184 Ideen zur Philosophie
sich nicht selbst und auch der fähigste Mensch mußlernen, wie er sie spiele. Die Vernunft ist ein Ag-gregat von Bemerkungen und Uebungen unsrer See-le; eine Summe der Erziehung unsres Geschlechts,die, nach gegebnen fremden Vorbildern, der Erzognezuletzt als ein fremder Künstler an sich vollendet.
Hier also liegt das Prmcipium zur Geschichteder Menschheit, ohne welches cs keine solche Geschichtegäbe. Empfinge der Mensch alles aus sich und ent-wickelte es abgctrennt von äußern Gegenständen: sowäre zwar eins Geschichte des Menschen, aber nichtder Menschen, nicht ihres ganzen Geschlechts mög-lich. Da nun aber unser speciftsche Charakter ebendarin liegt, das wir, beinah ohne Instinkt qcbohren,nur durch eine Lebenslange Ucbung zur Menschheitgebildet werden, und sowohl die Perfectibilität als dieCorruptibilitat unsres Geschlechts hierauf beruhet: sowird eben damit auch die Geschichte der Menschheitnothwendig ein Ganzes, d. i. eine Kette der Gesellig-keit und bildenden Tradition vom Ersten bis zumletzten Gliede.
Es giebt also eine Erziehung des Menschenge-schlechts; eben weil jeder Mensch nur durch Erziehungein Mensch wird und das ganze Geschlecht nicht andersals in dieser Kette von Individuen lebet. Freilichwenn jemand sagte, daß nicht der einzelne Menschsondern das Geschlecht erzogen werde, so spräche erfür mich unverständlich, da Geschlecht und Gattungnur allgemeine Begriffe sind, außer sofern sie in ein-zelnen Wesen existircn. Gabe ich diesem allgemeinenBegriff nun auch alle Vollkommenheiten der Huma-nität, Cultur und höchsten Aufklärung, die ein idea-lischer Begriff gestattet: so hätte ich zur wahren Ge,