^10 Ideen zur Philosophie
„hätten sich unter uns nicht noch Schimmer von Ver-nunft und Billigkeit erholten, so wären wir längstnicht mehr, ja wir wären nie entstanden." Da vondiesem Punkt das ganze Gewebe der Menschenge-schichte ausgeht: so müsse» wir unser» Blick sorgfältigdarauf richten.
Zuerst. Was ists , daS wir bei allen mensch-lichen Werken schätzen und wornach wir fragen ? Ver-nunft, Plan und Absicht. Fehlt diese: so ist nichtsMenschliches gethan ; es ist eine blinde Macht bewiesen.Wohin unser Verstand im weiten Felde der Geschichteschweift, suchet er nur sich und findet sich selbst wieder.Je mehr er bei allen seinen Unternehmungen aufreine Wahrheit und Mcnschengüte traf, desto daurcn-der, nützlicher und schöner wurden seine Werke, destomehr begegnen sich in ihren Regeln die Geister undHerzen aller Volker in allen Zeiten. Was reinerVerstand und billige Moral ist, darüber sind So-krates und Eonfucius. Zorcastcr, Plato und Ciceroeinig: Trotz ihrer tausendfache» Unterschiede haben siealle auf Einen Punkt gewirkt, aus dem unser ganzesGeschlecht ruhet. Wie nun der Wanderer kein süßeresVergnügen hat, als wenn er allenthalben, auch wocrs nicht vcrmuthete, Spuren eines ihm ähnlichen,denkenden, empfindenden Genius gewahr wird: soentzückend ist uns in der Geschichte unsres Geschlechtsdie Echo aller Zeiten und Völker, die in den edelstenSeelen nichts als Menschengüte und Mcnschenwahr-heit tönet. Wie meine Vernunft den Zusammenhangder Dinge sucht und mein Herz sich freuet, wennsie solche gewahr wird : so hat ihn jeder Rechtschaffenegesucht und ihn im Gesichtspunkt seiner Lage nurvielleicht anders als ich gesehen, nur anders als ich