rede) den Sinn nicht faßte und sich an die oft kindisch scheinende Einkleidung mukhwillig hielt. Daß endlich einmal diese Turlipinaden des Judentbums aus ihren Mährchen aufhören, will zur Ehre christliche'' Nationen selbst der fortschreitende Geist der Zeit, der auch die Albernheiten einer abgeschränkten Schule lieber zu erklären sucht, als daß er sie grob vcrböhne. Unter Drangsalen, die dies Volk Jahrhunderte lang betroffen haben, welch' andre
Herders Werks z. Phil. u. Gesch, X. H /tL-o.-ien.Is.
i >/, I. Unternehmungen L. vcrgnng. Jahrhunderts
Nation hatte sich auf dem Grade der Cultur erhalten, auf dem sie ihr Inhaltliches Buch der Bücher, die Sammlung ihrer h e i l ig e n Schriften, mit ihnen die Schreib- und Rechenkunst sesthielt? Noth und ihr Gewerbe haben sie zu einem Scharfblick gebildet, den nur ein stumpfes Auge nicht wahrnimmt. Wenn nun im Felde der Menschheit jedem vorzüglichen Charakterzuge sein Lob gebühret, warum nicht diesem? Von der leidenschaftlosen, man möchte sagen gesetzlichen Großmuth und Wohlthätigkcit edler Israeliten findet man hie und da Züge, die eben so überraschen als befremden. Auch sie hat Lessing, wo er konnte, herausgesetzt *); in Lebensbeschreibungen findet man oft dergleichen Züge: denn nicht alle Juden sind S h y l ock s.
3. Und wenn der größere Thcil der Nation zu dieser Milde freylich noch nicht gelanget ist, was kann ihn dazu leiten? als — eine bessere Erziehung; Moral und Cultur. Unvermerkt heben diese die Ungleichheit zwischen Menschen und Menschen auf; sie wecken das Gemüth und ebnen den Charakter. Nun hat der Staat unwidersprech- lich das Recht und die Pflicht, Fremdlingen, die er schützt, eine Erziehung zu geben, die seinen Grundsätzen gemäß sey; die Sorge dafür ist ec seinen Eingebohrnen schuldig. Für beide Theile tragt diese bessere Erziehung ihren Vortheil mit sich. Jn-
*) S. sein Lustspiel: die Juden, Nathan den Weisen u. f.
zu Beförderung eines geistigen Reiches.
dem Juden - und Christenkinder nach Einerlei Grundsätzen der Moral und Wissenschaft erzogen werden, (von Religionsgebräucheu ist nicht die Rede) lernen sie einander kennen und achten, vergessen Vorurtheile, die sie sonst schieden; die ewigen Klagen gegen die böse Moral der Juden verschwanden von selbst, indem der Staat wußte, in welchen Grundsätzen sie erzogen werden. Wie es Pfleglingen abgesonderter Institute erging, daß sie Menschenscheu in die Welt traten und selten gediehen, dagegen, unter Menschen erzogen, diese sie liebgewinnen und von ihnen liebgewonnen werden; so auch dem Judenthum, wenn es sich von der National-Erziehung nicht mehr ausschließen d a r f. Gemeinschaftliche Eultur der Seele vereinigt die Menschen aller Zeiten, Gegenden und Völker. Wer denkt bei Spinoza's, Mendelsohns, Herz philosophischen Schriften daran, daß sie von Juden geschrieben wurden ? Und wenn die Töchter Zions dereinst ihren Vorfahren, einer Mirjam und Deborah in Künsten der Muse nacheifern; wen wird es befremden? Ein Jüdischer Dichter sagt sogar. „Was spricht die Tonkunst bei den Christen? Aus dem Lande der Ebräer bin ich entführet." Man gebe sie ihnen also wieder.
Uebrigens zu welcher Lebensart die Juden geneigt scyn, ist kein Problem mehr; die drei alten Welttheile haben es Jahrtausende hindurch längst auf- gelöset. Waren sie gcbohcne Kriegshclden, wie viele Anlässe unter Griechen und Römern, vorzüglich in den Mittlern Zeiten unter Christen foderten sie auf, ihren Muth zu zeigen! Waren sie Scehel- den, Künstler, Landcolonc; bei den Reich-
H 2
n6 I. Unternehmungen d. occgang. Jahrhunderts
thümern, die sic besaßen, bei ihrer Zerstreuung in alle Welttheile, hatten sie langst etwas Außerordentliches zu Stande gebracht, in Landern und Zeiten, wo Nichts sie hinderte, in jeder Kunst die Ersten zu werden! D i e Kunst, worin sie die Ersten wurden, zeigen sie fortwährend. Räumte man ihnen also alle Zweige bürgerlicher Nahrung, Zunftgewerbe u. dgl. ein, so würden und müßten diese in ihrer Hand bald Verleger- Comto i rs werden, denen die LandeSeigenrhümer, die Kanoniker, uls Fabrikanten dienen, nach der Verheißung: „Fremde werden stehen und eure Heerde weiden; Ausländer werden eure Ackerleute senn; ihr aber, das erwählte Volk, werdet die Frucht ihres Schweißes genießen und herrlich leben." Wie der Thalmud schreibt: „Wer hundert Gülden im Handel hat, kann olle Tage Fleisch essen und Wein trinken; wer hundert Gülden im Ackerwerk liegen hat, muß Kraut und Kohl essen, muß dazu graben, viel wachen und sich dazu Feinde machen. Auch weil wir niemals ein Thier oder einen Vogel gesehen haben, der ein Handwerk gekonnt hatte , auch keinen Hirsch , der Feigen aufgedürret, noch einen Löwen, der eine Last aus seinem Rücken getragen hatte, auch keinen Fuchs, der ein Kramer gewesen wäre: sie nähren sich alle ohne Schmerzen, unangcschcn, daß sie allein zum Dienst der Menschen erschaffen seyN. Wir aber sind erschaffen, daß wir Gott dienen sollen; ists nun nicht billig, daß wir uns ohne Schmerzen nähren ?" Immerhin ohne Schmerzen! nur nicht durch Betrug und Ucberlistung.
Welche Aussicht wäre cs, die Juden, ein so scharfsinniges Volk, der Eultur der Wissen-
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 117
schuften, dem Wohl des Staats, der sie schützt, und andern der Menschheit allgemeinnützlichen Zwecken treuergeben, in ihren Beschäftigungen und in ihrer Denkart selbst reinhuman isirt zu sehen! Abgelegt die alten stolzen Nationalvocurtheilc; weggewocfen dis Sitten, die für unsre Zeit und Verfassung, selbst für unser Klima nicht gehören, arbeiteten sie, nicht als Sclavcn an einem Eolisaum, wohl aber als Mitwohner gebildeter Völker am gcößesten und schönsten Colosseum, dem Bau der Wissenschaften, der Gesa m m t - C u l t u r der Menschheit. Nicht auf den nackten Bergen Palastina's, des engen, verheerten Landes, allenthalben stünde da geistig ihr Tempel aus seinen Trümmern empor; alle Nationen verehrten mit ihnen, sie mit allen Nationen verehrten den Weltschöpfcr, indem sie sein Bild, Vernunft und Weisheit, Großmulh und Wohlthatigkeit im Menschengeschlecht ausbildeten und erhüben. Nicht durch Einräumung neuer merkantilischer Vortheile führt man sie der Ehre und Sittlichkeit zu; sie heben sich selbst dahin durch rein-menschliche, wissenschaftliche undbürgerliche Verdienste. Ihr Palästina ist sodann da wo sie leben und edel wirken, allenthalben.
ti8 I. Unternehmungen d, vergang, Jahrhunderts
Lied
zur Bewillkommung des großen Ruhetages der goldenen Zeit *).
Der Vorsänger.
Äuf, o Freund, der Geliebten entgegen!
Salome tritt heran; freundlich empfangen wir
sie **).
(Die Gemeine wiederholt diese Worte.)
Der Vorsänger.
Gedenk' und bewahre ***) ! sprach der Einige
Gott,
In Einem Laut.
Der Ewige ist Einer, Einig ist sein Name, Einig in Ruhm, in Majestät und Preis.
Auf, o Freund, der Geliebten entgegen! Salome tritt heran; freundlich empfangen wir sie.
*) Von Rabbi Salomo Hallevi.
**) Salome. Das ganze Hohelied ward auf diesen Sabbath gedeutet. (Salome, „die Friedsame/')
***) Schamor und Zochor bei der doppelten Anführung des Gesetzes im iren und 5ten Buch Moses sollen Ein Laut gewesen seyn, nach der Auslegung der Rabbinen.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 119
Eilet mit mir dem Tage der Ruh' entgegen, Dem Urquell aller Seligkeit.
Vom Anbeginn zur Feier bestimmt,
Ein Ziel der Schöpfung im Entwürfe schon * **) ).
Königs Tempel! Gottes Pallast!
Tritt aus deinen Trümmern bervor!
Zu lange rastest du in öder Tiefe;
Erhebe dich! Von jetzt an immer verschont.
Entschüttle dich des Staubes, richte dich auf! Leg', v lege, mein Volk, den Festschmuck an! Durch des Bcthlehemitcn Jsai Sohn Ahnet meinem Gemüth: „Die Befreiung ist nah!"
Auf, 0 Freund u. f.
Ermann', ermnntre dich!
Siebest du jenes Licht? Es schwindet schon Mein Licht bricht hervor! Auf! stimme den Psalter
an!
„Die Herrlichkeit des Ewigen erscheinet über dir ***)!"
Auf, 0 Freund u. f.
Was betrübst du dich? Warum bangst du?
Nie wirst du mehr beschämt und schamroth stehn. Schutz findet in dir der Arme meines Volks,
Fest wirst du zur unüberwindlichen Stadt gebaut.
Auf, 0 Freund u. f.
") 1 Mos. 1.
**) Die Reiche der Volker.
Jesaja 60.
120 l. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
Die dich beraubten, werden zur Beute werden, Und fern dir seyn, die dich zerstöreten;
„Dein Gott wird sich erfreuen über dir,
Wie der Bräutigam an seiner Braut sich freut*).
Auf, o Freund u. f.
Links und rechts wirst du ausbreiten dich Durch ihn, den Mann vom Parsengeschlecht **). Verbreiten wirst du rings des Ewigen Preis;
Wir freuen uns Deiner, wir werden fröhlich seyn, Auf, o Freund u. f.
Willkommen uns, du Krone des Manns ***), Tritt herein, o Geliebte, mit Freud' und Jauchzen
herein,
In den Chor meiner Treuen, des geliebten Volks. Alle.
Tritt, herein, o Geliebte! Salome, tritt herein!
Auf, o Freund u. f.
Jesaja 62, 5 .
") Von P e r e z , Zertheilung , h, Mos. 26 , 20.
***) Sprüche Sal. 12, l».
zu Beförderung eines geistigen Reiches. i2t
S.
Cherbury und Luther.
Lord Herbert von Cherbury, ein Ritter, edel und kühn, galant, gelehrt und zu jedem Geschäft tüchtig, seine Bücher, „von der Wahrheit" inglcichen „über die Ursachen der Jrrthümer und über die Religion der Layen" im Jahr 1624 als Gesandter zu Paris herausgeben wollte, sandte er sie in der Handschrift dem HugoGrotius, der damals gleichfalls Gesandter zu Paris war. Sic gefielen ihm wohl; er ermunterte den Ritter zur Ausgabe dieser Schriften. Noch aber mit Grotius Billigung nicht zufrieden, foderre dieser gleichsam den Himmel heraus, sein sorgsames Gemüth, „ob er das Buch hcrausgeben sollte e" durch ein Zeichen zu vergewissern. „So voller Zweifel, (schreibt er) saß ich an einem heitern Sommertage in meinem Zimmer ; mein Fenster war gegen Süden offen; die Sonne schien hell; kein Lüftchen regte sich. Ich nahm mein Buch von der Wahrheit in die Hand, warfmichauf meine Knie und betete andächtig in diesen Worten: O du ewiger Gott, du Urheber dieses Lichts, das mich jetzt bescheinet, du Geber aller inneru Erleuchtung; Ich flehe dich an nach deiner unendlichen Güte,
122 1 . Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
mir eine größere Bitte zu verzeihen, als dir ein Sünder thun sollte. '.Ich bin nicht überzeugt genug, ob ich dies Buch bekannt machen darf oder nicht? Gereicht die Bekanntmachung desselben zu deiner Verherrlichung, so bitte ich Dich: gib mir ein Zeichen
vom Himmel. Wo nicht, so will ich es unterdrücken." Kaum hatte ich diese Worte ausqeredet, als ein lautes und doch zugleich sanftes Getöse vom Himmel kam. (Denn cs war keinem Schall auf Erden ähnlich.) Dies richtete mich dermaßen auf und gab mir eine solche Befriedigung, daß ich mein Gebet für erbört hielt und das verlangte Zeichen zu haben versichert war. Hierauf entschloß ich mich also, mein Buch drucken zu lassen. Ich bezeuge vor dem allwissenden Gott, daß dies, so fremd es auch Manchem scheinen mag, wahr ist. Ich bin auch gewiß nicht abergläubischer Weise hierin betrogen worden. Denn ich hörte nicht nur das Getöse ganz deutlich, sondern ich wollte auch noch den Ort zeigen, woher es kam. Es war der heiterste Himmel, den ich jemals gesehen habe und kein Wölkchen an demselben *)."
Was der Lord hier vom Himmel begehrte, erfährt das Gemüth jedes ehrliebcnden Mannes. Wer die Wahrheit sucht, worüber es sey; wer sich der Absicht, zum Besten der Menschheit wirken zu wollen, redlich bewußt ist, warum wollte er auf ein Zeichen
^ Lelands Abriß Deistischcr Streitigkeiten LH. >. S. 6ist. Das Leben des Lords, von ihm selbst geschrieben, erschien in London 176h,. Aus ihm ist Obiges eine Stelle.
zu Beförderung eine? geistigen Reiches. i23
vom Himmel warten? Was für Diesen nicht ist, ist für Jenen; was heute nicht nützt, nützt morgen.
„Aergerniß hin, Aergerniß der, sagt Luther, Noth bricht Eisen und hat kein Aergerniß. Ich soll der schwachen Gewissen schonen, sofern cs ohne Gefahr meiner Seele geschehen mag: wo nicht, so soll ich meiner Seele rathcn, es ärgere sich daran die ganze oder halbe Welt."
,,§rei bekennen und öffentlich predigen das Wort ist das höchste Werk im christlichen Leben, daran muß man wagen Leib und Leben, Gut und Ehre. Denn recht glauben und wohl leben heimlich und bei ihm selber ficht der böse Geist nicht so hart an; aber wenn man will herausfahren, dasselbe bekennen, predigen und loben, auch den andern zu gut, das mag er nicht leiden. Ein sicher Gewissen, das der Sache gewiß ist, fitzclt und fctzelt nicht; es sagt dürre und frisch heraus, wie es an ihm selber ist."
,,Mit dem Evangelio zu unsrer Zeit ists gleich als mit einem Menschen, der da sterben will, dem jetzt die Seel' auf der Zunge ist, daß er nur ein wenig die Zunge rührt und murmelt die Worte: in deine Hände befchl' ich meinen Geist. Also sind wir jetzt der letzte Druck des Evangelii. Das Evangelium ist nicht eine ewigwahrende bleibende Lehre, sondern ist wie ein fahrender Platzregen, der dahin lauft. Was er trifft, das trifft er; was fehlet, das fehlt. Er kommt auch nicht wieder, bleibt auch nicht stehen:
124 I. Unternehmungen d. vergcmg. Jahrhunderts
sondern die Sonne und Hitze kommt hernach. DaS gicbt auch die Erfahrung, daß an keinem Ort der Welt das Evangelium lauter und rein blieben über Ein Mannes denken; sondern so lange die blieben sind, die es anfbracht haben, ists gestanden und hat zugenommcn: wenn dieselbigen dahin waren,
war das Licht auch dahin; folgeten sobald Rottengei- stcr und falsche Lehrer."
„Das Evangelium muß Jedermanns Fußtuch seyn, daß alle Welt darüber laufe und mit Füßen trete, samt seinen Lehrern und Schülern. Fürsten und Herren verfolgend, böse Buben schandcn's und lastcrn's. Und oh cs gleich nicht durch Krieg und Mord getilget wird, so wird es doch bei der Verachtung und Undankbarkeit der Welt durch Lügen und falsche Lehr' untergehen."
„Wenn der Teufel so klug wäre und schwiege stille und ließe das Evangelium predigen, so würde es weniger Schaden haben. Denn wenn das Evangelium nicht angefochlen wird, so verrostet es gar, und hat Urfach, seine Gewalt und Kraft an Tag zu geben."
zu Beförderung eines geistigen Reiches.
121 »
9 -
Freidenker,
?^/er Name Freidenker kam mit dem'Anfänge des achtzehnten Jahrhunderts in Gang, seit Lola nd, von seiner Kirche ausgestoßcn und über sein Buch *) verfolgt, sich diesen Namen beilegte , fortan auch mit lautem Hohn also genannt wurde. Seitdem ergossen Swift und andre witzige Köpfe auf die Freidenker ihren Spott; man zahlte zu ihnen die verschiedensten, oft sehr achtungswürdige Schriftsteller, und gesellte sie zu den leichtfertigsten Buben. Andre, die den Namen mit Recht verdienten, nannte man nicht also, weil sie zur hohen Kirche gehörten. So ist der Titel ein Netz voll guter und böser Fische , ja zuletzt Sankt Petrus Tuch in der Apostelgeschichte worden, bis man ihn gar fallen ließ und dafür Ungläubige (insiäsls) sagte. Auf dem festen Lande ging es mit dem Namen Freigeist (ssxrit kort) nicht anders. Es hat Narren und Kluge bedeutet, bis seine Zeit auch dahin ist.
Das ganze verlebte Jahrhundert zeigt nämlich, daß Freidenker, Freigeister und wie man sie
*) Lbristisuit^ not in)'?terious r6g§. 1702.
»26 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
sonst nennen möge, dem Christenthum lange nicht so gefährlich gewesen, als man sich im ersten panischen Schrecken einbildete, ja daß sie ihm vielfach nützlich geworden. Nicht nur erweckten sie den Geist der Prüfung, und hielten ihn wachsam; sondern (wer darfs laugneni) sic brachten meistens bessere Schriften hervor, als sie selbst schrieben, bcßre, ja gegenseitige Wirkungen, als die sie zur Absicht hatten. Ohne dergleichen Anfalle aufs Christenthum hätten, (unter Vielen nur Wenige zu nennen), Locke und Addison, Bentley, Buttler, Berkeley, Campbell, Chandler, Clark, Convbeare, Derham, Ditton, Fester, Gcrard, Ho ad ly, Jenny es, Jorlin, Lardner, Lei and, Parker, Ray, West, Wollaston u. f. manche ihrer schätzbaren Werke nicht geschrieben; sie waren auf manche Untersuchungen nicht geführt oder bei ihnen nicht so festgehalten worden. Und dann wie manchem Englischen Geistlichen wäre damit die Gelegenheit zu Erlangung einer vorzüglichen Stelle (xrakeinnsnt) entgangen! Dagegen jetzt eben die Ungläubigen diesem zu einem Bischoflhum, j.enem zu einer Dechanei helfen.
Verfolgung über Gedanken, welchen Gegenstand diese auch betreffen mögen, ist nicht der Geist des Christcnihums; der Geist des Protestantismus ist Ue b e rzeugu ng, mithin eigne Untersuchung und Prüfung. Am wenigsten waren mit der Verfolgung die zufrieden, die gegen die Un- aläubigen schrieben: denn gegen ein verbranntes Buch oder gegen einen eingekerkerten Unglücklichen zu schreiben ist keine Ehre. Größkentheils waren es
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 127
schwache Andächtlinge, oder gar rohe Gottlose, die gegen sogenannt - Ungläubige Verfolgung erregten; Menschen, wie Hoadly, Berkeley, Fester billigten diese nie.
Wer darf leugnen, daß nicht bei jedem Zusammentreffen denkender Köpfe, wie zwischen Stahl und Stein, Funken hervorspringen? Wenn über Hob- b e s und Shaftesburi, über T 0 l a n d *), H u et, und andre, Anfeinder oder Vertheidiger des Christenthums, ein Leib nitz, wie er es gethan hat, seine Gedanken äußert, sind diese nicht Gewinn? Und wenn, bei entdeckten Blößen, die sogenannte Kirche, obgleich mit Widerwillen, manches Anstößige^, Falsche, Aergerliche unvermerkt fallen laßt, und eben die Ungläubigen Inträsls dazu die Veranlassung gaben, gewann sie dadurch nicht selbst? Das Häßliche oder Seichte in den Schriften Jener ward ihnen gezeigt, unzcitiger Spott, das Gift der Verläumdung siel auf sie selbst zurück; dagegen trat die Wahrheit immer in schönerem Glanz hervor, und Eusebia empfing die Krone.
Bei jedem sogenannten Freidenker unterscheide man also, was er auch außer seiner Freidenkerei Gutes geleistet, und was er bei jener im Sinne gehabt, von Dem, was er unkräftig oder aufgebracht gegen
Ueber Tolands Schrift: tldrlstisnit^ not ni)-8te- rlons, urtheilte Leibnitz sehr milde. S. seine HKnotatiuncuIns sä Ukrnin äs Ldristi-iiusin^ m-esteriis oarents. 1701,
128 I. Unternehmungen d. Hergang. Jahrhunderts
Lehren der Kirchen unternahm; im Letztem konnte er ja widerlegt werden. An Tvland z. B. wer wird an ihm den vielbelesenen Mann, den Hellen Kopf, den warmen Prüfer verkennen ? wenn er gleich, durch Verfolgungen erbittert, von Schrift zu Schrift seine Feder in schärferen Essig tauchte. Sein Buch EUristiswit^ not ni)'st6riou8, „daß das Christen- thum keine Geheimnisse enthalte," hatte einen nicht nur unschädlichen, sondern wahren und schöneren Gesichtskreis gewonnen, wenn er seinen Plan im Sinne des Ehristenthums selbst verfolgt hatte. Denn sagt und behauptet dies nicht selbst, daß es ein cnt- h,ül ltes Geheimniß, Offenbarung eines bisher verborgen gewesenen göttlichen Rathes sey? Saget sie nicht selbst, die Zeit der Geheimnisse, Typen und Embleme, die Nälh sei zeit sey vorüber? Hätte jemand ihm friedlich eine Schrift dieses Inhalts vollwichtig und überwiegend entgegen gestellt, was konnte Loland dazu sagen? Daß er mit seinem Amyn- kor, mit seinem Nazarenus, mit seinem Aufsatz „vom Ursprungs des Jüdischen Volks" Prüfung veranlassen wollen, saget er selbst; das vergangene Jahrhundert hat sie angcstellt, das angetrctene wird sie fortsetzen; denn geendet ist die Prüfung bei weitem noch nicht, zu der Toland (nur zu aufgebracht und ungestüm) aufforderte. Und dann, wer darf laugnen, daß er mir seinem Leben Miltons, mit seiner Ausgabe von Harringtons Oceana, mit seiner Untersuchung des er,w und andern Schriften sich wirkliches Verdienst erworben? Ein größeres wäre ihm geworden, wenn er, ein aebohrner Irländer, der Gälisch
verstand,
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 129
verstand, feine Geschichte der Druiden und der Celtischen Religion hatte ausarbeiten können, oder wenn man überhaupt diesen guten Kopf besänftigt und in Ruhe genutzt hatte *). Jetzr, da er sich gekrankt fand, weil man ihm kein* Gerechtigkeit wiederfahren ließ, ward er eitel, und weil er einmal auf dem Wege der Paradoxieen war, verfuhr er sich darauf weiter und weiter. Zuletzt, als ihn die Armuth nöthigte, für seinen Unterhalt zu schreiben, schrieb er Schlechtes. „Wahrend seiner letzten Krankheit (sagt sein Lebensbeschreiber) äußerte er eine philosophische Geduld, eine gänzliche Ergebung in den Willen Gottes und war sehr erfreut über seine hcrannahende Auflösung. Da er den Tag vor seinem Tode vergnügter, als gewöhnlich zu seyn schien, und ich zu ihm sagte: „ich hoffe, es sei besser mit ihmgab er mir zur Antwort: „mein Herr, ich habe keine Hoffnung, als
auf Gott." Wenige Minuten vorher, ehe er starb, sah er einige Freunde, die in dem Zimmer waren, starr an, und als man ihn fragte: „ob ihm etwas fehle?" gab er mit der standhaftesten Entschlossenheit zur Antwort: „es fehlt mir nichts, als der
Tod." Die ruhmredig scheinende Grabschrist, die er sich selbst, wenige Tage vor seinem Tode schrieb, und die ihm so häufig zur Last gelegt wird, ist auch zu entschuldigen. Da niemand der Lebenden ihm Gerechtigkeit wiedcrfahren ließ, verschaffte er sich dieselbe selbst, durch ein Bekcnntniß auf seinem Grabe.
*s S. die Lolleciioii »k »evernl IKeces lolnnä, mit seiner Lebensbeschreibung, erders Werte z. Phil. u. Gcsch. X. I Xci, aeiea. H.
i3<, I. Unternehmungen d. vergang. Zahrhundcrks
In der Philosophie wnr Toland ein Schüler deS Jordano Bruno, aber wie allenthalben ein flüchtiger Schüler. Seine Nachfolger-Freidenker in England überkraf er alle an Gelehrsamkeit und Scharfsinn.
Anton Colli » s, ein ehrlicher, gutmüthiger Mann, Menschenfreund im achten Sin» des Wortes, war freilich den Materien, über die er schrieb, nicht gewachsen; verdiente er aber den harten und stolzen Ton, mit welchem der überlegene Bcntley ihn anfuhr? Manche seiner Behauptungen über die Weissagungen hatte Gr otius langst vorher und besser vorgekragen; andre sind in der Folge der gemeine Gesichtspunkt worden. Können Aussichten in die Zukunft, die in Seelen der Menschen entwickelt werden, anders als zeitmaßig lind local, durch Umstande veranlasset, im Gesichtskreise dessen geschildert werden, der sie hat und vortragt? Der große Geist der Zeit, der Alles umfaßt und ordnet, entwickelt sie nachher höher und weiter. Er führt einen Sinn chervor, an den der Weissager nur wie im Traum dachte.
Woolston kam in seine Jrrthümer — wodurch ? Durch einen schwärmerischen Hang für die Allegorieen der Schrift, nach Origenes und andern sogenannten Kirchenvätern. Gerichtliche Ver-
"7^. ^ V F
zu Beförderung eines geistigen Reiches.
folgungen erhitzten seinen ohnedies warmen Kopf; er starb — hier laßt die Menschheit eine Thrane fallen — der gute Mann starb seiner wohlgemeynten Allegorieen wegen, zu denen er die Wunder Christi machte — im Gefangniß. „Dieß ist ein Kampf, sagte er zu seinem Wärter, den alle unternehmen müssen, und den ich nicht nur geduldig, sondern auch gern unternehme." Hierauf schloß er sich Augen und Lippen mit seinen eignen Fingern zu, um seinem Gesicht eine geziemende Gestalt zu geben. Er war exemplarisch sanftmüthig und mäßig. Er pflegte zu sagen: wenn er des Jahrs auch mehr als 6c> Pfund hatte, so wüßte er nicht, wie er sie ausgeben sollte. Als ein niedriger Dösewicht ihn mit einem garstigen Pasquill angegriffen hatte und man ihm rieth, diesen gerichtlich zu verfolgen, erkundigte er sich nach seinen Umstanden. La er vernahm, er habe eine Familie und sei in dürftigen Umstanden, sagte er: „wenn ich die armen Geschöpfe durch gerichtliche Verfolgung an den Bettelstab bringe, machte mir nicht ihr Elend mehreren Kummer, als eine gerechte Verfolgung gegen meinen Beleidiger mir Vergnügen verschaffen könnte ?" So unterließ ers. — Ein solcher Mann starb, gesuchter Allegorien wegen — im Gefangniß!
Obgleich dem Charakter nach die Namen eines Tindal, Chubb, Morgan nach jenen kaum genannt zu werden verdienen, so haben doch auch sie durch die Schriften, die Wen entgegengesetzt wurden,
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,32 I. Unternehmungen d. Vorgang. Jahrhunderts
Gutes veranlaßt. Liebenswürdig z. B. erscheint -gegen T i n d a l der bescheidne Fester; auch in Deutschland heben die Schriften des Letzten, so wie mehrerer Verkheidigcr der Religio», eines Loche, Earke, Buttler, Iortin u. a. viel Gutes gestiftet Von Ucbersetzungcn der Art sing sich auch bei uns der bessere Geschmack und Ton in der Theologie an; Sack, Spalding, Ebert, P i s t o- rius, Seniler u. a. haben sich dadurch ein fort- wirkendcs Verdienst erworben. Ohne diese vielfach- freiere Ansicht drr Dinge saßen wir vielleicht noch auf -den Schulbänken der lateinischen -alten Dogmatik.
Ueber einen großen Troß von Einwürfen der sogenannt-Ungläubigen hat uns Deutschen eine schone Muse weggcholfen, kricische Sprach-, Zeiten- und Völkerkunde; sie hat uns eine freiere Ansicht der Dinge, mithin auch der jüdischen und christlichen Schriften gegeben, gegen welche jene Einwürfe zusammen gehäuft waren. Nur durch ein fleißiges Sprachstudium, durch eine unbefangenere Kennrniß der Völker und Zeiten des Altcrthums, insonderheit aber durch eine Verbindung mehrerer Wissenschaften und Kenntnisse konnte diese höhere Ansicht erlangt werden. Wie klein Und halbverstandcn zeigen.sich in ihr so viele Einwürfe B o lin g b r o k e' s, Morgan' s , Ehubbs u. a.; in wie hellerem Vicht und Einklang dagegen erscheinen jetzt diese gegen andre Schriften und Völker ! harmonisch ihrer Zeit., Voroder Mitklanqe in der großen Leiter der sittlichen Cultur des Menschengeschlechts, der Panharmonie der Völker.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. r32
Fortsetzung.
„Noch weiß ich nicht, wird Mancher sagen, was ich mir unter Freidenkern zu denken habe? Frei soll ja Jedermann denken." Zu wünschen wäre es, daß Jeder sich diesen Zweifel machte, ehe er das Wort als einen Schimpfnamen ausspricht.
r. Die roheste Bedeutung., die man an den vieldeutigen Namen Inkiclsls knüpfte, ist die, daß man sie für Treulose hielt, die, indem sie jeder Meinung ihrer Kirche nicht anhingen, oder manche gar anfochten, Bundbrüchige seyn, ohne Gott und Religion, ohne Gewissenhaftigkeit und Scheu vor irgend einem Laster. Abscheuliche Insinuation, durch ein Wort erschlichen, das ganz etwas anders bedeutet. Wer am Kirchenglauben dieser oder jener Secte nicht fcsthält, wäre der darum ein Gotteslaugner, ein Treuloser gegen Pflicht und Gewissen, ein Unmensch? Die Frage: ob cs Atheisten gebe? hat sich zwar in der letzten Halste des verflossenen Jahrhunderts durch laute Zeugnisse, zumal von Frankreich aus, beantwortet; allein auch diese, wenn sie nicht Sinn und Vernunft aufgebcn wollten, mußten eine Ordnung der Natur, zu der auch sie gehörten, mithin Gesetze anerkennen, die auch über sic geböten. Eben um diese Gesetze reiner und scharfer, ohne Vorurtheil selbst des höchsten Ansehens, zu erforschen, wandten sie den Atheismus vor und begnügten sich an blinden, nolhwendigcn Machten. Selbst wider diese gilt also der gehässige Vorwurf einer allgemeinen Treulosigkeit gegen Pflicht und
a3/s I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
Ordnung nicht; viel weniger in Ansehung solcher, hie über diese und jene kirchliche Meynung anders dachten. Eher würde man die schlechten Politiker und Moralisten, die auf Nutz und Eigennutz Alles bauen, einen Mandeville und seine seichten Nachfolger Infidels nennen müssen, wenn auch in Ansehung ihrer das Wort nicht zu hart Ware. Hinweg also mit dem erbitternden Vorwurf! Zu lange hat man mir dem Ausdruck „ein Mann ohne Religion" Menschenfeindlich - grausam gespielet.
2 . Nennt man Freidenker diejenigen, die gegen Inspiration oder Authenticitat oder gegen den Inhalt biblischer Bücher hie und da Zweifel erregten; so kommt es auf die Grunde an, mit denen sie diese Zweifel vertrugen. Waren sie gründlich; warum sie nicht Horen, prüfen? Ungründlich; desto leichter sind sie zu widerlegen, oder verdienen auch diese Widerlegung nicht. Bibel heißt ein Buch, unsre Bibel ist eine Sammlung Bücher eines alten Volks, das in einem uns fernen Erdstrich, in einer uns fremden Sprache diese Bücher besaß und las; je wichtiger ihr Inhalt, desto genauere Aufmerksamkeit sind wir ihnen und ihrer Geschichte schuldig. Wer diese, wodurch cs sei, rege macht oder befördert, verdienet Dank; heiße er Freigeist oder Freidenker. Daß die Britten, ihres Scharfsinns in andern Wissenschaften ungeachtet, in der Kritik dieser Schriften zurück sind, ist unter andern dem Joch zuzuschreiben, das die Hobe Kirche tragt und aufleget. Die freiesten Denker gehörten nicht zu ihr.
3. Gilt endlich die Freidenkerei Meynungen der Kirche; warum sollte in Absicht dieser nicht das
zu Beförderung eines geistigen Reiches.
Denken erlaubt sepn? Der Protestantismus federt es sogar, da er auf eigne Prüfung und Uebcrzeu- gung gebauet ist; die Reformatoren übten das freie Denken nach dem Maas ihrer Zeiten; nur mittelst seiner wurden sie Reformatoren, Und da sich in der Kicchengcschichte die Wandelbarkeit sowohl als der Ursprung dieser Mcynungen genugsam zu Tage legt, so spricht diese laut für die Freidenker. Hätte Seniler kein Verdienst, als daß er diese Veränderlichkeit des herrschenden LchrbegriffS nach Ort und Zeit nufgedcckt hat, mit so ungewisser Hand er es that; es wäre nicht das geringste gelehrter Verdienste.
In den swbcnziger Jahren des vergangnen Jahrhunderts trat ein Mann auf, den man den Recht- dcnker der Freidenker nennen möchte, Lessing. Früher schon hatte er den Lemnius, den Car- dan, den Iwsxtnin relrFioswin gerettet *); jetzt rettete er den Berengar, und trat bei Herausgabe der Fragmente eines Ungenannten gleichsam zwilchen diesen und seine Bestreiter **). Ein wohlgewählter Standpunkt. Weder ein blinder Verthei- diqer seines Ungenannten, so wenig als dessen Bestreiter, selbst nicht „Wärtel wollte er scpn, der
D Lessings Schriften, LH. 3.
") Zur Geschichte und Literatur. Aus den Schätzen der Bibliothek zu Wolfenbüttel. Beitrag 3. h.. Duplik. Parabel. Axiomata. Lntigötz. 1778.
i36 I. Unternehmungen d. vergang. ZalnhundertS
seine Stange dazwischen würfe, wenn von der einen oder der andern Seite ein zu hämischer und unedler Streich geführt würde *)." Zusehen wollte er dem Kampf und ihn hie und da lenken. Der Plan miß- rieth. Es traten zu blöde, oder zu hämische und hitzige Gegner auf; der Streit wandte sich um Punkte, die nicht eben die reichste Ausbeute geben konnten; der gekränkte Lessing ward des langweiligen, schlechten Kampfs zuerst müde. Die genialischen Blicke, die er indeß auf Streitigkeiten dieser Art überhaupt warf, die allgemeinen Grundsätze, die er dabei festsetzte *^); sie sind ein Erstes in ihrer Art, Gewinn und Regel für die kommenden Zeiten.
„Das Ehristenthum geht seinen ewigen, allmächtigen Schritt: und Verfinsterungen bringen die Planeten aus der Bahn nicht. Aber die Sekten des Christcnthums sind die Phases desselben, die sich nicht anders erhalten können , als durch Stockung der ganzen Natur, wenn Sonne und Planet und Betrachter auf dem nämlichen Punkte verharren. Gott bewahre uns vor dieser schrecklichen Stockung ***)."
„Hören soll uns und über uns urthcilen, wer hören und urtheilen kann und will. O baß er es
*) Borrede zur Duplik.
**) S. Ariomata, wenn es deren in dergleichen Dingen giebt. Nicht minder die Duplik, die Parabel, den Anti-Götze, den Beweis des Geistes und der Kraft, das Testament Johannes.
*") Parabel. S. iL.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. r3)
könnte, Er, den ich am liebsten zu meinem Richter haben möchte! Luther, du! Großer, verkannter Mann! Du hast uns von dem Joche der Tradition erlöset; wer erlöset uns von dem unertraglichcrn Joche des Buchstabens? Wer bringt uns endlich ein Ehristenthum, wie Du es jetzt lehren würdest! wie es Christus selbst lehren würde. Wer *) ?"
„Der wahre Lutheraner will nicht bei Luthers Schriften, er will bei Luthers Geist geschützt scyn; und Luthers Geist crfodert schlechterdings, daß man keinen Menschen, in der Erkenntniß der Wahrheit nach seinem eignen Gutdünken fortzugchen, hindern muß. Aber man hindert Alle daran, wenn man auch nur Einem verbieten will, seinen Fortgang in der Erkenntniß Andern mitzurheilen. Denn ohne diese Miltheilung im Einzeln ist kein Fortgang im Ganzen möglich **)."
„Vielleicht soll, nach Gesetzen einer höheren Haushaltung , das Feuer noch lange so fortdampfen, mit Rauch noch lange gesunde Augen beißen, che wir seines Lichts und seiner Warme zugleich geniesten können. — Ist das; so verzeihe Du , ewige Quelle aller Wahrheit! die allein weiß, wenn und wo sie sich ergießen soll, einem unnützgeschafligen Knechte! Er wollte Schlamm dir aus dem Wege raumen. Hat er Goldkörner unwissend mit weggeworfen: so sind deine Goldkörncr unverlohren ***)."
*) S. 26.
Anti - Götze. S. 7.
Duplik. S. ib2.
lau I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
B a c o.
Von der Wahrheit.
„Was ist Wahrheit?" fragte Pilatus, der Spätrer, und wollte die Antwort nicht erwarten. Gewiß giebts Leute, die am Schwindel der Gedanken Vergnügen finden und es für Knechtschaft halten, durch festen Glauben oder durch standhafte Grundsätze ge Kunden zu Sie wollen im Denken wie iw
Handeln ihren freien Willen haben. Zwar haben die philosophischen Secten dieser Art aufgehörek; indeß sind noch manche windige, hin und her schwätzende Köpfe übrig, die eben dieselben Adern, nur nicht so Blutreich wie die Alten haben. Aber, nicht die Schwierigkeit und Mühe allein, die man übernehmen muß, um die Wahrheit zu finden, auch nicht die aus der gefundener Wahrheit entspringende Fesselung der Gedanken verschaffen den Lügen Gunst; sondern vor Allem die natürliche, obgleich verderbte Neigung des Menschen zur Lüge. Einer der neueren Griechen, der dies untersucht, bleibt erstaunt darüber, und kann keine Ursache ausdenken, warum die Sterblichen die Lüge, um der Lüge selbst willen, lieben? da sie weder, wie die Lüge der Poeten Vergnügen, noch wie die Lüge der Kaufleute Bortheil gewahrte. Ich weiß aber nicht, wie es kommt, daß das reine Lagslicht, die Wahrheit, die verlarvken Fabeln und Possen dieser Welt nicht so prächtig und elegant zeiget, als es die Fackeln und die Beleuchtung der Nacht rhun. Den
zu Beförderung eines geistigen Meiches. 1?>9
Weich einer Perlc kann die Wahrheit, wenn sie am Tage heil leuchtet, vielleicht erlangen; den Preis eines Diamanks oder Karfunkels, der mit mancherlei Licht spielet, wird sie nie erreichen; gemischt mit Lügen gefällt sie immer mehr, als wo sie rein erscheinet. Wer zweifelt daran, daß, nähme man den Menschen ihren Wahn, z. B. leere Mcynungen, schmeichelnde Hoffnungen, falsck>e Schatzungen der Dinge, Einbildungen , die sie sich nach Belieben dichten und dergleichen mehr, daß nicht Manche niedergeschlagen, welk, schwarzgallig, langweilig matt, sich selbst ungefällig und lässig Zurückbleiben würden? Mit großer Strenge nennt Einer der Kirchenvater die Poesie einen Wein der Dämonen, weil sie die Phantasie mit Wesenlosen Dichtungen fülle; und doch ist die Poesie nur ein Schatte der Unwahrheit. Diese, wenn sie die Seele nur leicht durchgehet, schadet nicht; wohl aber die Lüge, von der wir erst sprachen, wenn das Gcmüth sie einsauget. Indes, wie bei verkehrten Neigungen und Denkarten der Menschen sich dies auch verhalten möge, so lehret doch die Wahrheit, (die eigentlich sich selbst allein richtet), daß ihre Erforschung, wenn man sie als ein um sie Werbender verdient, ihre Kenntnis, die sie gegenwärtig darstellt, und ihr' beifälliger Empfang, der gleichsam ihr Genuß und ihre Umarmung ist, das höchste Gut der menschlichen Natur sei.
Im Schöpfungswerke war das Erste, was Gott schuf, Licht für die Sinne, das Letzte, L i c ht der Vernunft; ja sein Werk am Ruhetage, das er fort und fort treibet, ist Seines Geistes Erleuchtung. Zuerst hauchte er der Materie, nachher
rgc> I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
dem Menschen Licht ins Antlitz; fortwährend hauchet ers ins Angesicht der Erwählten. Der Dichter, der eine, sonst nicht die vorzüglichste, Secte zierte, sagt sehr schon: „Angenehm ists, vom Ufer herab die erregten Fluchen zu schauen; angenehm vom Fenster des Schlosses die begonnene Schlacht, ihr wechselndes Glück zu bemerken; keine Wollust aber gleichet der, wenn auf hohem Gipfel der Wahrheit, (gewiß ein hoher, unersteiglicher Gipfel, wo die Luft immer hell und heiter ist), man herab in das Thal voll Ungewitter, Dunkelheit und Jrrthum, in dem die Menschen umhertappcn, von oben schaut wenn dies Schauen nur auch Mitleid, nicht schwülstiger Stolz begleitet. Das heißt der Himmel auf Erden, wenn unser Gemüth über den Polen der Wahrheit sich umhcrschwingt, in der Vorsehung ruht und sich in Liebe beweget.
*
*
*
Um von der theologischen und philosophischen Wahrheit auf die Wahrheit oder vielmehr Wahrhaftigkeit in bürgerlichen Geschäften zu kommen: so müssen selbst Die, die sie nicht ausüben, anerkennen, daß eine offne, ungeschminkte Art, Geschäfte zu behandeln, eine ausnehmende Zierde der menschlichen Natur, und die Mischung des Falschen dabei das Blei sey, das den edlen Metallen zugesetzt wird, um sie leichter schmiedbar zu machen; ihr Werth aber wird dadurch geringer. Den Schlangen, die auf dem Bauch kriechen, gehören jene biegsame, schiefe Bewegungen;
z» Beförderung eines geistigen Reiches. r.,r
nicht einhcrgehenden Menschen. Kein Laster ist, das einen Menschen so mit Schande bedeckt, als Treulosigkeit und Falschheit. Daher Montaigne, wenn er.untersucht, warum das Lügen für so schändlich und schmählich gehalten werde? scharfsinnig sagt, „daß, wenn man es recht nehme, so sage man von einem Menschen, den man Lügner nennet, zugleich, daß er frech gegen Gott, gegen Menschen feig sey." Denn ein Lügner insultirt Gott, indem er sich vor einem Menschen krümmet und beuget. Gewiß, wie häßlich und verderblich Falschheit und Treulosigkeit sey, kann nicht besser als dadurch ausgedruckt werden, daß durch sie, als durch das letzte Geschrei, der Gerichtstag Gottes über das Menschengeschlecht werde herabgerufen werden c denn es ist ge- weissagk, daß bei seiner zweiten Ankunft Ehristus keine Treue finden werde auf Erden.
16 ,
Mandeville's Bienenfabel,
>o frei das Feld seyn muß, das dem menschlichen Geist in Erforschung jeder Wahrheit, (es betreffe diese die Gründe und Beschaffenheit oder den Umfang unsrer Erkenntniß in allge-
Ig2 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
meinen Begriffen oder in Thatfachen der Geschichte^ gebühret; so frei er also auch in Erforschung der Werkzeuge, die dazu gehören, mithin der Schriften, Traditionen und Einrichtungen jedes Zeitalters seyn muß, daß nirgend ein falscher Schein ihn blende oder zurückscheuche: so ists mit der Frei geistere! des Herzens und der Sitten weit ein anders. Das moralische Gesetz ist uns in die Brust geschnoben; man darfs weder aus den Wolken herab noch aus dem Todtenrcich heraufholen. Die Stimme des Gewissens spricht Jedem, der sie ehrlich vernimmt und anwendct; das zeigen auch die sonst uncultivirtcsten Völker, Grönländer, Eskimaux und sogenannt Wilde. Aufs Sit- tcngesctz ist jede Gesellschaft , von der häuslichen an bis zu Staaten hinaus, selbst die Gesellschaft der Räuber ist darauf gebaut, so lange oder kurz sie währet. Eine Philosophie also, die an diesem Gesetz schnitzelt oder es zernichten will, die jede Unvollkommenheit menschlicher Charaktere und Einrichtungen aufbietct, um das Regelmaas zu zerbrechen, nach welchem Jene und Diese vollkommner werden könnten und sollten, ist eine verderbliche Philosophie, schwach an Geist, schädlich in Wirkung.
Im Jahr 170.6 gab Bernhard von Man- deville, ein Arzt, aus Dort gebürtig, in London wohnend, in Englischen Reimen die sogenannte Bienenfabel, oder der summsende Korb*)
*) IRs grnmkIinA Ni VS, or Kin»vss turwa Noirsst.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 143
Hernus, die zuerst nur 26 Seiten einnahm, im Jahr 1714 aber mit Anmerkungen durchs ganze Alphabcth hindurch, mit Untersuchungen über den Ursprung der sittlichen Tugend, über die Beschaffenheit der menschlichen Gesellschaft, über die Ehristen- licbe und Armenschulen *), späterhin mit Gesprächen über die Ehre, über die Nutzbarkeit des Ehristcn- thums im Kriege u. f. dergestalt vermehrt wurde, daß ihre französische Uebersetzung vier Bändchen füllet **); des Autors freie Gedanken über Religion, Kirche, Staat und Glück der Völker ungerechnet ***). Wie mehrmals, so ward auch hier aus einem verfehlten Spaß ein greulicher Ernst gemacht und damit das Vergnügen der Zuhörendcn nicht eben vermehret.
*) IRe ?abke ok rbs Lees, «r private Viees, pnbkilr Lenekits, wirb an etc. I.onä.
1724. kläir. III.
") l.a lkable lies ikbeilles, on les Vripons äeve- nns bonnetres Kens. I.onclr. 1721. ikree TRouglits en KeliZion, n Dächern, welches verdorret, che man es aus- rauft," sang ein alter Dichter; die Griechen
i5o I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
nannten blühende Dinge dieser Art Garten Adonis.
Ehrlicher sowohl als zehnfach scharfsinniger ur- theilt über Mandcvill's Fragen der Jude Pinto *). Selbst den feinsten Fehler unter groben Staals- lastern , die Handels-Eifersucht findet ec nicht nur thöricht, sondern auch schädlich. lieber den Luxus, die gewöhnliche Nennbahn flacher Politiker urtheilt er eben so ernst als verständig. Und wem ist nicht in der Geschichte der Untergang aller Staaten bekannt? Durch Tugenden kamen sie empor, und gingen unter durch gefällige Laster.
Neigungen und Kräfte in größter Verschiedenheit bedarf der Staat; für die hat die Natur gesorget. Sein Amt ist, jede Gattung anzu- erkenncn und anzuwenden. Wiederum die Pflicht jedes Talents, jeder Neigung, ist, sich ganz auszubilden und zur reinsten Höbe, zur Vollesten Wirksamkeit zu streben : denn Trägheit sowohl als Tyrannei verderben den Staat; sie zerstören die Harmonie aller seiner Stimmen und wirkenden Kräfte. Mandevil- le's Bienen - Republik dagegen , was ist sie? Ein Nest voll Spinnen, deren Eine die Andre auffrißt; kein Haus gesunder Industrie, sondern ein Krankcn- Hospital, ein Bedlam.
's Visite cls 1s circnlsrioii er clu creälr. Lnisterä.
zu Beförderung eines geistigen Reiches.
r
Fortsetzung.
„Wie aber? hoben die Mncc hinv c ll und Montesquieu, die größesten politischen Philosophen, ohngefahr dns Nämliche, was Mnndeville, nur bestimmter und feiner gesngec? Lese man den I'rincüps des Ersten; des Letzten Triebfeder der Monarchie *): „Ehre, nicht Tugend;" käme es nicht auf Eins hinaus?
Dagegen lese man auch Macchiavellis Difturse **), wo er von Treue und Ehre sprechen konnte, und sehe bei Montesquieu die Aufschrift seines Werks an:
krolem sine m->1,re srsaram
so bat man die Antwort. Man kennet die Zeiten, in denen Montesquieu schrieb; er hielt sich also, beim Mangel der Tugend, an ihren Schein, die Ehre, den er trefflich ausmahlet. Wie schwach aber diese Stütze der Monarchie sey, hat der Ausgang des Jahrhunderts fürchterlich und abscheulich erwiesen. Lasset uns den schönen Glan; und Schatten zergliedern ; was ist er ohne seinen Körper, die Tugend«!
*) Lsprir äs loix. I-. Hl. IV.
Oiscorsi sopra 1a prima Oeca äi IVto Iävic>. IV III. der Opsrs äi lVlasbiavelli i/Z 2 . in h. „Ein Kind, ohne Mutter erzeuget," Wer mag diese fehlende Mutter seyn?
i 52 I. Unternehmungen d. vereng. Jahrhunderts
Der unterste Grad der Ehre ist Lob; was lobt man? Eigentlich nicht Fähigkeiten oder Talente, noch weniger Schande und Laster; sondern den Fleiß, den man auf Anbau nützlicher oder angenehmer Talente verwandte, die Mühe, die man sich in Aeußerung sittlicher Vollkommenheiten gab. Thaten lobt man, Charakter, Tugend; nicht ihren Anschein, Versprechen ohne That, Blatter ohne Früchte. Und wessen Lob ist jedem Lobenswürdigcn das angenehmste? ja bei jeder belobten Sache einzig geltend? Bei Erweisen des Verstandes das Lob der Verständigen, der Kenner, der Erfahrnen (cksAli Vstrtuosi) bei Charakterchaten ists der Beifall ähnlicher, d. i. großer und guter Seelen. Das Lob der Unwissenden, der Taugenichte und Schelme ist jedem Ehrlicbenden verächtlich.
Ueber dem Lobe steht der R u h m; er fodcri große Thaten, fortdaurend hohe Bestrebungen und Werke. So zählet er auch auf eine Menge, die ihren Beifall zolle und gebe, seys Welt oder Nachwelt. Dank dem guten St. Pierre für die Erfindung des Worts Gloriole, -Rühmeden. Der Eitle, der nach kleinen Zwecken strebt, der Zwerg, der sich als Riese gebcrdet, der Selbstsüchtige, der Ehre, Ruhm und Nachruhm als ein enges Wamms seinem Ich anmißt, ec kränze sich mit seinem „Schei liehen." Bald find die Blätter des güldnen Löwenzahns verwelket und das Gespinn der Staubfaden steht geisterhaft da; Nachwelt und Nachbarschaft sind feind den Gloriolen. Ueberdem je hoher und seltner die Krone des wahren Ruhms ist, desto Wenigere dürfen sie flechten und reichen. Von Schmeichlern
zu Beförderung eines geistigen Reiches. r53
sie anznnchmen ist selbst Schmach; dagegen oft Ein wirklich grosser Mann als Zeuge oder Richler das Urtheil des Ruhms oder der Schande auf Jahrhunderte hin unwiderruflich aussprichc. Miethc die Eitelkeit sich Ruhmrednec, so viel sie wolle; trotze das Laster unverschämt, ja die Guten verfolgend; sie finden ihren Richter. Verdienst und Mißvcrdienst wagt die Waage der Zeit; sie sichtet. Tragt Ludwig XIV. seine Lorbeeren noch? Ist er noch Salomen, eben so weise als fromm, so heldenmüthig, als menschenfreundlich ? Sein Tugendglanz ist schrecklich verfinstert und nur in Vergleich andrer ungleich- schlechterer Helden flimmert er noch. Jeder dieser ihm gebliebenen Strahlen bezeichnet wahre Tugend d. i. Realität, Adel der Seele, Grossmuth, auch in Ihm.
Außer Lob und Ruhm giebts Ehren d. i. Ehrenstetten, Ehrcnerzeigungcn, Ehrenzeichen; alle drei ertheilt der Staat, aber wem? wozu? mit welcher Wirkung?
Ehrenstetten heißen auch Würden; werden sie einem Unwürdigen zu Theil, so wird er zwar dem Namen und Schein nach gewindet, der That nach aber der Platz durch ihn entwürdigt. Bilde kein Minister, kein Selbstherrscher sich ein, daß er durch seine Firmelung Talente oder Tugenden schaffen, Fehler und Schande in sie verwandeln könne; die Wahrheit sieget. Um so lächerlicher werden die Ehrenbezeigungen, die man dem Unverbleitst anthut; der Staat spielt das alte Narrenfest, Hymnen singend dem bekränzten — Esel.
iZ 4 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
Würde dagegen einem Würdigen die ihm gebührende Ehre entzogen; seine Würde hat Man ihm damit nicht geraubt, vielmehr glanzt diese in den Augen aller Verständigen dadurch reiner. Denn über Ehrenbezeigungen und Ehrenzeichen geht — Achtun g.
Achtung kann dem Achtungswürdigen ein Nicht- oder ein N ic h ts ach t e nd e r versagen. Der Erste aus Leerstnn und Zerstreuung, sür welche Ec denn selbst keine Achtung erwarten wird; den Zweiten, den Nichtsachtenden, dem Nichts heilig und Achtungswerkh ist als Er selbst, wirft man zuerst selbst aus dem Tempel: sacri iw 1s sst,
latio! wie jener Philosoph zum Halbgott Herkules sagte, als er ihn im Heiligthum erblickte.
Staat kommt von Stand und stehen her; ich wüßte nicht, wie er stehen könnte, als mit wirklichen, nicht mit Scheinkräften aus - und zum Scheine; sobald man sich unter Staat leere Pracht und Herrlichkeit, einen Popanz denkt, o so haben die Herren Staaten und Stände genugsam gezeigt, wie man ihnen begegne, und wie es mit ihnen daran sey. Tugend ist Tüchtigkeit, Tauglichkeit und zwar zu einem edlen, guten Endzweck, also Kraft und Sevn; wie kann diese der Schein ergänzen? Ec gehet vorüber. Auch der Schein alter ehrwürdiger Geschlechter, verlebter N a t i o n a l g la n z; er leuchtet, wie manches alte Holz im Dunkeln, am hellen Mittage eben nicht also. Wenn Ri chelieu sagt *), daß,
blsprit cles loix. I,. III. Lbsp, V.
zu Beförderung einer geistigen Reiches. i55
falls sich unterm Volk ein unglücklicher siowste- Uoiwwrs fände, ein Monarch sich hüten müsse, ihn zu gebrauchen, so sprach und bandelte er als Cardinal Richelieu; die Folge hat gezeigt, wohin dies iVIinistsrö des kri^oiw intörrnsdiäirss fübrte. Wenn Mandeville erzählt, daß achte Christen keine wackre Kricgsmänner sepn können, welcher Act wäre denn dieser unchristliche Krieg? Ein Krieg etwa der Schelme mit Schelmen i ein Krieg zwischen Heiden und Türken?
Entstehungen.
Eine Bienen-Parabel.
Junker von Mandeville ward mit zwei Geschwistern, ihm sehr ungleicher Art, erzogen. Er hatte das Unglück, Alles in der Natur schief anzu- sehcn, und nach dem Sprüchwort aus Allem Gift zu saugen; die Geschwister dagegen, einfältige Kinder der Natur, sahen die Natur liebreich an; dadurch wurden sie angenehm und glücklich.
„Ich habe die Wirthschaft der Bienen belauscht, sagte der Junker; abscheuliche Thiere! Allesammt Diebe, gehen sie täglich auf Raub aus; wer sie darin stört, wird giftig verwundet. Ob sie gleich wissen, daß sie nur mit Verlust ihres Stachels stechen dürfen, stechen sie doch. Große Geschöpfe sollen sie
rä6 I. Unternehmungen d. verging, Jahrhunderts
unschuldiger Weise todt gebissen haben, die ihnen doch nichts thatcn. Und welche Verfassung in ihrem Korbe! Fünfzehnhundert Müsfigqanger, die blos dazu ernährt werden, daß sic sich mit der Königin paaren! Und welche Königin! So . icler Buhler, die sie zur Liebe reizen muß, vernntthlich weil sie wissen, daß ihnen nach genossener Gunst ein plötzlicher oder gewaltsamer Tod bevorsteht, sie das einzige Weib! Die armen Männer werden, nachdem sie ihr Amt gcthan, von dienenden Knechten ermordet oder vertrieben. Heillose Brut!"
„Du stehest die Schöpfung wild an, Monde ville, sprach Maraldi, sein Miterzogncr; mir erscheint der Staat dieser kleinen Thicre anders. Sie rauben, aber unschädlich der Blume; diese blühet wie. zuvor und behalt genug süßen Saftes, sich und ihre Frucht zu nähren. Mühsam suchten sie ihn, und in ihren Gefäßen, durch ihre Bereitung wird er, was er nicht war, Honig. Wie emsig bekleiden sie sich mit dem Staube, aus dem sic ihre Kunstreiche Cellcn bauen und glatten und wölben; wie haushälterisch gehe» sie damit um! Und wie regelmäßig sind diese Cellen! bewundernswürdig ange- paßc jedem Zweck, als Vorrachskammern oder als Wiege der Jungen. Laurer Verwirrung scheint der summsende Korb und ist lauter Ordnung. Die zeugende» Bienen arbeiten nicht, die arbeitenden zeugen nicht; die die Wände der dellen auffühcen, glatten sie nicht und die Mutter ihres ganzen Reichs, die Königin, sic wohnt im Innersten ihres PallasteS, verborgen. Kaum und mir Mühe hat man ihr Geschäft Hemers, indem gaukelnd, scherzend und auf-
zu Beförderung eines geistigen Reiche». 167
Munternd- liebkosende Bienen sich wie einen Vorhang vor sie weben. lieber die Geschäftigkeit, Sparsamkeit, Ordnung dieses Volkes geht nichts; allen Völkern waren sie hierin Symbol und Muster."
„Muster insonderheit meinem Geschlecht, fuhr Hertha fort, an früher Geschäftigkeit, an nützlichem Fleiß, an reinlicher Ordnung. Seit ich in meiner Kindheit Gleims Fabel, „die Biene," lernte, sah ich sie für Reste jener goldnen Zeit an, da, wie die Dichter singen,
— Ströme flössen von Milch und Honig — Eines lieblichen Dichters Wunsch:
O möcht' ich doch wie Ihr, geliebre Bienen seyn H!
war stets der Meine. Die Spiele der Griechen, die den Amor zur Biene dichteten, waren mir nie so angenehm, als das Bild der frühen Geschäftcrin, der haushälterischen, ordnenden Biene."
Maral di. „Indes sind auch jene Spiele der Griechen artig. Singe uns , Schwester, das Sici- lianische Liedchen: Oimirii, climirri *) **). Es hat in der Originalsprache Sicilianischen Honig.
Hertha. Nach dem, was ich eben sagte, sollte ich es nicht; und doch — Dir und der frühgeschaftigen. Biene zur Liebe: (Singend zur Cither).
*) Götz vermischte Gedichte. Th. r. S. 3 .
**) koesie Licilisne äell'erbduti; (llovsniri Meli-
1. I ?> rSA-
r58 I. Unternehmungen d, verlang« Jahrhundert
Oirnini, ciinnni, tlpurra nica *): llnni vai cnssi inntinn? idinn n' s ninia, c!ii arrnbüica Di ln innnli 2 nni vioinn;
l'rerna anaora, 2ncor2 lnci 1,2 rnAAiixla 'ntra li ^ratt;
Ouna uacnra, nun r'airnoi I,' 3 li ä'orn clilicati.
I,i scinriäcli änrinitzgliinsi 'Ntra li virili «oi bnrrnni Lrannn ancnra stritti s al>in«i tün li lesli s xinnnlnni.
lvln l'nlniru s' okkalioa ! lVl2 tn voll 6 Igi caininn! lDiinnii, (liinini, tlpnrrn nica, Ilnnk^vai unssi inatina?
llercdi rneli? 8 siillln s clnssu, lllnnili l'nli; e'un ri srrooeari li In 'nriAnn nn locn lissn^ llnni 21 5 einxri, clri sncuri;
*) Sage, sag' o Keine Biene,
Wohin eilst du schon so srühe?
Roch auf keinem Gipfel raget Nur ein Stral der Mvrgenrörhe.
Allenthalben auf den Wiesen Zittert noch der Nachkthau funkelnd; Nimm in Acht dich, daß er deinen Gvldnen Flügelchen nicht schade.
zu Beförderung eines geistigen Reiche».
I-n conusci ln min ^niiiri, Nici mia Itra In ladliru cnluritu Ol In L->ru Kmatu 8eni'
4 I. Unternehmungen d. Vorgang. Jahrhundert-
Jahrhunderts breitete sich von England her allgemach und im Stillen eine Gesellschaft über Europa aus, die sich die Gesellschaft der Freimaurer nannte; bald darauf *) erschien mit Unterschrift lebender Männer ein E on slitu ti o n sb u c h derselben, das ihre Geschichte bis zum Großmeister Salomo und Nimrod, ja bis zur Schöpfung der Welt hinaufführte. Man wunderte sich und lachte; Swift spottete über ihre bekanntgewordene Zeichen. Andre grübelten über das Geheimniß der Gesellschaft und suchten Licht; »och andre vcrmutheten viel Arges dahinten. Die Brüderschaft indeß schritt im Stillen fort; in Deutschland , Holland, Frankreich, Spanien, in Italien, den nordischen Neichen, und wo nicht sonst? entstanden Logen, (mit welchem Namen sie ihre Versammlungen nennen;) sie machten Aufsehen, wurden beobachtet und — hie und da verfolget. Wiewohl
Freimäurep.
^)n den letz-
zwanziger Jahren des verflossenen
) Andersons Constitutionsbuch der Freimaurer. Die erste Ausgabe war, wie mich dünkt, 1738.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. i65
sie nun öffentlich und vielfach erklärten, daß ihr? Verbindung mit Religion und Politik nichts zu schaffen habe, daß von Gegenständen dieser Art in der Gesellschaft zu reden oder zu unterbände!» den Gesetzen ihrer Constitution zuwider sey, auch die hin und wieder bekannt gewordenen Gebräuche und Sym- bole keine Beziehung dahin zu haben schienen, so dauerte bei Staats - und Religions-Eiferern der Verdacht doch fort, so daß man ihnen am Ende des Jahrhunderts höchstlächerlichec Weife sogar die französische Revolution beimessen wollte. Wogegen sich die Gesellschaft, nach wie vor, minder durch Protestation und Zank als durch ein stilles Bewußtseim schützte. Wie lange sie vorher dagewcsen? scheint eine müßige Frage.
Statt dessen fragt die Welt: „was hat die Gesellschaft gcwirket? Wo; u ist sie da? Was giebt sie sich für Zwecke ? was gebraucht sie dazu für Mittel?" Das Symbol' ihres Salomonischen Tempelbaues ist so schön; die Symbole ihrer Werkzeuge zu solchem Bau, Bleigewicht, Winkelmaas , Cirkel u. f. scheinen der Sache angemessen; das Bild ihrer Verbrüderung, ein „festgefchlossenes Viereck, das von Ost gegen West, von Nord gen Süd, von der Erde zum Himmel, von der Oberfläche des Erdbodens bis zu dessen Mittelpunkt reicht," ist so groß, die Eintheilung der Arbeiten „von Morgen zum Abend mit Ordnung und Ruhe, mit Fleiß und Lohn," die Säulen Muth nnd Starke versprechen so viel, daß man zu wissen wünscht, was hinter diesen Symbolen seo, woran diese rüstige Verbrüderung seitdem gearbeitet und was
i66 I. Unternehmungen d. Vorgang. Jahrhunderts
sie zu Stande gebracht habe? Lessing legte ihr eine so große, so feine Absicht unter *) —
Nachfolgende Gespräche, die keine Ansprüche auf Lessings dialogische Grazie zu machen scheinen, sind dem Herausgeber der Adrastca zugekommen, und da er über die vorgclegte Frage keine Antwort zu geben weiß, so antworte statt seiner eine zweite.
^um 2 stra t ertt i taii s '^) oder
Ueber den Zweck der Freimaurei, Wie sie von außen erscheint.
Faust, Horst, Lin da.
Faust. Wenn man von nichts anderen zu reden weiß, spricht man von der Freimaurerei oder von Geistern; laß uns also, Horst, auch davon sprechen. Die Freimaurer eilen zu ihren Logen. Es ist heut ihr St. Johannisfest.
H Ernst und Falk, Gespräche für Freimaurer.
Die erste Iraternitatis, wahrscheinlich
von Joh. Valent. Andrea, kam im Jahr r6r6 heraus; sie betraf eine ganz andre, die Rosenkreuzer - Gesellschaft.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 167
Linda. So lebt wohl, Freunde. Mein Geschlecht gehört zu diesen Geheimnissen nicht.
Horst. Wir beide auch nicht, Linda. Du kannst sicher bleiben und zuhören, wie Du einem Mahrchen zuhörest.
Faust. Auch mitsprechen und sagen, wie dir das Mährchen gefallt. Zur Verlheidigung der Gesellschaft habe ich manches gelesen, das mich indessen doch nicht ganz befriedigt. Siehe das Constitu- tionsbuch, das mit dreister Stirn die Geschichte der Verbrüderung oder des Ordens, wie er sich nannte, bis zum Großmeister Nimrod, bis zu Seths Säulen hinaufführt. Wer kann so etwas dulden ?
H 0 rst. Es ist die Geschichte der Baukunst, Faust, insonderheit der Baukunst in England, wie Jakob Anderson sie schreiben konnte; nichts weiter. Horaz Walpole hätte sie freilich anders geschrieben.
Faust. Christoph Wren auch; aber eben deßwegen. Zwei so verschiedne Dinge mit einander zu vermengen, als ob sie Eins und Dasselbe wären, das Blendwerk ist zu massiv. So scherzen mit dem Publikum, d. i. mit der gesummten vernünftigen Welt nur gemeine Mäurer.
Horst. Das Buch ist in England, zu Vcr- theidigung einer Zunft, wer weiß unter welchen politischen Umstanden geschrieben —
Faust. Und die Deutschen Logen nehmen es an? Und bekennen sich zu dem grotesken t)uicl xro ijuo, fortwährend? —
i63 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
Horst. Vielleicht weil es Züge der wakiren Ge- schichrc ihrer Gesellschaft enthalt, die mit jener fremden verwebt sind. Ich mag in Sachen so ungewisser Art nie zu strengte urrheilen.
Faust. Und d i e Züge sondert niemand? Wahrheit und Lüge, Schein und Scyn niemand? Die Gesellschaft laßt einen Sclsimpf auf sich, der sie in den Augen der Welt entweder als Blödsinnige oder als Täuschende darstcllt! Wer tritt gern in solchem Verdacht auf? und wenn ers zu seiner Zeit thun mußte, welcher honette Mann sucht nicht die erste, beste Gelegenheit, das falsche Licht zu zerstreuen und sich auch nur vom Verdacht eines maskirten Truges loszusagen? Aus öffentlich - geführten Streitigkeiten weißt Du, Horst, zu welchen elenden Hypothesen diese Maske Gelegenheit gegeben und mit wie schlechten Schriften die Welt durch diese Irreleitung überschwemmt worden. Zu den Aegvptischcn, Griechischen, gar Hebräischen, Persischen, Indischen Geheimnissen, zu den Druiden selbst hat man seine Zuflucht genommen, und sie zur Freimäurei gemacht, so wie man denn auch die guten Maurer zu E s- feuern und Gnostikern, zu Manichäern, Pelagianern, zu Jesuiten sogar zu machen sich nicht eurblödet hat. Die Welt ist satt dieser Verdrehungen alter und voriger Zeiten; und wer ist daran Schuld, als die Gesellschaft selbst mit ihrer räthselhaften Geschichte?
Horst. Wer liefet solche Schriften?
Faust. Eine Menge. Bedenke, daß es Tausende der Gesellschaft gicbt, die lesen , die von ihrem
zu Beförderung eines ^geistigen Reiches. r6e)
Ursprünge unterrichtet seyn wellen und gewiß nicht Kritik genug haben, den Geist voriger und entfernter Zeiten zu prüfen. Bedenke, daß es Bruder- Redner giebk, denen alles Recht ist, was von Geheimnissen und Symbolen vorspiegclnd gesagt wird. Bedenke, daß Truggeschichten der Art nicht etwa nur im Druck, daß sie als hohe Offenbarungen und Aufschlüsse unsinnig - theucr im Dunkeln umhergehn, dem Verstände der Gesellschaft Hohnsprechen und die wahre Geschichte verderben —
Horst. Wer kann gegen alle Lügen?
Faus t. Gegen alle Niemand; gegen Die aber, die man selbst veranlaßt hat, Jeder der Gesellschaft, der das Bessere weiß. Niemand muß zu einer Verbrüderung gehören wollen, die hinter einem solchen Schirm der Unwahrheit steckt, ja die mit ihm als mit ihrem Gcburts- und Ahnenschilde hcrvorlrat.
Horst. Wenn man damit aber den wahren Ursprung verhehlen wollte?
Faust. Ist Verhehlen und Betrügen Einerlei? Sage man, so viel man zu sagen gutsindet; nur nichts Falsches. Wer kann und darf für seine Ahnen stehen? Sind Wir die Ahnen? Die ganze bürgerliche , ja jede Geschichte geht aus barbarischen Zeiten hervor; wer kann, wer darf können für diese untergegangcne Zeiten? Wir freuen uns, daß sic untcrgegangen sind; Ehre macht es uns, wenn wir zu ihrem Untergange beitrugen und etwas Besseres wurden. Waren, wie die Sage geht, die Freimaurer denn auch zuerst wirkliche Maurer gewesen, was schadete es ihnen?
^7« I. Unternehmungen d> vergang. Jahrhunderts
Lin da. Gegcntheils müßte es eine interessante Geschichte geben, wie sie sich zu einer so ausgezeichneten, durch alle Lander verbreiteten Gesellschaft em- porgeschwungen haben. Ich wäre neugierig, eine solche Geschichte zu lesen und von außen wenigstens das Schloß der Geheimnisse zu schauen, zu dessen Jnnerm ich nicht gelangen kann. Es wäre mir lieber als manche geheim» Burg unsrer neuen Romane.
Faust. Lessing, in der Zueignung seines Ernst und Falk, sagt. ,,Auch ich war an der Quelle der Wahrheit und schöpfte. Das Volk lechzet schon lange und vergehet vor Durst."
Horst. Mir soll cs lieb seyn, wenn sich ein Bruder fände, der der Gesellschaft diesen Dienst leistete.
Faust. Ein Ehrliebender, redlicher Bruder, dabei ein genauer, ein kritischer Kenner der Geschichte. Ihn schmerze das Jrrsaal der Menge und der auf seine Gesellschaft geworfene Schimpf des Truges und des Betruges. L e s s i n g und andre stehen da, rathseln über die Geschichte der Masoney; und die Gesellschaft schweiget. Sind Männer wie Lessing denn keiner Antwort, keiner Berichtigung werth? zumal da, wie ich glaube, das Geheimniß der Gesellschaft langst bekannt und ihre Geschichte nur ein Familiengehcimniß ist —
Linda. Ihr Geheimniß langst bekannt? Du machst mich aufmerksam, Faust.
Horst. Mich nicht minder.
Fans t. Es ist, wie Lessing sagt, ein Ge- heimmß, das sich nicht aussprechen laßt, das auch
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 171
nicht ausgesprochen seyn will, das aber die Gesellschaft selbst bezeuget.
Horst. Entweder Du bist selbst ein Freimaurer, Faust, oder — Hast Du etwa einen Zipfel von deines Vorfahren Mantel?
Faust. Den Ihr Beide habt, wenn Ihr aufmeckcn wollt auf das, was Jedermann bekannt ist, was auch Ihr sehet und Hörer. Sagen die Freimaurer nicht selbst, daß sie mit Religion und Politik nichts zu schaffen haben? Nun dann! Von geistigen Zwecken, die man einer solchen Gesellschaft immer doch zutrauen muß, wenn sie nicht bloß zu Gastereien oder zu Kindereien zusammen kommen soll, von geistigen Zwecken was bleibt ihr übrig?
Linda. Darauf Ware die Antwort nicht schwer: reinmenschliche Beziehungen und Pflichten. Sobald sie in die Religion oder Politik einschlagen, gehörten sie der Kirche oder dem Staat und waren nicht mehr Freimaurerpflichten.
Faust. Linda, wenn ich ein Maurer wäre, reichte ich dir die Handschuhe. Religiöse und bürgerliche oder Staatsbezichungen rein ab- und ausgeschlossen, was bleibt dem denkenden und thatigen Menschen, was bleibt einer bauenden Gesellschaft übrig, als der Bau der Menschheit? Ein großes Werk, ein schönes Unternehmen! Alle blos bürgerliche Zwecke engen den Gesichtskreis, wie Les- sinq vortrefflich gezeigt hat; von ihnen rein ab- strahirend steht man auf einem freien und großen Felde. Vielleicht nennen sie sich darum Freimaurer.
172 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
Lin da. Ein schönes Unternehmen! Alle Anliegen der Menschheit können, dürfen sich ein dies unsichtbare Institut wenden; cs denkt, es sorgt für sie. Es Hilst, wo es helfen kann und man ist niemanden Dank schuldig. Aus einer Wolke gleichsam kam die helfende Hand, und zog, che man sie gewahr ward, sich wieder zurück in die Wolke. Ich erinnere mich eines Romans, da ein hülfreichcr Mönch so erschien; fast allgegenwärtig war er bei jeder Verlegenheit da, blickte, den Knoten lösend, hinein, und verschwand wieder. Je fester sich der Knoten schürzte, desto pochender wünschte mein Herz: „ach, daß doch bald der Mönch käme! Wo mag er jetzt scvn? Warum ist er nicht schon da?" Bei kleinen Verlegenheiten meines Lebens habe ich mir zuweilen auch den Einblick des Mönchs gcwünschet; dann gab mir selbst das Andenken an ihn Entschluß und Hülfe. Es ist angenehm, sich eine geschlossene, das Wohl der Menschheit berathende, im Stillen wirkende Mannergeseil'chaft zu denken, denen ihr Weck gewissermaßen selbst ein Geheimni ß se»n muß, daran sie wie an einem endlosen Plan arbeiten.
Faust. Du suchest, Linda, warum dein Geschlecht von diesem berathenden und helfenden Bunde ausgeschlossen seyn darf und se»n muß. Zuerst, weil Ihr einer solchen Sonderung menschlicher und bürgerlicher, Kirchen - und Skaatspflichtcn nicht bedürfet. Männer gehören dem Staat; ihrem Beruf und Stande, ihrer bürgerlichen Pflicht und Lebensart sind sie mir so viel Banden und Rücksichten, in denen sich Blick und Herz verengt, umflochten, daß ihnen eine kleine Losschüctelung dieser Bande, eine Erweitrung
z,i Beförderung eines geistigen Reiches. 173
des Gesichtskreises über ihre enge Bcrufssphäre unentbehrlich, mithin Erholung und Wohlthcit wird. „Hier sind wir, (mögen sie sich einander zusingcn oder znsprechcn,) die tägliche Lebcnsfefseln abgelegt, Menschen." Sie suchen also ein Paradies, das Dein Geschlecht immer besitzt und nie verlieren darf, Linda; das jede Edle Deines Geschlechts als ihr Kleinod bewahret. Zn der bürgerlichen Gesellschaft seyd Ihr, glücklicher Weise, nichts; Ihr bedürft immer einen Vormund. Zn der menschlichen hat Euch die Natur ihre liebsten Keime, ihre schönsten Schatze anvertraut; Ihr seyd Kind, Jungfrau, dann werdet Ihr Ehegenossen, die dem außer dem Hause von Sorge» gedrückten, von Geschäften zerstreuet«: Mann im Hause ein Paradies, stille Einkehr in sich, Genuß seiner Selbst und der Seinigcn erschaffen sollen. Zm Hause seyd Ihr dem Mann, was in jenem Romane der Mönch war; dafür muß Er für sich und Euch die Lasten des bürgerlichen Lebens tragen. Als Erzieherinnen der Menschheit lebt Ihr fortwährend im Paradiese, indcß der Mann außer demselben unter Dornen und Disteln den Acker bauet. Zhr erzieht Eure Kinder, Manzen, Blürhen, Sprossen für die Nachwelt; das Geschäft erfordert Mühe, geht lange fort, lohnet sich aber reichlich; mit ihm ist euer Beruf schön umgranzet. Der Mann —
Linda. Der Mann bedarf eines Aufschwunges, und wir gönnen ihm solchen gern. Er muß sich zuweilen erweitern und erheben, daß er, Mann mit Männern lebe; sonst wird er, bei aller Mühe und Liebe, selbst uns alltäglich. Verübelt mirs nicht, Freunde; Euer Geschlecht begränzt oder wie
174 Unternehmungend. vergang. Jahrhunderts
man sagt, bornirt sich zu bald, und erschwert sich seine Fesseln. Oft sinket ihr unter ihrem leisen, aber fortwährenden Druck nieder und veraltet. Veraltet vor der Zeit unter Gewohnheiten, die ihr nicht ändern wollt oder dürft; nicht dürft, weil ihr sie nicht ändern wollet. Vorurthcile umsehlingen u n s vielleicht leichter als Euch ; aber an Euch sind sie drückender und fester. Mit unsrer mehreren Ela- sticitat und Seelenfrciheit sind wir gebohrne Frcimau- rerinnen am reinen Bau und Fortbau der Menschheit Welchen großen und schönen Gedanken hatte Sokrates, den ihm Aspasia nicht eingab?
Faust. Halt, Linda! Und doch gehört Ihr bei Euren großen Gedanken und Imaginationen doch nicht in dies geschlossene Viereck des Berathens und Wirkens. Lauft nicht die Phantasie oft mit Euch fort? Ist nicht der gute Trieb bei Euch immer voran? Ihr seyd zu thatig, zu barmherzig; der Augenblick übernimmt Euch. Auf Einmal würdet Ihr der gestimmten Menschheit helfen wollen und alles verderben. Schon dcßhalb gehört Ihr nicht in jenes stillbcrathende, Leidenschaftlos wirkende Viereck ckells. Erusca.
Linda. Was heißt Las?
Faust. Es gab eine Akademie in Italien, die sich so nannte; das Sieb war ihr Sinnbild. Sie sichtete aber nur Worte; diese Gesellschaft, hoffe ich, sichtet Unternehmungen, Thaten.
Linda. Im Dunkeln, bei stiller Nacht? Daß sie nur nicht unthatig zu lange sichte!
Fans t. Bei Licht, hoffe ich, und bei Hellem Achte. Was bürgerliche Gesetze allein thun können
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 17b
und thun müssen, sind die Kleien im Siebe, die sie andern läßt; aber wohin die Gesetze nicht reichen, wo die bürgerliche Gesellschaft den Armen und Bedrückten , das unerzogene Kind, den Talentvollen Jüngling, den gekrankten oder fortstrcbendcn Mann, die erziehende Mutter, die blöde Jungfrau vergessen oder verlassen, da tritt der Dienst dieser Unsichtbaren, als Rath- und Thatvoller Hüls- und Schutz- gcister ein —
Linda. Und mich dünkt, ihre Arme langen weit; sie kennen einander in allen Ländern. Manchem Jünglinge, höre ich, haben sie durch Empfehlung und Unterstützung, durch Rath und Lhat fort- gehvlfen, der ihnen sein Glück danket.
Faust. Und doch, Linda, rväre es ein großer Mangel der Gesellschaft, wenn sich ihre Glieder nur unter einander fvrthülfen. Sie würde damit eine Art Judcnthum, ein Staat im Staat. Vielmehr wünschte ich, daß diese Unsichtbaren, wie bedürfnislose Geister, sich selbst vergessend, nach außen wirkten. Diese Partheilosigkeit machte die Gesellschaft zu einem Areopag des Verdienstes, der Sitten und der Talente. Träte sie jedem Edelwollenden, auch außer ihrem Viereck, unsichtbar zur Seite, und unterstützte und belohnte ihn, weckte den Schlummernden, richtete den Gesunknen auf; wie manches würde sür die Zukunft still vorbereitet, was jetzt noch nicht gerhan werden kann, was aber gewiß geschehen wird und geschehen muß! Deshalb habe ichs gern, wenn ich höre, daß die Gesellschaft talentvolle, rüstige Jünglinge, durch Stand, Rang, Güter, vorzüglich aber durch thätige Klugheit und Erfahrenheit
176 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
viclvermögende Männer wählet. Jene, hoffe ich, bildet sie aus: denn sie führet ja die sichersten
Werkzeuge der Richtigkeit als Symbole; diese braucht sie mit der Macht einer Gesellschaft in vervielfachter Kraft.
Lin da. Allerdings vermag eine Gesellschaft tausendfach mehr, als zerstreute Einzelne, auch bei der edelsten Wirksamkeit zu thun vermögen. Diese verlieren sich, wie der gethcilte Rhein, zuletzt im Sande; oder sie fingen, wie die klagende Nachtigall, einsam.
Faust. Jene unterstützen einander und durch sich andre; sie wirken nicht nur durch vereinte, sondern auch mit Fortwirken in die Ferne des Raumes und der Zeiten durch eine beschleunigte, vermehrte Kraft. Eine Gesellschaft ist unsterblich; sie denkt und wirkt für die Nachwelt, der sie ihre Bemühungen zum Erbtheil überlaßt; ein Erbtheil zum Vermehren, ein Anfang zum Vollenden. Wrmdern wir uns noch, Linda, daß die Gesellschaft sich unter ein Geheimniß verberge?
Linda. Das Geheimniß spricht sich selbst aus, stillschweigend; anders muß es sich nicht aussprechen wollen. Wer wird hervortreten und sagen: „Ich bin ein Vocsorger, ein Pfleger der Menschheit." Höchstens wird er sagen: „ich wünsche es zu scyn, ich strebe darnach, es zu werden." Und da sagt mein Kl 0 pst 0 ck: „ein Mann sagt nicht, was er thun
will, noch weniger was er gethan hat; er thut und schweiget."
Faust. Das bescheidne: „Ich bin ein Mensch; nichts Menschliches ist mir fremde" wäre also der Spruch der Gesillschaft.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 177
Linda. Dem ich» ausgeschlossen von ihr, meinen Spruch beifüge, den Spruch der Dido:
Leidenden beizustehn, das lehrten mich eigene Leide».
Faust. Und das Symbol der Gesellschaft ward mit Recht ein nie vollendeter Salomonischer Bau; seine beiden Säulen heißen Weisheit und Starke.
Linda. Und das Sinnbild der Verbrüderung Ware mit Recht ein geschlossenes Manner - Viereck, in das kein Weib tauget.
Faust. Und es wäre nichts AnNiaßliches in dem Ausdruck: «das Viereck erstreckt sich von Ost zu West, von Nord zu Süd, von der Erde zum Him- Mel, von da bis zum Mittelpunkt der Erde."
Linda. Wenigstens in der Hoffnung.
Faust. Und.das Geschäft der Freimaurer hieße mit Recht Arbeit; vom Aufgange der Sonne bis zu ihrem Niedergange, unter Aufsicht, mit Ver- theikung der Arbeit unter die Arbeiter, mit Ordnung —
Linda. Und mit Lohn, in der stillesten Kammer , der eignen Brust.
Faust. Ist mir Recht, so Nennen sies, die mittlere Kammer, das Heilige Salvmvnis.
Horst. Lange habe ich Eurem schönen Traum zugehöret. Woher weißt Du denn, Faust, daß dem Allem so sey? Du bist ja kein Freimaurer.
Faust. Um das Geheimniß der Maurerci zu wissen, sagt Lessing, braucht man nichlgufgcnom-
Herders Werke z. Phil, u. Gesch, X» M II,
th8 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
men zu seyn. Selbst aus Schriften von ihnen oder über sie geschrieben, kenne jchs weniger, als aus den Gesinnungen und Tbatcn mehrerer Glieder, die ich kannte. Und, nochmals gefragt: was gäbe es, Religion und Politik ausgeschlossen, für ein anders, der Gesellschaft würdiges Geschäft, als eben mit reinem Ausschluß jener Beziehungen das Beste der Menschheit für jetzt und die kommenden Zeiten?
Horst. Wie aber? wenn sie von der Ökonomie, von Künsten, oder ich weiß nicht, wovon sonst sprächen? Zum Dank für eure guten Wünsche will ich euch eine Stelle aus dem Aufsatz Eines ihrer berühmtesten Großmeister, Christoph Wren verlesen:
Was ehemals die Freimaurer gethan, als sie noch wirkliche Maurer waren *).
„Was wir gethisch nennen, sollte eigentlich die Sarace irische, durch die Christen verbesserte Baukunst genannt werden, die sich, zuerst in den Morgenländern, nach dem Verfall deS griechischen Reichs, durch den ungeheuren Fortgang dieses Volks, das der Lehre Mahommets folgte, ansing.
*) Sammlung von Lebensbeschreibungen, großten- theils aus der Britannischen Biographie mit Semters Vorrede. Th. X. S. lchg. Lebensbeschreibung des Christoph Wren. Note X.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 179
Dies Volk bartete aus Religionseifer Moscheen, Ca- ravansera's und Grabmahler, wo überall sic sich ausbreiteten. Sie bedienten sich hiezu der runden Gestalt, weil sie die christliche Figur eines Kreutzes, oder die alte griechische Art, die sie für abgöttisch hielten, nicht nachahmen wollten; daher war auch alle Bildhauerei bei ihnen verboten. In allen ihren eroberten Städten baueten sie sogleich Moscheen auf. Die großen Marmorbrüche, woraus die überwund- nen Städte in Syrien, Aegypten und in allen Morgenlandern ihre Säulen, Architrave und großen Steine genommen hatten, waren jetzt verlassen; die Sara- cencn mußten daher die Materialien nehmen, wie sie ihnen jedes Land anbot, es mochten nun Marmor oder Quadersteine seyn. Sie hielten Säulen und die Zicrrathen an ihnen für ungeschickt, dagegen richteten sie, weil sie sich bei den Moscheen gern der runden Gestalt bedienten, bei einigen mit vieler Annehmlichkeit Kuppeln auf."
„Der heilige Krieg gab den Christen, welche in die Lander der Saracenen kamen, einen Begriff von ihren Gebäuden, welche sie nachher in den Abendländern nachahmten. Nur sie verfeinerten sie, als sie häufiger Kirchen erbauten, täglich. Die Jtaliä- -ner, unter welchen doch einige griechische Flüchtlinge waren, und nebst ihnen die Franzosen, Deutschen und Flamländer, die eine Brüderschaft unter sich aufgcrichtet hatten, wirkten pabstliche Bullen zu ihrer Aufmunterung und besondre Freiheitsbriefe aus. Sie nennten sich Freimäurer, und schweiften von einer Nation zur andern, so
M 2
»8u I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
wie sie Kirchen zu bauen fanden. Ihre Regierung *) war ordentlich; wo sie sich wegen eines Baues, (wozu die Frömmigkeit der Völker häufige Gelegenheit gab) niedcrließen, schlugen sie auf Hügeln ein Lager auf. Ihre Regierung führte ein Oberaufseher und allemal der zehnte Mann wurde ein Lberaufseher **) genannt, der neun unrer sich hatte. Die benachbarten Edelleute gaben ihnen aus Barmherzigkeit oder aus Bewegungen der Buße, Materialien und Fuhrwerk. Diejenigen, welche in den Urkunden die genauen Rechnungen der Unkosten, einiger unsrer Ka- thedralkirchcn von 400 Jahren her gesehen haben, müssen ihre Einrichtung sehr schätzen und sich verwundern, wie geschwind sie so hohe Gebäude aufgeführt haben. In der Lhat, die größte Höhe hielten sie für die größte Pracht. Man brauchte wenig Maschinen ; sie trugen , was ein Mensch auf einer Leiter oder auf seinem Rücken fortbringen kann, von Gerüst zu Gerüst, ob sie gleich auch zuweilen Rollen und Räder hakten. Da sie von den Zierachen oben an den Säulen keine Liebhaber waren, so war es ihnen leicht, in einer großen Höhe Stein auf Stein zu setzen; daher besteht die Pracht ihrer Gebäude in Zinnen und Lhürmen. Sie bedienten sich scharfgespitzter Bogen, welche sich mit wenigem Eentro erhoben. Dies erforderte leichtere Bindesteine und weniger Falzung: und doch trugen, sie eine andre Reihe von doppelten Bogen, die von dem Bindestein
*) Vielleicht Verfassung, Einrichtung.
**) Vielleicht Aufseher. Die Titille scheint ungenau übersetzt.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. r8,
sich erhoben. Indem sie nun damit abwechselten, so richteten sie ungeheure Gebäude auf, als z. B. die Thürme zu Wien, Straßburg und viele andre. Der Bau erforderte weniger Materialien, und die Arbeit wurde größtentheils mit flachen- Formen gemacht, worin die Aufseher leicht roo Leute unterrichten konnten. Man muß gestehen, diese Bauart schickte sich für die nördlichen Lander; Werke von gleicher Höhe und Pracht, die auf römische Art aufgeführt werden sollten, würden weit mehr kosten, als wenn man sich der gothischen Methode bediente."
Das ist nun etwas für Dich , Faust. Nun suche die Freiheitsbriefe und päpstlichen Bullen auf, die sich diese Brüderschaft der Frcimäurer erwarb ; in ganz Norden sind wir ihr so viele prächtig-ungeheure Gebäude, die man nicht genug anstaunen und bewundern kann, kurz Frcimäurern sind wir die schönste gothische Baukunst schuldig.
Faust. Wenn nur nicht wieder ein tzuiäxr» huo, Kalk oder Staub in die Augen kommt!
Lin da. Die Zeiten gothischcr Kirchen sind vorüber; der unsichtbare Bau in Salomons Hallen am Tempel der Menschheit gefällt mir mehr.
Faust. Du Haft mich herausgefodert, Horst. Wenn ich von Christoph Wrcns Brüderschaft der Freimaurer auf den Bergen mehr als jetzt weiß, sprechen wir darüber weiter. Du bistauch dabei, Linda?
Linda. Ich kannte ein wißbegieriges Kind, das im Garten Blumen aus der Erde zog, um an
rü2 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
der Wurzel zu sehen, warum sie so schön blühten. Scyd Ihr nicht solche Kinder? — ,,A n ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!" sprach unser Meister. Wenn eine Einrichtung da ist und Früchte bringt; möge sie entstanden seyn, wie sie wolle, möge sie sich ihres Ursprungs zu freuen oder zu schämen haben , was kümmert uns dieser? Steht die Gesellschaft auf dem Gipfel, auf welchen wir sie wünschen; ist sie das, wornach zu allen Zeiten alle Guten strebten, jeder Religion und Staatsverfassung unbeschadet, gleichsam das Auge und Herz der Menschheit, o so bringt sie, über allen Unterschied der Stande, über jeden Sectengeist erhoben, den freien Seelen, die zu ihr gehören, die goldne Zeit zurück, die in unser Aller Herzen lebet. Kommt herab in den Garten, Freunde, der Abend ist schön.
Salomo's Siegelring.
Eine Fortsetzung des vorigen Gesprächs.
Faust. Horst.
§ aus t. Bei meinem lebhaften Gespräch mit Linda hieltest Du dich, Horst, so schweigend!
Horst. Weil ich euch, fast vom Anfänge der Unterredung an, auf einem Nebenwege sah, auf dem die Rosse der Phantasie und der Empfindung
zu Beförderung eines geistigen Reiches. iL3
mit euch munter davon flogen. Sage mir. Faust: Werke der Wohltbatigkeit, Menschenfreundliche Bemühungen und Entwürfe, wenn man sie auch edel verschweigt und aus Klugheit oft sogar verheimlichen muß; verpönt man, wie bei dieser Gesellschaft geschieht, die kleinste Entdeckung derselben so entsetzlich? Ein heiliges Feuer brennt auf dem Altar, und rings um stehen nackte Schwerter? — Du wirst mir sagen, die Entdeckung nicht dieser Werke und Anschläge, sondernder Zeichen und Merkmable der Gesellschaft sind verpönt; aber nicht so. Alles, was in ihr geschieht, soll ein Geheimniß seyn; und wenn das, was in ihr und durch die Gesellschaft geschieht, keiner Verheimlichung b e d a r f, wozu der Eidschwur? Also, siehst du, ist noch Etwas anderes dahinter, worauf Ihr bei Eurem edlen Eifer fürs Höchste und Beste der Menschheit nicht träfet, wozu sich aber die Brüderschaft selbst bekennet —
Faust. Und dies wäre?
Horst. ^ ein Ku n stg e he i m n iß.
Lies diesen alten Katechismus der Freimaurer *). Freilich wird über den Aufgenommenen gebetet „daß, wie ec seine Hand ausstreckl zum heiligen Wort, er sie auch ausstreckcn möge dem Bruder zu helfen, (merke dir wohl, nur dem Bruder! und zwar) ohne seinen und seiner Familie Nachtheil **)." Freilich
*) I-iLbiri Lnä Losr. l.onck. »769. x. iz.
") l'bsi bs also put iortb bis Iirmt ro
servs » kroiber, but noi to bnri biinkelk or bis b'innil/.
>8^ I. Unternehmungen d, vcrgang. Jahrhunderts
wird ihm gewünscht, daß er in allen Tugenden von Stufe zu Stufe steige, und die Mäurerei auf der ganzen Erde gesegnet sey *); mitdin soll und darf es keinen unmoralischen Freimaurer nach den Gesetzen der Stiftung geben; Das aber wirst und mußt Du mir cinraumen, daß Namen, Grade, Symbole, Zeichen, Lieder, und was man überhaupt vom Ritual dev Gesellschaft >weiß, die Sprache der Kunst führen,
Faust. Dahinter etwas andres verbergend.
Horst. Wenn Du so gbhrichst und unterschiebst, so kommen wir nicht weiter. Eben dies Andre suchen wir ja. Sieh also erst die Tapete an, hinter der cs stechen soll; sie ist ein mit Symbolen der Kunst bezcichneter Vorhang. Nicht nur die Allegorie des Salomonischen Tempels, die Säulen Jachin und Boas, die NamenThubal- k a i n, I ab a l, I u b a l, als Erfinder der Künste weisen darauf« sondern preiset ihr Gesang nicht Alle —'
— vvcha lisvs ewriad'ch s. Ii e Krv k'roiu ^slial cho-vn tc> Akerchoor "s Auä let eaoIi L r o t h s r dssr a, ?sry«
lallst IVl-i,onrx Max de dlsLsech tdrougli oud rds veorlch.
Statt dessen jedesmal der dermalige Großmeister genannt wird. Also: vom ersten bis zum letzten Kunst-Erfinder.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. r65
Wer je die Kunst bereicherte,
Empfange Ruhm und Preis Von Jabal bis zu —> —
Und jedes Bruders Fleiß.
Was Menschen über. Thkere hebt Erhebe unsre Zunft,,
In Künsten Wahl, im Wirken Zwecks In Wissenschaft Vernunft..
Was uns yor Gluth und Kalte schützt^
Vor Krieges Barbarei
Verdankt die. Menschheit Deiner Kunst,,
Ist Dein Werk, Waurerei. —,
Lies das Original, Da klingts noch höher *).
*) Ls. lVI e n Irom Lrutes Zi s tinLnbsb'4 are
L lVlLson otber bstsn e x c e 11 s.
Bor vvbat's in Xnoxvlecsge Lboies or rare Lut in bis Lreast seeurslz! cl^vsils.
6 boru s. 8is silent Breast snt baitbiul Haart, bteserva tbe. Lecxets ob tbe Lrt.
Brom scorvbing Hont anst pieroinz Lolck Brom Leasts, erbose rnar tbe Borest renäs, Brom tbs Lssnults. ob tVarrior's bolä 1'bs lVlason's Lrt lVlanbinä äekenäs.
6 bor u s. Le to tbe Lrt äue Hononr paiä Brom vrkicb ManbinZ reeeives sueb Liä»
i86 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
Faust. Deine Übersetzung hat das Lied veredelt, Horst. Im Original finde ich ein bloßes Lob auf die eigentliche Maurerei, die Mauern und Hauser aufrichtet, und uns dadurch vor Hitze und Kalte, vor wilden Lhieren, vor Kriegsanfällen schützt; nichts weiter. Es ist ein Handwerks- lied, wie jede Zunft dergleichen hat und sich zum Preise singet. Ich glaube an kein maurerisches Kunstgeheimniß, als sofern jede Zunft, die eine Kunst treibt, jedes Handwerk sogar a hat.
Horst. Du bist, wohin ich Dich haben wollte. Komm in den Garten! Linda singt zur Guitarre.
Faust. Vielleicht auch ein Freimäurerlied, oder was es zu seyn verdiente.
Linda seiner Ueolsharfe gegen über , die am Baum hängend dann und wann klagende Töne giebt. Linda singt:)
An die Aeolsharfe.
Harfe der Lüste, du bringst Klagende Laute mir zu Lus der Fülle der Welten;
Weltgeist, seufzet dann Alles in Dir?
.
zu Beförderung eines geistigen Reiches, rg3
Linda. Ich halte mich an die Penelope. Erzähle weiter.
Horst. Die Musiker zichn mit Apollo, die Apotheker mit Aeskulap, die Schiffszimmerleute mit der Arche Noah; warum sollten die Maurer, nach dem was uns Wren von ihren alten Thaten gesagt hat, sich nicht Hiram und den Tempel Salomo's wählen? Beide standen in der Bibel; jenes Mährchen, durch die vielveränderte Sage empfangen, ward, (wie in der mittleren Zeit alle morgenlandische Sagen,) handwerksmäßig euro- päisiret; was stehest Du hierinne sonderliches und wunderbares?
Faust. Hirams Ermordung steht nicht in der Bibel.
Li nd a. Wunderbare Männer! Um ein Nichts so bemühet! Ich habe von einem Juden-Eanon gehört, in welchem zwei Stimmen einander antworten :
r. Abram ist gestorben,
Ist tobt! ist lobt!
2. Wo liegt er denn begraben? i. Zu Jerusalem.
Indem die letzte Sylbe lern mit bebenden Lippen festgehaltcn wird, fangt eine Secunde höher der andre an: „Jsak ist gestorben" und so durch alle Patriarchen und Stammväter, bis sie sich alle in lem versammeln. Mich dünkt, ich höre von Euch das klagende Lied:
Herders Werke z. Phil. u. Gesch. X. N II.
>94 I- Unternebmungcn d. vergang. Jahrhunderts
1. Hiram ist gestorben,
Ist lodr! ist todr!
2. Wo licgr er denn begraben?
Nu» wo liegt er begruben Faust?
Faust. Das hoffe ich Euch künftigen Johan- nisabcnd zu erzählen.
L i n d a. Wohlan dann! Nach Dsinnistan oder nach Jerusalem, Glück auf die Reise! Was soll ich sage» , meine Freunde? Dir, Horst, mochte ich sagen: „der Zauberring Salomons ist zerbrochen, die Geister sind frei!" oder in der neueren Sprache: „das alte Wort ist verl obren! Hiram schlaft im Lunatum suncloruin. Jeder neuerwahlte Meister tritt (ich habe das Ritual auch gelesen) als Sohn der Witwe, an seine Stelle und soll wirke n."
Oder soll ich Dir in Deiner Weise sagen: „Der Tempelbau ist noch nicht vollendet. Stebe der betende Salomo vor dem Allerheiliqsten, als ob er noch lebte, ob er gleich langst todt ist! Kein nagender Wurm nabe seinem ihn unterstützenden Stabe!" — Unentschieden, reiche ich dir diese Blume, eine Nnchtviole. Als zwölf treue Brüder Hiram zur Erde bestatteten, wuchs sie auf seinem Grabe. Da wachst sie noch , unscheinbar am Tage, im Dunkeln erquickend und Balsamhauchend.
Dir, Faust, gebe ich zu Deinen Untersuchungen ein morgcnlandisthes Mährche n mit auf die Reise: denn wie Horst sagt, Licht und die Mäurerei kommen von Osten.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 196
„Im Mvrgenlande also wohnte der wohlbekannte, aber selten gesehene und nie erforschte Vogel Pb ö nix, dem man viel Wissenschaft und Kunst zukraute ; «in Kind der Sonne, der Vogel des Paradieses. In Dies flog er oft; von zween seiner Baume bauete er sein Nest, vom Baum der Erken n t ni ß' und vom Baum des Lebens. Jahrhunderte lang lebte er, bis im Ringe des Schicksals die Zeit seiner Verjüngung und Erneuung kam. Dann zündete seine Mutter, die Sonne, das Nest an; die Zweige vom Baum der Erkenntniß gaben dem alten Phönix den Tod; die Zweige vom Baum des Lebens gaben dem jungen Phönix neues Leben."
„Mit dem Ende, ich weiß nicht welches Jahrhunderts starb Phönix, der Alke. „Mutter- Sonne , (sprach er im letzten Augenblick, und sah sehnend auf sie;) ende meinem Geschlecht sein einsam-verborgenes, nur seiner Seltenheit wegen gepriesenes, ralhselhaftes Dasepn! Belebe mich, wenn ich erwache, wie du willt, nur frei im Fluge, und Menschen nutzbar. Thu' es, allscgnende Mutter!" sprach er und senkte sich nieder. Mit dem freundlichsten Blick antwortete ihm die scheidende Sonne, zündete sein Nest an und aus der Asche des Verstorbnen erstand — kein Phönix mehr; ein lichter Genius schwang sich empor, ein verborgner Schutzgeist der Menschen. In Dsinnistan wohnt er; aber wem und wenn er will, darf er erscheinen, warnend, helfend, segnend. Seine nützliche, stete Tbatigkcit beschäftigt und erfreut ihn so sehr, daß er s.ch nie mehr »ach seinem alten Phönsrneste lehnet."
N 2
, gt> I. Unternehmungen d. verging. Jahrhunderts
Faust. Dank, Linda, Dir für Dein Mahr- 6)en; künftigen Johannisabend erscheine ich aus Dsiu- nistan wieder.
Linda. (Die Guitarre nehmend.)
„Wcltgeist, binde die Töne Liebend zusammen;
Und sie werden ein Saitenspiel."
Hört ihr, Freunde! Ist nicht die Acolsharfe eine wahre istarna krutornitatis?
(Die Fortsetzung kann zu ihrer Zeit folgen.)
Salomo's T^-rvn*).
Salomo's Thron war Gold; sein Fuß Rubinen und Perlen ;
Sieben Stufen führten zum Thron; auf jeglicher
Seite
Zwischen Garten, die Baum' aus Edclgesteinen gebildet.
Früchte hingen daran und Blüthen; oben am Gipfel
Sangen Vögel mit tausend melodischen Stimmen,
an Farben
Reich, und schöner Gestalt. Aus Edelgesteinen gebildet
*) Ouselx's Oriental Oollection 1797. lnl. LuK. Sept. Aus einer morgenlandischen Handschrift „Geschichte von Jerusalem" betitelt.
z« Beförderung eines geistigen Reiches. 197
Hatten die Genien sie und Alles rings um deiz.
Thron her.
Alles lebt' an dem Thron. Sobald der König die Erste
Stufe betrat, erwachte Gesang der Vögel; sie
schwangen
Flügelbreitend sich auf und flogen entgegen dem König.
Trat er höher hinan zur zweiten Stufe des
Thrones,
Streckten die beiden Löwen die Klaun, und neigten
vor ihm sich.
Trat er zur dritten, so sangen Dämonen Geister und Menschen
Alle das Lob des Ewigen, Sein, des Ewigen
alle.
Auf der vierten riefeine Stimme: „denke der
Gaben,
Die dir der Ewige gab, Sohn Davidsl und sey
dankbar."
Starker ertönte das Lied die fünft' und sechste
der Stufen,
Bis auf der siebenten sich der ganze Thron
belebte;
Vögel und Bäum' und Thier bewegeten si'H, bis
der König
Saß.
Da ergoß auf ihn von Vögeln und Thieren und Bäumen
Sich ein Regen süßer Gerüche. Des schönen Gefieders
I. Unternehmungen d. »ergänz. Jahrhunderts
Schönste zwei, sie flogen heran und setzten dem
Mächtqcn
Auf sein Haupt die goldene Krone.
Nah vor dem Thron stand Eine Säule von Gold, auf ihr eine goldene Taube, Haltend im Schnabel ein Buch, ,,Gesänge des
Königes Davids." Hin zum Könige flog die Taub'; er nahm die Gesänge,
Las sie seinem versammletcn Volk; dann kehrte die
Taube
Wieder zurück.
Jetzt naht' ein Verbrecher dem Throne; wie schrecklich
Brüllen die Löwen und schlagen die Klaun! es sträuben die Vögel
Ihre Gefieder; es schreyn die Dämonen; menschliche
Stimmen
Tönen darein; es erbebt der Verbrecher und zitternd —
bekennt er-
zu Beförderung eines geistigen stieiches.
»99
12 .
Enthusiasmus Methodisren.
^^ie menschliche Natur ist des Enthusiasmus nicht nur fähig und bedürftig, sondern auch nach Zeit und Ort und Sache gewärtig. Ohne Begeisterung schlafen die besten Kräfte unsres Gemüths, oder sie reuen sich matt und peinigen ihren Besitzer, indem sie sich matt regen. Es ist ein Zunder in uns, der Funken will, eine Ideen- und Thaten - gebührende Kraft, die, wenn sie nicht recht befruchtet wird, Ungeheuer gebiert, wie einst die Erde jene Himmelstürmende Titanen. Die bekannteste Erfahrung zeigt, daß, wenn ein Acker nicht mit guter Frucht be'äet wird, er Unkraut trage. Dies ist der Grund der Geschichte aller guten und bösen Enthusiasten, so wie der Fanatiker, der Schwärmer. Todt ist kein Wesen in der Welt; das kraftvolleste, edelste Wesen, der menschliche Geist kann, mag und will nicht todt seyn. Nur darauf kommt es an, was seine Flamme ent zünde? wohin sie wirke?
Man hat dem Enthusiasmus einen andern Grund angeben wollen, die Neigung des Menschen nämlich, sich selbst zu entfliehen, und wenn es seyn muß, aus sich sich gleichsam hinauszuwerfen. „Ihm sey, sagt man, nicht wohl bei sich selbst ;
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ihm werde unwohl, wenn er nn sich hastet." Weß- he»b aber wird ihm unwohl? Weil er Kräfte in sich fühlt, die auswärts streben, ausser sich also ihr Ziel und Ende, ikice Beruhigung finden. Mit tausend Banden ist der Mensch an die Welt geheftet; mit sich selbst beschränkt findet er sich im engsten Gefängniß. Wer ihn also losmacht von sich selbst, wer seinen Kräften ein freies, munteres Spiel verschalt, der ist sein Gott, sein Erwecker. Und spielte er auf ihm wie auf einem Instrument; wenn die Flöte tönt, wenn seine innere Saite klingt, ist ihm wohl; er läßt sie spielen. Daher daS Vergnügen des Volks, in Enthusiasmus gefetzt zu werden; daher der Trieb und die Freude enthusiastischer Geister, andre zu begeistern, zu inspiriren.
Was hatten in älteren Zeiten die Propheten und Poeten, was in neuern die Schwärmer, die Wiedertäufer, die Methodisten davon, daß sie mit Gefahr und Schaven, mit Schweiß und Mühe, Länder aufregten und andrer Menschen gewöhnliche Ruhe störten? Selten oder nicht immer wenigstens, war äußere Ehr-, Ruhm-, Geldsucht der aufregende Dämon, der sie belebte; vielmehr jene innere, höhere Ruhmsucht, die sie, ihnen vielleicht selbst unbewußt, andre zu leiten und zu lenken, sie zu erwecken und zu beleben ancrieb. Eine höhere Herrschaft kann nicht gedacht werden, als die über Herzen und Geister. Und könnte es eine höhere Lust, ein innigeres Gefühl seiner Kraft geben als dieses? Der Allbezwingende wohnet sodann in Aller Herzen , in Aller Geist, diesen übermannend, jene sanftverwaltend.
zu Beförderung eines geistigen Reiches.' 20 r
Daher nun der Trieb aller kräftigen Menschen auf andre zu wirken; und wenn sie mit wilden Kräften tobten, daher die Zerrüttungen, die sie verursachten. Ein aufgebrachter, Racheschnaubcnder Mensch regt andre zu Rache auf; der Unmuthige verbreitet seinen Unmuth. Die von Ludwig XIV. verfolgten und aus mehreren Ländern vertriebnen Ea- misars fluchten der Welt, weissagend als Jnspirirte dem ganzen Europa Untergang und Verwüstung. Nicht viel besser thaten seit 1713 die deutschen Jnspi- rirten, Rock und seine Genossen. Uns Halle durchzogen sie einen großen Theil Deutschlands; wo sie durchzogen, streueten und ließen sie Funken. So mit linderem Feuer die G ich te l ia n e r, die Zionsbrüder und P h i l a d el p h e r, mit wilderm Geist die R 0 nn s d 0 r fer -, dieBrüggler. In Deutschland wurden in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts vorzüglich die Länder am Rhein und die mittäglichen Gegenden aus leicht zu ermessenden Ursachen die Lieblingsbesuche dieser Jnspirirten. Aber auch im kühlen Britannien welchen Lärm machten einst die Independenten, die Puritaner, Qua- ckcr, Wiedertäufer, späterhin die Methodisten u. f. Bei allen war das beste Mittel sie ausgähren zu lassen; nach abgesetzlen Hefen ward aus Manchem ein klares Getränk, wenn es auch nicht immer edler Wein ward. Andre blieben eine trübe Masse und wurden zuletzt Sümpfe. Jede edlere Secte von Enthusiasten indeß hat ihre klare Köpfe gehabt, oder bekommen; Barkleis Ver- theidigung der Quäcker, Robinson's Vcrtheidi- gung der Baptisten sind davon Erweise. Und wcnn man die Hussiten, die M ährischen Brüder
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den Enthusiasten zuzählt, wie viel treffliche, gelehrte, fromme Enthusiasten gab es in dieser ehrwürdigen Religionsparthei, an der es nicht lag, daß nicht von ihr die Reformation über Deutschland und Europa ausging.
Langst ists gesagt, daß kein grosses, überschwenglich - Gutes ohne Enthusiasmus bewirkt werde; so wie auch kein Gräuel sich denken lässt, dessen die «Schwärmerei nicht fähig wäre. Eben das Ende unsers verlebten Jahrhunderts hats über alle Gedanken furchtbar erwiesen. Nachdem man oft gesagt und wiederholt hatte, daß bei z ug e n o m m e n e r, allgemein-verbreiteter Aufklärung eine dem Charakter nach milde, ja leichtsinnig-genannte Nation keiner Schwärmerei, keines Aberglaubens und Enthusiasmus fähig sey, brach dieselbe in eine Wuth aus, die so viel Köpfe und Länder Eu- ropa's verheert hat. Nie halte man den Zunder zum Enthusiasmus oder gar zur Schwärmerei in der menschlichen Natur ausgetilgt oder austilgbar. Stahl und Stein erwecken den ruhig-schlafendcn, verborgnen Funken; ein unvorhergesehener Windstoß führt ihn als Flamme umher. Druck und Verfolgung, (dies zeigen alle Zeiten und Völker) regen ihn auf; sie wecken den Enthusiasmus. Es giebt Zeiten des Schlafs, Zeiten des Aufwachens der Nationen; beide wechseln mit einander, wie Tag und Nacht; beide sind aufhaltbar, doch am Ende kaum hintertreiblich.
Damit alfo der Enthusiasmus nicht aufs Unnütze und Eitle gerichtet werde oder gar zu einer bösen Schwärmerei ausarte, was ist zu thun? Zuerst, daß man ihn nicht durch falsche Vorspiegelungen
zu Beförderung eiueS geistige» Reiches. 2vS
hindere und aufhalte, vielmehr ihn dadurch erwecke, daß man ihm große und gute Zwecke verzeichnet. In der Sphäre der Menschheit muffen diese Zwecke liegen: denn weiter hinaus reicht der Blick nur weniger Enthusiasten. Alles Brüten über Dinge jens eit dieser Sphäre ist eben dadurch eine dunkle, oft grausame Schwärmerei worden, weil sie Menschen im Kreise um sich her keine Zwecke für den Enthusiasmus gab, der in ihrer Brust schlief, oder weil sie diesen aus ihrer Brust mit Gewalt wegdrängte. So mancher Methodist, Fanatiker und Schwärmer wäre nicht .mr zu retten, sondern mit seinem Enthusiasmus sehr edel zu gebrauchen gewesen; hatte man il n auf Zwecke der Wissenschaften und Kunst, oder des tbätigen Lebens geleitet. Meistens aber bemerkt man im Leben der Schwärmer den v e r a n l a s fe n d e n Punkt, wo sic die Linie überschritten und aus dem Gebiet nützlicher Anwendung ins Land der Hirngespinnste und des Wahns geriethen. Sie warkn verlohren, sobald er bei ihnen feste Idee ward.
Auch die Pietät hat ihren Enthusiasmus; die Geschichte zeigt davon die edelsun Beispiele, von Pietistcrei weit entfernet. Von jener Pietisterei nämlich, die ani menschlichen Gcmüth schnitzelt oder nagt und die meistens dlvs deshalb ihr Spiel hat, weil dem Gcmüth eine bestimmte, bessere Anwendung fehlet. Wenn ein Mensch nichts zu thun findet, grübelt er über sich selbst; übel daran ist er, wenn ein Enthusiast dazukommt, der ihn zurück in sein Inneres drängt oder dies Innere gewaltsam herauskehret. Der Mensch erschrickt für sich, wird über sich
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selbst verworren, dann schwach, und folgt zuletzt seinem hochbeseelten, stark-begeisterten Leiter. Wie traurige Geständnisse hatten wir, wenn bei reiferen Jahren Mancher aufrichtig bekennen wollte, wieviel seiner Jugendkrafte, von falschem Enthusiasmus geleitet, an wesenlose oder unwürdige Gegenstände verschwendet worden! Indessen erlischt das Feuer der Jugend und das Herz bleibc zurück; eine ausgebrannte, leere Höhle. Sie glanzt nicht mehr, geschweige daß sie warme und anfcurc; sie rauchet. Eine böse Psychologie liegt der gemeinen Pieti- sterei zum Grunde; und wie ärmlich wird sie angewandt! Im gleißenden Stolz sowohl als in gleißender Bescheidenheit gleich ärmlich, im frommen Betrüge aber abscheulich.
Weise und gut hat es also die Vorsehung geordnet, daß den zu warmen meistens kalte Gemüths- arken gegenüberstehen, die ihr Feuer dämpfen oder mildern. In der politischen Welt, wie in der gelehrten und Kirchcngeschichte sind den Fanatikern und Enthusiasten die Jndifferentisten und Gallionisten immer zur Seite. „Gallion, heißt es, nahm > ichs nicht a n." So schmerzlich dem Enthusiasten diese Gleichgültigkeit seines Gegners oft mit Recht ist: so unentbehrlich ist sie dem Ganzen. Auch im Reiche der Geister muß ein Gleichgewicht, ein Bernden auf dem S ch werp u nk t statt- findcn; oder Alles flöge wie Strohfeuer aus einander. Der zögernde Fabius rettete Rom; oft hat Ein Mann den sichern Gang der Sache, oder die Wohlfahrt des Staats in einer Rathsversammlung brausender Enthusiasten gerettet — durch Kälte.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 2n5
Von Mericus Casaubonus haben wir eine Abhandlung über den Enthusiasmus, in der er als Gattungen desselben den d i v i na t ori sc hen, kontemplativen oder philosophischen, den rhetorischen, poetischen und Bct- Enthusiasmus («ntliusiasinnm pirecatoriurri) gelehrt durchgehet *).
Es ist eine Schulübung; sonst würde er den praktischen, den Th a ten-En th u si a s m u s nicht übergangen haben. Worin lebt der Mensch am fröhlichsten als in Entwürfen und That? Und wie glücklich, wenn in diesen Adrastea ihn leitet! wenn sie das „N icht zu viel!" auch beim Edelsten ihm zuwinkt, und Er auf ihren Wink merket!
Liebenswürdiger ist nichts als ein reiner und thaliger Enthusiasmus für Wahrheit und Menschen- güte; er umgiebt die, denen ec angehört, mit einem stillen Glanze. So treten aus der Nacht der Zeiten, o wie viele hervor, denen sterbend noch die Begeisterung auf den Lippen schwebte! Denn nicht Sturm und Drang war diese Begeisterung, sondern sortwir- kendes Leben. Die Gottheit streuet, wohin sie will, solche himmlische Funken, läßt sie länger oder kürzer
ch lVlericl <üi>SLubonl n8iLsmo conirriorits- lius, Klient ex ltnglico latins reäcki eurLvir lb lVls^er, Vrxpbis», 1708,
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leuchten, mehr oder wen ger zünden und anseurcn; aber Menschen solcher Art auch nur gekannt, mir ihnen gelebt zu baden, giebt die frohe Empfindung: ,,sie waren göttlichen Geschlechts! himmlischer Abkunft."
Sammle jede junge Seele die des Enthusiasmus fähig ist, sich einen Almanach dieser Edlen nach eigner Empfindung und Erfahrung; merkwürdige Begebenheiten, Stellen ober Erinnerungen werden die Tage der Anzeichnung von selbst geben. Mit einem solchen Almanach lernt man durchs ganze Jahr, wie jenes östliche Volk im Tempel der Vorfahren, höhere Tugend. — So steigen wir dann, hinauf oder hinab? zu den — Methodisten.
* Hl
Der Name der Methodisten ward einem Studenten in Orfort, Johann Wcslei und einigen seiner Freunde spotkweise gegeben, als sie sich einer strengeren Lebensart, die nach christlicher Vollkommenheit trachtete, thatig in Werken der Guk- müthigkeit, unterzogen. Weslei ging hierauf nach Amerika, ward auf dem Schiff mit Missionaren der Brüdergemeine bekannt, und da es ihm dort nur seiner eignen Mission nicht eben glückte, kam er nach England zurück, ward bekehret, rcisere nach Marienborn und H e r r n h u t. Nach England zurückgekehrt, reifete er uinber und predigte auf dem Felde.
zu Beförderung eines geistigen ÄAiches. 2<7
Dies Predigen auf dem Felde hatte schon Whi- tcfield vor ihm unternommen und damit einige tausend Pfund für sein Waisenhaus in Amerika er- predigt. Als dieser dorthin zurückginq, und bald darauf starbt mithin Weslei allein das freie Feld blieb, gelang es ihm bei feinem starken unbczwing- lichen Charakter, da die hohe Kirche ihm Kanzeln nicht einraumen wollte, eine eigne, ungeheuer zahlreiche Kirche in England, Schottland und Amerika zu bewirken, und sie durch umherzichende Prediger, die sich jährlich versammlcten, zu besorgen. Db er sich gleich im Lehrbegriff von der englischen Kirche nicht trennen wollte, so trennte nach den Grundsätzen dieser ihn doch dies zuletzt gnugfam, daß Er Geistliche ocdinirte. Da er von strengem Charakter war, so drang er auf Vo l lkom m e n he i t, unterschied Stufen derselben, wollte, daß man den Augenblick der Bekehrung ergreifen, festbalken müsse u. f. Sonach thaten sich in den Versammlungen der Methodisten, insonderheit Anfangs, Erscheinungen hervor, die den Pöbel staunen, den Verständigen dagegen bedauren machten. Zuckungen, Krampfe, gewaltsame Ausrufe und Bewegungen; dagegen, ja bei Weslei's Bruder und Gehülfen selbst Karl Weslei, ein krampfhafter Geist des Lachens zuweilen öffentlich operirte, unaufhaltsam, unwillkührlich. —
Allem Großen und Guten, was Weslei in seiner Person hatte, unbeschadet, (denn er hat große Tugenden ausgeübet) allem Guten unbeschadet, das er durch seine Grundsätze sowohl als durch seine Beispiellose Arbeitsamkeit, Wachsamkeit und Disciplin
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insonderheit bei rohen Menschen und Familien beu wirkt haben soll, da unter seiner Obhut umherzie- hende, stets neue Prediger die Begeisterung fortwährend weckten, ist nicht dennoch der Methodismus eine arme Begeisterung, die anderswo schwerlich, als neben der cntschlafnen Episkopalkirche, und dem veralteten Puritanismus in einem rohen Volk aus- gedrütet werden konnte? Ein wilder Vogel, dessen Eharakter in Gottfried Wildgoose Wanderschaft *) und in andern Spöttereien oft langweilig genug dargestellt worden. Denn sind gewaltsame Augenblicks - Bekehrungen Weg und Methode der Vollkommenheit? Sind Krampfe und Zuckungen Symbole des christlichen Geistes?
Hierin und in manchen andern steht Wes lei hinter dem Wcltklügeren Zinzcndorf zurück. Auf Ruhe des Herzens gründete dieser sein Reich, nicht auf gewaltsame Stürme. Stille daurcnde E i n- richtungen des Fleißes und der sittlichen Ordnung waren dessen Institute, in denen vor Allem Biegsamkeit und T ra c t a bi l i l a t geübt werden; umherziehende Mcthodistenprediger, die ihre Gemeinen wecken und wecken, erhalten so feste Einrichtungen nie. Der Methodismus wird also wahrscheinlich abgahren und sich entweder in andre Secten oder in den Unglauben oder in die gewöhnliche
Kirche
*) Der geistliche Don - Quiote, oder Gottfried Wild- govsens Wanderschaft Ncbersetzt. Leipzig 177^. 3 Bände.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 209
Kirche verlieren *); wogegen die Brüdcrgemeinen sich in ihrer stillen Bucht lange festhalten werden. Denn alles Uebertreibendc und Uebcrtriebene gehet vorüber. Jede Bewegung suchet den Schwerpunkt, auf welchem sie ruhen möge.
Wir haben ein Leben I. Wesleis, von einem Mann, der ihn wohl kannte und selbst ein Methodist gewesen war, allem Anfchn nach unpar- theilich geschrieben; dazu an Ort und Stelle mit Anmerkungen eines andern Mannes begleitet, der ähnliche dergleichen Aufbrausungen aus Tradition und Geschichte kennet und mit ganzer Unparteilichkeit würdigt **).
Die inateriu xeccuns der menschlichen Natur, wenn sie nicht auf gelinden Wegen abgeführt wird, nimmt sich methodistische Explosionen, die starke Naturen ertragen mögen, die aber bei schwachen Ge- müthern oft übel ausschlagen. Würde in jedem Staat der Enthusiasmus angewandt, wozu cs seyn sollte; wahrscheinlich gäbe es so wenig Methodisten
*) Zwar bisher ist er im wachsen; laß aber irgend einen Enthusiasmus kommen, welcher ihm Diversion mache, so verschwindet er. Menschen wird es immer geben, die so etwas bedürfen — wie Nero der Lhcurgie und Philipp Egalite der höchsten Mauerey. M.
**) Lebe» I. Wesleys von Hampson, heraus- gegeben von A. H. Niemeycr. Halle >7g3. 2 Bände.
Herders Werke z. Phil. u. Gesch. X. O 1l.
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als Anabaptisten, Quacker. Puritaner U. f. Nachdem was erzählt wird *) wäre den Augen eines Sokrates das Treiben des Geistes in einer Methodisten-Versammlung eben kein erfreulicher Anblick. „Ist das, würde er sagen, Eure Verjüngung (Palingenesie) an Herz, Sinn, Muth und allen Kräften? Wird so Euer Verstand himmlisch erleuchtet?"
Endlich. Der Enthusiasmus, andre in Enthusiasmus zu setzen, so blendend er hervorsticht, so große Behutsamkeit hat er nöthig. Zu bald verlockt er und gewöhnt an eine usurpirte Herrschaft über die Gemülher und Passionen andrer, schwächerer Menschen. Diese reißt der Taumel mit sich; in einer großen Versammlung wird die Begeisterung ansteckend; sie fliegt von Gesicht zu Gesicht: sie haftet an Stimmen , an Worten und Geberden. Frage der Verständige sich selbst, was durch Erhitzungen und Abkühlungen solcher Art daurend in ihm bewirkt werde? Viel vom Methodismus möchte also an Swifts mechanische Erzeugung deS Geistes grenzen *'*); das ganze Phänomenen aber gehört auf die Insel, auf welcher seit alten Zeiten Geist Puck regieret. Bei Ueberschwang auf der Einen Seite ist die andre Schaale im Gleichgewichte.
S. Albert» Briefe über den Zustand der Religion in Großbritannien Th. 1. Br. 9. f.
") l'sle ok a tiib.
' I ^
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 2rr
Der ungeheuren Wirksamkeit, so wie der Redlichkeit des Stifters der Methodisten wird durch diese Anmerkungen nichts entnommen; Alles in seinem Werk, was gut und göttlicher Art ist, dauret.
Züge aus Johann Weslei's Leben.
„Nicht leicht habe ich, (sagt sein Lebensbeschreiber) *) einen schöneren alten Mann gesehen. Eine heitere und glatte Stirn, eine gebogne Nase, das hellste und durchdringendste Auge, das sich denken laßt, eine in seinen Jahren ungewöhnliche frische Farbe, die vollkommene Gesundheit verriech — daS alles machte sein Aeußeres interessant und ehrwürdig. Es hat ihn nicht leicht jemand gesehen, ohne srappirt zu scyn. Wiele, die voll Worurtheile gegen ihn waren, haben eine andre Meynung von ihm gefaßt, nachdem sie ihn persönlich kennen geler- net. In seiner Stimme und in seinem ganzen Betragen mischte sich Fröhlichkeit mit Ernst; er war lebhaft; man bemerkte die schnelle Beweglichkeit seiner Lebensgeister, und doch ward man auch der heitersten Ruhe in seinem Innern gewahr, Wenn man ihn im Profil sah , druckte sein Gesicht Scharfsinn und durchdringenden Verstand aus.""
Leben We Kleys von Hampson, LH. 2. S. von Niemeyer herausgegeben.
O 2
2,2 I. Unternehmungen d. vcrgang. Jahrhunderts
„In seinem Anzüge waren ein Muster von Nettigkeit und Simplicitat. Eine dichtgefaltete Binde, ein Kleid mit einem schmalen stehenden Kragen, keine Knicschnallen, weder Sammt »och Seide an seinem ganzen Körper, dabei ein Schneeweißes Haar — dies Alles gab ihm ein gewisses apostolisches Ansehen. Dabei war Ordnung und Sauberkeit über seine ganze Person verbreitet."
„Die Talente, die er als Prediger besaß, sind ziemlich allgemein anerkannt. Sein Anstand auf der Kanzel war natürlich und einnehmend, seine Action ruhig und ungezwungen, dabei gefällig und Ausdruckvoll. Seine Stimme nicht laut, aber sehr verständlich und männlich; sein Styl einfach, vertraulich, und den Bedürfnissen der Zuhörer sehr angemessen. Jndeß waren, wenn man auf die Aus- arbeitung selbst sieht, seine Vortrage sich sehr ungleich. Die beständige Beschäftigung mit Brief- fchreiben, Schriftstellerei., Krankenbesuchen u. f. war auch nicht allein daran Schuld, daß er oft schlechter predigte. Die Erhaltung der äußern Ordnung und Verfassung seiner Soci «täten hielt er bei weitem für wichtiger und schwerer, als die Verwaltung des öffentlichen Lehramts. Er versichert selbst irgendwo: „predigen könne er deS
Tags drei - bis viermal ohne die geringste Beschwerde , aber die andern Sorgen für die Gesellschaft wollten oft seine Kräfte übersteigen."
„Einige haben Wesley für einen mittelmäßigen Kopf gehalten. Denen kann ich nicht beistimmen. Seine Eontroversschriften, seine in Oxford allgemein anerkannt« vorzügliche Geschicklichkeit, und die große
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 2 iZ
Klugheit, womit er seine Partei zu regieren wußte, zeigen vom Gegentheil. Es fehlte ihm gar nicht an Schulstudien; er verstand die alten und die neuen Sprachen: er hatte auf der Akademie fleißig den Euklides und die Philosophie studirt. Doch schlug er sich in letzter nie zu einem System und war überhaupt nicht tief in sie eingedrungen. Spcculative Philosophie würde auch mit seiner ganzen Art zu denken und zu handeln,, so wie mit der Lebensweise, die er führte, ganz unverträglich gewesen seyn."
„Im gesellschaftlichen Leben war Wesley lebhaft und umgänglich. Er war viel unter Menschen gewesen , war mit den Regeln einer feinen Lebensart nicht unbekannt, und in der Regel sehr aufmerksam auf andre und sehr höflich. Da kaum ein Winkel im Lande war, wo er nicht selbst gewesen, so war er unerschöpflich an Anekdoten und Erfahrungen, die er gern und was nicht minder wichtig ist, gut erzählte. Er konnte fröhlich und sehr angenehm seyn; seine Heiterkeit pflegte sich auch andern mitzucheilen, und sie litt so wenig unter der Schwache des Alters oder der Nahe des Todes, daß man vielmehr im Loten Jahr ihn noch so heiter sah, als er im 2 oten kaum gewesen seyn mochte."
„Aber seine Mäßigkeit war auch außerordentlich; in seinen früheren Jahren trieb er sie zu weit. Das Fasten und andre Arten der Selbstverleugnung hatte er schon zu Opfert angefangen. Besonders erwartete er sehr viel von wenigem Schlaf. Gegen das Ende seines Lebens ließ er etwas nach von seiner Strenge. In 35 Jahren ist er nicht Einen Tag bettlägrig gewesen."
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„Weslei war Einer der thakigsten Menschen. Schon seine Reisen brachen fast nicht ab. Harre er nicht die Kunst, seine Zeit einzutbcilcn, so vortrefflich verstanden, so wäre es ihm unmöglich gewesen, so viel ;u leisten. Aber jedes Geschäft halte seine bestimmte Stunde. Er ging zwischen 9 und 10 Uhr zu Bette, und stand um 4 Uhr wieder auf. Keine Gesellschaft, kein noch so angenehmes Gespräch, nichts als Fälle der Nothwendigkeit konnte ihn bewegen, davon eine Ausnahme zu machen. Eben so schrieb und reiste er, besuchte die Kranken genau auf die Stunden, die er sich gesetzt hatte. Man hat ihm nachgerechnet, daß er leicht in seinem Lebe» an 40,460 Vortrage gehalten haben kann; die Ermahnungen in den Societaten und Elasten, so oft er zugegen war, nicht mitgercchnet. In jün- gern Jahren machte er seine Reisen zu Pferde. Ein Buch in der Hand, das er vor die Augen hielt, den Zaum über den Nacken des Pferdes hangend, hat er mit seinem Klepper manches Abenteuer erlebt. Im Jahr mochte er doch wohl an 4000 Englische Meilen machen; das giebt für §2 Jahr eine Summe von 208,000. Nur ein Körper wie der seinige konnte eine solche unaufhörliche Thaligkeit aushallen. Hiezu kam nun sein vieles Schreiben. Der Lrigi- nalwerke waren indeß wenig; die Auszüge machte er sich bequem *)."
Die Sammlung seiner kleinen Schriften und Lrac- tate macht allein i<2 Bände, Dko Works ot lolin Wesls^. Lristol 1772. 1774. Er hatte eine Druckerei unter seiner unmittelbaren Aufsicht.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 2,5
„Eine genauere Erwähnung verdient die Sam m- lung von heiligen und moralischen Gedichten, die er in 3 Octavbanden schon zu Oxford mit seinem Bruder herauszugebcn anflng. Sie enthält die trefflichsten Stellen über Religion und Moral aus den besten englischen Dichtern, wie Pope, Poung, Milton. Die beiden letzten liebte Weslei sehr und bat sie ganz mit seinen Anmerkungen herausgegeben * *). Noch wichtiger aber waren in Absicht des Einflusses auf die Partei seine Liedersammlungen, sowohl die altere unter dem Namen der heiligen Harmonie, als das allgemeine Gesangbuch, welches er im Jahr 1780. für alle seine Gemeinen in England veranstaltet hat. Außerdem hat er auch Lieder auf befondre «Falle und Zeiten, Oden über die Bibel u. f. her- ansgegeben; aber icne Kirchenlieder waren es doch eigentlich, die viel zu dem Einfluß beitrugen, den
Seine größeren Werke sind Anmerkungen über das A. und N. Testament, Predigte» in 8 Banden , außerdem ein Arminia irisches Magazin, dogmatische , kirchenhistorische, politische Schriften. Br 0 0 ke' s kool ok gualit^ hat er in einem Auszug gebracht u. f»
*) In den and sacreck ?oem 8 , publiskiakk
l 0 Ii n anä Olisrlss VVeslez', l.oncl. i7Zg. sind viele Gesänge aus dem Deutschen übersetzt. Biele sind von Herbert; Tripolis Irxinn io ibe Lreuior eröffnet die Sammlung.
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Wesley's Lehre fand. Er war ein großer Freund der Musik. und bemerkte sehr richtig, daß die in der englischen Kirche in Reim gebrachten Psalme mit ihren langweiligen Mclodieen wenig geschickt seyn, die Andacht zu beleben. Er führte neue Lieder und neue Melodieen ein. Er machte den Gesang dadurch doppelt angenehm, daß er oft Chöre von Männern mit weiblichen Chören wechseln ließ, daß er Singstunden anordnete, in Capellen, wo keine Orgel war, geschickte Vorsänger, vcrtheilte, und immer solche Lieder wählte, deren Inhalt dem Gegenstände des Vortrages angemessen war. Der Gesang vieler tausend Methodisten auf freiem Felde, in Wäldern, auf Gottesäckern war oft von erstaunlicher Wirkung."
„Wcsley gehörte zu den wohlthatigsten Menschen; seine Freigebigkeit gegen die Armen kannte keine Grenzen. Er gab nicht nur einen Theil seines Einkommens; er gab weg, was er hatte. Das sing er schon in früher Jugend an. Vermukhlich ist in seiner Beschreibung Eines der ersten Methodisten *) von ikm selbst die Rede. „Als er das Jahr 3 a Pfund einzunehmen hatte, so lebte er von 28 und gab 2 Pfund den Armen; als er das nächste Jahr §0 Pfund cinnahm, lebte er auch nur von 28 und konnte nun 82 geben. Das dritte Jahr nahm er 90 Pfund ein und gab 62; das vierte Jahr stiegen feine Einkünfte auf r2a; er schrankte aber seine Ausgaben immer noch auf 28 ein und
) B. 7. seiner Predigten.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 217
gab den Armen 92." In diesem Verhältnis blieb er sein ganzes Leben hindurch. Nach einer mäßigen Berechnung hat er in 5 o Jahren an 20 bis 3 o,ooc> Pfund zu wohlthatigen Zwecken verwendet." —
„Uebrigens war Wesley Key aller seiner Wohl- thatigkeit weder ein sanfter noch empfindsamer Mann. Seine Liebeserwcisungen schienen nicht sowohl aus der Quelle eines gerührten Herzens, als aus der Ueberzeugung, daß es P fl ich t s e y, zu fließen. Ueberall war sein Herz keiner eigentlichen Anhäng- lichkeit fähig, er war nicht zur Freundschaft gestimmt. Wenn ec einzelne Personen auszcichnete, so geschah dies mehr in Beziehung auf ihre a l l- gemeine Brauchbarkeit, als auf ihre persönlichen Eigenschaften. Sein einziges Ziel war die Förderung des Methodismus. Da er nun die dazu entworfnen Plane geradehin für die besten hielt, so ward Jeder seiner Mitarbeiter, der andrer Meynung darüber war, wie Jonas von den Schiffsleuten behandelt. Mit größter Kälte warf er ihn über Bord, oder nach seinem Ausdruck „er empfahl ihn dem lieben Gott."
„Zu seinen bemerkenswerthen Eharakterzügen gehört indeß seine Versöhnlichkeit. Von Natur hatte er ein warmes, beinah ungestümes Temperament;. dies war aber durch die Religion sehr verbessert, wenn gleich nicht völlig unterdrückt. Gewöhnlich behielt er sein ruhiges, gesetztes Wesen, welches mit seiner Thatigkeit und Lebhaftigkeit im Handeln scbr contrastirte. Verfolgung von außen ertrug er nicht nur ohne Zorn, sondern beinah ohne merkliche innere Bewegung; aber bei andern Arten
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des Widerspruchs war dies der Fall nicht. Sobald er sein Ansehen gekränkt glaubte, hat man ihn oft in den lebhaftesten Unwillen auflodern sehen. Uebri- gens war es vollkommen wahr, was er von sich behauptete, es sei ihm nichts leichter, als Beleidigungen zu vergeben. Sobald der Beleidiger nachgab, war er entwafnet, und begegnete ihm nun mit der größesten Sanftmuth und Herzlichkeit."
„Gegen Ungläubige und Freidenker war er sehr intolerant und trieb die Verachtung derselben bis zur Härte. — Für seine Person war er für gewisse Lieblingsmeynungen so hartnäckig eingenommen, daß er, wenn davon die Rede war, nie untersuchen, sondern nur Recht behalten wollte. Oft hörte er nicht einmal die Gründe dagegen. Jeder Mensch, sagt man, habe sein Steckenpferd: das seine war die Lehre von der Vollkommenheit. Wer ihm darin beistimmte, war sein Mann; wer daran zweifelte, fand eine kalte Ausnahme. So entstanden P e rfe c t i o n i ste n und A n t i p e r fe c- tionisten. Uebrigens war Wes lei so gut als andre Regenten mit Schmeichlern umgeben und gleich ihnen nahm auch Er oft den Weihrauch der Schmeichelei für reine Opfer der Wahrheit und Aufrichtigkeit an. Hang zum Regieren war ein Hauptzug in seinem Charakter; auch herrschte er in den letzten in bis r 5 Jahren wirklich ganz unumschränkt. Sein Witte war Gesetz. Gab er einen Beschluß auf, ließ er ein Lieblingsproject fahren, so war es weniger Wahl als Nvthwendigkcit. Wes- lei's Grundsatz von frühen Jahren an war: „ich
betrachte die ganze Welt als meine Gemeine; das
zu Beförderung eines geistigen Reiches, 219
heißt, ich halte es, wo ich mich aufkalte für billig, recht und pflichlmaßig, allen, die Lust haben mich zu kören, die frohe Botschaft von ihrer Seligkeit zu verkündigen. Das ist da» Werk, dazu mich Gott berufen hat und ich bin gewiß, daß crs mit seinem Scegen begleitet. Seine über mir wachende Vorsehung trifft auch ganz mit diesem seinem Befehl zusammen. Sie hat mich von Allem losgcmacht, damit ich diesem Beruf ganz leben und umherzichn könne, um Gutes zu wirken."
Das Gute, das der Methodismus gewirkt hat. setzt Wcslei's Lebensbeschreiber, als Augenzeuge, in die Verbesserung der Sitten, insonderheit des rohen Volkes, in die Beförderung des Wohlstandes ganzer Familien, in eine bessere Erziehung der Kinder, endlich in die Beförderung des Lesens, Denkens, der Bildung des rohen Haufens. Sind edlere Zwecke eines menschlichen Berufs denkbar? Da indeß in dieser Societat Alles auf genaue Obhut in Hausbesuchen, in Vorsorge für Kranke und Leidende, auf Moralität der Prediger, Almoseniere, der Führer und Gemein glieder nach Elassen und Chören gestellet und dazu die ganze Verfassung organisirt ist, so gehört ein Weslei dazu , sie im Leben zu erhalten.
Im Löten Jahr seines Lebens nach wenigen kranken Tagen starb Johann Weslei*); >„Gott,
) Den 2. Marz r7gr.
220 I. Unternehmungen d. »ergänz. Jahrhunderts
sagte er, was sind alle Herrlichkeiten der Welt einem Sterbenden?" Mehrmals fang ec den Vers:
So lang' ich athme, preis' ich Gott!
Und schließt die Lippe mir der Tod,
So preis' ich ihn mit Engelzungen —
Ich Hab' Unsterblichkeit errungen *)..
Endlich. „Nun ist alles qcthan. Laßt uns hcim- gchn. Die Molken triefen von Segen; der Herr ist mit uns t der Gott Jakob ist unser Schutz. Lebt wohl!" Dies war das letzte Wort, das man von ihm vernabm.
Hove, nniins kortis, clux cliori.
B a k o
von der Naturaxt im Menschen **).
Oft wird die Natur versteckt, bisweilen überwunden , selten ganz ausgelöscht.
Gewalt, die man der Natur anthut, macht diese nur stürmischer, wenn sie zurückkehrt; Lehren und Vorschriften machten ihre Wirkungen zwar weniger heftig, heben sie aber deshalb nicht auf; was die Natur ganz verändert und sich unterwirft, ist allein — die Gewohnheit.
Wer die Natur in sich besiegen will, gebe sich keine zu große, noch zu kleine Pensa
*) Nach Nie merers Uebersetzung.
Sermmies Läsl. XXXVI.
zu Beförderung eines geistigen Reiches.
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auf; jene, wenn sie mehrmals unvollendet blieben, schlagen den Muth nieder; diese, wenn man oft auch mehr als sic thäte, heben ihn damit nicht empor.
Anfangs übe man sich mit Zuziehung einiger Hülfsmitrel, wie die jungen Schwimmer mit Blasen und Binsen; nachher lege man sich Hindernisse in den Weg , wie Tänzer z. B. mit schweren Schuhen tanzen. Denn in jedem Geschäft gelangt man dadurch zur Vollkommenheit, wenn man sich am Schweren übt, als der gewöhnliche Brauch fodert.
Wo die Natur sehr mächtig, mithin der Sieg über sie schwer ist, wird man Stufenweise gehen müssen, z. -B. Erstens seine Natur auf eine gewisse Zeit hemmen wie Jener, der , wenn er in Zorn gerieth, ehe er etwas unternahm , die Buchstaben des Alphabets hersagte; zweitens sie mäßigen und an kleinere Portionen gewöhnen, wie z. B. wer sich vom Wein entwöhnen wollte, kleinere und kleinere Züge tbun müßte; zuletzt wird man bann die Natur ganz bändigen und zähmen. Ware Jemand stark und standhaft genug, sich Augenblicks zu fassen und in Freiheit zu setzen, der thate freilich das Größestc:
Sein selbst Retter ist Er, der die herzverwundenden Bande
Riß und in Schmerz dabei Schmerz zu empsint den verlernt *)..
*) Der hohe Ausspruch ist fast unübersetzbar:
Optimus ille animi vinclax, laeäenria pectus Vinciils cxui rupii, cleäoluitgue semel.
222 I. Unternehmungen d. «ergänz. Jahrhunderts
Auch die alte Regel ist nicht zu verwerfen, daß man die Natur wie ein krummes Stäbchen, das man gerade haben will, auf die entgegengesetzte Seite stark überbiege; doch merke man sich dabei, daß diese entgegengesetzte Seite kein Fehler seyn muß.
Auch daraus habe man Acht, daß man die Fertigkeit, die man sich aneignen will, nicht durch eine immerhin fortgesetzte, sondern durch unterbrorhne Bemühungen erstrebe: denn dies Unterbrechen erneut und verstärkt das Bestreben. Ein Lehrling, der sich mit fortgesetzter Anstrengung übt, kann sich mit der Fertigkeit zugleich Fehler aneignen; dem weicht man aus, wenn man zur Zeit die Arbeit niedcrlegt und nachher mit neuen Kräften frisch daran geht.
Uebrigens triumphire man nicht zu sehr, daß man seine Natur bezwungen habe: sie schläft oft
lange, wie begraben, und wacht bei Gelegenheit doch wieder auf. Wie jenes Mädchen beym Aesop, die vorher Katze gewesen und in eine Weibsperson verwandelt war; sie saß ganz artig am Lisch, bis ihr — ein Mäuschen zu Gesicht kam. Dergleichen Gelegenheiten muß man entweder ganz vermeiden, oder sich, damit sie unkräftiger werden, an sie g e- wohnen.
Die natürliche Art eines Menschen ent deckt man am besten im vertrauten Umgänge: denn in ihm findet keine Affectation statt; in G e- müthsbewegungen: denn in ihnen vergißt man Vorschrift und Regel; sodann bei einem neuen.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 223
ungewöhnlichen Vorfall: denn da verläßt uns die Gewohnheit.
Glücklich sind die, deren Naturtrieb Mit ihrer Lebensweise übereinstimmt; wo dies nicht ist, mögen sie mit dem Psalmisten sagen: „es wird meiner Seele lang zu wohnen" — — *).
Bei Geschäften, die unsrer Natur fremd find, muß man sich Z c i t e n setzen, sie zu überlegen und auszuüben. Stimmen sie mit unserm Genius überein , so bedarfs keiner festgesetzten Stunden; wenn andre Geschäfte und Studien cs zulassen, werden unsre Gedanken von selbst zu ihnen fliegen.
Die Naturart Jedes bringt aus angebohrner Kraft gute und böse Kräuter hervor; sorgsam und zeitig reiße man diese aus und begieße jene.
*) Anspielung auf Ps. las, 8. 6. Wahrscheinlich schrieb Bako dies aus seinem Herzen: denn sein Naturtrieb, das Feld der Wissenschaften zu erweitern, stimmten nicht eben genau zum Beruf seines Lebens, zu Canzlargeschästen.
224 I- Unternehmungen d. vergang. Jahrhundert«
iZ.
Atlantis.
^>ehen wir zurück auf die mancherlei Bemühungen, die wir bisher durchgangen sind, was in ihnen einzelne Menschen sowohl als Verbindungen und Gesellschaften Gutes und Böses, irrig und schwindend, oder wahr und daurend geleistet; bemerken wir den Streit der Geister verschicdner Part Heien, und wie immer zwei Extreme, Licht mit der Finsterniß, Neuerung mit dem Herkommen, junger Fleiß mit alter träger Autorität, kämpften; und werden dabei gewahr, wie viel herrliche Talente umsonst in diesem Streit untergingen, wie viele gar nicht zum Vorschein kamen, weil sie nicht an ihrem Platz standen ; endlich welche tolle Verwirrungen entstanden , wenn die Faust Auge, der Fuß Ohr leyn wollte, Verfolgung, Thvrheiten, Kränkungen, Lähmung gesunder Glieder, oder gar auf eine Zeit Stemmung, Stockung, Chaos des Ganzen, d. i. alter geistigen und sittlichen Kräfte; dies Alles in Einen Blick gefaßt, schlägt uns nicht das Herz mit der Frage: „sind diese Kräfte nicht zu ordnen und zweckhaft anzuwenden? Stehen die arbeitenden Genien des Menschengeschlechts
unter
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 226
unter keinem leitenden Blick, Unter keinem Siegelringe des weisen, des geistigen Architekten? Dürfen und müssen sie gehen, (nach der Sprache des Propheten) wie Fische im Meer und wie das Gewürm, das keinen Herren hat? Gehört dies etwa zur unveräußerlichen Freiheit der Geister?"
Bei jeder Einrichtung menschlicher Dinge denkt man sich ein übersehendes Auge, eine a l l- gemeine Vernunft, (raison universelle,) und plastische Kraft, ohne welche die Theile zerfallen, oder gegen einander wirken. Trauriger dem Anblick aber ist nicht leicht etwas, als eine zerfallne oder stockende Kunstmaschine; widerlicher nichts, als'eine schnarrende Uhr, als ein vcrwesend- gahrender Körper. Lasset uns also, da Eampa- nella eine Sonnenstadt, Bako eine Atlantis schrieb, und thätigere Geister, wie Zin- zendorf, Wesley u. f. mit regsam-unermüde- tcni Fleiß wirkende Gesellschaften, geistig-moralische Gemeinen d. i. Socie- täten, (oivitatos) stifteten, ihre Vorbilder nutzen, und dem Gewirr des vergangenen Jahrhunderts den Ton abfragen, in dem seine Bemühungen etwa zu- s a m m e n tr a sc n. Bei rohen, physischen Kräften nennt man es den Dienst; das Militär, die Industrie sind dazu geordnet; verdienen oder leiden die feiner», geistige und moralische Kräfte, keine Organisation und Zusammenord- nung?
1. Schulen und Universitäten
Sind Institute zur Ausbildung und Zusammen- ordnung solcher Kräfte; ihre Einrichtung sei gut oder Herders Werke z. Phil. 11. Gesch. X. P II.
226 I. Unternchrnungen d. vergang. Jahrhunderts
übel, das lebendige und Hauptwerk ist ihre Vermal t u n g. Trügen sie auch aus alten Zeilen Mangel an sich; welche menschliche Verfassung ist ohne dergleichen? und wie bald wird, was auch Wir stiften und ordnen, weniger brauchbar für kommende Zeiten! Alfo in diesen alten Gehäusen (wer es vermag, baue sie neu) das möglichste Gute zu bewirken, ist die Aufgabe; und da sagen uns die Jesuiten in Paraguav, die Metbodisten in England, die Brüdcrgcmeinen an aller Welt Ende: dies geschehe durch lebendige Wirksamkeit, durch Societat und Aufsicht- Die großen Wirkungen des Jesuitismus waren Folgen der O rdn u n g und strengen Subordination in der Gesellschaft. In Zinzendorfs Gemeinen ziehet sich das Baud linder , ein Band zwischen Brüdern und Schwestern; dennoch aber ists ein Band; die Gesellschaft erbäll sich nur durch Ordnung. So die Methodisten. Wesley's Lebensbeschreiber sagt es der Gesellschaft vorher, daß mit der genauen und strengen Obhut ihrer umherziehende», mit frischem Blick und neuem Leben wirkende Prediger die Gesellschaft selbst sich Hallen oder entschlummern werde. Wenn das Herz nicht mehr schlägt, neue Lebenskraft alle Adern sendend, was wird der Körper?
Aufsicht also und Vereinigung zu einer wirkenden Gemeinschaft können die Lehranstalten eines Landes allein im Leben setzen und erhalten. Sind beide ohne Obhut, mit dem Staat gleichsam unverbunden, so daß man sie als für sich bestehende, alte Eadaver betrachtet; lehret man in ihnen nicht, was der Staat und das Leben braucht;
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 227
arbeiten niedere und höhere einander nicht in di« Hände; sind die, die ihnen verstehn, arm, verachtet, und leben ein kümmerliches Leben; oder endlich, taugt die in ihnen herrschende Methode nicht, sind ihre Lehren und Sitten dem Staat und den Jünglingen gar gefährlich — welche Desorganisation' Chaos und Abgrund.
Kein öffentlich angesiellter Lehrer darf schlechthin lehren, was Er will, wie es ihm im Augenblick ein fallt; er soll die Wissenschaft oder Kunst lehren , dazu ihn der Staat bestellt und zwar auf die dem Staat und der Menschheit nützlichste Weise, also unter Aufsicht. Deswegen heißt der Landesregent Rector der Universität; wie der Kaiser von Sina ist er der gcbohrne Präsident der Wissenschaften und Künste seines Landes. Sind seine Einsichten dieser Ehrenstelle nicht gewachsen, so habe er ein Tribunal der Verständigen zur Seite: denn alle Fehltritte und Aergernisse gelehrter Institute seines Landes, die Wahl schlechter Lehrer, die schlechte Ausbildung unbrauchbarer Zöglinge, unwürdige Streitigkeiten seiner Gelehrten, häßliche Sitten der dort zu erziehenden Jugend ruhen zuletzt auf Ihm. „Dem Staat, sagen die Geschlechter, vertrauten wir unsre Sprossen, nicht dem tollen Dafürhalten einzelner, phantasirender Lehrer. Daß ihre Köpfe verschroben, daß ihr Gehirn auf lange Zeit verwahrloset werde, dazu sandten wir sie auf Eure Schulen , Eure Universitäten nicht." Auch darf sich kein Lehrer über diese Aufsicht als über einen Zwang beklagen: denn wozu ward er öffentlicher Lehrer dieses
P 2
228 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
Instituts? Ihm dem Privatmann blieben alle s.ine Gedanken frei.
Man weiß, welchen Schaden den Jesuiten die in einigen ihrer Schriften vorkommende», von der Gesellschaft übersehenen g e führ! ichen Aeußerun- gen gethan haben. So schuldlos viele Glieder der Gesellschaft seyn mochten, schrieb man sie doch der ganzen Gesellschaft zu. Jede Lehranstalt muß sich von Skandalen rein und frei erhalten; noch ist aber damit wenig geschehen, wenn das Auge des Staats nicht positiv wirket. Wo Talente nicht ausge- muntert, Fleiß und Erfindung nicht belohnt werden, wo der Beste unter dem Kabalen-Einfluß des Schlechteren erliegt, ein Spinngewebe im Winkel, wo aus Hunger eine Spinne die andre frißt — dies ist keine Sonnenstadt, keine Atlantis. Wie erfreulich dagegen der Anblick wohlorganifirter Institute sey, und wie viel durch sie gewirkt werde, eben Das haben mehrere theils Gesellschaften, tbeils einzelne Männer bis zur Verwunderung erwiesen. Die Menschheit nimmt alle Formen an und ist ihrer Fähig, zumal in jüngeren Jahren; die wohlanständigste gefallt den Jünglingen selbst am besten. Einer wohleingerichteten Schule eifern die andern nach; Schulen und Universitäten einander. Beide, den jetzigen Bedürfnissen des Lebens und Staats harmonisch, geben die Idee eines wahren Salomonischen Baues, forrwirkend auf kommende Zeiten. Es wird einen frohen Anblick geben, wenn wir bemerken, wie das vergangene Jahrhundert nicht etwa nur gewünscht, sondern in Reinigung seiner alten, in Bildung besserer neuer
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 229
Institute wirklich große Anfänge gemacht hat. 1?I rw ultra,!
2. Schriften.
Jünglinge, wenn sie die Universität verlassen, bleiben sie ohne Aufsicht? Traurig und gefährlich, wenn sie es blieben: denn eben dieß sind ihre Entscheid u n g s j a h r e für Glück und Unglück, für Brauchbarkeit und Unbrauchbarkeit aufs ganze Lebe». Alle Gesellschaften also, die forldauren wollten, legten Scminarien an, auf welche sie, wie auf Pflanzstaten und Eonservatorien ihrer selbst, den größten Fleiß, die sorgsamste Obhut wandten. Man weiß, daß unbesäet der fruchtbarste Acker das meiste Unkraut trägt: geil und wilde schießen also, wenn ilmen bearbeitende Pflege mangelt, gute Köpfe in Ranken empor und kommen vielleicht nie zu besserer Zucht und Wartung. Haben wir deren nicht traurige Beispiele genug in Deutschland? Ein Heer junger Schriftsteller, die, kaum der Akademie entronnen , mit oder ohne Talent, Pasquille, Romane, Pbilosophiecn schreiben, sich, wie sie sagen, dem Bücherschreibc» ergeben und um unabhängig zu seyn, dem Dienste des Staats entsagen. Welche Gesellschaft der Vorgenannten würde dies dulden? Sie stieße die Skribblers, verwahrlvscte Freidenker, von sich. — Aus Erbarmen sollte der Staat sich dieser Verlohrnen amiehmen, und unter ihnen die brauchbaren Kräfte, die jetzt in schriftstellerischem Müssiggange phantastisch verschleudert werden, oder gar zu Entwürdigung der Wissenschaften , zum Verderb der lesenden Welt, wirken, nützen. Die un-
n3o I. Unternehmungen d. vcrgang. Jahrhunderts
glückliche Zeit der französischen Revolution, das da- mals wüthende gelbe Fieber des I n d ep e n den t i s- mus, zu dem sich die kritische Himmelsstürmerei gesellte, hat eine Menge schöner Talente vom Wege gebracht; noch dauret in ihren Köpfen die Revolution fort und wird dauren. Was bei T o- land, der in ähnlichen Zeiten traf, und bei mehreren Freidenkern Englands angemerkt worden, gilt von diesen Armen. Langsam wird die Zeit, vereint mit dem Mangel, ihre früh cmpfangne tiefe Wunde heilen.
„Wie aber? steht nicht Jedem die Wahl seiner Lebensart, so wie die Aeußerung seiner Gedanken, mündlich öder schriftlich, gedruckt oder geschrieben, frei?" Immerhin! In Deutschland vollends sind Verbot oder Interdikte darüber fast unkraftig: denn was nicht hier, wird anderswo gedruckt, und findet zuletzt jenseit des Rheins seinen Verleger. Wie aber die Gesellschaft fodern darf und fodert, daß man auch mündlich nicht zu Jedem und überall auf gleiche Art spreche: so hat das Publikum, das gedruckte Schriften lesen soll, auch seine Rechte, mithin der Staat, der diese handhaben und vertreten soll, auch seine Pflicht. Er hat ein Mittel in der Hand, das wirksamer seyn kann, als alle Censur und Verbannung; es ist — die Kritik. Die Kritik gehört dem Staate.
„Die Kritik dem Staate?" Keinem andern; nur durch seine Verständigsten übe Er sie aus.
Was will das Privilegium sagen, daß zu einem Tribunal der Kritik einem Verleger
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 2^1
ertheilt wird? Daß er als Buchführer gedruckte Lumpen umherführen dürfe, unbeachtet was darauf gedruckt ist? welche Entwürdigung Ware dies der höchsten Pflicht und Gabe, die, wie der Mensch vor Lhieren, so eine Gesellschaft von Menschen, der Staat, hat — zu urt heilen, durch sein Urtbcil Werth und Un werth vor andern Menschen öffentlich, daurend zu bestimmen! Dies Recht, diese Macht, einem Verleger geben, weil er Lumpen druckt und umhcrführet, hieße den sonderbarsten Schöppenstuhl der Wahrheit und des Geschmacks gründen. Auf wen fallet der Schimpf, wenn dieser Stuhl alberne Urtheile, Injurien spricht? Auf keinen als den Staat,' der dies Privilegium ohne Sicherheitsleistung einem Unfähigen gab, und seine eigensten Rechte nicht ausübt. Sehr in Ordnung war Hallers Gedanke, den gelehrten Anzeigen, die er in der Mitte des vergangnen Jahrhunderts begann , die Aufsicht einer Gesellschaft der Wissenschaften als eine Firma zu geben: denn die competenten Richter geistiger Products sind immer doch nur Männer von Geist, nicht vom Verleger gedungene Söldner. Und bei Jnvectiven, wer würde mit dem Drucker Krieg führen? Der Staat, der ihm die Macht gab, Jnvectiven zu drucken , Er ist der v 0 r gller Welt Verklagte. „Wie ? sagt im Herzen jeder Ehclicbende, in keiner ehrbaren Gesellschaft darf eine Beleidigung ausgesprochen werden, ohne daß die Gesellschaft widernd daran Theil nehme; und die edelste Gesellschaft, der Staat, begünstigt eine Ehr-abschneidendc Räuber- hole? Indem solch« Menschen ohne Aufsicht
2Z2 I. Unternchmungen d. »ergänz. Jahrhunderts
in ihm öffentlich und beglaubigt Urthcil sprechen dürfen , bekennet er entweder seine Barbarei, der weder Ehre noch Wissenschaft am Herzen liegen, oder daß er keine verständigeren Richter habe. Ihm ist gleichgültig , was auf den Käsekram der Lumpen gedruckt werde." Ganz anders ein Staat, der Ehre liebet. Sein ist die Kritik; er spricht sie durch Mund und Feder seiner Würdigsten aus; diese stehen für ihre Worte. Fürchte man nicht, daß hiedurch eine Lähmung im Urthcil entstehen, daß Einseitigkeit und Despotismus sich wilde gebährdcn werden. In Deutschland sind mehrere Staaten; jeder darf sein literarisches Tribunal haben, da dann Eines dem Andern bald die Stange halten wird, und das feinere Urthcil doch zuletzt sieget.
Nicht aber auf Mißbrauch muß man zuerst rechnen, wenn man einen Plan entwirft, richtiger Gebrauch ist sein Zweck, bei welchem man Jenem verbeuget. Sind die Verständigsten des Landes die gebe hr neu Richter des Wahren, Guten und Schönen; so entspringt hieraus natürlich eine Akademie oder Societät der Wissenschaften, die urtheilt. Drangen sich Unwürdige zu ihr, so fällt der Schimpf abermal auf den Staat, der solche Cellos für seine Verständigsten erkannte; bald aber muß sich auch bei Mißgriffen eine Gesellschaft der Würdigsten klar Hervorthun, die sich durch sich selbst bewahret. Diese, eine wahre Akademie cksU-c Lrrrsoa käme nicht zusammen, um einander mit Vorlesungen zu belangweilen; als Eon- su l ta to r i n d es Staats richtete sie über literarische Verdienste in geschlossener Gesellschaft. Ihr
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 232
würde, wns privilegirke Kritik ihres Landes heißt, prit Unterzeichneten Namen der Autoren, von jedem Redacteur kritischer Blatter pflichtmäßig zugefertigt, nicht zu ihrer Eensur allein, sondern vorzüglich zu ibrcr Notiz, im Fall, wo es Notiz bedürfte. Deren bedarf es, um Die zu kennen, die sich selbst und andre recensiren, um überhaupt die geistigen Kräfte zu kennen, die sich gegen einander bewegen oder ruhig wirken, endlich um jede Kraft gebrauchen zu können, wozu der Staat sie gebrauchen kann und soll. Dies aufgehobene Tuch, wie viel machte es offenbar! und doch würde eS vor dem Publikum nicht aufgehoben, als wo es das Recht fodert. An sich wäre dies kritische Tribunal mehr das Auge,, als der Mund des Staates;.
Aber nicht wissen und einhalten allein soll der Staat, sondern auch fördern und helfen; verdienen Geisteskräfte es weniger, als rohe materielle Kräfte? Wie viel ist in Deutschland für die Gesellschaft geschehen, ohne daß sie nur Kunde davon nahm ! Das hungernde Talent floh mit seinen Erfindungen zu ihrer Ausbildung und Anwendung oft in andere Länder.
Und wo irgend ein Fürst nur sein Auge auf literarische Bemühungen wandte, zumal wenn es mit Kenntniß und Liebe der Wissenschaft geschah, wie dankbar, sorgsam und wohlthätig wandte man gegenseitig den Blick an! Auf seinem Seeberge bei Gotha hat Zach alle Observatoren Europa's nach und nach versammlet. Der Name des Fürsten, der ihn in seinem Werk unterstützt, glänzt still und ewig unter den Sternen.
2Z4 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
Ein Monarch, der einst sein Land zum angenehmsten Garten Europa's umschuf *), ließ bei ,e- der Reformation, die er im Sinn hatte, die Geister durch Schriften vorbereiten. So verstand man, was er wollte; die Vernunft ging dem Gesetz voran.
In dem Staate Deutschlands, der jetzt allen Beobachtenden wie eine Morgenröche von Hoffnungen aufgcht, arbeiten denkende, so wie wollende und ausrichtende mit einander; M a x i m i I i a n I o- seph ist, der beide fördert und ordnet. Sein in Bayern langst verehrter. Name gehet einem neuen Jahrhundert voran.
Bekannt ists nämlich aus der Geschichte, daß gewisse Zeiten sich theils durch eine größere Anzahl erregter geistige^ Kräfte, theils durch eine neue bc- scndre Richtung derselben auszcichnen. Trifft diese mit wahrer Unterstützung auf einen großen Zweck, so schafft sic ein ncueS Jahrhundert in den 'Annalen der Menschheit; cin König im Reiche der Geister, der sic wie Salomo bindet und zu seiner, einer edlen, Absicht in Thatigkeit setzt, dessen Siegelring ein Verstand ist, dem Alle willig gehorchen ; er ist den Gemüthcrn ein großer Meister! Sein Name wird genannt, wcnn ec langst nicht mebr ist; ja zuletzt hangen sich an ihn aus dankbarer Freude liebliche Mahrchen.
Dagegen wenn ein Zeitalter der Geisteskatarrh, Schnupfe, Lähmung, ein Wahn, eine eigcnthümliche
G Kaiser Leopold, vormaliger Großherzog zu Florenz.
zu Beförderung eines geistigen Reiches.. 23 ü
Tollheit überfällt, und ein hülfreichek Arzt um die kranke Schwärmerin zur Gesundheit zurückzuführcn die Krise abwartet; auch Er ist ein Wohlthäter der Menschen. Hätte am unglücklichen Ausgange des verflossenen Jahrhunderts ein Genius Macht gebabt, alle Genien Europa's zu vereinigen, um mit Einer Stimme den Betrug zu verkündigen, „daß man für eine falsche Helena, genannt Freiheit und Gleichheit, Glück und Leben aufopfere, indeß die wahre Helena von den Göttern längst gerettet sey *);" welch unermeßlichem Unheil hätte er vorgebeuget! Als das Wahnbild zerfiel, freilich da saben die Geister zu spät, wie häßlich sie hintergan- gen waren.
Wenig schmerzt in der Geschichte sb sehr, als der Anblick ungebrauchter oder mißbrauchter, unzei- rig verschwendeter Kräfte. Wenn ein Lessing mehrmals sagen konnte: „ich stehe müßig; mich dinget
niemand. Ich wills hicmit, damit versuchen; ich will nach Rom wandern!" Freilich so stand es damals wo ec lebte, mit Anordnung geistiger Kräfte mißlich. Auf seinen Platz gestellt, wie mehr hätte
*) Anspielung auf die Fabel eines Stücks von Euri- pides,. das voraussetzt, die Grieche» haben vor Troja zehn Jahre um ein Wahnbild der Helena gestritten, indeß die wahre Helena nach Aegypten gerettet gewesen. Eine lehrreiche Idee für alle Kriegführende Mächte, die um einer geistigen oder körperlichen Helena Trugbild ihre Völker zu Felde führen.
236 1. Unternehmungen d. vergnüg. Jahrhunderts
dieser rüstige Geist, der jetzt schon, wo er hin und hineingriff, so viel geleistet hat, vollendet! Eine unter ihm werdende Gesellschaft, wie mancherlei wäre sie geworden!
Z. Sitten.
Sollte es einer Gesellschaft gleichgültig seyn, ob sie einen Mandevill'schen Bienenkorb voll krönest raren turn'rl lennves oder einen wahren Biensn- stnal vorstellte voll Fleiß und Ordnung? Gleichgültig , ob sie Grundsätze der Ehre befolgte, oder sich selbst öffentlich Ehrlos erklärte? Das letzte that sie nicht durch Ehrvergeßne Anstalten und Einrichtungen allein, sondern schon dadurch, daß sie Ehcevergcssen selbst nach nichts wahr-Ruhmwür- bigem trachtet. Jeden Stifter einer neuen Gesellschaft schätzet man hienach; weder die Jesuiten in Paraguay, noch Missionen, Freimaurer, Enthusiasten können sich der Frage entziehen: „worauf
dann -ihre Tendenz gehe ? was sie bei ihr Großes und Gutes geleistet ?" Jede Menschengesellschaft und Einrichtung steht offen und unausweichlich dieser Frage da. Leistete sie nichts, wollte sie nichts als triviale Zwecke, nichtige Herrlichkeiten , so wird man schamroth, wenn man den ehrwürdigsten Namen, der alle heilige Bande der Menschheit cinschließt, mit Verachtung nennen müßte. Ein Körper, besten geistige Kräfte nicht geachtet werden, wird zur Maschine; ein andrer, dessen sittliche Kräfte unbenutzt bleiben, zum Tbier. Welche Ehrlosigkeit wäre schlimmer und schlechter ? Unglücklicher Weise sind beide bft einander.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 2?,N
Mit Recht dringet man also auf Erziehung, uns Sitten; traten mm aber diese sittlicb- W o hie rzogene in eine Gesellschaft, in der kein Schatte dieser Grundsätze d. i. nichts minder als Sitten und Fähigkeiten , sondern Geburt, Stand, Eabale, Geld, Gunst, Laune, Willkühr, Eigensinn u. f. Aemter besetzen und Preise verthcilen; wie dann? dich selbst bliebe der Gebildete immer gut erzogen , nicht aber dem Staat, in welchem seine Borstige ihm gar zu Hindernissen des Fortkommens werden möchten. Komisch und tragisch, tragisch bis zu Thränen und zur Verzweiflung hat man diese Diskrepanz bereits in Geschichten und Dichtungen aus und Nach dem Leben geschildert; wer bringt uns Campanella's Sonnen stadt (sagt man) wieder? Sie kommt! Sie kommt ! Mehr als Ein edler Enthusiast befliß sich in seiner Gesellschaft, in seinem Viereck geistige Kräfte herrschend zu machen, moralische mit ihnen zu vereinen. Keinem Vater und Hausvater sind die Sitten der Seinigen gleichgültig, wie denn einem Vater und Hausvater des Staates ?
In jeder Gesellschaft sind C lasset! und Stande; welche vernünftige aber constikuirte sich so, daß diese in Sitten und Verdienst, in Rang und Umgang ewig von einander gesondert bleiben
*) S. unter vielen andern die Schrift äu gonver- uement cles moenrs von kotier cle bi. 6er- uiein, Bürgermeister in Lausanne, übersetzt von Götz, 178h.
236 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
müßten, so daß Eine der andern Geruch scheuer? Das hieße seinen lebendigen Körper zerschneidend in Theile theilen, deren Einer von dem andern getrennt gegen ihn Abscheu oder Verachtung nähren soll. Vom Mittlern Stande geht bekanntermaßen die geistige Thatigkeit und Eultur aus; auf und nieder soll sie Wirken, damit das Ganze belebt werde. Diesen Stand von den obern Standen höhnend trennen, heißt die obern Stande fortwährend zur Einseitigkeit, zu barbarischem Stolz, zu Un wissenheit und Anmaßungen verdammen, die, seit sie nicht mehr auf dem Harnisch, sondern auf einer hölzernen Schnürbrust beruhen, in der man sich weder edel noch frei beweget, eine den menschlichen Geist beleidigende E l au sur sind. Jeder verständig - anordnende Geist trennt nicht, sondern vereinigt die Glieder seiner Gesellschaft.
Lustbarkeiten zeigen am meisten die Sitten des Volks; zu Bildung und Mißbildung derselben tragen sie viel bei; weder unsittliche also noch unverständige sollte eine vernünftige Mcnschengeftll- schaft dulden. Das einzige Theater erforderte hier eine lange Rede, der ungeheuren Macht wegen, mit der es wirket. Die Griechen, wenigstens An- langs, wußten, wozu sie ihre Stücke schrieben und gaben; wie wenige es seitdem gewußt haben mögen, seitdem man sich an Allem, am Uebertriebenen und Schlüpfrigen sonderlich, nur amusirst, ist eine andre Frage. Vollends die Gesellschaftstheater und daß man in der Gesellschaft säst von nichts anderm als vom Theater zu sprechen weiß oder zu sprechen waget — letzteres zeigt entweder einen so gebundnen
zu Beförderung eines geistigen Reiches.
oder so hohlen und leeren Sinn, dnß man oft fragen möchte: „ist denn die Welt, ist unser Leben diese Bretterbude?" — Und wie spricht man darüber?
Jsts dem Staat nicht gleichgültig, welche Sitten und in welcher Tendenz sie öffentlich aufgeführt werden, so auch nicht, welche Schriften man heimlich lese. Eensuren wirken hier wenig, wohl aber unmerkliche Sichtung der Lesebibliotheken Einverstand mit honetten Buchhändlern i» Ansehung der Einfuhr fremder Schriften, und Vorsorge, daß man honette Autoren habe. An Sinesischeli Schriften hat sich noch niemand geärgert; wohlan! Jedes schlechte Buch sei für uns Sinesisch und Malabarisch.
Was in Sitten auf die Gesellschaft am meisten wirkt, ist nicht Lehre und Befehl, sondern Vorbild, Beispiel, Gewohnheit, Mode. Manche Dinge hielt man für unmöglich, bis man sie sah; jede autonvmische Gesellschaft war zuerst eine Erscheinung, bis sic ihr Dafevn bewährte. So auch die Sitten jeder dieser Gesellschaften; das Schwerste ward in ihnen leicht, das Unangenehme zur Lust, das Unmögliche möglich— wodurch ? Durch Nacheiferung, durch Gewöhnung. „Guter Sitten Stifter!" ein edler Name! Schweigend durch sie auf die Nachwelt fortwirken, ein hohes Verdienst! Wie Laster und Unarten zur Mode werden können, warum sollte es nicht auch Fleiß, W o h lanst ä ndi g ke i t, Zucht, Urbanität werden? zumal ihr« Ausübung selbst sich empfiehlt und fortwährend lohnet. Gute oder schlecht« Sitten sind wie Li« reine oder eine verpestete Lufti
2^0 I. Unternchmungen d. Vorgang. Jahrhunderts'
in dieser erstickt mein , in jener athmet man frei Angenehme Sitten kämmen entgegen; widrige stoßen von sich in jeder Gesellschaft.
Da R e l i gi o n , d. ü Tre ue und G lauben an göttliche und menschliche Verhältnisse, das Band und Jnsiegel jeder Gesellschaft ist, so sollte man in christlichen Staaten gegen sie, mithin auch gegen das Christenthum, das sie lehret, und gegen den moralischen Charakter Christi nichts schreiben und lehren dürfen. Spannet euer Segel, so hoch ihr wollet; an die Krone, die oben an diesem Kreuz hangt, an jene reine Gottes-Genialität und fortwirkende Menschenliebe wird keine antastende Hand je reichen. Auch wer blind genug ist, die große Sonne der Welt, die alle geistigen und moralischen Kräfte zufammenhalt und belebet, Gott, nicht zu sehen, gefalle sich in seiner chaotischen Dunkelheit — schweigend.
Uebrigens wer über Buchstaben und Gebrauche der Religion zu sprechen oder zu schreiben hat, der spreche und schreibe. Schreibt er schlecht, spricht er albern, so steht der Gesellschaft ein leichtes Mittel zur Hand, ihn zu beschämen, man setze seiner schlechten eine bessere Schrift entgegen; so hak man den Verlust in Gewinn verwandelt. Den Freidenker weise ein besserer Freidenker zu Recht; so ist der Schade geheilet, Ucberhaupt sehe sich der Gesetzgeber eines Volks alseinen Pygmalion an, der aus dem Marmor' eine Gestalt hervvrbringt und sie belebet. So betrachteten sich die
Stifter
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 241
Stifter aller Gesellschaften und Setten. Brachten sie Uniformen hervor, so zerstörten diese sich selbst, oder andre zerstöreten sie. Die reine Idee deS Wahren, Schönen und Guten ist das einzige Ideal einer Mcnschengesellschaft, in der alle Kräfte unsrer Natur harmonisch zusammenstimmen und wirken. Dies reine Ideal von barbarischen Hüllen zu befreien, es unserm Sinn verständlicher, unfern Sitten bildender zu machen, dahin bestrebten sich theilweise alle Guten und da kein Stillstand in der Natur ist, so erwarten alle eine Zeit, die Alles knüpfe und binde, auf einer Atlantis.
Die Verhängnisse,
Ein Ehorgesang.
Die Verhängnisse weben und weben Unermüdet der Sterblichen Schicksal.
Aus reichem Rocken zieht
Wählend Klolho den vielgefärbetcn Faden,
Den Einen dunkel, den Andern hell,
Rastlos immer. Lachesis weidet und hebt Jetzt hoch empor, jetzt senkt sie lief ihn nieder;
Bis weggcwandt den Blick Unerbittlich Atropos schneidet.
Herders Werke z. Phil, u. Gesch. X. D ve-lraLretl. II.
242 I. Unternehmungen d. verging. Jahrhunderts
In der Menschen langen Gedanken Schwebt der Faden und ziehet sie vorwärts.
Tief aus der Wünsche Quell
Steiget jugendlich auf ein Traumgebilde des Lebens, Dem Einen Irre, dem Andern Wink Hülfreicher Götter! Günstige Winde jetzt,
Jetzt Meeressturm, jetzt Meeresstille bringen Zuletzt das matte Schiff In den langst ersehnten Hafen.
Mir nicht Töchter der Nacht, Töchter des
Lichts,
Du mit dem Königsstabe gerüstet,
Sternenglanzendc Iuv er si c h l,
Und Du Rosenbegranzte Mutter der Liebe,
Und die Palm' in der Hand., unsterbliche Hoffnung Du!
Steigt herab aus jenen seligen Garten In Euer Heiligthum, des Redlichen Brust.
Günstig webend aus Eurem Knaul Den nie zu hoch erhobnen, festen,
Im Gewirr sich glanzend - neu - aufschwingenden,
Die Zukunft weitenden Jaden.
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 2§3
> 4 .
Hoffnungen
eines
Sehers vor dreitausend Jahren.
hr Musen Solima's, beginnt Gesang; Gesänge Sale ms fodern Engelsklang.
Die Quelle, die vom dunkeln Pindus fleußt,
Labt mich nicht mehr; mein Geist, mein reger Geist Glüht heiliger von Jesaiah's Feuer,
Ein Seraph rührt mir meine Lipp' und Leyer.
Er sang. Gerückt in beßre Zeiten schon,
Er sang: Schaut! schaut einer Männin Sohn! (Denn aus der Menschheit selbst entspringt ihr Glück, Und ihre Rettung, wie ihr Mißgeschick.)
Die reine Sprosse strebet zart empor,
Verschwiegner Anmuth Blüthe ist ihr Flor;
In ihrem Wipfel regt sich Himmclsgcist,
Der wie ein Balsamthau zur Erde fleußt. Durchdring' ihn ganz, du reiner Himmelsthau, Mach' ihn zum schönsten Baum der Menschenau. Ein Lebcnsbaum wird er den Kranken ferm,
Den Völkern seine Blätter Arzeneyn.
Ein Zufluchtsbaum in Stürmen, weht er Ruh
,Q 2
244 I' Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
In Tagesgluth dem matten Wandrer zu.
Wenn Er aufblühet, sinkt die Sund' ins Meer, Reinheit des Herzems kehret zu uns her; Gerechtigkeit verlaßt ihr Sternenzelt,
Des Fric>dens Delzweig kränzt die wette Welt.
Flieht , schnelle Jahre ! Morgen, steig'empor ! Tritts süßer Knabe, tritt ans Licht hervor.
Sieh die Natur, sie ruft, sic ruft dich schon;
Ihr schönster Kranz ist deiner Lhaten Lohn.
Die Wüste fühlt: „ich werd' ein Eden seyn!"
Der Dornbusch spricht: ,,ich will ihm Rosen streun." Die Rose Sarons steigt im Duft empor:
Die Luft wird Weihrauch und Gesang und Chor:
„Er kommt! Er kommt! .Ihr Eedern neigt das Haupt; ,
Ihr Felsen bückt euch, die sein Tritt belaubt.
Ihn riefen Seufzer aller Duldenden,
Ihm dankten Thranen der Geretteten,
Ihm grüßt, ihm huldigt der Aconen Lied.
Er kommt: Der Taube hört, der Blinde sieht.
Er gab dem Blinden Licht dem Tauben Lhr,
Den Stummen Lobgesang in vollen Ehor.
Der Lahme hüpft. Kein Armer weinet mehr:
Denn alle, alle Thräncn trocknet Er.
Verfolgung ist nicht mehr, noch Haß und Schmerz, Wer Mensch ist, heilt ein wundes Menschenhecz. Ein guter Hirt ist Er; in seinem Arm,
Am Busen ihm wird das Verlaßne warm.
Ein guter Hirt wird er den Völkern seyn,
Daß Menschen sich einmal an Menschen freun.
-- S'., ' 7"vZ»^' "V" -V''' ^8^" ^
zu Beförderung eines geistigen Reiches. 24b
Kein Volk auf Erden schärfet mehr sein Schwert, Dos freudig jetzt zur Sichel wiederkehrt.
Der Vater pflanzet, was der Sohn genießt,
Den Lclbaum, der von Saft des Fleißes fließt, Den Palmbaum, der, ein Segensvater, blüht Und einen Palmenhayn um sich erzieht.
Was hör' ich rauschen in der Wüstenei?
Ein neuer Quell? wer rief den Quell herbei?
Der Fleiß, ein Wund er stab in Menschenhand, Grub ihn hervor; nun wird die Wüste Land,
Nun steht in Blumen selbst die. Felsenwand.
Was fth ich? Weiden nicht zusammen hier? So Wolf als Lamm, so Mensch als Licgcrthier? Mit Blumensesseln zieht der Knabe dort Den Löwen, neben ihm die Löwin fort.
Und hier? mit Schlangen spielt das süße Kind Unschädlich, lernet nicht, was Schlangen sind.
Ins störst der Drachen dringt der Knabe kühn,
Der Drache selbst, er küßt umschlingend ihn.
Ihr Bilder flieht! die Wahrheit tritt hervor Allharmonie, sie öffnet Salcms Thor,
Und ewig zichn die Völker aus und ein Mit Gaben, die sie Gottes Altar welhn.
Wie? Gottes Altar? In der tiefsten Brust 2 st jeder Gottes Altars sich bewußt;
Da glänzet, da erquicket und gebeut Allvaters Güte, seine Freundlichkeit. Den Völkern in der tiefsten Schattennacht Ist Morgenroth und Sonne aufcrwacht.
Und keiner sagt zum andern: „lehre mich Erkennen Gott!" Ein jeder lehret sich.
. ^7 /
246 I. Unternehmungen d, verg. Jahrhunderts rc.
Gott selbst, der ihnen reg' im Herzen wahnt,
Ist ihre Sonne, nicht mehr Sonn' und Mond. Betrüger ziehn nicht mehr die Welt umher; Blutsauger nicht mehr auf dem freien Meer;
Bon Unterdrückung wie von Heuchelei,
Von Wahn und Bosheit ist die Erde frei.
Und Lust zum Guten, wie die Meeresfluth,
Bedeckt die Welt; der Mensch, der Mensch ist gut. Was Recht und Wahrheit jedem Herzen pries, Was Treu und Liebe jeden hoffen hieß,
Ist wahr: „die Erde wird ein Paradies."
Beförderung der Humanität.
^ 72 ^
i.
»V»it Freude und Zustimmung, m. Fr., ist Ihr Vorschlag zu einem Briefwechsel über die Fortoder Rückschritte der Humanität in alteren und neueren, am in eisten aber in denen uns nächsten Zeiten von unfern sämm'tlichen Freunden ausgenommen und be- willkommel worden. „Ich bin ein Mensch, sagte D., und nichts was die Menschheit betrifft, ist mir fremde." Mit jedem Jahr des Lebens fällt uns ein beträchtlicher Theil des Flitterstaats nieder, mit dem uns von Kindheit auf, so wie in Handlungen, so auch in Wissenschaften, in Zeitvertreib und Künsten die Phantasie schmückte. Unglücklich ist, wer lauter falsche Federn und falsche Edelsteine an sich trug; glücklich und dreimal glücklich, wem nur die Wahrheit Schmuck ist, und der Quell einer theilnehmeuden Empfindung im Herzen quillet. Er fühlt sich erquickt, wenn andre, bloß Menschen von außen, rings um ihn winseln und darben; im allgemeinen Gut, im Fortgange der Menschheit findet er sich gestärkt, seine Brust breiter, sein Daseyn größer und freier. —
Sein Daseyn größer und freier, siel L. ein. denn indem er sich über den schleichenden alltäglichen
Gang der Dinge erhoben fühlet, athmet er ein reineres Element: er vergißt den niedrigen Kummer, der ihm da und dort das H'erz drückte, wenn er den Strom der Zeit stockend, und sich in einem stehenden Sumpf gesenkt glaubte. Der Strom der Zeit steht nie still; jetzt riefelt er sanft, jetzt rauscht ec gewaltig; allenthalben aber wehet auf ihm Othcm des Lebens. —
In die Gedanken - oder Handlunqssphare andrer größerer Menschen versetzt, sagte B. , nehmen wir Theil an ihrem Geist: wir denken mit ihnen, auch wenn wir mit ihnen nicht wirken konnten, und freuen uns ihres Daseyns. Je reiner die Gedanken der Menschen sind, desto mehr stimmen sie zusammen; die wahre unsichtbare Kirche durch alle Zeiten, durch alle Lander ist nur Eine. —
Und in diese wollen wir rein eintreten, meine Freunde, fügte A. hinzu, mit ungclhciltem Herzen, mit reinen Händen. Kein Parkheigeist soll unser Auge benebeln; keine Schmeichelei unser Angesicht schänden. Unter uns ist, wie jener Apostel sagte, kein Jude noch Grieche, kein Knecht noch Freier, kein Mann noch Weib; wir sind Eins und Eine. Indem wir an nnS und nicht an die Welt schreiben, gehen wir aller eitlen Rücksichten müßig; warum sollten wir heucheln? Das lohnte der Mühe nicht, die Feder einzutunken; wir dürften sodann nur lesen. —
Lesen! sagte das ganze Ehor, und ging in ein Detail über das, was jener hier, dieser dort gelesen hatte; alle waren darüber einig, daß es der Seele
der Humanität.
22 r
eine Arznei sei, wenn sie vom zertheilten, vielfachen Lesen in sich zurückgezogen werde, und wie durch ein Gelübde, oder vor einem heiligen Gcrichr, über das was sie gehört, gelesen, gesehen hat, sich selbst redliche Rechenschaft gebe.
Diese Rechenschaft wollen wir uns einander geben, fügte ich hinzu; und so ward ein Bund der Humanität geschlossen, vielleicht wahrer, wenigstens unanmaßender und stiller, als je einer geschlossen ward. Fangen S i e nun an , mein Freund; unsre Freunde sind, wie Sie wissen, hie und da zerstreuet; alle sind bereit, sie warten auf Ihren Anklang *).
2.
Endlich ist mir die Lebensbeschreibung eines meiner Lieblinge in unseren Jahrhundert, Benjamin Franklins, von ihm selbst für seinen Sohn geschrieben, zu Händen gekommen; aber bedauren Sies, nur in der französischen Uebecsetzung, und nur ein kleines Stück derselben, die früheren Lebensjahre des Mannes, ehe er völlig in seine politische Laufbahn
Die Namen der correspondirenden Freunde'' sind unter die Briefe nicht gesetzt: denn was könnten uns Buchstaben bezeichnen, das die Briefe nicht selbst erklären?
Ainmerk. d. Herausg.
252 II. B r i c fc zu B efö rd erung
trat *). Sollte die Politik der Engländer vermögend fern, das klebrige und Ganze in der Ursprache zu unterdrücken: so bedauren Sie mit mir den sinkenden Geist der Nation, und lassen indessen dies Buch ja unter uns circuliren.
Sie wissen, was ich von Franklin immer gehalten, wie hoch ich seinen gesunden Verstand, seinen Hellen und schönen Geist, seine sokratische Methode, vorzüglich aber den S inn der Human i- tat in ihm geschätzt habe, der seine kleinsten Aufsätze bezeichnet. Auf wie wenige und klare Begriffe weiß er die verworrensten Materien zurückzuführcn! Und wie sehr hält er sich allenthalben an die einfachen, ewigen Gesetze der Natur, an die unfehlbarsten practischcn Regeln, aus Bedürfnis; und Interesse der Menschheit! Oft denkt man, wenn >MN ihn liefet; „wußte ich das nicht auch? aber so klar sähe ichs nicht, und weit gefehlt, daß es bei mir schlichte Maxime deS Lebens wurde." Zudem sind seine Einkleidungen so leicht und natürlich, sein Witz und Scherz so gefällig und fein, sein Gcmüth so unbefangen und fröhlich, daß ich ihn den edelsten Bolksschriftsteller unsers Jahrhunderts nennen möchte, wenn ich ihn durch diesen mißbrauchten Namen nicht zu entehren glaubte. Unter uns wird er dadurch nicht entehrt! Wollte Gott, wir hatten in ganz Europa ein Volk, das
') Sie sind jetzt auch deutsch übersetzt: B. Franklins Jugendjahre, übersetzt von Bürger. Bert. 1792.
der Humanität.
253
ihn läse, das seine Grundsätze anerkennte, und zu seinem eignen Besten darnach handelte und lebte; wo wären wir sodann!
Franklins Grundsätze gehen allenthalben darauf, gesunde Vernunft, Ueberlegung, Rechnung, allge- gemeine Billigkeit und wechselseitige Ordnung ins kleinste und größeste Geschäft der Menschen einzuführen, den Geist der Unduldsamkeit, Härte, Trägheit von ihnen zu verbannen, sie aufmerksam auf ihren Beruf, sie in einer milde fvrtgchcndcn, unangestrengten Art geschäftig, fleißig, vorsichtig und tha- tig zu machen, indem er zeigt, daß jede dieser Ucbungen sich selbst belohnet, jede Vernachläßigung derselben im Großen und Kleinen sich selbst strafe. Er nimmt sich der Armen an, nicht anders aber als baß er ihnen Wege des Fleißes mit überwiegender Vernunft eröffnet. Mehrmals hat er es erwiesen, wie hell und bestimmt er in die Zukunft sah, wie entwirrt die verworrensten Geschäfte der Leidenschaft in einfachen Resultaten vor seinem Auge lagen. Einen solchen Mann von sich selbst sprechen, am Rande des Lebens ihn seinem Sohn erzählen zu hören, wer er sey? und wie er, was er ist, geworden? wen das nicht reizend belehrte! —
Hören Sie nun den guten Alten, und Sie finden in seiner Lebensbeschreibung durchaus ein Gegenbild zu Rouffeau's Confessionen. Wie diesen die Phantasie fast immer irre führte; so verlaßt jenen nie sein guter Verstand, sein unermüdlicher Fleiß, seine Gefälligkeit, seine erfindende Thätigkeit, ich möchte sagen, seine Vielverschlagenhcit und ruhige Beherztheit. Begleiten Sie ihn in diesem Betracht
2L4 n. Briefe zu Beförderung
aus der Bude des Lichtziehcrs in die Werkstätte des Messerschmiedes, in die Buchdruckerei, von Bosten nach Neu-Uork, nach Philadelphia, London u. f. und bemerken, wie er allenthalben zu Hause ist, sich zu finden weiß, Freunde gewinnt, überall ins grössere Allgemeine blickt und in jedem Verhaliniß einen fortstrebenden Geist zeiget. Die Gallerie seiner Bekannten und Mitgenosscn, die er dabei aufstellt, wie dieser hier verdirbt, dort jener zu Grunde geht; und wie Er dies oft voraussichet und zu seinem Besten gebrauchet, ist äußerst lehrreich. Für junge Leute kenne ich fast kein neueres Buch, das ihnen so ganz eine Schule des Fleißes, der Klugheit und Sittsam- keit seyn könnte, als dieses. Und wie ruhig ists gedacht! wie angenehm-scherzhaft erzählt der liebenswürdige Alte I Glücklich, wer auf sein Leben zurück - schen kann , wie Franklin, dessen Bestrebungen das Glück so herrlich gekrönt hat. Nicht der Erfinder der Theorie elektrischer Materie und der Harmonika ist mein Held, (obwohl auch in diesen ruhmwürdige» Erfindungen Ein und derselbe Geist wirkte;) der zu allem Nützlichen und Wahren aufgelegte, und auf die bequemste Weise werkthätige Geist, Er der Menschheit Lehrer, einer großen Menschengcsellfchafr .Ordner sei unser Vorbild. Auch außer denen ihm freilich äußerst vortheilhaflen Zeit- und Landes- umstanden mag er uns dieses seyn: denn Franklins Geist fände sich überall zurecht, auch da wo wir leben.
Zu diesem Zweck werden Sie in seinem Leben besonders bemerken, wie er sich, trotz seiner Armutb und mechanischen Berufsart, selbst literarische Bil-
der Humanität.
25 b
düng gab, seinen Styl formte, und jedes Mittet, auch die Buchdruckerei, dazu anwandte; wie er in dieser die populärsten Wege, Zeitungen, Kalender, einzelne Blatter, die gemeinsten und beliebtesten Einkleidungen auffand, um Ideen unter das Volk zu bringen, und sich durch die Stimme der Nation zu belehren; wie endlich von frühen Jahren an Er nicht sowohl gelehrte, als belehrende Gesellschaften liebte, deren Mitglieder sich mit einander übten. Auch die- serhalb wünschte ich jedem gutartigen Jünglinge diese Jugendjahre Franklins in die Hände, Der Unbegüterte, der sich selbst nicht verläßt, wird finden, daß er von Gott durch dessen großes und vielfaches Organ, die Menschheit, nie verlassen werde; er wird « uf das zurückgcführt, was der edle Jüngling Per- sius für den Zweck aller menschlichen Weisheit erkannte :
0»ii1 sunrrrs; et ^rrränsni vioturi gitznimur;
oräo
t^uis llatus; aut metae ieses Sternes.
Aber ach, indem ich Ihnen den Nekrolog zusende, wie trübe sinkt mein Blick! Kein Stern mehr; ich wandte auf einem Kirchhofe, und schaue traurig zur Erde nieder, insonderheit unter den Deutschen Gebeinen. Die Pyramide hinten auf dem Umschläge dünkt mich Cestius Pyramide zu Rom, neben welcher der Ausländer-Protestanten, meistens der Deutschen Körper ruhn , verscharret hier in der Fremde. Welch eine niederschlagende Erinnerung giebt uns das Leben der Meisten *)! Arm gebohren, fleißig, redlich, eines Theilcs Talent- andern Theils Berdienstccich kamen sie nicht weiter, als daß sie ihr Leben entweder mühsam durchlebten, oder in der Hälfte desselben fast unbemerkt niederqingen und starben. Loudon glanzt als ein Gestirn in diesem Todtenthale; aber lesen Sie, wie es auch ihm gegangen? wie schwer es ihm gemacht worden? und wie er zuletzt sein Grabmahl von Trümmern einer unerstürmten Pforte sich selbst als ein casirurw äo- loris aufgerichtet. Aus dem Würtcmbergischen Hahn,
*) Die in der Folge angeführten Namen find alle aus dem ersten Jahrgange des Nekrologen. Mehrere waren damals noch nicht erschienen.
267
der Humanität.
diesem wahrhaftig Newton'schcnKopfe, aus Schaffer, Ferber, Reiz, Meier, und so manchen andern, was wäre in England geworden? (Was aus Her sehel nicht geworden wäre, wenn er in der Hannoverschen Hofkapcllc diente!) Und wie gings dem verdienten Crollius in Zweibrück, dem guten Meggenhofen in Bessern! wie verschwand Erugot, dieser sanft- und hellleuchtende Stern sobald unter Wolken! Auf welche Irrwege ward Basedow geführt, und wie traurig schreitet der arme Ephraim Kuh seine Laufbahn danieder! Diese liegen nun neben Joseph II., neben Elli o t, Howard, Franklin, Kreitmayr hier begraben. Sie schlafen freilich neben einander allesammt in Frieden; aber der Name auf ihren Lcichensteinen giebt mehr zu denken, als selbst in Gray's Elegie auf dem Landkirchhofe ausgedrückt seyn möchte. Dem Todten, meine Freunde, gebührt eine Thräne; so manchem Deutschen Todten gebührt mehr als Ein Seufzer.
5 .
Der Trübsinn, der Sie bei dem Nekrolog an- gewandelt hat, ist nicht ganz ohne Grund; lassen Sie uns diesen aber näher beleuchten. Sollte die Grabstate selbst, die hier errichtet worden, daran nicht etwa mit Schuld seyn?
Der Name Todtenregister, ist schon ein trauriger Name. Laß Tobte ihre Todten begraben; wir wollen die Gestorbnen als Lebende
268 II. Briefe zu Beförderung
betrachten, uns ihres Lebens, ihres auch nach dem Hingange noch fortwirkenden Lebens freuen, und eben deshalb ihr bleibendes Verdienst dankbar für die Nachwelt aufzeichncn. Hiemic verwandelt sich auf einmal das Nekrologium in ein Athanafium, in ein M nc m ei o n; sie sind nicyt gestor- ben, unsre Wohlthätcr und Freunde: denn ihre
Seelen, ihre Verdienste ums Menschengeschlecht, ihr Andenken lebet.
Damit veränderte sich auch der Entwurf dieses Buches, und gewiß zu seinem Vorkheil, wenn anders der Entwurf auszuführen wäre.
r. Nur deren Leben gehörte in diese Sammlung, die zum Besten der Menschheit wirklich beigetragen haben; und es wäre Hauptblick des Erzählers, wie sie dies thaten? wie sie die wurden, die sie waren? womit sie zu kämpfen, was sie zu überwinden hatten? wie weit sie's brachten und was sie andern zu thun nachließen? endlich wie sie ihr Geschäft, das Werk ihres Lebens, selbst ansahn? Eine treue Erzählung hievon, wo möglich aus dem Munde, oder den Schriften der Entschlafenen, oder von denen, die sie nahe gekannt und bemerkt haben, wäre wie eine Stimme aus dem Grabe, wie ein Testament des Verstorbnen über sein eigenstes Eigcnthum, über seinen edelsten Nachlaß.
2. Hieraus folgte, daß bei Männern der Wissenschaft man sich nothwendig auf den Werth und die Wirkung ihrer Schriften, bei rhätigen Geschäftsmännern auf den Beruf einlassen
der Humanität. 26^
müßte , in welchem sie der Menschheit dienten. Bei Crugot z. B. sind seine Predigten vom Verfasser des Christen in der Einsamkeit nicht genannt, mit denen er doch, zumal im zweiten Theil, seinen Zeitgenossen so weit vorschritt. Crug 0 ts wenige Schriften verdienen zu blecken, so lange die Deutsche Sprache bleibt; und es war mir ein angenehmer Umstand, hier zu finden, daß Carm er den Christen in der Einsamkeit zum Druck gefördert habe. Wie nun? sollte der hclldenkcnde, liebenswürdige Mann, dessen Moral so ganz die reine Humanität Christi athmet, ohne hintcrlasscne, des Drucks würdige, Schriften gestorben seyn? Und sollte. Carmer, sollten die zwei Prinzen und die Prinzessin, die, wie die Biographie sagt, ihren Verdienstvollen Lehrer in ihn, ehrten und liebten, sollten die Freunde, die ihn näher kannten, dies Geschenk für Welt und Nachwelt verloren seyn lassen? Ich hoffe nicht: denn
nebst Sack und Spalding war Crugot nicht nur in jenen Gegenden, sondern für Deutschland überhaupt einer der ersten Verbreiter des guten Geschmacks und einer Hellen Philosophie im Kreise seines Berufes. Er muß nicht todt sepn; sondern er lebe?
3 . Da schwerlich etwas langweiligeres, als ein unbestimmtes Lcichenlvb seyn kann: so sind eben die zartesten Saiten des menschlichen Herzens auch hier, wie mich dünkt, aufs leiseste zu berühren. Familien-Freundes-Privatsituationen, wenn sie nicht auf einem Hellen Detail beruhen, ertragen in allgemeinen Ausdrücken selten ein langes Lob; man Überschläge»
270 II. Briefe zu Beförderung
oder ermüdet. Ueberhaupt ist das, was der Lehrer der Menschen vom Innern der Moralität sprach, auch in Absicht auf die Darstellung derselben wahr: „was fürs Auge des Mischenden allein gehöret und vor ihm gelhan ward, will nicht vor dem Auge der Menschen prangen, gesetzt, daß es auch der wahreste Freund des Verstorbnen vorzeigte/' Anders ists mit bestimmten Thatsachen; die sprechen durch sich selbst, sie ermahnen, lehren, trösten.
Eingänge zu Lebensbeschreibungen durch einen Allgemeinsatz sind höchst mißlich. Welcher Allgemeinsatz erschöpft ein menschliches Leben? welcher verführt nicht öfter, als er zurechtweiset? In den lateinischen memoria sind solche Gemeinplätze hergebracht; hier, wünscht man, wachse die Bemerkung an ihrer natürlichen Stelle im Fortgange der Erzählung hervor, oder sie versiegle zuletzt den Eindruck des Ganzen. Uebcr manches dieser Leben hätte viel Starkes können gesagt werden, bald mit einem strengen Blick, bald mit einem herzdurchdringenden Seufzer.
5 . Denn freilich, m. Fr., ists wahr: Deutschland weinet um manche seiner Kinder; es ruft: sie sind nicht mehr, sie gingen gekrankt, Beistand- und Trostlos unter. Hier also auf dem Grabe des Verstorbnen, als auf einer heiligen Freistäte, müssen Wahrheit und Menschlichkeit, diese sanft und rührend, jene unpartheiisch und strenge ihre Stimmen erheben, und sprechen: „dieser Mann ward unterdrückt, jener gemißbraucht, dieser verlockt und gestohlen. Ohne Recht und Urtheil schmachtete er viele Jahre im Felsenkerker: das Auge
der Humanität. 271
feines Fürsten weidete sich an ihm; seine späte Entlassung ward Gnade, und nie bekam er die Ursache seines Gefängnisses zu wissen, bis an den Tag seines Todes *)." Wahre Begcgnisse dieser Art müßten von Munde zu Munde, von Tagebuch zu Tagebuch fortgcpflanzt werden: denn wenn Lebendige
schweigen, so mögen aus ihren Gräbern die Tobten aufstehn und zeugen.
Auf diese Weise geführt, was wäre lehrreicher und nützlicher, als ein solches Register der Tobten? Es ist kein Bösewicht auf der Erde, den nicht, wenn sein schuldloser oder gar edler Gegner mit hingestreckten Armen daliegt, und die Todtenglocke über ihm ertönet, das, wodurch er ihm im Leben wehe that, jetzt im Herzen steche und nage. Die Schlangen der Rache, des Neides und Undanks entschlafen am Grabe des Tobten und wenden sich gegen den lebenden Verbrecher. Hier also sitze, wie dort auf Ajax Grabe, Tugend und Menschenwürde, und wäge und richte.
Ich weiß wohl, wie schwer dies alles auszuführen sey, zumal in Deutschland. Eben aber, daß Mosers patriotische Phantasie „Aufmunte, rung und Vorschlag zu einer westphä- lischen Biographie" hier in einem weiteren Umfange erfüllet werden könnte, daß, wenn sonst nirgend, wenigstens auf einem Gottesacker die ver-
*) Eine sehr bekannte Deutsche Geschichte, über welche jetzt der zweite Theil von Schubarts selbst geschriebenem Leben Auskunft giebt.
272 ll. Briefe zu Beförderung
dienten Männer mehrerer und aller Deutschen Provinzen sich zusammen fänden, und endlich doch in der Erde sich als Landsleute, als Brüder, als Mitarbeiter an Einem Werk des Mcnschenberufs erkennten ; das allein schon sollte jeden Gutgesinnten auf.- muntcrn, aus seiner Gegend, wie er weiß und kann, zur Vervollkommung des Ganzen mit beizu- tragcn.
6. Vor allen Dingen aber wünschte ich eigne Biographien erlcsncr merkwürdiger Menschen. Wie weit stehen wir Deutsche hierin andern Nationen, Franzosen, Engländern, Jtaliä- nern nach! wir lebten, dachten, mühcten uns; aber wir konnten nicht schreiben. Die rauhe oder ermattete Hand, die das Schwerin, den Sccptcr, das Handwerk- und Kunstwerkzeug, wohl auch die breite Eanzleifeder führte, verachtete meistens die Reißfeder mühsamer Selbstschilderung; mit der alten Ehro- nikcnzeit ging auch das häusliche und Familienge- fübl, für die Seinen und mit ihnen fortzuleben, großenrheils zu Grabe. Was also von merkwürdigen alten Selbstbcschreibungcn gerettet, was von neuen hie und da entdeckt werden kann, sollte gerettet und genützt werden, bis (ich weiß gewiß, daß die Zeit kommt) merkwürdige Geschäfte auch freiere Gesinnungen und diese den Geist einer «dein Pubücitat erwecken werden, bei dem alle Stände im Lichte wandeln, kraeoipuurn rnnnns emnnliurn, 110 virtntes silsantur; vtgne pravis cliotis kactisguK ex Posterität« et inkuirria metus sit.
der Humanität.
27Z
6 .
bin Athanasium; ein Mncmaion Deutschlands ? Wahrlich unser Vaterland ist zu beklagen, daß eS keine allgemeine Stimme, keinen Lrt der Versammlung hat, wo man sich sämmtlich höret. Alles ist in ihm zertheilt, und so manches schützet diese Zerthcilung; Religionen, Seelen, Dialekte, Provinzen, Regierungen, Gebrauche und Rechte. Nur auf dem Gottesacker kann uns etwa eine Stelle gemeinsamer Ueberlegung und Anerkennung gestattet werden.
Aber warum nur hier? Arbeiten nicht in allen, vom höchsten bis zu den niedrigsten Standen, sichtbare und unsichtbare Kräfte, diese gemeinsame Ueberlegung und Anerkennung zu erleichtern, zu bewirken? Ein Theil Deutschlandes hatte sich vor dem andern mit unleugbaren Fortschritten ein großes VorhauS gegeben; der andre Theil eifert ihm nach, und wir können bald an der Stelle scyn, ein Ebcnmaas zu finden. Jeder biedre Mensch muß sich bestreben, dieses zu fördern, und glücklicher Weise scheinen mir Diejenigen, die die biedersten Deutschen seyn sollen, die Fürsten, auf denselben Weg zu treten. Gewiß, der Unterschied der Religionen macht es nicht: denn in allen Religionen Deutschlands giebt es aufgeklärte, gute Menschen. Der Unterschied von Dialekten, von Bier- und Weinländcrn macht cs auch nicht, waS uns von einander hält und sondert; ein leidiges Staatsinteresse, eine Anmaßung mehreren Geistes, mehrerer bultur auf der Einen, auf der andern Seite mehreren Gewichts, mehreren Reichthums u. f. war Herders Werke z.Phil. u. Gesch. X. S
274 II. Briefe zu Beförderung
es, weis uns entzweiet; und dem, dünkt mich, muß und wird die allmächtige Zeit obsiegen.
Denn sagen Sie, was hindert uns Deutsche, uns allesammt als Mitarbeiter an Einem Bau der Humanität anzuerkennen, zu ehren, und einander zu helfen? Haben wir nicht alle Ein« Sprache? Ein gemeinschaftliches Interesse? Eine Vernunft? Ein und dasselbe menschliche Herz ? Der Philosophie, und Kritik hat man nirgend den Weg versperren können; sie arbeitet sich überall durch; sie wird in allen guten Köpfen rege. Ihre Regeln sind allenthalben dieselbe; ihr Zweck allenthalben nur Einer. Auch der Wetteifer verschiedncr Provinzen gegen einander kann nicht anders, als diesen Zweck befördern.
Ruhm und Dank verdienet also ein jeder, der die Gemeinschaft der Länder Deutschlands durch Schriften, Gewerbe und Anstalten zu befördern sucht; er erleichtert die Zusammenwirkung und Anerkennung mehrerer und der verschiedensten Kräfte; er bindet die Provinzen Deutschlands durch geistige und also die stärksten Bande.
Daß uns eine Hauptstadt fehle, thut zu unsrer Sache gewiß nichts. Der Ausbildung des Geschmacks mag ihr Mange! ein Hindernis; seyn; und auch der Geschmack kann durch sie eben so wohl verderbt und gefesselt werden, als sie ihm Anfangs Politur und Flügel verleihen mochte. Einsichten aber, ruhige Uebcrlegungcn, thatige Versuche, Empfindungen und Acußcrungcn dessen, was örtlich und allenthalben zu unserm Frieden dienet; sie verschmähen die Mauern einer Hauptstadt und suchen das freie Land; ihr«
XU
der Humanität.
275
Werkstätte ist das gesammke Deutschland. Je mehrere und leichtere Boten allenthalben her, allenthalben bin gelangen; desto mehr wird die Mitthciiung der Gedanken befördert, und kein Fürst, kein König wird diese zu hemmen suchen, der die unendlichen Vortheile der Geistes-Jndustrie, der Geistescultuc, der gegenseitigen Mitteilung von Erfindungen, Gedanken, Vorschlägen, selbst von begangenen Fehlern und Schwächen einsieht. Jedes dieser Stücke kommt der Menschen - Natur, mithin auch der Gesellschaft zu gut; der Fehler wird entdeckt, der Jrrthum wird gebessert, Gedanke weckt Gedanken, Empfindungen und Entschlüsse regen und treiben. Denn das ist eben die große und gute Einrichtung der menschlichen Natur, daß in ihr, wenn ich so sagen darf, alles im Keim da ist, und nur auf seine Entwickelung wartet. Entschließet sich die Blüthc nicht heute: so wird sie sich morgen zeigen. Auch alle möglichen Antipathien sind in der menschlichen Natur da; jedem Gift ist nicht nur sein Gegengift gewachsen, sondern die ewige Tendenz der waltenden lebendigen Kraft geht dahin, aus dem schädlichsten Gift die kräftigste Arznei zu bereiten. Ach, die Extreme liegen in unsrer enge- beschrankten Natur so nahe, so dicht bei einander, daß es oft nur auf einen geschickten Fingerdruck ankommt, aus dem Einfalls- den Absprungswinkel zu machen, da unabänderlichen Gesetzen nach beide in ihrem Verhältnis einander gleich sind. Gedanken zu hemmen; dies Kunststück hat noch keine irdische Politik erfunden; ihr selbst wäre cs auch sehr unzuträglich. Aber Gedanken zu sammeln, zu ordnen, zu lenken, zu gebrauchen; dies ist ihr, für alle Zeiten hinaus, unabsehlicher großer Vortheil.
S 2
276 II. Briefe zu Beförderung
Doch die Seite des Verstandes ists nicht allein, in Absicht welcher ich Deutschland einen gemeinsamen Zusammenhang wünschte; vielmehr ists die Seite des Charakters, der Entschlüsse, der Unternehmung. Wir wissen alle, daß die Deutschen vdn jeher mehr gcthan, als von sich reden gemacht haben; das thun sie auch noch. In jeder Provinz Deutschlands leben Männer, die ohne französische Eitelkeit, ohne englischen Glanz, gehorsam, oft leidend, Dinge thun, deren Anblick jedermann schönen und großen Muth cin- spräche, wenn sie bekannt wären. Deii^i vollends wünsche ich keinen Hof, keine Hauptstadt; einen Altar der Bicdertreue wünsche ich Ihnen, an dcm sie sich mit Geist und Herzen versammeln. Er kann nur im Geist epistircn, d. i. in Schriften; und, 0 daß ausgezeichnet vor allen eine solche Schrift da wäre! An ihr würden sich Seelen entflammen und Herzen stärken. Der Deutsche Namen, den jetzt viele Nationen gering zu halten sich anmaßen, würde vielleicht als der erste Name Europa's erscheinen , ohne Geräusch, ohne Anmaßung, nur in sich selbst stark, fest und groß.
7 -
Wir sind darüber einig , daß wenn Ein großer Name auf Europa mächtig gewirkt hat, es Friedrich gewesen. Als er starb, schien ein hoher Genius die Erde verlassen zu haben; Freunde und Feinde seines Ruhms standen gerrchrt; es war, als ob er
277
der Humanität.
auch in seiner irdischen Hülle hätte unsterblich sey» mögen.
Sie denken leicht, wie begierig ich auf seine nachgelassenen Schriften war *): hier,
sagte ich, lebt und spricht noch sein Geist nach dem Ableben seines alten vielgeübten Körpers. Briefe, Gespräche, ja Worte von ihm, die, so lang' er König war, als Ehre gesucht, als Schatze umher- getragcn wurden, sind jetzt ein gemeines Gut. Man kann sie unerschrocken prüfen, im Zusammenhänge seines Lebens beherzigen: man darf ihnen widersprechen , und sie mit seinen Thaten vergleichen.
Zuerst also griff ich nicht nach Werken, die er absichtlich für die Welt geschrieben hatte, sondern nach seinem Briefwechsel, und unter diesem auf den längsten und interessantsten mit Voltäre. Er erstreckt sich von 1736 bis 1777, also über vierzig Jahre, und zeigt die Seele des großen Königes in den verschiedensten Situationen seines Lebens. Ich will einige Züge und Stellen auszeichnen.
Ein Prinz von 23 Jahren, der Erbe eines königlichen Thrones, sucht in weiter Entfernung den Mann auf, den er für den ersten Schriftsteller seiner Zeit hält, in dem er, wie er selbst sagt, „nicht „nur Schätze des Geistes, Stücke mit so viel Geschmack, Delicatesse und Kunst gearbeitet, daß ihre „Schönheiten bei jedem neuen Lesen neu scheinen,
H Oeuvres xostlrunies äe krsckeric II. Lerliu 1788.
278 II. Briefe zu Beförderung
„sondern auch jene Philosophie" findet, die unser königlicher Jüngling insonderheit werth halt. Er über- senoet ihm seinen Wolf, erbittet sich dagegen seine Schrieen, seinen Unterricht in Briefen, und wird ein Schüler des Philosophen, nicht aus Eitelkeit, sondern ernst und bescheiden. „Autoren, sagt er, sind die Gesetzgeber des menschlichen Geschlechts; ihre Schriften verbreiten sich in alle Theile der Welt; sie manifcstiren Ideen, die andre sich einpragen. Ist in ihnen Starke des Gedankens mit Feuer des Ausdrucks vereinigt, so bezaubern sie und rühren. Bald nehmet eine Menge Menschen die Liebe zum menschlichen Geschlecht, die sie ihr durch einen glücklichen Impuls einhauchten. Sie bilden gute Bürger, treue Freunde, Untecthanen, die Aufruhr und Tyrannei in gleichem Grade verabscheun, voll Eifer, nur fürs allgemeine Beste. Ihnen, den Schriftstellern, ist man die Tugenden schuldig, die die Sicherheit und den Reiz des Lebens ausmachen; was ist man ihnen nicht schuldig?"
So sähe Friedrich die Wissenschaften an, und dies blieb sein Bekenntniß. Die Talente, die hiezu dienten, schätzte er an Voltäre, in seiner Jugend fast über die Maße, in seinem höheren Alter mäßiger; doch blieb ihm stets die hohe Achtung für einige große Stücke seines Lehrers, die er von andern sehr unterschied, und ihm darüber offen seine Meynung sagte. Unter Waffen und im höchsten Alter hielt er die Wissenschaften nicht nur für sein schönstes Vergnügen , sondern auch dem Staat und der menschlichen Gesellschaft unentbehrlich; ohne sie, meynte er, wür-
der Humanität.
279
den und blieben Fürsten, Stände und Volker Barbaren; Wissenschaften allein haben die Welt erleuchtet, und einige, auSerwahlte Seelen des Menschengeschlechts veredelt.
Blüht, ihr freundlichen Künste *)
Blüht! Die goldenen Fluthen Des Paktolus benetzen Euch in Zukunst die Wurzeln Eures heiligen Hains.
Euch gebühret zu herrschen lieber schwächere Geister,
Und vor euren Altären '
Alle Söhne des Jrrchums Feiernd opfern zu sehn.
In der Mitternacht hör' ich Ost den himmlischen Wohllaut Eures Wettgesangs, höre Polyphymniens Sailen Und Uraniens Lied.
Und zerfließe vor Wonne:
Denn ihr singet die Lhaten Der unsterblichen Götter,
Unterrichtet die Weisen Und Regenten der Welt.
Ein von Götz übersetztes Gedicht Friedrichs.
Anmerk. d. Heran» g.
2So II. Briefe zu Beförderung
Angenehme Gefühle Und mein Genius reißen Allgewaltig mich zu euch,
Ketten ewig an Euren Sicgeswagen mich an.
Fast immer tönet diese Stimme um mein Ohr, wenn ich Friedrichs Schriften lese. Man wandelt in ihnen wie auf klaßischem Boden; ein Gefühl für die Würde, den Werth, die Schönheit der Wissenschaften ist in seine kleinsten und größesten Aufsatze venbreitet.
Insonderheit lebt sein Geist in einer gewissen Reihe erwählter größerer Seelen, die er, meistens aus dem Alterthum, sich zu Licblings- namen seiner Phantasie, zu Vorbildern, an denen er gern verweilet, ausersehn hatte. In Handlungen des Krieges und des Friedens, in Geschäften der Regierung, und in Beziehungen der Menschheit kommen sie ihm oft wieder, als alte Lehrer und Freunde; so wie cs denn bekannt ist, daß er nur wenige Schriftsteller, diese aber immer von neuem las und in seine Gedanken prägte. Nach gewissen Jahren wollte ihm das Neue nicht mehr genug thun; er fand eine Spitzfindigkeit oder einen mathematischen Calcul in Schriften, wohin diese nicht gehörte. Die alten großen Formen weniger Hauptgedanken lagen in ihm, von denen er sich ungern trennen mochte. In Sachen des Vortrags sah er Voltaire als die letzte Stütze des Geschmacks an, der unter Ludwig XIV. gewesen war,'und unter Ludwig XV. u. XVI. freilich nicht mehr seyn konnte. Dagegen sieht er
der Hu m a u irat.
2Ür
seine eignen ?lufsatze in Versen blos als Reimereien zum Vergnügen, in Profe als Hebungen zu Entwicklung seiner Gedanken an, und spricht von ihnen ohn' alle Anmaßung. Diese Bescheidenbeit ist, wie man offenbar sieht, kalte Ueberzeugung; ! er fühlt, was ihm fehle, und warum er nicht seyn könne, was z. B. Voltaire war. Er will» auch nicht seyn: denn er fühlt seinen größern Beruf, ob er gleich den andern, ein großer Schriftsteller zu seyn, als angenehmer erkennet und in Augenblicken des Enthusiasmus fast zu beneiden scheinet. Bald aber setzt sein Geist sich ins Gleichgewicht; „gesunder Verstand, meynt er, ein edler Trieb zur Ehre, und unausgesetzte Thatigkeit scy seine Gabe, die wolle und müßc er auf seiner Stelle ausbilden, anwendcn und gebrauchen."
Fast unglaublich ists auch, wie weit er in diesen Punkten nicht etwa nur Voltaiccn, sondern auch seinen sammtlichen correspondirenden Freunden überlegen ist. Wenige, aber große Grundsätze liegen als unerschütterliche Fundamente in seiner Seele; wenige aber feste Maximen sind seine treuen Gefährten, auf die er zuletzt, und als König oft mit sehr leichter Mühe, alles zurückführt. Einige derselben wollten ihm im siebenjährigen Kriege zuweilen untreu werden ; er nimmt aber seine große Seele ztffammen, und verbeißt die verachtende Bitterkeit, mit der er insonderheit die Regierungen der Welt, ihre Unterhändler und Werkzeuge, wohl auch den größeren Lheil des menschlichen Geschlechts ansieht. Ganz scheint er indessen von dieser zu langen und großen Ueber- strengung sich nie wieder erholt zu haben; sein Geist
282 II. Briefe zu Beförderung
kehrte, nach Endigung des siebenjährigen Krieges, zu seinen früheren Vergnügen zwar zurück , war heiter, fest und wirksam; aber er blieb strenger und ernster. Mit Bewunderung habe ich, (wenige Wor- urtheile ausgenommen,) die fast allgemeine Billigkeit, Mäßigung und Enthaltsamkeit des großen Königes in seinen Urtheilen von Sachen, Begebenheiten und Personen mir ausgezeichnet. Es war eine selbstständige, große Seele.
Und daß sein Her; den Empfindungen der Humanität, der Freundschaft, der Bruder - und Schwe- sterliebe, dem Zuge zu allem Großen und Guten, nicht verschlossen gewesen, zeigen hundert Stellen seiner Schriften, tausend Momente seines Lebens. In jüngern Jahren hatte er einen Brief über die Humanität geschrieben, von dem er viel zu hatten scheint, den ich aber in seinen Schriften nicht finde; er sagt von ihm:
,,Es scheint, man stärke sich in einer Gesinnung, wenn man seinem Geist alle Gründe vorhält, die sie unterstützen. Und dies bestimmte mich, über die Humanität zu schreiben. Sie ist, nach meiner Meinung, die einzige Tugend und soll insonderheit denen als Eigenkhum zugehören, die ihr Stand in der Welt unterscheidet. Ein Landesherr, er sei groß oder klein, soll als ein Mensch angesehen werden, dessen Beruf es ist, menschlichem Elende abzuhelfen, so viel er kann; er ist ein Arzt, die mancherlei Unfälle seiner Unrerthanen zu heilen. Die Stimme der Unglücklichen, das Seufzen der Elenden soll zu ihm gelangen. Sey es aus Mitleid mit ihnen, oder aus einer Rückkehr des Gedankens auf ihn selbst, so muß
der Humanität.
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ihn die traurige Lage der Leidenden rühren, wenn sein Herz irgend Empfindung hat, werden sie Hülse bei ihm finden.
„Ein Fürst ist gegen sein Volk, was das Her; dem Körper ist. Dies empfangt das Blut aus allen Gliedern, und stößt es mit Gewalt bis an ihre aus- serstcn Enden zurück. Der Fürst empfangt die Treue und den Gehorsam seiner Unterthanen; er gicbt ihnen Uebcrfluß, Glückseligkeit, Ruhe, und was irgend zum Wachsthum und zum Wohl der Gesellschaft lhun kann, wieder.
„Dies sind Marimen, die im Herzen jedes Menschen von selbst entspringen müssen; das Gefühl giebt sic, wenn man nur etwas nachdenkt; man hat keinen großen Eursus der Moral nöthig, um sie zu lernen.
„Tyrannen betrachten die Sache anders. Sie sehen die Welt, als für sie geschaffen, an; und um über gewisse gewöhnliche Unglücksfalle erhaben zu seyn, verhärten sie ihr Herz vor denselben. Wenn sic ihre Unterthanen unterdrücken, wenn sie hart, gcwalttha- lig und grausam sind: so kommt dies daher, daß sie das Böse nicht kennen, das sie verüben; sie haben es nie selbst gefühlt, darum gehen sie so leicht darüber. Sie sind nicht im Fall des Mutius S c ä- vola gewesen, der vorm Porsenna die Hand ins Feuer steckte, und dadurch die Wirkung des Feuers auf seine Hand wohl kennen lernte.
„Mit einem Wort. Die ganze Haushaltung deS menschlichen Geschlechts ist eingerichtet, um Menschenliebe einjuflößen. Die Aehnlichkeit der Men-
284 II. Briefe zu Beförderung
scheu unter einander; die Gleichheit ihres Looßes und das unentbehrliche Bedürfniß, das Einer, vom andern hat; Unglücksfälle, die die Bande des Bedürfnisses noch starker anziehen; die natürliche Neigung, die man zu seines Gleichen hat; unsre Selbsterhal- lung, die uns Humanität predigt; die ganze Natur scheint sich zu vereinigen, um uns eine Pflicht cin- zupragcn, die unser Glück macht, und täglich neue Annehmlichkeiten auf unser Leben verbreitet."
Wenn Friedrich immer so gefühlt und gethan hat, als er hier schreibt, (und es war gewiß sein Ernst, da er cs schrieb; auch wurden ihm in den unhumansten Situationen seines Lebens diese Gesinnungen nie ganz fremde,) so wollen wir ihn als einen Heiligen anrufen, daß er uns seinesgleichen humane Denker, väterliche Regenten, Aerzte und Herzen des Volks erbitten helfe. Auch wollen wir wünschen , daß alle Fürsten und Prinzen die meisten seiner Werke, (sie sind ja französisch geschrieben) lesen mögen, und zwar also als ob sie den großen König selbst hörten.
8 .
Wenn König Friedrichs Lob auf die Humanität Ihnen gefällig gewesen, so lassen Sie sich einige kürzere Gedanken und Maximen vortragen, die ich in diesen angenehmen Briefen bezeichnet.
der Humanität.
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„Traurige Folge der menschlichen Hinfälligkeit! der Mensch ist nicht alle Tage sich selbst gleich. Oft zerstören sich ihre Entschlüsse eben so schnell, als sie sie faßten. Der Spanier sagt sehr vernünftig: „dieser Mann ist brav gewesen." Könnte man nicht eben so wohl sagen: daß große Männer cs nicht immer, nicht allezeit sind?"
*
*
„Wenn ich etwas wünschte, so wäre es, gelehrte und gescheidte Leute um mich zu haben; ich glaube nicht, daß ein» Sorge um sie sich nicht sehr belohnte. Zuerst ist es eine Achtung, die man ihrem Verdienst schuldig ist; sodann ein Bckenntniß des Bedürfnisses, das man hat, von ihnen Licht zu bekommen. Ich komme kaum von Erstaunen zurück, wenn ich denke, daß eine cultivirte Nation, die, vom Genie unterstützt, im Besitz des guten Geschmacks ist, den Schatz nicht kennet, den sie in ihrem eignen Schooße trägt.
* . *
„Meine jetzige Muße läßt mir Zeit, mich zu beschäftigen, wie ich will. Sie soll mir also nützlich und eine weise Muse werden, indem ich Philosophie und Geschichte studire, und mich mit Poesie und Musik vergnüge. Ich lebe jetzt als Mensch, und ziehe dies Leben der majestätischen Gravität und dem tyrannischen Zwange der Höfe unendlich vor. Ueber- haupt kann ich keine Lebensart, nach der Elle abgemessen, ausstehn; nur die Freiheit hat für mich Reize.
286 II. Briefs zu Beförderung
„Wenn Personen von einem gewissen Range die Halste ihrer Laufbahn erreichen, so urtheilt man ihnen den Preis zu, den andre nur erhallen, wenn sie die ganze Laufbahn zurückgelegt haben. Woher dieses? Entweder wir sind weniger fähig, das recht zu machen, was wir thun sollten; oder es sind niedrige Schmeichler, die unsre kleinsten Handlungen geltend machen und zum Himmel erheben. Der verstorbne König von Polen rechnete große Summen ziemlich leicht; alle Welt pries seine hohe Kcnntniß der Mathematik, von der er doch kein Wort verstand. Mehrere Beispiele mag ich nicht ansühren. In unfern Tagen hat cs durchaus keinen großen Fürsten gegeben, der wirklich unterrichtet war, als Peter den Ersten." (Und auch bei diesem macht Friedrich in der Folge mit Recht große Ausnahmen.)
„Wie verschieden ist ein betrachtendes, von einem handelnden Leben! Ein Mann», der sich nur mit Denken beschäftigt, kann gut denken und sich übel ausdrücken; ein handelnder Mann, wenn ersieh auch mit aller ersinnlichen Grazie ausdräckte, darf nie schwach handeln; wie man z. B. dem Könige von England Jacob I. vorwarf, daß er nie etwas Schlechtes gesagt, nie etwas Lobwürdiges gethan habe *). Es füget sich oft, daß die, die gegen
*) Der König irrt sich hier; von Karln H. sagte Rochestsr, He riever SiliU r> toollsb rbinA s never äicl s reise ons. M.
der Humanität.
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Handlungen andrer am meisten dcclamiren, es schlechter als sie machen, wenn sie sich in den nämlich, n Umstanden befinden. Daß es ia mir nicht also gehe! Denn leichter ists freilich zu tadeln, als zu thun; leichter Lehren zu geben, als sie auszuüben. Und dann lassen Menschen sich ja so leicht verführen, bald durch Anmaßung, bald durch den Glanz ihres Standes, oder durch Hinterlist der Bosen, daß ihr Gewissen bestrickt wird, auch wenn sie die reinsten und besten Absichten von der Welt hatten.
„Ich habe wenig Verdienst und Gelehrsamkeit; «der viel guten Willen, und eine unerschöpfliche Achtung und Freundschaft ftir Personen von entschiedenem Werth. Dabei bin ich aller der Beständigkeit fähig, die die wahre Freundschaft fodcrt.
,,Könige ohne Freundschaft und ohne Erkenntlichkeit scheinen mir dem Könige gleich zu sebn, den Jupiter den Fröschen gab. Ich kenne die Undankbarkeit nur in so fern, als ich selbst durch sie gelitten habe, und kann, ohne Affectation fremder, mir unnatürlicher Gesinnungen, behaupten, daß ich jeder Größe entsagen würde, wenn sie die Freundschaft ausschlösse.
„Ich verachte Vie Jesuiten zu sehr, als daß ich ihre Schriften lesen sollte; ein schlechtes Herz verdunkelt bei mir die Fähigkeiten des Geistes. U-berdcm
283 II. Briefe zu Beförderung
leben wir nur so kurze Zeit, und unser Gedachtniß ist so schwindend, daß nur das Ausgesuchteste uns unterrichten sollte.
„Die Deutschen Prinzen verachten gemeiniglich die Gelehrten. Die unmodische Kleidung, der Bücherstaub, der diesen etwa anhangt, und das wenige Verhältnis, das zwischen einem kenntnißreichcn'Kopf und dem leeren Hirn dieser Herren statt finden kann, macht, daß sie sich über ihr Acußeres aufbalten, und den großen Mann ohne Hoskleid ganz und gar nicht gewahr werden *). Der Höfling hält das Urtheil des Fürsten zu hoch, als daß er anders als Er zu denken sich getrauen sollte; sie affcctiren also auch, die zu verachten, die tausendmal mehr als sie selbst werth sind. O Zeiten ! o Sitten I Ich, der ich mich überhaupt nicht für das Zeitalter geschaffen fühle, in dem wir leben, mag dem Beispiele meiner Herren Milbrüdcr nicht Nachfolgen; ich predige ihnen unaufhörlich, daß der Gipfel der Unwissenheit Hochmuts» sey, und glaube, daß ein großer Mann, der über wir ist, auch meine Achtung verdiene.
„Das lebhafteste Vergnügen, das ein vernünftiger Mensch in der Welt haben kann, ist neue Wahrheiten zu entdecken; das nächste nach diesem ist, alter Vocurlhcile los zu werden.
* 4 * „Die
*) Diese und einige andere Bemerkungen Friedrichs haben sich Gottlob seitdem hie und da verändert.
„Die meisten Prinzen haben eine besonder Leidenschaft für die Stammbaume; eine Art Eigenliebe, die bis auf die entferntesten Vorfahren hinaufsteigt, fa die sie nicht nur für Vorfahren in gerader, sondern auch in jeder Seitenlinie interessiret Ihnen sagen, daß unrer ihren Ahnen schlechte, mitbin verächtliche Menschen gewesen, hieße ihnen ein Schimpf, den sie nie verzeihen; und wehe dem profanen Autor, der in das Heiligthum ihrer Geschichte verwegen dränge, und die Schande ihres Hauses unter die Leute brachte! Wenn diese Delikatesse sich blos auf den guten Ruf ihrer Ahnen mütterlicher Seits erstreckte, so wäre er noch zu entschuldigen; aber verlangen, daß fünfzig, sechzig Vorfahren, alle nach der Reihe, die honnetsten Menschen von der Welt gewesen seyn; das heißt die Tugend in Eine Familie bannen, und dem menschlichen Geschlechte Unrecht khun. Eines Tages hatte ich die Unbedachtsamkeit, m Gegenwart Jemandes zu behaupten, daß ein Herr von — so etwas gethan habe, das einem Eavalier nicht gezieme; unglücklicher Weise war dieser Herr von — zweites Geschwisterkind Mit dcm, in dessen Gegenwart ich dies sagte. Er sormalisirte sich sehr darüber, und als ich ihn uM die Ursache fragte, mußte ich erst durch einen langen Stammbaum passiren, um meine Beleidigung zu erfahren. Da war nun kein andrer Rath, als dcm Unwillen meines Beleidigten alle meine Vorfahren Preis zu geben, die etwa nicht verdient hatten, es zu seyn. Man tadelte mich; ich rechtfertigte mich aber damit,
Herders Werke z. Phil. u. Gesch. X. T ^ II. Briefe zu Beförderung
daß jeder Mann von Ehre, jeder honette Mann meines Stammes sei), uod daß ich sonst keinen dafür erkennte.
„Gern würde ich unter einem gemäßigten Klima leben, gern als Privatmann die Freundschaft und Achtung würdiger Menschen verdienen, und dem entsagen, wornach die meisten lüsten und streben; aber ich fühle zu sehr, daß wenn ich nicht Prinz wäre, ich wenig seyn würde. Euch reicht Euer Verdienst zu, geachtet, beneidet, bewundert zu werden; ich habe Ahnen, Wappen, Titel, Einkünfte nörlstg, um die Augen der Menschen auf mich zu ziehen. Ein großer Fürst siel einmal in die Hände seiner Feinde; er sähe seine Hofleute um sich her weinen, verzweifeln; „Ach, sagte er, an Euren T h r ä- nen merke ich, daß ich noch König bin!" Wenige Worte, aber voll großen Sinnes!
„Brüssel und fast das ganze Deutschland ist seiner alten Barbarei noch nicht losdie Künste werden in ihm wenig geachtet, also auch wenig cultivi- ret. Der Adel dient unter den Truppen, oder mit sebr leichten Studien tritt er in Collegia und spricht das Recht, daß cs eine Lust ist. Edcilcute »nt Renten lcden auf dem Lande, oder vielmehr in den Wäldern, wo sie denn auch so wild werden als die Tbiere, die sie jagen. Der Adel unfers Landes gleicht zwar im Ganzen dem andern Deutschen Adel; doch
der Humanität.
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hat er mehr Lust, sich zu unterrichten, mehr Lebhaftigkeit und wenn ich sagen darf, mehr Genie als der größere Theil der Nation, insonderheit der Wcstphalische, Fränkische, Schwäbische, Ocsterrei- chische Adel. Dies giebt Hoffnung, daß die Künste einst auch hier, aus der untern Elaffe gezoaen, gute Häuser und Palläste bewohnen werden. Berlin hat, (wenn ich mich so ausdrücken darf) Funken aller Künste in sich, man siebt das Genie von allen Seiten hervorglimmen, und eS bedürfte nur eines glücklichen Hauchs, um das Leben den Wissenschaften wieder zu geben, die Athen und Rom einst berühmter machten, als ihre Eroberungen im Kriege. Ich freue mich, diese glücklichen Produktionen meines Vaterlandes zu sehen : sie sind Rosen die unter Dornen und Disteln wachsen, Funken des Genies, die durch die Asche hervorblicken, mit denen sie unglücklicher Weise bedeckt sind. (Geschrieben im Jahr 1 / 39 .)
„Eben hatte ich einen Brief angefangen über die Mißbrauche der Mode und der Gewohnheit, als die Gewohnheit des Erstgeburtrechts mich auf den Thron rief und mir meinen Brief wegzulegen befahl. Gern hätte ich ihn in eine Sa- tvre gegen diese Gewohnheit umgeändert, wenn nicht Satyre aus dem Munde der Fürsten verbannt seyn müßte.
, * . *
„Gewöhnlicher Weise macht man sich in der Welt von den größen Revolutionen der Reiche ci»o
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292 II. Briefe zu Beförderung
abergläubige Idee; wenn man in den E-ouliffcn ist, sieht man, daß die größten Zaub.ccscenen durch dje gemcitlstcn Triebfedern, durch Taugenichtse hervorge- bracht werden, die, wenn sic sich öffentlich, wie sie sind, zeigten, nur den Unwillen des Publikums auf sich ziehen würden. Betrug, Hinterlist, Doppelsinn, Treulosigkeit sind unglücklicher Weise der herrschende Charakter der meisten Menschen, die an der Spitze der Nationen stehen , und ihnen Exempel seyn sollten. In solchen Fallen ists dcmüthigend, da» menschliche Herz kennen zu lernen; tausendmal schon habe ich meine liebe Einsamkeit, meine Studien, meine Freunde, meine ehemalige Unabhängigkeit zurückwünschend bcdauret. (07-,2.)
„Meine Ode auf den Krieg enthalt meine wahren Gedanken. Man unterscheide den Stand des Mannes von ihm selbst; man kann Krieg führen aus Gründen, ein Staatsmann seyn aus Pflicht rmd ein Philosoph aus Neigung. Fast nie sind die Menschen an Platzen, die sie sich selbst wählen würden ; daher giebts so viele schlechte Schuster, schlechte Priester, schlechte Minister und Fürsten. (1749.)
„Hier ist eine Apologie der armen Könige, über die jedermann glossiret; und doch beneidet jeder ihr vorgegebnes Glück hundertmal. Die Versisika- lion ist unvollkommen; dies Studium erfordert einen Menschen ganz; mich ziehen laufend Pflichten,
der Humanität.
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tausend Beschäftigungen aus einander. Ich bin ein angeketteter Galecrensclave auf dem Schiff des Staats, oder ein Pilot, der weder sein Steuer verlassen, noch entschlafen darf, ohne Furcht das Schicksal des unglücklichen Palinurs zu haben. Die Muse» fodern Stille und eine gänzliche Gleichheit der Seele; keine von beiden ist mein Theil. Es giebt auch gewisse privilegirke Seelen, die im Tumult der Hofe sowohl, als im Gcfängniß der Bastille, oder auf dein Strohsack der Reise dichten können; die meinige ist nicht von dieser Zahl. Es ist eine Ananas, die nur im Treibhause fortkommt, an frischer Luft aber verdirbt,'^ ( 1749 -)
— — Doch ich ermüde Sie mit Vorzeigung ansgerisscner Blumen, die eigentlich nur auf der Stelle, da sie stehen, in der Situation, die sie hcr- vorbrachte, den schönsten Reiz haben. Stünde mir die Versisikation eines Jacob! zu Gebot- und ich hatte Ihnen die eingcstreueten Verse in der leichten Manier des Originals mitgehen können; freilich da wäre es anders!
S
Sie wollen also, daß ich meine Blumenlese auch in den reiferen, schwereren Jahren des Königs fortsetze; Ihr Wille geschehe. Fast mit jedem Jahre wachst meine stille Bewunderung des großen Man-
294 H- Briefe zu Beförderung
ries, und in den Zeiten des siebenjährigen Krieges steigt sie fast zum hohen tragischen Mitleid. Eine Seele, die zum Genuß, zur schönsten Wirksamkcir in Zeiten der Ruhe und des Friedens geschaffen war, die in jugendlichen Jahren ihren ersten und zweiten Ausflug nach dem Kranz kriegerischer Ehre gleichsam nur in der Begeisterung, des Augenblicks, geleckt oder aufgefedert von Sraatsgründen, von sogenannten Liechten und der damaligen Lage Euroxa's, rasch und glücklich gekhan hatte, muß jetzt dielen leicht erworbenen Kran; schwer und thcuer erkaufen. Alle Machte Europa's vereinigen sich , den schwachgeglaub- tcn, einzelnen Mann zu erdrücken, und feine unglaubliche Tapferkeit, sein unerfchüttcrtcr Muth federt, statt ihre Rache zu besänftigen, diese nur mehr auf. Er sieht die niedrigen Urheber und Werkzeuge seines fast schon unvermeidlichen Unglücks; mehr als Ein Ungewilter zieht er mit künstlich-kühner Hand auf seine Feinde selbst hernieder; und doch sammeln sich die Wolken immer furchtbarer über ihn zulammen. In diesen Augenblicken der Gefahr, des Sieges , der größeren Gefahr und des fast unvermeidlichen Unterganges sind tief aus der Seele des Helden geschriebene Briefe Dinge, die wir bei keiner andern Nation, weder bei Alken noch Neueren, finden. Aus Eato, Casars, Brutus, Otho Seele haben wir nichts dergleichen; keiner von ihnen hat auch die Gefahren bestanden, aus denen Friedrich sich, vielleicht in Jahrtausenden unerreichbar, hecauszog *). Da wirds
Man bedenke mit welchen Mitteln, gegen welche Feinde und eine wie lange Coatition er aus- hielt! M.
der Humanität.
29.1
merkwürdig, was dieser starke, friedlicive Mann jetzt über Menschen, über das Schicksal der Welt dachte.
Sogleich der erste vortreffliche Brief (9. Octeb. .1759.) der sich mit den Worten endigt:
?o»v inoi, inenscö äu
7s ilois, en alkrontsut
keiisev, vivre et niouiir eil lz^oi
und mehrinals übersetzt ist, enthüllet die Denkart dcS Königes. In andern sind fürchterliche Ausrufe mit gefaßter Stacke: ,,Ich kann meinen Feinden sage», wie Demosthenes den Athenicnsern: wohl
dann! wenn Philippus todt ist, was wäre es, ihr Alhenienfer? Ihr würdet euch bald einen andern Philippus machen. O Oestreicher, euer Hochmuth, eure Sucht alles zu beherrschen, würden euch bald andre Feinde machen; der Freiheit Deutschlands und Europa's wird es nie an Bertheidigcrn fehlen!"
Indessen betrübt ihn der Tod seiner Schwester aufs zarteste, „für die er sein Leben unter diesen Unglücksfaklen gern würde hingegcben haben."
Er wird geschlagen, und sagt, wie Franzi „Alles ging verlohrcn, nur nicht die Ehre."
,,Je älter man wird, je mehr überredet man sich, daß die heilige Majestät, der Zufall, drei Vier- theile dieser elenden Welt regieret, und daß die, die sich die Weisesten zu seyn cinbilden, die größten Narren der Gattung sind, die ohne Federn auf zwei Füßen gehet, zu der wir zu gehören die Ehre haben.
sg6 II. Briefe zu Beförderung
„In den großen Bewegungen, denen ich entgegen gehe, Hube ich nicht Zeit, zu wissen, ob jemand Pasquille gegen mich schreibt in Europa; das weiß ich, und dessen bin ich Zeuge, daß meine Feinde, mich zu erdrücken, alle Kräfte aufbicten. Ich weiß nicht, ob es der Mühe lohnet.
„Es scheint, man vergißt in diesem Kriege, was Woblstand sey. Die policirtcsten Nationen kriegen wie wilde Thiere. Ich schäme mich der Menschheit; ich erröthe über das Jahrhundert. Lasset uns die Wahrheit gestehen: Philosophie und Künste verbreiten sich nur auf eine geringe Zahl Menschen. Die große Masse, das Volk und der gemeine Adel bleiben das, wozu sie die Natur gemacht hat, boshafte Thiere."
„Ihr habt der Sorbonne ein Grab gemacht! baut auch dem Parlement ein Grabmahl. Es rado- tirt so stark, daß es mit ihm bald aus seyn muß."
„Ihr wünschet Frieden; wendet euch an die, die ihn der Welt geben können. Das sind aber Leute, die ihren Kopf voll hochmüthiger Projekte haben; sie wollen eigenmächtige Schiedsrichter der Regenten seyn, und das mögen Menschen, die wie ich
der Humanität. 297
denken, nicht leiden. Ich liebe den Frieden; aber keinen andern, als einen guten, standhaften, ehrenvollen Frieden. Sokrates und Plato hätten wie ich gedacht, wenn sie auf dem verwünschten Punkt gestanden hatten, den ich in dieser Welt einnchme.
„Glaubt Ihr, daß es ein Vergnügen sey, dies alberne Leben fortzuführen ? Menschen, die man nicht kennt, um sich sterben sehen und sie dem Tode selbst zu überliefern, Tag für Tag feine Bekannte und Freunde zu verlieren, seinen Ruf dem Eigensinn des Ungefährs unaufhörlich ausgefetzt za sehen, das ganze Jahr durch in Unruhe und scheuer Erwartung zuzubringen, ohne End' und Maas sein Leben und Glück aufs Spiel zu setzen?
„Gewiß, ich kenne den Werth der Ruhe, die Annehmlichkeiten der Gesellschaft und die Freuden des Lebens; auch ich wünsche glücklich zu seyn, wie irgend Jemand. So sehr ich aber diese Güter begehre, so wenig mag ich sie durch Niederträchtigkeit und Ehrlosigkeit erkaufen. Die Philosophie lehrt uns, unsre Pflicht thun, unscrm Vatcrlande selbst mit unscrm Blut treu dienen, ihm unsre Ruhe, ja unser ganzes Daseyn aufopfern.
„Trotz aller Schulen der Philosophie wird der Mensch immerhin das bösartigste Thier der Welt bleiben; Aberglaube, Eigennutz, Rache, Verrath, Undankbarkeit werden bis ans Ende der Zeiten blutige, traurige Scenen Hervorbringen, weil Leidenschaften uns beherrschen, selten die Vernunft. Im-
' H >. .
2g3 II. Briefe zu Beförderung
mer wirds Kriege, Proccsse, Verwüstungen, Pest, Erdbeben, Banquerotte geben; um solche Dinge drehen sich die Annalen der Welt. Für Unglücksfäile ist die Aegide des Zeno gemacht; die Kranze aus dein Garten Epikurs sind für das Glück.
*
„Ich stehe auf dem Punkt, mich mit den Russen zu setzen; es bleiben mir also nur die Königin non Ungarn, die Mandarinen des heil. Reichs und die Lappländischen Räuber fürs künftige Jahr übrig. Mein Herz hat mich diesen Gang lhun heißen, ein Gefühl der Menschlichkeit, das gern die Ströme Bluts versiegen machen möchte, die beinah unsre ganze Sphäre überschwemmen, das gern den Mördereien, Barbareien, Mordbrennereien und allen den Abscheulichkeiten ein Ende machen möchte, die Menschen gegen einander ausübe», und durch die unqlückli'che Gewohnheit, sich im Blute zu baden, Tag für Tag wilder werden. Dauret dieser Krieg fort, so muß Europa in die Finstcrniß der Unwissenheit zurückfallen, und unsre Zeitgenossen werden wilde Thi-re. Es ist Zeit, diesen Scheußlichkeiten ein Ende zu machen. Alles dies Unglück ist eine Folge der Ehrsucht Oesterreichs und Frankreichs. Laß sie ihren ungeheure» Projekten Eränze setzen; laß, wenn die Vernunft sie nicht weise machen kan», sie durch die Erschöpfung ihrer Finanzen, durch den übel» Zustand ihrer Sachen weise werden! Er- rothcn mögen sie, wenn sie hören, daß der Himmel, der dir Schwachen gegen den Anfall der Starke» un!e> stützt hat, den ersten auch Mäßigung genug verluh, um von ihrem Glück keinen Mißbrauch zu
der Humanität.
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machen, und diesen den Frieden anzutragen. Das ist alles, was ein armer, ermatteter, gereizter, gekratzter, gebissener, hinkender, geknickter Löwe Euch sagen kann. (1769.)
„Schwert und Tod haben unter uns abscheulich gewütet, und was das traurigste ist, wir sind noch nicht am Ende der Tragödie. Ihr könnt leicht denken, was so grausame Stöße auf mich für Wirkung gehabt haben; ich hülle mich in meinen Stoicismus, so gut ich es kann. Fleisch und Blut empören sich oft gegen die tyrannische Herrschaft der Vernunft; sie müssen aber nachgeben. Wenn ihr mich sehen solltet, würdet Ihr mich kaum wieder erkennen: ich bin alt, verfallen, greis, voll Runzeln; ich verliere Zähne und Lustigkeit. Wenn das fortwahrt, wird an mir nichts überbleiben, als die Tollheit, Verse zu machen, und eine unverletzbare Anhänglichkeit an meine Pflichten, und an die wenigen tugendhaften Menschen, die ich kenne. Meine Laufbahn ist schwer, voll Dornen und Disteln. Ich habe allen Gram erprobt, der irgend die Menschheit kranken kann, und mir oft die schönen Verse wiederholet:
Beglückt, wer in der Weisen Tempel u. f.
„Ihr eifert gegen Jesuiten und Aberglauben. Es ist gut, gegen den Jrrthum zu streiten; glaubt aber nicht, daß die Welt sich je andern werde. Der menschliche Geist ist schwach; mehr als drei Vier-
3oo II. Briefe zu Beförderung
theile der Menschen sind zu Sclaven des ungereimtesten Fanatismus gebohren. Die Furcht vor Hölle und Teufel benebelt ihnen die Augen; sie verabscheuen den Weisen, der ihnen Licht schaffen will. Der große Haufe unsres Geschlechtes ist dumm und boshaft. Umsonst suche ich in ihm das Bild der Gottheit, das ihm, wie die Theologen sagen, ausgeprägt worden. Jeder Mensch hat ein wildes Thier in sich; wenige wissen es zu bändigen , die meisten lassen ihm den Zügel, wenn die Furcht der Gesetze sie nicht zurückhalt.
„Vielleicht findet ihr mich zu menschenfeindlich. Jc^ bin krank; ich leide; und habe mit einem Halbdutzend *** und *** zu thun, die einen Sokrates und Antonin selbst außer Fassung bringen möchten. Ihr seyd glücklich, dem Rath des läandide zu folgen und euren Garten zu bauen; nicht Jederniann in der Welt kann es so gut baden. Der Ochs muß den Pflug ziehen, wie die Nachtigall singen, der Delphin schwimmen, und ich Krieg führen.
„Je mehr ich dies Handwerk treibe, desto mehr überrede ich mich, daß das Glück die größeste Rolle dabei spiele. Ich glaube nicht, daß ich es lange treiben werde; meine Gesundheit nimmt zusehends ab, und es kann leicht scyn, daß ich bald in das Land wandre, wo Gram und Schmerz, wo unsre Vergnügen und Hoffnungen uns nicht mehr folgen, wo man sich in dem Zustande findet, in dem man vor der Geburt war. Vielleicht belustigt Ihr euch
der Humanität.
3or.
bald mit meiner Grabschrift, und gebt Rechenschaft von mir, wie Babouc dem Engel Jthuriel von Paris gab" — —
Genug. Muß man nicht unwillig werden, wem, man sieht, wie ein blühender Baum, eine so große, schone Seele, nicht vom Sturme des Schicksals, sondern von giftigen Winden und Stürmen einer herrsch- süchligen Politik weniger schlechter Menschen so gebeugt uud zerknickt wird? Die feste Eiche daucete aus; der schöne Palmbaum erhob sich; seine fröhliche , jugendliche Gestalt kam ihm aber nie ganz wieder. Friedrich that seinem Lande wohl, wie sein Geist im großen Ganzen es erforderlich und nöthig hielt; aber hart zu seyn hatte er wider Willen in einer schweren Schule gclernet. Ec sähe die Gefahr seiner Lander, seiner Krone, der Fortdauer seiner Macht; denn er hatte sic gegen ganz Europa behaupten müssen. Wie anders, als daß er fortan ernst und strenge an die Zukunft dachte? und der von ihm gegründeten Monarchie wenigstens das zum Schutz ließ, was er ihr lassen konnte, Gerechtigkeit, innere Ordnung, Kriegsheere und Geld. Man verzeihe ihm, wenn er für diese Dinge auch auf harten Wegen sorgte. Die böse Politik, die leider das Staatssp- stem Eucopa's ausmacht, zwang ihn dazu; und freilich gingen manche zartere Zweige der Humanität, die der an sich selbst fühlbare, fröhliche Charakter Frie- derichs gewiß würde angebauet haben, dabei vcrloh- ren. Hat überhaupt die Menschheit in Europa einen
Z02 II. Briefe zu Beförderung
größeren Feind, als diese Politik der Höfe in jenem sogenannten großen Staate nsysteme, nebst allem , was dazu gehöret *) ?
itr.
Gespräch
nach dem Tode des Kaisers Joseph II.
A. Ein sonderbares Ding ist der Tod eines Monarchen. Wir sahen ihn bei Joseph vorher, wir wußten, daß der Kranke sich ihm nahte; und jetzt, da über ihm die Todtenglocken tönen, welch eine andre Empfindung! Ohne ihn gekannt, und von ihm eine Wohlthat genossen zu haben, hatte ich rveinen mögen, da ich die letzten Umstande seines Lebens las. Vor neun Jahren, da er auf den Thron stieg , ward er als ein Hülfsgvlt angebetet, und von ihm das Größeste, Rühmlichste, fast das Unmögliche erwartet ; jetzt trägt man ihn als ein Söhnopfer der Zeit zu Grabe. Hat je ein Kaiser, hat je ein Sterblicher, möchte ich sagen, mehr gewollt, sich mehr bemühet, mehr angesttebet, rastloser gewlrket, als Er? Und welch eln Schicksal, vorm Angesichte des Todes in den besten Lebensjahren die Erreichung seiner Absich-
*1 Die Folge des Briefwechsels enthält eine Fortsetzung dieses Auszuges.
3o3
der Humanität.
len nicht nur aufgeben, sondern die ganze Muhe und 'Arbeit seines Lebens förmlich widerrufen, feierlich ausstreichen zu müssen, und so zu sterben! Mir ist kein Beispiel in der Geschichte bekannt, daß es einem Monarchen so hart gegangen wäre.
B. Das war das Schicksal des Monarchen; sehen Sie noch das Verhangniß hinzu, das ihn, als Me nschcn traf. Das Einzige, was er in seinem Hause mit Zärtlichkeit liebt, der letzte Gegenstanseiner Familienhoffnung wird ihm genommen; und damit der Schmerz so empfindlicher scy, eben nach dem Aufblick der Freude, unerwartet genommen! Sein Liebling muß so dicht vor ihm das Opfer des Grabes werden, daß seine Leiche die Ihrige aus dem Kaiserhause gleichsam wegdrangt, und sein Leben sich nur so fange zu fristen scheint, damit vor seinen Augen noch dessen letzte Freude zerknickt werde! — „Begrabet sie, sprach er, damit für meine Leiche Platz werde!" Ein einziges Schicksal!
A. Der Unglückliche konnte zuletzt nicht sagen: „ich kam, ich sah, ich siegte!" kaum: ich kam, ich sah, ich wollte!"
B. Beruhigen Sie sich. Auch darin schon liegt viel, wie Er sagen zu können : ich sah und wollte!
Ec hat viel, sehr viel, und weniges müßiges gesehen. Allenthalben, wo es in andern Ländern besser war , oder ihm besser zu senn schien, sammlete er, mit rastloser Thäligkest Gedanken, Entwürfe in seine Seele —
A. Die der Tob ihm jetzt alle raubet! — Ja,
304 II. Briesse zu Beförderung
ja! er hat Vieles, fast zu Vieles gesehen. Nicht nur die Lander Europa's, die er bereiscte; nicht nur das Innere seiner Lander, die er als Erbe und Mit- rcgent früh und lange genug, bis zum kleinsten Detail , kennen lernte; nicht dies nur! Er sah eben damit auch Gruben des Schlammes, die ihn erbitterten , Pfützen und Moraste von Untreue, Schwelgerei, Ueppigkeit, Trägheit, Unordnung, die er mit Gewalt ausfüllen und zum gesunden Garten machen wollte, und in deren Abgrunde er erliegt. Der Un- rath schlagt über ihm zusammen, und vielleicht kommt die ganze alte Verfassung wieder.
B. Das wollen wir nicht glauben. Er bekommt einen Nachfolger, der ein geprüfter Haushälter, ein versuchter Regent ist, von dem Joseph selbst zum Theil gelernt und geborgt hatte —
A. Und doch wollte Er, fast ohne Ausnahme, der letzten Absicht nach, lauter Billiges, Nützliches, Gutes! Ost war, was er wollte, nur Erste Pflicht der Vernunft, der Humanität, der gesellschaftlichen Rechte; an etwas Außerordentliches und UebcrfcineS war wahrend seiner Regierung lange noch nicht zu denken. Dennoch erregt er in allen Provinzen und Landern, auch bei Standen, denen er am meisten helfen wollte, murrende Unzufriedenheit; er stirbt beim Ausbruch eines allgemeinen Ungcwitters, deS Aufruhrs in seinem weiten Reiche —
B. Wollen wir nicht, m. Fr., diesen Ort verlassen , wo die Todtcnglockcn uns übertauben? Was hilft über einen Unglüchsfall das bloße Staunen? Wir wollen freie Luft suchen und uns darüber frei unterreden.
(Wir
(Wir gingen auf eine angenehme Höhe, auf der die zahlreichen Dörfer der ringsum liegenden Ebene ein angenehmer Anblick waren. Die Todtenglocken, die von den Landkirchlhürmen in der Entfernung tönten, machten eine sanftere Harmonie, und unser Gespräch knüpfte sich bald von neuem an.)
B. Woher glauben Sie denn, daß das ungewöhnliche Schicksal Josephs gekommen sey? Alle Dinge in der Welt haben ihre Ursache.
A. Wie mich dünkt, stand er dem großen Friedrich zu nahe; und es war Natur der Sache —
B. Wie so zu nahe? Friedrich hat ihm doch nicht geschadet. Er hat ihm zu einem größer» Schlesien, den Königreichen Gallizien und Ludomirien geholfen ; aus dem Bairischen Successionskriege gegen Friedrich kam Joseph auch mit fast unerwarteter Ehre. Ucberdcm hat Friedrich von ihm meistens sehr günstig geurlheilt, und der alte König glaubte wohl nicht, daß Joseph ihm so bald Nachfolgen würde.
A. So meyne ichs nicht. Denken Sie sich die Lebcnsgeschichte des Kaisers. Mit ihm als einem Säuglinge mußte seine Mutter nach Ungarn flüchten und ihn als einen Gegenstand des Mitleidens den Ständen zeigen; vor wem flüchtete sie? gegen wen erbat sie sich Mitleid und Beistand? Was war also natürlicher, als daß der Name Friedrichs dem Kinde und Jünglinge oft genannt werden mußte: denn eben auch die Jahre, in denen der Geist des Menschen aufwacht, sielen bei Joseph in die Zeit des siebenjährigen Krieges —
Herders Werke z. Phil. u. Gesch. X. U A Briefe zu Beförderung
11 .
Wie kommt es, m. Fr. , daß unsre Poesie, verglichen mit der Poesie älterer Zeiten, an öffentliche» Sachen so wenig Theil nimmt? Die Poesie der Hebräer in den heiligen Büchern ist ganz patriotisch; die Poesie der Griechen nach ihren Hauptartcn nahm in den besten Zeiten sehr vielen, die Poesie der Römer einen bei weitem schon geringeren Antheil an öffentlichen Begebenheiten und Geschäften. Seitdem xndlich die Barden und Leiermanner ziehender Heere Trompetern und Paukern ihre Stellen überließen, seitdem —
Doch sofern beantworte ich mir die Frage selbst, auf die ohnedem andre bereits geantwortet haben. Wie kommtS aber, daß auch seitdem die Dichterei gedruckte Kunst ist, ihr Antheil an der gemeinen Sache zu verschiedenen Zeiten so ungleich gewesen, und jetzt sogar gcring*zu fepn scheinet? Mehrere tapfere Gedichte auch aus unscrm Vaterlands von Luther, Opitz, Log au, und Nach einem großen Sprunge der Zeiten von Kleist, Gleim, Uz, Klop stock, Slollberg, Bürger u. a. sind uns in Herz und Seele geschrieben; ist diese Muse anjetzt entschlafene Oder hat sie, wie Baal, etwas Anderes zu schaffen, daß sie vom Geiste der Zeit nicht erweckt, das Geräusch um sich her nicht höret?
Mich dünkt, so ist cs; sie hat etwas anderes zu schaffen: schlagen Sie darüber die neuern Dichter »ach. Und doch erwarten wir, wenn wir von einem
neuen Dichter hören, zuerst und vor erlern ein Wort des Herzens zum Herzen, einen Laut der allgemei- nen Stimme, des Wunsches und Strebcns der Nationen, den Hauch und Nachklang des mächtigen Zeitgeistes.
Der göttliche Mund der Muse ist in aller Welt gepriesen. Sie darf Dinge sagen, die die Prose nicht zu sagen wagt, und flößet sie unvermerkt in Herz und Seele. Gab sie der Fabel einst jenen lieblichen Ton, jene Süßigkeit, nach welcher wir auch nach Jahrtausenden noch, wie nach einer Erquickung leck- zen; wie? und sie sollte der auf uns dringenden Wahrheit wenigstens einen gefälligen Anzug, eine einladende Gestalt nicht zu geben vermögen?
Oft beunruhigen mich in meiner Einsamkeit die Schatten jener alten mächtigen Dichter und Weisen. Jesaias, Pindar, Alcaus, Aeschplus stehen als ge- waffnete Männer vor mir, und fragen: „was würden wir in euren Zeiten gedacht, gesagt, gethan baden?" Luthers edler Schatte schließet sich an sie an, und wenn die Erscheinung vorüber ist, finde ich um mich Dede,
Gewiß, meine Freunde, wir wollen auf Alles merken, was uns der göttliche Bote, di? Zeit, darbeut. Keiner ihrer cdeln Laute soll uns entschlüpfen.
Glauben Sic nicht, daß ich damit die armselige Zunft jcner Tyranncnbandiger und Regentenwürger zurückwünsche, die vor einigen Jahren ihre Wukh ausließ. Es war Geschrei, darum ists verhallet; ein Nachklang ohne Kraft und Wesen. Die wahre Muse ist sittsam; Isws consiliurw et cial et rlato
326 II. Briefe zu Beförderung
gauäst nlrnn; diesen fünften Rathschluß empfing sie vom Himmel und haucht ihn dem Geiste der Zeit ein —
^iuire guereutein ladores llouio reereat autro.
Hold und schön klingen mir hierüber die Töne der Alten, und ich wünschte, daß wie einst dem Horaz so auch mir die Muse des Simonides, Al- caus, Stesichorus noch ertönte *). Aber sie liegt im Staube, und wir müßten uns nur an dem, was der Vergessenheit entrann, den Geist erheben und das Herz starken. Mit unbeschreiblicher Freude habe ich in diesen Tagen jenes feine Echo der Griechen, den Horaz, gelesen und wiedergelesen. Er lebte in einer kritischer» Zeit als wir leben, war mit Glück und Person an August und Macen gefesselt; und wie edel, wie stolz und unterrichtend ist seine Muse! Sie bricht die Blüthe der Zeit und schwebt auf den Fittigen ihres reinsten Lufthauches.
*) Anspielung auf Horaz Ode g. B. ß.. dsou si priores lVlaeouius teuer Leäes Hoiuerus, kiuäaricas latent, lloasc^us et ä-leaei luinaces, Ltesivlrorigus graues cauioeuas.
der Humanität.
327
12.
Mich dünkt, Ihre Fragen über den geringen Antheil, den die heutige Dichtkunst an den Handeln der Zeit nimmt, haben Sie sich selbst beantworten können: denn der Stoff dazu liegt völlig in Ihrem Briefe.
Schaffen Sie uns den Zustand der Griechen wieder ; und Alcäus, Pindar, Acschylus, sind mit ibncn auch da. Zn vielerlei Rücksicht aber würden wir diese Zeiten nicht wünschen; und uns da- aegen an unsere dichterischen Untheilnebmung begnügen. So wäre es auch in Ansehung der Zeiten Horaz oder gar der Kreuzzieher und Harfner. Opitz und Log au fühlten die Drangsale des dreißigjährigen Krieges; wider ihren Willen mußten sie an dem Elende, das er verbreitete, Theil nehmen; der Widerschein seiner Flammen glänzt in ihren Gedichten. Kleist, Uz und Gleim trafen auf die Zeiten der Preußisch - Oesicrreichischen Kriege; alle drei fanden darin unvcrwelkliche Lorbecrn, der erste aber auch bei vieler Noch, die er als Krieger mit bedrücktem Herzen sah, seinen blutigen Tod. Was diese Dichter uns aus thcurer Erfahrung fangen, warum müßte es uns, durch neue Erfahrung theuer erkauft, wieder ersungcn Werdens Tönt uns Kleists Stimme nicht noch *) ?
*) Die folgenden Verse sind ans Kleists erster eigner Ausgabe des Frühlings genommen; wer will, vergleiche sie mit der jetzt gangbaren Ausgabe. S. 36.
32 b II. Briefe zu Beförderung
Ihr, denen zwanglose Völker der Herrschaft Steuer
vertrauten,
Fuhrt ibr durch Flammen und Blut sie zur Glückseligkeit Hafen?
Was wünscht ihr, Vater der Menschen, noch mehrere
Kinder? Isis wenig
Viel Millionen beglücken? Erforderts wenige Mühe?
O mehret derjenigen Heil, die eure Fittige suchen,
Deckt sie, gleich brütenden Adlern. Verwandelt die
Schwerter in Sicheln,
Erhebt die Weisheit im Kittel und trocknet die Zähren der Tugend.
Die rührende Stimme seines Grab- und G e- burrsliedes, feine Sehnsucht nach Ruhe, sein Abschied hinter Cißidcs und Paches tönt noch jedem Leser ins Herz, nachdem der Dichter die Gesinnungen seiner Seele mit Leben und Blut versiegelt. So ists mit den patriotischen Oden Uz, Klopstocks; und der Preußische Kricgssanger ist eben sowohl Volks - Friedens-Staatssanger geworden, hat bis auf die neuesten Zeiten fast an jeder großen Angelegenheit Antheil genommen, die seinem Gesichtskreise irgend nur nahe lag *)-
Aber, m. Fr., nach unsrer Lage der Dinge halte ich das zu nahe, zu starke Thcilnchmen der Dichter an politischen Angelegenheiten beinahe für schädlich.
*) Seitdem sind Gleims Zeitgedichte in der Sammlung erschienen, die keinem, der am Geiste der Zeit Antheil nimmt, uninteressant seyn kann.
Zubald nimmt der Dichter einseitige Parthe,, und thut der besten Sache, (geschweige einer schwachen, wankenden) mit dem besten Willen Schaden. Dadurch schwächt er die gute Wirkung seiner Gedichte selbst: denn in kurzem ist die Situation der Zeit
vorüber; man stehet die Dinge anders an; man behandelt ihn als einen abgekommenen Barden. Also bleibe die Poesie in ihrem reinen Aether, der Sphäre der Menschheit,
coetusgue vulgares ei vllom
Lpernar liiiuiauum kugleuie peuua,
In diesem höheren, freieren Raume begegnen sich alle politische Meynungcn als Freundinnen und Schwestern: denn im' Elysium wohnt keine Feindschaft.
Sehr gut also, daß unsre Musenalmanachs äußerst wenige politische Oden mit sich führen. Bald würden zween gegen einander im Streit liegen; und überhaupt ists doch nur Spiel, wenn Genien mit Waffen der großen Götter spielen.
Das aber glauben Sie, daß die Poesie als eine Stimme der Zeit unwandelbar dem Geiste der Zeit folge; ja oft ist sie eine Helle Weissagung zukünftiger Zeiten. Lesen Sie in Stollbergs Jamben , ryög. gedruckt, (S. 66) den Rach und mehrere Gedichte; lesen Sie mehrere, frühere und spätere, Oden Klopstocks, und läugnen noch, daß auch auf deutschen Höhen oder in ihren Thalern ein prophetischer Geist der Zeiten wche. Schade nur, daß er nicht vernommen wird: denn um aller Deutschen Redlichkeit willen, welcher Mann von Geschäften
33o II. Briefe zu Beförderung
läse ein Gedicht, um in ihm die Stimme der Zeit zu hören! —
Wir, meine Freunde, wollen den Gurten der Grazien und Musen in der Stille bauen. Verständiger Homer, edler Pindac, und ihr sanften Weisen, Pytagoras, Sokrates, Plato, Aristoteles, Epikur, Zeno, Mark-Auto n i n , Erasmus, Sarpi, G rotiu s, F e- nelvn, St. Pierre, Penn, Franklin, sollt die heiligen Mitwohner unsrer friedlichen Garten werden. Das aufschießende Korn bedarf mancherlei Witterung; die Saat in der Erde will Ruhe und milden erquickenden Regen.
i3.
Milden erquickenden Regen wünschet die keimende Saat der Humanität in Europa ; keine Stürme. Die Musen wohnen friedlich auf ihren heiligen Bergen , und wenn sie ins Schlachtfeld, wenn sie in die Rathskammern der Großen treten, entbieten sie Frieden. Eine edle würdige That zu loben ist ihnen ein süßeres Geschäft, als alle Flüche Alcaus oder Acchi- lochus auf taube Unmenschen hcrabzudonnern.
Wenn es z. B. in unfern Zeiten einen Regenten gäbe, der an seinem Theil dem barbarischen Menschen - Erkauf im andern Welttheil entsagte, und damit andern Staaten zu ihrem Ecröthen ein Beispiel gab; wenn er nach Jahrhunderten der erste wäre, der die Sklaverei willkührlicher Frohnen und
der Humanität..
33i
andre erdrückende Lasten seinem Volk entnahm, und ein andres seiner Völker von eben so drückenden Einschränkungen im Handel befreiete; wenn dieser Regent ein hoffnungsvoller königlicher Jüngling, und Einrichtungen dieser Art nur das Vorspiel seiner Regierung waren; Heil dem Dichter, der solche Tha- ten ohne alle Schmeichelei würdig und schon darstellte! Heil jedem Leser und Hörer, der diesem Sänger einer reinen Humanität mit reinem Herzen znjauchz- te ! Dänemark ist das friedliche, glückliche Land, dem dieser Stern austzehet: sein Kronprinz ist der königliche Jüngling, der seine Laufbahn also beginnet, und §. L. Stollberg, der Dichter, der ihm hierüber würdig danket.
An den Kronprinzen von Dänemark.
Noch nie erscholl ein Name der Mächtigen Zu meiner Leyer, Jüngling; ich weihte sie Den Freunden nur und Gott, und süßem Häuslichem Glück, und der Liebe Lhränen,
Und Dir, Natur, im Hain und am Meergcstad', Und Dir, o Freiheit! Freiheit, Du Hochgefühl Der reinen Seelen! Deinen Becher Kränzt' ich mit Blumen des kühnen Liedes.
Und werd' ihn kränzen, weil eine Nerve mir Noch zucket! werd' ihn kosten mit zitternder Und blauer Lippe, wenn des Todes Hand mir ihn reichet in hehrer Stunde.
332 II. Briefe zu Beförderung
Nun wind' ich junge Blumen i'm'Kranze. Dir,
O Jüngling, weil du früh es nicht achtetest Zu herrschen über Sklaven, weil du Forschetest, hortest, beschlössest, thatest!
Das Joch des Landmanns drückte Jahrhunderte; Du brachst es! Hör' es, heiliger Schatte du Bon meinem Vater, der das Beispiet Dicsseir der Eider und dann am Sund gab *),
Du brachst es, Jüngling! wandtest crröthend dich Vom Dank des Landes, sahst auf dem Ocean Der Handlung Bande, die des Neides Hand und der Habsucht im Finstern knüpfte:
Aerrißest leicht wie Spinnengewebe sie,
Daß nicht die stolze Fichte des Normanns mehr Dem Bruderhafen huldigt, eh sie Schwellende Segel dem Ostwind öffne **).
*) Des Dichters Vater war der erste in Holstein, der den Bauern seines Guts Freiheit und Eigenthum gab. Die Königin Sophia Magdalena aus dem Hause Brandenburg, Großmutter des jetzigen Königes von Dänemark, gab den Bauern des Amts Hirschholm quf seinen Rath, und nach der Einrichtung, die er trotz aller in den Weg gelegten Schwierigkeiten mit Muth durchsetzte, Freiheit und Eigenthum.
Den Norwegern ist die Ueberfahrt nach Westin- dicn leichter als den Dänen, deren Schiffe der Kategat oft aufhält. Jene dieses Bortheils zu
der Humanität.
3Z3
Nicht gleiche Gaben spendet des Vaters Hand Den Völkern. Eisen starret im Schachte dort,
Hier wanken Aehren, unsres Tisches Freude gedeihet auf fernen Bergen.
AuM freien Tausche ladet der Vater ein;
Doch schmiedet, hart und klügelnd, der blinde Mensch Dem Tausche Zwang; der biedre Norman»
Kaufte sein Brot auf verengtem Markte.
Nun reifen fremde Saaten für ihn, wenn früh- Erwacht der Winter auf dem Gebirge sich Ausstrecket, und von starrer Schulter Glanzende Flocken in Thäler schüttelt.
Ich sah dich handeln, Jüngling, und freute mich,
Doch nur mir halber Freude. Lud Danicn Nicht häufend noch auf seine Schulter Fluch des zertrernen, zerrißnen Volkes,
Uneingedenk der heftigen Lehren, und Für jene Ader fühllos, die Gotres Hand Im Herzen spannte, daß sie klopfend Unrecht und Recht und Erbarmen lehre?
Von Menschen kaufte Menschen det Mensch, und ward Ei» Teufel I — Wer vermag den getrübten Blick
berauben, verpflichtete man die Schiffer, ror der Fahrt nach Westindien erst in Koppenhagen einzulausen. Man nannte das, sich präsen- t i r e n.
334 H- Briefe zu Beförderung
Zu heften auf des armen Mohren Elend und Schmach und gezuckte Geißel?
Aufs schwangre Weib, das jammernd die Hände ringt Am brummen Ufer; — Thränenlos starret sie Dem fernen Segel nach; noch schallt ihr Dumpf in den Ohren das Hohngelächter
Des Treibers, noch der klirrenden Kette Klang,
Und ihres Mannes Klage, das Angstgeschrei Der jüngsten Tochter, die der Wütrich Ihr aus umschlingenden Armen losriß. —
Du setzest Ziel dem Gräuel, ein nahes Ziel!
Erröthend staun' und ahme dem Beispiel nach Der Britte, will er werth der Freiheit Seyn, die auf Weisheit und Recht sich gründet.
Gott setze deinen Tagen ein fernes Ziel,
O Jüngling! keins dem Segen, der dein einst harrt. Sei deinen Tausenden noch lange Bruder! Nur Einer ist Aller Vater.
F. L. Gr. z. Stolberg.
Wenn mehrere solcher Gesänge über Anläße solcher Art uns zukommcn, meine Brüder: so wollen wir einander unsre Freude ja mittheilen: denn besangen Hvraz und Pindar je ein edleres Thema edler?
Mehrmals finde ich üi Ihren Briefen den Gei st der Zeit genannt; wollen wir uns einander nicht diesen Ausdruck aufklaren?
Ist er ein Genius, ein Dämon? oder ein Poltergeist, ein Wiederkommender aus alten Gräbern? oder gar ein Lufthauch der Mode, ein Schall der Aeolsharfe? Man hält ihn für Eins und das Andre.
Woher kommt er? wohin will er? wo ist sein Regiment? wo seine Macht und Gewalt? Muß et herrschen? muß er dienen? kann man ihn lenken?
Hat man Schriften darüber? Wie lernt man ihn aus der Erfahrung kennen? Ist er der Genius der Humanität selbst? oder dessen Freund, Vor-; bote, Diener?
iZ.
Warum sollte ich Ihnen auf ihren lakonischen Brief nicht ebeii so räthsclhaft antworten, als Sie gefragt haben.
„Was ist der Geist der Zeiten?" Allerdings ein mächtiger Genius, ein gewaltiger Dämon. Wenn Averroes glaubte, daß das ganze Menschengeschlecht nur Eine Seele habe, an welcher jedes Individuum auf seine Weise, bald thätig, bald leidend Theil nehme: so würde ich diese Dichtung eher auf den Geist
336 II. Briefe zu Beförderung
der Zeit nnwenden. Wir stehen alle unter seinem Gebiet bald lhatig, bald leidend.
„Ist er ein Schall der Aeolsharfe ? ein Lufthauch der Mode?" Die flüchtige Mode ist seine unächte Schwester; er ist ihr nicht gewogen, lernt aber auch von ihr, und hat mit ihr zuweilen lehrreichen Umgang. Desto cntschiedncr hasset et seinen wahren Feind und VcrlauMder, den Geist des Aufruhrs, der Zwietracht, den unreinen, abgeschmackten Pöbclsinn und Wahnsinn. Wo dieser sich hören laßt, in welchen Gesellschaften und Kreisen er ihn auch nur ver- muthet, fliehet er vor ihm und verachtet selbst die Lehre aus seinem Munde. Die Stimme des gelauterten Zeitgeistes ist verständig, überredend, sanft, freundlich. Bald lasset sic sich wie ein Laut auf der Aeolsharfe hören; bald tönt sie in vollen Chören, Der geläuterte Geist der Zeiten (möchte ich mit jenem alten Buche sagen,) ist „heilig, einig, mannigfaltig, „scharf und behende, rein und klar, ernst und frei, „wohlthatig, leutselig, fest, gewiß, sicher. Er ver- „mag alles, stehet alles, und gehet durch alle Gei- „ster, wie verständig, lauter und scharf sie sind."
„Woher kommt er?" Wie sein Name sagt, aus dem Schoos der Zeiten. Der menschlichen Natur einwohnend hatten ihn einst in unserm rauheren Klima die Pfäfferei und der wilde Kricgsgeist lange unterdrückt gehalten; sie schlossen ihn ein in Höhlen, Thürmc, Schlosser und Klöster. Er entkam; die Reformation machte ihn frei; Künste und Wissenschaften, am meisten aber die Buchdruckern gaben ihm Flügel, Seine ernste Mutter, die s e l b s t den- kende Philosophie hat ihn, zumal an den
Schrif-
der Humanität. 337
Schriften der Alten, unterwiesen; sein ernster Vater, der mühsame Versuch hat ihn erzogen, und durch die Vorbilder der würdigsten , größten Männer gereift und gestartet. Er ist kein Kind mehr, wiewohl er bei jeder neuen Begebenheit ein Kind scheinet; alle Erfahrungen voriger Zeiten sind in seine Seele gedrückt, sind auf seine Glieder verbreitet.
„Wohin will er?" Wohin er kommen kann. Er hat aus den vorigen Zeiten gesammlet, sammlet aus den jetzigen, und dringt in die folgenden Zeiten. Seine Macht ist groß, aber unsichtbar ; der Verständige bemerkt und nutzt sic; dem Unweisen wird sie, meistens zu spat, nur in erfolgten Wirkungen glaubhaft.
„Muß der Geist der Zeit herrschen oder dienen ?" Er muß beides an Stelle und Ort. Der Weise giebt ihm nach, um zu rechter Zeit ihn zu lenken; wozu aber eine sehr behutsame, sichre Hand gehöret. Indessen wird er offenbar gelenkt; nicht von der Menge, sondern von wenigen, tiefer als andre blickenden, standhaften und glücklichen Geistern. Oft leben und wirken diese in der größestcn Stille; aber Einer ihrer Gedanken, den der Geist der Zeiten ausfaßt, bringt ein ganzes Ehaos der Dinge-zur Wohlgestalt und Ordnung. Glücklich sind Die, denen die Vorsehung solch einen erhabnen Platz gab, in welchem Stande sie auch leben; selten wird dieser Platz durch Mühe erstrebt, selten durch lautes Geräusch angekündigt, meistens nur in Folgen bemerkt; oft müssen die großen Lenker auch viel wagen, viel leiden.
Herders Werke z,Phil. u. Gesch. X. P H.
333 II. Briefe zu Beförderung
„Hat man Schriften über den Geist der Zeiten?" Das weiß ich nicht; am besten lernt man ihn aus Geschichten, die im Geist ihrer Zeiten geschrieben sind und aus der Erfahrung kennen, wo Eins das Andre erläutert. Ohne nachdenkende Erfahrung versteht man die Bücher nicht; diese wiederum machen uns auf den lebendigen Geist der Zeiten aufmerksam. Das Rad rollet fort, ist immer dasselbe, und zeigt immer eine andre Seite.
„Geist der Zeiten, ist er der Genius der Humanität selbst; oder dessen Freund, Vorbote, Diener?" Ich wollte, daß er das Erste wäre, glaube es aber nicht; das Letzte hoffe ich nicht nur, sondern bin dessen fast gewiß. Daß er ein Freund, ein Vorbote, ein Diener der Human, rat werde, wollen auch wir an unserm unmerklich kleinen Theile befördern.
i6.
Schwerlich wird unser Freund mit der rathfelhaften Auflösung seines Räthfcls befriediget seyn; also darf ich in einem offener», wenn auch etwas schwereren Tone forlfahren.
Was Geist ist, läßt sich nicht beschreiben, nicht zeichnen, nicht mahlen; aber empfinden läffet es sich, cS äußert sich durch Worte, Bewegungen, durch An- stccbrn, Kraft und Wirkung. In der sinnlichen Welt unterscheiden wir Geist vom Körper, und eignen Jenem alles das zu, was den Körper bis auf
der Humanität.
33g
seine Elemente beseelet, was Leben in sich halt und Leben erwecket, Kräfte an sich zieht und Kräfte fort- pflanzet. In den ältesten Sprachen also ist Geist der Ausdruck unsichtbarer strebender Gewalt; dagegen Leib, Fleisch, Körper, Leichnam entweder die Bezeichnung todter Trägheit, oder einer organischen Wohnung, eines Werkzeuges, das der einwohncnde Geist als ein mächtiger Künstler gebrauchet.
Die Zeit ist ein Gcdankenbild nachfolgender, in einander verketteter Zustände; sie ist ein Maas der Dinge nach der Folge unsrer Gedanken; die Dinge selbst sind ihr gemessener Inhalt.
Geist der Zeiten hieße also die Summe der Gedanken, Gesinnungen, Anstrebungen, Triebe und lebendigen Kräfte, die in einem bestimmten Fortlauf der Dinge mit gegebnen Ursachen und Wirkungen sich äußern. Die Elemente der Begebenheiten sehen wir nie; wir bemerken blos ihre Erscheinungen, und ordnen uns ihre Gestalten in einer wahrgcnommenen Verbindung.
Wollen wir also vom Geist unsrer Zeit reden; so müssen wir erst bestimmen, was unsre Zeit sei, welchen Umfang wir ihr geben können und mögen. Auf unsrer runden Erde existiren auf einmal alle Zeiten, alle Stunden des Tages und Jahres, vielleicht auch alle Zustände des menschlichen Geschlechts ; wenigstens können wir vvraussetzen, daß sie existirt haben und existiren werden. Alle Mo- disicationen wechseln auf ihr, haben gewechselt und werden wechseln, nachdem der Strom der Begebenheiten langsamer oder schneller die Wellen treibet.
Y 2
II. Briefe zu Beförderung
Wenn wir uns demnach auf Europa bezirken : so ist Europa auch nur ein Gedankenbild, das wir unS etwa nach der Lage seiner Lander, nach ihrer Achnltchkcit, Gemeinschaft und Unterhandlung zusawmenordncn. Denken wir uns das einst oder jetzt katholische, oder überhaupt das christliche Europa: so ist auch in ihm nach Landern und
Situationen der Geist der Zeit sehr verschieden. Geändert sich sogar mit Elasten der Einwohner, geschweige mit ihren Bedürfnissen, Neigungen und Einsichten. Ein einziger Umstand, eine vielleicht falsche oder übertriebene Nachricht, kurz ein Wind und Wahn stimmt oft die Denkart und Meynung eines ganzen Volkes.
Wenn also unser Freund vom Geist der Zeiten als einem verständigen, scharfen, klaren Wesen sprach : so kann er damit nur die Grundsätze und Meynun- gen der scharfsichtigsten, verständigsten Männer gcineynt haben. Sie machten sich vom Wahne des Pöbels los, und lassen sich nicht nach jedem Winke lenken. So wenig ihrer hie und da se»n mögen; um so fester sind sie in sich selbst, um so standhafter hangen sie mit andern zusammen, und bilden allerdings eine Kette im Fortgänge der Zeiten. Das Lesen der Alten und Neuern, Gespräche und eine gemeinschaftliche Bemerkung dessen, was vorgegangen ist und täglich vorgeht , binden sie fest und fester aneinander; sie machen wirklich eine unsichtbare Kirche, auch wo sie nie von einander gehört haben. Diesen Gcmcingeist des aufgeklärten oder sich aufklärenden Europa auszurottcn ist unmöglich; wozu wäre aber auch die unnütze Mühe? Je aufgeklärter
der Humanität.
A.^r
er ist, gewiß desto weniger ist er schädlich. Wo er irrt, kann er nur durch Wahrheit, nicht durch Zwang gebessert werden: denn Geist kann allein mit Geist kämpfen.
Erlauben Sic mir zu Ende meines Briefes auch ein Räthsel. Irre ich nicht, so sind drei Hauptbegebenheiten oder Epochen Europas, an denen dieser Europäische Weltqcist Hafter. Eine ist längst vorüber; sie dauerte fünf bis achthundert Jabre und kommt hoffentlich nie wieder. Die zweite ist geschehen und geht in ihren Wirkungen fort; ihr Werth ist anerkannt, und muß, der Natur der Sache nach, immer mehr anerkannt werden. Ueber der dritten brütet der Weltgcist, und wir wollen ihm wünschen, daß er in sanfter Stille ein glückliches Ei ausbrütcn möge. Es ist aber ein gewaltig großes Straußen-Ei; der glühende Sand und die allmächtige Sonne mögen cs ihm ausbrüten helfen!
17.
Lasspn Sie uns zuschen', ob ich Ihr Räthsel inne habe. Die erste Begebenheit, an welcher der Europäische Zeitgeist haftet, ist die Bepflanzung unsres Weltt Heils nach den Römischen Zeiten, die politische und religiöse Organisation der Völker, die jetzt Europa bewohnen. Sie ist der Einschlag zum Gewebe; die meisten zweifelhaften Fragen der folgenden Zeiten bezogen sich auf die Einrichtung, die damals gemacht
3^2 II. Briefe zu Beförderung
ward. Einen Theil dieser Fragen hat die zweite große Begebenheit, die Wie d e raufle b ung der Wissenschaften und die Reformation aufgelöset; vom eilften bis zum sechzehnten Jahrhunderte hat die Zeit über vieles entweder schon entschieden und entscheidet noch , oder sie sammlet Kräfte und Athem, um künftig entscheiden zu können. Wahrscheinlich ist das die dritte Begebenheit, von der Sie reden.
Merken Sie sich aber, m. Fr., Eins. Bei der Reformation war größtentheils von blos geistigen Gütern, von Freiheit des Gewissens und Denkens, von Glaubensartikeln und Religion die Rede: denn an den Gebrauch der Kirchengüter wollen wir nicht, können auch nicht allemal mit billigendem Vergnügen denken. Die fortgehende Eultur des Menschengeschlechts, die aus der Erweckung der Wissenschaften entsprang, ist auch ein geistiges Gut; man kann ihren Fortgang hemmen, aber nicht vernichten.
Eine andre Beschaffenheit scheinet es mir mit der Reformation zu haben, von der jetzt die Rede seyn soll; wie Ware es, wenn wir darüber den alten Reformator selbst hören.
Luthers Gedanken von der Regime n t s a n d e r u n g.
„Des weltlichen Regiments Werk und Ehre ist, daß es aus wilden Thieren Menschen macht, und Menschen erhält, daß es nicht wilde Thiere werden.
der Humanität.
„Meynest du nicht, wenn die Vögel und Thiere reden könnten, und das weltliche Regiment unter den Menschen sehen sollten; sie würden sagen: o ihr Lieben, ihr seyd nicht Menschen, sondern Götter gegen uns. Wer will dies Regiment nun erhalten, ohne wir Menschen, denen'es Gott befohlen hat, und die sein auch selbst wahrlich bedürfen? Die wilden Thiere Werdens nicht thun; Holz und Steine auch nicht. Welche Menschen aber könncns erhallen? Fürwahr nicht allein, die mit der Faust herrschen wollen, wie jetzt viel sich lassen dünken : denn wo die Faust allein soll regieren, da wird gewiß zuletzt ein Thierwescn draus, daß wer den andern übermag, stoße ihn in den Sack; wie wir vor Augen wohl Exempel genug sehen, was Faust ohne Weisheit und Vernunft Gutes schafft. Darum sagt auch Salomo: „Weisheit „müsse regieren und nicht die Gewalt. Weisheit ist ,,besser, denn Harnisch oder Waffen. Weisheit ist „besser, denn Kraft;" daß kurzum nicht Faustrecht, sondern Kopfrccht regieren muß unter den Bösen sowohl, als unter den Guten."
An einem andern Ort sagt er: „Ehe das geschehen wird, daß Kaiser, Könige und Fürsten mit dem ganzen Reich dazu thaten, das Regiment zu bessern, wollen wir den obersten Herrn aller Herren oben in den Wolken sehen kommen und mit ihm davon fahren. Jndeß mag das Regiment, der böse Pelz, ein plumpes Regiment bleiben, und (die Personal ungemenget!) Gott befohlen lassen seyn, welchen er will hervorziehen und erheben. Aenderung der Regiment und Rechte gehen ohn groß Blutvergießen nicht ab , wie alle Historien zeugen; und che man in
Z44 H> Briefe zu Beförderung
Deutschland eine neue Weife des Reichs anrichtete, so würde es dreimal verheeret."
„Wiewohl mich auch zuweilen dünkt, daß die Regiment und Juristen wohl auch eines Luthers bedürften; aber ich besorge sie möchten einen Münzer kriegen; darum ich nicht hoffen kann noch will, daß sie einen Luther kricgcm werden. Es ist nicht zu rathen, daß man cs ändere; 7 sondern flicke und pletze daran, wer kann, weil wir leben, strafe den Mißbrauch, und lege Pflaster auf die Blattern. Wird man die Blattern ausreifien mit Unbarmherzigkeit : so wird den Schmerzen und Schaden niemand mehr fühlen, denn solche kluge Barbierer. Aendcrn und Bessern sind zweierlei. Eines steht in der Menschen Händen und in Gottes Verhängen,, das andre in Gottes Händen und Gnaden."
Ferner sagt er: „Wenn das natürliche Recht und Vernunft in allen Köpfen steckte, die Menschenköpfen gleich sind, so könnten die Narren, Kinder und Weiber eben so wohl regieren und kriegen als David, Augustus, Hannibal, und müßten Phormionen so- gut seyn, als Hannibals; ja alle Menschen müßten gleich seyn und keiner über den andern regieren. Welch ein Aufruhr und wüst Ding sollt hieraus werden? Aber nun hats Gott also geschaffen, daß die Menschen ungleich sind, und einer den andern xegie- ren, einer dem andern gehorchen soll. Zwecn können mit einander singen (d. i. Gott alle gleich loben ;) aber nicht mit einander reden (d. i. regieren). Einer muß rede», der andre hören. Darum findet sichs auch also, daß unter denen, die sich natürlicher Vernunft und Rechts vermessen und rühmen, gar
der Humanität. 345
viel weibliche und große natürliche Narren sind; denn das edle Kleinod, so natürlich Recht und Vernunft heißt, ist ein selten Ding unter Menschenkindern.
Aber das ist der Teufel und 'Plage in der Welk, daß wir in allen Dingen, an leiblicher Starke, Größe, Schöne, Gütern, Gesicht, Farbe, unter einander ungleich sind; und allein in der Weisheit und Glück alle wollen gleich seyn, da wir doch am allerungleich- stcn unter einander sind. Und was noch wohl arger ist, ein jeglicher will hierin über den andern seyn; und kann den schändlichen Narren und Klüglingen niemand nichts rechts thun, wie Salomen spricht! „ein Narr dünkt sich klüger seyn, denn sieben Weisen, die das Recht setzen."
Also schreibt auch Plato, es sei zweierlei Recht, Naturrccht und Gesctzrecht; ich wills bas gesunde Recht und das kranke Recht nennen. Denn was aus Kraft der Natur geschieht, das gehet frisch hindurch, auch ohn alles Gesetz, reißt auch wohl durch alle Gesetze. Aber wo die Natur nicht da ist und solls mit Gesetzen herausbringen, das ist Bettelei und Flickwerk; geschieht gleichwohl nicht mehr, denn in der kranken Natur steckt. Als wenn ich ein gemein Gesetz stellet?: man soll zwo Semmel essen und ein Nösel Wein trinken zur Mahlzeit. Kommt ein Gesunder zu Tisch, der frißet wohl vier oder sechs Scmmel, und trinket eine Kanne oder zwo, und thnt mehr denn das Gesetz giebt. Kommt ein Kranker dazu, der ißt eine halbe Scmmel und trinkt drei Löffel voll, und thut doch nicht mehr an solchem Gesetz, denn seine kranke Natur vermag; oder muß sterben, wo er soll das Gesetz halten. Hier ists nun
besser, ich lasse den Gesunden ohn alles Gesetz essen und trinken, was und wieviel er will; dem Kranken gebe ich Maas und Gesetze, wieviel er kann, daß er dem Gesunden nicht nachmüße.
Nun ist die Welt ein krank Ding und eben ein solcher Pelz, da Haut und Haar nicht gut an ist. Die gesunden Helden sind selten und Gott giebt sie theuer, und muß doch regiert seyn, wo Menschen nicht sollen wilde Thiere werden. Darum bleibts in der Welt gemeiniglich eitel Flickwerk und Bettelei; und ist ein rechter Spital, da es beide Fürsten und Herrn und allen Regierenden fehlet an Weisheit und Muth, d. i. an Glück und Gottes Treiben, wie den Kranken an Kraft und Stärke. Darum muß man hie flicken und pletzcn, sich behelfen aus den Buchstaben oder Büchern, mit der Helden Recht, mit Sprüchen und Exempeln; und müssen also der stummen Meister (d. i. der Bücher) Schüler seyn und bleiben. Und machcns doch nimmermehr so gut, als daselbst geschrieben stehet; sondern kriechen hienach und halten uns dran als an den Banken oder Stecken, folgen auch daneben dem Rath der Besten, so mit uns leben; bis die Alt Zornmt, daß Gott wieder einen gesunden Helden oder Wundermann giebt, unter dessen Hand alles besser gehet, oder ja so gut, als in keinem Buch stehet, der das Recht entweder ändert oder also meistert, daß es im Lande alles grünet und blühet, mit Friede, Zucht, Schutz, Strafe, daß eS ein gesund Regiment heißen mag; und dennoch daneben bei seinem Leben aufs höchste gefürchtet, geehret, geliebt und nach seinem Tod ewiglich gerühmet wird. Und wcnns ein Kranker oder Un-
der Humanität.
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gleicher demselben wollt nachthun und gleich oder besser seyn, den hat Gott gewiß zur Plage der Welt geschickt, wie die Heiden auch schreiben: der Helden Kinder sind eite! Plagen.
Denn was hilft große hohe Weisheit und trefflich herzlich guter Muth oder Meynung, wenns nicht die Gedanken sind, die Gott treibt und Glück dazu giebt? Es sind doch eitel Fehlgcdanken und Vergebliche Meynungen, ja auch wohl schädliche und verderbliche. Darum ists sehr wohlgeredt: „die gelehrten, die verkehrten." Ir. „ein weiser Mann thuk keine kleine Thorheit." Und zeigen alle Historien auch der Heiden, daß die weisen und.gutmeynenden Leute haben Land und Leute verderbet. Welches alles gesagt ist von den Sclbstweisen oder kranken Regic- renden, die Gott nicht getrieben, noch Glück dazu gegeben hat; und Habens doch wollen seyn. Also ist ihnen das Regiment zu hoch gewest, Habens nicht können ertragen noch hinausführen, sind also drunter erdrückt und umkommen, als Cicero, Demosthenes, Brutus, die doch aus der Maaßen verständige und hochweise Leute waren, daß sie mochten heißen Licht in natürlichem Recht und Vernunft; und haben zuletzt das elende Klaglicd singen müssen: ,,ich hätt' cs nicht gcmeynet." Za Lieber! das gute Mey- nen macht viel Leute weinen. Summa, cs ist eine hohe Gabe, wo Gott einen Wundcrmann giebt, den er selbst regiert; derselbe mag ein König, Fürst und Herr heißen mit Ehren , er sei selbst Herr oder Rath zu Hose. Drum spricht auch Salomo: zu laufcn hilft nicht schnell seyn; zum Streit Hilst nicht stark seyn; zum Reichthum
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348 II. Briefe zu Beförderung
hilft nicht klug seyn, Angenehm seyn, dazu hilft nicht, alles wohl können; sondern es liegt alles an der Zeit und am Glück/' Was ist das anders gesagt, denn so viel: Weisheit mag da seyn, hohe Vernunft mag da seyn, schöne Gedanken und kluge Anschläge mögen da seyn; aber cs hilft nichts, wenn sie Gott nicht gicbt und treibt, sondern gehet alles hinter sich." So weil Luther.
18.
Luther war ein patriotischer großer Mann. Als Lehrer der deutschen Nation, ja als Mitreformator des ganzen jetzt aufgeklärten Europa ist er längst anerkannt; auch Völker, die seine Religionssätze nicht annehmcn, genießen seiner Reformation Früchte. Er griff den geistlichen Despotismus, der alles freie gesunde Denken aufhebt oder untergräbt, als ein wahrer Herkules an, und gab ganzen Völkern, und zwar zuerst in den schwersten, den geistlichen Dingen den Gebrauch der Vernunft wieder. Die Macht seiner Sprache und seines biedern Geistes vereinte sich mit Wissenschaften, die von und mit ihm auflebten, vergesellschaftete sich mit den Bemühungen der besten Köpfe in allen Standen, die zum Lheil sehr verschieden dachten; so bildete sich zuerst ein populäres literarisches Publikum in Deutschland und in den angrenzenden Ländern. Jetzt las, was sonst nie gelesen hatte; es lernte lesen, was sonst nie lesen konnte. Schulen und Akademieen wurden gestiftet, deutsche geistliche Lieder gesungen, und in
deutscher Svrache lausiger als sonst gepredigt. DaS Volk bekam bie Bibel, wenigstens den Katechismus in die Hände; zahlreiche Seiten der Wiedertäufer und andrer Jrrlehrec entstanden, deren viele, jede auf ihre Weise, zu gelehrter oder populärer Erörterung streitiger Materien, also auch zu Uebung deS . Verstandes, zu Politur der Sprachen und deS Geschmacks beitrug. Ware man seinem Geist gefolgt, und hatte in dieser Art freier Untersuchung auch Gegenstände beherzigt, die zunächst nicht in seiner Mönchs- und Kirchen-Sphäre lagen, daß man nämlich auf sie die Grundsätze anwendele, nach denen Er dachte und handelte. — Doch was nützt es, vergangne Zeiten zu lckren oder zu tadeln? Lasset uns seine Denkart, selbst seine deutlichen Winke, und die von ihm eben so stark als naiv gesagten Wahrheiten für unsre Zeit nutzen und anwenden.' Ich habe mir aus seinen Schriften eine ziemliche Anzahl Sprüche und Lehren angemerkt, in denen er (wie er sich selbst mehrmals nannte) sich wirklich als Ecclcsiastes, als Prediger und Lehrer der deutschen Nation dacstellt. Neulich führte ich an, was er von der Regimentsveränderung dachte; lasset uns jetzt hören, was er vom Pöbel uni» von den Tyrannen halt.
Luthers Gedanken vom Pöbel und von den Tyrannen.
„Die Heiden, weil sie nicht erkannt haben, daß weltliches Regiment Gottes Ordnung sey, (denn sie
Z5o II. Brisfe zu Beförderung
Habens für ein menschlich Glück und That gehalten,) die haben frisch darein gegriffen, und nicht allein billig, sondern auch löblich gehalten, unnütze, böse Obrigkeit abzusetzcn, zu morden und zu verjagen. Es ist aber dabinten eine böse Folge oder Ercmpcl, daß, wo es gebilligt wird, Tyrannen zu morden oder zu verjagen, reißt es bald ein, und wird ein gemeiner Muthwille daraus , daß man Tyrannen schilt, die nicht Tyrannen sind, und sie ermordet, wie es dem Pöbel in Sinn kommt; als uns die römischen Historien wohl zeigen, da sie manchen feinen Kaiser tödtelen, allein darum, daß er ihnen nicht gefiel, oder nicht ihren Willen that und ließ sie Herren seyn. Man darf dem Pöbel nicht viel pfeifen, er rollet sonst gern; und ist billiger, demselben zehn Ellen abbrcchen, denn Eine Hand breit, ja eines Fingers breit cinraumen in solchem Fall: Denn der Pöbel hat und weiß keine Maaße, und steckt in einem jeglichen mehr denn fünf Tyrannen. Die Rache ist mein, sagt Gott, ich will vergelten! Ein böser Tyrann ist leidlicher, dann ein böser Krieg ; welches du mußt billigen, wenn du deine eigne Vernunft und Erfahrung fragst. Gott laßt einen Buben regieren um des Volks Sünde willen. Gar fein können wir sehen, das ein Bube regiert; aber das will niemand sehen, daß er um des Volks Sünde willen regieret. Laß dich nicht irren, daß die Obrigkeit böse ist, cs liegt ihr die Strafe und Unglück naher, denn du begehren möchtest.
— „Obrigkeit andern und Obrigkeit bessern, sind zwei Dinge, so weit von einander als Himmel und Erke. Acndern mag leichtlich geschehen; bessern
der Humanitär.
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ist mißlich und gefährlich. Warum? Es steht nicht in unserm Willen und Vermögen, sondern allein in Gottes Willen und Hand. Der tolle Pöbel aber fragt nicht viel, wie es besser werde, sondern daß es nur anders werde; wenn es dann arger wird, so will er abermal »in Anderes haben. So kriegt er denn Hummeln für Fliegen, und zuletzt Horniße für Hummeln. Und wie die Frösche vorzeiten auch nicht mochten den Klotz zum Herren leiden, kriegten sie den Storch dafür, der sie auf den Kopf hackte und fraß sie. Es ist ein verzweifelt, verflucht Ding um einen tollen Pöbel, welchen niemand so wohl regieren kann, als die Tyrannen; dieselbigen sind der Knittel, dem Hunde an den Hals gebunden. Sollten sie besserer Weise zu regieren seyn, Gott würde auch andre Ordnung über sie gesetzt haben, denn das Schwert und die Tyrannen. Das Schwert zeigt wohl an, was es für Kinder unter sich habe, nämlich eitel verzweifelte Buben, wo sie es thun dürften."
— „Dergleichen will ich und kann auch nicht getröstet haben unsre Nephilim, die Tyrannen, Wuch- rer und Schelmen unter dem Adel, die sich lassen dünken, Gott habe uns das Evangelium darum gegeben, daß sie mögen geizen, schinden, und allen Muthwillcn treiben, ihre Fürsten pochen, Land und Leute drücken, und Alles in Allem seyn wollen; das ihnen nicht befohlen, sondern verboten ist. Diese sind es, so dazu helfen, daß Gottes Zorn den Türken zum Drescher über uns, über sie selbst auch schicket, wo sie nicht Buße thun werden. Denn unmöglich ists, daß Deutschland sollte stehen bleiben, auch unträglich und unleidlich, wo solche Tyrannei,
352 II. Briefe zu Beförderung
Wucher, Geiz, Muthwille des Adels, Bürgers, Bauers und aller Stände so sollten bleiben und zu- nebmen; cs behielte zuletzt der arme Mann keine Rinde vom Brot im Hause, und möchte lieber oder ia so gern unter de» Türken sitzen, als unter solchen Christen. Es stellen und zieren sich fast der mehrere Theil des Adels so lästerlich und so schändlich, daß sie damit dem gemeinen Mann böses Blut und argen Wahn machen, als sei der ganze Adel durch und durch kein Nutze."
— „Woher werden Tyrannen? Weil sie ihr Vertrauen auf ihre Macht setzen. Alle Welttreffen haben geklagt über die Beschwerung, so im Regiment ist; und daher pflegen auch die Tyrannen zu kommen, welche, wenn sie sehen, daß ihre Rath- schlägc und ihr Thun, das alles sehr sein verordnet, keinen Fortgang oder Glück haben, oder daß ihnen andre Widerstand thun, so werden sie gar toll und unsinnig, und werden aus frommen Fürsten Tyrannen , die mit Gewalt und andrer Leute Schaden, (welche sic meynen daß sie ihnen im Wege liegen,) sich unterstehen, hindurchzubrechen und damit ihre Gewalt zu erhalten: denn cs sind nicht tapfere Helden, die sich selbst zwingen könnten, sondern hangen und folgen ihren Begierden nach."
— „'Also werden auch zur Zeit des Antichrists etliche seyn, welche so genau auf den Frommen Achtung geben werden, ob er etwas aus Unvorsichtigkeit rede oder thuc, das sie entweder mit Gewalt oder mit List können verdrehen, oder gewaltsamer Weise auf so einen Verstand ziehe», der wider den heiligen Sitz der Bestie sey, damit sie alsobald nach Gewohnheit
unsrer
der Humanität.
353
unsrer Papisten schreien können „zum Feuer!" da doch derjenige, der es gesagt, entweder niemals daran gedacht, oder es doch niemals hat öffentlich verbringen wollen. Ja wenn auch der Fromme etwas mit aller möglichsten Vorsicht geredet hat, und sich keiner Gefahr befürchten können: so wird doch dieses der Gottlosen Amt seyn, die besten Reden zu verlästern und in den unschuldigen Sylben Gift, wie die Spinne in den Rosen, zu finden. Dieses thun sie ihrem Bedünken nach nicht aus unweiscr Absicht, (sintemal sie dieses aus der Erfahrung als eine gewisse Sache haben, daß es um ein tyrannisches Reich nicht gar zu sicher und glücklich stehe) wenn sie nur diejenige zu Grunde richten, die entweder als Schuldige können überwiesen, oder doch der fälschlichen Anklage können verdächtig gemacht werden; sondern man müsse auch allen andern zum Exempel und Schrecken diejenigen plagen, die sich nichts weniger befürchtet, als daß sie einmal in dergleichen Fallstricke und Netze verfallen sollten. Daß also niemand ist, der sich nicht für einem Tyrannen zu fürchten habe, wenn er sich gleich auf sein gut Gewissen verlassen kann und sich keines bösen Anschlags wider den Tyrannen bewußt ist.
So weit abermals Luther. Bewahre der Himmel uns vor solchen Zeiten! denn leider es ist nur Ein Ding, Pöbelsinn und Tyrannei, mit zwei Namen genannt, wie die rechte und linke Seite.
Herders Werke z. Phil. u. Gesch. X. Z Aärarre». H.
35 /,
H. Briefe zu Beförderung
>9
Treu und Glaube ist der Eckstein aller menschlichen Gesellschaft. Auf Treu und Glaube sind Freundschaft, Ehe, Handel und Wandel, Regierung und alle andre Verhältnisse zwischen Menschen und Menschen gegründet. Man untergrabe diesen Grund; alles wankt und stürzt; alles fällt auseinander.
Es giebt keine einseitigen Pflichten und einseitige Rechte. Pflichten und Rechte gekoren zusammen, wie die obere und untere, wie die Rechte und linke Seite. Was hier convex ist, ist dort concav; und bleibt dieselbe Sache, derselbe Körper.
Lasset Staaten, lasset Stände gegen einander Treu und Glauben verlieren; wer seinen Pflichten entsagt, verliert die Rechte, die der Pflicht anklebten; er täuscht und wird gctauschet; er handelt einseitig, so wird man auch gegen ihn handeln.
Manche Vorzüge des Geistes und der Lebensweise hat man unsrer Nation absprechen wollen; das Lob, das man ihr, das man ihren braven Männern, ihren guten Regenten und Helden durch alle Zeiten zngcstand, war die sogenannte deutsche Biederkeit, Treu und Glaube. Ihre Worte galten mehr als gesiegelte Briefe und Eidschwürc; der Herr bauete auf seine Unterthanen, Unterthanen auf ihren Herren; wenigstens ist dieses der Schild, den die meisten alten Sprüche und Apophthegmen der Deutschen vor sich tragen.
Lasset uns hören, was zu seiner Zeit der alte Luther darüber sagcr:
der Humanität.
35 S
Deutsche, Deutschland.
Es ist zwar eine gemeine Klage in allen Standen und Leben über falsche verlogne Leute, wie man spricht: „es ist keine Treu noch Glauben mehr." Die alten Römer haben solch Laster an den Griechen getadelt, wie auch Cicero sagt: „ich gebe den Griechen, daß sie gelehrte, weise, kunstreiche, geschickte, beredte Leute sind; aber Treu und Glauben achtet das Volk nicht." Wohlan, es hat auch solch untreu falsch Volk itzt lange her seine Strafe gelitten vom Türken, der sie auch baar-über bezahlet. Welschland hat es nachher auch gelernet, daß sie dörfen Zusagen und schwören was man will und darnach spotten, wenn sie es halten sollen. Darum haben sie auch ihre Plage redlich, und müssen beide Griechen und Wohlen Exempel seyn des andern Gebots Gottes, da er spricht: „Er solle nicht ungestraft bleiben, wer Gottes Namen mißbraucht." Uns Deutsche hat keine Tugend so hoch gerühmet und wie ich glaube bisher so hoch erhoben und erhalten, als daß man uns für treue, wahrhaftige, beständige Leute gehalten hat, die da haben Ja Ja, kein Nein lassen seyn, wie deß viel Historien und Bücher Zeugen sind. Wir Deutsche haben noch ein Fünklein (Gott wolle es erhalten und aufblasen) von derselben alten Tugend, nämlich, daß wir uns dennoch ein wenig schämen, und nicht gerne Lügner heißen, nicht dazu lachen, wie die Wahlen und Griechen, oder einen Scherz daraus treiben. Und obwohl die Welsche und Griechische Unart einreißet, so ist dennoch
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356 II. Brief« zu Beförderung
gleichwohl noch das übrige bei uns, daß kein ernster, graulicher Scheltwort jemand reden oder hören kann, denn so er einen Lügner schilt oder gescholten wird. Und mich dünkt, (soll es dünken heißen) daß kein schädlicher Laster auf Erden sey, denn Lügen und Untreu beweisen; welches alle Gemeinschaft der Menschen zertrennet. Denn Lügen und Utitrcue zertrennet erstlich die Herzen; wenn die Herzen getcennet sind, so gehen die Hände auch von einander; wenn dir Hände von einander sind, was kann man da thun oder schaffen? Darum ist auch in Wclschland solch schändlich Trennen, Zwietracht und Unglück. Denn wo Treu und Glauben aufhörct, da muß das Regiment auch ein Ende haben. Gott helf' uns Deutschen!
20.
Ist Ihnen eine Ode Klopstocks zu Gesicht gekommen , die während des letzten Nordamerikanischen Seekrieges erschien, und auch schon damals in der Art diesen fürchterlichen Krieg zu führen, Spuren einer zunehmenden Humanität bemerkt«? Sie wird Ihnen angenehm seyn, auch nur als ein poetischer Traum, als das Gemähldc einer glückweissagenden Phantasie, gewiß aber noch mehr als eine Prophrtenstimme der Zukunft betrachtet:
Der jetzige Krieg.
O Krieg, des schöneren Lorbeers werth,
Der unter dem schwellenden Segel, des Wimpels Flug« Jetzo geführt wird, du Krieg der edleren Helden!
Dich singe der Dithyrambe, der keine Kriege sang.
'PkMWE"-.-»' ^ X
der Humanität. 267
Ein hoher Genius der Menschlichkeit Megeistert dich!
Du bist die Morgenröthe Eines nahenden großen Tag's!
Europa's Bildung erhebt sich Mir Adlerschwunge, durch weise Zögerung Des Blutvergusses, durch weisere Meldung,
Durch göttliche Schonung,
In Stunden, da den Bruder tödtend Der erhabene Mensch zum Ungeheuer werden muß: Denn die Flotten schweben umher aus dem Ocean,
Und suchen sich und finden sich nicht.
Und wenn sie verweht oder verströmt sich endlich erblicke» :
So kämpfen sie langer als je Den leichtzertrennenden Kampf Um des Windes Beistand.
Und muß cs zuletzt denn doch auch beginnen,
Das Tressen; so schlagen sie fern. Fürchterlich brüllet Ihr Donner; aber er rollt Seine Tod' in das Meer.
Kein Schiff wird erobert, und keins zu belastet Von der hineinrauschenden Woge, versenkt;
Keins flammt in die Höh', und treibet,
Scheiter, umher über sinkenden Leichen.
Der Flotten und der Schiffe Gebieter Schlagen so, ohne gegebenes Wort.
Was brauchen sie der Worte die tieferdenkenden Männer? Sie handeln! verstehen sich durch ihr Handeln!
358 II. Briefe zu Beförderung
Erdekönigin, Europa! dich hebt, Hs hinaus Zu dem hohen Ziel, deiner Bildung Adlerschwung: Wenn unter deinen edleren Kriegern .
Diese heilige Schonung Sitte wird!
O dann ist, was jetzo beginnt, der Morgenröthen schönste;
Denn sie verkündiget
Einen seligen, nie noch von Menschen erlebten Tag, Der Jahrhunderte strahlt
Auf uns, die noch nicht wußten, der Krieg Sey das zischendste, tiefste Brandmahl der Menschheit! Mit welcher Hoheit Blick wird auf uns herabschn,
Wen die Heitre labt des goldenen Tages!
Wärest du Saite, wirklicher Zukunft Weissagerin? Sähe der Geist, welcher dich umschwebt, Göttermenschen? oder hat er vernichtungsscheue Gottesläugner gesehn?
Was Klopstock beim Seekriege bemerkt, ließe es sich prosaisch nicht auch beim Landkriege, noch mehr aber beim Handel, bei jeder Art des Gewerks und Fleißes, selbst in der Art der Erhebung öffentlicher Gefalle und Lasten, bei Behandlung stehender Heere zu Friedenszeitcn, (diesem entschlichen Druck der Menschheit,) bei Einrichtung öffentlicher Gebäude, insonderheit der Gefängnisse und Krankenhäuser, bei Behandlung der Krankheiten und einer der ärgsten Krankheiten unsres Welttheils, der Nechtshandel und rechtlichen Strafen, noch klarer endlich in Be-
der Humanität.
559
Handlung der Wissenschaften, Einrichtungen der Polizei) , öffentlichen Religion, Erziehung und des ganzen häuslichen Lebens bemerken? Durch Notb gezwungen, wider unfern Willen müssen wir einmal, Gott gebe bald., vernünftigere, billigere Menschen werden.
21 .
Verzeihen Sie, meine Freunde, daß ick) Ihrem hoffnungsvollen Glauben an den Geist der Zeiten nur furchtsam und zweifelnd bcitrete. Denn sobald man dem Wort seine magische Gestalt nimmt, was bedeutet es mehr, als die herrschenden Meynun- g e n, Si tc e n und Gewohnheiten unsres Zeitalters; und sollten diese eines so hohen Lobes wcrth sc»n? Sollten sie große und sichre Hoffnungen für die Zukunft gewahren?
Mir ist wohl bekannt, was für schön klingende Worte seit geraumer Zeit in Schriften und Gesellschaften im Umlaufe sind; sehen Sie aber auf die Grundsätze der Menschen, die in Handlungen zur täglichen Lebensweise übergehen, was finden Sic da? Alle wahre, thätige Gesinnungen zum Besten des Ganzen sind ihrer Natur nach mit Aufopferung verbunden ; und wer opfert zu unsrer Zeit gern auf? Versuchen Sie's einmal, und bringen die kleinste Sache, die Mühe, Geld, Entsagung von Privak- vortheilen, am meisten von der Eitelkeit federt, zu Stande; und Sie werden gewahr, daß Sie ein saitenloses Elavier spielen. Die lautsten Patrioten sind
>36o II. Briefe zu Beförderung
oft die engherzigsten Egoisten; die wärmsten Ver- theidiger des Kuren sind nicht selten die kältesten Seelen ; Adler in Worten, in Handlungen Lastthiere der Erde.
Hoffen Sie viel, sehr viel von aufgeklärten, guten Fürsten; das Unmögliche aber hoffen Sie nie. Auch sie sind Menschen; und nach ihrer gewöhnlichen Erziehung ists oft zu bewundern, daß sie es noch blieben. Sie tragen die Fesseln ihres Standes; die engste Fessel ist ihre eigne von Kindheit auf gewonnene Denkart. Selten giebt es einen Fricdcrich, der sich über das Gewohnte seiner Zeit früh und doch mit Weisheit hinaussetzt; selten! Zudem bedürfen sie als Regenten genügsame Kenntnis der Dinge, Ucberlegung mit andern, zur Ausführung Werkzeuge. Wenn sie diese nun nicht finden, wenn diese sie hin- tergehen und tauschen, wenn sie endlich aus Mißtrauen zu diesen unschicklicher Weise selbst zur Sache greifen; so wird die Geschichte Josephs II. daraus, der mit den reinsten, nothwendigsten, besten Absichten von der Welt im Hafen selbst scheiterte. Ach, cs muß ein Gott vom Himmel kommen, oder außerordentlich-gute und große, das ist, wahrhaftig göttliche Menschen senden; oder die Verbesserung der Welt auf dem gewöhnlichen Wege der Zeit geht sehr langsam.
Lassen Sie mich die herrschenden Gesinnungen andrer Stände und Innungen nicht durchgehn. Jede Zunft bat ihren Zunftgeist; der fesselt, zumal in unfern Zeiten, auch den besten Gemüthcrn Herzen und Hände. Man fühlt die Wände des alten Systems erschüttert, und fürchtet den Fall des ganzen Gebau-
der Humanität. 26 r
des; um so mißtrauischer hält man sich also an jeden Balken, an jeden Span des Balkens, und glaubt, mit ihm schon gehe alles verloren. Das alte Schwert ist verrostet; desto ängstlicher putzt man Griff und Scheide.
Ans Volk, wollen wir eher mit Bedauren und Großmuth, als mir Stolz und Zuversicht denken. Jahrhunderte lang ists unerzogen geblieben; daß es erzogen werde, kann unser einziger Wunsch seyn, nicht daß cs herrsche, nicht daß es gebiete und lehre. Die Besserung muß vom Haupt kommen, nicht von Füßen und Händen; ich kenne nichts abscheulicheres, als eines wahnsinnigen Volks Herrschaft.
Lassen Sie sich auch die Stimmen unsrer Philosophen nicht bis zur Täuschung bezaubern ; die wärmsten sind nicht immer die Hellesten Köpfe. Von ihren Wünschen, vom Anschein der guten Sache eingenommen, vom thatigcn Leben und von der wahren Gestalt der Dinge entfernt, gefallen sie sich in Spekulationen ; oder als der zarteste empfindlichste Tkeil des Publikums trösten sie sich über das, was nicht ist, mit Träumen, was seyn sollte, also auch seyn wird. Der kranke, zarte, fast nur in der Einbildung lebende Rousseau, hat er mit seinen stark ausgedrückten, regegefühlten Visionen mehr Nutzen oder mehr Schaden gebracht? Ich wage es nicht zu entscheiden.
Wie ich fürchte, strebt der Geist unsrer Zeiten vorzüglich zur Auflösung hin. Dem Einen Lhcil der Welt sollen alle Bande aufhören; Alles soll leicht und lustig werden, weil wir des Alten satt, träge und erschlafft sind. Der andre Theil der Menschen, der sich im Besitz, leider auch oft mit Härte und
Z62 II. Briefe zu Beförderung
Nebermuth, sudlet, verachtet die Beschwerden der andern, und scheint die Trommeten vor Jericho zu erwarten. Ein nicht erfreulicher Zustand. Ich kenne keine schlimmere Jahrszeit, als die, in welcher alle Elemente gegen einander zu seyn scheinen, »nenn Kalte, Regen und Sturmwinde toben.
Selten hat eine Verfassung, welche es auch sei), vom Grundgesetz ihrer Entstehung sich so weit abbie- gen können, daß sie ohne Sturz ihre Basis hätte verlassen mögen. Die Staaten Europas sind auf ein System kriegerischer und religiöser Eroberung gegründet; die Pfeiler dieses Systems wanken; die Zeit nagt an ihnen; stürzen sie, so, fürchte ich, geht unter den Trümmern des Schlechteren auch das Beste mit unter. Vergönnen Sic mir also, daß ich vom Geist unsrer Zeiten dinwegsche, und mich noch etwas weikcrdin an einige Gedanken des alten Philosophen zu Sans-Souci halte, der auch die Welt kannte.
einiger Gedanken Friedrichs II.
„Ich bin durch ein Land gereiset, wo die Natur gewiß nichts gespart hat, den Boden fruchtbar, die Gegend lachend zu machen; aber cs scheint, daß sic sich an Bildung der Pflanzen, Hecken und Flüssen, die die Gegend verschönen, erschöpft und nicht Kraft genug gehabt habe, unser Geschlecht daselbst auch so
Fortsetzung
der Humanität.
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vollkommen zu machen. Ich habe fast ganz West- phalcn auf unsrer Reise gesehen; und gewiß, wenn Gott seinen göttlichen Hauch dem Menschen verlieh, so muß diese Nation davon wenig bekommen baden, daß man fast fragen möchte, ob diese Menschengestalten denkende Menschen sind oder nicht? (»733.)
„Ihr habt Recht, daß die, die am consequent- sten handeln sollten , d. i., die Königreiche regieren, und mit Einem Wort über das Glück und Unglück der Völker entscheiden, oft die sind, die sich am meisten dem Ungefahr überlasten. Das macht, diese Könige, Fürsten, Minister sind Menschen wie andre; der ganze Unterschied, den das Glück zwischen sie und Leute von geringerem Range gesetzt hat, ist, daß sie wichtigere Geschäfte betreiben. Ein Strahl Wasser, der drei Fuß, ein andrer, der hundert Fuß hoch steigt, sind beides Wasserstrahlen, nur mit ver- schicdner Kraft emporgetrieben. Eine Königin von England, mit einem weiblichen Hofe umgeben, wird in ihrer Regierung immer etwas Weibliches zeigen, Phantasieen und Launen." (»733.)
„Nichts zeigt so sehr die Verschiedenheit unsrer von den alten Zeiten, als die Art, wie das Alter- lhum große Männer behandelte und wie wir sie behandeln. Große Gesinnungen, Erhabenheit der Seele, Festigkeit gelten jetzt für chimärische Tugenden. „Er will den Niemer machen, sagt man; davon ist man
364 II. D ri efe zu V e föc d eru ng
zurückgckommen; das ist außer der Zeit." Desto schlimmer! Die Römer, die sich dieser Tugenden anmaßten, waren große Männer; warum sollten wir sic nicht nachahmen in dem, was Lob verdienet? (r?38.)
„Unter Hunderten, die zu denken glauben, ist kaum Einer, der selbst denkt. Die andern haben nur zwei oder drei Ideen, die sich in ihrem Hirn umher drehen, ohne neue Formen zu erhalten; und auch dieser Eine unter den Hunderten denkt vielleicht, was ein andrer gedacht hat; sein Genie, seine Einbildungskraft ist nicht schaffend. Ein schöpferischer Geist vervielfältiget Ideen, saßt zwischen Gegenständen Beziehungen auf, die der unaufmerksame Mensch kaum bemerket. Starke des gesunden Verstandes ist, nach meiner Meynung, der wesentliche Theil eines Mannes von Genie. Mittheilen laßt sich dies kostbare und seltne Talent nicht; die Natur scheint damit zu geizen; um es Einmal zu verleihen, nimmt sic sich ein Jahrhundert Frist.
„Der Vice-Gott der sieben Berge hat Avignon wieder bekommen; ein solcher Zug von Freigebigkeit ist selten bei den Regenten. Ganganelli wird darüber in die Faust lachen und bei sich selbst sagen: „auch die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen!" Und das geschieht im philosophischen, im achtzehnten Jahrhundert! Wohlan nun, ihr Herren Philosophen, bestrebt euch, bestreitet den Jrrthum,
der Humanitär.
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häuft Gründe auf Gründe, um ihn in Staub zu legend nie werdet ihr es verhindern, daß nicht viele Schwache über wenige Starke den Sieg davon tragen sollten. Werfer die Vornrtheile zur Tbür hinaus; sie kommen zum Fenster hinein. Ein Andächtler an der Spitze des Staats , ein Ehrsüchtiger, den sein Interesse mit dem Interesse der Kirche bindet, wirft an Einem Tage um, was zwanzig Jahre eurer Arbeiten kaum vollführt haben. (0761.)
„Ich wünsche Euch zum neuen Minister des Allerchristlichsten Königs Glück. Mas sagt, es sey ein Mann von Geist; wenn er es ist, wird er weder die Jmbecillitat, noch die Schwachheit haben, Avignon dem Papste zurückzugeben. Man kann ein guter Katholik seyn, und doch dem S-atthalter Gottes seine zeitlichen Besitzthümer nehmen, die ihn zu sehr von seinen geistlichen Pflichten zerstreuen, und ihn oft in Gefahr seiner Seligkeit setzen. Wie fruchtbar auch unser Jahrhundert an Philosophen seyn möge, die unerschrocken, wirksam und eifrig Wahrheiten verbreiten ; so muß man sich doch nicht verwundern, daß der Aberglaube auch sein Werk forttreibet. Seine Wurzeln haben alles umschlungen; er ist ein Kind der Furcht, der Schwachheit und der Unwissenheit; diese Dreieinigkeit herrscht in gemeinen Seelen so allgewaltig, als eine andre in den Schulen der Theologen. Welche Widersprüche vereinigen sich nicht im Gemüth des Menschen! Laß einen Schelm sich vornehmen, Menschen zu betrügen; er wird Glaubende finden. Der Mensch ist zum Irren gemacht; Irr-
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thum kommt von selbst in seinen Geist; einige Wahrheiten entdeckt er nur durch unendliche Mühe. (»771.)
„Die Welt wird von Gevattern und Gevatterinnen regiert; manchmal, wenn man genug Data hat, kann man die Zukunft errathen, oft betrügt man sich aber.
„Als ein achter Schüler der Encyklopadistcn predige ich den allgemeinen Frieden, wie wenn ich ein Apostel des Abbts St. Pierre wäre, und vielleicht werde ich nicht mehr ausrichtcn als er. Ich sehe, daß es den Menschen leiehecr wird, Böses als Gutes zu thun; ich sehe, daß eine unglückliche Verkettung der Umstande uns wider unfern Willen dahinreißt, und mir unfern Projekten spielt, wie der Sturmwind in dem fliegenden Sande. Indessen geht der ordentliche Gang der Dinge fort. (1773.)
„Ich habe den Artikel Krieg in den encpklo- padischen Fragen gelesen. Wie ? ein Fürst, der seine Truppen in blaues Tuch kleidet, und ihnen Hüte mit weißen Schnüren giebt, der sie sich kehren laßt rechtsum und linksnm, kann er sie ehrenhalber einen Feldzug thun lassen, ohne den Ehrentitel eines Anführers von Taugcnichten zu verdienen, die nur aus Noch gedungene Henker werden, um das ehrbare Handwerk der Straßenrauber zu treiben? Die Philosophen müssen Missionare auf Bekehrungen ausschicken , um
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unvermerkt die Staaten von den großen Armeen zu entladen, die sie in den Abgrund stürzen, daß nach und nach keiner übrig sey, der sich schlage. Kein Landesherr, kein Volk wird sodann die unglückliche Leidenschaft zu kriegen mehr haben, deren Folgen so verderblich sind ; jedermann wird eine Vernunft äußern, so vollkommen als eine geometrische Demonstration. Ich bcdaure sehr, daß mein Alter mich eines so schönen Anblicks beraubet, von dem ich nicht einmal die Morgenröthe erleben werde. Beklagen wird man mich und meine Zeitgenossen, daß wir in einem Jahrhundert der Finstecniß lebten, an dessen Ende zuerst die Dämmerung der vcrvollkommneten Vernunft anbrach. Alles hängt ja von der Zeit ab, in der cm Mensch auf die Welt tritt. (1773.)
„Gegen das viertägige Fieber und gegen den Krieg deklamircn, ist gleich vergebliche Arbeit. Die Regierungen lassen die Philosophen schreien, und gehen ihren Weg; das Fieber nimmt davon auch keine Kunde. Es hat Kriege gegeben, so lange die Welt ist; und wird Kriege geben, wenn wir nicht mehr hier sind. Ein Arzt muß da» Fieber wegschaffen, nicht darüber satyrisiren.
„Ludwig XV. ist nicht mehr. Es war ein guter Man», der nur Einen Fehler hatte, daß er König war. Lasset seinen Schatten in Friede. Man darf empfindlich seyn über das Unrecht, das man leidet; man muß aber auch zu verzeihen wissen. Die finstre,
2,68 II. Briefe zu Beförderung
gallichle Leidenschaft der Rache ziemt nicht für Menschen, die so kurz existircn. Wir müssen wechselseitig einander unsre Lhorheiten vergessen, und uns auf den Genuß des Glücks einschränken, das unsre Natur uns gönnet.
„Wenn Turenne und Louvois die Pfalz in die Asche legten, wenn der Marschall von Belle-Jsle im letzten Kriege den Vorschlag that, ganz Hessen zu verwüsten: so sind solche Ausschweifungen ein ewiger Vorwurf der französischen Nation, die, so artig sie ist, sich zuweilen Grausamkeiten erlaubt hat, diS' nur für die ärgsten Barbaren gehörten. Ludwig XV. indessen verwarf den Vorschlag des Macschall Belle- Jsle, und zeigte sich hierin größer, als sein Vorfahr.
„Beim Leben der Könige ist schwerer über sie zu urtheilcn, als nach ihrem Tode; ein einziger Umstand verändert oft die Sache so, daß man billigen muß, was man vorher verdammte. Ludwig XI V. ward bei seinen Lebzeiten getadelt, daß er den Suc- ccßionskrieg unternahm; jetzt läßt man ihm Gerechtigkeit widerfahren, und jeder Unpartheiische gestehet ein, daß er niedrig gehandelt hätte, wenn er das Testament des Königes von Spanien nicht hätte an- nehmen wollen. Jeder Mensch macht Fehler, also auch die Fürsten; der wahre Weise der Stoiker und der vollkommene Fürst haben nicht existirt und werden nicht cxistiren. Fürsten wie Karl der kühne, Ludwig XI., Alexander VI., Ludwig Sforzia sind
dir
36g
der Humanität.
die Geißeln ihrer Volker und der Menschheit; solche Fürsten ober epistiren jetzt nicht in unserm Europa. Wir haben schwache Regenten, nicht aber Ungeheuer, wie im igten und röten Jahrhundert. Schwache ist ein unverbesserlicher Fehler; man muß sich deß- halb an die Natur, nicht an die Person halten. Ich gebe zu, sie thun aus Schwachheit Böses, in Erbreichcn ifts aber einmal ein nothwendiges Uebel, daß auch solche Wesen an der Spitze der Nation stehen: denn in keiner Familie folgen große Männer in Einer Reihe unverrückt auf einander. Glaubt mir! menschliche Einrichtungen werden nie zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit kommen; man muß sich mit dem Beinahe genügen, und gegen unabänderliche Mißbrauche nicht gewaltsam declamiren.
* § *
„Ich wünsche der französischen Nation Glück Über die Wahl, die Ludwig XVI. an Ministern ge« macht hat. Die Völker, hat ein Alter gesagt, werden nicht glücklich sepn, als wenn Weise ihre Könige seyn werden. Die französischen Minister, wenn sie gleich nicht Könige sind, gelten doch für dieselben an Ansehen und Gewalt. Euer König hat die besten Gesinnungen von der Welt, er will das Gute; nichts ist für ihn mehr zu fürchten, als die Pest der Höfe, die ihn mit der Zeit umkehre und verderbe. Er ist jung; er kennt die Listen und Feinheiten nicht, dadurch die Hofleuke ihn in ihr Interesse zu ziehen, ihn für ihren Haß oder ihre Ehrsucht einzunehmen suchen werden. Von Kindheit an ist er in der Schule des Fanatismus und der Jmbecillität gewesen; dies Herders Werke z. Phil. u.Gesch.X. A a ^ra.ete--. N.
37" H- Briefe zu Beförderung
muß fürchten machen, daß er sich nicht getraue, selbst zu untersuchen, was man ihn verehren gelehrt hat.
„Was Ihr von unfern Deutschen Bischöfen sagt, ist nur ;u wahr; sie werden fett von den Zehendcn aus Zion. Aber im heiligen römischen Reich machen das Herkommen, die goldne Bulle und dergleichen alte Thorheiten die cingeführten Mißbräuche ehrwürdig. Man siebet sie, zuckt die Schultern, und die Sachen gehen ihren Gang fort. Den Fanatismus zu vermindern , muß man an die Bischöfe noch nicht rübren; aber die Mönche, insonderheit die Bettcl- mönche muß man vermindern. Damit wird das Volk kühler, und wird den Mächtigen überlassen, die Bsschöfe allgemach zum Besten des Staats zu disponiren. Dies ist der gangbare Weg. Allmählich und obn' alles Geräusch das Gebäude der Unvernunft untergraben, heißt es selbst fallen machen. In der Lage, in welcher der Pöbel ist, muß er Bullen und Breve geben, wie seine geliebten Söhne sie irgend verlangen; diese Macht auf den idealischen Credit des Glaubens gebauet, mindert sich wie sich der Glaube mindert; und wenn an der Spitze der Nationen nur einige Minister sind, die sich über die gemeinen Vorurthcile erheben, so macht der heilige Water banguerot. Schon sind seine Wechsel und Papiere zur Hälfte im Mißkredit. Ohne Zweifel wird die Nachwelt den Vortheil genießen, frei denken zu können, und keine Auftritte meh" zu sehen, wie sie Toulouse und Amiens zeigten.
„Ich kenne weder Turgot noch Malesherbcs; wenn sie wahre Philosophen sind, sind sie an ihrem Platz. Weder Borurtheil, noch Leidenschaft gilt in den Geschäften; die einzige erlaubte Leidenschaft ist fürs gemeine Beste. So dachte Mark-Aurel, und so soll jeder Regent denken, der seine Pflicht erfüllen will.
„Die Regierung in Pensylvanien, wie sie jetzt eingerichtet ist, gefallt Euch; sie ist nur Ein Jahrhundert alt, laßt sie noch fünf oder sechs Jahrhunderte fortdaurcn, und ihr kennet sie nicht mehr. So wahr ist cs; daß Unbestand eines der beständigsten Gesetze der Welt sey. Laß Philosophen die weiseste Regierung gründen; sie wird dasselbe Schicksal haben; und sind die Philosophen vor Jrrlhum immer gesichert gewesen? Sie haben ihn selbst oft au/die Bahn gebracht, wie des Aristoteles substantielle Formen, der Gallimathias des Plato, Deskartes Wirbel und Leibnitz Monaden zeigen. Was ließe sich nicht von den Paradoxen sagen, mit denen Rousseau (wenn man ihn unter die Philosophen rechnen kann,) Eu- ropa beschenkt hat; und doch hat er manchen guten Vätern das Hirn so weit verrückt, daß sie ihren Bindern die Erziehung seines EmilS geben. Aus allen diesen Beispielen folgt, daß ohngeachtet aller angewandten Mühe, die Menschen in keiner Sache zur Vollkommenheit gelangen werden.
* ^ *
*
„Ich wünsche Euch zu Eurer guten Meynung von der Menschheit Glück, ich, der ich aus Pflicht
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372 II. Briefe zu Beförderung
meines Standes diest Gattung Geschöpfe auf zwei Beinen ohne Federn sehr gut kenne , muß euch Voraussagen, daß alle Philosophen der Welt das menschliche Geschlecht von dem Aberglauben nicht frei Machen werden, an dem es hangt, Die Natur hat dieses Ingrediens in die Komposition der ganzen Gattung gemischt; eine Furcht, eine Schwäche, eine Leichtgläubigkeit, eine Uebcreilung des Unheils ziehet Menschen durch einen natürlichen Hang in das System des Wunderbaren; und es giebt nur wenig philosophische Seelen , die stark Henug gcbauct sind, um die tiefen Wurzeln und Vvrurtheile, die die Erziehung in sie schlug, zu zerstören. Diesen hat sein gesunder Verstand von einigen Volksirrthümcrn losgemacht, er empörte sich gegen Ungereimtheiten; jetzt kommt der Tod ihm näher, und aus Furcht fällt er in den Aberglauben; er stirbt als Kapuziner. Bei jenem hängt seine Art zu denken von einer guten oder Übeln Verdauung ab. Es ist also nicht genug, Menschen den Trug zu entnehmen; man müßte ihnen auch eigne Stärke des Geistes einhauchen, oder Empfindlichkeit und der Schrecken des Todes werden auch über die stärksten , nach aller Methode vorgetragenen, Vernunstlebren triumphiren. Ihr glaubt, weil Quaker und Socinianer eine einfachere Religion festgc- stellet haben, man noch mehr simplificiren und auf solchen Grund einen neuen Glauben aufführen könnte; ich komme aber auf mein Voriges zurück, und bin überzeugt, daß wenn diese Heerde Neuglaubender angewachsen wäre, sie in kurzem einen neuen Aberglauben in die Welt stellen würde; es sey denn, daß sie nur aus Seelen, frei von Furcht und Schwachheit bestände. Und diese sind nicht die gemeinsten.
der Humanitär.
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DaS glaube ich indeß, daß die Stimme der Vernunft , wenn sie sich gegen den Fanatismus immer stacker erhebt, die zukünftige Generation duldsamer, «ls die jetzige ist, machen kann; und auch das ist schon viel gewonnen.
22.
Gern geben wir Ihnen den größesten Zhcit Ihrer Zweifel, die Sie mit dem Ansehen des großen Königes unterstützt haben, zu; aber was folgt daraus? Sotten wir, wenn wir auch Ursache hatten, an der höchsten Vollendung des edelsten Werks zu zweifeln, dies Werk deßwcqen aufgeben , und an der guten Sache verzweifeln ? Das wollte der große König nicht; er blieb seiner Pflicht getreu, und ließ die Hand nicht vom Steuer, wenn er gleich wußte, daß er sein Schiff nicht regieren könnte. Zu dieser Tha» tigkeit munterte er seine Freunde auf, hielt seine Un- terthanen an; sie war ihm die Seele des Lebens. Auch sähe er wohl, daß die Zeit fortrückte. „Es scheinet, (sagt er im Jahr 1777) daß Europa jetzt im Auge ist, sich über alle Gegenstände, die auf das Wohl der Menschheit am meisten Einfluß haben, aufzuklärcn, und man muß Euch das Zeugniß geben, daß Ihr mehr als Einer unsrer Zeitgenossen dazu beigctragen habt, es mit der Fackel der Philosophie zu erleuchten." Wenn er auf seinem Standpunkt, dazu im höchsten Alter nicht in jede brausende Hoffnung der Encyklopadie einstimmen konnte, so war
ries nicht nur ihm verzeihlich, sondern sehr vernünftig *). Der Menschheit zu viel und zu wenig Zutrauen wollen; beides ist schädlich.
Daß es zu unsrer Zeit edle, gute, große, selbst aufopfernde Seelen gebe, diesen Glauben wird mir niemand rauben; denn ich habe ihn durch Erfahrung bewahret. Daß salbst diese Großmuch aber, wie alles Andre, das Gewand der Zeit tragen müße, kann uns nicht unerwartet scvn. Weil wir so gar viel bedürfen, sind wir von gar viel Fesseln gebunden; daß diese drückenden Fesseln aber wenigstens der Großmuth loser gemacht werden mochten, wer wünschet dies mehr als die achte Humanität selbst? Fast kann sie ihres Wunsches auch nicht ungewiß seyn, da bei dem immer wachsenden unersättlichen Bedürfnis; die Natur der Dinge selbst einen neuen Anfang hcrbeizuführen scheinet. Wenn jeder Einzelne fühlt, er könne in seinem jetzigen Verhalt- niß der leidenden Menschheit nicht zu Hülfe kommen, wie er sollte; so werden, so müssen sich diese Verhältnisse mit der Zeit andern. Die Natur selbst arbeitet daran, und keine menschliche Kraft kann es hindern. Ist das Salz, das de» Körper würzen soll, abgeschmackt; wozu ist cs nach dem Evangelium nütz, als daß man es hinauswerfe, und lasse es die Leute zertreten?
*) Um so mehr, da sie in der Thal nicht erfüllt worden sind. Nie ist besser gezeigt worden, welcher Borzug dem gesunden Verstand vor blendenden Speculationen zukammt. M.
der Humanität.
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Auch darüber wollen wir uns also nicht wundern, wenn gewisse alte Aestc und Zweige unserer Verfassung nicht mehr so viel Eulrur erbalten, als ehmals. Man füblt, daß sic dürre Acste sind und wünscht junge Sprossen a» ihre Stelle. Lasset uns die beklagen, die als fruchtbare Zweige auf einem dürren Ast stehen; lasset uns die tadeln, die den Ast verdorren ließen oder ihm seinen Saft entzogen; die Achtung und Mepnung der Zeit aber kann sich nur nach dem was da ist, nicht was cs ehemals war oder künftig seyn wird, gestalten. Jedes der Menschheit erwiesene Unrecht rächet aufs fürchterliche sich selbst; und wehe, wem der Glaube oder Nichtglaube hieran mit Spott und Verachtung in die Hand kommt.
Stande veralten; mithin verjüngen sich auch Stände. Es ist Ein und dasselbe Gesetz der Natur, bas diese Seite des Rades hinunter, jene cmporkehrt. Neuen Most, sagt das Evangelium, fasse man in neue Schläuche; so werden sic beide erhalten.
Was hilft es, gegen die Vorurtheile der Erziehung Klage erheben? Man beßre die Erziehung, so fallen die Klagen weg. Philosophie aber kann dies nicht allein lhun; sic ist nur der linke Arm, Negierung ist der rechte Arm der Menschheit. Nur mit beiden läßt sich das große Werk, und alsdann sehr leicht vollsühren.
Was nützt es, über ungeschaffene oder halbgeschaffene Menschen zu klagen, deren Ausbildung ja uns allein überlassen ward? Dem trägen Erdklos hauche Ldcm des Lebens ein; er swird sich munter bewegen, und dir fröhlich danken.
376 II. Briefe zu Beförderung
Jsts genug, mich in der Regierung der Völker Hebel zu bedmircn, die wir heilen, denen wir zuvorkommen können? Lasset Stände, lasset Menschen in allen Aemkern und Bedienungen human und gerecht, groß, gut und billig denken; der Regent kann nicht anders, als mit und gleich ihnen denken. Denn nur aus einzelnen Theilen besteht das Ganze; verbessern sich dir Theile, und halten zusammen; das Ganze wird gut, ehe mans merket.
Tadeln Sie mir also nicht meine Philosophen, auch bei ihren kränklichen Klagen, oder bei ihren überspannten Wünschen. Ist nicht der kränkliche Theil des Körpers der Witterung am meisten empfindlich? Der Hygrometer muß zart, das Quecksilber muß in einer gläsernen Röhre verschlossen seyn, wenn sie ihr Amt thun sollen. Andernkhcils muß wer andre ermuntern , entflammen will, selbst warm und munter seyn. Der kältere Beobachter oder Geschäftsmann wird ihn schon zurcchtwcisen.
Welch ein Unglückspcophct sind Sie aber, daß Sie das barbarische Kriegs- und Ervberungssystcm für die unerschütterliche Grundfeste Europa's halten? Das hat der große König nicht gemeynt, so manchen Einfall er sich zumal in jünger» Jahren über den guten Abbt St. Pierre erlaubte. Ware diese traurige Behauptung wahr, was könnte man anders sagen, als: zum Wohl der Menschheit gehe das unglückliche Europa unter! Hat cs nicht lange genug sich selbst und die Welt beunruhigt? Triefen nicht alle Lander vom Blut derer, die es erschlug, vom Schweiß derer, die es als Sklaven quälte? Auf den Tafeln der Natur stehet das große Gesetz der
der Humanität.
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Billigkeit und Wiedervergcltung geschrieben: „man mache gut, was man böse gemacht hat; oder büße durch eigne Verbreche n." Ich hoffe das Erste. Europa wird gut machen , was cs im Taumel der Leidenschaft, unter den Hüllen des Aberglaubens und der Barbarei, unter dem Joch der Vorurtheile und des Despotismus böse gemacht hat; und die ganze Menschheit wird sich seiner klareren Vernunft, seiner gesetzteren Billigkeit, seines richtigem Ealculs freuen.
Denken Sie sich eine Gattung Tbiere, di« nicht Bedürfnisses, sondern des Vergnügens, der Kunst, der Raserei eines Einzigen ihrer Art wegen, sich selbst aufrieben, was würden Sie vom Urheber der Natur sagen? Sich selbst zu regieren, einander zur Glückseligkeit zu helfen, dazu ist das menschliche Geschlecht gemacht, nicht einander zu sieden, zu braten und künstlich zu morden.
Der große Friedrich nannte die Kriege Ficberan- falle der Menschheit. Dem Fieber ruft man einen Arzt. Auch dies Fieber wird seinen Arzt finden, der seine Anfälle wenigstens lindere oder mindere. Denn, das Menschengeschlecht dauert fort; was Eine Zeit nicht thun konnte, kann die andere. klus ultra, ist der Spruch der Menschheit, plus ultra! Kein Herkules hat an die letzten Säulen gereicht» niemand wird sie erreichen.
373 II. Briefe zu Beförderung
23 .
Neulich sprach Jemand von einer Gesellschaft, von der er sonderbare Dinge behauptete. Er sagte: „ihre wahre Thatcn seyn so gross, so weit anssehend, ,,daß ganze Jahrhunderte vergehen könnten, ehe man „sagen dürste: das haben sic gethan! Gleichwohl hät- „tcn sie alles Gute gethan, was noch in der Welt ,,ist (merke wohl, sagte ec: in der Welt!) und „führen fort, an allem dem Euren zu arbeiten, was „noch in der Welt werden wird, (merke wohl, sagte „er, in der Welt!) Und, (setzte er hinzu,) die „wahren Tkaten dieser Gesellschaft zielen dahin, um „größtcntheils alles, was man gemeiniglich gute „Thaten nennt, entbehrlich zu machen."
Wer war begieriger über dieses Räthscl als ich? Und hier ist ungefähr unser Gespräch darüber.
Gespräch
über eine
unsichtbar - sichtbare Gesellschaft.
E r. Wofür hältst du die bürgerliche Gesellschaft der Menschen?
Ich. Für etwas sehr Gutes.
E r. Dhnstrcitig. Aber hältst du sie für Zweck oder für Mittel? Glaubst du, daß die Menschen für
die Stanken erschaffen worden ? oder daß die Staaten für die Menschen sind ?
I c h. Jenes scheinen einige behaupten zu wollen, dieses aber mag wohl das Wahrere sevn.
E r. So denke ich auch. Die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Theil von Glückseligkeit desto beßer und sichrer genießen könne. Das Totale der einzelne» Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staats. Außer dieser giebt es gar keine. Jede andre Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts —
Ich. Gut also! Das bürgerliche Lebendes Menschen, alle Staatsverfassungen sind nichts als Mittel zur menschlichen Glückseligkeit. Was weiter'?
Er. Nichts als Mittel, und Mittel menschlicher Erfindung; ob ich gleich nicht laugnen kvill, daß die Natur alles so eingerichtet, daß der Mensch sehr bald auf diese Erfindung gcrakhen müssen. Nun sage mir, wenn die Staatsvcrfafsungen Mittel, Mittel menschlicher Erfindungen sind: sollten sie allein
von dem Schicksale menschlicher Mittel ausgenommen seyn?
Ich. Was nennst du Schicksale menschlicher Mittel?
Er. Das, was unzertrennlich mit menschlichen Mitteln verbunden ist, daß sie nicht unfehlbar sind. Daß sie ihrer Absicht nicht allein nicht entsprechen,
38o II. Briefe zu Beförderung
sondern auch wohl gerade das Eegcntheil davon bewirken.
Ich. Ich glaube dich zu verstehen. Aber man weiß ja wohl, woher es kommt, wenn so viel einzelne Menschen durch die Staatsverfassung an ihrer Glückseligkeit nichts gewinnen. Der Staatsverfassungen sind viele; eine ist also besser, als die andre; manche ist sehr fehlerhaft, mit ihrer Absicht offenbar streitend; und die beste soll vielleicht noch erfunden werden.
Er. Das ungerechnet! Setze die beste Staatsverfassung, die sich nur denken laßt, schon erfunden; setze, daß alle Menschen in der ganzen Well diese beste Staatsverfassung angenommen haben: mcynst du nicht, daß auch dann noch, selbst aus dieser besten Etaatsvcrfassung, Dinge entspringen müssen, welche der menschlichen Glückseligkeit höchst nachtheilig sind, und wovon der Mensch in dem Stande der Natur schlechterdings nicht gewußt halte?
Ich. Es würde dir schwer werden, eins von jenen nachthciligcn Dingen zu nennen —
Er. Die auch aus der besten Staatsverfassung rwthwendig entspringe» müssen? O zehne für eines.
Ich. Nur Eines erst.
E r. Wir nehmen also die beste Staatsverfaf- sung für erfunden an; wir nehmen an, daß alle Menschen in der Welk in dieser besten Staatsverfas- sung leben; würden deßwegen alle Menschen in der Welt nur Einen Staat ausmachen?
Ich. Wohl schwerlich. Ein so ungeheurer Staat würde keiner Verwaltung fähig sepn. Ec
der Humanitär,
33 r
müßte sich also in mehrere kleine Staaten vecthei- len, die alle nach den nämlichen Gesetzen verwaltet würden.
Er. Und jeder dieser kleineren Staaten hätte sein eignes Interesse? jedes Glied desselben hätte das Interesse seines Staats?
Ich. Wie anders?
E r. Diese verschiedenen Interesse würden öfters mit einander in Eollision kommen, so wie jetzt; und zwei Glieder aus zwei verschiedenen Staaken würden einander eben so wenig mit unbefangenem Gemüth begegnen können, als jetzt em Deutscher einem Franzosen, ein Franzose einem Engländer begegnet.
Ich. Sehr wahrscheinlich.
Er. Das ist: wenn jetzt ein Deutscher einem Franzosen, ein Franzose einem Engländer begegnet, so begegnet nicht mehr ein bloßer Mensch einem bloßen Menschen, sondern ein solcher Mensch begegnet einem solchen Menschen, die ihrer verschiedenen Tendenz sich bewußt sind, welches sie gegen einander kalt, zurückhaltend, mißtrauisch macht, noch ehe sie für ihre einzelne Person das geringste mit einander zu schaffen und zu theilen haben.
Ich. Das ist leider wahr.
Er. Nun so ist es denn auch wahr, daß das Mittel, welches die Menschen vereiniget, um sie durch diese Bereinigung ihres Glücks zu versichern, die Menschen zugleich trennet. Tritt einen Schritt werter. Viele von den kleinern Staaten würden ein ganz verschiedenes Klima, folglich ganz verschiedene
38s ll. Briefe zu Beförderung
Bedürfnisse und Befriedigungen, folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Silken, folglich ganz verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen beiden?
I c h. Das ist ein gcwnltiger Schritt.
Er. Hätten sie das; so würden sie auch, sie möchten heißen, wie sie wollten, sich unter cinnnder nicht anders verhalten, als sich unsre (Christen und Juden und Türken von jeher unter einander verhalten haben. Nicht als bloße Menschen gegen bloße Menschen; sondern als solche Menschen gegen sülche Menschen, die sich einen gewissen geistigen Vorzug gegen einander streitig machen, und darauf Rechte gründen, die dem natürlichen Menschen nimmermehr cinfallen könnten.
Ich. Allenfalls dachte ich doch, so wie du angenommen hast, daß alle.Staaten einerlei Verfassung hatten , daß sie auch wohl alle Einerlei Religion haben könnten. Ja ich begreife nicht, wie Einerlei Staatsverfassung ohne Einerlei Religion auch möglich ist.
Er. Ich eben so wenig. Auch nahm ich jenes nur an, um dir deine Ausflucht abzuschneiden. Eines ist zuverlässig eben so unmöglich, als das andre. Ein Staat, mehrere Staaten. Mehrere Staaten, mehrere Staatsverfassungen. Mehrere Staatsver- fassungen, mehrere Religionen. — Nun sieh da das weite Unheil, welches die bürgerliche Gesellschaft ganz ihrer Absicht entgegen verursacht. Sie kann die Menschen nicht vereinigen, ohne sie zu trennen; nicht trennen, ohne Klüfte zwischen ihnen zu befestigen,
ohne Scheidcmauern durch sie hinzuziehen. Laß mich noch das dritte hinzufügen. Nicht genug, daß die bürgerliche Gesellschaft die Menschen in Verschiedene Völker und Religionen theilet und trennet. Diese Trennung in wenige große Theile, deren jcdcr-füc sich ein Ganzes wäre, wäre doch immer noch besser als gar kein Ganzes. — Nein; die bürgerliche Gesellschaft setzt ihre Trennung auch in jedem dieser Theile gleichsam bis ins Unendliche fort.
Ich. Wie so?
Er. Oder meynst du, daß ein Staat sich ohne Verschiedenheit von S t ä n d e n denken läßt? Er sey gut oder schlecht, der Vollkommenheit mehr oder weniger nahe; ohnmöglich können alle Glieder unter sich das nämliche Vcrhältniß haben. — Wenn sie auch alle an der Gesetzgebung Antheil hakten; so können sie doch nicht gleichen Antheil haben, wenigstens nicht gleich unmittelbaren Antheil. Es wird also vornehmere und geringere Glieder geben. — Wenn Anfangs auch alle Besitzungen des Staats unter sie gleich vertheilet worden: so kann diese gleiche Verlhei- lung doch keine zwei Mcnschcnalter bestehen. Es wird bald reichere und ärmere Glieder geben. ,
Ich. Das versteht sich.
Er. Nun überlege, wie viel Uebcl es in der Welt wohl giebt, die in dieser Verschiedenheit der Stande ihren Grund nicht hätten.
Ich. Wenn ich dir doch widersprechen könnte! Aber was willst du damit? Mir das bürgerliche Leben dadurch verleiden? Mich wünschen machen, daß
384 H- Briefe zu Beförderung
den Menschen der Gedanke, sich in Staaten zu vereinigen , nie möge gekommen seyn?
E r. Verkennst du mich so weit? Wenn die bürgerliche Gesellschaft auch nur das Gute hatte, daß allein in ihr die menschliche Vernunft angebauet werden kann; ich würde sie auch bei weit größer» Ucbcln noch segnen.
Ich. Wer des Feuers genießen will, muß sich den Rauch gefallen lassen.
Er. Allerdings. Aber weil der Rauch bei dem Feuer unvermeidlich ist, durste man darum keinen Rauchfang erfinden? Und der den Rauchfang erfand, war der darum ein Feind des Feuers? Sieh, dahin wollte ich.
Ich. Wohin? Ich verstehe dich nicht.
Er. Das Gleichniß war doch sehr passend. — Wenn die Menschen nicht anders in Staaten vereinigt werden konnten, als durch jene Trennungen, werden sie darum gut, jene Trennungen?
Ich. Das wohl nicht.
E r. Werden Sie darum heilig, jene Trennungen ?
Ich. Wie heilig?
Er. Daß cs verboten seyn sollte, Hand an sie zu legen.
Ich. In Absicht . .
Er. In Absicht, sie nicht größer einreißen zu lassen, als die Nochwendigkeii erfordert. In Absicht, ihre Folgen so unschädlich zu machen, als möglich.
Ich-
385
der Humanität.
Ich. Wie könnte das verboten seyn.
E r. Aber geboten kann cs doch auch nicht seyn ; durch bürgerliche Gesetze nicht geboten. Denn bürgerliche Gesetze erstrecken sich nie über die Grenzen ihres Staats. Und dieses würde nun gerade außer den Grenzen aller und jeder Staaten liegen. — Folglich kann es nur ein opus suxsreroAatwm seyn, und es wäre blos zu wünschen, daß sich die Weisesten und Besten eines jeden Staats diesem oxsrl suxer- evoZato freiwillig unterzögen.
Ich. Recht sehr zu wünschen.
Er. Recht sehr zu wünschen, daß es in jedem Staat Männer geben möchte, die über die Vorur- theilc der Völkerschaft hinweg waren und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu seyn aufhöret.
Ich. Recht sehr zu wünschen!
Er. Recht sehr zu wünschen, daß es in jedem Staat Männer geben möchte, die dem Vorurthcil ihrer angcbohrnen Religion nicht unterlagen; nicht glaubten, daß alles nochwcndig gut und wahr seyn müsse, was sie für gut und wahr erkennen.
Ich. Recht sehr zu wünschen l
Er. Recht sehr zu wünschen, daß es in jedem Staat Männer geben möchte, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet, und bürgerliche Geringfügigkeit nicht eckelt; in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herablaßt, und der Geringe sich dreist erhebet.
Ich. Recht sehr zu wünschen!
Er. Und wenn er erfüllt wäre, dieser Wunsch? Nicht blos hier und da; nicht blos dann und wann. Herders Werke z. Phil. u. Gesch. X. V b II.
386 II. Briefe zu Beförderung
Wie wenn es dergleichen Männer jetzt überall gäbe? zu allen Zeiten nun ferner geben müßte?
Ich. Wollte Gottl
Er. Und diese Männer nicht in einer unwirksamen Zerstreuung lebten? nicht immer in einer unsichtbaren Kirche?
Ich. Schöner Traum!
E r. Daß ich cs kurz mach«. Und diese Männer die *** wären?
(Hier nannte er mir den Namen der Gesellschaft; doch ohne mich im mindesten zu ihr cinzuladen. Er, der aufrichtigste Mann, gestand selbst, daß die genannten Absichten zu ihrem Geschäft nur so mit gehörten; daß „dies Geschäft nichts willkührliches, „nichts entbehrliches, sondern etwas nothwcndigcs „scy, darauf man durch eignes Nachdenken eben so- ,,wohl verfallen könne, als man durch andre darauf „geführt wird ; daß Worte, Zeichen und Gebräuche, „daß die ganze Aufnahme in dies« Gesellschaft nichts „Nothwcndigcs, nichts Wesentliches sey;" und durch diese Winke geleitet war ich auf sichecm Wege. Es begann zwischen uns ein zweites Gespräch, ohngefähr folgendermaßen:)
Ich. Wenn cs auch außer deiner Gesellschaft «ine andre, freiere Gesellschaft gäbe, die das große Geschäft, wovon wir sprachen, nicht als Nebensache, sondern als Hauptzweck; nicht verschlossen, sonder» vor aller Welt; nicht in Gebräuchen und Sinnbildern, sondern in klaren Worten und Thaten ; nicht in zwei oder drei Nationen, sondern unter allen aufgeklärten Völkern der Erde triebe; nicht wahr, so ent-
ließest du mir die Aufnahme in deine kleine Gesellschaft?
Er. Herzlich gern. Das Nitrum muß ja wohl in der Lust seyn, ehe es sich als Salpeter an den Wänden einer dunkeln Kammer ansetzt.
Ich. Zumal wenn ich in dieser Gesellschaft, die zu allen Zeiten existict hat und existiren wird, längst gelebt, und in ihr mein Vaterland, meine innigste Freunde gefunden hätte?
Er. Desto besser.
Ich. Und in meiner Gesellschaft nichts von dem zu befürchten wäre, was ich in der deinigen immer noch besorgen muß; wo nicht Trug für Wahrheit, so wenigstens pädagogische Anleitung , Pedanterie des Herkommens, Aufhalt?
E r. Ganz nach meinem Sinn; aber nenne mir deine Gesellschaft.
Ich. Die Gesellschaft aller denkenden Menschen in allen Weltth eilen.
Er. Groß genug ist sie; aber leider eine zerstreute, unsichtbare Kirche.
Ich. Sic ist gesammelt, sie ist sichtbar. Faust oder Guktenberg war, wie soll ich sagen? ihr Meister vom Stuhl, oder vielmehr ihr erster dienender Bruder. Ich treffe in ihr alles an, was mich über jede Trennung der bürgerlichen Gesellschaft erhebt, und mich zum Umgänge nicht mit solchen und solchen Menschen, sondern mit Menschen überhaupt, nicht nur einführt, sondern auch bildet.
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Er. Ich verstehe dich wohl. Seitdem die Duch- druckerei ihre Worte und Zeichen in alle Welc sendet , sollte es, meynst du, keine geheime Worte und Zeichen mehr geben. Indessen stiftet auch die Buchdruckerei nur eine idealische Gesellschaft.
Ich. Wie es in diesen Dingen seyn muß. lieber Grundsätze können sich nur Geister einander erklären; die Zusammenkunft ist fehr entbehrlich, wenn sie nicht zugleich auch meistens sehr zerstreuend und verführerisch wäre. Im Umgänge mit Geistern auf Fausts Mantel bleibt meine Seele frei; sie kann jedes Wort, jedes Bild prüfen.
Er. Und sie heben dich über alle Vorurtheile der Staaten, der Religion, der Stände?
Ich. Völlig. Entweder denke ich bei meinen Gesellschaftern Homer, Plato, Le nophon, Tacitus , M a r k - Anto n i n, Baco, Fene- lon gar nicht daran, zu welchem Staat oder Stande sie gehörten, welches Volks und welcher Religion sie waren; oder wenn sie mich daran erinnern, ge- schiehets gewiß mit »venigerer Störung, als cs in deiner sichebaren Gesellschaft je geschehen kann und mag.
E r. Gewiß.
Ich. Und kann darauf rechnen, daß sich in dieser Gesellschaft, an eben diesen Grundsätzen und Lehren alle edlen Geister der Welt mit mir vereinigen.
Er. Und du kannst selbst mit ihnen sprechen, dich ihnen vernehmlich und hörbar machen auf eben dem Wege.
Ich. Wenn ichs wie Du könnte! Ich sprach mit deinem Geist, ehe ich deine Person seih; ich kannte dich, ohne von einer geheimen Gesellschaft zu sepn, am Wort, am Griff, am Schlage. Deine und andrer Thaten haben langst und sicherer bei mir bewirkt, was Gebrauche und Zeichen nur sehr unsicher und langsam bewirken könnten; sie haben mich über jedes Vorurtbeil von Staatsverfassung, an- gebohrner Religion, sträng und Standen langst erhoben.
Er. Welche Thaten?
Ich. Poesie, Philosophie und Geschieh te sind, wie mich dünkt, die drei Lichter, die hierüber Nationen, Sekten und Geschlechter erleuchten; ein heiliges Dreieck! Poesie erhebt den -Menschen durch eine angenehme, sinnliche Gegenwart der Dinge über alle jene Trennungen und Einseitigkeiten. Philosophie giebt ihm feste, bleibende Grundsätze darüber; und wenn cs ihm nöthig ist, wird ihm die Geschichte nähere Maximen nicht versagen.
Er. Db aber auch diese Grundsätze, diese Maximen und Anschauungen Thaten wirkten? Gabe nicht die Gesellschaft einen Antrieb mehr?
Ich. Ich nehme dir deine eignen Worte aus dcm Munde. „Sage mir nichts, von der Menge der Antriebe. Lieber einem einzigen Antriebe alle mögliche intensive Kraft gegeben! — Die Menge solcher Antriebe ist wie die Menge der Räder in einer Ma- schiene. Je mehr Näder, desto wandelbarer."
Er. Und was wäre dein einziger Antrieb?
Ich. Humanit a t. Gabe man diesen, Begriff alle seine Stärke, zeigte man ihn im ganzen Umfange
3go II. Briefe zu Beförderung
seiner Wirkungen, und legte ihn als Pflicht, als unumgängliche, allgemeine, erste Pflicht, sich und andern ans Herz; alle Vorurtheile von Staatsintercsse, angebohrner Religion, und das thörichtste Vorurtheil unter allen, von Rang und Stande würden —
Er. Verschwinden? Da irrest du dich sehr.
Zeh. Nicht verschwinden; aber gedampft, eingeschränkt, unschädlich gemacht werden; was Deine genannnte und vielleicht verdienstvolle Gesellschaft ja auch nur bewirken konnte, wenn sie es bewirken wollte. Weißt du es nicht besser als ich, daß alle Vergleichen Siege über das Vorurtheil von innen heraus, nicht von außen hinein erfochten werden müssen? Die Denkart macht den Menschen, nicht die Gesellschaft ; wo jene da ist, formt und stimmt sich diese von selbst. Setze zwei Menschen von gleichen Grundsätzen zusammen; ohne Griff und Zeichen verstehen sie sich, und bauen in stillen Thakcn den großen, edlen Bau der Humanität fort. Jeder, nachdem er kann, in seiner Lage, praktisch; er freuet sich aber auch am Werk andrer Hände, weil er überzeugt ist, daß dies unendliche, unabsehliche Gebäude nur von allen Händen vollführk werden kann, daß alle Zeiten, alle Beziehungen dazu erfordert werden , mithin ein Jeder einen Jeden nicht einmal kennen darf, kennen soll, geschweige, daß er ihn durch Eidschwüre, durch Gesetze und Symbole bände.
Er. Du bist auf dem rechten Wege; auf ibm giebt es freie Arbeit. Kein wahres Licht läßt sich verbergen, wenn man es auch verbergen wollte; und das reinste Licht sucht man nicht eben in den Grüften.
der Humanität.
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Ich. Alle solche Symbole mögen einst gut und nothwendig gewesen seyn; sie sind aber, wie mich dünkt, nicht mehr für unsre Zeiten. Für unsre Zeiten ist gerade das Gegenlheil ihrer Methode nölhig, reine, Helle, offenbare Wahrheit.
Er. Ich wünsche dir Glück. Glaubst du aber nicht, daß man auch dem Wort Humanität einen Fleck anhängcn werde?
I c h. Das wäre sehr inhuman. Wir sind nichts als Menschen; sey du der Erste unsrer Gesellschaft *).
") Der erste Lheil dieses Gesprächs ist aus Lsssinge Ernst und Falk, Gespräche für Frei- , maurer, Wolfcnbüttet 1781 genommen, denen der zweite Lheil des Gesprächs eine andre Wendung giebr.