Ivo
Ideen zur Philosophie
terisiret. Unter den Neuern hat der Polyclct uns-res Vaterlandes, Al brecht Dürer, *) dasMaas verschiedner Proportionen des menschlichenKörpers sorgfältig untersucht, und jedem Auge wirddabey offenbar, daß die Bildung aller Thcile sichmit den Verhältnissen andre. Wie nun ? wenn wirDürers Genauigkeit mit dem Seelengcsühl derAlten verbänden und die Verschiedenheit menschlicherHauptformen und Charaktere in ihrem zusammen-stimmenden Gebilde studirten? Mich dünkt, diePhysiognomik träte damit auf den allen natürlichenWeg, auf den sie ihr Name weiset; nach welchemsie weder eine Echo- noch Lechnognomik, sonderndie Auslegerin der lebendigen NatUr einesMenschen, gleichsam di« Dolmetscherin seines sicht-bar gewordenen Genius seyn soll. Da sie in diesenSchranken der Analogie des Ganzen, das auch imAntlitz das sprechendste ist, stets treu bleibt: so mußdie Pathognomik ihre Schwester, die Phnsivlogieund Semiotik ihre Mithelferin und Freundin wer-den : denn die Gestalt des Menschen ist doch nureine Hülle des innern Triebwerks, ein zusanimcn-stimmendes Ganze, wo jeder Buchstabe zwar zumWort gehört, aber nur das ganze Wort einen Sinngibt. Im gemeinen Leben brauchen und übe» wirdie Physiognomik also: der geübte Arzt siehct, wel-chen Krankheiten der Mensch seinem Bau und Ge-bilde nach unterworfen seyn könne, und das physiog-nomische Auge, selbst der Kinder, bemerkt die na-
*) Albrecht Dürers st Bücher von menschlicher Pro-portion. Nürnberg ibag.