Ideen zur Philosophie
sie unter sich leben! Da neidet keiner den andern,da erwirbt sich und genießt jeder das Seine in Frie-den. Es ist gegen die Wahrheit der Geschichte,wenn man den bösartigen, widersinnigen Charakterzusammengedrängter Menschen, wetteifernder Künst-ler, streitender Politiker, neidigcr Gelehrten zu all-gemeinen Eigenschaften des menschlichen Geschlechtsmacht; der größere Theil der Menschen auf der Erdeweiß von diesen ritzenden Stacheln und ihren bluti-gen Wunden nichts: er lebt in der freien Luft undnicht im verpestenden Hauch der Städte. Wer dasGesetz nothwcndig macht, weil cs sonst Gesetzcs-verachtcr gäbe, der setzt voraus, was er erst bewei-sen sollte. Dränget die Menschen nicht in engeKerker: so dürft ihr ihnen keine frische Luft zu-
facheln. Bringet sic nicht in künstliche Raserei: sodürft ihr sie durch keine Gegenkünste binden.
3. Auch die Zeilen, wenn Menschen zusam-men seyn mußten, verkürzte die Natur, wie sie sieverkürzen konnte. Der Mensch ist einer langen Er-ziehung bedürftig; aber alsdenn ist er noch schwach:er hat die Art des Kindes, das zürnt und wiedervergißt, das oft unwillig ist, aber keinen langenGroll nähret. Sobald er Mann wird, wacht einTrieb in ihm auf und er verläßt das Haus desVaters. Die Natur wirkte in diesem Triebe: siestieß ihn aus, damit er sein eigen Nest bereite.
Und mit wem bereitet er dasselbe? Mit einemGeschöpf, das ihm so unähnlich-ähnlich, das ihm instreitbaren Leidenschaften so ungleichartig gemacht ist,als es im Zweck der Vereinigung beider nur irgendgeschehen konnte. Des WeibeS Natur ist eine andreals des Mannes: sie empfindet anders, sie wirkt