I. G. v. Herders sämmtliche Werke. Zur Philosophie und Geschichte. Vierter Th eil. -»OM Ideen. Zwepter Band. Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privilegio. C a" r l s r u he, im Bureau der deutschen Classiker. Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Z w e y t e r T h e i i. Philos. und Gesch. IV. Th. A M-e-r. Sechstes Buch >-<4»?ir haben bisher die Erde als einen Wohn^ platz des Menschengeschlechts überhaupt betrachtet, und sodann die Stelle zu bemerken gesucht, die der Mensch in der Reihe der Lebendigen auf ihr cinnimmt. Lasset uns jetzt, nachdem wir die Idee seiner Natur überhaupt fest gestellt haben, die vcrsckiednen Erscheinungen betrachten , jtt denen er sich auf diesem runden Schauplätze zeiget. Aber wer gibt unS einen Leitfaden in diesem Labyrinth? welchen sichern Fußtritten dürfen wir folgen? Wenigstens soll kein trügendes Pracbtkleiv einer angemaßtcn Allwissenheit die Mangel verhüllen, die der Geschichtschreiber der Menschheit und noch vielmehr der Philosoph dieser Geschichte nothwen- dig mit sich trägt: denn nur der Genius unserS Geschlechts Übersicht desselben ganze . A 2 4 Geschichte. Wir sangen von den Verschiedenheiten in der Organisation der Völker an, wenn auch aus keinem andern Grunde, so daher, weil man sogar schon in den Lehrbüchern der Naturgeschichte diese Verschiedenheit bemerket. Organisation der Völker in der Nähe des Nordpols. ist es keinem Seefahrer gelungen, auf der Are unsrer Erde zu stehen, *) und vielleicht vom Nordpolc her einigen nähern Aufschluß der Eon- struction ikres Ganzen zu holen; indessen sind wir schon weit über die bewohnbare Erde hinüber gelangt, und haben Gegenden beschrieben, die man den kalten und nackten EiSkhron der Natur nennen möchte. Hier sind die Wunderdinge unsrer Erdschöpfung gesehen, die kein Anwohner des Aequators glauben würde, jene Ungeheuern Massen schön gefärbter Eisklurnpcn, jene prächtigen Nordlichter, wunderbare Täuschungen des Auges durch die Luft und bcy der großen Kalte von oben die oft warmen Erdklüfte. **) In steilen zerfallenen Felsen scheint sich der hcrvor- Die Hoffnungen unsres Landsmanns, Samuel Engels, hierüber sind bekannt, und einer der neusten Abenteurer nach Norden, Pag es, scheint die geglaubte Unmöglichkeit derselben abcrmahls zu vermindern. **) S. Phipps Reisen, Cranz Geschichte von Grönland, u. f. 6 Ideen zur Philosophie gehende Granit viel weiter hinauf zu erstrecke», als er's bcpm Südpole thun konnte, so wie überhaupt dem größten Thcile nach die bcwcbnbme Erde auf dem nördlichen Hemisphäc ruhet. Und da daS Mecr der erste Wohnplatz der Lebendigen war: so kann man das nördliche Meer mit der großen Fülle seiner Bewohner noch jetzt als eine Gebärmutter des Lebens und die Ufer desselben als den Rand betrachten, auf dem sich in Moosen, Jnsccken und Würmern die Organisation der Erdgcschöpfe anfangc. Secvöge! begrüßen daS Land, das noch weniges eigenes Gefieder nähret: Mccrthicre und Amphibien kriechen hervor, um sich am seltnen Strahl der ländlichen Sonne zu wärmen. Mitten im regsten Getümmel des Wassers zeigt sich gleichsam die Grauze der lebendigen Erdeschöpfung. Und wie hat sich die Organisation des Menschen auf dieser Kränze erhalten? Alles, was die Kälte an ihm thun konnte, war, daß sic seinen Körper etwas zusammen drückte, und den Umlauf seines Bluts gleichsam verengte. Der Grönländer bleibt meistens unter fünf Fuß, und die Eskimvh's, seine Brüder, werden kleiner, je weiter nach Norden sie wohnen *). Da aber die Lebenskraft von innen heraus wirkt: so ersetzte sie ihm an warmer und zäher Dichtigkeit, was sie ihm an empor strebender Länge nicht geben konnte. Sein Kopf ward im Verhaltniß des Körpers groß, das Gesicht breit *) Cranz, Ellis, Egede, Roger Curtis Nachricht von der Küste^Labradrr u. f. der Geschichte der Menschheit. 7 und platt, weil die Natur, die nur in der Mäßigung und Milte zwischen zwey Extremen sch ön wirket, hier noch kein sanftes Oval runden, und insonderheit die Zierde des Gesichts, und, wenn ich so sagen darf, den Balkcn der Wage, die Nase, noch nicht hervor treten lassen konnte. Da die Backen die größere Breite des Gesichts einnahmen, so ward der Mund klein und rund: die Haare blieben sträu- big, weil, weiche und seidene Haare zu bilden, es an feinem, empocgetriebcnen Safte fehlte: das Auge blieb unbeseelt. Gleicher Gestalt formten sich stacke Schultern und breite Glieder, der Leib ward blutreich und fleischig; nur Hände und Füße blieben klein und zart, gleichsam die Sprossen und äußersten Theile der Bildung. Wie die äußere Gestalt, so verhält sich auch von innen die Reizbarkeit und Oekonomie der Safte. Das Blut fließt träger, und das Herz schlagt matter; daher hier der schwächere Geschlechtstrieb, dessen Reitze mit der zunehmenden Warme anderer Länder so ungeheuer wachsen. Spat erwachet derselbe: die Unverheiratheten leben züchtig, und die Weiber müssen zur beschwerlichen Ehe fast gezwungen werden. Sie gebären weniger, so daß sie die vielgebärenden lüstern Europäer mit den Hunden vergleichen: in ihrer Ehe, so wie in ihrer ganzen Lebensart, herrscht eine stille Sittsamkeit, ein zähes Einhalten der Affecten. Unfühlbar für jene Neigungen, mit denen ein wärmres Klima auch flüchtigere Lebensgeister bildet, leben und sterben sie still und vertraglich, gleichgültig-vergnügt und nur aus Nothdurft thätig. Der Vater erzieht seinen Sohn mit und zu jener gefaßten Gleichgültigkeit, die sie für die Tugend und Glückseligkeit des 8 Ideen zur Philosophie Lebens eichten, und die Mutter saugt ihr Kind lange und mit aller tiefen zähen Liebe der Mukkerthiere. Was ihnen die Natur an Reitz und Elasticitat der Fibern versagt hat, hat sie ihnen an anhaltender, daurendcr Starke gegeben, und sie mit jener wärmenden Fettigkeit, mit jenem Reichthum an Blut, der ihren AuslMich selbst in einqeschlossnen Gebäuden erstickend warn, macht, umkleidet. Mich dünkt, es ist niemand, der hiebei) nicht die einförmige Hand der organisirendcn Schöpferin, die in allen ihren Werken gleichartig wirkt, gewahr werde. Wenn die menschliche Lange zurück bleibt, so bleibt es in jenen Gegenden die Vegetation noch viel mehr: wenige, kleine Baume wachsen, Moose und Gesträuche kriechen an der Erde. Selbst die mit Eisen beschlagene Mcßstange kürzcte sich im Froste; und es sollte sich nicht die menschliche Fiber kürzen? Trotz ihres inwohnenden organischen Lebens. Dies kann aber nur zurück gedrängt und gleichsam in einen kleinern Kreis der Bildung ein- geschloffen werden; abermahls eine Analogie der Wirkung bey allen Organisationen. Die äußeren Glieder der Secthicre und andern Geschöpfe der kalten Zone find klein und zart: die Natur hielt, so viel möglich, alles zusammen in der Region der innern Warme: die Vögel daselbst wurden mit dichten Federn, die Thiere mit einer sic umhüllenden Fettigkeit belegt, wie hier der Mensch mit seiner blutreichen, wärmenden Hülle. Auch von außen hat ihnen, und zwar aus einem und eben demselben Principium aller Organisationen auf der Erde, die Natur das versagen müssen, was dieser Complexion nicht diente. Würze würde ihren zur innern Kau- der Geschichte der Menschheit. 9 lung geneigten Körper hinrichten, wie das ihnen zugebrachkc Tollwasser, der Branntwein, so viele hingerichret bat: das Klima hat sie ihnen also versagt, und Zwingt sie dagegen in ihrem dürftigen Aufenthalt und bcy der großen Liebe zur Ruhe, die ihr innrer Bau befördert, von außen zur Tbälig- kcit und Leibesbewegung, auf welche alle ihre Gesetze und Einrichtungen gebaut sind. D,e wenigen Kräuter, die hier wachsen, sind blutreinigcnd und also gerade für ihr Bedürfnis,: die äußere Lust ist in hohem Grade dcphlogistisirt, *) so dass sie selbst bey tobten Körpern der Faulung widerstehet und ein langes Leben fördert. Gisttragende Thiere duldet die trockene Kalte nicht, und gegen die beschwerlichen Jnsecten schützt sic ihre Uncmpsindlichk.it, der Rauch und der lange Winter. So entschädigt die Natur, und wirkt harmonisch in allem, was sie wirket. Es wird nicht nöthig se»n, nach Beschreibung dieser ersten Nation uns bei) denen ihr ähnlichen eben so ausführlich zu verweilen. Die Eskimoh's in Amerika sind, wie an Sitten und Sprache, so auch an Gestalt der Grönländer Brüder. Nur da diese Elenden als bärtige Fremdlinge von den un- bärtigen Amerikanern hoch hinauf gedrängt sind: so müssen sie größtenthcils auch flüchtiger und mühseliger leben; ja, sic werden, hartes Schicksal! zu si S. Wilson's Beobachtungen über den Einfluß des Klima auf Pflanzen und Thiere. Lcipz. 178,- Cranz Histor. von Grönland. Th. 2. S. 27b. 10 Ideen zur Philosophie Winterszeit in ihren Hohlen oft gezwungen, vom Saugen ihres eignen Bluts sich zu nähren *). Hier und an einigen andern Orten der Erde sitzt die harte Nothwcndigkcit auf dem höchsten Throne, so daß der Mensch beynah die Lebensart des Baren ergreifen mußte. Und dennoch hat er sich überall als Mensch erhalten: denn auch in Zügen der scheinbar größcsten Inhumanität dieser Völker ist, wenn man sie näher erwägt, Humanität sichtbar. Die Natur wollte versuchen, welcher gewaltsamen Zustände unser Geschlecht fähig wäre, und es hat seine >..be bestanden. Die Lappen bewohnen vergleichungswcise schon einen mildern Erdstrich, wie sie auch ein milderes Volk sind **). Die Größe der menschlichen Gestalt nimmt zu: die runde Plattigkeit des Gesichts nimmt ab: die Backen senken sich: das Auge wird dunkelgrau: die schwarzen, stracken Haare färben sich gelbbraun: mit seiner äußern Bildung thut sich auch die innre Organisation des Menschen von einander, wie die Knospe, die sich dem Strahle ') S. Roger Curtis Nachricht von Labrador in Försters und Sprcngels Veyträgen zur Völkerkunde. Th. I. S. io5. u. f. *') Bekanntermaaßen fand Sainovics die Lapplän, dische der Ungrischen Sprache ähnlich. S- Luino- vle äemon 8 tratio > iclioiii-r Iliigaror. et 1 .»^- pon. iilem esse. kkuvii. 177«» (Bchde Völker gehören zu dem Finnischen Stamme. M ) der Geschichte der Menschheit, r i der mildern Sonne entfaltet *). Der Berglappe weidet schon sein Rennthier, welches weder der Grönländer, noch Eskimoh thnn konnten; er gewinnt an ihm Speise und Kleid, Haus und Decke, Bequemlichkeit und Vergnügen, da der Grönländer am Rande der Erde dies alles meistens im Meer suchen mußte. Der Mensch bekommt also schon ein Landkbier zu seinem Freunde und Diener, bei, dem ec Künste und eine häusliche Lebensart lernt. Es gewöhnt seine Füße zum Laufe, seine Arme zur künstlichen Fahrt, sein Gemüth zur Liebe des Besitzes und eines fester» Eigentbums, so '.nie cs ihn auch bey der Liebe zur Freiheit erhalt und sein Dhr zu der scheuen Sorgsamkeit gewöhnt, die wir bey mehrcrn Völkern dieses Zustandes bemerken werden. Schüchtern, wie sein Thier, horcht der Lappländer und fahrt beym kleinsten Geräusche auch er liebt seine Lebensart, und blickt, wenn die Sonne wie- derkchct, zu den Bergen hinauf, wie sein Rennthier dahin blickt: er spricht mit ihm, und cS versteht ihn: er sorgt für dasselbe, wie für seinen Reichthum und sein Hausgesinde. Mit dem ersten zähmbaren Landthiere also, das die Natur diesen Gegenden geben konnte, gab sie dem Menschen auch einen Handleiter zur menschlicher« Lebensweise. Ucber die Völker am Eismeere im weiten Russischen Reiche haben wir außer so vielen neuern, allgemein bekannten Reisen, die sie beschreiben, selbst ch S. von den Lappen Höchström, Leem, Klingstedt, Georgi 's Beschreibung der Nationen des Russischen Reiches u. f. Ideen zur Philosophie 12 eine Sammlung von Gemahlden derselben, deren Anblick mehr sagt, als meine Beschreibung sagen könnte *). So vermischt und verdrängt manche dieser Völker wohnen: so sehen wir auch die von der verschiedensten Abkunft unter ein Joch der nordischen Bildung gedruckt und gleichsam an eine Kette des Nordpols geschmiedet. Der Samojede hat dasrun.de, breite, platte Gesicht, das schwarze, sträubige Haar, die untersetzte, blutreiche Statur der nördlichen Bildung; nur seine Lippe wird aufgeworfner, die Nase offner und breiter, der Bart vermindert sich, und wir werden östlich hin auf einem Ungeheuern Erdstriche ihn immer mehr vermindert sehen. Der Samojede ist also gleichsam der Neger unter den Nordländern, und seine große Reitzbar- keit der Nerven , die frühe Mannbarkeit der Samo- jedinncn im cilftcn, zwölften Jabre, **) ja, wenn die Nachricht wahr ist, der schwarze Ring um ihre Brüste, nebst andern Umstanden, macht ihn, so kalt er wohne, dem Neger noch gleicher. Indessen ist er, Trotz seiner feinen und hitzigen Natur, die ec wahrscheinlich als National-Eharakter mitbrachte, und die selbst vom Klima nicht hat bemeistert werden können, doch im Ganzen seiner Bildung ein Nordländer. Die Tungusen, ***,) die südlicher *) George's Beschreibung der Rationen des Russischen Reichs. Petersburg 1776. ") S Klingstedts 8nr Iso Zamojs- äes et snr los lUappons. ***) S. über alle diese Nationen Georgi's Beschr. der der Geschichte der Menschheit, wohnen, ähneln schon dem Mongolischen Völkerstamme, von dem sie dennoch in Sprache und Geschlecht so getrennt sind, wie der Samojede und Ostiak von den Lappen und Grönländern: ihr Körper wird wohlgcwachsen und grschlanker, ihr Auge auf Mongolische Art klein, die Lippe dünn, das Haar weicher; das Gesicht indessen behalt noch seine platte Nordbildung. Ein Gleiches ist's mit den Jakuten und Jukagiren, die in die Tartarische, wie jene in die Mongolische Bildung übcrzugehen scheinen , ja mit den Tartarischen Stammen selbst. Am schwarzen und Easpischen Meere, am Kaukasus und Ural, also zum Lheile in den gemaßigstcn Erdstrichen der Welt, geht die Bildung der Tartaren ins Schönere über. Ihre Gestalt wird schlank und hager: der Kopf zieht sich aus der plumpen Rinde in ein schöneres Oval: die Farbe ward frisch: wohl- gegliedcrr und trocken tritt die Nase hervor: da» Auge wird lebhaft, das Haar dunkelbraun, der Gang munter: die Miene gefällig-bescheiden und schüchtern: je naher also den Gegenden, wo die Fülle der Natur in lebendigen Wesen zunimmt, wird auch die Menschen - Organisation verhältnismäßiger und feiner. Je nördlicher herauf oder je weiter in die Kalmukischen Steppen hinein, desto mehr platten Nat. des Ruff. Reiches, Pallas, des ältern Gmell ns Reisen u. f. Aus Pallas Reisen und Gevrgi's Bemerkungen sind die Merk Würdigkeiten der verschiedenen Vdlker heraus gehoben und besonders heraus gegeben. Frankfund Leipz. 177Z - 77. 14 Ideen zur Philosophie oder verwildern sich die Gesichtszüge auf nordische oder Kalmnkische Weise. Allerdings kommt bicdev auch vieles auf die Lebensart des Volkes, auf die Beschaffenheit seines Bodens, auf seine Abkunft und Mischung mit andern an. Die Gebirgs - Tartarn erhalten ihre Züge reiner, als die in Steppen und Ebnen wohnen: Völkerschaften, die den Dörfern und Städten nahe sind, mildern und mischen auch mehr ihre Sitte» und Züge. Je weniger ein Volk verdrängt wird, je mehr es seiner einfachen, rauhen Lebensart treu bleiben muß; desto mehr erhält cs auch seine Bildung. Alkan wird also, da auf dieser großen, zum Meere adhangcnden Tafel der Tartarey so viele Strcifereyen und Umwälzungen vorgegange» sind, die mehr in einander gemengt haben, als Gebirge , Wüsten und Strome absvndcrn konnten, auch die Ausnahmen von der Rege! bemerken; und sodann bestätigen diese die Regel: denn unter die nordische , Lartarische und Mongolische Bildung ist alles getheilet. 11 . Organisation der Völker um den Asiatischen Rücken der Erde. a viele Wahrscheinlichkeiten es geben, daß um diesen Erd-Rückcn das menschliche Geschlecht seinen ersten Wohnplatz gefunden: so ist man geneigt, auf der Geschichte der Menschheit. >5 demselben auch die schönste Menschengattung zu suchen; wie sehr trügt uns aber diese Erwartung! Die Bildung der Kalmuken und Mongolen ist bekannt : sie hat nebst der Mittlern Größe wenigstens in Resten das platte Gesicht, den dünnen Barr, die braune Farbe deS nördlichen Klima; zeichnet sich aber dabey durch die gegen die Nase schief ablaufenden, flach ausgefüllten Augenwinkel: durch schmale, schwarze, wenig gebogene Augenbraunen, durch eine kleine, platte, gegen die Stirn zu breite Nase, durch abstebende große Ohren, krumme Schenkel und Beine, und das weiße, starke Gebiß aus, *) das nebst der ganzen Gesichtsbildung ein Raubthier unter den Menschen zu charakterisicen scheinet. Woher nun diese Bildung? Die gebognen Knie und Beine finden am ersten ihren Grund in der Lebensweise des Volkes. Von Kindheit auf rutschen sie auf ihren Beinen oder hangen auf dem Pferde; in Sitzen oder Reiten theilt sich ihr Leben, und die einzige Steilung, die dem menschlichen Fuße seine gerade schöne Gestalt gibt, der Gang, ist ihnen, bis auf wenige Schritte, sogar fremde. Sollte nun nicht *) S. Pallas Sammlungen über die Mongolischen Völkerschaften, Th I. S. g8. ipr. u. f. Geor- gi' s Beschreib, der Nat. des Ruff Reiches LH. si. Petersb. 1780. Scknitscbers Nachricht von den Ajukischen Kalmuken in Müllers Sammlung zur Ruff Gesch. B. ff. St. si. Schlötzers Auszug aus Schülers IVlciriorabilibus ktussivo- Lsinläv. in den Müllelschen Sammlungen. B. 7. St, 1. u. s. r6 Ideen zur Philosophie auch Mehrere» von ihrer Lebensart in ihre Bildung übergegangen scyn? Das adstchende lhierische Ohr, das gleichsam immer lauscht und horchet, das kleine schärft Auge, das in der weitesten Ferne den kleinsten Rauch oder Staub gewähr wird, der weiße hervor bleckende, Kncchenbenagcnde Zahn, der dicke Hals und die zurück gebogene Stellung ihres KopftS aus demselben? sind diese Züge nicht gleichsam zur Bestandheit gediehene Gebenden und Charaktere ihn rer Lebensweise? Setzen wir nun »och hinzu, daß, wie Pallas sagt, ihre Kinder oft dis in's zehnte Jahr im Gesichte unförmlich, aufgedunsen und von einem kakcchymischen Ansehen sind, bis sie durch das Auswachsen wohlgedildeter werden: bemerken wir, daß große Strecken von ihren Gegenden keinen stiegen, wenig oder wenigstens kein reines Wasser haben, und daß ihnen von Kindheit auf das Baden beynahe eine ganz fremde Sache werde: denken wir uns die Salzseen, den Salzboden, die Salzmoraste, an denen sie wohnen, deren kalischen Geschmack sie auch in Speisen und sogar in dem Strome von Theewasser liebelt, mit dem sie täglich ihre Verdauung schwachen: fügen wir auf der Erdhöhe, die sie bewohnen, die feinere Lust, die trockenen Winde, die kalischen Ausrüstungen, den langen Winter im Anblicke des Schnees und im Rauche ihrer Hütte und noch eine Reihe kleinerer Umstande hinzu; sollte es nicht wahrscheinlich senn, daß vor Jahrtausenden schon, da vielleicht einige dieser Ursachen noch viel starker wirkten, eben hieraus ihre Bildung entstanden und zur erblichen Natur über- gegangen wäre? Nichts erquickt unser» Körper mehr, und macht ihn gleichsam sprossender und fester , der Geschichte der Menschheit. 17 ster, als das Waschen und Baden im Wasser, zumahl mit Gehen, Laufen, Ringen und andrer Leibesübung verbunden. Nichts schwächt den Körper mehr als das warme Getränk, das sie ohne Maß in sich schlürfen, und das sic über dem noch mit zusammenziehenden basischen Salzen würzen. Daher, wie schon Pallas angemerkt hat, die schwächliche, weibische Gestalt der Mongolen und Buraken, daß fünf und sechs derselben mit allen Kräften nicht aus- richten, was ein Russe zu thun vermag: daher ihr besonders leichter Körper, mit dem sie auf ihren kleinen Pferden gleichsam nur fliegen und schweben; daher endlich auch die Kakochymie, die auf ihre Kinder übergehen konnte. Selbst einige angranzende Tartarische Stamme werden mit Zügen der Mongolischen Bildung geboren, die sie aber verwachsen; daher wahrscheinlich einige Ursachen klimatisch seyn müssen, hie mehr oder minder durch Lebensart und Abstammung in den Gliederbau des Volkes eingepfropft und vererbt sind. Wenn Russen oder Tar- taren sich mit den Mongolen vermischen , sollen schöne Kinder geboren werden; so wie es denn auch unter ihnen, nur auf Mongolische Weise, sehr zarte und proportionirte Gestalten geben soll *). Auch hier ist sich also die Natur in ihrer Organisation treu geblieben ! nomadische Völker unter diesem Himmel, auf diesem Erdstriche, bey solcher Lebensweise mißten zu solchen leichten Raubgeyern werden. *) Pallas in den Sammlungen zur Geschichte der Mongolischen Völkerschaften, Reisen, Lhl. I. S. llog., II» u. f. Philos. und Gesch. IV. LH. B 17. lö Ideen zue Philosophie Und weit umher erstrecken sich Züge ihrer Bildung : denn wohin sind diese Raubvogel nicht geflogen ? mehr als einmal hat über einem Welktheil ihr siegender Zug geschwcbct. In vielen Landern Asiens haben sich also Mongolen niedergelassen und ihre Bildung durch die Züge andrer Völker veredelt. Ja, früher als diese Kriegsüberschwemmun- gen, waren jene uralten Wanderungen von diesem früh bewohnten höchsten Rücken der Erde in viele umliegende Lander. Vielleicht also schon daher tragt die östliche Welkgegend bis zu den Kamtschadaien hinauf, so wie über Tibet hin längs der Halbinsil jenseit des Ganges Züge Mongolischer Bildung. Laßt uns diesen Erdstrich übersehen, der uns manches Sonderbare zeigt. Die meisten Künstcleycn der Sinesen an ihrem Körper betreffen Mongolische Züge. Bcy jenen Völkern bemerkten wir die ungestalten Füße und Ohren ; wahrscheinlich gab, da eine falsche Eultur dazu kam, eine ähnliche Ungestalt zu jenem widernatürlichen Fußzwangc, zu jenen abscheulichen Verzerrungen der Ohren, die vielen Völkern dieses Erdstrichs gewöhnlich sind, Anlaß. Man schämte sich " seiner Bildung und wollte verändern; traf aber auf Tbeile, die, da sie der Veränderung nachgaben, sich als die häßlichste Schönheit zuletzt vererbten. Die Sinesen tragen, so fern es die große Verschiedenheit ihrer Provinzen und ihrer Lebensart zulaßt, offenbar noch Züge der östlichen Bildung, die auf der Mongolischen Erdhöhe nur am stärksten in's Auge fällt. Das breite Gesicht, die kleinen schwarzen Augen, die stumpfe Nase, der dünne-Bart, hat sich in einem andern Lande nur zu einer weichem, der Geschichte der Menschheit. rg rundern Gestalt kiimatisiret; und der Sinesische Geschmack scheint eben so sehr eine Folge übel geordneter Organe, wie ihre Rcgierungssvrm und Weisheit Despotismus und Rohigkeir mit sich trägt. Die Japanesen, ein Volk von Sinesiscbcr Cultur, wahrscheinlich aber von Mongolischer Herkunft, *) sind fast durchgehends übel gewachsen, von dickem Kopfe, kleinen Augen, stumpfen Olafen, platten Backen , fast olme Bart und nreistens von schiefen Beinen; ihre Ncgierungsform und Weisheit ist voll gewaltsamen Zwanges, nur ihrem Lande durchaus bequemer Eine dritte Art Despotismus herrscht im Tibet, ^dessen Gottesdienst sich weit hinan in die barbarischen Steppen ziehu Die östliche Bildung **) zieht sich mit den Gebirgen auf die Halbinsel jenseit des Ganges herunter , wo mit den Bergen sich auch wahrscheinlich die Völker hinab erstreckten. Das Königreich Assam, das an die Tartarcy gränzk, bezeichnet sich, wenn man den Berichtest der Reisenden ***) trauen barsch Allgemeine Sammlung der Reisen Tb. II. S. 5g5. Charlevoix. Bon den Sincsen s. Olaf Toree's Reise nach Surate und China. S 63. S» Allgemeine Reisen Th. 6. S. I3o. *') Die ältern Nachrichten beschreiben die Tibetaner als ungestaltet. S. allgem. Reisen B. 7. Sr 3öa. Nach neuern (Pallas nord. Beytr. B. ll. S. 280.) wird dieses gemildert, welche Milderung auch die Lage ihres Erdstrichs zu begünstigen scheinet- Wahrscheinlich sind sie ein roher Üebergang zur Jndostanischen Bildung. S. allgem- Reisen B. io. S. 55-. AusLaveriiieiü B L >> 20 Idee» zur Philosophie insonderheit nördlich durch seine Häufchen Kröpfe und platte Nasen. Der unförmliche Schmuck an den verlängerten Obren, die grobe Nahrung und Nacktheit in einem so milden Erdstriche sind Charaktere der Barbarey eines rohen Volkes. Die Arakaner mit weit offnen Nasen, einer flachen Stirn, kleinen Augen und bis zu den Schultern hinab gezwängten Ohren zeigen eben diese Mißbildung des östlichen Erdstrichs *). Die Barmen in Ava und Pegu Haffen den Bart bis auf sein kleinstes Haar, **) wie ihn die Tibetaner und andre höhere Nationen hassen: sie wollen von ihrer Tartarischen Unbartiqkeit auch durch eine reichere Natur nicht weggebracht seyn. So geht's, jedoch nach der Verschiedenheit der Klimate und Völker, bis in die Inseln herunter. Nordwärts hinauf nicht anders bis zu den Ko- räken und Kamtschadalen am Ufer der östlichen Welk. Die Sprache der letzten soll mit der Sinesisch--Moii- golischen noch einige Achnlichkeit haben, ob sie gleich in alten Zeiten von diesen Völkern getrennt seyn müssen, da sic den Gebrauch des Eisens noch nicht kannten; ihre Bildung verlaugnet noch nicht ihren Weltstrich ***). Schwarz ist ihr Haar, ihr Gesicht breit und flach, Nase und Augen tief eingedrückt, und ihren Geistescharakter, eine scheinbare Anomalie in diesem kalten unwirthbaren Klima, werden wir dennoch demselben angemessen finde». Die Koraken, die Tschuchtschi, die Kurilen und weiteren östlichen Allgem. Reisen B. io. S. 67. Aus Ovington. ") S. Marsbcn's Beschreibung von Sumatra S» 62. Allgemeine Reisen Th. H. S. ich 7 u. f. "*) Allgem, Reisen Th. so, S, 289. Aus Steller. der Geschichte der Menschheit. 2c Insulaner endlich *) sind, wie mich dünkt, allmähliche Ucbcrgange aus der Mongolischen in die Amerikanische Form; und wenn wir die nordwestlichen Enden dieses Welttheils, die uns größtentheils noch unbekannt sind, wenn wir den innern Theil von Jedso und die große Strecke über Neu-Mepico hin, die uns noch so leer wie das innere Afrika ist, wer° den kennen lernen: so, dünkt mich, werden wir, der letzten Reise Eooks zufolge?, **) ziemlich offenbare Schattirungcn sich in einander verliere» sehen. Solch einen weiten Strich hat die zum Theil verzerrte, überall aber mehr oder minder unbartige östliche Bildung: und daß sie nicht Abstammung von Einem Volke sey, zeigen die mancherley Sprachen und Sitten der Nationen. Was wäre also ihre Ursachen ? was z. B. hat so verschiedene Völker bewaffnet, gegen den Barl zu streiten, oder sich die Ohren zu zerren, oder sich die Nase und Lippen zu durchbohren? Mich dünkt, eine ursprüngliche Un- förmlichkeit muß zum Grunde gelegen haben, die nachher eine barbarische Kunst zu Hülfe rief und endlich eine alte Sitte der Vater wurde. Die Abartung der Thiere zeigt sich, che sic die Gestalt *> S. Georgis Bcschr. der Nak. desNuss. Reichs.Th. 3 . S. Ellis Nachricht von der Look sehen dritten Reise. S. r>h. Tagebuch der EnteeckungSreise übers, von Förster S. nzi. Womit man die älter» Nachrichten von den Inseln zwischen Asien und Amerika zu vergleichen hat. S. neue Nachricht von den neu entdeckten Inseln. Hamb. u. Lcipz. 1776. Die Nachrichten in Pallas nordischen Beytragen, Müllers Rufs. Sammlungen, den Beytragen zur Lölkcr- und Länderkunde u. f. 22 Ideen zur Philosophie ergreift, an Haar und Ohren; weiter hinab an den Füßen, so wie sie auch im Gesichte zuerst das Kreuz desselben, das Profil ändert. Wenn die Genealogie der Völker, die Beschaffenheit dieser wcir entlegnen Erdstriche und Lander, am meisten aber die Abweichungen der inner,, Plwsiologie der Völkerschaften mehr untersucht seyn wird, so werden wir auch bier- über nabcre Aufschlüsse erbalten. Und sollte der der Wissenschaften und Nationen kundige Pallas nicht der Erste sinn, der uns hierüber ein s^icsslegiuin LntssrozzoloAieuin gäbe? III Organisation des Erdstrichs schön gebildeter Völker, »V^ittcn imSchooste der höchsten Gebirge liegt das Königreich Kaschmirs, verborgen wie ein Paradies der Welt. Fruchtbare und schöne Hügel sind mit höher,, und höher,, Bergen umschlossen, deren letzte sich, mit ewigem Schnee bedeckt , zu den Wolken erheben. Hier rinnen schöne Bache und Ströme: das Erdreich schmückt sich mit gesunden Kräutern und Früchten: Inseln und Garten stehen im erquickenden Grün: mit Viehweiden ist alles überdeckt: giftige und wilde Thiere sind aus diesem Paradiese verbannet. Man könnte, wie Bernier sagt, diese die unschuldigen Berge nennen, auf de- der Geschichte der Menschheit. 2Z ncn Milch und Honig fließt, und die Menschcngat- tung daselbst ist der Natur nicht unwerth. Die Kaschmiren werden für^ die geistreichsten und witzigsten Zndier gehalten, zur Poesie und Wissenschaft, zu Hantirungen und Künsten gleich geschickt, die wohlgebildesten Menschen und ihre Weiber oft Muster der Schönheit *). * * * Wie glücklich könnte Jdostan scyn, wenn nicht Menschenhände sich vereinigt hatten, den Garten der Natur zu verwüsten, und die unschuldigste der Menschengestalten mit Aberglauben und Unterdrük' kung zu quälen! Die Hindus sind der sanftmü- lkigste Stamm der Menschen. Kein Lebendiges beleidige» sie gern; sie ehren, was Leben bringt, und nähren sich mit der unschuldigsten Speise, der Milch, dem Reiß, den Baumfrüchten, den gesunden Krautern, die ihnen ihr Mutterland darbeut. „Ihre Gestalt," sagt ein neuer Reisender, **) „ist gerade, schlank und schön, ihre Glieder fein prv- portionirt, ihre Finger lang und zart tastend, ihr Gesicht offen und gefällig, die Züge desselben sind Key dem weiblichen Geschlechts die zartesten Linien der Schönheit, ben dem männlichen einer männlich sanften Seele. Ihr Gang und ihr ganzes Tragen des Körpers ist im höchsten Grade anmulhig und reihend." Die Beine und Schenkel, die in allen nordöstlichen Ländern litten oder affenartig verkürzt »s Allgcm. Reisen LH. II. S. 116. > 17 . Aus Vernier. l>lLA1uKt05le iravels Vol. I. p. 321. 24 Ideen zur Philosophie waren, verlängern sich hier und tragen eine sprießende Menschenschönbeit. Selbst die Mongolische Bildung, die sich mit diesem Acschlechte vermählte, har sich in Würde und Freundlichkeit verwandelt. Und wie die Leibesgcstalt, ist auch die ursprüngliche Gestalt ihres Geistes; ja, so fern man sie ohne den Druck des Aberglaubens oder der Sklavcrey betrachtet , ihre Lebensweise. Mäßigkeit und Rübe, ein sanftes Gefübl und eine stille Tiefe der Seele bezeichnen ihre Arbeit und ihren Genuß, ihre Sitten- lcbre und Mythologie, ihre Künste und selbst ihre Duldsamkeit unter dem äußersten Joche der Menschheit. Glückliche Lämmer, warum konntet ihr nicht auf eurer Aue der Natur ungestört und sorglos weiden? * * * Die alten Perser waren ein häßliches Volk von den Gebirgen, wie noch ihre Reste, die Gau- ren, zeigen *). Da aber schwerlich ein Land in Asien so vielen Einbrüchen ausgesetzt ist als Persien, und gerade unter dem Abhange woblgebildetec Völker lag, so hat sich hier eine Bildung zusammen gesetzt, die Key den edleren Persern Würde und Schönheit verbindet. Hier liegt Tschirkaffien, die Mutter *) Osiarstin Vo^ages enk'erse Vol. III. tlüap. XI. seg. In In Lrui, fBruynsl Vo^ages eie l?erse 1 °. I. Oleax. 42. r>. 86- 88. stehen Perser, die man mit den darauf folgenden Schwarzen n. 86-go. den rohen Samojeden 61 >ap. 2. 11. 7-8., dem wilden Süd - Neger n. rgy. , und dem sanften Benjanen n, rog. vergleichen mag. dcr Geschichte der Menschheit. 25 der Schönheit; zur andern Seite des Easpischen Meers wohnen Taitarische Stämme, die sich in ihrem schonen Klima auch schön zur Wohlgestalt gebildet und häufig hinab gebreitet haben. Zur Rechten liegt Indien, und sowohl aus ihm als aus Tschirkassien haben erkaufte Mädchen das Geblüt der Perser verschonet. Ihre Gcmüthsart ist diesem Vercdlungsplatze des menschlichen Geschlechts gemäß worden: denn jener leichte und durchdringende Verstand, jene fruchtbare und lebhafte Einbildungskraft der Perser, sammt ihrem biegsamen höflichen Wesen, ihrem Hange zur Eitelkeit, zur Pracht und zur Freude, ja zur romantischen Liebe, sind vielleicht die crlesendsten Eigenschaften zum Gleichgewicht der Neigungen und Zuge. Statt jener barbarischen Zierrathen, mit denen ungcstaltc Nationen die Ungestalt ihres Körpers bedecken wollten und vermehrten, kamen hier schönere Gewohnheiten auf, die Wohlgestalt des Körpers zu erheben. Der wasserlose Mongole mußte unrein leben; der weiche Indier badet; der wollüstige Perser salbet Der Mongole klebte auf seinen Fersen oder hing auf seinem Pferde; dcr sanfte Indier ruhet: dcr romantische Perser theilt seine Zeit in Ergötzungen und Spiele. Er färbt seine Augenbraune: er kleidet sich in eine den Wuchs erhebende Kleidung. Schöne Wohlgestalt! sanftes Gleichgewicht der Neigungen und Scelcn- kräfte, warum konntest du dich nicht dem ganzen Erdball mittheilcn? Daß einige Tarta rische Stämme ursprünglich zu den schön gebildeten Völkern dcr Erde gchö- 26 Ideen zur Philosophie ren und nur in den Nordländern oder auf den Steppen verwildert sind, hoben wir bereits bemerkt; bcyde Seiten des Easpischen Meers zeigen diese schönere Bildung. Die llsbeckerinnen werden groß, woblgebildet und angenehm beschrieben *): sie ziehen mit ihren Männern ins Gefecht: ihr Auge, sagt dis Beschreibung, ist groß, schwarz und lebhaft, das Haar schwarz und fein: die Bildung des ManneS hat Ansehen und eine Art feiner Würde. Ein gleiches Lob wird den Buckharen gegeben, und die Schönheit der Lschirkasserinnen, der schwarzseidne Faden ihrer Augenbraunen, ihr feuriges schwarzes Auge, die glatte Stirn, der kleine Mund, das gerundete Kinn, sind weit umher bekannt und gepriesen **). Man sollte glauben,, daß in diesen Gegenden die Zunge der Wage menschlicher Bildung in der Mitte geschwebt und ihre Schalen nach Griechenland und Indien öst- und westlich fortgebreitet habe. Glücklich für uns, daß Europa diesem Mittelpunkte schöner Formen nicht sogar fern lag, und daß manche Völker, die diesen Weltthcil bewohnen, die Gegenden zwischen dem schwarzen und caspischen Meer auch entweder inue gehabt oder langsam durchzogen haben. Wenigstens sind wir also keine Antipoden des Landes der Schönheit. Alle Völker, die sich auf diesen Erdstrich schöner Menschenbildung drängten und auf ihm verweilten , haben ihre Züge gemildert.. Die Türken,, *) Allgem. Reisen. Th. 7., S. 3i6. 3r8. S. einige Gcmählde bey le Lrun, gu lsievani 3?. I. tlllinx. X, n. Z4. Z7, der Geschichte der Menschheit. 27 ursprünglich ein häßliches Volk, veredelten sich zu einer ansehnlichem Gestalt, da ihnen als Ucberwin- dcrn weiter Gegenden jede Nachbarschaft schöner Geschlechter zu Dienste stand; auch die Gebotbe des Korans, der ibnrn das Waschen, die Reinigkeit, die Mäßigung anbefahl, und dagegen wollüstige Ruhe und Liebe erlaubte, haben wahrscheinlich dazu bey- gelragen, Die Ebr ä e r, deren Väter ebenfalls aus der Höhe Asiens kamen, und die lange Zeit, bald ins dürre Aegypten, bald in die Arabische Wüste verschlagen, nomadisch umher zogen; ob sie gleich auch in ihrem engen Lande, unter dem drückenden Joche des Gesetzes sich nie zu einem Ideale erheben konnten, das sreyere Thatigkeit und mehrere Wollust des Lebens fordert: so tragen sie dennoch, auch jetzt in ihrer weiten Zerstreuung und langen, tiefen Verworfenheit das Gepräge der Asiatischen Bildung. Auch die harten Araber gehen nicht leer aus: denn obgleich ihre Halbinsel mehr zum Lande der Freyheit als der Schönheit von der Natur gebildet worden, und weder die Wüste noch das Nomadenleben die besten Pflegerinnen der Wohlgestalt seyn können: so ist doch dieses harte und tapfere zugleich ein wohlgebildetes Volk, Hessen weite Wirkung auf hrey Welttheile wir in der Folge sehen werden *). * Endlich fand an den Küsten des mittelländischen Meers **) die menschliche Wohlgestalt eine I Gemälde von ihnen s. Key Niebuhr Th. 2. I-e Lrun Vo^aAes an I.evant n. go. gi. Gemählde s. bey I-e Lrnn Vo^aAes an I.evant 28 Ideen zur Philosophie Stelle, >ro sie sich mit dem Geiste vermählen und in ollen Reitzen irdischer und himmlischer Schönheit nicht nur dem Auge, sondern mich der Seele sichtbar weiden konnte; cs ist das dreyfache Griechenland in Asien und auf den Inseln, in Gracia selbst und auf den Küsten der weitern Abendländer. Laue Westwinde fächelten das Gewächs, das von der Höhe Asiens allmählich her verpflanzt war und durch- hauchtcn cs mit Leben: Zeiten und Schicksale kamen hinzu, den Saft desselben höher zu treiben und ihm die Krone zu geben, die noch jedermann in jenen Idealen Griechischer Kunst und Weisheit mit Freuden anstaunt. Hier wurden Gestalten gedacht und geschaffen, wie sie kein Liebhaber Tschirkassischec Schönen, kein Künstler aus Indien oder Kaschmire entwerfen können. Die menschliche Gestalt ging in den Olympus und bekleidete sich mit göttlicher Schönheit. Weiter hin nach Europa verirre ich mich nicht. Es ist so formenreich und gemischt: es hat durch seine Kunst und Eultur so vielfach die Natur verändert , daß ich über seine durch einander gemengten, feine» Nationen nichts Allgemeines zu sagen wage. Vielmehr sehe ich vom letzten Ufer des Erdstrichs, den wir durchgangen sind, nochmals zurück, und nach einer oder zwey Bemerkungen gehen wir in das schwarze Afrika über. olinp. 7. n. 17 - 20, In Lboiserrl Oonkkier xittorergne u. f. Die Dcnkmählcr der alten Griechischen Kunst gehen über alle diese Gemählde. der Geschichte der Menschheit. SZ Zuerst fällt jedermann in's Auge, daß der Strich der wohlgebildetsten Völker ein Mittelstrich der Erde sey, der, wie die Schönheit selbst, zwischen zweyen Aeußersten liegt. Er hat nicht die zusammen drückende Kalte der Samojeden, noch die dörrenden Salzwinde der Mongolen ; und auf der andern Seite ist ihm die brennende Hitze der Afrikanischen Sandwüsten, so wie die feuchten und gewaltsamen Abwechselungen des Amerikanische» Klima eben so fremd. Weder auf dem Gipfel der Erdhöhe liegt er, noch auf dem Abhänge zum Pole hin; vielmehr schützen ihn auf der einen Seite die Mauern der Tartarischen und Mongolischen Gebirge, da auf der andern ihn der Wind des Meeres kühlt. Regelmäßig wechseln feine Iahrszeiten ab, aber noch ohne die Gewaltsamkeit, die unter dem Aequator herrscht; und da schon Hippokrates bemerkt hat, daß eine sanfte Regelmäßigkeit der Jahrszeilen auch auf das Gleichgewicht der Ncioungcn großen Einfluß zeigt: so hat sie solchen in den Spiegel und Abdruck unsrer Seele nicht minder. Die räuberischen Turkumannen, die auf den Bergen oder in der Wüste umher schweifen, bleiben auch im schönsten Klima ein häßliches Volk; ließen sie sich zur Ruhe nieder und theilken ihr Leben in einen sanfter» Genuß und in eine Thatigkeit, die sie mit andern gebildeter» Nationen verbände: sie würden, wie an der Sitte derselben, so mit der Zeit auch an den Zügen ihrer Bildung Antheil nehmen. Die Schönheit der Welt ist nur für den ruhigen Genuß geschaffen; mittelst seiner allein theilt sie sich dem Menschen mit und verkörpert sich in ihm. Zwcytcns. Ersprießlich ist's für das Menschengeschlecht gewesen, daß eS in diesen Gegenden der Wohlgestalt nicht nur ansing, sondern daß auch von hier aus die Eultur am wohlthätigstcn auf andre Nationen gewirkt hat. Wenn die Gottheit nicht unsre ganze Erde zum Sitze der Schönheit machen konnte: so ließ sie wenigstens durch die Pforte der Schönheit das Menschengeschlecht hinauf treten, und mit lange eingcprägte» Zügen derselben die Völker nur erst allmählich andre Gegenden suchen. Auch war es ein und dasselbe Principium der Natur, das eben die wohlgcbildctcn Nationen zugleich zu den wohlthatigstcn Wirkcrinnen auf andre machte; sie gab ihnen nämlich die Munterkeit, die Elasticität des Geistes, die sowohl zu ihrer Leibesgestalt, als zu dieser wohlthatigen Wirkung auf andre Nationen gehörte. Die Tungusen und Eskimoh's sitzen ewig in ihren Höhlen, und haben sich weder in Liebe noch Leid um entfernte Völker bekümmert. Der Neger hat für die Europäer nichts erfunden; er hat sich nie in den Sinn kommen lassen, Europa weder zu beglücken, noch zu bekriegen. Aus den Gegenden schön gebildeter Völker haben wir unsre Rei ligion, Kunst, Wissenschaft, die ganze Gestalt unsrer Eultur und Humanität, so viel oder wenig wir deren an uns haben. In diesem Erdstrich ist alles erfunden, alles durchdacht, und wenigstens in Kinderproben ausgcfübrt, was die Menschheit verschönern und bilden konnte. Die Geschichte der Eultur wird dieses unwidcrsprechlich darthun, und mich dunkt, es beweiset's unsre Erfahrung. Wir nordischen Europäer wären noch Barbaren, wenn nich^ «in gütiger Hauch des Schicksals uns wenigstens der Geschichte der Menschheit. 3r Blüthen vom Geiste dieser Völker berüber gewchet hätte, um durch Einimpfung des schönen Zwcigcs in wilde Stamme mit der Zeit de» unscrn zu veredeln. IV. Organisation der Afrikanischen Völker. <^)illig müssen wir, wenn wir zum Lande der Schwarzen übergcbn, unsre stolzen Vorurteile ver- längncn und die Organisation ibres Erdstrichs so unparthcyisch betrachten, als ob sie die einzige in der Welt wäre. Mit eben dem Rechte, mit dem wir den Neger für einen verfluchten Sohn des Chams und für ein Ebenbild des Unholds halten, kann er seine grausamen Räuber für Albinos und weiße Satane erklären, die nur aus Schwachheit der Natur so entartet sind, wie, dem Nordpol nahe, Mehrere Thiere in Weiß ausärten. „Ich, könnte er sagen, ich, der Schwarze, bin Urmensch. Mich hat der Quell des Lebens, die Sonne am stärksten getränkt, bey mir und überall um mich her hat er am lebendigsten, am tiefsten gewirkt. Seht mein gold- mein fruchtreiches Land, meine himmelhohen Baume, meine kräftigen Thiere! alle Elemente wimmeln bey mir von Leben, und ich ward der Mittelpunkt dieser Lebenswirkung." So könnte der Neger sagen, ^2 Ideen zur Philosophie und wir wollen also mit Bescheidenheit auf sein ihm eigenthümliches Erdreich treten. Sogleich beym Isthmus stößt uns eine sonderbare Nation auf, die Aegyptcr. Groß, stark, fett von Leibe, (mit welcher Fettigkeit ste der Nil segnen soll,) dabey von grobem Knochengebilde und gelbbraun; indessen sind sie gesund und fruchtbar, leben lang und sind mäßig. Jetzt faul, einst waren sie arbeitsam und fleißig; offenbar hat auch ein Volk von diesen Knochen und dieser Bildung *) dazu gehört, daß alle die gepriesenen Künste und Anstalten der alten Aegypter zu Stande kommen konnten. Eine feinere Nation hatte sich dazu schwerlich be- qucmt. Die Einwohner Nubiens und der weiter hinauf liegenden Gegenden von Afrika kennen wir noch wenig; wenn indessen den vorläufigen Nachrichten Brüce**) zu trauen ist, so wohnen auf dieser ganzen *) S. die Statüen ihrer alten Kunst, ihre Mumien und die Zeichnungen derselben auf den Mumien - Kasten. **) Lulkon Supplements st 1'bistoire naturelle. 1. IV. p. stgb. st. Lobo sagt wenigstens, daß auch die Schwarzen daselbst weder häßlich noch dumm, sondern geistig, zart und von gutem Geschmack sind. sHelation liisturi^ue cl'Ad^ssinie x. 8b.) Da alle Nachrichten aus diesen (Legenden alt und ungewiß sind: so wäre die Herausgabe von Brüce's Reisen, wenn er solche bis nach Abyssinien gethan hat, sehr zu wünschen. der Geschichte der Menschheit. 33 ganzen Erdhöhe keine Negergeschlcchter, die er nur den öst- und westlichen Küsten dieses Welttheils, als den niedrigsten und heißesten Gegenden, zueignet. ,,Selbst unter dem Acquator," sagr er, „gebe es auf dieser sehr gemäßigten und regenhaften Erdhöhe nur weiße oder gelbbraune Menschen." So merkwürdig dieses Factum wäre, den Ursprung der Negerschwarze zu erklären: so zeigt, woran uns beynahe noch mehr gelegen ist, auch die Form der Nationen dieser Gegenden eine allmähliche Fvrtrückung zur Negerbildung. Wir wissen, daß die Abyssinier ursprünglich Arabischer Herkunft sind, und beyde Reiche auch oft und lange verbunden gewesen; wenn wir nach den Bildnissen derselben bey Ludolf* *) u. a ur- theilcn dürfen, welche härtere Gesichtszüge erscheinen hier, als in der Arabischen und weitern Asiatischen Gestalt! Sie nähert sich der Negerform, obwohl noch von ferne; und die großen Abwechselungen des Landes an hohen Bergen und den angenehmsten Ebenen, die Abwechselungen des Klima mit Sturmwinden, Hitze, Kälte und der schönsten Zeit, nebst noch einer Reihe andrer Ursachen scheinen diese hart zusammen gesetzten Züge zu erklären, In einem verschiednen Welttheile mußte sich auch eine verschiedene Menschengestalt erzeugen, deren Eharak- ter viel sinnliche Lebenskraft, eine große Dauer, aber auch ein Uebergang zum Aeußersten in der Bildung, welches allemal thierisch ist, zu sepn schei- er solche bis nach Abyssinien gethan hat, sehr zu wünschen. *) Uullolk bist. Aetliiop, hin und wieder, Philos. und Gesch. IV. LH, C Ickeen, II. 3g Ideen zur Philosophie net. Die Cullur und Regierungsform der Abyssinier ist ihrer Gewalt sowohl als der Beschaffenheit ihres Landes gemäß, ein rohes Gemisch von Christen- und Hcidenthum, von freycr Sorglosigkeit und von barbarischem Despotismus. Auf der andern Seite von Afrika kennen wir die Berbers oder Brcbers gleicher Gestalt zu wenig, um von ilncn urtheilcn zu können. Jbr Aufenthalt auf den Alias - Gebirgen, und ihre harte, muntere Lebensweise hat ihnen die wohlgewachfene, leichte und hurtige Gestalt erhalten, die sic auch von den Arabern unterscheidet *). Sie sind also noch nichts minder als ein Volk von Negerbildung, so wenig es die Mauren sind : denn diese letzten sind mit andern Völkern vermischte Arabische Ge, schlechter. Ein schönes Volk, sagt ein neuer Beobachter, **) von feinen Gesichtszügcn, länglich runden Gesichtern, schönen, großen, feurigen Augen, länglichten und nicht breiten, nicht platten Nasen, von schönem, etwas in Locken fallenden, schwarzen Haar, also auch mitten in Afrika eine Asiatische Bildung. Vom Gambia und Senega - Strom fangen eigentlich die Negergeschlechter an, doch auch hier noch *) Hösts Nachrichten von MarokoS. S. ihr. vergleiche mit 1Z2 u. f» ") Schotts Nachrichten über den Zustand vom Senega in den Beylrägen zur Völker- und Länderkunde. Th. I. S. i»7. der Geschichte der Menschheit. 35 mit allmahligen Uebcrgangm *). Die Za loser oder Wulufs haben noch nicht die platten Nasen und dicken Lippen der gemeinen Neger; sie sowohl als die kleinern, behender» Fulli's, die nach einigen Beschreibungen in Freude, Tanz und in der glücklichsten Ordnung leben, sind in ihrem schönen Gliederbaue, in ihrem schlichten, nur wenig wollich- ten Haar, in ihren offnen länglichen Gesichtern noch Blider der Schönheit gegen jene Mandigoer und die weiter hinab wohnenden Negcrvöikcr. Zen- seit des Senega also fangen erst die dicken Lippen und platten Nasen der Negergestalt an, die sich mit noch ungezählten Varietäten kleiner Völkerschaften über Guinea, Loango, Kongo, Angola tief hinab verbreite». Auf Kongo und Angola z. E. fätl^ die Schwärze in die Oliven - Farbe; das krause Haar wird röthlich: die Augapfel werden grün: das Aufgeworfne der Lippen mindert sich, und die Statur wird kleiner. An der gegenseitigen Küste Zanguebar findet sich eben diese Oliven - Farbe, nur Key einer großem Gestalt und regelmäßiger» Bildung, wieder. Die Hottentotten und Kaffem endlich sind Rückgänge der Neger- in eine andre Bildung. Die Nase jener fängt an, etwas von der gequetschten Wattigkeit, die Lippe von ihrer geschwollnen Dicke zu verlieren: das Haar ist die Mitte zwischen der Wolle der Neger und dem Haar andrer Völker: ihre Farbe ist gelbbraun: ihr Wuchs wie der meisten Euro- H Schotts Nachrichten vom Senega. S. zo. All- gern, Reisen LH. 3 - L. C r 26 Ideen zur Philosophie paec nur mit kleinen Händen »nd Fußen *). Kennten wir nun noch die zahlreichen Völkerschaften, die über ihren dürren Gegenden im Innersten von Afrika bis nach Abpssinicn hinauf wohmn, und Key welchen, nach manchen Anzeigen an den Granzen, Fruchtbarkeit des Landes^ Schönheit, Starke, Eul- tur und Kunst zunehmcn sollen: so konnten wir die Schattirungen des Bölkergemahldes in diesem großen Welttheile vollenden, und würden vielleicht nirgends eine Lücke finden. Aber wie arm sind wir überhaupt an geltenden Nachrichten aus diesem Striche der Erde! Kaum die Küsten des Landes kennen wir, und auch diese oft nicht weiter, als die Europäischen Kanonen rei» chen. Das Innere von Afrika hat von neuern Europäern Niemand durchreiset, wie eS doch die Arabischen Karawanen so oft rhun; **) was wir von ihm wissen, sind Sagen aus dem Munde der Schwarzen oder ziemlich alte Nachrichten einiger glücklichen öder unglücklichen Abenteurer ***). — Zu dem scheint auch bey den Nationen, die wir schon kennen konnten, das Auge der Europäer viel zu ryrannisch-sorg- los zu seyn, um bey schwarzen elenden Sclaven Unterschiede der National - Bildung auSforschen zu wollen. Man betrachtet sie wie Vieh, und bemerkt ') Sparmanns Reisen S. 172. **) Schotts Nachrichten vom Senega S. hg dc>. "*) Ii m in e r in a n n s Vergleichung der bekannten und unbekannten Theile, eine Abhandlung voll Gelehrsamkeit unv Urtheil, in,der geogr. Gesch. des Menschen B. 3, S. roh,, u. f. der Geschichte der Menschheit. 37 sie im Kaufe nur nach den Zahnen. Ein Herrnhuti, scher Missionarius *) hat aus einem andern Welt- thcile her uns sorgfältigere Unterscheidungen von Völkerschaften der Neger gegeben, als so manche Afrikanische Reisende, die an die Küsten streiften. Welch ein Glück wäre es für Natur- und Menschenkunde, wenn eine Gesellschaft Menschen von Försters Geiste, von Sparmanns Geduld und von den Kenntnissen Herder, dies unentdeckte Land durchzögen ! Die Nachrichten, die man von den menschen- fressendcn Haga's und Anziken gibt, sind gewiß übertrieben, wenn man sie auf alle Völker des inncrn Afrika verbreitet. Die Iaga's scheinen eine verbündete Räuber-Nation, gleichsam ein künstliches Volk zu seyn, das als ein Gemenge und Auswurf mehrerer Völker Freybeuter auf dem festen Lande macht, und zu dem Ende in roben grausamen Gewohnheiten lebt **). Die Anziken sind Gcbirqsvölker, vielleicht die ^Mongolen und Kalmuken dieser Gegend; wie manche glückliche und ruhige Nation aber mag am Fuße der Mhndgebirge wohnen! Europa ist nicht werth, ihr Glück zu sehen, da es sich an diesem Welttheile unverzeihlich versündigt hat, und noch immer versündigt. Die ruhig handelnden Araber durchziehen das Land , und haben weit umher Eolo- nien gepflanzet. *) Oldendorps Missions-Geschichte auf St. Thomas. S. 270. u. f. ") S. Proyarts Geschickte von Loango, Kakongo u. f. Lcipz >770. Dieser Deutschen Uebersetzung ist eine gelehrte Sammlung der Nachrichten über die Iaga's beygesügt. 38 Ideen zur Philosophie Doch ich vergesse, daß ich von der Bildung der Neger, als von einer Organisation der Menschheit, zu reden hatte; und wie gut wäre es, wenn dieNa- turlekre auf alle Varietäten unsers Geschlechts so viel Aufmerksamkeit verwendet batte, als auf diese! Ich setze einige Resultate ihrer Beobachtungen her. r) Die schwarze Farbe der Neger ist nicht wunderbarer in ibrcr Art, als die weiße, braune, gelbe, rothliche andrer Nationen. Weder das Blut, noch das Gehirn , noch der Same der Neger ist schwarz, sondern das Netz unter der Oberhaut, das wir alle haben, und das auch bey uns, wenigstens an einigen Thcilen und unter manchen Umstanden, mehr oder minder gefärbt ist, Eamper hat dies erwiesen, *) und nach ihm haben wir alle die Anlage, Neger zu werden. Selbst bey den kalten Samojeden ist der Streif um die Brüste der Weiber bemerkt worden: der Keim der Negerschwärze konnte in ihrem Klima bloß nicht weiter entwickelt werden. 2, Es kommt also nur auf die Ursache an, die ihn hier entwickeln konnte, und da zeigt die Analogie sogleich abermahls, daß Luft und Sonne einen großen Antheil daran haben müssen. Denn was macht uns braun? was unterscheidet beynahe in jedem Lande die beyden Geschlechter? was hat die Portugiesischen Stämme, die Jahrhunderte lang in Afrika gewohnt haben, den Negern an Farbe so ähnlich gemacht? ja, was unterscheidet in Afrika die Negerstämme selbst so gewaltig? Das Klima, im weitesten Verstände des Wortes, so daß auch Lebensart und Nah- ') S. Campers kleine Schriften Tb, I. S. sh, u, f. der Geschichte der Menschheit. 3g rungsmittel darunter gehören. Genau in der Gegend, wo der Ostwind über das ganze feste Land hin die größte Hitze bringt, wohnen die schwärzesten Negerstamme: wo die Hitze abnimmt, oder wo Seewinde sie kühlen, deichet sich auch die Schwarze ins Gelbe. Auf kühlen Höhen wohnen weiße oder weißliche Völker; in nieder» eingeschlossenen Gegenden kocht auch die Sonne mehr das Oel aus, das unter der Oberbaut den Schwarten Schein gibt. Erwägen wir nun, daß diese Schwarzen Jahrtausende lang in ihrem Welttheile gewohnt, ja durch ihre Lebensart sich demselben ganz einverleibt haben; bedenken wir, daß manche Umstände, die jetzt weniger wirken, in früher» Zeitaltern, da alle Elemente noch in ihrer ersten rohen Stärke waren, auch stärker gewirkt haben müssen, und daß in Jahrtausenden gleiclssam das ganze Rad der Zufälle umläuft, das, jetzt oder dann, alles entwickelt, was auf der Erde entwickelt werden kann: so wird uns die Kleinigkeit nicht wundern, daß die Haut einiger Nationen geschwärzt sey. Die Natur hat mit ihren fortgehenden, geheimen Wirkungen andre, viel größere Abarkungen bewirkt, als diese. 3) Und wie bewirkte sie diese kleine Veränderung ? Mich dünkt, die Sache selbst zeigets. Es ist ein Oehl, womit sic diese Netzhaut färbte: der Schweiß der Neger und selbst der Europäer in diesen Gegenden färbt sich oft gelb: die Haut der Schwarzen ist ein dicker, weicher Sammet, nicht so gespannt und trecke», wie die Haut der Weißen; also hat die Sonuenmärme ein Oehl aus ibrem Innern gekocht, das so weit hervor trat, als es konn- ^o Ideen zur Philosophie te, das ihre Haut erweichte, und das Netz unter derselben färbte. Die meisten Krankheiten dieses Erdstrichs sind gallenartig; man lese die Beschreibung derselben , *) und die gelbe oder schwarze Farbe wird uns physiologisch und pathologisch nicht fremde dünken. 4) Das Wollenhaar der Neger erläutert sich eben daher. Da die Haare nur vom feinen Safte der Haut leben, und sogar widernatürlich in der Fettigkeit sich erzeugen: so krümmen sie sich nach der Menge ihres Nahrnngssaftes, und sterben, wo dieser fehlet. Bey der gröbern Organisation der Thicre wird also in Landern, wo ihre Natur leidet, mithin den zuströmendcn Saft nicht verarbeiten kann, aus der Wolle ein straubiges Haar; die feinere Organisation des Menschen, die für alle Klimate fern sollte, konnte umgekehrt, durch den Ucberfluß dieses Oels, das die Haut feuchtet, das Haar zur Wolle verändern. ü) Ein Mehrcrcs aber als dies alles will die eigne Bildung der Glieder des menschlichen Körpers sagen; und mich dünkt, auch diese ist in der Afrikanischen Organisation erklärlich. Die Lippen, die Brüste und die Geschlechtsglieder stehen, so manchen physiologischen Erweisen nach, in einem genauen Berhältniß, und da die Natur diele Völker, denen sie edlere Gaben entziehen mußte, dem einfachen Principium ihrer bildenden Kunst zu Folge, mit einem °) S. Schotts Observaiions on tsie L^nocluis aii-ablliasa, im Auszüge. Gotting. Magaz. Jahr 3. St. 6. S. 72g. u. f. der Geschichte der Menschheit. 41 desto reichern Maße des sinnlichen Genusses auszu- statten halte, so mußte sich dieses physiologisch zngen. Die aufgeworfene Lippe wird auch bey weißen Men- A schen in der Physiognomik für das Zeichen eines sehr sinnlichen, so wie ein feiner Purpurfaden derselben für das Merkmahl eines feinen und kalten Geschmak- kcs gehalten, andere Erfahrungen zu geschweige»; was Wunder also, daß bey diesen Nationen, denen der sinnliche Trieb eine der Hauptglückseligkeiten ihres Lebens ist, sich auch von demselben äußere Merkmale zeigen? Ein Negerkind wird weiß geboren; die Haut um die Nägel, die Brustwarzen und die Geschlcchtsthcilc färben sich zuerst, so wie der Anlage nach sich eben dieser Consensus der Glieder unter andern Völkern findet. Hundert Kinder sind dem Neger eine Kleinigkeit, und jener Alte bedauerte mit Thränen, daß er deren nur siebenzig habe. 6) Mit dieser ölreichen Organisation zur sinnlichen Wollust mußte sich auch das Profil und der ganze Bau des Körpers ändern. Trat der Mund hervor, so ward eben dadurch die Nase stumpf und klein, die Stirn wich zurück, und das Gesicht bekam von ferne die Achnlichkeit der Conformation zum Affenschädel. Hiernach richtete sich die Stellung des Halses, der Uebergang zum Hinterkopfe, der ganze elastische Bau des Körpers, der bis auf Nase und Haut zum thierischcn sinnlichen Genüsse gemacht ist *). *) Daß der Neger die Mittelpunkte der Bewegung näher beysammen habe, folglich auch elastischer im Körper sey, als der Europäer, soll Camper in den Harlemschen erwiesen haben. Ideen zur Philosophie Wie in diesem Welttheile, als im Mutterlande der Sonnenwärme, die saftreichstcn höchsten Bäume sich erzeugen, wie in ihm Heerden der größcstcn, muntersten , kräftigsten Thiere und insonderbeit die unqe- heure Menge Affen ihr Spiel haben, so daß in Luft und Strömen, im Meer und im Sande alles von Leben und Fruchtbarkeit wimmelt: so konnte auch die sich organissrende menschliche Natur, ihrem animalischen Thcile nach, nicht anders als diesem überall einfachen Principium der bildenden Kräfte folgen. Die feinere Geistigkeit, die dem Geschöpf unter dieser glühenden Sonne, in dieser von Leidenschaften kochenden Brust versagt werden mußte, ward ihm durch einen Fibernban, der an jene Gefühle nicht denken ließ, erstattet. Laßt uns also den Neger, da ihm in der Organisation seines Klima kein edleres Geschenk werden konnte, bedauern, aber nicht verachte»; und die Mutter ehren, die auch beraubend zu erstatten weiß. Sorglos verlebt er sein Leben in einem Lande, das ihm mit überfließender Freigebigkeit seine Nahrung darbcut. Sein geschlan- ker Körper plätschert im Wasser, als ob er fürs Wasser gemacht sei); er klettert und läuft, als ob jedes seine Lustübung wäre; und eben so gesund und stark, als er munter und leicht ist, erträgt er durch seine andre Constitution alle Unfälle und Krankheiten seines Klima, unter denen so viele Europäer erliegen. Was sollte ihm das quälende Gefühl bö- herer Freuden, für die er nicht gemacht war? Der Stoff dazu war in ihm da ; aber die Natur wendete die Hand und erschuf das daraus, was er für sein Land und für die Glückseligkeit seines Le- der Geschichte der Menschheit. 4^ bens nöthiger brauchte. Sic hatte kein Afrika schaffen müssen, oder in Afrika mußten auch Neger wohnen. V. Organisation der Menschen i» den Inseln des heißen Erdstrichs. L/(ichts ist schwerer unter gewissen Hauptzügen zu charakterisiren, als die im Schooße des Occans zerstreuten Lander. Denn da sie von einander entfernt sind, und meistens von verschiedenen Ankömmlingen aus nähern und cntferntcrn Gegenden spater oder früher bewohnt wurden, und jede derselben gewissermaßen eine eigne Welt ausmacht: so stellen sie in der Kunde der Nationen dem Geiste ein so buntes Gemahlde dar, als sie dem Auge auf der Landcharke geben. Indessen lassen sich doch auch hier in dem, was Organisation der Natur ist, nie die Hauptzüge verlaugnen. r) Auf den meisten der Asiatischen Inseln gibts eine Art Ncgergeschlechter, die die ältesten Einwohner des Landes zu seyn scheinen *). Sie sind, ') Sprengels Geschichte der Philippinen, Försters Nachr. von Borneo u. a. Inseln in den Bey- obgleich nach der Verschiedcnbcit der Gegend in der sie ileben, mehr oder minder schwarz von Farbe, mit krausem, wolligen Haar; hie und da kommen auch die aufgeworfnen Lippen, die flache Nase, die weißen Zahne zum Vorschein, und, was merkwürdig ist, findet sich auch mit dieser Bildung das Temperament der Neger wieder. Eden die rohe, gesunde Starke, der gedankenlose Sinn, die geschwätzige Wollust, die wir bey den Schwarzen des festen Landes wahrnahmen, zeigt sich auch dey den Negrillo's auf den Inseln; nur allenthalben gemäß ihrem Klima und ihrer Lebensweise. Viele dieser Volker stehen noch auf der untersten Stufe der Ausbildung, weil sie von spaNrn Ankömmlingen, die jetzt die Ufer und Ebnen bewohnen, auf die Gebirge gedrängt sind; daher man auch wenig treue und sichre Nachrichten von denselben besitzt * *). Woher nun diese Aehnlichkeit der Negerbildunq aiif so entfernten Inseln? Gewiß nicht, weil Afrikaner, zumal in so frühen Zeiten, Eolonien hieher sandten, sondern weil die Natur überall gleichförmig wirkt. Auch dies ist die Gegend des heißesten Klima, nur von der Meeresluft gekühlt; warum sollte eS also nicht auch Negrillo's der Inseln geben können, wie cs Neger des festen Landes gab? zuträgen zur Völker - und Länderkunde Th. 2. S. 57. 287. u. s. Lllgem. Reisen Th. H. S. 898- Le Ventils Reisen in Ebclings Saniml. Th. g. S. 70. *) S. Reisen um bi« Welt, LH. I. S. 55i». Leipzig der Geschichte der Menschheit. g5 mal sie, als die ersten Einwohner der Inseln, auch das tiefste Gepräge der bildenden Natur dic>s Erdstrichs an sich tragen müssen. Hieher geboren also die Jgolotes auf den Philippinen und ähnliche Schwarze auf den meisten andern Inseln; auch die Wilden, die D.amzier auf der westlichen Seite vcn Ncu-Holland als einen der elendesten Menschenstämme beschreibt, gehören hieher, wie cs scheint, die unterste Klasse dieser Bildung auf einer der wüstesten Strecken der Erde. 2 ) In später» Zeiten haben sich auf diesen Inseln andre Völker niedergelassen, die also auch eine weniger auffallende Bildung zeigen. Hieher gehören nach Förster *) die Bad sc hu auf Borneo, die Alfuhri auf einigen der Molucken, die Suba- do's auf Magindano, die Einwohner der Diebsinseln , der Earolinen und der weitern südlichen im stillen Meer. Sie sollen große Uebereinsliinmung in der Sprache, Farbe, Bildung und Sitten haben: ih» Haar ist lang und schlicht, und aus den neuern Reisen ist bekannt, zu welcher reitzvollen Schönheit sich diese Menschengestalt auf Otaheile und andern nahe gelegnen Inseln vervollkommnet habe. Indessen ist diese Schönheit noch ganz sinnlich und in der etwas stumpfen Nase der Otaheiterinnen scheint der letzte Druck oder Eindruck des formenden Klima merkbar. 3) Noch spätere Ankömmlinge auf vielen dieser Inseln sind Malaycn, Araber, Sineser, Japanesen u. f., die also auch von ihren Stammen noch deutlichere Spuren an sich tragen. Kurz, man kann Bcytr. zur Völkerkunde LH. 2, S. r-Ag. 46 Ideen zur Philosophie diesen Sund von Inseln als eine» Sammelplatz von Formen ansehen, die sich nach dem Charakter, den sie an sich trugen, nach dem Lande, das sie bewohnten, nach der Zeit und Lebensweise, in der sie daselbst waten, sehr verschieden ausgcbildet haben ; so daß man oft in der größten Nahe die sonderbarste Verschiedenheit antristt. Die Neu - Holländer, die Dampier sah, und die Einwohner der Insel Mallikollo scheinen von der gröbsten Bildung Zu seyn, über die sich die Einwohner der Neuen Hebriden, der Neu - Caledoniec , Neu - Seeländer u. f. allmählich heben. Der Ulysses dieser Gegenden, Reinhold Förster, *) hat uns die Arten und Abarten des Menschengeschlechts daselbst so gelehrt und verstandreich geschildert, daß wir ähnliche Ney- träge zur philosophisch- physischen Geographie auch über andre Striche der Erde als Grundsteine zur Geschichte der Menschheit zu wünschen haben. Ich wende mich also zum letzten und schwersten Weltkheile. VI. Organisation der Amerikaner. E- ist bekannt, daß Amerika durch alle Himmelsstriche laust, und nicht nur Warme und Kälte in den höchsten Graden, sondern auch die schnellsten *) Försters Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt. Bert. r?83. Hauplsr, 6. der Geschichte der Menschheit. 47 Abwechselungen der Witterung, die böchsten und steilsten Höhen mit den weitesten und flachsten Ebnen verbindet. Es ist ferner bekannt, daß, da dieser lang gestreckte Welttheil bey großen Buchten zur rechten Seite eine Kelle von Gebirgen hat, die von Süden nach Norden streicht, daher das Klima desselben, so wie seine lebendigen Produkte, mit der alten Welt wenig Aehnliches haben. Alles dies macht uns auch auf die Menschengattunq daselbst, als auf die Geburt eines entgegen gesetzten Hemi- sphars, aufmerksam. Auf der andern Seite aber gibt es eben auch die Lage von Amerika, daß dieser ungeheure, von der andern Welt so weit getrennte Erdstrich nicht eben von vielen Seiten her bevölkert seyn kann. Bon Afrika, Europa und dem südlichen Asten scheiden ihn weite Meere und Winde; nur Ein Ucber- gang aus der alten Welt ist ihm nahe geworden an seiner nordwestlichen Seite. Die vorige Erwartung einer großen Vielförmigkeit wird also hiedurch ge- wiffermaaßen vermindert; denn wenn die ersten Und meisten Einwohner aus einer und derselben Gegend kamen und sich, vielleicht nur mit wenigen Vermischungen andrer Ankömmlinge, allmählich herunter zogen und endlich das ganze Land füllten: so wird, trotz aller Klimate, die Bildung und der Ebarakter der Einwohner eine Einförmigkeit zeigen, die nur wenig Ausnahmen leidet. Und dies ists, was so viele Nachrichten von Nord- und Süd-Amerika sagen: daß nämlich, unerachtet der großen Verschiedenheit der Himmelsstriche und Völker, die sich oft auch durch gewaltsame Kunst von einander zu trennen suchten, aus der Bildung des Menschengeschlechts HI-" 48 Ideen zur Philosophie im Ganzen ein Gepräge der Einförmigkeit liege, die selbst nicht im Negerlcinde statt findet. Die Organisation der Amerikaner ist also gewissermaßen eine reinere Aufgabe, als die Bildung irgend eines ander» gemischten Erdstrichs; und die Auflösung des Problems kann nirgends als von der Seite des wahrscheinlichen Uebergangs selbst anfangen. Die Nationen, an die Eook in Amerika streifte, *) waren von der mittler» Größe bis zu sechs Fuß- Ihre Farbe geht ins Kupfcrrothe, die Form ihres Gesichts ins Viereckte, mit ziemlich vorragenden Backcnbcinen und wenig Bart. Das Haar ist lang und schwarz: der Bau der Glieder stark und nur die Füße unförmlich. Wer nun die Nationen im östlichen Asien und auf den nahe gelegenen Inseln inne hat, der wird Zug für Zug den allmählichen Uebergang bemerken. Ich schließe diesen nicht auf eine Nation ein: denn wahrscheinlich gingen mehrere, auch von verschiednen Stämmen, hinüber; nur östliche Völker warcns, wie ihre Bildung, selbst ihre llnförmlichkeit, am meisten aber ihr Putz und ihre willkührlichen Sitten beweisen. Werden wir einst die ganze nordwestliche Küste von Amerika, die wir jetzt nur in ein Paar Anfuhrten kennen, übersehen, und von den Einwohnern daselbst so treue Gemählde haben, als Eook z. B. *) W. Ellis Nachrichten von Cooks dritter Reise S. 114. u. f, der Geschichte der Menschheit. 4g z. B. uns vom Anführer in Unalaska u, f. gegeben: so wird sich mehrcres erklären. Es wird sich ergeben, ob tiefer hinab auf der großen Küste, die wir noch nicht kennen, auch Japaner und Sinefen übergegangen, und was es mit dem Mahrchen von einer gesitteten bärtigen Nation auf dieser Westseite für Bewandtnis habe. Freylich wären die Spanier von Merico aus die nächsten zu diesen schätzbaren Entdeckungen, wenn sie mit den zwei) größcsten See- Nationen Europa's, den Engländern und Franzosen, den rübmlichen Eroberungsgeist für die Wissenschaften theilten. Möge indeß wenigstens Laxmanns Reise auf die nördliche Küste, und die Bemühungen der Engländer von Canada aus uns viel Neues und Gutes lehren. Es ist sonderbar, baß sich so viele Nachrichten damit kragen, wie die westlichsten Nationen in Nord- Amerika zugleich die gesittesten seyn sollen. Die Assinipuclen hat man wegen ihrer großen, starken, behenden Gestalt, und die Christinoh's wegen ihrer gesprächigen Munterkeit gerühmt *). Wir kennen indeß diese Nationen und überhaupt alle Savanner nur als Mahrchen; von den Nadowes- siern an geht eigentlich die gewissere Nachricht. Mit ihnen, so wie mit den Tschiwibaern und Winoba- giern bat uns Carver, mit den Tscheraki's, Tschikasah's und Muskogen Adair, ***) mit den Allgem. Reisen Th. > 6 . S 646. Ebclings Samml» von Reisebeschr. Th. I. Ham, bürg 178". Abairs Nordamerik. Indian. Gcsch. Brest. 1782. Philos. und Gesch. IV, Th. D lt. Idccn zur Philosophie sogenannten fünf Nationen Colden, Rogers, Timberlake, mit denen nach Norden hinauf die Französischen Missionare bekannt gemacht und bcy allen Verschiedenheiten derselben, wem ist nicht ein Eindruck geblieben von einer herrschenden Bildung, wie von Einem Haupt-Charakter? Dieser besieht nämlich in der gesunden und gehaltenen Starke, in dem barbarisch-stolzen Freyheits - und Kriegsmuih, der ihre Lebensart und ihr Hauswesen, ihre Erziehung und Regierung, ihre Geschäfte und Gebrauche zu Kriegs- und Friedenszciten bildet. In Lastern und Tugenden ein einziger Charakter auf unsrer runden Erde! Und wie kamen sie zu diesem Charakter? Mich dünkt, auch hier erklärt ihr allmählicher Uebergang aus Nord-Asien und die Beschaffenheit dieser neuen Weltgcgend sehr vieles. Als rohe und harte Nationen kamen sie herüber: zwischen Stürmen und Gebirgen waren sie gebildet: als sie nun die Küste überstanden hatten, und das große, freyc, schönere Land vor sich fanden, mußte sich nicht auch ihr Charakter mit der Zeit zu diesem Lande bilden? Zwischen großen Seen und Strömen, in diesen Wäldern, auf diesen Wiesen formten sich andre Nationen , als dort auf jenem rauhen und kalten Abhange zum Meere. Wie Seen, Gebirge und Ströme sich thcilten, thcilten sich die Völkerschaften: Stamme mit Stämmen gcricthcn in heftige Kriege, daher auch bey den sonst gleichmüthigsten Nationen jener Kricgshaß der Völker unter einander ein herrschender Zug wurde. Zu kriegerischen Stammen bildeten sie sich also, und verleibten sich allen Gegenständen des Landes ein, das ihnen ihr großer Ge ist der Geschichte der Menschheit. 5c gegeben. Sie haben die Schamanen - Religion der Nord-Asiaten, aber auf Amerikanische Weise. Ihre gesunde Luft, das Grün ihrer Wiesen und Wälder, das- erquickende Wasser ihrer Seen und Ströme begeisterte sie mit dem Hauch der Freiheit und des Eigcnthums in diesem Lande» Bon welchem Haufen elender Russen haben sich alle Siberische Nationen bis nach Kamtschatka hinunter jochen lassen l Diese festem Varbaren wichen zwar, aber sie dienten nie. Wie ihr Charakter, so, laßt sich auch ihr sonderbarer Geschmack an der Verkünstclung ihres Körpers aus diesem Ursprünge erklären. Alle Nationen in Amerika vertilgen den Bart; sie müssen also ursprünglich aus Gegenden seyn » die wenig Bart zeugten , daher sie von der Sitte ihrer Vater nicht ab- weichen wollten. Der östliche Theil von Asien ist diese Gegend. Auch in einem Klima also - das reichern Saft zu ihm hervor treiben mochte, haßten sic denselben lind Haffen ihn Noch» daher sie iynvonKind- hcit auf äuscaufen. Die Völker deS Asiatischen Nordens hatten runde Köpfe, und östlicher ging die Form ins Viercckte über; was war natürlicher, als daß sie auch von dieser Vaterbildung nicht ablasscn wollten, und also ihr Gesicht formten? Wahrscheinlich fürchteten sie das sanftere Oval» als eine weibische Bildung: sie blieben also auch durch gewaltsame Kunst beym zusammen gedrückten Kricqsgesicht ihrer Vater. Die nordischen Kugclköpfe formten cs rund, wie die Bildung des höhern Nordens war; andre formten es viereckt oder drückten den Kopf zwischen die Schultern, damit das neue Klima weder ihre Lange noch Gestalt verändern möchte. Keilt D 2 iß M La Ideen zur Philosophie andrer Erdstrich als das östliche Asten zeigt Proben solcher gewaltsamen Verzierungen, und wie wir sahen, wahrscheinlich auch in der nämlichen Absicht, das Ansehen des Stamines in fernen Gegenden zu erhalten; selbst dieser Geist der Verzierung ging also vielleicht schon mit hinüber. Endlich kann uns am wenigsten die kupferrotste Farbe der Amerikaner irren: denn die Farbe der Geschlechter siel schon im östlichen Asten ins Braunrotste, und wahrscheinlich wars die Luft eines andern Wclttsteils, die Salden und andre Dinge, die hier die Farbe erhöhten. Ich wundre mich so wenig , daß der Neger schwarz und der Amerikaner roch ist, da sie, als so verschiedene Geschlechter, in so verschiedenen Himmelsstrichen Jastrlauscnde lang gewohnt haben, daß ich mich vielmehr wundern würde, wenn auf einer runden Erde alles schneeweiß oder braun wäre. Sehen wir nicht Key der gröbcrn Organisation der Thiere sich in verschiedenen Gegenden der Welt sogar feste Theile verändern ? und was hat mehr zu sagen , eine Veränderung der Glieder des Körpers in ihrer ganzen Proportion und Haltung, oder ein etwas mehr und anders gefärbtes Netz unter der Haut? Lasset uns nach dieser Boreinleitung die Völker Amerikas hinunter begleiten und sehen, wie sich die Einförmigkeit ihres ursprünglichen Eharakters ins Mannigfaltige mischt, und doch nie verliert. Die nördlichsten Amerikaner werden als klein und stark beschrieben; in der Mitte des Landes wohnen die größesten und schönsten Stämme; die untersten im flachen Florida müssen jenen schon an Stärke der Geschichte der Menschheit. 53 und Mulh weichen. „Auffallend ist es," sagt Georg Förster, *) „ daß dev aller charakteristische» Verschiedenheit der mancherlei Nord-Amerikaner, die im Cook sehen Werke abgebildet sind, doch im Ganzen ein allgemeiner Charakter im Gesichte herrscht, der mir bekannt war, und den ich, wie ich mich recht erinnerte, auch wirklich im Pescheräh im Feuerlande gesehen hatte." Von Neu - Mexico wissen wir wenig. Die Spanier fanden die Einwohner dieses Landes wehl- gekleidct, fleißig, sauber, ihre Landereyen gut bearbeitet, ihre Städte von Stein gebaut. Arme Nationen. was seyd ihr jetzt, wenn ihr euch nicht, wie die los bravos fernes, aus die Gebirge gerettet habet? Die Apalachen bewiesen sich als ein kühnes schnelles Volk, dem die Spanier nichts anhaben konnten. Und wie vorzüglich spricht Pagss **) »on den Chaktas, Adaisses und Tega's! Mexico ist jetzt ein trauriges Bild von dem, was es unter seinen Königen war; kaum der zehnte Theil seiner Einwohner ist übrig. ***). Und wie ist ihr Charakter durch die ungerechteste der Unterdrük- kungen verändert! Auf der ganzen Erde, glaube ich, gibt cs keinen liefern, gehaltncrn Haß, als den der *) Götting. Magazin 178?. S. gag. *'*) Uugsr Voz'-rAs -nitocir moi-äs. ?sr. 178z. x. 17 18 26 h.o gs 64 oto. Llnrin sritica clel IVlesbiao. Auszug in den Göte ting. gelehrten iAnzeigen 178c. Zugabe 35. 86. und ein reicherer im Kielschen Magazin B. s. St. I. S. 33. f. Ideen zur Philosophie 54 leidende Amerikaner gegen seMen Unterdrücker, Veit Spanier, nähret: denn so sehr Pag es z. B. *) die niedrere Milde rüdmt, die jetzt die Spanier gegen idrc Unterdrückten beweisen, so kann er doch auf andern Blattern die Traurigkeit der Unterjochten und die Wildheit, mit der die fccpen Völker verfolgt werden, nicht verbergen. Die Bildung der Mexikaner wird stark olivcnfarb, schön und ange- nedm beschrieben: ihr Auge ist groß, lebhaft, funkelnd: ibre Sinne frisch, ihre Beine munter; nur ihre Seele ist ermattet durch Knechtschaft. In der Mitte vyn Amerika, wo von nasser Hitze alle? erliegt, und die Europäer das elendeste Leben führen, erlag dcch die biegsame Natur der Amerikaner nicht. Waffer, *) der, den Seeräubern erUflohcn, sich eine Zeit lang unter den Wilden in Terra sirma aufhiclt, beschreibt seine gute Aufnabme unter ibnen, n'bst ihrer Gestalt und Lebensweise, also: „ Die Größe der Männer war st bis 6 Fuß, von starken Knochen, breiter Brust, schönem Verhältnis;: kein Krüppel und Unförmlicher war unter ihnen. Sie find geschmeidig, lcbbalt und schnelle Lauser. Ibre Augen lebbaft grau, ihr Ge«- sicht rund, die Lippen dünn, der Mund klein, das Kinn woblgcbildet. Ihr Haar ist lang und schwarz: das Kämmen desselben ist ihr öfteres Vergnügen, Ihre Zähne sind weiß und wvhlgesetzt: sie schmücken .*) Seite 83 u. f. ") Allgcm. Reisen Th. i 5 . Seite 265. u. f. > der Geschichte der Menschheit. 55 und mahlen sich wie die meisten Indianer." — Sind das die Leute, die man uns als ein entnervtes, unreifes Gewächs der Menschheit hat vorstellen wollen? und diese wohnten in der cntncrvendsten Gegend des Isthmus. Fermin, ein treuer Naturforscher, beschreibt die Indier in Surinam als wohlgebildete und so reinliche Menschen, als cs irgend auf Erden g«- be *). „Sie baden sich, so bald sie aufstehen, und ihre Weiber reiben sich mit Oel, theils zur Erhaltung der Haut, theils gegen den Stich der MoS- kito's. Sie sind von einer Aimmetfarbe, welche ins Röthliche fallt; werden aber so weiß als wir geboren. Kein Hinkender oder Verwachsener ist unter ihnen. Ihre langen pechschwarzen Haare werden erst im höchsten Alter weiß. Sie haben schwarze Augen, cin scharfes Gesicht, wenig oder keinen Bart, dessen geringstem Merkmal sie durch Ausreißen zuvor kommen. Ihre weißen schönen Zahne bleiben bis ins hohe Alter gesund, und auch ihre Weiber, so zärtlich sie zu sepn scheinen, sind von starker Gesundheit." Man lese Bankrofts Beschreibung **) von den tapfern Earibbcn, den tragen Worrows, den ernsthaften Accawas, den geselligen Arrowanks u. f.; mich dünkt, so wird man die Vorurtheile von der schwachen Gestalt und dem nichtswürdigen Charakter dieser Indianer selvst in der heißesten Wcltgegcnd aufgeben. *) Fermins Beschreibung von Surinam LH 1. S. Zg. Irr. **) Bankrofts Naturgeschichte von Guiana Br. 3. 56 Ideen zur Philosophie Gehen wir südlich in die ungezählten Völkerschaften Brasiliens hinunter, welche Menge von Nationen, Sprachen und Charakteren findet man hier! die indcß alte und neue Reisende ziemlich gleichartig beschrieben baden *), „ Nie graut ihr Haar," sagt Lerv, „sie sind stets munter und lustig, wie ihre Gefilde immer grünen. Die tapfern Tapinambos zogen sich, um dem Joch der Portugiesen zu entkommen, in die undurchsuchten und unabsehlichen Wälder, wie mehrere streitbare Nationen. Andre, die die Missionen in Paraguay an sich zu ziehen wußten, mußten mit ihrem folgsamen Charakter fast bis zu Kindern ausartcn; auch dieses aber war Natur der Sache, und weder sie, noch ihre muthigcn Nachbarn können deswegen für keinen Abschaum der Menschheit gelten "). Aber wir nähern uns dem Thron der Natur, und der ärgsten Tyrann«), dem silbcr- und gräuel- reichen Peru. Hier sind die armen Indianer wohl aufs tiefste unterdrückt, sind Pfaffen und unter den Weibern weibisch gewordene Europäer. Alle Kräfte dieser zarten, einst so glücklichen Kinder der Natur, als sie unter ihren Jnka's lebten, sind jetzt in das einige Vermögen zusammen gedrängt, mit verhaltnem Haß zu leiden und zu dulden. „ Beym H Ae uii ja, Kumilla, Lery, Marggraf, Condamine, u. f. ") Dobritzhofers Geschickte der Abiponer. Wien 178Z. Beschreibungen mehrerer Völker sehe man indes P. Gumilla Orinovo illusiraäo u. f. der Geschichte der Menschheit. 67 ersten Anblicke," sagt der Gouverneur in Brasilien, Pinto, *) „scheint ein Süd-Amerikaner sanftmü- thig und harmlos; betrachtet man ihm genauer, so entdeckt man in seinem Gesichte etwas Wildes, Argwöhnisches, Düsteres, Verdrießliches." Db sich nicht alles dieses aus dem Schicksale des Volkes erklären ließe? Sanftmüthig und harmlos waren sie, da ihr zu ihnen kämet, und das ungebildete Wilde in den gutartigen Geschöpfen zu dem, was in ihm lag, hättet veredeln sollen. Jetzt, könnet ihr etwas anders erwarten, als daß sie, argwöhnisch und düster, den tiefsten Verdruß unauslöschlich in ihrem Herzen nähren? 'ist der in sich gekrümmte Wurm, der uns häßlich vorkommt, weil wir ihn mit unseun Fuße zertreten. In Peru ist der Ne- gcr-Sclave ein herrliches Geschöpf gegen den unterdrückten Armen, dem das Land zugchöret. Doch nicht allenthalben ists ihnen entrissen, und glücklicher Weise sind die Cordilleras und die Wüsten in Chili da, die so viel tapfern Nationen noch Freiheit geben. Da sind z. B. die unüberwundenen Malochen, die Puelchen und Araukcr, und die Patagonischen Tebuelhets oder das große südliche Volk, sechs Fuß hoch, groß und stark. „Ihre Gestalt ist nicht unangenehm, sie haben ein rundes, etwas flaches Gesicht, lebhafte Augen, weiße Zähne und ein langes schwarzes Haar. , Ich ) Robertsons Geschichte von Amerika. B. l. Seite SS?. 53 Ideen zur Philosophie seih einige," sagt Eommerson, *) „mit einem nicht sehr dichten, aber langharigen Knebclbart t ihre Haut ist erzfarbig, wie bcy den meisten Amerikanern. Sie irren in den weiten Ebenen des südlichen Amerika herum, mit Weib und Kindern de- ständig zu Pferde, und folgen dem Wildprct." Falkner und Vidaure **) haben uns von ihnen die beste Nachricht gegeben, und hinter ihnen ist nichts übrig, als der arme kalte Rand der Erde, das Feuerland, und in ihm die Pescherahs, vielleicht die niedrigste Gattung der Menschen ***). Klein und häßlich und von unerträglichem Gerüche: sie nähren sich mit Muschsty, kleiden sich in Seehundsfelle , frieren Jahr über im entsetzlichsten Winter, und ob sie gleich Wälder genug haben, so mangelts ihnen doch sowohl an dichten Hausern, als an wärmendem Feuer. Gut, daß die schonende Natur gegen den Südpol die Erde hier schon aufhören ließ; tiefer hinab, welche armselige Bilder H lsonrnal enoxclox. 177s. Mehrere Zeugnisse gegen einander gehalten s. in Zimmermanns Geschichte der Menschheit, Th. I. Seite S9, und Robertsons Geschichte von Amerika, LH. 7 . Seite 5H0. **) Falkners Beschreib, von Patagonien, Gotha 1770. Vidaure's Geschichte des Königreichs Chili in der Ebelingschen Sammlung von Reisen. Th. lz> Seite ro 8 . ***) Siehe Försters Reisen Th. 2. Seite 3g2. C a- yendish,, Bougainville u. a. der Geschichte der Menschheit. 69 her Menschheit hätten ihr Leben im gefühlraubenden Froste dahin gelraumct! Dies wären also einige Hauptzüge von Völkern (ius Amerika; und was folgte aus ihnen fürs Ganze? Zuerst, daß man so selten als möglich von Nationen eines Welltheils, der sich durch alle Zo- «en erstrecket, ins Allgemeine hin reden sollte. Wer da sagt: Amerika sey warm, gesund, naß, niedrig, fruchtbar, der hat Recht; und ein andrer, der das Gegentheil sagt, hat auch Recht, nämlich für andre Jahreszeiten und Oerter. Ei» Gleiches ists mit den Nationen: denn es sind Menschen eines ganzen Hemisphars in allen Zonen. Oben und unten sind Zwerge, und nahe bey den Zwergen Riesen: in der Mitte wohnen mittelmäßige, wohl- und minder wohlgcbildete Völker, sanft und kriegerisch, trage und munter, von allerlei; Lebensarten und von allen Charakteren- Zwcytcns. Indessen hindert nichts, daß dieser viclastigc Menschenstamm mit allen seinen Zweigen nicht aus einer Wurzel entstanden seyn könne, folglich auch Einartigkeit in seinen Früchten zeige. Und dies ist, was inan mit der herrschenden GesichtSbil- diing und Gestalt der Amerikaner sagen wollte *), Ulloa bemerkt in der Mittlern Gegend besonders die kleine, mit Haaren bewachsene Stirn, kleine Au- H Robertsons Eesch. von Amerika. LH. I. S. 53g. 6» Ideen zur Philosophie gen, eine dünne, noch der Oberlippe gekrümmte Nase, rin breites Gesicht, große Obren, wohlgc- machte Schenkel, kleine Füße, eine untersetzte Gestalt; und diese Züge gehen über Mexico lsinüber. Pinto setzt hinzu, daß die Nase etwas flach, daS Gesicht rund, die Augen schwarz oder kastanienbraun , klein, aber scharf, und die Ohren vom Gesichte sehr entfernt fern; *) welches sich ebenfalls in Abbildungen sehr entlegner Volker zeiget. Diese Haupt-Plwsioguomie, die sich nach Zonen und Völkern im Feinern verändert , scheint, wie ein Familienzug , auch in den verschiedensten noch kennbar, und weiset allerdings auf einen ziemlich einförmigen Ursprung. Waren Völker aus allen Weltthcilen, zu sehr verschiedenen Zeiten, nach Amerika gekommen; mochten sic sich vermischen oder unvermischt bleiben, so hatte die Diversität der Menschengatkung allerdings größer seiin müssen. Blaue Augen und blonde Haare findet man im ganzen Welttheile nicht: die blauäugigen Ccsaren in Chili und die Akansas in Florida sind in der neuern Zeit verschwunden. Drittens. Soll man nach dieser Gestalt einen gewissen Haupt- und Mittlern Charakter der Amerikaner anqebcn: so scheints Gutherzigkeit und kindliche Unschuld zu seyn, die auch ihre alten Einrichtungen , ihre Geschicklichkeiten und wenigen Künste, am meisten ihr erstes Betragen gegen die Europäer, beweisen. Aus einem barbarischen Lande entsprossen und ununterstützt von irgend einer Bephülfe der *) Eben das. S. 53/, der Geschichte der Menschheit. 61 cultivirten Welt hingen sie selbst, so weit sie kamen, und liefern auch hicr in ihren schwachen Anfängen der Cultur ein sehr lehrreiches Gemahlde der -Menschheit. ruthe alle bisher gegebenen unbestimmten Wortbe- schreibungcn *) in Gemahlde verwandeln und dem Menschen von seinen Mitbrüdcrn auf der Erde eine Gallerie gezeichneter Formen und Gestalten geben könnte. Aber wie weit sind wir noch von der Erfüllung dieses anthropologischen Wunsches! Jahrhunderte lang hat man die Erde mit Schwert und Kreuz, mit Korallen und Brannkweinfaffcrn durchzogen; an die friedliche Reisfeder dachte man nicht und auch dem großen Heere der Reisenden ists kaum eingefallen, daß man mit Worten keine Ge- *) Wer mehrere Nachrichten von einzelnen Zügen begehret, wird solche in Buffo ns Naturgeschichte, B. 6. Mart. Ausg. und in Blumenbachs gelehrter Schrift äs varieiare Aen. krnrnuui finden» VII. Schluß. wäre schön, wenn ich jetzt durch eine Zauber- 62 Ideen zur Philosophie stalt mahle, am wenigsten die feinste, verschiedenste, immer abweichende aller Gestalten, Lange ging man aufs Wunderbare hinaus und dichtete; nachber wollte man hie und da, selbst wo man Zeichnungen gab, verschönern, ohne zu bedenke», daß kein wahrer Zoolog verschönere, wenn er fremde Thiergestal- tcn mahlet. Und verdiente etwa die menschliche Natur allein jene genaue Aufmerksamkeit nicht, mit der man Thiere und Pflanzen zeichnet? Jndeß, da in den neuesten Zeiten der edle Bemerkungsgeist auch für unser Geschlecht wirklich schon erwacht ist , und von einigen, wiewohl nur von wenigen, Nationen Abildungen hat, gegen die in alteren Zeiten de Bry, Bruyn, geschweige die Missionare nicht bestehen : *) so wäre cs ein schönes Geschenk, wenN jemand, der es kann, die hie und da zerstreuten treuen Gemahlde der Verschiedenheit unsers Geschlechtes sammelte, und damit den Grund zu einer *) Nicht als ob ich die Bemühungen dieser Männer nicht schätzte; indessen dünken mich Bruyn's (Iö Lrun) Abbildungen sehr Französisch, und derer d e Bry Gemählde, die nachher in schlechter» Nachstichen beynahc in alle spätere Bücher übergcgangeN sind, nicht authentisch. Nach Försters Zeugnis hat auch Hodgcs noch die Otahcitischen Gemahlde Äealisirel. Indessen wäre es zu wünschen, daß nach den Anfängen, die wir haben, die genaue und gleichsam natur-historische Kunst in Abbildung der Menschengeschlechter für alle Gegenden der Welt ununterbrochen dauern möge. Niebuhr, Parkinson, Cook, Höst, Georgs, Marion, U, a. rechne ich zu diesen Anfängen; die der Geschichte der Menschheit. 63 sprechenden Naturlehre und Physiognomik der Menschheit legte. Philosophischer könnte die Kunst schwerlich angewandt werden, und eine anthropologische Charte der Erde, wie Zimmermann eine zoologische versucht hat, auf der nichts angedeu- let werden müßte, als was Diversiitat der Menschheit ist, diese aber auch in allen Erscheinungen und Rücksichten, eine solche würde das philantropische Werk krönen. letzte Reise Cooks scheint nach dem Ruhme, den man ihren Gemählden gibt, eine neue höhere Periode anzufangen, der sich in andern Welttheilen die Fortsetzung und eine gemeinnützig/ Bekanntmachung wünsche. Siebentes Buch D. ^as bisber entworfene Gemählde der Nationen soll nichts als der Vorgrund seyn , über welchein wir einige Bemerkunqen weiter auszeichncn; so wie auch die Gruppen desselben nichts sevn wollen, als was die ternpüu des ?tugurs am Himmel waren, bezirkte Naumc für unfern Blick, Hülfsmittel für unser Gedächtnis Lasset uns sehen, was sich in ihnen zur Philosophie unsers Geschlechts darbcut. I. Zn so verschiedenen Formen das Menschengeschlecht auf der Erde erscheint: so ists doch ein' und dieselbe Menschcngattung. )j,id in der Natur keine zwei) Blatter eines Baums einander gleich: so sinds noch weniger zwey Menschengcsichie und zwei) menschliche Organisationen. Welcher unendlichen Verschiedenheit ist unser kunst- der Geschichte der Menschheit. 65 kunstreicher Bau fähig! Seine festen Tkeilc lösen sich in so feine, vielfach verschlungene Fibern auf, daß sie kein Auge verfolgen mag:' diese werden von einem Leime gebunden, dessen zarte Mischung aller berechnenden Kunst entweichet; und noch sind diese Theile das Wenigste, was wir an uns haben; sie sind nichts alS Gesäße, Hüllen und Träger des in viel größerer Menge vorhandenen vielartigen, vielbegeisterten Saftes, durch den wir genießen und leben. „Kein Mensch," lagt Haller, *) „ist im inner« Bau dem andern ganz ähnlich: er unterscheidet sich im Laufe seiner Nerven und Adern in Millionen von Millionen Fallen, daß man fast nicht i,n Stande ist, aus den Verschiedenheiten dieser feinen Theile das auSmfinden , worin sie Übereinkommen. " Findet nun schon das Auge des Zergliedrerö diese zahllose Verschiedenheit; welche größere muß in den unsichtbaren Kräften einer so künstlichen Organisation wohnen ! so daß jeder Mensch zuletzt eine Welt wird, zwar eine ähnliche Erscheinung von außen; im Innern aber ein eignes Wesen, mit jedem andern unausmeßbar. Und da der Mensch keine unabhängige Substanz ist, sondern mit allen Elementen der Natur in Verbindung stehet; er lebt vom Hauche der Lust, wie von den verschiedensten Kindern der Erde, den Speisen und Getränken: er verarbeitet Feuer, wie er das Licht einsaugt und die Luft verpestet: wachend und schlafend, in Ruhe und in Bewegung, tragt er zur Veränderung des Universum bey, und sollte *) Vorrede zu Buffvns allgem. Siaturgesch. Th. 3. Philos. und Gesch. IV, Tb. E II. . ^ / ulM:'' 66 Ideen zur Philosophie ec von demselben nicht verändert werden? Es ist viel zn wenig, wenn man ihn dem saugenden Schwamme, dem glimmenden Zunder vergleicht; eine zahllos- Harmonie, ein lebendiges Selbst ist er, auf welches die Harmonie aller ihn umgebenden Kräfte wirket.. Der ganze Lebenslauf eines Menschen ist Verwandlung; alle seine Lebensalter sind Fabeln derselben, und so ist das ganze Geschlecht in einer fort- gchenden Metamorphose. .Blüthen fallen ab und welken: andere sprießen hervor und knospen: der ungeheure Baum trägt auf einmal alle Jahreszeiten auf seinem Haupte. Hat sich nun, nach dem Ealcul der Ausdüstung allein, ein achtzigjähriger Mann wenigstens vier und zwanzigmal am ganzen Körper erneuet; *) wer mag den Wechsel der Materie und ihrer Formen durch das ganze Mcn- schcnreich auf der Erde in allen Ursachen der Veränderung verfolgen? Da kein Punkt auf unsrer vielartigen Kugel, da keine Welle im Strome der Zeit einer andern gleich ist. Die Bewohner Deutschlands waren vor wenigen Jahrhunderten Patagonen, und sie sinds nicht mehr; die Bewohner künftiger Kli- mate werden uns nicht gleichen. Steigen wir nun >n jene Zeiten hinauf, da Alles auf der Erde anders gewesen zu seyn scheint, in jene Zeit z. B., da die Elephantcn in Sibericn und Nord - Amerika lebten, da die großen Thiere vorhanden waren, de- *) Nach B e rn u lli s. kkaller Ul^slol. 1>. VIII. I.. 3o, wo man einen Wald von Bemerkungen über die Veränderungen des menschliche» Lebens findet. der Geschichte der Menschheit. 67 ren Gebeine sich am Ohio - Strome finden u. f.; wenn damals Menschen in diesen Gegenden lebten, wie andre Menschen warens, als die jetzt daselbst leben! Und so wird die Menschengeschichte zuletzt ein Schauplatz von Verwandlungen, den nur Der übersieht, der selbst alle diese Gebilde durchhaucht, und sich in ihnen allen freuet und fühlet. Er führet auf und zerstöret, vcrscint Gestalten und ändert sic ab, nachdem er die Welt um sie her verwandelt. Der Wandrer auf der Erde, die schnell vorübergehende Ephemere, kann nichrs als die Wunder dieses großen Geistes auf einem schmalen Streife anstaunen, sich der Gestalt freuen, die ihm im Ehore der Andern ward, anbcten und mit dieser Gestalt verschwinden. „Auch ich war in Arkadien !" ist die Grabschrift aller Lebendigen in der sich immer verwandelnden, wiedcrgebaccndcn Schöpfung. Da indessen der menschliche Verstand in aller Bielartigkeit Einheit sucht, und der göttliche Verstand, sein Vorbild, mit dem zahllosesten Mancherlei) auf der Erde überall Einheit vermahlt hat: so dürfen wir auch hier qus dem unqeheuern Reiche der Veränderungen auf den einfachsten Satz zurück kehren; nur ein' und dieselbe Gattung ist das Menschengeschlecht auf der Erde. Wie viele Fabeln der Alte» von menschlichen Ungeheuern und Mißgestalten haben sich durch das Licht der Geschichte bereits verloren! und wo irgend die Sage noch Reste davon wiederholet, bin ich gewiß, daß auch diese bey hellerem Lichte der Untersu- E r 68 Ideen zur Philosophie chung sich zur schonern Wahrheit ausklarcn werden. Den Oraug-Ukg.ng kennt man jetzt, und weiß, daß er weder zur Menschheit, noch zur Sprache ein Recht hat; durch eine sorgfältigere Nachricht von den Orang-Kubub und Orang-Guhn *) auf Borneo, Sumatra und den Nicobar-Jnseln werden sich auch die geschwänzten Waldmenschen verlieren. Die Menschen mit den verkehrten Füße» auf Malacca, **) die wahrscheinlich rachitische Zwerg-Nation auf Mada. gascar, die weiblich gekleideten Männer in Florida u> s. verdienen eine gleiche Berichtigung, wie solche bisher schon die Albinos, die Dondos, die Patago- ncn, die Schürzen der Hotkcntoitinnen ***) erhalten *) Noch Marsdcn denkt an dieselben in seiner Beschreibung von Sumatra; aber auch nur aus Sagen. lieber die geschwänzten Menschen hat M o n- bodbo in seinem Werke vom Ursprünge und Fortgänge der Sprache (Th. I. S. arg u. s.) alle Traditionen zusammen getrieben, deren er habhast werden konnte. Hr. Prof. Blumcnbach säe Aerier, iruiri. varislate) hat gezeigt, aus welcher Quelle sich die Abbildungen des geschwänzten Waldmenschen sortgeerbt haben. **) Noch Sonn erat denkt ihrer (Vo^uges uux In- ckea "p. II. p. ir> 3 .s; aber auch nur aus Sagen. Die Zwerge aufMadagascar sind nach Flacourt von Commerso^n erneuert, von neuern Reisenden aber verworfen worden. Ueber die Hermaphroditen in Florida s. Heyne's kritische Abhandlung in den Lomrneirl. societar. UeZ. 6oeItiirA. per aiin. 1773. p. ggg. S. Sparmanus Reisen, S. r77. der Geschichte der Menschheit. 69 Heiden. Männer, denen cs gelingt, Mängel aus der Schöpfung, Lügen aus unseren Gedächtnisse und Entehrungen aus untrer Natur zu vertreibe», sind im Reiche der Wahrheit das, was die Heroen der Fabel für die erste Welt waren; sie vermindern die Ungeheuer wuf Erden. Auch die Angränzung der Menschen an die Affen wünschte ich nie so weit getrieben, daß, indem man eine Leiter der Dinge sucht, man die,wirklichen Sprossen und Zwischenräume verkenne, ohne die keine Leiter Statt findet. Was z. B. könnte wohl der rachitische Satyr in der Gestalt des Kamt- schadalen, der kleine Sylvan in der Größe des Grönländers oder der Pongo beym Patagonen erklären? da alle diese Bildungen aus der Natur des Menschen folgen, auch wenn kein Affe auf Erden wäre. Und ginge man gar noch weiter , gewisse Un- förmlichkeitcn unsers Geschlechts genetisch von Affen herzulciten: so dünkt mich, diese Vermuthung sey eben so unwahrscheinlich als entehrend. Die meisten dieser scheinbaren Affenähnlichkeiten sind in Ländern, in denen es nie Affen gegeben, wie der zurück gehende Schädel der Kalmukcn und Mallikolesen, die abstehenden Ohren der Pevas und AmikuaneS, die schmalen Hände einiger Wilden in Carolina u. ff zeigen. Auch sind diese Dinge, sobald man über den ersten spielenden Trug des Auges hinweg ist, so wenig wirklich affenartig, daß ja Kalmücke und Neger völlige Menschen, auch der Bildung des Hauptes nach, bleiben, und der Mallikolese Fähigkeiten äußert, die manche andre Nationen nicht haben. Wahrlich, Affe und Mensch sind nie ein' und dieselbe Gattung gewesen, und ich wünschte jeden kleinen 7» Ideen zur Philosophie Nest der Sage berichtigt, daß sie irgendwo auf der Erde in gewöhnlicher fruchtbarer Gemeinschaft leben. Jedem Geschlechts hat die Natur genug gethan, und sein eignes Erbe gegeben *). Den Affen hak sie in so viel Gattungen und Spielarten vertheilt und diese so weit verbreitet, als sie sie verbreiten konnte; Du aber, Mensch, ehre dich selbst. Weder der Pongo, noch der Ixmzirnsnus ist dein Bruder; aber wohl der Amerikaner, der Neger. Ihn also sollst du nicht unterdrücken, nicht morden, nicht bestehlen: denn er ist ein Mensch, wie du bist; mit dem Affen darfst du keine Brüderschaft cingchen. Endlich wünschte ich auch die Unterscheidungen, die man, aus rühmlichem Eifer für die überschauende Wissenschaft, dem Menschengeschlechts zwischen- geschobcn hat, nicht über die Granzen erweitert. So haben einige z, B. vier oder fünf Abtheilungcn desselben, die ursprünglich nach Gegenden oder gar nach Farbe» gemacht waren, Raccn zu nennen gewagt; ich sehe keine Ursache dieser Benennung. Race leitet auf eine Verschiedenheit der Abstammung, die hier entweder gar nicht Statt findet, oder in jedem dieser Weltstrichc unter jeder dieser Farben die verschiedensten Raccn begreift. Denn jedes Volk ist Volk; cs hac seine National-Bildung, wie seine Sprache; zwar hat der Himmelsstrich über alle bald ein Gepräge, bald nur einen linden Schleper gebrei- *) In den Auszügen aus dem Tagebuche eines neuen Reisenden nach Asien (Leipzig 17!^,) S. 256 . wird dieses noch behauptet; aber wiederum nur aus Sagen. der Geschichte der Menschheit. 71 tct, der aber das ursprüngliche Stammgcbilde der Nation nicht zerstört. Bis auf Familien sogar verbreitet sich dieses, und seine Uebcrgange sind so wandelbar als unmerklich. Kurz, weder vier oder fünf Racen, noch ausschließcnde Varietäten gibt es auf der Erde. Die Farben verlieren sich in einander: die Bildungen dienen dem genetischen Charakter; und im Ganzen wird zuletzt alles nur Schattirung eines und desselben großen Gemähldes, das sich durch alle Raume und Zeiten der Erde verbreitet. Es gehört also auch nicht sowohl in die systematische Naturgeschichte, als in die physisch-geographische Geschichte der Menschheit. II. Das Eine Menschengeschlecht bat sich allenthalben auf der Erde klimatisiret. ^>ehet jc,e Heuschrecken der Erde, die Kalmuken und Mongolen; sic gehören in keinen andern Weltstrich , als in ihre Steppen, auf ihre Berge *). ') Rech einzelnen Gegenden s. Pallas und andere oben genannte. Von der Lebensart einer Kalwuken- Horde am Jaik würde G. Opitzens Leben und Gefangenschaft unter ihnen ein sehr wählerisches Ge- inähcde seyn, wenn es nicht mit so vielen Anmerkungendes Herausgebers verziert und romantisirt wäre. Auf seinem kleinen Pferde durchfliegt der leichte Mann ungeheure Strecken und Wüsten: er weiß dem Rosse Kräfte zu geben, wenn es erliegt, und- wenn er verschmachtet, muß eine geöffnete Ader am Halse des Pferdes ihm Kräfte geben. Kein Regen fällt auf manche dieser Gegenden, die nur der Thau erquickt, und eine noch nncr.chöpfte Fruchtbarkeit der Erde mit neuem Grün bekleidet; manche weite Strecke kennt keinen Baum , keme süße Quelle. Da ziehen nun diese wilden und unter sich selbst die geordnetsten Stamme im hohen Grase umher und weiden ihre Heerden; die Mitgenosscn ihrer Lebensart, die Pferde, kennen ihre Stimme, und leben, wie sie, in Frieden. Mit gedankenloser Gleichgültigkeit sitzt der müßige Kalmücke da, und überblickt seinen ewig heitern Himmel und durchhorcht seine unabsehbare Einöde. In jedem andern Striche der Erde sind die Mongolen verartet oder veredelt; in ihrem Lande sind sie, was sie seit Jahrtausenden waren, und werden es bleiben, so lange sich ihr Erdstrich nicht durch Natur oder durch Kunst ändert. Der Araber in der Wüste; *) er gehört in dieselbe mit feinem edlen Rosse, mit seinem geduldigen aushaltenden Kameele. Wie der Mongole auf seiner Erdhohe, in seiner Steppe umher zog, ziehet der wohlgebildeterc Beduin auf seiner weiten Asiatisch- Afrikanischen Wüste umher, auch ei» Nomade, nur seiner Gegend. Mit ihr ist seine einfache Kleidung, seine Lebensweise, seine Sitte und Eharakter *) Außer den altern zahlreichen Meisen nach Arabien s. Vvz-nxes rln lp. II. x. 62 —87. der Geschichte der Menschheit. 78 harmonisch, und nach Jahrtausenden noch erhalt sein Gczelt die Meise der Vater. Liebhaber der Freyheit, verachten sie Reichlhümer und Wollüste, sind leicht im Laufe, fertig auf ihren Nossen, die sie wie ihres gleichen pflegen, und eben so fertig zu schwingen die- Lanze. Ihre Gestalt ist hager und ncrvigt, ihre Farbe braun, ihre Knochen stark: unermüdlich, Beschwerden zu ertragen, und durch die Wüste zusammen geknüpft, stehen sie alle für Einen. kühn und unternehmend, treu ihrem Worte, gastfreundlich und edel. Die gefahrvolle Lebensart hat sic zur Behutsamkeit und zum scheuen Argwohn, die einsame Wüste zum Gefühle der Rache, der Freundschaft, des EnlhusiasmuS und des Stolzes gebildet. Wo sich ein Araber zeiget, am Euphrat oder am Nil, am Libanon oder am Sencga, selbst bis in Zangue- bar und auf den Indischen Meeren, zeigt er sich, wenn nicht ein fremdes Klima ihn in Eolcnien langsam veränderte, noch in seinem ursprünglichen Arabischen Eharakter. Der Kaliforniec am Rande der Welt, in seinem unfruchtbare» Lande, bey seiner dürftigen Lebensart, bcy seinem wechselnden Klima; er klagt nie über Hitze und Kalte, er entgeht dem Hunger, wenn auch auf die schwerste Weise, er lebt i» seinem Lande glücklich. ,,Gott allein weiß ," sagt ein Missionar, *) „wie viel tausend Meilen ein Kali- fornier, der achtzig Jahre alt worden, in seinem Leben herum geirret hat, dis er sein Grab findet. Nachrichten von Kalifornien, Maynh. 1778, hin und wieder. 74 Ideen zur Philosophie Viele von ihnen ändern ihr Nacht - Quartier vielleicht hundertmal in einem Jahre, daß sie kaum drcymal nach einander auf dem nämlichen Platze - und in der nämlichen Gegend schlafen. Sie Wersen sich nieder, wo sie die Nacht überfallt, vhn alle Sorge wegen schädlichen Ungeziefers oder Unsauber- keit des Erdbodens. Ihre schwarzbraune Haut ist ihnen statt des Rockes und Mantels. Ihre Hausge- rathe sind Bogen und Pfeil, ein Stein statt des Messers, ein Bein oder spitziges Holz, Wurzeln auszugraben, eine Schildkrötenschale statt der Kin- derwiege, ein Darm oder eine Blase, Wasser zu holen, und endlich, wenn das Glück gut ist, ein aus Alocgarn wie ein Fischcrnetz gestrickter Sack, ihren Proviant und ihre Lumpen umher zu schlep, pen. Sie essen Wurzeln und allcrley kleine Samen, sogar von dürrem Heu, die sie mit Mühe sammeln und bey Hungcrsncth sogar wieder aus ihrem Kothe auflesen. Alles, was Fleisch ist, und nur Gleichheit mit demselben hat, bis auf Fledermäuse, Raupen und Würmer, ist ihre festliche Speise, und sogar die Blatter einiger Stauden, einiges junge Holz und Geschoß, Leder, Riemen und weiche Beine sind von ihren Lebensmitteln nicht ausgeschlossen , wenn sie die Nokh dazu treibt. Und dennoch sind diese Armseligen gesund: sic werden alt und stark, so daß es ein Wunder ist, wenn Einer unter ihnen, und dieses gar spat, grau wird. Sie sind allezeit wohlgemuihet t ein ewiges Lachen und Scherzen regiert unter ihnen: wohlgestaltet, flink und gelenkig: sie können mit den zwcy vorder» Zehen Steine und andre Dinge vom Boden aufhcben, gehen bis ins höchste Alter kerzengerade: ihre Kin- der Geschichte der Menschheit. 78 der stehen und geben, ehe sie ein Jahr alt sind. Des Schwatzens müde, legen sie sich nieder und schlafen, bis sie der Hunger oder die Lust zum Essen aufwcckt: sobald sie erwacht sind, geht das Lachen, Schwatzen und Scherzen wiederum an; sie setzen cs fort auf ihren Wegen, bis endlich der abgelebte Kalifornier seinen Tod mit gleichgültiger Ruhe erwartet. Die in Europa wohnen, fahrt der erwähnte Missionar fort, können zwar die Kalifornier ihrer Glückseligkeit halber beneiden, aber keine solche in Kalifornien genießen, als etwa durch eine vollkommene Gleichgültigkeit, viel oder wenig auf dieser Welt zu besitzen, und sich dcm Wille» Gottes in allen Aufallen des Lebens zu unterwerfen. " So könnte ich fortfahren und von mehrern Nationen der verschiedensten Erdstriche, von den Kamtschadalen bis zu den Fcuerlandern, klimatische Gemahlde liefern; wozu aber diese abgekürzten Versuche, da be>) allen gleisenden, die treu sahen oder menschlich theilnahmen, jeder kleine Zug ihrer Beschreibung klimatisch mahlet. In Indien, auf diesem großen Marktplätze handelnder Völker, ist der Araber und Sinese, dcr Türke und Perser, der Christ und Jude, der Malaye und Neger, der Japaner und Gentu kennbar; *) auch auf der fernsten Küste tragt jeder den Charakrer seines Erdstrichs und seiner Lebensweise mit sich. Aus dem Staube aller vier Welttheile, sagt die alte bildliche Tradition, ward Adam gebildet, und es ducchhauchtcn ihn Kräfte und Geister der weilen Erde. Wohin seit Jahrtau- *) S. ItlloliinAtosIr Invels 1 ?, II. p, 27. senden seine Söhne zogen und sich cinwohntcN: da wurzelten sie als Bäume, und gaben, dem Klima gemäß, Blätter und Früchte. — Lasset uns einige Folgen hieraus ziehen, die manche sonst auffallende Sonderbarkeit der Mcnschengeschichtc zu erklären scheinen. Zuerst erhellet, warum alle ihrem Lande zugebildete sinnliche Völker dem Boden desselben so treu sind und sich von ihm unabtrennlich fühlen. Die Beschaffenheit ihres Körpers und ihrer Lebensweise, alle Freude» und Geschäfte, an die sie von Kindheit auf gewöhnt wurden, der ganze Gesichtskreis ihrer Seele ist klimatisch. Raubet man ihnen ihr Land: so hat man ihnen alles geraubt. ,,Von dem betrübten Schicksale der sechs Grönländer," erzählet Eranz, *) „die man auf der ersten Reise nach Dänemark brachte, hat man angcmerkt, daß sie, unerachtet aller freundlichen Behandlung und guten Versorgung mit Stockfisch und Thran, dennoch oft mit betrübten Blicken und unter jämmerlichem Seufzen gen Norden nach ihrem Vaterlande gesehen, und endlich in ihren Kajackcn die Flucht ergriffen haben. Durch einen starken Wind wurden sie an das Ufer von Schonen geworfen und nach Koppenhagen zurück gebracht, worauf zwei) von ihnen vor Betrübniß starben. Von den übrigen sind ihrer zwey nochmals entflohen, und ist nur der Eine wieder eingeholt worden, welcher, so oft er ein kleines Kind an der Mutter Halse gesehen, bitterlich gewcinet: (woraus man geschlossen, daß ec Frau und *) Gesch. voz Grönl. S. 355.. der Geschichte der Menschheit. 77^ Kinder haben müsse; denn man konnte nicht mit ihnen sprechen, noch sie zur Taufe prapariren.) Die zwey letzten haben zehn bis zwölf Jahre in Dänemark gelebt, und sind Key Eoldingen zum Perlen- fischcn gebraucht, aber im Winter so stark angestrengt worden, daß der eine darüber gestorben, der letzte nochmals entflohen, und erst dreyßig bis vierzig Meilen weit vom Lande eingeholt worden, worauf er ebenfalls aus Betrübniß sein Leben geendet. " Alle Zeugen von menschlicher Empfindung können die verzweifelnde Wehmuth nicht ausdrücken, mit welcher ein erkaufter oder erstohlner Neger- Sclave die Küste seines Vaterlandes verlaßt, um sie nie wieder zu erblicken in seinem Leben. „Man muß genaue Aufsicht haben," sagt Römer, *) „daß die Sclavcn weder im Forte noch auf dem Schiffe Messer in die Hände bekommen; Key der Uebcrfahrt nach Westindien hat man genug zu thun, sie bey guter Laune zu erhalten. Deßhalb ist man mit Europäischen Leyern versehen: man nimmt auch Trommeln und Pfeifen mit, und laßt sic tanzen, versichert sie, daß sie nach einem schönen Lande geführt werden, wo sie viel Frauen, gute Speisen erhalten sollen und dergleichen. Und dennoch hat man betrübte Beyspiele erlebt, daß die Schiffleute von ihnen überfallen und ermordet worden, da sie denn nachher das Schiff ans Land treiben lassen." — Und wie viel traurigere Bevspiele hat man erlebt vom verzweifelnden Selbstmorde dieser unglücklichen *) Römers Nachrichten von der Küste Guinea. S. 27g. 7,8 Ideen zur Philosophie Geraubten! Sparmann erzählt *) arrs dem Munde eines Besitzers solcher Sclaven, daß sie des Nachts in eine Art von Raserey verfallen, die sie antreibt, an irgend jemand oder gar an sich selbst einen Mord zu begehen: „denn das schwermüthige Andenken an den schmerzhaften Verlust ihres Vaterlandes und ihrer Freyheit erwacht am meisten des Nachts, wenn das Geräusch des Tages es nicht zu zerstreuen vermag." — Und was für Recht hattet ihr Unmenschen, euch dem Lande dieser Unglücklichen nur zu nahen , geschweige es ihnen und sie dem Lande durch Diebstahl, List und Grausamkeit zu entreißen? Seit Jahrtausenden ist dieser Welttheil der ihre, so wie sie ihm zugehören: ihre Vater hatten ihn um den höchsten und schwersten Preis erkauft, um ihre Negergestalt und Negersarbc. Bildend hatte die Afrikanische Sonne sie zu Kindern angenommen, und ihr Siegel auf sie geprägt: wohin ihr sie führt, zeihet euch dieses als Menschendiebe , als Räuber. Zweytcns. Grausam also sind die Kriege der Wilden um ihr Land und um die ihnen entrissenen oder beschimpften und gequälten Söhne desselben, ihre Mitbrüder. Daher z. B. der verhaltene Haß der Amerikaner gegen die Europäer, auch wenn diese leidlich mit ihnen umgehen: sie fühlens unvertilg- bar: „ihr gehört nicht hichcr! das Land ist unser." *) Sparmanns Reisen S. ? 3 . Der menschenfreundliche Reisende hat viele traurige Nachrichten von der Behandlung und dem Fange der Sclaven ein- gestreuet. S> S. 19L. 6ra, u. f. der Geschichte der Menschheit. 79 Daher die Verräthereyen aller sogenannten Wilden, anch wenn sie von der Höflichkeit der Europäer ganz besänftigt schiene». Im ersten Augenblicke, da sie zu ihrem angcerbten National-Gefühle erwachten, brach die Flamme aus, die sich mit Mühe so lange unter der Asche gehalten hatte; grausam wüthete sie umher, und ruhte oft nicht eher, bis die Zahne der Eingebornen der Ausländer Fleisch fraßen. Uns scheint dieses abscheulich, worüber auch wohl kein Zweifel bleibt: indessen waren die Europäer die ersten , die sic zu dieser Unthat zwangen : denn warum kamen sie zu ihrem Lande? warum führten sie sich in demselben als fordernde, gewaltthätiqe, übermächtige Despoten aus *) ? Jahrtausende waren sich die Einwohner desselben das Universum: von ihren Vätern hatten sie cs geerbt, und von ihnen zugleich die grausame Sitte geerbt, was ihnen ihr Land, was sie dem Lande entreißen oder darin beeinträchtigen will, auf die grausamste Weise zu vernichten. Feind und Fremder ist ihnen also Eins: sie sind wie die iMuscipuIa, die, in ihren Boden gewurzelt, jedes Insekt ergreift, das sich ihr nahet: das Recht, un- 'gebetene oder beleidigende Gäste zu verzehren, ist die Accise ihres Landes, ein so cyklopisches Regal, als irgend eines in Europa. *) S. des unglücklichen Marions VoxaZe L In mer du Slick, Anmerkung des Herausgebers. Rein hold Försters Borrede zum Lagebuch« der letzten Coolsche» Reise, Berlin 178^, und die Nachrichten vom Betragen der Europäer selbst. / go Ideen zur Philosophie Endlich erinnere ich noch an jene freudigen Sce- nen, wenn ein also entfremdeter Sohn der Natur etwa wieder die Küste seines Vaterlandes erblickte, und dem Schooße seiner Muttererde wieder geschenkt ward. Als der Fuleiische edle Priester Job-Bcn-Sa-- lomon *) wieder nach Afrika kam, empfing lhn jeder Fuli mit brüderlicher Inbrunst, „ihn, den zweylcn Menschen ihres Landes, der je aus der Selaverey zurück gekehrt wäre." Und wie sehnte sich dieser dahin ! wie wenig füllte» alle Freundschaften und Ehrenbezeigungen Englands, die er als ein aufgeklärter, wohldenkender Mann dankbar erkannte, sein Herz aus! Er war nicht eher ruhig, als bis er des Schiffes gewiß war, das ihn zurück führen sollte. Und diese Sehnsucht bängt nicht am Stande, noch an den Bequemlichkeiten des Geburts-Landes. Der Hottentotte Korre legte seinen metallenen Harnisch und alle seine Europäischen Vorzüge ab, zurück kehrend zur hat' n Lebensart der Seinen **). Fast aus jedem Erdstr'che find Proben der Art vorhanden, und die unfreundlichsten Lander ziehen ihre Einge- borncn mit den starkinn Banden. Eben die überwundenen Beschwerlichkeiten, zu denen Körper und Seele von Fugend auf gebildet worden, sindS, die den Einqcbornen die klimatische Vaterlandsliebe entflossen, von welcher der Bewohner einer volkerbe- drang- *) Allqem. Reisen, LH. 3 . S. 127. u. f **) AUgcm. Reisen, LH. b. S. chü. Andere Bcyspield s. den Rousseau in de» Amn. zum llisconrs «nr I'ine§slite paruii les lioinmer. der Geschichte der Menschheit. 81 bedrängten fruchtbaren Ebene schon weniger, und der Einwohner einer Europäischen Hauptstadt beynahe nichts mehr empfindet. — Doch cs ist Zeit, das Wort Klima näher zu untersuchen, und da einige in der Philosophie der Menschengeschichtc so viel darauf gebauet, andre hingegen seinen Einfluß beynahe ganz bestritten haben: so wollen auch wir nur Probleme geben. III. Was ist Klima? und welche Wirkung hats auf die Bildung des Menschen an Körper und Seele? -^^ie beyden festesten Punkte unsrer Kugel sind die Pole; ohne sie war kein Umschwung, ja wahrscheinlich keine Kugel selbst möglich. Wüßten wir nun die Genesis der Pole, und kennten die Gesetze und Wirkungen des Magnetismus unserer Erde auf ihre verschiedene Körper; sollten wir damit nicht den Grundfaden gefunden haben, den die Natur in Bildung der Wesen nachher mit andern höhern Kräften mannigfaltig durchwebte? Da uns aber, ungeachtet so zahlreicher und schöner Versuche, hievon im gros- Phitos. und Gesch. IV. Th. F I-ie-". 82 Ideen zur Philosophie scn Ganzen noch wenig bekannt ist: *) so sind wir auch im Betrachte der Basis aller Klimate nach der Weltgegend des Pols ln r noch im Dunkeln. Vielleicht, daß einst der Magnet im Reiche der physischen Kräfte wird, was ec uns eben so unerwartet auf Meer und Erde schon ward — — Der Umschwung unsrer Kugel um sich und um die Sonne bietet uns eine nähere Bezeichnung der Klimate dar; aber auch hier ist die Anwendung selbst allgemein anerkannter Gesetze schwer und trüglich. Die Zonen der Alten haben sich durch die neuere Kenntniß fremder Welttheile nicht bestätigt, wie sic denn auch, physisch betrachtet, ai f Unkunde derselben gebauet waren. Ein Gleiches ists mit der Hitze und Kalte, nach der Menge der Sonnenstahlen und dem Winkel ihres Ausfalls berechnet. Als mathematische Aufgabe ist ihre Wirkung mit genauem Fleiß« bestimmt worden; der Mathematiker selbst aber würde es für einen Mißbrauch seiner Regel ansehcn, wenn der philosophische Geschichtschreiber des Klima darauf Schlüsse oder Ausnahmen machte **). Hier gibt die Nahe des Meers, dort ein Wind, hier die Höhe oder Tiefe des Landes, an einem vierten Orte nachbarliche Berge, am fünften Regen und Dünste dem allgemeinen Gesetze eine so neue Lokal- Bestimmung, daß oft die nachbarlichsten Orte das Siehe Brugmann über den Magnetismus. Satz rch — zr. ") S. Kästners Erläuterung der Halleyischen Methode, die Wärme zu berechnen. Hamb. Magaz. S. llrg. u. f. der Geschichte der Menschheit. 83 gegenseitigste Klima empfinden. Ueber dem ist aus neueren Erfahrungen klar, daß jedes leöendige Wesen eine eigne Art hat, Wärme zu empfangen und von sich zu treiben , ja daß, je organischer der Bau eines Geschöpfes wird, und je mehr es eigne tha- tiqe Lebenskraft äußert, cs um so mehr auch ein Vermögen äußert, relative Warme und Kälte zu erzeugen *). Die alten Satze, daß der Mensch nur in cincm Klima leben könne, das die Hitze des Blutes nicht übersteiget, sind durch Erfahrungen widerlegt; die neuern Systeme hingegen vom Ursprünge und der Wirkung animalischer Warme sind lange noch nicht zu der Vollkommenheit gediehen, daß man auf irgend eine Weise an eine Klimatologie nur dcS menschlichen Baues, geschweige aller menschlichen Seclcnvermvqen und ihres so willkührlichen Gebrauches denken konnte. Freylich weiß jedermann, daß Warme die Fibern ausdehne und erschlaffe, daß sie die Safte verdünne und die Ausdünstung fördere, daß sie also auch die festen Theile mit der Zeit schwammig und locker z» machen vermöge u. f. l das Gesetz im Ganzen bleibt sicher, auch hat ma« aus ihm und feinem Gegensätze, der Kalte, man- *) S. Crells Versuche über das Vermögen der Pflanzen und Thiere, Warme zu erzeugen und zu vernichten. Hemlst. 1778. Crawfords Versuche über das Vermögen der Thiere, Kälte hervor zubringen. ? 8 i 1 os. trsnssct. Vol. 71. x, s. XXXl. ") S. Gaudi s Pathologie, Lax. V. X. etc. Eine Logik aller Pathologien. § - 84 Ideen zur Philosophie cherley physiologische Phänomene schön erklärt ; allgemeine Folgerungen aber, die man aus Einem solchen Principium oder gar nur aus einem Theile desselben, der Erschlaffung, der Ausdünstung z. B., auf ganze Völker und Weltgcgenden, ja auf die feinsten Verrichtungen des menschlichen Geistes und die zufälligsten Einrichtungen der Gesellschaft machen wollte; je scharfsinniger und systematischer der Kopf ist, der diese Folgerungen durchdenkt und reihet, desto gewagter sind sie. Sic werden beynahe Schritt vor Schritt durch Beyspiele aus der Geschichte oder selbst durch physiologische Gründe widerlegt; weil immer zu viel und zum Theil gegenseitige Kräfte neben einander wirken. Selbst dem großen Montesquieu hat man den Borwurf gemacht, daß er seinen klimatischen Geist der Gesetze auf das trügliche Experiment einer Schvpszunge gebauet habe. — Freylich sind wir ein bildsamer Thon in der Hand des Klima ; aber die Finger desselben bilden so mannigfaltig, auch sind die Gesetze, die ihm entgegen wirken, so vielfach, daß vielleicht nur der Genius des Menschengeschlechts das Verhältniß aller dieser Kräfte in eine Gleichung zu bringen vermöchte. * . Nicht Hitze und Kalte ists allein, was aus der Luft auf uns wirket; vielmehr ist sie nach den neuern Bemerkungen ein großes Borrathshaus andrer *) S. Montesquieu, Ca stil lon, Fa l c on e r . eine Menge schlechterer Schriften, Lsxrlt cies nations, äe I'bistoira etL. zu ge' schweigen. der Geschichte der Menschheit. 85 Kräfte, die schädlich und günstig sich mit uns verbinden. In ihr wirkt der elektrische Feuerstrom, dies mächtige und in seinen animalischen Einflüssen uns noch fast unbekannte Wesen: denn so wenig wir die innern Gesetze seiner Natur kennen: so wenig wissen wir, wie der menschliche Körper es ausnimmt und verarbeitet. Wir leben vom Hauche der Luft; allein dcc Balsam in ihr, unsre Le- bensspeise ist uns ein Geheimniß. Fügen wir nun die mancherlei), beynahe unnennbaren, Lokal-Beschaffenheiten ihrer Bestandtheile nach den Ausdünstungen aller Körper ihres Gebietes hinzu; erinnern wir uns der Beyspicle, wie oft durch einen unsichtbaren, bösen Samen, dem der Arzt nur den Namen eines Miasma zu geben wußte, die sonderbarsten , oft fürchterliche und in Jahrtausenden unaustilgbare Dinge enrstanden sind; denken wir an das geheime Gift, das uns die Blattern, die Pest, die Lustseuche, die mit manchem Zeitalter verschwindenden Krankheiten gebracht hat, und erinnern uns, wie wenig wir, nicht etwa den Hermattan und Samiel, den Sirocco und den Nordostwind der.Tatarcy, sondern nur die Beschaffenheit und Wirkung unsrer Winde kennen; wie viel mangelnde Vorarbeiten werden wir inne, ehe wir an eine physiologisch-pathologische, geschweige an eine Klimatologie aller menschlichen Denk- und Empsindungskräfte kommen können. Auch hier indessen bleibt jedem scharfsinnigen Versuche sein Kranz, und die Nachwelt wird unserer Zeit edle Kranze zu reichen haben *). * . * * HS. Gmelin über die neuern Entdeckungen in der Lehre von der Luft. Bert. 178g. L6 Ideen zur Philosophie Endlich die Höhe oder Tiefe eines Erdstrichs, die Beschaffenheit desselben und seiner Produkte, die Speisen und Getränke, die der Mensch genießt, die Lebensweise, der er folgt, die Arbeit, die er verrichtet. Kleidung, gewohnte Stellungen sogar, Vergnügen und Künste, nebst einem Heere andrer Umstande, die in ihrer lebendigen Verbindung viel wirken; alle sie gehören zum Gnnablde dcS viel verändernden Klima. Welche Menschenhand vermag nun dieses Chaos von Ursachen und Folgen zu einer Welt zu ordnen, in der jedem einzelnen Dinge jeder einzelnen Gegend sein Recht geschehe, und kcins zu viel oder zu wenig erhalte? Das Einzige und Veste ist, daß man nach Hippokrates Weise *) mit seiner scharf sehenden Einfalt einzelne Gegenden klimatisch bemerke, und sodann langsam, langsam allgemeine Schlüffe folgere. Naturbeschceiber und Aerzte sind hier xiH'sieiaws, Schüler der Natur und des Philosophen Lehrer; denen wir schon manchen Beylrag einzelner Gegenden zur allgemeinen Lehre der Klimate und ihrer Einwirkung auf den Menschen auch für die Nachwelt zu danken haben. — Da hier aber von keinen speciellen Bemerkungen die Rede seyn kann: so wollen wir nur in einigen allgemeinen Anmerkungen unfern Gang verfolgen. i. Da unsre Erde eine Kugel und das feste Land ein Gebirge über dem S. Hipxocrar. äs aere, locir ot aguis, vorzüglich den zweyten Lheil der Abhandlung. Für mich der Hauprschriststcller über das Klima. der Geschichte der Menschheit. 87 Meere ist: so wird durch vielerlei) Ursachen auf ihr eine klimatische Gemeinschaft befördert, die zum Leben der Lebendigen gehöret. Nicht nur Tag und Nacht und der Reikentanz abwechselnder Jahreszeiten verändern das Klima eines jeden Erdstrichs periodisch: sondern der Streit der Elemente, die Gegenwirkung,, der Erde und des Meers, die Lage der Berge und Ebnen, die periodischen Winde, die aus der Bewegung der Kugel, aus ker Veränderung der Jahres- und Tageszeiten und aus so viel kleinern Ursachen entspringe», unterhalten diese Gesundheit bringende Vermählung der Elemente, ohne welche alles in Schlummer und Verwesung sänke. Es ist eine Atmosphäre, die uns umgibt, Ein elektrisches Meer, in dem wir leben; beyde aber, (und wahrscheinlich der magnetische Strom mit ihnen,) sind in einer ewigen Bewegung. Das Meer dünstet aus; die Berge ziehen an und gießen Regen und Ströme zu bcyden Seiten hinunter. So lösen die Winde einander ab: so erfüllen Jahre oder Jahrreihen die Summe ihrer klimatischen Tage. So heben und tragen einander die verschiedenen Gegenden und Zeiten ; alles auf unsrer Kugel steht in gemeinsamer Verbindung. Wäre die Erde platt, oder hätte sie die Winkelgestalt, von der die Sincsen träumten; freylich so könnte sie in ihren Ecken die klimatischen Ungestalten nähren, von denen jetzt ihr regelmäßiger Bau und seine mittheilende Bewegung nichts weiß. Um den Thron Jupiters tanzen ihre Horen im Rei- hentanz, und was sich unter ihren Füßen bildet, ist zwar nur eine unvollkommene Vollkommenheit, weil alles auf die Vereinigung verschiedenartiger 83 Ideen zur Philosophie Dinge gcbauet ist; aber durch eine innere Liebe und Vermahlung mit einander wird allenthalben das Kind der Natur geboren, sinnliche Regelmäßigkeit und Schönheit. 2. Das bewohnbare Land unsrer Erde ist in Gegenden zusammcnge- drangt, wo die meisten lebendigen Wesen in der ihnen genügsamsten Form wirken; diese Lage der Welttheile hat Einfluß auf ihrer aller Klima. Warum fangt im südlichen Hemisphar die Kalte schon so nahe der Linie an? Der Natur-Philosoph antwortet: „weil daselbst so wenig Land ist; daher die kalten Winde und Eisschollen des Südpols weit hinauf strömen." Wir sehen also unser Schicksal, wenn das ganze feste Land der Erde in Inseln umher geworfen wäre. Jetzt warmen sich drcy zusammenhängende Welttheile an einander; das vierte, das ihnen entfernt liegt, ist auch aus dieser Ursache kalter, und im Südmecrc fangt, bald jcnseit der Linie, mit dem Mangel des Landes auch Mißgestalt und Verartung an. Wenigere Geschlechter vollkommener Landthiere sollten also daselbst leben; das Süd - Hemisphar war zum großen Wasserbehaltniß unsrer Kugel bestimmt, damit das Nord-Hemisphär ein besseres Klima genöße. Auch geographisch und klimatisch sollte das Menschengeschlecht ein szuam- menwohnendes, nachbarliches Volk seyn, das, so wie Pest, Krankheiten und klimatische Laster, auch klimatische Warme und andre Wohllhaten einander schenkte. der Geschichte der Menschheit. Lg 3. Durch den Bau der Erde an die Gebirge ward nicht nrir für das große Mancherlcy der Lebendigen das Klima derselben zahllos verändert: sondern auch die Ausartung des Menschengeschlechts verhütet, wie sie verhütet werden konnte. Berge waren der Erde nöthig; aber nur einen Bergrücken der Mongolen und Tibetaner gibts auf derselben; die hohen Eordilleras und so viel andre ihrer Brüder sind unbewohnbar. Auch öde Wüsten wurden durch den Bau der Erde an die Gebirge selten; denn die Berge stehen wie Ablciter des Himmels da, und gießen ihr Füllhorn aus in befruchtenden Strömen. Die öden Ufer endlich , der kalte oder feuchte Meeresabhang ist allenthalben nur später entstandenes Land, welches also auch die Menschheit erst später und schon wohlgenährt an Kräften beziehen durfte. Das Thal Quito war gewiß eher bewohnt, als das Feuerland; Kasch- mire eher als Neuholland oder Nova-Zembla. Die mittlere größeste Breite der Erde, das Land der schönsten Klimatc zwischen Meer und Gebirgen war das Erziehungshaus unsers Geschlechts, und ist noch jetzt der bewohnteste Theil der Erde. — Nun ist keine Frage, daß, wie das Klima ein Inbegriff von Kräften und Einflüssen ist, zu dem die Pflanze, wie das Tbicr, bcyträgt, und der allen Lebendigen in einem wechselseitigen Zusammenhänge dienet, der Mensch auch darin zum Herrn der Erde gesetzt sey, daß er es durch Kunst andre. Seitdem er das Feuer vom Himmel stahl, und seine Faust das Eisen lenkte, seitdem er Thiere und seine Mitbrüder selbst zusammenzwang, und sie sowohl Ideen zur Philosophie S» als die Pflanze zu seinem Dienste erzog , hat er auf mancherlei) Weise zur Veränderung desselben milge- wirket. Europa war vormals ein feuchter Wald, und andre jetzt culkivirlc Gegenden warenS nicht minder: es ist gelichtet, und mit dem Klima haben sich die Einwohner selbst geändert. Ohne Polizei) und Kunst wäre Aegypten ein Schlamm des Nils worden; es ist ihm abgewonnen, und sowohl hier als im weitern Asien hinauf hat die lebendige Schöpfung sich dem künstlichen Klima bequemer. Wir können also das Menschengeschlecht als eine Schaar kühner, obwohl kleiner, Riesen betrachten, die allmählich von den Bergen herab stiegen, die Erde zu unterjochen und das Klima mit ihrer schwachen Faust zn verändern. Wie weit sie es darin gebracht haben mögen, wird uns die Zukunft lehren. 4. Isis endlich erlaubt, über eine Sache, die so ganz auf einzelnen Fällen des Orts und der Geschichte ruhet, etwas Allgemeines zu sagen: so setze ich verändert einige Cautelen her, die Baco zu seiner Geschichte der Revolutionen gibt *). Die Wirkung des Klima erstreckt sich zwar auf Körper allerlei) Art, vorzüglich aber auf die zärtcren, die Feuchtigkeiten, die Luft und den Acthcr. Sie verbreitet sich vielmehr auf die Massen der Dinge, als auf die Individuen; doch auch auf diese durch jene. Sie geht nicht auf Zeitpunkte, sondern herrscht in Zeitrauyien, wo sie oft spät und sodann vielleicht durch geringe Umstände offenbar wird. Endlich: das Klima zwinget nicht, sondern cs neiget: cs gibt 'ä kac» lle angm. raiont l. Z. der Geschichte der Menschheit. 9t die unmerkliche Disposition, die man Key eingewurzelten Völkern im ganzen Genial,lde der Sitten und Lebensweise zwar bemerken, aber sehr schwer, insonderheit abgetrennt, zeichnen kann. Vielleicht findet sich einmal ein eigner Reisender, der ohne Vor- unhcile und Uebertreibnnqen für den Geist des Klima reiset. Unsre Pflicht ist jetzt, vielmehr die lebendigen Kräfte zu bemerken, für die jedes Klima geschaffen ist, und die schon durch ihr Daseyn es mannigfaltig modificiren und andern. IV. Die genetische Kraft ist dieMut- tcr aller Bildungen auf der Erde, der dasKlima feindlich oder freundlich nur z u w i r k e t. Wer zum crstenmale das Wunder der Schöpfung eines lebendigen Wesens sähe: wie würde er staunen! *) Aus Kügelchen, zwischen welchen Safte schießen, wird ein lebender Punkt, und aus dem Punkte erzeugt sich ein Geschöpf der Erde. Bald wird das Herz sichtbar und fängt an, so schwach und unvollkommen es sey, zu schlagen; das Blut, das vor dem Herzen da war, fangt an, sich zu rö- thcn: bald erscheinet das Haupt: bald zeigen sich Augen, Mund, Sinne und Glieder. Noch ist keine Brust da, und schon ist Bewegung in ihren innern Thcilen: noch sind die Eingeweide nicht gebildet, und das Thier öffnet den Schnabel. Das kleine S. Harvei äs Zenerai. sniinsl, c. k. Wolfs tlieor. Ksner-rt. u> f. 92 Ideen zur Philosophie Gehirn ist außerhalb dem Kopfe, das Herz noch außer der Brust, wie ein Spiunengewebc sind Rippen und Beine; bald zeigen sich Flügel, Füße, Zehen, Hüsten, und nun wird das Lebendige weiter genähret. Was bloß war, bedecket sich: die Brust, das Hirn, schließen sich zu; Magen und Eingeweide hangen noch hinunter. Auch diese bilden sich endlich, je mehr die Materie verzehrt wird: die Haute ziehen sich zusammen und hinauf: der Unterleib schließt sich: das Thier ist bereitet. Es schwimmt jetzt nicht mehr, sondern cs liegt: bald wachet, bald schlaft es: cs regt sich, cs schläft, cs ruft, cs suchet Ausgang und kommt, in allen Thcilen ganz und völlig, ans Licht der Welt. Wie würde der, der dies Wunder zum erstenmal sähe, cs nennen ? Da ist, würde er sagen, eine lebendige organische Kraft; ich weiß nicht, woher sie gekommen? noch was sie in ihrem Innern sey? aber daß sie da sey, daß sie lebe, daß sie organische Thcile sich aus dcni Ehaos einer homogenen Materie zueignc, das sehe ich, das ist unläugbar. Bemerkte er ferner und sähe, daß jeder dieser organischen Theile gleichsam uctu, in eigner Wirkung gebildet werde: das Herz erzeuge sich nicht anders, als durch eine Zusammenströmung der Kanäle , die schon vor ihm waren: sobald der Magen sichtbar werde, habe er Materie der Verdauung in sich. So alle Adern, alle Gefäße: das Enthaltue war vor dem Enthaltenden, das Flüßige vor dem Festen, der Geist vor dem Körper da, in welchen jener sich nur kleidet. Bemerkt er dies *); was ') Wolfs tlieor. Aener-ot. S. r6g> k>. 180 -216. V c r Geschichte der Menschheit. 9Z würde er sagen, als, daß die unsichtbare Kraft nicht wiilkührlich bilde, sondern daß sie sich ihrer inner» Natur nach gleichsam nur offenbare. Sie wird in einer ihr zugehörigen Masse sichtbar und muß, wie und woher es auch sey, den Typus ihrer Erscheinung in ihr selbst haben. Das neue Geschöpf ist nichts als eine wirklich gewordene Idee der schaffenden Natur, die immer nur thatig denket. Führe er fort und bemerkte, daß was diese Schöpfung befördert, mütterliche oder Sonnenwarme sey, daß das Ey der Mutter aber, aller vorhandenen Materie und Wärme ungeachtet, ohne Belebung des Vaters keine lebendige Frucht gebe; was würde er muthmaßen, als: das Principium der Warme könne mit dem Principium des Lebens, das es befördert, zwar verwandt seyn, eigentlich aber müsse in der Vereinigung zweyer lebendigen Wesen die Ursache liegen, die diese organische Kraft in Wirksamkeit setzt, dem tobten Ehaos der Materie lebendige Form zu geben. So sind wir, so sind alle lebende Wesen gebildet: jedes nach der Art seiner Organisation; alle aber nach dem unverkennbaren Gesetz Einer Analogie, die durch alles Lebendige unsrer Erde herrschet. Endlich, wenn er erführe, daß diese lebendige Kraft das ausgebildete Geschöpf nicht verlasse, son? dern sich in ihm thatig zu offenbaren fortfahre; zwar nicht mehr schaffend, denn es ist erschaffen, aber erhaltend, belebend, nährend. Sobald es auf die Welt tritt, verrichtet es alle Lebensverrichtungen, zu welchen, ja zum Lheil in welchen es gebildet ward: der Mund öffnet sich, wie Oeff- L4 Ideen z»r Philosophie nung seine erste Geberde war, und die Lunge schöpft Akhem: die Stimme ruft, der Magen verdauet, die Lippen saugen: es wachst, es lebt, alle innern und äußern Tbeile kommen einander zu Hülfe: in einer gemeinschaftlichen Thätigkeit und Mit- leidenheit ziehen sie an, werfen aus, verwandeln in sich, helfen einander in Schmerzen und Krankheit auf tausendfältig-wunderbare, unerforschte Weise. Was würde, was könnte jeder, der dies zuerst bemerkte, sagen, als: die eingebohrne, genetische Lebenskraft ist in dem Geschöpf, das durch sie gebildet worden, in allen Theilen und in jedem derselben nach seiner Weise, d. i. organisch noch einwoh- n e n d. Allenthalben ist sie ihm aufs vielartigste gegenwärtig; da es nur durch sie ein lebendiges Ganze ist, was sich erhält, wächst und wirket. Und diese Lebenskraft haben wir alle in uns: in Gesundheit und Krankheit stehet sie uns bey, assi- milirt gleichartige Theile, sondert die Fremden ab, stößt die Feindlichen weg, sie ermattet endlich im Alter und lebt in einigen Theilen noch nach dem Tode. Das Vernunftvermögen unsrer Seele ist sie nicht: denn dieses hat sich den Körper, den es nicht kennet, und ihn nur als ein unvollkommenes, fremdes Werkzeug seiner Gedanken braucht, gewiß nicht selbst gebildet. Verbunden ist es indeß mit jener Lebenskraft, wie alle Kräfte der Natur in Verbindung stehen: denn auch das geistige Denken hängt von der Organisation und Gesundheit des Körpers ab, und alle Begierden und Triebe unsres Herzens sind von der animalischen Warme untrennbar.- Alses dies sind kaum der Natur, die keine Hypothese der Geschichte der Menschheit. y5 umstoßen, kein scholastisches Wort vernichten kann: ihre Anerkennung ist die älteste Philosophie der Erde, wie sie auch wahrscheinlich die letzte sevn wird *). So gewiß ichs weiß, daß ich denke, und kenne doch meine denkende Kraft nicht: so gewiß empfinde und sehe ichs, daß ich lebe, wenn ich gleich auch nie weiß, was Lebenskraft scy. Angebohren, organisch, genetisch ist dies Vermögen: es ist der Grund meiner Natur-Kräfte, der innere Genius meines Da- sepiis. Aus keiner andern Ursache ist der Mensch das vollkommenste Wesen der Erdeschöpfung, als weil die feinsten organischen Kräfte, die wir kennen, Key ihm in den feinsten Werkzeugen der Organisation einwohnend wirken. Ec ist die vollkommenste animalische Pflanze, ein eingebohrner Genius in einer menschlichen Bildung. Sind unsre Grundsätze bisher richtig gewesen, wie sie sich denn auf unstreitige Erfahrungen gründen: so kann auch keine Verartung unsres Geschlecht- *) H i p p o kra tg,s, Aristoteles, Galen, Harvei, B o il e, S t a h l, K l i ßvn , G a u- bius, Alb in und so viele andre der größten Beobachter oder Weltweisen des menschlichen Geschlechts haben, gezwungen von Erfahrungen, dieS thätige Lebensprincipium angenommen, und nur mit mancherlei) Namen benannt, oder einige derselben es von angrenzenden Kräften nicht genug gesondert. 96 Ideen zur Philosophie Vorgehen, ohne eigentlich durch diese organischen Kräfte. Wie auch das Klima wirke; jeder Mensch, jedes Thier, jede Pflanze hat ihr eignes Klima: denn alle äußern Einwirkungen nimmt jedes nach seiner Weise auf und verarbeitet sic organisch. Auch in der kleinsten Fiber leidet der Mensch nicht wie ein Stein, nicht wie eine Wasserblase. Lasset uns einige Stufen oder Schattirungen dieser Veractung bemerken. Die erste Stufe der Verartung des menschlichen Geschlechts zeiget sich in den äußern Theilen; nicht als ob diese für sich litten oder wirkten: sondern weil die unS einwohnendc Kraft von innen heraus wirket. Durch den wunderbarsten Mechanismus strebt sie aus dem Körper zu treiben, was ihr hinderlich und fremd ist ; die ersten Veränderungen ihres organischen Baues müssen also an den Grenzen ihres Reichs sichtbar werden, und so betreffen die auffallendsten Varietäten des Menschengeschlechts nichts als Haut und Haare. Die Natur schützte ihr inneres wesentliches Gebilde und schaffte die beschwerende Materie so weit hinaus, als sic es zu thun vermochte. Griff die verändernde äußere Macht weiter: so zeigen sich ihre Wirkungen auf keinen andern Wegen, als auf denen die lebendige Kraft selbst wirket, auf den Wegen der Nahrung und Fortpflanzung. Der Neger wird weiß geboren; die Theile,' die sich bey ihm zuerst schwärzen, sind ein offenbares ) S. H.I. des vorhergehenden löten Buchs. der Geschichte der Menschheit. 97 bares Kennzeichen, daß das Miasma seiner Veränderung , daß die äußere Luft nur cntwickelc, qenr- tisch wirke. Nun zeigen uns die Jahre der Mannbarkeit sowohl, als eine Schaar von Erfahrungen an Kranken, welch ein weites Reich die Kräfte der Nahrung und Fortpflanzung im menschlichen Körper haben. Die entferntsten Glieder stehn durch sie mit einander in Verbindung; und eben du se Glieder sinds, die Key der Vertretung der Völker auch gemeinschaftlich leiden. Außer der Haut und den Ge- schlechtsthcilen sind daber Ohren, Hals und die Stimme, die Nase, die Lippen, das Haupt u. f. genau die Region, in welcher sich die meisten Veränderungen zeigen. Endlich, da die Lebenskraft alle Theile zur Gemeinschaft bindet und die Organisation ein vielver- schlungener Kreis ist, der eigentlich nirgend Anfang und Ende findet: so wird begreiflich, daß die innigste Hauptveranderung zuletz' auch in den festesten Theilen sichtbar werden müsse, die vermöge der innern leidenden Kraft vom Schädel bis zum Fuß in ein andres Verkaltniß treten. Schwer gehet die Natur an diese Verwandlung: auch bey Mißgeburten , wo sie in ihrem Kunstwerk gewaltsam gestört wird , hat sie wunderbare Wege der Erstattung , wie ein geschlagner Feldherr eben im Rückzüge die meiste Weisheit zeiget. Indessen zeigen die verfchiedncn Bildungen der Völker, daß auch diese, die schwerste Verwandlung bepm Menschengebilde möglich war: denn eben die tausendfache Zusammensetzung und feine Beweglichkeit unsrer Ma« schine, sammt den unnennbar-mannigfaltigen Mäch- Philvs. und Eesch. IV. LH. G Itleen. II. Ideen zur Philosophie ten die auf sie wirken, mochten sie möglich. Aber auch diese schwere Verwandlung ward nur von innen heraus bewirket. Jahrhunderte lang haben Nationen ihre Köpfe geformt, ihre Nasen durchbohrt, ihre Füße gezwungen, ihre Ohren verlängert; die Natur blieb auf ihrem Wege, und wenn sie eine Zeitlang folgen, wenn sie den verzcrrcten Gliedern Safte zuführen mußte, wohin sie nicht wollte; sobald sie konnte, ging sie ins Frepe wieder und vollendete ihren vollkommenem Typus. Ganz anders, sobald die Mißbildung genetisch war, und auf Wegen der Natur wirkte; hier vererbten sich Mißbildungen, selbst an einzelnen Gliedern. Sage man nicht, daß Kunst oder die Sonne des Negers Nase geplattet habe. Da die Bildung dieses Theils mit der Eonformation des ganzen Schädels, des Kinns, des Halses, des Rückens zusammenhängt, und das sproßende Rückenmark gleichsam der Stamm des Baums ist, an dem sich die Brust und alle Glieder bilden: so zeigt die vergleichende Anatomie genugsam , *) daß die Verartung die ganze Gestalt angegriffen und sich keiner dieser festen Theile andern konnte, ohne daß das Ganze verändert wurde. Eben daher gehet die Negergestalt auch erblich über und kann nur genetisch zurück verändert werden. Setzet den Mohren nach Europa; er bleibt, was er ist: verheirathet ihn aber mit einer Weißen und Eine Generation wird verändern, was Jahrhunderte hin- ) S> Sömmering über die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom Europäer. Mainz ,784. der Geschichte der Menschheit. 99 durch das bleichende Klima nicht würde gethan haben. So ists mit den Bildungen aller Völker; die Weltqegcnd verändert sie äußerst langsam: durch die Vermischung mit fremden Nationen verschwinden in wenigen Geschlechtern alle Mongolischen, Sines,scheu, Amerikanischen Züge. * * * Gestalt es meinen Lesern, auf diesem Wege fortsiigehen: so lasset uns ihn noch einige Schritte verfolgen. r. Jedem Bemerkenden muß es ausgefallen seyn, daß in den u n z a h l b a r - ve r sc h i e L n en Gestalten der Menschen gewisse Formen und Verhältnisse nicht nur wieder ko m- mcn, sondern auch au s sc h l ie ss e n d zu einander gehören. Bei) Künstlern ist dies eine ausgemachte Sache, und in den Statuen der Alten sieher man, daß sie diese Proportion oder Symmetrie, wie sie cs nannten, nicht etwa nur in die Lange und Breite der Glieder, sondern auch in die harmonische Bildung derselben zur Seele des Ganzen setzten. Die Charaktere ihrer Götter und Göttinnen, ihrer Jünglinge und Helden waren in ihrer ganzen Haltung so bestimmt, daß man sie zum Thcil schon aus einzelnen Gliedern kennet, und sich keinem Gebilde ein Arm, eine Brust, eine Schulter geben laßt, die für ein andres gehöret. Der Genius eines einzeln-lebendigen Wesens lebt in jeder dieser Gestalten, die er wie eine Hülle nur durchhaucht und sich im kleinsten Maas der Stellung und Bewegung, ähnlich dem Ganzen, charak- G 3 Ivo Ideen zur Philosophie terisiret. Unter den Neuern hat der Polyclct unsres Vaterlandes, Al brecht Dürer, *) das Maas verschiedner Proportionen des menschlichen Körpers sorgfältig untersucht, und jedem Auge wird dabey offenbar, daß die Bildung aller Thcile sich mit den Verhältnissen andre. Wie nun ? wenn wir Dürers Genauigkeit mit dem Seelengcsühl der Alten verbänden und die Verschiedenheit menschlicher Hauptformen und Charaktere in ihrem zusammenstimmenden Gebilde studirten? Mich dünkt, die Physiognomik träte damit auf den allen natürlichen Weg, auf den sie ihr Name weiset; nach welchem sie weder eine Echo- noch Lechnognomik, sondern die Auslegerin der lebendigen NatUr eines Menschen, gleichsam di« Dolmetscherin seines sichtbar gewordenen Genius seyn soll. Da sie in diesen Schranken der Analogie des Ganzen, das auch im Antlitz das sprechendste ist, stets treu bleibt: so muß die Pathognomik ihre Schwester, die Phnsivlogie und Semiotik ihre Mithelferin und Freundin werden : denn die Gestalt des Menschen ist doch nur eine Hülle des innern Triebwerks, ein zusanimcn- stimmendes Ganze, wo jeder Buchstabe zwar zum Wort gehört, aber nur das ganze Wort einen Sinn gibt. Im gemeinen Leben brauchen und übe» wir die Physiognomik also: der geübte Arzt siehct, welchen Krankheiten der Mensch seinem Bau und Gebilde nach unterworfen seyn könne, und das physiog- nomische Auge, selbst der Kinder, bemerkt die na- *) Albrecht Dürers st Bücher von menschlicher Proportion. Nürnberg ibag. der Geschichte der Menschheit, icrr türkichc Art des Menschen in seinem Gebilde, d. i. die Gestalt, in der sich sein Genius offenbaret. Ferner. Sollten sich ni cht diese Formen, diese Harmonien zu sa m m cn tr esse n der Th eile bemerken und als Buchstaben gleichsam in ein Alphabet bringen lassen? Vollständig werden diese Buchstaben nie werden: denn das ist auch kein Alphabet irgend einer Sprache z zur Charakteristik der menschlichen Natur aber in ihren Hauptgestalken würde durch ein sorgsames Studium dieser lebendigen Sau- lcnvrdnungen unsres Geschlechts gewiß ein weites Feld geöffnet. Schrankte man sich dabei) nicht aus Europa ein und nähme noch weniger unser gewohntes Ideal zum Muster aller Gesundheit und Schönheit; sondern verfolgte die lebendige Natur überall auf der Erde, in welchen Harmonien zusammcn- stimmender Thcilc sie sich hie und da mannigfaltig und immer ganz zeige; ohne Zweifel würden zahlreiche Entdeckungen über den Concentus und die Melodie lebendiger Kräfte im Bau des Menschen der Lohn dieser Bemerkungen werden. Ja, vielleicht würde uns dies Studium des natürlichen Consensus der Formen im menschlichen Körper weiter führen » als dis so oft und fast immer mit Undank bearbeitete Lehre der Complexioncn und Temperamente Die scharfsinnigsten Beobachter kamen in dieser nicht' weit,, weil zu dem Mannigfaltigen, das bezeichnet werden sollte, ihnen ein bestimmtes Alphabet der Bezeichnung fehlte *). *) Sehr simpllsicirt finde ich diese Lehre in M e .io2 Ideen zur Philosophie 2. So wie nun bey einer solchen bildlichen Geschickte der Formung und Bcrar- tung des M e nsc h e n g e sch l ec b t s die lebendige Physiologie allenthalben die Fackel vortragen müßte: so würde in ihr auch Schritt vor Schritt die Weisheit der Natur sichtbar, die nicht anders als nach Einem Gesetz der tausendfach erstattenden Güte, Foinicn bildet und abandert. Warum z, B. sonderte die schaffende Mutter Gattungen ab? Zu keinem andern Ztveck, als daß sie den Typus ihrer Bildung desto vollkommener machen und erhalten könnte. Wir wissen nicht, wie manche unsrer jetzigen Thicrgattungen in einem frühern Zustande der Erde naher an einander gegangen fern mögen; aber das sehen wir, ihre Grenzen sind jetzt genetisch geschieden. Im wilden Zustande paaret sich kein Thier mit einer fremden Gattung, und wenn die zwingende Kunst der Menschen oder der üppige Müßigang, an dem die gemästeten Thiere Tkcil nehmen, auch ihren sonst sichern Trieb verwildern : so laßt doch in ihren unwandccharcn Gesetzen die Natur von der üppigen Kunst sich nicht überwinden. Entweder ist die Vermischung ohne Frucht, oder die erzwungene Bastardart pflanzt sich nur unter den nächsten Gattungen weiter. Za bey diesen Bastardartcn selbst sehen wir die Abweichung nirgend, als an den äußersten Enden des Reichs der Bildung, genau wie wir sie bey der Veraltung des gers vermischten Schriften Lhcib r. Auch Platlner nebst andern haben darin ihre anerkannten Verdienste. der Geschichte der Menschheit. ic>3 Menschengeschlechts beschrieben haben; hatte der innere, wesentliche Typus der Bildung Mißgestalt bekommen müssen: so wäre kein lebendiges Geschöpf subssslent worden. Weder ein Centaur also, noch ein Satyr, weder die Scylla noch die Meduse kann nach den inner« Gesetzen der schaffenden Natur und des genetischen wesentlichen Typus jeder Gattung sich erzeugen. 3. Das feinste Mittel endlich, dadurch die Natur Vielartigkeit und Bestandheit der Formen in ihren Gattungen verband, ist die Schöpfung und Paarung zweyer Geschlechter. Wie wunderbar-sein und geistig mischen sich die Züge beyder Eltern in dem Angesicht und Bau ihrer Kinder! als ob nach verschiedenen Verhältnissen ihre Seele sich in sie gegossen und die tausendfältigen Natur- krafte der Organisation sich unter dieselben veriheilt hatten. Daß Krankheiten und Züge der Bildung, daß sogar Neigungen und Dispositionen sich forter- bcn, ist Weltbekannt; ja oft kommen wunderbarer Weise die Gestalten lange verstorbener Vorfahren aus dem Strom der Generation wieder. Eben so unlaugbar, obgleich schwer zu erklären, ist der Einfluß mütterlicher Gcmüths- und Leibeszustande auf den Ungebohrnen, dessen Wirkung manches traurigeBey- spicl lebenslang mit sich trägt.-Zwey Ströme des Lebens hat also die Natur zusammengeleitct, um das werdende Geschöpf mit einer ganzen Naturkraft auszustatten, die nach den Zügen beyder Eltern jetzt in ihr selbst lebe. Manches versunkne Geschlecht ist durch Eine gesunde und fröhliche Mutter wieder empvrgehoben: mancher entkräftete Jüngling mußte ^04 Ideen zur Philosophie im ?trm seines Weibes erst selbst zum lebenden Na- ttirgeschöpf erweckt werden. Auch in der genialischen Bildung der Menschheit also ist Liebe die mächtigste der Göttinnen: sie veredelt Geschlechter und hebt die gesunkncn wieder empor: eine Fackel der Gottbeit, durch deren Funken daS Licht des menschlichen Lebens , hier trüber dort bellcr, glanzet. Nichts widerstrebet hingegen dem bildenden Genius der Naturen mehr, als jener kalte Hass oder jene widrige Eon- venienz, die arger als Haß ist. Sie zwingt Men- sch>n zusammen, die nicht für einander gehören und verewigt elende, mit sich selbst disbarmonische Geschöpfe. Kein Thier versank je so weit, als in dieser Entartung der Mensch versinket. Schlußanmorkungen über den Zwist der Genesis und des Klima. nigstens andcutend gesagt worden, der Anfang einer Grenzlinie zur Uebersicht dieses Streits gezogen worden. Niemand z. B. wird verlangen, daß in einem fremden Klima die Rose eine Lilie, der Hund ein Wolf werden soll: denn die Natur hat genaue V. ^rre ich nicht, so ist mit dem was bisher We- der Geschichte der Menschheit. rc>5 Grenzen um ihre Gattungen gezogen und läßt ein Geschöpf lieber untergeben, als daß es ihr Gebilde wesentlich verrücke oder verderbe. Daß aber die Rose verarten, daß der Hund etwas Wolfartiges an sich nehmen könne; dies ist der Geschichte gemäß, und auch hier gehet die Verarlung Nicht anders vor, als durch schnelle oder langsame Gewalt auf die gegenwirkenden organischen Kräfte. Beyde Streitfüh- rende Machte sind also von großer Wirkung; nur jede wirket auf eigne Art. Das Klima ist ein Chaos von Ursachen, die einander sehr ungleich, also auch langsam und verschiedenartig wirken, bis sie etwa zuletzt in daS Innere eindringen, und dieses durch Gewohnheit und Genesis selbst ändern; die lebendige Kraft widerstehet lange, stark, einarrrg und nur ihr selbst gleich; da sie indessen doch nicht unabhängig von äußern Leidenschaften ist, so muß sie inch ihnen auch mit der Zeit bequemen. Statt eines weitern Zwists im Allgemeinen wünschte ich also lieber eine belebrcnde Untersuchung im Einzelnen, zu der uns das Feld der Geographie und Geschichte eine große Erndte dnrbeut. Wrr wissen z. E. wenn diese Portugiesische Colonicn nach Afrika, jene Spanischen, Holländischen, Englischen, Deutschen nach Ostindien und Amerika gewandert sind, was an einigen derselben die Lebensart der Eingebornen, an andern die fortgesetzte Lebensweise der Europäer für Wirkung gehabt u. f. Hätte man dieses alles genau untersucht: so stiege man zu ältcrn Uebergängen z. B. der Malarien auf den Inseln, der Araber in Afrika und Ostindien, der Türken in ihren eroberten Ländern, sodann zu io6 Ideen zur Philosophie den Mongolen, Tatarn und endlich zu demSchwarm von Nationen, die in der großen Völkerwanderung Europa überdeckten. Nirgend vergäße rnan, aus wc'lchem Klima ein Volk kam, welche Lebensart cs mitbrachte, welches Land es vor sich fand, mit welchen Völkern es sich vermischte, welche Revolutionen eS in seinem neuen Sitz durchlebt hat. Würde die, ser untersuchende Calcul durch die gewisser» Jahrhunderte fortgesetzt: so ließen sich vielleicht auch Schlüsse auf jene altern Völkcrzüge machen, die wir nur aus Sagen alter Schriftsteller oder aus Uebcr, einstimmungcn der Mythologie und Sprache kennen: denn »n Grunde sind alle oder doch die meisten Nationen der Erde früher oder spater gewandert. Und so bekamen wie, mit einigen Eharten zur Anschauung , eine physisch-geographische Geschichte der Abstammung und Vcrar- tung unsres Geschlechts nach Klimaten und Zeiten, die Schritt vor Schritt die wichtigsten Resultate gewahren müßte. Ohne dem forschenden Geist, der diese Arbeit unternähme, vorzugreisen, setze ich aus der neuern Geschichte einige wenige Erfahrungen her: kleine Exempcl meiner vorhergehenden Untersuchung. i. Alle zu schnelle, zu rasche Ueber- gange in ein entgegengesetztes Hemi- sphar und Klima sind selten einer Nation heilsam worden: denn die Natur hat nicht vergebens ihre Grenzen zwischen weitentfcrnten Landern gezogen. Die Geschichte der Eroberungen sowohl als der Handelsgesellschaften, am meisten aber der Missionen müßte ein trauriges und zum der Geschichte der Menschheit. ,07 Theil lächerliches Gemählde geben, wenn man diesen Gegenstand mit seinen Felgen auch nur aus eignen Relationen der Uebergegangencn unpartheyisch hervorholte. Mit grausendem Abscheu liesct man dis Nachrichten von manchen Europäischen Nationen - wie sie, versunken in die frechste Ueppigkcit und den fübllosesten Stolz, an Leib und Seele entarten und selbst zum Genuß und Erbarmen keine Kräfte m hr haben. Aufgeblähete Menschenlarven sind sie, denen jedes edle, thätige Vergnügen entgeht) und in deren Adern der vergeltende Tod schleichet. Rechnet man nun noch die Unglückseligen dazu, denen beyde Indien haufenweise ihre Grabstätte wurden, liefet man die Geschichte der Krankheiten fremder Wclttheile, die die Englischen, Französischen und Holländischen Acrzte beschreiben, und schauet denn in die frommen Missionen, die sich so oft nicht von ihrem Or- dcnsklcide, von ihrer Europäischen Lebensweise trennen wollten, welche lehrreichen Resultate, die leider! auch zur Geschichte der Menschheit gehören, dringen sich uns auf! 2. Selbst der Europäische Fleiß g e- sitteter E 0 l 0 nicen in a n d e r n W e I t t h e i l e n vermag nicht immer die Wirkung des Klima zu andern. „In Nord-Amerika, bemerkt Kalm, *) kommen die Europäischen Geschlechter eher zu reifen Jahren, aber auch eher zum Alter und Tode, als in Europa. Er ist nichts seltnes, ) Götiinglsche Samml, von Reisen, Th. 10. rr' hin und wieder. ic>8 Ideen zur Philosophie sogt er, kleine Kinder zu sehen, die eins die Vorgelegen Fragen bis zur Verwunderung lebhaft und fertig antworten; aber auch die Jahre der Europäer nicht erreichen. Achtzig oder neunzig Fahre sind für einen in Amerika gebohrncn Europäer sin seltnes Bcyspiel, da doch die ersten Einwohner oft ein hohes Alter erlebten: auch die in Europa gebohrnen werden gemeiniglich viel alter, als die von Europäischen Eltern in Amerika erzeugten. Die Weiber hören früher auf Kmdec zu gebaren, einige schon im drcvßigstcn Jabr: auch bemerkt man bcy allen Europäischen Eolonien, daß die dort oder hier gebohrnen frübe und vor der Zeit ihre Zahne verlieren , da die Amerikaner schöne, weiße und unbeschädigte Zähne bis an ihr Ende behalten." Mit Unrecht hat man diese Stellen auf die Unqesundhcit des alten Amerika gegen seine eignen Kinder gezogen; nur gegen Fremdlinge wars diese Stiefmutter, die, wie cs auch Kalm erklärt, mir andrer Constitution und Lebarrs- weise in seinem Schooß leben. 3. Man denke nicht, das die Kunst der Menschen mit stürmender Willkü h r einen fremden Erdtheil so g l e i c h z u e i- n ern Europa umschaffen könne, wenn sie seine Wälder umbauet und seinen Boden cu-tivirel: denn die ganze lebendige Schöpfung ist im Zusammenhänge und dieser will nur mit Vorsicht geändert werden. Eben der Kalm berichtet aus dem Munde alter amerikanischer Schweden daß durch die schnelle Ausrottung der Wälder und Bebauung des Landes nicht nur daß eßbare Gevögel, das sonst in unzähliger Menge auf Wassern und in Wäldern der Geschichte der Menschheit. 109 lebte, die Fische, von denen sonst Flüsse und Bäche wimmelten, die Seen, Bäche, Quellen und Strome, der Regen, dciS dichte, hohe Gras in den Wäldern u> f. sich sehr vermindert; sondern daß diese Ausrottung auch auf das Lebensalter, die Gesundheit und Jahrszeiten zu wirken scheine. Die Amerikaner, sagt er, die bey Ankunst der Europäer ein Alter von hundert und mehrern Jahren zurück- gelcgt, erreichen jetzt oft kaum das halbe Alter ihrer Vater; woran nicht blos der Menschentödlcnde Branntwein und ihre veränderte Lebensweise, sondern wahrscheinlich auch der Verlust so vieler wohlriechenden Kräuter und kräftigen Pflanzen Schuld sey, die' jeden Morgen und Abend einen Geruch gaben, als ob man sich in einem Blumengarten fände. Der Winker sei) damals zeitiger, kalter, gesunder und beständiger gewesen; jetzt treffe der Frühling später ein, und sei), wie die Jahrszeitcn überhaupt , unbeständiger und abwechselnder." So erzählt Kalm und wie local man die Nachricht einschranke, dürfte sie doch immer zeigen, daß die Natur selbst im besten Werk, das Menschen thun können , dem Anbau eines Landes, zu schnelle, zu gewaltsame Uebergange nicht liebe. Die Schwäche der sogenannten cultivirten Amerikaner in Mexico, Peru, Paraguay, Brasilien; sollte sie nicht unter andern auch daher kommen, daß man ihnen Land und Lebensart verändert hat, ohne ihnen eine Europäische Natur geben zu können oder zu wollen? Alle Nationen, die in den Wäldern und nach der Weise ihrer Väter leben, sind muthig und stark, sie werden alt und grünen wie ihre Baume; auf dem ge- baueten Lande, dem feuchten Schatten entzogen, I na Ideen zur Philosophie schwinden sie traurig dahin: Seele und Mulh ist in ihren Wäldern geblieben. Man lese z. B. die rührende Geschichte der einsamen blühenden Familie, die D o b r i tz h o fe r *) aus ibrer Wildnis zog: Mutter und Tochter starben bald dahin, und beyde riefen in Traumen ihren zurückaeblicbenen Sohn und Bruder so lange nach sich, bis er ebne Weh und Krankheit die Augen zuschloß. Nur dadurch wird es begreiflich, wie Nationen, die erst tapfer, munter, herzhaft waren, in kurzer Zeit so weich werden konnten, wie sie die Jesuiten in Paraguai und die Reisenden in Peru schildern: eine Weichheit, die dem Lesenden Schmerz erreget. Für die Folge der Jahrhunderte mag diese Ucberstrengung der Natur an einigen Orten ihre guten Wirkungen haben , **) ob ich gleich, wenn sie allenthalben möglich wäre, auch hieran zweifle; für die ersten Geschlechter aber sowohl der Cultivatoren als der Cul- tivirten scheint dieses nicht also: denn die Natur ist allenthalben ein lebendiges Ganze und will sanft befolgt und gebessert, nicht aber gewaltsam beherrschet scpn. Aus allen Wilden, die man plötzlich ins Gedrang der Hauptstädte Europa's brach- *) Dobrihhofers Geschichte der Abiponer Th. r. S. irä. ") S- William so ns Versuch, die Ursachen des veränderten Klima zu erklären. Berlin. Samml. LH. 7. der Geschichte der Menschheit, irr te, ist nichts worden: von dem glänzenden Thurmknopf, auf den man sie setzte, sehnten sie sich wieder in ihre Ebne, und kamen meistens ungeschickt und verderbet zu ihrer alten, ihnen nun auch ungenießbaren Lebensweise wieder. Ein Gleiches ists mit der gewaltsamen Umbildung der wilden Klimate durch Europäische Hände. O Söhne des Dädalus, ihr Kreisel des Schicksals auf der Erde, wie viele Gaben waren in eurer Hand, auf menschliche und schonende Art den Völkern Glück zu erzeigen; und wie hat eine stolze, trotzige Gewinnsucht euch fast allenthalben auf einen so andern Weg gelcnket! Alle Ankömmlinge fremder Lander, die sich mit den Eingebohr- nen zu nationalisiren wußten, genossen nicht nur ihre Liebe und Freundschaft, sondern fanden am Ende auch, daß die klimatische Lebensart derselben sogar unrecht nicht sey; aber wie wenige gab cs solcher! wie selten verdiente ein Europäer den Lobspruch der Eingcbohrnen: „er ist ein vernünftiger Mensch, wie wir sind!" Und ob sich die Natur an jedem Frevel, den man ihr anthut, nicht rache? Wo sind die Eroberungen, die Handlungsplatze und Invasionen voriger Zeiten, sobald das ungleichartige Volk ins entfernte, fremde Land, nur raubend oder verwüstend streifte? Verwehet oder weggezehrt hat sie der stille Hauch des Klima und dem Eingebohrnen ward es leicht , dem Wurzellosen Baum den letzten Druck zu geben. Dagegen das stille Gewächs, das sich den Gesetzen der Natur bequemte, nr Ideen zue Philosophie rc. nicht nur selbst fortdaucrt, sondern auch die Samenkörner der Culrur auf einer neuen Erde wohlthatig forkbreitet. Das folgende Jahrtausend mag cs entscheiden, was rmser Genius andern Klimatcn, was andre Klimate unscrm Genius genutzt oder geschadet haben? Achtes Achtes Buch. einem, der von den Wellen des Meers eine Schifffahrt in die Lust thun soll: so ist mir, da ich jetzt nach den Bildungen und Naturkrasten der Menschheit auf ihren Geist komme, und die veränderlichen Eigenschaften desselben auf unseren weiten Erdrundc aus fremden, mangelhaften und zun, Theil unsicher,, Nachrichten zu erforschen wage. Der Metaphystker hat cs hier leichter. Er setzt einen Begriff der Seele fest und entwickelt aus ihm, was sich entwickeln laßt, wo und in welchen Zuständen es sich auch finde. Dem Philosophen der Geschichte kan» keine Abstraktion, sondern Geschichte allein zum Grunde liegen und er lauft Gefahr, trüchiche Resultate zu ziehen, wenn er die zahllosen kante, nicht wenigstens in einiger Allgemeinheit verbindet. Indessen versuche ich den Weg und kreuze, stakt deS überfliegenden Schiffes, lieber an den Küsten: d. i. ich halte mich an gewisse oder für gewiß geachtete kanta, von denen ich meine Muthmaßungen sondre, und überlasse es Glücklicher», sie besser zu ordnen und zu gebrauchen. Philos. und Gesch. IV. Th. H IUeeii» hl. H4 Ideen zur Philosophie I. Die Sinnlichkeit unsres Geschlechts verändert sich mit Bildungen und Klimaten; überall aber ist ein menschlicher Gebrauch der Sinne das, was zur Humanität führet. il-4lle Nationen, die kranken Albinos etwa ausgenommen, haben ihre fünf oder sechs menschliche Sinne; die Unfühlbaren des Divdorus oder die taub- und stummen Völker sind in der neuern Menschengeschichte eine Fabel. Indeß , wer auf die Verschiedenheit der äußern Empfindungen auch nur unter uns Acht hat, und sodann an die zahllose Menge denkt, die in allen Klimaten der Erde lebet, der wird sich hiebey wie vor einem Weltmeer finden, auf dem sich Wogen in Wogen verlieren. Jeder Mensch hat ein eignes Maas, gleichsam eine eigne Stimmung aller sinnlichen Gefühle zu einander, so daß bey außerordentlichen Fallen oft die wunderbarsten Acußerungen zum Vorschein kommen, wie einem Menschen bey dieser oder bey jener Sache sey. Aerzte und Philosophen haben daher schon ganze Sammlungen von eiHcnthümlich - sonderbaren Empfindungen d. i. Idiosynkrasien gegeben, die oft so seltsam als unerklärlich sind. Meistens merken wir auf solche nur in Krankheiten und ungewöhnlichen der Geschichte der Menschheit. ri5 Zufällen; im tätlichen Leben bemerken wir sie nicht. Die Sprache hat auch keinen Ausdruck für sie, weil jeder Mensch doch nur nach seiner Empfindung spricht und verstehet, verschiednen Organisationen also ein gemeinschaftliches MaaK ibrer verchi.dnen Gefüble feblct. Selbst bei) dem klarsten Sinn, dem Gesicht, äußern sich diese Verschiedenheiten mcht nur in der Nahe und Ferne, sondern auch in der Gestalt und Farbe der Dinge; daher manche Mabler mit ihren so eigenthümlichen Umrissen und fast jeder derselben in seinem Ton der Farben mablet. Zur Philosophie der Menschengeschichte gehöret« nici'.k, diesen Ocean auszuschopsen, sondern durch einige auffallende Verschiedenheiten auf die feiner» aufmerksam zu machen, die um uns liegen. Der allgemeinste und nothwendigste Sinn ist das Gefühl; er ist die Grundlage der andern und bep dein Menschen Einer seiner großestcn organischen Vorzüge*). Er hat uns Bequemlichkeit, Erfinde regen und Künste geschenkt, und trägt zur Beschaffenheit unserer Ideen vielleicht mehr bey, als wir vermuthen. Aber wie sehr ist dies Organ auch unter den Menschen verschieden, nachdem es die Lebensart, das Klima, die Anwendung und Uebung, endlich die genetische Reitzdarkeir des Körpers selbst modisiciret. Einigen Amerikanischen Völkern z. V. wird eine Unreitzbarkeit der Haut zugeschciebcn, die *) S. Mezqer über die körperlichen Vorzüge des Menschengeschlechts vor Thieren in seinen vermischten medicinischen Schriften, Th. 3. D r i»6 Ideen zur Philosophie sich sogar bey Weibern und in den schmerzhaftesten Operationen merkbar machen soll; *) wenn das Factum wahr ist, dünkt michs sehr erklärlich, sowohl aus Veranlassungen des Körpers als der Seele. Seit Jahrhunderten nämlich boten viele Nationen dieses Welttheils ihren nackten Leib der scharfen Lust und den scharfstechenden Insekten dar, und salbten ihn gegen diese zum Theil mit sscharfcn Salben: auch das Haar nahmen sie sich, das die Weiche der Haut mit befördert. Ein schärferes Mehl, laugcn- hafte Wurzel» und Kräuter waren ibre Speise, und es ist bekannt, in welcher genauen Uebereinstim- mung die verdauenden Werkzeuge mit der fühlenden Haut stehen; daher in manchen Krankheiten dieser Sinn völlig schwindet. Selbst ihr unmäßiger Genuß der Speisen, nach dem sic eben sowobl den entsetzlichsten Hunger ertragen, scheint von dieser Unempfindlichkeit zu zeugen, die auch ein Symptom vieler ihrer Krankheiten ist, **) und also zum Wchl und Weh ihres Klima gehöret. Die Natur bat sie mit derselben allmählich gegen Nebel gewapnet, die sie mit einer größern Empfindlichkeit nicht ertragen könnten, und ihre Kunst ging der Natur nach. Qualen und Schmerzen leidet der Nordamerikancr mit einer heroischen Unfühlbarkeit aus Grundsätzen der Ehre: er ist von Jugend auf dazu gebildet worden, und die Weiber geben den Männern hierin nichts nach. Stoische Apathie also auch in körperlichen *) Robertsons Geschichte von Amerika. LH. i. S. 062. ") Ullva, LH. r. S. »88. der Geschichte der Menschheit. 117 Schmerzen ward ihnen zur Naturgewohnhcit und ihr minderer Reiz zur Wollust, bev übrigens muntern Naturkräften, selbst jene entschlafne Fühllosigkeit, die manche unterjochte Nationen wie in einen wachenden Traum versenkte, scheinen aus dieser Ursache zu folgen. Unmenschen also sinds, die einen Mangel, denen die Natur ihren Kindern zum lindernden Trost gab, aus noch größerem Mangel menschlicher Empfindungen, theils mißbrauchten, theilS schmerzhaft erprobten. Daß ein Uebermaas an Hitze und Kalke das äußere Gefühl versenge oder stumpfe, ist aus Erfahrungen bewiesen. Völker, die auf dem Sande mit bloßen Füßen gehen, bekommen eine Sohle, die das Beschlagen des Eisens erträgt, und man hat Bey- spiele, daß einige zwanzig Minuten aus glühenden Kohlen aushielken. Aetzcnde Gifte konnten die Haut verwandeln, daß man die Hand in geschmolzncS Bley eintauchen lernte und die starrende Kälte, so wie der Zorn und andre Gemüthsbewegungen tragen auch zur Abstumpfung des Gefühls bey *). Die zarteste Empfindlichkeit dagegen scheint in Erdstrichen und Key einer Lebensweise zu scpn, die die sanfteste Spannung der Haut und eine gleichsam melodische Aus, breitung der Nerven des Gefühls fördert. Der Ostindier ist vielleicht das feinste Geschöpf im Genuß sinnlicher Organe. Seine Zunge, die nie mit dem Geschmack gegohrner Getränke oder scharfer Speisen entnervt worden, schmeckt den geringsten Nebengeschmack des reinen Wassers und sein Finger arbeitet *) 8-rller. kbxsiol. 1 °. V. x. 16. Ideen zur Philosophie irS nachabmend die niedlichsten Werke, Key denen man das Vorbild vom Nachbilde nicht zu unterscheiden weiß. Heiler und ruhig ist leine Seele, ein zarter Nachklang der Gefühle, die idn ringsum nur sanft bewegen. So spielen die Wellen um den Schwan; so säuseln die Lüfte um das durchsichtige junge Laub des Früblings. — Außer dem warmen und sanften Himmelsstrich tragt nichts so sehr zu diesem erhobenen Gcfübl Key , als Reinheit, Mäßigkeit und Bewegung: drey Tugenden des Lebens, in denen viele Nationen, die wir ungesittet nennen, uns übertreffen und die insonderheit den Völkern schöner Erdstriche eigen zu fern scheinen. Die Rcinigkeit des Mundes, das öftere Baden, Liebe zur Bewegung in freycr Luft, selbst das gesunde und wollüstige Reiben und Dehnen des Körpers, das den Römern so bekannt war, als es unter Indiern, Persern und manchen Tataren weit umkcr noch gewöhnlich ist, befördert den Umlauf der Säfte und erhalt den elastischen Ton der Glieder. Die Völker der reichsten Erdstriche leben mäßig: sie haben keinen Begriff, daß ein widernatürliches Reizen der Nerven und eine tägliche Verschlämmung der Safte das Vergnügen seyn könne, dazu ein Meisich erschaffen worden; die Stamme der Braminen haben in ihren Vätern von Anfänge der Welt her weder Fleisch noch Wein gekostet. Da es nun bey Tlneren sichtbar ist, was diese Lebensmittel aufs ganze EmpsindungsMem für Macht haben; wie viel starker muß diese Macht bey der feinsten Blume aller Organisationen, der Menschheit wirken. Mäßigkeit des sinnlichen Genusses ist ohne Zweifel eine kräftigere Nfethvde zur Philosophie der der Geschichte der Menschheit. 119 Humanität, als tausend gelernte künstliche Abstraktionen. Alle grobfühlenden Volker in einem wilden Zustande oder harten Klima leben gefräßig, weil sie nachber oft hungern müssen: sie essen anch meistens, was ihnen vorkommt. Völker von fcinerm Sinn licden auch feinere Vergnügen. Ihre Mahlzeiten sind einfach und sie genießen täglich dieselben Speisen ; dafür aber wählen sie wollüstige Salben, feine Gerüche, Pracht, Bequemlichkeit, und vor allem ist ikne Blume des Vergnügens die sinnliche Liebe. Wenn dies von Feinheit des Organs die Rede seyn soll: so ist kein Zweifel, wohin sich der Vorzug neige ? denn kein gesitteter Europäer wird zwischen dem Fett- und Thranmahle des Grönländers und den Spezcreyen des Indiers wählen. Indessen wäre die Frage, wem wir, trotz unsrer Eullur in Worten, dem größesten Theil nach näher sepn möchten, ob jenem oder diesem ? Der Indier setzt seine Glückseligkeit in leidenschastlose Ruhe, in einen unzerstörbaren Genuß der Heiterkeit und Freude: ec athmet Wollust: er schwunmt in einem Meer süßer Träume und erquickender Gerüche; unsre Ueppigkeit hingegen, um deren willen wir alle Welttheile beunruhigen und berauben, was will, was suchet sie? Neue und scharfe Gewürze für eine gestumpfte Zunge, fremde Früchte und Speisen, die wir in einem überfüllenden Gemisch oft nicht einmal kosten , berauschende Getränke, die uns Ruhe und Geist rauben; was nur erdacht werden kann, unsre Natur aufregend zu zerstören, ist das tägliche große Ziel unsres Lebens. Dadurch unterscheiden sich Stände: dadurch beglücken sich Nationen — Beglücken? Wcßhalb hungert der Arme und muß bey stumpfen Sinnen 120 Ideen zulr Philosophie in Mühe und Schweiß das elendeste Leben führen? Damit seine Großen und Reichen ohne Geschmack und vielleicht zu ewiger Nahrung ihrer Brutalität täglich auf feinere Art ihre Sinne stumpfen. „Der Europäer ist alles," sagt der Zndicr, und sein feinerer Geruch bat schon vor den Ausdünstungen desselben einen Abscheu. Er kann ihn nach seinen Begriffen nicht anders alS in die verworfne Easte klas, sisicircn, der, zur tiefsten Verachtung, alles zu essen erlaubt ward. Auch in vielen Landern der Mako- mcdaner heißen die Europäer und nicht blos aus Religionshaß, unreine Tliiere. Schwerlich hat unä die Natur die Zunge gegeben , das; einige Wärzchen auf ihr das Ziel unsres mühseligen Lebens oder gar des Jammers andrer Unglückliche» würden. Cie übcrklcidete sie mit einem Gefühl des Wohlgeschmacks, thcilS, damit sic uns die Pflicht, den wüthcndcn Hunger zu stillen, versüßte und uns mit gefälliger»; Banden zur beschwerlichen Arbeit zöge: theils aber auch sollte das Gefühl dieses Organs der prüfende Wächter unsrer Gesundheit werden, und den habt» an ihm alle üppige Nationen langst verloren. Das Vieh kennet, was ihm gesund ist und wählt »nit scheuer Vorsicht seine Krauter; das Giftige und Schädliche berühret es nicht und täuscht sich selten. Menschen, die unter den Lhiercn lebten, konnten die Nahrungsmittel, wie sie, unterscheiden; sie verloren dies Kriterium unter den Menschen, wie jene Indier ihren reiner» Geruch verloren, da sie ihre einfachen Speisen auf- gaben. Völker, die in gesunder Frevhcit leben, Hagen noch viel von diesem sinnlichen Führer. Nie oder selten irren sie sich an Früchten ihres Landes; der Geschichte der Menschheit. 121 ja durch den Geruch spürt der Nord-Amerikaner sogar seine Feinde aus und der Ancille umerscheidet durch ihn die Fußtritte verschied» er Nationen. So können selbst die sinnlichsten, rhierartigen Kräfte des Menschen wachsen, nachdem sie gebauet und geübt werden; der beste Anbau derselben indessen ist Proportion ihrer aller zu einer wahrbaft-menschlichen Lebensweise, daß keine bcrrschc und sich keine verliere. Dies Vcrhaltniß ändert sich mit jedem Lande und Klima. Der Anwohner heißer Gegenden ißt mit wildem Geschmack für uns höchst cckelhaftc Speisen: denn seine Natur fordert sie als Arznepen, als rettende Wohlkhal *). Gesicht und Gebör endlich sind die edelsten Sinne, zu denen der Mensch schon seiner organischen Anlage nach vorzüglich geschaffen worden: denn bey ihm sind die Werkzeuge dieser Sinne vor allen Mieren Kunstreich ausgcbildet. Zu welcher Scharfe baden manche Nationen Auge und Ohr gebracht! Der Kalmuke sieht Rauch, wo ihn kein Europäisches Auge gewahr wird: der scheue Araber horcht weit umber in seiner stillen Wüste. Wenn nun mit dem Gebrauch dieser scharfen und feinen Sinne sich zugleich eine ungestörte Aufmerksamkeit verbindet: so zeigen es abermals viele Völker, wie weit es auch im kleinsten Werk der Geübte vor dem Ungeübten zu bringen vermöge. Die jagenden Völker kennen jeden Strauch und Baum ihres Landes: die Nord- Amerikaner verirren sich nie in ihren Wäldern; *) Wilsons Beobachtungen über den Einfluß des Klima S. 93. u. f. 122 Ideen zur Philosophie Hunderte von Meilen suchen sie ihren Feind auf und finden ihre Hütten wieder. Die gesitteten Quaranier, erzählt Dobritzhofer, machen mit einer bewundernswürdigen Genauigkeit alles nach, was man ihnen an feiner künstlicher Arbeit vorlegt; aber nach dem Gehör, aus beschreibenden Worten können sie sich wenig denken und nichts erfinden: eine natürliche Folge ihrer Erziehung, in der die Seele nicht durch Worte, sondern durch gegenwärtige, anschaubare Dinge gebildet wurde, da Wortgclchrte Menschen oft so viel gehört haben, daß sie, was vor ihnen ist, nicht mehr zu sehen vermögen. Tie Seele des freyen Natursohnes ist gleichsam zwischen Auge und Dhr getheilct: er kennt mir Genauigkeit die Gegenstände, die er sah: er erzablt mit Genauigkeit die Sagen, die er hörte. Seine Zunge stammelt nicht, so wie sein Pfeil nicht irret: denn wie sollte seine Seele Key dem, was sie genau sah und hörte, irren und stammeln? Gute Anlage der Natur für ein Wesen, bey dem die erste Sprosse seines Wohlgcnusses und Verstandes doch nur aus sinnlichen Empfindungen krittlet. Ist unser Körper gesund, sind unsre Sinne geübt und wohlgeordnet: so ist die Grundlage zu einer Heiterkeit und innern Freude gelegt, deren Verlust die spekulirende Vernunft mit Mühe kaum zu ersetzen weiß. Das Fundament der sinnlichen Glückseligkeit des Menschen ist allenthalben, daß er da lebe, wo er lebt, daß er genieße, was ihm vorlicgt, und sich, so wenig es seh» kann, mit zurück- oder vorwärts blickenden Sorgen theilc. Erhalt er sich auf diesem Mittelpunkt fest: so ist er ganz und kräftig-, irret er aber, wenn er allein an das Jetzt denken der Geschichte der Menschheit. r23 und dasselbe genießen soll, mit seinen Gedanken umher: o wie zerreißet er sich und wird schwach und lebt oft mühseliger als die zu ihrem Glück enge-beschrankten Thiere. Das Auge des unbefangenen Naturmenschen blickt auf die Natur und erquickt sich, ohne es zu wissen, schon an ihrem Gewände; .oder es arbeitet in feinem Geschäft, und indem es die Abwechselung der Jahrszeiten genießt, altert es kaum im höchsten Alter. Unzerstrcuet von Halbgedanken und unverwirrt von schriftlichen Zügen höret das Ohr ganz, was es höret; es trinkt die Rede in sich, die, wenn sie auf bestimmte Gegenstände .weiset, die Seele mehr als eine Reihe tauber Abstraktionen befriedigt. So lebet, so stirbt der Wilde, satt aber nicht überdrüßig der einfachen Vergnügen, die ihm seine Sinne gaben. Aber noch Ein wobllhätigcs Geschenk verlieh die,Ne>ttir unserm Geschlecht, da sie auch den ge- dankcndürftigsten Gliedern desselben die erste Sprosse der feinern Sinnlichkeit, die erquickende Tonkunst nicht versagte. Ehe das Kind sprechen kann, ist cs des Gesanges oder wenigstens der ihm zutönendcn Reize desselben fähig; auch unter den ungebildeten Völkern ist also auch Musik die erste schöne Kunst, die ihre Seele beweget. Das Gemahlde der Natur fürs Auge ist so mannigfalt-abwechfelnd und groß; daß der nachahmende Geschmack lange umhertrappen, und sich an der Barbarey des Ungeheuern, des Auffallenden versuchen muß, ehe er richtige Proportionen lernet. Aber die Tonkunst, wie einfach und rche sie scv, sie spricht zu allen menschlichen Herzen und ist nebst dem Tan; das allgemeine Freudenfest der Natur auf der Erde. Schade nur, daß aus zu zärtlichem Geschmack die meisten Reisenden uns diese knidlichen Tone fremder Völker versagen. So unbrauchbar sie dem Tonkünstlec sepn mögen; so unterrichtend sind sie für den Forscher der Menschheit: denn die Musik einer Ratio» auch in ihren unvollkommensten Gangen und Licblingstönen zeigt den inner» Charakter derselben d- i. die eigentliche Stimmung ihres empfindenden Organs tiefer und wahrer, als ihn die längste Beschreibung äußerer Zufälligkeiten zu schildern vermöchte. — Je mehr ich übrigens der ganzen Sinnlichkeit des Menschen in seinen mancherlei) Gegenden und Lebensarten nachspüre; desto mehr finde ich, daß die Natur sich allenthalben als eine gütige Mutter bewiesen habe. Wo ein Organ weniger befriedigt werden konnte, reizte sie es auch minder und läßt Jahrtausende hindurch cs milde schlummern. Wo sie die Werkzeuge vcrfeintc und öffnete, hat sie auch Mittel umhcrgclcgt, sie bis zur Befriedigung zu vergnügen ; ko daß die ganze Erde mit jeder zuückgehaltnen oder sich entfaltenden Organisation der Menschheit ihr wie ein harmonischesSaitcnspicl zutönct, in dem alle Töne versucht sind, oder werden versucht werden. — der Geschichte der Menschheit. rrm II. Die Einbildungskraft der Menschen ist allenthalben organisch unv klimatisch; allenthalben aber wird sie von der Empfindung liegt, haben wir keinen Begriff: die Geschichte jenes Siamer-Königes, der Eis und Schnee für Undinge an^ab, ist in tausend Fallen unsre eigne Geschichte. Jedes cingebohrne sinnliche Volk hat sich also mit seinen Begriffen auch in seine Gegend umschrankt; wenn es thut, als ob cs Worte verstehe, die ibm von ganz fremden Dingen gesagt werden: so hat man lange Zeit Ucsach, an diesem innern Verstandniß zu zweifeln. „Die Grönländer haben es gern, sagt der ebr- liche Eranz, *) wenn man ihnen etwas von Europa erzählet; sie könnten aber davon nichts begreifen, wenn man es ihnen nicht Gleichnißweise deutlich machte. „Die Stadt oder das Land z. E. bat so viel Einwohner, daß viele Walisische auf Einen Tag kaum zur Nahrung hinreichen würden: man *) Geschichte von Grönland S. srb. Tradition geleitet. öx^on einer Sache, die außer dem Kreise unsrer .26 Ideen zur Philosophie ißt aber keine Walisische, sondern Brod, das wie Gras aus der Erde wachst, auch das Fleisch der Thiere, die Hörner haben, und laßt sich durch große, starke Thiere auf ihrem Rücken tragen, oder auf einem hölzernen Gestell zieben. Da nennen sie denn das Brod Gras, die Ochsen Rennthiere, und die Pferde große Hunde, bewundern alles und bezeigen Lust, in einem so schönen, fruchtbaren Lande zu wohnen: bis sie hören, daß cs da oft donnert, und keine Seehunde gibt. — Sie hören auch gern von Gott und göttlichen Dingen, so lange man ihnen ihre abergläubischen Fabel» auch gelten laßt. " Wir wollen nach eben diesem Eranj *) einen kleinen Katechismus ihrer theologischen Naturlebrc machen, wie sie auch bey Europäische» Fragen nicht anders als in ihrem Gesichtskreise antworten und denken. Frage. Wer hat wohl Himmel und Erde und alles was ihr seht, geschaffen? Antwort. Das wissen wir mcht. Den Mann kennen wir nicht. Es muß ein sebr mächtiger Mann seyn. Oder cs ist wohl immer so gewesen und wird so bleiben. Fr. Habet ihr auch eine Seele? Antw. O ja. Sie kann ab- und zunchmen: unsre Angikoks können sie flicken und reparieen: wenn man sie verloren hat, bringen sie sie wieder und eine kranke können sie mit einer frischen gesun- * U i ') Abschnitt V. VI. der Geschichte der Menschheit. 127 den Seele von einem Hosen, Rennthier, Vogel oder jungen Kinde verwechseln. Wenn wir auf eine weite greise gegangen sind, so ist oft unsre Seele zu Hause. In der Nacht im Schlaf wandert sie aus dem Leibe: sie geht auf die Jagd, zum Tanz, zum Besuch und der Leib liegt gesund da- Fr. Wo bleibt sie denn im Tode? Antw. Da geht sie an den glückseligen Ort in der Tiefe des Meers. Daselbst wolmet Torn- garsuk und seine Mutter: da ist ein beständiger Sommer, schöner Sonnenschein und keine Nacht. Auch gutes Wasser ist da und ei» Ueberfluß an Vögeln , Fischen, Seehunden und Rennlhiercn, die man ohne alle Mühe fangen kann, oder die man gar schon in einem großen Kessel kochend findet. Fr. Und kommen alle Menschen dahin? Antw. Dabin kommen nur die guten Leute, die zur Arbeit getaugt, die große Lhaken gethan, viel Walisische und Seehunde gefangen, viel aus- gestanden haben, oder gar im Meer ertrunken, üben der Geburt gestorben sind u. f. Fr. Wie kommen diese dahin? Antw. Nicht leicht. Man muß fünf Tage lang oder langer an einem rauben Felsen, der schon ganz blutig ist, herunterklcttern. Fr. Sehet ihr aber nicht jene schönen himmlischen Körper? sollte der Ort unsrer Zukunft nicht vielmehr dort seyn? Antw. Auch dort ist er, im obersten Himmel, hoch über dem Regenbogen und die Fahrt da- 123 Ideen zur Philosophie hin ist so leicht und hurtig, daß die Seele noch selbigen Abend Key dem Mond, der ein Giönlander gewesen, in seinem Hause ausruhcn und mit den übrigen Seelen Ballspielen und tanzen kann. Dieser Tanz, dieses Ballspiel der Seelen ist jenes Nordlicht. Fr. Und was thun sic sonst oben? Antw. Sie wohnen in Zelten um einen grossen See, in welchem Fische und Bögel die Menge sind. Wenn dieser See überfließt: so regnets auf der Erde; sollten einmal seine Damme durchbrechen: so gäbe es eine allgemeine Sündfluth. — Uebcrhaupt aber kommen nur die Untauglichen, Faulen in den Himmel; die Fleißigen gehen zum Grunde der See. Jene Seelen müssen oft hungern, sind mager und kraftlos, können auch wegen der schnellen Umdrehung des Himmels gar keine Ruhe haben. Böse Leute und Hexen kommen dahin: sie werden von Raben geplagt, die sie nicht von den Haaren ab- haltcn können u. f. Fr. Wie glaubet ihr, daß das menschliche Geschlecht entstanden sey? Antw. Der erste Mensch, Kallak, kam aus der Erde, und bald hernach die Frau aus seinem Daumen. Einmal gebar eine Grönländerin und sie gebar Kablunät, d. i. die Ausländer und Hunde; daher sind jene wie diese geil und fruchtbar. Fr. Und wird die Welt ewig dauern? A n t w. der Geschichte der Menschheit. 129 Antw. Einmal ist sie schon umgeküppt und alle Menschen sind ertrunken. Der Einzige Mann, der sich rettete, schlug mit dem Stock auf die Erde: da kam ein Weib hervor, und beyde bevölkerten die Erde wieder. Jetzt ruht sie noch auf ihren Stützen, die aber schon vor Alter so morsch sind, daß sie oft krachen; daher sie langst eingefallen wäre, wenn unsre Angikoks nicht immer daran flickten. Fr. Was haltet ihr aber von jenen schönen Sternen? Antw. Sie sind alle ehedem Grönländer oder Thiere gewesen, die durch besondre Zufälle dahinauf gefahren sind, und nach Verschiedenheit ihrer Speise blaß oder roth glänzen. Jene, die sich begegnen, sind zwey Weiber, die einander besuchen: dieser schießende Stern ist eine zum Besuch reisende Seele. Dies große Gestirn (der Bär) ist ein Ncnnlhicr: jene Siebensterne sind Hunde, die einen Baren Hetzen : jene (Orions Gürtel) sind Verwilderte, die sich vom Seehundfange nicht nach Hause finden konnten und unter die Sterne kamen. Mond und Sonne sind zwey leibliche Geschwister. Malina, die Schwester, wurde von ihrem Bruder im Finstern verfolgt: sie wollte sich mit der Flucht retten, fuhr in die Hohe und ward zur Sonne. Anninga fuhr ihr nach und ward zum Monde: noch immer lauft der Mond um die jungfräuliche Sonne umher, in Hoffnung sie zu Haschen, aber vergebens. Müde und abgezehrt (beym letzten Viertheil) fahrt er auf den Seehundfang, bleibt einige Tage aus und kommt so fett wieder, wie wir ihn im Vollmond sehen- Philos. und Gesch. IV. LH. Z Ne«n. H- Ideen zur Philosophie i3c> Er freut sich, wenn Weiber sterben, und die Sonne hat ihre Lust an der Männer Tode. " — Niemand würde mirs danken, wenn ich fortführe, die Phantasiecn niedrerer Völker also zu zeichnen Fände sich jemand, der dies Reich der Einbildungen, den wahren Limpus der Eitelkeit, der unsie Erde umgibt, zu durchreisen Lust halte: so wünschte ich ihm den ruhigen BemerkungSgeist, der zuerst frcy von allen Hypotheken 0er Uebercinstim- mung und Abstammung, allenthalben nur wie auf seinem Ort wäre, und auch jede Thorheit seiner Mitbrüdec lehrreich zu machen wüßte. Was ich auszuzeichnen habe, sind einige allgemeine Wahrnehmungen aus diesem lebendigen Schattenreich pham tasirender Völker. r. Ueberall c b a r a k t c r i si r e n sichln ihm Klima ke und Nationen. Man halte die Grönländische mit der Indischen, die Lappländische mit der Japanischen, die Peruanische mit der Ne- germytholoche zusammen; eine völlige Geographie der dichtenden Seele. Der Bramine würde sich kaum Ein Bild denken, wenn man ihm die Volu. spa der Isländer vorläse und erklärte: der Isländer fände beym Wedain sich eben so fremde. Jeder Nation ist ihre Vorstellunqsart um so tiefer cingcpragt, weil sie ihr eigen, mit ihrem Himmel und ihrer Erde verwandt, aus ihrer Lebensart entsprossen, vcn Vätern und Urvätern auf sie vererbt ist. Wobey ein Fremder am meisten staunt , glauben sic am deutlichsten zu begreifen: wobey er lacht, sind sie höchst ernsthaft. Die Indier sage», daß das Schicksal deS Menschen in sein Gehirn geschrieben sey, dessen feine Striche die unlesbaren Lettern aus dem der Geschichte der Menschheit. i Sr Buch des Verhängnisses darstellren; oft sind die wiilkührlichsten National - Begriffe und Meynungen solche Hirngcmählde, cingewebte Züge der Phantasie vom festesten Zusammenhänge mit Lcib und Seele. 2. Woher dieses? Hat jeder Einzelne dieser Menschenheerden sich seine Mythologie erfunden, daß ec sie etwa wie sein Eigenthum liebe? Mit Nichten. Er hat nichts in ihr erfunden, er hat sic geerbt. Hätte er sie durch eignes Nachdenken zuwegegebracht: so konnte er auch durch eignes Nachdenken vom Schlechtem zum Bessern geführt werden; das ist aber hier der Fall nicht. Als Dobritz Hofer *) es einer ganzen Schaar tapfrer und kluger Abipo- ner vorstellte, wie lächerlich sie sich vor den Drohungen eines Zaubcrecs, der sich in einen Tygar verwandeln wollte, und dessen Klauen sie schon >an sich zu fühlen meynten, entsetzten: „ih-r erlegt, sprach er zu ihnen, täglich im Felde wahre Tygcr: ohne euch darüber zu entsetzen; warum erblaßet ihr so feige über einen Eingebildeten, der nicht da ist ?" „,„Jhr Väter, sprach ein tapfrer Abipone, habt von unfern Sachen noch keine achten Begriffe. Die Tyger auf dem Felde fürchten wir nicht, weil wir sie sehen, da erlegen wir sie ohne Mühe. Die künstlichen Ty- ger aber setzen uns in Angst, eben weil roic sie nicht sehen und also auch nicht zu tobten 'permögen."" Mich dünkt, hier liegt der Knoten. Wären uns alle Begriffe so klar, wie Begriffe dc-s Auges, hätten wir keine andern Einbildungen, als die wir von Gegenständen des Gesichts abgezogen hatten und mit *) Dobritzhofer Gesetz, der Abi poner. LH. r. I 2 iZ2 Ideen zur Philosophie ihnen vergleichen konnten: so wäre die Quelle deS Betruges und Irrthums, wo nicht verstopft, so doch wenigstens bald erkennbar. Nun aber sind die meisten Phantasiecn der Völker Töchter des Ohrs und der Erzählung. Neugierig horchte das unwissende Kind den Sagen, die wie Milch der Mutter, wie ein festlicher Wein des väterlichen Geschlechts in seine Seele flössen und sie nährten. Sie schienen ihm, was es sah, zu erklären: dem Jünglinge gaben sie Bericht von der Lebensart seines Stammes und von seiner Vater Ehre: sie wcihcten den Mann national und klimatisch in seinem Beruf ein, und so wurden sie auch untrennbar von seinem ganzen Leben. Der Grönländer und Tungusc sicht Lebenslang nun wirklich, was er in seiner Kindheit eigentlich nur reden hörte, und so glaubt ers als eine gesehene Wahrheit. Daher die schreckhaften Gebräuche so vieler, der entferntsten Völker bey Mond- und Sonnenfinsternissen; daher ihr fürchtcr. sicher Glaube an die Geister der Luft, des Meers, und aller Elemente. Wo irgend Bewegung in der Natur ist, wo eine Sache zu leben scheint und sich verändert, ohne daß das Auge die Gesetze der Veränderung wahrnimmt: da höret das Ohr Stimmen und Rede, die ihm das Räthscl des Gesehenen durchs Nichtgeschene erklären: die Einbildungskraft wird gespannt und auf ihre Weise d. i. durch Einbildungen befriedigt. Ueberhaupt ist das Ohr der furchtsamste, der scheueste aller Sinne; cs empfindet lebhaft aber nur dunkel: es kann nicht Zusammenhalten , nicht bis zur Klarheit vergleichen: denn seine Gegenstände gehn im betäubenden Strom vorüber. Bestimmt, die Seele zu wecken, kann es, der G e sc h ic h t e d er Men sch h eit. iZ3 ohne Beyhülfe der andern Sinne insonderheit des Auges, sie selten bis zur deutlichen Gnuglhuung belehren. 3. Man siehet daher, bey welchen Völkern die Einbildungskraft am stärksten gespannt'seyn müsse? bey solchen nämlich, die die Einsamkeit lieben, die wilde Gegenden der Natur, die Wüste, ein selsigtes Land, die sturmreiche Küste des Meers, den Fuß Feuerspeiender Berge oder andre wunder- und bewegungsvolle Erdstriche bewohnen. Von den ältesten Zeiten an, ist die Arabische Wüste eine Mutter hoher Einbildungen gewesen und die solchen nachhingen, waren mei- stentheils einsame, staunende Menschen. In der Einsamkeit empfing Mahomed seinen Koran: seine erregte Phantasie verzückte ihn in den Himmel und zeigte ihm alle Engel, Seligen und Welten: nie ist seine Seele entflammter, als wenn fle den Blitz der einsamen Nacht, den Tag der großen Wiedervergel- tung und andre unermeßliche Gegenstände mahlet. Wo und wie weil hat sich nicht der Aberglaube der Schamanen verbreitet? Von Grönland und dem dreifachen Lappland an über die ganze nächtliche Küste des Eismeers tief in die Tatarey hinab, nach Amerika hin und fast durch diesen ganzen Welttheil. Uebcrall erscheinen Zauberer und allenthalben sind Schreckbilder der Natur die Welt in der sic leben. Mehr als drey Viertheile der Erde sind also dieses Glaubens: denn auch in Europa hangen die meisten Nationen Finnischen und Slavischen Ursprunges noch an den Zaubereien des Naturdienstes und der Aberglaube der Neger ist nichts als ein nach ihrem Ge. nius und Klima gestalteter Schamanismus. In i34 Ideen zur Philosophie den Ländern der Asiatischen Eultur ist dieser zwar von pcssitiven künstlichem Religionen und SkaatS- cinrichtungcn verdrängt worden: er laßt sich aber blicken, wo er sich blicken lassen darf, in der Einsamkeit und ber-m Pobel; bis er auf einigen Inseln des Südmeers wieder in großer Macht herrschet. Der Dienst der Natur hat also die Erde umzogen, und die Phantasieen desselben halten sich an jedem klimatischen Gegenstand der Ucbermacht und des Schreckens, an den die menschliche Noth- durft grenzet. In alter» Zeiten war er der Gottesdienst beynah aller Volker der Erde. 4 . Daß die Lebensart und der Genius jedes Volks hiebcy mächtig einwirke, bedarf fast keiner Erwähnung. Der Schäfer sichet die Natur mit andern Augen an als der Fischer und Jager: und in jedem Erdstrich sind auch diese Gewerbe wiederum, wie die Eharaktere der Nationen, verschieden. Mich wunderte z. B. in der Mythologie der so nördlichen Kamtschadalen eine freche Lüsternheit zu bemerken, die man eher bey einer südlichen Nation suchen sollte; ihr Klima indessen und ihr genetischer Eharaktcr geben auch über diese Anomalie Aufschluß *). Ihr kaltes Land hat seuerspeyende Berge und heiße Quellen: starrende Kalte und kochende Glut sind im Streit daselbst; ihre lüsternen Sitten, wie ihre groben mythologischen Possen sind ein natürliches Produkt von beyden. Ein Gleiches ists mit jenen Mährchen der schwatz- *) S. Steller, Krascheninikow u. s. der Geschichte der Menschheit. i35 haften, brausenden Neger, die weder Anfang noch Ende haben: *) ein Gleiches mit der zusammenge- drückten , festen Mythologie der Nord - Amerikaner; **) ein Gleiches mit der Blumenphantasie der Indier, ***) die, wie sic selbst, die wollüstige Ruhe des Paradieses hauchet. Ihre Götter baden in Milch- und Zuckcrseen: ihre Göttinen wohnen auf kühlenden Teichen im Kelch süßduftender Blumen. Kurz, die Mythologie jedes Volks ist ein Abdruck der eigentlichen Art, wie cs die Naim ansah, insonderheit ob es seinem Klima und Genius nach, mehr Gutes oder Ucbel in derselben fand, und wie eS sich etwa das Eine durch das Andre zu erklären suchte. Auch in den wildesten Strichen also und in den mißrathensten Zügen ist si« ein philosophischer Versuch der menschlichen Seele, die ehe sie aufwacht, träumt und gern in ihrer Kindheit bleibet, 5. Gewöhnlich sichet man die Angekoks, die Zauberer, Magier, Schamanen und Priester als die Urheber dieser Verblendungen dos Volks an und glaubt, alles erklärt zu haben, wenn man sie Betrüger nennet. An den meisten Orten sind sie cs frcylich; nie aber vergesse man, daß sie selbst Volk sind und also auch Betrogene älterer Sagen waren. In der Masse der Einbildungen ihres Stammes *)S. Römer, Boßmann, Müller, Oldendorp u. f. **) S. Lafiteau, le Beau, Carver u. a. Baldeus, Dow, Sonnerat, Holwell u. f. i36 Ideen zur Philosophie wurden sie crzeuqt und erzogen: ihre Weihung geschah durch Fasten, Einsamkeit, Anstrengung der Phantasie, durch Abmattuiuz des Leibes und der Seele: daher niemand ein Zauberer ward, bis ihm sein Geist erschien und also in seiner Seele zuerst das Werk vollendet war, das er nachher Lebenslang, mit wiederholter ähnlicher Anstrengung der Gedanken und Abmattung des Leibes für andre treibet. Die kältesten Reisenden mußten bey manchen Gaukelspielen dieser Art erstaunen, weil sic Erfolge der Einbildungskraft sahen, die sie kaum möglich geglaubt hatten, und sich oft nicht zu erklären wußten. Ucbcrhaupt ist die Phantasie noch die unerforschteste und vielleicht die unerforschlichstc aller menschlichen Scclenkräfte: denn da sic mit dem ganzen Bau des Körpers, insonderheit mit dem Gehirn und den Nerven zusammenhangt, wie so viel wunderbare Krankheiten zeigen: so scheint sie nicht nur das Band und die Grundlage aller feincrn Seelenkräfte , sondern auch der Knote des Zusammenhanges zwischen Geist und Körper zu scyn, gleichsam die sproßende Blüthe der ganzen sinnlichen Organisation zum weitern Gebrauch der denkenden Kräfte. Nothwendig ist sie also auch das Erste, was von Eltern auf Kinder übergeht, wie dies abermals viele widernatürliche Beyspiele, sammt der unan- streitbaren Achnlichkeit des äußern und innern Organismus auch in den zufälligsten Dingen bewähret. Man hat lange gestritten, ob cs angebohrne Ideen gebe? und wie man das Wort verstand, finden sie freylich nicht Statt; nimmt man cs aber für die nächste Anlage zum Empfängniß, zur Verbindung, zur Ausbreitung gewisser Ideen und Bilder: so fchei- der G eschichte der Me nschhc it. 1^7 net ihnen nicht nur nichts entgegen, sondern auch alles für sie. Kann ein Sohn sechs Finger, konnte die Familie des ^orcuxins-man in England seinen unmenschlichen Auswuchs erben, geht die äußere Bildung des KopsS und Angesichts oft augenscheinlich über; wie könnte cs ohne Wunder geschehen, daß nicht auch die Bildung des Gehirns überginge und sich vielleicht in ihren feinsten organischen Faltungen vererbte? Unter manchen Nationen herrschen Krankheiten der Phantasie, von denen wir keinen Begriff haben: alle Mitbrüder des Kranken schonen sein Nebel, weil sie die genetische Disposition dazu in sich fühlen. Unter den tapfern und gesunden Abiponern z. B. herrscht ein periodischer Wahnsinn, von welchem in den Zwischenstunden der Wüthende nichts weiß: er ist gesund, wie er gesund war; nur seine Seele, sagen sie, ist nicht bcy ihm. Unter mehrern Völkern hat man, diesem Uebel Ausbruch zu geben, Traumfeste verordnet, da dem Träumenden alles, was ihm sein Geist befiehlt, zu thun erlaubt ist. Uebcrhaupt sind bey allen phantasiercichcn Völkern die Traume wunderbar mächtig; ja wahrschein, lich waren auch Träume die ersten Musen, die Mütter der eigentlichen Fiction und Dichtkunst. Sie brachten die Menschen auf Gestalten und Dinge, die kein Auge gesehen hatte, deren Wunsch aber in der menschlichen Seele lag: denn was z. B. war natürlicher als daß geliebte Verstorbene dem Hinterlassenen in Träumen erschienen, und daß die so lange wachend mit uns gelebt halten, jetzt wenigstens als Schatten im Traum mit uns zu leben wünschten. Die Geschich der Nationen wird zeigen, wie die Vorsehung das Organ der Einbildung, wodurch sie so stark, so rein rZö Ideen zur Philosophie und natürlich auf Menschen wirken konnte, gebraucht habe; abscheulich aber wars, wenn der Betrug oder der Despotismus es mißbrauchte, und sich des ganzen noch ungebandigten Oceans menschlicher Phan- tasieen und Traume zu seiner Absicht bediente. Großer Geist der Erde, mit welchem Blick überschauest du alle Schattengcstaltcn und Traume, die sich auf unsrer runde» Kugel jagen: denn Schatten sind wir und unsre Phantasie dichtet nur Schat- tenträume. So wenig wir in reiner Luft zu ath- men vermögen: so wenig kann sich unsrer zusammengesetzten, aus Staub gebildeten Hülle jetzt noch die reine Vernunft ganz mittheilen. Indessen auch in allen Zergangen der Einbildungskraft wird das Menschengeschlecht zu ihr erzogen; cS hangt an Bildern, weil diese ihm Eindruck von Sachen geben, cs sieht und suchet auch im dicksten Nebel Strahlen der Wahrheit. Glücklich und auser- wahlt ist der Mensch, der in seinem engebeschrankten tleben, so weit er kann, von Phantasier» zum Wesen d i. aus der Kindheit zum Mann erwachst und auch in dieser Absicht die Geschichte seiner Brüder mtt reinem Geist durchwandert. Edle Ausbreitung gibt es der Seele, wenn sic sich aus dem engen Kreise, den Klima und Erziehung um uns gezogen, berauszusetzen wagt und unter andern Nationen wenigstens lernt, was man entbehren möge. Wie manches findet man da entbehrt und entbehrlich, was man lange für wesentlich hielt! Vorstellungen, die wir oft für die allgemeinsten Grundsätze der Menschenvernunft erkannten, verschwinde» dort und hier mit dem Klima eines Orts, wie dem Schiffen- der Geschichte der Menschheit. den das feste Lande als Wolke verschwindet. Was diese Nation ihrem Gedankenkreise unentbehrlich halt, daran hat jene nie gedacht, oder halt es gar für schädlich. So irren wir auf der Erde in einem Labyrinth menschlicher Phankasieen umher: wo aber der Mittelpunkt des Labyrinths sey? auf den alle Irrgange wie gcbrochne Strahlen zur Sonne zurückführen, das ist die Frage. m. Der praktische Verstand des Menschengeschlechts ist allenthalben unter Bedürfnissen der Lebensweise erwachsen; allenthalben aber ist er eine Blüthe des Genius der Völker^ ein Sohn der Tradition und Gewohnheit. M. san ist gewohnt, die Nationen der Erde in Jager, Fischer, Hirten und Ackerleute abzutheilen, und nach dieser Abtheilung nicht nur den Rang derselben in der Eultur, sondern auch die Eultur selbst als eine nothwendige Folge dieser oder jener Lebensweise zu bestimmen. Vortrefflich, wenn diese Le- 140 Ideen zur Philosophie benswcisen zuerst nur selbst bestimmt wären; sie andern sich aber beynah mit jedem Erdstrich und verschlingen sich meistens so sebr in einander, daß die Anwendung der reinen Elassisikation überaus schwer . wird. Der Grönländer, der den Walisisch trifft, das Rennthier jagt, den Seehund tödtct, ist Fischer und Jager: aber auf ganz andre Weise, als der Neger Fische fangt, oder der Araukcr auf den Wü- steneyen der Andes jaget. Der Beduin und dck Mongole, der Lappe und Peruaner sind Hirten; wie verschieden aber von einander, wenn jener Kamcele, dieser Pferde, der drille Rennlhicre, der vierte Al- paka's und Llacma's weidet. Der Ackermann in Whidah und der Japanese sind einander so unähnlich , als im Handel der Engländer und Sinese. Eben so wenig scheint auch das Bedürfnis, allein , selbst wenn Kräfte genug in der Natur da sind, die auf ihre Entwicklung warten, Eultur Hervorbringen zu können: denn sobald sich die Trägheit des Menschen mit seinem Mangel abgefunden und beyde das Kind hervorgebracht haben, das er Behaglichkeit nennt, verharret der Mensch in seinem Zustande und läßt sich kaum mit Mühe zur Verbesserung treiben. Es kommt also noch auf andre einwirkende Ursachen an, die die Lebensart eines Volks so oder anders bestimmten; hier indessen nehmen wir sie als bestimmt an und untersuchen, was sich in verschiednen derselben, für thätige Seclcnkräfte äußern. Menschen, die sich von Wurzeln, Kräutern und Früchten nähren, werden, wenn nicht bcsondre Triebfedern der Eultur dazu kommen, lange müßig der Geschichte der Menschheit, 14 t und nn Kräften eingeschränkt bleiben. In einem schönen Klima und von einem milden Stamm entsprössen, ist ihre Lebensart milde: denn worum sollten sie streiten, wenn ihnen die reiche Natur olles ohne Mühe darbeut? mit Künsten und Erfindungen ober reichen sie nuch nur cm dns tägliche Bedürfnis. Die Einwohner der Inseln, die tue Narur mit Früchten, insonderheit mit der wohlthä- liqen Brodfrucht nährte und unter einem schönen Himmel mit Rinden und Zweigen kleidete, lebten ein sanftcL, glückliches Leben. Die Vögel, sagt die Erzählung, saßen auf den Schultern der Marianen und sangen ungestört: Bogen und Pfeile kannten sie nicht: denn kein wildes Thier forderte sie auf, sich ihrer Haut zu wehren. Auch das Feuer war ihnen fremde: ihr mildes Klima ließ sie ohne dasselbe behaglich leben. Ein ähnlicher Fall war» mir den Einwohnern der Karolinen und andrer glücklichen Inseln des Südmeers; nur daß in einige» die Eultur der Gesellschaft schon höher gestiegen war und aus mancherlei) Ursachen mehrere Künste und Gewerbe vereint hatte. Wo das Klima rauher wird, müssen die Menschen auch zu härter» und mehreren Lebensarten ihre Zuflucht nehmen. Der Ncuholländer verfolgt sein Känguru und Opoßum, er schießt Vögel, fängt Fische, ißt Pam-Wurzeln; er hat so viel Lebensarten vereinigt, als die Sphäre seiner rauben Behaglichkeit fordert, bis diese sich gleichsam ründet und er nach seiner Weise in ibr glücklich lebet. Sv istS mit den Neukaledoniern und Neuseeländern, die armseligen Feuerländer selbst nicht ausgenommen. Sie hatten Kalme von Baumrinden, Bogen und Pfeile, Korb und Tasche, Feuer und 142 Ideen zur Philosophie Hütte, Kleider und Hocken; also die Anfänge von allen den Künsten, womit die gebildetsten Erdvölker ihre Eultur vollendet haben; nur Key ihnen, unter dem Joch der drückenden Kalte, im ödesten Fclsen- lande, ist alles noch der roheste Anfang geblieben. Die Kalifornicr beweisen so viel Verstand, als ihr Land und ihre Lebensart gibt und fodcrk. So ists mit den Einwohnern auf Labrador und mit allen Mcnschen-Nationen am dürftigen Rande der Erde. Allenthalben haben sie sich mit dem Mangel versöhnt, und leben in ihrer erzwungene» Thätigkeit durch erbliche Gewohnheit glücklich. Was nicht zu ihrer Nothdurst gehört, verachte» sie; so gelenk der Eskimo auf dem Meer rudert: so hat er das Schwimmen noch nicht gclernct. Auf dem großen feste» Lande unsrer Erdkugel drangen sich Menschen und Thicre mehr zusammen: der Verstand jener ward also durch diese auf mannigfaltigere Weise geübet. Freylich mußten die Bewohner mancher Sümpfe in Amerika auch zu Schlangen und Eidechsen , zum Jguan, Armadill und Alligator ihre Zuflucht nehmen; die meisten Nationen aber wurden Jagdvölker auf edlere Art. Was fehlt einem Nord- und Süd-Amerikaner an Fähigkeit zum Beruf seines Lebens? Ec kennt die Thiere, die ec verfolgt, ihre Wohnungen, Haushaltungen und Listen und wapnet sich gegen sie mit Starke, Verschlagenheit und Uebung. Zum Ruhm eines Jagers, wie in Grönland eines SeehnndfangcrS, wird der Knabe erzogen: hievon hört er Gespräche, Lieder, rühmliche Thatcn, die man ihm auch in Geberden und begeisternden Tänzen vormahlck. Von Kindheit auf lernt er Werkzeuge verfertigen und sie gcbrau- der Geschichte der Menschheit. rg3 chen : er spielt mit den Waffen und verachtet die Weiber; denn je enger der Kreis des Lebens und je bestimmter das Werk ist, in dem man Vollkommenheit sucht; desto eher wird diese erkalten. Nichts also störet den strebenden Jüngling in seinem Lauf, vielmekr reizt und ermuntert ihn alles, da er im Äuge seines Volks, im ^Stande und Beruf seiner Baker lebet. Wenn jemand ein Kuustbueh von den Geschicklichkeiten verschiedner Nationen zusammen- trüge: so würde er solche auf unsrem Erdboden zerstreuet und jede an ihrem Platz blühend finden. Hier wirft sich der Neger in die Brandung, in die sich kein Europäer wagt: dort klettert er auf Baume , wo ihn unser Auge kaum erreicht. Jener Fischer treibt sein Werk mit einer Kunst, als ob er die Fische beschwüre: dieser Samojede begegnet dem weißen Bär und nimmt» mit ihm auf: jenem Neger sind zwey Löwen nicht zu viel, wenn er Stärke und List verbindet. Der Hottentotte geht aufs Nasehorn und Flußpferd los: der Bewohner der Knna- rieninseln gleitet auf den steilsten Felsen umher, die die er wie ein Gcms bespringct: die starke, männliche Tibetanerin trägt den Fremden über die ungeheuersten Berge der Erde. Das Geschlecht des Prometheus, das aus den Theilen und Trieben aller Thiere zusammengesetzt ward, hat diese auch alle- sammt, das Eine hier, das andre dort, an Künsten und Geschicklichkeiten überwunden, nachdem es diese alle von ihnen gelernet. Daß die meisten Künste der Menschen von Thielen und der Natur gelernt sind, ist außer Zweifel. Warum kleidet sich der Mariane in Baumhüllen und der Amerikaner und Papu schmücket sich mie 144 Ideen zur Philosophie Federn? Weil jener mit Raumen lebt und von ihnen seine Nahrung holt; dem Amerikaner und Pa- pu sind die bunten Vögel seines Landes das Schönste, das er stehet. Der Jager kleidet sich wie sein Wild und bauet wie sein Biber; andre Völker hangen wie Vögel auf den Baume» , oder machen sich auf der Erde ihre Hüttcn^zrie Nester. Der Schnabel des Vogels war dem Menschen das Vorbild zu Spics und Pfeilen; wie die Gestalt des Fisches zu seinem künstlich schwimmenden Boot. Von der Schlange lernte er die schädliche Kunst, seine Waffen zu vergiften; und die sonderbar-weit verbreitete Gewohnheit, den Körper zu mahlen, war ebenfalls nach dem Verbilde der Thiere und Vögel. Wie? dachte er, diese sollten so schön geziert, so unterschieden geschmückt seyn: und ich müßte mit einförmiger , blasser Farbe umhergchn, da mein Himmel und meine Trägheit keine Decken leidet? Und so sing er an, sich symmetrisch zu sticken und zu mahlen: selbst bekleidete Nationen wollten dem Ochsen sein Horn, dem Vogel den Kamm, dem Bären den Schwanz nicht gönnen und ahmten sie nach. Dankbar rühmen es die Nord-Amerikaner, daß ein Vogel ihnen den Maiz gebracht; und die meisten klimatischen Arzneyen sind offenbar den Thieren ab- gelernet. Allerdings gehörte zu diesem Allen der sinnliche Geist freyec Naturmenschen, die mit diesen Geschöpfen lebend, sich noch nicht so unendlich-erhaben über sie glaubten. Den Europäern ward eS schwer, in andern Wcltiheilcn nur aufzufinden, was die Eingcbobrnen täglich nützten; nach langen Versuchen mußten sie doch von Jenen das Echeimniß erst erzwingen oder erbetteln. Un- der Geschichte der Menschheit. .>§5 Ungleich weiter aber kam der Mensch dadurch, daß er Thiere zu sich lockte und sie endlich unterjochte; der ungeheure Unterschied nachbarlicher Nationen, die mit oder ohne diese Substituten ihrer Kräfte leben, ist augenscheinlich. Woher kams, daß das entlegne Amerika dem größcsten Theil der alten Welt Key Entdeckung desselben noch so weit nach- siand, und die Euroxacr mit den Einwohnern, wie mit einer Heerde unbcwehrter Schafe umgehen konnten t An korxerliclxn Kräften lag es nicht allein, wie noch jetzt die Beospiele aller ungezäblten Waldnationen zeigen: im Wuchs, im schnellen Lauf, in raschew Gewandtheit überkrcffen sie, Mann gegen Mann gerechnet, die meisten der Nationen, die um ihr Land würfeln. An Vcrstandeskraft, so fern sie für einen einzelnen Menschen gehört, lag es auch nicht: der Amerikaner hakte für sich zu sorgen gewußt und mit Weib uiid Kindern glücklich gclcbet. Also lag es an Kunst, an Waffen, an gemeinsamer Verbindung, chm meisten aber an bezähmten Thieren. Hatte der Amerikaner das Einzige Pferd gehabt, dessen kriegerische Majestät er zitternd anerkannte , waren die wüthenden Hunde sein gewesen, die die Spanier als mitbesoldete Diener der katholischen Majestät auf ihn hetzten; die Eroberung batte mehr gekostet und den reitenden Nationen wäre wenigstens der Rückzug auf ihre Berge, in ihre Wüsten und Ebnen offen geblieben. Noch jetzt erzählen alle Reisende, mache daS Pferd den größesten Unterschied der Amerikanischen Völker. Die Reiter in Nord- insonderheit in Südamerika stehen von den armen Unterjochten in Mexico und Peru so gewaltig ab, daß man sie kaum für naclcharliche Brüder Phllos. und Gesch. IV. Th. K Ickeen. II. Ideen zur Philosophie 146 Eines Erdstrichs erkennen sollte. Jene hoben sich nicht nur in ihrer Freyheit erholten; sondern on Körper und Seele sind sie ouch monnhoftcre Menschen worden, ols sie wohrschcinlich bey Entdeckung des Landes wore». Dos Roß, dos die Unterdrücker ihrer Brüder ihnen ols unwissende Werkzeuge des Schicksols zubrochtcn, konn vielleicht einst der Be- freyer ihres gonzen Wclttheils werden, wie die on- dern bezähmten Thiere, die mon ihnsn zuführkc, zum Theil schon jetzt für sie Werkzeuge eines bequemer» Lebens worden sind, und wohrscheinlich einst Hülfs- mittel einer eignen westlichen Eultur werden dürften. Wie dies ober ollcin in den Händen des Schicksols ruket: so kom cs ous seinen Händen und log in der Natur des Wclttheils, doß sie so longe weder Pferd, noch Esel, weder Hund noch Rind, weder Schnf noch Ziege, noch Schwein, noch Kotze, noch Komeel konnten. Sic horten weniger Thier- gattungen, weil ihr Lond kleiner, von der ollen Welt getrennt, und einem großen Lbeil noch wohr- scheinlich später ous dem SchooS des Meers gestiegen wor, olS die ondern Welttheilc; sie könnt, n al- so auch weniger zähmen. Dos Alpaka und Llocmo, die Komeelschoofe von Mexico, Peru und Ekili waren die einzigen zähmbaren und bezobmten Geschöpfe: denn ouch die Europäer hoben mit ihrem Verstände kein nndres hinzufügen und weder den Kiki noch Pogi, weder den Tapir noch Ai zum nützlichen Housthier umbilden können. In der alten Welt dagegen wie viel sind der bezähmten Thiere! und wie viel sind sie dem lholi- gcn Verstände des Menschengeschlechts worden! Ohne Komeel und Pferd wäre die Arabische und Afrika- ...eAD -«re' der Geschichte der Menschheit. 147 nische Wüste unzugangbar; das Schaf und die Ziege haben der häuslichen Verfassung der Menschen, das Rind und der Esel dem Ackerbau und Handel der Völker aufgeholfen. Im einfachen Zustande lebte das Menschengeschöpf ftcundlich und gesellig mit diesen Thieren: schonend ging es mit ihnen um und erkannte, was es ihnen zu danken habe. So lebt der Araber und Mongole mit seinem Roß, der Hirt mit seinem Schaaf, der Jager mit seinem Hunde, der Peruaner mit seinem Llacma *). Bei) einer menschlichen Behandlung gedeihen auch, wie allgemein bekannt ist, alle Hülfsgeschöpfe der menschlichen Lebensweise besser: sie lernen den Menschen verstehn und ihn lieben: es entwickeln sich Key ihnen Fähigkeiten und Neigungen, von denen weder das wilde noch das von Menschen unterdrückte Thier weiß, das in feister Dnmmbeit oder in abgenutzter Gestalt selbst die Kräfte und Triebe seiner Gattung verlieret. In einem gewissen Kreise haben sich also Menschen und Thiere zusammengcbildet: der praktische Verstand jener hat sich durch diese, die Fähigkeit dieser hat sich durch jene gestärkt und erweitert. Wenn man von den Hunden der Kamtschadalen liefet : so weiß man kaum, wer das vernünftigere Geschöpf scy, ob der Hund oder der Kamtschadale? Man lese z. B. in Ul loa (Nachr. von Amerika, Th. 1. S. rZi.) die kindische Freude, mit der der Peruaner eine Llacma zu seinem Dienst weihet. Die Lebensarten der andern Völker mit ihren Thiercn sind aus Reisebeschreibungen genugsam bekannt. K 2 >43 Ideen zur Philosophie In dieser Sphäre nun stellt der erste thakige Verstand des Mensche» still, ja allen Neilionen, die cm sie gewöhnt waren, isis sic zu verlasse» schwer worden: insonderheit hat sich jede vor der unterjochenden Herrschaft deS Ackerbaues gefürchtet. So schön« Wiesenstriche Nord-Amerika hat: so genau jede Nation ihr Eigcnthum liebt und beschützt; ja so sehr manche durch die Europäer den Werrh des Geldes, des Branntweins und einiger Bequemlich- kciten kennen gelernt haben : so sinds doch nur die Weiber, denen sie die Bearbeitung des Feldes, den Vau des Maizes und einiger Gartenfrüchtc, so wie die ganze Besorgung der Hütte überlassen; der kriegerische Jager har sich nicht entschließen können, ein Gärtner, Hirt oder Ackermann zu werden. Das thalige, frepe Leben der Natur gehr dem sogcnannt- Wilden über Alles: mit Gefahren umringt, weckt es seine Kräfte, seinen Muth, seinen Entschluß und lohnt ihn dafür mit Gesundheit im Leben, in seiner Hütte mit unabhängiger Ruhe, in seinem Stamm mit Ansehen und Ehre. Weiter begehret, weiter bedarf ec nichts; und was könnte ihm auch ein andrer Zustand, dessen Bequemlichkeiten er nicht kennet und dessen Beschwerden er nicht mag, für neue Glückseligkeit geben? Man lese so manche unvcr- schönte Rede derer, die wir Wilde nennen; ist nicht gesunder Verstand, so wie natürliche Billigkeit in ihnen unverkennbar? Die Form des Menschen ist auch in diesem Zustande, obwohl mit roher Hand und zu wenigen Zwecken, dennoch so weit ausgebil- det, als sie hier ausaebildet werden konnte; zur gleichmülhigcn Zufriedenheit nämlich und nach einer dauerhaften langen Gesundheit zum ruhigen Abschied der Geschichte der Menschheit. 149 aus diesem Leben. Der Beduin und Abipone befindet sich in seinem Zustande wohl; jener schauert vorm Leben der Städte, wie der letzte vorm Begräbnis in der Kirche noch nach seinem Tode zurückbebt: seinem Gefühl nach waren sie dort wie hier lebend begraben. Auch wo der Ackerbau ringcführt ist, hat es Mühe gekostet, die Menschen an einen Erdklos zu befestigen und das Mein und Dein einzuführen: manche Völker kleiner culkivirter Negerkönigreiche haben noch bis jetzt keine Begriffe davon, da, wie sie sagen, die Erde ein gemeines Gut ist. Jährlich theilen sie die Acckcr unter sich aus und bearbeiten sie mit leichter Mühe; ist die Ernte eingebracht, so gehöret der Boden sich selbst wieder. Ucbcrhaupt hat keine Lebensart in der Gesinnung der Menschen so viele Veränderungen bewirkt, als der Ackerbau auf einem bezirkten Stück Erde. Indem er Han- tirungen und Künste, Flecken und Städte hervor, brachte, und also Gesetze und Polizcy befördern mußte: hat er nothwendig auch jenem fürchterlichen Despotismus den Weg geöffnet, der, da er jeden auf seinem Acker zu finden wußte, zuletzt einem jeden vorschrieb, was cr auf diesem Stück Erde allein thun und scyn sollte. Der Boden gehörte jetzt nicht mehr dem Menschen, sondern der Mensch dem Boden. Durch den Nichtgebrauch verlor sich auch bald das Gefühl der gebrauchten Kräfte: in Sklaverei) und Feigheit versunken ging der Unterjochte vom ar- bcitfeiigeu Mangel zur weichen Ueppigkeit über. Daher kommts, daß auf der ganzen Erde der Zeltbe- wohner, den Bewohner der Hütte, wie ein gefesseltes Lastthicr, wie eine verkümmerte Abart seines Ideen zur Philosophie i5o Geschlechts betrachtet. Der derbste Mangel wird jenem eine Lust, so lange Selbstbestimmung und Frepbeit ibn würzet und lohnet; dagegen alle Leckereren Gift sind, sobald sie die Seele erschlaffen, und dem sterblichen Geschöpf den einzige» Genuß seines hinfälligen Lebens, Würde und Frephcit rauben. Glaube niemand, daß ich einer Lebensart, die die Vorsehung zu einem ihrer vornehmsten Mittel gebraucht bat, die Menschen zur bürgerlichen Gesellschaft zu bereiten, etwas von ihrem Werth rauben wolle: denn auch ich esse Brod der Erde. Nur lasse man auch ander» Lebensarten Gerechtigkeit wic- derfahren, die der Beschaffenheit unsrer Erde nach eben sowohl zu Erzieherinnen der Menschheit bestimmt sind, als das Leben der Ackerleute, Ueber- haupt bauet der kleinste Tbeil der Erdbewohner den Acker nach unsrer Weise und die Natur hat ihm sein anderweites Leben selbst angewiesen. Jene zahlreiche Völkerschaften, die von Wurzeln, von Reiß, von Vaumfrüchtcn, von der Jagd des Wassers, der Luft und der Erde leben, die ungezählten Nomaden, wenn sic sich gleich jetzo etwa nachbarliches Brod kaufen oder etwas Getreide bauen, alle Völker, die den Landbau ohne Eigenthum oder durch ihre Weiber und Knechte treiben, sind alle noch eigentlich nicht Ackerleute; und welch ein kleiner Thcil der Erde bleibt also dieser künstlichen Lebensart übrig? Nun hat die Natur entweder allenthalben ihren Zweck erreicht, oder sie erreichte ihn nirgend. Der praktische Verstand der Menschen sollte in allen Varietäten aufblühen und Früchte tragen: darum ward dem vielartigsten Geschlecht eine so viclartigc Erde. der Geschichte der Menschheit. i5r IV Die Empfindungen und Triebe der Menschen sind allenthalben dem Zustande, worin sie leben, und ihrer Organisation gemäß; allenthalben aber werden sie von Meynungen und von der Gewohnheit regieret. >»»>elbstkrhaltung ist das erste, wog! ein Wesen da ist: voni Staubkorn bis zur Sonne strebt jedes Ding, was es ist, zu bleiben; dazu ist den Thic- rcn Instinkt eingcprägt: dazu ist dem Menschen sein Analogon des Jnstinks oder der Vernunft gegeben. Gehorchend diesem Gesetz suchet er sich, durch den wilden Hunger gezwungen, überall seine Speise: er strebt, ohne daß er weiß, warum und wozu? von Kindheit aus nach Uebung seiner Kräfte, nach Bewegung. Der Matte ruft den Schlummer nicht; aber der Schlummer kommt und erneuet ihm sein Daseyn: dem Kranken hilft, wenn sie kann, die innere Lebenskraft'oder sie verlanget wenigstens und ächzet. Seines Lebens wehret sich der Mensch gegen Alles, was ihn anstcht und auch ohne daß ers weiß, hat die Natur in ihm und um ihn her Anstalten gemacht, ihn dabey zu unterstützen, zu wahren, zu erhalten. r5s Ideen zur Philosophie Es hat Philosophen gegeben, die unser Geschlecht, dieses Triebes der Selbsicrhaltung wegen, unter die reißenden Thiere gesetzt, und seinen na» türlichen Zustand zu einem Stande des Kriegs gemacht haben. Offenbar ist viel Uncigentlichcs in dieser Behauptung. Freylich indem der Mensch die Frucht eines Baums bricht, ist er ein Räuber, indem er ein Thi.-r tödtet, ein Mörder, und wenn er mit seinem Fuß, mit seinem Hauch vielleicht einer zabllosen Menge- 'ungcsebencr Lebendigen das Leben nimmt, ist er der ärgste Unterdrücker der Erde. Jedermann weiß, wie weit es die zarte Indische, so wie die übertriebene Aegrptische Pbilosophic zu bringen gesucht hat, damit der Mensch ein ganz unschädliches Geschöpf werde; aber für die Spekulation vergebens. Ins Chaos der Elemente sehen wir nicht; und wenn wir kein großes Thier verzehren, verschlingen wir eine Menge kleiner Lebendiger im Wasser, in der Luft, der Milch, den Gewachsen- Von dieser Grübeley also hinweg, stellen wir den Menschen unter seine Brüder und fragen: ist er von Natur ein Raubthier gegen seinesgleichen, ein ungeselliges Wesen? Seiner Gestalt nach ist er daS Erste nicht und seiner Geburt nach das Letzte noch minder. Im Schoos der Liebe empfangen und an ihrem Busen gesauget, wird ec von Menschen auferzogen und empfing von ihnen tausend Gutes, das er um sie nicht verdiente. Sofern ist er also wirklich in und zu der Gesellschaft gebildet; ohne sie konnte er weder entstehen, noch ein Mensch werden. Wo Ungesclligkcit bey ihm anfängt, ist, wo man seine Natur bedrängt, indem er mit andern Lebendigen collidiret; hier ist er aber wiederum keine Aus- der Geschichte der Menschheit. i53 nabme, sondern wirkt noch dem großen Gesetz der Selbsterhaltung in cillen Wesen. Lasset uns sehen, was die Natur für Nüttel aussann, ihn dennoch auch hier, so viel sie konnte, befriedigend einzuschranken und den Krieg aller gegen alle zu bindern. 1. Da der Mensch das vielfach - künstlichste Geschöpf ist: so findet auch bei keiner Gattung der Lebendigen eine so grcfie Verschiedenheit genetischer Charaktere statt als beim Menschen. Der hinreißende, blinde Instinkt fehlet seinem feinen Gebilde: die Strahle» der Gedanken und Begierden hingegen laufen in seinem Geschlecht wie in keinem andern aus einander. Seiner Natur nach darf also der Mensch weniger mit andern collidiren, da diese in eimr ungeheuren Mannigfaltigkeit von Anlagen, Sinnen und Trieben bey ihm vertheilt und gleichsam vereinzelt ist. Was einem Menschen gleichgültig vorkommt, ziehet den andern; und so hat jedweder eine Welt des Genusses um sich, eine für ihn geschaffene Schöpfung. 2 . Diesem divergüenden Geschlecht gab die Natur einen großen Raum, die reiche weite Erde auf der die verschiedensten Erdstriche und Lebensweisen die Menschen zerstreuen sollten. Hier zog sie Berge, dort Ströme und Wüsten, damit sie die Menschen auseinander brachte: den Jagern gab sie den weiten Wald, den Fischern das weite Meer, den Hirten die weite Ebne. Ihre Schuld ists also nicht, wenn Vögel, betrogen von der Kunst des Vogelstellers in ein Netz flogen, wo sie einander Speise und Augen weghacken und den Athen, verpesten: denn sie setzte den Vogel in die Luft und nickt ins Netz des Voglers. Sehet jene wilden Stamme an, wie unwilde Ideen zur Philosophie sie unter sich leben! Da neidet keiner den andern, da erwirbt sich und genießt jeder das Seine in Frieden. Es ist gegen die Wahrheit der Geschichte, wenn man den bösartigen, widersinnigen Charakter zusammengedrängter Menschen, wetteifernder Künstler, streitender Politiker, neidigcr Gelehrten zu allgemeinen Eigenschaften des menschlichen Geschlechts macht; der größere Theil der Menschen auf der Erde weiß von diesen ritzenden Stacheln und ihren blutigen Wunden nichts: er lebt in der freien Luft und nicht im verpestenden Hauch der Städte. Wer das Gesetz nothwcndig macht, weil cs sonst Gesetzcs- verachtcr gäbe, der setzt voraus, was er erst beweisen sollte. Dränget die Menschen nicht in enge Kerker: so dürft ihr ihnen keine frische Luft zu- facheln. Bringet sic nicht in künstliche Raserei: so dürft ihr sie durch keine Gegenkünste binden. 3. Auch die Zeilen, wenn Menschen zusammen seyn mußten, verkürzte die Natur, wie sie sie verkürzen konnte. Der Mensch ist einer langen Erziehung bedürftig; aber alsdenn ist er noch schwach: er hat die Art des Kindes, das zürnt und wieder vergißt, das oft unwillig ist, aber keinen langen Groll nähret. Sobald er Mann wird, wacht ein Trieb in ihm auf und er verläßt das Haus des Vaters. Die Natur wirkte in diesem Triebe: sie stieß ihn aus, damit er sein eigen Nest bereite. Und mit wem bereitet er dasselbe? Mit einem Geschöpf, das ihm so unähnlich-ähnlich, das ihm in streitbaren Leidenschaften so ungleichartig gemacht ist, als es im Zweck der Vereinigung beider nur irgend geschehen konnte. Des WeibeS Natur ist eine andre als des Mannes: sie empfindet anders, sie wirkt der Geschichte der Menschheit. r55 anders. Elender, dessen Nebenbuhlerin !?in Weib ist oder die ihn in männlichen Tugenden gar überwindet ! Nur durch nachgebende Güte soll sic ihn beherrschen; und so wird der Zankapfel abermals ein Apfel der Liebe.- Weiter will ich die Geschichte der Vereinzelung dcS Menschengeschlechts nicht fortsetzen; der Grund ist gelegt, daß mit den verschiednen Hausern und Familien auch neue Gesellschaften, Gesetze, Sitten und sogar Sprachen werden. Was zeigen diese verschiednen, diese unvermeidlichen Dialekte, die sich auf unsrer Erde in unbeschreibbarcr Anzahl, und oft schon in der kleinsten Entfernung neben einander finden? Das zeigen sie, daß es die weitverbreitcnde Mutter nicht auf Zusammendrangung, sondern auf freie Verpflanzung ihrer Kinder an'Iegke. Kein Baum soll, so viel möglich, dem andern die Luft nehmen, damit dieser ein Zwerg bleibe oder um einen freien Athemhauch zu genießen, sich zum elenden Krüppel beuge. Eignen Platz soll er finden, damit er durch eignen Trieb Wurzelaus in die Höhe steige und eine blühende Krone treibe. Nicht Krieg also, sondern Friede ist der Natur- Zustand des unbcdrangten menschlichen Geschlechts: denn Krieg ist ein Stand der Noth , nicht des ursprünglichen Genußes. In den Händen der Natur ist er, (die Menschenfresserei selbst eingerechnet) nie Zweck sondern hie und da ein hartes, trauriges Mittel, dem die Mutter aller Dinge selbst nicht allenthalben entweichen konnte, das sie aber zum Ersatz dafür aus desto höhere, reichere, vielfachere Zwecke anwandte. i56 Ideen zur Philosophie Ehe wir also zum traurigen Haß kommen dürfen, wollen wir von der erfreuenden Liebe reden. Ilebcrall auf der Erde ist ihr Reich; nur allenthalben zeigt sie sich unter andern Gestalten. Sobald die Blume ibren Wuchs erreicht hat, blühet sic; die Zeit der Blüthe richtet sich also nach der Periode des Wuchses und diele nach der sie cm- portreibenden Sonnenwarme. Die Zeit der früheren oder spateren Menschenblüthe hangt gleichfalls vom Klima ab und von allem, was zu ibm gehöret. Sonderbar-weit sind auf unsrer kleinen Erde dis Zeiten der menschlichen Mannbarkeit nach Lebensarten und Erdstrichen verschieden. Die Perserin hei- ralkict im achten und gebiert im neunten Jahr; unsre alten Deutschen waren dreissigjährige Mannin- nen, ehe sic an die Liebe dachten. Jedermann stehet, wie sebr diese Unterschiede das ganze Berhaltniß der Geschlechter zu einander andern mußt.n. Die Morgenländerin ist ein Kind, wenn sic verheirathel wird: sie blühet frühe auf und frühe ab: sie wird von dem crwachsneren Mann also auch wie Kind und Blume behandelt. Da nun jene wärmeren Gegenden die Reize des physischen Triebes in beiden Geschlechtern nicht nur früher, sondern auch lebhafter entwickeln: welcher Schritt war naher, als daß der Mann die Vorzüge seines Geschlechts gar bald mißbrauchte und sich einen Garten dieser vorübergehenden Blumen sammlen wollte. Fürs Menschengeschlecht war dieser Schritt von großer Folge. Nicht nur, daß die Eifersucht des Mannes seine mehreren Weiber in einen Harem schloß, wo ihre Ausbildung mit dem männlichen Geschlecht unmöglich gleich fortgehen konnte; sondern der Geschichte der Menschheit. 167 da die Erziehung des Weibes von Kindheit auf für den Harem und die Gesellschaft mehrerer Weiber eingerichtet, ja das junge Kind oft schon im zweiten Jahr verkauft oder vermahlt ward: wie anders, als daß der ganze Umgang des Mannes, die Einrichtung des Hauses, die Erziehung der Kinder, endlich auch die Fruchtbarkeit selbst mit der Zeit an diesem Misverhältniß thcilnehmen mußtet Es ist nämlich gnugsam erwiesen, daß eine zu frühe Hei- rath des Weibes und ein zu starker Reiz des Mannes weder der Tüchtigkeit der Gestalten noch der Fruchtbarkeit des Geschlechts förderlich sei; ja die Nachrichten mehrerer Reisenden machen cs wahrscheinlich, daß in manchen dieser Gegenden wirklich mehrere Töchter als Söhne gebohren werden: welches, wenn die Sache gegründet ist, sowohl eine Folge der Polygamie seyn kann, als es wiederum eine fortwirkende Ursache derselben wurde. Und gewiß ist dies nicht der einzige Fall, da die Kunst und die gereizte Ueppigkeit der Menschen die Natur aus ihrem Wege geleitet hatte: denn diese hält sonst ein ziemliches Gleichmaas in den Geburten beider Geschlechter. Wie aber das Weib die zarteste Spcoße unsrer Erde und die Liebe das mächtigste Mobil ist, das von jeher in der Schöpfung gewnkct: so mußte nolbwendig die Behandlung derselben auch der erste kritische Scheidepunkt in der Geschichte unsres Geschlechts werden. Allenthalben war das Weib der erste Zankapfel der Begierden und seiner Natur nach gleichsam der erste brüchige Stein im Eebäud.e der Menschenschöpfung- Lasset uns z. B. Ecok auf seiner letzten Reife begleiten. Wenn auf den Socictats- und andern t53 Ideen zur Philosophie Inseln das weibliche Geschlecht dem Dienst der Colhere eigen zu seyn schien so daß es sich nicht nur selbst um einen Nagel, einen Putz, eine Feder Preisqab: sondern auch der Mann um einen kleinen Besitz, der ihn lüstete, sein Weib zu verhandeln, bereit war: so ändert sich mit dem Klima und dem Charakter andrer Insulaner offenbar die Scene. Unter Völkern, wo der Mann mit der Streitaxt erschien, war auch das Weib verborgner im Hause: die räubere Sitte jenes machte auch diese harter, daß weder ihre Häßlichkeit noch ihre Schönheit den Augen der Welt blos lag. An keinem Umstande, glaube ich, laßt sich der eigentliche Charakter eines Mannes oder einer Nation so unterscheidend erkennen, als an der Behandlung des Weibes. Die meisten Volker, denen ihre Lebensart schwer wird, haben das weibliche Geschlecht zu Hausthieren erniedrigt und ihm alle Beschwerlichkeiten der Hütte aufgctraqen: durch Eine Gefahrvolle, kühne, männliche Unternehmung glaubte der Mann dem Joch aller kleinen Geschäfte entnommen zu seyn und überließ diese den Weibern. Daher die große Subal- tcrnitat dieses Geschlechts unter den meisten Wilden von allerlei Erdstrichen: daher auch die Geringschätzung der Sohne gegen ihre Mütter, sobald sie in die männlichen Jahre treten. Frühe wurden sie zu Gefahrvollen Uebungen erzogen, also oft an die Vorzüge des Mannes erinnert und eine Art rauhen Kriegs- oder Arbeit-Muthes trat bald an die Stelle zärtlicher Neigung. Von Grönland dis zum Lande der Hottentotten herrscht diese Geringschätzung der Weiber bei allen uncultivirtcn Nationen, ob sie sich gleich in jedem Volk und Welttheil anders gestaltet. der Geschichte der Menschheit. ibA Zn der Sklaverei sogar ist das Negerweib weit unter dem Neger und der armseligste Karibe dünkt sich in seinem Hause ei» König. Aber nicht nur die Schwachbeit des Weibes scheint es dem Mann untergeordnet zu baden; sondern an den meisten Orten trug auch die größere Reizbarkeit desselben, seine List, ja überbaupt die feinere Beweglichkeit seiner Seele dazu noch ein meh- rcres bei. Die Morgenlander z. B. begreifen es nicht, wie in Europa, dem Reich der Weiber, ihre ungemeffene Freiheit ohne die äußerste Gefabr des ManncS statt finden oder bestehen könne; bei ihnen, meynen sie, wäre alles voll Unruh, wenn man diese leicht beweglichen, listigen, alles unternehmenden Geschöpfe nicht cinschränkte. Bon manchen tyrannischen Gebrauchen giebt man keine Ursache an, als daß durch dies oder jenes Betragen die Weiber sich ehemals selbst ein so hartes Gesetz verdient und die Männer, ihrer Sicherheit und Ruhe wegen, dazu gezwungen hatte». So erklärt man z. B. den unmenschlichen Gebrauch in Indien, das Verbrennen der Weiber mit ihren Männern; das Leben des Mannes, sagt man, sei ohne dieses fürchterliche Gegenmittel ihres eignen mit ihm anfzuopfernden Lebens nicht sicher gewesen; und beinah ließe sich, wenn man von der verschlagnen Lüsternheit der Weiber in diesen Ländern, von den zauberischen Reuen der Tänzerinnen in Indien, von den Kabalen der Harems unter Türken und Persern liefet, etwas von der Art glauben. Die Männer nämlich waren zu unvermögend, den leichten Zunder, den ihre Ueppigkeit zusammenbrachte, vor Funken zu bewahren, aber auch zu schwach und laßiq, den unermäß- Ideen zur Philosophie rsio liehen Knäuel zarter, weiblicher Fädigkeiten und Anschlag zu bessern Zwecken z» entwickeln; als üppigschwache Barbaren also schafften sic sich auf eine barbarische Art Ruhe und unterdrückten die mit Gewalt, deren List sie mit Verstand nickt zu überwinden vermochten. Man lese, was Morgenländer und Griechen über das Weib gesagt haben lind man wird Materialien finden, sich ihr befremdendes Schicksal in den meisten Gegenden heißer Klimate zu erklären. Freilich lag im Grunde Alles wieder an den Männern, deren stumpfe Brutalität das Ueb.l gewiß nicht ausrottete, das sie so ungelenk cinschränkte, wie es nicht nur die Geschichte der Eulkur, die das Weib durch vernünftige Bildung dem Mann gleich- gesetzt hat: sondern auch das Beispiel einiger vernünftigen Volker obnc feinere Eultur zeiget. Der alte Deutsche, auch in seinen rauhen Wäldern, erkannte das Edle im Weibe und genoß an ibm die schönsten Eigenschaften seines Geschlechts, Klugbeit, Treue, Muth und Keuschheit; allerdings aber kam ihm auch sein Klima, sein genetischer Ebarakter, seine ganze Lebensweise hierin zu Hülfe. Ec und sein Weib wuchsen wie die Eicken, langsam, unverwüstlich und kräftig; die Reize der Verführung fehlten seinem Lande; Triebe zu Tugenden dagegen gab beiden Geschlechtern sowobl die gewohnte Verfassung, als die Noch. Tochter Germaniens, fühle den Ruhm deiner Urmüttcr und cifrc ihm nach: unter wenigen Völkern rühmt die Geschichte, was sie von ihnen rühmet; unrer wenigen Völkern hat auch der Mann die Tugend des Weibes wie im ältesten Germanien geehrct. Sklavinnen sind die Weiber der meisten Nationen, die in solcher Vcr- faßung der Geschichte der Menschheit. 161 faßung leben; R.-ithgcbcnde Freundinnen waren deine Mütter und jede Edle unter ihnen ists noch. Laßet uns also auf die Tugenden des Weibes kommen, wie sic sich in der Geschichte der Menschheit offenbaren. Auch unter den wildesten Völkern unterscheidet sich das Weib vom Mann durch eine zartere Gefälligkeit, durch Liebe zum Schmuck und zur Schönheit; auch da noch sind diese Eigenschaften kennbar, wo die Nation mit dem Klima und dem schnödesten Mangel kämpfet. Ueberall schmückt sich das Weib, wie wenigen Putz cs auch hie und da sich zu schmücken habe: so bringet im ersten Frühling die Lcbcnreiche Erde wenigstens einige Geruchlose Blümchen hervor, Vorboten, was sic in andern Jahrszeiten zu thun vermöchte.-Reinlichkeit ist eine andre Weibertugcnd, dazu sie ihre Natur zwingt und der Trieb zu gefallen reizet. Die Anstalten, ja die oft übertriebnen Gesetze und Gebräuche, wodurch alle gesunde Nationen die Krankheiten der Weiber absonderten und unschädlich machten, beschämen manche cultjvicte Völker. Sie wußten und wissen also auch nichts von einem großen Theil der Schwachheiten, die bei uns sowohl eine Folge als eine neue Ursache jener tiefer Versunkenheit sind, die eine üppige, kranke Weiblichkeit auf eine elende Nachkommenschaft fortbrcitet. — Noch eines größer» Ruhmes ist die sanfte Duldung, die unverdrossene Geschäftigkeit wcrlh, in der sich ohne den Mißbrauch der Eultur, das zarte Geschlecht überall auf der Erde auszeichnet. Mit Gelassinheit tragt es das Joch, das ihm die rohe Ucbermacht der Männer, ihre Liebe zum Müßiggänge und zur Trägheit, endlich auch die Ausschweifungen seiner Vorfahren selbst Philvs. und Gesch. IV. Sh. L U. « 162 Ideen zur Philosophie als eine geerbte Sitte auflegten und bei den arm- > seligsten Völkern finden sich hierin oft die größesten Muster. Es ist nicht Verstellung, wenn in vielen Gegenden die mannbare Tochter zur beschwerlichen Ehe gezwungen werden muß: sie entlauft der Hütte, sic fliehet in die Wüste: mit Thranen nimmt sie rhren Brautkranz, denn cö ist die letzte Blütkc ihrer vertändelten, freieren Jugend. Die meisten Brautlieder solcher Nationen sind Aufmuntcrungs - Trost- und halbe Tcauerlicder *), über die wir spotten, weil wir ihre Unschuld und Wahrheit nicht mehr fühlen. Zärtlich nimmt sie Abschied von allem, was ihrer Jugend so lieb war: als eine Verstorbene verläßt sic das Haus ihrer Eltern, verlieret ihren vorigen Namen und wird das Eigenthum eines Fremden, der vielleicht ihr Tyrann ist. Das unschätzbarste, was ein Mensch hat, muß sie ihm auf- opfern, Besitz ihrer Person, Freiheit, Willen, ja vielleicht Gesundheit und Leben; und das Alles um -Reize, die die keusche Jungfrau noch nicht kennet und die ihr vielleicht bald in einem Meer von Ungemächlichkeit verschwinden. Glücklich, daß die Natur das weibliche Herz mit einem unnennbar-zarten und starken Gefühl für den persönlichen Werth des Mannes ausgerüstet und geschmückt hat. Durch dies Gefühl erträgt sie auch seine Hurtigkeiten: sie schwingt sich in einer süßen Begeisterung so gern zu allem auf, was ihr an ihm edel, groß, tapfer, ungewöhnlich dünket: mit erhebender Theilnehmung *) S. einige derselben in den Volksliedern Th, i, S. 33, 2H, a. S, 96 -gg, S. iotz. der Geschichte der Menschheit. i63 hört sie männliche Thaten , die ihr, wenn der Abend kommt, die Last des beschwerlichen Tages versüßen und es zum Stolz ihr machen, daß sie, da sie doch einmal zugehören muß, einem solchen Mann gehöre. Die Liebe des Romantischen im weiblichen Charakter ist also eine wohlrhatige Gabe der Natur, Balsam für sie und belohnende Aufmunterung des Mannes: denn der schönste Kranz des Jünglings war immer die Liebe der Jungfrau. Endlich die süße Mutterliebe, mit der die Natur dies Geschlecht auSstattete; fast unabhängig ist sie von kalter Vernunft und weit entfernt von eigennütziger Lobnbcgierde. Nicht weil cs liebenswürdig ist, liebet die Mutter ihr Kind, sondern weil cs ein lebendiger Theil ihres Selbst, das Kind ihres -Herzens, der Abdruck ihrer Natur ist. Darum regen sich ihre Eingeweide über seinem Jammer: ihr Herz klopft stärker bei seinem Glück: ihr Blut fließt sanfter, wenn die Muttcrbrust, die es trinkt, es gleichsam noch an sie knüpfet. Durch alle unverdorbene Nationen der Erde geht dieses Mutter-Gefühl: kein Klima, das sonst alles ändert, konnte dies andern; nur die verderbtesten Verfassungen der Gesellschaft vermochten etwa mit der Zeit das weiche Laster süßer zu machen als jene zarte Quaal mütterlicher Liebe. Die Grönländerin saugt ihren Sohn bis ins dritte, vierte Jahr; weil das Klima ihr keine Kinderspeisen darbeut; sie erträgt von ihm alle Unarten des keimenden männlichen Ucbermuths mit nachsehender Duldung. Mit mehr als Manneskraft ist die Negerin gewafnet, wenn ein Ungeheuer ihr Kind anfallt; mit staunender Verwunderung liefet man die Beispiele ihrer das Leben verachtenden müt- L 2 164 Ideen zur Philosophie tcrlichcn Großmuth. Wenn endlich der Tod der zärtlichen Mutter, die wir eine Wilde nennen, ihren besten Trost, den Werth und die Sorge ihres Lebens raubt; man lese bei Earver *) die Klage der Nadoweßcrinn, die ihren Mann und ihren vierjährigen Sohn verlohren hatte: das Gefühl, das in ihr herrscht, ist über alle Beschreibung. — Was fehlet also diesen Nationen an Empfindungen der wahren weiblichen Humanität, wenn nicht etwa der Mangel und die traurige Noth oder em falscher Punkt der Ehre und eine geerbte rohe Sitte sie hie und da auf Irrwege leiten? Die Keime zum Gefühl alles Großen und Edcln liegen nicht nur allenthalben da; sondern sie sind auch überall ausgebildet, nachdem es die Lebensart, das Klima, die Tradition oder die Eigenheit des Volks erlaubte. Ist dieses: so wird der Mann dem Weibe nicht nachbleibcn und welche denkbare männliche Tugend wäre es, die nicht hie und da auf der Erde den Ort ihrer Blüthe gefunden hätte? Der männliche Muth, auf der Erde zu herrschen und sein Leben, nicht ohne That, aber gnügsam-frei zu genießen, ist wohl die Erste Mannes-Tugend: sie hat sich am weitsten und vielartigsten ausgebildet, weil fast allenthalben die Noth zu ihr zwang und jeder Erdstrich, jede Sitte sic anders lenkte. Bald also suchte der Mann in Gefahren Ruhm und der Sieg über dieselbe war das kostbarste Kleinod seines männlichen *) Larver's Reisen S, 333. u. f. der Geschichte der Menschheit. i 65 Lebens. Vom Vater ging diese Neigung auf den Sohn über: die frühe Erziehung beförderte sie und die Anlage zu ihr ward in wenigen Generationen dem Volk erblich. Dem gebohrnm Jager ist die Stimme seines Horns und seiner Hunde, was sie sonst keinem ist: Eindrücke der Kindheit trugen dazu bei; oft sogar geht das Jagergesicht und das Jagdgehirn in die Geschlechter über. So mit allen andern Lebensarten freier, wirkender Völker. Die Lieder jeder Nation sind über die ihr eignen Gefühle, Triebe und Scharten die besten Zeugen; ein wahrer Eom- mentar ihrer Denk- und Empsindungsweise aus ihrem eignen fröhlichen Munde *). Selbst ihre Gebrauche , Sprüchwörter und Klugheitsregeln bezeichnen lange nicht so viel, als jene bezeichnen; noch mehr aber thaten es, wenn wir Proben davon hätten, oder vielmehr die Reisenden sie bemerkten, der Nationen charakteristische Träume. Im Traum und im Spiel zeiget sich der Mensch ganz, wie er ist; in jenem aber am meisten. Die Liebe des Vaters zu feinen Kindern ist die zweite Tugend, die sich beim Mann am besten durch männliche Erziehung äußert. Frühe gewöhnt der Vater den Sohn zu seiner Lebensweise: er lehrt ihn seine Künste, weckt in ihm das Gefühl seines Ruhms und liebet in ihm sich selbst, wenn er alt oder nicht mehr seyn wird. Dies Gefühl ist der Grund aller Stammes-Ehre und Stammes- ) S. die Volkslieder, theils allgemein, theils insonderheit die Nordischen Stücke Th. i. S. 166. 17b. 177. 2Ü2. 2H7. Th. 2. S. 210, 2!»b. i66 Ideen zur Philosophie Tugend auf der Erde: es macht die Erziehung zum öffentlichen, zum ewigen Werk: cs hat^allc Vorzüge und Vormtheile der Menschengeschlechter hinabgeer- bet, Daher fast bei allen Stammen und Völkern die Tdeilmhmcnde Freude, wenn der Sohn ein Mann wird und sich mit dem Gcrath oder den Waffen seines Vaters schmücket; daher die tiefe Trauer des Vaters, wenn er diese seine stolzeste Hoffnung verlieret. Man lese die Klage des Grönländers um seinen Sohn *), man höre die Klagen Oßians um seinen Oskar; und man wird in ihnen Wunden des Vaterherzens, die schönsten Wunden der männlichen Brust bluten sehen- Die dankbare Liebe des Sohns zu seinem Vater ist freilich nur eine geringe Wiedervergcltung des Triebes, mit dem der Vater den Sohn liebte; aber auch das ist Naturabsicht. Sobald der Sohn Vater wird, wirkt das Herz auf seine Söhne hinunter: der vollere Strom soll hinab, nicht aufwärts flicssen: denn nur also erhalt sich die Kette stets wachsender, neuer Geschlechter. Es ist also nicht als Unnatur zu schelten, wenn einige vom Mangel gedrückte Völker das Kind dem abgelebten Vater vorziehn oder wie einige Erzählungen sagen, den Tod der Vergrei- seten sogar befördern. Nicht Haß, sondern traurige Noch oder gar eine kalte Gutmürhigkcit ist diese Beförderung, da sie die Alten nicht nähren, nicht mitnehmen können und ihnen also lieber mit freundschaftlicher Hand selbst ein Quaalcnloses Ende bereiten als sie den Zähnen der Lhicre zurücklassen ) Volkslieder Th. 2. S. 128. der Geschichte der Menschheit. 167 wellen. Kann nicht im Drange der Noch, weh- mütbig genug, der Freund den Freund tobten und ihm, den er nicht erretten kann, damit eine Wohl- that erweisen, die er ihm nicht anders erweisen kennte? —- Daß aber der Ruhm der Baker in der Seele ihres Stammes unsterblich lebe und wirke, zeigen bei den meisten Völkern ihre Lieder und Kriege, ihre Geschichten und Sagen, am meisten die mit ewiger Hochachtung derselben sich forterbende Lebensweise. 'Gemeinschaftliche Gefahren endlich erwecken gemeinschaftlichen Muth; sie knüpfen also das dritte und edelste Band der Männer, die Freund- sck a ft. Zn Lebensarten und Landern, die gemeinschaftliche Unternehmungen nöthig machen, sind auch heroische Seelen vorhanden, die den Bund der Liebe auf Leben und Tod knüpfen. Dergleichen waren jene ewigbcrühmten Freunde der Griechischen Heldenzeit; dergleichen waren jene gepriesenen Scythen und sind allenthalben noch unter den Völkern, die Jagd, Krieg, Züge in Wäldern und Wüsteneien oder sonst Abentheuer lieben. Der Ackermann kennet nur einen Nachbar, der Handwerker einen Zunftgenoffen, den er begünstigt oder neidet, der Wechsler endlich, der Gelehrte, der Fürstcndiener — wie entfernter sind sie von jener eigen-gewählten, thätigcn, erprobten Freundschaft, von der eher der Wandrer, der Gefangne, der Sklave weiß, der mir dem andern an Einer Kette ächzet. Zn Zeiten des Bedürfnisses, in Gegenden der Noth verbünden sich Seelen: der sterbende Freund ruft den Freund um Rache seines Blutes an und freut sich, ihn hinterm Grabe mit demselben wieder zu finden. Mit unauslöschlicher / »66 Ideen zur Philosophie Flamme brennet dieser, den Schatten seines Freundes zu versöhnen, ihn aus dem Gefängnis zu befreien, ihm beizustehen im Streit und das Glück des Ruhms mit ibm zu lheilen. Ein gemeinschaftlicher Stamm kleiner Völker ist nichts als ein also verbündeter Eher von Blutsfrcunden, die sich von andern Geschlechtern in Haß oder in Liebe scheiden. So sind die Arabischen, so sind manche Tatarische Stamme und die meisten Amerikanischen Völker. Die blutigsten Kriege zwischen ihnen, die eine Schande der Menschheit scheinen, entsprangen zuerst aus dem edelsten Gefühl derselben, dem Gefühl der beleidigten Stammesehre oder einer gekrankten Stammes -Freundschaft. Weiterhin und auf die verschiednen Regierungsformen weiblicher oder männlicher Regenten der Erde lasse ich mich jetzt und hier noch nicht ein. Denn da aus den bisher angezeigten Gründen es sich noch nicht erklären laßt: warum Ein Mensch durchs Recht der Geburt über tausende seiner Brüder herrsche? warum er ihnen ohne Vertrag und Einschränkung nach Willkühr gebieten, tausende derselben ohne Verantwortung in den Tod liefern, die Schätze des Staats ohne Rechenschaft verzehren und gerade dem Armen darüber die bedrückcndsten Auflagen thun dürfe? da es sich noch weniger aus den ersten Anlagen der Natur ergiebt: warum ein tapfres und kühnes Volk d. i. tausend edle Männer und Weiber oft die Füße eines Schwachen küssen und den Sccptcr anbcten, womit ein Unsinniger sie blutig schlägt? welcher Gott oder Dämon cs ihnen eingegcben, eigne Vernunft und Kräfte, ja oft Leben und alle Rechte der Menschheit der Willkühr der Geschichte der Menschheit. 169 Eines zu überlassen und es sich zur höchsten Wohlfahrt und Freude zu rechnen, daß der Despot einen künftigen Despoten zeuge? — Da, sage ich, alle diese Dinge dem ersten Anblick nach die verworrensten Rathsel der Menschheit scheinen und glücklicher oder unglücklicher Weise der großeste Theil der Erde diese Regierungsformen nicht kennet: so können wir sic auch nicht unter die ersten, nothwendigen, allgemeinen Naturgesetze der Menschheit rechnen. Mann und Weib, Vater und Sohn, Freund und Feind sind bestimmte Verhältnisse und Namen; aber Führer und König, ein erblicher Gesetzgeber und Richter, ein willkührlicher Gebieter und Staatsverweser für sich und alle seine noch Ungebohrncn — diese Begriffe wollen eine andre Entwicklung, als wir ihnen hier zu geben vermögen. Gnug, daß wir die Erde bisher als ein Treibhaus natürlicher Sinne und Gaben, Geschicklichkeiten und Künste, Seelen- krafte und Tugenden in ziemlich großer Verschiedenheit derselben bemerkt haben; wiefern sich nun der Mensch dadurch Glückseligkeit zu bauen berechtigt oder fähig sei, ja wo irgend der Maasstab zu ihr liege? dies lasset uns jetzo erwägen. Ideen zur Philosophie 170 V. Die Glückseligkeit der Menschen ist allenthalben ein individuelles Gut; folglich allenthalben klimatisch und organisch, ein Kind der Uebung, der Tradition und Gewohnheit. >»^-'chon der Name Glückseligkeit deutet an, daß der Mensch keiner reinen Seligkeit fähig sei, noch sich dieselbe erschaffen möge; er selbst ist ein Sohn des Glücks, das ihn hie oder dahin setzte und nach dem Lande, der Zeit, der Organisation, den Umständen , in welchen er lebt, auch die Fähigkeit seines Genußes, die Art und das Maas seiner Freuden und Leiden bestimmt hat. Unsinnig-stolz wäre die Anmaßung, daß die Bewohner aller Wcltthcile Europäer seyn müßten, um glücklich zu leben: denn wären wir selbst, was wir sind, außer Europa worden? Der nun uns hieher setzte, setzte jene dorkbin und gab ihnen dasselbe Recht zum Genuß des irdischen Lebens. Da Glückseligkeit ein innerer Zustand ist: so liegt das Maas und die Bestimmung derselben nicht außer, sondern in der Brust eines jeden einzelnen Wesens; ein andres hat so wenig Recht, mich zu seinem Gefühl zu zwingen, als es ja keine Macht bat, mir seine Empsindungs- art zu geben und das Meine in Sein Daseyn zu der Geschichte der Menschheit. verwandeln. Lasset uns also aus stolzer Trägheit oder aus gewohnter Vermessenheit die Gestalt und das Maas der Glückseligkeit unsres Geschlechts nicht kürzer, oder hoher setzen, als es der Schöpfer setzte: denn Er wußte allein, wozu der Sterbliche auf unsrer Erde seyn sollte. i. Unfern vielorganischcn Körper mit allen, seinen Sinnen und Gliedern empfingen wir zum Gebrauch, zur Uebnng. Ohne diese stocken unsre Lebenssäfte; unsre Organe werden matt; der Kör- per, ein lebendiger Leichnam, stirbt lange vorher eh er stirbt; er verwes't eines langsamen, elenden, unnatürlichen Todes. Wollte die Natur uns also die erste unentbehrliche Grundlage der Glückseligkeit,. Gesundheit gewahren; so mußte sie uns Uebuna, Mühe und Arbeit verlcihn und dadurch dem Menschen sein Woblsevn lieber aufdrinqen, als daß er dasselbe entbehren sollte. Daher verkaufen, wie die Griechen sagen, die Götter den Sterblichen alles um Arbeit; nicht aus Neid, sondern aus Güte, weil eben in diesem Kampf, in diesem Streben nach der erquickenden Ruhe der größcste Genuß des Wohl- sevns, das Gefühl wirksamer, strebender Kräfte lieget. Nur in denen Klimaten oder Standen siechet die Menschheit, wo ein entkräftender Müßiggang, eine üppige Trägheit die Körper lebendig begräbt und sie zu blaßen Leichen oder zu Lasten, die sich selbst beschweren, umhildet; in andern und gerade in den härtesten Lebensarten und Ländern blühet der kräftigste Wuchs, die gesundeste, schönste Symmetrie menschlicher Glieder. Gehet die Geschichte der Nationen durch und leset, was Pages z. E. von der Bildung der Chakla's, der Tega's,, vom I 7 - Ideen zur Philosophie Charakter-der Bissayen, der Indier, der Araber saget *); selbst das drückendste Klima macht wenig Unterschied in der Dauer des Menschenlebens und eben der Mangel ists, der die fröhlichen Armen zur Gesundheitbringenden Arbeit stärket. Auch die Mißbildungen des Leibes, die sich hie oder da auf der Erde als genetischer Charakter oder als ererbte Sitte finden, schaden der Gesundheit weniger, als unser künstlicher Putz, unsre hundert angestrengte, unnatürliche Lebensweisen: denn was will ein grösserer Ohrlappe der Arrakaner, ein ausgcrupftcr Bart der Ost - und Westindier oder etwa eine durchbohrte Nase zu der eingedruckten, gequälten Brust, zum versinkenden Knie und mißgebildeten Fuß, zu den vcrwachsncn oder rachitischen Gestalten und den zu- sammengeprcßten Eingeweide» so vieler feinen Europäer und Europäerinnen sagen? Lasset uns also die Vorsehung preisen, daß da Gesundheit der Grund aller unsrer physischen Glückseligkeit ist, sie dies Fundament so weit und breit auf der Erde legte. Die Völker, von denen wir glauben, daß sie sie als Stiefmutter behandelt habe, waren ihr vielleicht die liebsten Kinder: denn wenn sie ihnen kein träges Gastmahl süßer Gifte bereitete, so reichte sie ihnen dafür durch die harten Hände der Arbeit den Kelch der Gesundheit und einer von innen sie erquickenden Lcbenswärme. Kinder der Morgenröthe blühen sie auf und ab: eine oft Gedankenlose Heiterkeit, ein inniges Gefühl ihres Wohlseyns ist ihnen *) äe ksges x. 17. 18. 26. 5 g. 5 H. ihc>. ihr. rb6. 167. 188. u. f. der Geschichte der Menschheit. 173 Glückseligkeit, Bestimmung und Genuß des Lebens; könnte es auch einen andern, einen sanftem und daurendcrn geben? 2. Wir rühmen uns unsrer feinen Scelcn- kräfte: lasset uns aber aus der traurigen Erfahrung lernen, daß nicht jede entwickelte Feinheit Glückseligkeit gewahre, ja daß manches zu feine Werkzeug eben dadurch untüchtig zum Gebrauch werde. Die Speculation z.E. kann das Vergnügen nur weniger, müßiger Menschen seyn und auch ihnen ist sie oft, wie der Genuß des Opium in den Morgenlandern, ein entkräftend-verzcrrendcs, einschläferndes Traumvergnügen. Der wachende, gesunde Gebrauch der Sinne, lhatiger Verstand in wirklichen Fällen des Lebens, muntere Aufmerksamkeit mit reger Erinnerung , mit schnellem Entschluß, mit glücklicher Wirkung begleitet; sie allein sind das, was wir Ge-' genwart des Geistes, innere Lebenskraft nennen, die sich also auch mit dem Gefühl einer gegenwärtigen wirksamen Kraft, mit Glückseligkeit und Freude selbst belohnet. Glaubet cs nicht, ihr Menschen, daß eine unzcitige, maaslose Verfeinerung oder Ausbildung Glückseligkeit sei oder daß k>ie todte Nomenklatur aller Wissenschaften, der ftiltanzerische Gebrauch aller Künste einem lebendigen Wesen die Wissenschaft des Lebens gewähren könne: denn Gefühl der Glückseligkeit erwirbt sich nicht durch das Recept auswendiggelernter Namen oder gelernter Künste. Ein mit Kenntnissen übersülleter Kopf und wenn cs auch goldene Kenntnisse wären; er erdrücket den Leib, verenget die Brust, verdunkelt den Blick und wird dem, der ihn tragt, eine kranke Last des Lebens. Je mebr wir verfeinernd unsre »74 Ideen zur PHilosophie Seelenk!'äste theilen, desto mehr ersterben die muffigen Kräfte; auf das Gerüst der Kunst gespannet, verwelken unfre Fähigkeiten und Glieder an diesem prangenden Kreuze. Nur auf dem Gebrauch der ganzen Seele, insondcrbeit ihrer thätigen Kräfte ruhet der Segen der Gesundheit; und da lasset uns abermals der Vorsehung danken, daß sie es mit dem Ganzen des Menschengeschlechts nicht zu fein nahm und unfre Erde zu nichts weniger als einem Hörsaal gelehrter Wissenschaften bestimmte. Schonend ließ sie bei den meisten Völkern und Ständen der Mcnschbeit die Seelcnkraste in einem festen Knäuel beisammen und entwickelte diesen nur, wo es die Noch begehrte. Die meisten Nationen der Erde wirken und phantasiren, lieben und hassen, hoffen und fürchten, lachen und weinen wie Kinder; sie genießen also auch wenigstens die Glückseligkeit kindlicher Jugcndträume. W,he dem Armen, der seinen Genuß des Lebens sich erst ergrübelt! 3. Da endlich unser Woklseon mehr ein stilles Gefühl als ein glanzender Gedanke ist: so sind es allerdings auch weit Mehr die Empfindungen des Herzens, als die Wirkungen einer tiefsinnigen Vernunft, die uns mit Lube und Freude am Leben lohnen. Wie gut hat es also die große Mutter gemacht, haß sie die Quelle des Wohlwollens gegen sich und andre, die wahre Humanität unsres Geschlechts , zu der es erschaffe» ist, fast unabhängig von Beweggründen und künstlichen Triebfedern in die Brust der Menschen pflanzte. Jedes Lebendige freuet sich seines Lebens; es fragt und grübelt nicht, wozu es dascy? fein Dasei.m ist ihm Zweck und sein Zweck das Dascyn. Kein Wilder mordete ssch der Geschichte der Menschheit. 17h selbst, so wenig ein Thier sich selbst mordet: er pflanzt sein Geschlecht fort, ohne zu wissen, wozu crs fortpflanze und unterzieht sich auch unter dem Druck des härtesten Klima aller Mühe und Arbeit, nur damit er lebe. Dies einfache, tiefe, unersetzliche Gefühl des Dascyns also ist Glückseligkeit, ein kleiner Tropft'aus jenem unendlichen Meer des All- seligen, der in Allem ist und sich in Allem freuet und fühlet. Daher jene unzerstörbare Heiterkeit und Freude, die mancher Europäer auf den Gesichtern und im Leben fremder Völker bewunderte, weil er sie bei seiner unruhigen Rastlosigkeit in sich nicht füblte: daher auch jenes offene'Wohlwollen, jene zuvorkommende, zwanglose Gefälligkeit aller glücklichen Volker der Erde, die nicht zur Rache oder Bercheidigung gezwungen wurden. Nach den Berichten der Unparrheiischen ist diese so allgemein nus- gebrcitet auf der Erde, daß ich sic den Charakter der Menschbeit nennen möchte, wenn es nicht leider eben sowohl Cbarakter dieser zweideutigen Natur wäre, daS offne Wolelwollen, die dienstfertige Heiterkeit und Freude in sich und andern einzuschranke», um sich aus Wahn oder aus Vernunft gegen die künftige Noch zu waffneN. Ein in sich glückliches Geschöpf, warum sollte es nicht auch andre glückliche neben sich sehen und wo es kann zu ibrer Glückseligkeit beitragen? Nur weil wir selbst, mit Mangel umringt, so vielbedürftig sind und es durch unsre Kunst und List noch mebr werden: so verenget sich unser Daftyn und die Wolke des Argwohns, des Kummers, der Müde und Sorgen umnebelt ein Gesicht, das für die offne, Tbeilmhmende Freude gemacht war. Jndeß auch hier hatte die sstatur das 176 Ideen zur Philosophie menschliche Herz in ihrer Hand und formte den fühlbaren Teig auf so mancherlei Arten, dass wo sie nicht gebend befriedigen kennte, sie wenigstens versagend zu befriedigen suchte. Der Europäer hat keinen Begriff von den beißen Leidenschaft.» und Phantomen, die in der Brust des Negers glühen und der Indier keinen Begriff von den unruhigen Begierden, die den Europäer von Einem Weltende zuin andern jagen. Der Wilde, der nicht auf üppige Weise zärtlich scyn kann, ist es desto mehr auf eine gesetzte ruhige Weise; dagegen wo die Flamme des Wohlwollens lichte Funken umhcrwirft, da verglühet sie auch bald und erstirbt in diesen Funken. Kurz, das menschliche Gefühl hat alle Formen erhalten, die auf unsrer Kugel in den vcr- schiedncn Klimaten, Zustanden und Organisationen der Menschen nur Statt fanden; allenthalben aber liegt Glückseligkeit des Lebens nicht in der wühlenden Menge von Empfindungen und Gedanken, sondern in ihrem -Verhältnis' zum wirklichen inncrn Genuß unseres Dascvns und dessen, was wir zu un- serm Daseyn rechnen. Nirgend auf Erden blühet die Rose der Glückseligkeit ohne Dornen; was aber aus diesen Dornen hervorgeht ist allenthalben und unter allerlei Gestalten die zwar flüchtige, aber schöne Rose einer menschlichen Lebensfreude. Irre ich nicht: so lassen sich nach diesen einfachen Voraussetzungen, deren Wahrheit jede Brust fühlet einige Linien ziehen, die wenigstens manche Zweifel und Irrungen über die Bestimmung des Menschengeschlechts abschncidcn. Was z. V. könnte es heißen, daß der Mensch, wie wir ihn hier kennen, zu einem unendlichen Wachsthum seiner See- lenkrafte, der Geschichte der Menschheit. 177 ienkrafte, zu einer fortgehcnden Ausbreitung seiner Empfindungen und Wirkungen, ja gar daß er für den Staat, als das Ziel seines Geschlechts und alle Generationen desselben eigentlich nur für die letzte Generation gemacht scyn., die auf dem zerfallenen Gerüst der Glückseligkeit aller vorhergehenden throne? Der 'Anblick unsrer Mitbrüder auf der Erde, ja selbst die Erfahrung jedes einzelnen Menschenlebens widerlegt diese der schaffenden Versetzung untergeschobenen Plane. Zu einer ins Unermeßliche wachsenden Fülle der Gedanke» und der Empfindungen ist weder unser Haupt, noch unser Herz gebildet; weder unsre Hand gemacht, noch unser Leben berechnet. Blühen nicht unsre schönsten Seclenkrafte ab, wie sie ausblühten? ja wechseln nicht mit Jahren und Zuständen sie selbst unter einander und lösen im freundschaftlichen Zwist oder vielmehr in einem kreisenden Reigentanz einander ab? Und wer hatte es nicht erfahren, daß eine Grenzenlose Ausbreitung seiner Empfindungen diese nur schwache und vernichte? indem sic das, was Seil der Liebe seyn soll, als eine vertheilte Flocke den Lüften giebt oder mit seiner verbrannten Asche das Auge des Andern benebelt. Da wir unmöglich andre mehr oder anders, als uns selbst lieben können: denn wir lieben sie nur als Theil« unser selbst oder vielmehr uns selbst in ihnen; so ist allerdings die Seele glücklich, die wie «in höherer Geist mit ihrer Wirksamkeit viel umfasset und es in rastloser Wohlthatigkeit zu ihr Selbst zahlet; elend ist aber die andre, deren Gefühl in Worte verschwcmmet, weder sich noch andern tauget. Der Wilde, der sich, der sein Weib und Kind mit ruhiger Freude liebt und für Philos. und G-sch. IV. LH. M I-Ue». II. 178 Ideen zur Philosophie seinen Stamm, wie für sein Leben, mit beschränkter Wirksamkeit glühet, ist, wie mich dünkt, ein wahreres Wesen als jener gebildete Schatte, der für den Schatten seines ganzen Geschlechts d. i. für einen Namen, in Liebe entzückt ist. In seiner armen Hütte hat jener für jeden Fremden Raum, den er mit gleichgültiger Eutmüthigkeit als seinen Breeder aufnimmt und ihn nicht einmal, wo er hersei? fraget. Das vcrschwcmmte Herz des müßigen Kosmopoliten ist eine Hütte für Niemand. Sehen wir denn nicht, meine Brüder, daß d,e Natur alles was sie konnte gethan habe, nicht um uns auszubreitcn , sondern um uns einzuschranken und uns eben an den Umriß unsres Lebens zu gewöhnen? Unsre Sinne und Kräfte haben ein Maas: die Horen unsrer Tage und Lebensalter geben einander nur wechselnd die Hände, damit die Ankommende die Verschwundne ablöse. Es ist also ein Trug der Phantasie, wenn der Mann und Greis sich noch zum Jünglinge träumet. Vollends jene Lüsternheit der Seele, die, selbst der Begierde zuvorkommend, sich Augenblicks in Eckel verwandelt, ist sie Paradiei'es-Llist oder vielmehr Tantalus Hölle, das ewige Schöpfen der unsinnig-gegualten Danai- den? Deine einzige Kunst, 0 Mensch, hiennden ist also Maas: das Himmelskind, Freude, nachdem du verlangest, ist um dich, ist in dir, eine Tochter der Nüchternheit und des stillen Genußes, eine Schwester der Gnügsamkeit und der Zufriedenheit mit deinem Daseyn im Leben und Tode. Noch weniger ists begreiflich, wie der Mensch also für den Staat gemacht seim soll, daß aus dessen Einrichtung nothwcndig seine erste wahre der Geschichte der Menschheit. 179 Glückseligkeit keime: denn wie viele Völker auf der Erde wissen von keinem Staat die dennoch glücklicher sind, als mancher gekreuzigte Staatswohlthater. Ich will mich auf keinen Tbeil des Nutzens oder des Schadens einlasscn, den diese künstliche Anstalten der Gesellschaft mit sich führen; da jede Kunst aber nur Werkzeug ist und das künstlichste Werkzeug nvthwendig den vorsichtigsten, feinsten Gebrauch erfodert: so ist offenbar, daß mit der Größe der Staaten und mit der seiner» Kunst ihrer Zusammensetzung nothwcndig auch die Gefahr, einzelne Unglückliche zu schaffen, unermeßlich zunimmt. In großen Staaken müssen Hunderte hungern, damit Einer praße und schwelge: Zehntauscnde werden gedrückt und in den Tod gejagt, damit Ein gekrönter Thor oder Weiser seine Phantasie ausführe. Ja endlich, da, wie alle Staatslebrer sagen, jeder wohleingcrichtctc Staat eine Maschine seyn muß, die nur der Gedanke Eines regieret; welche größere Glückseligkeit könnte es gewahren, in dieser Maschine als ein Gedankenloses Glied mitzudicnen? Oder vielleicht gar wider besser Wissen und Gefühl, Lebenslang in ihr auf ein Rad Jxions geflochten zu se»n, das dem traurig-verdammten keinen Trost läßt, als etwa die letzte Thatjgkeit seiner selbstbesiimmen- den, freien Seele wie ein geliebtes Kind zu ersticken und in der Unempfindlichkeit einer Maschine sein Glück zu finden — 0 wenn wir Menschen sind, so laßt uns der Vorsehung danken, daß sie das allgemeine Ziel der Menschheit nicht dahin setzte. Millionen des Erdballs leben ohne Staaten und muß nicht ein jeder von uns auch im künstlichsten Staat, wenn er glücklich seyn will, cs eben da anfangen, M 2 i8o Zheen zur Philosophie wo es der Wilde anfängt, nämlich, daß er Gesundheit und Seelcnkräfte, das Glück seines HauseS und Herzens, nicht vom Staat sondern von sich selbst erringe und erhalte. Vater und Mutter, Mann und Weib, Kind und Bruder, Freund und Mensch — das sind Verhältnisse der Natur, durch die wir glücklich werden; was der Staat uns geben kann, sind Kunstwerkzcuge, leider aber kann er uns etwas weit Wesentlicheres, Uns selbst, rauben. . Gütig also dachte die Vorsehung, da sie den Kunstendzwccken großer Gesellschaften die leichtere Glückseligkeit einzelner Menschen vorzog und jene kostbaren Staatsmaschinen, so viel sie konnte, den Zeiten ersparte. Wunderbar »heilte sie die Volker, nicht nur durch Wälder und Berge, durch Meere und Wüsten, durch Strome und Klimate, sondern insonderheit auch durch Sprachen, Neigungen und Charaktere; nur damit sie dem unterjochenden Despotismus sein Werk erschwerte und nicht alle Welt- theile in den Bauch eines hölzernen Pferdes juckte. Keinem Nimrod gelang es bisher, für sich und sein Geschlecht die Bewohner des Weltalls in Ein Gchäge zusammen zu jagen und wenn es seit Jahrhunderten der Zweck des verbündeten Europa wäre, die Glück-aufzwingende Tyrannin aller Erdnakioncn zu seyn, so ist die Glückesgöttin noch wert von ihrem Ziele. Schwach und kindisch wäre die schaffende Mutter gewesen, die die achte und einzige Bestimmung ihrer Kinder, glücklich zu seyn, auf die Kunstradcr einiger Spätlinge gebauct und von ihren Händen den Zweck der Erdeschöpsung erwartet hatte. Ihr Menschen aller Welttheile, die ihr seit Aconcn babingingt, ihr battet also nicht gelebt und etwa der Geschichte der Menschheit. 18 r mir mir eurer Asche dis Erde gedüngt, damit am Ende der Zeit eure Nachkommen durch Europäische Eultur glücklich würden; was fehlet einem stolzen Gedanken dieser Art, daß er nicht Beleidigung der Natur-Majestät heiße? Wenn Glückseligkeit auf der Erde anzukreffen ist: so ist sic in jedem fühlenden Wesen; ja sie muß in ihm durch Natur scyn und auch die helfende Kunst muß zum Genuß in ihm Natur werden. Hier hat nun jeder Mensch das Maas seiner Seligkeit in sich: er tragt die Form an sich, zu der er gebildet worden und in deren reinem Umriß er allein glücklich werden kann. Eben deswegen hat dje Natur alle ihre Mensäwnformen auf der Erde erschöpft, damit sie für jede derselben in ihrer Zeit und an ihrer Stelle einen Genuß hatte, mit dem sie den Sterblichen durchs,Leben hindurch tauschte. Neuntes Buch i. So gern der Mensch alles aus sich selbst hervorzubringen wähnet; so sehr hanget er doch in der Entwicklung seiner Fähigkeiten von andern ab. ^4>icht nur Philosophen haben die menschliche Vernunft, als unabhängig von Sinnen und Organen, zu einer ihm ursprünglichen, reinen Potenz erhoben; sondern auch der sinnliche Mensch wähnet im Traum seines Lebens, er sei alles, was er ist, durch sich selbst worden. Erklärlich ist dieser Wahn, zumal bei dem sinnlichen Menschen. Das Gefühl der Sclbstihatig- keit, das ihm der Schöpfer gegeben' hat, regt ihn zu Handlungen auf und belohnt ihn mit dem süßesten Lohn einer selbstvollendetcn Handlung. Die Jahre seiner Kindheit sind vergessen: die Keime, die er darinn empfing, ja die er noch täglich empfängt, schlummern in seiner Seele: er flehet und genießt nur den entsproßten Stamm und freut sich seines lebendigen Wuchses, seiner Früchletragcnden Zweige. Der Phi- der Geschichte der Menschheit. i83 losoph indessen, der die Genesis und den Umfang eines Menschenlebens in der Erfahrung kennet und ja auch die ganze Kette der Bildung unsres Geschlechts in der Geschichte verfolgen konnte; er müßte, dünkt mich, da ihn alles an Abhängigkeit erinnert, sich auS seiner identischen Welt, in der er sich allein und all- gnugsam fühlet, gar bald in unsre wirkliche zurück- finden. So wenig ein Mensch seiner natürlichen Geburt nach aus sich entspringt: so wenig ist er im Gebrauch seiner geistigen Kräfte ein Selbstgebohrner. Nicht nur der Kcim unsrer innern Anlagen ist genetisch wie unser körperliches Gebilde: sondern auch jede Entwicklung dieses KeimeS hangt vom Schicksal ab, das uns hie oder dorthin pflanzte und nach Zeit und Jahren die Hülfsmittel der Bildung um uns legte. Schon das Auge, mußte sehen, das Ohr hören lernen: und wie künstlich das vornehmste Mittel unsrer Gedanken, die Sprache, erlangt werde, darf keinem verborgen bleiben. Offenbar hat die Natur auch unfern ganzen Mechanismus, sammt der Beschaffenheit und Dauer unsrer Lebensalter zu dieser fremden Beihülfe eingerichtet. Das Hirn der Kinder ist weich und hangt noch an der Hirnschale: langsam bildet cs seine Streifen aus und wird mit den Jahren erst fester; bis es allmählich sich härtet und keine neuen Eindrücke mehr annimmt. So find die Glieder, so die Triebe des Kindes; jene sind zart und zur Nachahmung eingerichtet: diese nehmen, was sic sehen und hören mit wunderbar-reger Aufmerksamkeit und innerer Lebenskraft auf. Der Mensch ist also eine künstliche Maschine, zwar mit genetischer Disposition und einer Fülle von Leben begabt; aber die Maschine spielet 184 Ideen zur Philosophie sich nicht selbst und auch der fähigste Mensch muß lernen, wie er sie spiele. Die Vernunft ist ein Aggregat von Bemerkungen und Uebungen unsrer Seele; eine Summe der Erziehung unsres Geschlechts, die, nach gegebnen fremden Vorbildern, der Erzogne zuletzt als ein fremder Künstler an sich vollendet. Hier also liegt das Prmcipium zur Geschichte der Menschheit, ohne welches cs keine solche Geschichte gäbe. Empfinge der Mensch alles aus sich und entwickelte es abgctrennt von äußern Gegenständen: so wäre zwar eins Geschichte des Menschen, aber nicht der Menschen, nicht ihres ganzen Geschlechts möglich. Da nun aber unser speciftsche Charakter eben darin liegt, das wir, beinah ohne Instinkt qcbohren, nur durch eine Lebenslange Ucbung zur Menschheit gebildet werden, und sowohl die Perfectibilität als die Corruptibilitat unsres Geschlechts hierauf beruhet: so wird eben damit auch die Geschichte der Menschheit nothwendig ein Ganzes, d. i. eine Kette der Geselligkeit und bildenden Tradition vom Ersten bis zum letzten Gliede. Es giebt also eine Erziehung des Menschengeschlechts; eben weil jeder Mensch nur durch Erziehung ein Mensch wird und das ganze Geschlecht nicht anders als in dieser Kette von Individuen lebet. Freilich wenn jemand sagte, daß nicht der einzelne Mensch sondern das Geschlecht erzogen werde, so spräche er für mich unverständlich, da Geschlecht und Gattung nur allgemeine Begriffe sind, außer sofern sie in einzelnen Wesen existircn. Gabe ich diesem allgemeinen Begriff nun auch alle Vollkommenheiten der Humanität, Cultur und höchsten Aufklärung, die ein idea- lischer Begriff gestattet: so hätte ich zur wahren Ge, der Geschichte der Menschheit. ab» schichte unsres Geschlechts eben so viel gesagt, als wenn ich von der Thiecheit, der Steinhcit, der Me» tallkcit im allgemeinen spräche und sie mit den herrlichsten, aber in einzelnen Individuen einander widersprechenden Attributen aus,zierte. Auf diesem Wege der Averroischen Philosophie, nach der das ganze Menschengeschlecht nur Eine und zwar eine sehr niedrige Seele besitzet, die sich dem einzelnen Menschen nur Thcilwcise mittheilet/ auf ihm soll unsre Philosophie der Geschichte nicht wandern. Schrankte ich aber gegcnseits beim Menschen, alles auf Individuen ein und lauqnete die Kette ihres Zusammenhanges sowohl unter einander als mit dem Ganzen: so wäre mir abermals die Natur des Menschen und seine Helle Geschichte entgegen: denn kein einzelner von uns ist durch sich selbst Mensch worden. Das ganze Gebilde der Humanität in ihm hangt durch eine geistige Genesis, die Erziehung, mit seinen Eltern, Lehrern, Freunden, mit allen Umstanden im Lauf seines Lebens, also mit seinem Volk und den Vätern desselben, ja endlich mit der ganzen Kette des Geschlechts zusammen, das irgend in einem Glieds Eine seiner Seelenkraste berührte. So werden Volker zuletzt Familien: Familien gehen zu Stammvätern hinauf: der Strom der Geschichte enget sich bis zu seinem Quell und der ganze Wohnplatz unsrer Erde verwandelt sich endlich in ein Erziehungshaus unsrer Familie zwar mit vielen Abtheilungen, Elassen und Kammern, aber doch nach Einem Typus der Lectionen, der sich mit mancherlei Zusätzen und Verandrungcn durch alle Geschlechter vom Urvater heraberbte. Trauen wirs nun dem eingeschränkten Verstände eines Lehrers zu, daß er die Abtheilungen seiner Schüler nicht ohne Grund machte i66 Ideen zur Philosophie und finden, daß das Menschengeschlecht aus der Erde allenthalben und zwar den Bedürfnissen seiner Zeit und Wohnung gemäß eine Art künstlicher Erziehung finde: welcher verständige, der den Bau unsrer Erde und das Verhältniß der Menschen zu ihm betrachtet, wird nicht vermuthen, daß der Bater unsres Geschlechts, der bestimmc hat, wie lange und weit Nationen wohnen sollen, diese Bestimmung auch als Lehrer unsres Geschlechts gemacht habe? Wird, wer ein Schiff betrachtet, eine Absicht des Werkmeisters in ihm läugnen? und wer das künstliche Gebilde unsrer Natur mit jedem Klima der bewohnbaren Erde vergleicht, wird er dem Gedanken entfliehen können, daß nicht auch in Absicht der geistigen Erziehung die klimatische Divcr- sitat der vielarligcn Menschen ein Zweck der Erdeschöpfung gewesen? Da aber der Wohnplatz allein noch nicht Alles ausmacht, indem lebendige, uns ähnliche Wesen dazu gehören, uns zu unterrichten, zu gewöhnen, zu bilden; mich dünkt, so giebt es eine Erziehung des Menschengeschlechts und eine Philosophie seiner Geschichte so gewiß, so wahr es eine Menschheit d. i. eine Zusammenwirkuug der Individuen giebt, die uns allein zu Menschen machte. Sofort werden uns auch die Principien dieser Philosophie off.nbar, einfach und unverkennbar, wie es die Naturgeschichte des Menschen selbst ist; sie heißen Tradition und organische Kräfte. Alle Erziehung kann nur durch Nachahmung und Uebung, also durch Uebergang des Vorbildes ins Nachbild werden ; und wie könnten wir dies besser als lleberliefe- rung nennen? der Nachahmende aber muß Kräfte ha-, den, das Mitgetheilte und Mittheilbarc ausszunehmen und es, nsie die Speise, durch die er lebt, in seine der Geschichte der Menschheit. 187 Natur zu verwandeln. Von wem er also? was und wie viel er aufnehme? wie ers sich zueigne, nutze und anwende? das kann nur durch seine, des Ausnehmenden, Kräfte bestimmt werden; mithin wird die Erziehung unsres Geschlechts in zwiefachem Sinn genetisch und organisch: genetisch durch die Mittheilung, organisch durch die Aufnahme und Anwendung des Mit» getheilten. Wollen wir diese zweite Genesis dcS Menschen, die sein ganzes Leben durchgeht, von der Bearbeitung des Ackers Cultur oder vom Bilde des Lichts Aufklärung nennen: so stehet uns der Name frei; die Kette der Cultur und Aufklärung reicht aber sodann bis ans Ende der Erde. Auch der Ca- lifornier und Feuerlander' kernte Bogen und Pfeile machen und sie gebrauchen : er hat Sprache und Begriffe, Uebungen und Künste, die er lernte, wie wir sie lernen; sofern ward er also wirklich cultivirt und aufgekläret, wiewohl im niedrigsten Grade. Der Un> kcrschied zwischen aufgeklärten und unaufgeklärten, zwischen cultivirten und uncultivirten Völkern ist also nicht specisisch; sondern nur Gradweise. Das Gemälde der Nationen hat hier unendliche Schaltirun- gen, die mit den Räumen und Zeiten wechseln; es kommt also auch bei ihm, wie bei jedem Gemälde, auf den Standpunkt an, in dem man die Gestalten wahrnimmt. Legen wir den Begriff der Europäischen Cultur zum Grunde: so findet sich diese allerdings nur in Europa; setzen wir gar noch willkührli- che Unterschiede zwischen Cultur und Aufklärung fest, deren keine doch, wenn sie rechter Art ist, ohne die andre sepn kann: so entfernen wir uns noch weiter ins Land der Wolken. Bleiben wir aber auf der Erde und sehen im allgemeinsten Umfange das an, Ideen zur Philosophie was uns die Natur, die den Zweck und Charakter ihres Geschöpfs am besten kennen mußte, als menschliche Bildung selbst vor Augen legt, so ist dies keine andre als die Tradition einer Erziehung, zu irgend einerAorm m en sch li c h e r G lück- seligkcit und Lebensweise. Diese ist allgemein wie das Menschengeschlecht; ja unter den Wilden oft am thätigsten, wiewohl nur in einem cngern Kreise. Bleibt der Mensch unter Menschen: so kann er dieser bildenden oder mißbildenden Cultur nicht entweichen: Tradition tritt zu ihm und formt seinen Kopf und bildet seine Glieder. Wie jene ist, und wie diese sich bilden lassen: so wird der Mensch, so ist er gestaltet. Selbst Kinder die unter die Lhiere geriethen, nahmen, wenn sie einige Zeit bei Menschen gelebt batten, schon menschliche Cultur unter dieselbe, wie die bekannten meisten Exempel beweisen; dagegen ein Kind, das vom ersten Augenblick der Geburt an der Wölfin übergeben würde, der einzige unculti- virte Mensch auf der Erde wäre. Was folgt aus diesem festen und durch die ganze Geschichte unsres Geschlechts bewahrten Gesichtspunkt? Zuerst ein Grundsatz, der, wie unscrm Leben so auch dieser Betrachtung Aufmunterung und Trost giebl, nämlich: ist das Menschengeschlecht nicht durch sich selbst entstanden, ja wird es Anlagen in seiner Natur gewahr, die keine Bewunderung gnug- sam preiset: so muß auch die Bildung dieser Anlagen vom Schöpfer durch Mittel bestimmt seyn, die seine weiseste Vatergüte verrathen. Ward das leibliche Auge vergebens so schön gebildet? und findet es nicht sogleich den goldnen Lichtstrahl vor sich, der für dasselbe, wie das Auge für den Lichtstrahl, crschaf- der Geschichte der Menschheit. 189 fen ist und die Weisheit seiner Anlage vollendet? So ists mit allen Sinnen, mit allen Organen sie finden ikrc Mittel zur Ausbildung, das Medium, zu dem sie geschaffen werden. Und mit den geistigen Sinnen und Organen, auf deren Gebrauch der Ebarak- kcr des Menschengeschlechts so wie die Art und das Maas seiner Glückseligkeit beruhet; hier sollte es anders sei)» ? hier sollte der Schöpfer seine Absicht, mithin die Absicht der ganzen Natur, sofern sie vom Gebrauch menschlicher Kräfte abhangt, verfehlt haben? Unmöglich! Jeder Wahn hierüber muß an uns liegen, die wir dem Schöpfer entweder falsche Zwecke unterschieben oder, so viel an uns ist, sie vereiteln. Da aber auch diese Vereitlung ihre Grenzen haben muß und kein Entwurf des Allweisen von einem Geschöpf seiner Gedanken verrückt werden kann: so saßet uns sicher und gewiß feyn, daß, was Absicht Gottes auf unsrer Erde mit dem Menschengeschlecht ist, auch in seiner verworrensten Geschichte unverkennbar bleibe. Alle Werke Gottes haben dieses eigen, daß ob sie gleich alle zu Einem unüberseblichen Ganze» gehören, jedes dennoch auch für sich ein Ganzes ist und den göttlichen Eharakter seiner Bestimmung nn fich traget. So ists mit der Pflanze und mit dem Thier; wäre es mit dem Menschen und seiner Bestimmung anders? daß Tausende etwa nur für Einen, daß alle vergangenen Geschlechter fürs letzte, daß endlich alle Individuen nur für die Gattung d. i. für das Bild eines abstracten Namens hervorgebracht waren? So spielt der Allweise nicht: er dichtet keine abgezognen Schattenträume; in jedem seiner Kinder liebet und fühlt er sich mit den« Vatergefähl, als ob dies Geschöpf das Einzige seiner Welt wäre. Alle Ideen zur Philosophie 190 seine Mittel sind Zwecke; alle seine Zwecke Mittel zu größer» Zwecken, in denen der Unendliche allcrfüi- lend sich offenbaret. Was also jeder Mensch ist und scyn kann, das muß Zweck des A^enschengeschlechts scpii; und was ist dies? Humanität und Glückseligkeit auf dieser Stelle, in diesem Grad, als dies und kein anderes Glied der Kette von Bildung, die durchs ganze Geschlecht reichet. Wo und wer du gebohrcn bist, 0 Mensch, da bist du, der du seyn solltest: verlaß die Kette nicht, noch setze dich über sie hinaus; sondern schlinge dich a» sie. Nur in ihrem Zusammenhänge, in dem, was du empfangest und giebst und also in bcidcm Fall thätig wirst, nur da wohnt für dich Leben und Friede. Zweitens. So sehr es dem Menschen schmeichelt, daß ihn die Gottheit zu ihrem Gehülfcn angenommen und seine Bildung hienieden ihm selbst und seinesgleichen überlassen habe: so zeigt doch eben dies von der Gottheit erwählte Mittel die Unvollkommenheit unsres irdischen Daseyns, indem wir eigentlich Menschen noch nicht sind, sondern täglich werden. Was ists für ein armes Geschöpf, das nichts aus sich selbst hat, das alles durch Vorbild, Lehre, Uebung bekommt und wie ei» Wachs, darnach Gestalten annimmt! Man sehe, wenn man auf seine Vernunft stolz ist, den Spielraum seiner Mitbrüdcr an auf der weite» Erde oder höre ihre vieltönige dissonante Geschichte. Welche Unmenschlichkeit gäbe es, zu der sich nicht ein Mensch, eine Nation, ja oft eine Reihe von Nationen gewöhnen konnte, sogar daß ihrer viele und vielleicht die meisten das Fleisch ihrer Mitbrüder fraßen. Welche thörichte Einbildung wäre denkbar, die die erbliche Tradition nicht hie oder da der Geschichte der Menschheit. 191 wirklich geheiligt hätte? Niedriger also kann kein vernünftiges Geschöpf stehen, als der Mensch stellt: denn er ist Lebenslang nicht nur ein Kind an Vernunft, sondern sogar ein Zögling der Vernunft andrer. In welche Hände er fallt; darnach wird er gestaltet und ich glaube nicht, daß irgend eine Form der menschlichen Sitte möglich sei, in der nicht ei» Volk oder ein Individuum desselben existirt oder existirt habe. Alle Laster und Gräuelthaten erschöpfen sich in der Geschichte bis endlich hie und da eine edlere Form menschlicher Gedanken und Tugenden erscheinet. Nach dem vom Schöpfer erwählten Mittel, daß unser Geschlecht nur durch unser Geschlecht gebildet würde, wnrs nicht anders möglich: Thorheiken mußten sich vererben, wie die sparsamen Schatze der Weisheit: der Weg der Menschen ward einem Labvrinth gleich, mit Abwege» auf allen Seiten, wo nur wenige Fußtapfen zum innersten Ziel führen. Glücklich ist der Sterbliche, der dahin ging oder führte, dessen Gedanken, Neigungen und Wünsche, oder auch nur die Strahlen seines stillen Beispiels auf die schönere Humanität seiner Mitbrüder fortgcwirkt haben. Nicht anders wirkt Gott auf der Erde, als durch erwählte, grössere Menschen; Religion und Sprache, Künste und Wissenschaften, ja die Regierungen selbst können sich mit keiner schöner» Krone schmücken, als mit diesem Palmzweige der sittlichen Fortbildung in menschlichen Seelen. Unser Leid vermodert im Grabe und unsers Namens Bild ist bald ein Schatte auf Erde; nur in der Stimme Gottes, d. i. der bildenden Tradition cinverleibt, können wir auch mit Namenloser Wirkung in den Seelen der Unser» thatig fortleben. ZiY2 Ideen zur Philosophie Drittens. Die Philosophie der Geschichte also, die die Kette der Tradition verfolgt, ist eigentlich die wabre Menschengeschichke, ohne welche alle äußere Weltbegebenheiten nur Wolken sind oder erschreckende Mißgestalten werden. Grauscnvoll ist der Anblick, in den Revolutionen der Erde nur Trümmer ans Trümmern zu sehen, ewige Anfänge ohne Ende, Umwälzungen des Schicksals ohne dauernde Absicht! Die Kette der Bildung allein macht aus diesen Trümmern ein Ganzes, in welchen, zwar Menschengestalten verschwinden, aber der Menschengcist unsterblich und fortwirkend lebet. Glorreiche Namen, die in der Geschichte der Cultur als Genien des Menschengeschlechts, als glanzende Sterne in der Nacht der Zeiten schimmern! Laß cs scpn, daß der Verfolg der Aeonen manches von ihrem Gebäude zertrümmerte und vieles Gold in den Schlamm der Vergessenheit senkte; die Mühe ihres Menschenlebens war dennoch nicht vergeblich: denn was die Vorsehung von ihrem Werk retten wollte, rettete sie in andern Gestalten. Ganz und ewig kann ohnedies kein Menschcndenk- mahl auf der Erde dauern, da es im Strom der Generationen nur von den Händen der Zeit für die Zeit errichtet war und augenblicklich der Nachwelt verderblich wird, sobald es ihr neues Bestreben un- nöthig macht oder «ufhält. Auch die wandelbare Gestalt und die Unvollkommenheit aller menschlichen Wirkung lag also im Plan des Schöpfers. Thor- heit mußte erscheinen, damit die Weisheit sie überwinde : zerfallende Brechlichkcit auch der schönsten Werke war von ihrer Materie unzertrennlich, damit auf den Trümmern derselben eine neue bessernde oder der Geschichte der Menschheit. iAÄ oder bauende Mühe der Menschen statt fände: denn alle sind wir hier nur in einer Werkstatte der Hebung. Jeder Einzelne muß davon und da es ihm sodann gleich seyn kann, was die Nachwelt mit seinen Werken vornehme, so wäre es einem guten Geist sogar widrig, wenn die folgenden Geschlechter solche mit todter Stupidität anbeten und nichts eigenes unternehmen wollten. Er gönnet ihnen diese neue Mühe: denn was Er aus der Well milnahm, war seine gestärkte Kraft, die innere reiche Frucht seiner menschlichen Uebung. Goldene Kette der Bildung also, du die die Erde umschlingt und durch alle Individuen bis zum Thron der Vorsehung reichet, seitdem ich dich ersah und in deinen schönsten Gliedern, den Vater - und Mutter- den Freundes- und Lehrer - Empfindungen verfolgte, ist mir die Geschichte nicht mehr, was sie mir sonst schien, ein Gräuel der Verwüstung auf einer heiligen Erde. Tausend Schandthaten stehen da mit häßlichem Lobe verschleiert: tausend andre stehn in ihrer ganzen Häßlichkeit daneben, um allenthalben doch das sparsame wahre Verdienst wirkender Humanität auszuzeichnen, das auf unsrer Erde immer still und verborgen ging und selten die Folgen kannte, die die Vorsehung aus seinem Leben, wie den Geist aus der Masse hervorzvg. Nur unter Stürmen konnte die edle Pflanze erwachsen; nur durch Entgegenstreben gegen falsche Anmassungen mußte die süße Mühe der Menschen Siegerin werden; ja oft schien sie unter ihrer reinen Absicht gar zu erliegen. Aber sie erlag nicht. Das Samenkorn aus der Asche des Guten ging in der Zukunft desto schöner hervor und mit Blut befeuchtet, stieg es Philos. und Besch. IV. LH. N IL- 194 Ideen zur Philosophie meistens zur unverwclklichen Krone. Dos Maschinenwerk der Revolutionen irret mich also nicht mehr: es ist unscrm Geschlecht so nöthig, wie dem Strom seine Wogen, damit er nicht ein stehender Sumpf werde. Immer verjüngt in seinen Gestalten, blüht der Genius der Humanität auf und ziehet palinge- netisch in Völkern, Generationen und Geschlechtern weiter. II Das sonderbare Mittel zur Bildung der Menschen ist Sprache. tX)m Menschen, ja selbst im Affen findet sich ein sonderbarer Trieb der Nachahmung, der kcineswe- ges die Folge einer vernünftigen Uebcrlegung, sondern ein unmittelbares Erzcugniß der organischen Sympathie scheinet. Wie eine Saite der andern zutönt und mit der reincrn Dichtigkeit und Homo- geneität aller Körper auch ihre vibrirendc Fähigkeit zunimmt: so ist die menschliche Organisation, als die feinste von allen, nvthwendig auch am meisten dazu gestimmt, den Klang aller andern Wesen nach- zuhallcn und in sich zu fühlen. Die Geschichte der Krankheiten zeigt, daß nicht nur Affecten und kör- perliche Wunden, daß selbst der Wahnsinn sich sympathetisch fortbreiten konnte. Bei Kindern sehen wir also die Wirkungen dieses Consensus gleichgestimmter Wesen im hohen Grad; ja eben auch dazu sollte ihr Körper lange Jahre ein leicht - zurücktöncndes Saitenspiel bleiben. Handlungen und Geberden, selbst Leidenschaften und Gedanken gehen unvermerkt in sie über, so daß sie auch zu dem was sie noch nicht üben können, wenigstens gestimmt werden und einem Triebe, der eine Art geistiger Assimilation ist, unwissend folgen. Bei allen Söhnen der Natur, den wilden Völkern, ists nicht anders. Gebohrne Pantomimen, ahmen sie alles, was ihnen erzählt wird oder was sie aus- drückcn wollen, lebhaft nach und zeigen damit in Tanzen, Spielen, Scherz und Gesprächen ihre eigentliche Denkart. Nachahmend nämlich kam ihre Phantasie zu diesen Bildern: in Typen solcher Art bestehet der Schatz ihres Gcdachtnißes und ihrer Sprache; daher gehen auch ihre Gedanken so leicht in Handlung und lebendige Tradition über. Durch alle diese Mimik indessen wäre der Mensch noch nicht zu seinem künstlichen Geschlcchts- charaktcr, der Vernunft gekommen; zu ihr kommt er allein durch Sprache. Lasset uns bei diesem Wunder einer göttlichen Einsetzung verweilen: rS ist außer der Genesis lebendiger Wesen vielleicht daS größeste der Erdeschöpfung. Wenn uns jemand ein Rathsel vorlegte, wie Bilder des Auges und alle Empfindungen unsrer verschiedensten Sinne nicht nur in Töne gefaßt sondern auch diesen Tönen mit inwohncnder Kraft so mitgetheilt werden sollen, daß sie Gedanken aus- N 2 196 Ideen zur Philosophie drücken und Gedanken erregen; ohne Zweifel hielte man dies Problem für den Einfall eines Wabn- sinniacn, der höchst ungleiche Dinge einander sub- stikulrend, die Farbe zum Ton, den Ton zum Gedanken , den Gedanken zum mahlenden Schall zu machen gedachte. Die Gottheit hat das Problem thätig nufgelösct. Ein Hauch unsres Mundes wird das Gemahlde der Welt, der Typus unsrer Gedanken und Gefühle in des andern Seele. Von einem bewegten Lüftchen hangt alles ab, was Menschen je auf der Erde menschliches dachten, wollten, tbaten und thun werden: denn alle liefen wir noch in Wäldern umher, wenn nicht dieser göttliche Othem uns angehaucht hakte und wie ein Zauberton auf unfern Lippen schwebte. Die ganze Geschichte der Menschheit also mit allen Schätzen ihrer Tradition und Eultur ist nichts als eine Folge dieses aufgelösten göttlichen Rathsels. Was uns dasselbe noch sonderbarer macht, ist, daß wir selbst nach seiner Auflösung bei täglichem Gebrauch der Rede nicht einmal den Zusammenhang der Werkzeuge dazu begreifen. Gehör und Sprache hangen zusammen - denn bei den Abartungen der Geschöpfe verändern sich ihre Organe offenbar mit einander. Auch sehen wir daß zu ihrem Consensus der ganze Körper eingerichtet worden; die innere Art der Ausammenwir- kung aber begreifen wir nicht. Daß alle Affekten, insonderheit Schmerz und Freude Töne werden, daß was unser Ohr hört, auch die Zunge reget, daß Bilder und Empfindungen geistige Merkmale, daß diese Merkmale bedeutende, ja bewegende Sprache senn können — das Alles ist ein Conrent so vieler Anlagen , rin freiwilliger Bund gleichsam, den der der Geschichte der Menschheit. 197 Schöpfer zwischen den verschiedensten Sinnen und Trieben, Kräften und Gliedern seines Geschöpfs eben so wunderbar hat errichten wollen, als er Leib und Seele zusammcnfügte. Wie sonderbar, daß ein bewegter Lufthauch das einzige, wenigstens das beste Mittel unsrer Gedanken und Empfindungen sein: sollte! Ohne sein unbegreifliches Band mit allen ihm so ungleichen Handlungen unsrer Seele waren diese Handlungen ungeschehen, die feinen Zubereitungen unsres Gehirns müßig, die ganze Anlage unsres Wesens unvollendet geblieben, wie die Beispiele der Menschen , die unter die Thiere geriethen, zeigen. Die Taub - und Stummgebohrnen, ob sie gleich Jahre lang in einer Welt von Gebcrdcn und andern Zdeenzeichen lebten, betrugen sich dennoch nur wie Kinder oder wie menschliche Thiere. Nach der Ana-, logie dessen was sie sahen und nicht verstanden, handelten sie; einer eigentlichen Vcrnunftvcrbindung waren sie durch allen Reichrhum des Gesichts nicht fähig worden. Ein Volk hat keine Idee, zu der es kein Wort hat: die lebhafteste Anschauung bleiht dunkles Gefühl, bis die Seele ein Merkmal findet und cs durchs Wort dem Gedächtnis,, der Rücker- inncrung, dem Verstände, ja endlich dem Verstände der Menschen, der Tradition einverleiheb: eine reine Vernunft ohne Sprache ist auf Erden ein utopisches Land. Mit den Leidenschaften des Herzens, mit allen Neigungen der Gesellschaft ist es nicht anders. Rur die Sprache hat den Menschen menschlich gemacht , indem sie die ungeheure Much, seiner Affectem in Damme cinschlvß und ihr durch Worte vernünftige Denkmahle setzte. Nicht die Leier Amp.hions hat? l-' 198 Ideen zur Philosophie Städte errichtet, keine Zauberruthe hat Wüsten in Gärten verwandelt; die Sprache hat es gechan, sie, die große Gesellen» der Menschen. Durch sie vereinigten sie sich bewillkommend einander und schloßen den Bund der Liebe. Gesetze stiftete sie und verband Geschlechter; nur durch sie ward eine Geschichte der Menschheit in herabgecrbten Formen des Herzens und der Seele möglich. Noch jetzt sehe ich die Helden Homers und fühle .Oßians Klagen, obgleich die Schatten der Sänger und ihrer Helden so lange der Erde entfloh» sind. Ein bewegter Hauch des Mundes hat sie unsterblich gemacht und bringt ihre Gestalten vor mich; die Stimme der Verstorbenen ist in meinem Dhr: ich böre ihre lanqstver- stummcten Gedanken. Was je der Geist der Mcnr sehen aussann, was die Weisen der Vorzeit dachten, kommt, wenn cs mir die Vorsehung gegönnt hat, allein durch Sprache zu mir. Durch sie ist meine denkende Seele an die Seele des ersten und vielleicht des letzten denkenden Menschen gcknüpfet: kurz Sprache ist der Charakter unsrer Vernunft, durch welchen sie allein Gestalt gewinnet und sich fortpflanzet. Indessen zeigt eine kleine nähere Ansicht, wie unvollkommen dies Mittel unsrer Bildung sei, nicht nur als Werkzeug der Vernunft, sondern auch als Band zwischen Menschen und Menschen betrachtet; so daß man sich beinah kein unwesenhafteres, leichteres, flüchtigeres Gewebe denken kann, als womit der Schöpfer unser Geschlecht verknüpfen wollte. Gütiger Vater, war kein andrer Ealcul unsrer Gedanken, war keine innigere Verbindung menschlicher Geister und Herzen möglich? der Geschichte der Menschheit. 199 1. Keine Sprache drückt Sachen aus, sondern nur Namen: auch keine menschliche Vernunft also erkennt Sachen, sondern sie hat nur Merkmale von ihnen, die sie mit Worten bezeichnet; eine demülhigende Bemerkung, die der ganzen Geschichte unsres Verstandes enge Grenzen und eine sehr un- wesenhafce Gestalt giebt. Alle unsre Metaphysik ist Metaphysik, d. i. ein abgezognes, geordnetes Namenregister hinter Beobachtungen der Erfahrung. Als Ordnung und Register kann diese Wissenschaft sehr brauchbar seyn und muß gewissermaße in allen andern unfern künstlichen Verstand leiten; für sich aber und als Natur der Sache betrachtet, giebt sic keinen einzigen vollständigen und wesentlichen Begriff, keine einzige innige Wahrheit. All' unsre Wissenschaft rechnet mit abgezognen einzelnen äußern Merkmalen, die das Innere der Erlisten; keines einzigen Dinges berühren, weil zu dessen Empfindung und Ausdruck wir durchaus kein Organ haben. Keine Kraft in ihrem Wesen kennen wir, können sie auch nie kennen lernen: denn selbst die, die uns belebt, die in uns denket, genießen und fühlen wir zwar, aber wir kennen sie nicht. Keinen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung verstehen wir also, da wir weder das, was wirkt, noch was gewirkt wird, im Innern einsehn und vom Seyn eines Dinges durchaus keinen Begriff haben. Unsre ^ arme Vernunft ist also nur eine bezeichnende Rechnen» , wie auch in mehreren Sprachen ihr Name saget. 2. Und womit rechnet sie? Etwa mit .dcn Merkmalen selbst, die sie abzog, so unvollkommen 2 oo -5" Ideen zur Philosophie und unwesenhaft diese auch seyn mögen? Nichts minder! Diese Merkmale werden abermals inwillkührliche, ihnen ganz Unwesen- hafte Laute verfaßt, mit denen die Seele denket. Sie rechnet also mit Rechenpfennigen, mit Schällen und Ziffern: denn daß ein wesentlicher Zusammenhang zwischen der Sprache und den Gedanken, geschweige der Sache selbst sei, wird niemand glauben, der nur zwo Sprachen auf der Erde kennet. Und wie viel mehr als zwo sind ihrer auf der Erde! in denen allen doch die Vernunft rechnet und sich mit dem Schattenspiel einer willkührlichen Zusammcnordnung begnüget. Warum dies? weil sie selbst nur unwesentliche Merkmale besitzt und cs am Ende ihr gleichgültig ist, mit diesen oder jenen Ziffern zu bezeichnen. Trüber Blick auf die Geschichte des Menschengeschlechtes! Jrrthümer und Meynungcn sind unsrer Natur also unvermeidlich, nicht etwa nur aus Fehlern des Beobachters sondern der Genesis selbst nach, wie wir zu Begriffen kommen und diese durch Vernunft und Sprache fortpflanzen. Dachten wir Sachen statt abgezogner Merkmale und sprachen die Natur der Dinge aus, statt willkührlicher Zeichen: so lebe wohl, Jrrthum und Meynung, wir sind im Lande der Wahrheit. Jetzt aber wie fern sind wir demselben, auch wenn wir dicht an ihm zu stehen glauben, da, was ich von einer Sache weiß, nur ein äußeres abgerissenes Symbol derselben ist, in ein anderes willkührliches Symbol gekleidet. Verstehet mich der andre? verbindet er mit dem Worte die Idee, die ich damit verband oder verbindet er gar keine? Er rechnet indessen mit dem Wort weiter und zieht es andern der Geschichte der Menschheit. 2c>r vielleicht gar als eine leere Nußschaale. So gings bei allen philosophischen Sccten und Religionen. Der Urheber hatte von dem was er sprach, wenigstens klaren, obgleich darum noch nicht wahren Begriff; seine Schüler und Nachfolger verstanden ihn aus ihre Weise, d. i. sie belebten mit ihren Ideen seine Worte und zuletzt tönten nur leere Schalle um das Ohr der Menschen. Lauter Unvollkommenheiten, die in unserm einzigen Mittel der Fortpflanzung menschlicher Gedanken liegen; und doch sind wir mir unsrer Bildung an diese Kette geknüpft: sie ist uns uncntweichbar. Große Folgen ljcgen hierin für die Geschichte der Menschheit. Zuerst: Schwerlich kann unser Geschlecht nach diesem von der Gottheit erwählten Mittel der Bildung für die bloße Spekulation oder für die reine Anschauung gemacht seyn: denn bevde liegen sehr unvollkommen in unserm Kreise. Nicht für die reine Anschauung, die entweder ein Trug ist, weil kein Mensch das Innere der Sache stehet oder die wenigstens, da sie keine Merkmale und Worte zulaßt, ganz unmitthcilbar bleibet. Kaum ver, mag der Anschauende den andern auf den Weg zu führen, auf dem Er zu seinen unnennbaren Schatze» gelangte und muß es ihm selbst und seinem Genius überlassen, wiefern auch Er dieser Anschauungen theilhastig werde. Nothwendig wird hiemit eine Pforte zu tausend vergeblichen Quaalen des Geistes und zu unzahlichen Arten des listigen Betruges eröffnet, wie die Geschichte aller Völker zeiget. Zur Speculation kann der Mensch eben so wenig geschaffen seyn, dg sie ihrer Genesis und Mittheilung 202 Ideen zur Philosophie nach nicht vollkommener ist und nur zu bald die Köpfe der Nachbeter mit tauben Worten erfüllet. Ja wenn sich diese beide Erlrcme, Spekulation und Anschauung gar gesellen wollen, und der metaphr,fische Schwärmer auf eine Wortlose Vernunft voll Anschauungen weiset: armes Menschengeschlecht, so schwebst du gar im Raum der Undinge zwischen kalter Hitze und warmer Kalte. Durch die Sprache bat uns die Gottheit auf einen sickerern, de» Mittelweg gcführet. Nur Verstandcsideen sinds, die wir durch sie erlangen und die zum Genuß der Natur, zu Anwendung unsrer Kräfte, zum gesunden Gebrauch unsres Lebens, kurz zu Bildung der Humanität in uns gnug sind. Nicht Aekher sollen wir alhmen, dazu auch unsre Maschine nicht gemacht ist, sondern den gesunden Duft der Erde. Und so sollten die Menschen im Gebiet wahrer und nutzbarer Begriffe so weit von einander entfernt ferm, als es die stolze Spekulation wähnet? Die Geschichte der Nationen sowohl, als die Natur der Vernunft und Sprache verbietet mir fast, dies zu glauben. Der arme Wilde, der wenige Dinge sah und noch weniger Begriffe zusammcnfügte, verfuhr in ihrer Verbindung nicht anders als der Erste der Philosophen. Er hat Sprache wie sie und durch diese seinen Verstand und sein Gedächtniß, seine Phantasie und Zurückerinncrung tausendfach grübet. Ob in einem kleinern oder großem Kreise? dieses thut nichts zur Sache; zu der menschlichen Art nämlich, wie er sie übte. Der Wcltwcise Europens kann keine einzige Seelenkraft nennen, die ihm eigen sei; ja selbst im Verhältniß der Kräfte und der Geschichte der Menschheit. 20Z ihrer Ucbung erstattet die Natur reichlich. Bei manchen Wilden z. B. ist das Gedächtnis, die Einbildungskraft, praktische Klugheit, schneller Entschluß, richtiges Urtheil , lebhafter Ausdruck in einer Blüthe, dir bei der künstlichen Vernunft Europäischer Gelehrten selten gedeihet. Diese hingegen rechnen mit Wortbegriff.n und Ziffern, freilich unendlich feine und künstliche Eombinationcn, an die der Naturmensch nicht denket; eine sitzende Rechenmaschine aber, wäre sie das Urbild aller menschlichen Vollkommenheit, Glückseligkeit und Stärke? Laß es sepn, daß jener in Bildern denke, was er abstract zu denken noch nicht vermag; selbst wenn er »och keinen entwickelten Gedanken d. i. kein Wort von Gott hatte und er gcnvßc Gott als den großen Geist der Schöpfung thätig in seinem Leben; 0 so lebet er dankbar, indem er zufrieden lebet und wenn er sich in Wortziffern keine unsterbliche Seele erweisen kann und glaubt dieselbe: so geht er mit glück- licherm Mull; als mancher zweifelnde Wortwcise ins Land der Väter. Lasset uns also die gütige Vorsehung anbcten, die durch das zwar unvollkommene, aber allgemeine Mittel der Sprache im Innern die Menschen einander gleicher machte, als es ihr Acußeres zeiget. Alle kommen wir zur Vernunft nur durch Sprache und zur Sprache durch Tradition, durch Glauben ans Wort d'er Väter. Wie nun der ungelehrigste Sprachschüler der wäre, der vom ersten Gebrauch der Worte Ursach und Rechenschaft federte: so muß etn ähnlicher Glaube an so schwere Dinge als die Beobachtung der Natur und die Erfahrung sind, 2k,4 Ideen zur Philosophie uns mit gesunder Zuversicht durchs ganze Leben leiten. Wer seinen Sinnen nicht traut, ist ein Thor und muß ein leerer Spekulant werden; dagegen wer sie trauend übt und eben dadurch erforscht und berichtigt, der allein gewinnet einen Schatz der Erfahrung für sein menschliches Leben. Zhm ist sodann die Sprache mit allen ihren Schranken gnug: denn sie sollte den Beobachter nur aufmerksam machen und ihn zum eignen, thärigen Gebrauch seiner Sce- lenkrafte leiten. Ein feineres Zdiom, durchdringend wie der Sonnenstrahl könnte theils nicht allgemein seyn, theils wäre es für die jetzige Sphäre unsrer grobem Thätiqkeit ein Wahres Uebel. Ein gleiches ists mit der Sprache des Herzens: sie kann wenig sagen und doch sagt sie gnug; ja gcwissermaße ist unsre menschliche Sprache mehr für das Herz, als für die Vernunft geschaffen. Dem Verstände kann die Geberdc, die Bewegung, die Sache selbst zu Hülfe kommen; hie Empfindungen unseres Herzens aber blieben in unserer Brust vergraben, wenn der melodische Strom sie nicht in sanften Wellen zum Herzen des andern hinüber brächte. Auch darum also hat der Schöpfer die Musik chw Töne zum Organ unsrer Bildung gewählt; eine Sprache für die Empfindung, eine Vater- und Mutter- Kindcs- und Freundessprache. Geschöpfe, die sich einander »och nicht innig berühren können, stehen wie hinter Gittern und flüstern einander zu das Wort der Liebe; bei Wesen, die die Sprache des Lichts oder eines andern Organs sprächen, veränderte sich nothwendrg die ganze Gestalt und Kette ihrer Bildung, der Geschichte der Menschheit. 200 Zweitens. Der schönste Versuch über die Geschichte und mannigfaltige Charakteristik des menschlichen Verstandes und Herzens wäre also eine philosophische Vergleichung der Sprachen: denn in jede derselben ist der Verstand eines Volks und sein Charakter gepräget. Nicht nur die Sprachwerkzeuge ändern sich mit den Regionen und beinah jeder Nation sind einige Buchstaben und Laute eigen; sondern die Namengebung selbst, sogar in Bezeichnung hörbarer Sachen, ja in den unmittelbaren Aeußerungen des Affekts, den Interjektionen ändert sich überall auf der Erde. Bei Dingen des Anschauens und der kalten Betrachtung wachst diese Verschiedenheit noch mehr und bei den uneigentlichen Ausdrücken, den Bildern der Rede, endlich beim Bau der Sprache, beim Verhaltniß, der Ordnung, dem Consensus der Glieder zu einander ist sie beinah unermeßlich; noch immer aber also daß sich der Genius eines Volks nirgend besser als in der Physiognomie seiner Rede offenbaret. Ob z. B. eine Nation viele Namen oder viel Handlung hat? wie es Personen und Zeiten ausdrückt ? welche Ordnung der Begriffe cs liebet? alles dies ist oft in feinen Zügen äußerst charakteristisch. Manche Nation hat für das männliche und weibliche Geschlecht eine eigne Sprache; bei andern unterscheiden sich im bloßen Wort Ich gar die Stände. Thätige Völker haben einen Ueberfluß von nroäis der Verben ; feinere Nationen eine Menge Beschaffenheiten der Dinge, die sie zu Abstraktionen erhöhten. Der sonderbarste Theil der menschlichen Sprachen endlich ist die Bezeichnung ihrer Empfindungen, die Ausdrücke der Liebe und Hochachtung, der Schmei- 20Ü Idecn zur Philosophie chelei und dcr Drohung, in denen sich die Schwachheiten eines Volks oft bis zum Lächerlichen offenbaren *). Warum kann ich noch kein Werk nennen, das den Wunsch Bar »'s, Leibnitz, Sulzers u. a. nach einer allgemeinen Physiognomik der Völker aus ihren Sprachen nur einigermaßen erfüllet habe? Zahlreiche Beitrage zu demselben gicbts in den Sprachbüchcrn und Reisebcschrcibccn einzelner Nationen : unendlich- schwer und wcitlauftig dürfte die Arbeit auch nicht werden, wenn man das Nutzlose vorbciginge und was sich ins Licht stellen laßt, desto besser gebrauchte. An lehrreicher Anmuth würde cs keinen Schritt fehlen, weil alle Eigenheiten der Völker in ihrem praktischen Verstände, in ihren Phantasieen, Sitten und Lebensweisen , wie ein Garte des Menschengeschlechts dem Beobachter zum mannigfaltigsten Gebrauch Vorlagen und am Ende sich die reichste Architektonik menschlicher Begriffe, die beste Logik und Metaphysik des gesunden Verstandes daraus ergäbe. Dcr Kranz ist noch ausgcsteckt und ein andrer Leibnitz wird ihn zu seiner Zeit finden. Eine ähnliche Arbeit wäre die Geschichte der Sprache einiger einzelnen Völker nach ihren Revolutionen ; wobei ich insonderheit die Sprache unsres Vaterlandes für uns zum Beispiel nehme. Denn ob sie gleich nicht, wie andre, mit fremden Spra- *) Beispiele von diesen Sätzen zu geben, wäre zu weitläustig; sie gehören nichc in dies Buch und bleiben einem andern Ort aufbehallen. der Geschichte der Menschheit. 207 chcn vermischt worden: so hasste sich dennoch wesentlich, und selbst der Grammatik nach, von Ott- srieds Zeiten her verändert. Die Gegencinandcrstel- lung verschicdner cultivirter Sprachen mit den ver- schicdnen Revolutionen ihrer Völker würde mit jedem Strich von Licht und Schatten gleichsam ein wandelbares Gemahlde der mannigfaltigen Fortbildung des menschlichen Geistes zeigen, der, wie ich glaube, seinen verschiednen Mundarten nach noch in allen seinen Zeitaltern auf der Erde blühet. Da sind Nationen in der Kindheit, der Jugend, dem männlichen und hohen Alter unsres Geschlechts; ja wie manche Völker und Sprachen sind durch Einimpfung andrer oder wie aus der Asche entstanden! Endlich die Tradition der Traditionen, die Schrift. Wenn Sprache das Mittel dermensc h- lichen Bildung unsres Geschlechts ist, so ist Schrift das Mittel der gelehrten Bildung. Alle Nationen, die außer dem Wege dieser künstlichen Tradition lagen, sind nach unfern Begriffen uncultivirl geblieben; die daran auch nur unvollkommen Theil- nahmen, erhoben sich zu einer Verewigung der Vernunft und der Gesetze in Schristzügen. Der Sterbliche, der dies Mittel, den flüchtigen Geist nicht nur in Worte sondern in Buchstaben zu fesseln, erfand ; er wirkte als ein Gott unter den Menschen *). Aber was bei der Sprache sichtbar war, ist hier noch vielmehr sichtbar, nämlich, daß auch dies ) Die Geschichte dieser und andrer Erfindungen, sofern sie zum Gemahlde der Menschheit gehört, wird der Verfolg geben. 203 Ideen zur Philosophie Mittel der Verewigung unsrer Gedanken den Geist und die Rede zwar bestimmt, aber auch eingeschränkt und auf mannigfaltige Weise gefesselt habe. Nicht nur, daß mit den Buchstaben allmählich die lebendigen Accente und Geberdcn erloschen, sie, die vorher der Rede so starken Eingang ins Herz verschafft hatten; nicht nur, daß der Dialekte, mithin auch der charakteristischen Idiome einzelner Stamme und Volker dadurch weniger ward; auch das Gedacht- niß der Menschen und ihre lebendige Geisteskraft schwächte sich bei diesem künstlichen Hülfsmittel vor- gezeichnetcr Gcdankenformen. Unter Gelehrsamkeit und Büchern wäre längst erlegen die menschliche Seele, wenn nicht durch mancherlei zerstörende Revolutionen die Vorsehung, unserm Geist wiederum Luft schaffte. In Buchstaben gefesselt schleicht der Verstand zuletzt mühsam einher; unsre besten Gedanken verstummen in tvdten schriftlichen Zügen. Dies alles indessen hindert nicht, die Tradition der Schrift als die dauerhafteste, stilleste, wirksamste Gottes-Anstalt anzusehen, dadurch Nationen auf Nationen, Jahrhunderte auf Jahrhunderte wirken und sich das ganze Menschengeschlecht vielleicht mit 'der Zeit an Einer Kette brüderlicher Tradition zu- siunmensindet III. » Philos. zur Ge sch. der Menschheit. 209 III. Durch Nachahmung, Vernunft und Sprache sind alle Wissenschaften und Künste des Menschengeschlechts erfunden worden. >^obald der Mensch, durch welchen Gott oder Genius es geschehen sei, auf den Weg gebracht war, «ine Sache als Merkmal sich zuzueignen, und dem gefundncn Merkmal ein willkührliches Zeichen zu sub- stituiren, d. >. sobald auch in den kleinsten Anfängen Sprache der Vernunft begann, sofort war er auf dem Wege zu allen Wissenschaften und Künsten. Denn was thuc die menschliche Vernunft in Erfindung dieser, als bemerken und bezeichnen? Mit der schwersten Kunst, der Sprache war also gewissermaße ein Vorbild zu allem gegeben. Der Mensch z. B. der von den Thieren ein Merkmal der Benennung faßte, hatte damit auch den Grund gelegt, die zähmbaren Thiere zu bezähmen, die nutzbaren sich nutzbar zu machen und überhaupt alles in der Natur für sich zu erobern: denn bey jeder dieser Zueignungen that er eigentlich nichts, als das Merkmal eines zähmbaren, nützlichen, sich zuzueignendcn Wesens bemerken und es durch Sprache oder Probe bezeichnen. Am sanften Schaaf z. E. bemerkte er die Milch, die das Lamm sog, die Phil, und Gesetz. IV. LH. O läeen. II. 2lv Ideen zur Philosophie Wolle, die seine Hund wärmte und suchte dos Eine wie das Andere sich zuzucignen. Am Baum, zu dessen Früchten ihn der Hunger führte, bemerkte er Blatter, mit denen ec sich gürten konnte, Holz das ihn wärmte u. f. So schwung er sich aufs Roß, daß cs ilin trage: er hielt cs bei sich, daß es ihn abermals trage: ec sähe den Thieren, er sähe der Natur ab, wie jene sich schützten und nährten, wie diese ihre Kinder erzog oder vor der Gefahr bewahrte. So kam er auf den Weg aller Künste durch nichts als die innere Genesis eines abgesonderten Merkmals und durch Fcstbaltung desselben in einer Thal oder sonst einem Zeichen; kurz durch Sprache. Durch sie und durch sie allein ward Wahrnehmung, Anerkennung, Zurückerinnerung, Besitznehmung, eine Kette der Gedanken möglich und so wurden mit der Zeit die Wissenschaften und Künste gebobren, Töchter der bezeichnenden Vernunft und einer 'Nachahmung mit Absicht. Schon Baco hat eine Ersindungskunst gewünscht: da dis Tbeorie derselben aber schwer lind doch vielleicht unnütz seyn würde, so wäre vielmehr eine Geschichte der Erfindungen das lehrreiche Werk, das die Götter und Genien des Menschengeschlechts ihren Nachkommen zum ewigen Muster machte. Allenthalben würde man scben, wie Schicksal und Zufall diesem Erfinder ein neues Merkmal ins Auge, jenem eine neue Bezeichnung als Werkzeug in die Seele gebracht und meistens durch eine kleine Zusammenrückung zweier lange bekannter Gedanken eine Kunst befördert habe, diel nachher auf Jahrtausende wirkte. Oft war diese erfunden und ward vergessen : ihre Theorie lag da und sie ward nicht ge- braucht; bis ein glücklicher Andre das liegende Gold in Umlauf brachte oder mit einem kleinen Hebel aus einem neuen Standpunkt Welten bewegte. Vielleicht ist keine Geschichte, die so augenscheinlich die Regierung eines höhern Schicksals in menschlichen Dingen zeigt, als die Geschichte dessen, worauf unser Geist am stolzesten zu seyn pflegt, der Erfindung und Verbesserung der Künste. Immer war das Merkmal und die Materie seiner Bezeichnung langst dagewesen : aber jetzt ward es bemerkt, jetzt ward es bezeichnet. Die Genesis der Kunst, wie des Menschen, war ein Augenblick des Vergnügens, eine Vermählung zwischen Idee und Zeichen, zwischen Geist und Körper. Mit Hochachtung gcschiehet es, daß ich die Erfindungen des menschlichen Geistes auf dies einfache Pcincipium seiner anerkennenden und bezeichnenden Vernunft zurückführe: denn eben dies ist das wahre Göttliche im Menschen, sein charakteristischer Vorzug. Alle, die eine gelernte Sprache gebrauchen, gehen wie in einem Traum der Vernunft einher; sie denken in der Vernunft andrer und sind nur nachahmend weife: denn ist der, der die Kunst fremdet Künstler gebraucht, darum selbst Künstler? Aber der, in dessen Seele sich eigne Gedanken erzeugen und einen Körper sich selbst bilden, Er, der nicht Mit dem Auge allein sondern mit dem Geist siebet und nicht mit der Zunge sondern mit der Seele bezeichnet, Er, dem es gelingt, die Natur in ihrer Schöpfungsstatte zu belauschen, neue Merkmale ihrer Wirkungen auszu- spahen und sie durch künstliche Werzeuge zu einem menschlichen Zweck anzuwenden; et ist der eigentliche Mensch und da er selten erscheint, ein Gott unter 2i2 Ideen zur Philosophie den Menschen. Er spricht und tausende lallen ihm nach: er erschafft und andre spielen mit dem was er hervorbrachtc: er war ein Mann und vielleicht sind Jahrhunderte »ach ihm wiederum Kinder. Wie selten die Erfinder im menschlichen Geschlecht gewesen, wie trage und laßig man an dem hangt, was man hat, ohne sich um das zu bekümmern, was uns fehlet ; in hundert Proben zeigt uns dicß der Anblick der Welt und die Geschichte der Volker; ja die Geschichte der Eultur wird cs uns selbst gnugsam weisen. Mil Wissenschaften und Künsten ziehet sich also eine neue Tradition durchs Menschengeschlecht, an deren Kette nur wenigen Glücklichen etwas Neues anzureihen vergönnt war; die andern bangen an ihr wie treufleißigc Sklaven und ziehen mechanisch die Kette weiter. Wie dieser Zucker und Mohrcntrank durch manche bearbeitende Hand ging, eh er zu mir gelangte und ich kein andres Verdienst habe, als ihn zu trinken: so ist unsre Vernunft und Lebensweise, unsre Gelehrsamkeit und Kunsterziehung, unsre Kriegsund Staatsweishcit ein Zusammenfluß fremder Erfindungen und Gedanken, die ohn unser Verdienst aus aller Welt zu uns kamen und in denen wir u»S von Jugend auf baden oder ersaufen. Eitel ist also der Ruhm so manches Europäischen Pöbels, wenn er in dem, was Aufklärung, Kunst und Wissenschaft heißt, sich über alle drei Welttheile setzt, und wie jener Wahnsinnige die Schiffe im Hafen, alle Erfindungen Europa's aus keiner Ursache für die Seinen halt, als weil er im Zusammenfluß dieser Erfindungen und Traditionen gebohren worden. Armseliger, erfandest du etwas von diesen Künsten? Denkst du etwas bei allen deinen eingesognen Tra- der Geschichte der Menschheit. 2,3 ditionen? Daß du jene brauchen gelernt hast, ist die Arbeit einer Maschine: daß du den Saft der Wissenschaft in dich zicbcst, ist das Verdienst des Schwammes, der nrm eben ans dieser feuchten Stelle gewachsen ist. Wenn du dem Otahitcn ein Kriegsschiff zulenkst und auf den Hebriden eine Kanone donnerst, so bist du wahrlich weder klüger noch geschickter, als der Hebride und Otahite, der sein Book künstlich lenkt und sich dasselbe mit eigner Hand erbaute. Eben dies wars, was alle Wilden dunkel empfanden, sobald sie die Europäer naher kennen lernten. In der Rüstung ihrer Werkzeuge dünkten sie ihnen unbekannte, höhere Wesen, vor denen sie sich beugten, die sie mit Ehrfurcht grüßten; sobald sie sie verwundbar, sterblich, krankbafr und in sinnlichen Ucbungen schwacher als sich selbst sahen, fürchteten sie die Kunst und erwürgten den Mann, der nichts weniger als mit seiner Kunst Eins war. Auf alle Eultur Europas ist dies anwendbar. Darum, weil die Sprache eines Volks, zumal in Büchern, gescheidt und fein ist: darum ist nicht jeder fein und gescheidt, der diese Bücher liefet und diese Sprache redet. Wie er sie liefet s wie er sie redet ? das wäre die Frage; und auch dann dachte und spräche er immer doch nur nach: er folgt den Gedanken und der Bezeichnungskraft eines andern. Der Wilde der in seinem enger» Kreise eigenthümlich denkt und sich in ihm wahrer, bestimmter und nachdrücklicher ansdrückt, Er, der in der Sphäre seines wirklichen Lebens Sinne und Glieder, seinen praktischen Verstand und seine wenigen Werkzeuge mit Kunst und Gegenwart des Geistes zu gebrauche» weiß; offenbar ist er, Mensch gegen Mensch gerechnet, gebildeter als jene politische oder 214 Ideen zur Philosophie gelehrte Maschine, die wie ein Kind auf einem sehr hohen Gerüst steht, das aber leider fremde Hände, ja das oft die ganze Mühe der Vorwelt erbartte. Der Naturmensch dagegen ist ein zwar beschrankter aber gesunder und tüchtiger Mann auf der Erde. Niemand wirds laugnen, daß Europa das Archiv der Kunst und des aussinncndcn menschlichen Verstandes sei: das Schicksal der Zeitenfolge hat in ihm seine Schatze niedergelegt: sie sind in ihm vermehrt worden und werden gebrauchet. Darum aber hat nicht jeder, der sie gebraucht, den Verstand des Erfinders; vielmehr ist dieser eines Thcils durch den Gebrauch müßig worden: denn wenn ich das Werkzeug eines Fremden habe, so erfinde ich mir schwerlich selbst ein Werkzeug. Eine weit schwerere Frage ists noch: was Künste und Wissenschaften zur Glückseligkeit der Mensche» gethan oder wiefern sie diese vermehrt haben? und ich glaube, weder mit Ja noch Nein kann die Frage schlechthin entschieden werden, weil wie allenthalben so auch hier auf den Gebrauch des Erfundenen alles ankommt. Das feinere und künstlichere Werkzeuge in der Welt sind und also mit weuigerm mehr gethan, mithin manche Menschenmühe geschont und erspart werden kann, wenn man sie schonen und sparen mag; darüber ist keine Frage. Auch ist cs unstreitig, daß mir jeder Kunst und Wissenschaft ein neues Band der Geselligkeit d i. jenes gemeinschaftlichen Bedürfnisses geknüpft sei, ohne welches künstliche Menschen nicht mehr leben mögen. Db aber gegenseitig jedes vermehrte Bedürfnis auch den engen Kreis der menschlichen Glückseligkeit erweitere? ob die Kunst der Natur je etwas wirklich zuzusctzen ver- der Geschichte der Menschheit. LrS mochte? oder ob diese vielmehr durch jene in manchem entübriget und entkräftet werde l ob nlle wissenschaftlichen und Künstlergabcn nicht auch Neigungen in der menschlichen Brust rege gemacht hatten, bei denen man viel seltner und schwerer zur schönsten Gabe des Menschen, der Zufriedenheit, gelangen kann, weil diese Neigungen mit ihrer inneren Unruh der Zufriedenheit unaufhörlich widerstreben? Ja endlich, ob durch den Zusammcndrang der Menschen und ihre vermehrte Geselligkeit nicht manche Lander und Städte zu einem Acmenhause, zu einem künstlichen Lazarett, und Hospital worden sind, in dessen cinge- schlossencr Luft die blaße Menschheit auch künstlich siecher und da sie von so vielen unverdienten Almosen der Wissenschaft, Kunst und Slaatsvcrsassung ernährt wird, großentheils auch die Art der Bettler angenommen habe, die sich auf alle Bettlcrkünste legen und dafür der Bettler Schicksal erdulden ? über dies und so manches andre mehr soll uns die Tochter der Zeit, die Helle Geschichte unterweisen. Boten des Schicksals also, ihr Genien und Erfinder, auf welcher nutzbargefährlichen Hohe übtet ibr euren göttlichen Beruf! Ihr erfandet, aber nicht für Euch; auch lag es in Eurer Macht nicht, zu bestimmen, wie Welt und Nachwelt eure Erfindungen anwenden, was sie an solche reihen, was sie nach Analogie derselben Gegenseitiges oder Neues erfinden würde? Jahrhunderte lang lag oft die Perle begraben und Hähne scharretcn darüber hin; bis sie vielleicht ein Unwürdiger fand und in die Krone des Monarchen pflanzte, wo sie nicht immer m^t"wohltbätigem Glanz glanzet. Ihr indessen thatet Euer Werk und gabt der Nachwelt Schätze hin, die entweder euer 2l6 Ideen zur Philosophie unruhiger Geist aufgrub, oder die euch das waltende Schicksal in die Hand spielte. Dem waltenden Schicksal also überließet ihr auch die Wirkungen und den Nutzen eures Fundes; und dieses that, was es zu thun für gut fand. In periodischen Revolutionen bildete es entweder Gedanken aus oder ließ sie untergehen und wußte immer das Gift mit dem Gegengift, den Nutzen mit dem Schaden zu mischen und zu mildern. Der Erfinder des Pulvers dachte nicht daran, welche Verwüstungen sowohl des politischen als des physischen Reichs menschlicher Kräfte der Funke seines schwarzen Staubes mit sich führte; noch weniger konnte er sehen, was auch wir jetzt kaum zu muthmaßcn waaen, wie in dieser Pulvertonne, dem fürchterlichen Thron mancher Despoten, abermals zu einer andern Verfassung der Nachwelt ein wohltha- tiger Same keime. Denn reinigt das Ungewitter nicht die Luft? und muß, wenn die Niesen der Erde vertilgt sind, nicht Herkules selbst seine Hand an wohlthatigere Wecke legen ? Der Mann, der die Richtung der Magnetnadel zuerst bemerkte, sah weder das Glück noch das Elend voraus, das dieses Zaubcrge- schenk, unterstütze von tausend andern Künsten, auf alle Welttheile bringen würde, bis auch hier vielleicht eine neue Katastrophe alte Ucbel ersetzt oder neue Uebel erzeuget. So mit dem Glase, dem Golde, dem Eisen, der Kleidung, der Schreib - und Buchdruckerkunst, der Sternsehcrei und allen Wissenschaften der künstlichen Regierung. Der wunderbare Zusammenhang, der bei der Entwicklung und periodischen Fortleimnz dieser Erfindungen zu herrschen scheint, die sonderbare Act, wie Eine die Wirkung der andern einschrankt und mildert; das alles gehört zur obern Haushaltung der Geschichte der Menschheit. 217 Gottes mit unserm Geschlecht der wahren Philosophie seiner Geschichte. IV. Die Regierungen sind festgestellte Ordnungen unter den Menschen, meistens aus ererbter Tradition. «^>cr Naturstand des Menschen ist der Stand der Gesellschaft: denn in dieser wird er gebohren und erzogen, zu ihr führt ihn der aufwachrnde Lricb seiner schönen Zugend und die süßesten Namen der Menschheit Vater, Kind, Bruder, Schwester, Geliebter, Freund, Versorger, sind Bande des Naturrechts, die im Stande jeder ursprünglichen Menschengescllschaft statt finden. Mit ihnen sind also auch die ersten Regierungen unter den Menschen gegründet: Ordnungen der Familie, ohne die unser Geschlecht nicht bestehen kann, Gesetze, die die Natur gab und auch durch sich selbst gnugsam einschrankte. Wir wollen sie den ersten Grad natürlicher Regierungen nennen; sie werden immerhin auch der höchste und letzte bleiben. Hier endigte nun die Natur ihre Grundlage der Gesellschaft und überließ es dem Verstände oder dem Bcdücfniß des Menschen, höhere Gebäude darauf zu gründen. In allen Erdstrichen, wo einzelne Siam- Ideen zur Philosophie 2rä me und Geschlechter einander weniger bedürfen, nehmen sie auch weniger Theil an einander; sic dachten also "an keine großen politischen Gebäude. Dergleichen sind die Küsten der Fischer, die Weiden der Hirten, die Wälder der Jager; wo aus ihnen das väterliche und häusliche Regiment aufkört, sind die weiteren Verbindungen der Menschen meistens nur aus Vertrag oder Auftrag gegründet. Eine Jaqdnalion z. B. geht auf die Jagd: bedarf sie eines Führers, so ist es ein Jagdanführcr, zu dem sie den geschicktsten wählet, dem sie also auch nur aus freier Wahl, und zum gemeinschaftlichen Zweck ibres Geschäfts gehorchet. Alle Thicre, die in Heerdcn leben, haben solche Anführer: bei Reisen, Vertheidigungcn, Anfälle« und überhaupt bei jedem gemeinschaftlichen Geschäft einer Menge ist ein solcher König des Spiels nöthig. Wir wollen diese Verfassung den zweiten Grad der natürliche» Regierung nennen: sic findet bei allen Völkern statt, die blos ihrem Bedürfniß folgen und wie wirs nennen, im Stande der Natur leben. Selbst die erwählten Richter eines Volks gehören zu diesem Grad der Regierung: die klügsten und besten nämlich werden zu ihrem Amt, als zu einem Geschäft erwählt, und mit dem Geschäft ist auch ihre Herrschaft zu Ende. Aber wie anders ists mit dem dritten Grad, den Erbregiecungen unter den Menschen! wo hören hier die Gesetze der Natur auf? oder wo fangen sie an? Daß der billigste und klügste Mann von den Streitenden zum Richter crwaklt ward, war Natur der Sache und wenn er sich als einen solchen bewährt hatte, mochte ers bis in sein graues Alter bleiben. Nun aber siirbr der Alte und warum ist der Geschichte der Menschheit. 219 sein Sohn Richter? Daß ihn der klügste und billigste Vater erzeugt hat, ist kein Grund: denn weder Klugbcit noch Billigkeit konnte er -ihm einzeugcn. Noch weniger wäre der Natur des Geschäfts nach die Nation verbunden, ihn deßhalb als solchen anzu- erkenncn, weil sie seinen Vater einmal ans persönlichen Ursachen zum Richter wählte: dc«n der Sohn ist nicht die Person des Vaters. Und wenn sie gar für alle ihre noch Ungebohnie das Gesetz feststellen wollte, ihn dafür erkennen zu müssen und im Na--> men der Vernunft ihrer aller auf ewige Zeiten hin den Vertrag machte, daß jeder Ungcbohrne dieses Stamms der gebM-ne Richter, Führer und Hirt der Nation d. i. der tapferste, billigste, klügste des ganzen Volks scyn und dafür der Geburt wegen von jedermann erkannt werde» müßte; so würde es schwer seyn, einen Erbvertrag dieser Art ich will nicht sagen, mit dem Recht sondern nur mit der Vernunft zn reimen. Die Natur theilct ihre edelsten Gaben nicht Familienweise aus und das Recht des Blutes, nach welchem ein Ungcbohrncr über den andern Ungebohr- nen, wenn beide einst gcbohren scyn werden, durchs Recht der Geburt zu herrschen das Recht habe, ist für mich eine der dunkelsten Formeln der menschlichen Sprache. Es müssen andre Gründe vorhanden seyn, die die Erbregierungen unter den Menschen einführken und die Geschichte verschweigt uns diese Gründe nicht. Wer hat Deutschland, wer hat dem cullivirten Europa seine Negierungen gegeben? Der Krieg. Horden von Barbaren überfiele» den Weltlheil: ihre Anführer und Edeln lheilten unter sich Lander und 220 Ideen zur Philosophie Menschen. Daher entsprangen Fürstenthümec und Lehne: daher entsprang die Leibeigenschaft unterjochter Völker; die Eroberer waren im Besitz und was seit der Zeit in diesem Besitz verändert worden, hat abermals Revolution, Krieg, Einverständniß der Mächtigen, immer also das Recht des Stärker» entschieden. Auf diesem königlichen Wege geht die Geschichte fort und kaotn der Geschichte sind nicht zu läugnen. Was brachte die Welt unter Rom? Griechenland und den Orient unter Alexander? was hat alle große Monarchie«» bis zu Sesostcis und der fabelhaften Semicamis hinauf gestiftet und wieder zertrümmert? Der Krieg. Gewaltsame Eroberungen vertraten also die Stelle des Rechts, das nachher nur durch Verjährung oder wie unsre Staatslehrer sagen, durch den schweigenden Eontract Recht ward; der schweigende Eontract aber ist in diesem Fall nichts anders, als daß der Stärkere nimmt, was er will und der Schwächere giebt oder leidet, was er nicht ändern kann. Und so hängt das Recht der erblichen Regierung so wie beinah jedes andern erblichen Besitzes an einer Kette von Tradition, deren ersten Grenzpfahl das Glück oder die Macht cinschlug und die sich, hie und da mit Güte und Weisheit, meistens aber wieder nur durch Glück oder Uebcrmachl fortzog. Nachfolger und Erben bekamen, der Stammvater »ahm; und daß dem, der hatte, auch immer mehr gegeben ward, damit er die Fülle habe, bedarf keiner weitern Erläuterung - es ist die natürliche Folge des genannten ersten Besitzes der Länder und Menschen. Man glaube nicht, daß dies etwa nur von Mo- narchieen, als von Ungeheuern der Eroberung gelte, die ursprünglichen Reiche aber anders entstanden seyn der Geschichte der Menschheit. 221 könnten: denn wie in der Welt wären sie anders entstanden ? So lange ein Vater über seine Familie herrschte, war er Vater und ließ seine Söhne auch Vater werden, über die er nur durch Rath zu vermögen suchte. So lange mehrere Stamme aus freier Ucbcrlegung zu einem bestimmten Geschäft sich Richter und Führer wählten: so lange waren diese Amtsführer nur Diener des gemeinen Zweckes, bestimmte Vorsteher der Versammlung; der Name Herr, König, eigenmächtiger, willkührlicher, erblicher Despot war Völkern dieser Verfassung etwas Unerhörtes. Entschlummerte aber die Nation und ließ ihren Vater, Führer und Richter walten, gab sie ihm endlich gar schlaftrunkendankbar, seiner Verdienste, seiner Macht, seines Rcichthums oder welcher Ursachen wegen es sonst sei, den Erbsceptcr in die Hand, daß ec sie und ihre Kinder wie der Hirt die Schaafe weide; welch Vcrhaltniß ließe sich hiebei denken, als Schwachheit auf der Einen, Ucbcrmacht auf der andern Seite, also das Recht des Stärker». Wenn Nimrod Bestien tobtet und nachher Menschen unterjocht: so ist er dort und hier ein Jager. Der Anführer einer Colonie oder Horde, dcm Menschen wie Thiere folgten, bediente sich über sie gar bald des Menschenrechts über die Thiere. So wars mit denen, die die Nationen cultivirten: so lange sie sie cultivirten, waren sie Vater, Erzieher des Volks, Handhaber der Gesetze zum gemeinen Vesten; sobald, sie eigenmächtige oder gar erbliche Regenten wurden, waren sie die Mächtiger», denen der Schwächere diente. Oft trat ein Fuchs in die Stelle des Löwen und so war der Fuchs der Mächtigere: denn nicht Gewalt der Waffen allein ist Stärke; Verschlagenheit, 222 - Ideen zur Philosophie List und ein künstlicher Betrug lhut in den meisten Fällen mehr als jene. Kurz, der große Unterschied der Menschen an Geistes - Glücks - und Körpergaben Hut nach dem Unterschiede der Gegenden, Lebensarten und Lebensalter Unterjochungen und Despotien auf der Erde gestiftet, die in vielen Landern einander leider nur abgelöset haben. Kriegerische Bergvölker z. B. überschwemmten die rubige Ebne: jene hatte das Klima, die Noch, der Mangel stark gemacht und tapfer erhalten; sic breiteten sich also als Herren der Erde aus, bis sie selbst in der mildern Gegend von Ucppigkeit besiegt und von andern unterjocht wurden. So ist unsre alte Tellus bezwungen und die Geschichte auf ihr ein trauriges Gemälde von Mcnschcnjag- den und Eroberungen worden: fast jede kleine Lan- desgrenze, jede neue Epoche ist mit Blut der Geopferten, und mit Thräncn der Unterdrückten ins Buch der Zeiten verzeichnet. Die berühmtesten Namen der Welt sind Würger des Menschengeschlechts, gekrönte oder nach Kronen ringende Henker gewesen, und was noch trauriger ist, so standen oft die edelsten Menschen Noihgedrungen auf diesem schwarzen Schauge- rüst der Unterjochung ihrer Brüder. Woher kommts daß die Geschichte der Weltreiche mit so wenig vernünftigen End-Resultaten geschrieben worden? Weil ihren größesten und meisten Begebenheiten nach, sie mit wenig vernünftigen End-Resultaten geführt ist: denn nicht Humanität sondern Leidenschaften haben sich der Erde bemächtigt und ihre Völker wie wilde Thiere zusammen Und gegen einander getrieben. Hätte es der Vorsehung gefallen, uns durch höhere Wesen regieren zu lassen: wie anders wäre die Menschengc- schichte! nun aber waren es meistens Helden, d. i. ehrsüchtige, mit Gewalt begabte, oder listige und unternehmende Menschen, die den Faden der Begebenheiten nach Leidenschaften anspannen und wie es das Schicksal wollte, ihn fortwebtcn Wenn kein Punkt der Weltgeschichte uns die Niedrigkeit unsres Geschlechts zeigte, so wiese es uns die Geschichte der Regierungen desselben, nach welcher unsre Erde ihrem größten Thcil nach nicht Erde, sondern Mars oder der Kinderfcessende Saturn heißen sollte. Wie nun? sollen wir die Vorsehung darüber anklagen, daß sie die Erdstriche unsrer Kugel so ungleich schuf und auch unter den Menschen ihre Gaben so ungleich vertheilte? Die Klage wäre müßig und ungerecht: denn sie ist der augenscheinlichen Absicht unsres Geschlechts entgegen. Sollte die Erde bewohnbar werden: so mußten Berge auf ihr sevn und auf dcni Rücken derselben harte Bergvölker leben. Wenn diese sich nun niedergoßen und die üppige Ebne unterjochten; so war die üppige Ebne auch meistens dieser Unterjochung wcrth: denn warum ließ sie sich unterjochen ? warum erschlaffte sic an den Brüsten der Natur in kindischer Ueppigkeit und Thorbeit? Man kann cs als einen Grundsatz der Geschichte annchmen, daß kein Volk unterdrückt wird, als das sich unterdrücken lassen will, das also der Sklaverei werth ist. Nur der Feige ist ein gebohrner Knecht; nur der Dumme ist von der Natur bestimmt, einem Klügern zu dienen; alsdenn ist ihm auch wohl auf seiner Stelle und er wäre unglücklich, wenn er befehlen sollte. Ueberdcm ist die Ungleichheit der Menschen von Natur nicht so groß, als sie durch die Erstehung 224 Ideen zur Philosophie wird, wie die Beschaffenheit eines und desselben Volks unter seinen mancherlei Regierungsarten zeiget. Das edelste Volk verliert unter dem Joch des Despotismus in kurzer Zeit seinen Adel: das Mark in seinen Gebeinen wird ihm zertreten und da seine feinsten und schönsten Gaben zur Lüge und zum Betrug, zur kriechenden Sklaverei und Ueppigkeit gcmißbraucht werden; was Wunder, daß es sich endlich an sein Joch gewöhnet, es küßet und mit Blumen umwindet? So bcwcinenswcrlh dies Schicksal der Menschen im Leben und in der Geschichte ist, weil es beinah keine Nation gicbt, die ohne das Wunder einer völligen Palingencsie aus dem Abgründe einer gewohnten Sklaverei je wieder aufgestandcn wäre: so ist offenbar dies Elend nicht das Werk der Natur, sondern der Menschen. Die Natur leitete das Band der Gesellschaft nur bis auf Familie»; weiterhin ließ sie unseren Geschlecht die Freiheit, wie es sich einrichte», wie cs das feinste Werk seiner Kunst, den Staat bauen wollte. Richteten sich die Menschen gut ein: so hatten sies gut; wählten oder duldeten sie Tyrannei und üble Regierungsformen: so mochten sie ihre Last tragen. Die gute Mutter konnte nichts thun, als sie durch Vernunft, durch Tradition der Geschichte oder endlich durch das eigne Gefühl des Schmerzes und Elendes lehren. Nur also die innere Entartung des Menschengeschlechts hat den Lastern und Entartungen menschlicher Regierung Raum gegeben: denn theilet sich im untcrdrückendsten Despotismus nicht immer der Sklave mit seinem Herrn im glaube und ist nicht immer der Despot der ärgste Sklave? Aber der Geschichte der Menschheit. 226 Aber auch in der ärgsten Entartung verläßt die unermüdlich-gütige Mutter ihre Kinder nicht und weiß ihnen den Kittern Trank der Unterdrückung von Menschen wenigstens durch Vergessenheit und Gewohnheit zu lindern. Sv lange sich die Völker wachsam und in reger Kraft erhalten oder wo die Natur sie mit dem harten Brod der Arbeit speiset, da finden keine weiche Sultane statt; das rauhe Land, die harte Lebensweise sind ihnen der Freiheit Festung. Wo gegenthcils die Völker in ihrem weicheren Schoos entschliefen und das Netz duldeten, das man über sie zog; siche da kommt die tröstende Mutter dem Unterdrückten wenigstens durch ihre milderen Gaben zu Hülfe: denn der Despotismus setzt immer eine Art Schwache, folglich mehrere Bequemlichkeit voraus, die entweder aus Gaben der Natur oder der Kunst entstanden. In den meisten despotisch-regierten Landern nährt und kleidet die Natur den Menschen fast ohne Mühe, daß er sich also mit dem vorüberrasenden Orkan gleichsam nur absinden darf und nachher, zwar Gedankenlos und ohne Würde, hen- noch aber nicht ganz ohne Genuß den Athen» ihrer Erquickung trinket. Uebcrhaupt ist das Loos der Menschen und seine Bestimmung zur irdischen Glückseligkeit weder ans Herrschen, noch ans Dienen ge, knüpfet. Der Arme kann glücklich, der Sklave in Ketten kann frei seyn: der Despot und sein Werkzeug sind meistens und oft in ganzen Geschlechtern die unglücklichsten und unwürdigsten Sklaven. Da alle Satze, die ich bisher berührt habe, aus der Geschichte selbst ihre eigentliche Erläuterung neh- Phitos. u. Gesch. IV. LH. P »een II. 226 Ideen zur Philosophie men müssen: so bleibt ihre Entwicklung auch dem Fa» den derselben aufbehalten. Für jetzt scyn mir nock- einige allgemeine Blicke vergönnet: i. Ein zwar leichter aber böser Grundsatz Ware es zur Philosophie der Menschcnqcschichte: „der , sch sei ein Thier das einen Herren nötbiq babe und >on diesem Herren oder von einer Verbindung derselben das Glück seiner Endbestimmung erwarte." Kebr« den Satz um: der Mensch, der einen Herren nöthig hat, ist ein Thier; sobald er Mensch wird, bat er keines eigentlichen Herren mehr nöthig. Die Natur nämlich hat unserm Geschlecht keinen Herren bezeichnet ; nur thierische Laster und Leidenschaften machen uns desselben bedürftig. Das Weib bedarf eines Mannes und der Mann des Weibes: das unerzogne Kind hat erziehender Eltern, der Kranke des Arztes, der Streitende des Entscheiders, der Haufe Volks 'eines Anführers nöthig: dies sind Natur-Verhaltni- ßc, die im Begriff der Sache liegen. Im Begriff des Menschen liegt der Begriff eines ihm nökhigen Despoten, der auch Mensch sei, nicht: jener muß erst schwach gedacht werden, damit er eines Beschützers, unmündig, damit er eines Vormundes, wild, damit er eines Bezähmers, abscheulich, damit er eines Straf- Eugels nöthig habe. Alle Regierungen der Menschen sind also nur aus Noth entstanden und um dieser fortwährenden Noth willen da So wie es nun ein schlechter Vater ist, der sein Kind erziehet, damit cs, Lebenslang unmündig, Lebenslang eines Erziebers bedürfe: wie es ein böser Arzt ist, der die Krankheit nährt, damit er dem Elenden bis ins Grab bin unentbehrlich werde; so mache man die Anwendung der Geschichte der Menschheit. 227 auf die Erzieher des Menschenqeschlechts, die Vater deS Vaterlandes und ihre Erzognen. Entweder müsse» diese durchaus keiner Besserung fähig seyn; oder alle die Jahrtausende, seitdem Menschen regiert wurden, müßten es doch merklich geinacht haben, was aus ihnen geworden sei? und zu welchem Zweck jene sie erzogen haben? Der Verfolg dieses Werks wird solche Zwecke sehr deutlich zeigen. 2. Die Natur erzieht Familie»; der natürlich- ste Staat ist also auch Ei» Volk, mit Einem Nationalcharakter. Jahrtausende lang erhalt sich dieser in ihm Und kan», wenn seinem MitgebohrncN Fürsten daran liegt, am natürlichsten ausgebildet werden: denn ei» Volk ist sowohl eine Pflanze der Natur, als eine Familie; nur jenes mit Mehrere» Zweige». Nichts scheint also dem Zweck der Regierungen so offenbar entgegen, als die unnatürliche Vergrößerung der Staaten, die wilde Vermischung der MeNschen-Gat- tungcn und Nationen unter Einen Scepter. Der Menschensceptet ist viel zu schwach und klein, daß so widersinnige Theile in ihn eingeimpft werden könnten; zusammengeleimt werden sie also in eine btcchliche Maschine, die man Staats-Maschine nennet, ohne inneres Lebe» und Sympathie der Theile gegen einander. Reiche dieser Art, die dem besten Monarchen den Namen Vater des Vaterlandes so schwer mache», erscheinen i» der Geschuchte, wie jene Symbole der MoNarchieen im Traumbilde des Propheten, wo sich das lröwenhaupt mit dem Drachen- schweif und der Adlerflügel mit dem Varenfuß zu Einem unpatriocischen Staatsgebilde vereinigt. Wie P 2 22 « Ideen zur Philosophie Trojanische Roße rücken solche Maschinen zusammen, sich einander die Unsterblichkeit verbürgend, da doch ohne National - Charakter kein Leben in ihnen ist und für die Zusammengezwungcnen nur der Fluch des Schicksals sie zur Unsterblichkeit verdammen könnte: denn eben die Staatskunst, die sic hervorbrachte, ist auch die, die mit Volker» und Menschen als mit leblosen Körpern spielet. Aber die Geschichte zeigt gnugsam, daß diese Werkzeuge des menschlichen Stolzes von Thon sind und wie aller Thon auf der Erde zerbrechen oder zcrfließcn. 3. Wie bei allen Verbindungen der Menschen gemeinschaftliche Hülfe und Sicherheit der Hauptzweck ihres Bundes ist: so ,st auch dem Staat kenie andre als die Raturordnung die beste; daß nämlich auch in ihm jeder das sei, wozu ihn die Natur bestellte. Sobald der Regent in die Stelle des Schöpfers treten und durch Willkühr oder Leidenschaft von Seinetwegen erschaffen will, was das Geschöpf von Gotkeswegen nicht seyn sollte: sobald ist dieser dem Himmel gebietende Despotismus aller Unordnung und deS unvermeidlichen Misgeschicks Vater- Da nun alle durch Tradition festgesetzte Stande der Menschen auf gewisse Weise der Natur entgegen arbeiten, die sich mit ihren Gaben an keinen Stand bindet: so ist kein Wunder, daß die meisten Völker , nachdem sie allerlei Regierungsarten durchgangen waren und die Last jeder empfunden hatten, zuletzt verzweifelnd auf die zurückkamen, die sie ganz zu Maschinen machte, auf die despotisch-erbliche Regierung. Sie sprachen wie jener ebraische König, der Geschichte der Menschheit. 229 als ihm drei Uebel vorgelegt wurden: „Lasset uns lieber in die Hand des Herren fallen als in die Hand der Menschen" und gaben sich auf Gnade und Ungnade der Providenz in die Arme« erwartend« wen diese ihnen zum Regenten zusenden würde ? denn dis Tyrannei der Aristokraten ist eine harte Tyrannei und das gebietende Volk ist ein wahrer Leviathan. Alle christlichen Regenten nennen sich also von Gottes Gnaden und bekennen damit, daß sie nicht durch ihr Verdienst, das vor der Geburt auch gar nicht statt findet, sondern durch das Gutbesinden der Vorsehung, die sie auf dieser Stelle gebohren werden ließ, zur Krone gelangten. DaS Verdienst dazu müssen sie sich erst durch eigne Mühe erwerben, mit der sie gleichsam die Providenz zu rechtfertigen haben, das sie sie ihres hohen Arms würdig erkannte: denn das Amt des Fürsten ist kein geringeres, als Gott zu seyn unter den Menschen, ein höherer Genius in einer sterblichen Bildung. Wie Sterne glänzen die wenigen, die Liefen auszeich. nenden Ruf verstanden, in der unendlich - dunkeln Wolkennacht gewöhnlicher Regenten und erquicken den verlohrnc» Wandrer auf seinem traurigen Gange in der politischen Menschengeschichte. O daß ein andrer Montesquieu uns den Geist der Gesetze und Regierungen auf unsrer runden Erde nur durch die bekanntesten Jahrhunderte zu kosten gäbe! Nicht nach leeren Namen dreier oder vier Regicrungsformen, die doch nirgend und niemals dieselben sind oder bleiben l auch nicht nach 2Zy Ideen zur Philosophie witzigen Principien des Staats: denn kein Staat ist auf Ein Wortpriucipium qcbauet, geschweige daß er dasselbe in allen seinen Standen und Zeiten unwandelbar erhielte; auch nicht durch zerschnittene Beispiele, aus allen Nationen, Zeiten und Weltgegenden , aus denen in dieser Verwirrung, der Genius unsrer Erde selbst kein Ganzes bilden würde: sondern allein durch die philosophische, lebendige Darstellung der bürgerlichen Geschichte, in der, so einförmig sie scheinet keine Scene zweimal vorkommt und die das Gemahlde der Laster und Tugenden un- ftes Geschlechts und seiner Regenten, nach Ort und Zeiten immer verändert und immer dasselbe, fürch- erlich - lehrreich vollendet. V, Religion ist die ältste und heiligste Tradition der Erde. M- lüde und matt von allen Veränderungen deH Erdenrundes nach Gegenden, Zeiten und Völkern, der Geschichte der Menschheit. 23 t finden wir denn nichts auf demselben, das der ge? m.in'chaftliche Besitz und Vorzug unsres Brudergeschlechts sei? Nichts als die Anlaae zur Vernunft, Humanität und Religion, der drei Grazien des mcnfchlichen Lebens. Alle Staaten encstanden spat und noch später entstanden in ihnen Wissenschaften und Künste; aber Familien sind das ewige Werk der Natur, die sortgehende Haushaltung , in der sie den Samen der Humanität dem Menschengeschlecht einpflanzet und selbst erziehet. Sprachen wechseln mit jedem Volk in jedem Klima; in allen Sprachen aber ist Ein' und dieselbe Merkmal - suchende Menschenvernunft kennbar. Religion endlich, so verschieden ihre Hülle sei; auch unter dem ärmsten, rohesten Volk am Rande der Erde finden sich ihre Spuren. Der Grönländer und Kamtschadale, der Feuerlander und Papu hat Acu- ßerungen von ihr, wie seine Sagen oder Gebräuche zeigen; ja gäbe cs unter den Anziken oder den verdrängten Waldmenschen der Indischen Inseln irgend ein Volk, das ganz ohne Religion wäre; so wäre selbst dieser Mangel von ihrem äußerst verwilderten Zustande Zeuge. Woher kam nun Religion diesen Völkern? Hat jeder Elende sich seinen Gottesdienst etwa wie eine natürliche Theologie erfunden? Diese Mühseligen erfinden nichts; sie folgen in allem der Tradition ihrer Väter. Auch gab ihnen von außen zu dieser Erfindung nichts Anlaß: denn wenn sie Pfeil und Bogen, Angel und Kleid den Thieren oder der Natur ablernten; welchem Thier, welchem Naturge- genstande sahen sie Religion ab? von welchem dcr- 2Z2 Ideen zur Philosophie selben hatten sie Gottesdienst gclernet? Tradition ist also auch hier die fortpflanzende Mutter, wie ihrer Sprache u n d w e- nigen Cultur, so auch ihrer Religion und heiligen Gebrauche. Sogleich folget hieraus, daß sich die religiöse Tradition keines andern Mittels bedienen konnte, als dessen sich die Vernunft und Spracbe selbst bediente, der Symbole. Muß der Gedanke ein Wort werden, wenn er fortgcpflanzt seyn will, muß jode Einrichtung ein sichtbares Zeichen haben, wenn sie für andre und für die Nachwelt seyn soll: wie konnte das Unsichtbare sichtbar, oder eine verlebte Geschichte den Nachkommen aufbchalten werden, als durch Worte oder Zeichen? Daher ist auch bei den rohesten Völkern die Sprache der Religion immer die älteste, dunkelste Sprache, oft ihren Gewcihcten selbst, vielmehr den Fremdlingen unverständlich. Die bedeutenden heiligen Symbole jedes Volks, so klimatisch und national sie seyn mochten, wurden nämlich oft in wenigen Geschlechtern ohne Bedeutung. Kein Wunder: denn jeder Sprache, jedem Institut mit willkührlichen Zeichen müßte cs so ergehen, wenn sie nicht durch den lebendigen Gebrauch mit ihren Gegenständen oft zusammengehalten würden und also im bedeutenden Andenken blieben. Bei der Religion war solche lebendige Zusammenhal- tung schwer oder unmöglich: denn das Zeichen betraf entweder eine unsichtbare Idee oder eine vergangene Geschichte. der Geschichte der Menschheit. 233 Es konnte cilso auch nicht schien, daß die Priester, die ursprünglich Weise der Nation wäre», nicht immer ihre Weise n blieben. Sobald sie nämlich den Sinn des Symbols verlohren, waren sie stumme Diener der Abgötterei oder mußten redende Lügner des Aberglaubens werde». Und sie sinds fast allentbalben reichlich geworden; nicht aus vorzüglicher Betrugsucht, sondern weil es die Sache so mit sich führte. Sowohl in der Sprache, als in jeder Wissenschaft, Kunst und Einrichtung waltet dasselbe Schicksal; der Unwissende, der reden oder die Kunst fortsetzen soll, muß verbergen, muß erdichten, muß heucheln; ein falscher Schein tritt an die Stelle der verlohnten Wahrheit. Dies ist die Geschichte aller Geheimnis? auf der Erde, die Anfangs allerdings viel Wissenswürdiges verbargen, zuletzt aber insonderheit seitdem menschliche Weisheit sich von ihnen getrennt hatte, in elenden Tand ausartcten; und so wurden die Priester derselben, bei ihrem leerge- wocdnen Heiligthum zuletzt arme Betrüger. Wer sie am meisten als solche darstelkete, waren die Regenten und Weisen. Jene nämlich, die ihr hoher Stand, mit aller Macht bekleidet, gar bald auf zwanglose Ungcbundenhcit führte, hielten cs für Pflicht ihres Standes, auch die unsichtbaren höheren Machte cinzuschranken und also die Symbole derselben als Puppenwerk des Pöbels entweder zu dulden oder zu vernichten. Daher der unglückliche Streit zwischen dem Thron und Altar bei allen halbcultivirtcn Nationen; bis man endlich beide gar zu verbinden suchte und damit das unförmliche Ding Ideen zur Philosophie eines Altars auf dem Thron oder eines Throns auf dem Altar zur Welt brachte. Nothwcndig mußten die entarteten Priester bei diesem ungleichen Streit allemal verlieren: denn sichtbare Macht stritt mit dem unsichtbaren Glauben, der Schatte einer alten Tradition sollte mit dem Glanz des goldenen Scep- tcrs kämpfen, den ehedem der Priester selbst geheiligt und' dcm Monarchen in die Hand gegeben hatte. Die Zeiten der Priesterhcrrschaft gingen also mit der wachsende» Eultur vorüber: der Despot, der ursprünglich seine Krone im Namen Gottes geführt hatte, fand es leichter, sie in seinem eignen Namen zu tragen und das Volk war jetzt durch Regenten und Weise zu diesem andern Scepter gewöhnet. Nun ist es erstens unlaugbar, daß nur Religion es gewesen se >, die den Völkcrn allenthalben die erste Eultur und Wissenschaft brachte, ja daß diese ursprünglich nichts als eine Art religi. öser Tradition waren. Unter allen wilden Völkern ist noch jetzt ihre wenige Eultur und Wissenschaft mit der Religion verbunden. Die Sprache ihrer Religion ist eine erhabnere feierliche Sprache, die nicht nur die heiligen Gebrauche mit Gesang und Tcmz begleitet, sondern auch meistens von den Sagen der Urwelt ausqeht, mithin das Einzige ist, was diese Völker von alten Nachrichten, dcm Gedächtnis; der Vorwelt oder einem Schimmer der Wissenschaft übrig haben. Die Zahl und das Bemerken der Tage, der Grund aller Zeitrechnung, war oder ist überall heilig; die Wissenschaft des Himmels und her Natur, wie sie auch seyn möge, haben die der Geschichte der Menschheit, sSS Malier'aller Weltthcile sich zugeeignet. Auch die Arznei - und Wahcsagerkunst, die Wissenschaft des Verborgnen und Auslegung der Traume, die Kunst der Charaktere, die Aussöhnung mit den Göttern, die Befriedigung der Verstorbnen, Nachrichten von ihnen — kur; das ganze dunkle Reich der Fragen und Aufschlüße, über die der Mensch so gern beruhigt fern möchte, ist in den Händen ihrer Priester, so daß bei vielen Völkerschaften der gemeinschaftliche Gottesdienst und seine Feste beinah das Einzige ist, das die unabhängigen Familien zum Schatten eines Ganzen verbindet. Die Geschichte der Eulcur wird zeigen, daß dieses bei den gebildetsten Völkern nicht anders gewesen. Aegypter und alle Morgenlander bis zum Rande d?r östlichen Welt hinauf, in Europa alle gebildete Nationen des Alterthums, Etrusker, Griechen und Römer empfingen die Wissenschaften aus dem Schoos und unter dem Schleier religiöser Traditionen: so ward ihnen Poesie und Kunst, Musik und Schrift, Geschichte und Arznei- kunst, Naturiehre und Metaphysik, Astronomie und Zeitrechnung, selbst die Sitten- und Staatslehre gegeben. Die ältesten Weisen thate» nichts, als das, was ihnen als Same gegeben war, sondern und zu eignen Gewachsen erziehen; welche Entwicklung sodann mit den Jahrhunderten fortging. Auch wir Nordländer haben unsre Wissenschaften in keinem, als dem Gewände der Religion erhalten und so kann man kühn mit der Geschichte aller Völker sagen: „der religiösen Tradition in Schrift und Sprache ist die Erde ihre Samenkörner aller Hähern Cultur schuldig." La ^ 236 Ideen zur Philosophie Zweitens. Die Natur der Sache selbst bestätigt diese historische Behauptung: denn was wars, das den Menschen über die Thicre erhob und auch in der rohesten Ausartung ihn verhinderte, nicht ganz zu ihnen herabzusinkcn? Man sagt: Vernunft und Sprache. So wie er aber zur Vernunft nicht ohne Sprache kommen konnte: so konnte er zu beiden nicht anders als durch die Bemerkung des Einen im Vielen, mithin durch die Vorstellung des Unsichtbaren im Sichtbaren, durch die Verknüpfung der Ursache mit der Wirkung gelangen. Eine Art religiösen Gefühls unsichtbarer wirkender Kräfte im ganzen Ehaos der Wesen, das ihn umgab, mußte also jeder ersten Bildung und Verknüpfung abgezogner Vernunftideen vorausgehn und zum Grunde liegen. Dies ist das Gefühl der Wilden von den Kräften der Natur, auch wenn sie keinen ausge- drückcen Begriff von Gort haben; ein lebhaftes und wirksames Gefühl, wie selbst ihre Abgöttereien und ihr Aberglaube zeiget. Bei allen Verstandesbcgriffen blos sichtbarer Dinge handelt der Mensä) dem Thier ähnlich; zur ersten Stufe der höheren Vernunft mußte ihn die Vorstellung des Unsichtbaren im Sichtbaren, einer Kraft in der Wirkung heben. Diese Vorstellung ist auch beinah das Einzige, was rohe Nationen von transscendentcc Vernunft besitzen und andere Völker nur in mehrere Worte entwickelt haben. Mit der Fortdauer der Seele nach dem Tode wars ein Gleiches. Wie der Mensch auch zu ihrem Begriff gekommen seyn möge; so ist dieser Begriff, als allgemeiner Volksglaube auf der Erde, das Einzige , das den Menschen im Tode vom Thier unterscheidet. Keine wilde Nation kann sich die Unsterb- der Geschichte der Menschheit. 2^7 lichkeit einer Menschenseele philosophisch erweisen, so wenig es vielleicht ein Philosoph lhun kann: denn auch dieser vermag nur den Glauben an sie, der im menschlichen Herzen liegt, durch Vcrnunftgründe zu bestärken; allgemein aber ist dieser Glaube auf der Erde. Auch der Kamtschadale hat ihn, wenn er seinen Tobten den Thicren binlegt, auch der Ncu- hollandcr hat ihn, wenn er den Leichnam ins Meer senket. Keine Nation verscharret die Ihren, wie man ein Thier verscharrt: jeder Wilde geht sterbend ins Reich der Vater, ins Land der Seelen. Religiöse Tradition hierüber und das innige Gefühl eines Dascyns, das eigentlich von keiner Vernichtung weiß, geht also vor der entwickelnden Vernunft voraus; sonst würde diese auf den Begriff der Unsterblichkeit schwerlich gekommen scyn oder ihn sehr kraftlos abstrahirt haben. Und so ist der allgemeine Menschenglaube an die Fortdauer unsres Dasevns die Pyramide der Religion auf allen Gräbern der Äölker. Endlich die göttlichen Gesetze und Regeln der Humanität, die sich, wenn auch nur in Resten, bei dem wildesten Volk äußern, sollten sie, nach Jahrtausenden etwa von der Vernunft ersonnen ferm und diesem wandelbaren Gebilde der menschlichen Abstraction ihre Grundfcste zu danken haben? Ich kanns, selbst der Geschichte nach, nicht glauben. Waren die Menschen wie Thiere auf die Erde ge- streuet, sich die innere Gestalt der Humanität erst selbst zu erfinden: so müßten wir noch Nationen ohne Sprache, ohne Vernunft, ohne Religion und Sitten kennen: denn wie der Mensch gewesen ist, 238 Ideen zur Philosophie ist et Noch auf der Erde. -Null sogt uns ober keine Geschichte, keine Erfahrung, daß irgendwo menschliche Orang - OutangS leben; und die Mahrchen, die der spuke Diodor oder der noch spätere Plinius von den Unempfindlichen und andern unmenschlichen Menschen erzählen, zeigen sich entweder selbst in ihrem fabelbaften Grunde oder verdienen wenigstens auf das Zeugnifi dieser Schriftsteller noch keinen Glauben. So sind auch gewiß die Sagen übertrieben , die die Dichter, um das Verdienst ihrer Orpheus und Kadmus zu erheben, von den rohen Völkern der Vorwclt geben: denn schon die Zeit, in der diese Dichter lebten und det Zweck ihrer Beschreibung schließt sie Von der Zahl historischer Zeugen aus. Wilder als der Neuwe- oder der Feucr- landec, ist auch nach der Analogie des Klima zu rechnen, kein Europäisches, geschweige ein Griechisches Volk gewesen; und jene inhumanen Nationen haben Humanität, Vernunft und Sprache. Kein Menschenfresser frißt seine Brüder und Kinder; der Unmenschliche Gebrauch ist ihnen ein grausames Kriegsrecht zur Erhaltung der Tapferkeit und zum wechselseitigen Schrecken der Feinde. Er ist also Nichts mehr und minder als das Werk einer groben politischen Vernunft, die bei jenen Nationen die Humanität in Absicht dieser wenigen Opfer des Vaterlandes so bezwang, wie wir Europäer sie in Absicht anderer Dinge noch jetzt bezwungen haben. Gegen Fremde schämcten sie sich ihrer grausamen Handlung, wie wir Europäer uns doch der Men- sschen sch lachten nicht schämen; ja gegen jeden Kriegs- gcfangnen, den dies traurige Loos nicht trifft, beweisen sie sich brüderlich und edel. Alle diese Züge der Geschichte der Menschheit. 23 g also, auch wenn der Hottcntott sein lebendiges Kind vergrabt und der Eskimo seinem alten Vater das Alter verkürzet, sind Folgen der traurigen Noch, die indeß nie das ursprüngliche Gefübl der Humanität widerleget. Viel sonderbarere Gräuel hat unter uns die mißgcleitete Vernunft oder die ausqelafi- ne Ucppigkeit erzeuget, Ausschweifungen, an welche die Polygamie der Neger schwerlich reichet. Wie nun deswegen unter uns niemand laugncn wird, daß auch in die Brust des Sodomiten, des Unterdrückers, des Meuchelmörders das Gebilde der Humanität gegraben sei, ob crs gleich durch Leidenschaften und freche Gcwolmbeit fast unkenntlich machte: so vergönne man mir, nach allem was ich über die Nationen der Erde gelesen und geprüft habe, diese innere Anlage zur Humanität so allgemein als die Menschliche Natur, ja eigentlich für diese Natur selbst anzunehmen. Sie ist älter, als die spekulative Vernunft, die durch Bemerkung und Sprache sich erst dcm Menschen angebildet hat, ja die in praktischen Fällen kein Richtmaas in sich hatte , wenn sie es nicht von jenem dunklen Gebilde in uns borgte. Sind alle Pflichten des Menschen nur Conventionen, die er als Mittel der Glückseligkeit sich selbst aussann und durch Erfahrung feststcllte: so hören sie Augenblicks auf meine Pflichten zu seyn, wenn ich mich von ihrem Zweck, der Glückseligkeift lossaqe. Der Syllogismus der Vernunft ist nun vollendet. Aber wie kamen sie denn in die Brust dessen, der nie über Glückseligkeit und die Mittel dazu spcculirend dachte? wie kamen Pflichten der Ehe, der Vater- und Kindesliebe, der Familie und der Gesellschaft in den Geist eines Menschen, ehe 2g,1 Ideen zur Philosophie er Erfahrungen des Guten und Bosen über jede derselben gcsammlet hotte und also auf tausendfache Art zuerst ein Unmensch hatte sepn müssen, che er ein Mensch ward. Nein, gütige Gottheit, dem mörderischen Ungefähr übcrliesscst du dein Geschöpf nicht. Den Thieren aabst du Jnstinct, dem Menschen grubest du dein Bild, Religion und Humanität in die Seele: der Umriß der Bildsäule liegt im dunkeln tiefen Marmor da; nur er kann sich nicht selbst aushauen, ausbilden. Tradition und Lehre, Vernunft und Erfahrung sollten dieses thun und du ließest es ihm an Mitteln dazu nicht fehlen. Die Regel der Gerechtigkeit, die Grundsätze des Rechts der Gesellschaft, selbst die Monogamie als die dem Menschen natürlichste Che und Liebe, die Zärtlichkeit gegen Kinder, die Pietät gegen Wohlthätcr und Freunde, selbst die Empfindung des mächtigsten, wohl,-hakigsten Wesens sind Züge dieses Bildes, die l»e und da bald unterdrückt, bald ausgebildet sind, allenthalben aber noch die Uranlage des Menschen selbst zeigen, der er sich, sobald er sie wahrnimmt, auch nicht entsagen darf. Das Reich dieser Anlagen und ihrer Ausbildung ist die eigentliche Stadt Gottes auf der Erde, in welcher alle Menschen Bürger sind, nur nach sehr verschiednen Elasten und Stufen. Glücklich ist, wer zur Ausbreitung dieses Reichs der wahren innern Menschenschöpfung beitragen kann: er beneidet keinem Erfinder seine Wissenschaft und keinem Könige seine Krone, Wer aber ists nun, der uns sage: „wo und wie diese aufwcckende Tradition der Humanität und Religion auf der Erde entstand und sich mit so manchen der Geschichte der Menschheit. 24c manchen Verw/mdelungen bis an den Rand der Welt fortbreitete, wo sie sich in den dunkelsten Resten verlieret? Wer lehrte den Menschen Sprache wie noch jetzt jedes Kind dieselbe von andern lernet und niemand sich seine Vernunft erfindet? Welches waren die ersten Symbole, die der Mensch faßte, so daß eben im Schleier der Kosmogonie und religiöser Sagen die ersten Keime der Cultur unter die Völker kamen? Wo hangt der erste Ring der Kette unsres Geschlechts und seiner geistig - moralischen Bildung?" Laßet uns sehen, was uns darüber die Naturgeschichte der Erde sammt der ältesten Tradition sage. Philos. und Gesch. IV. LH. Äee/». II, 242 Ideen zur Philosophie Zehntes Buch. i. Unsre Erde ist für ihre lebendige Schöpfung eine eigengebildete Erde. ,,-^/a der Ursprung der Mcnschcngeschichte dem Philosophen sehr im Dunkeln ist und schon in ihren ältesten Zeiten Sonderbarkeiten erscheinen, die Der und Jener mit seinem System nicht zu fügen wußte: so ist man auf den verzweifelnden Weg gerakhcN, den Knoten zu zerschneiden und nicht nur die Erde als eine Trümmer voriger Bewohnung , sondern auch das Menschengeschlecht als einen überbliebenen, entkommenen Rest anzusehen, der, nachdem der Planet in einem andern Zustande, wie mau sagt, seinen jüngsten Tag erlebt hatte, etwa auf Bergen oder in Höhlen sich diesem allgemeinen Gericht entzogen habe. Seine Menschcnvernunft, Kunst und Tradition sei der Geschichte der Menschheit. 2g3 ein geretteter Raub der untergegaugenen Vorwelt *); daher er khcils schon von Anfänge her einen Glanz zeige, der sich auf Erfahrungen vieler Jahrtausende gründe, theils auch nie ins Licht gesetzt werden könne, weil durch diese nberbliebene Menschen, wie durch einen Isthmus, sich die Eultur zweier Welten verwirre und binde." Ist diese Meynung wahr: so giebt es allerdings keine reine Philosophie der Men- schengcschichtc: denn unser Geschlecht selbst und alle seine Künste waren nur ausgeworsene Schlacken einer vorigen Weltverwüstung. Lasset uns sehen, was diese Hypothese, die aus der Erde selbst so wie aus ihrer Menschengeschichte ein unentwirrbares Ehaos macht, für Grund habe? In der Urbildung unsrer Erde hat sie, wie mich dünkt, keinen: denn die ersten scheinbaren Verwüstungen und Revolutionen derselben setzen keine verlebte Menschengeschichte voraus, sondern gehören zu dem schaffenden Kreise selbst, durch welchen unsre Erde erst bewohnbar worden **). Der alte Granit, *) S. insonderheit den scharfsinnigen Versuch über den Ursprung der Erkenntniß der Wahrheit und der Wissenschaften Berlin 1781. Die Hypothese, daß unser Erdball aus den Trümmern einer andern Welt gebildet sei, ist mehreren Naturforschern aus sehr verschiednen Gründen gemein. **) Die kacta zu den folgenden Behauptungen sind in vielen Büchern der neuern Erdkunde zerstreut, Q 2 244 Ideen zur Philosophie der innere Kern unsres Planeten, zeigt soweit wir ihn kennen, keine Spur von untergegangenen organischen Wesen; weder daß er solche in sich enthielte, noch daß seine Bestandthcile dieselben voraussetzten. Wahrscheinlich ragte er in seinen höchsten Spitzen über die Wasser der Schöpfung empor , da sich auf denselben keine Spur einer Meerwirkung findet; auf diesen nackten Höhen aber könnt,- ein menschliches Geschöpf so wenig athiucu, als sich nähren. Die Luft, die diesen Klumpen umgab, war von Wasser und Feuer noch nicht gesondert: beschwangcrt mit den mancherlei Materien, die sich erst in vielfältigen Verbindungen und Perioden an die Grundlage der Erde setzten und ihr allgemach Form gaben, konnte sie dem feinsten Erdgeschöpf seinen Lebensathem so wenig erhalten, als geben. Wo also zuerst lebendiges Gebilde entstand, war im Wasser; und es entstand mit der Gewalt einer schaff,ndcn Urkraft, die noch nirgend anders wirken konnte und sich also zuerst in der unendlichen Menge von Schalcnthicrcn, dem Einzigen, was in diesem schwängern Meer leben konnte, organisirte. Bei. sortgchendcr Ausbildung der Erde fanden sie häufig ihren Untergang und ihre zerstörten Theile wurden die Grundlage zu seiner» Organisationen. Je mehr der Ursels vom Wasser befreit und mit Absätzen desselben d. i. der mit ihm vcrbundnen Elemente und Organisationen befruchtet wurde: desto mehr eilte die Pflanzen- auch zum Theil aus Busfon u. a. so bekannt, daß ich mich Satz für Satz mit Citatione» nicht ziere. der Geschichte der Menschheit. 2g!? schöpfung der Schöpfung des Wassers nach, und auf jedem entblößten Erdstrich vegctirte, was daselbst veactircn konnte. Aber auch im Treibhause dieses Reichs konnte noch kein Erdenthicr leben. Auf Erd- höhcn , auf denen jetzt Lappländische Krauter wachsen, findet man versteinte Gewächse des heißesten Erdstrichs : ein offenbares Zeugniß , daß der Dunst auf ihnen damals dies Klima gehabt habe. Gelautert indessen mußte diese Dunsiluft schon in großem Grad seyn, da sich so viele Massen aus ihr niedcrgcsenkt hatten und die zarte Pflanze vom Licht lebet; daß aber bei diesen Pstanzenabdrücken sich noch nirgend Erdentkicre, geschweige denn Mcnschengcbeine finden, zeigt wahrscheinlich, daß solche auf der Erde damals noch nicht vorhanden gewesen, weil weder zu ihren» Gebilde der Stoff noch zu ihrem Unterhalt Nahrung bereitet war. So gehcts durch mancherlei Revolutionen fort, bis endlich in sehr obern Leim - oder Sandschichten erst die Elcphanten- und Nas'hörner- Gerippe erscheinen: denn was man in ticfern Versteinerungen für Menschcngebilde gehalten, ist alles zweifelhaft und von genauem Naturforschern für Gerippe von Scethieren erkläret worden. Auch auf der Erde sing die Natur mit Bildungen des wärmsten Klima und wie es scheint, der ungeheuersten Massen an, eben wie sie im Meer mit gepanzerten Schaalthicren und großen Ammonshörnern ansing; wenigstens haben sich bei den so zahlreichen Gerippen der Elcphanten, die spat zusammcngeschwemmt sind und sich lue und da bis auf die Haut erhalten haben, zwar Schlangen, Scethiere u. dgl. nie aber Menschenkörper gefunden. Ja wenn sie auch gefunden waren, sind sie ohnstreitig von einem sehr neuern 246 Ideen zur Philosophie Datum gegen die alten Gebirge, in denen nichts von dieser Art Lebendigem vorkommt. So spricht das älteteste Buch der Erde mit seine» Thon- Schiefer- Marmor - Kalk- und Sandblattern; und was spräche es bümit für eine Umschaffung der Erde, die ein Menschengeschlecht überlebt hätte, dessen Reste wir wären? Vielmehr ist alles, was sic redet, dafür, daß unsre Erde aus ihrem Chaos von Materien und Kräften unter der belebenden Wärme dcS schaffenden Geistes sich zu einem eignen, und ursprünglichen Ganzen durch eine Reihe zubereitendcr Revolutionen gebildet habe, bis auch zuletzt die Krone ihrer Schöpfung, das feine und zarte Mcnschen- geschöpf, erscheinen konnte. Die Systeme also, die von zehnfacher Veränderung der Weltgcgenden und Pole, von hundertfältiger Umstürzung eines bewohnten und cultivirken Bodens, von Vertreibungen der Menschen aus Gegend in Gegend oder von ihren Grabmählern unter Felsen und Meeren reden und in der ganzen ältesten Geschichte nur Graus und Entsetzen schildern, sic sind, Trotz aller unläugbaren Revolutionen der Erde, dem Bau derselben entgegen oder von ihm wenigstens unbegründet. Die Riffe und Gänge im alten Gestein oder seine zusammcn- gefallenen Wände sagen nichts von einer vor unsrer Erde bewohnten Erde; ja wenn auch die alte Masse durch ein solches Schicksal zusammengeschmolzen wäre, so blieb gewiß kein lebendiger Rest der Urwelt für uns übrig. Die Erde sowohl, als die Geschichte ihrer Lebendigen, wie sie jetzt ist, bleibt also für den Forscher ein reines ganzes Problem zur Auflösung. Einem solchen treten wir näher und fragen n der Geschichte der Menschheit. S47 II. Wo war die Bildungsstätte und der älteste Wohnsitz der Menschen? <^/aß cr an keinem spat entstandenen Erdrandc gewesen sevn kann, bedarf keines Erweises und so treten wir sogleich auf die Höhen der ewigen Urge- birge und der an sie allmählich gelagerten Lander. Entstanden überall Menschen, wie überall Schalen- thiere entstanden? gebar das Mondsgcbirge den Neger, wie etwa die Andes den Americancr, der slral den Asiaten, die Europäischen Alpen den Europäer gebahren? und hat jedes Hauptgebicge der Welt etwa seinen eignen Strich der Menschheit? Warum, da jeder Wclttheil seine eigne Thicrarten hat, die anderswo nicht leben können und also auf und zu ihm gcbohren seyn müssen, sollte er nicht auch seine eigne Mcnschengattung haben? und wären die verschicdnen Nationalbildungcn, Sitten und > Charaktere, insonderheit die so unterschicdne Sprachen der Völker nicht davon Erweise? Jedermann meiner Leser weiß, wie blendend diese Gründe von mchrern gelehrten und scharfsinnigen Geschichtfor- schern ausgeführt sind, so daß mans zuletzt als die gezwungenste Hypothese ansah, daß die Natur zwar 248 Ideen zur Philosophie überall Affen und Baren, aber nicht Menschen habe erschaffen können, und also dem Lauf ihrer andern Wirkungen ganz zuwider, eben ihr zartestes Geschlecht, wenn sie cs nur in Einem Paar hervor- brachtc, durch diese ihr fremde Sparsamkeit tausendfacher Gefahr blosstellte. „Schauet noch jetzt, sagt man, die viclsamigc Natur an, wie sie verschwendet ! wie sie nicht nur Pflanzen und Gewächse, sondern auch Thiere und Menschen in ungezählten Keimen dem Untergange in den Schoos wirft! Und eben auf dem Punkt, da das menschliche Geschlecht zu gründen war: da sollte die gcbahrcndc, die in ihrer jungfräulichen Jugend an Saamcn aller Wesen und Gestalten so reiche Mutter, die wie der Bau der Erde zeigt, Millionen lebendiger Geschöpfe in Einer Revolution aufopfern konnte, um neue Geschlechter zu gebähren; sie sollte damals an nicdern Wesen sich erschöpft und ihr wildes Labyrinth voll Leben mit zwei schwachen Menschen vollendet haben?" Laset uns sehen, wiefern auch diese glänzend-scheinbare Hypothese dem Gange der Eul- tur und Geschichte unsres Geschlechts entsprechen oder auch seiner Bildung, seinem Charakter und Verhältnis zu den andern Lebendigen der Erde bestehen möge. Zuerst ists offenbar der Natur entgegen, daß sie alles Lebendige in gleicher Anzahl oder auf einmal belebt habe: der Vau der Erde und die innere Beschaffenheit der Geschöpfe selbst macht dies unmöglich. Elcphanten und Würmer, Löwen und Znfusionsthiere sind nicht in gleicher Zahl da: sie konnten auch Uranfangs ihrem Wesen nach weder in der Geschichte der Menschheit. 249 gleichem Verhältnis;, noch auf Einmal erschaffen werden. Millionen Muschelgeschöpfe mußten untergeben, che auf unserm Erdcnfels Gartenbeete zu feinerm Leben wurden: eine Welt von Pflanzen fleht jährlich unter, damit sie höheren Wesen das Leben nähre. Wenn man also auch von den Endursachen der Schöpfung ganz abstrahiert: so lag es schon im Stoff der Natur selbst, daß sic aus Vielem ein Eins machen und durch das kreisende Rad der Schöpfung Zahlloses zerstören mußte, damit sie ein Minderes aber Edleres belebte. So fuhr sie von unten hinauf und indem sie allenthalben gnug des Samens nachließ, Geschlechter die sie dauren lassen wollte, zu erhalten, bahnte sie sich den Weg, zu auserlesneren , feinern, höheren-Geschlechtern. Sollte der Mensch die Krone der Schöpfung seyn: so konnte er mit dem Fisch oder dem Meerschleim nicht Eine Masse, Einen Tag der Geburt, Einen Drt und Aufenthalt haben. Sein Blut sollte kein Wasser werden; die Lebenswarme der Natur mußte also so weit hinaufgeläutert, so fein cßentürt seyn, daß. sic Mcnschenblut röthete. Alle seine Gefäße und Fibern, sein Knochengebäude selbst sollte von dem feinsten Thon gebildet werden und da die Allmächtige nie ohne zweite Ursachen handelt: so mußte sic sich dazu den Stoff in die Hand gearbeitet haben. Selbst die gröbere Thierschöpfung war sie durchgangen: wie und wenn jedes entstehen konnte, entstand es: durch alle Pforten drangen die Kräfte und arbeiteten sich zum Leben. Das Ammonshorn war eher da als der Fisch: die Pflanze ging dem Thier voran, das ohne sic auch nicht leben konnte: der Krokodill und Kaiman schlich eher daher, z als der 2VN Ideen zur Philosophie weise Efephant Kräuter las und seinen Rüßel schwenkte. Die Flcischfrcßcndcn Thiere setzten eine zahlreiche, schon sehr vermehrte Familie derer voraus, von denen sie sich nähren sollten; sie konnten also auch mit diesen nicht aus einmal und in gleicher Anzahl dascyn. Der Mensch also, wenn er der Bewohner der Erde und ein Gebieter der Schöpfung scyn sollte, mußte sein Reich und Wohnbaus fertig finden; »othwendig mußte er also auch >'pät und in geringerer Anzahl erscheinen, als die so er beherrschen sollte. Hatte die Natur aus dem Stoff ihrer Werk- stattc aus Erde» etwas Höheres, Reineres und Schöneres als der Mensch ist, hervorbringcn können; warum sollte sie es nicht gethan haben? Und daß sie eS nicht gethan hat, zeigt, daß sie mit dem Menschen die Werkstatte schloß und ihre Gebilde, die sie im Boden des Meers mit dem reichsten Ue- berfluß angcfangen hatte, jetzt in der erlesensten Sparsamkeit vollführte. „Gott schuf den Menschen, singt die älteste schriftliche Tradition der Völker, in seinem Gebilde: ein Gleichnis Gottes schuf er in ihm, Einen Mann und Ein Weib; nach dem Un- zahlichen, das er geschaffen hatte, die kleinste Zahl: da ruhete ec und schuf nicht fürder." Die lebendige Pyramide war hier bei ihrem Gipfel vollendet. Wo konnte dieser Gipfel nun statt finden? wo erzeugte sich die Perle der vollendeten Erde? Noth- weudig im Mittelpunkt der regsten organischen Kräfte , wo, wenn ich so sagen darf, die Schöpfung am weitsten gediehen, am längsten und feinsten ausge- nrbeitek war; und wo war dieses, als etwa in Asien, wie schon der Bau der Erde, muthmaslich der Geschichte der Menschheit. 25 r saget. In Asien nämlich hatte unsre Kugel jene große und weite Hohe, die nie vom Wasser bedeckt, ihren Felsenrücken in die Lange und Breite vielar- mig hinzog. Hier also war die meiste Anziehung wirkender Kräfte, hier rieb und kreiscte sich der elektrische Strom, hier setzten sich die Materien des Fruchtreichcn Chaos in größester Fülle nieder. Um diese Gebirge entstand der qrößeste Welttheil, wie seine Gestalt zeiget: auf und an diesen Gebirgen lebt die größeste Menge aller Arten lebendiger Thier- schopfung, die wahrscheinlich hier schon streiften und ihres Daseyns sich freuten, als andre Erdstrecken noch unter dem Wasser lagen und kaum mit Wäldern oder mit nackten Bergspihen emporblickten. Der Berg, den Linnens *) sich als das Gebirge der Schöpfung gedacht hat, ist in der Natur; nur nicht als Berg, sondern als ein weites Amphitheater, ein Stern von Gebirgen, die ihre Arme in mancherlei Klimate vertheilen. ,,Jch muß anmerken, sagt Pallas **), daß alle Thiere, die in den Nord- und Südländern zahm geworden sind, sich in dem gemäßigten Klima der Mitte Asiens wild finden, (den Dromedar ausgenommen, dessen beide Arten nicht wohl außerhalb Afrika fortkommcn und lUniraei iinieenit. aonllenr. Vol, n. p. llzg» Oratio sie terra ballitshili: Die Rede ist häufig übersetzt worden. Bemerkungen über die Berge, in den Beiträgen zur physikalischen Erdbeschreibung (Band 3 . S. 220.) und sonst übersetzt. 202 Ideen zur Philosophie sich schwer an das Klima von Asien gewöhnen). Der Stammort des wilden .Ochsen, des Büffels, des Mufflon, von welchem unsre Schaaft kommen, des Bezoarihicrs und des StcinbockS, aus deren Vermischung die so fruchtbare Nace unsrer zahmen Ziegen entstanden ist, finden sich in den gebirgigen Ketten, die das mittlere Asien und einen Theil von Europa entnehmen. Das Renntbicr ist auf den hohen Bergen, die Sibericn begrenzen und sein östliches Ende bedecken, häufig und dient daselbst als Last - und Zugvieh. Auch findet es sich auf der uralischen Kette und hat von da aus die nordischen Ländcr besetzt. Das Kamee! mit zwei Buckeln findet sich wild in dcn großen Wüsten zwischen Tibet und Ehina. Das wilde Schwein halt sich in den Wäldern und Morästen des ganzen gemäßigte» Asiens auf. Die wilde Katze, von der unsre Hauskatze abstammct, ist bekannt genug. Endlich stammt die Hanptrace uysrer Haushunde zuverlässig vom Schakal her; ob ich dieselbe gleich nicht für ganz unverfälscht halte, sondern glaube, daß sie sich vor undenklicher Zeit mit dem gemeinen Wolf, dcm Fuchs und selbst mit der H»anc vermischt habe, welches die ungemeine Verschiedenheit der Gestalt und Größe der Hunde verursacht hat u. f." So Pallas. Und wem ist der Rcichthum Asiens, insonderheit seiner mittägigen Lander an Naturprodukten unbekannt? Es ist als ob um diese erhabenste Höhe der Welt sich nicht nur das breitste, sondern auch das reichste Land gesetzt habe, das von Anfänge her die meiste organische Warme in sich gezogen. Die weisesten Elephanten, die klügsten Affen, die lebhaftesten Thiere nährt Asien; ja vielleicht hat cs der Geschichte der Menschheit. 253 seines Verfalls ungeachtet, der genetischen Anlage nach, die geistreichsten und erhabensten Menschen. Wie aber die andern Welktheile? Daß Europa sowohl an Menschen als Thicren meistens aus Asien besitzt sei und wabrschcmlich einem großen Theil nach noch mit Wasser oder mit Wald und Morasten bedeckt gewesen, als das höhere Asien schon cultivirt war, ist sogar auS der Geschichte crweiolich. Das innere Afrika kennen wir zwar noch wenig: die Höhe und Gestalt seines mittleren Bergrückens insonderheit ist uns ganz fremde; indessen wird aus mehreren Gründen wahrscheinlich, daß dieser Wasserarme und große Strecken hinein niedrige Welttheil mit seinem Erdrücken schwerlich an die Höhe und Breite Asiens reiche. Auch Er ist also vielleicht langer bedeckt gewesen und obwohl der warme Erdgürtel sowohl der Pflanzen - als Thierschöpsung daselbst ein eignes kräftiges Gepräge nicht versagte: so scheinet eS doch daß Afrika und Europa nur wie Kinder sind, an den Schoos der Mutter, Asien, gclehnct. Die meisten Thicre haben diese drei Welktheile gemein und sind im Ganzen nur Ein Welttheil. Amerika endlich; sowohl der Strich seiner steilen, unbewohnbar-hohen Gebirge, als deren noch tobende Vulkane und ihnen zu Füßen das niedrige, in großen Strecken Mcerflache Land, sammt der lebendigen Schöpfung desselben, die sich vorzüglich in der Vegetation, den Amphibien, Insekten, Vögeln und dagegen in weniger Gattungen voll- kommner nnd so lebhafter Landthiere freuet, als in denen sich die alte Welt fühlet; alle diese Gründe, zu denen die junge und rohe Verfassung seiner ge- Ideen zur Philosophie 204 summte» Völkerschaften mitgcböret, machen diesen Weltkkeil schwerlich als den ältest-bewohnten kennbar Vielmehr ist er gegen die andre Erdhälfte betrachtet, dem Naturforscher ein reiches Problem der Verschiedenheit zweier entgegengesetzten Hemisphäre. Schwerlich also durfte auch das schöne Tbal Quito der Geburtsort eines ursprünglichen Menschcnpaars gewesen senn, so gern ich ihm und den Mondgcbir- gen Aftika's die Ehre gönne und niemanden widersprechen mag, der hiezu Beweislhümer fände. Aber qnng der bloßen Muthmaßungcn, die ich nicht dazu gemißbraucht wün'che, daß man dem Allmächtigen die Kraft und den Stoff, Menschen wo er will zu schaffen, abspräche. Die Stimme, die allenthalben Meer und Land mit eignen Bewohnern bepflanzte, konnte auch jedem Welttheil seine cinge- dohrnen Beherrscher geben, wenn sie es für gut fand. Liese sich nicht aber in dem bisher entwickelten Charakter der Menschheit die Ursache finden, warum sie es nicht beliebte? Wir sahen, daß die Vernunft und Humanität der Menschen von Erziehung, Sprache und Tradition abhange und daß unser Geschlecht hierin völlig vom Thier unterschieden sei, das seinen unfehlbaren Instmet auf die Welt mitbringt. Ist dies; so konnte schon seinem specisischen Charakter nach der Mensch nicht Thiercn gleich überall in die wilde Wüste geworfen werden. Der Baum, der allenthalben nur künstlich fortkom- men konnte, sollte vielmehr aus Einer Wurzel, an eurem Ort wachsen, wo er am besten gedeihen, wo der, der ihn gepflanzt hatte, ihn selbst warten konnte. Das Menschengeschlecht, das zur Humans- der Geschichte der Menschbeit. 255 tat bestimmt war, sollte von seinem Ursprünge a» ein Vrudergeschlecht aus Einem Blut, am Lcitbande Einer bildenden Tradition werden, und so entstand das Ganze, wie noch jetzt jede Familie entspringt, Zweige von Einem Stamm, Sproßen aus Einen, ursprünglichen Garten. Mich dünkt, jedem der das charakteristische unsrer Natur, die Beschaffenhut und Art unsrer Vernunft, die Weise, wie wir zu Begriffen kommen und die Humanität in uns bilden, erwägt, ihm müße dieser auszcichnende Plan Gottes über unser Geschlecht, der unS auch dem Ursprünge nach vom Thier unterscheidet, als der angemessenste, schönste und würdigste erscheinen. Mit diesem Entwurf wurden wir Lieblinge der Natur, die sic als Früchte ihres reifsten Fleißes, oder wenn man will, als Söhne ihres hohen Alters auf der Stelle bervor- brachte, die sich am besten für diese zarten Spätlinge geziemte. Hier erzog sie solche mit mütterlicher Hand und hatte um sie gelegt, was vom ersten Anfänge an die Bildung ihres künstlichen Mcnschcn- Eharakters erleichtern konnte. So wie nur Eine Menschenvcrnunft auf der Erde möglich war und die Natur daher auch nur Eine Gattung Vernunft- fähiger Geschöpfe hervorbrachte: so ließ sie diese Vernunftfahigen auch in Einer Schule der Sprache und Tradition erzogen werden und übernahm selbst diese Erziehung durch eine Folge von Generationen aus Einem Ursprung. 2S6 Ideen zur Philosophie III. Der Gang der Cultur und Geschichte giebt historische Beweise, daß das Menschengeschlecht in Asien entstanden sei. ->^lle Völker Europcns, woher sind sie? Aus Asien. Von den nicistcn wissen wirs gewiß: wir kennen den Ursprung der Lappen, der Finnen, der Germa- nier und Gothen, der Gallier, Slaven, Gelten, Eimbern u. f. Theils aus ihren Sprachen oder Sprachigsten, theils aus Nachrichten ihrer alten Sitze können wir sic ziemlich weit ans schwarze Meer oder in die Tatarei verfolgen, wo zum Theil noch ihre Sprachigste leben. Von der Abkunft anderer Völker wissen wir weniger, weil wir die älteste Geschichte derselben weniger kennen: denn blos die Unkunde voriger Zeiten macht Avtochthonen. Ein seltnes Verdienst um die Menschheit wäre es, wenn der Sprachgclehrteste Geschichtforscher der alten und neuen Völker, Büttner, uns die Schatze seiner zusammenhaltenden Belesenheit aufthate und wie ers thun könnte, einer Reihe von Völkern ihren ihnen selbst unbekannten Stammbaum gäbe *). *) Dieser gelehrte Mann arbeitet mit einem viel- umfaßendcn Plan an einem ähnlichen Werke. Die der Geschichte der Menschheit. 287 Die Abkunft der Afrikaner und Amerikaner ist uns freilich dunkler; so weit wir aber den obcrn Rand des erstgenannten Welttbeils kennen und die ältesten Traditionen über ibn zusammenbalten, ist er Asiatisch. Weiter hinab wüsten wir uns begnügen, i» der Negecqesialt und Farbe wenigstens nichts widersprechendes gegen diese Abkunft, vielmehr ein fortgebendes Gemälde klimatischer Nationalbildungen zu finden, wie das sechste Buch dieser Schrift zu zeigen versucht bat. Ein gleiches ists mit dem spater - bevölkerten Amerika, dessen Bepflanzung aus dem östli» chcn Asien schon der einförmige Anblick der Völker wahrscheinlich machte. Mehr als die Bildungen aber sagen uns die Sprachen der Volker; und wo auf der ganzen Erde giebt cs die altest-euliivirten Sprache» ? In Asien. Wollt ihr das Wunderding sehen, daß Völker tausende von Meilen hin in die Länge und Beeile lauter einsylbige Sprachen reden: sehet nach Asien. Die Strecke jenseir des Ganges, Tibet und Sinn, Pequ, Ava, Arrakan und Brema, Tonguin, Laos, Koschin- Sina, Kambodscha und Siam sprechen lauter unbieg- sam-einsylbige Worte Wahrscheinlich hat die frühe Regel ihrer Sprach-Eultur und Schrift sie dabei erhalten : denn in dieser Ecke Asiens sind die ältesten Einrichtungen beinah in allem unverändert geblieben. Wollet ihr Sprachen, deren großer fast überflicßender Reichthum auf sehr wenige Wurzeln zusammengeht, so daß sie mit einer sonderbaren Regelmäßigkeit und dem fast kindischen Kunstwerk, durch eine kleine Ver- Philos. und Gesch. IV. LH. R AAcn. II, 258 Ideen zur Philosophie änderunq des Stammworts einen neuen Begriff zu sagen, Mannigfaltigkeit und Armurh verbinden: so sehet den Umfang Südasiens von Indien bis nach Syrien, Arabien und Leckiopien bin. Die Bengalische Sprache hat 70,0. Wurzeln, gleichsam die Elemente der Vernunft, aus denen sic Zeitwörter, Nennwörter und alle andre Redetheile bildet. Die Ebrai- sche und die ihr verwandten Sprachen, so ganz andrer Art sie sind, erregen Erstaunen, wenn man ihren Bau selbst noch in den ältesten Schriften betrachtet. Alle ihre Worte gehen an Wurzeln von drei Buchstaben zusammen, die Anfangs vielleicht auch einsylbig waren, nachher aber, wahrscheinlich durch das ihnen eigne Buchstabenalphabet frühzeitig in diese Form gebracht wurden und in ihr vermittelst sehr einfacher Zusatze und Biegungen die ganze Sprache bauten. Ein unermeßlicher Reichthum von Begriffen geht z. B. in der fortgebildelcn Arabischen Sprache an wenige Wurzeln zusammen, so daß das Flick- wcrk der meisten Europäischen Sprachen mit ihren unnützen Hülfswortcn und langweiligen Flexionen sich nie mehr vcrräth, als wenn man sie mit den Sprachen Asiens vergleichet. Daher fallen diese auch, je alter sie sind, dem Europäer zu lernen schwer: denn er muß den nutzlosen Reichthum seiner Zunge aufgeben und kommt in ihnen wie zu einer fein- durchdachten, leise-geregelten Hi.croglyphik der unsichtbaren Gedankensprache. Das gewisseste Zeichen der Eultur einer Sprache ist ihre Schrift; je alter, künstlicher, durchdachter diese war desto mebr ward auch die Sprache gebildet. Nun kann, wenn man nicht etwa die Scy- der Geschichte der Menschheit. 269 tbe» ausnäbme, die auch ein Asiatisches Volk waren, keine Europäische Nation sich eines selbsterfundenen ?llpbabets rühmen: sie stehen hierinn als Barbaren den Negern nnd Amerikanern zur Seite. Asien allein hatte Schrift und zwar schon in den ältesten Zeiten. Die erste gebildete Nation Europa's, die Griechen, bekamen ihr Alphabet von einem Morgenlander und daß alle andre Buchstabencharaktere der Europäer abgeleitete oder verdorbne Züge der Griechen sind, zeigen die Büttner scheu Tafeln *) Auch der Aegvptcr älteste Buchstabenschrift auf ihren Mumien ist phonicisch und so wie das Koptische Alphabet vcrdorben-griechisch ist. Unter den Negern nnd Amerikanern ist an keine selbsterfundene Schrift zu gedenken: denn unter diesen stiegen die Mexikaner über ihre rohen Hieroglyphen und die Peruaner über ihre Knvtenstricke nicht auf. Asien dagegen hat die Schrift in Buchstaben nnd Kunsthieroglvphen gleichsam erschöpfet, so daß man unter seinen Schrifkzü- gen beinah alle Gattungen findet, wie die Rede der Menschen gefesselt werden konnte. Die Bengalische Sprache hat üo Buchstaben und 12 Vocale: die Sinesische hat aus ihrem Walde von Zügen nicht minder als 112 zu Lautbuchstaben und 36 zu Mit- I lautern erwählet. So geht es durch die Tibetanische, Singalesische, Marattischc, Mandschurische Alphabete sogar mit verschicdnen Richtungen der Zeichen. Ei- *> S. Vergleichungstaseln der Schriftarten verschiedener Völker von Büttner. Göltingen 077». R 2 260 Ideen zur Philosophie nige der Asiatischen Schriftarten sind offenbar so all, daß man bemerkt, wie sich die Sprache selbst mit und zu ihnen gebildet habe; und die einfach-schöne Schrift auf den Ruinen von Perfcpolis verstehen wir noch gar nicht. Treten wir von dem Werkzeuge der Cultur zur Cultur selbst; wo wäre dieselbe früher entstanden, ja wo hätte sie früher entstehen können, als in Asten? , von da sie sich auf bekannten Wegen weiter umher- gebreitet. Die Herrschaft über die Lhierc war dazu einer der ersten Scbritte und sie steigt in diesem Welttheil über alle Revolutionen der Geschichte hinauf. Nicht nur, daß wie wir geseben haben, dies Urgebirge der Welt die meisten und zäbmbarstcn Thiece hatte; die Gesellschaft der Menschen hat dieselben auch so frühe gczähmet, daß unsre nutzbarsten Thicrgeschlechter, Schaaf, Hund und Ziege gleichsam nur aus dieser Bezähmung entstanden und eigentlich also neue Thiergattungcn der Asiatischen Kunst sind. Will man sich in den Mittelpunkt der Vertheilung gezähmter Thicrc stellen, so trete man auf die Hohe von Asien; je entfernter von ihm , (im Großen der Natur gerechnet), desto minder gezähmte Thiere. In Asien bis auf seine Süd-Inseln ist alles voll derselben ; in Neuguinea und Neuseeland fand sich nur der Hund und das Schwein, in Ncukalcdonicn der Hund allein und in dem ganzen weilen Amerika waren das Guaniko und Lacma die einzigen gezähmten Thiere. Auch sind die besten Gattungen derselben in Asien und Afrika von der schönsten, edelsten Act. Der Dschiggctai und das Arabische Pferd, der wil- der Geschichte der Menschheit. 26 t de und zahme Esel, der Argali und das Schaaf, der wilde Bock und die Angora-Ziege sind der Stolz ihres Geschlechts: der klügste Elephant ist in Asien von frühen Zeiten an aufs künstlichste gebrauchet und das Kameel war diesem Welktbeil unentbehrlich. In der Schönheit einiger dieser Thierc tritt Afrika zunächst an Asiens Seite; im Gebrauch derselben aber stchets ibm noch jetzt weit nach. Alle seine gezähmten Thiere hat Europa Asien zu danken; was unserm Welttbeil eigen ist, sind i5. bis r 6 . Arten größtcntheils Mäuse und Fledermäuse *). Mit der Eultur der Erde und ihrer Gewächse wars nicht anders; da ein großer Thei! von Europa noch in sehr späten Zeiten ein Wald war und seine Einwohner, wenn sie von Vegetabilien leben sollten, wohl nicht anders als mit Wurzeln und wilden Kräutern, mit Eicheln und Holzäpfeln nähren konnte. In manchen Erdstrichen Asiens, von denen wir reden, wächst das Getreide wild; und der Ackerbau ist in ihm von undenklichem Alter. Die schönsten Früchte der Erde, den Weinstock und die Dlive, Ei- tconen und Feigen, Pomeranzen und alles unser Dbst, Kastanien, Mandeln, Nüfie u. f. hat Asien zuerst nach Griechenland und Afrika, sodann fernerhin verpflanzet; einige andere Gewächse hat uns Amerika gegeben und bei den meisten wissen wir sogar den Ort der Herkunft, so wie die Zeit der Wanderung und Verpflanzung. Also auch diese Geschenke der Natur waren dem Menschengeschlecht nicht anders *) S. Aimmermanns geographische Geschichte der Menschen LH. 3. S. r83. 262 Ideen z.u r Philosophie als durch den Weg der Tradition beschicken. Amerika bauete keinen Wein: auch in Afrika haben ihn nur Europäische Hände gepflanzt. Daß Wissenschaften und Künste zuerst in Asten und seinem Grenzlande Aegypten gepflegt sind, bedarf keiner wejtläufiigen Erweise; Dcnkmahle und die Geschichte der Volker sagen es und Goguets *) Zcuguißführendes Werk ist in aller Händen. Nützliche und schöne Künste hat dieser Welttheil, hier oder da, allenthalben aber nach seinem ausgezeichneten asiatischen Geschmack frühe getrieben, wie die Ruinen Pcrsepolis und der Indischen Tempel, die Pyramiden Aegyptens und so viel andre Werke, ron denen wir Reste oder Sagen haben, beweisen: fast alle reichen sie weit über die Europäische Eultur hinaus und haben in Afrika und Amerika nichts ihres Gleichen. Die hohe Poesie mehrerer Süd-asiatischen Völker ist weltbekannt **) und je alter hinauf, desto mehr erscheint sie in einer Würde und Einfalt, die durch sich selbst den Namen der Göttlichen verdienet. Welcher scharfsinnige Gedanke, ja ich möchte sagen, welche dichterische Hypothese ist in eines späten Absnd- länders Seele gekommen, zu welcher sich nicht der Keim in eines früheren Morgenlanders Ausspruch oder Einkleidung fände? sobald nur irgend der Anlaß dazu in seinem Gesichtskreise lag. Der Handel ^ Dom Ursprung der Gesetze, Künste und Wissenschaften Lemgo 1770. tz., ") S. Innes poeseos Ksintie. coinmentar. eält. LicRborin, I-xs. 1777» der Geschichte der Menschheit. 263 der Asiaten ist der älteste auf der Erde und die wichtigsten Erfindungen darinn sind die ihre. So auch die Astronomie und Zeitrechnung; wer ist, der auch ohne die mindeste Theilnehmung an Bailly's Hypothesen, nicht über die frühe und weite Verbreitung mancher astronomischen Bemerkungen, Einlheilungen und Pandgriffe erstaunte, die man den ältesten Völkern Asiens schwerlich abläugnen könnte?*) Es ist, als ob ihre ältesten Weisen vorzüglich die Weisen des Himmels, Bemerket der stille fortschreitenden Zeit gewesen, wie denn auch noch jetzt, im tiefen Verfall mancher Nationen dieser rechnende, zählende Geist unter ihnen seine Wirkung äussect**). Der Vramin rechnet ungeheure Summen im Gedächtnis: die Einlheilungen der Zeit sind ihm vom kleinsten Maas bis zu großen Himmelsrevolutionen gegenwärtig und er trügt sich, ohne alle Europäische Hülfsmittel, darin» nur wenig. Die Vorwelt hat ihm in Formeln hinterlassen, was er jetzt nur anwendet: denn auch unsre Jahrrechnung ist ;a Asiatisch, unsre Ziffern und Sternbilder sind Aegyptischcn oder Indischen Ur, sprungs. Wenn endlich die Regierungsformen die schwerste Kunst der Eultur sind: wo hat es die älteste, größeste Monarchieen gegeben? wo haben die Reiche ') S. Bailly's Gesch. der Sternkunde desAltcr- thums Leipz. 1777. **) S. le Ventils Reise» in Ebelings Sammlung Th, 2. S. H06. u. f. Walthers äociring iemporum Inclicn hinter Begers distor. reZ- ni Lr-recor, Lg.cNri.riii, Letrozi. i/zg, U, s, ff 264 Ideen zur Philosophie der Welt den festesten Bau gefunden? Seit Jahrtausenden ^ebauptet Sina noch seine alte Verfassung und ohngeachket das unkriegerische Volk von Tatarische» Horden mehrmals überschwemmt worden: so haben die Besiegten dennoch immer die Sieger bezähmt und sie in die Fesseln ihrer alten Verfassung geschmiedet; welche Regierungsform Europens konnte sich dessen rühmen? Auf den Tibetanischen Bergen herrscht die älteste Hierokratie der Erde und die Ca- sten der Hindus verrathen durch die eingewurzelte Macht, die dem sanftesten Volk seit Jahrtausenden zur Natur geworden ist, ihre uralte Einrichtung. Am Euphrat und Tigris, so wie am Nilstrom und an den Medischcn Bergen greife» schon in den ältesten Zeiten gebildete kriegerische oder friedliche Monar- chieen in die Geschichte der westlichen Völker: sogar aus den Tatarischen Höhen hat sich die ungebundne Freiheit der Horden mit einem Despotismus der Khane nisiimmengewebt, der manchen europäischen Regierungssormen die Grundanlage gegeben. Von allen Seiten der Welt, je mehr man sich Asien nahet, desto mehr nahet man ftstgegründetcn Reichen, deren unumschränkte Gewalt seit Jahrtausenden sich in die Denkart der Völker so eingcpragt, daß der König von Siam über eine Nation, die keinen König hatte, als über eine Haupklose Mißgeburt lachte. In Afrika sind die festesten Despotien Asien nahe; je weiter hinab, desto mehr ist die Tyrannei noch im rohen Zustande, bis sie sich endlich unter den Kaffern in den patriarchalischen Hictcnzustand verlieret. Auf dem südlichen Meer, je naher Asien, desto mehr sind Künste, Handwerke, Pracht und der Gemahl der Pracht, der königliche Despotismus in alter Uebung; je weiter von ihm entfernt, auf den entlegnen Inseln in Amerika oder gar am dürren Rande der Südwclt kommt in einem robern Zustande die einfachere Verfassung des Menschengeschlechts, die Freiheit der Stamme und Familien wieder; so daß einige Ge- schichtforscher selbst die beiden Monarchiecn Amcri- ka's, Mexico und Peru aus der Nachbarschaft despotischer streiche Asiens hergeleitct haben. Der ganze Anblick des Welttheils verralh also, zumal um die Gebirge, die älteste Bewohnung und die Traditionen dieser Völker mit ihren Zeitrechnungen und Religionen gehen, wie bekannt ist, in die Jahrtausende der Vorwclt. Alle Sagen der Europäer und Afrikaner (bei welchen ich immer Aegypten ausnchme) noch mehr der Amerikaner und der westlichen Südsee-Jn- seln sind nichts als verlohrne Bruchstücke junger Mahrchen gegen jene Riesengebaude alter Kosmogo- nien in Indien, Tibet, dem alten Ehaldaa und selbst dem niedrigern Aegypten: zerstreute Laute der verir- retcn Echo gegen die Stimme der Asiatischen Urwelt, die sich in die Fabel verlieret. Wie also, wenn wir dieser Stimme nachgingen und da die Menschheit kein Mittel der Bildung als die Tradition hat, diese bis zum Urquell zu verfolgen lchten t Freilich ein trüglicher Weg, wie wenn man dem Regenbogen oder der Echo nachliese: denn so wenig ein Kind, ob es gleich bei seiner Geburt war, dieselbe zu crzablen weiß, so wenig dürfen wir hoffen, daß uns das Menschengeschlecht von seiner Schöpfung und ersten Lehre, von der Erfindung der Sprache und seinem ersten Wobnsitz historisch strenge Nachrichten zu geben vermöge. Indessen erinnert sich doch ein Kind aus seiner spateren Jugend we- 266 Ideen zur Philosophie nigstenS einiger Züge; und wenn mehrere Kinder, die zusammen erzogen, hernach getrennt wurden, Dasselbe oder ein Aehnliches erzählen, warum sollte man sie nicht Horen? warum nicht über das, was sie sagen oder zurücktraumen, wenigstens nachsinnen wollen, zumal wenn man keine andern Documente haben könnte. Und da cs der unverkennbare Entwurf der Vorsehung ist, Menschen durch Menschen d. i. durch eine fortwirkende Tradition zu lehren: so lasset uns nicht zweifeln, daß sie uns auch hierin so viel werde gegönnet haben, als wir zu wissen bedürfen. IV. Asiatische Traditionen über die Schöpfung der Erde und den Ursprung des Menschengeschlechtes. ^4-bcr wo fangen wir in diesem wüsten Walde an, in dem so viel trügerische Stimmen und Irrlicht? hie- und dahin locken und führen? Ich habe nicht Lust zu der Bibliothek ^von Traumen, die über diesen Punkt das Menschengedachtniß drückt, nur Eine Syl- be hinzuzuthun; und unterscheide also, so viel ich kann, die Muthmaaßung der Völker oder die Hnpo- der Geschichte der Menschheit. 267 thesen ihrer Weisen, von Thatsachen der Traditio», so wie bei dieser die Grade ihrer Gewißheit und ihre Zeiten. Das letzte Volk Asiens, das sich des höchsten Alterthums rühmet, die-Sineser, haben nichts historisch-gewisses, das über das 722. Jahr vor unsrer Zeitrechnung hinausgingc. Die Reiche deS Fvhi und Hoangli sind Mythologie und was vor Fohi hcr- geht, das Zeitalter der Geister oder der personisicirten Elemente, wird von den Sinesen selbst als dichtende Allegorie betrachtet. Ihr ältestes Buch *), das 176. Jahr vor Christi Geburt wiedcrgefunden oder vielmehr aus zwei, dem Büchecbrande entronnenen Exemplaren ergänzt ward, enthält weder KoSmogonie, noch der Nation Anfang. Uao regiert schon in demselben mit den Bergen seines Reichs, den Großen; nur Einen Befehl kostet cs ihm, so werden Gestirne beobachtet, Wasser abgeleitet, Zeiten geordnet: Opfer und Geschäfte sind alle schon in festgestellrer .Ordnung. Es bliebe uns also nur die Sinesische Metaphysik des großen ersten V übrig **), wie aus i. und 2. die 4. und 8. entstanden, wie nach Eröffnung des Himmels Puanku und die drei Hoangs als Wundergcstalten regiert haben, bis erst mit dem ersten Stifter der Gesetze Gin-Hoang, der auf dem Berge Hingma gebohrcn war und Erd und Wasser *) I.e (Rou-kinZ, un äes livres Sucres cles Llii- nuis. kurls 1770. ") S. Idechercliss sur les teins unterieurs Ä ceux äoni xurle le tüiou-Ieing p. kreniurs vor De-Guigncs Ausgabe des Schu-king u. s. f. 268 Ideen zur Philosoph,'« in g. Meile thcilte, die mcnschlichere Geschichte ansinge. Und dennoch geht die Mythologie dieser Art „och viele Geschlechter hinunter; so daß vom Ursprünglichen wohl nichts auf sie zu gründen wäre, als etwa daß sie den Wohnsitz dieser Könige und ihrer Wundecgestalten auf die hohen Asiatischen Berge seht, die für heilig gehalten und mit der ganzen ältesten Fabelsage beehrt wurden. Ein großer Berg „litten auf der Erde ist ihnen selbst in den Namen dieser alten Fabelwesen, die sie Könige nennen, sehr gescirct. Steigen wir nach Tibet hinauf, so finden wir die Lagerung der Erde rings um einen höchsten Berg in der Mitte noch ausgezeichneter,' da sich die ganze Mythologie dieses geistlichen Reichs darauf gründet. Fürchterlich beschreiben sie seine Höhe und Umfang: Ungeheuer und Riesen sind Wächter an seinem Rande, sieben Meere und sieben Goldberge rings um ihn her. Auf seinem Gipfel wohnen die Lahm und in verschiednen niedrigem Stusfen andre Wesen. Durch Aconcn von Weltaltern sanken jene Beschauer des Himmels immer in gröbere Körper, endlich in die Menschengestalt, in der ein häßliches Affen-Paar ihre Eltern waren: auch der Ursprung der Thiere wird aus herabgestoßcnen Lahm erkläret*). Eine harte Mythologie, die die Welt Bergab in die Meere bauet; diese mit Ungeheuern umpflanzet und daS ganze System der Wesen zuletzt einem Ungeheuer, der ewigen Nothwmdigkeit in dm Rachen giebt. ) Oeorgii nPhnbet» lUdet-m. Korn, 1762. ji. 181. und sonst hi» und wieder. der Geschichte der Menschheit. 26g Auch diese entehrende Tradition indessen, die den Menschen vom Affen herleitet, ist mit fpatern Ausbildungen so verwebet, daß viel dazu gekörte, sic als eine reine Ursage der Vorwelt zu betrachten. Schätzbar wäre es, wenn wir vom alten Volk der Hindus ihre älteste Tradition besäßen. Ausserdem aber, daß die erste Sekte des Bruma von den Anhängern Wischnu und Schiwcn'S langst vertilgt ist, haben wir an dem, was Europäer von ihren Geheimnissen bisher erfuhren, offenbar nur junge Sagen, die entweder Mythologie für das Volk oder auslegcnde Hhrgrbaude ihrer Weise» sind. Auch nach Provinzen gehen sic Märchenhaft auseinander, so daß wir, wie auf die eigentliche Sanskritsprache, so auch auf den wahren Wedam der Indier wahrscheinlich noch lange zu warten und dennoch auch in ihm von ihrer ältesten Tradition wenig zu erwarten haben, da sie den ersten Thcil desselben selbst für verlohren achten. Indessen blickt auch durch manches spatere Mahrchcn ein Goldkorn historischer Ursage hervor. Der Ganges z. B. ist in ganz Indien heilig und fließt unmittelbar von den heiligen Bergen, den Füßen des Weltschöpfers Bruma. In der achten Verwandlung erschien Wischnu als Prassarama: noch bedeckte das Wasser alles Land bis zum Gebirge Gate: er bat den Gott des Meers, daß er ihm Raum verschaffen und das Meer zurückziehen möchte, so weit, wenn er schösse, sein Pfeil reichte. Der Gott versprach und Prassarama schoß: wie weit der Pfeil flog, ward das Land trocken, die Malabarische Küste. Offenbar sagt uns, wie auch Sonne rat anmerkt, die Erzählung, daß das Meer einst bis zum Berge Gate gestanden habe und die Malabarische 270 Ideen zur Philosophie Küste jüngeres Land sei. Andere Sagen Indischer Völker erzählen den Ursprung der Erde aus dem Wasser auf andre Weise. Whistnu schwamm auf einem Blatt: der erste Mensch entsprang aus ihm als eine Blume. Auf der Oberfläche der Wasserwegen schwamm ei» Ei, das Brama zur Reife brachte, aus dessen Hauten die Luft und der Himmel ward, wie aus seinem Inhalt Geschöpfe, Thicre und Menschen. Doch man muß diese Sagen im Mahr- chcnton der kindlichen Indier selbst lesen *). Das System Zoroasters **) ist offenbar schon ein philosophisches Lehrgebäude, das weM es auch mit den Sagen andrer Sekten nicht vermischt wäre, dennoch schwerlich für eine Ur-Tradilion gelten könnte; Spuren von dieser indcß sind allerdings in ihm kennbar. Der große Berg Albordj in Milte der Erde erscheinet wieder und streckt sich mit seinen Ne- bengcbirgen rings um sie. Um ihn geht die Sonne: von ihm rinnen die Ströme: Meere und Lander sind von ihm aus vertheilet. Die Gestalten der Dinge existirten zuerst in Urbildern, in Keimen und wie alle Mythologien! des hohem Asiens an Ungeheuern der Urwelt reich sind: so hat auch diese de» großen Stier Kayamorts, aus dessen Leichnam alle Geschöpfe der Erde wurden. Dben auf diesem Berge ist, wie dort auf dem Berge der Lahen, das Paradies, der Sitz der seligen Geister und verklärten Menschen, so wie der Urquell der Ströme, das Was- *) S. S 0 nnerat, Baldeus, Dow, H 0 l - well u. f. ") Zend-Avesta, Riga 1776. bis 177kl. > der Geschichte der Menschheit. 271 ser des Lebens. Uebriqens ist das Licht, das die Finsternis scheidet, sie zertrennet und überwindet, daS die Erde fruchtbar macht und alle Geschöpfe beseligt, offenbar der erste physische Grund des ganzen Licht- svstems der Parsen, welche Eine Idee sie auf gottesdienstliche, moralische und politische Weise tausendfach anwandten. Je tiefer wir westlich den Berg Asiens hinunter wandern: desto kürzer werden die Zeitalter und Sagen der Urwelt. Man sichet ihnen allen schon eine spätere Abkunft, die Anwendung fremder Traditionen aus höheren Erdstrichen auf niedrigere Lander an. In Localbestimmungen werden sie immer unpassender, dafür aber gewinnen sie im System selbst an gründe und Klarheit, weil sich nur hie und da noch ein Bruchstück der alten Fabel und auch dies überall in einem neuern Nationalgewande zeiget. Ich wundre mich daher, wie man auf der einen Seite den Sanchoniathon ganz zu einem Betrüger und auf der andern zum ersten Propheten der Urwelt bade machen können, da ihm zu dieser schon die phnsische Lage seines Landes den Zugang versagte. Daß der Anfang dieses Alls eine finstre Luft, ein dunkles trübes Ehaos gewesen, dass dieses Grenzen» und Gestaltlos von unendlichen Zeiten der im wüsten Raum geschwebr, bis der webende Geist mit seinen eignen Principien in Liebe verfiel und aus ihrer Vermischung ein Anfang der Schöpfung wurde — diese Mythologie ist eine so alte und den verschiedensten Völkern gemeine Vorstellungsart gewesen, daß dem Phönicier hiebei wenig zu erdichten übrig blieb. Beinahe jedes Volk Asiens, die Aegypter und 272 Ideen zur Philosophie Griechen mit ^»geschlossen, erzählte die Tradition vom ChaoS oder vom bebrüteten Ci auf sein« Weise; warum konnten sich nicht also auch in einem phöni» ersehen Tempel geschriebene Traditionen dieser Art finden ? Dasi die ersten Samen der Geschöpfe in einem Schlamm gelegen und die ersten mit Verstand begabten Wesen eine Art Wundcrgestalten, Spiegel des Himmels (Zophasemim) gewesen, die nachher durch den Knall des Donners erweckt, aufwachtcn und die mancherlei Geschöpfe aus ihrer Wunderge- stalt hervorbrachtcn, ist ebenfalls eine weit-herrschende, hier nur verkürzte Sage, die mit andern Ausbildungen über die Modischen und Tibetanischen Gebirge bis nach Indien und Sina hinauf, und bis nach Phrvgien und Thracien hinabreichet: denn noch in der Hesiodiichen und Orphischen Mythologie finden sich von ihr Reste. Wenn man nun aber vom Wind« Kolpias d. i. der Stimme des Hauches Gottes und seinem Weibe der Na ehr, von ihren Söhnen, dem Erstgeb ohrn en und dem Aeon, von ihren Enkeln, Geschlecht und Gattung, Von ihren Urenkeln Licht, Feuer und Flamme, von ihren Ur-Urenkeln, den Bergen Cassius, Libanus, Antilibanus u. fi lange Genealo- gieen liefet und diesen allegorischen Namen die Erfindungen deS Menschengeschlechts zuqeschricben findet: so gehört ein geduldiges Vorurtheil dazu, in dieser mißverstandncn Verwirrung alter Sagen, die der Zusammcnsetzer wahrscheinlich als Name» vor sich fand und aus denen er Personen machte, eine Philosophie der Welt und eine älteste Menschcngc- schichte zu finden. Tiefer der Geschichte der Menschheit. 2^3. Tiefer hinab ins schwarze Aegypten wollen wir uns um Traditionen der Urwelt nicht bemühen. In den Namen ihrer ältesten Gott r sind unlaugbare Reste einer schwesterlichen Tradition mit den Phö- niciern: denn die alte Nacht, der Geist, der Weltschöpfer, der Schlamm, worin die Saamcn der Dinge lagen, kommen hier wieder. Da aber alles was wir von der ältesten Mythologie Aegyptens wissen, spät, ungewiß und dunkel, übcrdem jede mythologische Vorstcllungsart dieses Landes ganz klimatisirt ist: so gehöret es nickt zu unserm Zweck, unter diesen Götzengcstalten oder weiterhin in den Negermährchen nach Sagen der Urwelt zu graben, die zu einer Philosophie der ältesten Menschengeschichte den Grund gäben. Auch historisch al'o bleibt uns auf der weiten Erde nichts als die schriftliche Tradition übrig, die wir die Mosaische zu nennen pflegen. .Ohn' alles Vorurrheil, also auch ohne die mindeste Mcynung darüber, welches Ursprunges sie sei? wissen wir, daß sie über 3ooc> Jahr alt und überhaupt das älteste Buch sei, da« unser junges Menschengeschlecht ausweiset. Ihr Anblick soll es uns sagen, was diese kurzen, einfältigen Blätter fern wollen und können, indem wir sie nicht als Geschichte sondern als Tradition oder als eine alte Phi loso- phie der Mens che ngeschichtc ansehn, die ich deswegen auch sogleich von ihrem morgenländi- schcn poetischen Schmuck entkleide. Philos. und Gesch. IV. LH. S Iltcen, IU Ideen zur Philosophie 274 V. Aelteste Schrifttradition über den Ursprung der Menschengeschichte. *-4ls einst die Schöpfung unsrer Erde und unsres Himmels beaann, erzählt diese Sage, war die Erde zuerst ein wüster, unförmlicher Körper, auf dem ei» dunkles Meer fluthcte und eine lebendige brütende Kraft bewegte sich auf diesen Wassern. — Sollte nach allen neuern Erfahrungen der älteste Zustand der Erde angegeben werden, wie ihn ohne den Flug unbeweisbarer Hypothesen der forschende Verstand zu geben vermag: fo finden wir genau diese alte Beschreibung wieder. Ein ungeheurer Granitfels, größtentheils mit Wasser bedeckt und über ihm Lebenschwangrc Naturkcäf- te; das ists, was wir wissen: mehr wissen wir nicht. Daß dieser Fels glühend aus der Sonne geschleudert sei, ist ein riesenhafter Gedanke, der aber weder in der Analogie der Natur noch in der fort- gehendcn -l-ntwicklunq unsrer Erde Grund findet: denn wie kamen Wasser aus diese glühende Masse? woher kam ibr ihre runde Gestalt? woher ihr Umschwung und ihre Pole? da im Feuer der Magnet seine Kräfte verlieret. Viel wahrscheinlicher ist, daß der Geschichte der Menschheit. 272 dieser wunderbare Ursels durch innere Kräfte sich selbst gebildet d. i. aus dem schwängern Chaos, daraus unsre Erde werden sollte, verdichtend niedergesetzt habe. Die Mosaische Tradition schneidet aber auch dies Chaos ab und schildert sogleich den Felsen ; auch jene chaotischen Ungeheuer und Wundergestaltcn der altern Traditionen gehen damit in den Abgrund. Das Eine, was dies philosophische Srnck mit jenen Sagen gemein hat, sind etwa die Elohim, vielleicht den Lahe» , den Zopbesamim u. f. vergleichbar, hier aber zum Begriff einer wirkende» Einheit geläutert. Sie sind nicht Geschöpfe; sondern der Schöpfer. Die Schöpfung der Dinge fangt mit dem Licht an : hiedurch trennet sich die alte Nacht, hiedurch scheiden sich die Elemente; und was kennten wir Nach altern und neuern Erfahrungen für ein andres sowohl scheidendes als belebendes Principinm der Natur, als das Licht oder wenn man will, das Ele- Mentarfeucr? Ucberall ists in die Natur verbreitet; nur nach Verwandschaft der Körper ungleich verthei- lct. In beständiger Bewegung und Thätiqkeit, durch sich selbst flüßig und geschäftig, ists die Ursache aller Flnfsigkeit, Warme und Bewegung. Selbst das elektrische Principinm erscheinet nur als eine Modifikation desselben; und da alles Leben der Natur nur durch Wärme entwickelt wird und sich durch Bewegung des Flüssigen äußert, da nicht nur der Saame der Thiere durch eine ausdebnende reizende, belebende Kraft dem Licht ähnlich wirket; sondern man auch bei der Besaamung der Pflanzen S 2 276 Ideen zur Philosophie Licht und Elektricitat bemerkt hat; so wird in dieser alten philosophischen Kosmogonie nichts als das Licht der erste Wirker. Und zwar kein Licht, das aus der Sonne kommt; ein Licht, das aus dem Innern dieser organischen Masse hervorbricht; abermals der Erfahrung gleichförmig. Nicht die Strahlen der Sonne sinds, die allen Geschöpfen das Leben geben und nähren; mit innerer Warme ist alles geschwängert, auch der Fels und das kalte Eisen hat solche in sich, ja nur nach dem Maas dieses genetischen Feuers und seiner feinern Auswirkung durch den mächtigen Kreislauf innerer Bewegung, nur in diesem Maas ist ein Geschöpf lebendig, sclbst- empstndend und thalig. Hier also ward die erste elemcntarifche Flamme angcfacht, die kein speiender Vesuv, kein flammender Ecdkörper sondern die scheidende Kraft, der wärmende nährende Balsam der Natur war, der alles allmählich in Bewegung setzte. Wie unwahrer und gröber drückt sich die phönicische Tradition aus, die durch Donner und Blitz die Naturkräfte als schlafende Thiere auswcckt; in diesem feincrn System, das gewiß von Zeit zu Zeit die Erfahrung mehr bestätigen wird, ist das Licht der Ausbilder der Schöpfung. Um aber bei den folgenden Entwicklungen das Mißverständnis der Tagwerke abzusondern, erinnere sch, was jeden der bloße Anblick sager *), daß das ganze System dieser Vorstellung einer sich selbst ausarbcitendcn Schöpfung auf einer Gcgeneinander- ) Aelteste Urkunde des Menschengeschlechts Th. 1. der Geschichte der Menschheit. 277 stellung berube, vermöge welcher die Abthcilungen sich nicht physisch, sondern nur symbolisch sondern. Da nämlich unser Auge die ganze Schöpfung und ihre inmiandcrgreifende Wirkung nicht auf einmal fassen kann: so mußten Elassen gemacht werden und die natürlichsten waren, daß der Himmel der Erde und auf dieser abermals das Meer und die Erde einander entgegengesetzt würden, ob sie gleich in der Natur ein verbundenes Reich wirkender und leidender Wesen bleiben. Dies alte Documcnt ist also die erste einfaltige Tafel einer Na tu r 0 rd n u n g, der die Benennung der Tagewerke, einem andern Zweck des Verfassers gemäß, nur zum abtheilendcn N amcnge rüst dienet. Sobald das Licht als Auswirrer der Schöpfung da war: so mußte es zn Ein - und derselben Zeit Himmel und Erde auswir- ken. Dort lauterte cs die Luft, die, als ei» dünneres Wasser und nach so viel neuern Erfahrungen als das all-verbindende Behiculum der Schöpfung, das sowohl dem Licht, als den Kräften der Wasscr- und Erdwcfen in taufend Verbindungen dienet, durch kein uns bekanntes Principium der Natur als durch das Licht oder das Elcmentarseuer geläutert, d. i. zu dieser elastischen Flüßigkeit gebracht werden konnte. Wie aber fand eine Läuterung statt, als daß sich in mancherlei Absätzen und Revolutionen nach und nach alle gröbere Materien senkten und dadurch Wasser und Erde, so wie Wasser und Luft allmählich vcrschiedne Regionen wurden? Die zweite und dritte Auswirkung gingen also durch einander, wie sic auch im Symbol der Kosmogonie gegen einander stehen, Ausgeburten des ersten Principium, 278 Ideen zur Philosophie des sondernden Lichts der Schöpfung. Jahrtausende ohne Zweifel haben diese Auswirkungen gedauert, wie die Entstehung der Berge und Erdschichten, die Auskodlung der Thalcr bis'ezum Bette der Strome unwidcrsprechlich zeigen. Drei mächtige Wesen wirkten in diesen großen Zeiträumen, Wasser, Luft, Feuer; jene die absetztcn, wegbohrten, niedcrfchlugen, dieses, das in jenen beiden und in der sich gestaltenden Erde selbst, allenthalben wo es nur konnte, organisch wirkte. Abermals ein großer Blick dieses ältesten Naturforschers , den noch zu unsrer Zeit viele nicht zu fassen vermögen! Die innere Geschichte der Erde zeiget nämlich, daß bei Bildung derselbe» die organische Kräfte der Natur allenthalben sogleich wirksam gewesen, und daß wo sich Eine derselben äußern konnte, sie sich alsobald geäußert habe, Die Erde vegctirte, sobald sie zu vcgetiren vermogte, obgleich ganze Reiche der Vegetation durch neue Absätze der Luft und des Wassers untergeben mußten. Das Meer wimmelte von Lebendigem, sobald es dazu gelautert gnug war, obgleich durch Ueberschwcmmun- gen des Meeres Millionen dieser Lebendigen ihr Grab finden und damit andern Organisationen zum Stoff dienen mußten. Auch konnte in jeder Periode dieser auswirkendcn Läuterungen noch nicht jedes Lebendige jedes Elements leben; die Gattungen dcr Geschöpfe folgten einander, wie sse ihrer Natur und ihrem Medium nach wirklich werden konnten. Und siehe da, alles dies faßt unser Naturwcise in eine Stimme des Weltschöpfers zusammen, die, wie sie das der Geschichte der Menschheit. 279 Licht hervorrief und damit der Luft sich zu lautern, dem Meer zu sinken, der Erde allmählich hervorzu- gchen befahl, d, i. lauter wirksame Kräfte des Na- kurkreises in Bewegung setzte, so auch der Erde, den Wassern, dem Staube befiehlt, daß jedes derselben organische Wesen nach seiner Art herv 0 r b r i n g e und sich die Schöpfung also durch eigne diesen Elementen c i n g e p f! a nz te organische Kräfte selbst belebe. So spricht dieser Weise und scheuet den Anblick der Natur nicht, den wir jetzt noch allenthalben gewahr werden, wo organische Kräfte sich ihrem Element gemäß zum Leben ausarbeiten. Nur stellet er, da doch abgethcilt werden mußte, die Reiche der Natur gesondert gegen einander, wie der Naturkundiger sie sondert, ob er wohl weiß, daß sie nicht abgezäunt von einander wirken. Die Vegetation geht voraus; und da die neuere Physik bewiesen hat, wie sehr die Pflanzen insonderheit durch das Licht leben, so war bei wenig abgcwitter- tcm Felsen , bei wenig hinzugespultcm Schlamm unter der mächtigen Wärme der brütenden Schöpfung schon Vegetation möglich. Der fruchtbare Schoos des Meers folgte mit seinen Geburten und beförderte andre Vegetationen. Die von jenen Untergegan- gcnen und von Licht, Luft und Wasser beschwängerte Erde cilte nach und fuhr fort, gewiß nicht alle Gattungen auf einmal zu gebähren; denn so wenig das Fleischfressende Thier ohne animalische Speise leben konnte , so gewiß setzte seine Entstehung auch den Untergang animalischer Geschlechter voraus, wie abermals die Naturgeschichte der Erde bezeuget. 26o Ideen zur Philosophie Seegeschöpfe oder Grasfressende Thiere sinds, die man als Niederlagen der ersten Aconen in den liefern Schichten der Erde findet; Fleischfressende Thiere nicht oder selten. So wuchs die Schöpfung in immer feincrn Organisationen Stufenweise hinan, dis endlich der Mensch da steht, das feinste Kunstgebilde der Elohini, der Schöpfung vollendende Krone. Doch ehe wir vor diese Krone treten, lasset uns noch einige Meisterzüge betrachten, die der alte Naturweiie in sein Gemählde webte. Zuerst. Die Sonne und die Gestirne bringet er nicht als Wirkerinncn in sein ausarbeitendes Rad der Schöpfung. Er macht sie zum Mittelpunkt seines Symbols: denn allerdings erhalten sie unsre Erde und alle organische Geburten derselben im Lauf und sind also wie er sagt, Könige der Zeiten; organische Kräfte selbst aber geben sie nicht und leuchten solche nicht hernieder. Noch setzt scheint die Sonne, wie sie im Anfänge der Schöpfung schien; sie erweckt und organisirt aber keine neue» Geschlechter: denn auch aus der Fäulniß würde die Warme nicht das kleinste Lebendige entwickeln, wenn die Kraft seiner Schöpfung nicht schon zum nächsten Ucbergange daselbst bereit läge. Sonne und Gestirne treten also in diesem Naturgcmahlde auf, sobald sie austre- ten können, da nämlich die Luft geläutert und die Erde aufgebauet da stekt; aber nur als Zeugen der Schöpfung, als beherrschende Regenten eines durch sich selbst organischen Kreises. der Geschichte der Menschheit. 28c Zweitens. Vom Anfänge der Erde ist dcc Mond da: für mich cin schönes Zeugniß dieses alten Naturbildes. DieMeyirung derer, die ihn für einen spatern Nachbar der Erde halten und feiner Ankunft alle Unordnungen auf und in derselben zu- schreibcn, hat für mich keine Ucberredung. Sie ist ohne allen physischen Erweis, indem jede scheinbare Unordnung unsres Planeten nicht nur ohne diese Hypothese erklärt werden kann, sondern auch durch diese bessere Erklärung Unordnung zu seyn aufhöret. Offenbar nämlich konnte unsre Erde mit den Elementen, die in der Hülle ihres Werdens lagen, nicht anders als durch Revolutionen; ja auch durch diese kaum anders als in der Nachbarschaft des Mondes gebildet werden. Er ist der Erde zugewogen, wie sic sich selbst und der Sonne zugewogen ist: sowohl die Bewegung des Meeres, als die Vegetation, ist, nachdem Wir wenigstens das Uhrwerk unsrer Himmels - und Erdkräfte kennen, an seinen Kreislauf gebunden. Drittes. Fein und wahr stellt dieser Naturweise die Geschöpfe der Lust und des Wassers in eine Classe und die vergleichende Anatomie hat eine wunLernswürdiqc Aehnlichkcit im innern Bau, insonderheit ihres Gehirns bemerkt, als deni wahren Stuftnzeigcr der Organisation eines Geschöpfes. Die Verschiedenheit der Ausbildung nämlich ist überall nach dem Medium eingerichtet, für welches die Geschöpfe gemacht sind; bei diesen zwo Elasten also der Luft - und Wassergcschöpsc muß im innern Bau dieselbe Analogie sichtbar werden, die sich zwi- 282 Ideen zur Philosophie sehen Lust und Wasser findet. Ueberhaupt bestätigt dies ganze lebendige Rad der Schöpfungsgeschichte, daß da jedes Element hervorbrachte, was es hervor- bringcn konnte und alle Elemente zum Ganzen Eines Werks geboren, eigentlich auch nur Eine organische Bildung auf unscrm Planeten habe sichtbar werden können, die vom niedrigsten der Lebendigen anfängt und sich beim letzten edelsten Kunstwerk der Elohim vollendet. Mit Freude und Verwunderung trete ich also vor die reiche Beschreibung der Menschenschöpfunq: denn sie ist der Jnbalt meines Buchs und glücklicher Weise auch dessen Siegel. Die Elobim rathschlagen mit einander, und drücken dieser Rathschlagung Bild in den werdenden Menschen : Verstand und Ueberlegung also ist sein aus- zcichnender Charakter. Sie bilden ihn zu ihrem Gleichniß und alle Morgenländer setzen dies vorzüglich in der aufgcrjchtelen Gestalt des Körpers. Ihm ward der Charakter eingeprägt, zu herrschen über die Erde: seiner Gattung also ward der organische Vorzug gegeben, sie allenthalben erfüllen zu können und als das fruchtbarste Geschöpf unter den edlern Thiercn in allen Klimaten als Stellvertreter der Elohim, als sichtbare Vorsehung, als wirkender Gott zu leben. Siehe da die älteste Philosophie der Menschengeschichte. Und nun, da das Rad des Werdens bis zur letzten herrschenden Triebfeder vollendet war, ruhe- te Elohim und schuf nicht weiter: ja der Geschichte der Menschheit. »83 er ist auf dem Schauplatz der Schöpfung so verborgen , als ob alles sich selbst hervorgebracht hatte und in nothwendigcn Generationen ewig also gewesen wäre. Das letzte findet nicht statt, da der Bau der Erde und die auf einander gegründete Organisation der Geschöpfe gnugsain beweiset, daß alles Irdische als ein Kunstgcbäude einen Anfang genommen und sich vom Niedrigem zum Höheren hinauf- gearbeitct habe; wie aber nun das Erste? Warum schloß sich die Werkstatte der Schöpfung und weder das Meer noch die Erde wallet jetzt von neuen Gattungen lebendiger Wesen auf? so daß die Schöpfungskraft zu ruhen scheinet und nur durch die Organe festgestelletcr Ordnungen und Geschlechter wirket. Unser Naturweise giebt uns mit dem wirkenden Wesen, das er zur Triebfeder der ganzen Schovfung macht, auch hierüber phvsischen Aufschluß. Wenn cS das Licht oder Feuerelement war, was die Masse trennte, den Himmel erhob, die Luft elastisch machte und die Erde bis zur Vegetation bereitete: cS gestaltete die Saamen der Dinge und organisirte sich vom niedrigsten bis zum feinsten Leben hinauf; vollendet war also die Schöpfung, da nach dem Wort des Ewigen, d, i, nach seiner ordnenden Weisheit diese Lebenskräfte ver- theilt warcn und a l le Ges ta l te n angenommen hatten, die sich auf unserm Planeten erhalten konnten und sollten. Die rege Wärme, mit der der brütende Geist über den Wassern der Schöpfung schwebte und die sich schon in den unterirdischen frühem Gebilden, ja in ihnen mit einer Fülle und Kraft offenbart, mit der 284 Ideen zur Philosophie jetzt weder Meer noch Erde etwas hervorzubringen vermögen, diese Urwarm^ der Schöpfung, sage ich, ohne welche damals sich so wenig etwas organisircn konnte, als sich jetzt ohne genetische Warme etwas organisirct, sic hatte sich allen Ausgeburten, die wirklich wurden, mitgethcilt und ist noch jetzt die Triebfeder ihres Wesens. Welche unendliche Menge groben Feuers z. B. riß die Steinmasse unsrer Erde an sich , die noch in ihr schlaft oder wirket, wie alle Vulkane, alle brennbare Mineralien, ja jeder geschlagene kleine Kiesel beweiset! Daß Brennbares in der ganzen Vegetation sei und daß das animalische Leben sich bloß mit der Verarbeitung dieses Feuerstoffs beschäftige, ist durch eine Menge neuerer Versuche und Erfahrungen bewiesen: so daß der ganze lebendige Kreislauf der Schöpfung der zu seyn scheint, daß das Flüßige fest und das Feste flüßig, das Feuer entwickelt und wieder gebunden, die lebendigen Kräfte mit Organisationen beschrankt und wieder befreyet werden. Da nun die Masse, die der Ausbildung unsrer Erde bestimmt war, ihre Zahl, ihr Maas, ihr Gewicht hatte: so mußte auch die innere, sic durchwirkende Triebfeder ihren Kreis finden. Die ganze Schöpfung lebt jetzt von einander: das Rad der Geschöpfe lauft umher, ohne daß es hinzuthue: es zerstört und bauet in den genetischen Schranken, in die cs der erste schaffende Zeitraum gesetzt hat. Die Natur ist gleichsam durch die Gewalt des Schöpfers vollendete Kunst worden und die Macht der Elemente in einen Kreislauf bestimmter Organisationen gebunden, aus dem sie nicht weichen kann, weil der bildende Geist sich al-. der Geschichte der Menschheit. 285 tcm einvcrleibt hat, dem er sich einverleiben konnte. Daß nun abcr ein solches Kunstwerk nicht ewig bestehen könne, daß der Kreislauf, der einen Anfang gehabt hat, nothwendig auch ein Ende haben müsse, ist -Natur der Sache. Die schöne Schöpfung arbeitet sich zum Chaos, wie sie aus einem Chaos sich herausarbeitcte: ihre Formen nutzen sich ab: jeder Organismus verfemt sich und altert. Auch der große Organismus der Erde muß also ein Grab finden, aus dem er, wenn seine Zeit kommt, zu einer neuen Gestalt emporsteigt. VI. Fortsetzung der ältesten Schristtradition über den Anfang der Menschengeschichte. Verfallen meinem Leser die reinen Ideen dieser alten Tradition, die ich ohne Hypothese oder Verzierung dahingestellt habe: so lasset uns dieselbe verfolgen , wenn wir zuvor noch auf das Ganze dieses Schöpfungsgcmähldes einen Blick geworfen haben. Wodurch zeichnet es sich vor allen Mahrchen und Traditionen der höheren Asiaten so einzig aus? Durch Zusammenhang, Einfalt und Wahrheit. So manchen Keim der Physik und Geschichte jene enthalten : so liegt alles, wie es durch die Uebergabe der ungeschriebenen oder dichtenden Priester- und 286 Ideen zur Philosophie Volkstradition werden mußte, wild durch cineinder, ein fabelhaftes Chaos wie beim Anfänge der Wclt- schöpfung. Dieser Naturwcise Kat das Chaos überwunden und stellt uns ein Gebäude dar, das in seiner Einfalt und Verbindung der Ordnungreichen Natur selbst nachabmet. Wie kam er zu dieser Ordnung und Einfalt? Wir dürfen ihn nur mit den Fabeln andrer Volker vergleichen, so sehen wir den Grund seiner reinem Philosophie der Erd - und Menschengeschichte. Erstens. Alles für Menschen unbegreifliche, außer ihrem Gesichtskreis liegende ließ er weg und hielt sich an Das, was wir mit Augen sehen und Mit unscrm Gcdachmiß umfassen können. Welche Frage z. B. hat mehr Streit erreget, als die über das Alter der Welt, über die Zeitdauer unsrer Erde und des Menschengeschlechtes? Man hat die Asiatischen Völker mit ihren unendlichen Zeitrechnungen für unendlich klug, die Tradition, von der wir reden, für unendlich kindisch gehalten, weil sic, wie man sagt, ^ gegen alle Vernunft, ja gegen das offenbare Zcugniß des Erdbaues, mit der Schöpfung wie mit einer Kleinigkeit dahincilct und das Menschengeschlecht so jung Macht. Mich dünkt, man thue ihr hierin offenbar Unrecht. Wenn Moses wenigstens der Sammler dieser alten Traditionen war: so konnten ihm, dem gelehrten Acqyptier, jene Götter- und Halbgötter-Aeonelt nicht unbekannt seyn, mit denen dieses Volk, wie alle Nationen Asiens die Geschichte der Welt anfien- gen. Warum webte er sie also seinen Nachrichten Nicht ein? warum rückte er ihnen gleichsam zuw Trotz und zur Verachtung, die Wcltentstchung in das Symbol des kleinsten Zcitlaufs zusammen? Offenbar, weil der Geschichte der Menschheit. 287 er jene abschneidcn und als unnütze Fabel aus dem Gedächkniß der Menschen hinwegbrinqcn wollte. Mich dünkt, er handelte hierin weise: denn jcnseit der Grenzen unsrer ausaebildeten Erde, d. i. vor Entstehung des Menschengeschlechts und seiner zusammenhängenden Geschichte giebt es für uns keine Zeitrechnung, die diesen Namen verdiene. Lasset Bussen seinen sechs ersten Epochen der Natur Zahlen geben, wie groß er sie wolle, von 26vnc>, von 3 öoc>o, von rö- 2oonn, von rc>,noc> Jahren u. f.; der menschliche Verstand, der seine Schranken fühlet, lacht über diese Zahlen der Einbildungskraft, gesetzt, daß er auch die Entwicklung der Epochen selbst wahr fände; noch weniger aber wünscht das historische Gcdachtniß sich mit ihnen zu beschweren. Nun sind die ältesten ungeheuren Zeitrechnungen der Völker offenbar von dieser Buffonlchen Art: sie laufen nämlich in Zeitalter, da die Götter - und Wcltkraste regiert haben, also in die Zeiten der Erdbildung hinüber, wie solche diese Nationen, die ungeheure Zahlen sehr liebten, entweder aus Himmelsrcvolutionen oder aus halb verstandnen Symbolen der ältesten Bildertradition zusammensctz- ten. So hat unter den Aegyptcrn Vulkan, der Schöpfer der Welt, unendlich lange, sodann die Sonne, Vulkanus Sohn 3 o.ooo, sodann Saturn und die übrigen zwölf Götter 3984 Jahre regiert, che die Halbgötter und späterhin die Menschen folgten. Ein gleiches ists mit den höhern Asiatischen Schöpfungsund Zeit-Traditionen. 3 ooo Jahre regierte bei de» Parsen das himmlische Heer des Lichts ohne Feinde: 3 c>oo folgten, bis die Wunderqcstalt des Stiers erschien, aus dessen Saamen erst die Geschöpfe und am spatsten Meschia und Meschiana, Mann und 283 Ideen zur Philosophie Weib entstanden. Das erste Zeitalter der Tibetaner, da die Lahen regierten, ist unendlich, das zweite von 8«, das dritte von 40, das vierte von 20 Jahrtausenden Eines Lebensalters, von denen dies bis zu ao Jahren hinab - und denn allmählich wieder hin- aufsteigen wird zum Zeitalter der llnooo Jahre. Die Perioden der Indier voll Verwandlungen der Götter und der Sineser »oll Verwandlungen ibrcr ältesten Könige steigen noch höher hinauf; Unendlichkeiten , mit denen nichts gethan werden konnte, als daß Moses sie weqschnitt, weil sic nach dem Bericht der Traditionen selbst zur Erdsehöpsung, nicht aber zll unsrer Menschcngeschichte gehören. Zweitens. Streitet man also, ob die Welt jung oder alt sei? so haben beide recht, die da streiten. Der Fels unsrer Erde ist sehr alt und die Bekleidung desselben har lange Revolutionen erfodcrt, über die kein Streit statt sinder. Hier laßt Moses einem jeden Freiheit, Epochen zu dichten, wie er will und mit den Ehaldaern den König Alorus, das Licht, Uranus, den Himmel, Gea, die Erde, Helios, die Sonne u. f. regieren zu lassen, so lange man begehret. Er zahlet'gar keine Epochen dieser Art und hat um ihnen vorzubeugen, sein ineinander greifendes, systematisches Gcmahlde gerade im leichtsten Cyklus einer Erd - Umwälzung dahin gestellet Je alter aber diese Revolutionen sind und je länger sie daureten, desto jünger muß nothwendig das menschliche Geschlecht seyn, das nach allen Traditionen und nach der Natur der Sache selbst, erst als die letzte Ausgeburt der vollendeten Erde statt fand. Ich danke also jenem Naturweisen für diesen kühnen Abschnitt X ' ^ ' . ^7" X der Geschichte der Menschheit. 289 Abschnitt der alten ungeheuren Fabel: denn meinem Fassungskreise gnügt die Natur, wie sie da ist und die Menschheit, wie sie jetzt lebet. Auch bei der Schöpfung des Menschen wieder, holet die Sage*), daß sie geschehen sey, da sie der Natur nach geschehen konnte. „Als auf der Erde, fahrt sie ergänzend fort, weder Krauter noch Baume waren, konnte der Mcnsch, den die ^akur zum Bau derselben bestimmt hatte, noch nicht leben: noch stieg kein Regen nieder, aber Nebel stiegen auf und aus einer solchen mit Thau befeuchteten Erde ward er gebildet, und mit dem Athem der Lebenskraft zum lebendigen Wesen belebet.'^ Mich dünkt die einfache Erzählung sagt alles, was auch nach allen Erforschungen der Physiologie Menschen von ihrer Organisation zu wissen vermögen. Im Tode wird unser künstliches Eebau in Erde, Wasser und Luft aufgelöset, die in ihm jetzt organisch gebunden sind; die innere Oekonomie des animalischen Lebens aber hangt von dem verborgnen Reiz oder Balsam im Element der Luft ab, der den vollkommener» Lauf des Bluts, ja den ganzen inner» Zwist der Lebenskräfte unsrer Maschine in Bewegung sitzt; und so wird wirklich der Mcnsch durch den lebendigen Othem zur regsamen Seele. Durch ihn erhalt und äußert er die Kraft', Lcbenswarme zu verarbeiten und als ein sich bewegendes, empfindendes, den- *) 1 Mos. 2. L — 7. Philvs. und Gesch. IV. Th. L /«leerr. II- 2go Ideen zur Philosophie kendes Geschöpf zu handeln. Die älteste Philosophie ist mit den neuesten Erfahrungen hierüber einig. Ein Garten war der erste Wohnsitz des Menschen und auch dieser Zug der Tradition ist, wie ihn immer nur die Philosopdie ersinnen könnte. Das Gartenleben ist das leichteste für die neugebohrne Menschheit: denn jedes andre, zumal der Ackerbau, fordert schon mancherlei Erfahrungen und Künste. Auch zeigt dieser Zug der Tradition, was die ganze Anlage unsrer Natur beweiset, daß der Mensch nicht zur Wildheit, sondern zum sanften Leben geschaffen sei und also, da der Schöpfer den Zweck seines Geschöpfs am besten kannte, den Menschen, wie alle andre Wesen gleichsam in seinem Element', im Gebiet der Lebensart, für die er gemacht ist, erschaffen babe. Alle Verwilderung der Menschcnstamme ist Entartung, zu der sie die Noth, das Klima oder eine leidenschaftliche Gewohnheit zwang: wo dieser Zwang aufhöret, lebet der Mensch überall auf der Erde sanfter, wie die Geschichte der Nationen beweiset. Nur das Blut der Thicre hat den Menschen wild gemacht; die Jagd, der Krieg und leider auch manche Bedrängnisse der bürgerlichen Gesellschaft. Die älteste Tradition der frühesten Weltvölker weiß nichts von jenen Waldungeheuern, die als natürliche Unmenschen Jahrtausende lang mordend umhergestreift und dadurch ihren ursprünglichen Beruf erfüllet dät- ten. Erst in entlegnen, rauheren Gegenden, Nach weiten Verirrungen der Menschen fangen diese wilden Sagen an, die der spätere Dichter gern aus- der Geschichte der Menschheit. 291. wählte und denen zuletzt der compilirende Geschichtschreiber, dem Geschichtschreiber aber der abstrahiren- de Philosoph folgte. Abstraktionen aber geben so wenig als das Gemälde der Dichter eine wahre Urgeschichte der Menschheit. Wo lag nun aber der Garten, in den der Schöpfer sein sanftes wehrloses Geschöpf setzte? Da diese Sage aus dem westlichen Asien ist: so setzt sie ihn Ostwärts „höher hinauf gen Morgen, auf eine Erdhöhc, aus der ein Strom brach, der sich von da aus in vier große Hauptströme theilte *)H Unparteiischer kann keine Tradition erzählen: denn da jede alte Nation sich so gern für die Erstgebohrne und ihr Land für den Geburtsort der Menschheit hielt: so rückt diese hingegen das Urland weit hinauf an den höchsten Rücken der bewohnten Erde. Und wo ist diese Höhe der Erde ? wo entspringen die genannten vier Ströme aus Einem Quell oder Strom, wie die Urschrift deutlich saget? In unsrer Erdbeschreibung nirgend und es ist vergeblich, daß man die Namen der Flüsse tausendfach martere , da ein unpartheii- scher Blick auf die Wcllcharte uns lehrt, daß nirgend auf Erden der Euphrat mit drei andern Strömen aus Einem Quell oder Strom entspringe. Erinnern wir uns aber an die Traditionen aller hohem Asiatischen Völker: so treffen wir dies Paradies der höchsten Erdhöhe mit seinem lebendigen Urquell, T 2 ) r Mos. 2, 10 — ist. Ideen zur Philosophie 292 mit seinen die Welt befruchtenden Strömen in ihnen ollen cm. Sineser und Tibetaner, Indier und Perser reden von diesem Urberge der Schöpfung, um den die Länder, Meere und Inseln gelagert sind und von dessen Himmelhohe der Erde ihre Ströme geschenkt wurden. Ohne Physik ist diese Sage keineswegs: denn ohne Berge konnte unsre Erde kein lebendiges Wasser haben und daß alle Ströme Asiens von dieser Erdhöhe fließen, zeigt die Ehacte. Auch gehet die Sage, die wir erklären, alles Fabelhafte der paradisischen Ströme vorbei und »rennet vier der Weltbekanntesten, die von den Gc- bürgen Asiens fließen. Freilich fließen sie nicht aus Einem Strom; dem spaten Sammler dieser Traditionen indeß mußten sic gnug seyn, den Ursch der .Menschen in einer ihm fernen Ostwelt zu bezeichnen. Und da ist wohl kein Zweifel, daß dieser Ursch ihm eine Gegend zwischen den Indischen Bergen seyn sollte. Das Gold - und Edelstein-reiche Land, das er nennet, ist schwerlich ein anderes, als Indien, das von Alters her dieser Schatze wegen be, kannt war. Der Fluß, der cs umströmt, ist der sich krümmende, heilige Ganges *); das ganze *) Das Wort Pison heißt ein fruchtbar-überschwem- mender Strom und scheint der übersetzte Name von Ganges, daher ihn auch schon eine alte Griechische Uebersctzung durch Ganges erklärt und der Araber durch Nil, das umstromte Land aber durch Indien übersetzt hat, welches man sonst nicht zu reimen wußte. der Geschichte der Menschheit. 293 Indien erkennt ihn für den Strom des Paradiese?. Das Gibon der Oxus scy, ist unläugbar: die Araber nennen ihn noch also und Spuren des Landes, das er umfließen soll, sind uns noch in niedreren benachbarten Indischen Namen übrig *). Die beiden letzten Strome endlich, der Tigris und Euphrat, fließen freilich sehr weit Westwärts; da aber der Sammler dieser Traditionen am westlichen Ende Asiens lebte, so verlohren sich ihm nothwendig diese Gegenden schon in die weite Ferne und es ist möglich, daß der dritte Strom, den ec nennet, gar einen östlicher» Tigris, den Indus bedeuten sollte **). Es war nämlich die Gewohnheit aller sich verpflanzenden, alten Volker, die Sagen vom Berge der Urwelt, den Bergen und Strömen ihres neuen Landes zuzueignen und solche durch eine Local - Mythologie zu *) Kaschgar, Kaschmirc, die Kasischen Gebirge, Kaukasus, Kathai u. f. ") Hidekel heißt der dritte Strom und nach Ot- t c r heißt der Indus noch jetzt bey den Arabern Eteck, bey den allen Indiern E n i d e r. Selbst die Endung des Worts scheint Indisch: Dewerkcl, wie sie ihre Halbgötter nennen, ist der Pluralis von Dewin, In dessen ists wahrscheinlich, daß der Sammler der Tradition ihn für den Tigris nahm, da er ihn Ostwärts jenseit Assyrien setzte. Die ferneren Länder lagen ihm zu ferne. Auch der Phrath ist wahrscheinlich ein andrer Fluß gewesen, der hier nur npxellarive übersetzt oder als der berühmteste östliche Strom genannt ward. 2Z4 Ideen zur Philosophie nationalisircn, wie von den Medischen Gebirgen an bis zum Olympus und Iba gezeigt werden konnte. Noch seiner Leige also konnte der Sammler dieser Traditionen nicht anders als den weitsten Strich bezeichnen, den ihm die Sage darbot. Der Indier am Parcpamisus, der Perser am Zmaus, der Jbe- rier am Kaukasus war darunter begriffen und jeder war im Besitz, sein Paradies an den Thcil der Dergstrecke zu legen, den ihm seine Tradition wieß. Unsre Sage indeß winkt eigentlich auf die älteste der Traditionen: denn sie setzt ihr Paradies über Indien und giebt die andern Strecken nur zur Zugabe. Wie nun? Wenn ein glückliches Thal wie Kaschmire, beinah im Mittelpunkt dieser Ströme gelegen, ringsum von Bergen ummauert, sowohl wegen seiner gesunden erquickenden Wasser, als wegen seiner reichen Fruchtbarkeit und Freiheit von wildm Lhicren berühmt, ja noch bis jetzt wegen seines schönen MenschenstammeS als das Paradies des Paradieses gepriesen; wenn ein solches der Ursitz unsres Geschlechts gewesen wäre? Doch der Verfolg wird zeigen, daß alle Nachspahungen dieser Art auf unsrer jetzigen Erde vergeblich sind; wir bemerk, n also die Gegend so unbestimmt, wie sie die Tradition bezeichnet und folgen dem Faden ihrer Erzählung weiter. Don allen Wunderdingen und Abentheuergestol- tcn, womit die Sage des gesummten Asiens ihr Paradies der Urwelt reich besetzte, hat diese Tradition nichts als zwei Wunderbaumc, eine sprechende Schlange und einen Cherub; die unzählbare Men- der Geschichte der Menschheit. 296 ge der andern sondert der Philosoph ab und auch jene kleidet er in eine Bedeutungsvolle Erzählung. Ein einziger verbotener Baum ist im Paradiese und dieser Baum tragt in der Ueberrcdunq der Schlange die Frucht der Götterweisheit, nach der dem Menschen gelüstet. Konnte er nach etwas Höherem gelüsten? konnte er auch in seinem Fall mehr geadelt werden? Man vergleiche, auch nur als Allegorie betrachtet, die Erzählung mit den Sagen andrer Nationen; sie ist die feinste und schönste, ein symbolisches Bild von dem, was unserm Geschlecht von jeher alles Wohl und Weh brachte. Unser zweideutiges Streben nach Erkenntnissen, die uns nicht ziemen , der lüsterne Gebrauch und Mißbrauch unsrer Freiheit, die unruhige Erweiterung und Uebertrerung der Schranken, die einem so schwachen Geschöpf, das sich selbst zu bestimmen erst lernen sott, durch moralische Gebote nothwendig gesetzt werden mußten; dies ist das feurige Rad, unter dem wir ächzen und das jetzt doch beinah den Eirkel unsres Lebens ausmacht. Der alte Philosoph der Menschengcschich» te wußte dies wie wirs wissen und zeigt uns den Knoten davon in einer Kindergeschichte, die fast alle Enden der Menschheit zufammenknüpfet. Auch der Indier erzählt von Riesen, die nach der Speise der Unsterblichkeit gruben: auch der Tibetaner spricht von seinen durch eine Miffethat herabgesunkencn Leihen ; nichts aber, dünkt mich, reicht an die reine Tiefe, an die kindliche Einfalt dieser Sage, die nur so viel Wunderbares behalt, als zur Bezeichnung ihrer Zeit und Gegend gehöret. Alle Drachen und Wundergestalten des über die Asiatischen Gebirge Ideen zur Philosophie 296 sich erstreckenden, uralten Fecnlandes, der Simurgh und Soham, die Lahcn, Dcwetas, Dschins, Divs und Peris, eine in tausend Erzählungen vom Dschin- nistan, stlighiel, Mcru, Albordj u. f. weit verbreitete Mythologie dieses Welttheils, alle diese Abentheuer verschwinden in der ältesten Tradition der Schriftsprache und nur der Cherub hält Wache an den Pforten des Paradieses. Dagegen erzählt diese lehrende Geschichte, daß die erstgeschaffenen Menschen mit den unterweisenden Elohim im Umgänge gewesen, daß sie unter Anleitung derselben durch Kenntniß der Thiere sich Sprache und herrschende Vernunft erworben, daß da der Mensch ihnen auch auf eine verbotene Art in Erkcnntniß des Bösen gleich werden wollen, er diese mit seinem Schaden erlangt und von nun an «inen andern Ort eingenommen, eine neue künstlichere Lebensart angcfangen habe; lauter Züge der Tradition, die hinter dem Schleier einer Fabeler- zäblunq mehr menschliche Wahrheit verbergen, als große Lehrgebäude vom Naturzustände der Avthoch- thonen. Sind, wie wir gesehen haben, die Vorzüge des Menschengeschlechts ihm nur als Fähigkeit anzcbohren, eigentlich aber durch Erziehung, Sprache, Tradition und Kunst erworben und hcrabgeerbt worden: so gehen die Fäden dieser ihm angcbildc- ken Humanität aus allen Nationen und Weitenden nicht nur in Einen Ursprung zusammen; sondern wenn das Menschengeschlecht, was es ist, werden sollte, mußten sie sich gleich vom Anfänge an künstlich knüpfen. So wenig ein Kind Jahre lang hin- der Geschichte der Menschheit. 297 geworfen und sich selbst überlassen seyn kann, ohne daß cs untergehe oder entarte: so wenig konnte das menschliche Geschlecht in seinem ersten keimenden Sproß sich selbst überlassen werden. Menschen, die einmal gewohnt waren, wie Orang-Utangs zu leben, werden nie durch sich selbst gegen sich selbst arbeiten und aus einer Sprachlosen, verhärteten Thierheit zur Menschheit übergehen lernen. Wollte die Gottheit also, daß der Mensch Vernunft und Vorsicht übte; so mußte sie sich seiner auch mit Vernunft und Vorsicht annehmen. Erziehung, Kunst, Eultuc war ihm vom ersten Augenblick seines Da- seyns an unentbehrlich; und so ist uns der specifl- sche Charakter der Menschheit selbst für die innere Wahrheit dieser ältesten Philosophie unsrer Geschichte Bürge *). Wie nun aber die Elohim sich der Menschen angenommen d. i. sic gelehrl, gewarnt, und un- terrichret haben? Wen» es nicht eben so kühn ist, hierüber zu fragen, als zu antworten: so soll uns an einem andcrü Ort die Tradition selbst darüber Aufschluß geben. 29 « Ideen zur Philosophie VII. Schluß der ältesten Schrifttradition über den Anfang der Menschengcschichte. ^^as Uebrige, was uns diese alte Sage von Namen, Jahren, Erfindung der Künste, Revolutionen u. f. ausbchalten hat, ist in Allem die Echo einer Nationalerzahlung. Wir wissen nicht, wie der erste Mensch geheißen, noch welche Sprache er geredet habe? denn Adam beißt ein Erdmann, Eva eine Lebendige in der Sprache dieses Volks: ihre Namen sind Symbole ihrer Geschichte und jedes andre Volk nennet sie mit andern bedeutenden Namen. Die Erfindungen, auf die hier Rücksicht genommen wird, sind nur die, die ein Hirten - und Ackcrvolk des westlicher» Asiens betrafen und auch über sie giebt die Tradition abermals nichts als Namendenkmahlc. Der daurende Stamm, heißt es, daurete: der Besitzer besaß: um den getrauert ward, der war ermordet; in solchen Wort-Hieroglyphen ziehet sich der Stammbaum der Geschichte der Menschheit. 29g zweier Lebensarten, der Hirten und Ackerleute oder Höhlenbewohner hinunter. Die Geschichte der Se- thiten und Kainiten ist im Grunde nichts als eine Beurkundung der zwo ältesten Lebensweisen, die die Arabische Sprache Beduinen und Kabylen nennt *) und die sich noch jetzt in Orient mit widriger Neigung von einander scheiden. Die Geschlechtssage eines Hirtenvolks dieser Gegend wollte nichts anders als diese Casten bemerken. Ein gleiches ists mit der sogenannten Sünd- fluth, Denn so gewiß auch nach der Naturgeschichte die bewohnte Erde gewaltsam überschwemmet worden, von welcher Ueberschwemmung insonderheit Asien unlaugbare Spuren tragt: so ist doch, was uns durch diese Sage zukommt, nicht mehr und minder als eine Nationalerzahlung. Mit großer Borsicht rückt der Sammler mehrere Traditionen zusammen **), und liefert sogar die Tageschronik, die sein Stamm von dieser fürchterlichen Revolution *) Kain heißt bei den Arabern Kabil: die Saften der Kabylen heißen Kabeil: die Beduinen sind auch ihrem Namen nach verirrte Hirten, Bewohner der Wüste, Glcichergestalt ists mit den Namen Kain, Hanoch, Rod, Java l - I u b a l-L h u b a l - K ai n ; für die Safte und Lebensart bedeutende Namen. ") r Mos. 6 — 8 . S. Eichhorns Einleitung ins alte Testament, Th, a. S. 370. 3oo Ideen zur Philosophie besaß; auch der Ton der Erzählung ist so ganz in der Denkart dieses Stammes, daß es sie mißbrauchen hieße, wenn man sie aus den Schranken rück-- tc, in denen sie eben ihre Glaubwürdigkeit findet. Wie sich eine Familie dieses Volks mit einem reichen Haushalt rettete: so konnten sich unter andern Völkern auch andre Familien gerettet haben, wie die Traditionen derselben beweisen. So rettete sich jn Ehaldaa Lisuthrus mit seinem Geschlecht und einer Anzahl von Thieren (ohne welche damals die Menschen nicht lebten) fast auf die nämliche Weise und in Indien war Wischnu selbst das Steuerruder des Schiffs, das die Bekümmerten ans Land brachte. Dergleichen Sagen giebts bey allen alten Völkern dieses Welttheils, bey jedem nach seiner Tradition und Gegend und so überzeugend sie sind, daß die Ucbcrschwemmung, von der sie reden, in Asien allgemein gewesen: so helfen sie uns zugleich auf einmal aus der Enge, in die wir uns unnölhig zwangen, wenn wir jeden Umstand einer Familiengeschichte ausschließend für die Geschichte der Welt nahmen, und damit dieser Geschichte selbst ihre gegründete Glaubwürdigkeit entzogen. Nicht anders ists mit der Geschlechtstafel dieser Stämme nach der Ueberschwcmmung: sie hält sich in den Schranken ihrer Völkerkunde und ihres Erdstrichs, über den sie nach Indien, Sina, die östliche Tatarei u, f. nicht hinausschwcifet. Die drei Hauptstämme der Geretteten sind offenbar die Völker jcnseil und diefseit des westlichen asiatischen Gebirges; mit einbegriffen die obcrn Küsten von Afrika der Geschichte der Menschheit. 3or Afrika und die östlichen von Europa, so weit sie dem Sammler der Tradition bekannt waren *). Er leitet sie ab, so gut er kann und sucht sie mit seiner Geschlechtstafel zu binden; nicht aber giebt er uns damit eine allgemeine Landcharte der Welt oder eine Genealogie aller Völker. Die vielfache Mühe, die man sich gegeben hat, sämmtliche Nationen der Erde nach diesem Stammbaum zu Abkömmlingen der Ebraer und -zu Halbbrüdern der Juden zu machen, widerspricht nicht nur der Zeitrechnung und der gesummten Völkergeschichte, sondern dem Standpunkt dieser Erzählung selbst, die sie durch dergleichen Uebertreibungen fast ganz um ihren Glauben gebracht hat. Allenthalben am Urgebirge der Welt bilden sich nach der Ueberschwcmmung Völker, Sprachen und Reiche, ohne auf die Gesandschaft einer Familie aus Ehaldaa zu warten, und im östlichen *) Ja pH et ist seinem Namen und seinem Segen nach ein W e i t v e rb rei t e t e r, dergleichen die Völker Nordwärts dem Gebirge, ihrer Lebensweise und zum Lheil selbst ihren Namen nach, waren. S e m faßt Gramme in sich , bei denen der Name d. i. die alte Tradition der Religion, Schrift und Cultur vorzüglich blieb, die sich daher auch gegen andre, insonderheit die Chamiten den Vorzug cultivirrer Völker anmaßten. Cham hat von der Hitze den Namen und gehört in den hitzigen Erdstrich. Mit den drei Söhnen Noah lesen wir also nichts als die drei Welttheile, Europa, Wen, Afrika, sofern sie im Gesichtskreis dieser Tradition lagen. Philos. und Gesch. IV, Th, u I-teen. II. 302 Ideen zur Philosophie !c. Asien, wo der Ursitz der Menschen und also auch die stärkste Bewohnung der Wett war, sind ja noch jetzt offenbar die ältesten Einrichtungen, die ältesten Gebräuche und Sprachen, von denen dieser westliche Stammbaum eines später» Volks nichts wußte und wissen konnte. Es ist eben so fremde, zu fragen: ob der Sinese von Kain oder Abel d. i. aus einer Troglodyten - Hirten - oder Ackercaste abstamme? als wo das amerikanische Faulthier im Kasten Noah gehangen habe? Doch dergleichen Erläuterungen darf ich mich hier nicht überlassen: ja selbst die Untersuchung eines für unsre Geschichte so wichtigen Punkts, als die Verkürzung der menschlichen Lebensjahre und die genannte große Ucbcrschwemmung selbst ist, muß einen andern Ort erwarten. Gnug! der feste Mittelpunkt des größesten Wcltthcils, das Urgebirge Asiens hat dem Menschengeschlecht den ersten Wohnplatz bereitet und sich in allen Revolutionen der Erde fest erhalten. Mit Nichten erst durch die Sündfluth aus dem Abgrunde des Meers emporgesticgen, sondern sowohl der Naturgeschichte als der ältesten Tradition zufolge, das Urland der Menschheit, ward es der erste große Schauplatz der Völker, dessen lehrreichen Anblick wir jetzt verfolgen. n h a l t Z Sechstes Buch. Seite I. ^Organisation der Völker in der Nahe des Nordpols. ... . 5 II. Organisation der Völker um den Asiatischen Rücken der Erde. ... >4 III. Organisation des Erdstrichs schöngE'ildc- ter Völker. . . : . . 22 IV. Organisation der Afrikanischen Völker. 3 r V. Organisation der Menschen in den Inseln des heißen Erdstrichs. ... 4 3 VI. Organisation der Amerikaner. . 46 VII. Schluß. ..... 6> Siebentes Buch. I. In so verschiedenen Formen das Menschengeschlecht auf der Erde erscheint: so ists doch überall Ein? und dieselbe Men-- schengattung. .... 64 U 2 Inhalt. 3c>4 Seite II. Das eine Menschengeschlecht hat sich allenthalben auf der Erde klimatisiret. 71 III. Was ist Klima? und welche Wirkung hats auf die Bildung des Menschen an Körper und Seele? . . . 8r IV. Die genetische Kraft ist die Mutter aller Bildungen auf der Erde, der das Klima feindlich oder freundlich nur zuwirket. 91 V. Schlußanmerkungcn über den Zwist der Genesis und des Klima. . . 104 Achtes' Buch. I. Die Sinnlichkeit unsres Geschlechts veran» deck sich mir Bildungen und Klimaten; überall aber ist ein menschlicher Gebrauch der Sinne das, was zur Humanität führet. . . . . . . 114 II. Die Einbildungskraft der Menschen ist allenthalben organisch und klimatisch; allenthalben aber wird sie von der Tradition geleitet. . . . . III. Der praktische Verstand des Menschengeschlechts ist allenthalben unter Bedürfnissen der Lebensweise erwachsen; allenthalben aber ist er eine Blüthe des Genius der Volker, ein Sohn der Tradition und Gewohnheit. . - - 189 3 o 5 Inhalt. Seite IV. Die Empfindungen und Triebe der Menschen sind allenthalben dem Zustande, worin sie leben und ihrer Organisation gemäß; allenthalben aber werden sie von Meynungen und von der Gewohnheit regieret.."i. V. Die Glückseligkeit der Menschen ist allenthalben ein individuelles Gut; folglich allenthalben klimatisch und organisch, ein Kind der Uebung, der Tradition und Gewohnheit. .... Neuntes Buch. I. So gern der Mensch alles aus sich selbst hcrvorzubringen wähnet: so sehr hanget er doch in der Entwicklung seiner Fähigkeiten von andern ab. . . . »82 II. Das sonderbare Mittel zur Bildung der Menschen ist Sprache.' . . . 194 III. Durch Nachahmung , Vernunft und Sprache sind alle Wissenschaften und Künste des Menschengeschlechts erfunden worden..209 IV. Die Regierungen sind fcstgestellte Ordnungen unter den Menschen, meistens aus ererbter Tradition. . . . 217 V. Religion ist die älcste und heiligste Tradition der Erde. . . . . 2.3c, 3v6 Z »halt. Seite Zehntes Buch. I. Unsre Erde ist für ihre lebendige Schöpfung eine cigcngcbildete Erde. . 2g 2 II. Wo war die Bildungsstätte und der älteste Wohnsitz der Menschen? . . 247 III. Der Gang der Cultur und Geschichte giebt historische Beweise, daß das Menschengeschlecht in Asien entstanden sei. 206 I V. Asiatische Traditionen über die Schöpfung der Erde und den Ursprung des Menschengeschlechts.266 V. Aelteste Schrifttradition über den Ursprung der Mcnschengeschichte. . . 274 VI. Fortsetzung der ältesten Schrifttradition über den Anfang der Menschcngeschichte. 285 VII. Schluß der ältesten Schrifttradition über den Anfang der Mcnschengeschichte. . 298