Vom Geist des Christenthums. 91.
willkührlichen Deutungen erklären, wäre offenbar eineVerwirrung der Zeiten, der Völker und des mensch-lichen Verstandes.
2. Die Schriften des alten Testaments, wennman die Apokryphen mitrechnet, begreifen dem In-halt nach einen Zeitraum von beinahe vier Jahr-tausenden; der Zeit der Abfassung nach stehen mancheStücke über ein Jahrtausend aus einander. Werdiese Bücher liefet, als ob alle von Einem Mann,in Einem Monat und Tage geschrieben seyn, ver-wirret abermals Zwecke und Zeiten. Denn ebendarin besteht ihr Zusammenhang, daß der Inhaltder frühesten nach Sache und Ausdruck allmählichentwickelt, und der alte sinnliche Sinn immer mehrzum geistigen Sinn werde.
3 . In eben solchem Zusammenhänge stehet dassogenannte neue Testament mit dem alten; es ent-hält eine Erfüllung desselben , wie sie damals gedachtund geglaubt ward. Wer sich auch hier nicht indie Denkart der Zeit stellt, um zu unterscheiden,was zum Wesen der Sache oder zum Beirath ge-höre, der vermag schwerlich die Geschichte oder dieMeinungen irgend eines, geschweige eines so präg-nanten und sonderbaren Zeitalters zuprüfen, in dem diese Bücher geschrieben wurden.
4. Was die Kirchengeschichte von Anwendungoder Deutung der Begriffe des Ehristenthums zeigt,begreift einen Zeitraum von mehr als anderthalbtausend Jahren. Wie viel konnte in denselben ge-träumt und mißdeutet, geordnet und mißbrauchtwerden! Kein Cvncilium aber verändert hier die