Druckschrift 
4 (1854)
Entstehung
Seite
256
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„Nimm das Gesangbuch, niinm's, was zitterst? Sind dirmeine Thräncn drin zu schwer? Lies, sing's ganz durch, vonAnfang bis End, mein Leid und mein Weh steht nicht drin, dashat keiner gewußt, das hat kein Lchristgelchrtcr, kein Heiligerund kein Kirchenvater erlebt."

Seb sasi ans einem Schemel zu Füßen seiner Frau, die dieAugen schloß, und wie cs schien, ruhig schlummerte. Die Glockenläuteten zur Morgenkirchc, und Seb bedeckte sich sein Antlitz mitbeiden Händen. Wie stolz triumphirend hatteer unter diesem Ge-läute an der Hand seiner Frau vor aller Welt wieder erscheinenwollen, wie hatte er gehofft, ihr Herz mit Jubel zu erfüllen, daer nun die Glücksgüter ihr in den Schoos; legte, die ihrem feinenchrlicbcndcn Wesen gebührten. Und seht! Zorn und Ingrimmwollten in ihm aufsteigcn, er hatte sich ja keine Ruhe und keinenGenuß gegönnt, nur um diese Höhe zu erreichen. Wie aber,wenn sie unterdes; gestorben, da sich ihr Herz ihm verfremdetund im Elend verkümmerte, so daß es nicht mehr fähig war,ein heileres Glück und ihn in sich aufzunchmen? Wie muß Schmerzund Jammer in dieser Seele gewühlt haben, bis sie verwirrtund zerrüttet war! Seb fühlte sich auf einmal tief gedcmüthigt.Cr konnte jetzt ein Hans erbauen, wie keines im Dorfe war,aber läßt sich erstorbene Liebe wieder anferbaucn? Seb wandsich hin und her und dicEeldrollcn in seiner Brnsttaschc schlugenvon außen wie ein schwerer Hammer an sein klopfendes Herz.Leibhaftig fühlte er jetzt die ungeahnten Schläge, die ihm nunsein Reichthum brachte. Und mitten in aller schweren Kümmer-nis; übcrkam ihn doch wieder ein trostreicher Gedanke: Wie mußteihn diese Frau nicht geliebt haben, und ihn allein, keinen Rcich-thum und keine Größe, sie fragte nichts danach, es schauderte siedavor, sie waren mit ihrem Herzblute erkauft. — Bon dem Ge-danken der unergründlichen Liebe seines Weibes bewegt, schnellteSeb empor und drückte einen Kuß ans die blaffe, nur leichtge-röthete Wange der Schlafenden.

Die Kinder kamen herbei; Seb kleidete sie wiederum festlichan, und selbst Johannes ließ ihn gern gewähren, dann stellte sich