Judith hatte, so weit sie znrückdcnken konnte, vor diesemSchrank und seinem Inhalt eine Art Ehrfurcht gehabt. Wederihr Vater noch ihre Mutter redeten je in ihrer Anwesenheit davon;und cs schien eine Art stillschweigender Verabredung zu sein, daßbei Bezeichnung der verschiedenen Gegenstände, die gelegentlich inseiner Nähe standen, oder selbst ans seinem Deckel lagen, jedeNennung des Schrankes selbst sorgfältig vermieden werde. DurchGewohnheit war dies; so leicht und so geläufig und natürlich ge-worden, daß erst in ganz neuester Zeit das Mädchen über diesenseltsamen Umstand nachzndenken angcfangcn hatte. Aber cs hattenie zwischen Hutter und seiner älter» Tochter ein so inniges Ver-hältnis; bestanden, daß dadurch Vertrauen wäre geweckt worden.Zn Zeiten war er freundlich, aber in der Regel, gegen sie beson-ders, finster und mürrisch. Am allerwenigsten hatte er seine Auto-rität in solcher Art geübt, daß sein Kind hätte den Mnth gehabt,die Freiheit, zu der sie jetzt entschlossen war, sich heranszunchmenohne große Besorgnis; wegen der Folgen, obgleich sie den kecken Ent-schluß nur faßte in Kraft des Wunsches, ihm zu dienen. Und dannwar Judith auch nicht frei von einem kleinen Aberglauben in Betreffdieses Schrankes, der von Kindheit an bis auf diese Stunde alseine Art Reliquie vor ihren Angen gestanden. Dennoch war die Zeitgekommen, wo, so schic» es, dies; Mysterium sich aufklären sollte, unddas unter Umständen, die ihr in der Sache sehr wenig Wahl ließen.
Da Judith sah, daß ihre beiden Genossen ihre Bewegungenin ernstem Schweigen beobachteten, legte sie die Hand an denDeckel und suchte ihn anfzuheben. Ihre Kraft reichte jedoch nichtzu, und es dünkte das Mädchen, das wohl wußte, daß alle Schlosserund Bande weg waren, als widersetzte sich ihr eine übernatürlicheMacht bei einem unheiligen Beginnen.
„Ich kann den Deckel nicht anfheben, Wildtödter," sagte sie.„Thäten mir nicht besser, den Versuch aufzugeben und 'auf andereMittel zur Befreiung der Gefangenen zu denken?"
Der Wildtödter.
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