» I. G. v. Herders sämmtliche Werke. Zur Philosophie und Geschichte. Sechster Th eil. M«» -E-'. Ideen. Vierter Band. Mit Großherzoglich Äadischem gnädigstem Privilegio. Carlsruhe, H im Büreau der deutschen Llassiker. 1820. Ideen zur Philosophie der Geschichte der Men sch heit. Vierter Theil. Philos. und Gesch. VI. LH. Ä läeen.. IV. Sechzehntes Buch -^^a wir jetzt zu den Völkern der nördlichen alten Welt kommen, die Eines Theils unsre Vorfahren sind, von welchen wir Sitten und Verfassungen empfangen haben: so halte ichs für unnvth, zuerst eine Vorbitte zum Besten der Wahrheit einzulegen. Denn was hülfe es, von Asiaten und Afrikanern schreiben zu dürfen t wenn man seineMeynung über Völker und Zeiten verhüllen müßte, die uns so viel naher angehn, als alles, was jenfeit der Alpen und des Taurus langst im Staube lieget? Die Geschichte will Wahrheit, und eine Philosophie zur Geschichte der Menschheit wenigstens unparcheiische Wahrheitsliebe. Schon die Natur hat diesen Strich der Erde durch eine Felsenwand unterschieden, die unter dem Namen des Mustag, Altai, Kitzigtag, Ural , Eau- casus, Taurus , Hamus, und fernerhin der Karpa- thischen, Riesen - Alpengebirge und Pyrenäen bekannt ist. Nordwärts derselben, unter einem so andern Himmel, auf einem so andern'Boden, mußten die Bewohner desselben nothtvendig auch eine Gestalt und Lebensweise annchmen, die jenen südlichen Völkern fremd war: denn auf der ganzen Erde hat die Natur durch nichts so dauernde Unterschied« ge- A u 4 Ideen zur Philosophie macht, als durch die Gebirge. Hier sitzt sie auf ihrem ewigen Thron, sendet Strome und Witterung aus, und vcrtheilet so wie das Klima, so auch die Neigungen, oft auch das Schicksal der Nationen. Wenn wir also Horen werden, daß Völker, jenseit dieser Gebirge an jenen Salz- und Sandseen der ungeheuren Tatarey, oder in den Wäldern und Wüsten des nordischen Europa Jahrhunderte oder Jahrtausende lang wohnhaft, auch in die schönsten Gefilde des römischen und griechischen Reichs eine Wan- dalisch - Golhisch - Scythisch - Tatarische Lebensweise brachten, deren Mcrkmahle Europa noch jetzt in manchem an sich tragt: so wollen wir uns darüber weder wundern, noch uns einen falschen Schein der Kultur anlügen, sondern wie Rinaldo in den Spiegel der Wahrheit sehen, unsre Gestalt darin anerkennen, und wenn wir den klingenden Schmuck der Barbarey unsrer Vater hie und da noch an uns tragen sollten, ihn mit achter Kultur und Humanität der einzigen wahren Zierde unsres Geschlechts, edel vertauschen. Ehe wir also zu jenem Gebäude treten, das unter dem Namen der Europäischen Republik berühmt und durch seine Wirkungen auf die ganze Erde merkwürdig oder furchtbar geworden: so lasset uns zuerst die Volker kennen lernen, die zu dem Bau dieses großen Riesentcmpels thätig oder leidend beytrugen. Freylich reicht das Buch unsrer nordischen Geschichte nicht weit: bey den berühmtesten Völkern erstrecket es sich nur bis auf die Römer, und so wenig ein Mensch die Annalen seiner Geburt und Kindheit weiß, so wenig wissen cs diese , zumal barbarische und verdrangete Nationen. Die Reste der Geschichte der Menschheit. 5 der ältesten werden wir meistens nur noch in Gebirgen oder an den Ecken des Landes, in unzuganqbaren oder rauhen Gegenden antreffen, wo kaum noch ihre alte Sprache und einige überbliebne alte Sitten ihren Ursprung bezeichnen ; indes ihre Ucbcrwinder allenthalben den breiten, schönern Erdstrich eingenommen haben, und falls sic nicht auch von andern verdrängt wurden, ihn durch das Kricgsrecht ihrer Vater noch besitzen und auf mehr oder minder tatarische Weise, oder durch eine langsam erworbene Gerechtigkeit und Klugheit billiger regieren. Gehabt euch also wohl, ihr mildern Gegenden jcnseit der Gebirge, Indien und Asien, Griechenland und ihr Italischen Küsten; wenn wir die meisten von euch Wiedersehen-, ists unter einer andern Gestalt, als no rbi sche Ueb e rwind er. I. DaSken, Galen und Kymren. «x)on allen den zahlreichen Völkerschaften» die einst die Spanische Halbinsel bewohnten, sind aus der ältesten Zeit allein die Basken übrig, die, um das Pyrenäische Gebirge in Spanien und Frankreich noch jetzo wohnhaft, ihre alte Sprache, eine der ältesten der Welt, erhalten haben. Wahrscheinlich erstreckte sich dieselbe einst über den größesten Theil von Spanien, wie es noch, aller Veränderungen ungeachtet, viele Namen der Städte und Flüsse dieses Landes zeigen *). Selbst unser Name Silber soll aus ihr seyn, der Name des Metal- *) S. InvestiAsriones disrorisss äs Iss Lnricsus, äsäes äs dlsvsrrs ^>or IVIsret, ksinploiis 1665. I,. I. Oilieilsrii notitis urrinsHus Vssconiss ?sr i6;g. I,. l, Insonderheit I,sr- rsrnesäi äiccionsrio trilingue, äs Iss per- teccione» äs ei Lsscusnse. H. Philo s. zur Gesch. der Menschheit. 7 kes, das, nebst dem Eisen, in Europa und aller Welt die meisten Revolutionen in Gang gebracht hat: denn, der Sage nach, war Spanien das erste Europäische Land, das seine Bergwerke baute, da es den frühesten Handelsnationen dieser Wcltgcgend, den Phöniciern und Karthaginensern nahe und bequem lag: cs war ihnen das erste Peru. Die Völker selbst, die unter dem Namen der Basken und Kan- tabrer sehr bekannt sind, haben sich in der alten Geschichte als ein schnelles, leichtes, tapfres, Frey- hcitliebendes Volk gezeiget. Sie begleiteten dcnHan- nibal nach Italien, und sind in den Römischen Dichtern ein furchtbarer Name: sie, nebst den Spanischen Celten, waren cs, die den Römern die Unterjochung dieses Landes am schwersten machten, also daß Augustus über sie zuerst und vielleicht auch nur dem Scheine nach triumxhirte: denn was nicht dienen wollte, zog sich in die Gebirge. Als die Vandalen, Alanen, Sueven, Gothen und andre teutonische Völker ihren wilden Durchzug durch die Pyrenäen nahmen , und einige derselben in ihrer Nachbarschaft Reiche stifteten, waren sie noch das tapfre, unruhige Volk, das unter den Römern seinen Muth nicht ver- lohren hatte; und als Karl der Große auf seinem Rückzüge vom Siege über die Spanischen Saracenen durch ihr Land zog, waren eben noch sie es, die durch einen listigen Angriff jene in den alten Romanen so berühmte Niederlage bey Ronceval vcranlaßtcn, in welcher der große Roland blieb. Späterhin machten in Spanien und Aquitanien sie den Franken zu schaffen, wie sie es den Sueven und Gothen gelhan hatten; auch bey Wiedereroberung des Landes aus den Händen her Saracenen blieben sie nicht müßig, ja s Ideen zur Philosophie sie erhielten selbst in den Jahrhunderten der tiefsten barbarischen Mönchs-Unterdrückung ihren Charakter. Als nach der langen Nacht eine Morgcnröthe der Wissenschaft für Europa aufging, brach sie durch die fröhliche Dichtkunst der Provenzalen in ihrer Nachbarschaft , zum Theil in denen von ihnen bewohnten Landern hervor, die auch in später» Zeiten Frankreich viele fröhliche und aufgeklärte Geister gegeben haben. Zu wünschen wäre es, daß wir die Sprache, die Sitten und die Geschichte dieses raschen und frohen Volks mehr kenncten, und daß, wie Mac-Pherson unter den Galen, ein zweyter Larramendi unter ihnen etwa auch nach Resten ihres alten Vaskifchen National- geistes forschte *). Vielleicht hat sich die Sage jener berühmten Rolandsschlacht, die durch den fabelhaften Erzbischof Turpin in einer Mönchscpopec zu so vielen Romanen und Heldengedichten des Mittelalters Anlaß gegeben, auch unter ihnen erhalten; wo nicht, so war doch ihr Land wenigstens die Pforte vor Troja, die mit Abenteuern, die daselbst geschehen scpn sollten, lange Zeit die Phantasie der Europäischen Völker füllte. *) Larramendi in seiner angeführten weitläufci- gen Abhandlung von der Vollkommenheit der Vaskifchen Sprache konnte tz. 18 — 20 an so etwas nicht denken. Daß er in seiner Lrtc üel Lsscnenos dessen auch nichts erwähnt habe, ist aus Diez« Geschichte der Spanischen Dichtkunst S. ui u. f. zu ersehen; und vielleicht ist das ganze Andenken daran verlohren. der Geschichte der Menschheit. g Die Galen, die unter dcm Namen der Gallier und Eeltcn ein bekannteres und berühmteres Volk sind, als die Basken waren, hatten am Ende mit ihnen einerlei) Schicksal. In Spanien besaßen sie einen weiten und schonen Erdstrich, auf welchem sie den Römern mit Ruhm widerstanden; in Gallien, welches von ihnen den Namen hat, haben sie dcm Eäsar eine zehnjährige, und in Britannien seinen Nachfolgern eine noch längere, zuletzt nutzlose Mühe gekostet, da die Römer endlich diese Insel selbst aufgcben mußten. Außerdem war Helvetica, der obere Theil von Italien, der untere Theil von Deutschland längs der Donau bis nach Pannonien und Jllirikum zu, wenn auch nicht allenthalben in dichten Reihen, mit Stämmen und Eolonien aus ihrem Schooße besetzt; und in den ältern Zeiten waren unter allen Nationen sie der Römer furchtbarste Feinde. Ihr Brennus legte Rom in die Asche und machte der künftigen Weltbeherrscherin beynah ein völliges Ende. Ein Zug von ihnen drang bis in Thracien, Griechenland und Klein-Asien ein, wo sie unter dem Namen der Galater mehr als einmal furchtbar geworden. Wo 'sie indessen ihren Stamm am dauerhaftesten, und gewiß nicht ganz ohne Kultur angebauct haben, war in Gallien und den Britannischen Inseln. Hier hatten sie ihre merkwürdige Druiden-Religion und in Britannien ihren Ober- Druiden : hier hatten sie jene merkwürdige Verfassung eingerichtet, von welcher in Britannien, Irland und auf den Inseln noch so viele, zum Theil unge- ic> Ideen zur Philosophie heure Steingebaude und Steinhaufen zeugen; Denk-- mahle, die wie die Pyramiden wahrscheinlich noch Jahrtausende überdauern und vielleicht immer ein Rarhsel bleiben werden. Eine Art Staats - und Knegscinrichtung war ihnen eigen, die zuletzt den Römern erlag, weil die Uneinigkeit ihrer Gallischen Fürsten sie selbst ins Verderben stürzte: auch waren sie nicht ohne Naturkenntnisse und Künste, so viele derselben ihrem Zustande gemäß schienen; am wenigsten endlich ohne das, was bey allen Barbaren die Seele des Volks ist, ohne Gesänge und Lieder. Im Munde ihrer Barden waren diese vorzüglich der Tapferkeit geweidet und sangen die Thatcn ihrer Vater *). Gegen einen Casar und sein mit aller rö- *) Außer dem, was in altern Schriften z. B. in Pelletier, Pezron, Marrin, Picard u. f. über die Cellen gesammlet und geträumt ist, und was unter Engländer», Schotten und Irren Bar rington, Cordiners, Henrys Jones, Mac-Pherson, Maktland, khwyd, Owen, Shaw, Vasency, Whi- lacker u. f. über den Ursprung und die Verfassung der alten Einwohner Britanniens gesagt haben, dürfen wir ein deutsches Werk anführen, das hinter ihnen allen kritisch zu nennen ist, Sprengels Geschichte von Großbritannien (Fortsctz. der allgem. Weltgeschichte LH. h?), deren Anfang über die Galen und Kymren eine Menge alter Jrrthümer stille berichtigt. Auch von den überbkiebnen Dcnkmahten der Brirten gibt es, seiner Gewohnheit nach, mit kurzen Worten eine sicherführende Nachricht. der Geschichte der Menschheit. 11 mischen Kriegskunst ausgerüstetes Heer erscheinen sie sreylich als halbe Wilde; mit andern nordischen Völkern, auch mit mehreren deutschen Stammen verglichen, erscheinen sie nicht also, da sie diese offenbar an Gewandtheit und Leichtigkeit des Charakters, wohl auch an Kunstfleiß, Kultur und politischer Einrichtung übcrtrafen: denn wie der deutsche Charakter noch jetzt in manchen Grundzügcn dem ähnlich ist, den Tacitus schildert, so ist auch schon im alten Gallier, Trotz alles dessen, was die Zeiten verändert haben , der jüngere Gallier kenntlich. Nothwendig aber waren die so weit verbreiteten verschiedenen Nationen dieses Volksstammes nach Landern, Zeiten, Umstanden und wechselnden Stufen der Bildung sehr verschieden, so daß der Gale an der Küste des Hoch - oder Jrlan- des mit einem Gallischen oder Celkiberischen Volk, das die Nachbarschaft gebildeter Nationen oder Städte lange genossen hatte, wohl wenig gemein haben konnte. Das Schicksal, der Galen in ihrem großen Erdstrich endigte traurig. Den frühesten Nachrichten nach, die wir von ihnen haben, hatten sie sowohl dies - als jenseit der Meerenge die Beigen oder Kym- ren zur Seite, die ihnen allenthalben nachzudringen scheinen. Dies - und jenseit wurden zuerst die Römer , sodann mehrere teutonische Nationen ihreUcber- winder, von denen wir sie oft auf eine sehr gewaltsame Art unterdrückt, entkräftet, oder gar ansgerottet und verdrängt sehen werden, so daß wir anjctzt die Galische Sprache nur an den äußersten Enden ihrer Besitzthümer, in Irland, den Hebriden und dem nackten, schottischen Hochlande wieder finden. Gothen , Franken, Burgunder, Allemannen, Sachsen, Normanner und andre deutsche Völker haben in mancherlei) Vermischungen ihre andern Lander besetzt', ihre Sprache vertrieben und ihren Namen verschlungen. Indessen gelang es doch der Unterdrückung nicht, auch den innern Charakter dieses Volks in lebendigen Dcnkmahlen ganz von der Erde zu vertilgen; sanft wie ein Harfenton entschlüpfte ihr eine zärtlich-traurige Stimme aus den Gräbern, die Stimme Os- sians, des Sohnes. Fingal, und einiger seiner Genossen. Sie bringt uns, wie in einem Zauberspiegcl, nicht nur Gemahlde alter Thaten und Sitten vor Augen; sondern die ganze Denk- und Empfindungsweise eines Volkes auf dieser Stufe der Kultur, in solchen Gegenden, bey solchen Sitten tönet uns durch sie in Herz und Seele. Lssian und seine Genossen sagen uns mehr vom innern Zustande der alten Galen, als ein Geschichtschreiber uns sagen könnte, und wer- dem uns gleichem rührende Prediger der Humanität, wie solche auch in den einfachsten Verbindungen der menschlichen Gesellschaft lebet. Zarte Bande ziehen sich auch dort von Herz zu Herzen; und jede ihrer Saiten tönt Wehmuth. Was Homer den Griechen ward, hatte ein Galischer Lssian den Seinigen werden können, wenn die Galen Griechen und Lssian Homer gewesen wäre. Da dieser aber mir, als die letzte Stimme eines verdrangeten Volks, zwischen Nebelbergen in einer Wüste singt, und wie eine Flamme über Gräbern der Vater hervorglanzt, wenn jener in Jonien gebohccn, unter einem werdenden Volk vieler blühenden Stamme und Inseln, im Glanz seiner Morgen- röthe, unter einem so andern Himmel, in einer so andern Sprache das schildert, was er entschieden, hell und -V I der Geschichte der Menschheit. r3 offen vor sich erblickte, und andre Geister nachher so vielfach anwandten; so sucht inan frcplich in den Kalc- donischcn Bergen einen griechischen Homer an Unrechtem Orte. Toneindessenfort, du Nebelharse Ossians; glücklich in allen Zeiten ist, wer deinen sanften Tönen gehorchet *). Die Kymren sind ihrem Namen nach Bergbewohner, und wenn sie mit d>n Belgen Ein Volk *) Es scheinet sonderbar, daß da zwv Nationen, Schotten und Irren um die Eigenrhumschrc Fin- gals und Ossians streiten, keine derselben durch Herausgabe der schönsten Gesänge des letzter» mit ihrer ursprünglichen Gesangweise, die noch Herkommens seyn soll, sich rechtfertigt. Schwerlich könnte diese erdichtet werden, und der Bau der Lieder selbst in der Urschrift, mit einem Glossarium und gehörigen Anmerkungen versehen, rechtfertigte nicht blos, sondern er würde über Sprache, Musik und Dichtkunst der Galen, mehr als ihr Aristoteles, Blair, belehren. Nicht nur für die ein- gebohrnen Liebhaber dieser Gedichte müßte eine Galische Antholvgi« dieser Art eine Art klassischen Werks seyn, durch welches sich daS Schönste der Sprache aufs längste erhielte; sondern auch für Ausländer würde sich Bicles daraus ergeben, und immerhin bliebe ein Buch solcher Art der G e sc h i c h t e der Menschheit wichtig. sind, so treffen wir sie, von den Alpen an, die westlichen Ufer des Rheins bis zu seinem Ausfluß hinunter , ja vielleicht einst bis zur Eimbrischen Halbinsel , die uraltcrs wahrscheinlich ein größeres Land war. Von deutschen Stammen, die hart an ihnen fassen, wurden sic Thcilweise über das Meer gedrängt, so daß sie in Britannien die Galen einengten, die öst - und südlichen Küsten dieses Landes bald innc hatten, und da ihre Stamme dies - und jcnscit des Meers zusammcnhingen, sic auch in manchen Künsten erfahrner als die Galen waren, in dieser Lage nichts so bequem , als die Seerauberey treiben konnten. Sic scheinen ein wilderes Volk gewesen zu seyn als die Galen, das auch unter den Römern an Sittlichkeit wenig zunahm, und als diese das Land verliessen, in einen so hülflosen Zustand der Barbarey und Ausschweifung versank, daß es bald die Römer, bald zu eignem Schaden die Sachsen als Hülfsvölkcr ins Land rufen mußte. Sehr übel erging es ihnen unter diesen deutschen Helfern, In Horden kamen diese herüber und verwüsteten bald mit Feuer und Schwert: weder Menschen noch Anlagen wurden verschonet; dasLand ward zur Einöde, und rvir finden endlich die armen Kvmrcn an die westliche Ecke Englands, in die Gebirge von Wales, in die Ecke von Eornwallis verdrängt, oder nach Bretagne geflüchtet, oder vertilget. Nichts gleicht dem Haß, den die Kymren gegen ihre treulosen Freunde, die Sachsen, hatten, und viele Jahrhunderte durch, auch nachdem sie in ihre nackten Gebirge cingeschlosscn waren, lebhaft nährten. Lange erhielten sie sich unabhängig, im völligen Charakter ihrer Sprache, Regicrungsart und Sitten, von de- zur Ge sch ichte d er Menschheit. »5 neu wir im Regulativ des Hofstaats ihrer Könige und ihrer Beamten noch eine merkwürdige Beschreibung haben *); indessen kam auch die Zeit ihres Endes. Wales ward überwunden und mit England. vereinigt; nur die Sprache der Kymren erhielt und erhalt sich noch, sowohl hier als in Bretagne. Sie erhält sich noch, aber in unsichern Resten; und es ist gut, daß ihr Charakter in Büchern ausgenommen worden **), weil unausbleiblich sowohl sie , als alle Sprachen dergleichen verdrängcter Völker ihr Ende erreichen werden, und mit dieser in Bretagne dies wohl zuerst geschehen dürste. Nach dem allgemeinen Lauf der Dinge erlöschen die Charaktere der Völker allmählich; ihr Gepräge nützt sich ab,, und sie werden in den Tigel der Zeit geworfen, in welchem sie zur tobten Masse hinabsinken, oder zu einer neuen Ausprägung sich läutern. Das Denkwürdigste, was uns von den Kymren übrig geblieben und wodurch wunderbar auf die Einbildungskraft der Menschen gewirkt worden, ist ihr König Artus mit seinen Rittern der runden Tafel. Natürlich kam die Sag« von ihm sehr spat in Bücher , und nur nach den Kreuzzügen bekam sie ihren Schmuck der Romandichtung ; ursprünglich aber ge- *) Sprengets Geschichte von Troßbritannien S. Z79 — 92' **) In Borlase, Bullet, Loyd, Rostrenen, le Brigant, der Bibelübersetzung u. s. Di« poetischen Sagen indessen vom Könige Artus und seinem Gefolge sind in ihrer Ursprünglichkeit noch wenig durchsucht »vordem 16 I d e e n z u r P h i l 0 s ü p h ie hört sic den Kymrcn zu: denn in Cornwallis herrschte König Arcus; dort und in Wales tragen in der Volkssage hundert Orte noch von ihm den Namen. In Bretagne, der Kolonie der Kymren, ward, vom romantischen Fabelgeist der Normannen belebt, das Mährchen wahrscheinlich zuerst ausgebildet, und breitete sich sodann mit zahllosen Erweiterungen über England, Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland, ja späterhin in die gebildete Dichtkunst. Mahrchen aus dem Morgenlands kamen dazu, Legenden mußten alles heiligen und segnen; so kam dann das schöne Gefolge von Rittern, Riesen, dem Zauberer Merlin, (auch einem Walliser,) von Feen, Drachen und Abenteurern zusammen , an welchem sich Jahrhunderte lang Ritter und Frauen vergnügten. Es wäre umsonst, genau zu fragen, wenn König Artus gelebt habe? aber den Grund, die Geschichte und Wirkungen dieser Sagen und Dichtungen durch alle Nationen und Jahrhunderte, in denen sie geblühet, zu untersuchen, und als ein Phänomenen der Menschheit ins Licht zu stellen; dies wäre, nach den schonen Vorarbeiten dazu, ein ruhmwürdiges Abenteuer, so angenehm als belehrend *)- II. *) Thomas Wharton's Abhandlung über den Ursprung der romanhaften Dichtung in Europa vor seiner Geschichte der Englischen Poesie und in Eschenburgs brittisch. Museum B. 3 — 5 übersetzt, hat auch hiezu nützliche Collectaneen; da sie aber offenbar einem falschen System folget, so müßte wohl das Ganze e,ine andre Gestalt annehmen. der Geschichte der Menschheit. 17 II. Finnen, Letten und Preußen. ^-^ec Finnische Völkerstamm, (der aber diesen Namen so wenig, als ein Zweig desselben den Namen der Lappen kennet, indem sie sich selbst Suomi nennen,) erstreckt sich noch jetzt im äußersten Norden von Europa und an den Küsten der Ostsee bis nach Asien hinein; in früher» Zeiten hat er sich gewiß tiefer hinab und weiter hin verbreitet. Außer den Lappen und Finnen gehören in Europa die Jngern, Esthen und Liwen zu ihm; weiterhin sind die Sy- ranen, Permier, Moguien, Wotjacken, Tscheremis- sen, Mordwinen, die Kondischen Ostjacken u. f. seine Verwandte, so wie auch die Ungern oder Mad- nehmen. In Percels sowohl als in der neuern großen Lidliotlre^ue cles Hornaus, in den Anmerkungen der Engländer über ihren THaucer, Spenser, Shakespeare u. f. in ihren Archäologieen, in Du-Fresne u. a. Anmerkungen zu mehreren alten Geschichtschreibern, sind Materialien und Data genug; eine kleine Geschichte von Sprengel würde dies Chaos in Ordnung bringen, und gewiß in einem lehrreichen Licht zeigen. Philos. und Gesch. VI. Th. B Illeen, IV» rö I d e e n z u r P h i l o so p h ie scharen desselben Völkerstammes sind, wenn man ihre Sprachen vergleichet *). Es ist ungewiß, wie weit hinab die Lappen und Finnen einst in Norwegen und Schweden gewohnt haben; das aber ist sicher, daß sie von den Ständischen Deutschen immer höher hinauf bis an den nordischen Rand getrieben sind, den sie noch jetzt inne haben. An der Ostsee und am weißen Meer scheinen ihre Stamme am lebendigsten gewesen zu feyn, wo sie nebst einigem Tauschhandel auch Seeraubcrcy trieben; in Permien oder Biarmeland hatte ihr Götze Jumala einen barbarisch-prächtigen Tempel; hier gingen also auch vorzüglich die nordisch-deutschen Abenteurer hin, zu tauschen, zu plündern, und Tribut zu fordern. Nirgend indcß hat dieser Dolksstamm zur Reife einer selbstständigen Kultur kommen können, woran wohl nicht seine Fähigkeit, sondern seine üble Lage Schuld ist. Sie waren keine Krieger wie die Deutschen ; denn auch noch jetzt nach so langen Jahrhunderten der Unterdrückung zeigen alle Volkssagcn und *) S. Bü t tn e r s Vergleichungslabellen der Schriftarten, Gatterers Einleiiung zur Universal? Historie, Schlötzcrs allgemeine Nordische Geschichte u. f. Das letzte Buch (Th. 3>. der fortgesetzten allgemeinen Weltgeschichte ) ist eine schätzbare Sammlung eigner und fremder Untersuchungen über die Stamme und alte Geschichte der nordischen Völker, die den Wunsch nach mehreren Zusammenstellungen solcher Art von Arbeiten eines Ihre, Suhm, Lager bring u, a. erreget. der Geschichte der Menschheit. r§ Lieder der Lappen, Finnen und Esthen, daß sie ein sanftes Volk sind. Da nun außerdem ihre Stamme meistens ohne Verbindung, und viele derselben ohne politische Verfassung lebten, so konnte bcym Heran- dcingen der Völker wohl nichts anders geschehen, als was geschehen ist, nämlich, daß die Lappen an den Nordpol hinaufgedrängt, die Finnen, Jngcrn, Esthen u. f. sklavisch unterjocht, die Liwen aber fast ganz ausgerottet wurden. Das Schicksal der Völker an der Ostsee machc überhaupt ein trauriges Blatt in der Geschichte der Menschheit. Das einzige Volk, das aus diesem Stamm sich unter die Eroberer gedrängt hat, sind die Ungern oder Madscharen. Wahrscheinlich saßen sie zuerst im Lande der Baschkiren, zwischen der Wolga und dem Jaik: dann stifteten sie ein Ungrisches Königreich zwischen dem schwarzen Meer und der Wolga, das sich zertheilte. Jetzt kamen sie unter die Chazaren, wurden von den Petschenegern getheilt, da sie denn theils an der persischen Grenze das Madscharische Reich gründeten, theils in sieben Horden nach Europa gingen und mit den Bulgaren wüthende Kriege führten. Von diesen weiterhin gedrängt, rief Kaiser Arnulph sie gegen die Mähren: jetzt stürzten sie aus Pannonien in Mähren, Bayern, Oberitalien und verwüsteten greulich: mit Feuer und Schwert streiften sie in Thüringen, Sachsen, Franken, Hessen, Schwaben, Elsaß bis nach Frankreich und abermals in Italien hinein, zogen vom deutschen Kaiser einen schimpflichen Tribut, bis endlich theils durch die Pest, theils durch die fürchterlichsten Niederlagen ihrer Heere in Sachsen, Schwaben, B 2 20 Ideen zur Philosophie Westphalen das deutsche Reich vor ihnen sicher gestellt, und ihr Ungarn selbst sogar zu einem apostolischen Reich ward. Da sind sie jetzt unter Slawen, Deutschen, Wlachen und andern Völkern der geringere Theil der Landescinwohner,' und nach Jahrhunderten wird man vielleicht ihre Sprache kaum finden. Die Li t tHauer, Kuren undLetten an der Ostsee sind von ungewissem Ursprünge; aller Wahrscheinlichkeit nach indessen auch dahin gedrängt, bis sie nicht weiter gedrängt werden konnten. Ungeachtet der Mischung ihrer Sprache mit andern, hat sie doch einen eignen Charakter und ist wahrscheinlich die Tochter einer uralten Mutter, die vielleicht aus fernen Gegenden her ist. Zwischen den deutschen, slavischcn und finnischen Völkern konnte sich der friedliche lettische dämm nirgend weit ausbreitcn, noch weniger verfeinern, und ward zuletzt nur, wie seine Nachbarn, die Preußen, am meisten durch die Gcwaltthätigkeitcn merkwürdig, die allen diesen Küstcnbewohnern theils von den neudekehrten Polen, theils vom deutschen Orden und denen, die ihm zu Hülfe kamen, widerfuhren. *) Die Menschheit *) Vom Preußischen Volk wäre «Ine kurze Geschichte aus Harlknochs, Prätorius, Lilie n- rhals u. a. nützlichen Vorarbeiten und Sammlungen zu wünschen, und vielleicht ist sie, mir unbekannt, schon erschienen. Ohne Aufmunterung der Geschichte der Menschheit. 21 schaudert vor dem Blut, das hier vergossen ward in langen wilden Kriegen, bis die alten Preußen fast gänzlich ausgerottet, Kuren und Letten hingegen in eine Knechtschaft gebracht wurden, unter deren Joch sie noch' jetzt schmachten. Vielleicht verfließen Jahrhunderte , che es von ihnen genommen wird, und man zum Ersatz der Abscheulichkeiten, mit welchen man diesen ruhigen Völkern ihr Land und ihre Frey- heit raubte, sie aus Menschlichkeit zum Genuß und eignen Gebrauch einer bessern Freyheit neu bildet. Lange gnug hat sich unser Blich bey verdrängten, oder unterjochten und ausgcrotteten Völkern verweilet; lasset uns jetzt die sehen, die sie verdrängten und unterjochten. hat dieser kleine Erdwinkel für seine und benachbarter Völker Geschichte viel gethan; der einzige Name Bayer ist statt vieler. Insonderheit verdient die alte Preußische Verfassung am Ufer der Weichsel, die einen Widewut als Stifter nennet, und unter einem Oberdruiden, der Kriwe hieß, sammt dem ganzen Stamme des Volks, noch Untersuchung. In der Geschichte vieflands sind Arndt, Hupel u. a. geschätzte Namen. 22 Ideen zur Philosophie III. Deutsche Völker. ^^ir treten zu dem Völkerstamm, der durch seine Größe und Lcibesstarkc, durch seinen unternehmenden, kühnen und ausdauernden Kriegsmutb, durch seinen dienenden Heldengeist, Anführern wohin es sey, im Heer zu folgen und die bezwungenen Lander als Beute unter sich zu thcilen, mithin durch seine weiten Eroberungen, und die Verfassung, die allenthalben umher nach deutscher Art errichtet ward, zum Wohl und Weh dieses Welttheils mehr als alle andre Völker bepgetragcn. Vom schwarzen Meer an durch ganz Europa sind die Waffen der Deutschen furchtbar geworden: von der Wolga bis zur Ostsee reichte einst ein Gothisches Reich: in Thrakien, Mösien, Pannonien, Italien, Gallien, Spanien, selbst in Afrika hatten zu verschiedenen Zeiten verschiedene deutsche Völker Sitze und stifteten Reiche : sie waren es, die die Römer, Saracenen, Galen, Kymren, Lappen, Finnen, Esihen, Slaven, Kuren, Preußen, und sich unter einander selbst verdrängten, die alle heutige Königreiche in Europa gestiftet, ihre Stande eingeführt, ihre Gesetze gegründet haben. Mehr als Einmal haben sie Rom eingenommen, besiegt und geplündert, Konstantinopel mehrmals belagert und selbst in ihm geherrscht, der Geschichte der Menschheit. 2" zu Jerusalem ein christliches Königreich gestiftet ^ und noch jetzt regieren sie, theils durch die Fürsten, die sie allen Thronen Europa's gegeben, theils durch diese von ihnen errichtete Throne selbst, als Bcsiz- zer, oder im Gewerb und Handel, mehr oder minder alle vier Wclttheile der Erde. Da nun keine Wirkung ohne Ursache ist: so muß auch diese ungeheure Folge von Wirkungen ihre Ursache haben. 1) Nicht wohl liegt diese im Charakter der Nation allein; ihre sowohl physische als politische Lage, ja eine Menge von Umstanden, die bey keinem andern nördlichen Volk also zusammentraf, hat zum Lauf ihrer Thatenmit- gewirket. Ihr großer, starker und schöner Körperbau, ihre fürchterlich-blauen Augen wurden von einem Geist der Treue und Enthaltsamkeit beseelt, die sie ihren Obern gehorsam, kühn im Angriff, ausdaurend in Gefahren, mithin andern Völkern, zumal den ausgearteten Römern zum Schutz und Trutz sehr wohlgefällig oder furchtbar machten. Frühe haben Deutsche im römischen Heer gedient, und zur Leibwache der Kaiser waren sie die auserlesensten Menschen; ja als das bedrängte Reich sich selbst nicht helfen konnte, waren es deutsche Heere, die für Sold gegen jeden, selbst gegen ihre Brüder fochten. Durch diese Söldnerey, die Jahrhunderte lang fortgesetzt wurde, bekamen viele ihrer Völker nicht nur eine Kriegswisscnschaft und Kriegszucht, die andern Barbaren fremd bleiben mußte: sondern sie kamen auch durch das Beyspiel der Römer und durch die Bekanntschaft mit ihrer Schwache allmäh- -4 Ideen zur Philosophie lich in den Geschmack eigner Eroberungen und Völkerzüge. Hatte dieses jetzt so ausgeartete Rom einst Völker unterjocht und sich zur Herrscherin der Welt aufgeworfen; warum sollten sie es nicht thun, ohne deren Hände jenes nichts Kräftiges mehr vermochte ? Der erste Stoß auf die römischen Lander kam also, wenn wir die altern Einbrüche der Teutonen und Kymren absondcrn, und von den unternehmenden Männern Ariovist, Marbut und Hermann zu rechnen anfangen, von Grenzvölkern, oder von Anführern her, die der Kriegsart dieses Reichs kundig und in seinen Heeren oft selbst gebraucht waren, mithin die Schwäche sowohl Roms als späterhin Konstantinopels gnugsam kannten. Einige derselben waren sogar eben damals römische Hülfsvölker, als sie es besser fanden, was sie gerettet hatten, sich selbst zu bewahren. Wie nun die Nachbarschaft eines schwachen Reichen und eines starken Dürftigen, der jenem unentbehrlich ist, diesem nothwendig die Ueberlegenhcit und Herrschaft einräumet: so hatten auch hier die Römer den Deutschen, die im Mittelpunkt Europas gerade vor ihnen saßen, und die sie bald aus Noch in ihren Staat, oder in ihre Heere nahmen, das Heft selbst in die Hände gegeben. 2) Der lange Widerstand, den mehrere Völker unsres Deutschlandes gegen die Römer zu thun hatten, stärkte in ihnen nothwendig ihreKräfte und ihren Haß gegen einenErb feind, der sich der V > der Geschichte der Menschheit. 25 Triumphe über sie mehr als andrer Siege rühmte. Sowohl am Rhein als an der Donau waren die Römer den Deutschen gefährlich; so gern diese ihnen gegen die Gallier und andre Völker gedient hatten: so wollten sie ihnen als Selbstüberwundene nicht dienen. Daher nun die langen Kriege von Augustus an, die, je schwacher das Reich der Römer ward, immer mehr in Einbruch und Plünderung ausarteten, und nicht anders als mit seinem Untergange enden konnten. Der Markomannische und Schwäbische Bund, den mehrere Völker gegen die Römer schlossen, der Heerbann, in welchem alle, auch die entlegenen: deutschen Stämme standen, der jeden Mann zum Wehren, d. i. zum Mitstreiter machte; diese und mehrere Einrichtungen gaben der ganzen Nation sowohl den Namen als die Verfassung der Germanen oder Alemannen, d. i. verbundener Kriegsvölker; wilde Vorspiele eines Systems, das nach Jahrhunderten auf alle Nationen Europa's verbreitet werden sollte *). *) Eine ausführliche Schilderung der deutschen Verfassungen, die nach Zeiten, Stämmen und Gegenden sehr verschieden waren, wäre hier ohne Zweck, da, was sich von ihnen in die Geschichte der Völker gepflanzt hat, sich zeitig genug zeigen wird. Nach den zahlreichsten Erläuterungen des Tacitus, hat Möser von derselben, seiner Gegend zufolge, eine Beschreibung gegeben, die in ihrer schönen Jusammenstimmung beynah ein idealisches System und doch in einzelnen Stücken 26 Ideen zur Philosophie 3 s Bey solch einer stehende» Kricgu- ver fass unc, mußte es den Deutschen noth- wendig an manchen andern Tugenden fehlen, die sie ihrer Hauptneigung, oder ihrem Hauptbedürfniß, dem Kriege, nicht ungern aufopferten. Den Ackerbau trieben sie eben so fleißig nicht, und beugten sogar in manchen Stammen durch eine jährlich-neue Vertheilung der Aecker dem Vergnügen vor, das jemand an dem eignen Besitz und einer bessern Kultur des Landes finden könnte. Einige, insonderheit östliche Stamme, waren und blieben lange tatarische Jagd - und Hirtenvölker. Die rohe Idee von Gemeinwaiden und einem Gesammt-Eigenthum war die Licblingsidee dieser Nomaden, die sie auch in die Einrichtung ihrer eroberten Lander und Reiche brachten. Deutschland blieb also lange ein Wald voll Wiesen, Moraste und Sümpfe, wo der Ur und das Elend, jetzt ausgerot- lete deutsche Heldenthiere, neben den deutschen Men- schcn-Hclden wohnten; Wissenschaften kannten sie nicht, und die wenigen ihnen unentbehrlichen Künste verrichteten Weiber und größtentheils geraubte Knechte. Völkern dieser Art mußte es angenehm scyn, von Rache, Dürftigkeit, Langerwcile, Gesellschaft oder von einer andern Aufforderung getrieben, ihre öden Wälder zu verlassen, bessere Gegenden zu suchen, oder um Sold zu dienen. Daher waren mehrere Stämme in einer ewigen Unruhe, mit - und gegen- sehr wahr scheinet. Mosers OS n abrück i- sehe Geschichte Th. >. seine Patriotische Phantasien hin und wieder. 27 der Geschichte der Menschheit. einander entweder im Bunde oder im Kriege. Keine Völker, (wenige Stämme ruhiger LandeSanwohner ausgenommen) sind so oft hin - und hergezogen , als diese; und wenn Ein Stamm aufbrach, schlugen sich >m'Auge meiflenthcils mehrere an ihn, also daß aus dem Haufen ein Heer ward. Viele deutsche Völker, Wandalen, Sveven u. a., haben vom Umhcrschwei- fen, Wandeln, den Namen; so gings zu Lande, so gings zur See. Ein ziemlich tatarisches Leben. In der ältesten Geschichte der Deutschen hüte man sich also, sich irgend an einen Lieblingsplatz unsrer neuen Verfassung mit Vorliebe zu heften: die alten Deutschen gehören in diese nicht; sie folgten einem andern Strome der Völker. Westwärts drangen sie auf Belgen und Galen, bis sie in der Mitte andrer Stamme eingeschlossen saßen; östlich gingen sie bis zur Ostsee, und wenn sie auf ihr nicht rauben oder fortschwimmen konnten, an den sandigen Küsten aber auch keinen Unterhalt fanden, so wandten sie sich natürlicherweise Key dem ersten Anlaß südlich in lecrgelaffene Lander. Daher, daß mehrere der Nationen, die ins Römische Reich zogen, zuerst an der Ostsee gewöhnet haben; es waren aber gerade nur die wilderen Völker, deren Wohnung daselbst keine Veranlassung zum Sturz dieses Reichs war. Weit entfernter lag diese in der asiatischen Mungaley: denn dort wurden die westlichen Hunnen von den Jguren und andern Völkern gedrängt; sie gingen über die Wolga, trafen auf die Alanen am Don, trafen auf das große Reich der Gcchcn 28 Ideen zur Philosophie am schwarzen Meere; und jetzt geriethcn lauter südliche deutsche Völker, West- und Ostqothcn, Wandalen, Alanen, Svcven in Bewegung, denen die Hunnen folgten. Mit den Sachsen, Franken, Burgundern, und Herulern hatte es wieder andre Bewand- »iß; die letztgenannten standen als Helden, die ihr Blut verkauften, langst in Römischem Solde. Auch hüte man sich, allen diesen Völkern gleiche Sitten oder eine gleiche Kultur zuzueignen; das Ge- gentheil davon zeigt ikr verschiedenes Betragen gegen die übcrwundnen Nationen. Anders verfuhren die wilden Sachsen in Britannien, die streifenden Alanen und Sveven in Spanien, als die Ostgothen in Italien oder in Gallien die Burgunder. Die Stamme, die lange an den römischen Grenzen, neben ihren Kolonien und Handelsplätzen, west- oder südlich, gewohnt hatten, waren milder und bildsamer, als die aus den nordischen Wäldern oder von öden Küsten herkamen; daher es z. B. anmaßend seyn würde, wenn jede Horde der Deutschen sich die Mythologie der ständischen Gothen zucignen wollte. Wohin waren diese Gothen nicht gekommen? und auf wie manchcrley Wegen hat sich diese Mythologie späterhin nicht verfeinert? Dem tapfer« Urdeutschen bleibt vielleicht nichts als sein Thcut oder Luifto, Mann, Hertha, und Wodan, d. i. ein Vater, ein Held, die Erde, und ein Feldherr. Indessen dürfen wir uns doch, wenigstens brüderlich , jenes entfernten Schatzes der deutschen Fabellehre freuen, der sich am Ende der bewohnten Welt, in Island, erhalten oder zusammengefunden, und durch die Sagen der Normanner und christlichen Gelehrten augenscheinlich bereichert hat, der Geschichte der Menschheit. 29 ich meyne der Nordischen Edda. Als eine Sammlung von Urkunden der Sprache und Denkart eines deutschen Volksstammes ist sic allerdings auch uns höchst merkwürdig. Die Mythologie dieser Nordländer mit der griechischen zu vergleichen, kann lehrreich oder unnütz werden, nachdem man die Untersuchung anstellt; sehr vergeblich wäre es aber, einen Homer oderOffian unter diesen Skalden zu erwarten. Bringet die Erde allenthalben Einerley Früchte hervor? und sind die edelsten Früchte dieser Art nicht Folgen eines lange zuberciteten, seltnen Zustandes der Völker und Zeiten? Lasset uns also in diesen Gedichten und Sagen schätzen, was wir in ihnen finden, einen eignen Geist roher, kühner Dichtung, starker, reiner und treuer Gefühle, stimmt einem nur zu künstlichen Gebrauch des Kerns unsrer Sprache; und Dank scy jeder aufbewahrenden, jeder miktheilenden Hand, die zum allgemeinern oder bessern Gebrauch dieser Nationalschätze beytragt. Unter den Namen derer, die in früheren und neueren Zeiten Ruhmwürdig dazu beytrugen *), nenne ich in unsern Zeiten auch für die Geschichte der Menschheit den Namen Suhm mit Dank und Ehre. Er ist es, der uns von Island her dies schöne Nordlicht in neuem Glanze hervorschimmern laßt: er selbst und andre suchen es auch in den Horizont unsrer Kenntnisse zum richti- *) Sämund, Snorro, Resenius, Worin, Lorfäus, Stephanius, Barrholin, Keisler, Ihre, Göranson, Thorkelin, Erichsen, die Magnäi, Anchersen, Eggers u. st 3o Ideen zur Philosophie gern Gebrauch einzuführen. Leider können wir Deutsche von unfern alten Sprachschätzen nicht viel aufzei- gen *) : die Lieder unsrer Barden sind verloren; der alte Eichbaum unsrer Heldcnsprache prangt, außer Wenigem, nur mit sehr junger Blüthe. Als die deutschen Völker das Christenthum angenommen hatten, fochten sie dafür, wie für ihre Könige und ihren Adel; welche achte Dcqentreue denn außer ihren eignen Völkern, den Alemannen, Thüringern, Bayern, und Sachsen, die armen Sla- ven, Preußen, Kuren, Liven und Esthen reichlich erfahren haben. Aum Ruhme gereicht es ihnen, daß sie auch gegen die spater eindringende Barbaren als eine lebendige Mauer standen, an der sich die tolle Wuth der Hunnen, Ungarn, Mongolen, und Tücken zerschellte. Sie also sind's, die den größesten Theil von Europa nicht nur erobert, bepflanzt, und nach ihrer Weise eingerichtet, sondern auch beschützt und beschirmt haben; sonst hätte auch das in ihm nicht aufkommen können, was aufgekommen ist. Ihr Stand unter den andern Völkern, ihr Kriegesbund und Stammescharaktec sind also die Grundvestcn der Kultur, Freyhcit und Sicherheit Europa's geworden; ob sie nicht auch durch ihre politische Lage an dem langsamen Fortgänge dieser Kultur mit eine Ursache seyn müssen? davon wird ein unbescholtener Zeuge, die Geschichte , Bericht geben. ) In Schillers tbsssuro ist, außer Wenigem, das sonst hie und da zu finden, unser Reichthum beysammen, und nicht sehr beträchtlich. der Geschichte der Menschheit. 5 c IV. Slavische Völker. -^ie Slavischen Völker nehmen auf der Erde einen großem Raum ein, als in der Geschichte, unter andern Ursachen auch deswegen, weil sie entfernter von den Römern lebten. Wir kennen sic zuerst am Don, späterhin an der Donau, dort unter Gothen, hier unter Hunnen und Bulgarn, mit denen sie oft das Römische Reich sehr beunruhigten, meistens nur als mitgezogene, helfende oder dienende Völker. Trotz ihrer Thaten hie und da, waren sie nie ein unternehmendes Kriegs - und Abenteuervolk, wie die Deutschen; vielmehr rückten sie diesen stille nach, und besetzten ihre leergclaffencn Platze und Lander, bis sie endlich den ungeheuren Strich inne hatten, der vom Don zur Elbe, von der Ostsee bis zum adriatischen Meer reichet. Von Lüneburg an über Mecklenburg, Pommern, Brandenburg, Sachsen, die Lausitz, Böhmen, Mahren, Schlesien, Polen, Rußland erstreckten sich ihre Wchnungen diesseit der Karpathischen Gebirge; und jenseit derselben, wo sie frühe schon in der Wallachei) und Moldau saßen, breiteten sie sich, durch manchecley Zufalle unterstützt, immer weiter und weiter aus, bis sie der Kaiser Heraklius auch in Dalmatien aufnahm, und nach und nach die Königreiche Slavonien, Bosnien, Serviert , Dalmatien von ihnen gegründet wurden. In Pannonien wurden sie eben so zahlreich, von Hriaul 32 Ideen zur Philosophie aus bezogen sie auch die südöstliche Ecke Deutschlands , also daß ihr Gebiet sich mit Steycrmark, Kärnthen, Krain festschloß; der ungeheuerste Erdstrich, den in Europa Eine Nation größtenthcils noch jetzt bewohnet. Allenthalben ließen sie sich nieder, um das von andern Völkern verlassene Land zu besitzen, es als Kolonisten, als Hirten oder Ackerleute zu bauen und zu nutzen; mithin war nach allen vorhergegangenen Verheerungen, Durch - und Auszügen ihre geräuschlose, fleißige Gegenwart den Landern ersprießlich. Sie liebten die Landwirthschaft, einen Vorrats) von Heerden und Getreide, auch mancherlei) häusliche Künste, und eröffnetcn allenthalben mit den Erzeugnissen ihres Landes und Fleißes einen nützlichen Handel. Längs der Ostsee von Lübeck an hatten sie Seestädte erbauet, unter welchen Vincta auf der Insel Rügen das Slavische Amsterdam war; so pflogen sic auch mit den Preußen, Kuren, und Letten Gemeinschaft, wie die Sprache dieser Völker zeiget. Am Dneper hatten sie Kiew, am Wolchow Nowgorod gebauet, welche bald blühende Handelsstädte wurden, indem sie das schwarze Meer mit der Ost- " see vereinigten und die Produkte der Morgcnwelt dem nörd- und westlichen Europa zuführtcn. In Deutschland trieben sie den Bergbau, verstanden das Schmelzen und Gießen der Metalle, bereiteten das Salz, verfertigten Leinwand, brauetcn Meth, pflanzten Fruchtbaume, und führeten nach ihrer Art ein fröhliches, musikalisches Leben. Sie waren mildthä- lig, bis zur Verschwendung gastfrei), Liebhaber der ländlichen Freyheit, aber unterwürfig und gehorsam, des Naudens und Plünderns Feinde. Alles das half ihnen nicht gegen die Unterdrückung; ja es trug zu der- der Geschichte der Menschheit. 32 derselben bey. Denn da sie sich nie um die Oberherrschaft der Welt bewarben, keine kriegssüchtige, erbliche Fürsten unter sich hakten, und lieber steuerpflichtig wurden, wenn sie ihr Land nur mit Ruhe bewohnen konnten: so haben sich mehrere Nationen, am meisten aber die vom Deutschen Stamme, an ihnen hart versündigt. Schon unter Karl dem Großen gingen jene Unterdrückungskriege an, die offenbar Handclsvortheile zur Ursache hatten, ob sie gleich die christliche Religion zum Vorwände gebrauchten: denn den heidenmäßigen Franken mußte cs freylich bequem seyn, eine fleißige, den Landbau und Handel treibende Nation als Knechte zu behandeln, statt selbst diese Künste zu lernen und zu treiben. Was die'Franken langefangen hatten, vollführten die Sachsen; in ganzen Provinzen wurden die Slave» ausgerottet oder zu Leibeigenen gemacht, und ihre Landercyen unter Bischöfe amd Edelleute vertheilet« Ihren Handel auf der Ostsee zerstörten nordische Germanen; ihr Vineta nahm durch die Dänen ein trauriges Ende, und ihre Reste in Deutschland sind dem ähnlich, was die Spanier aus den Peruanern machten. Ist es ein Wunder,* daß nach Jahrhunderten der Unterjochung und der tiefsten Erbitterung dieser Nation gegen ihre christlichen Herren und Räuber ihr weicher Charakter zur arglistigen, grausamen Knechtsträgheit herabgesunken wäre? Und dennoch ist allenthalben, zumal in Landern, wo sic, einiger Frcyheit genießen, ihr altes Gepräge noch kennbar. Unglücklich ist das Volk dadurch worden, daß es bey seiner Liebe zur Ruhe und zum häuslichen Fleiß sich keine danrende Kriegsverfassung geben konnte, ob es ihm wohl an Tapfer- Philos. u. Gesch. VI. LH. E I-lrcn IV. 34 Ideen zur Philosophie keit in einem hitzigen Widerstande nicht gefehlt hak. Unglücklich, daß seine Lage unter den Erdvölkern es ans Einer Seite den Deutschen so nahe brachte, und auf der andern seinen Rücken allen Anfällen östlicher Tataren frey ließ, unter welchen, sogar unter den Mongolen, es viel gelitten, viel geduldet. Das Rad der ändernden Zeit drehet sich indeß unaufhaltsam; und da diese Nationen größtenthcils den schönsten Erdstrich Europa's bewohnen, wenn er ganz bebauet und der Handel daraus eröffnet würdez da es auch wohl nicht anders zu denken ist, als daß in Europa die Gesetzgebung und Politik statt des kriegerischen Geistes immer mehr den stillen Fleiß und das ruhige Verkehr der Völker untereinander befördern müssen rlnd befördern werden: so werdet auch ihr so ticfvcr- sunkcne, einst fleißige und glückliche Völker, endlich' einmal von eurem langen tragen Schlaf ermuntert, von euren Sklavcnkctten befreyet ,-eure schönen Gegenden vom adriatischcn Meer bis zum karpathischen Gebirge, vom Don bis zur Mulda als Eigenthum nutzen, und eure alten Feste des ruhigen Fleißes und Handels aus ihnen feyern dürfen. Da wir aus mehreren Gegenden -schöne und nutzbare Verträge zur Geschichte dieses Aolks haben *) : so ist zu wünschen, daß auch aus andern ihre Lücken ergänzt, die immer mehr vcrschwindcn- Frisch, P o p o w i t sc h, .M ü l l e r, Jordan, Strikter, Gerten, M ö h sie n, Anton, Dvbner, Taube, Fortiß, Sulzer, Rossignoli, D o b r o w s k y, Voigt, Pelzet ». a. der Geschichte der Menschheit. 35 den Reffe ihrer Gebräuche, Lieder und Sagen ge- sammlet, und endlich eine Geschichte dieses Vö lker stammes im Ganzen gegeben würde, wie sie das Gemälde der Menschheit fordert. Fremde Völker in Europa. -Alle bisher betrachtete Nationen können wir, die einzigen Ungarn ausgenommen, als alte europäische Stammoölker ansehcn, die seit undenklichen Zeiten dahin gehören. Denn ob sie gleich einst auch in Asien mögen gesessen habe», wie die Verwandtschaft mehrerer Sprachen vcrmuthen läßt: so liegt doch diese Untersuchung, sammt dem Wege, den sie aus der Arche Noah genommen haben, jenseit unsrer Geschichte. Außer ihnen aber gibts noch eine Reihe fremder Völker, die in Europa entweder einst ihre Rolle gespielt und zum Glück oder Unglück desselben beyge- tragen haben, oder solche noch jetzo spielen. Dahin gehören die Hunnen, die unter Attila einst eine so große Strecke der Länder durchzogen, überwunden und verwüstet haben; nach aller Wahrscheinlichkeit und nach Ammians Beschreibung ein Volk mongolischen Stammes. Hätte der große Attila E 2 8 < A6 Ideen zur Philosophie sich nicht von Rom hinweg bitten lassen, und die Haupstadt der Welt zur Hauptstadt seines Reiches gemacht; wie schrecklich-anders wäre die ganze europäische Geschichte! Nun gingen seine geschlagenen Völker in ihre Steppen zurück, und ließen uns, Gottlob! kein heiliges römisch - kalmückisches Kaiserthum in Europa. Nach den Hunnen haben die Bulgarn einst eine fürchterliche Nolle im östlichen Europa gespielet, bis sie, so wie die Ungarn, zur Annahme der christlichen Religion gebändigt wurden, und sich zuletzt gar in die Sprache der Slnven verloren. Auch das neue Reich zerfiel, das sie mit den Wlachcn vom Berge Hämus stifteten; sie sanken in die vermischte große Masse der Völker des dacisch-illyrisch-khracischen Erdstrichs, und ohne unterscheidenden Volkscharakter führt nur noch eine Provinz des türkischen Reichs ihren Namen. Viele andre Völker übergehen wir, Ehazaren, Avarcn , Petschcnegen u. f., die dem morgenlandi- schen, zum Theil auch wcstlichen-römischen Reich, auch , Gothen, Slavcn und andern Völkern genug zu schaffen gemacht hatten, endlich aber ohne eine daurende Stiftung ihres Namens entweder nach Asien zurück- gingen, oder in die Masse der Völker versanken. Noch weniger dürfen wir uns auf jene Reste der alten Illyrier, Thcacier und Maccdonier, die Albanier, Wlachen, Arnauten Anlassen. Sie sind keine Fremdlinge, sondern ein alt - europäischer Völ- kerstamm; einst waren sie Hauptnationen, jetzt sind sie untereinander geworfene Trümmer mehrerer Völker und Sprachen. der Geschichte der Menschheit. .^7 Ganz fremde sind für uns auch jene zwevte Hunnen, die unter Dschingis-Khan und seinen Nachfolgern Europa verwüsteten. Der erste Eroberer drang unaufhaltsam bis an den Dnepr, änderte plötzlich seine Gedanken und ging zurück: sein Nachfolger kam mit Feuer und Schwert bis in Deutschland, ward aber auch zurückgetricbcn. Dschingis-Khans Enkel unterjochte Rußland, das anderthalb hundert Jahre den Mongolen steuerbar blieb; endlich warf cs das Joch ab, und ging in der Folge selbst diesen Völkern gebietend entgegen. Mehr als einmal sind jene räuberischen Wölfe der asiatischen Erdhöhe, die Mongolen , Verwüster der Welt worden; Europa aber zu ihrer Steppe zu machen, hat ihnen nie geglückt. Sie haben es auch nie gewollt: sondern begehrten nur Berits Also sprechen wir blos von denen Völkern, die als Besitzer und Mitwohner sich in unserm Welt- rheil eine längere oder kürzere Dauer erwarben; und dieses sind: r. Die Araber.zuerst. Nicht nur hat dieses Volk dem morgcnländischcn Kaiserthum in dreycn Theilcn der Welt den ersten großen Hauptstoß gegeben ; sondern da sie Spanien 770 Jahre theilweise besessen, außerdem auch in Sicilien, Sardinien, Eor- sika, und Neapel ganz oder zum Theil lange geherr- schet haben, und meistens nur stückweise diese Besitzungen verloren: so blieben allenthalben in der Sprache und Denkart, in Anlagen und Einrichtungen Spuren von ihnen zurück, die theils noch un- ausgctilgt sind, lheils auf den Geist ihrer damaligen Nachbarn und Mitwohner sehr gewirkt baden. An -mehreren Orten zündete sich bev ibnen die Fackel der Wissenschaft für das damals barbarische Europas an, und auch bey den Kreuzzügcn ward die Bekanntschaft mit ihren morgcnlandischen Brüdern unserm Welttbcil ersprießlich. Ja da viele derselben in den von ihnen bewohnten Landern zum Ehristenlhum übergetrcten sind: so sind sie dadurch, in Spanien, Sicilie» und sonst, Europa selbst cinverleibet worden. 2. Die Türken, ein Volk aus Turkestan, ist Trotz seines mehr als dreyhundcrtjahrigen Aufenthalts in Europa diesem Weltlheil noch immer fremde, Sic haben daS morgenlandischc Reich, das über tausend Jahre sich selbst und der Erde zur Lastswar, geendet, und ohne Wissen und Willen. die Künste dadurch westwärts nach Europa getrieben. Durch ihre Ansalle auf die europäischen Machte haben sie dieselbe Jahrhunderte lang in Tapferkeit wachend erhalten , und jeder fremden 'Alleinherrschaft in ihren Gegenden vorgebeuget; ein geringes Gute gegen das ungleich-größere Uebel, daß sic die schönsten Lander Europa's zu einer Wüste, und die einst sinnreichsten griechischen Völker zu treulosen Sklaven, zu liederlichen Barbaren gemacht haben. Wie viele Werke der Kunst sind durch diese Unwissenden zerstört worden ! wie vieles ist durch sie untergegangen, das nie wiederhergcstellt werden kann. Ihr Reich ist ein großes Gefangniß für alle Europäer, die darin leben ; es wird untergeben, wenn seine Zeit kommt. Denn was sollen Fremdlinge, die noch nach Jahrtausenden asiatische Barbaren scyn wollen, was sollen sie in Europa? der Geschichte der Menschheit. 3g 3. Die Juden betrachten wir hier nur als die parasitische Pflanze, die sich beynah allen europäischen Nationen angehängt und mehr oder minder von ihrem Saft an sich gezogen hat. Nach dem Untergänge des alten Roms waren ihrer, vergleichungs- wcise, nur noch wenige in Europa; durch die Verfolgungen der Araber kamen sie in großen Haufen herüber, und haben sich selbst Nationen-weise vertheilet. Daß sie den Aussatz in unfern Welttheil gebracht, ist unwahrscheinlich; ein ärgerer Aussatz war's, daß sie in allen barbarischen Jahrhunderten als Wechsler, Unterhändler und Reichsknechte niederträchtige Werkzeuge des Wuchers wurden, und gegen eignen Gewinn die barbarisch - stolze Unwissenheit der Europäer im Handel dadurch stärkten. Grausam ging man oft mit ihnen um, und erpreßte tyrannisch, was sie durch Geiz und Betrug, oder durch Fleiß, Klugheit und Ordnung erworben hatten; indem sie aber solcher Begegnungen gewohnt waren und selbst darauf rechnen mußten, so überlisteten und erpreßten sie desto mehr. Indessen waren sie, der damaligen Zeit, und find noch jetzt manchen Ländern unentbehrlich; wie denn auch nicht zu läugnen ist, daß durch sic die hebräische Litteratur erhalten, in den dunkeln Zeiten die von den Arabern erlangte Wissenschaft, Arzncykunde und Weltweisheit auch durch sie fortgepflanzt und sonst manches Gute geschafft worden, wozu sich kein andrer als ein Jude gebrauchen ließ. Es wird eine Zeit kommen, da man in Europa nicht mehr fragen wird, wer Jude oder Christ sey: denn auch der Jude wird nach europäischen Gesetzen leben, und zum Besten des Staats beytragen. Nur eine barbarische Verfassung 4 ° Ideen zur Philosophie hat ihn daran hindern, oder seine Fähigkeit schädlich machen mögen. 4 . Ich übergehe die Armenier, die ich in unsecm Weltthcil nur als Reisende betrachte; sehe aber dagegen ein zahlreiches, fremdes, heidnisches, unterirdisches Volk fast in allen Landern Europa's, die Zigeuner. Wie kommt es hicher? wie kommen die sieben bis achtmalhundcrttausend Köpfe hie- her, die ihr neuester Geschichtschreiber zahlet *) ? Eine verworfne Indische Kaste, die von allem, was sich göttlich, anständig, und bürgerlich nennet, ihrer Geburt nach entfernt ist, und dieser erniedrigenden Bestimmung noch nach Jahrhunderten treu bleibt, wozu taugte sie in Europa, als zur militärischen Zucht, die doch alles aufs schnellste discipliniret? VI. Allgemeine Betrachtungen und Folgen, ^o ungefähr erscheint das Eemählde der Völkerschaften Europa's ; welch eine bunte Zusammensetzung, die noch verworrener wird, wenn man sie die Zeiten, ) Grellmann histor. Versuch über die Zigeuner 87. Rüdigers Zuwachs zur Sprachenkunde 82, der Geschichte der Menschheit. 4» auch nur die wir kennen, hinab begleitet. So war's in Japan, Tsina, Indien nicht: so ist's in keinem durch seine Lage oder Verfassung eingeschlossenen Lande. Und doch hat Europa über den Alpen kein großes Meer, so daß man glauben sollte, daß die Volker hier wie Mauern neben einander hatten stehen mögen? Ein kleiner Blick auf die Beschaffenheit und Lage des Welttheils, so wie auf den Charakter und die Ereignisse der Nationen gibt darüber andern Aufschluß. r. Siche dort ostwärts zur Rechte» die ungeheure Erd höhe, die die asiatische Tataren heißt, und wenn dn die Verwirrungen der Mittlern europäischen Geschichte liesest, so magst dn wie Tristram seufzen: „ daher stammt unser Unglück!" Ich darf nicht untersuchen, ob alle nordische Europäer und wie lange sie dort gewohnt haben? denn einst war das ganze Nordeuropa nicht besser, als Sibericn und die Mongolen, jene Mutter der Horden; dort und hier war nomadische» Völkern daS trage Umhcrziehen, und die Khan-Regierung unter tatarischen Magnaten erblich und eigen. Da nun überdem das Europa über den Alpen offenbar eine herab gesenkte Flache ist, die von jener völkerreichen tatarischen Höhe westwärts bis ans Meer reicht, auf welche also, wenn dort barbarische Horden andre Horden drängten, die westlichen Herabstürzen und andre forttreiben mußten: so war damit ein langer tatarischer Zustand in Europa gleichsam geographisch gegeben. Dieser unangenehme Anblick nun erfüllt über ein Jahrtausend hin die europäische Geschichte, in welcher Reiche und Völker nie zur Ruhe kommen, weil sie entweder selbst des Manderns ge- 42 Zdcen zur Philosophie wohnt waren oder weil andre Nationen auf sie drängten. Da es also unläugbar ist, daß in der alten Welt das große asiatische Gebirge mit seinen Fortgängen in Europa das Kliina und den Charakter der Nord- und Südwelt wunderbar scheide: so lasset nordwärts der Alpen uns über unser Vaterland in Europa wenigstens dadurch trösten, daß wir in Sitten und Verfassungen nur zur verlängerten europäischen, und nicht gar zur ursprünglichen asiatischen Tatarey gehören. 2. Europa ist, zumal in Vergleichung mit dem nördlichen Asien, ein milderes Land voll Ströme, Küsten, Kr ü mm u n g en u n d B u ch- lenr schon dadurch entschied sich das Schicksal seiner Völker vor jenen aus eine vortheilhafte Weise. Am See Key Affow sowohl als am schwarzen Meere waren sie den griechischen Pflanzstadtcn und dein reichsten Handel der damaligen Welt nahe: alle Nationen, die hier verweilten oder gar Reiche stifteten, kamen in die Bekanntschaft mehrerer Völker, ja gar zu einiger Kunde der Wissenschaften und Künste. Insonderheit aber ward die Ostsee den Nordeuropäern das, was dem südlichen Europa das mittelländische Meer war. Die Preußische Küste war durch den Bernsteinhandel schon Griechen und Römern bekannt worden; alle Nationen, die an derselben wohnten, welchen Stammes sie waren, blieben nicht ohne einigen Kommcrz, der sich bald mit dem Handel des schwarzen Meers verband und sogar bis zum weißen Meer erstreckte; mithin ward zwischen Südasien und dem östlichen Europa, zwischen dem asiatischen und europäischen Norden eine Art Völkergemeinschaft gc- knüpftt, an der auch sehr unkustivirte Nationen der Geschichte der Menschheit. Thcil nakmen *). An der skandinavischen Küste und in der Nordsee wimmelte bald alles von Handelsleuten, Seeräubern, Reisenden und Abenteurern, die sich in alle Meere, an die Küsten und Länder aller europäischen Volker gewagt und die wunderbarsten Dinge ausge- führt haben. Die Beigen knüpften Gallien und Britannien zusammen, und auch das mittelländische Meer blieb von Zügen der Barbaren nicht verschont: sie wallsahrteten nach Rom, sie dienten und handelten in Konstantinopel. Durch welches alles dann, weil die lange Völkerwanderung zu Lande dazu kam, endlich in diesem kleinen WelttheU die Anlage zu einem großen Natione n - Ver ei n gemacht ist, zu dem odne ihr Wissen schon die Römer durch ihre Eroberungen vorgearbcitet hakten, und der schwerlich anderswo, als hier zu Stande kommen konnte. In keinem Welttheil haben sich die Völker so vermischt, wie in Europa: in keinem haben sie so stark und oft ihre Wohnplatze, und mit denselben ihre Lebensart und Sitten verändert. In vielen Ländern würde es jetzo den Einwohnern, zumal einzelnen Familien und Menschen schwer scyn, zu sagen, welches Geschlechtes und Volkes si« sind? ob sie von Gothen, Mauren, Juden, Karthagern, Römern; ob sie von Galen, Kymren, Burgundern, Franken, Normannen, Sachsen, Slavcn, Finnen, Illyriern herstam- mcn? und wie sich in der Reihe ilwer Vorfahren das Blut gcmischet habe? Durch hundert Ursachen ) In Fischers Geschichte des deutschen Handels Th. i. sind hierüber sehr brauchbare Kollectaneen gcsammlet. 44 Ideen zur Philosophie hat sich im Verfolg der Jahrhunderte die alte Stam- mesbildung mehrerer europäischen Nationen gemildert und verändert; ohne welche Verschmelzung der All- gemeingcist Europa's schwerlich hätte erweckt werden mögen. 3. Daß wir die ältesten Bewohner dieses Wcltthcils jetzt nur in die Gebirge, oder an die äußersten Küsten und Ecken / desselben verdrängt finden, ist «ine Naturbegebenheit, die in allen Wcltgegenden, bis zu den Inseln des asiatischen Meers, Beyspiele findet. In mehreren derselben bewohnte ein eigner, meistens roberer Volkerstamm die Gebirge, wahrscheinlich die altern Einwohner des Landes, die jüngern und kühnem Ankömmlingen hatten weichen müssen; wie konnte es in Europa anders seyn, wo sich die Völker mehr als irgendwo anders drängeten und forttrieben ? Die Reihen derselben gehen indcß an wenige Hauptnamen zusammen, und was sonderbar ist, auch in vcrschiednen Gegenden finden wir dieselben Volker, die einander gefolgt zu seyn scheinen, meistens bey einander. So zogen die Kymren den Galen , die Deutschen ihnen bcyden, die Slaven den Deutschen nach und besetzten ihre Länder. Wie die Erdlaqcn in unserm Boden, so folgen in unserm Weltkheil Völkerlagen aufeinander, zwar oft durcheinander geworfen, in ihrer Urlage indessen noch kenntlich. Die Forscher ihrer Sitten und Sprachen haben die Zeit zu benutzen, in der sie sich noch unterscheiden: denn alles neigt sich in Europa zur allmählichen Auslöschung der Nationalcharaktere. Nur hüte sich der Geschichtschreiber der Menschheit hiebey, daß er keinen Völkerstamm ausschließcnd zu seinem der Geschichte der Menschheit. ^5 Lieblinge wable., und dadurch Stamme verkleinere, denen die Lage ihrer Umstände Glück und Ruhm versagte. Auch von den Slaven hat der Deutsche gelernte der Kymr und Lette halte vielleicht ein Grieche werden können, wenn er zwischen den Völkern anders gestellet gewesen wäre. Wir können sthr zufrieden scPN, daß Völker von so starker, schöner, edler Bildung, von so keuschen Sitten, bicderm Verstände und redlicher Gemüthsart als die Deutschen waren, nicht etwa Hunnen oder Bulgarn, die römische Welt besetzten; sie aber deswegen für das erwählte Gottesvolk in Europa zu halten, dem seines anqebornen Adels wegen dir Welt gehörte, und dem dieses Vorzugs halber andre Völker zur Knechtschaft bestimmt waren, dies wäre der unedle Stolz eines Barbaren. Der Barbar beherrscht; der gebildete Ueberwinder bildet. 4 . Von selbst hat sich kein Volk in Europa zur Kultur erhoben; jedes vielmehr hat seine alten rohen Sitten so lange beyzubchalten gestrebet, als es irgend thun konnte, wozu denn das dürftige, rauhe Klima, und die Nolhwcndigkeit einer wilden Kriegsversassung viel betrug. Kein europäisches Volk z. B. hat eigene Buchstaben gehabt oder sich selbst erfunden; sowohl die spanischen als nordischen Runen stammen von der Schrift andrer Völker; die ganze Kultur des nocd - öst - und westlichen Europa ist ein Gewächs aus römisch-griechisch-arabi- schem Samen. Lange Zeiten brauchte dies Gewächs, ehe es aus diesem hartern Boden nur gedeihen und endlich eigne, anfangs sehr saure Früchte bringen konnte; ja auch hiezu war ein sonderbares Vehikel, eine fremde Religion nöihig, um das, was —A.- ^6 Ideen zur Philosophie rc. die Römer durch Eroberung nicht Hutten lhun können , durch eine geistliche Eroberung zu vollführen. Vor allen Dingen muffen wir also dies neue Mittel der Bildung betrachte» , das keinen geringer» Zweck hatte, als alle Völker zu Eincm Volk, für diese und eine zukünftige Welt glücklich, zu bilden, und das nirgend kräftiger als in Europa wirkte. Das Zeichen ward jetzt prächtig aufgcrichtet, Das aller Welr zu Trost und Hoffnung steht, Zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet, Zu dem viel tausend Herzen warm gefleht., Das die Gewalt des bittcrn Lod's vernichtet, Das in so mancher Siegesfahne weht; Ein Schau'r durchdringt des wilden Kriegers Glieder Er sieht das Kreuz, und legt die Waffen nieder. / >>>. ,'i^ .iM»-.- SV«..-'»-'.X-zw'-AÄ-iM-, Siebenzehntes Buch. V->ieb§nzig Jahre vor dem Untergänge des jüdischen Staats ward in ihm ein Mann gebühren, der sowohl in dem Gedankenreich der Menschen, als in ihren Sitten und Verfassungen eine unerwartete Revolution bewirkt hat, Jesus. Arm gebohrcn, ob er wohl vom alten Königshause seines Volks abstammte, und im rohesten Theil seines Landes, fern von der gelehrten Weisheit seiner äußerst-verfallenen Nation erzogen, lebte er die größeste Zeit seines kurzen Lebens unbemerkt, bis er, durch «ine himmlische Erscheinung am Jordan «ingeweihct, zwölf Menschen seines Standes als Schüler zu sich zog, mit ihnen einen Theil Judaa's durchreisetc, und sie bald darauf selbst als Boten eines hcrannahenden neuen Reichs umher sandte. Das Reich, das er ankündigte, nannte er das Reich Gottes, ein himmlisches Reich, zu welchem nur auserwahlte Menschen gelangen könnten, zu welchem er also auch nicht mit Auflegung äußerlicher Pflichten und Gebrauche, desto mehr aber mit einer Aufforderung zu reinen Geistes- 4 » Ideen zur Philosophie und Gcmüthstugcnden einlud. Die ächte sie Humanität ist in den wenigen Reden enthalten, die wir von ihm haben; Humanität ist», was er im Leben bewies, und durch seinen Tod bekräftigte; wie er sich denn selbst mit einem Licblingsnamcn, den M e u s ehc n s v h n, nannte. Daß er in seiner Nation, insonderheit unter den Armen und Gedrückten viele Anhänger fand, aber auch von denen, die das Volk scheinheilig drückten, bald aus dem Wege geräumt ward, so daß wir die Zeit, in welcher er sich öffentlich zeigte, kaum bestimmt angcben können; beydes war die natürliche Folge der Situation, in welcher er lebte. Was war nun dies Reich der Himmel, dessen Ankunft Jesus verkündigte, zu wünschen empfahl, und selbst zu bewirken strebte? Daß cs keine weltliche Hoheit gewesen, zeigt jede seiner Reden und Thaten, bis zu dem letzten klaren Bekenntnis, das er vor seinem Richter ablegte. Als ein geistiger Erretter seines Geschlechts wollte er Menschen Gottes bilden, die, unter welchen Gesetzen cs auch wäre, aus reinen Grundsätzen andrer Wohl beförderten und selbst duldend im Reich der Wahrheit und Güte als Könige herrschten. Daß eine Absicht dieser Art der einzige Zweck der Vorsehung mit unscrm Geschlecht seyn könne, zu welchem auch, je reiner sie denken und streben, alle Weisen uud Gutcn der Erde Mitwirken müssen und Mitwirken werden; dieses ist durch sich selbst klar: denn was hätte der Mensch für ein andres Ideal seiner Vollkommenheit und Glückseligkeit auf Erden, wenn es nicht diese allgemein - wirkende reine Humanität wäre? Vereb- der Geschichte der Menschheit. ä y Verehrend beuge ich mich vsr deiner edlen Gestalt, dn Haupt und Stifter eines Reichs von so großen Zwecken, von so daurendcm Um sauge, von so einfachen, lebendigen Grundsätzen, von so wirksames Triebfedern, daß ihm die Sphäre dieses Erdelebens selbst zu enge schien. Nirgend finde ich in der Geschichte eine Revolution, die in kurzer Zeit so stille veranlaßt, durch 'schwache Werkzeuge auf eine so sonderbare Art, zu einer noch unabsehlichen Wirkung' allenthalben auf der Erde angepflanzt, und in Gutem und Bösem bebauet worden ist, als die sich unter dem Namen nicht Deiner Religion, d. i. Deines lebendigen Entwurfs zum Wohl der Menschen, sondern größtentheilS einer Religion an dich, d. i. einer Gedankenlosen Anbetung Deiner Person und Deines Kreuzes den Völkern mit- getheilt hat. Dein Heller Geist sähe dies selbst voraus; und cs wäre Entweihung Deines Namens, wenn man ihn bey jedem trüben Abfluß Deiner reinen Quelle zu nennen wagte. Wir wollen ihn, so weit es seyn kann, nicht nennen; vor der ganzen Geschichte, die von Dir abstammc, stehe Deine stille Gestalt allein. Philos. und Gesch. VI. Th. D I. Ursprung des Christenthums, sammt den Grundsätzen, die in ihm lagen. v»>o sonderbar es scheinet, daß eine Revolution, die mehr als Einen Weltthcil der Erde betraf, aus dem verachteten Judäa hervorgegangcn.- so finden sich doch, bey näherer Ansicht, hiezu historische Gründe. Die Revolution nemlich, die von hier ausging, war geistig : und so verächtlich Griechen und Römer von den Juden denken mochten : so blieb cs ihnen doch eigen/ daß sie vor andern Völkern Asiens und Europens aus alter Zeit Schriften besaßen, auf welche ihre Verfassung gebauet war, und an welchen sich, dieser Konstitution zufolge, eine besondre Art Wissenschaft und Litteratur ausbilden mußte. Weder Griechen, noch Römer besaßen einen solchen Codex religiöser und politischer Einrichtung, der, mit altern geschriebenen Geschlechts-Urkunden verknüpft, einem eignen zahlreichen Stamm anvertrauet war, und von ihm mir abergläubischer Verehrung aufbehalten wurde. Noth- wcndig erzeugte sich aus diesem verjährten Buchstaben mit der Zeitfvlge eine Art feineren Sinnes, zu >K- > < ' .->> - Philoff zur Gesch. der Menschheit. 5 r welchem die Juden Key ihrer öftern Zerstreuung unter andre Volker gewöhnt wurden. Im Kanon ihrer heiligen Schriften fanden sich Lieder, moralische Sprüche und erhabene Reden, die, zu verschiedenen Zeiten nach den verschiedensten Anlässen geschrieben, in Eine Sammlung zusammen wuchsen, welche man bald als Ein fortgchendes System betrachtete, und aus ihr Einen Haupt-Sinn zoF. Die Propheten dieser Nation, die als konstituirte Wächter des Lan- desgesctzes, jeder im Umkreise seiner Denkart, bald lehrend und ermunternd, bald warnend oder tröstend, immer aber patriotisch - hoffend dem Volk ein Ge- mahlde hingestellt hakten, wie es seyn sollte und wie es nicht war, hatten mit diesen Früchten ihres Geistes und Herzens der Nachwelt mancherlei) Saamen- kvrner zu neuen Ideen nachgelassen, die jeder nach seiner Art erziehen konnte. Aus allen hatte sich nach und nach das System von Hoffnungen eines Königes gebildet, der sein verfallenes, dienstbares Volk retten, ihm, mehr als seine alten größesten Könige, goldene Zeiten verschaffen und eine neue Einrichtung der Dinge beginnen sollte. Nach der Sprache der Propheten waren diese Aussichten theokratisch; mit gesammleten Kennzeichen eines Messias wurden sie zum lebhaften Ideal ausgebildet, und als Brief und Siegel der Nation betrachtet. In Judäa hielt das wachsende Elend des Volkes diese Bilder fest; in andern Landern, z. B. in Aegypten, wo seit dem Verfall der Monarchie Alexanders viele Juden wohnhaft waren, bildeten sich di.se Ideen mehr nach griechischer Weise aus : apokrpphische Bücher, die jene Weissagungen neu darstelleten, gingen umher; und jetzt war die Zeir da, die diesen Traumereyen D 2 Atr I de e n zur Ph i l o sop h ie' auf ihrem Gipfel ein Ende machen sollte. Es erschien ein Mann aus dem Volk, dessen Geist, über Hirngespinste irdischer Hoheit erhaben, alle Hoffnungen , Wünsche und Weissagungen der Propheten zur Anlage eines idealischen Reichs vereinigte, das nichts weniger als ein jüdisches Himmelreich fern sollte. Selbst den nahen Umsturz seiner Nation sähe er in diesem höhern Plan' woraus, und wcissagcte ihrem prächtigen Tempel, ihrem ganzen zum Aberglauben gewordenen Gottesdienst ein schnelles trauriges Ende. Unter alle Völker sollte das Renh Gottes kommen, und das Volk, das solches eigenthümlich zu kmmcn glaubte, ward von ihm als ein verlebter Leichn.m, betrachtet. Welche umfassende Starke der Seele dazu gehört habe, im damaligen Judäa Etwas der Art an- zuerkennen und vorzutragcn, ist aus der unfreundlichen Aufnahme sichtbar, die diese Lehre bc>> den Obern und Weisen des Volks fand; man sabe sie als einen Ausruhr gegen Gott und Mojes, als ein Verbrechen der beleidigten Nation an, deren gesummte Hoffnungen sie unpakriotisch zerstörte. Auch den Aposteln war der ErjudaiSmus des Ehristcnthums die schwerste Lehre; und sie de» christlichen Jüdin, selbst außerhalb Judaa, begreiflich zu machen, hatte der gelehrteste der Apostel, Paulus , alle Deutungen jüdischer Dialektik nothig. Gut, daß die Vorsehung selbst den Ausschlag gab, und daß mit dem Untergänge Judaa's die alten Mauern gestürzt wurden, durch welche sich mit unverwcichlicher Harte dies sogenannte Einzige Volk Gottes von allen Völkern der Erde schied. Die Zeit der cinzelmn National - Gottesdienste voll Stolzes und Aberglaubens war vorü- der: denn so notwendig dergleichen Einrichtungen in altern Zeiten gewesen sevn mochten, als jede Nation , in einem engen Familienkreise erzogen, gleich einer vollen Traube auf ihrer eignen Staude wuchs - so war doch, seit Jahrhunderten schon, in diesem Erdstrich fast alle menschliche Bemühung dahin gegangen, durch Kriege, Handel, Künste, Wissenschaften und Umgang die Völker zu knüpfen, und die Früchte eines jeden zu einem gemeinsamen Trank zu keltern. Vorurtheile der National-Rcligioucn standen dieser Vereinigung am meisten im Wege; da nun beym allgemeinen Duldungsgcist der Römer in ihrem weiten Reich, und bey der allenthalben verbreiteten eklektischen Philosophie, (dieser sonderbaren Vermischung aller Schulen und Sekten,) jetzt noch ein Volksglaube hcrvortrat, der alle Völker zu Einem Volk machte, und gerade aus der hartssnnigcn Nation kam, welche sich sonst für die erste und einzige unter allen Nationen gehalten hatte: so war dies allerdings ein großer, zugleich auch ein gefährlicher Schritt in der Geschichte der Menschheit , je nachdem er gcthan wurde. Er machte alle Völker zu Brüdern, indem cp sie Einen Gott und Heiland kennen lehrte; er konnte sie aber auch zu Sklaven machen, sobald er. ihnen diese Religion als Joch und Kette aufdrang.. Die Schlüssel des Himmelreichs für diese und jene Welt konnten in den Händen andrer Nationen ein gefährlicherer Pharisäismus werden, als sie es in den Händen der Juden je gewesen waren. Am meisten trug zur schnellen und starken Wurzelung des Ehristenthums ein Glaube den, der sich vom Stifter der Religion selbst herschrieb; es Z4 Ideen zur Philosophie war die Meynung von seiner baldigen Rückkunft und der Offenbarung seines Reichs auf Erden. Jesus hatte mit diesem Glauben vor seinem Richter gestanden, und ibn in den letzten Tagen seines Lebens oft wiederholt; an ihn hielten sich seine Bekenner und hofften auf die Erscheinung seines Reiches. Geistige Christen dachten sich daran ein geistiges, fleischliche ein fleischliches Reich: und da die hochgespannte Einbildungskraft jener Gegenden und Zeiten nicht eben übersinnlich idealisiere: so entstanden Jüdisch-christliche Apokalypsen, voll von mancherley Weissagungen, Kennzeichen und Traumen. Erst sollte der Antichrist gestürzt werden, und als Christus wiederzukommen säumte, sollte jener sich erst offenbaren, sodann zu- nehmen und in seinen Greueln aufs höchste wachsen, bis die Errettung cinbrache und der Wicderkommende sein Volk erquickte. Es ist nicht zu laugnen, daß Hoffnungen dieser Art zu mancher Verfolgung der ersten Christen Anlaß geben mußten: denn der Welt- bcherrschcrin Rom konnte es unmöglich gleichgültig scyn, daß dergleichen Mcpnungen von ihrem nahen Untergänge, von ihrer antichristisch-abscbculichen oder verachttnswerlhen Gestalt geglaubt wurden. Bald also wurden solche Propheten als unpatriotische Vaterlandes- und Wcltverächter, ja als des allgemeinen Menschcnhasses übersührte Verbrecher betrachtet; und mancher, der den Wiedcrkvmmenden nicht erwarten konnte, lief selbst dein Martprerkhum entgegen. Indessen ists eben so gewiß, daß diese Hoffnung eines nahen Reiches Christi im Himmel oder auf Erden die Gemüther stark an einander band und von öer Welt abschloß. See verachteten diese als de r G e sch ich te der M en schh ei t. 55 eine die im Argen liegt, und sahen, was ihnen so nahe war, schon vor und um sich. Dies stärkte ihren Muth, das zu überwinden, was niemand sonst überwinden konnte, den Geist der Zeit, die Macht der Verfolger, den Spott der Ungläubigen; sie weilten als Fremdlinge hier und lebten da, wohin ihr Führer vorangeqangen war, und von dannen er.sieh bald offenbaren würde. Außer den angeführten Hauptmomenten der Geschichte scheinet es nöthig, einige nähere Züge zu bemerken , die zum Bau der Christenheit nicht Weniges bevtrugen. i. Die menschenfreundliche Denkart Christi hatte brüderliche Eintracht und Verzeihung , thatige Hülfe gegen die Nothlcidendcn und Armen, kurz jede Pflicht der Menschheit zum gemeinschaftlichen Bande seiner Anhänger gemacht, so daß das Christenthum demnach ein achter Bund der Freundschaft und Bruderliebe sepn sollte. Es ist kein Zweifel, daß diese Triebfeder der Humanität zur Aufnahme und Ausbreitung desselben, wie allezeit, so insonderbeit Anfangs viel bry- gctragen habe. Arme und Nothleidende, Gedrückte, Knechte und Sklaven, Zöllner und Sünder schlugen sich zu ihm; daher die ersten Gemeinen des Cbri- stcnthums von den Heiden Versammlungen der Bettler genannt wurden. Da nun die neue Religion den Unterschied der Stände nach der damaligen Weltverfassung weder aufhebcn konnte noch wollte; s- blieb ihr nichts, als die christliche Milde begüterter 56 Ideen zur Philosophie Seelen übrig, mit allem dem Unkraut, was auf diesem guten Acker mnsprofite. Reiche Wittwen vermochten mit ihren Geschenken bald so viel, daß sich ein Haufe von Bettlern zu ihnen hielt, und bep gegebnem Anlaß anch wohl die Ruhe ganzer Gemeinen störte. Es konnte nicht fehlen, daß aus der Einen Seite Almosen als die wahren Schätze des Himmelreichs anqepriesen, auf der ander» gesucht wurden; und in beyden Fällen wich Key niedrigen Schmeiche- leyen nicht nur jener edle Stolz, der Sohn unabhängiger Würde und eines eignen, nützlichen Fleißes, sondern auch oft Unpartheplichkcit und Wahrheit. Märtyrer bekamen die Almoscnkasse der Gemeine zu ihrem Gemeingut; Schenkungen an die Gemeine wurden zum Geist des Ehristcnthums erhoben, und die Sittcnlchre desselben durch die übertriebenen Lobsprüche dieser Gutthatsn verderbet. Lb nun wohl die Nokh der Zeiten auch hicbey manches entschuG digt: so bleibt es dennoch gewiß , daß wenn man die menschliche Gesellschaft nur als rin großes Hospital, und das Ehristenthum als die gemeine Almosen-Kaffe desselben betrachtet, in Ansehung der Moral und Politik zuletzt esti sehr böser Zustand daraus erwachse. 2. Das Ehristenthum sollte eine Gemeine se» n, die ohne weltlichen Arm von Vorstehern und Lehrern regiert würde. Als Hirten sollten diese der Heerde vorstehen, ihre Streitigkeiten schlichten, ihre Fehler mit Ernst und Liebe bessern, und sie durch Rath, Ansehen , Lehre und Beyspiel zum Himmel führen. Ein edles Amt, wenn es würdig verwaltet wird, und verwaltet zu werden Raum hat: denn es zerknicke der Geschichte der Menschheit. b7 den Stachel der Gesetze, rottet aus dis Dorrte» der Streitigkeiten und Liechte, und vereinigt den Seelsorger , Leichter und Vater. Wie aber, wenn in der Zeitfolge die Hirten ihre menschliche Heerde als wahre Schaafe behandelten, dder sic gar als lastbare Thiere zu Distel» führten? Oder wenn statt der Hirten rechtmäßig-berufene Wölfe unter die Heerde kamen? Unmündige Folgsamkeit ward also gar bald eine christliche Tugend; es ward eine christliche Tugend, den Gebrauch seiner Vernunft aufzugcbcn und statt eigner Ueberzeugung dem Ansehen einer fremden Meynung zu folgen, da ja der Bischof an der Stelle eines Apostels Botschafter, Zeuge, Lehrer, Ausleger, Richter und Entscheiden war. Nichts ward jetzt so hoch angerechnet, als das Glauben, das geduldige Folgen; eigne Meynungen wurden halsstarrige Ketze- reyen, und diese sonderten ab vom Reich Gottes und der Kirche. Bischöfe und ihre Diener mischten sich, der Lehre Christi zuwider, in Familienzwiste, in bürgerliche Handel: bald gcriethen sic in Streit unter einander, wer über den andern richten solle? Daher das Drängen nach vorzüglichen Bischofsstel- lcn, und die allmählige Erweiterung ihrer Rechte; daher endlich der endlose Zwist zwischen dem geraden und krummen Stabe, dem rechten und linken Arm, der Krone und Mitra. So gewiß cs nun ist, daß in den Zeiten der Tyrannen) gerechte und fromme Schiedsrichter, der Menschheit, die das Unglück hatte , ohne politische Konstitution zu leben, eine unentbehrliche Hülfe gewesene so ist auch in der Geschichte kaum ein größeres Aergcrniß denkbar, als dcr lange Streit zwischen dem geist- und weltlichen Arm, über welchem Ein Jahrtausend hin Europa zu kei- 58 Ideen zur Philosophie ner Konsistenz kommen konnte. Hier war das Salz dumm; dort wollte es zu scharf salzen. 3. Das Christenthum hatte eine Bekenn t n i ß so r m e l, mit welcher man zu ihm Key der Taufe eintrat; so einfach diese war, so sind mit der Zeit aus den drey unschuldigen Worten, Vater, Sohn und Geist, so viele Unruhen, Verfolgungen und Aergernisse hervorgegangen, als schwerlich aus drey andern Worten der menschlichen Sprache. Je mehr man vom Institut des Christenthums, als von einer thatigen, zum Wohl der Menschen gestifteten Anstalt, abkam: desto mehr spekulirte man jenscit der Grenzen des menschlichen Verstandes; man fand Geheimnisse und machte endlich den ganzen Unterricht der christlichen Lehre zum Geheimnis. Nachdem die Bücher des neuen Testaments als Kanon in die Kirche cingeführt wurden, bewies man aus ihnen, ja gar aus Büchern der jüdischen Versassuna, die man selten in der Ursprache lesen konnte und von deren erstem Sinn man langst abgekommen war, was sich schwerlich aus ihnen beweisen ließ. Damit häuften sich Ketzcreyen und Systeme, denen zu entkommen man das schlimmste Mittel wählte, Kirchenversamm- lungen und Synoden. Wie viele derselben sind eme Schande des Christcnkbums und des aesiin- dcn Verstandes! Stolz und Unduldsamkeit riefen sie zusammen, Zwietracht, Parthevlichkcit, Grobheit und Bübereoen herrschen auf denselben, und zuletzt waren es Ucbermacht, Willkühr, Trotz, Kupp.ley, Betrug oder ein Zufall, die unter dem Namen des H. Geistes für die ganze Kirche, ja für Zeit und Ewigkeit entschieden. Bald fühlte sich niemand ge- der Geschichte der Menschheit. 5 g schickter, Glaubenslehren zu bestimmen, als die chri- stinnisirten Kaiser, denen Konstantin das angebohrne Erbrecht nachließ, über Vater, Schn und Geist, über s,crc>8 Ideen zur Philosophie Stirn unterzuschicbcn. Der fromme Betrug, der in Sachen dieser Urt abscheulicher als Meineid ist, weil er ganze Reihen von Geschlechtern und Zeilen ins Unermeßliche hin belüget, war bald keine Sünde mehr, sondern zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen ein Verdienst. Daher die vielen untergeschobenen Schriften der Apostel und Kirchenvater: daher die zahlreichen Erdichtungen von Wundern, Märtyrern, Schenkungen, Konstitutionen und Dekreten, deren Unsicherheit durch alle Jahrhunderte der altern und Mittlern Ehristengeschichtc fast bis zur Reformation hinauf, wie ein Dieb in der Nacht fortschleichet. Nachdem Einmal das böse Princi- pium angenommen war, daß man zum Nutzen der Kirche Untreue begehen, Lügen erfinden, Dichtungen schreiben dürfe, so war der historische Glaube verletzt; Zunge, Feder, Gedachtniß und Einbildungskraft der Menschen hatten ihre Regel und Richtschnur vcrlohcen, so daß statt der Griechischen und Puni- schen Treue wohl mit mchrerem Rechte die christlich e G! a u b w ü r d i g k e i t genannt werden möchte. Und um so unangenehmer fallt dieses ins Auge, da die Epoche des Christenthums sich einem Zeitalter der trefflichsten Geschichtschreiber Gricchenlandes und Roms anschließt, hinter welchen in der christlichen Acra sich auf einmal, lange Jahrhunderte hin, die wahre Geschichte bcynahc ganz verlieret. Schnell sinkt sic zur Bischofs- Kirchen - und Mönchschronik hinunter, weil man nicht mehr für die Würdigsten der Menschheit, nicht mehr für Welt und Staat, sondern für die Kirche, oder gar für Orden, Kloster und Sekte schrieb, und, da man sich ans Predigen gewöhnt hatte, und das Volk dem Bischöfe alles der Geschichte der Menschheit. 6r glauben mußte, man auch schreibend die ganze Welt für ein glaubendes Volk, für eine christliche Heerde ani'ah. 5. Das Christcnthum batte nur zwei) sehr einfache und zweckmäßige heilige Gebrauche, weil es mit ihm nach seines Stifters Absicht auf nichts weniger als auf einen Ccremoinendicnst angesehen seyn sollte. Bald aber mischte'sich, nach Berschiedenheit der Lander, Provinzen und Zeiten, das After - Christcuchum dergestalt mit Jüdisch - und Heidnischen Gebräuchen, daß z. B. die Taufe der Unschuldigen zur Teuftlbeschwö- rung und das Gedächtuißmah! eines scheidenden Freundes *ur Schaffung eines Gottes, zum unblutigen Opfer, zum Sündcnvcrgebcndcn Mirakel, zum Reisegeld in die andre Welt gemacht ward- Unglückseliger Weise trafen die christlichen Jahrhunderte mit Unwissenheit, Barbarei) und der wahren Epoche des Übeln Geschmacks zusammen, also daß auch in stins Gebrauche, in den Bau seiner Kirchen, in die Ein-^ richkung seiner Feste, Satzungen und Prachtanstaltcn, in seine Gesänge, Gebete und Formeln wenig wahres Großes und Edles kommen konnte. Bon Land zu Lande, von Einem zum andern WeltcheU wälzten sich diese Eercmonicn fort; was ursprünglich einer alten Gewohnheit wegen noch einigen Lokalsinn gehabt hatte, verlor denselben in fremden Gegenden und Zeiten; so ward der christliche Liturgieengeist ein seltsames Gemisch von jüdisch- ägyptisch- griechisch - römisch- barbarischen Gebräuchen, in denen oft das Ernsthafteste langweilig oder gar lächerlich seyn mußte. Eine Geschichte des christlichen Geschmacks in Festen, Tempeln, Formeln, Einwei- 62 Ideen zur Philosophie düngen und Komposition der Schriften, mit philosophischem Auge betrachtet, würde das bunteste Ge- mahlde werden, das über eine Sache, die keine Ce- remonicn haben sollte, je die Welt sah. Und da dieser christliche Geschmack sich mit der Zeit in Gerichts- und Staarsgcbräuche, in die häusliche Einrichtung, m Schauspiele, Romane, Tanze, Lieder, Wettkampfe, Wappen, Schlachten, Sieges - und andre Lustbarkeiten gemischt bat: so muß man bekennen , daß der menschliche Geist damit eine unglaublich-schicsc Form erhalten, und daß das Kreuz, daS über die Nationen erriechtet war, sich auch den Stirnen derselben sonderbar einegpragt habe. Die pisaicrrli (Airisdiani schwammen Jahrhundertelang in einem trüben Elemente. 6. Christus lebte ehe los und seine Mutter war eine Jungfrau: so heiter und fröhlich er war, liebte er zuweilen die Einsamkeit und that stille Gebete. Der Geist der Morgenlander, am meisten der Aegyp- tcr, der ohnedem zu Anschauungen, Absonderungen und einer heiligen Trägheit geneigt war, übertrieb die Ideen von Heiligkeit des ehrlosen Lebens insonderheit im Priesterstande, vom Gottgefälligen der Jungfrauschaft, der Einsamkeit und des beschauenden Lebens dermaßen, daß, da schon vorher, insonderheit in Aegypten , Esseer, Therapeuten und andre Sonderlinge geschwarmet hatten, nunmehr durchs Christenthum der Geist der Einsiedelcycn, der Gelübde, des Fastens, Büsftns, Betens, endlich des KlostcrlebeNs in volle Gahrung kam. In andern Ländern nahm er zwar andre Gestalt an, und nachdem er eingerichtet war, brachte er Nutzen oder Schaden; im Ganzen der Geschichte der Menschheit. 63 aber ist das überwiegende Schädliche dieser Lebensweise, sobald sie ein unwiderrufliches Gesetz, ein knechtisches Joch oder ein politisches Netz wird, sowohl für das Ganze der Gesellschaft als für einzelne Glieder derselben unverkennbar. Von Tsina und Tibet an bis nach Irland, Mc;iko und Peru sind Kloster der Bon,en, Lama's und Talapoine, so wie nach ihren Klassen und Arten aller christlichen Mönche 'und Nonnen Kerker der Religion und des Staats, Werkstätten der Grausamkeit, des Lasters und der Unterdrückung oder gar abscheulicher Lüste und Bubenstük- ke gewesen. Iud ob wir zwar keinem geistlichen 27r- dcn das Verdienst rauben wollen, das er um den Vau der Erde, oder um Menschen und Wissenschaft gehabt hat; so dürfen wir auch nie unser Thr vor den geheimen Seufzern und Klagen verschliefen, die aus diesen dunkeln, der Menschheit entrissenen Gewölben tönen; noch wollen wir unser Auge abkehren, um die leeren Traume überirdischer Beschaulichkeit, oder die Kabalen des wülhcnden Möncheifers durch alle Jahrhunderte in einer Gestalt zu erblicken, die gewiß für keine erleuchtete Zeit gehöret. Den, Christen- thum sind sie ganz fremde: denn Christus war kein Mönch, Maria keine Nonne; der älteste Apostel führte sein Weib mit sich, und von überirdischer Beschaulichkeit wissen weder Christus noch die Apostel. 7 . Endlich hat das Christen th um, indem es ein Reich der Himmel a u f C c- den gründen wollte, und die Menschen von der Vergänglichkeit des Irdischen überzeugte, zwar zu jeder Zeit jene reinen und stillen Seelen gebildet, die das Auge der Welt nicht suchten und vor Gott ihr Gutes thacen; leider aber hat es auch 6 , Ideen zur Philosophie durch einen argen Mißbrauch den falschen Enthusiasmus genährt, der fast von seinem Anfänge an, unsinnige Märtyrer und Propheten in reicher Zahl erzeugte. Ein Reich der Himmel wollten sie auf die Erde bringen, ohne daß sie wußten, wie oder wo es stünde ? Sie widerstrebten der .Obrigkeit, lö- fcken das Band der Ordnung auf, ohne der Welt eine bessere geben zu können; und unter der Fülle des christlichen Eifers versteckte sich pöbelhafter Stolz, kriechende Anmaßung, schändliche Lust, dumme Thor- heit. Wie betrogene Juden ihren falschen Meisten anhingcn, rotteten hier die Christen sich unter kühne Betrüger, dort schmeichelten sie den schlechtsten Seelen tyrannischer, üppiger Regenten, als ob Diese das Reich Gottes auf die Erde brächten, wenn sie ihnen Kirchen ballten oder Schenkungen verehrten. So schnreichelte man schon dem schwachen Konstantin, und diese mystische Sprache prophetischer Schwärmerei) sich Umstanden und Zeiten nach auf Männer und Weiber verbreitet. Der Parakletus ist oft erschienen; Licbetrunkenen Schwärmern hat der Geist oft durch Weiber geredet. Was in der christlichen Welt Ehiliasten und Wiedertäufer, Do- r.atisten, Montanisten, Priscittianisten, Eircumcel- lionen u. f. für Unruhe und Unheil angerichtet; wie andere mit glühender Phantasie Wissenschaften verachtet oder verheert, Denkmahle und Künste, Einrichtungen und Menschen ai-.Sgcrortec und zerstört; wie ein augenscheinlicher Betrug oder gar ein lächerlicher Zufall zuweilen ganze Lander in Aufruhr gesteht und z. B. das geglaubte Ende der Welt Europa nach Asien gejagt hat; das Alles zeigt die Geschickte. der Geschichte der Menschheit. 65 schichte. Indessen wollen wir auch dem reineren christlichen Enthusiasmus sein Lob nicht versagen; er hat, wenn er aufs Gute traf, in kurzer Zeit für viele Jahrhunderte mehr ausgerichtct, als eine philosophische Kalte und Gleichgültigkeit je ausrichten konnte. Die Blatter des Truges fallen ab; aber die Frucht gedeihet. Die Flamme der Zeit verzehrte Stroh und Stoppeln; das wahre Gold konnte sie nur lautern. * * * So manches von diesem als einen schändlichen Mißbrauch der besten Sache ich mit traurigem Ge- müch nicdcrgeschrieben habe; so gehen wir dennoch der Fortpflanzung des Ehristenthums in feinen verschiedenen Erdstrichen und Welttheilen beherzt entgegen: denn wie die Arzney in Gift verwandelt wurde, kann auch das Gift zur Arzney werden, und eine in ihrem Ursprünge reine und gute Sache muß am Ende doch triumphiren. Milos, und Tesch. VI. Th. E lAeen. IV. 66 Ideen zur Philosophie II. Fortpflanzung des Christenthums in den Morgenländern. ^)n Judäa wuchs das Christenthum unter dem Druck hervor, und hat in ihm, so lange der jüdische Staat wahrte, seine gedruckte Gestalt behalten. Die Nazaräer und Ebionicen, wahrscheinlich die Reste des ersten christlichen Anhanges, waren ein dürftiger Haufe, der längst ausgegangen ist und jetzt nur noch, seiner Meynung wegen, daß Christus ein bloßer Mensch der Sohn Josephs und der Maria gewesen, unter den Ketzern stehet. Zu wünschen wäre es, daß ihr Evangelium nicht auch untergegan- gcn wäre; in ihm hätten wir vielleicht die früheste, obwohl eine unreine Sammlung der nächsten Landcs- traditionen vom Leben Christi. Eben so wären jene alten Bücher, die die Sabäer oder Johanneschristen besaßen, vielleicht nicht unmerkwürdig: denn ob wir gleich von dieser aus Juden und Christen gemischten fabelnden Sectc nichts weniger als eine reine Aufklärung uralter Zeiten erwarten dürfen: so ist doch bey Sachen dieser Art oft auch die Fabel erläuternd *). *) Die neueste und gewisseste Nachricht von dieser Secte ist in Nord ergs LoMinent. äs relig. st linguÄ Ladaesrum 1780» Sie sollte nebst der Geschichte derMenschheit. 67 Wodurch die Kirche zu Jerusalem auf andre Gemeinen am meisten wirkte, war das Ansehen der Apostel: denn da Jakobus, der Bruder Jesu, ein vernünftiger und würdiger Mann, ihr eine Reihe von Jahren Vorstand: so ist wohl kein Zweifel, daß ihre Form auch andern Gemeinen ein Vorbild worden. Also ein Jüdisches Vorbild, und weil beynah jede Stadt und jedes Land der ältesten Christenheit von einem Apostel bekehrt seyn wollte: so entstanden allenthalben Nachbilder der Kirche zu Jerusalem, apostolische Gemeinen. Der Bischof, der von einem Apostel mit dem Geist gesalbt war, trat an seine Stelle, mithin auch in sein Ansehen: die Geisteskräfte, die er empfangen hatte, theilte er mit, und ward gar bald eine Art Hohepriester, eine Mittel- pcrson zwischen Gott und Menschen. Wie das erste Concilium zu Jerusalem im Namen des heiligen Geistes gesprochen hatte: so sprachen andre ConcilicN ibm nach, und in mehreren asiatischen Provinzen erschrickt man über die früherworbene geistliche Macht der Bischöfe. Das Ansehen der Apostel also, das auf die Bsichöfe leibhaft überging, machte die älteste Einrichtung der Kirche aristokratisch; und in dieser Verfassung lag schon der Keim zur künftigen Hierarchie und zum Pabstthum. Was man von der rcinen Jungfräulichkeit der Kirche in den dreh ersten Jahrhunderten sagt, ist übertrieben oder erdichtet. Walchs u. a. Abhandlungen, nach Art älterer Sammlungen, zusammengedruckt werden- E 2 Man kennet in den ersten Zeiten des Christen» thums eine sogenannte m or g e n l a n d i sc h c Philosophie, die sich weit umher gebreitet hat, näher betrachtet aber nichts als ein Ausschößling der elektischen, neu-platonischen Weisheit ist, wie ihn diese Gegenden und Zeiten hccvorbringcn konnten. Er schlang sich dem Juden- und Christcnthum an, ist aber aus ihm nicht entsprosten, har ihm auch keine Früchte getragen. Vom Anfänge des Christenthums belegte man die Gnostiker mit dem Ketzcrnamen, weil man keine Vernünftler unter sich dulden wollte, und mehrere derselben waren unbekannt geblieben, wenn sie nicht auf der Ketzcrrolle standen. Es wäre zu wünschen, daß dadurch auch ihre Schriften erhalten waren, die uns über den Kanon des neuen Testaments nicht unwillkommen seyn dürften ; jetzt sichet man Key den auflnhaltencn einzelnen Menningen dieser zahlreichen Sekte nur einen rohen Versuch, morgcnlandisch-platonische Dichtungen über die Natur Gottes und die Schöpfung der Welt dem Juden- und Christenthum anzusügen, und eine metaphysische Theologie meistens in allegorischen Namen, sammt einer Theodicee und philosophischen Moral daraus zu bilden. Da die Geschichte der Menschheit keine Ketzcrnamen kennt, so ist jeder dieser verunglückten Versuche ihr schätzbar und merkwürdig; ob es gleich für die Geschichte des Christenthums gut ist, daß Traume dieser Art nie das herrschende System der Kirche wurden. Nach so vieler Mühe, die man sich kirchlich über diese Sekten gegeben, wäre eine reinphilosophische Untersuchung, woher sic ihre Ideen genommen? was sic mit solchen gemeynt? und welche Früchte diese gebracht haben? für die Geschichte des der Geschichte der Menschheit. 6<) menschlichen Verstandes nicht unnützlich *). Weiter hinaus ist die Lehre des Meines gedrungen, der keinen kleinern Zweck hatte, als ein vollkommenes Ehristcnthum zu stiften. Er scheiterte; und scine auSgebreiteten Anhänger wurden zu allen Zeiten, an allen Orten dergestalt verfolget, daß der Name Manichäer, insonderheit seitdem Augustinus die Feder gegen sie geführt hatte, fortan der schrecklichste Name eines Ketzers blieb. Wir schaudern jetzt vor diesem kirchlichen Vcrfolgungsgeist, und bemerken, daß mehrere dieser schwärmenden Harcsiarchen unternehmende denkende Köpfe waren, die den kühnen Versuch machten, nicht nur Religion, Metaphysik, Sitten- und Naturlehre zu vereinigen, sondern sie auch zum Zwcck einer wirklichen Gesellschaft, eines philosophisch-politischen Rcligionsordens zu verbinden. Einige derselben liebten die Wissenschaft, und sind zu beklagen, daß sic nach ihrer Lage keine genauere Kenntnisse haben konnten; die katholische Parthey indeß wäre selbst zum stehenden Pfuhl geworden, wenn diese wilden Winde sie nicht in Regung gesetzt und wenigstens zur Vcrthcidigung ihrer buchstäblichen Tradition gezwungen hätten. Di? Zeit einer reinen Vernunft und einer politischen Sitteuverbcsserung aus derselben war noch nicht da, und für Manes Kirchengemein- schast war weder in Persien noch Armenien, auch *) Rach Beausobrc, Mosheim, Brücker, Walch, Jablonsky, Semleru. a. können wir jetzr diese Sachen Heller und freyer betrachten. - 7 ° Ideen zur Philosophie späterhin weder unter den Bulgarn noch Albigensern eine Stelle. Bis nach Indien, Tibet und Tsina drangen die christlichen Sekten, obwohl sür uns noch auf dunkeln Wegen *); der Stoß indessen, der in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung auf die entferntesten Gegenden Asiens geschah, ist in ihrer Geschichte selbst merklich. Die Lehre des Budda oder Fo, die aus Baktra hinuntergcstiegen scyn soll, bekam in diesen Zeiten ein neues Leben. Sie drang bis nach Ceylon hinab, bis nach Tibet und Tsina hinauf: Indische Bücher dieser Art wurden ins Tsi- nesische übersetzt, und die große Sekte der Bonzen kam zu Stande. Ohne dem Christenthum alle Gräuel der Bonzen oder das ganze Klostersystem der Lama's und Talapoinen zuzuschreiben, scheint es der Tropfe gewesen zu seyn, der von Aegypten bis Tsina alle altern Träume der Völker neu in Gährung brachte, und sie mehr oder weniger in Formen schied. In manche Fabel von Budda, Krischnu u. f. scheinen christliche Begriffe gekommen zu seyn, auf Indische Art verkleidet; und der große Lama auf den Gebir- *) Es wäre zu wünschen, daß aus den Schriften der Acmäeruie cles Iiiscrixtious die Abhandlungen von Deguignes so gesammtet übersetzt würden, wie man die von Caylus, St. Pa- taye und andern gesammtet hat. Mich dünkt dies das leichteste Mittel, Merkwürdigkeiten aus dem Wüste des Gemeinen hervorzuziehen und die Entdeckungen einzelner Männer eben sowohl nutzbar zu machen, als mit sich selbst zu vereinigen. der Geschichte der Menschheit. 71. gen, der vielleicht erst im fünfzehnten Jahrhundert entstanden, ist mit seiner persönlichen Heiligkeit, mit seinen harten Lehren, mit seinen Glocken und Prie- fr^rordcu vielleicht ein weitlauftiger Vetter des Lama an der Tyber; nur daß bey jenem der Manichais- mus und Nestorianismus auf asiatische, fo wie bey diesem die rechtgläubige Christcn-Religion auf römische Ideen und Gebrauche gepfropft ist. Schwerlich aber werden sich die beyden Vettern anerkennen, so wenig sie einander besuchen werden. Heller wird der Blick auf die gelehrteren Ne- storiancr, die insonderheit vom fünften Jahrhundert an sich tief in Asien verbreitet und mancherley Gutes bewirkt haben *). Fast vom Anfänge der christlichen Zeitrechnung blühete die Schule zu Edeffa als ein Sitz der Syrischen Gelehrsamkeit. König Ab- garus, den man mir Christo selbst in einen Briefwechsel gebracht hat, ließ, als ec seine Residenz von Resibis dahin verlegte, die Büchersammlungen, die in den Tempeln lagen, nach Edeffa bringen; nach Edeffa reifete in dieser Zeit, wer gelehrt werden wollte, aus allen Ländern umher, weil außer der christlichen Theologie auch über die freyen Künste in griechisch - und syrischer Sprache Unterricht gegeben *) Pfeifers Auszug aus Assemanni Orientalischer Bibliothek (Erlangen >776.) ist ein nutzbares Werk für diese fast unbekannte Gegend der Geschichte;, eine eigne Geschichte des christlichen Orients, insonderheit des Nestorianismus im Zusammenhänge wäre noch zu wünschen. WWM» 72 Ideen zur Philosophie wurde, so daß Edessa vielleicht die erste christliche Universität in der Welt ist. Vierhundert Jahre blü- hete sie, bis durch die Streitigkeiten über Nestorius Lchrc, zu welcher sich diese Schule schlug, ihre Lehrer vertrieben und die Hörsale derselben gar nieder- gerissen wurden. Dadurch aber breitete sich die Syrische Litteratur nicht nur in Mesopotamien, Palästina , Syrien und Phönicien umher; sie ging auch nach Persien, wo sie mit Ehren ausgenommen ward, und wo endlich gar ein Ncstorianischer Pabst entstand, der über die Cbristenhcit in diesem Reich, späterhin auch über die in Arabien, Indien, der Monaolcy und Tsina bcrrschtc. Lb er der berühmte Priester-Johannes (Pres-Tadschany, der Priester der Welt) sey, von dem in den Mittlern Zeiten viel gefabelt worden? und ob durch eine seltsame Vermischung der Lehren endlich der große Lama aus ihm entstanden? lassen wir unentschieden *). Genug, in Persien wurden die beliebten Nestoriancr von den Königen als Leibärzte, Gesandten und Minister gebraucht; die Schriften des Christenthums wurden ms Persische übersetzt, und die Syrische war die gelehrte Sprache des Landes. Als Mahomcds Reich emporkam , insonderheit unter seinen Nachfolgern, den Dmmiaden, bekleideten Nestoriancr die höchsten Ehrenstetten, wurden Statthalter der eroberten Provin- *) Fischer in der Einleitung zu seiner Sibirischen Geschichte (§. ü8. u. f.) hat diese Meynung sehr glaubhaft gemacht. Andre sind für den U n g- Khan, den Khan der Keraiten. Siehe Kochs table äss revolutioirs 1'. I. p. r6Z. u'-'.'.'.VH < V i. ^ ->B^ ' - ' '' der Geschichte der Menschheit. zc», und seit die Kalifen z» Bagdad sascn , auch da sie ihre Residenz nach Samaraja verlegen mußten, war der Patriarch der Nestorianer ihnen zur Seite. Unter Al-Mamon, der seiner Nation gelehrt kultivirte und auf der Akademie zu Bagdad Aerztc und Astronomen, Philosophen, Physiker, Mathematiker , Geographen und Annalisten bestellte, waren die Syrer der Araber Mitlehrer und Lehrer. Wetteifernd übersetzten beyde die Schriften der Griechen, deren viele schon in der syrischen Sprache waren, ins Arabische; und wenn nachher aus dem Arabischen das Licht der Wissenschaften dem dunkeln Europa aufging, so haben an ihrem Ort die christlichen Syrer dazu ursprünglich mitgehotfen. Ihre Sprache, die unter den morgenländischen Dialekten dieses Wellstrichs zuerst Vokalen bekommen hatte, die sich auch der ältesten und schönsten Uebersctzung des neuen Testaments rühmen kann, ist gleichsam die Brücke der griechischen Wissenschaften für Asien und durch die Araber für Europa worden. Weit und breit gingen damals unter so günstigen Umständen Nestorianische Missionen aus, die andre christliche Sekten zu unterdrücken oder zu entfernen wußten. Auch noch unter den Dschengiskhaniden galten sie viel: ihr Patriarch begleitete den Khan oft auf seinen Zügen, und so drang ihre Lehre unter die Mongolen, Jgu- rier und andre tatarische Volker. In Samarkand saß ein Metropolit, in Kaschgar und andern Städten Bischöfe: ja wenn das berühmte christliche Monument in Tsina acht wäre, so fände imln auf ihm eine ganze Chronik der Einwanderungen der Priester aus Tatsin. Nimmt man noch hinzu, daß ohne vorhergehendes und einwirkendes Christenthum die ^4 U Ideen zur Philosophie ganze Mahomcdanische Religion, wie sie ist, nicht entstanden wöwe: so zeigt sich in ihm ohn' allen Streit ein Ferment, das mehr oder minder, früher oder spater, die Denkart des ganzen Süd- zum Thcil auch Nordasiens in Bewegung gesetzt hat. Niemand indessen erwarte aus dieser Bewegung eine neue eigne Blüthe des Menschcngcistes, wie wir sie etwa Key Griechen und Römern fanden. Die Nestorianer, die so viel bewirkten, waren kein Volk, kein selbstgewachsner Stamm in einer mütterlichen Erde; sie waren Christen, sie waren Mönche. Ihre Sprache konnten sie lehren; was aber in ihr schreiben? Liturgieen, Auslegungen der Schrift, klösterliche Erbauungsbücher, Predigten, Streitschriften, Chroniken und geistlose Verse. Daher in der syrisch-christlichen Litteratur kein Funke jener Dichtergabe, die aus der Seele flammet und Herzen erwärmet; eine elende Künsteley, Namenregister, Predigten, Chroniken zu versisiciren, ist ihre Dichtkunst. In keine der Wissenschaften, die sie bearbeitet, haben sie Ecflndungsgeist gebracht, keine derselben mit Eigenthümlichkeit behandelt. Ein trauriger Erweis, wie wenig der ascetisch - polemische Mönchsgeist bcy aller politischen Klugheit leiste. In allen Wclttheilen hat er sich in dieser unfruchtbaren Gestalt gczciget, und herrscht noch auf den tibetanischen Bergen, wo man Key aller gesetzlichen Pfaffenordnung auch keine Spur eines fceyen erfindenden Genius antrifft. Was aus dem Kloster kommt, gehöret auch meistens nur für Klöster. Bey einzelnen Provinzen des christlichen Asiens darf die Geschichte also nur kurz verweilen. Nach Armenien kam das Christenthum frühe, und hat der der Geschic'hte der Menschheit. pä alten merkwürdigen Sprache eigne Buchstaben, mit diesen auch eine doppelte und drciMche V.Aersttzung der Schrift und eine Armenische Geschichte gegeben. Weder aber Misrob mit seinen Buchstaben, noch sein Schüler, Moses aus Chorene *), mit seiner Geschichte, konnten ihrem Volk eine Litteratur oder Nationalverfassung geben. Von jeher lag Armenien an der Wegscheide der Völker; wie es ehemals un» ter Persern, Griechen, Römern gewesen war, kam es jetzt unter Araber, Türken, Tatern, Kurden. Noch jetzt treiben die Einwohner ihre alte Kunst, den Handel; ein wissenschaftliches oder Staatsgebäude hat, mit und ohne Christenthum, in dieser Gegend nie errichtet werden mögen. Noch elender issss mit dun christlichen Georgien. Kirchen und Klöster, Patriarchen, Bischöfe und Mönche sind da: die Weiber sind schön, die Männer herzhaft; und doch verkaufen Eltern die Kinder, der Mann sein Weib, der Fürst seine Unterthanen, der Andächtige allenfalls seinen Priester. Ein seltnes Christenthum unter diesem muntern und treulosen Raubgesindel. Auch ins Arabische ist das Evangelium frühe übersetzt worden, und mehrere christliche Sekten haben sich Mühe um dies schöne Land gegeben. Juden und Christen lagen darin oft verfolgend gegeneinander; aus beyden Theilen, ob sie gleich zuweilen selbst Könige hervarbcachtcn, ist nie etwas Merkwür- li i s t o n°s Borrede zu lVIosis llbnrenensis bist. Armen. 17J6. Schröder tbesemr. Iin§. Armen, älss, p. 62. Ideen zur Philosophie 7 ^ digcs worden. Alles sank unter Mahomcd; und jetzt gibts in Arabien - zwar ganze Judenstamme, aber keine Ehristengemcincn. Drey Religionen, Abkömmlinge von einander, bewachen mit gegenseitigem Haß unter einander das Heiligthum ihrer Geburtsstattc, die Arabische Wüste *). . * * H Wollen wir nun mit einem allgemeinen Blick ein Resultat der Wirkungen erfassen, die das Ehri- stenthum seinen asiatischen Provinzen gebracht hate so werden wir uns zuforderst über den Gesichtspunkt des Voctheils vergleichen müssen, den irgend eine und diese Religion einem Weltcheil bringen konnte. i. Auf ein irdisches Himmelreich, d. i. auf eine vollkommncre Einrichtung der Dinge zum Besten der Völker, mag das Ehristenthum im Stillen gewirkt haben; die Blürhe der Wirkung aber, ein vollkommener Staat, ist durch dasselbe nirgend zum Vorschein gekommen, weder in Asien, noch in Europa. Syrer und Araber, Armenier und Perser, Juden und Grusiner sind, was sie waren, geblieben; und keine Staatsverfassung jener Gegenden kann sich eine Tochter des Ehristenthums zu scyn rühmen; es sco denn, daß man Einsiedelcy und Monchödienst, oder die Hierarchie jeder Art mit ihren rastlosen Wirkungen für das Ideal eines Christenstaats nehmen v wollte. Patriarchen und Bischöfe senden Missionen *) Bruce Reisen nach Lbyssinien geben eine merkwürdige Geschichte des Christenthums dieser Gegenden; ob sür's Ganze sich daraus neue Resultate ergeben, wird die Zeit lehren. der Geschichte der Menschheit. 77 umher, um ihre Sekte, ihren Sprengel, ihre Gewalt auszubrciten: sie suchen die Gunst der Fürsten, um Einfluß in die Geschäfte oder um Klöster und Gemeinen zu erhalten: Eine Parchey strebt gegen die andre, und sorgt, daß sie die herrschende werde: so jagen Juden und Christen, Nestorianer und Mo- nophysiten einander umher; und keiner Parthey darf es einfallen, auf das Beste einer Stadt oder eines Erdstrichs rein und srey zu wirken. Die Klerisei) der Morgenlander, die immer etwas Mönchartiges hatte, wollte Gott dienen und nicht den Menschen. 2. Um auf Menschen zu wirken, hatte man drei) Wege, Lehre, Ansehen, und gottesdienstliche Gebrauche. Lehre ist* allerdings das reinste und wirksamste Mittel, sobald sie von rechter Art war. Unterricht der Jungen und Alten, wenn er die wesentlichen Beziehungen und Pflichten der Menschheit betraf, konnte nicht anders als eine Anzahl nutzbarer Kenntnisse in Gang bringen, oder im Gange erhalten; der Ruhm und Vorzug, solche auch dem geringen Volk klarer gemacht zu haben, bleibet dem Ehristenthum in vielen Gegenden ausschließend eigen. Durch Fragen, Predigten, Lieder, Glaubensbekenntnisse und Gebete wurden Kenntnisse von Gott und der Moral unter die Völker verbreitet : durch Uebersctzung und Erklärung der heiligen Schriften kam Schrift und Litteratur unter dieselbe; und wo die Nationen noch so kindisch waren, daß sie nur Fabeln fassen mcchten, da erneuerte sich wenigstens eine heilige Fabel. Offenbar aber kam hiebey alles daraus an, ob der Mann, der lehren sollte, lehren konnte, und was es war, das er lehrte? Auf beydc Fragen wird die Antwort nach Personen, Ideen zur Philosophie Völkern, Zeiten und Weltgegcnden so verschieden, daß mein am Ende sich nur an das halten muß, was er lehren sollte; woran sich denn auch die herrschende Kirche hielt. Sie fürchtete die Unküchtigkrit und Kühnheit vieler ihrer Lehrer, faßte sich also kurz und blieb in einem engen Kreise. Dabey lief sic nun freylich auch Gefahr, daß der Inhalt ihrer Lehre sich sehr bald erschöpfte und wiederholte, daß m wenigen Geschlechtern die ererbte Religion fast allen Elan; ihrer Neuheit verlor, und der gedankenlose Lcbrcr auf seinem alten Bekcnntniß sanft einschlief. Und so war meistens auch nur der erste Stoß christlicher Missionen recht lebendig; bald geschah es, daß jede matte Welle eine mattere trieb, und alle zuletzt in die stille Oberfläche des Herkommens eines alten Ehristcu-Gebrauches sanft sich verloren. Durch Gebräuche suchte man nämlich das zu ersetzen, was der Seele des Gebrauchs, der Lehre, abging; und so fand sich das Cercmonicnwescn ein, das endlich zu einer geistlosen Puppe geriet!), die in alter Pracht, imbcrübrbar und unbeweglich dasiand. Für Lehrer und Zuhörer war die Puppe zur Bequemlichkeit erdacht: denn beyde konnten dabey etwas denken, wenn sie denken wollten; wo nicht, so ging doch, wie man sagte, das Vehikulum der Religion nicht verloren. Und da vom Anfänge an die Kirche sehr auf Einheit hielt, so waren zur gedankenlosen Einheit Formeln, die die Heerde am wenigsten zerstreuen mochten, allerdings das beste. Von allem diesen sind die Kirchen Asiens die vollesten Erweise: sie sind noch, was sie vor fast zwey Jahrlarrsenden wurden, entschlafnc seelenlose Körper: selbst Ketzerey ist in ihnen ausgcstorben; denn auch zu Ketzereven ist keine Kraft mehr da. der Geschichte der Menschheit. 79 Vielleicht aber kann das Ansehen der Priester ersetzen, was der cntschlafnen Lehre oder der crstorbncn Bewegung abgeht? Einigermaßen, aber nie ganz. Allerdings hat das Alter einer geheiligten Person den sanften Schimmer väterlicher Erfahrung, reifer Klugheit und einer leidenschaftlosen Ruhe der Seele vor und um sich; daher so manche Reifende der Ehrerbietung gedenken, die sie vor bejahrten Patriarchen, Priestern und Bischöfen des Morgenlandes fühlten. Eine edle Einfalt in Gebärden, in der Kleidung, dem Betragen, der Lebensweise trug da-u bey, und mancher ehrwürdige Einsiedler, wenn er der Welt seine Lehre, seine Warnung, seine» Trost nicht versagte, kann mehr Gutes gestiftet haben, als hundert geschwätzige Müßiggänger im Tumult der Gassen und Märkte. Indessen ist auch das edelste Ansehen eines Mannes nur Lehre, ein Beyspiel auf Erfahrung und Einsicht gegründet; treten Kurzsichtigkeit und Vorurthcile an die Stelle der Wahrheit, so ist das Ansehen der ehrwürdigsten Person gefährlich und schädlich. 3 . Da alles Leben der Menschen sich auf die Geschäftigkeit einer gemeinsamen Gesellschaft beziehet: so ist offenbar, daß auch im Ehcistenrhum früher oder später alles absterben mußte oder abstcrben wird, was sich davon ausschließt. Jede todte Hand ist todt: sie wird abgelöset, sobald der lebendige Körper sein Leben und ihre unnütze Bürde fühlet. So lange in Asien die Missionen in Wirksamkeit waren, theilten sie Leben aus und empfingen Leben; als die weltliche Macht der Araber, Tatern, Türken sie davon ausschloß, verbreiteten sie sich nicht weiter. Ihre Klöster und Bischofssitze stehen als X R- Ideen zur Philosophie Trümmern andrer Zeiten traurig und beschrankt da; viele werden nur der Geschenke, Abgaben und Knechts- dicnsie wegen geduldet. 4. Da das Christenthum vorzüglich durch Lehre wirket: so kommt allerdings vieles auf die Sprache an, in welcher es gelehret wird, und auf die in derselben bereits enthaltene Kultur, der es sich rechtgläubig anfchließt. Mit einer gebildeten oder allgemeinen Sprache pflanzet es sich sodann nicht nur fort, sondern cs erhalt auch durch sie eine eigne Kultur und Achtung; sobald es dagegen, als ein heiliger Dialekt göttlichen Ursprunges, hinter .andern lebendige!! Sprachen znrückbleibt, oder gar in die engen Grenzen einer abgeschlossenen, rauhen Vater-Mundart wie in ein wüstes Schloß verbannt wird: so muß es in diesem wüsten Schlosse mit der Zeit sein Leben als ein armer Tyrann oder als ein unwissender Gefangner kümmerlich fortzichn. Als in Asien die Griechische und nachher die Syrische Sprache von der siegenden Arabischen verdrängt ward, kamen auch die Kenntnisse, die in jenen lagen, außer Umlauf; nur als Liturgieen, als Bekenntnisse, als eine Mönchs- Theologie dursten sie sich fortpflanzen. Sehr trüglich ist also die Behauptung, wenn man alles das dem Inhalt einer Religion zuschreibt, was eigentlich nur den Hülfsmitteln gehört, durch welche sie wirkte. Sehet jene Thomaschristen in Indien, jene Georgier, Armenier, Adyssinier und Kopten an; was sind sie? was sind sie durch ihr Christenthnm worden? Kopten und Adyssinier besitzen Bibliotheken alter, ihnen selbst unverständlicher Bücher, die in den Händen der Europäer vielleicht nutzbar waren; jene brauchen si«„nicht, und können sie nicht brauchen. Ihr Christen- stenthum ist zum elendesten Aberglauben hinabgesunken. 5. Also muß ich auch hier der griechischen Sprache das Lob gebe», das ihr in der Geschichte der Menschheit so vorzüglich gebühret; durch sie ist nämlich alles das Licht nusgegangen, mit welchem auch das Christenthum unfern Welttheil beleuchtet oder überschimmcrt hat. Ware durch Alexanders Eroberungen, durch die Reiche seiner Nachfolger und fernerhin durch das römische Bcsitzthum diese Sprache nicht so weit verbreitet, so lange erhalten worden; schwerlich wäre in Asien irgend eine Aufklärung durchs Christenthum entstanden: denn eben an der griechischen Sprache haben Rechtgläubige und Ketzer auf unmittelbare oder mittelbare Weise ihr Licht oder Irrlicht angcz^ndct. Auch in die armenische, syrische und arabische Sprache kam aus ihr der Funke der Erleuchtung; und waren überhaupt die ersten Schriften des Christenthums nicht griechisch, sondern im damaligen Juden-Dialckt verfasset worden, hatte das Evangelium nicht griechisch gepredigt und fortge- brcitet werden können: wahrscheinlich wäre der Strom, der sich jetzt über Nationen ergoß, nahe an seiner Quelle erstorben. Die Christen waren worden, was die Ebioniten waren, und etwa die Johannesjünger oder Thomaschristen noch sind, ein armer verachteter Haufe, ohne alle Wirkung auf den Geist der Nationen. Lasset uns also, von diesen östlichen Geburtsländern hinweg, dem Schauplatz entgegen gehen, auf dem es seine erste größere Rolle spielte. Philos. u. Gesch. VI. Th. F /llcen IV. 82 Ideen zur Phil osophie III. Fortgang des Christenthums in den griechischen Ländern. bemerkten, daß der Hellenismus, d. i. eine frcyere, schon mit Begriffen andrer Völker gemischte Denkart der Juden, der Entstehung des Ehri- stenchums den Weg gebahnct habe; das entstandene Ehristenthum also ging weit auf diesem Wege fort, und in kurzer Zeit waren große Erdstriche, wo griechische Juden waren , erfüllet von Her neuen Botschaft. I» einer griechischen Stadt entstand der Name der Christen: in der griechischen Sprache wurden die ersten Schriften des Ehrisienthums am weitesten lautbar: denn bcynahe von Indien an bis zum atlantischen Meer, von Lydien bis gen Thule, war mehr oder minder diese Sprache verbreitet. Unglücklicher und glücklicher Weise lag Judäa insonderheit Eine Provinz nahe, die zu der ersten Form des Ehristianismus viel beytrug, Aegypten. Wenn Jerusalem die Wiege desselben war, so ward Alexandrien seine Schule. Seit der Ptolomaer Zeiten waren in Aegypten, des Handels wegen, eine Menge Juden, die sich daselbst gar ein eignes Judäa erschaffen wollten, einen Tempel bauten, ihre heiligen Schriften nach und nach griechisch übersetzten und mit neuen Schriften der Geschichte der Menschheit. 83 vermehrten. ? Gleicherweise waren seit Ptolomaus Philadclphus Zeiten in Alexandrien für die Wissenschaften blülunde Anstalten, die sich, selbst Äthen nicht ausgenommen, sonst nirgend fanden. Vier- zchntauscnd Schüler hatten eine geraume Zeit da- selbst durch öffentliche Wohlthat Unterhalt und Wohnung : hier war das berühmte Museum, hier die ungeheure Bibliothek, hier der Rukm alter Dichter und gelehrter Männer in allen Arte» : hier also im Mittelpunkt des Welthandels war die große Schule der Völker. Eben durch die Zusammenkunft derselben und durch eine nach und nach geschehene Vermischung der Denkarten aller Nationen im griechischen und römischen Reich war die sogenannte neu- platonische Philosophie und überhaupt jener sonderbare Svnkretismus entstanden, der die Grundsätze aller Parrhepen zu vereinigen suchte, und in weniger Zeit Indien, Persien, Judäa, Aethiopien, Aegypten, Griechenland, Rom und die BarAiren in ihren Vorstellungsartcn zusammen rückte. Wunderbar herrschte dieser Gcist fast allenthalben im römischen Reiche, weil allenthalben Philosophen aufkannn, die die Ideen ihres Geburtslandes in die große Masse der Begriffe trugen; in Alexandrien aber kam es zur Blüthe. Und nun sank auch der Tropfe des Ehristenthums in dieses Meer und zog an sich, was er mit sich organisiren zu können vermcynte. Schon in den Schriften Johannes und Paulus werden platonische Ideen dem Ehristenthum assimilir.t; die ältesten Kirchenvater, wenn sie sich auf Philosophie cinliessen, konnten der allgemein - angenommenen Vorstellungsarten nicht cntbehxcn, u d ftniae derselben finden z. B. ihren Logos langst vor dem Ehri- F 2 Ideen zur Philosophie «4 stcnthum in allen Seelen der Weisen. Vielleicht wäre cs kein Unglück gewesen, wenn das Systun des Christenthums geblieben wäre, was es nach den Vorstellungen eines Justinus, Clemens von Alexandrien und andrer seyn sollte, eine freye Philosophie , die Tugend und Wahrbeitsliebe zu keiner Zeit, unter keinem Volk verdammte, und von den einengenden Wortsormcln, die späterhin als Gesetze galten, noch gar nichts wußte. Gewiß sind die früheren Kirchenväter, die in Alexandrien gebildet wurden , nicht die schlechtsten; der einzige Orugencs bat mehr gethan, als zehntausend Bischöfe und Patriarchen : denn ohne den gelehrten kritischen Fleiß, den er auf die Urkunden des Christenthums wandte, wäre dies in Ansehung seiner Entstehung beonahe ganz unter die unklassischen Mahrchcn gerathen. Auch auf einige seiner Schüler ging sein Geist über, und mehrere Kirchenväter aus der Alexandrinischen Schule dachten und stritten wenigstens doch gewandter und feiner, als so manche andre unwissende und fanatische Kopse. Indessen war frcylich in anderm Betracht sowohl Aegypten, als die damalige Modephilosophie überhaupt, fürs Christcnthum auch eine verderbliche Schule: denn eben an diese fremden platonischen Zdeen, an denen man mit griechischer Spitzfindigkeit subtilisirte, hing sich alles, was nachher fast zwey Jahrtausende lang Streitigkeiten, Zank, Aufruhr, Verfolgung, Zerrüttungen ganzer Lander erregt hat, und überhaupt dem Christenthum eine ihm so fremde, die sophistische Gestalt gegeben. Aus dem Wort Logos entstanden Ketzereyen und Gcwaltthntig- keiten, vor denen noch jetzt der Logos in uns, die der Geschichte der Menschheit. LZ gesunde Vernunft schaudert. Nur in der griechischen Sprache konnten manche dieser Aankereyen geführt werden, der sie auch auf ewig hatten eigen bleiben und nie zu allgemeinen Lehrformeln aller Sprachen erhoben werden sollen. Da ist auch keine Wahrheit, keine Erkenntnis, die dem menschlichen Wissen einen Zuwachs, dem Verstände eine neue Kraft, dem menschlichen Willen eine edle Triebfeder gegeben hatte ; vielmehr kann man die ganze Polemik der Christen , die sic gegen Arianer, Photinianer, Macedo- niancr, Nestorianer, Eutychianer, Monophysiken, Tritheiten, Mvnotheliten u. si geführt haben, geradezu vertilgen, ohne daß das Ehristcnthum oder unsre Vernunft den mindstcn Schaden erhielte. Eben von ihnen allen, und von ihrer Wirkung, jenen groben Dekreten so mancher Hof- und Rauberconcilien, hat man wegsehen und sie sammtlich vergessen müssen, um nur abermals wieder zu einem reinen ersten Anblick der christlichen Urschriften und zu ihrer offnen, einfachen Auslegung gelangen zu können; ja noch hindern und quälen sie, hier, da und dort viele furchtsame oder gar um ihretwillen verfolgte Seelen. Der ganze spekulative Kram dieser Sekten ist jener lernäischen Schlange, oder den Kettenringen eines Wurmes ähnlich, der im kleinsten Glieds wieder wächst, und unzeitig abgerissen, den Tod gewahret. Zn der Geschichte füllt dies unnütze, menschenfeindliche Gewebe viele Jahrhunderte: Ströme Blutes sind darüber vergossen; unzählige, oft die würdigsten Menschen, durch die unwissendsten Bösewichtcc um Gut und Ehre, um Freunde, Wohnung und Ruhe, um Gesundheit und Leben gebracht worden. Selbst die treuherzigen Barbaren, Burgunder, Go- Sü Ideen zur Philosophie then, Langobarden, Franken und Sachsen haben an diesen Mordspielen für oder gegen Arianer, Vogo- milen, Katharer, Albigenser, Waldenser u. f. in frommer Rechrglaubigkcit mit eifrigem Ketzercrnst Anthcil genommen und als streitende Völker für die achte Taufformel ihre Klinge nicht vergebens geführct; eine wahre streitende Kirche. Vielleicht gibt es kein öderes Feld der Literatur, als die Geschichte dieser christlichen Wort - und Schwertübung, die dem menschlichen Verstände seine eigne Denkkraft, den Urkunden des Ckristenthums ihre klare Ansicht, der bürgerlichen Verfassung ihre Grundsätze und Maas- regeln dergestalt geraubt hatte, daß wir zuletzt andern Barbaren und Sarazenen danken muffen, daß sie durch wilde Einbrüche die Schande der menschlichen Vernunft zerstörten. Dank sey allen den Männern, *) die uns die Triebfedern solcher Streitigkeiten, die Athanafe, Cyrille, Thcophile, die Constantine und Irenen in ihrer wahren Gestalt zeigen: denn so lange man im Christenthum den Namen der Kirchenvater und ihrer Concilien noch mit Sklavenfurcht nennet. *) Nach den älteren Bemühungen der Reformatoren, sodann eines Calirtus, D a l l ä u s, du Pin, le Clerc, Mosheim u. a. wird für die frcyere Ansicht der christlichen Kirchengeschichte der Name Semmler immer ein hochachtens- werrher Name bleiben. Auf ihn ist Spittler in einem durchschauenden lichteren Bortrage gefolgt, andre werden ihm folgen, und jede Periode der christlichen Kirchengeschichte in ihrem rechten Licht zeigen. der Geschichte der Menschheit. 87 ist man weder der Schrift noch seines eignen Verstandes mächtig. Auch die christliche Sittenlehre fand in Aegypten und in andern Gegenden des griechischen Reichs keinen bessern Boden; durch einen fürchterlichen Mißbrauch erschuf sie daselbst jenes grobe Heer der Eöno- biten und Mönche, das sich nicht etwa nur an Entzückungen in der thebaischen Wüste begnügte, sondern als eine gcmiethete Kriegsschaar oft Lander durchzog, Bischofswahlen und Eoncilicn störte, und den H. Geist derselben Aussprüche zu thun zwang, wie ihr unheiliger Geist es wünschte. Ich ehre die Einsamkeit, jene nachdenkeude Schwester, oft auch die Gesetzgeberin der Gesellschaft, sie, die Erfahrungen und Leidenschaften des geschäftigen Lebens in Grundsätze und in Nahrungssaft verwandelt. Auch jener tröstenden Einsamkeit gebühret Mitleid, die, des Joches und der Verfolgung andrer Menschen müde, in sich selbst Erholung und Himmel findet. Gewiß waren viele der ersten Christen Einsame der letzten Art, die von der Tyrannei) des großen militärischen Reichs oder vom Greuel der Städte in die Wüste getrieben wurden , wo Key wenigen Bedürfnissen ein milder Himmel sie freundlich ausnahm. Desto verächtlicher aber sey uns jene stolze, eigensinnige Absonderung, die das thatige Leben verabscheuend, in Beschauung oder in Büssungen ein Verdienst setzt, sich mit Phantomen nährt, und stakt Leidenschaften zu crtödten, die wildeste Leidenschaft, einen eigensinnigen, ungemessenen Stolz in sich auffacht. Leider ward der Christianisr mus hiezu ein blendender Vorwand, seitdem man Rathschläge desselben, die nur für wenige seyn sollten, zu allgemeinen Gesetzen machte, oder gar zu Bedin- gungen des Himmelreichs erheb, und Cbristum in der Wüste suchte. Da sollten Menschen den Himmel finden, tue Bürger der Erde zu seyn verschmähten , und damit die schätzbarsten Gaben unsres Geschlechts, Vernunft, Sitten, Fähigkeiten, Eltern - Freundes - Gatten- und Kindesliebe aufgaben. Verwünscht seyen die Lobsprüche, die man aus mißverstandener Schrift dem ehrlosen, müßigen, beschauenden Leben oft so unvorsichtig und reichlich gab; verwünscht die falschen Eindrücke, die man mit schwärmerischer Beredsamkeit der Jugend einprägte, und dadurch ans viele Zeiten hin den Menschenverstand verschob und lähmte. Woher kommts, daß in den Schriften der Kirchenväter sich so wenig reine Moral , und oft das Beste mit dem Schlechtesten, das Gold mit Unrath vermischt findet? *) Woher, daß man in diesen Zeiten auch von den vortrefflichsten Männern, die noch so viel griechische Schriftsteller zu ihrem Gebot hatten, kein Buch nennen kann, das ohne alle Rücksicht auf Komposition und Vortrag, bloß in der Moral und im durchgehenden Geiste des Werks, Einer Schrift der Sokratischen Schule an die Seite zu sehen wäre? Woher, daß selbst die ausgesuchten Sprüche der Väter so viel Uebcrtrie- bcnes und Mönchisches an sich haben, wenn man sic mit der Moral dcr Griechen vergleichet? Durch die neue Philosophie war das.Hirn der Menschen H Barbeyrac, leClerc, Lhomasius, Temmler u. a. haben dies gezeiger; und Rösters Bibliothek der Kirchenväter kann es jedem sehr populär zeigen. der Geschichte der Menschheit. 89 verrückt, daß sie, statt auf der Erde ;u lebe», in Lüften des Himmels wandeln lernten; und wie es keine größere Krankheit geben kann, als diese, so ists wahrlich ein beweinenswerther Schade, wenn sie durch Lehre, Ansehcn und Institute fortgepflanzt und die lautern Quellen der Moral auf Jahrhunderte hin dadurch trübe gemacht wurden. Als endlich das Christenthum erhöhet und ihm in der Kaiserfahne der Name gegeben ward, der noch' jetzt als die herrschende Römisch - Kaiserliche Religion über allen Namen der Erde wehet: auf einmal wurde da die Unlauterkeit offenbar, die Staats- und Kirchensachen so seltsam vermischte, daß bcynah keinem menschlichen Dinge mehr sein rechter Gesichtspunkt blieb. Indem man Duldsamkeit predigte, wurden die, die lange gelitten hatten, selbst unduldend: indem man Pflichten gegen den Staat mit reinen Beziehungen der Menschen gegen Gott verwirrte, und ohne es zu wissen eine halb-jüdische Mönchs-Religion zur Grundlage eines byzantinisch- christlichen Reichs machte: wie anders, als daß sich das wahre Verhältnis zwischen Verbrechen und Strafen , zwischen Pflicht und Befugnis, ja endlich zwischen den Standen der Rcichsverfassung selbst schnöde verlieren mußte. Der geistliche Stand ward in den Staat eingeführt, nicht wie er Key den Römern gewesen war, unmittelbar mitwirkend zum Staate; ein Mönchs- und Bettclstand ward er, dem zu gut hundert Verfügungen gemacht wurden, die andern Standen zur Last sielen, sich einander selbst aufhoben , und zehnfach geändert werden mußten, damit nur noch eine Form des Staats bliebe. Dem grossen und schwachen Constantin sind wir ohne sein 9» Ideen zur Philosophie Wissen jenes zweyköpfige Ungeheuer schuldig, das unter dem Namen der welt- und geistlichen Macht sich selbst und andre Volker neckte oder untertrat, und nach zwe» Jahrtausenden sich noch jetzo kaum über den Gedanken ruhig vereint hat, wozu Religion und wozu Regierung unter den Menschen dasey? Ihm sind wir jene fromme Kaiser-Will- kühr in den Gesetzen, und mit ihr jene christfürstlichunkaiserliche Nachgiebigkeit schuldig, die in kurzem der fürchterlichste Despotismus werden mußte *). Daber die Laster und Grausamkeiten in der abscheulichen byzantinischen Geschichte: daher der feile Weihrauch an die schlechtesten christlichen Kaiser: daher die unselige Verwirrung, die geist- und weltliche Dinge, Ketzer und Rechtgläubige, Barbaren und Römer, Feldherren und Verschnittene, Weiber und Priester, Patriarchen und Kaiser in eine gährcnde Mischung brachte. Das Reich hatte sein Princi- pium, das schwankende Schiff hatte Mast und Steuer vcrlohren; wer ans Ruder kommen konnte, ruderte, bis ihn ein anderer fortdrangte. Ihr alten Römer, Sextus, Cato, Cicero, Brutus, Titus, und ihr Antonine, was hattet ihr zu diesem neuen lieber detl Zeitraum von Konstantins Bekehrung an bis zum Untergange des Weströmischen Reichs ist die Geschichte der Veränderungen in d e r N e g i e r u n g, den Gesetzen und dem menschlichen Geist von einem ungenannten französischen Schriftsteller scharfsinnig und mit Fleiß bearbeitet worden. Die Uebersez- zung ist zu Leipzig 1784 erschienen. der Geschichte der Menschheit. 91 Rom, dem Kaiserhofe zu Konstantinopel, von seiner Gründung an bis zu sciium Unterfange gesa wt ? Auch die Beredsamkeit also, die in diesem kaiserlich-christlichen Rom aufspricßen konnte, war jener alten Griechen- und Rönurbcredsamkeit mitnichten zu vergleichen. Hier sprachen fceylich göttliche Männer, Patriarchen, Bischöfe, Priester; aber zu wem und worüber sprachen sie? und was konnte, was sollte ihre beste Beredsamkeit fruchten? Einem unsinnigen, verderbten, zügellosen Haufen sollten sie das Reich Gottes, die feinen Aussprüche eines moralischen Mannes erklären, der in seiner Zeit schon allein dastand, und in diesen Haufen gewiß nicht gehörte. Viel reizender wars für diesen, wenn der geistliche Redner sich auf die Schandkhaten des Hofes, in die Kabalen der Ketzer, Bischöfe, Priester und Mönche, oder auf die rohen Ueppigkeiten der Schauplatze, Spiele, Lustbarkeiten und Wvibertrach- tcn einließ. Wie beklage ich dich, du goldner Mund, Ehrysostomus, baß deine überströmende Rednergabe nicht in bessere Zeiten siel! Aus der Einsamkeit tratst du hervor, in der du deine schönsten Tage durchlebt hattest; in der glanzenden Hauptstadt wurden dir trübere Tage. Dein Hirteneifer war von seiner Flur verirret: du erlagst den Stürmen der Hof- und Priesterkabale, und mußtest, vertrieben und wiederhergestellt, endlich doch im Elende sterben. So ergings mehreren Rechtschaffenen an diesem wollüstigen Hofe; und das Traurigste war, daß ihr Eifer selbst von Fehlern nicht fre» blieb. Denn wie der, der unter ansteckenden Krankheiten in einer verpesteten Luft lebet, wenn er sich auch vor Beulen bewahret, wenigstens ein blasses Gesicht und kranke 92 Ideen zur Philosophie Glieder davonträgt: so logen auch hier zu viele Gefahren und Verführungen um beyderlcy Stande, als daß eine gewöhnliche Vorsicht ihnen hatte entweichen mögen. Um so rühmlicher sind die wenigen Namen, die als Feldherren und Kaiser, oder als Bischöfe, -Patriarchen und Staatsleute auch an diesem schwe- fclicht-dunkeln Himmel wie zerstreuete Sterne glanzen; aber auch ihre Gestalten entzieht uns der Nebel. Betrachten wir endlich den Geschmack in Wissenschaften, Sitten und Künsten, der sich von diesem ersten und größestcn Christenrciche verbreitet hat; so können wir ihn nicht anders, als barbarischprach- tig und elend nennen. Seitdem zu Theodosius Zeiten im römischen Senat vorm Antlitz der Siegesgöttin Jupiter und Christus um den Besitz des römischen Reichs stritten, und Jupiter seine Sache verlohr, gingen die Dcnkmahle des alten großen Geschmacks, die Tempel und Säulen der Götter in aller Welt allmählich oder gewaltsam unter; und je christlicher ein Land war, desto eifriger zerstörte es alle Uebecbleibsel des Dienstes der alten Dämonen. Der Zweck und Ursprung der christlichen Kirchen verbot die Einrichtung der alten Götzentempel; also wurden Gerichts - und Versammlungsplätze, Basiliken , ihr Vorbild, und obgleich in den ältesten derselben aus Konstantins Zeiten allerdings noch eine edle Einfalt merklich ist, weil sie theils aus heidnischen Resten zusammengetragen, theils mitten unter den größcsten Denkmahlen errichtet wurden; so ist auch diese Einfalt dennoch schon christlich. Geschmacklos sind ihre dort und hier geraubten Säulen zusammengesetzt, und das Wunder der christlichen der Geschichte der Menschheit. g3 Kunst in Konstantinopel, die prächtige Sophicnkir- che, war mit barbarischem Schmuck überladen. So viele Schatze des Alterthums in diesem Babel zu- sammengchäuft wurden: so wenig konnte griechische Kunst oder Dichtkunst daselbst gedeihen. Man erschrickt vor dem Hofstaat, der noch im zehnten Jahrhundert den Kaiser in Kriegs- und Friedcnszeiten, zu Hause und zum Gottesdienst begleiten mußte, wie ein Purpurgebohrnec Sklave desselben ihn selbst beschreibt; *) und wundert sich, daß ein Reich von dieser Art nicht viel früher gefallen sei), als cs fiel. Dem mißgebrauchten Christenthum allein kann hieran die Schuld nicht ben gemessen werden: denn vom ersten Anfänge an war Byzanz zu einem glänzend- üppigen Bettlerstaat eingerichtet. Mit ihm war kein Nom entstanden, das unter Bedrückungen, Streit und Gefahr erzogen, zur Hauptstadt der Welt sich selbst machte; auf Kosten Roms und der Provinzen ward die neue Stadt gegründet und sogleich mit einem Pöbel beladen, der unter Heuchelei) und Müs- slggange, unter Titeln und Schmeichelcyen von kaiserlicher Milde und Gnade, das ist, vom Mark des Reichs lebte. Am Busen der Wollust lag die neue Stadt, zwischen allen Wclttheilen in der schönsten Gegend. Aus Asien, Persien, Indien, Aegypten kamen ihr alle Maaren jener üppigen Pracht, mit welchen sie sich und die nord-westliche Welt versorgte. Ihr Hafen war voll von Schiffen aller Nationen; und noch in spätem Zeiten, als schon die ) klloiistLiitiir ?c>rpbxroZenn. 1. 2 . äo oerimon, sulae L^rsntlo, lAps. >75r- Ideen zue Philosophie 94 Araber dem griechischen Reich Aegypten und Asien genommen hatten, zog sich der Handel der Welt über das schwarze und kaspische Meer, um die alte Wollüstige zu versorgen. Alexandrien, Smyrna, Antiachicn, das Busenvolle Griechenland mit seinen Anlagen, Städten und Künsten, das Inselnvolle mittelländische Meer, vor allem aber der leichte Charakter der griechischen Nation, alles trug Key, den Sitz des christlichen Kaisers zum Sammelplatz von Lastern und Thorheiten zu machen; und was ehemals dem alten Griechcnlande zum Besten gedient hatte, gereichte ihm jetzt zum Acrgsten. Deshalb aber wollen wir diesem Reich auch den kleinsten Nutzen nicht absprcchen, den es, in seiner Beschaffenheit und Lage, der Welt gebracht hat. Lange war cs ein Damm, obgleich ein schwacher Damm gegen die Barbaren, deren mehrere in seiner Nachbarschaft oder gar in seinem Dienst und Handel ihre Rohheit abgelegt, und einen Geschmack für Sitten und Künste empfangen habe». Der beste König der Gothen, Thcodorich z. B., war in Konstantinopel erzogen; was cr Italien Gutes that, haben wir jenem östlichen Reiche mit zu verdanken. Mehr als Einem barbarischen Volk hat Konstantinopel den Saamen der Kultur, Schrift und das Christenthum gegeben: so bildete der Bischof Ulphilas für seine Gothen am schwarzen Meer das griechische Alphabet um, und übersetzte das neue Testament in ihre Sprache; Russen, Bulgarn, und andre Slavische Völker haben von Konstantinopel aus Schrift, Christcnthum und Sitten auf eine viel mildere Weise bekommen, als ihre westlichen Mitbrüder von den Franken und Sachsen. Die Samm- der Geschichte der Menschheit. AS lung der römischen Gesetze, die auf Iustinians Befehl geschah, so mangelhaft und zerstückt sie sey, so mancher Mißbrauch auch von ihr gemacht worden, bleibt ein unsterbliches Dcnkmahl des alten achten Römergeistes, eine Logik des thatigen Verstandes und eine prüfende Norm jeder besseren Gesetzgebung. Daß sich in diesem Reich, obwohl in schlechter Anwendung, die griechische Sprache und Literatur so lange erhielt, bis das westliche Europa fähig ward, sie aus den Händen konstantinopolitanischer Flüchtlinge zu empfangen, ist für die ganze gebildete Welt eine Wohlthac. Daß Pilgrimmc und Kreuzfahrer der Mittlern Zeiten auf ihrem Wege zum heiligen Grabe ein Konstantinopel fanden, wo sie zum Ersatz mancher erwiesenen Untreue wenigstens mit neuen Eindrücken von Pracht, Kultur und Lebensweise in ihre Höhlen , Schlösser und Klöster zurückkehrtcn, bereitere dem westlichen Europa mindstens von fern eine andre Zeit vor. Venetianer und Genueser haben in Alexandrien und Konstantinopel ihren größeren Handel gelernt, wie sie denn auch größtentheilS durch Trümmer dieses Kaiserthums zu ihrem Rcich- thum gelanget sind und von dortaus manches Nützliche nach Europa gebracht haben. Der Seidenbau ist uns aus Persien durch Konstantinopel zugekommen; und wie manches hat der heilige Stuhl zu Rom, wie manches hat Europa als ein Gegengewicht gegen diesen Stuhl dem morgenländischen Reich zu danken! Endlich versank dies stolze, reiche und prächtige Babel; mit allen Herrlichkeiten und Schätzen ging es im Sturm an seine wilden Ucberwinder über. Langst hatte es seine Provinzen nicht zu Hl!' 96 Ihren z u r P h i l 0 so p h i e schützen vermocht: schon im fünften Jahrhundert war das ganze Griechenland Alarichs Beute geworden. Von Zeit zu Zeit dringen Ost- West - Nord - und Südwärts Barbaren immer naher hinan; und in der Stadt wüten Nottenweife oft ärgere Barbaren. Tempel werden gestürmt, Bilder und Bibliotheken werden verbrannt; allenthalben wird das Reich verkauft und verrathen, da es für feine treuesten Diener keinen Lohn hat, als, ihnen die Augen auszu- stechcn, Ohren und Nase abzufchneidcn, oder sie gar lebendig zu begraben: denn Grausamkeit und Wollust , Schmeichelei) und der frecheste Stolz, Meute- reyen und Treulosigkeit herrschten auf diesem Thron, nllesammt mit christlicher Ncchtgläubigkcit ycschmin- ket. Seine Geschichte voll langsamen Todes ist ein schrecklich-warnendes Bepspicl für jede Castraten- Psaffen- und Weiberregierung, Trotz alles Kaiser- stolzes und Neichthums, Trotz alles Pomps in Wissenschaften und Künsten. Da liegen nun seine Trümmer : das scharfsinnigste Volk der Erde, die Griechen , sind das verächtlichste Volk worden, betrügerisch, unwissend, abergläubig, elende Pfaffen- und Mönchsknechte; kaum je mehr des alten Grieche! - geistes fähig. So hat das erste und prächtigste S taa t schr i ste u t h um geendet; nie komme seine Erscheinung wieder *). IV. 'l Mit Lheilnehmender Freude können wir hier den dritten klassischen Geschichtschreiber der Engländer nennen, der mit Hume und Robertson wetteifert und den zwcyten vielleicht überirifft, Oil>- bon's lilriar^ ok rbv äacliiie anrl k-ttl. ob rbn Idoiriau imipire. Ein auSgearbeileteS Meisterwerk, dem es indessen doch, vielleicht aus einem Fehler der Materie, an jenem hinreißenden In- l der Gk schichte der Menschheit. 97 lV. Fortgang des Chri'stenthunis in den lateinischen Provinzen. r. war die Hauptstadt der Welt: aus Rom ergingen die Befehle entweder zu Duldung oder z» Unterdrückung der Christen; nothwendig mußte auf diesen Mittelpunkt der Macht und Hoheit eine Hauptwirkung des gesummten Christenthums sehr frühe streben. Die Duldung dev Römer gegen alle Religionen überwundener Völker ist über allen Widerspruch erhoben; ohne dieselbe und ohne den ganzen Zustand der damaligen römischen Verfassung würde daS Chri- stenthum sich nie so schnell und allgemein ausgebreitet haben. Es entstand in der Ferne, unter einem Volk, das man verachtete und zum Sprichwort des Aberglaubens gemacht hatte: in Rom regierten böse, Interesse zu fehlen scheint, das z. B. die historischen Schriften Hume's einflößen. Das Ge- schrey aber, das man in England gegen dies gelehrte, wirklich philosophische Werk erhoben har, als ob es dem Christenlhum feind sey, scheint mir unbillig: denn Gibbon urtheilt über das Christenlhum, wie über andre Gegenstände seiner Geschichte, sehr milde- Philos. U. Gcsch. Vl. Th. G ta'ee» lV. 98 Ideen zur Philosophie tolle und schwache Kaiser, also daß es dem Staat an einer herrschenden Uebcrsicht des Ganzen fehlte. Lange wurden die Christen nur unter dem Namen der Juden begriffen, deren in Rom, wie in allen römischen Provinzen, eine große Anzahl war. Wahrscheinlich war e.s auch der Haß der Juden selbst, der die ausgestoßcnen Christen den Römern zuerst kenntlich machte, und sodann lag es in der römischen Denkart, daß man sie als Abtrünnige von ihrer väterlichen Religion, entweder für Atheisten, oder ihrer geheimen Zusammenkünfte wegen für Acgyptcr ansah, die sich gleich andern Eingeweihcten mit Aberglauben und Gräueln befleckten. Man betrachtete sie als einen verworfenen Haufen, den Nero die Schuld seiner Mordbrenner - Tollheit am ersten tragen lassen durfte; das Mitleid, das man ihnen über diese erlittene äußerste Ungerechtigkeit schenkte, scheint nur die Barmherzigkeit gewesen zu seyn, die man einem ungerecht gequälten Sklaven schenket. Weiter untersuchte man ihre Lehre nicht und ließ sie sich fortpflanzen > wie sich im Nömerrcich alles fortpflanzen konnte. Als die Grundsätze ihres Gottesdienstes und Glaubens mehr ans Licht traten, siel es den Römern, die nur an eine politische Religion gewöhnt waren, vor allem hart auf, daß diese Unglücklichen die Götter ihres Staats als höllische Dämonen zu schmähen, und den Dienst, den man den Beschützern des Reiches leistete, für eine Schule der Teufel zu erklären wagten. Es siel ihnen hart auf, daß sie den Bildsäulen der Kaiser eine Ehrerbietung, die ihnen selbst Ehre seyn sollte, entzogen, und sich von allem, was Pflicht oder Dienst des Vaterlandes war, der Geschichte der Menschheit. 99 entfernten. Natürlich wurden sie also für Feinde desselben gehalten, de-s Hasses und Abfcheues andrer Menschen würdig. Nachdem die Kaiser gesinnet waren , und neue Gerüchte sie entweder besänftigten oder ausbrachten, nachdem wurden Befehle für oder gegen die Christen gegeben; Befehle, die in jeder Provinz nach den Gesinnungen der Statthalter oder nach ihrem eignen Betragen mehr oder minder befolgt wurden. Eine Verfolgung indessen, wie man in spätem Zeiten z. B. gegen die Sachsen, Albigenser, Waldenser, Hugonotten, Preußen und Liven vornahm, ist gegen sie nie ergangen; Religionskriege der Art lagen nicht in der Römischen Denkweise. Es wurden also die ersten dreyhundcrt Jahre des Chri- stenthums wahrend der Verfolgungen, die man in ihnen zahlet, die Tryumphzeit der Märtyrer des christlichen Glaubens. Nichts ist edler, als, seiner UeberzeUgung treu, sie durch Unschuld der Sitten und Biederkeit des Charakters bis zum letzten Athcm zu bewähren; auch haben die Christen, wo sie als verständige, gute Menschen dergleichen Unschuld und Festigkeit zeigten, sich dadurch mehr Anhänger erworben, als durch Erzählungen von Wundergaben und Wundergcschichtcn. Mehrere ihrer Verfolger staunten ihren Muth an, selbst wenn sie nicht begriffen, warum sie sich der Gefahr aussctzten, also verfolgt zu werden. Ueber- dem, nur das was ein Mensch herzhaft will, erreichter; und worauf eine Anzahl Menschen lebend und sterbend beharret, das kann schwerlich unterdrückt werden. Ihr Eifer zündet an; ihr Beyspiel, selbst wenn es nicht erleuchten kann, wärmet. Gewiß ist also die Kirche der Standhaftigkeit ihrer Bekenner jene G 2 Ideen zur Philosophie liefe Gründung eines Baues schuldig, der mit ungeheurer Erweiterung Jahrtausende überdauren konnte; weiche Sitten, nachgebendc Grundsätze würden von Anfänge an alles haben zerfließen lassen, wie ein Schaalenloser Saft zerfließt. Indessen kommt cs in einzelnen Fallen doch auch darauf an, wofür ein Mensch streite und sterbe? Jsts für seine innere Ueberzcugung, für einen Bund der Wahrheit und Treue, dessen Lohn bis über das Grab reichet: isis für das Zeugniß einer unentbehrlich wichtigen Geschichte, die man selbst erlebt hat, deren uns anvertraucte Wahrheit ohne uns unterge- hen würde; wohlan! da stirbt der Märtyrer wie ein Held, seine Ueberzcugung labt ihn in Schmerzen und Qualen, und der offene Himmel ist vor ihm. So konnten jene Augenzeugen der ersten Begebenheiten des Ehristenthums leiden, wenn sie sich in dem nothwendigcn Fall sahen, die Wahrheit derselben mit ihrem Tode zu besiegeln. Ihre Verläugnung wäre eine Absagung selbsterfahrner Geschichte gewesen, und wenn cs nöthig ist, opfert ein Rechtschaffener auch dieser sich selbst auf. Solche eigentliche Bekenner und Märtyrer aber konnte nur das älteste Ehristen- thum und auch dieses ihrer nicht ungeheuer viele haben , von deren Ausgange aus der Welt, so wie von ihrem Leben, wir wenig oder nichts wissen. Anders war's mit den Zeugen, die Jahrhunderte spater, oder Hunderte von Meilen entfernt zeugten, denen die Geschichte des Ehristenthums nur als Gericht, als Tradition, oder als eine geschriebene Nachricht zukam; für urkundliche Zeugen können diese nicht gelten, indem sie nur ein fremdes Zeugniß, oder vielmehr nur ihren Glauben air das- der Geschichte der Menschheit. ror selbe m-it Blute besiegeln. Du dies nun mit allen bekehrten Christen arssicr Judäa der Fall war: so muß man sich wundern, daß eben in den entferntesten , den lateinischen Provinzen, so ungemein viel auf das Blutzeugniß dieser Zeugen, mithin auf eine Tradition, die sic fernher hatten und schwerlich prüfen konnten, gebauet wurde. Selbst nachdem am Ende des ersten Jahrhunders die im Orient aufgesetzten Schriften in diese entfernteren Gegenden gekommen waren, verstand nicht jeder sie in der Ursprache und mußte sich, abermals auf das Zeugniß seines Lehrers, mit Anführungen einer Uebersetzung begnügen. Und wie weit seltner beziehen sich die abendländischen Lehrer überhaupt auf die Schrift, da die morgenlan- dischcn, selbst auf ihren Concilien, mehr nach gc- sammleten Meynungcn voriger Kirchenväter als ans der Schrift entschieden! Tradition also und Glaube, ,.für den man gestorben sey, ward bald das vorzüglichste und siegende Argument des Cbristenthums; je armer, entfernter und unwissender die Gemeine war, desto mehr mußte ihr eine solche Tradition, das Wort ihres Bischofs und Lehrers, das Bekenntniß der Blutzeugen, als ein Zeugniß der Kirche, gleichsam aufs Wort gelten. > Und doch laßt sich bey dem Ursprünge des Chri- stcnthums kaum eine andre Weis/ der Fortpflanzung als diese gedenken: denn auf eine Geschichte war cs gebauet und eine Geschichte will Erzählung, Ueber- liefcrung, Glauben. Sie geht von Munde zu Munde, bis sie in Schriften ausgenommen gleichfalls eine frstgestellte, fixiere Tradition wird, und jetzt erst kann sie von mehreren geprüft, oder nach mehreren Traditionen verglichen werden. Nun aber sind auch 102 Ideen zur Philosophie meistens die Augenzeugen nicht mehr am Leben; wohl also, wenn sie der Sage nach das von ihnen gepflanzte Aeugniß mit ihrem Tode bekräftigt haben; hier beruhigt sich der menschliche Glaube. Und so bauete man Zuversichtvoll die ersten christlichen Altäre auf Gräber. An Gräbern kam man zusammen : sie wurden in den Katakomben selbst Altäre, über welchen man das Abendmahl genoß, das christliche Bekennmiß ablegte, und demselben wie der Begrabene treu zu seyn, angclobte. Uebcr Gräbern wurden die ersten Kirchen erbauet, oder die Leichname der Märtyrer wurden unter die erbaueten Altäre gebracht, bis zuletzt auch nur mit einem Gebein derselben der Altar gewcihet werden mußte. In Ecrcmonic und Formel ging nun über, waS einst Ursprung der Sache, Entstehung und Besiegelung eines Bundes christlicher Bekenner gewesen war. Auch die Taufe, bey der ein Symbolum des Bekenntnisses abgelegt wurde, feyerre man über der Bekenner Gräbern, bis späterhin die Baptisterien über ihnen erbauet, oder Gläubige, zum Zeichen, daß sie auf ibr Laufbekcnntniß gestorben seyn, unter ihnen begraben wurden. Eins entstand aus dem andern, und fast die ganze Form und Gestalt der abendländischen Kirchengebräuche kam von diesem Bekenn tn iß und Gräberdien st her*). *) Siehe (Asrnpini, ArinZliii, LlnZbain's u. a> hicher gehörige Werke, Eine Geschichte dieser Dinge aus dem Anblick der ältesten Kirchen und Denkmahle selbst gezogen, und durchaus mit der Airchengeschichte verbunden, würde dies alles im hellesten Licht zeigen. der Geschichte der Menschheit. e»3 Allerdings fand sich viel Rührendes bey diesem Bunde der Treue und des Gehorsams über den Gräbern. Wenn, wie Plinius sagt, die Christen vor Tage zusammenkamen, ihrem Christus als einem Gott Loblieder zu singen, und sich mit dem Sakrament, wie mit einem Eidschwur zur Reinheit der Sitten und zu Ausübung moralischer Pflichten zu verbinden: so mußte das stille Grab ihres Bruders ihnen ein redendes Symbol der Beständigkeit bis zum Tode, ja eine Grundveste ihres Glaubens an jene Auferstehung werden, zu welcher ihr Herr und Lehrer, auch als Märtyrer, zuerst gelangc war. Das irdische Leben mußte ihnen vorübergehend, der Tod als eine Nachfolge seines Todes rühmlich und angenehm , ein zukünftiges Leben fast sichrer als das gegenwärtige dünken; und Ueberzeugungen dieser Art sind allerdings der Geist der ältesten christlichen Schriften. Indessen konnte cs auch nicht fehlen, daß durch solche Anstalten die Liebe zum Martyrerthum unzeilig erweckt wurde, indem man, satt des vorübergehenden irdischen Lebens, nach der Blut- und Feuertaufe als nach der Hcldenkrone Christi oft mit nutzlosem Eifer lief. Es konnte nicht ftblcn, daß den Gebeinen der Begrabenen mit der Zeit eine fast göttliche Ehre angethan ward, und sie zu Entsühnungen, Heilungen und andern Wunderwerken abergläubig mißgebraucht wurden. Es konnte, endlich am wenigsten fehlen, daß diese Schaar christlicher Helden in kurzem den ganzen Kirchenhimmel bezog, und so wie ihre Leichname ins Schiff der Kirche mit Anbetung gebracht waren, auch ihre Seelen alle andere Wohlthater der Menschen aus ihren Sitzen vertrieben; womit dann eine neue christliche Mytholo- rc>4 Ideen zur Philosophie gie anssnq. Welche Mythologie? Die wir auf den Altären sehen, von der wir in den Legenden lesen. 2. Da im Ehristcnthum alles aus Bekenntniß, dies Bekenntniß aber auf einem Symbol, und dies Symbol auf Tradition beruhete: so waren zu Erhaltung der Aufsicht und Ordnung entweder Wundergaben oder eine strenge Kirchenzucht vor allem nöthig. Mit dieser Einrichtung stieg das Ansehen der Bischöfe, und um die Einheit des Glaubens, d. i. den Zusammenhang mehrerer Gemeinen zu erhalten, bedurfte man der Eoncilien und Synoden. Ward man auf diesen nicht einig, oder fanden sie in andern Gegenden Widerspruch: so nahm man angesehene Bischöfe als Schiedsrichter zu Hülfe, und am Ende konnte es nicht fehlen, daß nicht unter mehreren dieser apostolischen Aristokraten Ein Haupt-Aristokrat sich allmählich hervorhob. Wer sollte dies seyn? wer konnte es werden? Der Bischof zu Jerusalem war zu entfernt und arm: seine Stadt hatte große Unfälle erlitten; sein Sprengel ward von andern auch apostolischen Bischöfen zu sehr eingeengt; er saß auf seinem Gol, gatha gleichsam außer dem Kreise der Weltherrschaft. Die Bischöfe von Antiochien, Alexandrien, Rom, endlich auch von Konstantinopel traten hervor, und cs war Lage der Sache, daß der zu Rom über sie alle, auch über seinen eifrigsten Mitkämpfer denKon- stantinopolitanischen siegte. Dieser saß nämlich dem Thron der Kaiser zu nahe, die ihn nach Gefallen erheben und erniedrigen konnten, mithin durfte er nichts als ihr prächtiger Hofbischof werden. Dagegen verbanden sich, seitdem die Kaiser Rom verlassen und sich an die Gränze Europa's verpflanzt hat- der Geschichte der Menschheit. io5 ten, tausend Umstande, die dieser alten Hauptstadt der Welt das Primat der Kirche gaben. An die Verehrung des Namens Rom waren die Völker seit Jahrhunderten gewöhnet, und in Rom bildete man sich ein, daß auf ihren sieben Hügeln ein ewiger Geist der Weltbeherrschung schwebe. Hier hatten, den Kirchenrcgistern nach, so viele Märtyrer gezeu- get und die größestcn Apostel, Petrus und Paulus ihre Kronen empfangen. Früh also erzeugte sich die Sage vom Bi sc ho ft hum Petri in dieser alten apostolischen Kirche, und das unverrückte Aeugniß seiner Nachfolger wußte man bald zu erweise». Da diesem Apostel nun namentlich die Schlüssel des Himmelreichs übergeben und auf sein Bckenntniß der unzcrstörliche Felsenbau der Kirche gegründet war: wie natürlich, daß Rom an die Stelle Antiochiens oder Jerusalems trat und als Muttcrkirche der herrschenden Christenheit betrachtet zu werden Anstalt machte^Frühe genoß der römische Bischof, vor andern gelehrteren und mächtigern, selbst auf Concilien, Ehre und Vorsitz: man nahm ihn in Streitigkeiten als einen friedlichen Schiedsrichter an, und was lange eine freygewahltc Rathserholung gewesen war, ward mit der Zeit als Appellation, seine belehrende Stimme als Entscheidung betrachtet. Die Lage Roms im Mittelpunkt der römischen Welt gewahrte ihrem Bischöfe west- süd - und nordwärts einen weiten Raum zu Nakhschlagen und Einrichtungen; zumal der griechische Kaiserthron zu ferne stand, auch bald zu schwach war, als daß er ihn außerordentlich drük- ken konnte. Die schönen Provinzen des römischen Reichs, Italien mit seinen Inseln, Afrika, Spanien , Gallien, und ein Theil von Deutschland, in io6 Ideen zur Philosophie welche das Christenthum frühe gekommen war, lagen ihm als ein rath- und hülfsbedürstigec Garten umher; höher hinauf standen die Barbaren, deren rauhere Gegenden bald zu einem urbaren Lande der Christenheit gemacht werden sollten. Allenthalben war hier Key schwächerer Konkurrenz mehr zu thun und zu gewinnen, als in denen mit alten Bischofthümcrn übersatten östlichen Provinzen, die durch Spekulationen, Widersprüche und Streitigkeiten, bald auch durch die wollüstige Tyrannei) der Kaiser, endlich durch die Einbrüche der mahomcdanischen Araber und noch wilderer Völker eine zerstörte lechzende Aue wurden. Die barbarische Gutherzigkeit der Europäer kam ihm weit mehr zu statten, als die Treulosigkeit der feinern Griechen oder die Schwarmercy der Asiaten. Das dort brausende Christenthum, das hie und da ein hitziges Fieber des menschlichen Verstandes zu scyn schien, kühlte sich also in einem gemaßigtern Erdstrich durch seine Satzungen und Rechte ab; phne welche wahrscheinlich auch hier Alles in den kraftlosen Zustand gesunken wäre, den wir nach tollen Anstrengungen zuletzt im Orient bemerkten. Gewiß hat der Bischof zu Rom für die christliche Welt viel gelhan; er hat, dem Namen seiner Stadt getreu, nicht nur durch Bekehrungen eine Welt erobert, sondern sie auch durch Gesetze, Sitten und Gebrauche langer, starker und inniger, als das alte Rom die seine, regieret. Gelehrt hat der römische Stuhl nie seyn wollen; er überließ dies Vorrecht andern, z. B. dem Alepandrinischen, Maylandischen, selbst dem Hipponcsischen Bischofstuhle und wer sonst dessen begehrte; aber auch die gelehrtesten Stühle unter sich zu bringen, und nicht durch Philosophie, 'E» der Geschichte der Menschheit. 107 sondern durch Staatsklugheit, Tradition, kirchliches Recht und Gebrauche die Welt zu regieren, das war sein Werk, und mußte es seyn, da. er selbst nur auf Gebrauchen und der Tradition ruhte. Bon Rom aus sind also jene vielen Zeremonien der abendländischen Kirche ausgcgangcn, welche die Feyer der Feste, die Eintheilung der Priesterdie Anordnung der Sakramente, Gebete und Opfer für die Tobten; oder Altäre, Kelche, Lichter, Fasten, die Anbetung der Mutter Gottes, den ehelosen Stand der Priester und Mönche, die Anrufung der Heiligen, den Dienst der Bilder; Procefsionen, Scelmeffen, Glocken, die Kanonisation, Transsubstantiacion, die Anbetung der Hostie u. f. betrafen; Gebrauche, die theils aus altern Veranlassungen, oft aus schwärmenden Vocstel- lunqsartcn des Orients entstanden, theils in abendländischen, am meisten in römischen Lokalumständen gleichsam gegeben waren und dem großen Kirchen- Ritual nur nach und nach einverleibet wurden *). Solche Waffen eroberten jetzo die Welt; es waren die alles - eröffnenden Schlüssel des Himmel - und Erdenreiches. Vor ihnen beugten sich die Völker, die übrigens Schwerter nicht scheuten; römische Gebräuche taugten mehr für sie, als jene morgenländischen Spekulationen. Freylich sind diese kirchlichen Ich zweifle, dass sich ohne eine genaue Aenntniß Noms, auch seinem Lokal und dem Charakter des Volkes nach, eine bis zur Evidenz treue Geschichte dieser Anstalten und Gebräuche schreiben lasse; oft sucht man unter der Erde, was in Rom der Anblick selbst zeiget. Ideen zur Philosophie ic>9 Gesetze ein schrecklicher Gegensatz gegen die alt-römische Staatskunst; indessen gingen sic doch am Ende darauf hinaus, den schweren Scepker in einen sanftem Hirtcnstab, und das barbarische Herkommen heidnischer Nationen mehr und mehr in ein müderes Christenrecht zu verwandeln. Der mühsam emporgekommene Lbcrlsirte zu Rom mußte sich wider Willen des Abendlandes mehr annehmcn, als Einer seiner Mitbrüdcr in Ost und Westen es thun konnte; und wenn die Ausbreitung des Christenthums an sich ein Verdienst ist, so hat Er sich dieses in hohem Grade erworben. England und der größeste Theil von Deutschland, die nordischen Königreiche, Pohlen, Ungarn, sind durch seine Gesandtschaften und Anstalten christliche Reiche; ja daß Europa nicht von Hunnen, Saraeenen, Tataren, Türken, Mongolen vielleicht auf immer verschlungen worden, ist mit andern auch sein Werk. Wenn alle christlichen Kaiser- Königs- Fürsten- Grafen- und Rittcrstamme ihre Verdienste vorzeigen sollten, durch welche sie ehemals zur Herrschaft der Völker gelangten: so darf der dreygckrönte große Lame in Rom, auf den Schultern unkriegerischer Priester getragen, sie alle mit dem heiligen Kreuz segnen und sagen: „ohne mich wäret ihr nicht, was ihr seyd, worden." Auch das gerettete Alterthum ist sein Werk, und Rom ist werlh, daß es ein stiller Tempel dieser geretteten Schatze bleibe. 3. Im Abendlande hat sich also die Kirche so local gebildet, wie im Orient. Auch hier war ein lateinisches Aegypten, das christliche Afrika, in welchem wie dort manche afrikanische Lehren entstanden. Die harten Ausdrücke, die dcr Geschichte der Menschheit. 109 Tertullian von der Genugkhuung, Cyprian von der Buße der Gefallenen, Augustin von dcr Gnade und dem Willen des Menschen brauchte, stoffen ins System der Kirche, und obgleich der Bischof zu Rom in seinen Anordnungen gewöhnlich den gemäßigten Weg ging: so fehlte cs ihm dennoch bald an Gelehrsamkeit, bald an Ansehen, um auf dem ganzen Ocean der Lehre das Schiff der Kirche zu steuren. Von Augustin und Hieronimus ward z. B. dem gelehrten, frommen Pelagius viel zu hart begegnet: der erste stritt gegen die Manichäer mit einem nur feinem Manichaismus, und was Key dem außerordentlichen Mann oft Feuer des Streits und der Einbildungskraft war, ging in zu heftiger Flamme in das System dcr Kirche über. Ruhet indessen auch Ihr wohl, ihr großen Streiter für das, was ihr Einheit des Glauben- nanntet. Euer mühsames Geschäft ist vollendet; und vielleicht habt ihr schon zu lange und stark auf die ganze Reihe christlicher Zeiten hinab gcwirket. Roch muß ich res Einen und Ersten Ordens erwähnen, der im Occidcnt eingcführt ward, dcr Benediktiner; vhngeachtet aller Versuche, das morgenländische Mönchlcben dem Abendlande einheimisch zu machen, widerstand zu gutem Glücke Europa's das Klima, bis endlich, unter Begünstigung Roms, dieser gemäßigtere Orden zu Monte Eassino aufkam. Er nährte und kleidete besser, als jene im fastenden, heißen Orient lhun durften; dabey legte seine Regel, die ursprünglich von einem Layen für Layen gemacht war, auch die Arbeit auf; und durch diese insonderheit ist ec manchem wüsten und wilden Strich in Europa nützlich worden. Wie viel schöne Gegenden 2 10 Ideen zur Philosophie -c. in allen Landern besitzen Benediktiner, die sie zum Theil urbar gemacht haben. Auch in allen Gattungen der Littcratur thaten sie, was mönchischer Fleiß thun konnte: einzelne Männer haben eine Bibliothek geschrieben, und ganze Kongregationen es sich zur Pflicht gemacht, durch Erläuterung und Herausgabe zahlreicher Werke insonderheit des Mittelalters auch litterarische Wüsteneyen urbar zu machen und zu lichten. Ohne den Orden Benedikts wäre vielleicht der größeste Theil der Schriften des Altcrthums für uns verloren; und wenn es auf heilige Aebte, Bischöfe, Kardinale und Päbste ankommt: so füllet die Zahl derer, die aus ihm hervorgeganqcn sind, mit dem was sie veranstalteten, selbst eine Bibliothek. Der einzige Gregor der Große, ein Benediktiner, that mehr, als zehn geist- und weltliche Regenten thun konnten; auch die Erhaltung der alten Kirchenmusik, die so viel Wirkung auf die Gemüther der Menschen gehabt hat, sind wir diesem Orden schuldig. Weiter schreiten wir nicht. Um von dem zu reden, was unter den Barbaren das Ehristenthum wirkte, müssen wir diese erst selbst ins Auge nehmen, wie sie in großen Zügen nach einander ins römische Reich einzichn, Reiche stiften, meistens von Rom aus gefirmelt werden, und was zur Geschichte der Menschheit daraus ferner folget. Achtzehntes Buch wenn eine Fluch, die Sammlung gewaltiger Bergströme, in einem höheren Thal lange zurückgehalten oder mit schwachen Dämmen hie oder dahin geleitet, endlich unaufhaltsam losbricht, und die niedrigen Gefilde überströmet: Wellen folgen auf Wellen, Ströme aus Ströme, bis alles ein Helles Meer wird, das, langsam überwältiget, überall Spuren der Verwüstung, zuletzt aber auch blühende Auen nachlaßt, die es mit Fruchtbarkeit belebte: so erfolgte , so wirkte die berühmte Wanderung der nordischen Völker in die Provinzen des römischen Reichs. Lange waren jene Nationen bekriegt, zurückgehalten, als Bundes - oder Miethvölker hie oder dahin geleitet, oft hintergangen und gemißbraucht; endlich nahmen sie sich selbst Recht, forderten Besitzthum, oder erbeuteten es und verdrängeten zum Theil selbst einander. Wir dürfen uns also nicht sowohl um rechtliche Ansprüche bekümmern, die jedes dieser Völker auf das ihm angewiesene oiwr eroberte Land hatte*); sondern nur den Gebrauch bemerken, den cs von dem Lande machte und die neue Einrichtung, die damit Europa gewann. Allenthalben geschah eine neue Einimpfung der Völker; was hat sie für die Menschheit für Sprossen und Früchte getragen i I *) Eine genaue Schilderung dieser Völkerwanderungen und Aufbrüche, mir ihren oft veränderten Grenzen, gibt im kurzen Anblick Gatterers Abriß der Universalhistorie, Göttingen 1773. S. üAg. u. f. Ausführlicher ist Mascon's Geschichte der Deutschen, Leipzig 1727. 1787. Krause Geschichte der wichtigsten Begebenheiten des heutigen Europa U. a. I. Reiche der Westgothen, Sueven, Alanen und Wandalen. (395.)->)oii zwepcn treulosen Staatsministern des morgen- und abendländischen Kaiscrthums, dem Russin und Stiliko, (400) wurden die Westgothen ins Reich gerufen, dort Thracien und Griechenland, hier Italien zu verwüsten. Alarich belagerte Rom, und weil ihm Honorius sein gegebnes Wort nicht hielt, ward es zwcyrnal erobert und zuletzt geplündert. Mit Raube beladen zog der westgothische König bis zur Sicilischen Meerenge hinab und hatte die Eroberung Afrika's, der Kornkammer von Italien, im Sinne, als der Tod den Lauf seiner Siege un-, terbrach; der tapfre Räuber ward mit vielen Kostbarkeiten mitten in einem Strome begraben. Seinem Nachfolger Adolph (Ataulf) wies der Kaiser, um ihn aus Italien zu entfernen, (412) nach Gallien und Spanien gegen die dort cingcbrochenen Vandalen, Alanen und Sueven; hier gründete er, abermals hintergangen, und zuletzt mit des Kaisers Theodosius Tochter Placidia vermählt, das erste Philos. und Gesch. VI. Th. H IV. nt- 114 Ideen zur Philosophie Wcstgothische Reich (414s. Die schonen Stadt' Narbonne, Toulouse, Bourdeaux waren sein, und einige seiner Nachfolger erstreckten ihr Gebiet in Galten weiter. Weil ihnen aber liier die Franken zu nahe, auch den arianischen Gothen die katholischen Bischöfe des Landes feindlich und treulos waren: so wandten sich ihre Waffen siegreicher über die Pyrenäen, und nach langen Kriegen mit Alanen, Sue- vcn und Vandalen, auch nach völliger Verdrängung der Römer aus dieser Wcltgegend ( 585 ), besaßen sie endlich die schöne Halbinsel Spaniens und Lusita- niens, nebst einem Theil des südlichen Galliens und der Afrikanischen Küste. Vom Reich der Sueven in Spanien, wahrend seiner 178 Jahre (407 — 486) haben wir nichts zu sagen; nach einer Reihe von Plünderungen und Unglücksfällen ists Namenlos untergcgangen, und ins Spanisch - Gothische Reich versunken. Merkwürdiger machten sich die Wcstgothen, sobald sie in diese Gegenden gelangten. Schon in Gallien, als die Residenz ihrer Könige noch in Toulouse war, ließ Erich ein Gesetzbuch verfassen, *) und sein Nachfolger Alarich aus Gesetzen und Schriften römischer RechtsgelehrtcN einen Codex Zusammentragen, der bereits vor Justinian ( 5 o 6 ) gleichsam das erste barbarische Lorpnas jurrs ward **). Es hat unter Mehrern Deutschen Völkern, Burgundern, Angeln, Franken und Langobarden, als ein Auszug der rö- *) kirlloci coäex legum WisiAotllor. ib/g. *') Schüttings lurispruä. änis - sustininn. 683. LotlloU-eäi proles. 6 oä. INeollo!. L. 6. 7 . der Geschichte der Menschheit. rin mischen Gesetze gegolten, und auch uns einen Theil des Lheodosischen Gesetzbuchs gerettet, obgleich oie Gothen selbst lieber Key ihren eigenen Gesetzen und Rechten blieben. Jenseit der Pvrcnaen kamen sie in ein Land, das unter den Römern eine blühende Provinz gewesen war, voll Städte, 'wU Einrichtungen und Handel. Als in Rom alles schon der Ucppigkeit unterlag, hatte Spanien der Hauptstadt der Welt »och eine Reihe berühmter Männer gegeben, *) die in ihren Schriften schon damals etwas vom spanischen Charakter zeigen. Anderntheils war auch das Christenthum frühe nach Spanien gekommen, und da der Geist dieses Volks durch die seltsame Vermischung vieler Nationen in seinem abgesonderten Erdstrich zum Außerordentlichen und Abenteuerlichen sehr geneigt war, hatte er an Wunderge- schichtcn und Büßungen, an Enthaltsamkeit und Einsiedelei,, an Orthodoxie, am Martyrerrhum und einer Kirchenpracht über heiligen Gräbern so viel Geschmack gefunden, daß Spanien auch seiner Lage nach gar bald ein wahrer Christen - Pallast ward. Von hieraus hatte man bald den Bischof zu Nom, bald den zu Hippo, Alexandrien und Jerusalem fragen, oder belehren können: man konnte die Kez- zer sogar ausser Landes aufsuchen und bis gen Palästina verfolgen. Von jeher also waren die Spanier erklärte Ketzerftinde, und haben den Priscillia- Lucan, Mela, Columella, die beyden Seneca, Quintilian, Marrial, Florus u. a. sind Spanier. S. Velasquez Geschichte der Spanischen Dichtkunst, Gott. 1769^ S. 3 u. f. H 2 116 I de en zu r Ph i loso pH ie nisten, Manichäern, Arianern, Juden, dem Pcla- gius, Nestorius u. a. ihre Rcchtglaubigkeit hart erwiesen. Die frühe Hierarchie der Bischöfe dieser apostolischen Halbinsel, ihre öfteren und strengen Concilien gaben dem römischen Stuhl selbst ein Vorbild, und wenn das Fränkische Reich diesem Oberhirten späterhin mit dem weltlichen Arm aufhalf, so hatte Spanien ihm früher mit dem geistlichen Arm geholfen. In ein solches Reich voll alter Kultur und festgcstellter Kirchenverfassung rückten die Gorhen, treuherzige Arianer, die dem Joch der katholischen Bischöfe schwerlich zu widerstehen vermochten. Zwar hielten sie lange ihren Nacken aufrecht: sie wapneten sich sowohl mit Güte als mit Verfolgung, und strebten nach der Vereinigung beyder Kirchen. Vergebens: denn nie gab die herrschende römisch - karholischc Kirche nach, und zuletzt wurden auf mehreren Concilien zu Toledo die Arianer so hart verdammet, als ob nie ein Spanischer König dieser Sekte ergeben gewesen wäre. Nachdem König Lcovigild, der letzte von gothischcr Kraft, dahin war (586), und Reccard, sein Sohn, sich der katholischen Kirche bequemte; sogleich bekommen auch die Gesetze des Reichs, in der Versammlung der Bischöfe gegeben, den Bischofs- und Mönchscharakter. Körperliche Strafen, sonst verabscheuet von den Deutschen, fangen an in ihnen zu herrschen; noch mehr aber wird ein Geist des Ketzergerichts in ihnen sichtbar, lange vorher che man den Namen einer Inquisition kannte *). *) Die Schlüsse der Kirchenvcrsammlungen sind, ausser den größeren Sammlungen der blsxana Lu- der Geschichte der Menschheit. 117 Unvollkommen also und zwanqvoll ward die Einrichtung der Gothen in diesem schönen Lande, wo sie umschlossen von Bergen und Meeren sich zu einem daurenden, herrlichen Reich hatten bilden können, wenn sie dazu Verstand und Muth gehabt, und sich weder dem Klima noch der Kirche zu Knechten gemacht hatten. Nun aber war jener,Strom längst entkräftet, der unter Alarich einst Griechenland und Italien durchbrauste; Adolphs Geist, der Rom zu vernichten schwur, damit er eine neue Gothenstadt, als das Haupt der Welt auf ihre Trümmern baute, war schon gebändigt, da er sich nach einem Winkel des Reichs hakte verweisen lasten, und mit einer Placidia das Hochzeitbette bestieg. Langsam ging die Eroberung fort, weil Deutsche von Deutschen Völkern sich die Provinzen mit Blut erkaufen mußten; und als nach eben so langem Kampf mit der Kirche, die Bischöfe und die Grossen des Reichs, zwey so widrige Extreme, endlich zusammentrafen, war es um die Gründung eines festen gothischen Reichs in Spanien geschehen. Statt daß vorher die Könige dieses Volks von der Nation gewählt waren, machten die Bischöfe dir Würde eines Königes erblich und seine Person göttlich. Aus Kirchenversammlungen wurden Reichstage, die Bischöfe des Reichs ersten Stände. In Pracht und Weichheit verloren die Großen des Pallasts ihre graäu u. f., schon jn Ferrcras Geschichte von Spanien zu finden. Die Westgothischen Gesetze sind außer dem Pirhöus in Linden- brogs roll. IsZ. aritigu. und sonst enthalten. ,18 Ideen zur Philosophie Treue; die einst taxftrn Krieger, unter welche das Lund verthcilt war, auf ihren reichen Wohnsitzen den Muth; die Könige dey ihren auf Religion gegründeten Vorzügen, Sitte» und Tugend. Unbefestigct leig also Vas Reich dem Feinde da, woher er auch kommen mochte; und als er aus Afrika kam, ging ein solches Schrecken vor ihm her, daß nach Einer glücklichen Schlacht die schwärmenden Araber in zweycn Jahren den größesten und schönsten Theil von Spanien besaßen (712). Mehrere Bischöfe wurden treulos; die üppigen Großen unterwarfen » sich, oder flohen und sielen. Das Reich, das ohne innere Verfassung auf dem persönlichen Muth und Diensteifer seiner Gothen beruhen sollte, war wehrlos, sobald dieser Muth und diese Treue dahin waren. Mögen immerhin die Kirchenzucht und der Ritus aus den Spanischen Eoncilien viel zu lernen haben; für die Landescinrichtung war Toledo von jeher ein Grab, und ist cs lange geblieben *). Denn als nun jener tapfre Rest geschlagener und betrogener Gothen aus seinen Gebirgen wieder hervorging und in sieben bis achthundert Jahren durch 8700 Schlachten kaum wieder gewann, was ihm zwey Jahre und Eine Hauptschlacht geraubt hatten; wie anders, als daß der sonderbar - gemischt^ *) Die eigne Untersuchung eines Schweden über die Ursachen des baldigen Verfalles dieses Reichs ist mir nicht zu Gesicht gekommen. Iserhiel M äs reZno tVesteo - Ooibo- rnin in HisxLnin Upsal Ifvb enthalt akademische Deklamationen, der Geschichte der Menschheit. 119 Christen- und Gothengeist jetzt nur als der Schatten aus einem Grabe erscheinen konnte? Altchristen eroberten jetzt von heidnischen Saraccnen ihr so lange entheiligtes Land; jede Kirche, die sie aufs neue w.iben durften, ward ihnen eine theure Siegesbcute. Bsschosthümcr und Klöster wurden also ohne Zahl erneuet, gestiftet, als ein Kranz der Christen- und Ritterehre angclobet; und weil die Eroberung langsam fortging, so hatte man Zeit zu weihen und an- zugelobcn. Dazu traf die Wiedcreroberung großten- theils in die blühendsten Zeiten des Ritter - und Papstrhumes. Einige Reiche, die man den Mauren entrissen hatte, ließ sich der König vom Papst zum Lehn austragen, damit er in ihnen als ein achter Sohn der alten Kirche herrschte. Allenthalben wurden die Bischöfe seine Witregcntcn und die christlichen Ritter, die das Reich mit ihm erobert hatten, Oranäos rioos ttmnbrss, ein hoher Adel, der mit seinem Könige das neue Christenreich theilte. Wie unter jenen alten Rechtgläubigen Juden und Arianer ausgetrieben waren: so galts jetzo Juden und Mauren, so daß das schöne unter mehreren Völkern einst blühende Land nach und nach eine an- muthige Wüste wurde. Noch jetzt stehen überall die Säulen dieser alt- und neugothischen Christenstaats- Verfassung in Spanien da; die Zeit hat manches zwischen sie gesetzt, ohne den Riß und Grund des Gebäudes ändern zu können. Zwar thront der katholische König nicht mehr neben dem Bischofsthrone m Toledo, und die heilige Inquisition ist seit ihrer Entstehung mehr ein Werkzeug des Despotismus, als der blinden Andacht gewesen; dagegen aber sind in diesem abgeschlossenen romantischen Lande der 120 Ideen zur Philosophie Schwärmerei) so viele und so dauerhafte Ritterschlös- scr errichtet, daß die Gebeine des heil. Jakobus zu Eompostell fast sichrer als die Gebeine des beil. Petrus zu Rom zu ruhen scheinen. Ucber ein halb- hundcrt Erz - und Bischöfe, über dreytausend meistens reiche Klöster genießen die Opfer eines Reiches, das seine Rechtgläubigkeit mit Feuer, Schwert, Betrug und großen Hunden auch in zwei) andre Welt- theile verbreitet hat; im spanischen Amerika allein thronen fast eben fo viel Erz - und Bischöfe in aller Herrlichkeit der Kirche. In Geistcswerken der Spanier fangen dicht hinter den Römern christliche Porten, Streiter und kanonische Richter an, auf welche Schrifterklärer und Legendenschreiber in solcher Anzahl folgen, daß selbst ihre Lust - und Pvssen- spiele, ihre Tänze und Stiergeftchte sich nicht ohne Ehcistenihum behelfen mögen. Das bischöflich-go- thische Recht hat sich mit dem römisch-kanonischen Rechte innig verschlungen, aller Scharfsinn der Nation ist darüber in Subtilitaten abgewetzt worden, so daß auch hier eine Wüste dalicgt, die statt der Früchte Dornen traget *). Obwohl endlich von jenen hohen Hof- und Kronbeamien, die bey den Gothen wie bey andern Deutschen Völkern zuerst nichts als persönliche Aemtec waren, nachher aber als Reichswücden ein halbes Jahrtausend hin das Mark *) Der spanischen Commcntatoren sowohl über das romriche Recht, als über die sieire karticlas, die I.e)es cle Dora, die ^>rt08 ^ scueräos llel Loaccho Ideal ist ein zahlreiches Heer; der Scharfsinn der Nation ist in ihnen erschöpfet. der Geschichte der Menschheit. 121 des Landes an sich gesogen haben, zum Tbeil nur noch der Schatten da ist, indem die königliche Gewalt sich hier mit dem Papst zu setzen, dort den Stolz der Großen zu demüthigcn und die Macht derselben cinzuschranken gewußt hat: so wird doch, weil widrige Principien dieser Art dem Staat einmal zum Grunde liegen, und in den Charakter der Nation selbst verwebt sind, das schöne Land noch lange vielleicht ein milderes Europäisches Afrika, ein Golhisch - Mauricanischer Christenstaat bleiben. Von den Westaothkn aus Spanien verdränget, waren die Vandalen mit dem Rest der Alanen nach Afrika gegangen, wo sie das erste christliche Raubnest stifteten, reicher und mächtiger, als in der Folge Eines ihrer Mahomedanischen Nachfolger gewesen. Geiserich, ihr König, einer der tapfersten Barbaren, die die Erde sah, nahm mit einer mäßigen Schaar in wenigen Jahren (.129 — 439) die ganze schöne Afrikanische Küste von der Meerenge bis zur Lvbischen Wüste ein, und schuf sich eine Seemacht, mit der ein halbes Jahrhundert lang dieser Numidische Löwe, alle Küsten des Mittelländischen Meers von Griechenland und Jllyrien an e über die Säulen Herkules hinaus, bis nach Galli- cien beraubte, die balkarischen Inseln, Sardinien, einen Theil Siciliens sich zueignete, und Rom, die Hauptstadt der Welt (465), zehn Tage lang so langsam und rein ausplünderte, daß er mit dem goldnen Dache Jupiters, mit der alten Beute des Jüdischen Tempels, mit unermeßlichen Schätzen an I '»2 Ideen zur Philosophie Kunstwerken und Kostbarkeiten, die ihm nur zum Thcil das Meer raubte, mit einer Menge Gefangener, die er kaum irgend zu lassen wußte, mit einer geraubten Kaiserin und ihren bcyden Töchtern glücklich und wohl in seinem Karthago ankam. Die älteste Kaisertochter, Eudoxia, vermahlte er seinem Sohne; die andre mit ihrer Mutter schickte er zurück, und war übrigens ein so kluges, muthigcs Ungeheuer, daß er werth war, ein Freund und Bundsgenoß des großen Attila zu seyn, der von der Lena in Asten an bis über den Rhein hin, die Welt eroberte, besteuerte und schreckte. Billig gegen seine Unterworfenen, strenge in Sitten, enthaltsam, mäßig, nur im Verdacht oder im Zorn grausam, und immer thatig, immer wachsam und glücklich lebte Geiserich sein langes Leben aus, und hinterlicß seinen beyden Söhnen ein blühendes Reich, in welchem die Schatze des Occidents gesammlet waren (477). Sein letzter Wille gründete des Reichs ganzes Schicksal. Dem zufolge sollte stets der Aelteste seines gesammten Geschlechts regieren, weil dieser eS mit der größesten Erfahrung thun könnte; und eben damit war der ewige Zank - und Mordapfel unter seine Abkömmlinge geworfen. Kein Aeltcster seiner Familie war fortan des Lebens sicher, indem jeder Jüngere der Aelteste seyn wollte; so mordeten Brüder und Vettern einander: jeder fürchtete, oder neidete den andern; und da der Geist des Stifters in keinem seiner Nachkommen war, so versanken seine Vandalen in alle Ueppigkcit und Trage des Afrikanischen Erdstrichs. Ihr bleibendes Kriegslager, in welchem sich alter Muth erhalten sollte, ward ein Lager des Spiels und der Wollust; und kaum nach der Geschichte der Menschheit. 12? eben so vieler Zeit, als Geiscrich selbst regieret hatte, ging das ganze Reich in einem Feldzüge unter. Der achte König, Gelimer, (684) ward mit allen erbeuteten Schätzen zu Konstantinopel in einem barbarischen Prachttriumph aufgeführet und starb als ein Landmann; seine gefangenen Vandalen wurden an die Persische Grenze in Schlösser verlegt, und der Rest der Nation verlor sich; wie ein Zauberschloß voll Goldes und Silbers verschwand dies sonderbare Reich, von dem man etwa noch Münzen in der Afrikanischen Erde antrifft. Die Jüdischen Tempelgeräthe, die Geiscrich aus Nom geraubt hatte , wurden in Konstantinopel z»m drittenmal im Triumph getragen; sie kam.n nach Jerusalem zurück als Geschenk in eine Ehristenkirche, und sind wahrscheinlich nachher, mit einem Arabischen Spruch bezeichnet, als Münzen in alle Welt geflogen. So wandern die Heiligkhümcr: Reiche verschwinden: es wechseln Völker und Zeiten. Sehr wichtig wäre es gewesen, wenn sich in Afrika dies Vandalische Reich hatte erhalten können; ein großer Tbeil dec Europäischen, Asiatischen und Afrikanischen Geschichte, ja der ganze Weg Europäischer Kultur wäre dadurch verändert. Jetzt ist das Andenken dieses Volks kaum noch im Namen einer Spanischen Provinz kenntlich *). *)Mannerts Geschichte der Vandalen Leipzig 1785 ist ein nicht unwürdiger Jugendversuch dieses Mannes, der sich durch seine Geogrg- phie der Griechen und Römer ein bleibendes D'cnkmahl stiftet. 124 Id een zu r P hi l 0 so p hi e H. Reiche der Ostgothen und Langobarden. >--che wir diese betrachten, müssen wir einem Meteor am Himmel Europa's, der Geißel Gottes, dem Schrecken der Welt, dem Hunnenkönige Attiln Einen Blick der Aufmerksamkeit schenken (376). Schon bemerkten wir, wie eigentlich der Aufbruch der Hunnen in der Tatarey alle Deutsche Völker in die letzte große Bewegung gesetzt habe, die dem römischen Reich ein Ende machte; unter Attila war die Macht der Hunnen in Europa in ihrer furchtbarsten Größe (4.33). Ihm waren die Kaiser von Orient tributbar (447); er verachtete sie als Sklaven ihrer Knechte, ließ jährlich sich 2100 Pfund Goldes zollen und ging in einem leinenen Kleide. Gothen, Gepiden, Alanen, Heruler, Akaziren, Thüringer und Slaven dieneten ihm; Er wohncte im nördlichen Pannonien in einem Flecken, von einer Wüste umgeben, in einem hölzernen Hause *). Seim Gefährten und *) Die Züge von des Attila Person sind meistens aus Priscus Gesandtschaft an ihn, aus denen man denn nicht eben zuverläßig auf sein ganzes Leben schließen mag. Mancherley Erläuterungen hie- der Geschichte der Menschheit. 125 Gäste tranken aus goldncm Geräth; er trank aus einem hölzernen Becher, trug kein Gold, kein Edelgestein an sich, auch nicht an seinem Schwert, noch am Zügel seines Pferdes. Billig und gerecht, gegen Unterworfene äußerst gütig; aber mißtrauisch gegen seine Feinde, und stolz gegen die stolzen Römer, brach er, wahrscheinlich vom Vandalenkönige Geiserich angeregt, mit einem Heer von fünf- bis siebenmalhunderttausend Menschen aller Nationen plötzlich auf, wandte sich westwärts, durchflog Deutschland, ging über den Rhein, zerstörte bis in die Mitte Galliens (g 5 c>): alles zitterte vor ihm, bis endlich aus allen westlichen Völkern ein Heer sich gegen ihn sammlete und anrückte. Kriegsklug zog Attila sich auf die Katalaunische Ebne zurück, wo sein Rückweg frei) war; Römer, Gothen, Later, Armoriker, Breoncn, Burgunder, Sachsen, Alanen und Franken standen gegen ihn; er selbst ordnete die Schlacht. Das Treffen war blutig, der König der Westgothen blieb, Mengen sielen, und Kleinigkeiten entschieden. (462). Unverfolgt zog Attila über den Rhein zurück und ging im folgenden Jahr frisch über die Alpen, da er Italien zu und zu den Sitten der Völker sind von F. C. I. Fischer bey Gelegenheit des von ihm gefundenen Gedichts äe prima axpoäiticme tlNti- lae Inps. j 780. sowohl in den Anmerkungen dazu, als in der Schrift Sitten und Gebräuche der Europäer im 5 . und 6. Jahrhundert Franks. 1784 gesammlet. 126 Ideen zur Philosophie durchstreifte, Aquileja zerstörte, Mailand plünderte, Pavia verbrannte, und um dem ganzen Römer- Reich ein Ende zu machen, auf Rom losging. Hier kam ihm Leo, der römische Bischof, flehend entgegen, und erbat die Rettung der Stadt; dieser reifete auch gen Mantua zu ihm ins Lager, und bat Italien von ihm los. Der Hunnenkönig zog zurück über die Alpen und war eben im Begriff, jene in Gallien verlohrne Schlacht zu rachen, als er vvm Tode übereilt ward (464). Mit lauttn Klagen begruben ihn seine Hunnen; mit ihm sank ihre furchtbare Macht. Sein Sohn Ellak starb bald ihm nach, das Reich zerfiel/, der Rest feines Volks gin: nach Asien zurück, oder verlor sich. Er ist der König Etzel, den Gedichte mehrerer Deutscher Völker nennen, der Held, vor dessen Tafel die Dichter mehrerer Nationen ihrer Vorfahren Thaten sangen: desgleichen ist Er das Ungeheuer, dem man aus Münzen und in Gemahldcn Hörner andichtctc, ja dessen ganzes Volk man zu einer Waldteufel- und Alrunenbrut machte. Glücklich that Leo, was keine Heere thun konnten, und hat Europa von einer kalmückischen Dienstbarkeit befreyet: denn ein Mongolisches Volk war Attila's Heer, an Bildung, Lebensweise und Sitten kenntlich. Auch des Reichs der Heruler müssen wir erwähnen, weil es dem ganzen westlichen Kaiscrthum ein Ende machte. Langst waren diese mit andern Deutschen Völkern im Römischen Solde gewesen, de r G eschich te de r Men sc h heit, 127 und da sie bcy wachsender Noch des Reichs nicht mehr bezahlt werden konnten, bezahlten sie sich selbst; ein dritter Theil des Landes ward ihnen in Italien zum Anbau gegeben, und ein glücklicher Abenteurer, Odoaker, Anführer der Scirren, Nilgen und Herulen, ward Italiens erster König (476). Er bekam den letzten Kaiser RomuluS in seine Hände, und da ihn dessen Jugend und Gestalt zum Mitleiden bewegten, schickte er ihn mit einem Jechr- geldc auf eine Villa Luculls in Eampanien. Sie- benzchn Jahre hat Odoaker Italien bis nach Sici- licn hinab nicht unwürdig, obwohl unter den größe- sten Landplagen verwaltet, bis die Beute eines so schönen Besitzes den König der Ostgothcn, Thcode- rich, reizte. Der junge Held ließ sich Italien vom Hofe zu Konstantinopcl zum Königreich anweisen, überwand den Odoaker, und da dieser einen demü- thigenden Vergleich nicht halten wollte, ward er ermordet (493). So begann der O stgoth e n Herrschaft. Theoderich ist der Stifter dieses Reiches, den die Volkösage unter dem Namen Dietrich von Bern kennet, ein wohlgebildcter und wohlgcsinneter Mann, der als Geisel in Konstantinopel erzogen war und dem morgenlandischcn Reich viel Dienste gethan hatte. Dort war er schon mit der Würde eines Patri- cius und Konsuls geschmückt; ihm zur Ehre war eine Bildsäule vor dem kaiserlichen PaUast errichtet; Italien aber ward das Feld seines schöneren Ruhms, 123 Ideen zur Philosophie einer gerechten und "friedlichen Regierung. Seit Mark-Autonins Zeiten wor dieser Theil der römischen Welt nicht weiser und gütiger beherrscht worden, als er über Italien und Jllyrikum, einen Theil von Deutschland und Gallien, ja als Vormund auch über Spanien herrschte, und zwischen Westgothen und Franken lange den Zügel hielt. Ohngeachtct seines Triumphes zu Rom maßte er sich den Kaisertitel nicht an, und war mit dem Namen Flavius zufrieden; aber alle kaiserliche N.acht übte er aus, ernährte das römische Volk, gab der Stadt ihre alten Spiele "wieder, und da er ein Arianer war, sandte er den Bischof zu Rom selbst in der Sache des Arianismus als seinen Gesandten nach Konstantinopel. So lange er regierte, war Friede unter den Barbaren: denn das Westgothische, Fränkische, Wandalische, Thüringische Reich waren durch Bündnisse oder" Bluts- frcundschaft mit ihm vereinigt. Italien erholte sich unter ihm, indem er dem Ackerbau und den Künsten aufhals, und jedem Volk blieben seine Gesetze und Rechte. Ec unterhielt und "ehrte die Denkmahle des Altecthums, bauete, obwohl nicht ganz mehr im Römergcschmack, prächtige Gebäude, von welchen vielleicht der Name der gothischen Baukunst herrührct- und seine Hofhaltung ward von allen Barbaren verehret. Sogar ein schwacher Schimmer der Wissenschaften ging unter ihm auf: die Namen seiner ersten Staatsdiener, eines Cassiodor, Voethius, Symmachus sind noch bis jetzt hochgeschätzte Namen; obgleich die beydcn letzten, auf einen Verdacht, daß sie die Frepheir Roms wieder- hcrstellen -V der Geschichte der Menschheit. 129 Herstellen wollten, ei» unglückliches Ende fanden. Vielleicht war der Verdacht dem alten Könige verzeihlich, da ec nur einen jungen Enkel zur Nachfolge vor sich sah, und was seinem Reich zur dankenden Festigkeit fehlte, wohl kannte. Es wäre zu wünschen gewesen, daß dies Reich der Gothen bestanden, und statt Karls des Großen ein Theoderich die Verfassung Europa's in geist - und weltlichen Dingen hatte bestimmen mögen. Nun aber starb der große König nach 3g. Jahren einer klugen und thätigcn Regierung ( 526 ); und sogleich brachen die Uebel aus, die in der Staatsvcrfaffung aller Deutschen Völker lagen. Die edle Vormünderin des jungen Adelrichs, Amalas- vinde, ward von den Großen des Reichs in der Erziehung desselben gehindert, und als sic nach seinem Tode den abscheulichen Thcvdat zum Reichsgehülfen annahm, der' sie mit dem Tode belohnte, so war die Fahne des Aufruhrs unter den Gothen gepflan- zet. Mehrere Große wollten regieren; der habsüchtige Justinian mischt sich in ihre Streitigkeiten, und Belisar, sein Feldherr, setzt unter dem Vorwände, Italien zu besreycn, über das Meer (536). Die unter sich uneinigen Gothen werden eingeenget und betrogen, die Residenz ihrer Könige, Ravenna, hinterlistig eingenommen (5go), und Belisar zieht mit Thev- derichs Schätzen und einem gefangenen Könige nach Hause. Bald beginnet der Krieg aufs neue: der tapfre König der Gothen, Totilas, erobert Rom zweymal, schonet aber desselben und lasset cs mir niedergerissenen Mauern offen liegen (5g6. 5g-;.). Ein zweyter Theoderich war dieser Torilas, der während der eilf Jahre seiner Regierung den treulosen Philos. und Gesch. VI. LH. I I-leen. IV. i 3 o Ideen zur Philosophie Griechen viel zu lhun gab. Nachdem er im Treffen geblieben ( 552 ) und sein Hut mit dem blutigen Kleivc dem eitlen Zustiuian zu Füßen gelegt war gings mit dem Reich der Gothen zu Ende (554) , wiewohl sie sich bis auf die letzten 700» Mann tapfer hielten. Empörend ist die Geschichte dieses Krieges, indem auf der Einen Seite tapfre Gerechtigkeit, auf der andern griechischer Betrug, Geiz und jede Niederträchtigkeit der Italiener kämpfen, so daß es zuletzt einem Verschnittenen, dem Naues gelang, das Reich auszurotten, das Theodcrich zum Wohl Italiens gepflanzt hatte, und dagegen zu Italiens langem Weh das hinterlistige schwache Epar- chat, die Wurzel so vieler Unordnungen und Uebcl einzuführen. Auch hier wie in Spanien war leider die Religion und die innere Verfassung des Gordischen Staats der Grund zu seinem Verderben. Die Gothen waren Arianer geblieben, die der römische Stuhl ihm so nahe, ja als seine Dberherccn unmöglich dulden konnte; durch alle Mittel und Wege, wenn auch von Konstantinopel der und mit eigner Gefahr, ward also ihr Fall befördert. Zuium hatte sich der Charakter der Gothen mit dem Charakter der Italiener noch nicht gemischt; sie wurden als Fremdlinge und Eroberer angesehen, und ihnen die treulosen Griechen vorgezogen, von denen, auch schon in diesem Bcfreyungökriege, Italien unsäglich litt, und noch mehr gelitten hätte, wenn ihm lucht, wider seinen Willen, die Langobarden zu Hülfe gekommen wären. Die Gothen zerstreuten sich, und ihr letzter Nest ging über dis Alpen. der Geschichte der Menschheit. r 3 1 Die Langobarden verdienen es, daß der obere Theil Italiens ihren Namen tragt, da er den bessern Namen der Gothen nicht tragen kpnnte. Gegen diese rief Justiman sie aus ihrem Pannonien hervor: und sie setzten sich zuletzt selbst in den Besitz der Beute. Alboin, ein Fürst, dessen Namen mehrere Deutsche Nationen priesen, kam über die Alpen und führte von mehreren Stammen ein Heer von Weibern, Kindern, Vieh und Hausrath mit sich ( 566 ), um das der Gothen beraubte Land nicht zu verwüsten, sondern zu bewohnen. Er besetzte die Lombardei und ward in Mailand von seinen Longobarden, auf einem Kriegesschilde erhoben, zum Könige Italiens ausgerufen <.574), rudere aber bald fein Leben. Von seiner Gemahlin Roscmunde war sein Mörder bestellt; sie vermahlt sich mit dem Mörder und muß entweichen. Der von den Langobarden erwählte König ist stvlz, grausam; die Großen der Nation werden also ewig, keinen König zu wählen und das Reich unter sich zu theilen: so entstehen sechs und dcepßig Herzoge, und hiemit war die erste Lombardisch-Deutsche Verfassung in Italien gegründet. Denn als die Nation, vom Bedürfnis; gezwungen, sich wieder Könige wählte, so that dennoch jeder mächtige Lehnstcäger meistens nur das, was er thun wollte: selbst die Wahl derselben ward oft dem Könige entrissen, und cs kam zuletzt auf das unsichere Ansehen seiner Person an, ob ec seine Vasallen zu lenken uird zu gebrauchen wüßte. So entstanden die Herzoge von Friaul, Spoleto, Bene- I 2 iÄ2 Ideen zurPhilosophir vent, denen bald andere nachfolgeten: denn das Land war voller Städte, in welchen hier ein Herzog, dort ein Graf sein Wesen treiben konnte. Dadurch ward aber das Reich der Longobardcn entkräftet, und wäre leichter als das Reich der Gothen wcgzufegen gewesen, wenn Konstantinepel einen Ju- stinian, Delifar und Narses gehabt hätte; indeß sie jetzt auch in ihrem Kraftlosen Zustande den Rest des Exarchats zerstören konnten. Allein mit diesem Schritte war auch ihr Fall bereitet (742). Der Bischof zu Rom, der in Italien keine als eine schwache, zcrkheilte Regierung wünschte, sähe die Langobarden sich zu nahe und mächtig; da er nun von Konstantinopel aus keinen Bexstand hoffen konnte, zog Stephanus über das Gebirge, schmeichelte dem Usurpator des Fränkischen Reichs Pipin mit der Ehre ein Beschützer dcrKirche werden zu können (7^2), salbte ihn zu einem rechtmäßigen Könige der Franken und ließ sich dafür noch vor dem erobernden Feldzüge selbst die fünf Städte und das den Langobarden zu entnehmende Exarchat schenken (764). Der Sol>n Pipins, Karl der Große, vollendete seines Vaters Werk, erdrückte mit seiner überwiegenden Macht das longobardische Reich und >pard dafür vom heiligen Vater zum Patricias von Rom, zum Schutzherrn der Kirche (774), ja endlich wie durch eine Eingebung des Geistes zum Römischen Kaiser ausgerufen und gekrvnet söoo). Was dieser Ausruf für ganz Europa veranlaßt habe, wird die Folge zeigen; für Italien ging, durch diesen herrlichen Fischzug Petri jenscit der Alpen, das ihn« nimmer - ersetzte Longobardische Reich unter. In den zwey Jahrhunderten seiner Dauer hatte es für die Bevölkerung des verwüsteten und erschöpften Landes der Geschichte der Menschheit. 1 33 gesorgt; es hakte durch Deutsche Rechtlichkeit und Ordnung Sicherheit und Wohlstand verbreitet; wöbe» jedem frcygcstcllet blieb, nach longobardischen oder eignen Gesetzen zu leben. Der Longobarden Rechts- ganq war kurz, förmlich und bindend; lange noch galten ihre Gesetze, als schon ihr Reich gestürzt war. Auch.Karl, der Unterdrücker desselben, ließ sie gelten, und fügte die seinen nur an. In mehreren Strichen Italiens sind sie nebst dem Römischen, das gemeine Gesetz geblieben und haben Verehrer und Erklärer gefunden, auch da späterhin auf Befehl der Kaiser das Justinianische Recht emporkam. Dem allem ungeachtet ist nicht zu läugnen, daß insonderheit die Lehnversassunq der Longobarden, der mehrere Nationen Europa's folgten, diesem Welttheil unselige Folgen gebracht habe. Dem Bischöfe Roms konnte cs angenehm ft»n, daß Key einer zertheilten Macht des Staats eigenmächtige Vasallen nur durch schwache Bande an ihre Obcrhcrrcn geknüpft waren: denn nach der alten Regel „theile und herrsche!" mochte man sodann ans jeder Unordnung Vorthcil ziehen. Herzoge, Grafen und Barone konnte man gegen ihre Lchenverleihec aufregen, und durch Vergebung der Sünde be» rohen Lehns - und Kriegs- männern für die Kirche viel gewinnen. Dem Adel ist die Lehnverfassung seine alte Stütze, ja die Leiter gewesen, auf welcher Beamte zu Erbeigenlhü- rnern, und wenn die Ohnmacht der Anarchie es wollte, zur Landeshoheit selbst hinausstiegcn. Für Italien mochte dies Alles weniger schädlich sevn, da in diesem langst kultivirten Lande Städte, Künste, Gewerbe und Handel in Nachbarschaft mit den Griechen, Asiaten und Afrikanern nie ganz vernichtet Ideen zur Philosophie 1^4 werden konnten, und der noch unansgetilgte Römercharakter sich nie ganz unterdrücken ließ; obwohl auch in Italien die Lehnzertheilung der Zunder unsäglicher Unruhen, ja eine Hauptursache mit gewesen, warum seit den Zeiten der Römer das schöne Land nie zur Consistcnz eines Vesten Zustandes gelangen konnte. Zn andern Landern werden wir die Anwendung des longobardischen förmlichen Lcbnrech- tes, zu welchem in allen Verfassungen Deutscher Völker ähnliche Keime lagen, weit verderblicher finden. Seit Karl der Große die Lombardei) in sein Besitzthum zog und als Erbthei! unter seine Söhne brachte; seitdem unglücklicher Weise auch der Römische Kaisertitcl nach Deutschland kam, und dies arme Land, das nie zu einer Hauptbcsinnung kommen konnte, mit Italien in das gefährliche Band zahlreicher und verschiedner Lchnverknüpfungen zog: seitdem ward, ehe noch ein Kaiser das geschriebene Lon- gobardische Recht ancmpsahl und dem Justinianischen Recht bcyfügte, in mehreren Ländern die ihm zum Grunde liegende Verfassung allen an Städten und Künsten armen Gegenden gewiß nicht zum Besten errichtet. Aus Unwissenheit und Vorurtheil der Zeiten galt endlich das Longobardischc für das allgemeine Kaiserliche Lehnrecht; und so lebt dies Volk noch jetzt in Gewohnheiten, die eigentlich nur aus seiner Asche zü Gesetzen gesammlet wurden *). Ausser denen, die die Geschichte der Rechte allgemein und einzeln bearbeitet haben, ist Gi- annone Geschichte von Neapel für der Geschichte der Menschheit. i35 Auch auf den Zustand der Kirche ging vieles vvn dieser Verfassung über. Zuerst zwar waren die Longoba.dcn wie die Gothen, Arianer; als aber Gregor der Große die Königin Thevdolinde, diese Muse ihres Volks, zur rechtgläubigen Kirche zu ziehen wußte; so zeigte sich der Glaube der Ncubckehr. ten auch bald eifrig in guten Werken. Könige, Herzoge, Grafen und Barone wetteiferten mit einander, Klöster zu bauen und die Kirchen mit ansehnlichen Patrimonien zu beschenken; die Kirche zu Rom hatte dergleichen von Sicilien aus bis in den keltischen Alpen. Denn wenn die weltlichen Herren sich ihre Lchngüker erwarben; warum sollten die geistlichen Herren nicht ein gleiches thuu, da sie für eine ewige Nachkommenschaft zu sorgen hatten? Mit ihrem Patrimonium bekam jede Kirche einen Heiligen zu ihrem Schutzwachter, und mit diesen Patronen, als Verbittern bey Gott, hatte man sich unendlich abzusinden. Ihre Bilder und Reliquien, ihre Feste und Gebete bewirkten Wunder; diese Wunder. bewirkten neue Geschenke, so daß bey fortgesetz- rer gegenseitiger Erkenntlichkeit der Heiligen von Einem Theil, der Lehnbesitzer, ihrer Weiber und Kinder auf der andern Seite, die Rechnung nie aufhören konnte. Die Lehnverfassung selbst ging gcwis- sermassen in die Kirche über. Denn wie der Herzog vor dem Grafen Vorzüge hatte: so wollte auch der Bischof, der Jenem zur Seite saß, vor dem Bi- die gesammten Gesetze der Völker, die Italien beherrscht haben, sehr brauchbar. Ein vortreffliches Werk in seiner Art. i36 Ideen zur Philosophie schofe eines Grafen Vorrechte haben; das weltliche Herzogthum schlug sich also zu Einem Erzbischöflichen Sprengel, die Bischöfe untergeordneter Städte zu Suf- sraganeen eines geistlichen Herzogs zusammen. Die reichgewordenen Aebbte, als geistliche Barone, suchten der Gerichtsbarkeit ihrer Bischöfe zu entkommen und unmittelbar zu werden. Der Bischof zu Rom, der auf diese Weise ein geistlicher Kaiser oder König ward, verlieh diese Unmittelbarkeit gern, und arbeitete den Grundsätzen vor, die nachher der falsche Isidor für die gcsammte christ-katholische Kirche öffentlich auf- stellte. Die vielen Festtage, Andachten, Messen und Aemter erforderten eine Menge geistlicher Diener ; die erlangten Schatze und Kleider der Kirche, die im Geschmack der Barbaren waren, wollten ihren Schatzbewahrer, die Patrimonien ihre Rectores haben; welches alles zuletzt auf einen geist- und weltlichen Schutzherrn , d. i. auf einen Papst und Kaiser hinauslief, alfo daß Staat und Kirche eine wetteifernde Lehn- verfassung wurden. Der Fall des longobardischen Reichs ward die Geburt des Papstes und mit ihm eines neuen Kaisers, der damit der ganzen Verfassung Europa's eine neue Gestalt gab. Denn nicht Eroberungen allein verändern die Welt, sondern vielmehr noch neue Ansichten der Dinge, Ordnungen, Gesetze und Rechte. der Geschichte der Menschheit. r NI. Reiche der Alemannen, Burgunder und Franken. <^ie Alemannen waren Eins der roheren deutschen Völker; zuerst Räuber der römischen Grenzen, Verwüster ihrer Schlösser und Städte. Als das Römische Reich siel, bemächtigten sie sich des östlichen Theils von Gallien, und hatten an ihm mit ihren alten Besitzungen ein schönes Land inne, dem sie auch eine schöne Verfassung hatten geben mögen. Die Alemannen haben sie ihm nie gegeben: denn die Macht der Franken überwältigte sie (496.); ihr König siel in der Schlacht, sein Volk unterwarf sich, und ward unterjocht, oder zerstreuet; bis unter Fränkischer Hoheit sie einen Herzog, bald auch das Christenthum, endlich auch geschriebene Gesetze bekamen ( 536 .). Noch sind diese übrig, und zeigen den einfachen, rohen Charakter des Volkes. Unter den letzten Mcrovingern wurde ihm auch sein Herzog genommen, und cs verlor sich in der Masse der Fränkischen Völker. Wenn Alemannen die Stammvater der deutschen Schweiz sind, so ist ihnen zu danken, daß sie die Wälder dieser Berge zum zweytcnmal gelichtet, und allgemach wieder mit Hütten, Flecken, Burgen, Thürmen, Kirchen, Klöstern und Städten geziert haben. Da wollen wir denn auch ihrer Bekehrer (6ro.), des H. Eolumbans und seiner Ge- r pg Ideen,zur Philosophie führten nicht vergessen, deren Einer, St. Gott, durch Gründung seines Klosters ein für ganz Europa wohl- thätiger Name ward. Die Erhaltung mehrerer klassischen Schriftsteller haben wir dem Institut dieser Irländischen Mönche zu danken, deren Einsicdeley mitten unter barbarischen Völkern, wo nicht ein Sitz der Gelehrsamkeit, so doch eine Quelle der Sitten- verbesserung ward, und wie ein Stern in diesen dunkeln Gegenden glanzet *). Die Burgunder wurden ein sanfteres Volk, seitdem sie mit den Römern im Bunde standen. Sie ließen sich von ihnen in Bürge verlegen, waren auch dem Ackerbau, den Künsten und Handwerken nicht unhold. Als ihnen die Römer eine Provinz in Gallien einräumten (g35.), hielten sie sich friedlich, pflegten des Feld- und Weinbaues, lichteten die Wälder, und hätten in ihrer schönen Lage, die zuletzt bis zur Provence und zum Genfersee reichte, *) Was von den Reichen und Völkern, die wir durchgehen, nur irgend die Schweiz berührt, findet in Johann Müllers Geschichte der Schweiz, Leipz. 1786. u. f. Erläuterung, oder ein Einsichtvottcs Urtheil; so daß ich dies Buch eine Bibliothek voll historischen Verstandes nennen möchte. Eine Geschichte der Entstehung Europa's, von diesem Schriftsteller geschrieben, würde wahrscheinlich das erste und einzige Werk dieser Art werden. der Geschichte der Menschheit. r3Z wahrscheinlich ein blühendes gleich gestiftet, wenn ihnen nordwärts die stolzen und räuberischen Fragen dazu Raum gcgönnct hatten. Nun aber war jene Klotjlde, die Frankreich den christlichen Glauben brachte, zum Unglück eine burgundische Prinzessin, die, um einige Frcvelthaten ihres Hauses zu rachen, dasselbe mit ihren, väterlichen Reiche selbst stürzte (A3g.). Kaum hundert Jahre hatte dies gedauret, aus welcher Zeit uns die Gesetze der Burgunder nebst einigen Schlüffen ihrer Kirchenversammlungen noch übrig sind; vorzüglich aber haben sie durch Anbau des Landes am Genfersce und in den gallischen Provinzen ihren Namen verewigt. Sic machten diese Gegenden zu einem früheren Paradiese, als andre noch in wüster Wildnis; lagen. Gundebald, ihr Gesetzgeber , ließ das zerstörte Genf wiederherstellen, dessen Mauern über tausend Jahre eine Stadt beschirmet, die mehr als große Erdstrecken aus Europa gewirkt hat. In denen von ihnen angcbaucken Gegenden hat mehr als Einmal sich der menschliche Geist entflammet und seine Phantasie gescharfet. Auch unter den Franken behielten die Burgunder ihre alte Verfassung; daher beym Verfall der Karolinger sie die ersten waren, die sich einen eigenen König wählten. Ueber zweyhundert Jahre dauerte dieser neue Staat, und ward andern Völkern, sich auch einzeln einzurichten, ein nicht unheilsames Vorbild. Es ist Zeit, von dem Reiche zu reden, das so vielen andern ein Ende gemacht hat, dem Reiche der Franken. Nach manchen vorhergcgangenen 14» Ideen zur Philosophie Versuchen gelang es ihnen endlich, mit einem gerim gen Anfänge in Gallien jenen Staat zu gründen (486.), der zuerst die Alemannen besiegte, dann die Westgoihen allgemach bis nach Spanien drämste, die Britten in Armorika bezwang, das Reich der Burgunder unter sich brachte, und den Staat der Thüringer grausam zerstörte. Als der verfallende Königs- stamm Merwichs und Klodwigs tapscre Großkofmci- ster (majorss äomus) bekam (731.) , schlug Karl Martell die Araber zurück und brachte die Friesen unter sich (762.); und als die Majorsz ckornus Könige worden, stand bald der große Karl auf (771.), der das Reich der Langobarden zerstörte, Spanien bis zum Ebro sammt Majorka und Minorka, das südliche Deutschland bis in Pannonien hinein, das nördliche bis an die Elbe und Eider bezwang, aus Rom den Kaiscrtitcl an sein Land zog, und auch die Grenzvolker seines Reichs, Hunnen und Slaven, in Furcht und Gehorsam erhielt. Ein mächtiges Reich! mächtiger als seit der Römer Zeiten Eins gewesen war, und in seinem Wachsthum, wie in seinem Verfall für ganz Europa gleich merkwürdig. Wie kam das Reich der Franken, unter allen seinen Mitgenossen, dieser vorzüglichen Wirkung? 1 . Das Land der Franken hatte eine sicherere Lage, als irgend ein andrer Besitz ihrer wandernden Brüder. Denn nicht nur war, als sie nach Gallien rückten, das römische Reich schon gestürzt, sondern auch die tapfersten ihrer vorangegangenen Mitbrüder waren entweder -eistrcuet oder versorget. lieber die entkräfteten Gallier ward ihnen der Sieg leicht; diese nahmen, von vielen Un- der Geschichte der Menschheit, glück ermattet, willig das Joch auf sich, und der letzte Rest der Römer war wie ein Schatte zu verscheuchen. Da Klodwig nun mit tyrannischer Hand seinem neuen Besitz ringsum Platz schaffte, und kein Leben eines gefährlichen Nachbars ihm heilig war; so hatte er bald Gesicht und Rücken frey und sein Frankreich ward wie eine Insel von Bergen, Strömen, dem Meer, und Wüsteneycn unterdrückter Völker umgeben. Nachdem Alemannen und Thüringer überwunden waren, saßen hinter ihnen keine Nationen , die Lust zu wandern hatten; den Sachsen und Friesen wußten sie ihre Lust dazu bald auf eine grimmige Art zu benehmen. Von Rom und Konstantinopel lag das Reich der Franken gleichfalls glücklich entfernet. Denn hatten sie in Italien ihre Rolle zu spielen gehabt; wahrlich, die schlechten Sitten ihrer Könige, die Treulosigkeit ihrer Großen, die nachlässige Verfassung des Reichs, che die M-jores cko- rwus aufstanden, alles dies verbürgte ihnen kein besseres Schicksal, als würdigere Nationen, Gothen und Langobarden, darin gehabt haben. 2. Klodwig war der erste rechtgläubige König unter den Barbaren; dies half ihm mehr als alle Tugend. In welchen Kreis der Heiligen trat der erstgcborne Sohn der Kirche hiemit ein! in eine Versammlung, deren Wirkung sich über das ganze westliche Christen-Europa erstreckte. Gallien und das römische Germanien war voll von Bischöfen: längs dem Rhein hinab und an der Donau saßen sie in zierlicher.Ordnung: Mainz, Trier, Köln, Besancon, Worms, Speyer, Strasburg, Kostnitz, Metz, Toul, Verdun, Tongern, Lorch, Trident, Brixen, Basel, Chur u. f., alte Sitze des Christen- 142 Ideen zur Philosophie V 7- thums, dienten dem rechtgläubigen Könige als eine Vormauer gegen Ketzer und Heiden. In Gallien waren aus dem ersten Eoncilium, das Kledwig hielt, 32 Bischöfe und unter ihnen 5 Metropolitane; ein geschlossener geistlicher StaatSkörpcr, durch welchen er viel vermochte. Durch sie ward das Arianische Reich der Burgunder den Franken zu Lheil; an sie hielten sich die Lstajores äoirrus; der Bischof zu Mainz, Bonifacius, krönte den Usurpator zum Könige der Franken, und schon zu Karl Martells Zeiten ward über das römische Patriziat, mithin über die Schutzherrschast der Kirche gehandelt. Auch kann man diesen Vormündern der christlichen Kirche nicht ausrückcn, daß sie ihrem Mündel nicht treu und hold gewesen wären. Die verwüsteten Bischofsstadte stclleten sie wieder her, hielten ihre Diöcesen aufrecht, zogen die Bischöfe mit zu den Reichstagen, und in Deutschland ist aus Kosten der Nation den Fränkischen Königen die Kirche viel schuldig. Die Crz- und Bischöfe zu Salzburg, Würzburg, Eichstädt, Augsburg, Freysingen, Regcnsburg, Passau, Ds- nabrück, Bremen, Hamburg, Halberstadt, Minden, Verden, Paderborn, Hildeshcim, Münster, die Abteilen Fulda, Hirschfeld, Kempten, Korvey, Ellwan- gcn, St. Emeran u. f. baden sich durch sie gelagert ; ihnen haben diese geistliche Herren ihren Sitz auf den Reichstagen nebst Land und Leuten zu danken. Der König von Frankreich ist der Kirche erst- gcborncr Sohn; der deutsche Kaiser, sein jüngerer Stiefbruder, hat die Schutzhercschast der Kirche von -chm nur geerdet. der Geschichte der Menschheit. 143 3 . Unter solchen Umstanden konnte sich in Gallien die er.ste R e ichsve rfa s- suug eines den eschen Volks aus zeichnender entwickeln, als in Italien, Spanien, oder in Deutschland selbst. Der erste Schritt zu einer ringsum beherrschenden Monarchie war durch Klodwiq gelhan, und sein Vorbild ward stille Reichs- rcgcl. Trotz der vftern Theilung des Reichs, Trotz der innern Zerrüttungen desselben durch Unthaten im Königshause und die Zügellosigkeit der Großen, zerfiel cs doch nicht: denn es lag der Kirche daran, den Staat als Monarchie zu erhalten. Tapfre und kluge Kronbeamte traten an die Stelle ohnmächtiger Könige, die Eroberungen gingen fort, und man ließ lieber Klodwigs Stamm ausqclm, als einen der ganzen römischen Ebristcnhcit unentbehrlichen Staat sinken. Denn da die Verfassung deutscher Völker allenthalben eigentlich nur auf Persönlichkeit der Könige und Kronbeamten ruhcte, und in diesem Reich zwischen 'Arabern und Heiden darauf besonders ruhen mußte; so vereinigte sich alles, ihnen in diesem Grenzreiche den Damm entgcgenzusetz.n, den glücklicherweise das Haus Pipins von Heristall machte. Ihm und seinen tapfern Nachkommen haben wir's zu danken, daß den Eroberungen der Araber sowohl als dem Fortdrange der nord - und vstlichen^Vvlkcr ein Ziel gesteckt war, daß diesseit der Alpen wenigstens ein Schimmer der Wissenschaft sich erhalten und in Europa endlich ein politisches System deutscher Act errichtet worden ist, an welches sich nnt Güte oder Gewalt andre Völker zuletzt knüpfen mr.p- tcn. Da Karl der Große der Gipfel dieser um ganz -44 Ideen zur Philosophie Europa verdienten Sprosse ist, so möge sein Bild uns statt aller dastehn *). Karl der Große stammte von Kronbeamten ab; sein Vater war nur ein gewordncr König. Unmöglich also konnte er andre Gedanken haben, als die ihm das Haus seiner Väter und die Verfassung seines Reichs angab. Diese Verfassung bildete er aus, weil er in ihr erzogen war, und sie für die beste hielt: denn jeder Baum erwachst aus seiner Erde. Wie ein Franke ging Karl gekleidet, und war auch in seiner Seele ein Franke; die Verfassung seines Volkes also können wir gewiß nicht würdiger kennen lernen, als wie er sie behandelte und ansah. Ec berief Reichstage und wirkte auf denselben, was Er wollte, gab für den Staat die heilsamsten Gesetze und Kapitulare, aber mit Zustimmung des Reichs. Jeden Stand desselben ehrete er nach seiner Weise, und ließ, so lange es seyn konnte, auch überwundenen Nationen ihre Gesetze. Sie alle wollte er in Einen Körper zusammcnbringen, und hatte Geist genug, den Körper zu beleben. Gefährliche Herzoge *) In der neuesten Geschichte der Regierung Karls des Großen von Hege wisch (Hamburg 1791.) glaube ich dieselbe Ansicht seiner Gesinnungen zu finden, die ich hier gezeichnet Halle. Die ganze scharssinnige Schrift ist ein Kommentar dessen, was hier nur als Resultat stehen durfte. Herzoge -ließ er ausgehen und setzte dafür beamtete Grafen, die er nebst den Bischöfen durch Kommissare Miss«?) visitiren ließ und auf alle Weise dem Despotismus plündernder Satrapen, übermüthiger Großen und fauler Mönche entgegen strebte. Auf den Landgütern seiner Krone war er kein Kaiser, sondern ein Hauswirth, der auch in seinem gestimmten Reiche gern ein solcher segm wollte, um jedes träge Glied zur Ordnung und zum Fleiße zu beleben; aber freylich stand ihm die Barbarcy seines Zeitalters, wie insonderheit der Fränkische Kirchen- und Kricgsgcist hiebei) oft im Wege. Er hielt aufs Recht, wie kaum Einer der Sterblichen gcthan hat; das ausgenommen, wo Kirchen- und Staatsinteresse ihn selbst zu Gcwaltthätigkeit und Unrecht verlockten. Er liebte Thätigkcit und Treue in seinem Dienst, und würde unhold blicken, wenn er wiedercrscheinend seine Puppe der tragesten Titular-Vcrfassung vertragen sähe. Aber das Schicksal waltet. Aus Kron- beamten war der Stamm seiner Vorfahren emporgc- sproßt; Beamte schlechterer Art haben nach seinem Tode sein Diadem, sein Reich, ja die ganze Mühe seines Geistes und Lebens unwürdig zerstöret. Die Nachwelt hat von ihm geerbt, was Er, sofern cr's konnte, zu unterdrücken oder zu bessern suchte, Vasallen, Stände, und ein barbarisches Gepränge des Fränkischen Slaatsschmuckes. Er machte Würden zu Aemtcrn; hinter ihm wurden bald wieder die Acmtcr zu trägeren Würden. Auch die Begierde nach Eroberungen hatte Karl von seinen Vorfahren geerbet; denn da diese gegen Friesen, Alemannen, Araber und Langobarden entscheidend glücklich gewesen waren, und es bepnahe Philos. u. Gesch. VI. LH. K I-icen IV. Ideen zur Philosophie von Klodwig an Staatsmaxime ward, das eroberte Reich durch Unterdrückung der Nachbarn sicher zu stellen: so ging Er mit Riesenschritten auf dieser Bahn fort. Persönliche Veranlassungen wurden der Grund zu Kriegen, deren Einer aus dem andern erfolgte , und die den größten Tbeil seiner fast halb- hundcrtjahrigcn Regierung einnehmen. Diesen fränkischen Kriegsgeist fühlten Langobarden, Araber, Bayern, Ungarn, Slavcn, insonderheit aber die Sachsen, gegen welche er sich in einem dreo unddrey- ßigjahrigen Kriege zuletzt sehr gewaltsame Mittel erlaubte. Er kam dadurch sofern zum Zweck, daß er in seinem Reich die erste feste Monarchie für ganz Europa gründete: denn, was auch späterhin Normannen , Slaven und Ungarn seinen Nachfolgern für Mühe gemacht, wie sehr auch durch Theilungen und innere Zerrüttung das große Reich geschwächt, zersiückt und beunruhigt werden mochte: so war doch allen fernem tatarischen Völkerwanderungen bis zur Elbe und näch Pannonien hin eine Grenze gesetzt. Sein errichtetes Frankreich, an welchem ehemals schon Hunnen und Araber gescheitert waren, ward dazu ein unbezwinglicher Eckstein. Auch in seiner Religion und Liebe zu den Wissenschaften war Karl ein Franke. Von Klodwig an war aus politischen Ursachen die Religiosität des Ka- thvlicismus den Königen erblich gewesen; und seitdem die Stammvater Karls das Heft in Handerr hatten, traten sie hierin um so mehr an die Stelle der Könige, da blos die Kirche ihnen auf den Thron half und der römische Bischof selbst sie förmlich dazu weihcte. Als ein zwölftahriges Kind hatte Karl den heil. Vater in seines Vaters Hause gesehen und von ihm die Salbung zu feinem künftigen Reich empfangen; langst war das Bekehrungswerk Deutschlands unter dem Schutz, oft auch mit fteygcbiger Unterstützung der fränkischen Beherrscher zerrieben worden, weil westwärts ihnen das Christenthum allerdings das stärkste Bollwerk gegen die heidnischen Barbaren war; wie anders, als daß Karl jetzt auch nordwärts auf diesem Wege fortging, und die Sachsen zuletzt mit dem Schwert bekehrte? Von der Verfassung , die er dadurch unter ihnen zerstörte, hatte er als ein rechtgläubiger Franke keinen Begriff; er trieb das fromme Werk der Kirche zur Sicherung seines Reichs, und gegen Papst und Bischöfe das verdienstvolle, galante Werk seiner Vater. Seine Nachfolger, zumal als das Hauptrcich der W-lt nach Deutschland kam, gingen seiner Spur nach, und so wurden Slaven, Wenden, Polen, Preußen, Liwen und Esther; dergestalt bekehret, daß keins dieser getauften Völker ftrnere Einbrüche ins heilige Deutsche R>ich wagte. Sähe indes; der heilige und selige Karolus, (wie ihn auf ewige Zeiten die goldne Bulle nennet,) was aus seinen der Religion und Wissenschaft wegen errichteten Stiftungen, aus seinen reichen Bischofthümern, Domkirchen, Kanonikaten und Klostcrschulen geworden ist; heiliger und seliger Karolus, mit Deinem fränkischen Schwert und Scep- ter würdest du manchen derselben unfreundlich begegnen. * * 4. Endlich ist nicht zu läugnen, daß der Bischof zu Rom auf dies alles das Siegel drückte, un d d e m fränki sc he n R ci ch gleichsam die Krone aufsctzte. Bon Klodwig an war er demselben Freund gewesen; zu Pipin hatte er seine Zuflucht genommen, und empfing von ihm zum Geschenk die ganze Beute der damals erobertem Longobardischen Lander. Zu Karl nahm er abermals seine Zuflucht; und da dieser ihn sieghaft in Rom einsetzte, so gab Er ihm dafür in jener berühmten Christnacht ein neues Geschenk, die römische Kaiserkrone. Karl schien erschrocken und beschämt; der freudige Zuruf des Volkes indeß machte ihm die neue Ehre gefällig, und da solche nach dem Begriff aller europäischen Völker die höchste Würde der Welt war; wer empfing sie würdiger als dieser Franke? Er, der größeste Monarch des Abendlandes, in Frankreich , Italien, Deutschland und Spanien König, des Christenthums Beschützer und Verbreiter, des römischen Stuhls achter Schirmvogt, von allen Königen Europa's, selbst vom Kalifen zu Bagdad ge- ehret. Bald also verglich er sich mit dem Kaiser zu Konstantinopel, hieß römischer Kaiser, ob er gleich in Aachen wohnte, oder in seinem großen Reich umherzog ; Er hatte die Krone verdient, und o wäre sie mit ihm, wenigstens für Deutschland, begraben! Denn sobald Er dahin war, was sollte sie jetzt auf dem Haupte des guten und schwachen Ludwigs? oder als dieser sein Reich unzeitiq und gezwungen theilte, wie drückend war sie auf Jedes seiner Nachfolger Haupte! Das Reich zerfallt: die gereizten Nachbarn, Normannen, Slaven, Hunnen regen sich und verwüsten das Land; das Faustrccht reißet ein; die Reichsversammlungen gehen in Abgang. Brüder führen mit Brüdern, Vater mit Söhnen die unwür- der Geschichte der Menschheit. 149 dürsten Kriege, und die Geistlichkeit, nebst dem Bischöfe von Rom, werden ihre unwürdigen Richter. Bischöfe gedeihen zu Fürsten; die Streiserey der Barbaren jagt alles unter die Gewalt derer, die in Schlössern wohnen. In Deutschland, Frankreich und Italien richten sich Statthalter und Beamte zu Landesherren empor; Anarchie, Betrug, Grausamkeit und Zwietracht herrschen. Acht und achtzig Jahre nach Karls Kaiserkrönung erlischt sein rechtmäßiges Geschlecht in tiefstem Jammer, und seine letzte un- ächte Kaisersprosse erstirbt, noch nicht hundert Jahre nach seinem Tode. Nur ein Mann wie Er konnte ein Reich von so ungeheurer Ausbreitung, von so künstlicher Berfassung, aus so widrigen Theilen zusammengesetzt , und mit solchen Ansprüchen begabt, verwalten; sobald die Seele aus diesem Riesenkörper gewichen war, trennete sich der Körper und ward auf Jahrhunderte hin ein verwesender Leichnam. Ruhe also wohl, großer König, zu groß für deine Nachfolger auf lange Zeiten. Ein Jahrtausend ist verflossen, und noch sind der Rhein und die Donau nicht zusammengegraben, wo Du, rüstiger Mann, zu einem kleinen Zwecke schon Hand ans Werk legtest. Für Erziehung und Wissenschaften stiftetest Du in deiner barbarischen Zeit Institute; die Folgezeit hat sie gemißbcaucht, und mißbrauchet sie noch. Göttliche Gesetze sind Deine Kapitulace gegen so manche Reichssatzungen spaterer Zeiten. Du sammletest die Barden der Vorwelt; dein Sohn Ludwig verachtete und verkaufte sie; er vernichtete damit ihr Andenken auf ewig. Du liebtest die deutsche Sprache und bildetest sie selbst aus, wie du cs thun konntest; sammletest Gelehrte um dich aus den fernsten Ländern; Ideen zur Philosophie r5o Alcuin dcin Philosoph, Ungilbert der Homer Deiner Akademie bei) Hofe, und der vortreffliche Eginhard dein Schreiber, waren dir werth; nichts war Dir mehr, als Unwissenheit, satte Barbarei) und träger Stolz zuwider. Vielleicht erscheinst Du im Jahr iLnn. wieder, und änderst die Maschine, die im Jahr Rio, begann; bis dahin wollen wir deine Reliquien ehren, deine Stiftungen gesetzmäßig mißbrauchen, und dabcy deine altfränkische Arbeitsamkeit verachten. Großer Karl, dein unmittelbar nach dir zerfallenes Reich ist Dcin Grabmahl; Frankreich, Deutschland und die Lombardei) sind seine Trümmern. IV. Reiche der Sachsen, Normanner und Dänen. ^ie Geschichte der Deutschen Volker mitten im festen Lande hat etwas Einförmiges und Unbehülf- liches an sich. Wir kommen jetzt zu den deutschen Seenationen, deren Anfälle schneller, deren Verwüstungen grausamer, deren Besitzthümcr ungewisser waren; dafür werden wir aber auch, wie unter Mce- resstürmen, Männer vom höchsten Muth, Unternehmungen der glücklichsten Art, und Reiche erblicken, deren Genius noch jetzt frische Meeresluft athmet. der Geschichte der Menschheit. i 5 r Schon in der Mitte des fünften Jahrhunderts zogen von der nördlichen Küste Deutschlands die Angelsachsen (449.) , die zur See und zu Lande lange das Kriegs - und Rauberhandwerk getrieben hatten, den Britten zu Hülfe. Hengist und Horsa (Hengst und Stute) waren ihre Anführer; und da sie mit den Feinden der Britten, den Picten und Kaledo- niern ein leichtes Spiel hatten, und ihnen das Land gefiel, zogen sie mehrere ihrer Brüder hinüber; sie ruheten auch nicht, bis nach i 5 o Jahren (582.), voll der wildesten Kriege und der abscheulichsten Verwüstung , Britannien bis an die Ecken des Landes, Cornwallis und Wales ausgenommen, das Ihrige war. Nie ist den Kymren, die in diese Lander gedrängt wurden, das gelungen, was den Westgothen in Spanien gelang, aus ihren Gebirgen hervorzugehn, und ihr altes Land zu erobern: denn die Sachsen, ein wildes Volk, wurden als katholische Christen in ihrem geraubten Besitzthum gar bald gesichert und gefirmelt. Nicht lange nämlich nach Anrichtung des ersten sächsischen Königreichs Kent hatte die Tochter eines rechtgläubigen Königes zu Paris ihren heidnischen Gemahl Ethelbert (Adelbert) zum Ehristcnthum bereitet, und der Mönch Augustin führte solches mis dem silbernen Kreuz in der Hand fcyerlich in England ein (697). Gregor der Große, damals auf dem römischen Stuhl, der vor Begierde brannte, das Ehristcnthum, insonderheit durch Gemahlinnen mit allen Thronen zu vermahlen, sandte ihn dahin, entschied feine Gewissensfragen, und machte ihn zum ersten Erzbischof dieser glücklichen Insel (726.), die vom Könige Ina an dem heil. Petrus seinen evan- l52 Ideen zur Philosophie gelischen Zinsgroschcn reichlich ersetzt hat. Kaum ist ein andres Land in Europa mit so vielen Klöstern und Stiftungen bedeckt worden, als England, und doch ist aus ihnen für die Litteratur weniger geschehen, als man erwarten möchte. Das Christenthum dieser Gegenden nämlich sprofsete nicht, wie in Spanien, Frankreich, Italien, ja selbst in Irland, aus der Wurzel einer alt-apostolischen Kirche; neu-römische Ankömmlinge waren cs, die den rohen Sachsen das Evangelium in einer neueren Gestalt brachten. Desto mehr Verdienst hatten diese Englische Mönche nachher in auswärtigen Bekehrungen, und würden solche auch, wenigstens in Klosternachrichten zur Geschichte ihres Landes haben, wenn diese den Verwüstungen der Danen entronnen waren. Sieben Königreiche sächsischer Barbaren, die auf einer mäßig-großen Halbinsel in ungleichen Grenzen neben- und miteinander heidnisch und christlich kämpfen, sind kein erfreulicher Anblick. Und doch dauerte mehr als 3 oc> Jahre dieser chaotische Zustand, aus welchem nur hie und da Stiftungen und Satzungen der Kirche, oder die Anfänge einer geschriebenen Gesetzgebung, wie z. B. Adelberts und Jna's, hervorschimmern (828.). Endlich kamen unter König Egbert die sieben Königreiche zusammen; und mehr als Ein Fürst derselben würde Muth und Kraft gehabt haben, ihre Verfassung blühend zu machen, hätten nicht die Streifereyen der Normän- ner und Dänen, die mit neuer Raubbegierde auf die See gejagt waren, sowohl an Frankreichs als Englands Küsten, über zwcy Jahrhunderte lang, alles daurende Gute gehindert. Unsäglich ist der Schade, der durch sie gestiftet, unaussprechlich die der Geschichte der Menschheit. i 58 Gräuel, die durch sic verübet wurden; und wenn sich Kurl nn den Suchst» , wenn sich die Angeln e»i den Britten und Kymrcn grnusnm vergangen butten, so ist das Unrecht, das sie diesen Völkern thaten, an ihren Nachkommen so lange gerachet worden, bis gleichsam die ganze Wuth des kriegerischen Nordens erschöpft war. Wie aber eben im heftigsten Sturme der Noth sich die größesten Seelen zeigen: so ging England unter andern fein Alfred auf (872.), ein Muster der Könige in einem bedrängten Zeitraum, ein Sternbild in der Geschichte der Menschheit. Vom Papst Leo I V. schon als Kind "zum Könige gesalbet, war er unerzogen geblieben, bi.! > Begierde, sächsische Heldenlieder lesen zu kon nn, seinen Fleiß dergestalt erweckte, daß er von UMu zum Lesen lateinischer Schriftsteller fortschritt; unter denen er noch ruhig wohnte, als im 22. Jahr ihn der Tod seines Bruders zum Thron und zu allen Gefahren rief, die je einen Thron umringt haben. Die Danen hatten das Land inne, und als sie das Glück und den Muth des jungen Königes merkten, nahmen sie in vermehrten Anfallen ihre Kräfte dergestalt zusammen (87Ä.), daß Alfred, der ihnen in Einem Jahr acht Treffen geliefert, der sie mchrmals den Frieden auf heilige Reliquien hatte beschwören lassen, und als Ueberwinder eben so gütig und gerecht, wie vorsichtig und tapfer in der Schlacht war, sich dennoch endlich dabin gebracht fah, daß er in Bauernkleidern seine Sicherheit suchen mußte, und dem Weibe eines Kuhhirten unbekannt diente (878). Doch auch jetzt verließ ihn sein Muth nicht; mit wenigen Anhängern bauete er sich in der Mitte eines Sumpfs eine Wohnung, die ec die Insel der Edcln , 5 ^ Ideen zur Philosophie nannte, und die jetzt sein Königreich war. Uebcr ein Iabr lang lag er hier, eben so wenig müßig, als entkräftet. Wie aus einem unsichtbaren Schloß khat er Ausfälle auf die Feinde, und nährte sich und die Seinen von ihrer Beute, bis Einer seiner Treuen in einem Gefecht mit ihnen den Zauberraben erbeutet batte, die Fabne, die er als das Zeichen seines Glücks ansah. Als Harfenspieler gekleidet, ging er jetzt ins Lager der Danen und bezauberte sie mit feinem lustigen Gesänge; man führte ihn in das Zelt des Prinzen, wo ec allenthalben ihre tiefe Sicherheit und räuberische Verschwendung sah. Jetzt kehrte er zurück, lhat durch geheime Boten seinen Freunden kund, daß er lebe, und lud sie an die Ecke eines Waldes zur Versammlung ein. Es kam ein kleines Heer zusammen, das ihn mit Freuden- geschcey empfing; und schnell rückte er mit demselben auf die sorglosen,, jetzt erschrockenen Danen, schlug sie, schlojHsic ein, und machte aus Kriegsgefangenen seine Bundsgenossen und Kolonisten im verödeten Nordhumbcrlande und Ostangcln. Ihr König ward getauft, von Alfred zum Sohne angenommen, und der erste Schimmer von Ruhe gleich darauf gewandt, daß er Platz gegen andere Feinde gewinnen möchte, die in zahlreichen Schwärmen das Land aussogen. Unglaublich schnell brachte Alfred den zerrütteten Staat in Ordnung, stellcte die zerstörten Städte wieder her, schuf sich eine Macht zu Lande, bald auch zur Sec; so daß in weniger Zeit 120 Schiffe die Küsten umher bewachten. Bcym ersten Gerücht eines Ueberfalls eilte er hülfreich herbey; und das ganze Land glich im Augenblick der Noch einem Heerlager, wo jedweder seinen Platz wußte. So vereitelte er bis «ins Ende seines Lebens jede räuberische Müde des Feindes, und gab dem Staat eine Land- und Seemacht, Wissenschaften und Künste, Städte, Versetze und Ordnung. Er schrieb Bücher, und ward der Lehrer der Nation, die er beschützte. Eben so groß in seinem häuslichen als öffentlichen Leben theilte er die Stunden des Tages, wie die Geschäfte und Einkünfte ein, und behi.lt eben so viel Raum zur Erholung, als zur königlichen Milde. Hundert Jahre nach Karl dem Großen war er in einem glücklicherweise beschränkteren Kreise vielleicht größer als Er; und obgleich unter seinen Nachfolgern die Strcife- reyen der Dänen, nicht minder aber die Unruhen der Geistlichkeit mancherlei) Unheil verursachten, weil unter ihnen im Ganzen kein zweytcr Alfred aufstand: so hat es England doch, bey der guten Grundlage seiner Einrichtung von frühen Zeiten, an tr.fflichen Königen nicht gefehlet; selbst die Anfälle ihrer Sce- seinde hielten sie munter und gerüstet. Udelstan, Edgar, Edmund Eisenseite gehören unter dieselbe; und nur der Untreue der Großen war's zuzuschreiben, daß Engsand unter dem Letzten den Dänen lehnpflichtig ward (eoi6.), Knut der Große ward zwar als König erkannt; aber nur zwei) Nachfolger hatte dieser nordische Sieger. England machte sich los, und cs war vielleicht zu dessen Unglück, daß dem friedfertigen Eduard die Danen Ruhe ließen. Er sammlete Gesetze, ließ andre regieren; die Sitten der Normänner kamen von der französischen Küste nach England hinüber, und Wilhelm der Eroberer ersah seine Zeit. Eine einzige Schlacht hob ihn auf den Thron und gab dem Lande eine neue Verfassung (ro66.). Wir müssen also die Norman- i 56 Ideen zur Philosophie nsr naher kennen lernen: denn ihren Sitten ist nicht nur England, sondern ein großer Theil von Europa den Glanz seines Rittergeistes schuldig. Schon in den frübesten Zeiten waren nördliche deutsche Stämme, Sachsen, Friesen und Franken, auf der Sec rege; Danen, Norweger und Skandinavier thaten sich unter mancherlei' Namen noch kühner hervor. Angelsachsin und Juten gingen nach Britannun über; und als von^en fränkischen Königen , am meisten von Karl den^ Großen die Eroberung nordwärts verbreitet ward, warfen sich immer mehr kühne Haufen aufs Meer, bis zuletzt die Nörmänner ein so fmcyt.'arcr Name zur Sec wurden, als es zu Lande jene verbündeten Krieger, Markomannen, Franken, Alemannen u. a. kaum gewes.n waren. Ich müßte hundert berühmte Abenteurer nennen, wenn ich aus den nordischen Gedichten und Sagen ihre gepriesene Seehelden aufzählen wollte. Die Namen derer indessen, die durch Entdeckung der Lander, oder durch Anlagen zu Reichen sich ausgezeichnet, sind nicht zu übergehen; und man erstaunet über die weite Flache, auf welcher sie sich umhergeworfen haben. Dort stehet ostwärts Rorik (Rodcrich) mit seinen Brüdern, die in Nowgorod ein Reich stifteten und dadurch zum Staate Rußlands den Grund legten (662.): Oskold und Diar, die in Kiew einen Staat gründeten ( 865 .), der sich mtt jenem zu Nowgorod vereinte (882.): Ragnwald, der sich zu Polotzk an der Düna niederließ (99».), der Stammvater der Litthauischen Großhcrzogc. Nord- der Geschichte der Menschheit. > 5 / warts ward Naddod im Sturm mich Island geworfen (861.), und entdeckte diese Insel (876,), die bald ein Zufluchtsort der edelsten Stämme uns Norwegen, (gewiß des reinsten Adels in Europa,) eine Erhalterin und Vermehrerin der nordischen Lieder und Sagen, ja über drcyhundert Jahre lang der Sitz einer schonen, nicht unkultivirten Freoheit a wesen. Westlich waren von den Normännern die Faröes-OrineyS- die Schcttlandischcn und westlichen Znseln oft besucht (868.), zum TheU bevölkert, und auf mehreren derselben haben nordische Jarle (Grafen) lange regieret, so daß auch in ihren äußersten Ecken die verdrängten Galen vor Deutschen Völkern nicht sicher waren. In Irland ließen sie sich schon zu Karls-des Großen Zeiten nieder (790.), wo Dublin dem Dlof, Waterford dem Sitrik, Lnnmerik dem Uwar zu Theil ward. In England waren sie unter dem Namen der Danen furchtbar; nicht nur Norihumbcr- land haben sie, untermischt mit sächsischen Grafen, 200 Jahre lang thcils eigenmächtig, theils lehnpflich- tig besessen (827—1066.), sondern das ganze England war ihnen unter Knut, Harold und Hardyknut unterworfen (1014 — 1052.). Die französischen Küsten beunruhigten sie seit dcm sechsten Jahrhundert; und die böse Ahnung Karls des Großen, daß seinem Lande durch sie viele Gefahr bevorstche, traf bald nach seinem Tode fast zu reichlich ein (840.). Unsäglich sind die Verwüstungen, die sie nicht etwa nur am Meere, sondern, die Srröme hinauf, mitten in Frankreich und Deutschland ausgcübt haben, so daß die meisten Anlagen und Städte, die lbeils noch von den Römern, theils von Karl herrührten, durch sie ein trauriges Ende nahmen; bis endlich Rolf, in Ideen zur Philosophie I.IÜ der Taufe Robert genannt, der erste Herzog der Normandie , und der Stammvater mehr als Eines Königgeschlechtes ward Von ihm stammte Wil- -A Helm der Eroberer ab, der England eine neue Verfassung brachte; durch Folgen seiner Anlage wurden England und Frankreich in einen g-nnjahrigen Krieg verwickelt, der beyde Nationen auf eine sonderbare Weise an- und durcheinander übte (1029.). Jene Normanncr, die mit fast unglaublichem Glück und Muth den Arabern Apuli«,n, Kalabrien, Sicilien, ja auf eine Zeit Jerusalem und Antiochien abdrangen, waren Abenteurer aus dem von Rolf gestifteten Hcrzogthume, und die Nachkommen Tankrcds, die zuletzt Siziliens und Apuliens Krone trugen, stam- meten von ihm her (ri 3 o.). Wenn alle kühne Tha- len erzählt werden sollten, die auf Pilgrimschaften und Wallfahrten, im Dienst zu Konstantinopel und auf Reisen, fast in allen Landern und Meeren, bis nach Grönland und Amerika hin, von den Norman- »ern begonnen sind, würde die Erzählung selbst ein Roman scheinen. Wir bemerken also zu unserm Zweck nur die Hauptfolge derselben aus ihrem Charakter. So rauh die Bewohner der nordischen Küsten, ihrem Klima und Boden, ihrer Einrichtung und Lebensweise nach, lange bleiben mußten: so lag doch in ihnen, vorzüglich bey ihrem Seeleben, ein Keim, der in mildern Gegenden bald sehr blühende Sprossen treiben konnte. Tapferkeit und LeibcSstarke, Gewandtheit und Fertigkeit in allen Künsten, die man späterhin die ritterlichen nannte, ein großes'Gefühl für Ehre und edle Abkunft, sammt der bekannten nordischen Hochachtung für'S weibliche Geschlecht, als der Geschichte der Menschheit. i5g den Preis des tapfersten, schönsten und cdclstcn Mannes, waren Eigenschaften, die den nordischen Seeräuber in Süden sehr beliebt machen mußten. Auf dem festen Lande greifen die Gesetze um sich: jede rohe Selbstthatigkeit muß unter ihnen entweder selbst zum Gesetz werden, oder als eine tobte straft ersterben; auf dem wilden Element des Meeres, wohin die Oberherrschaft eines Landkönig s nicht reichet, da erfrischet sich der Geist. Er schweift nach Krieg oder nach Beute umher, die jcn.r Jüngling seiner daheimgelassenen Braut, dieser Mann seinem Weib' und Kindern, als Zeichen feines Werths nach Hause bringen wollte; ein dritter sucht im fernen Lande selbst eine bleibende Beute. Nichtswürdigkeit war das Hauptlaster, das in Norden, hier mit Verachtung, dort mit Qualen der Hölle, gesiratt wird; dagegen Tapferkeit und Ehre, Freundschaft bis auf den Tod, und ein Rittersinn gegen die Weiber die Tugenden waren, die bepm Zusammentreffen mehrerer Zeit-Umstande zu der sogenannten Galanterie des Mittelalters viel beytrugen. Da Normänncr sich in einer französischen Provinz niederließen, und Rolf, ihr Anführer, sich mit der Tochter des Königes vermahlte; da viele seiner Waffenbrüder diesem Beyspiele folgten, und sich mit dem edelsten Blut des Landes mischten; da ward der Hof der Normandie gar bald der glänzendste Hof des Wcst- landes. Als Christen konnten sie, mitten unter christlichen Nationen, die Seeraubercy nicht ferner treiben; aber ihre nachstehenden Brüder durften sie aufnehmen und kultivicen, also daß diese Küste in ihrer schönen Lage ein Mittelpunkt und Veredlungs- vrt der Seefahrenden Normanner ward. Da nun, > k>o Ideen zur Philosophie von den Dänen verdrängen, die Angelsächsische Kö- nigsfamilic zu ihnen floh, und Eduard der Bekenner, be» ihnen erzogen, den Normannern zu Englands Thron selbst Hoffnung machte: als Wilhelm der Eroberer, durch eine einzige Schlacht dies Königreich gewann, und fortan die grosssten Stellen desselben in beydcn Ständen mit Normännern besetzte; da ward in kurzem Normännischc Sitte und Sprache auch Englands feinere Sitte und Hofsprache. Was diese einst rohen Uebcrwindcr in Frankreich gelernt und mit ihrer Natur gemischt hatten, ging bis auf eine harte Lehnverfassung und Forstqcrcchtig- kcit nach Britannien über. Und wiewohl in der Zukunft viele Gesetze des Eroberers abgcschaffet, und die alten milderen Angelsächsischen zurückgcrustn wurden: so konnte dennoch der mit den normannischen Geschlechtern der Nation einqepflanzte Gcist aus Sprache und Sitten nicht mehr verbannt werden; auch in der englischen grünet daher ein cingcimpster Sprößling der lateinischen Sprache. Schwerlich wäre die brittische Nation geworden, was sic vor andern ward, wenn sie auf ihrem alten Hefen ruhig geblieben wäre; jetzt beunruhigten sie lange die Dänen; Normanner pflanzten sich ihr ein, und zogen sie über das Meer hin zu langen Kriegen in Frankreich. Da ward ihre Gewandtheit geübt: aus Uebcrwun- denen wurden Ucbcrwinder, und endlich kam nach so mancher Revolution ein Staatsgebäude zum Vorschein, das aus der Angelsächsischen Klosterhaushal- kung wahrscheinlich nie entstanden wäre. Ein Edmund oder Edgar hätte dem Papst Hildebrand nicht widerstanden, wie Wilhelm ihm widerstand, und in den Kreuzzügen hatten die Englischen mit den Französischen ^ der Geschichte der Menschheit. 16c zösischeN Ritter» nicht wetteifern mögen, wenn durch die Normänncr ihre Nation nicht gleichsam von innen aufgeregt, und durch mancherlei) Umstande auch gewaltsam wate gebildet worden. Einimpfungen der Volker zu rechter Zeit scheinen dem Fortgange der Menschheit so unentbehrlich, als den Früchten der Erde die Verpflanzung, oder dem wilden Baum seine Veredlung. Auf Einer und derselben Stelle erstirbt zuletzt das Beste. Nicht so länge und glücklich besaßen die Nor- Männer Neapel und Sicilicn, deren Erwerb ein wahrer Roman ist von persönlicher Tapferkeit und Abenteurcrtugend. Auf Wallfahrt.» nach Jerusalem lernten sie das schöne Land kennen, und vierzig bis hundert Mann legten durch Ritterhülfc gegen Bedrängte den Grund zu allem weitern Besitz. Rainolf ward der erste Graf zu Aversa, und drei) der tapfer» Söhne Tankrcds, die auch auf gutes Glück hinübcr- gckommen waren, erwarben sich nach vielen Lhaten gegen die Araber den Ritterdank, daß sie Grafen, nachher Herzoge zu Apulien und Kalabrien wurden. Mehrere Sohne Tankkeds, Wilhelm mit dem eisernen Arm, Drogo, Humfricd folgten: Robert Gui- scard und Roger entrissen den Arabern Sicilicn, und Robert belieh seinen Bruder mit dem etworbnen schönen Königreiche. Roberts Sohn, Boemuno, fand im Orient sein Glück, und als ihm sein Vater dahin folgte, ward Roger der erste König beyder Sici- lien, Mit geist- und weltlicher Macht versehen. Unter ihm und seine» Nachfolgern trieben die Wissenschaften an dieser Ecke Europens einige junge Knospen; die Schule zu Salerno hob sich, gleichsam in Phüvs. u. Gesch. Vll. Th. L /llken IV. 162 Ideen zur Philosophie Mitte der Araber und der Mönche zu Cassino: Rcchtsgelehcsamkeit, Arzneykunst und Weltweisheit zeigten nach einem langen Winter in Europa hier wieder Blatter und Zweige. Tapfer hielten sich die normannischen Fürsten in ihrer gefährlichen Nahe am päpstlichen Stuhl; mit zween heiligen Vätern schlossen sie Frieden, als diese in ihrer Gewalt waren, und übertrafen hiebey an Klugheit und Wachsamkeit die meisten deutschen Kaiser. Schade, daß sie mit diesen sich je verschwägert, und ihnen dadurch das Recht zur Folge gegeben hatten; und noch mehr Schade, daß die Absichten Friedrichs, des letzten Schwäbischen Kaisers, die er in diesen Gegenden auszuführen gedachte, so grausam vereitelt wurden. Beyde Königreiche blieben fortan ein wildes Spiel der Nationen, eine Beute fremder Eroberer und Statthalter, am meisten eines Adels, der noch jetzt alle bessere Einrichtung dieser einst so blühenden Länder hindert. der Geschichte der Menschheit. »63 V. Nordische Reiche und Deutschland. r^ie bis zuM achten Jahrhundert dunkle Geschichte der nordischen Reiche hat vor den Geschichten der meisten Europäischen Länder den Vorzug, daß ihr eine Mythologie mit Liedern und Sagen zum Grunde liegt, die ihre Philosophie seyN kann. Denn in ihr lernen wir den Geist des Volks kennen, die Begriffe desselben von Göttern und Menschen, die Richtung seiner Neigungen Und Leidenschaften in Liebe und Haß, in Erwartungen dies - und jcnseit des Grübes; eine Philosophie der Geschichte, wie sie Uns, außer der Edda, nur die griechische Mythologie gewahret. Und da die nordischen Reiche, sobald der Finnische Stamm hinaufgedrangt öder unterwürfig gemacht war, von keinen fremden Völkern feindlich besucht wurden: denn welche Nation hatte, nach dem großen Zuge in die mittäglichen Gegenden, diese Weltgegend besuchen wollen? so wird ihre Geschichte auch vor andern einfach und natürlich. WS die Nothdurst gebietet, lebet Man lange derselben gemäß; und so blieben Nordens Deutsche Völker, langer als andre ihrer Mitbrüder, im Zustande der Eigengehorigkeir und Areyheit. Berge und WüsteN schieden die Stamme unter einander; Seen und Flüsse, Wälder, Wiesen und Felder, samnit dem L 3 164 Id een zur Philosophie Fischreichen Meere, nähreten sie, und was im Lande nicht Unterhalt fand, warf sich auf die See und suchte anderweit Nahrung und Beute. Wie in einer nördlichen Schweiz also hat sich in diesen Gegenden die Einfalt Deutscher Ur-Sitten lange erhalten, und wird sich erhalten, wenn solche in Deutschland selbst nur noch eine alte Sage ftp» wird. Als mit der Zeit auch hier, wie allenthalben, die Freyen unter Edle kamen, als mehrere Edle Land - und Wüstenkönige wurden, als aus viele» kleinen Königen endlich ein großer König entsprang; da waren Dänemarks, Norwegens und Skandiens Küsten abermals glücklich, daß wer nicht dienen wollte, ein andres Land suchen mochte; und so wurden, wie wir gesehen, alle Meer« umher lange Zeit das Feld ziehender Abenteurer, denen der Raub, wie ein Herings - oder WaUsischsang, ein erlaubtes, örtliches Gewerbe schien. Endlich mischten sich auch di« Könige m dies Familicn-Gewerbe: sie eroberten einander oder ihren Nachbarn die Länder; ihre auswärtigen Eroberungen gingen aber meistens bald verlohrcn. Am grausamsten litten darunter die Küsten der Ostsee; nach unsäglichen Plünderungen heben die Danen nicht geruhet, bis sie dem Handel der Slaven und ihren reichen Seestädten Binetha und Julin ein trauriges Ende machten (1043. 217»), wie sie denn auch über die Preußen, Kuren, Liwen und Esthcn, lange vor den Sächsischen Horden, das Erobcrungs- und Bcandschatzungsrecht übten. Einem solchen Leben und Weben der Nordländer trat nichts so sehr in den Weg als das Ehri- der Geschichte der Menschheit. r65 stenthum, mit welchem Odins Heldenreligion ganz aufhören sollte. Schon Karl der Große war bemüht, die Dänen wie die Sachsen zu taufen; bis es stimm Sohn Ludwig gelang, an einem kleinen Könige aus Jütland zu Mainz die Probe zu machen. Die Landsleute desselben aber nahmen es übel auf, und übeten sich noch lange mit Raub und Brand an den christlichen Küsten: denn das Bey- spiel der Sachsen, die das Christenthum zn Fränkischen Sklaven gemacht hatte, war ihnen zu nahe vor Äugen. Tiefgewurzelt war der Haß dieser Völker gegen das Christcnthum und Kettil, der Unchrist ging lieber drey Jahre vor seinem Tode lebendig in seinen Grabhügel, um nur nicht zur Taufe gezwungen zu werden. Was sollten auch diesen Völkern auf ihren nordischen Inseln oder Bergen jene Glaubensartikel und kanonische Lehrsätze eines hierarchischen Systems, das alle Sagen ihrer Vorfahren umwarf, dis Sitten ihres Stammes untergrub, und sie bey ihres Landes Armuth zu zollenden Sklaven eines geistlichen Hofes im fernen Italien machte? Ihrer Sprache und Denkart war Odins Religion so cinverleibet, daß , so lange noch eine Spur des Andenkens'von ihm blieb, kein Christenthum auf- kommcn konnte; daher die Mönchsreligion gegen Sagen, Lieder, Gebrauch«, Tempel nnd Dcnkmah- le des Heidenthums unversöhnlich war, weil an diesem allen der Geist des Volkes hing, und dagegen ihre Gebräuche und Legenden verschmähte. Das Verbot der Arbeit am Sonntage, Büßungen und Fasten, die verbotenen Grade der Ehe, die Mönchs- grlübde, der ganze ihnen verächtliche Priesterorden wollte den Nordländern nicht in den Sinn, daß also i6ü Jdccn zur Philosophie die heiligen Männer, ihre Bekehrer, ja ihre neubekehrten Könige selbst viel zu leiden hatten, oder gar verjagt und erschlagen wurden, che das fromme Werk gelingen konnte. Wie aber Nom jede Nation mit dem Netz zu sangen wußte, das für sch gcborch: so wurden auch diese Barbaren unter der unablässigen Bemühung ihrer angelsächsischen und fränkischen Bekehrer am meisten durch das Gepränge des neuen Gottesdienstes, den Chorgesang,. Weihrauch, die Lichter, Tempel, Hochaltäre, Glocken und Prozessionen, gleichsam in einen Taumel gebracht; und da sie an Geister und Zgubereven innig glaubten, so wurden sie sammt Häusern, Kirchen, Kirchhofen und allem Gcräthe durch die Kraft des Kreu es vom Hcidenthum dergestalt entzaubert und zum Ehristenthum bezaubert, daß her Dämon eines doppelten Aberglaubens in sie kehrte. Einige ihrer Bekehrer waren indeß, der heil. Ansgarius vor allen andern, wirklich verdiente Männer und für das Wohl der Menschheit Helden aus Ihre Weise, Endlich kommen wir zum sogenannten Vater- terlande der Deutschen Volker, bas jetzt ihr trauriger Rest war, Deutschland. Nicht nur hatte ein fremder Volksstanim, Slaven, hie Hälfte desselben eingenommen, nachdem so viele Völkerschaften daraus gewandert waren; sondern auch in seiner übrigen Deutschen Hälfte war es nach vielen Verwüstungen eine fränkische Provinz geworden, die jenem großen Reich als eine Ueherwundsne diente, Frie- de r G cschich t e d e r Me n sc hh ei t. »67 scn, Alemannen, Thüringer und zuletzt die Sachsen waren zur Unterwürfigkeit und zum Christenthum gezwungen, so daß z. B. die Sachsen, wenn sie Kecstcne (Christen) wurden und das große Wodansbild verfluchen, zugleich auch ihre Besitzthümer und Rechte in den Willen des heiligmachtigen König Karls übergeben, um Leben und Freyheit fußfällig bitten und versprechen mußten, an dem drey- ciniqcn Gott und an dem heiligmachtigen König Karl zu halten. Nothwendig ward durch diese Bindung eigener und frcyer Völker an den Fränkischen Thron aller Geist ihrer ursprünglichen Einrichtung gehcmmet: viele derselben wurden mißtrauend oder harr bebandelt, die Einwohner ganzer Striche Landes in die Ferne geführet; keine der übergebliebcncn Narionen gewann Zeit und Raum zu einer eigen- thümlichcn Bildung. Sofort nach des Riefen Tode, der dies gewaltsam - zusammengetriebene Reich allein mit seinen Armen erhielt, ward unser Deutschland mit oft veränderten Grenzen bald diesem, bald jenem schwachen Karlinger zu Theil, und da es an den nie aufbörcnden Kriegen und Streitigkeiten des ganzen unglücklichen Geschlechts Antheil nehmen mußte; was konnte aus ihm, was aus seiner innern Verfassung werden? Unglücklicher Weise machte es die nörd - und östliche Grenze des fränkischen Reichs, mithin der gesummten römkschkatholischen Christenheit aus, an welcher allenthalben gereizte, wilde Völker voll unversöhnlichen Haffes saßen, die dies Land zum ersten Opfer ihrer Rache machten. Wie von der Einen Seite die Normanner bis nach Tricr drangen, und einen der Nation schimpflichen Frieden erlangten, so rief auf der andern Seite, um r68 Ideen zur Philosophie dos Mabrische Reich der Slaven zu zerstören, Arnulf die wilden Ungarn ins Land, wclch.s er ihnen damit zu langen schrecklichen Verwüstungen aufschloß. Die Slaven endlich wurden als Erbfeinde der Deut- säxn betrachtet, und rvaren Jahrhunderte lang das Spiel ihrer tapfer» Kriegsübunq. Noch mehr wurden dem abgetrenncten Deutschlande die Mittel lästig, die unter den Franken zur Hoheit und Sicherung Ihres Reichs gemacht waren. Es erbte alle jene Erz - und Bischosthümer, Abb- teyen und Kapitel, die an der Grenze des Reichs ehemols zur Bekehrung der Heiden dienen sollten; jene Hofämter und. Kanzler in Gegenden, die jetzt nicht mehr zum Reiche gehörten; jene Herzoge und Markgrafen, die als Beamte des Reichs zum Schuz der Grenzen bestimmet gewesen waren und gegen Danen, Wenden, Polen, Slaven und Ungarn noch lange vermehrt wurden. Das glänzendste und entbehrlichste Kleinod von allen endlich war für Deutschland die römische Kaiserkrone; sie allein hat- diesem Lande vielleicht mehr Schaden gebracht, als alle Züge der Tatern, Ungarn und Türken. Der erste Kar- linqer, den Deutschland erhielt, Ludwig, war kein römischer Kaiser und wahrend des gctheilecn Fran- kenreichcs haben Papste mit diesem Titel so/ arg gespielet, daß sie ihn diesem und jenem Fürsten in Italien, ja gar einem Grafen der Provence schenkten, der mit geblendeten Augen starb. Arnulf, ein unachtec Nachkomme Karls, geizte nach diesem Titel, den indcß sein Sohn abermals nicht erlangte; so wie ihn auch die zwey ersten Könige aus deutschem Blut, Konrad und Heinrich, nicht begehrten. Gefährlicher Weise nahm Otto, der mit Karls Kro- der Geschichte der Menschheit. 169 ne zu Achen gekrönt war, sich diesen großen Franken zum Verbilde; und da cin Abentcmr, die schöne Wittwe Adelheid aus» dem Thurm zu rette», ihm das Königreich Italien verschaffte, und ihm dadurch freylich der Weg nach Rom offen war; so folgten nun Ansprüche auf Ansprüche, Kriege auf Kriege, von der Lombardey bis nach Ealadrien und Sicilien hinab, >vo allenthalben für die Ehre seines Kaisers Deutsches Blut vergossen, der Deutsiche vom Italiener betrogen, Deutsche Kaiser und Kaiserinnen in Nom mißhandelt, Italien von Deutscher Tyranney besudelt, Deutschland von Italien aus seinem Kreise gerückt, mit Geist und Kraft über die Alpen gezogen, in seiner Verfassung von Nom abhängig, mit sich selber uneins, sich selbst und andern schädlich gemacht ward, ohne daß die Nation von dieser blendenden Ehre Vortheil gezogen hatte. 8io Vos non Vobis war immer ihr bescheidener Wahlfpruch. Desto mehr Ehre gebührt der Deutschen Nation , daß sic eben unter diesen gefährlichen Umstän-e den, in welche sie die Verbindung der Dinge setzte, als eine Schutzwehr und Vormauer des Ehristen- thums zur Kreyheit und Sicherheit des ganzen Europa dastand. Heinrich der Vogler schuf aus ihr diese Vormauer, und O t'to der Große wußte sie zu gebrauchen, aber auch dann folgte die treue willige Nation ihrem Beherrscher, wenn beym allgemeinen Ehaos ihrer Verfassung dieser selbst nicht wußte, welchen Weg er sie führe. Als gegen die Raubereven der Stande der Kaiser selbst sein Volk nicht schützen konnte, schloß sich ein Theil der Nation in Städte und erkaufte sich von ihren Räubern selbst das sichere Geleit eines Handels, ohne welchen 170 I d e e n zur P h i lo so pH i e dos Land noch lange eine Tatarey geblieben wÄe. So entstand im unfriedsamen Staate aus eignen Kräften der Nation ein friedsamer nützlicher Staat, durch Gewerbe, Bündnisse, Gilden verbunden, so hoben Gewerke sich aus dem drückenden Joch der Leibeigenschaft empor, und gingen durch Deutschen Fleiß und Treue, zum Thcil in Künste über, mit denen man andre Nationen beschenkte. Was diese ausbildeten, haben meistens Deutsche zuerst versucht; obgleich unter dem Druck der Nokh und Armuth sie selten mit der Freude belohnt wurden, ihre Kunst im Vaterlande angewandt und blühend zu sehen. Haufenweise zogen sie stets in fremde Länder, und wurden Nord- West- und Ostwärts in mehreren mechanischen Erfindungen die Lehrmeister andrer Nationen; sie wären cs auch in den Wissenschaften geworden, wenn die Verfassung ihres Staats nicht alle Institute derselben, die in den Händen der Clerisey waren, zu politischen Rädern der verwirrten Maschine gemacht, und sie damit den Wissenschaften großentheils entrissen hätte. Die Klöster Corvey, Fulda u. a. haben für die Fortübung der Wissenschaften mehr gethan, als große Strecken andrer Länder, und in allen Verirrungen dieser Jahrhunderte bleibt der unzerstörlich - treue, biedre Sinn des Deutschen Stammes unverkennbar. Dem Manne blieb die Deutsche Frau nicht nach; häusliche Wirksamkeit, Keuschheit, Treue und Ehre sind ein unterscheidender Zug des Weiblichen Geschlechts in allen Deutschen Stämmen und Völkern gewesen. Der älteste Kunstfleiß dieser Völker war in den Händen der Weiber: sie webetcn lind tsirketen, hatten Aufsicht über das arbeitende Gesin- der Geschichte der Menschheit. 171 de, und stunden auch in den obersten Ständen der häuslichen Regierung vor. Selbst am Hofe des Kaisers hatte die Gemahlin ibr großes Hauswesen, zu welchem oft ein ansehnlicher Thul suncr Einkünfte gehörte; und nicht zum Schaden des Landes hat sich in manchem Fürstenhause diese Einrichtung lange erhalten. Selbst die römische Reinsten, die den Werth des Weibes sehr herabgesetzt hat, vermochte hierbey weniger in diesen, als in den wärmeren Landern. Die Frauenklöster in Deutschland wurden nie die Gräber der Keuschheit in solchem Grade, als jenieit des Rheins oder der Pyrenäen und Alpen; vielm.br waren auch sie Werkstätten des Deutschen Kunstfleißes in mehreren Arten. Nie hat sich die Galanterie der Rittersitten in Deutschland zu der feinen Lüsternheit ausqe- bildet, wie in wärmern, wollüsiigcrn Gegenden: denn schon das Klima gebot eine größere Eingeschlosscnheit in Häuser und Mauern, da andre Nationen ihren Geschäften und -Vergnügungen unter fteycm Himmel nachgehen konnten. Endlich kann sich Deutschland, sobald cs ein eignes Reich ward, großer, wenigstens arbeitsamer und wohlwollender Kaiser rühmen, unter welchen Heinrich, Otto, und die beyden Friederichs wie Säulen dastthn. Was hätten diese Männer in einem bestimmteren, festeren Kreise thun mögen! Lasset uns jetzt, nach dem, was einzeln angeführt worden, cjncn allgemeinen Blich auf die Einrichtung der Deutschen Völker thun, in allen ihren erworbenen Ländern und Reichen. Welches waren ihre Grundsätze s und was sind dieser Gmndsähc Folgen - . i 172 Ideen zur Philosophie VI. Allgemeine Betrachtung über die Einrichtung der Deutschen Reiche in Europa. ^^enn Einrichtungen der Gesellschaft das größeste Kunstwerk des menschlichen Geistes und Fleißes sind, indem sie jedesmal auf der ganzen Lage der Dinge nach Ort, Zeit, und Umständen beruhen, mithin der Erfolg vieler Erfahrungen und einer steten Wachsamkeit seyn müssen: so laßt sich muthmaßcn, daß eine Einrichtung der Deutschen, wie sie am schwarzen Meer, oder in den nordischen Wäldern war, ganz andre Folgen haben mußte, wenn sie unter ge-- bildete oder durch Ueppigkeit und eine abergläubige Religion mißgebildete Volker rückte. Diese zu überwinden war leichter, als sie oder sich selbst in ihrer Mitte wohl zu regieren. Daher denn gar bald die gestifteten Deutschen Reiche entweder untergingen, oder in sich selbst dermaßen zerfielen, daß ihre lange folgende Geschichte nur das Flickwerk einer verfehlten Einrichtung blieb. 1. Jede Eroberung der Deutschen Völker ging auf ein Gesammt-Eigen- thum aus. Die Nation stand für Einen Mann; der Erwerb gehörte derselben durch das barbarische Recht des Krieges, und sollte dermaßen unter sie vertheilt werden, daß alles noch ein Gemeingut bliebe; wie war dies möglich? Hirtenvölker auf ibren Steppen, Jager in ihren Wäldern, ein Kriegsherr bey seiner Beute, Fischer Key ihrem gemeinschaftlichen Zuge können unter sich theilen und Ein Ganzes bleiben; be» einer erobernden Nation, die sich in einem weiten Gebiet niederlässct, wird dieses weit schwerer. Jeder Wehrsmann auf seinem neuecwor- benen Gute ward jetzt ein Landcigenthümcr; er blieb dem Staate zum Heerzuge und zu andern Pflichten verbunden; in kurzer Zeit aber erstirbt sein Gemein- geifl, die Versammlungen der Nation werden von ihm nicht besucht; auch des Aufgebots zum Kriege, das ihm zur Last ward, sucht er sich, gegen Uebec- nehmung andrer Pflichten zu entladen.. So wars z. B. unter den Franken- das Marzfeld ward von der freyen Gemeine bald versäumet; mithin blieben die Entschlüsse desselben dem Könige und seinen Dienern anheimgcstcllt, und der Heerbann selbst konnte nur mit wachsamer Mühe im Gange erhalten werden. Nothwcndig also kamen die Freyen mit der Zeit dadurch tief herunter, daß sie den allezeit fertigen Rittern ihre Wehrdienste mit guter Entschädigung austrugen; und so verlor sich der Stamm der Nation, wie ein zertheilter, verbreiteter Strom, in kraftloser Trägheit. Ward nun in diesem Zeitraum der ersten Erschlaffung ein dermaßen errichtetes Reich mächtig angegriffen; was Wunder, dafies erlag? Was Wunder, daß auch ohne äußern Feind auf diesem trägen Wege die besten Rechte und Be- sitzthümer der Freyen in andre sie vertretende Hände kamen? Die Verfassung des Ganzen war zum »74 Ideen zur Philosophie Kriege oder zu einer Lebensart eingerichtet, Key welcher alles in Bewegung bleiben sollte; nicht aber zu einem zerstreuten, fleißig-ruhigen Leben. 2> Mit jedem erobernden Könige war ein Trupp Edeln ins Land gekommen, die als seine Gefährten und Treuen, als seine Knechte und Leute, aus denen ihm zukommenden Ländereoen betheilt wurden. Zuerst geschah dies nur Lebenslänglich; mit der Zeit wurden die ihnen zum Unterhalt angewiesenen Güter erblich: der Landesherr gab so lange, bis er nichts mehr zu geben hatte und selbst verarmte. Bey den Meisten Verfassungen dieser Art haben also die Vasallen den Lehnsherrn, die Knechte den Gebieter dergestalt ausgezehret, daß, wenn ^>cr Staat lange daurete, dem Könige selbst von seinen nutzbaren Gerechtigkeiten nichts übrig blieb, und er zuletzt als der ärmste des Landes dastnnd. Wenn nun, wie wit gesehen, dem Gangedcr Dinge nach, bcv langen kriegen, sehen Zeitläuften die Edeln nothwendig auch den Stamm der Nation, die freye Gemeine, sofern diese sich nicht selbst zu Edeln erhob, allgemach zu Grunde richten Mußten: so stehet Man, wie das löbliche damals unentbehrliche Ritter Hand werk so hoch emporkom- men konnte. Von kriegerischen Horden waren die Reiche erobert; wer sich am längsten in dieser Ue- bung erhielt, gewann solange, bis mit Faust und Schwert nichts zu gewinnen mehr da war. Zuletzt hatte der Landesherr Nichts, weil er alles verliehen hatte; die freye Gemeine batte nichts, wcil die Freuen entweder verarmt oder selbst Edle geworden und alles Andre Knechte war. der Geschichte der Menschheit. 17Z 3 . Da die Könige im Gesa mm teig en- thum ihres Volks umhcrzieden oder vielmehr allenthalben gegenwärtig seyn sollten und dies nicht konnten: so wurden Statthalter, Herzoge und Grasen unentbehrlich. Und weil nach der Deutschen Verfassung die Gesetzgebende, gerichtliche und ausübende Macht noch nicht vertheilt waren: so blieb es beynah unvermeidlich, daß nicht mit der Zeit unter schwachen Königen die Statthalter großer Städte oder entfernter Provinzen selbst Landesberrcn oder Satrapen wurden. Ihr Distrikt enthielt, wie ein Stück der Gothischen Baukunst, alles im Kleinen, was das Reich im Großen hatte; und sobald sie sich nach Lage der Sache mit ihren Standen einverstanden, war, obgleich noch abhängig vom Staat, das kleine Reich fertig. So zerfielen die Lombardei) und daS Fränkische Reich, kaum wurden sie noch am seidnen Faden eines königlichen Namens zusnmmengehalten; so wäre es mit dem Gothischen, und dem Vandali- schen Reich worden, hätten sie langer gcdauret. Um diese Bruchstücke, wo jeder Theil ein Ganzes seyn wollte, wieder zusammenzubringen, haben alle Reiche Deutscher Verfassung in Europa ein halbes Jahrtausend hin arbeiten müssen, und einigen derselben hat es noch nicht gelingen wögen, ihre eignen Glieder wieder zu finden. In der Verfassung selbst liegt der Saame dieser Absonderung; sie ist ein Polyp, bcv welchem in jedem abgesonderten Theile ein Ganzes lebet. 4. Weil Key diesem Gesammtkör- per alles auf Persönlichkeit beruhete, so stell et e das Haupt desselben, der 176 Ideen zur Philosophie König, ob er gleich nichts weniger als unumschränkt war, mit seiner Person sowohl, als m tt se i n cM Hauswesen di e Nation vor. Mithin ging seine Ge- sammt würde, die blos eine Staats fic- ti 0 n seyn sollte, auch auf seine Trabanten, Diener und Knechte über. Lcibes- dienste, die man dem Könige erwies, wurden als die ersten Staatsdienste betrachtet, weil die, die um ihn waren, Kapellan, Stallmeister und Truchseß, oft bc» Rathschlagen, Gerichten und sonst, seine Helfer und Diener seyn mußten. So natürlich dies in der roben Einfalt damaliger Zeiten war: so unnatürlich wards, als diese Kapellane und Truchsesse wirklich reprascntircndc Gestalten des Reichs, erste Glieder des Staats, oder gar auf Ewigkeiten der » Ewigkeiten erbliche Würden feyn sollten; und dennoch ist ein barbarischer Prachtaufzug dieser Art, der zwar in das Tafelzelt eines tatarischen Ehans, nicht aber in den Pallast eines Vaters, Vorstehers und Richters der Nation gehörte, die Grundverfassung jedes germanischen Reichs in Europa. Die alte Staatsfiction wurde zur nackten Wahrheit: das ganze Reich ward in die Tafel, den Stall und die Küche des Königes verwandelt. Eine sonderbare Verwandlung! Was Knecht und Vasall war, mochte immerhin durch diese glanzenden Dberknechte vorgestellt werden; nicht aber der Körper der Nation, der in keinem seiner frcyen Glieder des Königs Knecht, sondern sein Mitgcnoß und Mitstreiter gewesen war und sich von keinem seiner Hausgenossen vorstellen lassen durfte. Nirgend ist diese tatarische Reichsverfassung mehr gediehen und prachti er em- perkommen porkommen, als auf dem Fränkischen Boden, von da sie durch die Normannen nach England und Si- cilien, mit der Kaiserkrone nach Deutschland, von dannen in die Nordischen Reiche, und aus Burgund endlich in höchster Pracht nach Spanien hinübergepflanzt worden ist; wo sie dann allenthalben nach Ort und Zeit neue Blüthen getragen. Non einer solchen Staatsdichtung, das Hauswesen des Regenten zur Gestalt und Summe des Reichs zu machen, wußten weder Griechen noch Römer, weder Alexander noch Augustus; am Jaik aber oder am Jenisei- strom ist sie einheimisch, basier auch nicht unbedeutend die Zobel und Hermeline ihr Sinnbild und Wappenschmuck geworden. 5. In Europa hatte diese Verfassung schwerlich so festen Platz gewinnen oder behalten mögen, wenn nicht, wie wir gesehen, diese Barbarei) bereits eine andre vor sich gefunden hatte, mit der sie sich freundlich vermahlte, die Bar barer, des Römischen Papst thums. Denn weil die Klerisey damals den ganzen Rest der Wissenschaften besaß, ohne welche auch die Barharen in diesen Landern nicht seyn konnten: so blieb diesen, die sich selbst Wissenschaften zu erwerben nicht begehrten, nur Ein Mittel übrig, sie gleichsam mitzuerobern, wenn sie die Bischöfe unter sich aufnahmen. Es geschah. Und da diese mit den Edlen Reichsstande, mit den Dienern des Hofes Hofdiener wurden; da wie diele, auch sie sich Be- »cficien, Gerechtigkeiten und Lander verleihen ließen, und aus mehreren Ursachen den Laycn in Vielem zuvorkamen: so war ja keine Staatsverfassung dem Papstthum holder und werther, als diese. Wie nun Einerseits nicht zu laugnen ist, daß zu Milderung Philos und Gesch. VI. Th. M N-en, IV. Ideen zur Philosophie 178 der Sitten und sonstiger Ordnung die geistlichen Reichsstande viel beygetraaen haben; so ward auf der andern Seite durch Einführung einer doppelten Gerichtsbarkeit, ja eines unabhängigen Staats im Staate der letzte in allen seinen Grundsätzen wankend. Keine zwey Dinge konnten einander an sich fremder seyn, als das römische Papstthum und der Geist Deutscher Sitten: jenes untergrub diese unaufhörlich, wie es sich gegenthcils vieles aus ihnen zueignetc, und zuletzt Alles zu Einem Deutsch-Römischen Chaos machte. Wofür allen Deutschen Völkern lange geschaudert hatte, das ward ihnen am Ende über alles lieb; ihre eignen Grundsätze ließen sie gegen sich selbst gebrauchen. Die Güter der Kirche, dem Staat entrissen, wurden in ganz Europa Ein Gemeingut, für welches der Bischof zu Rom kräftiger als irgend ein Fürst für seinen Staat waltete und wachte. Eine Verfassung voll Widerspruchs und unseliger Zwiste. 6. Weder Krieger noch Mönche nähren ein Land; und da Key dieser Einrichtung für den erwerbenden Stand so wenig gesorgt war, daß vielmehr alles in ihr dahinging, Bischöfen und Edcln die ganze Welt leibeigen zu machen : so siehet man , daß damit dem Staat seine lebendigste Triebfeder, der Fleiß der Menschen, ihr wirksamer freyer Erfindungsgeist auf lange geraubt war. Der Wehrsmann hielt sich zu groß, die Accker zu bauen, und sank herab; der Edle und das Kloster wollte Leibeigne haben, und die Leibeigenschaft hat nie etwas Gutes gefördert. So lange man Land und Güter nicht als einen nutzbaren, in allen Theilen und Produkten organischen Körper, sondern als ein der Geschichte der Menschheit. 179 untheilbares todtes Besitztum betrachtete, das der Krone oder dcr Kirche, oder dem Stammhalter eines edlen Geschlechts in der Qualität eines liegenden Grundes, zu welchem Knechte gehören, zustünde; so lange war dcr rechte Gebrauch dieses Landes, sammt dcr wahren Schatzung menschlicher Kräfte, unsäglich behindert. Der größeste Thcil der Länder ward eine dürftige Almende, an deren Erdschollen Menschen wie Thicre klebten, mit dem harten Gesetz, nie davon losgctrennt werden zu können. Handwerke und Künste gingen desselben Weges. Von Weibern und Knechten getrieben, blieben sie lange auch im Großen eine Hantirung der Knechte; und als Klöster, die ihre Nutzbarkeit aus der Römischen Welt kannten, sic an ihre Klostermauern zogen, als Kaiser ihnen Privilegien städtischer Zünfte gaben, war dennoch der Gang dcr Sache damit nicht verändert. Wie können Künste sich heben, wo dcr Ackerbau darnieder liegt? wo die erste Quelle des ReichthumS, der unabhängige, Gewinn-dringende Fleiß der Menschen, und mit ihm alle Bache des Handels und freyen Gewerbes versiegt, wo nur der Pfaffe und Krieger gebietende, reiche, Besitzführende Herren waren? Dem Geist dcr Zeiten gemäß, konnten also auch die Künste anders nicht als Gemeinwesen, (Elnivsrsi- tats8) in Form der Zünfte cingcführt werden; eine rauhe Hülle, die damals dcr Sicherheit halben nö- thig, zugleich aber auch eine Fessel war, daß keine Wirksamkeit des menschlichen Geistes sich unzunsc- mäßig regen mochte. Solchen Verfassungen sind wirs schuldig, daß in Lander, die seit Jahrhunderten bebauet wurden, noch unfruchtbare Gemeinplätze, daß in festgesetzten Zünften, Lrdcn und Brüderschaf- M 2 Ideen zur Philosophie i3c> ten noch jene alten Vorurtheile und Jrrthümer übrig sind, die sie treu aufbewahret haben. Der Geist der Menschen modelte sich nach einem Handwcrksleistcn und kroch gleichsam in eine privilegirtc Gcmeinlade, 7 . Aus allem erhellet, daß die Idee der Deutschen Völkerverfassung', so natürlich und edel sie an sich war, auf große, zumal eroberte, lange Zeit kust tivirte oder gar römischchristliche Reiche angewandt, nichts anders als ein kü hner Vcr suc h seyn konnte, dem viele Mißbrauche bevorstanden; sic mußte von mehrcrn Völkern voll gesunden Verstandes in der nörd - und südlichen Welt lange geübt, mannigfaltig geprüft und ausgebildet werden, ehe sie zu einiger Bestandheit kommen konnte. In kleinen Mu- nicipalitäten, beym Gcrichtshandel, und allenthalben, wo lebendige Gegenwart gilt, zeigt sie sich unstreitig als die beste. Die altdeutschen Grundsätze, daß Jedermann von seines Gleichen gerichtet werde, daß der Vorsitzer des Gerichts von den Besitzern das Recht nur schöpfe, daß jedes Verbrechen nur als ein Bruch der Gemeine seine Enugthuung erwarte, und nicht aus Buchstaben, sondern aus lebendiger Ansicht der Sache bcurrheilt werden müsse: diese sammt einer Reihe andrer Gerichts - Zunft - und andrer Gebräuche, sind Zeugen vom Hellen und billigen Geist der Deutschen. Auch in Rücksicht des Staats waren die Grundsätze vom Gestimmt - Eigenthum , der Gesammtwehr und gemeinen Frevheit der Nation groß und edel; da sie aber auch Männer erforderten, die alle Glieder zusammenzuhalten, zwischen allen ein Verhältniß zu treffen, und das Ganze mit Einem Blick zu beleben wüßten, und diese Männer nicht nach dem Erftgeburtsrecht gebohren werden: so der Geschichte der Menschheit. 181 erfolgte, was mehr oder minder allenthalben erfolgt ist; die Glieder der Nation löseten sich auf in wilden Kräften; sie unterdrückten das Unbewehrte und ersetzten den Mangel des Verstandes und Fleißes durch lange tatarische Unordnung. Indessen ist in der Geschichte der Welt die Gemeinverfaffung germanischer Völker gleichsam die feste Hülse gewesen, in welcher sich die überbliebene Kultur vorm Sturm der Zeiten schützte, der Gemcingeist Europa's entwickelte und zu einer Wirkung auf alle Weltgegenden unsrer Erde langsam und verborgen reifte. Zuvörderst kamen hohe Phantome, eine geistliche und eine andre Monarchie zum Vorschein, die aber ganz andre Zwecke beförderten, als wozu sie gestiftet worben. Neunzehntes Buch. >a»'aum ist je eine Namenanspielung von größer» Folgen gewesen, als die dem heil. Pcirus gemacht ward, daß auf den Felsen seiner Aussage eine unerschütterliche Kirche gcbauct, und ibm die Schlüssel des Himmelreichs anvertrauet werden sollten. Der Bischof, der, wie man glaubte, auf Petrus Stuhl, nahe seinem Grabe saß, wußte diesen Namen auf sich zu deuten, und als er den zulammentreffenden Umständen nicht nur das Primat der größestcn christlichen Kirche', sondern auch das Recht geistlicher Vorschriften und Befehle, die Macht Concilien zu berufen und auf ihnen zu entscheiden, Glaubenslehren sestzusetzen und zu umzauncn, unlösliche Sünden zu erlassen, Freyheitcn zu ertheilen, die sonst niemand ertheilen könnte, kurz die Macht Gottes auf Erden bekam: so stieg er von dieser geistlichen Monarchie gar bald zu ihrer Folge, der weltlich- geistlichen über. Wie einst den Bischöfen, so entkräftete er jetzt die Gewalt den Dberherrcn der Länder. Er verlieh eine abendländische Kaiserkrone, de- Zur Philos. der Geschichte der Menschheit. r8Z ren Erkenntniß er sich selbst entzog. Bannflüche und Interdikte waren in seiner gefürchteten Hand, mit welcher er Reiche ausrichtete und verschenkte, Könige geißelte und losiprach, Landern den Gottesdienst nahm, Unterthanen und Vasallen von ihren Pflichten entband, seiner gcsammtcn Geistlichkeit Weiber und Kinder nahm, und überhaupt ein System gründete, das eine Reihe von Jahrhunderten zwar hat erschüttern, aber noch nicht hat vernichten mögen. Eine Erscheinung dieser Art fordert Aufmerksamkeit ; und da wohl keinem Regenten der Welt die Emporbringung seiner Macht so schwer geworden ist, als dem römischen Bischöfe die seinige: so verdienet sie wenigstens, daß man von ihr, wie von jeder andern Slaatsvcrfaffung, ohne Groll und Bitterkeit rede *). *) Obgleich seit Sarpi, Pusfendorfu. a. einzelne Stücke der päpstlichen Geschichte vortrefflich behandelt sind: so, dünkt mich, fehle es doch noch an einer durchaus unpartheylichen, pragmatischen Geschichte d e s P a p stth u m s. Der Verfasser der R e form a ti o n s g e sc h i c h- t e könnte seinem Werk, nach Vollendung desselben, hiedurch eine seltene Vollkommenheit geben. I. Römische Hierarchie. ^vit-an ist gewohnt, dem was ein Gebäude geworden ist, schon vor seiner Entstehung einen Entwurf des Baues zum Grunde zu legen; selten aber trifft dies bey den politischen Bauwerken ein, die nur die Zeiten vollfuhrc haben. Bei, Noms geistlicher Größe wäre selbst zu zweifeln, ob sic je erreicht worden wäre, wenn man mit unverwandtem Blick aus sie gearbeitet hätte. Uns dem Stichle zu Rom saßen Bischöfe von so mancherlei) Art, wie auf jedem andern Throne; und auch für die fähigsten Werkzeuge gabs unglückliche Zeiten. Diese unglücklichen Zeiten aber, und die Kehler der Vorgänger sowohl als der Feinde selbst zu nutzen; das war die Staatskunst dieses Stuhles, durch welche er zur Festigkeit und Hoheit gelangte. Lasset uns aus vielen nur einige Umstände der Geschichte sammt den Grundsätzen betrachten, auf welche sich Roms Größe stützte. Das meiste sagt der Name Rom selbst; die alte Königin der Welt, das Haupt und die Krone der Völker hauchte auch ihrem Bischöfe den Geist Zur Philos. der Geschichte der Menschheit. r85 ein, das Haupt der Völker auf seine Weise zu werden. Alle Sagen von Petrus Bischof- und Märtyrerthum waren zu Antiochien oder Jerusalem nicht von der politischen Wirkung gewesen, wie sie kn der blühenden Kirche des alten ewigen Roms wurden: denn wie viel fand der Bischof dieser ehrwürdigen Stadt, das ihn fast ohne seinen Willen cmporhcbcn mußte! Der unaustilgbare Stolz des römischen Volks, dem so manche Kaiser hatten weichen müssen, trug ihn auf seinen Schultern, und gab ihm, dem Hirten des ersten Volks der Erde den Gedanken ein, in dieser hohen Schule der Wissenschaft und Staatskunst, zu welcher man auch noch in den christlichen Zeiten, um Roms Gesetze zu lernen, wallfahrtet«:, sie selbst zu lernen, und gleich den alten Römern durch Satzungen und Rechte die Welt zu regieren. Die Pracht des heidnischen Gottesdienstes stand vor seinen Augen da, und da dieser in der römischen Staatsverfaffung mit der obrigkeitlichen Macht verknüpft gewesen war: so erwartete das Volk auch in seinem christlichen Bischöfe den alten i?orrtikex maxirrrus, tLrus^sx und An Truimphe, Feste und Staatsgebrauche gewöhnt, sähe es gern, daß aus Gräbern und Katakomben das Ehristenthum in Tempel einzog, die der römischen Größe würdig waren, und so ward durch Anordnungen, Feste und Gebrauche Rom zum zweyten- mal das Haupt der Völker. Frühe äußerte Rom seine gesetzgebende Klugheit dadurch, daß es auf Einheit der Kirche, auf Reinheit der Lehre, auf Rechtgläubigkeit und Katholicismus drang, auf den die Kirche gebauct werden mußte. Schon im zweyt«« r86 Ideen zur Philosophie Jahrhundert wägete es Victor die Christen in Asten nicht für scine Brüder zu erkennen, wenn sie das Osterfest nicht zu Einer Zeit mit ihm feyern wollten; ;a die erste Spaltung der Juden- und Heidcn-Chri- sten ist wahrscheinlich von Rom aus beygelegt worden: Paulus und Petrus liegen in ihm friedlich begraben *). Dieser Geist einer allgemeinen Lehre erhielt sich auf dem römischen Stuhl, und obgleich einige Papste sich vom Vorwurf der Ketzerei) kaum haben rein erhalten mögen: so wußten jedesmal ihre Nachfolger einzulcnken und traten zurück ans Steuer der rechtgläubigen Kirche. Nie hat sich Rom vor Ketzereycn gebückt, so oft diese es auch mächtig drängten: morgenlandische Kaiser, Ost- und West- gorhen, Burgunder und Langobarden waren Arianer; einige derselben beherrschten Rom; Rom aber blieb katholisch. Ohne Nachsicht schnitt es zuletzt sich ab von der griechischen Kirche, ob diese gleich eine halbe Welt war. Nothwendig mußte diese Grundlage einer unerschüttertcn Reinigkeit und Allgemeinheit der Lehre, die auf Schrift und Tradition zu ruhen vorgab, Key günstigen Umstanden einen geistlichen Richterthron über sich gewinnen und tragen. Solche günstige Umstande kamen. Nachdem der Kaiser Italien verlassen, als das Reich gctheilt, von Barbaren überschwemmt, ström mehrmals erobert und geplündert ward: da hatte mehr als Einmal sein Bischof Gelegenheit, auch sein Erretter zu werden. Er ward der verlassenen Königsstadt Vater; und die Barbaren, die die Herrlichkeit Noms ver- j Hievon an einem andern Orte. der Geschichte der Menschheit. 187 ehreten, scheusten desselben obersten Priester. Attila zog zurück: Geiserich gab nach: ergrimmte Longobar- dische Könige warfen sich, noch ehe er Roms Herr war, vor ibm nieder. Lange wußte er zwischen Barbaren und Griechen die Mitte zu halten; er wußte zu theilcn, damit er einst regiere. Und als die thci- lende Staatskuast nicht mehr gelang, da hatte er sein katholisches Frankreich zur Hülfe sich schon zu- bercitct; er zog über das Gebirge, erhielt von seinem Befreyer mehr als er gesucht hatte, seine Bischofsstadt mit alten Städten des Exarchats. Endlich ward Karl der Große römischer Kaiser; und nun hieß es: Ein Rom, Ein Kaiser, Ein Papst! drey unzertrennliche Namen, die fortan das Wohl und das Uebel der Völker wurden. Unerhört ists, was sich der römische Bischof schon gegen den Sohn seilt, s Wohlthaters erlaubte; noch mehrercs wartete auf seine spateren Nachfolger. Er schlichtete zwischen den Kaisern, gebot ihnen, entsctzete sie und stieß die Krone von ihrem Haupt, die er ihnen gegeben zu haben glaubte. Die gutmüthigen Deutschen, die 35 » Jahre lang dieses Kleinodes halber nach Nom zogen und ihm das Blut ihrer Nation willig aufopferten, sie waren es, die den Uebermuth der Papste zu seiner schrecklichsten Höhe erhüben. Ohne einen deutschen Kaiser und die traurige Verfassung seines Reichs wäre nie ein Hildebrand entstanden; und noch jetzt ist Deutschland seiner Verfassung wegen ein Ruhekissen der römischen Krone. Wie das heidnische Rom seinen Eroberungen bequem lag: so war das christliche Rom den seini- gcn wohlqelegen. Von der Nord - und Ostsee, vom schwarzen Meer und der Wolga kamen zahllose Völ- kcr, die der Bischof ;u Rom mit dem rechtgläubigen Kreuz doch endlich bezeichnen mußte, wenn sie in dieser rechtgläubigen Gegend friedlich wohnen sollten ; und die nicht selbst kamen, suchte er auf. Gebete und Weihrauch sandte er den Nationen; wofür sie ihm Gold und Silber wcihetcn, und seine zahlreichen Diener mit Aeckern, Wäldern und Auen begabten. Die schönste Gabe aber, die sie ihm darbrachten, war ihr unbefangenes rohes Herz, das mehr sündigte, als es Sünden kannte, und von ihm Sündenregister empfing, damit es den Ablaß derselben empfangen möchte. Hier kamen die Schlüssel Petrus in Ucbung, und sie erklungen nie ohne Belohnung. Welch ein schönes Erbtheil der Geistlichen waren die Lander der Gothen, Alemannen, Franken, Angeln, Sachsen, Danen, Schweden, Sla- ven, Pohlen, Ungarn und Preußen! Je spater diese Völker ins Himmelreich traten, desto theurer mußten sie den Eintritt, oft mit Land und Frcyheit, bezahlen. Je nördlicher oder östlicher, desto langsamer war die Bekehrung, desto ansehnlicher ihr Dank: je schwerer ein Volk ans Glauben ging, desto fester lernte es glauben. Nach Grönland hinaus, zur Düna und zum Dnepr gen Osten, westlich bis zu jedem äußersten Vorgebirge reichte endlich des römischen Bischofs Hürde. Der Bckebrer der Deutschen, Winfried oder Bonifacius hat dem Ansehen des Papstes über Bischöfe, die außer seiner Diöcese saßen, mehr emporgeholfen, als es irgend ein Kaiser hätte thun mögen. Als Bischof im Lande der Ungläubigen hatte er dem Papst einen Eid der Treue geschworen, der nachher durch Ueberredung und Forderungen auch auf andre der Geschichte der Menschheit. 189 Bischöfe überging und endlich in allen katholischen Reichen zum Gesetz ward. Mit den öfcern Lheilun- gen der Lander unter den Karlingcrn wurden auch die Diöcesen der Bischöfe zerrissen, und der Papst bekam reiche Gelegenheit, in ihren Sprengeln zu wirken. Die Sammlung der Dccrcte des falschen Isidors endlich, die in diesen Karlingischen Zeiten, wahrscheinlich zwischen dem fränkischen und deutschen Reich, zuerst öffentlich erschien, und da man sie aus Unachtsamkeit, List und Unwissenheit gelten ließ, alle eingerissene jüngere Mißbräuche auf einmal mit dem ältesten Ansehen fcststellte; dies einzige Buch diente dem Papst mehr als zebn Kaiser-Diplome: denn überhaupt waren Unwissenheit und Aberglaube, mit denen die ganze Abendwelr überdeckt war, das weite und tiefe Meer, in welchem Petrus Netz fischte. Am meisten zeigt sich die Staatsklughcit der römischen Bischöfe darin, daß sie die widerwärtigsten Umstände ihnen zu dienen zwangen. Lange waren sie von den morgenlandischen, oft wurdens sie auch von den abendländischen Kaisern gedrückt; und doch mußte ihnen Konstantinopel zuerst den Rang eines allgemeinen Bischofs zugestehn, Deutschland endlich die Investitur der geistlichen Reichsstände doch überlassen. Die griechische Kirche trennte sich; auch zum Vortheil des Papstes, der in ihr nie zu dem Ansehen hatte kommen können, nach welchem er im Oc- cident strebte; jetzt schloß er die Seinige desto fester an sich. Mahomed erschien, die Araber bemächtigten sich eines großen Theils des südlichen Europas; sie streiften selbst nahe an Rom und versuchten Landung ; auch diese Uebcl wurden dem Papst ersprießlich, der sowohl die Schwäche der griechischen Kaisir, rgo Ideen zur Philosophie als die Gefahr, mit der Europa bedrohet ward, sehr wohl zu gebrauchen wußte, sich selbst als Retter Italiens ins Feld wagte, und fortan daS Ehristenthum gegen alle Ungläubigen zum Fcldpanier machte. Eine fürchterliche Ärt der Kriege, zu denen er mit Bann und Interdikt zwingen konnte, und in denen er nicht etwa nur Herold, sondern oft auch Schatzmeister und Feldherr ward. Das Gluck der Normanner gegen die Araber nutzte er gleichfalls; er belieb sic mit Ländern, die ihm nicht gehörten, und gewann durch sie den Rücken frey, um vor sich hin zu wirken. So wahr ists, daß der am weitsten kommt, der anfangs selbst nicht weiß, wie weit er kommen werde, dafür aber jeden Umstand, den ihm die Acic gewahret, nach festen Maasregeln gebrauchet. Lasset uns einige dieser Maasregeln, die der römische Hof zu seinem Vortheil befolgt hat, ohne Liebe und Haß auszcichnen: r. Roms Herrschaft beruhte auf Glauben, auf einem Glauben, der zeitlich und ewig das Wohl menschlicher Seelen befördern sollte. Zu diesem System gehörte alles, was menschliche Seelen leiten kann; und dies Alles brachte Nom in seine Hände. Von Mutterleibe an bis ins Grab, ja bis jenseit desselben im Fegefeuer war der Mensch in der Gewalt der Kirche, der er sich nicht entziehen konnte, ohne Rettungslos unglücklich zu werden: sic formte seinen Kopf, sie beunruhigte und beruhigte sein Herz; durch die Beicht hatte sie den Schlüssel zu seinen Geheimnissen, zu seinem Gewissen, zu all:n, was d er G e sc h i chtc d e r Men sch h ei t. 191 er um und an sich trägt, in Händen. Lebenslang blieb der Gläubige unter ihrer Jucht unmündig, und im Artikel des Todes band sie ihn mit siebenfachen Banden, um den Reuigen und Freygcbige» desto freygcbigcr zu lösen. Das geschah Königen und Bettlern , Rittern und Mönchen, Männern und Weibern ; weder seines Verstandes, noch seines Gewissens mächtig, mußte jedermann geleitet werden, und an Leitern konnte es ihm nie fehlen. Da nun der Mensch ein träges Geschöpf ist, und wenn er einmal an eine christliche Seelenpflege gewöhnt ward, derselben schwerlich wieder entbehren mag, vielmehr seinen Nachkommen dies sanfte Joch als das Polster eines Kranken anempflehlet: so war die Herrschaft der Kirche damit im Innersten der Menschen gegründet. Mit dem Verstände und dem Gewissen des Gläubigen hatte sie Alles in ihrer Gewalt; cs war eine Kleinigkeit, daß wenn sie ihm sein Geistliches säete, sie etwa sein Leibliches ernte; hingege- ben wie er war, hatte sie ihn bey Lcibeslebcn im Innersten längst geerdet. 2. Diesen Glauben zu leiten, bediente sich die Kirche nicht etwa des Größe sten, des Wichtigsten, sondern des Faßlichsten, des Kleinsten, weil sie wohl wußte, welch ein Weniges die Andacht der Menschen vergnüge. Ein Kreuz, ein Marienbild mit dem Kinde, eine Messe, ein Rosenkranz thaten zu ihrem Zwecke mehr, als viel feine Spekulationen würden gcthan haben; und auch diesen Hausrath verwaltete sie mir dem sparsamsten Fleiße. Wo eine Messe hinrcichte, bedurfte es des Abendmahls nicht: wo eine stille Messe genug war, bedurfte es keiner lauten; wo man ver- 192 Ideen zur Philosophie wandelles Brod aß, war der verwandelte Wein zu entbehren. Mit einer solchen Ockonomic gewann die Kirche Raum zu unzähligen Fceyheiten und unkostbaren Geschenken: denn auch der sparsamste Ocko- nom könnte gefragt werden, ob er aus Wasser, Brod, Wein, aus einigen Glas- oder Holzpcrlen, ein wenig Wolle, Salbe, und dem Kreuz ein niedreres zu machen wisse, als daraus die Kirche gemacht hat. So auch mit Formularen, Gebeten, (Zeremonien. Nie wollte sie vergebens erfunden und angeordnet haben: alte Formeln blieben, obwohl für die neuere Zeit neue gehörten; die andächtige Nachkommenschaft sollte und wollte wie ihre Vorfahren selig werden. Noch weniger nahm die Kirche je einen ihrer begangenen Fehler zurück; gar zu augenscheinlich begangen, ward er jederzeit nur auf die verblümtste Weise vernichtet: sonst blieb alles, wie es war, und ward nach gegebnen Veranlassungen nicht verbessert, sondern vermehret. Ehe auf diesem be- dächtlichen Wege der Himmel voll Heiliger war, war die Kirche voll Reichthümer und Wunder; und auch bcy den Wundern ihrer Heiligen hat sich die Erfindungskraft der Erzähler nicht bemühet. Alles wiederholt sich und bauet auf den großen Grundsatz der Popularität, des Faßlichsten, des Gemeinsten, weil eben Key der mindesten Glaubwürdigkeit das oft und dreist Wicderkommende selbst Glauben gebietet, und zuletzt Glauben findet. 3 . Mit dem Grundsatz des Kleinsten wußte die römische Staatskunsi das Feinste und Gröbste dergestalt zu verbinden, daß sie in Beydcm schwerlich zu übertrcffen se»n möchte. Niemand konnle dcmüthigcr, schmeichelnder und flehender seyn, als in Zeiten der Geschichte der Menschheit. i^Z Zeiten der Noth oder gegen Willfährige und Gutherzige , die Päpste waren: bald spricht St. Petrus durch sie, bald der zärtlichste Vater; numand aber kann auch offner und stärker, grober und härter, als sie, schreiben und bandeln, sobald es Noch war. Nie disputiren sie, sondern sic decretircn; eine schlaue Kühnheit, die ihren Weg verfolgt, sie mag flehen und bitten, oder fordern, drohen, trotzen und strafen , bezeichnet die Bullen'prache des Romanismus fast ohne ihres Gleichen. Daher der eigene Ton der Kirchengcsetze, Briefe und Dekrete mittlerer Zeiten, der von der Würde der altrömischen Gesetzgebung sich sonderbar unterscheidet; der Knecht Christi ist gewohnt, zu Layen oder zu Untergebnen zu sprechen, immer seiner Sache gewiß, nie sein Wort zurück- nehmend. Dieser heilige Despotismus, mit väterlicher Würde geschmückt, hat mehr ausgerichtet, als jene leere Höflichkeit nichtiger Staatsränke, denen niemand trauet. Er wußte was er wollte, und wie er Gehorsam zu fodern habe. 4. Auf keinen einzelnen Gegenstand der bürgerlichen Gesellschaft ließ sich die römische Staatskunst mit Vorliebe ein; sie war um ihr selbst willen da, brauchte alles, was ihr diente, konnte alles vernichten, was ihr entgegen stand: denn nur an ihr selbst lag ihr. Ein geistlicher Staat, der aus Kosten aller christlichen Staaten lebte, konnte frcvlich nicht umhin, jetzt auch den Wissenschaften, jetzt der Sittlichkeit und Ordnung, jetzt dem Ackerbau, Künsten, dem Handel nützlich zu werden, wenn es sein Zweck wollte; daß aber dem eigentlichen Papismus eS nie an reiner Aufklärung, an Fortschritten zu einer bes- Philos. u. Gesch. VI. Th. N Nee« IV. »94 Ideen zur Philosophie fern Staatsordnung, sammt allem was dazu gehört, gelegen gewesen se», erweiset die ganze mittlere Geschichte. Der beste Keim konnte zertreten werden, sobald er gefährlich ward: auch der gelehrtere Papst mußte seine Einsichten verbergen oder bequemen, sobald sie dem ewigen Interesse des römischen Stuhls zu weit aus dem Wege lagen. Dagegen, was dies Interesse nährte, Künste, Zinsen, Aufruhr-erregende Municipalstadte, geschenkte Aecker und Lander, das ward zur größern Ehre Gottes gepflegt und verwaltet. Bcy aller Bewegung war die Kirche der stillstchendc Mittelpunkt des Universum. 5. Zu diesem Zweck durfte der römisch en S ta ats h e r r sc h aft alles dienen, was ihr nützte; Krieg und Schwert, Flamme und Gefangniß, erdichtete Schriften, Meineid auf eine gethcilte Hostie, Jnquisttionsgcrichte und Interdikte, Schimpf und Elend, zeitliches und ewiges Unglück. Um ein Land gegen feinen Landesherren aufzubrin- gcn, konnten ihm alle Mittel der Seligkeit, außer in der Todesstunde, genommen werden; über Gottes - und Menschengebote, über Völker - und Menschenrechte wurde mit den Schlüsseln Petrus gewaltet. 6. Und da dies Gebäude allen Pforten der Hölle überlegen seyn sollte: da dies System Kanonischer Einrichtungen, die Macht der Schlüssel zu binden und zu lösen, die zauberische Gewalt heiliger Zeichen, die Gabe des Geistes, der sich von Petrus an auf seine Nachfolger und ihre Geweihetcn fortpflanzet, nichts als Ewigkeit predigt; wer könnte sich ein tiefer eingreifendes Reich gedenken e Seel- und Leibeigen gehöret ihm der Stand der Geschichte der Menschheit. 190 der Priester; mit geschorneM Haupt und unwiderruflichem Gelübde werden sie seine Diener auf ewig. Unauflöslich ist das Band, das Kirche und Priester knüpft; genommen wird ihm Kind, Weib, Vater und Erbe; abgeschnitten vom fruchtbaren Baum des Menschlichen Geschlechts wird er dem petennirend- dürrcn Baum der Kirche eingeimpfet: seine Ehre fortan nur ihre Ehre, ihr Nutze der seine; keine Aenderung der Gedanken, keine Reue ist möglich, bis der Tod seine Knechtschaft endet. Dafür aber zeigte diesen Leibeignen die Kirche auch ein weites Feld der Belohnung, eine hohe Stufenleiter, reiche, wcitgebietende Knechte, die Herren aller Fceyen und Großen der Erde zu werden. Den Ehrgeizigen reizte sie mit Ehre, dm Andächtigen mit Andacht, und hatte für jeden, was ihn locket und belohnet. Auch hat diese Gesetzgebung das Eigene, daß so lange ein Rest von ihr da ist, sic ganz da ftp, und mit jeder einzelnen Maxime alle befolgt werden müssen: denn es ist Petrus Fels, auf welchem man mit seinem unvergänglichen Netze fischet; es ist das unzuzerstük- kende Gewand, das im Spiel der Kriegsleute selbst nur Einem zu Theil werden konnte. 7. Und wer war in Rom, an der Spitze seines heiligen Kollegium, dieser Eine? Nie ein wimmerndes Kind, dem man-etwa an seiner Wiege den Eid der Treue schwur, und damit allen Phantasieen seines Lebens Huldigung gelobte: nie ein spielender Knabe, bey dem man sich durch Begünstigung seiner Jugend-Thorheiten cinschmeichelte, um nachher der verzärtelnde Liebling seiner Laune zu werden; ein Mann oder Greis ward erwählet, der meistens in Geschäften der Kirche schyn geübt, das Feld N 2 r >,6 Idee n zu r Phil o s o phie - kannte, aus welchem er Arbeiter bestelle» sollte. Oder er war mit bcn Fürsten seiner Zeit nahe verwandt, und ward in kritischen Zeiten gerade nur zu der Verlegenheit gewählt, die er ablhun sollte. Nur wenige Jahre harte er zu leben, und für keine Nachkommenschaft rechtmäßig etwas zu erbeuten; wenn er aber auch dieses that, so war's im großen Ganzen des christlichen Pontistcats selten werth der Rede. Das Interesse des römischen Stuhls war fortgehend; der erfahrne Greis ward nur eingeschobcn, damit er zu dem, was geschehen war, auch seinen Namen da- zuthun könnte. Manche Päpste erlagen der Bürde; andre Rechtserfahrne, Staatsklugc, kühne und standhafte Männer verrichteten in wenigen Jahren mehr, als schwache Regierungen in einem halben Jahrhunderte thun konnten. Eine lange Reihe von Namen müßte hier stehen, wenn auch nur die vornehmsten, würdigen und großen Papste genannt werden sollten, b-w deren vielen man es bedauert, daß sie zu keinem andern Zweck arbeiten konnten. Der wollüstigen Weichlinge sind auf dem römischen Stuhl weit weniger , als auf den Thronen weltlicher Regenten; und bey manchen derselben sind ihre Fehler nur ausfallend, weil sie Fehler der Papste waren. II. Wirkung der Hierarchie auf Europa. <^or ^or allem muß man des Guten erwähnen, das unter jeder Hülle das Christenthum seiner Natur der Geschichte der Menschheit. 4 »97 nach bringen mußte. Mitleidig gegen Arme und Bedrängte nabm cs den den wilden Verheerungen der Barbaren sic unter seinen Schutz; viele Bischöfe in Gallien, Spanien, Italien und Deutschland haben dies wie Heilige erwiesen. Ihre Wohnungen und die Tempel wurden eine Zuflucht der Bedrängten : sie kauften Sklaven los, befreyeten die Geraubten , und steurcten dem abscheulichen Menschenhandel der Barbaren, wo sie wußten und konnten. Diese Ehre der Milde und Großmuth gegen den unterdrückten Thcil des Menschengeschlechts kann man dem Christenthum, seinen Grundsätzen nach, nicht rauben: von seinen ersten Zeiten an arbeitete es zur Rettung dcr Mensch.cn, wie schon mehrere selbst unpolitische Gesetze der morqcnländischcn Kaiser zeigen. Da in der abendländischen Kirche man dieser Wohl- that noch minder entbehren konnte, so sprechen viele Dekrete der Bischöfe in Spanien» Gallien und Deutschland dafür, auch ohne Zuthun des Papstes. Daß in den Zeiten der allgemeinen Unsicherheit Tempel und Klöster die heiligen Frcpstatten auch des stillen Fleißes und Handels, des Ackerbaues, der Künste und des Gewerbes gewesen, ist gleichfalls un- läugbar. Geistliche stifteten Jahrmärkte, die ilmen zur Ehre noch jetzo Messen heißen, und befriedigten sie, wenn selbst der Kaiser- und Königsbann sie nicht sicher stellen konnte, mit dem Gottcsfriedcn. Künstler und Gewerke zogen sich an Klostermauern, und suchten vor dem leibeigen - machenden Adel Zuflucht. Mönche trieben den vernachlaßigten Ackerbau durch ibre und anderer Hände: sie verfertigten, was sie im Kloster bedurften, oder gaben wenigstens einem klösterlichen Kunstfleiß sparsamen Lohn und Raum. rg8 Ideen zur Philosophie In Klöster retteten sich die übcrgebliebenen eilten Schriftsteller, die hie und dci abgeschriebcn, der Nachwelt aufbewahrt wurden. Durch Hülfe des Gottesdienstes endlich erhielt sich, wie sie auch war, mit der lateinischen Sprache ein schwaches Band, das einst zur Littcratur der Alten zurück - und von ihnen bessere Weisheit herleiten sollte. In solche Zeiten gehören Klostermaucrn, die auch den Pilgrim- men Sicherheit und Schutz, Bequemlichkeit, Kost und Aufenthalt gewahrten. Durch Reisen dieser Art sind die Länder zuerst friedlich verknüpfet worden: denn ein Pilgerstab schützte, wo kaum ein Schwert schützen konnte. Auch hat sich an ihnen die Kunde fremder Lander, sammt Sagen, Erzählungen, Romanen und Dichtungen in der rohesten Kindheit gebildet. Alles dies ist wahr und unläugbar; da vieles davon aber auch ohne den römischen Bischof geschehen konnte: so lasset uns sehen, was dessen geistliche Oberherrschaft eigentlich Europa für Nutzen gebracht habe? t. Die Bekehrung vieler heidnischen Völker. Aber wie wurden sic bekehret? Oft durch Feuer und Schwert, durch Vehmgerichte und ausrottende Kriege. Sage man nicht, daß der römische Bischof solche nicht veranstaltet habe; er genehmigte sie, genoß ihre Früchte, und ahmte, wenn er's thun. konnte, sie selbst nach. Daher jene Ketzergerichte, zu denen Psalmen gesungen wurden, jene bekehrenden Kreuzzüge, in deren Beute sich Papst und Fürsten , Orden, Prälaten, Domherrn und Priester heilten. Was nicht umkam, ward leibeigen gemacht und ist es großentheils noch j so hat sich das christ- / der Geschichte der Menschheit. 199 liche Europa gegründet; so wurden Königreiche gestiftet , und vom Papst gcweihet, ja späterhin das Kreuz Ehristi als Mordzeichen in alle Weltkheile ge'- tragen. Amerika raucht noch vom Blut seiner Er- schlagnen, und die in Europa zu Knechten gemachte Völker verwünschen noch ihre Bekehrer. Und ihr zahllosen Opfer der Inquisition im südlichen Frankreich , in Spanien und in andern Welttheilcn, eure Asche ist verflogen, eure Gebeine sind vermodert; aber die Geschichte der an euch verübten Gräuel bleibt eine ewige Anklägerin der in euch beleidigten Menschheit. 2. Man eignet der Hierarchie das Verdienst zu, die Völker Europa's zu einer Ehristen- Republik verbunden zu haben; worin hatte diese bestanden? Daß alle Nationen vor Einem Kreuz knieeten, und einerlcy Messe anhörtcn, wäre etwas, aber nicht viel. Daß in geistlichen Sachen sie alle von Rom aus regiert werden sollten, war ihnen selbst nicht ersprießlich: denn der Tribut, der dahin ging, und das unzählbare Heer von Mönchen und Geistlichen, Nuncien und Legaten drückte die Länder. Zwischen den Europäischen Mächten war damals weniger Friede als je; nebst andern Ursachen auch des falschen Staatssystcms halben, das eben der Papst in Europa festhielt. Der heidnischen Seeräubers» war durchs Ehrisienthum gewehret; mächtige Ehristen-Nationen aber rieben sich hart an einander, und jede derselben war innerlich voll Verwirrung, von einem geist - und weltlichen Naubgeist belebet. Eben diese Doppelherrschaft, ein päpstlicher Staat in allen Staaten, machte, daß kein Reich auf seine Prinzipien kommen konnte; an die man nur dachte, 200 Ideen zur Philosophie seitdem man von der Oberherrschaft des Papstes frey war. Als christliche Republik hat sich Europa also nur gegen die Ungläubigen gezeigt, und auch da selten zu seiner Ehre: denn kaum dem epischen Dichter sind die Kreuzzüge ruhmwürdige Thaten. 3 Es wird der Hierarchie zum Ruhm angerechnet, daß sie dem Despotismus der Fürsten und des Adels eine Gegenmacht gewesen und dem nicdern Stande cmporgc- holfen habe. So wahr dieses an sich ist: so muß cs dennoch mit großer Einschränkung gesagt werden. Der ursprünglichen Verkostung deutscher Volker war der Despotismus eigentlich so ganz zuwider. daß sich eher behaupten ließe, die Könige haben ihn von den Bischöfen gelernt, wenn diese Seelenkrankheit gelernt werden dürfte. Bischöfe nämlich brachten aus ihrer mißbrauchten Schrift, aus Rom und ihrem eigene» Stande morgenländische oder klösterliche Begriffe von blinder Unterwerfung unter den Willen des Oberherren in die Gesetze der Völker und in seine Erziehung; sie warcn's, die das Amt des Regenten zur tragen Würde machten und seine Person mit dem Salböl göttlicher Rechte zu Befugnissen des Eigendünkels weihten. Fast immer waren Geistliche die, deren sich die Könige zu Gründung ihrer despotischen Macht bedienten: wenn sic mit Geschenken und Vorzügen abgesunden waren, so durften andre wohl aufgeopfert werden. Denn überhaupt, waren es nicht die Bischöfe, die in Erweiterung ihrer Macht und Vorzüge den Laoenfürsten voran- ginqcn, oder ihnen eifersüchtig nachfolgtcn? heiügtcn nicht eben sie die widerrechtliche Beute? Der Papst endlich als Oberrichter der Könige, und der Despot brr Geschichte der Menschheit. 20c der Despoten entschied nach göttlichem Rechte. Er erlaubte zur Zeit der Karlingischen, Fränkischen und Schwäbischen Kaiser sich Anmaßungen, die ein Laye sich nur mit allgemeiner Mißbilligung hatte erlauben mögen, und das einzige Leben Kaiser Friedrichs des Zweyten aus dem Schwäbischen Hause, von seimr Minderjährigkeit an unter der Vormundschaft deS Nechtsgelehrtesten Papstes bis zu seinem und seines Enkels Konradins Tode, mag die Summe dessen sepn, was vom oberrichtlichen Amt der Papste über die Fürsten Europa's gesagt werden kann. Unvertilgbar klebt das Blut dieses Hauses am apostolischen Stuhle. Welch eine fürchterliche Höhe, Dberrichter der Christenheit zu fern über alle europäischen Könige und Lander! Gregor VII., wahrlich kein gemeiner Mann, Inneren; III., Bonifacius VIII. sind davon redende Bewrise. 4. Die großen Institute der Hierarchie in allen katholischen Landern sind unverkennbar ; und vielleicht wären die Wissenschaften langst verarmt, wenn sie nicht von den übergeblic- benen Brosamen dieftr alten Heiligen - Tafel noch spärlich ernähr! würden. Indessen hüte man sich auch hier vor Irrung am Geist voriger Zeiten. Keines Benediktiners Hauptabsicht war der 'Ackerbau, sondern die Mönchsandacht. Er hörte auf zu arbeiten , sobald er nicht mehr arbeiten durfte; und wie viele Summen von d.m, was er erwarb, gingen nach Rom, oder wohin sie nicht sollten! Auf die nützlichen Benediktiner sind eine Reihe andrer .Orden gefolgt, die zwar der Hierarchie zuträglich, dagegen aber Wissenschaften und Künsten, dem Staat und der Menschheit äußerst zur Last waren, vorzüglich 202 Ideen zur Philosophie die Bettelmönche. Alle sie, nebst den Nonnen jeder Art, (die Brüder und Schwestern der Barmherzigkeit vielleicht allein ausgenommen,) gehören einzig nur in jene harte, dunkle, barbarische Zeiten. Wer würde heut zu Tage ein Kloster nach der Regel Benedikts stiften, damit die Erde gcbauet, oder eine Domkirchc gründen, damit Jahrmarkt in ihr gehalten werde? Wer würde von Mönchen die Theorie des Handels, vom Bischöfe zu Nom das System der besten Staatswirthschaft, oder vom gewöhnlichen Scholaster eines Hochstifts die beste Einrichtung der Schulen lernen wollen ? Damals indessen war alles, was der Wissenschaft, Sittlichkeit, Ordnung und Milde auch nur in seinen Nebenzwecken diente, von unschätzbarem Werth. Daß man indcß die erzwungenen Gelübde der Enthaltsamkeit, des Müßigganges und der klösterlichen Armulh zu keiner Zeit und unter keiner Rcligions- parthey dahin rechne! Dem päpstlichen Stuhl waren sie zu seiner Oberherrschaft unentbehrlich: er mußte die Knechte der Kirche von der lebendigen Welt losrcißen, damit sie seinem Staat ganz lebten; der Menschheit aber waren sie nie angemessen, noch ersprießlich. Lasset Ehrlos bleiben, betteln und Psalmensingen, lasset sich geißeln und Rosenkränze beten, wer kann und mag; daß aber Zünfte dieser Art unter öffentlichem Schutz, ja unter dem Siegel der Heiligkeit und eines überströmenden Verdienstes, auf Kosten des geschäftigen, nützlichen Fleißes, eines ehrbaren Hauswesens, ja der Wünsche und Triebe unsrer Natur selbst, mit Vorzügen, Pfründen, und einem ewigen Einkommen begünstigt werden; wer ist, der dies zu loben, oder zu billigen vermöchte? oer Geschichte der Menschheit. uo3 Gregor den Siebenten kümmerten die Liebeseufzer der kranken Nonnen, die vcrstohlnen Wege der Ordensbrüder , die stummen und lauten Sünden der Geistlichen, die durch sie gekrankten Ehen, die ge- sammleten Güter der tobten Hand, der genährte Ehrgeiz des abgesonderten heiligen Standes und jede andre Verwirrung nicht, die daraus erwachsen mußte; im Buch der Geschichte aber liegen die Folgen davon klar am Tage. 5. Also wollen wir auch von den Wallfahrten heiliger Müßiggänger nicht viel rühmen; wo sie nicht auf eine versteckte Weise dem Handel oder der Kundschaft unmittelbar dienten, haben sic zur Lander- und Völkrrkenntniß nur sehr zufällig und unvollkommen beygetragen. Allerdings war eS eine große Bequemlichkeit, unter einem heiligen Pilgerkleide allenthalben Sicherheit, in wohlthätigen Klöstern Speise und Ruhe, Reisegefährten auf allen Wegen, und zuletzt im Schatten eines Tempels oder heiligen Haines den Trost und Ablaß zu finden, dessen man begehrte. Führet man aber den süßen Wahn zur ernsten Wahrheit zurück: so siehet man in heiligen Pilgerkleidern oft Missekhäter ziehen, die grobe Verbrechen durch eine leichte Wallfahrt versöhnen wollen, irre Andächtige, die Haus und Hof verlassen oder verschenken, die den ersten Pflichten ihres Standes oder der Menschheit entsagen, um nachher Lebenslang verdorbene Menschen, halbe Wahnsinnige, anmaßende oder ausschweifende Thoren zu bleiben. Das Leben der Pilger war selten ein heiliges Leben; und der Aufwand, den sie noch jetzt an den Hauptorten ihrer Wanderschaft einigen Königreichen kosten, ist ein wahrer Raub ihrer Lander. 2»4 Ideen zur Philosophie Ein Einziges schon, daß diese andächtige Krankheit, nach Jerusalem zu wallfahrten, unter andern auch die Kreuzzüqe hccvorgebracht, mehrere geistliche Orden veranlasset, und Europa elend entvölkert hat, Dies allein zeuget schon gegen dieselbe; und wenn Missionen sich hinter sic versteckten, so hatten diese gewiß kein reines Gute zum Endzweck. 6. Das Band endlich, dadurch alle römisch- katholische Lander unläugbar vereint wurden, die lateinische Mönchssprache, hatte auch manche Knoten. Nicht nur wurden die Muttersprachen der Völker, die Europa besaßen, und mit ihnen die Völker selbst in Rohheit crbalten; sondern es kam unter andern auch hiedurch insonderheit das Volk um seinen letzten Antheil an öffentlichen Verhandlungen , weil cS kein Latein konnte. Mit der Landessprache ward jedeSmal ein großer-Theil des Na- tionalcharakters aus den Geschäften der Nation verdrängt; wogegen sich mit der lateinischen Mönchssprache auch jener fromme Mönchsgeist cinschlich, der zu gelegener Zeit zu schmeicheln, zu erschleichen, wohl auch zu verfälschen wußte. Daß die Akten sämmt- licher Nationen Europa's, ihre Gesetze, Schlüffe, Vermächtnisse, Kauf- und Lehninstrumente, endlich auch die Landesgeschichte so viele Jahrhunderte hin, durch latem geschrieben wurden; dies konnte zwar der Geistlichkeit, als dem gelehrten Stande sehr nützlich, den Nationen selbst aber nicht anders als schädlich seyn. Nur durch die Kultur der vaterländischen Sprache kann sich ein Volk aus der Barbarey heben ; und Europa blieb auch dechalb so lange barbarisch, weil sich dem natürlichen Organ seiner Bewohner , fast ein Jahrtausend hin, eine fremde Sprache vordrang, ihnen selbst die Reste ihrer Denkmahlc nahm, und auf so lange Zeit einen vaterländischen Codex der Gesetze, eine eigenthümliche Verfassung und Nationalgeschichte ihnen ganz unmöglich machte. Die einzige Russische Geschichte ist auf Denkmahle in der Landessprache gebauct, eben weil ihr Staat der Hierarchie des römische» Papstes fremde geblieben war, dessen Gesandten Wladimir nicht annahm. In allen andern Landern Europa's hat die Mönchssprache alles verdrängt, was sie hat verdrängen mögen, und ist nur als eine Nothsprache, oder al-s der schmale Uebergang zu loben, auf welchem sich die Littcratur des Altcrthums für eine bessere Zeit retten konnte. Ungern habe ich diese Einschränkung des Lobes der mittleren Zeiten nicdcrgeschrieben. Ich fühle ganz den Werth, den viele Institute der Hierarchie noch für uns haben, sehe die Noth, in welcher sie damals errichtet wurden, und weile gern in der schauerlichen Dämmerung ihrer ehrwürdigen Anstalten und Gebäude. Als eine grobe Hülle der Ueberlieferung, die dem Sturm der Barbaren bestehen sollte, ist sie unschätzbar, und zeigt eben sowohl von Kraft als Ue- berlegung derer, die das Gute in sie legten; nur einen bleibenden positiven Werth für alle Zeiten mag sie sich schwerlich erwerben. Wenn die Frucht reif ,st, zerspringt die Schaale. 20.6 Ideen zur Philosophie Hl. ^ Weltliche Schirmvogteyen der Kirche. Ursprünglich waren die Könige Deutscher Stamme und Völker erwählte Feldherren, die Vorsteher der Nation, die obersten Richter. AlS Bischöfe sie salbten, wurden sie Könige nach göttlichem Recht, Schirmvögte der Kirche ihres Landes; als der Papst den römischen Kaiser krönte, bestellte er ihn gleichsam sich zum Koadjutor: Er die Sonne, der Kaiser der Mond, die übrigen Könige Gestirne am Himmel der christkacholischen Kirche. Dies System, das im Dunkel angelegt war, ging nur in der Dämmerung hervor, es ward aber sehr bald lautbar. Schon der Sohn Karls des Großen legte auf das Geheiß der Bischöfe seine Krone nieder, und wollte sie nicht anders , als auf ihr neues Geheiß, wieder annchmcn; unter seinen Nachfolgern ward der Vertrag mehrmals wiederholet, daß die Könige ihre geist- und weltlichen Stande in Geschäften der Kirche und des Staats als Mitgehülfen ansehcn sollten. Der falsche Zsidor endlich machte die Grundsätze allgemein, daß vermöge der Gewalt der Schlüssel der Papst berechtigt scy, Fürsten und Könige mit dem Bann zu belegen, und ihrer Regierung unfähig zu erklären. Insonderheit maßte der Papst sich viel Recht an über die römische Kaiser-Krone, und man gestund es ihm zu. Heinrich von Sachsen nannte sich nur einen König von Deutschland , bis ihn der Papst zur römischen Kaiserkrone einlud; Otto und seine Nachfolger bis zu Friedrich dem Aweyten empfingen sie von ihm, und glaubten damit einen Vorrang oder gar eine Art.Oberherrschaft über alle Könige der Christenheit empfangen zu haben. Sic, denen ihr Deutsches Reich zu verwalten oft schwer ward, empfanden es übel, wenn ohne ihre Beleihung dem griechischen Reiche etwas entnommen wurde; sie bekriegten die Heiden und setzten Bischöfe in derselben Ländern. Wie der Papst einen christlichen König in Ungarn schuf sioocr), so ward der erste christliche Fürst in Polen ein Lchnträger des Deutschen Reichs, und viele Kriege wurden fortan dieser Lehnabhangigkeit wegen geführct. Kaiser Heinrich II. empfing vom Papst den goldenen Reichsapfel als ein Sinnbild, daß ihm die Welk zugehöre; und Friedrich II. ward in den Bann gelhan, weil er den ihm aufgcdrungenen Kreuzzug aufschob. Ein Concilium entsetzte ihn: vom Papst ward der Kaiserthron ledig erklärt, und so tief herrmterge- bracht, daß ihn kein auswärtiger Fürst annchmen wollte. Die christliche Sonne hat also ihren Mond übel berathen : denn über der Schirmvogtep der (Christenheit kamen die Deutschen Kaiser zuletzt dahin, daß sie sich selbst nicht mehr zu beschirmen wußtan. Sie sollten umherzichcn , Reichs - und Gerichtstage halten, Lehne, Sceptcc und Kronen verleihen, wur ihnen der Papst es auftrug, indeß Ec an der Tiber saß, und die Welt durch Legaten, Bullen und Interdikte regierte^ Kein katholisches Reich ist in Europa, das nicht dieselben Begriffe von seinem Könige 21)3 Ideen zur -Philosophie als einem Schirmvogt der Kirche unter der Oberherrschaft deS Papstes gehabt harte; ja geraume Zeit war dies das allgemeine Staatscecht Europa's *). Alle innere Anstalten der Reiche konnten also nicht anders alS in diesem Begriffe sepn: denn die Kirche war nicht im Staat, sondern der Staat in der Kirche. r. Da allenthalben Geist - und Weltliche die Stände des Reichs waren, so mußten die wichtigsten Staats - Ritter- und Lchngcbräuche gleichsam mit dem Siegel der Kirche bezeichnet werden. An Festen hielten die Könige ihren großen Hof; in Tempeln geschah ihre Krönung: ihr Schwur war aufs Evangelium und die Reliquien, ihre Kleidung ein gewei- hetcr Schmuck, ihre Krone und ihr Schwert heilig. Sie selbst wurden ihrer Würde wegen als Diener der Kirche betrachtet, und genossen Vorzüge des geistlichen Standes. Mehr oder weniger waren alle feyerliche Staatshandlungcn mit Messe und Religion verbunden. Der erste Degen, den der Knappe bekam, war auf dem Altar gewcihet, und als mit der Zeit die Ritterwürde in die Feycrlichkeit eines Ordens *) Leibnitz hat in mehreren Schriften diese Idee berühret, und nahm sie bey Gelegenheit noch in sein historisches System auf. Putters Geschichte der Entwicklung der Deutschen Sraats- verfassung gibt einen feinen Leitfaden von ihr, den in älteren Zeiten alle Statisten über Vorzüge oder Ansprüche des Deutschen Reichs nach ibrer Weise geführt haben. der Geschichte der Menschheit. 209 Ordens trat, so waren ein Dritttheil derselben Religionsgebräuche. Andacht verband sich im Orden mit Ehre und Liebe: denn für die Christenheit, wie für die gekränkte Tugend und Unschuld das Schwert zu führen, war der angebliche Zweck aller Ritterorden. Langst waren Christus und die Apostel, die Mutter Gottes und andre Heilige, Schutzpatrone der Christenheit, aller Stande und Aemter, einzelner Zunsre, Kirchen, Abbteyen, Schlosser und Geschlechter gewesen; bald wurden ihre Bilder Heereszeichcn, Fahnen, Siegel; ihre Namen das Feldgeschre», die Losung. Man griff bey Verlesung des Evangelium ans Schwert, und ging zur Schlacht mit einem Kyrie Eleison. Alle Gebräuche in dieser Denkart bereiteten jene Kriege wider Ketzer, Heiden und Ungläubige dermaßen vor, daß zu rechter Zeit nur ein großer Aufruf mit heiligen Zeichen und Versprechungen erschallen durfte: so zog Europa gegen Sarace- nen, Albigenser, Slavcn, Preußen und Polen. Sogar der Ritter und Mönch konnten sich zur sonderbaren Gestalt geistlicher Ritterorden vereinigen: denn in einzelnen Fällen hatten Bischöfe, Aebbte, ja Päpste selbst den Bischofsstab mit dem Schwert verwechselt. Ein kurzes Beyspiel dieser Sitten gibt uns die eben erwähnte Stiftung des Königreichs Ungarn durch die Hand des Papstes. Lange hatten Kaiser und Reich gerathschlagct, wie die wilden, so oft geschlagenen Ungarn zur Ruhe zu bringen wären: die Taufe war dazu das einzige Mittel; und als dieses nach vieler Mühe gelang, da ein im Ehristenthum erzogener König, der heilige Stephan, selbst das Werk der Bekehrung trieb, da ward ihm eine apo- Philos. und Gesch. VI. Th. O Neen. bV. 2lc> Ideen zur Philosophie stolische Krone gesandt, (die wahrscheinlich ein Ava- rischer Raub war;) er empfing die heilige Lanze, (eine Ungarische Streitkolbe) und das Stephansschwert, gegen alle Weltseite» die Kirche zu schützen und zu verbreiten, den Reichsapfel, die bischöflichen Handschuhe, das Kreuz. Er ward zum Legat des Papstes erklärt, und versäumte nicht, in Rom ein Ehor- herrenstifr, zu Konstancinopel ein Mönchskloster, zu Ravenna und Jerusalem Hospitäler, Herbergen und Stifter anzulcgen, den Zug der Pilgrimme durch sein Land zu leiten, Priester, Bischöfe, Mönche aus Griechenland, Böhmen, Bayern, Sachs,», Oesterreich und Venedig kommen zu lassen, das Erzstift Gran sammt einer Reihe andrer Vischoftsshe und Klöster zu errichten, und die Bischöfe, die auch zu Felde ziehen mußten, als Stande seines Reichs ein- zuführen. Er gab ein Gesstz, dessen geistlicher Lhcil aus abendländischen, besonders fränkischen Knpitula- rcn und Mainzischcn Kirchcnschlüssen genommen war, und hinterlicß cs als Grundgesetz des neuen Ehri- stenrciches. Dies war der Geist der Zeiten; Ungarns ganze Verfassung, das Verhältnis und Schicksal seiner Bewohner ward darauf gegründet; und mit kleinen Veränderungen nach Ort und Zeiten war es in Polen, Neapel und Sicilien, in Dänemark und Schweden nicht anders. Alles schwamm im Meer der Kirche: Ein Bord des Schiffes war die Lchn- herrfehaft, das andre die bischöfliche Gewalt, König oder Kaiser das Segel, der Papst saß am Steuerruder und lenkte. 2. In allen Reichen war die Gerichts, barkeit crzkatholisch. Den Dekreten der Päpste und Kirchcnverfammlungen mußten Statuten und der Geschichte der Men schheit. 211 Sitten der Völker weichen; ja selbst noch als do.s römische Recht in Gang kam, ging das kanonische Recht ihm vor. Es ist nicht zu laugnen, daß durch alles dieses manche rode Scharfe den Völkern abgeriebcn worden sc» : denn indem die Religion sich lstiabliesi, selbst die gerichtlichen Zwei'kampfe zu weihen, oder durch GottesurchAle zu ersitzen, schrankte sie solche ein und brachte den Aberglauben wenigstens in eine unschädlichere Regel *). Acbble und Bischöfe waren die Gottes - und Friedensrichter auf Erden, Geistliche meistens Schreiber in Gerichten, die Verfasser der Gesetze, Ordnungen und Kapiru'are, oft auch in den wichtigsten Fallen Staatsgesandte. DaS gerichtliche Ansehen, das sie Key d>n nordischen Heiden gehabt balt.n, war auch ins Ehristeiithum übergcaan- gcn, bis sie erst spät durch die Dokrcren der Rechte »0» diesen Stüblen Verdränget wurden. Mönche und Beichtvater waren oft das Orakel der Fürst.n, und der heilige Bernhard ward in der bösen Sache der Kreuzzüge da- Orakel Europa's. 3 . Die wenige Arzne»kunst der Mittlern Zeiten, wenn sic nicht von Juden oder Arabern getrieben ward, war in dem G.wabrsam des Priesterstandes, daher sie auch wie Key den nordischen Hei- *) De» guten Einfluß der geistlichen Herrschaft zu Befriedigung der damals so unsriedlichcn Welt, so wie zum Anbau des Landes hat, meines Wissens, niemand kernvoller und pragmatischer gezeigt, als I 0 h a n n e s M n l l e r in seiner Schweizergcschichte. Diese Seite ist nie zu verkennen, wenn sie gleich nur Eine Seile ist. L 2 - - - , > - ^ , ! io . ^ Hl 212 Ideen zur Philosophie den mit Aberglauben durchwebt war. Der Teufel und das Kreuz, Heiligthümcr und Wortforincln spielten darin ihre große Rolle: denn die wahre Na- turkenntniß war bis auf wenige Traditionen verschwunden aus Europa. Dabcr so manche Krankheiten, die unter dem Namen des Aussatzes, der Pest, des schwarzen Todes, des St. Veitstanzes mit ansteckender Wulh ganze Lander durchzogen: niemand that ihnen Einhalt, weil niemand sie kannte, und die rechten Mittel dagegen anwandke. Un- reinlichkeit in Kleidern, Mangel des Lcinenzcuges, enge Wohnungen, selbst die vom Aberglauben benebelte Phantasie konnte sie nicht anders als befördern. Das wäre eine wahre Schirmvogtey gewesen, wenn ganz Europa unter dem Geheiß des Kaisers, des Papsts und der Kirche sich gegen den Einbruch solcher Seuchen, als wahrer TeufelSwcrke, vereinigt und weder Blattern, noch Pest und Aussatz in ihre Lander gelassen hatten; man ließ sie aber kommen, wüten und toben, bis das Gift sich selbst verzehrte. Die wenigen Anstalten, die inan dagegen machte, ist man indeß auch der Kirche schuldig; man trieb als Werk der Barmherzigkeit, was man als Kunst noch nicht zu treiben wußte *). *) Die Geschichte dir Blattern, der Pest, des Aussatzes n. f. ist aus de» Schriften mehrerer geschickten Aerzte bekannt, die auch Borschlage zu Ausrottung dieser -liebes gethan und zum Lheil bewirkt haben. In Möhsens Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg sind über die Arzneykunst und die Heilungsanstalren der Geschichte der Menschheit. 2i3 4. Die Wissenschaften waren nicht sowohl im Staat, als in der Kirche. Was diese wollte, ward gelehrt und allenfalls geschrieben: aus Mönchsschulen ging alles aus; eine Mönchsdenkart herrscht also auch in den wenigen Produkten des Geistes, die damals erschienen. Selbst die Geschichte ward nicht für den Staat, sondern für die Kirche geschrieben, weil außer den Geistlichen äußerst wenige lasen; daher auch die besten Schriftsteller des Mittelalters Spuren des Psaffenthums an sich tragen. Legenden und Romane, das Einzige, was der Witz der Menschen damals ersann, drchcten sich in einem engen Kreise: denn wenige Schriften der Alten waren in einigem Gebrauch; man konnte also wenig Ideen vergleichen und die Vorstellungsarten, die das damalige Christcnthum gab, waren im Grossen bald erschöpfet. Eine poetische Mythologie gewährte dies ohnedem nicht; einige Züge aus der alten Geschichte und Fabel von Rom und Troja mit den Begebenheiten näherer Zeitalter vermischt, webten den ganzen rohen Teppich der mittleren Dichtkunst. Auch als diese in die Volkssprache überzuge- hcn ansing, begann man von geistlichen Dingen, die auf eine seltsame Weise mit Helden- und Rit- terfabeln vermengt wurden. Uebrigens kümmerten weder Papst noch Kaiser * *) sich um die Literatur, mittlerer Zeiten gute Nachrichten und Bemerkungen zu finden. *) Die einzelnen Ausnahmen von dieser traurigen Wahrheit werden im folgenden Buch angedeutet 214 Ideen zur Philosophie als ein Mittel der Aufklärung betrachtet; die einzige Rechtswissenschaft ausgenommen, die bcvdcn in ihren Anmaßungen unentbehrlich ward. Ein Papst, wie Eerbert, der die Wissenschaften als Kenner liebte, war ein seltener Phonix; der Ballast der Klostcrwis- senschafkm fuhr im Schiff der Kirche. 5 . So hielt sich auch von den Künsten nur das Wenige fest, ohne welches Kirchen, Schlosser und Thürme nicht seyn konnten. Die sogenannte gothische Baukunst hangt mit dem Geist der Zeiten, mit der Religion und Lebensweise, mit dem Bedürfnis; und Klima ihrer Zeitgenossen dergestalt zusammen, daß sie sich völlig so eigcnthümlich und periodisch als das Pfaffen - und Nittcrthum, oder als die Hierarchie und Lehnberrschaft ausgebildet. Von kleinern Künsten erhielt und vervcllkommncte sich, was zum Waffenschmuck der Ritter, zum Putz und Gebrauch der Kirchen, Kastelle und Klöster gehörte; ihre Produkte waren eingelegte Arbeit und Schnitz- wcrk, gewählte Fenster und Buchstaben, Bilder der Heiligen, Teppiche, Religuienkastchen, Monstranzen, Becher und Kelche. Von diesen Dingen, die Kirchenmusik und das Jagdhorn nicht ausgenommen, sing in Europa die Wiedergeburt der Künste, wie so ganz anders als einst in Griechenland, an! * *) werden; hier ist nur vom Geist der Zeit die Rede. *) Eine Geschichte der Künste des mittleren Alters, insonderheit der sogenannten g 0- thischen Baukunst in ihren verschiednen der Geschichte der Menschheit. 21 5 6. Auch Gewerb und Handel bekamen von dem alles umfangenden Kirchen - und L.buwescit in Europa ihrun tiefeiugreifeudcn Umriß. Die edelste Schirmvoqtcy der Kaiser und Könige wars ohne Zweifel, daß sie der Gewalt des Raubes Städte, und dem Zoch des Leibeigentlmms Künstler und Gewerke entzo.un, daß sie den fteyen Fleiß und Handel durch Gerechtigkeiten, Zolifreyheit, den Marktfrieden und sichere Geleite beschützet und befördert, das barbarische Strandrccht zu vertilgen und andre drückende Lasten dem nützlichen Einwohner der Städte und des Landes zu entnehmen gesucht haben; wozu allerdings auch die Kirche ruhmwürdig beygctra- gen *). Der kühne Gedanke Friedrichs des Awcy- Perioden müßte ein lcsenswürdiges Werk seyn; eine Auswahl allgemein-merkwürdiger Abhandlungen aus der Brittischen Gesellschaft der Alterthümer dürfte als Vorarbei r dazu dienen. Fischers Geschichte des Deutschen Handels ist als eine Sammlung merkwürdiger Untersuchungen bereits angeführt; mit ihr und mehreren Schriften der neueren Zeit sammlet sich Stoff zu einer andern allgemeinen Geschichte der H andlung und Schi fffa h r t, als die (Breslau i? 5 h) erschienen ist, oder auch Anderson in seiner schätzbaren Geschichte des Handels liefern konnte. Eine Geschichte d e r K ü 11- ste, Handwerke, Zünfte, der Städte und des S t a d t r e ch t s der m i t t l e r e n Z e i» t e n wäre auch zu wünschen. 2 ',6 Ideen zur Philosophie ten indes, in seinen Städten alle Zünfte und Brüderschaften abzulchaffen, ging wie mehrere, die dieser rüstige Geist hatte, über sein Zeitalter hinaus. Noch waren verbündete Körper nökhig, Key denen wie im Ritter- und Klosterwesen Viele für Einen standen, und auch Key den geringsten Gewerken den Lehrling durch Dienstgrade so cmporführten, wie in seinem Orden der Klosterbruder und Kricgsmann emporstieg. Aehnliche Feycrlichkeitcn begleiteten dort wie hier jeden höheren Schritt, ja auch in den Handel ging der Geist der Gesellschaften und Gilden über. Die größesten Vereine desselben, die Hansa selbst, ist aus Brüderschaften der Kauflcutc entstanden, die zuerst wie Pilgrimme zogen; Noch und Gefahr zur See und zu Lande trieben die Verbindung höher und weiter, bis endlich unter der Schirmvogtcy der Europäischen Christenheit eine so weit verbreitete Handclsrepublik entstand, wie sonst keine in der Welt gewesen. Gleiche Zünfte wurden späterhin auch die Universitäten; gothische Einrichtungen, die zwar weder Morgenländer, noch Griechen und Römer gekannt hatten, die aber als Kloster- und Mitterinsiitute ihren Zeiten unentbehrlich und zu Festhaltung der Wissenschaften für alle Zeiten nützlich waren. Auch gründete sich im mittleren Alter ein eignes Atadtwesen, das von den Munici- pien der Römer sehr verschieden, auf Freyhcit und Sicherheit nach Deutschen Grundsätzen gcbauet war und wo cs irgend sepn konnte, Fleiß, Kunst und Nahrung hervorbrachte. Es trägt die Spuren seines bedrängten Ursprunges zwischen dem Adel, der Geistlichkeit und dem Fürsten allenthalben an sich, hat aber zur Kultur Europa's mächtig gcwirket. Kurz, der Geschichte der Menschheit. 217 weis unter dem gedruckten Gewölbe der Hierarchie, Lehnherrschaft und Schirmvogtey entstehen konnte, ,st entstanden; dem festen Gebäude gothischer Bauart schien nur Eins zu fehlen, Licht. Lasset uns sehen, auf wie sonderbaren Wegen ihm dieses zukam. IV. Reiche der Araber. ^ie Arabische Halbinsel ist Einer der ausgezeichneten Erdstriche, der, seiner Nation einen eignen- Charakter zu geben, von der Natur selbst bestimmt scheinet. Jene große Wüste zwischen Aegypten und Syrien, von Aleppo bis zum Euphrat gab wie eine südliche Tatarey dem Räuber- und Hirtenleben vorzüglich Raum, und ist von den ältesten Zeiten mit Stammen ziehender Araber besetzt gewesen. Die Lebensart dieses Volks, dem die Städte Kerker schienen , sein Stolz auf einen alten cingebohrnen Ursprung, auf seinen Gott, seine reiche und dichterische Sprache, sein edles Pferd, auf Schwert und Bogen in seiner Hand, nebst allem was cs sonst als Heiligthum zu besitzen glaubte; dies alles schien den Arabern eine Rolle vorzubercicen, die sie auch, da ihre Zeit kam, weit anders als jene nördlichen Tataren, in dreyen Welttheilen gespielet haben. 4 218 Ideen zur Philosophie Schon in den Zeiten der Unwissenbeit, wie sie ihre altere Geschichte nennen, hatten sic sich oberhalb ihrer Halbinsel Verbreiter, in Irak und Syrien kleine Reiche angelcget; Stamme von ihnen wohnten in Aegypten; die Abifmier stammten von ihnen her; die ganze Afrikanische Wüste schien ihr Erbtheil. Vom großen Asien war ibre Halbinsel durch die Wüste gctrennet, und damit den häufigen Zügen der Eroberer der Weg zu ihr versagt: sie blieben fre», und stolz auf ihre Abkunst, auf den Adel ihrer Geschlechter, auf ihre unbczwungene Tapferkeit , und ihre unvcrmischte Sprache. Dabey waren sie dem N ittelpunkt des süd - und östlichen Handels, michin der Kunde aller Nationen nahe, die diesen Handel trieben; an dem sie denn auch nach der glücklichen Lage ihres Landes selbst Antheil nehmen konnten und mußten. Frühe also entstand hier eine geistige Kultur, die am Altai oder Ural nicht entstehen konnte; die Sprache der Araber bildete sich zu einem Scharfsinn bildlicher Reden und Wcis- heitchrüche lange vorher, ehe sie solche zu schreiben wußten. Auf ihrem Sinai hatten die Ebraer ihr Gesetz empfangen und fast immer unter ihnen gewöhnet; sobald Christen entstanden und sich unter einander verfolgten, wandten sich auch Christliche Sekten zu ihnen. Wie anders also, als daß aus der Mischung Jüdischer, Christlicher und eigner Stammesideen unter einem solchen Volk, in einer solchen Sprache, zu rechter Zeit eine neue Blüthe erscheinen, und wenn sie hervortrat, von der Erdspitze zwischen drei, Weltthcilen, durch Handel, Kriege, Züge und Schriften die größestc Ausbreitung gewinnen mochte? Die duftende Staude des arabi- der Geschichte der Menschheit. 2iI schen Ruhms, aus so dürrem Boden entsprossen, ist also ein sehr natürliches Wunder, sobald nur der Mann erschien, der sie zur Blüthe zu bringen wußte. Im Anfänge des siebenten Jahrhunderts erschien dieser Mann, eine sonderbare Mischung alles dessen, was Nation, Stamm, Zeit und Gegend gewahren konnte, Kaufmann, Prophet, Redner, Dichter, Held und Gesetzgeber, alles nach arabischer Weise. Aus dem edelsten Stamm in Arabien, dem Bewahrer der reineste» Mundart und des alten Na- tionalheiliathums, der Kaaba, war Mahommed entsprossen *), ein Knabe von schöner Bildung, nicht reich, aber im Hause eines angesehenen Mannes erzogen. Schon in seiner Jugend genoß er die Ehre, >m Namen der ganzen Nation den heiligen schwarzen Stein wieder an seine Stelle zu legen; er kam in Umstande, die ihm bey seinen Handelsreisen eine frühe Kenntniß andrer Völker und Religionen, nachher auch ein anständiges Vermögen verschafften. Lobsprüche, die man ihm als einem außerordentlichen Jünglinge errheilt hatte, die Würde seines Stammes und Geschlechtes, sein eignes frühes Geschäft bey der Kaaba selbst, hatten sich ihm ohne Zweifel in die Außer Sale's Einleitung zum Koran, G a g- nier's Leben Mohammeds und andern Schriftstellern, die aus Arabischen Quellen geschöpft haben, giebt Brcquigni in seiner Abhandlung über Mohammed, die auch einzeln übersetzt ist, gute Aufschlüsse über seine Situation uird Sendung. 220 Ideen zur Philosophie Seele gegraben; die Eindrücke, die er vom Zustande der Christenheit empfanden hatte, fügcten sich dazu; der Berg Sinai, gekrönt mit hundert Sagen aus der alten Geschichte stand vor ihm; der Glaube an eine göttliche Begeisterung und Sendung war allen diesen Religionen gemein, der Denkart seines Volks einheimisch, seinem eignen Charakter schmeichelhaft; wahrscheinlich wirkte dies Alles, wahrend der fünfzehn Jahre, in welchen er ein anschauliches Leben führte, so tief auf seine Seele, daß er Sich, den Koreschitcn, Sich den ausgezeichneten Mann erwählt glaubte, die Religion seiner Vater in Lehren und Pflichten wiederherzustcllcn, und sich als einen Knecht Gottes zu offenbaren. Nicht etwa nur der Traum seiner himmlischen Reise; sein Leben und der Koran selbst zeige», wie glühend seine Phantasie gewesen, und daß es zum Wahn seines Propheten- bcruss keines künstlich abgercdcten Betruges bedurft habe. Nicht als ein aufbrausender Jüngling trat Mohammed auf, sondern im vierzigsten Jahr seines Alters; zuerst als Prophet seines Hauses, der sich nur wenigen offenbarte, in dreyen Jahren kaum sechs Anhänger gewann, und als er bey jenem berühmten Gastmak! Ali's vierzig Männern seines Stammes seinen Beruf kund that, fortan frevlich auch alles übernahm, was Widerspruch der Ungläubigen gegen einen Proph.ttn mit sich führet. Mit Recht zählen leine Anhänger ihre Jahre von seiner Flucht nach Patreb (Medina) (622); in Mekka wäre entweder sein Entwurf, oder er selbst vernichtet worden. Wenn also der Haß gegen Gräuel des Götzendienstes, die er in seinem Stamme sah, und auch der Geschichte der Menschheit. 221 im Ebristenthum zu sinken glaubte, nebst einer hohen Begeisterung für die Lehre von Einem Gott und die Weise, ihm durch Reinigkeit, Andacht und Gut- lhätigkcit zu dienen, der Grund seines Prophctcnbe- rufs gewesen zu seyn scheinen: so waren verderbte Traditionen des Juden - und Ehrisienthums, die poetische Denkart seiner Nation, die Mundart seines Stammes und seine persönlichen Gaben gleichsam die Fittige, die ihn über und außer sich selbst forttrugen. Sein Koran, dies sonderbare Gemisch von Dichtkunst, Beredsamkeit, Unwissenheit, Klugbcit und Anmaßung, ist ein Spiegel seiner Seele, der seine Gaben und Mangel, seine Neigungen und Febler, den Selbstbetrug, und die Nothbchelfc, mit denen er sich und andre täuschte, klarer als irgend ein andrer Koran eines Propbctcn zeiget. Bey veranlassenden Umstanden, oder wenn er aus einer beschauenden Entzückung zu sich kam, sagte er ihn in einzelnen Stücken her, ohne dabe» an ein schriftliches Erstem zu denken; es waren Ergießungen seiner Phantasie, oder ermunternde, strafende Prophctenreden, die er zu andrer Zeit als etwas, das über seine Kräfte ging, als eine göttliche, ihm nur verliehene Gabe selbst anstaunte. Daher forderte er, wie alle mit sich getäuschte starke Gcmüther, Glauben, den er zuletzt auch von seincn bittersten Feinden zu erpressen wußte. Kaum war er Herr von Arabien, so sandte er schon an alle benachbarte Reiche, Persien, Aethiopien, Pemcn, ja den griechischen Kaiser selbst, Apostel seiner Lehre, weil er diese, so national sie war, als die Religion aller Völker ansah. Die harten Worte, die ihm bey der Rückkunft dieser Gesandten, als er die Weigerung der Könige hörte, entfielen, nebst jener berühm- 22L Ideen zur Philosophie te» Stelle des Korans im Kapitel der Buße *), waren seinen Nachfolgern Grundes genug, das auszuführen, was dem Propheten selbst sein früher Tod untersagte, die Bekehrung der Völker. Leider ging ihnen auch hierin das Ehristcnthum vor, das unter allen Religionen zuerst seinen Glauben, als die noth- wcndige Bedingung zur Seligkeit, fremden Völkern ausdrang; nur der Araber bekehrte nicht durch Schleichhandel, Weiber und 'Mönche, sondern wie es dem Mann der Wüste geziemee, mit dem Schwert in der Hand und mit der federnden Stimme: „Tribut oder Glaube! " Wie der brennende Wind aus der Wüste, verbreitete sich nach Mohammeds Tode der Krieg über Babel, Syrien, Persien, Aegypten. Die Araber gingen zur Schlacht wie zum Dienst Gottes, mit Sprüchen aus dem Koran und mit Hoffnungen des Paradieses bewaffnet; euich fehlte es ihnen nicht an persönlicher Lugend. Denn wie die ersten Khaiisen aus dem Hause Mohammeds, (ihren blinden Eifer ausgeschlossen,) gerechte, mäßige, vorzügliche Männer waren: so wurden auch die Heere von tapfern, klugen Feldherren angeführt, wie Khalcd, Amru, Abu-Obeidah und viele andre waren. Sie fanden *) „Streitet wider die, die weder an Gott, noch an „den Tag des Gerichts glauben, und das nicht „für sträflich halten, was Gott und sein Apostel „verboten hat. Auch wider Juden und Christen „streitet so lange, bis sie sich bequemen, Tribut „zu bezahlen und sich zu unterwerfen. der Geschichte der Menschheit. 223 die Reiche der Perser und Griechen so schlecht bestellt, die Sekten der Christen gegen einander so feindlich, Untreue, Wollust, Eigennutz, Verrathercy, Pracht, Stolz, Grausamkeit und Unterdrückung allenrhalben so herrschend, daß man in der schrecklichen Geschichte dieser Kriege die Fabel von einer Lowenhecrde zu lesen glaubt, die in die Hürden der Schaafe und Bocke, in Mepereyen voll fetter Rinder, prächtiger Pfauen und wehrloser Hammel einbricht. Ein verächtliches Menschengeschlecht waren dem größestcn Thcil nach diese entarteten Volker, werth fortan auf Eseln zu reiten, Mil sie Kriegsroffe zu bändiaen nicht verstanden; unwerth des Kreuzes auf ihren Kirch.n, - .il sie es nicht zu beschützen vermochten. Wie manche Herrlichkeit der Patriarchen, Priester und Mönche ging in diesen weiten reichen Gegenden jetzt auf Einmal zu Grabe! Damit gingen zugleich, wie durch ein Erdbeben, die Reste jener alten griechischen Kultur und Romer- hoheit zu Grunde, die auch das Ehristen'.h.un nicht hatte vertilgen mögen. Die ältesten Städte der Welt und in ihnen unsägliche Schatze sielen in die Hände tapferer Räuber, die im Anfänge kaum Geldes Werth kannten. Vor allem ist das Schicksal zu beklagen, das die Denkmahle der Wissenschaften traf. Johann der Grammatiker erbat sich die Bibliothek zu Alexandrien , an welche Amru der Uebcrwindcr nicht einmal dachte; (was wollte der Thor mit dem Geschenke?) der Khalif Dinar ward gefragt, und antwortete in jenem berühmten Vernunstschluß, der immerhin der Khalifen - Vernunftschluß genannt zu werden verdie- Ideen zur Philosophie 224 net *); und die Bücher wurden vertilget. Ucber tausend warme Bader wurden sechs Monate lang damit erhitzt; und so gingen die köstlichsten Gedanken, die unentbehrlichsten Nachrichten, die mühsamsten Lehrgebäude der alten Welt, mit allem was davon in Jahrtausenden abhing, durch die thörichte Bitte eines Grammatikers und durch die fromme Einfalt eines Khalifen verkehren. Gern hatten die Araber diesen Schatz wiedergchabt, als sie hundert Jahre später ihn zu schätzen wußten. Fast vom Tode Mohammeds an thatcn sich Zwistigkeiten hervor, die nach dem Tode Osmanns, des dritten Khaliss, den Eroberungen der Araber bald hatten Einhalt thun können, wenn nicht der lange verdrängte, tapfre, redliche Ali und sein Sohn Hasan dem Hause der Ommiyadcn Platz gemacht hätten. Mit Moawiyah trat dies jetzt auf den Ho- hepriesterstuhl, auf dem es sich neunzig Jahr erblich erhalten ( 66 r — 750). Damaskus ward der Sitz der Khalifen; die Araber wurden bald eine Sce- mackt und unter der erblichen Regierung kam statt der vorigen Einfalt Pracht an ihren Hof. Zwar rückte in Syrien, Mesopotamien, Kleinasicn und Afrika die Eroberung noch fort: mehr als Einmal belagerte *) „Was in den Büchern, deren du gedenkst, enthalten ist, ist entweder dem gemäß, was im Bu- „che Gottes, dem Koran auch stehet, oder es ist „solchem zuwider. Wenn es demselben gemäß „ist, so ist der Koran ohne sie zulänglich; wo „nicht, so ist es billig, daß die Bücher vertilget „werden. " der Geschichte der Menschheit. 325 belagerte man, obwohl vergebens, Konstantinopel: unter Al Walid ward Turkcstan eingenommen, ja man drang bis in Indien ein: Tarik und Musa eroberten Spanien mit unmäßigem Glücke und der letzte hatte den ungeheuren Plan, durch Frankreich, Deutschland, Ungarn, über Konstantinopel hin ein größeres Reich zu stiften, als die Römer in vielen Jahrhunderten zusammengebracht hatten. Wie sehr ward aber dieser Plan vereitelt! Alle Einbrüche der Araber in Frankreich mißlangen; sie verlohcen selbst in Spanien bey niegestilletem Aufruhr Eine Provinz nach der andern. Für Konstantinopel war die Zeit der Eroberung noch lange nicht da; vielmehr regten sich unter einigen Dmmijaden schon Türkische Völker, um einst Ucberwinder der Araber selbst zu werden. Ueberhaupt war der erste reißende Strom ihres Kriegsglückes mit den dreyßig Jahren ihres ersten Enthusiasmus, da das Haus Mohammeds auf dem Stuhl saß, vorüber (632 — 66r); unter den erblichen Dmmijaden ging die Eroberung bey vielen in- nern Trennungen nur mit langsamer», oft eingchalte- nen Schritten fort. Das Haus der Abbasiten folgte (760 — 1253 ), die ihren Sitz sogleich von Damaskus entfernten, und deren zweytcr Khalif Al-Mansur im Mittelpunkt seiner Staaten Bagdad sich zur Residenz erbaute. Jetzt war der Hof der Khalifen im größesten Glanz; auch Wissenschaften und Künste kamen an denselben, in Betracht welcher die Namen Al-Raschid und Al- Mamon immer berühmt fern werden; indessen wars nicht etwa nur um fernere Eroberungen, sondern um den Zusammenhalt der Monarchie selbst unter diesem Stamme geschehen. Schon unter dem zwcyten Abba- Philos. und Wesch. VI. LH. P IV, 226 Ideen zur Philosophie siden, Al-Mansur, stiftete Abderahman, der verdrängte Dmmijade, ein besondres, unabhängiges Khalifat in Spanien (766 — ic,23), das feist 3oo Jahre gedauert Kat, nachher in zehn Königreiche zerfiel, die unter mehreren arabischen Stämmen auf einige Zeit Theilweise unter sich, mit dem Khalifat zu Bagdads aber nie mehr vereinigt wurden. An der Westküste der Afrikanischen Barbarey (Mogreb) rissen die Edrisier, ein Zweig der Nachkommen Ali's, ein Reich ab (788), wo sie den Grund zur Stadt Fetz legten (789). Unter Haron Al-Raschid machte sich sein Statthalter in Afrika zu Kairwan (Eyrcne) unabhängig (8»o — 908): der Sohn desselben eroberte Si- cilien: seine Nachfolger, die Aglabiten, verlegten ihre Residenz nach Tunis (894), wo sie die große Wasserleitung angelegt hatten; ihr Reich dauerte über hundert Jahre. In Aegypten waren die Bestrebungen der Statthalter nach Unabhängigkeit Anfangs unsicher, bis ein Stamm der Fatimiten die Edrisier und Aglabiten verschlang, und ein drittes Khalifat gründete, das von Fetz über Tunis, Sicilien, Aegypten bis nach Asien reichte (908). Jetzt waren also drey Khalifate, zu Bagdad, Kahirah und Eor- dova. Doch auch das Reich der Fatimiten ging unter: Kurden und Zeiriten theilten sich in dasselbe, und der tapfre Saladin (Sclah-cddin) Groß-Wessir des Khalifcn, entsetzte seinen Herrn (1701) und gründete das Reich der Kurden in Aegypten, das nachher in die Hände der Leibgarde (Mamluken, Sklaven) fiel (1260 — 1617), denen es die Ds- mannen endlich abjagten. So gings in allen Provinzen. In Afrika spielten Zeiriten, Morabethcn, Muahedier; in Arabien, Persien, Syrien Dyna- der Geschichte der Menschheit. 227 stien aus allen Stammen und Völkern ihre Rollen, bis die Türken (Seldschucken, Kurden, Arabeck,n, Turkmannen, Mamlucken u. s.) alles inne hatten (12Z8), und Bagdad selbst im Sturm an die Mongolen überging. Lct Sohn des letzten Khaliftn zu Bagdad fleh nach Aegypten, wo ihm die Mamluk- ken seinen leeren Khalifcntitel ließen (017), bis beider Eroberung des Landes durch dw Dsmanncn der achtzehnte dieser entthronten Fürsten Nach Kcnstanti- Nopcl geführt, aber nach Aegypten zurückgesandk ward, um daselbst die ganze Reihe dieser arabischen Kaiserpäpste aufs traurigste zu enden (i 538 st Das glanzende Reich der Araber bat sich in das Tückische, Persische, Mongolische Reich vcrlobreN; Thcile davon kamen unter die Herrschaft der Christen, oder wurden unabhängig; und so lebt der größeste Thcil sei- üer Völker noch sott in ewigen Revolutionen. Die Ursachen sowohl des schnellen Verfalls die- ftr ungeheuren Monarchie, als der Revolutionen, die sie Unaufhörlich zerrissen und stürzten, lagen in der Sache selbst, im Ursprünge und in der Verfassung des Reiches. t. Durch Tugenden des Enthusiasmus war die arabische Macht entstanden; nUt durch eben diese Tugenden konnte sie erhalten werden, durch Tapferkeit naMlich und Treue gegen das Ge-- sch, durch Tugenden der Wüste. Waren ihre Khaliftn in Mekka, Knfa oder Medina Key der harten Lebensart ihrer vier ersten großen Vorfahren ge- P 2 V 228 Ideen zur Phi losop Hinblicken , und hätten das Zaubermittel in Händen gehabt, alle Statthalter und Feldherren mit eben diesen strengen Banden an ihren Beruf zu fesseln: welche Macht halte diesem Volk schaden mögen? Nun aber, da der Besitz so vieler schönen Lander Key einem weitverbreiteten Handel, Rcichthum, Pracht und Ueppigkeit einführte, und der erbliche Thron der Khalifen in Damaskus, noch mehr aber in Bagdad einen Glan; bekam, als ob man ein Mährchen der tausend und eine Nacht läse; so wiederholte sich auch hier die tausendmal auf der Erde gespielte Srene, nämlich, daß Ueppigkeit Erschlaffung hcrvorbringe, und am Ende dem rohen Starken der verfemte Schwache unterliege. Der erste Abbaside nahm einen Groß - Wessir an , dessen Ansehen unter seinen Nachfolgern zur gefürchteten Gewalt eines Emirs al- Omrah, (des Emirs der Emire) ward, und den Khalifen selbst desxotisirte. Da die meisten dieser Wessire Türken waren, und dies Volk die Leibwache des Khalifen ausmachte: so saß im Herzen der Monarchie das Ucbel, das bald den ganzen Körper überwältigen konnte. Die Lander der Araber lagen längs der Erdhöhe, auf welcher diese streitbaren Völker, Kurden, Türken, Mongolen, Berbern wie Raubthicre wachten, und da sie qroßentheils selbst unwillig unter der Herrschaft der Araber standen, ihrer Rache zu rechter Zeit nicht verfehlten. Hier geschah also, was dem römischen Reich geschah; aus Wessicen und Söldnern wurden Gebieter und Despoten. 2. Daß bey den Arabern dieRevolu- tion schneller, als bey den Römern geschah, entsprang aus de r Verfass ungih- rcs Reiches. Diese war khalisisch, das ist, im der Geschichte der Menschheit. 229 höchsten Grade despotisch: Papst nnd Kaiser waren im Khalifen auf die strengste Weise verbunden. Das unbedingte Schicksal, an welches man glaubte, das Wort des Propheten, das im Koran Gehorsam aebot, fodcrte auch Ergebung ins Wort seines Nachfolgers, ins Worc der Statthalter desselben; mithin ging dieser Scelen- Dcspotismus in die Verwaltung des ganzen Reichs über. Wie leicht war nun, zumal in den entfernten Provinzen des weitverbreiteten Reichs, der Ucbergang vom Despotismus in eines andern, zur Allgewalt in eigenem Namen! Daher fast allenthalben die Statthalter eigenmächtige Herren wurden, und die feinste Regierungskunst der Khalifen nur darin bestand, ihre Statthalter geschickt zu vertheilen, abzurufen, oder zu verwechseln. Als Mamun z. B. feinem tapfern Feldherrn Taher in Ehorafan zu viel Gewalt cinraumte, ssab er ihm damit die Zügel der Selbstherrschaft in die Hand; die Lander jenfeit des Gihon wurden vom Stühs des Khalifen getrennt und den Türken der Weg ins Innere des Reichs gebahnct. So gings in allen Statthalterschaften, bis das weite Reich einem Sunde los- gerissener Inseln glich, die kaum noch durch Sprache und Religion zufammcnhingen, in sich selbst aber und gegen andre in höchster Unruhe waren. Sieben bis achthundert Jahre wechselten diese Jnsclreiche mit oft veränderten Grenzen, bis die meisten, nie aber alle, unter die Gewalt der Osmannen kamen. Das Reich der Araber hatte keine Konstitution; das größcste Unglück für den Despoten sowohl, als für seine Sklaven. Die Konstitution mohammedanischer Reiche ist Ergebung in den Willen Gottes und seiner Statthalter, Islamis m u s. 3. Die Regierung des arabischen pZc, Ideen zur Philosophie Reichswar an Einem Stamm, eigentlich auch nur an Ein Geschlecht dieses Stammes, die Familie Mohammeds g e- kn ü pfc t; und da gleich Anfangs der rechtmäßige Erbe Ali übergangen, lange vom Khalifat zurückge- haltcn, und mit seinem Geschlecht schnell davon verdränget wurde: so entstand nicht nur die ungeheure Trennung zwischen Omnsijaden und Aliden, die nach einem vollen Jahrtausende mit aller Bitterkeit eines Religionsbasses zwischen Türken und Persern noch jetzt forchauret; sondern auch an jenen blutigen Empörungen fast in allen Provinzen hakten bald Ommijaden bald Aliden Theil. In entfernten Ländern standen Betrüger auf, die sich qls Mohammeds Verwandte durch Scheinhciligkeit oder mit dem Schwert in der Hand den Völkern aufdrangen; ja da Mohammed als Prophet das Reich gegründet hatte, so wagte es hier dieser, dort jener Begeisterte, wie Er, im Namen Gottes zu reden. Schon der Prophet selbst hatte davon Beyspielc erlebet; Afrika und Aegypten aber waren der eigentliche Schauplatz solcher Verrückten und Betrüger *), Man sollte die Gräuel der Schwärmerei, und blinden Leichtgläubigkeit in der Religion Mohammeds erschöpft glauben, wenn man sie leider nicht auch in andern Religionen wiedcrkommen sähe; der Despotismus des Alt en v o m D e r g e indeß ist nirgend über- trofftn worden. Dieser König eines eignen Staats geübter, ja gebohrner Meuchelmörder durste zu jedem seiner Untcrlhanen sprechen: „gehe hin und morde!" Dieser thacs, wenn auch mit Verlust seines Lebens; und Jahrhunderte lang hat sich der Assassinen-Skaat erhalten. *)Schlörzers Geschichte von Nordafrika, CardoN? n e Geschichte der Araber in Afrika und Spanien, u, a. der G kschichte der Menschheit. 23 i V. Wirkung der Arabischen Reiche. ^)chnell, wie die Ausbreitung und Zerthcilung des Khalifenreichs, war auch die Blürhe desselben, zu welcher auf einem kalter» Boden ein Jahrtausend vielleicht kaum hinreichend gewesen wäre. Die wärmere Naturkraft, mit welcher das morgenländische Gewächs zur Blüthe eilet, zeigt sich auch in der Geschichte dieses Volkes. r. Das ungeheure Reich des Handels der Araber war eine Wirkung auf die Welt, die nicht nur aus der Lage ihrer Lander, sondern auch aus ihrem Nationalcharakter hervorging, also auch ihre Besitzthümcr überlebt hat, und Eines Theils noch jetzo dauert. Der Stamm Koreisch, aus welchem Mohammed entsprossen war, ja der Prophet selbst waren Geleiter ziehender Karavancn, und das heilige Mekka von Alters her der Mittelpunkt eines großen Volker-Verkehrs gewesen. Der Meerbusen zwischen Arabien und Persien, der Euphrat und die Hafen am rochen Meer waren bekannte Straßen oder Niederlagen der Indischen Waaren von alten Zeiten: daher vieles Arabisch hieß, was aus Indien kam und Arabien selbst Indien genannt ward. Früb« hatte dies thatige Volk mit seinen Stammen die östliche afrikanische Küste besetzt, und war unter den Römern schon ein Werkzeug des indischen Handels 2.3L Ideen zur Philosophie gewesen. Da nun der weite Strich Landes zwischen dem Euphrat und Nil, ja vom Indus, Ganges und Leus bis zum atlantischen Meer, den Pyrenäen, dem Niger und in Kolonien bis zum Lande der Raffern hin sein war: so konnte es auf eine Zeit daS größestc Handclsvolk der Welt werden. Dadurch litt Konstantinope!, und Alexandrien ward zum Dorfe ( 636 .); dagegen hatte Omar am Zusammenfluß des Tigris und Euphrats Balsora gebauct, die eine Zeit hin alle Maaren der östlichen Welt empfing und vcr- theilte. Unter den Ommijaden war Damaskus die Residenz; eine alte große Handclsniederlagc, ein natürlicher Mittelpunkt der Kacavanen in seiner paradiesischen Lage, ein Mittelpunkt des Reichlhums und Kunstflcißes. Schon unter Moawija wurde in Afrika die Stadt Kairwan (670), späterhin Kahira gebauct (969.), dahin sich dann über Suez der Handel der Welt zog *). Im inncrn Afrika hatten sich die Araber des Gold- und Gummihandels bemächtigt, die Goldberqwerke von Sofala entdeckt, die Staaten Tombut, Tclmasen, Darah gegründet, an der östlichen Küste ansehnliche Kolonien und Handelsstädte, ja Anlagen bis in Madagascar gepflanzet. Seitdem unter Walid Indien bis zum Ganges und Turkestan erobert war, band sich mit der westlichen die äußerste Ostwelt; nach Tsina hatten sie frühe, theils in Karawanen, theils nach Kanfu (Canton) über das Meer *) Siehe Sprengels Geschichte der Entdeckung, wo in jedem Abschnitt mit wenigem viel gesagt ist; und die schon angeführten Geschichten des Handels. der Geschichte der Menschheit. 233 gehandelt. Aus diesem Reiche brachten sie den Branntwein, den die von ihnen zuerst bearbeitete Chemie nachher so ungeheuer vermehrte; zum Glück für Europa verbreitete er sich nebst dem schädlichen Thee und dem Kaffee, einem arabischen Getränke, in unserm Welttheil einige Jahrhunderte spater. Auch die Kenntniß des Porzellans, vielleicht auch des Schießpulvers kam aus Tsina durch sic nach Europa. Auf der Küste von Malabar waren sie herrschend: sie besuchten die maldivischen Inseln, machten Niederlagen auf Malakka, und lehrten die Malaycn schreiben. Späterhin hatten sie auch auf die Molukken Kolonien und ihre Religion gepflanzet, so daß vor Ankunft der Portugiesen in diesen Gewässern der ostindische Handel ganz in ihren Händen war, und obne Zwischenkunft der Europäer süd - und östlich von ihnen wäre verfolgt worden. Eben die Kriege mit ihnen und der christliche Eifer, sic auch in Afrika zu finden, leitete die Portugiesen zu jenen großen Entdeckungen auf der See, die dem ganzen Europa eine andre Gestalt gaben. 2 . Religion und Sprache der Araber machten eine andre große Wirkung auf Völker dreyer Welltheile. Indem sic nämlich bcy ihren weiten Eroberungen allenthalben den Jslamismus oder tributbare Unterwerfung predigten, breitete sich Mohammeds Religion östlich bis zum Indus und Gihon, westlich bis gen Fetz und Marokko, nördlich über den Kaukasus und Jmaus, südlich bis zum Senegal und zum Lande der Kaffern, auf die bepden Halbinseln und den vstindischen Archipelagus aus, und hat sich zahlreichere Anhänger als das Ehristcnthum selbst erobert. Nun ist in Absicht der Meynungen, die Ideen zur Philosophie 2Z4 diese Religion lehret, nicht zu läugnen, daß sie die heidnischen Völker, die sich zu ihr bekannten, über den groben Götzendienst der Naturwescn, der himmlischen Gestirne und irdischer Menschen erhoben, und- sie zu eifrigen Anbetern Eines Gottes, des Schöpfers, Regierers und Richters der Welt, mit täglicher Andacht, mit Werken der Barmherzigkeit, Reinheit des Körpers und Ergebung in seinen Willen gemacht hat. Durch das Verbot des Weines hat sie der Völlcrey und dem Zank zuvorkommen, durch das Verbot unreiner Speisen Gesundheit und Mäßigkeit befördern wollen; desgleichen hat sie den Wucher, das gewinnsüchtige Spiel, auch mancherley Aberglauben untersagt, und mehrere Völker aus einem rohen oder verdorbenen Zustande auf einen Mittlern Grad der Kultur gehoben; daher auch der Moslem (Muselmann) den Pöbel der Christen in seinen groben Ausschweifungen, insonderheit in seiner unreinen Lebensweise tief verachtet. Die Religion Mohammeds prägt den Menschen eine Ruhe der Seele, eine Einheit des Charakters auf, die freylich eben so gefährlich als nützlich seyn kann, an sich aber schätzbar und hochachtenswürdig bleibet; dagegen die Vielweiberei), die sie erlaubet, das Verbot aller Untersuchungen über den Koran, und der Despotismus, den sie im Geist- und Weltlichen feststellt, schwerlich anders als böse Folgen nach sich ziehen mögen *). Wie aber auch diese Religion sey, so ward sie durch eine Sprache fortgepflanzt, die die reinste ) In Michaelis Orientalischer Bibliothek LH. 8. S. 38. u. f. sind hierüber gute Bemerkungen. der Geschichte der Menschheit. sAH 'Mundart Arabiens, der Stolz und die Freude des ganzen Volks war; kein Wunder also, daß die andern Dialekte damit in den Schatten gedrängt wurden , und di? Sprache des Koran das siegende Panier der arabischen Weltherrschaft ward. Vortheil- haft ist einer weitverbreiteten blühenden Nation ein solches gemeinschaftliches Ziel der Rede- und Schreibart. Wenn die germanischen Ueberwinder Eucopa's ein klassisches Buch ihrer Sprache, wie die Araber den Koran gehabt hatten; nie wäre die lateinische eine Oberherrjn ihrer Sprache geworden, auch hatten sich viele ihrer Stamme nicht so ganz in der Irre verloren. Nun aber konnte diesen weder Ulsila noch Kacdmon oder Ottfried werden, was Mohammeds Koran noch jetzt allen seinen Anhängern ist, ein Unterpfand ihrer alten achten Mundart, durch welches sie zu den ächtesten Denkmahlcn ihres Stammes aufsteigen , und auf der ganzen Erde ein Volk bleiben. Den Arabern galt ihre Sprache als ihr edelstes Erb- theil, und noch jetzt knüpft sie in mehreren Dialekten ein Band des Verkehrs und Handels zwischen so Vielen Völkern der Ost- und Südwelt, als nie eine andre Sprache geknüpft hat. Nach der griechischen ist sie vielleicht auch am meisten dieser Allgemeinherrschast würdig, da wenigstens die UnAua kranca jener Gegenden gegen sie als ein dürftiger Bcttlermantel erscheinet. 3. In dieser reichen und schönen Sprache bildeten sich Wissenschaften aus, die seitdem Al- Mansor, Harun Al-Raschid und Mamon sie weckten, von Bagdad, dem Sitz der Abbasiden nord-öst - am meisten aber westlich ausgingen und geraume Zeih im weiten Reich der Araber blühten. Eine Rcihe 336 Ideen zur Philosophie Städte, Balsora, Kufa, Samarkand, Rosette, Ka- ksira, Tunis, Fetz, Marokko, Cordova u. f. waren berühmte Schulen, deren Wissenschaften sich auch den Persern, Indiern, einigen tatarischen Landern, ja gar den Sinesen mitgetheilt haben und bis auf die Maleyen hinab das Mittel worden sind, wodurch Asien und Afrika zu einiger neueren Kultur gelangte. Dichtkunst und Philosophie, Geographie und Geschichte, Grammatik, Mathematik, Chemie, Arzncy- kunde, sind von den Arabern getrieben worden, und in den meisten derselben haben sic als Erfinder und Verbreiter, mithin als wohlthatige Eroberer auf den Geist der Volker gewirket. Die Dichtkunst war ihr altes Erbthcil, eine Tochter nicht der Khalifengunst, sondern der Frcy- heit. Lange vor Mohammed hatte sie geblühct: denn der Geist der Nation war poetisch, und tausend Dinge erweckten diesen Geist. Ihr Land, ihre Lebensweise, ibre Wallfahrten nach Mekka, die dichterischen Wettkampfe zu Okhad, die Ehre, die ein neuaufstchen- der Dichter von seinem Stamme erhielt, der Stolz der Nation auf ihre Sprache, auf ihre Sagen, ihre Neigung zu Abenteurern, zur Liebe, zum Ruhm; selbst ibre Einsamkeit, ihre Rachsucht, ihr wanderndes Leben, alles dies munterte sic zur Poesie auf, und ihre Muse hat sich durch prächtige Bilder, durch stolze und große Empfindungen, durch scharfsinnige Sprüche, und etwas Unermeßliches im Lobe und Tadel ihrer besungenen Gegenstände ausgezeichnet. Wie abgerissene, gen Himmel strebende Felsen stehen ihre Gesinnungen da; der schweigende Araber spricht mit der Flamme des Worts wie mit dem Blitz feines Schwertes, mit Pfeilen des Scharfsinns, wie der Geschichte der Menschheit. 2^7 seines Kochers und Bogens. Sein Pegasus ist sein edles Roß, oft unansehnlich, aber verständig, treu und unermüdlich. Die Poesie der Perser dagegen, die, wie ihre Sprache, von der arabischen abstammet, hat sich, dem Lande und Charakter der Nation gemäß, wollüstiger, sanfter, und fröhliches zu einer Tochter des irdischen Paradieses gebildet. Und obwohl keine von beyden die griechischen Kunstformen der Epvpee, Ode, Idylle, am mindesten des Drama kennet, keine von beyden auch, nachdem sie diese kennen gelernt, solche hat nachahmcn wollen oder dürfen : so hat sich doch eben deshalb die eigne Dich- tergabe der Perser und Araber nur desto kenntlicher ausgcbildct und verschonet. Kein Volk kann sich rühmen, so viele leidenschaftliche Beförderer der Poesie gehabt zu haben, als diö Araber in i^rcn schönen Zeiten; in Asien breiteten sie diese Leidenschaft selbst auf tatarische, in Spanien auf christliche Fürsten und Edle aus. Die eiswaia der Limos,irischen oder Provenzal-Dichtkunst ist diesen von ihren Feinden , den nachbarlichen Arabern, gleichsam aufgedrungen und aufgcsungm worden; und so bekam allmählich, aber sehr rauh und langsam, Europa wieder ein Ohr für die feinere lebendige Dichtkunst. Vorzüglich bildete sich unter dem morgenlandi- schen Himmel der fabelhafteste Theil der Dichtkunst aus, das Mahrchen. Eine alte ungeschriebene Stammessage wird mit der Zeit schon ein Mahrchen; und wenn die Einbildung des Volks, das solche erzählet, fürs Ucberkriebene, Unbegreifliche, Hohe und Wunderbare gestimmt ist, so wird auch das Gemeine zur Seltenheit, das Unbekannte zum Außerordentlichen erhoben, dem dann zu seiner Ergötzung 2Z8 Ideen zur Philosophie und Belehrung der müßige Morgenländer im Zelt oder auf der Wallfahrt, und im Kreise der Gesellschaft sein Ohr willig leihet. Schon zu Mohammeds Zeit kam ein persischer Kaufmann mit angenehmen Erzählungen unter die Araber, von denen der Prophet befürchtete, daß sie die Mahrchen seines Koran übertrcffen möchten ; Wie in der Thal die angenehmsten Dichtungen der orientalischen Phantasie Persischen Ursprunges zu seyn scheinen. Die fröhliche Geschwätzigkeit und Prachtliebe der Perser gaben ihren alten Sagen Mit der Zeit eine eigne romantische Heldenform, die durch Geschöpfe der Einbildungskraft, meistens von ThieteN des ihnen nahen Gebirges genommen, sehr erhöht ward. So entstand jenes Feenland, das Reich der Peri und Neri, (für welche die Araber kaum einen NaMeN hatten,) das auch in die Romane der mittleren Zeiten Europa's reichlich kam. Von den Arabern wubdcN diese Mähr- chen in sehr später Zeit zusüMmcNgcreihct, da denn insonderheit die glänzende Regiebung ihres Khalifcn Harun al-Raschid die Scene der Begebenheiten, und diese Form für Europa ein Neues Muster ward, die zarte Wahrheit hinter das Fabelgcwand unglaublicher Begebenheiten zu verbergen, und die feinsten Lehren der Klugheit im Ton der bloßen Zeickürzung zu sagen. Vom Mahrchen wenden wir uns zu seiner Schwester, der Philosophie der Araber, die sich Nach Art der Morgenländer eigentlich über dem Koran gebildet, und durch den übersetzten Aristoteles nur eine wissenschaftliche Form erlangt hat. Da der reine Begriff von Einem Gott der Grund der ganzen Religion Mohammeds war: so läßt sich schwer- der Geschichte der Menschheit. 23 ipelagus, die sie besaßen, bis die Türken Konstancinopel erobert hatten (1471.), und ihnen das schwarze Meer, sodann auch den Archipelagus schlossen. Mit Venedig führten sie lange und blutige Kriege: mehrmals brachten sie diese Republik dem Verderben nahe, und Pisa haben sie gar zu Grunde gerichtet (12^6.); bis endlich es den Venetiainrn gelang, die genuesische Macht zu Chiozza einzuftlftießen, und den Fall ihrer Größe zu vollenden (r 3 ür.). Amalfi, Pisa, und mehrere Städte des festen Landes in Italien nahmen mit Genua und Venedig am morgenlandisch-arabischcn Handel Theil (rot».). Florenz machte sich unabhängig und vereinte Fiesole mit sich: Amalfi durfte in allen Staaten des Aegyptischen Khalifen frey handeln (1020.); vorzüglich aber waren Amalfi, Pisa und Genua die Seemächte des mittelländischen Meeres- Die Küste» uäsi Ideen zur Philosophie von Frankreich und Spanien suchten am Handel der Levante auch Lheil zu nehmen, und die Pilger aus bcyden Landern zogen, nicht minder des Gewinnes als der Andacht wegen, dahin. Dies war die Lage des südlichen Europa gegen die Besitzungen der Araber; den Küsten Italiens insonderheit lagen sie wie ein Garten voll Speccreyen, wie ein Fecnland voll streich,- ihümcr vor Augen. Die italienischen Städte, die bey den Kreuzzügcn mitzoge», suchten nicht den Leichnam des Herren, sondern die Gewürze und Schatze an seinem Grabe. Die Bank zu Tyrus war ihr gelobtes Land, und was sie irgend Vornahmen, lag auf ihrem ordentlichen, seit Jahrhunderten betretenen Handclswegc. So vergänglich nun das Glück war, das dieser fremde Reichthum seinen Gewinnern bringen konnte: so war er doch zur ersten Blüthe der italienischen Kultur vielleicht unentbcbrlich. Durch ihn lernte man eine weichere, bequemere Lebensart kennen, und konnte sich, statt der groben, "wenigstens durch eine f.inere Pracht unterscheiden. Die vielen großen Städte Italiens, die an ihre abwesenden schwachen Lbcrherren jcnseit der Alpen nur durch schwache Bande geknüpft waren, und alle nach der Unabhängigkeit strebten, gewannen über den rohen Bewohner der Burg oder des Raubschlosses dadurch mehr als Eine Ucbermacht: denn entweder zogen sie ihn durch Bande der Ueppigkeit und des vermehrten, gemeinschaftlichen Wohllebens in ihre Mauern, und machten ihn -zum friedlichen Mitbürger, oder sie bekamen durch der Geschichte der Menschheit. 267 durch ihre vermehrte Volksmenge bald Kraft genug, seine Burg zu zerstören und ihn zu ciner friedlichen Nachbarschaft zu zwingen. Der aufkcimende Lurus erweckte Fleiß, nicht nur i» Manufakturen und Künsten , sondern auch im Landbau: die Lombardei), Florenz, Bologna, Ferrara, die Ncapolitaiinch.» und Sicilischen Küsten wurden in der Nachbargchast reicher , großer und fleißiger Städte woblangebaueie, blühende Felder; die Lombardei) war ein Garten als ein großer Theil von Europa noch Waide und Wald war. Denn da diese volkreichen Städte vom Lande ernähret werden mußten, und der Landeigenthümer bei) dem erhöheten Preise der Lebensmittel, die er zusührte, mehr gewinnen konnte; so mußte er es zu gewinnen suchen, wenn er im Gange der neuen Ucp- pigkeit mitlcben wollte. So weckte Eine Thätigkeit die andre, und hielt sie in Uebung; nothwendig kam mit diesem neuen Lauf der Dinge auch Ordnung, Frepheit des Privatciqenthums, und eine gesetzmäßige Einrichtung mehr empor. Man mußte sparen lernen , damit man verthun könne; die Erfindung der Menschen schärfte sich, indem Einer dem andern den Preis abgewinnen wollte; jeder einst sich selbst gelassene Haushält.r ward jetzt gewissermaße selbst Kaufmann. Es war also nichts als Natur der Sache, daß das schöne Italien mit einem Theil des Rcichthums der' Araber, der durch seine Hände ging, auch zuerst die Blürhe einer neuen Kultur zeigte. Freylich aber war's nur eine flüchtige Blüthe. Der Handel verbreitete sich und nahm einen andern Weg, Republiken verfielen, üppige Städte wurden übcrmüthig und mit sich selbst uneins; das ganze Philos. u. Gesch. VI. LH. R I-teen. IV, 258 Ideen zur Philosophie Land ward mit Partheyen erfüllet, unter welchen unternehmende Männer, und einzelne mächtige Familien sich hoch empor schwangen. Krieg, Unterdrük- kung kam hinzu; und da durch Ueppigkcit und Künste der Kriegsgcist, ja Redlichkeit und Treue verbannt waren, wurde Eine Stadt, Ein Gebiet nach dem andern die Beute auswärtiger oder innerlichen Tyrannen ; die Austheilcrin dieses süßen Giftes, Venedig selbst, konnte sich nur durch die strengsten Maas- rcgeln vor dem Untergange bewahren. Indessen darf jede Triebfeder menschlicher Dinge des Rechts genießen , das ihr gehöret. Aum Glück für Europa war diese Ueppigkeit damals nichts weniger als allgemein, und sein größester Theil mußte dem baarcn Gewinn der Lombarden nur dienen; dem entgegen regele sich noch mächtig ein anderer, der Rittergeist, uneigennützig und nur für den Gewinn der Ehre alles unternehmend. Lasset uns sehen, aus welchen Keimen diese Blüthe entsprösset sey? was sie genähret? und was sie, den Handelsgeist einschränkend, für Früchte getragen habe? der Geschichte der Menschheit. 2 ZZ II. Ri tterg eist in Europa. <^i-!le Deutsche Stämme, die Europa überzogen, waren Kriegsleute, und da die Reuterey der beschwerlichste Theil des Kriegsdienstes war, so konnte cs nicht fehlen, daß diese nicht zu einer reichen Entschädigung ihrer Reuterübungen gelangte. Bald gab es eine Reuterzunft, die ihren Beruf ordnungsmäßig lernte, und da diese das Gefolge der Anführer, Herzoge oder Könige ward, so entstand natürlich an ihrem Hoflager eine Art Kriegsschule, in der die Knappen ihre Lehrjahre aushalten, vielleicht auch nach solchen als gelernte Reuter auf Abentheuer, als auf ihr Handwerk auszichen mußten, und wenn sie sich in diesen wohl gehalten hatten, entweder als Altgesellen mit Meisterrecht fernerhin dienen, oder /elbst als Reutcrmeister andre Knappen in die Lehre nehmen konnten. Schwerlich hat das ganze Ritterwesen einen andern Ursprung als diesen. Die Deutschen Völker, die alles zunftmaßig behandelten, wußten es vorzüglich Key der Kunst thun, die sie allein verstanden ; und eben weil dies ihre einzige und Hauptkunst war, so legten sie ihr alle Ehre bcy, die sie als Unwissende andern nicht zucrkennea konnten. Alle R 3 2b'n Ideen zur Philosophie Gesetze und Regeln des Ritterthums sind in diesem Ursprünge enthalten *). Dies Reutergcfolge nämlich war Dienst; mithin war 'Angelobung der Treue sowohl bcym Knappen als Ritter hie erste Pflicht, die er seinem Herrn leistete. Nosi - und Streitübungcn waren die Sckule desselben, aus welchen nachher, nebst andern sogenannten Ritterdiensten, Kampfspielc und Turniere entstanden. Key Hofe mußte der junge Rcu- tcrknabe um die Person des Herrn und der Frau seyn, und Hosdienstc leisten; daher die Pflichten der Höflichkeit gegen Herren und Damen, die er zunft- mäßig lernte. Und da er außer Roß und Waffen, noch etwas Religion und Frauenhuld gebrauchte, so lernte er jene nach einem kurzen Brevier und bewarb sich um diese nach Sitten und Kräften. Hie- mit war das Ritterthum eingerichtet, das aus einem blinden Glauben an die Religion, aus einer.blinden Treue gegen seinen Herrn, sofern dieser nur nichts Zunftwidriqes begehrte, aus Höflichkeit im Dienst und aus Artigkeit gegen die Frauen bestand; außer HS. Mosers Oönabrückischc Geschichte Th. I. " Beym folgenden sichre ich statt einer Menge, die vom Ritterwesen geschrieben, den einzigen tünrue ste Uslnvs an, dessen Abhandlungen unter dem Titel „das Ritterwesen des Mittelalters " von D. Klüber auch Deutsch übersetzt sind. Das Meiste des Originals geht nur auf die Französischen Ritter; die Geschichte des Rit- tcrthums in ganz Europa ist meines Wissens noch ungeschrieben. der Geschichte der Menschheit. 261 welchen Tugenden des Ritters Kopf und Herz von Begriffen und Pflichten frey bleiben durfte. Die nieder!! Stände waren nicht seines Gleichen; was der Gelehrte, der Künstler und Wcrkmann lernte, durfte er als dienender und ausgelccnkcr Reuter verachten. Offenbar ists, daß dies Kriegshandwerk zu einer frechen Barbarey ausarten mußte, sobald es in ein erbliches Recht überging, und der gestrenge, feste Ritter von der Wiege an ein edelgcborncr Junker war; cinsehenden Fürsten, die ein dergleichen müßiges Gefolg an ihren Hofen nährten, lag also selbst daran, diesen Beruf einigermaßen zu kulti- viren, ihm einige Ideen auszuopsern, und zur Sicherheit ihres eigenen Hofes, Geschlechts und Landes die edlen Buben Sitte zu lehren. Daher kamen die härteren Gesetze, mit welchen jede Niederträchtigkeit Key ihncn verpönt ward; daher die edleren Pflichten des Schutzes der Unterdrückten, der Beschirmung jungfräulicher Unschuld, des Edelmuths gegen Feinde u. f, durch welche man ihren Ge- waltthätigkciten zuvorkommen, ihren harten und rohen Sinn mildern wollte. Auf treue Gc-müther machten diese Ordensregeln, die ihncn von Jugend auf cingcprägt wurden, einen festen Eindruck; mau erstaunt vor der Biederkeit und Treue, die jene edle Ritter in Worten und Werken fast mechanisch äus- sern. Biegsamkeit des Charakters, Vielseitigkeit der Ansicht einer Sache, Fülle der Gedanken ist nicht ihr Fehler; daher auch die Sprache des Mittelalters so Eercmonicnreich, fest und förmlich daher tritt, daß sie sich in einem ehernen Panzer um zwey oder drcy G.dankcn, gleichsam selbst ritterlich, zu bewegen scheinet. 262 Ideen zur Philosophie Von zweyen Enden der Erde trafen Ursachen zusammen, die dieser Rittergestalt mehr Leben und Beweglichkeit gaben; Spanien, Frankreich, England und Italien, am meisten aber Frankreich, wurden das Feld dieser feinern Rittcrbildung« i. Den Arabern ist ihrem Stammes - und Landescharakler nach von jeher ein irrendes Ritter- tbum, mit zarter Liebe gemischt, gleichsam crbeigcn- thümlich gewesen. Sie suchten Abenteuer, bestanden Awcvkämpfe, rächten jeden Flecken einer Beschimpfung ihrer selbst oder ihres Stammes mit dem Blute des Feindes. An eine harte Lebensart und geringe Kleidung gewöhnt, dielten sie ihr Roß, ihr Schwert und die Ehre ihres Geschlechts über alles theucr. Da sie nun auf den Wanderungen ihrer Gezelte zugleich Abenteuer der Liebe suchten, und sodann Klagen über die Entfernung der Geliebten in der von ihnen so hochgeachteten Sprache der Dichtkunst aushauchten: so ward es bald zur regelmäßigen Form ihrer Gesänge, den Propheten, sich selbst, den Ruhm ihres Stammes, und den Preis ihrer Schöne zu besingen; wobey sie an sanfte Ucberganqe eben nicht dachten. Bey ihren Eroberungen waren die Zelte der Weiber mit ihnen; die beherztesten feuerten sie an in ihren Gefechttn; diesen also legten sic auch die Beute ihres Sieges zu Füßen; und weil von Mohammed an die Weiber in die Bildung des arabischen Reichs vielen Einfluß gehabt hatten, und der Morgenländer im Frieden kein anderes Ver- ' '' ... der Geschichte der Menschheit. 263 gnügen, als Spiele der Kurzweil oder Zeitvertreib mit Weibern kennet: so wurden in Spanien zur Zeit der Araber ritterliche Feste in Gegenwart der Damen, z. B. das Schießen mit dem Wurfrohr nach dem Ringe innerhalb der Schranken, und andre Wettkampfe mit vielem Glanz und Aufwands ge- feyert. Die Schönen munterten den Kampfer auf, und belohnten ihn mit Kleinod, Scherpe oder einem Kleidungsstück von ihrer Hand gewirkct: denn ihnen zur Ehre wurden diese Lustbarkeiten geseycrt und das Bild der Dame des Siegers hing vor allen Augen, mit den Bildern der von ihm besiegten Ritter umhänget, da. Farben, Devisen und Kleider bezeich- neten die Banden der Kämpfenden, Lieder besangen diese Feste, und der Dank der Liebe war der schönste Gewinn des Siegers. Offenbar sind also von Arabern die seiner» Gebrauche des Ritterthums nach Europa gebracht worden; was bey den schwergcrüste- ten Nordhclden Handwerkssitte ward oder bloße Dichtung blieb, war bey jenen Natur, leichtes Spiel, fröhliche Uebung *). In Spanien also, wo Jahrhunderte lang Gothen und Araber neben einander wohnten, kam dieser leichtere Rittcrgcist zuerst unter die Christen. Hier kommen nicht nur die ältesten christlichen .Orden zum Vorschein, die gegen Mauren, oder zum Geleit der Pilger nach Compostell, oder endlich zur Freude und Lust aufgerichtet wurden; sondern es *) S. Rclske zum Thograi, Poeok zum Abulsaradsch, Sale, Jones, Okley, Cardonne und ff. 264 Ideen zur Philosophie Hot auch der Rittcrgcist sich dem Charakter der Spa^ nicr so ties cinqcpraget, daß völlig nach arabischer Weise selbst die irrenden und die Ritter der Liebe be» ihnen nicht bloße Geschöpfe der Einbildungskraft waren. Die Romanzen, d. i. historische Lieder insonderheit ihrer Ritter - und Licbesbegebcnheiten, vielleicht auch der Roman, der älteste Amadis z. B.) sind Gewächse ihrer Sprache und Denkart, in welcher noch in einer spaten Zeit Cervantes den Stoff zu seinem unvergleichlichen National - Roman, Don- Ouipotte de la Mancha fand. Vorzüglich aber hat sich sowohl hier als in Sicilien, den beyden Gegenden , die die Araber am längsten besaßen,. ihr Einfluß in die fr ö h l ich e D i c h t k un st gezeigt *). In jenem Erdstrich nämlich, den bis zum Ebro Karl der Große den Arabern abgcwann, und mit Li- mosincrn, d. i. mit Einwohnern aus Südfrankreich, besetzte, bildete sich mit der Zeit dies - und jenseit der Pyrenäen in Arabischer Nachbarschaft die erste Poesie neuerer Muttersprachen Europa's, die Pro- vcnzal - oder Limosinische Dichtkunst. Tenzoncn, Sonnette, Idyllen, Villancscas, Sir- ventes, Madrigale, Canzonen und andre Formen, die man zu sinnreichen Fragen, Gesprächen und Einkleidungen über die Liebe erfand, gaben, da alles in Europa Hof - oder Meistcrrccht haben mußte, zu einem sonderbaren Tribunal, dcm Hof der *) S. Velasquez Spanische Dichtkunst, und alle die über Provenzalen, Minnesinger u. f. geschrieben haben. der Geschichte der Menschheit. 265 Liebe (Oorm eln H,rnc>r) Anlaß, cm welchem Nieter und Damen, Könige und Fürsten als Richter und Partheycn Antheil nahmen. Vor ihm bildete sich die Lisnaia, die Wissenschaft der Troba- doren, die zuerst eine Liebhaberei) des höchsten Adels war, und nur mit der Zeit, nach europäischer Wei? se als eine Hof-Lustbarkeit betrachtet, in die Hände der Loniacloras, Druanss und Lut'onss, d. i. der Mahrchencrzahler, Possenreißer und Hofnarren gc- kieth, wo sie sich selbst verächtlich machte. In ihren ersten blühenden Zeiten hatte die Dichtkunst der Provenzalcn eine sanstharmonische, rührende und reizende Anmuth, die den Geist und das Her; verfemte, Sprache und Sitten bildete, ja überhaupt die Mutter aller neuern europäischen Dichtkunst ward. Ueber Languedok, Provence, Barcelona, Ar- ragonien, Valencia, Murcia, Majorca, Minorca, hatte sich die Limosinische Sprache verbreitet; in diesen schönen vom Meer gekühlten Landern stieg der erste Hauch seufzender oder fröhlicher Liebe auf. Die Spanische, Französische und Italienische Poesie sind ihre Töchter: Petrarca hat von ihr gelernt und mit ihr gewetteifert: unsre Minnesinger sind ein spater und härterer Nachklang derselben, ob sie gleich unstreitig zum Zartesten unsrer Sprache gehören. Aus Italien und Frankreich nämlich hatte der allgemein verbreitete Rittecgeist einige dieser Blüthen auch über die Alpen nach Schwaben, Oesterreich, Thüringen mit hinübergewehet; einige Kaiser aus dem Staufischen Hause, und Landgraf Hermann von Thüringen hatten daran Vergnügen gefunden, und mehrere Deutsche Fürsten, die man sonst nicht kennen würde, haben ihre Namen durch einige Gesänge in dieser 266 Ideen zur Philosophie Manier fortgebreitet. Indessen vcrartete diese Kunst bald, und ging, wie in Frankreich zum losen Handwerk hcrumziehender ^oiiAleurs, so in Deutschland zur Meistersanaerey über. In Sprachen, die wie die Provcnzalische selbst aus der Lateinischen entstanden waren, und Romanische hießen, konnte sie besser wurzeln und hat von Spanien aus über Frankreich und Italien bis nach Sicilien hin, weit lebhaftere Früchte getragen. In Sicilien auf ehemals Arabischem Boden erstand wie in Spanien die erste Italienische Dichtkunst. * 2. Was die Araber von Süden ansingen, dazu trugen von Norden aus die Normanner in Frankreich, England und Italien noch mächtiger be„. Als ihr romantischer Charakter, ihre Liebe zu Abenteuern, Heldensagen und Nitterübungcn, ihre nordische Hochachtung gegen vie Frauen, mit dem s.incrcn Rittcrthum der Araber zusammentraf, so gewann solches damit für Europa Ausbreitung und Haltung. Jetzt kamen die Sagen, die man Romane nennet und deren Grund langst vor den Krcuz- züzen da war, mehr in Gang: denn von jeher hatten alle Deutsche Völker das Lob ihrer Helden gepriesen; diese Gesänge und Dichtungen hatten sich auch in den Jahrhunderten der tiefsten Dunkelheit an den Höfen der Großen, ja selbst in Klöstern er- ha ten; ja jemchr die achte Geschichte verschwand, desto mehr hatten sich die Köpfe der Menschen zur geistlichen Legende oder zur Romansage geformet. der Geschichte der Menschheit. 267 Von den ersten Jahrhunderten des Christcnthums an findet man daher diese Uebung der Menschlichen Einbildungskraft mehr als jede andre in Gange, zuerst auf Griechisch-Afrikanische, mit der Zeit auf Nordisch-Europäische Wcise; Mönche, Bischöfe und Heilige hatten sich ihrer nicht geschämct; ja cs mußten Bibel und wahre Geschichte selbst Roman werden, wenn man sie anhören sollte. So entstand der Prozeß Belials mit Christo; so die allegorischen und mystischen Einkleidungen aller Tugenden und Pflichten ; so die geistlich-theatralischen Moralitäten und Possenspiele. Vey diesem allgemeinen Geschmack des Zeitalters, der aus Unwissenheit, Aberglauben und einer aufgeregten Phantasie entsprang, waren S a- gen und Mährchen (Contss et kHUaux) die einzige Nahrung des Geistes der Menschen, und dem Ritterstande waren Heldensagen die liebsten. In Frankreich, dem Mittelpunkt dieser Kultur, wählte man natürlicher Weise die ihm eigcnthümlichsten Gegenstände, nach beyden Richtungen, die hier zu- sammentrafen. Der Zug Karls des Großen gegen die Saraccnen, mit allen Abenteuern, die in den Pyrenäen geschehen seyn sollten, war die Eine Richtung ; was sich im Lande der Normanner, in Bretagne, an alten Sagen von König Artus vorfand, war die andre. In jenen brachte man aus der späteren Französischen Verfassung die zwölf Pairs nebst aller Herrlichkeit, die man von Karl und seinen Rittern, sammt aller Wildheit, die man von den sara- cenischen Heiden zu sagen hatte. Ogier der Däne, Huon von Bordeaux, die Aimonskinder, viele Sagen der Pilgrimschaften und Kreuzzüge kamen mit in seine Geschichte; allemal aber waren die üttercs- 268 Idem zur Philosophie santesten Personen und Begebenheiten aus der li- mosinischen Gegend, Ernenne, Languedok, Movence, und dem Theile von Spanien, wo die provenzalische Dichtkunst blühte. Die zweyte Richtung der Sagen, von Artus und seinem Hofe, ging über das Meer hin nach Cornwallis, oder vielmehr in ein utopisches Land, in welch.in man sich eine eigne Gattung des Wunderbaren erlaubte. Der Spiegel der Ritterschaft ward in diesen Romanen hell polieret; in den ver- schi.dncn Stufen und Charakteren der Mitgenosscn an der runden Tafel wurden die Fehler und Tugenden dieses Hofstaats sehr klar gezeichnet; wozu in einer so alrcn Zeit und unbeschränkten Welt, als die Ärtusromane zum Gebiet hatten, viel Raum war. Endlich entstand aus bepden eine dritte Gattung der Romane, von welcher keine Französische und Spanische Provinz ausgeschlossen blieb. Poitou, Champagne, die Normandie, der 'Ardenncrwald, Flandern, ja Mainz, Castilien, Algarbicn gaben Ritter und Scenen zum Schauplatz her: denn die Unwissenheit deS Zeitalters und die Gestalt, in welcher damals die Geschichte des Alterthums erschien, erlaubte, ja gebot diese Mischung aller Zeiten und Lander. Troja und Griechenland, Jerusalem und Lrapezunt, was man in neuen Gerüchten hörte, oder von alten wußte, floß zur Blume der Ritterschaft zusammen, und vor allem ward die Abstammung von Troja ein Geschlechtsruhni, von welchem alle Reiche und Völker in Europa mit ihren Königen und größesten Rittern überzeugt waren. -Mit den Normannen: ging das Romanwesen nach England und Sicilien über; bevde Gegenden gaben ihm neue Helden und «Wen Stoff; nirgend indeß ists so der Geschichte der Menschheit. 26.9 glücklich als in Frankreich geEhen. Durch die Zusammenkunft vieler Ursachen hatte sich Lebensart, Sprache, Poesie, ja gar die Moral und Religion der Menschen diesem Geschmack gleichsam zugcbil- det *). Denn wenn wir aus dem Gebiet der Fabel ins Land der Geschichte treten, in welchem Reich Euro- pa's hat sich die Blnthc der Ritterschaft schöner als in Frankreich gezciget? Seitdem mit dem Verfall der Karlinger so viel Höfe kleiner Potentaten, der Herzoge, Grafen und Barone zu Macht und in Glanz kamen, als beynahe Provinzen, Schlösser und Bürge waren: seitdem ward jedes Residenz - und Ritterschloß auch eine Schule der Ritterehre. Die Lebhaftigkeit der Nation, die Kampfe, denen sie gegen Araber und Normänner Jahrhunderte lang ausgesetzt gewesen waren, der Ruhm, den ihre Vorfahren dadurch erlangt, der blühende Wohlstand, zu welchem mehrere Hauser sich aufgeschwungen hatten, ihre Vermischung mit den Normänncrn selbst, am meisten aber etwas Eignes im Charakter der Nation, das sich von den Galliern an durch ihre ganze Geschichte offenbaret, dies alles brachte jene Sprach- seligkeit, jene muntere Schnellkraft, leichte Gefälligkeit , und glänzende Anmut!) ins Ritterwcscn, die man außer der Französischen bey andern Nationen spat, selten oder gar nicht findet. Wie viel Französische Ritter müßten genannt werden, die durch Gesinnungen und Tbatcn, in Kriegs- und Friedenszeiten, die ganze Geschichte hindurch, bis unter den Despotisch Von diesen Richtungen und Ingredienzen der Romane des Mittelalters an einem andern Orte. 270 Ideen zur Philosophie . N mus der Könige hin, sich so tapfer, artig und edel erzeigten, daß ihren Geschlechtern damit ein ewiger Ruhm bleibet! Als der Ruf der Kreuzzüge erschallte , waren Französische Ritter die Blume der ganzen Ritterschaft Europa's: Französische Geschlechter stiegen auf den Thron von Jerusalem und Konstantmv- pel; die Gesetze des neuen Staats wurden Franzv- siich gegeben. Mit Wilhelm dem Eroberer stieg diese Sprache und ihre Kultur auch auf den Brittischen Thron; beyde Nationen wurden Nebenbuhler der Rittertugend, die sie sowohl in Palästina als in Frankreich wetteifernd erwiesen, bis England seinen Nachbarn den citeln Glanz überließ und sich eine nützlichere, die bürgerliche Laufbahn wählte. Der Macht des Papstes hat Frankreich zuerst und zwar auf die leichteste Weise, gleichsam mit Anmulh Trotz geboten; selbst der heilige Ludwig war nichts weniger als ein Sklave des Papstes. England, Deutschland und andre Länder haben tapferere Könige gehabt als Frankreich; aber die Staatsklugheit ist aus Italien zuerst dorthin übergegangen, und hat sich, selbst wo sie schändlich war, wenigstens mit Anstand gcbehr- det. Auch den Instituten für die Gelehrsamkeit, den obrigkeitlichen Würden und Rechtsstühlen hat dieser Geist sich mitgetheilt, Anfangs zum Nutzen, nachher zum Schaden. Kein Wunder also, daß die Französische Nation die eitelste von Europa worden ist; fast von Entstehung ihrer Monarchie an hat sie Europa vorgeleuchtet, und in den wichtigsten Veränderungen den Ton gegeben. Als alle Nationen, wie zu einem großen Earoussel in Palästina zusammentrafen , wurden die Deutschen mit den Französischen Rittetn verbunden, um durch die Verbindung mit der Geschichte der Menschheit. 271 diesen ihr Deutsches Ungestüm (luror leuwniuus), abzulegcn. Auch das neue Eosiüme, das auf den Kreuzzügcn durch Wappen und andre Unterschiede für ganz Europa entstand, ist grössten Theils Französischen Ursprungs. * * * Jetzt sollten wir von den drey oder vier geistlichen Ritterorden reden, die in Palästina gestiftet, zu so viel Ehre und Reichthum gelanget sind; allein dje Helden- und Staateaction, auf welcher sie dazu gelangten , mit ihren fünf oder sieben Acten liegt vor uns; also hinan zu ihr. III. Kreuzzüge und ihre Folgen. Gärige hatten Pilger und Papste die Noth der Christen zu Jerusalem geklaget (986): man hatte das Ende der Welt verkündiget (inoo) und Gregor der Siebente glaubte schon 5 n,oc>c> Mann bereit zu haben (1074), die zum heiligen Grabe ziehen würden, wenn Er ihr Anführer Ware. Endlich gelangs einem Picarden, Peter dem Einsiedler, in Verstaudniß mit Simeon dem Patriarchen zu Jerusalem , den Papst Urban II. zu bereden, daß er zum Werk schritt (1094). Es wurden zwcy Eoncilien zusammen gerufen und auf dem Letzten (109S) hielt der Papst eine Rede, hinter welcher das Volk wie wütend austief: „Gott will cs! Gott will es! " Heere 2"2 Ideen zur Philosophie von Menschen wurden also mit einem rothen Kreuz auf der rechten Schulter bezeichnet: in der ganzen römischen Christenheit ward die Kreuzfahrt gepredigt, und den heiligen Kriegern mancherlei) Frcvhcit erkheilt. Ohne Einwilligung ihrer Lehnherrcn dursten sic Lande- rcyen veräußern oder verpfänden; (den Geistlichen ward dies Privilegium in Ansehung ihrer Beneffcicn auf drei) Jahre verliehen ;) sowohl der Person als den Eutern nach traten alle Kreuzfahrer unter den Schutz und die Gerichtsbarkeit der Kirche und genossen geistliche Rechte- sie waren während des heiligen Krieges von allen Steuern und Gaben, von allen Rechtsansprüchen wegen gemachter Schulden und von den Zinsin derselben srey, und erhielten einen vollkommenen Ablaß. Eine unglaubliche Anzahl andächtiger, wilder, leichtsinniger, unruhiger, ausschweifender, schwärmender und betrogncr Menschen aus allen Ständen und Klassen, sogar in beyden Geschlechtern verstimmteren sich; die Heere wurden gemustert, und Peter der Einsiedler (1096) zog barfuß und mit einer langen Capuze geziert, einer Schaar von 3 oo,ooc> Menschen voran. Da er sie nicht einhalten konnte, plünderten sie wohin sie kamen; Ungarn und Bulgaren traten zusammen, und jagten sie in die Wälder, also daß er mit einem Rest von 3 o,ooo in den traurigsstn Umstanden vor Konstantinopel ankam. Eottfchalö, ein Priester, folgte mit i 5 ,ooo, ein Graf Emich mit 200,000 Mann nach. Mit einem Blutbadc der Juden singen diese ihren heiligen Feldzug an, deren sie in einigen Städten am Rhein r2,000 erschlugen; sie .wurden in Ungarn entweder nicdergemacht oder ersaufet. Die erste liederliche Schaar des Eremiten, mit Italienern verstärkt, ward nach Asien hinübergefchafft, sie der Geschichte der Menschheit. 27S sie gerieth in Hungcrsnolh, und wäre von den Türken ganz aufgerieben worden, wenn nicht Gottfried ,von Bouillon mit seinem regelmäßigen Heer und der Vlüthe der Ritterschaft von Europa vor Konstantino- pel endlich angckommen wäre (1(197). Bey Ehalce- don ward das Heer gemustert und fand sich 5 <>»,i>»o Mann zu Fuß, 1 3 «,onv Mann an Rcuterey stark: unter unglaublichen Gefahren und Beschwerden ward Nicäa, Tarsus, Alexandrien, Edefsa, Antiochien, endlich Jerusalem eingenommen, und Gottfried non Bouillon cinmüthig zum Könige erwählet (10,99). Balduin, sein Bruder, war Graf zu Edes- sa, Bocmund, Prinz von Tarent, war Fürst von Antiochien geworden; Raimond Graf zu Toulouse, ward Graf zu Tripoli; und außer ihnen thatcn sich in diesem Feldzüge alle die Helden hervor, die Tas- so's unsterbliches Gedicht rühmet. Indessen folgten bald Unfälle auf Unfälle: das kleine Reich hatte sich gegen unzählbare Schwärme der Türken von lösten, der Araber von Aegypten her zu schützen, und tbats zuerst mit unglaublicher Tapferkeit und Kühnheit. Allein die alten Helden starben; das Königreich Jerusalem kam unter eine Vormundschaft; die Fürsten und Ritter wurden uneinig unter einander: in Aegypten entstand eine neue Macht der Mamlucken, mit welcher der tapfre und edle Saladin die treulosen, verderbten Christen immer mehr einengte, endlich Jerusalem einnahm und das kleine Schattenkönigreich , ehe es sein hundertjähriges Jubeljahr fey- ern konnte, ganz aufhvb (1187). Alle KriegSzüge, es zu erhalten oder wieder zu erobern, waren fortan umsonst; die kleinen Fürsten- thümer waren seinem Untergange vorhergegangen Philos. und Gesetz. "VI, Th. S l-tcew 1 V. 274 Ideen zur Philosophie oder folgte» ibm nach. Edessa war nur fünfzig Jahr in christlichen Händen, und der ungeheure zweyte Kreuzzug (1144), der von Kaiser Kon- radlll. und Ludwig VII. Könige in Frankreich (1147) auf das Feldgefchrey des heiligen Bernhards, mit 200,000 Mann gemacht wurde, rettete es nicht. In einem dritten Kreuzzuge gingen gegen Saladin drey tapfre Mächte, Kaiser Friedrich I., König Philipp August von Frankreich, und Richard Löwcnherz von England zu Felde (1189); der erste crlrank im Strom und sein Sohn starb (1190); die beyden andern, eifersüchtig gegen einander, und insonderheit der Franke auf den Britten neidig, konnten nichts als Akre wiedererobern (1192). Uncittge- dcnk seines gegebnen Worts kehrte Philipp August zurück, und Richard Löwenherz, der Saladins Macht allein nicht widerstehen konnte, mußte unwillig ihm folgen. Ja er hatte, da er durch Deutschland als Pilger reifete, das Unglück, vom Herzog Leopold von Oesterreich wegen einer bey Akre ihm vermeynt- lich-erwiesenen Beschimpfung angehalten, dem Kaiser Heinrich VI. unedel ausgeliefert, und von diesem »och unedler vier Jahre in strenger Gefangenschaft gehalten zu werden, bis er sich, da über dies unritterliche Verfahren alle Welt murrete, mit roo,oon Mark Silbers loskaufen konnte (1194). Der vierte Feldzug, der von Franzosen, Deutschen und Venetianern unter dem Grafen Mont- fercat unternommen ward (1202), kam gar nicht nach Palästina; ihn leiteten die eigennützigen, rachsüchtigen Vcnetianer. Sie nahmen Zara ein und schiffeten vor Konstantinopel: die Kaiserstadt ward belagert, zweimal erobert und geplündert (1204:: der Geschichte der Menschheit. 2-ä der Kaiser flieht: Balduin Graf von Flandern wird zu Konstantinopel ein lateinischer Kaiser; Beute und Reich werden getheilt, und den reichsten Thcil dieses Raubes am adriatischen, schwarzen und griechischen Meere erhalten die Venetianer. Der Anführer des Zuges wird König von Eandia (i2n5), welche Insel er seinen habsüchtigen Bundsgenossen auch verkaufte; statt der Lander jcnscit des Bosporus wird er König zu Thcssalonich. Es entsteht ein Fürstemhum Acha- ja, ein Herzoqthum Athen, vier Französische Barone ; reiche Edle aus Venedig erwerben sich ein Herzogthum Naxos, Negropont; es wird ein Psalzgraf von Zante und Eephalvnia; das griechische Kaiser- lhum geht wie ein schlechter Raub an die Meistbietenden über. Dagegen errichten Abkömmlinge des griechischen Kaiserstammes ein Kaiserthum zu Nicaa, (1204), ein Herzoqthum Trapezunt, das sich in der Folge auch Kaiserthum nennet, eine Despotie, nachher auch Kaiserthuin genannt, in Epirus. Da den neuen lateinischen Kaisern zu Konstantinopel so wenig übrig geblieben war, so konnte sich dies schwache und gehastete Reich kaum fünfzig Jahre erhalten (1261); die Kaiser von Nicaa bemächtigten sich der alten griechischen Kaiserstadt wieder, und zuletzt kamen alle diese durch Abenteuer erworbene Besitz- thümer in die Hände der Türken. Der fünfte Kreuzzug, von Ungarn und Deutschen geführt, war gar unkraftig (1217). Drey Könige, von Ungarn, Eypern und ein Titelkö- nig von Jerusalem, mit den Großmeistern der Ritterorden hatten den Berg Tabor umringt, die Feinde einge- schlosscn, den Sieg in Händen; Zwietracht und Eifer- S 2 276 Ideen zur Philosophie sucht aber entreißen ihnen diesen Vorthril und die Kreuzfahrer gingen unmulhig zurück. Kaiser Friedrich II. schickt, auf unabläßiges Treiben deS päpstlichen Hofes eine Flotte nach Palästina (1221.); ein vorthcilhaftcr Waffenstillstand ist im Werk; der päpstliche Legat vereitelte ihn, und als der Kaiser selbst äußerst gezwungen den Feldzug übernahm (1228.), verhindert der Papst selbst durch einen unvernünftigen Bann und durch eigne treulose Angriffe auf die Staaten des abwesenden Kaisers in Europa allen guten Fortgang (1229.). Es wird ein Waffenstillstand mit dem Sultan zu Bagdad geschlossen, Palästina und Jerusalem dem Kaiser ringe- räumt; das heilige Grab aber bleibt als ein Frey- hafen für alle Pilger in den Händen der Sara- cenen. Doch auch dieser getheilte Besitz von Jerusalem dauert kaum fünfzehn Jahre (1244.), und der heilige Ludwig mit feinem siebenten (1248.), dem unglücklichsten Zuge konnte ihn nicht wicdcr- hersteilen. Er selbst mit seinem ganzen Heer geräth in Aegypten den Feinden in die Hände (i 25 c>.); er muß sich rheucr loskaufen, und endet auf einem zweytcn eben so unnützen und unglücklichen Zuge gegen die Mauren vor Tunis sein Leben (1270.). Sein irauriges Beyspiel erstickte endlich den unsinnigen Trieb zu Religionsfeldzügen nach Palästina (1268.), und die letzten christlichen Oerter daselbst, Tyrus, Akre, Antiochien, Tripoli gingen nach und nach an die Mamlucken über (0268.). So endete diese Raserei), die dem christlichen Europa unsäglich viel Geld und Menschen gekostet hatte; welches waren ihre Erfolge *) ? Man ist gewohnt den Kreuzzügen so viele gute Wirkungen zuzuschreiben, daß man dieser Mcynung zufolge unserm Welttheil alle halbe Jahrtausende ein dergleichen Fieber, das seine Kräfte rüttelt und aufregt, wünschen müßte; eine nähere Ansicht zeigt aber, daß die meisten der angegebnen Erfolge nicht von den Kreuzzügcn, am wenigsten von ihnen allein herstam- mcn, sondern daß unter den vielen Antrieben, dir damals Europa gewann, sic höchstens ein beschleunigender, im Ganzen aber widriger Mit- und Nebenstoß gewesen, den die Vernunft der Europäer wohl hatte entbehren mögen. Ueberbanpt ist's nur ein Bild der Phantasie, wenn man aus sieben getrennten Feldzügen, die in zweybundert Jahren, aus sehr verschiednen Ländern und Beweggründen unternommen wurden, blos des gemeinschaftlichen Namens wegen, eine Hauptquellc von Begebenheiten dichtet. r. Der Handel, sahen wir, war den Europäern in die arabischen Staaten vor den Kreuzzügcn eröffnet, und es stand ihnen ftey, solchen auf ciiw anständigere Weise zu nutzen und zu verbreiten, als es durch Räubcrfeldzüge geschehen konnte. Bey diesen gewannen die Ucberfahrcr, Gcldncgociaisten und Die von mehreren gelehrten Gesellschaften vcran- laßtcn Abhandlungen und Preisschrifien über die Wirkungen der Kreuzzüge sind mir nicht zu Gesicht gekommen; daher ich meine Ucynung ohne Beziehung auf dieselbe vertrage. 273 Ideen zur Philosophie Lieferanten; sie gewannen aber alles von den Christen , gegen deren Vermögen sie eigentlich die Kreuzfahrer waren. Was dem griechischen Reich entrissen ward, war ein schändlicher Kaufmannsraub, der dazu diente, daß durch die äußerste Schwächung dieses Reichs den immer näher andringcnden Türkcnhorden dereinst ein leichter Spiel mit Konstantinopel gemacht werden sollte. Daß Türken in Europa sind, und daß sie sich daselbst so weit umherbreitcn konnten, hatte der Löwe des heiligen Markus in Venedig schon durch den vierten Kreuzzug vorbereitet. Zwar halfen die Genuesen einem Geschlecht griechischer Kaiser wieder auf den Thron; allein cs war der Thron eines geschwächten, zcrstückten Reiches, den nachher die Türken leicht überwältigen mochten, da denn Venezianer sowohl als Genueser ihre besten Besitzungen im mittelländischen und am schwarzen Meer, ja endlich fast allen ihren Handel dahin auch verloren. 2. Das Rittcrthum ist nicht durch die Kreuzzüge, sondern die Kreuzzüge sind durch das Ritterthum entstanden; beym ersten Feldzuge schon erschien die Blume der französischen und normannischen Ritter in Palästina. Vielmehr haben die Kreuzzüge bepgctragcn, rinn seine eigcnthümiiche Blüthe zu rauben , und wahre Waffenrittcr in bloße Wappenrilter zu verwandeln. In Palästina nämlich kroch mancher unter den Helm, der ihn in Europa nicht tragen durste; er brachte Wappen und Adel zurück, die jetzt ans sein Geschlecht übergingen, und damit einen neuen Stand, den Wappen - und mit der Zeit auch den Briefadel in Lauf brachten. Da die Zahl der alten Dynasten, des wahren Ritteradels, vermindert war, so suchte dieser zu Besitzungen und erblichen der Geschichte der Menschheit. 2-9 Vorzügen gleich ihnen zu gelungen; sorgfältig zählte er seine Ahnen, erwarb sich Winden und Vorzüge, so daß in einigen Geschlechtern Er wieder der oll« Adel hieß, ob er gleich mit jenen Dvnasten, die gegen ihn Fürsten waren, mit Nichten zu einer Klasse gehöret. In Palästina konnte was Waffen trug, Ritter werden; die ersten Kreuzzüge waren ein großes Erlaßjahr für Europa. Bald kam dieser neue dienende Kriegsadel der wachsenden Monarchie sehr zu Statten, die ihn gegen die übriggebliebenen hohen Vasallen klüglich zu gebrauchen wußte. So reiben Leidenschaften einander, und der Schein den Schein auf: durch den dienenden Kriegs - und Hofadel ging endlich das alte Ritlerthum gar zu Grunde. 3 . Daß die in Palästina gestifteten geistlichen Ritterorden Europa zu keinem Vortheil gewesen, ist durch sich selbst klar. Sie zehren noch von dem Kapital, das einst dem heiligen Grabe, einem für uns ganz untergegangcnen Zwecke, gewei- hct ward. Die Hospitaliter sollten ankommende P,I- grimme beherbergen, Kranke verpflegen, Aussätzige bedienen srroo.l; dies sind die hohen Johannirer- Rittcr unsrer Zeit. Als ein Edelmann aus dem Delphinat, Raimund du Puy, Waffenqclübde unter sie brachte (> > 3 <>.) , trennte sich der Lazarusordcn von ihnen, und blieb bcy der ersten Stiftung (1119.). Die Tempelherren waren regulirtc Chorherren, lebten zehn Jahre selbst von Almosen, und beschützten die Pilger des heiligen Grabes, bis auch nach vergrößerten Gütern ihre Statuten verändert wurden (1128.), und der Ritter den Waffenträger, der Orden dienende Brüder hinter sich bekam. Der brutsche Orden endlich war für Kranke und Verwundete gestis- vko Ideen zur Philosophie tet, die auf dem Felde umherlagen; Kleidung, Wasser und Vrod war ihre Belohnung, bis auch sie im nutzvollen Dienst lgcgcn die Ungläubigen reich und mächtig wurden (119».). In Palästina haben alle diese Orden viel Tapferkeit und viel Stolz, auch wohl Untreue und Verrath bewiesen; mit Palästina aber hatte ihre Gcschichrc zu Ende seyn mögen (1291.). Als die Johanniter dies Land verlassen mußten, als sic Eypcrn und Rhobus verloren (r3»9.), und Karl der Fünfte ihnen mit dem Felsen Malta ein Geschenk machte: wie sonderbar war der Auftrag (r 53 o.), ewige Kreuzzieher auch außerhalb Palästina zu bleiben, und dafür Besitzthümcr in Reichen zu genießen , die weder die Türken bekriegen, noch die Pil- grimme zum heiligen Grabe geleiten mögen (1254.). Den Lazarusordcn nahm Ludwig der Siebente in Frankreich auf, und wollte ihn zu seinem Beruf, der Aufsicht der Kranken, zurückführcn; mehr als Ein Papst wollte ihn aufhcben; die Könige von Frankreich schützten ihn, und Ludwig der Vierzehnte vereinte ihn mit mehrern geringen Orden. Er gedachte hierin anders, als sein Vorfahr Philipp der Schöne, der aus Geiz und Rache die Tempelherren grausam ausrottcte und sich von ihren Gütern zueigncte, was ihm auf keine Weise zustand (r3i2.). Die deutschen Ritter endlich, die, von einem Herzoge in Masovien gegen die heidnischen Preußen zu Hülfe gerufen, von einem deutschen Kaiser alles das zum Geschenk erhielten, was sie daselbst erobern würden (0226.), und was ihm, dem deutschen Kaiser, selbst nicht gehörte, sic eroberten Preußen (1237.), vereinigten sich mit den Schwertbrüdern in Licfland, erhielten Esihland von einem Könige, der cs auch nicht zu erhalten wußte, der Geschichte der Menschheit. r8r und so herrschten sie zuletzt von der Weichsel bis zur Düna und Newa in ritterlicher Ucppigkeit und Ausschweifung. Die alte Preußische Nation ward vertilget, Litthauer und Samojeden, Kuren, Letten und Esthcn wie Hccrdcn dem deutschen Adel vertheilet. Nach langen Kriegen mit den Polen verloren sic zuerst das halbe (1466.), sodann das ganze Preußen (r 52 v.), endlich auch Lief- und Kurland (r 56 o,); sie ließen in diesen Gegenden nichts als den Ruhm nach, daß schwerlich ein erobertes Land stolzer und unterdrückender verwaltet worden, als sie diese Küsten verwaltet haben, die, von einigen Seestädten kulti- virt, gewiß andre Länder geworden waren. Ueber- haupt gehören alle drey angeführte Orden nicht nach Europa, sondern nach Palästina. Da sind sie gestiftet, dahin in ihren Stiftungen gewiesen. Dort sollten sie gegen Ungläubige streiten, in Hospitälern dienen, das heilige Grab hüten, Aussätzige pflegen, Pilger geleiten. Mit dieser Absicht sind auch ihre Orden erloschen; ihre Güter gehören christlichen Werken, vorzüglich Armen und Kranken. 4. Wie der neue Wappenadel einzig und allein von der wachsenden Monarchie in Europa seine Bestimmung erhielt: so schreibt sich die Frey heit der Städte, der Ursprung der Gemeinheiten, endlich auch die Entlassung des Landmannes in unserm Wcltthcil von ganz andern Ursachen her, als diese tolle Kreuzzüge gaben. Daß im ersten Fiebcranfall derselben allen liederlichen Haushältern und Schuldnern ein Verzug zugestanden, Lehnsmänner und Leibeigne ihrer Pflichten, Steuernde ihrer Steuer, Zinsende ihrer Zinsen entlassen wurden, das gründete noch nicht die Rechte der Freyheit Europa's. Langst ?8r Ideen zur Philosophie waren Städte errichtet, längst wurden älteren Städten ihre Rechte bestätigt und erweitert; und wenn sich dem wachsenden Fleiß und Handel dieser Stabte auch die Freyheit des Landmannes früher oder später mit anschloß, wenn selbst das Anstreben zur Unabhängigkeit solcher Municipalitaten in dem Gange der sich aufrichtenden Monarchie nothwendig begriffen war: so dürfen wir nicht in Palästina suchen, was uns im Strom der Veränderungen Europa's nach Hellen Veranlassungen zuschwimmt. Auf einer heiligen Narrheit beruht schwerlich das dauerhafte System Europa's. 5. Auch Künste und Wissenschaften wurden von den eigentlichen Kreuzfahrern auf keine Weise befördert. Die liederlichen Heere, die zuerst nach Palästina zogen, hatten keinen Begriff derselben, und konnten ihn weder in den Vorstädten von Konstantinopel, noch in Asien von Türken und Mamluckcn erhalten. Bcy den späteren Feldzügen darf man nur die geringe Zeit bedenken, in welcher die Heere dort waren, die Drangsale, unter welchen sie diese wenige Zeit oft nur an den Grenzen des Landes zubrachten, um dem glänzenden Traum mit- gebrachter großer Entd.ckungcn zu entsagen. Die Pendeluhr, die Kaiser Friedrich der Zweyte von Me- ledin zum Geschenk erhielt, brachte noch keine Gno- monik, die griechischen Pallaste, die die Kreuzfahrer in Konstanrinopel anstauneten, noch keine bessere Baukunst nach Europa. Einige Kreuzfahrer, insonderheit Friedrich der Erste und Zweyte wirkten zur Aufklärung mit; jener aber that es, che er das Morgenland sah, und diesem war nach seinem kurzen Aufenthalt daselbst diese Reise nur ein neuer Antrieb, der Geschichte der Menschheit. 28Z in seiner längst erwiesenen Regierungsarl fortzuwirken. Keiner der geistlichen Ritterorden hat Aufklärung nach Europa gebracht, oder dieselbe befördert. Es schränket sich also, was hiebey für die Kreuzzüge gesagt werden kann, auf wenige Veranlassungen ein, die zu andern schon vorhandenen trafen, und sonach diese wider ihren Willen mit befördern mußten. r. Die Menge reicher Vasallen und Ritter, die in den ersten Feldzügen nach dem heiligen Lande zogen, und einem großen Theil nach nicht wiederkamen, veranlaßre, daß ihre Güter verkauft wurden, oder mit andern zusammcnstelen. Dies nutzte, wer cs nutzen konnte, die Lehnherrcn, die Kirche, die schon vorhandenen Städte, jeder nach seinerXWcise; der Lauf der Dinge zu Befestigung der königlichen Macht durch dw Errichtung eines Mittelstandes ward dadurch zwar nicht angefangen, aber befördert und beschleunigt. 2. Man lernte Länder, Völker, Religionen und Verfassungen kennen, die man sonst nicht kannte; der enge Gesichtskreis erweiterte sich; man bekam neue Ideen, neue Triebe. Jetzt bekümmerte man sich um Dinge, die man sonst würde vernachläßigt haben, brauchte besser, was man in Europa längst besaß, und da man die Welt weiter fand als man geglaubt hatte, so ward man auch nach der Kenntniß des Entfernten neugierig. Die gewaltigen Eroberungen, die Dschingis - Khan im nörd - und östlichen Asien machte, zogen die Blicke am meisten nach der Ta- tarev hin, in welche,Mark - Polo , der Vcnetianer, Ideen zur Philosophie 284 Rubruquis, der Franzose, und Johann de Plano Earpino, ein Italiener, in ganz verschiedenen Absichten reisete»; der erste des Handels, der zwcyte einer königlichen Neugierde, der dritte vom Papst geschickt, der Bekehrung dieser Völker wegen. Noth- wendig also hangen auch diese Reisen mit den Kreuz- zeigen nicht zusammen: denn vor - und nachher ist man gcreiset. Der Orient selbst ist uns durch diese Züge weniger bekannt worden, als man hätte wünschen mögen ; die Nachrichten der Morgenländer über ihn auch in dem Zeitpunkt, da Syrien von Christen wimmelte, bleiben uns noch unentbehrlich. 3. Endlich lernte auf diesem heiligen Tummelplatz Europa sich unter einander selbst kennen, obgleich nicht auf die ersprießlichste Weise. Könige und Fürsten brachten von dieser näheren Bekanntschaft meistens einen unaustilgbaren Haß gegen einander nach Hause; insonderheit empfingen die Kriege zwischen England und Frankreich dadurch neue Nahrung. Der böse Versuch, daß ein- Ehristenrepublik gegen Ungläubige vereint streiten könne und möge, berechtigte zu solchen Kriegen auch in Europa, und hat sic nachher in andre Welttheile verbreitet. Un- läugbar ists indessen, daß, indem die europäischen Nachbarn, ihre gegenseitige Stärke und Schwäche näher sahen, damit im Dunkeln eine allgemeinere Staatskunde und ein neues System der Verhältnisse in Kriegs- und Friedenszciten gegründet ward. Nach Rcichthum, Handel, Bequemlichkeit und Ueppigkeit war jedermann lüstern, weil ein rohes Gemüth diese in der Fremde leicht liebgewinnet, und an andern beneidet. Die wenigsten, die aus Orient zurückka- mcn, konnten sich fortan in die europäische Waise der Geschichte der Menschheit. finden; selbst ihren Heldcnmuth ließen viele dort zurück , ahmten das Morgenland im Abendlande ungeschickt nach, oder sehnten sich wieder nach Abenteuern und Reisen. Uebcrhaupt kann eine Begebenheit nur so viel wirkliches und bleibendes Gute hcr- vorbringen, als Vernunft in ihr liegt. Unglücklich wäre es für Europa gewesen, wenn zu eben der Zeit, da seine zahlreiche Mannschaft in einem Winkel Syriens um das heilige Grab stritt, die Eroberung Dschingis-Khans sich fmher und mit mehrerer Kraft nach Westen gewandt hatte. Wie Rußland und Polen wäre unser Wclttheil vielleicht ein Raub der Mongolen worden, und seine Nationen hatten sodann mit Pilgerstaben in der Hand als Bettler auszichcn mögen, um am heiligen Grabe zu beten. Lasset uns also, von dieser wilden Schwär- mcrey hinweg, nach Europa zurückschcn, wie sich in ihm nach einem durch einander greifenden Lauf der Dinge die sittliche und politische Vernunft der Menschen allmählich aufhellel und bildet. IV. Kultur der Vernunft in Europa. ^)n den frühesten Zeiten des Ehristenthums bemerkten wir zahlreiche Sekten, die durch eine sogenannte s ^ l 'V -t A" 286 Ideen zur Philosophie morgenländische Philosophie das System der Religion erklären, anwenden und lautern wollten; sie wurden als Ketzer unterdrückt und verfolget. Am tiefsten schien die Lehre des Man es cinzu- greifen, die mit der alten persischen Philosophie nach Zoroasters (Zcrduscht) Weise zugleich ein Institut sittlicher Einrichtung verband und als eine thatige Erzieherin ihrer Gemeinen, wirken wollte. Sie ward noch mehr verfolgt, als theoretische Ketzereyen, und rettete sich ostwärts in die tibetanische, westlich in die armenische Gebirge, hie und da auch in europäische Länder, wo sie allenthalben ihr asiatisches Schicksal vorfand. Längst glaubte man sic unterdrückt, bis sie in den dunkelsten Zeiten aus einer Gegend, aus welcher man's am wenigsten vermulhete, wie auf ein gegebnes Zeichen hcrvorbrach und auf einmal in Italien, Spanien, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland einen entsetzlichen Aufruhr machte. Aus der Bulgarey kam sie hervor, einer barbarischen Provinz, um welche sich die griechische und römische Kirche lange gezankt hatte; da war unsichtbar ihr Oberhaupt, das, anders als der römische Papst, Christo in Armuth ähnlich zu seyn vorgab. Geheime Missionen gingen in alle Länder, und zogen den gemeinen Mann, insonderheit fleißige Handwerker und das unterdrückte Landvolk, aber auch reiche Leute, Grafen und Edle, besonders die Frauen, mit einer Macht an sich, die auch der ärgsten Verfolgung und dem Tode trotzte. Ihre stille Lehre, die lauter menschliche Tugenden, insonderheit Fleiß, Keuschheit und Eingezogenheit predigte, und sich ein Ziel der Vollkommenheit vorsteckte, zu welchem die Gemeine mit strengen Unterschieden geführt werden sollte, der Geschichte der Menschheit. 287 war das lauteste Fcldgeschrey gegen die herrschenden Gräuel der Kirche. Besonders griff sie die Sitten der Geistlichen, ihre Rcichthümer, Herrschsucht und Ausgelassenheit an, verwarf die abergläubigen Lehren und Gebrauche, deren unmoralische Zauberkraft sie laugnete, und statt aller derselben einen einfachen Segen durch Auflegung der Hände, und einen Bund der Glieder unter ihren Vorstehern, den Vollkommenen, anerkannte. Die Verwandlung deS BrodS, Kreuz, Messe, Fegefeuer, die Fürbitte der Heiligen, die einwohnenden Vorzüge der römischen Priesterschaft waren ihnen Menschensatzungen und Gedichte; über den Inhalt der Schrift, insonderheit des alten Testaments urtheilten sie sehr frey, und führeten alles auf Armulh, Reinheit des Eemüthes und Körpers , auf stillen Fleiß, Sanftmuth und Gutherzigkeit zurück, daher sie auch in mehreren Sekten dons Kommas, gute Leute, genannt wurden. Bey den ältesten derselben ist der morgenländische Manichäis- mus unverkennbar; sie gingen vom Streit deS Lichtes und der Finsterniß aus, hielten die Materie für den Ursprung der Sünde, und hatten insonderheit über die sinnliche Wollust harte Begriffe; nach und nach lauterte sich ihr System. Aus Manichäern, die man auch Katharer, (Ketzer,) Patarener, Publikaner, kasssZieri, und nach Lokalumstanden in jedem Lande anders nannte, formten einzelne Lehrer, insonderheit Heinrich und Peter de Bruis unanstößigere Partheyen, bis die Waldenser endlich fast alles das lehrten und mit großem Muth behaupteten, womit einige Jahrhunderte später der Protestantismus auftrat; die früheren Sekten hingegen scheinen den Wiedertäufern, Mennoniten, Böhmistcn und andern PrMheyen der 268 Ideen zur Philosophie neuen Zeit ähnlich. Alle breiteten sich mit so stiller Kraft, mit so überredendem Nachdruck aus, daß in ganzen Provinzen das Ansehen des geistlichen Standes äußerst siel, zumal dieser ihnen auch im Dispu- tircn nicht widerstehen konnte. Insonderheit waren die Gegenden der Provcnzali sehen Sprache der Garten ihrer Blüthc; sie übersetzten das neue Testament (ein damals unerhörtes Unternehmen) in diese Sprache, gaben ihre Regeln der Vollkommenheit in provenzalischcn Versen, und wurden seit Einführung des römischen Christenthums die ersten Erzieher und Bildner des Volks in seiner Landessprache *). Dafür aber verfolgte man sie auch, wie man wußte und konnte. Schon im Anfänge des cilftcn Jahrhunderts wurden in der Mitte von Frankreich, zu .Orleans (1022.), Manichäer, unter ihnen selbst der Beichtvater der Königin, verbrannt; sie wollten nicht widerrufen und starben auf ihr Bekenntnis Nicht gelinder verfuhr man mit ihnen in allen Ländern, wo die Geistlichkeit Macht üben konnte, z. B. in Italien und Süd-Deutschland ; im südlichen Frankreich und in den Niederlanden, wo die Obrigkeit sie als fleißige Leute schützte, lebten sie lange ruhig, bis endlich *) Unter den Schriften über Liese Sekten, die die Kirchengeschichle vollständig anführet, erwähneich nur Eines in seinem Werth ziemlich unerkannten Buchs, I. C. Füßli neue und unpar- theyischc Ketzer- und Kirchenhifro- r i e d e r m i t t l e r e n Z e i l, 8 Lheile 8., in welchem sehr nutzbare Kolleelaneen zu finden sind. der Geschichte der Menschheit, 28.) endlich nach mehreren Disputationen und gehaltenen Concilicn (1200.), als der Zorn der Geistlichen aufs höchste gebracht war, das Jnquisitionsgericht gegen sie erkannt ward, und weil ihr Beschützer, Graf Raimund von Toulouse, ein wahrer Märtyrer für die gute Sache der Menschheit, sie nicht verlassen wollte, jener fürchterliche Krcuzzug mit einer Summe der Grausamkeiten auf sie losbrach. Die wider sie gestifteten Ketzerprcdiger, die Dominikaner, waren ihre abscheulichen Richter; Simon von Montfort, der Anführer des Kreuzzuges, der härteste Unmensch, den die Erde kannte; und aus diesem Winke! des südlichen Frankreichs, wo die armen Uons Uoimrims zwei) Jahrhunderte lang verborgen gewesen waren, zog sich das Blutgericht gegen alle Ketzer nach Spanien, Italien und in die meisten christ - katholischen Lander. Daher die Verwirrung der verschiedensten Sekten der mittleren Zeit, weil sie diesem Blutgc- richt und dem Versolgungsgeist der Klerisey alle gleich galten; daher aber auch ihre Standhaftigkeit und stille Verbreitung, also daß Nach drey bis fünf hundert Jahren die Reformation der Protestanten in allen Landern noch denselben Samen fand und ihn nur Neubelebte. Wiklef in England wirkte auf die Lol- larden, wie Huß auf seine Böhmen wirkte: denn Böhmen, das mjt den Bulgarn Eine Sprache hatte, war langst Mir Sekten dieser frommen Art erfüllet gewesen. Der einmal gepflanzte Keim der Wahrheit, und des entschiednen Hasses gegen Aberglauben, Menschendienst und das übcrmüthige, ungastliche Klericat der Kirche war Nicht mehr zu zertreten; die Franziskaner und andre Orden, die als ein Bild der Armuth und Nachahmung Christi, jenen Sekten ent- Phrlos. u. Gesch. VI. LH. L Mecu IV. 290 Ideen zur Philosophie gegengestellt, sie stürzen und aufwiegen sollten, erreichten selbst beym Volke diesen Zweck so wenig, dciß sie ihm vielmehr ein neues Acrgerniß wurden. Also ging auch hier der zukünftige Sturz der grvßesten Tyrannin, der Hierarchie, vom ärmsten Anfänge, der Einfalt und Herzlichkeit aus; zwar nicht ohne Vorurtheile und Jrrthümer, jedoch sprachen diese einfältigen Kons konnuos in manchen fteycr, als nachher selbst manche der Reformatoren thun mochten. * Was Einentheils der gesunde Menschenverstand thar, ward auf der andern Seite von der spekulierenden Vernunft zwar langsamer und feiner, doch aber nicht unwirksam befördert. In den Klo- stcrschulcn lernte man über des heil. Augustinus und Aristoteles Dialektik disputircn; und gewohnte sich, diese Kunst als ein gelehrtes Turnier - und Rittcr- spicl zu treiben. Unbillig ist der Tadel, den man auf diese Düputirfreyheit als auf eine gar unnütze Uebung der mittleren Zeiten wirft: denn eben damals war diese Freyhcit unschätzbar. Disputircnd konnte manches in Zweifel gezogen, durch Gründe oder Ge- gcngründe gesichtet werden, zu dessen positiver oder praktischer Bczwcifeluyg die Zeit noch lange nicht da war. Fing nicht die Reformation selbst noch damit an, daß man sich hinter Dispurirgesetze zog, und mit ihrer Freyhcit schützte? Als aus den Kloster- schulen nun gar Universitäten, d. i. mit papst- und kaiserlicher Freyhcit begabte Kampf- und Rittcrplatze wurden: da war ein weites Feld eröffnet, die Sprache, die Geistesgegenwart, den Witz und Scharfsinn ge- der Geschichte der Menschheit. 291. lehrter Streiter zu üben und zu scharfen. Da ist kein Artikel der Theologie, keine Materie der Metaphysik, die nicht die subtilsten Fragen, Zwiste und Unterscheidungen veranlaßt hatte und mit der Zeit zum feinsten Gewebe ausgesponnen wäre. Dies Spinnengewebc hatte seiner Natur nach weniger Bestandheit, als jener grobe Bau positiver Traditionen, an welche man blindlings glauben sollte; es konnte, von der menschlichen Vernunft gewebt, als ihr eigenes Werk von ihr auch aufgelöset und zerstöret werden. Dank also jedem feinen Disputirgcist der mittleren Zeiten, und stdem Regenten, der die gelehrten Schlosser dieser Gespinnstc schuf! Wenn mancher der Disputanten aus Neid oder seiner Unvorsichtigkeit wegen verfolgt, oder gar nach seinem Tode aus dem geweißten Boden ausgegrabcn wurde: so ging doch die Kunst im Ganzen fort und hat die Sprach- vernunft der Europäer sehr gcscharfet. Wie das südliche Frankreich der erste daurend» Schauplatz einer aufstrebenden Volksreligion war: so ward fein nördlicher Theil, zumal in der berübmten Pariser Schule der Ritterplat; der Spekulation und Scholastik. Paschasius und Natram- nus hatten hier gelebt, Scotus Erigena in Frankreich Aufenthalt und Gunst gefunden, Lanscanc und Berengar, Anselm, Abelard, Petrus Lombardus, Thomas von Aguino, Bonaventura, Dccam, DunS Scotus, die Morgensterne und Sonnen der scholastischen Philosophie lebrten in Frankreich entweder Zeitlebens, oder in ihren besten Jahren; und aus allen Landern flog alles nach Paris, diese höchste Weisheit des damaligen Zeitalters zu lernen. Wer sich in ihr berühmt gemacht batte, gelangte zu Ehren- T 2 292 Ideen zur Philosophie stellen im Steint und in der Kirche: denn auch von Staatsangelegenheiten war die Scholastik so wenig ausgeschlossen, daß jener Dccam, der Philipp den Schönen und Ludwig von Bayern gegen die Päpste vertheidigte, zum Kaiser sagen konnte: „beschütze du mich mit dem Schwert; mit der Feder will Ich dich schützen." Daß sich die Französische Sprache vor andern zu einer philosophische» Pcäcision gebildet, kommt unter andern auch davon her, daß in ihrem Vaterlande so lange und viel, so leicht und fein disputirt worden ist: denn die lateinische Sprache war mit ihr verwandt, und die Bildung abstrakter Begriffe ging leicht in sie über. . * Daß die Uebcrsetzung der Schriften des Aristoteles zur feinen Scholastik mehr als Alles bcytrug, ist schon aus dem Ansehen klar, das sich dieser griechische Weltweise in allen Schulen Eu- ropa's ein halbes Jahrtausend hin zu erhalten wußte; die Ursache aber, weswegen man mit so heftiger Neigung auf diele Schriften siel und sie meistens von den Arabern entlehnte, liegt nicht in den Kreuzzügcn, sondern im Triebe des Jahrhunderts und in dessen Denkart. Der früheste Reiz, den die Wissenschaft der Araber für Europa hakte, waren ihre mathematische Kunstwerke, sammt den Geheimnissen, die man bey ihnen zur Erhaltung und Verlängerung des Lebens, zum Gewinn unermeßlicher Reichthümcr, ja zur Kenntniß des waltenden Schicksals selbst zu finden hoffte. Man suchte den Stein der Weisen, das Elirir der Unsterblichkeit; in den Sternen las man zukünftige Dinge, und die mathematischen Werkzeuge selbst schienen Zauberinstrumente. So ging man als der Geschichte der Menschheit. 29Z Kind dem Wunderbaren nach, um einst statt seiner das Wahre zu finden, und unternahm dazu die beschwerlichsten Reisen. Schon im eilften Jahrhundert hatte Konstantin der Afrikaner von Karthago aus, A9 Jahre lang den Orient durchstreift, um die Geheimnisse der Araber in Babylonien, Indien, Aegypten zu sammlen; er kam zuletzt nach Europa, und übersetzte als Mönch zu Monte Eassino aus dem Griechischen und Arabischen viele insonderheit zur Arz- neykunst dienende Schriften. Sie kamen, so schlecht die Uebersetzung seyn mochte, in Vieler Hände, und durch die arabische Kunst hob sich zu Salerno die erste Schule der Arzneywissenschast mächtig empor. Aus Frankreich und England gingen die Wißbegierige nach Spanien, um den Unterricht der berühm- testen arabischen Lehrer selbst zu genießen; ste kamen zurück, wurden für Zauberer angesehen, wie sie sich denn auch selbst mancher geheimen Künste als Zau- be'rcyen rühmten. Dadurch gelangten Mathematik, Ehemie, Arzneykunde theils in Schriften, theils in Entdeckungen und Proben der Ausübung auf die berühmtesten Schulen Europa's. Ohne Araber wäre kein Gcrbert, kein Albertus magnus, Arnold von Villa Nova, kein Roger Baco, Raimund Lull u. a, entstanden; entweder hatten sie in Spanien von ihnen selbst oder aus ihren Schriften gelernet. Selbst Kaiser Friedrich II., der zur Uebersetzung arabischer Schriften und zum Auflebcn jeder Wissenschaft unermüdlich beytrug, liebte diese nicht ohne Aberglauben. Jahrhunderte lang erhielt sich theils die Neigung zu reisen, theils die Sage von Reisen nach Spanien, Afrika und dem Orient, wo von stillen Weisen die herrlichsten Geheimnisse der Natur zu erlernen wären: 294 Ideen zur Philosophie manche geheime Orden, große Zünfte fahrender Scholastiker sind daraus entstanden; ja die ganze Gestalt der philosophischen und mathematischen Wissenschaften bis über das Jahrhundert der Reformation hinaus verrätst diesen arabischen Ursprung. * * * Kein Wunder, daß sich an eine solche Philosophie die Mystik anschloß, die sich selbst an ihr zu einem der feinsten Systeme beschaulicher Vollkommenheit gebildet. Schon in der ersten christlichen Kirche war aus der ncuplatonischen Philosophie in mehrere Sekten Mystik gegangen; durch die Ucbersctzung des falschen Dionysius Arcopagita kam sie nach Occident in die Kloster, manche Sekten der Manichäer nahmen an ihr Theil, und sic gelangte endlich, mit und ohne Scholastik, unter Mönehur und Nonnen zu einer Gestalt, in welcher sich bald die spitzfündigste Grübelei) der Vernunft, bald die Zarteste Fcinhnt des liebenden Herzens offenbaret. Auch sic hat ihr Gutes bewirkt, indem sie die Gcmüther vom bloßen Ce- rcmoniendienst abzog, sie zur Einkehr in sich selbst gewohnte , und mit geistiger Speise erquickte. Einsamen, der Welt entnommenen, schmachtenden Seelen gab sie außer dieser Welt Trost und Uebung, wie sie denn auch durch eine Art geistlichen Romans die Empfindungen selbst verfemte. Sie war eine Vorläuferin der Metaphysik des Herzens, wie die Scholastik eine Vorarbeiten» der Vernunft war, und beydc hielten einander die Wage. Glücklich, daß die Zeiten bcynahe vorbei) sind, in welchen dies Opium Arzucy war und leider seyn mußte *). ) Rach allem, was Poiret, Arnold u. a. geschrieben, fehlt uns noch eine Geschichte der Mystik dcr Geschichte der Menschheit. 296 Die Wissenschaft der Rechte endlich, diese praktische Philosophie des Gefühls der Billigkeit und des gesunden Verstandes, hat, da sie mit neuem Licht zu scheinen anfing, mehr als Mystik und Spekulation zum Wohl Europa's beygetragen und die Rechte der Gesellschaft fester gegründet. Zn Zeiten ehrlicher Einfalt bedarf man vieler geschriebenen Gesetze nicht, und die rohen deutschen Volker strauberen sich mit Recht gegen die Spitzfindigkeit römischer Sachführer; in Landern andrer policirten, zum - Theil verdorbenen Völker wurden ihnen nicht nur eigne gcschriebne Gesetze, sondern bald auch ein Auszug des römischen Rechts unentbehrlich. Und da dieser gegen eine fortgchende, mit jedem Jahrhundert wachsende päpstliche Gesetzgebung zuletzt nicht hinreichte, so war es gut, daß man auch das ganze Corpus der römischen Rechte hervorzog, damit sich der Verstand und das Urthcil erklärender und thatiger Männer an ihnen übte. Nickt ohne Ursach empfahlen die Kaiser dies Studium ihren zumal Italienischen hohen Schulen: denn ihnen wards eine Rüstkammer gegen den Papst; auch hatten alle entstehende Frepstädte dasselbe Interesse, es gegen Papst, Kaiser und ihre kleinen Tyrannen zu gebrauchen. Unglaublich also vermehret«: sich die Zahl der Rechtsge- lchrtcn: sie waren, als gelehrte Ritter, als Verfechtep dcr Frcyheit und des Eigenthums dcr Völker an Höfen, in Städten und auf Lehrstühlen im höchsten Ansehen, und das vielbesuchte Bologna ward durch sie die gelehrte Stadt. Was Frankreich in der Scho- zumal dcr mittleren Zeit, in reinem philosophi»' sehen Sinne geschrieben. 296 Ideen zur Philosophie lastik war, ward Italien durch Emporbringung der Rechte: das altrömische und das kanonische Recht wetteiferten mit einander; mehrere Papste selbst waren die Rcchtsgelehrtesten Männer. Schade, daß die Erweckung dieser Wissenschaft noch auf Zeiten traf, in welchen man die Quellen unrein fand und den Geist des alten römischen Volks nur durch einen trüben Nebel entdeckte. Schade, daß die grübelnde Scholastik sich auch dieser praktischen Wissenschaft anmaßte, und die Aussprüche der verständigsten Männer zu einem verfänglichen Wortgespinnst machte. Schade endlich, daß man ein Hülfsstudium, eine Uebung der Urthcilskraft nach dem Muster der größesten Acrstan- desmanner des Alterthums, zur positiven Norm, zu einer Bibel der Gesetze in allen, auch den neuesten und unbestimmtesten Fallen annahm. Damit ward jener Geist der Chikane eingeführt, der den Charakter fast aller europäischer Nationalgcsetzgebungen mit der Zeit beynahe ausgelöscht Härte. Barbarische Büchergelehrsamkeit trat in die Stelle lebendiger Sachkenntnis, der Rcchtsgang ward ein Labyrinth von Förmlichkeiten und Wortgrübcleycn; statt eines cdeln Rich- 'tersinnes ward der Scharfsinn der Menschen zu Kunstgriffen gescharfet, die Sprache des Rechts und der Gesetze fremde und verwirret gemacht, ja endlich mit der siegenden Gewalt der Oberherren ein falsches Re- gcntcn-Recht über alles begünstigt. Die Folgen davon haben auf lange Zeiten gcwirket. * * * Traurig wird der Anblick, wenn man den Zustand des in Europa wiedcrerwachenden Geistes mit einigen altern Zeiten und Völkern vergleichet. Aus der Geschichte der Menschheit. 297 einer rohen und dumpfen Barbaren, unter dem Druck gcist- und weltlicher Herrschaft geht alles Gure furchtsam hervor; hier wird das beste Samenkorn auf hartem Wege zertreten oder von Raubvögeln geholet; dort darf es sich unter Dornen nur mühsam emporarbeiten, und erstickt oder verdorret, weil ihm der wohlthatige Boden alter Einfalt und Güte fehlet. Die erste Volksrcligion kommt unter verfolgten, zum Theil schwärmenden Ketzern, die Philosophie anfHör- salen streitender Dialektiker, die nützlichsten Wissenschaften als Zauberey und Aberglaube, die Lenkung menschlicher Empfindungen als Mystik, eine bessere Staatsveesassung als ein abgetragener, geflickter Mantel einer langst verlebten, ganz ungleichartigen Gesetzgebung zum Vorschein; hiedurch soll Europa sich aus dem verworrensten Zustande hervvrhebcn und nett bilden. Was indessen dem Boden der Kultur an lockerer Tiefe, den Hülfsmitteln und Werkzeugen an Brauchbarkeit, der Luft an Heiterkeit und Freyheit entging, ersetzt vielleicht der Umfang des Gefildes, das bearbeitet, der Werth der Pflanze, die erzogen werden sollte. Kein Athen oder Sparta, Europa soll hier gebildet werden; nicht zur Kalokagathie eines griechischen Weisen oder Künstlers, sondern zu einer Humanität und Vernunft, die mit der Zeit den Erdball umfaßte. Lasset uns sehen, was dazu für Veranstaltungen gemacht, was für Entdeckungen ins Dunkel der Zeiten hingestreuet wurden, damit sie die Folgezeit reifte. 29 » Ideen zur Philosophie V. Anstalten und Entdeckungen in Europa. i. -^-fte Städte sind in Europa gleichsam stehende Heerlager der Kultur, Werkstätten des Fleißes und der Anfang einer bessern Staatshaushaltung geworden, ohne welche dies Land noch jetzt eine Wüste wäre. In allen Ländern des römischen Gebiets erhielt sich in und mit ihnen ein Thcil der römischen Künste, hier mehr, dort minder; in Gegenden, die Rom nicht besessen hatte, wurden sic Vormauern gegen den 'Andrang neuer Barbaren, Freystätten der Menschen, des Handels, der Künste und Gewerke. Ewiger Dank den Regenten, die sie errichteten, begabten und schirmten: denn mit ihnen gründeten sich Verfassungen, die dem ersten Hauch eines Ecmcin- geistcS Raum gaben; cs schufen sich aristokratisch- demokratische Körper, deren Glieder gegen und übereinander wachten, sich oft befeindeten und bekämpften, eben dadurch aber gemeinschaftliche Sicherheit, wetteifernden Fleiß und ein fortgehendcs Streben nicht anders als befördern konnten. Innerhalb der Mauer einer Stadt war auf einen kleinen Raum alles zusammengedrängt, waS nach damaliger Zeit Erfindung, Arbeitsamkeit, Dürgcrfreyheit, Haushaltung, Polizcy und Ordnung wecken und gestalten konnte: die Gesetze mancher Städte sind Muster bürgerlicher Weisheit. Edle sowohl als Gemeine genossen durch sic des ersten Namens gemeinschaftlicher Freiheit, des Bürgerrechtes. In Italien entstanden Republiken, die durch der Geschichte der Menschheit. 299 ihren Handel weiter langten, als Athen und Sparta je gelangt hatten ; disseit der Alpen gingen nickt nur einzelne Städte durch Fleiß und Handel hervor, son- dern cs knüpften sich auch Bündnisse derselben, ja zuletzt ein Handelsstaat zusammen, der über das schwarze, mittelländische, atlandische Meer, über die Nord- und Ostsee reichte. In .Deutschland und den Niederlanden, in den nordischen Reichen, Polen, Preußen, Ruß - und Licfland lagen diese Städte, deren Fürstin Lübeck war, und die grosssten Handclsörlcr in England, Frankreich, Portugal, Spanien und Italien gefetteten sich zu ihnen; vielleicht der wirksamste Bund, der je in der Welt gewesen. Er hat Europa mehr zu einem Gemeinwesen gemacht, als alle Kreuzfahrten und Römische Gebrauche: denn über Religions- und Na- tionaluntcrschiede ging er hinaus, und gründete die Verbindung der Staaten auf gegenseitigen Nutz, auf wetteifernden Fleiß, auf Redlichkeit und Ordnung. Städte haben vollführt , was Regenten, Priester und Edle nicht vollführcn konnten und mochten: sie schufen ein g e m c i ns c h a ft l i c h - w irke n d e s Eu r 0 p a. 2. Die Zünfte in den Städten, so lästig sie oft der Obrigkeit, ja der wachsenden Kunst wurden, waren als kleine Gemeinwesen, als verbündete Körper, wo jeder für alle, alle für jeden standen, zu Erhaltung redlichen Gewerbes, zu besserer Bearbeitung der Künste, endlich zur Schatzung und Ehre des Künstlers selbst, damals unentbehrlich. Durch sie ist Europa die Verarbeiten» aller Erzeugnisse der Welt worden, und hat sich dadurch als der kleinste und ärmste Well- theil die Uebermacht über alle Wellcheile erworben. Seinem Fleiß ist es Europa schuldig, daß aus Wolle und Flachs, aus Hanf und Seide, aus Haaren und Äov Ideen zur Philosophie Häuten, aus Leim und Erden, aus Steinen, Metallen , Pflanzen, Saften und Farben, aus Asche, Salzen, Lumpen und Unrath Wunderdinge hervorgebracht sind, die wiederum als Mittel zu andern Wunderdingen dienten und dienen werden. Ist die Geschichte der Erfindungen das größcste Lob des menschlichen Geistes: so sind -Zünfte und Gilden die Schulen derselben gewesen, indem durch Vereinzelung der Künste und regelmäßige Ordnung des ErlernenS, selbst durch den Wetteifer mehrerer gegen einander, und durch die liebeArmuth, Dinge hervorgebracht sind, die die Gunst der Regenten und deS Staats kaum kannte, selten beförderte oder belohnte, fast nimmer aber erweckte. Im Schatten eines friedlichen Stadtregimcnts gingen sie durch Zucht und Ordnung hervor; die sinnreichsten Künste entstanden aus Handarbeiten, aus Gewerken, deren Gewand sie, zumal disseit der Alpen, nicht zu ihrem Schaden, lange Zeit an sich getragen haben. Lasset uns also auch jene Förmlichkeiten und Lehrstaffeln jeder solchen praktischen Ordnung nicht verlachen oder bemitleiden; an ihnen erhielt sich das Wesen der Kunst und die Gcmcinehre der Künstler. Der Mönch und Ritter bedurfte der Lehrgrade weit minder, als der thatige Arbeiter, Key welchem die ganze Genossenschaft gleichsam den Werth seiner Arbeit verbürgte : denn allem , was Kunst ist, steht nichts so sehr als Pfuscherei), Mangel des Gefühls an Meisterehre entgegen; mit diesem geht die Kunst selbst zu Grunde. Ehrwürdig seyn uns also die Meisterwerke der mittleren Zeit, die vom Verdienst der Städte um alles, was Kunst und Gewcrb ist, zeugen. Die Gorhi- sche Baukunst wäre nie zu ihrer Blüthe gelanget, wenn nicht Republiken und reiche Handelsstädte mit Domkirchen der Geschichte der Menschheit. 3or kirchen und Rathhausern so gewctteifert hätten, wie einst die Städte der Griechen mit Bildsäulen und Tempeln. In jeder derselben bemerken wir, woher ihr Geschmack Muster nahm und wohin sich damals ihr Verkehr wandte; Venedig und Pisa haben in ihren ältesten Gebäuden eine andre Bauart, als Florenz oder Mailand. Die Städte disscit des Gebirges folgten diesen oder andern Mustern; im Ganzen aber wird die bessere gothische Baukunst am meisten aus der Verfassung der Städte und dem Geist der Zeiten erklärbar. Denn wie Menschen denken und leben: so bauen und wohnen sie; auch auswärts gesehene Muster können sie nur nach ihrer Art anw.nden, da jeder Vog.l nach Gestalt und Lebensweise sein Nest bauet. An Klöstern und Ritterkastellen wäre die kühnste und zierlichste gothische Baukunst nie geworden; sie ist das Pracht- rigenlhum der öffentlichen Gemeine. Desgleichen kragen die schätzbarsten Kunstwerke der Mittlern Zeit in Metallen, Elfenbein oder auf Glas, Holz, in Teppichen und Kleidern, das Ehrenschild der Geschlechter, der Gemeinheiten und Städte, weshalb sie auch meistens dauernden Werth in sich haben, und sind mit Recht ein unveräußerliches Besitzthum der Städte und Geschlechter. So schrieb der Bürgerfleiß auch Chroniken auf, in welchen freylich dem Schreibenden sein Haus, sein Geschlecht, seine'Zunft und Stadt die ganze Welt ist; desto inniger aber nimmt er mit Geist und Herz an ihnen Anthcil, und wohl den Landern, deren Geschichte aus vielen dergleichen und nicht aus Mönchs-Chroniken hcrvorgcht. Auch die Römische Rechtsgelehrsamkeit ist zuerst durch die Rathgeber der Städte kräftig und weise beschrankt worden; sonst würde sie die besten Statuten und Rechte der Völker zuletzt verdränget haben. Philos. und Gesch. VI. Th. U IV. Ideen znr Philosophie 3. Die Universitäten waren gelehrte Städte und Zünfte; sie wurden mit allen Rechten derselben, als Gemeinwesen, cingcführt und theilen die Verdienste mit ihnen. Nicht als Schulen, sondern als polnische Körper schwächten sie den rohen Stolz des AdelS, unterstützen die Sache der Regenten gegen die Amaßungen de-S Papstes, und öffneten statt des aus- schließendcn Elerus einem eignen gelehrten Stande zu Staatsvcrdiensten und Nittcrchren den Weg. Nie sind vielleicht Gelchrte mehr geachtet worden, als in den Zeiten, da die Dämmerung der Wissenschaften anbrach; man sähe den unentbehrlichen Werth eines Gutes, das man so lange verachtet hatte, und indem Eine Parthey das Licht scheucte, nahm die Andre an der ausgehenden Morgcnrölhe desto mehr Antheil. Universitäten waren Festungen und Bollwerke der Wissenschaft gegen die streitende Barbarei) des KirchendesporiSmuS; einen halbunerkannten Schatz bcwahreten sie wenigstens für bessere Zeiten. Nach Theoderich, Karl dem Großen und Alfred wollen wir also vorzüglich die Asche Kaiser Friedrichs des Zweiten ehren, der bcy zehn andern Verdiensten, auch Universitäten in jenen Gang brachte , in welchem sie sich zeither, lange nach dem Muster der Parisischen Schule, fortgcbildet haben. Auch in diesen Anstalten ist Deutschland gleichsam der Mittelpunkt von Europa geworden; in ihm gewannen die Rüstkammern und Vorrathshäuscc der Wissenschaften nicht nur die festeste Gestalt, sondern auch den größe- sten inncrn Reichthum. 4 . Endlich nennen wir nur einige Entdeckungen, die in Ausübung gebracht, die mächtigsten Anstalten für die Zukunft wurden. Die Magnetnadel, eine Leiterin der Schifffahrt, kam wahrscheinlich durch di« der Geschichte der Menschheit. 3<>3 Araber nach Europa, und durch die Amalsttancr bcv ih'eem frühen Handelsv.rkehr mit jenen zuerst in Gebrauch ; mit ihr war den Europäern gleichsam die Welt gegeben. Frühe schon wagten sich die Genuesen das Atlantische Meer hinunter: nachher belaßen die Portugiesen nicht vergeblich die westlichsten Küsten der alten Welt. Sie suchten und fanden den Weg um Afrika und veränderten damit den ganzen Indischen Handel; bis ein andrer Genuese die zweyte Halbkugel entdeckte, und damit alle Verhältnisse unsres Welttheils umfvrmte. Das kleine Werkzeug dieser Entdeckungen kam mir de» Anbruch der Wissenschaften nach Europa. Das Glas, eine frühe Waare der Asiaten, die man einst mit Gold auswog, ist in den Händen der Europäer mehr als Gold worden. War es Salvino oder ein andrer, der die erste Brille schliff (r 2,55); er begann damit ein Werkzeug, das einst Millionen himmlischer Welten entdecken, die Zeit und Schiffsabrt ordnen , ja überhaupt die größeste Wissenschaft befördern sollte, deren sich der menschliche Geist rükmet. Ueb,r die Eigenschaften des Lichts und bevnahe jedes Naturreiches sann schon Noger Baco, der Franziskanermönch, in seiner Zelle wunderbare Dinge aus (i2.5c>), die ihm in seinem Orden mit Haß und Gefängniß belohnt, in Hellern Zeiten aber von andern glücklicher verfolgt wurden. Der erste Morgcnstral deS Lichts in der Seele dieses bewundernswürdigen Mannes zeigte ihm eine neue Welt am Himmel und auf Erden. Das Schießpulver, ein mörderisches, und dennoch im Ganzen wohlthatiges Werkzeug, kam auch durch die Araber, entweder schon im Gebrauch ot^r wenigstens in Schriften nach Europa. Hie und da scheint es aus diesen von mehreren erfunden zu sepn, und ward nur langsam angewandt: denn es änderte U 2 Ideen zur Philosophie 3c>4 die ganze Art des Krieges. Unglaublich viel hangt im neuen Zustande von Europa von dieser Erfindung ab, die den Rittergcist mehr als alle Eoncilien besiegt, die Gewalt der Regenten mehr als alle Volksversammlungen befördert, dem blinden Metzeln persönlich erbitterter Heere gesteuret, und der Kricgcsan, die sie hcrvor- brachte, auch selbst Schranken gesetzt hat. Sic und andre chemische Erfindungen, vor allen des mörderischen Drantwcins, der durch die Araber als Arzncy nach Europa kam und sich als Gift nachher auf die weite Erde verbreitet hat, machen in der Geschichte unsres Geschlechts Epochen. Ebenso das Papier aus Lumpen bereitet, und die Vorspiele der Buchdruckerey in Spielkarten und andern Abdrücken unbeweglicher Charaktere. Zu jenem gaben wabrscheinlich die Araber mit dem Baumwollen - und Scidenpapicr, das sie aus Auen brachten, Anlaß; die letztgenannte Kunst ging in langsamen Schritten von Einem Versuche zum andern fort, bis aus Holzschnitten, die Kupferstecher-und Buchdruckerkunst mit der gröfcstcn Wirkung für unfern ganzen Wcltthcil wurden. Die Rechnung s- Ziffern der Araber, die musikalischen Noten, die Guido von Arezzo erfand, die Uhren, di - gleichfalls aus Asien kamen, die Dclmalcrey, eine alte Deutsche Erfindung, und was sonst hie und da an nützlichen Werkzeugen noch vor d.ni Anbruch der Wissenschaften ausgcdacht, cdcr angenommen und nachge- ahmt worden, ward im großen Treibhaus«; des Eurv- pailchen Kunsifleißes fast'immer ein Samenkorn neuer' Dinge und Begebenheiten für die Zukunft. der Geschichte der Menschheit. 3c>5 VI. Schlußanmerkung. ^»L?ie kam also Europa zu seiner Kultur, und zu dem Range, der ihm damit vor andern Völkern gebühret? Ort, Zeit, Bedürfniß, die Lage der Umstände, der Strom der Begebenheiten drängte es dahin; vor allem aber verschaffte ihm diesen Rang ein Resultat vieler gemeinschaftlichen Bemühungen, sein eigner Kunstfleiß. r. Ware Europa reich wie Indien, undurchfchnit- ten wie die Tatarey, heiß wie Afrika, abgetrennt wie Amerika gewesen ; es wäre, was in ihm geworden ist, nicht entstanden. Jetzt half ihm auch in der tief- - sten Barbarey seine Weltlage wieder zum Licht; am meisten aber nutzten ihm seine Ströme und Meere. Nehmet den Dnieper, den Don und die Düna, das schwarze, mittelländische, adriatische und atlantische Meer, die Nord- und Ostsee, mit ihren Küsten, Inseln und Strömen hinweg; und der große Handels- Verein, durch welchen Europa in seine bessere Tbätig- keit gesetzt ward, wäre nicht erfolget. Jetzt umfasse- ten die Heyden großen und reichen Welttheilc, Asien und Afrika diese ihre ärmere, kleinere Schwester; sie sandten ihre Waaren und Erfindungen von den äußersten Grenzen der Welt, aus Gegenden der frühesten, längsten Kultur zu, und schärften damit ihren Kunstfleiß, ihre eigne Erfindung. Das Klima in Europa, die Reste der alten Grschen- und Römerwelt kamen dem Allen zu Hülfe; mithin ist aufT hätigkeit und Erfindung, auf Wi ss e n s c h a fte n und ein gemeinschaftliches, wetteiferndes Bestreben die Herrlichkeit Europa's gegründet. Zoü Ideen zur Philosophie ic. 2 . Der Druck der römischen Hierarchie war vielleicht ein nothwendiqes Joch, eine unentbehrliche Fessel für die rohen Völker des Mittelalters; ohne sic wäre Europa wahrscheinlich ein Raub der Despoten, ein Schauplatz ewiger Zwietracht, oder gar eine Mongolische Wüste worden. Als Gegengewicht verdienet sie also ihr Lob; als erste und sorrdaurendc Triebfeder, hatte sie Europa in einen Tibetanischen Kirchenstaat verwandelt. Jetzt brachten Druck und Gegendruck eine Wirkung hervor, an w.lche keine der bcydcn Par- theyen dachte: Bedürfnis, Noch und Gefahr trieben zwischen bcydcn einen dritten Stand hervor, der gleichsam das warme Blut dieses großen wirkenden Körpers seyn muß, oder derKörper geht in Verwesung. Dies ist der Stand der Wissenschaft, der nützli- l i ch enT ha ti g kei t, des w e t t e i fc r n d e n K n n s t- fleisies; durch ihn ging dem .Ritter - und Pfaffenthum die Epoche ihrer Unentbehrlichkeit nolhwendig, aber nur allmahlig zu Ende. 3 Welcher Art die neue Kultur Europa's fern konnte, ist aus dem Vorhergehenden auch sichtbar. Nur eine Kultur der Menschen, wie sie waren und seyn wollten; eine Kultur durch Betriebsamkeit, Wissenschaften und Künste. Wer dieser nicht bedurfte, wer sic verachtete oder mißbrauchte , blieb wer er war; an eine durch Erziehung, Gesetze und Konstitution der Lander allge- gemein durchgreifende Bildung aller Stande und Völker war damals noch nicht zu gedenken, und wenn wird daran ;u gedenken seyn? Indessen geht die Vernunft und die verstärkte gemeinschaftliche Thaiigkcit der Menschen ihren unaufhaltbaren Gang fort, und siehcts eben als ein gutes Zeichen an, wenn auch das Beste nicht zu früh reifet. Seite I. Basken, Galen und Kpmren . .6 II. Finnen, Letten und Preußen . . 17 III. Deutsche Völker .... 22 IV. Slavische Volker .... 3 ,. V. Fremde Völker in Europa . . . 3 s VI. Allgemeine Betrachtungen und Folgen 4» Siebenzehntes Buch. I. Ursprung des Christenthums, sammt den Grundsätzen, die in ihm lagen . -0 II. Fortpflanzung des Ehristenthums in den Morgenlandern .... 66 III. Fortpflanzung des Christenthums in den Griechischen Landern ... 62 IV. Fortpflanzung des Christenthums in den lateinischen Provinzen ... §7 Achtzehntes Buch. I. Reiche der Westgothcn, Sueven, Alanen und Vandalen . . . . rr 3 II. Reiche der Ostgothen und Langobarden 124 III. Reiche der Alemannen, Burgunder und Franken.127 I V. Reiche der Sachsen, Normanner^und Danen i 5 o V. Nordische Reiche und Deutschland . 16A Seite VI. Allgemeine Betrachtung über die Einrich- IV. Reiche der Araber .... 2,7 V. Wirkung der Arabischen Reiche . . 23 i Zwanzigstes Buch. I. Handelsgeist in Europa . . . 248 II. Rittergeist in Europa . . . 269 III. Kreuzzüge und ihre Folgen . . 271 IV. Kultur der Vernunft in Europa. . 286 V. Anstalten und Entdeckungen in Europa 298 VI. Schlußanmerkung . . . . 3 o 5 lung der deutschen Reiche in Europa 172 Neunzehntes Buch. I. Römische Hierarchie ... II. Wirkungen der Hierarchie in Europa III. Weltliche Schirmvogteycn der Kirche 184 196 206 VI. Allgemeine Betrachtungen