2Z2 Ideen zur Philosophie
selben hatten sie Gottesdienst gclernet? Tradi-tion ist also auch hier die fortpflanzen-de Mutter, wie ihrer Sprache u n d w e-nigen Cultur, so auch ihrer Religionund heiligen Gebrauche.
Sogleich folget hieraus, daß sich die reli-giöse Tradition keines andern Mittelsbedienen konnte, als dessen sich dieVernunft und Spracbe selbst bediente,der Symbole. Muß der Gedanke ein Wortwerden, wenn er fortgcpflanzt seyn will, muß jodeEinrichtung ein sichtbares Zeichen haben, wenn siefür andre und für die Nachwelt seyn soll: wiekonnte das Unsichtbare sichtbar, oder eine verlebteGeschichte den Nachkommen aufbchalten werden, alsdurch Worte oder Zeichen? Daher ist auch bei denrohesten Völkern die Sprache der Religion immerdie älteste, dunkelste Sprache, oft ihren Gewcihctenselbst, vielmehr den Fremdlingen unverständlich.Die bedeutenden heiligen Symbole jedes Volks, soklimatisch und national sie seyn mochten, wurdennämlich oft in wenigen Geschlechtern ohne Bedeu-tung. Kein Wunder: denn jeder Sprache, jedem
Institut mit willkührlichen Zeichen müßte cs so er-gehen, wenn sie nicht durch den lebendigen Gebrauchmit ihren Gegenständen oft zusammengehalten wür-den und also im bedeutenden Andenken blieben.Bei der Religion war solche lebendige Zusammenhal-tung schwer oder unmöglich: denn das Zeichen be-traf entweder eine unsichtbare Idee oder eine ver-gangene Geschichte.