98 Ideen zur Philosophie
tolle und schwache Kaiser, also daß es dem Staatan einer herrschenden Uebcrsicht des Ganzen fehlte.Lange wurden die Christen nur unter dem Namender Juden begriffen, deren in Rom, wie in allenrömischen Provinzen, eine große Anzahl war. Wahr-scheinlich war e.s auch der Haß der Juden selbst, derdie ausgestoßcnen Christen den Römern zuerst kennt-lich machte, und sodann lag es in der römischenDenkart, daß man sie als Abtrünnige von ihrer vä-terlichen Religion, entweder für Atheisten, oder ihrergeheimen Zusammenkünfte wegen für Acgyptcr an-sah, die sich gleich andern Eingeweihcten mit Aber-glauben und Gräueln befleckten. Man betrachtete sieals einen verworfenen Haufen, den Nero die Schuldseiner Mordbrenner - Tollheit am ersten tragen lassendurfte; das Mitleid, das man ihnen über diese er-littene äußerste Ungerechtigkeit schenkte, scheint nurdie Barmherzigkeit gewesen zu seyn, die man einemungerecht gequälten Sklaven schenket. Weiter unter-suchte man ihre Lehre nicht und ließ sie sich fort-pflanzen > wie sich im Nömerrcich alles fortpflanzenkonnte.
Als die Grundsätze ihres Gottesdienstes undGlaubens mehr ans Licht traten, siel es den Rö-mern, die nur an eine politische Religion gewöhntwaren, vor allem hart auf, daß diese Unglücklichendie Götter ihres Staats als höllische Dämonen zuschmähen, und den Dienst, den man den Beschützerndes Reiches leistete, für eine Schule der Teufel zuerklären wagten. Es siel ihnen hart auf, daß sieden Bildsäulen der Kaiser eine Ehrerbietung, dieihnen selbst Ehre seyn sollte, entzogen, und sich vonallem, was Pflicht oder Dienst des Vaterlandes war,