Lehrmeinungcn und Gebräuchen. 899
Gaben. Die gewöhnliche Verehrung Gottes ist dieoffenbarste Gottes-Entehrung. *)
i3.
„G ottc s b e w un d e r u n g" hat man Reli-gion genannt; auch ein leeres Geschäft. Wer sichhinsetzt um Gott zu bewundern, der kann wie einMönch auf dem Berge Athos äonenlang sitzen undbewundern; Religion ist ihm ferne geblieben. Be-wunderung des Unermeßlichen ohne bestimmten Ge-genstand saget nichts und lähmt oft zu dem, was
*) Das lateinische Wort Culius hat zu diesem miß-brauchten Wort Anlaß gegeben. Der heidnischeChrist weiß, was er unter cultus verstehe, erverrichtet sein opns opsranäum. Aber der gei-stige, evangelische Christ? Wie ich meinen Acker,meinen Freund, meine Scelenkrafte colire undexc 0 lire, das ist begreiflich ; wie aber Gottcoliren? wenn ich ihn nicht als den leidigen G ö n-ner betrachte, dem nach römischer Weise seineParthei von Clienten oder bösen SchuldnernBesuche macht, damit er schenke, damit erbefördere oder vergebe. Der unwürdigste Begriff,der in eines Menschen Seele kommen kann, istder gewöhnliche sogenannte Gottesdienst oderGortescultus von dem mancher gewissenhaftsagt: ,,da dort nichts weder zu coliren, noch zudienen ist und mein inneres religiöses Bewußtseynnicht nur leer gelassen, sondern oft geärgert undbeleidigt wird, so ist mir cs Religion, die Ver-sammlung zu vermeiden."