82 Vom Geist des ChrisienthumS.
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„Wie in diesem , (fährt mein fort) so trieb manauch in andern Stücken das Amt des Geistes.Indem man aus Geisteskraft anmaaßte, Sündenerlassen und behalten zu können, gab man oft nie-drigen Leidenschaften Raum, legte den Gewissen einJoch des Hercrzählcns aller Sünden auf, mit demmächtigen Kanon : „welche Sünde nicht bekannt wird,die wird auch nicht vergeben." So hatte man mitdem Sündenregister die ganze Charte der Verirrun-gen des menschlichen Geistes und Herzens in seinerGewalt. Man wußte, wie man Völkern, Ständenund Geschlechtern, man wußte wie man einzelnenMenschen nach den verborgensten Schwächen ihresTemperaments bcikommen konnte, und verstand siezu leiten. Herrschsüchtig oder gewinnsüchtig schmei-chelte man den Großen, gewann die Weiber, wußteden Betrogenen im Jrrthum, den Abergläubigen imAberglauben zu stärken. — Laß cs feyn, daß diesesAmt des Geistes in barbarischen Zeiten für roheVölker eine Schule der Erziehung habe seyn können;was sollte cs fortdaurend? Sollen die Menschen ewigebeichtende Büßer, arme Sünder und Sünderinnen,die Ruthe abbittende, ungezogene Kinder bleiben?Ein Greis, der einem Jünglinge beichtet, ein Kind,das einem lüsternen Mann die Geheimnisse seinesBusens aufschließt, beleidigen sic nicht die heiligeSchaam und Ehrerbietung, die den verschiedenenAltern und Geschlechtern gegen einander geziemen?Vollends im Zustande eines allgemeinen Sittenver-derbs , was vermag diese Vollmacht als ein todterBuchstab? Sie nährt und mehrt selbst das Sitten-