I. G. v. Herders sämmtliche Werke Religion und Theologie. Zwölfter Th eil. Christliche Schriften. Zweite Hälfte. Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privilegio. Carlsruhe, im Bureau der deutschen Classiker. 1829. Inhalt des zwölften T Heils. Seite. Regel der Zusammcnstimniung unsrer Evangelien, aus ihrer Entstehung und Ordnung. 1797. (Fortsetzung von Iss. 4. im vorigen Band.) . . . . . . i I. Was war ursprünglich Evangelium? und weher sein Name? . . .3 II. Veranlassung schriftlicher Evangelien . 7 117 . Was ursprünglich zu einem Evangelium gehörte ..... g IV. Wer diesen Umriß des Evangeliums verbürge? il» Hiernach I. Charakter des Evangeliums Markus . . .18 II. Matthäus . . .26 III. Lukas . . . Hieraus Grundsätze zu Vergleichung der Evangelien . . . .57 Kanon der Symphonie derselben . . 66 Vl Inhalt. 5 . Vom Geist dos Christenthums. 1798 S. 69. Erster Abschnitt. Vorwürfe, die man dem Christen- thum macht, als sey es aus Schwärmerei und Aberglauben entstanden S. 7b— -8. habe sich also forlgebreitet S. 78 8». viel Aberglauben hange daran, sammt Betrug, Tyrannei und Quaal. S. 80—87. Zweiter Abschnitt. Wichtigkeit dieser Vorwürfe und Zweifel. S. 88—90. Grundsätze zu parlheiloser Untersuchung derselben. S. gn — 9h. Dritter Abschnitt. Genetische Bedeutungen des Wortes Geist mit ihrer Anwendung. I. Hauch Gottes, regende Natur kraft e. S. gb. 96. II. Göttlicher Athem, die Kraft imMen- schen. S. 96. 101. III. Geist Gottes, ein sich mitt heile »des Leben. S. io,, inst. IV. Geist Gottes, Richter der Völker. S. inst. >nb. V. Anhauch Gottes, der Erwecker mancherlei Gaben. S. >02 — 107. VI. GeistGotres, Vereiniger der Völker. S. 107 — > in. VII. Geist Gottes, wrin/,«, .Hau sh alt er und Führer der Gemeine. S. n n— 1 rb. Vierter Abschnitt. Nichtigkeit mancher Spöttereien z. B. über den Geist als Vater Christi. S. 112. als eine Taube, ebd. über die Sünde gegen den H. Geist S. nst. den Anhauch Christi, ebd. Vom Gebrauch des Worts in den Evangelien S. 110. in der Apostelgeschichte. S. 1.16—120. Inhalt. vir Fünfter Abschnitt. Unterschied zwischen Begeisterung, S. i2o — 128. und Schwärmerei. S. 123 — 126. Ob Paulus ein Schwärmer gewesen? S.126. Sechster Abschnitt. Mißverständnisse. I. Eingeistung. Unbegriff derselben- S. 127» 128. ist den heiligen Schriften fremd. S. 128. — 182. Wann und wie der Unbegriff entstanden? S. >33 — 189. Wie sehr er schade» 189. ist«. Wünsche. isti. Rechter Begriff der Eingebung. S. 1H2. ist 3 . II. Wundergaben des Geistes.S-istst— ist?. III. Uebernatürliche Wirkungen des Geistes. Quälende Foderungen. S. istg. iöo. Wie die Schrift davon rede? S. ibi— löst. Wie das Dogma derselben entstanden ? S. löst — iö7- Vom Mysticismus. S. 1S7 — >6i. Rückkehr zur Denkart der Schrift hierüber. S, 161.162. Folgen. S- 162 — > 65 . .Siebenter Abschnitt. Geist des Christenthums, entgegengesetzt I. Einer tobten Form von Schattengebrauchen. S. 166 — 178. II Dem Buchstab. S. >78 — >76. III. Dem Magismus. S. 176— >80. I V. Geist Gottes, der alle Gaben belebet. S. 180—i8st. V. Dem Sklavensinn, dem Haß, der Zwietracht, der Lüstern Traurigkeit und Trägheit entgegengesetzt; ein Geist der Freiheit, gukmüthigerLhä- tigkeit und Liebe. S. 184. VI. Bereinigerder Völker. S. i8ö—189. VII. Hoffnung. S. 189 — 190. Schluß. S. 191—20». VIII Inhalt. Abhandlungen verwandten Inhalts. I. Vom ersten Augurium des Christenthums. S. soo — 220. II. Von Personifikationen des Geistes. S. 221 — 236 , III. B ege ist eru n g , Erleuchtung, Offenbarung. S. 287—248. 6. Von Religion, Lehrmcinungen und Gebrauchen. 1798. S. 249. I. Vom Unterschiede zwischen Religion und Lehrmeinungen überhaupt. S. 264—271. Was Lehrmeinungen seyn und wüsste geleistet. 8- 1.2. Was Religion sey und was sie wolle. Z. 3 —6. Ob Glauben Religion sey? §.6 — 8. Was die Schrift Glauben nenne. 8-9 — n- WasChristus von Lehrmeinungen gehalten. 8- 12 — ib. Glaube und Religion, die die Apostel foderten. §. 16—18. Wie Lehrmeinungen im Christenthum entstanden. Z.19 — 22.' Ihr Unterschied von Religion, tz. 23 — 2S. Lehrmeinungen im Protestantismus. 8.26 — 28. Uebergang. 8. 2g. II. Vom Unterschiede zwischen Religion und Lehrmeinungen nach dem christlichen Symboluni. S. 272 — 824. I. Vom Glauben an Eine» Gott, den Schöpfer und All-Erhalter, der Menschen Vater. S. 272 — 288. Inhalt. HX Was dieser Glaube wolle? 8- 1 — 3 . worauf er beruhe und wie er sich bilde? 8- h— i 3 . Daß er Religion sey. §. >ch—a8. Ob Lehrmeinungen etwas zu ihm thun können? 8. ig—2l. Ob diese Lehrmcinungen statt Religion gelten dürfen? 8. 22— 2 H. n. Vom Glauben an einen Retter und Heilbringer der Menschen. S. 288 — 3 ro. Was dieser Glaube und wie er Religion sey. 8- 1- —9. Ob Lehrmeinungen etwas zu ihm thun mögen ?8>ao—a6. Daß das Christenthum nicht als Lehrmcinung in der Welt ausgetreten. 8- >7 — rg. Was, seitdem es Lehrmeinung war, aus ihm geworden. 8- 20. 21. Die neueste, ihm an- gedichtcte Lehrmeinung. 8.20—28. Religion dieses Artikels, die Religion der Menschheit. 8.26 — 29. Wiefern der Christenglaube historisch sey? und was daraus folge ? 8 . 3 o —ho. Schluß. 8-hr.h2. !II. Vom Glauben an den himmlischen Beistand in e in e r heilig e n G emein scha ft. S. 3 io — 3 ah. Warum diese Ueberzeugung sich von Lehrmcinungen, am meisten des philosophischen Egoismus ganz trenne? 8-a — 10. Wie Gottes Geist, Natur- und Gemeingeist spreche und wirke? 8- " — >8» Wie es Religion sey, an diesen Geist zu glauben? 8.19—20. Geistesgemeinschast. 8-21 — 2H. Vergebung, Auferstehung, Leben. 8-28 — 2g. Was hiezu Lehrmeinunge» sollen? 8> 3 o. III. Vom Unterschiede zwischen Religion und Lchr- mcinungcn in Ansehung der symbolischen Gebrauche des Cheistenthuins. S. 325 —35a. X I ii h a l t. I. Bon der Laufe. Was sie gewesen war? 8->—2. durchs Christenrhum ward? tz. 3 . Und seildem worden? 8- h. II. Bom Abendmahl. Klare Exposition desselben nach der Erzählung. 8- 1 —si. Eigentliche Veranlassung dieser Symbolisaticn, als der lebende Punkt der ganzen Handlung. 8. 5 —10. Folgen. 8. rr—r 3 . Fernere 2 lnsicht des Abendmahls unter Heiden, Abergläubigen und Protestanten. 8- ilr —17. Freie Ansicht derselben als einer symbolischen Handlung. 8- 18—19. Kahlste Ansicht derselben. Z.Ln. Bon der Privatkommunion. 8-21. Probe übelgefaßter Le h r m ei n u n g e n am Abendmahl. S. 3 H 3 . Grundsätze, Anwendung. S. 3 H 3 — 35 1. Schluß. 8- 22. IV. Von Lehcmeinungen in ein System oder in eine Dichtung zusammengcordnet. S. 353 — 37«. Erste christliche Religionsphilosophen, die Gnostiker. 8, 1. Borarbeiten zum scholastischen System. 8. 2. 3 . Meister des Baues. 8. h. Beschaffenheit desselben. 8- 5 . Protestantismus. 8-6 —10. Was eine protestantische Dogmatik scy? 8- i>. Methoden. 8- 12 — 16. Bilderdogmatik. 8- 17. Die neueste philosophische Satansdogmatik. 8-r8— 2.5. Derselben natürliche Folgen. 8-26. Ihre innere llnwürde. 8- 27. Scherzhafte Religionsphilosophie. 8- 28. Hermenevtische Religionsphilosophie. 8- 2g. 3 o. Ihre ältere Geschichte. 8. 3 r— 87. V. Vom Unterschiede zwischen Glauben und Meyncn. S. 871 —890. Inhalt. Xl Glaube als Formel und Wortschall, §-r — 5 . Rechter Menschenglaube; wie ernst und vielseitig uns die Natur dazu bilde. §. 6 —g. Geschlechtsreligion. H. lg. Sraatsreligion. §. ist—17. Nomokratie. §. 18 — 23 . Ehristogonie. §. nst —27. Genesis des Christenrhums als einer Religion der Völker und Menschen, §.28 — 82. Was also Christenthum sey und nicht sey. 8 . 33 — 35 . Dogmengeschichte. §.36 - 38 . VI. Vom Unterschiede zwischen Religion und Wissenschaft, auch Mysterien und andern mißge- brauchlen Worten. S. 891 —4016. Wie Religion sich von Wissenschaft unterscheide; Proben in denen sie begränzenden Wissenschaften. §.i— 5 . Religion will auch vom Gange der Wissenschaft ungestört seyn. §. 6 . Natürlicher Bortrag und Ausdruck der Religion. §.7— 8 . Ob Religion und Mysterium Eins sey? §.g. Von reindogmatischen Predigten. §. ro. Von rein moralischen Predigten. §. 11. Von Gottverehrungen. §. 12. Gottesbewunderungen. §. i 3 . Erbauung, Andacht, Entzückung. §. ist. Devotion. Z. i 5 . Religionsübungen. §. 16. Ob ein Rechtschaffener ohne Religion seyn könne? §. 17. Wie thut man eine Handlung mir Religion?§. 18. Religionslehrer und Religionsphilosophen neuester Art. §.ig— 22. Schluß. §. 23 . 2st. Vtl. Vom Christenthum und Antichristenthum. S. 407 — 427. Was Antichrist und Antichristenthum sey. §. 1— 3 . Erstes Beispiel. S. str>8. Zweites Beispiel. S. stv8. xir Inhalt. Drittes Beispiel. S. stog. Viertes Beispiel» S. stro» Fünftes Beispiel. S. sti2. Sechstes Beispiel. S. str3. Siebentes Beispiel. S- str5. Achtes Beispiel. S. strg. Erster Einwurf. S. st2i. Zweiter Einwurf. S. st.22. Schluß. S. stsö. Megeln Regel der Zusammenstimmung unsrer Evangelien, aus ihrer Entstehung und Ordnung. 6oncoräÄNt vririü nsrvis. Herders Werke z. Rel> Theol. XII. A 44 m vielleicht Manchem einen Zweifel oder einem künftigen Conciliator der Evangelien einige Mühe zu ersparen, setze ich meine anderswo *) beiläufig geäußerte Meinung von Entstehung unsrer Evangelien ausführlicher her. I. Was war ursprünglich Evangelium? und woher sein Name? i. Was nachher christliche Religion ward, sieng als Evangelium an, als die Ankündigung einer lange genährten frohen Erwartung: das Reich Gottes, (eine neue selige Zeit,) scy da. (Matth. 4,17. Marc, r, 14. r 5 . Luc. 4 , 14—19.) Hievon ward nach dem Täufer (Lucas 3 , 18.) Jesus selbst der erste Evangelist. Die Stelle des Propheten, die er beim öffentlichen Vortrage auf sich anwandle: *) Vom Erlöser der Menschen, Abschnitt h. A a 4 Regel der Zusammenstimmung der Geist Gottes hat mich gesandt, zu verkündigen das Evangelium d c n A r- men, anzu kündigen eine angenehme Zeit Jehova Hs, mithin die Sache selbst gaben dem Wort, als dem Ausdruck des genetischen Urbe- griffs aller folgenden Begebenheiten, Lauf und Raum. *) (Luc. 4, t8. 43. 20, r. Matth, n, 5 . 2. Als daher Christus seine Jünger ins jüdische Land aussandte, um seine persönliche Ankunft vor- zubereiken, sandte er sic mit dem Evangelium aus. (Matth, io, 7.) So auch nach der Auferstehung bei Sendung seiner Boten unter die Volker. (Matth. r6, i 5 .) Als die Apostel ihr Werk an- sicngen, d. i. als sie diese mit Christo gekommene neue Zeit ankündigten, (Apost. 2, 16 — 3 g. 3 , i 3 — 26.) „e v a n g e l i f i r t e n" sie. (Apost. 5 , 42. 8, 4. 12. t 5 , 7. u. f.) Ihr Evangelium trat nicht als eine neue Religion, sondern als die höchste Erfüllung der alten und ältesten Religion auf: es war Summe des Gesetzes und der Propheten. (Luc. 24, 46. 47. Apost. 3 , 2t — 26. to, 42. 43.) 3 . Seiner Natur nach war also dies Evangelium *) Ohne Zweifel war es das Wort Die Kapitel Jesaias 40 — 66. nebst andern Weissagungen waren schon im alten Testament Evangelium» unsrer Evangelien. 5 Verkündigung, mündliche Botschaft; (Rom. 10, 14 —18.) eine Erklärung und Anwendung des Geistes der Propheten auf die gegenwärtige und kommende Zeit. Nach der Gewohnheit in jüdischen Synagoge», bei geendigter Lesung des Gesetzes oder der Propheten einen sinnreichen, erbaulichen Vortrag zu thun, (Apost. i 3 , i 5 .) nahm man Gelegenheit, die Anwendung des Gelesenen auf die gegenwärtige Zeit zu machen, das Ehristenthum als die Erfüllung der Propheten zu zeigen, zu e v a n g e l i f i r e n. So hatte cS Christus selbst gethan, (Luc. 4, 16—21.) so tha- ^tens die Apostel. (Apost. 8, 22. n, 19. i 3 , 5 . 14. 1. 7.) Als eine hoffnungsreiche Auslegung alles dessen, was bisher geglaubt und erwartet wor, den, führte sich das Ehristenthum ein. 4 - Mithin ergiebt sich, daß man in den Synagogen mit neuen heiligen Schriften Anfangs weder auftreten konnte, noch wollte. Nichts als die nach gewissen Eintheilun- gen festgesetzte Lesung des Gesetzes und der Propheten ward darin »erstattet; nicht die Lesung fremder und neuer Schriften. Aber das Gelesene anzuwenden, sich darüber zu besprechen und zu befragen, das war nicht nur «erstattet, sondern auch gebräuchlich. *) (Luc. 2, 46. 4, i 5 . 16. Apost. a 3 , 14. S. hierüber Vittinga äo votsrok,8. und andre allbekannte Schriften» 6 Regel der Z u sam m enstimm ung r 5 .) Das Christcnthum mußte vom Judenthum völlig getrennct seyn, wenn außer dem alten Testament heilige Schriften in der Versammlung gelesen werden durften; neue schriftliche Evangelien, wovon sie auch handeln mochten, waren als öffentliche Lesung dem heiligen Gebrauch und dem Begriff des werdenden Christenthums selbst entgegen. 5 . Die ersten Schriften des Christcnthums waren also Briese; (Apost. i 5 , 20. 3 o— 3 i.) brüderliche oder väterliche Zuschriften, die die Stelle einer lebendigen Anrede vertraten, in denen aher die Verfasser ihr und Gottes Wort unterschieden. So lange man im Ehristenthum jüdisch dachte, setzte man diese Briefe mit dem alten prophetischen Wort nicht in Eine Classe; kein Apostel, der ein Jude war, schrieb sie in dieser Anmaßung. Vielmehr verwiesen alle, selbst in Beziehung auf das, was sie mit Christo erlebt hatten, aufs Gesetz und die Propheten. (3 Petr, r, a6 — 21. 2. Tim. 3,14 — 17.) Mit Evan g el i e n sch r ei b cn sieng also das Christen- thum nicht an, sondern mit Verkündigung vergangener und zukünftiger Dinge, , ccnoxoe- -.uchi-s) mit Auslegung, Lehre, Trost, Ermahnung, Predigt. 6 . Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn in der Apostelgeschichte zwar auf allen Blattern von Verkündigung, nirgend aber von schriftlicher Ab- unsrer Evangelien. 7 fassunq eines Evangelium Erwähnung geschieht, ja an diese offenbar als an ein Privatunternehmen gedacht wird. (Apost. i, i. Luc. r, r.) Einen Brief über Abstellung oder Beibehaltung jüdischer Gebrauche faßte die Versammlung der Apostel zu Jerusalem ab; (Kap. i5.) namentlich aber als Kanon, als Vorschrift, kein Evangelium. Alle Gründe, die wir hierüber von der Nothwendigkeit eines solchen Unternehmens anzichen mögen, sind im Geist unsrer, nicht jener Zeilen gedacht, und aus sie nicht anwendbar. II. Veranlassung schriftlicher Evangelien. ' r. Schriftliche Evangelien wurden durch die Taufe d e.r Christen veranlasset, bei welcher Unterricht und ein Glaub ensbekenntniß bald unumgänglich ward. Denn obwohl auch die Taufe der Christen Anfangs vom Judenihum nicht abtrennen sollte, so wenig es die Taufe Johannes gethan harte, indem beide nur eine symbolische Bekräftigung des : ändert euren Sinn, das Reich Gottes ist nahe, waren; so gewann doch im Christenlhum die Sache dadurch eine eigne Gestalt, daß der Zutritt zu ihm eine Anerkennt! ng Jesu, als des Messias, eine Annahme des Glaubens, daß der Anfang des Reichs Gottes mit ihm wirklich gekommen scy, fodertc. Diesen Jesum von Nazareth mußte man also kennen; mithin mußte von seiner Geschichte 8 Regel der Zusammenstimmung einiger Unterricht erthcilt werden. Denn nicht allenthalben und nicht zu allen Zeiten konnte man sich auf die Ereignisse mit ihm als auf eine landbekannte Geschichte beziehen, wie es Anfangs zu Jerusalem die Apostel thaten. *) (Apost. 2 . 22 . 3, i3.) 2 . So machte sich denn, insonderheit für die Gehülfcn der Apostel, die hier oder dort ihre Stelle vertreten sollten, eine UTioruirwo^s -.o/cov, der Entwurf eines mündlichen Evangelii, von selbst nöthig. Sie hatten die Thaten Ehristi nicht gesehen, seine Lehren nicht gehört , und sollten sie verkündigen ; also mußten sie solche durch Unterricht lern en. Dieser Unterricht mußteeine Gestalt, die Geschickte einen Umkreis gewinnen, daß nicht jeder Evangelist und Diener des Worts anders erzählte. Mit der Schule der Evangelisten war also der Typus eines bestimmten historischen Evangeliums gleichsam gegeben. 3. Nun waren christliche Evangelisten fast so alt, als das Christenthum selbst: denn sobald die Apostel *) Jenem äthiopischen Juden z. B. mußte erst das Verständniß eröffnet, die Schrift auf Christum gedeutet, mithin die Geschichte desselben erzählt werden, ehe er das Bekenntniß ablegen konnte! „ich glaube, daß dieser Jesus der Christ scy" und getauft ward. (Apost. 3, 8.) unsrer Evangelien. 9 alle Arbeiten desselben allein nicht bestreiten konnten, wählten sie, wie zu wirthschaftlichen Geschäften Diakonen, (Apost. 6, i — 3 .) so zur Mikhülfe an der Verkündigung des Worts Evangelisten. (Apost. 8, 4. 5 . 3 o—40.11, 19 — 3 c>. i 3 , 1— 5 . i 5 , —41.) Diese hießen zuerst Sprecher, Propheten; (der Name blieb in der Kirche Eph. 3 , 5 . 4, 11s 1 Cor. 12, 28. als der erste nach den Aposteln;) bald aber finden wir auch den andern Namen, (Apost. 21, 8.) und das Amt der Evangelisten, die meistens Begleiter der Apostel waren. (Eph. 4, 11. 2 Tim. 4, 5 .) An Philippus, dem ältesten derselben, lernen wir ihr Geschäft kennen; (Apost. 8.) und zwei von denen > die uns schriftliche Evangelien Hintersassen haben, finden wir in der Apostelgeschichte früh' als apostolische Begleiter. Markus und Lukas, Gefährten.Petrus und Paulus wurden also eben durch Verrichtungen ihres Amts, da sie außer Palästina die Geschichte Christi oft zu erzählen hatten, mit der Zeit veranlasset, auch schriftliche Evangelisten zu werden. *) III. Was ursprünglich zu einem Evangelium gehörte. Dazu gehörte: Zuerst eine Auswahl und ein Um- *) Vielleicht war das Haus Markus zu Jerusalem die erste Schule der Bildung eines Evangelisten durch Unterricht,, durch mündliche Erzählung. (Apost. ir, 12. 25.) 10 Regel der Ausammcnstimmung kreis der Begebenheiten, bieder Welt zu Darstellung der Verkündigung, daß JcsuS der Christ sey, nöthig waren, damit man nichts Ungehöriges hercinbrachte. Dieser Umkreis ist von Lukas deutlich anqezeigt; (Apost. r, i. 2. 2>. 22.) es war die Zeit von der Taufe Johannes an bis auf den Tag, da Christus seinen Freunden entnommen wurde. Auf diese Periode erstreckte sich das Zeugniß der Apostel; weiter wollten sie nicht hinausgehn. (Apost. i, 21. 22.) In diesen apostolischen Zeitraum schränken sich Markus und Johannes ein > wahrscheinlich hielt sich in ihm auch das frühere hebräische Evangelium; und Lukas selbst, ohngeachtet dessen, was er von der Kindheit und Jugend Jesu voranschickt, macht sogar chronologisch merklich, daß von dieser Zeit eigentlich sein Evangelium ansange. (Luc. 3 , 1.) Unstatthaft ist also die Hypothese, als ob der älteste Evangclienaufsatz aus hin- und herfliegenden Gerüchten entstanden sey. Der Gewohnheit nach beschäftigen sich diese am liebsten mit kleinen Zügen aus der Privatgeschichte ihres Helden, mit Anekdoten, die eben aber das Evangelium der Christenheit mit fester Hand von seinem Umriß sonderte und ausschloß. *) Zweitens. Die Verkündigung, daß Jesus der Christ sey, konnte nicht an- *) Aus den apokryphischen Evangelien und den Zusätzen zu Matthäus sind uns einige aufbehalten. Sie wurden ausgesichtet. unsrer Evangelien. n ders als nach jüdischem Begriff gegeben werden : denn die ihn gaben, waren Juden, und der ganze Begriff eines Messias gehörte diesem Volke. Stillschweigend mußte also ein Kanon von Merkmalen: ,,das sollte der Messias seyn und thun/' dem Evangelium zum Grunde liegen; ohne solchen war keins möglich. Worin diesen Kanon die Apostel setzten, sehen wir aus ihren ersten Vorträgen (Apvst. 2, 22 — 36 . 3 , i 3 —26. 10, 36 — 43.) und aus den Evangelien selbst. Merken wir auf ihn, so liegt der Grundriß des ältesten Evangeliums vor uns. Es sind nämlich: 1. Drei Beurkundungen Gottes über Christum, bei der Taufe, bei der Verklarung und durch die Auferweckung von den Tobten. Unfern drei Evangelien sind diese Begebenheiten am Anfänge , in der Mitte und am Ende der Laufbahn die drei Hauptpfeiler der Geschichte. (Matth. 3 , 27. 28. Marc. 1, 9. r6. Luc. 3 , 9. 24.) 2. Wunder, die Christus an allerlei Kranken, ln der Nahe und Ferne, verrichtet; sogar Erweckungen vom Tode. Alle drei Evangelien erzählen dergleichen viele, bezeugen, daß ihrer noch weit mehrere gewesen, halten sich aber, vhngeachtct jeder mit veränderten Umstanden erzählet, größtentheils a n dieselbe Wunder; ein offenbares Zeichen, daß diese von allen erzählte Geschichten gewählt und in den Kreis der mündlichen evangelischen Erzählung gebracht waren. Dem kurzen Markus fehlt nur ein Einziges von den i2 Regel der Z u sa m m e n sti m m u n g Wundern des weitläufigeren Matthäus. (6, 5 — iZ ) Lucas, der so viel eigne Reden und Gleichnisse seiner Geschichte eingcwebet, erzählt kaum zwei Wunder mehr, als die andern; und Johannes, bei dem ganz eignen Zweck seines Evangeliums, halt sich, im vorqezcichneten Kreise, (Kap. 4. 5 . 6. 9. 11.) wenn nicht an die nämlichen, so doch an ganz ähnliche Wunder, die er nur Heller ausmahlet und commenticet. 3 . Allerdings gehörten auch Reden zu den Erweisen des Messias. (Jes. ri, 4 — 6. 42,1—4.) Daß man sich in den Reden Christi, die von allen Evangelisten angeführt-werden, an einen Kreis erlesener Sprüche und Parabeln gehalten habe, ist augenscheinlich. Marcus hat Eine, Lucas eine Reihe Parabeln mehr als Matthäus; Sentenzen hat dieser, jener, mehr und minder; auch tragt Jeder das Seine in andrer Ordnung mit Zusätzen, Auslassungen vor; Ein und dasselbe Hauptgewebe der Reden und Denkart Christi aber, fast mit denselben Worten und M a ch t a u s d r ü ck cn , ist in allen unverkennbar. 4. Endlich die Schicksale des Reichs Christi, wie es von einem kleinen Anfänge unter vielen Bedrückungen, selbst mit dem Sturz Judaa's, dennoch gedeihen und zur Blnthe kommen werde; wie aber hiezu eine zweite Ankunft des We g- geschiedenen nöthig sey und bevorstehe, erzählen sämmtliche Evangelien, glcichstimmig dem, was Petrus in seinen ersten Vorträgen (Apost. 3 ,19 — ?6.) unsrer Evangelien. i3 und nachher geprüfter alle Apostel in ihre Briefen sagen. — Nimmt man diese Dinge zusammen , und führt sic auf die simpelste Form zurück, so hat man einen Umriß von dem, was zum ersten Evangelium aus dem Munde der Ev a n- gellsten gehören sollte. Es tragt seinen Innern und äußern Erweis mit sich; den äußern, da selbst alle Zusatze unsrer drei Evangelien, die in verschiednen Gegenden abgesaßt sind , diesem Typus dergestalt getreu bleiben, daß aus ihm selbst von diese» Zusätzen Ursache gegeben werden kann. Der innere Erweis liegt in den Kennzeichen des Messias, in dem angenommenen Kanon, daß und woher Jesus der Christ sey, der uns auch in den andern Schriften des neuen Testaments vorliegt. Die größcste Schwierigkeit also: „woher stimmen diese in den Umständen jedes Vorfalls so verschieden- erzählende drei Schriften im Wesentlichen und oft in Worten miteinander so genau zusammen?" ist, wie mich dünkt, gehoben. Alle drei waren nur Ein Evangelium, nach Einer Regel verfasset, aber dem mündlichen Vertrage, der eigentlichen E h c i st v e r k ü n d ig u n g überlasten, weil an neue h e i l i g e S ch r i ft e ir damals von Niemanden gedacht ward. Gäbe cs noch weit mehr Abweichungen in den Evangelien als diese, so dürften wir uns darüber nicht verwundern ; bewundern müssen wirs vielmehr, daß sich in so verschiednen Fortpflanzungen derselbe Typus, (die drei Beurkundungen, die der Tradition vocgezcichneten Wunder und Reden Christi) so ein- 14 Regel der Z u sam m cn stimm ung stimmig erhalten haben. Eben dies, mehr als alles, zeigt jene Ehristeinfalt (anXor^L Leg rav die bei dem Vorbilde eines heilsamen Vortrages (uiroruTrwcrkr u/rcri-vounenv ^.o/Kw) willig blieb, ohne Ein' und dieselbe Sache unendlich zu verändern: denn wie würde man in einer andern Zeit geschmückt und verändert haben! Das älteste christliche Völ- kerevangelium (Matth. 26, r 3 .) kennen zu lernen, schenke man ihm also eine gleiche Sinncs- einfalt, und nehme zusammen, was alle drei gemeinschaftlich berichten. So hat man gewiß das schriftliche Echo der ältesten christlichen Gemeinsage. IV. Wer diesen Umriß des Evangeliums verbürge? r. Wer verbürgt uns diese älteste christliche Ge- mcinsage? Die drei wirksamsten Männer der ersten apostolischen Gemeinschaft, Petrus, Jacobus und Johannes, verbürgen sich in ihr selbst. Sie, die bei den entscheidendsten Vorfällen als Zeugen angeführt werden, (Marcus Evangelium ist sie zu nennen besonders beflissen,) standen bekanntermaßen dem apostolischen Collegium zu Jerusalem vor. (Apost. i, i 5 . 2, 24. 3 , 1. 4. 4, i 3 . 5 , i 5 . 8, 14. r2, 2. 3 . Galat. 1, 18. 2, g.) Und da eben auf sie in der Evangeliensagc sich entscheidend bezogen wird: was ist wahrscheinlicher, als daß eben sie die erste Anordnung dessen, was zum P acadigma unsrer Evangelien. i 5 des historischen Evangeliums gehören sollte, veranstaltet haben? daß cs in der Tradition nicht mit ihrem, sondern mit dem Namen der zwölf Apostel genannt ward, kam daher, weil sie, auch wo Einer derselben allein sprach, nicht in ihrem, sondern im Namen der Zwölf handelten und sprachen. (Apost. i, 14. i 5 . 2, 14. 4, 8. 9 19. 24. 32 . 5 , 29. 8, 14. 12, 1. 2.) Mithin ist auch diese öftere Beziehung auf die ersten drei Hauptapostel der Christenheit ein Wink, daß die erste Eonstrmation des Christen - Evangeliums frühen Ursprungs sey; verfasset in Zeiten, da diese drei Protapostel wirksam waren, da der erste apostolische Märtyrer Jacobus noch lebte. Die Grundcinrichtung unsrer Evangelien bekräftigt diese Vermuthung innig; sie ist ganz so, wie sie in den ersten Jahren nach Christo in Palästina gemacht werden konnte. Die Zusatze der einzelnen Evangelien, die außer diesem gemeinschaftlichen Kreise liegen, vcrrathcn mehr oder minder eine spatere Zeit. — Ueberhaupt mußte doch Einer oder Einige, und zwar bald von Anfänge des Christenkhums an einen Zuschnitt, eine Einrichtung der Dinge machen; die Apostelgeschichte zeigt, daß nach der Auferstehung dieser Ordner der Dinge Ckristus selbst, nach der Himmelfahrt desselben insonderheit Petrus, und neben ihm Jacobus und Johannes es gewesen. Ihnen, oder Einem von ihnen, dem Petrus, sind wir wahrscheinlich diese erste Einrichtung des mündlichen Evangetien-Untcrrichts (örcer-aEcu, 77U7IOV, UTioruTiMci'cv, , AcA«crx«Xi.ttV lliroroXcvv) schuldig. Sie war nichts als ein histo- 16 Regel der I u sam men sti m m u n g rischer Commentar des ältesten einfachen Spmbo- lums der Kirche. (Matth. r6, 16.) 2 . Hierauf weifen uns mit dunklern oder helleren Spuren nicht nur die Schriften der Apostel selbst, sondern auch manche mißverstandene Tradition der Kirchengeschichte. Warum nannte Justin das Evangelium , das er anführt, Denkwürdigkeiten der Apostel? («Tro/ine^eor'xv^icri-« rwv ccmoro- Xcan.) Denkwürdigkeiten ihres eigenen Lebens enthielt das Evangelium nicht; cs waren Denkwürdigkeiten Christi aus dem Munde der Apostel, d. i. ihre denkwürdige Erzählungen und Sagen, die das älteste Evangelium constituirtcn. Auf denkwürdige 8k eben der Apostel beziehet sich in der ältesten christlichen Kirchengeschichte Alles; nach ihrer Wissenschaft und reinen Aufbewahrung werden Lehrer, Evangelisten, die apostolische Männer gepriesen ; nach dein a n v ertrau e ten urspr ü n g- lichen Unterricht der apostolischen Lehre werden zweifelhafte Schriften , selbst geschriebene Evangelien geprüft, und entweder angenommen oder verworfen. *) Warum hing sich in spatern Zeiten so viel falsche *) Die Stelle» hierüber außer dem Zusammenhänge anzuführen, wäre nutzlos; man muß sie in den ältesten Kirchenvätern selbst oder bei Eusebius lesen. Selbst nachdem unsre schriftlichen Evangelien längst verfaßt und angenommen waren, unsrer Evangelien. *7 falsche Tradition an die Namen „Petrus Evan- gclium, Petrus Predigt, Evangelium der Zwölf, mündlicher Unterricht der Apostel, Constitutionen der Apostel u. f." als weil ursprünglich von diesen Namen soviel ausging? 3 . Gab endlich Christus den Aposteln ausdrücklich redet dieser von der Fortbreitling des Evangeliums durch mündliche Evangelisten also: „Außer diesen (Philippus, Ouadratus u. f.) waren damals noch mehrere andre bekannt, die den ersten Rang unter den Nachfolgern der Apostel einnah- men, und als würdige Schüler solcher Männer allenthalben auf dem von den Aposteln gelegten 'Grund die Gemeinen weiter bauten. Sie breiteten die Predigt des Evangclii immer mehr aus, und streuelen weit und breit in der ganzen Welt den Samen des Himmelreichs aus. Sie theilten ihr Vermögen unter die Dürftigen, reisetcn hernach in die Fremde und verrichteten bei denen, die noch gar nichts vom Wort des Glaubens gehört hatten, das Geschäft der Evangelisten. Sie waren eifrigst beflissen, Christum zu predigen und die Bücher der heiligen Evangelien zu übergeben. (r,->- Aciw» ) Euseb. Kirche n g e sch. S. ,ur5. Größtenlheils Stroths Hebers. Herders Werke z. Rel, u. Lbeol. XII. B iS Regel der Zusammenstimm UNg das Geschäft Jünger z u u n l er r i ch t en, (/-oc^r^xrwrv) das Evangelium zu verkündigen, zu lehren, (Matth. 28, ig. 20. Marc. 16, r 5 .) so mußte ein Evangelium der Völker eingerichtet, dicgesirt werden. Die Apostel unterrichteten, die Jünger lernten. Dies geschah nach der Weise des Landes und der Zeit, mündlich. (AcAcrcrricrXi« aTKuroXttn.) Paulus hatte sein Evangelium e m- pfan g e n und vertrauete es weiter, selbst mit den empfangenen Worten, (r Cor. rr, 23 — 26. 1 Cor. i 5 , r— 3 . Gal. r, 6—8. 1 Tim. 6, 3 — 5 . 2 Tim. r, i 3 .) So auch die Schüler der Apostel. (Ebr. 2, 3 .) Daß mehrere und die vornehmsten Apostel eine Reihe von Jahren zu Jerusalem geblieben , daß dorther das Evangelium ausgegangen sey, ist unbestrittene allgemeine Tradition und apostolische Geschichte. Warum wollten wir uns also nicht überhaupt an Zeit und Ort setzen mit der unpartheiischen Frage: wie konnte ein christliches Evangelium entstehen? wie entstanden die Unfern nach Ort und Zeit? I. Markus. Wenn man diesen Evangelisten für einen magern Epitomator des Matthäus oder für einen eben so dürftigen und zwecklosen Eompilator unsres Matthäus und Lucas halt, und gewöhnlich hinter dem Matthäus liefet, so verschwindet beinahe sein Werth; warum aber kieset man ihn also? Stehet Markus Evangelium allein, (und so war es doch geschrieben;) so nimmt es eine hohe Steile ein, durch den ein- unstet Evangelien. iS fachen Grundsatz: „Markus Evangelium ist nicht verkürzt, sondern ein eigenes Evangelium. Was andre mehr und anders haben, ist in ihnen dazu gekommen; nicht aber in Markus ausgclassen worden. Mithin ist Markus Zeuge eines ursprünglichen kürzern Aufsatzes, zu welchem das Mehrere der Andern, als das, was es ist, als Zugabe zu betrachten Ware" Ist dies nicht die natürliche Ansicht? Ist nicht das Kürzere, das Schmucklose, gewöhnlich das Frühere, dem sodann andre Veranlassungen Nachher Erläuterung, Fülle, Rundheit hinzufügen? Daß dies bei Markus gegen Matthäus und Lukas der Fall sey, ist augenscheinlich, wenn wit auch vom Verfasser nichts wüßten. — Nun aber, da dieser uns als einer der ältesten Jünger, und das Haus seiner Mutter als der früheste Zufluchtsort der Christen in Jerusalem bekannt ist, (Apost. 12, 12.) da wir ihn als einen Schüler, Begleiter und Dollmetscher Petrus, als einen warmen Anhänger des älteren Christenthums kennen, der dem hellenisirenden Paulus sich nicht allenthalben bequemen wollte; (Apost. i 5 , 37 — 39.) sollten wir nicht auch in seinem Evangelium ein Bild jenes ur ältesten palästinischen Entwurfs, unvermischt mit später vekanlaffeten Zugaben erwarten. So stünde dann das Evangelium Markus nicht für sich in eigenem Licht da, sondern würfe auch einen sondernden Strahl auf dis B 2 2a Regel der Zusammcnstimmung Schriften der rindern Evangelisten. Lasset uns diesem sondernden Strahl folgen. 1. Markus fangt von der Taufe I o h a n n e s an; die Genealogie, die Geburtsumstande Jesu sind ihm fremde. So auch Johannes, und nach der Angabe, Lucas (Apost. r, 1.22.) war dies der eigentliche E v a n g e I i e n - U m r i ß. Wenn also Matthäus und Lucas eben in diesen Stücken (Kap. i. 2.) die größeste Divergenz und noch unaufgelosete Knoten haben: so zeigen die andern beidcn, daß dicfe Nachrichten im ersten Kreise des apostolischen Evangeliums nicht begriffen gewesen, daß solche zu neuen Zwecken in die spateren Evangelien ausgenommen sind. Dem alteren Evangelium liegt also nicht daran, wenn ihre Knoten auch nie aufgelöset würden. — 2. Die Geschichte der Taufe Johannes erzählt Markus kurz und bündig; durch Anführung der Stellen aus den Propheten, knüpft er den Täufer an das alte Testament und erklärt seine sonst unverständliche Elias-Erscheinung. Markus Evangelium weiß noch nichts von der Weigerung Johannes, Jesum zu taufen, (Matth. 3 , 14. i 5 .) wie er auch dessen Gesandtschaft an Christum, ob er der Messias sey? (Matth, m, r—19.) nicht anführet; Umstände deren Erzählung offenbar in spateren Evangelien die f 0 rtdaurendc I 0 h a n n e s s ch u l e dem Ehristenthum nöthig machte. In den ersten Zeiten bekümmerte man sich wahrscheinlich um diese noch ust fr er Evangelien. 21 nicht; das Christenthum keimte, und hatte nech keinen Anlaß, sich von dieser Schule oder vom Ju- denthume zu sondern. (Apost. 19, 1 — 7.) Sparers Zeiten erst sodertcn eine genauere Bestimmung des Unterschiedes beider Institute; da traten dann jene Zugaben hinzu, und das letzte Evangelium (Johannes) beschäftigt sich natürlicher Weise mit dem Untcrordncn des Täufers unter Christum am meisten. — 3 . Auch die einzelnen Strafreden Johannes an Stande der jüdischen Nation hat Markus nicht; so auch nicht einzelne harte Ausdrücke Christi gegen dieselbe. (Matth. > 5 , 12—14. »6,2—4. 2i, 28 — 32 ,) Man weiß aus der Apostelgeschichte, wie glimpflich Anfangs die Apostel zu ihrer Nation, ohngeachtet des an Jesu verübten Mordes, sprachen; (Apost. 2, — 3 g. 3 , 17 — 26,) der erste Umriß des Evangelium trat also auch wohl nicht mit Scheltwortcn gegen dieselbe hervor. „Euch, hieß es, hat Gott auferwecket sein Kind Iesum; Euch zucr st." Nachdem aber zu Vereinigung des Juden- und ChristenthumS alle Mühe vergebens war, und eben der Judaismus das Chri- stenlhum am harlsten verfolgte, da konnte, da durfte Jener von Diesem auch nicht weiter geschont werden. In den später» Evangelien also, insonderheit in Matthäus und Johannes, sind die Reden Christi gegen die Nation mit dem äußersten Nachdruck erzählet; dagegen es Anfangs ganz zur Unzeit gewesen wäre, Feinde damit aufzuwecken oder zu erbittern. (Matth, io, i 5 —42. 12, 20. 3 o. iL, »2 Regel der Z u sammenstimm ung A 3 —45. 22, 1—14. 23 , I— 3 g.) Vom letzten schrecklichen Weh gegen die Pharisäer schweigt also Markus; in den harten Gleichnissen, die er anführen mußte, laßt er das härteste Schlußresultat, gleichsam noch ausgeschobcn, aus. (Matth. 21, 42—44.) Gewiß tdat es einem Juden weh, den Sturz und die Verwerfung seines Volks zu melden; und warum sollte mans zu frühe thun? Wir wissen, mit welcher Empfindung selbst der Heiden-Apostel Paulus an entfernte Römer davon redet. (Römer io. 11.) — 4. Hiemit hangt zusammen, daß b e i Markus jeder Schein vermieden wird, als ob Jesus dem jüdischen Gottesdienst entgegen gewesen, oder Veränderungen in Gebrauchen habe machen wollen, Die sogenannte Bergrede (Matth. 6 — 7.) hat Markus nicht; nicht den Ausspruch über die Ehrlosen , (Matth. 19, i» — i2.) über Barmherzigkeit und Opfer, (Matth. 9, i 3 .) über den Sauerteig der pharisäischen Lehre, (r6, 11. 12.) das Händewaschen; (i 5 , 12 — 14.) noch weniger die Macht, die Christus dem Petrus zu geben scheint, die auch Lucas nicht kennet. (Matth, 16, 17 — »9.) Die Constitution einer eignen Gemeine ist ihm fremde, (Matth. i 3 , ifi — 20,) Die traurige Weissagung über den Untergang des Tempels wird bei Markus nur den Vertrauten gesagt, (Marc. r 3 , 3 .) und in mehreren Ausdrücken die Nation gcschonet, (Matth. 24, Ao. 27, 25 . u. a) Auch die ausmah- lendc Parabel vom letzten Gericht des Wellrichters (Matth. 25.) hgt Markus nicht; so wenig als andre .MM /--rWr. unsrer Evangelien. Wunderumstande, die gewiß eine spatere Sage verraihen. (Matth. 27, 52 . 53 . 62 — 66.) Desgleichen ists merkwürdig, daß im Evangelium Markus, des geliebten Sohnes Petri, (r Petri 5 . r 3 .) sowohl d i e Stellen fehlen , die Vorwürfe gegen diesen Apostel, als die seine Vorzüge enthalten. (Matth. 14, 28— 3 i. 16, 17—20. 27,24 — 27. ig, 28. 23 , 2r. 22. 26, 52 — 54.) Die Geschichte seiner Verlaugnung aber ward nicht verschwiegen. (Marc. > 5 .) 5 . Je mehr man lns Eigne des Ausdrucks, der von Markus angeführten Namen, seiner durch kleine Umstände belebten Erzählung eingehet, desto einleuchtender wird in ihm eine von unserm Matthäus und Lucas unabhängige Originalität, und wenn man den Ausdruck gebrauchen darf, ein Archetyp d e r E r z a h I u n g. Weit umfassender ist die Ansicht der Dinge in unserm Matthäus und Lucas; nach allen Regeln einer gesunden Auslegung also muß ihr Neues als hinzugefügt, nicht als von Markus ausgelassen betrachtet werden. 6. Ohne Zweifel hatte Markus seinen Unterricht in der Landessprache empfangen; daß unsre griechische Uebersetzung mit ihren für Ausländer eingeschalteten Erklärungen einen solchen Unterricht nicht auSschlicße, sondern voraussetze, ist durch ssich selbst klar. Als Begleiter Barnabas, Paulus und Petrus, als ihr Evangelist und Ausleger mußte Markus von Anfänge seines Amts an ein apostolisches Evangelium wissen und haben; diese Ansicht der Dinge in 24 Regel der Zusammenstimmung dem selnigen ist, selbst unsrer griechischen Abfassung nach, weder römisch, noch alexandrinifch, sondern acht-jüdisch, jerusalemisch, aus des Christenthums frühesten Zeiten. Auch im Griechischen, selbst im Latein ist er mehr Syro-Chaldäer als ein andrer. 7. Hiedurch erklärt sich auch das scheinbar Mangelhafte seines letzten Kapitels von der Auferstehung Christi. Ec sagt wenig, berührt aber alle Hauptpunkte, die von andern nachher ausgeführt wurden, und er wahrscheinlich, wie mehrere kaum dem Titel nach angegebene Dinge, im mündlichen Vortrage weitläufiger erzählte. Sein Evangelium war ursprünglich ein Schediasma fürs G c d a ch t n i ß; mithin ein Zeugniß der ältesten Sage aus eignem frühen Unterricht der A p 0- st e l, dem Er nichts Hinzuthun wollte. 8. Wie in diesem Licht Markus durch sich selbst mit allem, was er Eignes hat und was ihm mangelt, sichtbar wird, so ist dies auch genau der Gesichtspunkt, in welchem ihn die alte Kirche betrachtet. Als einen Verkürzer Matthäus, als einen Eompi- lator Matthäus und Lucas kannte ihn diese nicht; ein eignes Evangelium schrieb man ihm zu, das Eusebius sogar vor allen zuerst anführet. *) Die Sage ist allgemein, daß crs aus der Verkündigung *) Kirchengesch. B. 2. K. i 5 . unsrer Evangelien. 25 Petri (/^(wova/renorg Tlrnga) genommen, *) daher man cs sogar das Evangelium Petri nannte. Wann er es griechisch bekannt gemacht, fragen wir jetzt noch nicht; genug in seiner syrochaldaischen Abfassung war es der Entwurf, nach welchem er als Einer der ersten Evangelisten (gewiß also schon vom Jahr Christi 40 an,) die Geschichte erzählt hatte, und da er diese von niemand, als den Aposteln vernommen haben konnte, so lassen wir ihm den alten Ehrennamen des Evangeliums Marci und Petri. 9. Warum wollten wir also auch der alten, weitverbreiteten Tradition nicht folgen, daß, da Petrus, sein Ende vorausschend, den Gemeinen ein Andenken von sich nachzulassen versprochen, (2 Petr. 1, i 5 .) **) und weil er dies gewiß selbst nicht schreiben konnte, seinen liebsten und ältesten Schüler, den Markus, dazu ermuntert, Markus das Versprechen erfüllt habe ? Wie konnte crs unanmaßen- *) Papias, Irenaus, Clemens, Origenes, Tertullkan, Eusebius, Hieronymus u. f. **) Falls der Brief auch nicht von Petrus wäre, gilt doch die uralte Tradition. Und warum wäre er nicht von ihm? Die von manchen gefundene still äiüsonautia vom erste» Briefe ist theils unersichrlich, theils nicht beweisend. Mit Recht ist er als ein Brief Petri angenommen und meines Erachtens zu Erweisung seiner späteren Denkart ein schätzbarer Brief. 26 Regel der Zusammenstimmung der erfüllen, als wenn ec sich in seine Jugcndjahre zurücksetzte, und den Entwurf, den er einst zu seinem Amt empfangen, der ihn auf feinen Reifen begleitet, dem gemäß er seinen Apostel das Evangelium verkündigen gehört, dem gemäß ers selbst viele Jahre verkündigt hatte, andern, unbefangen mittheilte? Eines Geheimnisses hatte diese Geschichte nie bedurft; jetzt war sie allverbreitet. II. Matthäus. In diesem Evangelium ist Neues und Altes unverkennbar. Sein Grund ist, nebst Markus, gewiß aus der ältesten Quelle: denn warum wollten wir in einer historischen Sache abermals der allgemeinen Sage nicht glauben, daß in Palästina ein syro-chaldäisches Evangelium unter dem Namen Matthäus da gewesen? Und, da was von diesem Evangelium, wiewohl zum Theil in späten Zeiten angeführt wird, auch was Justin, der geborne Pa>a- stinec, aus sogenannten Denkwürdigkeiten der Apostel anführt, aller Abweichungen ungeachtet, sichtbar doch mit unferm Matthäus übereinkommt;*) so *) S. Stroths Abhandlung im Eichhorn scheu Repertorium Lh-I. Vom Evangelium der Ebräer sind in Richard Simon, Grabe, Fabri- tius, Milt, Wetstein, Michaelis und in jeder neueren Einteerung zum N. T. die bekannten wenigen Nachrichten zu finden. S. auch C. F. Webers Beirräge zur Geschichte des R. L. Kanons, Tübingen 1790. unsrer Evangelien. »7 ist an der Verwandtschaft dieses Evangeliums mit unserm Matthäus kaum zu zweifeln. Daß diesir ganz jüdisch gedacht habe, daß seine Grundlage mit Markus Eins sey, und daß dies gemeinschaftliche Evangelium auch dem Lucas zum Grunde liege, ist unverkennbar. Selbst Johannes Erläuterungen werden uns hie und da nur dadurch verständlich, daß wir uns dies Gesammt-Evan- gelium, auf welches er oft anspiclct, angenommen und verbreitet denken. Fast ist man also der Meinung geworden, daß Unser Matthäus eine vollständige Ueberse- tzung des hebräischen Evangeliums sey. Da man dies nun gewöhnlich sich als das Urevan- gelium denket, und, weil unser Matthäus dem Markus breit voranstehet, man von Jenem zu diesem hinüber kommt, auch dem Apostel vor dem bloßen Evangelisten den Rang cinräumet: so hat sich, indem man diesen zum Nachtreter machte, statt einer vielstimmigen Eintracht, in der Eintracht selbst jener Zwist entspannen, bei dem man behaupten darf, daß ihn beizulegen auf den gewöhnlichen Wegen der Conciliation Alles versucht sey; und daß, wenn cs keinen andern Pfad, keine andre Regel der Zusammenstimmung gäbe, alle Harmonisirung der Evangelisten ein vergebliches Werk sey. Durch ein gutes Schicksal sind in neueren Jahren die Dis- harmonieen der Evangelisten so laut zur Sprache gebracht worden, *) daß uns die Dissonanz selbst zuzucufen scheint! coowonräia! — Also: *°) Wolfenbüttetsche Fragmente, -Hierokles, Celsus, 28 Regel der Zu s a m m e n sti m m u n g r. War, wie man annimmt, das Evangelium, aus welchem Hieronymus, Origenes, Justin u. f. Stellen anführen, das Original unsres Matthäus: so haben wir ihn sehr verändert. Man gehe alle von diesen Vätern ohne Absicht hierauf angeführte Stellen durch; und man kann sich kaum eine freiere Discrcpanz denken. Nach Maßgabe dieser Stellen müßte mit jenem Text eine Metamorphose vorge- gangcn seyn, nach welcher man unfern Matthäus schlechthin nicht mehr die Uebersetzung Jenes nennen konnte. Wie viel Dank waren wir dem Origencs oder Hieronymus schuldig, wenn sic uns dies hebräische Evangelium erhalten, oder über dessen Beschaffenheit uns gnüglich belehrt hätten! — 2. So cbraisch unser Matthäus gedacht und geordnet ist, so ist doch seine Schreibart griechischer und gerundeter als des Markus. Und so alt der Grund seines Evangeliums seyn muß, so jung scheint doch manches in ihm, wenn man ihn mit diesem vergleichet. Bei weitem z. B. ist in ihm Judäa die Schonung nicht erwiesen, die in den ersten Vorträgen die Apostel selbst, und auch Markus zeiget; die härtesten Aussprüche gegen die Nation über ihre völlige Verwerfung stehen da; sogar wird namentlich der letzte Blutzeuge genannt, der in ihrem Tempel als in einer Mördergrube umkommcn sollte, und nach Josephus wirklich umkam. Wäre mit diesem, wie man annimmt, auch der langst els oriAiiio IV. LvLNAkl. Eichhorn's Bibliothek, Band 5 . St. 5 . 6. u. f. unsrer Evangelien. 29 ermordete Zacharias-Jojada gemeint gewesen, den das hebräische Evangelium gehabt haben soll: so macht doch der im griechischen Text jetzt vorkom, wende Name verlegen, der erst nach dem Unfall Judaa's in den Text gekommen seyn konnte. *) 3. Und mit welchen Farben wird die Zerstörung Jerusalems und des Landes beschrieben! Kann sie, in Form der Weissagung , Dcr schreckhafter beschreiben, der sie selbst erlebt hat? W>e ? und eine Weissagung der Art, die Christus nur seinen Vertrautesten gesagt hatte, machte man, da Jerusalem, sein Gottesdienst, sein Tempel noch stand, als Evangelium bekannt, ohne den tödtlichsten Haß der ganzen Nation auf sich zu laden? So etwas schrieb und predigte man in Jerusalem? so etwas verbreiteten Juden ? Wie anders betragen sich die ganze Apostelgeschichte hindurch Apostel, Jünger, Evangelisten! — Als der junge Stephanus von weitem nur dahinaus ging, ward er gesteinigt; (Apost. 7 , 62 . 53.) „Dieser *) Der Name macht um so mehr verlegen, da Christus diesen Ermordeten offenbar als einen letzten, dessen Blut gerächt werden sollte, anfährl. Jener Mord des Zacharias.Jojada war langst geschehen, (2 Chron. 2h., ig—2b.) auch durch die erste Zerstörung des Tempels und die Verbannung der Station langst gebüßt worden. Daß aber in den Zeiten der zweiten Zerstörung die alte Sage gewesen, daß wenn Hände der Einheimischen Tempel und Altar verunreinigen würden, der Untergang der Nation da sey, berichtet Josephus. 3 c> Regel der Zusammenstimmung Mensch höret nicht auf zu reden Lastcrworte widek diese heilige Statte und das Gesetz. Wir haben ihn hören sagen: Jesus von Nazareth wird diese Statte zerstören, und andern die Sitten, die uns Moses gegeben." — So sprachen falsche Zeugen; und wahre Zeugen, öffentliche Evangelien redeten und schrieben auch also? 4. Im Evangelium Matthäus wird einet Kirche gedacht, die entweder schon Ferm gewonnen hatte oder gewinnen wollte; einer Gemeine, vor der der Bruder verklagt werden soll, sogar mit Bestimmung der Anzahl Brüder, die eine Gemeine constituiren; eines Binde- und Löseamts in dieser Kirche. (Matth. 26, 16 — 20.) Und gar erscheint in ihm ein Petrus, dem die Schlüssel des Himmelreichs, (das Amt eines Rabbi) anverttaut werden, auf den als auf einen Felsen die Kirche, allen Machten der Hölle unzerstörbar, gebaut werden wird. (Matth. 16, 18. 19.) In ihm wird zu taufen befohlen auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, da doch nach dem Zeugniß der Apostelgeschichte zuerst nur auf den Namen Christi, „daß Jesus der Christ sey," getauft ward. (Apost. 8, 37. u. f.) 4. Und wiederum ist dies Evangelium das Einzige, in welchem nach der jüdischen Erwartung vom Messias, „die Leiber der Heiligen auferstehcn, und kommen in die heilige Stadt und erscheinen Vielen." Pilatus versiegelt das Grab, verwahrt es mit Hütern: ein Engel kommt vom Himmel, wälzet den Stein ab, und setzt sich darauf. Die. Hüter erschrecken, unsrer Evangelien. 3» fliehn; es wird eine falsche Sage vom Stehlen des Leichnams aus dem Grabe u. f. Dinge von welchen keins der andern Evangelien weiß. — Wie laßt sich dies alles vereinigen, vergleichen? * ^ * * Nur dadurch dünkt mich, daß man Neues und Altes nicht zusammenzwingt, sondern jeder Zeit ihr Recht laßt: r. Nothwendig mußte die frühe Evangclicnsage in Palästina Ausdrücke enthalten, die, als das Evangelium unter die Völker kam, hie und da ausgelassen oder besser mit andern vertauscht wurden: denn welcher erste Umriß mündlicher Erzählung Ware davon frei? Wenn also das hebräische Evangelium Ausdrücke, wie sie die Kirchenvater anführcn, wirklich enkbielc, und solche nicht etwa nur hinzugekommene Gioßen und Anekdoten waren *) so stehet jedcc- *) Z. B. das Familiengesprach, daß Jesus sich taufen lassen möchte; die Flamme über den Jordan; die Grimme: „du bist mein Sohn! lange erwartete ich dich in den Propheten." Oder: meine Mutter, der heilige Geist, ergriff mich an Einem meiner Haare und führte mich auf den Berg Lhabor. Oder die Anekdote vom Jochmachen Christi, vom Mann mit der verdorreten Hand, der ein Maurer gewesen und sich beklagt, daß er nichts verdiene; von Magiern, die aus Arabien gekommen seyn u. f. 32 Regel der Zusammcnstimmung mann, daß solche Züge sich in einem griechischen Evangelium für alle Völker und Zeiten nicht erhalten konnten. *) Steht doch selbst unser Markus mit manchen Ausdrücken allein da, die kein anderes Evangelium bcibehaltcn mochte. **) Und das mit Liecht: denn jedes andre Evangelium hatte seine Welt, seine Zeit vor sich. Was in *) Mit dem Symbolum der Christenheit gings nicht anders- Das morgenländische, römische, und das von Aquileja hatte; „geboren vom H. Geist ans Maria der Iungfraue n." Die Deutung, als ob der Geist eine Mutter Christi sey, ward nachher vermieden: empfangen, hieß cs, vom H. Geist, geboren von Maria. **) I. B. Christus war bei den Lhicrcn, (Marc.i, 12.) die Nennung Abiathars des Hohcpriesters , (2,26.) das: ,,er ist außer sich" (3, 21.) die Lractation des Taubstummen (7, 33.) der Ausdruck, daß kein Färber die Kleider so weiß waschen mögen, (9, 3. ) die Nachricht, daß die Wunderthäter bei ihren Heilungen Mittel gebrauchet, (6, r3.) das un- berittcne Füllen, (11,2.) das Schlangen-Bertrei- ben und tödtlicbe Getränke trinken. (16, 18.) Man gehe den Ausdruck Markus durch, wo er allein gelassen worden: bei dem Meisten läßt sich eine Ursache angeben, warum es geschehen sey. Und doch sind bei ihm eben diese schlicht- aufgenommcne gleichsam rohe Züge der Erzählung sehr belehrend. Sie gewahren die erste Ansicht; sie zeugen vom primitiven Eindruck der Begebenheit selbst. -.-Ml . ' - unsrer Evangelien. 33 in den ersten Wochen und Jahren in Palästina der beste Ausdruck gewesen war, blieb cs deshalb nicht bei vermehrten Rücksichten in jedem andern Kreise. Lasset also weggcsallen seyn , was wegsiel; uns war cs entbehrlich. Auch manche Apokryphe mag wahre Umstande enthalten; wozu aber wäre uns ihr Gewinn brauchbar? 2. Wenn also unser griechische Matthäus eine Form gewann, die der griechischen Sprache und der weit verbreiteten Christenheit geziemte, dabei aber in ihm gewiß beibehalten ward, was beibehalten werden konnte, wie wirs aus dem Reichthum dieses Evangeliums gegen Markus und Lukas sehen: so zeigt eben dieser Reichkhum , (die zwei ersten Kapitel nicht ausgenommen, *) sich als einen Zuwachs nach neueren Bedürfnissen, als den reichergeflochtcncn Kranz spaterer Jahre. Wer diesen Kranz geflochten, wer es gewesen, der jenen früheren und kürzeren Umriß, der allen unfern Evangelisten zum Grunde liegt, zu diesem vollständigeren Evangelium **) ausgearbeitet, wissen wir *) Wenn gleich, nach Epiphanias, die Ebioniten diese Kapitel nicht annahmen, so hatten sic doch die Nazaräer; auch Justin cilirt sie häufig. Ihr ganzer Inhalt vom Eeschlechtsregister an dis zur Flucht nach Aegypten ist ganz jüdisch, ebraisch, palästinisch. So nennet Epiphanius (lisero8 ag. ,§. g.) das Evangelium der Nazaraer! sc -ro xac« Z/nr- Herderö Werke z. Rel. u. Lheot. XII. E 34 Regel der Zusammenstimmung nicht; (vielleicht mehrere Apostel, und Matthäus war etwa nur der Schreiber.) Nach welchem Plan aber und zu welcher Absicht es verfasset sey, liegt durch sich selbst am Tage. Ausführlicher sollte cs zeigen, daß Jesus, selbst nach denen von der Nation aus den Propheten angenommenen Kennzeichen, der Messias sey, mithin sollte cs nach jüdischen Begriffen ein Eommentar des Vorigen, eine darstellende gelehrte Deduction werden. Lasset uns diese Ansicht verfolgen, und dies sogenannte vollständige Evangelium erklärt sich durchaus. Erstens. Ein Sohn Davids sollte der Messias seyn; deshalb hier sein Geschlechtregister. (Kap. i.) Wahrscheinlich mangelten dem Sammler selbst einige Glieder; daher er die Auskunft ergriff, sie nach vierzehn und vierzehn zusammenzufügen. Zwar scheint das unbefangen - hinzu- gcfügte Geständnis, daß Maria, eine verlobte Braut, AtttM II n k <7 r cr r v 1>, dagegen er das Evangelium der Ebioniten, so reich an Zusätzen als es nach seiner eigenen Angabe war, das minder vollständige, vv , nennet. (Iiueres. 3o.) Offenbar gab es also zwei der Evangelien im hebräischen, ein kürzeres und ein vollständigeres, das eigentlich das Evangelium Matthäi hieß. unsrer Evangelien. 35 vor der Heimhclung Josephs sich schon schwanger gefunden, das ganze Ecschlechtregister Josephs entbehrlich zu machen, der ja sonach nicht der Vater Ehristi war; eben aber diese schmucklose Zusammenfügung beider Rücksichten zeigt, daß dies Kapitel einer Zeit zugehöre, in welcher nebst der Königsabstammung die wunderbare Empfäng- niß Christi auch ein angenommenes Messias- Kennzeichen war. Im Sinne der alten Welt insonderheit Orients war es nämlich, außerordentliche göttliche Menschen vom Himmel entsprossen, wunderbar empfangen und geboren zu glauben und zu preisen. *) Auch in der keuschesten Ehe mußten Traume, Erscheinungen zu Hülfe kommen, um die höhere Bestimmung eines solchen Kindes zu bezeichnen. Und hier, dieses in tiefster Ar- muth gebornen Kindes? Gewiß dachte der Evangelist nicht daran, daß einst diese G l o r i fi c a t i o n der Maria, dem Joseph, dem Kinde selbst zum Spott gereichen sollte, sowenig die Christenheit mit ihrem lauten Bekenntnis eines vom Geist empfangenen Christus sich dessen zu schämen, oder ihren Herren zu entehren glaubte. -Mußte Johannes nicht schon in Multerleibe mit dem heiligen Geist erfüllet werden, wenn er Der seyn sollte, der er war? Die Stimme der Mutter, deren Sohn Er ankündigcn sollte, mußte ihm den ersten Moment des regen Lebens geben, (Luc. i, 44.) zum Zeichen, daß er nur für ihn geboren, für ihn da *) S. die bei Wetstein angeführten Stellen. C 2 36 Regel der Zusammen stimm urig sei). Eben zum Vornehmeren, zum auszeichnend-Höheren gehörte es also, daß Gottes Sohn, ein Kind des Himmels, auch jedem andern unvergleichbar sein irrdischeS Daseyn erhalten. Nach Lucas kündigte ihn daher noch größer das Wort nicht eines Engels, sondern des Erzengels der vor Gottes Thron steht, nicht dem Joseph, sondern der Maria selbst, nicht im Schlummer sondern einer Hcllmachenden an, und nennt den aus ihr geborncn mit allen großen Namen der Zukunft. Ein offenbarer Erweis, daß beide Evangelien in einer Zeit abgefaßt wurden, da diese höhere himmlische Abkunft Glaube der Christenheit war, und man das Geschlechtregisier Josephs dieser Hochverehrung getrost beifügen konnte. Den Königssproß sowohl als den vom Geist gebornen verkündigte das Evangelium, beides gleich unverfänglich. *) Zweitens. Der Messias sollte ein Völkern e r e in ig e r seyn, dem alle Nationen hul- *) Fast erregt es Unwillen, wenn man eine edlere Denkart von einer schlechteren nicht etwa blos verkannt, sondern niedrig verspottet stehet. Was hatten wir denn nun, wenn wir den Stammbaum Christi bis zum feinsten Zweige hätten? Schämt sich dieser Stammbaum doch nicht, die Thamar, Ruth und das Weib Urias wirklich zu nennen, die er hätte verschweigen mögen. — Gar der Spott über den vom Geist gebornen ist wirklich geistlos. Ohne Geist würde Christus nicht vermocht haben, was er vermochte. unsrer Evangelien. Z7 digtcn und Geschenke brachten. (Ies. 60, 1 — 6.) Hier (Matth. 2.) erscheinen also, und zwar in der edelsten Repräsentation, die Erstlinge der Völker. P r i e st c r - W c i s e, die aus des Himmels Lauf den Laus der Zeiten erkennend als Besitzer der ältesten und reinsten Weisheit angesehen wurden, bringen die Opfer des ältesten Gottesdienstes dar, reiche Geschenke. *) Ein Symbol dessen , was durch diesen ncugebornen König der Volker auf Erden bewirkt werden sollte. Auch die nachstellende List Herodes, die Flucht *) Nicht nach unsrer Meinung muß man diese Magier bcurthcilen, sondern nach Meinungen der damaligen Zeit. Magier galten für gottesfürch- tige, heilige Weise, denen sich in Träumen und durch Naturzeichen die Gottheit offenbarte, (S. die von Wetstein gesammelten Stellen.s Woher diese Magier gekommen, wußte offenbar der Evangelist selbst nicht; daher er die unbestimmte Bezeichnung „von Morgen her; sie zogen durch einen andern Weg wieder in ihr Land" gebrauchet. Eben dies Wunderbare, Fremde, Unbekannte zu bezeichnen, war Zweck der Sage; sie kommen von einem Stern ge- führct. Den Ort ihres Aufenthalts expisciren zu wollen, war also dem Zweck der Erzählung so entgegen, wie wenn über den Melchisedek, dessen Abkunft man nach Ebr. 7, 3 . nicht wissen sollte, jemand Geschlcchtsregister stellte. Wenn Justin sie aus Arabien herschreibt, folgt er Ies. 60, 1— 6 . ; hat aber damit gleich wenig bezeichnet. 3 ö Regel der Z u sammenstim m un g Christi ncich Aegypten wird dem Geist der Zeit nach bedeutend erzählt und durch mystische Weissagungen von dem einst aus Aegypten gerufenen Sohn, (dem Volk Israel) dem sproßenden Zweige aus der Wurzel David, dem Klagegeschrei der Rahel um ihre Kinder bekräftiget. (Kap. 2.) Nach Aegypten halte sich von jeher Israel gerettet; dahin rettete sich das verfolgte Christenthum, und fand dort Sicherheit, bis es wieder hervortreten konnte. Das Wehgcschrei der jüdischen Rahel, daß es mit ihrem Geschlecht aus sey, erinnert an den baldigen Untergang Judaa's. — Die mystische Ableitung des Namens Nazarener (2, 23 .) sollte den palästinischen Namen der Christen, Nazaräer ehren. (Apost. 24, 3 .) u. f. Drittens. Zur Zeit des Messias sollte Elias erscheinen. (Malach. 4, 5 . 6.) Zn diesem Licht erscheint Johannes der Täufer, und wird als solcher von Christo selbst gejeiget. (Matth, ir, r — 19. 17, er. 12.) die ausführliche letztere Exposition hatte Markus nicht; zum Zweck des v 0 l l- ständiger» Messias-Evangeliums gehörte sie nach angenommenen Begriffen augenscheinlich. Viertens. Die Einweihung Christi bei der Taufe war mit Symbolen begleitet, die in einem vollständigen Evangelium gedeutet werden mußten. Zu den Zeiten des Messias z. B. sollte sich die Turteltaube hören lassen, die den neuen Frühling der Welt, den Frieden brachte; über dem Haupt des Messias sollte sie erscheinen. . «ÄS** unsrer Evangelien. ^9 Daher hier die Deutung alter Weissagungen auf den stillen Charakter J-esu; (Marth. 12, 27 — 21..) daher, daß sich Christus selbst in diesem Charakter darstellt, (m, 28. 3 o.) Fünftens. Der vom Himme'l erklärte Sohn Gottes muß die Probe bestehn und den Satan überwinden; daher die ausführliche Geschichte der Versuchung bei Matthäus und Lucas. Auch der Brief an die Ebraer legt auf das Geprüft - und Vcrsucht- werden, auf die bestandne Probe des Sohnes Gottes einen großen Werth; und da im Evangelium selbst Christus fortgehend im Kampf mit den Dämonen, als ihr Ueberwindcr gezeigt wird, da es im Evan- gelio durchaus die höchste Sünde ist,'in Christo den Finger Gottes nicht anzuerkennen, ihm magische Künste zuzuschreiben, die reine Kraft des Geistes in ihm zu lästern; worüber Matthäus ausführlich und eifrig redet; (Kap. 12.) so war die Exposition jener Versuchung gleich Anfangs der Geschichte nvthwendig. Durch den Messias sollte eben das Reich Gottes kommen und sich in Macht, rein und heilig zeigen; allerdings war cs also die größeste Lästerung, ihn als einen Bundsgenoß der Dämonen gleichsam vom Himmel zur Hölle zu verstoßen. Die starken Reden Christi hierüber in einem jüdischen Messias-Evangelium waren also an Stelle und Ort: denn der Vorwurf der Juden, daß Jesus seine Wunder magisch mit Hülfe der Dämonen verrichtet, dauerte fort; ja er nahm zu mit dem wachsenden Haß späterer Zeiten. Die heftigen Reden Christi 4v Regel der Zusammenstimmung bei Matthäus hiegegcn sind gleichsam ein fortgehendes ,,Hebe dich weg von mir, Satan!" Sechstens. Der Messias sollte das Licht der Völker seyn; unter ihm sollte die Wahrheit aufblühen, und das innere Gesetz Gottes im Herzen der Menschen ohne g e l e h r t e n U n t e r r i ch t laut reden. Ec sollte sich der Armen, der Gedrückten, der Einfältigen, Verlassenen an nehmen; und ihnen Vormund, Helfer, Rath und Trost seyn. Zahlreiche Stellen der Propheten weisen hierauf; im Bilde des gehofften Messias war eben dies ein erwünschter Hauptzug. Das Messias-Evangelium muß also diesen Zug vorzüglich auszeichnen. Dazu die Weissagung vom ausgehenden Licht in Erwählung der dunkelsten Gegend des Landes. (Matth. 4, 12 —16.) Dazu gleich Anfangs die von Matthäus gesammelten Sprüche in Form eines Vortrages auf dem Berge. Umgeben von seinen Schülern sitzt der Meister und lehret. Nachdrücklicher als die Schriftgclehrten legt er das alte Gesetz aus; sanfter als Moses giebt er das neue Gesetz einer allgemeinen Volks- und He rzen s r e l i g i on, das von Seligkeiten anfängt, sich der Einfältigen, der Armen und Unterdrückten annimmt, und die Sprache des inneren Gefühls, Billigkeit, Verzeihung, Güte, Bescheidenheit , Wahrheit vor Gott und Menschen, eine Gokt-verkrauende Freude, kurz jenes ins Herz geschriebene Gesetz, das zu den Zeiten Messias sprechen sollte, zum Eharaktcr derer macht, unsrer Evangelien. 41 die des k 0 m m e n d e n Reichs werth sind. Zerstreuet trugen sich diese Reden Christi umher, wie sie auch Lucas zerstreuet anführt; die Zusammenstellung in Matthäus, und zwar an diesem Ort, hat die offene Absicht, hier den wahren Lehrer des Volks, und den Lehrer der Lehrer zu zeigen, durch den Licht aufgehen soll unter den Völkern, durch den die Religion der Herzcns- cinfalt und Redlichkeit den Menschen wlc- derkommen sollte. Zusammcngeceihet und veredelt sind hier die sinnreichsten moralischen Sprüche, auch solche, die aus dem Munde der Weisen in der Nation populär umhergingen;' sie stehen in einer nach jüdischer Art überdachten Ordnung da, *) abgesondert in Theile, mit einem Epiphonema am Ende begleitet. Wer sie zusammen setzte, that sein Bestes, den verheißnen Lehrer der Welt in Errichtung des inner» Gesetzes kräftig zu zeigen. Siebentens. Ein großer Wunder- thater sollte der Messias seyn; der Spruch Jesaias (35, 5.) ward hierauf gedeutet. Also deutete ihn auch das Evangelium darauf, und ordnete die Exposition dessen zur schicklichsten Gelegenheit, der G e sa n d tsch a ft I oh a n n e s an *) S- Schottgens Imrns Ldr., der sie Theils einzeln, Theils der Ordnung und Disposition noch am besten dargestellt hat. Man vergleiche im Talmud die Sprüche der Vater und andre Sentenzen. 42 Regel der Jusammenstimmung, Jesum. (Matth. 11.) Markus hat diese nicht; er hat auch das Wunder nicht, das, nach der ersten Rede Jesu, alle folgende Wunder groß ankündigt, das heilbringende Wort, das auch in die Ferne wirket. (Matth. 8, i—i 3 ,) Absichtlich stehet cs bei Matthäus an dieser Stelle, indem dabei einem Kriegsmann, einem Fremden, einem Heiden das Bekenntniß von einer Macht Christi in den Mund gelegt wird, die alle Wunder einleitet. *) Die andern alle, von der verschiedensten Art, führt dies Evangelium gewöhnlich kürzer als Markus an, mit beflissentlicher Auslassung, oft mit Verstärkung der Züge. Mehrmals sind, wo Markus Einen Kranken bemerkt, bei Matthäus Zwccn da; das Kind JairuS, das bei Jenem sehr krank ist, ist bei diesem gestorben. Ueberhaupt wählt Matthäus bei Wunderdingen immer die stärksten Farben. Wenn z. B. bei Markus ein weißgekleideter Jüngling (ohne Bestimmung, daß es ein Engel gewesen,) sich im Grabe Christi *) Ohne Zweifel ist dies die Ursache, warum Matthäus ein von andern früher erzähltes Wunder, das er nicht übergehen wollte, weil es zur apostolischen Geschichte gehöret, später anführt. (Matth. 8, iß.) Sein Plan foderte, daß jenes in der Ferne wirkende Genesungswort mit dem Bekenntniß eines Heiden voranstünde. Schonend gegen die Nation hatte das kürzere Evangelium dies Wunder mit dem harten Ausspruch Christi gegen die Juden (Matth. 8, io —is.) nicht an- geführet. unsrer Evangelien. 43 zeigt; so „fahrt bei Matthäus der Engel des Herrn „vom Himmel herab; wie der Blitz ist seine Gestalt; „sein Kleid weiß wie Schnee; er walzt den Stein „ab, und die Hüter fliehen." — Wenn nach Markus beim Tode Christi blos der Tempel - Vorhang zerreißt: so „erbebet nach ihm die Erde, Felsen zerspringen, Gräber eröffnen sich, Tobte erscheinen." *) Abermals Kennzeichen, daß die Verfassung dieses Evangeliums die früheste nicht gewesen. Die Sage war schon sehr gewachsen, da sie den Tod des Herren der Welt so mächtig emporhob. Achtens. Der Messias sollte ein Reich anrichtcn, eine Gottesregierung (Theokratie) au f Erden, die Parabeln, in denen Christus von diesem Reich Unterricht giebt, sind bei Matthäus in zwei Classen geordnet. Die früheren empfehlen unermüdete Hoffnung, Vorsicht, Erwartung; (Kap. i 3 .) die letzten, nahe dem Ausgang , (Kap. 2i, 22.) sind voll furchtbarer Vorher- sagung. So auch die Reden vom Ausgange der Dinge, den dies Evangelium vor allen andern ungestüm- eilend, plötzlich-einbrechend schildert. Verglichen mit Markus zeigt sich bei Matthäus und Johannes Heftigkeit in den Reden Christi. H Im hebräischen Evangelium stand, nach Hieronymus, sogar, daß beim Lode Christi das ungeheure Lhorgewölbe zerbrochen und gespalten sey. (8>iper1imiric>.i'6 teinxli iniinitas ruagnitucli- nis kraotuirr esso clivisum. Hiarori^m. exist. rüc> aci Lsbiclism.) 44 Regel der Z usa m me n sti m m u n g Das Verbot z. B. „die Jünger sollten Samarien nicht berührendie Betheurung, „er sey nur für Israel gekommen;" viel harte Worte gegen seine Generation und die Schristgelehrten (Matth. 10, 5 . 6. i 5 , 23 . 24. 7, 24 — 3 o. Kap. 12.16.21 — 24.) finden sich bei Markus nicht, bei Lucas milder. Die Exorcifation des Hohepriestcrs, als Christus vor Gericht stand, (Matth. 26, 63 .) die Zusicherung: „ihr werdet mit mir sitzen auf zwölf Stühlen, die zwölf Stamme zu richten," (19, 28. 29.) andre mächtige Ausdrücke, die der König und Richter der Welt sprach, hat Markus nicht. In Matthäus erscheint er als solcher bis zur letzten Zeile des Buchs: „mir ist gegeben alle Gewalt: ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Es lag also im Plan dieses Evangeliums, stark zu zeigen, daß Christus allerdings eine ewige Gemeine habe gründen wollen, daß ec sie unerschütterlich gegründet habe. (9, 36 — 33 . 16, r 3 — 28. r6, i 5 — 20. 28, r8 — 20.) Niemand kann gewisser seiner baldigen zweiten Wiederkunft zu Errichtung seines Reichs sepn, als der Christus, der bei Matthäus redet. Die Verwerfung der jüdischen Nation stehet beschlossen, säst schon als geschehen da; ihr Ende eilet. Nimmt man diese und mehrere Anzeigen zusammen, so wird offenbar, daß das Buch in Zeiten verfaßt sey, da jene erste Hoffnung einer Verbrüderung des Christcnthums mit dem Judcnthum verschwunden, und diesem sein Sturz nahe war. Sein Inhalt giebt, daß es unter dem Druck der Verfolgung geschrieben und sein Zweck sey, unsrer Evangelien. 45 durch Reden Christi mächtig zu waffnen. Den Juden ward es daher wahrscheinlich wenig bekannt; die Christen stärkten sich an ihm Theils gegen das, was sie litten, Theils gegen die Trübsale, die im Anzuge waren, denn kräftiger kann man gegen Trübsal nicht gewaffnet werden, als cs in diesem Evangelium geschieht; der Brief Jakobus und an die Ebraer sind hierin seine Zeitgenossen und Brüder. Die griechische Ucbersetzung des Buchs kam wahrscheinlich erst nach dem Untergänge des jüdischen Staats zu Stande; da fand cs seine Welt; cs war durch die schrecklichste Erfahrung bekräftiget. Da stand auch der Zacharias, Barachiä Sohn, getödtet zwischen dem Tempel r, n d Altar, als das Gegenbild des voreinsi Getödteten an seiner Stelle. — Also hakten wir aus Palästina eigentlich zwei ursprüngliche Evangelien: 1. Ein kürzeres, früheres, gelinderes, den Markus; 2. Ein vollständigeres, späteres, härteres, den Matthä» s. Jenes aus den ersten Zeiten des Christenthums, (Jahr 34 — 40.) ein Entwurf der Begebenheiten, mit welchem damals Evangelisten, also auch Markus ausgesandt wurden , und die Geschichte Jesu erzählten. Der Sage nach ward es auf besondere Veranlassungen von Markus erst spät und 46 Regel der Zusammenstimmung zwar griechisch bekannt gemacht; Römern oder einer andern ausländischen Gemeine. Dieses, das vollständigere, kannte jenen ersten Entwurf in seiner Ursprache allerdings; und legte ihn zum Grunde. Es bauere aber darauf zu seinem eignen Zweck ein größeres Gebäude, zu welchem cs jenen Entwurf nur als Materialien mit voller Freiheit gebrauchet. Dies vollständigere Evangelium ward weit später, als die erste Aussendung der Evangelisten den Umriß eines Evangeliums erfordert hatte, (nach Jrcnäus, als Paulus und Petrus schon zu Rom die Kirche gründeten, Za.hr 59 —6r.) abgcfaßt, mit hebräischen Buchstaben in palästinischer Landessprache; indessen konnte es immer nur als Csmmenlar jenes ersten Entwurfs, der in die Welt ausgegangen war, als Erweis des christlichen Messias gegen die Juden, und nach Zeitumstanden jetzt zur Stärkung der Christen gegen ihre Verfolger verfaßt werden. Zwar schon mit Stephanus und Jakobus Tode waren diese Verfolgungen angegangen, sie vermehrten sich aber, je mehr das Christenthum zunahm; daher eben in den Jahren, (60— 63 .) auch Jakobus, Paulus und Petrus ihre tröstenden Briefe schrieben. Die Sage hat also ihren Grund, daß das älteste herausgegebene Evangelium Matthäus sey; der syro-chaldäische Entwurf des kürzeren Evangeliums, auf den cs bauet, der in den Händen mehrerer Evangelisten vor ihm daseyn mußte, war kein herausgegebnes Evangelium. Als mündlicher Unterricht, (SrSttcrxn^r« anos'oXwv) war und blieb er eine Pcivatschrift in der Erzäh- unsrer Evangelien. 47 lenden Händen, da er zu einer neuen heiligen Bi» belschrift ihnen nie, wohl aber als eine Anweisung zum Evangclistcnamt, anvertrauet war. Dagegen ist unser griechische Matthäus unstreitig jünger, als unser griechische Markus, da dieser ein vom Evangelisten selbst (63 — 63.) griechisch herausgegebnes Evangelium, der griechische Matthäus aber eine Uebcrsetzung ist, von der das Jahr 70 gewiß noch nicht wußte. Vom griechischen Markus weicht sie nicht nur in den Sachen, wo sie ihrer Urschrift folgen mußte, sondern auch in Ansehung des Styls und der Erzählung mit sichtbarem Fleiß ab, indem sie seinen Archaismus verläßt und den Vortrag rundet. Bei diesem leichten natürlichen Anblick der Sache, den die älteste Kirchengeschichte und Tradition durchaus bestätiget, tritt jeder Evangelist in sein Licht. Indem die Ursache der Verschiedenheit hervortritt, verschwinden die Zweifel; beide Evangelien, jenes mit seiner Kürze, dies mit seiner Vollständigkeit bekommt Zusammenhang, Zweck, Regel, Verhaltniß. III. L u c a s. Ueber diesen Evangelisten sollten wir nicht ungewiß sevn dürfen; er sagt selbst, woher er sein Evangelium habe. 1. Aus mündlicher A n v e r t r a u u n g, 48 Regel der Zusammenstimmung ( 7 r«(>crAoo^s) dem damals gewöhnlichen Mittel der Fortpflanzung des Unterrichts, wie unter den Juden so in der ältesten Christengemeine. (Apost. 16, 4. Röm. 6 , 17. 1 Cor. 11,2.23. Kap. i ö, 3 . 2 Petr. 2, 21. Jud. v. 3 . 2 Thcss. 2, i 5 . Kap. 3 , 6 . 1 Tim. 1, 3 . 18. 1 Tim. 6 , 20. 2 Tim. 1, i 3 . 14. Kap. 2, 3 .) Von Augenzeugen der Geschichte, welche niemand als die Apostel seyn konnten. Wenn von Anfänge an sein mündliches Evangelium anerkannt werden, wenn er ein achter Evangelist seyn sollte: so mußte Lucas, (hatte er auch nie geschrieben,) es von Anfänge seines Amts an daher haben. (Galat. 1, 7 — 9.) Und von Dienern des Worts, d. i. von andern Evangelisten. Aus der Apostelgeschichte weiß man seine Bekanntschaft mit Barnabas, mit Markus. Der Typus des Evangeliums, nach dem diese predigten und erzählten, konnte ihm also nicht unbekannt geblieben seyn. Das Evangelium Paulus (1 Cor. iö, 1— 3 .) noch weniger: denn diesen hatte er viele, viele Jahre begleitet. 2. Sofort crgiebt sich der Grund der Ueber- einstimmung Lucas und Markus in allem, was ihrer beider ursprünglicher Typus (Ai-Aucrxcc^r«, rrmog war. Ehe Markus diesen griechisch herausgab, mußte Lucas, von unsrer Evangelien. 49 von wem und welcher Sprache er ihn auch empfangen hatte, zwanzig Jahre hin zu seinem Amt ihn wissen und haben. Daher zwischen beiden die unverkennbare Harmonie gerade in diesen alten Grundzügen, im Protevangelium der Apostel. 3 . So konnten auch dem Lukas die Zusatze nicht unbekannt bleiben, die das Evangelium der Hebräer jenem ersten Entwurf früher oder zu derselben Zeit oder später beifügte. Gefetzt er hätte dies Evangelium in seinen hebräischen Buchstaben nie gelesen, oder es wäre, als er schrieb, noch nicht geschrieben gewesen; so zeigt sein eignes Buch, daß er die meisten dieser Stücke, die Matthäus hinzufügte, gekannt habe: denn er erzählt sie selbst, er hat sie gebrauchet. 4 - Nur braucht er sie auf seine Weise; nicht in der Verbindung, die ihnen Matthäus gab. Entweder kannte er diese Composition nicht; oder (wiewir sogleich sehen werden) die Absicht seines Buchs war nicht der Zweck des ebräischen Evangelisten. Einzeln hatte er diese Sprüche, jene Parabeln und Wunder Christi gehört; einzeln schaltete er sie dem älteren kürzeren Evangelium, womit er ausgesandt war, ein, an dem Ort, der ihm der beste dünkte. Kein Wunder also, daß die Sprüche der Bergpredigt, auch andre Reden und Gleichnisse in ihm zerstreuet sind. Bei Matthäus sind sie zu Herders Werke z. Rel. u. Thevl. XII. D So Regel der A u sa m m e n st i m m u n g einem besondern d o g m a t i sch e n Zweck , der dem Evangelium Lucas ganz fremd ist, zusammcn- gefüget; Er nahm sie auf, und giebt ihnen die Tendenz, die sein ganzes Evangelium haben sollte. Mehrere bekommen eine andre Veranlassung; einige Aussprüche gar eine andre Deutung. Daher seine Uebcrcinstimmung und seine Verschiedenheit gegen Matthäus sehr natürlich und klar ist. Dieser war ein gedrückter Palästincr; Er ein frei athmendsr Hellenist. 5 . Eben daher auch sein vieles Eige- n e s. AlS Hellenist und vierjähriger Begleiter Paulus war er insonderheit aus d i e Züge im Leben seines Helden aufmerksam gewesen, die ihn als den Menschenfreund, nachahmens- und liebenswerth für alle Nationen charakterisirten. Lieber ließ er also manches jüdische hinweg, und erzählte menschliche Sprüche und Parabeln. 6 . Seinen freieren Gesichtskreis hellete er um so mehr auf, da er für einen Mann von Stande, Theophilus, schrieb. Der erste Entwurf des Evangelien-Vortrages war angeführtermaßen blos zur Hülfe des Gedächtnisses der Evangelisten da; der zweite, das hebräische Evangelium, sollte jüdische Christen gegen jüdische Zweifel überzeugen und gegen Verfolgung der Juden stärken. Er schrieb für einen ruhigen Mann außer Palästina, unsrer Evangelien. ü r frei von jeder drückenden Veranlassung, heiter und ruhig. Daß er auch lesbar und angenehm schreiben wollte, ist augenscheinlich. 7- Lukas schrieb also ganz hellenistisch. Dem alten Evangelium blieb er, wie möglich, auch in Worten treu, und konnte nicht anders als im Wesentlichen ihm treu bleiben: er milderte aber hie und dort, knüpfte in Uebergangen die syro-chal- daischc Erzählung zusammen und kleidete überhaupt gefälliger ein. Wenn sein Theophilus in Alexandrien lebte, so hatte er dazu alle Ursache. Ein Evangelium der Hebräer, wie es in der Ursprache gewesen scyn muß, war diesem gewiß in Vielem fremde und unbefriedigend; für ihn mußte Lukas, wie er schrieb, schreiben. 8 . Dazu kommt, daß er hier nicht Evangelist, (der als Diener des Worts etwa nur beiläufig erzählte,) sondern Geschichtschreiber scyn wollte, (i, 3.) Ein edles Unternehmen, das er rühmlich ausgcführt hat. Außer der Zeitbestimmung und den lehrreichsten Parabeln haben wir ihm in den Begebenheiten selbst die nolhwcndigstcn Erläuterungen zu danken. Ohne Lukas beide Schriften schwebte der Ursprung des Ehristenthums gleichsam in der Luft, ohne Anfang und Ende; eine jüdische Erzählung. Unser Hellenist wollte die palästinische-Erzählung in freien Weltlauf bringen und mit ihm verbinden. D ? 52 Regel der Z u sa m m e n sti m m u ng 9 - Unläugbar ist also, daß er, zu diesem, von ihm selbst angegebnen Zweck, Sagen auch berichtigt und verbessert habe. (>, 3 . 4.) Wenn er z. B. ein mangelhaftes Geschlechtsregisier fand, das ihn nicht befriedigte; warum sollte ers nicht nach näherer Erkundigung ergänzen? Wenn ihm die Umstände der Geburt Christi zu schwach vorgctragen schienen; warum sollte er sie nicht in das Licht setzen, das ihnen gebührte? So sind z. B. die zwei ersten Kapitel offenbar seine, des Helle n i ste n, E i n k l e i d u n g. Beim ältesten Evan- gelien-Entwurf lag die Geburt Christi, nach Lukas eigner Angabe, (Apost. 1, r — 3 . 22.) außer dem Kreise der Erzählung; sollte sic aber, nachdem jetzt bis aus sie erweiterten Symbolum der Christenheit, (1 Tim. 3 , 16.) mit vorgctragen werden: so trug er sie würdig vor. Die Ankündigung Johannes und Jesus, sammt den Umständen ihrer Geburt (Kap. 1.2.) setzen ihre verschiedene Lebensbe- stimmung so vortrefflich ins Licht, und sind in jedem Umstande für beide so charakteristisch, daß, wären sic blos auch Schmuck der Composilion, (welches nach Luc. 1, 3 . 4. doch nicht seyn kann) sie ein Meisterwerk hellenistischer Composi- ti 0 n wären. Dies sind mehrere Erzählungen Lukas im Evangelium sowohl als in der Apostelgeschichte. Jede Parabel, die Er allein anführt, jede Geschichte die Er allein erzählt, ist dem Hörenden soglesch kenntlich: „dies hat Lukas erzählet." unsrer Evangelien. 53 io. Warum wollte mans also langncn, daß er Umstände , Reden paraphrasirt hat? Wenn eS nach gnugsamer Erkundigung geschah, wer dürfte eS ihm wehren? Und weshalb müßten wir gegen Ohr und Auge disfimuliren? Anders lernt man keinen Schriftsteller kennen, als wenn man sein Eigenstes bemerket. 11 . Und keinen Schriftsteller lobt man, wenn man, indem er mit sorgsamen Fleiß etwas Eignes und Besseres gesagt hat, findet, daß das gerade auch andre gesagt haben. In Manchem wollen die Evangelisten, (alle vier) nicht conciliirr seyn. Nach Lage der Sache kann Jeder etwas Besseres haben. Markus z. B. wo die andern zu ihrem besonder» Zweck seine und ihre Quelle verließen , oder wo er in der griechischen Uebersetzung Erläuterung hinzufügte. Matthäus bei Umstanden, die der entferntere Lukas nicht ganz an Stelle und Ort sah, oder die e-c nicht wissen konnte. Lukas und Johannes, weil sie mehr Umstande zusammen hielten und überhaupt in einem weiteren Gesichtskreise schrieben. Jedem lasse man, was ihm gehöret. 12 . Sehr merkwürdig ist daher Lukas in alle rp, was er übergehet und doch nach aller Wahrscheinlichkeit wissen mußte. Kenne« ilnn z. B. die Erzählung von den Magiern unbekannt 54 Regel der Zu scimmenstimmung seyn , da sie eine Landesgeschichte betraf, und in den Denkwürdigkeiten der Apostel frühe gestanden? Warum erzählte er, zumal wenn er in Aegypten schrieb, den Aegyptern nicht die Flucht des Kindes in ihr Land? Warum nicht den Traum vom Weibe Pilatus ? das Erstehen der Tobten bei der Auferstehung Christi? die Hcrabkunft des Engels beim Grabe? Er, der den Dienst der Engel sehr liebet. In Matthäus hat man keinen Grund, diese Stellen für eingeschoben zu halten,*) vielmehr ist erwiesen, daß das hebräische Evangelium mehrere Stellen dieser Art gehabt habe, die der griechische Ucbersetzer selbst auszulassen gut fand. Lucas, der sich vom Anfänge an alles mit Fleiß erforschet zu haben rühmet, hatte sie zu übergehen gewiß auch Ursache. aZ. Und wenn er selbst anführet, daß, als er sein Evangelium schrieb, sich schon viele unterfangen, dergleichen zu schreiben, warum müßten diese Viele nur apokryphischc Schriftsteller gewesen seyn , die zu uns nicht gekommen seyn? Ein Unterfangen, eine Kühnheit bei solchem Geschäft ist kein Tadel; es zeigt blos die Bescheidenheit des Ncuunlernehmenden an, der das Geschäft schwer hält, das ihn aber zum kühnen Miteifec reizet. Markus und Lukas wetteiferten von jeher. Ueber den Ersten war sogar zwischen Barnabas und Paulus ein Streit entstan- *) S tro ths Meinung imEichhornischen Repertorium, Th. g. unsrer Evangelien. 55 den, der beide Freunde trennte; (Aposi. r5.) und Lukas trat fortan bei Paulus in die Stelle Markus, eines altern Evangelisten. Wie Lukas seitdem einige zwanzig Jahre dem Paulus treu blieb, wird Markus auch dem ebräischen Apostolat des Barnabas und Petrus treu geblieben seyn. Petrus und die allgemeine Sage sagt: „er ists geblieben." Jedermann kennet den freundschaftlichen Zwist beider Parthcien, der Juden- und Griechcnapostel, der aus Paulus und Petrus Briefen selbst klar ist. Und wenn Markus , (wie die Sage sagt,) auf Petrus oder anderer Wunsch, sein altes palästinisches Evangelium bekannt macht; warum sollte der gewandtere LukaS nicht daher Anlaß nehmen, eine eigentlichere Geschichtserzählung zu bearbeite»? Die Billigung des Protoapostels hatte cs vielleicht bedurft, das erste griechische Evangelium zu evulgircn; da dies da war, warum sollte nicht ein genaueres folgen? Denn das sähe doch niemand besser, als der vieljährige Begleiter Pauli, der Hellenist Lukas, daß das im ältesten Styl gedachte kurze Evangelium Markus, oder wenn cs übersetzt würde, das Evangelium der Ebraer den Griechen, die er besser als Markus kannte, nicht gnügen könnte. Er ging also ans Werk, blieb selbst den Worten seines Freundes treu, wo es die Sprache erlaubte, that aber hinzu, erleichterte, ergänzte und schrieb für Hellenisten eine lesbare Geschichte. Gewiß ein nicht unrühmliches Verhältniß zwischen beiden Schriften, das in ihnen selbst manches aufklärt. i4- Und warum sollte Lukas das Evangelium der Hebräer nicht gekannt haben, wenn es da war? 56 Regel der Zusammenstimmung So manche Sage (Xovog) in ihm, von der im Markus noch nicht die Rede war, hat er auch, und hat sic mit Unterscheidung, selbst mit Paraphrase gebrauchet. Den griechischen Ausdruck konnte Lukas von ihm, dem Syro-Ehaldaer, nicht borgen; vielmehr hat der spatere Uebersctzer dieses Evangeliums solchen, wo er durfte, von Lukas gebrauchet. Daß man das Alter der Uebersetzungen und Originale nicht schied, hat eben das Labyrinth der Harmoni- sirung erweitert. a5. Gerade was wir von Lukas zu lernen haben, ist seine Freiheit. Wie er dachte, sollen auch wir denken. Was sich nicht annehmen läßt und nicht zu erkundigen ist, bleibe an Stelle und Ort, unbestritten und unbefehdet. Was für uns neuere Hellenisten nicht dient, desgleichen. Was sich nicht vereinigen laßt, stehe einzeln da, jeder Evangelist mit seinem Verdienst. Mensch, Stier, Löwe und Adler, sie wollen zusammengehn und den Thron der Herrlichkeit tragen, nicht aber in Eine Gestalt, in Ein Diateßaron coalisirt seyn. *) Also P Diateßaron hieß nämlich ein Eoalitum, ein Zusammengewachs aus allen vier Evangelisten. Latian brachte eine solche Mißgestalt auf; Theodoret schaffte deren über zweihundert aus den Kirchen seiner Diöcese als Kakurgiccn hinweg. Sollten wir wieder in die Assyrische Barbarei zurückfallen, eine solche Kakurgie zu begünstigen oder anzustreben? Bier Evangelisten sind, und jedem bleibe sein Zweck, seine Gesichtsfarbe, seine Zeit, sein Ort. unsrer Evangelien. 5? Grundsätze zu Vergleichung der Evangelien, aus ihnen selbst und aus der Geschichte der Zeit erweisbar. 1. Von Worten und Redarten fange die Vergleichung nicht an, sondern von Begebenheiten und der Sache. Denn da alle Evangelien von einer mündlichen Verkündigung und Erzählung auSgegangcn sind, da diese durch den Mund mehrerer ging, oft und gegen sehr verschiedene Personen, in verschiedenen Weltgegenden wiederholt ward, und man sich an ihr lange begnüget; so war eine Verschiedenheit der Worte und Redarten, ja der Erzählung selbst unvermeidlich. Dieses ist durch sich selbst klar. 2. Mithin ist die Z urückführung unsrer gesummten drei Evangelien auf Eine nicht vorhandene Urschrift ein kühner Lauf ohne Ziel. Aus Worten und Nedarteir freier Erzählung läßt sich eine solche ungeschriebene Urschrift a^gocipos) mit Gewißheit nie aus- sinden. Vielmehr zerstört dieser kühne Versuch den natürlichen Anblick unsrer Evangelien, indem er Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten Häufei. 3. Bei einer freien mündlichen Erzählung ist nicht alles gleich frei. Sentenzen, große Aussprüche, Parabeln erhalten sich eher in demselben Ausdruck, als kleine Umstande 53 Regel der Zusammenstimmung der Geschichte; Uebcrgänge und Bindungsformeln wählet der Erzählende selbst. In unfern Evangelien ist dieser Unterschied klar. Gewisse, insonderheit starke, dunkle, parabolische Ausdrücke sind allenthalben, selbst mit verschicdner Deutung , dieselben; in Umständen, in Uebergängen, in Ordnung der Begebenheiten gehn die Erzählungen am freisten aus einander. Eine auf alle Glieder der Rede gleichgerichtete mühsame Sorgfalt benimmt oft die Ansicht des Ganzen. 4 . Unfern drei Evangelisten liegt ein gemeinschaftliches Evangelium (svsnAsliuin coininuns) zum Grunde; es ist in jeder reinen Zusammenstellung sichtbar. *) Dies allen dreien gemeinschaftliche Evangelium steht im Zusammenhänge mit sich selbst; es hat einen natürlichen Fortgang der Begebenheiten, enthält das Wesentliche, und variirt in der Hauptsache selten. Die meisten und stärksten Verschiedenheiten befinden sich in dem, was außer diesem gemeinsamen Evangelium dieser und jener Evangelist Eignes hat. Die Absonderung dieses Einzelnen als eines Zusatzes erleichtert sehr den unbefangenen Anblick des übereinstimmenden Gemeinsamen. **) *) S. Griesbachs genaue und vollständige Zusam- menstelluug in seinen libri» liistoricis dl. D. Hal.^i774. **) Im Kanon der Symphonie der Evangelisten bei Eusebius sind zehn Classen der Affinität der Evangelisten. Der Anblick einer gesunde» Synopsis unsrer Evangelien. Sg 5. Das gemeinsame Evangelium bestand aus einzelnen Stücken, Erzählungen, Parabeln, Sprüchen, Peri- kopen. Dies gicbt die Ansicht der Evangelien selbst und die verschiedene Ordnung, in der diese und jene Parabel oder Sage gesetzt ist. Anders citiren die ältesten Schriftsteller sie auch nicht. Es hieß: der Herr spricht, die Parabel saget u. f. * *) Es bürgt für die Wahrheit des Evangeliums, daß cs aus solchen Theilen bestehet: denn Leute, wie die meisten Apostel waren, erinnerten sich leichter eines Spruchs, einer Parabel, eines Apophtheqma, das ihnen auffallend gewesen war, als zusammenhängender Reden, in denen späterhin erst Johannes seinen Freund zeigte. Die Sonderung dieser einzelnen Sagen, , Matth. r8. a5. Joh. sr, 23.) simplisicirt den Anblick des Ganzen. Markus hat oft nur den Titel der Sage, xrP«X«i.L) die ein andrer Evangelist erzählt: denn sein Evangelium war nur Entwurf zum mündlichen Vortrage; indessen bemerkt er ihn doch. Zur leichtesten Ueber- sicht des Ganzen können die Evangelisten nicht an- im Zusammenhänge eines gegen einander gesetzten Textes macht viele dieser Zerstreuungen entbehrlich. Außer den Ausgaben des Eusebius steht der Kanon in Mills N. T. vor den Evangelien. *) Man hat alte Verzeichnisse dieser der Evangelisten. Sie hießen: ir-m -Mp TrsttstMp, r,'! u. s. Sie waren kürzer und langer, in Matthäus z. B,6g. bis gss. xiPagc»«, in Lukas 107. u. ft 6o Regel der I usa m m e n sti m m u n g dcrs, als in solchen einzelnen Sagen, (Xo/ois, xecpecXttiois) Parabeln, Wundern, Erzählungen ausgestellt werden; die Zusammenfügung derselben nach Zweck und Ort bleibt jedem Einzelnen eigen. 6. Das gemeinschaftliche Evangelium setzt offenbar einen Umriß dieser Sagen voraus, (öi^/i^n-, UTioruTrucriv 7.0/cov, rwTiov 7i«g«Kocr5wg) der frühe gemacht seyn muß, da ihn alle Evangelisten haben. Lucas giebt seine Grenze deutlich an (Apost. i, i — 3.21.22.) selbst mit dem Worte; (Lue. 1, i.) in den frühesten Verträgen der Apostel sehen wir ihn beobachtet; (Apost. 2, 22. 10, 36 — /, 2. i3, 23 — 38 .) auch in ihren Briefen wird einer bestimmten, sichern Anvertrauung des Grundes der Lehre oft erwähnet. (1 Cor. 11, 23. i 5 , 1 — 11. 1 Tim. 3, 16. 2 Tim. 2, i 3 . u. f.) Sollten Evangelisten, die keine Augenzeugen gewesen waren, ausgehn und erzählen, so mußte er bestimmt werden; und diese gierigen bald aus. (Apost. 6, 5 . 6. 35 .) 7. Da nun in diesem gemeinschaftlichen Evangelium die Namen Petrus, Jacobus und Johannes als Gewährsmänner der wichtigsten Ereignisse oft genannt werden, in welchen Zeitraum kann dieser Umriß gehören, als in jenen, da sie dcr Kirche zu Jerusalem v 0 rstanden, da insonderheit Petrus die Geschäfte leitete und das Wort führte? (Apost. 1 —12.) In diesem Betracht ist die öftere Verbürgung der drei Hauptapostel im Evangelium zweckmäßig und macht ihrem Charakter Ehre. Auch in seinem -.«i .... unsrer Evangelien. 61 Briefe verbürgt sich Petrus also. (2 Petr, 1, 16 -18) 8. Und da Markus, Petrus Zögling, (r Petr. 5 , i 3 .) einer der frühesten Evangelisten war, unter wessen Namen können wir diesen frühesten Umriß der Evangeliensagen eher erwarten, als unter den Namen Markus und Petrus? Gerade ists also. Das Evangelium Markus enthalt augenscheinlich den kürzesten, schlichtesten, einen unausgearbei- teten Umriß der Dinge, die im Evangelium erzählt werden sollten. Es enthalt ihn auch im Ausdruck und den Uebergangen auf die kunstloseste, primitive Weise; gleichsam das erste Gebilde s7i(>wroirX«azl«) der Evangeliensage, ihr lebendiger palästinischer Archaismus. Noch athmet es den Geist jener Hoffnungen, in denen Petrus und die Apostel zuerst (Apost. r — 12.) zur jüdischen Nation sprachen , und hat die harten Ausdrücke andrer Evangelien gegen sie nicht. Es ist die schmucklose Mittelsäule der andern, ihr ungeziccter Grundstein ; Zeuge dessen, was als historisches Evangelium zuerst in die Welt kam. (Ti^orcrxrexov Tr^oo'Qnov 9. Markus ist also ein eigenes Evangelium; kein Auszug aus Matthäus, keine Compilation aus Matthäus und Lucas. Schon nach allem, was wir von Markus wissen, (Apost. 12, a2. 26. i 5 , 3 g. r Petr. 5 , i 3 .) was uns die verschiedene, weitverbreitete Sage der Kirchengeschichte vom Ursprünge dieses Evangeliums und überhaupt vom Verhältnis Markus und Petrus erzählt, ist die Hypothese der Compilation unerwartet. Die 62 Regel der Zusammenstimmung alte Kirche kennet sie gar nicht, und der Anblick der Evangelien selbst widerspricht ihr. So verschieden sie von den scharfsinnigsten Männern modisicirt ist, so wenig befriedigt sie, indem sie vielmehr die Antiphonien häufet. *) Das Evangelium verbürgt sich selbst seine Originalität; die ersten Kapitel der Apostelgeschichte sind sein lebendiger Eommentar. Auch läßt sich Zug für Zug Grund angeben, warum hie und da die andern Evangelisten in ihrem Gesichtskreise diesen Protologen verließen; dagegen, warum Er spätere Evangelisten verkürzt und beraubt haben sollte, sich nicht erfinden laßt. Bon Anfänge seines Amts mußte ja der Schüler und Begleiter Petri ein Evangelium wissen, das er erzählte; durfte er es so zwecklos, arm und dürftig von andern, und von seinem jüngeren Mitwerber LucaS compiliren? War Markus so arm, daß er das Vorzügliche in Lucas nicht bemerkte? 10. Nicht also nur ist Markus ein eigner Evangelist, sondern auch das uns einzige Richtmaas von dem, was in andern Eom Positionen zu ihren Zwecken hinzugesügt worden. Wie ist eine Vergleichung möglich, ohne gemeinschaftliches Maas? und wenn man dieses aufgegeben, was blieb zum Vergleich übrig, als Phantasie oder eine immer nachgebende Lesbische *) S. Uslkslt dloinrnentsi. äs origins IV, Lvsn- Kklioriini, 6örrinA. 1794. Eichhorns allgem. Bibliothek, B. 5. St. 5. 6. wo die Sache mi,t kritischer Genauigkeit vors Auge gelegt ist. unsrer Evangelien. 63 Regel? *) So lange man alle Evangelien als an Einem Ort, in Einem Jahr, in Einer Sprache geschrieben ansicht, da man doch den schnellen Lauf des Christenthums in drei Weltlheile, die ihm früh zugestoßene Verfolgungen, und seine frühen Trennungen selbst kennet, kann man nicht anders als in der Höhle jenes die Welt vergessenden Epimeni- des schlummernd wahnen. Wenn Markus Evangelium das älteste in seinem palästinischen Entwurf war: so war cs darum nicht auch das älteste in seiner griechischen Bekanntmachung. Markus, der Ebräer, hatte es von Ebräern in seiner Muttersprache ge- lernet; unser griechische Text trägt davon unverkennbare Spuren. Aber, wenn wir cs auch nur, wie es Markus spät heraus gab, griechisch kennen, bleibt cs nicht demungeachtet das, was cs war? Die älteste ; (Luc. i, i.) mithin die Regel der Scheidung dessen, was, wie auch der Augenschein zeigt, in andern dazu kam. Das dem Griechischen für Ausländer erläuternd Zugefügte erweiset sich in ihm selbst. ri. D e m E v an g el ium dcrNazaräer bleibt also ganz seine Ehre. Es war die erste schriftlich bekannt gemachte Comp o- sition, herausgegeben vor Markus; völlig eine Composition im jüdischen Gesichtskreise, zu Erweisung, daß Jesus der Christ sey, und zu Stärkung der Christen gegen der Juden wütende Verfolgung. Als solche erklärt es sich, noch in unserm Matthäus, von Anfänge bis zum Ende. *) I,68t>is. re girl» äicitnr guotiss preeposters non -rä i'stlonein kALinrn seä rrUio nü ksLtniir noeomoüsrnr. L r s s ui. 64 Regel der Zusammenstimmung 12. Nur ihm liegt augenscheinlich der ältere fyrochaldäische Petrus zum Grunde, den dieser Eommentar zu seinem Zweck frei gebraucht und anwendet. Daher die blebercinstimmung; in dieser Ansicht wird jede Verkürzung, jeder Zusatz Matthäus erklärbar. 1 3 . Die griechische Uebersetzung Matthäus ward gemacht, da der griechische Markus und Lucas schon da waren. Aus ihrem Original ließ der griechische Nebcrsetzer aus, was für die griechische Gesammt- Ehristenheit nicht gehörte. Ob er hinzugethan habe, wissen wir nicht, da wir das Evangelium der Hebräer nicht haben. 14. Lucas schrieb die erste christliche Geschichte. Keine Sammlung Evangeliensagen, wie Markus; keine jüdische Deduction, wie Matthäus. Er schrieb seine Geschichte rein hellenistisch. 1 5 . Habe ihn also das Evangelium Markus geweckt, oder habe er dieses nicht gesehen; der Inhalt desselben war ihm von Palästina aus (Luc. 1, 1— 3 .) durch Avtopten und Hypereten bekannt: denn er war einige zwanzig Jahre Evangelist gewesen. Wahrscheinlich aber hat ers gekannt, er hat sich sogar seines Freundes archaischem Ausdruck in Manchem bequemer. 16. Das Evangelium der Hebräer kannte Lukas wahrscheinlich auch. Hatte er cs aber nicht gekannt, so war Er der einzelnen Sagen und Sprüche nicht unkundig, die Jenes nach seinem Sinn und Er in seiner Absicht zusammensetzte. Unfern griechischen Matthäus kannte er nicht: denn der war noch nicht geschrieben. 17. Ueber- unsrer Evangelien. 65 L7. Ueberhaupt sind unsre Evangelien einander schnell gcfolgct, und die Kirchensage giebt uns darüber ein sehr merkwürdiges Datum. *) Als das Ehristen- thum im Orient hart bedrängt ward, Paulus und Petrus in Rom waren und eine Kirche pflanzten; **) da, sagt man, ward in Palästina das Evangelium der Hebräer geschrieben; da, sagt man, begehrte die römische Gemeine das Evangelium Marko-Petrus, und der Proto-Apostel willigte darein ; da , sagt man, munterte Paulus den Lukas auf, sein Evangelium zu schreiben. Ein Evangelium, an dessen Ausgabe man dreißig Jahre nicht gedacht, das man mündlich fortgepflanzt, oder als eine heilige Uebecgabe anver- trauel hatte, legte sich jetzt auf einmal in drei ver- schicdnen Schriften der Welt dar? Der Gesichtskreis des Christenthums hatte sich erweitert; schriftliche und zwar griechische Evangelien waren und wurden unumgänglich. Die Jahre 6r — 64. brachten vielleicht alle drei Evangelien, (Eins unter ihnen, das gegen dreißig Jahre unausgegeben verkündigt war,) ans Licht; und die griechische Uebersetzung Matthäus konnte auch nicht lange nachbleiben. Eine Helle Periode im Leben Petrus und Paulus, daS sich bald endigen sollte. (Jahr 66. 67.) Darauf erfolgte dann dreißig, vierzig Jahre hin ein großes Schweigen; bis am Ende des Jahrhunderts Johannes mit seiner Stimme das höhere Evangelium ausrief, das wir vorher betrachtet haben. aö. Nach diesen Grundsätzen halte ich eine Symphonie der Evangelien, (so nannte es *) Hievon anderweit mehr. **) Ii'önaeus I. Z. c. 1. Herder? Werke z. Nel. u. Theol. XII. E 66 Regel der Zusammenstimmung die griechische Kirche) an der viele bisher verzweifelten, nicht nur möglich, sondern selbst bis auf die kleinsten Umstande der Divergenz genetisch gegeben; eine Symphonie, in der jeder Stimme ihr Ton, ihr Character bliebe, in der man nichts vertuschen, nichts hinüberzwingcn dürste; in der sich alles an Stelle und Ort belehrend erkläret. Ihr Kanon ist einzig und allein die Entstehung dev Evangelien selbst nach Ort und Zeit. 19. Kanon derSymphonie der Evangelien. I. Gemeinschaftliches Evangelium zum mündlichen Vortrage auS der Schule der Apostel xoevov, AeöllcoxoiXe« aTro^oXwn, öei^- rwv 7ik7iXi)p«/ixvcov u. f.) Es war natürlicher Weise syr 0 - ch a l d ä i sch gedacht, abgefaßt, und ward, bis das Ehristenthum unter die Griechen kam, so vorgelragen. Es ist die Basis aller unsrer Evangelien, die sich größtentheils auch im Ausdruck daran halten ; es ist in allen Evangelien deutlich erkennbar. Den nächsten Begriff davon giebt uns unser Markus. II. Das Evangelium der Hebräer. Zwanzig und mehr Jahr später, in Zeiten der Verfolgung und des tieferen Verfalls der jüdischen Nation ward es in Palästina, als ein Meßias- Erweis verfasset; vielleicht das erste schriftlichbekanntgemachte Evangelium. Wir kennen es aus Anführungen und Fragmenten; reichlicher aber, obgleich mit großen Veränderungen, aus unserm Matthäus. Dieser ist seine freie. Uebcrsetzung; noch freier Hots Lucas gebrauchet. unsrer Evangelien. 6? III. Das Evangelium Markus. Wahr« scheinlich das erste griechische Evangelium; es blieb dem ersten Umriß treu, mit zugefügten wem» gen Erläuterungen für Ausländer. IV. Das Evangelium Lukas; die erste E h r i st u sg e sch i ch t e. Ein Evangelium für Hellenisten von einem Begleiter Paulus, der den Begleiter Petri, Markus, nicht nur kannte, sondern vielleicht selbst von seinem Evangelium zur Arbeit ermuntert ward. Seiner sowohl, als des Evangeliums der Hebräer hat er sich sehr frei bedienet. V. Das Evangelium Matthäi, griechisch. Eine freie Uebersetzung des Evangeliums der Hebräer mit Auslassungen, wahrscheinlich auch mit Zusätzen; das späteste unsrer ersten Drei, nach der Zerstörung Judäa's geschrieben. VI. Das Evangelium Johannes, am Ende des Jahrhunderts nach einer langen stillschweigenden Periode verfaßt, der älteren Evangelien Nachhall im höheren Tone. 20. Nach diesem Kanon ließe sich eine Symphonie der Evangelien geben, in der jede Dissonanz sich selbst erklärte. Das Durcheinanderwcrfen aller in die sogenannt -evangelische Geschichte siele dabei weg; Schriftsteller, Sprachen, Zwecke, Zeiten würden aufs genaueste unterschieden. Die Kritik des Textes und se i n c s In h a lts könnte sich bei diesen historischen Schriften nicht anders, als bei jeder andern historischen Schrift erzeigen, un» parthciisch, unterscheidend, sondernd. E 2 68 Regel der Zusammcnstimmung :c. 21 . Aufhellungen folgen daraus bei jedem Schritte. Gerade aus dem Dunkel des Widerspruchs entspringt Zurechtweisung und Belehrung. 22 . Die ganze Form der Evangelien kommt dadurch ins Licht; der Grund ihres Inhalts gewinnet aus den Widersprüchen selbst Wahrheit. 23. Und die Kritik würde in einem Grade befriedigt , daß ich mit dieser disharmonischen Harmonie vor die Augen Casaubons, Bentleys, Lessings zu treten wagte. Warum kann ich sie nicht sogleich schreiben? — 5 . Vom Geist des Lhristcnthlims. Nebst einigen Abhandlungen verwandten Inhalts. 1798. V^/eist laßt sich weder schreiben, nocy malen; er lebt, er wirket. Auch vom Geist des Ehristcnthums sollte weniger geschrieben und er mehr geübt werden: denn durchs Schreiben und um geschrieben zu werden, ist das Chcistcnlhum nicht gestiftet. Wenn indessen über diesen Geist Mißverständnisse und deren zahlreiche Geschwister Mißbräuche herrschen, warum sollte der wahre Verstand der Sache nicht gezeigt werden, damit ein wahrer Gebrauch derselben erfolge? Er m u ß gezeigt werden, wenn die Misbräuche schädlich sind und sich unter ihnen der ursprüngliche Gebrauch beinahe ganz verlieret. Man muß sagen : „nicht Dies, sondern Das ist Geist des Christcnkhums : Dies war sein genetischer Begriff, dies seine ursprüngliche Tendenz und Absicht." Man muß es insonderheit über die Punkte rein und frei sagen, in denen durch grobe Mißverständnisse und Mißbräuche das Ehri- stcnthum selbst ein Mißchristenthum worden ist, Aergerniß dem menschlichen Verstände, Ver- derbniß menschlicher Sitten, eine falsche Psycha- gogie d. i. Seelenleitung. 72 V om G e ist d es CHristenthums. Worin es dies geworden sey, möge, wenigstens einem Thcil nach, diese kleine Schrift zeigen. Sie ist abermals in kurzen Sätzen geschrieben; gewiß aber sind diese nicht aus übcrhinfliegendcm Leichtsinn so kurz gefaßt: denn mancher Satz enthalt den Stoff zu einem Buch, und ist das Resultat langer Erfahrung, langer Uebcrlcgung. Die Gründe, warum der Verfasser über Materien dieser Art auf diese Weise schreiben, und auch in seiner also geschriebenen Handschrift noch drei Viertheilc weglassen wollte, sind folgende: Erstens. Niemand liefet gern lange theologische Schriften und Deduktionen. Man glaubt, darüber sei langst gesagt, was gesagt werden konnte, der Proceß sey geschlossen, d. i. verloren. Wer also jetzt noch fürs Christenthum den Mund zu öffnen waget, der spreche kurz. Felix und Drusilla haben nicht Zeit zu lesen. Zweitens. Selbst den Schreibenden ermüden lange theologische Schriften. Die Worte sind so oft gehört, gebraucht, gemißbraucht worden, daß cs schwer wird, einige zu finden, bei denen man nicht in den alten Schlummer gerathe. Oder man verfallt in den Ton der Predigt und bei Predigten, sagt man, schlaft stchs süß. Vom Geist des Christcnthums. 73 Drittens. So angenehm es dem Leser seyn mag, seinem Schriftsteller nachzudenken, d i. seinem Vorgedachtcn langsam zu folgen, fo ists ihm doch nützlicher, daß der Schriftsteller ihn selbst zu denken zwinge, und ihm deßhalb nicht Alles vordenke. Bei diesem abgerissenen Gedanken muß er sich fragen: „wie kam sein Urheber dazu? ist er wahr? warum führte er ihn nicht weiter?" Bei jenem gezeigten Mißverständnis wird er fragen: „was folgt daraus? was muß ich sonach einreißen, andern, wegwerfen: welch eine andre Schaar Mißverständnisse und Mißbrauche zieht dies Angezeigte nach sich?" — Und so wird dies kurze Buch, ja mancher einzelne Satz desselben ihm Text zu einem großen Commentar werden, zumal wenn er ihn in die Kirchengeschichte und ins praktische Leben einführt. Der Schriftsteller hat sodann den edelsten Zweck erreicht: „er schuf, er vcranlaßte wahre, beßre Gedanken." Wahren, bessern Gedanken aber müssen noth- wendig, wenn auch langsam und unvermerkt bessere Gesinnungen folgen. Man lernt die Sache von einer andern Seite anfehn; man gewohnt sich an diese, endlich an alle Seiten; und so ist man wahrheitliebend, unpartheiisch worden. Schöner Gewinn, der uns aus dem Lesen einer Schrift, wenn gleich wider Willen, zu Theil wird; ich zweifle, ob es einen schöneren gebe? 74 Vom Geist des Christenthums. Ucbrigens entschuldige ich die schlichte Wahrheit , die ich dieser Schrift in den Mund legte, nicht. Zeit zu verbergen und zu bemänteln ist nicht mehr, wenn wie Christus sagt, die Steine schreien. Durch fromme Lüge wollte ich mich am Christenthum nicht versündigen; wo Geist Gottes ist, sep Wahrheit. Erster Abschnitt. ^x)ei jedem Institut fragt man nach dem Geist und Zweck desselben; also kann es uns auch beim Christenthum nicht gleichgültig seyn zu wissen, in welchem Geist, d. i. in welcher Denkart und Absicht dasselbe gepflanzt sey? welchen Geist, d. i. welche Gesinnungen es in seinen Lehren und Anstalten zeige oder nicht mehr zeige? Hierüber sich mit bestimmten Begriffen Rede und Antwort zu geben, um" Anschuldigungen sowohl als Mißbrauchen zu entgehen, muß Jedem angenehm seyn, der selbst Geist, d. i. der Gemüth, Verstand und Hcrz'hat. 2 . „Euer Christenthum, sagt man, entstand als eine jüdische Schwärmerei, aus Hoffnung voraus- vcrkündigter glücklicher Zeiten. In alten Schriften hatte der Geist, d. i. der voraussehende Sinn einiger vorzüglicher Menschen dem Volk in Zeiten der Knechtschaft eine Befreiung, in Zeiten der Unwissenheit lind sinnlichen Trägheit eine Ankunft des Lichts, eine frohere Thäligkeit, einen ausgcbreitetern, festeren Wohlstand versprochen, und diese Bilder einer glücklichen Zukunft, nach veränderten Zeitumständen, in Helle und hellere Farben gemahlct. Da von einer guten Einrichtung des Staats hiebei das meiste abhängt, so ward diese Befreiung und Heilbringung einem künftigen Regenten zugetraut, der wirklich , ein Retter des Volks würde.-Ist von Judäa aus ein solcher Regent erschienen? Dem Gesalbten, den ihr dafür erkennet, wußte man mit ungewissen und schwankenden Bezeichnungen blos ein geistlich Reich zuzuschreiben, das man aufs neue in die Zukunft setzte. Man sieng also, statt klare Erfüllung jener Weissagungen zu zeigen, das Lied der weissagenden Hoffnung wieder von vorn an." 3 . ,,Da dieser Geist der Weissagung durch Redner ans Volk gesprochen hatte, so sollte der zukünftige Gesalbte auch ein mächtiger Prophet seyn. Ist euer Jesus ein solcher gewesen? Seine Beredsamkeit bestehet in kurzen Sprüchen und Gleichnissen, oder in Ausrufungen und Jmprecationcn. Wohlklang der Psalmen, die Pracht Jesaias, der Scharfsinn der Bücher Salomons ist ihnen fremde; mit der Beredsamkeit der Griechen und Römer lassen sich seine Reden gar nicht vergleichen. Und was die Macht prophetischer Thaken betrisc, hat er das Volk eingerichtet wie Moses? Thac er Wunder wie Elias? Er treibet Teufel aus, macht Kranke gesund; das alles thaten, nach eignem Bericht der Evangelisten, Vom Geist des Christenthums. 77 auch seine abergläubigen Landesleute. (Luc. 11, 19. 9, 49.) Das Exorcisiren war damals ein berühmtes Gewerbe; daher die Wunder Christi bei den Verständigem der Nation wenig Aufmerksamkeit erregten. (Luc. rr, i 9 .) Im Ton des gemeinsten Volksglaubens sind diese Wunder erzählet, (Marc. 6, 5 . 6. 7. 1,34. Luc. 6 , 7.19. K. 8, 16. Matth. 3 , 9 — 13 .) und in den ältesten Evangelien wird Christus beinah als ein umherziehender Exorcist und Thavma- turg geschildert." (Marc. 1— 9 . Apost. 10, 33 .) Geist der Geschichte einer abergläubischen Zeit!" — 4 - „Die Gabe der Weissagung dieses Propheten, (fährt man fort,) erscheint in eben derselben Gestalt. Denn wäre die Verkündigung vom Untergange Jerusalems und des jüdischen Staats auch wirklich, wie sie erzählt wird, geschehen; so ist doch die mit ihm verbundene zweite Erscheinung des Messias in Macht und Herrlichkeit unerfüllet geblieben. So manche Kunst man angewandt hat, beide Begebenheiten zu trennen, oder die Eine nur allegorisch zu erklären, so steht doch die Erzählung der Evangelien dieser Deutung gerade entgegen. (Matth. i 3 , 40. 16, 27 — 3 c>. 24,29 — 91. 29 ,i — 46. Marc. 1 3 , 23 — 37. Luc. 21, 8—16.) Der Prophet, der in Einem Stück wahr sprach, irrete also im andern, so daß seine Apostel, die eine zweite Zukunft ihres Herren lange und oft verkündigt hatten, zuletzt schon bei ihren Lebzeiten das Ausbleiben desselben entschuldigen müssen. (1 Thessal. 9 . 2 Thessal. 2. 2 Petr. 3 .) Dt4 Geist der Weissagung des Christen- 79 Bom Geist des Christenthums. thums ist von der Zeitenfolge also nicht nur nicht bewährt, sondern gerade widerleget worden, so daß in allen Sekten und Confessionen etwa nur der schwärmerische und ungebildete Theil auf eine dergleichen Zukunft noch hoffen mag." — 5 . „Wie das Christenthum anffeng, so, sagt man, gieng es fort, mit Schwärmerei und Aberglauben. Durch einen Anhauch hatte der von den Tobten Erstandene seinen Erwählten eine göttliche Macht verliehen, Sünden zu erlassen und zu behalten; (Joh. 20, 22. 23 .) sie bedienen sich dieser Gabe. Zu Jerusalem warten sie aus eine sichtbare Ankunft des Geistes; dieser kommt mit dem Hauch eines gewaltigen Windes. Sie sehen oder man sichet an ihnen zertheilte, feurige Zungen; ungelernte fremde Sprachen reden sie, begeistert. (Apost. 2.) Eine Theo- phanie und Theurgic nach dem jüdischen Begriff damaliger Zeiten. — Und von jetzt an lhun die Apostel Wunder; sie reden, beschließen, gebieten, verwünschen durch Macht des Geistes. Ananias und Sapphira stürzen todt zurück, weil sie den Aposteln eine unvollständige Anzeige ihrer Güter gethan; sic hatten nicht Menschen sondern Gott gelogen. (Apost. 5 , i— ii.) Man legt Kranke auf Betten und Bahren, daß, wenn Petrus käme, sein Schatten etliche überschattete. Man bringt Kranke und die von bösen Geistern geplagt waren , vor die Apostel, und sie wurden alle gesund. (Apost. 6, 14 — 16.) Welche Zeit, sagt man, des guten Zutrauens, d. i. des Glaubens und Aberglaubens, oder andrer frommen Künste! „Das Volk Vom Geist des Christenthums-. 7g hielt groß von ihnen, heißt cs; die an den Herrn glaubeten, waren eine Menge der Männer und Weiber." ( 5 , i 3 . 14.) 6 . „Bei weiterer Fortbrcitung des Christenthums gerath dies Wunderwesen mit dem Gewerb umher» ziehender Zauberer in Kampf. Der Magus Simon will von Petrus die Macht, durch Hände-Auflegen den Geist mitzutheilen, um Geld erkaufen. Er erscheint als ein Mitwerber; (Apost. 8,7 — 24.) und da Petrus ihn hart bedrohet, fürchtet er sich vordem Geist des Apostels, als vor dem mächtiger» Dämon. So belegt Paulus, voll heiligen Geistes, den Zauberer Elymas durch Jncreptation auf eine Zeitlang mit Blindheit. (Apost. r 3 , 6 — 11.) Jene Magd, die einen Wahrsagergcist hatte, und ihren Herren viel Gewinst durch Wahrsagerei zubrachte, erkennet eine mächtigere Gewalt Kraft ihres Geistes und verliert dessen gewinnbringende Gabe. (16, 16 '—18.) Herumziehende Juden beschwören „im Namen Jesu, den Paulus predigt;" der böse Geist antwortet ihnen, daß er Jesum und Paulum wohl kenne, sie aber nicht kennen möge, und wird ihrer mächtig. — (Apost. 19, r 3 — 17.) Das alles, unbefangen erzählet, sagt man, enthüllet den Geist der Zeit in dieser Classe von Menschen. — Denn überhaupt, welch ein Glaube gehörte dazu, daß durch Auflegen der Hände der heilige Geist mit Wunder- krästen und neuen Gaben, sogar mit dem Reden in neuen Zungen mitgethcilt werde! Damals indeß wars gemeiner Glaube; seine Erweise werden 8o Vom Geist des Christenthums. als Thatsachcn erzählet. (Apost. 8, 24—18. 19,6.) Das Auflegen der Hände ward ein ordentliches Mittel christlicher Beglaubigung, (Apost. 6, L. r Tim. 5 , 22.) und hat sich als Gebrauch der Kirche bis auf unsre Zeiten erhalten." — 7 - „Und wie viel Aberglauben erhielt sich an diesem Gebrauche! Wie mancher Betrug ist dadurch bewirkt und befestigt worden! Man hat einen bittern Streit darüber geführet, wie lange der christlichen Kirche Wundergaben geblieben seyn? und zürnte denen sehr, die sie nicht für immerdaurend annehmen wollten; indessen darf man nur die Zeugnisse von ihnen in den sogenannten Kirchenvätern und den Schriftstellern später Jahrhunderte lesen, um sie weder zurückzuwünfchen, noch den Glauben an sie zu beneiden. Mit wie gewaltsamen Zubereitungen wurden die Dämonen ausgetrieben ! mit welchen Stimmen und Gebehrden fuhren sie aus! — Ucberdem, wer durch Besprechung Krankheiten wegnehmen kann, vermag (so glaubte man) durch Besprechung sie auch zu geben; eine fürchterliche Vollmacht. — Vollends die Gabe der Sprachen in jenen barbarischen Jahrhunderten, wer wollte sie annehmen, wenn sie ihm auch geschenkt würde?" — 8 . „Und dies, (fährt man fort) nannte man Gaben des Geistes? dies machte man zum untrüglichen Kennzeichen, zum unentbehrlichen Beistände der christlichen Kirche? Wer an diese Mirakel nicht glaubte, Vom Geist des ChristenthumS. 8r glaubte, hatte den heiligen Geist gelästert; erwürbe nicht etwa nur für jene Welt zur Hölle verdammt, sondern oft auch schon in dieser Welt gepeinigt, zum Feuer vcrurthcilt oder wenigstens an Gut und Ehre aufs empfindlichste beleidigt. Wer mag die Ucbel zählen, die im Namen des H. Geistes verübt sind ; wer mag sie zählen? 9 - „Das sogenannte Amt des H. Geistes hat Schuld und Blutschuld auf sich. Als man bei Anordnung der Kirche Exoreisten zum bleibenden Stande, ja gar zu einem Priestergrad machte, öfnete man für die Folge der Zeiten unzähligen Betrügereien die Thür. Indem man Zaubereien, leibliche Besitzungen und andre Werke des Teufels voraussetzte , vcranlaßte und erschuf man sie. Der Teufel blieb der christlichen Kirche fortan unentbehrlich. Wer sollte es denken? noch jetzt, da manche weder einen Gott noch einen Teufel glauben, gicbts in der Christenheit tausend und abermal tausend geweihte, amtsmäßig dazu bestellet«: Exo reisten. Unschuldige Kinder selbst entgehen ihrer Beschwörung nicht; als ein besessenes Höllenkind wird jede Chrisicnge- burt an der Pforte des heiligen Raums empfangen; das Wasser der Taufe kann ihr nicht zu Thcil werden, bis erst der Unhold verjagt ist, dessen Werk und Wesen der Neugeborne, ehe ec sprechen kann, entsagen muß, nur daß er ein Glied der Christenheit werde. Welche Verewigung, sagt man, eines niedrigen Aberglaubens, einer die Menschheit entehrenden Denkart alter verlebter Zeiten!" Herders Werke z. Rel. u. Theol. XU. F 82 Vom Geist des ChrisienthumS. io. „Wie in diesem , (fährt mein fort) so trieb man auch in andern Stücken das Amt des Geistes. Indem man aus Geisteskraft anmaaßte, Sünden erlassen und behalten zu können, gab man oft niedrigen Leidenschaften Raum, legte den Gewissen ein Joch des Hercrzählcns aller Sünden auf, mit dem mächtigen Kanon : „welche Sünde nicht bekannt wird, die wird auch nicht vergeben." So hatte man mit dem Sündenregister die ganze Charte der Verirrungen des menschlichen Geistes und Herzens in seiner Gewalt. Man wußte, wie man Völkern, Ständen und Geschlechtern, man wußte wie man einzelnen Menschen nach den verborgensten Schwächen ihres Temperaments bcikommen konnte, und verstand sie zu leiten. Herrschsüchtig oder gewinnsüchtig schmeichelte man den Großen, gewann die Weiber, wußte den Betrogenen im Jrrthum, den Abergläubigen im Aberglauben zu stärken. — Laß cs feyn, daß dieses Amt des Geistes in barbarischen Zeiten für rohe Völker eine Schule der Erziehung habe seyn können; was sollte cs fortdaurend? Sollen die Menschen ewige beichtende Büßer, arme Sünder und Sünderinnen, die Ruthe abbittende, ungezogene Kinder bleiben? Ein Greis, der einem Jünglinge beichtet, ein Kind, das einem lüsternen Mann die Geheimnisse seines Busens aufschließt, beleidigen sic nicht die heilige Schaam und Ehrerbietung, die den verschiedenen Altern und Geschlechtern gegen einander geziemen? Vollends im Zustande eines allgemeinen Sittenverderbs , was vermag diese Vollmacht als ein todter Buchstab? Sie nährt und mehrt selbst das Sitten- Vom Geist desChristenthums. 83 verderben, indem sie Mittel verschreibt, sich mit dem H. Geist abzufinden; Vergebung der Sünden sich zu erkaufen, zu er steh len." »r. „Wenn es das Amt des Geistes ist, die Kirche im rechten einigen Glauben zu erhalten, wie tyrannisch übte man diese Vollmacht aus! — Sobald es einem Eoncilium, einer Synode einsicl, zu sagen: „es gefallet dem H. Geist und uns, euch Lehren vorzuschreiben, die ihr noch nicht kanntet, Formeln euch aufzudringen, denen ihr widersprecht, Geheimnisse, die ihr nicht zu begreifen eingestehet; ein Joch, das zwar eure Vater nicht getragen, Ihr aber fortan in allen Generationen auf ewige Zeiten hinab tragen sollet, bei Strafe des irrdischen und höllischen Feuersund wenn dieser ungeheuren Geistes - Vollma ch t der weltliche Arm treu- dienstbar, zu Gebot stand, welchen Gräueln machte man dadurch Raum ! welche Ungereimtheiten durften canonisirt werden! In Versammlungen, denen der H. Geist sehr fremde war, sang man am lautsten das Veni crsstor. Der sxiritus sanctus kam nicht; statt feiner aber wetzte der Geist der Zwietracht, des Hasses, der Rache und der Verfolgung, der Geist der starren Dummheit, der listigen Staatsklugheit, des Eigennutzes, des Ehrgeitzes geheim oder offenbar seine bluttriefende Klauen. Selbst im schwarzen Gericht der Inquisition ward der Geist angerufcn, daß er mit Martern quäle und mit Feuer taufe. O ihr Verfolgten, ihr Ermordeten, eure Angstseufzer rufen noch; euer Blut schreit an aller Welt Ende." — F 2 84 Vom Geist des ChristenthumS. 12 . „Wenn das Auflegen der Hände zum Amt des Geistes gehört, wie viel Unwürdige haben im Lauf des Christenthums Unwürdigen die Hände aufgeleget! Wie mancher Würdige mußte sie Unwürdigen, wie mancher Unwürdige durfte sie, blos seines Ahnen-Geschlechts und Ranges wegen, dem Würdigsten auflegen! Gottesläugucr haben Christi Stelle vertreten und über Himmel und Hölle gewaltet. — Und doch ist unbegreiflicher Weife diese angeblich - ununterbrochene Succcssion des Hände-Auflegens ein Vorzug geworden, den ma» nicht genug zu rühmen weiß, ein zweiter Fels, auf den die Gemeine erbauet worden! — Ach, ein verwitterter Fels; eine Kette von wie manchen unreinen Händen! Wer bei allen Weihungen, die geschahen , die Gedanken derer lesen könnte, die wei- heten und die geweihet wurden; ein sonderbares Buch würde er lesen." i3. „Endlich die Gesichte und Offenbarungen, deren sich, als einer bleibenden Geistesgabe, die Kirche auch rühmte, wohin laden sie uns? Zsts ein Elysium, das sich uns im großen Verfolg der Zeiten immer mit Stimmen aus einer bessern Welt öfnet? oder ists nicht oft ein Pandämonium, ein Gebürge voll panurgischer Zaubcrhölcn? — Wessen Herz ward nicht vom innigsten Mitleid durchdrungen , wenn er die Geschichte der Visionen und Inspirationen, der Weissagungen und Deutungen Vom Geist des Chtistenthums. 85 mehrere christliche Jahrhunderte hinab verfolgte? So manche gutmüthiggctäuschte oder sich selbstj tauschende Seele! so manche liebenswürdige, eben aber um so gefährlichere Schwärmerei und Selbstqual! — Wie ein zartbesaitetes Instrument schon durch leise Berührungen der veränderten Luft, nicht blos durch Stöße und Fälle verstimmt wird : so wurden es diese zarten Gemüthec oft blos durch den Wechsel der Zeiten. Sie suchten in der Zukunft Trost ; sie schufen aus der Gegenwart sich selbst diese Zukunft. Schreckliche oder erfreuliche Bilder traten vor ihr Auge, in denen sie mit gleichgestimmten Freunden reine Vordeutungen des Geistes Gottes, ihre Feinde dagegen Lästerung, Jrcthum, Betrug zu sehen glaubten.— Eine gefährliche Kirche, heißt cs, die diese Berggipfel und Höhlen prophetischer Vision als ihre Ge- burksstätte, ja als ein Eingenthum betrachtet, von welchem sie sich weder trennen mag, noch kann. Denn (fahrt man fort) in welchem Jahr und Jahrzehend schied der verheißene Geist von der Kirche? Ist sie nicht sein ewiger Tempel? Also müssen sich von Zeit zu Zeit Stimmen hören lassen, die andeuten, was der Geist den Gemeinen sage. Das gefährliche Instrument muß forttöncn!" „Hiemit ist also die Pforte zu übernatürlichen Wirkungen des Geistes geöfnet. Nicht etwa nur für den Wollenden geöfnet; sie ist Jedem unumgänglich gemacht, indem nach der Lehre der Kirche jeder Gläubige übernatürlicher Wirkungen gewiß scyn und gewiß werden so l l. Natur und Gnade sind im Christenthum einander entgegengesetzt, und 86 Vom Geist des Christenthums. die Gnade ist in ihm, der Natur entgegen, so fein, so mannigfaltig modisicirel worden, daß alle Subtilitat der lateinischen und französischen Sprache diese Unterschiede kaum auszudrücken vermochte. Da jede neue Streitigkeit mit der Natur neue Unterscheidungen der Gnade darbot, und die Tendenz der rechtgläubigen Kirche immer dahin gieng, den Menschen gegen die Natur zu woffnen, ihn der Gnade so zu versichern, daß er endlich vor lauter höheren Wirkungen zum Stock und Stein werden sollte; so hieß zuletzt jede eigne gute Bestrebung Pelagianis- mus, Synergismus, Stolz, heidnische Tugend; da man doch auch von der andern Seite die völlig sich hingebcnde Seelenruhe, den Quietismus, weder ganz zugebcn wollte — noch konnte. — Ein so gefährliches Feld voll Dornen ist die Lehre der Gnadenwirkungen des Geistes in der Christenheit worden; fast kann ihren Subtilitäten kein praktischer Unterricht so treu bleiben, daß er dem Ketzerrichtcr nicht pelagianisch und synergistisch, oder enthusiastisch und quietistisch dünke." r 5. ,,Denke man sich nun zarte Gemüther, die in dies Laboratorium übernatürlicher Wirkungen von Kindheit auf cingewiesen und eingezwängt werden, was wird folgen? Nach einem engen und ängstlichen Formular sollen sie jetzt Stöße an ihrem Herzen, jetzt Zerknirschungen und Traurigkeiten, wiederum Freude und Jubel, aufhellende Erleuchtung, eine plötzliche Wiedergeburt, allcsammt Wirkungen ohne Ursache fühlen, die sie also natürlicher Weise nicht fühlen, die zu empfinden sie sich ängstlich mar- Bom Geist des Christenthums. 87 tcrn. Ihre Seele, aufs Uebernatürliche gespannt, flattert im luftleeren Raum. Allmählich sinken ihre Flügel; des vergeblichen Wartens auf einen Geist, der nicht kommen will, müde, ergeben sie sich dem Welt-Geist, der sie williger aufnimmt. Gewöhnlich wurden die größesten Ausschweifungen von denen verübt, die dieser Zwang- und Kampfschule des heiligen Geistes scheu oder muthwillig entkommen waren." — r6. „Oder man behilft sich mit Worten, sagt was man nie gefühlt hat, und wird beim Nachfagen alter Formeln vor Gott, vor Menschen und vor sich selbst ein Heuchler. Denn Heuchler sind und bleiben es doch, die das, was sie selbst nie erfuhren, andern aufdringen, und den inncrn Zustand fremder Gemüthcr sogar mit scharfer Peinigung richten. Einige sind hierin so weit gekommen , daß im peinlichen Unheil die Grade der Tortur nicht genauer bestimmt werden mögen, als die Regeln, nach denen sie unter dem Mantel der Liebe jede übernatürliche Erfahrung im Herzen andrer bestimmen und leiten. — Arme betrogene Menschheit, die ihrer Natur entsagen , sie verleugnen und verwünschen soll, um außerhalb den Grenzen aller Natur unnennbare und ungcfühlte Wirkungen zu erwarten! Arme getauschte Jugend, die bei der ersten Frische aufrichtiger Erwartungen verdammt wird, leer und nichtig in ihrem Innern zu wühlen! — Zeitlebens bleiben dem Ge- müth von diesen Buß - und Seelenkampfen, wo nicht Verschraubungen, so doch Gebrechlichkeiten, Striemen und Narben." — L8 Vom Geist des Christenthums. Zweiter Abschnitt. L. Was bisher angeführt worden, sind jedermann bekannte Vorwürfe, die laut und im Stillen, spottend, ernsthaft oder jammernd dem Christenthum gemacht werden, ja fast zu allen Zeiten gemacht sind. Man antwortete, wie man konnte, oder antwortete gar nicht; man fuhr fort zu behaupten, verachtete und verfolgte. Ich zweifle, ob über irgend Eine der sogenannten christlichen Glaubenslehren mit reiner Uebcrzeugung die Antworten bedächtiger zu stellen waren, als über den Artikel von den Gaben, dem Amt und den Wirkungen des Geistes. 2 . Denn offenbar liegen diese Zweifel und Fragen uns nahe und zunächst. Was von der ewigen Geburt des Sohns, von seiner Person, als er auf Erden wandelte, und von seinen Naturen, seit er im Himmel ist, gedacht werden soll, ist uns fern; was aber der Geist Gottes in meine Seele zu wirken habe, wenn ich hienieden und dort glücklich seyn will , ist eine Frage aus der innersten Kammer meines Herzens. Vom Gebrauch und Mißbrauch göttlicher Gaben und Kräfte kommt alles Glück und Unglück der Menschheit, ja die Verwüstung oder Erhaltung der ganzen uns anvcctrauten Schöpfung her. Vom Geist des Christenthums. 89 3 . Wenn ich z. B. in Erwartung übernatürlicher Kräfte die mir geschenkten natürlichen Gaben nicht anbaue und mich ihres Gebrauchs scheu und knechtisch begebe, verwahrlose ich mich nicht selbst? vergrabe ich nicht wie ein Ungetreuer mein Talent irr die Erde? 4 - Oder wenn ich irgend eine ungewöhnliche Naturgabe für übernatürlich ausgebe, betrüge ich nicht mich und betrüge andre? 5 . Wenn ich einen kleinen Kreis meiner inner» Erfahrungen als Summe aller Erfahrungen an- nchme, und mich im Kleinsten und Größesten andern zum Muster ausdrange, bin ich nicht ein gefährlicher Thor? 6 . Und wenn ich eine mißverstandene Geschichte alter Zeiten für die Geschichte meines Tages halte, bin ich cs minder? 7 - In allem diesem müssen wir rein und gewiß seyn: denn Halbwahrheitcn und Halblügen, als Wirkungen und Wege des Geistes der Wahrheit ausgesprochen, sind eine harte Beleidigung dieses Geistes. Schaden und Schande hat es der Christenheit gebracht, daß man einst den frommen Betrug (xiarn krauäsrn) auch 'zur Oekonomie des heiligen go Vom Geist des ChristenthumS. Geistes zu rechnen wagte: denn nichts hat den Namen der Christenheit so sehr vcrunehret als die fromme Lüge. Sie hat die Wahrheit selbst zur Lüge gemacht, indem sie die Lüge zur Wahrheit machen wollte. 8 . Kann man cs leugnen, daß jetzt Manche den gemeinen Christenglauben mit der griechischen und panischen Glaubwürdigkeit für Eins halten? und beinahe für gewiß annehmen, daß jedermann heuchle, daß im Christenthum Niemand sein Glau- bensbekenntniß glaube, als etwa die dumme, sogenannt - ehr i stl i ch e Einfalt. 9 - Aufrichtigkeit werde also auch hier der Grund der zu untersuchenden Wahrheit, und sofern sich dieselbe aus der Schrift ableitet, müssen wir zuerst über folgende Grundsätze Eins seyn: 1. Was wir die Bibel des alten Testaments nennen, ist eine Sammlung morgcnlandischer Schriften , die, einem großen Theil nach, in die Kindheit der Welt gehören. Zn den damaligen Zustand des Menschengeschlechts und des Volks, unter dem sie geschrieben sind, müssen wir treten, wenn wir von dem, was ihnen Geist Gottes war, reden hören. Denn alle Geschichte sagt uns, daß gerade in dem, was verschiedene Nationen und Zeitalter Geist und göttlich nannten, die größeste Eigenheit herrsche; mithin Ausdrücke solcher Art aufs Gccalhcwohl nach unsccm Sprachgebrauch oder nach Vom Geist des Christenthums. 91. willkührlichen Deutungen erklären, wäre offenbar eine Verwirrung der Zeiten, der Völker und des menschlichen Verstandes. 2. Die Schriften des alten Testaments, wenn man die Apokryphen mitrechnet, begreifen dem Inhalt nach einen Zeitraum von beinahe vier Jahrtausenden; der Zeit der Abfassung nach stehen manche Stücke über ein Jahrtausend aus einander. Wer diese Bücher liefet, als ob alle von Einem Mann, in Einem Monat und Tage geschrieben seyn, verwirret abermals Zwecke und Zeiten. Denn eben darin besteht ihr Zusammenhang, daß der Inhalt der frühesten nach Sache und Ausdruck allmählich entwickelt, und der alte sinnliche Sinn immer mehr zum geistigen Sinn werde. 3 . In eben solchem Zusammenhänge stehet das sogenannte neue Testament mit dem alten; es enthält eine Erfüllung desselben , wie sie damals gedacht und geglaubt ward. Wer sich auch hier nicht in die Denkart der Zeit stellt, um zu unterscheiden, was zum Wesen der Sache oder zum Beirath gehöre, der vermag schwerlich die Geschichte oder die Meinungen irgend eines, geschweige eines so prägnanten und sonderbaren Zeitalters zu prüfen, in dem diese Bücher geschrieben wurden. 4. Was die Kirchengeschichte von Anwendung oder Deutung der Begriffe des Ehristenthums zeigt, begreift einen Zeitraum von mehr als anderthalb tausend Jahren. Wie viel konnte in denselben geträumt und mißdeutet, geordnet und mißbraucht werden! Kein Cvncilium aber verändert hier die 92 Vom Geist des Christenthums. Natur der Sache; keines darf dem Geist Gottes d. i. unsrer Ueberzeugung und der gefunden Auslegung jener Schriften gebieten, daß sie sagen sollen, was sie nicht sagen, daß wir annehmen müssen, was für uns nicht da ist. Denn diese Schriften existiren noch; wir können sie lesen und prüfen. 5 . Jede werdende Gcfeilschaft, (so auch die christliche) hat oder schaffet sich ihre eigne Sprache. Diese ist ihr Symbolum , ihre Losung. Wer nach zwei Jahrtausenden, wenn die werdende Gesellschaft langst geworden und vielleicht gar nicht mehr dieselbe ist, ohne Sinn und Geist an den Formeln und Symbolen ihres Ursprunges, als waren sie das Wesen, haftet, der verliert eben dadurch den Zweck ihres Daseyns für seine Zeit, weil er in einer ihm fernen Zeit zu leben anstcebt. 6. Und da cs unleugbar ist, daß die Stifter dieser werdenden Gesellschaft des Christenthums nicht griechische Philosophen, noch weniger Theologen des dreizehnten Jahrhunderts, sondern Ebracr, größten- Iheils ungelehrte Galiläer waren; so ist cs Thor- heit, ihren Vortrag nach griechischen oder lateinischen Abstraktionen zu verstehen und zu richten. Man rückt sie ganz aus ihrem Kreise, wcsin man z. B. Ausdrücke der Dankbarkeit, die sie aus übcr- fließendem Herzen, in einer ihnen ungewohnten Sprache, pleonastisch, wie sich das volle Gemüth des gemeinen Mannes zu Menschen gleicher Art gewöhnlich ausdrückt, in grübelnde Sophistereien oder gar in menschenfeindliche Dogmen verwandelt. 7. Je feindseliger eine dergestalt erzwungene Lehre dem menschlichen Gemüth und Geschlecht ist, Dom Geist des Christenthums. g3 desto sicherer scy man, daß sic nicht im Sinne der Stifter gelegen : denn der Sinn dieser ging offenbar auf eine Bildung nicht zum Menschenhaß, sondern zur Menschenwohlfahrt. Je mehr dergleichen Lehren die Vernunft unterjochen, um dunkle Geheimnisse und einen christlichen Götzendienst sestzustellen, desto sicherer sey man, sie lagen nicht im Sinne der Stifter : denn diese giengen, wie wir sehen werden, eben darauf hinaus, todten Formeln Geist zu geben, das Reich der Nacht und des Aberglaubens zu zerstören. Je mehr frommer Betrug endlich in diese Lehren sich cinwebte, je mehr böse Leidenschaften man dabei zu Hülfe rief und nährte; desto sicherer glaube man sich entfernt von einem Geist, der Aufrichtigkeit, eine mit Lügen nicht gemischte Güte und Wahrheit liebet. ro. Da aber von seinem Anfänge an das Christenthum nicht Lehre allein, noch weniger ein todtes System von Worten und Gebräuchen, sondern ein lebendiges Institut war, so mußte es als solches die Natur und den Gang aller Institute haben. Wer hierin etwas anders erwartet und eine Anstalt unter Menschen, durch Menschen fortgeführt, dennoch von menschlichen Kräften und Bestrebungen, von Jrrthümern und Schwachheiten, ja von allen Anlassen und Zufallen der Zeit rein abgesondert denkt, um sich einen Gottesstaat zu erträumen, der begehrt eine Geschichte, die keine Geschichte ist, noch seyn kann. — Also wäre es dem Christenthum kein Vorwurf, wenn man ( IH" 94 Vom Geist des C h rist e n lh u m S. 1. Vom reinen Sinn des Stifters auch bald abgekommen wäre. Jsts nicht so mit allen Instituten? Hat der Stifter des Chri- sienthums dies nicht selbst vorhcrgesagt? Konnte es anders werden? 2. Eben so wenig wäre es dem Ehristenthum ein Vorwurf, wenn die ersten Verbreiter desselben den Plan des Stifters erweitert hätten. Sagte Er nicht selbst, daß dies geschehen müsse? daß nach seinem Hingange der Geist sie zu Wahrheiten führen werde, die sie jetzt noch nicht zu tragen vermochten? (Joh. 12, 24. Kap. 14 — 16.) Und wenn hiezu jeder der Verbreitenden nach seiner Fähigkeit, in seiner individuellen Art und Weife beitrug; so war dies Natur der Sache, der man mit sehenden Augen nicht widersprechen darf. Der Geist des Christenthums belebte mancherlei Gaben, jede in ihrer Weise. (1 Cor. 12,1 — 3 r.) 3 . In vergangenen Zeiten möge das Christenthum gewesen seyn, was es wolle; die Hauptfrage bleibt: was es uns jetzt seyn kann und seyn soll? Eine Terminologie jüdischer Worte und Gebrauche gewiß nicht; noch minder eine ewig fortzuführende Terminologie mißverstandner jüdischer Worte. Dom Geist deS Christcn th u ms. g5 Dritter Abschnitt. I. Hauch Gottes, regende Naturkräfte. i. Bewegung ist uns, die wir den innern Zustand der Dinge nicht kennen, das Kennzeichen geäußerter Kraft; dahin geht die Sprache der Natur bei allen Völkern. Wenn also bei den Edraern im Bilde ihrer Weltcntstehung Hauch Gottes bewegend über den Wassern schwebt: so war und blieb dies ihnen ein sprechendes Bild. Wo sich im- wohnendc Kraft in den Geschöpfen regt und sie treibet, da wehrte göttlicher Hauch; da war der Athem des Allmächtigen mächtig, (i Mos. r, 3. Ps. 33, 6 . i3Z, 7 - 147, Ies. 40 , 7 .) *) Die meisten Mißverständnisse bei der Lehre vc>m Geist rühren daher, daß man den sinnlichen Ur- begriff der Ebraer bei dem Worte ^"1 verkannte. Wir denken uns bei dem Wort Geist (esprit, Lxirit, Spiritus) ganz etwas anderes, als sich der Ebraer bei seiner Ru ach dachte, die ihm ursprünglich Wind, Hauch, Anhauch, Athem, Belebung war, weiblich genetisiret» S. die Erläuterungen am Ende dieser Schrift. Vom Geist des Christenthums. 96 2. Und zwar ward hiemit Gott nicht die Seele der Welt, als ob Er sich allen Geschöpfen eingösse und eingcgosscn habe; der belebende Athem war Hauch seines Mundes, sein Machtwort; der Wind sein Diener, die Feuerflamme sein Bote. (Ps. 104, 4.) 3 . Leicht wurde daher im Ebräischen Ausdruck Hauch (Befehl, Wort) Gottes die Bezeichnung jeder erregten neuen Kraft der Völker. Mit Wasserwegen wurden diese verglichen, mit Wellen des Meers, die der Anhauch Gottes aufregt und senket. 4 - Auch die Zeiten des Messias wurden unter diesem Bilde vorgebildet; (Hagg. 2, 6.7.) und so war es der alten Sprache gemäß , daß Apostel und Evangelisten bei Ankunft ihres Messias diese Regung des Geistes als einen Anhauch Gottes in mancherlei Sinne bemerkten. 5 . Da überhaupt den Morgenländern der Wind das furchtbarste und erfreulichste Element ist, indem er sie bald mit seinem heißen Athem versengt und mit stürmischer Gewalt ihre Gezelte wegführt, bald aber auch mit gelindem Anhauch sie erquicket, die Erde grünen macht und balsamische Gerüche verbreitet: so blieb ihnen dies aus den ersten Jugendzeiten der Welt Vom Geist des Christenthums. 97 Welt hergenommene Bild der wirksamen Gegenwart Gottes vielfach anwendbar. Athem Gottes tödtete und belebte, führctc hinweg und brachte wieder, machte erstarren und erquickte; wo Hauch Jehovahs war, war Er. II. Göttlicher Athen:, die Kraft im Menschen. 1. Der Mensch, ein Ausbund der Kräfte der Schöpfung ist eine Sammlung des edelsten Lebens, Gottes Bild und Stellvertreter; Hauch Gottes belebte ihn also, (r Mos. 2, 7.) In einer irdenen Hütte wohnt Kraft des Allmächtigen, des Gütigen, des Weifen. — Mannigfaltig ist dieser Ausdruck in der Sprache der Ebräer insonderheit dahin ausgebildet worden, um im Menschengeschöpf den schwachen, hinfälligen und den gebietenden, mächtigen Theil zu unterscheiden. Athem Gottes war ihnen Ausdruck des Muths, des Entschlusses im Menschen. Auf wen der Anhauch Jehovahs kam, wen seine lebendige Gegenwart ergriff, den füllete Leben. (Nicht. 6, 34. 14, 6. 16,4.) 2. Und da die edelsten Kräfte des Menschen, Verstand/Weisheit, Wille, sich durch Rede offenbaren; so äußerte sich dieser cinwohnende Hauch Gottes, (Geist) am edelsten durch Rede. Daher das Wort Gottes im Munde der Propheten und Weisen, der Athem, der durch ihre Lippen sprach, von dem ihre Harfe erklang, der ihre Gesänge belebte, (s Sam. Herders Werke;. Rel. u. Theel. XII. G g8 Vom Geist des EhristcnthumS. 23 , 2 . Hiob 32 , 8 — 20. Es. 61, i— 3 .) Durchaus haben diese Bezeichnungen nach morgenländischer Denkart das Drückende nicht, was ihnen die scholastische Dogmatik gegeben, die selbst den Geist Gottes, (ehedem der mildeste, freieste Anhauch!) in Fesseln zu legen wußte. Alle vorzüglichen Gemüthskrafte hießen in der Sprache der alten Welt Gaben deS Geistes Gottes, und ihre zwanglose, mächtige oder gefällige Aeußerung war eben ein Kennzeichen dieser Gabe. Im huldreichen Joseph galt sein Verstand , seine Klugheit, sein Blick in die Zukunft, für eine Tugend der Elohim, die er mit keiner Versündigung beleidigen wollte; (r Mos. 3 ^, 6 — ro. 3 g, 9. 4», 6. 41, 38 .) Geist Gottes war in ihm. Selbst in Bileam, als er weissagend die Zukunft sah; (4 Mos. 22 — 24.) im Saul, als das Eher der Sauger ihm begegnete und den Furchtsamen in seine Begeisterung zog. (r Sam. 10, 5 — r 3 .) war Anhauch Gottes. Er war in den kunstreichen Männern, die am Bau und Gecäth der Slistshütte arbeiteten; (2 Mos. 3 i, 3 . 35 , 3 i— 35 .) eine Bezeichnung, die ihre Naturtalente, ihren auf Erlernung und Ausübung dieser Künste gewendeten Fleiß nicht ausschloß, sondern eben bezeichnend erhöhte. So bei den Männern, die in die Zukunft blickten, die mit Kenntniß ihres Landes und des Zustandes der Dinge rings umher (Dan. 4, 5 . 6.) weiter als andre sahen — Niemand in der Welt würde damals eine künftige Auslegung vermuthet haben, die das was ihnen Geist Gottes hieß, allen Naturtalenten entgegensetzte, da eben diese glücklichere Naturanlagen, oft auch die Ausbildung derselben, dem beseelenden Anhauch eines höheren Geistes Vom Geist des C h r i st e n t h u m s. 99 gleichsam Raum schafften, so daß diese Begabten von Unbegabten sich wie Könige unterschieden. Lieblinge Gottes fühleten sie sich; göttlicher Athcm er- guickte sie und erheiterte ihr Antlitz. Mit furchtsamer Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und Klcin- mulh, sagten die Ebraer, paaret sich Geist Gottes nicht. Gin freudiger, seiner Sache gewisser Geist ist dieser himmlische Athem; wem er entwichen ist, der fühlt sich verworfen von Gottes Antlitz; ihm verschmachten seine Gebeine. (Ps. 5r, 12—i5.) Mit Freudenöl ist der Gottbegabte gesalbet.^ (Pf- 45, L.) 3. Wenn also diese Fülle von Leben und Muth, von Lust und Liebe zu seinem Werk, von Gaben des Geistes und des Verstandes Geist, Anhauch Gottes hieß; wie konnte der künftige, heilbringende König anders geschildert werden, als in diesem Ideal, der Menschheit höchstem Charakter?*) *) Viele Ausdrücke der Schrift vom Sohn Gottes haben die Idee eines Lieblinge s der Gottheit, als eines Ideals der Menschheit zum Grunde. Jede Nation dachte sich ein solches Ideal in eignen Zügen; die Ebräcr auf ihre Weise. Sohn Gottes heißt ihnen Gottes Liebling, und das Luininuni der Kräfte, die ihn belebten, heißt ihnen Gottes Geist, (Anhauch, Beistand.) Der Vie lg el i eb t e, der Bielbegabte, der durch seine Gaben vor allen Ausgezeichnete, d. i. mit dem Siegel Gottes Besiegelte, ist ihnen Gottes Sohn und Liebli ng. (Matth. 3 , 17. Joh. 3 , 27. s.) G 2 Verstand und Weisheit, Math und Stärke, Erkenntnis und siiechtschaffcnheit sollte Er besitzen; er würde schnell fassen , hell blicken, scharf unterscheiden , mit dem Blitz Eines Worts Recht und Unrecht trennen, den Unterdrücker zerschmettern, dem Unterdrückten helfen. Jede edle Menschen - und Königsgabe ist ausgezeichnet in seinem Bilde, (Jes. 11,1—5.) und der Prophet selbst, wenn er so glückliche Zeiten ankündigt, fühlt sich einen Gesalbten, einen Bräutigam, einen König. (Jes. 61, i — 3.) 4 - Konnte es anders seyn, als daß, wenn die Evangelien die Ankunft dieses Ncichbegabten melden, sic diesen göttlichen Anhauch an ihm erkannten? Das Ideal, das ihnen ihre Sprache gab, das von der gesummten Vorzeit gezeichnet dastand , hieß Geist Gottes, d. i- die Summe aller Kräfte, der edelsten Gaben und Talente. In ihrer Sprache wars also der reinste Ausdruck: er war vom Geist gebildet; Kraft des Höchsten halte ihn belebet, Ihn den Einzigen seiner Art, Gottes Liebling." (Luc. i, 35.) Was schwach geboren ist, sagt Christus, ist schwach und von alltäglicher Denkart; was unter dem Anhauch Gottes geboren ist, hat Kräfte, die dem gemeinen Sinn unbegreiflich, auf unerkannten Bahnen mit Macht und Schnelle des Windes wirken. (Joh. 3, 6 — 3.) Ein Mensch kann ihm nichts nehmen, sagt der bescheidene Johannes, es werde ihm denn gegeben vom Himmel. Ein irdischer Mensch denkt in einem Kreise irdischer Gedanken, über welchen er nicht hinaus kann; der Vom Geist des Christenthums. 101 Genius himmlischer Abkunft ist über fle olle hinüber; in einer höheren Region, leicht und glücklich wirkend. Ihm, dem Lieblinge Gottes ist alles möglich." (Joh. 3 , 27 — 35 .) In dieser Fülle von Gaben wird Christus von den Evangelisten dar- gestelll; eine Glorie, als des Einzigen, des Gott- erzeugten umgiebt ihn, Huld und Wahrheit. (I. 1, 14.) Seines Weges gewiß, erscheint er in der Freude eines Bräutigams, der um sich Freude verbreitet. (Joh. 3 , » 3 . 29. 3 o. Matth. 9, i 5 —17. Luc. 4, 22. 32 .) Er flehet Gedanken; Kraft geht von ihm aus; sein Wort wirkt in die Ferne; das verborgene Geheimniß der Weisheit ist in ihm. (Matth. 8 —11.) Wenn Petrus, als er auftrat, ihn in Kurzem darstellen will, spricht er: „Ec war ein Gottesmann, unter euch mit Thaten erwiesen; gesalbt mit heiliger Kraft; Gott war mit ihm." (Apost. 2, 22. 10, 38 .) III. Geist Gottes, ein sich mitthcilendes Leben. i. Jede lebendige Gabe theilet sich mit. „Gott nahm von dem Geist, der auf Mose war, und legte ihn auf die siebenzig Ael- rcsten des Volks, die seine Stelle vertreten sollten." (4 Mos. ir, 26.) Diese Worte wurden der Text zu reichen Commentarcn. *) Der Bau ) ,,Der Geist, hieß es in der jüdischen Deutung, blieb bei Mose in seiner vollkommenen Kraft und gleichwohl ward den andern vom Geist Moses ihr 103 Vom Geist des Christenthums. ihrer Sprache, die das Leben, die Seele in der mehreren Zahl ausdrückte, machte ihnen den Ausdruck geläufig, daß in einem Menschen viel Seelen, viele Leben wohnen. Zu diesem oder jenem Geschäft, sagten sie, kam auf Den, der es thun sollte, der Geist dessen, der ein Meister dieses Geschäfts war und blieb auf ihm oder verließ ihn nach Vollendung des Geschäftes. * *) Die letzte Bitte des furchtsamen Elisa an seinen wegscheidenden Lehrer war, daß bei den noch schlimmeren Zeiten, die er voraus sah, Elias Geist, seine lebendige Kraft, zwiefach auf ihm seyn möchte. Dies waren gewöhnliche Ausdrücke der sehr einfachen cbraischcn Sprache. 2 . Und im Geist dieser Sprache ist die Geschichte der Gründung des Christenkhums geschrieben. „Als Jesus (sagt sein Freund und Liebling,) unter uns war, schöpften wir aus seiner Fülle; (Joh. r,i6.) hinfort soll jeder seiner Freunde selbst ein Quell Theil gegeben. Eben wie wenn man ein Licht am andern anzündet, oder wie ein Mensch den Geruch einer Frucht empfindet, dadurch ihr nichts abgehet u. f." *) „Jenem Mann z. B., in welchem Geist war (llMos. 27, 16—21. sagte die Deutung) hatte der Gott der Geister, als er ihn über die Gemeine setzte, den Geist Aller gegeben, denen er vorstehen sollte, daß er Jedem nach seines Herzens Wunsch Math und Antwort geben konnte. U. s. Vom Geist deS Christenthums. io 3 der Erkenntniß, der Erquickung auch für andre werden. (Joh. 4, 14. 7, 38 . 39.) Schöne Bezeichnung des Zusammenhanges, da vom Lehrer auf seine Schüler, vom Freunde auf seine Freunde, Weisheit, Thätigkcit, Gewißheit, Freude, Muth und Entschluß übergieng, womit sie späterhin auch andere zu starken vermochten. — In eben dem Sinn versprach Jesus den Seinigen seinen Geist, der ihn abwesend ersetzen , ja gar v e r k l ä r cn, d. i. ganz ins Licht stellen werde. Erinnern würde er sie an Alles, was ihr Freund ihnen gesagt hatte; ein Geist des Friedens, den sic an ihm gesehen, des inneren Muthes, der ihn belebt hatte, würde er ihnen seyn, gegen den Vcrläumdcr und Verfolger ein kräftiger Beistand. Wiedort, als Josua und die Aeltesten an Moses Stelle traten, mit der Pflicht ihres Amts, auch Kraft über sie kam, ihr Amt in Moses Geist zu verwalten; wie Elisa, um das Geschäft des Elias fortzusetzen, sich dazu seinen Geist erbat: so gehörte zum Geschäft Christi auch der Geist seines Geschäftes, seine Weisheit, sein Muth, seine Hoffnung. „Der Anhauch der Weissagung, der Gesichte, der Gesänge, (sagen die Ebräer,) kommt und gehet vorüber; der Geist der Weisheit aber bleibt bei dem Menschen, ein inwohnender, von ihm unzertrennlicher Freund." Einen solchen versprach Jesus seinen Freunden. Wo irgend also im neuen Testament an den Geist Christi gedacht wird, da a th m e t M u t h, Hoffirung, Geselligkeit, Liebe und Freude. Es ist ein freudiges Testament, sagt io4 Vom Geist des Chrkstenthums. Luther, keine Verfassung des Traurens; mit dem Del der Freude sind Christen gesalbt, vom Anhauch Gottes belebte siegreiche Könige, einer fröhlichen Zukunft gewisse, freudige Propheten. — IV. Geist Gottes, Richter der Völker. i. „Mein Hauch, hieß cs in jener alten Schrift, soll nicht mehr Aconen-Hin mit dem Menschengeschlechts rechten : sie sind ein verderbtes Geschlecht, Fleisch." — Dies Richteramt unter den Menschen ward im ebraischen Redegebrauch fortgehend das Geschäft des heiligen Athems und Wortes Gottes, der göttlichen Beseelung. Der schwache irrdische Theil im Menschen bildet (hieß es,) sinnliche Gedanken , gemeine, niedrige Begierden; ihm ist ein Richter vorgesetzt, ein Zurechtweiser und Unterscheider. Die edlere Kraft im Menschen, die wir das Gewissen nennen, nannten die Ebraer ein hauchendes Wort Gottes, die innere Stimme des Rechts und der Pflicht. (MN' Ml) Sie sprach durch den Mund der Propheten, richtend zwischen Gott und dem Volk, einem zweischneidigen Schwerdt gleich, (Ebr. 4, 12.) gleich einem Hammer, der Felsen zerschmettert. (Jer. 23, 29.) 2. Auch vom Munde Christi gieng also in der Sprache der Ebraer dies zweischneidige Schwerdt aus; (Offcnb. 1, 16. Jes. 11, 4.) sein Geist sollte richten unter den Völkern. (Joh. 16, 6 — 11.) „Möge Dom Geist des Christenthums. io5 die Welt, der Aeon, es zugestehen wollen oder nicht, die Zeit des Aberglaubens und Götzendienstes, des Betruges und der Verblendung sey vorüber." 3 . Mit überraschendem Erfolg trat zur Zeit des werdenden Ehristcnthums dieser Richter der Gedanken und Herzen, der wehende Geist unter die Völker: denn aus mancherlei Wegen hatte die Vorsehung dazu bereitet. Jene Mauern, durch welche Nationen und Nationalgottesdienste mit vielen Vorurtheilen von einander gesondert gewesen waren, sielen morsch und mürbe zusammen; Perser, Griechen, Römer hatten dazu auf sanften und rauhen Wegen ihr Werk gethan. Verlassen standen bald die Altäre der Götzen: die Orakel schwiegen, weil niemand sie mehr befragte, man schämte sich der alten Auspicien, Au- guricn, Ceremonien und Opfer. Der ganzen Verfassung nach traf das Christenthum auf die Zeit einer großen Entscheidung und sprach das Wort dieser Entscheidung aus, das End- urtheil eines göttlichen Athems. .V. Anhauch Gottes, der Erwecker mancherlei Gaben. 1 . Längst war von jenen cdeln Sehern der Zukunft eine Zeit verkündigt, da nach aonenlanger Nacht Licht aufgehen, und das Erkenntniß Gottes verbreitet seyn sollte, wie das Weltmeer den Abgrund deckt. Es war eine Zeit verkündigt, da kein Bruder dm andern fragen würde: „Lehre mich Gott erkennen sie sollten ihn alle kennen, klein und groß. An kein Geschlecht sollte der Dienst Jehovahs gebunden seyn; alle Völker sollten ihm dienen. An keine Prophetenzunft sollte die Gabe der Weissagung, d. i. hellfehendcc Verstand und ein reines Gefühl der Wahrheit ausschließend befestigt seyn; über allerlei Menschen, ohne Rücksicht des Standes und Alters, über Söhne und Töchter, Jünglinge und Greife, Sklaven und Sklavinnen sollte sich göttlicher Geist ergießen, der nach eines jeden Art und Anlage die in ihm schlummernden Kräfte belebt. (Joel 3 , r — 3 . Jes. 44, r — 5 .) Verheissungen solcher Art waren geschrieben, wurden gelesen und warteten auf die Zukunft. — 2 . Diese Zukunft kam. Und wie die größesten Begebenheiten vom Kleinsten ausgehen, so mußte Ein unvermutheter Vorfall, die Wiedererwachung eines Gekreuzigten und sein mächtiger neuer Antrieb zuerst in jedem seiner Schüler die Gabe wecken, die in ihm war und sie alle zu seinem Geschäft, zum Heil der Völker beseelen. Zerrissen wurden durch sie die alten Bande des Pciesterstolzes, die Gefangenen wurden frei und aller Art Menschen Gaben gegeben. (Eph. 4, 7. 8.) Schon jenes erste Symbol am Psingstfeste sagte dies; *) (Apost 2, 3 .4.) *) Auf jeden der Bersammleten kam der Geist ohn' Unterschied des Geschlechts. (Äpost. 1 , >4.) „Sind nicht diese alle aus Galiläa , aus dem Vom Geist des Christenthums. 107 Freiheit im Gebrauch der Gaben charak- tcristrt fortan die Glieder der neuen Gemeinschaft. Erfüllet mit dem Geist, d. i> voll göttlichen Anhauchs, redeten sie das Wort mit Freudigkeit, wie jeder konnte. (Apost. 4, 3 i.) 3 . Demnach hießen der ersten Christenheit alle guten Gaben, und was zum Dienst der neuen Verbindung irgend angewandt werden konnte, G a- ben des Geistes. (Apost. 6, 3 . 5 — 8. 10. Kap. 11, 22 — 24.) Paulus, der ein Verzeichniß solcher Gaben nach Aemtcrn und Kräften giebt, (1 Cor. 12.) betrachtet sie alle als Talente zum gemeinen Nutz, die der Anhauch Gottes und Christi, der Geist des Christenthums, nach natürlichen Anlagen weckte, durch Uebung förderte, nach Bedürfnissen anwandte. (1 Cor. 12, 3 i. Rom. 12, 1 —8.) Nicht wunderbare; nutzbare Gaben will der Apostel, unter denen er auch die gemeinste der regenden Kraft des Gottes zufchreibt, der Alles in Allem wirket. Alle sollen dem Christcnthum, als einem vom Geist Gottes belebten Ge- m einw e sen dienen. (1 Cor. 12,4 — 7.) VI. Geist Gottes, Vereiniger der Völker. 1. Wars also Gottes Anhauch, der alle gute Gaben zum gemeinen Nutz und Dienst erweckte; was in ungebildetsten Lheil des jüdischen Landes?" sagten die Fremden, (Apost. 2, 5 —12.) worauf ihnen Petrus die Erscheinung auslegte, (il. — 3 L.) Einer Gemeinschaft non Menschen und Familien gilt, warum sollte es nicht auch von Nationen gelten? Wahrheit ist in allen Herzen Wahrheit; Liebe in allen Herzen Liebe. 2 . Sollte einzelnen Menschen durch Anhauch Gottes Muth und Sinn erneuert, die Hartigkeit gebrochen, das Herz erweicht werden; warum nicht auch Völkern? Allenthalben sollten die tobten Leichname hervorgehen, weil Athem Gottes sie belebte. 3 . Also mußten Nationen wie Menschen sich ein- verstehcn, ihre Bestimmung gegen einander kennen lernen und unter Einem Vater im Himmel gegen einander Brüder werden. Das auf Sinai gegebene Gesetz hatte die Israeliten von allen Völkern getrennt; es war aber, (wie die Deutung der Weisen sagte,) durch den Dienst der Engel aller Nationen, in den Sprachen aller Völker gegeben, mit reichem Sinn, mit unzahlbaren Wegen der Anwendung. Alle Völker hatten, nach dem jüdischen Ausdruck, die Echo dieser Stimme gehöret. Erschiene einmal, (fuhr die Deutung fort,) die Zeit, daß das innere Gesetz des Herzens laut spräche; (diese Zeit sollte der allbelebende Geist erwecken und befördern;) so müßte, so würde diese Echo des Gesetzes allenthalben antworten, der gebrochene Schall würde zu einer Stimme zusammen fließen, und in allen Sprachen Jchovah nur Einer scyn, sein Name nur Einer. Wodurch? Durch das redende Wort Gottes im Menschen, durch den alle Völker Auf mancherlei Wegen war diesem Einv erstarr dn iß oder wenigstens einer mehreren Gemeinschaft der Nationen vorgearbeitet. Vom Euphrat bis zum Tagus, vom Nil bis zur Donau waren die Völker zum Theil durch harte Bande der Eroberung verbunden; der Geist, der einst jeden an sein Vaterland fesselte, war hinweg; wohin nun die Tendenz dieser an ein fremdes vaterloses Rom geknüpften vaterlandlofen Völker? 5. Auf das Reich, worauf seit Jahrhunderten jedermann hoffte; auf das Reich, um welches Jesus seine Schüler bitten gelehrt, dessen Ankunft er verkündigt, auf dessen Blüthe er sich, wenn sein Samenkorn in der Erde erstorben wäre, gcfrcuct hatte. (Joh. r2, 20 — 32 .) Nach seiner Auferstehung, da er einer Nation, die ihn gekreuzigt hatte, nicht mehr anzugchören schien , sprach er als ein allgemeiner Hirt der Völker, anordncnd eine Botschaft für alle Nationen. Eon Zion aus sollte, nach jener alten Weissagung, der Strgm sich ergießen, der alle Völker mit Leben erfrischte. (Apost. 1,4 — 8.) 6 . Sobald diese Botschaft begann, zeichnet Lucas in ihr den Geist aus, der Völker und Sprachen bindet, den christlichen Universalismus. Aus allen Provinzen des römischen Reichs von den par- thischen Gebirgen bis nach Arabien und Kreta führet er Fremdlinge auf, die den ersten begeisterten Vor- HO Vom Geist des Christenthums. Mg des Christcnthums anhören; olle finden in ihm ihre Sprache, ihren Dialekt und Ausdruck. Einige spotten; andre werden irre; Petrus spricht, und gegen dreitausende treten sogleich in die Hoffnungen dieses Gemeinglaubens durch den alle Völker und Sprachen verbindenden Geist eines neuen Bundes, einer neuen Constitution derVölker. (Jer. 3 r, 3 r.) 7 - Fortan sind alle bei einander, haben alle Dinge gemein, und die Gunst des Volks ist mit ihnen. (Apost. 2, 42 — 47.) So schreitet das Werk weiter; die Geschichte, die Briefe der Apostel sind Zeugen dieses Völker-sammlendcn Geistes. Alle sprechen von einer neuen Schöpfung, von einer aus allen Völkern sich sammlenden Christengemeine. VII. Geist Gottes, Haushalter und Führer der Gemeine. i. Zu welchem Hauptbegriff leitet dies alles? Zu dem, den das werdende Christenthum mit Eifer annahm : der Sammler, Ordner, Haushalter einer Gesammt-Christenheit, ihr Lehrer, Führer, Beistand sey Gegenwart Gottes und Christi, Wohnung Gottes im Menschen, die neue geistige Schechina, der Herzen belebende, Menschen verbindende Geist. Dem gewohnten Ausdruck nach war die Verfassung des ebraischen Volks durch den Vom Geist des EhristenthumS. irr Geist Gottes gemocht gewesen. Auf Moses bei seinen Thaten und Einrichtungen, auf den Aeltesten, die seine Stelle vertraten, hatte Geist Gottes geruhet. Geist Gottes hatte das Volk in der Wolken- und Feuersaule geleitet; ihr Führer, Wegweiser war Er gewesen; Ihn hakten die Widerspenstigen erbittert und betrübet. (Jes. 40, io. ir. Pf. 106, 14. 32 . 33 .) Was den jüdischen Staat, eine Theokratie, gegründet, belebt, erhalten hatte, hieß Gegenwart Gottes, Wohnung des Heiligen unter ihnen, Gottes Geist. Durch ihn hatten die Propheten gesprochen, in Zeiten des Verfalls den Bund erneuert, und künftigen Zeiten einen reinigenden Geist, eine freiere Ansicht der Dinge, eine neue Haushaltung Gottes verheißen. Ihre Zeugnisse darüber führte man nicht anders als mit dem Ausdruck an: „der Geist spricht! der Geist deutet." Die alte Verfassung hieß ein Reich Gottes unter der Haushaltung seines Geistes; wie konnte die neue Verfassung heißen? 2. Nicht anders; nur sollte sie es eben in der versprochenen höheren Art werden. Aus jenem alten Buchstaben sollte der Sinn, aus alten Gebrauchen der Geist hervorgehn und eine neue Einrichtung der Dinge eben das Werk, die Verfassung dieses Geistes werden. Ein Testament des Geistes, nicht des Buchstabens, nicht fortdau- render Schattengestalten; ein Reich Gottes, durch Anbau geistiger Gaben in Gerechtigkeit, Friede, Freude. H2 Vom Geist des Christen thums. 3 . Da jedes Gemeinwesen einen Namen haben muß, der gemeiniglich seine Negierung, seine Einrichtung und Absicht bezeichnet; mit welchem cigcnt- lichern Namen konnte dies sich nennen, als eine Gemeinschaft des Geistes? Der Name bczeichncte die langst gehoffte, jetzt ins Werk zu setzende Haushalt u n g des Sinnes der Propheten nach Christi Sinn; eine Sammlung und Stimmung der Gemächer zu Einem, dem reinsten Zweck; eine Erweckung aller und allerlei Gaben unter dem Anhauch der Gottheit, unter der Leitung seines gewissen Geistes. Christus das Haupt, die Gemeine sein Leib , von seinen Gesinnungen beseelet. Mich dünkt, dieser Name war eben so unanmaßend als groß und bedeutend. Er wies auf die Entstehung des Ehri- stenthums ; er zeigte seine Grundsätze, seine Absicht, seine Kräfte. Also war es auch Natur der Dinge, wenn die Apostel in ihrer Versammlung: „es gefallet dem H. Geist und uns" bescheiden schrieben. Eben damit unterschieden sie ihre Personen vom Geist des Gemeinwesens selbst, in dessen Sinn sie die Sache geprüft hatten und darüber jetzt ihr Gutachten sagen. Für ihre Person legen sie kein Gesetz auf; im Namen des Geistes der Freiheit aber erleichtern sie das Joch voriger Zeiten. So unterscheidet Paulus seine Persönlichkeit immer von dem, was er als Apostel im Namen des christlichen Gemeinwesens sage. Vom Geist des CH r i stcn th u m s.i ar3 5 . Im Namen jeder Staats-Verwaltung sind dort und dann widersinnige, oft grausame Dinge befohlen ; deswegen aber war der Name des Gemeinwesens selbst (z. B. senatus xoxulusyus komanuo, oder die Republik zu Athen, zu Lacedämon u. f.) keine Sünde. Die Verfassung des N. Testaments, als einer Verbindung zu geistigen Gesinnungen unter Gottes Obhut mit Anwendung aller guten Gaben und Kräfte wars noch minder; sie konnte mit keinem füglichern und schöneren Namen bezeichnet werden. Vierter Abschnitt. Ist dies, wie cs denn nach Ort und Sprache nicht anders ist, was soll so mancher aus bloßen Mißverständnissen des Worts „Geist" entstandene leere Spott, z. B. i. Ueber den H. Geistals den Vater Christi? Nie haben ihn also die Apostel genannt; und wenn ein apokryphischeS Evangelium jene beseelende Ruach des alten Testaments die Mutter Christi zu nennen wagte, so ward der Ausdruck als unziemend verworfen. Daß aber den Gottgebornen himmlische Kräfte belebten, mich dünkt, das zeige, wenn es auch nicht geschrieben stünde, der Erfolg seines Lebens. Herders Wrke z. Rel, u. Theol. XII. H i>4 Vom Geist des Christenthums. Nur wie einer ist, so thut er; aus Nichts kann Nichts werden. Ein Geistloser bringt keine Wirkungen hervor, die Christus hervorbrachte. 2 . Was soll der Spott über den Geist als eine Taube? Kein Ebräcr hat ihn in diesem Bilde geschnitzt oder gcmahlet, noch weniger ihn in eine Taube eingefleischt geglaubct; cs war ein Bild ihrer Sprache aus den ältesten Zeiten. *) (r Mos. i, 2, 8 , 11..) Auf uns fallt der Spott, wenn wir das Augurium eines Moments, das bildliche Zeichen aus einer Jugendsprache der Welt, in eine hölzerne Figur verwandeln, und damit Taufsteine, Kanzeln und Altäre zu zieren glauben. 3 . Was soll der Spott über die unerläßliche und dennoch unbekannte Sün de gegen den H. Geist? Die, zu denen Jesus sprach, verstanden ihn, und für sic sprach er: denn Nichts war in Judäa bekannter und angenommener, als daß» das Reich Gottes durch himmlische Kräfte, d. i. durch den Geist kommen sollte. Mithin war cs Natur der Sache, daß wer die sichtbaren Zeichen dieses an- kommenden Reichs verspottete, oder so viel an ihm war, die Ankunft desselben zu hindern strebte, vom Erfolg dieses. Reichs im gegenwärtigen und künftigen *) Ueber den Unterschied der Rede- und Kunstbilder s. Erläuterung 1. am Ende dieser Schrift, über die Personisication des Geistes. Vom Geist des ChristenthumS. n5 Aeon sich selbst ausschloß. Wenn hassende Theologen den Ausdruck mißbrauchten, oder jugendliche Neolo- gcn neue Bedeutungen der Sünde gegen den Geist erfanden; was thut das dem allen Evangelium, das sich seiner Zeit sehr verständlich ausdrückte? Auf jeden Schriftsteller des Alterthums könnte man ähnlichen Spott werfen. 4 - Was soll der Scherz über den Anhauch Jesu an seine Jünger mit der Vollmacht, Sünde zu vergeben und zu behalten? Der Ausdruck: „Sünde vergeben und behalten" war die gewöhnliche Formel der Bestellung eines Lehrers, der über Rein und Unrein, Erlaubt und Verboten gesetzmäßig urkheilen sollte. Wenn Christus seine bisherigen Schüler jetzt zu solchen Lehrern in einer neu zu errichtenden Verfassung bestellte und der Auferwcckte in seinem ihm wunderbar ncugeschenkten Leben ihnen als ein Göttlicher, als ein Gottgeweihter dastand, war es nicht der edelste Ausdruck, daß das Wort dieses Göttlichen, der Hauch seines Mundes, (-Malus numinis) ihnen dies Amt aufirug? Ohne Ceremonie der alten Zeit, ohne Auflegung der Hände u. f. war sein Machtbesehl der in allen Evangelien stark bezeichnet wird, ihnen Anhauch der Gottheit. „Fürchtet euch nicht! Mein Geist ist mit euch; ihr wirkt, ihr lehret in meinem Namen." 5 . Lesen wir überhaupt die Evangelien an Stelle und Ort, und legen ihnen, wie es seyn muß , die H 2 i>6 Vom Geist des CH r i freu k h u m s. Idee zum Grunde, daß sie eine neue werdende Verfassung des Geistes ihrem Ursprünge nach verkündigen, wie zweckmäßig ist ihnen alles erzählet! Der diese Zeit neuer Gaben den Menschen bringen sollte, muß der Höchstbegabte scyn, unter dem Anhauch göttlicher Kräfte gebildet. Bei seiner Ankunft reget sich das Sensorium der gegenwärtigen nähern Gottheit hie und da; der alte Geist prophetischer Verkündigung spricht wieder; seine längst verklungene Stimme lasset sich hören. (Lue. i, 41. 67.) Himmlische Boten dieser Verkündigung erscheinen; (Luc. 1, i 5 . 35 .) sogar der Ungeborne erfüllet einen Ungcbornen mit Freude, mit Leben. (Luc. 1, i 5 . 44.) Einen auf die Erscheinung der neuen Zeit hoffenden Greis treibt der Geist in den Tempel , daß er die Erfüllung seines Wunsches sehe und Kind und Mutter segne. (Luc. i, 26— 35 .) Endlich, da Christus dem kommenden Reich dcmü- thig sich selbst weihet, bewillkommt ihn der Geist der alten Weissagung; Ihm öffnet sich der Himmel, ihn nennet Gott seinen Liebling. (Zoll. 3 , 16. 17.) Voll Geistes Gottes thut Christus seine Werke; allenthalben ein Feind und Zerstörer des Reichs der Dämonen. (Matth. 4, 1— 11. 12, 24---32. Joh. 3 , 5 — 2r. 4, 14. 5 , 25 . 6, 35 — 58 . 7, 37. 38 .) Einen Quell neuer Kräfte schildern die Evangelien in seiner Erscheinung, eine Geist- eine Feuertaufe. — 6 . Auch der sogenannten Apostelgeschichte liegt kein andrer, als der Begriff zum Grunde, ,,dic neu entstehende Verfassung scy eine Einrichtung des Vom Gcist des Christen ihn ms. 117 Geistes." In dieser Hinsicht wiederholet das Buch von Anfänge an diesen Namen so oft, immer mit Rücksicht auf die Constitution der Gemeine. Durch heiligen Geist waren den Aposteln von Christo Verordnungen geschehen; in eben dem Gcist crgieng an sie der Befehl, sich weder zu zerstreuen, noch unausgerüstet auf den Kampfplatz zu treten, bis sie die rüstende Kraft empfingen. (Apost. 1, 3 — 8.) Wie eine Gotteserschcinung wird die Ankunft dieses Geistes beschrieben, mit dem glücklichen Au- gurium, daß die Galiläersprache an den Boten der neuen Verkündigung verlöscht ist, indem allerlei fremde Völker ihre Sprache, ihren Dialekt in dieser neuen Mundart hören. Am ersten Tage der neuen Gesetzgebung schließt sich ein Kreis Geweihter zusammen, und bald werden alle Hoch begeistert. (Apost. 2 — 5 .) Schon bei der ersten Verantwortung berufen sich die Vertheidiger des Christenthums auf den Gcist, den Gott gegeben hat denen die Ihm gehorchten, als auf ihren mächtigen Mitzeugcn." (Apost. 5 , 32 .) So kommen fernerhin in dieser Geschichte bei jeder Bestellung zum Dienst der Gemeine Kräfte, Gaben des Geistes in Erwägung. (Apost. 6, 3 . 8. Kap. 7, 55 . Kap. 11. 24.) Der Geist ists, der Aufseher setzet, der Lehrer und Gemeinen antreibt, warnet, oder durch sie weissagend deutet. (Apost. 8,29. 10,19. 11,28. i3,2. 4. 16, 6.7. 20, 23.28.) (Wer dem Gemeinwesen des Christenthums log, hatte nicht Menschen, (den Vorstehern desselben) sondern Gott gelogen, dessen niEi-zio:, seine Herzens - durchschauende, läuternde Gegenwart, so wie seinen lauternden Zug, 118 Vom Geist des Christenth u ms. seinen belebenden Anhauch man als die constitui- rende Macht der Gemeine innig glaubte. 7 - Was soll also der niedrige Vorwurf, daß wenn jene Betrüger auf ein Wort Petrus todt zur Erde stürzten, Er ihr Mörder gewesen ? (Apost. 5 , i— n.) Der Schrecken vor der erzürnten nahen Gottheit, die als der obwaltende Geist des Christenthums geglaubt ward, war ihnen tödtend. Eben dieses Glaubens als einer Thatsache und seines Erfolgs halber wird die Geschichte erzählet. 8 . Und wer könnte es den Aposteln verübeln, daß sie ihr neues Institut mit Zauberern, herumziehenden Teufelsbannern, gewinnbringenden Wahrsagern u. f. weder beflecken noch vermischen wollten? Da diese betrügerische Künste dem Geist ihres Instituts in der Wurzel zuwider waren. Mit dem Glauben an Einen Gott, dessen Gegenwart sie durchdrange und belebte, mußte das Christcnthum stehen und fallen; dem Dienst der Dämonen wars also ein unerbittlicher Feind. Es hieß den H. Geist, d. i. die Majestät des Christ enthu ms beleidigen, wenn man es mit der Magie vermischte. 9 > Eben also ist es nur Unverstand der Sache und Zeit, wenn über das Empfangen des Geistes durch Auflegung der Hände unzeitigcr Spott getrieben wird, und so mannichfaltigcr Miß- Vom Geist dcS Christenthums. H9 brauch gemacht worden. Als aus Samaritern, Pro- selyten und Johannesschülern die ersten Gemeinen gewonnen wurden, legten die Apostel die Hände aus sie, und sie empfingen den Geist, d. i. es wurden ihnen im Namen des Gemeinwesens der Christenheit Aelteste und Lehrer verordnet ; sie wurden als Christengemeincn anerkannt; fortan gehörten sie mit zu dem Tempel, in dem die lebende Gottheit wohnte. — ,,Und, fährt die Geschichte fort, diese lebende Gottheit zeigte sich sogleich auch in ihnen wirksam. Auch sie, gewesene Samariter, Pcoselyten und Johannesschüler ergriff die Begeisterung; mit neuen Zungen stimmten sie in die Sprache der Gemeinschaft ein, zu der sie traten. Ein Zeichen, daß der Geist des ChristcnthumS ihre Annahme genehmige und sie thätiger Weise selbst aufnehme." (Apost. 6, 14— 17. 20, 44— -40. 19, 5 . 6.) So zeitmäßig dies gedacht und vorgelra- gen ist: so wenig ists verächtlich. Nicht durch die Magie des Taufwassers (wie die Geschichte ausdrücklich bemerket) kam Enthusiasmus in die neuen Gemeinen; sondern durch Gebet, Glückwunsch, brüderliche Aufnahme in die Gemeinschaft. Das Auflegen der Hände war das uralte Symbol des Seg- nens, der Bestellung zu einem heiligen Amt, dcS Wunsches himmlischer Kräfte. Im Namen der wirkenden Gottheit ward der Segen crthcilt; die wirkende Gottheit erfüllte den Segen. *) ro. Unbillig ists überhaupt, Begebenheiten aus ihrem *) S. Erläuterungen am Ende des Buchs. 120 Vom Geist des Christenthums. Zeitraum reißen und sie nach dem Maas eines fremden Zeitgeistes richten. In Judäa entstand das Christenthum ; seine Verbreiter mußten also nach jüdischer Art denken, sprechen, symbolisiren. Den Aussprüchen vom Geist des Christenthums liegt natürlich das zum Grunde, was die Ebracr vom Geist ihrer heiligen Einrichtung gesagt oder angedeutet hatten. Symbole aber sind nicht die Sache selbst; der Geist eines Instituts ist Geist, ist Wahrheit. Fünfter Abschnitt. „Also ist doch, wird man sagen, das Christcn- thum durch Begeisterung entstanden; und wie nahe diese der Schwärmerei sey, hat die Geschichte erprobet." — Lasset uns unterscheiden. i. Allerdings eignet sich das Christcnthum Begeisterung sogar als Quelle zu, und hat die entscheidendsten Begebenheiten im Leben seines Stifters > in Bildern von ihr darzustellen sich nicht gcschämet. Denn wer, der jüdische Schriften gelesen, verstünde die Bilder nicht vom offnen Himmel, vom Aufsteigen der Seele in den Himmel, vom leuchtenden Angesicht, von der erschienenen Glorie Jchovahs u. f. ? Bekannte Symbole, die den Zustand reiner Begeisterung bezeichnen und mit ihm vergesellschaftet werden. Begeisterung über das unerwarlet-crschienene Symbol der Herrlichkeit Gottes über dem Jordan führte Christum in die Wüste, um daselbst die Führung seines Werks nüchtern und still zu überdenken. (Matth. 4, i.) Als er auf jenem Berge den mächtigen Entschluß faßte, nach Jerusalem zu gehen und sich dem ihn erwartenden Tode freiwillig zu opfern, schien er ins Paradies versetzt, (wie solches die Ebräer zu bezeichnen pflegen.) Er sprach mit Moses und Elias; sein Angesicht glanzte; seine Kleider glänzten; selbst die Dabeistehendcn ergriff wie im Traum ein dunkles Gefühl des Paradieses. — Fortan sprach er unbewundcn von seinem Tode und fuhr Petrus hart an, da er ihm den Hingang nach der Hauptstadt widerrathen wollte. Mit den Heiligen des Paradieses hatte er die Sache überleget. — Was Christus vor allem bei seinen Schülern foderte, war Entschlossenheit und Muth; eine Gabe des Geistes, die ihm die nolhwcndigste, die größeste schien, (Matth, io, 19. 20. Luc. 11, ir — i 3 .) ohne deren Theilnahme sein Werk weder anfangen 'noch fortgehcn könne. (Joh. 7, 37 — 39. 16, 7 — i 5 .) Die Gabe, die er seinen nachblcibenden Freunden noch im letzten Augenblick zusagt, war Kraft des Geistes, himmlischer Enthusiasmus. (Luc. 1, 4—8.) 2. Der erste Geschichtschreiber des Christenthums schämet sich der Begeisterung so wenig, daß er sie vielmehr, wie wir eben sahen, als eine Beurkundung des Christenthums und als dessen Charakter darstellt. Eben dazu hatte 'er das Wort des scheidenden Christus (Apost^ 1, 4 — 8.) angeführt und zeigt, wie die Apostel in dieser ersten jungen 122 Voss? Geist des Chr'istscnthu ms. Begeisterung sprechen, sich verteidigen, handeln, strafen. (Apost. 2— i 5 .) In dieser Absicht stellt er vorzüglich und ganz und mit augenscheinlicher Liebe den Stephanus dar, einen jungen Mann, dessen Charakter Begeisterung ist, die ihm bis zur Todesstunde treu bleibt und den offnen Himmel zeiget. (Kap. 6. 7.) Name und That kommen bei dem ersten Märtyrer des Christenthums zusammen; er erscheint als ein Symbol des christlichen Enthusiasmus. Wenn Samariter, Heiden und eine Johannesschule zum Christenthum treten, verschweigt LukaS ihre Begeisterung, (8, i 5 —17. 10, 44 — 47. 19,6.) die Erfüllung des Versprechens Christi nicht; da ja alle Apostel in ihren Briefen die Gabe des Geistes als ein Siegel und Unterpfand , als einen Charakter- Erweiß der achten Christenheit betrachten und ihre Schriften selbst, im schlichtesten populärsten Ausdruck , die Sprache des höchsten Enthusiasmus reden. — 3 . Und wie anders? Ohne Begeisterung wäre kein Christus, kein Apostel, kein Christenthum je gewesen. Wie wir in der Natur göttlichen Nalurkräftcn, im Reich der Menschen vorzüglichen Gaben, Gesinnungen und Trieben Alles schuldig sind: so auch bei diesem Werke. Ohne den mit edler Begeisterung Gesalbten wäre jede trage Materie in ihrem Zustande verharret; Vorurtheil, Aberglaube, jede geistlose Formel wäre in ihrem Werth geblieben. Sein war die Idee dieses Reichs Gottes; sein war das Werk. 4 - Und was hatten wir gegen das edle Wort Begeisterung, da es die Sache selbst ausdrückt? In der Natur nennen wir jede trage Materie todt; je Vom Geist des Cheistenthums. 123 mehrere, je edlere Kräfte sich in ihr regen, desto mehr erscheint sie uns geistig, geistvoll. Einen Menschen können wir nicht höher als mit dem Wort Geist ehren, und den wirksamsten Zustand seiner Kräfte wissen wir nicht anders als mit dem Wort Begeisterung zu bezeichnen. Durch sie erhalten alle unsre Fähigkeiten Schwung, Richtung, Wirksamkeit, Eintracht, Beharrung, Leben; durch sie ward alles Große, Gute und Schöne bewirkt, das je bewirkt ist, ja das Unmögliche möglich. Die Völker der alten Welt kannten keine edlere Auszeichnung vorzüglicher Menschen, als sie zu Wohlthätern ihres Geschlechts von einem höheren Geist beseelt zu glauben; und noch wissen wir die wesentliche Kraft der Gesetze, der Einrichtungen, der Wissenschaften und Künste nicht anders als mit dem Wort Geist zu bezeichnen. Wie? und wir wollten dem menschlichen Geiste den Geist rauben und dessen edelsten Zustand, die wirksamste Aeußerung seiner Kräfte Begeisterung verschreien, brandmarken, um in kalter Trägheit vernünftig. vernunftlos zu vermodern? 5 . Hinweg also mit jeder falschen Scheu und Schaam vor der heiligsten und reinsten Fassung menschlicher Seelen! Hinweg mit jedem verunstaltenden Beinamen, den man ihr zur Kränkung erfunden! Begeisterung ist keine fanatische Schwärmerei; beide stehen vielmehr, wenn jene rechter Art ist, einander gerade entgegen. Ohne Begeisterung ist nie etwas Großes und Gutes entstanden; fanatische Schwärmerei hat nie ein dauerhaft Gutes gestiftet. 6 . Denn was ist Schwärmerei, wenn man H4 Vom Geist des Ehci stenthums. mit diesem Wort einen Sinn verbindet? Entweder ein Brüten über transcendcntcn, übersinnlichen Worten und Wortschällen, deren Anschauung dem menschlichen Geist versagt ist. Oder ein thörichtcs Hangen an Gebrauchen, Formeln, Vocurtheilen und Gewohnheiten , die man mit Wuth verthcidiqet und festhalt. Oder endlich ein Uebertreiben der Wirksamkeit, auch zu Erreichung guter Absichten , außerdem Gleichmaaße des Ganzen. Gegen jede diese Schwärmereien ist das Ehristenthum eben gerichtet. 7 - Gegen das Brüten über transscendcntalem Unsinn: denn was von Sokrates gepriesen wird, daß ec die Philosophie vom Himmel auf die Erde gerufen habe, gilt in Ansehung der Religion noch mehr von Christus. Wenn er die Menschen Gott als den Vater ihres Geschlechts erkennen, das Göttliche ihrer Natur anbauen und einander als Brüderlichen lehrte, war sein Enthusiasmus nicht rein menschlich? Die kabalistischen, platonischen und scholastischen Grübeleien, die man in diese anschauliche Lehre flocht und mit schwärmerischer Hitze vcr- theidigte, sind sein Ehristenthum nicht; vielmehr heben sie dieses auf und sind ein achter Wort- Fanatismus. L!. Gegen das tolle Anhängen an Gebrauchen, Wortformeln, und leeren Gewohnheit ist das Ehristenthum nicht nur gestiftet, sondern hat auch seine Macht erwiesen. Den jüdischen, sogar den römischen Nationalste!; bog es nieder; der abgelebte lcvi- tische Dienst und die Abgötterei, so schwärmerisch sie verthcidigk wurden, gingen zu Grabe. Auch die Formelnreligion hob der Geist des Christcnlhums auf, Vom Geist des C h r i ste nth u m s. 126 und wenn man diese nach und nach ihm selbst wieder aufzwang , so war dies eben eine Sünde gegen den Geist des Christenthums, ein crimen laesas. 9 - Gegen Uebcrtreibung auch guter Kräfte und Wirksamkeiten ist das Christenthum gestiftet: denn es bringt alle unter Ein Gesetz, Billigkeit und Liebe. Was nicht frommet, wenn es sich auch mit dem seltensten Ansehen schmückte, ist nicht christlich ; Menschen ° und Engelzungcn , Weissagungen, Wunderkräftc sind ohne Liebe nichts: daher Paulus auch gute Gaben, so bald sic in Schwärmerei aus- artcn, strenge einschranket. Die Weiber heißet er schweigen in der Gemeine; den beredten Vortrag unterwirft er dem gesunden Verstände (v«s), und nennet das Reden in fremden Zungen kindisches Spielwerk. Unordnungen bei sogenannten Licbes- mahlen tadelt er scharf, und kennet nur eine Regel der guten Ordnung, Brauchbarkeit zum gemeinen Besten. io. Wie entfernt von Schwärmerei ist der Inhalt der Briefe der Apostel! Sie ehren alle Aemtcr, sie schonen alle, auch die härtesten Zustande der Gesellschaft und zeichnen jedem seine Pflicht vor. Ihre stille Begeisterung stehet dem Revolutions-Fanatismus so ganz entgegen, daß man ja dem Christenthum eben seinen Duldungsgeist, seine Allgefalligkeit, seine Biegsamkeit unter den Druck der Tyrannen oft und immer zum Vorwurf gemacht hat. Nicht mit Waffen irrdischer Macht, mit Waffen des Geistes sollte cs kämpfen; (Ephes. 6, 10—17.) Diese Waffen verwunden nicht, sondern sie heilen. 126 Vo m Geist des Ehristenthu m s. i r. Vor allen Aposteln tritt hier der edle Enthusiast Paulus hervor, dessen Begeisterung man sehr unrecht Fanatismus genannt hat. Sobald er cin- sah, daß er im Jesus von Nazareth wirklich das Heil der Völker verfolge, und daß es Thorhcit sey, wider den Stachel auszuschlagen, den die Vorsehung bei dieser von ihr begünstigten Anstalt ihm nachtrug; sobald die Schuppen von seinen Augen sielen, es einzuschn, daß er mit dem Eifern für den blinden Pharisäismus und den jüdischen Formularcullus zu spat komme; ein neues unwi- dertreibliches Licht gehe den Völkern auf, die alte Nacht lasse sich nicht halten; wer griff rascher ans Werk als Er? Ein edler Enthusiast für allgemeine Aufklärung und Freiheit des Geistes gegen alle Vorurtheile des Juden- und Heidenthums. Seine Waffen sind Vernunft, anschauliche vom Lauf der Zeiten bestätigte Wahrheit. 12 . Wie aber die feinsten Organisationen, wenn sie aufgelöset in Verwesung gehen, das schädlichste Gift hauchen; wie eben die edelsten Kräfte, wenn sie zerrüttet werden, am mächtigsten wider einander streben; so darf man sich gerade beim Geist des Ehristenthums über die widersinnigsten Mißdeutungen und Mißbräuche nicht wundern. Denn nur vom Geist wird Geist genossen und verstanden. Die kalte Trägheit zieht alles zu sich hernieder; die Schwärmerei, der Zügel und Maas fehlt, will überall schwärmen. — Vom Geist des ChristenthumS. 127 Sechster Abschnitt. I. Ei'ngeistung. Man sollte glauben, daß bei dem Ausdruck Geist Gottes, Gaben des Geistes, jede Menschenseele sich edle Gaben, mithin auch den wirksamsten Zustand des Gcmükhs, eine Anwendung aller Kräfte in größestcr Harmonie und Ordnung denken müsse und denken werde. Die Sprachen der alten Welt drucken einen solchen Zustand aus, wenn sie von Gaben der Götter, von himmlischer Begeistrung reden. — Eine niedrige Denkart dunkler Zeiten indcß hat ein andres beliebt. Der vom GeistGetriebenesoll eine Orgelpfeife gewesen seyn, durch welche der Wind blies; eine hohle Maschine, der alle eigne Gedanken entnommen waren. 2. Etwas Ocdercs ist in der menschlichen Natur schwer zu denken; ja auch als Einöde ist dieser Zustand kaum denkbar. Eine Mcnschenseele, der alle Gedanken mit dem sie begleitenden Naturausdruck aufhören, ist kein Lebendiges mehr: denn jedes Leben erweiset sich nur durch die ihm natürliche Wirkung. Wenn Bileams Eselin sprechen sollte. 128 Vom Geist des Christ? nthums. so mußten ihre Eselingedanken der sie ergreifenden Macht Mitwirken; sonst sprach nicht sie, sondern der sie ergreifende fremde Gewalthaber. Wenn die Sibylle, wenn Pythia auf dem Dreifuß, (Kompane, auf welche man sich zu berufen pflegt,) dergestalt vom Apoll durchblasen wurden, daß am Schall der hervorgedrängten Worte ihre Seele durchaus nicht Theil hatte: so war in diesen Augenblicken die Durchblasene kein Mensch mehr, sondern ein sprechendes Kunstwerk. 3 . Ganz «inen andern Anblick geben uns von den ältesten Zeiten an die Gesänge, noch mehr aber die Unternehmungen und Thaten, die in den Schriften der Ebräcr der heiligen Begeisterung zugeschrieben wurden. Eben in ihnen sehen wir die Kräfte des Begeisterten im freudigsten Spiel. Er scheint sich selbst zu übertreffen, * weil keine seiner Fähigkeiten schläft, weil alle in Eintracht wirken. Das tönende Instrument, rein gestimmt, ohne widrigen Zwischenlaut, giebt den ganzen, schönsten Akkord seiner Töne. 4 - So z. B. denken wir uns jene Erzväter, wenn sie die Erfahrungen ihres Lebens zusammennehmend, ihren Söhnen und Nachkommen Segen zuthcilten. Der Charakter der Söhne, das Schicksal, das in ihnen lag, ihre Verdienste und Fehler, die den Vätern geschehene Verheißungen, die Glücks - und Unglücksfälle ihres eigenen Lebens waren in der Seele des Sprechenden; die Stunde kam; das Buch geheimer Vom Geist des C hr istcn thu ms. 129 heimer Ahnungen schloß sich auf; ihr väterliches Gefühl erwachte; Geist Gottes kam über sie, sie sprachen. Weissagend sprachen sie; gleichsam im Nachgefühl ihres ganzen Lebens, im vollen Vorgcnuß der Zukunft ihres Geschlechtes. Wer sie in diesen Augenblicken einer durchblasenen Maschine glcichach- tet, ist unwürdig, den Spruch ihres väterlichen Herzens zu lesen. — 5 . Wenn Mirjam, die Schwester Moses, an der Ehre und Freude ihres Bruders thcilnehmcnd, ihr ganzes Geschlecht begeistert; sie singt die durch ihn geschehene, ewig glorreiche Thal, die Befreiung des Volkes; wer dachte bei deb Cymbel, die sie rührte, daß sie selbst in diesem Augenblick nur eine Eymbel, ein Saiten - bespanntes Sistrum sey, das eine fremde Hand rühret? Wenn Moses in seinem letzten Liede und Segen allen erlebten Gram, alle empfundene Freude seines Herzens in Dank, in Wunsch, in Lehre und Warnungen ausgießt; wer wäre so kühn, diesem alten Drako eben im reichsten Ausdruck seiner Erfahrungen Gefühl, Gedanken, die Erinnerung seines Lebens zu rauben, damit ein Andrer für ihn spreche und denke? Wenn die Feldherrinn Deborah ein Republikanisch-taktisches Siegslied anstimmet, das nach den Localumstanden der Schlacht jedes Verhältnis; und Mißvcrhältniß ihres Volks bis auf einzelne Stämme und Personen preisend, tadelnd, sogar spottend aufdcckt, wer ist geneigt, etwas anders zu hören, als ein Lied der Deborah, von ihrer Seele gedacht, im Affect ihres Eemüths empfangen und geboren? Wer, der die Psalmen liefet, fühlet Herders Werke j. Nel. u. Lheol. XII. I L3o Vom Geist des Christenthums. sich nicht in Davids und ihrer andern Verfasser Seele? Jede lebendige Situation wird uns gegenwärtig , in welcher dieser sein Leid, jener seine Freude, alle ihre Hoffnungen und Wünsche, alle den Glauben ihres Herzens im eigensten Ton des Moments singen und sagen. Dem alten Könige waren diese Augenblicke seiner Begeisterung die schönsten Erinnerungen seines Lebens; Augenblicke, da der Sänger Israels, liebcnswerthcc seinem Volk in diesen Liedern als in den vollführten Thaten selbst, von sich mit freudigem Ruhm sagte: ,,Hauch Gottes wehte mich an; auf meinen Lippen schwebte seine Rede." 6 . Die Sprüche Salomons und andrer Weisen, wer wird sie für etwas anders, als für reife Resultate erlebter Erfahrungen halten? Das Hohelied für etwas anders, als für eine Sammlung erlesener Scenen jugendlicher Liebe? DaS Buch Hiob für etwas anders als für eine groß und tief gedachte Composition über die herbsten Schicksale des menschlichen Lebens? Wer in den Propheten nicht den verschiedenen Charakter ihrer Denkart, ihrer Zeiten und Situationen erkennet, und in allen nur denselben fremden Leiermann höret, der jetzt unter solchem, jetzt unter einem andern Namen sein Lied spielet, dem blieb der Geist der Propheten in ihren mannich- saltig-abwechselnden Gemahlden fremde. 7 - Denn eben daß ich mich in deinen Geist setze, du großer Jesaias, und auf den Schwingen desselben, Vom Geist des EhristenthumS. i3i verlossend sumpfige Tiefen und niedrige Thale, die Hellen Gipfel der Zukunft im Glanz einer neuen Morgenröthe erblicke, dies erhebt mich über mich selbst, dies fesselt mich an dich. Daß ich in den Psalmen AssaphS und der Korahiten die Empfindung jedes Sängers, als wäre sie die meinige, fühle, und an dem Kelch jeder Blume sauge, an welchem sie Hoffnung und Trost fanden, dies fesselt mich an sie. Der eigenste Ton ihres Herzens hallt in meinem Herzen wieder. 6 . Auch nachdem die Schriften der Propheten ge- sammlct waren, erkannten die ältesten Sprach- und Volksgenossen derselben sie nicht anders als in diesem Lichtei Wenn Sirach von den edeln Vorfahren seiner Nation spricht, wie natürlich schildert er sie, wie menschlich! Bei jeder Heldenthat gab David Gott den Preis; Dem Hcilgen sang er ein herrlich Lied. Von ganzem Herzen stimmt er seinen Hymnus an; Er liebte Den, der Ihn so hoch erhoben. — Ein Strom der Weisheit brach hervor; Salomons Geist erfüllete die Welt Mit Sprüchen, Liedern, und Auslegungen. Bewundernd horchete das Ausland ihm. Mit großem Geiste sah die Zukunft Jesaias Und tröstete die Traurigen zu Zion. > Eh Zukunft wurde, sah er ihr Verborgenes. U. f. I 2 (Sirach 47, 9. 10. 16 — 18. 48, 27. 28.) Sowohl in diesem Buch als im Buch der Weisheit ist Weisheit, die vom Himmel kommt, die innigste Freundin, eine süße Zugendbraut erwählter Menschen, wohnend nur in reinen, in ruhigen Seelen. (WeiSh. 1, 7—11.) Wie im heroischen Zeitalter Anhauch Gottes vorzüglichen Muth, angestrengte Kraft, glückliche Energie in Gedanken, Worten und Thatcn bezeichnet hatte; so bedeutete cs im milderen Zeitalter die überlegende, reine, bessere Seele des Menschen , Weisheit. Die bessere Seele des Menschen , durch die er wahre Wissenschaft erlanget, die seine Wecken reinigt, durch ftie er ruhig, milde, stark und groß wird. „Ein Weiser, sagen sie, ist in Allem mehr als ein Prophet. In diesem wohnet der Geist nur wenn er weissaget; von Jenem weichet er nie." Weisheitlehren nannten sie also besonders Sprüche des Geistes; ihrem Messias eignen sie diese Gabe im vollesten Maas zu. — 9 - Wer mag laugnen, daß nicht eben mit diesem Charakter die Evangelien ihren Christus bezeichnen ? Ein Geheimniß ruhet in ihm, das Geheimnis der Weisheit zum Glück der Menschen; dies hat ihm Gott offenbaret. (Matth. 11,2b — 3 e>.) Sanft- mulh und Güte ist sein heiliger Geist. (12,18 — 21.) Den Sinn der Wahrheit, des AuSdaurcns und inneren Friedens versprach er den Scinigcn als seinen Geist, als seine Gesinnung. 10. Wer wagcts, die Schriften der Apostel Schwärmereien zu nennen? als hätten Energu menen * Nom Geist des Christenthums. i33 sic geschrieben, die ihrer selbst nicht mächtig gewesen? Nicht etwa nur Lukas Apostel-Geschichte; di« Evangelien selbst sind mit einer sehr nüchternen Besonnenheit abgesasset. Die Verschiedenheiten, ja die Widersprüche der Evangelien selbst bezeichnen den eignen Standpunkt jedes Evangelisten so augenscheinlich , daß unter der Maske eines einhau- chcnden Geistes sich in ihnen nichts erklären laßt; sobald aber jeder Verfasser in seine Rechte tritt, sie sich alle selbst erklären. 11 . Und beziehet sich nicht Lukas ausdrücklich auf diese Rechte? Will er nicht alles von Anbeginn an sorgfältig erkundigt haben, daß ers mit Fleiß ordentlich schreibe? (Luc. i, 3. Apost.vi, i.) Wer dies sagt, findet sich gewiß beleidigt, wenn man ihm bei seiner Arbeit das, worauf er sich berufet, seinen Fleiß, seine Sorgfalt abspricht, und ihn dem Hauch einer Eingeistung Preis giebt, auf den sich der Nachläßigstc verlassen könnte. Alle Apostelbriefe sind so charakteristisch nach Person, Zeit und Umständen , daß man in Petrus doch wahrlich keinen Paulus, in Paulus keinen Iakobus, und in allen dreien keinen Johannes liefet. Die Offenbahrung Johannes selbst ist eine der künstlichsten Eomposi- tionen , die irgend eine Sprache ausstellen mag, vom Anfänge bis zum-Schluß des Schriftstellers eigenster Idiotismus. 12 . Wie in der Welt kam cs also, daß man, diesem allem entsagend, jeder Naturempsindung Trotz i3ch Vom Geist deS Christenthums. 4ot, und die Hypothese der Eing eistu ng aufbrachte, einen Unbegriff, der alle gesunde Ansicht der Dinge aufhebt ? Leider lehret uns dies die Geschichte der Zeiten: denn eine Geschichte der Zeiten gehörete allerdings zum Bau eines solchen Zauber-Pallastes. r3. Als die ebräischen Schriftsteller, in drei Abtheilungen gesammlet, Ein Buch ausmachtcn, dessen Theile man durch einander oder abschnittweise las, in allen aber einen gemeinsamen Geist der Sprache undDenkart, den theokra tischen Geist bemerkte, brauchte man den verkürzten Ausdruck : „so spricht, so rufet der Geist Gottes !" d. i. der Geist unsrer Constitution und Gottcsverehrung. Mit Recht betrachtete man sie als heilige National- Denkmahle alter Zeiten, die mehr oder minder Eine Tendenz hatten oder in dieser Verbindung haben sollten. Da die vielfach ersonnenen Wege der Auslegung, die bei so mannichfaltiqen alten Schriften unvermeidlich waren, zuweilen weit aus einander giengen, hielt man mit der Zeitfolge immer nölhi- ger, in ihnen auf die Stimme Eines Geistes zu merken, die man zuletzt im kleinsten Buchstab historischer Namen und unbedeutender Umstande fand. Allenthalben nämlich suchte man einen so ritz ehe n den Sinn, die Gnosis des Geistes Gottes in diesen Schriften und hielt sich an sie. Unter, dem Namen heiliger Schriften dachte Vom Geist des ChristenthumS. i35 man sich an ihnen ein zusammenhängendes Gebäude oder Gewebe. 15. Und je tiefer man hinter diesem Gewebe den geheimen Sinn vermuthete, der, unabhängig vom Sinn der Worte, den Schriftstellern selbst unbekannt, ein Sinn des Geistes scyn sollte, ja dazu eigne Regeln erfand, desto näher kam man der Eingeistung. Mit jeder neuen künstlichen Regel zu Aufsindung eines solchen geheimen Sinnes ward den Schriftstellern ihr Gedanke, ihr Ausdruck entnommen; ein fremder Geist hatte diesen Sinn in ihre Schriften gelegt und durch sie, ihnen unbewußt, nach solchen und andern Aussichten visiret. Der Ursprung der ganzen Hypothese ist also eigentlich kabbalistisch. 16. Diesen jüdischen Kabbalismus brütete die Alex- andrinische Philosophie aus, und gab ihm durch ihr Spielwerk von Lobsprüchcn und Platonischen Phrasen ein glanzendes Kleid. Da den uralten Ebraern der Prophet ein Bote Gottes gewesen war, der des Herren Wort zu sagen hatte und mit ganzer Macht seiner Seele sagte; so war er dem Philo „einer, der nichts von ihm selbst und von Allem nichts weiß, auch nichts Eigenes hervorgiebt, so lange er Gottes voll ist. Seine Vernunft ist bciscit gewichen; sie hat die Burg seiner Seele verlassen, sobald göttlicher Geist über ihn kam, und ihn cinnahm. Der Geist rührte das Sailcnspicl seiner Stimme zu weissagen." „Ein wahrer Prophet, sagt Philo, ,36 Dom Gcist des CH ri ste n t h u m s. weiß nicht, was er spricht; was er hervorbringt, spricht ein Anderer: denn Gott redet durch die'Pro- pheten, zu verkündigen, was Er will/' — Man suchet, woher diese Uebertreibungcn geflossen sind, nämlich aus dem Mißbrauch jener unbefangenen Aeußerungen alter Dichter und Propheten, da sie, von ihrem Gegenstände voll, den lebhaftesten Zustand ihres Gemüths als eine Gott gesandte Begeisterung auszeichneten. Statt dieses lebhaftesten Zustandes aber den trägsten, dunkelsten Zustand des Gemüths zum Charakter aller heiligen, göttlichen Mitkheilung machen, heißt zu einer Zaubermusik cinladen, bei welcher, weil der Hervorbringende selbst nichts vernahm, jeder Eingeladene wähnen kann, was ihm gut dünket. *) r?- Indessen giengen diese Traume einer gehörten fremden Musik mit der Zeit auch auf die Schriften *) Daß manche, insonderheit spätere Schauer der Zukunft Gesichte sahen, deren Aufschluß sie selbst nicht kannten, daß andere, die in eine frohe oder traurige Zeitenfolge hinausblickten, die förmlichen Umstande nicht bezeichnen konnten , unter welchem ihr Wunsch in Erfüllung gehen würde, ist Statur der Sache. In diesen Abgrund von Dunkelheit aber alle Schriftsteller der Ebraer stürzen, so daß keinem derselben weder Ausdruck noch Gedanke bleibt, indem sie allcsammt wie ein Instrument oder wie Bileams Eselin reden, dies ist eine starke' Hypothese. Vom Geist des Christenthums. 187 des neuen Testaments über. Als diese hie und da gesammlet', bei weitem aber noch nicht in aller Händen waren , führte man sie, wie die ebraischen, unter dem ehrfurchlgebictenden Namen heiliger, göttlicher Schriften an. Und das mit Recht: denn sie waren heilige, im Geist Christi geschriebene Schriften. Einige Väter thun dies so unbefangen, wie sie auch Sprüche der Weisen, der Apokryphen, sogar der Sibyllen anführen. 18. Je mehr aber die Thcurgieen aufkamen, und leider sich auch ins Christenthum stahlen, (eine fürchterliche Krankheit des zweiten, dritten, vierten Jahrhunderts!) desto mehr ward man überwältigt, sich auch den Geist Christi und der Apostel theur- gisch zu denken. Ihrem klaren Begriff ganz zu, wider: denn es gicbt keine verschiednere Geister als der Geist Christi und der theurgische Geist des jüngeren Platonismus. 19. Je mehr man mit Ketzern stritt, und sich im Streit mit denselben auf Worte berief, an denen dieses oder jenes Mysterium hangen sollte, desto mehr drang man auf eingcgeistete Worte, auf saararnsnta. verborrrrri. Dies Wort mußte der Geist gesagt, und damit dies Mysterium bezeichnet haben; sonst war der Ketzer nicht widerlegt, der aus dem natürlichen Wortverstande und Zusammenhänge nicht immer widerlegt werden konnte. Und je mehrere mysteriöse Dogmen festgesetzt tvurdcn; desto mehr hotte man cinqegeistete Worte nölhiq. — Wie man einst die griechische Uebcrsetzung des ölten Testaments kanonisier hotte, so kononi- sirle man jo zu solchem Zweck sogar die Vulgata. 2t. Und je mehr die Unwissenheit zunahm, je weiter man vom alten achten Wortverstande dieser Schriften abgekommen war, desto mehr ward die Eing eistu ng begründet. Ein Gebrauch, eine Lehre war einmal festgcstcllt; der eingegeistete Ausdruck, auf dem sie beruheten, mußte alfo auch fest- gestellt scyn und bleiben, wenn gleich in der Ursprache, die man fast nicht kannte, an ihn nichts Minder als gedacht war, 22 . Endlich kam die Scholastik und drückte ihr bleiernes Siegel auf alle heiligen Worte, die damals jm System standen; cs kostete ihr dies jo nur Eine Definition, Einen Locus. Also ward eine scholastische Theorie festgesetzt, die, wenn sie auch auf kein einzig biblisches Buch paßte, da kein Ausleger von gesundem Sinn sie brauchen konnte, um desto besser dem cingeführten System diente: denn mit Haut und Haar war dieses durch sie bewahret. Die kkeurgische Inspiration ward die Mosora oller eingeführten Meinungen, (wie zufällig diese auch ein- gcfühct waren,) die man mit den unschuldigsten und Vom Geist des Christenthums. i3g heterogensten Ausdrücken der Schrift jetzt frech belegte und dadurch bewiesen zu haben vermeinte. *) 23 . Wird dieser Unbegriff, dem kein vernünftiger Ausleger je folgen konnte, den lediglich mißverstandene Phrasen beschönigen, den nur der mystische Kabbalismus aufgebracht, die Theurgie der Plato- mkcc bestärkt und die Spitzfindigkeit der Scholastiker fcstgestellel hat, wird er immer und ewig wiederholt werden? Wie werden einem denkenden Wesen von einem andern Geist Gedanken mit ihrem Ausdruck eingegebcn, daß diese zugleich, wie doch offenbar ist, des Schreibenden eigne Gedanken und Ausdruck bleiben? Die mildernde Formel „der fremde Geist habe des Schreibenden Gedanken geleitet" erklärt eben so wenig: denn wie leitet cjn fremder Geist meine Gedanken? — Am besten -wars also, wenn gesundere Dogmatiker redlich sagten, daß sic von diesem Zustande keinen Begriff hatten, „da sie ihn nicht selbst erfahren." Be- *) A. B- „Ihr scyds nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ists, der durch euch redet." Als ob Einer der furchtsamen, denen Christus mit diesen Worten Much einspricht, so anmaaßend und unverständig gewesen wäre, sich vor Gericht nicht verantworten, Gedanken und Sinne nicht zusammen nehmen zu wollen, weil ein fremder Geist wohl seine Zunge bewegen würde. Aehn- lich diesem sind die übrigen sogenannten Beweise der Eingeistung. 240 Vom Geist des Christen thums. wahre Gott jeden vor einem Zustande solcher Erfahrung , wo alle eigne Gedanken ihm schwinden, und ein fremder Geist durch ihn schreibet. » 4 - Denn wenn ein guter Geist ohne mein Wissen und Wollen mir Gedanken einhaucht: kann mir ein böser Geist nicht auch dergleichen einhauchen? Und so sind wir wieder in jener Zeit des Pöbelwahns geistiger Besitzungen, dämonischer Einhauchungen A. f., bei denen sich der Eingehauchte und Uebcr- wältigte mit Recht schuldlos, aber äußerst unglücklich fühlet. Vielleicht gicbt es keinen schrecklichern Wahn, als sich mit kindischer Scheu vor einem fremden Geist, der in unserm Geist sein Werk treibet, fürchten. Niemand ist sodann seiner selbst, seiner Gedanken und Sinne, seines Wollens und Strebens mehr mächtig. 25 . Woher kommts, daß Menschen, denen dieser Wahn ein früher unauslöschbarer Eindruck ward, die Bibel nie so natürlich und gern lesen, ihren, ich mochte sagen unermeßlichen Vorrath lehrreicher Situationen und Vorträge nicht so unbefangen schätzen, als wenn sie ihn in einer andern Sammlung Schriften, in Griechen und Römern fänden? Mit geheimer Scheu, mit panischer Furcht gehen sie an diese Schriften, in denen nicht Menschen sprechen, sondern ein unbegreiflicher Geist redet. An einem Haar ihres Haupts über sich und aus sich gehoben, treten sie in einen Zauberkccis, in welchem ihnen Nebelgcstalten erscheinen sollen; sinds Men- Vom Geist des E hri st e n th u m s. i.jr scheu? oder sinds Götter, die da reden? Kommen diese Stimmen vom Himmel oder woher?- Hundert Einwürfe, die gegen die Bibel gesagt sind, fallen weg, sobald man jede Schrift dieser Sammlung natürlich , d. i. ort- und zeitmaßig betrachtet. Hundert Spöttereien erscheinen abgeschmackt, wenn man den magisch - einhauchendcn Geist vergißt und auf den Ausdruck jedes Schriftstellers, als auf den besten Ausdruck seiner Zeit, sci.ner^Seele merket. 26. Würde endlich einmal auch von diesen Schriften eine Sammlung veranstaltet, in der, ohne irgend einen fremden drückenden Nebcnbegrjss, jedes Buch, jeder Theil des Buchs, insonderheit die für uns gehörigen schönsten, Thcilc derselben rein-menschlich und natürlich, nach Ort und Zeit begreiflich jedem Verständigen hingcstellet würden; ein neuer Garten blühete in ihnen auf. Wurzellos schwebte sodann keine Pflanze in der Luft; keine läge aus- gerissen im Sande: denn jeder Baum, jedes Kraut sproßte an Stell' und Ort. Das Lesen dieser Schriften wäre Jedem ein Lustgang, der die verschiedenen Gewächse ganzer Jahrtausende darstellt; du kannst weilen, wo du willst, unter diesem oder jenem schattenreichen Baume. Gefallt dir Paulus nicht, so seps Jakobus. Ist Jeremias dir nicht angenehm, so sei) es Jesaias, Assaph, David, oder die Altväter der goldenen Zeit. Allenthalben wehet Hauch Gottes; jeder Baum aber bringt nur seiner Art Früchte. 142 Vom Geist des CH cistenthums. 27. Und auch nn jedem Baum (wenn die Fortsetzung dieses Gleichnisses erlaubt ist,) wird mir nicht alles gleich anwendbar seyn Kursen. Seine Früchte werde ich genießen, aber nicht seine Wurzeln, Blatter und Rinde, die dennoch dem Baum selbst sehr nothwendig waren: denn ohne sic konnten jene Früchte auf ihm nicht erwachsen. Nicht werde ich lhöricht in jedem Stammregister, oder in einer offenbaren Lücke historischer Umstände, cingcgcistete Mysterien suchen, statt wahrzunehmen was hierin augenscheinlich vom Lauf der Zeit abhängt und ihm dienet. Was zu meinem Geist und Herzen spricht, das ist Geist ; die Stimme des Geistes ist B es l e h r u n g. 28. Friedlich führet sich also das Wort Eingebung, Inspiration, Anhauch, auf den ge, sunden Begriff zurück, den diese Bücher vom ersten bis zum letzten feststellen und bewähren, nämlich, daß, da die Gottheit den Menschen durch Menschen die edelsten Wohlthaten erweiset, sie ihnen auch diese erwies, Menschen mit vorzüglichen Gaben, mit ausgezeichneten Kräften, Menschen Gottes, geboren werden zu lassen, sie in Umstande zu setzen, da diese Kräfte gebildet, erweckt, gefördert wurden, ihnen Veranlassungen zuzuführen, unter denen sie thätig oder lehrend ihr Werk trieben, sich ihm ganz aufopfertcn und dadurch Wohlthatcr der Nachwelt wurden. Je reiner ihr Sinn, je fester ihre Be->^ strebung, je glücklicher ihre Wirkung war, desto Heller Vom Geist deS C h r i st e n t h u m S. i-j3 stehen diese göttlichen Menschen als Sterne da. Kein wildes Brausen, keine unnatütliche Ueber- spannung und Exaltation war der Beistand, den ihnen die Gottheit leistete, noch weniger eine Hemmung und Lähmung ihrer Kräfte, sondern Erweckung, Förderung, Antrieb, Belebung derselben, von welcher Art sie auch waren. Non der fröhlichsten Begeisterung erstreckte sich der Beistand, den sic genossen, bis zum ruhigsten Fleiß, zur weisesten Ueberlegung. Kraft Gottes wirkte durch ihren Geist, nicht störend und polternd in ihrem Geiste. 29. Wohin kommen bei dieser Natürlichen, dem Genius der Zeit einzig gemäßen Ansicht der Dinge unsre neuscholastischen Spekulationen über den cin- zigmöglichen Weg der EiNgeistung, über den a priori gegebenen supranaturalistischen Supranaturalismus? Zu den Theorien über jenes weißen Elephanten goldenen Zahn und Pythagoras goldene Hüfte. Eh ihr heraussindet, wie jener und dieser einzig-möglich wachsen mögen, so forschet erst nach, ob sie da waren. Lernt die Begriffe, lernt die Sprache der alten Welt kennen, ehe ihr in den ihr crstohlenen Worten nicht ihren Sinn sondern euren eigenen Ucbersinn eckel umherwerftt. Es war eine Zeit, da man die Sterne für Nägel am Himmel und den Hellesten Fleck im Orion für eine Oeffnung im Firmament hielt, durch welche das Empyreum durchleuchte; seit einiger Zeit schreibt man keine Theorien über das Loch des Em- pyreums mehr; statt dessen aber sieht man glänzende Milchstraßen, Heere von Welten. ^44 Vom Geist des Christenthums. II. Wundergabcn des Geistes. i. So jugendlich es ist, Wunder, die als solche jeitmäßig erzählt werden, aus der Geschichte hinauszudeuten; (eine Kunst, die ihre wenige Mühe selten lohnet;) so ists nicht minder unmännlich, Wundcr- gaben dahin zaubern zu wollen, wo die Geschichte von ihnen nichts weiß, ja wo die handelnden Personen der Geschichte sie absichtlich entfernen. Wenn in der Sprache des werdenden Christenthums die neugepflanzte Gemeine der Leib Christi, ein Tempel des heiligen Geistes hieß: so heißen im Zusammenhänge der Rede die Kräfte, die diesen Körper belebten, die Gaben, die in diesem Tempel dienten, nothwendig geistige Kräfte, Gaben des b el c be n d e n G e i st c s , ohne daß sie deshalb Prodigien oder Mirakel zu seyn sich anmaßten. Denn mit dem Anfang des Christenkhums horte ja die Natur nicht auf; vielmehr suchten die Einrichter desselben manche sonst nicht gebrauchte Naturgabe zu heiligen, d. i. dem Christenthum brauchbar zu machen, damit in diesem neugepflanztcn Weinberge jede Rebe am Weinstock ihre Traube trüge. s. Vor allen war Paulus ein rüstiger Bearbeiter dieses Weinberges, ein wirksamer Einrichter der sogenannten Haushaltung des Geistes. Wie seine alteren Milbrüder zum Dienst der Gemeine selbst in wirthschaftlichen Dingen tüchtige Männer Vom Geist des CH r i ste n t h u m s. 146 Männer bestellten, die in der Spreche der Apostel „Männer voll Weisheit und voll heiliges Geistes" heißen, (Apost. 6, 3 .) so richtet auch Ec seine Gemeinen nach Geistcsgaben, d. i. nach Fähigkeiten und Talenten aller Art ein, wie irgend sie dem Christenthum dienen konnten; wobei er durchaus keine ausschließendc Regel zum Grunde setzt, als daß jedes dieser fähigen Glieder sich zum Christenthum bekenne, (Jesum den Herrn heiße,) und nichts gegen ihn spreche oder übe. (r Cor. 12, 3 .) Eine vielumfassende Regel! Sie zum Grunde gesetzt, sind dem Apostel alle Kräfte und Gaben geistige Gaben, die vom heiligen Pnevma belebt dem Christenthum dienen. „Von der ersten Anerkennung des Christenthums, mit der man Christum seinen Herrn nennt, bis zu dessen schwersten Uebung erstrecke sich die Wirkung dieses beseelenden Geistes, und wie es mancherlei Dienst zum Nutzen der Gemeine gebe, so gebe es auch sehr verschiedene Gaben; alle indcß Gaben Eines Gebers, alle zum Dienst Eines Gemeinwesens wirkend." Nach Bedürfnissen der Zeit führt er verschleime derselben als Beispiele an. 3 . Die Christenheit z. B. bedurfte Gaben der Wci s- heit: denn Weisheit hieß damals und diesem Apostel insonderheit Einsicht der Entstehung des Chri- stcnthums, seiner Nothwcndigkeit, seiner Anwendung und Richtung zum.wahren Zweck. (» Cor. 1 — 3 .) Allen andern setzt Paulus also diese Gabe vor, eine pragmatische apostolische Gabe. Heeder? Werke z. Rcl> u, Theos, XII. K 146 Vom Geist des Christenthums. 4 > Der Kirche waren Gaben des Erkenntnisses nothwendig; d. i. Verstand der Schrift, Deutungen des Sinnes derselben, ihrer Weissagungen, ihrer Geschichten. Wer jenen praktischen, übcrschend- ordnenden Weisheitsblick nicht hatte, besaß vielleicht diese Erkenntnißgabe; er gewann an Tiefsinn, was ihm an Umfange fehlte. Seine Gabe war brauchbar. 5. Ein dritter hatte Charaktcrgaben, Zuversicht, Glauben. Ein vierter besaß Kenntnisse und Hülfsmittel gegen Krankheiten, ein anderer vordrin- gende Macht zu Uebernchmung der Gefahren, zu Ausrichtung wichtiger Geschäfte. Dieser besaß Beredsamkeit, jener hatte einen Blick in die Zukunft. Diesem war Scharfsinn eigen, Charaktere zu unterscheiden; eine Gabe, die dem werdenden Christen- thum, an welches sich mancherlei, auch tauschend und betrügerisch anschloß, sehr nothwendig war. Ein andrer war geübt in den mancherlei Untersuchungen (Midraschim, Glossen des Sinnes der Propheten ;) ein dritter konnte diese geheime Allegorien verständlicher auslegen. Alle diese Geschicklichkeiten sollten partheilos angewandt werden; denn in allen, sagt Paulus , wirke zum gemeinen Nutzen E i n Geist, der den gliedcrreichen Körper beseele, (r Cor. 12, 4 — 3 r.) Liebe aber sey das Band der Gesellschaft, also bei allen Talenten unentbehrlich, vor allen die vollkommenste Gabe. (1 Cor. i 3 .) 6 . Wie Paulus hier spricht, spricht er zu allen Vom Geist des Chcistenthums. 147 Gemeinen, (Röm. 12, 1 — 21. Ephes. 4, i— 32 .) und weiset seine Geistes - Söhne Timotheus und Titus darnach an. Eben so sprechen Petrus, Jakobus, Johannes; (1 Petr. 4, 8 — n. Jak. 2— 5 . 1 Joh. 3 , 4.) Mit einem eignen Namen sogar werden diese Ehristengaben bezeichnet und von Mirakeln gesondert; sic hießen /«(uw/io-T-«, Liebes- ge schenke. Aus göttlicher Huld hatte jeder sein Talent, seinen Trieb zu demselben empfangen, mit Huld und Liebe sollte ers anwenden, so ward es eine gemeinnützige Christengabe, eine Wirkung des treibenden Geistes. 7 - Wer, wenn er diese Verfügungen liefet, wer ist, der dabei an nichts besseres, als an das Predigt ose und Mirakulose dabei, an Wunder- krafte, an Wundergaben nur denken wollte? Hatten denn die Christen ganz und gar keine Natur- gabcn? War's Charakter des Christenthums, daß der Geist alle Fähigkeiten, jeden Fleiß, jede gute Uebung ersticken mußte? Oder war es nicht eben Zweck dieser neuen Verfassung, jede dieser Gaben auszumuntcrn, den Lebensgcist aufzuwecken in allen Gliedern, damit jede kleinste und größcste Kraft Charisma, ein Geschenk der Liebe würde? Dies eben war ja ihr neuer belebender Geist, ihr nuen/lw. 8 . Sehr wenig sollte uns also die Frage kümmern l „wie lange wohl IVIipLcuIo8a in der ersten Kirche gedauert haben mögen?" eine eben so unnütze als K s 14^ Vom Geist des C h rist c n t h u m s. endlose Frage. Wunder sind für den Gläubigen da ; so lange Wunderglaube von Seiten des Thaters und Empfängers da ist, wird man Wunder thun und Wunder erfahren. Die Wunder deS ersten Christenthums stehen auf ihrem eigenen Grunde; daß man nachher viele Jahrhunderte hin dergleichen geglaubt habe, ist unläugbar; ob in jedem Falle mit Fug und Recht? darüber können und dürfen wir nicht entscheiden. Manchen Erzählungen späterer Zeiten flehet man den Betrug an; leichtgläubige Erzähler können überhaupt nur von Dem Glauben erwarten, der ihnen solchen freiwillig schenket. Die meisten dieser spateren Begebenheiten sind ungewiß und werden cs bleiben; wozu dürften sie aber auch uns gewiß werden? Jene Jahrhunderte sind vorüber und nach unserer Denkart dürfen wir sie nicht richten. Was wir Spuren der göttlichen Vorsehung nennen , nannten jene Zeiten oft Wunder; wer ist, der darüber spotten, der einem zutrauenden Gemüth ausreden wollte, daß die Gottheit hier sein Zutrauen belohnt, dort sein Gebet erhört habe? In diesem Verstände werden Wunder geschehen, so lange Menschen an eine Vorsehung, die über sie wacht, und eine Echörung des Gebets glauben. 9 - Anders aber ists mit dem thra soni sehen Wunderglauben, d. i. mit der trotzigen Her- ausfoderung Gottes zu Wundern. Sie ist Anmaa- ßung und schwache Thorheit. „Verkehrtes, wundersüchtiges Geschlecht, sagt Christus, wie lange soll ich dich tragen und dulden?" — „Gebet mir auch die Macht, sagte Simon, daß, so ich jemand die Hände auflegc u. f." Und Petrus antwortete ihm: „Thue Buße für diese deine Bosheit und bitte Gott, daß dir vergeben werde der Tück deines Herzens." io. Vollends eine Wundcrsucht zu unfern Zeiten ! Hat uns Gott Kräfte und das Licht der Natur vergebens gegeben? vergebens die Menschengeschlechter, auch in fortgesetzter wachsender Bemühung, an einander geknüpset? Waren es glücklichere Zeiten, da man die mannichfaltigsten, fürchterlichsten Krankheiten unter den Namen der Teuselsbesitzungen begriff, und die Dämonen mit Drohungen und Rauch aus den Körpern der Elenden jagte? Sollen wir diese Jahrhunderte und das alte Reich der Nacht zurückwünschcn, damit wir Prodigien, Ostente und Mirakel thun mögen? Wer Christum herausfodcrt, daß, wenn .er ihn nicht, seinem Versprechen gemäß, Wunder, größere Wunder thun oder erleben lasse, als Ec, Christus, selbst gethan, er ihn blank und baar verläugnen müsse, der vcrlaugne. III. Uebcrnatürliche Wirkungen des Geistes. Wenn etwas Unbegreifliches vor mir geschieht/ so kann es meine Sinne verwirren; aber mein Uriheil findet sich endlich doch zurecht, oder ich überlasse eS dem Urtheil andrer. Das Unbegreiflich- Uebrrnatürliche hingegen, das in mir selbst vor? iSo Vom Geist des C h r i st en thum s. gehen soll, falls ich nicht geneigt bin, ewiges Unheil auf mich zu laden, greift tiefer. ,,Jn mir, in mir fallen Prodigien geschehen, Energieen und Wirkungen, bei denen ich ein Klotz und Stein seyn muß, aber auch ärger als ein Klotz und Stein seyn kann, wenn ich widerstrebe. Zu Beförderung dieser Wirkungen habe ich keine Macht; unglücklicher Weife aber zu ihrer Behinderung, zu ihrer Vernichtung/' 2 . „Ucb er na tü rli ch muß das Licht seyn, das mich erleuchtet, die Gnade, die mich wiedergebiert, und doch soll ich von ihnen Rede und Antwort geben? und bin der Schuldige, wenn sie nicht das Gehörige in mir wirken. Wiederum aber soll ich meine Gedanken, meinen Willen in sie nicht mischen, oder ich verderbe den ganzen neuen Topf des Töpfers. Wer hilft mir aus diesem Labyrinth?" „Du darfst und sollst der fremden Gnade nur still halten." So heißt es, und heißt wiederum, es sey schwer, der Gnade still zu halten, weil in meine ganze Natur eine tödlliche Feindschaft gegen sie gelegt sey." Ein ewiger Kampf also zwischen Natur und Gnade? — „Nicht anders! Was von deiner Natur irgend nur in Resten zurückbleibt, ist dämonisch. Ausgezogen muß sie, sie muß in eine göttliche Natur verwandelt werden; oder du hast zeitlebens auf Natur gesäet, und erntest ewiges Verderben. Denn wisse: des Unwiedergebornen natürliches Erkcnnlniß ist Irrlhum; die Tugend deS Vom Geist des Christenthums. Unbekehrten ist ein glanzendes Laster. Je glanzender, desto gefährlicher und arger/' — Die Geschichte zeigt , daß eine Menge Menschen über diesen Widersprüchen verrückt worden sind ; deren, die durch sie geaügstet und gequält, zusammengedrückt und verunstaltet worden, deren endlich, die ihretwegen Verfolgung und Hohn erlitten, die in diesem Strudel ihre Seclenkräste verzehrten, deren Zahl ist unnennbar. 4 - Und doch findet sich zu diesem Allem kein Anlaß in der Schrift, als den man unter der Hülle der dicksten Unwissenheit des ganzen Redegebrauchs alter Afften bincinzwängte. Haben die Patriarchen, (obgleich Einer von ihnen sogar körperlich mit dem Mächtigen rang, und den Himmel offen sah,) haben sie diese Buß- und Glaubenskampfe gekämpfet? Einfach war ihr Zutrauen zu Gott, ächlkindlich ihre Folgsamkeit, ihre Treue, ihr Gehorsam; das ward ihnen eine Quelle des Segens. — Der Einrichter des Volks, Moses, der mit seinem Jehovah wie Freund zum Freunde sprach, vcrordnete er seiner Nation diesen geistlichen Empirismus? In der Geschichte der Schrift treten fernerhin Männer mit Lehren und Ermahnungen, mit Thaten und Fehlern auf; mancherlei Seelenzustände lernen wir in ihnen kennen, nie aber diese Spiritualitäten. — Einsiedeleien , Klöster, Mönchszeiten gehörten dazu, daß man die sogenannten sieben Bußpsalmen Davids ganz außer Zeit und Sinn zur Pönitenz jedes reuigen Sünders machte. Mönchszeikcn gehörten dazu, daß man jene patriotischen Anmahnungcn der Pro- 1Z2 Vom Geist des Christcnthums. pheten zue Rückkehr von Abgötterei, Aberglauben und Lastern, daß man ihre fröhlichen Aussichten eines bessern Zustandes bei gelauterten Kenntnissen und Sitten der Nation, als einer schönen Wiedergeburt der Dinge, so trübselig deuten, so jammernd verwirren konnte. Mehr als Mönchszeiten endlich, daß man sogar den Schriften Salomo's, Hiob, den Apokryphen, den Schriften des neuen Testaments statt ihrer offnen menschlichen Lebensweisheit diesen die Natur zerknickenden Mysticismus aufzudringen wagte. 5 . Ging Christus mit seinen Schülern als mit künftigen Klosterbrüdern um? oder als Lehrer und geselliger Freund mit Freunden? Jede Verstellung des Gesichts, jede Pharisaerei war ihm zuwider; er warnte vor ihr als vor einem Sauerteige, der den ganzen Teig verderbe. Ein offenes, lichtes Auge macht nach seiner Meinung den ganzen Leib licht, den ganzen Gang eines Menschen gewiß und sicher. Heiter sind seine Vorschriften zu Bildung des Herzens und Lebens; der Geist, den er den Seinigen versprach, war ein Geist überzeugender Wahrheit, heiterer Weisheit, ein Geist des Friedens, der Freude. 6 . Auf keinem andern Wege giengen die Apostel; Dank und Liebe waren ihnen Kennzeichen des empfangenen Geistes, eine freudige Wirksamkeit durch nutzbare Gaben voll williger Kräfte sollte den Leib Christi beleben. Dazu redeten sie und schrieben; Vom Geist des CH ri st cn th u m s. i53 dazu stifteten sie Gemeinen. Ernste Lebensweisheit spricht im Briefe Jakobus; brüderliche Liebe in Johannes Schriften, ein fester Muth in Petrus Briefen; die Briefe Paulus sind voll Leben und Bewegung. Acußerst mißverstanden werden einige seiner Allegorieen, wenn man aus sie einen herben Jansenismus oder einen süßsauren Pietismus bauen wollte. 7- Wenn den Ebraern z. B. von alten Zeiten her der Ausdruck einheimisch war, das Schwache, Niedrige, Gemeine, so wie noch mehr das Sündliche, Lüsterne, Trage in der menschlichen Natur Fleisch und was diesem wirksam entgegcnstehct Geist zu nennen, und vornehmlich Paulus diese Ausdrücke der Sprache des Christenthums einführte; gewiß hat er sie ihr in dem damals allbekannten Verstände, nicht aber in einem ihm völlig fremden Mönchssinn cinverleibet. Der Knechtcsdienst der Juden, das wüste Leben der Heiden hieß ihm Fleisch; Geist des Herren, Geist Christi war ihm der freie Sinn, die tugendhafte Wirksamkeit, die dem Christenthum geziemte. Dem tobten Buchstaben des Gesetzes sowohl , als dem kriechenden Gange nach alten Gewohnheiten und Lüsten stand sein lichtvoller Geist, der geistvolle ausgerichtete Mens ch entgegen. Und da jeder Sterbliche dies zweifache Gesetz in seinem Busen traget, indem die uns angeborne oder angewohnte Trägheit und Unart uns an vielem, oft an allem Guten hindert, Paulus aber hier einen Brief schreibt; wie anders als daß er mit der ihm eigenen Bescheidenheit diesen Vom Geist des CH rist e n t h u m S. Kampf, den auch der Beste erfährt, wie aus seiner Brust, aus s c i n e r Erfahrung beschreibet? Kraft des Begriffes und Namens aber soll der Geist herrschen; Erkenn tniß soll den Jrrkhum, Entschluß und Wille die Trägheit und sinnliche Lust überwinden. Die güte Seele im Menschen soll gebieten; die schlechte mehr und mehr überwältigt, der alte Mensch wie ein beflecktes Kleid abgelegt werden, u. f. — So natürlich, menschlich und verständig redet Paulus. Ein völliger Mißverstand seines Genius, seiner Sprache und Denkart gehörte dazu, daß man aus seinen Bildern und Ausdrücken das machte, was leider nach und nach aus ihnen gemacht ward. 6 - Denn nicht auf einmal, sondern im langen Laus rhetorischer oder scholastischer Jahrhunderte kam enst das Kunstsystem der sogenannten übernatür- l i ch en G n g d e n wirkunge n zu Stande. Die älteste, insonderheit griechische Kirche kannte es nicht; sie redete, (wo es nicht auf Mönchslugendcn aus- ging,) über die ganze Sache ungezwungen, einfach und verständlich. So lange sie insonderheit ihren Witz auf Dogmen des Sohns wandte, ließ sie den heiligen Geist mit seinen Wirkungen dergestalt un- befehdct, daß man späterhin sogar nöthig fand, vor den Vätern der griechischen Kirche, zumal vor Chry- sostomus als vor einem gefährlichen Synergisten, zu warnen. —- Der lateinischen, insonderheit der afrikanischen Kirche war eS aufbehalten, über die Dperaiioncn des Geistes und der Gnade in afrikanischem Latein zu subiilisircn, wozu Donatisten, Vom Geist des Christenthums. i55 Manichäer, am meisten Pelagianer dem großen Streiter Augustin reichen Anlaß gaben. 9- Auf einer gefährlichen Spitze stand dieser talent- reiche Mann Augustinus. Bei seinem blendenden Witz, den er wie ein funkelndes Schwerdt hin und her wandte, bei einer raschen schlüpfrigen Einbildungskraft ward sein warmer Eifer fürs Wohl der Kirche dieser selbst schädlich. Er wars, der die gewagtesten Sätze und Unterschiede über Natur und Gnade, über den freien Willen des Menschen und seine Ohnmacht, über Gnade und Verdienst nicht nur in Gang, sondern auch (trauriger Sieg!) ins System der Kirche brachte. Wie sehr sich der menschliche Geist sträubte, manche harte Behauptung dieses kirchlichen Despoten, aller Erfahrung zuwider, anzunehmen , wie tapfer man selbst in den mittleren Zeiten der Scholastik gegen ihn stritt, und sich wenigstens hie und da einen kleinen Winkel eigenen Besitzes menschlicher Seelenkräfte zu umzaunen suchte; der lateinischen Kirche blieb sein System geltend. Noch in den Zeiten des Jansenismus hat cs die scharfsinnigsten Vertheidigcr, so wie die feinsten Bestreiter gefunden und hat von beiden Seiten Verfolgungen verursacht, dergleichen man sich weder von der zuvorkommenden, helfenden, unterstützenden, noch von der kräftigen und hinreichenden Gnade je hätte versehen mögen. Neue August ine, die talentreichsten Männer, waren in einen Streit verwickelt, in welchem die blonde Zraria conZrus und die braune gratis eMuax i56 Vom Geist des CH ri st e n t h u m s. dem alten Mcnschcnhaupte, jene die braunen, diese die weißen Haare unbarmherzig ausraufte. Entbehrlicher Weise kam der Augustinismus auch ins Lutherthum hinüber: denn gewiß war der Streit, der zwischen Luther und Erasmus über den freien Willen des Menschen entstand, dem Christenthum sehr entbehrlich. Nach dem Tode des großen Mannes wurden nicht nur seine treuesten Gehülfen, mit ihnen andre gelehrte und verdiente Männer als Synergisten gekrankt, beschimpft, verfolgt und verlaum- dct; sondern der Mensch sollte fortan in der sogenannten Bekehrung durchaus ein Stock und Block bleiben. Stöcke und Blöcke fand man auf dem Wege der Seligkeit dergestalt unentbehrlich, daß das verschlagene tridentinische Concilium selbst sich des menschlichen Verstandes anzunehmen gut fand und einen feinen Sem! - Pelagianismus decretirte. Glücklicherweise hat die Zeit alle diese bibel - und geistlosen Verwirrungen, so wie den ganzen Streit über die mancherlei Gnaden, der ohn' alle Gnade geführt ward, in den breiten Strom der Vergessenheit gesenkt; und verdorren müsse die Hand, die ihn je daraus hcrvorholet! ir. Wie? und die Trümmer dieses verfallenen Gebäudes stehen noch da? In Katechismen und Lehrbüchern werden die Aemtcr und Wirkungen des Geistes alle noch dergestalt classificirt, daß manche meiner Leser, die jugendlich in die Schule dieses scholastischen heiligen Geistes genommen wurden, um Vom Go ist des E hr i ste n t hu m s. 167 übernatürlich mit drei Schlagen ans Herz berufen, dann ohne Erkenntniß erleuchtet, dann ohne Triebfedern wiedergeboren; jetzt gerechksertigct, und nun erst, ja nicht früher, erneut und gchciliget zu werden, diese Tabelle übernatürlicher Energieen vielleicht noch in ihrem Innern fühlen. Wer früher wieder- geborcn ward, als er berufen und erleuchtet war, ist ein Schwärmer; wer berufen und erleuchtet auf dem Halbwege stehen blieb, ohne zum Durchbruch zu kommen, ist ein Unwicdergeborner, eine todte Frucht im Mutterleib?. Der anmaaßlich mit Gott Vereinigte sieht auf feine minder vollkommenen Halbbrüder mit stolzer Gewißheit hinab, und sondert unter ihnen Erleuchtete von Nicht-Erleuchteten, Bekehrte von Halbbekehrtcn, Wiedergeborne von noch nicht mit Gott Vereinigten , u. f. —-Traurige Rhapsodie mißverstandner Ausdrücke voll Dünkels und Anmaaßung, die des Rennens kaum wcrth wäre, wenn nicht dieser sogenannte heilige Geist die unheiligsten Spaltungen, die feindseligsten Gnaden bewirkt hatte, und noch bewirkte. Ein Verzeichniß der Eolumbarien zu geben, in denen diese Wiedergeburten nach solcher und andrer Form kalendermäßig geschehen, wäre so langweilig als traurig. 12. Jedes Extrem macht einem andern Extrem Raum. Was Wunder, daß auf der Gegenseite dieser Zer- lhciler und Difputirer es Menschen gab, die zum Fragenaufwerfen nicht geneigt, sich lieber in ihr Inneres schlossen, und darin desto fester zusammen zogen? Sie nannten die Stimme, die zu ihnen, d.i. in ihnen geschah, Wort Gottes, oder gaben i58 Vom Geist des Chri sten th u m s. ihr andre Namen. Da sie sich meistens dunkel ausdrückten, so wurden sie von den Disputanten überschrieen , Schwärmer gescholten, und da Viele von ihnen zu dieser Benennung reiche Gelegenheit gaben, indem manche ihre innere Stimme gar prophezeien ließen, Andre die Mittel zu gering schätzten, die ihre Gegner zum Zweck zu machen schienen, die Meisten aber sich absonderten und straften; noth- wendig erbitterten sic dadurch die herrschende Parlhei und wurden verfolgt. i3. Ohne Einer dieser Ausschweifungen das Wort reden zu wollen: (denn die Zeit selbst hat den Ungrund so mancher inneren Stimmen, die Thorheit so mancher nutzlosen Absonderung genugsam offenbaret) muß dennoch jeder Unparteiliche das Prin- cipium dieser in sich gekehrten Menschen für gut, ja für unentbehrlich halten, so uneben cs oft ausgedruckt ward. Es ist nämlich das stille Selbst- bewußsepn, unser redliches Unheil über Recht Und Pflicht; es ist der moralische Wahrheitsinn, der zuletzt doch allen Urkheilen des Verstandes, allen Entschlüssen und Handlungen des Willens zum Grunde liegt. Ohne ihn schweben wir bei allen Uns von außenzukommenden Worten in der Luft; ja diese Worte selbst sind für uns ohne Sinn und Bedeutung. 14. Einkehr in sich, Aufmerksamkeit auf sich selbst, als eine Uebung des Sinnes der Wahrheit, ist, auch dem Ausdruck nach, der Sprache der Schrift Vom Geist des Christenthums. 1.69 viel gemäßer, als manche andre zertheilende Spitzfindigkeiten und Subtilitäten. — Denn einmal waren doch jene ersten Christen keine Disputanten. In Volkseinfalt war das Christenthum entstanden und bauete in der Sprache des gemeinen Ausdrucks auf Herzenseinfalt. .In dieser Sprache sind alle Schriften des neuen Testamenrs geschrieben; in diesem Geist redeten die Apostel. Mil gelehrten Hülss- Mitteln die Welt zu äffen, war nicht ihr Zweck; selbst Paulus schrieb keinen seiner überströmcnden Briefe, damit er, in scholastische Fächer zertheilt und stets von neuem zertheilt, eine Tabelle der Geistesoper ationen würde. Dagegen spricht Johannes von einer Ue b e rz c ug un g, die Alles lehren, bei deren Lehre wir verharren sollten. Der Beistand, den Christus versprach, ist ein Geist der Wahrheit, der zu jeder reiferen Erkenntniß empfänglich mache, d. i. von Wahrheit zu Wahrheit führe. Alle Apostel bestreben sich, diesen Sinn wachsender Erkenntniß in ihren Brüdern zu schärfen; so, daß, wenn auf diesem Wege gefehlt wurde, der Fehler blos an einem Mißbrauch gelegen haben kann, vielleicht durch Aus- schließung, durch U e b e r t r e i b u n g. i5. Das Menschengeschlecht nämlich ist zur Geselligkeit geschaffen; zum Handeln und Leben sind wir da. Alles Jsoliren und Brüten über eignen Gefühlen macht furchtsam oder anmaaßend, läßig oder leer und stolz. Wenn daher das Christenthum auf tin Mitwirken in de r G e m e i n sch a ft anderer drang, so that es, was es chun sollte. Absonderungen und Mönchereien, auch ohne Klöster und 160 Vom Geist des C hr i sten th u m s. Klostergelübde, sind Abwege des Antichrisis, Wege eines sichern Verderbens. Die Geschichte des Christenthums selbst , sobald cs diesem ersten Gesetz seiner Stiftung nicht folgte, hat dies gnugsam erprobet. 16. Der Redlichste, der in Einkehr auf sich über sich selbst brütet, der Mensch, der ohne Wirkung auf andre sich selbst zum leidenden Object der Wirkungen Gottes macht, gerath in Dünkel. Ec erfindet — — und was erfand er? Geheime Wege der Abstraction, Reinigungen zu einer Vergöttlichung und Vergottung seines Wesens. Er gerielh auf den dunkeln Grund seiner Seele, aus dem ihm ein Licht aufgehen sollte. Dies Licht ging in ihm auf: (denn der Mensch kann viel aus sich erzwingen;) aber es erlosch wieder, und so quälte er sich, zuweilen lebenslang, mit abwechselnden Gemüthszustanden des Lichts und Dunkels, der erfreuenden und betrübenden Gnade ohne Zweck und Ziel. Manche Lebensbeschreibungen solcher Heiligen sind wahre Krankheitgeschichten, voll rothcr und schwarzer Tage, wo Alles zuletzt auf Einen Fehler hinauslauft, daß der Leidende aus Schwache oder aus Stolz sich selbst viel zu viel bemerkte. „Nimm dein Bette und gehe heim !" spricht Christus. Laß dein inneres Licht für andre leuchten, deine Fackel für andre brennen; in ihnen erkenne und fühle dich. Sey wirksam im Geist, nicht über dir selbst entschlummernd. — Ein lebendiges Wort dieser Art würde manchen froh und nützlich gemacht haben, der auf dem Wege der Selbst- Ver- Vom Geist des Christenthums. »6r Vergottung ein gequälter Mensch, ein leeres Idol, ein Ich und Nicht - Ich, ein Schemen ward. — > 7 - Zurück also zur Natur und Wahrheit; Zurück dahin von allem Streiten und Grübeln. Unmittelbar gelangt keine Gabe Gottes an uns; (wir haben von dieser Unmittelbarkeit durchaus keinen Begriff;) zu Erhaltung des Leibes und der Seele sind wir an Mittel gebunden. Sey es Reich der Gnade oder Reich der Natur, worin wir leben; jedes Gewächs von der Eeder bis zum Vsop hängt an Erde und Sonnenschein, an Luft und Wasser, durch die cs lebet. — Keine Empfänglichkeit und Kraft, kein Vermögen auf uns oder aus andere zu wirken, ist uns umsonst mitgethcilet. Wir müssen geben, weil wir empfangen haben; sonst besitzen wir nicht. Der Geist macht lebendig, thatig, geschäftig. 18. Wie sehr kommt uns hiebei die einfache Sprache der Schrift zustatten! Auf wie ebnem Wege leuchtet sie vor, indem sie nicht theilet, nicht subtilisiret. Was meinen Verstand erleuchtet, soll auch mein Herz bessern; sonst war jenes Erkenntniß falsch und todt. Was mein Herz belebet, soll von Licht, von Verständniß, von einem Wort Gottes ausgehn. Also trennet die Schrift Verstand und Willen, Erleuchtung und Wiedergeburt oder wie ihrs sonst nennen möget, nicht; vielmehr läffct sie alle diese Namen in einander fallen unter den Einen schönen Herders Werke i. Nel. », Ttievl, XII. L 162 Dom Geist des E hr ist e n t h II m s. Begriff, Verjüngung, Erneuung. Erneuen soll mich das belehrende Wort; verjüngen die bessere Seele, die mich treibet. Denn Geist und Wort sind bei den Ebräern Eins: der Hauch vom Munde Gottes ist Wort, das Wort vom Munde Gottes ist Geist; rohe Mißverständnisse allein konnten sic theilen. Der Beistand, den Christus den Seinen nachließ, war sein Andenken, seine Lehre, sein aufgeklärtes Bild, eine Ueberzeugung der Wahrheit. Warum trennet ihr also, was Gott verband, da in unsrer Seele alle Kräfte Eins sind? i9- Wahrlich, das göttliche, das edelste Werk, wodurch der Mensch Mensch wird, ohne welches er ein Thier oder arger als ein Thier seyn müßte, kann keine Zuchthausschule, kein Laboratorium seyn, in welchem er ohne Wissen und Willen destillirt wird, Eine e v an ge lis che, d. i. l i b e r a l c Er z ie h u n g nennt die Schrift dies dem Menschen angelegenste Geschäft, das sie einer belehrenden Huld Gottes, einem väterlichen Ruf und Auge, einem mir kindlicher Munterkeit belebenden Geist zueignet. Licht, Leben, Liebe sind in diesem Geschäft Eins; fortgehend aufs ganze Leben. Uebcr die Natur hinaus werden wir nicht gespannet, sondern zu dem Bilde, das Gott uns ancrschuf, mit immer süßerem Streben gebildet. 20 . Was folgt hieraus? Sehr einfache und schöne Folgen, Vom Geist des Christenthum r. -63 Erstlich. Grüble nicht über Wirkungen des Geistes, als ob Du sie dir erschaffen müßtest. In der Natur sind tausend Kräfte um dich, deren keine du im Inneren kennest, und die du doch alle als Kind der großen Mutter gebrauchest. Du weißt nicht, was Licht sey, und doch erleuchtet cs dein Auge; du genießest Leben und weißt nicht, wie Leben sich forkpflanzt, wie cs sich erhalt und wirket. Ueber geistige Kräfte dergleichen Grübeleien zu entfernen, spricht die Schrift zu dir in einer kindlichen Sprache. Zweitens. Classificire nicht müßig, sondern gebrauche. Wo ein Eindruck dich ruft, da wirst du berufen; wo ein Erkenntniß dich lehret, belebt, stärket, da wirst du erleuchtet, und (dem frohen Ausdruck nach) aufs neue geboren. Hange aber nicht an diesen Bildern, als ob sie die Sache wären; noch weniger spalte sie, als ob du durch das Zertheilen des -Neccpts die Wirkung der Arznei erhieltest. Im gemeinen Leben wäre dies mehr als kindisch; thun wir cs mit der alten Sprache de- Christenlhums nicht sonntäglich? Drittens. Sorge für dich zuerst und dann für andre. Laß Gott die Heiden berufen und erleuchtet haben, wie er will; schaffe, daß du Licht bekommest und der von dir erkannten Wahrheit gemäß lebest. Die Systemmachcc des Christen- khums erlauben sich oft die frechsten Verdammungen in der stolzesten Sprache; lies ihre Urtheilssprüche mit Bcdauren und hüte dich für ihrem empörenden Stolz. L Z 164 Dom Geist des Christenthums. Viertens. Wer sich auf himmlische Kräfte verläßt, indem er den seinigen entsaget, ist ein Thor. Hasche also nicht nach Gaben, von denen du keinen Begriff hast; dies thun nur leere Kopse. Wenn die Kräfte, die Du empfingst, vom Mißbrauch gesondert, in Dir zum reinen und besten Gebrauch belebet werden: so hast du den Geist Gottes, d. i. gute, himmlische Gaben. (Luc. ri, i 3 . Matth. 7,9.) Strebe also nicht zum U ebernatürlichen hinaus: denn du kennest das Ueber natürliche nicht; du hast auch kein Kennzeichen es kennen zu lernen. Was von deiner Natur empfangen und gebraucht werden soll, muß deiner Natur ähnlich, dir also natürlich seyn; sonst kann es von dir nicht gebraucht werden. Der Unterschied zwischen Natur und Gnade ist Dir eben sV nutzlos als unbestimmbar. Alle Gnade ist Natur und alle Natur Gnade. Fünftens. Unterscheide Mittel und Zweck; ehre aber jedes Mittel dadurch, daß du es nie für den Zweck haltest. Wie mancher schnitzle über die Gnadenwirkungen den Bogen so fein, daß er brach! er verzierte ihn so schön, daß er ihn nie zu spannen wagte. Gegen seits wolle auch das Wasser nicht ohne Krug schöpfen. Eine Lehre, die dich belehren, eine Weisheit, die dich bessern soll, kann nicht ohne Begriffe, mithin nicht ohne Worte seyn; Wort Gottes aber ist Alles, was dich belehret. Auch Begebenheiten sprechen ins Herz; Gott spricht durch sie zu dir während deines ganzen Lebens. Nur aber muß von dir sein Wort Vom Geist des Christenthums. r65 gefaßt, und dir zu eigen gemacht werden; sonst spricht weder Lehre noch Begebenheit, weder Bibel noch Schrift für d i ch. Nutzt dir eine Unterweisung in einer dir fremden Sprache? Sechstens. Set nicht zu strenge darüber, wie sich ein andrer über sein Innerstes ausdrückt; eben weil es sein Innerstes ist, so hat er über das Scinige, wie du über das Dcinige den eigensten Ausdruck. Den Stolz des geistlichen Richtens und Haderns vermeide überhaupt. Ein Mensch, der nach Graden der Erleuchtung und Wiedergeburt Werth und Seligkeit vertheilet, will ein Gott seyn, und wird ein Thor oder ein Dämon. Lies über Dinge dieser Art die Kriege und Siege der christlichen Sekten aller Zeiten, aller Völker; du wirst oft staunen, oft zürnen, öfter crröthen, und unter allem Siegsgeschrei immer nur den Duldenden lieben, den nachgebenden Prüfer bewundern. Siebentens. Wann kommt der Christenheit über Sachen d i e se r Ar t e i n e Sprache wieder, die uns so natürlich und verständlich ist, wie jene in den Schriften der Apostel es zu ihrer Zeit war? Der rcchlvcrstandne Sinn und Geist des Christenthums bringt ihr diese Sprache wieder. »66 Vom Geist des CH r istcn th u m S. Siebenter Abschnitt. I. Geist, entgegengesetzt einer tobten Form von Schattengebräuchcn. i. Jede Form veraltet; kaum aber hat cs in der Geschichte eine Religionsform gegeben, die sich sichtbarer überlebte, als das mosaische Judenthum, eben weil es in so frühen Zeiten bei völliger Kindheit der Nation als eine lebendige Anstalt zeit- mäßig und national angeordnet gewesen war. Eine Zeitlang hatte es mit lebender Bedeutung forlge- dauret; mit Veränderung der Umstände und des Zeitgeistes erkrankte und erstarb es allmählich; auch die Vermischung mit parsischen Begriffen hatte ihm kein ewiges Leben einhauchcn mögen. Langst hatte jeder Gebrauch den Gei st, d. i. seine ursprünglich- prägnante Bedeutung, seine sprechende oder zwingende Gewalt verloren; zuletzt standen alle als ein Schaugerüst da, das die Menschen nicht nur drückte, sondern das sogar Zwecke beförderte, die der ursprünglichen Stiftung ganz entgegengesetzt waren. Man suchte daher einen geistigern, wenigstens erträglichen Sinn in sie hincinzulegcn, oder tröstete sich mit dem Stolz, daß man ein uraltes, heiliges Joch trage. Indessen war und blieb das Judenthum ein verlebtes Ding. Die eherne Schlange, die nicman- Vom Geist des Christenthums. 167 den mehr heilte, und gar, ihrer Bestimmung entgegen, ein todtes Idol der Anbetung worden war, stand da und niemand wagte sie.zu berühren. 2. „Es kommt die Zeit, sprach Christus, ja sie ist schon da, daß man weder auf diesem noch auf jenem Berge mit solchen oder andern Gebrauchen Gott anbeten wird: denn Gott ist Geist. Die Cercmonienzeit ist vorüber." „Mit Einem Opfer, sagen die Apostel, sind alle Opfer abgethan und vollendet; der Tempel des heiligen Geistes ist ein lebendiger Tempel; der Tempel Gottes sepd Ihr." Die Vorsehung selbst begünstigte diesen großen Schritt, indem das irdische Haus, in welchem allein rechtmäßige Opfer gebracht werden konnten, zerstört ward. Der eigentliche Schauplatz des ganzen Schat- tcndienstes jüdischer Gebrauche ging mit jenem Tempel zu Grunde. 3 . Unverkennbar ist die Wohlthat, die dem Menschengeschlecht durch diese Entfesselung zu Thcil ward: denn denke man sich jenen Opferdienst, da tausend und abermal tausend Ochsen, Böcke und Schaafe bluten mußten, um Gott zu versöhnen; denke man sich den größesten Theil der Religion als ein Schlachter-Handwerk; wer könnte den Anblick ertragen? Und welche Begriffe gäbe cs unter Juden und Heiden von der Gottheit, die diese Opfer annähme, die ihrer bedürfte! Also kam auch hier das Chri- ssenthum der menschlichen Vernunft, ja der Acmuth selbst zu Hülfe: denn bei den angewachsenen und i 63 Dom Geist des Chri stcnthums. fortwachsenden Bedürfnissen der größeren Menschenmenge konnten die nolhwendigen Erfordernisse der Opfer nls Lebensmittel für Menschen doch gewiß menschlicher d. i. heiliger angewandt werden, als wenn sie im Rauch gen Himmel stiegen. Selbst die Weiseren der jüdischen Nation hatten dies vor- ausgesehcn und darauf vorbereitet; (Pf. 40, 7 — 9. Pf. 5 o. 5 r, 18— 2r. Jes. 1, 10 — r8.) bis endlich der alte Wunsch zur That und das Nutzlose, kostbare Ceremonienwerk abgethan ward. Wer wars der diesen Schritt that, und mit ihm eine Befreiung bewirkte, die nicht nur zu einer nützlicher» Haushaltung mit den Gaben Gottes, sondern auch vor Allem zu einem reinen Opfer des Gemüths cin- lud? Das Ehristcnthum. „Gott ist ein Geist, rief cs mit mächtiger Stimme aus; er will im Geist verehrt seyn." Verlassen standen also bald die Opferstätten. Das Andenken selbst der größesten Natio- nalwohlthat, der Befreiung des jüdischen Volks sollte nicht mehr durch ein blutendes Lamm; das Andenken einer größeren geistigen Befreiung des Menschengeschlechts sollte durch ein freundschaftliches Gastmal gefeiert werden. (Matth. 26, 28.) Die Opfer - und Ceremonienzeit war vorüber. 4 - Freilich vergaß diesen Zweck der Stiftung des Christenthums das S ta a t s ch rist en th u m bald so sehr, daß es nicht nur kostbarere neue Gebrauche einführte, sondern auf dieselbe einen Werth legte, den kein Jude und Heide je auf die seinigen gelegt hatte. Man zerstörte die Tempel der Abgötter und baucte sich aus den Trümmern der alten neue Tempel, Vom Geist des Christcnthums. 169 da das alte Christenthum nur Versammlungen der Gemeine, Bet Hauser, gekannt und unter heidnischen Völkern lieber ihre G e r i ch ts ha u sc r als Gotzen-Tempel zur Versammlung gewählt hatte. Opfer sollten dem Christenthum durchaus unbekannt seyn; und doch wollte man auch ihrer nicht entbehren. Man ließ nicht nach, bis man zu einem durch die kühnste magische Verwandlung bewirkten, ewig blutenden Zaubcropfer gelangt war, solches mit Pomp Gott nicht nur täglich vorhielt, sondern täglich erschuf und machte. Diesen Pomp ansehnlich darzustellen erfand man Altäre, Wandelgange, Priester, Priesterordnungcn, heilige Gewände; ein Apparat, den man aus dem Juden - und Hcidenthum zusammentrug, dem zu Gefallen man die geistigsten Symbole wiederum in körperliche Symbole zurückzwang, und reine Gedankenbilder aufs neue zu Schattengestalken machte. Da diese Gebräuche aus verschleimen Völkern genommen, dem Genius der verschiedensten Völker bequemt, überhaupt aber in einem rohen Zeitalter zusammengeordnet wurden: so erhielt das Ganze derselben eine so groteske Gestalt, daß ein großes Gewöhnen der Sinne und eine tiefe Resignation dazu gehört, um nicht manche derselben kindisch oder ärgernd zu finden. Die mosaischen und viele heidnische Gebrauche in ihrem Local- und Nacional-Zusammenhange betrachtet und auf ihre Zeit berechnet, waren oft würdiger, einfacher und edler als dieser Cerimoniendienst, der kein Vaterland hatte, ein Raub der verschiedensten Völker und Klimate. Manchen Ländern ward er sogar in Ansehung seiner Materialien drückend, weil sie diese entbehrten, und zuletzt alles in ihm käuflich und 270 Vom Geist des Christcnthums. kostbar war. Durch diese Prachtgewande, Cerimonien,' Tempel und Lichter zog man indcß die Augen der Menge an sich und hat den Geschmack ganzer Völker Jahrhunderte lang sehr verunstaltet und mißgelcitct. 5 . Wie jede Unart sich selbst straft, so auch diese; eben die drückende Pracht und Kostbarkeit des Staats -Christenthums trug bei neuen Umwandlungen der Dinge zu seinem Verfall bei, und muß einst, wenn die Zeit kommt, seinen Fall befördern. Aller Cerimonien wird man satt, der immer wiedcrkommcndcn, in dunkeln Zeiten entsprungenen, abcnthcuerlichen, und dabei kostbaren Cerimonien gewiß endlich auch, so viele Gewichte der fromme Wahn und die Kirchcngewalt daran knüpfen mögen. Man durste die Schriften der Apostel nur aufschlagen, so fand, schon in den dunkelsten Zeiten der Albigenser, Waldenser u. f., der gemeinste Menschenverstand, daß dies Alles nicht nur nicht geboten, sondern als jüdischer und heidnischer Tand ausdrücklich untersagt und abgeschafft sey, ja daß das Christenthum diese Abschaffung eigentlich zum Zweck gehabt habe. — Allenthalben also, wo dieser fremde Prunk ihm noch auflieget, da kann man sicher und gewiß seyn, daß eben Er, als ein Mühlstein am Halse, den aus Wogen schwimmenden Leichnam zuletzt doch in den Abgrund ziehen müsse und ziehen werde. Die jüdisch-griechischrömisch-altfränkischen, unbequemen Altargewande und die mit ihm verbundenen Bedürfnisse, Einkünfte, Sünden und Schulden ziehn ihn unbarmherzig darnieder. Wie Jerusalem, Babel, Memphis, Alex, "k Vom Geist des Christenthums. 171 andricn, Delphi, Bagdad, Constantinopel siel; so werden alle reiche Orakel und prächtige Altäre fallen, wenn auch nur aus Mangel und Begier ncuempor- kommender hungriger, üppiger Zeiten. 6 . Das Christcnthum verlangt einen andern Gottesdienst; (Geist ist sein Name!) den Begriff vom Ccrimonicl erklärt es Gottes unwürdig. (Joh. 4, 23. 24.) Und ist crs nicht? Kann irgend eine reine Idee von Gott statt finden, sobald man ihn sich als Cecimonicnmeister denket? Die jüdische Stiftshütte war das zcitmäßige Hofzelt eines National- Gesetzgcbers, des unsichtbaren Emirs einer ziehenden Horde; der Tempel zu Jerusalem war Pallast des unsichtbaren Nakjonal-Königcs, dessen Amtsvcrweser, der sichtbare König, nebenan thronte. Der Gott Christi ist er ein solcher? 7 - Uebcrdem zeigt die Geschichte aller Völker, wie an jedem menschlichen und göttlichen Gepränge nur Eitelkeit, Stolz, gaffender Leersinn, und ihr schreckliches Gefolge, Betrug, Schmeichelei, Anmaaßung, Despotismus, Wohlleben, Müßiggang auf Kosten andrer haften. Der Gefeierte hört bald auf, ein Mensch zu seyn und wird ein Gott; er verliert Kraft und Lust zu wirken: denn er reprasentiret. Er darf nicht, er will also auch nicht seyn, sondern scheinen. Anstrengende Mühe wird von ihm gesondert, damit er mit Anstand simulire; er ist der Form wegen da. O diese leere Form, wo sie sich auch zeige, welche Verwüstungen hat sic ungerichtet! Millionen wahrer Gedanken, reifer Entschlüsse, wirk- 172 Vom Geist des Christcnthums. lichcr Bestrebungen tödtcte sie und stellcte sich als das sichtbargewordene Nichts, Form ohne Geist, leibhaft dar. Pralender Abgott! Der stolze Betrug erfand dich, und der sinnlose Stupor mag dich verehren. 8 . Der Geist des Christcnthums fliehet nicht nur, er zerstört leere Formen. Wie in der tausend- gcstaltigen, Inhalt - und absichtreichen Natur der Geist der Schöpfung jeden Augenblick neugegenwärtig Alles erfüllet, Alles belebet; Er kennet keine Larven und Masken; aus der Verwesung selbst rufet er Wesen, neue Gestalten hervor, damit sie nicht scheinen, sondern seyn mit lebendigen physischen Kräften. So auch das Chcistenthum, der Geist moralischer Wirkung. Todtes Ccrimoniel, eine Form, die ihrer selbst wegen da scy, kennet er nicht. Hätte sie Christus gekannt; seine Idee von einem lebendigen geistreichen Reich Gottes wäre ihm auch nicht im Traum erschienen. Wie andre seiner Nation hätte er auf den ccrimoniellen Messias gewartet. 9 - Unfehlbar ists, daß dieser Larven-vcrscheuchcnde Geist des Christenthums, seiner Natur nach, früher oder später in Alles wirken muß, dem eine leere Maske anklebt. Wenn Gott kein Cerimoniel verlanget, haben wir Menschen dazu Beruf und Muße? Ist unsere Lebenszeit nicht so kurz, sind unsre Pflichten nicht so dringend, daß, sobald wir sie kennen und mit Liebe üben lernen, wir einzig aus Gefühl Vom Geist deS Christenthums. 173 für Wahrheit, für Werth und Unwerth der Dinge, d. i. aus Geist, jedes leeren Gaukelwcrks gern entbehren werden. Sich an einen Leichnam gebunden sehen und an ihm als auf einem Triumphwagen stolziren, verralh eine Dürftigkeit und Armuth des Geistes, die um so gefährlicher ist, weil sie ihrer hohlen Gemächlichkeit wegen unvermerkt feßelt und zuletzt die sinnlosesten Anmaaßungen erzeuget. Hat man sich an den Todtengeruch seiner selbst einmal gewöhnet und halt ihn für Balsam; so verfolget man gern, die ihn nicht dafür holten, und hasset zuletzt nichts mehr, als was kein Ecrimoniel, sondern Wahrheit, Sache, Geist ist. Dank dem Manne von Nazareth, der , Leben hcrvorrufend, die leeren Larven zuerst in der Religion zerstört hat. Erschaffe man sich Idole, wir man will; seit das größcste gefallen ist, hat es mit allen andern sein gewiesenes Ende. Die Schattengestalt aller Idole gehet vorüber. (1 Joh. 2, 14. i 5 .) II. Geist, dem Buchstaben entgegengesetzt. r. Schrift ist ein sehr nützliches Werkzeug des Geistes; aber nur Werkzeug: Werkzeugeines Geistes, der sich dadurch mitthcilet, der daraus hcr- vorgehcn, der dadurch geweckt werden soll. Ohne Geist ist der Buchstab tobt, wie ec ohne denselben auch nicht entstehen konnte. 2. Schrift erhält Gedanken. Sie setzt Gedanken voraus, setzt solche fort und weckt neue Gedanken. 174 Vom Geist des CH ri ste n t h u m S. Haben sich die Zeiten so verändert, daß man eine alte Denkweise nicht mehr fasset, so hat sich, wie die Ebraer sagen, der Geist hinwcggewandt; die Schrift wird und bleibt so lange ein versiegeltes Buch. Betet man endlich eine Schrift als Schrift, Buchstaben als Buchstaben an, ohne sich um den ursprünglichen Geist derselben zu bekümmern: so wird man ein Abgötter gedankenloser Zeichen; nichts mehr und nichts minder. 3 . Daß dieses bei den Schriften des jüdischen Volks zuletzt der Fall war, erweiset die Geschichte. In viele derselben legte man dann und dann einen andern Sinn; den ursprünglichen Geiste ließ man schlummern. Als man die Buchstaben aufzählte, deutete und verehrte, las man ganz sinnlos. 4 - Da weckte Christum Geist Gottes , daß er Geist in den Propheten fand. „Wozu die tragen Erwartungen? Verkündigt ist ein geistiges Reich; cS liegt an uns, daß cs erscheine. Die Zeit ist da." Ec selbst ward Stifter dieses Reiches und die letzten Schicksale seines Lebens gaben der Sache den Ausschlag. (Luc. 24, 44 — 47.) Was lange so und anders gedeutet war, machte ec an und durch sich zur Thac; ausübend stellte er den Geist dieser Schriften dar, „auf daß erfüllet würde das Wort dcS Propheten." 8 . Diesen Geist verbreiten die Apostel, thatiz, 3. ss Dom Geist des Christenthums. 176 Dem Wort der Prophezcihung beweisen sie alle Ehre, die ihm gebühret; nur aber Wegweiser sollte es seyn, nicht Ziel der Reise. Ein Licht in der dunkeln Vorzeit, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgche in menschlichen Herzen. (2Pctr. r, 19.) Die Schrift unterweiset, damit wir thun und zu jedem guten Wer? geschickt werden. (Iac. r, 23 . 2 Tim. 3 . 16. 17.) Sonst ist auch sie Buch stab. 6 . Gewaltig dringt also Paulus darauf, daß daS Christenthum nicht Schreiberei, sondern Geist deS Geschriebenen, nicht Leserei sondern Ausübung des Gelesenen, G c sin n un g und Thal werde. (2 Cor. 3 , i — ill.) Gewiß war es also nicht Zweck der schreibenden Apostel, daß die wenigen Briefe, die sie an die Stelle mündlicher Unterredungen setzten, künftig ein neues tödtcndes Amt des Buchstabs, zahlloser Auslegungen, Erklärungen und Schreibereien würden : denn wer schreibt Briese, die eine lebendige Zusammenkunft ersetzen sollen, zu solchem Zweck? Auf Einrichtung der Gemeinen, auf Wirksamkeit nach Ort und Standen geht in diesen Briefen Alles. Ihre Eingänge sind Dank und Freude fürs erlangte Christenthum, feurige Lobpreisungen Christi; dann folgt sogleich Erweckung zu praktischen Gesinnungen im Geist dieses Christus nach Bedürfnissen, Umständen, Ständen. Was iu Einem Briefe steht, steht in mehreren, ja in allen Briefen, oft mit denselben Worten. In den Herzen der Menschen sollte das Evangelium geschrieben seyn; ein lebendiger Brief Christi sollten die Christen werden; keine Biblio- und Epistelolatrcn. (2 Cor. 3. 4.) 7- Unschätzbar sind also die wenigen, kunstlos geschriebenen Schriften des neuen Testaments, nicht etwa nur als Urkunden des Christenlhums, sondern vorzüglich als Erweise seiner ursprünglichen Tendenz, als sprechende Charakter- Gemahlde seiner frühesten Denkart. Voll des Geistes, der durch diese Stiftung selbst sprach, sollen sie diesen Geist erhalten, verbreiten. Zu ewiger Wiederholung ihres Inhalts : „So schreibet Paulus hier; so redet Paulus dort" u. f. oder gar zu Vorbildern rhetorischer Uebungen, etwa als Muster des christlichen Geschieht - und Briefstyls sind weder Briefe noch Evangelien geschrieben. Gesinnung zu erwecken ist ihre Absicht, weßhalb auch in ihnen auf Einkleidung und Wortbau so wenig gewandt ist. Geist spricht in ihnen, Geist zum Geiste. (Joh. 6, 63.) III. Geist Christi, dem Magismus entgegen. 1. Magismus ist ein sinnlicher Wahn und Trieb, in der Natur eine Uebernatur, im gemeinen Lauf der Dinge ein Nicht-Natürliches, Außerordentliches, Prodigioses und Wundersames zu finden und mit zu bewirken; ein Magus zu seyn und von Zaubereien zu träumen. — Er ist also ein sinne- verblendender Aberglaube, oft mit viel Hyperbeln und Vom Geist des Christen thums. 177 und mit scheinbarer Frömmigkeit begleitet. Das Ordentliche will außerordentlich, das Natürliche übernatürlich seyn, oder darüber Gewalt, oder damit Gemeinschaft haben. Der irdnc Topf will oder soll im magischen Licht ein goldner Topf scheinen. 2. Schon die Religion Moses war diesem Magis- mus feind; sie verbot nicht nur grobe Zauberei und Zeichendcutung, das Vögclfragen und Todtensragen bei Lebensstrafe; sondern kein Bild Gottes oder einer göttlichen Kraft sollte magisch geformt, der Name Gottes und der Schriftcharaktere zu übernatürlichen Wirkungen nie gemißbraucht werden. —> Dcmohngeachtet brachte man in spateren Zeiten Myriaden personisicirtcr Geister, guter und böser Kräfte aus der Fremde nach Judäa, die magisch allenthalben Alles besetzt hielten. Der unreine Geist durchwanderte nicht nur Wüsten; er bewohnte nicht nur Gräber und Körper, sondern leider auch Gc- müther, Seelen. 3 . Ein scheußliches Reich ist das Reich der Dämonen , auch noch im kleinsten Nachlaß seiner traurigen Wirkung. Höret einen Abergläubigen, dem Alles Engel oder Teufel ist, der jeden Unfall der Natur, Krankheiten, Eonvulsioncn, Abscheulichkeiten und Laster, sogar seine eignen und eigensten Gedanken magisch anflehet und darstcllt, höret ihn erzählen, klagen, jammern; ihr schaudert, eure Haare heben sich, ihr glaubt einen Verrückten zu Herders Wrke z, Netz u. The»!. XII, M 178 Vom Geist des Christen thums. Horen , und haltet euch (so stark sind die Wirkungen der menschlichen Sympathie!) vor dieser Verrückung in seiner Nahe selbst kaum gesichert. Denket euch nun eine Zeit, in welche diese Perhorrescenz gemeiner Glaube war, da man z. B. ein Heer zehnfacher Krankheiten, hundertfacher Unordnungen und Abscheulichkeiten unter den Namen eines Dämoni- ums faßte, jene als dies behandelte und dahin seine Gedanken, seine Kraft lenkte. Fürchterliche Zeiten! Nicht nur dadurch fürchterlich, daß sie den geraden Anblick der Natur, den gesunden Gebrauch des Verstandes und der Sinne, selbst als feindliche Dämonen, stören; sondern noch feindlicher dadurch, daß sie einen Hang zur Unnatur, eine Neigung, Ungeheuer sich selbst zu schaffen, und damit als mit lebendigen Wesen umzugehen, im Gcmülh solcher Geist besessenen entzünden. Aeußecst unduldsam und verfolgend ist diese Dämoncnkcankhcit. Ihr Wurm, der nie stirbt, ihr Feuer, das nie erlischt, frißt und zündet. In Zeiten der Schwache, dcö Unglücks, der Krankheit kommen die langstvcrjagten Dämonen wieder, und mit dämonischer Zauberei wirken sie weiter. 4 > Gekommen dies teuflische Reich zu zerstören, wirkte Christus im Dienst des Einzigen Gottes als Sohn, als Machthaber göttlich - wohlthätigcr Kräfte, frei, Helle, unermüdet. Er war dem Dämonen-Reich so feind, daß wir ihn nie in hefti- gcrm Unwillen als gegen Zauberei, Aberglauben und die damit verbundnc fromme Heuchelei gewahr werden. (Matth. 12, 22 — 46.) Uns mit der Vom Geist des Christenthums. 17g Natur wie mit Gott zu versöhnen war sein lichtes unsterbliches Werk. Wie er den Vater wirken sah, wirkte Er. 5. Das Afterchristenthum holte, dem damaligen Zeitgeist nach, den Nazismus bald aus den Gräbern des Juden - und Heidenthums zu sich hinüber ; und da dieser am Geist Christi durchaus keinen Beistand fand, nahm er zum kleinsten äußern Symbol, zu einem Umstande der langst verlebten Geschichte seine Zuflucht. Die Form des Holzes, an welchem Christus gestorben war, der unschuldige alte Gebrauch der Taufe, selbst die bloße Formel „ich glaube," das einfache BekenNtniß, „ich bin ein Christ" wurden Anatheme, mit übernatürlichen Kräften gegen außernatürliche Kräfte gerüstet. Sogar das stille Denkmal eines scheidenden Freundes, das stark ausgedtückte Licbeswort eines sich losteis ßcnden Herzens ward im Munde des Zauberers ein Zauberwort zu Weihungen Und Jncancatiönen. 6 . Und da diesem Anarhem Diener unentbehrlich waren, so ward an Diesen Del und Kleid, Insul Und Stab ein Fetisch. — Was hälfe alle Erleuchtung , die das Christenthum wahr und angeblich der Erde gebracht haben soll; so lange in irgend einer auch der geringsten Sache, Magismus, (ein kalter oder heißer Wahnsinn, Dinge zu sehen, zu begehren, zu suchen und anzustreben, die nicht da sind,) noch Statt fände? Je feiner, desto ärmlicher 180 Vom Geist des C h r i st en t h u m s. ist dieser Wahnsinn; und wir kehrten sodann lieber zum großen groben Heidenthum zurück, zur unver- holncn Anbetung aller magischcnNatur- k r a f t e. 7 - Nichts hat dem mißbrauchten Christenthum so innig geschadet, als die Sucht, durch Gcbehrdcn, Formeln, Worte, Zeichen, denen man unbegreifliche Kräfte beimaß, Betrug und falschen Wahn zu bewirken. Spott und Verachtung, den frechsten Alheic- mus selbst hat sie herbcigesühret. 8 . Wie der Heiden Tempel verwüstet dastehn, so werden einst alle Altäre zertrümmert stehen, auf welchen ein Abgott hcrberget. Das will das unwi- dcrtreibliche Gesetz Gottes , der Fortgang der menschlichen Vernunft, der Geist des ChrisienthumS und selbst der Schöpfung. Die Natur kann keine Unnatur, die Wahrheit keine Lüge, Religion darf keinen MagiSmus leiden. Eine Zcitlang zwar deckt die Nacht Alles; wenn aber die Sonne aufgeht, fliehen die Gespenster. Dem Magus erscheint die letzte furchtbarste Hekate, und er versinket. IV. Geist Gottes, der alle Gaben belebet. 1 . Dagegen weckte das Christcnthum gemeinsam alle, auch die verschiedensten Naturgaben, und heiligte sie zu Gaben des Geistes, (i Cor. 12, Dom Geist des Christenthums. 181 4 — 3 i.) Diesen seinen Zweck und Charakter zeigte schon seine erste Rechtfertigung. (Apost. 2.) die als Kennzeichen der neuen Zeit angab, daß auf Junge und Alte, auf Sklaven und Freie, ausMann und Weib sich Ein Geist ausgiefie, der allerlei Gaben erwecke und belebe. An Zunft, an Geschlecht sei er nicht gebunden. 2. In der Kindheit der Staaten wars anders. Einzelne Stamme, Geschlechter und Elasten der Menschen zogen die vorzüglichere Cultur, mit ihr auch das vornehmere Ansehen, Macht, Reichthum, ausschließend an sich; durch unübersteigliche Mauern angeborncr Vorurtheile und positiver Gebräuche wa, ren diese von den geistlosen Elasten andrer Menschen gesondert. *) Die Folgen dieser Einrichtung liegen in der Geschichte erwiesen da. Anmaaßung, Stolz, Trägheit, Härte, zuletzt die unbegreiflichste Unnatur von der Einen Seite; Barbarei, Neid, Haß, zuletzt die geflissentlichste Widerspenstigkeit am andern Theile waren unvermeidliche Folgen dieser Theilung. Je mehr sich allenthalben der menschliche Geist regte, desto kräftiger warf er die Fesseln ab und übersprang diese Mauren. *) Auch die Ebräer unterschieden die Weisen, die Gelehrten vom Volk der Erde, den Ungelehrten, als einem äußerst verächtlichen Wolke. S, Joh. 7/' ßg. und viele Sprüche ihrer Väter. '«FX ^ ^7 i8z Vom Geist des Christenthums. 3. Das Christenthum that hierbei einen unerwarteten Vorschritt. Was in Staaten als Staaten nicht ohne Mühe geschehen konnte, gestattete und bewirkte in ihm eine aus allerlei Standen und Classen der Menschen gcsammeletc G e- meine, (scclssia.) , ,Hier, hieß es, sind wir alle Glieder Eines Leibes, Eines wirkenden Geistes; Jedem ist gegeben seine Gabe zum gemeinen Nutz. Kein Knecht noch Freier, kein Mann und Weib; Wir sind Eins in Christo." (Eph. 3, i—7. Gal. 3, 28.) Freiheit und Gleichheit erschienen hier ohne alle Gefährde als Geistesgaben, mithin noth- wcndig zugleich in der untcrscheidendsten Ungleichheit. Aber auch die kleinste Gabe sollte nicht verachtet , dje grossste nicht übergeschatzt werden: denn alle dienten Einem Allwirkenden, der alle belebte. 4- Das Staats-Christenthum wich von diesem genetischen Grundgesetz des alten Christen- thums bald ab, indem es, nach jüdisch-heidnischer Art, mehr als politisch, Stande trenncte, Gaben verbot, Gaben einschrankte. Es trennet? Clerus und Layen; ein Unterschied, den das Ur-Christen- thum gar nicht kannte, der seiner Grundvcrfassung durchaus entgegen war, ja der seine erste Idee auf- hob: denn alle Christen sind Auserwählte, ein heiliges Volk, ein königliches Priesterthum, wo der geringste wie der größeste vor Gott treten» und ihn lobpreisen sollte. — Natürlich waren mit diesem Einen Fehltritt alle gegeben. Auch unter Vom Geist des Christenthums. r 83 den Layen also durften geistliche Unterschiede obwalten ; man erlhcilte diesem und jenem Stande Rechte und Ungerechtigkeiten zu Uebervortheilungen, zu Bedrückungen andrer aus ewige Zeiten, und heiligte solche mit Talisman und Siegel. Dem Menschen endlich in allen Standen, den Priestern selbst, untersagte man über gewisse Einmal bestimmte Worte und Gebräuche alle Gedanken; da sich dann die Verkehrtheiten der Stande gegen einander eben so häuften, als brüderlich unterstützten und compen- sirten. 5 . Wer vermag dem Winde seinen Lauf zu untersagen, oder den Geist Gottes in der Natur zu tödkcn? Wie in ihr Alles, was Leben hat, sein Leben zu äußern strebt, und sich hinaufarbeitet, sein Daseyn zu offenbaren, es andern einzudrücken, sich andern lebendig darzustellen und wiederzugeben: so strebt die gestimmte menschliche Gesellschaft unwiderstehlich, unwiderruflich zu Aeußerung all' ihrer Kräfte, zu Aeußerung ihrer Kräfte in allen Gliedern. Was Kraft ist, dränget sich an seinen Ort, und will gebraucht seyn. Je mehr eine Menschengesell- schaft sich selbst kennen, schätzen, anwenden lernt; desto mehr erweckt sie in sich Geist, Kräfte. Denn nur durch diese im gemeinsamen Spiel vermag sie etwas; nur in dieser Gesa mmt- und Wechselwirkung lebt sie. Das Gleichniß Paulus von einem Körper, der in allen seinen Gliedern gesund, wirksam, thätig seyn muß, ist die Sache selbst, kein Gleichniß. (r Cor. 12, 12— 3 i.) Rom. 12, 3 —6. Ephes. 4, 1 — 16.) Die Natur kennet 184 Vom Geist des Christenthums. nur Encrgicen, Gaben, Kräfte, nicht Stände; die Gesellschaft kennet nur Aemter und ordnet und wählt und gebraucht dazu alle Gaben; (Sw(>k«s, xveg/5r«g, svey/i^ucrv« , §nva^Li.g) das Christen- lhum heiligt sie zu Huldgeschenken, zu Gaben der Liebe. 6 . Nach welchem Maasstabe wählte also die Christengesellschaft ? Zum gemeinen Nutz. Manches Talent, das bei verderbten Sitten und Gelüsten einem jüdisch - oder heidnischen Staatskörper schicklich, ja unentbehrlich schien, war deshalb der Chri- stengemcine nicht brauchbar: denn diese war kein irdischer Staat. Kriege, Eroberungen, Erpressungen, Pracht, Tempel, Statuen, Paläste waren nicht ihr Werk; sie wirkte auf den edelsten Zweck, zu dem die Menschheit streben mag, auf ein Reich des Geistes, auf die Gcsammtglückseligkeit aller Glieder durch ihrer aller eigne Gesinnungen in einer thätigen Gemeinschaft. V. Geist Gottes dem Sklavensinn, dem Haß, der Zwietracht, der düstern Traurigkeit und Trägheit entgegengesetzt; ein Geist der Freiheit, gutmüthiger Thätigkeit und Liebe. Lust und Liebe zum Guten, zu jedem Guten ist Geist und war Charakter des Christcnthums, das zwanglos, ohne Furcht vor der Uebermacht eines Gebietenden, aus Ueberzeugung wirken sollte, (Ioh. Bom Geist des Christenthums. 285 8, 28— 56 . i 5 , 2— 6. Rom. 8, 24 — 3 i. Jac. 2, 16 — 26.) mit dem freien und frohen Sinn, der uns das Schwerste leicht, das Bittere süß, das Unmögliche möglich macht. Sein Principium war: „ihr scyd ein edles Gottesgeschlecht, gegen Gott Kinder, gegen einander, ja mit Christo selbst, Brüder. Umsonst habt ihr empfangen; willig sollt ihr geben. Was mit Zwang gethan wird, ist Gott und Christo nicht angenehm; wohlgefällig dienet nur, wer unter dem Panier der Liebe dienet." — Rufe man nicht, um die schnelle Ausbreitung des Christenthums zu erklären, Wunder vom Himmel hernieder; eine durch ein solch Prjncipium aufgeweckte Wirksamkeit aller nutzbaren Talente in einer neuen engen Gemeinschaft, in welcher Alles sich zu einander that, und für einander sorgte, war ein mächtiges Wunder. Denn Nichts weckt einander mehr und freier, als Liebe in Wirksamkeit, sobald sie Geist und Seele einer Versammlung ward. Da reizen, stärken und mehren einander die verschiedensten Gaben; cs entflammt ein Eifer, der keine Grenzen kennet, dem nichts widerstehen mag, weil einerseits Jeder Dieselben Bedürfnisse, andcrntheils Dieselben Anlagen , Kräfte, Wünsche, Hoffnungen fühlet. Wo Tausende so wirken, da ist ihr Wirkungskreis unermeßlich. VI. Geist Gottes, Vereinigcr der Völker. 2. Der Geist, der Menschen bindet, vereinigt auch Völker. Vorurthcile, die noch nicht verschwinden r86 Vom Geist des CH ri stcn thu m s. können, müssen vor ihm schwinden, d. i. sich entkräftet fühle» und mindern. Auch hierauf sollte das Symbol jener Vereinigung deuten, da sogleich beim Entstehen des Christenthums verschiedne Denkarten und Sprachen aus entfernten Wcltgegenden sich im Wortrage der Redenden zusammcnsanden. (Apost. 2 .) Und der Erfolg entsprach dieser Vorbedeutung. Fortan gabs keine ausschließcnd - heilige Sprache eines ausschließend - heiligen Volks mehr; aus allen Nationen und Zungen ward eine Völ kervcrsam m lu n g, S. Und obwohl das Staats - Christenthum auch hierin Scheidungen vornahm; es trennete Kirchen, Lander, Provinzen; man schuf sich abermals eine heilige, die Römische Sprache, (eine harte Despotin des menschlichen Verstandes!) nichts desto weniger mußte der einmal erweckte Geist der Menschenvereinigung fortwirken. Nationen sind einander durchs Christenthum naher gebracht, die sich sonst nur Barbaren und Feinde nannten; und wenn sie auch, ans Joch des Glaubens geschmiedet, einander zu hassen , zu bekriegen forifuhren , so war doch die Regel, zu welcher sie sich mitten unter Ab, weichungen von derselben bekannten, keine andre als das Gesetz der Eintracht, der gemeinsamen Billigkeit, Achtung gegen einander, Freiheit, Friede, Was sie durch die Ahat nicht erwiesen, sprachen sie als Bekenntniß als eingeräumte einzige Bedingung der Seligkeit aus; das Gesetz in ihrem Munde war ihrem Herzen nah, ohngcachcet aller Uebertretung. Vom Geist des Christenthums, 187 3 . Es wird auch zum Herzen der Völker gelangen, Trotz alles Widcrstrebens: denn das Widerstreben der Völker wird immer nur von Wenigen bewirket, und der Geist, der Menschen an Menschen, Völker an Völker bindet, d. i. das große Gesetz der Gerechtigkeit, Billigkeit und Liebe ist Geist der Natur, Regel der Vernunft, offenbare Tendenz aller Menschengesellschaft. Nationen sind Aggregate von Menschen; was diesen heilig, recht und förderlich ist, muß jenen nothwen- dig einmal tausendfach heilig, recht und förderlich werden: denn Nation ist nur der ausgedruckte Name aller unter ihr begriffenen Menschen. Daß Völker gegen einander in einem außerrechtlichen Zustande leben, ist eine Lehre der Dämonen, für den Tartarus und das Chaos, in die menschliche Gesellschaft nicht gehörig ; ein Rest des Wahns toller Barbaren. 4 - Je mehr sich zwischen Menschen und Menschen, zwischen Nationen und Nationen die Regel ihrer Verhältnisse, d. i. die Vernunft aufklart und gene- ralisiret, desto heller und Heller tritt, auch ohne seinen Namen, die Regel des Christenthu ms an den Tag: „Alle für Alle!" Nur im Heil Aller ist die Glückseligkeit jedes Einzelnen gegründet. Jede Gabe der Menschen wie der Nationen ist eine Gabe zum gemeinen Nutz. Sie muß es endlich, wäre es auch wider Willen, werden. i8v Vom Geist des Christcnthums. 5. Siche da das Bekenntniß zur Religion eines Weltheilandes, d. i. des Stifters einer Mcn- schenglückseligkeit, die nicht anders als durch eine Gemeinwicksamkcit Aller für Alle werden und bestehen kann. Das Christcnthum ist Freiheit und Freude. Am jüdischen Namen, ob dieser Welthci- land Je schuah, Jsa, Ihwus oder wie sonst ausgesprochen werde, an Anekdoten seines Lebens in Galilaa und dem langst zerstörten Jerusalem, an sinnlosen Worten und Gebrauchen zu Feierung seines armen Erdenlebens kann cs weder dem Erhöheten, dessen Zweck und Werk Heil der Völker war, noch uns gelegen seyn, die wir keine Auferstehung in Palästina erwarten oder begehren. Sagte Paulus nicht oft? „wir kennen Christum nicht nach dem Fleisch; ec ist uns aber Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung, Erlösun g." Erkühnet er sich nicht zu sagen, daß das Christenthum nur eine mittlere, intermediäre Verfassung scy, bis auf eine Zeit, da Christus das Reich Gott und dem Vater überantworten werde, aufdaßGott sey Alles in Allem? (a Cor. 15,24—28.) Ja, hat sich das Christenthum von Anfänge seiner Entstehung an anders als in der Gestalt einer Periode der Zubereitung angekündigt? (Apost. 3, 19 — 26. Apost. 10, 42.48. 17, 24 — 31. 1 Petr. 1, 3 —9.) 6 . Die Vorsehung hat und gebraucht tausend Mittel zu ihrem endlosen Geschäft, und oft muß das Dispa- Vom Geist des CH ri stcn th um s. 189 rateste ihren Zweck am wirksamsten fördern. Wenn das achte Christenlhum Gesetz der Natur ist, so muß seinem Zweck, obgleich wider Witten, auch der Antichrist dienen. VII. Geist Gottes, Hoffnung. Im Christenthum lebt also ein Geist unsterblicher Hoffnung. (1 Petr. 1, 3— 6 ) Nicht aus eine sichtbare Wiederkunft Christi, noch minder auf ein Reich in sinnlichen Wohttüsten; aber auf die Zeit einer allgemein anerkannten Billigkeit und Menschenliebe, auf einen Zustand der Dinge, in welchem jedes vom Wcltbeginn an durch Menschen bezweckte, gewünschte, geschehene, auch vergessene und verkannte Gute seine Erfüllung, mithin seine innere reichste Belohnung findet, ein neues Univer- um, in welchem Gerechtigkeit wohnet; darauf hoffet, dahin strebt das Christenthum unaus- tilglich, gewiß auch unfehlbar. (Matth. 25, 3 r—gt>. 2 Petr. 3, i3.) Daß von den Gründern des Chti- stenthums diese Zcikpcriodc in jüdischen Bildern und Gleichnissen vorgebildet worden, war nothwendig: denn Niemand sichet die Zukunft, niemand spricht von ihr anders, als in Ausdrücken seiner Sprache , in Bildern, die ihm seine Zeit und Vorzeit gicbt. Daß diese Zeit von ihnen nahe und zu nahe geglaubt worden , war auch natürlich und selbst förderlich ihrem Zweck, wenn sie zu ihm mit dem raschesten Eifer wirken sollten. Sie mußten sich den Gipfel, dem sic zueilten, als nah, daS Ziel 190 Dom Geist des Christenthums. zu welchem sie liefen, bald erreichbar denken: so ward ihr Lauf beflügelt. Die Idee, daß alle die zum Besten der Menschheit mitgewirket, auch an der Frucht ihrer Werke Theil nehmen, und mit dem Anfänger alles Guten eine freudige Gesellschaft bilden würden; diese Idee zeigte ihnen den Kranz ihrer Hoffnung in voller Blüthe: ein Gemeinwesen der Menschheit, (für welches auch sie in ihrem Kreise gewirkt hatten,) nicht durch blinde Gewalt, sondern nach einem Spruch des Rechtsund der Billigkeit dargcstellt, von der mit Allmacht bekleideten M enschenliebe. Sollte nach dieser Darstellung (und sie ist wahr) der Geist des Christenthums einer Agötterei, eines Aberglaubens, oder der Unvernunft und Bosheit bezüchtigt werden mögen ? Die Regel dev Vernunft, die achte Triebfeder aller M en sch en k raste zum höchsten Ziel, im weitesten Umfange und freiesten Spiele setzt er in eine nie ermattende, fortstrcbend-wachsende Wirkung. Erkannt und unerkannt ists immer derselbe große Naturgeist, der über den Wassern schwebet; allmählich erhellen sie sich; es sondern sich Himmel Und Erde; Anhauch der Liebe allein aber beseelt, verknüpft, beseligt alle Wesen- Der erste wirksame Strahl dieser neuen Morgenröthe ist Licht der Erkennt» iß; Geist der Gemeinschaft war und bleibet das Medium seiner fortstrebendcn Wirkung. Vom Geist des Christenthums. 191 Schluß. i. „Du hast ein gut Lied gesungen, wird man sagen; aber in einem alten Choral. Wo lebt und webt das Christcnthum? wo hats gelebet? Etwa in der ersten apostolischen Kirche?" —- s. So aufmunternd es ist, am Eifer der ersten christlichen Bekenner ein Muster zu nehmen; so schädlich wird es dem Zweck der Stiftung selbst, wenn man menschliche Werkzeuge über die Menschheit erhöht und ihre Geschichte zum Roman umbildet. Die Apostel waren und blieben Menschen; das Bruchstück der Geschichte, die von ihnen redet, hat Fehler, die sie begingen, nicht verschwiegen. *) (Galat. 2, ii — 14. Apost. i 5 , 12. 38 . 3 Z. 23 , 3 — 5 .) Vollends der Begeisterung bei ihrem ersten Auftritt am Pfingstfest die ungeheure Gewalt zuschreiben, daß durch sie diese Männer und Weiber für ihre ganze folgende Lebenszeit in Avtomate eines durch sie wirkenden fremden Geistes verwandelt worden, wäre gar ein salzloser Roman; der Erzählung dieses Vorfalles selbst, so wie der ganzen Geschichte der Apostel, ihren Briefen und Thattn völlig zuwider. *) S. Mlddletons vermischte Abhandlungen, Abhandl. l, Ler'pz. 9). 192 Vom Geist des Chr istcn th u ms. 3 . Daß alle, die damals sich zum Christcnthum bekannten, sofort Engel worden waren, widerspricht den Briefen der Apostel gleichfalls. Mehrere dieser Briefe warnen, klagen, strafen, nicht eben gelinde, sondern auch scharf. *) Und da dies in einem Vcr- haltniß geschah, dem der lindere Weg allerdings angemessen war, so folgt daraus, daß man selbst das eingestreuete Lob, (ein Ideal, zu welchem die Christen gewiesen werden,) nicht als das schon erreichte und von jedem Individuum erreichte Ziel, sondern als eine Ermunterung anzusehen habe, sich diesem Ziel zu nähern. Es sind ja Briefe, die dies Lob enthalten, aufm untern de Briefe, geschrieben von Lehrern, die weder zu befehlen hatten noch befehlen wollten, dazu an ganze Gemeinen, zum Theil an Gemeinen in großen Erdstrichen und Landern. 4 - Gewiß stehet nicht Alles in der ersten Kirche für uns zur Nachahmung da; noch weniger, daß jedem von ihr gebrauchten Worte deshalb eine magische Gewalt gebühre, weil sie es brauchte. Ein großer Theil des Unheils der späteren Christenheit entsprang, wie die Geschichte zeigt, eben aus lauter heillosem *) S. B. der erste Brief an die Corinthier, an die Galater. Der zweite Brief Petri und Juda setzen einen schon eingcrissenen großen Verfall der Sitten voraus. heillosem Respcct für die erste Juden- und Rö merkirch^e. 5 . Daß z. B. das Christenthum, aus dem Juden- thum entsprossen, dessen Sprache, auch einige seiner Gebrauche und Anordnungen zum VehikulvM nahm, war Natur der Sache, weil ohne solche Einkleidung sein Unterricht, seine Gesellschaft im ersten Anfänge nicht bestehen konnte. Es sprach also von Opfern, von Priestern, von einem Hohepriester, von einem Volk Gottes, von einer Wiedergeburt, einer Versöhnung, einem großen Gerichtstage u. f.Z von diesem allem aber auf seine Weise; d. i. cs druckte in einer bekannten, gewohnten Sprache seine Ideen aus. Wenn aber nach fast zweitausend Iahten Wir an diesen Worten haften, als ob wir alle, Juden des ersten Jabrhundens, im Jahr Christi Eins geboren waren, am See Gcnezareth Fische gefangen hatten, und Jerusalem, Tempel, Opfcraltat in aller Pracht noch vor uns stünde; ja wenn dies alles sogar für die Sprache des Christenthums Und, wie man sagt, für die leibhafte Sprache des heiligen Geistes gölte — wo stehen wir dann? Was ist Sprache des heiligen Geistes? In der Welt keine andre als die verstanden, die gefaßt wird, die anschaulich in unsre Seele dringt und in re ns lebet. Entfernte, fremde Ausdrücke, die, wie erwiesen werden kann, in dem Sinn, den man ihr unterlegte, mehrmals abgewechsclt, ja die, dem Herders Werke,. Rel, 11. rheel. XI l> N 194 Vom Geist deS ChristenthumS. Wesen des Christenthums zuwider, vielfältig mit Fleiß mißdeutet worden, eine alte gemischte Sprache, die einige Jahrhunderte früher oder spater selbst in Judäa nicht verstanden wäre und damals nur durch die Concurrenz mehrerer veranlassender Umstände eine eigentliche Zeitsprache dieser Unternehmenden und der durch sie gestifteten Gesellschaft war, sie kann doch in ihren Tönen keine magische Kraft haben, sogar un- oder mißverstanden Wunder zu wirken! So wenig heidnische Korinther und Römer den Brief an die Ebräer verstanden hätten; (daher Paulus an diese anders als der Verfasser des Briefes an die Cbräer an die Seinigen schrieb;) so wenig ist, ohne Mühe des Unterrichts, uns Germanen eine Ju- dcnsprache verständlich, die man sehr uneigcntlich auch nur Hellenismus genannt hat, noch sünd- licher aber, wenn man sie nicht verstehet, Sprache des heiligen Geistes zu nennen waget. Wir sind keine Hellenen; um Gesinnungen auszudrücken oder zu erwecken, bediene man sich (das kann jede Christengemeine fodern!) unsrer Sprache. Man rede, wie die Apostel geredet hätten, wenn das Christenthum unter uns entstanden wäre: denn unter uns, in unfern Gesinnungen soll cs leben; nicht im alten Judäa, nicht in einer seit zweitausend Jahren verlebten Zeit. 6 . Wenn man in eine Versammlung der Christen tritt, zu denen der Lehrer spricht, als ob sie alle Vom Geist des Christen thums. 196 ächte geborne Kapernaitm, oder ehegestern chrisiia- nisirte Juden aus Pontus und Kappadocien wären; müßte man nicht fragen, ob der Redner aus einer Wunderhohle gekommen sey, in der ec zweitausend Jahre ruhig geschlafen: Wahrlich, die jüdischen Worte thun es nicht; in Schällen wohnt nicht der Geist Gottes, sondern in Gesinnungen, die immer den natürlich wahren, eigensten Ausdruck wählen. Hierauf drang Luther seiner Zeit gemäß; hierauf sollen wir forkdrinacn und den alten Judaismus ge rm an i sire n. „So ich nicht weiß der Stimme Deutung, bin ich ein un deutsch er Barbar dem, der da redet; und der auch in der Sprache des Geistes redet, wird mir ein Barbar. Lieben Brüder, sepd nicht Kinder am Verständniß. So die Pfeife oder Harfe nicht einen deutlichen Ton von sich giebt; wie kann ich wissen, was gepfiffen oder gcharfet ist?" sagtPnulus. lr Cor. 14, 1 — 20.) 7 - Was von der Sprache gilt, gilt auch von Gebräuchen. Das Handauflegen z. B war von den Zeiten der Patriarchen an ein Ausdruck des herzlichen Wunsches, des väterlichen Segens oder der gegebenen Vollmacht. In der mosaischen Constitution war es bei allen heiligen Aenilcrn und Aufträgen Sitte geworden, und allerdings eine redende, prägnante Sitte, die sehr wohl sagte, was sie sagen sollte. Die Apostel bchielken sie von ihrem Lehrer bei; von ihnen gieng sie als Gebrauch bei Einweihung der Gemeinen, bei Anordnung und Bestellung der N - 196 Vom Geist dc§ C h cistenthum s. Lehrer mit Gebet und Wünschen auf die Nachkommenschaft über. Wenn diese Nachkommenschaft aber glaubte, daß in dieser Gebchrde die magische Kraft liege, durch die der Unwürdige würdig, der Ungeschickte geschickt werde: ihr lieben Brüder, so steht diesem stolzen und müßigen Glauben das Betragen der Apostel selbst entgegen, die sogar in blos wirtschaftlichen Dingen nicht eher die Hände auflegen wollten, bis die Gemeine Männer erwählt und ihnen vorgestellt hatte, die zu diesem Geschäft Gaben besaßen. (Apost. 6, 3 — 6.) Aufs Auflegen der Hände als Mittheilerinnen dieser Gaben verließen sie sich nicht; und Paulus gicbt seinem Timotheus die weise Warnung, nicht bald die Hände aufzulegen, sonst mache er sich theilhaftig fremder Sünden, (r Tim. 5 , 22.) Läfset man diese Warnung aus der Acht und glaubt weihen zu können, weil man selbst gewcihet worden, d.i. mit Nennung gewisser Worte die magische Kette fortzuziehen , in der von Zeit der Apostel her aus menschlichen Fingerspitzen Geist stralcte; welch ein Unbegriff von den Gaben des Geistes! 8 . Wenn das Christenthum gestiftet ist, um durch lebendigen Geist den Glauben an magische Gebräuche und tobte Wertformen wegzuschcuchcn: so dürfen wir hoffen, daß gerade die anmaassendsten nnd doch armseligsten Zaubergcbcäuche, Wortfor- men, die dem Christenthum eben so unnatürlich als feindselig ausgezwungen sind, sich in ihm nicht Vom Geist des C h r i ste n th um s. 197 erhalten werden. Haben wir nicht manche welke Blatter dieser Art schon fallen gesehen? sehen wir nicht so manche andre vcrschrumpft ihrem Fall nahe? — Wenn also dort und hier abermals ein dürres Blatt hinabsäuselt, lasset uns nicht denken, damit sei) das Christenthum verloren. Wollte Gott, das dürre Laub läge allenthalben sanft danieder! Dann rüstet sich, obgleich der Winter cintritt, die Natur zu einem neuen Frühlings, und wenn dieser erwacht, stehen unter dem jungen Laube die alten dürren Blatter erbärmlich da. Kläglich rauschend scheinen sie zu sagen: „warum sind wir noch nicht abgewehet, unsre Zeit ist vorüber." 9 - An Kraft fehlets der Natur zu diesem neuen Frühlings nicht. Der Wind wehet, wo er will, sagt Christus; du weißt nicht, von wannen er kommt und wohin er fährct ; so ists mit der P a- lingenesie des Geistes, d. i. der Geburt einer neuen Zeit. (Joh. 3 , 8.) 10. Siehe die Geschichte des Christcnthums an. Wie lange ward cs vorbereitet! Und auf wie sonderbaren Wegen erfüllte cs die Zwecke der Vorsehung, meistens ohne daß seine Bekenner daran dachten. Ihre Unvernunft hals oft der Vernunft aus; ihr Wahnsinn vereinigte die Völker. Wer hat dem Christenthum am tiefsten geschadet? Seine ig3 Vom Geist des C h r i st e n t h u m s. Schmeichler und Heuchler. Wer Hut ihm um meisten genützt? Seine Feinde. Lostet uns cilsv der Vorsehung zukrauen, de.ß sie, wie sie es bisher gethan Hot, dos Gute, dos durchs Christenlhum befördert werden soll, fernerhin zu betreiben wissen werde. Alle Wege sind in ihrer Hand; ouch dos scheinbar begrabene Gute ruht in ihrem Schooße. Unter wie rauher Rinde wuchs der Baum empor, der zu seiner Zeit diese und keine andre Frucht tragen sollte! Wie manchen harten Winter überstand der verlorengeachtcte Soome unter der ge- frornen Scholle des Erdreichs. Jndcß kam doch sein Frühling. ir. Und bei Allem müssen wir Einen Unterschied nicht übersehen, den Unterschied zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft. Als Gesellschaft nimmt das Christenthum an allen Fehlern und Mangeln einer menschlichen Gesellschaft Thcil, nach Umstanden, Personen, Zeilen und Orten. Schließt es z. B. sich mitherrschend an einen Staat an; so kann das Mißverhaltniß zwischen beiden so wachsen, auch die Ucbel, die von ihnen in dieser Verbindung Herkommen, so zunehmen, daß beide Disparaten zuletzt einander gar aufheben. Der schärfere Schnabel des mächtigeren Adlerkopss hackt seinen einst auch gierigen, aber kraftlos gewordenen Bruder zuletzt zu Tode, und wird dadurch nicht fetter als vorhin. Vom Geist des Christenthum S. 199 13 . Oder wird die Ehristenthumsgesellschaft als eine löbliche Handwerkszunft mit solchen und 'andern Privilegien (coUaFium licitum s. xrivilsZiaturn) geduldet, so theilt er daS Schicksal aller dergleichen Zünfte. Es hasset und neidet die Ncbenzunft, halt viel auf die Worte seines ehrbaren Grußes, auf die Urkunden und Frcihcit- briefe seiner Handwerkslade u. f. — Thue jeder was seines Amts ist; ihr gelben, blauen, rothen Fische, thut eure Pflicht! Am Ende seyd ihr doch Spielmarken des Staats, der euch in seine Kästchen sammlet,- und euren sammtlichen Dienst- und Grußeifer auslacht. Gemeinschaft des Geistes ist eine andre Sache. Er hangt nicht vom Staat ab, wird vom Staat auch weder beschützt noch besoldet. Er will nicht mitherrschen ; sondern herrschet allein: denn er ist Geist. Aber verborgen, zwanglos, geistig, durch Macht der Ueberzeugung und einer unermüdlichen Thatigkeit; aus Liebe, doch nicht um Liebe. Sein Reich ist so weit, als das Reich menschlicher Herzen und Seelen; seine Gemeinschaft so frei, als der Umfang und die Zusammenwirkung menschlicher Gedanken. Wer was Gutes wirket und gcwirket hat, hats Ihm gewirket; er kennet keinen Haß und Neid, keine stolze Absonderung, oder privilc- soo Vom Geist des Christenthums. girte Trägheit; am fernsten ist von ihm die Oeko- nomie des UnsinnS und der Begierde, sich selbst zu zerstören, der heilige Betrug, die fromme Lüge: denn die Gemeinschaft des christlichen Geistes ist Liebe und Wahrheit. I. V o in ersten Augurium des Christenthums. Keine Hypothese. Vom ersten Augnrinni des Christcnthums. L. c^^enn der scheidende Lehrer seinen Schülern sagt: „Zerstreuet euch nicht, tretet auch nicht ungeschickt und unausgerüstet auf. In Jerusalem muß der Anfang der Verkündigung gemacht werden; da sprechet sodann mit Muth. Geist wird euch gegeben werden; nur wartet auf die rechte Zeit;" so war dies weise und der Lage der Sache gemäß. Am Orte des Mordes Christi mußte auch seine Unschuld, und nach der Ueberzeugung der Apostel die durch sein Wiederaufleben ihm vom Himmel selbst geschehene Rechtfertigung und Beglaubigung hervortretcn. In der stark bevölkerten Hauptstadt des Landes, der Mutter aller Judenco- lonieen der Welt, sollte, der alten Weissagung gemäß, die neue Botschaft anheben. (Apost. a, 4 . 5.) Vom ersten Augurium 204 2. Allerdings kam auf den ersten Hervortritt daselbst viel und Alles an; ungelehrten Galiläern stand dabei Manches schreckhaft im Wege. Bekannt ists nämlich, daß in Judaa Gelehrte und Ungelehrte nicht nur clafsifch, sondern fast Reli- gionskrastig unterschieden waren; als Staub und Asche, alsein Erdcnvolk, das nichts vom Gesetz weiß, waren die Ungelehrten tief verachtet. *) (Jvh. 7 - 49 >) 3 . Von einem, der als Lehrer öffentlich auftrat, erwartete , ja foderte man in den damaligen äußerst rabbinischcn Zeiten, Gelehrsamkeit, Vortrag. Er mußte des Gesetzes, der mancherlei Auslegungen des Gesetzes kundig, kurz ein Mann der siebenzig Sprachen seyn, wenn sein Vertrag Gehör finden sollte. **) Wie daher MoscS, *) Wer hierüber nicht die Sprüche der Rabbinen selbst zu Rathe ziehen kann, lese den Anhang zu Euchcls jüdischen Gebeten, (KLnigsb. 1786.) Massachet Aboth mit den Anmerkungen , oder Antons Entwurf der jüdischen Gebräuche, (Abschn. 2. Kap. 3 . Helmst. r? 5 r.) oder was er sonst von jüdischer Literaturmeynung zur Hand hat. Es steht an zwanzig Orten. **) Rcimarus Abhandlung cls 35ssssorik>cis clrii I.XX. linZuarrurr poritis. Uanil,. 17Z1. verdiente in der Velthu fischen Sammlung des Christenthums. 2»5 wie mehrere Propheten sich vor dem Prophctenamt scheuten: so konnten Diese jetzt und hier vor dem Versuch eines öffentlichen Vortritts sich siebenfach mehr fürchten. Denn womit traten sie auf? Ä!it der Lobpreisung eines Gehenkten, eines Verfluchten, mit der Verkündigung eines Wiedererstandcnen, den niemand gesehen hatte, als sie, mit einer Nachricht zum Vorwurf ihrer obersten Gerichte, zum Hohn ihres Volks u. f. Und wer trat damit auf? Galiläer. — „Bist du auch ein Galiläer? Forsche und siehe I Aus Galiläa stehet kein Prophet auf. — Schweige, Galiläer! denn deine Sprache verrat!) dich." (Joh. 7, 52 . Marc. 14, 5 o.) So hieß cs; schon der verwünschte Dialekt schien ihnen in Jerusalem ein Stillschweigen aufzulcgen. 4 - Muthlos indessen waren diese Galiläer nicht. Eine Versammlung von hundert und zwanzig, waren sie bedacht, statt des abgegangcnen Jschariots Einen Zwölften an dessen Stelle zu wählen. (Apost. 1, i 5 — 26. Matth. 19, 26.) Sie warteten auf den ihnen von Christo versprochenen Wink. 5 . Und siehe ein Fest, ein großes Fest war nah, theologischer Dissertationen (Eommentut. tlmnl. ecl. a Volilinsen, X11 in 0 e 1 , U u p e r t 1) einen Platz. In den jüdischen Erzählungen ist der Ausdruck: „er hat das Gesetz und die 70 Sprachen gelernt," gewöhnlich, 206 Vom ersten Augurium voll glücklicher Vorbedeutung. Nicht etwa nur, weil es die Feier der Constitution des Volks, der alten Gesetzgebung war, an welche sich die neue langst - gehoffte zweite Gesetzgebung des inneren Gemüths sehr wohl anschließen konnte, sondern auch weil es das Fest eines äußerst-großen Zustroms von Menschen aus fernen Landern, und am letzten Tage einer fast ausgelassenen Freude war. Mehr selbst als das'Passah wurde Asartha, das Pfingstfest, besucht und gefeiert; theils der bequemeren Jahrszeit wegen, theils als ein Freudenfest, das keine drückende Ce- remonien halte und als das Fest angehender Erndte, an dem man die Erstlingsgarbe des Landes darbrachte, insonderheit am letzten Tage, der am feierlichsten war, fast mit ausschweifender Lust begangen ward. Es hieß ein Fest der Lichter, an dem die Obrigkeit selbst manche ausschweifende Freude zu hemmen suchte, sogar daß die Rabbinen disputicken, ob es von Ausländern gefeiert werden müsse und dürfe? *) 6 . Dieses Fest kam. „Wie? sollte dies nicht die Zeit seyn, die unser Lehrer dem ersten Vortritt seines Volker-Evangeliums bestimmt hat, da cs zu Jerusalem anheben soll? Dies ist das Fest *) S. Dauz Dissertation hinter Menschens dl. D. ex Dalmucle illustr. und wer sonst über das Psiugstsest der Juden geschrieben. des ChristenthumS. 207 der Völker zu Jerusalem, der Tag der Gesetzgebung, der Hochzeit der Nation, der Freude. Kommt uns vielleicht an ihm der Aufruf? ein Zeichen? 7 - Denn nach jüdischen Begriffen mußte jeder Prophet durch ein Zeichen berufen oder gar mit einem Zeichen gesandt seyn, damit er sich und andre nicht tauschte. „Was hast du für ein Zeichen gehabt, daß du dir selbst glaubest? Was thust du für ein Zeichen, daß wir dir glauben?" war an einen Propheten die erste Frage. 8 . Nach der Denkart des Volks waren Zeichen vom Himmel die höchsten, die würdigsten Zeichen. Der herabfließende Glanz, (die Herrlichkeit Jehovahs) das umhcrleckcnde Feuer mit dem sanften Nachdonner, (Echo der Stimme Jehovahs) werden in Psalmen und Erzählungen der Ebraer als Sinnbilder der göttlichen Gegenwart, als Aufruf, Beifall, Beurkundung, Weihung, kurz als das Symbol der Symbole gepriesen. *) Fast hatte der Ebraer kein anderes. *) Den Erzählungen der Ebraer ist die Stimme vom Himmel bei gelehrten und heiligen Dingen, Fragen , Zweifeln, Unternehmungen u. f. sehr geläufig. Ein Ausspruch, den eine Barh-Kol entschieden , ist wahr; eine Unternehmung, die durch sie bekräftigt wird, ist glücklich. 3o9 Vom er sten Augurium 9- Dos Fest ist da. Und frühe eben in der heiligen Gebctstunde (Apost. 2 , i5.) „geschah schnell ein Brausen vom Himmel als eines gewaltigen Windes, und erfülleke das ganze Haus ihrer Versammlung. Es erschienen ihnen zerth eilte Feuer zun gen, (zuckende Flammen) jeden von ihnen umleuchtend, überglänzend." *) — Osns« sems Dana! Die Gottheit ist da! der Freund ruft, das Zeichen ist gegeben. Gebet *) Es ist, wie mich dünkt, eine unnöthige Schaam, wenn man (Apost. s, 3.) das nicht zu ,,a« ziehen will, sondern 7r,'-i-z--- sein Wort, das Lukas noch nicht genannt har und äm rechten Ort v. st. wohl Nennet,'! supplirct. Wie sähe der Geist aus, der sich auf jeden von ihnen setzte? Dagegen sagt Lukas, wie gethcilte Zungen setzte sich die himmlische Flamme auf sie. Ecfüllet wu r den sie, sd. i. innig ergriffen) vom Anhauch göttlicher Gegenwart," sie fühlten sich muthig und kräftig. Das äußere Symbol, das sie bezeichnetc, waren die --ll-,innc--. Bekannt ists nämlich aus den Sprachen aller Völker, daß die Illniwina lam- keris LvN'ias, das Leuchten des Angesichts, die .Ltellariirn npillLd für ein Zeichen des Göttlichen, der einwohnendcn Huld und Gegenwart der Gottheit, für ein glückbringendes Zeichen gehalten feyn. Aus Griechen und Römern hat Wetstein «ine Menge schöner Stellen angeführt; den Eb- räern war von Mose an dies Bild cigenthümlich. > des Christen thums. 209 Gebet Jehovah, ihr Heldcnsöhne, Gebet Jehovah Preis und Ruhm. Die Stimme Jehovahs spaltet Flammen! —- Die Stimme Jehovahs ruft mit Macht, Jehovah thront, ein ewiger König, Und seinem Volke giebt er Kraft. 10. „Alle, gerufen von der himmlischen Stimme, bestrahlt vom heiligen Feuer, erfüllt vom göttlichen Anhauch, lobpreisen also mit neuen Jungen, wie der Geist es ihnen zu sprechen gab." Die Furcht war überwunden; Gewißheit, daß ihr Freund sie ruft, Gegenwart der Gottheit hob sie, flammte sie an; eine neue Sprache ist auf ihren Lippen, von ihnen nie gehörte Apophthegmen!" *) Lukas Ausdruck, der hier eine Goltbcgeisterung beschreibt, wird selbst voll Enthusiasmus. Wie er sein Evangelium mit Erscheinungen himmlischer Gesandten einleitctc, so die Geschichte des Christcnthums mit dieser Theophanie. Kennen uäest! ssavsts linguis.— Und durch diese Gottesstimme geweckt, durch Das Wort erklärt die die sonst auch heißen. Die Begeisterung schafft eine neue Sprache; die Galiläer sprachen Apophthegmen, erhabne Sprüche. Herders Wrke z.Rel. rg Lhevl. XU, O eine Feuertaufe belebt, *) kommen sie zugleich ohne ihr Gesuch einer Menge zum Anblick. Diese stürzt zusammen, hört ihre Lobpreisungen (NN"0) »nd steht betroffen da: denn jeder , auch der Fremde hört, daß diese Galiläer in seiner Sprache, in seinem Dialekt reden. 12 . Parther - und Mederzungen also? Sind wir am babylonischen Thurm? Der Eine Ausleger *) Unser Bild der Kaufe giebt dem Ausdruck „Flammen und Feuerbad" eine falsche Wendung. Der Proselyt, der zur jüdischen Religion gebadet wurde, tauchte über den Scheitel hinunter. Wenn also Johannes in der Wüste dem Volk sagte: „der Messias wird euch mit Feuer taufen:" so war dies ein fürchterliches Bild. „Ein Meer von Flammen muß euer Land reinigen, ehe ihr der gehofften neuen Zeit wcrth seyd." Wenn Christus sagt: „ich muß gebadet werden in Feuer und Flammen," so druckt dies härtere Schicksale aus, als wenn wir „durch Feuer und Wasser gehn" sagen. — Da zum Gegensatz der unkräftigen Wassertaufe Johannes das Bild der Feuertaufe dem Christenthum einmal einheimisch geworden war: so bekam eä die dritte Bedeutung: „in ein Meer himmlischer Flammen, d. i. neuer Kräfte und eines himmlischen Muths getaucht, in ihm geläutert und neu geboren werden." Wahrscheinlich machte diese erste Begebenheit dem Christenthum den kühnen Ausdruck gewöhnlich und einheimisch. des Christcnthums. 2ir sagt: „Allerdings verstanden und redeten sie alle diese Sprachen, vorzüglich waren sie in der Sprache der Garamanten, im Kappadocischcn und Paphla- gonischen stark." Der andre sagt: „nein! sie redeten keine einige von diesen, aber die Ursprache. Die setzte dann jedem der Geist in seine Mundart so schnell über, daß der Mcsopotamicr und Pam- phplier mesopotamisch und pamphylisch zu hören glaubte, wovon aber keine Sylbe wahr war. Sie redeten die Zaubcrsprache des Urgeistes" u. f. Guter Evangelist, du mußtest in deinem Erzähleramt weit gekommen seyn, wenn du uns so etwas glaubhaft machen zu können dachtest. Aber sagt LukaS hievon etwas? Nach ihm, wer waren diese Männer, die hörten und urtheilten? „Juden zu Jerusalem wohnend , gottesfürchtige Männer aus allerlei Volk, das unter dem Himmel ist." — Was sprachen diese Männer für eine Sprache? Wenn sie sich zu Jerusalem verständlich machen wollten, jüdisch; und wenn sie als gottesfürchtige Männer der Religion wegen da waren, so mußten sie die heilige Sprache wissen; denn nur in dieser wurden zu Jerusalem die großen Thaten Gottes gepriesen, die Berachoth verkündigt. Nur in dieser und in der gelehrten Sprache wurde zu Jerusalem über Gesetz und Propheten gloßirt und apophthcgmatisirt. Dem Erzähler siel gar nicht bei, daß man etwas anders meinen könne. *) *) Ueber diesen Punkt darf man nur Saumaise S 2 212 Vom ersten Augurium 14. Denn wer kennet nicht den Eifer der Juden zumal in Jerusalem und in der damaligen Zeit für ihre heilige und Landessprache? Wer kennet nicht ihren Haß, ihre Verachtung für die Sprachen der Völker (Gojim) in der damaligen Zeit?* *) Bekannt ist ja die Mühe, die es späterhin dem Petrus kostete, daß er den Fuß in eines Profelytcn, deS Cornelius Haus setzte. Und hier sollte cs der Geist zur ersten Probe seiner Kunst gemacht haben, heilige Dinge in unheiligen Sprachen vorzutragcn, d. i. sie im Angesicht des rechtgläubigen und heilig- sprechenden Jerusalems zu entweihen, in der Sprache der Gojim zu mißhandeln! Beim ersten Vortritt des Christenthums wäre dies keine Empfehlung, sauf die es Petrus doch so eigentlich an- lcgt,) sondern eine Beleidigung des ganzen Jerusalems gewesen, die man gewiß mit Steinen vergolten haben würde. (8almarii) Schriften u8 L^neärii I,XX. linZuuruni xeriti- Zeugnisse gesammlet. Der Haß der Palästiner gegen die Griechen ist bei Gelegenheit der hellenistischen Sprache und der 70 gnugsam venlilirt worden- des Christenthums. SiA iS. Diese Juden zu Jerusalem (wohnend oder sich aufhaltend,) au» allerlei Volk, das unter dem Himmel ist, wußten sie aber auch selbst die Sprachen der Länder, die hier genannt werden? Redeten sie parthisch, medisch, clamitisch, als die ihnen ange- borne Muttersprache? Wer weiß nicht, daß die Juden in aller Welt Juden sind, und keine Landessprache der Gojim für die Ihrige achten? Das Ihun sie jetzt, nachdem Jerusalem, ihre Haupt» und Mutterstadt fast achtzehn Jahrhunderte verwüstet ist; und damals, als sie im höchsten Flor stand, die Mutter aller jüdischen Colonicen in der weiten römischen Welt, der ein reicher Tribut, Gaben, Opfcrgeschenke und besuchende Söhne zuströmtcn von allen Enden der Erde, mit deren Akademie und Literatur die jüdischen Akademicen fremder Länder in schwesterlicher Verbindung standen, gegen deren Synedrium alle Synagogen der Welt in unterricht- licher Abhängigkeit waren , damals würde ein unter barbarischen Völkern lebender Jude die Sprache dieses Volks die Seinige, seine Muttersprache genannt haben? — Und doch ist hier nur von dieser die Rede: denn alle diese Juden und Judengenosscn hören in der Sprache der Begeisterten die Sprache, in der sie geboren sind, d. i. ihre Muttersprache. In der parlhischcn, modischen und jpaphlagonischcn Sprache rechnete sich kein Jude geboren. Hatte er sie auch gewußt, oder etwas von ihr gewußt: so war es nicht seine Sprache. 214 Vom ersten Augurium 16. Wie? oder der Geist Gottes hätte eine Probe abgelegt, wie er mit parthischen Juden schlecht parthisch, mit griechischen und römischen schlecht griechisch und römisch, mit deutschen, (wären sie da gewesen) wahres Judendeutsch so vollkommen sprechen könne, daß jeder jüdische Sprachvcrderbcr betroffen sagen mußte: ,,Wunder! Diese Galiläer und Galilaerinnen wissen die Sprachen, die wir judaisiren, genau wie wir zu verderben. Sie barschen und welschen parthisch, medisch, clamitisch, Trotz unser Einem!" — Unwürdige Geistesprobe! Man stelle sich alle diese Kauterwelschen auf Einmal redend vor; und man hört eine Dissonanz aller schlechtgesprochenen judaisicten Sprachen der Erde, eine zusammengetriebene Judenschule, die nicht leicht sonst epsistirte. Und diese Judenschulc verderbter Sprachen wäre des Christenthums Signal und Anfang? 17 - Von welchen Unwürdigkeiten allen Lukas nichts weiß. Er führt Provinzen des römischen Reichs an, in denen Juden wohnten, offenbar geographisch; daher er von Parthern anfangt und bei Kretern und Arabern endet, gerade wie Philo sie in seiner Vorstellung an Caligula herzählet. Es kommt ihm nicht in den Sinn, ob Parkher Meder, Elamiter drei besondere oder nur Eine Sprache und in dieser Zend, Pchlwi, Dcri, Herwi oder Soghdi reden? wie viel Dialekte in Asien, wie des CHri stent hu MS. 2l5 viel in Kreta und Lybicn gesprochen werden? oder ob auch alle diese Völker im kurzen Psingstgespräch an die Reihe kamen? Er hat keine Sprachenrolle unter dem Arm, namentlich die Völker aufzurufen, ob sie auch alle nach Mann - und Landsmannschaft da gewesen? — Lukas war bei der Begebenheit nicht zugegen, und wer der hundert und zwanzig Begeisterten hat die Fremden gemustert? 18. Jammer und Elend, wenn man nicht nur so Dialekt- und Sprachcnunkundig auslegt, sondern auch so niedrige Auslegungen hartsinnig vertheidigt! Lukas offenbarer Zweck ist Erstens zu zeigen, wie diese Galiläer mit ihrem Dialekt zu Jerusalem bestanden? „Vortrefflich, sagt er: sie traten am Pfingstfest auf und da fand sich eine Menge Fremde aus aller Welt Ende, die ihnen sogar Lob erlheilten, die sich wunderten, wie Galilaer s o sprechen könnten. Jeder fand bei ihnen sogar seinen Dialekt, seine eigene beste Sprache. 19. Konnte die Christensprache besser eingclcitet werden ? Sie war, auch da sie ins Griechische trat, xou'lo-.uos, ein Gemisch aller Dialekte und wird es in jeder Landessprache bleiben. Wie nun? wenn die Begebenheit in Griechenland geschehen wäre, und die versammlet«! Dialekte, Dorier, Ionier, Aeolier, Atlikcr hätten den Vortrag des Redenden 216 Vom ersten Auguri um so verständlich und andringend gefunden, daß jeder ihn seinem Dialekt hätte zueignen mögen; wäre dies nicht dem Redenden ein Lob, und die sicherste Aufmunterung gewesen, ,,er dürfe mit seinem Dialekt durch alle Dialekte reisen?" — So war dem Ehrisicnthum, und zwar zu Jerusalem selbst, bei seinem ersten Vortritt durch ein einstimmiges Zeugnis vieler Völker die Schmach des Galiläismus weggewischt und der erste Stein des Anstoßes gehoben. 20 . Aber auch zweitens war diese Ausnahme ein gutes Augurium für das beginnende Ehristcn- thum, wohin Lukas die ganze Geschichte offenbar stellet. Deshalb holet er so weit aus; deshalb führt er sie mit der Rede Petrus so weit hin, daß er den großen Effekt dieses ersten Vortritts, daß er die Sammlung einer Christengemeinc von drei Tausenden am ersten Tage seiner Erscheinung nicht nur erzählt, sondern auch begreiflich macht und als Vorbedeutung schildert. Die Stimme vom Himmel, das vielbesuchte Fest der Freude, die große Zahl der Fremden, alles kommt zusammen, um diesen Effekt zu erreichen: denn die Nabbinen zu Jerusalem hatten den Galiläern dies Lob schwerlich gesa- get. Zu einer Völker rcligion war das Ehri- stcnthum bestimmt; (Matth. 28, 19. 20. Apost. 1, 8.) Zeugen sollten die Apostel werden bis an die Enden der Erde; siehe, da müssen bei seinem ersten Anklange sich Zuhörer aus allen diesen Völkern finden, ihn für sich gemacht fühlen, seine des Christenthums. 217 Sprache und Auslegungen für die ihrige erkennen und sich ihm zucignen. Sieghaft zeichnet Lukas also seine große Landcharte und verbreitet den christlichen Horizont bis an die Grenzen der jüdisch - römischen Welt. Des ganzen Erdstrichs, dem Jerusalem bisher Mutter gewesen war, soll fortan das Christenthum Mutter werden; dies sagt bei seinem ersten Auftritt ein gottgegebnes glückliches Zeichen. 2t. Wie bei den Griechen dem auftrckendcn Helden ein Gott oder eine Göttin seine Gestalt, seine Kraft erhöhet, oder einen erscheinenden Jüngling mit An- muth, Schönheit, Liebreiz schmückt: so gehet diesem unmündigen Kinde einer Völkerreligion sogleich bei seiner Geburt ein glücklicher Stern auf. Verwundernd sind alle Herzen dafür gestimmt; jedes Ohr der Auswärtigen ist ihm günstig. Kann dem auf- tretendcn Redner ein gefälliger Augurium werden, als daß ihn die Charis empfangt? und diese Auf- trctcnden empfängt die zustimmende Huld aller Völker, die Pancharis. *) 22. „Wie kommts aber, daß Lukas dies nicht deut- H Wer irgend eine Schrift äs sugurüs vstsrnm gelesen, weiß, wie aufmerksam die alte Welt bei jedem neuen großen Werk auf glückliche Vorbedeutungen war. Eine prägnantere als diese konnte dem Christenthum nicht werden. 2,3 Vom ersten A u g u r i u m sicher vertratk" In den Begriffen seines Zeitalters konnte crs nicht Heller vertragen; die Schuld der Mißdeutung liegt nur an uns. Denn drittens das Wunder, daS er erzählt, geschieht viel würdiger, viel zweckhafter und feiner, als die grobe Wundersucht cs auslegen möchte. Nicht gnug, daß er von seinen Galiläern die Schmach des Galilais- mus edel entfernet und seine ersten Redner des Christenlhums zu Verbindern der Völker, zu Ethno- kralocen erhoben; auch als Lehrer setzt er sie hoch hinauf. Da bei den Ebraern nämlich es der gewöhnliche Ausdruck eines großen Rabbi war: ,,cr hat das Gesetz gelernt und die siebenzig Sprachen so zeigt er was dort Formel war, hier in Symbol und Lbat. Deshalb stammele» die Zungen (^Xwerercei.) auf sie und umleuchteten ihr Haupt; Jünger eines Lehrers, auf welchem einst der Glan; Jehovabs unzcrtheilt ruhte. Diese empfangen von ihni zertheilte mancherlei Gaben und wenden sie für die Menge an. Was einer nicht weiß, spricht der Andre, und so sind sie Männer der siebenzig Sprachen. Das Erste, was beim Ehristenthum öffentlich anerkannt und gelobt wird, ist seine V e r- t h c i l b a r k e i t , sein Anschmicgen an jede Denkart, (cru/xc-ra^«cri.H an jede Vorstellungsweisc; und hat es nicht diesen seinen primitiven Charakter dem ersten Augurium gemäß gnugsam erwiesen? Alle Völker fanden ihre Wege der Auslegung, ihre Hoffnungen in ihm. 23 . Hier also erhob sich ein neues Synedrium; ungelehrte Galiläer (lAlcorc«, uuccrm, des Christenthums. 219 o-oXorx^orwxg u. f.) erscheinen am Fest der alten Gesetzgebung als Lehrer des neuen Gesetzes, das Gott in alle Herzen schrieb, als Männer der mancherlei Sprachen, als Stimmen eines allgemeinen Menschen - und Völkerverbinden, den Geistes. *) 2H Immer schwebte den Menschen der schone Traum vor, daß die Trümmer jenes unglücklichen Thurms zu Babel weggebracht und mit Sprachen auch Herzen und Seelen der Völker vereinigt werden könnten. Dichter, Redner, Weltweise haben darauf gearbeitet, und jene Priestecinnen des Gottes der Weissagung sangen so anmukhig, daß, indem sie die Stimmen aller Menschen nachahmtcn, Jeder sich selbst sin ihnen zu hören glaubte. **) Durch keine Zauberkünste der Musen, durch thatjge *) Von Homer sagten die Rhetoren, daß er dis Dialekte vermischt, weil er die Sprache der Götter geredet habe. Aon Apollo hieß cs, daß er für jedes Volk in seiner Sprache rede. Die Sprache der Gottheit, des Gesetzes, des Geistes wurde bei den Ebraern für viel sinnig, vieldeutig gehalten u. f. Diese Begriffe galten damals; und Lukas schrieb in dieser Vorstellungsweise, 22o Vom ersten Augurium deS Christenthums. Gesinnungen hat bas Christenthum die Sprachen» und Herzen-Vcrbindung unternommen; dies sagte sein erstes Augurium; dies sagt seine Geschichte. . «rü- 0'^)^ crotF^ Lom. rn ^o//. v. 157. Personificationen des Geistes. Von Personifikationen des Geistes. Grundsatz, i. ^8okte, dir abstrakte Begriffe bezeichnen, wenn sie zuerst und lange von sinnliche» Dingen gebraucht waren, verloren Len Eindruck ihrer ursprünglichen Bedeutung selten. Vielmehr ward diese ihre Duelle der Typus ihrer ferneren FortIeitnng. Nicht nur blieb immer etwas von jenem ersten Eindruck auch dem geistiger» Begriffe anklcbend; sondern da die fernere sinnliche Anwendung des Worts durch jene Abstraction nicht aufgehoben werden mochte, vielmehr oft mit neuen Modisicationen frischer fortleble, so nahm der geistige Begriff an dieser ferneren Modrflcalion lebhaften Theil. Beide Worte waren zwo Geschwister; das Eine ein Kind des Leibes, das andre des Geistes, die der Sprache nach immer in Gemeinschaft blieben. *) *) Nie z. B. verlor das ebraische Wort Nu ach seine erste sinnliche Bedeutung Wind, Lufthauch, Athem, Anhauch; ob cs gleich auch in höherem Sinn gebraucht ward. 224 Won Personisicationcn des Geistes. Grundsatz. 2 . War der erste sinnliche Begriff des Worts vieler Anwendungen fähig gewesen; so mußte es der geistige Begriff noch mehr seyn, indem er abgezogen einen großer» Umfang gewann, und mehrere Anwendung zuließ. *) Grundsatz. 3. Nirgend zeigt sich der eigne Geist einer Nation so wirksam, als in S ch ö p f u n g u n d Fortlcitung der Bilder ihrer Sprache. Jede imaginirt und transponirt auf ihre Weise, wie es ihr Geist gebietet, wie Umstande es fodern, und der Genius der Sprache es zulaßt. Daher die so vcrschicdne Bilderschöpfung bei vcrschiednen Völkern. Der Süd- und Morgenländer imaginirt und componirt anders als der Nordländer; der sinnliche Mensch anders, als der in V e rst an d c s - I d e en lebet. Daher mißverstehen beide sich oft einander; Einer kann an dem, was dem Andern kräftig und schön bezeichnet, nicht immer gleichen Anthcil nehmen. So unterscheiden sich auch Stände, Classen der Menschen und *) Ware z. B. das Wort Geist von einem minder wirksamen Element ausgegangen als vom Winde, dem Lusthauch, dem Athem; so hatte man mit ihm auch geistiger Weise so reich und kräftig nicht bezeichnen mögen. Bon Pcrsonificalionen des Geistes. 226 und Zeiten. Bilder, die einst am Leben waren, starben und treten verjüngt, d. i. neu mcta- morphosirt auf. Oft bringt Eine neue Begebenheit tausend neue Bilder in Gang und verändert ganz die Sprache älterer Zeiten. Grundsatz. 4. Einen großen Unterschied hiebei macht die Stufe der Cultur, auf der ein Volk stehet, und die Hülfsmittel, die es in seiner Gewalt hat, Lildidccn festzustcllen oder zu verwandeln. Ein singendes Volk z. B. laßt den Ideen freien Lauf; die Psalmen, Pindar u. f. wechseln und verbinden rasch ihre Bilder. Unter allen Nationen ist die lyrische Dichtkunst die freieste im Wechsel der Bilder, weil Begeisterung in ihr singet und dichtet. Viel eingeschränkter ist der erzählende, noch mehr der lehrende Poet, der seinen Wortschöpfungen Umriß geben und ihnen treu bleiben. muß. Weit hinter beiden stehet der Redner, zumal wenn er lehret; Er und der Philosoph haben in Bildern, die ihnen eigentlich nicht mehr Bilder sind, der genauesten Bezeichnung nöthig. Indessen erhält sich auch hier der Redner a n s Volk seine ursprünglichen Vorrechte: denn die Sprache des Volks, wie dessen Sprüchwörtcr zeigen, liebt einen raschen, freien Gebrauch der ihm bekannten Gleichnisse und Bildwörtcr. Grundsatz. 5 . Den merkbarsten Unterschied in der Vorstellung oder Verwandlung der Bildausdrücke giebt einem Herders Werke j, Nel. ». Lhcol. LH. P 236 Won Pcrsonisicationon des Geistes. Volk die bildende Kunst. Eine Nation, die keine bildende Kunst hat und nie halte, weiß nichts von Person ificationen, wie sie eine Mythologie in Statuen oder Gemahl den festhielt. Der Griffel dieses Volks, wenn es schreibet, oder der lebendige Hauch seines Mundes, wenn es singet, schuf und verwandelt Bilder, als vorüberfliegende Gestalten. Gedanken- und Wortbilder, (Ideen) erscheinen ihm; keine gegossene Idole. Auf der ganzen Erde unterscheiden sich hiernach die Allegoriecn und Mythologien künstlicher und kunstloser Völker unverkennbar. Wenn wir nach diesen Grundsätzen, auf die bei allen Bildworten alter Nationen Rücksicht zu nehmen ist, die Personisication des Worts (Nu ach, nveug«) Geist, Geist Gottes bei den Ebraern untersuchen, so werden wir uns wundern, daß über sie, d. i. über ein Capitel der Grammatik, Poetik und Rhetorik, so viel Streit und Verfolgung hat entstehen mögen; einzig und allein aus tiefem Mißverständnis des Geistes der alten Zeit und Sprache. Ueberhaupt hat die Bildersprache keinen schädlicheren Feind als den unwissenden Spekulanten. Er trennet in ihr wie ein Kabbalist Worte von Sachen, Buchstaben von Worten, bal- samirt Laute zu Mumien, stellet sie auf und de- monstrirt sie förmlich. Von Pcrsonificationrn des Geistes. 227 1. Uns Deutschen sagt das Wort Geist durchaus nicht, was den Ebracrn ihre Ru ach sagte. Jenen war sie als Wind, Hauch, Anhauch ein Wort der Macht, ein Andringen und Wirken des stärksten Elements, Belebung. Manche Spielereien, die wir uns mit dem Wort Geist erlauben, litt bei ihnen schon die primitive lebendige Bedeutung des Worts nicht. *) Der andringend - treibende Alhcm der Welt, der tödtct und versengt, erquickt und belebet, gab einer kleinlichen Persvnisication nicht Raum: denn, von Gott gebraucht, war die ganze Macht Gottes, seine Gegenwart, sein Dascyn in ihm wirkend. „Wo soll ich hingehen um deinem Anhauch zu entgehn? wo soll ich hinfliehen um deinem Anblick zu entweichen?" — Weder diesen Anblick, noch diesen Anhauch durfte und wollte ein Ebracr schnitzen, bilden, mahlen oder personificiren. (2 Mos. 2. 20, 4.) Dem Phönicier überließ erö , die Kol-Pi-Iah, den Hauch des ^°) In alten deutschen Glaubensbekenntnissen und Uebersetzungen hieß der Geist Gottes auch Gottes Athem, dafür man nachher das Wort Geist ge wählet hat. Da die Wurzel des letzten Worts zweifelhaft oder verloren ist: so brauchen wir cs blos in einer abstrakten unbestimmten Bedeutung. 22ü Bon Personisicationen des Geistes. Angesichtes Gottes mit der Baau zu vermählen. *) 2 . Da bei den Ebräern Gott bildlos, ja unnennbar war: so blieb ihnen zu Bezeichnung Seiner nichts, was dem Auge eine Gestalt Vorhalt, mithin nur Rede, der mächtige Athcm seines Mundes, ,,Wort" übrig, das von ihnen also, da es alle Eigenschaften der Gottheit bezeichnen mußte, nicht anders als ho ch st wi r ke n d, als schaffend gedacht ward. In Bildern der Rede pcrsonisicirt ward also Hauch Gottes und sein schaffendes Wort, als Eins betrachtet, (Ps. 33 , 6.) cs that und wirkte Alles im Himmel und auf Erden. **) 3 . Als man in spätem Zeiten die Weisheit pcrsonisicirte, (Hiob 28, 12—28. Sprüche Salem. S — 7.) erklärte und milderte sie gleichsam die *) In Sanchuniatons bekanntem Fragment. **) In der Bibliothek für Kritik und Exegese (B. 1.) (einer Bibliothek voll achter Kritik und Exegese,) enthalten die sogenannten christologischen Fragmente und die Abhandlung über die Begriffe vom Geist Gottes eine Zusammenstellung der Ausdrücke Wort und Geist, Von Personifikationen deS Geistes. 229 Ru ach, das athmende Wort; und obgleich alle drei in Allegorien gepriesen wurden, (Weish. r, 4 — 8. Kap. 7— er. Sir. 24.) so dachte damit niemand den Untheilbaren zu zerth eilen, ihm die Ru ach ins Haupt, die Weisheit in den Schoos zu geben. Dies alles sind spatere Fortleitungen eines ursprünglich sehr einfachen Ausdrucks; Fortleitungen , die mit dem unwandelbaren Urbcgriff der Ebraer von Gott, „Er ist, der er ist," nicht anders als in Bildern der Rede zu bestehen vermögen; nicht in gegossenen Idolen. *) 4 - Und wie bestanden sie in Bildern der Rede bildlich ? Durch Gedanken, nicht durch Idole. Wenn *) In seiner Sprache, nach seiner Gedankenweise konnte kein Ebräer an drei Wesenheiten, viel weniger an drei scholastische xar8oiE denken, da er das Wort Person selbst nicht kannte und dafür Angesicht sagen mußte. Beim „Hauch vom Munde Gottes" dachte er sich keine Person, weder im gerechtlichen Sinn, da P er so n der S a ch e, noch im dramatischen Sinn, da sie der Wahrheit entgegengesetzt ist. Dieser Hauch war ihm eben die höchste Realität; das Wort, das er ausdruckte, war aller Dinge Wurzel, die Wahrheit. Schon Luther hat gegen den Ausdruck Person, Dreifaltigkeit u. s. geeifert; sie sind die ungeschicktesten in der deutschen Sprache: den» sic bezeichnen gar nicht, was man mir ihnen bezeichnen will. 23 a Bon Personifikationen des Geistes. diese Bezeichnungen: Wort Gottes, Hauch des Mundes Gottes, Weisheit in Handlung gesetzt werden sollten, personisicirte man Erstens die ganze Natur, als erfüllt vom Anhauch des ewigen Athcms, als eine lebendige Ausrichterin seines Worts, als ein Kunstwerk seiner rathgebcndcn Weisheit. Daher jene Machtboten, die Elemente, Träger der Goltcsbefehle; daher der Engel des Angesichts Gottes, der seine Gegenwart, sein Machtwort bringet und darstellt. In allen Wirkungen der Natur kam das Wort Jehova Hs zur Erde hinab; cs wandelte im Sturm, in Flammen; vor seinem Anhauch erstarrte die erschrockne Welle zu Eis; von seinem sanfteren losete sie sich und floß freudig wieder. Das Wort des Kriegsgottes fuhr wie ein gewapneiec Streiter vom Himmel herab; die Helden, Michael, Gabriel waren dieses Worts Gestalten. *) S. Zweitens. Da nach der mosaischen Erzählung auf die erste Empörung des abgöttischen Volks *) Hieraus erklärt sich, warum Mohammed den Geist Gottes als einen Engel in seinem Koran perso, nisicirre; dem Genius seiner Sprache gemäß. Der Engel, der das Wort Gottes an die Marter des Isa gebracht hatte, war ihm das pcrsonisi- cirte Wort, der Machtbcfchl Gottes, wie zugleich Offenbarung, Ein wir, kung u. f. Von Personisicationen des Geistes. 23 r in der Wüste der Unsichtbare sich von ihm gewandt und statt seiner einen Stellvertreter, ein sichtbares Emblem zurück gelassen haben sollte; so gab vor allen andern dies Emblem Bilder der nahen, mittelbarnahen Gegenwart Jchovah's. Es war die Wolken- und Feuersaule, Schechinah. Fortan ward sie das National- Symbol des Glanzes Gottes, der Herrlichkeit, mit der er dies Volk einwohnend beehrte, des Geistes, der es leitete, der Auctorität seiner Gesetze, seines Gesandten u. f. 6 . Aber auch an dieser Wolke, an diesem Feuer, das altern und neuern Ebraern für das rath- und b e feh l g e b e n d e Symbol der Nahe Gottes, für seinen orakelsprechenden füh- renden Geist galt, was konnte daran Jdolartig personisicirt werden? Nichts. Man personisicirte in Wortbildcrn. Die Wohnung der Herrlichkeit (Schcchinah) nannte man den Voten Jehova h s , den Engel seines Angesichts, d. i. seines Anblicks auf die Nation, der seine Befehle trug und aussprach, der seine Gegenwart darstcllte und das Heer führte. Und da nun eben von dieser Lrakelsprcchendcn, leitenden Schechinah unläug- bar die meisten Ausdrücke und Bilder einer Wohnung Gottes unter Menschen, seines Geistes im Menschen, genommen sind, weil sie das darstellende Bild der National-Gottheit war und blieb; was konnte hiebei idolisirt werden? Weder eine Feuer- pcrson noch ein Aeolus war in der Wolke. 232 Von Personifikationen dcs Geistes. 7 - Drittens. Als nach der ersten Gefangenschaft so viele böse Geister namentlich nach Judäa kamen, die alle unreinen Platze der Natur erfüllt hielten, da setzte man ihnen den Einen heiligen, guten Geist, («)nov Tiver-zi«) entgegen; einen Geist, der nur in reinen Seelen, in ihnen aber mächtig wohne. Und sofort verband sich mit diesem Begriff Alles, was die Ebener je von der himmlischen Weisheit, vom Geist der Weissagung, der Wunder, ihrer theokrati- schen Verfassung u. f. nach Ort und Zeit gesprochen harten. Es bildete sich der vielfaffende Begriff vom Geist Gottes, den wir beim Anbruch dcs Ehristenthums gebildet finden. L. Das cl)-iov Tiveug«, das in der Stunde der Empfängnis? eine gabcnreiche Frucht giebt, das in reinen Herzen tröstende Ahnungen, fröhliche Hoffnungen der Zukunft wirkt, führte Simeon zum Tempel; es hatte Christum, den Vielbegabten, gebildet und bewillkommte ihn, da er sein Werk übernahm als die Gesammtstimme der Vorzeit; cs ließ sich auf ihn nieder und wirkte durch ihn in Allem, was er wirkte. Wenn das «znov nreuu«, (so hoffte man) das sich so lange entfernt hatte, wiederkame, würde das Reich Gottes daseyn: denn eben nur durch diese neue Gegenwart und Nahe Gottes unter seinem Volk sollte und konnte cs kommen. Mer Erwciscr dieser Ankunft lästerte, verhinderte das Reich Gottes; er sündigte, wie die Vater in der Von Pcrsonisicationcn des Geistes. s33 Wüste gegen die Gottheit, die aufs neue jetzt der Führer Israels werden und seine Regierung einrichten wollte. Dies waren die Begriffe vom Geist Gottes zur Zeit Christi ohn' alle Idole: denn das Bild der Taube war eben (nach jener israelitischen Denkweise) die Stimme der alten Propheten, die, (wie sie sich ausdrücken) als Turteltaube nach dem Erlöser Israels lange gegirrt hatte, und ihm jetzt dasOelblatt, die,Krone brachte. *) Das das jeden Christusgesandten vor Gericht begeistern sollte, war der Geist des guten Muthü in ihrer Sache, eine überzeugend - siegende Beredsamkeit des Herzens. Beistand der Gottheit im Augenblick der Gefahr; kurz, die wieder erschienene Kraft Gottes, die Gegenwart des Jehovah zu Stiftung einer neuen Verfassung, kein Jdolum. 9 - Empsicngen die Apostel also den Begriff vom Geist Gottes, als eine Erwartung aller himmlischen Kräfte, wodurch das neue Reich Gottes werden sollte; nothwendig machten sie diese zum Grundbegriff ihrer Verfassung, die ihnen die einzige wahre Theokratie war. Nicht in einer irdischen Wolke sollte dem neuen Israel der Machtbcfchl Jchovahs Vorgehen, nicht im Feuer nie- decfahren, noch aus einem Behaltniß der Gesetztafeln *) Belege vom Gebrauch dieser Worte und Bilder in der angezeigten und keiner andern Bedeutung finden sich in allen cbraischen Schriften. Es war eine durchgängig angenommene Sprache. 234 Von Personifikationen dos Geistes. Antwort geben; im Herzen der Menschen sollte er wohnen, rufen, erwecken, trösten; mithin konnten der Sache scldst nach alle jene Bilder nur geistig; idolartig nicht angewandt werden. Geist Gottes hieß ihnen Gabe, Charakter, Unterpfand, Siegel, Orakel, Stimme, Führer, Glanz Gottes, der über dem neuen Israel schwebe, Gegenwart Gottes und Christi, belebender Beistand; keines dieser Worte giebt ein Jdolum. rc>. Hier erklärt sich der Paraklet des Johannes , eine eigcnthümliche Bezeichnung dieses ernsten Evangelisten. Wahrscheinlich war zu seiner Zeit die sogenannte Begeisterung (N u a ch) schon mißgebraucht und hatte zu Aergernissen Anlaß gegeben. In einem apokryphischcn Evangelium z. B- hatte man sie zur Mutter Christi personistciret, die ihn an Einem Haupthaar d, i. sanftleitend in die Wüste führte. Und da Johannes in der Apokalypse an eine Jesabcl, die Verführerin, mit höchstem Unwillen gedenket, (Offenb. 2, 2r>.) soHnuß zu seiner Zeit ausgcbrochen seyn, wovon späterhin die Chri- stengcschichte leider gnugsam zeuget. Weibliche Re- presentantinnen der Ru ach, Prophetinnen, nämlich Sophien, Helenen (wie man schon von Simon Magus weiß,) ließen sich umhersührcn; Simon selbst nannte sich die große Kraft Gottes, und andre Personifikationen der Bina, Ch 0 chma, Gebura, Gedula, Tipheret, der S i g e, Enn 0 ia , Z 0 c, Alcthia u. f. waren auf dem Wege. Ihnen allen entgegen kündigt der alte Freund Von Personificationen des Geistes. 235 Christi, der letzte Evangelist, den Beistand seines Herrn also mit dem männlichen Namen Paraklet an, und spricht von ihm als von einem ernsten Lehrer, Erinnerer, Zurechlweiscr, Führer, Tröster. 2 r. Auch dieser Name war ans dem reichen Vorrath der Namen des heiligen Pnevma: denn da der böse Geist ein W i d er sa ch e r und Vcrlau Inder /«r^/ogos) hieß: so konnte der heilige himmlische Beistand keinen eigentlicher!! Namen als Paraklet (irapaxlki-ros) finden. Von ihm spricht Johannes als vom inncrn Stellvertreter seines geliebten hingegangenen Freundes, der nicht etwa einen sie umschwebenden Schatten, sondern sein lebendiges Ich, seine Gegenwart ihnen nachgelassen habe, die im Andenken Seiner wie ein machtigbeistehender Geist wirke. Der kühnere Paulus nennt es den Christus im Christen; (Gal. 2, 20.) Johannes den von Christo ihnen gesandten göttlichen Beistand, eine erheiternde, fröhlichmachende Salbung, das seiner guten Sache gewisse Chris- m a. (r Joh. 2, 2a.) Was war dies anders (ohne Bild zu reden) als Christi Gesinnung , sein Glaube, seine Ucberzeugung, sein in ihnen erweckter Geist, (r Joh. 2, 24. Joh. 24, 26. 27.) 22. Niemand war beflissener, als eben Johannes alle Bildformen im Christcnthum zu verhüten oder zu zerstören. Wie er das Geistige, Göttliche in Christus als ein unbildbares WortG 0 ttes (Xo^oc,-) ausspricht, und hiemit alle körperlichen Phantasmen 236 Von Personisicationen deS Geistes. eines ewigen Sohns der Gottheit entfernen wollte; so Hot sein Pnevma des Mundes Gottes, das hieniedcn allenthalben im Herzen der Gemeine spricht (Offcnb. 2. 7.11. 17. 29. Kap. 3 , 6. r 3 . 23 .) im Himmel, d. i. in der Sphäre der Anschauungen nur personisicationslosc Symbole. Die sieben Fackeln vor dem Thron / der siebenfache Machthauch, ausgesandt in alle Lande, die sieben Augen, sieben Hörner, die den All-Anblick Gottes, seine allcrfüllende Macht - und Huldgegenwart bezeichnen, (Offcnb. 1, 4. Kap. 5 , 6.) werfen alle Idole zu Boden. Wer mahlt diesen All-Anblick, diesen All-Anhauch Gottes? oder den, der ihn sandte, den himmlischen Christus, wie ihn Johannes sah. (Offenb. r, 12 — r8.) » 3 . Hinweg also mit Wort- und Bildssgurationen, von denen die Schrift nicht weiß. Der Paraklet ist weder Geschöpf noch Knecht, der Geist weder Aeolus noch Taube, er müßte dann auch Siegelring, Wolke, Engel, Fackel, Regen, Auge und Horn seyn. Vollends der schlolastische Lxiritus 8anLtus, Trotz aller seiner spitzfindigen Bestimmungen hat er nicht einmal die Bestandheit eines Idols; eine Schattcnabstraction böser Zeiten. III. Begeisterung, Erleuchtung, Offenbarung. Begeisterung, Erleuchtung, Offen barung. I. Begeisterung. i. De ^as kalte Nordland schätzet die Begeisterung nicht hoch; cs hat sie vom gesunden Verstände, geschweige vom tieferen Nachdenken fast ganz getrennet, und verwechselt sie mit tollem grobem Rausch. 2 . Die Morgenlander nicht also. Eben das stilleste Nachdenken, die innigste Gemüthsfafsung, die wirksam-ruhigste Weisheit hieß ihnen vorzüglich Gabe des Geistes. Der Rausch der Sinne, meinten sic, vertreibe den himmlischen Gast und auf unreiner Statte könne er gar nicht wohnen. Bei Gcistcs- Mcnschcn war eben ihr übertreffend-Heller Blick, 2/jo Begeiferung, Erleuchtung, Offenbarung. ihre sichre Fassung, ihr unermüdctes Wirken sein Kennzeichen, sein Charakter. 3 . Beispiele hievon hat der Sprachgebrauch der Ebraer auf allen Blattern bis in die spätesten Zeiten. Nicht nur sind ihnen Gaben des Geistes die edelsten Kräfte, sondern sie bezeichnen diese auch eigen- thümlich durch jene Seelenstille, von der ein zerstceueter flüchtiger Geist nicht weiß. Beim heitern -Nachdenken, hieß es, gehe die Seele in den Himmel und höre Gottes Nath. In der Schule des Himmels lerne sie mit Engeln und reinen Geistern, bis sie zum Menschen zurückkomme und die Lcction des Himmels der Erde offenbare. Das höhere Nachsinnen, das tiefere Forschen nannten sic ,,i m Geist seyn, vor Gott stehen, ihn sehen, im Himmel lernen." 4 - Von außen bezeichncten sie diesen Zustand mit gleich zarten Zügen. Dieses Lehrenden Angesicht hatte geglänzct; über Jenes Forschenden Haupt hatte der Glanz Jehovahs geleuchtet; den gefundenen Spruch dieses Weisen hatte die Tochter der Stimme Gottes, (Bath-Kol) die himmlische Echo bekräftigt. Jener war im Paradiese gewesen; er hatte mit Moses, Elias, den Vätern und Seligen gesprochen, von ihnen Unterricht empfangen, alle Auslegungen des Gesetzes, die siebenzig Sprachen der Welt ge- lernet; seine Kleider glanzten. — Wer jüdische Schriften Begeisterung, Erleuchtung, Offenbarung. 24» Schriften gelesen, weiß, daß von ihren Lehrern und Weisen dies die angenommene Erzählungsart, der Genius ihrer Lobpreisungen war. *) 5 . Wie? und in den Schriften, denen dieser Genius Charakter war, wollten wir ihn verkennen? um jeden Ausdruck, der vom Geist, von einer Gei- stcserhebung redet, zu dunkeln Spitzfindigkeiten oder gar zum Betrüge, zur Schwärmerei zu ernie- dern? **) *) Eine Sammlung ausgesuchter Stellen der Rabbi- nen hierüber wäre zu wünschen. Die bisherigen schätzbaren Sammler solcher Stellen haben sich dem dogmatischen Fachwerk ihrer Zeit oder Provinz oft zu sehr bequemet. Jene Stellen wollen «in freieres Licht, da sie dann als gewohnte Borstellungsart viel erläutern. **) Noch in unfern Lagen ist die leichtsinnige Hypothese bekannt, da alle Ausdrücke solcher Art aus eine geheime Gesellschaft gedeutet wurden, deren Haupt Christus gewesen seyn sollte. Leichtsinnig- frech ist diese Hypothese: denn sie thut allenthalben der Erzählung Gewalt an. Jeder Judenknabe, der sein Maäseh-Buch gelesen, weiß, daß diese Ausdrücke im ebräischen Styl ein Anderes bedeuten. Die meisten Schriftsteller des neuen Testaments waren aus dem Bolk und schrieben, erzählend, in dessen Sprache. Herders Werke,. Net. u. Theos. XII. Q 242 Begeisterung, Erleuchtung, Offenbarung. ^ 6 . Wer das „im Geist seyn" u. f. für einen Rausch der Sinne halt, oder der Verrücktheit gleich achtet, ist fast werth, daß er den Zustand reiner Geistesfassung, innerer Gemüthshandlungen, das Bewußtseyn einer himmlischen Stille und Energie nie erfahre. II. Erleuchtung. i. Eben so unglücklich gierig es unter den Händen scholastischer Erklärer dem Wort Erleuchtung. Sie wollten von keiner Erleuchtung wissen, als die vom Firmament herab, den Schädel hindurch, ins Hirn hineinleuchte, es verbrennend, es verwildernd. In der Sprache, von der wir reden, wars anders. Der Morgenlander, der nichts Erfreulicheres als das Licht kannte, der alles Erfreuende mit ihm zu bezeichnen gewohnt war, wie konnte er Helle Gedanken, lichte Aussichten, frohe Entschlüsse, reine Handlungen genialischer charakterisiren, als durch Licht, Glanz, Klarheit? 2 . Und alles was dergleichen Gedanken, Entschlüsse, Thatcn weckte, hieß Erleuchtung; woher es auch kommen mochte, es kam von Gott. Seinem Wesen nach wohnte Gott in einem unzugänglichen Licht, seinen Wirkungen nach war er allenthalben Licht, Begeisterung, Erleuchtung, Offenbarung. 243 das Alle erleuchtet; das Universum war voll seines Glanzes. 3. Der das Auge gemacht hat, sollte ers blenden müssen, damit wir sehen? Der das Ohr gepflanzt hat, sollte ers stumpfen müssen, damit wir hören? Der Geist , der die Schöpfung, der alle unsre Kräfte belebt, sollte sie ertödten, damit Ec statt ihrer in uns Licht wirke? Widriger Traum aus unplakoni- schen Zauberhölen, dem Geist der ebräischen Schriften fremde! III. Offenbarung. 1. Diese Erleuchtung, d. i. die Erlangung Heller Ideen, froher Aussichten, fester Entschlüsse hieß dem Ebraer auch Offenbarung: denn offenbaren heißt enthüllen, etwas Geheimes öffentlich, eine dunkle Sache licht machen, ein Rathfel auflösen. Wer dies that, der offenbarte; er zog eine Decke weg, er schloß ein Siegel, eine Thür auf. Zhn nannte man den Enthüller, den Entsicgler, ein Licht der Welt, den Ausfprechcr verborgener Dinge «. f. 2. Alle Lobsprüche, die die Ebraer ihren Propheten und Weisen geben, die Charaktere, mit denen sie Verstand, Voraussicht bezeichnen, gehen hierauf; sie haben diese Gaben sogar rangmäßig geordnet. Dieser Weise, sagen sie, sah die Wahrheit in einem Q 2 244 Begeisterung, Erleuchtung, Offenbarung? dunkeln, der andere in einem helleren Spiegel; Der sah die Dinge wachend, Jener im Traum, in Bildern, die er selbst nicht verstand, die ihn schreckten und verwirrten. Der reinste Grad der Offenbarung nach ihnenist, die Dinge sehen, wie sie sind, ohne Bilder und Traume, von Angesicht zu Angesicht. Deßhalb ist Moses ihnen der größcstc Prophet, weil er mit Gott wie Freund zum Freunde sprach, ohne Decke, bestimmt, offen und vertraulich. 3 . Da diese Gabe klarer Ansicht nicht jedem gegeben war; so hieß alles, wodurch die unanschaubare Wahrheit zu Menschen gelangte, ihr Zeichen, ihr Name. Durch die ganze Schöpfung (singen die Psalmen,) hatte sich Gott gewiesen und ließ sich keinem Volk unbezeuget. Dem Nachdenkenden, sagt Paulus, offenbart er sein unsichtbares Wesen, durch Wahrnehmung seiner Werke; und dem zum Kinde gewählten Volk durch einen näheren väterlichen Zuspruch. 4 > Da dieser Zuspruch nicht anders als durch Menschen menschlich geschehen konnte, so hielt sich diese enthüllende Rede in einem menschlichen Kreise. Alles Ucber- Aber- und Außernatürliche war durch das Wort abgeschnitten: „Er ist, der er ist! Er wird seyn, der er scyn wird." — „Wo wohnt die Weisheit? wo ist die Stätte des Verstandes? Der Abgrund spricht: sie ist nicht in mir! Die Tiefe spricht: Begeisterung, Erleuchtung, Offenbarung. 245 sie ist nicht bei mir. Gott allein kennet ihre Statte r zum Menschen sprach er: Dir sey die Furcht Jcho- vahs Weisheit; das Böse meiden sey Dir Verstand." 5 . Dahin ging bei den Ebraern alle Offenbarung. Selbst die Beglaubigungen, mit denen sich Propheten beurkundeten, waren vor Augen gelegte Natur- begebenhcitcn; der Geist ihrer Reden war Patriotismus, der Zweck derselben Moral. 6 . Am wenigsten darf man also unter dem Namen Offenbarung eine dunkle Schwärmerei bei Dem suchen, den Johannes die erschienene Helle Vernunft nennet und als solche in Reden und Handlungen darstcllt. Das den Weisen und Klugen verborgene Geheimniß hatte Gott Ihm und durch ihn jedem Unmündigen enthüllet, d. i. klar vorge« leget; cs war die leichte Last, das sanfte Joch, die schlichte Regel und Religion der Menschheit. Wer die reine Tendenz Christi für eine allen Menschen verständliche, nothwendige, Helle Wahrheit, wer seine bestimmte Absonderung von aller Unnatur in den Evangelien nicht wahrnimmt, der hat den Geist und Zweck Christi nicht bemerket. Erlösung von Unnatur, Wiederherstellung der Menschheit zu Anwendung ihrer Kräfte war seine Offenbarung, d. i. seine hell eingefehcne klar vorgttragcne Wahrheit. 246 Begeisterung, Erleuchtung, Offenbarung. 7 - Wollten wir also mit einem Unbegriff zu ihm treten: „Rabbi, zu diesem Erkenntniß konntest Du allenfalls selbst gekommen seyn; Jenes aber muß dir die Taube oder eine Entzückung zugeführt haben!" was unternahmen wir? War er nicht vom Himmel und im Himmel? Er that, was er seinen Vater thun sah. D. i. die reine nebelfrcie Denkart, in der EhistuS handelte und dachte, war sein Charakter; eine fortgehende Offenbarung. Die Gottheit war der Himmel in ihm. 8 . Als Petrus unerwartet mit einem Bekenntniß hinzutrat, das, über Pöbelwahn und niedere Affekten erhoben, eine Wahrheit ausspcach, die damals wenige anerkannten, sagte Christus: „Das hat dir Gott offenbaret, nicht Fleisch und Blut!" Und wenn derselbe Petrus bald nachher ihm eine gemeine niedrige Warnung giebt, spricht Christus zu demselben Petrus: „Gehe mir aus dem Gesicht, Satan! Dein Rath ist niedrig, feige, menschlich." Sowohl jene göttliche als diese menschliche Acußerung waren keine eingegcistetc fremde, sondern Petrus eigne Gedanken, der dort unerwartet groß, hier unerwartet gemein und klein dachte. 9 - Dem Vernunftapostel Paulus ist Offenbarung, Enthüllung; nichtS anders. (Rom. r, 17 — 22. Begeisterung, Erleuchtung, Offenbarung. 247 i. Cor. 3 , » 3 . 2 Cor. 5 , io.) „Ihm, sagt er, habe Gott, als er ihn rief, seinen Sohn, d. i. den Zweck seiner Religion enthüllet und ihm klar gemacht, daß ihr zu widerstreben vergeblich, daß durch sie unter allen Völkern daS größeste nützlichste Werk auszurichlen sey; (Gal. r, r6. Apost. 26, r6 —19) dieser Hellen Einsicht habe er nicht ungehorsam seyn können und seyn mögen. Ein lange verborgenes Näthsel sey durchs Christenthum aufqelösct. Warum sich Weise und Kluge vergebens bemühet, sey durch die von Christo gegebne Art die Dinge anzuschauen jedermann kund; nur gehöre zur Einsicht und Beur- theilung desselben auch ein christlicher, d. i. ein Vor- urtheilfrcicr, unbefangener Sinn; sonst sehe man nichts in diesem schönen Plan, (i Cor. 1. 2.) Er, Paulus, sey dazu berufen, ihn aufzudecken, in aller Welt zu enthüllen u. f. Welches er denn, (da eS sein Hauptgedanke, sein Beruf und das Werk seines Lebens ist,) in allen Briefen treibet. Man kann ihn in solchem Betracht den Offenbarer nennen; aber den Offenbarer durch Gründe, den Enthüllcr der Wahrheit. Dem Juden - und Heidenkhum deckt er ihre Blößen auf und zeigt, daß sic fernerhin nicht bestehen mögen. io. Bei diesem freien und reichen Sinn des Worts Offenbarung lasset uns bleiben, oder, da einmal so viele dumpfe Nebcnbegriffe daran haften, es lieber vermeiden. *) Offenbarung gehet durch alle Zeiten; °) Enthüllung, Bekanntmachung, Auf- 248 Begeisterung, Erleuchtung, Offenbarung.' jede Zeit enthüllet und offenbaret, (r Eoc. 3 , a 3 . 14.) Die Zeit Christi, eine große Offenbarerin, hat ihr Amt verrichtet; enthüllend gehet ihr Werk fort; wer eine Wahrheit hell ans Licht stellt, der offenbaret. (Matth, ro, 26. Luc. 2, 35 . 1 Petr. 1, 5 .) Heilung, klarer Begriff, Einsicht, Ueberzeugung u. f. sagen dasselbe nach Drt und Zeit. 6 « Von Religio»/ Lehrmeinungen und Gebräuchen« 1 7 9 8 . x^ine Schtift, die von Religion handelt, soll mit Religion, d. i. gewissenhaft geschrieben seyn, und wünscht auch also gelesen zu werden. Warum sollte sie dies nicht hoffen dürfen? Religion spricht das menschliche Gcmülh an; sie redet zur partheilosen Ueberzeugung. In allen Standen und Classcn der Gesellschaft darf der Mensch nur Mensch seyn , um Religion zu erkennen und zu üben. In alle Neigungen und Triebe des Menschen greift sie, um solche mir sich zu harmonisiren und sie auf die rechte Bahn zu führen. Wenn Religion sich von Lehrmeinungcn scheidet, so laßt sie jeder ihren Platz; nur sie will nicht Lchrmeinung seyn. Lehrmeinungen trennen und erbittern; Religion vereinet: denn in aller Menschen Herzen ist sie nur Eine. Sollte also in dieser Schrift gegen manche Lehrmeinungcn zu scharf geredet seyn: so geschah dies 252 Won Religion, nur sofern, als diese Lchrmeinungen selbst Religion werden oder Religion verdrängen wollten, indem insonderheit junge Lehrer der Religion, die nicht wissen was rechts und links ist, sie für Religion ansehcn und dem Volk aufdringen zu müssen glauben. So lange Freiheit und Gewissen unter den Menschen stattsinden, wird man zwischen Meinung und Religion schlicht und frei die Grenze ziehen dürfen; diese gehöret fürs Volk, jene difputire auf dem Katheder. Daß ich mich einer nicht anders als sprachkundigen Auslegung der Bibel annehme, wird niemand befremden. Won Einer unrichtigen Deutung hangen viele falsche Lehrmeinungen ab; des Wahncns ist kein Ende, sobald man Einmal wähnen darf. Halten unsre Vorfahren z. V. die reine volle Idee einer symbolischen Handlung gehabt: so waren die protestantischen Kirchen ungctrennt geblieben und über mißverstandene Worte der Schrift keine Religionskriege erwachsen. Wenn ich dabei in Beziehung auf Religion einem tobten Wertgesetz entgcgenrede, so hielt ich dies für Pflicht der Menschheit. Die Menschheit ist rin lebendiges Organ, voll Sinne, Kräfte, Triebe; sie will bewegt und gelenkt, nicht blos befehligt seyn. Lust und Freude zu wirken, ist ihr Element; dies ersetzt keine stolze Gesetzgebung. Da man nun Lchrmeinungen und Gebräuchen. 253 diese nicht nur zur Religion gemacht, sondern kühn vorgegeben hat, die Religion Christi sey nichts anders; was dieser weich und populär d. i. äußerst unvollkommen gesagt habe, das sey jetzt vollkommen worden: so mußte ich den Unterschied beider Prin- cipien bemerken. Wie Christus und Moses stehen sie aus einander. Sonderbar, daß hinter dem Christenthum keine Jdololatrie mehr Stich hält. Man vergöttere Worte und Sylben; eine Zeit dauert der Taumel; er fällt, und das spitze Gerüst steht da. Religion dagegen ist ein lebendiger Quell; auch verdammt und verschüttet bricht sie hervor aus ihrer Tiefe, reinigt sich selbst und erquickt und belebet. Uebrigcns lese Christ und Unchrist mein Buch; in allen menschlichen Seelen ist Wahrheit Dieselbe. Bon Religion, Sö4 I. Vom Unterschiede zwischen Religion und Lehrmeinungen überhaupt. i. Lehrmeinungen (äoZmara) sind, was ihr Name sagt, Meinungen der Philosophen über das, was sie nicht wußten, aber für wahrscheinlich oder durch Disputiren für ausgemacht hielten. Sie trugen solche ihren Schülern vor; diese bildeten sie oft zu einer neuen Gestalt um und disputirten darüber mit andern Schulen: denn jede Schule halte ihre eignen Dogmen. Eine Glaubensverbindlichkeit hatten sie nicht, da sie Gerüste zum Wissen, nicht aber durch sich selbst gegebene Wahrheiten, Ariern ata waren. Der Werth der Dogmen bestand darin, daß sie unter einander übereinstimmten, dem Lehrlinge eine bestimmte Vorstcllungsart und Sprache gaben, mithin ihm den Weg zu weiterer Erforschung der Wahrheit zeigten. 2 . Die Lehrmeinungen aller philosophischen Schulen, keine ausgenommen, haben der menschlichen Lehrmeinungen und Gebrauchen. »55 Vernunft und Untersuchungsgabe also wesentlich» Dienste geleistet; sie waren die Handhaben , mittelst deren man das goldne Gefäß der zu erforschenden philosophischen Wahrheiten aus der Tiefe emporhob oder emporzuheben strebte. *) 3. Was sollen aber Lehrmeinungen bei der Religion? Religion ist, wie der Name anzeigt, eine Sache des GcmüthS, des innersten Bewußtseyns. Seinem Ursprünge nach bezeichnet! das Wort eine äußerste Genauigkeit ,,nicht anzustoßen, nichts zu thun, das gegen die Regel wäre." Es ging mit dieser Bedeutung auf die Achtung, die man den Göttern und göttlichen Dingen erwiese, auf die Angelobung, die man mit Nennung ihres Namens thäte, auf die genau« Beobachtung jeder Pflicht, die man dem von ihnen gestifteten und beschützten Vatcrlande in seinen Ge- *) , V. ^Iberii ei ik)i annot» cxc 10 soxcrx riAkr'c». ^/n)',unr« xu).«rc» ro 1« xc» 1/ äot« sc ro «c> so- TrHorcrme ^ sc so?« Lviäas. Es gab auch r. xrrsooptn niorali-, vorzüglich in der Stoischen Schule; von ihnen ist aber hier nicht die Rede. Das erste Buch der des Sexlus Empirikus mit I. A. Fabricius Anmerkungen giebt über die Arten the tisch, d. i. durch Sätze zu disputire», Belehrung. 256 Von Religion, setzen und Einrichtungen schuldig sey, mithin aus Treue und Glauben über. „Diese Pflicht, dies Werk, die Liebe zu dir mit allem, was sie foderl, soll mir Religion seyn" bezcichncle die innigste Verbindlichkeit des Willens, solche Pflicht, solches Werk, solche Liebe mit treuestem Gemüth zu üben. Religion war also, wenn die Ausdrücke erlaubt sind, das Mark der Gesinnungen eines Menschen , eines Bürgers, eines Freundes, die sorgsamste Gewissenhaftigkeit seines innern Bewußtseins, der Altar seines Gemüthes. *) 4 - Was hat diese Gcmüthsfassung mit Lchrmci- nungen zu thun? was kann sie mit ihnen zu thun haben? Da Lchrmeinungen Satze sind, für und gegen welche disputirt werden kann und soll, so stehen sie sofern der Religion entgegen. Diese will kein Disputircn pro und contra, sondern pünktliche Befolgung einer unverletzbaren Pflicht, einer innigst erkannten Wahrheit. Sie will nicht nach einem zweifelhaften Dinge forschen, sondern ein unzwci- *) S. Iloligio bei Geßner, Ist B 0 ß u. a. Die verschieden angenommene Etymologie des Worts ändert hiebei nichts; in jeder Ableitung behalt es seine strenge Bedeutung. Spal ding hat ein schönes Buch geschrieben: „Religion, eine Angelegenheit des Menschen." Berlin (1.798.) Ein glücklicher Ausdruck; dem Namen und Begriff selbst nach heißt Religion, „was mir innigste Angelegenheit i st." LehrmeinungenundGebrauchen. 267 unzweifelhaftes Ding thun. Denn selbst wenn das Forschen Religion wird, hört cs auf Zweifel zu seyn; es wird Angelegenheit, P flicht, Gesinnung. Gegentheils sobald durch hin und her geschobene Lchrmcinungcn etwas, was mir Religion ist, wankend gemacht werden kann, höret cs aus Religion zu seyn; es wird Problem, Hypothese, und von einer Schule gesetzt, Lehrsatz, Lehrmeinung. Man kann auch anders mcynen ; ja wo man nur mcynt, will man eben an Religion nicht denken. Willkürliche Lehrmeinungcn sind das Grab aller Religion gewesen und werden cs bleiben. 5 . Religion setzt innigstes Bewußtseyn (oon- kcisntiain), Uebcrzeugung voraus; sie sodcrt Glauben, sie bauet auf Glauben, sie wirkt Glauben. Ohne Uebcrzeugung des Gemülhs ist das Wort Religion ein Name, eine Verspottung der Dinge, die man zur Religion macht, ohne daß sic uns im Innern Religion sind, mithin ein Gaukelspiel, eine Maskerade. Soll Religion mit Lchr- mcinung, Dogma, Behauptung, Problem Eins und Dasselbe und diese Religion seyn; warum sollte nicht jeder gcdankcn - und gemüthlose Cultus Religion heißen dürfen? 6 . Warum nicht? Denn bei einem an sich sinnlosen Cultus kann man doch nimmer wehren, daß der Mensch von Gemüth Sinn hinein lege, mithin den von andern sinnlos gefeierten Gebrauch mit Herders Werke z. Rel. u. Thcol. XII. . R Von Religion, ->58 dem Gemüth begehe; ihm wird er also Religion werden. Was soll er aber mit Lehrmeinungen thun, wenn diese ihm als Religion gegebene oder aufgezwungene Satze gar nicht religiöser Art sind ? Glauben kann er doch nicht, wo nichts zu glauben, wo zu erkennen, zu untersuchen, zu zweifeln, zu forschen ist. Und wenn er eben hier nicht untersuchen, nicht forschen soll, oder wenn in der ihm zur Erkenntnis vorgelegten Lehrmeinung gar nichts Erkennbares ist : was ist der ihm als Rcligionspflicht aufgelegte Glaube anders, als ein Spott, den man mit ihm und mit dem Wort Glauben, Religion treibet? 7 - Ein niedriger Spott: denn der Glaubensaufle- ger muß wissen, daß man nicht glauben kann, wo nichts zu glauben ist; ja er ist davon meistens selbst überzeugt, weil er seine kahle Lehrmeinung selten selbst glaubet, sondern nur herbetet. Er mahnt die Wortformel ohne innere Ueberzeugung an und pflanzt sie als einen Wortschall weiter. ,»Neige deine Stirn, spricht er zum Andern, damit mein hohler Schädel an deinen hohlen Schädel stoße. Hörest du den Schall? Das ist ein Dogma, das eben so in mich überging, wie ich cs dir gebe."—> Niedriger Spott, der Wortschalle als Religion giebt, statt Religion setzt, und damit, was Religion ist, vernichtet. Ein Heide würde sagen: „Sophist, du spottest nicht nur meiner, sondern der Götter selbst, deren Heiligstes auf der Erde du zu vertilgen trachtest. Deine Sophismen können doch nicht Religion, du kannst Lehrmeinungen und Gebräuchen. 269 doch nicht der Abgott seyn, dessen Meinungen man Religion erweise?" 8 . Womit würde sich der Sophist entschuldigen können, wenn ein gewissenhafter Heide so zu ihm spräche? Etwa damit, daß ihm Gott seine Meinung eingegeben, geoffenbaret habe? „Habe er sie dir eingegeben und geoffenbaret; so wird dein So- phisma dadurch nicht Religion für mich: denn es berührt nicht meine Gesinnung; der Gott in mir, meine Ueberzeugung, kann es sich als Religion nicht zueignen/'— Führe der andre fort und sagte: „der mir diese Meinung vorlrug, that Wunder: darum muß sie dir Religion seyn;" so halte er abcrmal nichts gesaget. Wunder sind Wunder, und Meinung bleibt Meinung. Sobald sie mir herzergreifende Wahrheit wird, höret sie auf, Meinung eines andern zu seyn; sie wird durch Ueberzeugung, mithin durch eigene Kraft, mir Religion, Herz und Gewissen bindend. 9 - Auf solchem und keinem andern Wege gehen die heiligen Schriften, deren Wort Glauben man oft und viel gemißbraucht hat. Der Vater aller Gläubigen glaubte, d. i. trauete seinem Bundesfreunde, und dieser trauete ihm: „Ich weiß, er wird befehlen seinen Kindern, daß sie die Angelobung unsrer Bundesfreundschaft heilig erfüllen und bewahren." — Was war (ohne Einkleidung zu rcdens^dieser Glaube Abrahams anders, als Ueber- R 2 26c, Bon Religion, zeugung, daß der Gott, um deßwillcn er a«S dem Lande der Abgötter gewandert war, ihn auch in der Fremde nicht verlassen, sondern dafür, daß er bei einer ihn überzeugenden Wahrheit fest geblieben, beglücken und segnen würde. Hierin ward er der Water aller Gläubigen, d. i. ihrer U-berzeugung treuen Menschen: denn jeder Mensch soll der von ihm innig erkannten Wahrheit treu seyn; sie wird ihn lohnen. *) 10. Wenn Moses sein Volk sogar theokratisch mit einer Gottesgewalt einrichtete, schrieb er ihm zwar Gesetze, Pflichten, aber durchaus keine Lehrmeinungen vor. Der Gott seiner Väter sollte sein Gott seyn, den er mit dem heiligen Namen des Sey enden, des Unveränderlichen „Jehovah" nannte. Ihn lieben sollte Jeder von ganzem Herzen; d. i. mir ganzer Seele sollte Jeder der Constitution seines Landes hold und treu *) Das ebräische Wort Glauben hat von Festigkeit, von einem sichern Gang und Schritt seine Bedeutung; cs behält diese in allen seinen Anwendungen auf Treue, Wahrheit, Redlichkeit, Fassung des Gemüths, Vertrag, Einrichtung, Zusage u. f. Die Mißdeutung, Glaube (d. i. die festeste Gemüths- fassung) sey ein Formelnsagen, (das leerste Ding, das zu erdenken ist) ist dem Wort von seiner Wurzel aus durchs A- und N. Testament gerade entgegen. Lehrmeinungen und Gebräuchen. 26 e seyn; —- der stärkste Ausdruck der Religiosität in einem Staat, der ganz auf Religion gebauet war. Selbst der wundcrthatige Prophet sollte ausgerottet werden, wenn er etwas dieser religiösen Landesconstitution Widriges vorbrachte; geschweige der neue Religi onsme y ner, der philosophische Ventilator. (5 Mos. 18, 2» — 22.) ri. So frei also manche und alle Propheten gegen Mißbrauche und verderbte Sitten ihres Volks sprachen; auf Lehrmeinungen ging ihr Vortrag nie hinaus. „Gottes Gebot halten, Liebe üben, treu seyn dem Gott seines Landes, seiner Vater; bürg er, lich-moralische Religiosität im eigentlichsten Sinn war ihre Weisung. Wer in ihr nicht fest bliebe, der sollte, der konnte nicht bestehen; der gute Bürger aber, der Gerechte, Kraft seines Glaubens, d. i. seiner ausharrenden unverbrüchlichen Volks- und Landestreue sollte er leben. *) 12. Als Christus erschien, fand er nichts strenger zu tadeln, als die abergläubig blinde Anhänglichkeit an Lehrmeinungen der Rabbincn: denn *) Daher durch alle ebräische Schriften die Worte Gerechtigkeit, der Gerechte, Furcht ^zehovahs, Ak«, xkii 70v die alle im bürgerlichen oder moralischen Verstände strenge Religiosität bezeichnen. 26, Bon Religion, hinter ihr kroch die schändlichste Heuchelei. „Sie hoben Gottes Gebot aufgelösct durch die Aufsätze ihrer Aeltesten; sic säugen Mücken und verschlucken Kamecle." i3. Lchrmcinungcn, die neben und über der Rest» gion aufgeführl werden, können keinen schärfern Gegner hoben, ols ihnen Christus »vor; sie eben, sogt er, verdrängen die Religion, stott der sie gelten wollen und gelten. Der üppige Epheu sougl dem alten Stomm Soft und Kraft aus; hinweg mit ihm! „Niemand ist gut, ols der Einige Gott; willst du zum Leben eingehen, so holt die Gebote. — Geist ist Gott; seine Verehrer müssen ihn in Geist und Wahrheit, d, i. mit herzenbindender Religion verehren." Heidnische Bottologien, auswendigge- lernte Formulare sind ihm ein fremdes Joch oder ein kindisches Spielweck. 14. Wenn Christus für seine Person Glauben, d. i. Zutrauen fodert, so verlangt er es als Arzt, als Lehrer; der Inhalt seiner Lehre aber sollte nicht seiner, des Lehrers wegen, d. i. aus Autorität, sondern sein selbst wegen geglaubt werden und in dieser Kraft wirken. „Kraft der Wahrheit sollte man erkennen, daß sein Vortrag Wahrheit sey, indem sie beselige, freimache, sich durch sich selbst erprobe. Wer hievon überzeugt würde, den habe, eben durch diese innere Uebcrzeugung, Gott belehrt, den habe Gott ihm als ein unverlierbares Geschenk gegeben." Auf solchen Gründen beruhte die Rest- Lehrmeinungen und Gebräuchen. 26Z giosität, die Christus in seinem Herzen hatte und in andern weckte. (Joh. 3, ig — 21. Kap. 4, 24. 5, 41. — 47. 6, 68. 6g. 7, 16 — 28. 8, 26— 47.) Der Religion eingemischte Lehrmeinungen waren ihm Sauerteig, der den süßen Teig verderbe. (Matth. 16, 6. 12. Kap. 5 — 7. 23.) Den Heuchlern, die ihrer Lehrsätze wegen Gottes Gebot, z. B. kindliche Pietät aushuben, spricht er das Gefühl für ächte Religion ab (Matth. i5, 1 — 14.) und nennet sie blinde Leiter der Blinden, Verführer, die, wenn sie Till und Kümmel verzehnten, daS Schwerste dahinten lassen, wirkliche Religiosität, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Treu und Glauben. (Matth. 23, 23.) i5. Er, der heftig gegen Menschensatzungen sprach, konnte und wollte er ein Gebäude von Satzungen den Menschen als Religion geben? Das hieße seine ganze Religion zerstören. 16. Also die Galiläer. Apostel? Aber auch sie waren zu Lehrern dessen, was ihr Lehrer einzig für Religion hielt, zu Einrichtern einer Gemeine nach seinen Vorschriften gesetzt, nicht zu Erfindern neuer Lehrmeinungcn und Dogmen. (Matth. 28, 20. Joh. 20, 23.) An Ihn sollte sie der Geist erinnern und fortan zu jeder überzeugenden Wahrheit führen; nicht zu Philosophcmen und Spekulationen. (Joh. 14 — 16.) 264 Von Religion, 17- Mündlich luden sie also ein, an einen Welt- Heiland zu glauben, d. i. durch Eintritt in seine Gesinnungen als eine Menschen - errettende Religion selbst errettet zu werden; wer hievon überzeugt ward und Treue gelobte, der trat in eine Gemeinschaft, die ihm kein philosophisches Lehrgebäude aufdrang, die aber zu Bildung und Uebung dieser Gesinnungen , mithin zu Erlangung des Heiles selbst praktisch führte. 18. Schriftlich dringen die Apostel auf nichts anders. Nach Lobpreisungen Christi und der Chri- stengemeinschaft liegt ihnen das Nothwendigc, Religion, an; ein reines Herz, eine fleckenlose vorsichtige Lebensweise; dann fließen sie in fröhlichen Hoffnungen über. Mit Lehrmeinungen beladen und verwirren sie nicht. Von Christo selbst schreibt jeder auf seine Weise, und Paulus beschick sich, daß er Zesum Christum den Gekreuzigten, nur als Gottes- krast und Wahrheit kenne und verkünde. „Mochten andre auf diesen Grund bauen, was sie wollen, Gold, Silber, Stroh und Stoppeln; die Zeit werde cs klar machen; welcherlei eines Jeden Werk sey, werde das Feuer bewahren. Ihm sey Christus Religion, d. i. Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung, Erlösung, Angelegenheit des Herzens und Lebens." Der Meinungen können viele seyn ; ächte Mcnschen- Religion ist nur Eine. 19. Als das Christenthum unter die Völker trat, Lehrmeinungcn und Geb rauchen. 265 ward dieser Unterschied offenbar. Bon einer Fa- milien-Religion Abrahams, von einer Landes- und Staatsreligion Moses konnte im Angesicht des Universum nicht mehr die Rede seyn; was Christus „Reich Gottes" nannte, trat als eine Menschenreligion unter die Völker. Natürlicher Weise wollten alle Völker darüber dann auch meynen. Jedes Volk kleidete den empfangenen Begriff nach seiner Art ein; der Morgenländer in Phantasieen und so wurden gnostische Aeonentafeln, Systeme von Lehrmeynungen nach jüdisch - syrisch- ägyptisch-persischer Weise. In den Abendländern stritt man gegen die Abgötterei und die Schulen der Philosophen; man kleidete also seinen Vortrag in ihre Sprache, und um mit ihnen auf ebnem Boden zu fechten, bediente man sich sogar ihrer Strcitart. Wenn die Platoniker gern aus eingcräumten Sätzen (xcrr «,-^(,«7rov) disputirlen: so gebrauchte man gleiche Waffen, und stellte seine Gründe ökonomisch (xar mxovo/atav) dar. Jetzt traten Lehrmeinungen andern Lehrmeinungen entgegen; nach Land und Zeit gekleidet und wohl genähret, wurden sie endlich stehende Heere. 20 . Das Christenthum lehrte; unter den rednerischen Griechen lehrte es rhetorisch. Nun aber verflicht nichts so leicht in wohlgefällige Lehrmci- nungcn, als das Feuer der Rede. Im angenehmen Augenblick wird der neue Ausdruck empfangen und geboren; bewillkommend nimmt ihn das Chor der Schüler auf; er wird gepflegt und zum Abgott einer Formel erzogen. Dies mag dann bald ein an- 266 Von Religion, derer Rhetor nicht dulden; der unschuldige, vielleicht übertriebene Ausdruck wird mit einem schwarzen Zeichen bemerkt, bestritten, angeklagt, verlästert, und von der Gegenseite, vielleicht über die Gebühr, desto warmer vertheidigt. Die Vater kommen zusammen, rathschlagen, ob man den Ausdruck gelten lassen dürfe? sie holen Zeugnisse aus alteren Vätern, oft verstümmelt und verfälscht, für Ja und Nein. Man streitet, schlagt, überwirft sich; die Obrigkeit stellet sich dazwischen und macht Decrete, politisch-theologische Dogmen, (sckiota xrirr- cüpurn, xvorrx« eto.) Jetzt bekommen die Lehrmeinungen eine andre Gestalt. Was einst schwüle Ausdünstung warmer Köpfe war, ist am Kirchen- himmc! in die Luft gestiegen, und blitzt und donnert. Neue kleine Jupiters, Bischöffe, Kaiser, Päpste werfen diese schweflichten Fcuerstrahlen, die wenig erleuchten, desto mehr aber zünden, schrecken, zerschmettern und verwüsten, über die Gefilde der Christenheit. Der unterdrückte Haufe bewahrt seine verfolgten Lehrmeinungen um so strenger, weil er ihrethalb unschuldig litt; sie sind oder werden ihm jetzt Religion, und so wird begreiflich, wie Sätze haben Religion werden können, die es ihrer Natur nach gar nicht sind. Leide Jemand für den Satz: „der Hecht ist blaumüsse er ihn mit Gefahr seiner Ehre und seines Lebens vcrtheidigen; der blaue Hecht wird ihm und seiner Familie Religion werden. 21 . So kamen Lehrmeinungen ins Christenthum, ja die Christenheit ward überdeckt mit Lehrmeinungen, Lehrmeinungen und Gebrauchen. 267 wie mit Gebrauchen: denn beide knüpften sich fest an einander. Wenn eine Meinung, so ungereimt sie war, sich an ein Fest, an einen Gebrauch, gar an eine Gesellschaft, an ein Institut heften konnte, so war sie geborgen; sie ward dadurch sanctionirt und geheiligt. Die Meinung weidete den Gebrauch, der Gebrauch die Meinung; der christliche Kalender ward jahraus jahrein eine Didaskalie rolher Meinungen und Feiertage. L2. War dies verwerflich? Wenigstens wars natürlich : ohne ein fortgehendes Wunder konnte nichts anders werden. Das Christenthum ist ein Teig, aus dem Alles gemacht ward, was sich machen ließ; man hat darüber gedichtet und daraus gewählt; man hat es in Mysterien, Possenspiclen, sogar auf Pfefferkuchen vorgestellt und Gesetze darüber gegeben; warum sollte man darüber nicht auch philosophiren, dogmatisiren, rhctorisiren, meynen? Wer kann Meinungen vermenschlichen Wißbegicrde, Volksmeinungen dem Volk, Lehrmeinungen einer Lehrsecte wehren? 23 . Nur daß diese Lehrmcinungen nicht Religion werden ! weder einem Schüler, noch weniger einem Staat, am wenigsten der ganzen Christenheit auf Erden. Denn wie darf dieser Lehrer dem Gewissen eines andern zur Religion machen, was feiner Natur nach nicht Religion, sondern erklärende, auslegende Meinung dieses Lehrers ist? So wenig Raphael oder ein andrer 268 Von Religion, Mahler, so wenig Klopstock, Milton oder ein andrer Dichter federn wird , daß seine dichtende Darstellung für Geschichte erkannt und als solche bevollmächtiget werde; weit weniger muß ein Meyner verlangen , daß, sogar den Gesetzen der Auslegung zuwider, sein Meynen dem andern Religion werde: denn wer kann nicht, und was kann man nicht meynen? 24. An irgend einer Lehrmeinung, d. i. an einer Einkleidung, Dichtung, Erklärung, Auslegung u. f. sollte meine Religion, meine innerste Gewissenhaftigkeit, mein Glaube, meine sicherste Zuversicht hangen? Welch ein Elender müßte ich, welch eine Elende müßte meine Religion seyn! Und wer dies xro guo von mir federte, wäre, wo nicht ein Heuchler, ein Thor, so doch ein sehr spaßhafter Religionsstifter. 25 . Lehrmeinungen an Ort und Stelle sind sehr zu ehren; die Geschichte derselben ist eine Zeugin des fortstrebenden, wenn auch nicht immer des weiter gelangenden Menschenverstandes, seiner rastlosen Phantasie und Speculation. Auch in der Ehristen- geschichte ist die Fortleitung und Ausspinnung der Dogmen, so wie die ganze Ketzergeschichte gewiß nicht ihr unmerkwürdigstcr Theil; manches gejagte oder losgebundene Roß schlug eben im Straucheln die Hellesten Funken. Daß aber die Aristotelisch- scholastische oder irgend eine andre Religionsphilosophie Religion werden sollte, daran haben weder Lehrmeinungen und Gebräuchen. 269 Du ns Scotus , noch Petrus LomparduS, noch irgend ein andrer seraphisch-angelischer Doctor gedacht, wenn sie gesunden Verstandes waren. Sie docirlen, doctocirtcn, disputirten. Die Staatsre- ligivn ging daneben ihren Gang fort, die Mystik den ihrigen; und das Christenthum blieb, was cs war, ein heiliger Saamc, hie und dahin geworfen, in jedem guten Lande aber fruchtbar und seiner Natur nach frei von allen Systemen. 26. Als der Protestantismus auftrat, zerstörte er eine Menge fremder Lchrmcinungen der frommen Vater; andre hielt er gewaltig und fast gewaltsam von sich ab; andre schonele er, und mußte sic schonen. Da er für Leib und Leben, für Heerd und Altar zu streiten und sich sogar dafür zu sichern hatte, daß man ihn nicht für eine Rotte Manichäer, Atheisten und Schwärmer hielt, mußte er mit feinen Gegnern nicht nur auf gleichem Boden bleiben, sondern sogar einen höhern Standort gewinnen, und sie in ihrer eignen Streitmanier mit bessern Waffen bekämpfen. Fast jeder dieser streitenden Helden hat an seinem Ort des Gefechts ein kleines oder großes Verdienst. Die Tenne ward gefegt, und so manche Spreu verflog im Winde. Daß nicht alle verflog, daß man nicht bis auf den letzten Halm zu säubern fortfuhr; wer konnte, wer wollte dies vom damaligen Jahrhundert und von diesen wenigen, mit Geschäften und Sorge beladenen Männern fodern? Sie haben ungeheuer viel, einige fast zu viel gcthan, diese kämpfenden Allvätcr; ihren Nachfolgern ward das Streiten sogar zur zunftmäßigen 270 Bon Religion, Kunst; eine eigne Gattung von Schulübungen die Streittheologie setzte sich auf das Katheder. Wie anders also, als daß man in dieser Fechtkunst manches Erstrittene und Erkämpfte auch zu hoch anschlug? Diese, jene Lehrmeinung sollte durchaus Religion seyn, Religion werden, weil man sic erkämpft hakte; man deutele, man zwang. Sie kam vom Katheder auf Eanzeln und Altäre. 27. Vieles hat auch hier der Tag klar gemacht; die Zeit hat geläutert, gesondert, und man hat sogar zweifeln wollen, ob nicht bei dem Unhaltbaren auch einiges Haltbare wankend gemacht, manches Schlechtere an die Stelle des Guten gesetzt sey? u. f. — Doch auch dies, wenn eS dessen Werth ist, wird seinen Restikutor finden: denn das Werk der Zeit ist fortgehende Prüfung. 28. Nur verwirre man auch bei diesem Geschäft Lehrmeinunqen und Religion nicht. Wer Lchrmei- nungen läutert oder verdunkelt, hat damit noch nicht die Religion selbst als Freund oder Feind behandelt; selten hat er diese nur berühret. So manches Lob, so mancher Tadel nimmt eine andre Gestalt an, wenn man mit vorsichtig-strenger Hand beide sondert. 29. Sollte dies möglich seyn? Nichts ist leichter. Die Religion Jesu, d. i. was ihm selbst Religion war, stehet in wenig Worten da, und Lehrmeinungen und Gebräuchen. 27t man darf darüber nur sein eignes Herz, was ihm Religion sey? fragen. Will man indessen das angenommene alte Losungszcichen (Symbolum) der Christenheit, auf welches alle Dogmatiken ge- bauet sind, mit der Frage durchgehen: ,,Was ist in dir Religion? und worauf beruhet dieselbe? Was ist in dir Lehrmeinung?" so wird sich auch in ihm Beides klar sondern. 272 Bon Religion, II. Vom Unterschiede zwischen Religion und Lehrmeinungen nach dem christlichen Symbolum. I. Vom Glauben an Einen Gott, den Sch ö» pfer und All-Erhalter (nKVT-oxpttrwp) der Menschen Vater. Jedermann ist bekannt, daß der Glaube an Einen Gott aus der Familien-Religion Abrahams und der Landesreligion Moses ins Christentum übergicng. Jener hatte dem Dienst vieler Götter entsagt, um sich an den Schutz - und Bundesfreund seines Geschlechts zu halten; Dieser hatte den Gehorsam gegen den Gott seiner Väter mit einem prägnanten, dem höchsten Namen (Jehovah) als den Unwandelbaren, den Wesenden, Erschaffer Himmels und der Erde, zum Principium seiner Gesetzgebung gemacht, Urheber desselben, Schutzgott des Volks und Landes. Einen solchen Familien- und Landesgott kennet die Religion der Christen nicht, sondern Einen Gott, den Vater Aller, Er- Lehrmeinungen und Gebräuchen. 278 Erschaffer des Weltalls, den Pantokrator. Ihm bezeugt sie Anhänglichkeit, Ehrerbietung, Gehorsam, Zutrauen, Glauben. *) 2. Schon das Wort Glauben sagt, daß sie diesen Begriff nicht als discurrirende Spcculation ansehe; sie bekennet ihn als eine vom Eindruck der gesummten Natur, (Himmels und der Erde,) gewonnene Ueberzeugung. (Röm. 1, 19.20.) Sie bekennet ihn als einen moralischen Mensch cn- glau den: denn sie nennet diesen großen Urheber der Dinge Vater. 3 . Hierin tritt ihr nicht nur die Stimme aller Völker, die ihren wahrnehmcnden Verstand mit einiger Regelmäßigkeit zu gebrauchen wußten, in einem lauten Chor bei; sondern mit diesem Glauben erwacht in uns zugleich das edle Bewußtseyn, uns in der Schöpfung , als im wohlgeordneten Hause eines Vaters, Theilnehmer seiner väterlichen Huld zu fühlen; eine Ueberzeugung, durch welche dieser Glaube Religion wird. *) Die Unterschiede, die man in den Ausdruck Gott glauben und an Gott glauben gelegt hat, sind nicht im alten Sprachgebrauch. An Einen glauben bezeichnet das festeste Zutrauen im Hebräischen wie im Deutschen. Herders Werke z. Rcl. u. Theol. XI l, S -74 Von Religion, 4 - Wir erscheinen nämlich auf der Welt, ohne daß Wir uns hiehergcsetzt haben; eine Folge wirkender Ursachen, die vor uns waren und hinter uns seyn werden. Eine unübersehbare Menge von Wesen ist um uns, die sich gleichergestalt als Folgen vorhergehender Ursachen darstellen, über deren Aufkommen , Bleiben und Verschwinden, wie über das unsere, gleiche Gesetze walten. Fast zu Einer Zeit wird unser Verstand also Macht, (eine ungeheure Menge wirkender Kräfte,) und Gesetz, Regel gewahr, nach der diese Kräfte wirken. *) S. Je weiter er sich auf dies unermeßliche Feld wahrnehmender Beobachtung waget, je mehrere Kräfte er gegen einander hält, um sie in ihren wechselseitigen Einflüssen und Verschränkungen zu betrachten, je mehr er insonderheit die kleinen und großem *) Allenthalben grenz die Religion der Völker von Furcht und Verwunderung aus; von Furcht bei Menschen, die von der ungeheuren Macht der Ratur insonderheit in plötzlichen oder unverntutheten Austritten gleichsam übermannet wurden; von Verwunderung bei denen, die mit einem stilleren Gemüth auf die wiederkommende Regel Mithin auf Ordnung und Weisheit in der Natur merkten. Dieser Ursprung der' Religion ist natürlich und gereichet ihr nicht zu Schande. ' L e h rm cin u n g en und Gebräuchen. 276 Einrichtungen der Natur, die man Organisation nennet, (und was wäre nicht organisirl?) bemerket; nach seinen Begriffen (andre hat er nicht!) werden ihm allenthalben im Reich der Macht und Anordnung, beide Macht und Anordnung in der innigsten Verbindung so andringend sichtbar, daß er das Kleinste wie das Größcste nicht anders als ein ihm sichtbargewordenes Product von Macht und Weisheit (wessen auch die Weisheit sey) nnsehcn muß; eine lebendige Formel unsichtbarer Gedanken und Kräfte, wessen diese auch seyn mögen. 6. Und wessen wären sie, diese Gedanken und Kräfte ? Der Natur? Natur ist cin schöner Name, Ausdruck alles dessen, was in seiner eigentlichen Art da ist; zuletzt Inbegriff aller Naturen, mithin aller Ordnung und Kräfte. Der wissenschaftliche Forscher thut wohl, wenn er bei dem Wort bleibet und allenthalben nur Natur, d. i. Kräfte, Ordnung, den Lauf und die Regel der Dinge aufsucht, ohne ihnen dort und da willkürlich - kleinfügige Absichten unkcrzuschieben. Denn mit diesen zerrisse er ja die Natur, bliebe stehen auf halbem Wege, oder ge- riethe auf eigensinnig-krumme Pfade. *) *) Es ist sehr anmaßend von der Lehrmeinung gehandelt, wenn sie das Wort Narur, Naturalist u. f. als Ketzerei verschreiet; ohne sie wäre kein Menschengeschlecht, mithin auch keine Menschenreligion auf Erden. S 2 2?6 Von Religion, 7 - Dem Gemüth des Menschen indeß gnüget dos Wort Notur nicht, weil cs ihm zu viel und zu wenig saget. Die Notur ist thätig und leidend, Mutter und Kind; die Erschaffen» und dos Geschaffene. Die Regel also, noch der sie wirkt und leidet, nach der olles Werdende wird, ist und nicht mehr ist, dos Gesetz, dos olle Mochte in ihr zusommenhält, in einonder schlingt, und jede durch die ondre beschränket; woher ist diese Regel? Antwortest du: „die Natur ist sich selbst Gesetz," so hast du dem Gemüth nichts erkläret. Denn da wir die Notur nur in einzelnen Dingen wohrneh- mcn und selbst einzelne Dinge sind; woher kommt diesen, woher kommt uns diese ongebornc Art und Regel? Personisicirest du die Notur; so steht ein ungeheures ober ein verschleiertes Bild vor mir, vhn' Umfang, Anfang und Ende. Dem beschränkten Verstände also, der Umrisse sucht, weil er selbst beschränkt ist, bleibt bei dem Wortbilde Notur, die Ordnung der Dinge unerkläret. *) 8. „Vielleicht ober, daß der Zufall Ordnung hcrvorbrachte? daß noch tausend Umwälzungen, in *) Meistens personisiciren wir die Natur als Mutter, die alma nrater rarnnr; diese Personifica- tion ist keine Sünde. Das höchste Wesen ist weder der, noch die, noch das; am grammatischen Artikel liegts nicht. Nennen wir nicht Gott auch die höchste Realität, das Wesen derWesen? (»>' oirwr.) Lehrm einunge n und Gebrauchen. 277 welchen die Dinge nicht bestehen konnten, ein Bc- harrungszu stand hervortrat, in welchem sie bestanden?" — Eben die Regel, die den Beharrungszustand hervorbrachte, suchen wir. Brachte diese ein Nichts, der Zufall hervor? Gebar Unregelmäßigkeit die Regel? Ist Ordnung in den Naturen der Dinge, so war sie von jeher: denn auch in dem, was unregelmäßig scheint, ist Regel. Die Ordnung also, die dem, was wir Schöpfung nennen, wesentlich cinwohnet, wie nennen wir sie? Verstand (vL§). Verstand war der Bildner der Dinge, (sagen wir) denn er ist in sie gepragct. 9 - So spricht das menschliche Gemüth, das Gc- müth anerkennet in der Schöpfung; es geht gerade zum Zweck und drückt sich aus, wie cs sich aus- drücken kann, Kraft nennet cs Kraft, Weisheit Weisheit, freilich mit einem menschlichen Namen, damit aber nicht behauptend, daß diese Kraft eine Mcnschenkraft, diese Weisheit eine Menschcnweis- heit sey. Das die Schöpfung durchdringende, haltende , kraft - und ordnungreiche Wesen nennet cs den Urwirker, den allmächtigen Schöpfer. Durch ihn wird, was wird; Er, die Wurzel der Dinge ist zugleich die Ordnung der Welt, ihr lebendig- wirkcndes Gesetz, ihre Regel. 10. Und da der Mensch mehr anschauet, als ab- strahiret, da Spekulation überhaupt der kleinste Thcil seines Daseyns ist; vielmehr wallet in ihm ein Strom Von Religion, 278 lebendiger Kräfte und Triebe: so Word Leben, Leben dos er in der Schöpfung wahrnahm und in sich fühlte, ihm gleichsam der Schlüssel der Schöpfung. Macht und Weisheit in ihrer tausendfachen Verkettung und Begrenzung sprechen ihm das Wort ihres Daseyns nicht ganz; aber im Reich der Schöpfung wallen Triebe, Triebe zur Selbsterhaltung, zum daurenden Wohlseyn, zur Fortbreikung des Daseyns auf andre, zu Erweckung neuen Lebens. Der Tod selbst ist diesem Triebe zum Leben, Schmerz und Uebel sind der Lust und Seligkeit untergeordnet; Liebe zum Leben erhält, und ist das ausgesprochene Wort der Schöpfung. 11, Was also die zusammengeschlungene Macht und Weisheit vollendet, was ihnen Zweck und Seele giebt, ist Wohlseyn, Güte. Nur dadurch, daß alle Drei einander bestimmen, sind sie was sie sind ; und so nennen wir den allmächtigen Schöpfer, den allhaltenden Gebieter der Welt, mit Zutrauen Gott, Güte, Vater, Ihm trauen wir Güte zu: denn Liebe erhält die Welt; Güte beseligt alle Geschöpfe. Die Summe von Allem muß Leben, Seligkeit scyn; Seligkeit aber wird nur durch Güte. Preis ihm, der jene Regel, die auch das Widrige bindet, die auch den Kampf der Elemente besänftigt, nicht etwa nur fand und fcsistellte; sondern daß er wesentlich selbst diese Regel ist. Wir nennen ihn Vater des Weltalls, unfern Vater. (1 Cor. 8, 6.) *) - ') Eigentlich nennet die Schrift den höchsten Urwirker L c h rm ei n ungen und Gebrauchen. 279 12 . Unfern Baker, Denn ist der Mensch nicht bei aller seiner Schwache, wesentlich, d. i. durch die Organisation seines Leibes und Geistes , ein m a ch» tiger Herr der Schöpfung ? Und seiner Fehltritte ungeachtet ist die Regel der Weisheit, ihn zu leiten, selbst seine Fehler ihm lehrreich zu machen und ihn von Guten zum Bessern zu führen, nicht in ihn geschrieben? Und auch ihrer kann er nicht froh werden, als wenn er in Vereinigung mit andern gerecht, billig, lieb'- und gütevoll handelt. Dann ist das Menschengeschlecht was es seyn soll, allenthalben nur Ein Geschlecht, ihr aller Herzen und Seelen durch Güte, Vernunft und Macht Eine Seele. Dann lebt in ihnen eine Got- tes-Aehnlichkeit, die Regel der Schöpfung; dann wirkt in ihnen, was nur durch sie zu wirken war, der Vater des Weltalls, der mächtig-gütige, gütig-weise Vater, der eben in den Erlesensten des Menschengeschlechts als in seiner Natur und Art aufs wohlthatigste erscheint, und für die gesummte Schöpfung aufs kräftigste wirket. i3. Was hier schwach gesagt ist, haben sich und nie Vater des Weltalls, sondern den Vater, durch dessen Befehl alles ward und des Menschengeschlechts Vater. 280 Bon Religion, andern edle Menschen lebendiger und starker gesagt, wenn nicht in Worten, so in Thatcn. *) 14. Wer war cs nun, dem dieser Gott allein Vater war und niemand gut als der einige Gott? „Er kleidet, sprach er, die Lilie; ohne seinen Willen fallt kein Sperling zur Erde; unsres Hauptes Haare sind von ihm gezahlct. Darum se»d barmherzig, wie Euer Water im Himmel barmherzig ist; vergebet, so wird euch auch vergeben; gebet, so wird euch gegeben." Bon Christo stammt das Wort Baker im Glauben der Christen her; Er ist der Ueberzeugung desselben, als einer Religion höchstes Vorbild. i5. Denn Religion ist diese Ueberzeugung, d. i. unser innigstes Bewußtscyn dessen, was wir als Thcile der Welt sind, was wir als Menschen scyn sollen und zu thun haben; von keiner mathematischen Demonstration nimmt oder erwartet diese Religion ihr Ansehen, ihre Wirkung. Weiß das Thier, was eS zu thun hat, wie? sollte der Mensch in menschlicher Gemeinschaft es nicht wissen und dunkel oder hell die Regel der Natur wahrnehmen, die ihm nicht nur vorliegt, sondern durch die er selbst da ist, *) S- die hierüber gesammletcn schönen Stellen der Alten in Huetius, Grrotius, Lipsius, Pfänner u. a. Lehrmeinungen und Gebräuchen. 281, durch die er allein scyn kann, was er seyn soll. Der Natur folgen, ihr gemäß leben, war die älteste Weisheitregel, die, damit sie erkannt und befolgt würde, eine bemerkte Naturordnung, heilsame Gesetze, bindende Pflichten voraussctzte. Jede wicderkommende Iahrszeit, am Himmel die Sterne, auf Erden die Thiere wurden Lehrer und Lehrerinnen dieser Ordnung, von der sich nie ungestraft weichen laßt: denn die Natur rächet ihre Uebertretungen scharf. Sie selbst gewöhnt also zur Religion, d. i. Gesetze unsres Daseyns aus in- nerm Bewußtseyn anzuerkcnnen und genau zu halten, nicht von der Regel zu weichen, die uns die Mutter Aller vorschreibt, oder (mit andern Worten) gehorsam zu seyn dem großen Allbeherrscher. (Pantokrator.) *) i6. Daß der Mensch dies mit Freude, mit Willig» *) Religion wird dem Leichtsinn, der Unachtsamkeit, dem Losgebundenen und Lüderlichen in Sitten und Gedanken entgegengesetzt. Aufmerksamkeit also, Furcht Gottes war dem Menschen die erste Religion und Weisheit; das Böse meiden, sich vor Fehlern hüten lernen, war ihm Verstand- Im Buch Hiob und andern Büchern wird diese Religion vortrefflich gepriesen; die ganze Natur erscheint darin als Gottes Tempel, alle Geschöpfe Verkündiger der großen Natur- und Heils-Ordnung. Ohne diesen ächten, strikten und heiligen Naturalismus ist das Wort Religion, Menschen-Religion ein Luftgewebe. Von Religion, s»r keit thue, Hot er Vernunft: diese lehrte ihn, doß, wenn er nicht folgen wolle, er folgen müsse. Er genießt der angenehmen Täuschung, sich selbst Gesetze geben zu können, damit er sich solche desto froher und richtiger gebe: denn wich er von der rechten Bahn und wollte die Natur meistern oder betrügen, so rächete sie sich scharf. Die Stimme Gottes in der gesammten Schöpfung trat also, wie in ein Allerheiligstes, in sein Herz; sie sprach durch seine eigensten Gedanken. Er, ein Ausleger der Natur, ward ihr erster mächtigster Diener, ihrer Religion Priester. Alle Menschen von nüchternem Sinn haben dies Heilige im innersten Be- wußlseyn unsres Gemüths anerkannt und seinen Spruch als Religion geehret. » 7 - Gewissen, ein mißbrauchter, von vielen sogar verachteter Name, und dennoch der einzige wahre Tempel einer Menschen-Religion: denn dem Gewissenlosen bleibt nichts übrig, als leere Andacht, Meinungen und Gebrauche. Der Leichtsinnige achtet nicht darauf; der Freche verspottet es; beide wollen erst unter der Geißel der Furien, daß es ein Gewissen gebe, erkennen lernen. *) Und doch giebtS *) Auf diesem traurigen Wege hat der Sprachgebrauch auch das Wort coiiscieirriain cingesührt, daß cs mehr das klagruin pari gecaarum, als das lbreniim ants paacaium, den reinen und sichern Führer des Lebens bedeutet: denn leider parkscto «lernunr realere rnagniiuilo ejus intalligitur. LehrMeinungen und Gebräuchen. 283 ein solches! dem Menschen in seiner Sphäre so sicher und angemessen als dem Thier in der seinigen sein Zug, sein Jnstinct. Es weckt die Vernunft auf; es spornt und warnet. Gesellend sich zu jedem Triebe zeiget cs jeder Pflicht ihren Weg und ruft: „nicht weiter!" Wer mit ihm zankt und disputiret, wer es verschraubt und verwirret, der hat in kurzem das Richtmaas seiner innersten Angelegenheit wie ein Knabe zerschnitzelt und verderbet. Nur das treue unbefangene Gemülh genießet sein als eines sanften aber genauen Führers, indem es sich an seinen leisesten Wink gewöhnet. Nur dies Gemüth hat Religion, weil cs an eine Goltesordnung in der Natur, an eine väterlich-moralische Nomokratie im Menschengeschlecht glaubet. t8. Was sollen nun Lehrmeinungcn bei diesem einfachen Gemüthsglauben? Er will nicht durch sie gestört seyn: denn er will nicht meinen. Wollen sie ihm anvertraucn, daß, was man Gott nennt, der speculirendcn Vernunft ein substanzloses Ideal sep? ,,Du selbst substanzloses Ideal! antwortet er, kann dir ein Wesen anders als in deiner Sphäre, mithin als Begriff erscheinen? Gewiß sind wir Menschen aber nicht blos, nicht ganz reine Ver- Die Stellen der Alten über die Macht und Würde des Gewissens sind selbst mit Nachdruck und Religion gesagt, überzeugt und herzlich, Lonsoientianr L Oiis iininortulidns gooepi- inu?, Huas äivelli » nodis non poiest. u. f 284 Von Religion, nunft, und daSGemüth, (v«s) die innigste Zusammenfassung aller menschlichen Kräfte, wie? wenn es, jedes Bildwerk deiner Spcculation übergehend, sich blos an die reine Ordnung und Regel der Dinge, an die mächtige Wurzel Alles Daseyns, den Quell Alles Lebens, Aller Kräfte und Seligkeit hält und in dieser gegebnen Ordnung Wirksamkeit, Treue, Seligkeit zu erlangen strebet? Es hat an seiner Religion genug, ohne deine abstrahirten Bildworte und die Anatheme, die du auf den Gebrauch dieses und keines andern unter denselben als ein grammatischer Avto- und Pantokrator setzest, auch nur zu bemerken." i9- Oder soll dir die Lehrmeinung erklären, was Gott in seinem Wesen? wie er im Raum gegenwärtig sey? ob er innerhalb oder außer der Welt residire? was er vor der Schöpfung gethan und seitdem thue? Vor allem, wie er aus Nichts geschaffen, wie er sich den einfachen Dingen der Welt mittheile und die Substanzen erhalte? Ob die Welt endlich oder unendlich scy? u. f. Als Sokrates durch einen Jahrmarkt voll Spielwerks gieng, sprach er zu seinem Freunde: „wie viel, mein Freund, können wir entbehren?" Das religiöse Gemüth spricht bei allen diesen Wortweisheithetzcn bescheiden auch also. 20. Denn, Lieber, wenn wir bis ans Ende unsers Lebens diese Wortschnitzerei, (Xo^oA«rA«Xlcrzlov) Lehrmeinungen und Gebrauchen. 285 geübt und unS mit Fragen und Antworten, dir immer Worte find, ermüdet haben, wann kom» men wir zum Bewußtsein, zur Uebung und zum Genuß der Wahrheit? „Sofern kenne ich Gott, sprach jener Allvater, als ich ihn mit meinem Ge, müth kennen gelernt; so weit habe ich ihn, als ich ihn in meinem Gcmüth habe." Ein anschaulicher Begriff der lebendigen Macht, Weisheit und Güte, die sich in den Werken der Natur darstellt, Ein Blick in mein Inneres, was ich sey und aus mir werden sollte? jede Bestärkung der Regel in mir: „nicht blos dann und wann, sondern immer zu scyn, was ich seyn soll, dem leitenden Auge des AUbeherrschcrs in Allem zu folgen ," giebt mir mehr als alle Speculalionen. Es bringt ein RichtmaaS in meine Gesinnungen , in mein Leben Haltung und Gleichheit, (vitas ienorsirr et se^ualitatern) da nichts elender ist, als: sidi HuisHua valit? nescire et heiserere d. i. sernxer. Immer fragen und nimmer wissen, was jeder von sich will. 2t. Oder spricht deine Lchrmeinung ewig und immer von einem aus dir gezogenen, von dir gebildeten, zwar an sich wesenlosen, aber doch unentbehrlichen Ideal der Gottheit? Lieber, wenn Du und deine ganze Schopfer-Zunft praktischer Vernunft- und Gottheitideale zu Grunde gicnge, so ist das Ehor der Sterne und das stille Gcmüth da, das den großen 266 Von Religion, Dasei) enden nicht auf dein Schöpfer-Ansehen, auch nicht als seine sclbstgeschaffene Idee, sondern als einen Wesenden aufiümmt, der vor uns da war und nach uns sei)» wird; ja sich innig freuet, daß cs Ihn erkennen, d. i. seine Regel in der Schöpfung wahrnehmen konnte und in ihr sein Da- sepn, seine eigenste Seligkeit und Thaligkcit findet. 22 . Und Ihr, Lehrer des Ehristenthums, findet Ihr non Gott nichts Nolhwendigcres, nichts Besseres, als dergleichen Lehrmeinungcn vorzutragcn? Was soll dem praktischen Gemüth der „indcmonstrable Gott?" da cs euch nie bat, ihm Gott matheinatisch zu demonstnrcn. Es will keinen demonstrirlen Gott; noch durch ihn Äbstractionen regulircn, rcctisiciren U f. Warnet Ihr es also gar, ,,daß es dieser gefundenen Einheit aus Vielem, als einem blos „regulativen Princip nicht zu viel traue, ihm ja „nicht Wesenheit zuschreibc, sonst habe cs die specu- „lativc Vernunft über die Grenzen des Raums und „der Zeit erweitert;" ralhet ihr ihm vorsichtig, „daß cs der Betrachtung der Dinge der Welt, in „denen sich etwa Macht, Weisheit, innere Güte, „Bestandheit, Seligkeit offenbaret, nicht zu viel „Platz einraume: denn man kenne die Schöpfung „nicht ganz, niemand habe sie durchreiset, der Dinge „Wesen scy für uns uncrforschbar, ein völlig Unbekanntes ; höchstens könne man das oberste Wesen „nur sehr mächtig, nicht aber den Allmächtigen „nennen, wisse auch nicht, ob es an die Reihe der „Dinge geknüpft scy." u. f. Erröthet ihr nicht selbst über die zweckwidrige Anwendung dieser Speculakionen, L eh rmein un g en un d G e b r ä uch en. 287 wenn ungeschickter Lehrlings-Enthusiasmus sie der Welt entweder als Glaubenswahrheitcn verkündiget oder damit Glaubcnsüberzeugung wankend macht und untergrabt? 23 . Hinweg mit ihnen vom Gebiet der Religion, d> i. des praktischen Gemüths-Glaubens. Das Buch der Schöpfung liegt unsrer Anschauung so klar und offen vor, daß wir, auch in dem, was wir nicht übersehen , dem großen Urheber der Dinge Zusa m- menhang seiner Werke wohl zulrauen mögen. Der Scrupel, als ob das, was mein Maulwurfsauge nicht ersehen hat, wohl schlechter sepn mögen, als das Ersehene, weil Ich Jenes nicht ersehen habe, ist ein armer Scrupel. Das ganze Reich dieser Fragen überhaupt bringt uns jene alte Hölle des Tantalus, Sisyphus und der mit bodenlosen Eimern schöpfenden Danaiden vor Augen; und am Ende sind alle diese Phantasieen, (leere Bild- und Wortzweifel,) doch nur Kinderfragen, und das Mcynen und Wahnen darüber nicht philosophische sondern grammatische Schulweisheit. 24. Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, Die Sternenhöhe singt sein Lob. Der Lag dem Tage, die Nacht der Nacht Sagen's und breiten Erkenntniß fort. Es ist nicht etwa Sprach' und Wort, Die irgend unverständlich sey; Durch alle Welt ertönt dies Saitenspiel; Sein Klang erschallet über Land und Meer, Bis wo die Sonn' in ihrem Zelte nachtet. sL3 Von Religion, Der gesunde Menschensinn trauet dem, was er von diesem Klange höret; das Gcmüth freuet sich dieses Chors freudiger Wesen, zu denen es mitgehöret, und trauet seinem Schöpfer. Wie sollte es ihm nicht trauen, da in Allem die Erfüllung seiner Gesetze Seligkeit, da der Natur gemäß leben Gesundheit ist? Stakt diese zwei zu trennen und zu theilen, lernt es beide vielmehr verbinden, in Allem Güte des Schöpfers sehen, und nur in Pflicht Seligkeit finden. Wenn du bis an dein Lebensende über Gott speculirest, armer Sterblicher, wann wird die Zeit kommen, daß du, dich seiner freuend, thätig an ihn glaubest? 11 . Vom Glauben an einen Retter und Heilbringer der Menschen. 1. Das Bekcnntniß des Glaubens an einen Retter und Heilbringcr der Menschen ist mit dem Christen- thum selbst entstanden. „Glaubest du, daß JesuS der Christ sei?" fragte man die Juden; „glaubest du, daß Christus Retter der Menschen, Heiland der Welt sei?" fragte man die Griechen, und so ward Fes UMS der Christen uralte Losung. 2 . Ihrer Natur nach forderte diese Formel Glauben: denn indem man es anerkannte, daß unser Ge- Lehrmeinungen und Gebräuchen. 28g Geschlecht unter einem Druck von Ucbeln leide, trat man in die Zuversicht einer nicht nur möglichen sondern nothwendigen bessern Verfassung desselben ein, und gestand zu, auf dem ncu-eröffnetcn Wege sei das Heil der Welt gegeben. Man gelobte an, auf diesem Wege mitzuwirken; mithin war der Glaube praktisch. *) 3 . Dies muß er scyn oder der Glaube ist eine Wortsormel. Im Christenthum muß die Bedingung allgemeiner und einzelner Me n- schcnseligkeit so offenbar und gewiß liegen, daß sie von Jedem, auch dem Geringsten nicht nur anerkannt und befolgt werden kann, sondern von ihm auch befolgt werden muß, sobald er daran mit Ueberzeugung glaubet. Wird das Bekenittniß von einem Weltheilande, dem Retter der Menschheit, eine Lehrmeinung, bei der man so und anders oder auch gar nicht meyncn darf, so ist sie beinahe das Gcgenlheil vom Glauben, d. i. von einer Ueberzeugung, neben der man gar nicht meyncn kann und soll, von einer allgemein-anzuerkennenden praktischen Wahrheit. Wer auch der Stifter *) Daß die im Symbolum angeführten historischen Umstände (das „Niedergefahren zur Hölle" sogar) aus Veranlassungen nach und nach dahin gekommen , ist bekannt. Kings Geschichte des apostolischen Symbolums oder ähnliche Schriften sollte jeder Lehrling der Theologie lesen. Herders Werke d. Rel. u. Theol. XII. T 29 » Von Religion, des Christenthums gewesen, Jude oder Sinese, Gottes oder Josephs Sohn; sein Werk muß die Regel zum Heil der Menschheit enthalten, oder er ist ein verschollener Name. 4 - Und was wäre diese Regel? Keine andre, als die uns die ganze Schöpfung zuruft: „Erkenne Gott als Vater, Dich als sein lebendiges Organ- Du bist ein Mensch, unter Menschen, für Menschen; wirke Dem gleich, der die Regel der Menschheit gegründet und in dick) gelegt hat. Sie ist die Regel deines ganzen Geschlechts, seine Seligkeit, Pflicht und Bestimmung, sein Ziel und Zweck." 5 . Das Göttliche also, aber auch das Schwache der Menschennatur zu erkennen, dies Schwache uncrmüdlich-helfend zu tragen, mit desto größeren Eifer aber das Starke, Reine, Edle in sich und andern zu erwecken, und hiezu mit allem, was Mensch ist, gemeinschaftlich zu wirken; das wäre die Regel. 6 . „Liebe also, (dies war die Religion des Weltheilandes) zuvorkommend, rein, bindend, thatig, sei der einzige Weg zur Rettung von jedem die Menschheit drückenden Uebel. Zu Errichtung eines Reichs Gottes unter Menschen, in Menschen, durch Menschen sei sie die einzige jedes Hinderniß überwindende Triebfeder/' — So lange der Mensch Mensch und unser Geschlecht ein Menschengeschlecht Lehrmcinungcn und Gebräuchen. 291 ist, wird ihm keine andre Regel des Heils werden; in ihr aber, anerkannt, und in wachsender Gemeinschaft befolgt, liegt unwidersprechlich, unzerstörbar das Heil unsres Geschlechtes. 7 - Dies ists und nichts anders. Hiezu kann selbst der Name des Stifters dieser Regel nichts hinzu» thun; er heißt Heilbringer, Seligkeit- Stifter; er sagt was die Regel saget. 8 . Leben und Charakter Christi sagen eben dasselbe. In sein Herz war geschrieben: „Gott ist mein Vater und aller Menschen Vater; die Menschen unter einander sind Brüder. Dieser, der Religion des Menschengeschlechts, der einzigen Religion auf Crden wcihcte er sein Leben, bereit, cs willig hin- zugeben, wenn sie Menschen-Rcligion würde. Denn sie betreffe den primitiven Charakter unsres Geschlechts, dessen ursprüngliche und Endbestimmung. Sie knüpfe alle Enden desselben und löse seine ver- wickeltsten Knoten. Der Menschheit Schwachen würden in ihr Hebel einer edleren Kraft; jedes drückende Uebel auch menschlicher Bosheit ei» Reiz zu dessen Ueberwindung." 9 - Er starb für dies edle Unternehmen, vom Dogmatismus seiner Nation gctödtet; und als wunderbar er ins Leben zurück kam, machte er diese T 2 292 Von Religion, Religion, in der und für die er gestorben war, zur Religion der Völker; seiner Sache so gewiß, in seinem Werk so groß und stark, daß er damit beim Ausgange aller Dinge vor Gott, vor Engeln und Menschen zu erscheinen gewiß war. — Es ist, sagen seine Boten, in keinem andern das Heil; unter dem Himmel ist den Menschen keine Rettung und Seligkeit gegeben, als in dieser Religion Jesus Christus. In ihr ist das Leben. 10. Was sollen nun bei und neben dieser einfachen Menschenreligion Lehrmeinungen? Sie können ihr nicht Helsen, und müssen ihr schaden» ir. Wollen sie über den Jesus von Nazareth meynen, wie er wohl Gottes Sohn gewesen? Ob ewig empfangen oder erzeugt, gesprochen, oder geboren? wann und wie? 12. Oder soll die Lehrmcinung ausmachen, wie die o" Gottheit im Menschen gewöhnet? wie er sich von der Gottheit ,,gclceret?" und dann aus dem Munde eines Engels dem Schoos der Mutter ge- schenket worden ? Wie im Augenblick der Empfangniß sich die himmlische und irdische Natur zusammen gefüget, daß ja kein Symplegma von zwei Verstanden und zwei Willen entstünde? Und wo der Geist, der am Jordan auf ihn kam, wo die himmlische Taube in ihm genistet? Ob der Glanz auf Thabor erschaffen oder unerschaffen gewesen? Und womit in Lehr Meinungen und Gebräuchen. 2Z3 Gethsemane ihn der Engel gestartet? Wohin seine Seele im Todtenreich gewandert? und welche Heiligen mit ihm auferstanden? Wohin er durch alle Himmel gefahren? wo er jetzt weile? u. f. SindS Fragen der Art, die Le h r me i nu n g e n gründen, über welche man gezankt und verfolgt hat, so bewahre uns Gott vor allen gelehrt-entbehrlichen Lehr- meinungcn und Kinderfragen. i3. Oder soll die Lehrmcinung einen Roman dichten, „wie etwa eine personificirte Idee des guten Prinzips in Gott habe wohnen, von seinem Wesen „ausgehen, auch sein eingeborner Sohn, das „Wort, das Werde! habe heißen, von ihr wohl „auch gesagt werden können, daß sie vom Himmel „herabgekommen, und als herabgekommcne „Idee nicht füglich anders als unter der Idee cincS „Menschen gedacht werden möge? wie folglich im „praktischen Glauben an diese Idee, als habe sie „die menschliche Natur angenommen, der Mensch „hoffen könne, Gott wohlgefällig, sogar selig zu „werden, sofern er auf sich selbst ein gegründetes „Vertrauen setzen kann, er würde unter ähnlichen „Versuchungen und Leiden, wie sie zum Probier» „stein jener Idee gemacht wurden, dieser Idee „anhängig se»n " U. f. „Wie aber dieser personisicirten Idee entgegen „eine andere personisicirte Idee, der Teufel, seit „viertausend Jahren Rechts-Ansprüche auf „die Herrschaft über den Menschen nicht nur gehabt, 294 Von Religion, „sondern auch in verjährtem Besitz ausgeübet; welche „personisicirte Idee, den Satan, Gott zwar nicht „habe todtschlagen wollen, sich aber seines Rechtsanspruchs wegen, in Sache des ciominii ckioeatl „über die Menschen, der Form nach, dem Teufel „ganz unschädlich, verwahrt habe." i5. „Wie eine personisicirte Idee mit der Andern „in Kampf gerathen: denn als der Teufel gemerkt, „daß Christus keinen Contrakt mit ihm eingehen „wolle, auch wohl andre auf seine Seite zu brin- „gen Lust haben könne, und also sein Reich in Ge- „fahr sei, so habe er ihn Anfangs zum Lehnsträger „desselben machen wollen. Da Christus aber auch „dieses ausgefchlagen, habe er ihm alle Bequemlichkeit entzogen und ihn bis auf den Tod verfolget. „Alles Böse, was Christo zugefügt worden, habe „der Teufel angerichtet, der physisch auch wirklich „die Oberhand über ihn behalten: denn besiegt sei „von Christo der Teufel eigentlich nicht, indem sein „Reich noch fortdaure; aber gebrochen sei seine „Gewalt." U. f. — Wer, der die Geschichte des Jesus von Nazareth gelesen und in ihrer zeitmäßi- gen Sprache verstehen gelernt hat, wird an Dichtungen solcher Art auch nur einen Augenblick Gefallen finden, geschweige, daß er sie für die Religion innerhalb der Grenzen der Vernunft erkennte? Sie sind weder Religion noch vernünftig, am wenigsten biblisch. i6. Christus war ein Mensch, wie wir; keine per- Lehcmeinungen und Gebräuchen. 296 sonisicirte Idee. Ec repr ä sen ti rte nicht, sondern war; den Gottähnlichen wollte er nicht spielen. (Phil. 2, 5 — 7.) Dos ganze Blendwerk dieser gedichteten Figurationen, gegründeter Satans- Rechte und maskirter Gottes-Handlungen ist eine kleinliche Verdrehung der Schrift, Gottes eben so unwürdig, als dem Zweck Christi fremde. Es gehört in die Zeiten, da man den Prozeß Belials schrieb und das Leiden Jesu Christi burlesk aufführte. *) 17- Sollte das Christenthum nicht aller Welt als eine Abentheuer - und Mordgeschichte erscheinen, so mußte es in sich etwas enthalten, das wirklich ein Evangelium für die gesummte Menschheit war. Dies mußte Jedem ans Herz reden; oder cs war und blieb ein Mahrchen, das man, wie jener Wilde vom Mißionar, aus Höflichkeit etwa anhörte, aber auch mit einem gegenseitigen Mahrchen vergalt. Daß die christliche Religion so schnelle, so große Fortschritte gewann, mußte in ihr selbst liegen: denn aus nichts kann nichts werden. 18. Dies innere Gewicht liegt in den ältesten Schriften desselben offen am Tage. DenJuden erschien die *) I.» ?nssi- scurum. Lic. ep. 4. 2. t^uiä rectum sit, uppgret; ^ulä expellmt, obscurum est, its t-uueu ut si uos 1i sumus, 9m esse äedemu?, äuditgre nou possimue, gulu es mexime conclucsnt, ^uss suut rectirsima. Lp.Z, ig. Lehrmeinungen und Gebräuchen. 3o5 bas summe bmmanum, reotum, pium, als die höchste Tendenz und Bestimmung deiner und der menschlichen Nalur gegeben. 3o. Sofort erhellet, wiefern der Christenglaube historisch sei, und was er für sich aus der Geschichte bedürfe. 31. Wer die Geschichte Christi wissen will, muß sic lesen, und zwar rein lesen, ohne daß er Asche auf ihre Funken trage. Verdrehest du sie und sprichst: „wenn Christus, Petrus, Paulus dies nicht sagten, so sollten sie's gesagt haben:" so beliebt dir ein Scherz, der hieher nicht gehöret. 32 . Also mußt du sie auch im Geist ihrer Zeit lesen, d. i. verstehen lernen. Zerreißest du sie und giebst ihren klarsten Aussprüchen die Larve spater- fundener Dogmen: so hast du ein Larvenfest gespielt, aber keine Geschichte gelesen. 33. Mithin darf dich auch nicht jeder Umstand der Geschichte gleich bekümmern. Möge diese und jene Begebenheit so oder anders geschehen seyn ; was liegts deiner Religion daran? Es sei dann, daß es dir Religion wäre, darüber Bücher und Blatter zu schreiben. Herders Werke«. Rel. u. Theos. XII. U Don Religion, 3o6 3 /,. Also mußt du auch nicht vor Allem auf das Miraculose gespannt seyn, als ob von verlebten Wundern voriger Zeiten deine Religion abhinge. Denn, Lieber, was hat Religion deines Herzens mit Wundern zu khun, die du nicht gesehen hast und über welche du keine Rechenschaft ablegen darfst? Glaube ist Ueberzeugung, ernst-freudige Uebung; was khun dazu alte Wunder? Das Wunderthun soll dir doch nicht Religion werden? 35. Mithin bekümmere cs dich auch nicht, wenn hier oder da du dir etwas nicht zurechtlegen kannst. Zurechtleger giebt es gnug; und sie mögen Verantwortung ablegen, warum dies und jenes so und nicht anders gemeldet sei. Dies thu» sie als Philologen, als Geschichtkundige oder Literatorcn; du sollst das Gemeldete für deine Religion (denn dazu ists geschrieben) religiös gebrauchen. 36. Denn überhaupt was ist Geschichte? und wozu liesest du alle Geschichte? Um bloße Facta oder gar Mirakel darin zu finden? Ein flacher Kopf sieht und reihet in der Geschichte nur Facta; ein verdrehter Kopf sucht in ihr Mirakel. Nur wem die Geschichte zu seinem Geist, zu seinem Herzen spricht; nur der liefet eine mcnschlichgeschriebene Geschichte menschlich. 37. Und spräche diese Geschichte nicht also zu dir? Lehrmcinungen und Gebräuchen. 307 Sagt jedes Wort, sagt das Leben dieses Mannes und der Ausgang desselben dir nichts? Und wenn der Verlassene, der im höchsten Zutrauen auf Gott Entschlafene nun wieder erwacht, und mit ihm die Religiosität, in welcher und für welche er von den Lehrmcinungen seines Landes erwürgt war, vom Reich der Tobten emporkommt, um eine Mensch c n - R e l i g i 0 n zu werden, ist diese Begebenheit dir sinnlos? 38 . Und wenn dieser Erweckte nicht mehr da ist, kannst du, eben im Sinn seiner Religiosität, glauben, daß er jetzt unsichtbar etwas anders sei, als was er sichtbar mit jeder Aufopferung war, Freund der Menschen, Beseliger der Well? Seine Geschichte also wie seine Regel ist Trost- und Gerichtsspruch in aller Menschen Herzen; es giebt keine moralische Goctesregierung unter Menschen und über Menschen als in dem was ihm Religion war. Seine Schicksale, sein Leben ist eine Darstellung dieser Regel nach ihren innern und äußern Folgen. 39. Laß also die Geschichte Christi mangelhaft feyn, in Umständen, die du zu wissen wünschest; wir dürfen und sollten ihn, wie Paulus sagt, nicht kennen nach dem Fleisch; er sei uns aber Religion, Kraft, Weisheit. Sagte jemand: „die ganze Geschichte ist erdichtet; die Fischer von Ka- pernaum haben sie erfundenso würde ich ihm U 2 Mi 3o8 Von Religion, heiter antworten: „Dank den Fischern, daß sie eine solche Geschichte erdichtet haben! Meinem Geistund Herzen ist sie Wahrheit." 40. Wie wenig bei den Evangelien pedantisch auf eine vollendete Geschichte gerechnet sei, zeigen sie selbst. Das bloße Wissen einer Geschichte, zumal einer religiösen Geschichte, kann sogar verlockend werden, wenn ihr Inhalt mir nicht Religion wird. Daher reden die Briese der Apostel so wenig vom irdischen Christus. *) 4r. Edel nennet daher das Symbolum seinen Christum auch mit keinem Ehrennamen als unser» Herrn. Denn da, wie Paulus sagt, damals so viele Götter und Herren waren: (jeder Kaiser-Un- *) Selbst die im Symbolum erwähnte historische Umstande zeigen, wie unbefangen man hierüber in den ersten Zeiten des Ehristcnthums dachte. Sie kamen irriger Meinungen wegen nach und nach zusammen, und galten der damaligen Verfassung nach, da Bücher, also auch die Evangelien, selten waren, für ein dem Gedächtnis cingeprag- les Evangelium, eine kurze Layenbibel. Nicht aber dachte man, daß durchs Hersagen dieser historischen Umstände „gelitten unter Pontius Pilatus" u. f. der Glaube der Christen erwiesen oder erprobt worden. Es war Symbolum d. i. Losung, eine kurze historische Bekänntnißformel. Lchrmeinungen und Gebräuchen. 3og mensch bekam Tempel, Altäre, Priester, Feste, in denen der Oorninus orbis teriarrrrri Deus würde) so geziemte den Christen der bescheidenste Ausdruck. Nicht durch Titel und Lobpreisungen wollten sie ihn ehren, sondern durch Gesinnung und That. 42 - Der Name aber „Gottes einqeborner Sohn" war kein Ehrenname; sondern Bezeichnung seiner Person, seines Zwecks, Ausdruck seiner Religion selbst. Menschen zu Nachbildern der Gottheit, zu lebendigen Organen seiner Macht, Güte und Weisheit, sie zu einem thätigcn Gottes - und Brudergeschlecht zu verbinden, dies war sein Geschäft, seine Religion, die Seele seines Lebens. Dies Geschäft brachte er vom Himmel hernieder, ihm ganz gewcihct; Gottes cingeborner Sohn, eines neuen Gottesgeschlcchts erstgcborner Bruder. Aber die Triebfeder hiezu? Jene große Natur- Religion bauete auf Triebe der Natur und hat solche vor sich; die Menschen-Religion die Christus setzt, sodert Ucbcrwindung , Bezähmung der Triebe. Sie gebietet Aufopferung, Großmuth auch gegen die Feinde, ein Streben zum Wohl des Ganzen, auch ohne sichtbare Belohnung; woher hiezu Kräfte? Die Vernunft hat ein Recht der Natur ersonnen; wie oft wird cs übertreten! Die Gesellschaft hat ein Recht der Völker allmählich festgestellt; bei dem leisesten Anlaß schreitet man hinüber. Und eine Religion der Völker, eine Religion des Von Religion, 3ro höchsten Geziemenden der Menschheit, sich dem Wohl Andrer aufzuopfern, nur in ihnen zu leben, worauf sollte s i e sich stützen? woher ihre Vollziehungskraft nehmen? Man höre ferner den Glauben der Christen. III. Vom Glauben an den himmlischen Bei» stand in einer heiligen Gemeinschaft. r. Der Glaube an einen heiligen Geist, d. i. die Ueberzeugung von einem hülfrcichen Beistand und Antriebe (Anhauch) Gottes zu allem Guten trennet sich von Lehrmeinungen ganz. Haben wir noch nicht herausgebracht, wie irgend Eine Kraft in der Natur wirke oder was sie sei? erkennen wirs als ein vergebliches Bestreben, durch Worte eine Kraft darstellen oder ausdrücken zu wollen, die sich allenthalben nur durch Wirkung erweiset; wie? die Kraft aller Kräfte, die moralische Gotteskraft wollten wir durch Specularion ausklügeln? Sie ist was sie ist, und kann nur durch sich erkannt, erwiesen, erprobt werden. 2. Vielmehr hindern ängstliche oder müßige Spe- culationen das reine Gemülh, das nicht nach Wissenschaft, sondern einem Seyn strebet. Es will den Geist nicht zergliedern und deduciren ; sondern dieses Geistes seyn und in ihm wirken: denn er ist Gesinnung, Trieb, inneres Leben. 3 . Der Egoismus, der sich selbst gebietet, und weil er dieses thun kein», eben in der Macht höchsteigner Dictatuc, als in der Form der Gesetzgebung, jede Kraft zu Befolgung des Gesetzes findet, Er möchte dieser Geist Gottes schwerlich seyn: denn in einer leeren Form der Gesetzgebung ist weder Macht noch Seligkeit, weder Geist, noch Leben. Nichts ermüdet mehr als das Gebieten; auch des Stolzes, daß man gebieten könne, wird man bald satt; und wie ? wenn gar an die Stelle des reinen Willens zu gebieten ein reiner Unwille zu gehorchen träte? Mächtiger Autonom, so hat deine Monarchie ein Ende. Statt ihrer tritt die Anarchie einer ohnmächtig-wilden Wortfehde ein : „Zwing' dich l" — „Ich kann nicht." „Du kannst, weil du sollst."— „So will ich nicht sollen, weil ich nicht kann." u. f. Als du in die Schöpfung tratst, belebetc dich Geist, ohne daß du ihn schufest. GöttlicherAlhem wehrte dich an, als du die erste Luft sogest. Da entzündete sich deine Lampe; dein Herz schlug; es umfing, es durchwallete dich Leben. 5 . Als du ins Reich der Menschheit tratst, belebcte dich Geist der Menschen, Belehrung. Durch Nachahmen gewännest du Ucbung, auch zum klein- 3,2 Bon Religion, sten Gebrauch deiner Glieder. Den Unterricht hattest du dir nicht geschaffen; ein Ocean von Ideen, Gewohnheiten, Handlungsweisen nahm Dich auf; und in Dir war Etwas, dies Alles aufzunehmen, dir anzueignen und eS als Eigenthum zu gebrauchen. Geist empfing vom Geiste. 6 . Triebe erwachten in dir; dein ganzes Leben wird durch Triebe geleitet. Ein elendes Geschöpf, dem, von Allem isolirt, Spekulation sein Daseyn wäre, so daß es keine Welt kennte, als die, durch seine Speculation geworden, mit ihr aufhörte. Ein Traumgcschöpf außer Raum und Zeit. Noch elender aber wäre ein andres Scheinwesen, das unbekannt allen Trieben, sich ein Gesetz ausklügeln müßte, durch welches es etwa einen Trieb erlangen möchte. Dies wäre der pcrsonisicirte Stolz in der tiefsten Ohnmacht. 7 > Dem Triebe wohnt innere Macht ein; ja er wird nur durch diese. Ungeduldig sie anzuwenden, strebt er zu Einem ihm fast unbekannten Ziel; und im zusammengeordneten Reich der Natur, der Mutter aller Triebe, erreicht ers wirklich. So reizen Hunger und Durst ohne Theorie der Verdauung und des darauf erfolgenden Wohlseyn, auch ohne Don- Nezio's gebietenden Stab: „Du sollst essen, damit du allen vernünftigen Essern ein Vorbild der befolgten Eßpflicht ohne gehabte Eßlust werdest." — 8 . Des Triebes, der die ganze Natur zusammcnhält, Hx Lehrmeinungen und Gebräuchen. 3i3 zu gesckweigen, siehe die Mutter an in ihrer alle Beschwerden und Gefahr überwindenden Mutterliebe. Sie leidet, thul, handelt, ohne daß ihr Jene unaufgezogene Uhr, die ohne Gewichte sich selbst treiben soll , nur einfällt. Siehe den Vater, den Mann, den thätigen Freund, den Retter seines Vaterlandes, den Helden in jedem Geschäft. Sein Werk ruft, seine Pflicht treibt ihn; sie ist ihm Lohn und Erquickung. Er lächelt im Tode. 9- Leben, Leben treibt dich zu dem, was du thun sollst und scyn mußt; selbst deine Speculation wird dadurch geleitet. Glücklich, wenn du der Menschen Thun und Treiben, verflochten in ihren Kampf, mitfühlend kennen lerntest und dabei dein Gewissen rettetest, deine Vernunft erprobtest! Nur so umfing dich der Geist der Menschheit; im Grübeln erschien dir kaum sein Jdolum. io. Uebcr alle Dichtung hinaus giebt cs eine schwache und leidende, aber auch eine gesunde und starke Menschheit. Reine Triebe, eine himmlische Einfalt der Seele erscheint oft, wo man sie nicht suchte, oft wo sie verachtet und verschmäht wird. Schwäche, Unlauterkeit, eine Verkehrtheit aller Triebe zeigt sich am meisten in den vorzüglich beglückten, geschmeichelten , glänzenden Stellen und Functionen der Gesellschaft , so wie denn auch in dem durch sie ver- anlaßeten andern Extrem, dem Knechtssinn, der gepreßten Dürftigkeit, der rohen Verzweiflung. Wer von diesen folgern wollte, daß nirgendwo anders reiner Trieb im Menschen sey; der verzweifelte im engen Lazarett) voll Kerkersiebcr, daß auf den Bergen freie Luft, Athem Gottes, wehe. Freilich ist auch diese keine künstlich abgezogne, dephlogisirte Luft, (denn die könnten wir nicht aihmen;) doch aber für Menschen ein erquickender Balsam. i r. Der Glaube sagt also: „ich traue auf einen göttlichen Anhauch, eine Unterstützung meiner moralischen Kräfte," wie ich der reinen Luft, die mich umwehet, wie ich Allem, was die Natur Stärkendes, Nährendes, Erquickendes hat, traue und glaube. Der Weltkreis ist voll Geistes des Herren; der Herze nläuterer ist allenthalben. (Weish. r, 3— 7 .) Wo irgend also lautere Weisheit sprach, wo ein reiner Trieb handelte, überwand, litt und ausführte, da webte Geist Gottes, da'war (nach dem ebräischen Ausdruck) der Anhauch des Allbelebendcn mächtig. 12 . Geist spricht zum Geist; das Kriterium der Wahrheit hat jedermann in sich. Weder die Einbildung giebt cs, noch die Spekulation; im Gemülh, im innersten Bewußtseyn wohnt die Summe aller Wahrheit, aller Treue und Liebe, Geist Gottes, (tt/rov 7ivru/la.) i3. Diesen reinen Trieb erweckt das Christenthum; nicht aber dadurch, daß cs Tugenden als ein Gesetz Lehr Meinungen und Gebräuchen. 3i5 federt (denn dadurch erwacht kein Trieb ) oder oberflächliche Gesinnungen vorschreibt, sondern dadurch, daß es die edelste Anlage der Menschheit, den Trieb aller Triebe, Liebe, eine jedes Böse mit Gutem überwindende Liebe weckt und läutert. Liebe erhält die Welt; an Geschlechts-, an Vater-, Mutier-, Kindes-, Freundes-, Vaterlandes -, Schwester - und Bruderliebe sind in der menschlichen Gesellschaft alle Pflichten des Lebens gebunden; von ihnen gehen alle edle Bestrebungen aus. Hiezu hat die Natur vorbereitet: hiezu schlafen in der Menschheit die regsten Triebe. Der Schöpfer hat diese erschaffen; du darfst weder sie noch ihren Zweck erkünsteln. Geist der Schöpfung ists, der sie im Menschen sein Leben hindurch weckt und läutert. 14. Schon hiedurch wird Gemeinschaft. Kein Trieb ist in der Natur allein; er wird von einem Reiz geweckt; er strebet nach Etwas. Kein Trieb bleibt auch allein; er findet ihm gleichgestimmte oder entgegengesetzte, harmonische oder disharmonische Triebe. Da er immer etwas zu überwinden oder zu erreichen hat, so kommt er mit andern oder gegen andre in eine Schule der Uebung. So bindet, so knüpft sich die geistige, wie die körperliche Welt; bei blos avtonomische» Gesetzen regte sich nichts; alles stünde isolirt aus einander. r5. Jeden Kräfte - erweckenden , Triebe - belebenden Anhauch nennet die Schrift Geist Gottes; er Von Religion, A16 ist kein wilder Trieb, sondern hat seine Regel in sich. Er heiliget, d. i. er sondert vom Mißbrauch; er züchtiget und läutert. i6. Wodurch dieses? Jedem Triebe der Natur ist nicht nur seine Art, sondern auch sein Maas bestimmt ; verfehlt er beide, so ist die Natur ein scharfer Wächter und Richter. Wesentlich ist ihm also (ein xaXov) ein Umriß vorgezcichnet, in Erreichung dessen er Genuß und Seligkeit findet, ausserhalb welchem er sich überstrengt und ermattet, oder statt Seligkeit mit Uebcrdruß und Reue gelohnt wird. Wenn dies ein allgemeines Gesetz der Natur ist : so muß es seine Wirkung auch im Reich der geistigen Triebe des Menschen, seiner Kräfte und Neigungen äußern. Auch hier wacht ein guter Geist in uns, der die schlafenden Kräfte weckt, ihren Mißbrauch aber zeihet und uns vor dem Ue- bermaas bewahret. Nenne man ihn Vernunft, Gewissen u. f.; alle Weisen haben ihn für eine Stimme Gottes erkannt; er ist eine innere prüfende Richtschnur. * 7 - Was von außen ihn anspricht, nennen die Ebräer Befehl-Wort Gottes; die strengste Bemerkung, die achtsamste Aneignung dessen, was es unscrm Innern saget, ist Herzensreligion. Sie belehrt, sie bessert. 18. Mit diesem Geiste sprach das Ehristenthum die Lehrmeinungen und Gebräuchen. 3 » 7 Menschheit an; und was Wunder, daß ihm der reine Geist der Menschheit antwortete? Da cs weder Spekulation noch politische Verfassung betrieb, sondern zu Jedem sprach: „das sollst du als Mensch seyn, in welchem Stande du auch lebest! Das in dir ist das reine Bild deiner Menschheit;" so antwortete allenthalben im Menschen die Echo der Stimme Gottes: „Das bin ich! Das soll ich werden!" Und da es dies nur mit einer lehrenden Bru- dcrstimme, nach dem Vorbilde seines Stifters, mehr durch Thal als Worte sprach, so schuf sich Gemeinschaft. Jeder cigengeschlossene Vertrag ist uns lieb; wie denn nicht ein Vertrag des reinen Geistes mit reinen Geistern? 19- Religion ists also, an einen guten Geist zu glauben, der über und in uns wacht und dessen Stimme zu folgen heilige Pflicht ist Religion ists, mit grossster Treue alles anzuwenden, womit dieser heiligste Trieb unsre Gaben belebet. Bürgerlich kann ich, wie ein Baum, auf bösen Boden in einem feindseligen Klima gepflanzt seyn, und manche meiner besten mir eigensten Fähigkeiten müssen un- erweckt schlafen; reiner Mensch aber muß und kann ich werden, ich stehe wo cs sey. Dazu kann es mir nie an göttlichem Anhauch mangeln. 20. Ich glaube also, sagt der Christ, an ein heiliges 7ivxu,ttt, das alle gute Menschen belebet, an einen Beistand, der jedem auf seinein Wege forthilft, so wahr ich eine Charakterbestimmung der 3.8 Von Religion, Menschheit selbst glaube. Fehlt keiner Pflanze der Lebcnsathem, dessen sic bedarf; wie sollte er der moralischen Pflanze des menschlichen Geschlechts fehlen? Nur ist der Garten groß; die Gewächse sind nach Art, Witterung und Boden sehr verschieden. 2r Ich glaube, sagt der Christ, an den Geist einer thatigen Gemeinschaft. Nicht wie Einer denkt, dürfen auch mehrere denken; aber wie Einer ge- sinnct ist und mit regsamer Kraft im Großesten und Kleinsten ohne Anmaßung handelt, dieser Geist, gehl wie ein unsichtbares Medium , Herzen - und Seelen verbindend in andre über. Ohne daß sie cs wissen, nehmen sie an der Physiognomie unsres Geistes Theil. — So bildete sich ein Freundes-, ein Familien-, ein National-, ein Vaterlandsgeist; so muß sich der reine moralische Geist fortbilden. 22 . Es giebt also eine G e i stes g e m e i n s ch a ft. Ihr, die klagt, daß es keine gebe, sehet zu, ob an Euch selbst nicht die Schuld sey? Ist kein lebendiger Kreis um dich, dein Heus, deine Familie, dein Kreis von Geschäften? Wohlan! Jede reinwirkende Gemüthsart, leuchtet, erquickt; sie sucht und schafft Gemeinschaft. 23 . Im großen Geist der Allverbindung glaubt also das Symbolum eine Gemeinschaft aller Heiligen und Guten. Diese ist kein Sittenstaat: denn so wenig es auf äußere Sitten allein hier ankommk, so verscheucht das Wort Staat schon den Geist dieser Verbindung. Was Menschen zu Einem geistigen Körper bilden soll und kann, ist allein die wirksame Tendenz aller ihrer auch der verschiedensten Gaben und Kräfte, in der sie einander unterstützen und ohne einander nicht scyn mögen. Ein Staat, worin Jeder sich selbst beföhle, dem andern mit keinem Bande verbunden, mißbraucht den Namen des Staats. 24. Das Ehristenthum glaubt eine Gemeine der Heiligen, die Ein Trieb belebet. Sie kennen sich,' ohne sich zu kennen; unterstützen einander, ohne daß Einer von der Noch des andern weiß. Jeder hilft, wo Er Gebrechen der Menschheit wahrnimmt und ihr Elend fühlet. Dazu setzte ihn der Himmel auf seine Stelle, gab ihm Empfindung der Uebel, die vielleicht kein andrer empfindet, treibende Kräfte zu einem Punkt, den ein andrer vielleicht nicht wahrnahm. Lebendige Organe eines vielfach orga- nisirten Körpers. Wenn auf dieser Erde eine Ge- sammtglückfeligkeit der Menschen auch nicht zu erwarten wäre: so hat diese unsichtbare Versammlung ihren Zweck im Wirken selbst erreichet. 25 . Die Worte: „ich glaube eine Vergebung der Sünden" hat jene frühe Hierarchie veranlasset, die in Zeiten der Verfolgung dem Kleinmükhig-Abge- fallencn die Rückkehr zu ihrer Gemeine versagte. 3rn Bon Religion, H., ^Die Christenheit nach Christus Sinn glaubt eine Vergebung und hat hierin nicht nur das Gebot ihres Herren, sondern das Bcdürfniß der Menschheit selbst für sich. Möge es nothwendig gewesen seyn, daß in jenen harten Zeiten die Gesellschaft der Bekenner sich enge zusammen schloß und mit schärferen Gesetzen verwahrte; da aber eine Christengesellschaft und die geistige Christengemeine zwei sehr verschiedene Dinge sind: so muß schon die Ueberzeugung : „ich bin ein Mensch; kein Fehlen der Menschheit ist mir fremde" Vergebung menschlicher Fehler hoffen und gebieten. Denn wer würde ohne diese Hoffnung nicht trostlos? Wer ist nicht gefallen? wer darf sagen: daß er nie fallen werde? Und ward nicht eben durch die Rückkehr von Fehlern die reinere Gemüthsart mit größerer Festigkeit oft bewirket? Keine Läuterung ist so scharf, als das Fegefeuer begangener Fehler; sie strafen, lehren mehr als eine Gemeine je strafen und lehren könnte. 26. Die letzten Worte des Symbolums : „ich glaube eine Auferstehung und ein ewiges Leben" sind ihrem Ursprünge nach eine Reliquie jener alten Hoffnung, La die Christen bei der Wiederkunft ihres Herren «inen Genuß unzerstörbarer Freuden mit ihm hofften. Diese Erwartung, (eine jüdische Meinung, die ins Christenthum überging, und in ihm eine geistige Sache sinnlich vorstellte,) war der damaligen Zeit vielleicht unentbehrlich: denn fast glauben wirS nicht, wie sinnlich vor Jahrhunderten, geschweige Jahrtausenden, ganze Völker dachten. Einen Christen, der, Lehrmeinungen und Gebräuchen. 32 » der, seinem Christus nach, in den Todgieng, mußte gewiß ein starker Muth beleben, und wann kleidet sich Hoffnung, eine Hoffnung, die den Tod überwindet, nicht in Bilder? Hatte gleich schon Paulus gesagt: ,,du Narr, was du säest, ist nicht das, was aufgeht;" so konnte doch die menschliche Befangenheit, die keinen Leib als den jetzigen kennet, nicht anders als in ihm eine Wiederauflebung zu neuem ewigem Genuß sinnlich denken. Alle Völker der Erde dachten über den Zustand nach dem Tode, den verschiedenen Perioden der Entwicklung ihrer Begriffe gemäß, nicht anders. 27. In der Christenheit hat der Glaube an ein Aufstehen aus dem Grabe den damaligen Zeiten gemäß unzweifelhaft viel Gutes bewirket. Auch bei rohen Völkern hat er die Achtung, die dem menschlichen Leichnam gebührt, den Frieden, den man den Gräbern schenkte, als Religion gesichert, mithin diese Völker humanisiret. Auch die Thranen der Hinterbliebenen stoßen sanfter beim Grabe, wenn man sich in ihm ohne Skrupel den Tobten nur schlafend, bald fröhlich erwachend gedachte. Das trostlose Trauergeheul der Völker, die keine Hoffnung haben, ward durch diesen fast natürlichen Glauben in jenen Flötenton verwandelt: *) *) moesiL huiesoe cxuereln, I,LcriuiL- -uspeuclite, MLires. ldlullus -UL giguor.T plsugLi, lVIorr IiLLL regLi-Ltio viiLS est. Herders Werke z.Rel.u.Theol. XII. T 322 Von Religion, So schweige dann, traurige Klage! Ihr Mütter, Hemmer die Lhranen! Niemand beweine sein Pfand hier; Der Tod ist neue Belebung. Nimm auf, o Erde, den Saamen, In mütterlich - sanften Schoos auf. Ein edles Menschengebilde Vertrau' ich dir, jetzo zertrümmert, u. f. 28. Niemand indeß sey bekümmert, wenn ihm dieser gutmülhige Glaube einer Auferstehung des Körpers, wie sie die alte Christenheit dachte, (denn cs ist an ihr viel gekünstelt worden,) nicht zweifellose Religion ist. Wem schadete cs, wenn sein mürbes Fleisch nicht auferstünde? Wen freuete nicht vielmehr der Glaube Paulus, „uns erwartet eine neue Organisation zu einem neuen Leben?" 29. Im innigsten Gemülh des Menschen lebt Hoff, nung; unsterbliche Hoffnung. Das Nicht- seyn, auch mit aller Macht der Phantasie gedacht, giebr keinen Begriff, jeder Mensch von Gefühl, geschweige von menschlicher Gesinnung sollte sich also scheuen, einen dergleichen Unbegriff als Phantasma Nuno snseips, terra, kovenllnin, Oreiniogne bune eoneipe inolli; Hominis tibi ineinbra segnestro, 6eneross et fragmina crsäo. Lehrmeinungen und Gebräuchen. 323 ^ auszuschmücken oder zu pradiciren. Laßt leben, wer leben will; lasset ihn ewig leben. Froh und frei empfehle ich meinen Geist in die Hände des Vaters und entschlafe. „Der Gott unsrer Vater ist nicht der Tobten, sondern der lebendigen Gott; in ihm leben sie alle" sagt Christus. Einer getrennten Liebe und Freundschaft, einer zerrissenen Familie Glaube und Hoffnung geht über das Grab hinüber. 3o. Was sollen nun Lehrmeinungen zu diesem Allem? Ueber die Personification, die Operationen, die Aemter des H. Geistes? Lehrmeinungen über die Kirche? (Legion ist ihr Name.) Sie sind so oft durchgefochtcn, daß die Streiter, selbst des Streits müde, jeder seine Göttin dem Geschick überlaßt. Vollends der Streit über die Preceßform der Sündenvergebung, über Auferstehung der Tobten und die Visionen des ewigen Lebens, sie sind nicht Religion und können es nie werden. Frei von Lehrmeinungen bekennet also das christliche Symbolum unwiderleglich und unzerstörbar. I. Die große Regel der Na tu r rel igio n : „Folge den Gesetzen der Schöpfung, Erhaltung und Vorsehung treu und willig: sie sind Gesetze eines allmächtigen, weisen, gütigen Vaters." II. Die höchste Regel der Menschen- und Wölkerreligion: „Wirke, überwinde mit Liebe X 2 Z24 Von Religion, bis in den Tod; aufopfernde Liebe bringt dem Menschengeschlecht Heil: denn es ist Ein Ganzes und du gehörst dem Ganzen/' III. Die innigste Regel der Religion der Erfahrung: „Sei deinem Gewissen treu: in ihm spricht Geist Gottes. Folge jedem Auge zum Guten, und verzweifle nie an einer dich verstärkenden Gemeinschaft. Glaube ein Emporkommen aus Schwachen, selbst aus dem Tode; einen nie unterbrochenen Gang der Vorsehung, dem Guten ein immer wachsendes Heil, jedem Guten ewig belohnende Folgen." Gienge der Name des Ehristenthums unter, so müßte dieser Glaube Religion der Menschheit heißen. Walzet die Kugel wie ihr wollet, ihr Schwerpunkt ist immer am tiefsten Ort. Vom Unterschiede zwischen Religion und Lehr- Meinungen in Ansehung der symbolischen Gebräuche des Christenthums. Zwei symbolische Handlungen sind beim Chri- stenthum seit seiner Entstehung im Gebrauch; wir nennen sie Taufe und Abendmahl. Was hat Religion, was haben Lehrmeinungen gemein mit diesen Gebrauchen? I. Bon der Taufe. i. In den meisten alten Religionen war Waschen, Reinigen, Baden eine befohlne Handlung, zuerst zur Gesundheit und Anständigkeit des Körpers, sodann auch als Symbol der Reinigung des Gemüths, der Weihung. Im jüdischen Staat war das Untcr- tauchcn (Taufe) eine unerläßliche Formularpflicht für den Fremden, der in seine Gemeinschaft trat. Nicht nur bekannte er sich damit als einen Unreinen, ,,dcr jetzt zu einer geweihetcn Nation trete," sondern verpflichtete sich auch, ihren reineren Gesetzen gemäß zu leben. Die Gebräuche dabei, insonderheit das völlige Unkertauchen, ein Begrabenseyn Z26 Von Religion, unter dem Wasser, waren pünktlich vorgeschrieben und sprachen, auch ohne hinzugefügte Gebete und Gelobungen, sich selbst aus. 2 . Als Johannes auftrat, war seine sogenannte Taufe zur Buße ein Symbol nach alter prophetischer Weise, das eine neue Landes - und Volks- Lustration bezeichnen sollte. Indem er eine Ge- müthsanderung ftixr«vor«v) fodertc, so sollte dieser sonst nur bei Proselyten übliche Gebrauch, der aber auch in mehreren Sekten und Sittenschulen angenommen war, und jetzt auf die ganze Nation angewandt ward, eine Erneuung und Palin- genefie ihrer Denkweise bekennen und angeloben; daher, als Christus zu ihm kam, Johannes dies Symbol unnöthig hielt, „Er sey kein unreiner, sagte der Täufer, da er nicht wie die andern denke." Wer von diesen Tauft begehrte, erkannte sich, ob wohl aus dem heiligen Volk entsprossen, für einen Ungcweiheten, gleich jedem andern Heiden; er versprach eine andre Heiligung, als die vom Geschlecht oder der Geburt abstammte. Mit dieser Bedeutung gieng der Gebrauch in das Christenlhum über. *) (Joh. 4, 2 .) *) Die Anwendung, daß Johannes Lustration der National-Hoffnung selbst, einem künftigen Messias, den Weg bahne: „denn wenn dieser dem Lande, wie es jetzt sey, erschiene, müsse ers erst ausbrennen, d. i. mit Feuer taufen" war der Zeit sowohl, als der strengen Denkart Johannes ge- Lehrmcinungon und Gebräuchen. 227 3 . AlS daher die Verkündigung desselben anhob, ward dies der Nation bekannte Symbol sogleich mit angesaget: „Lasset euch retten aus der Denkart dieser verkehrten Generation; und zum Bekenntniß dessen lasse sich jeder taufen. Abgethan werde euer voriges Leben mit seinen Vergehungen; und ein neuer Geist wird euch werden, nach jener Verheißung." (Apost. 2, 38 — 40.) Durch die Taufe, als durch eine Magie, erhielt der Getaufte diesen Geist nicht; er trat aber durch sie zu einer Gemeinschaft, in welcher Gaben dieses Geistes in brüderlicher Mittheilung wirkten; welcher Umstand in der Geschichte deutlich bemerkt wird. * *) (Apost. 2, 41 — 47. 4, 3 r. 8,12 — 17. ro,44—48.19,5.6.) DaS Versprechen ein neues gutes Gewissen zu bewahren, ein Beg rab c n des alten , das Emporkommen eines neuauflebenden Menschen, Bad einer P alin g e n e si e, d. i. des Uebertritts maß. Der milder denkende Christus milderte diese Anwendung; so ward aus dem schreckenden Feuerbade ein belebendes Bad des Geistes; (Joh. 3. 4 .) welche Vorstellung dann dem Christenthum blieb. *) Ausdrücklich wird in den angeführten Stellen bemerket, daß nicht durch die Laufe das über die Jnitiirten gekommen, sondern durchs Gebet bei Auflegung der Hände, d. i. bei völligem Eintritt in die sie ausnehmende, bewillkom- mende freudige Christenversammlung. 328 Von Religion, zu einer Gemeine, in der seit Christo fröhliche Kräfte wirkten, dos war als Initiation zum Christ e n t h u m die Taufe, (i Pct. 3, 21 . Rom. 6, 3. Tit. 3, 5. 6.) 4- Wie verändert nicht nur der Ritus (denn dessen äußere Gebrauche sind gleichgültig) sondern der Sinn und Zweck dieses Symbols worden, ist bekannt. Magische Lchrmeinungcn überhäuften dasselbe, als ob durchs Taufwasser Sünden weggcschwemmt, Zauberkräfte mitgclhcilt würden. Rohe Missethätcr drängten sich abergläubig zum Taufbade, oder sparten es frech bis zur letzten Stunde auf. Durch Kreuz und Chrisma sollte der Geist einziehen; durch Kreuz und Verwünschung sollte zuvor der Unhold vertrieben werden u. f. Eben bei symbolischen Handlungen steht man, was Lchrmeinungcn thun, wie zauberisch sie wirken. Vor unfern Augen verwandeln sie die Handlung, daß sie zuletzt kaum mehr ist, was sie ist. Die Lehrmcinung spricht und die Sinne der Wähnenden, von ihr tantalisirt, schweigen. H. Vom Abendmahl. i. Noch ersichtlicher ist dies beim Abendmahl, das man auch deshalb das heilige nennen sollte, damit cs vom Wahn entfernt bleibe. Wie redend ist dessen Bedeutung, da die symbolische Handlung vom Stifter selbst durch Rede erklärt ward! und wohin ist sie gedeutet! Leh cmeinungcn und Gebräuchen. Z29 2. Alle Evangelisten, die dieser Handlung erwähnen, geben die Umstände, unter welchen sie vorsiel, so einstimmig an, daß über ihren ursprünglichen Sinn durchaus kein Zweifel seyn sollte: denn eben diese Umstände sind gleichsam die Seele der Handlung. In keinem andern Moment des Lebens Jesu konnte geschehen, was hier geschah: in keinem andern Moment seines Lebens konnte Christus sprechen, was er hier sprach. 3 . Erstens. Es war die letzte Mahlzeit, die er mit seinen Jüngern hielt; sein Tod schwebte über ihm, an dessen so nahe Nahe keiner seiner Tisch- genossen dachte. Der Vcrrälher allein, der die Ucbeclieferung seines Freundes verabredet hatte, wußte dies, wiewohl er, (nach seinem spatcrn Benehmen zu nrtheilcn,) eine Todesgefahr sich auch nicht vorsteilte. Da, nur da, in der Nacht, da er vcrralhcn ward, sprach Jesus die Worte, die alle Evangelisten mit der großmüthig-schonendcn Enthüllung des Vcrräthcrs unmittelbar verbinden. „Mich verlangte herzlich das Osterlamm mit euch zu essen: denn ich sage euch, daß ich davon nicht mehr essen werde; die Hand meines Vcrräthcrs ist mit mir am Tisch. — Da nahm Jesus das Brodt, da nahm er den Kelch u. f." — Was sagt, was redet dieser Umstand anders, alS: „Euch unvermu- thet, ungcglaubt, aber dringend, andringcnd ist die Nahe meines unvermeidlichen Todes." Von Religion, ZZo So gewiß war Christus dessen, daß er sich in den Worten, die er aussrrach, schon als einen Gestorbenen ansah und symbolisirte. 4 - Zweitens. Und Christus aß von diesem Vrod nicht; er kostete nicht diesen Schlußkelch des Mahles; ein Umstand, den Lukas deutlich anführt. ,,Mich verlangte herzlich das Osterlamm mit euch zu essen, che denn ich leide: (denn ich wußte, es sey die letzte hienieden mit euch genossene Fest- und Freude- Mahlzeit.) Ich kann sie nicht vollenden; nehmet den Kelch und th eilet ihn unter euch. Ich trinke auf Erden nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks/' Auch sein letztes Verlangen also konnte Jesus nicht ausgenießen, den letzten Kelch der Freude mit ihnen nicht trinken. *) 5 . Drittens. Am jüdischen Osterfc.'st *) Bekannt ists nämlich, daß das Passah das größeste Fest der jüdischen Nation und diese Mahlzeit, das Andenken ihrer Befreiung, ihre Lriumph- Mahlzeit war. Mit Freude mußte der Kelch des Danks genossen und vom Hausvater dankend erhoben werden. Christus, der Hausvater dieser Familie, sprach den Segen des Danks, kostele diesen Kelch aber nicht: „nehmet, sprach er, und theilet ihn unter euch; ich kann an dieser Nationalfreude nicht mehr Lheil nehmen." — So wird der Gedanken-Ucbergang zu Srifrung einer andern Gedächtniß-Mahlzeit klar. Lehrmeinungen und Gebrauchen. 33 1 ward viel symbolisiret. Das ganze Fest, in Zeiten angeordnet, da man für die Gemeinheit nicht durch Buchstaben und Reden, sondern durch Gebrauche sprach, war selbst ganz Symbol. Alle kleine und große Vorrichtungen daran sollten bedeutend seyn; bedeutend auf ewige Zeiten. (2 Mos. 12.) *) 6 . Und da in der alten Schrift ausdrücklich die Worte vorkamen: ,,wenn deine Kinder dich fragen werden: was habt ihr da? warum thut ihr also?" sollet ihr sagen: d a s i st u. f. „so wurden diese Worte nicht nur ein strenges Gebot zu Auslegung aller Gebrauche,**) sondern auch, als außer Aegypten dies Fest gefeiert wurde, wurden sie das Signal neuer Symbole. Da es ein Fest der Generationen auf ewige Zeiten hieß, so ward jene alte Errettung als das Vorbild gegenwärtiger und zukünftiger Errettungen gedacht und als solche in Gebrauchen und Gebeten symbolisirt. ***) *) Z. B. das Lamm, seine Schlachtung und Zubereitung , die mit seinem Blut bestrichene Lhür- pfosten, alle Gebrauche beim Essen desselben, Brod, Salat, Stand, Kleidung u. f. **) Die Mischnah wiederholt dies Gebot sorgfältig. Pesachim X, st, 5. ***) S. Luxtork 8)'naA0AL lluä. 6ap. >8. so. lVle^er, cle iemporilr, saar. lluäaaor. I^iglltloot ini- ZZr Won Rel.jgivn, 7 - Unter andern solchen bildlichen Handlungen lvrlr auch das Brechen Eines Brods, daß der Hausvater bald nach dem Anfänge der Mahlzeit beiseit that und auf den Schluß derselben bewahrte. * *) Der erste offene Theil war mit den andern Speisen genossen; diesen verborgenen zog der Hausvater zuletzt hervor, brach ihn in kleine Stücke und reichte ihn mit der Symbolisation umher: ,,das ist das Brod der Trübsal, das unsere Vater in Aegypten aßen" u. f. **) Dann aber reichte er den letzten Nigrer, teinpli Hierorol^mit. u. f. Letzter hat die Zeit der Einsetzung des Abendmahls beim letzten Becher richtig, die eigentliche und nächste Veranlassung aber, d. i> den lebendigen Punkt der Handlung, auch nicht bemerket. *) Es war die Hälfte Eines der ungesäuerten Kuchen und hieß Aphikomen d. i. N a ch- tisch, weil nach dem Osterlamm kein andrer sonst gewöhnlicher Nachtisch aufgetragen werden durfte; daher auch nach ihm nichts zu essen erlaubt war. S- Buxtorf äs sncl. Oap. 18. Oiglirkoor u, a. **) „Sie essen dies Brod, (sagt einer ihrer Bekannten,l mit großer Heiligkeit und Andacht, sagen, daß sie diesen halben Kuchen statt des Osterlamms essen und darum verbergen, daß er ein Zeichen sey auf ihren Moschiach, dessen Zukunft vor ihnen auch verborgen und heimlich sey. Sie nennen diese Nacht eine Bchütnacht, und schreiben, Lehrmeinungen und Gebräuchen. 333 Becher der Danksagung, Schluß der ganzen Feier, umher mit Lob und Preis, mit Gebeten und Aussichten künftiger Errettung begleitet. Wie das ganze Fest an Leid und Freude, an erlittene Schmach und darauf erfolgte Ehre erinnerte, und in den beiden Rücksichten erklärt werden mußte, so symbolisiere auch dies kTirxco/itov Leid und Freude. 6 . Und was symbolistrte in ihm Christus? War ihm am nächsten lag, seinen Tod und was daher erfolgen müsse, erfolgen werde, eine neue Verfassung, also auch Leid und Freude. daß alle Wunderzeichen und Erlösung der Patriarchen und Israels seyn fast auf diese Nacht geschehen." Der Berf. führte einige Symbol!» sationen dieser Hoffnung in die Zukunft an, und sagt: „sie haben hiebei viel große Heimlichkeiten, davon viel zu schreiben wäre." (Christian» Judenglaube mit Wagenseils Borrede S.H6.) Ohne Zweifel sind dies freie Symbolisationen, die sich nach Ländern, Zeiten und Familien ändern und geändert haben. Denn wie das Fest und dir Mahlzeit selbst eine Reihe von Symbolen war, die nach dem geschriebenen Gebot erklärt werden mußten, so ward natürlich der Nachtisch (Aphikomen) Anlaß zeitmäßiger Symbolisationen, zu denen die Gebete und Segnungen selbst einluden. Es wüyen Wünsche, Hoffnungen künftiger Errettung, eines neuen Glanzes der Nation u. f. 334 Von Religion, „Wie dies Brod der Trübsal, diese geringe Speise der Armen werde sein Leib gebrochen werden, verachtet, schmachvoll verworfen." *) Aber getrost! Es folgt darauf der Kelch der Danksagung für eine neue Befreiung, eine schönere Bundcs-Religion, als die durch jenes Blut in alten Zeiten gestiftet ward. Worauf die Nation hoffet, warum wir eben jetzt in Psalmen und Wunschgebeten bitten, was wir in Gebrauchen selbst symbo- lisiren, ist da. Ich sterbe; aber mein Tod ist Erlösung. Eine neue Verfassung wird durch mein Blut gestiftet. Denket daran." 9- „Und thut solches auch künftig zu meinem Ge- dachtniß. Ich zwar werde mit euch diese Mahlzeit hienieden nicht mehr genießen; (in einer andern Welt sehen wir uns wieder;) aber wenn ihr künftig diese neue Verfassung erlebt und sie mit Freude feiert, so denkt meiner bei dieser eurer Freude. Und wenn dann die Euren werden fragen: „was *) Auch das Brechen des dürren Brods in so kleine Stücke war nach der Auslegung der Ebraer symbolisch. Es sollte den Zustand des tiefsten Elendes «»zeigen, in dem sie ehemals in Aegypten gewesen und sie an die Armen erinnern, die jetzt über ein so kleines Stück Brod Dank sagen mußten. Also (wie auch die Worte sagten) wars ein wirkliches Brod der Trübsal; der darauf folgende Kelch ein Becher der Freude. Lehrmeinungcn und Gebrauchen. 335 thut ihr da?" so sagt: „cs ist das Denkmal uns. rer Befreiung, das eben, als Er von uns ging, in den Tod ging, uns unser Retter einsetzte. Denn weissagend sprach er also: „das ist — u. f." Er starb; sein Blut floß unschuldig wie des Osterlammes , aber auch so Heilbringend, so glücklich. Sünden nahm er hinweg, wie Jenes; selbst die Undankbarkeit seiner Nation, die ihn grausam verwarf, verzieherund schuf eine neue Zeit, durchstreichend die alte. *) Dies Brod der Trübsal, dieser Kelch der Freude sind seiner großen, seiner voraussehenden Denkart Gedächtnißsymbole." *) Der Ausdruck „Vergebung der Sünde" war den Ebraern Idiotismus, in tausend Fest- und Opfergebrauchen gegeben. Eben an diesem Fest hatte das Blut eines Lammes, Schuldlos vergossen, der Nation Verschonung (Pesach, Passah, der Name des Festes) Rettung, Befreiung gewirkt: so sollte dieser Tod rettend, befreiend, verschonend seyn, hinwegnehmend alte Grauet und Frevel. An Opfergebräuche gewohnt, betrachtete man den Tod nicht anders als Sünde n-Sold: „Mein Tod sei meine Versöhnung!" belete der sterbende Ebraer. Dieses Heiligen Tod war Versöhnung nicht eigner, sondern fremder Vergehungen. Alle, auch seiner Feinde Frevel wollte er hinweg nehmen, um eine neue Zeit den Menschen zu bringen. — Groß- müthig-edel! Erhaben über den Verrather wie über seine Mörder, über die ganze Generation, über die Schmach des Todes selbst, die der Scheidende dennoch auch fühlte und symbolisirte. 236 Bon Religion, io. So entstand das Abendmahl, ganz aus Gebrauchen des Festes, ja selbst nach ftiiier gegebnen Norm zu sy m b o li si re n; momentan, individuell, natürlich, allen verständlich. Das volle Herz Christi erfaßte in diesem Augenblick einen gegebnen Gebrauch und sprach in ihm seinen Freunden — was aus? Seinen Tod, jetzt unerwartetschreckhast, der Folge nach unerwartet-trostreich. Nicht langer weilten sie in der Stadt, die, nach diesem Aufschluß, bald seine Mörderin seyn würde. Sie sprachen den letzten Theil des Lobgesanges und eilten hinaus an den Oelberg. ii. Hier sonderte sich Christus mit seinen drei näheren Freunden von den andern ab; aber auch Jene entschliefen. Die Nacht der Errettung, in der man Psalmen der Befreiung fang, legte ihm Angst- gcbete in den Mund, die er herzbeklommen hervorbrachte. Er empfing Stärkung; aber der Verrä- ther erschien; die Nacht, die Israel ehedem befreiete, ward die Nacht seiner Gefangennehmung. — Sein Tod erfolgte; sein Blut floß; der Eine Theil des Symbolums ging traurig und schreckhaft in Erfüllung. 12 . Aber auch der andre. Er erstand; sein Tod ward wirklich die Thür zu einer größeren Befreiung, als jener in Aegypten, die auch durch Blut, daS Blut Lehrmeinungen und Gebrauchen. 337 Blut eines unschuldigen Sühnopfers bezeichnet gewesen war. Und cs erfolgte wirklich daraus eine neue Verfassung, die ohne seinen Tod gewiß nicht erfolgt wäre. i3. Jetzt ward ihnen also die Zeit, die eine scheidende Krisis gewesen war, heilig: denn an ihr war geschehen, wodurch nach ihrer Ueberzeugung die Befreiung der Welt bewirkt ward ; der Heilige ward aufgeopfert und ihnen wiedergeschenket. Mithin ward ihnen das zuletzt mit ihm gebrochene Brod, so wie der von ihm weissagend umhergereichte Kelch Eucharistie, ein Kelch des Danks und der Freude. Sein Andenken foderte sie auf, die Wahrheit zu bekennen wie Er: wie Er zu seyn großmüthig-schonend, edel - verzeihend, Uebel tilgend, das Böse mit Gutem überwindend, hoffnungsreich und getrost auch vorm Angesicht des Todes. Das einst traurige Prasagium war ihnen ein tröstliches Andenken Seiner. 14. Was aus dem Abendmahl ferner worden sei? Hievon möchten wir die Augen gern wenden. Unter Heiden, die ihre Opfermahlzciten damit vermischten, ward es bald ein Bacchanal, das man durch den Ausdruck eines Liebcsmahls (a/crirae) christia- nisirte. Mit Scharfe redet Paulus gegen diese Verwirrung der Begriffe, „daß man nicht unterscheide den Leib des Herrn" (von Götzen- oder andern Mahlzeiten) und ihn also zum zweitenmal morde. Herders Werke z. Rel. u. Theol. XII. st) 338 Bon Religion, Er will, daß man das Abendmahl als ein Fest fortwährender Gemeinschaft Christi mit seinen Gliedern, der Glieder unter einander feire und damit den Tod des Herrn lobpreisend verkünde. Er verdiene, daß sein Andenken in einer Gemeine, die eben durch seinen Tod gestiftet worden, als Denkmal seiner lebendigen Gegenwart fortlebe. i5. Leider blieb cs auch diese ehrwürdige Sitte nicht. Sobald das ursprünglich rührende Präsagium (wie es nicht anders seyn konnte) einmal aus seinem Kreise gerückt und zur Eucharistie, zu einem Freude - Denkmahl worden war, konnte es fast nicht fehlen, daß man nicht auch Ncbenbegriffe hinein- brachle, und sonach insonderheit die äußern Symbole vor Mißbrauch zu wahren suchte. Also sagte die fromme Einfalt, „wie? wenn dies Heilige nicht von jedem gemeinen Munde und sogar auf eine zwiefache Weise genossen würde? Ware cs nicht genug, wenn der Priester im Namen Aller genösse, oder das Opfer der Danksagung Gott nur vorzeigte ?" Politische, zum Theil sehr niedrige Rücksichten traten dieser abergläubig - verehrenden Schonung bei; der Grund indessen war und blieb der veränderte Begri ff der Sache selbst, Unwissenheit und Mißverstand. Vom ursprünglichen Sinn der Stiftung war man so weit abgekommcn, daß man sich am sichersten endlich an das: Iioc sst vorxus rneum zu halten glaubte: „denn da stehe es geschrieben." Lehrmeinungen und Gebräuchen. 33g i6. Pfaffhcit auf Den, der jeden Religiösen dieser dunkeln Zeiten für einen saarikiculuili d. i. für einen Betrüger, Abgötter, Lügner, Pfaffen schilt, weil er das „Iroc est cor^us rneuin" im Sinn und Glauben seiner Kirche aussprach! Was konnte er thun, wenn ers nicht anders wußte? Besser, daß er, seine Vernunft gefangen nehmend , in seiner Pflicht blieb, als daß er sich und andre mit unauflösbaren Zweifeln quälte. Oder sollte er das Wunder der Messe zu Bolsena erwarten, daß die Hostie blute, daß ihm ein Zeichen vom Himmel werde? * 7 - Die Protestanten, ob sie gleich jene grobe Mißdeutung eines verwandelten Brodes und Weins hell einsahen, verloren sich leider, dem Genius der Zeit nach, auch in Streitigkeiten, die vom ersten Moment der Symbolisation zum Lheil weit hinweg führten. Sie legten dem Abscheidenden eine Reihe von Begriffen nach einer Dialektik bei, die weder seine Worte, nock die ihn umgreifenden Umstande sagen, der ganze Gedankenkreis seiner Zeit aber strenge verbot. Sie stritten; warum stritten sie? Eben das ist ja das Vorzügliche einer symbolischen Handlung, daß indem sie durch sich selbst spricht, sie vielseitig gedeutet werden kann und Jedem nach seinem Gesichtspunkt etwas Neues saget. Y 2 3^c> Von Religion, 18. Der erste Moment der Einsetzung war einmal nicht mehr da; Christus sitzet nicht vor uns, der Werräther ihm nicht gegenüber; die Abschiedstunde, die Nacht des Schreckens ist vorüber. Mit demselben Recht also, mit dem die ersten Christen das Abendmahl als dankende Freude, (Eucharistie,) als ein Fest der Errettung aus einer geistigen Gefangenschaft, oder als Communion, Gemeinschaft der Gläubigen unter sich, (sogar mit einem Licbesmahl begleitet,) oder als Feier der Gegenwart Christi unter ihnen, oder überhaupt als Gedächtnis seines Todes lobpreisend begingen; warum sollen wirs nicht auch, jeder auf seine Weise, feiren? Ihm aufzulegen, daß ers genau nach unserm Sinn nehme und ja keine Ansicht auslasse, die Wir den Worten der Stiftung untcrzuschieben gutsinden, oder daß er gar ausschließend nur an Einem Worte hafte, das, wenn er es nicht begreifen kann, ihm doch nichts Hilst und nichts saget, ist, (aufs gelindeste zu reden,) die unhöflichste Einladung zu einer G c- dächtniß- einer Freuden- und Liebe s- mahlzeit. Sogar im ersten dringenden Moment wählte ja Christus eine symbolische Handlung eben deßhalb, daß sie ohne Interpreten, blos mit seiner Interpretation durch sich selbst jedem Anwesenden Das spräche, was in diesem Moment sein Herz bedurfte. *) *) Gewiß dachten, als Jesus die Worte aussprach. „Las bin Ich, ein schon hingeopferter! aber nicht ' '' - ^ W » » » ' MW»-" —liMWG Lehrmeinungen und Gebräuchen. 341 ^ 8 ^ Wenn also Dem, der sich eben empfangener Wohlthaten bewußt ist, das Abendmahl Dank, dem Reuigen Reue und Angelobung, dem Verlassenen eine Versicherung der Mithülfe und Gegenwart Gottes, dem Schwachen Stärkung, geistige Speise und Trank wird; was hast du dagegen, Mann mit dem eisernen Stabe? Er empfanget cs sich, nicht Dir; Du hast für ihn nichts zu verantworten, und auch aus willkürlicher Gewalt oder Vollmacht nichts zu deuten. Die Worte stehen da: deine Pflicht ist, ihm die Umstande der Stiftung treu und vielseitig darzustellen; nun interpretirte fein Herz, seine Empfindung. 20 . Die kahlste Anwendung dieses Symbols ist wohl die, daß es eine Christo erzeigte Ehre sey, indem wir uns äußerlich zu seiner Kirche bekennen und sein Andenken honoriren. Sie ist aus England zu uns gekommen und eines Parlaments- gliedes der hohen Kirche vollkommen Werth; leider aber ist sie dem Sinn Christus im Moment seiner Handlung sehr fern und fremde. Statt dieser H 0- norirung, (wenns nicht mehr ist,) gebt lieber etwas euren bettelnden Substituten oder den Stellvertretern Christi, den Armen. nutzlos werde ich geopfert!" Johannes, Petrus, Thomas das Ihrige, und er ließ es sie denken; dazu eben sprach er symbolisch. — X 342 Von Religion, 2r. Es geschähe dieses Dünkels hier keine Erwähnung, wenn man nicht darauf, auch in Deutschland, ein Vcrdammungs-Urtheil der sogenannten Private ommunion hatte gründen wollen, daß sie unzuläßig sey, weil man nicht öffentlich als Bekenner paradire. Stolzer Bekenner, dazu trittst du vor den Altar? und richtest deinen Bruder , der vor Gott und vor seinem Gewissen mit den Seimgen dasteht? Sagte nicht Christus; ,,wo Zwei oder Drei versammlet sind, bin ich unter ihnen?" und giebt es eine schönere christliche Kirche als eine Communion von Freunden, von einer Familie? Die lieben sich; in Einerlei Noch, in einen Beruf des Lebens verflochten, bringen sie Gott Dank, Gebet, Gelübde dar. Sie sind eine Communion, was nach unstrm Zeitgeist der große Haufe doch nicht ist. Richtet sich nicht auch hier alles nach äußern Umständen, die entweder die Andacht zerstreuen oder das Herz erheben? Bedenke, daß Christus selbst Hausvater war, da er das Abendmahl einsetzte; seine Freunde waren seine Familie. 22. Wenn nirgend uns das Fremde, Verführende und Drückende ersonnener Lehrmeinungen fühlbar würde, so erscheint es bei symbolischen Handlungen, eben weil diese durch sich selbst reden. Und weil sie dies thun, — wie? wenn wir statt andrer Mißverständnisse hier ausführlich ein Beispiel gaben ? Zwanglos und unbefangen kann cs geschehen: denn die biltern Streitigkeiten über diese und jene Lehrmeinung sind Gottlob vorüber. Lehr Meinungen und Gebräuchen. 343 Probe übelgefaßter Lehrmemungen am Abendmahl. Grundsätze. r. Ei n e sy m b o li s che Handlung spricht sich selbst aus: sagt sie nicht, was sie sagen soll, so hat ihr Erfinder übel symboli- siret. Ich darf ihm also keine Meinung unterlegen; Er muß seinen Sinn ausdrücken, Er symbolisiret. 2 . Ist seine Handlung mit Rede begleitet: so spricht diese seine authentische Erklärung die Handlung aus. Ich muß sie in ihrem ganzen Umfange, die Worte in ihrer natürlichsten Bedeutung nehmen, und darf mich nicht an ein einzelnes Wort heften. 3. Eine lebendige Handlung setzt Veranlassung und einen Zweck voraus. Jene können nur die begleitenden Umstande, und zwar alle zusammengefaßk; Die- s c n nur den Charakter des Handelnden, (wie überhaupt so in diesem Moment,) zeigen. Einzig auf diesem Wege entspringt Begriff der Handlung; sonst wird und bleibt es eine unvollständige, fremde, und, wenn sie gebieten will, eine drückende Lehrmcinung. Lasset uns diese Grundsätze anwenden. 344 Von Religion, Anwcndun g. i. Eine Lehrmeinung, die sich mit Ausschluß oller andern Reden und Umstände über die zwei Worte: „das ist!" quält, sie ängstet sich umsonst. „Dos ist" setzt ein „Wos ist?" vorous; bei Auslegung symbolischer Handlungen giebt es jo in der ganzen menschlichen Sprache keine simplere Frag- und Antwort-Formel, als: „Wos ist dos?" Dos ist es. Und on diesem Fest wor diese Formel eben der gegebene heilige Ausdruck: denn es wor ols ein symbolisches Gedenksest zu fragen „wos ist?" zu antworten „das ist!" gestiftet, gesetzt, geordnet. *) (2 Mos. 12, 26. 27. 43.) Die Formel „Das ist" wor der natürliche Ausdruck der Erklärung oller symbolischen Handlungen und Feste. (2 Mos. i 3 , 9 ro >4-) Wenn eine Lehrmeinung also auf dies „Dos ist" hier eine Verwandlung bauen will, so wider- *) „Hierauf fragt der Sohn den Vater und wenn der Sohn nicht Verstand dazu hat, so belehrr ihn der Vater selbst nach seinem Begriff, indem er von der Schande anfangt und mit dem Lobe aufhört. Wer dies nicht thut und nicht davon redet, der hat seine Pflicht nicht recht erfüllet." Mischnah, Pesachim X. st. g. Wo der Hausvater dem „Was ist?" kein Gnugthun kann, da wird ein Ausleger der Gebräuche eigentlich gewählt und erbeten; dies ist die israelitische Ordnung des Festes. Lehrmeinungen und Gebräuchen. 345 spricht sie damit der ganzen Handlung. Der Stiftende lebte; Er gab ihnen kein Blut zu trinken, am wenigsten sein Blut; es floß in seinen Adern. 2. Aber auch ein aus der Luft gegriffener Tropus kann dies „Das ist" nicht seyn; sonst wäre es nicht nur ein harter, sondern auch für diesen Zeitpunkt fremder Tropus. Das Blut des Osterlammes trank man nicht; Blut zu trinken war den Ebräern nicht nur verboten, sondern schien ihnen mit Recht eine Gräuelmahlzeit der Götzendiener. Wie käme also der Stifter zu einem so harten, seiner Nation widrigen Tropus? Und wie zu dem andern, seinen damals lebenden gesunden Körper einem Stück dürren Drods zu vergleichen? Eine Lehrmeinung, die blos an diesen Tropen weilet, befriedigt nicht und hat nie befriedigt. 3 . Bei einer symbolischen Handlung muß sie selbst, die Handlung sprechen, und die ganze sie begleitende Rede muß auslcgcn. Hier brach Christus das dürre Brod; (so würde sein Leib verachtet und grausam gebrochen werden;) dies signi- sicirte. Er reichte den Becher umher, und da er ein Vergießen des Bluts weder signiflciren konnte noch wollte, sondern als Hausvater den Becher nur umh erreichte, so ändert sich hiernach auch die Formel. „Dieser Becher ist der Dank- und Freudenbecher für eine neue Verfassung, die durch meinen Tod, aufblühcn wird. Denket daran; denket meiner!" Luc. 22, 20. 1 Cor. ri, 25 . Math. 26. 28. Eine Lehrmcinung also, die beide Theile der Handlung von einander reißt und den Einen, Von Religion, 3^6 den bedeutendsten , gor ausläßt, hat das ganze Symbol zerstöret. *) Das Brechen des Brods signisicirte den traurigen Lheil der nahen Begebenheit; es war in dieser Rücksicht, (dem Institut des Festes treu,) auch ein Brod der Trübsal, d. i. Symbol des verlassensten Zustandes, der Christo bevorstand. „Aber getrost! Der Freudenbecher einer neuen Erlösung wird folgen." Ohne das zweite Symbol sagte das erste blos scheinbaren Untergang, Nähe eines schimpflichen Todes, nicht aber dessen fröhliche Früchte; und diese vorzüglich zu flgnisiciren war ja eben Christi Absicht. Es sollte den Erschütterten sagen: „Auch wenn sie ihn wie den Acrmsten im Volk verachtet, blutend sehen würden, sey darum nicht nur nicht Alles verloren, sondern eben hieraus Alles zu erwarten." **) Es war ein traurig-fröhliches Pra- *) Keine Lehrmeinung hat den Zusammenhang beider Symbole , auf den doch alles ankommt, bemerken wollen, oder seinen Sinn entwickelt. Jede laßt Christum Eine Idee ravtologisch wiederholen; und doch war eben der Contrast Beider der redende Sinn des Symbols. Keine Lehrmeinung hat Trübsal und Freude, unschuldigen Tod und neue Belebung als die corre- sp 0 ndirenden Haupttheile des Symbols, unter dem dürren Brod und dem Becher der Freude angewandt oder als die Hauptpunkte der Vergleichung (tertirini nniupnralioriis) bezeichnet. **) Hieraus erklärt sich die Verschiedenheit der Formel Lchcmeinungen und Gebräuchen. 347 sagium; nur Unverstand kann das Fröhliche, den Erfolg, hinweglassen und das Traurige, aus dem jenes entsprießen sollte, behalten. 4. Ein künftiges Gedächtnißmahl sollte dies dürre, gebrochne Brod und der darauf folgende neue Bundesbecher seyn; wessen Gedächtnis? Natürlich ein Gedächtnis Christi in Allem, was er damals significirle. Also ein Andenken der Begebenheit, daß er sie vorausgesehen und sich ihr hoffnungsreich unterzogen, ein Andenken Dessen, was daran hing, seines Werks, seiner Tendenz, seines Charakters. Langst und öfters hatte er seinen Tod, aber auch den fröhlichen Ausgang desselben vorbedcutet; er war darauf immer gefaßt gewesen. (Joh. 2, 19—22. 3,14. 6, 5i. 7,33.34. 8,21— 23. 10, l5. 16. 12,23— 32. i3,i.33.36.i4 —17.) Wir müßten der ganzen Geschichte Christi nicht glauben, wenn wir diesen gefaßten Charakter ihres Helden, der wohl sah, daß cs Leben und Tod galt, in ihr verkennen wollten; sein ganzes Unternehmen gründete sich eben auf dies feste, der Sache gewisse, hoffnungsreiche Gemüth, das sich jetzt im entscheidenden Augenblick erprobte. Di es Gedächtnis sollte begangen ; dieser Charakter, der Tod und Leben, Bekenntniß der bei der Hinreichung des Bechers und Brods in de» Evangelisten. Matthäus und Markus sagen sie Hebräisch; Lucas und Paulus erklären sie Griechisch. Alle aber sage» Dasselbe mit bestimmter Unterscheidung. Von Religion, Z48 Wahrheit und ihre unausbleibliche Frucht, Aufopferung und durch sie Erlösung, siegreich an einander knüpfte, sollte seinen Nachfolgern Vorbild werden. „Was schade es , wenn er diesen neuen Freudenbecher mit ihnen künftig nicht trinke? Er trinke ihn mit ihnen in einer andern Welt und hienieden scy sein gestiftetes Werk, (abgethanc Jrrlhümer, Gräuel und Sünden) sein Gcdachtniß; zu thatiger Fortsetzung dieses Werks auch ihnen ein lebendiges bleibendes Gcdachtniß." Eine Lehrmeinung, die dies Alles, das Wesen der Handlung und Gesinnung Christi, seinen in Hellen Worten deutlich erklärten Zweck, übersieht und auf ein übernatürliches Essen, Trinken oder gar Blut-Saugen kapernaitisch gerath, *) hat den Geist der Handlung verachtet. **) Schiebe *) Man kennt das Skandal des Saugekelches in einigen alten Kirchen. **) Nicht Essen, Trinken, Brod als Darstellung eines Mensche nkörpers, rother Wein als Darstellung eines zu trinkenden Menschenbluts waren die lebendige» Punkte der symbolischen Handlung; sondern das Brechen eines dürren Brods in kleine arme Stücke, das Umherreichen eines Kelchs neuen Dankes und Segens in einer neuen Bundeßge meinschaft. Dies sprach die lebendige Handlung. Den Spott, daß die Christen ihren Gott eßen und sein Blut trinken, hatte die plumpe Lehrmcinung verdient, mit Recht »er- MM fremde Erinnerungen und Befehle, so viel man will, an die Stelle; es ist nicht mehr Christus Symbol in seinem Charakter. 5. Mit Recht ward also das Abendmahl nach erlebtem Erfolg des Todes Christi Eucharistie; der Becher in den Händen seiner Nachfolger ein Bundesbecher der Aufmunterung, des Danks, der Hoffnung. Sobald die Lehrmeinung ihn zu einem tobten Andenken machte, das man zur un- wcrlhcn Entsündigung Gott vorzeigte, war der Zweck des Instituts dahin, das durch Pönitenzen und Beichtpfennigc, die man daran knüpfte, endlich gar in eine Acharistie, in eine Fundgrube des Geizes, eine Bude der Sündenvergebung, der Frechdient : denn sie bekannte ihn ja selbst und konnte ihn also nicht widerlegen. Sobald sie, den lebendigen Stifter völlig vergessend, nur an sich selbst, ans Essen und Trinken dachte, Essen und Trinken zum Hauptbegriff und Endzweck der Symbolisation machte und über dies Essen und Trinken eines Leibes, der doch kein Fleisch, eines Blutes, das doch kein Blut war und seyn konnte, theorisirte, war sie ganz außer dem Gesichtskreise der Stiftung. Bei dieser hatte jeder den dürren Kuchen wie Kuchen, (ein Brod der Trübsal) gegessen, den Wein als Wein getrunken; die Sättigung, (das Essen und Trinken,) lag hiebei ganz seitwärts. Es war M>-w,-«<»-; und wenn Christus es ihnen blos gezeigt hätte, so war seine Idee, sein großer Muth symbolisiret. 35o Von Religion, heit, Heuchelei und des Seelen - Despotismus , ja zuletzt protestantisch gegen alle Würde und Anstand in die traurigste Bettelei verwandelt wurde. Schande und Sünde! 6. Mit gleichem Recht behandelt Paulus dies Denkmal als ein Mahl der Gemeinschaft, Christus mit den Seinigen, der Seinigen unter einander: denn in einem freundschaftlichen Kreise war es entstanden , auf ein Familienverhaltniß war es gebauet gewesen. Nach ihm wird es also eine symbolische Sitte achter M en sch c nve r b in d ung mit ihrem unsichtbaren Freunde sowohl als unter einander. Luther, dessen hellsehendcr Geist das Unzureichende der Tropus - Erklärung , die einem einzigen Wort nachjagte, cinsah und die prägnantere Bedeutung der ganzen Handlung dunkel fühlte, kam (wenn man die harten Ausdrücke ausnimmt, denen er in dem damaligen beengten Skreitfelde nicht entgehen konnte) dem Begriff Paulus am nächsten. Der Gesammtheit einer Menschen vcr- bindung wird diese Vorstcllungsart wohl immer auch die angemessenste bleiben. „Viele sind wir Ein Leib, weil wir alle Eines Brodcs theilhaftig werden; hiedurch nehmen wir an Christo Thcil und wirken Gutes, weil uns sein Geist beseelet." — Freilich kann auch diese Bedeutung wie jede andre abergläubig verstanden und gemißbraucht werden; sie ist und bleibt indeß die bescheidenste von allen. Ohne der Kraft, dem Sinn des Instituts etwas zu vergeben, wahrte sie den Nachdruck der Stiftungs- Worte jeder kommenden Zeit, die Anwendung derselben jedem Empfangenden nach seinem Bcdürsniß. Lehrmein ungcn und Gebrauchen. 35 r Dies will der Charakter des Festes, so wie die Natur dieser symbolischen Handlung. Da jeder sein eignes Brod der Trübsal iffet, so hoffe jeder auch, großherzig wie Christus, hinter ihm den Kelch der Errettung, der Freude, des Dankes. In dieser leichten , natürlichen Ansicht der Dinge, tritt jedes Wort auch der verschiedensten Anführung, (z. B. Lukas und Paulus) ins Licht. Die Handlung spricht sich selbst aus, allen Anwesenden verständlich, vom Augenblick gegeben, dabei charakteristisch, groß, herzlich. Sie legt niemanden einen Zwang der Gedanken auf, lößke jede individuelle Anwendung frei und erhebt sich über jede Lehrmeinunq, die, sofern etwas Wahres und Gutes in ihnen ist, sie alle in sich vereinigt. 22 . Ucbcrhaupt werden uns in dieser Rücksicht die beiden einfachen Ritus des Christenthums sehr schätzbar : denn wenn man nicht Worten und Büchern trauen wollte, so traue man wenigstens Handlungen, Gebräuchen. Beide drücken aus, was eigentlich und einzig Religion ist, gewissenhafte Verpflichtung. Die Taufe eine Absetzung jeder Unlauterkeit, eine Gemüthsw eilt ung; das Abendmahl bringt jenen höchsten Punkt der Menschheit, das rsstissimuin, maxirriö cksssng st äsoorairi „sich der Sache der Menschheit rein und ganz, mit der gewissesten Zuversicht des frohesten Erfolgs zu weihen" in einem Vorbilde und dessen entscheidendstem Moment vor uns. Das Brod des TraurcnS in Einer Hand, in 352 Von Religion, der andern den Kelch des Muths, der Freude, stiftet «s eine thätige Bundesgemeinschaft, deren Symbo- lum es selbst ist. Gewiß und wahr das rsliZio- bissiniurn einer Menschen-Neligion: denn in ihm gelobet sich der Mensch ganz.und rein und im entscheidendsten Moment, wie Christus, dem Wohl der Menschheit. IV. Lehrmeinungen und Gebräuchen. 353 IV. Von Lehrmeinungm, in ein System oder in eine Dichtung zusammengeordnet. „Die Lehrmeinungen, wird mein sagen, sind dir in ungünstigem Licht erschienen, da du ihren Zusammenhang nicht erwogen, sondern sie als Anhänge eines Glaubens betrachtest, von dem sie sich abgesondert haben. Als System geordnet, nimmt Eine von der andern ihr Licht; sie bilden ein vortreffliches Ganzes." — Lasset uns sehen. r. Die erste Religionsphilosophie in der Christenheit versuchten die Gnostiker. Indem sie Gott in einen dunkeln Lichtabgrund setzten, erklärten sie die Schöpfung der Welt, den Ursprung des Uebels, die Erlösung der Menschen, den Ausgang der Dinge u. f. durch personisicirte Aeonen sogar bildlich und chronologisch. Chronologisch, wie eS der Name Aeon giebt, ließen sie die Zeit - und Weltkraste einander hcirathen, andre Aeonen zeugen und formten damit nach morgcnlandischer Vorstellungsart eine Neligionsphilosophie, ein gar anschauliches Herders Werke z. Rel. u. Thevl. XII. Z 364 Von Religion., System, das man sogar mablte. Den Gnostikern folgte Manes, und mahlte ein Bilderbuch auf seine Weise. Seitdem sind fast alle Lehrmcinungen, weil sie meistens an Bildworten haften, ge mahlt worden, und ich wollte, daß sie immer nur gewählt würden. Da zeigte sich jede reine Anschauung charakteristisch. 2. Die Kirche, verwerfend jene bildliche Systeme, blieb bei der Regel des Glaubens, die ka- techclisch ausgclcgt und auch in Schriften commen- tiret ward. Natürlich hielt man sich an die Artikel am meisten, die angestritlcn oder sonst der Zeit wichtig waren; so arbeitete man dann unwissend einem künftigen Lehrgebäude vor. Es mußten viele Ketzereien entstanden und eine Reihe von Sätzen durchfochtcn seyn, ehe man auch nur zu einem scheinbaren System von Lehrmcinungen gelangen konnte, von dessen gelegentlicher, langsamer, oft ärgerlicher Entstehung die Geschichte uns gnü- gende Auskunft giebt. Wie Massen des Lichts oder der sichtbar gewordenen Finsterniß hebt sich dann und dort im Wortnebel ein neues Dogma empor; Dialektik, Rhetorik, Eristik waren ihre Schöpferinnen. Auf diesem Concilium, auf jener Synode wurden dogmatische Seisenkugeln als Aepsel der Eris in die Christenheit geschleudert, u. f. 3 . Und doch gehörte weniger nicht als ein Jahrtausend dazu , daß die sogenannte Theologie L eh r m ei n u ng en und Gebräuchen. 355 ihre erste rohe scholastische Form erhielt; ein Palast von Stückwerken , zu dem tausend Jahre zusammengetragen hartem, den aber der Evnuch Abalard zu erschaffen wagte. 4- Und weder Christus noch Paulus; der arabi- sirte und latinisiere Aristoteles war dieses Baues Meister. Den Zusammenhang, den dieser große Denker fast über jede Classe von Kenntnissen des menschlichen Verstandes verbreitet hatte, wollte man auch über Glaubenswahrheiten verbreiten; ein an sich untadelhafier Gedanke, wenn er recht gefaßt ward, und damals ausgeführt werden konnte. Denn warum sollte der menschliche Verstand, der über alles urtheilt, nicht auch über diese Wahrheiten urtheilen, sie aus dem Chaos rhetorischer oder mystischer Worte reißen, mithin bestimmen, sondern , ordnen ? 5. Leider aber fehlte den Scholastikern hiezu zwar nicht das Fundbuch: (denn sie befassen die Bibel;) wohl aber das Mittel, dies Buch zu verstehen, die Freiheit, cs auszulegen und anzuwenden. Ohne Kenntniß der Zeitsprache jener alten Schriften, die man hinter einer dicken Wolke der Aussprüche und Decrete voriger Zeiten wie durch ein gefärbtes Glas ansah, bewiesen sie selten aus der Schrift sondern aus Kirchenvätern und Con eilten ihre seynsollenden Lehren, die sie dem herrschenden Formular- und Ceremonien-Jnstitut ihrer Zeiten weder 3 2 356 Von Religion, entgegen stellen wollten, noch durften. Sie warfen also Fragen auf, disputirten, unterschieden. Ihre Bemühung mußt e als ein vom Glauben der Kirche unterschiednes, ihm unschädliches Werk erscheinen , daher sie es auch am liebsten ein Fach werk, ein freies Quodlibet (locus, uräinein guae- stionurn, ^uocililastariuiri, tlrsoluAiain guoä- likötani, e^ltonisrr ssntentiarriiN etc.) nannten. Ausmachen wollten sie mit ihren Fragen und Unterscheidungen nichts; das sagte schon der Name Quodlibet. „Meyne was dir gefallt, «euri, ciuoä lidet." Ware man immer doch bei diesem höflichen Namen und bei der clausula: ssuti, ^uoä übet, geblieben! 6 . Als Luther das Principium der Kirchen- Autoritat umwarf, sielen die drei Stützen des Ge- rüsts, auf welchem die Scholastiker dispulirt hatten, Aristoteles, Concilien und Kirchenvater; ihm war die Bibel allein Grund des Glaubens. Und das mit Recht, da auch die durch Schriften und Tradition herabgekommene Norm, (das Symbolum,) den Schriften des neuen Testaments Theils selbst zum Grunde liegt, und in ihnen wesentlich erkenntlich ist, Theils aus ihnen sein achtes Verständniß nimmt, und sie dagegen historisch beglaubigt. Bibel und Symbolum also wurden die Gewährsmänner des Protestantismus; hatte man neben ihnen die Vor- und Nebenzeit in Lehrmeinungen auf einmal wegthun können; wie rein hatten sich diese Quellen ergiefsen mögen! Lch rmeinun gen und Gebräuchen. 267 7 - Nun aber mußten die Protestanten streiten; selbst ihren Standort, ihr Recht diese Quelle zu brauchen, mußten sie sich erkämpfen. Erweisen sollten sie, daß wenn sie gleich die Tradition, nebst den nur aus sie gegründeten Dogmen , und in Glaubenssachen die Hierarchie verwürfen, sie dennoch weder Juden noch Türken scyn; documcnkiren mußten sie, was sie glaubten, sich darüber rechtfertigen, streiten, zanken. 8 . Daraus entstanden die Bekenntnisse und Apo- logiecn des Protestantismus, die so wenig eine systematische Dogmatik als systematisches Kirchenrecht seyn wollten. Selbst seine loco, hat der bescheidne Melanchthon seiner GlaubenSparlhei weder als Norm, noch als Kunstwerk aufgedrungen; sie waren seine loci, d. i. eine Gerachkammer der Lehren , die er für sich, seinem Gedachlniß zur Hüls in Facher also geordnet hatte. *) Im Fachwerk folgte er dem Meister der Lchrmeinungen , L 0 m- bardus; in Sätzen und Beweisen folgte er ihm nicht. Auf ein philosophisches Kunstsystcm ist cs *) dlon ernlntione, non , non ssinnla- tione, non nt sererein rixss, bseo institni et eollegi, seä xriinnin nt ine ip8nin eruäi- rein, äeinäo nt ali'guornin, gni baee leKs- k»nt, boneste et yio. stnäin ncljnvarsm. lVlelanebt. prssk. in loo. tdeol. 353 Won Religion, bei ihm nicht angesehen; dem widerspricht er standhaft *) und von einem Vcrnunftprincipium, aus dem alles hcrgeleiket werden müsse, wußten Me- ,lanchthon und Luther gar nicht. Ihr Princi- pium war Gottes Wort, die recht verstandene Bibel. 9 - Da nun der Gebrauch dieser Quelle nach den Grundsätzen der Protestanten jedwedem Christen nicht nur frcisteht, sondern Pflicht ist: so, sieht man, duldet der Protestantismus durchaus kein als Glau- bensvorschrist anbefohlnes Fachwcrk von Meinungen und Lehren. Wer soll dies anbefehlcn, da Christus und die Apostel es nicht geschrieben haben, da über ein Jahrtausend hin die Kirche von ihm nichts gewußt hat? Habe irgend ein Fachwerk von Meinungen, Auslegungen, Fragen, Disputationen so viel Werth als man wolle; jeder Leser der Schrift, Christ oder Unchrist, hat das Recht, sich ein gleiches oder besseres, ein Ncposi'torium zu seinem Zweck zu machen und darin die Bibelsatze nach seiner Art zu ordnen. Kein Zimmermann aus Erden, wenn er auch von Joseph aus Nazareth selbst stammte, hat zu ihrer Verfertigung ausschließcnde Frciheitbriefe. ic>. Der panische Schrecken also , den man im vorigen und in der ersten Halste dieses Jahrhunderts ') S. die Vorrede zu seinen locis. Lehrmeinungen und Gebräuchen. 35g vor dem Wort Dogmatik hatte, das Ansehen, das sie sich als Gesetzbuch, als Institutionen und Pan- decten der Religion anmaßle, waren Töchter der Unwissenheit, der Barbarei oder eines hierarchischen Stolzes. Zeder Oegulsius mag sich Meinungen der Rechtslehrer nach seiner Art sammlen; deshalb werden diese kein Gesetzbuch, nicht Justinians Institutionen, Novellen oder Pandekten. *) 11 . In mancherlei Rücksicht kann der Werth einer Zusammenstellung von Lehrmeinungen geschätzt werden ; in Rücksicht ihres Reichthums an Materien und Gelehrsamkeit, oder ihrer Genauigkeit und Ordnung, oder der Schönheit ihres Ausdrucks wegen u. f.; immer aber bleibt eine Zusammenstellung nur das, was sie ist, Fachwerk, Tabelle, Register, in welcher Form sie auch erscheine. 12 . Die schlichteste Form war die, nach der diese *) Was einige Protestanten zu dieser Ungebühr verleitete, waren die Jesuiten und das tridentinische Concilium. Jene hatten in ihren Zankgcsprachen mit den Protestanten die Scholastik nieder ins Feld geführt; ihre Gegner wollten und mußten mit gleichem Geschütz donnern. Das Concilium hatte jedes festgesetzte Dogma mir einem Anathema versiegelt; die Protestanten antworteten in Anathemen gleichfalls. Glücklicher Weise ist diese Donnerzeit vorüber. 36o Von Religion, Lch rm ei nungen entstanden waren, das Symbolum. Ueber die Taufformel war nämlich die Gl a u b e n s r eg el, allmählich von der Zeit erbauet, und auf dies bauete man weiter; die kunstreichste Dogmatik kann diesen Ursprung nicht verläugnen. Auch deswegen blieb diese Ordnung schätzbar, weil sie sich immer doch an das Principium der Religion, Uc b e rz e u g u n g, Gewissen, Glauben halten mußte und willkürlich nicht umherschweifen durfte. Wider Willen gleichsam mußte sie eine iäsa siäsi bleiben. r3. Bald aber ward man dieser Einfalt satt; man irrte in Bildwörtern umher, an deren Eins, wohl oder übel gewählt, Jeder jetzt seinen Rosenkranz reihte. So sind die Worte Bund, Haushaltung, Stände der Menschheit, Licht, Leben, Natur und Gnade, Menschund Gott, der alte und neue Adam u. f. zu dünnen Papier - Riemen gemacht worden, womit jeder sein alt-neues Karthago umzog und eine bisher ungesehene Gottesstadt zu gründen vermeinte. 14. In manchen dieser Systeme liegt ungemein viel Poesie; manche wünscht man sogar lieber als Poeme zu lesen. Wo indessen der genommene Gesichtspunkt zu künstlich war, welch ein Talent des Dogmatikers konnte verhindern, daß nicht andre Vildworte, eben so Helle Tropen, die in den Schatten gedrängt und eine Reihe angeführter Stellen, die wie Opfcrthiere herbei gezwungen waren, dagegen ihre Stimmen erhoben? Diese Stimmen waren unvermeidlich, weil die Schrift, ein Inbegriff von Schriften mehrere Jahrhunderte, keinem einzelnen Tropus durchaus dienet. 16. Endlich kam man darauf, die ganze Schrift, (wie man niedrig sagt) unter sich zu bekommen, durch ein Zauberwort, das man Principium nannte. „Willst du nicht, hieß es, so sollst du wollen." Auf diese Weise entstanden seit Des- Cartcs Zeit die philosophischen Theologien, die leider sich alle überlebt haben und jetzt auf Auktionen als Appendixe feil sind. Wer ist nicht, der die viele mit feinem Scharfsinn in ihnen verwendete Mühe bedaurc? 16. Hassen aber muß man die Mühe, wenn sie die Bibel verunstaltet. Jedem Sprechenden, und spräche er unsrer Meinung nach im Jrrcnhause, lassen wir seinen Sinn; warum denn einzig nicht der Bibel? Und nirgend war diese Philosophie armer daran, als wenn sie Bilder der alten Sprache nach ihrem Sinn als Begriffe construirte. Da dichtet sie z. B. Eigenschaften Gottes zu Pcrsonisicationcn und verwickelt diese als Sultaninncn des himmlischen Sultans im Zwist. Da wird der alle Gott-Vater bald ein blutdürstiger Leu, bald ein sauerschcnder 362 Von Religion, Judex, endlich aber doch ein milder Pfalz graf, der für gewonnenes Geld unwürdige Bastartc um Eines Aechtgebornen willen alle summarisch an Kindes Statt ausnahm. r 8. Am meisten kommt in ihr der Teufel zu Ehren: denn der hat den ganzen Prozeß zwischen Gott, Menschen und den himmlischen Sultaninnen nicht nur angezcttelt, sondern auch geleitet. Ihm zu Ehren sollte diese ganze Dichtung, die man etwas uneigentlich Religionsphilosophie genannt hat, die philosophische Diaboliade heissen, da der äiabolus und das böse Principium in ihr eigentlich die Hauptrolle spielen. Ohne Zweifel freuete sich das böse Principium, daß es seit den Zeiten der Gnostiker und des Manes am Ende des achtzehnten Jahrhunderts wieder zu so hohen Ehren kam, wahrscheinlich auf kurze Zeit. » 9 - Wo stehet es z. B. geschrieben, „daß Satan als ein Wesen höherer Art, dem irrdifche und körperliche Gegenstände keinen Genuß gewahren konnten , sich zum Obereigcnthümer aller Güter der Erde aufgeworfen, dem guten Princip zum Trotz sich ein Reich des Bösen errichtet, welchem alle von Adam abstammende Menschen unterworfen werden?" 20 . Wo stehet cs geschrieben, „daß sich das gute Princip wegen seines Rechtsanspruchs an der Herr- Lehrmcinungcn und Gebräuchen. 363 schuft über den Menschen durch die Errich- tunq einer statutarischen Regierung verwahret, und deshalb den jüdischen Staat ungeordnet ?" 21 . Wo geschrieben, ,,daß Er, Satan, dein ihm gefährlich scheinenden Jesus angebotcn, ihn zum Lchnsträgcr seines ganzen Reichs zu machen? und da dieser den Antrag ausgescblagcn, ihm, als einem Fremdlinge auf seinem Boden, nicht nur alles, was ihm sein Leben angenehm machen konnte, bis zur grosssten Armulh entzogen, sondern auch alle Leiden gegen ihn erregt, und ihn bis zum schmählichsten Tode verfolgt habe?" — Armer Satan, wie viel wird dir zugeschrieben, damit du zur Ehre gelangst, die Befreiung der Menschen veranlasset zu habe»! Oder vielmehr durch die neueste Philosophie der Religion glorreicher Satan! 22 . Und noch glorreicher, weil du nach ihrer Lchr- meinung als ckoininus äireutrw in der menschlichen Natur wesentlich wohnest. Es ist also nicht wahr, daß alles, was Gott erschuf, wesentlich gut und der Mensch, dem Ausdruck der Schrift zufolge, nach dem Bilde Gottes gemacht war. (i Mos. i, 28 . 29 — 3i.) 23. Es ist nicht wahr, daß er dies Bild nicht verloren (1 Mos. 9 , 6 . Jac. 3, 9 .) und dieses zu seiner 364 Von Religion, ersten Lauterkeit zu bringen, eben der Zweck der -Religion sey? (Eph. 4, 23. 24.) 24. Nicht wahr, daß dies geschehe, wenn wir die Gemüthsart, die nur durch irrige Lüste verdorben ward, ablegen. Nein! Der Teufel selbst exsistirt in uns; ein radicales Böse, das zwar die Schrift nicht kennet, das aber die Philosophie der Religion „innerhalb der Grenzen der Vernunft" ausgeforscht hat, und postul iret. Nach ihr ist das Böse im Menschen nicht Abweichung vom Gesetz, Unart; des Menschen an sich gute Triebe kommen nicht in Unordnung; sie werden nicht unzeitig erweckt oder falsch geleitet; keine böse Gewohnheit, kein durch Beispiele, Reize und Verführungen, endlich durch allgemein-herrschende falsche Maximen wachsendes Verderben unsres Geschlechts wird, wie cs die Bibel anzeigt und schon (r Mos. 6, 3. 5.) in der Geschichte der ersten Verführung einer Tricbereichcn , leicht beweglichen Mcnschennatur sinnlich darstellt; nein! sondern der Teufel ist in uns gekrochen, der uns unter dem Namen des radikalen Bösen, „von dem Niemand weiß, wie es in die menschliche Natur gekommen, noch wie es heraus kann?" bewohnet. 25. Was hilft mir nun das hohe moralische Gesetz, das ich mir selbst gebe, wenn nicht etwa nur ein anderes Gesetz, sondern eine radikale Macht in mir ist, die es vernichtet? Der reine Wille, der Unvermögende, durch den „vielleicht nie in der Lehrmeinungen und Gebräuchen. 36Z Welt Eine rein-gute Handlung ausgerichtct worden," ist eine bloße Gesetzformel, indeß jener reine Unwille, der Satan in unsrer Natur, ein Mächtiger ist, dem alle Begierden dienen. — Selbst der jüdische Pöbel, der seinem Jeher hara, (der bösen Art im Menschen) viel Macht beilegt, hat die Macht desselben, die dem leichtsinnig-frechen Pöbel sehr willkommen und brauchbar ist, nicht bis zu dieser Höhe erhoben. 26. Fürchterlich ist die Macht, die dergleichen Scheingebilde über die Phantasie und über das un- bewahrte Herz leichtsinniger, kranker, frecher Menschen haben. Der Philosoph, der außer dem Tumult der Leidenschaften, vom Anblick roher oder schwacher Naturen entfernt, einsam denket, stellet sich kaum die Wirkungen vor, die ein zum Scherz personi- sicirter Wortschall „radikales Böse, Satan, der dominus directus und Besitzer der Welr, Inhaber des menschlichen Gemülhs u. f." auf den Theil der Menschen habe, der nur in Bildern der Phantasie lebet. Dieser schafft, er realisirt sich dergleichen Phantome. Leset die jüdische Geschichte, leset die Geschichte mancher Wilden oder unsrer alten und mittleren Zeiten. Erschreckte euch nicht oft die Macht der Personisication über lebhafte Gemüther? noch mehr aber der Hang und die Sucht, das Pecsonisicirke sich darzustellen, zu reali- siren? Daher jener abscheuliche, kaum auszurottende Zauber- und Hexenglaube, der, weil er glaubte, auch sah, und die Neigung, Unholde zu sehen, auf 366 Von Religion, Geschlechter hinaberbte. Daher jene Sucht, dem Teufel zuzuschreibcn, wovon wir wohl wissen, wie es in uns entstanden. Daher jene Nachlaßigkeit, das Böse wegzuschaffen, das wir bei guter Muse radical in uns säen und pflegen. — Nichts pflanzet sich auch leichter fort als Gebilde der Einbildungskraft. Durch die Erzählung des Gläubigen theilen sie sich der Menge mit; durch Erziehung und eine geerbte Gedankenweise werden sie Familien - Zeit - Volkswahn, zuletzt bekannte Sache (ssnsus communis) d. i. , geltender Wahnsinn. Dank dem Manne von Nazareth, daß er, obgleich selbst im Volk erzogen, dergleichen Phantome zu zerstören gekommen war; wir, meine Brüder , wollen seinem Werk nicht entgegenarbeiten, noch durch Luftphantasieen ein Phantom in seine Religion bringen, das den Zweck aller Religion zerstöret. 27. Dies um so mehr, da wir sehen, zu welcher kleinen Idee diese Dichtung hier führet; zu keiner kleinern nämlich, als daß wir recht radikaler bä rml ich vor Gott erscheinen, damit Ec seine radicale Heiligkeit zeige und uns ja nicht anders als Z u r e ch n u n g s w c i so , d. i. unradical quiktire. sVlncK mlo akour mitssmA l So viel Zurüstungen zu einem gerichtlich-höchst ungerechten ()nicl pro hno, damit die edelste väterliche Veranstaltung Gottes nichts sey als Gleißnerei und Maskerade. Wie? wenn wir sodann den nngebührlich- harten Gott bei unscrm angeblich-angcbohrnen Lehnsherren „dem Satan in Sache des uns eingepflanz- ten Nadical-Böfen" verklagten? und den unqerecht- verzeihenden Gott des ssalai schuldig machten? So endete denn diese Religionsphilosophie in einen ewigen Prozeß des Menschengeschlechts gegen Gott vor dem Tribunal des Satans. 23 . Jedermann kann und darf über die Religion philosophiren, sich also auch aus zusammcngelesenen Worten der Schrift eine Dichtung bilden; da indeß der Religionsphilosophie alle Glauben gleich sind, warum dichtete sie nicht lieber aus den bramanischen Veda ms oder den lustigen Mahrchen der Kamt- schadalen, die für sie eigentlich gemacht scheinen? In diesen ist der böse Geist sehr mächtig und sehr scherzhaft. 29. Wenn aber diese scherzhafte Religionsphilofo- phie den Worten der Schrift, über die sie philosophirt, gar einen bessern Sinn unterliegen zu müssen meint: so wird sie gar zu scherzhaft. Auch der schlechteste Schriftsteller will sagen, was Er gesagt hat, und verbittet jede Deutung ins Bessere. Wenn also den Worten der Schrift eine dergleichen Transmorali- salion unter dem Vorwände unterlegt werden soll, weil ihre Verfasser göttliche Scribenten gewesen, so wird cs wahrscheinlich, daß man sich für noch göttlicher als diese göttliche Schriftsteller Halle, die man Ehren halben lra n sm 0 rali si ret. 3c>. Als Regel der Auslegung brachte uns ein Princi- 368 Von Religion, pium dieser Act um olle Auslegung, d. i. um jedes Schriftstellers eigenthümlichen, gesunden oder ungesunden Sinn. Die Welt würde mit dieser Regel so enge nls der Gesichtskreis des Philosophen; die Sinnesarten aller Zeiten und Länder trcinsfcriren sich in seine Ideenwelt, d. i. zuweilen in seine Laune. 3r. Die Folgen davon haben altere und neuere Erfahrungen langst gezciget. Als die Rabbinen nach ihrer Art den heiligen Schriften einen Sinn unterlegten und durch die Kabbala ihren künftigen Mcfsias, wie sie ihn wähnten, in Allem fanden, verloren sie nickt nur den ursprünglichen Sinn und die gesunde Ansicht ihrer National - Schriftsteller, sondern sie entblödeten sich auch nicht, in Jener Namen das Albernste zu sagen, wie die rabbi- nische Religionsphilosophie, die Kabbala, zeiget. Man erstaunt über die Regeln ihrer Aus- lcgungskunst und kommt nicht zurück vom Erstaunen. 32 . Als in den Zelten der Hierarchie die Kirche sich anmaßte, den Stellen der Schrift einen Sinn unter- zuschicben, der ihrer Convenienz geziemte, wohin gerieth die Auslegung? Welche ungeheure Barbarei, unwissend, geschmacklos, frech, verfolgend führte sie ein! 33. Als die Mystik sich erkühnte, alles mystisch zu deuten, was fand sic nicht in den heiligen Schriften? Man lese und erstaune. 34 . Le hrmei nungen und Gebräuchen. 3<>9 34 - Der Cartesianismus, Wolfianis- mus u. f. haben in Stellen, die für sie gehörten, dasselbe Spiel getrieben; die Zeiten sind vorüber, die Deutungen sind vergessen, und wo man sie als ein msrnsnto rnorl noch antrifft, liefet man verwundernd. Das Spiel ist so oft gespielt; sollten wirs wiederholen? 35 . Oder sollte es gar zu einem ausgestellten Gesetz werden, daß man über jede Schrift des Alterthums die mehr als hierarchische Gewalt üben dürfe, ihr aus unsrer Philosophie eine bessere Deutung zu geben? In Gerichten nennt man dies Kunstwerk mit dem unhöflichen Namen „verfälschen." 36 . Schriebe jemand eine Geschichte dessen, was durch Zusammenstellung mehrerer Lehrmeinungen gewonnen und durch gewaltsame Durchtreibung irgend einer einzigen Lehrmeinung cingebüßt worden: so würde der aus jeder Alleinherrschaft einer einzigen Idee als Formel entsprungene ungeheure Nachtheil klar werden. Mehrere Lehrmcinungen zusammengestellt geben doch immer ein artiges izuock libot; jeder hat und behält sein Urtheil frei. Eine Lehrmeinung hingegen, zumal von wütenden Jüngern umhergetragen, um aufgehalset zu werden, ist der seidene Strick des Sultans in Janitscharen-Händen; niemanden erfreulich. Herders Werke z. Net. u. Theos» XII. A a 370 Von Religion, 37. Ueberhaupt dünkt mich, Hobe jede Philosophie, die es unternimmt, eine durch schriftliche Urkunden bewahrte Geschichte innerhalb der Grenzen ihrer Vernunft n priori festziistellen und zu dcducircn, ihre eigne Grenzen verloren. Wie kennt sie, die den Gott in der Natur substanzlos ließ, einen vom Himmel gekommenen Sohn Gottes, und seinen possessionirten Erbfeind, den Satan? Wie kennet sie, dazu ohne Sprachkunde, seine Geschichte? Sie hat sich also außer ihren Grenzen erlustigt, oder wie Einer der ersten Religionsphilosophen, Rabelais, es zu nennen beliebte, mctagrabe l i s i r e t. Lehrmeinungen und Gebräuchen. 271 V. Vom Unterschiede zwischen Glauben und Meynen. Gewiß, wir haben der Religion keinen Vorlheil gebracht, daß wir Glauben mit Meynen oder gar mit Dichten so leichtsinnig verwirret haben. Zwischen beiden ist nolhwendig ein Umriß zu ziehen ; ein Unterschied, auf den in der Religion Alles ankommt. 1. Isis Glauben, wenn ich eine Formel hersage, deren Sinn ich nie gefaßt, um den ich mich nie bekümmert habe? Eher sollte man dies Unglauben nennen: denn meine Lippe spricht diese Formel, wie der Rabe ein gelerntes Wort. ,,Jch glaube," heißt sodann: „ich lasse geschehen, daß Andre mit Ucber- zeugung glauben; ich sage nach was die Kirche sagt bis auf Ungereimtheiten und Mirakel. Meine Ueberzeugung, mein inneres Bewußtscyn habe ich an sie abgetreten und entsage mich dessen förmlich: das heißt, ich glaube nicht, ich darf auch nicht selbst glauben." Jsts Wunder, daß ein solcher Aa 2 3?2 Bon Religion, Glaube, wenn er die Larve abwirst oder wider Willen verliert, mit dem frechsten Unglauben sich paaret? So glauben Viele an die Bibel, ohne zu wissen waS in ihr steht, denken dabei aufs frechste und verfolgen. Sobald das Evangelium gelesen wird, haben sie die Hand am Schwerdt und wissen nichts von dem Gelesenen; auf ihren Schwcrdtglauben aber bauen sie freche Anmaßungen; diese sind ihr Glaube. For- mulargcwohnheit- 2 . Ehre man dies Glauben nicht der sogenannten Sinncsfestigkeit wegen; eben diese starre Festigkeit ist furchtbar. Mit solchem Glauben will der Eine Fieber, der Andre den Teufel vertreiben, der Dritte das ewige Leben erben; der Vierte bis Hundertste hasset, neidet, verfolgt. ,,Glaubest du?" ruft man dem Sterbenden ins Ohr. „Herr, ja, ich glaube!" Ob Hexen oder Geister? Gott oder Satan? ist gleich viel; er stirbt, wie man sagt, mit fester Seele, gläubig. Ein schrecklich Gespenst ist dieser Formularglaube auch schon dadurch, daß er an Wortschälle gewöhnt, die, wieder kommend in Zeiten deS Dranges und der Gefahr, auf die erschütterte Phantasie heftig wirken. Das Jesus-Maria und Kyrie-Eleison haben so manchen Satan vertrieben, so manchen Sieg erfochten; aber auch Sa- tane erschaffen, Siege verloren. In jeder dunkeln Zeit waren Wortschalle, die man mit Zutrauen aussprach, von mächtiger, aber auch benebelnder, grausamer Wirkung; gesammlet, gäben sie eine merkwürdige Geschichte. An der heiligen Jungfrau z. B. Lehrmeinungen und Gebräuchen. 373 hat kein Schall so viel geleistet, als der Name Gottesgebärerin, die Unbefleckte. 3 . Und bei weitem sind diese Zeiten der Wortschälle noch nicht vorüber. Das Ohr des Pöbels, der abergläubigste Sinn, hangt immer noch an ihnen; die bloßen Laute „Blut, Tod, Leiden, Sterben, Gnugthuung, Sünde vergeben, Versöhnung" u. f. ohn' allen Verstand ausgesprochen, gebieten dem Ohr des christlichen Pöbels wie einem andern Pöbel der kategorische Imperativ gebietet, ohne daß auch Er etwas dabei denket. Niemand, der überzeugen will, wird aus solche Lieblingsschälle bauen; vielmehr, wo er merkt, daß man sie sinnlos hört, wird er solche vermeiden. Ja über sich selbst wird er am strengsten wachen, daß kein dergleichen Lieblingsschall sein Tyrann, der gewohnte Busenfreund seines dunkeln Sinnes, ein Füllwort seiner Sprache werde. — Gut ists, daß alles in der Natur wechselt; sonst stürbe man vielleicht an manchen wiederkommenden mißbrauchten Wortschällcn für Ucbcrdruß und Ekel. 4 - Und doch trauet man es dem Heiland derWelt zu, daß einzig um auf ewige Zeit die tobte Formel zu hören: „ich glaube an Jesum" er gcthan habe, was er that. Man krauet cs dem ewigen Vater zu, daß einer Formel wegen, weil er seinen Sohn nennen höre, er Alles verzeihe und vergebe, ja einen Schatz von Verdiensten dem Formulantcn zurechne. — Schaam und Schande! 374 Von Religion, 5 . Unglaublich weit und tief reicht dieser Work- glaube; oft erbält er ein wachsendes Ansehn von Geschlecht zu Geschlechts. Seit Jahrhunderten kann der Geist mancher Worte verflogen seyn, aber ihre unsterblichen Schalle bleiben. Im Grabe noch richtet sich der Todte auf, wenn er sie höret. 6 . Die Natur bildet zu dem, was uns achter Menschenglaube seyn soll, ernster. Hülfebe- dürftig kommen wir auf die Welt, aber vielfach zusammenhängend mit allen Elementen, im Kleinen eine große Synthese von Kräften, Sinnen, Trieben. Jede dieser Kräfte will sich äußern: dazu treiben uns Bedürfnisse, Noth und mitgeborne Neigung. Jeder Sinn entwickelt sich, aber in Gesellschaft mehrerer Sinne, die ihn berichtigen, begrenzen. Triebe kommen ins Spiel; ja die früheste Uebung der Sinne und Kräfte beruhet selbst auf einem endlosen unentwickelten Triebe. Da wird die Natur eine scharfe Lehrerin; jeden Jrrthum eines Sinnes, einer Kraft, eines Triebes zeihet sie unerbittlich, ihn früher oder später mit der Strafe seiner Art über sein Vergehen zurechtweifend, strafend. Ein lebendes, allumfassendes, physisches Gesetz ist in ihr wirksam; es heißt: Realität und für den Menschen menschliche Wahrheit. Für diese fodert und bildet sie Glauben; was dahinter liegt, unerforschbar dem Menschen, überlässek sie der Spekulation. Aber in dem was vor uns ist, im Kreise unsres Daseyns will sie Sicherheit, und erschafft Lehrmeinungen und Gebräuchen. 3?5 solche. Deshalb hat sic dem Menschen eine Sphäre gesetzt, außer welcher er ein Thor ist, innerhalb welcher er nur durch Uebung, durch Erfahrung wird, was er werden soll. Mittelst dieser bekommt er Glauben an die Natur d. i. an dieEonsistcnz und Conscquenz der Dinge, die er in und mittelst seiner Natur, nicht außerhalb derselben, erfasset und behandelt. Denn Wir stnds und kein andrer, die der Natur glauben lernen; wir können und sollen ihr nur für uns selbst glauben. 7 - Als lebende Wesen kommen wir auf die Welt, nicht speculirende Scheinwesen. So viel Ka- tegorieen in unS verzeichnet seyn mögen, bedürfen wir Sinne, Kräfte, Triebe. Raum und Zeit selbst, (was sie an sich auch seyn) sind unS nichts als gegebne Dimensionen für unsre Sinne, insonderheit für Auge und Ohr, denen die drille mächtigere Uebcrzeugung, das Gefühl des Da- seyns vorangeht. Alle Sinne in uns üben sich gemeinschaftlich auf diesem Kampfplatz, und die nach und nach erwachenden Triebe sind, wie ihr Name sagt, ihre Treiber und Helfer. 8 . Menschen kommen wir auf die Welt; nicht reine Ideen, vom Himmel gesendet. Väterlich- mütterliche Liebe hat uns empfangen; väterlich- mütterliche Liebe erzog uns. Zn keinem Fach des Denkens steht dieser Trieb, der allgemeinste der Natur, die ewig - sprossende Wurzel alles DafeynS. 376 Von Religion, Kein früheres Bild bekam also der Mensch von einer ihm zuvorkommenden, auf sein Verdienst nicht gebauten Bemühung für ihn als dies. Väterlich- mütterliche Liebe ward also in der ganzen Natur das höchste Bild, weil sie, der allgemeine höchste Trieb der Naturwesen alles Zusammenhalt und ordnet. Was sich in Seinesgleichen nicht anzuerkennen, sich für andere nicht zu bemühen und in ihnen zu leben vermag, träumt oder tändelt. Leben ist die Natur in Ausbildung der Seele und des Körpers aller Geschlechter in Ausbildung neuer Geschlechter ist sie so r t w i rke nd e s Leben. 9 - Dem Erstgebornen folgten Geschwister. Geschwister-Neigung und Rivalität begegneten sich mit der väterlich-mütterlichen Neigung, eine von der Natur gegebne neue Synthese von mächtiger Wirkung. Was Liebe und Mitcifer, gemeinschaftliche und spornende Thätigkeit vermögen, kam in diesem kleinen Kreise von Vater, Mutter, Kindern und Geschwistern schon zum Vorschein; beide einander entgegengesetzte Neigungen aber, von väterlich- mütterlichen Einsichten regiert, hielten und beförderten ein Ganzes. Alle Früchte der Erfahrung, Erfindungen, Mühe, Genuß, pflanzten sich in diesem Naturgarten fort; nicht durch Spekulation, aus der sie nicht entsprossen waren, sondern durch Bedürfniß, Erziehung, Gewohnheit, Glauben und Ucbung: denn ein Kind, das erzogen wird, kann Anfangs nur glauben. Es glaubt gern, weil es die Lüge nicht kennet, hat aber auch den Trieb in sich, nachahmend zu erforschen, zu prüfen; und wehe dem, der ein Kind tauschet! Lehrmei >1 ungen und Gebräuchen. 377 is. Hicmit ist schon eine Religion gegeben, die älteste tiefste, daurendste Religion der Vater-, Mutter-, Geschwister-, Kindes-Treuc, deren Band aus dem Bande der Geschlechter ent» spönnen, von Bedürfnissen der Umstande gefestet und bewahrt, Ordnung der Natur ist. Liebe und Noth, haben cs gewcbet. Wenn Religion der Menschen Gewissen, d. i. ihr inneres thäli- gcs Bcwußtscyn ist von dem was sie sind und seyn sollen, so entspringt die Gültigkeit derselben nicht daher, daß der Mensch sie sich selbst setzt. Er ist durch sie gesetzt; sie gehöret nicht ihm, Er gehöret ihr an. Sie erweiset sich auch, diese Religion, wie eine Religion sich erweisen kann und soll, durch Seligkeit von innen, durch Glückseligkeit von außen: denn jede Religion, als Regel gedacht, muß sich erweisen. n. In einem größern Inbegriff von Familien ward dies Band umfassender; d. i. dieselbe Regel kam in einer höher n Potenz zum Vorschein. Stämme sonderten sich; Liebe und Abneigung wirkten aus einander. Aus der Verwirrung entsprang eine Ordnung, die sie beherrschte, Gastfreundschaft, Vertrag, Bundesliebe. Der Schwächere, vom Starken unterdrückt, regte das Herz eines Stärkern, daß er ihm beistand. Mitgefühl, die Regel der Billigkeit sprach für den Unterdrückten; er half ihm und erwarb ihn dadurch Bon Religion, 378 sich zum Bundesgenossen, zum Freunde. So und durch andre Vorfälle erwachte in der Menschheit die N e l i g i 0 n der Freundschaft, des Ga str ccht s , der B u n de str e u e, berge- genseitigen Hülfe. Alle Volker kennen sie, in aller Menschen Herzen ist sie geschrieben. Auch sie erweiset sich durch sich selbst: denn sie ist auf Triebe der Natur, auf gegenseitiges Bedürfnis auf die Regel des Rechts und der Billigkeit gebauet. Und lohnt sich selbst, von innen durch Seligkeit, d. i. durch das Gefühl der Freundestreue, der Billigkeit und Großmuth, von außen durch Glückseligkeit und gutes Vernehmen. Jenes ist ihr Erweis; dies ihre Probe. 12 . Als die menschliche Gesellschaft mit allen ihren Bedürfnissen und Neigungen verflochtner wurde, war auch die Regel des Gewissens, Religion, schwerer zu finden. Ja sie verdämmerte beinahe ganz, unter den vielen neuerwachten falschen Trieben. Gesetzgeber suchten Ordnung zu schaffen, d. i. die verworrene Figur zu berechnen und wo möglich in eine regelmäßige zu verwandeln. Nach Ort und Zeit sind hierüber viele Versuche gemacht worden, die deswegen unter einander schwer zu vergleichen sind, weil jeder Versuch seinem Platz zugehörct. Alle aber haben Eine Tendenz, gegenseitige Gewissenhaftigkeit in einer gemischten Volksgesellschaft als heilig zu begründen. i3. Je weniger gemischt diese Gesellschaft, je näher Lehrmeinungen und Gebräuchen. 379 sie den Ständen der Natur war, desto leichter fand sich die Regel; desto gültiger und daurendcr war sic, da sie auf Triebe der Natur, auf Geschlechts- Elte rn - Freundes - Stammes- Bunde S- liebe und Treue gebauet war und darauf baute. Sie schwamm noch im vollen Strom. ich- Als aber jene Triebe wild durch einander brau- sctcn und dann versiegten, oder wenn das tyrannische Gesetz sie selbst auskrocknete und mit Gewalt seitwärts zwang; da konnte das Gesetz auf sie nicht nur nicht rechnen, sondern brachte sie oft gegen sich auf. So ward, getrennt von der Naturreli- gion, dann endlich eine Religion des Staates. 15. Und je mehr Aufopferungen diese forderte: Aufopferungen, die außer der Evidenz, dem zucrauen- dcn Gemeinglauben lagen und der Nacurreli- gion, d. i. der reinen Geschlechts - Vater - Mutter- Kindes- Familien - Freundes- Bundeslicbe Eintrag thaten, desto mehr konnte sie auf Ueberkreter, Betrüger, Heuchler rechnen. Sie band die Gewissen nicht mehr; sie hatte den Glauben verloren und hörte also auf, Religion zu seyn. Selbst die Eidesformel ward in ihr unkraftig; nur Galgen und Rad hielten zurück und straften. 16. Bessere Gesetzgeber suchten also jene Triebe der Menschheit nicht nur nie zu unterdrücken, nie zu ,38o Bon Religion, verwirren; sondern traten vielmehr mit ihnen in Bund, chretcn sie und suchten durch sie zu wirken; überzeugt, daß cs ohne Menschcn-Rcligion keine Staatsreligion gebe. > 7 - Zwar ward die falsche Religion der Staatsehre auch zwischen geschoben; allein diese, an ihr selbst nichtig, verwandelte sich überall bald in Staatspracht, Staatsgeiz, Staats- wohllust, mithin war und blieb sie eine Reli- gionslüge. Der Gott genoß immer nur den Rauch der Opfer, die Opferstüeke selbst aßen dessen Priester. So mußte aus geheuchelter Staatsreligion endlich die höchste Jrrcligion werden ; jeder verlor den Glauben an entwcihete Formel und Gebrauche, deren List und Trug er erkannte, an andern sah und an seinem Theil selbst übte. iS. Schon in alten Zeiten fand sich Ein Gesetzgeber, der den großen Gedanken hatte, dem Gesetz selbst die Würde des Gesetzgebers, und zwar des höchsten Gesetzgebers, des Schöpfers der Welt ein- zuverleibcn, es seiner Nation an Brust und Arm zu thun, ja den kleinsten Articulationen des Leben- anzuheften, Moses. In seiner Gesetzgebung war jede bürgerliche Pflicht als Religion verzaunet, jede Uebertrctung mußte als ein Religionsverbrechen oder Gebrechen sich selbst anklagcn und strafen. Fest waren diese Bande; alles, was zur Men schcn- religion gehört, Eltern - Freundes - StammeS- Landesliebe war in ihnen nicht nur geschonct, son- Lehrmeinungen und Gebrauchen. 38r dern es war vorzüglich auf diese gerechnet. Jeder Stamm, jedes Geschlecht bildete seinen Staat mit Stammes-Ehre; das Ganze war eine Verbindung brüderlicher Stamme und Familien, unter dem Schutz des Bundes- undGast- freundes ihrer Vater, ihres Befreiers, ihres Nationalstiflcrs. i9> Ein solches Volk schloß sich ab von allen Völkern; es glaubte sich das erwählte Volk, weil eS den höchsten Gott seinen Schutz- und Bundes- sreund nannte. 20. Aber der große Gedanke war, wie der Erfolg zeigte, für die Zeit und für diese Wüstenhorde, die aus einem langen Zustande der Verachtung und Knechtschaft kam, zu groß, zu erhaben. Wer sollte die Kraft dieses Gesetzes aufrecht halten? sie aufrecht halten für ewige Zeiten? Gebrauche verleben; mit den Zeiten ändert sich ihre Bedeutung. Das Band der Stämme hing lose zusammen und erschlaffte. In roheren Zeiten ward also das Volk ein üppiges, träges, abgöttisches Volk; in gebilde- tern Zeiten ein stolzes Buchstaben - und Ritualvol?.' Seine Landesverfassung lief den ganzen Cirkel der Constitutionen durch, ohne Bestandheit. 21. Eine Bestandheit gewann cs indeß, deren sich in solchem Grad vielleicht kein anderes Volk rühmen kann, Bestandheit des Charakters. Unter '- 7 ?- 332 Don Religion, allen Nationen und Klimaten ist der Jude Jude; kennbar und ein wirksames Mobil unter den Völkern nach seines Stammes Art. 22 . - Wodurch bildete sich ihm ein so ausgezeichneter Stammes - Charakter? Durch die Religion seiner Vater. Von Abrahams Zeiten an ein werbendes Geschlecht zwischen den klügsten, reichsten, gebildetsten Völkern, nachher in einem Lande, das wie am Busen des großen Welthandels lag, wäre ohne Moses Einrichtung diese umherziehcnde Horde das schlaue, kluge, vielseitig geschliffene Volk nicht geworden, das bald darauf dem ganzen Erdstrich vom Parthcrlande und dem Kaspischen Thor an bis zu Herkules Säulen gerecht war, jetzt allen Weltteilen gerecht ist und allenthalben doch als ein abgesondertes Volk unter den Völkern lebet. Ihr Stamm es-Charakter, der Glaube an ihre Abkunft ist ihnen Religion; ein altes Gepräge ihrer Vater. 23 . Und da nach Moses Einrichtung ein Sehrifitz c setz über sie gebot, da der zwölfte Tbeil der Nation zum Bewahrer und Ausleger dieses Schrift- gesetzcs constituirt war, neben welchem aus allen Stämmen Weise austrcten und Erinnerer ans Gesetz , Stimme der Nation werden konnten; da das Volk in sehr frühen Zeiten Lehrsprüche und Lieder bekam, deren Scharfsinn, deren moralische Reinheit und Kindlichkeit man noch jetzt anstaunet; da überhaupt alle Gebräuche und Verrichtungen des Lehrmcinungcn und Gebräuchen. 363 Lebens sie an StammcSideen erinnerten und an der Religion ihrer Vater fcsthiclten; was Wunder, daß mosaische Religion, d. i. strenge Pünktlichkeit und genaue Bemerkung in ihren Charakter überging, und sie allenthalben zum Wechsel-und Buch haltenden Volk machte? Durch die Scheingrundsatze andrer Völker von politischer Ehre und Unehre wurden sie selten verlocket oder beschämt; das Judenthum selbst, ihr angeblicher Stammesvorzug, ward mit der Zeitfolge ihr Stammes-Charakter. 24. Begreiflich wird es, wie gerade in diesem Volk ein Mann aufstand, der über die Vorurlhcile seines Volks erhoben, die Religion zu seinem Hauptgedanken machte. Auf seinem Standort sah und fühlte er die drückenden Folgen einer jüdischen Stamm - und Landes-Religion mehr als ein Fremder sic fühlen konnte, der sie blos verachtete und verwarf. Den Grund derselben aber die alte Familien-Re l i g i 0 n, die Religion der Väter konnte und wollte Er, ihr Eingcborner, nicht verachten: denn vom Landesgcsetz gesondert war sie die Religion des Menschengeschlechts, die Religion der Völker. 24 . Nur wer sollte beide thätig sondern? Prophetenstimmen sind unwirksame Stimmen; sie strafen, belehren, warnen, über den Erfolg aber vertrösten sie auf die Zukunft. Selbst bei Christus war cs Natur der Sache gewesen, daß er zuerst seine Von Religion, i-'' ^ v W W? 384 Notion ausschließend in den Gesichtskreis nahm, und nur als ein Verfolgter die Gegend Tyrus und Sidon besuchte. Do ober, wie wenig unter diesem Volk nuszurichten sey, ihn sein eigner Tod belehrte, so wurden Religion und Notionolismus unerwartet und auf immer — wodurch? geschieden. 26. Durch seinen schmachvollen Tod selbst. Der Auferstondcne, der seiner Schuld gegen dos ihm ongcborne Volk jetzt frei und los war, gab seinen Gesandten offene Botschaft an alle Völker. Wodurch ihn seine Nation verworfen hatte, sein Krcu- zestod machte ihn zum Christus aller Nationen. 27. Offner Gang der Vorsehung! Nicht aus dem tiefsten Dunkel, (wie man zu wahnen pflegt,) entsprang hier das Licht; sondern, wie Johannes sagt, aus einem mit hartem Dunkel umschlossenen Hellen Lichte. Ein so sonderbarer Schritt mußte geschehen, damit das Licht hcrvorbrache; eben aus dem harten Judenthum entsprang der reinste Anti- JudaiSmus, Religion der Völker. 28. Und diese Menschen-Religion konnte keine andre sepn als die reine Religion der Vater. Sobald das Vorurtheil zernichtet war, daß Religion am Boden eines Landes , am Blut eines Stammes, am Ritual einer Nationalweise hafte, was konnte zurückkehren, als jener alte Menschenglaube: „Gott „Gott ist unser aller Vater; wir alle sind Brüder." Dieser Glaube faßt unser Geschlecht nicht als ein erdichtetes, sondern als ein in der Natur gegebenes Gottesgeschlecht, das zwar tief versunken, aber rettbar ist und nur durch sich selbst rettbar. Die Anlage zu seiner bessern Verfassung sei) in ihm ; Kraft Goltes um ihn; Bedürfnisse fodern: „scy, was du seyn sollst. Willst du , daß Gott dein Vater und Freund fey; er ists dir nur in dem Maas als du der Menschen Freund und Vater bist. DaS kannst du: denn du bist sein Organ, das wirkende Mobil der Schöpfung." 29. Einzig kam dieser Menschcn-Religion die Sprache der Väter', jene alte heilige Sprache zustatten, die bei den Ebraern Jahrtausende lang fast nur in diesem Einen Gedanken bearbeitet war. Von Anbeginn der Dinge erschien in ihr der Mensch als Abbild Jehovahs, ein Haushalter der Erde, der Schöpfung Herr, durch den Alles, was Ihm unterworfen ist, genießt, wirkt oder leidet. Israel, das unwürdige Kind Gottes, erschien in ihr als sein Pflegling, sein ungezogener Sohn. „Heissen nicht Eure Obrigkeiten, sagt Christus, Söhne Gottes? Lasset uns also zurückkehren vom Schein zum Seyn, von Formeln zur Wahrheit. Seyd vollkommen , d. i. gerecht, heilig, verzeihend, milde wie Euer Vater im Himmel cs ist. Liebe überwindet Alles. Gott ist Liebe." 30. Auch menschlicher Weise konnte daher Christus Herders Werke z. Rel. u. Lheol. XII. Bb «86 Von Religion, sagen, was kein Weiser andrer Nationen in solchem Zusammenhänge sagte. Jene lebten hinter Mythologien , in politischen Staaten; Christus lebte in einem Volk, das, alle Mythologie, fast alle fremde politische Cullur verschmähend, sich einer Regierung Gottes rühmte. Dieser Begriff, im Bilde eines Vaters und Kindes, eines Freundes und Bundesgenossen, in Hirlcnzeiten empfangen, in einer Familie vieler Stamme reich ausgebildet und durch tausend Mißfalle geprüft, gelautert, war so rein, so umfassend! Hier also war alles zubereitet; hier schlug der Funke. 3r. Daher auch, daß das Christenthum als wirkliche M e n s ch en - R e ligio n sich jedem Bewußt- seyn , jeder Neigung des Herzens nicht nur empfahl, sondern anschloß. Vater, Mutter, Kinder, Geschwister, Freunde, Liebende sind wir alle; wir wollen und müssen cs seyn, da uns die Natur dazu bestimmte und wir außer diesem reinmenschlichen Beruf wenig oder nichts sind. Menschen sollen wir seyn, und in achter Menschen-Gesinnung so Pflicht als Seligkeit finden; ein Reich des Himmels, d. i. ein seliges Reich kann uns nur in diesem Natur- B er uf werden. Tvdtes Gesetz, ein selbsterfunde- nes Principium ohne Situation der Anwendung, ohne Gesinnung dazu und Kräfte kann unsre Men- schen-Religion nicht seyn: denn Religion ist, was unser Herz zwingend ansprichl, unsrer Triebe sich bemächtigt, Gesinnung erweckt und unser innigstes Bewußtseyn bindet. Vater, Mutter, Freund, Kind müssen sich in ihr qls in der eigensten Sphäre Lehrmcinungen und Gebrauchen. 387 ihrer Thatigkeit, nicht glücklich sondern selig machend und selig, milhin das Rathsel ihrer Bestimmung aufgelöset, den Knoten ihrer Neigungen entwirret finden. Dann frohlockt Vater, Mutter, Kind, Freund und Bruder: „meine Religion ist cs; sie lautert, lenkt, ordnet und beseliget meine Triebe, ja sie entsprang aus ihnen." Nicht nach dem Christenthum allein; nach des Menschen eigenster Natur ist seine Religion keine andre als Menschlichkeit, wirksame Treue und Liebe. 32 . Alle Weisen haben erkannt, daß der einzeln schwache Mensch nur in Verbindung mit andern stark sey; sie haben erkannt, daß alle seine Triebe auf Gemeinschaft wirken, und eben dieser Triebe wegen haben ihn manche seiner Beherrscher so sehr gemißbraucht. Alle Weisen sahen aber auch, daß die Gemeinschaft, nach der der Mensch strebt, ihn eben so wohl verderbe als bilde, und fanden dagegen kein Rettungsmittel, als Religi on, jene achte Me n sch e n - R e l i g i 0 n nämlich, die Triebe im Menschen nicht nur voraussetzt und ihm Triebe laßt, sondern sie sogar wecket, aber auch läutert. Sic macht den Menschen nicht scheu durch das Schreckgespenst einer Doppelnatur, eines radikalen ihm wesentlichen Bösen; aber Mißbrauch seiner Natur, Verwirrung der Begriffe und Neigungen, Schwäche aus Trägheit, üble Grundsätze und Gewohnheiten rüget sie desto schärfer. Nicht durch ein Gesetz, fühlet sie, sondern durch ein entgcgenstehen- des mächtigeres Gute könne sie diese Feinde allein Bb 2 überwinden. Sie überwindet den Haß mit Liebe, stärket die Schwäche, schafft das Unlautere weg, macht aus der Unart Art, aus der Unordnung Ordnung. Eben nur Unaufmerksamkeit auf sich selbst, Losgebundenheit in Grundsätzen, in Sitten und Meinungen, irrige Lüste sinds, was der Religion entgegensteht, was jede innerste Gewissenhaftigkeit aufhcbt. 33 . Demnach ist das Christcnthum keine philosophische Disputirschule; eine lebendige Einrichtung war cs zu Bildung fester Gesinnungen jedes Standes, jedes Verhältnisses und Charakters. Allerdings befahl Christus zu lehren , aber was? „seine Anordnungen halten." Nichts ist leichter als lehren, nichts schwerer als halten; gewiß auch nicht leicht, einzurichten, daß gehalten werde, daß jedes Men- schen-Gemüth Religion belebe. Formeln und Gebräuche thun dies nicht, auch nicht das Hercrzählen der alten oder neuen Lehre in Formeln und Dogmen. 34. Alles also wird und muß vom Christenthum wie ein dürrer Herbst abfallcn, was nicht Ucb erzeug ung, Gewissen, reine Men schen- Religion ist oder mit sich führet. Einen CultuS Vergebung- und Seligkeit-bringender Formeln kennet es nicht; dem jüdischen und heidnischen Priestcrthum ist sein Geist nicht nur völlig zuwider, sondern dazu eben wards gestiftet, daß in Ewigkeit hin keine Opfcrcr und Priester, keine Zauberer und Götzen- Lehrmeinungen und Gebräuchen. 289 dicner weder in Gebräuchen noch Wortlarven sepn so Ilten. 35 . Auch Lehrmeinungen sind also nicht Glaube; sie sind Wolken am Firmament, die vielgestaltig sich auf mancherlei Weise färben und in Kurzem nicht mehr sind. Es erweckt keinen großen Begriff von einem Lehrer des Christcnthums, wenn er cs, um es liebzugewinncn, in eine dem Volk fremde Sprache, den Aierrath seines Decenniums hüllen muß und es wie ein Marienbild zum neuen Marktfest kleidet. Es erweckt keinen größer» Begriff von einem Lehrer, wenn er Gegrntheils alten Lehrmeinungen als solchen ohne Inhalt und Wesenheit nachläuft und wie ein Gespenst des sechzehnten Jahrhunderts in verlebten Trachten umherzieht. Wer ist Paulus? wer ist Apollo? Diener sind sic; Einer ist Christus. Die Religion des Herzens (jeder drucke sie aus wie er wolle) ist nur Eine. 35 . Eine gute Dogmengeschichte, wie viel kann sie lehren! Wie hinter der magischen Laterne ziehen in ihr Schattenbilder vorüber. Ein gutes Zeichen ists, daß auf sie jetzt so mancher unpartheiischc Fleiß gewandt wird. Auch Ihr werdet einst in diesem Stammbuch stehen, ihr neuen Lehrmeyner, und ein Kreuz bei eurem Namen. 37. Dogmatik, selbst dem Begriff ihres Namens nach, ist nichts als eine Dogmengeschichte. Non Religion, 3go Jedes Dogma reinphilologisch, historisch, pbilosophisch durchführen, sodann für unsre Zeit dessen Gebrauch zeigen, wie unterrichtend und heilsam! Nenne Jemand ein solches Buch; und wenn es nicht da ist, schreibe crs, unbefangen, sorgsam, herzhaft; tausend Jünglinge, die Welt wird ihm danken. 38. Eben aus ihr aber gehet sodann klar hervor, daß nicht in Buchstaben, sondern in gewissenhaften Gesinnungen und Instituten Religion einzig lebt. „Was ihrgethan h a b t d i e ser G er i n g- sten Einem, das habt i h r m ir g e th a n ! Wer ein Kind aufnimmt, nimmt mich auf. U. f. Das wars, was Christus Religion nannte. So lange die Menschheit Menschheit ist, werden diese Adern des Christcnthums Glaube, Liebe, Hoffnung, und ihre Wurzel achte Gewissenhaftigkeit die einzige und innigeMen- sch en-Reli gi o n bleiben. Lehrmeinungen und Gebräuchen. Agr VI. Vom Unterschiede zwischen Religion und Wissenschaft, auch Mysterien und andern mißgebrauchten Worten. „Du hast die Religion zu sehr beschränket, wird man sagen, indem du Religions-Wahrheit mit Religionspflicht nicht nur verbindest, sondern beide zu Einem vereinest." Das mußte ich thun. Nicht nur der Begriff der Sache, sondern die Schrift selbst fordert es, und in einem Zeitalter, in welchem das Wort Religion so ausgearkcl ist, daß man beinah nur das, was nicht Religion ist, darunter verstehet, ist diese strenge Zurückführung nothwendig. Denn eben jene schlaffe Homonymie hat das ehrwürdigste Wort verächtlich gemacht, so daß mancher Rechtschaffene das, wodurch er rechtschaffen ist, zu haben sich schämet. i. Keine Wahrheit ist Religion, die nicht das innigste Bewußtseyn bindet, >n der nicht Ueberzcugung und Pflicht liegt. Daher dringet die Schrift so oft und immer auf Gemüth, den Geist des Ge- rnüths (Ppov^lcr, xocgSca, TMLu/rcr.) auf offne Augen des Verständnisses und innerstes Erkänntniß. Her; und Geist sind in ihr nicht geschieden, sondern Eins. Mit dieser strengen Bestimmung wird alles der Religion Fremde, Gleichgültige, Widrige von ihr geschieden; sie wird was sie seyn soll, und eben damit kräftiger, stärker. 2 . Sie sondert sich demnach nicht etwa nur von unnützen Lehrmeinungen, (Spcculationen) ab, son, dem selbst von Wisssenschaft und von Po. sitionen des Rechts, so fern diese eine Wissenschaft gründen. Alle Verwirrungen hiemit sind ihr schädlich. 3 . Man wird z. B. bemerkt haben, daß die Grundsätze der drei Artikel des christlichen Symbolums in andrer Rücksicht Wissenschaften gründen. Der erste z. B. veranlasset eine Naturwissenschaft und ein so genanntes Naturrecht; der zweite eine GcschichtWissenschaft des menschlichen Geschlechts und ein sogenanntes Recht der Völker; dem dritten von der Gemeinschaft Vieler in Einem Geist stehet in andrer Rücksicht eine W i s- senschaft und ein Recht bürgerlicher Gesellschaft zur Seite. Alle diese Wissenschaften müssen zuletzt freilich auf Religion d. i. auf ein innigstes menschliches Bewußtseyn zurückkommen; verwirret aber würden die Grenzen, wenn Religion sich in diese Wissenschaften drängte und den Gang ^ des Forschenden oder des Setzenden störte. Lehrmeinungen und Gebräuchen. 3g3 4 - Drängte sie sich z. B. in die Natu rw i ssen- schaft, um bei jedem Mückenflügcl zu theologisi- ren; in die Geschichte des Menschengeschlechts, um bei jedem Factum Moral zu predigen; in die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, um derselben Schritt vor Schritt ihren höchsten Grundsatz entgegen zu halten; so verkennte sie ihre Würde und machte sich nutzlos gemein. Drängte sie sich zum Recht der Na- tur, der Völker, der bürgerlichen Gesellschaft, und wollte bei jedem Misbrauch derselben jammern; wie lästig und überlastig wäre ihr Eifer! » 5 . Ist jede dieser Wissenschaften was sie seyn soll, so geht aus ihnen allen, ihren reinsten Grundsätzen nach, Religion hervor, d. i. innige moralische Ueber- zeugung. Zm Mückcnflügel z. B. wie im Lauf der Welten wird Dieselbe Formel der Macht, Weisheit, Güte sichtbar, die sich dem menschlichen Verstände und Herzen als ihr edelstes Geschenk ancignet. In der Geschichte des Menschengeschlechts wird die Regel klar, daß es Ein Geschlecht sey und jeder Mensch dem Ganzen gehöre. Die Geschichte der menschlichen und bürgerlichen Gesellschaft spricht das Gesetz aus, daß durch Vereinigung Vieler zu Einem alles Gute bewirkt werden müsse, was der Zweck unsres Geschlechts ist. Aus dem Natur -, Völker - und Privatrecht geht die Regel hervor: „Sei Mensch! Mensch für alle, Mensch mit allen, mit denen du Z94 Bon Religion, cs seyn kannst." Mithin hebt sich aus allen das Principium des Christenthums, d. i. der reinen Narur--, Völker- und Menschenreliqion, das mit andern Worten uns sagt: „Deine Macht werde von Weisheit, deine Weisheit von Güte geleitet! Sei Mensch mit Menschen für die gestimmte Menschheit nach dem Urbilde des Vaters dieses Geschlechtes und seines in der Menschheit erschienenen Bildes, der diese Aufopferung im höchsten Maas erwiesen. Sei dies mit innigster Anhänglichkeit und Rechtschaffenheit; so wirst du, was du seyn sollst." Ohne daß du die Wissenschaften zur Religion zwingest, kommt jede wahre Wissenschaft auf achte Religion zurück. Nur sie dränge sich nicht an die Stelle dieser Wissenschaften; sonst störet sie solche und verlieret sich selbst. 6 . Geqentheils will die Religion auch nicht von den Wissenschaften bedrängt und verwirret werden. Möge z. B. die Naturkenntniß Manches aufforschen, was sie nicht sogleich unter die höchste Regel zu bringen vermag; was soll das der Religion? Einst wußte man auch Tag und Nacht, Licht und Finsterniß noch nicht unter die Regel zu bringen, der beide dienen, und ersann sich daher ein Principium des Guten und Bösen; wie kindisch wäre in der Naturwissenschaft dies doppelte Principium jetzt! und wie abgeschmackt wäre eine Philosophie, die auf dergleichen Phänomene sogenannt-unauflösliche Naturzwiste (Antinomiecn) gründen wollte! Die Naturwissenschaft ist bestimmt, ihren Weg zu gehen, Gesetze zu bemerken, höhere Gesetze zu finden; sie Lchrmcinungen und Gebrauchen. 396 hat einen unendlichen Weg vor sich. Der Religion dagegen liegt der Mittelpunkt ihres Kreises, die durchschlungene Formel von Macht, Weisheit, Güte allenthalben im Kleinsten und Großesten vor; sie freuet sich jedes neuen Aufschlusses, von keiner neuen Schein-Disparate gestörct, — So auch die Menschengeschichte. Möge sie zwischen Völkern und Staaten sowohl als in jedem engeren Verhältnisse die schrecklichsten Mißbrauche der Menschcnvernunft, des Menschenrechts, der Menschennatur schildern; die Religion kümmert dies nicht. Ihrem innern Bewußtst,)» treu, spricht sie: „sie sind nicht was sie styn sollen; aber sie können es werden." 7 - Hieraus ergiebt sich der Religion natürlicher Vertrag und Ausdruck. Scientisisch ist er nicht: denn sie ist keine Scienz; sie klettert nicht erforschend auf und nieder. Noch weniger gebührt ihr ein discurrirender Vortrag; sie lauft nicht hin und her; sie will weder Zeit kürzen noch amusiren. Disputiren mag sie; aber nur mit sich selbst, indem sie das reine Gold von Schlacken sondert; mit andern thut sie cs nicht ohne Noth. Durch Disputiren, weiß sie, ward innere Ueberzeugung selten gefördert, und mit dem großen Gegenstände des Disputs, Lehrmeinungen, lasset sie sich nicht ein. Sind sie dem Gegner Religion; warum sie ihm rauben? 3 . Was zum innersten Bewußtseyn spricht, hat für jede Art seiner Gegenstände den der Ueberzcugung eigensten Ausdruck, Die Naturreligion z. B. Z96 Won Religion, kann sich fast nur in Hymnen ergicssen; der Anfang der Bibel von den Worten ,,Gott schuf Himmel und Erde" bis zum Menschen nach dem Bilde Gottes gemacht, wird selbst ein Hymnus. So alle Psalmen, alle auch neuere Gesänge, die die Schöpfung feiern. Selbst Klagen, wie im Buch Hiob, die salomonischen Zweifel selbst werden zuletzt Lob» gcsang oder Regel. Die schlichteste und klarste Exposition der Naturgesetze kommt aus Macht, Weisheit, Güte zurück und ruft uns zu: „du lebst in einer großen Ordnung; ordne dich zu ihr."— Der ächten M e n s ch cn r el ig i o n liegt immer ein Ideal der Aufopferung zum Grunde; einer Aufopferung zum Wohl des Ganzen. In dunkeln Zeiten suchte man diese auf irrigen Wegen; aber auch auf diesen war die Regel selbst nicht unrecht, und recht verstanden wird sie wirklich ein Evangelium der Völker. So lange cs Menschen giebt, die sich aus reinen Grundsätzen fürs Wohl ihrer Brüder hingeben, lehrend, duldend, wirksam, thätig; so lange darf die Menschheit nicht verzweifeln. Die Religion näherer Gemeinschaft endlich kann kaum eigentlicher sprechen, als sie im neuen Testament spricht, in brüderlichen Anreden; am meisten aber durch stille Lhat, Vorbild, Uebung. So spricht Religion, und lasset der speculativen Wissenschaft ihre Wege. 9 - Man hat viel über Mysterien als der Religion unentbehrliche Dinge gesprochen und durch einen groben Mißverstand den biblischen Ausdruck hierüber untreu halbiret. Allerdings nennet die Schrift lheils die Religion selbst, thcils Dies und Jenes in ihr Mysterium; aber ein cnthüllctes Mysterium; alle ihre Anstalten sind Enthüllungen des Einen großen Geheimnisses, darum nennen sie sich Offenbarung. Wie die Schöpfung ein Göttliches (Ferov) enthüllet : so, rühmen alle Apostel, habe das Christenthum das non Anfänge der Welt her dunkle Räthscl deS Mcnschenheils aufgelöfet; hinfort sey das Verhältniß zwischen Gott und uns kein Rathfel. Dem richtigen Sinn des Christenthums eignen sie alle Einsicht und Bcurkheilung dessen zu, was zum wahren Leben gehöret. Weiterhin zu forschen sey das Werk der Religion nicht; das thue Wissenschaft und in praktischen Fallen Klugheit. — Wie weise! wie verständig! 10. Unlängst federte man als Hauptvollkommenheit einer Predigt, daß sie rein d o g m a t i sch sey; ist sie nichts als dogmatisch, so ist sie keine christliche Predigt. Nicht blos, weil Christus und die Apostel dergleichen nicht gehalten, sondern weil Predigt dem Dogma, acht abgehandelt, gerade widerspricht. Eine Predigt soll Religion predigen mit alle der ein- dringcnden Stärke, daß sie den Hörenden Religion werde, d. i. daß die vorgetragene Pflicht oder Wahrheit die innerste Ucberzeugung bewirke, das Gemüth > belebe, das praktische Bcwußtseyn binde. Dogma als Dogma kann und will solches nicht thun; nach seiner Act kann es die Kanzel entweder gar nicht oder schlecht behandeln; cs gehört, und zwar philologisch , historisch, philosophisch mit aller seiner Genauigkeit aufs Katheder. 3^3 Von Religion, 21 . Dagegen hatte man große Scheu vor einer blos moralischen Predigt. Mit Recht, wenn man feine Diskussionen moralischer Gegenstände, kasuistische Klughcitslehren u. f. darunter verstand; auch diese gehören aufs Katheder oder in den Saal der Versammlung. Predigt, wie sic einer Menschenversammlung aus allen Elasten und Ständen allein angemessen ist, will Wahrheit und Pflicht ins engste Verhaltniß des menschlichen Bewußtseyns gesetzt , diesem innigst nahe gebracht; sonst ist sie ein moralischer Diseurs, bei dem. der größere Theil gähnend fragt: ,,warum bemühetcn wir uns hiehcr? in diese Kälte, in diese dumpfe Versammlung!" 12 . Man hat Neligionsvorträge oder Versammlungen Goltverehrungen genannt; ein schlecht- erfundener Name. Hier ist kein Götze zu verehren; und wie kann Gott von Menschen verehrt werden? wie wird er hier verehrt? Angebetet, sagt Christus, werde er weder auf diesem, noch auf jenem Berge, sondern im Geist und in der Wahrheit d. i. durch die innigste Gemüthsfassung, Religion. Zu dieser sich zu ermuntern, kommen Christen zusammen; nicht Gott durch ihr Zusammcnseyn zu verehren. Auf ihn als Gegenstand wirkt ihr Werk nicht; sondern von ihm als der Quelle aller guten Gaben holen sie Lehre, Trost, Kräfte zur Religion; d. i. zur gewissenhaftesten Anwendung aller Lehrmeinungcn und Gebräuchen. 899 Gaben. Die gewöhnliche Verehrung Gottes ist die offenbarste Gottes-Entehrung. *) i3. „G ottc s b e w un d e r u n g" hat man Religion genannt; auch ein leeres Geschäft. Wer sich hinsetzt um Gott zu bewundern, der kann wie ein Mönch auf dem Berge Athos äonenlang sitzen und bewundern; Religion ist ihm ferne geblieben. Bewunderung des Unermeßlichen ohne bestimmten Gegenstand saget nichts und lähmt oft zu dem, was *) Das lateinische Wort Culius hat zu diesem mißbrauchten Wort Anlaß gegeben. Der heidnische Christ weiß, was er unter cultus verstehe, er verrichtet sein opns opsranäum. Aber der geistige, evangelische Christ? Wie ich meinen Acker, meinen Freund, meine Scelenkrafte colire und exc 0 lire, das ist begreiflich ; wie aber Gott coliren? wenn ich ihn nicht als den leidigen G ö n- ner betrachte, dem nach römischer Weise seine Parthei von Clienten oder bösen Schuldnern Besuche macht, damit er schenke, damit er befördere oder vergebe. Der unwürdigste Begriff, der in eines Menschen Seele kommen kann, ist der gewöhnliche sogenannte Gottesdienst oder Gortescultus von dem mancher gewissenhaft sagt: ,,da dort nichts weder zu coliren, noch zu dienen ist und mein inneres religiöses Bewußtseyn nicht nur leer gelassen, sondern oft geärgert und beleidigt wird, so ist mir cs Religion, die Versammlung zu vermeiden." 4vo Bon Religion, wahrhaft Religion ist. Bewundernd schauen wir in die unermeßliche Himmelslcere oder in den unergründlichen Abgrund, wundernd, daß Jene so hoch, dieser so tief ist, und sehen nichts. 14. Man hat diesen Zustand Erbauung, Andacht, Entzückung genannt; wie oft mißbraucht man auch diese Namen! Andacht heißt, wenn ich mit Anwendung meiner Seelcnkrafte, sie innigst zusammengcnommcn, a n etwas denke; dieser Zustand ist oder wird Religion, wenn er mich vor dem Ailsehendcn zur Beherzigung rein menschlicher Wahrheit und zu genauer Erfüllung meiner Pflicht führet. *) Erbauen kann mich nichts, als was mich mit andern in guten Grundsätzen befestigt, denen gemäß ich wirklich Religion zu erweisen habe; sie *) Man sagt: „ich will bas Buch recht andächtig lesen" d. i- mit stiller Aufmerksamkeit, in der reinsten Gemüthsfaffung, gleichsam mit concen- trirtem Andenken. Dies ist der wahre Gebrauch des Worts; die gewöhnliche Kirchcnandacht dagegen sagt: „ich will jetzt andächtig scyn, d. i. an nichts denken, damit ein fremder Geist in mir wirke." — Ein Geschäft andächtig thun, kann nichts anders heißen, als: es mit ganzer Aufmerksamkeit thun. In "der Kirchensprache dagegen heißt: „einer Handlung andächtig beiwohnen „ihr mit leerem Gesicht und Gemüth beiwohnen." So sehr ist aus bekannten Ursachen, in dieser Sprache alles erschlafft und verderbet. L hrmeinungen und Gebrauchen. 401, sie führt und gewöhnt zu dieser, ohne daß sie solche selbst sey. Entzückung endlich, ein außerordentlicher Zustand, kann und soll durch Bestrebung nicht errungen werden. Kein Lehrer soll predigen, damit er entzücke; kein Hörer soll hören oder beten, damit er entzückt werde. Entzückung, da sie von der Menschheit enrfernt und dem Wahn nach über sie erhebet, trennet den Entzückten oft von allen Gegenständen, bei denen er Religion wirklich erweisen soll: denn dem Unendlichen kann er solche nicht erweisen. i5. Statt Andacht beliebt man oft Devotion zu sagen; ein edles und wie sehr mißbrauchtes Wort! Devotion, der heiligste Zustand des Gemüths, eine völlige Gott-Ergebung nicht nur in Gesinnungen überhaupt, sondern besonders in Umständen, die diese Gott-Ergebung nicht ohne Kampf thätig und wirklich fodern, ist hohe und vielleicht die höchste Religion ; ohne diese innige Wahrheit aber als eine süße Schwärmerei und Seelenerschlaffung, ists eben ja sogenannte Devotion, die den Menschen ihm selbst, allen seinen Beziehungen und Pflichten, ja der Wahrheit entnimmt, alle Rückkehr in sich ihm unnöthig, ja gefährlich macht und leider alles das aussöhnen soll, wessen ihn diese Rückkehr in sich selbst bitter zeihen würde. Ein schädliches Opium dem Kranken! Zn weniger Zeit kann es ihm unentbehrlich werden; desto mehr aber schwächet und lähmet cs auch den gesunden Gebrauch seiner Kräfte. Herders Werke;. Rel. u. Theol. XU. E c 402 Von Religion, 16. Man spricht von Religions-Uebungen. Natürlich sollte man darunter Handlungen verstehen, da man Religion wirklich übet; solche aber verstehet man nicht. Man meint müßige Vorübungen, die uns gewöhnen sollen, Religion einmal zu üben, indeß wir jetzt lesen, hören u. f. Heilsame Vorübungen, wenn sie diesen Zweck erreichen! Erreichen sie ihn nicht, sind cs gar Uebungen, die von wahrer Gewissenhaftigkeit gerade abführen; ach, so gelangt man gewiß nicht zum Ziel, wenn man das Mittel selbst zum Zweck machte oder auf halbem Wege aus- ruhtc. Kein Heide z. B. würde exsicltm xiamria genannt haben,, was wir gewöhnlich so nennen; seitdem aber, dem Begriff der Schrift zuwider, die Religion ein müßiger Actus auf Gott geworden ist; so übet man gern die müßigsten, als waren sie die frömmsten Actus, in dem bösen Wahn, daß unsre Religion Gott etwas gebe, Gott etwas leiste. Ein Wahn, der alle Religion aufhebt. Von Gott kommt Religion, d. i. Gewissenhaftigkeit in den Menschen, die er sodann gegen andre übet, (i Joh. 3, 3 — 24.) rs. Man hat die Frage aufgeworfen: ob ein Rechtschaffener ohne Religion seyn könne? „Ohne Lehrmeinungen" wollte man sagen; sonst beantwortete sich die Frage selbst. Aechte Religion kann ohne Rechtschaffenheit nicht seyn, und innigste Rechtschaffenheit ist Religion, worin man sie auch erweise. Der Richter, der Handwerker, (die Magd, die die Gasse kehrt, sagt Luther,) wenn sie ihr Werk gewissenhaft thun, üben Religion; wahrer als die Nonne, die den nicht verstandncn Psalter betet. Mögen Jene dabei ausführlich an Gott denken oder nicht; gnug, wenn sic in einer Gemüthsfassung sind, als ob sie an ihn gedachten. — Daß aber ein Rechtschaffener ohne solche und andre Lehrmeinunqen seyn könne und seyn dürfe, ist keine Frage. Er laßt jeder ihren Werth, nimmt von allen das Beste; keine aber soll ihm die Stelle der Religion vertreten. 18. „Wie thut man eine Handlung mit Religion ?" Wenn man sie gewissenhaft thut; die heiligste Religionshandlung kann irreligiös, d. i. gewissenlos verrichtet werden. Ein Sacrament z. B. das ohne Angelobung und Verpflichtung des Gemülhs begangen wird, ist ein bloßer Ritus. Du, der beim Scra- menl, in wie wenig Worten es auch sey, die sich Verpflichtenden nicht gewissenhaft zu dem ermahnt hast, wozu sie sich verpflichten; du andrer, der du zu ihm weder Gewissen noch Ernst mitbringst; ihr habt eine Religions-Handlung ohne Religion verrichtet. Der Samariter dagegen, der den Verwundeten auflud, und treu verpflegte, übte Religion, ohne daß er darüber mit sich selbst discurrirte. > 9 - Theologen, (neuerlich Rcligionsphilo- sophen) werden auf Universitäten gebildet; wo bilden sich Neligionslehrer und Führer ? Auch auf ihnen, Ec 2 Von Religion, 404 wenn theologische Facultatcn Pflanzschulcn für Lehrer der Religion werden. Es sey mir erlaubt, hierüber Worte eines Ungenannten anzuführen. 20. ,,Ausreiten werden sie zu diesem Zweck den Wahn junger Speculanten, als ob es vor ihnen weder Philosophie noch Religion gegeben habe und sie sich solche erst ausklügeln müßten. Denn wie eine ausgeklügelte Meinung nie Religion ist: so wird auf diesem Wege der Klügelei und der unwissenden Verachtung aller, die vor uns gelebt haben oder mit uns leben, der beste Kopf voll Spinneweben und leeren Wahnes. Ein Thor verachtet, was er nicht von Grund aus kennt, und keine edle Seele verunziert andre, damit sie allein prunke. Der Sehwinkel, in den man seit einigen Jahren die größten Geister aller Zeiten mit höchster Ignoranz ihres Sinnes und Werthes zu stellen gewohnt ist, verödet die ganze Heerstraße der Wahrheit, die mit vielen Pfaden dennoch zu Einem Ziel führet." 21. „Ausrottcn wird man den Wahn jungerDünkler, als ob , nachdem sie zu einem Moralgcsctz, das von ihnen seine Gültigkeit nehmen soll, sie sich einen Gott ausphantasiren müßten, der nur dadurch, daß er Ihrem Kunstwerk Beifall zuwinkt, ein moralischer Gott werde. Postuliren nennen sie diese Dichtung, mit einer Gebehrde, als ob sie Schöpfer Gottes waren, dessen Daseyn, in der ganzen Lehrmeinungen und Gebräuchen. 4»5 Natur nicht zu finden, aus ihrer übersinnlichen Freiheit emporsteigen soll, als ob diese nicht zur Natur gehöre." 22 . „Verbannen wird man jene neukappadocische Sprache, die allen unsern Vorfahren unverständlich, in keine fremde Sprache übersetzbar ist. In ewigen Tavtologieen und ellenlangen Zwitterworten laufen grobe Spulräder schnurrend umher, an die im rohesten Knotensaden jeder hölzerne Kopf hinanspinnet, was nach seiner Meinung von Anbeginn der Dinge Gott und Menschen gedacht haben müssen, wenn sie achte Religionsphilosophcn waren. Kaum fanden Wir uns auch in Vortragen der Religion einer aus dem Latein übersetzten scholastischen Schulsprache halb und halb entkommen: so stürzt, Wolke auf Wolke, ein Stein - und Gewücmregcn neuer Wortformeln hinan und überschüttet Lehrstühle, Kanzeln und Altäre. Etwas anders als diese kappadocische Sprache haben die Frechen nicht gelernet." 23 . So der Ungenannte. Wollten wir, meine Brüder, der gestimmten Sprache unsrer Vorfahren, Luthers und so viel andrer würdigen Schriftsteller unsrer Nation entsagen? sie in den Schatten drängen, weil sie dieses neuen Dialekts unkundig, frei und natürlich schrieben? Der Religion gebührt die Sprache des Volks, eine reine herzliche Verstandessprache. 24. Und da von Erasmus und Luthers Zeiten an sich auch in unsrer Nation so viele würdige und Von Religion, 406 große Männer bemühet haben, *) um Lchrmcinun- gen von Religion zu scheiden, die Schrift kenntnisreich und gewissenhaft zu erklären, sollten wir die gesammte Mühe dieser Männer in den Abgrund wer- ,fen und unsre Bibel einer Deutung übergeben, die uns ihre Figmente über eine alte Geschichte als Religion constituirc? Seht ihren wurzellosen Baum sogenannter übersinnlicher Freiheit, an dessen kahlem Gipfel ein selbstgemachter Herrgott webet. *) Mit Hochachtung nenne ich nach Luther und Melanchthon die Namen Peltican, Gro-, tjus, Franke, Spener, Werenfels, Sack, Semler, Ernesti, Morus, Titt- mann, Teller, Nößelt, Griesbach, Niemeier, Reinhard, R 0 senmüller, Hufnagel, Löfler, Eckerman, Henke U. f. Lehrmei nungen und Gebräuchen. 4«7 VII. Vom Christenthum und Antichristenthum. i. Widersacher nennen wir den, der unsrer Sache zuwider handelt; der gefährlichste und listigste Widersacher ist, wer meine Worte gegen meinen Sinn und Zweck, d. i. gegen mich selbst brauchet. 2 . Es ist uns sehr gleichgültig zu wissen, wen Paulus oder Johannes unter dem Antichrist verstanden. Natürlich nannten sie, Umstanden der Zeit nach, Jeden also, dessen Sinn und Handlungsweise sie dem Sinn Christus entgegen setzten, und gebrauchten den Ausdruck nach der Weise eines alten Weissagers *) als ein Bildwort, (coUeativurn.) So wenig nun Daniels Anti-Judaist, Antiochus, zu ihren Zeiten lebt, so wenig darf uns kümmern, wen Paulus unter seinem Antichrist zeitmäßig voraussehe und in der Sprache des alten Sehers schildere. Der Hauptbegriff des Worts konnte kein *) Da», rr, 36. 37. 406 - Bon Religion, andrer scyn, als: „Antichrist ist, wer dem Sinn Christi zuwider denkt und lehrt und handelt." Die Form desselben hat sich mit jedem Zeitalter verändert. Also lasset uns Beispiele geben. ' Erstes Beispiel. Wenn Christus sagt: „es giebt keinen Gott anständigen äußern Cultus. Gott will, daß man ihn im Geist und in der Wahrheit anbete und ihn dadurch liebe, daß man als sein Kind, d. i. ein freier edler Mensch, statt Gottes auf Erden handelt Und dagegen ein andrer sagt: „allerdings giebt es einen äußern Cultus. Durch solche und keine andre Worte, Formeln, Litaneyen und Gebräuche will Gott verehrt seyn. An ihnen hangt Gottgc- fälligkeit, Heil der Welt; sie sind die ausschlicßende Bedingung aller Seligkeit in diesem und einem ewigen Daseyn;" Wie wollen wir diese Behauptung nennen, mit der man Jahrhunderte lang entschied und schied, richtete, haßte, verfolgte? Wie anders, als Anti- christcnlhum? Ueber welche Formeln, Gebräuche und Satzungen es sich auch erstreckt habe; die Regel selbst war antichristisch. Zweites Beispiel. Wenn Christus wahre Religion einzig darin setzt, daß jeder aus eignem Erkenntniß mit innerer Lust und Freude seine Pflicht thue, dazu keine äußern Treiber bedürfe, weil er nicht etwa nur die scharfe Regel des Rechts und Unrechts, sondern den inner» Lehrmeinungen und Gebräuchen. 409 Treiber zur aufopferndsten Liebe und Großmuth, den Geist Bottes in sich habe; mithin moralische Bildung zum Wesen des Christenlhums machte; Und dagegen ein andrer sagt: „Der Direktoren eures Gewissens könnet ihr nie entbehren; ihr müsset ihnen sogar in dem folgen, wie euch der Geist treibe? damit ihr nach Vorschrift derselben erleuchtet, wiedergcboren, gerechtfertigt, geheiliget werdet. Ewig wiederholt und zergliedert müssen diese jüdische Tropen werden; das Recept dient euch statt Arznei und Gesundheit." — Falls auch jede Formel des Recepts aufs beste verstanden und ausgelegt würde, wie könnte man diese Behandlungsart menschlicher Seelen nennen, als Antichristenthum? Dem Sinn und Zweck Ehristi zuwider hat sie die Menschheit in ein Rohes, Todtcs, Liegendes verwandelt, mithin gerade das Gegcntheil bewirkt von dem, was Er wollte. Das menschliche Gemüth, das Jesus zu einer eignen moralischen Bildung, zur Freiheit einer willigen Religion erhob, bog sie mit moralitätslosen Unbegreiflichkeiten in die elendeste Geistes-Sklaverei zurück, in eine nie aufhörende Formelnknechlschaft. Und doch kann niemand geholfen werden, als wer zur eignen Erkenntniß der Wahrheit gelangt und ihr gemäß seinem Gewissen folget. Drittes Beispiel. Wenn Christus sagt: „aufs Herr-Herr sagen kommts nicht an, sondern auf Uebung im Willen Gottes. Einzig daran wird man erkennen, daß ihr Von Religion, 41c, meine Jünger seyd, so ihr euch unter einander liebet. Ein gottwürdiges Geschlecht könnet ihr auf keine Art werden, als durch Güte ohne Ausnahme, durch eine verzeihend - überwindende Großmulh." Und dagegen ein andrer sagt : „allerdings kommt a l les darauf an , nicht blos daß, sondern auch wie du Herr! Herr! sagest. Denkest du dir z. B. bei dem Wort Sohn Gottes nicht gerade das Rechte, wobei gar kein Gedanke statt findet, (weß- halb es auch ein unerforschliches Geheimniß heißet;) stellest du dir den Actus seiner ewigen Erzeugung im mindesten anders vor, als ihn die Concilien bestimmten, die bei der ewigen Erzeugung zugegen waren; ehrest du den Saum und die Naht, die jene Vater zwischen Christus beiden Naturen überzwerch, zwar nicht sinnreich, sondern etwas grob, aber desto haltbarer zogen, ehrest du diesen Schncidcrscherz nicht; so sind Vater, Sohn und Geist dir in Ewigkeit zuwider. Sie vergessen dir die kleinste Abweichung von ihrer genealogisch - herausgesetzten Titulatur nie!" — Ist ei» erbärmlicher Anti-Christenthum denkbar? Viertes Beispiel. „Niemand ist gut, sagte Christus, als der Einige Gott; willst du zum Leben eingehen, so halt die Gebote." Und warum .wies er, selbst der Auferstandene, jede Anbetung seiner körperlichen Gestalt von sich? Warum wählt Johannes, wenn er vom Erhöheten spricht, den bildlosesten Ausdruck. „Wort Lehrmeinungen und Gebräuchen. 411. Gottes, Machtwort und Entwurf der Schöpfung, die ewiqe Regel zum Leben, zum Licht, zur Seligkeit Aller?" Warum stellet er lieber die eherne Schlange als ein Mittel der Genesung, lieber das erwürgte Lamm als das Symbol des unschuldig Gctödteten dar, und laßt den bei Gott Lebenden in einer unanschaubarcn Gestalt erscheinen? Warum wollen die Apostel den Erhöhet«» 'nicht mehr nach dem Fleisch, d. i. nach den Umstanden seines sterblichen Lebens, sondern als den in seiner Lehre, in seinem großmüthigen Vorbilde, in seinem Werk Verklärten, nur als Weisheit, als höchste Tugend und Bestrebung zur Freiheit des Geistes erkennen und verkündigen? Wenn dem Allem zuwider eine gemeine Vorstellungsart am körperlichen, am jüdischen Christus haftet und über ihm Lehre, Vorbild, Werk, seinen Zweck und Geist vergißet und aufgiebt, 'indem sie entweder an sogenannt-unerforschlichen Geheimnisse» oder an verlebten Wundern schnitzt und deutet; ist sie Christenlhum oder Antichristenthum zu nennen? so viel sie auch von Christo rede. Daß ganz und gar nicht mehr kenntlich sey, wer er war, was er wollte, überdeckt sie ihn mit dem Mantel der Ehre voll orientalischer Buchstaben und Figuren. Um diese an sich fortwährend entziffern zm lassen, stehet der arm- und reichbekleidcte da. War das sein Zweck? Erfüllet ihr mit diesem ewigen Entziffern, d. i. toller und toller Deuten seine Absicht? 4>2 Von Religion, Fünftes Beispiel. Wenn alle Apostel darauf hinausqehcn, eine alte Zeichensprache mit ihren sogenannten Mysterien als ein ABC Buch, als eine verlebte Schatten, spräche wegzubringcn, daß ihrer künftig nicht mehr gedacht werde; und ein andres Christcnthum zu ju- daisircn nicht nur fortsahrt, sondern den Erleuch- ter der Welt selbst zu einem viel dunkleren Typus macht, als Hohepriester, Osterlamm, Stiftshütte, die rothe Kuh und der schwarze Bock je waren; wie wollet ihr dies nennen? Christenthum oder Judaismus? Abgcthan eben sollte jene alte Zeichensprache werden : denn ihre Zeiten waren vorüber. Vergessen sollte sie seyn und mit reinen Worten den Menschen gesagt werden, worauf ihr Heil ankomme und was Gott von ihnen begehre. Ausgetilgl sollte eine alte Bilderschrift seyn und jedem Menschen seine Vorschrift lebendig in Herz und Seele leben. Dazu eben war das Christenthum gestiftet. Eine Lehrvcrfassung, die diese Absicht, den Rath und das Vorbild der Apostel, die deutliche Vorschrift Christi selbst so wenig befolgt, daß sie ihm sogar alle Typen und Symbole sammtlichcr in seiner Nation geschriebenen Bücher aufgcladen hat und ihn jahrjahrlich nach Gelegenheiten und Festen als den großen Typus vorzcigt, durch dessen gläubiges Anschauen und Ergreifen der frechste Sünder ein Gerechter, der boshafteste Formulant das liebste Kind Lehrmeinungen und Gebrauchen. 413 Gottes, der frömmelnde Böscwicht im Tode ein Reichbcgnadigtcr wird, a» dem die Fülle des fremden Verdienstes eben in ihrer ganzen Macht erscheine; getrauet ihr euch, diese gott- und sittenlose Vorstellungsart Christenthum zu nennen? Zu ihr zu gelangen mußte ja die ganze Schrift verdrehet und allenthalben es zum Capitalverbrcchcn gemacht werden , wenn jemand sie natürlich anzuschen und auszulegen wagte. Sechstes Beispiel. Christus ist ein Versöhner, d. i. ei» Vereinige,-, Zusammenbringer, Friede- und Harmoniestifter nicht nur zwischen Menschen und Gott, sondern auch zwischen Menschen mit ihnen selbst und ihrem innersten Bewußlseyn, zwischen Menschen und Menschen, Völkern und Völkern. Kein schöneres und eigentlicheres Wort kann von ihm genannt werden, als Friedestifter, Versöhner: (xaraXXtto-crcav, aonciliawr.) Denn Religion ist Harmonie mit sich und Allem; sie vereinigt und versöhnt die Welt mit einander; sie wirkt Friede dem Universum. Nun aber, wenn das edle Wort so mißverstanden wird, daß ein blutgieriger Leu durchs Blut eines Unschuldigen befriedigt, daß durch ihn die göttliche Gerechtigkeit und Heiligkeit betrogen, die ewige Regel des Rechts und der Wahrheit nicht etwa lieber gar zerbrochen, sondern feingekrümmt habe werden müssen, damit diese ausstudirte Krümmung künftighin für alle Zeiten Regel der Religion werde. 4>4 Von Religion, Wie stimmet Christus mit Belial? welche Gemeinschaft hat der reine Tempel Gottes im menschlichen Gcmüth mit dem Gerichtshöfe des frechsten Betruges? Der Vater des Menschengeschlechts , auch des verirretcn Menschengeschlechts Vater, war selbst in Christo; Ec, von dem alles Gute kommen muß, that den ersten Schritt zur Versöhnung, d. i. der Zurückbringung des verlornen Kindes. (2 Cor. 5, rö — 20 .) Botschafter wurden ausgesandt, um zu dieser Wiederkehr cinzuladcn, um eine allgemeine Harmonie der Menschen und Völker unter Eine Re» gel des Heils zu verkündigen. Ohne Ansehn der Person und der Geschlechts-Abkunft; die Hintansetzung des sogenannten Volks Gottes ward eben als ein offenbarer Erweis dieser unpartheiischen Völker- vercinigung xocr/tö) betrachtet. Zu einem nicht mehr jüdischen Gott, zum allgemeinen Vater der Menschen sollte jeder treten dürfen, wer ein reines Gewissen habe; ohne dies reine Gewissen aber trete man den Sohn Gottes mit Füßen, mache sein Werk, durch welches man geheiligt werden soll, zu einem Mittel der Unreinigkeit und schmähe den Geist der angcbotnen väterlichen Aussöhnung. So spricht die Schrift. Eine Lehrmcinung, die den Anfang und das Ende, d. i. Ursache und Zweck dieser Botschaft verstümmelt, um sich am blutbe- sprcngten Gnaden - und Sündendeckel festzuhalten, hat sie die Schrift ausgelcgt oder verfälschet? Wer andre Schriftsteller so interprelirte, würde er nicht der ganzen Welt zu Spott und Hohn? Christus hat gnuggethan d. i. er hat sein Werk vollendet. Und wenn Ihr dreißig Eigenschaften Gottes pcrsonisicirt herführel; sie sind befriedigt: denn die einzige und allgemeine Regel des Menschenheils ist durch ihn nicht nur festgestellt, sondern bis zur schwersten Hohe erprobt worden. Eben dazu that er den Willen Gottes strenge gnug, daß fortan keine entschuldigende Tauscherei des Nichtwissens, Nichtübenkönnens, der Dispensationen durch Opfer, Gebrauche, fremder Zurechnungen u. f. stattfande. Der Unschuldige starb als Sünder, d. i. als ein Betrüger, Aufrührer, Verführer, die Schmach seines Volks und Vaterlandes; großmüthig ertrug er diese Schmach, treu seiner Ueberzcugung, der guten Sache und seiner Pflicht getreu bis in den Tod; Einer für Alle, damit fortan keiner ihm selbst, sondern dem Menschengeschlecht lebe, für dessen Wohl sich der Edle gewissenhaft hingab. Lebet Jemand fortan ihm selbst, (spricht die Schrift) d. i. glaubt er sich für sich allein geboren, (geschweige, daß er in Unterdrückungen zu leben fortführe;) so kommt bei seiner Strafwürdigkeit im Ehristenthum eine fremde Gnugthuung ihm um so weniger zustatten, da eben ja die Gnugthuung Christi, d. i. sein vollkommener Gehorsam unter dem Gesetz der Pflicht bis zum Punkt der schwersten Aufopferung, Ihn als den frcchestcn Missethater zeihet, verdammet, verachtet. Wer ein fremdes Verdienst und zwar dies Verdienst sich zugcrechnet wissen will, Von Religion^ 416 dos eben darin bestand , daß fortan alle fremde Zurechnungen und Dispensationen als unwürdige, schädliche Tauschereien abgcthan werden sollten, der ist schaamlvs oder der Sinne beraubet. So spricht die Schrift, so stellet s i e uns die durch Christum geschehene Erlösung, d. i. wirkliche Befreiung aus dem Zustande der heidnisch-jüdischen Unmoralität dar. Wie? und Christus soll, indem er für die Regel der Wahrheit und einzigen Tugend, der Men- schcngüle und Gewissenhaftigkeit starb, den Grund zu einer ewigen Betrügerei zwischen Gott und den Menschen, der Menschen gegen sich und gegen einander gelegt haben? Er, der sein-Leben daran wandte, daß diese Täuschungen, diese unmoralischen tzuicl xro yuo aufhören möchten, der ein Opfer ward, damit keine Opfer mehr waren, dessen Tod eben dadurch der Welt verdienstlich ward, daß jene Blendwerke fremder Zurechnungen und Verdienstlichkeiten endlich verschwänden; Er soll Eurer Sün- dcnbock werden? Die Schmach eines wahren Betrügers bürdet ihr ihm auf, der gestorben sei damit wir nicht los vom Betrüge, sondern dem feinsten Betrüge aufs neue und ewig verhaftet würden ? So wäre er ja der größcste Uebelthätcr, der auf ewige Zeiten hin gewissenlose Frevler vor Gott zu Gerechten machte. O warum mißbrauchen wir eine alte Sprache, deren Sinn und Genius uns so ganz und gar fremd ist? denn nur dieser Fremdheit mag ich es zuschreiben, > daß daß man sie so widersinnig mißdeutet. Wenn z. B. das Blut des Osterlammes den Juden ein Zeichen der Verschonung ihres Geschlechts, mithin Erinnerung einer Uebcrsehung ihrer Fehler, nicht minder das Symbol ihrer Errettung, ihrer Constitution zu einem eignen sreien Volk, das Denkzeichen künftiger Befreiungen war u. f.; so war Christus selbst dieser Sprache des alten Symbols schon so müde, daß er seinen Freunden empfahl, künftig lieber nicht an die alte, sondern an eine neue Befreiung zu denken und statt des blutigen Opferfestcs, ein Freundes- ein Bundesfest zu fciren. Mehrere Apostel, um jene alte Blutsprache wegzubringen, nennen die Hingabe Christi ein süßes Wcihrauchopfer, eine Vollendung des Heiligen, der durch diesen Gehorsam bewahrt werden müssen, damit er in das Allerheiligste, in die Adyla des Himmels gelangte u. f. Sie veredeln die gewohnten Bildausdrücke, um das Unwürdige wegzubringen; und wir, denen jene Ausdrücke ganz fremde sind, die wir keine dergleichen aus der Vorstellungsart der Völker wegzuschaffen haben, wir wollten sic, dem Zweck der Apostel entgegen, ins Ohr der Menschen pflanzen und darin mit dem schädlichsten Mißverständnis; fcsthalten? Unnatürlich wollten wir alte morgenländische Gewächse pereuntren machen, die vor zweitausend Jahren schon vertrocknete Blatter, abgestorbene Schattengewachse waren? Für uns sind diese Ausdrücke nicht mehr ausdrückend; vielmehr unterdrücken sic, wie der Erweis ganzer Jahrhunderte zeiget, den Sinn des ganzen Werks Christi und heben alle wahre Moralität auf. Denn, wie grobe Heeders Werke z. Rel. in Theol. XII. D d Von Religion, 4 »8 Msbräuche haben fleh z. B. an die Worte Gnug- thuung, Blut, Sündenvergebung u. f. geknüpfet! Achtes Beispiel. Ursprünglich deutete das Wort Sündcver- gebung die väterliche Großmulh Gottes an, da er seiner schwachen Kinder Fehle zwar kennet aber übersieht, und dennoch Wohlthaten erweiset. So in den Psalmen und Propheten; im Geist Christi, der jeden Begriff von Gott Menschen - veredelnd dacht», ward diese väterliche Großmulh Gottes unser aller Vorbild. (Matth. 5 , 44. 46.) Bei der Befreiung des Volks aus Aegypten ward Verschonung (Passah) der Name des Festes. Vielleicht, daß der Gesetzgeber im Sinn hatte, es an einem einzigen Blutzeichen gnug seyn zu lassen und den Gott, den ihm die Stimme ankündigte, den Langmüthigen, Gnädigen, der Sünden Übersicht, der Gebrechen heilet (2 Mos. 34, 6. 7.) seinem Volk bildlos rein zu geben. Als aber die rohe Nation, die um ein goldneS Kalb hüpfte, ihn zu härteren Gesetzen zwang, so kleideten sich auch diese in das Gewand einer Verschonung. Der Verbrecher mußte selbst erscheinen, sein Verbrechen selbst bekennen, die Hand auf eines Opfcrthicrs Haupt legen und sich dadurch der Lehrmeinungen und Gebräuchen. 41g Straft werth achten; die dem Gesetz nothwendige Härte ward dadurch mit Milde gemischt, körperlicher Zwang nahm die Gestalt einer freien Darbringung an, dem Schuldbekennenden ward die Straft in eine „Verschonung" verwandelt. Diese Verschonung hieß Vergebung d. i. Aufhebung einer Sünde, die jedoch nicht ohne Büßung war: denn die Darbringung selbst, die Stellung am Zelt de- Nationalgottes, das eigne Bekännlniß des Verbrechens oder Vergehens war B ü ß u n g. Auch dem christlichen Pfaffenlhum entging dieser Sinn nicht, es legte Bußen auf; es vergab nicht ohne Ahndung und blieb dadurch wenigstens sich und dem Judenthum treu. Dagegen eine SündenvcrqA'ung in Bezug auf eine fremde Büßung der klarste Spott ist, den man mit Schrift und Religion treibet. „So wir muthwillig sündigen, sagt jene, nachdem wir die Erkänntniß der Wahrheit empfangen haben, haben wir fürder kein Opfer mehr für die Sünde;" denn alle bildlichen Substitutionen hat die Offenbarung der Wahrheit aufgehoben, „daß in moralischen Dingen keine Substitution, keine V i c a ri a t s b ü ß un g stattfinde." Wer sündigt, wird gestraft; jede Sünde ist Strafe. Jene Gräuel der alten Zit, Mißverständnisse, Jrrthümer, Laster, Schwachheiten sind weggeihan, daß hinfort eine neue Zeit sei, in der Jeder für sich stehe und heilig sei, wie Gr. (1 Joh. 2, r — 4. 3 , 3 . 2 Gor. ü, 14 — 21.) Das Alte ist vergangen; Alles ist neu worden durch das uncr- Dd r Won Religion, 20 läßliche Gesetz, daß nur der Mensch von wahrhaftigem Herzen, loS vom bösen Gewissen, zu Gott treten dürfe, daß die Gemeine Christi eine Versammlung Geweihter sei, an der ein Gottgeweihter das Haupt ist. Die Zeit der Unwissenheit sei vorüber; jetzt gebiete Gott Jedem Aenderung seines Sinnes, eigne Rechtschaffenheit, Wahrheit. Christus, als Formular- Sündenvergeber sei ein Gräuel der Verwüstung des Christenthums an seiner heiligsten State. Dank den edeln Männern, die diesen durchgehenden klaren Sinn des neuen Testaments rein und mächtig entwickelten und ihm treu blieben. Sie befreieten dadurch das Christenthum von dem bittersten Vorwurs, der seinem falschen Nachbilde mit Recht gemacht ward , daß es, arger als das büßende Judenthum, eine innere Heuchelei und S c e l e n v e r s ü h r u n g gründe: denn nichts ist leichter aber auch unwürdiger als sich fremdes Verdienst zurechnen lassen, und um seine; Ungerechtigkeit zu decken den Rock einer fremden Gerechtigkeit ergreifen. Durch keine neue Religionsphilosophie, meine Brüder, wollen wir uns wieder unter dies Joch abgelegter grober Mißverständnisse der Bibel fangen lassen.' Der Rock Christi ist ungenähet und unzerlheilbar; Räuber oder Knechte stnds, die um ihn würfeln. Denn ist wohl eine Tugend ohne die andre denkbar? Rechne ich mir eine fremde Demuth zu, um meinen Stolz zu bekleiden, oder glaube, daß Lehrmein ringen und Gebrauchen. 42 r mit jener Dcmuth mein Stolz gebüßet sei; warum rechne ich mir nicht Summa Summarum alle mögliche Tugenden zu, die ich nicht habe und bringe meine sämmkliche Laster unter das Caput des Wurzel-Bösen in mir? Desto rascher schließt sich die Rechnung. Erster Einwurf. „Behalten wir aber nicht immer Fehler, die der Heiligkeit Gottes entgegenstehen? und bedürfen diese nicht der Repräsentation eines fremden Verdienstes ?" — O lasset uns mit der Heiligkeit Gottes keinen kindischen Spott treiben. Der Heilige ist auch der Allwissende, Schöpfer unsrer fchlbaren Natur und unser Vater. Kennet Er nicht, was in uns muthwillig und sorglos, oder unwissend und wider Willen geschieht? sind vor ihm nicht alle Gedanken und Grundsätze der tiefsten Tiefe unsrer Seele? Bedarf seine Liebe einer täuschenden Repräsentation? kann seine allwissende Heiligkeit einen Trug dulden, ja als Norm des Heils verfaßt haben, der alles Heil, Religion, Wahrheit und Moralität aufhcbt? Bittrer Spott einer betrognen Heiligkeit Gottes, einer kindisch sich selbst täusch e n d e n väterlichen Nachsicht. Wie edler spricht die Schrift hierüber! Zeiten der Unwissenheit hat Gott übersehen; denn ungerecht wäre cs, den unwissend Irrigen als einen an- o" ^.1 W 422 Von Religion, zusehen, der boshaft fehlte. Bei bcsserm Erkannt- niß der Wahrheit aber findet keine Jndulgenz statt; jede Sunde Hut ihren Lohn empfangen und empfängt ihren Lohn; freventlicher Irrthum strafet sich eben so wohl als freches Laster. Zweiter E i n w u r f. „Hat aber Christus nicht Diener bestellt, die Sünde vergeben und Sünde behalten?" Ja, und können wir die Absicht dieser menschenfreundlichen Anordnung nur Einen Augenblick verkennen? Eben sie warS, die jene Knechtsgewohnheit einer Sündenbüßung vor Priestern durch die Substitution eines Fremden völlig entfernen sollte; sie verwandelte das lobte Amt dcS Buchstabens in ein lebendiges Amt des Geistes. Denn wer sollte fortan Sünde vergeben? Statt Gottes Menschen, Menschen voll heiliges Geistes, Brüder. Nach dem Geist, der in ihnen war, sollten sie über brüderliche Vergehungen menschlich d. i. gewissenhaft urtheilen, also auch Rath geben, die moralische Ucberzeugung ihrer Brüder starken und sie zu eigner Sicherheit führen. .Nicht über den Wolken sollte man Trost und Belehrung suchen, sondern bei Menschen; bei Menschen, dre Schwachheit kennen, weil sie selbst Schwachheiten haben, in denen aber der Geist, d. i. ein unbestochenes Gefühl der Wahrheit spräche. Diese sollten auf- Lehrmeinungen und Gebräuchen. 423 muntern, die Gewissen erleichtern, frevelnde Frechheit zurückhalten und mit dem ernsten Siegel der Wahrheit bezeichnen. Zu dem Allgütigen lehrte Christus beten : ^vergilb mir meine Sünden, wi e i ch a n d e r n v er- gebc" und setzte hiemit von Gottes wegen allen Gewissensscrupeln ein unbestechbares, Menschenfreundlich - moralisches Pressegesetz entgegen; „statt über deine Vergebung bei Gott zu skrupuliren, sprach Christus, gehe hin und vergib deinem Bruder." Um aber auch in Mens ch c n den brüderlichmoralischen Sinn über Vergehungen, Schwachheiten und Fehler auszuwecken, zu läutern, zu stärken, daß sic durch Beiralh, Trost und Warnung die schwerste Last des Lebens, das Bewußtseyn thorich- ter Verirrungen gemeinschaftlich tragen lernten, und die Angst der Gewissen, die schwerste Angst, brüderlich theilten, rief er die Sündenvergebung gleichsam vom Himmel hernieder und gab 'sie, nicht Priestern, sondern Brüdern, Geist- und Kraftvollen Menschen. Absichtlich hatte er oft die Heuchler geärgert, daß Er Sünden vergab, obwohl er kein Priester war. Er sprach Trost zu, weil er ins Herz der Menschen sah, wo dieses Trost bedurfte; und wie ihm, eben dieses vielgeprüften, mitleidcn- den Herzens wegen die Macht dcr Sündenvergebung gegeben war, weil er menschliche Herzen kannte; (Ebr. 4, 14 — 16. 5 , r— g.) so legte er diese brüderliche Trostpflege und Wahrhcit- rügc als Amt des Geistes als unverletzbar heilige Pflicht auf. 424 Von Religion, Wohin diese Pflicht und Macht gediehen ist, zeigen unsre Beichtstühle. *) Aufs frechste spotten ihrer die, die sie befördert und eine so niedrige Formular-Bettelei als Nothbchelf veranlaßt haben. Wahrscheinlich wird in ihnen, da sie etwas enge sind, *) Unter allen mir bekannten Schriftstellern hat von der Macht des brüderlichen, ihm sogenannten Ablasses niemand stärker und menschlicher gesprochen als Luther; Er, der dieses Zuspruchs selbst oft bedurfte. Die Stellen darüber in seinen Schriften sind das Bündigste, was über diese Institution Christi gesagt werden kann. Trotz aller erfolgten Mißbrauche, wer ist, der nicht den großen menschlichen Sinn des Stifters, auch in dieser Einsetzung, erkenne, beider, ohne Gedanken an Priester, Bildung eines richtigen moralischen Gemeinsinnes unstrc i- tig die Absicht war. Was macht das menschliche Geschlecht einander unerträglicher, als Mangel dieses Sinnes oder seine Verkehrtheit und Stumpfheit? Was entfernt die Menschen mehr von einander als Mangel des Zutrauens, verhaltener Groll, geheime Feindschaft? Was macht sie lasterhafter und stupider, als ein verstockter, verschlossener Sinn? Gegenseitige Eröffnung des Herzens, Rathbcfragung und Rathertheilung bindet und löset die Gewissen wirklich. Wer mir einen Zweifel, eine Beklemmung entnimmt, ist moralisch mein Gott auf Erden» Lehrmeinungen und Gebrauchen. 425 sind, von Einer und der andern Seite das moralische Gefühl selten gelautert und gestarket, wohl aber verwirret, zerknickt, verderbet, insonderheit in Städten des Luxus. Jeden Menschenfreundlichen, brüderlich - Rathgebenden Mann verlaßt indeß sein guter Geist auch nicht im Beichtstuhl. Herders Werke z. Rel. u. Thcel. XIl Ee 426 Von Religion, Schluß. Ob bei dem so Ungeheuern Äntichristenthum, dos in Lehrmcinungen, Gebräuchen und Formeln unser Christenthum deckt und die Sinne der Menschen Jahrhunderte lang verwildert Hot, reine Christus-Religion je nufkommen werde? Wer wollte daran zweifeln? In aller Menschen Herzen ist diese geschrieben; obwohl mit Unrath überdeckt, glanzt ihre Schrift hervor, unaustilgbar, unverfälschlich. Sie heißt Gewissenhaftigkeit in allen menschlichen Pflichten, reine Mensche n- güte und Großmuth. Der Bosheit selbst unüberwindbar, der verachtenden Schmach unbe» zwinglich, ist sie auf Selbstverlaugnung gebauct und wird in jeder Beziehung des Lebens nur durch diese befestigt. Die Gottseligkeit selbst ist zu ihr nur Mittel, aber das kräftigste Mittel, wie Christus Vorbild zeiget. Die Theilnehmung andrer, thatig und leidend, vermehrt diese gemeinsame Wirksamkeit, den Geist der Religion: denn Religion will und schafft Gemeinschaft. Ob hiebei der Name Christi litancimaßig genannt werde, ist dem Erhoheten gleichgültig. Der groben Mißverständnisse, des heuchlerischen Anti- christenthums wegen haben sich viele am heiligsten Lehr Meinungen und Gebräuchen. 427 Namen vereckelt, so daß zu unsrer Zeit Stärke der Seele dazu gehört, dieser ungeheuren Mißbrauche wegen bisweilen nicht das ganze Gebäude von Grund auf neu zu wünschen. Wer Schlacken von Golde zu unterscheiden vermag, wird sich indeß nicht irre machen lassen und den Helden der Menschcngüte, den stillesten Wohlthäter seines Geschlechts in seiner Art, d. i. schweigend und nachahmend ehren. Am Namen „Zhristianer" der von den Griechen dem Christenvolk als einer Sekte gegeben ward, (Apost. 11,26.) liegt wenig; gehe dieser unter, oder bleibe. Wie nannte sich Christus? Den Mcnschensohn, d. i. einen einfachen, reinen Menschen. Von Schlacken gereinigt kann seine Religion nicht anders als die Religion reiner Menschengüte, Menschenreligion heißen.