Ideen zur Philosophie
was uns die Natur, die den Zweck und Charakterihres Geschöpfs am besten kennen mußte, als mensch-liche Bildung selbst vor Augen legt, so ist dies keineandre als die Tradition einer Erziehung,zu irgend einerAorm m en sch li c h e r G lück-seligkcit und Lebensweise. Diese ist allge-mein wie das Menschengeschlecht; ja unter den Wil-den oft am thätigsten, wiewohl nur in einem cngernKreise. Bleibt der Mensch unter Menschen: so kanner dieser bildenden oder mißbildenden Cultur nichtentweichen: Tradition tritt zu ihm und formt seinenKopf und bildet seine Glieder. Wie jene ist, undwie diese sich bilden lassen: so wird der Mensch, soist er gestaltet. Selbst Kinder die unter die Lhieregeriethen, nahmen, wenn sie einige Zeit bei Menschengelebt batten, schon menschliche Cultur unter dieselbe,wie die bekannten meisten Exempel beweisen; dage-gen ein Kind, das vom ersten Augenblick der Geburtan der Wölfin übergeben würde, der einzige unculti-virte Mensch auf der Erde wäre.
Was folgt aus diesem festen und durch die gan-ze Geschichte unsres Geschlechts bewahrten Gesichts-punkt? Zuerst ein Grundsatz, der, wie unscrm Le-ben so auch dieser Betrachtung Aufmunterung undTrost giebl, nämlich: ist das Menschengeschlecht nichtdurch sich selbst entstanden, ja wird es Anlagen inseiner Natur gewahr, die keine Bewunderung gnug-sam preiset: so muß auch die Bildung dieser Anla-gen vom Schöpfer durch Mittel bestimmt seyn, dieseine weiseste Vatergüte verrathen. Ward das leib-liche Auge vergebens so schön gebildet? und findetes nicht sogleich den goldnen Lichtstrahl vor sich, derfür dasselbe, wie das Auge für den Lichtstrahl, crschaf-