I. G. v. Herders sämmtliche Werke. Zur Philosophie und Geschichte. Fünfter Th eil. Ideen. Dritter Band. Mit Eroßherzoglich Badischem gnädigstem Privilegiv. Carlsruhe, im Büreau der deutschen Classiker. r. L 2 o. Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Dritter Theil. Philos. und Gesch. V. LH. A HI. E i l ft e s Buch, ^^üdwarts, am Fuß der großen Asiatischen Gebirge, haben sich, so viel uns aus der Geschichte bekannt ist, die ältesten Reiche und Staaten der Welt gebildet; auch giebt uns die Naturgeschichte dieses Welttheils Ursachen an die Hand, warum sie sich nicht sowohl nord - als südwärts bilden konnten. Der dürftige Mensch folgt mit seinem irdischen Da- scyn so gern der milderen Sonncnwärme: denn diese muß für ihn die Erde decken und die Gewächse zu wohlthätigen Früchten reifen. In Nord-Asien, jenseit der Gebirge, sind die meisten Striche viel höher und kälter: verschlungener ziehen sich die Bergketten hin und her, und trennen die Erd-Regionen sehr oft durch Schncegipfcl, Steppen und Wüsten: wenigere Ströme wässern das Land und ergießen sich endlich in ein Eismeer, dessen wüste User, die Wohnung der Rennthiere und weißen Baren, nur A u 4 Ideen zur Philosophie späte Bewohner zu sich locken konnten. In diesem hohen, zerschnittenen, steil abhängigen Lande, der Steppen - und Berg - Region unsrer alten Welt, mußten also lange Zeit, und in manchen Strichen vielleicht immer, Sarmaten und Scpthen, Mongolen und Tatern, halbwilde Jäger und Nomaden wohnen. Das Bedürfniß und die Gegend machte die Menschen barbarisch: eine einmal gewohnte gedankenlose Lebensart befestigte sich in den abgetrcnnten oder umhccziehenden Stammen und bildete Key roheren Sitten jenen beynah ewigen National-Cha- rakter, ,der alle Nord-Asiatischen Stämme von den südlichen Völkern so ganz unterscheidet. Wie dieser mittlere Gebirgsstrich eine fortdauernde Arche Noah, ein lebendiger Thiergarten fast aller wilden Gattungen unsres Hemisphärs ist : so mußten seine Anwohner auch lange die Mitgenosscn dieser Thicre, ihre milden Hirten oder ihre wilden Bezähmer bleiben. Nur wo sich Südwärts Asien sanfter hinabsenkt, wo die Gcbirgkettcn mildere Thaler umschließen, und sie vor den kalten Nordostwindcn sichern; hier wars, wo insonderheit Ströme die herabziehendcn Eo- lonien allmählich bis zum Ufer des Meers leiteten, sie in Städte und Länder sammelten und ein leichteres Klima auch feinere Gedanken und Anordnungen weckte. Zugleich schoß, da die Natur dem Menschen mehr Muße gab, und mehrere seiner Trieb» angenehm rechte, sein Herz in Leidenschaften und Unarten aus, die, unter dem nordischen Druck des Eises und der Noch, sich nicht in so fröhlichem Unkraut zeigen konnten; mithin wurden mehrere Gesetze und Anstalten zu Einschränkung dieser Triebe der Geschichte der Menschheit. 5 nöthig. Der Geist ersann, und das Herz begehrte: die Leidenschaften der Menschen stürmten wild an einander und mußten sich endlich selbst beschränken lernen. Da aber, was die Vernunft noch nicht thun kann, der Despotismus thun muß, so entstanden im südlichen Asien jene Gebäude der Polizcyen und Religionen, die uns wie Pyramiden und Götzentempel der alten Welt in ewigen Traditionen dastehen; schätzbare Denkmahle für die Geschichte der Menschheit, die uns in jeder Trümmer zeigen, wie viel der Bau der Menschen-Vernunft unserm Geschlecht gekostet habe. I. S i n a. cO>n östlichen Winkel Asiens, unter dem Gebirge, liegt ein Land, das an Alter und Cultur sich selbst das erste aller Länder, die Mittelblume der Welt nennet gewiß aber Eins der ältesten und merkwürdigsten ist, — Sina. Kleiner als Europa, rühmet cs sich einer großem Anzahl Einwohner, als in Ver- hältniß dieser volkreiche Welttheil hat; denn erzählet in sich über 25 Millionen und zwcvmal hunderttausend steuernde Ackerleute, 1672 große und kleine Städte, 1198 Eastelle, 3 i 58 steinerne Brücken, 2796 Tempel, 2606 Klöster, 10,809 alte Gebäude u. f. *) ; welche alle von den 18 Statthalterschaften , in welche das Reich getheilt ist, lammt Bergen und Flüssen, Kcicgsleuten und Gelckrtcn, Producten und Maaren in langen Verzeichnissen jährlich aufgestellt werden. Mehrere Reisende sind darüber einig, daß, außer Europa und etwa dem alten Aegypten, wohl kein Rind so viel an Wege und Strome, an Brück.n und Canäle, selbst an künstliche Berge und Felsen gewandt habe, als Sina; die, nebst der großen Mauer, alle doch vom geduldigen Fleiß menschlicher Hände zeugen. Von Canton bis nahe bei) Peeling kommt man zu Schiff und so ist das ganze mit Berge» und Wüsten durchschnittene Reich durch Landstraßen, Canäle und Strome mühsam verbunden: Dörfer und Städte schwimmen auf Flüssen, und der innere Handel zwischen den Provinzen ist reg' und lebendig. Der Ackerbau ist die Grundfaule ihrer Verfassung : man spricht von blühenden Getreide- und Reififel- dcrn, von künstlich gewasserten Wüsten, von urbar- gemachten wilden Gebirgen: an Gewächsen und Krautern wird gepflegt und genutzt, was genutzt werden kann: fo auch Metalle und Mineralien, *) Leontiew' s Auszug aus der Sinesischen Reichs- Geographie in Büschings histor. und geoar. Magazin. LH. >h. S. hu u. f. In Herrmanns Bevträgen zur Physik (Berlin, issllls Th. i. wird die Größe des Reichs auf >>«,»»« Deutsche Quadrat-Meilen, und die Volksmenge auf >ah Millionen 6g,-mH, auf eine Familie 9 Personen gerechnet. der Geschichte der Menschheit. 7 außer dem Golde, das sic nicht graben. Thicrreich ist das Land, fischreich die Seen und Ströme: der einzige Scidenwnrm ernährt viele Tausende fleißiger Menschen. Arbeiten und Gewerbe sind für alle Clas- sen des Volkes und für alle Mcnschcnalter, selbst für Abgelebte, Blinde und Taube. Sanftmuth und Biegsamkeit, gefällige Höflichkeit und anständige Geberden sind das Alphabet, - das der Sinese von Kindheit auf lernt, und durch sein Leben hin unablässig übet. Ihre Polizey und Gesetzgebung ist Regelmäßigkeit und genau bestimmte Ordnung. Das ganze Staatsgebaudc in allen Vcrhältnisien und Pflichten der Stände gegen einander ist auf die bhrcrbiethung gebauet, die der Sohn dem Vater, und alle Unterthanen dem Vater des Landes schuldig sind, der sie durch jede ihrer Obrigkeiten wie Kinder schützt und regieret; könnte cs einen schöncrn Grundsatz der Menschenregierung geben? Kein erblicher Adel; nur Adel des Verdienstes soll gelten in allen Standen; geprüfte Männer sollen zu Ehrcn- stellcn kommen, und diese Ehrenstellen allein geben Würde. Zu keiner Religion wird der Unterthan gezwungen, und keine, die nicht den Staat angrcift, wird verfolget; Anhänger der Lehre lZonfucius, des Laolse und Fo, selbst Juden und Jesuiten, so bald sie der Staat ausnimmt, wobnen friedlich neben einander. Jbre Gesetzgebung ist auf Sittenlehre, ihre Sittcnlehre auf die heiligen Bücher der Vorfahren unabänderlich gebauet; der Kaiser, ihr oberster Priester, der Sohn des Himmels, der Bcwabrcr der alten Gebräuche, die Seele des Staatskörpers durch alle seine Glieder; könnte man sich, wenn jeder dieser Umstande bewahrt, und jeder Grundsatz 8 Ideen zur Philosophie in lebendiger Ausübung wäre, eine vollkommnere Staatsverfafsunq denken? Dos ganze Reich wäre ein Haus tugendhafter, woblerzoqcncr, fleißiger, sittsamer, glücklicher Kinder und Brüder. Jedermann kennet die vortheilhasten Gcmählde der Sincsischen Staatsverfassunz, die insondcrbeit r m den Missionarien nach Europa geschickt, und daselbst nicht nur von spcculakwcn Pdilosophcn, sondern von Staatsmännern sogar, beynabe als politische Ideale bewundert wurden; bis endlich, da der Strom menschlicher Mcynungen sich in entgegengesetzten Winkeln fortbricht, der Unglaube erwachte, und ihnen weder ihre bohe Eultur, noch selbst ihre sonderbare Eigenthümlichkeit zuqestehen wollte. Einige dieser Europäischen Einwürsc haben das Glück gehabt, in Sinn selbst, obgleich ziemlich Sinesisch, beantwortet zu werden *), und da die meisten Grundbücher ihrer Gesetzgebung und Sittenverfassunq, sammt der weitlauftige» Geschichte ihres Reiches, und einigen, gewiß unparteyischen Nachrichten vor uns liegen : so wäre es übel, wenn sich nicht endlich *) aoncernnni I'IUstoirs, les sclvirces, les nrts , les Iiiovnrr, les asnAes etc. kies (Illinois. lom. II. p. H65 sog. Außer den altern Ausgaben einiger elastischen Bacher der Sinescn vom P. Noel, Couplet, u. f. liefert die Ausgabe des Schilling von DeguigneS, die Ilistoiro gonornle ele In (Illilie p. IVInilln, die eben angeführten Moilioiics oonooininnt los 6 I,innis in 10 Ouartbandcn, in denen auch einige Original-Schriften der Sinesen übersetzt der Geschichte der Menschheit. 9 ein Mittelweg zwischen dem übertriebnen Lobe und Tadel, wahrscheinlich die richtige Straße der Wahrheit aufsinden ließe. Die Frage über das chronologische Alterthum ihres Reichs können wir dabe>> völlig an ihren Ort gestellet seyn lassen: denn so wie der Ursprung aller Reiche des Erdbodens mit Dunkel umhüllet ist, so mag es dem Forscher d»r Menschengeschichte gleichgültig seyn, ob dies sonderbare Volk zu seiner Bildung ein paar Jahrtausende mehr oder minder bedurft habe; genug wenn es diese Bildung sich selbst gab und wir sogar in seinem langsamen Gange die Hindernisse wabrnch- mcn, warum es nicht weiter kommen konnte. Und diese Hindernisse liegen in stimm Eharak- ter, im Drt seiner Wohnung und in seiner Geschichte uns klar vor 'Augen. Mongolischer Abkunft ist dis Nation, wie ihre Bildung, ihr grober oder verschobener Geschmack, ja selbst ihre sinnreiche Künstlichkeit und der erste Wobnsitz ihrer Eultur zeiget. Im nördlichen Sina herrschten ibre ersten Könige: hier wurde der Grund zu dem balbtatarischen Despotismus gelegt, der sich nachher, mit glanzenden Sittenlprüchen überzogen, durch mancherlei) Revolutionen bis ans Südmeer hinab verbreitet. Eine Tatarische Lehnverfasftmg war Jahrhunderte hin das sind u. st Materialien genug, sich eine richtige Idee von diesem Volk zu schaffen. Unter den vielen Nachrichten der Missionare ist insonderheit der P. le Comte, wegen seines gesunden Ur- theils, schätzbar. I-lorivennx lvlemoires snr l'etat prezont cle Intlbiue. z Vol. 8. Uar, lögt-. 10 Ideen zur Philosophie Bond, dos die Vasallen on den Herrscher knüpfte, und die vielen Kriege dieser Vosollcn gegen einonder, die öfter» Umstürze des Throns durch ihre Hände, so selbst die ganze Hofhaltung des Kaisers, seine Regentschaft durch Mandarinen, eine uralte Einrichtung, die nicht erst die Dschengiskaniden oder Mandschu noch Sina gebracht haben; alle dies zeigt, welcher Art und welches genetischen Charakters die Nation sep? ein Gepräge, dos mon Key der 'Ansicht des Ganzen und seiner Theile, bis auf Kleider, Speisen, Gebräuche, häusliche Lebensart, die Gattungen ihrer Künste und ihres Vergnügens schwerlich aus den 'Augen verlieret. So wenig nun ein Mensch seinen Genius, d. i. seine angeborne Stanimarr und Eomplerio», zu ändern vermag: so wenig konnte auch durch jede künstliche Einrichtung, wenn sie gleich Jahrtausende lang walwte, dies nordöstliche Mongolen-Volk seine Na- turbildung verläugne». Es ist auf diese Stelle der Erdkugel hingepflanzt, und wie die Magnetnadel in Sina nicht die Europäische Abweichung Hot: so konnten aus diesem Mcnschcnstamme in dieser Regien auch niemals Griechen und Römer werden. Simsen waren und blieben sie, ein Volksstamm mit kleinen Augen, einer stumpfen Nase, platter Stirn, wenig Bart, großen Ohren und einem dicken Bauch von der Natur begäbet: was diese Organisation Hervorbringen konnte, hat sie hervor gebracht; etwas anders kann man von ihr nicht fordern *). Alle Nachrichten sind darüber einig, daß sich die Mongolische Völkerschaften auf der nordöstli- ) S. Ideen. Th. 2. der Geschichte der Menschheit. ir chen Höbe Asiens durch eine Feinheit des Gehörs ausz.ichnen , die sich bei) ihnen ebcn sowohl erklären laät, als man sie bey andern Naiionen vergebens suchen würde; die Sprache der Sinese» ist von dieser Feinheit des Gehörs Zeuge. Nur ein Mongolisches Ohr konnte darauf kommen, aus drey- hundert drevßig Sylbe» eine Sprache zu formen, die sich bey jedem Mort durch fünf und mehrere Accente unterscheiden muß, um nicht statt Herr, eine Bestie zu nenne»,' und jeden Augenblick die lächerlichsten Verwirrungen zu sagen; daher ein Europäisches Ohr und Europäische Spruch-Organe sich äußerst schwer oder niemals an diese hervorgezwungene Sylben-Musik gewöhnen. Welch ein Mangel von Erfindungskraft im Großen, und welche unselige Feinheit in Kleinigkeiten gehörte dazu, dieser Sprache aus einigen roden Hieroglyphen die unendliche Menge von achtzigtausend zusammengesetzten Charakteren zu erfinden, in welchen sich nach sechs und m.hr Schriftarten die Sinesische Nation unter allen Völkern der Erde auszeichnet. Eine Mongolische Organisation gehörte dazu, um sich in der Einbildungskraft an Drachen und Ungeheuer, in dcr Zeichnung an jene sorgsame Kleinfügigkeit unregelmäßiger Gestalten, i» den Vergnügungen des Auges an das unförmliche Gemisch ihrer Gärten, in ihren Gebäuden an wüste Größe oder pünktliche Kleinheitin ihren Aufzügen, Kleidungen und Lustbarkeiten an jene eitle Pracht, an jene Laternenftste und Feuerwerke, an lange Nägel und zerquetschte Füße, an einen barbarische» Troß von Begleitern, Verbeugungen, Eeremonicn, Unterschieden und Höflichkeiten zu gewöhnen. Es herrscht in alle diesem Ideen zue Philosophie so wenig Geschmack an wahrem Naturvcrhältniß, so wenig Gefühl von innrer Ruhe, Schönheit und Würde, daß immer nur eine verwahrloste Empfindung auf diesen Gang der politischen Eultur kommen, und sich von demselben so durchaus modeln lassen konnte. Wie die Simsen das Goldpa- picr und den Firniß, die sauber gcmahltcn Züge ihrer krausen Charaktere und das Geklingel schöner Sentenzen unmäßig lieben: so ist auch die Bildung ihres Geistes diesem Goldpapier und diesem Firniß, den Charakteren und dem Schellenklange ihrer Syl- bcn durchaus ähnlich. Die Gabe der frcyen, großen Erfindung in den Wissenschaften scheint ihnen, wie mehreren Nationen dieser Erd-Ecke, die Natur versagt zu haben; dagegen sie ihren kleinen Augen jenen gewandten Geist, jene listige Betriebsamkeit und Feinheit, jenes Kunsttalent der Nachahmung in allem, was ihre Habsucht nützlich findet, mit reicher Hand zutheiltc. In ewgem Gange, in ewiger Beschäftigung gehen und kommen sie des Gewinnes und Dienstes wegen, so daß man sie auch in ihrer höchst politischen Form immer noch für ziehende Mongolen halten könnte; denn Key allen ihren unzähligen Einthcilungen haben sie die Ein- theilung noch nicht gelernt, Bewerbsamkeit mit Ruhe also zu gatten, daß jede Arbeit einen jeden auf seiner Stelle finde. Ihre Arzneykunst, wie ihr Handel, ist ein feines, betrügerisches Pulsfühlen, welches ihren ganzen Charakter in seiner sinnlichen Feinheit und ersindungslofcn Unwissenheit mahlet. Das Gepräge des Volks ist eine merkwürdige Eigenheit in der Geschichte, weil es zeigt, was durch hochgetriebne politische Eultur aus einem Mongo- her Geschichte der Menschheit. lcn-Volk, unvcrmilcht mit andern Nationen, werden oder nicht werden konnte: denn daß die Simsen in ihrer Erd-Ecke sich, wie die Juden, von der Vermischung mit andern Völkern frey erhalten haben, zeiget schon ihr eitler Stolz, wenn es sonst nichts zeigte. Einzelne Kenntnisse mögen sie erlangt haben, woher sie wollten; das ganze Gebäude ihrer Sprache und Verfassung, ihrer Einrichtung und Denkart ist ihnen eigen. Wie sie das Einimpsen der Bäume nicht lieben, so stehen auch sie, Trotz mancher Bekanntschaft mit andern Völkern , noch jetzt uneingcimpft da, ein Mongolischer Stamm, in einer Erd-Ecke der Welt, zur Sinesi- schen Sclaven-Eultur vermiet. Alle Kunstbildung der Menschen geschieht durch Erziehung; die Art der Sinesischen Erziehung trug, nebst ihrem National-Charakter, mit dazu bey, war^ um sie das was sie sind und nicht mehr wurden. Da, nach Mongolischer Nomaden-Art, kindlicher Gehorsam zum Grunde aller Tugenden, nicht nur in der Familie, sondern jetzt auch im Staat gemacht lverden sollte: so mußte frcylich daher mit der Zeit jene scheinbare Sittsamkeit, jenes höfliche Zuvorkommcn erwachsen, das man als einen Eha- rakter-Zug der Simsen auch mit feindlicher Zunge rühmet; allein was gab dieser gute Nomaden- Grundsatz in einem großen Staat für Folgen? Als in ihm der kindliche Gehorsam keine Gränzcn fand, indem man dem crwachsmn Mann, der selbst Kinder und männliche Geschäfte hat, dieselbe Pflicht auflegte, die nur dem unerzognen Kinde gebührte; ja, als man diese Pflicht auch gegen jede Obrigkeit festsetzte, die doch nur im bildlichen >4 Ideen zur Philosophie Verstände durch Zwang und Noch, nicht ober aus süßem Naturtriebe den Nahmen des Vaters sichren was konnte, was mußte daher anders entstehen, als daß, indem man, Trotz der Natur, e!» neues menschliches Herz schaffen wollte, man das wahre Her; der Menschen zur Falschheit gewohnte t Wenn der erwachsne Mann noch kindischen Gehorsam bezeugen soll: so must er die selbsiwirksamc Kraft auf- gcbcn, die die Natur in seinen Jahren ihm zur Pflicht machte: leere Zeremonien treten an die Stelle der herzlichen Wahrheit, und der Sohn, der gegen seine Mutter, so lange der Vater lebte, in kindlicher Ergebenheit hinschwamm, vernachlässigt sie nach seinem Tode, sobald nur das Gesetz sie eine Eoncubine beißet. Gleicher Gestalt ists mit den kindlichen Pflichten gegen die Mandarine» : sie sind kein Werk der Natur, sondern des Befehls; Gebrauche sind sic, und wenn sic gegen die Natur streben, so werden sie entkräftende, falsche Gebrauche. Daher der Zwiespalt der Sinesischen Reichs- und Siltenlchre mit ihrer wirklichen Geschichte. Wie oft haben die Kinder des Reichs ihren Vater vom Throne gestoßen! wie oft die Väter gegen ihre Kinder gewüthet! Geitzige Mandarine losten Tausende verhungern und werden, wenn ihr Verbrechen vor den höheren Vater kcmmt, mit elenden Stockschlagen, wie Knaben, unwirksam gezüchtigt. Daher der Mangel au männlicher Kraft und Ebre, den man selbst in den Gemablden ihrer Helden und Großen wahrnimmt; die Ebre ist kmdliche Pflicht geworden, die Kraft ist in modische Achtsamkeit gegen den Staat verartet: kein edles Roß ist im Dienst, sondern ein gezähmter Maul- der Geschichte der Menschheit. r5 esel, der in Gebrauchen vom Morgen bis zum Abende gar oft die Nolle des Fuchses spielet. Nothwendig mußte diese kindische Gefangenschaft der menschlichen Vernunft, Kraft und Empfindung auf das ganze Gebäude des Staats einen schwächenden Einfluß haben. Wenn einmal die Erziehung nichts als Manier ist, wenn Manieren und Gebrauche alle Verhältnisse des Lebens nicht nur binden, sondern auch überwältigen:' welche Summe» von Wirksamkeit^erliert der Staat! zumal die edelste Wirksamkeit des menschlichen Herzens und Geistes. Wer erstaunt nicht, wenn er in der Sincsischen Geschichte auf den Gang und die Behandlung ihrer Geschäfte merkt, mit wie Vielem ein Nichts gcthan werde! Hier thut ein Collegium, was nur Einer thun muß, damit es recht gethan sey: hier wird gefragt, wo die Antwort daliegt: man kommt und gehet, man schiebet auf und weichet aus, nur um das Eercmoniel des kindlichen Staats-Respects nicht zu verfehlen. Der kriegerische sowohl, als der denkende Geist sind fern von einer Nation, die auf warmen Lesen schläft, und vom Morgen bis zum Abende warm Wasser trinket. Nur der Regelmäßigkeit im gebahnten Wege, dem Scharfsinn in Beobachtung des Eigennutzes und tausend schlauer Künste, der kindischen Viel- thatigkeit ohne den Ucberblick des Mannes, der sich fragt: ob dies auch nöthig zu thun sey? und ob es nicht besser gcthan werden möge? nur diesen Tugenden ist in Sina der königliche Weg eröffnet. Der Kaiser selbst ist in dies Joch gespannt: er muß mit gutem Beyspiel vorgehn, und, wie der Ideen zur Philosophie r6 Flügelmann, jede Bewegung übertreiben. Er opfert im Saal seiner Vorfahren nicht nur an Festtagen, sondern soll ben jedem Geschäft, in jedem Augenblick seines Lebens, den Vorfahren opfern, und wird mit jedem Lebe und jedem Tadel vielleicht gleich ungerecht bestrafet *). Kann man sich wundern, daß eine Nation dieser Art, nach Europäischem Maasnabe, in Wissenschaften wenig erfunden < ja, daß sie Jahrtausende hindurch sich auf derselben Stelle erhalten habe? Selbst ihre Moral - uir8 Gesetzbücher gehen immer im Kreise umbec, und sagen auf hundert Weisen, genau und sorgfältig, mit regelmäßiger Heuchele», von kindlichen Pflichten immer dasselbe. Astronomie und Musik, Poesie und Kriegskunst, Mahle- rcy und Archirectur sind Key ihnen, wie sie vor Jahrhunderten waren, Kinder ihrer ewigen Gesetze und unabänderlich kindischen Einrichtung. Das Reich ist eine balsamirte Mumie, mit Hieroglyphen be- mahlt und mit Seide umwunden ; ihr innerer Kreislauf ist wie das Leben der schlafenden Wintcrthiere. Daher die Absonderung, Behorchung und Verhinderung jedes Fremden: daher der Stolz der Nation , die sich nur mit sich selbst vergleicht, und das Auswärtige weder kennet, noch liebet. Es ist ein Win- *) Selbst der gepriesene Kaiser Kien-long ward in den Provinzen für den ärgsten Tyrannen gehalten; welches in einem so Ungeheuern Reich, nach solcher Bersastung, jedesmal der Fall ftyn muß, der Kaiser möge, wie er wolle, denken. dcr Geschichte der Menschheit. 17 Winkclvolk auf der Erde, vom Schicksal außer den Zusammendrang dcr Nationen gesetzt, und eben dazu mit Bergen, Wüsten und einem beynah buchtlosen Meer verschanzet. Außer dieser Lage würde cs schwerlich geblieben seyn, was es ist; denn daß seine Verfassung gegen die Mandschu Stand gehalten hat, beweiset nichts, als daß sie in sich selbst gegründet war, und daß die roheren Ueber; minder zu ihrer Herrschaft einen solchen Lehnstuhl kindlicher Sclavercp sehr bequem fanden. Sie durften nichts an ihm andern, sic setzten sich darauf und herrschten. Dagegen die Nation in jedem Gelenk ihrer selbst - crbauckcn Staats-Maschine so sklavisch dienet, als ob cs eben zu dieser Sclaverey erfunden wäre. Alle Nachrichten von der Sprache der Sincsen sind darüber einig, daß sie »ur Gestalt dieses Volks in seiner künstlichen Denkart unsäglich viel bey- gctragcn habe: denn ist nicht jede Landessprache das Gefäß, in welchem sich die Ideen des Volks formen, erhalten und mitthcilen? zumal wenn eine Nation, so stark als diese, an ihrer Sprache hängt, und von ihr alle Cultur hcrlcitet. Die Sprache der Sinesen ist ein Wörterbuch der Moral, d. i. der Höflichkeit und guten Manieren; nicht nur Provinzen und Städte, sondern selbst Stände und Bücher unterscheiden sich in ihr, so daß der größte Lhcil ihres gelehrten Fleißes bloß auf ein Werkzeug verwandt wird, ohne daß noch mit dem Werkzeuge irgend etwas ausgerichtet werde. An regelmäßigen Kleinigkeiten hangt in ihr alles; sic sagt mit wenigen Lauten viel, um mit vielen Zügen Einen Laut und mit vielen Büchern ein und dasselbe herzuma- Philos. und Gesch. V. LH. B Ncen. NA iö Ideen zur Philosophie ien. Welch ein unseliger Fleiß gehör! zum Pinseln und Druck ihrer Schriften! eben dieser Fleiß ober ist ihre Lust und Kunst, du sie sich an schönen Schriftzügen mehr, als an der zaudervollsten Mahlern) ergötzen, und das einförmige Geklingel ihrer Sitteusprüche und Komplimente, als eine Summe der Artigkeit und Weisheit, lieben. Nur ein so großes Reich und die Arbeitseligkeic des Sinelen gehört dazu, um z. B> von der einzigen Stadt Kai - fon - fu vierzig Bücher i.i acht großen Bänden zu mahlen*), und diese mühsame Genauigkeit auf jeden Befekl und Lobspruch des Kaisers z» verbreiten. Sein Denkmahl über die Auswandrung der Tor- gutS ist ein ungeheures Buch auf Steinen **), und so ist die ganze gelehrte Denkart der Sinesen in künstliche und Slaas - Hieroglyphen vermahlet. Unglaublich muß der Unterschied seyn, mit dem diese Schriftart allein schon auf die Seele wirkt, die in ihr denket. Sie entnervt die Gedanken zu Bilderzügen und macht die ganze Denkart der Nation zu gcmahlten oder in die Luft geschriebenen willkühr- lichen Charakteren. Mit Nichten ist diese Entwicklung der Sinesi- schen Eigenheit eine feindselige Verachtung derselben: denn sie ist Zug' für Zug aus den Berichten ihrer wärmsten Vertheidigec geschöpft, und könnte mit hundert Proben aus jeder Elaste ihrer Einrichtungen *) klvrnolr. concernani Iss LUinois 1*. II. 575 . ") 1b. P. 1 x. 3-g. der Geschichte der Menschheit. 19 bewiesen werde». Sie ist auch nichts als Natur der Sache, d. i. die Darstellung eines Volks, das sich in einer solchen Organisation und Wcltgcgcnd, nach solchen Grundsätzen, mit solchen Hülfsmitteln, unter solchen Umstanden, im grauen Alterthume bildete, und, wider den gewöhnlichen Lauf des Schicksals, unter andern Völkern seine Denkart so lange bewahrte. Wenn das alte Aegypten noch vor uns wäre: so würden wir, ohne von einer gegenseitigen Ableitung träumen zu dürfen, in vielen Stücken eine Achnlichkeit sehen, die nach gegebenen Tradirionen nur die Weltgegend anders modificirte. So wäre es mit mehreren Völkern , die einst auf einer ähnlichen Stufe der Eul- tur standen; nur diese sind fortgerückt oder untergc- gangen und mit andern vermischt worden; das alte Sina am Rande der Welt ist, wie eine Trümmer der Vorzeit, in seiner halbmongolischen Einrichtung stehen geblieben. Schwerlich ists zu beweisen, daß die Grundzüge seiner Eultur von Griechen aus Bactra oder von Tatern aus Balkh hinüber gebracht waren; das Gewebe seiner Verfassung ist gewiß einheimisch, und die wenige Einwirkung fremder Völker auf dasselbe leicht zu erkennen und abzusondern. Ich ehre die Kings ihrer vortrefflichen Grundsätze wegen, wie ein Sincser, und der Nähme Eonfucius ist mir ein großer Nähme, ob ich die Fesseln gleich nicht verkenne, die auch er trug, und die er mit bestem Willen dem abergläubigen Pöbel und der gesummten Sinesischen Staatseinrichtung durch seine politische Moral auf ewige Zeiten aufdrang. Durch sie ist dies Volk, wie so manche andere Nation des Erdkreises, mitten in seiner Erziehung, gleichsam im Knabenalter stehen geblie- B 3 20 Ideen zur Philosophie bcn, weil dies mechanische Triebwerk der Sittenlehre den freyen Fortgang des Geistes auf immer hemmte, und sich im decpotischen Reich kein zweiter Eonfucius fand. Einst, wen» sich entweder der ungeheure Staat »heilet, oder wenn aufgeklärtere Kien-longs den väterlichen Entschluß fassen werden, was sie nicht ernähren können, lieber als. Eolonicn zu versenden, das Joch der Gebrauche zu erleichtern, und dagegen eine fccyere Selbstihätigkeit des Geistes und Herzens, freylich nicht ohne mannigfaltige Gefahr , einzuführcn; alsdann, aber auch alsdann werden Sinesen immer nur Sinefen bleiben, wie Deutsche Deutsche sind, und am östlichen Ende Asiens keine alten Griechen geboren werden. Es ist die offenbare Absicht der Natur, daß Alles auf der Erde gedeihe, was auf ihr gedeihen kann, und daß eben diese Verschiedenheit der Erzeugungen den Schöpfer preise. Das Werk der Gesetzgebung und Moral, das als einen Kindcrverfuch der menschliche Verstand in Sina gcbauet hat, findet sich in solcher Festigkeit nirgends sonst auf der Erde; cs bleibe an seinem Ort, ohne daß je in Europa ein abgeschlossenes Sina voll kindlicher Pietät gegen seine Despoten werde. Immer bleibt dieser Nation der Ruhm ihres Fleißes, ihres sinnlichen Scharfsinns, ihrer feinen Künstlichkeit in taufend nützlichen Dim gen. Das Porzellan und die Seide, Pulver und Bley, vielleicht auch den Compaß, die Buchdruckerkunst, den Brückenbau und die Schiffskunst, nebst vielen andern feinen Hantirungen und Künstelt kannten sie, ehe Europa solche kannte; nur daß es ihnen fast in allen Künsten am geistigen Fortgange und am Triebe zur Verbesserung fehlet. Daß übri- Mac "/ . ^ der Geschichte der Menschheit. 2r gens Sinn sich »nscrn Europäischen Nationen verschließt, und sowohl Holländer als Russen und Jesuiten äußerst einschränket, ist nicht nur mit ihrer ganzen Denkart harmonisch, sondern gewiß auch politisch zu billigen, so lange sie das Betragen der Europäer in Ost-Indien und auf den Inseln, in Nord - Asien und in ihrem eignen Lande um und neben sich sehen. Taumelnd von Tatarischem Stolz verachten sie den Kaufmann, der sein Land verläßt, und wechseln betrügliche Waare gegen das, war ihnen das Sicherste dünket: sie nehmen sein Silber und geben ihm dafür Millionen Pfunde ent? krästendcn Thecs zum Verderben Europa's. II. Coschin - Sina, Tunkin, Laos, Korea, die östliche Tatarey, Japan. > ^uS der Geschichte der Menschheit ists unläug- bar, daß, wo sich irgend ein Land zu einem vorzüglichen Grad der Eultur erhob, cs auch auf einen Kreis seiner Nachbarn gewirkt habe. Also auch die Sinesische Nation, ob sie gleich unkriegerisch und ihre Verfassung sehr in sich gekehrt ist: so hat doch auch sic auf einen großen Bezirk der Länder umher ihren Einfluß verbreitet. Es ist dabey die Frage nicht, ob diese Lander dem Sinesischcn Reich unterworfen gewesen oder unterworfen geblieben; wenn sie an seiner Einrichtung, Sprache, Religion, Wissenschaften, Sitten und Künsten Thcil nahmen, so sind sie eine Provinz desselben im Gebjelh des Geister. Eoschin-Sina ist das Land, das von Sina am meisten angenommen hat, und qcwissermassen seine politische Pflanzstadt gewesen; daher die Aehn- lichkcit zwischen beyden Nationen an Temperament und Sitten, an Wissenschaften und Künsten, in der Religion, dem Handel und der politischen Einrichtung. Sein Kaiser ist ein Vasall von Sina, und die Nationen sind durch den Handel enge verbunden. Man vergleiche dies geschäftige, vernünftige, sanftmüthige Volk mit dem nahe gelegenen tragen Siam, dem wilden Arrakan u. f.; so wird man den Unterschied wahrnehmcn. Wie indeß kein Abfluß sich über die Quelle erhebt: so ist auch nicht zu erwarten, daß Eoschin-Sina sein Vorbild übcr- treffe; die Regierung ist despotischer als dort, seine Religion und Wissenschaften ein schwächerer Nachhall des Mutterlandes. Ein Gleiches ists mit Tuukin, das den Si- nescrn noch näher liegt, obgleich wilde Berge cs scheiden. Die Nation ist wilder; das Gesittete, was sie an sich hat, und welches den Staat erhalt, Manufakturen, Handel, Gesetze, Religion, Kenntnisse und Gebrauche sind Eines,sch; nur wegen des südlicher» Himmclstrichs und des Charakters der Nation rief unter dem Mutterlande. der Geschichte der Menschheit. 2A Noch schwacher ist der Eindruck, den Sina auf Laos gemacht hat: denn das Land wurde zu bald von ibm abgerissen, und befreundete sich mit den Sitten der Siamesen; Reste indeß sind noch kenntlich. Unter den südlichen Inseln haben die Sinesen insonderheit mit Java Gemeinschaft, ja wahrscheinlich haben sie sich auch in Eolonien darauf gepflan- zet. Ihre politische Einrichtung indeß hat sich in diesem so viel Heistern, ihnen entlegnen Lande nicht anpflanzcn können: denn die mühselige Kunst der Sinesen will ein betriebsames Volk und ein mastigeres Klima. Sie nutzen also die Insel, ohne sie. zu bilden. Mehreren Platz hat die Sinesische Einrichtung nordwärts gewonnen, und das Land kann sich rühmen, daß es zu Besänftigung der wilden Völker dieses ungeheuren Erdstrichs mehr beygctragen habe, als vielleicht die Europäer in allen Welttheilen. Korea ist durch die Mandschu's den Sinesern wirklich unterworfen, und man vergleiche diese einst wilde Nation mit ihren nördlicher» Nachbarn. Die Einwohner eines zum Tbeil so kalten Erdstrichs sind sanft und milde: in ihren Ergötzungen und Traucr- gcbraucl'e», in Kleidungen und Häusern, in der Religion und einiger Liebe zur Wissenschaft ahmen sie wenigstens den Sinesen nach, von denen auch ihre Regierung eingerichtet und einige Manufactur in Gang gebracht worden. In einem noch weitern Umfange haben sie auf die Mongolen gewirket. Nicht nur, daß die Mandscbu, die Sina bezwangen, durch ihren Umgang gesitteter worden sind, daher 24 Ideen zur Philosophie auch ihre Hauptstadt Schin-yang zu einem Tribunal, wie Peking, eingerichtet werden mögen; auch die zahlreichen Mongolischen Horden, die, dem größesien Theil nach, unter der Herrschaft von Sina stehen, sind, ungeachtet ihrer roheren Sitten, nicht ganz ohne Sinesischcn Einfluß geblieben, Ja, wenn bloß der friedliche Schutz dieses Reichs, unter welchen sich auch in der neuesten Zeit die Torguts, flon,oc>n Menschen stark, begaben, eine Woblkhat der Menschheit ist: so hat Sina auf diese weiten Erdstriche billiger, als je ein Eroberer, gewirket. Mehrmals hat es die Unruhe» in Tibet gestillt lind in altern Zeiten bis ans Easpischc Meer seine Hand gebreitet. Die reichen Gräber, die in verschiednen Strichen der Mongolei) und Tatarep gefunden worden, tragen an dem, was sie enthielten, offenbare "Denkmahle des Verkehrs mit Sina, und wenn einst in diesen Gegenden cultivirtere Nationen gewohnt haben, so waren sic es wahrscheinlich nicht ohne näheren Umgang mit diesem Volke, Die Insel indeß, an welcher sich die Sinesen den größten Nebenbuhler ihres Fleißes erzogen haben, ist Japan. Die Japaner waren einst Barbaren und, ihrem gewaltthätigcn, kühnen Ebarakler nach, gewiß harte und strenge Barbaren; durch die Nachbarschaft und den Umgang mit jenem Volk, von dem sie Schrift und Wissenschaften, Manufakturen und Künste lernten, haben sie sich zu einem Staat gebildet, der in manchen Stücken mit Sina wetteifert oder es gar übertrifft. Zwar ist, dem Charakter dieser Nation nach, sowohl die Regierung, als die Religion harter und grausamer, auch ist an einen Fortgang zu feiner» Wissenschaften, wie sie der Geschichte der Menschheit. 25 Europa treibt, in Japan so wenig als in Sina zu denken; wenn aber Kennkniß und Gebrauch des Landes, wenn Fleiß im Ackerbau und in nützlichen Künsten, wenn Handel und Schifffahrt, ja, selbst die rohe Pracht und despotische Ordnung ibrer Reichsvcrfassung unlaugbar Stufen der Cultur sind: so hat das stolze Japan diese nur durch die Sine- sen erstiegen. Die Annalen dieser Nation nennen noch die Zeit, da die Japaner als Barbaren nach Sina kamen, und so eigentümlich sich die rauhe Insel gebildet und von Sina weggebildct hat: so ist doch in allen Hülfsmitteln ihrer Eultur, ja, in der Bearbeitung ihrer Künste selbst der Sincsische Ursprung kenntlich. Ob nun dieses Volk auch weiter gedrungen und zur Eultur Eines der zwcy gesitteten Reiche Amerikas , die beyde an dem ihm zugekchrten westlichen Ufer lagen, Einfluß gehabt habe? wird schwerlich entschieden werden. Ware von dieser Wcltseite ein cultivirtes Volk nach Amerika gelangt: so könnte es kaum ein andres gewesen feyn, als die Sinesen oder die Japaner. Uebcrhaupt ists Schade, daß die Sincsische Geschichte, der Verfassung ihres Landes nach, so Sinesisch hat bearbeitet werden müssen. Alle Erfindungen schreibt sie ihren Königen zu: sie vergißt die Welt über ihrem Lande, und als eine Geschichte des Reichs ist sie leider so wenig eine unterrichtende Menschengeschichte. Ideen zur Philosophie m. Tibet. Zwischen den großen Asiatischen Gebirgen und Mü- steneyen hat sich ein geistliches Kaiserlhum errichtet, das in seiner Art wohl das einzige der Welt ist; cs ist das große Gebicth der Lama's. Zwar ist die geistliche und weltliche Macht in kleinen Revolutionen bisweilen getrennt gewesen, zuletzt aber sind beyde immer wieder vereinigt worden, so daß hier, wie nirgend anders, die ganze Verfassung des Landes auf dem kaiserlichen Hohepriesterlhum ruhet. Der große Lama wird, nach der Lehre der Seclcn- wanderung, vom Gott Schaka oder Fo belebt, der bey seinem Tode in den neuen Lama fahrt und ibn zum Ebenbilde der Gottheit weihet. In festgesetzten Ordnungen der Heiligkeit zieht sich von ihm die Kette der Lama's herab, und man kann sich in Lehre», Gebrauchen und Einrichtungen kein festgc- stelltereS Priesterregimcnt denken, als auf dieser Erdhöhe wirklich thronet. Der oberste Besorger weltlicher Geschäfte ist nur Statthalter des obersten Priesters, der, den Grundsätzen seiner Religion nach, voll göttlicher Ruhe in einem Pallasttempel wohnet. Ungeheuer sind die Fabeln der Lamaischen Weltschöpfung ; grausam die gedrobeten Strafen und Büßungen ihrer Sünden, aufs höchste unnatürlich der Zustand, zu welchem ihre Heiligkeit aufstrebt: er 1 - der Geschichte der Menschheit. 27 ist entkörperte Ruhe, abergläubische Gedankenlosigkeit und Klostcrkeuschheit. Und dennoch ist kaum ein Götzendienst so weit als dieser auf der Erde verbreitet; nicht nur Tibet und Tangut, der größte Thcil der Mongolen, die Maudschu, Kalkas, Eluthen u. f. verehrten den Lama, und wenn sich in neueren Zeiten einige von der Anbetung seiner Person losrissen: so ist doch ein Stückwerk von der Religion des Schaka das Einzige, was diese Völker von Glauben und Gottesdienst haben. Aber auch südlich zieht sich diese Religion weit hin; die Nahmen Sommona - Kodom, Schaktscha - Tuba, Sangol- Muni, Schigcmuni, Budde, Fo, Schckia, sind alle eins mit Schaka, und so geht diese heilige Mönchslehre, wenn gleich nicht überall mit der weit- läuftigen Mythologie der Tibetaner, durch Jndostan, Ceylon, Siam, Pegu, Tonkin, bis nach Sing, Korea und Japan. Selbst in Sina sind Grundsätze des Fo der eigentliche Volksglaube; dagegen die Grundsätze Eonfucius und Lao-tse, nur Gattungen einer politischen Religion und Pbilosophie, sind unter den obern, d. j. den gelehrten Ständen. Der Regierung daselbst ist jede dieser Religionen gleichgültig: ihre Sorge ist nicht weiter gegangen, als daß sie, die Lama's und Bonzen dem Staat unschädlich zu machen, sie von der Herrschaft des Dalai - Lama trennte. Japan vollends ist lange Zeit ein halbes Tibet gewesen: der Dairi war der geistliche Oberherr und der Kubo sein weltlicher Diener, bis dieser die Herrschaft an sich riß, und jenen zum bloßen Schatten machte: ein Schicksal, das im Lauf der Dinge liegt, und gewiß einmal auch das L00S des Lama seyn wird. Nur durch die Lage 23 Ideen zur Philosophie seines Reichs, durch die Barbarcy der Mongolischen Stämme, am meisten aber durch die Gnade des Kaisers in Tina ist er so lange, was er ist, geblieben. Auf den kalten Bergen in Tibet entstand die Lamaische Religion gewiß nicht; sie ist das Erzeug- niß warmer Klimate, ein Geschöpf menschlicher Halb- seelcn, die die Wollust der Gedankenlosigkeit in körperlicher Ruhe.über alles lieben. Nach den rauhen Tibetanischen Bergen, ja nach Sina selbst ist sie nur im ersten Iahrbundert der christlichen Zeitrechnung gekommen, da sic sich denn in jedem Lande nach des Landes Weise verändert. In Tibet und Japan ward sic hart und strenge, unter den Mongole» ist sie beynah ein unwirksamer Aberglaube worden; dagegen Siam, Indostan und die Lander, die ihnen gleichen, sie als Natur-Productc ihres warmen Klima aufs mildeste nähren. Bey so verschiedncr Gestalt hat sie auch ungleiche Folgen auf jeden Staat gehabt, in dem sie lebte. In Siam, Indostan, Tunkin u. f. schläfert sic die Seelen ein; sie macht mitleidig und unkriegerisch, geduldig , sanft und trage. Die Talapoincn streben nicht nach dem Thron; bloße Almosen sinds, um die sie menschliche Sünden ^ büßen. In Harkern Landern, wo das Klima dest^rnüßige» Beter nicht so leicht nähret, mußte ihre Einrichtung auch künstlicher werden, unh so machte sie endlich den Pallast zum Tempel. Sonderbar ist der Unzusammenhang, in welchem die Sachen der Menschen sich nicht nur binden, sondern auch lange erhalten. Befolgte jeder Tibetaner die Gesetze der Lama's, indem er ihren höchsten Tugenden nachstrcbte: so wäre kein Tibet der Geschichte der Menschheit. 29 mehr. Das Geschlecht der Menschen, die einander nicht berühren, die ihr kaltes Land nicht bauen, die weder Handel noch Geschäfte treiben, hörte ans; verhungert und ersrcren lagen sie da, indem sie sich ihren Himmel träume». Aber zum Glück ist die Natur der Menschen stärker, als jeder angenommene Wahn. Der Tibetaner heirathet, ob er gleich damit sündigt; und die geschäftige Tibetanerin, die gar mehr als Einen Mann nimmt, und fleißiger als die Männer selbst arbeitet, entsagt gern den höhern Graden des Paradieses, um diese Welt zu erhalten. Wenn Eine Religion der Erde ungeheuer und widrig ist: so ists die Religion in Tibet *), und wäre, wie es wohl nicht ganz zu läugncn ist, in ihre härtesten Lehren und Gebräuche das Ehri- stenthum hinübergeführt worden: so erschiene dies wohl nirgends in ärgerer Gestalt, als auf den Ti- *) S. tseorAÜ Alpkiskiet. I'ibetnn, kboinas 1762. Ein Buch voll wüster Gelehrsamkeit; indessen, nebst den Nachrichten in Pallas nordischen Beyträgen (Band st. S. 271. u. f.) und dem Aufsatze in Schlötzers Briefwechsel, Th. v., das Hauptbuch, das wir von Tibet haben. (Man füge Turner ' s Reise bey. Viel versprechende Untersuchungen geschehen durch die Beherrscher Bengalens, deren Macht Bindungsmittel unsrer Cultur mit jenen, meist unenrräthselren Symbolen, Sagen und moralischen Eigenheiten wird, und bey dem Verfalle unserer Europäischen Sachen auf jene fernen und schönen Länder tröstende Hoffnungen und Aussichten begründet. M.) 3o Ideen zur Philosophie botanischen Bergen. Glücklicherweise ober Hot die horte Mönchs-Religion den Geist der Nation so wenig ols ibr Bedürfniß und Klimo ändern mögen. Der hohe Bcrgbewolmer kauft seine Büßungen ob und ist gesund und munter: er ziehet und schlachtet Thiere, ob er gleich die Seclenwonderung glaubt, und crlustigt sich fünfzehn Tage mit der Hochzeit, obgleich seine Priester der Vollkommenheit cbclos leben. So hat sich allenthalben der Wohn der Menschen mit dem Bedürfniß obgefundcii; er düng so lange, bis ein leidlicher Vergleich ward. Sollte jede Thorheit, die im angenommenen Glauben der Nationen herrscht, auch durchgängig geübt werden; welch ein Unglück! Nun aber werden die meisten geglaubt und nicht befolgt, und dies Mittelding kodier Uebcrzcugung heißt eben auf der Erde Glauben. Denke man nicht, daß der Kalmuke nach dun Muster der Vollkommenheit in Tibet lebt, wenn er ein kleines Götzenbild oder den heiligen Koth des Lama verehret. Aber nicht nur unschädlich; auch nutzlos sogar ist dieses widerliche Regiment der Lama's nicht gewesen. Ein grobes heidnisches Volk, das sich selbst für die Abkunft eines Affen hielt, ist dadurch unstreitig zu einem gesitteten, ja, in manchen Stücken feinen Volk erhoben, wozu die Nachbarschaft der Sinesen nicht wenig beytrug. Eine Religion, die in Indien entsprang, liebt Reinlichkeit; die Tibetaner dürfen also nicht, wie Tatarische Stcppcnvölker, leben. Selbst die überhol» Keuschheit, die ihre Lama's preisen, bat der Nation ein Lugendziel auf- gestcckt, zu welchem jede Eingezogenheit, Nüchternheit und Mäßigung, die man an bevden Geschlech- der Geschichte der Menschheit. lern rühmet, wenigstens als ein Thcil der Wallfahrt betrachtet werden mag, bei) welcher auch die Halste mehr ist, als das Ganze. Der Glaube einer Seelcnwanderung macht mitleidig gegen die lebendige Schöpfung, fo daß rohe Berg - und Fclsen- menschen vielleicht mit keinem sanfter« Zaum als mir diesem Wahn und dem Glauben an lange Büßungen und Höllenstrafen gebändigt werden konnten. Kurz, die Tibetanische ist eine Art päpstlicher Religion, wie sie Europa selbst in seinen dunkeln Jahrhunderten, und sogar ohne jene Ordnung und Sittlichkeit hatte, die man an Tibetanern und Mongolen rühmet. Auch daß diese Religion des Schaka eine Art Gelehrsamkeit und Schriftsprache unter dies Bergvolk und weiter hin selbst unter die Mongolen gebracht hat, ist ein Verdienst für die Menschheit ; vielleicht das vorbereitende HülfsmitlcI einer Eultur, die auch diesen Gegenden reiset. Wunderbarlangsam ist der Weg der Vorsehung unter den Nationen, und dennoch ist er lau- lre Nacurordnung. Gymnosophisten und Talapoi- nen, d. i. einsame Beschauer, gab es von den ältesten Zeiten her im Morgcnlande; ihr Klima und ihre Natur lud sie zu dieser Lebensart ein. Die Ruhe suchend, flohen sie das Geräusch der Menschen, und lebten mit dem Wenigen vergnügt, was ihnen die reiche Natur gewährte. Der Morgenländer ist ernst und mäßig, so wie in Speise und Trank, so auch in Worten: gern überlaßt er sich dem Fluge der Einbildungskraft, und wohin konnte ihn diese, als auf Beschauung der allgemeinen Natur, mithin auf Weltcntstchung, auf den Untergang und die Erneuung der Dinge führen? Die Kvsmogonie so- 32 Ideen zur Philosophie wohl, als die Metcmpsychose der Morgenlander sind poetische Vorstellungsartcn dessen, was ist nnd wird, wie solches sich ein eingeschränkter inenschlichcr Verstand und ein mitfühlendes Herz denket. „Ich lebe und genieße kurze Zeit meines Lebens; warum sollte, was neben mir ist, nicht auch seines Dascpns genießen und von mir ungekränkt leben?" Daher nun die Sittenlchrc der Talapoinen, die insonderheit ans die Nichtigkeit aller Dinge, auf das ewige Umwandeln der Formen der Welt, auf die innere Qual der unersättlichen Begierden eines Mcnschcnherzens und auf das Vergnügen einer reinen Seele so rührend und aufovfernd dringet. Daher auch die sanften humanen Gebote, die sie zu Verschonung ihrer selbst und andrer Wesen der menschlichen Gesellschaft gaben, und in ihren Hymnen und Sprüchen preisen. Aus Griechenland haben sie solche so wenig, als ihre Kosmogonie geschöpft: d-nn berde sind achte Kinder der Fantasie nnd Empsindnngsart ihres Klima. In ihnen ist alles bis zum höchste» Ziel gespannt, so daß nach de§ Sittenlchrc der Talapoinen auch nur Indische Einsiedler leben mögen; dazu ist alles mit so unendlichen Mährchen umhüllt, daß, wenn je ein Schaka gelebt hat, er sich schwerlich in Einem der Züge erkennen würde, die man dankend und lobend auf ihn häufte. Indessen, lernt nicht ein Kind seine erste Weisheit und Sittenlchrc durch Mährchen? und sind nicht die meisten dieser Nationen in ihrem sanften Scelenschlafc lebenslang Kinder? Lasset uns also der Vorsehung verzeihen, was nach der Ordnung, die sic fürs Menschengeschlecht wählte, nicht anders als also seon konnte. Sie knüpfte alles an Tradition, und so konnten Menschen der Geschichte der Menschheit. 33 schen einander nicht mehr geben, als sie selbst hatten und wußten. Jedes Ding in der Natur, mitbin auch die Philosophie des Budda, ist gut und böse, nachdem sie gebraucht wird. Sie hat so hohe und schöne Gedanken, als sie auf der andern Seite Betrug und Trägheit erwecken und nähren kann, wie sie es auch reichlich gethan hat. In keinem Lande blieb sie ganz dieselbe; allenthalben aber, wo sie ist, stehet sie immer doch Eine Stufe über dem rohen Hcidcnthum, die erste Dämmerung einer reincrn Sittenlehre, der erste Kindestraum einer weltumfassenden Wahrheit. IV. I n d l) s t a n- «^^bglcich die Lehre der Bramanen nichts als ein Zweig der weit verbreiteten Religion ist, die von Tibet bis Japan Sectcn oder Regierungen gebildet hat; so verdienet sie doch an ihrem Geburtsort eine besondre Betrachtung, da sie an ihm die sonderbarste und vielleicht dauerndste Regierung der Welt gebildet hat: es ist die Eintheilung der Indischen Nation in vier oder mehrere Stämme, über welche die Bramanen als erster Stamm herrschen. Daß Phil. u. Gesch. V. Th. E /a!een. sie diese Herrschaft durch leibliche Unterjochung erlangt hatten, ist nicht wabrscheinlich: sic sind nicht der kriegerische Stamm des Volks, der, den König selbst eingeschlossen, nur zunächst auf sie folget; ouch gründen sie ihr Ansehen aus keins dergleichen Mittel, selbst in der Sage. Wodurch sie über Menschen herrschen, ist ihr Ursprung, nach welchem sie sich aus dem Haupt Brama's entsprossen schätzen, so wie die Krieger aus dessen Bcilst, die andern Stamme aus seinen andern Gliedern. Hierauf sind ihre Gesetze und die ganze Einrichtung der Nation gebauel, nach welcher sie als ein emgebohrner Stamm, als Haupt zum Körper der Nation gehören. Abteilungen der Art nach Stämmen sind auch in andern Gegenden die einfachste Einrichtung der menschlichen Gesellschaft gewesen: sie wollte hierinn der Natur folgen, welche den Baum in Aeste, das Volk in Stamme und Familien abthcilet. So war die Einrichtung in Aegypten, selbst wie hier mit erblichen Handwerkern und Künsten; und daß der Stamm der Weisen und Priester sich zum ersten hinaufsetzte, sehen wir bei weit mehreren Nationen. Mich dünkt, auf dieser Stufe der Eultuc ist dies Natur der Sache, da Weisheit über Stärke geht und in alten Zeiten der Priestecstamm fast alle politische Weisheit sich zueignete. Nur mit der Verbreitung des Lichts unter alle Stände verliert sich das Ansehen des Priesters, daher sich auch Priester so oft einer allgemeineren Aufklärung widersetzten. ^ Die Indische Geschichte, von der wir leider noch wenig wissen, giebt uns einen deutlichen Wink «Sa--.' der Geschichte der Menschheit. 35 über die Entstehung der Birmanen. *) Sie macht Brama, einen weisen und gelehrten Mann, den Erfinder vieler Künste, insonderheit des Schreibens, zum Vezier Eines ihrer alten Könige, Krischens, dessen Sohn die Eintheilung seines Volks in die vier bekannten Stamme gesetzlich gemacht habe. Den Sohn des Brama setzte ec der ersten Claffe vor, zu der die Sterndeuter, Aerzte und Priester gehörten ; anore vom Adel wurden zu erblichen Statthaltern der Provinz ernannt, von welchen sich die zweite Rangordnung der Indier herleitet. Die dritte Eiasse sollte den Ackerbau, die vierte die Künste treiben und diese Einrichtung ewig dauern. Er erbaute den Philosophen die Stadt Bahar zu ihrer Aufnahme und da der Sitz seines Reichs, auch die ältesten Schulen der Vramanen vorzüglich am Ganges waren: so ergiebt sich hieraus die Ursache, warum Griechen und Römer so wenig an sie gedenken. Sie kannten nämlich diese tiefen Gegenden Indiens nicht, da Hepodot nur die Völker am Indus und auf der Nordseite des Goldhandels beschreibt, Alepan« der aber nur bis zum Hyphasis gelangte. Kein Wunder also, daß sie zuerst nur allgemein von den Brachmanen, d. i. von den einsamen Weisen, die auf Art der Talapoinen lebten, Nachricht bekamen; späterhin aber auch von den Samanaern und Germanen am Ganges, von der Eintheilung des Volks in Elasten, von ihrer Lehre der Seelenwanderung u. f. dunkle Gerüchte hörten. Auch diese zerstückle Sagen indeß bestätigen es, daß die Bramanen- *) Oovv's hlsr, ok Kiriäosf, Vol. I, x>, ro, E 2 36 Ideen zur Philosophie Einrichtung alt und dem Lande am Ganges einheimisch sei), welches die sehr alten Denkmahle zu Ja- grenat, *) Bombay und in andern Gegenden der diesseitigen Halbinsel beweisen. Sowohl die Götzen, als die ganze Einrichtung dieser Götzentempel sind in der Denkart und Mythologie der Bramancn, die sich von ihrem heiligen Ganges in Indien umher und weiter hinab verbreitet, auch je unwissender das Volk war, desto mehr Verehrung empfangen haben. Der heilige Ganges als ihr Geburtsort blieb der vornehmste Sitz ihrer Heiligthümer, ob sie gleich als Bramancn nicht nur eine religiöse, sondern eigentlich politische Zunft sind, die wie der Orden der Lama's, der Leviten, der Aegyptischen Priester u. f. allenthalben zur uralten Reichsverfassung Indiens gehöret. Sonderbartief ist die Einwirkung dieses Ordens Jahrtausende hin auf die Gcmüther der Menschen gewesen, da nicht nur, Trotz des solange getragenen Mongolischen Joches, ihr Ansehen und ihre Lehre noch unerschüttert stehet, sondern diese auch in Lenkung der Hindus eine Kraft äußert, die schwerlich eine andre Religion in dem Maaß erwiesen hat. **) Der Charakter, die Lebensart, die Sitten *) 2 encl - Avesin x. ä'Luguetil Vot. I. p. 81. segr Riebuhrs Nelsebeschrcibung LH. 2. Sl l!i. u. f. **) S. hierüber Dow, H 0 llwell, S 0 n n e r a t, Alexander Roß, Mac - I » r 0 sch , die Haitischen Missionvberichte, die I.ettrss eäili-tntos und jede andre Beschreibung der Indische».Religion und Völker. der Geschichte der Menschheit. 3? des Volks bis auf die kleinsten Verrichtungen, ja bis auf die Gedanken und Worte ist ihr Werk; und obgleich viele Stücke der Bramanen-Rcligion äußerst drückend und beschwerlich sind, so bleiben sie doch, auch den niedrigsten Stämmen, wie Naturgesetze Gottes, heilig. Nur Missethäter und Verworfne sinds meistens, die eine fremde Religion annch- men oder es sind arme, verlassene Kinder; auch ist die vornehme Denkart, mit der der Indier mitten in seinem Druck unter einer oft tödtcnden Dürftigkeit den Europäer ansicht, dem er dienet, Bürge gnug dafür, daß sich sein Volk, solange es da ist, nie mit einem andern vermischen werde. Ohne Zweifel lag dieser beispiellosen Einwirkung sowohl das Klima, als der Eharakter der Nation zum Grunde: denn kein Voss! übcrtrifft dies an geduldiger Ruhe und sanfter Folgsamkeit der Seele. Daß der Indier aber in Lehren und Gebrauchen nicht jedem Fremden folget, kommt offenbar., daher, daß die Einrichtung der Bramancn so ganz schon seine Seele, so ganz sein Leben eingenommen hat, um keiner andern mehr Platz zu geben. Daher so viele Gebräuche und Feste, so viel Götter und Mährchcn, so viel heilige Ocrter und verdienstliche Werke, damit von Kindheit auf die ganze Einbildungskraft beschäftigt und beinah in jedem Augenblick des Lebens der Indier an das, was er ist, erinnert werde. Alle Europäische Einrichtungen sind gegen diese Seelenbeherrschung nur auf der Oberfläche geblieben, die, wie ich glaube, daucen kann, so lang' ein Indier sepn wird. Die Frage, ob etwas gut oder übel scy? ist bei allen Einrichtungen der Menschen vielseitig. Ohne Zweifel war die Einrichtung der Bramanen, als sie gestiftet war, gut: sonst halte sie weder den Umfang, noch die Tiefe und Dauer gewonnen, in der sie dasteht. Das menschliche Gemüth entledigt sich dessen, was ihm schädlich ist, sobald es kann und obgleich der Indier mehr zu dulden vermag, als irgend ein andrer: so würde er doch geradezu nicht Gift lieben. Unlaugbar ists also, daß die Brama- nen ihrem Volk eine Sanftmuch, Höflichkeit, Mäßigung und Keuschheit angebildet, oder es wenigstens in diesen Tugenden so bestärkt haben, daß die Europäer ihnen dagegen oft als Unreine, Trunkne und Rasende erscheinen. Ungezwungen-zierlich sind ihre Gcberden und Sprache, friedlich ihr Umgang, rein ihr Körper, einfach und harmlos ihre Lebensweise. Die Kindheit wird milde erzogen und doch fehlt es ihnen nkht an Kenntnissen, noch minder an stillem Fleiß und fcinnachahmcndcn Künsten; selbst die niedriger» Stämme lernen lesen, schreiben und rechnen. Da nun die Bramanen die Erzieher der Jugend sind: so haben sie damit seit Jahrtausenden ein unverkennbares Verdienst um die Menschheit. Man merke in den Hallischen Missionsberichtcn auf den gesunden Verstand und den gutmüthigcn Charakter der Bramanen und Malabaren sowohl in Einwür- fcn, Fragen und Antworten als in ihrem ganzen Betragen; und man wird sich selten auf der Seite ihrer Bekehrer finden. Die Hauptidce der Brama- ncn von Gott ist so groß und schön, ihre Moral so rein und erhaben, ja selbst ihre Mährchen, sobald Verstand durchblickt, sind so fein und lieblich, daß ich ihren Erfindern auch im Ungeheuern und Aben- theuerlichen nicht ganz den Unsinn zutrauen kann, der Geschichte der Menschheit. ZI den wahrscheinlich nur die Zeilsolge im Munde des Pöbels daraus gehaufet. Daß Trotz aller Mahome- danischen und christlichen Bedrückung der Orden der Bramanen seine künstliche, schöne Sprache *) und mit ibr einige Trümmern von alter Astronomie und Zeitrechnung, von Rechtswissenschaft und Heilkunde erhalten hat, ist auf seiner Stelle nicht ohne Werth: **) den» auch die handwerksmäßige Manier, mit der sie diese Kenntnisse treiben, ist genug zum Kreise ihres Lebens und was der Vermehrung ihrer Wissenschaft abgeht, ersetzt die Starke ihrer Dauer und Einwirkung. Uebrigens verfolgen die Hinou's nicht: sic gönnen jedem seine Religion, Lebensart und Weisheit; warum sollte man ihnen die ihrige nicht gönnen und sie bei den Jrrthümcrn ihrer ererbten Tradition wenigstens für gute Betrogene halten? Gegen alle Sekten des Fo, die Asiens östliche Welt einnchmcn, ist diese die Blüthe; gelehrter, menschlicher, nützlicher, edler, als alle Bonze», kamen und Talapoincn. Dabei ist nicht zu bergen, daß, wie alle Menschliche Verfassungen, auch diese viel Drückendes habe. Des unendlichen Zwanges nicht zu gedenken, den die Vertheilung der Lebensarten unter erbliche Stamme nothwendig mit sich führt, weil sic alle freie Verbesserung und Vervollkommunq der Künste beinah ganz ausschlicßt; so ist insonderheit die Ver- *) S. Ralheä's 6r,imnnrr ok rhs LsnZsl I,an- ANkge, ui Illoogl^ kn IteiiALl 1778. ") S. le Oenill ckans les mors äe 1 'Iricks "lp, I. HuIIieä'5 Lcicle ok Leutoo - I.arvs u. f. 4v Ideen zur Philosophie achtung auffallend, mit der sie den niedrigsten der Stämme, die Parias, behandeln. Nicht nur zu den schlechtsten Verrichtungen ist er verdammt und vom Umgänge aller andern Stamme auf ewig gesondert; er ist sogar der Menschenrechte und Religion beraubt: denn niemand darf einen Parias berühren und sein Anblick sogar entweihet den Bra- manen Ob man gleich mancherlei Ursachen dieser Erniedrigung, unter andern auch diese angegeben, daß die Parias eine unterjochte Nation seyn mögen: so ist doch keine derselben durch die Geschichte gnug- sam bewahret; wenigstens unterscheiden sic sich von den andern Hindus nicht an Bildung. Also kommt es, wie bei so vielen Dingen alter Einrichtung, auch hier auf die erste harte Stiftung an, nach der vielleicht sehr Arme, oder Misscthaker und Verworfne zu einer Erniedrigung bestimmt wurden, der sich die unschuldigen, zahlreichen Nachkommen derselben bis zur Verwunderung willig unterwerfen. Der Fehler hierbei liegt nirgend als in der Einrichtung nach Familien, bei der doch einige auch das niedrigste Loos des Lebens tragen mußten, dessen Beschwerden ihnen die angcmaßte Reinigkeit der andern Stamme von Zeit zu Zeit noch mehr erschwerte. Was war nun natürlicher, als daß man cs zuletzt als Strafe des Himmels anfah, ein Parias gebohren zu seyn und nach der Lehre der Seclenwandrung durch Verbrechen eines vorigen Lebens diese Geburt vom Schicksal verdient zu haben? Ucberhaupt hat die Lehre der Seelenwandrung, so groß ihre Hypothese im Kopf des ersten Erfinders gewesen und so manches Gute sie der Menschlichkeit gebracht haben möge, ihr nothwendig auch viel Nebel bringen müssen, wie der Geschichte der Menschheit. 4^ überhaupt jeder Wahn, der über die Menschheit hinaus reichet. Indem sie nämlich ein falsches Mitleiden gegen alles Lebendige weckte, verminderte sie zugleich das wahre Mitgefühl mit dem Elende unsres Geschlechts, dessen Unglückliche man als Missethätcr unter der Last voriger Verbrechen oder als Geprüfte unter der Hand eines Schicksals glaubte , das ihre Tugend in einem künftigen Zustande belohnen werde. Auch an den weichen Hindus hat man daher einen Mangel an Mitgefühl bemerket, der wahrscheinlich die Folge ihrer Organisation, noch mehr aber ihrer tiefen Ergebenheit ans ewige Schicksal ist; ein Glaube, der den Menschen wie in einen Abgrund wirft und seine thatigen Empfindungen abstumpfet. Das Verbrennen der Weiber auf dem Scheiterhaufen der Ehemänner gehört mit unter die barbarischen Folgen dieser Lehre: denn welche Ursachen auch die erste Einführung desselben gehabt habe, da cs entweder als Nacheiferung großer Seelen oder als Strafe in den Gang der Gewohnheit gekommen seyn mag: so hat unstreitig doch die Lehre der Bramancn von jener Welt den unnatürlichen Gebrauch veredelt und die armen Schlachtopfer mit Beweggründen des künftigen Zustandes zum Tode begeistert. Freilich machte dieser grausame Gebrauch das Leben des Mannes dem Weibe theurer, indem sie auch im Tode untrennbar von ihm ward und ohne Schmach nicht Zurückbleiben konnte; war indessen das Opfer des Gewinnes wcrth, sobald jenes auch nur durch die schweigende Gewohnheit ein zwingendes Gesetz wurde? Endlich übergehe ich bei der Bramancn - Einrichtung den mannigfaltigen Betrug und Aberglauben, der schon 42 Ideen zur Philosophie dadurch unvermeidlich ward, daß Astronomie und Zeitrechnung, Hcilkunst und Religion, durch mündliche Tradition fortgcpflanzt, die geheime Wissenschaft Eines Stammes wurden; die verderblichere Folge fürs ganze Land war diese, daß jede Bramanen- Herrschaft früher oder spater ein Volk zur Unterjochung reif macht. Der Stamm der Krieger mußte bald unkriegerisch werden, da seine Bestimmung der Religion zuwider und einem edleren Stamm untergeordnet war, der alles Blutvergießen haßte. Glücklich wäre ein so friedfertiges Volk, wenn es von Uebecwindern geschieden, auf einer einsamen Insel l.bte; aber am Fuß jener Berge, auf welchen menschliche Raubthicre, kriegerische Mongolen wohnen, nahe jener Busenrcichen Küste, an welcher geizig-verschmitzte Europäer landen; arme Hindus, in längerer oder kürzerer Zeit seyd ihr mit eurer friedlichen Einrichtung verlohren. So gings der Indischen Verfassung: sie unterlag in - und auswärtigen Kriegen, bis endlich die Europäische Schifffahrt sie unter ein Joch gebracht hat, unter dem sie mit ihrer letzten Kraft duldet. Harter Lauf des Schicksals der Völker! und doch ist er nichts als Naturordnung. Im schönsten, fruchtbarsten Strich der Erde mußte der Mensch früh zu feinen Begriffen, zu weiten Einbildungen über die Natur, zu sanften Sitten und einer regelmäßigen Einrichtung gelangen; aber in diesem Erdstrich mußte er sich eben so bald einer mühsamen Thätigkeit entschlaqen, mithin eine Beute jedes Räubers werden, der auch dies glückliche Land suchte. Von nlrcn Zeiten her war Handel nach Ostindien 1 ' - > der Geschichte der Menschheit. 4? ein reicher Handel; das fleißige, gnügsame Volk gab von den Schätzen seines Wellthcils zu Meer und zu Lande andern Nationen mancherlei Kostbarkeiten im Uebcrfluß her und blieb seiner Entfernung wegen in ziemlich friedlicher Ruhe; bis endlich Europäer, denen nichts entfernt ist, kamen und sich selbst Königreiche unter ihnen schenkten. Alle Nachrichten und Maaren, die sie uns da her zuführen, sind kein Ersatz für die Ucbel, die sie einem Volk auflegen, das gegen sie nichts verübte. Indessen ist die Kette des Schicksals dahin einmal geknüpft; das Schicksal wird sie auflvsen oder weiter führen. V. Allgemeine Betrachtungen über die Geschichte dieser Staaten. W 7ir haben bisher die Staatsverfassnngen Asiens betrachtet, die sich nebst dem hohen Alter auch der festesten Dager rühmen: was haben sie in der Geschichte der Menschheit geleistet? was lernt an ihnen der Philosoph der Menschcngeschichte? 1. Geschichte setzt einen Anfang voraus, Geschichte des Staats und der Eultur einen Beginn derselben; wie dunkel ist dieser bei allen Völkern, die wir bisher betrachtet haben! Wenn meine Stimme . hier etwas vermöchte: so würde ich sie anwcnden, um jeden scharfsinnig-bescheidenen For- scher> der Geschichte zum Studium des Ursprunges der Eulkur in Ästen, nach seinen berühmtesten Reichen und Völkern, jedoch ohne Hypothese, ohne den Despotismus einer Privatmcynnng, zu ermuntern. Eine genaue Znsammenhaltung sowohl der Nachrichten, als Dcnkmahle, die wir von diesen Nationen haben, zumal ihrer Schrift und Sprache, der ältesten Kunstwerke und Mythologie oder der Grundsätze und Handgriffe, deren sie sich in ihren wenigen Wissenschaften noch jetzt bedienen; dies alles, verglichen mit dem Ort, den sie bewohnen und dem Umgangs, den sie haben konnten, würde gewiß ein Band ihrer Aufklärung entwickeln, wo wahrscheinlich das erste Glied dieser Eulkur weder in Selin- ginsk noch im Griechischen Baktra geknüpft wäre. Die fleißigen Versuche eines Deguignes, Bayers, Gattercrs u. a., die kühnern Hypothesen Bailly's, Paw's, Delisle u. f. die nützlichen Bemühungen in Sammlung und Bekanntmachung Asiatischer Sprachen und Schriften, sind Vorarbeiten zu einem Gebäude, dessen ersten sichern Grundstein ich gesetzt zu sehen wünschte. Vielleicht wäre er die Trümmer vom Tempel einer Prvtogäa, die sich uns in so vielen Naturdenkmahlen zeiget. 2. Das Wort: Civilisation eines Volks ist schwer auszusprechen, zu denken aber und auszuüben noch schwerer. Daß ein Ankömmling im Lande eine ganze Nation aufklare oder ein König die Eultuc durch Gesetze befehle, kann nur durch Beihülfe vieler Ncbenumstände möglich werden: denn Erziehung, der Geschichte Ser Menschheit. §5 Lehre, bleibendes Vorbild allein bildet. Daher kanl's denn, daß alle Völker sehr bald auf das Mittel sielen, einen unterrichtenden, erziehenden, aufklarendcn Stand in ihren Staatskörpcr aufzunehmen und solchen den andern Stauden vorzusetzen oder zwischen- zuschieben. Lasset dieses die Stufe einer noch sehr unvollkommenen Eultur sey» ; sie ist indessen für die Kindheit des Menschengeschlechts nothwendig: denn >vo keine dergleichen Erzieher des Volks waren, da blieb dies ewig in seiner Unwissenheit und Trägheit. Eine Art Bramanen, Mandarine, Talapoinen, La- men u. f. waren also jeder Nation in ihrer politischen Jugend nöthig; ja wir sehen, daß eben diese Mcn- schengattung allein die Samenkörner der künstlichen Eultur in Asien weit umher getragen habe. Sind solche da, so kann der Kaiser Aao zu seinen Dienern Hi und Ho sagen: *) gehet hin und beobachtet die Sterne, bemerkt die Sonne und theilet das Jahr. Sind Hi und Ho keine Astronomen: so ist sein kaiserlicher Befehl vergeblich. 3. Es ist ein Unterschied zwischen Eultur der Gelehrten und Eultur des Volkes. Der Gelehrte muß Wissenschaften wissen, deren Ausübung ihm zum Nutzen des Staats besohlen ist: er bewahrt solche aus, und vertraut sie denen, die zu seinem Stande gehören, nicht dem Volke. Dergleichen sind auch bei uns die höhere Mathematik, und viele H Der Anfang des Schukings x. 6. in D e a u i g n e s Ausgabe. andre Kenntnisse, du nicht zum gemeinen Gebrauch, also auch nicht fürs Volk dienen. Dies waren die sogenannten geheimen Wissenschaften der alten Staalsvcrfassungen, die der Priester oder Bramane nur seinem Stande vorbchielt, weil Er auf die Ausübung derselben angenommen war und jede andre Elassc der Staatsglieder ein anderes Geschäft halte. So ist die Algebra noch jetzt eine geheime Wissenschaft: denn cs verstehn sie wenige in Europa, obwohl es keinem durch Befehle verboten ist, sie verstehen zu lernen. Nun haben wir zwar, unnützer und schädlicher Weise, in vielen Stücken den Kreis der gelehrten und VolkScultur verwirrt und diese beinah bis zum Umfange jener erweitert; die alten Staatscinrichter, die menschlicher dachten, dachten hierin auch klüger. Die Eultur des Volks setzten sic in gute Sitten und nützliche Künste; zu großen Theorien, selbst in der Wcltweisheit und Religion, hielten sie das Volk nicht geschaffen, noch solche ihm zuträglich. Daher die alle Lehrart in Allegorien und Mährchen, dergleichen die Bramancn ihren ungelehrten Stämmen noch jetzt vortragen; daher in Sina der Unterschied in allgemeinen Begriffen beinah nach jeder Elnsse des Volks, wie ihn die Regierung festgcstellt hat und nicht unweise festhält. Wollen wir also eine .Ost-Asiatische Nation mit den unfern in Ansehung der Eultur vergleichen: so ist nothwendig zu wissen, wohin jenes Volk die Eultur setze und von welcher Menschenclasse man rede? Hat eine Nation oder Eine seiner Elaste gute Sitten und Künste, hat sie die Begriffe und Tugenden, die zu seiner Arbeit und dem gnüglichen Wohlseyn seines Lebens hinreichen: so hat es die Aufklärung, dk, r Geschichte der Menschheit. 47 die ihm gnug ist; gesetzt cs wüßte sich auch nicht eine Mondsinsterniß zu erklären und erzählte darüber die bekannte Drachcngeschichte. Vielleicht erzählte sie ihm sein Lehrer eben deswegen, damit ihm über die Sonnen- und Sternenbahnen kein graues Haar wüchse. Unmöglich kann ich mir Vorfällen, daß alle Nationen in ihren Individuen dazu auf der Erde seyn, 11m einen metaphysischen Begriff von Gott zu haben, als ob sie ohne diese Metaphysik, die zuletzt vielleicht auf einem Wort beruhet , abergläubische, barbarische Unmenschen seyn müßten. Ist der Japaner ein kluger, herzhafter, geschickter, nützlicher Mensch: so ist er cultivirt; er möge von seinem Budda und Amida denken, wie er wolle. Erzählt er euch hierüber Mährchcn: so erzählet ihm dafür andre Mährchen und ihr seyd quitt. 4. Selbst ein ewiger Fortgang in der gelehr» ten Eultur gehört nicht zur wesentlichen Glückseligkeit eines Staats; wenigstens nicht nach dem Begriff der alten östlichen Reiche. In Europa machen alle Gelehrte Einen eignen Staat aus, der auf die Vorarbeiten vieler Jahrhunderte gebauet, durch gemeinschaftliche Hülfsmittcl und durch die Eifersucht der Reiche gegen einander künstlich erhalten wird: denn der allgemeinen Natur thut der Gipfel der Wissenschaft, nach dem wir fkreben, keine Dienste. Ganz Europa ist Ein gelehrtes Reich, das Theiis durch innern Wetteifer, theils in den neuern Jahrhunderten durch hülfreiche Mittel, die eS auf dem ganzen Erdboden suchte, eine idealffche Gestalt gewonnen hat, die nur der Gelehrte durchschauet und 49 Ideen zur Philosophie der Staatsmann nutzet. Wir also können in diesem einmal begonnenen Lauf nicht mehr stellen bleiben: wir Haschen dem Zaubcrbilde einer höchsten Wissenschaft und Allerkenntniß nach, das wir zwar nie erreichen werden, das uns aber immer im Gange erhalt, solange die Staalsverfassung Europa's dauert. Nicht also ists mit den Neichen, die nie in diesem Eonflict gewesen. Das runde Sinn hinter seinen Bergen ist ein einförmiges verschlossenes Reich; alle Provinzen auch sehr verschiedener Völker, nach den Grundsätzen einer alten Staatsverfassung eingerichtet, sind durchaus nicht im Wetteifer gegen einander, sondern im tiefsten Gehorsam. Japan ist eine Insel , die wie das alte Britannien jedem Fremdlinge feind ist und in ihrer stürmischen See zwischen Felsen, wie eine Welt für sich bestellet. So Tibet, mit Gebirgen und barbarischen Völkern umgeben: so die Verfassung der Bramanen, die Jahrhunderte lang unter dem Druck ächzet. Wie könnte in diesen Reichen der Keim fvrtwachsender Wissenschaft schiessen, der in Europa durch jede Felscnwand bricht? wie könnten sie selbst die Früchte dieses Baums von den gefährlichen Händen der Europäer aufnchmen, die ihnen das, was rings um sie ist, politische Sft. cherhcit, ja ihr Land selbst rauben? Also hat sich nach wenigen Versuchen jede Schnecke in ihr Haus gezogen und verachtet auch die schönste Rose, die ihr eine Schlange brächte. Die Wissenschaft ihrer amnaaslichen Gelehrten ist auf ihr Land berechnet und selbst von den willfcrtigcn Jesuiten nahm Sina nicht mehr an, als es nicht entbehren zu können glaubte. Käme cs in Umstande der Noch: so der Geschichte der Menschheit. 49 so würde es vielleicht mehr annchmen; da aber die meisten Menschen, und noch mebr die großen Staatskörper, sehr harte, eiserne Thiere sind, denen die Gefahr »ah ankommen müßte, ehe sie ihren allen Gang andern: so bleibt ohne Wunder und Zeichen alles wie es ist, ohne daß es dcßwegen den Nationen an Fähigkeit zur Wissenschaft fehlte. An Triebfedern fehlt es ihnen: denn die uralte Gewohnheit wirkt jeder neuen Triebfeder entgegen. Wie langsam hat Europa selbst seine beste» Künste gelernet! 5. Das Dascyn eines Reichs kann in sich selbst und gegen andre geschähet werden; Europa ist in der Nothwendigkeit beyderley Maasstab zu gebrauchen , die 'Asiatischen Reiche haben nur Einen. KcinS von diesen wandern hat andre Welten aufgesncht, um sie als ein Postement seiner Größe zu gebrauchen oder durch ihren Ueberfluß sich Gift zu bereiten; jedes nutzet, was cs hat, und ist in sich selbst genüglich. Sogar seine eignen Goldbcrqwerke hat Sina untersagt, weil cs aus Gefühl seiner Schwache sic nicht zu nutzen gekraute; der auswärtige Si- ^ nesifche Handel ist ganz ohne Unterjochung fremder Belker. Bey dieser kargen Weisheit haben alle diese Lander sich den unlaugbaren Vortheil verschafft, ihr Inneres desto mehr nutzen zu müssen, weil sie es weniger durch äußern Handel ersetzten. Wir Europäer dagegen wandeln als Kaufleutc oder als Räuber in der ganzen Welt umher, und vernachlässigen oft das Unsrige darüber; die Britannischen Inseln selbst sind lange nicht wie Japan und Sina gebauet. Unsre Staatskörpcr sind also Thiere, die, unersättlich am Fremden, Gutes und Böses, Gewürze «nd Gift, Kaffee und Thcc, Silber und Gold ver- Philos, und Gesch. V. Th. D /elecn. ttk. 5o Ideen zur Philosophie schlingen, und in einem hohen Fiebcrzustande viel angestrengte Lebhaftigkeit beweise»; jene Lander rechnen nur auf ihren inwendigen Kreislauf. Ein langsames Leben, wie der Murmelthierc, das aber eben dcßwegen lange gcdauret hat und noch lange dauren kann, wenn nicht äußere Umstande das schlafende Tbier tödten. Nun ists bekannt, daß die Alten in Allem auf längere Dauer rechneten, wie in ihren Deukmahlcn, so auch in ihren Staatsgcbäuden; wir wirken lebhaft, und geben vielleicht um so schneller die kurzen Lebensalter durch , die auch uns Vas Schicksal zum-aß. 6. Endlich kommt es bcy allen irdischen und menschlichen Dingen auf Ort und Zeit, so wie Key den verschiednen Nationen auf ihre» Charakter an, ohne welche» sic nichts vermögen. Lage Ost-Asien uns zur Seite; es wäre lange nicht mehr, was es war. Ware Japan nicht die Insel, die es ist: so wäre es nicht, was es ist worden. Sollten sich diese Reiche allesammt jetzt bilden: so würden sie schwerlich werden, was sic vor drei) - vier Jahrtausenden wurden; das ganze Thier, das Erde heißt, und auf dessen Rücken wir wohnen, ist jetzt Jahrtausende älter. Wunderbare, seltsame Sache überhaupt ists um das, was genetischer Geist und Charakter eines Volks heißet. Er ist unerklärlich und unauslöschlich: so alt wie die Nation, so alt, wie das Land, das sie bewohnte. Der Bramane gehört zu seinem Weltstrich; kein andrer, glaubt er, ist seiner heiligen Natur wecih. So der Siamese und Japaner; allenthalben außer seinem Lande ist er eine unzeitig verpflanzte Staude. Was der Einsiedler Indiens sich an seinem Gott , der Siamese sich an sei- der Geschichte der Menschheit. Zr nem Kaiser denkt, denke» wir uns nicht an demselben ; was wir für Wirksamkeit und Frerheit des Geistes, für männliche Ehre und Schönheit des Geschlechts schätzen, denken sich jene weit anders. Die Eingeschlossenheit der Indischen Weiber wird ihnen nichr unerträglich; dcr leere Prunk eines Mandarinen wird jedem andern als ihm ein sebr kaltes Schauspül dünken. So ists mir allen Gewohnheiten der vielgestaltigen menschlichen Form, ja mit allen Erscheinungen auf unsrer runden Erde. Wenn unser Geschlecht bestimmt ist, aus dem ewigen Wege einer Asmnptote sich einem Punkt der Vollkommenheit zu nal-ern, den es nicht kennt, und den es mit aller Tantalischen Mühe nie erreichet; ihr Simsen und Japanesen, ihr Lanusss und Bramanen, so seyd ihr auf dieser Wallfahrt in einer ziemlich ruhigen Ecke des Fahrzeuges. Ihr laßt euch den unerreichbaren Punkt nicht kümmern ,, und bleibt, wie ihr vor Jahrtausenden wäret. 7. Tröstend ists für den Forscher der Menschheit, wenn er bemerkt, daß die Natur bey allen Uebcln, die sic ihrem Menschengeschlecht zuthcilte, in keiner Organisation den Balsam vergaß, der ihm seine Wundcn wenigstens lindert. Dcr Asiatische Despotismus, diese beschwerliche Last der Menschheit, findet nur bey Nationen Statt, die ihn tragen wollen, d. i. die seine drückende Schwere minder fühlen. Mit Ergebung erwartet dcr Indier sein Schicksal, wenn in der ärgsten Hungersnoch seinen abgezehrten Körper schon der Hund verfolgt, dem er sinkend zur Speise werden wird; er stützet sich an, damit er stehend sterbe, und geduldig wartend sicht ihm der Hund ins blass« Todesantlitz i eine D 2 52 Ideen zur Philosophie Resignation, von der wir keinen Begriff habe», und die dennoch oft mit den stärksten Stürmen der Leidenschaft wechselt. Sie ist indessen nebst mancher- ley Erleichterungen der Lebensart und des Klima das mildernde Gegengift gegen so viele Ucbel jener Staatsvcrfassungen, die uns unerträglich dünken. Lebten wir dort, so würden wir sie nicht ertragen dürfen, weil wir Sinn und Muth genug hatten, die böse Verfassung zu andern; oder wir erschlafften auch, und ertrügen die Ucbel, wie jene Indier, ge, duldig. Große Mutter Natur, an welche Kleinigkeiten hast du das Schicksal unsres Geschlechts geknü- pfet! Mit der veränderten Form eines menschlichen Kopfs und Gehirns, mit einer kleinen Veränderung im Bau der Organisation und der Nerven, die das Klima, die Stammesart und die Gewohnheit bewirket, ändert sich auch das Schicksal der Welt, die ganze Summe dessen, was allenthalben auf Erden die Menschheit lhue und die Menschheit leide. Zwölftes Buch. »H?lr kommen zu den Ufern des Euphrat und Tigris ; aber wie verändert sich in diesem ganzen Erdstrich der Anblick der Geschichte! Babel und Ninive, Ekbatana, Pcrscpolis und Tyrus sind nicht mehr: Völker folgen auf Völker, Reiche auf Reiche, und die meisten derselben haben sich bis auf Nahmen und ihre einst so hochbcrühmten Denkmahle von der Erde verlohren. Es gibt keine Nation mehr, die sich Babylonier, Affyrcr, Chaldäer, Meder, Phönicier nenne, oder von ihrer alten politischen Verfassung auszeichnende Spuren an sich trage. Ihre Reiche und Städte sind zerstört, und die Völker schleichen umher unter andern Nahmen. Woher dieser Unterschied gegen den tief geprägten Charakter der östlichen Reiche? Sina und Indien sind von den Mongolen mehr als einmal überschwemmet , ja zum Theil Jahrhunderte durch unterjocht gewesen, und doch hat sich weder Peking noch 54 Ideen zur Philosophie Benares, wndcr der Bramane noch Lama von der Erde verlobten. N»ich dünkt, der Unterschied dieses Schick Als erkläre sich selbst, wenn man eins die verschiedene Lage und Verfassung beoder Weltgegenden merket. Im östlichen Asien jenseit des große» Bergrückens der Erde deohete den südlichen Völkern mir Ein Feind, die Mongolen. Jahrhunderte leing zogen diese eins idrcn Steppen oder in ihren Thälcrn ruhig ciiidcr, Uiid wenn sic die nachbarlichen Provinzen überschwemmte» : so ging ibre Absicht nicht sowohl miss Zerstören, nls miss Beherrscheil und Rmiben ; dnhcr mehrere Nationen unter Mongolischen Regenten ihre Verfassung Jahrtatiscnde hin erhielten. Ganz ein andres Gedränge wimmelnder Völker war zwischen dem schwarzen und kaspischen bis ans Mittelländische Meer und eben der Euphrat und Tigris waren die großen Ableitcr dieser ziehenden Volker. Das ganze Vorder-Asien war frühe mit Nomaden erfüllt und je mehr blühende Städte, je mehr künstliche streiche in diesen schönen Gegenden entstanden; desto mehr lockten solche die roheren Völker zum straube an sich oder sie wußten ihre wachsende Ue- berniacht selbst nicht anders zu nutzen als daß sie andre vertilgten. Das einzige Babylon ans seinem schönen Miltelplatze des oft- und westlichen Handels, wie oft ward es erobert und geplündert! Sidon und Torus, Jerusalem, Ekbatana und Ninive hatt.-n kein besseres Schicksal, so daß man diesen ganzen Erdstrich als eine» Garten der Verwüstung ansehen kann, wo Reiche zerstörten und zerstöret wurden. Keiir Wunder also auch, daß viele Namenlos untergingen und fast keine Spur hinter sich ließen: denn was sollte ihnen diese Spur geben? Den mei- der Geschichte der Menschheit. 55 sten Völkern dieses Weltstrichs war Eine Sprach« gemein, die sich nur in verschicdne Mundarten theilte; bei ihrem Untergänge also verwirreten sich diese Mundarten und flössen endlich in das Ehaldaisch-Syrisch- Arabische Gemisch zusammen, bas, fast ohne ein sonderndes Merkmal der vermengten Völker, noch jetzt in diesen Gegenden lebet. Ans Horden waren ihre Staaten entstanden, in Horden kehrten sie zurück , ohne ein dauerhaftes politisches Gepräge. Noch weniger konnten ihnen die gepriesenen Denkmahle eines Bclus, einer Scmiramis u. f. eine Pyramiden- Ewigkeit sichern: denn nur aus Ziegelsteinen.,waren sie gcbauet, die an der Sonne oder am Feuer getrocknet und mit Erdpech verbunden, leicht zu zerstören waren, wenn sie nicht unter dem stillen Tritte der Zeit sich selbst zerstörten. Unmerklich also verwitterte die despotische Herrlichkeit der Erbauer Ni- nive's und Babels; so daß das Einzige, was wir in dieser Weltberühmten Gegend zu betrachten finden , der Name ist, den diese verschwundenen Nationen einst m der-Reihe der Völker geführt haben. Wir wandern wie auf den Gräbern untcrgegangncr Monarchien umher und sehen die Schattengestalten ihrer ehemaligen Wirkung auf der Erde. Und wahrlich diese Wirkung ist so groß gewesen, daß, wenn man Aegypten zu diesem Erdstriche mitrechnct, cs außer Griechenland und Rom keine Weltgegcnd giebt, die insonderheit für Europa und durch dies für alle Nationen der Erde so viel erfunden und vorgearbcitct habe. Man erstaunt über die Menge der Künste und Gewerbe, die man in den Nachrichten der Ebraer, schon von den frühesten Zeiten an, mehreren kleinen Nomadenvölkern dieser 56 Ideen zur Philosophie Gegend gemein findet *). Den Ackerbau mit mancherlei Gcräkhcn, die Gärtnerei, Fischerei, Jagd, insonderheit die Viehzucht, das Mablen des Getreides, das Backen des Brots, das Kochen der Speisen. Wein, Del, zur Kleidung die Bereitung der Wolle und der Lhierbäute, das Spinnen, Weben und Nähen, das Färben, Tapctenmachen und Sticken, das Stempeln des Geldes, das Siegelgrabcn und Stcinschnciden, die Bereitung des Glases, die Korallensischerei, den Bergbau und das Hüttenwesen, mancherlei Kunstarbeiten in Metall, im Modelliren, Zeichnen und Formen, die Bildncrei und Baukunst, Musik und Tanz, die Schreib- und Dichtkunst, Handel mit Maas und Gewicht, an den Küsten Scyifffabrt, in den Wissenschaften einige Anfangsgründe der Stern - Zeiten - und Länderkunde, der Arznciwissenschaft und Kriegskunst, der Arithmetik, Geometrie und Mechanik, in politischen Einrichtungen Gesetze, Gerichte, Gottesdienst, Eontracte, Strafen und eine Menge sittlicher Gebräuche; alles dies finden wir bei den Völkern des Vorder-Afiens so früb' im Gange, daß wir die ganze Eultur dieses Erdstrichs für den Rest einer gebildeten Vorwelt an- sehen müßten, wenn uns auch keine Tradition darauf brachte. Nur die Volker, die der Mitte Asiens weit entlegen in der Irre umherzogen; nur sie sind *) S. Goguets Untersuchungen über den Ursprung der Gesetze, Künste und Wissenschaften, Lemgo >76« und noch mehr Gatt er e rs kurzer Begriff der Weltgeschichte Kh. I. Güttingen 1785. der Geschichte der Menschheit. 57 barbarisch und wilde geworden, daher ihnen auf mancherlei Wegen früher oder spater eine zweite Eultur zukommen mußte. I. Babylon, Assyrien, Chaldäa. c^n der weiten Nomadenstrecke des «ordern Asiens mußten die fruchtbaren und anmulhigen Ufer des Euphrat und Tigris gar bald eine Menge weidender Horden zu sich locken und da sie zwischen Bergen und Wüsteneien wie ein Paradies in die Mitte gelagert sind, solche auch gern an sich behalten. Zwar hat jetzt diese Gegend viel von ihrer Anmuch verlvh- ren, da sie fast von aller Eultur entblößt und seit Jahrhunderten dem Raube streifender Horden ausgesetzt gewesen; einzelne Striche indessen bestätigen noch das allgemeine Zcugniß der alten Schriftsteller, die sich im Lobe an ihr erschöpfen *). Hier war also das Vaterland der ersten Monacchiecn unsrer Weltgeschichte und zugleich eine frühe Werkstatte nützlicher Künste. ) S. Büschings Erdbeschreibung Th. 5, Abtheil, I, SS Ideen zur Philosophie Bei dem ziehenden Nomadenleben nämlich mar nichts natürlicher, als daß es einem ehrgeizigen Scheik in den Sinn kam, die schonen Ufer des Euphrats sich zuzueignen und zu Behauptung derselben mehrere Horden an sich zu fesseln. Die Ebräische Nachricht nennt diesen Scheik Nimrod, der durch die Städte Babel, Edessa, Nesibin und Ktesiphon sein Reich gegründet habe: und in der Nahe setzt sie ihm ein andres, das Assyrische Reich durch die Städte Resan, Ninive, Adiabene und Kalach entgegen. Die Lage dieser Reiche nebst ihrer Natur und Entstehung knüpft den ganzen Faden des Schicksals, der sich nachher bis zn ihrem Untergänge entwickelt hat: denn da beide, von verschiedncn Volksstammelt gegründet, sich einander zu nahe lagen, was konnte nach dem streifenden Hordengcist dieser Weltgegcnd anders folgen, als daß sie einander anfcindetcn, mehrmals linker Eine Lbcrhcrrschaft gericthen und durch den Andrang nördlicher Bergvölker sich so und anders zerthciltcn? Dies ist die kurze Geschichte der Reiche am Euphrat und Tigris, die in so alten Zeiten und bei verstümmelten Nachrichten aus dem Munde mehrerer Völker freilich nicht ohne Verwirrung seyn konnte. Worin >ndeß Annalen und Mährchen einig sind, ist der Ursprung, der Geist und die Verfassnng dieser Reiche. Aus kleinen Anfängen nomadischer Völker waren sie entstanden: der Charakter erobernder Horden blieb ihnen auch immer eigen. Selbst der Despotismus, der in ihnen anfkam und die mancherlei Knnstweis- hcit, die insonderheit Babylon berühmt gemacht hat, sind völlig im Geist des Erdstrichs und des Natio- nalcharaktcrs seiner Bewohner. der Geschichte der Menschheit. ZA Denn was waren jcne ersten Städte, die diese fabelhaften Welkmonarchen gründeten? Große, gesicherte Horden; das feste Lager eines Stammes, der diese fruchtbaren Gegenden genoß und auf die Plünderung andrer auszog. Daher der ungeheure Umfang Babylons so bald nach seiner Anlage dies- und jenseit des Stromes: daher seine Ungeheuern Mauern und Thürme. Die Mauern waren hohe, dicke Walle aus gebrannter Erde, die ein weitläufti- ges Heerlager der Nomaden beschützen sollten, die Thürme waren Wachtthürme; die ganze Stadt, mit Garten vermischt, war nach Aristoteles Ausdruck ein Pelo- ponneüis. Reichlich verlieh diese Gegend den Stoff zu solcher Nomaden-Bauart, den Thon nämlich, den man zu Ziegelsteinen gebrauchen und das Erdpech , womit man jene verkitten lernte. Die Natur erleichterte also den Menschen ihre Arbeit und da nach Nomadcnart die Anlagen einmal gemacht waren: so konnten nach eben dieser Art sie leicht auch bereichert und verschönt werden, wenn nämlich die Horde auszog und raubte. Und was sind jene gerühmten Eroberungen eines Ninus, einer Scmiramis u. f. anders als Streiferei.», wie solche die Araber, Kurden und Turkumannen noch jetzt treiben t Selbst ihrcr Stammesart nach waren die Assorer streifende Bergvölker, die durch keinen andern Charakter auf die Nachwelt gekommen sind, als daß sie erobert und geplündert haben. Von den frühesten Zeiten an werden insonderheit Araber im Dienst dieser Welteroberer genannt und man kennet die ewige Lebensart dieses Volkes, die so lange dauren wird als die Arabische Wüste dauret. Späterhin treten Chaldäer auf den Schau- 6 a Ideen z«r Philosophie platz; ihrer Stammart und ihren ersten Wohnsitzen nach räuberische Kurden *). Sie haben sich in der Weltgeschichte durch nichts als Verwüstungen ausgezeichnet: denn der Name, der ihnen von Wissen- schaften zukam, ist wahrscheinlich nur ein mit dem Königreich Babylonien erbeuteter Ehrenname. Die schöne Gegend also, die diese Ströme umgranzet, kann man in den ältesten und neuern Zeiten für einen Sammelplatz ziehender Nomaden oder raubender Völker ansehen, die an die hier befestigten Orte ihre Beute zusammentrugen, bis sie dem wollüstigen warmen Himmelsstrich selbst unterlagen und in Ueppigkeit ermattet andern zum Raube wurden. Auch die gerühmten Kunstwerke einer Semira- mis, ja noch eines Ncbukadnczars sagen schwerlich etwas anders. Nach Aegypten hinab gingen die frühesten Züge der Assyrcr; mithin wurden die Kunstwerke dieser friedlichen gesitteten Nation wahrscheinlich das erste Vorbild der Verschönerungen Babels. Die gerühmten kolossischen Bildsäulen Belus, die Bildnisse auf den Ziegelsteinernen Mauern der großen Stadt scheinen völlig nach Aegyptischer Art und daß die fabelhafte Königin zum Berge Bagisthan hinzog, um seinem Rücken ihr Bildniß aufzupragcn, war gewiß eine Aegyptische Nachahmung. Sie wurde nämlich zu diesem Zuge gezwungen, da das südliche Land ihr keine Granitfelscn zu ewigen Dcnkmahlcn wie Aegypten darbot. Auch was Nebukadnezar her- *) S. Schlotzer von den Chaldäern, im Repertorium für die morgenlandische Literarur Th. 8. S. 11Ä u. f. der Geschichte der Menschheit. 6r verbrachte, waren nichts als Colosscn, Ziegelpalläste und Hangende Garten. Man suchte dem Umfange nach zu übertreffen, was man dem Stoff und der Kunst nach nicht haben konnte und gab dem schwacher» Denkmahl wenigstens durch angenehme Gärten einen Babylonischen Charakter. Ich bedaure daher den Untergang dieser ungeheuren Thonmaffcn so gar sehr nicht: denn hohe Werke der Kunst sind sie wahrscheinlich nicht gewesen; was ich wünschte, wäre, daß man in ihren Schutthaufen nach Tafeln Chaldai- scher Schrift suchte, die sich nach dem Zeugnisse mehrerer Reisende» auch gewiß darin finden würden *). Nicht eigentlich Aegyptische sondern Nomadcn- und späterhin Handelskünste sind das Eigenthum dieser Gegend gewesen, wie cs auch ihre Naturlage wollte. Der Euphrat übcrschwemmcte und mußte daher in Canälen abgeleitet werden, damit ein größerer Strich Landes von ihm Fruchtbarkeit erhielte; daher die Erfindungen der Räder und Pumpwerke, wenn diese nicht auch von den Aegyptern gelernt waren. Die Gegend in einiger Entfernung dieser Ströme, die einst bewohnt und fruchtbar war, darbet jetzt, weil ihr der Fleiß arbeitender Hände fehlet. Von der Viehzucht war hier zum Ackerbau ein leichter Schritt, da die Natur selbst den stätigen Bewohner dazu einlud. Die schönen Garten - und Feldfrüchte dieser Ufer, die mit freiwilliger, ungeheurer Kraft aus der Erde hccvorschießen und die geringe Mühe ) S. D e l l a Balle von den Ruinen bei Ardsche, Riebuh r vom Ruinenhaufen bei Helle u, f. 62 Ideen zur Philosophie ihrer Pflege reichlich b> lohnen, inachten, fast ohne daß ers wußte, den Hirten zum Ack.rmann und zum Gärtner. Ein Wald von schönen Datlelbäuimn gab ihm statt der unsichern Zelte Stamme zu seiner Wohnung und Früchte zur Speise: die leichtgc- branntc Tlwncrde hals du sein Bau auf, so daß sich der Zeltbewolmer tmvermcrkt in enur besscrn, obgleich lciinernen Wohnung sähe. Eben diese Erde gab ihm Gefäße und mit ihnen bundcrt Bequemlichkeiten der häuslichen Lebennveise. Man lernte das Brod backen, Speisen zurichten, bis man endlich durch den Handel zu jenen üppigen Gastmahlen und Festen stieg, durch welche in sehr alten Zeiten die Babylonier berühmt waren. Wie man kleine Götzenbilder, Tcraphim, in gebrannter Erde schuf, lernte man bald auch kolossischc Statuen brennen und formen, von deren Modellen man zu Formen des Metailgusses sehr leicht hinaufsticg. Wie man dem weichen Thon Bilder oder Schriftzüge einprägte, die durchs Feuer befestigt blieben: so lernte man damit unvermerkt, auf gebrannten Ziegelsteinen Kenntnisse der Vorwclt erhalten und bauete auf die Beobachtungen älterer Zeiten weiter. Selbst die Astronomie war eine glückliche Nomadencrflndunq dieser Gegend. Auf ihrer weiten schönen Ebne saß der weidende Hirt und bemerkte in müßiger Ruhe den Auf - und Untergang der glänzenden Sterne seines unendlichen, heitern Horizontes. Er benannte sie, wie er seine Schaafc nannte und schrieb ihre Veränderungen in sein Gedächtnis. Auf den platten Dächern der Babylonischen Hauser, auf welchen man sich nach der Hitze des Tages angenehm erholte, setzte man diese Beobachtungen fort; bis endlich ein eigner, dazu der Geschichte der Menschheit. 6?> gestifteter Orden sich dieser reizende» und zugleich un- rntbchrlichen Wissenschaft annahm und die Jahrbücher des Himmels Zeiten hindurch fortsetzte. So lockte die Natur die Menschen selbst zu Kenntnissen und Wissenschaften, daß also auch diese ihre Geschenke so locale Erzeugnisse sind, als irgend ein andres Product der Erde. Am Fuß des Kaukasus gab sie durch Naphthaguellcn den Menschen das Feuer in die Hände , daher sich die Fabel dcs Prometbeus ohne Zweifel aus jenen Gegenden herschreibt; in den angenehmen Dattelwaldern am Euphrat erzog sie mit sanfter Macht den umbcrziehcndcn Hirten zum fleißigen Anwohner der Flecken und Städte. Eine Reihe andrer Babylonischer Künste sind daher entsprossen, daß diese Gegend ein Mittelpunkt des Handels der Ost - und Westwelt von alten Zeiten ber war und immerhin seyn wird. Im mittler» Persien bat sich kein berühmter Staat gebildet, weil kein Fluß ins Meer strömet; abcr am Indus, am Ganges und hier am Euphrat und Tigris, welche belebtere Punkte der Erde! Hier war der Persische Meerbusen nahe *), wo eine frühe Niederlage Indischer Maaren auch Babylon bereicherte und zu einer Mutter des handelnden Fleißes machte. Die Babylonische Pracht in Leinwand, Teppichen, Stickereien und andern Gewänden ist bekannt: der Neichthum schuf Ucppigkeit: Ueppigkeit und Fleiß brachten beide Geschlechter naher zusammen als in *) Eichhorns Geschichte des Ost - Indischen Handels S. in. Gatterers Einleitung zur synchronistischen Universal - Historie S. 77. 64 Ideen zur Philosophie andern Asiatischen Provinzen, wozu die Regierung einiger Königinnen vielleicht nicht wenig beitrug. Kurz, die Bildung dieses Volks ging so ganz von seiner Lage und Lebensart aus, daß cs ein Wunder wäre, wenn sich bei solchen Anlassen an diesem Ort der Welt nichts -Merkwürdiges hatte erzeugen solle». Die Natur hat ihre Lieblingsplatze auf der Erde, die insonderbeit an den Ufern der Ströme und an «rlesncn Küsten des Meers der Menschen Tbatigkeit aufwecken und belohnen. Wie am Nil ein Acgvp- len, am Ganges ein Indien entstand: so erschuf sich hier ein Ninive und Babel, in spätem Zeiten ein Seleucia und Palmyra. Ja wenn Alerander zur Erfüllung seines Wunsches gelangt wäre, von Babel aus die Welt zu regieren; welch' eine andre Gestalt hätte diese reizende Gegend auf lange Jahrhunderte erhalten! Auch an den Schriftcharakteren nehmen die Assyrcr und Babvlonier Theil; ein Eigenthum, das die Nomadenstamme des vorder» Asiens von undenklichen Zeiten her unter ihre Vorzüge gerechnet haben. Ich lasse es dabingestellt seyn, welchem Volk eigentlich diese berrliche Erfindung gebühre *) ; genug aber, alle Aramaische Stämme rübmrcn sich dieses Geschenkes der Vorwelt und haßten mir einer 'Art von Religionshaß die Hieroglyphen. Ich kann mich daher nicht überreden, daß die Babrlonier Hieroglyphen gebraucht baben: ibre Zcichendeuter deuteten Sterne, Begebenheiten, Zufälle, Traumbilder, geheime Schriftzüge; aber nicht Hieroglyphen. Auch die *) Hievon an einem andern Orte. der Geschichte der Menschheit. ild die Schrift des Schicksals, die jenem schwelgenden Belsazar erschien *), bestand in Sylbenwortcn, die Nach Art der morgenländischen Schrcibkunst ihm in verschlungenen Ingen verkamen; nicht aber in Bildern. Selbst jene Gemadlde, die SemiramiS auf ihre Mancrn setzte, die Syrischen Buchstaben, die sie dem Felsen zn ihrem Bildnis einhauen ließ., bestätigen in den ältesten Zeiten den Hieroglnphen- freien Gebrauch der Buchstaben unter diesen Völkern. Durch sie allein war es möglich, daß die Babylonier so frühe schon geschriebene Contracte, Jahrbücher ihres Reichs und eine fortgesetzte Reihe von Himmelsbeobachtungen haben konnten; durch sie allein haben sie such eigentlich dem Andenken der Welt als ein gebildetes Volk cingezeichnet. Zwar sind weder ihre astronomischen Nerzeichnisse, noch Eine ihrer Schriften auf uns gekommen., ob jene gleich noch dem Ärisi teles zugesandt werden konnten; indessen, daß sie dies Nolk nur gehabt har, ist ihm schon rühmlich. Uebrigrns muß man sich an der Chaldäer-Weisheit nicht unsre Weisheit denken. Die Wissenschaften, die Babylon besaß, waren einer abgeschlossenen gelehrten Zunft anvertrauet, die bei dem Verfall der Ration zuletzt eine häßliche Betrügerin wurde. Chaldäer hießen sie, wahrscheinlich von der Zeit an, da Chaldäer über Babylon herrschten: denn da seit Be- lus Zeiten, die Zunft der Gelehrten ein .Orden des Staats und eine Stiftung der Regenten war, so *) Hanicl 5, 5. a5> Philos. und Gcsch. V. LH. E Leen. M 66 Ideen zur Philosophie schmeichelten diese wahrscheinlich ihren Beherrschern damit, daß sie den Namen ihrer Nation trugen. Sie waren Hofphilosophen und sanken als solche auch zu allen Betrügereien und schnöden Künsten der Hof- philosophie hinunter. Wahrscheinlich haben sie in diesen Zeiten ihre alte Wissenschaft so wenig, als das Tribunal in Sina die seinigen, vermehret. Glücklich und zugleich unglücklich war diese schöne Erdstrecke, da sie einem Bergstrich nahe lag, von welchem sich so viel wilde Völker hinabdrangtcn. Das Assyrische und Babylonische Reich ward von Chaldäern und Niedern, diese wurden von den Persern überwunden, bis zuletzt alles eine unterjochte Wüste war und sich der Sitz des Reichs in die nordischen Gegenden hinaufzog. Weder im Kriege, noch in der Staatsverfaffung haben wir also von diesen Reichen viel zu lernen. Ihre Angriffe waren roh, ihre Eroberungen nur Streifereien, ihre politische Verfassung war jene elende Satrapen-Rcgierung, die in den Morgenlandern dieser Gegenden fast immer geherrscht hat. Daher denn die..unbefestigte Gestalt dieser Monarchieen: daher die öftern Empörungen gegen sie und die Zerstörung des Ganzen durch Einnahme Einer Stadt, durch Einen oder zwei Hauptsiege. Zwar wollte Arbaces schon nach dem ersten Sturz des Reichs eine Art verbündeter Sa- trapen-Aristokratie auftichten; aber es gelang ihm nicht, wie überhaupt keiner der Medischen und Aramaischen Stamme von einer andern Regimentsverfassung als der despotischen wußte. Aus dem Nomadenleben waren sie ausgegangen: das Bild des Königes als eines Hausvaters und Schecks formte also ihre Begriffe und ließ, sobald sie nicht mehr der Geschichte d'er Menschheit. 67 in einzelnen Stämmen lebten , der politischen Freiheit oder der Gcmeinberrschast Mcbrerer keinen Raum. Wie Eine Sonne am Himmel leuchtet: so sollte mich nur Ein Regent auf der Erde seyn, der sich denn auch bald in die ganze Pracht der Sonne, ja in den Glanz einer irdischen Gottheit hüllte. Alles floß von seiner Gnade her: an seiner Person hing alles: in ihr lebte der Staat, mit ibr ging er meistens unter. Ein Harem war der Hof des Fürsten: er kannte nichts als Silber und Gold, Knechte und Mägde, Länder, die er wie eine Waide besaß und Menschenheerdcn, die er trieb, wohin er wollte; wenn er sie nicht gar würgte. Eine barbarische Nomaden- Regierungl ob sie gleich auch in seltnen guten Fürsten, wahre Hirten und Väter des Volks gehabt hat. II. Meder und Perser. Meder sind in der Geschichte der Welt durch Kriegesthaten und Ueppigkeit bekannt, durch Erfindung oder eine bessere Einrichtung des Staats haben sie sich nie ausgezeichnet. Ei» tapfres reitendes Bergvolk waren sie in einem nördlichen , großentheils rauhen Lande: als solches warfen sie das alte Assyrische E 2 68 Ideen zur Philosophie Reich um, dessen Sultane im Harem trage schlummerten : sic entzogen sich auch bald dem neuen Assyrischen Reiche. Eben so schnell aber gcriekhen sie durch ihren klugen Dcjvces unter eine strenge, monarchische Herrschaft, die zuletzt an Pracht und Ueppig- keit den Persern selbst vorging. Endlich wurden sie unter dem großen Eyrus mit jener ganzen Fluth von Völkern vereinigt, die Persiens Monarchen zu Herren der Welt erhöhte. Wenn bei Einem Fürsten die Geschichte Dichtung zu werden scheint, ist es beim Stifter des Persischen Reiches Eyrus; man möge dies Göttcrkind, den Erobrer und Gesetzgeber der Völker, von den Hebräern oder Persern, von Herodot oder von che- nophon beschrieben lesen. Ohne Zweifel hat der letztgenannte, schöne Geschichtschreiber, der von seinem Lehrer bereits die Idee einer Eyropadie bekam, bei seinen Feldzügen in Asien wahre Nachrichten von ihm gesammlet, die aber, weil Eyrus lange todt war, nach Asiatischer Weise von ihm nicht anders als in jenem hohen Ton des Lobes sprechen konnten, den man in allen Beschreibungen dieser Völker von ihren Königen und Helden gewohnt ist. Peno- phon ward also dasselbe gegen Eyrus, was Homer gegen Achill und Ulysses ward, . bei welchen dem Dichter auch wahre Nachrichten zum Grunde lagen. Für uns ists indessen einerlei, ob Einer oder der andre das Wahrere sage; genug, Eyrus überwand Asien und stiftete ein Reich , das vom mittelländischen Meer an bis zum Indus reichte. Hat Tenophon von den Sitten der alten Perser, unter denen Eyrus erzogen ward, wahr geredet: so mag der Deutsche sich freuen, daß er mit diesem Volk wahrscheinlich der Geschichte der Menschheit. 69 eines verwandten Stammes ist und jeder seiner Prinzen möge die Eyropadie lesen. Aber du großer und guter Cyrus, wenn meine Stimme zu deinem Gllbmahl in Pasagarda gelangen könnte: so würde sie deinen Staub fragen, warum du ein solcher Eroberer wurdest? Bedachtest du im jugendlichen Lauf deiner Siege, wozu dir und deinen Enkeln die unzähligen Völker, die unüberseh- lichen Lander, die du unter deinen Namen zwangst, nutzen sollten? Konnte dein Geist ihnen allen gegenwärtig se»n? konnte er auf alle folgenden Geschlechter fortlebend wirken? Und wenn dies nicht ist, welche Last legst du deine» Nachkommen auf, einen so zusammcngcstickten Königspurpur zu tragen? Seine Thcile fallen aus einander oder drücken den Tragenden zu Grunde. Dies war die Geschichte Persiens unter den Nachfolgern Cyrus. Sein Eroberungsgeist hatte ihnen ein so hohes Ziel vorgcstcckt, daß sie ihr Reich erweitern wollten, auch da es nicht mehr zu erweitern war: sie verwüsteten also und rannten allenthalben an, bis sie zuletzt durch die Ehrsucht eines beleidigten Feindes selbst ihr trauriges Ende fanden. Kaum zweihundert Jahr hat das Persische Reich gewahret und cs ist zu verwundern, daß cs so lange wahrte: denn seine Wurzel war so klein, seine Aeste dagegen waren so groß, daß cs nolhwcndig zu Boden stürzen mußte. Wenn je die Menschlichkeit im Reich der Menschheit Platz gewinnet: so wird man aus ihrer Geschichte zuerst dem tollen Eroberungsgeist entsagen lernen, der in wenigen Generationen nothwcndig sich selbst verderbet. Ihr treibt Menschen wie eine Heerde, ihr bindet ste wie tobte Massen zrssammen und denkt 70 Ideen zur Philosophie nicht, baß dennoch ein lebender Geist in ihnen sey und daß vielleicht das letzte, äußerste Stück des Baues losreisse und euch zcrschmcttre. Tas Reich Eines Volks ist eine Familie, ein wohlgeordnetes Hauswesen: es ruket auj^sich selbst, denn cs ist von der Natur gegründet und stehet und fallt nur mit den Zeiten, (^in zusammengezwungcnes Reich von bundert Völkern und hundcrlzwanzig Provinzen ist ein Ungeheuer, kein Staatskvrper. Ein solches war Persiens Monarchie von An.-- fcnege an; sogleich nach Eyrus Zeiten aber siel sie als ein solches Heller ins Auge. Sein ibm so ungleicher Sohn wollte weiter erobern als sein Vater: wie ein Unsinniger ging er auf Aegypten und Ae- thiopicn los, so daß kaum der Hunger der Wüste ihn zurückzutreiben vermochte. Was hatte er und sein Reich davon ? was für Nutzen von ihm hatten die eroberten Lander? Er verwüstete Aegypten, zerstörte die prächtigen Thcbaischcn Tempel und Kunstdenkmahle ; ein sinnloser Zerstörer! Ermordete Geschlechter ersetzen sich in andern Geschlechtern: dergleichen Werke aber ersetzen sich nie. Noch jetzt liegen sie in ihren Trümmern undurchsucht und beinah unverstanden; jeder Wanderer flucht dem Wahnsinn des Trunkenen, der uns diese Schatze der alten Welt ohne Ursache und Zweck raubte. Kaum Halle den Cambyses seine eigne Wuth gestraft: so fuhr selbst der weisere Darius fort, wo jener es gelassen hatte. Er> bekriegte die Scythen und Zndicr: er plünderte die Thracicr und Mace- donicr; mit allem erbeutete er nichts, als daß er in Makedonien den Funken ausstreute, der einst dem der Geschichte der Menschheit. 7 » letzten Könige seines Namens die Flamme überS Haupt wehen sollte. Unglücklich zog er gegen die Griechen: noch unglücklicher sein Nachfolger Lecxes, und wenn man nun in diesen despotischen Kriegszügen das Verzeichnis der Schiffe und Völker liefet, die die ganze Persische Welt dem tollen Erobrcr zollen mußte, wenn man die Blutbäder betrachtet, die bei jeder Empörung ungerecht - unterjochter Lander am Euphrat, am Nil, am Indus, am Arares, am Halhs angerichtet wurden, damit nur das, was einmal Persisch hieß, auch Persisch bliebe; nicht weibische Thränen, wie Terres vergoß, da er seine unschuldigen Schlachtschaase übersah, blutige Thranen des Unmuchs wird man weinen, daß ein so unsinniges, Völkcrfeindliches Reich den Namen eines Eyrus an seiner Stirn trage. Hatte Ein Persischer Verwüster der Welt solche Reiche, Städte und Dcnk- mahle, als er zerstörte oder zerstören wollte, Baby- - lon, Thebe, Sidon, Griechenland, Athen gegründet? konnte er sie gründen? Es ist ein hartes aber gutes Gesetz des Schicksals, daß wie alles Uebel so auch jede Uebcrmacht sich selbst verzehre. Persiens Verfall sing mit dem Tode Eyrus an und ob es sich gleich, insonderheit durch Daraus Anstalten, noch ein Jahrhundert hin von außen in seinem Glan; erhielt: so nagte doch in seinem Innern der Wurm , der in jedem despotischen Reich naget. Eyrus theilte seine Herrschaft in Statthalterschaften , die Er noch durch sein Ansehen in Schranken erhielt, indem er eine schnelle Evmmunication durch alle Provinzen errichtete und darüber wachte. Darius- theilte das Reich, wenigstens seinen Hofstaat noch genauer ein und stand auf Ideen zur Philosophie seiner hohen Stelle als ein gereckter und thätiger Herrscher. Bald aber wurden die großen Könige, die zum despotischen Thron gcbohren waren, tyrannische Weichlinge: Terres, selbst aus seiner schimpflichen Flucht aus Griechenland, da er auf ganz andre Dinge hätte denken sollen, begann schon zu SardeS eine schändliche Liebe. Seine meisten Nachfolger gingen diesem Wege nach und so waren Bestechungen, Empörungen, Verrärkcreien, Mordkbatcn, unglückliche Unternehmungen u. f. beinah die einzigen Merkwürdigkeiten, welche die spätere Geschichte Persiens darbeut. Oer Geist der Edeln war verderbt und die Unedcln verdarben mit: zuletzt war kein Regent seines Lebens mehr sicher: der Thron wankte auch unter seinen guten Fürsten , bis Alepandcr nach Asien brach und in wenigen Schlachten dem von innen unbefestigten Reich ein fürchterliches Ende machten. Zum Unglück traf dies Schicftal einen König, der rin besseres Glück verdiente; unschuldig büßte er seiner Vorfahren Sünde und kam durch schändliche Wcrrätherei um. Wenn Eine Geschichte der Welt uns mit großen Buchstaben sagt, daß Ungebundcn- heit sich selbst verderbe, daß eine Grenzen - und fast Gesetzlose Gewalt die furchtbarste Schwäche sei) und jede weiche Satrapen-Regierung sowohl für den Regenten als fürs Volk das unheilbarste Gift werde: so sagts die Persische Geschichte. Aufkcine andre Nation hat daher auch dieses Reich einen günstigen Einfluß gehabt: denn cs zerstörte und bauete nicht: es zwang die Provinzen, diese dem Gürtel der Königin, jene dem Haar oder Halsschmuck derselben, einen schimpflichen Tribut zu zollen; es knüpfte sie aber nicht durch bessere Gesetze und Ein- der Geschichte der Menschheit. 73 richtungen an einander. Aller Glanz, alte Götterpracht und Götterfurcht dieser Monarchen ist nun dabin; ihre Satrapen und Günstlinge sind, wie sie selbst, Asche und die Talente, die sic erpreßten,, ruhen vielleicht gleichfalls in der Erde. Selbst die Geschichte derselben ist Fabel: eine Fabel, die sich im Munde der Morgenländer und Griechen fast gar nicht verbindet. Auch die alten Persischen Sprachen sind todt und die einzigen Neste ihrer Herrlichkeit, die Trümmern Perscpolis sind nebst ihren schönen Schriftnigen und ihren Ungeheuern Bildern bisber- unerklärte Ruinen. Das Schicksal hat sich gcracheb an diesen Sultanen: wie durch den giftigen Wind Samum sind sie von der Erde verwebet und wo wie bei den Griechen ihr Andenken lebt, lebet es schimpf» sich, die Basis einer Ruhmreichen, schönere» Wröße. Das einzige, was uns die Jeit von Denkmahlen des Geistes der Perser gegönnct halte, wären die Bücher Zoroasters, wenn die Aechthcit derselben erwiesen wäre H. Aber als Bücher fügen sie sich so wenig zu manchen andern Nachrichten von der Religion dieses Volkes; sie tragen auch so offenbare Merkmahle einer Vermischung mit spatern Mevnun- gen der Bramanen und Christen an sich, daß man nur den Grund ihres Lehrgebäudes für acht anerken- *) 2enck - Lvesta, onvruAe , Volk Gottes und an das missverstandene Läaumoil eines Propheten von vier Monarchien gefesselt. So manche Geschichte hat man verstümmelt, um sie aus einem hebräischen Namen zu erklären; das ganze Menschen- Erd- und Sonnensystem wurde verenget, um nur die Sonne des Jvsua und eine Jahrzahl der Welldaucr zu retten, deren Bestimmung nie der Zweck dieser Schriften seyn wollte. Wie manchem grossen Mann, selbst einem Newton hat die Jüdische Chronologie und Apokalypse eine Zeit geraubt, die er aus bessere Untersuchungen hätte' wenden mögen! ja selbst in Absicht der Sittcnlehre und politischen Einrichtung hat die Schrift der Ebraer durch Misvcrstand und üble Anwendung dem Geist der Nationen, die sich zu ihr bekannten, wirkliche Fesseln angeleget. Indem man die Zeiten und. Stessen der Bildung nicht unterschied, glaubte man- an der Unduldsamkeit des jüdischen Religionsgeistcs ein Muster vor sich zu haben, nach welchem auch Christen verfahren könnten: man stützte sich auf Stellen des alten Tcstach.mts, um den widersprechenden Entwurf zu rechtfertigen, der has freiwillige, blos moralische Eh-istenthum zu einer Jüdischen Staatsrcligion machen sollte. Gleichcrgestalt ists un- laugbar, daß die Tempelgebräuche, ja selbst die Kir- chcnsprachc der Ebraer aus den Gottesdienst, auf die geistliche Beredsamkeit, Lieder und Litaneien aller christlichen Nationen Einfluß gehabt und ihre Anbetung oft zu einem morgenländischcn Idiotismus gebildet haben. Die Gesetze Moses sollten unter jedem Himmelsstrich, auch bei ganz andern Verfassungen der Völker gelten z daher keine einzige chcist- der Geschichte der Menschheit. 87 liche Nation sich ihre Gesetzgebung und Staatsver- fcissunq von Erundaus gebildet. So gränzet das erlesenste Gute durch eine vielfach-falsche Anwendung an mancherlei Uebcl: denn können nicht auch die heiligen Elemente der Natur zur Zerstörung und die wirksamsten Arzneien zu einem schleichenden Gift werden? Die Nation der Juden selbst ist seit ihrer Zerstreuung den Völkern der Erde durch ihre Gegenwart nützlich und schädlich worden, nachdem man sie gebraucht hat. In den ersten Zeiten sähe man Christen für Juden an und verachtete oder unterdrückte sie gemeinschaftlich, weil auch die Christen viel Vorwürfe des Jüdischen Völkeehasses, Stolzes und Aberglaubens auf sich luden. Späterhin, da Christen die Juden selbst unterdrückten, gaben sie ihnen Anlaß, sich durch ihre Bewerbsamkeit und weite Verbreitung fast allenthalben des innern, insonderheit des Geldhandcls zu bemächtigen; daher denn die rohern Nationen Europa's freiwillige Sklaven ihres Wuchers wurden. Den Wcchselhandel haben sie zwar nicht erfunden, aber sehr bald vervollkommnet, weil eben ihre Unsicherheit in den Landern der Mahomcdancr und Christen ihnen diese Erfindung nöthig machte. Unlaugbar also hat eine so verbreitete Republik kluger Wucherer manche Nation Europa's von eigner Betriebsamkeit und Nutzung des Handels lange zurückgehalten, weil diese sich für ein jüdisches Gewerbe zu groß dünkte und von den Kammerknechten der heiligen Römischen Welt diese Art vernünftiger und seiner Industrie eben so wenig lernen wollte, als die Spartaner den Ackerbau von ihren Heloten. Sammlcte Jemand 88 Ideen zur Philosophie eine Geschichte der Juden aus ollen Ländern, in die sie zerstreuet sind: so zeigte sich damit ein Schon- stück d,r Menschheit, dos ols ein Natur- und politisches Ereignis glcich merkwürdig wäre. Denn lein Wold der Erde bat sich wie dieses verbreitet: kein Welk der Erde Hot sich wie dieses in ollen Ktimaten so kenntlich und rüstig erholten. Daß man hierorts ober jo keinen obergläubigen Schlup ouf eine Revolution fosse, die durch dies Wolk dereinst noch sür olle Erdvolrer bewirkt werden müßte. ' Dis bewirkt werden sollte, ist wohrscheinlich bewirkt und zu einer ondern zeigt sich weder im Wolk selbst, noch in der Analogie der Geschichte die mindeste Anloge. Die Erhaltung der Juden erklärt sich eben so notürlich, als die Erhaltung der Bra- monen, Parsen und Zigeuner. Ucbrigens wird niemand einem Volk, das eine so wirksame Triebfeder in den Händen des Schicksals ward, seine großen Anlagen absprechcn wollen, die in seiner ganzen Geschichte sich deutlich zeigen. Sinnreich, verschlagen und arbeitsam wußte cs sich jederzeit auch unter dem äußersten Druck andrer Völker wie in einer Wüste Arabiens mehr ols vierzig Jahr zu erhalten. Es fehlte ihm auch nicht an kriegerischem Mulh, wie die Zeiten Davids lind der Makkabäer, vorzüglich ober der letzte, schreckliche Untergang seines Staats zeigen. In ihrem Lande waren sie einst ei» arbeitsames, fleißiges Wolk, das, wie die Japaner, seine nackten Berge durch künstliche Terrassen bis auf den Gipfel zu bauen wußte und in einem engen Bezirk, der an Fruchtbarkeit doch immer nicht dos erste Land der Welt war, eine unglaubliche Anzahl Menschen nährte. Zwar ist in der Geschichte der Menschheit. LZ Kunstsachcn die Jüdische Nation, ob sie gleich zwischen Aegvptcrn und Phönicicrn wohnte, immer unerfahren geblieben, da selbst ihren Salomonischen Tempel fremde Arbeiter bauen mußten. Auch sind sie, ob sie gleich eine Zeitlang die Hafen des rothcn Meers besaßen und den Küsten der mittelländischen See so nahe wohnten; in dieser zum Handel der Welt glücklichsten Lage, bei einer Volksmenge, die ihrem Lande zu schwer ward, dennoch nie ein Seefahrendes Volk worden. Wie die Aegpptcr, fürchteten sic das Meer und wobnten von jeder lieber unter andern Nationen; ein Zug ihres Nationalcha- rakters, gegen den schon Moses mit Macht kämpfte. Kurz, cs ist ein Volk, das in der Erziehung verdarb, weil es nie zur Neffe einer politischen Eul- tur auf eignem Boden, mithin auch nicht zum wahren Gefühl der Ehre und Freyhcil gelangte. In den Wissenschaften, die ihre vortrefflichsten Köpfe trieben, hat sich jederzeit mehr eine gesetzliche Anhänglichkeit und Ordnung, als eine fruchtbare Freiheit des Geistes gezcigct und der Tugenden eines Patrioten hat sie ihr Zustand fast von jeher beraubet. Das Volk Gottes, dem einst der Himmel selbst sein Vaterland schenkte, ist Jahrtausende her, ja fast seit seiner Entstehung eine parasitische Pflanze aus den Stämmen andrer Nationen; ein Geschlecht schlauer Unterhändler beinah auf der ganzen Erde, das Trotz aller Unterdrückung nirgend sich nach eigner Ehre und Wohnung, nirgend nach einem Wacerlande sehnet. ^ 9 » Ideen zur Philosophie IV. Phönicion und Karthago. V^)anz auf eine andre Weise haben sich die Pho- nicicr um die Welt verdient gemacht. Eines der edelsten Werkzeuge der Menschen, das Glas, erfanden sie und die Geschichte erzählt die zufällige Ursache dieser Erfindung am Flusse Velus. Da sic am Ufer des Meers wohnten, trieben sie die Schifffahrt seit undenklichen Zeiten; denn Semiramis schon ließ ihre Flotte durch Phönicier bauen. Von kleinen Fahrzeugen fliegen sic allmählich zu langen Schiffen hinauf, sic lernten nach Sternen, insonderheit nach dem Gestirn des Bars segeln und mußten, angegriffen, zuletzt auch den Seekrieg lernen. Weit umher haben sie das mittelländische Meer bis über Gibraltar hinaus, ja nach Britannien hin beschisset und vom rothen Meer hin vielleicht mehr als Einmal Afrika umsegelt. Und das thaten sie nicht als Eroberer, sondern als Handelsleute und Eolonienstiftcr. Sie banden die Länder, die das Meer getrennt hatte, durch Verkehr, Sprache und Kunstwaaren an einander und erfanden sinnreich, was zu diesem Verkehr diente. Sie lernten rechnen, Metalle prägen Und diese Metalle zu mancherlei Gefäßen und Spielzeug formen. Sie erfanden den Purpur, arbeiteten feine Sidonischc Leinwand, holten aus Britannien das Zinn und Blei, aus Spanien Silber, aus der Geschichte der Menschheit. gr Preussen den Bernstein aus Afrika Gold, und wech,- selten dagegen Asiatische Maaren. Das ganze Mittelländische Meer war also ihr Reich, die Küsten an demselben hie und da mit ihren Pflanzstadten besetzt und Tartessus in Spanien die berühmte Niederlage ihres Handels zwischen dreien Welttheilen. Sowenig oder viel Kenntnisse sie den Europäern mitge- theill haben mögen: so war das Geschenk der Buchstaben , die die Griechen von ihnen lernten, allein schon aller andern werth. Wie kam nun dies Volk zu solch einem verdienstreichen Kunstfleiße? War es vielleicht ein so glücklicher Stamm des Urlaubes, der an Seelen - und Leibeskräften gleich vortheilhaft von der Natur ausgesteuert worden? Nichts minder. Nach allen Nachrichten, die wir von den Phöniciern haben, waren sie ursprünglich ein verabscheuctcs, vielleicht Vertriebenes Höhlenvolk, Lroglodyten oder Zigeuner dieses Strichs der Erde, An den Ufern des rochen Meers finden wir sie zuerst, wo sie sich in wüsten Erdstrichen wahrscheinlich von der schlechtsten Speise nährten: denn noch als sie sich ans mittelländisch,,- Meer gezogen hatten, behielten sie lange ihre un menschlichen Sitten, ihre grausame Religion, ssi selbst noch ihre Wohnungen in den Kananitischen Felsen. Jedermann kennt di? Beschreibung der alten Einwohner Kanaans und daß diese nicht übertrieben sey, zeigt nicht nur Hiobs ähnliche Beschreibung der arabischen Troglodyten, *) sondern auch die Reste von barbarischem Götzendienst, die sich selbst *) Hiob 3<>, 3 — S, 92 Ideen zur Philosophie in Karthago lange Zeit erhielten. Zlucch die Sitten der phönicischcn Sccsatzrer werden von fremde» Nationen nicht gepriesen; sic waren räuberisch, die- isch, wollüstig und treulos, daher Punische Treu und Glauben zum bcandmahlcnden Sprüchwort ward. Notb und Umstande sind meistens die Triebfedern gewesen, die alles aus den Menschen istachtcu. In de» Wüsten am rothen Meer, wo die Phöni- cicr wahrscheinlich auch von Fischen lebten, machte sie der Hunger mit dem. Element des Meers bekannt; da sic also an die mittelländischen Ufer kamen , konnten sie sich schon auf ein weiteres Meer wagen. Was hat die Holländer, was hat die meisten Seefahrenden Völker gebildet? Die Noth, die Lage und der Zufall. *) Von allen Semitischen Völkern wurden die Phönicicr gehaßt und verachtet, da jene diesen Asiatischen Erdstrich sich allein zuge- tkeilt glaubten. Den Ehamiten, als eingcdrungencn Fremdlingen, blick also nichts als das dürre Ufer und die See übrig. Daß nun die Phönicicr das mittelländische Meer so Inseln- und Buscnrcich fanden, daß sie von Land zu Land, von Ufer zu Ufer allmählich über die Säulen Herkules hinausgc- langen und unter den uncultivicten Völkern Euco- *) Eichhorn hat dieses auch von den Gerraern gezeigt. (S. Gesetz, des Ostind. Handels, S. 16.) ueberhaupt ist Annuth und Bedrangniß die Ursache der meisten Handetsnationcn worden, wie auch die Venetianer, die Malaien u. a. zeigen. Her Geschichte der Menschheit. 93 pa's eine so reiche Ernte ihres Handels antrcffen konnten, war nichts als Lage der Sache; eine glückliche Situation, die die Natur selbst für sie erschaffen hatte. Als zwischen den Pyrenäen und Alpen, dem Apennin und Atlas sich uralters das Necken des mittelländischen Meers wölbte und seine Landspitzen und Inseln allmählich wie Hasen und Sitze emporstiegcn: da schon ward vom ewigen Schicksal der Weg der Eultur Europa'- gezeichnet. Hinacii die drei Weltlheile zusammen: so wäre Europa vielleicht eben so wenig als die Tatarei und das innere Afrika oder gewiß langsamer und auf andern Wegen cultivirt worden. Nur die mittelländische Sec bat unsrer Erde ei» Phönicien und Griechenland, ein Etrurien und Rom, ein Spanien und Karthago gegeben und durch die vier ersten dieser Ufer ist alle Eultur Europa'S worden. Eben so glücklich war die Lage Phöniciens landwäitts. Das ganze schöne Asien lag hinter ihm mit seinen Waaren und Erfindungen, mit dem längst vor ihnen errichteten Londhandel. Sie nutzten also nicht nur fremden Fleiß, sondern auch die reiche Zurüstung der Natur in Begabung dieses Weltthcils und die lange Mühe der Vorwelt. Buchstaben, die sie nach Europa brachten, hießen den Europäern Phönicisch, obgleich Phönicier wahrscheinlich nicht ihre Erfinder waren. So haben Acgyp- ler, Babylonier und Hindus wahrscheinlich schon vor den Sidoniern die Wcbekunst getrieben, da in der alten und neuen Welt der Redegcbrauch bekannt ist, die Waare nicht eben nach dem Orr -u nennen, der sie macht, sondern der sie verhandelt. Wie der 94 Ideen zur Philosophie Phönicier Baukunst beschaffen gewesen, sichet man an Salomons Tempel, der wohl mit keinem Acgpp- tischen in Vergleich zu stellen ist, da zwei arme Säulen an ihm als Wunderdinge gepriesen werden. DaS einzige Denkmahl, das vom Bau der Phöni- tier uns übrig geblieben, sind jene ungeheuren Fels- hohlen PhönicieNs und Kanaans, die eben auch sowohl ihren Troglodhtengeschmack als ihre Abkunft bezeichnen. Das Volk einer Aegpptischcn StaNrm- ürt freuete sich ohne Zweifel, in dieser Gegend Berge zU finden, in denen es seine Wohnungen und Grabmahler, seine Worrathhauset und Tempel an- legcn konnte. Die Hohlen stehen noch da; aber ihr Inneres ist verschwunden. Auch die Archive und Büchersammlungcn sind nicht mehr, die das Phöni- cische Volk in seinen gebildeten Zeiten hatte; ja selbst die Griechen sind untergcgangcn, die ihre Geschichte beschrieben. Vergleichen wir nun diese fleißigen, blühenden Handelsstädte mit den erobernden Staaten am Euphrat, Tigris und Kaukasus: so wird wohl Niemand ansteheN, wem er für die Geschichte der Menschheit den Vorzug zu geben habe? Der Eroberer erobert für sich; die handelnde Nation dient sich und andern Völkern. Sie macht die Güter, den Fleiß, die Wissenschaften einem Theil des Erdkreises gemein und muß also wider Willen Humanität befördern. Kein Eroberer stört also so sehr den Gang der Natur, als der blühende Handelsstädte zerstöret: denn meistens ziehet ihr Untergang den Verfall des Fleis- ses »rd Gewerbes ganzen Ländern und Erdstrichen zu, wenn n.'cht bald ein nachbarlicher Ort in ihre der Geschichte der Menschheit. 96 Steile eintritt. Glücklich war hierin die Phönicische Küste: sic ist durch die Natur ihrer Lage dem Handel Asiens unembchrlich. Als Nebukad-Nezar Si- don bedrängte, hob Tvrus sich empor: als Alexander Tyrus zerstörte, blühte Alexandrien auf; ganz entfernte sich aber der Handel von dieser Welrqegend nie Auch Karthago nutzte die Zerstörung des alten reichen Tyrus, obgleich nicht mit Folgen, die für Europa so ersprießlich seyn konnten, als das ältere Phönicische Werkeln war: denn die Zeit hiezu war vorüber. Ueberhaupt hat man die innere Einrichtung der Phönicier als einen der ersten Ueber- gange von der Asiatischen Monarchie zu einer Art von Republik anzuschcn, wie sie der Handel fodert. Die despotische Macht der Könige war in ihretn Staat geschwächt, so wie sie auch Nach Landerobe- rungeN nie gestrebt baden. In Tyrus regierten eine Zeitlang schon Suffeten, welche Negierungsart in Karthago eine festere Gestalt gewann; mithin sind beide Staaten in unsrer Weltgeschichte die ersten Vorbilder großer Handclsrepubliken, ihre Eolonieen das erste Beispiel einer nützlichem und feinem Unterwürfigkeit, als die ein Nebukad - Nezar und Eam- byscs bewirkten. Ein großer Schritt in der Eullur der Menschheit. Von jeher weckte der Handel dir Industrie: das Meer begränzte oder bändigte die Eroberer, daß wider Willen sie aus unterjochenden Räubern allgemach zu friedlichen Paciscentcn wurden. Gegenseitiges Bedürfniß, insonderheit die schwächere Gewalt der Ankömmlinge auf fernen Küsten gründeten also das erste, billigere Verkehr der Völker. Weit beschämen jene altew Phönicier das 96 Ideen zur Philosophie unsinnige Betrugen der Europäer, als diese in so spätern Zeiten, mit so viel mehreren Wnfsen der Kunst nusgerüstet, beide Indien entdeckten. Diese mochten Sklnvcn, predigten dns Kreuz und rotteten aus; jene eroberten eigentlich nicht. Sic bauelen nn, sie gründeten Pflanzstädtc und weckten den Fleiß der Volker, die noch manchem Phönicischen Betrüge doch endlich ihre eignen Schätze kennen und gebraii- chcn lernten. Wird je ein Weltthcil dem kunstreichen Europa dns danken können, was Griechenland dem rohcrn Phönicien dankte? Bei weitem hat Karthago nicht die günstige Einwirkung auf Europa's Völker gehabt, die Phö- nicien hatte und hieran war offenbar die veränderte Zeit, Lage und Einrichtung der Dinge Ursach. Als eine Pflanzstadt von Tprns hatte es im entfernten Afrika selbst nicht ohne Mühe Wurzel geschlagen und da cs sich seinen weitern Umfang an der Küste hatte erkämpfen müssen: so kam es allmählich in den Geschmack zu erobern. Dadurch gcwsnn eS nun eine Gestalt, die zwar glanzender und künstlicher als sein Muttcrstaat war, die aber weder für das menschliche Geschlecht noch für die Republik selbst bessere Folgen hatte. Karthago nämlich war eine Stadt, nicht ein Volk; also konnte es auch keinem Bezirk des Landes eigentliche Vaterlandsliebe und Volkscultuc geben. Das Gebiet, das es sich in Afrika erwarb und in welchem es, nach Strabo, im Anfänge des dritten Punischen Krieges dreihundert Städte der Geschichte der Menschheit, 97 Städte zählte, bestand ans Untcrthancn, über welche die Uebcrwinderin Herrenrecht übte, nicht aber aus eigentlichen Mitgenosscn des herrschenden Staates. Die wenig cultivirten Afrikaner strebten auch nicht cs zu werden: denn selbst in den Kriegen gegen Karthago erscheinen sie als widerspenstige Sclaven oder als besoldete Kriegskncchte. Ins innere Afrika hat sich daher wenig menschliche Cnltur von Karthago aus verbreitet, weil cs diesem Staat, der in einigen Familien aus seinen Mauern hinausherrschte, gar nicht daran lag, Humanität zu verbreiten, sondern Schätze zu sammeln. Der rohe Aberglaube, der bis auf die spätesten Zeiten in Karthago herrschte, die grausamen Todesstrafen, mit denen es seine unglücklichen Heerführer, auch wenn sie an ihrem Ver. lust unschuldig waren, tyrannisch belegte, ja das ganze Betragen dieses Volks in fremden Ländern zeigt, wie hart und geizig dieser aristokratische Staat war, der eigentlich nichts als Gewinn und Afrikanische Knechtschaft suchte. Aus der Lage und Verfassung Kartbago's läßt sich diese Härte genugsam erklären. Statt Phönici- sche HandclSsitze, die ibnen zu ungewiß dünkten, baueten sie Festungen auf und wollten sich in ihrer künstlichen, Weltlage die Herrschaft der Küsten so versichern, als ob allenthalben Afrika wäre. Da sie dies aber durch unterjochte Barbaren oder durch Mieth- vvlker thun mußten und großentheils dabei mit Völkern ins Gedränge kamen, die sich nicht mehr als Barbaren behandeln ließen; so konnce dieser (donflict nichts als Blutvergießen und wilde Feindschaft wirten. Das schöne Sicilien, insonderheit Syracus Philos. und Gesch. V. Lp. G I-lee». III. §8 Ideen zur Philosophie ward von ihnen oft und zuerst sehr ungerecht bedränget, da sic es blos eines Bündnisses mit Lerpes wegen ansielen. Gegen ein Griechisches Volk treten sie als die barbarischen Mithelfer eines Barbaren auf und haben sich diefcr Rolle auch würdig bewiesen. Selinus, Himera, Agrigcnt, Sagunt in Spanien und in Italien manche reiche Provinz ward von ihnen zerstört oder geplündert; ja im schönen Sicilien allein ist eine Menge Bluts vergossen worden, dessen der ganze herrschsüchlige Handel der Karthager nicht werlh war. So sehr Aristoteles die Einrichtung ihrer Republik in politischer Rücksicht rühmet: so wenig Werth bat sic für die Geschichte der Menschheit, da in ibr wenige Familien der Stadt, barbarische, reiche Kaufleute, durch Micth- vvlker um das Monopolium ihres Gewinns stritten und sich die Beherrschung aller Lander anmaßten, die diesem Gewinn dienen konnten. Ein System der Art nimmt nicht für sich ein; daher, so ungerecht die meisten Kriege der Römer gegen sie waren und so große Ehrerbietung die Namen Hasdrubal, Ha- milkar, Hannibal von uns fodcrn: so wird man schwerlich ein Karthaginenser seyn, wenn man den inner» Zustand jener Kaufmanns-Republik erwägt, der diese Helden dienten. Sic wurden von ihr auch gnugsam geplagt und oft mit dem schwärzesten Undank belohnet: den» den Hannibal selbst hatte sein Vaterland, um einige Pfunde Goldes zu ersparen, gewiß an die Römer überliefert, wenn er diesem Karthagischen Lohn nicht durch die Flucht zuvorgckommen wäre. Weit entfernt bin ich jedem edel» Karthager Eins seiner Verdienste zu rauben: denn auch dieser der Geschichte der Menschheit. 99 Staat, ob er gleich auf den niedrigen Grund erobernder Gewinnsucht gebauet war, hat große Seelen erzeugt und eine Menge Künste in sich genahret. Von Kriegern ist insonderheit das Geschlecht der Barka's unsterblich, deren Ehrgeiz um so hoher aufloderte, als die Eifersucht der Hannv's ihre Flamme zu ersticken suchte. Meistens aber ist auch in dem Karthagischen Heldengeist eine gewisse Harte merkbar, gegen welche ein Gclon, Timoleon, Scipio u. a. wie freie Menschen gegen Knechte erscheinen. So barbarisch war schon der Heldenmuts) jener Brüder, die sich für eine ungerechte Grenze ihres Vaterlandes lebendig begraben ließen und in härteren Fallen, zumal wenn Karthago selbst bedrängt wurde, zeiget sich ihre Tapferkeit meistens nur in wilder Verzweiflung. Indessen ists gewiß, daß insonderheit Hanni- bal in der feineren Kriegskunst ein Lehrer seiner Erbfeinde, der Römer war, die von ihm die Welt zu erobern lernten. Desgleichen haben auch alle Künste in Karthago geblühet, die irgend dem Handel, dem Schiffbau, dem Seekriege, dem Gewinn dienten, obgleich Karthago selbst im Seekriege gar bald von den stromern übertroffen wurde. Der Ackerbau im reichen Afrika war die vornehmste dienende Kunst ihres Handels, über den sie also als über eine reiche Quelle ihres Gewinns viel rafssnirten. Zum Unglück aber sind durch die Barbarei der Römer alle Bücher der Karthaginenser wie ihr Staat un- kergegangen; wir kennen die Nation nur aus Berichten ihrer Feinde und aus wenigen Trümmern, die uns kaum die Lage der alten berühmten Meereskönigin verrathcn. Das Hauptmvment Karthago's G 3 icro Idee» zur Philosophie in der Weltgeschichte war leider sein Vcrhalkniß gegen Rom; l)ie Wolfin, die die Erde bezwingen sollte, mußte sich zuerst im Kumpf mit einem Afrikanischen Schakal üben, bis sie solchen zuletzt elend vertilgte.. V. A e g y p t c r. a^)ir kommen jetzt an das Land, das wegen seines Altcrthums, wegen seiner Künste und politischen Einrichtung wie ein Nathsel dex Urwelt dastehet und auch die Errathungskunst der Forscher reichlich geübt hat, Aegypten. Die gewisseste Nachricht, die wir von ihm haben, geben uns seine Alrcrthümer, jene ungeheure Pyramiden, Obelisken und Katakomben, jene Trümmer von Kanälen, Städten, Säulen und Tempeln, die mit ihren Bilderschriften noch jetzt das Erstaunen der Reisenden, die Wunder der alten Welt sind. Welche Menschenmenge, welche Kunst und Verfassung, noch mehr aber welch eine sonderbare Denkart gehörte dazu, diese Felsen auszuhöhlen oder auf einander zu Haufen, Thiere nicht nur ab- zubildcn und auszuhauen, sondern auch als Heilig- - thümer zu begraben, eine Fclsenwüste zur Wohnung der Tobten umzuschaffen und einen Aegyptischcn Priestergeist auf so tausendfältige Art nn Stein zu der Geschichte der Menschheit, aor verewigen! Alke diese Reliquien stehen oder liegen wie eine heilige Sphinx, wie ein großes Problem du, das Erklärung sodcrt. bin Theil dieser Werke, die zum Nutzen dienen oder gar der Gegend unentbehrlich sind, erklärt sich von selbst: dergleichen sind die Erstaunenswürdige Kanäle, Damme und Katakomben. Die Kanäle dienten, den Nil auch in die entfernten Tkcilc Aegyptens zu leiten, die jetzt durch den Verfall derselben eine- todte Wüste sind. Die Damme dienten zu Gründung der Städte in dem fruchtbaren Thal, das der Nil überschwemmet und das als das eigentliche Herz Aegyptens, den ganzen Umfang des Landes nähret. Auch von den Todtcngrüfccn ists wohl unlaugbar, daß sie, außer den Religions-Ideen, welche die Aegyvter damit verbanden, sehr viel zu der gesunden Luft dieses Reichs beigerrageu und Krankheiten vorgebeugt baden, die sonst die Plage nasser und heißer Gegenden zu scyn pflegen. Aber wozu das Ungeheure dieser Hohlen? woher und wozu das Labyrinth, die Obelisken, die Pyramide»? woher der wunderbare Geschmack, der Sphinxe und bolossen so mühsam verewigt hat? Sind die Ae- gypter aus dem Schlamm ihres Nils zur Original- nalion der Welt entsprossen? oder wenn sie anders woher kamen, durchweiche Veranlassungen und Triebe unterschieden sie sich so ganz von allen Völkern, die ringsum sie wohnen? Daß die Aegypter kein eingebohrnes Urvolk sind, zeigt, wie mich dünkt, schon die Naturgeschichte ihres Landes: denn nicht nur die alte Tradition, sondern jede vernünftige Geogenie saget es deutlich, daß das >--v ' > ''.v l ic>2 Ideen zur Philosophie Ober-Aegypten früher bewohnt gewesen und die niedere Gegend eigentlich nur durch den Knnstfleifi der Menschen aus dem Schlamme des Nils gewonnen sey. Das uralte Aegypten war also aus der The- baischen Höhe, wo auch die Residenz ihrer alten Könige lag: denn wenn die Bepflanzung des Landes auf dem Wege bei Suez geschehen wäre: so bliebe es unerklärlich, warum die uralten Könige Aegyptens die thcbaischc Wüste zur Wohnung wählten. Folgen wir gegentheils der Anpflanzung Aegyptens, wie sie uns vor Augen daliegt: so ergiebt sich mit ihr zugleich die Ursache, warum seine Bewohner auch der Cultur nach ein so ausgezeichnet - sonderbares Volk werden konnten. Keine lieblichen Eircassier waren sie nämlich, sondern wahrscheinlich ein Süd- asiatisches Volk, das Westwärts über das rothe Meer oder gar weiterhin berkam und sich von Aethiopicn aus allmählich über Aegypten verbreitete. Da cs also an den Ueberschwcmmungen und Morasten des Nilstroms hier gleichsam die Grenze des Landes fand, was Wunder, daß es sich an diesen Felsen zuerst troglodytisch anbauetc, mit der Zeit aber das ganze Aegypten durch seinen Fleiß gewann und mit dem Lande sich selbst cultivirte? Die Nachricht Diodors von ihrer südlichen Herkunft, ohngeachtet er sic mit manchen Fabeln seines Äthiopiens verbindet, ist nicht nur höchst wahrscheinlich: sondern auch der einzige Schlüssel zur Erklärung dieses Volks und seiner wunderbaren Uebcreinstimmung mit einigen entfernten Ost-Asiatischen Völkern. Da ich diese Hypothese hier nur sehr unvollständig ausführcn könnte: so bleibe sie einem andern Ort; hier nutzen wir nur einige ihrer offenbaren der Geschichte der Menschheit. io3 Folgen zum Anblick des Volks in der Menschcnge- schichte. Ein stilles, fleißiges, gutmüthigcs Volk waren die Aegypter, welches ihre ganze Einrichtung, ihre Kunst und Religion beweiset. Kein Tempel, keine Bildsäule Aegyptens hat einen fröhlichen, leichten, griechischen Anblick; von diesem Zweck der Kunst hatten sie wcdcr Begriff, noch auf ihn Absicht. Die Mumien zeigen, daß die Bildung der Aegyptcr nicht schön war; nachdem sie also die menschliche Gestalt sahen, mußten sie solche bilden. Eingeschloffen in ihr Land, wie in ihre Religion und Verfassung, liebten sie das Fremde nicht und da sie, ihrem Charakter gemäß, bei ihren Nachbildungen vorzüglich auf Treue und Genauigkeit sahen, da ihre ganze Kunst Handwerk und zwar das religiöse Handwerk einer Geschlcchtszunft war, wie sie denn auch größtentheils auf religiösen Begriffen beruhte : so war dabei durchaus an keine Abweichungen in jenes Land schöner Ideale zu denken, das ohne Naturvorbilder auch eigentlich nur ein Phantom ist *). Dafür gingen sie mehr auf das Feste, Dauerhafte und Riesengroße, oder auf eine Vollendung mit dem genauesten Kunst- fleiße. In ihrer festigten Weltgcgend waren ihre Tempel aus dem Begriff ungeheurer Höhlen entstanden: sic mußten also auch in ihrer Bauart eine ungeheure Majestät lieben. Ihre Bildsäulen waren aus Mumien entstanden; sie hatten also auch den zusammengezogenen Stand der Füße und Hände, der durch sich selbst schon für seine Dauer sorget. Höhlen zu unterstützen, Begräbnisse abzusondern, dazst ') Hievon an einem andern Ort. io4 Ideen zur Philosophie sind Säulen gemocht und da die Baukunst der Ae- gnpicr vom Felsengewvlbe nusging, sie ober bei ihren Gebäuden unsre Kunst zu Wolken noch nicht verstünden: so Word die Säule, ost auch ein Koloß derselben unentbehrlich. Die Wüste, die um sie war, das Todtenrnch, das aus Religions-Ideen um sie schwebte, machte auch ihre Bilder zu Mumienge-. staltcn, bei denen nicht Handlung, sondern ewige Ruhe der Charakter war, auf welchen sie die Kunst stellte. Ucber dis Pyramiden und Obelisken der Acgyp- ter darf man sich, wie mich dünkt, noch weniger wundern. In allen Theilen der Welt, selbst in Otabiti, werden Pyramiden auf Gräbern errichtet» ein Zeichen nicht sowohl der Seelen - Unsterblichkeit als eines daurcnden Andenkens auch nach dem Tode. Offenbar waren sie aus diesen Gräbern aus jenem rohen Steinhaufen entstanden, den man zum Denkmahl einer Sache uraltecs bei mehreren Nationen aufhäufte; der rohe Steinhaufe formt sich selbst, damit er fester liege, zu einer Pyramide. Als die Kunst der Menschen, denen keine Veranlassung zum Denkmahl so nahe lag als das Begräbniß eines verehrten Todten, zu diesem allgemeinen Gebrauche hinzutrat: so verwandelte sich der Steinhaufc, der Anfangs vielleicht den begrabenen Leichnam auch vor dem Aufscharren wilder Thiere schützen sollte, natürlich in eine Pyramide oder Ehrensäule, mit mehr oder minder Kunst errichtet. Daß nun die Acqyp- ter in diesem Bau andere Völker übertrafen, hatte mit dem dauerhafter», Bau ihrer Tempel und Katakomben einerlei Ursach. Sie besaßen nämlich Steine '' l' ^ - der G eschichte der Menschheit. roS genug zu diesen Denkmablen, da das meiste Ägypten eigentlich ein Fels ist: sie hatten auch Hände genug zum Bau derselben, da in ihrem fruchtbare» und volkreichen Lande der Nil für sie die Erde düngt und der Ackerbau ihnen wenige Mühe kostet. Ucker- dem lebten dis alten Aegypter sehr mäßig: Tausende von Menschen, die an diesen Denkmahlcn Jahrhunderte lang wie Sclaven arbeiteten, waren so leicht zu unterhalten, daß es nur auf den Willen eines Königes ankam, Gedankenlose Massen dieser Art zu errichten. Das Leben einzelner Menschen ward in reuen Zeiten anders als jetzo geschaht, da ihre Namen nur in Zünften und Landstrichen berechnet wurden. Leichter opferte man damals die nutzlose Mühe vieler Individuen dem Gedanken eines Beherrschers auf, der mit einer solchen Stcinmaffe sich selbst Unsterblichkeit erwerben und dem Wahn seiner Religion nach die abgeschiedene Seeke in einem balsamirtcn Leichnam festhalten wollte; bis mit der Zeit auch diese, wie so manche andre Nutzlose Kunst zum Wetteifer ward. Ein König ahmte den andern nach oder suchte ihn zu übertreffen; mdesi das gutmüthige Volk seine Lebens-Tage am Bau dieser Monumente verzehren mußte. So entstanden wahrscheinlich die Pyramiden und Obelisken Aegyptens; nur in den ältesten Zeiten wurden sie gebauet: denn die spatere Zeit und jede Nation, die ein nützlicher Gewerbe treiben lernte, bauete keine Pyramiden mehr. Weit gefehlt also, daß Pyramiden ein Kennzeichen von der Glückseligkeit und wahren Aufklärung des alten Aegyptens seyn sollten, sind sie ein unwidcrsprechlichcs Denkmahl von dem Aberglauben und der Gedankenlosigkeit sowohl der Armen, die da baueten, als der Ehrgeizigen, die den Bau befahlen. Vergebens suchet ihr Geheimnisse unter den Pyramiden oder verborgene Weisheit an den Obelisken: denn wenn die Hieroglyphen der letzter» auch entziffert würden: was würde, was könnte man an ihnen andere, als etwa eine Chronik verstorbener Begebenheiten oder eine vergötternde Lobschrift ihrer Erbauer lesen? Und dennoch, was sind diese Massen gegen Ein Gebirge, das die Natur baute? Ueberhaupt laßt sich aus Hieroglyphen so wenig auf eine tiefe Weisheit der Aegypter schließen, daß sic vielmehr gerade das Gcgcntheil davon beweisen. Hieroglyphen sind der erste rohe Kindesversuch des menschlichen Verstandes, der Zeichen sucht, um seine Gedanken zu erklären; die rohesten Wilden in Amerika hatten Hieroglyphen, soviel als sie bedurften: denn konnten nicht jene Merikancr sogar die ihnen unerhörteste Sache, die Ankunft der Spanier, in Hieroglyphen melden? Daß aber die Aegypter solange bey dieser unvollkommenen Schrift blieben und sie Jahrhunderte hin mit ungeheurer Mühe auf Felsen und Wände mahlten; welche Armuth von Ideen, welch einen Stillstand des Verstandes zeigt dieses! Wie enge mußte der Kreis von Kenntnissen einer Nation und ihres weitlauftigen gelehrten Ordens seyn, der sich Jahrtausende durch an diesen Vögeln und Strichen begnügte! Denn ihr zweiter Hermes, der die Buchstaben erfand, kam sehr spat; auch war er kein Aegypter. Die Buchstabenschrift der Mumien ist nichts als die fremde Phönicische Schriftart, vermischt mit hicroglyphischcn Zeichen, die man also auch aller Wahrscheinlichkeit nach von handelnden Phöniciem lernte. Die Sincsen selbst sind weiter der Geschichte der Menschheit. 107 gegangen als die Aegypter und haben aus ähnlichen Hieroglyphen sich wirkliche Gedankencharakcere erfunden, zu welchen, wie es scheint, diese nie gelangten. Dürfen wir uns also wundern , daß ein so schrift- armes und doch nicht ungeschicktes Volk sich in mechanischen Künsten hcrvorthat? Der Weg zur wissenschaftlichen Literatur war ihnen durch die Hieroglyphen versperret und so mußte sich ihre Aufmerksamkeit desto mehr auf sinnliche Dinge richten. Das fruchtbare Nilthal machte ihnen den Ackerbau leicht: jene periodischen Ucberschwemmungen, von denen ihre Wohlfahrt abhing, lehrten sie messen und rechnen. Das Jahr und die Jahrszeiten mußten doch endlich einer Nation geläufig werden , deren Leben und Wohl- seyn von einer Einzigen Naturveränderung abhing, die, jährlich wiederholt, ihnen einen ewigen Landkalender machte. Also auch die Natur- und Himmelsgeschichte, die man an diesem alten Volk rühmt: sie war ein eben so natürliches Erzeuqniß ihrer Erd- und Himmelsgegend. Eingeschlofsen zwischen Bergen, Meeren und Wüsten, in einem engen fruchtbaren Thake, wo Alles von Einer Naturbegebenhcit abhing und auf dieselbe zurückführte, wo Jahrszeiten und Ernte, Krankheiten und Winde, Insekten und Vogel sich nach Einer und derselben Revolution, der Ueberschwemmung des Nils fügten; hier sollte der ernste Aegypter und sein Zahlreicher müßiger Priestcrorden nicht endlich eine Art von Natur- und Himmels-Geschichte sammlen? Aus allen Welttheilen ists bekannt, daß eingeschlossene sinnliche Völker die reichste lebendigste Kenntniß ihres Landes haben, ob sie solche gleich nicht aus Ideen zur Philosophie roö Büchern lernen. Weis bei den Aegyptern die Hieroglyphen dazuthun konnten, war der Wissenschaft eher schädlich als nützlich. Die lebendige Bemerkung ward mit ihnen nicht nur ein dunkles sondern auch ein todtes Bild, das den Fortgang des Menschenverstandes gewiß nicht forderte sondern hemmte. Man hat viel darüber geredet: ob die Hiervglypbcn Priester-Geheimnisse enthalten haben? mich dünkt, jede Hieroglyphe enthalte ihrer Natur nach ein Geheimnis? und eine Reihe derselben, die eine geschlossene Zunft ausbewahrt, müsse für den großen Haufen notbwcndig ein Geheimniß werden, gesetzt auch, daß man ihm solche auf Weg und Stegen vorstellte» Er kann sich nicht einweihen lassen, selbige verstehen zu lernen: denn dies ist nicht sein Beruf und selbst wird er ihre Bedeutung nicht finden. Daher der nothwcndige Mangel einer verbreiteten Aufklärung in jedem Lande, in jeder Zunft einer sogenannten Hie- roglnphen-Weisheit, es mögen Priester oder Nicht- Priester dieselbe lehren. Nicht jedem können und werden sie ihre Symbole entziffern und was sich nicht durch sich selbst lernen laßt, bewahret sich leider, feiner Natur nach, als Geheimniß. Jede Hie- roglyphcn-Weisheit neuerer Zeiten ist also ein eigensinniger Riegel gegen alle freiere Aufklärung, weil in den altern Zeiten selbst Hieroglyphik immer nur dis unvollkommenste Schrift war. Unbillig ist die Forderung, etwas durch sich verstehen zu lernen, was auf tausenderlei Art gedeutet werden kann und töd- tend die Mühe, die man auf tvillkührliche Zeichen, als waren sie nothwendige ewige Sachen, wendet. Daher ist Aegypten jederzeit ein Kind an Kenntnissen geblieben, weil es ein Kind in Andeutung der Geschichte der Menschheit. >09 derselben blieb und für uns sind diese Kinder-Jde: 1 wahrscheinlich auf immer verlohrcn. Also auch an der Religion und Staats-Weisheit der Aegypter können wir uns schwerlich etwas anders, als die Stufe denken, die wir bei mehreren Völkern des hohen Alterthums bisher bemerkt haben und bei den Nationen des östlichen Asiens zum Theii noch jetzt bemerken. Ware cs gar wahrscheinlich zu machen, das; mehrere Kenntnisse der Aegypter in ihrem Lande schwerlich erfunden seyn möchten, daß sie vielmehr mit solchen , wie mit gegebenen Formeln und Prämissen nur fortgerechnet und sie ihrem Lande beguemt haben: so siele ihr Kindesalter in allen diesen Wissenschaften noch mehr in die Augen. Daher vielleicht die langen Register ihrer Könige und Weltzeiten : daher ihre vielgcdeuteten Geschichten vom Osiris, der Isis , dem Horus, Tvphon u. f. : daher ein großer Vvrrath ihrer heiligen Sagen. Die Haupt-Ideen ihrer Religion haben sie mit mehreren Landern des höheren Asiens gemein; hier sind, sie nur nach der Naturgeschichte des Landes und dem Charakter des Volks in Hieroglyphen verkleidet. Die Grundzüge ihrer politischen Einrichtung sind andern Völkern auf gleicher Stufe der Eultur nicht fremde; nur daß sic hier im schönen Nilthal ein eingeschlosse- nes Volk sehr ausarbeicetc und nach seiner Weise brauchte *). Schwerlich würde Aegnpten in den hohen Ruf seiner Weisheit gekommen seyn, wenn nicht *) Die Muthmaßungen hierüber erwarte» einen andern Ort. rio Ideen zur Philosophie ferne uns nähere Lage, die Trümmern seiner Altcr- tbümer, vorzüglich aber die Sagen der Griechen es dahin gebracht hätten. Und eben diese Lage zeigt auch, welche Stelle es in der Reihe der Völker einnehme. Wenige Nationen sind von ihm entsprossen oder durch dasselbe cultivirt worden, so daß von jenen mir nur die Phö- nicier, von diesen die Juden und Griechen bekannt sind: ins innere Afrika, weiß man nicht, wie weit sich ihr Einfluß verbreitet. Armes Aegvptcn, wie bist du jetzo verändert! Durch eine Jahrtausend lange Verzweiflung elend und träge geworden, war es einst arbeitsam und duldendfleißiq. Auf den Wink seiner Pharaonen spann es und webte, trug Steine und grub in den Bergen, trieb Künste und bauete das Land. Geduldig ließ cs sich einschließcn und zur Arbeit vertheilen, war fruchtbar und erzog seine Kinder kärglich, scheueke die Fremden und genoß seines eingeschlossenen Landes. Seitdem es dies Land aufschloß oder Cambyses vielmehr sich selbst den Weg dabin bahnte, wurde es Jahrtausende hin Völkern nach Völkern zur Beute. Perser und Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Falimiten, Kurden, Mam- lucken und Türken plagten dasselbe nach einander und noch jetzt ists ein trauriger Tummelplatz arabischer Streifereien und türkischer Grausamkeiten in seiner schönen Weltgegend. der Geschichte der Menschheit, irr VI. Weitere Zdeen zur Philosophie der Men- schengeschichte. Nachdem wir abermals einen großen Strich menschlicher Begebenheiten und Einrichtungen vom Euphrat bis zum Nil, von Persepolis bis Karthago durchwandert haben: so lasset uns niedersitzen und zurückblicken auf unsre Reise. Was ist das Hauptgesetz, das wir bei allen großen Erscheinungen der Geschichte bemerken? Mich dünkt dieses: daß allenthalben auf unserer Er.de werde, was auf ihr werden kann, Theils nach Lage und Bedürfniß des Orts, Theils nach U m s.t ä n d e n und Gelegenheiten der Zeit, Theils nach dem an g e b o h rnen oder sich erzeugenden Charakter der Völker. Setzet lebendige Menschenkräfte in bestimmte Verhältnisse ihres Orts und Zcitmaaßcs auf der Erde und cs ereignen sich alle Veränderungen der Menschengeschichte. Hier kry- stallisicen sich Reiche und Staaten, dort lösen sie sich auf und gewinnen andre Gestalten: hier wird aus einer Nomadenkorde ein Babylon, dort aus einem bedrängten Ufcrvvlk An Tyrus , hier bildet in Afrika sich ein Aegypten, dort in der Wüste Arabiens ein Judenstaat; und das alles in Einer Weltgegend, in r 12 Ideen zur Philosophie nachbarlicher Nähe gegen einander. Nur Zeilen, nur Oertcr und National-Charaktcre, kurz das ganze Zusammenwirken lebendiger Kräfte in ihrer bestimmtesten Individualität entscheidet wie über alle Erzeugungen der Natur, so über alle Ereignisse im Men- schenreichc. Lasset uns dies herrschende Geseh der Schöpfung in das Licht stellen, das ihm gebühret. i. Lebendige M en sc h en k r äs te sind die Triebfeder der Me n sch e n ge sc h i ch te und da der Mensch seinen Ursprung von und in einem Geschlecht nimmt: so wird kiemit schon sein« Bildung, Erziehung und Denkart genetisch. Daher jene sonderbaren Nationalcharaktere, die den ältesten Völkern so tief eingcpragt, sich in allen ihren Wirkungen auf der Erde unverkennbar zeichnen. Wie eine Quelle von dem Boden, ans dem sie sich summiere, Bestandthcile, Wirkungskräfte und Geschmack annimmt: so entsprang der alte Charakter der Völker aus Geschlechlszügen, der Himmelsgegend, der Lebensart und Erziehung, aus den frühen Geschäften und Thaten, die diesem Volk eigen wurden. Tief drangen die Sitten der Väter ein und wurden des Geschlechts inniges Vorbild. Eine Probe davon möge die Denkart der Juden seyn, die uns aus ihren Büchern und Beispielen am meisten bekannt ist: im Lande der Väter wie in der Mitte andrer Na tionen blieben sie was sie waren und sind sogar ii: der Vermischung mit andern Völkern einige Geschlechter hinab kenntlich. Mit allen Völkern des Alterthums, Aegyptern, Sincsen, Arabern, Hindus u. f. war es und ists ein Gleiches. Je cingeschlossener sie lebten, ja oft je mehr sie bedrängt wurden, desto fester der Geschichte der Menschheit. itZ fester ward ihr Charakter; so daß wenn jede dieser Nationen auf ihrer Stelle geblieben wate, man die Erde als einen Garten ansehen könnte, wo hier die- se, dort jene menschliche Nationalpflanze in ihrer eignen Bildung und Naeur blühet-, wo hier dsise» dort jene Thiergattung, jede nach ihrem Triebe und Charakter ihr Geschäft treibet. Da aber die Menschen keine festgewurzelten Pflanzen sind: so konnten und mußten sie mit der Zeit, oft durch harr? Zufall? des Hungers, Erdbebens, Krieges u. f. ihren Drr verändern und bauc- ten sich in einer jandern Gegend mebr oder minder anders an. Denn wenn sie gleich mir einer Hartnäckigkeit . die fast dem Instinkt der Tbicre gleichet, bei den Suren ibrer Vater blieben und ihre neuen Berge, Flüsse, Städte Und Einrichtungen auch sogar mit Namen ihres Utlandes benannten: so war doch bei einer großen Veränderung der Lust und des Bodens ein ewiges Einerlei in Allem nicht möglich. Hier also kam das verpflanzte Volk darauf, sich selbst ein Wespennest oder einen Ameisbaufeit zu bauen nach seiner Weise. Der Ball ward auS Ideen des Urlaubes und ihres neuen Landes zusammengesetzt und meistens heißt diese Einrichtung die jugendliche Blüthe der Völker. So richteten sich die vom rothen Meer gewichenen Phönicier an der mittelländischen Küste ein: so wollte Moses die Israeliten einrichten: so ists mit mehreren Völkern Asiens gewesen: denn fast jede Nation der Erde ist früher oder spater, länger oder kürzer, wenigstens Einmal gewandert. Leicht zu erachten ists, daß es hiebei sehr auf die Zeit ankam, wenn diese Wanderung geschah, auf die Umstande, die solche bewirkten, auf Phil, u. Gesch. V, Th. H 7-ieen. Hl. " 4 - Jdeen zur Philosophie die Länge des Weges, die Art von Eultur, mit der das Volk ausging, die Ucdereinstimmung oder Mis- Helligkeit, die es in seinem neuen Lande antraf u. f. Auch bei unvcrmischten Volker» wird daher die historische Rechnung blos schon aus geographisch-politischen Gründen so verwickelt, daß cs einen Hypothesen - freien Geist erfordert, den Faden nicht ;u verlieren. Am meisten verliert man ihn, wenn man irgend einen Stamm der Völker zum Liebling' annimmt und was nicht Er ist, verachtet. Der Geschichtschreiber der Menschheit muß wie der Schöpfer unsres Geschlechts oder wie der Genius der Erde unparkheiifch sehen und Icidcuschasllos richten. Dem Naturforscher, der zur Kcnntniß und Ordnung aller Elasten feiner Reiche gelangen will, ist Rose und Distel, das Stink- und Faullhicr mit dem Ele- phanten gleich lieb; er untersucht das am meisten, wobei er am meisten lernet. Nun hat die Natur die ganze Erde ihren Menschenkindern gegeben und auf solcher hervorkcimcn lassen, was nach Ort, Zeit und Kraft irgend nur hervorkcimcn konnte. Alles, was seyn kann, ist: alles, was werden kann, wird; wo nicht heut, so morgen. Das Jahr der Natur ist lang: die Blüthe ihrer Pflanzen ist so vielfach als diese Gewächse selbst sind und die Elemente, die sie nähren. In Indien, Aegypten, Sina geschah, was sonst nie und nirgend auf der Erde geschehen wird : also in Kanaan, Griechenland, Rom, Karthago. Das Gesetz der Nothwendigkeit und Eonvcnicnz, das aus Kräften, Ort und Zeit zusammengesetzt ist, bringt überall andre Früchte. 2. Wenns also vorzüglich darauf ankommt, in welche Zeit und Gegend die Entste- der Geschichte der Menschheit. n5 hung eines Reichs fiel, aus welchen Th eilen es bestand und welche äußere Umstande es umgaben: so sehen wir, liegt in diesen Zügen auch ein großer Theil von dieses Reiches Schicksal. Eine Monarchie, pon Nomaden gebildet, die ihre Lebensart auch politisch forlsetzt, wird schwerlich von einer langen Dauer scyn: sie zerstört und unterjocht, dis sie selbst zerstört wird; die Einnahme der Hauptstadt und oft der Tod eines Königs allem endet ihre ganze Naubcrsccne. So wars mit Babel und Ninive, mit Pcrsepolis und Ekbatana: so ists in Persien noch. Das Reich der Moguls in Indien hat fast sein Ende gefunden und das Reich der Türken wird es finden, so lange sie Ehaldäer, d. i. fremde Eroberer bleiben und keinen sittlicher» Grund ihres Regiments legen. Der Baun, möge bis an den Himmel reichen und ganze Wstrrheile überschatten; hat er keine Wurzeln in der Erde, so vertilgt ihn oft ein Luststoß. Er fallet durch die List eines Emsigen treulosen Sklaven oder durch die Ast eines kühnen Satrapen. Die alte und neue Asiatische Geschichte ist dieser Revolutionen voll; daher auch die Philosophie der Staaten an ihnen wenig zu lernen findet. Despoten werdet vom Thron gestoßen und Despoten darauf erhöhet: das Reich hängt an der Person des Monarchen, an seinem Zelt, an seiner Krone; wer diese in seiner Gewalt hat, ist der neue Vater des Volks, d. i. der Anführer einer überwiegenden Räuberbande. Ein Nebukad - Nezar war dem ganzen Vorder - Asien furchtbar und unter dem zweiten Erben lag sein unbefestigtes Reich im Staube. Drei Schlachten Als, H - n6 Ideen zur Philosophie anders machen dem Ungeheuern Pcrscrrcich ein rolliges Ende. Ganz anders ists mit Staaten, die, aus ihrer Wurzel erwachsen, auf sich selbst ruhen; sie könne» überwältigt werden, aber die Nation daurct. So jsts mit Sinn; man weiß, waS den Ucberwindcrn daselbst die Einführung einer bloßen Sitte, des mongolischen Haar - Scherens für Mühe gekostet habe. So mit den Bramancn und Israeliten, die blos ihr Ce» rimomengcist von allen Völkern der Erde auf ewig sondert. So widerstand Aegypten lange der Vermischung mit andern Völkern und wie schwer wards, die Phönicier auszurotten, blos weil sie an dieser Stelle ein gewurzcltes Volk waren. Ware es dem Cyrus gelungen, ein Reich, wie Pao, Krckchna, Moses zu gründen: cs lebte noch, obgleich zerstümmelt, in allen seinen Gliedern. Hieraus crgiebt sich, warum die alten Staatsverfassungen so sehr auf Bildung der Sitten durch die Erziehung sahen? da von dieser Triebfeder ihre ganze innere Starke abhing. Neuere Reiche sind auf Geld oder mechanische Staatskünste; jene waren auf die ganze Denkart der Nation von Kindheit auf gebauct und da es für die Kindheit keine wirksamere Triebfeder als Religion giebt: so waren die meisten alten, insonderheit Asiatischen Staaten mehr oder minder theatralisch. Ich weiß, wie sehr man diesen Namen hasse, dem man größtentheils alles Ue- bel zuschreibt, das je die Menschheit gedrückt hat; auch werde ich keinem seiner Misbrauche das Wort reden. Aber das ist zugleich wahr, daß diese Rc- gierungsform der Kindheit unsres Geschlechts nicht nur angemessen, sondern auch nothwendig gewesen; der Geschichte der Menschheit. 117 sonst hätte sie sich gewiß nicht so weit erstreckt und so lange erhalten. Von Aegypten bis Sina, ja beinah in allen Landern' der Erde hat sie gehecrschet, so daß Griechenland das erste Laich war, das seine Gesetzgebung allmählich von der Religion trennte. Und da eine jede Religion politisch um so viel mehr wirket, jcmehr die Gegenstände derselben, ihre Götter und Helden mit allen ihren Thaten Einheimische waren; so sehen wir, daß jede alte festgewurzelte Ratio» sogar ihre Kosmogvnic und Mythologie dem Lande zugeeignet hatte, das sie bewohnte. Die einzigen Israeliten zeichnen sich auch darin von allen ihren Nachbarn aus, daß sie weder die Schöpfung der Welt, noch des Menschen ihrem Lande zudichten. Ihr Gesetzgeber war ein aufgeklärter Fremdling , der das Land ihres künftigen Besitzes nicht erreichte: ihre Vorfahren hatten anderswo gelebt, ihr Gesetz war ausserhalb Landes gegeben. Wahrscheinlich trug dies nachher mit dazu bei, daß die Juden, wie beinah keine der alten Nationen, sich auch außer ihrem Lande so wohl behalfen. Der Bramane, der Siamese kann außer seinem Lande nicht leben und da der mosaische Jude eigentlich nur «in Geschöpf Palastina's ist: so dürfte cs außer Palästina keinen Juden mehr geben. 3 . Endlich sehen wir aus dem ganzen Erdstrich, den wir durchwandert haben, wie hinfällig alles Menschenwerk, ja wie drückend auch die beste Einrichtung in wenigen Geschlechtern werde. Die Pflanze blühet und blühet ab; eure Väter starben und verwesen: euer Tempel zerfällt: dein Drakelzclt, deine Gesetz- taseln sind nicht mehr: das ewige Band der Men- i,ö Ideen zur Philosophie scheu, die Sprache selbst veraltet; wie? und Eine Mcuschenverfassung, Eine politische oder Religions- Einrichtung , die doch nur auf diese Stücke gcbauct seyn kann; sie sollte, sie wollte ewig dauern ? So würden dem Flügel der Zeit Ketten angelegt und der rollende Erdball zu einer tragen Eisscholle über dem Abgrunde. Wie wäre cs uns, wenn wir noch seht den König Salomo seine 22,000 Kebsen und 120,000 Schaafe an Einem Fest opfern sahen oder die Königin ans Saba ihn zu einem Kastmahl in Rathsein besuchte? Was würden wir von aller Aegyptcr-Weisheit sagen, wenn der Ochs Apis und die heilige Katze und der heilige Bock uns im prächtigsten Tempel gezeigt würden? Eben also ists mit den drückenden Gebrauchen der Bramancn, dem Aberglauben der Parsen, den leeren Anmaßungen der Juden, dem ungereimten Stolz der Sinescn und was sich sonst irgendwo auf uralte Menschcn- einrichtungen vor dreitausend Jahr« stützen möge. Zvroasterß Lehre möge ein ruhmwürdiger Versuch gewesen seyn, die Uebel der Welt zu erklären und seine Genossen zu allen Werken des Lichts aufzumuntern; »was ist diese Theodicee jetzt, auch nur in den Augen eines Mahomcdaners? Die Seelcnwan- dcrung der Bramanen möge als ein jugendlicher Traum der menschlichen Einbildungskraft gelten, der unsterbliche Seelen im Kreise der Sichtbarkeit versorgen will und an diesen gutgemcyntcn Wahn moralische Begriffe knüpfet; was ist sie aber als ein vernunftloses heiliges Gesetz mit ihren tausend Anhängen von Gebrauchen und Satzungen worden? Die Tradition ist eine an sich vortreffliche, unserm Geschlecht unentbehrliche Natucordnung; sohald sie der Geschichte der Menschheit, uz aber sowohl in praktischen Staatsanstaltcn als mi Unterricht alle Denkkraft fesselt, allen Fortgang der Mcnschenvernunft und Verbesserung nach neuen Umstanden und Zeiten hindert: so ist sie das wahre Dpium des Geistes sowohl für Staaten als Sekten und einzelne Menschen. Das große Asien, die Mutter aller Aufklärung unsrer bewohnten Erde hat von diesem süßen Gift viel gekostet und andern zu kosten gegeben. Große Staaten und Sekten in ihm schlafen, wie nach der Fabel der heilige Johannes in seinem Grabe schlaft; er athmet sanft, aber seit fast zweitausend Jahren ist er gestorben und harret schlummernd, bis sein Erwecker kommt. Dreizehntes B 'u c h. dem Bedauern eines Wanderers, der ein Land verlassen muß, ohne daß crs nach seinen Wünschen kennen lernte, verlasse ich Asien. Wie wenig ists, was wir von ihm wissen! und meistens aus wie spaten Zeiten, aus wie unsschern Händen! DaS östliche Asien ist uns nur neulich durch religiöse oder politische Parthnen bekannt und durch gelehrte Pewtheien in Europa zum Thcil so verwirret worden , daß wir in große Strecken desselben noch wie in ein Fabelland blicken. Im Vorder-Asien und dem ihm nachbarlichen Aegypten erscheint uns aus der altern Zeit Alles wie eine Trümmer oder wie ein verschwundener Traum; was uns aus Nachrichten bekannt ist, wissen wir nur aus dem Munde flüchtiger Griechen, die für das hohe Altecthum dieser Staaten Theils zu jung, Thcils von zu fremder Philos. zur Ge sch. der Menschheit. i2r Denkart waren und nur das ergriffen, was zu ihnen gehörte. Die Archive Babylons, PhönicienS und Karthago sind nicht mehr: Aegypten war ab- geblühet, fast ehe Griechen sein Inneres betraten; also schrumpft alles in wenige, verwelkte Blatter zusammen, die Sagen aus Sagen enthalten; Bruchstücke der Geschichte, ein Traum der Uorwelt. Bei Griechenland klart sich der Morgen auf und wir schiffen ihm froh entgegen. Die Einwohner dieses Landes bekamen in Vergleichung mit andern Nationen frühe Schrift und fanden in den meisten ihrer Verfassungen Triebfedern, ihre Sprache von der Poesie zur Prose und in dieser zur Philosophie und Geschichte herabzuführen. Die Philosophie der Geschichte sicht also Griechenland für ihre Geburlsstätte an; sie hat in ihm auch eine schöne Jugend durchlebet. Schon der fabelnde Homer beschreibt die Sitten mehrerer Völker, so weit seine Kcnntniß reichte; die Sänger der Argonauten, deren Nachhall übrig ist, erstrecken sich in eine andre, merkwürdige Gegend. Als späterhin die eigentliche Geschichte sich von der Poesie loswand, bereisele Herodol mehrere Länder und trug mit löblich - kindischer Neugierde zusammen, was er sah und hörte. Die späterer Geschichtschreiber der Griechen, ob sie sich gleich eigentlich auf ihr Land cinschrankten, mußten dennoch auch manches von andern Landern melden, mit denen ihr Volk in Verbindung kam: so erweiterte sich endlich insonderheit durch Alexanders, Züge allmählich die Welt. Mit Rom, dem die Griechen nicht nur zu Führern in der Geschichte^ sondern auch selbst zu Geschichtschreibern dienten^ er- 122 Ideen zur Philosophie weitert sie sich noch mehr, so daß Diodor von Si- cilien, ein Grieche und Trogus, ein Römer, ihre Materialien bereits zu einer Art von Weltgeschichte zusammenzutragen wagten. Wir freuen uns also, daß wir endlich zu einem Volk gelangen, dessen Ursprung zwar auch im Dunkel begraben, dessen erste Zeiten ungewiß, dessen schönste Werke sowobl der Kunst als der Schrift großenthcils auch von der Wnth der Volker oder vom Moder der Zeiten vertilgt sind, von dem aber dennoch herrliche Denkmahle zu uns reden. Sie reden mit dem philosophischen Geist zu uns, dessen Humanität ich meinem Versuch über sie vergebens einzuhauchcn strebe. Ich mochte, wie ein Dichter, den weilhinsehcndcn Apoll und die Tochter des Gedächtnisses, die alleswissen- den Musen anrufen; aber der Geist der Forschung scy mein Apoll und die parteilose Wahrheit meine belehrende Muse. I. Griechenlands Lage und Bevölkerung. D. ^as dreifache Griechenland, von dem wir reden, ist ein Meerumgebencs Busen - und Küstenland oder gar ein Sund von Inseln. Es liegt in einer Weltgegend , in der es aus mehreren Erdstrichen nicht der Geschichte der Menschheit. 12S nur Bewohner, sondern auch gar bald Keime der Cultur empfangen konnte; seine Lage alio und der Charakter des Volks, der sich durch frühe Unternehmungen und Revolutionen dieser Gegend gemäß bildete , brachte gar bald eine innere Circulation der Ideen, und eine äußere Wirksamkeit zuwege, die den Nationen des großen festen Welttheils von der Natur versagt war. Endlich die Zeit, in welche die Cultur Gricchenlandes traf, die Stufe der Bildung, auf der damals nicht nur die umherwohnenden Völker standen, sondern der gestimmte Menschengcist lebte; alles dies trug dazu bei), die Griechen zu dem Volk zu machen, das sie einst waren, jetzt nicht mehr sind und nie mehr seyn werden. Lasset uns dies schöne Problem der Geschichte naher betrachten: die Data desselben, insonderheit durch den Fleiß Deutscher Gelehrten bearbeitet, liegen beinahe bis zur Auflösung vor uns. Ci» eingeschränktes Volk, das fern von der Sceküste, und dem Umgänge andrer Nationen zwischen Bergen wohnet, ein Volk, das seine Aufklärung nur von Einem Ort her erhielt und je früher es diese annahm, dieselbe durch eherne Gesetze um so fester machte; eine solche Nation mag viele Eigenheit an Charakter erhalten und sich lange darin bewahren; es fehlt aber viel, daß dieser beschrankte Idiotismus ihr jene nützliche Vielseitigkeit gebe, die nur durch thätige Concurrenz mit andern Nationen erlangt werden konnte. Beyspiele davon sind nebst Aegypten alle Asiatischen Lander. Hätte die Kraft, die unsre Erde ^baute, ihren Bergen und Meeren eine andre Gestalt und das große Schicksal, das die Grenzen der Völker setzte, ihnen einen andern Ur- 124 Ideen zur Philosophie sprung als von den Asiatischen Gebirgen gegeben,' hatte das östliche Asien früheren Seehandcl und ein mittelländisches Meer bekommen, das es setzt, seiner Lage nach, nicht hat; der ganze Gang der Eultur wäre verändert. Jetzt ging dieser nach Westen hinab, weil er sich ostwärts weder ausbreitcn noch wenden konnte. Betrachten wir die Geschichte der Inseln und Sundländcr, wie und wo sic auch in der Welt liegen: so finden wir, daß je glücklicher ihre Bepflanzung, j, leichter und vielfacher der Kreislauf von Thatigkeit war, der auf ihnen in Gang gesetzt werden konnte, endlich in je eine vortheilhastcre Zeit oder Weltlage die Nolle ihrer Wirksamkeit siel: desto mehr haben sich solche Inseln - oder Küstcubcwohucr vor den Geschöpfen des ebnen Landes ausgezeichnet. Trotz aller cmgcbohrnen Gaben und erworbncn Geschicklichkeiten blieb aus diesem der Hirt ein Hirt, der Jäger ein Jäger: selbst der Ackermann und Künstler waren, wie Pflanzen, an eine» engen Boden befestigt. Man vergleiche England mit Deutschland; die Engländer sind Deutsche, ja bis auf die spätesten Zeiten haben Deutsche den Engländern in den größesten Dingen vorgcarbcitet, Weil aber jenes Land als eine Insel von frühen Zeiten in manche größere Thätigkeit eines Allgcmcingcistes kam: so konnte dieser Geist auf ihr sich besser ausarbeiten und ungestörter zu einer Eonsistenz gelangen, die dem bedrängten Mittcllande versagt war. Bei den Inseln der Dänen, bei den Küsten Italiens, Spaniens, Frankreichs, nicht minder der Niederlande und Nord-Deutschlands werden wir ein gleiches Berhältniß gewahr, wenn wir sic mit den innern Gegenden des Europäischen Scla- der Geschichte der Menschheit. 126 veu- und Scythenlandes, mit Rußland, Polen, Ungarn vergleichen. In allen Meeren haben die Reisenden gefunden, daß sich auf Inseln, Halbinseln oder Küsten von glücklicher Lage, eine Bestrebsam- keit und freiere Eultur erzeug! hatte, die sich unter dem Druck einförmiger, alter Gesetze des festen Landes nicht erzeugen konnte. *) Man lese die Beschreibungen der Societäts - und Freundschaftsinseln; Trotz ihrer Entfernung von der ganzen bewohnten Welt haben sie sich bis auf Putz und Ueppigkeit einer Art von Griechenland gebildet. Selbst in manchen einzelnen Inseln des offnen Meers trafen die ersten Reisenden eine Milde und Gefälligkeit an, die man bei den Nationen des innern Landes vergebens suchte. Allenthalben sehen wir also das große Gesetz der Menschen - Natur, daß wo sich Thatigkeit und Ruhe, Geselligkeit und Entfernung, freiwillige Betriebsamkeit und Genuß derselben auf eine schöne Weise gatten, auch ein Kreislauf befördert werde, der dem Geschlecht selbst sowohl als allen ihm nahenden Geschlechter, hold ist. Nichts ist der menschlichen Gesundheit schädlicher, als Stockung ihrer Säfte; in den despotischen Staaten von alter Einrichtung ist diese Stockung unvermeidlich, daher sie meistens auch, falls sie nicht schnell aufgerieben wcr- *) Man vergleiche die Malayen und die Einwohner der asiatischen Inseln mit dem festen Lande; selbst Japan halte man gegen Sina, die Bewohner der Kurilen und Fuchsinseln gegen die Mongolen: Juan - Fernande; , Sokotora, die Oster-, die Byrons-Insel, die Maldiven u. s. f. 126 Ideen zur Philosophie den, bei lebendem Leibe ihres langsamen Todes sterben. Wo hingegen durch die Natur des Landes die Staaten sich klein und die Einwohner in der gesunden Regsamkeit erhalten, die ihnen z. B. das geteilte See- und Landleben vorzüglich gicbt; da dürfen nur günstige Umstande hinzukommen und sie werden ein gebildetes, berühmtes Volk werden. So war, anderer Gegenden zu geschweige», unter den Griechen selbst die Insel Kreta das erste Land, das eine Gesetzgebung zum Muster aller Republiken des festen Landes hervorbrachte; >a die meisten und berühmtesten von diesen waren Küstenländer. Nicht ohne Ursache haben daher die Alten ihre glücklichen Wohnungen auf Justin gefetzt, wahrscheinlich weil sie auf ihnen die meisten freien, glückliche» Volker fanden. Wenden wir dies Alles auf Griechenland an, wie natürlich mußte sich sein Volk von den Einwohnern des höheren Gebirges unterscheiden! Durch eine kleine Meerenge war Lhracicn von Klein-Asien getrennt und dies Nationcnreiche, fruchtbare Land langst seiner westlichen Küste durch einen Jnselvollen Sund mit Griechenland verbunden. Der Hellespont, konnte man sagen, war nur dazu durchbrochen und das Aegcische Meer mit seinen Inseln zwischenge- worfcn, damit der Uedergang eine leichte Mühe und in dem Busenreichen Gricchenlande, eine beständige Wanderung und Eirculation würde. Von den ältesten Zeiten an finden wir daher die zahlreichen Völker dieser Küsten auf der See wandernd: Krc- tenser, Lydier, Pelasgcr, Thracier, Rhodicr, Phry- gier, Eyprier, Milesier, Karicr, Lcsbier, Phocacr, Samier, Spartaner, Rapier, Eretraer und Acgine- der Geschichte der Menschheit. 127 ten folgten schon vor Teeres Zeiten einander in der Herrschaft des Meeres *) und lange vor diesen Seemächten fanden sich auf demselben Seeräuber, Eolo- riiecn, Abenteurer, so daß es beinah kein Griechisches Volk gicbt, das nicht, oft mehr als Einmal, gewandert habe. Von alten Zeiten an ist hier alles in Bewegung, von den Küsten Klein-Asiens bis nach Italien, Sicilien, Frankreich; kein Europäisches Volk hat einen weitern, schönem Wellstrich, als diese Grieche!^ bepflanzet. Nichts anders will man auch, wenn man das schöne Klima der Griechen nennt, sagen. Käme cs dabei blos auf trage Wohnplatze der Fruchtbarkeit in wasserreichen Tha- lern oder auf Auen überschwemmender Ströme an; wie manches schönere Klima würde sich in den andern drei Weltthcilen finden, das doch nie Griechen hervorgebracht hat. **) Eine Reihe von Küsten aber, die ini Lauf der Eultur für die Betriebsamkeit kleiner Staaten unter einer so günstigen Aura lagen, wie diese Ionischen, Griechischen und Groß- griechischen Küsten, findet man sonst nirgend auf der Erde. Wir dürfen daher auch nicht lange fragen, woher dem Lande der Griechen seine ersten Bewohner kamen? Pelasger heißen sie, Ankömmlinge, die sich *) S. n 6 7 n 6 Lloinmsni. äe Lastoris epocll» in Lommeni. 8oo. 6otting. 1°. I. II. **) S, Riedesels Bemerkungen aus einer Reise nach der Levante S. aiS, 128 Ideen zur Philosophie auch in dieser Entfernung noch als Brüder der Völker jenseit des Meers, d. i. Klein-Asiens erkannten. Es wäre eine grundlose Mühe, alle die Züge hcrzu- zählcn, wie über Thracicn, oder über den Hcllespont und Sund West- und Südwärts die Völker dahin gesteuret und sich, beschützt von den nordischen Gebirge» , allmählich über Griechenland verbreitet haben. Ein Stamm folgte dem andern: ein Stamm verdrängte den andern: Hellenen brachten den alten Pelasgern neue Cultur, so wie,sich mit der Zeit Griechische Coloniecn wieder an die Asiatischen Ufte verpflanzten. Günstig genug für die Griechen, daß sie eine so schöne Halbinsel des großen festen Landes sich nahe zur Seite hatten, auf welcher die Meisten Völker nicht nur Eines Stammes, sonder» auch von früher Eulrur waren. *) Dadurch bekam nicht nur ihre Sprache jene Originalität und Einheit, die sie als ein Gemisch vieler Zungen nie würde erhalten haben; auch die Nation selbst nahm an dem sittlichen Zustande ihrer benachbarten Stammvölker Theil und kam bald mit denselben in mannigfaltige Verhältnisse des Krieges und des Friedens. Kleim- Asien also ist die Mutter Gricchenlandes sowohl in seiner Anpflanzung als den Hauptzügen seiner frühesten Bildung; dagegen es auf die Küsten seincS Mutterlandes wiederum Eolonicen sandte und in ihnen eine zweite schönere Cultur erlebte. Leider *) S. He-f ne de oriZlne Lrnecoi'Uin, cüinine»- int. Lo«r OottinA, r/dß. der Geschichte der Menschheit. 129 Leider aber, daß uns auch von der Asiatischen Halbinsel aus der frühesten Zeit so wenig bekannt ist! Das Reich der Trojer kennen wir nur aus Homer und so hoch er als Dichter seine Landes- leute über jene erhebt: so ist doch selbst bei ihm der blühende Zustand des Trojanischen Reichs auch in Künsten und sogar in der Pracht unverkennbar. Desgleichen sind die Phrygier ein altes frühegebilde- tes Volk, dessen Religion und Sagen auf die älteste Mythologie der Griechen unstreitig gewirkt haben. So späterhin die Karier, die sich selbst Brüder der Mysier und Lydier nannten und mit den Pelasgern und Lelegern Eines Stammes waren: sie legten sich frühe auf die Schifffahrt, welche damals Seeräubern war, da die gesittetem Lydier sogar die Erfindung des geprägten Geldes als eines Mittels der Handlung mit den Phöniciern theilen. Keinem von diesen Völkern also, so wenig als den Mysiern und Thraciern, hat es an früher Eultur gefehlt und bei einer guten Verpflanzung konnten sie Griechen werden. Der erste Sitz der Griechischen Musen war gegen Thracien zu, nordöstlich. Aus Thracien kam Orpheus, der den verwilderten Pelasgern zuerst ein menschliches Leben gab und jene Religionsgebräuche cinführtc, die so weit umher und so lange galten. Die ersten Berge der Musen waren Thessaliens Berge, der Olympus, Helikon, Parnassus, Pindus: hier (sagt der feinste Forscher der Griechischen Geschichte,) *) hier war der älteste Sitz ihrer Religion, *) ile Musis: S. Gott. Anzeigen 1766. S. 270. Philos. und Gesch. V. LH. I lÄe-n. HI. ,3» Ideen zur Philosophie Weltweishcit, Musik und Dichtkunst. Hier lebten die ersten Griechischen Barden: hier bildeten sich die ersten gesitteten Gesellschaften: die Lyra und Eithara ward hier erfunden und allem, was nachher der Geist der Griechen ausschuf, die erste Gestalt ungebildet. In Thessalien undBöotien, die in spa- tern Zeiten durch Geistesarbeiten sich so wenig her« vorgethan haben, ist kein Quell, kein Fluß, kein Hügel, kein Hain, der nicht durch Dichtungen bekannt und in ihnen verewigt wäre. Hier floß der Peneus, hier war das angenehme Tcmpc, hier wandelte Apoll als Schäfer und die Riesen khürmten ihre Berge. Am Fuß des Helikons lernte noch He- sioduS seine Sagen aus dem Munde der Musen: kurz hier hat sich zuerst die Griechische Cultur einheimisch gebildet, so wie auch von hieraus durch die Stamme der Hellenen die reinere Griechische Sprache in ihren Hauptdialekten ausging. Nothwendig aber entstand mit der Folge der Zeiten auf so verschleimen Küsten und Inseln, bei so manchen Wanderungen und Abenteuern eine Reihe andrer Sagen, die sich ebenfalls durch Dichter im Gebiet der Griechischen Muse festsetzten. Beinah jedes kleine Gebiet, jeder berühmte Stamm trug seine Vorfahren oder Nationalgottheiten in dasselbe und diese Verschiedenheit, die ein undurchschaulichcr Wald wäre, wenn wir die Griechische Mythologie als eine Dogmatik behandeln müßten, eben sie brachte aus dem Leben und Weben der Stamme auch Leben ins Gebiet der Nationaldcnkart. Nur aus so vielartigen Wurzeln und Keimen konnte jener schone Garten aufblühn, der selbst in der Gesetzgebung mit der der Geschichte der Menschheit. r3r Zeit die mannigfaltigsten Früchte brachte. Im viel- getheilten Lande schützte diesen Stamm sein Thal, jenen seine Küste und Insel, und so erwuchs auS der langen jugendlichen Regsamkeit zerstreuter Stamme und Königreiche die große freie Denkart der Griechischen Muse. Von keinem Allgemeinherrscher war ihnen Cultur aufgezwungcn worden; durch den Klang der Leier bei heiligen Gebrauchen, Spielen und Tänzen, durch selbst-erfundene Wissenschaften und Künste, am meisten endlich durch den vielfachen Umgang unter einander und mit andern Völkern nahmen sic freiwillig, jetzt dieser, jetzt jener Strich, Sittlichkeit und Gesetze an; auch im Gange zur Cultur also ein Griechisches Freivolk. Daß hiezu, wie in Theben, auch Phönicische und wie in Attika, Aegyptische Eolonien beigetragen haben, ist außer Zweifel, obgleich durch diese Völker glücklicher Weise weder der Hauptstamm der Griechischen Nation, noch ihre Denkart und Sprache gebildet wurde. Ein Aegyptisch - Kananitisches Volk sollten die Griechen, Dank ihrer Abstammung, Lebensart und «irländischen Muse, nicht werden. 132 Ideen zur Philosophie H. Griechenlands Sprache, Mythologie und Dichtkunst. .-^^>ir kommen zu Gegenständen, die Jahrtausende schon das Vergnügen des feineren Menschengeschlechts waren und wie ich hoffe, es immerhin seyn werden. Die griechische Sprache ist die gebildetste der Welt, die griechische Mythologie die reichste und schönste auf der Erde, die griechische Dichtkunst endlich vielleicht die vollkommenste ihrer Art, wenn man sie Ort- und Zeitmaßig betrachtet. Wer gab nun diesen einst rohen Stammen eine solche Sprache, Poesie und bildliche Weisheit? Der Genius der Natur gab sie ihnen, ihr Land, ihre Lebensart, ihre Zeit, ihr Stammescharakter. Von rohen Anfängen ging die griechische Sprache nus; aber diese Anfänge enthielten schon Keime zu dem, was aus ihr werden sollte und werden konnte. Sic war kein Hieroglyphen-Machwerk, keine Reihe hervvrgestoßencr einzelner Sylben, wie die Sprachen jenseil der Mongolischen Berge. Biegsamere, leichtere Organe brachten unter den Völkern des Kaukasus eine leichtere Modulation hervor, die von der geselligen Liebe zur Tonkunst gar bald in Form gebracht werden konnte. Sanfter wurden die Worte der Geschichte der Menschheit. i33 gebunden, die Töne zum Rhythmus geordnet: dis Sprache floß in einen volleren Strom, die Bilder derselben in eine angenehme Harmonie: sie stiegen sogar zum Wohllaut eines Tanzes. Und so ward jenes einzige Gepräge der griechischen Sprache, das nicht von stummen Gesetzen erpreßt, das durch Musik und Tanz, durch Gesang und Geschichte, endlich durch den plauderhaftcn freien Umgang vieler Stamme und Eolonieen wie eine lebendige Form der Natur entstanden war. Die nordischen Völker Euro- pcns hatten bei ihrer Bildung dies Glück nicht. Da ihnen durch fremde Gesetze und durch eine Gesanglose Religion ausländische Sitten gegeben wurden: so verstummet- auch ihre Sprache. Die Deutsche z. B. hat unstreitig viel von ihrer innern Biegsamkeit, von ihrer bestimmtem Zeichnung in der Flexion der Worte, ja noch mehr von jenem lebendigen Schall verlohren, den sie unter günstigem Himmelsstrichen ehedem hatte. Einst war sie eine nahe Schwester der griechischen Sprache und jetzt wie fernab von dieser ist sie gebildet. Keine Sprache jen- seit des Ganges hat die Biegsamkeit und den sanften Fortfluß der griechischen Mundart, kein aramäischer Dialekt diesseit des Euphrats hatte ihn in seinen allen Gestalten. . Nur die griechische Sprache ist wie durch Gesang entstanden: denn Gesang und Dichtkunst und ein früher Gebrauch des freien Lebens hat sie zur Musensprachc der Welt gebildet. So selten sich nun jene Umstände der Griechen-Eultur wieder zusammensinden werden, so wenig das Menschengeschlecht in seine Kindheit zurückgehen und einen Orpheus, Musäus und Linus oder einen Home- rus und Hesiodus mit allem was sie begleitete, von Ideen zur Philosophie den Tobten zurückführen kann: so wenig ist die Genesis einer griechischen Spruche in unfern Zeiten selbst für diese Gegenden möglich. Die Mythologie der Griechen stoß aus Sagen verschiedener Gegenden zusammen, die Glaube des Volks, Erzählungen der Stamme von ihren Urvätern oder die ersten Versuche denkender Köpfe waren, sich die Wunder der Welt zu erklären und der menschlichen Gesellschaft Gestalt zu geben *). So unächt und neugeformt unsre Hymnen des alten Orpheus sestn mögen: so sind sie immer doch Nachbilder von jenen lebendigen Anbetungen und Grüßen an die Natur, die alle Völker auf der ersten Stufe der Bildung lieben. Der rohe Jäger spricht seinen gefürchteten Bar **), der Neger seinen heiligen Fetisch, der Persische Mobed seine Naturgeistcr und Elemente beinah auf Orphische Weise an; nur wie ist der Orphische Natur-Hymnus blos und allein schon durch die griechischen Worte und Bilder gereinigt und veredelt! Und wie angenehm - leichter wurde die griechische Mythologie, da sie mit der Zeit auch in den Hymnen selbst die Fesseln bloßer Beiworte abwarf und dafür, wie in den Homerischen *) S. n e V II e äe kontiliii!> et ennssis erroriiin in liislni'ln ki^tliien: cle enu^sis knlinl-iriiiii pliz'sieis: Ue oriAine et caiissis knUiiln! IHN üonieiiearuin: cke lUieozonia sl, kkesioäo conilits ete. ") S. Georg» Abbildung?» der Völker des Russischen Reichs Th. l. der Geschichte der Menschheit» Gesängen, Fabeln der Götter erzählte. Auch in den Koßmogonicen zog man mit der Zeit die alten, harten Ucsagcn naher zusammen und sang dafür menschliche Helden und Stammväter, die man dicht an jene und an die Gestalten der Götter knüpfte. Glücklicher Weise hatten die allen Theogcniecn - Erzähler in die Stammtafeln ihrer Götter und Helden so treffende, schöne Allegoricen, oft nur mit Einem Wort ihrer holden Sprache gebracht, daß wenn die späteren Weisen die Bedeutung derselben nur ausspinnen und ihre feinern Ideen daran knüpfen wollten , ein neues schönes Gewebe ward. Daher verließen selbst die epischen Sänger mit der Zeit ihre ost-gebrauchten Sagen von Götter - Erzeugungen, Himmelsstürmern, Thaten des Herkules u. f. und sangen dafür menschlichere Gegenstände zum menschlichen Gebrauche. Vor allen ist unter diesen Homer berühmt, der Vater aller griechischen Dichter und Weisen, die nach ihm lebten. Durch ein glückliches Schicksal wurden seine zcrstreucten Gesänge zu rechter Zeit gesammlet und zu einem zwiefachen Ganzen vereint, das wie ein unzerstörbarer Pallast der Götter und Helden auch nach Iahrtacifendcn glanzet. Wie man ein Wunder der Natur zu erklären strebt: so hat man sich Mühe gegeben, das Werden Homers zu erklären *) , der doch nichts als ein Kind der Natur *) Black vvell's Bnyiiirzs into rke Bike ,i»il Writings ok Homer lV o o tcn waren, die harten Dienste, die selbst ihre Bürger dem Staat thun mußten und viele andere Dinge mehr, machen die griechischen wohl nicht zu den erwünschtesten Staaten; der öffentlichen Kunst aber mußten selbst diese Beschwerden dienen. Tempel der Götter waren meistens auch dem Feinde heilig; bei einem wechselnden Schicksal aber gingen auch die vom Feinde verwüsteten Tempel aus der Asche desto schöner empor. Vom SiegeSraube der Perser ward ein schöneres Athen erbauet und fast bei allen glücklichen Kriegen ward von dem Theil der Beute, der dem Staat zugehörte, auch einer oder der andern Kunst geopfert. Noch in den spätern Zeiten erhielt Athen, Trotz aller Verwüstungen der Römer, immer noch die Herrlichkeit seines Namens durch Statuen und Gebäude: denn mehrere Kaiser, Könige, Helden und reiche Privatpersonen beciferten sich, eine Stadt zu erhalten und zu verschönern, die sie für der Geschichte der Menschheit. i5i die Mutter alles guten Geschmacks erkannten. Daher sehen wir auch unter dem Makedonischen Reich die Kunst der Griechen nicht ausgestorben; sondern nur wandernd. Auch in fernen Landern waren die griechischen Könige doch Griechen und liebten griechische Künste. So baueten Alexander und manche seiner Nachfolger in Afrika und Asien prächtige Städte; auch Rom und andre Völker lernten von den Griechen, da die Zeit der Kunst in ihrem Vatcrlande dahin war: denn aileuhalbcn war doch nur Eine griechische Kunst und Baukunst auf der gesammten Erde. 4. Endlich nährte auch das Klima der Griechen die Künste des Schönen, nicht hauptsächlich durch die Gestalt der Menschen, die mehr vom Stamm als vom Himmelsstrich abhängt; sondern durch seine bequeme Lage für die Materialien der Kunst und die Aufstellung ihrer Kunstwerke. Der schöne Parische und andre Gattungen Marmors standen in ihrem Lande ihnen zu Gebot: das Elfenbein, das Erz und was sie sonst zur Kunst bedurften, gab ihnen ein Handel, dem sie wie in der Mitte lagen. Gewissermaßen kam dieser der Geburt ihrer Kunst selbst zuvor, indem sie aus Kleinasicn, Phönicicn und andern Ländern Kostbarkeiten besitzen konnten, die sie selbst noch nicht zu bearbeiten wußten. Der Keim ihrer Kunstgaben ward also frühe hcrvorgelockt, vorzüglich auch, weil ihre Nähe mit Kleinasien, ihre Colonien in Großgriechcnland u. f. einen Geschmack an Ueppigkeit und Wohlleben bei ihnen erweckten, der der Kunst nicht anders als aufhelfen konnte. Der leichte Charakter der Griechen l52 Ideen zur Philosophie war weit entfernt, an nutzlose Pyramiden seinen Fleiß zu verschwenden; einzelne Städte und Staa- en konnten in diese Wüste des Ungeheuren auch nie gerathen. Sie trafen also, wenn man vielleicht den einzigen Colofsus der Insel Rhodus ausnimmt, selbst in ihren größesten Werken das schone Maas, in welchem Erbabcnbcit sich mit Anmuth begegnet. Dazu gab ihnen nun ihr heiterer Himmel so manchen Anlaß. So manchen unbedeckten Statuen, Altären und Tempeln gab er Raum; insonderheit der schonen Säule, die statt der todten nordischen Mauer in schlanker Anmuth unter ihm dastchcn konnte, ein Muster des Ebenmaaßes, der Nichtigkeit und Einfalt. Vereinigt man alle diese Umstande, so stehet man, wie in Jonicn, Griechenland und Sicilicn auch der Kunst nach jener leichte, richtige Geist wirken konnte, der bei den Griechen alle Werke -es Geschmacks bezeichnet. Durch Regeln allein kann er nicht erlernt werden; er äußert sich aber in beobachteten Regeln und durfte, so ganz er ursprünglich der Anhauch eines glücklichen Genius war, durch eine fortgesetzte Uebung selbst Handwerk werden. Auch der schlechteste griechische Künstler ist seiner Manier nach ein Grieche: wir können ihn übcr- treffen; die ganze genetische Art der griechischen Kunst aber werden wir nie erreichen: der Genius dieser Zeiten ist vorüber. der Geschichte der Menschheit, r5A IV. Sitten - und Staatenweisheit der Griechen. -^>ie Sitten der Griechen waren so verschieden, als die Art ihrer Stamme, ihrer Gegenden und Lebensweise nach den Graden ihrer Eultur und eine» Reihe von Glücks - und Unglücksfallen war, in welche sie der Zufall setzte. Der Arkadicr und Athener, der Ionier und Epiroke, der Spartaner und Spba- rit waren nach Zeiten, Lage und Lebensweisen einander so unähnlich, daß mir die Kunst mangelt, ein trügerisches Gemälde von ihnen allen im Ganzen zu entwerfen, dessen Züge widersprechender auf- fallcn müßten, als das Bild jenes Athenischen Demus , das Parrhasius mahlte. *) Also bleibet uns nichts übrig, als den Gang zu bemerken, den im Ganzen die Sittenbildung der Griechen nahm und die Art, wie sie sich mit ihrer Staaten- Einrichtung gesellte. *) Uiirxit Oemon ^tb<;nienLiiim arAnmento Hno- iiiA6nio8o: volebst nsmgiie viiriuin, irs- cunäum, ininstnm, incoristLntem, euirckenr exor-rbilem, elementein, misericoräein , 6X- celsnm, Zloriosum, Iiumilem, kerocem kuKa- ei c»nni-e xariter ostenckers. ? I i n. bist. nat. I. zo. c. g> Ideen zurr Philosophie 164 Wie bei allen Völkern der Erde ging ihre älteste Sittcnrultur vorzüglich von der Religion aus und sie hat sich lange in diesem Gleise gehalten. Die gottesdienstlichen Gebrauche, die sich in den verschiedenen Mysterien bis auf sehr politische Zeiten fortpflanzten, jene heiligen Rechte der Gastfreiheit und des Schutzes flehender Unglücklichen, ihre Sicherheit an heiligen Oertern, der Glaube an Furien und Strafen, die auch den unvorsetzlichen Mörder Geschlechter -- hinab verfolgten und mit dem un- gerachten Blut über ein ganzes Land den Fluch brachten, die Gebrauche der Entsündigung und Göt- tec-Verföhnung, die Stimme der Orakel, die Heiligkeit des Eides, des Heerdes, der Tempel, Gräber u. f. waren in Gang gebrachte Meinungen und Anstalten, die ein rohes Volk bändigen und halbwilde Menschen allmählich zur Humanität bilden soll» tcn. *) Daß sie ihr Geschäft glücklich bewirket, sehen wir, wenn wir die Griechen mir andern Nationen vergleichen: denn es ist unläugbar, daß sie durch diese- Anstalten nicht nur bis an die Pforte der Philosophie und politischen Eultur, sondern tief ins Heiligthum derselben geführt wurden. Das einzige Delphische Orakel; wie großen Nutzen hat es in Griechenland gestiftet! So manchen Tyrannen und Böscwicht zeichnete seine Götterstimme aus, indem sie ihm abweisend sein Schicksal sagte: nicht minder hat cs viele Unglückliche gerettet, so man- *) S. 8 e ^ n e cke ^rimornm Orasciaa Ueguin- latornin inslilnris nck inoruni msnsnetuclinein in opuso, acackeinic, U. I. p, 207. der Geschichte der Menschheit. i55 chen Rathlosen berathen, manche gute Anstalt mit göttlichem Ansehen bekräftigt, so manches Werk der Kunst oder der Muse, das zu ihm gelangte, bekannt gemacht und Sittensprüche sowohl als Staatsmaximen geheiligt. Die rohen Verse des Orakels haben also mehr gewirkt als die glattesten Gedichte spaterer Dichter; ja den größcstcn Einfluß batte es dadurch, daß cs die hohen Staaten und Rechtsbrecher Griechenlands, die Amphiktyonen in seinen Schutz nahm und ihre Aussprüche gewissermaßen zu Gesetzen der Religion machte. Was in spatern Jahrhunderten als ein Einziges Mittel zum ewigen Frieden Curopa's vorgeschlagen ist, ein Gericht der Amphiktyonen, *) war Key den Griechen schon da und zwar nahe dem Thron des Gottes der Weisheit und Wahrheit, der durch sein Ansehen cs heiligen sollte. Nebst der Religion gehören alle Gebräuche hie- her, die aus Anstalten der Vater erwachsen, ihr Andenken den Nachkommen bewahrten; sie haben auf die Sittenbildung der Griechen forldaurend gewirkt. So z. E. gaben die mancherlcy öffentlichen Spiele der griechischen Erziehung eine sehr eigen, thümliche Richtung, indem sie Leibesübungen zum Hauptstück derselben und die dadurch erlangten Vorzüge zum Augenmerk der ganzen Nation machten. Nie hat «in Zweig schönere Früchte getragen, als der kleine Oel-Epheu- und Fichtenzweig, der die griechischen Sieger kränzte. Er machte die Jüng- S. Oeuvres p. 8r. ?ierre !. und beinah in allen seinen Schriften. o66 Ideen zur Philosophie linge schön, gesund, munter: ihren Gliedern gab er Gelenkigkeit, Ebenmoos und Wohlstond: in ihrer Seele föchte er die ersten Funken der Liebe für den Ruhm, selbst für den Nochruhm cm und prägte ihnen die unzerstörbare Form ein, für ihre Stobt und für ihr Lond öffentlich zu leben; was endlich dos schätzbarste ist, er gründete in ihrem Gcmüth jenen Geschmack für Mannerumgang und Manner- freundschaft, der die Griechen ausnehmend unterscheidet. Nicht war dos Weib in Griechenland der ganze Kompfpreis des Lebens, auf den cs ein Jüngling onlegte; die schönste Helena könnte immer doch nur einen Poris bilden, wenn ihr Genuß oder Besitz dos Ziel der ganzen Monncstugend wäre. Das Geschlecht der Weiber, so schöne Muster jeder Tugend es auch in Griechenland hervorgebracht hat, blieb Nur ein untergeordneter Zweck des männlichen Lebens; die Gedanken edler Jünglinge gingen auf etwas Höheres hinaus: das Band der Freundschaft, das sie unter sich oder mit erfahrnen Männern knüpften, zog sic in eine Schule, die ihnen eine Aspasia schwerlich gewähren konnte. Daher in mehreren Staaten die männliche Liebe der Griechen, mit jener Nacheiferung, jenem Unterricht, jener Dauer und Aufopferung begleitet, deren Empfindungen und Folgen wir im Plato beinah wie den Roman aus einem fremden Planeten lesen. Männliche Herzen banden sich an einander in Liebe und Freundschaft, oft bis auf den Tod: der Liebhaber verfolgte den Geliebten mit einer Art Eifersucht, die auch den kleinsten Flecken an ihm aufspahete und der Geliebte scheuete das Auge seines Liebhabers als eine lauternde Flamme der geheimestcn Neigungen seiner der Geschichte der Menschheit. i5? Seele. Wie uns nun die Freundschaft der Jugend die süßeste und keine Empfindung daurendcr ist, als die Liebe derer, mit denen wir uns in den schönsten Jahren unsrer erwachenden Kräfte auf Einer Laufbahn der Vollkommenheit übten: so war den Griechen diese Laufbahn in ihren Gymnasien, Key ikren Geschäften des Krieges und der Staatsverwaltung öffentlich bestimmt und jene heilige Schaar der Liebenden davon die natürliche Folge. Ich bin weit entfernt, die Sittenverderbnisse zu verhehlen, die aus dem Mißbrauch dieser Anstalten, insonderheit wo sich unbekleidete Jünglinge üblen, mit der Zeit erwuchsen ; allein auch dieser Mißbrauch lag leider im Charakter der Nation, deren warme Einbildungskraft, deren fast wahnsinnige Liebe für alles Schöne, in welches sie den höchsten Genuß der Götter setzten, Unordnungen solcher Art unumgänglich machte. Im Geheimen geübt, würden diese nur desto verderblicher worden seyn, wie die Geschichte fast aller Völker des warmen Erdstrichs oder einer üppigen Cultur beweiset. Daher ward der Flamme, die sich im Innern nährte, durch öffentliche rühmliche Zwecke und Anstalten zwar sreyere Luft geschafft; sie kam damit aber auch unter die einschränkende Aufsicht der Gesetze, die sie als eine wirksame Triebfeder für den Staat brauchten. Endlich. Da das dreifache Griechenland beider Weltthcile in viele Stämme und Staaten gcthcilt war: so mußte die Sittcncultur, die sich hie und da erhob, jedem Stamme genetisch, mithin auf so mancherlei Weise politisch werden, daß eben dieser Umstand uns die glücklichen Fortschritte der griechischen Sittenbildung allein schon erkläret. Nur i58 Ideen zur Philosophie durch die leichtesten Bande, einer gemeinschaftlichen Sprache und Religion, der Orakel, der Spiele, des Gerichts der Amphiktyonen u, f. oder durch Abstammung und Coloniecn, endlich durch das Andenken alter gemeinschaftlichen Thatcn, durch Poesie und Nationalruhm waren die griechischen Staaten mit einander verbunden; weiter verband sie kein Despot: denn auch ihre gemeinschaftlichen Gefahren gingen lange Zeit glücklich vorüber. Also kam cs darauf an, was aus dem Quell der Eultuc jeder Stamm schöpfen, welche Bache daraus er für sich ableiten wollte. Dies that jeder nach Umstanden seines Bedürfnisses, vorzüglich aber nach der Denkart einiger großen Männer, die ihm die bildende Natur sandte. Schon unter den Königen Ericchen- landes gab es edle Söhne der alten Helden, die mit dem Wechsel der Zeit fortgingen und ihren Völkern jetzt durch gute Gesetze so nützlich wurden, wie ihre Vater es durch ruhmvolle Tapferkeit gewesen waren. So hebt sich außer den ersten Eoloniecn- stiftcrn, unter gesetzgebenden Königen insonderheit Minos empor, der seine kriegerischen Kretenser, die Bewohner einer Insel voller Gebirge, auch kriegerisch bildete und späterhin Lykurgs Vorbild wurde. Er war der erste, der die Seeräuber bändigte und das Aegeische Meer sicher stellte; der erste allgemeinere Sirtenstifter Griechenlandes zur Sec und auf dem Lande. Daß et in guten Einrichtungen mehrere seines Gleichen unter den Königen hatte, zeiget die Geschichte von Athen, von Syrakus' und andern Königreichen. Freilich aber nahm die Regsamkeit der Menschen in der politischen Sittcnbildung einen andern Schwung, als aus den meiste» griechischen der Geschichte der Menschheit, ,5g Königreichen Republiken wurden; eine Revolution, die allerdings eine der merkwürdigsten ist in der gesummten Menschengeschichte. Nirgend als in Griechenland war sie möglich, wo eine Menge einzelner Völker das Andenken ihres Ursprunges und Stammes sich auch unter seinen Königen zu erhalten gewußt hatte. Jedes Volk sähe sich als einen einzelnen Staatskörper an, der gleich seinen wandernden Vor- ' fahren sich politisch cinrichten dürfe; unter den Willen einer erblichen Königsreihe sey keiner der griechischen Stamme verkauft. Nun war zwar damit noch nicht ausgemacht, daß die neue Regierung auch die bessere wäre: statt des Königes herrschten beinahe allenthalben die Vornehmsten und Mächtigem, so daß in mehreren Städten die Verwirrung größer und der Druck des Volks unleidlich ckurde; indessen waren doch damit Einmal die Würfel geworfen, daß Menschen, wie aus der Unmündigkeit erwacht, über ihre politische Verfassung selbst Nachdenken lernten. Und so war das Zeitalter griechischer Republiken der erste Schritt zur Mündigkeit des menschlichen Geistes in der wichtigen Angelegenheit, wie Menschen von Menschen zu regieren wären? Alle Ausschweifungen und Fehltritte der Rcgierungsformcn Griechenlandes hat man als Versuche der Jugend anzusehen, die meistens nur durch Schaden klug werden lernet. Bald also thatcn sich in vielen freigewordenen Stämmen und Colonieen weise Männer hervor, die Vormünder des Volks wurden. Sie sahen, untrr welchen Ucbeln ihr Stamm litt und sannen auf eine Einrichtung desselben, die auf Gesetze und Sitten des Ganzen erbauet wäre. Natürlich waren also die meisten dieser alten griechischen Weisen 160 Id een zur P h i lo sophie Männer in öffentlichen Geschäften, Vorsteher des Volks, Rathgeber der Könige, Heerführer: denn blos von diesen Edeln konnte die politische Gulrur ausgehn, die weiter hinab aufs Volk wirkte. Selbst Lykurg, Drako, Solon waren aus den ersten Geschlechtern ihrer Stadl, zum Theil selbst obrigkeitliche Personen; die Uebel der Aristokratie sammt der Unzufriedenheit des Volks waren zu ihrer Zeit aufs höchste gestiegen, daher die bessere Ginrichtung, die sie angaben, so großen Gingang gewann. Unsterblich bleibt das Lob dieser Männer, daß sie, vom Zutrauen des Volks unterstützt, für sich und die Ihrigen den Besitz der Oberherrschaft verschmähten und allen ihren Fleiß, alle idre Menschen- und Volks- kenntniß auf ein Gemeinwesen, d. i. auf den Staat als Staat wandten. Äraren ihre crst.n Versuche in dieser Art auch bei weitem nicht die höchste» und ewigen Muster menschlicher Einrichtungen; sie sollten dieses auch nicht seyn: sie gehören nirgend hin, als wo sic eingeführt wurden, ja auch hier mußten sie sich den Sitten des Stammes und seinen eingewurzelten Uebeln oft wider Willen bequemen. Lykurg hatte freiere Hand als Solon; er ging aber in zu alte Zeiten zurück und bauete einen Staat, als ob die Welt ewig im Hcldcnaltcr der rohen Jugend verharren könnte. Ec führte seine Gesetze ein, ohne ihre Wirkungen abzuwarten und für seinen Geist wäre cs wohl die empfindlichste Strafe gewesen, durch alle Zeitalter der griechischen Geschichte die Folgen zu sehen, die sic Thcils durch Mißbrauch, Theils durch ihre zu lange Dauer seiner Stadt und bisweilen dem ganzen Griechenlande verursacht haben. Die Gesetze Solons wurden auf einem andern der Geschichte der Menschheit. i6r dern Wege schädlich. Den Geist derselben hatte ec selbst überl-bet; die Übeln Folgen seiner Volksregierung sähe er voraus und sie sind bis zum letzten Athem Athens den Weisesten und Besten seiner Stadt unverkennbar geblieben *). Das ist aber einmal das Schicksal aller menschlichen Einrichtungen, insonderheit der schwersten, über Land und Leute. Zeit und Natur verändern alles; und das Leben der Menschen sollte sich nicht andern? Mit jedem neuen Geschlecht kommt eine neue Denkart empor, so altvaterisch auch die Einrichtung und die Erziehung bleibe. Neue Bedürfnisse und Gefahren, neue Vortheile des Sieges, des Reichkhums, der wachsenden Ehre, selbst der mehreren Bevölkerung drangen sich hinzu; und wie kann nun de'r gestrige Tag der heutige, das alte Gesetz ein ewiges Gesetz bleiben? Es wird beibchalten, aber vielleicht nur zum Schein und leider am meisten in Mißbrauchen, deren Aufopferung eigennützigen, trägen Menschen zu hart siele. Dies war der Fall mit Lykurgs, Solons, Romulus, Moses und allen Gesetzen, die ihre Zeit überlebten. Aeußerst rührend ists daher, wenn man die eigne Stimme dieser Gesetzgeber in ihren spätem Jahren höret; sie ist meistens klagend. Denn wenn sie lange lebten, hatten sie sich selbst schon überlebet. So istS die Stimme Moses und auch Solons in den wenigen S. Lenophon über die Republik der Athenienser, auch Plato, Aristoteles u. f. /clcen. III. Philos. und Gesch. V. LH. L Ideen zue Philosophie rt>2 Fragmenten, die wir von ihm haben ; ja, wenn ich die bloßen Sittensprüche ausnehme, haben fast alle Betrachtungen der griechischen Weisen einen traurigen Ton. Sie sahen das wandelbare Schicksal und Glück der Menschen, durch Gesetze der Natur enge beschrankt, durch ihr eigenes Verhalten schnöde verwirret und klagten. Sie klagten über die Flüchtigkeit des menschlichen Lebens und seiner blühenden Jugend; dagegen schilderten sie das oftmals arme und kranke, immer aber schwache und nichts geachtete Alter. Sie klagten über der Frechen Glück und des Gutmüthigen Leiden; verfehlten aber auch nicht, die achten Waffen dagegen, Klugheit und gesunde Vernunft, Mäßigung der Leidenschaften und stillen Fleiß, Eintracht und freundschaftliche Treue, Standhaftigkeit und eiferncn Muth, Ehrfurcht gegen die Götter und Liebe zum Vaterlandc den Bürgern ihrer Welt sanftrührend einzuslößcn. Selbst in den Resten des Neuen griechischen Lustspiels tönt noch diese klagende Stimme der sanften Humanität wieder *). Trotz also aller bösen zum Thcil auch schrecklichen Folgen, die für Heloten, Pelasger, Eolonieen, Ausländer und Feinde mancher Griechenstaat gehabt hat; so können wir doch das hohe Edle jenes Gemeinsinnes nicht verkennen, der in Lacedamon , Alben und Theke, ja gewissermaßen in jedem Staate Griechenlands zu seinen Zeilen lebte. Es ist völlig wahr und gewiß, daß nicht aus einzelnen Gesetzen eines einzelnen Mannes erwachsen, er auch nicht in jedem Gliede des Staats auf gleiche Weise, zu allen Zei- ) Hievon an einem andern Ort. der Geschichte der Menschheit. i63 tcn gelebt bade; gelebt hak er indeß unter den Griechen, wie es selbst noch ihre ungerechten, neidigcn Kriege, die härtesten ihrer Bedrückungen und die treulosesten Verräkher ihrer Bücgectugend zeigen. Die Grabschrist jener Spartaner , die bei Thermopyla sielen: Wanderer, sag's zu Sparta , daß seinen Gesetzen gehorsam Wir erschlagen hier liegen — bleibt allemal der Grundsatz der höchsten politischen Tugend, bei dem wir auch zwei Jahrtausende spater nur zu bedaucen haben, daß er zwar einst auf der Erde der Grundsatz weniger Spartaner über einige harte Patricier-Gcsetze eines engen Landes, noch nie aber das Principium für die reinen Gesetze der gelammten Menschheit hat werden mögen. Der Grundsatz selbst ist der höchste, den Menschen zu ihrer Glückseligkeit und Freiheit ersinnen und ausüben mögen. Ein AchnlichcF ists mit der Verfassung Athens, obgleich dieselbe auf einen ganz andern Zweck führte. Denn wenn die Aufklärung des Volks in Sachen, die zunächst für dasselbe gehören, der Gegenstand einer politischen Einrichtung seyn darf: so ist Athen ohnstrcilig die aufgeklärteste Stadt in unsrer bekannten Welt gewesen. Weder Paris noch London, weder Rom noch Babylon, noch weniger Memphis, Jerusalem, Peking und Benares werden ihr darüber den Rang anstreiten. Da nun Patriotismus und Aufklärung die beiden Pole sind, um welche sich alle Sittencultur der Menschheit beweget: so werden auch Athen und Sparta immer die beiden großen Gedächtnißplätze bleiben , auf welchen sich die Staatskunst der Menschen über diese Zwecke zuerst jugendlich- L 2 Ideen zur Philosophie ri>4 froh geübt hat. Die andern Staaten der Griechen folgten meistens nur diesen zwei großen Mustern, so daß einigen die nicht folgen wollten, die Staatsverfassungen Athens und Laecdämons von ihren Ueber- windcrn sogar aufgcdrungen wurden. Auch siebet die Philosophie der Geschichte nicht sowohl darauf, was auf diesen beiden Erdpunkten in dem kleinen Zeitraum, da sie wirkten, von schwachen Menschen wirklich gethan scy, als vielmehr was aus den Prin- cipicn ihrer Einrichtung für die gestimmte Menschheit folge. Trotz aller Fehler werden die Namen Lykurgs und SolonS, MükiadeS und Themistoklcs, Aristides, Eimon, Phocion, Epaminondas, P.lopi- das, Ugesilaus, Agis, Kleomcncs, Dion, Timo- lcon u. f. mit ewigem Ruhme gepriesen; dagegen die eben so große Männer Alcibiades, Eonon, Pau- sanias, Lysandcr als Zerstörer des griechischen Ge- mcingcisteS oder als Verräthcr ihres Vaterlandes mit Tadel genannt werde». Selbst die bescheidene Tugend Sokrates konnte ohn' ein Athen schwerlich zu der Blüthe erwachsen, die sie durch einige seiner Schüler wirklich erreicht hat: denn Sokrates war nur ein Atyeniens,scher Bürger, alle seine Weisheit nur Atheniensische Äürgerweisheit, die er in häuslichen Gesprächen fortpflanzte. In Absicht der bürgerlichen Aufklärung sind wir dem einzigen Athen also das Meiste und Schönste aller Zeiten schuldig. Und so dürfen wir auch, da von praktischen Tugenden wenig geredet werden kann, noch einige Worte jenen Anstalten gönnen, die nur eine Athc- niensische Volksregierung möglich machte, den Rednern und dem Theater. Redner vor Gericht, zumal in der Geschichte der Menschheit. i65 Sachen des Staats und des augenblicklichen Entschlusses sind gefährliche Triebfedern; auch sind die bösen Folgen derselben offenbar genug in der Athenien- sischen Geschichte. Da sie indessen ein Volk voraussetzen, das in jeder öffentlichen Sache die vorgetragen ward, Kenntnisse hatte oder wenigstens empfangen konnte: so bleibt das Atheniensische Volk, aller Partheu n chnqeachtet, hierin das Einzige unserer Geschichte, an welches auch das Römische Volk schwerlich reichet. Der Gegenstand selbst, Feldherrn zu wähle» oder zu verdammen, über Krieg und Frieden , über Leben und Tod und jedes öffentliche Geschäft des Staats zu sprechen, war gewisi nicht die Sache eines unruhigen Hausens; durch den Vortrag dieser - Geschäfte aber und durch alle Kunst, die man darauf wandte, ward selbst dem wilden Haufen das Ohr geöffnet, und ihm jener aufgeklärte, politische Schwätzer-Geist gegeben, von dem keines der Völker Asiens wußte. Die Beredsamkeit vor den Dhren des Volks hob sich damit zu einer Höhe, die sie außer Griechenland und Rom niemals gehabt hat, die sie auch schwerlick) je haben wird und haben kann, bis etwa die Volksrednerei wahre allgemeine Aufklärung werde. Unstreitig ist der Zweck dieser Sache groß, wenn gleich in Athen die -Mittel dazu dem Zweck unterlagen. Mit dem Athenicnsi- schen Theater war cs ein Gleiches. Es enthielt Spiele fürs Volk und zwar ihm angemessene, erhabene, geistreiche Spiele; mit Athen ist seine Geschichte vorbei: denn der enge Kreis bestimmter Fabeln, Leidenschaften und Absichten, aufs Volk zu wirken, findet sich kaum mehr in dem vermischten Haufen einer andern Stammesart und Regiments- i66 Ideen zur Philosophie Verfassung wieder. Niemals also messe man die griechische Sittcnbildung, weder in ihrer öffentlichen Geschichte noch in ihren Rednern und theatralischen Dichtern nach dem Maasstabe einer abstractcn Moral, weil keinem dieser gegebnen Falle ein solcher Maasstab zum Grunde lieget *). Die Geschichte zeigt, wie die Griechen in jedem Zeitpunkt alles waren, was sie gut und böse nach ihrer Lage scyn konnten. Der Redner zeigt, wie Er in seinem Handel die Parlheien sah und seinem Zweck gemäß schildern mußte. Der theatralische Dichter endlich brachte Gestalten in sein Spiel, wie sie ihm die Vorzeit gab oder wie er solche seinem Bereif gemäß diesen und keinen andern Zuschauern darstellen wollte. Schlüsse hieraus auf die Sittlichkeit oder Unsittlichkeit des gesummten Volks zu machen, wäre Grundlos; daran wird aber niemand zweifeln, daß die Griechen in gewissen Zeitpunkten und Städten, nach dem Kreise von Gegenständen, der ihnen damals vorlag, das geschickteste, leichteste und aufgeklärteste Volk ibrer Welt gewesen. Die Bürger Athens gaben Feldherren, Redner, Sophisten, Richter, Staatsleute und Künstler, nachdem es die Erziehung, Neigung, Wahl oder das Schicksal und der Zufall wollte und oft waren in Einem Griechen mehrere der schönsten Vorzüge eines Guten und Edlen vereinigt. *) S. die Einleitung zu Oillies's Uebersetzung der Reden Lysias und Jsokrates, nebst andern ähnliche» Schriften, die Griechenland aus Rednern oder Dichtern geschätzt haben. der Geschichte der Menschheit. 167 V. Wissenschaftliche Uehunaen der Griechen. einem Volk der Erde thut man sein Recht an, wenn man ihm ein fremdes Ideal der Wissenschaft aufdringt: so ists mit vielen Völkern Asiens auch den Griechen gegangen und man hat sie mit Lobe und Tadel oft nnbillig überhäufet. Von keiner spekulativen Dogmatik z. V. über Gott und die menschliche Seele wußten die Griechen; die Untersuchungen hierüber waren freie Privatmeinungen, sobald der Weltweise die gottesdienstlichen Gebräuche seines Landes beobachtete und keine politische Parthei ihm im Wege stand. In Rücksicht dieser hat sich der menschliche Geist in Griechenland wie überall seinen Raum erkämpfen müssen; den er sich aber doch zuletzt wirklich erkämpfte. Von alten Göttersagen und Theogonieen ging die griechische Wcltweisheic aus und es ist merkwürdig viel, was der feine Geist dieser Nation hierüber ausspann. Die Dichtungen von der Geburt der Götter, vom Streit der Elemente, von Haß und Liebe der Wesen gegen einander sind von ihren verschiedenen Schulen in so verschiedenen Richtungen ausgebildet worden, daß man beinah sagen möchte sie waren so weit als wir sind, wenn wir ohne Naturgeschichte Weltcntstehungen dichten. Ja in gewissem i63 Ideen zur Philosophie Betracht waren sie weiter, weil ihr Sinn freier war und keine gegebne Hypothese ihnen ein Ziel versteckte. Selbst die Zahlen Pythagoras und andrer Philoso- phen sind kühne Versuche, die Wissenschaft der Dinge mit dem reinsten Begriff der menschlichen Seele, einer dcutlichgedachten Große zu paaren; weil aber sowohl die Naturwissenschaft als die Mathematik damals noch in ihrer Kindheit waren, so kam dieser Versuch zu frühe. Immer aber locket er uns, so wie die Systeme mancher andern griechischen Philosophen eine Art von Verehrung ab, weil diese allc- sammt, jedes aus seinem Standpunkt, tief durchdacht und von weitem Umfange waren; manchem derselben liegen Wahrheiten und Bemerkungen zum Grunde, die wir seitdem, vielleicht nicht zum Vvr- tbeil der Wissenschaft aus den Augen vcrlohrcn haben. Daß z. B. keiner der alten Philosophen sich an Gort ein außerweltliches Wesen oder eine höchst- metaphysische Monade dachte, sondern alle bei dem Begriff einer Wcltsccle stehen blieben, war der Kindheit menschlicher Philosophie völlig angemessen und wird ihr vielleicht immer angemessen bleiben. Schade ists, daß wir der kühnsten Philosophen Meynung nur aus verstümmelten Nachrichten, nicht aber aus ihren eignen Schriften im Zusammenhänge wissen; aber noch mehr Schade, daß wir uns ungern in ihre Zeit setzen und sie lieber unsrer Denkart bequemen. Jede Nation hat in allgemeinen Begriffen ihre eigene Schart, die meistens in den Formen des Ausdrucks, kurz in der Tradition ihren Grund hat und da bei den Griechen die Philosophie aus Gedichten und Allegoriccn entstanden war: so gaben diese auch ihren Abstraktionen ein eigcnthümlichcs, der Geschichte der Menschheit. 169 ihnen nicht undeutliches Gepräge. Selbst noch bei Pluto sind seine Allegorien: nicht bloße Ziererei; ihre Bilder sind wie klassische Sprüche der Vorzeit, feinere Entwickelungen der alten Dichter-Traditionen. Zur menschlichen und moralischen Philosophie aber neigte sich der Forschungsgeist der Griechen vorzüglich, weil ihre Zeit und Verfassung sie am meisten dieses Weges führte. Naturgeschichte, Physik und Mathematik waren damals noch lange nicht genug augebauet und zu unser» neuern Entdeckungen die Werkzeuge noch nicht erfunden. Alles zog sich dagegen aus die Natur und die Sitten der Menschen. Dies war der herrschende Ton der griechischen Dichtkunst, Geschichte und Staatseinrichtung: jeder Bürger mußte seine Mitbürger kennen und bisweilen öffentliche Geschäfte verwalten, denen er sich nicht entziehen konnte i die Leidenschaften und wirkenden Kräfte der Menschen hatten damals ein freieres Spiel; selbst dem müssi- gcn Philosophen schlichen sie nicht unbemerkt vorüber: Menschen zu regieren oder als ein lebendes Glied der Gesellschaft zu wirken, war der herrschende Zug jeder cmporstrebenden griechischen Seele. Kein Wunder also, daß auch die Pbilosophie des abstracten Denkers auf Bildung der Sitten oder des Staats hinausging, wie Pythagoras, Plato, und selbst Aristoteles dies beweisen. Staaten einzurichten, war ihr bürgerlicher Beruf nicht; nirgend war Pythagoras , wie Lykurgus, Solon oder andre, Obrigkeit und Archon: auch der größcste Theil seiner Plsilo- sophie war Spekulation, die sogar bis an den Aberglauben grenzte. Indessen zog seine Schule Männer, die auf die Staaten Großgriechenlandcs den r 7" Ideen zur Philosophie den größesten Einfluß gebubt Huben und der Bund seiner Jünger wäre , wenn ihm das Schicksul Duner gegönnt hätte, vielleicht die wirksumste, wenigstens eine sehr reine Triebfeder zur Verbesserung der Welt worden *). Aber uuch dieser Schritt des über seine Zeit hochcrhubcncn Munnes mur zu früh: die reichen , sybaritischen Städte Groß - Griechenlnndcs nebst ihren Tyrunnen begehrten solche Sirtcnwächtec nicht und die Pythagoraer wurden ermordet. Es ist ein zwur oft wiederholter, aber wie mich dünkt, überspannter Lobspruch des Menschenfreundlichen Sokrates, daß Ers zuerst und vorzüglich gewesen fey, der die Philosophie vom Himmel auf die Erde gerufen und mit dem sittlichen Leben der Menschen befreundet Hube; wenigstens gilt der Lobspruch nur die Person Sokrates selbst und den engen Kreis seines Lebens. Lunge vor ihm waren Philosophen gewesen, die sittlich und thutig für die Menschen philosophirt Hutten, du vom fabelhaften DrpheuS an eben dies der bezeichnende Charakter der Griechischen Eultur war. Auch Pythagoras hatte durch seine Schule eine viel größere Anlage zur Bildung menschlicher Sitten gemacht, als Sokrates durch alle seine Freunde je hatte machen mögen. Daß dieser die höhere Abstraktion nicht liebte, lag an feinem Stande, am Kreise seiner Kenntnisse, vorzüglich aber an seiner Zeit und Lebensweise. Die Systeme der Einbildungskraft ohne fernere Nakurer- *) S. in Me in ers Geschichte der Wissenschaften i» Griechenland und Nom Th. I. die Geschichte dieser Gesellschaft. der Geschichte der Menschheit. 17c fahrungen waren erschöpft und die griechische Weisheit ein gaukelndes Geschwätz der Sophisten worden, daß cs also keines großen Schrittes bedurfte, das zu verachten oder beiseit zu legen, was nicht weiter zu übcrlreffen war. Vor dem schimmernden Geist der Sophisten schützte ihn sein Dämon, seine natürliche Redlichkeit' und der bürgerliche Gang seines Lebens. Dieser steckte zugleich seiner Philosophie das eigentliche Ziel der Menschheit vor, das beinah auf alle, mit denen er umging, so schone Folgen hatte; allerdings Achörre aber zu dieser Wirksamkeit die Zeit, der Ort und der Kreis von Menschen, mit denen Sokrates lebte. Anderswo wäre der bürgerliche Weise ein aufgeklärter tugendhafter Mann gewesen , ohne daß wir vielleicht seinen Namen wüßten : denn keine Erfindung, keine neue Lehre ists, die er, ihm eigen, ins Buch der Zeiten verzeichnet; nur durch seine Methode und Lebensweise, durch die moralische Bildung, die er sich selbst gegeben hatte und andern zu geben suchte, vorzüglich endlich durch die Art seines Todes ward er der Welt ein Muster. Es gehörte viel dazu, ein Sokrates zu seyn, vor Allem die schöne Gabe, entbehren zu können und der feine Geschmack an moralischer Schönheit, den er bei sich zu einer Art von Jnstinct erhöhet zu haben scheinet; indessen hebe man auch diesen bescheidnen edel» Mann nicht über die Sphäre empor, in welche ihn die Vorsehung selbst stellte. Er hat wenige, seiner ganz würdige, Schüler gezogen, eben weil seine Weisheit gleichsam nur zum Hausgeräts) seines eigenen Lebens gehörte und seine vortreffliche Methode im Munde seiner nächsten Schüler gar zu leicht in Spöttereien und Sophismen ausarten konnte, sobald es dem ,I'2 Ideen zur Philosophie ironischen Fragenden am Geistes - und Herzenscharakter Sokrates fehlte. Auch seine zwei edelsten Zünder Lenophen und Plato vergleiche man unparteiisch: so wird man finden, daß er bei ilmcn, (wie er selbst den bescheidenen Ausdruck liebte,) nur die Hebamme ibrcr eignen Geistesgestalt gewesen war; daher er sich auch im Bilde beider so unähnlich stehet. Das Auszcichncndc ihrer Schriften rührt offenbar von ibrcr eignen Denkart bcr und der schönste Dank, den sic ihrem geliebten Lehrer bringen konnten , war der, daß sie sein moralisches Bild auf- stelltcn. Allerdings wäre es sehr zu wünscben gewesen, daß durch Sokrates Schüler sein Weist in alle Geselle und Staatsvcrfassunqcn Gricchenlandes fortan eingedrungen wäre; daß dieses aber nicht geschehen sei), bezeugt die griechische Geschichte. Sein Leben trab auf den Punkt der höchsten Cultur Athens, zugleich aber auch der höchsten 'Anstrengung der griechischen Staaten gegen einander; beides konnte nichts anders, als unglückliche Zeiten und Sitten nach sich ziehen, die nicht gar lange darauf den Untergang der griechischen Freiheit bewirkten. Hiegegen schützte sie keine Sokralische Weisheit, die zu rein und fein war, als daß sic das Schicksal der Völker hatte entscheiden mögen. Der Staatsmann und Kriegsführcr ch'enophon schildert schlechte Staatsverfassungen ; er kann sie aber nicht andern. Plato schuf eine idealische Republik, die nirgend, am wenigsten an Dionysius Hofe Platz fand. Kurz, Sokrates Philosophie hat mehr der Menschheit als Griechenland 'gedienet, welches ohne Zweifel auch ihr schönerer Ruhm ist. der Geschichte der Menschheit. 17!) Ein ganz anderer war Aristoteles Geist, der scharfsinnigste, festeste und trockenste vielleicht, der je den Griffel gcführet. Seine Philosophie ist freilich mehr die Philosophie der Schule, als des gemeinen Lebens, insonderheit in den Schriften, die wir von ihm haben und nach der Weise, wie man sie gebrauchte ; um so mehr aber hat die reine Vernunft und Wissenschaft durch ihn gewonnen, so daß er in ihrem Gebiet als ein Monarch der Zeiten dastcht. Daß die Scholastiker meistens nur auf seine Metaphysik verfielen, war ihre, nicht Aristoteles Schuld und doch hat sich auch an solcher die menschliche Vernunft unglaublich geschärfet. Sie reichte barbarischen Nationen Werkzeuge in die Hände, die dunkeln Traume der Phantasie und Tradition zuerst in Spitzfindigkeiten zu verwandeln, bis sie sich damit allmählich selbst zerstörten. Seine bessern Schriften aber, die Naturgeschichte und Physik, die Ethik und Moral, die Politik, Poetik und Redekunst erwarten noch manche glückliche Anwendung. Zu beklagen ists, daß seine historischen Werke un- tergegangcn sind und daß wir auch seine Naturgeschichte nur im Auszuge haben. Wer indessen den Griechen den Geist reiner Wissenschaft abspricht, möge ihren Aristoteles und Euklides lesen; Schriftsteller , die in ihrer Art nie übertroffen wurden: denn auch das war Platons und Aristoteles Verdienst, daß sie den Geist der Naturwissenschaft und Mathematik erweckten, der über alles Moralischen hinaus ins Große geht und für alle Zeiten wirket. Mehrere Schüler derselben waren Beförderer der Astronomie, Botanik, Anatomie und andrer Wissenschaften, wie denn Aristoteles selbst blos mit seiner i?4 Ideen zur Philosophie Naturgeschichte den Grund zu einem Gebäude gelegt hat, an welchem noch Zabrbunderte bauen werden. Zu allem Gewissen der Wissenschaft, wie zu allem Schonen der Form ist in Griechenland der Grund gelegt worden; leider aber, daß uns das Schicksal von den Schriften seiner gründlichsten Weisen so wenig gegönnt hat! Was übrig geblieben ist, ist vortrefflich; das Vortrefflichste ging vielleicht unter. Man wird es nicht von mir erwarten, daß ich die einzelnen Wissenschaften der Matbemarik, Me- dicin, Naturwissenschaft und aller schönen Künste durchgehe, um eine Reibe Namen zu nennen, die entweder als Erfinder oder als Vermehrer des Wissenschaftlichen derselben allen künftigen Zeilen zur Grundlage gedient baden. Allgemein ists bekannt, daß Asten und Aegvpten uns eigentlich keine wahre Form der Wissenschaft in irgend einer Kunst oder Lehre gegeben; dem feinen, ordnenden Geist der Griechen baden wir diese allein zu danken. Da nun eine bestimmte Form der Erkenntniß eben das ist, was ihre Vermehrung oder Verbesserung in zukünftigen Zeiten bewirkt: so sind wir den Griechen die Basis beinah aller unserer Wissenschaften schuldig. Mögen sie sich fremde Ideen zugeeignet haben, so viel sie wollen; desto besser für uns: genug, sie ordneten solche und strebten zur deutlichen Erkenntniß. Die mancherlei griechischen Schulen waren hierin das, was in ihrem Staatswesen die vielen Republiken waren, gemeinschaftlich-strebende, mit einander wetteifernde Kräfte: denn ohne diese Verthcilung Griechenlandcs würde selbst in ihren Wissenschaften nie so viel geschcben seyn, als geschehen ist. Die Jonische, Italische und Athenicnsische Schule waren, der Geschichte dcr Menschheit. ^7» ihrer gemeinschaftlichen Sprache ohngeachtet, durch Lander und Meere von einander gesondert; jede also konnte für sich selbst wurzeln und wenn sie verpflanzt oder cingeimpfl ward, desto schönere Früchte tragen. Keiner der früheren Weisen wurde vom Staat, selbst nicht von seinen Schülern besoldet; er dachte für sich, er erfand aus Liebe zur Wissenschaft, oder aus Liebe zum Ruhm. Die er unterrichtete, waren nicht Kinder, sondern Jünglinge oder Männer, oft Männer, die der wichtigsten Staatsgeschäfte pflegten. Für Jahrmärkte eines gelehrten Handels schrieb man damals noch nicht; man dachte aber desto langer und tiefer; zumal dcr mäßige Philosoph im schönen griechischen Klima ungehindert von Sorgen denken konnte, da er zu seinem Unterhalt wenig bedurfte. Indessen können wir nicht umhin, auch hier der Monarchie das Lob wiederfahrcn zu lassen, das ihr gebühret. Keiner der sogenannten Freistaaten Griechenlands hatte dem Aristoteles zu seiner Naturge^ schichte die Bcihülfe verschafft, die ihm sein königlicher Schüler verschaffen konnte; noch minder hätten ohne die Anstalten der Ptolemäer Wissenschaften, die Muße oder Kosten fordern, z. B. Mathematik, Astronomie u. f. die Fortschritte gethan, die sie in Alexandrien gethan haben. Ihren Anlagen sind wir den Euklides, Eratosthenes, Apollonius Pergaus, Ptolemäus u. a. schuldig, Männer, die zu den Wissenschaften den Grund gelegt, auf welchen jetzt nicht nur das Gebäude der Gelehrsamkeit, sondern gewissermaßen unsrer ganzen Weltregierung ruhet. Es harte also auch seinen Nutzen, daß die Zeit der griechischen Rednerei und Bürgcrphilosophie mit den Republiken zu Ende ging: diese hatte ihre Früchte 176 Ideen zur Philosophie getragen; dem menschlichen Geist aber waren aus griechischen Seelen noch andre Keime der Wissenschaft nöthig. Gern verzeihen wir dem Aegvptischen Aleran- dricn seine schlechteren Dichter *); es gab uns dafür gute Beobachter und Rechner. Dichter werden durch sich selbst; Beobachter können durch Fleiß und Uebung allein vollkommen werden. Insonderheit hat die griechische Philosophie über drei Gegenstände vvrgearbcitet, die schwerlich irgendwo anders eine so glückliche Werkstatt hatten finden mögen: sie sind Sprache, Kunst und Geschichte. Die Sprache der Griechen hatte sich durch Dichter, Redner und Philosophen so vielseitig reich und schön gebildet, daß das Werkzeug selbst in spatern Zeiten die Aufmerksamkeit der Betrachter an sich zog, da man es nichtmchrzu so glanzenden Zwecken des öffentlichen Lebens anwendcn konnte. Daher die Kunst der Grammatiker, die zum Thcil wirkliche Philosophen waren. Zwar hat uns den größesten Theil dieser Schriftsteller die Zeit geraubt, welchen Verlust wir auch allenfalls gegen viel wichtigere Sachen verschmerzen mögen; indessen ist ihre Wirkung dcßwe- gen nicht ausgetilgt worden: denn am Studium d/r Griechischen hat sich das Studium der Römischen Sprache und überhaupt alle Sprachenphilosvphie der Erde angezündet. Auch in die morgenlandischen Dialekte des vordern Asiens ist es nur aus ihr gekommen : denn die ebraische, arabische und andere Sprachen *) S. n e -s n s cke Oenio sneculi ktoleinaeornni in opiisc, Laack. ?. I. 76. sec^. der Geschichte der Menschheit. ,77 Sprachen hat man nur durch die Griechische in Regeln zu bringen gclernet. Gleichermaßen ist an eine Philosophie der Kunst nirgend als m Griechenland gedacht worden, weil durch einen glücklichen Trieb der »Natur und durch eine geschmackvolle sichre Gewohnheit Dichter und Künstler selbst eine Philosophie des Schönen ausübtcn, ehe der Zergliedrer ihre Regeln aufnahm. So mußte sich durch den ungeheuren Wetteifer in Epopeen, Theaterstücken und öffentlichen Rede» nokbwendig mit der Zeit eine Kritik bilden, an welche unsere Kritik schwerlich reichet. Es sind uns zwar auch von ihr außer Aristoteles Schriften nur wenige spate Bruchstücke übrig geblieben, die indeß immer noch von dem überfeinen Scharfsinn der griechischen Kuustrichter zeugen. Die Philosophie der Geschichte endlich gehört vorzüglich nach Griechenland heim, weil eigentlich die Griechen allein Geschichte haben. Der Morgenländer bat Stammregister oder Mährchcn, der Nordländer hat Sagen, andre Nationen tüedcr > der Grieche bildete aus Sagen, Reden,, Mährchcn und Stammregistern mit der Zeit den gesunde» Körper einer Erzählung, die in allen Gliedern lebet. Auch hierin ging ihm seine alte Dichtkunst vor, da sich ein Mährchcn nicht leicht angenehmer erzähle» laßt, als cs die Epopee crzablte: die Vcrthcilung der Gegenstände nach Rhapsodien, gab zu ähnlichen Absätzen in der Geschichte Anlaß und der lange Hexameter konnte bald den Wohlklang der historischen Prose bilden. Herodot ward also Homers Nachfolger und die spateren Geschichtschreiber der Republiken nahmen die Farbe derselben, den republikani-^ scheu Rednergeist in ihre Erzählung aus. Da nun Philos. und Gesch. V. Th. M /en. III. >78 Ideen zur Philosophie mit Thucydides und Lenophon die gruchische Geschichte aus Athen ausging und die Beschreibet derselben Staatsmänner und Feldherren waren: so mußte ihre Geschichte pragmatisch werden, ohne daß sie ihr eine pragmatische Gestalt zu geben suchten. Die öffentlichen Reden, die Verflechtung der griechischen Angelegenheiten, die lebendige Gestalt der Sachen und ihrer Triebfedern gab ihnen solche Form an und man kann kühn behaupten, daß ohne die Republiken Griechenlands keine pragmatische Geschichte in der Welt wäre. Je mehr s,-ucchin die Staaten- und Kriegskunst sich entwickelte: desto künstlicher ward auch der pragmatische Geist der Geschichte, bis endlich Polybius sic fast zur Kricgs- und Staaten-Wissenschaft selbst machte. An Vorbildern solcher Art halten nun die später» Betrach- ^ tcr zu ihren Anmerkungen reichen Stoff und die ^ Dionyse konnten sich in den Anfängen der historischen Kunst gewiß reichlicher üben, als ein Sineser, Jude oder selbst ein Römer es thun konnte. Da wir also die Griechen in jeder Ucbung des Geistes an dichterischen, rednerischen, philosophischen, wissenschaftlichen, historischen Werken so reich und glücklich finden; Schicksal der Zeiten, warum hast du uns denn so viel von ihnen versagt? Wo sind Homers Amazonia und seine Thebais und Jrcsione, seine Jamben, sein Margites? Wo sind die vielen verlohrnen Stücke Archilochus, Simonides, Alcaus, Pindars, die drei und achtzig Trauerspiele Acschy- lus, die hundert und achtzehn des Sophokles und die unzählichen andern verlohrnen Stücke der Tragiker, Komiker, Lyriker, der größesten Weltwcise», der unentbehrlichsten Geschichtschreiber, der merk- der Geschichte der Menschheit. 179 würdigsten Mathematiker, Physiker u. f. ? Für Eine Schrift des Dcmokritus, Aristoteles, Theophrasts, Polybius, Euklidcs; für Ein Trauerspiel des Aeschy- lus, Sophokles und so vieler andern; für Ein Lustspiel Aristophanes, Philemons, Mcnanders; für Eine Dde des Alcäus oder der Sappho; für die ver- lohrne Natur - und Staatcngeschichte Aristoteles oder für die fünf und drcißig Bücher Polybius; wer würde nicht gern einen Berg von neuern Schriften, seine eignen zuerst, hingeben, daß die Bader von Alerandrien ein ganzes Jahrlang davon erwärmt würden? Aber das Schicksal mit eisernem Fuß gehl einen andern Gang fort, als daß es auf die Unsterblichkeit einzelner menschlicher Werke in Wissenschaft oder in Kunst rechne. Die gewaltigen Propyläen Athens, alle Tempel der Götter, jene prächtigen Pallaste, Mauern, Erlösten, Bildsäulen, Sitze, Wasserleitungen, Straßen, Altäre, die das Alter- lhum für die Ewustnt schuf, sind durch die Wuth der Zerstörer dahin; und einige schwache Gedanken blätter des menschlichen Nachsinnens und Fleißes sollten verschont bleiben? Vielmehr ist zu verwundern , daß wir derselben noch so viel haben und vielleicht haben wir an ihnen noch zu viel, als daß wir sie alle gebraucht hatten, wie sie zu gebrauchen waren. Lasset uns jetzt zum Aufschluß dessen, waS wir bisher einzeln durchgingen, die Geschichte Gne- chenlandes im Ganzen betrachten; sie tragt ihre Philosophie Schritt vor Schritt belehrend mit sich. M 2 Ideen zur Philosophie leie, VI. Geschichte der -Veränderungen Griechcnlandcs. V^o reich und verflochten die griechische Geschichte an Veränderungen ist- so gehen doch ihre Fäden an wenigen Hauptpunkten zusammen, deren Naturgesetze klar sind. Denn 1. Daß in diesen drei Landesstrecken mit ihren Inseln und Halbinseln viele Stamme und Eo- loniccn zur See und vom Hähern I'ande hinaus hin und her wandern, sich Niederlagen und einander vertreiben, ist nllcntbalbcn die Geschichte der alten Welt bei ähnlichen Meer - und Erdstrichen gewesen. Nur hier war das Wandern lebhafter, weil das volkreiche nordische Gebirge und das große Asien nahe lag und durch eine Reihe von Zufällen, von denen die Sagen erzählen, der Geist des Abenteuers sehr rege erhalten ward. Dies ist die Geschichte Griechcnlandes beinahe von 700 Jahren. 2. Daß unter diese Stämme Eultur und zwar von verschiedenen Seiten in verschiedenen Graden kommen mußte, ist eben sowohl Natur der Sache und des Erdstrichs. Sie bceirete sich von Norden hinab, sie kam aus verschiedncn Gegenden der nahen gebildeten Volker zu ihnen herüber und setzte sich hie und da sehr verschieden fest. Die überwie- der Geschichte der Menschheit. r8c genden Hellenen bringen endlich Einbeit ins Ganze und geben der griechischen Sprache und Denkart Ton. Nun mußten in Klein-Wen, in Klein- und Groß - Griechenland die Keime dieser gegebenen Eul- tnr sehr ungleich und verschieden treiben; diese Verschiedenheit aber half durch Wetteifer und Verpflanzungen dem griechischen Geist auf: denn es ist in der Naturgeschichte sowohl der Pflanzen als der Thierc bekannt, daß derselbe Saame auf demselben Erdstrich nicht ewig gedeihe, aber zu rechter Zeit verpflanzt, frischere und fröhlichere Früchte trage. 3. Aus ursprünglichen kleinen Monarchien gingen die gcthcillcn Staaten mit der Zeit in Aristokratien,, einige in Demokratien, über: beide gcrie- lhen oft in Gefabr, unter die Wilikühr Eines Beherrschers zurückzusallen; jedoch die Demokratien, öfter. Abermals der Naturgang der menschlichen Einrichtung in ihrer früheren Jugend. Die Vorncbm- stcn des Stammes glaubten sich dem Willen der Könige entziehen zu dürfen und da das Volk sich nicht führen konnte: fo wurden sic seine Führer. Nachdem nun sein Gewerbe, sein Geist, seine Einrichtung war, blieb es entweder unter diesen Führern oder cs rang so lange, bis es Antheil an der Negierung bekam. Jenes war der Fall in Lacedä- mon; dies in Athen. Von beiden, lag die Ursache in den Umständen und der Verfassung beider Städte. In Sparta wachten die Regenten scharf auf einander, daß kein Tyrann aufkommen konnte; in Athen ward das Volk mehr als einmal unter die Tyrannei mit oder ohne Namen hineingeschmeichclt. Beide Städte mit allem, was sie hervorgebracht haben, i8r Ideen zur Philosophie sind so natürliche Prcducte ihrer Lage, Zeit, Einrichtung und Umstände, als je eine Natur-Erzeugung seyn mochte. 4. Viele Republiken, mehr oder minder durch gemeinschaftliche Geschäfte, Gränzen oder ein anderes Interesse, am meisten aber durch die Kriegcs- und Rukmlicbe gleichsam an Eine Rennbahn gestellt, werden bald Ursache zu Zwistigkeiten finden: die Mächtigern zuerst und diese ziehen zu ihrer Par- thei, wen sie hinzu zu ziehen vermögen; bis endlich Eine das Ucbergewicht gewinnet. Dies war der Fall der langen Jugendkriege zwischen den Staaten Griechenlands, insonderheit zwischen Laccdämon, Athen und zuletzt Theben. Die Kriege waren bitter, hart, ja oft grausam; wie allemal Kriege seon werden, in welchen jeder Nürger und Krieger am Ganzen Tbcil nimmt. Meistens entstanden sic über Kleinigkeiten oder über Sachen der Ehre, wie die Gefechte bei Juqendhandeln zu entstehen pflegen und was sonderbar scheinet, es aber nicht ist, jeder überwindende Staat, insonderheit Lacedamcn suchte dem Ueberwundencn seine Gesetze und Entrichtung aufzu- prägen, als ob damit das Zeichen der Niederlage unauslöschlich an ihm bliebe. Denn die Aristokratie ist eine gefthworne Feindin der Tyrannei sowohl als der VolkSregierung. Z. Indessen waren die Kriege der Griechen auch als Geschäft betrachtet, nicht blos Streifereien der Wilden; vielmehr entwickelt sich in ihnen mit der Zeitenfolge bereits der ganze Staats - und Kriegesgeist, der je das Rad der Wcltbegebcnheiten ge- der Geschichte der Menschheit. lenkt hat. *) Auch die Griechen wußten, was Bedürfnisse des Staats, Quellen seiner Macht und seines Reichtbums scyn, die sie sich oft auf rohe Weise zu verschaffen suchten. Auch sie wußten, was Gleichgewicht der Republiken und Stande gegen einander, was geheime und öffentliche Conföderationen, was Kriegslist, Zuvvrkemmcn, im Stich lassen u. dgl. heiße. Sowohl in Kriegs- als Staatssachen haben also die erfakrensien Männer der römischen und neueren Welt von den Griechen gelernct: denn die Art des Krieges möge sich mit de» Waffen, der Zeit und der Weltlage andern; der Geist der Menschen, der da erfindet, überredet, seine Anschläge bedeckt, angreifr, vorrückt, sich vcrthcidigt oder zu- rückzichct, die Schwachen seiner Feinde ausspäbct und so oder also seinen Vorlhcil gebraucht oder mißbrauchet, wird zu allen Zeiten derselbe bleiben. 6. Die Kriege mit den Persern machen die erste große Unterscheidung in der griechischen Geschichte. Sie waren von den Asiatischen Colonieen veranlaßt, die dem ungebcuren morgcnländischen Eroberungsgcist nicht hatten widerstehen mögen und an die Frerheil gewohnt, bei der ersten Gelegenheit dies Joch abzuschütteln suchten. Daß die Athenien- ser ihnen zwanzig Schiffe zu Hülfe sandten, war ein Uebermuth der Demokratie: denn Kleomenes, der Spartaner, hatte ihnen die Hülfe abgeschlagen und mit ihren zwanzig Schiffen führten jene dem ganzen Griechenlands den wildesten Krieg zu. Jn- ) Eine Vergleichung mehrerer Völker,hierüber wird aus dem Fortgange der Geschichte erwachsen. 184 Ideen zur Philosophie dessen da er einmal geführt wurde, so war cS zwar ein Wunder der Tapferkeit, daß einige kleine Staaten gegen zwei Könige des großen Asiens die herrlichsten Siege davon trugen; es war aber kein Naturwunder. Die Perser waren völlig außer ihrem Mittelpunkt; die Griechen dagegen stritten für Freiheit, Land lind Leben. Sie stritte» gegen sklavische Barbaren, die an den Eretricrn gezeigt hatten, was auch ihnen bevorstünde und nahmen daher alles zusammen, was menschliche Klugheit und Math ans- richtcn konnte. Die Perser unter Tcrxcs griffen wie Barbaren an: sie kamen mit Ketten in der Hand, um zu binden und mit Feuer in der Hand, um zu verheeren; dies hieß aber nicht mit Klugheit fechten. Tbemistokles bediente sich gegen sic blos des Windes und freilich ist der widrige Wind auf dem Meer einer ungelenken Flotte ein gefährlicher Gegner. Kurz, der Persische Krieg ward mit großer Macht und Wuth, aber ohne Verstand geführt und so mußte er unglücklich enden. Gesetzt daß auch die Griechen geschlagen und ihr ganzes Land wie Athen verwüstet worden wäre; Griechenland konnten die Perser von der Mitte Asiens her und bei) dem Innern Zustande ihres Reichs dennoch nie behaupten, da sie Aegypten selbst mit Müde behaupten konnten- Das Meer war Griechenlands Freundin, wie in andrem Sinn auch das Delphische Orakel sagte. 7. Aber die geschlagenen Perser ließen mit ihrer Beute und Schande den Atheisten fern einen Funken zurück, dessen Flamme das ganze Gebäude der griechischen Staatseinrichtunqen zerstörte. Es war der Ruhm und Reichthum, die Pracht und EE der Geschichte der Menschheit. i85 fersicht, kurz dcr ganze Ucbermuth, der auf diese Kriege folgte. Bald erschien in Athen das Zeitalter Pcrikles, das glänzendste, in welchem je ein so kleiner Staat gewesen und cs folgte darauf aus eben so natürlichen Ursachen der unglückliche Pclo- ponncsische, dcr doppelte Spartanische Krieg, bis endlich durch eine einzige Schlacht Philippus aus Makedonien dem ganzen Griechenlands das Netz übers Haupt warf. Sage doch niemand, daß ein ungünstiger Gott das Schicksal dcr Menschen lenke und neidend cS non seiner Hohe zu stürzen trachte; die Menschen selbst sind einander ihre ungünstigen Dämonen. Was konnte aus Griechenland, wie cs in diesen Zeiten war, anders als die leichte Beute eines Siegers werden? und woher konnte dieser Sieger kommen, als aus den Makedonischen Gebirgen ? Vor Persien, Acgrprcn, Plönicien, Rom, Karthago war es sicher; sein Feind aber saß ihm in dcr Nahe, dcr cs mit ein paar Griff,n voll List und Macht erhaschte. Das Drakcl war hier abermals kiügcr als die Griechen; es philippisirte und im ganzen Vorfall wurde nichts als der allgemeine Satz bestätigt: „daß ein einträchtiges krieggeüblcS Bergvolk, das einer geschwächten, zcrtdciltcn, entnervten Nation auf dem Nacken sitzt, nothwendig dcr Sieger derselben seim werde, sobald es die Sache klug und tapfer angreift." DaS that Philippus und raffte Griechenland auf: denn es war durch sich selbst lange vorder besiegt gewesen. Hier würde nun die Geschichte Griechenlands endigen, wenn Philippus ein Barbar wie Sulla oder Alarich gewesen wäre; er war aber selbst ein Grieche, sein größerer Sohn war es auch und so beginnet eben mit dem »66 Ideen zur Philosophie Verlust der griechischen Freiheit noch unter dieses Volkes Nomen eine Weltscene, die ihres Gleichen wenige gehobt Hot. 8. Der junge Alexander nämlich, der kaum zwanzig Jahre alt im ersten Feuer der Ruhmbegierde auf den Thron kam, führte den Gedanken aus, zu dem sein Vater alles vorbereitet hatte; er ging nach Asien hinüber in des Perser-Monarchen eigene Staaten. Abermals die natürlichste Begebenheit, die sich ereignen konnte. Alle Landzügc der Perser gegen Griechenland waren durch Thracicn und Mocedonien gegangen; der alte Haß gegen sie lebte also bei diesen Völkern noch. Nun war die Schwache der Perser den Griechen gnugsam bekannt, nicht nur aus jenen alten Schlachte» bei Marathon, Platäa u. f. sondern noch in näheren Zeilen aus dem Rückzuge Henophons mit seinen zehntausend Griechen. Der Macedonier, der jetzt Gebieter und Ober-Feldherr von Griechenland war, wohin sollte er seine Waffen, wo feinen Phalanx hinrichlen, als gegen die reiche Monarchie, die seit einem Jahrhundert von innen in tiefem Verfall war. Der junge Held lieferte drei Schlachte» und Klein - Asien, Sv- rien, Phönicien, Aegypten, Lydien, Persien, Indien war sein; ja er hatte bis zum Weltmeer gehen mögen, wenn nicht feine Macedonier, klüger als er, ihn zum Rückzüge gezwungen hatten. So wenig in all diesem Glück ein Wunder war; so wenig wars ein neidigcs Schicksal, das ihm in Babylon sein Ende machte. Welch ein großer Gedanke zwar, von Babylon aus die Welt zu regieren, eine Welt, die vom Indus bis gen Lydien, ja über Griechenland bis zum Ikarischcn Meer reichte! Welch ein Ge- der Geschichte der Menschheit. 187 danke, diesen Weltstrich zu Einem Gricchenlande an Sprache, Sitten, Künsten, Handel und Pflanzstäd- ten zu machen und in Baktra, Susa, Alexandrien u. st neue Athene zu gründen! Und siede, da stirbt der Sieger in der schönsten Vlütbe seines Lebens, mit ihm stirbt alle diese Hoffnung, eine neuerschaffene Griechische Welt! Sprache man also zum Schicksal: so würde dieses uns antworten: „Sey Babel oder Pttla die Residenz Alexanders: möge Baktra griechisch oder parthisch reden; nur wenn das Menschenkind seinen Entwurf ausführen will: sv sey eS mäßig und trinke sich nicht zu Tode." Alexander thats und sein Reich war hin. Kein Wunder, daß er sich selbst erwürgte; vielmehr war es beinah ein Wunder, daß Er, der sein Glück längst nicht mehr halte ertragen können, so lange lebte. 9. Jetzt theilte sich das Reich, d. i. es zersprang eine ungeheure Wasserblase: wo und wann ist es bei ähnlichen Umständen anders gewesen? Alexanders Gebier war noch von keiner Seite vereinigt, kaum noch in der Seele des Uebcrwinders selbst zu einem Ganzen verknüpfet. Die Pflanzstädte, die er hie und da angelegt hatte, konnten ohne einen Beschützer, wie Er war, sich in dieser Jugend nicht decken, geschweige alle die Völker im Zaum halten, denen sie aufgcdrungen waren. Da Alexander nun so gut als ohne Erben star.b, wie anders, als daß die Raubvögel, die ii m in seinem Fluge siegreich beogcstanden hatten, jetzt für sich raubten? Sie zerhackten sich lange unter einander, bis jeder sein Nest fand, eine erworbene Siegesbeute. Mit keinem Staat, der aus so ungeheuren, schnellen Eroberungen entstand und, nur auf des / / r83 Ideen zur Philosophie Eroberers Seele ruhte, ist cs je anders gegangen; die Natur der verschieduen Volker und Gegenden nimmt gar bald ihre Rechte wieder, so daß es nur der Ucbermacht griechischer Cultur vor barbarischen Völkern zuzuschreibcn ist, daß viele zusammcnge- zwungene Erdstriche nicht eher zu ihrer alten Verfassung zurückkchcten. Parthien, Vaktra und die Länder jcnseit des Euphrats thaten cs zuerst: denn sie lagen dein Mittelpunkt eines Reichs zu fern, das sich gegen Bergvölker von Parthischem Stamm mit Nichten schützen konnte. Hatte» die Scleuciden, wie Alexander wollte, Babylon, oder ihr eignes Scleu- cia zu ihrer Wohnung gemacht: vielleicht waren sie Ostwärts mächtiger gc-blieben; aber auch vielleicht desto eher in entkräftende Ueppigkeit versunken. Ein Gleiches wars mit den Asialischen Provinzen des Thracischen Reiches; sic bedienten sich des Rechts, dessen sich ihre Räuber bedient hatten und wurden, da die Kciegsgenossen Alexanders weicher» Nachfolgern den Thron einräumten, eigne Königreiche. In allem diesen sind die immer wiedcrkehrendcn Naturgesetze der politischen Weltgeschichte unverkennbar. ro. Am längsten dauerten die Reiche, die zunächst um Griechenland lagen; ja sie hätten länger dauern können, wenn der Zwist zwischen ihnen, vorzüglich aber zwischen den Karkhaginenscrn und Römern nicht auch sic in jenen Lenin gezogen hätte, der von der Monarchin Italiens nach und nach über alle Küsten des mittelländischen Meeres ausginq. Hier trasen nun abgelebte, schwache Reiche in einen zu ungleichen Glückskampf, vor welchem sie eine mäßige Klugheit hätte warnen mögen. Jndessri der Geschichte der Menschheit. 189 hielt sich in ihnen von griechischer Eullur und Kunst, was sich ncich Beschaffenheit der Regenten und Zeiten halten konnte. Die Wissenschaften in Aegypten blühetcn als Gelehrsamkeit, weil sie nur als Gelehrsamkeit cingcführt waren: wie Mumien waren sie im Museum oder in der Bibliothek begraben. Die Kunst an den Asiatischen Höfen ward üppige Pracht: die Könige zu Pergamus und in Aegypten wetteiferten, Bibliochcn zu sammle»; ein Wetteifer, der der ganzen künftigen Literatur nützlich und schädlich wurde. Man sammlctc Büchrr und verfälschte sie; ja mit dem Brande deS Eesammlcten ging nachher eine ganze Welt alter Gelehrsamkeit auf Einmal unter. Man flehet, daß sich das Schicksal dieser Dinge nicht anders angenommen habe, als es sich aller Dinge der Welt annimmr, die es dem klugen oder thörichkcn, immer aber natürlichen Verhalten der Menschen überließ. Wenn der Gelehrte um ein verlohrncs Buch des Alterthums weinet; um wie viel wichtigere Dinge müßte man weinen, die alle dem Lauf des Schicksals unabänderlich folgten. Acußerst merkwürdig ist die Geschichte der Nachfolger Alexanders, nicht nur weil in ihr so viel Ursachen zu dem, was untergegangen oder erhalten ist, liegen, sondern auch als das traurige Muster von Reichen, die sich auf fremden Erwerb sowohl der Lander, als der Wissenschaften, Künste und Eul- tur gründen. 11. Daß Griechenland in diesem Zustande nie wehr zu seinem alten Glanz gelangen mögen, bedarf wohl keines Erweises; die Zeit dieser Blüthe war längst vorüber. Zwar gaben sich manche eitle Regenten Mühe, der griechischen Freiheit emporzu- tgo Ideen zur Philosophie helfen; eS war aber eine Scheinmühe um eine Freiheit ohne Geist, um einen Körper ohne Seele. An Vergötterung seiner Wohlthalcr ließ es Athen nie fehlen und die Kunst sowohl als die Deklamation über Philosophie und Wissenschaften hat sich in diesem Sitz der allgemeinen Eultur Europa's, so lange cs möglich war, erhalten; immer aber wechselten Glücksfallc m:t Verwüstungen ab. Die kleinen Staaten unter einander kannten weder Eintracht noch Grundsätze zu ihrer Erhaltung, wenn sie gleich den Aetolischen Bund schlossen und den Achaischen Bund erneuten. Weder Philopömcns Klugheit »och Aratus Rechtschaffenheit gaben Griechenland seine alte Zeiten wieder. Wie die Sonne im Niedergänge von den Dünsten des Horizonts umringt, eine größere, romantische Gestalt hat: so hats die Staatskunst Griechcnlandcs in diesem Zeitpunkt; allein die Strahlen der unkergchenden Sonne erwärmen nicht mehr wie am Mittage und die Stnatskunst der sterbenden Griechen blieb unkcaflig. Die Römer kamen auf sie, wie schmeichelnde Tyrannen, Entscheidet aller Zwistigkeiten des Erdstrichs zu ihrem eigenen Besten und schwerlich haben Barbaren je arger verfahren, als Mummius in Korinth, Sulla in Athen, Aemilius in Makedonien verfuhren. Lange plünderten die Römer, was in Griechenland geplündert werden konnte; bis sic cs zuletzt ehrten, wie man eine beraubte, getödtete Leiche ehret. Sic besoldeten Schmeichler daselbst und schickten ihre Söhne dahin, um auf den geweideten Fußtritten alter Weisen unter Schwätzern und Kunstgrüblern zu studiren. Zuletzt kamen Gothen, Ehristen und Türken, die dem Reich der griechischen Götter, das sich lange selbst der Geschichte der Menschheit. 19» überlebt hatte, ei» völliges Ende machten. Sie sind gefallen, die großen Götter, Jupiter Olpmpius und Pallas Athene, der Delphische Apoll und die Argi- sche Juno: ihre Tempel sind Schutt, ihre Bildsäulen Steinhaufen, nach deren Trümmern selbst man jetzo vergeblich spabet Verschwunden sind sie von der Erde, so daß man sich jetzt kaum mit Mühe denket, wie ihr Reich einst im Glauben geblühet und bei den scharfsinnigsten Völkern so viele Wunder bewirkt habe. Werden, da diese schönsten Idole der menschlichen Einbildungskraft gefallen sind, auch die minder-schönen wie sie fallen? und wem werden sie Platz machen, andern Idolen? 12. Groß - Griechenland batte in einem andern Gedränge zuletzt ein gleiches Schicksal. Die blübendsten, volkreichsten Städte im schönsten Klima der Erde nach Gesetzen Zaleukus, EharondaS, Dio- kles errichtet und in Eultur, Wissenschaft, Kunst und Handel den meisten Provinzen Gricchenlandes zuvoreilend; sie lagen zwar weder den Persern, noch dem Philippus im Wege, erhielten sich also zum Tbeil auch länger als ihre Europäischen und Asiatischen Schwestern; indessen kam auch ihre Zeit des Schicksals. Mit Karthago und Rom in mancherlei Kriege verflochten, unterlagen sie endlich und verderbten Rom durch ihre Sitten, wie sie durch Roms Waffen verdarben. Beweinenswerth liegen ihre schönen und großen Trümmer da, von Erdbeben und *) S. Spons, Stuarts, Lhandlers, Riedesels Reisen u. f. Ideen zur Philosophie 192 Feuerspeienden Bergen, noch mehr aber von der Wut!) der Menschen traurig verödet. *) Die Nrm- phe Parrhenopc klagt, Sicilicns Ceres sucht ihre Tempel und findet kaum ihre .goldenen Saaten wieder. VH. Allgemeine Betrachtungen über die Geschichte Gricchenlandcs. W, nr haben die Geschichte dieses merkwürdigen Erdstrichs von mehreren Seilen betrachtet, weil sie zur Philosophie der Geschichte gewissermaßen ein einziges Datum ist unter allen Völkern der Erde. Nicht nur sind die Griechen von der Zumischung fremder Nationen befreit und in ihnr ganzen Bildung sich eigen geblieben; sondern sic baden auch ihre Perioden so ganz durchlebt und von den kleinsten Anfanssen der Bildung die ganze Laufbahn derselben so vollständig durchschritten, als sonst kein andres Volk der Geschichte. Entweder sind die Natio- *) S. Riede selö,Houels Reisen u. a der Geschichte der Menschheit. igZ Nationen des festen Landes bei den ersten Anfängen der Eulcur sieben geblieben und haben solche in Gesetzen und Gebräuchen unnatürlich verewigt; oder sie wurden, ebe sie sich auslebten, eine Beute der Eroberung: die Blume ward abqemahet, ehe sie zum Flor kam. Dagegen genoß Griechenland ganz seiner Zeiten; es bildete an sich aus, was es ausbilden konnte; zu welcher Vollkommenheit ihm abermals das Glück seiner Umstande half Auf dem festen Lande wäre es gewiß bald die Beule eines Eroberers worden, wie seine asiatischen Brüder; hätten Darius und Lerxes ihre Absichten an ihm erreicht, so wäre keine Zeit des Perikles erschienen. Oder hätte ein Despot über die Griechen geherrscht; er wäre nach dem Geschmack aller Despoten bald selbst ein Eroberer worden und hätte, wie Alexander es that, mit dem Blut seiner Griechen ferne Flüsse gefärbt. Auswärtige Völker wären in ihr Land gemischt, sie in auswärtigen Ländern sieghaft umhcrgcstreut worden u. f. Gegen das alles schützte sie nun ihre mäßige Macht, selbst ihr eingeschränkter Handel, der sich nie über die Säulen Herkules und des Glückes hinausgewagt. Wie also der Naturlehrer seine Pflanze nur dann vollständig betrachten kann, wenn er sie von ihrem Samen und Keim aus bis zur Blüthe und Abblüthe kennet: so wäre uns die griechische Geschichte eine solche Pflanze; Schade nur, daß nach dem gewohnten Gange dieselbe bisher noch lange nicht, wie die Römische ist bearbeitet worden. Meines Orts ists jetzo, aus dem waS gesagt worden, einige Gesichtspunkte auszuzeich- ncn, die aus diesem wichtigen Beitrage für die gesammte Mcnschcngcschichte dem Auge des Betrach- Phitos. und Gcsch. V. LH. N IH. >94 Id een zur Philosophie tcrs zunächst vorliegen; und da wiederhole ich zuerst den großen Grundsatz: Erstlich. Was im Reich der Menschheit nach dem Umfange gegebner National-Zeit- und Ort um stände gescheiten kann, geschiehst in ihm wirklich; Griechenland giebt hievon die reichsten und schönsten Erweise. In der phosischcn Natur zahlen wir nie auf Wunder: wir bemerken Gesetze, die wir allenthalben gleich wirksam, unwandelbar und regelmäßig finden; wie? und das Reich der Menschheit mit seinen Kräften, Veränderungen und Leidenschaften sollte sich dieser Naturketre entwinden? Setzet Sinesen nach Griechenland und cs wäre unser Griechenland nie entstanden; setzt unsre Griechen dahin, wohin Darius die gefangenen Eretricr führte: sie werden kein Sparta und Athen bilden. Betrachtet Griechenland jetzt; ihr findet die alten Griechen, ja oft ihr Land nicht mehr. Sprächen sie nicht noch einen Rest ihrer Sprache, sähet ihr nicht noch Trümmern ihrer Denkart, ihrer Kunst, ihrer Städte, oder wenigstens ihre alten Flüsse und Berge; so müßtet ihr glauben, das alte Griechenland sey euch als eine Insel der Kalypso oder des Alcinous vorgedichtet worden. Wie nun diese neuern Griechen nur durch die Zeirfolge, in einer gegebenen Reihe von Ursachen und Wirkungen das worden sind, was sic wurden; nicht minder jene alten, nicht minder jede Nation der Erde. Die ganze Menschengcschichte ist eine reine Naturgcschichte menschlicher Kräfte, Handlungen und Triebe nach Ort und Zeit. der Geschichte der Menschheit. igS So einfach dieser Grundsatz ist: so aufklarend und nützlich wird er in Behandlung der Geschichte der Völker. Jeder Geschichtforscher ist mit mir einig , daß ein nutzloses Anstaunen und Lernen derselben den Namen der Geschichte nicht verdiene; und ist dies, so muß bei jeder ihrer Erscheinungen wie bei einer Naturbegebenheit der überlegende Verstand mit seiner ganzen Scharfe wirken. Im Erzählen der Geschichte wird dieser also die größeste Wahrheit, im Fassen und Beurtheilcn den vollständigsten Zusammenhang suchen und nie eine Sache, die ist oder geschieht, durch eine andre, die nicht ist, zu erklären streben. Mit diesem strengen Grundsatz verschwinden alle Ideale, alle Phantome eines Zau- berfeldes: überall sucht man, rein zu sehen was da ist und sobald man dies sah, fällt meistens auch die Ursache ^in die Augen, warum es nicht anders als also seyn konnte? Sobald das Gcmüth an der Geschichte sich diese Gewohnheit eigen gemacht hat, hat es den Weg der gesunderen Philosophie gesunden , den es außer der Naturgeschichte und Mathematik schwerlich anderswo finden konnte. Eben dieser Philosophie zufolge werden wir uns also zuerst und vorzüglich hüten, den Lharerschei- nungen der Geschichte verborgne einzelne Absichten eines uns unbekannten Entwurfs der Dinge oder gar die magische Einwirkung unsichtbarer Dämonen anzudichten, deren Namen man bei Naturerscheinungen auch nur zu nennen sich nicht getraute. Das Schicksal offenbart seine Absichten durch das was geschieht und wie es geschichct; also entwickelt der Betrachter der Geschichte diese Absichten blos aus dem, was da ist und sich in seinem ganzen Umfange zeiget. Warum N 2 warm die aufgeklärten Griechen in der Welt? Weil sic da waren und unter solchen Umstanden nicht anders als aufgeklärte Griechen sevn konnten. Warum zog Alexander Nach Indien? Weil er Philipps Sohn Alexander war und nach den Anstalten seines Vaters, nach den Thatcn seiner Nation, nach seinem Alter und Charakter, nach seinem Lesen Homers u. f. nichts bessers zu thun wußte. Legten wir seinem raschen Entschluß verborgene Absichten einer höheren Macht und seinen kühnen Lhaten eine eigne Glücksgöttin unter. so liefen wir Gefahr, dort seine schwärzesten Unbesonnenheiten zu göttlichen Endzwecken zu machen, hier seinen persönlichen Muth und seine Kriegsklugbeit zu schmälern, überall aber der ganzen Begebenheit ihre natürliche Gestalt zu rauben. Wer in der Naturgeschichte den Feenglauben hätte, daß unsichtbare Geister die Rose schminken oder den^ silbernen Thau in ihren Kelch tröpfeln, wer den Glauben hätte, daß kleine Lichtgcister den Leib des Nachtwurms zu ihrer Hülle nehmen oder auf dem Schweif des Pfauen spielen, der mag ein sinnreicher Dichter sepn; nie wird er als Natur - oder als Geschichtsorscher glanzen. Geschichte ist die Wissenschaft dessen was da ist, nicht dessen was nach geheimen Absichten des Schicksals etwa wohl seyn könnte. Zweitens. Was von Einem Volk gilt, gilt auch von der Verbindung mehrerer Völker unter einander; sie stehen zusammen, wie Zeit und Ort sie band: sie wirken aufeinander, wie der Zusammenhang lebendiger Kräfte es bewirkte. Aus die Griechen haben Asiaten und sie auf jene zurückgcwirket. Römer, Gothen, Türken, der Geschichte der Menschheit. 197 Christen übcrmanneten sie und Römer, Gothen, Christen haben von ihnen mancherlei Mittel der Aufklärung erhalten; wie hangen diese Dinge zusammen? Durch Drt, Zeit und die natürliche Wirkung lebendiger Kräfte. Die Phönicier brachten ihnen Buchstaben ; sie hatten aber diese Buchstaben nicht für sie erfunden: sie brachten ihnen solche, weil sic eine Colome zu ihnen schickten. So wars mit den Hellenen und Acgvptern: so mit den Griechen, da sie gen Baktra zogen: so istö mit allen Geschenken der Muse, die wir von ihnen erhielten. Homer sang; aber nicht für uns: nur weil er zu uns kam, haben wir ihn und dürfen von ihm lernen. Hatte ihn uns Ein Umstand der Zeitenfolge geraubt, wie so viel andre vortreffliche Werke; wer wollte mit der Absicht eines geheime» Schicksals rechten, wenn er die natürlichen Ursachen seines Unterganges vor sich sichet? Man gehe die verlohrnen und erhaltenen Schriften, die verschwundenen und übriqgcbliebcnen Werke der Kunst sammt den Nachrichten über ihre Erhaltung und Zerstörung durch und wage es die Regel anzuzeigen, nach welcher in einzelnen Fällen das Schicksal erhielt oder zerstörte? Aristoteles ward in Einem Exemplar unter der Erde, andre Schriften als verworfne Pergamente in Kellern und Kisten, der Spötter Aristophanes unter dem Kopfkissen des H. Chrvsostomus erhalten, damit dieser aus ihm predigen lernte und so sind die verworfensten kleinsten Wege gerade diejenigen gewesen , von denen unsre ganze Aufklärung abhing. Nun ist unsre Aufklärung unstreitig ein großes Ding in der Weltgeschichte: sie hat fast alle Völker in Aufruhr gebracht und legt jetzt mit Her schel die Milchstraßen des Himmels wie Scrata auseinander.. 198 Ideen zur Philosophie Und dennoch von welchen kleinen Umständen ding sie ab, die uns das Glas und einige Bücher brachten! so daß wir ebne diese Kleinigkeiten vielleicht noch wie unsere alten Brüder die unsterblichen Scythen mit Weibern und Kindern auf Wagenhäuscrn führen. Hatte die Reihe der Begcbenbciten cs gewollt, daß wir statt griechischer mongolische Buchstaben erhalten sollten: so schrieben wir jetzt mongolisch und die Erde ginge desshalb mit ihren Jahren und Jahrszeitcn ihren großen Gang fort, eine Ernährerin alles dessen, was nach göttlichen Naturgesetzen auf ihr lebet und wirket. Drittens. Die Eultur eines Volks ist die Blüthe seines Daseyns, mit welcher es sich zwar angenehm, aber hinfällig o ff en b a r e t. Wie der Mensch, der auf die Welt kommt, nichts weiß ; er muß, was er wissen will, lernen: so lernt ein rohes Volk durch Uebung für sich oder durch Umgang von andern. Nun hat aber jede Art der menschlichen Kenntnisse ihren eignen Kreis d. i. ihre Natur, Zeit, Stelle und Lebensperiode: die griechische Eultur z. B. erwuchs nach Zeiten, Orten und Gegenständen und sank mit denselben. Einige Künste und die Dichtkunst gingen der Philosophie zuvor: wo die Kunst oder die Rednerei blühte, durfte nicht eben auch die Kriegskunst oder die patriotische Tugend blühen ; die Redner Athens bewiesen ihren größesten Enthusiasmus , da es mit dem Staat zu Ende ging und seine Redlichkeit hinwar. Aber das haben alle Gattungen menschlicher Aufklärung gemein, daß jede zu einem Punkt der Vollkommenheit strebet, der, wenn er durch einen Zusammenhang glücklicher Umstande hier oder dort er- der Geschichte der Menschheit. Zgs reicht ist, sich weder ewig erhalten noch auf der Stelle wicderkommen kann, sondern eine abnehmende Reihe anfangt. Jedes vollkommenste Werk nämlich , sofern man von Menschen Vollkommenheit fodcrn kann, ist sin Höchstes in seiner Art; hinter ihm sind also hlos Nachahmungen oder unglückliche Bestrebungen, es übertrcffen zu wollen, möglich. M Homer gesungen hatte, war in seiner Gattung kein zweiter Homer denkbar; jener hatte die Blüthe des epischen Kranzes gepflückt und wer auf ihn folgte, mußte sich mit einzelnen Blättern begnügen. Die griechischen Trauerspicldichter wählten sich also eine andre Laufbahn : sie aßen, wie Aefchylus sagt, vom Tisch Homers, bereiteten aber für ihr Zeitalter ein anderes Gastmahl. Auch ihre Periode ging vorüber: die Gegenstände des Trauerspiels erschöpften sich und konnten von den Nachfolgern der größesten Dichter nur verändert d. i. in einer schlechtem Form gegeben werden , weil die bessere, die höchstschöne Form des griechischen Drama mit jenen Mustern schon gegeben war. Trotz aller seiner Moral konnte Euripides nicht mehr an Sophokles reichen, geschweige daß er ihn im Wesen seiner Kunst zu übertreffen vermocht hätte und der kluge Aristophanes wählte daher eine andre Laufbahn. So wars mit allen Gattungen der griechischen Kunst und wird unter allen Völkern also bleiben; ja daß die Griechen in ihren schönem Zeiten dieses Naturgesetz einsahn und ein Höchstes durch ein noch Höheres nicht zu übcrstreben suchten, das eben machte ihren Geschmack so sicher und die Ausbildung desselben so mannigfaltig. Als Phidias feinen allmächtigen Jupiter erschaffen hatte, war kein höherer Jupiter möglich; wohl aber konnte das Ideal desselben WZ so» Ideen zur Philosophie auch auf andere Götter seines Geschlechts angewandt werden und so erschuf man jedem Gott seinen Charakter: die ganze Provinz der Kunst ward bepflanzet. Arm und klein wäre cS also, wenn wir unsre Liebe zu irgend einem Gegenstände menschlicher Cultur der allwaltenden Vorsehung als Regel verzeichnen wollten, um dem Augenblick, in welchem er allein Platz gewinnen konnte, eine unnatürliche Ewigkeit zu geben. Es hieße diese Bitte nichts anders, als das Wesen der Zeit zu vernichten und die ganze Natur der Endlichkeit zu zerstören. Unsere Jugend kommt nicht wieder; mithin auch nie die Wirkung unsrer Seclenkräfte, wie sie dann und dort war. Eben daß die Blume erschien, zeigt, daß sie verblühen werde: von der Wurzel aus hat sic die Kräfte der Pflanze in sich gezogen und wenn sie stirbt, stirbt die Pflanze ihr nach. Unglücklich wäre es gewesen, wenn die Zeit, die einen Perikles und Sokrates hcrvorbrachte, nur Ein Moment langer hätte daurcn sollen, als ihr die Kette der Umstände Dauer bestimmte; es war für Athen ein gefährlicher, unerträglicher Zeitpunkt. Eben so eingeschränkt wäre es, wenn die Mythologie Homers in den Gemächern der Menschen ewig dauern, die Götter der Griechen ewig herrschen, ihre De- mosthenc ewig donnern sollen u. f. Jede Pflanze der Natur muß verblühen; aber die verblühete Pflanze streut ihren Samen weiter und dadurch erneuert sich die lebendige Schöpfung. Shakespeare war kein Sophokles, Milton kein Homer, Aolingbrocke kein Perikles ; sie waren aber das in ihrer Art und auf ihrer Stelle, was jene in der ihrigen waren. Jeder strebe also auf seinem Platz, zu scyn was er in der Folge der Geschichte der Menschheit. 2n» der Dinge seyn kann; dies soll er auch seyn und ein andres ist für ihn nicht möglich. Viertens. Die Gesundheit und Dauer eines Slaats . beruhel nicht auf dem Punkt seiner höchsten Eultur sondern auf eine in weisen oder glücklichen Gleichgewicht seiner lebendig-wirken- den Kräfte. Je tiefer bei diesem lebendigen Streben sein Schwerpunkt liegt: desto fester und bau re über ist er. Worauf rechneten jene alten Einrichter der Staaten ? Weder auf trage Ruhe, noch auf ein Aeußcrstes der Bewegung; wohl aber auf Ordnung und eine richtige Vertheilung der nie schlafenden, immer erweckten Kräfte. Das Principium dieser Weisen war «ine der Natur abgelcrnte ächte Menschen-Weisheit. Jedesmal da ein Staat auf seine Spitze gestellt ward, gesetzt daß es auch vom glänzendsten Mann unter dem blendendsten Vorwände geschehen wäre, gerieth er in Gefahr des Unterganges und kam zu seiner vorigen Gestalt nur durch eine glückliche Gewalt wieder. So stand Griechenland gegen die Perser auf einer fürchterlichen Spitze: so strebten Athen, Lacedämon und Theben zuletzt mit äußerster Anstrengung gegen einander , welches dem ganzen Griechenlandc den Verlust der-Freiheit zuzog. Gleichergestalt stellte Alexander mit seinen glänzenden Siegen das ganze Gebäude seines Staats auf eine Kegelspitze; er starb, der Kegel fiel und zerschellte. Wie gefährlich Alcibiades und Perikles für Athen gewesen, beweiset ihre Geschichte; ob es gleich eben so wahr ist, daß Zeitpunkte dieser Art, zumal wenn sie bald und glücklich ausgehen, seltene Wirkungen zum Vorschein bringen und un- 202 Ideen zur Philosophie rc. glaubliche Kräfte regen. Alles Glänzende Griechen- landcs ist durch die rege Wirksamkeit vieler Staaten und lebendiger Kräfte; alles Daurcnde und Gesunde seines Geschmacks und seiner Verfassung dagegen ist nur durch ein weises, glückliches Gleichgewicht seiner strebenden Kräfte bewirkt worden. Jedesmal war das Glück seiner Einrichtungen um so daurendcr und edler, je mehr es sich auf Humanität d. i. aus Vernunft und Billigkeit stützte. Hier nun bäte sich uns ein weites Feld der Betrachtungen über die Verfassung Griechenlands dar, was es mit seinen Erfindungen und Anstalten sowohl für die Glückseligkeit seiner Bürger als für die gestammte Menschheit geleistet habe. Hiezu aber ists noch zu früh. Wir müssen erst mehrere Zeitverbindungcn und Volker durchschauen, ebe wir hierüber zu sichern Resultaten schreiten. Vierzehntes Buch. -X^?ir nähern uns der Küste, die den meisten bisher betrachteten Staaten ihren oft schrecklichen Untergang gebracht hat: denn von Rom aus ergoß sich wie eine wachsende Fluth das Verderben über die Staaten Grofigricchenlandes , über Griechenland selbst ^ und über alle Reiche, die von den Trümmern des Tbrons Alexanders erbauet waren. Rom zerstörte Karthago, Korinth, Jerusalem und viel andre blühende Städte der griechischen und Asiatischen Welt; so wie es auch in Europa jeder mittäglichen Eultur, an welche seine Waffen reichten, insonderheit seiner Nachbarin Etrurien und dem Muthvollcn Numantia ein trauriges Ende gemacht hat. Es ruhete nicht, bis es vom westlichen Meer bis zum Euphrat, vom Rhein bis zum Atlas eine Welt von Völkern beherrschte; zuletzt aber auch über die vom Schicksal ihm bezeichnete Linie hinausbrach und nicht nur durch 204 Ideen zur Philosophie den tapfer» Widerstand nördlicher oder Bergvölker sein Ziel, sondern auch durch innere Ueppigkeit und Zwietracht, durch den grausamen Stolz seiner Beherrscher, durch die fürchterliche Soldatcnrcgicrung, endlich durch die Wuth roher Völker, die wie Wogen des Meers hinanstürzte», sein unglückliches Ende fand. Nie ist das Schicksal der Völker langer und mächtiger an Eine Stadt geknüpft gewesen, als unter der Römischen Weltbcherrschung und wie sich bei derselben auf Einer Seite alle Starke des menschlichen Muths und Entschlusses, mehr aber noch viel kriegerische und politische Weisheit entwickelt hat: so sind auch auf der andern Seite in diesem großen Spiel Hartigkeiten und Laster erschienen, vor denen die menschliche Natur zurückschaudern wird, so lange sie Einen Punkt ihrer Rechte fühlet. Wunderbarer Weife ist dies Rom der steile, fürchterliche Ucbergang zur ganzen Eultur Europa's worden, indem sich in seinen Trümmern nicht nur die geplünderten Schatze aller Weisheit und Kunst einiger alten Staaten in traurigen Resten gerettet haben, sondern auch durch eine sonderbare Verwandlung die Sprache Roms das Werkzeug ward, durch welches man alle jene Schatze der altern Welt brauchen lernet. Noch jetzt wird uns von Jugend auf die lateinische Sprache daS Mittel einer gelehrteren Bildung und wir, die wir so wenig Römischen Sinnes und Geistes haben, sind bestimmt, Römische Welcverwüstec eher kennen zu lernen, als die sanfter» Sitten milderer Völker oder die Grundsätze der Glückseligkeit unsrer Staaten. Marius und Sulla, Easac und Oktavius sind unsre frühere Bekannten als die Weisheit Sokrates oder die Einrichtungen unsrer Vater. Auch hat die Römische ^ --.^- der Geschichte der Menschheit. rc>5 Geschichte, weil an ihrer Sprache die Cultur Europa's hing, sowohl politische als gelehrte Erläuterungen erhalten , deren sich fast keine Geschichte der Welt rühmen darf: denn die größestcn Geister, die über Geschichte dachten , dachten über sic und entwickelten über Römischen Grundsätzen und Thaten ihre eignen Gedanken. Wir gehen also auf dem Blutbctrieften Boden der Römischen Pracht zugleich wie in einem Heiligthum classischer Gelehrsamkeit und alter übertriebner Kunstwerke umher, wo uns bei jedem Schritt ein neuer Gegenstand an versunkne Schatze einer alten nie wicderkehrenden Weltherrlichkeit erinnert. Die Fasces der Uebcrwindcr, die einst unschuldige Nationen züchtigten, betrachten wir als Sprößlinge einer hochherrlichen Eultnr, die durch traurige Zufälle auch unter uns gepflanzt worden. Ehe wir aber die Wclt-Ueberwinderin selbst kennen lernen, müssen wir zuvor der Humanität ein .Opfer bringen und wenigstens den Blick des Bcdaurens auf ein nachbarliches Volk werfen, das zur früheren Bildung Roms das meiste beitrug, leider aber auch seinen Eroberungen zu nahe lag und ein trauriges Ende erlebte. Ideen zur Philosoph!« 2L>6 I. Etrusker und Lateiner. V^chon ihrer Lage nach war die hervorgestreckce Halbinsel, Italien, einer Menge verschiedener Ankömmlinge und Bewohner fähig. Da sie im oben, Thcil mit dem großen festen Lande zusammcnhängt, das von Spanien und Gallien aus, über Illyrien hin, sich bis zum schwarzen Meer, der großen Wegscheide der Volker verbreitet und längs dem Meer hin gerade den Küsten Illyriens und Griechcnlandes gegen über liegt: so wars unvermeidlich, daß nicht in jenen Zeiten uralter Völkerwanderungen auch vcr- schiedne Stämme verschiedner Nationen längsab dahingelangen mußten. Oberhalb waren einige von ihnen Iberischen, andre Gallischen Stammes; hin- unterwärts wohnten Ausonier, deren höheren Ursprung man nicht weiß und da sich mit den meisten dieser Völker Pelasger und späterhin Griechen, ja vielleicht selbst Trojaner und jene aus verlchiednen Gegenden zu verschiednen Zeiten vermischt haben: so kann man schon dieser merkwürdigen Ankömmlinge wegen Italien als ein Treibhaus ansehn, in welchem früher oder später etwas Merkwürdiges hervorsprießen mußte. Viele dieser Völker kamen nämlich nicht ungebildet hieher: die Pelasgitchcn Stämme hatten ihre Buchstaben, ihre Religion und Fabel: manche Jberiec, der Geschichte der Menschheit. 207 die dem Phönicischen Handel nahe gewohnt hatten, vielleicht auch; es kam also nur darauf an, aus welcher Stelle und in welcher Weise die einländischs Blüthe sich Hervorthun würde. Sie sproßte bei den Etruskern auf, die, woher sie auch gewesen scyn mögen, Eins der frühesten und eigenthümlichsten Völker, im Geschmack und in der Eullur wurden. Auf Eroberungen ging nicht ihr Sinn; aber auf Anlagen, Einrichtungen, Handel, Kunst und Schifffahrt, zu welcher ihnen die Küsten dieses Landes sehr bequem waren. Fast in ganz Italien bis nach Eampanien hin haben sie Pflanz- stadte angelegt, Künste eingefübrt und Handel getrieben , so daß eine Reihe der berühmtesten Städte dieses Landes ihnen ihren Ursprung verdanket *). Ihre bürgerliche Einrichtung, in welcher sie den Römern selbst zum Vorbilde dienten, hebt sich hoch über die Verfassung der Barbaren empor und hat zugleich so ganz das Gepräge eines Europäischen Geistes, daß sie gewiß von keinem Asiatisch - oder Afrikanischen Volk entlehnt sepn konnte. Nahe noch vor den Zeiten ihres Unterganges war Etrurien eine Gemein-Republik von zwölf Stammen, nach Grundsätzen vereinigt, die in Griechenland selbst weit spater und nur durch die äußerste Noch erzwungen wurden. Kein einzelner Staat durste ohne Theilnchmung des gesummten Ganzen Krieg anfangen oder Frieden *) S. Oeinrtsr. kltrur. Uegal. cum odservat. 8uc> neroli et pexrillpom. t'Lsrerli. kUoreur. 172a. 1767. 2kiö Ideen zur Philosophie schließen; der Krieg selbst war von ihnen schon zu einer Kunst gemocht, da sie zu Zeichen des Angriffes, des Abzuges, des Marsches, des Fechtens in geschienen Gliedern, die Kriegslrompcte, die leichten Spieße, das Pilum u. st erfunden batten oder gebrauchten. Mit dem feierlichen Recht der Herolde, das sie einführten, beobachteten sie eine Art Krieges- und Völkerrechts; wie denn auch die Auaurl.n und mehrere Gebrauche ihrer Religion, die uns blos Aberglaube dünken, offenbar zugleich Werkzeuge ihrer StaatScinrichtung waren, durch welche sie in Italien als das erste Volk erscheinen, das die Religion Kunsimaßig mit dem Staat zu verbinden suchte. In allem diesen hat Rom fast alles von ihnen gelernt und wenn (Einrichtungen solcher Art unlaugbar zur Festigkeit und Größe der römischen Macht beitrugen; so sind die Römer den Etruskern hierin das meiste schuldig. Auch die Schifffahrt trieb dieses Volk frühe schon als wirkliche Kunst und herrschte in Eoloniccn oder durch Handel längs der Italienischen Küste. Sie verstanden die Befestigungs- und Baukunst; die Toskanische Säule, alter als selbst die Dorische der Griechen, hat von ihnen de» Namen und ist von keinem fremden Volk entlehnet. Sie liebten das Wettrennen auf Wagen, Theatcrspiele, die Musik, ja auch die Dichtkunst und hatten, wie ihre Kunstdcnkmahlc zeigen, die Pelasqische Fabel sich sehr eigen zugebildet. Jene Trümmern und Scherben ihrer Kunst, die uns meistens nur das rettende Todtenreich aufbcwahrt hat, zeigen, daß sie von den rohesten Anfängen ausgegangcn sind und auch nachher in der Bekanntschaft mehrerer Völker, selbst der Griechen, ihrer eigcnthümlichen Denkart treu der Geschichte der Menschheit. 2og treu zu bleiben wußten. Sie hciben wirklich einen eignen Styl der Kunst *) und haben diesen wie den Gebrauch ihrer Religionssagcn bis über das Ende ihrer Freiheit behauptet. **) So scheinen sie auch in guten bürgerlichen Gesetzen für beide Geschlechter, in Anstalten für den Acker- und Weinbau, für die innere Sicherheit des Handels, für die Aufnahme der Fremden u. f den Rechten der Menschheit näher gekommen zu seyn, als selbst späterhin manche griechische Republiken kamen und da ihr Alphabet der nähere Typus aller Europäischen Alphabete geworden ist, so dürfen wir Etrurien als die zweite Pflanzstäte der Eulkur unsres Wclttheils ansehen. Um so mehr ists zu bedaurcn, daß wir von den Bestrebungen dieses kunstreichen, gesitteten Volks so wenige Denkmahle und Nachrichten haben: denn selbst die nähere Geschichte ihres Unterganges hat uns ein feindlicher Zufall gcraubet. Woher nun diese Etruskische Blüthe? woher daß sie nicht zur griechischen Schönheit stieg und vor dem Gipfel ihrer Vollkommenheit verblühte? So wenig wir von den Etruskern wissen: so sehen wir *) S. Wink etwa uns Geschichte der Kunst LH. I. Kap. b. **) S. kleine 6« kabnlarnin reliAionnin^ns Oraeearnin al> Utrnsca arte k> e^uentatarnin natura er caussls: cle reiiguiis patriae religio- nis in artis latruseae invuuineutis: Utrusea -tntiguitas a ccuunientitiis interpretainentis Ilverata: H.rtis Ltruseae inoniinenta ael gs- nera et teinpora sua revoeata in Ibl, Lonr- nientariis 8oe. Oottinz. 1h Hl, seg, Phil, und Gesch. V. LH. O l-lcen, m. 2io Ideen zur Philosophie doch auch bei ihnen das große Naturwerk in Bildung der Nationen, das sich nach innern Kräften und äußern Verbindungen mit Ort und Zeit gleichsam selbst umschreibet. Ein Europäisches Volk waren sie, schon weiter entfernt vom allbewoknlen Asien, jener Mutter der früheren Bildung. Auch die Pelasgischen Stämme kamen als halb verwilderte Wanderer an diese oder jene Italienische Küste ; da Griechenland hingegen dem Zusammenstrom gebildeter Nationen wie im Mittelpunkt lag. Hier drängeten sich mehrere Volker zusammen, so daß auch die Etruskische Sprache ein Gemisch mehrerer Sprachen scheinet; *) dem vielbewohntcn Italien war also die Blüthe der Bildung aus Einem reinen Keime versagt. Schon daß der Appennin voll roher Bergvölker .mitten durch Italien streichet, ließ jene Einförmigkeit Eines Reiches oder National - Geschmacks nicht zu, aus welche sich doch allein die feste Dauer einer allgemeinen Landes - Eultur gründet. Auch in später« Zeiten hat kein Land den Römern mehr Mühe gekostet, als Italien selbst und sobald ihre Herrschaft dahin war, ging es abermals in seinen natürlichen Zustand der mannigfaltigsten Thcilung über. Die Lage seiner Länder nach Gc- birg' und Küsten, so wie auch der verschiedne Stammescharakter seiner Bewohner machte diese Thcilung natürlich: denn noch jetzt, da die politische Gewalt alles unter Ein Haupt zu bringen oder an Eine Kette zu reihen sucht, ist unter allen Ländern Europas Italien das viclgetheilteste Land geblieben. Auch j S. kasseiii p'srslixoin. sä Uoinsteo. eto. H M r - -- - f- der Geschichte der Menschheit. 21» die Etrusker also wurden bald von mehreren Völkern bedränget und da sie mehr ein handelndes als ein kriegerisches Volk waren: so mußte selbst ihre gebildetere Kriegskunst beinahe jedem neuen Anfall wilderer Nationen weichen. Durch die Gallier ver- lohren sie ihre Platze in Ober - Italien und wurden ins eigentliche Etrurien eingeschränkt; späterhin gingen ibre Pflanzstädte in Eampanien an die Samni- ten über. Als ein Kunstliebcndes, handelndes Volk mußten sie roheren Nationen gar bald unterliegen: denn Künste sowohl als der Handel führen Ueppig- kcit mit sich, von der ihre Kolonieen an den schönsten Küsten Italiens nicht frep waren. Endlich ge- rietben die Römer über sic, denen sie unglücklicher Weise zu nahe lagen; denen also auch, Trotz alles rühmlichen Widerstandes, weder ihre Eultur noch ihr Staatcnbund ewig widerstehen mochte. Durch jene waren sie zum Theil schon ermattet, indcß Rom noch ein hartes kriegerisches Volk war: ihre Staatenverbündung konnte ihnen auch wenig Nutzen schaffen, da die Römer sie zu trennen wußten und mit einzelnen Staaten fochten. Einzeln also bezwangen sie dieselbe, nicht ohne vieljährige Mühe: da von der andern Seite auch die Gallier oft in Etrurien streiften. Das bedrängte Volk, von zwei mächtigen Feinden begränzet, erlag also dem, der seine Unterjochung mit dem festesten Plan fortsetzte; und dies waren die Römer. Seit der Aufnahme des stolzen Tarquins in Etrurien und seit dem Glück der Porsenna sahen sie diesen Staat als ihren gc- gefahrlichsten Nachbar an: denn Demütigungen, wie Rom vom Porsenna erfahren hatte, konnte es nie vergeben. Daher es kein Wunder war, wenn O s 212 Ideen zur Philosophie einem rohen Volk ein beinahe erschlafftes, einem kriegerischen ein handelndes, einer festvcreinigten Stadt ein uneiniges Staatcnbündniß zuletzt unterliege» mußte. Wenn Rom nicht zerstören sollte: so mnsite cs frühe zerstört werden und da solches der gute Porsenna nicht that: so ward sein Land endlich des verschonten Feindes Beute. Daß also die EtruSkcr auch in ihrem Knnststyl nie völlige Griechen worden sind, erklärt sich aus der Lage und Zeit, in welcher sie blühten. Ihre Dichtersabcl war blos die altere, schwere griechische Fabel, in welche sie dennoch bis zur Bewunderung Leben und Bewegung brachten: die Gegenstände, die sie in der Kunst ausdrückten, scheinen auf wenige gottesdienstliche oder bürgerliche Feierlichkeiten eingeschränkt gewesen zu seyn, deren Schlüssel wir im Einzelnen beinahe ganz verlohren haben. Ucberdem kennen wir dies Volk fast nur aus Leichenbegängnissen , Sargen und Todtcntöpfen. Die schönste Zeit der griechischen Kunst, die durch den Sieg der Perser bewirkt ward, erlebte die Freiheit der Etrusker nicht und für sich selbst hatte ihnen ihre Lage dergleichen Anlässe zum höheren Aufschwünge des Geistes und Ruhms versaget. Also müssen wir sie wie eine früh- gcreifce Frucht betrachten, die in einer Ecke des Gartens nicht ganz zur Süßigkeit ihrer Mitschwestern, die sich des milderen Glanzes der Sonnenwarme er- freun, gelangen konnte. Das Schicksal hatte den Ufern des Arno eine spatere Zeit Vorbehalten, in der sie reifere und schönere Früchte brachten. der Geschichte der Menschheit. 2i3 Dorjetzt waren die sumpfigen User der Tiber zu dem Wirkungskreise bestimmt, der sich über drei Welttheile erstrecken sollte und auch dazu schreiben sich die Anlagen lange noch vor der Entstehung RomS aus altern Zeitumstanden her. Zn dieser Gegend nämlich wars, wo der Sage nach Evander, ja Herkules selbst mit seinen Griechen, Aeneas mit seinen Trojanern gelandet hatte: hier im Mittelpunkt Italiens war Pallantium erbaut, das Reich der Lateiner mit Alba-Longa errichtet; hier war also eine Niederlage früherer Cultur, so daß einige sogar ein Rom vor Rom angenommen und die neue Stadt auf Trümmern einer alteren zu finden vermeynet haben. Das letzte ist ohne Grund, da Rom wahrscheinlich eine Eolonie von Alba-Longa unter der Anführung zweier glücklicher Abcrtheurcr war: den» unter andern Umstanden würde man diese traurige Gegend schwerlich gewählt haben. Lasset uns indessen sehen, was eben in ihr Rom gleich von Anfänge an, vor und um sich hakte, um, sobald es den Brüsten der Wölfin entkam, sich zum Kampf und zum Raube zu üben. Lauter kleine Völker wohnten rings um dasselbe; daher es bald in den Fall kam, nicht nur seinen Unterhalt, sondern selbst seinen Platz sich zu erstreiten. Die frühen Fehden mit den Cäninensern, Cru- stumincrn, Antemnatcn, den Sabinern, Camcrinern, Fidenaten, Vejentern u. f. sind bekannt: sic machten das kaum entstandene Rom, das aus der Grenze der verschiedensten Völker gebauet war, von Anfänge 214 Ideen zur Philosophie an gleichsam zu einem stellenden Feldlager und gewohnten den Feldherren sowohl als den Senat, die Ritter und das Volk zu Triumphaufzügcn über beraubte Volker. Diese Triumphaufzügc, die Rom von den benachbarten Etruskern annahm, wurden dem Lander-armen, dürftigen, aber volkreichen und kriegerischen Staat die große Lockspeise zu auswärtigen Befehdungen und Streifereien. Vergebens baucte der friedliche Numa den Tempel des Janus und der Göttin Fides; vergebens stellte er Grenzgötter auf und feierte Grenzfeste. Nur in seinen Lebzeiten dauerte diese friedliche Einrichtung: denn das durch die dreißigjährigen Siege seines ersten Beherrschers zum Raube gewöhnte Rom glaubte auch seinen Jupiter nicht bester ehren zu können, als wen» cs ihm Beute brächte. Ein neuer Kriegsgeist folgte dem billigen Gesetzgeber und Tullius Hostilius bekriegte schon die Mutter seiner Stadt selbst, Alba-Longa. Er schleifte sie und versetzte die Albaner nach Rom; so bezwangen Er und seine Nachfolger die Fidennten, Sabiner, zuletzt alle lateinische Städte und gingen auf die Etrusker. Alle das wäre von selbst unterblieben , wenn Rom an einem andern Ort gebauet oder von einem mächtigen Nachbar früh unterdrückt worden wäre. Jetzt drang es als eine lateinische Stadt sich gar bald dem Bunde der lateinischen Städte zum Oberhaupt auf und verschlang zuletzt die Lateiner: es mischte sich mit den Sabinern, bis cs auch sie unterjochte: es lernte von den Etruskern, bis es sic unter sich brachte und so nahm es Besitz von seiner dreifachen Grenze. Allerdings ward zu diesen frühen Unternehmungen der Charaktev solcher Könige erfodert, als Rom der Geschichte der Menschheit. 2i5 hatte, insonderheit der Cbarakter ihres ersten Königs. Dieser, den auch ohne Fabel die Milch einer Wölfin qenabrr batte; offenbar war er ein muthiger, kluger, kühner Abenthcurcr, wie es auch seine ersten Gesetze und Einrichtungen sagen. Schon Numa milderte einige derselben; ein deutliches Kennzeichen, daß es nicht in der Zeit, sondern in der Person lag, die solche Gesetze gegeben. Denn wie roh der Heldengeist der frühem Römer überhaupt gewesen, zeigt so manche Geschichte eines Horatius Eocles, Junius Brutus, Mutius Scavola, das Betragen einer Tullia, Targuins u. f. Glücklich wars also für diesen räuberischen Staat, daß in der Reibe seiner Könige rohe Tapferkeit sich mit politischer Klugheit, beide aber mit patriotischer Großmuth mischten; glücklich, daß auf den Romulus ein Numa, auf diesen ein Tullius, Ankus, nach solchen abermals ein Tarquin und auf ihn ServiuS folgte, den nur persönliche Verdienste vom Stande eines Sklaven bis zum Thron hinauf führen konnten. Glücklich endlich, daß diese Könige, von so vcrschiednen Eigenschaften , lange regierten, daß also jeder derselben Zeit hatte, die Zugabe seines Geistes in Rom zu sichern; bis endlich ein frecher Tarquinius kam und die festgegründcte Stadt sich eine andre Regierungsform wählte. Eine auserlesene, immer verjüngte Reihe von Kriegsmanncrn und rohen Patrioten trat jetzo auf, die auch ihre Triumphe jährlich zu verjüngen und ihren Patriotismus auf tausendfache Art zu wenden und zu stahlen suchten. Wollte man einen politischen Roman erfinden, wie ein Nom etwa habe entstehen mögen? so wird man schwerlich glücklichere Umstande erdenken, als hier die Geschichte 2,6 Ideen zur Philosophie oder die Fabel uns wirklich giebt *). Rhca Sylvia und das Schicksal ihrer Söhne, der Raub der Sabinerinnen und die Vergötterung des Quirinus, jedes Abentheuer von robcr Gestalt in Kriegen und Siegen, zuletzt ein Targuin und eine Lukrezia, ein Junius Brutus, Poplicola, Mutius Scavola u. f. gehören dazu, um in der Anlage Roms selbst schon eine ganze Reihe künftiger Erfolge zu mahlen. Ueber keine Geschichte ist daher leichter zu philosophircn gewesen, als über die Römische Geschichte, weil der politische Geist ihrer Geschichtschreiber uns im Lauf der Begebenheiten und Thatcn die Kette der Ursachen und Wirkungen selbst vorsühret. *) M o n t e s q u i c u in seiner schönen Schrift: sur la granäeur et sur la clecaäeuce äes Ilo- mains hat sie beinah schon zu einem politischen Roman erhoben. Vor ihm hatten M a c c h i- avell, Paruta und viel andre scharfsinnige Italiener sich in politischen Betrachtungen über sie grübet. der Geschichte der Menschheit. 217 II. Aoms Einrichtungen zu einem herrschenden Staats - und Kriegsgebäude. H-omulus zählte sein Volk und theilte es in Zünfte, Eurien und Eenturie»; er überschlug die Aecker und vertheilte sie dem Gottesdienst, dem Staat und dem Volke. Das Volk sonderte er in Edle und Bürger; aus jenen schuf er den Senat und verband mit.den ersten Aemtern des Staats auch die Heiligkeit prie- sterlicher Gebrauche. Ein Trupp von Rittern wurde gewählt, die in den spätern Zeiten eine Art Mittelstandes zwischen dem Senat und Volk ausmachren; so wie auch diese beiden Hauptstande durch Patrone und Clienten näher mit einander verknüpft wurden. Von den Etruskern nahm Romulus die Liktors mit Stäben und Beil; ein furchtbares Zeichen der Obergewalt, welches künftig jede höchste Obrigkeit in ihrem Kreise von Geschäften, nicht ohne Unterschiede, mit sich führte. Er schloß fremde Götter ans, um Rom seinen eigenen Schutzgott zu sichern; er führte die Augurien und andre Wahrsagungen ein, die Religion des Volks mit den Geschäften des Krieges und Staats innig verwebend. Er bestimmte das Verhältnis des Weibes zum Manne, des Vaters zu 2l8 Ideen zur Philosophie seinen Kindern, richtete die Stadt ein, feierte Triumphe, ward endlich erschlagen und als ein Gott an- gcbctet. Siehe da die einfachen Punkte, uni welche sich nachher das Rad der römischen Begebenheiten unaufhörlich walzet. Denn wenn nun mit der Zeit die Elasten des Volks vermehrt, verändert oder einander entgegengesetzt werden; wenn bittre Streitigkeiten entstehen, was für die Elasten oder Zünfte des Volks und für welche derselben cs zuerst gehöre? wenn Unruhen über die wachsende Schuldenlast der Bürger und die Bedrückungen der Reichen sich erheben, also auch so manche Vorschläge zur Erleichterung des Volks durch Zunftmeister, Vertheilung der Aecker, oder die Rechtspflege durch einen Mittlern, den Ritterstand gethan werden, wenn Streitigkeiten über die Grenzen des Senats, der Patrizier und Plebejer bald diese, bald jene Form annehmen, bis beide Stande sich unter einander verlieren; so sehen wir in alle diesem nichts als nothwendigc Zufalle einer roh zusammengesetzten, lebendigen Maschine, wie der Römische Staat innerhalb der Mauern einer Stadt scyn mußte. Ein Gleiches ists mit den Vermehrungen obrigkeitlicher Würden, da die Zahl der Bürger, der Siege, der eroberten Lander und die Bedürfnisse des Staats wuchsen: ein Gleiches mit den Einschränkungen und Vermehrungen der Triumphe, der Spiele, des Aufwandes, der männlichen und väterlichen Gewalt, nach den verschiedenen Zeitaltern der Sitten und Denkart; lauter Schattirun- gcn jener alten Stadt-Einrichtung, die Romulus zwar nicht erfand, sie aber mit so fester Hand hinstellte, daß sic bis unter die Gewalt der Kaiser, ja fast bis auf den heutigen Tag der Grund der Römischen der Geschichte der Menschheit. 219 Verfassung bleiben konnte. Sic heißt: 8. ?. (). li. *); vier Zauberworte, die die Welt unterjocht, zerstört und Rom zuletzt selbst durch einander unglücklich gemacht haben. Lasset uns einige Haupt-Momente der Römischen Verfassung bemerken, aus denen das Schicksal Roms, wie der Baum aus seinen Wurzeln , entsprossen zu feyn scheinet. i. Der Römische Senat, wie das Römische Volk waren von frühen Zeiten an Krieger; Rom von seinem höchsten bis im Nothfall zum niedrigsten Gl icde war ein Kriegsstaat. Der Senat rakhschlagte; er gab aber auch in feinen Patriciern Feldherren und Gesandte: der wohlhabende Bürger i hon seinem siebzehnten bis zum sechs und Vierzigoder gar fünfzigsten Jabr mußte zu Felde dienen. Wer nicht zehn Kriegszüge gethan hatte, war keiner obrigkeitlichen Stelle würdig. Daher also der Staatsgeist der Römer im Felde, ihr Kriegsgeist im Staat. Ihre Berathschlagungen waren über Sachen, die sie kannten, ihre Entschlüsse wurden Thaten. Der Römische Gesandte prägte Königen Ehrfurcht ein: denn er konnte zugleich Heere führen und im Senat sowohl als im Felde das Schicksal über Königreiche entscheiden. Das Volk der ober» Eenturien war keine rohe Masse des Pöbels ; es bestand aus Kriegs- Länder-Gefchaftserfahrnen, begüterten Männern. Die armern Eenturien galten mit ihren Stimmen auch minder und wurden in den bessern Zeiten Roms des Krieges nicht einmal fähig geachtet. ) Der Römische Senat und das Römische Volk. 22k, Ideen zur Philosophie 2. Dieser Bestimmung ging die Römische Erziehung insonderheit in den edlen Geschlechtern entgegen. Man lernte rathschlagen, reden, seine Stimme geben oder das Volk lenken; man ging früh in dcn Krieg und bahnte sich dcn Weg zu Triumphen oder Ehrengeschenken und Staatsämkcm. Daher der so eigne Charakter der Römischen Geschichte und Beredsamkeit, selbst ihrer Rechtsgelehrsamkcit und Religion, Philosophie und Sprache; alle hauchen einen Staatsund Thatengeist, einen männlichen, kühnen Muth, mit Verschlagenheit und Bürger-Urbanität verbunden. Es läßt sich beinah kein größerer Unterschied gedenken , als wenn man eine Sincsisch - oder Jüdische und Römische Geschichte oder Beredsamkeit mit einander vergleichet. Auch vom Geiste der Griechen, Sparta selbst nicht ausgenommen, ist der Römische Geist verschieden, weil er bei diesem Volk gleichsam auf einer hartem Natur, auf älterer Gewohnheit, auf festem Grundsätzen ruhet. Der Römische Senat starb nicht aus: seine Schlüffe, seine Maximen und der von Romulus hergeerbte Römer - Charakter war ewig. 3. Die Römischen Feldherren waren oft Consuls, deren Amt und Feldherrn -Würde gewöhnlich nur Ein Jahr dauerte: sie mußten also eilen, um im Triumph zurückzukehrcn und der Nachfolger eilte seines Vorfahren Götter - Ehre nach. Daher der unglaubliche Fortgang und die Vervielfältigung der Römischen Kriege; einer entstand aus dem andern, wie einer dcn andern trieb. Man sparcte sich sogar Gelegenheiten auf, um künftige Feldzüge zu beginnen, der Geschichte der Menschheit. 22c wenn der jetzige vollendet wäre und wucherte mit denselben wie mit einem Kapitol der Beute, des Glücks und der Ehre. Daher das Interesse, das die Römer so gern an fremden Molkern nahmen, denen sie sich als Bundes - und Schutzvcrwandten, oder als Schiedsrichter, gewiß nicht aus Menschenliebe, aufdrangeten. Ihre Bundesfreundschaft ward Vormundschaft, ihr Rath Befehl, ihre Entscheidung Krieg oder Herrschaft. Nie hat es einen kaltern Stolz und zuletzt eine Schaamlosere Kühnheit des befehlenden Ausbringens gegeben, als diese Römer bewiesen haben; sie glaubten, die Welt sey die ihre und darum ward sie's. 4. Auch der Römische Soldat nahm an den Ehren und am Lohne des Feldherrn Theil. Zn den ersten Zeiten der Bürgertugend Roms diente man um keinen Sold: nachher ward er sparsam ertheilt; mit den Eroberungen aber und der Empochebung des Volks durch seine Tribunen wuchsen Sold, Lohn und Beute. Oft wurden die Aecker der Ucberwundenen unter die Soldaten vertheilt und cs ist bekannt, daß die meisten und ältesten Streitigkeiten der römischen Republik über die Auslheilung der Aecker unter das Volk entstanden. Späterhin bei auswärtigen Eroberungen nahm der Soldat Theil an der Beute und durch Ehre sowohl als durch reiche Geschenke am Triumph seines Feldherren selbst Theil. Es gab Bürger- Mauer-Schiffskronen und L. Dentatus konnte sich rühmen, „daß, da er hundert und zwanzig Treffen beigewohnt, achtmal im Zweikampf gesiegt, vorn am Leibe fünf- und vierzig Wunden und hinten keine erhalten, er dem Feinde fünf- und dreißigmal 22.2 Ideen zur Philosophie die Waffen abgezogen und mit achtzehn unbeschla- c,eiicn Spießen, mit fünf- und zwanzig Pfcrdczicr- rakhen, mit drei und achtzig Kelten, bundcrt und sechzig ArmrinP» , mit sechs- und zwanzig Kronen, nämlich vierzehn Bürger-, acht goldenen, drei Mauer- und Einer Errcttungskrone, außerdem mit baarem Gelbe, zehn Gefangenen und zwanzig Ochsen beschenkt sey." Weil überdies der Elwenpunkt unsrer stehenden Armeen, in denen niemand zurück dienet und nach dem Alter des Dienstes ein jeder fortrückk, in den längsten Zeiten des Römischen Staats nicht statt fand, sondern der Feldherr sich seine Tribunen und diese ihre Unterbefchlshabcr beim Anfänge des Krieges selbst wählte» : so ward nothwendig dami eine freiere Eoncurrenz zu Ehrenstcllcn und Geschah ten des Krieges eröffnet, auch ein engerer Zusammenhang zwischen dem Feldherrn, den Befehlshabern und der Armee errichtet. Das ganze Heer war ein zu diesem Feldzüge erlesener Körper, in dessen kleinstem Glieds der Feldherr durch die Vertreter seiner Stelle als Seele lebte. Je mehr mit der Zeilfolge in Nom die Mauer durchbrochen ward, die im Anfänge der Republik Patricier und Volk schied; desto mehr ward auch das Kriegsglück und die Tapferkeit rm Kriege für alle Stände der Weg zu Ehrenstellen, Reichthümern und der Macht im Staate; so daß in den später» Zeiten die ersten Allgewaltigen Roms Marius und Sulla aus dem Volk waren und zuletzt gar die schlechtsten Mensche» zu den höchsten Würden stiegen. Ohnstrcitig war dies das Verderben Roms, so wie im Anfänge der Republik der Pa- tricier-Stolz seine Stütze gewesen war und nur allmählich der drückende Hochmuth des vornehmen der Geschichte der Menschheit. 223 Standes die Ursach' aller folgenden innern Zerrüttungen wurde. Ein Gleichgewicht zwischen Senat und Volk, zwischen Patricicrn und Plebejer» zu treffen war der immerwährende Streitpunkt der Verfassung Roms, wo das Uebergewicht bald auf der Einen, bald auf der andern Seite endlich dem Freistaat ein Ende machte. 5. Dergrößefte Theil der gepriesenen Römertugend ist uns ohne die enge, harte Verfassung ihres Staats unerklärlich; jene siel weg, sobald diese wegsiel. Die Consuls traten in die Stelle der Könige und wurden nach den ältesten Beispielen gleichsam gedrungen, eine mehr als königliche, eine Römische Seele zu beweisen; alle Obrigkeiten, insonderheit die Eensors nahmen an diesem Geiste Theil. Man erstaunt über die strenge Unparteilichkeit, über die uneigennützige Großmuth, über das Geschaftvolle bürgerliche Leben der alten Römer vom Anbruch des Tages an, ja noch vor Anbruch desselben bis in die späte Dämmerung. Kein Staat der Welt hat es vielleicht in dieser ernsten Geschäftigkeit, in dieser bürgerlichen Härte so weit als Nom gebracht, in welchem sich alles nahe zusammendrangte. Der Adel ihrer Geschlechter, der sich auch durch Geschlechtsna- mcn glorreich auszeichnete, die immer erncuete Gefahr von außen und das unaufhörlich - kämpfende Gegengewicht zwischen dem Volk und den Edlen von innen; wiederum das Band zwischen beiden durch Elicntelen und Patronate, das gemeinschaftliche Drängen an einander auf Märkten, in Häusern, in politischen Tempeln, die nahen und doch genau abge- 224 Ideen zur Philosophie thciltcn Grannen zwischen dem, was dem Rath und dem Volk gehörte, ihr enges häusliches Leben, die Erziehung der Jugend im Anblick dieser Dinge von Kindheit auf; alles trug dazu bei, das Römische Volk zum stolzesten, Ersten Volk der Welt zu bilden. Ihr Adel war nicht wie bei andern Völkern, ein träger Landgüter - oder Namcnadcl; es war ein stolzer Familien-, ein Bürger- und Römecgeist in den ersten Geschlechtern, auf welchen das Vaterland als auf feine stärkste Stütze rechnete: in fortgesetzter Wirksamkeit, im daurenden Zusammenhänge desselben ewigen Staates erbte cs von Vätern auf Kinder und Enkel hinunter. Ich bin gewiss, dass in den gefährlichsten Zeiten kein Römer eine» Begriff davon gebabt habe, wie Rom untergeben könne: sie wirkten für ibre Stadt, als sey ihr von den Göttern die Ewigkeit beschicken und als ob sie Werkzeuge dieser Götter zur ewigen Erhaltung derselben wären. Nur als das ungeheure Glück den Muth der Römer zum Uebermuth machte: da sagte schon Scipio beim Untergänge Karthagv's jene Verse Homers, die auch seinem. Vaterlaude das Schicksal Troja's weissagten. 6. Die Art, wie die Religion mit dem Staat in Rom verwebt war, trug allerdings zu seiner bürgerlich -kriegerischen Größe bei. Da sie vom Anbeginn der Stadt und in den tapfersten Zeiten der Republik in den Händen der angesehensten Familien, der Staats - und Kriegsmänner selbst war, so dass auch noch die Kaiser sich ihrer Würden nicht schämten: so bewahrte sie sich in ihren Gebräuchen vor jener wahren Pest aller Landes- der Geschichte der Menschheit. 226 Landesrcligioncn, der Verachtung, die der Senat auf alle Weise von ihr abzuhalten strebte. Der Staatskluge Polybius schrieb also einen Thcil der Nömer- tugenden, vorncmlich ihre unbestechliche Treue und Wahrheit der Religion zu, die er Aberglauben nannte; und wirklich sind die Römer bis in die sparen Zeiten ihres Verfalls diesem Aberglauben so ergeben gewesen, daß auch einige Feldherren vom wildesten Gemiilb sich die Gcbcrde eines Umganges mit den Göttern gaben und durch ikre Begeisterung , wie durch ihren Beistand nicht nur über die Gemüther des Volkes und Heers sondern selbst über das Glück und den Zufall Macht zu haben glaubten. Mit allen Staats- und Kriegshandlungen war Religion verbunden, also daß jene durch diese gcweihet wurden; daher die edlen Geschlechter für den Besitz der Religionswürden als für ihr heiligstes Vorrecht gegen das Volk kämpften. Man schreibt dieses gemeiniglich blos ihrer Staatsklugheit zu, weil sie durch die Auspicien und Aruspicien als durch einen künstlichen Rcligionsbetrug den Lauf der Begebenheiten in ihrer Hand hatten; aber wiewohl ich nicht laugne, daß diese auch also gebraucht worden, so war dies die ganze Sache nicht. Die Religion der Vater und Götter Roms war dem allgemeinen Glauben nach die Stütze ihres Glücks, das Unterpfand ihres Vorzuges vor andern Völkern und das geweihete Hciligthum ihres in der Welt einzigen Staates. Wie sie nun im Anfänge keine fremde Götter aufnahmen, ob sie wohl die Götter jedes fremden Landes schoneten: so sollte auch Ihren Göttern der alte Dienst, durch den sie Römer geworden waren, bleiben. Hisrin etwas verändern, hieß die Philos. und Gesch. V. LH. P Neen. III. 226 Ideen zur Philosophie Grundsaule des Staats verrücken; daher auch in Anordnung der Religionsgebräuche der Senat und das Volk sich das Recht der Majestät vorbehiclten, das alle Meutereien oder Spitzfindigkeiten eines abgetrennten Pricsterstandes ausschloß. Staats- und Kriegesreligion war die Religion der Römer, die sic zwar nicht vor ungerechten Feldzügen bewahrte, diese Feldzüge aber wenigstens unter dem Schein der Gerechtigkeit durch Gebrauche der Fecialen und Auspicien dem Auge der Götter unterwarf und sich von ihrem Beistände nicht ausschloß. Gleichergestalt war es späterhin wirkliche Staatskunst der Römer, daß sie wider ihre alten Grundsätze auch fremden Göttern bei sich Platz gaben und solche zu sich lockten. Hier wankte schon ibr Staat, wie es nach so ungeheuren Eroberungen nicht anders seyn konnte; aber auch jetzt schützte sie diese politische Duldung vor dem Vcr- folgungsgeist fremder Gottesdienste, der nur unter den Kaisern aufkam und auch von diesen nicht aus Haß oder Liebe zur speculativen Wahrheit, sondern aus Staatsursachcn bie und da geübt wurde. Im Ganzen kümmerte sich Rom um keine Religion, als sofern sie den Staat anging: sie waren hierin nicht Menschen und Philosophen, sondern Bürger, Krieger und Ucberwinder. 7. Was soll ich von der Römischen Kriegskunst sagen? die allerdings damals die vollkommenste ihrer Art war, weil sie den Soldat und Bürger, den Feldhcrrn und Staatsmann vereinigte und immer wachsam, immer gelenk und neu von jedem Feinde lernte. Der rohe Grund derselben war gleich alt mit ihrer Stadt, so daß die Bürgerschaft, die Romulus musterte, auch ihre erste der Geschichte der Menschheit. 227 Legion war; allein sie schämelen sich nicht, mit der Zeit die alte Stellung ihres Heers zu ändern, den alten Phalanx beweglicher zu machen und warfen durch diese Beweglichkeit bald selbst die geübte Makedonische Schlachtordnung, das damalige Muster der Kriegskunst , über den Haufen. Statt ihrer alten lateinischen Rüstung nabmen sie von den Etruskern und Samnitern an Waffen an, was ihnen diente: sie lernten von Hannibal Ordnung der Marsche, dessen langer Aufenthalt in Italien ihnen die schwerste Kri.egsübunq war, die sie je gehabt haben. Jeder große Feldherr, unter welchen die Scipionen, Marius, Sulla, Pompejus, Casar waren, dachten über ihr Lebenslanges Kciegswerk als über eine Kunst nach und da sie solche gegen die verschiedensten, auch durch Verzweiflung, Muth und Starke sehr kapfern Völkern zu üben hatten, kamen sic noth- wendig in jedem Lheii ihrer Wissenschaft weit. Nicht aber in den Waffen, in der Schlachtordnung und im Lager bestand der Römer ganze Starke: sondern vielmehr in dem unerschrockenen KriegSgeist ihrer Feldherren und in der geübten Starke des Kriegers, der Hunger, Durst und Gefahren ertragen konnte, der seiner Waffen sich als seiner Glieder bediente und den Anfall der Spieße aushalrend, mit dem kurzen Römischen Schwert in der Hand, das Herz des Feindes mitten im Phalanx selbst suchte. Dies kurze Römerschwert, mit Römermuth geführt, hat die Welt erobert. Es war Römische Kriegsart, die mehr angriff, als sich verlheidigte, minder belagerte als schlug und immer den.geradesten, kürzesten Weg ging zum Sieg' und zum Ruhme. Ihr dienten P 2 228 Ideen zur Philosophie jene ehernen Grundsätze der Republik, denen olle Welt weichen mußte: „nie n a c h z u la sscn, bis der Feind im Staube lug und daher immer nur mit Einem Feinde zu schlagen; nie Frieden anzunehmen im Unglück, wenn auch der Friede mehr als der Sieg brächte, sondern fest zu stehen und desto trotziger zu scyn g e g e n de n g lü c k l i c h en Sieger; großmüt hig und mit der Larve der Un e ig e n » ü tz i g k ei t anzufangen, als ob man nur Leidende zu schützen, nur B u n d esv e r w a n d re zu gewinnen suchte, bis man zeitig genug den Bundesgenossen befehlen, die Beschützten unterdrücken und über Freund und Feind als Sieger triumphiren konnte." Diese >md ähnliche Maximen Römischer Insolenz, oder wenn man will, Felsenfester, kluger Großmukh machten eine Welt von Landern zu ihren Provinzen und werden es immer thun, wenn ähnliche Zeiten mit einem ähnlichen Volk wicdcrkämcn. Lasset uns jetzt das blutige Feld betreten, das diese Weltübcrwindcr durchschritten und zugleich sehen, was sie auf demselben zurückgelasscn haben. --- der Geschichte der Menschheit. 229 III. Eroberungen der Römer. ^ls Rom seine Heldenbahn antrat, war Italien mit einer Menge kleiner Völker bedeckt, deren jedes nach eignen Gesetzen und seinem Stammescharakter in mchrcrem oder mindcrm Grade der Aufklärung/ aber lebendig, fleißig, fruchtbar lebte. Man erstaunt über die Menge Menschen, die jeder kleine Staat, selbst in rauhen Gegenden der Berge den Römern cntgegenstellen konnte; Menschen, die sich doch alle genährt hatten und nährten. Mit Nichten war die Eultur Italiens in Etrurien ciugcschlosscn; jedes kleine Volk, die Gallier selbst nicht ganz ausgenommen, nahm daran Thcil; das Land ward gcbauet, rohe Künste, der Handel und die Kriegskunst wurden nach der Weise, wie sie die Zeit gab, getrieben: auch an guten obgleich wenigen Gesetzen, selbst an der so natürlichen Regel des Gleichgewichts mehrerer Staaten fehlte es keinem Volke. Von Stolz oder Roth gedrungen und von mancherlei Umständen begünstigt, führten die Römer mit ihnen fünf Jahrhunderte hi» schwere, blutige Kriege, so daß ihnen die andre Well, die sic unterjochten, nicht so ein saurer Erwerb war, als die kleinen Striche der Völker, die sie jetzt hier, jetzt dort allmählich unter 23 c, Ideen zur Philosophie sich brachten. Und was war der Erfolg dieser Muhe? Zerstörung und Verheerung. Ich rcäme die Menschen nichr, die von beiden Seiten erschlagen wurden und durch deren Niederlage ganze Nationen wie die Etrusker und Samniter zu Grunde gingen; die Aufhebung ihrer Gemeinheiten sammt der Zerstörung ihrer Städte war das größere Unglück, das diesem Lande geschah, weil es bis in die fernste Nachwelt reichte. Mochten diese Völker nach Rom verpflanzt oder ihre traurige Reste chm als Bundesgenossen zugezöhlt oder sie gar als Untecthanen behandelt und von Eolonieen beschränkt werden: nimmer kam ihnen ihre erste Kraft wieder. Einmal an das eherne Joch Roms geknüpft, mußten sic als Bundesgenossen oder Unterthanen Jahrhunderte durch ihr Blut für Rom vergießen, nicht zu ihrem sondern zu Roms Vortheil und Ruhme. Einmal an das Joch Roms geknüpft, kamen sie ohnqcachtet aller Freiheiten, die man diesem und jenem Volk gewahrte, zuletzt doch dahin, daß jedermann nur in Rom Glück, Ansehen, Recht, Reichihum suchte: so daß die große Stadt in wenigen Jahrhunderten das Grab Italiens wurde. Früher oder spater galten Roms Gesetze allenthalben, die Sitten der Röm-r wurden Italiens Sitten, ihr tolles Ziel der Aeltbekerrschunq lockte alle diese Völker sich zu ihm zu drängen und endlich in Römischer Ileppigkeit zu ersterben. Dagegen halfen zuletzt keine Weigerungen, keine Einschränkungen und Verbote: denn der Lauf der Narur, einmal von seinem Wege abgeleitet, läßt sich durch keine spätere Willkühr menschlicher Gesetze andern. So ward Italien von Rom allmählich ausqesogen, entnervt und entvölkert, daß zuletzt rohe Barbaren der Geschichte der Menschheit. 23 r nöthig waren, ibm neue Menschen, neue Gesetze, Sitten und Much wiederzugeben. Aber was hin war, kam damit nicht wieder: Alba und Eameria, das reiche Vcji und die meisten Etrurischcn, Lateinischen, Samnitischen, Apulischen Städte waren nicht mehr; auch durch dünnere Eoloniecn auf ihrer Asche gepflanzet, hat keine derselben ihr altes An- schn , ihre zahlreiche Bevölkerung, ihren künstlerischen Fleiß, ihre Gesetze und Sitten je wieder erhalten. So wars mit allen blühenden Republiken Großgriechenlandes: Tarent und Kroton, Spbaris und Kuma, Lokri und Thurium, Rhegium und Messana, Sy- rakusa, Katana, Napus, Megara sind nicht mehr und manche derselben erlagen in hartem Unglück. Mitten unter Deinen Eirkeln wardst du erschlagen, du weiser großer ArchimedeS und es war kein Wunder , daß späterhin deine Landsleute dein Grab nicht wußten; dein Vaterland selbst war mit dir begraben: denn daß die Stadt verschont ward, half dem Va- terlandc nicht auf. Unglaublich ist der Nachtheil, den Roms Beherrschung an dieser Ecke der Welt den Wissenschaften und Künsten, der Eultur des Landes und der Menschen zufügte. Durch Kriege und Statthalter ging das schöne Sicilien; das schöne Unter-Italien durch so manche Verheerungen, am meisten durch seine Nachbarschaft mit Rom zu Grunde, da beide Länder zuletzt nur die ausgetheil- ten Landgüter und Wollustsstze der Römer, mithin die nächsten Gegenstände ihrer Erpressungen waren. Ein Gleiches war schon zu des alteren Gracchus Zeiten das einst so blühende Etruskische Land geworden: eine fruchtbare Einöde von Sklaven bewohnt, von Römern ausgesogen. Und welcher schönen Gegend X 2^2 Ideen zur Philosophie der Welt ists anders ergangen, sobald Römische Hände zu ihr reichten^ Als Rom Italien unterjocht hatte, singen seine Handel mit Karthago an; und mich dünkt, auf eine Weise, der sich auch der entschlossenste Römer? freund schämet. D>e Art, wie sie, um in Sicilien Fuß zsi gewinnen, den Mamertinern bcistanden, die Art, wie sie Sardinien und Eorsika Wegnahmen« als eben Kartbago von seinen Mielkwölkcrn bedrängt ward, die Art endlich, wie der weise Senat rath- schlagte: ,,ob ein Kartbago auf Erden geduldet werden sollte?" nicht anders, als ob von einem Kraur- kopf, den man selbst gepflanzt hatte, die Rede wäre; alles dies und hundert Härten dieser Art machen bei jeder Klugheit und Tapferkeit die Römische zu einer Dämonengcschichte. Sey es Scipiv selbst, der einem Karthago, das den Römern kaum mehr schaden kan» , das mit thcurem Tribut selbst Hülfe von ihnen erflehet und ihnen auf ihr Versprechen jetzt Waffen, Schiffe, Zeughäuser und dreihundert vornehme Geiseln in die .Hände liefert; sey cs Scipio oder ein Kokt, der ihm in solcher Lage den kalten, stolzen Antrag seiner Zerstörung als ein Senatusconsult mitbringct; cs bleibt ein schwarzer, dämonischer Antrag, dessen sich gewiß der edle Uc- bcrbringer selbst schämte. „Karthago ist eingenommen" schrieb er nach Rom zurück; als ob er mit diesem 'Ausdruck seine unrühmliche That selbst bedecken wollte: denn nie haben doch die Römer ein solches Karthago der Welt veranlasset oder gegeben. Auch ein Feind dieses Staats, der alle Schwächen und Laster desselben kennet, sieht mit Erbitterung der Geschichte der Menschheit. 233 seinen Untergang an und ehrt die Karthager wenigstens jetzt, da sie als entwaffnet?, betrogne Republikaner auf ihren Gräbern streiten und für ihre Gräber sterben. Warum war es dir versagt, du einziger, großer Hannibal, dem Ruin deines Vaterlandes zuvorzukommen und nach dem Siege bei Eannä gerade zu auf die Wolfshöhle deines Erbfeindes zu eilen? Die schwächere Nachwelt, die nie über die Porenäe» und Alpen ging, tadelt dich darüber, unaufmerksam mit welche» Völkern du strittest und in welchem Zustande sie nach den schrecklichen.Winter- schlachten im vbcrn und Mittlern Italien seyn mußten. Sie tadelt dich aus dem Munde deiner Feinde über den Mangel deiner Kricgszucht, da es fast unbegreiflich bleibt, wie du dein Miethsgcsindcl so lange Zusammenhalten und ihm nach solchen Märschen und Thatc» nur in den Gefilden Eawpaniens nicht länger widerstehen mochtest. Immer wird der Name dieses tapsern Nömcrseindcs mit Ruhm genannt werden, dessen Auslieferung sie mehr als einmal, wie die Ucbergabe eines Geschützes herrschsüchtig verlangten. Nicht dgs Schicksal sondern der meuterische Geiz seines Vaterlandes gönnte ihm nicht die Siege, die Er, nicht Karthago, gegen die Römer gewann, zu vollenden und so mußte er allerdings nur ein Mittel werden, seine rohen Feinde die Kriegskunst zu lehren; wie sie von seinen Landsleuten die ganze Schiffskunst lernten. In Beidem hak uns das Schicksal die fürchterliche Warnung gegeben: „in seinen Entschlüssen nie auf halbem Wege stehen zu bleiben, weil man sonst gewiß, was man verhindern wollte, befördert." Genug, mit Karthago siel ein Staat, den die Römer nie zu ersetzen ver- 2^4 Ideen zur Philosophie mochten. Der Handel wich aus diesen Meeren und Seeräuber vertraten bald seine Stelle, wie sie solche noch immer vertreten. Das Kornreiche Afrika war unter Römischen Eolonieen nicht, was es unter Karthago so lange gewesen war; es ward eine Brod- kammer des römischen Pöbels, ein Fanqgarten wilder Thicre zu seiner Ergötzung und ein Magazin der Sklaven. Traurig liegen die Ufer und Ebnen des schönsten Landes noch jetzo da, denen die Römer zuerst ihre inländische Eultur raubten. Auch jeder Buchstab Panischer Schriften ist uns entgangen: Aemilian schenkte sie den Enkeln des Masinissa, Ein Feind Karchago's dem andern. Wohin sich von Karthago aus mein Blick wendet, stehet er Zerstörungen vor sich, denn allenthalben ließen diese Welterobercr gleiche Spuren. Ware es den Römern Ernst gewesen, Befreier Griechenlandes zu seyn, unter welchem großmüthigen Namen sie sich dieser kindisch - gewordnen Nation bei den Jsth- mischen Spielen ankündigen ließen; wie anders hatten sie gewaltet! Nun aber, wenn Paullus Aemi- lius siebenzig Epirotische Städte plündern und hundert - fünfzig - tausend Menschen als Sklaven verkaufen laßt, um nur sein Heer zu belohnen, wenn Metellus und Silanus Makedonien, Mummius Korinth, Sulla Athen und Delphi verwüsten und plündern, wie kaum Städte in der Welt geplündert sind: wenn dieser Ruin sich forthin auch auf die griechischen Inseln erstreckt und Rhodus, Eppern, Ereta kein besseres Schicksal haben als Griechenland hatte, nämlich eine Easse des Tributs und ein Plünderungsort für die Triumphe der Römer zu werden, wenn der letzte König Makedoniens, mit seinen der G eschst c h te"ch e r Men sch,'heit. sZ5 Söhnen im Triumph aufgeführt, im elendesten Kerker verschmachtet und sein dem Tode entronnener Sohn als ein Kunstreicher Drechsler und Schreiber fernerhin in Rom lebet: wenn die letzten Glimmer der griechischen Freiheit, der ätolische und achäische Bund zerstört und endlich alles, alles zur Römischen Provinz oder zum Schlachtfclde wird, auf welchem sich die plündernden, verwüstenden Heere der Triumvirs zuletzt selbst erschlagen; o Griechenland, welchen Ausgang gewahret dir deine Beschützerin, deine Schülerin , die Welt-Erzieherin Roma! Was uns von dir übrig geblieben ist, sind Trümmern, welche die Barbaren als Beute des Triumphs mit sich führten, damit auf ikrem eignen Aschenhaufen einst alles unterginge , was je die Menschheit künstliches erfunden. Von Griechenland aus segeln wir zur Asiatischen und Afrikanischen Küste. Klein-Asien, Sorten, Pontus, Armenien, Aegypten, waren die Königreiche, in welche sich die Römer bald als Erben, bald als Vormünder, Schiedsrichter und Friedensstifter cindrangten, aus welchen sie aber auch zum Lohn ihrer Dienste das letzte Gift ihrer eignen Staats- Verfassung geholct haben. Die großen Kriegsthaten des asiatischen Scipio, des Manlius, Sulla, Lu- culls, Pompejus sind jedermann bekannt; welcher letzte allein in Einem Triumph über fünfzehn eroberte Königreiche, achthundert eingenommene Städte und lausend bezwungene Festungen triumphiren konnte. Das Gold und Silber, das er im Gepränge zeigte, betrug zwanzigtausend Talente *): Die Einkünfte s 2L,gg,o,voo Lhaler. Ideen zur Philosophie 2.16 des Staats vermehrte er auf den dritten Theil, zwölftausend Talente, und sein ganzes Heer war so bereichert, daß der geringste Soldat von ihm über zweihundert Thaler Triumph-Geschenk erhalten konnte, außer allem was er schon als Beute mit sich führte; welch ein Räuber! Auf diesem Wege ging Craffus fort, der aus Jerusalem allein zehntausend Talente raubte und wer fernerbin nach Orient zog, kam, wenn er wiedcrkam, mit Gold und Ucppigkeil beladen wieder. Dagegen, was baden die Römer den Morgenlandern gegeben? Weder Gesetze noch -Frieden, weder Einrichtung , noch Volk, noch Künste. Sic haben Lander verheert, Bibliotheken verbrannt, Altäre, Tempel, Städte verwüstet. Ein Theil der Älerandrinischen Bibliothek ging schon durch Julius Casar in Flammen unter und den größten Theil der Pergamcnischen batte Antonius der Kleopatra geschenkt, damit einmal beide auf Einer Stelle untergehen könnten. So machen die Römer, die der Welt Licht bringen wollen, allenthalben zuerst verwüstende Nacht; Schatze von Golde und Kunstwerken werden erpreßt: Welttheile und Aeonc» alter Gedanken sinken in den Abgrund: die Charaktere der Völker stehen ausgeloscht da und die Provinzen unter einer Reihe der abscheulichsten Kaiser werden ausgesogen, beraubt, gemißhandclt. Fast noch bedaucender wende ich mich Westwärts zu den verheerten Nationen in Spanien, Gallien und wohin weiter die Hände der Römer reichten. -Dort waren die Lander, die sie unterjochten, meistens schon verblühcte Blüthen; hier wurden durch^sie noch unreife, aber volle Knospen in ihrem ersten Jugend- der Geschichte der Menschheit. 23 ? wüchse so beschädigt, daß von manchen kaum noch ihre Skammcsart und Gattung erkennbar geblieben. Spanien war, ehe die Römer hinkamen, ein wohlgebautes, an den meisten Orten fruchtbares, reiches und glückliches Land. Der Handel desselben war beträchtlich und auch die Eultür einiger Nationen nicht verachtcnswerth, wie cs nicht nur die Turde- tanier am Bätis, die mit den Phöniciecn und Karthagern am längsten bekannt waren, sondern auch die Celtiberier mitten im Lande beweisen. Das tapfre Numantia widerstand den Römern mehr, als irgend ein andrer Ort der Erde; zwanzig Jahre ertrug es den Krieg, schlug Ein römisches Heer nach dem andern und wehrte sich zuletzt gegen die ganze Kriegskunst des Scipio mit einer Tapferkeit, bei deren traurigem Ausgang jeden Leser schaudert. Und was suchten die Verwüster hier im innern Lande, bei Nationen, die sie nie gereizt, die kaum ihren Namen gehört hatten? Gold- und Silberbergwerke. Spanien war ihnen das, was den Spaniern jetzt Amerika scyn muß, ein Ort zum Raube. So plünderten Lucullus, Galba u. f. gegen Treu und Glauben: der Senat selbst macht zwei Friedensschlüsse ungültig, die seine bedrängten Feldherrn mit den Nu- mantinern geschlossen hatten. Grausam liefert er diesen die Feldherren selbst aus, wird aber auch an Edelmuth gegen die ausgclieserten Unglücklichen von ihnen überwunden. Und jetzt tritt Scipio mit aller Macht vor Numantia, schließet sie ein, laßt vierhundert jungen Männern, den Einzigen, die dieser Unrecht-leidenden Stadt zu Hülfe kommen wollen, den rechten Arm abhauen, hört auf die rührende Bitte nicht, da mitten im Hunger ein bedrängte« 233 Ideen zur Philosophie Volk sein Erbarmen und seine Gerechtigkeit anfleht; er vvllführt den Untergang dieser Unglücklichen als ein wahrer Römer. Als ein wahrer Römer handelte Liberias Gracchus, wenn er in dem einzigen Lande der Eeltiberier dreihundert Städte, waren es auch nur Flecken und Schlösser gewesen, verwüstete. Daher der unauslöschliche Haß der Spanier gegen die Römer: daher die tapfern Thaten des Viriatus und des Sertorius, die beide auf unwürdige Art sielen und gewiß viele römische Feldherren an Klugheit und Krieqesmuth übcrtrafcn: daher jene fast nie bezwungenen Bergvölker der Pyrenäen, die, den Römern zum Trotz, ihre Wildheit beibehielten, so lange sie konnten. Unglückliches Goldland Jbericn, fast unbekannt bist du mit deiner Eultuc und deinen Nationen urs Reich der Schatten gesunken, in welchem dich schon Homer unter dem Glanz der Abendsonne als ein Reich der Unterirdischen mahlet. Bon Gallien ist wenig zu sagen, da wir die Eroberung desselben nur nach den Kriegsnachrichten seines UcberwLnders selbst kennen. Zehn Jahre lang kostete eS dem Casar unglaubliche Mühe und alle Kräfte seiner großen Seele. Wiewohl er edelmükhi- ger war als irgend ein Römer: so konnte er doch das Schicksal seiner Römischen Bestimmung nicht andern und sammlcte das traurige Lob, „daß er außer den Bürgerkriegen in fünfzig offnen Fcld- schlachten gestritten und cilf hundert-zwei und neunzig Menschen erschlagen habe;" die meisten darunter waren Gallische Seelen. Wo sind die vielen, lebhaften und tapfern Völker dieses großen Landes? wo war ihr Geist und Muth, ihre Anzahl und Stärke, da nach Jahrhunderten wilde Völker über der Geschichte der Menschheit. 23 c, sie fielen und sie wie Römische Sklaven unter sich theiltcn? Selbst der Name dieses Hauptvvlks der Erde, seine so eigne Religion, Cultur und Sprache ist in allem was Römische Provinz war, vertilget. Ihr großen edlen Seelen, Scipioncn und Casar, was dachtet, was fühltet ihr, da ihr als abgeschiedene Geister von eurem Sternenhimmel auf Rom, die Räuberhöhle und auf euer vollführtes Mörderhandwerk hinunter sähet? Wie unrein mußte euch eure Ehre, wie blutig euer Lorbeer, wie niedrig und Menschenfeindlich eure Würgekunst dünken! Rom ist nicht mehr und auch bei seinem Leben mußte es jedem edlen Mann seine Empfindung sagen, daß Fluch und Verderben sich mit allen diesen ungeheuren, ehrsüchtigen Siegen auf sein Vaterland hauste. IV. Roms Verfall. D- ^as Gesetz der Wiedervergeltung ist eine ewige Nakurordnung. Wie bei einer Waage keine Schaale niedergedrückt werden kann, ohne daß die andre höher steige: so wird auch kein politisches Gleichgewicht gehoben, kein Frevel gegen die Rechte der Völker und der gesammten Menschheit verübt, ohne 240 Ideen zur Philosophie daß sich derselbe räche und das gehauste UebermaaS selbst sich einen desto schrccklichern Sturz bewirke. Wenn Eine Geschichte uns diese Natnrwahrheit zeigt: so ists die Römische Geschichte; man erweitere aber seinen Blick und feßle ihn nicht auf eine einzelne Ursache des römischen Verderbens. Hatten die Römer auch Asien und Griechenland nie gesehen und gegen andre, ärmere Lander nach ihrer Weise verfahren; ebne Zweifel wäre ihr Sturz zu andrer Zeit, unter andern Umstanden, dennoch aber unvermeidlich gewesen. Der Keim der Verwesung lag im Innern des Gewächses: der Wurm nagte an seiner Wurzel, an seinem Herzen; und so mußte auch der riesenhafte Baum endlich sinken. r. Im Innern der Verfassung Ronis lag ein Zwiespalt, der, nrenn er nicht gehoben ward, den Untergang dessen früher oder später bewirken mußte; es war die Einrichtung des Staats selbst, die unbilligen oder unsicher,, Granzen, zwischen dem Rath, der Ritterschaft und den Bürgern. Unmöglich hatte Romulus alle künftigen Fälle seiner Stadt voraussehen können, als er diese Eintheilung machte: er schuf sie nach seinen Umständen und nach seinem Bedürfniß; da dies sich änderte, fand schon Er den Tod durch die, denen sein Ansehen zu lästig wurde. Keiner von seinen Nachfolgern hatte Herz oder Bedürfniß, das zu thun, was Romulus nicht gethan hatte; sie überwogen die Gegenpartei mit ihrer Person und lenkten in einem mit Gefahren umgebnen, rohen Staat beide Theile. Servius musterte das Volk und gab das meiste Gewicht den Reichsten in die Hände. Unter den ersten Eonsuls drängten die Gefahren zu sehr; der Geschichte der Menschheit. 2^ r sehr; es leuchteten auch zu große, starke, verdiente Männer unter den Patricicrn hervor/ als daß das rohere Volk nicht halte folgen müssen. Bald aber änderten sich die Umstande und der Druck der Edlen ward unerträglich. Die Schuldenlast ging den Bürgern über ihr Haupt; sie nahmen zu wenig an der Gesetzgebung, zu wenig am Siege Theil, den sie doch selbst erfechten mußten und so entwich das Volk auf den heiligen Besg, so entstanden Streitigkeiten, die die Ernennung der Tribunen nicht heben sondern nur vervielfältigen konnte, die sich also auch durch die ganze Geschichte Roms fortweben. Daher der lange, so oft verjüngte Streit über Austbeilung der Aecker, über Thcilnchmung des Volks an obriakeir- lichen, konsularischen, Gottesdienstlichen Würden; bei welchen Streitigkeiten jede Parihei für ihr Eignes stritt und niemand das Ganze unpartheiisch entrichten mochte. Bis unter die Triumvirate hat dieser Zwist gedaurcl; ja die Triumvirate selbst waren nur dessen Folgen. Da diese nun der ganzen Römischen Verfassung ein Ende machten und jener Zwist beinahe so alt wie die Republik war: so siebet man, daß cs keine äußere, sondern eine innere Ursache war, die vom Anfänge an am Keim des Staats nagte. Sonderbar scheint es daher, wenn man die Römische Staatsverfassung als die vollkommenste schildert; sie, die Eine der unvollkommensten auf der Welt, aus rohen Zeitumständen entstanden, nachher nie mit einem Blick aufs Ganze verbessert, sondern immer nur partheiisch so und anders geformt war. Der einzige Eäfar hätte sie ganz bessern mögen; es war aber zu spät und die Dolchstiche, die ihn tödteten, kamen jedem Entwurf einer bessern Einrichtung zuvor. Phltos, und Gesetz. V..LH. Q III. 2 i 2 Ideen zur Philosophie 2. Es liegt ein Widerspruch in dem Grundsatz: Nom, die Königin der Nationen, Rom, die Beherrscherin der Welt: denn Rom war nur eine Stadt und ihre Einrichtung eine Stadt- Einrichtung. Zwar trug es allerdings zur hartnäckigen Bekriegung der Völker, mithin zu seinen langen Siegen dei, daß Roms Kricgsentschlüsse die Entschlüsse eines unsterblichen Senats, nicht eines sterblichen Monarchen waren, weil sich der Geist seiner Welkverdcrblichen Maximen in einem Collegium notbwcndig m.br als in einer wandelbaren Reibe von Beherrschern erhalten mußte. Za da Senat und Volk fast immer in Spannug gegen einander standen und jener bald dcm ulrruhigcn Haufe», bald einem unruhigen Kopf Kriege schaffen und auswärts zu thun geben jnußte, damit inwendig die Ruhe gesichert bliebe : so trug auch diese daurcnde Spannung allerdings zur fortgesetzten Wellstörung viel bei. Endlich da der Senat selbst zu seiner Aufrcchthaltung oft nicht nur Siege oder Siegs-Gerüchte, sondern selbst harte drohende Gefahren nöthig batte und jeder kühne Patricicr, der durchs Volk wirken wollte, Geschenke, Spiele, Namen, Triumphe bedurfte, welches alles ihm allein oder vorzüglich der Krieg gewahren konnte: freilich so gehörte diese vielgetheilte, unruhige Stadtregierung dazu, die Welt in Unruhe zu setzen und sie Jahrhunderte darin zu erhalten, denn kein geordneter, mit sich selbst friedlicher Staat hatte um seiner eignen Glückseligkeit willen der Erde dies schreckliche Schauspiel gegeben. Ein andres ists aber, Eroberungen machen und sie erhalten: Siege erfechten und sie zum Nutzen des Staats gebrauchen Das letzte hat Rom seiner innern Einrichtung wegen der Geschichte der Menschheit. 24Ä' nie gekonnt; und auch das erste vermochte es nur durch Mittel, die der Verfassung einer Stadt völlig entgegen waren. Schon die ersten Könige, die auf Eroberungen ausgingen , waren gcnöthigt, einige überwundene Städte und Völker in die Mauern Roms zu nehmen, damit der schwache Baum Wurzel und Stamm erhielt, der so ungeheure Aeste treiben wollte; die Zahl der Einwobner Roms wuchs also schrecklich. Nachher schloß die Stadt Bündnisse und die Bundsverwandten zogen mit ihr zu Felde; sie nahmen also an ihren Siegen und Eroberungen Lheil und waren Römer, wenn sie gleich noch nicht Römische Bürger oder Einwohner der Stadt waren. Bald also entglommen jene heftige Streitigkeiten, daß auch den Bundsgcnossen das Bürgerrecht Roms zukomme; eine unvermeidliche Federung, die in der Natur der Sache selbst lag. Aus ihr entstand der erste bürgerliche Krieg, der Italien dceihunderktau- send seiner Jünglinge kostete und Rom, das sogar seine Freigelassenen bewaffnen mußte, an die Grunzen des Unterganges brachte: denn es war ein Krieg zwischen Haupt und Gliedern, der nicht anders als damit endigen konnte, daß künftig auch die Glieder zu diesem unförmlichen Haupt gehören sollten. Nun war ganz Italien Rom und es verbreitete sich, zue großen Verwirrung der Welt, immer weiter. Ich will nicht daran denken, was diese Romanisirung für gerichtliche Unordnung in alle Städte Italiens brachte und nur das Uebel bemerken, das fortan aus allen Gegenden und Enden in Rom selbst Zusammenstoß. Wenn vorher schon alles nach dieser Stadl drängte und die Tafeln des Eensus so wenig rein gehallen Q 2 ^4 I d e en zur Philosophie werden konnten, daß es sogar einen Consul gab, der kein Römischer Bürger war; wie denn jetzt, da das Haupt der Welt ein Gedränge aus ganz Italien, mithin das ungeheuerste Haupt war, das je die Erde getragen. Gleich nach des Sulla Tode waren die Herren der Erde vierhundert-fünfzigtausend Mann stark: bei der Aufnahme der Bundesgenossen stieg ihre Zahl ungleich höher und zu Casars Zeiten fanden sich dreihundert-zwanzigtausend, die bei öffentlichen Austheilunge» Korn begehrten. Man denke sich diesen ungestümen und einem großen Theil nach müßigen Haufen bei Stimm-Versammlungen, in Begleitung seiner Patrone und derer, die sich um Eh- ren-Aemter bewarben: so wird man begreifen, wie durch Geschenke, Spiele, Prachtaufzüge, Schmeicheleien, am meisten endlich durch Soldatengewalt, die Meutereien in Rom gestiftet, die Blutbäder ungerichtet, die Triumvirate gegründet werden konnten, die jene stolze Beherrscherin der Welt endlich zur Sklavin ihrer selbst machten. Wo war nun das Ansehen des Senats, einer Zahl von vier bis sechshundert Personen gegen diese zahllose Menge die Herren-Recht verlangte und in gewaltigen Heeren bald diesem bald jenem zu Gebot stand? Welche arme Gestalt spielte der Gott Senat, wie ihn die schmeichlerischen Griechen nannte», gegen Marius und Sulla, Pompejus und Casar, Antonius und Oktavius! die Kaiser-Wütciche noch ungerechnet. Der Vater des Vaterlandes Cicero erscheint in armer Gestalt, wenn ihn auch nur ein Clvdius angreift: seine besten Nathschlage gelten wenig, nicht nur gegen das was Pompejus, Casar, Antonius u. a. wirklich lhaten, sondern was selbst ein Catilina der Geschichte der Menschheit. 24^ beinah zu Stande gebracht hatte. Nicht van "den Gewürzen Asiens, nicht von der Weichlichkeit Luculls entsprang dieses Mißverhältniß; sondern von der Grundverfassung Roms, da es als eine Stadt das Haupt der Welt seyn wollte *). 3 . Aber cs gab nicht nur Senat und Volk in Rom, sondern auch Sklaven und zwar deren eine um so größere Menge, je mehr die Römer Herren der Welt wurden. Durch Sklaven bearbeiteten sie ihre weit- la.ustigen, reichen Accker in Italien, Sicilien, Griechenland u. f.; eine Menge Sklaven war ihr häuslicher Reichthum und der Handel mit ihnen, ja die Abrichtung derselben war ein grosses Gewerbe Roms, dessen sich auch Cato nicht schämte. Langst waren nun die Zeiten vorüber, da der Herr mit seinem Knecht fast brüderlich umging und Romulus das Gesetz geben konnte, daß ein Vater seinen eignen Sohn dreimal zum Knecht verkaufen dürfe; die Sklaven der Wcltüberwindcr waren aus allen Gegenden der Erde zusammcngetricben und wurden von gütigen Herren gelinde, von unbarmherzigen oft als Thiere ') Ueber das Gute, das von der Simpticltät der alten Römer und von der Ausbildung des Römischen Lolis gesagt werden kann, lese man Meierotto Zcugm'ßreiche Schrift über die Sitten und Lebensart der Römer (Th. t. Berlin >776.) und im zweiten Lheil dagegen die Geschichte des Lurus sowohl bei dem Volk als bei den Edelir. Ideen zu« Philosophie 246 behandelt. Ein Wunder wäre es gewesen, wenn aus diesem ungeheuren Haufen unterdrückter Menschen den Römern kein Schade hatte Zuwachsen sollen ; denn wie jede böse Einrichtung, so mußte auch diese nothwendig sich selbst rachen und strafen. Mit Nichten war diese Rache allein jener blutige Sklavenkrieg, den Spartakus mit Feldherrn-Muth und Klugheit drei Jahre lang gegen die Römer führte: von 74 stieg sein Anhang bis zu 7k>,nno Mann: er schlug verschiedene Feldherren, selbst zween Eonsuls und cs wurden viel Gräuel verübet. Der größere Schade war der, der durch die Lieblinge ihrer Herren, die Freigelassenen entstand, durch welche Nom zuletzt im eigentlichsten Verstände eine Sklavin der Sklaven wurde. Schon zu Sulla Zeiten sing dieses Ucbel an und unter den Kaisern mehrete cs sich so schrecklich, daß ich nicht im Stande bin, die Unordnungen und Gräuel zu schildern, die durch Freigelassene und Lieblings-Knechte entstanden. Geschichte und Satyren der Römer sind davon voll; kein wildes Volk auf der Erde kennet dergleichen. So ward Rom durch durch Rom gestraft; die Unterdrücker der Welt wurden der verruchtesten Sklaven dcmüchige Knechte. 4. Endlich kam allerdings der Luxus dazu, dem Rom zu seinem Unglück so bequem lag, als ihm zu seinen Weltcroberungen allerdings auch seine Lage geholfen hatte. Wie aus einem Mittelpunkt beherrschte es das mittelländische Meer, mithin die reichsten Küsten dreier Welttheile; ja über Alexandrien zog es durch ansehnliche Flotten die Kostbarkeiten Äthiopiens und des äußersten Indiens an sich. Meine Worte reichen nicht hin, jene rohe Verschwelt- der Geschichte der Menschheit. 247 düng und Ueppigkeit zu schildern, die seit der Eroberung Asiens in Gastmahlcn und Spielen, in Leckerbissen und Kleidern, in Gebäuden und Hausgeräth nicht nur in Rom selbst, sondern in allem, was zu ihm gehörte, herrschte *). Man trauet seinen Augen nicht, wenn man die Beschreibungen dieser Dinge, den hohen Preis ausländischer Kostbarkeiten und mit der Verschwendung darin zugleich die Schuldenlast der großen Römer, welches zuletzt Freigelassene und Sklaven waren, liefet. Nothwrndig zog dieser Aufwand die bitterste Armuth nach sich; ja er war an sich schon eine elende Armuth. Jene Geldquellen, die Jabrbnnderke lang in Rom aus allen Provinzen zusamrncnflossen, mußten endlich versiegen, und da der ganze Handel der Römer ihnen im höchsten Grad nachlhcilig war, indem sie I-Ieberfluß kauften und Geld Hingaben, so ists nicht zu verwundern, daß Indien allein ihnen jakrlich eine ungeheure Summe fraß. Dabei verwilderte das Land: der Ackerbau ward nicht mehr, wie einst von den alten Römern und ihren Zeitgenossen in Italien getrieben: die Künste RomS gingen auf das Entbehrliche, nicht auf daS Nützliche, auf ungeheure Pracht und Aufwand in Triumphbogen , Bädern, Grabmahlern, Theatern, Amphitheatern u. f.; Wundergebäude, die freilich allein diese Plünderer der Weltaufführcn S. außer Pctronius, Blinins, Juvenal und andern häufigen Stellen der Allen, von neuere» Sammlungen Meier orte Th. 2. über die Sitrcn und Lebensart der Römer, Mciners Geschichte des Verfalls der Römer u. f. Ideen zur Philosophie 248 konnten. In keiner nützlichen Kunst, in keinem Nabrungszwcige der menschlichen Gesellschaft hat je ein Römer etwas erfunden; geschweige daß er damit andern Nationen hatte dienen und von ihnen gerechten und bleibenden Vortheil ziehen mögen. Bald also verarmte das Reich: das Geld wurde schlecht und schon im dritten Jahrhunderte unsrer Zeitrechnung bekam ein Feldherr nach diesem schlechter» Gelde kaum das zur Belohnung , was zu den Zeiten Augusts für den gemeinen Soldaten zu gering war. Laurer natürliche Folgen des Laufs der Dinge, die auch bloß als Handel und Gewerb berechnet, nicht anders als also folgen konnten. Zugleich nahm aus eben diesen verderblichen Ursachen das menschliche Geschlecht ab; nicht nur an Anzahl, sondern auch an Größe, Wuchs und innern Lebenskräften. Eben das Rom und Italien, das die Volkreichsten, blühendsten Lander der Welt, Sicilien, Griechenland, Spanien, Asien, Afrika und Aegypten zu einer halben Einöde gemacht halte, zog durch seine Gesetze und Kriege, noch mehr aber durch seine.verderbte, müßige Lebensart, durch seine ausschweifenden Laster, durch die Verstoßung der Weiber, Harte gegen die Sklaven und späterhin durch die Tyrannei gegen die edelsten Menschen sich selbst den natürlich-unnatürlichsten Tod zu. Jahrhunderte hin liegt das kranke Rom in schrecknchcn Zuckungen auf seinem Siechbette; das Siechbett ist über eine ganze Welt ausgcbreitet, von der es sich seine süßen Gifte erpreßt hat: sie kann ihm jetzt nicht anders helfen, als daß sie seinen Tod befördere. Barbaren kommen herzu, nordische Riesen, denen die entnervten Römer wie Zwerge erscheinen; sie verwüsten Nom und gebendem der Geschichte der Menschheit. 249 ermatteten Italien neue Kräfte. Ein fürchterlichgütiger Erweis, daß alle Ausschweifung in der Natur sich selbst rache und verzehre! Dem Luxus der Morgenlander haben wir es Dank, daß die Welt früher von einem Leichnam befreit ward, der durch Siege in andern Weltgegendcn zwar auch, wahrscheinlich aber nicht so bald und so schrecklich in die Verwesung gegangen wäre. 5 . Jetzt sollte ich alles zusammenfassen und die große Ordnung der Natur entwickeln, wie auch ohne Luxus, ohne Pöbel, Senat und Sklaven der Krieg cs ge ist Roms allein sich zuletzt selbst verderben und das Schwert in seine Eingeweide kehren mußte, das er so oft auf unschuldige Städte und "Nationen gezuckt hatte; hierüber aber spricht statt meiner die laute Geschichte. Was sollten die Legionen, die ungesättigt vom Raube nichts mehr zu rauben fanden, vielmehr an den Parthischen und Deutschen Grenzen das Ende ihres Ruhms sahen: was sollten sie rhun, als zurückkehrend ihre Mutter selbst würgen? Schon zu Marius und Sulla Zeiten sing dies schreckliche Schauspiel an; anhängend ihrem Feldherr» oder von ihm bezahlt, rächten die wiedcrkommcndcn Heere ihren Feldherrn an seiner Gegcnpartbei mitten im Vaterlande und Rom floß von Blut über. Dies Schauspiel dauerte fort. Indem Pompejus und Eäsar in dem Lande, wo einst die Musen gesungen und Apollo als Schäfer geweidet, theuer gemiethete Heere gegen einander führten, ward in dieser Ferne, von Römern die gegen Römer fochten, das Schicksal ihrer Mutterstadt entschie- 25 o Ideen zur Philosophie den. So ging cs bei dem grausamen Vergleich der Triumviers zu Modena, der in Einem Verzeichnifi dreihundert Rathsglieder und zweitausend Ritter der Acht und dem Tode Preis gab und zweihunderttau- send Talente meistens aus Rom und von de» Weibern selbst erpreßte. So nach der Schlacht bei Phi- lippi, in weicher Brutus siel: so vor dem Kriege gegen den zweiten Pompcjus, den edleren Sohn eines großen Vaters: so nach der Schlacht bei Aktium u. f. Vergebens, daß der schwache, grausame August den friedsamen Gütigen spielte; das Reich war durchs Schwert gewonnen, es mußte durchs Schwert vertbeidigr werden oder durch dasselbe fallen. Wenn es den Römern jetzt zu schlummern gesiel, so wollten deshalb nicht auch die beleidigten oder regegemachten Nationen schlummern; sie fodertcn Rache und gaben Wiedervergeltung, als ihre Zeit kam. Im Römischen Reiche war und blieb der Kaiser immer nur oberster Feldherr und als viele derselben ihre Pflicht vergaßen, wurden sie vom Heer daran fürchterlich erinnert. Es setzte und würgte Kaiser: bis endlich der Oberste der Leibwache sich zum Großvezier aufdrang und den Senat zur elenden Puppe machte. Bald bestand auch dieser nur aus Soldaten; aus Soldaten, die mit der Zeit so schwach wurden, daß sie weder im Kriege noch im Rathe taugten. Das Reich zerfiel: Gegeiikaiscr jagten und plagten einander: die Völker drangen hinan und man mußte Feinde ins Heer nehmen, die andre Feinde lockten. So wurden die Provinzen zerrissen und verwüstet: das stolze ewige Rom ging endlich im Sturz unter, von seinen eignen Befehlshabern verlassen und verrathen. Ein fürchterliches Denkmahl, wie jede Erobcrungs- der Geschichte der Menschheit. r5 r wuth großer und kleiner Reiche, insonderheit wie der despotische Soldatengeist nach gerechten Naturgesetzen ende. Fester und größer ast nie ein Kricgsstaat gewesen, als es der Staat der Römer war; keine Leichs aber ist auch je schrecklicher zu Grabe getragen worden, als' Jahrhunderte durch diese in der Römischen Geschichte, so daß es hinter Pompejus und Casar keinen Eroberer und unter cultivirten Völkern kein Soldatenregimcnt mehr geben sollte. Großes Schicksal! ist die Geschichte der Römer uns dazu geblieben, ja einem Theil der Welt mit dem Schwert aufgedrungcn worden, damit wir dies lernen sollten ? Und doch lernen wir an ihr entweder nur Worte oder sie hat, unrecht verstanden, neue Römer gebildet, deren doch keiner seinem Vorbilde je gleich kam. Nur Einmal standen jene alten Römer auf der Schaubühne und spielten meistens als Privatpersonen, das fürchterlich-große Spiel, dessen Wiederholung wir der Menschheit nie wünschen mögen. Lasset uns indessen sehen, was im Lauf der Dinge auch dies Trauerspiel für Glanz und große Seiten gehabt habe. 2J2 Ideen zur Philosophie v. Charakter, Wissenschaften und Künste der Römer. ^»ach dem, was bisher gesagt worden, fodert es auch die Pflicht, jene edlen Seelen zu nennen und zu rübmen, die in dem harten Stande, auf welchen sie das Schicksal gestellt hakte, sich dem, was sie Vaterland nannten, mit Muth ausopferten und in ihrem kurzen Leben Dinge bewirkten, die fast ans höchste Ziel menschlicher Kräfte reichen. Ich sollte dem Gange der Geschichte zufolge einen Zunius Brutus und Poplicola, Mucius Scavola und Coriolan, eine Valeria und Veturia, die dreihundert Fabier und Cincinnatus, Camillus und Dccius, Fabricius und Regulus, Marcellus und Fabius, die Scipionen und Catvncn, Cornelia und ihre unglücklichen Söhne, ja wenn es auf Kriegeslhaten allein ankommt, auch Marius und Sulla, Pompejus und Casar, und wenn gute Absichten und Bemühungen Lob verdienen, den Markus Brutus, Cicero, Agrippa, Dru- sus, Germanikus nach ihrem Verdienst nennen und rühmen. Auch unter den Kaisern sollte ich die Freude des Menschengeschlechts TituS, den gerechten und guten Nerva, den glücklichen Trajan, den unccniü- der Geschichte der Menschheit. 253 beten Hadrian, die guten Untoninen, den unverdrossenen Severus, den männlichen Aurelian u. f. starke Pfeiler eines sinkenden Baues loben. Da aber diese Männer mehk als selbst die Griechen jedermann bekannt sind: so sey es mir vergönnt, vom Charakter der Römer in ihren besten Zeiten blos allgemein zu reden und auch diesen Charakter lediglich als Folge ihrer Zeitumstände zu betrachten. Wenn Unpartheilichkeit und fester Entschluß, wenn unermüdekc Thatigkeit in Worten und Werken und ein gesetzter rascher Gang zum Ziel des Sieges oder der Ehre, wenn jener kalte, kühne Muth, der durch Gefahren nicht geschreckt, durch Unglück nicht gebeugt, durchs Glück nicht übcrmüthig wird, einen Namen haben soll: so müßte er den Namen eines Römischen Muthes haben. Mehrere Glieder dieses Staats selbst aus niedcrm Stande haben ihn so glänzend erwiesen, daß wir, zumal in der Jugend, da uns die Römer meistens nur von ihrer edlen Seite erscheinen, dergleichen Gestalten der alten Welt als hingewichene, große Schatten verehren. Wie Riesen schreiten ihre Feldherren von Einem Welt- theil zum andern und tragen das Schicksal der Völker in ihrer festen leichten Hand. Ihr Fuß stößt Thronen vorübergehend um; Eins ihrer Worte bestimmt das Leben oder den Tod von Myriaden. Gefährliche Hohe, auf welcher sie standen l zu kostbares Spiel mit Kronen und Millionen an Menschen und Golde! Und auf dieser Höhe gehen sie einfach wie Römer einher, verachtend den Pomp königlicher Bar- 254 Ideen zue Philosophie baren; der Helm ihre Krone, ihre Zierde der Brust. Harnisch. Und wenn ich sie auf diesem Gipfel der Macht und des Reichlhums in ihrer männlichen Beredsamkeit höre, in ihren häuslichen oder patriotischen Tugenden uncrmüdct-wirksam sehe: wenn im Gewühl der Schlachten oder im Getümmel des Marktes die Stirn Lasars immer heiter bleibt und auch gegen Feinde seine Brust mit verschonender Grosmuth schlaget; große Seele bei allen deinen leichtsinnigen Lastern, wenn du nicht werth wärest, Monarch der Römer zu werden, so war es niemand. Doch Lasar war mehr als dies; er war Casar. Der höchste Thron der Erde schmückte sich mit seinem persönlichen Namen; o hatte er sich auch mit seiner Seele schmücken können, daß Jahrtausende hin ihn der gütige, muntre, umfassende Geist Lasars hatte beleben mögen! Aber gegen ihm über stehet sein Freund Brutus mit gezucktem Dolch. Guter Brutus, bei Sar- den und Philippen erschien dir dein böser Genius nicht zuerst; er war dir langst vorher unter dem Bilde des Vaterlandes erschienen, dem du mit einer weichern Seele als deines rohen Vorfahren war, die heiliger» Rechte der Menschheit und Freundschaft aufopsertest. Du konntest deine erzwungene That nicht nutzen, da dir Lasar's Geist und Sulla's Pö- belwurh fehlte und wurdest also genöthigt, das Rom, das kein Rom mehr war, den wilden Rathschlagen eines Antonius und Dktavius zu überlassen, von denen jener alle Römische Pracht einer Aegyptischcn Buhlerin zu Füßen legte und dieser nachher aus dem der Geschichte der Menschheit. 255 Gemach einer Livia mit scheinheiliger Rübe die müde- gequaltc Welt beherrschte. Nichts blieb dir übrig als dein eigner Stahl, eine traurige und doch noth- ivendige Zuflucht der Unglücklichen unter einem Römischen Schicksal. Woher entsprang dieser große Charakter der Römer? Er entsprang aus ihrcr Erziehung, oft sogar aus dem Namen der Person und des Geschlechtes , aus ihren Geschäften, aus dem Zuiammen- drangc des Raths, des Volks und aller Völker im Mittelpunkt der Weltherrschaft; ja endlich aus der glücklich-unglücklichen Nothwendigkeit selbst, in der sich die Römer fanden. Daher tkciltc er sich auch allem mir, was an der Römischen Größe Theil nabm, nicht nur den cdcln Geschlechtern, sondern auch dem Volk; und Männern sowohl als den Weibern. Die Tochter Scipio's und Cato's, die Gattin Brutus, der Gracchen Mutter und Schwester konnten ihrem Geschlecht nicht unwürdig bandeln; ja oft übertrafen edle Römerinnen die Männer selbst an Klugheit und Würde. So war Terentia heldenmü- thiger als Cicero, Veturia edier als Coriolan, Pau- lina starker als Sencca u. f. In keinem morgen- ländischen Harem, in keinem Gynaceum der Griechen konnten bei aller Unlage der Natur weibliche Tugenden hervocsproffen wie im öffentlichen und bauslichen Leben der Römer; freilich aber auch in verdorbenen Zeiten weibliche Laster, vor denen die Menschheit schaudert. Schon nach Nebcrwindung der Lateiner wurden hundert und siebenzig Römische Gemahlinnen eins, ihre Männer mit Gift hinzurichten und tranken, als sie entdeckt waren, ihre bereitete Arznei wie Helden. Was unter den Kaisern die Weiber in Rom 256 Ideen zur Philosophie vermochten und ausübten, ist unsäglich. Der stärkste Schatte gränzt ans stärkste Licht: eine Stiefmutter Livia und die treue Antonia-Drusus, eine Plancina und Agrippina-Germanikus, eine Messalina und Oktavia stehen dicht an einander. * * * Wollen wir den Werth der Römer auch in der Wissenschaft schätzen, so müssen wir von ihrem Charakter ausgchn und keine Griechen-Künste von ihnen fodern. Ihre Sprache war der Aeolische Dialekt, beinah mit allen Sprachen Italiens vermischt; sie hat sich aus dieser rohen Gestalt langsam hcrvorge- arbeitet und dennoch Trotz aller Bearbeitung hat sie zur Leichtigkeit, Klarheit und Schönheit der griechischen Sprache nie völlig gelangen mögen. Kurz, ernst und würdig ist sie, die Sprache der Eesctzge-' der und Beherrscher der Welt; in allem ein Bild vom Geiste der Römer. Da diese mit den Griechen erst spät bekannt wurden, nachdem sie durch die Lateinische, Etruskische und eigne Eultur lange Zeit schon ihren Charakter und Staat gebildet hatten: so lernten sie auch ihre natürliche Beredsamkeit durch die Kunst der Griechen erst spät verschönern. Wir wollen also über die ersten dramatischen und poetischen Ucbungen, die zu Ausbildung ihrer Sprache unstreitig viel beitrugen, wegschn und von dem reden, was bei ibnen tiefere Wurzel faßte. Es war dieses Gesetzgebung, Beredsamkeit und G e- schichte; Blüthcn des Verstandes, die ibre Geschäfte der Geschichte der Menschheit. 267 schäfte selbst hervortrieben und in welchen sich am meisten ihre Römische Seele zeiget. Aber zu beklagen ists, daß auch hier uns daS Schicksal wenig gegönnet hat, indem die, deren Crobcrungsgcist uns so viele Schriften andrer Völker raubte, die Arbeiten ihres eignen Geistes gleichfalls der zerstörenden Zukunft überlasten mußten. Denn ohne von ihren alten Priester-Annalen und den heroischen Geschichten Cnnius, Nävius oder dem Versuch eines Fabius Pictor zu reden; wo sind die Geschichten eines Cincius, Cato, Libo, Posthumius, Piso, Cassius Hemina, Scrvilians, Fannius, Sempronius, Ca!!.:" Antipater, Asellio, GelliuS, Lucinius u. f. ? Wo ist das Leben Acmilius Skau- rus, Rutilius Rufus, Lutatius Cattilus, Sulla, Augustus, Agrippa, Tiberius, einer Agrippina-Gcr- manikus, selbst eines Claudius, Trajans u. f. von ihnen selbst beschrieben? Unzählbar andrer Geschicht- bücher der wichtigsten Männer des Staats in RomS wichtigsten Zeiten, eines Hortensias, Atticus, Si- scnna, Lutaiius, Tubero, Lucccjus, Balbus, Brutus, Tiro, eines Valerius Meffala, Cremutius Cordus, Domitius, Corbulo, Cluvius Rufus auch der vielen vcrlohrnen Schriften Cornelius Ne- pos, Sallustius, Livius, Trogus, Plinius u. f. nicht zu gedenken. Ich setze die Namen derselben her, um einige Neuere, welche sich hoch hinauf über die Römer setzen, auch nur durch diese Namen zu widerlegen: denn welche neuere Nation hat in ihren Regenten, Feldhcrrn und ersten Ge- schäftsmanncrn in einer so kurzen Zeit bei so wichtigen Veränderungen und eignen Thaten derselben so Philos. und Gesetz. V. LH. R III. 258 Ideen zur Philosophie viele und große Geschichtschreiber gehabt, als diese barbarisch-genannten Römer? Rach den wenigen Bruchstücken und Proben eines Cornelius, Casar, Livins u. st harre die Römische Geschichte zwar nicht jene Anmuth und süße Schönheit der griechischen Historie; dafür aber gewiß eine Römische Würde und in Sallust, Tacitus u. a. viel philosophische und politische Klugheit. Wo große Dinge gcthan werden, wird auch groß gedacht und geschrieben; in der Sklaverei verstummet der Mund, wie die spatere Römische Geschichte selbst zeiget. Und leider ist der größeste Thcil der Römischen Geschichtschreiber aus Roms freien oder halbfreicn Zeiten ganz verlohre«. Ein unersetzlicher Verlust: denn nur Einmal lebten solche Männer; nur Einmal schrieben sie ihre eigne Geschichte. Der Römischen Geschichte ging die Beredsamkeit als Schwester und beiden ihre Mutter, die Staats- und Kriegskunst zur Seite; daher auch mehrere der gröficsten Römer in jeder dieser Wissenschaften nicht nur Kenntnisse hatten, sondern auch schrieben. Unbillig ist der Tadel, den man den Griechischen und Römischen Geschichtschreibern darüber macht, daß sie ihren Begebenheiten so oft Staats - und Kriegsreden einmischten: denn da in der Republik durch öffentliche Reden Alles gelenkt wurde, hatte der Geschichtschreiber kein natürliches Band, durch welches er Begebenheiten binden, vielseitig darstellen und pragmatisch erklären konnte, als eben diese Reden: sie waren ein weit schöneres Mittel des pragmatischen Vortrages, als wenn der spatere Tacitus und seine Brüder, von Nvth gezwungen , ihre eigenen Gedanken einförmig zwischen- der Geschichte der Menschheit. 25g webten. Indessen ist auch Tacitus mit seinem Reflexions-Geist oft unbillig beurtheilt worden: denn in seinen Schilderungen sowohl als im gehaßigen Ton derselben ist er an Geist und Her; ein Römer. Ihm wars unmöglich, Begebenheiten zu erzählen ohne daß er die Ursachen derselben entwickle und das Verabscheuungswürdige mit schwarzen Farben mahle. Seine Geschichte ächzet nach Freiheit und in ihrem dunkel-verschlossenen Ton beklagt sie den Verlust derselben weit bitterer, als sie's mit Worten thun könnte. Nur der Zeiten der Freiheit d. i. offener Handlungen im Staat und im Kriege erfreuet sich die Beredsamkeit und Geschichte; mit jenen sind beide dahin: sie borgen im Müssiggange deS Staats auch müßige Betrachtungen und Worte. In Absicht der Beredsamkeit indessen dürfen wir den Verlust nicht minder großer Redner als Geschichtschreiber weniger beklagen; der einzige Cicero ersetzet uns viele. In seinen Schriften von der Redekunst giebt er uns wenigstens die Charaktere seiner großen Vorgänger und Zeitgenossen; seine Reden selbst aber können uns jetzt statt Carv's, Antonius , Hortensius, Cäsars u. a. dienen. Glänzend ist das Schicksal dieses Mannes, glänzender nach seinem Tode als cs im Leben war. Nicht nur die Römische Beredsamkeit in Lehre und Mustern, sondern auch den größesten Thcil der griechischen Philosophie hat Er gerettet, da ohne seine Beneidens- werthen Einkleidungen die Lehren mancher Schulen uns wenig mehr, als dem Namen nach bekannt wären. Seine Beredsamkeit übertrifft die Donner des Demosthenes nicht nur an Licht und philosophi- R 2 26c» Ideen zur Philosophie scher Klarheit, sondern auch an Urbanität und wahrerem Patriotismus. Er beinahe allein hat die reinere lateinische Sprache Europcn wiedcrgegebcn, ein Werkzeug, das dem menschlichen Geist bei manchen Misbrauchen unstreitig große Vortheilc gebracht hat. Ruhe also sanft, du vielqeschaftiger, vielgc- plagter Mann, Vater des Vaterlandes aller lateinischen Schulen in Europa. Deine Schwachheiten hast du genug gcbüßet in deinem Leben; nach deinem Tode erfreuet man sich deines gelehrten, schönen, rechtschaffenen, cdcldenkenden Geistes und lernt aus deinen Schriften und Briefen dich wo nicht verehren, so doch hoch schätzen und dankbar lieben *). Die Poesie der Römer war nur eine ausländische Blume, die in Latium zwar schön fortgeblühet und hie und da eine feinere Farbe gewonnen hat; eigentlich aber keine neuen eignen Fruchtkeime erzeugen konnte. Schon die Etrusker hatten durch ihre Saliarischen und Leichengedichte, durch ihre Fescen- ninischcn, Atellanischen und Scenischen Spiele die *) Man lese über diesen oft verkannten Mann Middletons Leben Cicero (übersetzt Altona r?57. 3 Theile) ein vortreffliches Werk nicht nur über die Schriften dieses Römers, sondern auch über seine ganze Zeitgeschichte. -er Geschichte der Menschheit. 261 roheren Krieger zur Dichtkunst vorbereitet: mit den Eroberungen Tarents und andrer groß-griechischen Städte wurden auch griechische Dichter erobert, die durch die feineren Musen ihrer Muttersprache den Ueberwindcrn Griechenlandes ihre rohe Mundart gefälliger zu machen suchten. Wir kennen das Verdienst dieser ältesten Römischen Dichter nur aus einigen Versen und Fragmenten; erstaunen aber über die Menge Trauer- und Lustspiele, die wir von ihnen nicht nur aus alten, sondern zum Thcil auch aus den besten Zeiten genannt finden. Die Zeit hat sic vertilgt und ich glaube, daß gegen die Griechen gerechnet, der Verlust an ihnen nicht so groß sei), da ein Theil derselben griechische Gegenstände und wahrscheinlich auch griechische Sitten nachahmte. Das Römische Volk crfrcuete sich an Possen und Pantomimen, an Eircensischen oder gar an blutigen Fechterspielen viel zu sehr, als daß es fürs Theater ein griechisches Ohr und eine griechische Seele haben konnte. Als eine Sklavin war die secnische Muse bei den Römern cingcführt und sie ist bei ihnen immer auch eine Sklavin geblieben; wobei ich indcß den Verlust der hundert und dreißig Stücke des Plautus und die untergegangcne Schiffsladung von hundert und acht Lustspielen des Terenz, so wie die Gedichte Ennius, eines Mannes von starker Seele, insonderheit seinen Scipio und seine Lehrgedichte sehr bcdaure: denn im einzigen Terenz hätten wir, nach Casars Ausdruck, wenigstens den halben Menandcr wieder. Dank also dem Cicero auch dafür, daß er uns den Lukrez, einen Dichter von Römischer Seele und dem Augustus, daß er uns den halben Homer in der Acneis seines Maro erhalten. 262 Ideen zur Philosophie Dank dem Cornutüs, daß er von seinem edlen Schüler Persius auch einige seiner Lehrlingsstücke uns nicht misgönnte und auch euch ihr Mönche sev Dank, daß ihr um Latein zu lernen, uns den Terenz, Ho- raz, Boethius, vor allen andern aber Euren Virgil als einen rechtgläubigen Dichter aufbcwahrtet. Der einzig-unbefleckte Lorbeer in Augusts Krone ists, daß er den Wissenschaften Raum gab und die Musen liebte. * * * Freudiger wende ich mich von den römischen Dichtern zu den Philosophen; manche waren oft beides und zwar Philosophen von Herz und Seele. In Rom erfand man keine Systeme; aber man übte sie aus und führte sie in das Recht, in die Staats- Verfassung , ins thatige Leben. Nie wird ein Lehrdichter feuriger und starker schreiben, als Lukre; schrieb: denn er glaubte seine Lehre: nie ist seit Plato die Akademie desselben reizender verjüngt worden, als in Eicero's schönen Gesprächen. So hat die Stoische Philosophie nicht nur in der Römischen Rechtsgelehrsamkcit ein großes Gebiet eingenommen und die Handlungen der Menschen daselbst strenge geregelt, sondern auch in den Schriften Seneca, in den vortrefflichen Betrachtungen Mark-Aurels, in den Regeln Epiktets u. f. eine praktische Festigkeit und Schönheit erhallen, zu der die Lehrsätze mehrerer Schulen offenbar beigetragen haben. Uebung und Noth in mancherlei harten Zeitumständen des Römi- der Geschichte der Menschheit. 263 schen Staats stärkten die Gemüthcr der Menschen und stähleten sie; mau suchte, woran man sich halten könnte und brauchte das, was der Grieche ausgcdacht hatte, nicht als einen müßigen Schmuck, sondern als Waffe, als Rüstung. Große Dinge hat die Stoische Philosophie im Geist und Herzen der Römer bewirkt und zwar nicht zur Weltcrobe- rung sondern zu Beförderung der Gerechtigkeit, der Billigkeit und zum innern Trost unschuldig-gedruckter Menschen. Denn auch die Römer waren Menschen und als eine Schuldlose Nachkommenschaft durch das Laster ihrer Vorfahren litt, suchten sie Stärkung, woher sie konnten: was sie selbst nicht erfunden hatten, eigneten sie sich desto fester zu. * * * Die Geschichte der Römischen Gelehrsamkeit endlich ist für uns eine Trümmer von Trümmern, da uns größkentheils die Sammlungen ihrer Literatur sowohl, als die Quellen fehlen, aus welchen jene Sammlungen geschöpft waren. Welche Mühe wäre uns erspart, welch Licht über das Allerthum angezündet, wenn die Schriften Varro's oder die zweitausend Bücher aus denen Plinius zusammen- schrieb, zu uns gekommen wären! Freilich würde ein Aristoteles aus der den Römern bekannten Welt anders als Plinius gcsammlet haben; aber noch ist sein Buch ein Schatz, der bei aller Unkunde in einzelnen Fächern sowohl den Fleiß als die Römische Seele seines Sammlers zeiget. So auch die Ideen zur Philosophie Geschichte der Rechtsgelehrsamkeit dieses Volkes: sie ist die Geschichte eines großen Scharfsinnes und Fleißes, der nirgend als im Römischen Staat also geübt und so lange fortgesetzt werden konnte; an dem was die Zeitfolge daraus gemacht und daran grrcihct bat, sind die Rechtslehrer des alten Roms unschuldig. Kurz, so mangelhaft die Römische Literatur gegen die Griechische beinah in jeder Gattung erscheinet: so lag es doch nicht in den Zeitumständcn allein, sondern in ihrer Römischen Natur selbst, daß sie Jahrtausende hin die stolze Gesetzgeberin aller Nationen werden konnte. Die Folge dieses Werks wird solches zeigen, wenn wir aus der Asche Roms cm neues Rom in sehr veränderter Gestalt, aber dennoch voll Eroberungsgcist werden aufleben sehen. Zuletzt habe ich noch von der Kunst der Römer zu reden, in welcher sie sich für Welt und Nachwelt als jene Herren der Erde erwiesen, denen die Materialien und Hände aller überwundenen Völker zu Gebot standen. Von Anfang' an war ein Geist in ihnen, die Herrlichkeit ihrer Siege durch Ruh- mcszeichen, die Herrlichkeit ihrer Stadt durch Denkmahle einer prächtigen Dauer zu bezeichnen; so daß sie schon sehr frühe an nichts Geringeres als an eine Ewigkeit ihres stolzen Daseyns dachten. Die Tempel, die Romulus und Numa bauten, die Platze, die sie ihren öffentlichen Versammlungen anwiescn, gingen alle schon auf Siege und eine mächtige Volksrcgierung hinaus, bis bald darauf der Geschichte der Menschheit. »65 Ankus und Tarquinius die Grundfesten jener Bauart legten, die zuletzt beinah zum Unermeßlichen em- porstieg. Der Etruskische König bauete die Mauer Noms von gehauenen Steinen: er führte, sein Volk zu tranken und die Stadt zu reinigen, jene unge» heure Wasserleitung, die noch jetzt in ihren Ruinen ein Wunder der Welt ist: denn dem neueren Rom fehlte es, sie nur aufzuräumen oder in Dauer zu erhalten, an Kräften. Eben desselben Geistes waren seine Galerien, seine Tempel, seine Eerichtssale und jener ungcbeure Circus, der blos für Ergötzungen des Volks errichtet, noch jetzt in seinen Trümmern Ehrfurcht fodert. Auf diesem Wege gingen die Könige, insonderheit der stolze Tarquin, nachher die Eonsuls und Acdilcn, späterhin die Welterobercr und Diktators , am meisten Julius Cäsar fort und die Kaiser folgten. So kamen nach und nach jene Thore und Thürmc, jene Theater und Amphitheater, Eicken und Stadien, Triumphbogen und Ehrensäulen, jene prächtigen Grabmahle und Grabgewölbe, Landstraßen und Wasserleitungen, Palläste und Bader zu Stande, die nicht nur in Rom und Italien, sondern häufig auch in andern Provinzen ewige Fußtapfen dieser Herren der Welt sind. Fast erliegt das Auge, manche dieser Denkmahle nur noch in ihren Trümmern zu sehen und die Seele ermattet, das ungeheure Bild zu fassen, das in großen Formen der Festigkeit und Pracht sich der anordncnde Künstler dachte. Noch kleiner aber werden wir, wenn wir uns die Zwecke dieser Gebäude, das Leben und Weben in und zwischen denselben, endlich das Volk gedenken, denen sic geweihet waren und die oft einzelnen Privatpersonen, die sie ihm weihten. Da fühlt die Seele, 266 Ideen zur Philosophie nur Ein Rom sey je in der Welt gewesen und vom hölzernen Amphitheater des Eurio an bis zum Eo- liseum des Vcspasians, vom Tempel des Jupiter Stators bis zum Pantheon des Agrippa oder dem Friedenstcmpcl, vom ersten Triumphthor eines einziehenden Siegers bis zu den Siegcsbogcn und El>- rensaulen Augustus, Titus, Trajans, Severus u. f. sammt jeder Trümmer von Denkmahlcn ihres öffentlichen und häuslichen Lebens habe Ein Genius gewaltet. Der Geist der Völkerfreiheit und Menschen» freundschaft war dieser Genius nicht; denn wenn man die ungeheure Mühe jener arbeitenden Menschen bedenkt, die diese Marmor- und Steinfclsen oft aus fernen Landen hcrbcischaffen und als überwundene Sklaven errichten mußten: wenn man die Kosten überschlagt, die solche Ungeheuer ^dcr Kunst vom Schweiß und Blut geplünderter, ausgesogner Provinzen erforderten, ja endlich, wenn wir den grausamen, stolzen und wilden Geschmack überlegen, den durch jene blutigen Fechterspiele, durch jene unmenschlichen Thierkampfe, jene barbarischen Triumphauszüge u. f. die meisten dieser Denkmahle nährten; die Wollüste der Bäder und Pallaste noch ungerechnet : so wird man glauben müssen, ein gegen das Menschengeschlecht feindseliger Dämon habe Rom gegründet, um allen Irdischen die Spuren seiner dämonischen übermenschlichen Herrlichkeit zu zeigen. Man lese über diesen Gegenstand des altern Plinius und jedes edlen Römers eigene Klagen: man folge den Erpressungen und Kriegen nach, durch welche vie Künste Etruriens, Griechenlandes und AcgvptenS nach Rom kamen: so wird man den Steinhaufen der Römischen Pracht vielleicht als die höchste Summe der Geschichte der Menschheit. 267 menschlicher Gewalt und Größe anstaunen, aber auch als eine Tyrannen - und Mödergrube des Menschengeschlechts verabscheuen lernen. Die Regeln der Kunst indessen bleiben was sie sind und obgleich die Römer selbst in ihr eigentlich nichts erfanden, ja zuletzt das anderswo Erfundene barbarisch genug zu- sammensetztcn: so bezeichnen sie sich dennoch auch in diesem zusammcnraffendcn, auflhürmenden Geschmack als die großen Herren der Erde. kxLuäsnt alil sxirantia rriollius aora: Oi'näo eguiäem; vivor clucent äs iriarinors vultus: Orakunt caussas rneliur, coeligus rrreatus Oeserikmnt raäio et gurZentia siäsra äieent: 1u regere imperlo ^o^iulos, Ibomane, rne- rnento; Hae tiki erunt arte?, xauisgu« iirrxorrers moreiri, ksrcere sukiectio et äebellare suxsrbos. Gern wollten wir den Römern alle von ihnen verachtete Griechenkünste, die doch selbst von ihnen zur Pracht oder zum Nutzen gebraucht wurden, ja sogar die Erweiterung der edelsten Wissenschaften, der Astroncmie, Zcitcnkunde u. f. erlassen und lieber zu den Oertcrn wallfahrten, wo diese Blüthen des menschlichen Verstandes auf ihrem eignen Boden blühten; wenn sie dieselbe nur an Ort und Stelle gelassen und jene Regierungskunst der Völker, die sie sich als ihren Vorzug zuschrieben, Menschenfreund- 263 Ideen zur Philosophie licher geübt hatten. Dies aber konnten sic nicht, da ihre Weisheit nur der Uebecmacht diente und den vermcynten Stolz der Völker nichts als ein größerer Stolz beugte. VI. Allgemeine Betrachtungen über daß Schicksal Roms und seine Geschichte. ist ein alter Uebungsplatz der politischen Philosophie gewesen, zu untersuchen, was mehr zur Größe Roms beigetragen habe, ob seine Tapferkeit oder sein Glück? Schon Plutarch und mehrere sowohl griechische als römische Schriftsteller haben darüber ihre Meynungen gesagt und in neuern Zeiten hat fast jeder über die Geschichte nachdcnkendc Geist dies Problem behandelt. Plutarch, bei allem was er der Römischen Tapferkeit zugestehen muß, läßt das Glück den Ausschlag geben und hat sich in dieser Untersuchung wie in seinen andern Schriften zwar als den Blumenreichen, angenehmen Griechen, nicht aber eben als einen Geist bewiesen, der seinen Gegenstand vollendet. Die meisten Römer dagegen schrieben ihrer Tapferkeit alles zu und die Philoso- der Geschichte der Menschheit. 269 phen späterer Zeiten ersannen sich einen Plan der Klugheit, auf welchen vom ersten Grundstein an die Römische Macht bis zu ihrer größesten Erweiterung angelegt worden. Offenbar zeigt die Geschichte, daß keins dieser Systeme ausschließend, daß genau verbunden sie aber alle wahr sind. Tapferkeit, Glück und Klugheit mußten zusammentreten, um das aus- zurichten, was ausgerichtet ward und von Romulus Zeiten an sehen wir diese drei Göttinnen für Rom im Bunde. Wollen wir also nach Art der Alten die ganze Zusammcnfügung lebendiger Ursachen und Wirkungen Natur oder Glück nennen i so gehörte sowohl die Tapferkeit, selbst auch die grausame Härte, als die Klugheit und Arglist der Römer mit zu diesem alles - lenkenden Glücke. Die Betrachtung wird immer unvollkommen bleiben, wenn man an Einer dieser Eigenschaften ausschließend hänget und bei den Vortrcfflichkeiten der Römer ihre Fehler und Laster, bei dem innern Eharaktcr ihrer Thaten die äußern begleitenden Umstände, endlich bei ihrem festen und großen Kriegsverstande den Zufall vergißt, den eben jener oft so glücklich nützte. Die Gänse, die das Capitol retteten, waren eben sowohl dir Schutzgötter Roms, als der Muth des Eamillus, das Zögern des Fabius oder ihr Jupiter Statur. In der Naturwelt gehört alles zusammen, was zusammen und in einander wirkt, pflanzend, erhaltend oder zerstörend; in der Naturwelt der Geschichte nicht minder. Es ist eine angenehme Uebung der Gedanken, sich hie und da zu fragen, was aus Rom bei veränderten Umständen geworden wäre? z. B. wenn cS anderswo gelegen, frühzeitig nach Deji versetzt, das Ä " - M'/ 27« Ideen zur Philosophie Capitol von Brcnnus erstiegen, Italien von Alexander bekriegt, die Stadt von Hannibal erobert oder der Rath, den er dem Antiochusgab, befolgt wäre? Glcichergestalt lasset sich fragen: wie statt des Au- gustus ein Casar, statt des Tibers ein GermanikuS regiert hatte? welche Verfassung der Welt ohne das cindringende Christcnlhum entstanden wäre? u. f. Jede dieser Untersuchungen führet uns auf eine so genaue Zufammenkettung der Umstande, daß man Rom zuletzt nach der Weife jener Morgenländer als ein Lebendiges betrachten lernt, das nicht anders als unter solchen Umständen am Ufer der Tiber wie aus dem Meer aufsteigcn, allmählich den Streit mit allen Völkern seines Weltraums zu Lande und Wasser lernen, sie unterjochen und zertreten, endlich die Grenzen seines Ruhms und den Ursprung seiner Verwesung in sich selbst finden können, als den es wirklich gefunden hat. Bei dieser Betrachtung verschwindet alle sinnlose Willkühr auch aus der Geschichte. In ihr sowohl als in jeder Erzeugung der Naturreiche ist Alles oder Nichts Zufall, Alles oder Nichts Willkühr. Jedes Phänomenen der Geschichte wird eine Naturerzcugung und für den Menschen fast die Bcrrachtenswürdigste von allen, weil dabei so viel von ihm abhangt und er selbst bei dem, was außer seinen Kräften in der großen Ucbermacht der Zeitumstände liegt, bei jenem unterdrückten Griechenlande, Karthago und Numantia, bei jenem ermordeten Scrtorius, Spartakus und Viriatus, beim untcrgesunknen zweiten Pompejus, Drusus, Gcrmanikus, Britannikus u. f. obwohl in bittern Schalen den nutzbarsten Kern findet. Die einzige 7 X — der Geschichte der Menschheit. 271 Philosophische Art, eine Geschichte anzuschaucn, ist diese; alle denkenden Geister haben sie auch unwissend grübet. Nichts stünde dieser Parteilosen Betrachtung mehr entgegen, als wenn man selbst der blutigen römischen Geschichte einen eingeschränkten, geheimen Plan der Vorsehung unterschieben wollte; wie wenn Rom z. B. vorzüglich deßhalb zu seiner Höhe gestiegen sey, damit es Redner und Dichter erzeugen, damit es das Römische Recht und die lateinische Sprache bis an die Granzen seines Reichs ausbrei- tcn und alle Landstraßen ebnen möchte, die christliche Religion cinzuführen. Jedermann weiß, welche ungeheure Uebel Rom und die Welt umher drückten, eh solche Dichter und Redner aufkommcn konnten; wie theuer z. B. Sicilien des Cicero Rede gegen den Vcrres, wie theuer Rom und ihm selbst seine Reden gegen Catilina, seine Angriffe auf den Antonius gewesen u. f. Damit eine Perle gerettet würde, mußte also ein Schiff untergeben und tausend Lebendige kamen um, blos damit auf ihrer Asche einige Blumen wüchsen, die auch der Wind zerstäubet. Um eine Aeneis des Virgils, um die ruhige Muse eines Horaz und seine urbanen Briefe zu erkaufen, mußten Ströme von Römerblut vorher vergossen, zahllose Völker und Reiche unterdrückt werden; waren diese schönen Früchte eines erpreßten gvldnen Alters solches Aufwandes werth? Mit dem Römischen Rechte ists nicht anders: denn wem ist unbekannt, welche Drangsale die Völker dadurch erlitten, wie manche menschlichere Einrichtung der verschiedensten Lander dadurch zerstört worden? Fremde Völker wurden nach Sitten gerichtet, die sie nicht kannten; 272 Ideen zur Philosophie sie wurden mit Lastern und ihren Strafen vertraut, von welchen sie nie gehört hatten; ja endlich der ganze Gang dieser Gesetzgebung, der sich nur zur Verfassung Roms schickte, hat er nicht nach tausend Unterdrückungen 'den Ekaraktcr aller überwundenen -Nationen so verlöscht, so verderbet, daß statt des eigenthümlichen Gepräges derselben, zuletzt allenthalben nur der Römische Adler erscheint, der nach ausgehackten Augen und verzehrten Eingewciden traurige Leichname von Provinzen mit schwachen Flügeln deckte. Auch die lateinische Sprache gewann nichts durch die überwundnen Völker und diese gewannen nichts durch jene. Sie ward verderbt und zuletzt ein Romanisches Gemisch nicht nur in den Provinzen sondern in Rom selbst. Die schönere griechische Sprache verlohc auch durch sie ihre reine Schönheit und jene Mundarten so vieler Völker, die ihnen und uns weit nützlicher als eine verdorbne Römische Sprache waren , gingen bis aufs kleinste Ucbcrblcibscl unter. Die christliche Religion endlich; so ausnehmend ich die Wohlthaten verehre, die sie dem Menschengeschlecht gebracht hat, so entfernt bin ich zu glauben, daß auch nur Ein Wegstein in Rom ursprünglich ihretwegen von Menschen erhoben worden. Für sie hat Romulus seine Stadt nicht errichtet, Pompcjus und Craffus sind nicht für sie durch Judäa gezogen, noch weniger sind alle jene römische Einrichtungen Europcns und Asiens gemacht, damit ihr allenthalben der Weg bereitet würde. Rom nahm die christliche Religion nicht anders auf, als es den Gottesdienst der Isis und jeden verworfnen Aberglauben der östlichen Welt aufnahm: ja cs wäre Gottes- der Geschichte der Menschheit. 273 Gottes-unwürdig, sich cinzubildcn, daß die Vorsehung für ihr schönstes Werk, die Fortpflanzung der Wahrheit und Tugend keine andern Werkzeuge gewußt habe, als die tyrannischen, blutigen Hände der Römer. Die christliche Religion hob sich durch eigne Kräfte, wie durch eigne Kräfte das Römische Reich wuchs und wenn beide sich zuletzt gatteten: so gewann weder die Eine dadurch noch das Andere. Ein Römisch - Ehristlicher Bastard entsprang, von welchem manche wünschen, das er nie entstanden wäre. Die Philosophie der Endzwecke hat der Naturgeschichte keinen Vortheil gebracht; sondern ihre Liebhaber vielmehr statt der Untersuchung mit scheinbarem Wahn befriedigt; wieviel mehr die tausend- zweckige, in einander greifende Menschengeschichte l Wir haben also auch der Meynung zu entsagen, als ob in der Fortsetzung der Zeitalter die Römer dazu gewesen seyn, um, wie in einem menschlichen GeMahlde über den Griechen ein vollkommnekes Glied in der Kette der Eultur zu bilden. In dem, worin die Griechen vortrefflich waren, haben die Römer sie nie übcrtreffen mögen; was gegentheils sie Eignes besaßen, hatten sie von den Griechen nicht gelernct. , Genutzt haben sie alle Völker > mit veNen sie bekannt wurden, bis auf Indier und Troglody- ten; sie nutzten sie aber als Römer und oft ists die Frage, ob zu ihrem Vortheil oder Schaden? So wenig nun alle andre Nationen der Römer wegen dawaren oder Jahrhunderte vorher ihre Einrichtungen für Römer machte»: so wenig dürfen solches die Philos. und Gesch. V. Th. S 7-ie-n. III. 274 Ideen zur Philosophie Griechen gethan hoben. Athen sowohl als die Italienischen Pflanzstadte gaben Gesetze für sich, nicht für sie; und wenn kein Athen gewesen wäre: so hatte Rom zu den Scythcn um seine Gesetztafeln senden mögen. Auch waren in vielem Betracht die griechischen Gesetze vollkommner als die römischen: und die Mangel der letzten verbreiteten sich auf einen viel größeren Weltstrich. Wo sie etwa menschlicher wurden, waren sie es nach Römischer Weise, weil es unnatürlich gewesen wäre, wenn die Ueberwin- der so vieler gebildeten Nationen nicht auch wenigstens den Schein der Menschlichkeit hatten lernen sollen, mit dem sie oft die Völker betrogen. Also bliebe nichts übrig, als daß die Vorsehung den Römischen Staat und die lateinische Sprache als eine Brücke ausgestellt habe, auf welcher von den Schätzen der Vorwelt auch Etwas zu uns gelangen möchte. Die Brücke wäre die schlechtste, die gewählt werden konnte: denn eben ihre Errichtung hat uns das Meiste geraubck. Die Römer zerstörten und wurden zerstört; Zerstörer aber sind keine Erhalter der Welt. Sie wiegelten alle Völker auf, bis sie zuletzt die Beute derselben wurden und die Vorsehung that ihrethalben kein Wunder. Lasset uns also auch diese, wie jede andre Naturerscheinung, deren Ursachen und Folgen man frei erforschen will, ohne untergeschobnen Plan betrachten. Die Römer waren und wurden, was sie werden konnten: alles ging unter oder erhielt sich an ihnen, was unterge- hen oder sich erhalten mochte. Die Zeiten rollen fort und mit ihnen das Kind der Zeiten, die vielgestaltige Menschheit. Alles hat auf der Erde ge- der Geschichte der Menschheit. 276 blüht, was blühen konnte; jedes zu seiner Zeit und in seinem Kreise: es ist abgeblüht und wird wieder blühen, wenn seine Zeit kommt. Das Werk der Vorsehung gehl nach allgemeinen großen Gesetzen in seinem ewigen Gange fort; welcher Betrachtung wir uns jetzt mit bescheidenem Schritt nähern. S 2 Fünfzehntes Buch „«vorübergehend ist also alles in der Geschichte; die Aufschrift ihres Tempels beißt: Nichtigkeit und Verwesung. Wir treten den Staub unsrer Vorfahren und wandeln auf dem cingesunknen Schutt zerstörter Menschen-Verfassungen und Königreiche. Wie Schatten gingen uns Aegypten, Persien, Griechenland , Rom vorüber; wie Schatten steigen sie aus den Gräbern hervor und zeigen sich in der Geschichte. „Und wenn irgend ein Staalsgebaudc sich selbst überlebte; wer wünscht ihm nicht einen ruhigen Hingang ? Wer fühlt nicht Schauder, wenn er im Kreise lebendig-wickcndcr Wesen auf Todtcngcwölbe alter Einrichtungen stößt, die den Lebendigen Licht und Wohnung rauben? Und wie bald, wenn der Nachfolger diese Katakomben hinwegraumt, werden auch seine Einrichtungen dem Nachfolger gleiche Grabgewölbe dünken und von ihm unter die Erde gesandt werden. Jur Philos. der Geschichte der Menschheit. 277 „Die Ursache dieser Vergänglichkeit aller irdischen Dinge liegt in ihrem Wesen, in dem Ort den sie bewohnen, in dem ganzen Gesetz, das unsre Natur bindet. Der Leib der Menschen ist eine zerbrechliche, immer verncuete Hülle, die endlich sich nicht mehr erneuen kann; ihr Geist aber wirkt auf Erden nur in und mit dem Leibe. Wir dünken uns selbstständig und hangen von allem in der Natur ab; in eine Kette wandelbarer Dinge verflochten müssen auch wir den Gesetzen ihres Kreislaufs folgen, die keine andre sind als Entstehen, Seyn und Verschwinden. Ein loser Faden knüpft das Geschlecht der Menschen, der jeden Augenblick reißt, um von neuem geknüpft zu werden. Der kluggewordene Greis geht unter die Erde, damit sein Nachfolger ebenfalls wie ein Kind beginne, die Werke seines Vorgängers vielleicht als ein Thor zerstöre und dem Nachfolger dieselbe nichtige Mühe überlasse, mir der auch Er sein Leben verzehret. So kette» sich Tage: so ketten Geschlechter und Reiche sich an einander. Die Sonne geht unter, damit Nacht werde und Menschen sich über eine neue Morgenröthe freuen mögen. „Und wenn bei diesem Allen nur noch einiger Fortgang merklich wäre; wo zeigt dies.r sich aber in der Geschichte? Allenthalben stehet man in ihr Zerstörung , ohne wahrzunehmen, daß das Erneucte besser als das Zerstörte werde. Die Nationen blühen auf und ab; in eine abgeblühete Narion kommt keine junge, geschweige eine schönere Blütbe wieder. Die Eultur rückt fort; sie wird aber damit nicht vollkommener: am neuen Ort werden neue Fähigkeiten entwickelt; die alten des alten Orts gingen unwiderbringlich unter. Waren die Römer tveiser und glück- 273 Ideen zur Philosophie licher als es die Griechen waren? und sind wirs mehr als beide? „Die Natur des Menschen bleibt immer dieselbe ; im zehntausendsten Jahr der Welt wird er mit Leidenschaften gsbohren, wie er im zweiten derselben mit Leidenschaften gebohren ward und durchlauft den Gang seiner Thorhciten zu einer spaten, unvollkommenen, nutzlosen Weisheit. Wir gehen in einem Labyrinth umher, in welchem unser Leben nur eine Spanne abschneidet; daher es uns fast gleichgültig seyn kaim, ob der Irrweg Entwurf und Ausgang habe. „Trauriges Schicksal des Menschengeschlechts, das mit allen seinen Bemühungen an Jrions Rgd, an Sisyphus Stein gefesselt und zu einem Tantali- schen Sehnen verdammt ist. Wir müssen wollen, wir müssen streben : ohne daß wir je die Frucht unsrer Mühe vollendet sehen oder aus der ganzen Geschichte ein Resultat menschlicher Bestrebungen lernten. Stehet ein Volk allein da: so nutzt sich sein Gepräge unter der Hand her Zeit ab ; kommt es mit andern ins Gedränge: so wird es in den schmelzenden Tiegel geworfen, in welchem sich die Gestalt desselben gleichfalls verlieret. So bauen wir aufs Eis: so schreiben wir in die Weste' des Weers ; die Welte verrauscht, das Eis zerschmilzt und hin ist unser Pallast, wie unsre Gedanken. „Wozu also die unselige Mühe , die Gott dem Menschengeschlecht in seinem kurzen Lehen zum Tagwerk gab? wozu die Last, unter der sich jeher zum Grabe hinabarbeitet? Und niemand wurde gefragt, ob er sie über sich nehmen, ob er auf dieser Stelle, zu dieser Zeit, in diesem Kreise gebohren seyn wollte ? der Geschichte der Menschheit. 279 Ja da das meiste Nebel der Menschen von ihnen selbst, von ihrer schlechten Verfassung und Regierung, vom Trotz der Unterdrücker und von einer beinah unvermeidlichen Schwachheit der Beherrscher und der Beherrschten herrührct; welch ein Schicksal wars, das den Menschen unter das Joch seines eignen Geschlechts , unter die schwache oder tolle Willkühr seiner Brüder verkaufte? Man rechne die Zeitalter des Glückes und Unglücks der Völker, ihrer guten und bösen Regenten, ja auch bei den besten derselben die Summe ihrer Weisheit und Thorheit, ihrer Vernunft und Leidenschaft zusammen: welche ungeheure Negative wird man zusammcnzählen! Betrachte die Despoten Asiens, Afrika's, ja beinahe der ganzen Erdrunde: siehe jene Ungeheuer auf dem Römischen Thron, unter denen Jahrhunderte hin eine Welt litt: zahle die Verwirrungen und Kriege, die Unterdrückungen und leidenschaftlichen Tumulte zusammen und bemerke überall den Ausgang. Ein BrutuS sinkt und Antonius triumphiret: Germanikus geht unter und Tibcrius, Ealigula, Nero herrschen: Aristides wird verbannt: Confucius fliehet umher: Sokrates, Phocion, Seneca sterben. Freilich ist hier allenthalben der Satz kenntlich: „was ist, das ist: was werden kann, wird : was untergehen kann , geht unter;" aber ein trauriges Anerkenntniß, das uns allenthalben nichts als den zweiten Satz predigt, daß auf unsrer Erde wilde Macht und ihre Schwester, die boshafte List siege." So zweifelt und verzweifelt der Mensch, allerdings nach vielen scheinbaren Erfahrungen der Geschichte , ja gewiffermaße hat diese traurige Klage die ganze Oberfläche der Weltbegebenheiten für sich; dar her mir Mehrere bekannt sind, die auf dem wüsten Ocean der Mcnschengeschichte den Gott zu verlieren glaubten, den sie auf dem festen Lande der Nakur- forschung in jedem Grashalm und Staubkorn mit Gcistcsaugcn sahn und mtt vollem Herze» verehrten. Im Tempel der Weltschöpfung erschien ihnen Alles voll Allmacht und gütiger Weisheit; auf dem Markt menschlicher Handlungen hingegen, zu welchem doch auch unsre Lebenszeit berechnet worden, sahen sie nichts als einen Kampfplatz sinnloser Leidenschaften, wilder Kräfte, zerstörender Künste ohne eine fort- gchende gütige Absicht. Die Geschichte ward ihnen wie ein Spinnengcwebe im Winkel des Weltbaus, das in seinen verschlungenen Faden zwar des ver- dorretcn Raubes genug, nirgend aber einmal seinen traurigen Mittelpunkt, die webende Spinne selbst zeiget. Ist indessen ein Gott in der Natur: so ist er auch in der Geschichte: denn auch der Mensch ist ein Thcil der Schöpfung und muß in seinen wildesten Ausschweifungen und Leidenschaften Gesetze befolgen, die nicht minder schön und vortrefflich sind, als jene, nach welchen sich alle Himmels - und ördkörper bewegen. Da ich nun überzeugt bin, daß was der Mensch wissen muß, er auch wissen könne und dürfe: so gehe ich aus dem Gewühl der Sccnen, die wir bisher durchwandert haben, zuversichtlich und frei den hohen und schönen Naturgesetzen entgegen, denen auch sie folgen. -- der Geschichte der Menschheit. 281 I. Humanität ist der Zweck der Menschen-Natur und Gott hat unserm Geschlecht mit diesem Zweck sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben. ^^cr Zweck einer Seiche, die nicht blos ein todtes Mittel ist, muß in ihr selbst liegen. Wären wir dazu geschaffen, um wie der Magnet sich nach Norden kehrt, einen Punkt der Vollkommenheit, der außer uns ist und den wir nie erreichen konnten, mit ewig-vergeblicher Mühe nachzustreben: so würden wir als blinde Maschicnen nicht nur uns, sondern selbst das Wesen bedauern dürfen, das uns zu einem Tantalischcn Schicksal verdammte, indem cs unser Geschlecht blos zu seiner, einer Schadenfrohen, un- göttlichen Augenweide schuf. Wollten wir auch zu seiner Entschuldigung sagen, daß durch diese leeren Bemühungen, die nie zum Ziele reichen, doch etwas Gutes befördert und unsere Natur in einer ewigen Regsamkeit erhalten würde: so bliebe es immer doch ein unvollkommenes, grausames Wesen, das diese Entschuldigung verdiente: denn in der Regsamkeit, die keinen Zweck erreicht, liegt kein Gutes und cs hätte uns, ohnmächtig oder boshaft, durch Vorhal- 2Ü2 Ideen zur Philosophie lung eines solchen Traums von Absicht seiner selbst unwürdig gctäuschet. Glücklicher Weise aber wird dieser Wahn von der Natur der Dinge uns nicht gclebret; betrachten wir die Menschheit, wie wir sie kennen, nach den Gesetzen, die in ihr liegen: so kennen wir nichts hökcrcs, als Humanität im Menschen: denn selbst wenn wir uns Engel oder Götter denken, denken wir sie uns nur als idealische, höhere Menschen. Zu diesem offenbaren Zweck, saben wir *), ist unsre Naiur organisiret: zu ihm sind unsere feineren Sinne und Triebe, unsre Vernunft und Freiheit, unsere zarte und daurende Gesundheit, unsre Sprache, Kunst und Religion uns gegeben. In allen Zuständen und Gesellschaften hat der Mensch durchaus nichts anders im Sinn haben, nichts anders anbauen können, als Humanität, wie er sich dieselbe auch dachte. Ihr zu gut sind die Anordnungen unsrer Geschlechter und Lebensalter von der Natur gemacht, daß unsre Kindheit langer daure und nur mit Hülfe der Erziehung eine Art süumanitat lerne. Ihr zu gut sind auf der weiten Erde alle Lebensarten der Menschen eingerichtet, alle Gattungen der Gesellschaft cinqeführt worden. Jäger oder Fischer, Hirt oder Ackermann und Bürger; in jedem Zustande lernte der Mensch Nahrungsmittel unterscheiden , Wohnungen für sich und die Seinigen errichten: er lernte für seine beiden Geschlechter Kleidungen zum Schmuck erhöhen und sein Hauswesen ordnen. Er erfand mancherlei Gesetze und Regierungs- *) Ideen Th. r. B. h. der Geschichte der Menschheit. 28Z formen, die alle zum Zweck haben wollten, daß jeder, unbefehdet vom andern, seine Kräfte üben und einen schöner», freieren Genuß des Lebens sich erwerben könnte. Hiezu ward das Eigcnthum gesichert und Arbeit, Kunst, Handel, Umgang zwischen mehreren Menschen erleichtert: cs wurden Strafen für die Verbrecher, Belohnungen für dje Vortreffliches erfunden, auch tausend sittliche Gebrauche der vcr- schiednen Stande im öffentlichen und häuslichen Leben, selbst in der Religion angeordnet. Hiezu endlich wurden Kriege geführt. Vertrage geschloffen, allmählich eine Art Kriegs- und Völkerrecht, nebst mancherlei Bündnissen der Gastfreundschaft unh des Handels errichtet, damit auch außer den Grenzen seines Vaterlandes der Mensch geschont und geehrt würde. Was also in der Geschichte je Gutes gethan ward, ist für die Humanität gethan worden; was in ihr Thörichtes, Lasterhaftes und Abscheuliches in Schwang kam, ward gegen die Humanität verübet, so daß der Mensch sich durchaus keinen andern Zweck aller seiner Erd-Anstalten denken kann, als der in ihm selbst d. i. in der schwachen und starken, niedrigen und edlen Natur liegt, die ihm sein Gott anschuf, Wenn wir nun in der ganzen Schöpfung jcd? Sache nur durch das, was sie ist und wie sie wirkt, kennen: so ist uns der Zweck des Menschengeschlechts auf der Erde durch seine Natur und Geschichte, wie durch die Helleste Demonstration gegeben- Lasset uns auf den Erdstrich znrückblicken, den wir bisher durchwandert haben; in allen Einrichtungen der Völker von Sina bis Rom, in asten Mannigfaltigkeiten ihrer Verfassung, so wie in jeder Ideen zur Philosophie 264 ihrer Erfindungen des Krieges und Friedens, selbst bei ollen Gräueln und Fehlern der Nationen blieb dos Hauptgesetz der Notur kenntlich: „der Mensch sev Mensch! er bilde sich seinen Zustond noch dem, was er für dos Beste erkennet/' Hiezu bemächtigten sich die Völker ihres Landes und richteten sich ein, nne sic konnten. Aus dem Weibe und dem Staat, aus Sklave», Kleidern und Hausern, aus Ergötzungen und Speisen, aus Wissenschaft und Kunst ist hie und da aus der Erde alles gemacht worden, was man zu seinem oder des Ganzen Vesten daraus machen zu können glaubte. Ueberall also finden wir die Menschheit im Besitz und Gebrauch des Rechtes, sich zu einer Art von Humanität zu bilden, nachdem es solche erkannte. Irrten sie oder blieben aus deni halben Wege einer ererbten Tradition stehen: so litten sie die Folgen ihres Jrrthums und büsleten ihre eigne Schuld. Die Gottheit Halle ihnen in nichts die Hände gebunden, als durch das was sic waren, durch Zeit, Drt und die ihnen einwohnenden Kräfte. Sie kam ihnen bei ihren Fehlern auch nirgend durch Wunder zu Hülfe, sondern ließ diese Fehler wirken, damit Menschen solche selbst bessern lernten. So einfach dieses Naturgesetz ist: so würdig ist es Gottes, so zusammenstimmend und fruchtbar an Folge» für das Geschlecht der Menschen. Sollte dies scyn was cs ist, und werden was es werden könnte: so mußte es eine sclbstwirksame Natur und einen Kreis freier Thatigkeit um sich her erhalte», in welchem cs kein ihm unnatürliches Wunder störte. Alle todte Materie, alle Geschlechter der Lebendigen, die der Instinct führet, sind seit der Schöpfung ge- der Geschichte der Menschheit. 285 blieben, was sic waren; den Menschen machte Gott zu einem Gott auf Erden, er legte das Principium eigner Wirksamkeit in ihn und setzte solches durch innere und äußere Bedürfnisse seiner Natur von Anfänge an in Bewegung. Der Mensch konnte nicht leben und sich erhalten, wenn er nicht Vernunft brauchen lernte: sobald er diese brauchte war ihm freilich die Pforte zu tausend Jrrchümern und Fehlversuchen, eben aber auch und selbst durch diese Jrr- thümer und Fehlversuche der Weg zum bessern Gebrauch der Vernunft eröffnet. Je schneller er seine Fehler erkennen lernt, mit je rüstigerer Kraft er darauf geht, sie zu bessern; desto weiter kcmmt er, desto mebr bildet sich seine Humanität; und er muss sie anrbilden oder Jahrhunderte durch unter der Last eigner Schulden ächzen. Wir sehen also auch, daß sich die Natur zu Errichtung dieses Gesetzes einen so weiten Raum cr- kohr, als ihr der Wohnplatz unsers Geschlechts vergönnte; sie organisirte den Menschen sovielfach, als auf unsrer Erde ein Menschengeschlecht sich organischen konnte. Nahe an den Affen stcllete sic den Neger hin und von der Negervernunft an bis zum Gehirn der feinsten Menschcnbildung ließ sic ihr großes Problem der Humanität von allen Völkern aller Zeiten auslöscn. Das Nothwendige, zu welchem der Trieb und das Bedürfnis; führet, konnte beinah keine Nation der Erde verfehlen; zur fcinern Ausbildung des Zustandes der Menschheit gab es auch feinere Völker sanfterer Klimate. Wie nun alles Woblgeordnete und Schöne in der Mitte zweier Extreme liegt: so mußte auch die schönere Form der Vernunft und Humanität in diesem gemäßigten! Mitlelstrich ihren Platz finden. 236 Ideen zur Philosophie Und sie Hot ihn noch dem Naturgesetz dieser allgemeinen Convenicnz reichlich gefunden. Denn ob man gleich fast olle asiatischen Nationen von jener Tragbcit nicht fceisprcchen kann, die bei guten Anordnungen zu frühe stehen blieb und eine ererbte Form für un- ableglich und heilig schätzte: so muß man sie doch entschuldigen, wenn man den ungeheuren Strich ih-, res festen Landes und die Zufalle bedenkt, denen sie insonderbcit von dem Gebirg her ausgesetzt waren. Im Ganzen bleiben ihre ersten frühen Anstalten zur Bildung der Humanität, eine jede nach Zeit und Ort betrachtet, lobcnswckth und noch weniger sind die Fortschritte zu verkennen, die die Völker an den Küsten des mittelländischen Meeres in ihrer großem Regsamkeit gemacht haben. Sie schüttelten das Joch des Despotismus alter Regierungssormen und Traditionen ab und bewiesen damit das große, gütige Gesetz des Mcnschenschicksals: „daß was ein Volk oder ein gcsamMtcs Menschengeschlecht zu seinem eignen Besten mit Uebcrlegung wolle und mit Kraft auSführe, das sey ihm auch von der Natur vergönnet, die weder Despoten noch Traditionen sondern die beste Form der Humanität ihnen zum Ziel setzte." Wunderbar - schön versöhnt uns der Grundsatz dieses göttlichen Naturgesetzes nicht nur mit der Gestalt unscrs Geschlechts auf der weiten Erde, sondern auch Mit den Veränderungen desselben durch alle Zeiten hinunter. Allenthalben ist die Menschheit das, was sie aus sich machen konnte, was sie zu werden Lust und Kraft hatte. War sie mit ihrem Zustande zufrieden oder waren in der großen Saat der Zeiten die Mittel zu ihrer Verbesserung noch nicht gereist! so blieb sie Jahrhunderte hin was sie war und ward der Geschichte der Menschheit. 2.87 nichts anders. Gebrauchte sie sich aber der Waffen, die ihr Gott zum Gebrauch gegeben hatte, ihres Verstandes, ihrer Macht und aller der Gelegcnbeiten, die ihr ein günstiger Wind zuführte, so stieg sie künstlich höher, so bildete sie sich tapfer aus. That sie eS nicht: so zeigt schon diese Trägheit, daß sie ihr Unglück minder fühlte: denn jedes lebbafte Gefühl des Unrechts mit Verstände und Macht begleitet, muß eine rettende Macht werden. Mir nickten gründete sich z. B. der lange Gehorsam unter dem Despotismus auf die Uebermacht des Despoten; die gutwillige, zutrauende Schwachheit der Unterjochten, späterhin ibre duldende Trägheit war seine einzige und größeste Stütze. Denn Dulden ist freilich leichter, als mit Nachdruck besser»; daher brauchten so viele Völker des Rechts nicht, das ihnen Gvit durch die Göttcrgabe ihrer Vernunft gegeben. Kein Zweifel aber, daß überbaupt, was auf dev Erde noch nicht geschehen ist, künftig geschoben werde: denn unvcrjakrbar sind die Rechte der Menschheit und die Kräfte, die Göttin sie legte, unaustilgbar. Wie erstaunen darüber, wie weit Griechen und Römer eS in ihrem Kreise von Gegenständen in wenigen Jahrhunderten brachten: denn wenn auch der Zweck ihrer Wirkung nicht immer der reinste war, so beweisen sie doch, daß sie ihn zu erreichen vermochten. JHP Vorbild glänzt in der Geschichte und muntert Jeden ihres gleichen, unter gleichem und größerm Schutze des Schicksals, zu ähnlichen und bessern Bestrebungen auf. Die ganze Geschichte der Völker wird unS in diesem Betracht eine Schule des Wettlaufs zu Erreichung des schönsten Kranzes der Humanität und Menschenwürde. So viele glorreiche alte Nationen 288 Ideen zur Philosophie erreichten ein schlechteres Ziel; warum sollten wir nicht ein reineres, edleres erreichen? Sie waren Menschen wie wir sind; ihr Beruf zur besten Gestalt der Humanität ist der unsrige , nach unscrn Zcitum- ständen, nach unserm Gewissen, nach unscrn Pflichten. Was iene ohne Wunder thun konnten, können und dürfen auch wir thun: die Gottheit hilft uns nur durch unfern Fleiß, durch unfern Verstand, durch unsre Kräfte. Als sie die Erde und alle Vcr- nnnfrlosen Geschöpfe derselben geschaffen hatte, formte sic den Menschen und sprach zu ihm: „sei mein Bild, ein Gott auf Erden! herrsche und walte. Was du aus deiner Natur Edles und Vortreffliches zu schaffen vermagst, bringe hervor; ich darf dir nicht durch Wunder beistehn, da ich dein menschliches Schicksal in deine menschliche Hand legte; aber alle meine heiligen, ewigen Gesetze der Natur werden dir helfen/' Lasset uns einige dieser Naturgesetze erwägen, die auch nach den Zeugnissen der Geschichte dem Gange der Humanität in unserm Geschlecht aufgeholfen haben und so wahr sic Naturgesetze Gottes sind, ihm aufhelfen werden. der Geschichte der Menschheit. 26- II. Me zerstörenden Kräfte in der Natur müssen den erhaltenden Kräften mit der Zeitenfolge nicht nur unterliegen, sondern auch selbst zuletzt zur Ausbildung des Ganzen dienen. Varstes Beispiel. Als einst im Unermeßlichen der Werkstoff künftiger Welten ausgebrcitet schwamm, gefiel es dem Schöpfer dieser Welten, die Materie sich bilden zu lassen nach den ihnen anerschaffenen inneren Kräften. Zum Mittelpunkt des Ganzen, der Sonne, floß nieder, was nirgend eigne Bahn finden konnte oder was sie auf ihrem mächtigen Thron mit überwiegenden Kräften an sich zog. Was einen andern Mittelpunkt der Anziehung fand, ballte sich gleichartig zu ihm und ging entweder in Ellipsen um seinen großen Brennpunkt oder flog in Parabeln und Hyperbeln hinweg und kam nie wieder. So reinigte sich der Aether: so ward aus einem schwimmenden, zusammcnfließenden Ehaos ein harmonisches Weltsystem, nach welchem Erden und Kometen in regelmäßigen Bahnen Aeoncn durch um ihre Sonne umhcrgehn; ewige Beweise des Naturgesetzes, daß vermittelst ein gep fl anz rer göttlicher Kräfte aus dem Zustande der Philos. und Gesch. V. Th. T Illeen. III. Verwirrung Ordnung werde. So lange dies einfache große Gesetz aller gegen einander gewogenen und abgezablten Kräfte dauret, stehet der Welchem fest: denn er ist auf eine Eigenschaft und Siegel der Gottheit gegründet. Zweites Beispiel. Glcichecgestalt als unsre Erde aus einer unförmlichen Masse sich zum Planeten formte, strikte» und kämpften auf ihr ihre Elemente, bis jedes seine Stelle fand, so daß, nach mancher wilden Verwirrung, der harmonisch-geordneten Kugel jetzt alles dienet. Land und Wasser, Feuer uno Luft, Jahcszeiten und Klimatc, Winde und Ströme, die Witterung und was zu ihr gehöret; Alles ist Einem großen Gesetz ihrer Gestalt und Masse, ihres Schwunges und ihrer Sonnenentfernung unterworfen und wird nach solchem harmonisch geregelt. Jene unzählige Vulkane auf der Oberfläche unsrer Erde flammen nicht mehr, die einst flammten: der Ocean siedet nicht mehr von jenen Vikriolgüssen und andern Materien, die einst den Boden unsecs festen Landes bedeckten. Millionen Geschöpfe gingen unter, die untergehen mußten; was sich erhalten konnte, blieb und steht jetzt Jahrtausende her in großer harmonischer Ordnung. Wilde und zahme, Fleisch- und Grasfressende Thiere, Insekten, Vögel, Fische, Menschen sind gegen einander geordnet und unter diesen allen Mann und Weib, Geburt und Tod, Dauer und Lebensalter, Noth und Freude, Bedürfnisse und Vergnügen. Und alle dies nicht etwa nach der Willkühr einer taglich-geän- derten, unerklärlichen Fügung, sondern nach offenbaren Naturgesetzen, die im Bau der Geschöpfe, der Geschichte der Menschheit. 29t d. i. im Verkält» iß aller der organischen Kräfte lagen, die sieb aufunserm Planeten beseelten und er kielten. So lange das Naturgesetz dieses Baues und Verhältnisses dauert, wird auch seine Folge dauern: harmonische Ordnung nämlich zwischen dem belebten und unbelebten Theil unsrer Schöpfung, die, wie das Innere der Erde zeigt, nur durch den Untergang von Millionen bewirkt werden konnte. Wie? und im menschlichen Leben sollte nicht eben dies Gesetz walken, das, inncrn Naturkräftcn gemäß, aus dem Ehaos Ordnung schafft, und Regelmäßigkeit bringt in die Verwirrung der Menschen? Kein Zweifel! wir tragen dies Principium in unS und es muß und wird seiner Art gemäß wirken. Alle Jrrthümer des Menschen sind ein Nebel der Wahrheit; alle Leidenschaften seiner Brust sind wildere Triebe einer Kraft, die sich selbst noch nicht kennet, die ihrer Natur nach aber nicht anders als aufs Bessere wirket. Auch die Stürme des Meers, oft zertrümmernd und verwüstend, sind Kinder einer harmonischen Weltordnung und müssen derselben wie die säuselnden Zephyrs dienen. Gelänge es mir, einige Bemerkungen ins Licht zu setzen, die diese erfreuliche Wahrheit uns vergewissern. i. Wie die Stürme des Meers seltner sind, als seine regelmäßigen Winde: so ists auch im Menschengeschlecht eine gütige Naturordnung, daß weit weniger Zerstörer als Erhalter in ihm gebohcen werden. Im Reich der Thicre ist es ein göttliches Gesetz , daß weniger Löwen und Tiger als Schaafe und T 2 292 Ideen zur Philosophie Tauben möglich und wirklich sind; in der Geschichte istS eine eben so gütige Ordnung, daß der Nebukad- Nezars und Eambvses, der Alexander und Sulla, der Attila und Dschingis-Ehane eine weit geringere Anzahl ist als der sanftem Feldherren oder der stillen friedlichen Monarchen. Zu jenen gehören entweder sehr unregelmäßige Leidenschaften und Mißanlagen der Natur, durch welche sie der Erde statt freundlicher Sterne wie flammende Meteore erscheinen; oder es treten meistens sonderbare Umstande der Erziehung , seltne Gelegenheiten einer frühen Gewohnheit, endlich gar harte Bedürfnisse der feindseligen, politischen Noth hinzu, um die sogenannten Geißeln Gottes gegen das Menschengeschlecht in Schwung zu bringen und darin zu erhalten. Wenn also zwar die Natur unsertwegen freilich nicht von ihrem Gange ab- lassen wird, unter den Zahllosen Formen und Ecm- plexionen, die sie hcrvorbringt, auch dann und wann Menschen von wilden Leidenschaften, Geister zum Zerstören und nicht zum Erhalten ans Licht der Welt zu senden: so steht cs eben ja auch in der Gewalt der Menschen, diesen Wölfen und Tigern ihre Heerde nicht anzuvertraun, sondern sie vielmehr durch Gesetze der Humanität selbst zu zahmen. Es giebt keine Auerochsen mehr in Europa, die sonst allenthalben ihr waldigtes Gebiet hatten: auch die Menge der Afrikanischen Ungeheuer, die Rom zu seinen Kampfspielen brauchte, ward ihm zuletzt schwer zu erjagen. Je mehr die Eultur der Lander zunimmt, desto enger wird die Wüste; desto seltner ihre wilden Bewohner. Gleichcrgestalt hat auch in unserm Geschlecht die zunehmende Eultur der Menschen schon diese natürliche Wirkung, daß sie mit der thierischen der Geschichte der Menschheit. 29Z Stärke des Körpers auch die Anlage zu wilden Leidenschaften schwächt und ein zarteres menschliches Gewächs bildet. Nun sind bei diesem allerdings auch Unregelmäßigkeiten möglich, die oft um so verderblicher wüthen, weil sic sich auf eine kindische Schwache gründen, wie die Beispiele so vieler morgenlan- dischcn und römischen Despoten zeigen; allein da ein verwöhntes Kind immer doch eher zu bändigen ist als ein Blutdürstiaer Tiger: so hat uns die Natur mit ihrer mildernden Ordnung zugleich den Weg gezeigt, wie auch wir durch wachsenden Fleiß das Regellose regeln , das unersättlich - Wilde zahmen sollen und zahme» dürfen. Giebt eS keine Gegenden voll Drache» mehr, gegen welche jene Riesen der Vorzeit ausziehen müßten; gegen Menschen selbst haben wir keine zerstörenden Herkules-Kräfte nöthig. Helden von dieser Sinnesart mögen auf dem Cau- kasus oder in Afrika ihr blutiges Spiel treiben und den Minotaurus suchen, den sie erlegen; die Gesellschaft, in welcher sie leben, hat das ungczweifelte Recht, alle Flammenspcicnde Stiere Geryous selbst zu bekämpfen. Sie leidet, wenn sie sich ihnen gutwillig zum Raube hingiebt, durch ihre eigne Schuld, wie cs die eigne Schuld der Völker war, daß sie sich gegen das verwüstende Rom nicht mit aller Macht einer gemeinschaftlichen Verbindung zur Freiheit der Welt verknüpften. 2. Der Verfolg der Geschichte zeigt, daß mit dem Wachsthum wahrer Humanität auch der zerstörenden Dämonen des Menschengeschlechts wirklich weniger geworden sey; und zwar nach Ideen zur Philosophie - 9 > innern Naturgesetzen einer sich aufklärenden Vernunft und Staatskunst. Je mehr die Vernunft unter den Menschen zunimmt : desto mebr muß mans von Juacnd auf «insehn lernen, daß cs eine schönere Größe giebt, als die Menschenfeindliche Tyrannengrösse, daß cs besser und selbst schwerer sey, ein Land zu bauen als es zu verwüsten, Städte einzurichten, als solche zu zerstören. Die fleißigen Aegnxter, die sinnreichen Griechen, die handelnden Pbönicicr haben in der Geschichte nicht nur eine schönere Gestalt, sondern sie genossen auch wahrend ihres Dascyns ein viel an- gcnebmereS und nützlicheres Leben, als die zerstörenden Perser, die erobernden Römer, die geizigen Kar- thaginenser. Das Andenken jener blühet noch in Ruhm und ihre Wirkung auf Erden ist mit wachsender Kraft unsterblich; dagegen die Verwüster mit ihrer dämonischen Uebermacht nichts anders erreichten, als daß sie auf dem Schutthaufen ihrer Beute ein üppiges elendes Volk wurden und zuletzt selbst den Giftbecher einer ärgern Vergeltung tranken. Dies war der Fall dcrAssyrer, -Babylonier, Perser, Römer ; selbst den Griechen hat ihre innere Uneinigkeit so wie in manchen Provinzen und Städten ihre Ueppigkcit mehr als das Schwert der Feinde geschadet. Da nun diese Grundsätze eine Naturordnung sind, die sich nicht etwa nur durch einige Falle der Geschichte als durch zufällige Epempel beweiset; sondern die auf sich selbst d. i. auf der Natur der Unterdrückung und einer übcrstrengten Macht oder auf den Folgen des Sieges, der Ueppigkeit und dem Hochmuts), wie auf Gesetzen eines gestörten Gleichgewichts ruhet und mit dem Laus der Dinge ihren gleich-ewigen Gang hält: warum sollte man zweifeln müssen, daß diese der Geschichte der Menschheit. 2gö Naturgesetze nicht auch, wie jede andre, erkannt und je kräftiger sie cingesehen werden, mit der unfehlbaren Gewalt einer Naturwahrhcit wirken sollten? Was sich zur mathematischen Gewißheit und auf einen politischen Ealcul bringen laßt, muß später oder früher als Wahrbeit erkannt werden: denn an Eu- klides Sätzen oder am Einmal Eins hat noch niemand gezwcifelt. Selbst unsre kurze Geschichte beweiset es daher schon klar, daß mit der wachsenden wahren Aufklärung der Völker die menschenfeindlichen, sinnlosen Zerstörungen derselben sich glücklich vermindert haben. Seit Roms Untergänge ist in Europa kein cultivirteS Reich mehr entstanden, das seine ganze Einrichtung auf Kriege und Eroberungen gebauer hatte : denn die verheerenden Nationen der Mittlern Zeiten waren rohe, wilde Völker. Je mehr aber auch sie Eultur empfingen und ihr Eigenthum liebgewinnen lernten: desto mehr drang sich ihnen unvermerkt, ja oft wider ihren Willen, der schönere, ruhige Geist des Kunsifleißcs, des Ackerbaues, des Handels und der Wissenschaft auf. Man lernte nutzen ohne zu vernichten, weil das Vernichtete sich nicht mehr nutzen läßt und so ward mir der Zeit, gleichsam durch die Natur der Sache selbst, ein friedliches Gleichgewicht zwischen den Völkern, weil nach Jahrhunderten wilder Befehdung es endlich alle einsehen lernte, daß der Zweck, den Jeder wünschte, sich nicht erreichen ließe, als daß sie gemeinschaftlich dazu beitrügen. Selbst der Gegenstand des scheinbar-größesten Eigennutzes, der Handel, hat keinen andern als diese» Weg nehmen mögen, weil er Ordnung der Natur ist, gegen welche alle Leidenschaften und Vorurtheile am Ende r<)6 Ideen zur Philosophie nichts vermögen. Jede bandelnde Nation Europa's beklaget es jetzt und wird es künftig noch mehr bc^ klagen, was sie einst des Aberglaubens oder des Neides wegen sinnlos zerstörte. Jemehr die Vernunft zunimmt, desto mehr muß die erobernde eine handelnde Schifffahrt werden, die auf gegenseitiger Gerechtigkeit und Schonung, auf einen fortgehenden Wetteifer in übertreffendem Kunstfleiße, kurz auf Humanität und ihren ewigen Gesetzen ruhet. Inniges Vergnügen fühlt unsre Seele, wenn sie den Balsam, der in den Naturgesetzen der Menschheit liegt, nicht nur empfindet, sondern ihn auch Kraft seiner Natur sich unter den Menschen wider ihren Willen ausbreiten und Raum schaffen sichet. Das Vermögen zu fehlen konnte ihnen die Gottheit selbst nicht nehmen; sie legte es aber in die Natur des menschlichen Fehlers, daß er früher oder spater sich als solchen zeigen und dem rechnenden Geschöpf offenbar werden mußte. Kein kluger Regent Europas verwaltet seine Provinzen mehr, wie der Perser- König , ja wie selbst die Römer solche verwalteten; wenn nicht aus Menschenliebe, so aus besserer Einsicht der Sache, da mit den Jahrhunderten sich der politische Ealcul gewisser, leichter, klarer gemacht hat. Nur ein Unsinniger würde zu unserer Zeit Ae- gyptische Pyramiden bauen und jeder, der ähnliche Nutzlosigkeiten aufführt, wird von aller vernünftigen Welt für sinnlos gehalten; wenn nicht aus Völkerliebe, so aus sparender Berechnung. Blutige Fechterspiele , grausame Thierkampfe dulden wir nicht mehr; alle diese wilden Jugcndübungen ist das Menschengeschlecht durchgangen und hat endlich cinschen gelernt, daß ihre tolle Lust der Mühe nicht wcrlh sey. der Geschichte der Menschheit. 297 Gleichergestalt bedürfen wir des Drucks armer Römersklaven oder Spartanischer Heloten nicht mehr, da unsre Verfassung durch freie Geschöpfe das leichter zu erreichen weiß, was jene alte Verfassungen durch menschliche Thierc gefährlicher und selbst kostbarer erreichten; ja es muß eine Zeit kommen, da wir auf unfern unmenschlichen Negcrhandel eben so bedauernd zurückfehen werden, als auf die alten Römersklavenoder auf die Spartanischen Heloten, wenn nicht aus Menschenliebe so aus Berechnung. Kurz, wir haben die Gottheit zu preisen, daß sie uns bei unsrer fehlbaren schwachen Natur Vernunft gab, einen ewigen Lichtstrahl aus ihrer Sonne, dessen Wesen es ist, die Nacht zu vertreiben und die Gestalten der Dinge, wie sie sind, zu zeigen. 3 . Der Fortgang der Künste und Erfindungen selbst giebt dem Menschengeschlecht wa c h se n d e Mi tte l indie Hand, das einzuschranken oder unschädlich zu machen, was die Natur selbst nicht auszutilgen vermochte. Es müssen Stürme auf dem Meer sevn und die Mutter der Dinge selbst konnte sie dem Menschengeschlecht zu gut nicht wegraumen; was gab sie aber ihrem Menschengeschlecht dagegen? Die Schiffskunst. Eben dieser Stürme wegen erfand der Mensch die tausendfach-künstliche Gestalt seines Schiffes und so entkommt er nicht nur dem Sturme, sondern weiß ihm auch Vortheile abzugcwinnen und segelt auf seinen Flügeln. Verschlagen auf dem Meer konnte der Irrende keine Tyndariden anrufen, die ihm erschienen und 29k! Ideen zur Philosophie rechten Weges ihn leiteten; er erfand sich also selbst seinen Führer, den Eompaß und suchte am Himmel seine Tyndariden, die Sonne, den Mond und die Gestirne. Mit dieser Kunst ausgerüstet wagt er sich auf den Uferlosen Ocean, bis zu seiner höchsten Höhe, bis zu seiner tiefsten Tiefe. Das verwüstende Element des Feuers konnte die Natur dem Menschen nicht nehmen, wenn sie ihm nicht zugleich die Menschheit selbst rauben wollte; was gab sie ihm also mittelst des Feuers? Tausendfache Künste; Künste, dies fressende Gift nicht nur unschädlich zu machen und einzuschranken, sondern cs selbst zum mannigfaltigsten Vortheil zu gebrauchen. Nickt anders ists mit den wüthenden Leidenschaften der Menschen, diesen Stürmen auf dem Meer, diesem verwüstenden Feuerelementc. Eben durch sie und an ihnen hat unser Geschlecht seine Vernunft .geschärft und tausend Mittel, Regeln und Künste erfunden, sic nicht nur cinzuschranken, sondern selbst zum Besten zu lenken, wie die ganze Geschichte zeiget. Ein Leidenschaftloscs Menschengeschlecht hätte auch seine Vernunft nie ausgebildet; cs läge noch irgend in einer Troglvdytenhöhle. Der Menschenfressende Krieg z. B. war Jahrhunderte lang ein rohes Rauberhandwerk. Lange übten sich die Menschen darin voll wilder Leidenschaften t denn so lange es in ihm auf persönliche Starke, List und Verschlagenheit ankam, konnten bei sehr rühmlichen Eigenschaften nicht anders als zugleich sehr gefährliche Mord- und Raubtugenden genährt werden, wie es die Kriege der alten, mittleren und selbst einiger neuen Zeiten reichlich erweisen. An der Geschichte der Menschheit. 299 diesem verderblichen Handwerk aber ward, gleichsam wider Willen der Menschen, die Kriegskunst erfunden : denn die Erfinder sahen nicht ein, daß damit der Grund des Krieges selbst untergraben würde. Je mehr der Streit eine durchdachte Kunst ward, je mehr insonderheit mancherlei mechanische Erfindungen zu ihm traten; desto mehr ward die Leidenschaft einzelner Personen und ihre wilde Stärke unnütz. Als ein todtes Geschütz wurden sie jetzt alle dem Gedanken Eines Feldhercn, der Anordnung weniger Befehlshaber unterworfen und zuletzt blieb es nur den Landesherren erlaubt, dies gefährliche, kostbare Spiel zu spielen, da in alten Zeiten alle kriegerische Völker beinahe stets in den Waffen waren. Proben davon sabcn wir nicht nur bei mehreren Asiatischen Nationen, sonder» auch bei den Griechen und Römer». Viele Jahrhunderte durch waren diese fast unverrückc im Schlachtfelde: der Vvlskische Krieg bauerte iot> der Samnitische 7 c Jahre: zehn Jahre ward die Stadt Veji wie ein zweites Troja belagert und unter den Griechen ist der 28jährige verderbliche Peloponnes,sche Krieg bekannt genug. Da nun bei allen Kriegen der Tod im Treffen das geringste Uebel ist; hingegen die Verheerungen und Krankheiten, die ein ziehendes Heer begleiten oder die eine eingeschlossene Stadt drücken, sammt der räuberischen Unordnung , die sodann in allen Gewerben und Ständen herrscht, das größere Uebel sind, das ein leidenschaftlicher Krieg in tausend schrecklichen Gestalten mit sich führet; so mögen wirs den Griechen und Römern, vorzüglich aber dem Erfinder des Pulvers und den Künstlern des Geschützes danken, daß sic das wildeste Handwerk zu einer Kunst und neuerlich gar zur hoch- Ideen zur Philosophie 3r>» sten Ehrenkunst gekrönter Häupter gemacht haben. Seitdem Könige in eigner Person mit eben so Leidenschaft- alS Zahllosen Heeren dies Ehrenspiel treiben: so sind wir, blos der Ehre des Feldherr» wegen , vor Belagerungen die 10 oder vor Kriegen die 71 Jahr dauren, sicher; zumal die letzten auch, der großen Heere wegen, sich selbst aufhebcn. Also hat nach einem unabänderlichen Gesetz der Natur das Ucbcl selbst etwas Gutes erzeuget, indem die Kriegskunst den Krieg einem Tlieile nach verrilgt hat. Auch die Räubereien und Verwüstungen haben sich durch sie, nicht eben aus Menschenfreundschaft sondern der Edre des Feldherr» wegen, vermindert. Das Recht des Krieges und daS Betragen gegen die Gefangenen ist ungleich milder worden, als cs selbst bei den Griechen war; an die öffentliche Sicherheit nicht zu gedenken, die blos in kriegerischen Staaten zuerst aufkam. Das ganze Römische Reich z. B. war auf seinen Straßen sicher, solang' es der gewaffncte Adler mit seinen Flügeln deckte; dagegen in Asien und Afrika , selbst in Griechenland einem Fremdlinge das Reisen gefährlich ward, weil cs diesen Ländern an einem sichernden Allgemeingeist fehlte. So verwandelt sich das Gift in Arznei, sobald cs Kunst wird: einzelne Geschlechter gingen unter; das unsterbliche Ganze aber überlebt die Schmerzen der verschwindenden Theile und lernt am Uebcl selbst Gutes. Was von der Kriegskunst galt, muß von der Staatskunst noch mehr gelten; nur ist sie eine schwerere Kunst, weil sich in ihr das Wohl des ganzen Volks vereinet. Auch der Amerikanische Wilde hat seine Staatskunst; aber wie eingeschränkt ist sie, da sie zwar einzelnen Geschlechtern Vortheil bringt, das der Geschichte der Menschheit. 3oi ganze Volk aber vor dem Untergange nicht sichert. Mehrere kleine Nationen haben sich unter einander aufgerieben; andere sind so dünne geworden , daß im bösen Eonflict mit den Blattern, dem Branntwein und der Habsucht der Europäer manche derselben wahrscheinlich noch ein gleiches Schicksal erwartet. Je mehr in Asien und in Europa die Verfassung eines Staats Kunst ward, desto fester stehet er in sich, desto genauer ward er mit andern zusammengegründet, so daß Einer ohne den andern selbst nicht zu fallen vermag. So steht Sina, so stehet Japan; alle Gebäude, tief unter sich selbst gegründet. Künstlicher schon waren die Verfassungen Griechenlandes, dessen vornehmste Republiken Jahrhunderte lang um ein politisches Gleichgewicht kämpften. Gemeinschaftliche Gefahren vereinigten sie und wäre die Vereinigung vollkommen gewesen: so hatte das rüstige Volk dem Philippus und den Römern so glorreich widerstehen mögen, wie es einst dem Darius und Terxes obgesiegt halte. Nur die schlechte Staatskunst aller benachbarten Völker war Roms Vortheil; gethcilt wurden sie angegriffen, getheilt überwunden. Ein gleiches Schicksal hatte Rom, da seine Staats- und Kriegskunst verfiel: ein gleiches Schicksal Judäa und Aegypten. Kein Volk kann untergehen, dessen Staat wohl bestellt ist; gesetzt daß es auch überwunden wird, wie mit allen seinen Fehlern selbst Sina bezeuget. Noch augenscheinlicher wird der Nutze einer durchdachten Kunst, wenn von der innern Haushaltung eines Landes, von seinem Handel, seiner Rechtspflege, seinen Wissenschaften und Gewerben die Rede ist; in allen diesen Stücken ist offenbar, daß die höhere Kunst zugleich der höhere Vortheil sey. Ein wahrer Ideen zur Philosophie Kaufmann betrügt nicht, weil Betrug nie bereichert; so wenig als ein wahrer Gelebrter mit falscher Wissenschaft großlhut oder ein Rechtsgelehrker, der den Namen verdient, wissentlich je ungerecht seyn wird, weil alle diese sich damit nicht zu Meistern sondern zu Lehrlingen ihrer Kunst bekennten. Eben so gewiß muß eine Zeit kommen, da auch der Staats- Unvernünftige sich seiner Unvernunft schämet und cs nichr minder lächerlich und ungereimt wird, ein tyrannischer Despot zu seyn, als es in allen Zeiten für abscheulich gehalten worden; sobald man »amlich klar tvie der Tag einsieht, daß jede Staats-Unvernunft mit einem falschen Einmal Eins rechne und daß, wenn sie sich damit auch die größestcn Summen errechnet» , sie hiemit durchaus keinen Vortheil gewinne. Dazu ist nun die Geschichte geschrieben und es werden sich im Verfolg derselben die Beweise dieses Satzes klar zeigen. Alle Fehler der Regierungen haben vorausqehcn und sich gleichsam erschöpfen müssen, damit nach allen Unordnungen der Mensch endlich lerne, daß die Woblfahrt seines Geschlechts nicht auf Willkühc sondern auf einem ihm wesentlichen Naturgesetz, der Vernunft und Billigkeit rube. Wir gehen jetzt der Entwicklung desselben entgegen und die innere Kraft der Wahrheit möge ihrem Vortrage selbst Licht und Ueberzeugung geben. der Geschichte der Menschheit. 3o3 m. Das Menschengeschlecht ist bestimmt, mancherlei Stufen der Cultur in mancherlei -Veränderungen zu durchgehen; auf Vernunft und Billigkeit aber ist der daurende Zustand seiner Wohlfahrt wesentlich und allein gegründet. rstes Naturgesetz. In der mathematischen Nacurlebre ists erwiesen , daß zum Beharcungs- zustande eines Dinges jederzeit eine Art Vollkommenheit, ein Maximum oder Minimum erfordert werde, das aus der Wirkungsweise der Kräfte dieses Dinges folget. So konnte z. B. unsre Erde nicht dauren, wenn der Mittelpunkt ihrer Schwere nicht am tiefsten Ort läge und alle Kräfte auf und von demselben in harmonischem Gleichgewicht wirkten. Jedes bestehende Daseyn trägt also nach diesem schönen Naturgesetz seine physische Wahrheit, Güte und Nothwendigkeit als den Kern seines Bestehens in sich. Zweites Naturgesetz. Gleichergestalt ists erwiesen, daß alle Vollkommenheit und tzoch Ideen zue Philosophie Schönheit zusammengesetzter, eingeschränkter Dinge oder ihrer Systeme auf einem solchen Maximum ruhe. Das Aehnliche nämlich und das Verschiedene, das Einfache i» den Mitteln und das Vielfältige in den Wirkungen, die leichteste Anwendung der Kräfte zu Erreichung des gewissesten oder furchtbarsten Zweckes bilden eine Art Ebcnmaaßes und harmonischer Proportionen, die von der Natur allenthalben bei den Gesetzen ihrer Bewegung, in der Form ihrer Geschöpfe, beim Größcsten und Kleinsten beobachtet ist und von der Kunst des Menschen, so weit seine Kräfte reichen, nachgeahmt wird. Mehrere Regeln schränken hiebei einander ein, so daß was nach der Einen größer wird, nach der andern abnimmt, bis das zusammengesetzte Ganze seine sparsam-schönste Form und mit derselben inner» Bestand, Güte und Wahrheit gewinnet. Ein vortrcfflicl>cs Gesetz, das Unordnung und Willkühr aus der Natur verbannet und uns auch in jedem veränderlichen eingeschränkten Theil der Weltordnung eine Regel der höchsten Schönheit zeiget. Drittes Naturgesetz. Eben sowohl ists erwiesen, daß wenn ein Wesen oder ein System derselben aus diesem Bebar- rungszustande seiner Wahrheit, Güte und Schönheit verrückt worden, es sich demselben durch innere Kraft, entweder in Schwingungen oder in einer Asymptote wieder nähere, weil außer diesem Zustande cs keinen Bestand findet. Je lebendiger und vielartiger die Kräfte sind: desto weniger der Geschichte der Menschheit. 3o5 weniger ist der unvermerkte gerade Gang der Asymptote möglich, desto heftiger rverden die Schwingungen und Lscillationcn, bis das gestörte Daseyn das Gleichgewicht seiner Kräfte oder ihrer harmonischen Bewegung, mithin den ihm wesentlichen Beharrungszu- stand erreichet. Da »un die Menschheit sowohl im Ganzen als in ihren einzelnen Individuen, Gesellschaften und Nationen ein daurcndes Natursystem der vielfachsten lebendigen Kräfte ist: so lasset uns sehen, worinder Bestand desselben liege ? auf welchem Punkt sich seine höchste Schönheit, Wahrheit und Güte vereine? und welchen Weg es nehme, um sich bei einer jeden Verrückung , deren uns die Geschichte und Erfahrung so viele darbcut, seinem Bcharrungszustande wiederum zu nähern? * * * r. Die Menschheit ist ein so reicher Entwurf von Anlagen und Kräften, daß, weil alles in der Natur auf der bestimmtesten Individualität ruhet, auch ihre großen und vielen Anlagen nicht anders als unter Millionen vcrtheilt auf unserm Planeten erscheinen konnten. Alles wird gebohren, was auf ihm gebohren werden kann und erhalt sich, wenn es nach Gesetzen der Natur seinen Beharrungszustand findet- Jeder einzelne Mensch tragt also, wie in der Gestalt seines Körpers so auch in den Anlagen seiner Seele, das Ebcnmaas zu welchem er gebildet ist und sich selbst ausbildcn soll, in sich. Es geht durch alle Arten und Formen menschlicher Existenz von der kränklichsten Philos. und Gesch. V. Th. U 7-le-n. III. Zf>6 Ideen zur Philosophie Unförmlichkcit, die sich kaum lebend erbalten konnte, bis zur schönsten Gestalt eines griechischen Gotlmen- schen, von der leidenschaftlichsten Hitze eines Negergehirns bis zur Anlage der schönsten Weisheit. Durch Fehler und Verirrungen, durch Erziehung, Noch und Ucbung sucht jeder Sterbliche dies Ebenmaas seiner Kräfte, weil in solchem allein der volleste Genuß seines Dasepns lieget; nur wenige Glückliche aber erreichen cs auf die reinste, schönste Weise. 2 . Da der einzelne Mensch für sich sehr unvollkommen bestehen kann: so bildet sich mit jeder Gesellschaft ein höheres Maximum zusammenwirkender Kräfte. In wilder Verwirrung lausen diese so lange gegen einander, bis nach unfehlbaren Gesetzen der Natur die widrigen Regeln einander einschranken und eine Art Gleichgewicht und Harmonie der Bewegung werde. So modistciren sich die Nationen nach .Ort, Zeit und ihrem innern Eharakter; jede tragt das Ebenmaas ihrer Vollkommenheit, unvergleichbar mit andern, in sich. Je reiner und schöner nun das Maximum war, auf welches ein Volk traf, auf je nützlichere Gegenstände es seine Uebung schönerer Kräfte anlegte, je genauer und fester endlich das Band der Vereinigung war, das alle Glieder des Staats in ihrem Innersten knüpfte und sie auf diese guten Zwecke lenkte: desto bestehender war die Nation in sich , desto edler glanzt ihr Bild in der Menschengeschichte. Der Gang, den wir bisher durch einige Völker genommen, zeigte, wie verschieden nach Ort, Zeit und Umstanden das Ziel war, auf welches sie ihre Bestrebungen richteten. Bei den Sinesen wars eine feine politische Moral: bei den der Geschichte der Menschheit. 3r>7 Indiern eine Art abgezogener Reinheit, stiller Arbeitsamkeit und Duldung: bei den Phönicicrn der Geist der Schifffahrt und des handelnden Fleißes. Die Eultur der Griechen, insonderheit Athens, ging aus ein Maximum des sinnlich - Schonen sowohl in der Kunst als den Sitten, in Wissenschaften und in der politischen Einrichtung. I» Sparta und Rom bestrebte man sich nach der Tugend eines Vaterland!-' scheu oder Heldenpatriotismus; i» beiden aus eine sehr verschiedene Weise. Da in diesem allen das Meiste von Ort und Zeit abhangt: so sind in den aus- zeichncndsten Zügen des Nationalruhms die alten Völker einander beinahe unvergleichbar. 3. Indessen sehen wir bei allen Ein Prin- cipium wirken, nämlich eine Menschenver- nunft, die aus Vielem Eins, aus der Unordnung Ordnung, aus einer Mannigfaltigkeit von Kräften und Absichten ein Ganzes mit Ebenmaas und dau- rendcr Schönheit hervorzubringcn sich bestrebet. Von jenen unförmlichen Kuustfelsen, womit der Cinese seine Garten verschönt, bis zur Aeqyptischen Pyramide oder zum griechischen Ideal ist allenthalben Plan und Absicht eines nachsinnendcn Verstandes, obwohl in sehr verschiednen Graden merkbar. Je feiner nun dieser Verstand überlegte, je naher er dem Punkt kam, der ein Höchstes seiner Art enthält und keine Abweichung zur Rechten oder zur Linken »erstattet; desto mehr wurden seine Werke Muster: denn sie enthalten ewige Regeln für den Menschenverstand aller Zeiten. So lasset sich z. B. über eine Aegyptische Pyramide oder über mehrere griechische und römische Kunstwerke/ nichts höheres denken. Sie sind rein - aufgelöste U 2 3n8 Ideen zur Philosophie Probleme des menschlichen Verstandes in dieser Art, bei welchen keine willkührliche Dichtung, daß das Problem etwa auch nicht aufgelöset sei oder besser aufgelöset werden könne, statt findet: denn der reine Begriff dessen, was sie seyn sollten, ist in ihnen auf die leichteste, reichste, schönste Art erschöpfet. Jede Verirrung von ihnen wäre Fehler, und wenn dieser auf tausendfache Art wiederholt und vervielfältiget würde : so müßte man immer doch zu jenem Ziel zurückkehren, das ein Höchstes seiner Art und nur Ein Punkt ist. 4. Es ziehet sich demnach eine Kette der Eultur in sehr abspringenden krummen Linien durch alle gebildete Nationen, die wir bisher betrachtet haben und weiterhin betrachten werden. In jeder derselben bezeichnet sie zu - und abnehmende Größen und hat Maxima allerlei Art. Manche von diesen schließen einander aus oder schranken einander ein, bis zuletzt dennoch ein Ebenmaas im Ganzen statt- sindet, so daß es der trüglichste Schluß wäre, wenn man von Einer Vollkommenheit einer Nation auf jede andre schließen wollte. Weil Athen z. B. schöne Redner hatte, durfte es deshalb nicht auch die beste Regierungsform haben und weil Sina so vortrefflich mo- ralisirct, ist sein Staat noch kein Muster der Staaten. Die Regierungsform beziehet sich auf ein ganz, anderes Maximum, als ein schöner Sittenspruch oder eine pathetische Rede; obwohl zuletzt alle Dinge bei einer Nation, wenn auch nur ausschließend und einschränkend sich in einen Zusammenhang finden. Kein andres Maximum als das vollkommenste Band der Verbindung macht die glücklichsten Staaten; gesetzt das der Geschichte der Menschheit. Riy Volk müßte auch mancherlei blendende Eigenschaften dabei entbehren. 5. Auch bei Einer und derselben Nation darf und kann nicht jedes Maximum ihrer schönen M ü h e ewig dauren : denn cs ist nur Ein Punkt in der Linie der Zeiten. Unablässig rückt diese weiter und von je mehreren Umstanden die schöne Wirkung abhing: desto mehr ist sie dem Hingange und der Vergänglichkeit unterworfen. Glücklich, wenn ihre Muster alsdann zur Regel anderer Zeitalter bleiben: denn die nächstfolgenden stehen ihnen gemeiniglich zu >»ih und sanken vielleicht sogar eben deshalb, weil sie solche übertreffen wollten. Eben bei dem regsamsten Volk gehet cs oft in der fchnellesten Abnahme vom siedenden bis zum Gefrierpunkt hinunter. Die Geschichte einzelner Wissenschaften und Nationen hat diese Maxima zu berechnen und ich wünschte, daß wir nur über die berühmtesten Völker in den bekanntesten Zeiten eine solche Geschichte besäßen ; jetzt reden wir nur von der Mcnschengeschichtc überhaupt und vom Bcharrungsstande derselben in jeder Form unter jedem Klima. Dieser ist nichts als Humanität d. i. Vernunft und Billigkeit in allen Elasscn, in allen Geschäften der Menschen. Und zwar ist er dies nicht durch die Will- kühr eines Beherrschers oder durch die überredende Macht der Tradition; sondern durch Naturgesetze, auf welchen das Wesen des Menschengeschlechts ruhet. Auch seine vcrdorbensten Einrichtungen rufen uns zu; ^10 Ideen zur Philosophie „hätten sich unter uns nicht noch Schimmer von Vernunft und Billigkeit erholten, so wären wir längst nicht mehr, ja wir wären nie entstanden." Da von diesem Punkt das ganze Gewebe der Menschenge- schichte ausgeht: so müsse» wir unser» Blick sorgfältig darauf richten. Zuerst. Was ists , daS wir bei allen menschlichen Werken schätzen und wornach wir fragen ? Vernunft, Plan und Absicht. Fehlt diese: so ist nichts Menschliches gethan ; es ist eine blinde Macht bewiesen. Wohin unser Verstand im weiten Felde der Geschichte schweift, suchet er nur sich und findet sich selbst wieder. Je mehr er bei allen seinen Unternehmungen auf reine Wahrheit und Mcnschengüte traf, desto daurcn- der, nützlicher und schöner wurden seine Werke, desto mehr begegnen sich in ihren Regeln die Geister und Herzen aller Volker in allen Zeiten. Was reiner Verstand und billige Moral ist, darüber sind Sokrates und Eonfucius. Zorcastcr, Plato und Cicero einig: Trotz ihrer tausendfache» Unterschiede haben sie alle auf Einen Punkt gewirkt, aus dem unser ganzes Geschlecht ruhet. Wie nun der Wanderer kein süßeres Vergnügen hat, als wenn er allenthalben, auch wo crs nicht vcrmuthete, Spuren eines ihm ähnlichen, denkenden, empfindenden Genius gewahr wird: so entzückend ist uns in der Geschichte unsres Geschlechts die Echo aller Zeiten und Völker, die in den edelsten Seelen nichts als Menschengüte und Mcnschenwahr- heit tönet. Wie meine Vernunft den Zusammenhang der Dinge sucht und mein Herz sich freuet, wenn sie solche gewahr wird : so hat ihn jeder Rechtschaffene gesucht und ihn im Gesichtspunkt seiner Lage nur vielleicht anders als ich gesehen, nur anders als ich der Geschichte der Menschheit. 3ir bezeichnet. Wo er irrte, irrtte er für sich und mich, indem er mich vor einem ähnlichen Fehler warnet. Wo er mich zurechtweiset, belehrt, erquickt, ermuntert, da ist er mein Bruder; Theilnehmcr an derselben Weltseele, der Einen Mcnschenvernunft, der Einen cUienichenwahrbeit. Zweitens. Wie in der ganzen Geschichte cS keinen fröhlichen; Anblick giebt, als einen verständigen, guten Mann zu finden, der ein solcher, Trotz aller Veränderungen des Glückes, in jedem seiner Lebensalter, in jedem seiner Werke bleibt: so wird unser Bedauren tausendfach erregt, wenn wir auch bei großen und guten Menschen Verirrungen in ihrer Vernunft wahrnehmen, die nach Gesetzen der Natur ihnen nicht anders als Übeln Lohn bringen konnten. Nur zu häufig findet man diese gefallenen Engel in der Menschengeschichte und beklagt die Schwachheit der Form, die unsrer Mcnschenvernunft zum Werkzeug dienet. Wie wenig kann ein Sterblicher ertragen , ohne nicdergebeugt; wie wenig Außerordentlichem begegnen, ohne von seinem Wege abgelenkt zu werden! Diesem war eine kleine Ehre, der Schimmer eines Glücks, oder ein unerwarteter Umstand im Leben schon Irrlichtes genug, ihn in Sümpfe und Abgründe zu führen; jener konnte sich selbst nicht fassen : er irberspannte sich und sank ohnmächtig nieder. Ein mitleidiges Gefühl bemächtigt sich unser, wenn wir dergleichen Unglücklich-Glückliche jetzt auf der Wegschcide ihres Schicksals sehen und bemerken, daß sic, um fernerhin vernünftig, billig und glücklich sevn zu können, den Mangel der Kraft selbst in sich füklen. Die ergreifende Furie ist hinter ihnen und stürzt sie wider Willen über die Linie / X 3rr Ideen zur Philosophie der Mäßigung hinweg: jetzt sind sie in der Hand derselben und büßen Zeitlebens vielleicht die Folgen einer kleinen Unvernunft und Thocheit. Oder wenn sie das Glück zu sehr erhob und sie sich jetzt auf der höchsten Stufe desselben fühlen; was stehet ihrem ahnenden Geist bevor, als die Wankelmuth dieser treulosen Göttin, mithin selbst aus der Saal ihrer glücklichen Untcrnekmunqen ein keimendes Unglück? Vergebens wendest du dein Antlitz, mitleidiger Casar, da dir das Haupt deines erschlagenen Feindes Pcmpejus gebracht wird und bauest der Nemesis einen Tempel. Du bist über die Granzc des Glückes wie über den Rubikon hinaus: die Göttin ist hinter dir und dein blutiger Leib wird an der Bildsäule desselben Pompejus zu Boden sinken. Nicht anders ists mit der Einrichtung ganzer Länder, weil sie immer doch nur von der Vernunft oder Unvernunft einiger Wenigen abhanqcn, die ihre Gebieter sind oder heißen. Die schönste Anlage, die auf Jahrhunderte hin der Menschheit die nützlichsten Früchte versprach, wird oft durch den Unverstand eines Einzigen zerrüttet, der, statt Aestc zu beugen, den Baum fallet. Wie einzelne Menschen, so konnten auch ganze Reiche am wenigsten ihr Glück ertragen; es mochten Monarchen und Despoten oder Senat und Volk sie regieren. Das Volk und der Despot verstehen am wenigsten der Schicksalsgöttin warnenden Wink: vom Schall des Namens und vom Glanz eines eitlen Ruhms geblendet, stürzen sie hinaus über die Grenzen der Humanität und Klugheit, bis sic zu spät die Folgen ihrer Unvernunft wahrnehmen. Dies war das Schicksal Roms, Athens und mehrerer Völker: gleichergestalt das Schicksal Alexanders und dcr meisten Eroberer, die die Welt beunruhiget Huben: denn Ungerechtigkeit verderbet alle Länder und Unverstand alle Geschäfte der Menschen. Sie sind die Furien des Schicksals; das Unglück ist nur ihre jüngere Schwester, die dritte Gespielin eines fürchterlichen Bundes. Großer Vater der Menschen, welche leichte und schwere Lection gabst du deinem Geschlecht auf Erden zu seinem ganzen Tagewerk aus! Nur Vernunft und Billigkeit sollen sie lernen; üben sie dieselbe, so kommt von Schritt zu Schritt Licht in ihre Seele, Güte in ihr Herz, Vollkommenheit in ihren Staat, Glückseligkeit in ihr Leben. Mit diesen Gaben beschenkt und solche treu anwendend kann der Neger seine Gesellschaft einrichten wie dcr Grieche, der Troglodpt wie der Sinese. Die Erfahrung wird jeden weiter führen und die Vernunft sowohl als die Billigkeit seinen Geschäften Bestand , Schönheit und Ebenmaas geben. Verlässct er sie aber, die wesentlichen Führerinnen feines Lebens, was ists das seinem Glück Dauer geben und ihn den Rachgöttinnen der Inhumanität entziehen möge? Drittens. Zugleich ergiebt sichs, daß wo in der Menschheit das Ebenmaas dcr Vernunft und Humanitär gestört worden, die Rückkehr zu demselben selten anders als durch gewaltsame Schwingungen von einem Aeußcrstcn zum andern geschehen werde. Eine Leidenschaft hob das Gleichgewicht dcr Vernunft auf; eine andre stürmt ihr entgegen und so gehen in der Geschichte oft Jahre und Jahrhunderte hin, bis wiederum ruhige Tage werden. So hob Alexander das Gleichgewicht eines großen Welt- Ideen zur Philosophie 3i4 striche! auf und lange noch noch seinem Tode stürmten die Winde. So nahm Nom der Welt auf mebr als ein Jahrtausend den Frieden und eine halbe Welt wilder Volker ward zur langsamen Wiederherstellung des Gleichgewichts erfodert. An den ruhigen Gang einer Asymptote war bei diesen Länder - und Volker- Erschütterungen gewiß nicht zu gedenken. Ueberbaupt zeigt der ganze Gang der Cultur auf unsrer Erde mit seinen abgerissenen Ecken, mit seinen aus - und entspringenden Winkeln fast nie einen sanften Strom, sondern vielmehr den Sturz eines Waldwassers von den Gebirgen; dazu machen ihn insonderheit die Leidenschaften der Menschen. Offenbar ist es auch, daß die ganze Zu'ammenordnung unsres Geschlechts auf dergleichen wechselnde Schwingungen eingerichtet und berechnet worden. Wie unser Gang ein beständiges Fallen ist zur Rechten und zur Linken und dennoch kommen wir mit jedem Schritt weiter: so ist der Fortschritt der Cultur in Menschengeschlechtern und ganzen Völkern. Einzeln versuchen wir oft beiderlei Extreme, bis wir zur ruhigen Mitte gelangen, wie der Pendul zu beiden Seiten hinausschlägt. In steter Abwechselung erneuen sich die Geschlechter und Trotz aller Linear-Vorschriftcn der Tradition schreibt der Sohn dennoch auf seine Weise weiter. Beflissentlich unterschied sich Aristoteles von Plato, Epikur von Zeno, bis die ruhigere Nachwelt endlich beide Extreme unpartheiisch nutzen konnte. So gehet wie in der Maschine unsers Körpers durch einen nochwendigen Antagonismus das Werk der Zeiten zum Besten des Menschengeschlechts fort und erhält desselben dauernde Gesundbeit. In welchen Abweichungen und Winkeln aber auch der Strom der Menschen- der Geschichte der Menschheit. 3r5 Vernunft sich fortwinden und brechen möge; er entsprang aus dem ewigen Strome der Wahrhcit und kann sich Krcift seiner Natur aus seinem Wege nie verlieren. Wer aus ihm schöpfet, schöpft Lauer und Leben. Uebrigens beruhet sowohl die Vernunft als die Billigkeit auf Ein- und d e m se l b e n N a t u r- gesetz, aus welchem auch der Bestand unsres Wesens folget. Die Vernunft mißt und vergleicht den Zusammenhang der Dinge, daß sie solche zum dau- rcndcn Ebenmaas ordne. Die Billigkeit ist nichts als ein moralisches Ebcnmaas der Vernunft, die Formel des Gleichgewichts gegen einander strebender strafte, auf dessen Harmonie der ganze Weltbau ruhet. Ein und dasselbe Gesetz also erstrecket sich von der Sonne und von allen Sonnen bis zur kleinsten menschlichen Handlung: was alle Wesen und ihre Systeme erhalt, ist nur Einst Verhalt- n iß ihrer Kräfte zur periodischen Ruhe und Drdnu >t g. Nach Gesetzen ihrer innern Natur muß mit der Zeitenfolge auch die Vernunft und Billigkeit unter den Menschen mehr Platz gewinnen und eine daurendere Humanität befördern. lle Zweifel und Klagen der Menschen über die Verwirrung und den wenig-merklichen Fortgang des Guten in der Geschichte rühret daher, daß der traurige Wanderer auf eine zu kleine Strecke seines Weges siehet. Erweiterte er seinen Blick und vergliche nur die Zeitalter, die wir aus der Geschichte genauer kennen, unpartheiisch mit einander; dränge er übcrdcm in die Natur des Menschen und erwagte, was Vernunft und Wahrheit scy, so würde er am Fortgange derselben so wenig als an der gewissesten Naturwahrheit zweifeln. Jahrtausende durch hielt man unsre Sonne und alle Fixsterne für stillstehend; ein glückliches Fernrohr laßt uns jetzt an ihrem Fortrücken nicht mehr zweifeln. So wird einst eine genauere Zu- sammcnhaltung der Perioden in der Geschichte unseres Geschlechts uns diese hoffnungsvolle Wahrheit nicht nur obenhin zeigen, sondern cs werden sich auch, Trotz aller scheinbaren Unordnung, die Gesetze berechnen lassen, nach welchen Kraft der Natur des Menschen dieser Fortgang geschiehet. Am Rande der alten Geschichte, auf dem ich jetzt wie in der Mitte stehe, zeickne ich vorläufig nur einige allgemeine Grundsätze aus, die uns im Verfolg unsres Weges zu Leitsternen dienen werden. Erstens. Die Zeiten ketten sich, Kraft ihrer Natur, an einander; mithin auch das Kind der Zeiten, die Menschenreihe, mit allen ihren Wirkungen und Produktionen. Durch keinen Trugschluß können wirs läugnen, daß unsre Erde in Jahrtausenden alter geworden sey und daß diese Wanderin um die Sonne seit ihrem Ursprünge sich sehr verändert habe. In ihren Eingeweide» sehen wir, wie sie einst beschaffen gewesen und dürfen nur um uns blicken, wie wir sie jetzt beschaffen finden. Der Occan brauset nicht mehr; ruhig ist er in sein Bette gesunken: die umherschweifenden Ströme haben ihre Ufer gefunden und die Vegetation sowohl als die organischen Geschöpfe haben in ihren Geschlechtern eine fortwirkende Reihe von Jahren zurückgeleget. Wie nun seit der Erschaffung unsrer Erde kein Sonnenstrahl auf ihr verlohren gegangen ist: so ist auch kein abqefallenes Blatt eines Baums, kein verflogener Same eines Gewächses, kein Leichnam eines modernden Thiers, noch weniger Eine Handlung eines lebendigen Wesens ohne Wirkung geblieben. Die Vegetation z. B. hat zugenommen und sich so weit sie konnte, verbreitet: jedes der lebendigen Gesch/echtcc ist in den Schranken, die ihm die Natur durch andre Lebendige setzte, sortgewachsen und sowohl der Fleiß des Menschen .als selbst der Unsinn seiner Verwüstungen ist ein 3i8 Ideen zur Philosophie regsames Werkzeug in den Händen der Zeit worden. Auf dem Schutt seiner zerstörten Städte blühen neue Gefilde: die Elemente strcucten den Staub der Vergessenheit darüber und bald kamen neue Geschlechter, die von und über den alten Trümmern bauten. Die Allmacht selbst kann es nicht andern, daß Folge nicht Folge sey: sie kann die Erde nicht Herstellen zu dem, was sie vor Jahrtausenden war, so daß diese Jahrtausende mit alle» ihren Wirkungen nicht dagewesen seyn sollten. Im Fortgange der Zeiten liegt also schon ein Fortgang des Menschengeschlechts, sofern dies auch in die Reihe der Erde- und Zcitkindcr gehöret. Erschiene jetzt der Vater der Menschen und sähe sein Geschlecht; wie würde er staunen! Sein Körper war für eine junge Erde gebildet und nach der damaligen Beschaffenheit der Elemente mußte sein Bau, seine Gedankenreihe und Lebensweise sepn; mit sechs und mehr Jahrtausenden hat sich gar manches hierin verändert. Amerika ist in vielen Strichen jetzt schon nicht mehr, was es bei seiner Entdeckung war; in ein paar Jahrtausenden wird man seine alte Geschichte , wie einen Roman lesen. So lesen wir die Geschichte der Eroberung Troja's und suchen ibro Stelle, geschweige das Grab des Achilles oder den Gottglcichen Helden selbst vergebens. Es wäre zur Mcnschengeschichte ein schöner Beitrag, wenn man mit unterscheidender Genauigkeit alle Nachrichten der Alten von ihrer Gestalt und Größe, von ihren Nahrungsmitteln und dem Maas ihrer Speisen, von ihren täglichen Beschäftigungen und Arten des Vergnügens, von ihrer Denkart über Liebe und Ehe, über Leidenschaften und Tugend, über den Gebrauch der Geschichte der Menschheit. 3iy des Lebens und dcis Daseyn nach diesem Leben Ork- und Zcitmaßig sammlcte. Gewiß würde auch schon in diesen kurzen Zeiträumen ein Fortgang des Geschlechts bemerkbar, der eben sowohl die Bestandheit der ewig-jungen Natur, als die fortwirkcnden Veränderungen unsrer alten Mutter Erde zeigte. Diese pflegt der Menschheit nicht allein; sie tragt alle ihre Kinder auf Einem Schoos, in denselben Mutterar- mcn: wenn Eins sich verändert, müssen sie sich alle verändern. Daß dieser Zeiten-Fortgang auch auf die Denkart des Menschengeschlechts Einfluß gehabt habe, ist un- läugbar. Man erfinde, man singe jetzt eine Jliade: man schreibe wie Aeschylus, Sophokles und Plato; es ist unmöglich. Der einfache Kinderfilm, die unbefangene Art die Welt anzusehen, kurz die Griechische Jugendzeit ist vorüber. Ein Gleiches ists mit Ebräern und Römern; dagegen wissen und kennen wir eine Reihe Dinge, die weder Ebräcr noch Römer kannten. Ein Tag hat den andern, ein Jahrhundert das andre gelehrt: die Tradition ist reicher worden: die Piuse der Zeiten, die Geschichte selbst spricht mit hundert Stimmen, singt aus hundert Flöten. Möge in dem ungeheuren Schneeball, den uns die Zeiten zugcwälzt haben, so viel Unrath , so viel Verwirrung seyn, als da will; selbst diese Verwirrung ist ein Kind der Jahrhunderte, die nur aus dem unermüdlichen Fvrtwälzen Einer und derselben Sache entstehen konnte. Jede Wiederkehr also in die alten Zeiten, selbst das berühmte Platonische Jahr ist Dichtung, es ist dem Begriff der Welt und Zeit nach unmöglich. Wir schwimmen weiter; nie aber kehrt der Strom zu seiner Quelle zurück, als ob er nie entronnen wäre. 32 » Ideen zur Philosophie Zweitens. Noch augenscheinlicher macht die Wohnung der Menschen den Fortgang unsres Geschlechts kennbar. Wo sind die Zeiten, da die Volker wie Troqlo- dyten hie und da in ihren Höhlen, hinter ihren Mauern saßen und jeder Fremdling ei» Feind war? Da half, blos und allein mit der Zeitenfolge, keine Höhle, keine Blauer; die Mensche» mußten sich ein? ander kennen lernen: denn sie find allesammt nur Ein Geschlecht auf Einem nicht großen Planeten. Traurig genug, daß sie sich einander fast allenthalben zuerst als Feinde kennen lernten und einander wie Wölfe anstaunten ; aber auch dies war Naturordnung. Der Schwache fürchtete sich vor dem Stärker» , der Betrogne vor dem Betrüger, der Vertriebne vor dem der ihn abermals vertreiben könnte, das unerfahrne Kind endlich vor jedem Fremden. Diese jugendliche Furcht indeß und alles, wozu sie mißbraucht wurde, konnte den Gang der Natur nicht ändern: das Band der Vereinigung zwischen mehreren Nationen ward geknüpft, wenn gleich durch die Rohheit der Menschen zuerst auf harte Weise. Die wachsende Vernunft kann den Knoten brechen: sie kann aber das Band nicht lösen, noch weniger alle die Entdeckungen ungeschehen machen, die jetzt einmal geschehen sind. Moses und Orpheus, Homers und Herodots, Strabo und Plinius Erdgeschichte, was sind sic gegen die unsre ? Was ist der Handel der Phönicier, Griechen und Römer gegen Europa's Handel? Und so ist uns mit dem was bisher geschehen ist, auch der Faden des Labyrinths in die Hand gegeben . was künftig geschehen werde. Der Mensch, so lange ec Mensch ist, wird nicht ablassen, seinen Planeten zu durch- der Geschichte der Menschheit. 32» durchwandern, bis dieser ihm gänz bekannt sey: weder die Stürme des Meers, noch Schiffbrüche, noch jene "ungeheure Eisberge und Gefahren der Nvrd- und Südwelt werden ihn davon abhalten, da sie ihn bisher von den schwersten ersten Versuchen selbst in Zeiten einer sehr mangelhaften Schifffahrt nicht haben abhalten mögen. Der Funke zu allen diesen Unternehmungen liegt in feinet Brust, in der Menschen- na«r. Neugierde und die unersättliche Begierde nach Gewinn, nach Ruhm, nach Entdeckungen und größerer Starke, selbst neue Bedürfnisse und Unzufriedenheiten , die im Lauf der Dinge, wie sie jetzt sind, unwidertreiblich liegen, werden ihn dazu aufmuntern und die Gcfahrcnbesieger der vorigen Zeit, berühmte glückliche Vorbilder, werden ihn noch mehr beflügeln. Der Wille der Vorsehung wird also durch gute und böse Triebfedern befördert werden, bis der Mensch sein ganzes Geschlecht kenne und darauf wirke. Ihm ist die Erde gegeben und er wird nicht Nachlassen, bis sie, wenigstens dem Verstände und dem Nutzen nach, ganz sein sey Schämen wir uns nicht jetzt schon, daß uns der halbe Lhcil unsres Planeten, als ob er die abgckchrte Seite des Mondes wäre, so lange unbekannt geblieben? Drittens. Alle bisherige Thätigkeit des menschlichen Geistes ist Kraft ihrer innern Natur auf nichts anders als auf Mittel hinausgegangen, die Humanität und Eultur unsres Geschlechts tiefer zu gründen und weiter zu verbreiten. Welch ein ungeheurer Fortgang ists von der ersten Flöße, die das Wasser bedeckte, zu einem Philos. und Gcsch» V, Th. 3k Itiesn. Hl, Z22 Ideen zur Philosophie Europäische» Schiff! Weder der Erfinder jener, noch die zahlreichen Erfinder der mancherlei Künste und Wissenschaften, die zur Schifffadrt gehören, dachten daran, was aus der Zusammensetzung ihrer Entdeckungen werden würde; jeder folgte seinem Triebe der Notb oder der Neugierde und nur in der Natur des menschlichen Verstandes, des Zusammenhanges aller Dinge lags, daß kein Versuch, keine Entdeckung vergebens seon konnte. Wie das Wunder einer andern Welt staunten jene Insulaner, die nie ein Europäisches Schiff geseben hatten, dies Ungebeucr an und verwunderten sich noch mehr, da sic bemerkten, daß Menschen, wie sic, es nach Gefallen über die wilde MeereSticfe lenkten. Hatte ihr Ausiaunen zu einer vernünftigen Ueberlegung jedes großen Zwecks und jedes kleinen Mittels in dieser schwimmenden Kunst- welt werden können; wie höher wäre ihre Bewunderung des menschlichen Verstandes gestiegen. Wohin reichen anjetzt nicht blos durch dies Eine Werkzeug die Hände der Europäer t win werden sie künftig nicht reichen? Und wie diese Kunst, so hat das Menschengeschlecht in wenigen Jahren ungeheuer - viel Künste erfunden, die über Luft, Wasser, Himmel und Erde seine Macht ausbreiccn. Ja wenn wir bedenken, daß nur wenige Nationen in diesem Conflict der Gei- stcsthatigkcit waren, indeß der größestc Thcil der andern über alten Gewohnheiten schlummerte: wenn wir erwägen, daß fast alle Erfindungen unsres Geschlechts in sehr junge Zeiten fallen und beinah keine Spur, keine Trümmer eines alten Gebäudes oder einer alten Einrichtung vorhanden ist, die nicht an unsre junge Geschichte geknüpft ser; welche Aussicht dcr Geschichte der Menschheit. 32 g gicbt uns diese historisch - erwiesene Regsamkeit des menschlichen Geistes in das Unendliche künftiger Zeiten! In den wenigen Jahrhunderten, in welchen Griechenland blühcte, in den wenigen Jahrhunderten unsrer neuen Eultur, wie vieles ist in dem kleinsten Thcil dcr Welt in Europa und auch beinah in dessen kleinsten Lhcile ausgedacht, crsunden, gethan, geordnet und für künftige Zeiten aufbewahrt worden! Wie eine fruchtbare Saat sproßten die Wissenschaften und Künste Haufenweise hervor und Eine nährte, Eine begeisterte und erweckte die andre. Wie wenn eine Saite berührt wird, nicht nur alles was Ton hat, ihr zutönct, sondern auch bis ins Unvcrnehmbare hin alle ihre harmonischcn Töne dem anqcklungcnen Laut nachkönen; so erfand, so schuf der menschliche Geist, wenn Eine harmonische Stelle seines Innern berührt ward. Sobald er auf Eine neue Zusammcnstimmung traf, konnten in einer Schöpfung, wo alles zusammenhangt, nicht anders als zahlreiche neue Verbindungen ihr folgen. Aber, wird man sagen, wie sind alle diese Künste und Erfindungen angewandt worden? Hat sich dadurch die praktische Vernunft und Billigkeit, mithin die wahre Eultur und Glückseligkeit des Menschengeschlechts erhöhet? Ich berufe mich auf das was ich kurz vorher über den Gang der Unordnungen im ganzen Reich der Schöpfung gesagt habe, daß cs nach einem Innern Naturgesetz ohne Ordnung keine Dauer erhalten könne, nach welcher doch alle Dinge wesentlich streben. Das scharfe Messer in dcr Hand des Kindes verletzt dasselbe; deshalb ist aber die Kunst, die dies Messer erfand und schärfte, eine der unentbehrlichsten Künste. Nicht alle die cin solches Werkzeug L 2 Z24 Ideen zur Philosophie brauchen, sind Kinder und auch das Kind wird durch seinen Schmerz den bessern Gebrauch lernen. Künstliche Uebermacht in der Hand des Despoten, fremder Lurus unter einem Volk ohne ordnende Gesetze, sind dergleichen tödtende Werkzeuge; der Schade selbst aber macht die Menschen klüger und früh oder spat muß die Kunst, die sowohl den Luxus als den Despotismus schuf, beide selbst zuerst in ihre Schranken zwingen und sodann in ein wirkliches Gute verwandeln. Jede ungeschickte Pflugschaar reibet sich durch den langen Gebrauch selbst ab; unbehülfliche, neue Räder und Triebwerke gewinnen blos durch den Umlauf die bequemere, künstliche Epicykloide. So arbeitet sich auch in den Kräften des Menschen der übertreibende Mißbrauch mit der Zeit zum guten Gebrauch um; durch Extreme und Schwankungen zu beiden Seiten wird nothwendig zuletzt die schöne Mitte eines dauernden Wohlstandes in einer regelmäßigen Bewegung. Nur was im Menschenreiche geschehen soll, muß durch Menschen bewirkt werden; wir leiden solange unter unsrer eignen Schuld, bis wir, ohne Wunder der Gottheit, den bessern Gebrauch unsrer Kräfte selbst lernen. Also haben wir auch nicht zu zweifeln, daß jede gute Thätigkeit des menschlichen Verstandes nothwcn- dig einmal die Humanität befördern müsse und befördern werde. Seitdem der Ackerbau in Gang kam: hörte das Menschen- und Eichclnfressen auf; der Mensch fand, daß er von den süßen Gaben der Ceres humaner, besser, anständiger leben könne als vom Fleisch seiner Brüder oder von Eicheln und ward durch die Gesetze weiserer Menschen gezwungen, also zu leben Seitdem man Häuser und Städte bauen - der Geschichte der Menschheit. 325 lernte, wohnte man nicht mehr in Höhlen; unter Gesetzen eines Gemeinwesens schlug man den armen Fremdling nicht mehr todt. So brachte der Handel die Völker naher an einander und je mehr er in seinem Vortheil allgemein verstanden wird, desto mehr müssen sich nvtbwendig jene Mordthaten, Unterdrückungen und Betrugsarten vermindern, die immer nur Zeichen des Unverstandes im Handel waren. Durch jeden Zuwachs nützlicher Künste ist das Eigenthum der Menschen gesichert, ihre Mühe erleichtert, ihre Wirksamkeit verbreitet; mithin nothwen- diq der Grund zu einer weitern Eultur und Humanität gelegt worden. Welche Mühe z. B. ward durch die einzige Erfindung der Buchdruckerkunst abgethan! welch ein größerer Umlauf der menschlichen Gedanken , Künste und Wissenschaften durch sie befördert! Wage es jetzt ein Europäischer Kang - Ti und wolle die Literatur dieses Welttheils ausrotten; es ist ihm schlechterdings nicht möglich. Hätten Phönicicr und Karthaginenscr, Griechen und Römer diese Kunst gehabt : der Untergang ihrer Literatur wäre ihren Verwüstern nicht so leicht, ja beinahe unmöglich worden. Lasset wilde Volker auf Europa stürmen: sie werden unsrer Kriegskunst nicht bestehen und kein Attila wird mehr vom schwarzen und kaspischen Meer her bis an die katalaunischcn Felder reichen. Lasset Pfaffen, Weichlinge, Schwärmer und Tyrannen aufstehn, so viel da wollen; die Nacht der mittleren Jahrhunderte bringen sie nie mehr wieder. Wie nun kein größerer Nutze einer menschlichen und göttlichen Kunst denkbar ist, als wenn sie uns Licht und Ordnung nicht nur giebt, sondern es ihrer Natur nach auch verbreitet und sichert: so lasset uns dem Schöpfer ^26 Ideen zur Philosophie danken, daß er unserm Geschlecht den Verstand und diesem die Kunst wesentlich gemacht hat. In ihnen besitzen wir das Gchcimniß und Mittel einer sichernden Weltordnunq. Auch darüber dürfen wir nicht sorgen, daß manche trefflich ersonnene Theorie, die Moral selbst nicht ausgenommen, in unserm Geschlecht so lange Zeit nur Theorie bleibe. Das Kind lernt viel, was nur der Mann anwcndcn kann; deswegen aber hat es solches nicht umsonst gelernet. Unbcdachtsam vergaß der Jüngling, woran er sich einst mühsam erinnern wird, oder er muß es gar zum zweitenmal lernen. Bei dem immer erneueren Menschengeschlecht ist also keine aufbewahctc, ja sogar keine erfundene Wahrheit ganz vergeblich; spatere Zcitumstande machen nöihig, was man jetzt versäumt und in der Unendlichkeit der Dinge muß jeder Fall zum Vorschein kommen, der auf irgend eine Weise das Menschengeschlecht übet. Wie wir uns nun bei der Schöpfung die Macht, die das Chaos schuf, zuerst und sodann in ihm ordnende Weisheit und harmonische Güte gedenken: so entwickelt die Naturordnung des Menschengeschlechts zuerst rohe Kräfte r die Unordnung selbst muß sie der Bahn des Verstandes zuführcn und je mehr dieser sein Werk aus- arbeitct, desto mehr sichet er, daß Güte allein dem Werk Dauer, Vollkommenheit und Schönbeit gewähre. der Geschichte der Menschheit. 32? V. Es waltet eine weise Güte im Schicksal der Menschen; daher es keine schönere Würde, kein dauerhafteres und reineres Glück giebt, als im Rath derselben zu wirken. <^^em sinnlichen Betrachter der Geschichte, der in ihr Gott vcrlöhr und an der Vorsehung zu zweifeln ansing, geschah dies Unglück nur daher, weil er die Geschichte zu flach ansah oder von der Vorsehung keinen rechten Begriff hatte. Denn wenn er diese für ein Gespenst halt, das ihm auf allen Straßen begegnen und den Lauf menschlicher Handlungen unaufhörlich unterbrechen soll , um nur diesen oder jenen particularen Endzweck seiner Phantasie und Willkühr zu erreichen: so gestehe ich, daß die Geschichte das Grab einer solchen Vorsehung fey; gewiß aber ein Grab zum Besten der Wahrheit. Denn was wäre es für eine Vorsehung, die jeder zum Poltergeist in der Ordnung der Dinge, zum Bundsgenossen seiner eingeschränkten Absicht, zum Schutzvcrwandten seiner kleinfügigcn Lhorheit gebrauchen könnte; so daß das Ganze zuletzt ohne einen Herren bliebe? Der Gott, den ich in der Geschichte suche, muß derselbe scyn, der er in der Natur ist: denn der Mensch ist nur ein kleiner Theil des Ganzen und seine Geschichte ist wie die Geschichte des Wurms mit dem Gewebe, daS 328 Ideen zur Philosophie er bewohnt, innig verwebet. Auch in ihr müssen also Naturgesetze gelten, die im Wesen der Sache liegen und deren sich die Gottheit so wenig überheben mag, daß sie ja eben in ihnen, die sie selbst gegründet, sich in ihrer bohen Macht mit einer unwandelbaren, weisen und gütigen Schönheit offenbaret. Alles, was auf der Erde geschehen kann, muß auf ihr geschehen, sobald es nach Regeln geschieht die ihre Vollkommen, heit in ihnen selbst tragen. Lasset uns diese Regeln, die wir bisher entwickelt haben, sofern sie die Mcn- schengeschichte betreffen, wiederholen; sie führen alle das Gepräge einer weisen Güte, einer hohen Schönheit, ja der inncrn Nothwendigkeit selbst mit sich. 1. Auf unsrer Erde belebte sich Alles, was sich auf ihr beleben konnte: denn jede Organisation trägt in ihrem Wesen eine Verbindung mannigfaltiger Kräfte, die sich einander beschränken und in dieser Beschränkung ein Marimum zur Dauer gewinnen konnten, in sich. Gewannen sie dies nicht, so trennten sich die Kräfte und verbanden sich anders. 2 . Unter diesen Organisationen stieg auch der Mensch hervor, die Krone der Erdenschöpfung. Zahllose Kräfte verbanden sich in ihm und gewannen ein Marimum, den Verstand, so wie ihre Materie, der menschliche Körper nach Gesetzen der schönsten Symmetrie und Ordnung, den Schwerpunkt. Im Charakter des Menschen war also zugleich der Grund seiner Dauer und Glückseligkeit, das Gepräge seiner Bestimmung und der ganze Lauf seines Erdenschicksals gegeben. 3. Vernunft heißt dieser Charakter der Menschheit : denn er vernimmt die Sprache Gottes in der Schöpfung l>. i. er sucht die Regel der Ordnung, der Geschichte der Menschheit. 229 nach welcher die Dinge zusammenhängend auf ihr Wesen gegründet sind. Sein innerstes Gesetz ist also Erkenntniß der Existenz und Wahrheit; Zusammen- Hang der Geschöpfe nach ihren Beziehungen und Eigenschaften. Er ist ein Bild der Gottheit: denn er erforschet die Gesetze der Natur, die Gedanken, nach denen der Schöpfer sic verband und die er ihnen wesentlich machte. Die Vernunft kann also eben so wenig willkührlich handeln, als die Gottheit selbst willkührlich dachte. 4 . Vom nächsten Bedürfnifi fing der Mensch an, die Kräfte der Natur zu erkennen und zu prüfen. Sein Zweck dabei ging nicht weiter als auf sein Wohlseyn d. i. auf einen gleichmäßigen Gebrauch seiner eignen Kräfte in Ruhe und Uebung. Er kam mit andern Wesen in ein Verhältnis und auch jetzt ward sein eignes Daseyn das Maas dieser Verhältnisse. Die Regel der Billigkeit drang sich ihm auf: denn sie ist nichts als die praktische Vernunft, daS Maas der Wirkung und Gegenwirkung zum gemeinschaftlichen Bestände gleichartiger Wesen. 5: Auf dies Principium ist die menschliche Natur gebauet, so daß kein Individuum eines andern oder der Nachkommenschaft wegen dazuseyn glauben darf. Befolget der niedrigste in der Reihe der Menschen das Gesetz der Vernunft und Billigkeit, das in ihm liegt: so hgt er Eonsistenz, d. i. er genießet Woblsepn und Dauer: er ist vernünftig, billig, glücklich. Dies ist er nicht vermöge der Willkühr andrer Geschöpfe oder des Schöpfers, sondern nach den Gesetzen einer allgemeinen, in sich selbst gegründeten Naturordnung. Weichet er von der Regel des Rechts: so muß sein strafender Fehler selbst ihm Unordnung 33» Ideen zur Philosophie zeigen und ihn veranlassen, zur Vernunft und zur Billigkeit, als den Gesetzen seines Daseyns und Glücks zurückzukehren. 6 . Da seine Natur aus sehr verschiedenen Elementen zusammengesetzt ist: so thut er dieses selten auf dem kürzesten Wege; er schwankt zwischen zwei Extremen, bis er sich selbst gleichsam mit seinem Dascyn absindct und einen Punkt der leidlichen Mitte erreicht, in welchem er sein Wohlseyn glaubet. Irrt er hiebei: so geschehet es nicht ohne sein geheimes Bewußtseyn und er muß die Folgen seiner Schuld tragen. Er trägt sie aber nur bis zu ein.m gewissen Grad, da sich entweder das Schicksal durch seine eigenen Bemühungen zum Bessern wendet oder sei» Daseyn weiterhin keinen uincrn Bestand sinket. Einen wohlthätigern Nutzen konnte die höchste Weisheit dem physischen Schmerz und dem moralischen Uebel nicht geben: denn kein höherer ist denkbar. 7 . Hätte auch nur ein Einziger Mensch die Erde betreten: so wäre an ihm der Zweck des menschlichen Daseyns erfüllt gewesen, wie man ihn bei so manchen einzelnen Menschen und Nationen für erfüllt achten muß, die durch Ort- und Zeitbestimmungen von der Kette des ganzen Geschlechts gctren- net wurden. Da aber alles was aus der Erde leben kan», so lange sie selbst in ihrem Veharrungßstande bleibt, fortdauret: so hatte auch das Menschengeschlecht , wie alle Geschlechte der Lebenden, Kräfte der Fortpflanzung in sich, die dem Ganzen gemäß ihre Proportion und Ordnung finden konnten und gefunden haben. Mithin vererbte sich das Wesen der Menschheit, die Vernunft und ihr Organ, die Tradition auf eine Reihe von Geschlechtern hinunter. der Geschichte der Menschheit. 33 > Allmählich ward die Erde erfüllt und der Mensch ward alles, was er in solchem und keinem andern Zeitraum auf der Erde werden konnte. 8 . Die Fortpflanzung der Geschlechter und Traditionen knüpfte also auch die menschliche Vernunft an einander: nicht als ob sie in jedem Einzelnen nur ein Bruch des Ganzen wäre, eines Ganzen, das in Einem Subjekt nirgend existirct, folglich auch nicht der Zweck des Schöpfers seyn konnte; sondern weil es die Anlage und Kette des ganzen Geschlechts so mit sich führte. Wie sich die Menschen fortpflanzen, pflanzen die Thiere sich auch fort, ohne daß eine allgemeine Thiervernunft aus ihren Geschlechtern werde ; aber weil Vernunft allein den Bcharrungsstand der Menschheit bildet, mußte sie sich als Charakter des Geschlechts fortpflanzen: denn ohne sie war das Geschlecht nicht mehr. 9 . Im Ganzen des Geschlechts hatte sic kein andres Schicksal, als was sie bei de» einzelnen Gliedern desselben hakte: denn das Ganze bestehet nur in einzelnen Gliedern. Sie ward von wilden Leidenschaften der Menschen, die in Verbindung mit andern noch stürmigcr wurden, oft gestört, .Jahrhunderte lang von ihrem Wege abgelenkt und blieb wie unter der Asche schlummernd. Gegen alle diese Unordnungen wandte die Vorsehung kein andres Mittel an, als welches sie jedem Einzelnen gewahret , nämlich daß auf den Fehler das Uebel folge und jede Trägheit , Thorheit, Bosheit, Unvernunft und Unbillig- keir sich selbst strafe. Nur weil in diesen Zuständen das Geschlecht Haufenweise erscheint: so müssen auch Kinder die Schuld der Eltern, Völker die Unvernunft ihrer Führer, Nachkommen die Trägheit ihrer - 'Eft 232 Ideen zur Philosophie Vorfahren büßen und wenn sie das Ucbel nicht verbessern wollen oder können, können sie Zeitalter hin darunter leiden. 10. Jedem einzelnen Glicde wird also die Wohlfahrt des Ganzen sein eigenes Beste: denn wer unter den Ucbeln desselben leidet, hat auch das Recht und die Pflicht auf sich, diese Uebcl von sich abzuhalten und sie für seine Brüder zu mindern. Auf Regenten und Staaten hat die Natur nicht gerechnet; sondern auf das Wohlseyn der Menschen in ihren Reichen. Jene büßen ihre Frevel und Unvernunft langsamer , als sie der Einzelne büßet , weil sie sich immer nur mit dem Ganzen berechnen, in welchem das Elend jedes Armen lange unterdrückt wird; zuletzt aber büßet es der Staat und sie mit desto ge- fahrlicherm Sturze. In alle diesem zeigen sich die Gesetze der Wiedervergeltung nicht anders als die Gesetze der Bewegung bei dem Stoß des kleinsten physischen Körpers und der höchste Regent Europa's bleibt den Naturgesetzen des Menschengeschlechts sowohl unterworfen, als der Geringste feines Volkes. Sein Stand verband ihn blos, ein Hausbaltcr dieser Naturgesetze zu seyn und bei seiner Macht, die er nur durch andre Menschen hat, auch für andre Menschen ein weiser und gütiger Menschcngott zu werden. 11. In der allgemeinen Geschichte also wie im Leben verwahrloseter einzelner Menschen erschöpfen sich alle Thorheiten und Laster unsres Geschlechts , bis sie endlich durch Noth gezwungen werden, Vernunft und Billigkeit zu lernen. Was irgend geschehen kann, geschieht und bringt hervor, was es seiner Natur nach Hervorbringen konnte. Dies Naturgesetz hindert keine, auch. der Ge sch ic hte der M enschh eit. 333 auch nichr die ausschweifendste Macht an ihrer Wirkung; es hat aber alle Dinge in die Regel beschrankt, daß Eine gegenseitige Wirkung die andre aufhebe und zuletzt nur bas Ersprießliche daurend bleibe. Das Böse, das andre verberbt, muß sich entweder unter die Ordnung schmiegen oder selbst verderben. Der Vernünftige und Tugendbafte also ist im Reich GolteS allenthalben glücklich: denn so wenig die Vernunft äußern Lohn begehret, so wenig verlangt ihn auch die innere Tugend. Mißlingt ihr Werk von außen: so hat nicht -sie, sondern ihr Zeitalter davon den Schaden ; und doch kann es die Unvernunft und Zwietracht der Menschen nicht immer verhindern: es wird gelingen , wenn sein« Zeit kommt. r 2 . Indessen gebet die menschliche Vernunft im Ganzen des Geschlechts ihren Gang fort: sie sinnet aus, wenn sie auch noch nicht anwenden kann: sie erfindet, wenn böse Hände auch lange Zeit ihre Erfindung mißbrauchen. Der Mißbrauch wird sich selbst strafen und die Unordnung eben durch den unermüde- ten Eifer einer immer wachsenden Vernunft mit der Zeit Ordnung werden. Indem sie Leidenschaften bekämpfet, stärkt und lautert sie sich selbst: indem sie hier gedruckt wird, fliehet sie dorthin und erweitert den Kreis ihrer Herrschaft über die Erde. Es ist keine Schwärmerei, zu hoffen daß wo irgend Menschen wohnen, einst auch vernünftige, billige und glückliche Menschen wohnen werden: glücklich, nicht nur durch ihre eigene, sondern durch die gemeinschaftliche Vernunft ihres ganzen Brudergcschlcchtes. 4 - * * Ich beuge mich vor Vielem hohen Entwurf der allgemeinen Naturweisheit über das Ganze meines Phitos. und Gesch. V. LH. V lilee». lll. lVl Ideen zur Philosophie Geschlechts, um so williger, da ich jede, daß er der Plan der gesummten Natur ist. Die Regel, die Weltsysteme erkält und jeden Ehrystall, jedes Würmchen, jede Schneeflocke bildet, bildete und erhalt auch mein Geschlecht: sic machte seine eigne Natur, zum Grunde der Dauer und Fortwirkung desselben, «solange Menschen seyn werden. Alle Werke Gottes haben ihren Bestand in sich und ihren schönen Zusammenhang mit sich: denn sic beruhen alle in ihren gewisse» Schranken auf dem Gleichgewicht widerstrebender Kräfte durch eine innerem,Macht, die diese zur Ordnung lenkte. Mit diesem Leitfaden durchwandre ich das Labyrinth der Geschichte und sehe allenthalben harmonische göttliche Ordnung: denn waS irgend geschehen kann, geschieht: was wirken kann, wirket. Vernunft aber und Billigkeit allein dauren; da Unsinn und Thorheil sich und die Erde verwüsten. Wenn ich also, nach jener Fabel, einen Brutus, den Dolch i» der Hand unter dem Sternenhimmel bei Philipp! sagen höre: „o Tugend, ich glaubte, daß du etwas seyst; jetzt sehe ich, daß du ein Traum bist:" so verkenne ich den ruhigen Weisen in dieser letzten Klage. Besaß er wahre Tugend : so hatte sich diese, wie seine Vernunft immer bei ihm belohnet und mußte ihn auch diesen Augenblick lohnen. War seine Tugend aber blos Römer-Patriotismus; was Wunder, daß der Schwächere dem Starken, der Trage dem Rüstigern weichen mußte? Auch der Sieg des Antonius stimmt allen seinen Folgen gehörte zur Ordnung der Welt und zu RomS Natur-Schicksal. Gleichcrgestalt wenn unter uns der Tugendhafte so oft klagt, daß sein Werk mißlinge, daß rohe Gewalt und Unterdrückung auf Erde» herrsche und das Menschengeschlecht nur der Unvernunft und den Leidenschaften zur Beute gegeben zu fern scheine : so trete der Genius seiner Vernunft zu ihm und frage ihn freundlich: ob feine Tugend auch rechter Art und mit dem Verstände, mit der Lhatigkcit verbunden scy, die allein den Namen der Tugend verdienet? Freilich gelingt nicht jedes Werk allenthalben; darum aber mache, daß cs gelinge und befördre seine Zeit, seinen Ork und jene innre Dauer desselben, in welcher das wahrhaft-Gute allein daurct. Rohe Kräfte kön- ncn nur durch die Vernunft geregelt werden; cs gehört aber eine wirkliche Gegenmacht, d. i. Klugheit, Ernst und die ganze Kraft der Güte dazu, sie in Ordnung zu setzen und mit heilsamer Gewalt darin zu erhalten. Ein schöner Traum ists vom zukünftigen Leben, da man sich im freundschaftlichen Genuß aller der Weisen und Guten denkt, die je für die Menschheit wirkten und mit dem süßen Lokn vollendeter Mühe das höhere Land betraten ; gewissermaßen aber eröffnet uns schon die Geschichte diese ergötzende Lauben des Gesprächs und Umgangs mit den Verständigen und Rechtschaffenen so vieler Zeiten. Hftr stehet Plato vor mir: dort höre ich Sokrates freundliche Fragen und theile sein letztes Schicksal. Wenn Mark-Antonin im Verborgnen mit seinem Herzen spricht, redet er auch mit dem mcinigcn und der arme Epiktct giebt Befehle, mächtiger als ein König. Der gequälte Tullius, der unglückliche Boethius sprechen zu mir, mir vertrauend die Umstände ihres Lebens, den Gram und den Trost ihrer Seele. Wie weit und wie enge N das menschliche Herz! wie einerlei und wieder- lommend sind alle seine Leiden und Wünsche, seine 336 Ideen zur Philosophie rc. Schwachheiten und Fehler, sein Genuß und seine Hoffnung! Tausendfach ist das Problem der Humanitär ringsum mich aufgelöset und allenthalben ist das Resultat der Menschenbemühungcn dasselbe: „auf Verstand und Rechtschaffenheit ruhe das Wesen unsres Geschlcchrs, sein Zweck und sei» Schicksal." Keinen edlern Gebrauch der Menschengeschichte giebtß, als diesen: er führt uns gleichsam in den Rath deS Schicksals und lehrt uns in unsrer nichtigen Gestalt nach ewigen Naturgesetzen Gottes handeln. Indem er uns die Fehler und Folgen jeder Unvernunft zeigt, so weiset er uns in jenem großen Zusammenhänge, in welchem Vernunft und Güte zwar lange mir wilden Kräften kämpfen, immer aber doch ihrer Natur nach Ordnung schaffen und aus der Bahn des Sieges bleiben, endlich auch unfern kleinen und ruhigen Kreis an. Mühsam haben wir bisher das dunklere Feld alter Nationen durchwandert; freudig gehen wir jetzt dem näheren Tage entgegen und sehen, was aus dieser Saat des Alterthums für eine Erndte nachfolgender Zeiten keime? Rom hatte das Gleichgewicht der Volker gehoben: unter ihm verblutete eine Welt; was wird aus diestm gestörten Gleichgewicht für ein neuer Zustand und aus der Asche so vieler Nationen für ein neues Geschöpf hervorgchn? Inhalt. E i l ft e s Buch. Seite I. Sina.S II. Coschin-Sina, Tunkin, Laos, Korea, die östliche Tatarei, Japan ... 2» III. Tibet ..... 26 IV. Jndostan . . .... 33 V. Allgemeine Betrachtungen über die Geschichte dieser Staaten ... §3 Zwölftes Buch. I. Babylon, Assyrien, Chaldäa . . 67 II. Meder und Perser .... 67 III. Hebräer. 77 IV. Phönicien und Karthago ... 90 V. Aegypten. .100 VI. Weitere Ideen zur Philosophie der Men- schcngcschichte . . . . - 338 Inhalt. Dreizehntes Buch. Seite I. Griechenlands Lage und Bevölkerung 122 II. Griechenlands Sprache, Mythologie und Dichtkunst . . . . . 132 III. Künste der Griechen . . . rg2 IV. Sitten - und Staatenwcisheit der Griechen i 53 V. Wissenschaftliche Hebungen der Griechen 167 VI. Geschichte der Veränderungen Griechenlandes . 180 VII. Allgemeine Betrachtungen über die Geschichte Griechenlandes 192 Vierzehntes Buch. I. Etrusker und Lateiner 206 II. Roms Einrichtungen zu einem herrschenden Staats - und Kriegsgcbäude 217 III. Eroberungen der Römer 229 IV. Roms Verfall ..... 289 V. Eharakter, Wissenschaften und Künste der Römer . . 252 VI. Allgemeine Betrachtungen über das Schicksal Roms und seine Geschichte . 263 Fünfzehntes Buch. I. Humanität ist der Zweck der Mcnschen- nalur und Gott hat unserm Geschlecht mit diesem Zweck sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben . . . 281 Inhalt. Seite II. Alle zerstörenden Kräfte in der Natur müssen den erhaltenden Kräften mit der Zeitenfolge nicht nur unterliegen, sondern auch selbst zu Ausbildung des Ganzen dienen. 289 III. Das Menschengeschlecht ist bestimmt, mancherlei Stufen der Cultur in mancherlei Veränderungen zu durchgehen; auf Vernunft und Billigkeit aber ist der daurende Zustand seiner Wohlfahrt wesentlich und allein gegründet .... 3 o 3 IV. Nach Gesetzen ihrer innern Natur muß mit der Zeitenfolge auch die Vernunft und Billigkeit unter den Menschen mehr Platz gewinnen und einen daurendercn Zustand der Humanität befördern . 3 iü V. Es waltet eine weise Güte im Schicksal der Menschen; daher cs keine schönere Würde, kein dauerhafteres und reineres Glück giebt, als im Rath derselben zu wirken. 327