»66 Vom Geist des CH r istcn th u m S.
Siebenter Abschnitt.
I. Geist, entgegengesetzt einer tobten Formvon Schattengebräuchcn.
i.
Jede Form veraltet; kaum aber hat cs in derGeschichte eine Religionsform gegeben, die sich sicht-barer überlebte, als das mosaische Judenthum, ebenweil es in so frühen Zeiten bei völliger Kindheitder Nation als eine lebendige Anstalt zeit-mäßig und national angeordnet gewesen war. EineZeitlang hatte es mit lebender Bedeutung forlge-dauret; mit Veränderung der Umstände und desZeitgeistes erkrankte und erstarb es allmählich; auchdie Vermischung mit parsischen Begriffen hatte ihmkein ewiges Leben einhauchcn mögen. Langst hattejeder Gebrauch den Gei st, d. i. seine ursprünglich-prägnante Bedeutung, seine sprechende oder zwing-ende Gewalt verloren; zuletzt standen alle als einSchaugerüst da, das die Menschen nicht nur drückte,sondern das sogar Zwecke beförderte, die der ursprüng-lichen Stiftung ganz entgegengesetzt waren. Mansuchte daher einen geistigern, wenigstens erträglichenSinn in sie hincinzulegcn, oder tröstete sich mit demStolz, daß man ein uraltes, heiliges Joch trage.Indessen war und blieb das Judenthum ein ver-lebtes Ding. Die eherne Schlange, die nicman-