I. F. Cooper's Amerikanische Nomane, neu auö dem Englischen übertragen. Zwölfter Band. Der Wildtödter. Mit Stahlstich. Vierte Auslage. Stuttgart. Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung- 1853 . er itdtödter. Eine Erzählung von James Fenrmore Cooper. Aus dem Englischen. Welche Schreckgestalten um ihn her! Entsetzen zieht und Flucht zieht ihm voran, Und welker Kummer folgt uno Öede seiner Bahn! Gray. Vierte Auflage. Stuttzml. Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung. 1853 . Vorrede. Dieses Buch wurde nicht ohne manche Besorgnisse wegen seiner muthmaßlichen Aufnahme geschrieben. Einen und denselben Charakter durch fünf verschiedene Werke hindurchführen, konnte als allzukecke Zumuthung an die Gutmütigkeit des Publikums erscheinen, und Manche mochten mit Grund dieß als ein Unterfangen ansehen, das an sich schon zur Mißbilligung herausfordere. Auf diesen sehr natürlichen Vorwurf kann der Verfasser nur erwiedern, daß, wenn er in diesem Falle einen schweren Fehler begangen, seine Leser selbst einigermaßen die Verantwortung dafür auf sich haben. Die günstige Aufnahme, welche den späteren Schicksalen und dem Tode LederstrumpsS zu Theil wurde, hat der Seele des Verfassers wenigstens eS zu einer Art von Nothwendigkeit gemacht, auch von seinen jüngeren Jahren Nachricht zu geben. Kurz, die Gemälde seines Lebens, wie sie nun einmal sind, waren schon so vollständig, daß sie wohl einiges Verlangen erwecken konnten, die Gesammtzeichnung zu sehen, nach welcher sie alle gemalt wurden. Der Wildtüdter. ' Die »Lederstrumpf-Erzählungcn" bilden jetzt eine Art von fünfaktigem Drama, vollständig, was den Inhalt und den Plan betrifft, wenn auch vermuthlich sehr mangelhaft in der Ausführung. So wie sie sind, hat sie die Lesewelt vor sich. Der Verfasser hofft, sie werde, entschiede sie auch dahin, daß der hier vorliegende Akt, der letzte in der Ausführung, obwohl der erste in der natürlichen Ordnung der Lektüre, nicht der beste der ganzen Reihenfolge sei, doch das Urtheil fällen, daß er auch nicht eben der schlechteste sei. Mehr als Einmal hatte er sich versucht gefühlt, sein Manuskript zu verbrennen und sich zu einem andern Gegenstand zu wenden, obwohl er im Verlaufe seiner Arbeit eine Aufmunterung von so eigenthümlichcr Art erhielt, daß es sich verlohnt, sie zu erwähnen. Ein anonymer Brief aus England, von der Hand einer Dame, wie ihn däucht, kam ihm zu, worin er aufgefordert wurde, ungefähr eben daö zu thun, was er schon mehr als halb auSgcführt hatte, — ein Wunsch, den er sehr gerne als ein Zeichen deutet, daß sein Versuch theilwcise werbe verziehen, wo nicht entschieden gebilligt werden. Wenig braucht er über die Charaktere und die Scenerie dieser Erzählung zu sagen. Jene sind natürlich Werk der Dichtung; diese aber ist der Natur so treu, als nur immer die vertraute Bekanntschaft mit dem jetzigen Aussehen der geschilderten Gegend, und Vermuthungen über ihren früheren Charakter, so wahrscheinlich als die Einbildungskraft sie an die Hand gab , den Verfasser in Stand setzten, sie zu schildern. See, Berge, Thal und Wald sind ins- gesammt, wie er glaubt, genau genug dargestcllt, während Fluß, Fels und Küste treue Abzeichnungen der Natur sind. Selbst die einzelnen vorspringendcn Punkte eristiren, etwas verändert durch die Civilisation, aber doch ! k k » l so entsprechend den Schilderungen, daß Jeder, der mit der Scenerie der fraglichen Gegend vertraut ist, sie leicht erkennt. Was die historische Treue bei den Ereignissen dieser Erzählung im Ganzen und im Einzelnen betrifft, so ist der Verfasser gesonnen, hier auf seinem Recht zu bestehen, und darüber nicht mehr zu sagen, als was er für nothwendig erachtet. Bei dem großen Streit um Wahrheit, der zwischen Geschichte und Fiction waltet, ist der Vortheil so oft aus der Seite der letzteren, daß er sehr geneigt ist, den Leser auf seine eigenen Forschungen zu verweisen, um über diesen Punkt in's Reine zu kommen. Sollte es sich bei genauer Untersuchung zeigen, daß ein anerkannter Historiker, baß öffentliche Urkunden oder auch Lokaltraditionen den Angaben dieses Buchs widersprechen, so ist der Verfasser bereit, zuzugestehen, daß der Umstand seiner Aufmerksamkeit gänzlich entging, und seine Unwissenheit zu bekennen. Andererseits, sollte sich's finden, daß die Amur len Ame- rika's nicht eine Sylbe enthalten, die dem, was hier Der Welt vorgelegt wird, widerspräche, — wie er denn fest glaubt, daß die Forschung dieß auSweisen werde — so wird er für seine Erzählung genau so viel Glaubwürdigkeit in Anspruch nehmen, als sie verdient. ES gibt eine ansehnliche Klasse von Romanlesern — ansehnlich ebenso wegen ihrer Zahl als in jedem andern Betracht, — die man oft mit dem Mann verglichen hat, der »singt, wenn er liest, und liest, wenn er singt". Diese Leute sind über die Maßen phantasicrcich in allem Tatsächlichen, und so buchstäblich pedantisch, wie die Ucbcrsctzung eines Schulknaben, in Allem, was zur Poesie gehört. Zum Nutz und Frommen aller solcher Leute wird hiemit ausdrücklich erklärt, daß Judith Hutter eben Judith Hutter vm ist, und keine andere Judith; und überhaupt, daß, wenn irgendwo bei einem Taufnamen oder bei der Farbe deS Haares eine Aehnlichkcit, ein Zusammentreffen sich findet, nichts weiter gemeint ist, als was für den Unbefangenen ' in der Gleichheit deS Taufnamens oder der Haarfarbe liegt. Lange Erfahrung hat den Verfasser belehrt, daß dieser Theil seiner Leser der bei weitem am schwersten zu befriedigende ist, und er mochte ihnen, zum Besten beider Parteien, den ehrerbietigen Rath geben, den Versuch zu machen und Werke der Einbildungskraft so zu lesen, als wären es Erzählungen positiver Thatsachen. Ein solches Verfahren könnte sie vielleicht in Stand setzen, an die Möglichkeit der Dichtung zu glauben. Erstes Kapitel. 2 welche Lust im Wald, pralles, verschlungen! O welch' Entzücken am cntleg'nen Strand! Dort ist Gesellschaft, die nicht ausaedrniigen, Am Meer, i» dessen Sturm Musik ich fand! Den Menschen lieb' ich, doch noch mehr verstand Ich die Natur r mit ihr, will ich nicht fragen, Was ich wohl könnte sein, einst war l Verwandt Durch sie dem All, fühl' ich, was anSzusagcn Ich nicht vermag, noch ganz mit Schweigen kann ertragen. Childe Harold. Ereignisse haben für die menschliche Vorstellnug die Wirkungen der Zeit. So kann sich, wer weit gereist ist und Viel gesehen hat, leicht einbilden, lange gelebt zn haben, und diejenige Geschichte, welche am reichsten ist an wichtigen Begebenheiten, nimmt am frühesten den Charakter und Schein eines weit znrück- reichcnden Alters an. Ans keine andere Weise vermögen wir uns das Gepräge von Ehrwürdigkeit zn erklären, das schon, den Annalen Amerika's anhaftet. Wenn der Geist zurückschant in die frühesten Tage der Geschichte der Kolonien, so scheint jene Periode fern und dunkel, da die tausend Wechselfällc, welche an die Kettenglieder der Erinnerung sich herandrängcn, den Ursprung der Nation in eine Ferne rückwärts schieben, die scheinbar im Nebel unvordenklicher Zeit liegt, und doch würden vier Menschenalter von gewöhnlicher Lebensdauer hinreichen, um von Mund zu Mund, in der Gestalt der Tradition, Alles zu überliefern, was civilisirte Menschen im Bereich der Republik geleistet haben. Obgleich New- Aork allein eine Bevölkerung besitzt, größer in Wahrheit, als die der vier kleinsten Königreiche Eurvpa's, oder auch als die der gelammten Schweizerischen Eidgenossenschaft, ist cs doch erst wenig mehr als zwei Jahrhunderte her, seit die Holländer ihre Niederlassungen begannen und das Land ans dem wilden Zustande Der Wildtödtcr, 1 2 emporhvben. So wird, was durch die Häufung von wechselnden Ereignissen den ehrwürdigen Schein des Alters annimmt, zu vertrauterer Gewöhnlichkeit znrückgesührt, wenn wir es ernst und nüchtern nur in seinem Zeitverhältniß in's Auge fassen. Dieser Blick ans die Perspektive der Vergangenheit wird den Leser vorbcreiten, daß er die Gemälde, die wir zu entwerfen im Begriffe stehen, mit weniger Ueberraschnng betrachtet, als er vielleicht sonst empfunden hätte, und einige weitere Erlänternngen führen vielleicht seine Einbildungskraft zurück zur genanern und deutlicher» Anschauung desjenigen Gesellschastsznstandes, den wir zn schildern wünschen. Es ist eine geschichtliche Thatsache, daß die Niederlassungen an den östlichen Ufern des Hndson, wie Cla- verack, Kinderhook und selbst Ponghkeepste vor hundert Jahren als nicht sicher vor Einfällen der Indianer galten, und noch steht an den Uferhöhen des genannten Flusses, nur einen Mnsketenschnß weit von den Cajen von Albany, ein Schloß eines jüngeren Zweiges der Van Nenffelaers mit Schießscharten zur Vertheidignng gegen eben jene» schlauen Feind, obgleich es ans einer kaum so fernen Zeit stammt. Andere ähnliche Erinnerungen und Urkunden von der großen Jugend des Landes findet man hi» nnd wieder selbst in den Gegenden, die als der eigentliche Mittelpunkt amerikanischer Civilisation betrachtet werden, — znm klarsten Beweise, daß alle unsere Sicherheit vor Einfällen und feindlicher Gewaltthat einer nicht viel längern Zeit ist, als welche nicht selten Ein Menschenleben umfaßt. Die Begebenheiten dieser Erzählung fallen zwischen die Jahre 1740 und 1745, wo die mit Niederlassungen besetzten Striche der Kolonie New-Jork sich auf die vier atlantischen Bezirke, einen schmalen Landgürtel ans jeder Seite des Hndsons, von dessen Mündung bis zn den Fällen in der Nähe seines Ursprungs, und ans einige wenige vorgeschobene „Nachbarschaften" am Mohawk und Schoharie beschränkten. Breite Gürtel der Urwildniß reichten 3 nicht nur bis an die Ufer des ersten Stromes, sondern kreuzten ihn sogar, indem sie nach Neu-England hin sich fortsehten und mit ihren Wäldern Schuh und Versteck boten dem geräuschlosen Mökasln des eingcbornen Kriegers, wenn er auf dem verborgnen und blutigen Kriegspfad daherschlich. Ein Blick ans der Vogelperspektive auf die ganze Gegend östlich vom Mississippi mußte damals eine unermeßliche Ausdehnung von Wäldern zeigen, abwechselnd mit einem vergleichungsweise schmalen Saum angcbau- ten Landes der See entlang, punktirt gleichsam durch die schimmernden Spiegel der See'n, und durchschnitten von den bewegte» Linien der Ströme. In einem so Ungeheuern Bilde feierlich ernster Einsamkeit verliert sich der Landstrich, dessen Schilderung wir beabsichtigen, fast in Unbedeutenheit, doch fühlen wir uns ermnthigt, zur Ausführung zu schreiten, durch die Ueberzengung, daß, leichte und unwesentliche Unterschiede abgerechnet, derjenige, dem eine genaue Anschauung eines Theils dieser milden Gegend zu verschaffen gelingt, nothwcndig auch einen ziemlich richtigen Begriff vom Ganzen dem Leser geben muß. Welche Verändernngen und Verwandlungen auch durch die Menschenhand mögen bewirkt worden sein, der ewige Kreis der Jahreszeiten ist nicht zerrissen worden. Sommer und Winter, Saat- und Erntezeit kehren mit erhabener Genauigkeit immer wieder in der ihnen gesetzten Ordnung, und bieten dem Menschen eine der alleredelsten und genußreichsten Gelegenheiten, die hohe Macht seines weitreichenden Geistes zu bestätigen, indem er die Gesetze erfaßt, welche ihre strenge Gleichförmigkeit beherrschen, und ihre nie endenden Umkreisungen berechnet. Hunderte von Sommersvnnen hatten die Wipfel der edlen Eichen und Fichten erwärmt, und ihre Glut selbst bis in die zähen Wurzeln hinab- gescndet, als man Stimmen einander rufen hörte in den Tiefen ^ eines Waldes, dessen lanbreiche Höhe in dem glänzenden -Licht eines wolkenlosen Junitages schwamm, während die Stamme der -4 Bäume in dem Schatte» unten in düsterer Größe sich erhoben. Die Anrufungen waren von verschiedenem Ton, und rührten unverkennbar von zwei Männern her, die den Weg verloren hatten, und jetzt in verschiedenen Richtungen den rechten Pfad wieder suchten. Endlich zeugte ein jauchzender Schrei von glücklichem Erfolg, und im Augenblick darauf brach ein Mann hervor ans dem verworrenen Labyrinth eines kleinen Sumpfes, und trat in eine Lichtung, welche theils durch die Verheerungen des Windes, theils durch die des Feuers entstanden zu sein schien. Dieser kleine, offene Platz, der eine freie Ansicht des Himmels gestattete, obgleich er ziemlich angefüllt war mit gefallenen Bäumen, lag neben einem der hvhen Hügel oder nicdern Berge, ans welchen beinahe die ganze'Oberfläche der benachbarten Gegend bestand. „Hier ist ein Platz zum Athemschöpfeu!" rief der befreite Walkman», sobald er sich unter blauem Himmel befand, und schüttelte seinen gewaltigen Körper, wie ein Spürhund, der eben einer Schneewehe entronnen ist: „Hnrrah! Wildtödtcr; hier ist wenigstens Tageslicht und dort der See!" Diese Worte waren kaum gesprochen, als der zweite Waldmann bei dem Buschwerke des Sumpfes hervortanchte und ans dem freien Platze erschien. Nachdem er in der Eile seine Waffen und seine in Unordnung gekommene Kleidung wieder zurecht gemacht, kam er zu seinem Genossen heran, der schon Anstalten zu einem Aufenthalt machte. „Kennt Ihr diese Stelle?" fragte der als ,Wildtödtcr" Angerissene; „oder habt Ihr so gejauchzt bei dem Anblick der Sonne?" „Beides, Junge, beides; ich kenne die Stelle, und es thnt mir nickt leid, einen so nützlichen Freund zu erblicken, als die Sonne ist. Jetzt haben wir doch wieder die Richtungen des Kompasses im Kopf, und es ist jetzt unser eigener Fehler, wenn wir sie uns wieder durch irgend Etwas kunterbunt durch einander werfen lassen, wie nns vorhin geschah. Mein Name ist nicht Hurry Harry, 5 wenn dieß nicht der Platz ist, wo die Land-Jäger im letzten Sommer lagerten und eine Woche znbrachten. Seht, dort sind die abgestorbenen Busche oon ihrem Zelt, und hier ist die Quelle. So sehr ich die Souue liebe, Junge, so brauche ich mir doch jetzt nicht von ihr sagen zu lassen, daß es Mittag ist; dieser mein Magen ist ein so guter Zeitmesser, wie es nur immer in der Kolonie gibt, und er meist schon auf halb ein Uhr. Sv öffnet denn den Quersack, damit wir uns wieder aufziehen, um weitere sechs Stunden zu gehen." Auf diesen Vorschlag machten sich Beide daran, die nöthigen Vorbereitungen zu ihrem gewöhnlichen frugalen, aber herzhaften Mahle zu machen. Wir wollen diese Unterbrechung des Gesprächs benützen, dem Leser einen Begriff von der äußern Erscheinung der Männer zu geben, welche Beide bestimmt sind, eine nicht unbedeutende Rolle in nnserer Erzählung zu spielen. Es wäre nicht leicht gewesen, ein edleres Bild kraftvoller Männlichkeit zn finden, als welches in der Person desjenigen sich darbot, der sich selbst Hurry Harry nannte. Sein wahrer Name war Henry March; aber die Gränzmänuer haben von den Indianern die Sitte angenommen, sodriguels (Spitznamen) zu geben, und so wurde die Bezeichnung: ,Hurry" weit öfter gebraucht, als sein eigentlicher Name, und nicht selten wurde er Hurry Skurril") genannt, ein Spitzname, den er wegen seines fahrigen, rücksichtslosen, kurzauge- bundenen Wesens bekommen hatte, und wegen einer physischen Rastlosigkeit, die ihn in so beständiger Bewegung erhielt, daß er auf der ganzen Linie der zwischen der Provinz und den Canada's zerstreuten Wohnungen bekannt war. Die Statur Hurry Harry's betrug über sechs Fuß einen Zoll, und da er ungemein wohl gebaut war, entsprach seine Stärke vollkommen d?» Begriffen, die sein riesenhafter Körper erweckte. Das Gesicht paßte gar nicht übel zn dem übrigen Manne, denn es war gutmüthig und hübsch. ') Etwa das provinzielle: Rausche Bausche. 6 Sein Wesen war frei nnd offen, und obgleich sein Benehmen und seine Art nothwendig von der Rohheit des Gränzlerlebens Etwas annehmen mußten, verhütete doch die einer so edel» Natur ange- borne Großartigkeit, daß er nie ganz gemein werden konnte. Wildtödter, wie Hnrry seinen Begleiter nannte, war, seinem Aenßern wie seinem Charakter nach, ein ganz anderer Mensch. Was den Wuchs betrifft, so maß er wohl gegen sechs Fuß in seinen Mokasins, aber sein Körper war vergleichnngsweise leicht und schlank, zeigte jedoch Muskeln, die, wo nicht ungewöhnliche Stärke, doch ungewöhnliche Gewandtheit verricthen. Sein Antlitz hätte wenig Empfehlendes gehabt, außer der Jugendlichkeit, wäre nicht darin ein Ausdruck gewesen, der selten seines gewinnenden Eindrucks bei Allen verfehlte, die Gelegenheit hatten, es genauer zu prüfen, nnd dem Gefühle des Vertrankns, das es einflößte, sich zu überlassen. Dieser Ausdruck war einfach der:'argloser Wahrhaftigkeit, gepaart nzit einem Ernst des Willens nnd einer Lauterkeit des Gefühls, die man sonst nicht leicht sah. Zu Zeiten erschien dieß Gepräge von aufrichtiger Redlichkeit in solcher Einfalt, daß es auf den Verdacht bringen konnte, es fehle ihm an der Fähigkeit, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden; aber Wenige kamen in nähere, innigere Berührung mit dem Manne, ohne dieß Mißtrauen gegen seine Einsichten und Beweggründe zu verlieren. Beide Gränzmänner waren noch jung, denn Hnrry Harry hatte erst das sechs- oder achtnndzwanzigste Jahr erreicht, und Wildtödter zählte noch einige Jahre weniger. Ihr Anzug bedarf keiner genauen Beschreibung, nur so viel mag erwähnt werden, daß er zu einem nicht kleinen Theile aus zngerichteteu Hirschhäuten bestand, und die gewöhnlichen Spuren an sich trug, welche ver- riethen, daß er Männern gehörte, die ihr Lebe» auf der Gränzc zwischen der civilisirten Gesellschaft und de» endlosen Wäldern zubrachten. Dennoch bemerkte man einige Aufmerksamkeit nnd ein 7 Bestreben, sich proper und malerisch zn zeigen, in Wildtödters Anzug, und ganz besonders im Punkt seiner Waffen nnd seines Jagdzeuges. Seine Büchse war im vollkommensten Stand, der Handgriff seines Waidmessers war zierlich geschnitzt, sein Pnlverhorn mit passenden Sinnbildern, leicht eingeschnitten in den Stoff, woraus es bestand, verziert, und seine Jagdtasche mit Wampum geschmückt. Dagegen trug Hurry Harry, sei es nun ans natürlicher Gleichgültigkeit oder im geheimen Bewußtsein, wie wenig seine äußere Erscheinung einer künstlichen Nachhilfe bedurfte, Alles in nachlässiger, lüdcrlicher Weise an sich, als fühle er eine edle Verachtung gegen die ärmlichen Nebendinge, wie Kleidung und Schmuck. Vielleicht wurde der eigenthümliche Eindruck, den sein hoher Wuchs und seine schöne Gestalt machten, durch diese unstndirte, hochmüthige Gleichgültigkeit in seiner äußeren Erscheinung, eher verstärkt als vermindert. „Kommt, Wildtödter, haut ein, und beweist, daß Ihr einen Delawareu-Magen habt, wie Ihr nach Eurer Behauptung eine Delamaren-Erziehung gehabt!« rief Hurry, der mit gutem Beispiel voranging, und den Mund aufriß, um ein Stück kalten Wildprets aufzunehmen, das für einen europäischen Bauern eine ganze Mahlzeit gewesen wäre; „haut ein, Bursche, und zeigt Eure Mannhaftigkeit an diesem armen Teufel von Damthier mit Euer» Zähnen, wie Ihr es schon gethan mit Eurer Büchse." „Nein, nein, Hurry, daran ist nicht vielMannHastigkeit, ei» armes Thier zn tvdten, nnd dazu noch außer der rechten Zeit, wohl aber mag es eine sein, eine Unze oder einen Panther zu fällen," versetzte der Andere, sich anschickend, der Aufforderung zu folgen. „Die Delawareu haben mir meinen Namen gegeben, nicht sowohl in Betracht eines kühnen Herzens, als vielmehr eines scharfen Auges und eines flinken Fußes. Es mag nichts Feiges daran sein, ein Thier zu fällen, aber gewiß ist es keine große Tapferkeit." 8 „Die Delaware» selbst sind keine Helden," mnrmelte Hurry zwischen den Zähnen, da er den Mund zu roll hatte, um ihn ganz anfthun zu können, „sonst hätten sie sich nimmermehr von den lumpigen Vagabunden, den Mingo's, zu Weibern machen lassen." „Die Sache ist nicht recht bekannt — ist nie recht erklärt worden," versetzte Wildtödter ernst, denn er war ein eben so eifriger Freund, wie sein Begleiter als Feind gefährlich war; „die Mingo's füllen die Wälder mit ihren Lugen, und mißdeuten Worte und Verträge. Ich lebe jetzt zehn Jahre unter den Delawaren, und kenne sie als so mannhaft wie jede andere Nation, wenn die rechte Zeit zum Schlagen kommt." „Hört, Meister Wildtödter, weil wir einmal bei dem Gegenstände sind, können wir wohl unser Herz gegen einander öffnen, wie es sich unter Männern ziemt; antwortet mir auf Eine Frage: Ihr habt so viel Gluck gehabt mit dem Wild, daß Ihr davon einen Ehrentitel fuhrt, wie cs scheint, aber habt Ihr je eine menschliche oder vernünftige Kreatur getroffen? — habt Ihr je abgedrückt auf einen Feind, der im Stande war, auch auf Euch abzndrncken?" Diese Frage erzeugte in der Brust des Jünglings eine eigen- thümliche Collision zwischen Kränkung und richtigem Gefühl, die sich leicht im Mienenspiel seines redlichen Gesichts lesen ließ. Der Kampf war jedoch kurz; die Aufrichtigkeit des Herzens gewann bald die Oberhand über falschen Stolz unv die Prahlsncht des. Gränzmannes. „Die Wahrheit zu gestehen, niemals," antwortete Wildtödter, „aus dem Grunde, weil sich nie eine geeignete Gelegenheit zeigte. Die Delaware» sind friedlich gewesen die ganze Zeit meines Aufenthaltes unter ihnen, »nd ich halte es für unrecht, einem Menschen das Leben zu nehmen anders als in offenem, ehrlichem Kriege." „Was! habt Ihr nie einen Kerl betroffen, der diebisch unter Euren Fallen und Häuten hernmschlich, nnd habt an ihm mit eigener Hand das Gesetz cxeqnirt, um den Behörden die Mühe zu ersparen in den Ansledlnngcn, und dem Burschen selbst die Kosten des Prozesses?" „Ich bin kein Fallenjäger, Hnrry," crwiederte der junge Mann stolz; „ich lebe von der Buchse, einer Waffe, in deren Handhabung ich keinem Manne von meinen Jahren uachstehen will zwischen dem Hudson und dem St. Lawrence. Ich biete nie eine Haut znm Verkauf, die nicht ein Loch am Kopf hat neben denen, welche die Natur dort gemacht hat znm Sehen und znm Athmen." „Ja, ja, das ist Alles recht gut mit den Thieren, aber es Macht doch eine armselige Figur neben Skalpen und Hinterhalten. ^ Einen Indianer ans einem Hinterhalt niederschießen, heißt nur 'nach seinen eigenen Grundsätzen handeln, und jetzt, da wir einen 1 rechtmäßigen Krieg haben, wie Ihr cs nennt, wird, je eher Ihr ' diese Schmach von Eurem Gewissen wischt, um so gesünder Euer 'Schlaf sein, wenn auch nur dadurch, daß Ihr wißt, es schleicht und heult Ein Feind weniger in de» Wäldern. Ich werde nicht , lange Eure Gesellschaft suchen und hegen, Freund Natty, wenn Ihr den Sinn nicht höher tragt, als Enre Büchse gegen vierfüßige Kreaturen zu gebrauchen." „Unsere Reise ist beinahe zu Ende, wie Ihr sagt, Meister March, und wir können heute Nacht uns trennen, wenn es Euch gelegen scheint. Ich habe einen Freund, der auf mich wartet, und der es für keine Schande halten wird, mit einem Mitmenschen A nmzngehen, der noch keinen seiner Gattung erschlagen hat." ^ „Ich möchte wohl wissen, was den schleichenden Delaware» z in diese Gegend des Landes geführt hat, so früh in der Jahres- Z zeit," murmelte Hnrry vor sich hin in einer Weise, die ebensosehr Ä Mißtrauen zeigte, als auch Gleichgültigkeit dagegen, ob er es » verrathe. „Wo sagt Ihr, daß der junge Häuptling Euch zu treffen 4 verabredet habe?" H „Auf einem kleinen, runden Felsen, unten am See, wo, wie man mir sagt, die Stämme ihre Verträge zu machen und ihre 10 Streitäxte zu begraben pflegen. Diesen Felsen habe ich ost von den Delawaren nennen hören, obgleich See und Fels mir gleich unbekannt sind. Der Landstrich wird von den Mingo's und von den Mohikans in Anspruch genommen, und ist in Friedenszeit eine Art von gemeinsamem Grund und Boden znm Fischen und Jagen; was es aber in Kriegszeiten werden mag, weis; der Himmel allein!" „Gemeinsamer Grund und Boden!" rief Hnrry, laut lachend. „Ich möchte wohl wissen, was Floating Tom Hutter dazu sagen wurde. Er spricht den See als sein Eigcnthum an, in Kraft fünfzehnjährigen Besitzes, und wird ihn schwerlich weder den Mingo's noch den Delawaren abtreten, ohne darum zu kämpfen." „Und was wird die Kolonie sage» zu einem solchen Streit? diese ganze Gegend muß einen Eigenthnnier haben, da die Her- renlente ihre Begehrlichkeit selbst bis in die Wildnis; ansdehnen, auch da, wo sie nicht das Herz haben, in eigener Person sich darin nmznsehen." „Das mag in anderen Theilen der Kolonie angchen, Wildtödter, aber hier nicht. Kein menschliches Wesen, den Herrn ausgenommen, hat einen Fußbreit Boden in dieser Gegend des Landes als sein anznsprechen. Nie ward eine Feder eingetancht, Etwas zu Papier zu bringen in Betreff des Hügels oder des Thales hier herum, wie ich den alten Tom ost und viel habe sagen hören, und so hat er den beste» Anspruch darauf unter allen Menschen, die athmen; und was Tom anspricht, das wird er wohl auch behaupten." „Nach dem, was ich von Euch gehört habe, Hnrry, muß dieser FloatingTom ein anßergewöhnlicherSterblicher sein; weder Mingo, noch Delaware, noch Bleichgesicht. Auch sein Besitz wäre, nach Eurem Sagen, schon alt, und weit älter als die Gränzansied- lungen. Was ist des Mannes Geschichte und Wesen?" „Ha, was des alten Toms menschliche Natur anlangt, so gleicht die wenig anderer Leute menschlicher Natur, sondern mehr der thierischen Natur einer Bisamratze, angesehen, daß er mehr 11 die Art dieses Thieres, als die Art anderer Mitgeschöpfe hat. Einige glauben, er sei in seiner Jugend Freibeuter ans dem Salzwas- ser gewesen, und der Genosse eines gewisse» Kidd, der wegen Seeräubern gehenkt wurde, lange che Ihr und ich geboren oder bekannt wurden, und er sei in diese Gegend gekommen in der Hoffnung, des Königs Kreuzer würden nie über die Berge herüberkommen, und er könne sich in den Wäldern im Frieden des Raubes erfreuen." „Dann war er im Jrrthnm, Hnrry, sehr im Jrrthum. Des Raubes kann sich ein Mensch nirgends im Frieden erfreuen." „Das ist, je nachdem er eine Gemüthsart hat. Ich habe Solche ^gekannt, die sich dessen gar nicht anders erfreue» konnten, als in wilder Lustbarkeit, und wieder Andere, die ihn am besten genossen 'in einem einsamen Winkel. Manche Menschen haben keinen Frieden und Ruhe, wenn sie keinen Raub finden, und Andere nicht, wenn es ihnen gelingt. Die menschliche Natur ist knrios in diesen Dingen. Der alte Tom scheint zu keiner von beiden Arten zu gehören, denn er genießt seinen Raub, wenn er das Seinige wirklich so erworben, sehr ruhig und behaglich mit seinen Töchtern, und wünscht nicht mehr." „Ja, er hat auch zwei Töchter; ich habe die Delaware», die in der Gegend hernmjagten, ihre Geschichten von diesen jungen Weibern erzählen hören. Ist keine Mutter da, Hnrry?" „Es war eine da, wie natürlich, aber sie ist jetzt gute zwei Jahre todt und versenkt." ! „Ha, wie!" sagte Wildtödter, seinen Begleiter mit einigem j Erstaunen anschanend. > „Todt und versenkt, sag' ich, und ich denke, das ist gut und klar ^ gesagt. Der alte Kerl versenkte sei» Weib in den See, als er von t ihr scheiden mußte, wie ich als Augenzeuge der Ceremvnie versichern § kann; aber ob Tom dies; gethan, um sich das Graben zu ersparen, was kein Spaß ist unter Wurzeln, oder in der Einbildung, daß Was- ' ser die Sünde eher abwasche als Erde, ist mehr, als ich sagen kann." 12 „War das arme Weib eine ungewöhnliche Sünderin, daß sich ihr Gatte so viel Muhe mit ihrem Leichnam gab?" „Keine außerordentliche, obgleich sie wohl ihre Fehler hatte. Ich denke, daß Judith Hutter ei» so christliches und eines guten Endes so würdiges Weib mar, als nur irgend Eine, die so lang außer dem Bereich des Lüntens von Kirchenglocken lebte; und ich meine, der alte Tom versenkte sie wohl fast eher, um sich Muhe zn ersparen, als daß er sich welche gemacht hätte. Es war freilich ein wenig Stahl in ihrem Temperament, und da der alte Hutter ein ziemlicher Flintenstein ist, so gab es wohl hin und wieder Funke» zwischen ihnen, aber im Ganzen konnte man sagen, daß sie sich freundschaftlich vertrugen. Wenn sie Feuer fingen, so wurden den Zuhörern solche Blicke in ihr früheres Leben zn Theil, wie man sie etwa in den dunkleren Theilcn der.Wülder bekommt, wenn ein verirrter Sonnenstrahl bis herab zu den Wurzeln der Bäume dringt. Aber ich werde Judith immer werth schätzen, da es immer Lob und Empfehlung genug für ein Weib ist, die Mutter eines solchen Geschöpfes, wie ihre Tochter, Judith Hutter, zn sein." »Ja,. Judith war der Name, den die Delaware» nannten, obgleich sie ihn auf ihre Weise anssprachen. Nach ihren Gesprächen sollte ich nicht meinen, daß das Mädchen sehr nach meinem Geschmack wäre." „Nach deinem Geschmack!" ries March, ebenso über der Gleichgültigkeit als über der Anmaßung seines Genosse» Feuer fangend; „was Teufels habt Ihr da von Eurem Geschmack zn schwatzen, und dazu noch, wenn es ein Weib, wie Judith, betrifft? Ihr seid nur erst ein Knabe — ein Schößling, der kaum Wurzeln geschlagen. Judith hat Männer unter ihren Anbetern gezählt, seit sic ihr fünfzehntes Jahr znrückgelegt hat, was jetzt beinahe fünf Jahre her ist, und wird nicht Lust haben, auch nur einen Blick ans ein halbgewachsenes Bürschchen zn werfen, wie Ihr seid." 13 „Es ist Junius, und kein Wölkchen zwischen uns und der Sonne, Hnrry, und somit braucht es all' diese Hitze nicht," versetzte der Andere, im Mindesten nicht ans der Fassung gebracht; „und Jeder darf seinen Geschmack haben, und ein Eichhörnchen hat das Recht, sich sein Urtheil über einen Panther zu bilden." „Ja, aber es möchte nicht immer klug sein, es den Panther wissen zu lassen," brummte March. „Aber Ihr seid jung und gedankenlos, und ich will Eure Unwissenheit übersehen. Kommt, Wildtödtcr," fuhr er mit gutmüthigcm Lachen fort, nachdem er eine Weile nachdenklich geschwiegen, „kommt, Wildtödtcr, wir sind geschworene Freunde, und wollen nicht hadern um ein leichtsinniges, gefallsüchtiges Weibsbild, weil es zufällig schön ist, — zumal da Ihr sie noch gar nie gesehen. Judith ist nur für einen Mann, der vollkommen abgezahnt hat, und es ist thöricht, einen Knaben zu fürchten. Was haben denn die Delawarcn von der Hexe gesagt? denn ein Indianer hat am Ende doch auch seine Begriffe vom Weibsvolk, so gut als ein weißer Mann." „Sie sagten, sie sei schön anznsehen und gefällig im Gespräch; aber zu sehr Bewunderern sind hingebend und leichtsinnig." „Das sind eingefleischte Teufel! Welcher Schulmeister und Gelehrte ist am Ende einem Indianer gewachsen, was den Blick in die Natur betrifft? Manche Leute meinen, sie seien nur gut ans der Fährte des Wildes oder auf dem Kriegspfad, aber ich sage: es sind Philosophen, und sie verstehen sich auf einen Mann so gut wie ans einen Biber, und ans ein Weib so gut wie ans Beide. Nun, das ist wirklich Judiths Charakter auf ein Tüpfelchen! Euch die Wahrheit zu gestehen, Wildtödtcr, ich hätte das Mädchen schon vor zwei Jahren geheirathet, wären nicht zwei ganz besondere Umstände, — und der eine ist eben ihr Leichtsinn." „Und was mag der andere sein?" fragte der Jäger, der fort aß, wie Einer, der sich eben nicht sehr für den Gegenstand in- teressirte. 14 „Der andere Umstand war die Ungewißheit, ob sie mich nähme. Das Mädel ist schön, nnd das weiß sie. Knabe, kein Baum, der ans diesen Hügeln wächst, ist gerader, oder schwankt mit leichterer Beugung im Winde, nnd nie habt Ihr das hüpfende Reh in natürlicherer Beweglichkeit gesehen. Wenn das Alles wäre, würde jede Zunge ihr Lob verkündigen; aber sie hat solche Mängel, daß ich cs schwierig finde, sie zu übersehen, nnd manchmal schwöre ich, nie wieder den See zu besuchen." „Und was ist der Grund, daß Ihr immer wieder kommt? Nichts wurde je dadurch sicherer, daß man darüber schwur." „Ach, Wildtödter, Ihr seid in diesen Angelegenheiten ein Neuling: Ihr klebt so an Eurer frühem Erziehung, als hättet Ihr nie die Ansicdlnngcn verlassen. Bei mir ist es ein anderer Fall, nnd nie empfinde ich das Bedürfnis;, eine Idee festznhalten, daß ich nicht auch Lust fühle, darüber zu schwören. Wenn Ihr in Betreff Judiths Alles müßtet, was ich weiß, würdet Ihr ein wenig Verfluchen wohl gerechtfertigt finden. Nun, die Offiziere streifen manchmal hinüber an den See, von den Forts am Mohawk, um zu fischen und zu jagen, und damit scheint die Kreatur ganz außer sich! Ihr könnt das sehen an der Art, wie sie ihre Schmucksachen trägt, nnd dem vornehmem Wesen, das sie bei den galanten Herren annimmt." „Das ist unpassend bei eines armen Mannes Tochter," versetzte Wildtödter ernst; die Offiziere sind alle vornehme Leute, und können ein Mädchen, wie Judith, nur mit bösen Absichten ansehen." „Das ist die Ungewißheit nnd der Dämpfer! Ich habe meine Besorgnisse wegen eines gewissen Kapitäns, nnd Judith hat nur ihre eigene Thorheit anzuklagen, wenn ich unrecht habe. Ueberhaupt wünschte ich, sie als sittsam nnd anständig ansehen zu dürfen, nnd doch sind die Wolken, die an diesen Bergen hernmtreiben, nicht unsicherer und unzuverlässiger. Nicht ein Dutzend Weiße haben seit ihrer Kindheit sie mit Angen angesehen, und doch das Benehmen, das sie gegen zwei oder drei dieser Offiziere zeigt, löscht meine Flammen!" 15 „Ich wurde nicht mehr an ein solches Weib denken, sondern meinen Sinn ganz dem Walde znwenden; der wird Euch nie täuschen, beherrscht und bemeistert von einer Hand, die nie bebt." „Wenn Ihr Judith kenntet, würdet Ihr sehen, wie viel leichter dies; zu sagen als zu thnn ist. Könnte ich mein Gemüth beruhigen wegen der Offiziere, so würde ich das Mädchen mit Gewalt an den Mohawk entführen, ste zwingen, mich zu heirathen, trotz ihrem flatterhaften Geiste, und den alten Tom der Sorge Hetty's, seiner andern Tochter, überlassen, die, wenn nicht so schön, noch von so schnellem Witz wie ihre Schwester, doch bei weitem die pflichtgetreuere ist." „Ist denn noch ein Vogel in demselben Nest?" fragte Wild- tödter, sein Auge mit einer Art halbcrwachter Neugier empvr- hebcnd, — „die Delawaren sprachen mir nur von Einer!" „Das ist ganz natürlich, wenn es sich von Judith Hutter und Hetty Hntte.r handelt. Hetty ist nur hübsch, während ihre Schwester, das sag' ich dir, Knabe, ein Geschöpf ist, wie man es nicht mehr findet zwischen hier und der See; Judith ist so voll Witz, Beredsamkeit nnd Schlauheit, wie ein alter indianischer Redner, während die arme Hetty im besten Fall nur einen guten Willen, aber einen schwachen Verstand hat*); sie steht, möchte ich sagen, auf der Gränzscheide der Unwissenheit, nnd manchmal taumelt sie auf die eine, manchmal auf die andere Seite hinüber." „Das sind Geschöpfe, die Gott in seine besondere Obhut nimmt," sagte Wildtödter feierlich; „denn er steht mit Sorgfalt auf Alle herab, die um ihr bescheiden Theil Vernunft zu kurz kommen. Die Rothhänte ehren nnd achten die so beschränkt Begabten, weil sle wisse», daß der schlimme Geist es mehr liebt, in einem schlauen Wesen zu wohnen, als in einem, das keinen tiefen Verstand hat, auf den er wirken kann." ') Hurry macht hier einen, wegen des Wortspiels ,00MPLSS moant US- und ,«°wxoe wentis' unüdersetzdaren Witz. 16 „Dann will ich dafür bürgen, daß er nicht lange Hansen wird bei der armen Hetty, denn das Kind ist, wie gesagt, gar einfältigen Geistes. Der alte Tom hat ein Gefühl für das Mädchen, und so auch Judith, so prächtig und raschen Wihcs sie auch selbst ist; sonst möchte ich nicht dafür stehen, daß sie ganz sicher wäre unter der Art von Männern, wie manchmal an das Ufer des See's kommen." „Ich dachte, das Wasser sei ein unbekannter und wenig besuchter Platz," bemerkte der Wildtödter, dem es sichtlich unbehaglich ward beim Gedanken, der Welt zu nahe zu sein. „So ist es auch ganz, mein Junge; nicht die Augen von zwanzig weißen Männern haben ihn erblickt; aber doch können zwanzig Gränzmänner von ächten; Schrot und Korn, — Jäger und Fallensteller, und Kundschafter und dergleichen — genug Unheil «machten, wenn sie den Versuch machen. Es'wäre mir etwas Entsetzliches, Wildtödter, wenn ich nach einer Abwesenheit von sechs Monaten Judith verhcirathet fände. „Habt Ihr des Mädchens Wort und Zusage, die Euch zu besserer Hoffnung berechtigen?" „Ganz nnd gar nicht. Ich weiß nicht, was es ist. Ich sehe gut genug aus, Junge! so viel kann ich in jeder Quelle sehen, worauf die Sonne scheint, — und doch konnte ich die kleine Hexe nie zu einer Zusage oder auch nur zu einem hcrzlichgemeinten Lächeln bringen, obgleich sie oft Stunden lang lacht. Wenn sie gewagt hat, in meiner Abwesenheit zu heirathen, wird sie wohl die Süßigkeit des Wittwenstandes zu kosten bekommen, noch ehe sie zwanzig Jahre alt ist!" „Ihr würdet doch dem Manne, den sie gewählt, Nichts zu Leid thun, Hurry, blos darum, weil sie ihn mehr nach ihrem Geschmack gesunden, als Euch?" „Warum nicht? Wenn ein Feind meinen Weg durchkreuzt, sollte ich ihn nicht hinausschlagen? Seht mich an — bin ich ein 17 Mann, dem es gleich sieht, das; er von irgend einem kriechenden, schleichenden Hautkrämer sich den Rang ablaufen ließe in einer Sache, die mich so nahe angeht als die Zärtlichkeit der Judith Hutter? Zudem, wcuu wir außer dem Bereich des Gesetzes leben, müssen wir uns selbst Richter und Vollstrecker sein. Und wenn auch ein Manu in den Wäldern todt gefunden würde: Wer sollte anftrcten und sagen, Wer ihn erschlagen, selbst den Fall gesetzt, daß die Kolonie die Sache aufnähme und Lärm darüber schlüge?" „Wenn der Mann der Judith Hutter Gatte sein sollte, so könnte ich, nach dem was vorgegangen, wenigstens genug sagen, um die Kolonie auf die Spur zu leiten." „Ihr! — ein halbgewachscner Wildpretschütz und junger Lasse! Ihr wagt es, daran zu denken, als Ankläger anfzutreten gegen Hurry Harry, und' wenn es auch nur eine Waldtaube beträfe oder -einen Jltiß?" „Ich würde wagen die Wahrheit zu reden, Hurry, beträfe, es Euch oder irgend einen Sterblichen." March starrte einen Augenblick seinen Begleiter in stummem Staunen au; dann faßte er ihn mit beiden Händen an der Kehle, und schüttelte den vergleichungsweise Zartgebautcn mit einer Heftigkeit, die einige Knochen zu verrenken drohte. Auch geschah dies; nicht im Scherz, denn Zorn flammte aus den Augen des Riesen, ,juud gewisse Zeichen schienen weit mehr Ernst anznkündigen, als der ^vorliegende Fall dem Anscbein nach erheischte oder rechtfertigte. stWas immer Marchs eigentliche Absicht sein mochte — und wahrst scheinlich hatte er selbst keine bestimmte und klarbcwußte — gewiß 'Nst, das; er ungewöhnlich aufgebracht war; und wohl die Meisten, ^die sich von einem solchen Giganten, in solcher Gemüthsaufregnng Hund in einer so tiefen, hilflosen Einsamkeit so gewürgt gesehen «hätten, würden eingeschüchtert und versucht worden sein, selbst in -Hgerechter Sache nachzugeben. Nicht so Wildtödter. Sein Gesicht u-tblieb unbewegt; seine Hand zitterte nicht, nnd er gab seine Antwort ^ Der Wildtödter. Z 18 in einem Tone, der nicht einmal zn dem künstlichen Mittel einer erhöhten, lauter» Stimme griff, nm wenigstens die Entschlossenheit der Seele knnd zn geben. „Ihr könnt mich schütteln, Hnrry, bis Ihr den Berg einfalle» macht," sagte er ruhig, „aber Nichts als die Wahrheit werdet Ihr aus mir heraus schütteln. Wahrscheinlich hat Judith Hutter keinen Gatte» znm Erschlagen, und Ihr keinen Anlaß, einem anszupassen, sonst würde ich ihm von Eurer Drohung sagen in der ersten Unterredung, die ich mit dem Mädchen habe." March ließ seine Hände los, und saß da, den Andern mit schweigendem Staunen betrachtend. „Ich dachte, wir seien Freunde," sagte er endlich, „aber Ihr habt das letzte Geheimnis; von mir gehört, das in Euer Ohr kommen soll." „Ich verlange auch keine mehr, wenn sie diesem gleichen sollten. Ich weiß, wir leben in den Wäldern, Hnrry, und man nimmt an, daß wir außer dem Bereich menschlicher Gesetze seien — und vielleicht sind wir cs wirklich der That nach, wenn es auch dem Rechte nach anders sich verhält — aber es gibt ein Gesetz und einen Gesetzgeber, die über den ganzen Kontinent walten und herrschen. Wer jenes oder diesen iirs Gesicht schlägt, darf mich nicht seinen Freund nennen." „Ich will verdammt sein, Wildtödter, wenn ich nicht glaube, daß Ihr im Herzen ein Mährischer Bruder seid, und kein wohlgesinnter, treuherziger Jäger, wie Ihr zn sein vorgegeben." „Wohlgesinnt oder nicht, Hnrry, Ihr werdet mich so treuherzig und gerade in Werken finden, wie in Worten. Aber dieß Auflodern in plötzlichem Zorne ist thöricht, und zeigt, wie wenig Ihr mit den rothe» Männern gelebt. Judith Hutter ist ohne Zweifel noch ledig, und Ihr schwatztet nur wie die Zunge lies, nicht wie das Herz empfand. Hier ist meine Hand, und wir wollen nicht mehr davon sprechen noch daran denken." 19 Hurry schien noch verblüffter als je zuvor; dann brach er in ein lautes, gntmüthiges Lachen ans, das ihm die Thränen in die Augen trieb. Darauf ergriff er die dargebotene Hand, und die Freunde versöhnten sich. „Es wäre närrisch gewesen, um eine bloße Idee zu hadern," rief March, indem er wieder zu essen anfing, „und ziemte eher den Nechtsmännern in den Städten, als vernünftigen Mensche» in den Wäldern. Man sagt mir, Wildtödter, viel böses Blut komme von Vorstellungen und Ideen unter den Leuten in den untern Bezirken, und sie erhitzen sich darüber manchmal bis zum Aenßerstcn." „Das thnn sie — das thun sie; und über andere Dinge, die man besser sich selbst überließe. Ich habe von den Mährischen Brüdern sagen hören, es gebe Länder, wo die Menschen sogar über ihre Religion hadern; und wenn sie sich über einen solchen Gegenstand erhitzen können, Hurry, so habe der Herr Erbarmen mit ihnen! Wir jedoch haben keinen Anlaß, ihrem Beispiel zu folgen, zumal nicht über einen Gatten, den diese Judith Hutter vielleicht nie sieht oder zn sehen wünscht. Ich meines Theils fühle mehr Nengierde hinsichtlich der schwachsinnigen Schwester, als Eurer gepriesenen Schönheit. Es ist Etwas, das die Gefühle eines Mannes anspricht und rührt, wenn er einem Mitgeschöpf begegnet, das ganz das äußere Wesen eines zurechnungsfähigen Sterblichen hat, und das doch nicht ist, was cs scheint, nur wegen eines Mangels an Vernunft. Das ist schlimm genug bei einem Manne, aber wen» es einem Weibe geschieht, und es ist ein junges und vielleicht einnehmendes Geschöpf, so regt es alle Gefühle von Barmherzigkeit und Mitleid auf, die in seiner Natur liegen. Gott weiß, Hurry, solche arme Wesen sind schutzlos genug mit sammt all' ihrem Witz; aber ein grausames Geschick ist es, wenn dieser große Beschützer und Führer ihnen fehlt." „Hört, Wildtödter - Ihr wißt, was die Jäger nnd Fallensteller 2 * 20 und Pelzwerklente überhaupt für Menschen sind; und ihre besten Freunde werden nicht längnen, daß es hitzige und ei,genwillige Menschen sind, die nicht viel nach Andrer Rechte» und Gefühlen fragen — und doch, glaub' ich, fände sich in dieser ganzen Gegend kein Mann, der Hetty Hutter ein Lei» thäte, wenn er auch könnte; nein, nicht einmal eine Rothhant!" „Hierin, Freund Hnrry, laßt Ihr den Delaware» wenigstens und all' den ihnen verbündete» Stämmen nur Gerechtigkeit widerfahren, denn eine Rothhant sicht ein so von Gottes Macht hcim- gesnchtes Wesen als Gegenstand seiner besondern Obhut an. Ich freue mich indessen zu hören, was Ihr sagt, ich freue mich, cs zu hören, aber da die Sonne jetzt gegen de» Nachmittagshimmel hin sich wendet, thäten wir nicht besser, die Fährte wieder zu verfolgen und weiter zu ziehen, damit wir Gelegenheit bekommen, diese wunderbaren Schwestern zu sehen?" Hnrry March gab freudig seine Zustimmung; die Ueberbleibsel der Mahlzeit waren bald gesammelt; dann schulterten die Wanderer ihre Taschen, nahmen ihre Waffen ans, verließen die kleine Lichtung, und begruben sich wieder in den tiefe» Schatten des Waldes. Zweites Kapitel. „Weg mußt vom Sec, dem grünen, du zieh'». Und weg von deö Jägers Herd; Den Soimncr hindurch, wo die Blumen glülvn, Ist zn l'leibe» dir, Tochter-, verwehrt." Erinnerungen des Weihes. Unsere zwei Abenteurer hatten nicht weit zn gehen. Hnrry wußte die Richtung, sobald er den offenen Platz »nd die Quelle gefunden hatte, und er ging jetzt voran mit dem zuversichtlichen Schritt eines Mannes, der seiner Sache gewiß ist. Der Wald war, wie natürlich, dunkel, aber nicht mehr durch Buschwerk unwegsam, und der Boden war fest und trocken. Nachdem sie etwa 21 eine Meile znrückgclegt, blieb March stehen, und begann forschende Blicke nm sich zn werfen; indem er die verschiedenen Gegenstände sorgfältig prüfte, und gelegentlich sein Angc ans die Stämme der gefallenen Bäume richtete, mit welchen der Boden ziemlich besäet war, wie dicß gewöhnlich der Fall ist in einem amerikanischen Wald, zumal in den Gegenden dcö Landes, wo das Bauholz noch keine» Werth hat. „Das muß der Platz sein, Wildtödter," bemerkte endlich March; „hier ist eine Buche neben einer Schierlinqstanne und drei Fichten in der Nähe, und dort ist eine weiße Birke mit gebrochenem Wipfel; und doch sehe ich keinen Felsen und keine herabgebogenen Zweige, wie ich Euch gesagt, daß wir finden würden." „Gebrochene Zweige sind ungeschickte Merkzeichen, da der Unerfahrenste weiß, daß Zweige nicht oft von selbst brechen," versetzte der Andere; „und sie führen auch leicht zn Argwohn und Entdeckung. Die Delaware» verlassen sich nie auf geknickte Zweige, außer in Friedcnszciten und auf offener Fährte. Was die Buchen und Fichten und Schierlingstannen betrifft, ha, die find auf allen Seiten nm uns her zn sehen, nicht blos zn zweien oder dreien, sondern zn Vierzigen, fünfzig«! und Hunderten." „Sehr wahr, Wildtödter, aber Ihr erwägt nicht die Stellung. Hier ist eine Buche und eine Schierlingstannc —" „Ja, und dort ist wieder eine Buche und eine Schicrlings- tannc, so liebevoll wie zwei Brüder, oder, was das betrifft, liebevoller als manche Brüder, und dort sind wieder welche, denn beide Bäume sind in diesen Wäldern keine Seltenheit. Ich fürchte, Hnrry, Ihr versteht Euch besser darauf, Biber zn fangen und Bären zn schießen, als eine schwierige Fährte anfzn- spürcn. Ha! dort ist aber nun doch, was Ihr zn finden wünscht!" „Ei, Wildtödter, das ist eine von Euer» dclawarischcn Anmaßungen, denn ich will mich hängen lassen, wenn ich etwas 22 Anderes sehe, als diese Bäume, welche in der unerklärlichsten und rermirrendsten Weise um uns her emporragen." „Schank dorthin, Hnrry — so, i» einer Linie mit der schwarzen Eiche — seht Ihr nicht das gekrümmte Bäumchen, das heranfgc- zogen ist, zu den Zweigen der Linde daneben? Nun, dies; Bäumchen war einmal von Schnee bedeckt, und wurde von dessen Wucht niedergedrückt; aber es hat sich nicht selbst wieder aufgerichtet, und so wie Ihr cs jetzt seht, an die Lindenzweigc angelehnt. Die Hand eines Menschen hat ihm diesen Liebesdienst geleistet." „Das war meine Hand!" rief Hnrry: „ich fand das schwache, junge Ding auf die Erde gedrückt, wie ein unglückliches Geschöpf vom Mißgeschick niedergebeugt, und richtete es so ans, wie Ihr seht. Am Ende, Wildtödter, muß ich doch gestehen, daß Ihr nachgerade ein ungemein gutes Auge für die Wälder bekommt." „Es bessert sich, Hnrry — es bessert sich, musisch gestehen; aber es ist erst das Auge eines Kindes, verglichen mit dem von Ander», die ich kenne. Da ist jetzt Tamennnd, obwohl ein Mann so alt, daß Wenige sich seiner kräftigen Jahre erinnern, Tamennnd läßt Nichts seiner Beobachtung entgehe», die mehr der Witterung eines Hundes als dem Blick eines Auges gleicht. Dann Unkas, der Vater von Chingachgook, und der rechtmäßige Häuptling der Mohikans, ist auch Einer, dessen Blick beinahe unmöglich etwas entgehen kann. Ich komme weiter, ich will es gestehen, ich komme weiter, aber bin bis jetzt noch weit von der Vollkommenheit entfernt." „Und wer ist denn dieser Chingachgook, von dem Ihr so viel schwatzt, Wildtödter?" fragte Hnrry, indem er in der Richtung ans das aufgerichtete Bäumchen zu weiter schritt; „eine schleichende Nothhant, im besten Fall, nach der ich Nichts frage." „Nickt so, Hnrry, sondern der beste unter den schleichenden Rothhänten, wie Ihr sie nennt. Wenn er seine Rechte hätte, so wäre er ein großer Häuptling; aber so ist er nur ein mnthiger und redlicher Delaware; geachtet zwar, und dem man auch in 23 manchen Dingen gehorcht, aber von einem gefallenen Geschlecht, nnd einem gefallenen Volke angehörend. Ach, Hnrry March, es würde Euch das Herz im Leibe warm machen, in ihren Hütte» zu scheu in einer Winternacht, nnd den Erzählungen nnd Ucberliefcrun- gcn von der alten Größe nnd Macht der Mohikans zuzuhören." „Hört, Freund Nathanael," sagte Hnrry, indem er stehen blieb und seinem Begleiter in's Gesicht schaute, um seinen Worten desto mehr Nachdruck zu geben, „wenn ein Mann Alles glaubte, was andern Leuten zu ihren Gunsten zu sagen beliebt, so würde er wohl eine zu große Meinung von ihnen, »nd eine zn kleine Meinung s von sich selbst bekommen. Diese Rothhänte sind merkwürdige § Prahler, nnd ich behaupte, mehr als die Halste ihrer Ueberliefe- 5 rnngen sind reine Erdichtungen." > „Es ist etwas Wahres in dem, was Ihr sagt, Hnrry, ich will es nicht längncn, denn ich habe cs gesehen nnd glaube es. Ja, sie prahlen, aber das ist eben eine Gabe der Natur, und es ist sündhaft, natürliche Gabe» zn unterdrücken. Seht, das ist der Platz, den Ihr gesncht." Diese Bemerkung schnitt das Gespräch ab, nnd beide Männer richteten jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit ans das unmittelbar vor ihnen Liegende. Wildtödter deutete seinem Begleiter auf den Stamm einer ungeheuer» Linde, welche ihre Zeit erfüllt hatte, und unter ihrer eigenen Wucht niedcrgestürzt war. Die- ser Baum lag, wie Millionen seiner Brüder, wo er gefallen, nnd vermoderte unter dem langsam, aber sicher wirkenden Ein- stnß der Jahreszeiten. Der Verfall hatte jedoch seinen Mittel- purikt angegriffen, als er noch aufrecht, in der Pracht seiner Vegetation dastand, nnd sein Herz ansgehöhlt, wie oft Krankheit die edelsten Organe des thierischen Lebens zerstört, während den A Beobachter eine blühende Außenseite täuscht. Wie der Stamm so in einer Länge von etwa hundert Fuß am Boden lag, entdeckte das rasche Auge des Jägers diese Eigenthnmlichkeit, nnd aus 24 diesem und andern Umständen schloß er, daß cs der Banm sei, den March suche. „Ja, hier haben wir, was wir brauchen," rief Hnrry, an dem dickeren Ende der Linde hineinschancnd; Alles ist so säuberlich, als wäre es iu eines alten Weibes Wandschrank anfbewahrt gewesen. Kommt, geht mir an die Hand, Wildtödter, und wir sind in einer halben Stunde ans dem Wasser." Ans diese Aufforderung kam der Jäger zn seinem Begleiter heran, und Beide machten sich mit gutem Bedacht und nach allen Regeln an's Werk, als Männer, welche an diese Art von Treiben und Geschäft gewohnt waren. Zuerst entfernte Hnrry einige Stücke Rinde, welche vor der großen Oeffnnng an dem Banm lagen, und von welchen der Andere behauptete, sie seien so gelegt, daß sic eher die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als die Höhlung versteckt hätten, wenn ein Wanderer des Weges gekommen wäre. Dann zogen die Beiden ein Canoe heraus mit seinen Sitzen, Rudern ,und anderem Zngehör, bis auf Angelschnüre und Ruthen hinaus. Dies; Fahrzeug war gar nicht klein; aber so groß war seine verhältniß- mäßige Leichtigkeit, und so riesenhaft Hnrry's Stärke, daß dieser es anscheinend ohne alle Mühe auf die Schulter nahm, und allen Beistand ablehnte, selbst während er es in die schwierigere Lage, in welcher er es zn tragen gcnöthigt war, emporhob. „Geht voran, Wildtödter," sagte March, „und öffnet das Gebüsch, das klebrige kann ich allein thnn." Der Andere gehorchte, und die Männer verließen den Platz, indem Wildtödter den Weg für seinen Begleiter lichtete, und sich je nach dessen Anweisung bald rechts, bald links wandte. Nach ungefähr zehn Minute» traten sie Beide plötzlich in das glänzende Licht der Sonne, auf eine» niederen Kiesplatz, der wohl zur Hälfte seines Saumes vom Wasser bespült wurde. Ein Ausruf des Erstaunens entfuhr den Lippen Wildtödters — ein Ansrnf, der jedoch leise und vorsichtig war, denn seine Weise 25 war viel besonnener nnd geregelter als die des rücksichtslosen Hnrry — als er, den Rand des See's erreichend, das Schauspiel sah, das sich ganz unerwartet seinen Blicken darbot. Es war in der That so ergreifend, daß cs wohl eine kurze Beschreibung verdient. In gleicher Linie mit dem Kiesplak lag ein brcitcrWaffer- spiegcl, sv friedlich und durchsichtig, daß er aussah wie ein Bett der reine» Gebirgsatmosphäre, cingcfngt zwischen einer Einfassung vvn Hügeln nnd Wäldern. Seine Länge betrug etwa drei Stunden, in der Breite war er unregelmäßig, den» er erweiterte sich dem Platze gegenüber bis zu einer halben Meile oder mehr, nnd zog sich mehr südlich bis zur Hälfte dieser Ausdehnung und noch enger zusammen. Die Küste war natürlich unregelmäßig, nnterbrochc» durch Buchten, und durch vorspringende, niedere Landausläufcr. Am nördlichen, nächsten Ende mar er begränzt durch einen einzelnen Berg, während östlich und westlich das Land minder steil abficl, in gefällig abwechselndem Schwnnge der Linien. Doch war der Charakter der Gegend gebirgig; hohe Hügel, oder niedere Berge stiegen auf neun Zchutheileu des Umkreises steil am Wasser hinan. Die Ausnahmen diente» in der That nur, der Scene einige Abwechslung zu geben; und auch über die vergleichungsweise niedrigen Thcile des Ufers hinaus war der Hintergrund hoch, wenn auch entfernter. Die auffallendsten Eigenthümlichkeiten dieser Scene aber waren die feierliche Einsamkeit nnd die süße Ruhe. Nach allen Seiten, wohin das Auge sich wandte, fiel es auf nichts als die spiegelgleiche Fläche des See's, die friedvolle Wölbung des Himmels nnd den dichten Kranz der Wälder. So reich nnd üppig waren die Umrisse des Waldes, daß man kaum eine Oeffnnng gewahrte, nnd alles sichtbare Land, von dem runden Berggipfel bis an den Saum des Wassers bot Eine,'sich gleich bleibende Farbe ununterbrochenen Grüns dar. Als wäre die Vegetation noch nicht zufrieden mit einem so vollständigen Triumph, bedeckten die Bäume auch noch den See selbst, nnd rangen sich von unten gegen das Licht hinaus; und meilenlange Strecken waren an seinem östlichen Ufer, wo ein Boot unter den Zweigen dunkler, an Rembrandt erinnernder Schier- lingstanncn, zitternder Espen und schwermüthiger Fichten hätte Hingleiten können. Mit einem Wort, die Hand des Menschen hatte l noch nie irgend etwas entstellt oder verunstaltet an dieser Urscene, die im Sonnenlicht schwamm, ein prachtvolles Bild überschwänglich großartiger Waldhcrrlichkeit, gedämpft durch den weichen Hauch des Jnnins, und gehoben durch die schöne Abwechslung vermöge der Nähe einer so weitgedehnten Wassermaffe. „Das ist groß! — das ist erhebend! — das ist eine Bildung der Seele, wenn man nur Hinsicht!" ries Wildtödter, wie er auf ! seine Büchse gelehnt dastand, und rechts und links, nach Norden und Süden, aufwärts und abwärts schaute, in welcher Richtung nur immer sein Auge zu schweifen vermochte; „kein Baum zerstört auch nur durch eine Nothhanthand, so viel ich entdecken kann, sondern Alles treu geblieben der Ordnung des Herrn, um zu leben und zu sterben nach seinem Willen und Gesetz! Hnrry, Eure Judith muß ein sittliches und wohlgeartctes junges Weib sein, wenn sic nur die Hälfte der von Euch angegebenen Zeit im Mittelpunkt eines so begünstigten Platzes verlebt hat." „Das ist eine nackte Wahrheit, und doch hat das Mädchen so nnstäte Gedanken und Grillen. All' ihre Zeit hat sic jedoch nicht hier verlebt, denn der alte Tom hatte, eh' ich ihn kannte, die Gewohnheit, die Winter in der Nachbarschaft der Ansiedler oder unter den Kanonen der Forts znznbringen. Nein, nein, Judith hat mehr . als ihr gut ist, von den Ansiedlern angenommen, und besonders von den galanten Offizieren." „Wenn auch, wenn auch, Hnrry, dies; ist eine Schule, ihr den Kopf wieder zurecht zu setzen. Aber was ist denn das, was ich dort, gerade uns gegenüber sehe, was zu klein scheint für eine Insel, und zu groß für ein Boot, obgleich es mitten im Wasser steht? - „Ha, das ist was die tapfern und galanten Herren von den H.! 27 Forts Mnskrat")-Kastell nennen; und der alte Tom selbst pflegt zu grinsen bei dem Namen, obgleich er seine Art und seinen Charakter hart antastet. Es ist das feststehende Hans; denn es sind zwei; dieses, das nicht von der Stelle ruckt, »nd das andere, welches schwimmt, und bald in diesem, bald in jenem Thcile des See's. sich befindet. Das letzte ist bekannt unter dem Namen der Arche, obgleich es über mein Vermögen geht, zu sagen, was die Bedeutung des Wortes ist." „Es muß von den Missionären Herkommen, Hnrry, die ich von einem solchen Ding habe reden nnd lesen hören. Sie sagen, die Erde sei einmal mit Wasser bedeckt gewesen, nnd Noah sei mit seinen Kindern vom Ertrinken dadurch gerettet worden, daß er ein Fahrzeug erbaute, das man Arche hieß, worin er sich zu rechter Zeit- einschiffte. Manche von den Delawaren glauben diese Ueberliefcrung, nnd manche längnen sie; aber Euch nnd mir, als gebornen weißen Männern, ziemt es, an ihre Wahrheit zu glauben. Seht Ihr etwas von dieser Arche?" „Sie ist weiter südlich, ohne Zweifel, oder liegt in einer der Buchten vor Anker. Aber das Canoe ist -bereit, und fünfzehn Minuten werden genügen, zwei solche Ruderer wie Euch nnd mich nach dem Kastell zu bringen." Auf diese Aufforderung half Wildtödter seinem Genossen die verschiedenen Sachen in das Canoe zu bringen, das schon ans dem Wasser schwamm. Sobald dies; geschehen, schifften sich die beiden Gränzmänner ein, nnd trieben mit einem kraftvollen Stoß die leichte Barke acht oder zehn Ruthen weit von der Küste weg. Jetzt nahm Hnrry den Sitz im Hintertheil ein, während Wildtödter sich vorn hinpflanzte, nnd unter, gemächlichen aber stetigen Rnderschlägcn glitt das Canoe über den friedlichen Wasserspiegel hin, dem ganz seltsam anssehenden Bau zu, welchen der Erstere Mnskrat-Kastcll genannt hatte. Manchmal hielten die Männer im Rudern innc, ') Bisamratze. 28 »nd beschaute» sich die Scene, wen» sich auf de» entfernteren Punkten neue Aussichten cröffueten, die sie weiter den Sec hinab schancn ließen, oder einen umfassenderen Anblick der bewaldeten Berge gewährten. Die einzigen Abwechslungen jedoch bestanden in neue» Formationen der Hügel, mannigfaltigen Krümmnnge» der Buchten und weiterer Ausdehnung des Thales nach Süden; alles Land war dem Anschein nach in höchste Lanbgala gekleidet. „Das ist ein Anblick, der das Herz erwärmt!" rief Wildtödter, als sie so znm vierten oder fünften Mal hielten; „der See scheint ganz gemacht, um nus recht in das Innere der edlen Waldungen hineiusehen zu lassen, und Land und Wasser stehen gleich herrlich da in der Schönheit der Vorsehung Gottes! Ihr behauptet, Hurry, cs gebe keinen Mann, der sich rechtmäßige» Eigcuthümer all' dieser Herrlichkeit nenne?" „Keinen, als den König, mein Junge. Er mag einiges Recht auf diese Natur geltend machen, aber er ist so weit entfernt, daß seine Ansprüche den alten Tom Hutter nie anfechten werden, der einmal Besitz genommen hat, und diesen wohl auch behaupte» wird, so lange sein Leben dauert. Tom ist kein Squatter, da er nicht ans dem Land lebt, aber ich nenne ihn einen Floatcr'")." „Ich beneide diesen Mann! — Ich weiß, cs ist unrecht, und ich kämpfe gegen dies; Gefühl, aber ich beneide diesen Mann! denkt nicht, Hurry, ich brüte über einen Plan, mich in seine Schuhe zu stellen, den» ein solcher Gedanke hat keinen Raum in meiner Seele; aber ein wenig Neid kann ich nicht unterdrücken! Es ist ein natürliches Gefühl, und die Besten unter uns sind eben dock' am Ende natürliche Menschen, und gebe» zu Zeiten solchen Empfindungen Raum." „Ihr dürft nur Hetty heirathen, um das halbe Besitzthnm zu erben," rief Hurry lachend; „das Mädchen ist hübsch; ja, wenn *) Deutsch: Schwimmer; Squstter heißen Solche, die sich ohne Besitztitel auf irgend einem Stück Landes niederlasien, eine Blockhütte bauen, und daö Land deurbaren. 29 nicht ihrer Schwester Schönheit wäre, so wäre sie sogar schön; nnd dann ist ihr Witz so klein, daß Ihr sie leicht zn Eurer Denkweise in allen Dingen bekehren könnt. Nehmt Ihr Hctty ans des alte» Bnrschen Händen, nnd ich stehe Ench dafür, er gibt Ench ein Recht ans jedes Thier, das Ihr fällen könnt anf fünf Meilen im Umkreis von seinem See." „Ist viel Wild da?" fragte plötzlich der Andere, der mir wenig anf Marchs Scherz achtete. „Es hat die ganze Gegend für sich. Kanin wird je ein Gewehr darauf abgedrückt, und was die Fallensteller betrifft, so ist das keine Gegend, die sie stark besnchen. Ich selbst sollte nicht so viel hier sein, aber Judith zieht mich hierhin, während der Biber dorthin zieht. Mehr als hundert spanische Dollars hat mich die Kreatur die beiden letzten Jahre gekostet, nnd doch konnte ich dem Wunsch nicht entsagen, ihr Angesicht wieder zn sehen." „Besnchen die rothcn Männer oft diesen See, Hurry?" fragte Wildtödtcr weiter, seine eigene Gedankenreihe verfolgend. „Ha, sie kommen nnd gehe»; manchmal in Truppen nnd manchmal einzeln. Der Strich scheint keinem eingebvrncn Stamm insbesondere zn gehören; nnd so ist er in die Hände des Hnttcr- Stammes gefallen. Der alte Mann erzählt mir, einige Schlan- köpfc hätten den Mvhawks eine indianische Urkunde abznschwatzc» nnd abzuschmeicheln gesucht, um bei der Kolonie einen Besitztitel ansznwirken; aber es ist nichts erfolgt, weil noch Keiner, der einem solchen Handel gewachsen wäre, sich mit der Sache befaßt hat. Die Jäger haben zur Zeit noch ein gutes Frcilehcn an dieser Wildnis;." „Um so besser — um'so besser, Hnrry. Wenn ich König von England wäre, der Mann, der einen von diesen Bäumen fällte, ohne eine gute Gelegenheit zur Benützung des Holzes, müßte mir in ein ödes nnd nnwirthbares Land verbannt werden, das nie ein vierfüßiges Thier betrat. Recht froh bi» ich, das; Chingachgvok 30 den Ort unseres Zusammentreffens bei diesem See bestimmte, denn bisher hat mein Auge noch kein so herrliches Schauspiel gesehen." „Und das deßwegen, weil Ihr Euch so viel unter den Delaware» unigetrieben, in deren Land es keine See'n gibt. Weiter nördlich und weiter westlich gibt es solche kleine Wasser genug; und Ihr seid jung und erlebt es wohl noch, sie zu sehen. Aber wenn es auch andere See'n gibt, Wildtödter, so gibt es doch keine andere Judith Hutter!" Ans diese Bemerkung lächelte sein Begleiter, und dann senkte er seine Ruderschanfel in's Wasser, als berücksichtigte er die Hast eines Liebenden. Beide ruderten jetzt kräftig, bis sie sich ans hundert Schritte dem -Kastelst näherten, wie Hurry vertraulich das Haus Hutters nannte, wo sie wieder mit Rudern iune hielten; und der Anbeter Judiths zügelte seine Ungeduld um so leichter, als er bemerkte, daß das Gebäude im Augenblick von Bewobnern leer war. Diese neue Pause sollte Wildtödter in Stand setzen, das sonderbare Gebäude zu betrachten, dessen Bauart so neu war, daß sie eine eigene Beschreibung verdient. Mnskrat-Kastell, wie das Haus witzig benannt worden war von einem muthwilligen Offizier, stand im offenen See, eine volle Viertelmeile vom nächsten Punkt des Ufers entfernt. Auf den beiden andern Seiten erstreckte sich das Wasser viel weiter, denn die Entfernung von dem nördlichen Ende des Sce's betrug etwa zwei Meilen, und von dem östlichen Ufer beinahe, wo nicht ganz, eine Meile. Da nicht das Mindeste von einer Insel zu sehen war, sondern das Haus auf Pfeilern stand, das Wasser darunter durchfloß, und Wildtödter schon entdeckt hatte, daß die Tiefe des See's beträchtlich war, fragte er begierig nach einer Erklärung dieses sonderbaren Umstandes. Hurry löste ihm das Näthsel, indem er ihn belehrte, daß auf dieser Stelle allein eine lange, schmale Sandbank, die sich nördlich und südlich einige hundert Schritte weit 31 erstreckte, sich bis auf sechs oder acht Fuß unter dem Spiegel des See's erhebe, und daß Hutter hier.Pfähle eiugeschlageu, und darauf, der Sicherheit wegen, seine Wohnung sich erbaut habe. „Der alte Bursche wurde dreimal durch Fcuersbrünste verjagt im Kampf zwischen den Indianern und den Jägern; und in einem Gefecht mit den Rothhänten verlor er seinen einzigen Sohn, und seit dieser Zeit hat er seine Sicherheit auf dem Wasser gesucht. Hier kan» ihn Niemand angreifen, ohne in einem Boot zu kommen, und der Raub und die Skalpe verlohnten sich kaum der Muhe, Canoe's ausznhöhlen. Und dann ist es in keiner Weise gewiß, wer bei einem solchen Strauß dem Andern heimlenchten wurde, denn der alte Tom ist mit Waffen und Munition wohl versehen, und das Kastell ist, wie Ihr wohl seht, eine feste Brustwehr gegen leichte Schüsse." Wildtödter hatte einige theoretische Kenntnis; vom Kriegführen der Gränzmänner, obgleich er noch nie in den Fall gekommen war, seine Hand im Zorn gegen einen Mitmenschen erheben zu müssen. Er sah, daß Hnrry die Stärke dieser Position vom militärischen Gesichtspunkt nicht überschätzte, da es nicht leicht gewesen wäre, sie anzugreifen, ohne daß die Bestürmer dem Feuer der Belagerten wäre» bloßgestellt gewesen. Nicht wenig Knust war sichtlich Aufgeboten bei der Znsammenfügnng des Holzes, woraus das Gebäude bestand, und das weit mehr Schutz versprach, als bei den gewöhnliche» Blockhäusern der Gränzmänner der Fall war. Die Seiten und Ecken waren znsammengefügt ans den Stämme» großer Fichten, etwa nenn Fuß lang gehauen und aufrecht gestellt, statt horizontal gelegt, wie der.Gebrauch der Gegend war. Diese Klötze waren ans den Seiten nach dem Winkclmaaß behauen, und hatten an jedem Ende große Zapfen. Massive Schwellen waren oben an den Grnndpfählen angebracht und entsprechende Zangen an ihren ober» Flächen eingeschnitten, die zu dem Behuf rechtwinklig behauen waren, und in diese Zangen waren die untern Zapfen der ans- 32 rechtstehenden Klötze eingefngt, wodurch sie unten einen sichern Halt hatten. An den ober» Enden der anfrechtstehenden Klötze waren Platten angebracht und durch ähnliche Mittel befestigt; die verschiedenen Winkel des Gebäudes waren wohl zusammengehalten durch tüchtige Verbindung und Versplissnng der Schwellen und Platten. Die Böden bestanden aus kleinen, eben so bearbeiteten Stämmen, und das Dach ans leichten, fest verbundenen und mit Rinde wohl bedeckten Pfählen. Der Zweck dieser sinnreichen Einrichtung war, dem Besitzer ein Hans zu verschaffen, dem man nur auf dem Wasser beikommen konnte, dessen Seiten aus Blöcken bestanden, die dicht an einander gefugt, am dünnsten Theile zwei Fuß dick, nur durch die überlegte Arbeit von Menschenhänden, oder durch den langsamen Einfluß der Zeit getrennt werden konnten. Die Außenseite des Gebäudes war roh und uneben, da die Holzblöcke von ungleicher Größe waren; aber die glattbchanencn Flächen »ach innen gaben den Wäüden und dem Boden ein so gleichförmiges Ansehen, als man nur zur Bequemlichkeit oder zur Befriedigung des Auges wünschen mochte. Das Kamin war nicht die geringste Eigenthümlichkeit des Kastells, wie Hnrry seinem Begleiter bemerk- lich machte, indem er ihm den Prozeß seiner Verfertigung erklärte. Das Material war ein zäher Lehm, gehörig verarbeitet, der in einer Form aus Knütteln aufgesetzt worden war, und den man, je einen oder zwei Fuß auf einmal, hart werden ließ, von unten angefangen. Als so das ganze Kamin aufgesetzt und von Außen gehörig mit Stützen und Halten versehen war, wurde ein gewaltiges Feuer angezündet und so lange unterhalten, bis es zu einer Art von rothem Backstein gebrannt war. Es war dies; keine leichte Operation gewesen und auch nicht vollständig gelungen; aber indem man die Spalten wieder mit frischem Lehm ansfüllte, hatte man am Ende doch einen sichern Fenerplatz und Kamin erhalten. Dieser Theil des Gebäudes stand auf dem Scheiterboden, und war unten durch einen besonderen Pfeiler gestützt. Noch einige andere 33 Eigenthümlichkeiten hatte dieß Haus, welche im Verlauf der Erzählung sich deutlicher zeigen werden. „Der alte Tom ist voll von Ansknnftsmitteln," fuhr Hnrry fort, „und er hing sein Herz au das Gelingen dieses Kamins, das mehr als einmal drohte, ganz znsammcnznbrechen, aber Beharrlichkeit überwindet auch den Ranch; und jetzt hat er ein behagliches Stübchen, obgleich es einmal drohte, ein gar spaltiger Ranchfang zu werken, wenig geeignet, Flamme» und Ranch abznführen." „Ihr scheint die ganze Geschichte des Kastells zu kennen, Hnrry, Kamin und Wände," sagte Wildtödter lächelnd; „ist die Liebe so gewaltig und zwingend, das; sie einen Mann dahin bringt, die Geschichte von seines Liebchens Hans zu stndiren?" „Thcils das, Junge, und theils eigne Anschauung," versetzte lachend der gntmnthige Niese, „cs war eine starke Bande von uns am See, als der alte Kerl baute, und da halfen wir ihm bei- der Arbeit. Ich habe keinen kleinen Theil der aufrecht stehenden Blocke ans meinen Schultern hinaufgeschlcppt und gehoben, und die Ac.rte flogen, das kann ich Euch sagen, Meister Natty, so lange wir da bauten, unter den Bäumen an der Küste. Der alte Tenfelskcrl ist nicht geizig mit Essen und Trinken, und da wir oft an seinem Herde gegessen, dachten wir, mir wollten ihm doch ein behagliches Hans Herrichten, ehe wir mit unfern Häuten nach Albany ginge». Ja, gar manche Mahlzeit habe ich in Tom Hutters Stuben verzehrt; und Hctty, so schwach sie ist an Witz, hatte eine wundersame Geschicklichkeit, mit Pfannen, Kacheln und Rosten nmzngehen." Während die Beiden sich so besprachen, schwamm das Canoe allmählig dem Kastell immer näher, und war jetzt so nahe daran, daß ein Ruderschlag hinreichte, den Landungsplatz zu erreichen. Dieß war eine gedielte Platsorm am Eingang, die einige zwanzig Qnadratschuhe halten mochte. „Der alte Tom nennt diese Art Kai seinen Thorhof," bemerkte Der Wildtödter. 3 34 Hurry, indem er das Canve anband, nachdem er es mit seinem Begleiter verlassen, „nnd die tapfern Herren von den Forts haben es den Kastellhvf genannt, wiewohl ich nicht einsehen kann, was ein Hof hier z» schaffen hat, da cs kein Gesetz nnd Recht gibt. Es ist, wie ich mir gedacht; keine Seele drinnen, sondern die ganze Familie fort ans einer Entdeckungsreise." Während Hnrry sich ans dem Thorhof zu schaffen machte, die Fischerspieße, Ruthen, Netze und andere ähnliche Geräthe eines Gränzmannshauses musternd, trat Wildtödter, dessen Art im Ganzen weit gesetzter und ruhiger war, in das Hans hinein, mit einer Neugier, die man bei einem so lang an indianische Sitten gewöhnten Manne nur selten bemerkte. Das Innere des ,Kastells' war ebenso tadellos sauber, als das Aenßcre neu nnd überraschend. Der ganze Raum, etwa vierzig Fuß lang nnd zwanzig tief, war in verschiedene kleine Schlafzimmer getheilt; das Gemach, das er zuerst betrat, diente für die gewöhnlichen Beschäftigungen der Bewohner und zugleich als Küche. Die Einrichtung zeigte jene seltsame Mischung, die man nicht selten in den abgelegenen Blockhäusern des inner» Landes findet. Das Meiste war roh und im höchsten Grade ländlich; aber in einer Ecke fand sich eine Uhr mit einem schönen Gehäuse von dunklem Hvlz, und zwei oder drei Sessel, sammt Tisch und Schreibtisch, die offenbar ans einem Hanse von höher» Ansprüchen stammten. Die Uhr pickte fleißig nnd emsig, aber die bleiern anssehenden Zeiger entsprachen insoferne ihrem schwerfälligen Aussehen, als sie ans cilf Uhr wiesen, obwohl die Sonne deutlich zeigte, daß der Mittag schon lange vorüber war. Auch war da ein dunkler, massiver Schrank. Die Küchengeräthe waren vvn der einfachsten Art nnd keineswegs zahlreich, aber jedes Stück war an seinem Platz nnd zeigte in seiner Beschaffenheit alle mögliche Sauberkeit nnd Sorgfalt. Nachdem Wildtvdter in dem äußern Zimmer sich umgesehen, drückte er eine hölzerne Klinke ans, und trat in einen schmalen 35 Gang, welcher das Innere des Hanfes in zwei gleiche Hälften theilte. Da die Sitten der Gränzmänner keineswegs ängstlich nnd bedenklich sind, nnd seine Nengier lebhaft erregt war, öffnete der junge Mann jetzt eine Thnre nnd befand sich in einem Schlafzimmer. Ein Blick genagte, ihn zu belehren, das; es ein Gemach für Frauen war. Das Bett bestand ans den Federn von wilden Gänsen nnd war gefüllt fast znm Platzen; aber es lag auf einem rohen Gestell, nur etwa einen Fuß über dem Boden erhaben. Auf der einen Seite desselben hingen an Pflöcken verschiedene Kleidungsstücke von einer weit bessern Beschaffenheit, als man an einem solchen Ort hätte erwarten sollen, mit Bändern nnd andern entsprechenden Artikeln. Zierliche Schuhe, mit hübschen, silbernen Schnallen, wie sie damals wohlhabende Frauen trugen, fehlten auch nicht; nnd nicht weniger als sechs Fächer von lebhaften Farben waren halb geöffnet, so das; sie dus Auge durch ihre Figuren und Malereien ans sich zogen. Selbst das Kiffen aus dieser Seite des Bettes war mit feinerem Linnen überzogen, als das entsprechende auf der andern Seite, nnd mit schmalen Spitzen besetzt. Eine Haube, mit Bändern kokett verziert, hing darüber, nnd ein Paar langer Handschuhe, wie sie in jenen Zeiten Personen ans den arbeitende» Klassen selten trugen, waren prahlerisch daran geheftet, wie in der ausdrücklichen Absicht, sie hier zur Schau zu stellen, wenn sie nicht an den Armen der Besitzerin prangen könnten. Alles Dies; sah nnd merkte sich Wildtödter mit einer Genauigkeit, welche der zur andern Natur gewordenen Beobachtungsgabe seiner Freunde, der Delawaren, Ehre gemacht haben würde. Auch entging ihm nicht der Unterschied zwischen den beiden Seiten des Bettes, dessen oberes Ende an der Wand stand. Ans der noch nicht beschriebenen Seite nämlich mar Alles gering und nneinla- dend, abgesehen von der vollkommenen Sauberkeit. Die wenigen, an den Pflöcken hängenden Kleidungsstücke waren von den gröbsten Stoffen und vom gemeinsten Schnitte, während Nichts ans Schaust* 36 stellung berechnet schien. Kein einziges Band war zn sehen, auch keine Haube nnd kein Tnch, anßer solchen, wie sie Hutters Töchter ihrem Stande gemäß zn tragen befngt waren. Es waren mehrere Jahre verflossen, seit Wildtödter nicht mehr in einem Gemache gewesen war, welches eigens znm Aufenthalt von weiblichen Wesen seines Stammes nnd seiner Farbe diente. Der Anblick weckte in seiner Seele eine Aufwallung von Erinnerungen ans der Kindheit, und er verweilte in dem Gemach mit einer Art Nahrung, die ihm lange fremd geblieben. Er dachte an seine Mutter, deren geringe Kleider er sich erinnerte, a» Pflöcken hängen gesehen zn haben, wie die, welche nach seiner unmittelbaren Ueberzengnng der Hetty Hutter gehörten, und dachte an eine Schwester, deren natürlicher nnd sich entwickelnder Geschmack für Puh sich ungefähr in ähnlicher Weise, wie der Judiths, obwohl natürlich in geringerem Grade, kund gegeben hatte. Diese kleinen Aehnlichkeitcn öffneten eine lang verschlossene Quelle von Empfindungen, und als er das Gemach verließ, war seine Miene trüb. Er sah sich nicht weiter um, sondern kehrte langsam und nachdenklich nach dem Thorhof zurück. „Der alte Tom hat einen neuen Berns ergriffen, nnd seine Hand versucht im Fallen stellen," rief Hnrry, der die Habseligkeiten des Gränzlers kaltblütig untersucht hatte; „wenn das jetzt seine Laune ist, und Ihr geneigt seid, in diesen Gegenden zu bleiben, können wir uns eine ungemein behagliche Sommerszeit bereiten; denn während der alte Mann und ich die Biber überlisten, könnt Ihr fischen und das Wild znsammenschießen, um Leib und Seele zusammen zn halten. Wir gebe» immer den armseligsten Jägern einen halben Antheil, aber ein so tüchtiger und sicherer Schütze wie Ihr darf wohl ans einen vollen rechnen." „Dank Euch, Hnrry, dank Euch von ganzem Herzen; aber ich treibe auch das Biberfangen ein wenig, wenn die Gelegenheit sich darbietet, Es ist wahr, die Delaware» nennen mich Wildtödter, 37 aber nicht sowvhl, weil ich dem Wild ziemlich gefährlich bin, als weil ich, der ich so viele Böcke und Thiere tödte, noch keinem Mitmenschen daS Leben genommen habe. Sie sagen, ihre Ucber- liefernngen wissen von keinem Andern, der so viel Blut von Thie- ren, nnd doch noch nicht daS Blut eines Menschen vergossen." „Ich will hoffen, sie halten Euch doch nicht für taubenherzig, Junge? Ein weichherziger Man» ist wie ei» »»geschwänzter Biber." „Ich glaube nicht, Hnrry, daß sie mich für außerordentlich furchtsam halten, obwohl sie mich wohl auch nicht für außerordentlich mnthig halten mögen. Aber ich bin nicht streitsüchtig; nnd daS trägt viel dazu bei, daß man die Hände von Blut rein erhält, unter de» Jägern nnd Rothhänten; nnd dann, Harry March, erhält eS auch das Gewissen rein von Blut!" „Gut; ich für meinen Theil achte Wild, eine Nothhant nnd einen Franzmann für ungefähr daS Gleiche; obgleich auch ich so wenig streitsüchtig bin, als nur irgend ein Mann in den Kolonie». Ich verachte eine» Zänker, wie einen kläffenden Hund; aber man braucht nicht übergewissenhaft zu sein, wenn es die rechte Zeit ist, den Feuerstein zu zeigen." „Ich sehe den als den lichtesten und besten Man» an, der sich am meisten an das Recht hält, Hnrry. Aber das ist ein herrlicher Platz, nnd mein Auge wird des Sehens nicht satt." „Das ist Eure erste Bekanntschaft mit cinem See, und solche Ideen kommen über uns Alle in solchem Fall. Die Sce'n haben einen allgemeinen Charakter, wie ich sage, nnd sind eben recht viel Wasser nnd Land und Vorsprünge nnd Buchten." Da diese Definition keineswegs mit den Gefühlen znsammen- stimmte, welche die Seele des jungen Jägers bewegten, so erwie- dcrte er zunächst Nichts, sondern starrte in schweigendem Genüsse nach den dunkeln Hügel» nnd dem krystallnen Wasser. „Haben des Gouverneurs oder des Königs Leute diesem See einen Name» gegeben?" fragte er plötzlich, als ginge ihm ans 38 einmal eine nene Idee ans. „Wenn sie nicht angefangcn haben, ihre Stange» anszustecken, nnd ihre Kompasse anszupflanzen, und ihre Karten anfznziehen, so haben sie wohl anch nicht daran gedacht, die Natnr mit einem Namen zn belästigen." „Sie sind noch nicht so weit gekommen; nnd das letzte Mal, als ich mit Rothhänten hineinkam, fragte mich Einer von des Königs Feldmessern über Alles in der Gegend hier hernm ans. Er hatte gehört, daß in der Gegend ein See sei, nnd hatte einige allgemeine Begriffe davon, z. B. daß Wasser nnd Hügel da seien; aber wie viel von beiden,, davon Wichte er nicht Mehr als Ihr von der Mohawk-Sprache. Ich öffnete die Falle nicht weiter als nöthig war, nnd gab ihm gar wenig Anfmnnternng nnd Hoffnung, was Pachthöfe nnd Lichtungen betrifft. Kur;, ich ließ in seinem Geist eine solche Ansicht von dieser Gegend znrück, wie ein Mann sie bekommt von einer Quelle schmutzigen Wassers, zn der ein so kothiger Pfad führt, daß man voll Koth ist, ehe man recht ansbricht. Er sagte' mir, sie hätten den Platz noch nicht auf ihren Karte»; aber ich vermnthe, es ist ein Mißverständlich, denn er zeigte mir sein Pergament, nnd darauf ist ein See, wo in der Natnr keiner ist, ungefähr fünfzig Meilen von dem Ort, wo er sein sollte, wen» sie diesen meinten. Ich glaube nicht, daß ihn mein Bericht ermnthigen wird, einen andern anznmerken zur Verbesserung." Hier lachte Hnrry herzlich, da solche Streiche ein ganz besonderes Ergötzen waren für eine Klasse von Menschen, welche die Annäherung der Civilisation fürchteten, als eine Schmälerung ihrer eigenen gesetzlosen Herrschaft. Die prächtigen Verstöße ans den damaligen Landkarten, die alle in Europa gefertigt wurden, waren überdies; ein stehender Gegenstand des Spottes unter ihnen; denn wen» sie anch selbst nicht so viel Wissen besaßen, um bessere zn machen, so hatten sie doch Lvkalkenntniß genug, um die plumpen Jrrthümer' ans den vorhandenen zu entdecke». Jeder, 39 der sich die Muhe nehme» will, diese unwiderleglichen Zeugnisse von der topographischen Geschicklichkeit unsrer Vater vor hundert Jahren mit den genanern Zeichnungen unsrer Tage zu vergleichen, wird sogleich bemerken, daß die Männer der Wälder hinreichenden Grund zu allen ihren Kritiken hatten über diesen Zweig der Einsicht »nd Geschicklichkeit der Kvlonialrcgiernng, welche sich nicht besann, einen Strom oder einen Sec um ein paar Grade zu versehen, wenn sie auch nur einen Tagcmarsch von den bewohnten Theilcn des Landes entsernt waren. „Ich bin sroh, daß er keinen Namen hat," begann Wildtödtcr wieder, „oder wenigstens keinen Bleickpgestchtsnamen; denn ihre Taufen weissagen immer Verwüstung und Verderben. Ohne Zweifel jedoch haben die Rothhänte ihre Art, ihn zn bezeichnen, und die Jäger und Fallensteller auch; vermuthlich benennen sie den Plah nach etwas Vernünftigem, nach einer Aehnlichkcit." „Was die Stämme betrifft, so hat jeder seine eigene Sprache, »nd seine eigene Weise, die Dinge zn benennen; »nd sie behandeln diesen Theil der Welt eben wie alles Andere. Unter uns sind wir übereingckommcn, den Plah Glimm erg las zn nennen, in Betracht, daß das ganze Becken so reichlich mit Fichten beseht ist, die ans seinem Spiegel empor streben, gerade als wollte es die Berge znrückwerfen, die darüber her hangen." „Es muß ein Abfluß da sein, ich weiß, denn alle Scc'n haben Abflüsse, und der Fels, wo ich Chingachgook treffen soll, steht nahe bei einem Abfluß. Hat auch der noch keinen Kolonie-Namen?" „In diesem Punkte stehen sie im Vvrthcil gegen uns, da sie das eine Ende, »nd zwar das breiteste, in ihrem Besih haben; sie habe» ihm einen Namen gegeben, der sich Bahn gebrochen hat bis zur Quelle; denn Namen dringen natürlich flußaufwärts. Ihr habt ohne Zweifel schon den Snsqnehannah gesehen drunten im Land der Delaware»?" „Das Hab' ich, und hundertmal gejagt an seinen Ufern." 40 „Nun, beide sind in der Thai dieselben, nnd, glanb' ich, anch dieselben im Namen. Es frent mich, daß sie genöthigt gewesen sind, den Name» der rothen Männer beizubehalten, denn es wäre zn hart, sle des Lands nnd des Namens dazu zu berauben." Wildtödter antwortete Nichts; er stand ans seine Buchse geleimt, in den Anblick versunken, der ihn so sehr entzückte. Der Leser darf jedoch nicht glauben, daß es das Malerische allein gewesen, was seine Aufmerksamkeit so lebhaft auf sich zog. Die Gegend war in Wahrheit höchst lieblich, und sie stellte sich eben jetzt in einem der günstigsten Augenblicke dar; die Oberfläche des See's war glatt wie Glas, und durchsichtig wie reine Luft; er warf auf seinem ganzen östlichen Saume das Bild der mit dunkeln Fichten bekleideten Berge znriick; die vorgeschobenen Punkte reihten ihre Bäume in beinahe horizontalen Linien aneinander, während man die Buchten gelegentlich durch einen Bogen dnrchschimmern sah, welchen ein Gewölbe von Aesten nnd Laub bildete. Es war der Stempel tiefer Ruhe — die Einsamkeit, die von Landschaften nnd Forsten zeugte, welche nie waren berührt worden von der Hand des Menschen — das Walten der herrschenden Natur mit Einem Wort, was einem Manne von seiner Lebensweise nnd Ge- müthsart so viel reines Entzücken gewährte. Doch fühlte er auch, wenn schon unbewußt, als Dichter. Wenn er ein Vergnügen darin fand, diesen umfassenden und ihm ungewohnten Einblick in die Geheimnisse und Gestalten der Berge, der sich hier eröffnete, zn stn- diren, wie Jeder sich frent, wenn ihm größere Ansichten über einen Gegenstand aufgehen, der die Gedanken oft nnd viel beschäftigt hat, so war er doch anch nicht unempfindlich gegen die innerliche Lieblichkeit einer solchen Landschaft, sondern fühlte znm Theil jenen Frieden des Geistes, der Einem gewöhnlich bei dem Genuß einer so ganz von der heiligen Nnhe und Stille der Natur durchdrungenen Scene aufgeht. 41 Drittes Kapitel. Kommt, soll'n wir gehen und uns Wildpret tödten? Doch reu't mich'S, daß wir den gefleckten Narr'n, Die Bürger sind in dieser öden Stadt, Auf eig'ncm Grund mit hack'gen Spitzen blutig Die runden Hüften reißen. Shakespeare. Hnrry Harry dachte mehr an die Schönheiten der Judith Hutter als an die von Glimnicrsglas und der umgebenden Landschaft. Sobald er daher Floating Toms Habseligkeiten uud Geräthschaften genau genug durchgemnstert, lud er seine» Begleiter wieder in das Canoe, um den See hinab zu fahren und die Familie anfzusnchcn. Ehe sie sich cinschiffteu jedoch durchspähte Hnrry sorgfältig die ganze nördliche Seite des See's mit einem mittelmäßigen Schiffs- ferurvhr, das sich unter Hutters Sachen befand. Bei dieser Forschung ward kein Theil des Ufers übersehen; die Buchten uud vorspriugendeu Punkte besonders wurden einer genauer» Untersuchung »nterworfen, als die übrige waldbewachsene Küste. „Es ist wie ich gedacht," sagte Hnrry, das Glas weglegend; „der alte Kerl zieht bei diesem schönen Wetter ans dem südlichen Theil herum, und läßt das Kastell sich selbst vertheidigen. Nun jetzt, da wir wissen, daß er nicht dorthinaus zu ist, ist es ein Kleines, abwärts zu rudern und ihn in seinem Versteck anfzustöbern." „Hält es der Meister Hutter für nöthig, sich zu verstecken auf diesem See?" fragte Wildtödter, indem er seinem Genossen in das Canoe folgte; „nach meiner Ansicht ist hier eine solche Einsamkeit, daß man seine ganze Seele aufschließen könnte, und nicht zu fürchten hätte, es möchte Jemand uns in unfern Gedanken oder unsrer Anbetung stören." „Dann vergeht Ihr Eure Freunde, die Mingo's, und all' die französischen Wilden. Gibt es eine Stelle auf Erden, Wildtödter, 42 wohin die unruhige» Spitzbuben nicht kämen? Wo ist der See, oder auch npr der Hirschteich, den die Lumpenhunde nicht anf- spnrcn; und sobald sie ihn gesunde», so färbe» sie auch ganz gewiß früher oder später sein Wasser mit Blut." „Ich höre allerdings nirgends ihr gutes Lob, Freund Hnrry, obgleich eS bis jetzt noch nie mein Schicksal war, ihnen oder irgend einem andern Sterblichen ans dem Kriegspfad zu begegnen. Ich glaube gern, daß ei» so anmnthiger Platz, wie dieser, von solchen Plünderern schwerlich würde übersehen werden; denn obschon ich selbst noch nicht im Falle gewesen, mit diesen Stämmen Streit zu haben, geben mir doch die Delaware» solche Berichte über sie, daß ich sie bei mir selbst so ziemlich als Nichtswürdige durch »nd durch an sehe." „Das könnt Ihr mit gutem Gewissen thnn, oder, was das betrifft, jeden andern Wilden, dem Ihr etwa begegnet." Hiegcgen verwahrte sich Wildtödter, und während sie de» See entlang ruderten, entspann sich eine hitzige Erörterung über die beiderseitigen Verdienste der Bleichgesichter und der Rothhäute. Hurry hatte alle Vornrtheile und Antipathien eines weißen Jägers, der in der Regel den Indianer als eine Art von natürlichem Nebenbuhler, und nicht selten als einen natürlichen Feind betrachtet. Wie sich von selbst versteht, war er laut, schreiend, keck behauptend, ohne sich viel aus Beweise einznlaffen. Wildtödter dagegen zeigte eine ganz andere Sinnes- und Gemüthsart; er bewies durch seine gemäßigte Sprache die Redlichkeit seiner Gesinnung, und durch die Einfachheit seiner Unterscheidungen zeigte er, daß er alle Geneigtheit besaß, Vernunft zu hören »nd anzunehmcn, ein lebhaftes, angebornes Verlange», gerecht zu sein, und eine aufrichtige Redlichkeit, die es gänzlich verschmähte, zu Sophismen zu greife», um eine Behauptung oder ein Vorurthcil zu vertheidigen. Doch war er nicht gänzlich frei von der Herrschaft des letzter». Dieser Tyrann des menschlichen Geistes, der ans tausend Zugängen sich ans seine 43 Beute stürzt, beinahe sobald der Mensch anfängt zn fühlen und zu denken, und selten seinem eisernen Scepter entsagt, ehe beides bei ihm anfhört, hatte einigen Einfluß sich erobert selbst über den Redlichkeitssinn dieses Mannes, der doch sonst in diesen Punkten als ein schönes Muster gelten konnte, wozu Entfernung von bösem Beispiel, Mangel an Versuchung zum Fehltritt und natürliche Gutartigkeit einen Jüngling zn machen vermögen. „Ihr werdet zngeben, Wildtödter, daß ein Mingo mehr als ein halber Teufel ist," schrie Hnrry, die Erörterung mit einer Lebhaftigkeit verfolgend, die nahe an Wildheit gränzte, — „obgleich Jhrmichgerne überredenmöchtet, daß derDelawaren-Stammnahezu ans Engeln besteht. Nun widerspreche ich diesem Satz sogar in Beziehung ans weiße Männer. Alle weißen Mensche» sind nicht fehlerfrei, und daher könne» alle Indianer nicht fehlerfrei sein. Und so ist Eure Behauptung nackt und lahm. Aber was ich Beweis nenne, ist dies;: drei Farben gibt es ans der Erde, Weiß, Schwarz und Roth. Weiß ist die vornehmste Farbe, und daher der Weiße der beste Mann; dann kommt Schwarz, und sind die Schwarzen bestimmt in der Nähe der Weißen zn leben, als erträglich und tauglich zn Dienst und Gebrauch: und Roth kommt zuletzt, was zeigt, daß Derjenige, der sie geschaffen, nie erwartete, daß ei» Indianer für mehr als halb menschlich gelten sollte." „Gott hat alle Drei gleich erschaffen, Hnrry." „Gleich! Sagt Ihr ein Neger sei gleich einem Weißen, oder ich einem Indianer?" „Ihr geht immer zn früh los und hört mich nie ans. Gott hat »ns Alle geschaffen, Weiße, Schwarze und Rothe, und ohne Zweifel hatte er seine weisen Absichten, daß er uns verschieden färbte. Doch hat er uns in der Hauptsache ziemlich mit den gleichen Gefühlen geschaffen, obgleich ich nicht läugnen will, daß er jeder Raffe ihre eignen Gaben verliehen. Eines weißen Mannes Gaben sind christlich eingerichtet, während die einer Rothhaut mehr für die Wildniß sind. So wäre es für einen Weißen eine große Sünde, einen Todten zn skalpiren, während es bei einem Indianer eine hohe Tngend ist. Ferner, ein weißer Mann darf nicht Weiber nnd Kinder im Krieg meuchlings niedermachen, während eine Rokhhant es darf. Es ist grausame Arbeit, das geb' ich zn; aber für sie ist es eine erlaubte That, während es für uns eine schmähliche That wäre." „Das hängt von Eurem Feind ab. Was das betrifft, einen Wilden zn skalpiren, oder selbst ihm die Haut abznziehen, so sehe ich das ungefähr ebenso an, wie wenn man einem Wolf die Ohren abschneidet, wegen des ansgefetzten Preises, oder einem Bären die Haut abstreift. Und dann seid Ihr mächtig auf dem Holzweg, daß Ihr Euch der Rothhänte so annehmt, da doch die Kolonie selbst eine» Preis für den Handel geboten hat; ebenso wie sie für Wolfsohren nnd Krähenköpfe einen zahlt." „Ja, und eine schlechte Sache ist das, Harry. Die Indianer selbst schreien Pfui darüber, weil es gegen der Weißen Gaben ist. Ich behaupte nicht, daß Alles, was weiße Männer thun, eigentlich christlich ist, und dem ihnen verliehenen Lichte gemäß, denn dann wären sie, was sie sein sollten, was sic, wie wir wissen, nicht sind; aber ich will behaupten, daß Ueberlieferung nnd Gebräuche nnd Farbe nnd Gesetze solch' einen Unterschied bei den Rassen machen, daß es ans die Gaben einwirkt. Ich längne nicht, daß unter den Indianern Stämme sind, von Natur schon verkehrt und ruchlos, wie es solche Nationen gibt unter den Weißen. Die Mingo's nun rechne ich zn Jenen, und die Franzmänner, in den Canada's, zn Diesen. In einem rechtmäßigen Kriegszustand, wie wir seit Kurzem haben, ist es Pflicht, alle mitleidigen Gefühle nie- derznhalten gegen Beide, was Leben nnd Tod betrifft; aber wenn es sich um Skalpiren handelt, ist es eine ganz andere Sache." „Nehmt doch nur Vernunft an, wenn's Euch beliebt, Wild- tvdter, und sagt mir, ob die Kolonie ein ungesetzliches Gesetz 45 machen kann? Ist nicht ein ungesetzliches Gesetz mehr gegen die Natur als das Skalpiren eines Wilden? Ein Gesetz kann so wenig ungesetzlich sein als Wahrheit Läge sein kann." „Das klingt vernünftig; aber ist höchst unbegründet, Hurry. Die Gesetze kommen nicht alle ans derselben Quelle. Gott hat uns das seinige gegeben, und einige gehen von der Kolonie aus, und andere vom König und Parlament. Wenn die Gesetze der Kolonie, oder auch die des Königs den Gesetzen Gottes znwider- laufen, so werden sie ungesetzlich und soll man ihnen nicht gehorchen. Ich halte daran fest, daß ein weißer Mann die weißen Gesetze achten soll, so lange sie nicht einem Gesetz in die Quere kommen, das von einer höhern Autorität ansgeht, und daß ein rother Mann den Gebräuchen der Rothhänte folge unter derselben Einschränkung. Aber es ist unnütz, hierüber zu schwatzen, da jeder Mensch für sich selbst denken kann, und seinen Gedanken gemäß spricht. Laßt uns tüchtig umschaneu nach Eurem Freund, Floating Tom, damit wir nicht an ihm vorbeirndern, während er unter dieser buschigten Küste verborgen liegt." Wildtödter hatte die Ufer nicht unrichtig bezeichnet. Ihrer ganzen Ausdehnung entlang hingen die kleinen Bäume über das Wasser her, mit ihren Zweigen oft in das durchsichtige Element sich eintaucheud. Die Ufer waren steil, weil der Strand so schmal mar; und da die Pflanzenwelt unabänderlich dem Lichte zustrebt, mar die Wirkung gerade die, nach welcher ein Liebhaber des Malerischen gestrebt haben würde, wenn man die Anordnung dieser prachtvollen Waldeinfassung seinem Geschmack überlassen hätte. Auch die Vorsprünge und Buchten waren zahlreich genug, um den Umrissen eine wechselnde Mannigfaltigkeit zu verleihen. Da das Canoe dicht an der westlichen Seite des See's hinfuhr, zu dem Zweck, wie dieß Hurry seinem Genossen erklärt hatte, die etwaige Nähe von Feinden zu rekognosciren, ehe er sich ganz dem offenen Blick bloßstellte, wurde die Aufmerksamkeit der beiden 46 Abenteurer beständig in Spannung erhalten, da Keiner Vorhersagen konnte, waö die nächste Biegung eines Landvorsprnngs offenbaren würde. Ihre Fahrt war rasch, da die gigantische Krast Hnrry's ihn in Stand setzte, mit der leichten Barke zu spielen wie mit einer Feder, während die Geschicklichkeit seines Genossen beinahe eben so nützlich war, trotz der Ungleichheit seiner Körperstärke. Jedesmal, wenn das Canve an einem Punkt des Landes vorbei kam, warf Hnrry einen Blick hinter sich, in Erwartung, die ,Arche' vor Anker liegend oder in der Bucht eingelanfen zu sehen. Es war jedoch sein Schicksal, seine Erwartung getäuscht zu sehen, und sie waren dem südlichen Ende des See's bis ans eine Meile nahe gekommen, und volle zwei Stunde» von dem ,Kastell' entfernt, das nunmehr durch ein halb Dutzend Landvorsprünge dem Blick entzogen war, als er plötzlich zu rudern anfhörte, wie unsicher, in welcher Richtung zunächst weiter steuern. „Es ist möglich, daß der alte Kauz in den Strom hinabgeschwommen ist," sagte Hnrry, nachdem er sorgfältig die ganze östliche Küste dnrchspäht hatte, die etwa eine halbe Meile entfernt und in mehr als ihrer halben Länge seinem forschenden Blick offen lag, „denn er hat sich in neuester Zeit tüchtig auf's Fallen- stellcn gelegt, und wenn das Floßholz nicht im Wege liegt, könnte er wohl eine Meile oder so hinabgleiten; obgleich er saure Stunde» haben würde, wieder heranfznkommen!" „Wo ist der Ausfluß?" fragte Wildtödter; „ich sehe keine Oeffnnng an der Küste und den Bäumen, die so anssähe, als wollte sie einen Strom, wie den Snsqnchannah, dnrchlaffen." „Ja, Wildtödter, diese Flüsse sind wie menschliche Wesen, fangen klein und schmal an und endigen mit breiten Schultern und weiter Mündung. Ihr seht den Ausfluß nicht, weil er zwischen hohen, steilen Höhen hingeht, und die Fichten und Schierlings- tannen und Linde» darüberherhängen, wie ein Dach über ein Hans. Wenn der alte Tom nicht in dem ,Rattenloch' ist, so muß er in 47 den Strom geschwommen sein; wir wollen ihn zuerst in dem Loch suchen, nnd dünn nach dem Ausfluß hinfahren." Im Weiterrudern erklärte Hurry, es sei hier eine seichte Bucht, gebildet durch einen langen, niedern Vorsprung, der den Namen Rattenloch bekommen, von dem Umstand, weil sie ei» Lieblingsaufenthalt der Bisamratze war, nnd die eine so genügende Zuflucht für die Arche darbot, daß ihr Besitzer gar gern daselbst lag, so oft er es passend fand. „Da ein Mann in diesem Theile des Landes nie weiß, was er für Besuche bekomme» kann," fuhr Hurry fort, „so ist es ein großer Vortheil, wenn man sie recht besehen kan», ehe sie zu nahe komme». Jetzt, wo Krieg ist, ist eine solche Vorsicht noch nützlicher als in gewöhnlichen Zeiten, da ein Canadier oder ein Mingv in seine Hütte komme» konnte, che er sie cinlüde. Aber Hutter ist ein ansbündiger Späher, nnd wittert Gefahren so prächtig, wie nur immer ein Hund das Wild." „Ich meine das Kastell ist so offen, daß es gewiß Feinde an- lvcken müßte, wenn einmal solche den See auffänden; was freilich, wie ich zngebe, unwahrscheinlich genug ist, da es außer der Fährte der Forts nnd der Ansiedelungen liegt." „Ha, Wildtödter, ich bin ans die Ansicht gekommen, daß ein Mann leichter Feinden begegnet als Freunde». Es ist wunderlich zu denken, ans wie manchen Gründen man der Feind von Einem werden kann, und aus wie wenigen sein Freund. Manche heben die Streitaxt auf, weil Ihr nicht gerade so denkt wie sic, Andere, weil Ihr ihnen in denselben Ideen voranlanft; nnd ich kannte einmal einen Vagabunden, der mit einem Freunde Händel anfiug, weil dieser ihn nicht für schön hielt. Nu», Ihr seid auch kein Wunderwerk, was die Schönheit anbetrifft, Wildtödter, aber doch würdet Ihr nicht so unvernünftig sein, und mein Feind werden, weil ich Euch das geradeheraus sage." »Ich bin, wie mich Gott geschaffen hat, und ich wünsche nicht für besser noch für schlechter zn gellen. Ein schönes Anssehen mag mir fehlen, das heißt in dem Maaße, wie es die Leichtsinnigen nnd Eiteln verlangen, aber ich hoffe, es fehlt mir nicht an Lob und Empfehlung, was guten Wandel betrifft. Es gibt wenig Männer, die stattlicher anssehen als Ihr, Hurry; nnd ich weiß, daß ich mir nicht Rechnung machen darf, es werde Jemand das Auge auf mich richten, wenn Einer wie Ihr daneben steht; aber ich wüßte nickt, daß ein Jäger darum weniger erfahren sein sollte mit der Büchse, oder weniger zuverlässig in Herbeischaffnng der Nahrung, weil er nicht bei jeder Hellen Quelle, ans die er stößt, Halt zu mache» verlangt, um sein Antlitz im Wasser zu studircn." Hier brach Hnrry plötzlich in ein lautes Gelächter ans; denn während er zn gleichgültig war, um sich viel zn bekümmern um seine offenbaren körperlichen Vorzüge, war er sich ihrer doch wohl bewußt, und wie die meisten Menschen, welche durch den Zufall der Geburt oder der Natur begünstigt sind, dachte er mit Wohlgefallen und Behagen daran, so oft ihm der Gegenstand vor die Seele trat. „Nein, nein, Wildtödter, Ihr seid keine Schönheit, wie Ihr selbst bekennen werdet, wenn Ihr nur über das Canoe hinausschauen wollt," rief er; „Judith wird Euch das in's Gesicht sage», wenn Ihr sie aufbringt, denn eine losere Zuugc ist nicht zu finden in einem Mädchenkopf innerhalb oder außerhalb der Ansiedlungcu, wenn Ihr sie reizt, sie zn brauchen. Mein Rath a» Euch ist, Judith nie zu belästigen; aber der Hetty könnt Ihr Alles sagen, und sie wird es anfuehmen so sanft wie ein Lamm. Nein, Judith wird Euch vermnthlich ihre Meinung von Eurem Aussehen gar nicht sagen." „Und wenn sie cs thnt, Hurry, wird sie mir nicht Mehr sagen, als Ihr mir schon gesagt —" „Ihr werdet doch nicht warm werden über eine kleine Bemerkung, Wildtödter, hoffe ich, wo gar keine Absicht war zu kränken. Ihr seid keine Schönheit, wie Ihr selbst wissen müßt, »nd warum sollten Freunde einander solche Kleinigkeiten nicht sagen? Wenn Ihr schon wäret, oder es je zu werden Aussicht hättet, so märe ich Einer der Ersten, der es Euch sagte; und das sollte Euch zufrieden stellen. Wenn nun Jude mir sagte, ich sei so häßlich wie die Sünde, ich würde es als eine Art Kompliment nehmen, und mich bestreben, ihr nicht zu glauben." „Es ist für Solche, welche die Natur begünstigt hat, leicht, über solche Dinge zu spaße», Hnrry, aber manchmal hart für Andere. Ich will nicht läugnen, daß auch ich den Wunsch gehabt habe, gut anszusehen, ja das habe ich; aber ich habe doch immer vermocht, den Wunsch zu unterdrücken durch die Erwägung, wie Viele ich gekannt habe mit schönen Außenseiten, die innerlich Nichts hatten, sich dessen zu rühmen. Ich will nicht läugnen, Hnrry, daß ich oft wünschte, ich wäre ansprechender geschaffen für das Auge, mehr wie Einer Euresgleichen in diesen Punkten; aber dann überwinde ich diese Gefühle durch den Gedanken, wie viel besser ich dran bin in gar vielen Hinsichten, als manche meiner Mitgesebvpfe. Ich hätte ja können lahm geboren werden, und untüchtig selbst zur Eichhornjagd, oder blind, was mich mir selbst, wie meinen Freunden zu einer Last gemacht hätte, oder des Gehörs entbehrend, was mich ganz unfähig gemacht haben würde, in's Feld und auf Kundschaft zu ziehen, worauf ich dockt rechne, als einen Theil von des Mannes Pflichten in unruhigen Zeiten. Ja, ja; es ist nicht angenehm, ich will es gestehen, Leute zu sehen, die hübscher, und mehr gesucht und geehrt sind, als man selbst ist; aber es läßt sich Alles ertrage», wenn ei» Mann dem Uebel in's Gesicht schaut, und seine Gaben und Verpflichtungen nicht mißkennt." Hnrry war im Wesentlichen ei» herzguter wie ein gntmüthiger Gesell, und die Selbsterniedrigung seines Genossen trug den vollständige» Sieg über das flüchtige Gefühl persönlicher Eitelkeit davon. Ihn ren'te die Anspielung, die er auf das Acußere seines Der Wildtödter. 4 50 Freundes gemacht, und er suchte dies; auch ansznsprechen, obwohl in der derben Weise, welche den Gewohnheiten und Ansichten des Granzers entsprach. „Ich wollte Euch nicht beleidigen, Wildtödter," erwiederte er in begütigendem Tone, „und ich hoffe, Ihr werdet vergessen, was ich gesagt habe. Wenn Ihr nicht gerade schön seid, so habt Ihr doch einen gewissen Zug, der deutlicher sagt als Worte, das; innen Alles richtig ist. Dann legt auch Ihr keinen Werth aus äußeres Aussehen, und werdet »m so eher eine kleine Bemerkung über Eure leibliche Erscheinung vergeben. Ich will nicht sagen, daß Jude Euch sehr bewundern werde, denn das könnte Hoffnungen in Euch erwecken, die in getauschter Erwartung endigen mußten; aber da ist Hetty, die wahrscheinlich Euch mit ebenso großer Genng- thnnng sehen würde, wie irgend einen andern Mann. Und dann seid Ihr auch zu ernst »nd bedächtig, um Euch viel um Judith zu kümmern; denn, obgleich das Mädchen wirklich ganz besonder ist, ist sie doch so allgemein in ihrer Bewunderung, daß ein Mann sich Nichts darauf einbilden darf, wenn sie zufällig gegen ihn lächelt. Ich denke manchmal, die Hexe liebt sich selbst mehr, als irgend eine andre Kreatur." „Wenn sie das thnt, Hnrry, würde sie nicht mehr thnn, besorg' ich, als die meisten Königinnen auf ihren Thronen und Damen in den Städten," erwiederte Wildtödter lächelnd, und wandte sich um gegen seinen Begleiten; jede Spur von Empfindlichkeit ans seinem ehrlichen und offenen Gesicht war verschwunden. „Ich habe noch nie Jemand selbst unter den Delawaren kennen gelernt, von dem Ihr nicht das Gleiche sagen könntet. Aber hier ist das Ende des langen Vorsprungs, wovon Ihr spracht, und das.Rattenloch" kann nicht weit entfernt sein." Diese Landspitze, statt wie alle andern sich hervorznschicben, lief in Einer Linie hin mit dem Hauptufer des Sce's, der hier in eine tiefe Bucht znrücktrat, südlich sich wieder nmbiegend in 51 der Entfernung einer Viertelmeile, und durchschnitt das Thal, die südliche Gränzc des Wassers bildend. In dieser Bucht war Hnrry beinahe gewiß, die Arche zu finden, weil sie, hinter den Bäumen ankernd, welche den schmalen Streifen der Landspitze bedeckten, hier einen ganzen Sommer liegen konnte, allen Späherangcn verborgen. So vollständig war in der That dies; Versteck, daß ein Boot, dicht am Gestade, innerhalb der Landzunge und nahe am Busen der Bai hinfahrend, nur in Einer Richtung her zu sehen möglich war, nämlich von einem Punkt des dichtbewaldeten Ufers, der vom Wasser bespült wurde, wohin Fremde nicht leicht kommen konnten. „Wir werden bald die Arche sehen," sagte Hnrry, als das Canoe um die äußerste Spitze des Landes herumfuhr, wo das Wasser so tief war, daß cs wirklich schwarz schien; „er liebt cs, sich im Buschwerk und Rohr zu verkriechen, und wir werden binnen fünf Minuten in seinem Nest sein, obwohl der alte Kerl selbst vielleicht fort und bei den Fallen ist." Marchs Prophezeihnng ging nicht in Erfüllung. Das Canoe umfuhr die Landzunge ganz, so daß die beiden Reisenden im Stande waren, die ganze Bucht, oder Bai, denn das war es eigentlich, zu übersehen, aber kein Gegenstand, außer solchen, welche von Natur da waren, wurde sichtbar. Das friedliche Wasser dehnte sich in einer anmnthigen Krümmung, die Binsen beugten sich leise ans seinen Spiegel herab, und die Bäume hingen darüber hin wie gewöhnlich; aber Alles lag da in der wohlthnenden, erhabenen Einsamkeit einer Wildniß. Die Scene war so, daß ein Dichter oder Künstler darüber in Entzücken gerathen wäre, aber sie hatte keinen Reiz für Hnrry Harry, der vor Ungeduld brannte, seiner leichtsinnigen Schönheit ansichtig zu werden. Die Bewegung des Canoe's hatte wenig oder kein Geräusch verursacht, da die Gränzmänner überhaupt die Gewohnheit annah- men, bei allem ihrem Thun und Treiben die größte Behutsamkeit 62 finstre Blick, den sie Hurry znwarf, obwohl nur erheuchelt und schelmisch, diente ihre Schönheit noch mehr hcransznheben, indem er das Spiel einer ausdrucksvollen aber lanuenhafteu Miene zeigte, eines Gesichts, das mit Leichtigkeit und ohne Anstrengung vom Sanften in's Ernste, vom Fröhlichen in's Znrückstoßcnde überzn- gehen schien. Ei» zweiter Blick erklärte die ganze lleberraschnng. Ohne es zu wissen, hatten die Männer neben der Arche Halt gemacht, welche mit gutem Bedacht war versteckt worden, in den zu diesem Bchufe zurecht geschnittenen und geordneten Gebüschen; »nd Judith Hutter hatte nur das Laub, das ein Fenster bedeckte, wegge- schvben, um ihr Gesicht zu zeigen und mit ihnen zu sprechen. Viertes Kapitel. Und nicht scheu't in Furcht das schüchterne Neh, Wenn zu seinem Gemach ich mich stehle; Und theu'r ist die Maiviole mir. Und den Lack besuch' ich, der rieselt hier, Daß die Blume mir lade die Seele. Bryant. Die Arche, wie man die schwimmende Behausung des Hutters gemeinhin nannte, mar ein sehr einfaches Werk. Eine große Fläche oder Fähre bildete den schwimmenden Thcil des Fahrzeugs, und in dessen Mitte, die ganze Breite, und etwa zwei Drittheile der Länge einnehmend, stand ein niedriges Gerüste, in seinem Ban dem Kastell ähnlich, obwohl von so leichtem Material, daß cs kaum einer Flintenkngel widerstand. Da die Seiten des platten Fahrzeuges etwas höher waren als gewöhnlich, »nd das Innere der Kajüte oder der Hütte nicht höher war, als die Bequemlichkeit durchaus erforderte; so nahm sich der ungewöhnliche Anssatz weder 63 sehr plump aus, noch fiel er sehr in's Auge. Kurz, das Ganze war nicht viel verschieden von einem modernen Kanalbovt, obwohl roher gebaut, von größerer Breite als gewöhnlich, und an den mit Borke bedeckten Balken noch die Spuren der Wildniß an sich tragend. Die Fahre war jedoch mit einiger Geschicklichkeit zusammengesetzt, für ihre Stärke verhältnißmäßig leicht und gut zu handhaben. Die Kajüte war in zwei Gemächer getheilt, deren eines als Wohnzimmer und Schlafstätte für den Vater diente, das andere aber den Töchtern zur Benützung überlassen war. Eine sehr einfache Einrichtung diente als die Küche, die ans dem einen Ende der Fähre angebracht mar, und von der Kajüte entfernt, frei und offen dastand; denn die Arche überhaupt war eine Sommerwohnung. Der Versteck, in dem sie lag, läßt sich eben so leicht erklären. An manchen Stellen des See's und Flusses, wo die Ufer steil und hoch waren, überhingen die kleineren Bäume und die größeren Gebüsche, wie schon erwähnt, das Wasser gänzlich, und ihre Zweige tauchten sich nicht selten ganz darein ein. Hin und wieder wuchsen sie in beinahe horizontalen Linien dreißig bis vierzig Fuß seitlich herein. Da das Wasser dnrchgchends am tiefsten war an den Küsten, wo die Ufer am höchsten und am meisten sich dem Senkrechten näherten, war es Huttern nicht schwer gefallen, die Arche unter ein svlches versteckendes Obdach zu lenken, wo sie vor Anker lag, und wo man sie nicht sollte bemerken können; denn nach seiner Ansicht erforderte die Sicherheit solche Vorsichtsmaßregeln. Nachdem sie einmal unter den Bäumen und Gebüschen war, bewirkten einige an den Enden der Zweige befestigte Steine, daß sie sich tief genug in den Fluß hinnnterbvgen; und einige abgehauene Büsche, gehörig vertheilt, thaten das klebrige. Der Leser hat schon gesehen, daß dies; Versteck vollständig genug war, um zwei an die Wälder gewöhnte Männer zn täuschen, die doch gerade auf die Entdeckung der verborgenen Arche ans waren, und dieß 64 werden Solche leicht begreifen, welche bekannt sind mit der wuchernden Ueppigkcit nnd Dichtheit eines jungfräulichen amerikanischen Waldes, zumal auf reichem und gutem Boden. Die Entdeckung der Arche machte sehr verschiedene Eindrücke auf unsere beiden Abenteurer. Sobald das Canoe an die geeignete Oeffnnng hinangebracht werden konnte, sprang Hurry au Bord, und war »ach einer Minute schon tief verwickelt in ein munteres, gewissermaßen scheltendes Gespräch mit Judith, allem Anschein nach das Dasein der ganzen übrigen Welt vergessend. Nicht so Wildtödter. Er betrat die Arche mit langsamem, vorsichtigem Schritt, nnd prüfte jede Einrichtung des Verstecks mit neugierigem, forschendem Auge. Allerdings warf er einen bewundernden Blick auf Judith, den ihm ihre glänzende und eigenthümliche Schönheit abgewann; aber selbst diese konnte ihn nur einen Augenblick abhalten, dem Interesse, das ihm Hutters schlaue Einrichtungen einflößten, nachzngeben. Schritt für Schritt besichtigte er die Con- struciion der eigenthümliche» Behausung, erforschte die Stärke nnd Festigkeit derselben, versicherte sich der Vertheidigungsmittel, nnd stellte alle die Untersuchungen an, die sich von selbst einem Mann darboten, dessen Gedanken hauptsächlich mit solchen Kunstgriffen »nd Hilfsmitteln sich beschäftigten. Auch das versteckende Obdach ward nicht außer Acht gelassen. Er untersuchte es genau nach seiner ganzen Beschaffenheit, »ud mehr als einmal wurde sein Beifall in hörbaren Lobsprüchen laut. Da die Sitten der Gränz- männer eine solche Ungezwungenheit gestatteten, schritt er durch die Gemächer, wie früher im Kastell, öffnete eine Thüre, und trat auf das Ende der Fähre, entgegengesetzt dem, wo er Hnrry nnd Judith verlassen hatte. Hier traf er die andere Schwester mit einer groben Nadelarbeit beschäftigt, unter dem belaubten Baldachin des Schutzdachs sitzend. Da Wildtödters Besichtigung nnd Prüfung nunmehr beendigt war, ließ er den Kolben seiner Büchse sinken, nnd wandte sich, 65 mit beiden Händen auf den Lauf sich stutzend, zn dem Mädchen mit einem Interesse, welches die ausgezeichnete Schönheit ihrer Schwester nicht in ihm geweckt hatte. Er hatte sich ans Hnrry's Acußernngcn so viel abgenommen, daß Hetty dafür galt, weniger Einsicht zn besitzen, als gewöhnlich menschlichen Wesen zugethcilt ist; und seine indianische Bildung hatte ihn gelehrt; diejenigen, die so von der Vorsehung heimgesncht waren, mit ungewöhnlicher Zartheit zn behandeln. Auch lag in der äußern Erscheinung der Hetty Hutter Nichts, was, wie so oft der Fall ist, das Interesse hätte schwächen können, das ihr Zustand erregte. Blödsinnig konnte man sie nicht eigentlich nenne», denn ihr Geist war nur gerade so weit schwach, daß er die meisten jener Züge verlor, welche mir den Eigenschaften der berechnenden Schlauheit znsammcnhängen, dagegen seine Aufrichtigkeit und Liebe zur Wahrheit behielt. Es war öfters in Bezug ans dies; Mädchen von den Wenigen, die sie gesehen, und welche genügsame Einsicht zum richtigen Unterscheiden besaßen, bemerkt worden, daß ihr Erkennen des Rechten beinahe instinktmäßig und intuitiv schien, mährend ihr Widerwillen gegen das Unrecht einen so anszeichnendcn Zug ihres Gemüths ansmachte, daß sie gleichsam in einer Atmosphäre reiner Sittlichkeit sich bewegte; und diese Eigenthümlichkeitcn trifft man nicht selten bei schwachsinnig genannten Mensche»; gleich als hätte Gott den bösen Geistern gemehrt, in ein so schutzloses Gebiet cinzndringen, mit der gnädigen Absicht, einen unmittelbaren Schutz Denjenigen angedcihen zn lassen, welche ohne die gewöhnlichen Kräfte und Hilfsmittel der menschlichen Natur geblieben waren. Auch ihre Person war angenehm, da sie ihrer Schwester stark glich, von welcher sie ein gedämpftes und bescheidenes Nachbild zn sein schien. Wenn sie nichts von Judiths Glanz besaß, so verfehlte doch der ruhige, friedliche, beinahe heilige Ausdruck ihres sanften Gesichts selten, den Betrachter für sie cinznnehmen; nnd Wenige sahen sic Der Wildtödter. 5 langer, ohne eine tiefere und bleibende Theitnahme für das Mädchen zu fühlen. Sie hatte für gewöhnlich keine Farbe, auch war ihr einfacher Geist nicht im Stande, Bilder anfznrnfen, die ihre Wange hätten auflcuchten machen; aber ste behauptete eine ihr so angeborne Sittsamkeit, daß sie dadurch beinahe zu der arglosen Reinheit eines für menschliche Schwächen unzugänglichen Gcmüthes erhoben wurde. Harmlos, unschuldig, ohne Mißtrauen, sowohl von Natur als vermöge ihrer Lebensweise, hatte die Vorsehung sie dennoch gegen Anfechtungen beschirmt durch eine Art von sittlichem Heiligenschein, „den Wind zu sänftigen dem geschorenen Lamme", wie das Sprichwort sagt. „Ihr seid Hetty Hutter," sagte Wildtödter, in der Art, wie man sich selbst unbewußt eine Frage macht, und zwar mit einer sanften Güte in Ton und Wesen, die ganz geeignet war, ihm das Vertrauen der so Angeredeten zu gewinnen — „Hnrry Harry hat mir von Euch gesagt, »nd ich weiß, Ihr müßt das Kind sein." „Ja, ich bin Hetty Hutter," versetzte das Mädchen mit leiser, süßer Stimme, welche durch die Natur und einige dazu gekommene Erziehung vor Gemeinheit des Tons und des Ausdrucks bewahrt geblieben war; „ich bin Hetty, der Judith Hutter Schwester und Thomas Hutters jüngste Tochter." „Sv weiß ich denn Eure Geschichte, denn Hnrry Harry plaudert tüchtig, und er geht frei heraus mit seinen Reden, wenn er ans andrer Leute Angelegenheiten zu sprechen kommt. Ihr bringt den größten Theil Eures Lebens ans dem See zu, Hetty?" „Ja wohl, Mutter ist todt; Vater ist ans auf's Fallenstellen, und Judith und ich bleibe» zu Hause. Wie ist Euer Name?" „Das ist eine Frage, die sich leichter thnn als beantworten läßt, junges Weib; in Betracht, daß ich noch so jung bin, und doch schon mehr Namen getragen habe, als manche der größten Häuptlinge in ganz Amerika." „Aber Ihr habt doch einen Namen? Ihr werft doch nicht einen Namen weg, bevor Ihr ans ehrliche Weise zu einem andern gekommen?" „Ich hoffe so, Mädchen, ich hoffe so. Meine Namen sind mir natnrlieb gekommen, und ich denke, derjenige, den ich jeyt trage, wird nicht von langer Dauer sein, denn die Delawaren bestimmen selten den wahren Namen und Titel eines Mannes fest, bis zn der Zeit, wo er Gelegenheit gehabt, sein wahres Wesen im Nath oder ans dem Kriegspfad zn zeigen, was mir noch nie zn Theil geworden ist; angesehen, erstlich, daß ich, nicht als Nothhant geboren, kein Recht habe, in ihren Versammlungen zu sitzen, und viel zn niedrig bin, als daß ich von den Vornehmen meiner Farbe sollte um meine Meinung befragt werden; und fnr's Zweite, weil dieß der erste Krieg ist, der in meine Zeit gefallen, »nd noch kein Feind weit genug in die Kolonie eingebrochen, der durch einen auch längeren Arm als der meinige zn erreichen gewesen wäre." „Sagt mir Eure Namen," erwiederte Hetty, ihn arglos an- schanend, „und vielleicht sage ich Euch dann Euren Charakter." „Darin liegt einige Wahrheit, ich will cs nicht längnen, obgleich es oft fehl trifft. Die Menschen täuschen sich im Charakter- Anderer, und geben ihnen häufig Namen, die sie in keiner Weise verdienen. Die Wahrheit hiervon könnt Ihr sehen an den Mingo- Namen, die, i» ihrer Sprache, dieselben Dinge bezeichnen, wie die Delawaren-Namen — so sagt man mir wenigstens, denn ich weiß wenig von diesem Stamm, außer dnrch's Gerücht — und Niemand kann sagen, daß sie eine eben so redliche und gerade Nation sind. Ich lege daher kein sehr großes Gewicht auf Namen." „Sagt mir alle Eure Namen," wiederholte das Mädchen ernst, denn ihr Gcmnth war zn einfältig, um die Dinge von den Namen zn scheiden, die sie tragen, und sic legte einem Namen große Wichtigkeit bei. „Ich möchte wissen, was ich von Euch zn denken habe." 68 „Nun, gewiß; ich habe Nichts dagegen, und Ihr sollt sie alle erfahren. Für's Erste denn, bin ich ein Christ und weiß geboren, wie Ihr, und meine Eitern hatten einen Namen, der sich vom Vater ans den Sohn vererbte, als ein Theil ihrer Gaben und Ausstattung. Mein Vater hieß Bnmppo; und ich ward natürlich genannt wie er, und der mir gegebene Name war Nathanael, oder Natty, wie die meisten Leute ihn abzukürzen beliebten." „Ja, ja — Natt» — und Hctt» —" unterbrach ihn rasch das Mädchen, »nd schaute wieder mit einem Lächeln von ihrer Arbeit ans, „Ihr seid Natty und ich bin Hett» — obgleich Ihr Bnmppo heißt und ich Hutter. Bnmppo ist nicht so hübsch wie Hutter, oder doch?" „Nun, das kommt ans der Leute Geschmack an. Bnmppo klingt nicht erhaben, ich geb' es zu, und doch haben sich Menschen damit durch die Welt geschlagen. Ich lies jedoch nicht sehr lange unter diesem Namen; denn die Dclawaren entdeckten bald, oder glaubten zu entdecken, daß ich dem Lugen nicht ergeben mar, und sie nannten mich zuerst: ,Geradznngc'." „Das ist ei» guter Name," unterbrach ihn Hett» ernst und in bestimmtem Tone; „sagt mir doch nicht, es wohne in den Namen keine Kraft und Tugend!" »Ich sage das nicht, denn vielleicht verdiente ich den Namen, da Lugen bei mir nicht, wie bei Manchen, in Gunst sind. Nach einiger Zeit entdeckten sie, daß ich rasch zu Fuß war, und da nannten sie mich: ,die Taube'; denn dieser Vogel hat, wie Ihr wißt, eine schnelle Schwinge nnd stiegt in gerader Richtung." „Das war ein hübscher Name!" rief Hetty; „Tauben sind hübsche Vögel." „Die meisten Dinge, die Gott geschaffen, sind hübsch in ihrer Art, mein gutes Mädchen, obgleich sie dann von den Menschen entstellt nnd verkehrt werden, so daß sie ihre Natur wie ihre äußere Erscheinung ändern. Vom Botschafttragcn und vom 69 Anfspüren blinder Fährten brachte ich es endlich dahin, de» Jägern falzen zu dürfen, da man glaubte, ich sei rascher und sicherer in Auffindung des Wildes als die meisten jungen Burschen, und da nannten sie mich .Schlappohr", weil ich, wie sie sagten, die Spür- kraft eines Hundes besäße." „Der Name ist nicht so hübsch," bemerkte Hetty. „Ich hoffe, den behieltet Ihr nicht lange." „Nicht länger, als bis ich reich genug war, eine Büchse zu kaufen," crwiedcrte der Andere, und sein sonst so gelassenes und ruhiges Wesen vcrrieth doch einigen Stolz; „da zeigte sich's, daß ich einen Wigwam mit Wildpret zu »ersehen vermochte; »nd bald bekam ich den Namen .Wildtödter", den ich jetzt noch trage; — ein niedriger Name, nach der Ansicht von Manchen, die mehr Werth in den Skalp eines Mitmenschen setzen, als in das Geweih eines Hirsches." „Nun, Wildtödter, zu diesen gehöre ich nicht," versetzte Hetty arglos. „Judith liebt sich Soldaten und schimmernde Kleider und schone Federn; aber mir gelten alle die Nichts. Sie sagt, die Offiziere seien vornehm »nd munter, »nd führen eine so sanfte Sprache; aber mich machen sic schaudern, denn ihr Berns ist, ihre Mitmenschen zu tödten. Euer Beruf gefällt mir besser; und Euer letzter Name ist ein recht guter; — besser als Natty Bumppo." „Das ist ganz Eurer Gemüthsart gemäß und natürlich, Hetty, und gerade so, wie ich es erwartet. Man sagt mir, Eure Schwester sei schön — ungemein schön für eine Sterbliche; und die Schönheit macht geneigt, Bewunderung zu suchen." „Habt Ihr Judith nie gesehen?" fragte das Mädchen mit raschem Ernst; „wenn dies; ist, so geht sogleich und beschaut sie. Selbst Hnrry Harry ist nicht hübscher anzusehen, obgleich sie ein Weib ist, und er ein Mann." Wildtödter betrachtete einen Augenblick das Mädchen mitTheil- nahme. Ihr blasses Gesicht hatte sich ein wenig geröthet und ihr 70 gewöhnlich so mildes und sanftes Auge geflammt bei jenen Worte», die ihre inneren Regungen verriethen. „Ja, Hnrry Harry," murmelte er vor sieb hin, indem er durch die Kajüte nach dem andern Ende der Arche schritt; „das kommt vom guten Aussehen, wenn nicht auch eine leichtfertige Zunge ihren Antheil daran hat. Es ist leicht zu sehen, wohin sich die Gefühle des armen Geschöpfes neigen, wie es min auch mit der Judith stehen mag." Aber eine Unterbrechung erlitten die Galanterie Hnrry's — die Koketterie seiner Geliebten — das Nachdenken Wildtödters und die zärtlichen Gefühle Hetty's durch das plötzliche Erscheinen des Canoe's, das den Besitzer der Arche brachte, in der schmalen Ocff- nnng zwischen den Gebüschen, die als eine Art Wassergraben seiner festen Stellung diente. Es schien, daß Hutter, oder Floating Tom, wie ihn alle Jäger vertraulich nannten, welche mit seiner Lebensart bekannt waren, das Canoe Hnrry's erkannt hatte, denn er zeigte durchaus kein Erstaunen, ihn auf der Fähre zu finden. Im Gegentheil war seine Begrüßung der Art, daß sie nicht nur Zufriedenheit verrieth, sondern selbst Freude, gemischt mit etwas Verdruß darüber, daß er nicht einige Tage früher gekommen. „Ich erwartete Euch vorige Woche," sagte er in halb brummendem, halb freundlich grüßendem Tone, „und war ungemein verdrießlich, daß Ihr nicht kämet. Es kam ei» eilender Bote durch, um die Jäger aller Gattungen zu benachrichtigen, daß die Kolonie und die Canada's wieder in Unruhe und Hader seien; und ich fühlte mich gar einsam in diesen Gebirgen, mit drei Skalpen, die ich zu bewachen habe, und nur zwei Armen, sic zu schützen." „Das ist natürlich," versetzte March; „und es hieß dieß nur als Vater fühlen. Ohne Zweifel, wenn ich zwei Töchter hätte, wie Judith und Hetty, wüßte ich aus eigener Erfahrung dieselbe Geschichte zu erzählen, obgleich ich in der Regel eben so zufrieden 71 bi», wen» de» nächste Nachbar fünfzig Meilen weit von mir entfernt, als wenn er innerhalb Rnfesweite in meiner Nähe ist/' „Trotzdem mochtet Ihr nicht allein in die Wildnis; kommen, nachdem Ihr wußtet, das; die Wilden in Canada sich wahrscheinlich regen werden," verfehle Hutter, einen halb mißtrauischen und zugleich forschenden Blick auf Wildtödter werfend. „Warum sollte ich auch? Man sagt, ei» schlechter Begleiter auf einer Reise hilft doch den Weg verkürzen, und diesen jungen Mann rechne ich für einen recht guten. Es ist Wildtödter, alter Toni, ein berufener Jäger unter den Delaware», dazu als Christ geboren und erzogen, wie Ihr und ick. Der Junge ist vielleicht nicht vollkommen, aber es gibt schlechtere Männer in dem Land, wo er herkommt, und wahrscheinlich findet er in dieser Gegend der Welt Manchen, der nicht besser ist. Sollten wir in de» Fall kommen, unsere Fallen und unser Gebiet vertheidigen zu müssen, so wird er uns Dienste leisten und Nahrung anschaffen; denn er ist ein ganzer Wildpretschütze." „Jnnger Manu, Ihr seid willkommen," brummte Tom, eine harte, knöchernde Hand dem Jüngling znm Pfand seiner Aufrichtigkeit hinstreckcud; „in solchen Zeiten ist ein Bleichgesicht das Gesicht eines Freundes, und ick zähle auf Euch als einen Beistand. Kinder machen manchmal ein männliches Herz schwach, und diese meine zwei Töchter machen mir mehr Unruhe, als alle meine Fallen, Häute und Rechte im Land." „Das ist natürlich!" rief Hurry. „Ja, Wildtödter, Ihr und ich wissen das noch nicht auS Erfahrung; aber Alles znsammen- genommcn, sehe ich das als natürlich au. Wenn wir Töchter hätten, ist cs mehr als wahrscheinlich, daß wir auch solche Gefühle hätten; und ich schätze den Mann, der sie bekennt. Was Judith betrifft, Alter, so schreibe ich mich sofort als ihr Soldat ein, und hier ist Wildtödter, um Euch Hetty beschützen zu helfen." „Großen Dank Euch, Meister March," versetzte die Schöne l 72 mit einer vollen, metallreichen Stimme, nnd mit einer Richtigkeit des Ansdrncks nnd der Betonung, die sie überhaupt mit ihrer Schwester theilie, und welche bewies, daß sie mehr Unterricht genossen, als ihres Vaters Lebensweise nnd äußere Erscheinung eigentlich vermnthen ließen; „großen Dank Euch; aber Judith Hutter besitzt so viel Einsicht nnd Erfahrung, daß sic sich mehr auf sich selbst verläßt, als auf gut anssehende Landstreicher wie Ihr. Sollte es nöthig werden, de» Wilden entgegenzutreten, so landet Ihr mit meinem Vater, statt Euch in Hutten zu verschlnpfen, unter dem Vorwand, uns Weiber zu vertheidigen, nnd — " „Mädchen, Mädchen," fiel ihr der Vater in's Wort, „zügle deine glatte, kecke Zunge und höre die Wahrheit an. Schon sind Wilde am Ufer des See's, nnd Niemand kann sagen, wie nahe sic uns in diesem Augenblicke sein mögen, oder wann wir mehr von ihnen zu hören bekommen!" „Wenn dieß wahr ist, Meister Hutter," sagte Hnrry, in dessen Mienen ein Wechsel eintrat, der verricth, wie ernstlich er die Nachricht nahm, obgleich Nichts von unmännlicher Unruhe zeugte; „wenn dieß wahr ist, so befindet sich Eure Arche in der ungünstigsten Stellung; denn obschon das Schutzdach Wildtödter und mich täuschte, würde sie doch kaum übersehen werden von einem Vollblut-Indianer, der ernstlich auf die Jagd nach Skalpen ansginge." „Ich denke wie Ihr, Hnrry, nnd wünsche von ganzem Herzen, wir lägen in diesem Augenblicke anderswo, als in diesem engen, krummen Fluß, der viele Vortheilc für ein Versteck darbietet, aber den Entdeckten beinahe sicheres Verderben bringt. Zudem sind uns die Wilden nahe, und die Schmierigkeit ist, ans dem Fluß herasssznkommen, ohne znsammengeschoffen zu werden wie Wild, das am Trinkplatz steht!" „Seid Ihr gewiß, Meister Hutter, daß die Rothhänte, die Ihr fürchtet, wirkliche Canadier sind?" fragte Wildtödter mit bescheidenem, aber ernstem Wesen. „Habt Ihr Einen gesehen? und könnt Ihr ihre Bemalung beschreiben?" „Ich bin ans Anzeichen gestoßen, daß sic in der Nähe sind, habe aber Keinen gesehen. Ich war eine Meile oder so stromabwärts, um nach meinen Fallen zu sehen, als ich ans eine frische Spur stieß, welche über das Ende eines Morastes ging und nach Norden zu wies. Der Mann war noch nicht eine Stunde des Weges gekommen, und ich erkannte die Fußstapfe als die eines Indianers an der Gestalt des Fußes und der Zehen, selbst noch ehe ich einen vertragenen Mokasin fand, de» der Eigenthinner als unbrauchbar weggeworfen. Und dann fand ich die Stelle, wo er Halt machte, um sich einen neuen zu verfertigen, nur ein paar Schritte von der entfernt, wo er den alten weggeworfen." „Das sicht einer Rothhant auf dem Kriegspfad nicht sonderlich gleich!" versetzte der Andere mit Kopfschütteln. „Ein erfahrener Krieger wenigstens hätte solche Anzeichen seiner Wanderung verbrannt, oder vergraben, oder im Fluß versenkt; und Eure Fährte ist höchst wahrscheinlich eine ganz friedliche. Aber der Mokasin dürfte mich vielleicht sehr beruhigen, wenn Ihr daran gedacht -habt, ihn nützunehmen. Ich bin selbst hierher gekommen, um eine» jungen Häuptling zn treffen; und sein Weg läge so ziemlich in der von Euch bezeichneten Richtung. Vielleicht waren die Fnßstapfen von ihm." „Hnrry Harry, Ihr seid, hoff' ich, genau bekannt mit diesem jungen Manne, der Zusammenkünfte mit Wilden hat in einer Gegend des Landes, wo er nie früher gewesen?" fragte Hutter in einem Ton und mit einer Art, welche den Beweggrund seiner Frage deutlich vcrricthcn, da solche rohe Menschen sich selten aus Zartgefühl bedenken, ihre Gedanken und Gefühle zn verrathen. „Verrath ist eine indianische Tugend; und die Weißen, die viel unter ihren Stämmen leben, nehmen bald ihre Gewohnheiten und Kniffe an." „Wahr — wahr wie das Evangelium, alter Tom; aber nicht 7-4 anwendbar ans Wildtödter, der ein junger Mann voll Wahrhaftigkeit ist, wenn er anch sonst keine Empfehlung hätte. Ich will für seine Redlichkeit bürgen, wenn ich anch von seiner Herzhaftigkeit im Gefecht nichts sagen kann." „Ich möchte wohl wissen, was er in dieser abgelegenen Gegend zu schaffen und zu bestellen hat?" „Das ist bald erzählt, Meister Hutter," sagte der junge Mann mit der ruhigen Fassung Dessen, der ein reines Gewissen hat; „ich glaube anch selbst, daß Ihr das Recht habt, darnach zu fragen. Der Vater von zwei solchen Töchtern, der einen Sec inne hat, so wie Ihr, hat das gleiche Recht, nach dem Thun und Treiben eines Fremden in seiner Nähe sich zu erkundigen, wie die Kolonie befugt wäre, nach dem Grund zu frage», warum die Franzmänner mehr Regimenter als gewöhnlich an den Gränzen anfstellten. Nein, nein, ich bestreite Euch das Recht nicht, zu wissen, .warum ein Fremder in Eure Behausung oder in Eure Gegend kommt, in so ernsten Zeiten, wie die jetzigen sind." „Wenn dies; Eure Gesinnung ist, Freund, so laßt mich Eure Geschichte Horen ohne weitere Worte. „Sie ist bald erzählt, wie ich schon gesagt, und treulich werde ich sic Euch erzählen. Ich bin ein junger Mann und bis jetzt noch nie ans dem Kriegspfad gewesen, aber sobald die Nachricht bei den Delaware» eintraf, daß Wampnm und eine Streitaxt dem Stamme übersandt werden würden, so-wünschtcn sie, daß ich unter die Leute meiner Farbe ginge und mich für sie genau nach dem Stand der Sache erkundigte. Das that ich; und als ich nach meiner Rückkehr meinen Bericht den Häuptlingen abgestattet, traf ich einen Offizier der Krone am Schoharie, der an einige der befreundeten Stämme, die weiter westlich wohnen, Geld zu übermachen hatte. Dies; schien Chingachgook, einem jungen Häuptling, der noch nie einen Feind getroffen, und mir, eine gute Gelegenheit, in Gesellschaft auf unfern ersten Kriegspfad zu gehen; und ein alter 75 Delaware gab uns au, daß wir uns am Felsen in der Nähe des Ansgangs ron diesem Sec treffe» sollten. Ich will nicht längncn, daß Chingachgook noch einen andern Zweck hatte, aber dieser betrifft keinen der hier Anwesenden, und ist sein Geheimnis;, nicht das weinige; daher sage ich hierüber nichts weiter." „Es betrifft ein junges Weib," fiel ihm Judith hastig in's Wort; dann lachte sie über ihren eigenen Ungestüm, und hatte sogar so viel Grazie, ein wenig zu errvthen über die Art, wie sie ihre Geneigtheit, ein solches Motiv zu vermuthen, vcrrathen hatte. „Wenn es weder Krieg noch Jagd ist, so mnß es Liebe sein." „Ja, es kommt den Jungen nnd Schönen, die so viel von diesen Gefüllten hören, leicht in deck Sinn, zu glauben, sie müssen den meisten Handlungen nnd Schritten zu Grunde liegen; aber ich sage über diesen Punkt nichts. Chingachgook soll mich an diesem Felsen treffen, morgen Abend, eine Stunde vor Sonnenuntergang, worauf wir nnsern Weg zusammen fortschen wollen, Niemand störend, als des Königs Feinde, die nach Recht nnd Gesetz auch die nnsrigen sind. Da ich Hurry seit langem kannte, da er einst in unser» Jagdgebieten Fallen stellte, nnd ihm nun am Setzoharic begegnete, als er gerade im Begriff stand, ans seine Sommerzüge aufznbrechen, verabredeten wir, mit einander zu reisen, nicht sowohl ans Furcht vor den Mingo's, als ans guter Kameradschaft, und um uns, wie er sagt, den langen Weg zu verkürzen." „Und Ihr meint, die Spur, die ich gesehen, sei vielleicht die Eures Freundes gewesen, der vor seiner Zeit cingctroffen?"'sagte Hutter. „Das ist mein Gedanke, der irrig, aber auch richtig sein kann. Wenn ich aber dcnDtokastn sähe, so wollte ich in einer Minute entscheiden, ob er nach der Art der Delaware» gefertigt ist oder nicht." „Nun da ist er," sagte die schnell besonnene Judith, die schon nach dem Canoe gegangen war, ihn zu holen; gebt uns an, was er sagt: Freund oder Feind. Ihr seht ehrlich ans; nnd ich glaube Alles, was Ihr sagt, was auch Vater davon denken mag." 76 „Das ist deine Art, Jude, immer Freunde da aufzufinden, wo ich Feinde argwohne," brummte Tom; „aber sprecht nur, junger Mann, und sagt uns, was Ihr von dem Mokasin denkt." „Das ist kein Delawaren-Machwerk," versetzte Wildtödter, indem er mit umsichtigem Auge die abgetragene und weggemvrfene Fnßbedecknng prüfte; „ich bin zu jung auf dem Kriegspfade, um meine Ansicht ganz bestimmt ansznsprechen, aber ich wurde sagen: dieser Mokasin fleht nördlich ans, und kommt von jenseits der großen See'n." „Wenn dies; der Fall ist, sollten wir keine Minute länger, als »othwendig ist, hier liege» bleiben," sagte Hutter, indem er einen Blick durch das Laub des Schutzdaches warf, als besorgte er schon die Anwesenheit eines Feindes auf der andern Küste des engen und krumm fließenden Stromes. „Es fehlt nur noch eine Stunde oder so bis Nacht, und im Dunkel Bewegungen zu machen, ohne ein Geräusch, das uns verrathen müßte, wäre unmöglich. Habt Ihr nicht das Echo einer Feuerwaffe in den Bergen gehört vor einer halben Stunde?" „Ja, Alter, und die Feuerwaffe selbst," versetzte Hnrry, der jetzt die Unbesonnenheit fühlte, deren er sich schuldig gemacht; „diese ward auf meiner eigenen Schulter abgefenert." „Ich besorgte, es komme von den französischen Indianern her; immerhin kann es sie aufmerksam machen, und ein Mittel für sie sein, uns zu entdecken. Ihr thatct übel, in Kriegszeite» zu feuern, wenn nicht der Fall dringend war." „So fange ich an selbst zu denken, Oheim Tom; und doch, wenn Einer sich nicht getrauen darf, seine Büchse abzuschießen in einer Wildnis; von tausend Geviertmeilen, damit nicht irgend ei» Feind es höre: was nützt es, eine zu tragen?" Hutter hielt jetzt eine lange Berathnng mit seinen beiden Gästen, worin die Betheiligten zu einem richtigen Begriff von ihrer Lage gelangten. Er erklärte, welche Schwierigkeit der Versuch 77 haben würde, die Arche im Dunkel aus einem so engen und raschen Fluß heransznbringen, ohne ein Geräusch, das unfehlbar das Ohr der Indianer erreichen und sie aufmerksam machen mußte. Die etwa in der Nachbarschaft Hernmstreifcndeii würde» sich in der Nähe des Flusses oder des Sce's halten; aber jener hatte an vielen Orten des Ufers morastige Stellen, und mar so gekrümmt und so von Bnschwerk eingefaßt, daß es bei Tag ganz wohl möglich war, Bewegungen darauf z» machen, ohne viel Gefahr, gesehen zu werden. Mehr war vielleicht vom Ohr zu besorgen, als vom Auge, zumal so lange sie sich in den kurzen, engen, überdachten Strecken des Flusses befanden. „Ich begebe mich nie in diesen Versteck, der für meine Fallen sehr günstig gelegen und vor neugierigen Angen sicherer ist als der Sec, ohne für Mittel zu sorgen, auch wieder heransznkom- mcn," fuhr der seltsame Mann in seiner Auseinandersetzung fort, „und das geschieht leichter dnrch Ziehen und Zucken, als durch Rudern und Rucken. Mein Anker liegt oberhalb der Ausströmung im offnen See; und hier ist, wie ihr seht, ein Seil, uns dorthinauf zn ziehen. Ohne ein solches Mittel wäre cs für Ein Paar Hände ein schweres Stück Arbeit, ein Fahrzeug, wie dieses, stromaufwärts zn bringen. Auch habe ich eine Art Hebcbock, der gelegentlich das Ziehen erleichtert. Jude kann das Ruder am Hin- tertheil so gut handhaben wie ich selbst; und wenn wir keinen Feind fürchten, macht es uns wenig Mühe und Sorge, ans dem Fluß heranszukommen." „Was würden wir gewinnen, Meister Hutter, dnrch eine Aen- derung unserer Stellung?" fragte Wildtödter mit großem Ernst; «dies; hier ist ein sicherer Versteck, und vom Innern dieser Kajüte aus ließe sich eine tüchtige Vertheidigung bewerkstelligen. Ich habe noch nie an einem Gefecht Thcil genommen, außer in Ueber- lieferungen; aber mir scheint, wir könnten mit solchen Pallisaden vor uns, wie diese, zwanzig Mingo's Zurückschlagen." »Ja, ja, Ihr habt nie an Gefechten Theil genommen, anßer in Ueberliefernngen, das ist klar genug, junger Mann! Habt Ihr je eine so breite Wasserfläche wie die dort oben gesehen, ehe Ihr mit Hnrry hiehcr kämet?" „Das kann ich allerdings nicht behaupten," antwortete Wild- tödter bescheiden. „Die Jugend ist die Zeit zu lernen; und ich bin weit entfernt von dem Wunsche, meine Stimme im Rath zu erheben, ehe sie durch Erfahrung dazu berechtigt ist." „Gut denn, ich will Euch die Nachtheile des Fechtens in dieser Stellung erklären, und den Vortheil, den offene» See zn gewinnen. Hier, könnt Ihr sehen, wußten die Wilden, wohin jeden Schuß zielen; und es wäre eine zu verwegene Hoffnung, daß nicht einige ihren Weg durch die Lucken der Dielen finden sollte». Und wir dagegen hätten auf Nichts zn ziele», als auf einen Wald. Dann find wir auch hier nicht sicher vor'm Feuer, und die Borke dieses Dachs ist nicht viel besser, als ebensoviel Kienholz. Auch könnte man in meiner Abwesenheit in das Kastell eindringen und es plündern, und alle meine Besiythümer überfallen und zerstören. Einmal anf dem See, können wir nur in Boten oder auf Flößen angegriffen werden — haben alle Vortheile über den Feind — und können das Kastell mit der Arche schützen. Versteht Ihr diese Gründe, mein Junge?" „Es klingt gut; ja, es klingt vernünftig; und ich will nicht widersprechen." „Nun gut, alter Tom," schrie Hnrry; „wenn wir einmal von der Stelle wollen, je eher wir den Anfang machen, desto eher werden wir wissen, ob wir unsere Skalpe als Nachtmützen behalten oder nicht." Da dieser Vorschlag für sich deutlich war, bestritt Niemand seine Richtigkeit. Nach einer kurzen vorgängigen Erörterung trafen jetzt die drei Männer allen Ernstes ihre Vorbereitungen, die Arche in Bewegung zu sehen. Die leichten Befestigungen waren rasch 79 gelöst, und durch Ziehen an dem Taue ward die schwerfällige Masse langsam aus dem Versteck heransgewnndcn. Sobald sie von den Hemmungen durch die Zweige frei war, glitt sie in den Fluß, ganz dicht an dem westlichen Ufer hiustreifend, vermöge der Gewalt der Strömung. Keine Seele an Bord hörte das Prasseln der Zweige, als die Kajüte au den Büschen und Bäumen des westlichen Ufers anstieß, ohne ein Gefühl von Unbehagen; denn Niemand wußte, in welchem Augenblick oder an welcher Stelle ein versteckter, mörderischer Feind sich zeigen dürfte. Vielleicht trug das dämmernde Licht, das noch durch das Laubdach oben sich durchkämpfte, oder seinen Weg durch die schmale, bandartige Oeffnung fand, welche in der Luft oben den Lauf des unten strömenden Flusses zu bezeichnen schien, dazu bei, den Anschein von Gefahr zu vermehren; denn es war fast nur eben hinreichend, die Gegenstände sichtbar zu machen, ohne auf Einen Blick ihre Umrisse erkennen zu lassen. Obgleich die Sonne noch nicht ganz untergegangen war, hatte sie doch ihre unmittelbaren Strahlen vom Thal zurückgezogen; und die Tinten des Abends begannen schon die unbedeckt liegenden Gegenstände zn überschwcben, während, was im Schatten der Wälder lag, dadurch noch trüber und düsterer wurde. Keine Unterbrechung jedoch störte die Bewegung der Arche, und während die Männer fortwährend au dem Tau zogen, rückte sie stetig aufwärts; die große Breite der Fähre ließ sie nicht tief in's Wasser eiusinken und machte, daß sie der Strömung des raschen Elements, das unter ihr hinfloß, keinen großen Widerstand entgegensetzte. Auch hatte Hutter eine Vorsichtsmaßregel augewendet, die ihn die Erfahrung gelehrt, die einem Seemann Ehre gemacht hätte, und gänzlich die Hindernisse und Widerwärtigkeiten beseitigte, welche ihnen sonst ans den kurzen Windungen des Flusses entstanden wären. Beim Hinabfahre» der Arche wurden große Steine, an das Tan befestigt, mitten im Fluß versenkt, und bildeten Lokalanker, deren jeder vor dem Schleppen mittelst der weiter 80 oben befindlichen geschlitzt wurde, bis der alleroberste erreicht mar, der seinen Halt an dem eigentlichen Anker hatte, welcher recht im Sec lag. Mittelst dieser Auskunft bewegte sich die Arche aufwärts, frei und »»belästigt von den Hemmnissen des Ufers, gegen das sie sonst bei jeder Windung unvermeidlich Hingetrieben, und dadurch Verlegenheiten verursacht haben wurde, die Hutter allein nnr mit größter Mühe oder gar nicht hätte überwinden können. Gefördert durch diese Vorsicht und gespornt durch die Furcht, entdeckt zu werden, zogen Floating Tom und seine beiden athletischen Genosse» die Arche stromaufwärts mit so großer Geschwindigkeit, als nur immer die Stärke des Taues zuließ. Bei jeder Krümmung des Flusses wurde ein Stein aus der Tiefe empvrge- hvbcn, wo sich daun die Richtung der Fähre dem weiter oben liegenden Steine zu änderte. In solcher Weise, mit diesem eigens eingerichteten Fahrwasser oder Kanal, wie ein Matrose es hätte nennen können, fuhr Hutter stromaufwärts, gelegentlich mit leiser und vorsichtiger Stimme seine Freunde ermahnend, ihre Anstrengung zu verdoppeln, und dann wieder im geeigneten Falle sie warnend vor Kraftäußernngen, welche in gewissen Augenblicken durch Ucbermaaß des Eifers Alles gefährden konnten. Trotz ihrer langen, vertrauten Bekanntschaft mit den Wäldern fühlten sic doch Alle durch den düster» Charakter des verschütteten Flusses ihr Unbehagen vermehrt; und als die Arche die erste Windung im Sus- quehanuah erreichte, und das Auge der breiteren Ausdehnung des See's ansichtig wurde, fühlten Alle eine Herzenserlcichterung, die vielleicht Keiner gerne gestanden hätte. Hier ward der letzte Stein ans der Tiefe gehoben, und das Tan führte jetzt gerade auf den Anker zu, der, wie Hutter angegeben, über der Ausmündung des Flusses ausgeworfen worden war. „Gott sei Dank!" rief Hnrry, „hier ist doch Tageslicht, und wir werden bald im Fall sein, unsere Feinde zu sehen, wenn wir etwas von ihnen spüren sollten." 81 „Das ist mehr, als Ihr oder irgend ein Mensch sagen kann," brummte Hnttcr. „Es gibt keinen Play, so geeignet eine Trnppe zn verstecken, wie das Ufer nm die Mündung; nnd der Angenblick, wo wir an jenen Bänmen vorbeifahren, nnd in's offene Wasser gelangen, wird der gefahrdrohendste Zeitpunkt sein, weil da der Feind noch einen Versteck hat, während wir ihn verliere». Judith, Mädchen, dn nnd Hctty überlaßt jetzt das Ruder sich selbst nnd geht in die Kajüte hinein, nnd hütet euch, eure Gesichter an einem Fenster zn zeigen; denn Diejenigen, die sic erblickten, würden sich nicht dabei anfhalten, ihre Schönheit zn rühmen. Und jetzt Hurry, wollen wir selbst in dies; äußere Gemach treten, nnd dnrch die Thüre an dem Tan ziehen, wo wir Alle wenigstens vor einem ersten Ueberfall sicher sein werden. Freund Wildtödter, da die Strömung jetzt gelinder ist, und das Tan den erforderlichen Zug hat, so viel die Vorsicht gestattet, geht Ihr beständig von Fenster zn Fenster herum, hütet Euch aber, Euren Kopf sehen zn lassen, wenn Euch Euer Lebe» lieb ist. Niemand weiß, wann oder wo wir von unfern Nachbarn hören werden." Wildtödter gehorchte mit einer Empfindung, die Nichts von Furcht an sich hatte, wohl aber das ganze Interesse einer neue» nnd höchst aufregenden Situation. Znm erste» Mal in seinem Lebe» war er in der Nähe von Feinden, oder hatte doch guten Grund dies; zn glauben, nnd dazu noch unter Umstände», wo das Schauderhafte indianischer Ueberfälle und Listen ihm nahe gerückt war. Als er seine Stellung an einem Fenster cinnahm, fuhr die Arche gerade durch die schmälste Stelle des Flusses — den Punkt, wo das Wasser erst in das eigentliche Strombett sich ergoß, und wo die oben dicht verschlungenen Bäume das Wasser in einen Bogen von Grün sich. ergießen machten; — ein diesem Lande vielleicht so eigenthümlichcr, auszeichneuder Zug, als in der Schweiz der Umstand, daß die Flüsse im buchstäblichen Sinne ans Kammern von Eis Hervorbrechen. Der Wildtödter. 6 82 Die Arche ging eben von Freund und Feind," versetzte langsam und vorsichtig der Jäger. „Er ist Einer von den Menschen, die sprechen wie sie empfinden, so lange die Zunge eben im Gang ist, und das ist manchmal anders, als sic sprechen würden, wenn sie sich Zeit zum tteberlcgen nähmen. Da lob ich mir einen Delaware», Judith; der denkt über seine Ideen nach und wiedcrkänt sie! Feindschaft hat sie nachdenklich gemacht, und eine lose Zunge ist keine Empfehlung bei ihren Berathnngsfenern." „Ich glaube fast, Marchs Zunge läuft frei genug, wenn sie auf Judith Hutter und ihre Schwester zu reden kommt," sagte das Mädchen, anfstehend, wie in verachtender Gleichgültigkeit. „Der gute Name junger Frauenspersonen ist gar ein angenehmer Gegenstand für Manche, die den Mund nicht so weit anfzuthun wagen 107 wurden, wenn ein Bruder um den Weg wäre. Meister March mag cs lustig finden, uns zu verschwatzen; aber früher oder später wird er es bereuen!" „Nein, Judith, das heißt die Sache zu ernst nehmen. Hurry hat nie auch das leiseste Wort geredet gegen den guten Namen Hetty's, um den Anfang zu machen mit —" „Ich sehe wie es ist — ich sehe wie es ist" — unterbrach ihn Judith heftig. „Ich allein bin es, die er mit seiner giftigen Zunge zu brandmarken beliebt! — Hetty, wahrhaftig! — die arme Hetty!" fuhr sie fort, und ihre Stimme sank zu einem leisen, dumpfen Ton herab, der beinahe in ihrem Munde zu erstarren schien — „sie steht außer und über dem Bereich seiner verleumderischen Bosheit! die arme Hetty! Wenn Gott sic schwachsinnig geschaffen hat, so liegt die Sänväche ganz auf der Seite der Jrr- thümer, von welchen sie gar nichts z» wissen scheint. Die Erde trug nie ein reineres Wesen, als Hetty Hutter, Wildtödter!" „Ich kann cs glauben, — ja, ich kan» das glauben, Judith, und ich hoffe, dasselbe kann auch gesagt werden von ihrer schöne» Schwester." Es lag eine ansprechende und gutherzige Aufrichtigkeit in Wildtödters Ton, welche die Seele des Mädchens rührte: auch schwächte die Anspielung auf ihre Schönheit die Wirkung davon nicht bei ihr, welche die Macht ihrer persönlichen Reize nur zu gut kannte. Dennoch ward die leise, dünne Stimme des Gewissens nicht ganz zum Schweigen gebracht, und sie diktirte die Antwort, die sie nach einigem Nachdenken gab: „Ich glaube, Hurry hat wieder von seinen elenden Anspielungen und Winke» gegen die Leute von den Garnisonen falle» lassen," sagte sie. „Er weiß, es sind Geutlemeu, und kann nie Einem verzeihen, daß er ist, was er selbst, wie er wohl fühlt, nie werden kann." „Nicht in der Bedeutung eine» Offiziers des Königs, Judith, allerdings, denn dazu hat March gar keine Lust, aber in der wirklichen 108 Bedeutung des Wortes — worum sollte nicht ein Biberjägcr so achtbar sein, als ein Gouverneur? Da Ihr selbst davon anfangt, so will ich nicht längnen, daß er darüber klagte, daß ein Mädchen von Eurem bescheidenen Stande so viel in Gesellschaft von Scharlachröcken und seidenen Schärpen lebe. Aber es war Eifersucht, die da ans ihm sprach,-und ich glaube, daß er über seine eigenen Gedanken trauerte, wie eine Mutter trauern würde um ihr Kind." Vielleicht war sich Wildtödter nicht des ganzen, vollen Sinnes bewußt, den seine ernste Rede in sich schloß. Gewiß ist, daß er die Rothe nicht sah, welche Judiths ganzes schönes Antlitz flammend überzog, noch auch die nnbezwingliche Bestürzung und Beängstigung, welche unmittelbar darauf die Röthc i» Todesblässe verwandelte. Ein paar Minuten verstrichen in tiefer Stille; das Plätschern des Wassers schien gänzlich alle Zugänge des Ohres eingenommen zu haben, und daun stand Judith auf, und faßte die Hand des Jägers beinahe krampfhaft mit einer der ihrigen. „Wildtödter," sagte sie hastig, „ich bin froh, daß das Eis zwischen uns gebrochen ist. Mau sagt, plötzliche Freundschaften führen zu langen Feindschaften; aber ich glaube nicht, daß es bei uns so gehen wird. Ich weiß nicht, wie cs kommt — aber Ihr seid der erste Mann, den ich kennen gelernt, der nicht beflissen scheint zu schmeicheln — nicht mein Verderben zu wünsche» — kein Feind in einer Maske zu sei» scheint; — laßt cs gut sein; sagt Hnrry nichts davon, und ein anderes Mal wollen wir wieder mit einander sprechen." Dann ließ das Mädchen seine Hand fahren, verschwand in dem Hause, und ließ den erstaunten und verblüfften junge» Mann allein, der so bewegungslos an dem Steuerruder stand, wie eine der Tannen ans den Bergen. So sehr hatte er sich in seinen Gedanken vertieft und verloren, daß ihm Hutter zurufcn mußte, er solle der Fähre die rechte Richtung geben, ehe er sich seiner gegenwärtigen Lage wieder bewußt wurde. 109 Sechstes Kapitel. So sprach der avgefall'ne Engel, Pein Litt er. und prahlte laut doch, aber tief In seinem Innern foltert' ihn Verzweiflung. Milton. Aald nach Judiths Entfernung erheb sich ein leiser Südwind, und Hutter zog ein großes Raasegel ans, das einst das flatternde Topsegel an einer Sloop oon Albany gewesen, aber, mürbe geworden im Anffangen der Winde von Tappan, ansgcmnstert und verkauft worden war. Es hatte eine leichte, zähe Tamarindenstangc, die er im geeigneten Falle anfrichten konnte, und mit geringer Arbeit ward sein Segel in ziemlich kunstgerechter Weise ansgebreitet und schwoll vom Winde. Die Wirkung ans die Bewegung der Arche war von der Art, daß das Rudern nunmehr entbehrlich wurde; und nach etwa zwei Stunden sah man das Kastell in der Finsterniß ans dem Wasser emporragen, in einer Entfernung von etwa hundert Schritten. Jetzt war das Segel herabgelassen, und langsam schwamm die Fähre dem Ban zu und ward angebunden. Niemand hatte das Hans besucht, seit Hurry und sein Begleiter es verlasse». Man traf Alles in der Ruhe und Stille der Mitternacht, eine Art Typus von der Einsamkeit einer Wildniß. Da man Feinde in der Nähe wußte, wies Hutter seine Töchter au, sich keiner Lichter zu bedienen; diesen Luxusartikel versagten sie sich meist während der warmen Monate, damit sie nicht als Leuchtfeuer ihren Feinden ihren Aufenthaltsort verriethen. „Bei klarem Tageslicht würde ich ein Heer von Wilden nicht fürchten hinter diesen stämmigen Blicken, wenn sie kein Schutzmittel hätten, sich dahinter zu verkriechen," setzte Hutter hinzu, nachdem er seinen Gästen die Gründe auseinandergesetzt, warum er den Gebrauch von Lichtern verbot; „denn ich habe drei oder vier zuverlässige Gewehre jederzeit geladen, und Killdeer namentlich ist 110 eines, das nie versagt. Aber bei Nacht ist es eine andere Sache. Ein Eanoe könnte im Dnnkel ungesehen uns ans den Leib rücken; und die Wilden haben so viele Listen und Kniffe bei ihren Angriffen, daß ich es für schlimm genug halte, wenn ich auch beim hellsten Sonnenschein mit ihnen zu thnn bekomme. Ich habe dies; Hans gebaut, um sie mir in einiger Entfernung vom Leibe zu halten, im Fall es je wieder zu Schlägen käme. Manche meinen, es sei zu offen und ausgesetzt, aber ich bin dafür, fern vom Gebüsch und Dickicht zu ankern, weil ich dies; für die sicherste Art halte." „Ihr seid einst Matrose gewesen, sagt man mir, alter Tom?" sagte Hnrry in seiner raschen Art, da ihm einige Ausdrücke des Andern ausgefallen waren, „und manche Leute glauben, Ihr könntet merkwürdige Dinge erzählen von Feinden und Schiffbrüchigen, wenn Ihr mit Allem herausrückcn wollt, was Ihr wißt." „Es gibt Leute in dieser Welt, Hnrry," erwiedcrte der Andere ausweichend, „welche von anderer Menschen Gedanken leben; und dergleichen finden oft auch ihren Weg in die Wälder. Was ich in meiner Jugend gewesen bin, oder was ich gesehen habe, das ist jetzt weniger wichtig, als was die Wilden sind. Es ist von größerer Bedeutung, hcransznbringen, was in den nächsten vierundzwanzig Stunden sich ereignen wird, als von dem zu plaudern, was sich vor viernndzwanzig Jahren begeben hat." „Das heißt Urtheil, Wildtödter; ja, das heißt gesundes Urtheil! da sind Judith und Hetty, für welche zu sorgen ist, zu schweigen von unseren eigenen Kopfschleifen; und was mich betrifft, ich kann so gnt im Dunkeln schlafen, als ich es könnte bei der hellsten Mittagssonne. Mir macht es wenig aus, ob Licht da ist oder nicht, und ob ich es sehe, wenn ich meine Angen schließe." Da Wildtödter es selten nöthig fand, auf seines Begleiters eigenthümliche humoristische Aeußernngen zu antworten, und Hutter sichtlich abgeneigt war, weiter über die Sache zu sprechen, hatte 111 die Erörterung mit dieser Bemerkung eiu Ende. Hutter hatte aber noch etwas mehr, als nur Erinnerungen auf dem Herzen. Sobald seine Töchter sie verlassen hatten, in der ausgesprochenen Absicht, sich zur Ruhe zu begeben, lud er seine beiden Genossen ein, ihm wieder ans die Arche zu folgen. Hier eröffnete ihnen der alte Mann seinen Plan, verschwieg aber den Theil davon noch, dessen Ausführung er sich selbst und Hnrry Vorbehalte» hatte. „Das Hanptabsehen von Leuten in unserer Lage ist, Herren des Wassers zu sein," begann er. „Sv lange kein anderes Fahrzeug ans dem See ist, ist ein Canoe von Borke so gut als ein Linienschiff; denn mit Schwimmen kann das Kastell nicht wohl weggenommen werden. Nun sind nur noch fünf Canoe's in dieser Gegend, von welchen zwei mir gehören und eines Hnrry. Diese drei haben wir hier bei uns; eines in dem Canoe-Dock unter dem Hause befestigt, die beiden andern an der Fähre. Die andern Canoe's sind am Land in hohlen Baumstämmen versteckt; und die Wilden, die so giftige Feinde sind, werden am nächsten Morgen keinen Ort, der irgend Etwas verspricht, unnntersncht lassen, wenn es ihnen ernstlich um die ansgeseptcn Preise zu thnn ist " „Ha, Freund Hutter," unterbrach ihn Hnrry, „der Indianer lebt nicht ans Erden, der im Stand ist, ein gehörig verstecktes Canoe anfznfinden. Ich habe früher schon Etwas in dieser Art von Handel geleistet, nnd Wildtödter hier weiß es, daß ich im Stand bin, ein Fahrzeug so zn verstecken, daß ich es selbst nicht mehr finden kann." „Sehr wahr, Hnrry," versetzte der znm Zcngniß Anfgernfene; „aber Ihr überseht den Umstand, daß, wenn auch Ihr die Spur des Mannes nicht entdecken konntet, der seine Sache so gut gemacht, dieß doch mir gelang. Ich bin der Ansicht, Meister Hutter, daß es viel kluger ist, der Einfalt nnd Aufrichtigkeit eines Wilden zn mißtraue», als große Hoffnungen zu bauen ans seinen Mangel an Scharfblick. Wenn daher die beiden Canoe's in das Kastell gebracht werden können, so ist es »in so besser, je eher es geschieht." „Wollt Ihr dabei sein, wenn es ansgeführt wird?" fragte Hntter in einem Tone, welcher zeigte, das; der Vorschlag ihn eben so überraschte als er ihm gefiel. „Gewiß. Ich bin bereit, an jeder Unternehmung Theil zn nehme», sofern sic nicht eines weißen Mannes rechtmäßigen Gaben zuwiderlanft. Die Natnr gebietet nns, unser Lebe» zn verthcidigcn, und auch das Leben Anderer, wenn dazu Gelegenheit und Aufforderung vorhanden ist. Ich will Euch, Floating Tom, folgen in das Lager der Mingo bei jedem solchen Zug, und will mich bestreben, meine Pflicht zn thun, sollte es znm Treffen kommen, obwohl ich, da ich nie in einer Schlacht gewesen bin, nicht gern mehr verspreche, als ich mir zu leisten getraue. Wir wissen Alle, was wir wünschen, aber Keiner weiß, was er zn leisten vermag, als bis er die Probe bestanden." „Das ist bescheiden und vernünftig gesprochen, Junge!" rief Hurry. „Ihr habt noch nie den Knall einer feindlich gezielten Büchse gehört, und laßt mich Euch versichern, er ist so verschieden von den überredenden Tönen bei Euer» Wildpretreden, wie das Lachen von Judith Hntter in ihrer beste» Laune von dem Schelten einer holländischen Haushälterin am Mohawk. Ich erwarte nicht, daß Ihr ein ausgezeichneter Krieger werden werdet, Wildtödter, obgleich es nicht Eures Gleichen in diesen Gegenden gibt, was die Jagd auf Hirsche und Rehe betrifft. Aber im wirklichen Dienst, da werdet Ihr etwas weiter hinten zn stehen kommen, nach meiner Meinung." „Wir wollen sehen, Hurry, wir wollen sehen," crmiederte der Andere sanft, und ganz und gar nicht, so viel ein menschliches Auge bemerken konnte, verletzt »nd irre gemacht durch die so eben ausgedrücktcn Zweifel hinsichtlich seiner Tüchtigkeit in esnem Punkte, wo die Männer sonst sehr empfindlich sind, und zwar oft genau in 113 dem Maaß, als sic sich ihrer Schwächen bewußt sind; „da ich noch nie eine Probe bestanden, will ich diese abwarten, ehe ich mir selbst eine Meinung bilde; und dann hat man Gewißheit, statt »»bestimmter Vermnthnngen. Ich habe von Solchen gehört, die vor der Schlacht herzhaft waren und darin wenig leisteten; und auch von Solchen, die znwarteten, um ihren Mnth kennen zu lerne», und die bei der Probe fanden, daß sie nicht so sibel waren, als Manche erwarteten." „In jedem Fall wissen wir, daß Ihr ein Ruder zu handhaben versteht, junger Mann," sagte Hutter, „und das ist Alles, was wir heute Nacht von Euch verlangen. Laßt uns keine Zeit mehr verlieren, sondern in das Canoe treten und handeln, statt zu schwatzen." Hutter ging nun rasch daran, seinen Plan ausznführcn, und bald war das Boot bereit, und Hnrry und Wildtödtcr an den Rudern. Ehe jedoch der alte Mann selbst sich einschiffte, hielt er § eine Besprechung von einigen Minuten mit Judith, zu welchem Behuf er in das Hans ging; dann zurückgekehrt, nahm er seinen Platz in dem Canoe ein, das im nächsten Augenblick von der Arche abstieß. Wäre in der einsamen Wildniß ein Gott errichteter Tempel gewesen, so hätte seine Uhr die Mitternacbtsstnnde geschlagen, als die kleine Gesellschaft ihren Zug antrat. Das Dunkel hatte zuge- ! nommcn, obwohl die Nacht noch klar war, und das Licht der Sterne reichte hin für alle Absichten der Abenteurer. Hutter allein j wußte die Orte, wo die zwei Canoe's versteckt waren, und er > lenkte die Richtung des Bootes, während seine beiden athletischen Genossen ihre Nuderschanseln mit gehöriger Vorsicht ein- E tauchten und cmporhoben, damit nicht die dadurch verursachten j Laute in der Stille der tiefen Nacht über den friedlichen Wasser- j spiegel hin das Ohr ihrer Feinde erreichte». Aber die Barke war so leicht, daß keine außerordentlichen Anstrengungen nöthig waren ' Der Ä-ildtbdter. 8 114 und da Geschicklichkeit die Stelle des Kraftaufwands vertrat, näherte» sle sich, nach einer halbe» Stnnde etwa, der Küste anf einem vorspringenden Punkte, beinahe eine Stnnde von dem Kastell entfernt. „Laßt eure Nnver ruhen, Freunde," sagte Hutter mit leiser Stimme, „und sehen wir uns einen Augenblick um. Wir muffen jetzt ganz Anq' »nd Ohr sein, denn diese Schlangen haben Nasen wie Blnthnnde." Die Ufer des See's wurden genau geprüft, um irgend einen Funken Licht zu entdecken, der etwa in einem Lager möchte zurückgeblieben sein; und die Männer strengten ihre Angen in der Dnn- kelheit an, um zu sehen, vb nicht vielleicht eine Zeile Ranch am Berg hinziehe, ans der ersterbenden Asche eines Feuers emporstci- gend. Nichts Ungewöhnliches war zu erspähen, und da der Platz in einiger Entfernung von dem Ausfluß des See's oder dem Orte war, wo sie anf die Wilden gestoßen, hielt man für gefahrlos, zu landen. Die Ruder wurden wieder in Bewegung gesetzt, und der Bug des Canoe's schob sich anf dem kiesigen Ufer mit leiser Bewegung und einem kaum hörbaren Geräusch vor. Hutter und Hnrry sprangen ohne Verzug an's Land, der Erstere seine und seines Begleiters Büchse tragend, und ließen Wildtödter zur Bewachung des Canoe's zurück. Der hohle Baumstamm lag eine kleine Strecke entfernt bergaufwärts; der Alte ging dahin voran, mit solcher Vorsicht, daß er alle drei oder vier Schritte stehen blieb, um zu horchen, ob nicht ein Schritt die Nähe eines Feindes verrathe. Aber die gleiche todtcnähnliche Stille herrschte in der ganzen mitternächtlichen Scene, und der gesuchte Platz ward ohne einen beunruhigenden Vorfall erreicht. „Hier ist-cs," flüsterte Hutter, den Fuß anf einen nmgcstürzten Lindenstamm setzend; „reicht mir zuerst die Ruder, und zieht dann das Boot vorsichtig heraus, denn die Elenden haben es am Ende doch vielleicht nur als Köder da gelassen." „Haltet mir meine Büchse bereit, den Kolben gegen mich 115 gekehrt, alter Gesell," antwortete March. „Wenn sie mich unter meiner Bürde angreifen, so will ich doch wenigstens das Gewehr ans sie abfenern — »nd nntersncht, ob Pnloer ans der Pfanne ist." „Alles ist in Ordnung," murmelte der Andere; „geht nur langsam, wenn Ihr Eure Last ausgepackt habt, und laßt mich vorangehe»." Das Canoe ward mit der äußersten Behutsamkeit ans dem Stamm hervorgezogcn, von Hnrry ans die Schulter geladen, und Beide traten ihren Rückweg an das Ufer an, nur Schritt für Scbritt gehend, »m nicht den steilen Abhang hinunter zu straucheln. Die Entfernung war nicht groß, aber der Weg abwärts äußerst schwierig, und gegen das Ende ihres kleinen Marsches mußte Wild- tödter landen und zu ihnen stoßen, um ihnen zu helfen, das Canoe durch das Buschwerk zu schleppen. Mit seinem Beistand ward die Aufgabe glücklich gelöst, und das leichte Fahrzeug schwamm bald neben dem andern Canoe. Sobald dies; geschehe», wandten sich alle Drei ängstlich gegen den Wald und den Berg hin, in der Erwartung, einen Feind aus jenem hcrvorbrechen oder von diesem herabeilen zu sehen. Aber die Stille wurde nicht unterbrochen, »nd Alle schifften sich mit derselben Vorsicht ein, mit welcher sie gelandet hatten. Jetzt steuerte Hutter gerade ans die Mitte des See's zu. Nachdem er eure hinreichende Strecke vom Ufer entfernt war, band er seine Beute los, und überließ sic frei dem Wasser, wohl wissend, daß sie bei dem leisen Südwind langsam den See hinauf treiben werde, und in der Absicht, bei der Rückkehr sie wieder zu treffen. So seines Taues entledigt, fuhr der Alte den See hinab, und steuerte dem vorspringcnde» Punkt zu, wo Hnrry seinen vergeblichen Versuch gegen das Leben des Hirsches gemacht hatte. Da die Entfernung dieses Punktes bis zu der Ausströmung weniger als eine Meile betrug, hieß dieß gleichsam das Land des Feindes betreten; undverdvppelteVorsicht wnrdenothwendig. Sie erreichten 8 - 116 indessen die äußerste Spitze, nnd landeten ungestört ans dem schon erwähnten kleinen Kiesplatz am Ufer. Ganz anders als an dem Ort, wo sie zuvor gelandet, war hier keine Anhöhe zn erklimmen; die Berge waren in der Dunkelheit erst in der Entfernung einer vollen Viertelmcile weiter westlich sichtbar, nnd liehen zwischen sich nnd dem Strand einen Strich ebenen Grundes frei. Der vorlanfende Punkt selbst, obgleich lang nnd mit hohen Bäumen bedeckt, war beinahe flach, nnd hatte eine Strecke weit eine Breite von nur wenigen Schritten; Hntter nnd Hurry landeten wie zuvor, nnd ließen wieder ihren Begleiter zur Bewachung des Bootes zurück. Hier lag der abgestorbene Baum, in dem das Canoe versteckt war, das sie zn suchen kamen, etwa halbwegs zwischen dem äußersten Ende der schmalen Landzunge und dem Punkt, wo sie an die eigentliche Küste sich anscliloß; nnd der Alte, der sich hier das Wasser links so nahe wußte, schlug den Weg ans der östlichen Seite dcS Landstreifens mit ziemlicher Zuversicht ein, nnd schritt keck, obwohl mit Vorsicht, dahin. Er hatte absichtlich an der Landzunge angelegt, um einen Blick in die Bucht werfen nnd sich versichern zn können, daß die Küste frei sei, sonst würde er gerade dem hohlen Baum gegenüber gelandet habe». Diesen zn finden hatte keine Schwierigkeit; das Canoe wurde herausgezvgen, wie zuvor, nnd statt es dahin zn schleppen, wo Wildtödter mit dem Boote sich befand, wurde es am ersten günstigen Platz in's Wasser gelassen. Sobald es darin war, trat Hnrry hinein, nnd ruderte zn der Spitze der Landzunge, wohin anch Hntter ans dem kiesigen Uferweg sich begab. Nachdem jetzt die drei Männer alle Boote des See's in ihrem Besitz hatte», war ihre Zuversicht nicht wenig erhöht, nnd es war jetzt nicht mehr die vorige fieberhafte Ungeduld, die Küste zn verlassen, noch dieselbe Nothwendigkeit äußerster Vorsicht vorhanden. Ihre Lage am äußersten Ende der langen, schmalen Landzunge vermehrte noch ihr Gefühl von Sicherheit, da sie einem Feind nur in Einer Richtung sich ihnen zn nähern gestattete, 117 von vorn nämlich und unter Umstunden, die ihnen, bei ihrer gewohnten Wachsamkeit, die Wnhrnehmung seiner Annäherung beinahe mit Gewissheit verbürgten. Jetzt traten alle Drei miteinander an's Land, und standen in berathender Gruppe ans dem Kiesplay der Landspitze. „Wir haben die Kerls hübsch anf's Trockene gesetzt!" sagte Hnrry, vor Freude über den gelungenen Anschlag lachend; „wenn sie einen Besuch ans dem Kastell machen wollen, mögen sie waten oder schwimmen! Alter Tom, diese Eure Idee, einen Versteck draußen ans dem See anznlegen, ist extrafein und von erster Sorte. Es gibt Leute, die das Land für sicherer halten würden als das Wasser; aber am Ende zeigt die Vernunft, daß den, nicht so ist; denn der Biber, und die Natten, und andere kluge Kreaturen kalten sich an's letztere, wen» sie hart gedrängt sind. Ich nenne jetzt unsere Stellung eine wohl verschanzte und biete den Canada's Trotz!" „Laßt »ns an dieser Südküste hinrudern," sagte Hutter, „und sehen, ob keine Spur eines Lasters sich zeigt, — aber zuerst laßt mich noch einen genauer» Blick in die Bai werfen, denn Keiner von uns ist noch weit genug auf der inner» Seite der Landzunge vor- gedrnngen, um hinlänglich beruhigt zu sei» von dieser Seite der." Nachdem Hutter dies; gesagt, schritten alle Drei in der von ihm bezeichneten Richtung vor. Kaum waren sie bis zu dem Punkte gekommen, wo sich die Bai recht ihrem Blick eröffnete, als ihr gleichzeitiges, stutzendes Haltmachen zeigte, daß ihre Blicke in demselben Moment auf eine» und denselben Gegenstand gefallen waren. Dies; war nichts weiter, als ei» erlöschender Feuerbrand mit seinem hin und her zuckenden, ausgehenden Licht; aber zu dieser Stunde und an diesem Ort war er dem Auge so auffallend, wie .eine gute That in einer häßlichen Welt'. ES war nicht der Schatten eines Zweifels daran übrig, daß dies; Feuer bei einem Lager der Indianer war angczündet worden. Die Lage, der 118 Beobachtung von allen Seiten außer von Einer entzogen, und auch von dieser her nnr in einer ganz geringen Entfcrnnng sichtbar, zeigte, das; man größere Sorge getragen, einen verborgenen Ort zn wählen, als man ohne besondere Zwecke würde gethan habe», nnd Hutter, der wußte, daß eine Quelle, so wie einer der günstigsten Fischpläye des Sce's in der Nähe war, vermnthcte sogleich, daß dies; Lager wohl die Weiber und Kinder der Truppe enthalten werde. „Das ist kein Krieger-Lager," brummte er Hnrry zn; „und cs schläft da gute Deute genug um das Feuer herum, so daß wir eine tüchtige Theilung von Kopfgeld werden zn machen haben. Schickt den Jungen zu den Canoe's, denn hier nützt er uns nichts, bei einem solchen Unternehmen, und greifen wir sofort die Sache tüchtig an, als Männer." „Es ist Einsicht in Euer» Gedanken, alter Tom, und sie gefallen mir durch und durch. Wildtödter, geht Ihr an das Canoe zurück, Junge, und rudert in den See hinaus mit dem kleinen, und laßt es frei treiben, wie wir mit dem andern gethan; dann könnt Ihr an die Küste hinrudcrn, so nah' Ihr dem Anfang der Bai zu komme» vermögt, jedoch außerhalb der Landzunge und auch außerhalb der Gebüsche. Ihr könnt uns hören, wenn wir Eurer bedürfen; und wenn ein Verzug eintritt, so will ich schreien, wie eine Lomme; — da, das ist gut — das Schreien einer Lomme soll das Signal sein. Wenn Ihr Büchsen knallen hört, und das; es so kriegerisch hergeht, nun dann könnt Ihr herbeikommen, und sehen, ob Ihr mit den Wilden auch so fertig werdet, wie mit dem Wild." „Wenn man meinen Wünschen folgen wollte, so unterbliebe diese Sache, Hnrry —" „Ganz wahr — Niemand läugnet das, Junge; aber Euren Wünschen kann man nicht folgen; und damit ist die Sache ans. So rudert Euch denn nur mitten in den See hinaus, und bis Ihr znrnckkommt, wird es in diesem Lager lebhaft werden?" 119 Der junge Mann schickte sich mit großem Widerstreben und mit schwerem Herzen an, zu gehorchen. Er kannte jedoch die Vornrtheile der Gränzmänncr zn gut, nm Gegenvorstellungen zu versuchen. Unter den gegenwärtigen Umständen konnte dies; allerdings gefährlich werden, wie es ganz gewiß nutzlos war. Er ruderte daher das Canoe still und mit der Vorsicht wie früher, nach einem Punkt nahe der Mitte des friedlichen Wasserspiegels, und ließ dann das so eben wieder erlangte Boot in dem leisen Südwind gegen das Kastell hin treiben. Zn diesem Verfahren hatte man sich in beiden Fälle» entschlossen, in der sicheren Voraussetzung, daß die leichten Barken nicht mehr als eine oder zwei Stunden weit treiben würden vor Anbrnch des Tages, wo man sie dann leicht wieder würde einholen können. Um zn verhüten, daß nicht ein hernmschweifender Wilder sich ihrer bediene, der sich durch Schwimmen in Besitz setzte, ein möglicher, aber kanm zu vcrmnthender Fall — hatte man alle Ruder znrückbehalten. Sobald Wildtödter das wiedcrerlangte Canoe auf dem See hatte forttreiben lassen, richtete er den Bug des scinigen nach dem Punkt der Küste zurück, welchen ihm Hurry bezeichnet hatte. So leicht war die Bewegung des kleinen Fahrzeugs, und so stetig der Arm des cs in Bewegung sehenden Fährmanns, daß kanm zehn Minuten verstoßen, bis es sich wieder dem Lande näherte; und in dieser kurzen Zeit hatte es eine Entfernung von einer vollen halben Meile znrückgelegt. Sobald Wildtödters Auge der Büsche ansichtig wurde, von denen manche wohl hundert Fuß weit von der Küste in's Wasser hinansreichten, hemmte er die Bewegung des Canoc's, und ließ sein Boot ankern, indem er den dünnen aber zähen Stamm eines der herabhängenden Schilfbüsche mit fester Hand packte. So blieb er, mit einer Spannung, die man sich leicht vorstellen kann, das Ergebnis; gewagten Unternehmens abwartend. Es wäre schwer, dem Geist Derjenigen, welche nicht selbst die Erfahrung gemacht haben, einen Begriff zu geben von der Erhabenheit 120 der Stille in einer so tiefen Einsamkeit, wie jetzt über dem Glim- merglas herrschte. Im jetzige» Angenblick ward diese Erhabenheit noch gesteigert durch das Düster der Nacht, die ihre schattenhaften, phantastischen Formen rings »mher ans See, Wald und Berge warf. Es läßt sich in der Thal nicht leicht ein Ort denken, der geeigneter märe, diese natürlichen Eindrücke zu erhöhen, als eben der war, wo sich Wildtödter jetzt befand. Der Umfang des See's faßte Alles im Bereich der menschlichen Sinne zusammen, während er zugleich ans Einein Punkte so viel Imposantes von der umgebenden Scene enthüllte, daß jeder Blick genügte, die tiefsten Eindrücke der Seele znznführen. Wie schon gesagt, war dies; der erste See, den Wildtödter sah. Bisher hatte sich seine Erfahrung beschränkt auf den Lauf von Flüssen und kleine» Strömen, und noch nie zuvor hatte er eine solche Fülle der ihm so wertben Wildnis; vor seinen Augen ansgebreitet gesehen. Gewöhnt jedoch an den Wald, war seine Seele im Stande, sich alle seine verborgenen Heimlichkeiten ansznmalen, indem er seinen Blick ans dessen äußere Lanbhülle richtete. Es war dies; auch das erste Mal, das; er sich ans einem Streifzng befand, wo Menschenleben vvn dem Ansgang abhingen. Sein Ohr hatte sich oft berauscht in den Ucber- liefernngen von Kriegführnng der Gränzmänner, aber noch nie war er einem Feinde Stirn gegen Stirn gegenübcrgestanden. Der Leser wird daher leicht begreifen, wie gespannt die Erwartung des jungen Mannes sein mußte, als er in seinem einsamen Canoe dasaß, bestrebt, den geringsten Laut zu erlauschen, der den Verlauf der Dinge am Ufer andenten möchte. Seine Bildung in diesem Stück war, so weit die Theorie reichen konnte, vollendet, und seine Selbstbeherrschung und Fassung, trotz der große» Aufregung, der natürlichen Folge von der Neuheit der Sache für ihn — würde einem Veteranen Ehre gemacht haben. Die sichtbaren Zeugnisse vom Vorhandensein des Lagers oder des Feuers waren nicht wahrzunehmen von der Stelle ans, wo das Canoe lag, und er 121 sah sich in die Lage verseht, einzig ans seine» Gehörsinn sich zn verlassen. Er gab keiner Ungeduld Raum, denn die Lehren, die man ihm eingeschärst, hatten ihn die Tugend der Geduld gelehrt, »nd ihm besonders die Nvthwendigkeit der Schlauheit bei irgend einem verdeckten Angriff ans die Indianer eingcvrägt. Einmal meinte er das Krachen eines dürren Zweiges zn bören, aber seine Erwartung und Aufmerksamkeit war sv lebhaft, das; sie ihn mochte getäuscht haben. In solcher Weise verstrich Minute ans Minute, bis die gesammte Zeit seit seiner Trennung von seinen Begleitern eine volle Stunde betrug. Wildtödter wußte nicht, ob er siele über diese vorsichtige Zögerung freuen oder betrüben sollte, denn wenn sic ih» das Beste für seine Genosse» hoffen ließ, so verkündigte sie auch das drohende Verderben der Schwachen und Unschuldigen. Anderthalb Stunden mochten jetzt seit der Trennung vvn seinen Gesellen verflossen sein, als Wildtödter aufmerksam gemacht wurde durch einen Ton, der ihn eben so überraschte, als mit lebhafter Unruhe erfüllte: der zitternde Schrei einer Lvmme erhob sich von der gegenüberliegenden Seite des See's, allem Anschein rach nicht weit entfernt von seiner Ausströmung. Er täuschte sich licht über die Töne dieses Vogels, die Allen so bekannt sind, welche iie verschiedenen Töne in der Nähe der amerikanischen See'» kennen. Schrillend, tremnlirend, laut und langgehaltcn scheinen sie der eigentliche Warnnngsrnf zn sein. Man hört sie auch oft bei Nacht — eine Ausnahme vvn der Weise der meisten gefiederten Bewohner der Wildnis;, und ein Umstand, welcher Hurry bewogen, gerade diesen Nus znm Signal zn wählen. Allerdings hatten die beiden Abenteurer Zeit gehabt, zn Laub von dem Punkt, wo sie sich getrennt hatten, bis dahin zn gelangen, woher der Ruf kam, aber doch war es nicht wahrscheinlich, daß sie einen solchen Weg sollten eingeschlagcn haben. Wäre das Lager leer gewesen, so hätten sie wohl Wildtödter an die Küste berufen, fanden sich aber Bewohner darin, so ließ sich kein befriedigender Grund denken, warum sie es 122 umgangen haben sollten, nm in so großer Entfernung sich wieder einznschiffen. Gehorchte er dem Signal und ließ sich von dem Landungsplatz weg locken, so konnte das Leben der Männer, die sich auf ihn verließen, darüber verloren gehen; und ließ er den Ruf unbeachtet, in der Annahme, daß er wirklich von einem Vogel herrühre, so konnte» die Folgen eben so unglücklich sein, obwohl ans andern Ursachen. In dieser Ungewißheit wartete er zu, in der sichern Hoffnung, der Ruf, nachgcmacht oder natürlich, werde bald wiederholt werden. Auch täuschte er sich nicht. Nur wenige Minuten verstrichen, bis derselbe schrille, warnende Schrei wiederholt wurde, und zwar von derselben Seite des Sce's. Dießmal, da erschürf anfmerkte, ließen sich seine Sinne nicht täuschen. Obgleich er schon oft bewnndcrnngswerthe Nachahmungen des Rufs dieses Vogels gehört hatte, und selbst keineswegs Meister der Kunst war, seine Note» nachznahmen, fühlte er sich doch überzeugt, daß Hurr», dessen Versuchen in dieser Kunst er schon zugehört, nimmcrmehr der Natur in so völliger Treue »ahekommen könnte. Er beschloß daher, ans diesen Schrei nicht zu achten, und zu warten, bis ein minder vollkommener in größerer Nähe ertöne. Kaum hatte Wildtödter diesen Entschluß gefaßt, als die tieft Stille der Nacht und Einsamkeit unterbrochen ward durch einen s» erschütternden Schrei, daß alle Erinnernnge» an den mehr schwer- müthigen Ruf der Lommc ans der Seele des Horchenden verdrängt ward. Es war ein Schrei des Entsetzens entweder ans dem Munde eines Weibes oder eines noch jungen Knaben, der noch nicht die männliche Stimme hatte. Dieser Schrei ließ sich nicht mißdeuten. Herzzerreißende Angst, wenn nicht zermalmende Todesangst, lag in de» Tönen, n>H der Schrecken oder Schmerz, der sic hervorgcrnfen, mußte eben so plötzlich als entsetzlich gewesen sein. Der junge Mann ließ den Schilf fahren, und tauchte sein Ruder in das Wasser; aber was thun? er wußte es nicht; wohin steuern? er wußte es auch nicht. Wenige Augenblicke reichten hin, seiner 123 Unentschiedenheit ein Ende zn machen. Das Brechen von Aesten, das Krachen dürrer Zweige und Fußtritte mnrde» ganz deutlich hörbar; die Töne schienen sich dem Wasser zn nähern, obwohl in einer Richtung, die sich der Küste schräg näherte, und etwas weiter nördlich als die Stelle, wo Wildtödter zn halten angewiesen worden war. Dieser Spur folgend fuhr der junge Mann mit seinem Canoe dorthin, wenig darum bekümmert, ob und wie er seine Gegenwart verrathe. Er hatte einen Punkt der Küste erreicht, wo das nächste Ufer ziemlich hoch und sehr steil war. Es war unverkennbar, das; Männer durch die Gebüsche und Bäume ans dem Gipfel dieser Uferhöhe, dem Strand zu, hindurch sich schlugen, als ob die Fliehenden einen günstigen Ort zum Herabstcigen suchten. Gerade in diesem Augenblicke blitzten fünf oder sechs Büchsen, und die Berge gegenüber wiederholten in langem, rollendem Echo, wie gewöhnlich, den Knall. Ein paar kreischende Ausrufe, denen ähnlich, wie sie auch den Mnthigsten entschlüpfen, wenn sie plötzlich von unerwarteter Gefahr und Noth überrascht werden, folgten; und dann begann wieder das Gewühle in den Gebüschen, wie wenn Mann mit Mann handgemein wäre. „Glatter Teufel!" brüllte Hnrry mit der Wuth getäuschter Erwartung — „seine Haut ist eingcölt! Ich kann ihn nicht packen! Nimm das für deine List!" Diesen Worten folgte der Fall eines schweren Körpers unter den kleinen Bäumen, welche die Ufcrhöhe cinfaßten, und es kam Wildtödter vor, als habe sein gigantischer Genosse einen Feind in dieser unhöflichen Weise von sich weggeschlendcrt. Wieder begann die Flucht-und die Verfolgung, und dann sah der junge Mann eine menschliche Gestalt die Anhöhe herunter eilen, nnd einige Schritte weit in's Wasser sich stürzen. In diesem kritischen Augenblick war das Canoe gerade dem Play nahe genug, das; dies; Beginnen, das von einem nicht kleinen Geräusch begleitet war, gesehen werden konnte; nnd Wildtödter, erkennend, daß er hier, wenn immer, seine Genossen in's Schiff anfnehmen müsse, driingic das Canoe zn ihrer Rettung heran. Er hatte noch nicht zweimal sein Ruder erhoben, als man die Stimme Hnrrp's die Lufr mit Flüchen nnd Verwünschungen erfülle» hörte, nnd er ans dem schmalen Kies- nfer niederrollte, im buchstäblichen Sinn von der Last seiner Feinde niedergezogen. Während er, beinahe erstickt von seinen Feinden, am Boden da lag, stieß der athletische Gränzmann seinen Lom- menrnf ans, in einer Weise, die unter minder furchtbaren Umständen hätte Lachen erregen müssen. Der Mann im Wasser schien plöylich seine Flucht z» bereuen, nnd eilte an die Küste, seinem Genossen zn Hilfe, ward aber augenblicklich anfgehalten nnd übermannt von einem Halbdutzend neuer Verfolger, die so eben von der Uferhöhe herabsprangen. „Laßt los, ihr bemaltes Wnrmgezüclste — laßt los!" schrie Hurry, zn hart gedrängt, um noch besonders wählerisch in seinen Ausdrücken zn sein; „ist es nickst genug, daß ich geklemmt bin wie ein Sägekloh, daß Ihr mich auch noch erstickt?" Diese Rede überzeugte Wildtödter, daß seine Freunde Gefangene waren, nnd daß landen so viel wäre, als ihr Schicksal thei- len. Er hatte sich dem Ufer schon auf hundert Schuhe genähert, als einige zeitgemäße Nndersclstäge nicht nur das Canoe in seinem Lauf aufhielten, sondern ihn auch »m das Sechs- oder Achtfache von seinen Feinden entfernten. Znm Glück für ihn hatten alle Indianer bei der Verfolgung .ihre Büchsen weggcworfcn, sonst hätte er diesen Rückzug schwerlich ungefährdet bewerkstelligt; obgleich in der ersten Verwirrung des Handgemenges Keiner das Canoe bemerkt hatte. „Bleibt weg vom Land, Junge!" schrie Hutter; „die Mädchen haben jetzt nur noch Euch zur Stühe; Ihr werdet all' Eure Vorsicht brauche» können, diesen Wilden zn entgehen. Bleibt vom Lande weg, und Gott sei Euch gnädig, so wahr Ihr meinen Kindern beisteht!" Es war im Ganzen wenig Uebereinstimmung der Gefühle 125 zwischen Hntter und dem jungen Mann; aber die körperliche und Seelen-Pcin, womit diese dringenden Worte gerufen wurden, machten für den Augenblick Wildtödter ganz die Fehler von jenem vergessen. Er sah nur den Vater in seiner Qual in ihm, und beschloß sofort, die Versicherung der Treue gegen seine Interessen zu geben, und sein Wort ehrlich zu halten. „Beruhigt Euer Herz, Meister Hntter!" rief er, „für die Mädchen soll Sorge getragen werden, so wie für das Kastell. Der Feind hat die Küste in Besitz genommen, das kann man nicht längnen, aber nicht das Wasser. Die Vorsehung hat Alles in ihrer Obhut, und Niemand kann sagen, was das Ende sein wird, aber wenn guter Wille Euch und den Enrigen dienen kann, so verlaßt Euch darauf. Meine Erfahrung ist klein, aber mein Wille ist gut!" „Ja, ja, Wildtödter," rief Hnrry zurück mit seiner Stentorstimme, die aber doch etwas von ihrer Herzhaftigkeit verloren hatte. — „Ja, ja, Wildtödter, Ihr meint es gut in Allem, aber was könnt Ihr thnn? Ihr seid nichts Besonderes in den besten Zeiten, und eine solche Person wird schwerlich ein Wnnderthäter in den schlimmsten Zeiten! Für Einen Wilden an der Küste dieses See's sind hier ihrer vierzig, und das ist eine Armee, die zu überwältigen Ihr nicht der Mann seid. Das Beste, nach meinem Ur- theil, wird sein, wenn Ihr Euch geraden Weges nach dem Kastell anfmacht; nehmt die Mädchen mit einigen Nahrungsmitteln in das Canoe; dann fahret nach der Seite des See's, wo wir her kamen, und schlagt den nächsten Weg nach dem Moh'awk ein. Diese Teufel werden in den nächsten paar Stunden nicht wissen, wo Euch anf- snchen, und wenn sie's auch müßten, und Euch hitzig nachsetzten, müßte» sic entweder oben oder unten um den See herum, Euch cinznholen. Das ist meine Ansicht in der Sache; und wenn der alte Tom da seinen letzten Willen und Testament zu Gunsten seiner Töchter zu machen Lust hat, so wird er dasselbe sagen." „Es wird Nichts helfen, junger Mann," begann Hutter. — 126 »Der Feind hat in diesem Augenblick schon Späher ansgesandt, die nach Canoe's suchen, und man wird Euch sehen und einholen. Vertrant ans das Kastell; und vor Allem, bleibt vom Lande weg. Haltet Euch eine Woche, so werden schon Truppe» ans den Garnisonen die Wilde» vertreiben." „Es wird nicht vicrnndzwanzig Stunden anstchen, alter Gesell, bis diese Fuchse ans Flößen auf's Wasser gehe», Euer Kastell zn sturmen," unterbrach ihn Hnrry mit lebhafterer Streitlust, als man bei einem Manne hätte erwarte» sollen, der gebunden und ein Gefangener war, und an dem man nichts frei nennen konnte, ^ als seine Meinung und seine Zunge. „Euer Rath klingt tüchtig, aber er wird ein übles Ende haben. Währet Ihr oder wäre ich in dem Hanse, so könnten wir wohl einige Tage uns halten; aber bedenkt, daß dieser Junge vor dieser Nacht noch nie eine» Feind gesehen, und das hat, was Ihr selbst ein Ansiedler-Gewissen nennt; obwohl ich für meinen Theil glaube, daß die Gewisse» in de» An- siedlnngen so ziemlich dieselben sind, wie die hier in den Wäldern. Diese Wilden machen mir Zeichen, Wildtödter, Euch anfznfordern, daß Ihr mit dem Canoe landet; aber das werde ich nimmermehr thnn, da es gegen Vernunft und Natur ist. Was den alten Tom und mich betrifft, ob sie uns heute Nacht skalpiren, uns für die Tortur am Feuer anfbewahren, oder uns nach Canada führen werde», das ist mehr als irgend Jemand weiß, außer dem Teufel, der sie bei ihrem Thnn leitet und berathet. Ich habe einen so großen und bnschigten Kopf, daß es mir ganz wahrscheinlich ist, sie werden versuchen, zwei Skalpe daraus zn machen, denn der Preis ist eine verführerische Sache, sonst wären der alte Tom und ich nicht in dieser Klemme. Ja — da machen sie immer wieder ihre Zeichen, aber wenn ich Euch rathe, an's Land zn kommen, so mögen sie mich nicht nur rösten, sondern auch fressen. Nein, nein, Wildtödter, bleibt, wo Ihr seid, und nach Tagesanbruch nähert Euch in keinem Fall über zweihundert Schritte —" 127 Dieser Ermahnung Hurry's ward plötzlich ein Ende gemacht durch einen derben Schlag einer Hand ans seinen Mund — ein zuverlässiger Beweis, daß Einer in der Truppe genug Englisch verstand, um endlich die Absicht seiner Rede zu merken. Unmittelbar darauf verlvr sich die ganze Gruppe in dem Wald, und allem Anschein nach sträubten sich Hutter und Hurry nicht gegen ihre Abführung. Eben jedvch, als das Geräusch der knisternden Büsche anfhörte, vernahm mau noch einmal die Stimme des Vaters: „Wie Ihr treu seid gegen meine Kinder, so helfe Euch Gott, junger Mann!" dies; waren die Worte, welche Wildtödtcrs Ohr erreichten; dann sah er sich ganz allein, und den Eingebungen seiner eigenen Klugheit überlassen. Einige Minuten verstrichen in Todesstille, nachdem die Bande an der Küste i» den Wäldern verschwunden war. Vermöge der über zweihundert Schritte betragenden Entfernung, und der Dunkelheit, hatte Wildtödter nur die Gruppe unterscheiden und ihren Rückzug bemerken können; aber selbst diese dämmernde Berührung mit menschlichen Gestalten gab der Scene eine Belebtheit, welche einen starken Kontrast mit der jetzt wieder eintretenden Einsamkeit bildete. Obwohl sich der junge Mann horchend vorbeugte, den Athen; anhielt, und alle seine Kräfte in den Einen Sinn des Hörens zu koucentriren sich bestrebte, erreichte doch kein weiterer Laut sein Ohr, der die Nähe menschlicher Wesen verratheu hätte. Es schien, als ob ein nie unterbrochenes Schweigen wieder über der Gegend waltete; und einen Angenblick wäre selbst der durchdringende Schrei, welcher vor Kurzem die Stille des Waldes unterbrochen hatte, oder einer der Flüche March's, eine Erleichterung gewesen bei dem Gefühl von Verlassenheit, das sich dabei der Seele aufdrängte. Eine solche körperliche und geistige Lähmung konnte jedoch nicht lange währen bei einem Manne von Wildtödters leiblicher und geistiger Organisation. Sein Ruder iu's Wasser senkend, 128 wandte er das Canoe um, und fuhr langsam, wie Einer, der im Gehen denkt, dem Mittelpunkt des See's zu. Als er glaubte, einen Punkt erreicht zu haben in Einer Linie mit dem, wo er das letzte Canoe hatte Hintreiben lassen, änderte er seine Richtung nördlich, und behielt den leichten Luftzug möglichst im Rucken. Nachdem er eine Viertelmeile in dieser Richtung gerudert, wurde ein dunkler Gegenstand ans dem See sichtbar, ein wenig rechts; und zu dem Behufe sich seitwärts haltend, hatte er bald seine verlorene Prise an seinem Boot befestigt. Jetzt untersuchte Wildtödter den Himmel, den Strich des Windes und die Stellung der beiden Canoe's. Da er Nichts fand, was ihn zur Acnderung seines Plans hätte veranlassen können, legte er sich nieder, und schickte sich an, einige Stunden Schlafs zu genießen, damit ihn der morgende Tag tüchtig zur Erfüllung seiner Obliegenheiten finde. Obwohl Abhärtung und Ermüdung gesunden Schlaf schaffen, auch i» der Nähe der Gefahr, dauerte es doch einige Zeit, bis Wildtödter seiner Erinnerungen los und ledig wurde. Sein Geist beschäftigte sich noch mit dem Vorgefallenen, und seine halbbc- wußten Geisteskräfte gestalteten immerfort die Ereignisse der Nacht zu einer Art von wachem Traum. Plötzlich war er anfgefahren und ganz munter, den» er hatte sich eingebildet, Hurry's verabredetes Signal zu höre», das ihn an's Ufer rief. Aber Alles war wieder still wie das Grab, die Canoe's triebe» jetzt langsam nordwärts, die ernsten Sterne schimmerten in ihrer milden Glorie über seinem Haupt, und der waldnmschloffene Wasserspiegel lag zwischen seinen Bergen gebettet, so friedlich und melancholisch, als ob ihn nie Stürme aufstörten, oder die Mittagssonne be- glänzte. Noch einmal erhob die Lomme ihr zitterndes Geschrei, nahe am untern Ende des See's und das Geheimniß des beunruhigenden Tones war erklärt. Wildtödter machte sich sein hartes Kissen zurecht, streckte sich auf dem Boden des Canoe's aus, und schlief. 129 Siebentes Kapitel. Du Gcgenbild der wilden Welt, die ich Bewohnt, o Leman! Deine Wasser schwellen In süßer Nuh'! Zn tauschen, mahnt sie mich, Der Erde trübe Flut für rein're Quellen. Lautlos entführt der Kahn mich auf dem Hellen, Freundlichen See all' meinem Leid! Wohl lang Liebt' ich ein tobend Meer; doch deine Wellen, Sie schmählen sanft, wie Schwesterstimmen Klang, Daß je so rauhe Lust so mächtig mich bezwang. Byron. Acr Tag war ft ziemlich angebrochen, als der jnnge Mann, den wir in der im letzten Kapitel geschilderten Lage verließen, die Augen wieder öffnete. Sobald dies; geschehe», sprang er auf und sah sich um mit der Lebhaftigkeit eines Mannes, der plötzlich fühlte, wie wichtig es für ihn sei, sich eine genaue Anschauung von seiner Stellung zu verschaffen. Sein Schlaf war tief und ungestört gewesen; und jetzt wachte er auf mit einer Klarheit des Geistes und einer Entschlossenheit und Energie, die er in diesem Augenblick gerade wohl brauchen konnte. Die Sonne war zwar noch nicht anf- gegangen, aber das Gewölbe des Himmels prangte in jener herzer- freucnden sanften Röthe, die ,den Tag anführt und schließt', während die ganze Luft erfüllt war von dem Gejanchze der Vögel, den Hymnen des gefiederten Geschlechts. Diese Töne verkündeten Wild- tödtcr zuerst die Gefahren, denen er ansgesetzt war. Die Luft, denn Wind konnte man cs kaum nennen, war zwar noch gelind, aber sie war doch im Laufe der Nacht etwas stärker geworden, und da die Canoe's bloße Federn auf dem Wasser waren, waren sie doppelt ft weit fortgetriebcn morden, als man berechnet hatte; und was noch gefährlicher, sie hatten sich ft sehr dem Fuß des Berges genähert, der hier steil von der östlichen Küste empor- stieg, daß das Gejanchze und Schmettern der Vögel ganz deutlich gehört werden konnte. Und dies; war noch nicht das Schlimmste. Das dritte Canve hatte dieselbe Richtung genommen, und trieb Der Wildtödter. g 130 langsam einem vorspringenden Punkt zu, wo cs unvermeidlich anstoßen mußte, wenn es nicht durch einen entgegengesetzten Windstoß oder durch Menschenhände abgclenkt wurde. Sonst bot sich Nichts dar, was die Aufmerksamkeit anziehen oder Unruhe erwecke» konnte. Das Kastell stand ans seiner Untiefe, beinahe in gleicher Linie mit den Canoc's, welche im Verlauf der Nacht Meilenweit waren fortgetrieben morden, und die Arche war an dessen Pfeiler» befestigt, gerade wie man beide vor vielen Stunden verlassen hatte. Natürlich richtete Wildtödtcr sein Augenmerk zuerst aus das vorangeschwommcne Canoe. Es war dem Landvorsprnng schon ganz nahe, und ein paar Rnderschläge schon überzeugten ihn, daß es denselben berühren müsse, ehe cs ihm möglich wäre, dasselbe einznholen. Gerade in diesem Augenblicke wehte auch, sehr nnge- ! legen, der Wind frischer, und machte das Weitertreiben des leich- ^ tcn Fahrzeuges rascher und sicherer. Ueberzcngt von der Unmög- j lichkeit, die Berührung mit dem Lande zu hindern, entschloß sich der junge Mann klüglich, sich nicht durch nnnöthige Anstrengungen zu erhitzen, sondern zuerst nach der Pfanne seines Gewehrs sehend, ruderte er dann langsam und vorsichtig ans den Vorsprung zu, und beschrieb absichtlich einen kleine» Bogen, um bei seiner Annäherung nur von Einer Seite her sich ansznsctze». DaS treibende, von keiner solchen intelligenten Kraft gelenkte Canoe verfolgte seinen eigenen Weg, und fuhr ans einem kleinen versunkenen Fels drei oder vier Schritte von der Küste ans. Gerade in diesem Augenblicke kam Wildtödtcr in gleiche Linie mit dem Vorsprung, und wandte den Bug seines eigenen Bootes gegen das Land; zuerst machte er sein Tan los, damit seine Bewegungen nicht gehemmt würden. Das Canoe hing einen Augenblick an dem ! Felsen; dann erhob es sich ein Haarbreit bei einem kaum merk-j lieben Anschwellen des Wassers, drehte sich herum, wurde flott j und erreichte den Strand. Alles dies; bemerkte der junge Mann, aber es beschleunigte weder seinen Pnlsschlag, noch trieb es seine 131 Hand zur Eile. Hätte Jemand verborgen gewartet auf die Ankunft des führerlosen Fahrzeuges, so mußte er gesehen werden, und die äußerste Vorsicht bei der Annäherung an's User war unerläßlich; lag aber Niemand da auf der Lauer, so war Eile überflüssig. Da der Vorsprung dem indianischen Lager beinahe schräg gegenüber lag, hoffte er das Letztere, obgleich das Erste nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlich war; denn die Wilden waren gar rasch in Ergreifung aller, ihrer cigenthümlichcn Weise der Kriegführung angehörigeu, Maßregeln, und sehr wahrscheinlich waren viele Späher von ihnen auf den Beinen, um die Küste nach Fahrzeugen zu durchsuchen, die sie nach dem Kastell bringen könnten. Da ein Blick ans den See von jeder Höhe und jedem Vorsprung aus die kleinsten Gegenstände auf seiner Fläche zeigte, war wenig Hoffnung, daß eines von den Canoc's ungesehen bleiben würde; und indianischer Scharfsinn brauchte keine Belehrung darüber, in welcher Linie ein Boot oder ein Baumstamm treiben müsse, wenn die Richtung des Windes einmal bekannt war. Je näher Wild- tödter dem Lande kam, um so langsamer erfolgten die Schläge seiner Ruderschanfel, um so wachsamer wurde sein Auge, und Ohr und Nase dehnten sich beinahe ans über dem angestrengte» Bestreben, irgend eine lauernde Gefahr zu entdecken. Es war ein bedenklicher Augenblick für einen Neuling, auch fehlte die Aufmunterung, welche selbst Furchtsame manchmal finden in dem Bewußtsein, beobachtet und beurtheilt zu werden. Er war ganz allein, ganz ans seine eigene Kraft und Eingebung angewiesen, von keinem Frenndesangc angefcnert, von keinem ermuthigenden Zuruf angespornt. Trotz all' diesen Umständen hätte doch der im Gränz- männerkrieg erfahrenste Veteran seine Sache nicht besser machen können. Gleich weit entfernt von Tollkühnheit und Aengstlichkeit, bewerkstelligte er sein Vorrücken mit einer Art von philosophischer Klugheit, die ihn über alle andern Motive zu erheben schien, außer denjenigen, die zunächst die Ausführung seines Zweckes betrafen 9 '" 132 und förderten. Dies; mar der Anfang einer Laufbahn des Wald- hcldcnthnms, die nachmals diesen Mann, in seiner Art und innerhalb der Gränzen feiner Lebensart und seiner Thatensphäre, so berühmt machte, wie manchen Helden, dessen Name die Blätter von Werken geschmückt hat, berühmter als solche einfache Erzählungen, wie diese je werden können. Etwa noch hundert Schritte weit vom Ufer entfernt, erhob sich Wildtödter im Canoe, führte drei oder vier kräftige Rnder- schläge, welche hinreichten, die Barke vollends an's Land treiben zu machen, legte dann rasch das Schiffcrinstrument bei Seite, und ergriff das des Krieges. Eben war er im Begriff, seine Büchse aufznhebcn, als aus einen starken Knall daö Zischen einer Kugel folgte, welche so nahe an ihm vorbeiflog, das; er unwillkürlich znrückfnhr. Im nächsten Augenblicke taumelte Wildtödter und fiel seiner ganzen Länge nach ans den Boden des Canoe's. Ein gellender Ruf — von einer einzelnen Stimme — folgte, und ein Indianer sprang aus dem Gebüsch ans den offenen Platz der Landspitze und dem 'Canoe zu. Das mar der Augenblick, den der junge Mann gewünscht. Er erhob sich augenblicklich und legte seine Büchse ans seinen ungeschützten Feind an; aber sein Finger zögerte, abzndrücken ans einen Menschen, der in solchem Nachtheil ihm gegenüber stand. Dieser kleine Verzug wahrscheinlich rettete dem Indianer das Leben, der so rasch wieder in das Versteck zurücksprang, als er hcransgestürzt war. Inzwischen hatte sich Wildtödter rasch dem Lande genähert, und sein eigenes Canoe berührte den Vorsprung gerade in dem Augenblicke, wo sein Feind verschwand. Da seine Bewegungen nicht gelenkt wurden, berührte es die Küste einige Schritte entfernt von dem andern Boot; und obgleich sein Feind erst seine Büchse zu laden hatte, hatte er doch keine Zeit, seiner Beute sich zu versichern, und sie außerdem Bereich einer Gefahr wegznsühren, ohne sich noch einem Schuß ausznsctzen. Unter solchen Umständen daher zögerte er nicht einen 133 Augenblick, sondern stürzte sich in de» Wald und suchte sich einen Schirm nnd Schild. Gleich ans dem Vorsprung war ei» kleiner offener Platz, theils mit Graswnchs bedeckt, theils Ufcrplatz, aber ein dichter Saum ovn Gebüschen umzog seine obere Seite. Wenn man an diesem schmalen Streis zwerghaftcr Vegetation vorüber war, gelangte man sogleich in die hohen, düster« Gewölbe des Waldes. Das Land war einige hundert Fuß weit ziemlich eben, nnd dann stieg cs steil bergan. Die Bäume waren hoch, grosi, nnd so frei von Unterholz, das; sie gewaltigen, unregelmäßig zerstreuten Säulen glichen, die eine Kuppel von Laub trugen. Obwohl sie ziemlich dicht an einander standen für ihr Alter nnd ihre Größe, konnte doch das Auge in ansehnliche Entfernungen Vordringen, »nd selbst Sehaaren von Männern hätten unter ihrem Schutz mit Einsicht nnd Einverständnis; ein Gefecht liefern können. Wildtödter wußte, das; sein Gegner mit dem Laden beschäftigt sein »inßte, wenn er nicht geflohen war. Jenes war, wie sich zeigte, wirklich der Fall, denn kaum hatte sich der junge Mann hinter einen Baum gestellt, als er des Arms eines Indianers ansichtig ward, dessen Körper hinter einer Eiche sich versteckte, wie er eben die ledernmwickelte Kugel in den Lauf stieß. Nichts wäre leichter gewesen, als vorspringcn nnd die Sache entscheiden durch eine» Angriff aus der Nähe auf seinen unvorbereiteten Feind; aber jedes Gefühl Wildtödters empörte sich gegen einen solchen Schritt, obgleich eben erst sein Leben durch einen ähnlichen Angriff ans gedecktem Hinterhalt bedroht gewesen war. Er war noch nicht geübt in den mitleidslosen Maßregeln der Kriegführung der Wilden, wovon er wenig wußte, außer durch Ueberlicfernng und Theorie, nnd es erschien ihm als ein unwürdiger Vortheil, einen unbewaffneten Feind anzngreifen. Seine Farbe war dunkler geworden, sei» Auge sprühte grimmig, sein Mund war znsammen- gezogen und alle seine Kräfte gesammelt und gespannt; aber statt 13-4 vorwärts zu gehe» und zu feuern, lies; er seine Büchse sinken in der Art, wie ein Waidman» thnt, der im Begriff ist, seinen Zielpunkt in's Auge zu fassen, und murmelte vor sich hin, selbst nicht wissend, das; er sprach: „Nein, nein — das mag Kriegführung der Rothhänte sei», aber es ist gegen die Gaben eines Christen. Mag der Elende laden, und dann wollen wir es abmachen wie Männer; den» das Canoc darf er nnd soll er nicht habe», Nein, nein! Zeit soll er haben znm Laden, nnd Gott wird sich des Rechts annehmen!" Während dieser ganzen Zeit war der Indianer so mit sich nnd seinen Bcwegnngc» beschäftigt, daß er nicht einmal wnßte, daß sein Feind im Walde sich befand. Seine einzige Befürchtung war die, das Canve möchte in Best» genommen nnd wcggcführt werden, che er gefaßt wäre, dieß zu verhindern. Er hatte instinkt- mäßig den Schutz des Vanmes gesucht, befand sich aber nur wenige Schritte von dem Saum von Buschwerk entfernt, nnd konnte in einem Augenblicke am Rande des Walkes sein, bereit, zu feuern. Der Abstand zwischen ihm nnd seinem Feinde betrug etwa fünfzig Schritte, »nd die Bäume waren von der Natur so geordnet, daß der Blick durch kein Hindernis; unterbrochen wurde, außer durch eben die Bäume, hinter welchen die beiden Feinde sich bargen. Sobald der Wilde seine Büchse geladen, sah er sich um, nnd schritt vor, unvorsichtig, in Betracht der wirklichen Stellung seines Feindes, aber verstohlen nnd behutsam in Bezug ans diejenige, worin er denselben fälschlich vermnthetc, bis er ganz frei nnd »»beschützt dastand. Jetzt trat Wildtödter hinter seinem Versteck hervor nnd ries ihn an. „Hierher, Rothhant; hierher, wenn Ihr mich sucht," rief er ihm z». „Ich bin jung im Krieg, aber nicht so jung, daß ich ans einen freien, offenen Uferplah träte, um mich wie eine Eule niederschieße» zu lassen am Hellen Tage. Es hängt von Euch 135 ab, ob Friede oder Krieg zwischen uns ist; denn meine Gaben sind weiße Gaben, und ich gehöre nicht zn Denen, die es für eine Heldenthat halten, menschliche Sterbliche einzeln in den Wäldern zn erschlagen." Der Wilde war nicht wenig betroffen bei dieser plötzlichen Entdeckung der Gefahr, worin er schwebte. Er verstand jedoch ein wenig Englisch, und merkte, wohin ungefähr des Andern Rede zielte. Auch mar er zn wohl geübt und geschult, um Schrecken zn verrathe», sondern er ließ den Kolben seiner Büchse ans den Boden sinken und machte, mit einem Wesen, das Zuversicht aus- drnckte, eine Geberde stolzer Höflichkeit. Alles das geschah mit der Selbstbeherrschung und Sicherheit eines Mannes, der keinen Menschen als über sich stehend anznerkennen gewohnt ist. Aber während er seine Rolle mit so vollendeter Kunst spielte, machte doch der in ihm tobende Vulkan seine Augen sprühen und seine Nüstern sich dehnen, wie bei einem wilden Thier, das plötzlich gehindert wird, den todbringenden Sprung anszuführen. „Zwei Canoe," sagte er, in den tiefen Gntturaltönen seiner Rasse, die gleiche Zahl Finger emporhaltend, um Mißverständnisse zn verhüten; „eins für Euch, eins für mich." „Nein, nein, Mingo, so geht cs nicht. Euch gehört keins; und Ihr sollt auch keines haben, so lange ich es verhindern kann. Ich weiß, es ist Krieg zwischen Enrem Volk und dem meinigen, aber das ist kein Grund, warum menschliche Sterbliche einander nmbringen sollten, wie wilde Kreaturen, die sich in den Wäldern begegnen; geht denn Eures Weges und laßt mich den meinigen gehen. Die Welt ist groß genug für »ns Beide; und wenn wir uns in ehrlicher Schlacht begegnen, nun dann wird der Herr über unser Beider Schicksal verfügen!" „Gut!" rief der Indianer; „mein Bruder ein Missionär — großer Redner; Alles von Manittu." „Nicht so, nicht so, Krieger. Ich bin nicht gut genug für 136 die Mährischen Bruder, und zu gut für die meiste» ander» Vagabunden, die in de» Wäldern herum predigen. Nein, nein, ich bin nur ein Jäger bis jetzt, obgleich cs wohl möglich, ehe wieder Friede ist, daß ich Gelegenheit haben werde, einen Schlag gegen diesen und jenen von Euren Leuten zu fuhren. Doch wünsche ich, daß das in ehrlichem Gefecht geschehe, und nicht bei einem Hader um den Besitz eines elenden Canoe." „Gut! — Mein Bruder sehr jung — aber sehr weise. Kleiner Krieger — großer Redner. Häuptling, manchmal im Nathc." „Ich weiß das nicht, sage das auch nicht, Indianer," versetzte Wildtvdter, etwas erröthend bei dem schlechtverhehlten Sarkasmus in dem Benehme» des Andern, „ich sehe einem Leben in den Wäldern entgegen, und ich hoffe nur, es werde ein friedliches sein. Alle jungen Männer müssen den Kriegspfad betreten, wenn sich dazu Gelegenheit bietet, aber der Krieg ist nicht nothwcndig Metzelei. Von dieser habe ich in der letzten Nacht genug gesehen, um zu wissen, daß die Vorsehung sie mit Mißfallen ansieht; und ich fordere Euch jetzt auf, Eurer Wege zu gehen, wie ich den meinigen gehen will, und hoffe, daß wir als Freunde scheiden." „Gut! Mein Bruder hat zwei Skalpe — graues Haar unter dem andern. Alte Weisheit — junge Zunge." Hier trat der Wilde zuversichtlich näher, die Hand ausstrcckend, sein Angesicht lächelnd, und seine ganze Haltung zeigte Freundschaft und Achtung. Wildtödter nahm die dargebotene Freundschaft in geeigneter Art an, und sie schüttelten sich herzlich die Hände, Jeder bestrebt, de» Andern von seiner Aufrichtigkeit und Friedensliebe zu überzeugen. „Jeder das Seinige haben!" sagte der Indianer; „mein Canoe mein; Euer Canoe Euer; geht zu sehen; wenn's Euer, behaltet's; weun's mein, ich behalten." „Das ist billig, Rvthhant; aber Ihr müßt im Jrrthum sein, wenn Ihr das Canoe für Euer Eigenthnm haltet. Jedoch, sehen 137 ist glauben, und wir wollen an den Strand .hinnntergehen, wo Ihr mit eigenen Augen schauen könnt; denn wahrscheinlich werdet Ihr Euch nicht entschließen, den nieiuigcn ganz zu vertrauen." Der Indianer ließ seinen Lieblingsausruf: ,Gutsi vernehmen, und dann schritten sie neben einander der Küste zu. In dem Benehmen Beider war kein Mißtrauen sichtbar; der Indianer ging voran, als wollte er seinem Begleiter zeigen, daß er sich nicht furchte, ihn in seinem Rucken zu haben. Als sie den freien Platz erreichten, deutete Jener ans Wildtödters Boot und sagte mit Nachdruck: „Das nicht mein — Bleichgesichts Canoc; nicht rothcn Mannes. Will nicht anderer Leute Canoc — will nur mein eigenes." „Ihr seid im Jrrthnm, Nothhant, Ihr seid ganz im Jrrthnm. Dies; Canoe war in des alten Hutters Verwahrung; und ist sein nach allen Gesetzen und Rechten, rothcn oder weißen, bis der Eigenthnmcr kommt, cs zu fordern. Da sind die Sitze und die Fugnng der Barke, die für sich selbst sprechen. Kein Mensch hat je gesehen, daß ein Indianer solche Arbeit gemacht." „Gut. Mein Bruder wenig alt — dicke Weisheit- Indianer es nicht machen. Weißen Mannes Arbeit." „Ich bin froh, daß Ihr so denkt, denn die Behauptung des Gegenthcils hätte böses Blut zwischen uns gemacht; denn freilich hat Jeder das Recht, von dem Seinigen Besitz zu nehmen. Ich will nur gleich das Canoc hinansschiebcn ans dem Bereich des Streites, als der kürzeste Weg, Schwierigkeiten in's Reine zu bringen." Unter diesen Worten setzte Wildtödter einen Fnß ans das Ende des leichten Bootes, gab ihm einen kräftigen Stoß, und trieb es damit hundert Fnß weit oder mehr in den See hinein, wo es, in die rechte Richtung kommend, nothwcndig an dem Landvorsprnng vorbeischwimmen mußte, und nicht mehr in Gefahr kam, die Küste 138 zu berühren. Der Wilde stutzte bei diesem entschiedenen und kurz angebundenen Verfahren, und sein Begleiter sah, das; er einen heftigen und trotzigen Blick auf sein eignes Canoe, oder dasjenige warf, das die Ruder enthielt. Die Veränderung in seiner Miene jedoch währte nur einen Augenblick, und dann nahm der Irokese wieder sein freundliches Wesen an, mit einem Lächeln der Zufriedenheit. „Gut!" wiederholte er mit stärkerem Nachdruck als je. „Junges Haupt — alter Verstand. Wißt, wie einen Hader abmachen. Lebt wohl, Bruder. Er nach Hanse gehen zu Wasser — Bisamratten-Haus — Indianer in's Lager gehen; Häuptling sagen, kein Canoe gefunden." Wildtödter war cs nicht leid, diesen Vorschlag zu Horen, denn es verlangte ihn sehr, zu den Mädchen zu kommen, und er nahm die dargebotenc Hand des Indianers sehr willig an. Die Abschiedsmorte waren freundschaftlich; und während der rothe Mann ruhig dem Walde znschritt, mit der Büchse im hohlen Arm, ohne nur einmal unruhig und mißtrauisch sich nmznsehen, wandte sich der Weiße zu dem zurückgebliebenen Canoe, sein Gewehr zwar in derselben friedlichen Weise tragend, aber sein Auge immer auf die Bewegungen des Andern geheftet. Das Mißtrauen jedoch schien ganz ungerechtfertigt, und als schäme er sich, es gehegt zu haben, wandte der junge Mann seine Blicke und schritt sorglos seinem Boote zu. Dann begann er das Canoe von der Küste wegznstoßen, und machte seine übrigen Vorbereitungen zur Abfahrt. Er mochte etwa eine Minute so beschäftigt gewesen sein, als, bei einer zufälligen Wendung seines Gesichtes nach der Landseite hin, sein rasches und sicheres Auge ihn ans einen Blick von der dringenden Gefahr belehrte, worin sein Leben schwebte. Das schwarze, trotzige Auge des Wilden blitzte durch eine kleine Oeffnung in den Büschen ihn an wie das eines znm Satz bereiten Tigers, und die Mündung seiner Büchse schien sich schon in einer Linie mit seinem Körper zu offnen. 139 Da leistete wirklich seine lange Uebnng als Jäger dem Wildtödter gute Dienste. Gewohnt, ans das Wild im Satze zn fencrn, nnd oft, wenn die gcnane Stellung des Körpers des Thieres gewissermaßen erst zn errathcn war, benützte er hier eben diese Fertigkeit. Den Hahn spannen nnd seine Büchse anlcgcn war das Werk Eines Augenblicks nnd Einer Bewegung; denn beinahe blindlings zielend, feuerte er in die Gebüsche, worin er eine menschliche Gestalt verborgen wußte, welcher das allein sichtbare, entsetzliche Gesicht augehörte. Es war keine Zeit, das Gewehr höher zn halten, oder mit mehr Ueberlegnng zn zielen. So schnell waren seine Bewegungen, daß beide Gegner im gleichen Augenblick ab- fenerten, und der Knall beider Gewehre in Eins sich vermischte. Die Berge warfen in der That nur Ein Echo zurück. Wildtödter ließ seine Büchse sinken, nnd stand mit anfgerichtetcm Haupt, fest wie eine der Tannen in der Stille eines Jnninsmorgens, das Ergebnis! abwartend; während der Wilde den gellenden. Schrei ansstieß, der wegen seines entsetzlichen Eindrucks historisch geworden ist, durch die Büsche sprang, nnd seinen Tomahawk schwingend, in Sätzen über de» freien Platz daher kam. Noch immer rührte sich Wildtödter nicht, sondern stand da, seine entladene Büchse an seine Schulter gelehnt, während mit dem Instinkt des Jägers seine Hände mechanisch nach Pnlverhvrn nnd Ladstock griffen. Etwa vierzig Schritte von seinen! Feinde entfernt, schleuderte der Wilde die gefährliche Waffe, aber mit so unsicherem Auge, mit so unstäter nnd schwacher Hand, daß der junge Mann sie an der Handhabe faßte, als sie an ihm vorbeiflog. In diesem Augenblick taumelte der Indianer nnd fiel der Länge nach zn Boden. „Ich wußte es — ich wußte es!" rief Wildtödter, der sich schon anschickte, eine frische Kugel in seine Büchse zn zwängen, „ich wußte, es mußte dahin kommen, sobald ich die Angen der Kreatur zur Zielscheibe hatte. Ein Mann visirt plötzlich und feuert rasch, wenn sein eigenes Leben in Gefahr ist; ja, ich wußte, es 140 würde dazu komme». Ich war etwa den hundertste» Thcit einer Sekunde zu rasch für ihn, sonst hätte es vielleicht mich getroffen! Die Kugel des Wurms hat mich gerade an der Seite gestreift — aber man sage, was man will, für oder wider sie, eine Nothhant ist in keiner Weise so sicher mit Pulver und Kugel wie ein Weißer. Ihre Gaben scheinen nicht dahin zu liegen. Selbst Chingachgook, so groß er ist in andern Dingen, ist kein todtlicher Treffer mit der Büchse." Mittlerweile hatte er das Gewehr wieder geladen, nnd nachdem er den Tomahawk in das Canoe geworfen, trat er ans sein Opfer zu, nnd stand, auf seine Büchse gelehnt, in schwermüthiger Beobachtung vor ihm. Es war das erste Mal, daß er einen Menschen im Kampf hatte fallen sehen — das erste Wesen seiner eignen Gattung, gegen das er je feindselig seine Hand erhoben. Diese Empfindungen waren ihm neu; nnd bedauernde Rene, frisch, wie unsere besseren Gefühle es im Anfang sind, mischte sich in seinen Triumph. Der Indianer war nicht todt, obwohl gerade durch den Leib geschossen. Er lag regungslos auf dem Rücken, aber seine Augen, jcpt voll Bewußtsein, bewachten jede Bewcgnng seines Siegers — wie der gefallene Vogel den Vogcljäger — eifersüchtig auf jede» seiner Schritte. Wahrscheinlich erwartete der Mann den tödtlichcn Streich, welcher dem Verlust seines Skalps vorangehen sollte; oder vielleicht vermnthete er, daß diese letztere grausame Operation seinem Tode vorangchcn werde; Wildtödter crrieth seine Gedanken; und cs war ihm eine schwcrmüthige Ge- nngthnung, den hilflosen Wilden in Bezug auf diese Besorgnis; beruhigen nnd trösten zu können. „Nein, nein, Nothhant," sagte er, „Ihr habt nichts mehr von mir zu fürchten. Ich bin von christlichem Stamme, nnd Skal- piren liegt nicht in meinen Gaben. Ich will mich nur Eurer Büchse versichern, nnd dann zurückkommen nnd Euch dienen, in was ich kann; obgleich ich mich hier nicht mehr lange anfhalten 1L1 darf, da der Knall von drei Büchsen wohl einige von Euren Teufeln mir auf den Halo ziehen wird." Die letzten Worte redete der junge Mann halb im Selbstgespräch, während er ging, die dem Wilden entfallene Büchse zu suchen. Diese fand sich da, wo ihr Eigcnthümer sie weggeworsen, und ward sogleich in das Canoe gelegt. Seine eigene*Büchse legte Wildtödter daneben hin, kehrte dann zurück und stellte sich wieder vor den Indianer hin. „Alle Feindschaft zwischen Euch und mir ist zu Ende, Roth- haur," sagte er, „und Ihr könnt Euer Herz beruhigen wegen des Skalps oder irgend eines weitern Leides. Meine Gaben sind die eines Weißen, wie ich Euch schon gesagt habe, und ich hoffe, meine Handlungsart wird auch weiß sein!" Wenn Blicke und Mienen Alles anssprächen, was sie bedeuten sollen, so hätte wahrscheinlich Wildtödters unschuldige Eitelkeit ans seine Farbe eine kleine Zurechtweisung im Gesicht des Wilden gelesen; aber er verstand nur die Dankbarkeit, die sich in den Angen des Sterbenden anssprach, ohne im Mindesten den bitter» Hohn zu merken, der mit dem bessern Gefühle rang. „Wasser!" stammelte das unglückliche, durstige Geschöpf; „gebt armem Indianer Wasser!" „Ja, Wasser sollt Ihr habe», und wenn Ihr den See trocken trinkt. Ich will Euch mir hinnntertragcn, damit Ihr Euer» Durst recht löschen könnt, das ist so die Art, sagt man mir, bei allen Verwundeten — Wasser ist ihr größtes Labsal und Entzücken." Mit diesen Worten hob Wildtödter den Indianer in seinen Armen ans und trug ihn an de» Sec. Hier half er ihm zuerst zu einer Lage, worin er seine» brennenden Durst stillen konnte: darauf setzte er ihn auf einen Stein, nahm das Haupt des verwundeten Gegners in seinen Schooß und suchte ihn in seinen Schmerzen, so gut er konnte, zu trösten. „Es wäre sündhaft von mir, zu sagen, daß Eure Zeit nicht 142 gekommen sei, Krieger," begann er, „und deswegen will ich das nicht sagen. Ihr seid schon über das mittlere Alter hinaus, und in Betracht des Lebens, das Ihr führt, habt Ihr das Maas; Eurer Tage so ziemlich erfüllt. Die Hauptsache ist jetzt, dem entgcgen- znfeheu, was zunächst kommt. Weder Rothhaut noch Bleichgesicht rechnen, im Ganzen genommen, darauf, immerfort zu schlafen, sondern Beide erwarten, in einer andern Welt fortznleben. Jeder hat seine Gaben, und wird darnach gerichtet werden, und ich hoffe, Ihr habt diese Dinge hinreichend überdacht, um keiner Predigten zu bedürfen, wenn es zum Spruch und Urlheil kommt. Ihr werdet Eure glücklichen Jagdreviere finden, wenn Ihr ein gerechter Indianer gewesen seid; wenn aber ein ungerechter, erwarten Euch anderswo Eure Wüsten. Ich habe meine eignen Ideen über diese Sachen; aber Ihr seid zu alt nnd zu erfahren, um von einem so Jungen, wie ich, Belehrungen zu bedürfen." „Gut!" stammelte der Indianer, dessen Stimme ihre Tiefe behielt, als schon das Leben dahinschwand, „junges Haupt — alte Weisheit!" „Es ist manchmal ein Trost, wenn das Ende kommt, zu wissen, daß Diejenige», denen wir ein Leid gethan oder zu thnn gesucht, uns vergeben. Ich bilde mir ein, die Natur sucht diese Erleichterung, um einer Verzeihung auf Erden theilhaft zu werden; da wir nie wissen können, ob Er verzeiht, der Alles in Allem ist, bis das Gericht selbst kömmt. Es ist tröstlich, zu solcher Zeit zu wissen, daß Jemand verzeiht, nnd das, vermuthe ich, ist das Geheimnis'. Nun, was mich betrifft, so übersehe ich ganz Eure Anschläge gegen mein Leben, erstlich, weil kein Unheil daraus entsprang, sodann auch, weil Eure Gabe» nnd Natur nnd Erziehung einmal so sind, nnd ich hätte Euch eben gar nicht trauen sollen; nnd endlich nnd hauptsächlich, weil ich keinen bösen Willen hegen kann gegen einen Sterbenden, sei er ein Heide oder ein Christ. So beruhigt Euch denn in Eurem Herzen, was mich anbelangt; Ihr müßt am besten 143 wissen, was für andere Dinge Euch bennrnhigen, oder was Euch zurZnfriedenhcit gereichen wurde in einem so wichtigen Augenblicke." Vermnthlich hatte der Indianer auch zum Theil jene erschütternden Ahnungen von dem unbekannten Zustand des Seins, welche Gott in seiner Barmherzigkeit zu Zeiten dem ganzen menschlichen Geschlecht zu vergönnen scheint; aber nothwendig standen sie im Einklang mit seinen Lebensgewvhnheiten und Vorurtheilen. Wie die Meisten seines Volkes, und nur zu Viele unter uns, dachte er mehr daran, in einer Weise zu sterben, wodurch er sich Lob und Beifall bei den Znrückbleibeudcn gewann, als sich ein besseres Dasein in einer künftigen Welt zu sichern. Während Wildtödter redete, war sein Geist etwas verstört, obwohl er die gute Absicht merkte; und als er fertig war, flog durch seine Seele ein Bedauern darüber, daß keine Genossen seines Stammes anwesend waren, um Zeugen zu sein von dem Stoicismns bei den äußersten physischen Schmerzen, und von der Festigkeit, womit er sein Ende erwartete. Vermöge der hochstnnigen, angeborenen Höflichkeit, die so oft den indianischen Krieger auszeichnet, ehe er durch zu großen Verkehr mit der schlechteste» Klasse der Weißen verdorben wird, suchte er seine Dankbarkeit für die guten Absichten des Andern auszndrücken, und ihm zu verstehen z» geben, daß er sie zu schätzen wisse. „Gut!" wiederholte er, denn dies; Wort war bei den Wilden sehr gebräuchlich, — „gut, junges Haupt; auch junges Herz. Altes Herz zäh; keine Thränen vergießen. Indianer hören, wenn er stirbt, und nicht zu lügen braucht — wie sich nennt er?" „Wildtödter ist der Name, den ich jetzt trage; doch haben die Delawaren gesagt, ich würde, wenn ich von diesem Kriegspfade znrückkäme, einen mannhaftern Titel bekommen, vorausgesetzt, daß ich einen erwürbe." „Das guter Name für Knaben — armer Name für Krieger. Wird bald ein besserer werden. Keine Furcht hier," — der Wilde besaß in seiner lebhaften Aufregung noch Kraft genug, eine 144 Hand zu erheben, und die Brust des jungen Mannes zu betasten — „Auge sicher, Finger ein Blick, — Ziel, Tod — großer Krieger bald. Kein Wildtödtcr — Falkenange — Falkenauge — Falken- ange. Hände schütteln." Wildtödtcr — oder Falkenauge, wie der Jüngling jetzt zum ersten Mal genannt wurde, denn in späteren Jahren trug er diesen Namen in der ganzen Gegend — Wildtödtcr ergriff die Hand des Wilden, der in dieser Lage seinen letzten Athemzng that, und starrte mit Bewunderung das Gesicht eines Unbekannten an, der in so schweren und neuen Verhältnissen so viel Entschlossenheit, Gewandtheit und Festigkeit gezeigt hatte. Wenn der Leser sich erinnert, daß cs die höchste Geuugthnung für einen Indianer ist, zu sehen, wie sein Feind Schwäche verräth, wird er noch richtiger die Handlungsweise würdigen, welche in einem solchen Augenblick ein solches Zugeständnis' errungen hatte. „Sein Geist ist entflohen!" sagte Wildtödtcr mit gedämpfter, melancholischer Stimme. „Ach, mir ist's leid! Nun, dahin müssen wir Alle kommen, früher oder später; und der Glücklichste ist Der, sei seine Haut von welcher Farbe sie wolle, der am bereitesten ist, diesen Weg zu gehen. Da liegt der Leichnam von einem ohne Zweifel tapfer» Krieger, und die Seele fliegt schon ihrem Himmel oder ihrer Hölle zu, sei dies; nun ein glückliches Jagdrevier, oder eine Gegend ohne Wild; Gefilde der Herrlichkeit, nach der Mährischen Brüder Lehre, oder Fcnerflammen! So trifft es sich auch oft in andern Dingen nach Zufall und wunderlich. Da haben der alte Hutter und Hnrry sich in große Nöthen hineingerannt, wo nicht gar in Martern und Tod, und Alles einem Preise zu lieb, den mir das gute Glück darbietet in rechtmäßiger und anständiger Weise — wie es Viele bedünken wurde. Aber nicht ein Pfennig von solchem Geld soll durch meine Hand gehen. Weiß bin ich geboren und weiß will ich sterben; an meiner Farbe fcsthaltcn bis an's Ende, wenn auch des Königs Majestät, seine Gouverneurs und alle seine Räthe, im Mutterland »nd in den Kolonien, vergessen, woher sie stammen, und wohin sie zn kommen hoffen, und Alles einem kleinen Vortheil im Kriege znlieb. Nein, nein, Krieger! — meine Hand soll nie deinen Skalp gefährden, und so möge deine Seele im Frieden ruhen, was den Punkt betrifft, ob sie auch in geziemender Erscheinung sich darstellen kann, wenn der Körper wieder mit ihr sich vereinigt, in Eurem Lande der Geister!" Nach diesen Worten stand Wildtödter sogleich ans. Dann brachte er den Leichnam des Tobten in eine sitzende Stellung mit dem Rucken gegen den kleinen Fels, und traf mit aller Sorgfalt Vorkehrungen, daß er nicht falle, oder irgend in eine Lage gerathc, welche »ach den sehr empfindlichen, obwohl rohen Begriffen eines Wilden unziemlich erscheinen könnte. Nach Erfüllung dieser Pflicht stand der junge Mann da, in einer Art schwcrmnthigcr Zerstreutheit das grimmige Antlitz seines gefallenen Feindes betrachtend. ^ Aber wie es seine Gewohnheit war — eine Gewohnheit, die er dadurch angenommen, daß er so viel allein in den Wäldern lebte, begann er jetzt wieder seine Gedanken und Empfindungen laut zu äußern. „Ich wollte dein Leben nicht haben, Rothhant," sagte er, „aber du ließest mir keine Wahl als tödten oder mich tödten lassen- Jeder Theil handelte nach seinen Gaben, denk' ich, und Tadel kann Keinen treffen. Du wärest verrätherisch, nach deiner Natur im Kriege, und ich mar ein wenig zn nachsichtig, da ich Andern zn leicht traue. Nun, das war mein erster Kampf mit einem menschlichen Sterblichen, obgleich es wohl nicht mein letzter gewesen sein wird. Ich habe mit de» meisten Kreaturen des Waldes gekämpft, als da sind Wölfe, Bären, Unzen und Panther, aber das ist der Anfang mit den Rothhänten. Wäre ich nun ein geborener Indianer, so könnte ich davon erzählen, oder den Skalp mitbringen, und mich der That rühmen vor dem ganzen Stamme; und wenn nun mein Feind auch mir ein Bär gewesen, so wäre es natürlich und Der Wildtödter. 10 146 passend, Jedermann das Vorgefallene wissen zu lassen; aber ich sehe nicht ab, wie ich auch nur Chingachgvok dies; Geheimniß mittheilen soll, so lange dieß nur dadurch möglich ist, daß ich mit einer weißen Zunge davon prahle. Und warum sollte ich eigentlich auch damit zu prahlen wünschen? Es ist eben Tödtung eines Menschen, obgleich er ein Wilder war, und wie weiß ich, ob cs ein gerechter Indianer gewesen, und ob er nicht ganz wo anders hin entrückt worden ist, als in glückliche Jagdreviere? Wenn es ungewiß bleibt, ob etwas Gutes oder Schlimmes ausgeführt worden, ist das Klügste, sich nicht zu rühme» — und doch wäre es mir lieb, Chingachgook wissen zu lassen, daß ich den Dclawa- ren und meiner Erziehung keine Unchre gemacht habe!" Dieß ward zum Theil laut gesprochen, zum Theil von dem Redenden nur zwischen den Zähnen gemurmelt: jenes war der Fall bei seinen zuversichtlichere» Gedanken, dieß dagegen bei seine» Zweifeln und Bedenklichkeiten. Sein Selbstgespräch jedoch und seine Betrachtungen erlitten eine gewaltsame Störung durch das plötzliche Erscheinen eines zweiten Indianers an der Küste, wenige hundert Schritte von der Landspitze. Dieser Mann, unverkennbar ein zweiter Späher, der wahrscheinlich durch den Knall der Büchsen an diesen Ort gelockt worden war, trat mit so wenig Vorsicht aus dem Walde hervor, daß Wildtödter seiner früher ansichtig, als selbst von Jenem bemerkt wurde. Als auch dieß letztere, und zwar gleich im nächsten Augenblick geschah, stieß der Wilde einen lauten, gellenden Schrei ans, den ein Dutzend Stimmen von verschiedenen Seiten des Berges erwiederten. Jetzt war nicht länger zu zaudern, und nach einer Minute schon verließ das Boot die Küste unter laugen und stetigen Ruderschlägen. Sobald Wildtödter sich durch eine hinlängliche Entfernung gesichert glaubte, ließ er in seinem angestrengten Arbeiten nach, und die kleine Barke für sich forttreiben, während er sich gemächlich den Stand der Dinge betrachtete. Das zuerst dem Spiel 147 der Wellen anvertraute Canoe schwamm, von dem leichten Wind getrieben, wohl eine Viertelmeile vor ihm her, und dem Ufer etwas näher, als ihm jetzt lieb war, da er wußte, daß noch mehr Wilde in der Nähe waren. Das von dem Landvorsprnng abgestoßene Canoe war nur einige Schritte von ihm entfernt, da er, vom Land abstoßend, sein Boot gerade darauf zngelenkt hatte. Der todte Indianer lag in finstrer Ruhe da, wo er ihn gelassen, der Krieger, der sich vor dem Walde gezeigt, war bereits verschwunden, nnd die Wälder selbst waren sv still und dem Anschein nach so verödet, wie an dem Tag, da sie frisch ans der Hand ihres große» Schöpfers kamen. Diese tiefe Stille jedoch währte nur einen Augenblick. Nachdem die Späher des Feindes sich Zeit genommen, ihre Recognoscirnng vorznnehmen, brachen sie ans dem Dickicht hervor auf die nackte Landspitze, und erfüllten bei Entdeckung des Todes ihres Genossen die Luft mit ihrem Wnthgeschrei. Auf dies; Geschrei folgte sogleich ein Frendengejanchze, als sie den Leichnam erreichten nnd sich darum her schaartcn. Wildtödter mar bekannt genug mit den Gebräuchen der Eingeborenen, um den Grund dieses Uebergangs zu errathen. Der gellende Schrei war die übliche Klage beim Verlust eines Kriegers, das jauchzende Gebrülle ein Zeichen der Freude, daß der Sieger nicht im Stande gewesen, sich in de» Besitz des Skalpes zu sehen — der Trophäe, vhne die ein Sieg nie als vollständig betrachtet wurde. Die Entfernung der Canoe's vom Ufer verhinderte wahrscheinlich jeden Versuch, dem Sieger etwas anznhaben, da der amerikanische Indianer, wie der Panther seiner Wälder, selten einen Angriff gegen seinen Feind versucht, wenn nicht die Umstände so sind, daß er mit ziemlicher Sicherheit auf die Wirksamkeit desselben rechnen kann. Da der junge Mann keine Veranlassung hatte, noch länger in der Nähe des Landvorsprnngs zu verweilen, machte er Anstalt, seine Canoe's zu sammeln, um sie dann am Tau nach dem Kastell zu schleppen. Das nächste war bald am Tau, worauf er weiter 10 * 148 ruderte, das andere einznholen, das diese ganze Zeit her den See aufwärts trieb. Sobald Wildtödters Auge ans dies; Boot sich heftete, fiel ihm sogleich ans, daß es der Küste näher sei, als es hätte sein muffen, wenn es blos der Richtung des leichten Luftzuges folgte. Er begann die Wirkung einer unsichtbaren Strömung im Wasser zu vcrmnthen, und er verdoppelte seine Anstrengungen, um in den Besitz desselben zu kommen, che es sich den Wäldern ans einen gefahrdrohenden Abstand nähere. Als er näher hcrankam, glaubte er eine auffallendere Bewegung des Canoe's durch das Wasser zu bemerke», die es, da cs nach seiner Breite dem Winde ansgefetzt war, dem Lande zntrieb. Einige tüchtige Rudcrschläge brachten ihn noch näher, wo sich ihm denn das Geheimniß löste. Sichtlich war etwas in Bewegung ans der von ihm abgekehrten und fernsten Seite des Canoe's, und schärfere Beobachtung zeigte, daß es ein nackter, menschlicher Arm sei. Ei» Indianer lag ans dem Boden des Canoe's, und trieb es langsam aber sicher, seine Hand als Ruder brauchend, der Küste zu. Wild- tödter verstand ans Einen Blick die ganze List. Ein Wilder war nach dem Boote geschwommen, während er mit dem Feind ans der Landspitze beschäftigt gewesen, hatte davon Besitz genommen, und suchte cs ans obengenannte Weise an das Land zu fördern. Uebcrzengt, daß der Mann in dem Canoe keine Waffen haben könne, bedachte sich Wildtödter nicht, dicht an das sich zurückzie- hendc Boot hinanznfahren und anznlegen, ohne daß er für nöthig erachtete, seine Büchse aufznheben. Sobald das Rauschen des Wassers, das sein Boot im Hcrannahen verursachte, dem am Bode» liegenden Wilden vernehmbar wurde, sprang er ans und stieß einen Schrei ans, welcher bewies, wie vollständig er überrascht worden war. „Wenn Ihr Euch genug an diesem Canoe erlnstigt habt, Roth- hant," bemerkte Wildtödter ganz kalt, indem er sein Boot noch frühe genug anhielt, um ein förmliches Zusammenstößen der beiden Fahrzeuge zu verhüten, „wenn Ihr Euch genug in diesem Canoe 149 erlnstigt habt, werdet Ihr klug daran thuu, Euch wieder iu den See zu begeben. Ich bin vernünftig und billig in diesen Dingen nnd dürste nicht nach Eurem Blut, obgleich es Leute hier herum gibt, die Euch mehr wie einen Schein zu Erhebung des Preisgelds, denn wie einen menschlichen Sterblichen betrachte» würden. Macht Euch in den See, im Augenblick, eh' cs zu hitzigen Worten kommt." Der Wilde war einer von Denen, die nicht ein Wort Englisch verstanden, nnd er verdankte den Geberden Wildtödters nnd dem Ausdruck eines selten tauschenden Auges das freilich unvollkommene Verständnis' seiner Meinung. Vielleicht auch der Anblick der Büchse, die dem weißen Manne so nahe zur Hand lag, beschleunigte seinen Entschluß. Jedenfalls duckte er sich zusammen, wie ein Tiger, der seinen Satz machen will, stieß einen gellenden Schrei ans, nnd im nächsten Augenblick-mar sein nackter Körper im Wasser verschwunden. Als er auftanchte, Athem zu schöpfen, befand er sich in einer Entfernung von mehreren Schritten -von dem Canoe, »nd der hastige Blick, den er rückwärts warf, verrietst, wie sehr er die Ankunft eines unheilvollen Boten ans der Büchse seines Feindes fürchtete. Der junge Mann aber gab durch kein Zeichen eine feindselige Absicht zu erkennen. Mit gutem Bedacht befestigte er das Canoe an dem andern, nnd fing dann an, von der Küste wegzurudern; »nd bis der Indianer das Land erreichte nnd sich wie ein Pudel schüttelte, als er das Wasser verließ, war sein gefürchteter Feind schon außer Schußweite auf seinem Weg dem Kastell zu. Nach seiner Lieblingsgcwohnheit ermangelte Wildtödter nicht, auch über diesen Vorfall in einem Selbstgespräch sich zu äußern, während er stetig dem Orte seiner Bestimmung znrndcrte. „Ent, gut," begann er, „es wäre Unrecht gewesen, einen menschlichen Sterblichen zwecklos zu tödten. Skalpe gelten mir Nictztss »nd das Leben ist süß nnd soll Keinem erbarmungslos geraubt werden von Solche», die weiße Gaben haben. Der Wilde war zwar ein Mingo; und ich zweifle nicht, er ist und wird sein, so 150 lange er lebt, ein rechtes Gewürm und ein Vagabund; aber das ist kein Grund, warum ich meine Gaben und Farbe vergessen sollte. Nein, nein, lass' ihn gehen; wenn wir »ns je wieder treffen, die Buchse in der Hand, »nn dann wird man sehen, wer das mnthigste Herz und das rascheste Auge hat. — Falkenange! das ist kein übler Name für einen Krieger, und klingt viel mannhafter und tapferer als Wildtödter! Es wäre kein übler Titel für den Anfang, »nd ist ehrlich verdient worden! Wenn es Chingachgook begegnet wäre, so könnte der jetzt hingehen und sich seiner Thaten rühmen, und die Häuptlinge würden ihn in der Minute Falkenange nennen; aber weißem Blut ziemt es nicht zu prahlen, und es ist nicht leicht abzusehen, wie die Sache wird bekannt werden, wenn nicht durch mich. Nun gut; alle Dinge sind in den Händen der Vorsehung: diese Sache so gut wie andere; ans sie will ich vertrauen, daß mir nach meinem Verdienste zu Theil wird." Nachdem der junge Mann so verrathen, was man seine schwache Seite nennen konnte, fuhr er schweigend in seinem Rudern fort, und fuhr rüstig, und so schnell ihm nur seine Taue erlaubten, dem Kastell zu. Mittlerweile war die Sonne nicht nur aufgegangen, sondern sie stand auch schon über den östlichen Bergen, und goß eine Flut prächtigen Lichts ans den bis jetzt noch ungetrübten Wasserspiegel. Die ganze Scene strahlte von Schönheit; und Niemand, der mit der gewöhnlichen Geschichte der Wälder nicht bekannt gewesen, .hätte geahnt, daß sie vor so kurzer Zeit erst Zeugin von so wildem und barbarischem Beginnen gewesen. Als Wildtödter sich dem Ban des alten Hutter näherte, dachte, oder vielmehr fühlte er, daß dessen äußere Erscheinung in eigenthümlichem Einklang mit der ganzen übrigen Scene stehe. Obgleich an Nichts als an Stärke und Sicherheit gedacht worden war, trugen doch die rohen, massiven Baumstämme, mit ihrer rauhen Rinde bedeckt, das vorspringende Dach, und die ganze Form dazu bei, das Gebäude zu einem, beinahe unter allen Verhältnissen malerischen zu 151 machen/ mährend seine wirkliche Lage dem sonstigen Anziehenden noch den Reiz des Nenen und Seltsamen hinznfngte. Als jedoch Wildlödter dem Kastell näher kam, drängten sich seiner Seele ernste Gedanken ans, die ans einmal alle Schönheiten, welche die Scenerie des See's und die Lage dieses eigenthiimli- chen Gebäudes anszeichneten, ganz verdrängten und schwinden machten. Judith und Hetty standen ans der Platform vor der Thiire, Hutter's Thorhof, mit sichtbarer Aengstlichkeit seine Ankunft erwartend; die Erstere von Zeit zu Zeit seine Person und die Canoe's durch das schon erwähnte alte Schiffsfernglas beobachtend. Nie erschien wohl dieß Mädchen in einem höher» Glanze der Schönheit als eben jetzt; die Nöthe der Unruhe und des gespannten Interesse erhöhte ihre Gesichtsfarbe zu den herrlichsten Tinten, mährend die Sanftmnth ihrer Angen, ein Reiz, den selbst die arme Hetty mit ihr theilte, durch die Ergriffenheit ihrer Emfin- dung noch einen tiefern Ausdruck erhielt. So war wenigstens die Meinung des jungen Mannes, der jedoch nicht inne hielt, nicht sich einfallen ließ, die Motive zu analysiren, oder irgend welche spitzfindige Unterscheidungen zwischen Ursache und Wirkung zn machen, als er mit seinen Canoe's die Arche erreichte, an deren Seite er alle drei sorgfältig befestigte, ehe er den Fuß auf die Platform setzte. Achtes Kapitel. Sein Wort ist Bürgschaft und sein Eid Orakel; Treu seine Liebe, makellos sein Denken; Des Herzens reine Boten seine Thränen; Sein Herz so fern von Trug wie Himmel von Holle. Shakespeare. Annes der Mädchen sprach, als Wildtödter allein vor ihnen stand, und sein Gesicht all' die Besorgnisse verrieth, die er wegen des Schicksals der zwei abwesenden Glieder ihrer Gesellschaft empfand. „Vater!" rief endlich Judith, der dnrch eine verzmeiflnngs- volle Anstrengung das Vorbringen dieses Einen Wortes zu gelingen schien. „Es ist ihm ein Unfall zngestoßen, und es wäre nutzlos, cs verhehlen zu wollen," antwortete Wildtödter in seiner geraden und einfachen Art. „Er und Hnrry sind in den Hände» der Mingo's, nnd nur der Himmel weiß, was der Ansgang sein wird. Ich habe die CanoeS in Sicherheit gebracht, und das ist ein Trost, weil die Vagabunden jetzt schwimmen oder Flöße bauen muffen, um sich diesem Hans zu nähern. Bis Sonnenuntergang werden wir dnrch Chingachgook verstärkt werden, wenn es mir gelingt, ihn in ein Canoe zu schaffen; nnd dann, denk' ich, können wir Zwei für die Arche nnd das Kastell stehen, bis einige von den Offizieren in den Garnisonen von diesem Kriegszug hören, was früher oder später der Fall sein muß, wo wir dann ans Hilfe von dieser Seite, wenn nicht von einer andern — rechnen dürfen." „Die Offiziere!" rief Judith ungeduldig, nnd ihre Farbe ward röther, nnd ihr Auge drückte eine lebhaftere, aber vorübergehende innere Bewegung ans. „Wer denkt jetzt an die herzlosen galanten Herrn, Wer spricht von ihnen? — Wir find allein genügend, das Kastell zu vertheidigen; — aber was ist's mit meinem Vater nnd mit dem armen Hnrry Harry?" „Es ist natürlich, daß Ihr solche Sorge empfindet für Enern Vater, Judith, nnd ich denke, Ihr solltet eben so gesinnt sein in Betreff Hnrry Harry's." Jetzt begann Wildtödter eine gedrängte aber klare Erzählung alles Dessen, was während der Nacht sich begeben hatte; keineswegs die Unfälle seiner beide» Begleiter verhehlend, noch auch seine eigene Meinung, was die Folgen sein könnten. Die Mädchen hörten mit tiefer Aufmerksamkeit zu; aber keine vcrrieth jene weibliche Aengstlichkeit nnd Bestürzung, welche bei einer derartigen Mittheilung unausbleiblich sich geäußert hätte bei Solchen, 153 die weniger an die Wechselfalle nnd Mißgeschicke eines Gränzer- lebens gewohnt gewesen wären. Znm Erstaunen Wildtödters schien Judith die mehr Niedergeschlagene; Hetty horchte aufmerksam zu, schien aber über die vernommenen Thatsachen mehr in ! melancholischem Schweigen zu brüten, als daß sic ihre Gefühle i äußerlich rcrrathen hätte. Die Unruhe der Ersteren ermangelte i der junge Mann nicht, ihrem Interesse für Hurry ebensosehr, als < ihrer kindlichen Liebe zuznschreiben, während er sich Hetty's anscheinende Gleichgültigkeit aus der geistigen Finsternis; erklärte, welche gewissermaßen ihren Verstand verdunkelte nnd sie vielleicht nicht alle Folgen voraussehen ließ. Beide jedoch sprachen wenig: Judith nnd ihre Schwester machten sich mit den Vorbereitungen zur Morgenmahlzeit zu schaffen, wie denn Leute, die regelmäßig ! mit solchen Dingen sich zu beschäftigen haben, selbst mitten unter Leiden nnd Kummer mechanisch darin fortarbeiten. Das einfache aber nahrhafte Frühstück ward von allen Dreien in düsterem : Schweigen eingenommen. Die Mädchen aßen wenig, Wildtödter Z aber bewies, daß er Eine wesentliche Eigenschaft eines guten ! Soldaten besaß, die, daß er unter den beunrnhigendste» und ^ peinlichsten Umständen seine» guten Appetit behielt. Das Mahl i ging beinahe zu Ende, ehe nur eine Sylbe gesprochen wurde; dann aber fing Judith an zu sprechen in jener hastigen und krampfhaften Weise, in welcher das Gefühl, den Zwang überwindend, ansbricht, nachdem dieser noch schmerzlicher und peinlicher geworden ist, als selbst die Aenßernng der innen; Bewegung. „Dem Vater würde dieser Fisch gemundet haben!" rief sie ans; „er sagt, der Salm der See'n sei beinahe so gut, wie der des , Meeres." ^ „Euer Vater ist mit dem Meer bekannt gewesen, so höre ich, 1 Judith," versetzte, der junge Mann, der sich nicht enthalten konnte, : einen forschenden Blick ans das Mädchen zn werfen; denn wie s Alle, die Huttern kennen lernten, empfand er einige Neugier, seine 154 frühere Geschichte zu erfahre». „Hurry Harry sagt mir, er sei einmal Matrose gewesen." Judith schien zuerst in einige Verlegenheit zu gerathen; daun unter dem Einfluß von Gefühlen, die ihr in mehr als Einer Hinsicht neu waren, wurde sie plötzlich mittheilsam und nahm, wie es schien, lebhaften Antheil an dem Gegenstand des Gesprächs. „Wenn Hurry Etwas von Vaters Geschichte weiß, so wollte ich, er hätte es mir erzählt!" rief sic ans. „Manchmal glaube auch ich, er sei einmal Matrose gewesen und manchmal auch wieder nicht. Wenn dieser Schrank offen wäre, oder wenn er sprechen könnte, könnte er uns in seine ganze Geschichte einweihen. Aber seine Schlösser und Riegel sind zu stark, um aufgebrochen zu werden wie Packschnüre." Wildtödter wandte sich zu dem fraglichen Schranke »nd besichtigte ihn zum ersten Mal genau. Obgleich er eytfärbt war, und Spuren von häufiger übler Handhabung an sich trug, war er doch, wie er jetzt sah, von weit besserem Stoff und vorzüglicherer Arbeit, als alles Aehnliche, was er früher gesehen. Das Holz war dunkel, edel und war einmal trefflich polirt gewesen, obgleich die Behandlung, die er mußte erfahren haben, wenig Glanz mehr übrig gelassen, und verschiedene Schrammen und Ritzen die herben Colli- sioncn vcrriethen, in welche er mit noch härter« Gegenständen gerathen war. Die Ecken waren stark mit Stahl beschlagen, sorgfältig und reich gearbeitet, während die Schlösser, deren er nicht weniger als drei hatte, und die Bänder von einer. Arbeit und Fayon waren, welche selbst in einem Magazin von ausgezeichneten Menbles Aufmerksamkeit erregt haben würde. Der Schrank war auch groß; und als Wildtödter anfstand, und ihn von der einen Seite an seiner massiven Handhabe aufznheben versuchte, fand er, daß die Schwere vollkommen der äußern Erscheinung entsprach. „Habt Ihr je diesen Schrank geöffnet gesehen, Judith," fragte der junge Mann mit der Freimüthigkeit des Gränzers, denn von 155 Zartgefühl in solche» Dingen wußten die Leute auf der äußersten Gränzmarke der Civilisation in jenen Tagen wenig, wie vielleicht auch jetzt noch. „Nie. Vater hat ihn nie in meiner Gegenwart geöffnet, wenn er ihn überhaupt je öffnet. Kein Mensch hier hat je seinen Deckel gehoben gesehen, wenn nicht Vater, auch weiß ich von ihm nicht einmal, ob er ihn so gesehen." „Da irrst du dich, Judith," versetzte Hetty ruhig. „Vater hat den Deckel ausgemacht, und ich habe es mit angesehen." Ein Gefühl männlichen Stolzes hielt Wildtödtcrs Mund geschlossen; denn während er sich nicht bedacht hätte, in seinen Fragen an die ältere Schwester weit über die Gränzen der Schicklichkeit, nach unser» Begriffen, hinauszugehen, empfand er doch gerechte Bedenklichkeiten, den vielleicht nicht ganz ehrenhaften Vvr- theil zu benützen, welchen der schwache Verstand der jüngeren ihm darbot. Judith indessen, die keine solche Rücksichten zu nehmen hatte, wandte sich rasch zu ihrer Schwester und verfolgte das Gespräch: „Wann und wo hast du den Schrank offen gesehen. Hetty?" „Hier — und zu wiederholten Malen; Vater öffnet ibn oft, wenn du weg bist, beachtet es aber gar nicht, wenn ich da bin, und Alles, was er thnt, sehe, und Alles höre, was er sagt." „Und was thnt er, und was sagt er?" „Das kann ich dir nicht sagen, Judith," versetzte die Andere mit leiser aber entschlossener Stimme. „Vaters Geheimnisse sind nicht meine Geheimnisse." „Geheimnisse! das ist noch seltsamer, Wildtödter, daß Vater sie Hetty sagen sollte, und mir nickst!" „Dazu hat er guten Grund, Judith, obgleich du diesen nicht erfahren sollst. Vater ist nicht hier, um selbst zu antworten, und ich werde nicht mehr davon sagen." Judith und Wildtödter waren überrascht, und etwa eine Mi- 156 nute lang schien die Erstere gekränkt und traurig. Plötzlich jedoch sich wieder fassend, wandte sie sich von ihrer Schwester weg, als suhlte sie Mitleid mit ihrer Schwäche, und sagte, zu dem jungen Mann sich wendend: „Ihr habt mir Eure Geschichte erst halb erzählt, und da abgebrochen, wo Ihr in dem Canoe zu schlafen anfingt — oder vielmehr, wo Ihr anfstandet, um ans das Schreien des Wasservogels zu lauschen. Auch wir haben das Geschrei der Wasserhühner gehört, und gedacht, es möge wohl einen Sturm bedeuten, obgleich wir ans diesem See und zu dieser Jahreszeit wenig Gewitter zu haben pflegen." „Die Winde blasen und die Stürme heulen, wie es Gott gefällt, bald zu dieser, bald zu jener Jahreszeit," versetzte Wild- tödter, „und die Wasservögel lassen sich hören »ach ihrer Natur. Besser wäre es, wenn die Menschen eben so ehrlich und offen wären. Nachdem ich aufgestanden, um den Vögeln zu lauschen, und merkte, daß cs nicht Hnrry's Signal sein könne, legte ich mich nieder und schlief. Als der Tag anbrach, war ich auf und munter, wie gewöhnlich, und dann eilte ich den beiden Canoe's nach, damit nicht die Mingo's sich ihrer bemächtigten." „Ihr habt uns nicht Alles erzählt, Wildtödter," sagte Judith ernst. „Wir haben Büchsen knallen gehört unter dem östlichen Berge; die Echo's waren voll und lang, und folgten so bald auf den Knall, daß die Gewehre auf der Küste oder ganz nahe dabei müssen abgefenert worden sein. Unser Ohr ist an diese Zeichen gewöhnt, und läßt sich nicht täuschen." „Es hat seine Pflicht gethan, Mädchen, dießmal; ja, cs hat seine Pflicht gethan. — Es sind diesen Morgen Büchsen angelegt worden, ja, und auch abgedrückt, obwohl nicht so oft, als hätte geschehen können. Ein Krieger ist nach seinen glücklichen Jagdrevieren gegangen, und das ist das Ganze. Von einem Mann 157 von weißem Blut und weißen Gaben ist nicht zu erwarten, daß er sich seiner Thaten rühme und mit Skalpen prange." Judith hörte beinahe athemlos zu; und als Wildtödter in seiner- ruhige», bescheidenen Weise geneigt schien, den Gegenstand zu verlassen, stand sie ans, schritt durch das Gemach, und setzte sich neben ihn. Das Benehmen des Mädchens hatte nichts Zudringliches und Keckes, obwohl es den lebhaften Instinkt weiblicher Neigung und das sympathisirende Wohlwollen weiblichen Interesses verrieth. Sie ergriff sogar die harte Hand des Jägers und drückte sie mit ihren beiden Händen, vielleicht halb unbewußt, während sie ihm ernst und sogar vorwurfsvoll in sein sonnverbranntes Antlitz schaute. „Jbr habt mit den Wilden gekämpft, Wildtödter, einzeln, ganz allein!" sagte sie. „Vom Wunsch beseelt, uns zu beschützen — Hetty — mich vielleicht, habt Ihr tapfer mit dem Feind gekämpft, ohne daß ei» Auge nahe war, Euch zu Thaten zu ermnthigen, oder Euer» Fall mitanznsehen, hätte es der Vorsehung gefallen, ein so großes Unglück znzngeben!" „Ich habe gekämpft, Judith; ja, ich habe mit dem Feind gekämpft, und das zum ersten Mal in meinem Leben. Diese Sachen müssen sein, und sie geben Einem ei» gemischtes Gefühl von Knmmer »nd Triumph. Menschliche Natur ist eine kampfsüchtige Natur, glaub' ich, da alle Nationen in der Schlacht tödten, und mir müssen unser» Rechten und Gaben treu bleiben. Was bis jetzt geschehen, ist nicht viel; aber sollte Chingachgook diesen Abend bei dem Felsen ein- treffen, wie zwischen uns verabredet ist, und ich ihn, ohne daß die Wilden es merken, dort wegholcn können, oder, wenn sie es auch merken, ihren Wünschen und Absichten zum Trotz: dann dürfen wir Alle wohl einer Art von Krieg entgegen sehen, ehe die Mingv's sich des Kastells, der Arche, oder Eurer bemächtigen sollen." „Wer ist dieser Chingachgook? woher kommt er? und warum kommt er hierher?" „Diese Fragen sind natürlich und recht, denke ich, obgleich der 158 Jüngling in seiner Gegend schon einen großen Namen hat. Chin- gachgook ist dem Blute nach ein Mohikan, nach alter Gewohnheit zu den Delaware» sich haltend, wie dieß bei den Meisten seines Stammes der Fall ist; denn dieser ist längst durch das Neber- handnehmcn unserer Farbe gebrochen und zertrümmert worden. Er ist von der Familie der großen Häuptlinge; Uncas, sein Vater, ist der angesehenste Krieger und Rathgebcr seines Volks gewesen. Selbst der alte Tamenund ehrt Chingachgook, obgleich mau ihn noch für zu jung hält, im Kriege anznführen; und dann ist der Stamm so zerstreut Md geschwächt, daß die Häuptliugschaft unter ihnen wenig Mehr, als ein bloßer Name ist. Nun, nachdem dieser Krieg ernstlich begonnen, verabredeten wir, ich und der Delaware, uns diesen Abend zur Stunde des Sonnenuntergangs an dem Bestellungs-Felsen, am Ende eben dieses See's zu treffen, in der Absicht, unser» ersten Kriegszug gegen die Miugo's zu unternehmen. Warum wir gerade diesen Weg eingeschlagen, ist unser Geheim- niß; aber nachdenkliche junge Männer auf dem Kriegspfad thun, wie Ihr Euch wohl denken könnt, Nichts ohne Berechnung und Absicht." „Ein Delaware kann keine feindselige Absichten gegen uns haben," sagte Judith nach augenblicklichem Bedenken; „und Euch kennen wir als einen Freund." „Verrath ist das letzte Verbrechen, hoffe ich, dessen man mich wird anklagen können," versetzte Wildtödter, gekränkt durch den Schatten von Mißtrauen, der durch Judith's Seele geflogen war; „und am wenigsten Verrath gegen meine eigene Farbe!" „Niemand hat Argwohn gegen Euch, Wildtödter," rief das Mädchen mit Heftigkeit. „Nein — nein — Euer ehrliches Gesicht würde hinlängliche Bürgschaft für die Wahrheit von tausend Herzen sein! Wenn alle Männer so redliche Zungen hätten, und nicht versprächen, was sie doch nicht zu erfülle» gemeint sind, würde weniger Uttrecht in der Welt geschehen, und schöne Federn und 159 Scharlachröcke wurden nicht als Entschuldigungen für Niederträchtigkeit und Betrug gelten." Das Mädchen sprach mit heftigem, sogar krampfhaftem Gefühl, und ihre schönen Augen, gewöhnlich so sanft und anlockend, sprühten Feuer, als sic schloß. Wildtödtcr konnte nichts anders als diese außerordentliche Gemüthsbcwegnng bemerken; aber mit dem Takt eines Hofmanncs vermied er nicht blos jede Anspielung darauf, sondern es gelang ihm auch, in seinem Benehmen den Eindruck, den jene Wahrnehmung ans ihn machte, zu verhehlen. Allmählig wurde Judith wieder ruhig; und da sie sich unverkennbar Mühe gab, sich dem Auge des jungen Mannes vortheilhaft darzustellen, war sie bald im Stande, das Gespräch mit solcher Fassung wieder aufzunehmen, als wenn nichts Störendes dazwischen gekommen wäre. „Ich habe kein Recht, in Eure Geheimnisse oder in die Eures Freundes einzudringen, Wildtödtcr," fuhr sie fort, „und bin bereit, Alles, was Ihr sagt, auf's Wort anznuehmen. Wenn cs uns wirklich gelingt, in diesem gefährlichen Augenblicke noch einen Mann zum Genossen zu gewinnen, so wird uns das viel nützen; und ich bin nicht ohne Hoffnung, daß die Wilden, wenn sie uns im Stande sehen, den See zu behaupten, uns die Rückgabe der Gefangenen anbieten werden gegen Häute oder wenigstens gegen das Fäßchcn Pulver, das wir im Hanse haben." Der junge Mann hatte die Worte: ,Skalpe' und ,Preisgeld' auf der Zunge; aber ein Gefühl, das sich sträubte, die Töchter in größere Unruhe zu versetzen, hielt ihn zurück, die beabsichtigte Hindeutung auf das wahrscheinliche Schicksal ihres Vaters auszusprechen. Dennoch, so wenig war er erfahren in den Künsten der Täuschung, ward seine ansdrucksvolle Miene auch ohne Worte von der scharfblickenden Judith crrathen, deren Verstand durch die Gewöhnungen und Gefahren ihrer Lebensweise noch geübt und geschärft worden war. „Ich verstehe, was Ihr meint," fuhr sie hastig fort, „und 160 was Ihr ausgesprochen hättet ohne die Besorgniß,. mir — ich will sagen uns — wehe zu thnn; denn Hetty liebt ihren Vater ebensosehr als ich. Aber so denken wir nicht von den Indianern. Sie skalpirc» nie einen unverlepten Gefangenen, sondern schleppen ihn lieber lebendig mit sich fort, wenn nicht freilich etwa das heftige Verlangen, ihn zu martern, sie übermannt. Ich fürchte Nichts für meines Vaters Skalp und wenig für sein Leben. Könnten sie in der Nacht uns überfallen, so würde uns wahrscheinlich Alle dieß grausame Schicksal treffen; aber in offenem Kampf gefangenen Männern geschieht selten ein Leid; wenigstens nicht eher als bis die Zeit des Marterns kommt." „Das ist Ueberliefernng, ich gcb' es zu, und ist Brauch — aber, Judith, kennt Ihr das Vorhaben, mit welchem Euer Vater und Hurry gegen die Wilden anszogen?" „Ja; und ein grausames Vorhaben war esl Aber was wollt Ihr? Menschen bleiben Menschen; und Manche selbst, die in Gold und Silber einherstolziren, und des Königs Bestallung in der Tasche haben, sind nicht frei von der gleichen Grausamkeit." Judiths Angen flammten wieder, aber mit gewaltsamer Anstrengung behauptete sie ihre Fassung. „Ich werde warm, wenn ich an all' das Unrecht denke, das Menschen thnn," fuhr sie fort, und bemühte sich zn lächeln, ein Versuch, der nur mittelmäßig gelang. „Alles das ist einfältiges Zeng. Was geschehen ist, ist geschehen, und kann durch Klagen nicht gebessert werden. Aber die Indianer denken so wenig an's Blutvergießen, und schätzen Männer so sehr wegen der Kühnheit ihrer Unternehmungen, daß, wüßten sie das Vorhaben, auf welches ihre Gefangenen ausgingen, sie sie eher deßhalb ehren, als ihnen ein Leid thnn würden." „Eine Zeitlang, Judith; ja, ich gebe das zn, eine Zeitlang. Aber wenn dieß Gefühl verschwindet, dann stellt sich die Rachsucht ein. Wir müssen versuchen, Chingachgook und ich, wir müssen versuchen und sehen, was wir thnn können, Hnrry und Euren Vater frei zu machen; denn die Mengo's werden ohne Zweifel einige Tage nm diesen See hernmlnngern, um so viel als möglich zu erreichen." „Ihr glaubt, man kann sich ans diesen Delawarcn verlassen, Wildtödtcr?" fragte das Mädchen nachdenklich. „So sicher wie auf mich selbst. Ihr sagt, Ihr mißtraut mir nicht, Judith?" „Euch!" rief sie, ergriff wieder seine Hand und drückte sic zwischen ihren Händen mit einer Wärme, welche die Eitelkeit eines minder unbefangenen, einfachen, von seinen eigenen guten Eigenschaften mehr eingenommenen Mannes hätte entzünden müssen; „ebenso gut könnte ich einem Bruder mißtrauen! Ich kenne Euch nur seit einem Tage, Wildtödtcr, aber dieser hat in mir das Vertrauen einer jahrelangen Bekanntschaft erzeugt. Euer Name jedoch ist mir nicht unbekannt; denn die tapfer» und galanten Herren von den Garnisonen sprechen häufig von der Anleitung, die Ihr ihnen im Jagen gegeben, und Alle rühmen Eure Redlichkeit." „Sprechen sie denn auch vom Schießen, Mädchen?" fragte der Andere lebhaft, nachdem er still, aber doch von Herzen gelacht, „sprechen sie denn auch vom Schießen? Ich will nichts von dem meinigen hören, denn wenn dieses nicht bis jetzt in all' diesen Gegenden anerkannt ist, so nützt es wenig, ein geschickter und sicherer Schütze zu sein; aber was sagen denn die Offiziere von ihrem — ^ja, was sagen sie von ihrem eigenen Schieße»? Waffen, wie sie es nennen, sind ihr Gewerbe, und doch gibt es Leute unter ihnen, die sich wenig auf ihren Gebrauch verstehen!" „Das, hoffe ich, wird nicht der Fall sein bei Eurem Freund Chingachgook, wie Ihr ihn nennt — was ist die englische Bedeutung dieses indianischen Namens?" „Große Schlange — so genannt wegen seiner Klugheit und List. Uncas ist sein wirklicher Name — seine ganze Familie heißt Uncas, bis sich Jeder durch seine Thaten einen Titel gewinnt." Der Wildtvdter. gl 162 „Wenn er so viel Klugheit besitzt, können wir einen nützlichen Frennd an ihm erwarten, falls nicht sein eigenes Geschäft in dieser Gegend ihn hindert, uns zu dienen/' „Ich sehe nicht, was es viel schaden könnte, wenn ich Ench sein Vorhaben sage, und da Ihr vielleicht Mittel findet, uns behilflich zu sein, will ich Ench und Hetty in die ganze Sache einweihen, im Vertrauen, daß ihr das Geheimuiß wie euer eigenes bewahren werdet. Ihr mußt wissen, daß Chingachgook ein hübscher Indianer ist, sehr gerne gesehen und bewundert von den jungen Weibern seines Stammes, sowohl wegen seiner Familie, als wegen seiner selbst. Nun ist ein Häuptling, der eine Tochter hat, Wah- ta!-Wah genannt, was in unserer Sprache Hist-oh!-Hist bedeutet, das rarste Mädchen unter den Delawaren, die von allen jungen Kriegern des Stammes am meisten zum Weib gewünscht und begehrt wird. Nun, unter den Andern fand auch Chingachgook Geschmack an Wah-ta!-Wah, und Wah-ta!-Wah fand Geschmack an ihm." Hier hielt Wildtödter einen Augenblick inne; denn als er so weit in seiner Erzählung gekommen, stand Hetty Hutter auf, näherte sich ihm, und stellte sich aufmerksam an sei» Knie hin, wie ein Kind näher rückt, um aus die Mährchen seiner Mutter zu horchen. „Ja, er fand Gefallen an ihr, und sie an ihm," begann Wildtödter wieder, nachdem er einen freundlichen, beifälligen Blick auf das unschuldige, hörbegierige Mädchen geworfen, „und wenn das einmal so ist, und alle Eltern sind einverstanden, so ist es nicht oft der Fall, daß das junge Paar so verborgen bleibt. Chingachgook konnte nicht wohl eine solche Beute davontragen, ohne sich Feinde zu machen unter denen, die sie ebenso begehrten wie er. Ein gewisser Briarthorn "), wie wir ihn englisch nennen, oder Jokommen, wie er im Indianischen heißt, nahm es sich am meisten zu Herzen»- und wir haben ihn im Verdacht, ') Brombendorn. 163 daß er bei Allem, was nun folgte, eine Hand im Spiel hatte. Wah-ta!-Wah ging vor zwei Monaten mit Vater und Mutter nach den westlichen Flüssen, um Salinen zu fischen, denn dort gibt es nach der Ansicht aller Leute in unfern Gegenden die meisten Fische, und während dieser Beschäftigung verschwand das Mädchen. Einige Wochen konnten wir keine Nachricht von ihr erhalten) aber vor zehn Tagen brachte uns ein Eilbote, der durch das Delawarenland kam, eine Botschaft, woraus wir erfuhren, daß Wah-ta!-Wal> den Ihrigen war gestohlen worden — wir glauben, wissen cs aber nicht — durch Briartborns Ränke — und daß sie sich nunmehr bei dem Feinde befand, der sie adoptirt hatte, und verlangte, sie sollte einen jungen Mingo heirathen. Die Botschaft besagte, die Truppe beabsichtige in dieser Gegend zu jagen und Vorräthe zu sammeln, einen Monat lang oder zwei, che sie nach Canada zurückkehrez und wenn wir sie in dieser Gegend aufzuspüren vermöchten, könnte sich wohl etwas ereignen, was uns zur Befreiung des Mädchens verhelfen könnte." „Und wie betrifft das Euch, Wildtödter?" fragte Judith etwas lebhaft. „Es betrifft mich, wie Alles was einen Freund berührt den Freund betrifft. Ich bin hier als Chingachgooks Beistand und Helfer, und wenn wir das junge Mädchen, das er liebt, wieder zurück bekommen, wird es mir beinahe so viel Freude machen, als hätte ich mein eigenes Liebchen befreit." „Und wo ist Euer Liebchen, Wildtödter?" „Sie ist im Walde, Judith — hängt an den Zweigen der Bäume in einem sanften Regen — im Thau auf dem offenen Gras — den Wolken, die am blauen Himmel schweben — den Vögeln, die in den Wäldern singen — den süßen Quellen, wo ich meinen Durst lösche — und in all' den andern prächtigen Gaben, die von Gottes Vorsehung kommen!" „Ihr wollt sagen, daß Ihr bis jetzt noch keine von meinem 11 - Geschlecht geliebt, sondern am meisten Ener Hernmstreifen und Eure Lebensweise liebt?" „Das ist's — genau das ist's. Ich bin weis; — habe ein weißes Herz, und kann billigerwcise nicht ein rothhäutiges Mädchen lieben, die einer Rothhant Herz und Gefühle haben muß. Nein, nein, ich bin vernünftig genug in diesen Punkten, und hoffe es zu bleiben, wenigstens bis unser Krieg vorüber ist. Ich sehe meine Zeit zu sehr in Anspruch genommen durch Chingachgooks Angelegenheit, als das; ich wünschen sollte, che diese in's Reine gebracht ist, selbst eine eigene auf dem Halse zu haben." „Das Mädchen, das Euch am Ende gewinnt, Wildtödter, gewinnt wenigstens ein redliches Herz, — eines ohne Verrath und Tücke; und das wird ein Sieg sein, den die Meisten ihres Geschlechts beneiden müssen." Wie Judith dies; sagte, schwebte ein schmerzlicher Unmnth über ihr schönes Antlitz; mährend ein bitteres Lächeln um einen Mund spielte, der durch keine Veränderung und Zuckung der Muskeln unschön werden konnte. Ihr Gesellschafter bemerkte diese Veränderung, und obgleich wenig vertrant mit de» Regungen des weiblichen Herzens, besaß er doch natürliches Zartgefühl genug, um zu verstehen, das; es gerathen sein möchte, diesen Gegenstand fallen zu lassen. Da die Stunde, wo Chingachgook erwartet wurde, noch nicht so nahe war, hatte Wildtödter Zeit genug, den Stand der Ver- theidigungsmittel genau zu besichtigen, und solche weitere Einrichtungen zu treffen, wie sie ihm möglich waren und durch das Bedürfnis; des Augenblicks geboten schienen. Die Erfahrung und Vorsicht Hutters hatte in diesen Punkten wenig zu thnn übrig gelassen; doch drängte» sich noch einige Vorkehrungen dem Geist des jungen Mannes auf, von dem man sage» konnte, er habe die Kunst des Gränzerkriegs mittelst der Ueberliefernngcn und Sagen des Volkes stndirt, unter dem er so lange gelebt hatte. Die Ent- 165 fernnng zwischen dem Kastell und dem nächsten Punkt der Küste beseitigte jede Besorgniß, es möchten etwa Büchsenkngeln vom Land herüberfliegen. Das Haus war zwar in gewissem Sinn im Bereich von Mnsketenschüffen, aber vom Zielen konnte ganz keine Rede sein, und selbst Judith erklärte, daß sie von dieser Seite durchaus keiner Gefahr sich versehe. So lang also die Gesellschaft im Besiy des Forts blieb, war sie sicher, falls nicht anders die Angreifer Mittel fanden, heranznkommen, mit Feuer oder mit Sturm es wcgzunehmen, oder durch irgend eine Erfindung indianischer Schlauheit und Verrätherei. Gegen die erste Art der Gefahr hatte Hutter reichliche Vorsorge getroffen, und das Gebäude selbst, das Rindendach ausgenommen, war nicht sehr leicht in Flammen zu sehen, der Boden war an mehreren Orten durchlöchert, und mit Stricken versehene Eimer waren in täglichem Gebrauch und für jeden solchen Fall bereit. Eins der Mädchen konnte leicht jedes Feuer löschen, das etwa ansbrach, vorausgesetzt, daß es nicht lange Zeit hatte, sich anszubreiten. Judith, welche alle Verthei- dignngsplane ihres Vaters zu verstehen schien, und Geist und Mnth genug hatte, an ihrer Ausführung einen nicht geringe» Antheil zu nehme», erklärte alle diese Einzelnheiten dem jungen Manne, dem so bei seinen Besichtigungen viel Zeit und Mühe erspart blieb. Den Tag über war wenig zu befürchten. Nachdem sie im Besiy der Arche und der Canoc's waren, fand sich kein weiteres Fahrzeug auf dem Sec. Dennoch wußte Wildtödter wohl, daß ein Floß bald gemacht war, und da sich gefallene Bäume im Ueber- flnß in der Nähe des Wassers fanden, war cs, wenn die Wilden ernstlich daran dachten, der Gefahr eines Angriffs zu trotzen, keine sehr schwierige Sache, die erforderlichen Mittel aufzutreiben. Die berühmte amerikanische Axt, ein Werkzeug, dem in seinerArtNichts gleich kommt, war damals noch nicht in großem Umfange bekannt, und die Wilden waren keineswegs sehr erfahren in Handhabung des dessen Stelle vertretenden Werkzeugs; doch hatten sie Uebung 166 genug darin, über Ströme in dieser Art zu sehen, daß man sicher sein konnte, sie würden einen Floß bauen, falls sie es gerathen fänden, sich den Gefahren eines Angriffs bloßznstellen. Der Tod ihres Kriegers konnte ein hinreichender Sporn, jedoch auch eine Warnung sein; Wildtödter aber hielt es für mehr als nur möglich, daß die nächste Nacht die Dinge, und zwar eben in solcher Weise, zur Entscheidung bringen würde. Diese Ahnung ließ ihn die Anwesenheit und den Beistand seines Mohikanischen Freundes sehulichst wünschen, und war der Grund, daß er der Stunde des Sonnenuntergangs mit steigendem Verlangen entgegensah. Als der Tag vorrückte, brachte die Gesellschaft im Kastell ihre Plaue zur Reife, und traf ihre Vorkehrungen. Judith war sehr thätig, und schien Freude daran zu finden, ihrem neuen Bekannten mit Rath und Auskunft an die Hand zu gehen; denn seine Gleichgültigkeit gegen Gefahr, seine männliche Hingebung für sie und ihre Schwester, sein redliches Wesen und seine innige Treuherzigkeit hatten schnell ihre Einbildungskraft und ihr Gemüth gewonnen. Obgleich die Stunden in gewisser Hinsicht Wildtödtern lang vorkamen, fand sie doch Judith nicht so, und als die Sonne sich gegen die tannenbekleideten Spitzen der westlichen Berge zu senke» begann, äußerte sie unverholen die Ueberraschung, die sie empfand, den Tag so bald zu Ende gehen zu sehen. Hetty dagegen war trübnachdenklich und schweigsam. Sie war nie sehr redselig, oder wenn sie gelegentlich mitthcilsam wurde, so war dieß nur die Folge einer vorübergehenden Aufregung, welche ihr argloses Gemüth in Spannung und Bewegung setzte; aber an diesem hochwichtige» Tage schien sie ganze Stunden laug den Gebrauch der Zunge gänzlich verloren zu haben. Besorgniß wegen ihres Vaters drückte sich im Wesen der beiden Töchter nicht auffallend aus. Keine schien ernstlich ein größeres Unheil zu befürchten, als Gefangenschaft, und ein- oder zweimal ließ Hetty, wenn sie sprach, die Erwartung dur'chblicken, Hutter werde Mittel finden, sich selbst 167 in Freiheit zu sehen. Obgleich Judith in diesem Punkt weniger sanguinisch war, äußerte doch auch sie die Hoffnung, es wurden Vorschläge wegen eines Lösegeldes kommen, wenn die Indianer entdeckte», daß das Kastell ihren Listen und Anschlägen trotze. Wildtödter jedoch behandelte diese fluchtigen Vermnthnngen als die unverdauten Einbildungen und Träume von Mädchen, und traf seine Anordnungen so besonnen, und brütete so ernst über der Zukunft, als wären sie nie über ihre Lippen gekommen. Endlich kam die Stunde, wo cs nothwendig wurde, sich an den mit dem Mohikan verabredeten Ort zu begeben, — oder mit dem Delaware», wie Chingachgook häufiger genannt wurde. Da der Plan von Wildtvdter reiflich entworfen und seinen Gesellschafterinnen umständlich mitgetheilt worden war, machten sich alle Drei mit Einsicht und Uebcreinstimmnng an dessen Ausführung. Hetty trat in die Arche, band zwei von den Canoe's zusammen, trat in eins, und ruderte bis zu einer Art von Durchfahrt in den Palli- sadcn, welche das Gebäude umgaben, durch welche sie beide führte; dann legte sie sie unter dem Hanse an Ketten, welche innen im Gebäude befestigt waren. Diese Pallisaden waren fest in den Schlamm getriebene Baumstämme, und dienten dem gedoppelten Endzweck theils einer kleinen Einfriedigung, die eben zu diesem Behnfe benutzt wurde, theils dem Zwecke, Feinde, die sich etwa in Booten näherten, in einer kleinen Entfernung sich vom Leibe zu halten. Canoe's iir solchen Docks waren gewissermaßen dem Anblick entzogen, und da die Durchfahrt gehörig verrammelt und befestigt war, wäre es eine nicht leichte Aufgabe gewesen, sic wegzubringen, wenn man sie auch gesehen hätte. Ehe jedoch die Durchfahrt geschlossen wurde, fuhr auch Judith mit dem dritten Boot in die Einfriedigung, während Wildtödter innen über ihren Häuptern geschäftig war, die Thüre und die Fenster innen zu verriegeln. Da Alles massiv und stark war, »nd kleine Bäume als Riegel gebraucht wurden, hätte es, nachdem Wildtödter fertig 168 war, eine »der zwei Stunden erfordert, in das Hans zn brechen, wenn sich ancb die Angreifer aller Werkzeuge außer der Axt bedient, und ihnen Niemand Widerstand geleistet hätte. Diese Sorgfalt für Sicherstellung rührte daher, daß Hutter ein- oder zweimal von den gesetzlosen Weißen der Gränze während seiner häufigen Abwesenheiten von Hans war beraubt worden. Sobald innen Alles fest war im Hanse, zeigte sich Wildtödter an einer Fallthüre, von wo er in das Canve Judiths hinabstieg. Hierauf verschloß er die Thüre mit einer massiven Krampe und einem derben Vorhängeschloß. Dann ward Hetti) in das Canoc ausgenommen, das vor die Pallisadcn hinansgeschoben wurde. Die nächste Vorsichtsmaßregel war, das Thor zn schließen, und die Schlüssel wurden in die Arche gebracht. Jetzt waren die Drei von dem Hanse ausgeschlossen, in das man nur mit Gewalt eindringen konnte, oder ans die Weise, die der junge Mann gewählt, als er es verließ. Das Glas hatte man gleich zuerst mit heransgenommcn, und Wildtödter besichtigte zunächst auf's sorgfältigste die ganze Küste des See's, soweit seine Stellung es gestattete. Kein lebendiges Wesen war sichtbar, einige wenige Vögel ausgenommen, und auch diese flatterten in den Schatten der Bäume herum, als scheuten sie slcli, der Hitze eines schwülen Nachmittags sich ansznsctzen. Alle die nächsten Landvorsprünge insbesondere wurden einer scharfen Beobachtung unterworfen, um sich zn versichern, daß kein Floß angefertigt werde; das Ergebniß war überall dasselbe Bild ruhiger Einsamkeit. Wenige Worte werden die größte Verlegenheit in der Lage unserer Gesellschaft erklären. Selbst der Beobachtung jedes lauernden Auges ansgesetzt, sahen sie sich die Bewegungen ihrer Feinde durch den Schleier und Vorhang eines dichten Waldes entzogen. Während die Einbildnngskraft sehr geneigt sein mußte, den letztem mit mehr Kriegern zn bevölkern, als er in der That enthielt, mußte ihre Schwäche Allen, die etwa einen Blick in dieser Richtung ans den See warfen, zu sichtbar sein. 169 „Es rührt sich doch Nichts!" rief Wildtödtcr, als er endlich das Fernglas senkte, und sich anschickte in die Arche zn treten; „wenn die Vagabunden ans Unheil sinnen in ihren Gemiithern, so sind sic zn listig, es merken zu lassen; zwar mag ein Floß in den Wäldern zugerüstet werden, aber es ist noch nicht znm See herunter gebracht. Sie können nicht errathen, daß wir im Begriff stehen, Las Kastell zu verlassen, und wenn auch, so wissen sie doch nimmermehr, wohin wir wollen." „Das ist so wahr, Wildtödtcr," erwiederte Judith, „daß jetzt, nachdem Alles bereit ist, wir uns sofort keck und ohne Furcht verfolgt zu werden, an's Werk machen dürfensonst versäumen wir unsere Zeit!" „Nein, nein — die Sache will vorsichtig behandelt sein — denn obgleich die Wilden im Dunkel sind, was Chingachgook und den Felsen betrifft, so haben sie doch ihre Augen und Beine, und sehen, in welcher Richtung wir steuern, und werden uns gewiß folgen. Ich will sie jedoch irre zu fuhren suchen, indem ich das Vordertheil der Fähre nach allen Richtungen hin wende, bald dahin, bald dorthin, bis sie müde Füße bekommen, und es satt haben, uns nachzntraben." So weit es in seiner Macht stand, hielt Wildtödtcr getreulich Wort. In weniger als fünf Minuten nach jener Rede war die ganze Gesellschaft in der Arche und in Bewegung. Es wehte ein gelindes Lüftchen von Norden; und keck das Segel aufziehend, brachte der junge Manu die Spitze des ungefügen Fahrzeuges in eine solche Richtung, daß, mit einer reichlichen aber nothwendigen Einrechnung des Abfalls, es ein paar Meilen weiter unten am See, auf dessen östlicher Seite, an die Küste gelangen mußte. Das Segeln der Arche mar nie sehr schnell, obgleich es bei ihrem geringen Tiefgang nicht schwer war, sie in Bewegung zu setzen, oder mit ihr drei oder vier Meilen in der Stunde zu machen. Die Entfernung zwischen dem Kastell und dem Fels betrug wenig mehr 170 als zwei Stunden. Bekannt mit der Pünktlichkeit der Indianer, hatte Wildtödtcr seine Berechnungen genau gemacht, und sich etwas mehr Zeit, als nothwendig war, um den Ort der Verabredung zu erreichen, gegeben, in der Absicht, seine Ankunft zu verzögern oder zu beschleunigen, wie es erforderlich wäre. Als er das Segel anfzog, stand die Sonne über den westliche» Bergen in einer Höhe, die noch etwas mehr als zwei Stunden Tag versprach, und wenige Minuten überzeugten ihn, daß die Bewegung der Fähre seinen Berechnungen und Erwartungen entspreche. Es war ein prachtvoller Jnninsabend, »nd nie glich der einsame Wasserspiegel weniger einem Schauplatz von Kampf und Blutvergießen. Der leise Wind drang kanm herab bis zu dem Bette des See's, und schwebte nur darüber hin, als scheute er sich, seine tiefe Ruhe zu stören, oder seine spiegelglatte Fläche zn kräuseln. Selbst die Wälder erschienen wie schlnmmcrnd i» der Sonne, und einige Lagen flockigter Wolken hatten Stunden lang am nördlichen Horizont sich gelagert, wie haftend i» der Atmosphäre, hier nur zur Verschönerung der Scene angebracht. Einige Wasserhühner streiften gelegentlich über das Wasser, und ein einziger Rabe war sichtbar, hoch über den Bäumen sich flügelnd, ein wachsames Auge ans den Wald unter ihm heftend, um jedes lebende Wesen zn entdecken, das ihm die gehcimnißvollen Wälder als Beute darböten. Der Leser hat wohl schon bemerkt, daß bei all' der auffallenden Frcimüthigkeit »nd Ungebnndenheit des Benehmens, das Judith bei ihrem Gränzleben sich angeeignet, doch ihre Sprache edler war, als deren ihre männlichen Gesellschafter sich bediente», ihren Vater mit cingeschlosse». Dieser Unterschied erstreckte sich ebenso aus die Anssprache, wie ans die Wahl der Worte und die Sätze. Nichts vielleicht verräth so bald die Erziehung und den Umgang, als die Art zu sprechen; und wenige Vorzüge erhöhen so den Reiz weiblicher Schönheit, wie eine anmuthige und fließende Sprache, 171 während Nickis so bald jene Entzauberung bewirkt, welche die nothwendige Folge einer Nichtzusammenstimmung von Erscheinung und Benehmen ist, als eine gemeine Betonung der Stimme oder der Gebrauch unedler Worte. Judith und ihre Schwester waren auffallende Ausnahmen unter allen Mädchen ihrer Klasse, die ganze Gränze entlang; die Offiziere der nächsten Garnison hatten der Erster» oft geschmeichelt mit der Versicherung, daß wenige Damen in den Städten sich besser als sie auf diesen wichtigen Punkt verständen. Dieß war zwar weit nicht buchstäblich wahr, aber doch so weit, daß das Kompliment ihr füglicherweise konnte gemacht werden. Die Mädchen verdankten diesen Vorzug ihrer Mutter, denn sie hatten in der Kindheit schon von ihr diese vor- theilhafte Eigenschaft angenommen, die kein späteres Studium und Arbeit ohne eine Schattenseite zu geben vermag, wenn man nicht in der früher» Lebensperiode darauf geachtet hat. Wer diese Mutter war, oder vielmehr gewesen war, wußte Niemand als Hutter. Sie war jetzt zwei Sommer todt, und wie Harry erzählte, mar sie im See versenkt worden; ob aus einem gewissen Vornrtheil, oder aus Widerwillen gegen die Muhe, ihr ein Grab zu graben, war oft Gegenstand der Erörterung unter den rohen Wesen jener Gegend gewesen. Judith hatte die Stelle nie besucht, Hetty aber war bei der Bestattung zugegen gewesen, und sie ruderte oft um Souncnnntergang oder beim Mondschein ein Canoe an die Stelle, und starrte hinab in das durchsichtige Wasser, in der Hoffnung, doch einmal mit Einem flüchtigen Blick die Gestalt erschauen zu können, die sie von Kindheit an bis zu der traurigen Stunde des Scheidens so zärtlich geliebt hatte. „Müssen wir den Felsen genau in dem Augenblick erreichen, wo die Sonne nntergeht?" fragte Judith den jungen Mann, wie sie neben einander standen, Wildtödter das Steuerruder haltend, und sie mit der Nadel an einem feinen Kleidungsstück arbeitend, das weit über ihrer Stellung im Leben und eine völlige Neuheit 172 in den Wäldern war. „Werden einige Minuten früher oder später die Sache vereiteln? es wird sehr gefährlich sein, lang der Küste so nahe zn bleiben, wie der Fels ist." „Za wohl, Judith; das ist eben die Schmierigkeit. Der Fels ist nur einen Flintenschuß vom Ufer entfernt, und es geht nicht an, zn lang und zn nahe da herum zn fahren. Wenn man mit einem Indianer zn thnn hat, muß man rechnen nnd vorsichtig sein, denn eine rothe Natnr liebt sehr List nnd Tücke. Jeht seht Ihr, Judith, daß ich gar nicht ans den Fels zn stenre, sondern hier östlich davon, und jetzt werden die Wilden in dieser Richtung traben, und sich müde Füße machen, und Alles für Nichts." „Ihr glaubt also, sie sehen uns, und beobachten unsere Bewegungen, Wildtödter? Ich hoffte, sie würden in die Wälder znrückgegangen sein, nnd uns einige Stunden ungestört lassen." „Das ist ganz die Einbildung eines' Weibes, Es gibt keinen Nachlaß in der Wachsamkeit eines Indianers, wenn er ans dem Kriegspfad ist; nnd Angen sind in dieser Minute ans uns geheftet, obwohl der See uns schützt. Wir müssen dem Felsen mit Ueberlegung nahe kommen, nnd die Elenden ans eine falsche Spur z» bringen suchen. Die Mingv's haben gute Nase», höre ich; aber eines weißen Mannes Vernunft sollte es immer ihrem Instinkt gleich thnn." Judith knüpfte jeht ein rasch abwechselndes Gespräch mit Wildtödter an, worin das Mädchen ihr steigendes Interesse für den jungen Mann verricth; ein Interesse, das sie bei seiner ehrlichen Unbefangenheit nnd bei ihrer Charakterentschiedenheit, unterstützt durch das Selbstgefühl, welches die ihren persönlichen Reizen so allgemein gezollte Schätzung in ihr geweckt hatte, weniger zn verhehlen bestrebt war, als unter andern Umständen wohl der Fall gewesen wäre. Sie war nicht eigentlich aufdringlich nnd keck in ihrem Benehmen, obgleich in ihren Blicken oft etwas so Freies war, daß es den ganzen Beistand ihrer ausnehmenden Schönheit 173 brauchte, um nicht einen Verdacht gegen ihre Klugheit, wo nicht gegen ihre Sittlichkeit aufkommen zu lassen. Bei Wildtödter jedoch waren solche Blicke einer so ungünstigen Deutung weniger ausge- seht; denn sie sah ihn selten an, ohne viel von der Aufrichtigkeit und Natur zu zeigen, welche die reinsten Gefühle des Weibes begleiten. Es war etwas auffallend, daß bei der längern Gefangenschaft ihres Vaters keines von den Mädchen eine große Unruhe um ihn an den Tag legte; aber wie schon gesagt, ihre Lebenserfahrungen und Gewohnheiten machten sie zuversichtlich, und sie sahen seiner Befreiung mittelst eines Lösegelds mit einer Sicherheit entgegen, die großentheils ihre anscheinende Gleichgültigkeit erklären konnte. Schon früher einmal war Hutter in de» Händen der Irokesen gewesen, und wenige Häute hatten leicht seine Befreiung erkauft. Dieser Vorfall jedoch hatte, was die Schwestern nicht wußten, zur Zeit des Friedens zwischen England und Frankreich statt gehabt, wo die Wilden durch die Politik der verschiedenen Kolvnialregiernngen im Zaum gehalten wurden, statt, wie jetzt, zu ihren Verbrechen und Grausamkeiten ermnthigt zu werden. Während Judith in ihrer Weise redselig und zutraulich war, blieb Hetty nachdenklich und schweigsam. Einmal zwar trat sie nahe zu Wildtödter hin, und befragte ihn etwas genauer über seine Absichten, so wie über die Art, wie er seinen Plan auszuführen gedenke; aber weiter ging ihr Verlangen, sich mit ihm zu unterhalten, nicht. Sobald ihre einfachen Fragen beantwortet waren — und das wurden sie alle auf's befriedigendste und wohlwollendste — entfernte sie sich wieder auf ihren Sitz, und fuhr fort, an einem groben Kleidungsstück zu arbeiten, das sie für ihren Vater fertigte, manchmal leise eine schwermüthige Weise vor sich hin summend, und oft seufzend. So verstrich die Zeit; und als die Sonne anfing, hinter dem Saum des Fichtenwaldes zu glühen, der den westlichen Berg be- gränzte, oder etwa zwanzig Minuten vor ihrem wirklichen Unter- 174 gang, befand sich die Arche beinahe ganz unten bei dem Landvorsprung, wo Hutter und Hurry waren zu Gefangenen gemacht worden. Wildtvdtcr hatte, indem er zuerst auf die eine Seite des See's, dann auf die andere znsteuerte, seine eigentliche Absicht zu errathe» erschwert; und ohne Zweifel kamen dadurch die Wilden, welche seine Bewegungen zuverlässig beobachteten, auf den Glauben, sein Zweck sei, mit ihnen zu verkehren an dieser Stelle, oder in der Nähe derselben, und es war zu vermnthen, daß sie nach dieser Richtung hincilten, um bereit zu sein, sich die Umstände zu Nutze zu machen. Diese List war wohl ansgesonnen, denn die Schwingung der Bai, die Krümmung des See's und das zwischenliegende tiefe Marschland machten es, wie zu ver- mnthen war, möglich, daß die Arche den Fels erreichte, ehe die Verfolger, falls sic sich wirklich in der Nähe des Vorsprungs gesammelt hatten, Zeit bekamen, den Bogen, den sie hier beschreiben mußten, zu Land zu machen. Um diese Täuschung gelingen zu machen, hielt sich Wildtödter so nahe an's westliche Ufer, als nur immer der Vorsicht gemäß war; dann hieß er Judith und Hetty in das Hans oder die Kajüte gehen, kauerte sich selbst zusammen, so daß seine Person durch den Rand der Fähre versteckt wurde, gab dieser plötzlich die entgegengesetzte Richtung, und steuerte so rasch er konnte, der Ausströmung zu. Begünstigt durch einen verstärkten Wind bewegte sich die Arche dergestalt vorwärts, daß er sich das vollständige Gelingen seines Planes versprechen durfte, obwohl die krebsähnliche Bewegung des Fahrzeugs den Steuermann nöthigte, die Spitze nach einer ganz anderen Richtung schauen zn lassen, als diejenige war, in welcher es sich wirklich bewegte. 175 Neuntes Kapitel. Verschwenderisch bist mit Lächeln du. Darob dein Zürnen man vergißt. Dir jubeln tausend Inseln zu. Wenn wieder du gekommen bist; Die Herrlichkeit, von dir entsandt, Badet in Wonne See und Land. Der Himmel. Es hilft vielleicht dem Leser zum bessern Verständniß der jetzt zu erzählenden Vorfälle, wenn er ein rasch skizzirtes Bild der Scene auf einmal seinem Auge dargelegt sieht. Man erinnert sich, daß der See ein unregelmäßig geformtes Becken bildete, dessen Umriß, im Ganzen betrachtet, oval war, aber mit Buchten und vorfpringenden Punkten, welche die Gleichförmigkeit unterbrachen und seine Ufer zierten. Die Oberfläche dieses schönen Wasserspiegels glänzte jetzt wie ein Edelstein in den letzten Strahlen der Abendsonne, und die Einfassung des Ganzen — Hügel, mit dem üppigsten Waldgrün bekleidet — war von einer Art strahlendem Lächeln verklärt, wie es in den schönen Zeilen, die wir diesem Kapitel vorangestellt, am besten geschildert ist. Da die Ufer, mit wenigen Ansnahmen, dicht am Wasser steil hinanstiegen, auch wo der Berg nicht unmittelbar die Aussicht begränzte, überhing den friedlichen See ein fast ununterbrochener Saum von Laub; denn die Bäume rangen sich von den steilen Anhöhen empor, neigten sich dem Licht zu, bis sie in manchen Fällen ihre langen Glieder und ihre geraden Stämme vierzig oder fünfzig Fuß weit von der perpendikulären Linie abweichend ansstreckten. Dieß galt freilich mir von den Riesen des Forstes, von Tanne», die hundert bis hundert und fünfzig Fuß hoch waren, denn von den kleinern Bäumen neigten sich sehr viele so sehr, daß sie die untern Zweige in's Wasser tauchten. In der Stellung, welche die Arche jetzt einnahm, war das 176 Kastell durch einen vorspringenden Punkt dem Auge entzogen, so wie überhaupt das ganze nördliche Ende des See's selbst. Ein ansehnlicher Berg mit Wald bekleidet, und rund wie alle übrigen, begränzte in dieserRichtnng die Aussicht, und dehnte sich unmittelbar über die ganze schöne Scene aus, mit Ausnahme einer tiefen Bai, die an seinem westlichen Ende sich hinzog, das Becken um mehr als eine Meile verlängernd. Die Art und Weise, wie das Wasser ans dem See abfloß, unter den belaubten Bögen der Bäume, welche die beiden Seiten des Flusses einfaßten, ist schon geschildert, und es ist auch gesagt worden, daß der Fels, der in der ganzen Gegend ein Lieblingsplatz zur Verabredung von Zusammenkünften war, und wo Wildtödter jetzt seinen Freund zu treffen erwartete, dieser Ausströmung nahe, und nicht sehr entfernt von der Küste stand. Es war ein großer, einzelner Stein, der auf dem Grund des See's ruhte, dem Anschein nach zurückgeblieben, als die Wasser die Erde um ihn her wegrissen, um sich einen Durchgang durch das Flußbett zu erzwingen; und seine eigenthümlichc Gestalt hatte er wohl durch den Einfluß der Elemente während des langen Verlaufs von Jahrhunderten bekommen. Die Höhe dieses Felsen konnte kaum sechs Fuß betragen, und wie schon gesagt, seine Gestalt war nicht unähnlich der gewöhnlichen Form von Bienenstöcken, oder einem Heuhaufen. Die letztere Vergleichung gibt in der That die beste Anschauung nicht nur von seiner Form, sondern auch von seinen Dimensionen. Er stand — und steht noch, denn wir schildern wirklich vorhandene Scenen — fünfzig Fuß vom Ufer entfernt und im Wasser, wo es nur zwei Fuß tief war, obwohl es auch Zeiten gab, wo sein abgerundeter Gipfel, wenn man diesen Ausdruck auf ihn anwenden darf, vom Sec ganz bedeckt war. Viele von den Bäumen dehnten sich so weit heraus, daß sie beinahe den Felsen mit der Küste vereinigten, wenn man beide in einiger Entfernung sah; und eine große Tanne insbesondere hing so darüber her, daß sie ein stolzes und passendes Dach bildete 177 über eine» Sitz, der manchen Häuptling des Waldes, mährend der langen Reihe unbekannter Jahrhunderte, wo Amerika mit Allem, was es enthielt, abgeschlossen in geheimuißvollcr Einsamkeit als eine Welt für sich bestanden hatte, ebenso ohne eine bekannte Geschichte, wie einen, für die menschlichen Annalen erreichbaren Ursprung — mochte beherbergt haben. Vom User noch zwei- bis dreihundert Fuß entfernt, zog Wild- tödter sein Segel ein und warf seinen Anker ans, sobald er fand, daß die Arche in einer Linie Hintrieb, die gerade ans den Felsen zustrebte. Die Bewegung des Fahrzeugs ward dann gestellt, worauf es durch die Wirkung des Lüftchens mit dem Vordertheil dem Winde zngekehrt wurde. Sobald dicß geschehe», gab Wildtödtcr Tau zu, und ließ das Fahrzeug dem Felsen zntreiben, so rasch es der leise Luftzug ovr sich her drängen mochte. Da es sehr wenig tief ging, war dies; bald geschehen, und der junge Mann hemmte seine Bewegung, als er sah, daß das Hintertheil der Fähre ans fünfzehn oder achtzehn Fuß dem beabsichtigten Platze nahe gekommen war. Bei Ausführung dieses Manövers hatte sich Wildtödtcr sehr beeilt; denn während er nickt im Mindesten daran zweifelte, daß er von dem Feinde beobachtet und verfolgt werde, glaubte er, ihn in seinen Bewegungen, durch die anscheinende Unsicherheit seiner eigenen, irre gemacht zu haben; und er wußte, daß sie keine Mittel hatten zu erfahren, daß sein Absehen ans den Felsen gerichtet war, wenn nicht etwa Einer der Gefangenen ihn verrathen hatte, — ein an sich so unwahrscheinlicher Fall, daß er sich darüber keine unruhigen Gedanken machte. Trotz der Raschheit und Entschiedenheit seiner Bewegungen jedoch wagte er sich nicht der Küste so nahe, ohne die gehörigen Vorsichtsmaßregeln zum Behuf eines Rückzugs zu treffen, falls dieser nothwendig würde. Er selbst hielt das Tau in der Hand, und Judith war an einem Guckloch auf der dem Land zugekehrten Seite der Kajüte aufgestellt, wo sie die Küste und den Der Wildtödtcr. 12 Felsen beobachten, nnd zeitig Nachricht gebe» konnte von dem Nahen eines Freundes oder Feindes. Hetty mar auch ans eine» Wachposten gestellt, aber sie sollte mir ans die Biimne über ihnen Acht haben, damit nicht ein Feind einen besteige, nnd durch vollständige Beherrschung des Innern des Fahrzeugs die Vertheidi- gnng des Hänschens oder der Kajüte vereitle. Die Sonne hatte sich vom Sec nnd Thal zurückgezogen, als Wildtödter die Arche in der genannten Weise stille stehen machte. Doch fehlten noch einige Minuten bis znm eigentlichen Sonnenuntergang, nnd erkannte die indianische Pünktlichkeit zu gut, um eine unmännliche Hast bei seinem Freunde voransznsetzen. Die große Frage war, ob er, umgeben von Feinden, wie man dies; wußte, ihren Rehen zu entgehen vermocht habe. Die Vorfälle der letzten viernndzmanzig Stunden mußten ihm ein Geheimnis; sein, und wie Wildtödter mar auch Chingachgook noch jung ans dem Kriegspfade. Zwar kam er allerdings gefaßt darauf, der Truppe zu begegnen, welche seine verlobte Braut festhielt, aber er hatte keine Mittel, sich über de» Umfang der Gefahr, die er lief, zu vergewissern, noch auch über die eigentliche Stellung, welche Freunde »nd Feinde inne hatten. Mit einem Wort, der geübte nnd ansgebildete Scharfblick nnd die unermüdliche Vorsicht eines Indianers waren Alles, worauf er unter den bedenklichen Gefahren, denen er sich unvermeidlich aussehte, angewiesen war. „Ist der Fels leer, Judith?" fragte Wildtödter, sobald er die Bewegung der Arche gehemmt hatte, da er für unklug hielt, ohne Noth sich der Küste nahe zu wagen. „Ist Nichts zu sehen von dem Delamarischen Häuptling?" „Nichts, Wildtödter. Weder Fels, Küste, Baum noch See scheinen je eine menschliche Gestalt gekannt zu haben." „Nehmt Euch in Acht, Judith, — nehmt Euch in Acht, Hetty — eine Büchse hat ein spähendes Auge, einen raschen Fuß, nnd eine verzweifelt unheilvolle Zunge. Nehmt Euch denn in Acht, aber 179 gebt auch recht Acht, und seid flink und riistig! Es thiite mir herzlich leid, wenn Einer von euch ein Leid znstieße!" „Und Euch, Wildtödter!" rief Judith, ihr schönes Gesicht von dem Guckloch wegwendend, um dem jungen Mann einen huldvollen und dankbaren Blick znzuwerfen; „nehmt Ihr Euch in Acht, und sorgt, daß die Wilden nicht Eurer ansichtig werden! Eine Kugel könnte Euch eben so unheilvoll werden, als Einer von uns; und der Schlag, der Ench träfe, wurde von Allen empfunden." „Seid ohne Furcht um mich, Judith — seid ohne Furcht um mich, mein gutes Mädchen. Seht nicht hierher, obgleich Euer Blick recht freundlich und lieblich ist, sondern richtet Euer Auge auf den Felsen, und die Küste, und den —" Wildtödter ward unterbrochen durch einen leisen Ausruf des Mädchens, das, seinen dringenden und hastigen Geberden eben so wie seinen Worten gehorsam, sogleich wieder ihr Auge nach der entgegengesetzten Richtung gewendet hatte. „Was ist's? — Was ist's, Judith?" fragte er hastig; „ist Etwas zu sehen?" „Dort ist ein Mann, ans dem Felsen! — ein indianischer Krieger, in seiner Bemalung, und bewaffnet!" „Wo trägt er seine Falkenfeder?" fragte wieder Wildtödter lebhaft, und ließ das Tan nach, um sich dem Ort der Zusammenkunft zu nähern. „Ist sie dicht an der Kriegslocke, oder trägt er sie über dem linken Ohr?" „Wie Ihr sagt, über dem linken Ohr; er lächelt auch, und flüstert das Wort: Mo hi kan." „Gott sei gelobt, es ist die Schlange endlich!" ries der junge Mann, und ließ das Tan durch seine Hände gleiten, bis er am andern Ende des Fahrzeugs einen leichten Sprung horte, worauf er augenblicklich mit dem Nachgebcn des Seils inne hielt, und wieder ansing, es einzuziehen, versichert, daß sein Zweck erfüllt war. In diesem Augenblick ward die Thür der Kajüte hastig geöffnet, 12 * 180 und ein Krieger, durch das kleine Gemach eilend, stand neben Wildtödter, und ließ nur den einfachen Ausruf: ,Hngl/ hören. Im nächsten Augenblick kreischten Judith und Hetty auf, und die Luft ward erfüllt van dem gellenden Schrei von zwanzig Wilden, welche durch die Zweige zum Ufer herab sprangen, und von denen Einige in ihrer Hast der Länge nach in's Wasser stürzten. „Zieht, Wildtödter," schrie Judith, hastig die Thüre schließend, um ein Eindringen durch die Oeffunng zu verhindern, welche so eben den Delawaren eingelassen hatte, „zieht, ans Leben und Tod — der See ist voll von Wilden, die uns nach waten!" Die jungen Männer - denn Chingachgook eilte sofort seinem Freunde beiznstehen — erwarteten keine zweite Aufforderung, sondern sie erfüllten von selbst ihre Ausgabe mit einem Eifer, welcher zeigte, wie dringend ihnen die Gefahr erschien. Die große Schwierigkeit war, so plötzlich die vis wertige einer so großen Masse zu überwinden; den» war die Fähre einmal in Bewegung, so war es leicht, sie das Wasser mit aller wünschenswerthen Schnelligkeit dnrchschneiden zu machen. „Zieht, Wildtödter, nm's Himmels willen!" schrie Judith wieder an ihrem Guckloch; „diese Elenden stürzen in's Wasser wie Hunde, die ihre Beute verfolgen! Ah! die Fähre bewegt sich! und jetzt wird das Wasser tiefer, und geht dem Vordersten schon bis unter die Schulter — und doch eile» sie vorwärts und wollen die Arche packen!" Ein leichtes Kreischen und dann ein fröhliches Gelächter des Mädchens folgte nun! die Ursache von jenem war ein verzweifelter Versuch ihrer Verfolger, und von diesem dessen Mißlingen; die Fähre, welche jetzt tüchtig in Bewegung gesetzt war, glitt bald aus tieferem Wasser, das Vorderthcil vvran, mit einer Geschwindigkeit hin, welche die Anschläge der Feinde vereitelte. Da die beiden Männer durch die dazwischenliegende Kajüte verhindert waren zu sehen, was hinten vorging, mußten sie die Mädchen nach dem Stand der Jagd fragen. 181 „Was jetzt, Judith? Was dann? Verfolgen uns die Mingv's noch, oder sind wir ihrer für den Augenblick entledigt?" fragte Wildtödter, wie er das Tan schlaff werden fühlte, als eilte nunmehr die Fahre rasch von selbst weiter, und das Kreischen und Lachen des Mädchens beinahe in Einem Athen, vernahm. „Sie sind verschwunden! — Einer, der letzte, versteckt sich gerade in den Büschen des Ufers — dort ist er verschwunden in den Schatten der Bäume. Ihr habt nun Euren Freund, und wir sind Alle sicher!" Die beiden Männer machten jetzt wieder eine große Anstrengung, zogen die Arche schnell bis zu dem Anker hinauf, lichteten diesen, und als die Fähre noch eine Strecke Wegs znrückgelegt und ihre Bahn verloren hatte, warfen sie wieder den Anker ans; und jetzt zum ersten Mal seit ihrem Wiedersehen hielten sie in ihrer schweren Arbeit inne. Nachdem das schwimmende Hans einige hundert Fuß von der Küste entfernt lag, und vollkommenen Schuh gegen Kugeln bot, war weiter keine Gefahr und kein Grund zur Anstrengung ihrer Kräfte im Augenblick vorhanden. Die Art, wie die beiden Freunde jetzt einander begrüßten, war höchst charakteristisch. Chingachgook, ein edler, großer, schöner und athletischer junger indianischer Krieger, besichtigte zuerst sorgfältig seine Büchse, öffnete die Pfanne, um sich zu versichern, daß das Pulver darauf nicht naß geworden; warf, nachdem er sich dieses wichtigen Umstandes vergewissert, verstohlene aber beobachtende Blicke um sich ans die seltsame Behausung und die beiden Mädchen; noch immer aber sprach er nicht, und besonders vermied er durch Fragen irgend eine weibische Neugierde an den Tag zu legen. „Judith und Hctty," sagte Wildtödter mit nnangclernter, natürlicher Höflichkeit, „dieß ist der Mohikanische Häuptling, von welchem ich Euch gesprochen, Chingachgook, wie er genannt ist, was ,große Schlange' bedeutet; so genannt wegen seiner Weisheit und Klugheit und List, und mein erster und letzter Freund. Ich 182 wußte, daß er es sein müsse, durch die Falkenfedcr über dem linken Ohr, denn die meisten andern Krieger tragen sie an der Kriegslocke." Nachdem Wildtödtcr so gesprochen, lackte er herzlich, mehr ansgcregt vielleicht durch die Freude, seinen Freund unter so drohenden Umständen nun doch wohlbehalten an seine Seite bekommen zu haben, als durch irgend einen Einfall, der etwa zufällig ihm durch den Sin» fuhr; und dieser Ansbruch seiner Empfindungen war etwas auffallend dadurch, daß er von gar keinem Geräusch begleitet war. Obgleich Chingachgook das Englische verstand und sprach, mochte er doch seine Gedanken nicht in dieser Sprache mittheilen, wie die meisten Indianer; und nachdem er Judiths herzliches Händeschütteln und Hetty's sanftere Begrüßung in der höflichen Weise ausgenommen, wie es einem Häuptling geziemte, wandte er sich weg, offenbar um den Augenblick zu erwarten, wo cs seinem Freund belieben möchte, ihm seine weiteren Absichten auseinander zu sehen, und ihm zu erzählen, was seit ihrer Trennung sich begeben hatte. Der Andere verstand seine» Wunsch, und offenbarte seine Denk- und Schlnßwcise in der Sache durch seine Anrede an die Mädchen. „Dieser Wind wird bald sich ganz legen, nachdem die Sonne unter ist," sagte er, „und es ist nicht nöthig dagegen zu rudern. In etwa einer halben Stunde wird völlige Windstille sein, oder der Wind wird von der Südküstc her wehen, wo wir dann unser» Rückweg zum Kastell antreten wollen; mittlerweile wollen der Delaware und ich über allerlei Sachen uns besprechen, und Jeder nach den Begriffen des Andern seine Ansicht berichtigen über das Verfahren, das wir cinznschlagcn haben." Niemand widersprach diesem Vorschlag, und die Mädchen entfernten sich in die Kajüte, unu die Abendmahlzeit zu beschicken, während die beiden jungen Männer sich auf dem Vordertheil des Fahrzeugs setzten und ein Gespräch begannen. Die Unterredung ward in der Sprache der Delaware» geführt. Da jedoch dieser Dialekt selbst von Gelehrten wenig gekannt ist, wollen wir bei dieser wie bei allen künftigen Gelegenheiten solche Gespräche, die wir gcnaner mitzutheilen für nöthig erachten, in unsere Sprache übertrage», und die Idiome nnd Eigenthümlichkeiten der Redenden insofern zu wahren suchen, daß wir die von ihnen gebrauchten Bilder und Redefignren dem Geiste der Leser in der treuesten und anschaulichsten Weise nahe bringen. Es ist unnöthig auf die Eiuzcluheiten einzugehen, welche Wild- tödtcr zuerst berichtete, indem er eine kurze Erzählung der unser» Lesern schon bekannten Thatsachcn gab. Erwähnt muß jedoch werden, daß der Erzähler hier nur die Umrisse berührte, nnd namentlich sich enthielt, Etwas von seinem Kampf mit dem Irokese» und seinem Siege, so wie auch von seinen Bemühungen zn Gunsten der verlassenen Mädchen zu sagen. Als Wildtödter zu Ende war, begann auch der Delaware seine Erzählung, nnd sprach in häufigen Sentenzen, mit viel Ernst und Würde. Sein Bericht war klar und kurz, auch mit kleinen Vorfällen ausgeschmückt, die nicht geradezu die Geschichte seiner Reise von den Ortschaften seines Volkes und seine Auknnft im Thal des Snsqnchaunah betroffen hätten. Als er letzteres erreichte, nnd zwar an einem Punkt, der nur eine halbe Meile südlich von der Ausströmung lag, hatte er bald eine Spur aufgefundcn, die ihm die zu vermuthcude Nähe von Feinden verrieth. Da er auf ein solches Begebnis; vorbereitet war, nnd ihn ja der Zweck seines Zuges unmittelbar in die Nähe der Truppe von Irokesen rief, von welcher man wußte, daß sie umherstreifte, betrachtete er die Entdeckung eher als ein Glück, denn als das Gegcnthcil, nnd traf die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregel», um daraus Nutzen zu ziehen. Zuerst folgte er dem Fluß bis zn seinem Ursprung, merkte sich die Lage des Felsens genauer, fand dann wieder eine Spur, und war wirklich schon Stunden lang um die Feinde von verschiedenen Seiten herumgestreift, gleicherweise eine Gelegenheit abwartend, seine Geliebte zu treffen, 184 und einen Skalp zn erbeuten; und cs mag die Frage sein, was er am sehnlichsten wünschte. Er hielt sich in der Nähe des See's, und wagte sich gelegentlich an diesen oder jenen Ort, wo er übersehen konnte, was ans seinem Spiegel vorging. Die Arche war gesehen und beobachtet worden von dem Augenblick an, wo sie in den Bereich des Gesichts kam, obwohl der junge Häuptling natürlich nicht wußte, daß sie das Mittel werden sollte, seine gewünschte Vereinigung mit dem Freunde zn bewirken. Die Unsicherheit ihrer Bewegungen, und der Umstand, daß sie unstreitig von Weißen gelenkt wurde, führte ihn jedoch ans die Vermnthnng der Wahrheit, und er hielt sich gefaßt, an Bord derselben zn gehen, sobald sich eine geeignete Gelegenheit darböte. Als die Sonne sich znm Horizont herabsenkte, begab er sich ans den Felsen, wo er, als er ans dem Wald hervortanchte, zn seiner Freude die Arche liegen sah, offenbar bereit, ihn anfznnehmcn. Die Art und Weise seines Erscheinens und seines Eintritts in das Fahrzeug ist schon bekannt. Obgleich Chingachgvok seine Feinde Stunden lang genau beobachtet hatte, war doch ihre plötzliche und scharfe Verfolgung, als er die Fähre erreichte, ihm eben so überraschend, wie seinem Freunde. Er konnte sie sich nur erklären durch den Umstand, daß sie zahlreicher waren, als er zuerst geglaubt, und daß sie Truppen ausgestellt hatten, von deren Vorhandensein er Nichts gewußt. Ihr regelmäßiges und bleibendes Lager, wenn das Wort bleibend gebraucht werden darf von dem Aufenthaltsort einer Bande, die aller Wahrscheinlichkeit nur ein paar Wochen ans zu sein beabsichtigte, war nicht fern von der Stelle, wo Hutter und Hnrry in ihre Hände gefallen waren, und natürlich in der Nähe einer Quelle. „Nun, Schlange," fragte Wildtödter, als der Andere seine kurze aber lebendige Erzählung beendigt hatte, und zwar in der Delawarensprachc, die wir nur zur Bequemlichkeit des Lesers nicht beibehalten haben — „nun Schlange, da Ihr um diese Mingo's herum spionirt habt: könnt Ihr uns Etwas berichten von ihren 185 Gefangenen; dem Baten dieser Mädchen, nnd noch Einem, der, wie ich vermuthe, der Liebhaber der Einen von ihnen ist?" „Chingachgook hat sie gesehen. Ein alter Mann nnd ein jnnger Krieger — die fallende Schierlingstanne nnd die hohe Tanne." „Ihr habt's nicht übel getroffen, Delaware, Ihr habt's nicht übel getroffen. Der alte Hntter ist wirklich halb zerfallen, obgleich manche tüchtige Klötze noch ans seinem Stamm gehauen werden konnten; nnd was Hnrry Harry anlangt, nach Hohe, Stärke nnd hübschem Aussehen, könnte er wohl der Stolz des menschlichen Waldes genannt werden. Ware» die Männer gebunden, oder erlitten sie in irgend einer Weise Martern? Ich frage wegen der jnngen Weiber, die, glaub' ich, sehr verlangend sind, Etwas zu erfahren." „Nicht so, Wildtödter. Die Mingo's sind so Viele, daß sie ihr Wild nicht in einen Käfig zn sperren brauchen. Einige wachen, Einige schlafen, Einige lauern, Andere jagen. — Die Bleichgesichter werden heute wie Brüder behandelt; morgen werden sie ihre Skalpe verlieren." „Ja, das ist rothe Natur, nnd darein muß man sich schicken! Judith nnd Hetty, da ist tröstliche Botschaft für Euch! Der Delaware erzählt mir, daß weder Euer Vater noch Hnrry Harry Martern zn leiden haben; daß sic, abgerechnet den Verlust der Freiheit, sich so wohl befinden wie wir. Natürlich werden sie im Lager gehalten; im Uebrigen thnn sie, was ihnen beliebt." „Das freut mich zn hören, Wildtödter," versetzte Judith, „und jetzt, nachdem Euer Freund bei uns ist, zweifle ich nicht im Mindeste» daran, daß wir Gelegenheit finden werden, die Gefangenen anszulösen. Wenn Weiber im Lager sind, so habe ich schon Kleidungsstücke, die ihr Ange blenden sollen; nnd wenn es zum Schlimmsten käme, könnte» wir den guten Schrank öffnen, der, so glaube ich, Sachen in seinem Innern enthalten und offenbaren dürfte, welche die Häuptlinge wohl locken werden." 186 „Judith," sagte der junge Manu, sie anblickend mit einem Lächeln und einem Ansdruck ernster Neugier, der trotz der wachsenden Dunkelheit dem beobachtenden Blicke des Mädchens nicht entging, „könnt Ihr es über's Herz bringen, Euch von Euren schönen Sachen zn trennen, um Gefangene zu befreien, von denen freilich der Eine Euer eigener Vater, der Andere Euer geschworener Liebhaber und Freier ist?" Die Röthe, die sich über das Antlitz des Mädchens ergoß, hatte ihren Grund theils in Verdruß und Unmnth, vielleicht aber noch mehr in einem edleren, neuen Gefühle, das, in Verbindung mit dem launenhaften Eigensinn ihres Geschmacks, sie binnen kurzer Zeit empfindlicher für die gute Meinung des ihr jene Frage vor- legendcn Jünglings gemacht hatte, als sie gegen das Urtheil jedes Ander» war. Mit instinktartiger Raschheit die Anwandlung von Aergcr unterdrückend, antwortete sie mit einer Geradheit und Wahrheit, welche ihre Schwester herbeizogen, um auch zuznhören, obgleich der stumpfe Geist Hctty's keineswegs die Bewegungen eines Herzens zn verstehen vermochte, das so verrätherisch, so unzuverlässig und so ungestüm in seinen Gefühlen war, wie das der verwöhnten und vielgeschmeichelten Schönen. „Wildtödter," antwortete Judith nach einer augenblicklichen Panse, „ich will ehrlich sein gegen Euch. Ich gestehe, es mar eine Zeit, wo das, was Ihr schöne Sachen nennt, mir das Liebste auf Erden war; aber ich fange an, anders zn denke» und zn fühlen. Obgleich Hnrry Harry mir Nichts ist, Nichts werden kann, würde ich doch Alles, was ich besitze, hingeben, ihn frei zu machen. Wenn ich dieß thätc für den tobenden, tollen, geschwätzigen Hnrry, der nichts Empfehlendes hat als sein gutes Aussehen, könnt Ihr darnach schließen, was ich für meinen Vater thäte." „Das klingt gut, und ist gemäß eines Weibes Gaben. Ach ja freilich! dasselbe Gefühl findet sich auch wohl bei den jungen Weibern der Delawarcn. Ich habe sie oft und viel ihre Eitelkeit 187 ihrem Herzen opfern sehen. Es ist wie es sein soll — es ist wie es sich nach meiner Ansicht gebührt für beide Farben. Das Weib ward geschaffen znm Gefühl, nnd wird meist auch beherrscht vom Gefühl.» „Würden die Wilden Vater gehen lassen, wenn Judith und ich ihnen alle unsere besten Sachen gaben?" fragte Hctty in ihrer unschuldigen sanften Weise. „Ihre Weiber würden sich drein legen, gute Hctty; ja ihre Weiber würden sich wohl drein legen, wenn sie so Etwas in Anssicht hätten. Aber sagt mir, Schlange, wie ist es mit Weibern unter den Schurken; haben sie viele von ihren eigenen Frauen im Lager?" Der Delaware horte nnd verstand Alles, was vorging, obgleich er mit indianischem Ernst nnd Feinheit, abgekehrten Gesichts, dagesessen hatte, anscheinend nicht achtend auf ein Gespräch, das ihn nicht unmittelbar anging. Jetzt aber, wo er angcredct und befragt wurde, antwortete er seinem Freund in seiner gewöhnlichen kurzen und sentenzivsen Weise. „Sechs!" sagte er, alle Finger der einen Hand nnd den Daumen der andern cmporhaltend, „außer dieser!" die diese bedeutete seine Verlobte; und mit der Poesie und Wahrheit der Natur bezeichnet«! er sie dadurch, daß er seine Hand aufs Herz legte. „Habt Ihr sie gesehen, Häuptling — seid Ihr ihres lieblichen Antlitzes ansichtig geworden, oder ihrem Ohr nahe genug gekommen, um darein das Lied zn singen, das sie so liebt?" «Nein, Wildtödter — die Baume waren zn viele, und Laub bedeckte ihre Aeste, wie Wolken den Himmel bei Gewittern. Aber," und der junge Krieger wandte sei» dunkles Angesicht gegen seinen Freund mit einem Lächeln daraus, daS seine trotzig anssehende Bemalung und seine von Natur finsternZngc mit einem lichten Strahl menschlichen Gefühles verklärte, „Chingachgook hat das Lachen von Wah-ta!-Wah gehört; er unterschied es von dem Lachen der 188 Weiber der Irokesen. Es klang in sein Ohr wie das Zwitschern des Zaunkönigs." „Ja, darin kan» man sich auf eines Liebhabers Ohr verlassen, »nd auf das eines Delaware» in Betreff aller Töne, die man je in den Wäldern hört. Ich weiß nicht, wie es kommt, Judith, aber wenn junge Männer — nnd ich glaube fast, es ist ganz eben so auch bei jungen Weibern — nun, wenn sie zärtliche Gefühle gegen einander bekommen, so ist es wunderbar, wie lieblich das Lachen oder das Sprechen des Eine» dem Andern zu tönen anfängt. Ich habe grimmige Krieger dem Plaudern nnd Lacken junger Mädchen lauschen sehen, als wäre es Kirchenmusik — so wie man hört in der alten holländische» Kirche, die in der großen Straße von Albany steht, wo ich mehr als einmal mit Pelzwerk nnd Wild- prct gewesen bin." „Und Ihr, Wildtödtcr," sagte Judith rasch, und mit mehr Empfindung als man sonst in ihrem gewöhnlich so leichten nnd gleichgültigen Wesen bemerkte, „habt Ihr nie empfunden, wie angenehm es ist, dem Lache» eines geliebten Mädchens zu lauschen?" „Gott tröste Euch, Mädchen! — ha, ich habe nie lang genug unter meiner eigenen Farbe gelebt, um in diese Gattung von Gefühlen"zu verfallen — nein, nie! Ich glaube wohl, sie sind natürlich und reckt; aber für mich ist keine Musik so schon, als das Pfeifen des Windes in den Gipfeln der Bäume, nnd das Rauschen eines Baches ans seiner vollen, blißenden, heimathlichen Quelle reinen frischen Wassers; außer etwa," fuhr er fort und senkte einen Augenblick nachdenklich den Kopf, „außer etwa ja, der offene Rachen eines zuverlässigen Hundes, wenn ich einem fetten Bock auf der Fährte bin. Was unzuverlässige Hunde sind, nach deren Gebelle frage ich. wenig, in Betracht, daß sie eben so oft anfangen zu bellen, wenn das Wild nicht zu sehen, als wenn dies, der Fall ist." Judith schritt langsam und nachdenklich weg, auch lag Nichts 189 von ihrer gewöhnlichen berechnenden Koketterie in dem leisen, ' bebenden Seufzer, der, ihr selbst unbewußt, ihrem Munde ent- - schwebte. Anderntheils horchte Hetty mit argloser Aufmerksamkeit, i obgleich es ihrem einfachen Geist als sonderbar anffiel, daß der t junge Mann die Melodie der Wälder den Gesängen von Mädchen H oder gar dem Lache» der Unschuld und Freude vorziehen sollte. 1 Gewohnt jedoch, in de» meisten Dingen sich nach ihrer Schwester zu ^ bequemen, folgte sie bald Judith in die Kajüte, wo sie einen Sitz j nahm, und längere Zeit tief brütete über einen Vorfall oder einen ' Entschluß, oder eine Meinung, wovon außer ihr kein Mensch wußte, j Wildtödter und sein Freund, jetzt allein, setzten nun ihr Gespräch fort. „Ist der junge Bleichgesicht-Jäger schon lange an diesem See?" fragte der Delaware, nachdem er höflich abgewartet, ob nicht der Andere zuerst sprechen werde. „Erst seit gestern Mittag, Schlange; und doch war dieß lang genug, um viel zu erleben und zu thun." Der Blick, den der Indianer auf seinen Genossen heftete, war so scharf, daß er der wachsenden Dunkelheit der Nacht zu spotten schien. Als der Andere verstohlen seinen Blick erwiederte, sah er die zwei scharfen Angen sich anbliyen, wie die Augäpfel des Panthers oder des hungrigen Wolfs. Er verstand den Sinn dieser glühenden Angen, und antwortete ausweichend, wie es nach seiner Meinung sich am besten schickte für die Bescheidenheit eines Mannes mit weißen Gaben. „Es ist wie Ihr vermnthet, Schlange; ja, es ist Etwas der Art. Ich bin ans einen Feind gestoßen; und ich denke, man kann auch sagen, ich habe mit ihm gekämpft." Ein Ausruf der Freude und des Jubels entfuhr dem Indianer; und dann mit der Hand lebhaft den Arm seines Freundes fassend, fragte er ihn, „ob auch Skalpe erbeutet worden seien." „Das ist, will ich gegen den ganzen Stamm der Delawaren, gegen den alten Tamennnd und Euern Vater, de» große» Uncas, wie gegen alle Uebrigen keck behaupten, das ist gegen die Gaben eines 190 ' Weiße»! Mein Skalp ist auf meinem Kopf, wie Ihr seht, Schlange, und das war der einzige Skalp, der in Gefahr war, da die eine Partei ganz christlich und weiß war." „Fiel kein Krieger? — Wildtödter bekam seinen Namen nicht dadurch, daß er von schläfrigem Angc oder ungeschickt mit der Buchse war!" „Ju diesem Punkt, Häuptling, sprecht Ihr vernünftiger»»-kommt daher der Wahrheit näher. Ich darf sagen, ein Mingo ist gefallen." „Ein Häuptling?" fragte der Andere mit ungestümer Heftigkeit. „Nein, das ist mehr als ich weiß oder sagen kann. Er mar schlan, und verrätherisch, und herzhaft, und mag wohl Beifall genug unter seinem Volke sich erworben haben, um zu dieser Würde erhoben zu werde». Der Mann kämpfte gut, obgleich sei» Auge nicht schnell genug war für eine» Mann, der seine Schule in Eurer Gesellschaft gemacht, Delaware!" „Mein Bruder und Freund schlug den Mann doch nieder?" „Ich brauchte das nicht, sintemal der Mingo in meinen Arme» starb. Ich kann wohl die Wahrheit gerade heraus sagen; er kämpfte wie ein Mann mit rothen Gaben, und ich wie ein Mann mit Gaben von meiner Farbe. Gott gab mir den Sieg, ich konnte nicht seine Vorsehung in's Angesicht schlagen, indem ich meine Geburt und Natur vergessen hätte. Weiß schuf er mich, und weiß will ich leben und sterben." „Gut! Wildtödter ist ein Bleichgesicht und hat Hände eines Bleichgesichts. Ein Delaware wird nach dem Skalp sehen, und ihn ans einen Pfahl hängen, und ein Lied zu seiner Ehre singen, wenn wir znrückgehcn zu unserem Volke. Die Ehre gehört dem Stamme; sie darf nicht verloren gehen." „Das ist leicht gesagt, aber nicht so leicht gethan. Des Mingo's Leichnam ist in den Händen seiner Freunde, und ohne Zweifel in einer Höhle verborgen, wo Delawarenlist dem Skalp nie beikommen wird." 191 Der junge Mann gab daun seinem Freunde einen kurzen aber klare» Bericht von dem Ereignis; des Morgens, Nichts von irgend einigem Belang verhehlend, und doch Alles bescheiden und mit sorgfältiger Aufmerksamkeit, die indianische Prahlerei zu vermeiden, berührend. Chingachgvok drückte wieder seine Freude ans über die von seinem Freunde gewonnene Ehre, und dann standen Beide auf, da die Stunde gekommen war, wo die Klugheit rieth, die Arche weiter vom Land zu entfernen. Es war jcht ganz dunkel; der Himmel nmwölkt und die Sterne verdeckt. Der Nordwind hatte anfgehört, wie gewöhnlich bei Sonnenuntergang, und ein leiser Luftzug erhob sich von Süden. Da dieß Umschlagen die Absichten Wildtödters begünstigte, lichtete er seinen Anker, und das Fahrzeug fing sogleich und ganz merklich an, weiter in den See hinein zu treiben. Das Segel ward ausgezogen, wodurch die Bewegung des Fahrzeugs zu einer Schnelligkeit von nicht viel weniger als zwei Meilen in der Stunde stieg. Da Ließ das Rudern entbehrlich machte — eine Arbeit, nach welcher ei» Indianer selten lüstern war — setzten sich Wildtödter, Chin- gachgook und Judith ans das Hintertheil der Fähre, wo der Erstere mit dem Steuerruder ihre Bewegungen lenkte. Hier besprachen sie sich über ihre künftigen Maßregel», und über die Mittel, deren man sich bedienen müsse, um die Befreiung ihrer Freunde zu bewirken. Zn diesem Gespräch trug Judith das Wesentlichste bei; der Delaware verstand ohne Mühe Alles, was sic sagte, seine Antworten und Bemerkungen aber, welche beide selten und kurz waren, wurden gelegentlich von seinem Freund in's Englische übertragen. Judith stieg in der nächsten halben Stunde bedeutend in der Achtung ihres Genossen. Rasch im Entschluß und fest in ihren Absichten, zeugten ihre Vorschläge und Ansknnftsmittel von ihrem Muth und ihrem Scharfblick, und beide waren von der Art, daß sie wohl bei Gränzmännern Gunst finden mochten. Die seit ihrer Bekanntschaft vorgefallcne» Ereignisse, so wie ihre vereinzelte und 192 abhängige Lage flößten dem Mädchen ein Gesicht gegen Witdtödter ein, als wäre es eine jahrelange Freundschaft, und nicht die Bekanntschaft eines Tags, was sie verband; und so gänzlich war sie gewonnen durch die arglose Wahrhaftigkeit seines Charakters und Gcmüths — für sie, so weit ihre Erfahrung reichte, völlige Neuigkeiten an unserem Geschlecht — daß seine Eigenthümlichkciten ihre Neugierde rege gemacht, und ein Zutrauen in ihr erweckt hatten, das sie noch nie gegen einen andern Mann empfunden hatte. Bisher hatte sie sich genöthigt gesehen, bei ihrem Verkehr mit Männern sich vertheidignngswcise zu verhalten — mit welchem Erfolg, wußte sie selbst am besten; aber jetzt sah sie sich plötzlich in die Gesellschaft und unter den Schutz eines Jünglings versetzt, der offenbar so wenig Arges gegen sie im Sinne hatte, als wäre er ihr Bruder gewesen. Dje Frische seiner Unschuld und Rechtlichkeit, die Poesie und Wahrheit seiner Gefühle, und selbst die Eigenheit seiner Redeweise — Alles äußerte einen Einfluß auf sie, und trug dazu bei, ein Interesse in ihr zu erwecken, das, wie sie fand, eben so rein als plötzlich und tief war. Hurry's hübsches Gesicht und männliche Gestalt hatten ihr nie sein lärmendes und gemeines Wesen vergütet; und ihr Verkehr mit den Offizieren hatte sie Vergleichungen anstellen gelehrt, bei welchen selbst seine großen natürlichen Vorzüge zu kurz käme». Aber eben dieser Verkehr mit den Offizieren, welche gelegentlich an den See kamen, um zu fischen und zu jagen, wirkte auch mit ans ihre jetzigen Gesinnungen und Empfindungen gegenüber dem jungen Fremden. Die Bekanntschaft mit ihnen hatte sie, während ihre Eitelkeit dadurch geschmeichelt und ihre Eigenliebe geweckt worden war, vielen Grund, tief zu bereuen — wenn nicht gar, in geheimem Kummer darüber zu trauern — denn es hatte ihr bei ihrem lebhaften, raschen Verstand die Beobachtung unmöglich entgehen können, wie hohl der Umgang und Verkehr zwischen Höher» und Geringern sei, und daß sie selbst von den bestgesinnten und am wenigsten berechnenden und listigen unter ihren 193 scharlackröckigcn Bewunderern mehr als das kurzweilige Spielzeug einer muffigen Stunde, denn als Gleichgestellte und Freundin betrachtet wurde. Wildtödter dagegen hatte ein Fenster vor feiner Brust, durch welches das Licht seiner Ehrlichkeit immer leuchtete; und selbst seine Gleichgültigkeit gegen Reize, die so selten verfehlten, einen lebhaften Eindruck z» machen, spannte den Stolz des Mädchens, und verlieh ihm in ihren Augen ein Interesse, das ein Anderer, anscheinend mehr von der Natur begünstigt, nicht leicht erregt hätte. In dieser Weise verstrich eine halbe Stunde, während welcher die Arche langsam über das Wasser hinglitt, indeß das Dunkel umher immer dichter wurde; obgleich man noch wohl bemerkte, daß der schwarze Wald am südlichen Ende des See's ferner rückte, während die Berge, welche die Seiten des schonen Beckens cinfaß- ten, ihn beinahe von einer Seite zur andern überschatteten. Doch war noch ein schmaler Streif Wasser in der Mitte des See's, wo das dämmernde Licht, das noch vom Himmel sich ergoß, ans seinen Spiegel in einer nördlich und südlich sich ausdehnenden Linie siel; und entlang diesem schwachen Streifen, — eine Art umgekehrter Milchstraße, wo die Dunkelheit nicht so dicht war als an^andern Stellen — verfolgte die Fähre ihren Lauf, da ihr Steuermann wohl wußte, daß dies; die gewünschte Richtung sei. Der Leser darf jedoch nickt glauben, es habe irgend eine Schwierigkeit, die einznhaltende Richtung betreffend, gewaltet. Diese wäre bestimmt worden durch die Strömung des Windes, hätte man auch nicht mehr die Berge unterscheide» können, so wie auch durch die dämmernde Lichtung nach Süden zu, welche die Lage des Thales nach dieser Seite, ans der Ebene von großen Bäumen durch eine etwas verminderte Dunkelheit bezeichnetc; — der Unterschied zwischen dem Dunkel des Waldes und dem Dunkel der nur als Luft gesehenen Nackt. Diese Eigenthümlichkeiten nahmen endlich die Aufmerksamkeit Judiths und Wildtödters in Anspruch, und das Gespräch Der Wildtödter. 13 194 hörte auf, wodurch Jedes Muße erhielt, die feierliche Stille und tiefe Ruhe der Natur zu betrachten. „Es ist eine finstere Nacht," bemerkte das Mädchen nach einer Pause von einigen Minuten. „Ich hoffe, wir werden doch das Kastell finden können." „Daß wir das verfehlen, ist wenig zu besorgen, wenn wir nur diese Richtung in der Mitte des See's behalten," versetzte der junge Mann. „Die Natur hat uns hier eine Bahn gemacht, und so finster es ist, wird es doch wenig Schwierigkeit haben, sie zu verfolgen." „Hört Ihr nichts, Wildtödter? Es war, als ob das Wasser ganz in unserer Nähe rauschte." „Gewiß hat Etwas das Wasser in Bewegung gebracht auf eine ungewöhnliche Art; es muß ein Fisch gewesen sein. Diese Kreaturen machen ans einander Jagd, wie Menschen und Thiere auf dem Land; Einer ist in die Luft gesprungen, und ist schwerfällig wieder hernntergcsunkcn in sein Element. Es nutzt sie wenig, Judith, ans ihrem Element hcransznstreben, da es einmal ihre Natur ist, darin zu bleiben, und die Natur muß ihre» Willen haben. Ha! das tönt wie ein Ruder, das mit ungewöhnlicher Vorsicht gehandhabt wird!" In diesem Augenblick beugte sich der Delaware vor und wies bedeutsam nach dem finstern Horizont, als ob plötzlich seinem Auge etwas anfgestoßen. Wildtödter und Judith folgten der Richtung seiner Geberde, und Beide wurden in demselben Augenblick eines Canoe's ansichtig. Die Wahrnehmung dieses beunrnhigendcn Nachbars war dämmernd und trübe, und ein minder geübtes Auge hätte darüber in Ungewißheit sein können, aber die auf der Arche Befindlichen erkannten deutlich ein Canoe mit einer Person darin, welche aufrecht stand und ruderte. Wie viele im untern Raume versteckt lagen, konnte man natürlich nicht wissen. Einer von starken und geübten Händen gelenkten Barke mittelst Rnderns 195 entfliehen, war ganz nnthnnlich, und beide Männer ergriffen, eines Kampfes gewärtig, ihre Buchsen. „Ich kann den Ruderer leicht zu Boden fällen," flüsterte Wild- tödter, „aber mir wollen ihn zuerst anrufen und um sein Vorhaben fragen." Dann erhob er seine Stimme und rief ernst und feierlich: „Halt! Wenn Ihr näher kommt, muß ich feuern, so wenig ich es wünsche; und dann ist sicherer Tod die Folge. Stellt das Rudern ein und antwortet." „Feuert und tödtet ein armes, wehrloses Mädchen," erwie- derte eine sanfte, zitternde weibliche Stimme, „aber Gott wird Euch das nie vergebe»! Geht Eures Weges, Wildtvdter, und laßt mich den meinigen gehen!" „Hetty!" riefen der junge Mann und Judith in Einem Athem; und der Ersterc sprang sogleich nach der Stelle, wo er das am Tan mitgeführte Canoe gelassen hatte. Es war weg, und nun verstand er die ganze Sache. Die Entflohene, erschrocken über die Drohung, hörte zu rudern ans, und blieb nur dämmernd sichtbar, einem gespenstischen Umriß einer menschlichen Gestalt ähnlich, über dem Wasser stehen. Im nächsten Augenblicke ward das Segel herabgelasscn, damit die Arche nicht an der Stelle, wo das Canoe sich befand, vorübergleitete. Diese letzte Maßregel jedoch ward nicht mehr zu rechter Zeit getroffen, denn das Gewicht eines so schweren Fahrzeugs und der Anstoß des zwar schwachen Windes - trieben es bald daran vorüber, und bewirkten, daß Hetty gerade hinter dem Winde sich befand, obwohl noch sichtbar, da der Wechsel in der Stellung der beiden Fahrzeuge sie in jene obenerwähnte Art von Milchstraße brachte. „Was kann dieß bedeuten, Judith?" fragte Wildtvdter. „Warum hat Eure Schwester das Canoe genommen und uns verlassen?" „Ihr wißt, sie ist schwachsinnig, das arme Mädchen! und sie hat ihre eignen Ideen darüber, was zu thun sei. Sie liebt ihren Vater mehr, als die meisten Kinder ihrcEltern lieben—und dann-" 13 " 196 „Dann was, Mädchen? Dies; ist ein bedenklicher Augenblick, und wo man die Wahrheit reden muß." Judith empfand eine edelmüthige und weibliche Scheu, ihre Schwester zu verrathen, und sic zögerte, ehe sie fortfnhr. Aber noch einmal von Wildtödter dringend anfgcfordert, und selbst erkennend die Gefahren alle, welchen die Gesellschaft durch Hctty's Unklugheit ausgesetzt wurde, konnte sie nicht länger an sich halten. „Dann furchte ich auch, die arme schwachsinnige Hetty hat nicht recht die Eitelkeit, die Narrheit und die Tollheit zu sehen vermocht, die hinter dem schönen Gesicht und der stattlichen Gestalt Hnrry Harry's liegen. Sie spricht im Schlaf von ihm, und ver- räth manchmal ihre Neigung auch in ihren wachen Augenblicken." „Ihr meint, Judith, Eure Schwester gehe jetzt mit irgend einem tollen Plane um, ihrem Vater und Hnrry zu dienen, der aller Wahrscheinlichkeit nach die Gewänne, die Mingo's, i» de» Besitz eines Canoe setzen wird!" „So wird es sich, furchte ich, verhalten, Wildtödter. Die arme Hetty hat schwerlich Schlauheit genug, einen Wilden zu überlisten." Die ganze Zeit her war das Canoe, Hetty in aufrechter Stellung am einen Ende desselben stehend, dämmernd sichtbar gewesen, obgleich cs bei der raschen Bewegung der Arche mit jedem Augenblicke weniger deutlich wurde. Es war offenbar keine Zeit zu verlieren, wenn es nicht ganz verschwinden sollte. Die Buchsen wurden jetzt als überflüssig bei Seite gelegt; und dann ergriffen die beiden Männer die Ruder und fingen an, das Vordcrtheil der Fähre gegen das Canoe hin nmznwendcn. Judith, an den Dienst gewöhnt, eilte nach dem andern Ende der Arche und stellte sich an den Helm — wenn man so sagen konnte. Hetty erschrak bei diesen Vorkehrungen, die nicht ohne Geräusch getroffen werden konnten, und fuhr ans wie ein Vogel, der plötzlich durch das Hcrannahen einer nicht erwarteten Gefahr gescheucht wird. 197 Da Wildtödter und sein Genosse mit der Anstrengung von Männern ruderten, welche die Nothmcndigkcit fühlten, jeden Nerv anznspannen, und Hctty's Kräfte geschwächt wurden durch ein ängstliches, krampfhaftes Bestreben, zu entfliehen, würde sich die Jagd bald mit der Einholung der Flüchtigen geendigt haben, hätte nicht das Mädchen einige rasche und unvorhergesehene Abweichungen von der geraden Bahn gemacht. Diese Wendungen gewannen ihr Zeit, und sie hatten auch die Wirkung, das Canoe und die Arche allmählig in das dichtere Dunkel hineinznfnhren, das die Schatten von den Bergen erzeugten. Auch vergrößerten sie all- mählig den Abstand zwischen der Fliehenden und ihren Verfolgern, bis Judith ihren Genossen znrief, sie sollten zu rudern anfhören, weil sie das Canoe gänzlich ans dem Gesicht verloren. Als diese leidige Benachrichtigung erfolgte, war Hetty in der That so nahe, daß sie jede Sylbe verstand, die ihre Schwester sprach; obgleich Letztere die Vorsicht gebraucht hatte, so leise zu sprechen, als nur immer die Umstände gestatteten, falls sie gehört werden wollte. Hetty hörte in demselben Augenblicke zu rudern ans, und wartete das weitere Ergebnis; ab mit einer Ungeduld, die ebensosehr in Folge ihrer bisherigen Anstrengungen, wie ihres Wunsches, an's Land zu kommen, eine wahrhaft athem- lose zu nennen war. Eine Todtenstillc senkte sich inzwischen auf den See, während welcher die Drei in der Arche ihre Sinne anfs Mannigfachste anstrengten, um die Stellung des Canoe's zu entdecken. Judith beugte sich vor, um zu horchen, in der Hoffnung, einen Ton zu erlauschen, der verriethc, in welcher Richtung ihre Schwester sich davonstehle; während ihre beiden Genossen die Augen so nahe als möglich hinab an's Wasser hielten, um jeden Gegenstand zu entdecken, der etwa ans seiner Oberfläche schwämme. Alles jedoch war umsonst, denn weder ein erlauschter Ton noch das Sichtbarwerden eines Gegenstandes belohnte ihre Anstrengungen. Diese ganze Zeit über stand Hetty, welche nicht so viel Schlauheit 198 besaß, sich im Boot niederzulegcn, aufgerichtet da, einen Finger auf ihren Mund gedruckt, in der Richtung hinansstarrcnd, von welcher her sic die Stimmen gehört hatte, einer Bildsäule schweigender und scheuer Erwartung ähnlich. Ihre List war nur so weit gegangen, das; sie in der erzählten Weise ohne Geräusch des Canoe's sich zu bemächtigen und die Arche zu verlassen im Stande gewesen war; dann schien sie für den Augenblick gänzlich erschöpft. Selbst die Abweichungen des Canoe's waren ebensosehr die Folgen einer unsicheren Hand und einer Nervenausrcgnng, als einer schlauen Berechnung gewesen. Diese Panse währte einige Minuten, mährend welcher Wild- tödter und der Delaware in der Sprache des Leptern sich bericthcn. Dann tauchten die Ruder wieder in's Wasser, und die Arche bewegte sich, aber mit so wenig Geräusch als nur möglich. Sie steuerte westlich, etwas südlich, oder in der Richtung ans das Lager des Feindes zu. Nachdem sie einen vorliegenden Punkt, nicht weit von der Küste entfernt, erreicht hatte, wo wegen der Nähe des Landes die Finsternis; sehr dicht war, blieb sie hier beinahe eine Stunde liegen, das gehoffte Herankommen Hctty's zu erwarten, die, so dachte man, diesem Punkt nach Kräften zneilcn würde, sobald sie sich der Gefahr der Verfolgung entledigt glauben würde. Aber diese kleine Blokade wurde von keinem Erfolg gekrönt; weder der Gesichtssinn noch der GehörSsinn konnten das Vorbeifahren eines Canoe's entdecke». Verdrießlich über dies; Mißlingen und erkennend, wie wichtig es sei, von dem Kastell Besitz zu ergreifen, ehe der Feind sich seiner bemächtige, schlug jetzt Wildtödter die Bahn dahin ein, mit der Befürchtung, das; alle seine Vorsicht, als er die Canoe's in Sicherheit gebracht, vereitelt sein werde durch diesen unbewachten und beunruhigenden Schritt von Seiten der schwachsinnigen Hetty. 199 Zehntes Kapitel. „Aber Wer in diesem wilden Wald Mag Glauben schenken seinem Aug' und Ohr, Wo von dem Felsabhang, aus hohler Schlucht Ein wirr' und bunt' Getön von dürrem Laub, Von Zweigeknistern und Nachtvögelkrächzen Antwort zu geben scheint!" Johanna Baillie. Furcht ebensosehr als Berechnung hatte Hetty veranlaßt, das Rudern einznstellen, als sie entdeckte, daß ihre Verfolger nicht wußten, in welcher Richtung sie weiter steuern sollten. Sie blieb ruhig, bis die Arche in die Nahe des Lagers sich gewendet hatte, wie im vorigen Kapitel erzählt worden; da ergriff sic wieder das Ruder, und mit vorsichtigen Schlägen strebte sie der westlichen Küste zu. Um jedoch ihren Verfolgern ansznweichen, die, wie sie richtig vermnthete, bald auch diese Küste entlang rudern würden, richtete sie das Vordertheil ihres Canoe's so weit nördlich, daß sie an's Land kam an einem vorspringenden Punkt, welcher etwa eine Stunde von der Ausströmung entfernt, in dem See anslief. Auch war dies; nicht ganz nur das Ergebnis; ihres Wunsches, zu entkommen; denn Hetty Hutter, so schwachsinnig sie war, besaß doch nicht wenig von jener instinktartigcn Vorsicht, welche oft die von Gott so Hcimgesnchten vor Unheil bewahrt. Sie erkannte vollkommen, wie wichtig es sei, die Canoe's nicht in die Hände der Irokesen fallen zu lassen; und lange, vertraute Bekanntschaft mit dem See hatte ihr eines der einfachsten Ansknnftsmittel an die Hand gegeben, wodurch dieser wichtige Augenmerk mit ihrem eigenen Plane in Einklang gebracht wurde. Der fragliche Punkt war der erste Landvorsprnng auf dieser - Seite des See's, wo ein Canoe, wenn man es bei Südwind forttreiben ließ, vom Lande wegschwimmen mußte, und sogar, wie man ohne große Verletzung der Wahrscheinlichkeit annehmen durfte, das Kastell erreichen konnte, denn dieses lag über ihm, beinahe 200 in gerader Linie mit dem Wind. Dieß war denn Hetty's Absicht; nnd sie landete ans der äußersten Spitze des sandigen, vorspringenden Punktes, unter einer überhangcnden Eiche, mit dem ausdrücklichen Vorhaben, das Canoe ovn der Küste wcgznstoßcn, damit es ihres Vaters insnlarischer Behausung zuschwimme. Anck> wußte sie von den Stämmen her, die gelegentlich auf dem See hernmschwammen, daß, wen» es auch das Kastell und Zngchör verfehlte, der Wind wahrscheinlich Umschlägen würde, che es das nördliche Ende des See's erreichte, nnd hoffte, Wildtödter würde wohl Gelegenheit haben, es am andern Morgen wieder aufznfan- gen, wenn er, wie kanm z» bezweifeln, die Oberfläche des Wassers nnd seine gesammten, nmwaldeten Küsten mit dem Fernglas ernstlich dnrchmnstern würde. Auch in diesem Allen ward Hetty weniger von einer eigentlichen Schlnßkctte, als von ihrem gewohnheitsmäßigen dunkeln Bewußtsein geleitet; nnd dies; letztere ersetzt oft bei menschlichen Wesen die Schwächen des Geistes, wie cs ja auch, oder ein Analogon davon, bei Thieren der nieder» Gattungen denselben Dienst leistet. Das Mädchen brauchte eine volle Stunde, bis sie zu dem Landvorsprnng gelangte, denn die Entfernung nnd die Dunkelheit hielten sie lange ans; sobald sie aber den Kicsstrand erreicht hatte, schickte sic sich auch an, das Canoe in der angegebenen Weise dem Spiel des Wassers anznvertrancn. Während sie es zurückdrängte, hörte sie leise Stimmen, die von den Bäumen hinter ihr her zu kommen schienen. Erschrocken über diese unerwartete Gefahr, stand Hetty schon ans dem Punkt, wieder in das Canoe zu springen, um ihr Heil in der Flucht zu suchen, als sie die Töne von Judiths melodischer Stimme zu erkennen glaubte. Sie beugte sich vor, um die Töne unmittelbar anszufassen, nnd erkannte deutlich, daß sie vom Wasser hcrkamen; jetzt begriff sie, daß die Arche sich von Süden her nähere, und zwar so nahe an der westlichen Küste, daß sie nothwendig an dem Landvorsprnng auf zwanzig Schritte von dem Ort, wo sie stand, vorbeikommen mußte. Hier hatte sie denn Alles, was sie wünschen konnte; sie schob das Canoe zurück in den See, »nd die bisherige Fergin blieb allein auf dem schmalen Strand zurück. Nach Vollbringung dieser Handlung der Selbstaufopferung zog sich Hetty nicht zurück. Das Laub der überhangenden Bäume und Gebüsche würde sie beinahe ganz versteckt haben, wenn es auch licht gewesen wäre; aber in dieser Finsternis; war es ganz unmöglich, einen so beschatteten Gegenstand auch nur auf einige Schritte zu entdecken. Auch die Flucht war ganz leicht, da sie mit zwanzig Schritten sich im Schoos; des Waldes begraben konnte. Sie blieb daher, mit heftiger Spannung das Ergebnis; ihrer Maßregel abwartend, mit dem Vorsatz, die Aufmerksamkeit der Andern durch Rufen ans das Canoe zu lenken, sollte cs den Anschein haben, als führen sie, ohne es zu beachten, vorüber. Die Arche näherte sich wieder unter Segel; Wildtödtcr stand auf dem Bug, Judith neben ihm, und der Delaware am Helm. Es schien beinahe, als habe die Arche in der Bai unten sich zu nahe an die Küste gewagt, in der immer noch nicht aufgcgebenen Hoffnung, Hetty abznschneidcn, denn wie sie näher kam, hörte die Letztere deutlich, wie der junge Mann vorn seinem Genossen Weisungen gab, um an dem Landvvrsprung vorbcizukommen. »Lenkt die Spitze mehr ab von der Küste, Delaware," sagte Wildtödtcr zum dritten Male ans Englisch, damit seine schöne Genossin seine Worte verstehe; „lenkt die Spitze recht ab von der Küste. Wir sind hier zu weit hereingekommen, und müsse» mit dem Mast aus den Bäumen heraus. Judith, hier ist ein Canoe!" Die letzten Worte wurden mit großem Ernst gesprochen, und Wildtödtcrs Hand hatte seine Büchse gefaßt, ehe sic ganz überfeine Lippen waren. Aber die Wahrheit ging sogleich wie ein Licht dem raschen Geiste des Mädchens auf, und sie sagte sogleich 202 ihrem Begleiter, das Boot müsse dasjenige sein, worin ihre Schwester entflohen. „Lenkt die Fähre gradans, Delaware! steuert so schnurgerade zu, wie Eure Kugel fliegt, wenn einem Bock in das Herz geschickt; — so, ich habe cs!" Das Canoe ward ergriffen und sogleich wieder an der Seite der Arche befestigt; im nächsten Augenblick ward das Segel cinge- holt, und die Bewegung der Arche mittelst der Ruder gehemmt. - „Hetty!" rief Judith, und Theilnahme, selbst Zärtlichkeit sprach sich in ihrem Tone ans; „wenn du mich Horst, Schwester, um Gottes willen, antworte und laß mich wieder den To» deiner Stimme hören! Hetty! — liebe Hetty!" „Ich bin hier, Judith, hier, ans der Küste, wo es vergeblich wäre, mich zu verfolgen; denn ich will mich in den Wälder» verstecken." „Oh, Hetty! was machst du! Bedenke, es ist bald Mitternacht, und die Wälder sind voll von Wilden und von milden Thieren!" „Beide werden einem armen, nur halb klugen Mädchen kein Leid thnn, Judith. Gott ist hier so gut bei mir, als er in der Arche oder in der Hütte es sein würde. Ich bin im Begriff, meinem Vater und dem armen Hnrry Harry zu Hilfe zu eilen, welche werden gemartert werden, wenn nicht Jemand sich ihrer annimmt." „Wir Alle nehmen uns ihrer an, und beabsichtigen, ihnen morgen eine Fricdcnsfahne zu schicken, um ihre Loslassung zu erkaufen. Komm daher zurück, Schwester, vertraue uns, die wir stärkere Köpfe haben als du, und Alles, was wir können, für Vater thnn werden." „Ich weiß, dein Kopf ist stärker als der meinige, Judith, denn der meinige ist freilich sehr schwach; aber ich muß zu Vater und zu dem armen Hnrry. Behauptet ihr, du und Wildtödter, das Kastell; mich laßt in der Hand Gottes!" „Gott ist bei uns Allen, Hetty — im Kastell oder ans der Küste —beim Vater so gut wie bei uns; und es ist Sunde, nicht auf 203 seine Güte vertrauen. Dn kannst Nichts thnn in der Finsterniß, wirst dich im Walde verirren und durch Mangel an Nahrung nmkommen." „Gott wird das nicht einem armen Mädchen geschehen lassen, das geht, seinem Vater zu dienen, Schwester. Ich muß es versuchen nnd die Wilden anfsnchen." „Komm zurück, nur für diese Nacht; am Morgen wollen wir dich an's Land setzen nnd dich handeln lassen nach deinem Gutdünken." „Dn sagst so nnd denkst so, aber du würdest es nicht thnn. Dein Herz würde weich werden, nnd dn würdest Tomahawks nnd Skalpiermesscr in der Lust sehen. Zudem habe ich mir vorge- nonnnen, dem indianischen Häuptling Etwas zu sagen, was allen unfern Wünschen entsprechen wird; und ich fürchte, es zu vergessen, wenn ich es ihm nicht sofort sage. Ihr werdet sehen, er läßt den Vater frei, sobald er es hört." „Arme Hetty! Was kannst dn einem trotzigen Wilden sagen, wodurch seine blutdürstigen Anschläge sollten nmgewandelt werden?" „Etwas, das ihn erschrecken nnd ihn bewegen wird, Vater gehen zu lassen," versetzte das einfältige Mädchen in bestimmtem Tone. „Dn wirst cs sehen, Schwester, wie bald es ihn dazu bringen wird, wie ei» folgsames Kind!" „Wollt Ihr mir sagen, was Ihr ihm zu sagen beabsichtigt?" fragte Wildtödter. „Ich kenne die Wilden gut, nnd kann mit einiger Wahrscheinlichkeit berechnen, in wie weit gute Worte auf ihre blutdürstigen Gcmüther wirken werden oder nicht. Wenn es nicht den Gaben einer Rothhant gemäß ist, so wird es Nichts helfen; denn Vernunft geht nach Gaben, wie die Handlungsweise." „Gut denn," antwortete Hetty, ihre Stimme zu leisem, vertraulichem Tone sinken lassend; denn die Stille der Nacht und die Nähe der Arche gestattete» ihr dies; zu thnn nnd doch gehört zu werden. „Gut den», Wildtödter, da Ihr ein guter und redlicher junger Mann scheint, will ich es Euch sagen. Ich habe im Sinne, keinem dpr Wilden ein Wort zu sagen, bis ich Angesicht gegen 204 Angesicht ihrem obersten Häuptling gegenübcrstehe, mögen sie mich plagen mit so vielen Fragen, als sie wollen; nein — ich will ihnen keine beantworten, als daß ich ihnen sage, sie sollen mich zu ihrem weisesten Manne sichren. Dann, Wildtödter, will ich ihm j sagen, -aß Gott Mord nnd Raub nicht verzeihen wird, und daß, wenn Vater nnd Hurry ans die Skalpe der Irokesen ausgingen, er Böses mit Gutem vergelten müsse, denn so gebeut die Bibel, sonst werde er eingehen zur ewigen Strafe. Wenn er das hört, und fühlt, daß es wahr ist — wie er das muß, wie lange wird es dann anstehen, bis er Vater nnd Hurry nnd mich an die Küste schickt, gegenüber dem Kastell, nnd uns alle Drei unseres Weges im Frieden gehen heißt?" Die letzte Frage sprach sie in trinmphirendem Tone; nnd dann lachte das einfältige Mädchen über den Eindruck, den, wie sic keinen Augenblick zweifelte, ihr Plan ans ihre Zuhörer gemacht. Wildtödter war stumm vor Erstaunen über diesen Beweis von argloser Geistesschwäche; Judith aber hatte sich rasch auf ein Mittel besonnen, diesem unsinnigen Anschlag eutgegenzuwirkcn, dadurch, daß sie eben auf die Gefühle zu wirken suchte, aus welchen er entsprungen war. Ohne daher die letzte Frage oder das Lachen zu beachten, rief sie hastig ihre Schwester beim Namen, wie wenn sie plötzlich ergriffen würde vom Bewußtsein der Wichtigkeit dessen, was sie zu sagen hatte. Aber keine Antwort erfolgte auf den Ruf. Aus dem Krachen von Zweige» nnd Rauschen von Blättern erhellte deutlich, daß Hetty die Küste verlassen hatte, nnd sich schon in dem Dickicht des Waldes begrub. Ihr folgen, wäre zwecklos gewesen, da die Dunkelheit so wie auch der Schutz und das Versteck, das die Wälder überall boten, es so gut als unmöglich machten, sich ihrer wieder zu bemächtigen; nnd dann war auch die nie aufhörcnde Gefahr, ihren Feinden in die Hände zu fallen. Nach einer kurzen nnd traurigen Bcrathung ward daher das Segel wieder aufgezogen, und die Arche verfolgte ihren Lauf ihrem 205 gewöhnlichen Ankerplatz zn, während Wildtödter sich schweigend Glück wünschte znr Wiedererlangung des Canoe's, nnd über seinen Plan für den nächsten Tag brütete. Der Wind erhob sich, als die Gesellschaft den Vorsprnng verließ, nnd in weniger als einer Stunde erreichten sie das Kastell. Hier fand man Alles, wie man es verlassen; nnd man hatte nun die Maßregeln nnd Ceremonicn, die man vorgcnommen, als man das Gebäude verlassen hatte, in umgekehrter Ordnung durch,sswiachc», da man wieder znrückkam. Judith nahm in dieser Nacht ein einsames Bett ein, dessen Kissen sie mit ihren Thräncn befeuchtete, wenn sie an das unschuldige, bisher vernachlässigte Geschöpf dachte, das von Kindheit an ihre Genossin gewesen; nnd bittere Gefühle der Trauer und Rene, ans mehr als Einer Quelle entspringend, kamen über ihr Gcmüth, wie die Stunden träg dahinschlichen, nnd es wurde beinahe Morgen, che sich ihr Bewußtsein im Schlaf verlor. Wildtödter nnd der Delaware legten sich in der Arche znr Ruhe, wo wir sie dein süßen, tiefen Schlaf der Redlichkeit, der Gesundheit nnd Furchtlosigkeit überlassen und zn dem Mädchen znrückkehren wollen, das wir zuletzt im Dickicht des Waldes gesehen. Als Hetty die Küste verließ, schlug sie ohne Bedenken den Weg in die Wälder ein, in fast krampfhafter Angst, verfolgt zn werden. Znm Glück war dieser Weg der beste, den sie einschlagen konnte znr Erreichung ihres Vorhabens, denn es war der einzige, der sie von dem Landvorsprnng nach Innen führte. Die Nacht war so stockdunkel unter den Zweige» der Bäume, daß sie nur sehr langsam weiter kommen konnte, nnd nach den ersten paar Schritten die Richtung, die sie wählte, ganz Sache des Zufalls war. Die Formation des Bodens jedoch erlaubte ihr nicht, bedeutend von der Linie abzuweicheu, in welcher sie sich zn halten wünschte. Ans der einen Seite war er bald begränzt durch den steil ansteigenden Hügel, während auf der andern der See als Führer diente. Zwei Stunden lang arbeitete sich dieß ans sich allein angewiesene, blöde 206 Mädchen durch die Jrrpfade des Forstes; manchmal fand sie sich auf dem Rand der an den See gränzcndcn Uferhöhe, und dann wieder rang sie sich eine Erhöhung hinan, die sie warnte, in dieser Richtung nicht weiter zu gehen, da sie »othwendig in einem rechten Winkel die Bahn dnrchfchnciden mußte, auf der sie vorwärts wollte. Oft glitten ihre Fuße ans, und manchen Fall that sie, wiewohl keinen, wobei sie sich beschädigte; aber nach Ablauf der genannten Zeit war sie so müde geworden, daß ihr die Kräfte fehlten, weiter zu wandeln. Ruhe war ihr unentbehrlich; und sie machte siel, daran, sich ein Lager zu bereiten, mit der Unbedenklichkeit und Kaltblütigkeit eines Gemüths, das die Wildnis; mit keinen unnöthigcn Aengstcn erfüllte. Sie wußte, daß wilde Thiere in dem ganzen benachbarten Wald hernmstrciften, aber solche Bestien, die den Menschen nachstellcn, selten —und gefährliche Schlangen im buchstäblichen Sinne keine da waren. Diese Umstände waren ihr von ihrem Vater bekannt; und was einmal ihr schwacher Geist aufnahm, das nahm er so vertrauend ans, daß ihr gar keine Unbehaglichkeit verursachende Zweifel »nd Bedenklichkeiten übrig blieben. Ihr war die Erhabenheit der Einsamkeit, in die sic sich versetzt sah, eher tröstlich als entsetzlich; und sie raffte sich ein Bett von Laub zusammen mit solcher Gleichgültigkeit gegen die Umstände, welche aus der Seele der Meisten ihres Geschlechts jeden Gedanken an Schlaf würden verscheucht haben, als rüstete sie sich ihre allnächtliche Schlafstätte unter dem väterlichen Dache zu. Sobald Hetty eine hinlängliche Menge trocknen Laubes gesammelt hatte, um sich gegen die feuchte Ausdünstung des Bodens zu schützen, kniete sie neben den nieder» Hansen, faltete ihre erhobenen Hände in einer Stellung inniger Frömmigkeit, und sagte mit sanfter, leiser, aber vernehmlicher Stimme das Gebet des Herrn her. Darauf folgten jene einfachen und frommen Verse, den Kindern so bekannt, worin sie ihre Seele Gott empfahl, falls sie vor der Wiederkehr des Morgens in ein anderes Dasein sollte abgernfen werden. Nach 207 Erfüllung dieser Pflicht legte sie sich nieder und schickte sich zum Schlummer an. Die Kleidung des Mädchens, obwohl der Jahrszeit entsprechend, war für alle gewöhnliche Vorkommnisse warm genug; aber der Wald ist immer kühl, und die Nächte in diesem höher gelegenen Landstrich waren immer von einer Frische, welche die Kleidung nothwendiger machte, als gewöhnlich der Fall ist in dem Sommer eines tiefen BreitegradeS. Dies; war von Hetty voransgesehen worden, und sie hatte einen groben, schweren Mantel mitgenommen, der, ans den Körper gebreitet, alle nützlichen Dienste eines Teppichs leistete. So geschützt, sank sie in wenigen Minuten in einen Schlaf, so ruhig, als würde sie bewacht von dem sorglichen Schnygeist der Mutter, die erst so kurz ans immer von ihr genommen worden war, und cs war in diesem Punkt ein höchst ergreifender Kontrast zwischen ihrem armen Lager und dem von Schlummer geflohenen Kissen ihrer Schwester. Stunde auf Stunde verstrich da in so ungestörter Ruhe, und so süßem Schlaf, als ob eigens damit beauftragte Engel um daS Lager der Hetty Hutter wachten. Nicht einmal öffneten sich ihre sanften Angen, bis die grauende Dämmerung kämpfend durch die Wipfel der Bäume brach, ans ihre Augenlider fiel, und vereint mit der Kühle eines Sommermorgens, die gewöhnliche Anmahnung zum Erwachen gab. In der Regel war Hetty ans, ehe die Strahlen der Sonne die Gipfel der Berge berührten; aber dießmal war ihre Erschöpfung so groß, nnd ihr Schlaf so tief gewesen, daß die gewohnten Aufforderungen nnd Zeichen ihre Wirkung nicht thaten. Das Mädchen murmelte in ihrem Schlaf, streckte einen Arm aus, lächelte so sanft wie ein Kind in der Wiege, schlummerte aber fort. Bei dieser unbewußten Bewegung fiel ihre Hand ans einen warmen Gegenstand, und in dem halbbewnßten Zustand, worin sie sich befand, brachte sie diesen Umstand mit ihrem gewohnten Leben in Verbindung. Im nächsten Augenblick ward sie derb von der Seite angegriffen nnd gestoßen, wie wenn ein wühlendes 208 Thier seine Scbnanze unter ihr einschöbe, um sie aus ihrer Stellung zu verdränge»; und jetzt wachte sie auf mit dem Ruf: „Judith!" Als das aufgeschreckte Mädchen sich in eine sitzende Stellung erhob, bemerkte sie, das; etwas Dunkles von ihr wegspringe, das in seiner Hast das Laub zerstreute, und die gefallenen Zweige knickte. Die Augen öffnend, und von der ersten Verwirrung und Bestürzung über ihre Lage sich erholend, bemerkte Hetty eine» jungen Bären, von der gemeinen amerikanischen braunen Gattung, der sich ans seinen Hinterpfoten wiegte, und sich noch nach ihr umschaute, als zweifelte er, ob es sicher wäre, sich ihrer Person wieder zu nähern. Der erste Gedanke Hetty's, die schon mehrere solche junge Bären besessen hatte, mar, hiuzulanfeu, und das kleine Geschöpf als ihre Beute in Besitz zu nehmen, aber ein lautes Gebrumme warnte sie vor der Gefahr eines solchen Beginnens. Einige Schritte zurücktrctend, sah sich das Mädchen hastig nm, nnd ward jetzt der Bärenmntter gewahr, die in nicht großer Entfernung ihre Bewegungen mit feurigen Augen beobachtete. Ein hohler Baum, früher die Behausung von Bienen, mar kürzlich gefallen, nnd die Mutter mit zwei weitern Jungen erlabte sich an der lecker» Speise, welche der Zufall ihnen geboten, wobei die erstere jedoch mit eifersüchtigem Auge das Thun nnd Treiben ihres sorglose», davon- lanfenden Kindes beobachtete. Es überschritte alle Mittel menschlicher Erkenntniß, wollte man sich anmaßen, die Einflüsse zu erklären, welche das Thun der nieder» Thiere beherrschen. In dem vorliegenden Falle legte die Bärin, obgleich ihre Wildheit in dem Falle, wo sie ihre Junge» gefährdet glaubt, sprüchwörtlich geworden ist, keine Absicht an den Tag, das Mädchen anzngreifen. Sie verließ den Honig und begab sich an eine Stelle, zwanzig Fuß von ihr entfernt, wo sie sich auch auf ihren Hinterpfoten erhob nnd ihren Körper mit einer Art zornigen nnd brummenden Mißbehagens hin- nnd herwiegte, aber nicht näher kam. Zum Glück floh Hetty nicht. Im Gegentheil 209 obgleich nicht frei von Angst, kniete sie, das Angesicht gegen das Thier gekehrt, nieder, nnd mit gefalteten Händen nnd himmelwärts gerichtetem Ange sagte sie wieder das Gebet der vorigen Nacht her. Diese fromme Handlung war nicht die Wirkung der Furcht, sondern es war eine Pflicht, deren Erfüllung sie nie versäumte vor dem Einschlafen, nnd wenn die Rückkehr des Bewußtseins sie zu der Arbeit des Tages weckte. Wie das Mädchen vom Alicen sich erhob, ließ sich die Bärin wieder auf ihre Füße nieder, sammelte ihre Jungen um sich her, und ließ sic ihre natürliche Nahrung sangen. Hctty freute sich über diesen Beweis von Zärtlichkeit bei einem Thier, das in Betreff der edleren Gefühle nur einen sehr zweideutigen Ruf hat; nnd als ein Junges seine Mutter zu verlassen beliebte nnd mnthwillig sich nmwälztc und sprang, empfand sie wieder ein lebhaftes Verlangen, es in ihre Arme zu nehmen und damit zu spielen. Aber durch das Brummen gewarnt, besaß sie Selbstbeherrschung genug, diesen gefährlichen Vorsatz nicht in Ausführung zu bringen; und ihres Vorhabens sich erinnernd, das ihrer in den Bergen wartete, riß sie sich von der Gruppe los und setzte ihre Wanderung fort am Sanm des See's, dessen sie jetzt wieder durch die Bäume ansichtig wurde. Zn ihrer Verwunderung, die jedoch frei war von Unruhe, erhob sich die Bärenfamilie und folgte ihren Schritten, in kleiner Entfernung von ihr sich haltend; dem Anschein nach jede ihrer Bewegungen beobachtend, als ob sie ein lebhaftes Interesse hätten an Allemj was sie that. In dieser Weise, begleitet von der Bärin nnd den Jungen, wunderte das Mädchen beinahe eine Meile weit, dreimal die Entfernung, die sie in der Dunkelheit während derselben Zeit hatte zuriicklegen können. Dann gelangte sie an einen Bach, der sich selbst ein Bett in die Erde gewühlt hatte, und sprudelnd zwischen steilen nnd hohen Abhängen, mit Bäumen bedeckt, in den See eilten. Hier verrichtete Hetty ihre Waschungen; dann trank sie von dem reinen Bergwaffer, nnd setzte ihren Weg fort, erfrischt Der Wildtrdter. 14 210 und leichtern Herzens, immer noch gefolgt von ihren seltsame Begleitern. Ihr Weg führte sic jetzt eine breite und beinahe ebene Terrasse entlang, die sich von dem Gipfel der das Wasser begrenzenden Uferhöhe zu einem sanfte» Abhang erstreckte, welche oben zu einer zweiten, unregelmäßigen Platform anstieg. Dieß war in einem Theile des Thals, wo die Berge einer hinliefen, den Anfang einer Ebene bildend, welche zwischen den Hügeln sich ansbreitete, südlich von dem Wasserspiegel. Hetty erkannte aus diesem Umstände, daß sie sich dem Lager näherte, »nd wäre dieß nicht gewesen, so hätten sie die Bären von der Nähe menschlicher Wesen in Kenntnis; gesetzt. In die Lnft hinan» schnüffelnd, bezeigte die Bärin keine Lust, ihr weiter zu folgen, obgleich das Mädchen sich nmsah, und sie mit kindischen Zeichen und selbst mit förmlichen Aufforderungen in dem ihr eigenen süßen Tone herbeilockte. Während sie so langsam durch Buschwerk weiter schritt, das Angesicht abgewendet und die Angen auf die unbeweglichen Thiere geheftet, fühlte das Mädchen ihre Schritte plötzlich gehemmt durch eine menMiche Hand, die sie leicht an der Schulter faßte. „Wohin gehen?" sagte eine sanfte weibliche Stimme, hastig und theilnehmend sprechend; „Indianer — Rothmann — Wilder — arger Krieger — dorthinzn!" Dieser unerwartete Gruß erschreckte das Mädchen so wenig als die Erscheinung der wilde» Bewohner des Waldes. Zwar überraschte er sie ein wenig; aber sie war gewissermaßen gefaßt auf solche Begegnungen, und das Wesen, das sie anhielt, war so wenig gemacht, Schrecken einznflößen, als irgend eines, das je in indianischer Gestalt erschien. Es war ein Mädchen, nicht viel älter als sie selbst, deren Lächeln so sonnig war wie das Judiths in ihren glänzendsten Augenblicken, deren Stimme Wohllaut war, und deren Worte und Benehmen all' die schüchterne Sanftheit besaßen, die das andere Geschlecht chärakterisirt unter einem Volke, 211 das seine Weiber wie Dienerinnen »nd Sklavinnen der Krieger behandelt. Schönheit ist bei den Franen der amerikanischen Urbewohner, ehe sie die Mühsale von Weibern und Muttern dnrchzn- machen haben, keineswegs ungewöhnlich. In diesem Punkt waren die ursprünglichen Inhaber des Landes ihren civilisirteren Nachfolgern nicht unähnlich; die Natur schien ihnen die Zartheit der Züge und Umrisse verliehen zu haben, welche einen so großen Reiz des jugendlichen Weibes ansmacht, aber deren sie so frühe verlustig werden, und zwar ebensosehr in Folge der Einrichtungen »nd Verhältnisse des häuslichen Lebens, als ans andern Ursache». Das Mädchen, welches Hetty so plötzlich angehalten hatte, war bekleidet mit einem Calico-Mantel, welcher den ganzen ober» Theil ihres Körpers recht gut schützte, während ein kurzer Unterrock von blauem Tuch mit goldenen Borten gesäumt, der nur bis an's Knie reichte, gleiche Beinkleider und Mokasins von Hirschleder ihren Anzug vollendeten. Ihr Haar fiel in längen, dunklen Flechten über Schultern und Rücken, und war über einer nieder», glatten Stirne gescheitelt, in einer Art, daß dadurch der Ausdruck von Angen voll Schlauheit und natürlichem Gefühl gemildert wurde. Ihr Gesicht war oval, von feinen Zügen; die Zähne waren gleich und weiß, während der Mund eine schwcrmüthige Weichheit aussprach, als trüge er diesen cigenthümlichen Ansdruck vermöge in- stigktmäßigen Bewußtseins des Schicksals eines Geschöpfs, das vo*n der Geburt an dazu vcrnrtheilt war, die Mühsale des Weibes, erhöht noch durch die Gefühle und Zärtlichkeit ihres Geschlechts zu erdulden. Ihre Stimme, wie schon angedcntet, war sanft, wie das Seufzen der Nachtlnft, eine bezeichnende Eigenthümlich- keit der Weiber ihrer Rasse, an ihr selbst aber so auffallend, daß sie daher den Namen Wah-ta!-Wah bekommen hatte, — Europäisch etwa mit Hist-oh!-Hist ") anszudrücken. Diesen seltsamen Namen auch in'S Deutsche zu übertragen, wäre ein gewagter und undankbarer Versuch; die Bedeutung ist: Bscht! oh! Bscht! — Aussordcrung 14 » 212 Mit einem Wort, es war dick die Verlobte Chingachgooks, der man, nachdem es ihr gelungen war, jeden Verdacht einznschläfern, erlaubt hatte, um das Lager Derer, die sie gefangen hielten, hcrnm- znstreifen. Diese Nachsicht war im Einklang mit der allgemeinen Politik der rothen Männer, die zudem wohl wußten, daß man im Falle der Flucht ihre Spur verfolgen könnte. Man wird auch nicht außer Acht lassen, daß die Irokesen oder Hnroncn, wie man sie vielleicht besser nennen würde, durchaus nichts von der Nähe ihres Liebhabers wußten, ein Umstand, der ihr freilich selbst auch unbekannt war. Es wäre nicht leicht zu sagen, welche von Beiden bei dieser unerwarteten Begegnung am meisten Selbstbeherrschung zeigte, das weiße oder das rothe Mädchen. Aber Wah-ta!-Wah, obgleich ein wenig überrascht, war die zum Sprechen Aufgelegtere, und bei weitem rascheren Geistes, Folgen voranszusehen, so wie Mittel zu ersinnen, um jenen zu begegnen. Ihr Vater war während ihrer Kindheit vielfach von den Behörden der Kolonie als Krieger verwendet und benützt worden, und bei einem mehrjährigen Aufenthalt in der Nähe der Forts hatte sic einige Bekanntschaft mit dem Englischen sich erworben, das sie in der gewöhnlichen, ab- knrzenden Weise der Indianer, aber gcläirfig und ohne den gewöhnlichen Widerwillen ihres Volkes sprach. „Wohin gehen?" fragte wieder Wah-ta!-Wah, das Lächeln Hetty's in der ihr eigenen Weise erwiedcrnd, „schlimmer Krieger, dort — guter Krieger — fern weg!" . „Was istEncrName?" fragte Hetty mit der EinfaltcinesKindes. ,,Wah-ta!-Wah.' Ich keine Mingo — gute Dclawarin — Jengecse's Freundin. Mingo sehr grausam und Skalpe lieben nm des Bluts willen — Delawaren sie lieben der Ehre willen. Kommt hierher, wo keine Angen." zum Schweigen. Hist - oh! - Hijl klingt sreilich im Deutschen fatal, weil man es oft von Fuhrleuten hört. 213 Wah-ta!-Wah führte jetzt ihre Genossin dem See zn, die Anhöhe so weit hinabsteigcnd, daß deren uberhangende Bäume und Gebüsche zwischen ihnen und etwaigen Lauschern standen; und sie machte nicht eher Halt, als bis sie nebeneinander aus einem gefallenen Baumstamm saßen, dessen eines Ende wirklich im Wasser lag. „Warum kommt Ihr?" fragte die jnnge Indianerin lebhaft; „woher kommt Ihr?" Hetty erzählte ihre Geschichte in ihrer einfachen, treuherzigen Weise. Sie erklärte das Unglück ihres Vaters, und sprach ihren Wunsch ans, ihm zn dienen, und wo möglich seine Befreiung zu bewirken. „Warum Euer Vater zn Mingv Lager kommen bei Nacht?" fragte das indianische Mädchen mit einer Geradheit, die, wenn nicht von der andern entlehnt, viel von ihrer Offenherzigkeit hatte. „Er wissen, daß Krieg ist — und er kein Knabe mehr — er wohl einen Bart haben — ihm nickt zn sagen nöthig, daß Irokesen Tomahawk und Messer und Büchse führen. Warum er kommen zur Nacktzeit, mich beim Haare packen und delawarisches Mädchen skalpiren wollen?" „Euch!" sagte Hetty, vor Entsetzen fast umsinkend, „Euch hat er gepackt — Euch wollte er skalpiren?" „Warum nicht? Dclawaren-Skalpe so viel gelten als Mingo- Skalpe. Gouverneur keinen Unterschied machen. Rnchlos für Bleichgesicht, skalpiren. Nicht seine Gaben, wie der gute Wild- tödter mir immer sagen." „Und Ihr kennt den Wildtödter?" fragte Hetty, erröthend vor Freude und Uebcrraschung, unter dem Einfluß dieses neuen Gefühls für den Augenblick ihren Jammer vergessend. „Ich kenn' ihn auch. Er ist jetzt auf der Arche mit Judith und einem Delaware», der die große Schlange heißt. Ein kühner und schöner Krieger ist er auch, die Schlange!" Trotz der reichen, tiefdunkeln Farbe, welche die Natur der 21L indianischen Schönheit zngethcilt, stieg ihr doch das beredte nnd verräthcrische Blnt noch lebhafter in's Gesicht, so daß die Röthe ihren kohlschwarzen Angen noch mehr Lebe» und Feuer des Geistes verlieh. Einen Finger anshebend, wie mit warnender Geberde, ließ sie ihre schon so sanfte nnd süße Stimme zu einem Flüstern herab- sinkcn, als sie das Gespräch fortsetztc. „Chingachgook!" versetzte das dclawarische Mädckcn, den harten Namen in so sanften Gnttnraltönen seufzend oder hauchend, daß er das Ohr ganz melodisch berührte. „Sein Vater, Uncas — großer Häuptling der Mohikani — der Nächste nach altem Ta- menund! Mehr als Krieger, nicht so viel graues Haar, und weniger beim Rathsfener. Ihr Schlange kennen?" „Er stieß gestern Abend zu uns, und war in der Arche mit mir zwei oder drei Stunden lang, ehe ich sie verließ. Ich fürchte, Hist —" Hetty konnte den indianischen Namen ihrer neuen Freundin nicht anssprechcn, aber da sie von Wildtödter diese vertrauliche Benennung gehört hatte, bediente sie sich derselben ohne irgend eine der Bedenklichkeiten des civilisirtcn Lebens — „ich fürchte, Hist, er ist ans Skalpe ansgegangen, ebenso wie mein armer Vater und Hnrry Harry!" „Warum er denn nicht sollen, he? Chingachgook rothcr Krieger, sehr roth — Skalpe seine Ehre sein — er gewiß gemacht!" „Dann," versetzte Hetty ernst, „wird es von ihm so ruchlos sein wie bei einem Andern. Gott wird einem rothcn Mann nicht verzeihen, was er einem Weißen nicht verzeiht." „Nicht wahr!" versetzte das delamarischc Mädchen mit einer Wärme, die beinahe an Leidenschaftlichkeit gränzte. „Nicht wahr! sag' ich Euch! Der Manittn lächeln nnd Wohlgefallen haben, wenn er sieht jungen Krieger hcimkehren vom Kriegspfad mit zwei, zehn, hundert Skalpen ans einem Pfahle! Chingachgooks Vater - Skalpe erbeutet — Großvater Skalpe erbeutet — alle alten Häupt- 215 lingc Skalpe nehmen; und Chingachgook selbst so viele Skalpe nehmen, als er tragen kann!" „Dann, Hist, muß sei» Schlaf bei Nacht entsetzlich sein, wenn er daran denkt. Niemand kann grausam sein und auf Vergebung hoffen!" „Nicht grausam — Vergebung genug," erwiederte Wah-ta!- Wah, mit ihrem kleinen Fuß auf de» steinigte» Strand stampfend, und den Kopf schüttelnd in einer Weise, welche zeigte, wie gänzlich weibliches Gefühl in einer seiner Gestaltungen das weibliche Gefühl in einer andern überwältigt hatte. „Ich sagen Euch, Schlange tapfer; er heim kommen mit vier, ja zwei Skalpen." „Und ist das sein Vorhaben hier? Ist er in der That so weit hergekommen, über Berg und Thal, Flüsse und Ströme, seine Mitgeschöpfe zu martern und etwas so Ruchloses zu thun?" Diese Frage beschwichtigte auf einmal den anwachsenden Zorn der halbbeleidigten indianischen Schönheit. Sie besiegte gänzlich die Vornrtheile der Erziehung, und leitete alle ihre Gedanken in ein sanfteres und mehr weibliches Bette. Zuerst schaute sie sich argwöhnisch um, als schcn'te sie Lauscher, dann starrte sie ihrer aufmerksamen Gesellschafteriü nachdenklich in's Gesicht; und dann endete dieß Stückchen von mädchenhafter Koketterie und weiblichem Gefühl damit, daß sie sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckte und in einer Art lachte, daß man dieß wohl die Melodie der Wälder nennen konnte. Die Furcht vor Entdeckung jedoch machte bald dieser naiven Kundgebung ihrer Empfindungen ein Ende, und ihre Hände wegziehend starrte dieß, ganz vom augenblicklichen Impuls beherrschte Geschöpf wieder ihrer Genossin nachdenklich in's Gesicht, gleichsam forschend, wie weit sie einer Fremden ihr Geheimnis; anvertranen könne. Obgleich Hetty nicht Anspruch machen konnte auf die außerordentliche Schönheit ihrer Schwester, hielten doch Manche ihr Gesicht für das einnehmendere. Es sprach all' die tückelose Aufrichtigkeit ihres Charakters aus, und es war 216 gänzlich frei von allen den störenden, begleitenden und vcrrathcn- den physischen Zeichen, die so oft im Gefolge der Geistesschwäche sind. Zwar ein ungewöhnlich scharfer Beobachter hätte die Anzeichen ihrer Geistesschwäche in der Sprache ihrer manchmal leeren und irren Augen entdecken können; aber es waren Zeichen, welche eher das Mitgefühl anzogcn durch ihre gänzliche Arglosigkeit und Treuherzigkeit, als irgend eine andere Empfindung erweckten. Der Eindruck, den sie ans Hist machte — um uns dieser Dolmetschung des Namens zu bedienen — war günstig; und einer Aufwallung von Zärtlichkeit folgend, schlang sic ihre Arme um Hetty, und drückte sie an sich mit einer gewaltsamen Rührung, die so natürlich als warm war. „Du gut," flüsterte die junge Indianerin; „du gut, ich wissen; es so lang, daß Wah-ta!-Wah keine Freundin gehabt — keine Schwester — Niemand, ihr Herz ansznsprechen; Du Hist's Freundin; ich nicht Wahrheit sagen?" „Ich habe nie eine Freundin gehabt," antwortete Hetty, die warme Umarmung mit »»geheucheltem Ernst erwiedcrnd. „Ich habe eine Schwester, aber keine Freundin. Judith liebt mich, und ich liebe Judith; aber das ist natürlich, und wie es uns die Bibel.lehrt; aber ich hätte gern eine Freundin! Ich will Eure Freundin sein von ganzem Herzen; denn ich liebe Eure Stimme und Euer Lächeln, und Eure Denkweise in allen Dingen, ausgenommen was die Skalpe —" „Nicht mehr daran denken — Nichts mehr von Skalpen sagen," unterbrach sie begütigend Hist; „Ihr Bleichgesicht, ich Rothhaut; wir nach verschiedener Art erzogen. Wildtödter und Chingachgook große Freunde, und nicht von derselben Farbe; Hist und — was Euer Name, hübsches Bleichgesicht?" „Ich bin Hetty genannt, obwohl, wenn sie den Namen in der Bibel buchstabiren, so sprechen sic ihn immer Esther." „Was das machen? — Nichts nützen und nichts schaden. Gar nicht uvthig, Namen zn bnchstabiren. Mährischer Brnder versucht, Wah-ta!-Wah bnchstabiren zn lehren, aber es nicht zngelassen. Nicht gut für dclawarisches Mädchen, zu viel zu wissen — Mehr wissen als Krieger manchmal — das große Schande. Mein Name Wah-ta!-Wah — das heißt Hist in Eurer Sprache; Ihr ihn aussprechen Hist, ich sagen Hetty." Nachdem diese Präliminarien zn beiderseitiger Zufriedenheit in's Reine gebracht waren, begannen die Mädchen von ihren beiderseitigen Hoffnungen und Planen sich zn unterhalten. Hetty machte ihre neue Freundin noch genauer bekannt mit ihren Absichten in Betreff ihres Vaters; und Hist wurde einer Freundin, die nur im Mindesten geneigt und fähig gewesen, die Angelegenheiten Andrer mit forschendem Blicke zn durchschauen, ihre Gefühle und Hoffnungen, die sich au den jungen Krieger von ihrem Stamme knüpften, genugsam verratheu haben. Genug ward indessen von beiden Seiten gcoffeubart, um beiden Theileu eine ziemliche Einsicht in diePlane des Andern zu verschaffen, obwohl noch genug zurückbehal- ten und verschwiegen wurde, um zn folgenden Fragen und Antworten Gelegenheit zu geben, womit diese Unterredung schloß. Als die schärfer Blickende, begann Hist zuerst ihre Fragen. Einen Arm um Hctty's Leib schlingend, beugte sie sich mit dem Kopfe vor, so baß sie der Andern munter in's Gesicht schaute; und lachend, als ob ihre Meinung ihr ans den Mienen solle gelesen werden, sprach sie dann offener: „Hetty einen Bruder haben und einen Vater?" sagte sie, „warum nicht auch vom Brnder sprechen, so wie vom Vater?" „Ich habe keinen Bruder, Hist. Ich hatte einmal einen, sagt man mir; aber er ist todt seit vielen Jahren und liegt im See versenkt neben der Mutter." „Keinen Brnder haben — einen jungen Krieger haben; ihn lieben, beinahe so sehr als Vater, he? Recht schön und tapfer ansschend; tüchtig zum Häuptling, wenn so gut sein, als scheinen." «ES ist sündhaft, einen Mann so zu lieben, wie ich meinen 218 Vater liebe; und so bestrebe ich mich, es nicht zu thun, Hist," erwiederte die gewissenhafte Hctty, die nicht wußte, wie eine innere Bewegung verhehlen durch eine so verzeihliche Annäherung an Unwahrheit, als eine ausweichende Antwort ist, obwohl durch weibliche Scham mächtig zu diesem Fehltritt versucht; „obwohl ich manchmal denke, die Sunde werde mich am Ende besiegen, wenn Hnrry so oft an den See kommt. Ich muß Euch die Wahrheit sage», liebe Hist, weil Ihr mich fragt; aber ich würde zu Boden fallen und sterben in den Wäldern, wenn er es wußte!" „Warum er nicht selbst Euch fragen? Tapfer ansschen — warum nicht keck sprechen? Junger Krieger fragen müssen junges Mädchen; Niemand junges Mädchen zuerst reden machen. Mingv- Mädchen selbst sich dessen schämen." Sie sprach dieß mit Entrüstung und mit der edlen Wärme, die ein junges Weib von lebhaftem Geist empfinden mag, wenn sie das thenerste Vorrecht ihres Geschlechts bedroht und gefährdet glaubt. Dieß Gefühl hatte aber wenig Einfluß auf die blöde, aber doch rechtlichgesinnte Hetty, die, obwohl wesentlich weiblich in allen ihren Empfindungen, doch weit mehr auf die Bewegungen ihres eigenen Herzens achtete, als daß sie sich um die Gebräuche bekümmert hätte, womitdasHerkommcn dasZartgefühlihres Geschlechts geschäht hat. „Mich fragen? was?" fragte das erschrockene Mädchen mit einer Hast, welche zeigte, wie sehr ihre Furcht rege geworden war. „Mich fragen, ob ich ihn so gern habe, als meinen Vater! Oh! Ich hoffe, er wird nie eine solche Frage an mich richten, denn ich müßte antworten, und das würde mich tödten." „Nein — nein — nicht tödten, nur beinahe," versehte die Andere, unwillkürlich lächelnd. „Erröthen kommen machen — Scham auch kommen machen; aber es nicht so gar lange bleiben; dann sich glücklicher fühlen als je. Junger Krieger muß jungem Mädchen sagen, er sie znm Weibe machen wollen, sonst nie kann wohnen in seinem Wigwam." 219 „Hnrry will mich nickt heirathen — Niemand wird mich je heirathen wvllen, Hist." „Wie Ihr das wissen können? Vielleicht Jedermann Ench hei- rathcn wollen, nnd bei Gelegenheit Zunge sagen, was Herz fühlen. Warum Niemand Ench heirathen wollen?" „Ich bin nicht ganz klng, sagen sic. Vater sagt mir das oft; nnd anck Judith manchmal, wenn sie ärgerlich ist, aber ich würde ans sie nicht so viel geben, als ans Mutter. Sie hat es auch ein ma l gesagt; nnd dann weinte nnd schluchzte sie, als ob ihr das Herz brechen wollte; nnd so weiß ich, ich bin nicht ganz klng." Hist starrte das sanfte, einfältige Mädchen eine volle Minute an, ohne zu sprechen; nnd dann schien die ganze Wahrheit ans einmal dem Geiste der jungen Indianerin hell anfzngehen. Mitleid, Ehrfurcht nnd Zärtlichkeit schienen in ihrer Brust zu kämpfen; dann plötzlich anfstehcnd, bezeigte sie gegen ihre Genossin den Wunsch, sie möchte sie in das nicht entfernt liegende Lager begleiten. Dieser unerwartete Uebergang von der Vorsicht, welche Hist zuvor anznwenden sied beflissen gezeigt hatte, um nicht gesehen zn werde», zu dem Entschluß, ihre Freundin ganz offen zn den Indianern zn führen, entsprang ans der sichern Ucberzengnng, daß kein Indianer ein Geschöpf kränken und beschädigen würde, das der große Geist entwaffnet, indem er cs des stärksten Vertheidi- gnngsmittels, der Vernunft, beraubte. In dieser Hinsicht gleichen sich-alle Nationen von unverdorbenem Gefühl; sie scheinen solchen Geschöpfen freiwillig, in Folge eines der menschlichen Natur Ehre machenden Gefühls, durch ihre Nachsicht den Schutz angedeihcn zu lasse», welcher durch die unerforschliche Weisheit der Vorsehung ihnen versagt ist. Wah-ta!-Wah wußte in der That, daß bei manchen Stämmen die Geistesschwachen nnd die Verrückten eine Art religiöser Verehrung genoßen; daß sie von den ungebildeten Bewohnern des Waldes Achtung nnd Ehren empfingen, statt der Schmach und Vernachlässigung, die unter den anmaßenderen und verdorbener,:» Nationen ihr Loos und Thcit ist! Hetty folgte ihrer neuen Freundin ohne Furcht und Widerstreben. Es war ihr Wunsch, das Lager zu erreichen; und gestärkt durch ihre Beweggründe hegte sic so wenig Unruhe wegen der Folgen, als ihre Begleiterin selbst, nachdem diese einmal wußte, welchen schützenden Talisman das Bleichgesichtmädchen mit sich führte. Noch immer, während sie langsam fortschritten einer Küste entlang, die von überhangendcn Gebüsche» bedeckt war, setzte Hetty das Gespräch fort, und jetzt übernahm sie die Nolle des Fragens, welche die Andere sogleich fallen gelassen, sobald sie erfahren, an was für ein Gemüth sie ihre Fragen gerichtet hatte. „Aber I hr seid ja nicht eben halb klug," sagte Hetty, „und es ist kein Grund da, warum die Schlange Euch nicht heirathen sollte." „Hist Gefangene, und Mingo's große Ohren haben. Nicht von Chingachgook reden, wenn sie dabei. Vcrsprechtdas Hist, gute Hetty." „Ich weiß, — ich weiß," ermicdcrte Hetty ; halb flüsternd, in ihrer Begierde der Andern zn zeigen, daß sie die Nothwendig- keit der Vorsicht begreife. „Ich weiß — Wildtödter und die Schlange gedenken Euch aus der Hand der Irokesen zn befreien; und Ihr wünscht, daß ich das Geheimnis; nicht verrathe." „Wie Ihr wissen das?" fragte Hist hastig, in diesem Augenblick ärgerlich, daß die Andere nicht noch blödsinniger, als wirklich der Fall war. — „Wie Ihr das wissen? Besser von Niemand sprechen als von Vater und Hnrry — Mingo's das verstehen; das Andere nicht. Versprecht mir, von Nichts zn sprechen, was Ihr nicht versteht." „Aber ich verstehe das, Hist; und so darf und muß ich davon sprechen. Wildtodter hat in meiner Anwesenheit dem Vater Alles so gut als erzählt; und da mir Niemand verbot znznhören, habe ich Alles gehört, wie auch Hnrry's und Vaters Unterredung von den Skalpen." 221 „Sehr schlimm von Bleichgesichtern, von Skalpen sprechen, nnd sehr schlimm von jungen Mädchen, zn horchen! Nnn Ihr Hist lieben, ich weiß, Hetty; nnd so unter Indianern, wenn am besten lieben, am wenigsten schwatzen!" „Das ist nicht die Art bei den weißen Leuten, die am meisten von Solchen reden, die sich am besten lieben. Ich glaube, weil ich nur halb klug bin, sehe ich den Grund nicht ein, warum es so verschieden sein soll bei den rothen Leuten." „Das sein, was Wildtödter ihre Gaben nennt. Die Einen die Gaben zn sprechen, die Andern die Gabe den Mund zn halten. Den Mund zn halten — Eure Gabe unter Mingo's. Wenn Schlange Hist sehen möchte, so Hetty verlangen, Hnrry zn sehen. Ein gutes Mädchen nie Geheimnisse vcrrathcn von Freunden." Hetty verstand diese Aufforderung; nnd sie versprach dem dc- lamarischcn Mädchen, Nichts von der Anwesenheit Chingachgooks oder von dem Beweggrund seines Besuches am See zn erwähnen. „Vielleicht er Hnrry nnd Vater eben so los kriegen, wie Hist, wenn man ihn machen lassen," finsterte Wah-ta!-Wah ihrer Begleiterin in vertraulichem, schmeichelndem Tone zn, als sie eben dem Lager nahe genug kamen, um die Stimmen von Einigen ihres Geschlechts zn hören, welche dem Anschein nach mit den gewöhnlichen Arbeite» der Weiber ihrer Klasse beschäftigt waren. „Bedenkt das, Hetty, nnd legt zwei, zwanzig Finger auf den Mund. Niemand Freunde frei machen, wenn nicht Schlange es thun." Ein besseres Mittel konnte sie nicht ersinnen, um sich Hctty's Verschwiegenheit nnd Vorsicht zn versichern, als dasjenige, das sich hierin ihrem Geist darbot. Da die Befreiung ihres Vaters und des jungen Gränzcrs der große Zweck ihres Abenteuers war, so empfand sie klar den Zusammenhang desselben mit den Diensten, die ihr die Delawarin leisten konnte; mit einem »nschnldigen Lachen nickte sie Zustimmung, und in derselben stummen Weise versprach sie, die Wünsche ihrer Freundin gebührend zn achten. So ihrer 222 Sacke sicher, zögerte Hist nicht langer, sondern trat sofort nn- verholen mit ihrer Frenndin in das Lager der sie gefangen haltenden Mingv's. Eilftes Kapitel. Der große König aller Könige Gebot in seiner Tafel der Geseire: Daß du nicht tödten sollst und Mord begeh'n. Gib Acht! denn in der Hand hat er die Rache, Deß Haupt zu treffen, der bricht sein Gesetz. Shakespeare. Daß die Truppe, der Hist im Augenblick wider ihren Willen angehörtc, keine solche war, die einen regelmäßigen Kricgszng unternommen, erhellte deutlich an» der Anwesenheit von Weibern. Es war ein kleiner Theil eines Stammes, der innerhalb der englischen Gränzen gejagt und gefischt hatte, wo er von dem Anfang der Feindseligkeiten überrascht wurde; und nachdem er den Winter und Frühling über von dem gelebt, was streng genommen das Eigenthum seiner Feinde war, beschloß er, vor dem Rückzng noch einen feindlichen Streich zu führen. Es lag auch tiefer amerikanischer Scharfblick und Schlauheit in dem Manöver, daß sie so weit in das Territorium ihrer Feinde hineingcführt. Als der Eilbote ankam, der den Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den Engländern und Franzosen meldete — ein Kampf, in den unfehlbar alle unter dem Einfluß der kriegführenden Parteien stehenden Stämme verwickelt werden mußten — war gerade diese Truppe der Irokesen an den Küsten des Oncida postirt, eines See's, der ihrer eigenen Gränze etwa fünfzig Meilen näher liegt als derjenige, welcher den Schanplah unserer Erzählung bildet. In gerader Linie nach Canada fliehen — dies; würde sie den Gefahren einer unmittelbaren Verfolgung ausgesctzt haben; und die Häuptlinge hatten beschlossen, die Kriegslist zu brauchen, tiefer in eine Gegend ein- zndringeu, die jetzt gefährlich geworden war, in der Hoffnung, im 223 Stande zu sein, sich im Nucke» ihrer Feinde znrückznziehen, statt sie ans der Ferse zu haben. Die Anwesenheit der Weiber hatte veranlaßt, diese List zu versuchen, da die Kraft dieser schwächer» Glieder der Truppe den Anstrengungen einer Flucht vvr verfolgenden Kriegern nicht gewachsen war. Wen» der Leser die ungeheure Ausdehnung der amerikanisclnni Wildnis; in jenen frühen Zeiten bedenkt, wird er einsehen, das; es selbst für einen Stamm möglich war, Monate lang nnentdeckt in einzelnen Theilen derselben zu bleiben; auch war, bei Beobachtung der üblichen Vorsichtsmaßregeln, die Gefahr, ans einen Feind zu stoßen, in den Wäldern nicht so groß, als sie es ist ans der See zur Zeit eines lebhaft geführten Krieges. Da das Lager nur für einige Zeit dienen sollte, bot es dem Auge nichts weiter, als den rohen Schul) eines Bivonaes, einigermaßen noch unterstützt durch die sinnreichen Ansknnftsmittcl, welche sich dem Scharfsinn von Solchen anfdrängten, die ihr Leben unter derlei Scene» hinbrachten. Ein Feuer, das an den Wurzeln einer frischgrnnendcn Eiche angezündet war, genügte für die ganze Truppe, da das Wetter so mild war, daß man seiner zu nichts als znm Kochen bedurfte. Um diesen Mittelpunkt der Anziehung herum zerstreut lagen etwa fünfzehn bis zwanzig niedrige Hütten — vielleicht glichen sie mehr Hnndelöchern — in welche die verschiedenen Eigner bei Nacht krochen, und die auch bei Gewittern den nöthigcn Schutz und Schirm gewähren sollten. Diese kleinen Hütten waren gemacht ans Banmzweigen, ans sinnreiche Art zusammengesetzt und geflochten, und sie waren gleichförmig bedeckt mit Rinde, die von gefallenen Bäumen geschält mar; dsnn von solchen besitzt jeder jungfräuliche Wald Hunderte in allen Stadien des Zerfalls und Verwittcrns. Menbles hatten sie so gut wie keine. Küchengeräth- schaften der einfachsten Art lagen in der Nähe des Feuers; wenige Kleidungsstücke waren in den Hütten oder darum her zu sehen; Büchsen, Hörner und Taschen lehnten an den Bäumen oder hingen 224 an den niedrigsten Zweigen; nnd die Leichname von zwei oder drei Hirschen lagen ansgestreckt ans ebenso kunstlosen Fleischbänken. Da das Lager mitten in einem dichten Wald sich befand, konnte das Ange auf Eine» Blick cs nicht ganz »berschen, sondern Hätte nm Hätte trat aus dem dästcrn Gemälde hervor, so wie man sich um Gegenstände nmsah. Es war da kein Mittelpunkt, wenn man nicht das Feuer dafär ansprechc» wollte, kein freier Platz, wo die Besitzer dieses rohen Dorfes sich versammeln konnten; sondern Alles war dunkel, versteckt und voll schlauer Heimlichkeit, wie die Eigner selbst. Einige wenige Kinder strichen von Hätte zu Hätte, nnd gaben dem Play einigen Anstrich von häuslichem Leben; und das gedämpfte Lachen und die leisen Stimmen der Weiber unterbrachen zu Zeiten die tiefe Stille des dästern Forstes. Die Männer asten entweder oder schliefen, oder prüften ihre Waffen. Sie besprachen sich nur wenig, nnd dann gewöhnlich bei Seite, oder in Gruppen, von den Weibern gesondert; »nd ein Anstrich uner- mädcter, angeborner Lauersamkeit nnd Gefahrsahnnng schien selbst ihrem Schlummer nicht zu fehlen. Als die zwei Mädchen sich dem Lager näherten, stieß Hetty einen leisen Schrei ans, sobald sie ihres Vaters ansichtig ward. Ersaß auf der Erde, den Räckcn an einen Baum gelehnt, und Hnrry stand neben ihm, in gedankenloser Muße an einem Zweig schnitzelnd. Dem Anschein nach waren sie so frei, wie jeder Andere im Lager oder darum her, nnd wer nicht mit indianischem Brauch bekannt gewesen, hätte sic wohl fälschlich fär Gäste, statt fär Gefangene, angesehen. Wah-tal-Wah führte ihre neue Freundin ganz nahe zu ihnen hin, und zog sich dann bescheiden zurück, damit ihre Gegenwart den Gefühlen Jener keinen Zwang anferlegte. Aber Hetty war nicht so vertraut mit Liebkosungen oder äußern Kundgebungen der Zärtlichkeit, daß sie sich irgend einem Ansbruch ihres Gefühls hätte hiugcbcn sollen. Sie näherte sich nur und trat neben ihren Vater hi», ohne zu sprechen, einer stummen Statue töchterlicher 225 Liebe ähnlich. Den alte Mann legte weder Unruhe noch Staunen über ihr plötzliches Erscheinen an den Tag. In diesen Punkten hatte er den Stoicismns der Indianer angenommen, wohl wissend, das; er durch Nichts sicherer ihre Achtung sich erwerben könne, als durch Nachahmung ihrer Selbstbeherrschung. Auch oerriethen die Wilden selbst nicht durch das geringste Zeichen eine Aufregung über dieß plötzliche Erscheinen einer Fremden unter ihnen. Mit einem Wort, die Ankunft Hetty's verursachte, obgleich sie unter so cigenthümlichen Umständen erfolgte, weit weniger sichtbares Aufsehen, als der Fall sein würde in einem Dorf von viel höhern Ansprüchen ans Gesittung, wenn ein gewöhnlicher Fremder vor die Thüre des Hanptgasthofs anführc. Doch sammelten sich einige wenige Krieger, und aus der Art, wie sie während ihrer Unterredung ans Hetty blickten, erhellte deutlich, daß sie der Gegenstand ihres Gesprächs war, und vermnthlich die Ursachen ihres unerwarteten Erscheinens von ihnen erörtert wurden. Dieß phlegmatische Wesen ist charakteristisch bei dem nordamerikanischen Indianer — Manche behaupten auch bei seinem weißen Nachfolger — aber in diesem Falle mußte viel ans Rechnung der eigenthüm- lichen Lage geschrieben werden, worin die Truppe sich befand. Die Streitmacht ans der Arche, ausgenommen die Anwesenheit Chin- gachgooks, war wohl bekannt; kein Stamm, keine Truppenabtheilung war, wie man glaubte, in der Nähe, und wachsame Augen waren rings um den ganzen See ausgestellt, welche Tag und Nacht die leiseste Bewegung der Belagerten — denn so darf man sie jetzt ohne Uebertreibnng nennen — beobachteten. Hutter war innerlich sehr bewegt über Hetty's Thun, so viel Gleichgültigkeit er äußerlich erheuchelte. Er erinnerte sich ihrer sanften Warnung an ihn, ehe er die Arche verließ, und das Unglück machte gewichtig, was im Triumph eines glücklichen Ansgangs wohl vergessen worden wäre. Dann kannte er die einfältige, rücksichtslose Treue dieses Kindes, und verstand, warum sie Der Wildtödter. 18 226 gekommen, und die gänzliche Selbstvergessenhcit, die in allem ihrem Thnn waltete. „Das ist nicht wohlgethau, Hetty," sagte er, mehr die Folgen für das Mädchen selbst als irgend ein anderes Unheil besorgend. „Das sind trotzige Irokesen, und so wenig geneigt, eine erfahrene Unbild als eine Gunst zu vergessen." „Sagt mir, Vater," erwiederte das Mädchen, sich verstohlen nmschanend, als fürchtete sie belauscht zu werden, „hat Euch Gott das grausame Vorhaben zngelaffen, dessen wegen Ihr hierher kämet? Ich muß dies; durchaus missen, damit ich mit de» Indianern frei sprechen kann, wenn er cs nicht gethan." „Du hättest nicht hierher kommen sollen, Hetty; diese Bestien werden dein Wesen »nd deine Absichten nicht verstehen." „Wie w.ar es, Vater? weder Ihr noch Hnrry scheint Etwas zu haben, das wie Skalpe anssleht?" „Wenn dich das beruhigen kann, Kind, so kann ich dir antworten: Nein! Ich hatte die junge Kreatur gefaßt, die mit dir hierher kam, aber ihr Gekreisch zog mir alsbald einen Schwarm jener wilden Katzen ans den Hals, dem zu widerstehen für einen einzelnen Christcnmenschen zu viel war. Wenn dir das Etwas helfen kann, so wisse, wir sind so unschuldig in der Beziehung, dieß- mal einen Skalp erbeutet zu habe», als, wie ich nicht zweifle, unsere Hand rein bleiben wird von dem Preisgeld." „Dank Euch für dieß, Vater! Jetzt kann ich kühnlich mit den Irokesen sprechen, und mit leichtem Gewissen. Ich hoffe, auch Harry ist nicht im Stande gewesen, Jemand von den Indianern ein Leid zu thnn?" „Nun, was das betrifft, Hetty," versetzte das fragliche Individuum, „Ihr habt die Sache gar trefflich mit dem rechten Namen genannt. Hnrry war nicht im Stande, und das ist das Ende vom Liede. Ich habe manchen Sturm und Strudel erlebt, alter Gesell, zu Land und zu Wasser, aber nie sah ich einen so gewaltsamen 227 und unwirschen, wie der war, der in der vorletzten Nacht in Gestalt indianischer Hnrrahbnben uns überfiel. Ha! Hetty, Ihr seid nicht viel nutz für ein Argument oder eine Idee, die etwas tiefer liegen als der gemeine Verstand; aber Ihr seid menschlich, und habt einige menschliche Begriffe; nun will ich Euch nur bitten, diese Umstände Euch recht zu besehen. Da war der alte Tom, Euer Vater, und ich in einem rechtmäßigen Unternehmen begriffen, wie ans den Worten des Gesetzes und der Proclamation zu ersehen, an nichts Arges denkend, als wir überfallen wurden von Kreaturen, die mehr hungrigen Wolfen als selbst sterblichen Wilden glichen, und da hatten sie uns wie zwei Schafe gebunden in weniger Zeit als ich brauchte, Euch die Geschichte zu erzählen." „Ihr seid jetzt frei, Hnrry," versetzte Hetty mit schüchternem Blick auf die stattlichen, ungefeffelten Glieder des jungen Riesen. „Eure Arme und Beine werden von keinen Stricken oder Weiden gepeinigt." „Nein, Hetty. Natnr ist Natur, und Freiheit ist anch Natnr. Meine Glieder sehen aus wie frei, aber das ist anch so ziemlich Alles, denn ich kann sie nicht gebrauchen in der Art wie ich möchte. Selbst diese Bäume haben Angen: ja, und anch Zungen; denn wollte der alte Mann hier oder ich nur eine Ruthe weit über unsere Kerkergränzen hinausschreiten, so würde man von uns Bürgschaft verlangen, ehe wir unsere Lenden gürten konnten zu einem Wettrennen; und zehn gegen eins, würden vier oder fünf Büchscnkugeln uns nachreisen, als eben so viele Einladungen, unsere Ungeduld zu zügeln. Es ist kein Gefängnis; in der Kolonie so fest, als das, worin wir jetzt sind; denn ich habe die Tugend von zwei oder drei davon erprobt, und kenne das Material, woraus sie gemacht sind, so gut, wie die Männer, die sie gemacht haben, selbst; da Abbrechcn der nächste Schritt ist znm Erlernen des Auf- banens bei allen solchen Gebäuden." Damit der Leser nicht eine übertriebene Vorstellung von Hurry's 15 * 228 schlimmen Streichen ans dieser prahlerischen und unklugen Offenbarung sich bilde, ist zu sage», daß seine Frevel sich aus thät- liche Jnjurieu und Schlägereien beschränkten, deren einige ihm Gefangenschaft zugezogcn, wo er denn, wie er eben gesagt, mehrmals entkam und die Gebrechlichkeit der Bauten, in welchen er in Gewahrsam gebracht worden, dadurch zeigte, daß er sich selbst Thüren öffnete au Stellen, wo die Baumeister solche anznbringen außer Acht gelassen hatten. Aber Hetty wußte gar nichts von Gefängnissen und wenig von dem Wesen des Verbrechens, außer was ihre unverfälschten, beinahe iustinktmäßigcn Begriffe von Recht und Unrecht ihr sagten, und der Witz des rohen Menschen, der so zu ihr gesprochen, war daher für sie verloren. Sie verstand jedoch in der Hauptsache seine Meinung, und nur darauf antwortete sie ihm. „Es ist am besten so, Hurry," sagte sic. „Es ist das Beste, wenn Vater und Ihr ruhig und im Frieden verharret, bis ich mit den Irokesen geredet, wo dann Alles gut und glücklich ablanfcn wird. Ich wünsche nicht, daß mir Einer von euch folgt, sondern daß ihr mich allein gehen laßt. Sobald Alles in's Reine gebracht ist, und ihr Freiheit habt, in das Kastell znrückzukehren, werde ich kommen und es euch zu wissen thnn." Hetty sprach mit so unbefangenem Ernst, schien ihres Erfolgs so sicher, und hatte in ihrem Wesen so sehr das Gepräge des sittlichen Gefühls und der Wahrheit, daß die Beiden, die sie gehört, sich geneigter fühlten, ihrer Vermittlung einiges Gewicht beiznlegcn, als sonst wohl der Fall gewesen wäre. Als sie daher die Absicht zeigte, sie zu verlassen, .legte» sie ihr Nichts in den Weg, obgleich sie sie im Begriff sahen, sich der Gruppe von Häuptlingen zu nähern, welche sich bei Seite, und wie es schien, über die Art und den Beweggrund ihres plötzlichen Erscheinens besprachen. Als Hist — denn so wollen wir sie nennen — ihre Begleiterin allein gelassen, schleuderte sie in die Nähe von ein paar älteren Kriegern, die ihr während ihrer Gefangenschaft am meisten Wohl- 229 wollen bezeigt, und von welchen der angesehenere ihr sogar ange- boten, sie an Kindesstatt anznnehmen, falls sie einwilligte, eine Hnronin zn werden. Diese Richtung schlug das schlaue Mädchen ausdrücklich in der Absicht ein, zu Fragen herausznfordern. Sie war mit den Gewohnheiten ihres Volkes zn gut bekannt, als daß sie mit den Ansichten und Meinungen ihres Geschlechts und ihrer Jahre sich Männern und Kriegern anfzudrängen hätte versuchen mögen; aber die Natur hatte sie mit einem Takt und einer Einsicht begabt, welche sie in Stand setzte, die gewünschte Aufmerksamkeit rege zn machen, ohne den Stolz Derer zn verletzen, welchen Unterwürfigkeit und Ehrfurcht zn bezeigen ihre Pflicht war. Selbst die von ihr angenommene Gleichgültigkeit spornte die Neugier, und Hetty war kaum an der Seite ihres Vaters angclangt, als das delawarische Mädchen durch eine geheime aber bedeutsame Geberde in den Kreis der Krieger gerufen ward. Hier ward sie befragt über die Anwesenheit ihrer Begleiterin, und die Beweggründe, die sie in das Lager geführt. Das war es eben, was Hist wünschte. Sie erzählte die Art und Weise, wie sie die Geistesschwäche Hctty's entdeckt, wobei sie die Mangelhaftigkeit ihres Verstandes eher übertrieb als verkleinerte; und dann berichtete sie in allgemeinen Ausdrücken die Absicht des Mädchens, warum sie unter ihre Feinde sich gewagt. Die Wirkung war ganz die, welche die Erzählerin erwartete; ihre Nachrichten verliehen der Person und dem Charakter des Gastes eine Art ehrfnrchtgebietender Weihe, die, wie sie wohl wußte, ihr als Schutz dienen mußte. Sobald dieser ihr Zweck erreicht war, zog sich Hist in eine Entfernung zurück, wo sie mit weiblicher Aufmerksamkeit und schwesterlicher Zärtlichkeit sich daran machte, ein Mahl zn bereiten, welches ihrer neuen Freundin geboten werden sollte, sobald es ihr gestattet wäre, daran Theil zn nehmen. Während dieser Beschäftigung jedoch ließ das verständige Mädchen in ihrer Wachsamkeit nicht nach; sie bemerkte sich jeden Wechsel in de» Gesichtern der Häuptlinge, jede Bewegung Hetty's und 230 alle die kleinen Vorfälle, welche möglicherweise ans ihre^oder ihrer nenen Freundin Interessen Einfluß haben konnten. Als Hetty sich den Häuptlingen näherte, öffneten sie ihren kleinen Kreis mit einer entgegenkommenden Achtung- welche Männern von mehr höfischer Herkunft Ehre gemacht hätte. Ein gefallener Baum lag in der Nähe, und der älteste der Krieger bedeutete dem Mädchen mit einem stummen Zeichen, sich darauf zu setzen, und setzte sich selbst neben sie mit der Milde und Freundlichkeit eines Vaters. Die Andern gruppirten sich mit ernster Wurde um die Beiden her; und dann begann das Mädchen, das genug Beobachtungsgabe besaß, um zu merken, daß man dies; von ihr erwarte, den Zweck ihres Besuchs kund zu thnn. Im Augenblick jedoch, wo sie den Mund zum Sprechen öffnete, gab ihr der alte Häuptling einen leisen Wink, sich noch zu gedulden, sagte einem jüngeren Krieger einige Worte, und wartete dann in schweigender Geduld, bis dieser Hist zu der Versammlung gefordert hatte. Diese Unterbrechung rührte daher, daß der Häuptling bemerkt hatte, man bedürfe durchaus eines Dolmetschers; denn Wenige von den anwesenden Hnronen und a»ch sie nur mangelhaft, verstanden Englisch. Wah-ta!-Wah war es nicht leid, auch zu der Besprechung berufen zu werden, zumal in der Eigenschaft, in der man sie jetzt verlangte. Sie wußte wohl, welche Gefahren sie lief, wenn sie einen oder zwei von der Gesellschaft z» täuschen suchte; aber war nichtsdestoweniger entschlossen, aller ihr zu Gebote stehender Mittel sich zu bedienen, und alle Listen in Anwendung zu bringe», welche eine indianische Erziehung ihr an die Hand gab, um sowohl die Nähe ihres Verlobten, als auch das Vorhaben, dessenhalben er gekommen, zu verhehlen. Wer nicht bekannt gewesen mit den Hilfsmitteln und Ansichten des Lebens der Wilden, hätte schwerlich die Raschheit der Erfindung, die Schlauheit im Handel», die hohe Entschlossenheit, die edeln Gefühle, die tiefe Selbstaufopferung und die weibliche Selbstvergessenheit da, wo die Liebe in's Spiel kam, 23 < geahnt, welche verborgen lagen nnter der sanftmüthigen Miene, dem milden Ange nnd dem sonnigen Lächeln dieser jungen, indianische» Schönheit. Als sie sich näherte, betrachtete sie der grimmig anssehende alte Krieger mit Wohlgefallen; denn sie fühlten einen geheimen Stolz bei der Hoffnung, einen so herrlichen Schößling dem Stamm ihres Volkes anfznpfropfen; denn die Adoption ward so regelmäßig in Anwendung gebracht, nnd so ausdrücklich anerkannt nnter den Stämmen Amcrika's, als nur je nnter den Nationen, welche dem Seepter des Civilgesehes huldigen. Sobald Hist neben Hett» saß, hieß sie der alte Häuptling .das schöne, junge Bleichgesicht" fragen, was sic unter die Irokesen geführt, nnd was sie ihr zu Gefallen thnn könnten. „Sagt ihnen, Hist, wer ich bin — Thomas Hutters jüngste Tochter; Thomas Hutters, des Aelteren von ihren zwei Gefangenen; dessen, dem das Kastell nnd die Arche gehört, nnd der das beste Recht hat, als Eigenthümer dieser Berge und dieses See's zu gelten, dieweil er so lange Zeit da gewohnt, und Fallen gestellt und gefischt hat. Sie werden wissen, wen Ihr nnter Thomas Hutter versteht, wenn Ihr ihnen das sagt. Und dann sagt ihnen, ich sei hierher gekommen, sie zu bereden, daß sie Vater und Hnrry kein Leid thnn, sondern sie im Frieden ziehen lassen, und sie eher alö Brüder denn als Feinde behandeln. Jetzt sagt ihnen das Alles geradezu, Hist, nnd fürchtet Nichts für Euch oder für mich; Gott wird »ns schützen." Wah-ta!-Wah that wie die Andere verlangte, nnd bestrebte sich, die Worte ihrer Freundin so buchstäblich als möglich in's Jrokesische zu übersetzen, eine Sprache, die sie beinahe mit gleicher Geläufigkeit wie ihre eigene sprack). Die Häuptlinge hörten diese eröffnende Mitthcilnng mit ernstem Anstand an; die Zwei, welche ein wenig Englisch verstanden, deuteten ihre Zufriedenheit mit der Dolmetscherin durch heimliches aber ausdrucksvolles Winken mit den Angen an. 232 „Und jetzt, Hist," fuhr Hetty fort, sobald man ihr andcntetc dieß zu thu», „und jetzt, Hist, wünsche ich, daß Ihr diesen rothen Männern Wort für Wort dolmetscht, was ich sagen will. Sagt ihnen zuerst, daß Vater und Hnrry hierher kamen mit der Absicht, so viele Skalpe als möglich zu erbeuten; denn der sündhafte Gouverneur und die Provinz haben Geld für Skalpe geboten von Kriegern oder Weibern, von Männern oder Kinder»; und die Liebe zum Gold mar ihrem Herzen zu stark, um zu widerstehen. Sagt ihnen dieß, liebe Hist, gerade so wie Ihr es von mir gehört, Wort für Wort." Wah-ta!-Wah zauderte, diese Rede so buchstäblich, wie Jene verlangt, miederzngeben; aber da sie das Verständnis; Derer, die etwas Englisch wußten, bemerkt hatte, und selbst eine genauere Kenntnis; dieser Sprache, als sie wirklich besaßen, bei ihnen als möglich voranssetzte, sah sie sich genöthigt zn gehorchen. Im Widerspruch mir dem, was ein Civilislrter als Folge hievon hätte erwarten mögen, brachte das Zugeständnis; der Beweggründe und des Vorhabens der Gefangenen keinen sichtbaren Eindruck ans die Mienen noch auch ans die Gefühle der Zuhörer hervor. Vermnth- lich sahen sie die That als einträglich an, und was Keiner von ihnen selbst anszuüben irgend Anstand genommen hätte, das war er auch nicht gemeint an einem Andern zu tadeln. „Und jetzt, Hist," begann Hetty von Neuem, sobald sie bemerkte, das; ihre bisherigen Reden von den Häuptlingen begriffen worden; „könnt Ihr ihnen mehr sagen. Sie wissen, daß Vater und Hnrry nicht glücklich waren; und daher können sic ihnen nicht grollen wegen eines ihnen widerfahrene» Leides. Wenn sie ihre Weiber und Kinder erschlagen hätten, so würde das an der Sache Nichts ändern; und ich weis; nicht, ob das, was ich ihnen zn sagen im Begriff stehe, nicht noch mehr Gewicht hätte, wenn das Unheil wirklich geschehen wäre. Aber fragt sie zuerst, Hist, ob sie wissen, daß ein Gott ist, der über die ganze Erde regiert und 233 Herr und Häuptling Aller ist, die da leben, seien sie rcsth oder weist, oder oon welcher Farbe sie wollen?" Wah-ta!-Wah schien etwas erstaunt über diese Frage; denn der Begriff des Großen Geistes bleibt selten dem Gcmüth eines indianischen Mädchens lange fremd. Sie stellte jedoch die Frage, so buchstäblich als möglich übersetzt, und erhielt eine ernste, bejahende Antwort. „Das ist recht," fnhr Hetty fort, „und meine Pflicht wird jetzt leicht zu erfüllen sein. Dieser große Geist, wie Ihr unfern Gott nennt, hat ein Bnch schreiben lassen, das wir die Bibel nennen; nnd in diesem Bnch sind alle seine Gebote ausgezeichnet, und sein heiliger Wille nnd Wohlgefallen, nnd die Vorschriften, nach welchen alle Menschen leben sollen, und Anweisungen, wie man selbst die Gedanken beherrschen soll nnd die Wünsche und de» Wille». Hier, dieß ist eines oon jenen heiligen Büchern, nnd Ihr müßt den Häuptlingen erklären, was ich ihnen ans seinen heiligen Blättern lesen will." Nachdem Hetty dieß gesprochen, zog sie eine kleine englische Bibel ans einem Futteral von grobem Caliko, nnd handhabte das Buch mit jener Art von äußerlicher Ehrfnrchtsbezeigung, die etwa ein Nömischkatholischer einer Reliquie erweisen könnte. Während sie langsam in ihrem Beginnen fortfnhr, beobachteten die grimmig aussehenden Krieger jede ihrer Bewegungen mit unverwandten Augen; nnd als sie das kleine Bnch erscheinen sahen, entschlüpfte Einem oder Zweien von ihnen ein leiser Ausruf des Erstaunens. Aber Hetty hielt es ihnen im Triumph entgegen, als erwartete sie, daß schon der Anblick ein sichtbares Wunder thun solle; nnd dann, ohne Ueberraschnng oder Kränkung bei dem Stoicismns der Indianer blicken zu lassen, wandte sie sich lebhaft zu ihrer neuen Freundin, um ihre Rede fortznsetzen. „Dieß ist das heilige Buch, Hist," sagte sie, „nnd diese Worte nnd Zeilen, nnd Verse und Kapitel kommen alle von Gott!" 234 „Warum der Große Geist nickt auch de» Indianern Buch schicken?" fragte Hist mit der Unbefangenheit eines gänzlich unverfälschten G e m ü th e s. „Warum nicht?" erwiederte Hetty, ein wenig betroffen über diese so unerwartete Frage. „Warum nicht? Ha! Ihr wißt ja, die Indianer könne» nicht lesen." Wenn auch Hist mit dieser Erklärung nicht ganz befriedigt war, hielt sie doch den Gegenstand nicht für erheblich genug, ihn weiter zu verfolgen. Sie neigte nur ihren Leib einfach vor, bescheiden und sanft die Wahrheit des Vernommenen gelten lassend, und saß da, geduldig die weitern Argumente der Bleichgcsicht- schwärmerin erwartend. „Ihr könnt diesen Häuptlingen sagen, daß überall in diesem Buche dem Menschen geboten ist, ihren Feinden zu verzeihen, sie wie Brüder zu behandeln, und nie ihren Mitmenschen ein Leid znznfügen, namentlich auch nicht aus Rachsucht oder sonst einer bösen Leidenschaft. Meint Ihr ihnen dies; so sagen zn können, daß sie es wohl verstehen werden, Hist?" „Es ihnen sagen können wohl, aber sie es nicht leicht verstehen werden." Dann erklärte Hist die Ideen Hetty's, so gut und deutlich sie nur immer konnte, den aufmerksamen Indianer», welche ihre Worte ungefähr mit dem Erstaunen vernahmen, wie es etwa ein Amerikaner unserer Zeiten an den Tag legen würde bei der Behauptung, daß die große aber schwankende Beherrscherin der menschlichen Dinge der modernen Zeit, die öffentliche Meinung, Unrecht haben könnte. Ein Paar von ihnen jedoch, die schon mit Missionären zusammcngetroffcn, sagten einige erläuternde Worte, und jetzt widmete die Gruppe alle Aufmerksamkeit den Mittheilnngen, die nun folgen sollten. Ehe Hetty wieder begann, erkundigte sie sich ernstlich bei Hist, ob die Häuptlinge sie verstanden, und war mit einer ausweichenden Antwort leicht zn befriedigen. 235 „Jetzt will ich den Kriegern einige von den Versen lesen, welche kennen zn lernen ihnen gnt ist," fnhr das Mädchen fort, dessen Benehmen im weitern Verlaus immer ernster nnd feierlicher wurde; „nnd sie werden bedenken, daß es die eigenen Worte des großen Geistes sind. Für's Erste denn wird euch geboten: stiebe deinen Nächsten wie dich selbst!' Erklärt ihnen das, liebe Hist." „Nächster für Indianer kein Bleichgesicht," antwortete das delawarische Mädchen mit größerer Bestimmtheit, als sic bisher zn zeigen für gut befunden. „Nächster heißt Irokese für Irokesen, Mohikan für Mohikan, Bleichgesicht für Bleichgesicht. Häuptlinge sonst Nichts nvthig zn sagen." „Ihr vergeßt, Hist, das sind die Worte des großen Geistes, nnd die Häuptlinge müssen ihnen gehorchen so gnt als Andere. Hier ist ein anderes Gebot: ,So dich Jemand schlägt auf den rechten Backen, dem biete den andern auch dar'." „Was das bedeuten?" fragte Hist mit Blitzesschnelle. Hetty erklärte, daß es ein Gebot sei, Beleidigungen nicht zn rächen, sondern lieber der Erdnldung neuer Unbilden von dem Beleidiger sich ansznsetzen. „Und höre auch dieß, Hist," fuhr sie fort: .„Liebet Eure Feinde, segnet die Euch fluchen, thut wohl denen die Euch hassen, nnd betet für die, so Euch verachten und verfolgen'." Jetzt war Hetty ganz aufgeregt worden; ihre Angen leuchteten vermöge der Lebhaftigkeit ihrer Gefühle, ihre Wangen flammten, und ihre Stimme, gewöhnlich so leise nnd zitternd, wurde stärker und nachdrücklicher. Mit der Bibel war sie frühe schon durch ihre Mutter bekannt gemacht morde»; nnd sie ging jetzt von Stelle zn Stelle über mit überraschender Schnelligkeit, nnd las sorgfältig solche Verse heraus, welche die erhabenen Lehren christlicher Liebe und Versöhnlichkeit predigen. Auch nur die Hälfte dessen, was stein ihrem frommen Ernst vorbrachte, zn übersetzen, würde Wah-ta!- 236 Wah unmöglich gefun-cu haben, hätte sie auch den Versuch gemacht; aber Staunen hielt ihre Zunge gebunden, wie die der Häuptlinge; und die junge, treuherzige Schwärmerin war durch ihre Anstrengung ganz erschöpft worden, ehe die Andere nur den Mund öffnete, um eine Sylbe vorznbringen. Und dann gab wirklich das delawarische Mädchen eine kurze Ueberseyung von dem Wesentliche» des Gesprochenen und Gelesenen, beschränkte sich aber ans ein paar der ergreifendsten von den Versen, diejenigen, die ihrer Einbildungskraft als die paradoxesten ausgefallen waren, und die ans den Fall freilich am anwendbarsten gewesen wären, hätten die ungebildeten Gemüther der Zuhörer die großen moralischen Wahrheiten fassen können, die sie enthielten. Es wird kaum nöthig sein, unser» Lesern die Wirkung zu schildern, die eine solche neue Pflichtenlehre aller Wahrscheinlichkeit nach unter einer Gruppe indianischer Krieger hcrvorbringen mußte, bei denen es eine Art von religiösem Grundsatz war, nie eine Wohlthat zn vergessen, und nie ein Unrecht zu verzeihen. Znm Gluck hatten die vorangegangenen Erklärungen Hists die Gemnther der Hnronen auf etwas Absonderliches vorbereitet; und das Meiste von dem, was ihnen nnvcrnünfrig und paradox erschien, ward durch den Umstand erklärt, daß die Sprecherin einen von den meisten andern Sterblichen ganz abweichend vrganisir.ten Geist besitze. Doch waren ein paar alte Männer da, welche ähnliche Lehren schon von den Missionären gehört hatten, und sie suhlten ein Verlangen, einen müssigen Augenblick mit weiterer Verfolgung eines Gegenstandes, den sie so merkwürdig fanden, ansznfüllen. „Das ist das Gute Buch der Bleichgesichter," bemerkte Einer von diesen Häuptlingen, das Buch ans der Hand der keinen Widerstand leistenden Hetty nehmend, welche ihm ängstlich gespannt in s Gesicht starrte, während er die Blätter nmwandte, als erwartete sie von dieser Thatsache sichtbare Ergebnisse. „Das ist das Gesetz, wornach meine weißen Brüder zn leben behaupten?" 237 Hist, an welche diese Frage gerichtet war, wen» man überhaupt sagen kann, daß sie an eine bestimmte Person gerichtet gewesen, antwortete einfach bejahend, nnd fügte bei, daß sowohl die Franzosen der Canada's, als die Jengeesc der brittischen Provinzen sein Ansehen gleichermaßen anerkennten, nnd seine Grundsätze zu ehren behaupteten. „Erklärt meiner jungen Schwester," sagte der Hurone, Hist scharf anblickcnd, „daß ich meinen Mund öffnen, nnd einige wenige Worte sprechen will." „Der Jrokesenhänptling sprechen wollen — meine Bleichge- sichtfrenndin znhörcn," dolmetschte Hist. „Ich freue mich, das zu hören!" rief Hetty. „Gott hat sein Herz gerührt, und er wird jetzt Vater nnd Hnrry ziehen lassen!" „Das ist des Bleichgesichts Gesetz," begann der Häuptling. „Es gebietet ihm Gutes zu thun Dem, der ihn verletzt; und wenn sein Bruder von ihm seine Büchse verlangt, ihm das Pulverhorn dazu zu geben. Das ist das Bleichgesichtsgesetz?" „Nicht so — nicht so," antwortete Hetty ernst, nachdem diese Worte waren gedolmetscht worden. „Es steht kein Wort von Büchsen in dem ganzen Buch; und Pulver und Kugeln sind dem heiligen Geist ein Aergerniß." „Nun dann, warum gebraucht sie denn das Bleichgesicht? Wenn ihm geboten ist, dem doppelt zu geben, der nur Eines verlangt, warum nimmt er doppelt den armen Indianern, die Nicht's verlangen? Er kommt vom Lande der anfgehenden Sonne mit seinem Buch in der Hand, und lehrt den Rothmann es lesen; aber warum vergißt er selbst Alles, was er sagt? Wenn der Indianer gibt, ist er nie zufrieden; und jetzt bietet er Gold für die Skalpe unserer Weiber nnd Kinder; obgleich er uns Bestien nennt, wenn wir den Skalp eines Kriegers nehmen, der im offenen Krieg gctödtet worden. Mein Name ist Rivenoak")." ') Zerspaltene Eiche. 238 Als Hetty diese furchtbare Frage ihrer Seele in der Uebersehnng recht veranschaulicht hatte — und Hist that bei dieser Gelegenheit ihre Pflicht mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit — war sie, wie kaum zu sagen »öthig, in bitterer Verlegenheit. Gescheidtere Köpfe als der dieses armen Mädchens sind häufig durch Fragen von ähnlicher Richtung in Verwirrung gebracht worden; und cs kann nicht befremden, daß sie mit all' ihrem Ernst und ihrer Aufrichtigkeit nicht wußte, welche Antwort geben. „Was soll ich ihnen sagen, Hist?" fragte sie flehentlich; „ich weiß, daß Alles, was ich aus dem Buche gelesen, wahr ist; und doch könnte es als nicht wahr erscheinen nach der Handlungsweise Derer, denen dies; Buch gegeben ist, oder nicht?" „Gebt ihnen Blcichgesichtsgründc," versetzte Hist ironisch; „die immer gut für Eine Seite, obgleich schlecht für die andere." „Nein, nein, Hist, es gibt keine zwei Seiten für die Wahrheit — und doch erscheint es so seltsam! Gewiß habe ich die Verse recht gelesen, und Niemand würde so ruchlos sein, das Wort Gottes falsch zu drucken. Das kann nie sein, Hist." „Nun, armem indianischem Mädchen scheinen, es kan» Alles sein bei Bleichgesichtern," versetzte die Andere kühl. „Ein Mal sagen sie weiß, und das andere Mal schwarz. Warum denn es nie sein kann?" Hetty wurde immer verwirrter, bis sie endlich, überwältigt von der Angst, sie habe ihren Zweck verfehlt, und das Leben ihres Vaters und Hnrry's werde durch einen Mißgriff von ihrer Seite anfgeopfert werden, in Thräncn ansbrach. Von diesem Augenblick an verschwand im Benehmen Hists alle Ironie und kühle Gleichgültigkeit, und sie wurde wieder die zärtliche, liebkosende Freundin. Ihre Arme um das betrübte Mädchen schlingend, suckle sie ihren Kummer zu beschwichtigen durch das kaum je seine Wirkung verfehlende Mittel weiblichen Mitgefühls. »Aufhören weinen — nicht weinen!" sagte sie, die Thränen 239 aus Hetty's Angesicht wischend, wie sic denselben Dienst einem Kinde wiirde geleistet haben, nnd beugte sich herab, nm sie gelegentlich mit der Zärtlichkeit einer Schwester an ihr warmes Herz z» drucken; „warum Euch so beunruhigen? Ihr nicht das Buch machen, wenn es falsch sein, nnd Ihr nicht Bleichgesicht machen, wenn er ruchlos. Es böse rothe Männer geben nnd böse weiße Männer — keine Farbe ganz gut — keine Farbe ganz böse. Häuptlinge das gut genug wissen." Hetty erholte sich bald von diesem plötzlichen Ausbruch des Jammers, nnd dann wendete sich ihr Gemnth wieder mit all' seinem treuherzigen Ernst zu dem Zweck ihres Besuchs. Sie bemerkte, daß die grimmig anssehenden Häuptlinge noch in ernster Aufmerksamkeit um sie her standen, nnd hoffte, ein neuer Versuch, sie vom Rechten z» überzeugen, werde besser gelingen. „Hört, Hist," sagte sie, ringend ihr Schluchzen zu unterdrücken und vernehmlich zu sprechen; „sagt den Häuptlingen, es frage sich nicht, was die Ruchlosen thnn — Recht ist Recht — die Worte des Großen Geistes sind die Worte des Großen Geistes — nnd Niemand kann ungestraft eine böse Thai thnn, weil ein Anderer vor ihm sie gethan hat! ,Vergeltet Böses mit Gutem'! sagt dieß Buch; nnd das ist das Gesetz für die rothen Männer wie für die Weißen." „Nie hören von solchem Gesetz unter Delawaren oder Irokesen," antwortete Hist begütigend. „Nicht gut, den Häuptlingen von solchem Gesetz sagen. Sagt ihnen Etwas, das sie glauben." Hist wollte demnngeachtet in ihrem Dolmetschen fortfahrc», als eine Berührung von dem Finger des ältesten Häuptlings auf ihrer Schulter sie anfschanen machte, da bemerkte sie, daß Einer von den Kriegern die Gruppe verlassen hatte, nnd schon mit Hutter und Hnrry wieder znrückkam. Begreifend, daß die beiden Letzter» auch in die Untersuchung hineingezogen werden sollten, verstummte sie, mit dem nie zögernden Gehorsam eines indianischen Weibes. 240 Nach wenigen Sekunden standen die Gefangenen den Vornehmsten der sie gefangen haltende» Truppe, Angesicht gegen Angesicht, gegenüber. „Tochter," sagte der älteste Häuptling zu der jungen Dalawa- rin, „fragt diesen Graubart, warum er in unser Lager gekommen?" Die Frage ward von Hist in ihrem unvollkommenen Englisch gestellt, aber in einer Art, die nicht schwer zu verstehen war. Hutter war von Natur zu trotzig und verstockt, um vor den Folgen irgend einer seiner Handlungen znrückzubcben, und er mar auch zu genau vertraut mit Ansichten der Wilden, um nicht cinznscheu, daß Nichts zu gewinnen stehe durch Zweideutigkeiten oder eine unmännliche Scheue vor ihrem Zorn. Ohne Bedenken gestand er daher die Absicht, in welcher er gelandet, und rechtfertigte sie nur mit dem Umstand, das; die Regierung der Provinz hohe Preise für Skalpe geboten. Dies; offene Geständnis; ward von den Irokesen mit sichtlicher Zufriedenheit aufgcuommcn, nicht sowohl jedoch in Betracht des Vortheils, den es ihnen, vom moralischen Gesichtspunkt angesehen, gewährte, als sofern es ein Beweis war, daß sic einen Mann gefangen, werth, ihre Gedanke» zu beschäftigen und Gegenstand ihrer Rache zu werden. Hnrry, befragt, gestand ebenfalls die Wahrheit, obwohl er zur Verheimlichung geneigter, als sein trotziger Genosse gewesen wäre, hätten die Umstände diese Handlungsweise besser begünstigt. Aber cl' besaß Takt genug, »m einznsehen, daß Zwcizüngelei in diesem Augenblick nutzlos sein würde, und er machte aus der Noth eine Tugend, indem er eine Freimüthigkeit nachahmte, die bei Hutter das Ergebnis; einer ihm zur andern Natur gewordenen Gleichgültigkeit war, indem er nur einer jederzeit rauhen, schroffen und um Folgen für seine Person unbekümmerten Gemüthsart folgte. Sobald die Häuptlinge die Antworten auf ihre Fragen erhalten, schritten sie schweigend weg, wie Männer, die die Sache als abgethan betrachteten, und alle Dogmen Hetty's waren 241 weggcworfen bei Wesen, die von der Kindheit bis znm Mannesalter in der Scknle der Gemaltthat herangemachsen waren. Hetty und Hist blieben jetzt allein mit Hutter und Hnrry, und den Schritten und Bewegungen von Keinem schien irgend ein Zwang anferlegt, obwohl in der That alle Vier unablässig und aufmerksam bewacht wurden. Was dic Männer betrifft, so ward sorgfältig darauf geachtet, sic zn verhindern, von einer der Buchsen Besitz zu ergreife», welche ringsum zerstreut lagen, ihre eigenen mit eingeschlofscn; aber hierauf war alle offenkundige Bewachung beschränkt. Aber sic, die so erfahren waren in indianischen Bräuchen und Listen, wußten zu gut, wie groß der Abstand war zwischen Schein und Wirklichkeit, um sich durch diese anscheinende Sorglosigkeit täuschen zu lassen. Obgleich Beide unaufhörlich auf Mittel zur Flucht dachten, und zwar ohne Verabredung, erkannte doch Jeder die Fruchtlosigkeit, einen Plan der Art zu versuche», der nicht tief angelegt und rasch ansgeführt würde. Sie waren lang genug in dem Lager, und hinlänglich scharfe Beobachter, um sich vergewissert zu haben, daß auch Hist eine Art Gefangene war; und auf diesen Umstand bauend sprach Hutter in ihrer Gegenwart offener, als er vielleicht sonst räthlich gefunden hätte, und veranlasse durch sein Beispiel Hnrry zu gleicher Sorglosigkeit. „Ich will dich nicht tadeln, Hetty, daß du mit diesem Vorhaben hierher kamst, das gut gemeint, wenn auch nicht sehr klug angelegt war," begann der Vater, indem er sich neben seine Tochttr setzte und ihre Hand ergriff; ein Zeichen der Zärtlichkeit, das dieser rauhe Mann gerade diesem Kind zu geben pflegte — »aber Predigen und dic Bibel sind nicht die Mittel, einen Indianer von seinem Wege abznbringen. Hat Wildtödter eine Botschaft geschickt, oder hat er einen Anschlag, durch den er uns in Freiheit zu setzen denkt?" „Ja, das ist die Hauptsache vom Ganzen," fiel Hnrry ein; „wenn Ihr uns zu einer halben Meile Freiheit verhelfen könnt, Der Wildtödter. 16 242 Mädchen, oder «nick nur zu einem guten Vorsprung von einer Viertelmeile, so will ich für das Uebrige stehen. Vielleicht der alte Mann bedarf etwas mehr, aber für Einen von meiner Größe und meinen Jahren würde das alle Anstände beseitigen." Hetty sah bekümmert ans und wandte ihre Angen von Einem zum Andern; aber sie hatte keine Antwort zu geben auf die Frage des brutalen Hurry. „Vater," sagte sie, „weder Wildtödter noch Judith wußten von meinem Plan zu gehen, bis ich die Arche verlassen hatte. Sie fürchten, die Irokesen möchten einen Floß machen und versuchen, sich der Hütte zu bemächtigen, und denken mehr daran, die zu vertheidigcn, als Euch zu Hilfe zu kommen." „Nein — nein — nein," sagte Hist hastig, obwohl mit leiser Stimme und das Angesicht zu Boden gesenkt, um Diejenigen, von denen sie sich wohl bewacht wußte, gar nicht sehen zu lassen, daß sie überhaupt sprach. Nein, nein, nein, Wildtödter ganz anderer Mann. Er nicht daran denken, sich selbst zu vertheidigcn, wenn ein Freund in Gefahr. Einer dem Andern helfen, und Alle zur Hütte gelangen." „Das klingt gut, alter Tom," sagte Hnrry winkend und lachend, — obgleich auch er die Vorsicht gebrauchte, leise zu sprechen. „Gebt mir nur eine Indianerin von schnellem Wih zur Freundin, und ich will, denke ich, den Teufel zu Schanden machen, wenn auch nicht gerade einen Irokesen." „Sprecht nicht laut," sagte Hist; „einige Irokesen die Jengeese Sprache gelernt und alle Jengeese Ohr haben." — „Haben wir eine Freundin an Euch, junges Weib?" fragte Hutter mit steigendem Interesse an der Unterredung. „Wenn dieß, so könnt Ihr auf eine tüchtige Belohnung rechnen, und nichts wird leichter sein, als Euch zu Eurem eigenen Stamme zu senden, wenn wir Euch nur einmal mit uns sicher in's Kastell gebracht haben/ Gebt uns die Arche und die Canoe's, so beherrschen wir den See, 243 trotz allen Wilden in den Canada's. Nnr Artillerie könnte uns aus dem Kastell vertreiben, wären wir nur einmal wieder darin." „Gesetzt sie an's Land kommen, Skalpe zu holen?" versetzte Hist mit kühler Ironie, worin das Mädchen erfahrener schien, als bei ihrem Geschlecht gewöhnlich ist. „Ja, ja — das war ein Mißgriff; aber Wehklagen helfen wenig, und noch weniger, junges Weib, Stichelreden!" „Vater," sagte Hetty, „Judith denkt daran, den großen Schrank aufznbrechen, in der Hoffnung, darin etwas zu finden, womit sie Eure Freiheit von den Wilden erkaufen könnte." Eine finstere Wolke überzog Hutters Gesicht bei der Nachricht von diesem Umstand, und er murmelte seine Mißbilligung so laut, daß alle Anwesenden es hörten. „Warum nicht anfbrechen großen Schrank?" warf Hist ein. „Leben lieber als alter Schrank. Skalp lieber als alter Schrank. Wenn nicht Tochter erlauben ihn aufzubrechen, Wah-ta!-Wah ihm nicht helfen davonznlaufen!" „Ihr wißt nicht, was Ihr verlangt — Ihr seid einfältige Mädchen, und das Klügste für euch Beide ist, zu sprechen, von was ihr versteht, und sonst von Nichts. Diese kalte Vernachlässigung der Wilden gefällt mir nicht sehr, Hurry, es ist ei» Beweis, daß sie an etwas Ernstes denken, und wenn wir etwas thnn wollen, müssen wir es bald thnn. Können wir ans dies; jnnge Weib zählen, meint Ihr?" „Hört," sagte Hist rasch und mit einem Ernst, der bewies, wie lebhaft ihr Gefühl betheiligt war — „Wah-ta!-Wah keine Jrvkestn — ganz nnd gar Delawarin — Delawarenherz — Dela- warengefühl haben. Sie anch Gefangene. Ein Gefangener andern Gefangene» helfen. Nicht gut jetzt mehr schwatzen. Tochter bei Vater bleiben — Wah-ta!-Wah kommen nnd Freund sehen — Alles gnt aussehen — dann sagen, was thnn." Dieß Mpd mit leiser Stimme, aber deutlich gesprochen, und 10 * 24-4 in einer Art, nn> Eindrnck zu machen. Sobald sie sich so geäußert, stand das Mädchen ans und verließ die Gruppe, langsam nach der Hütte znrückkchrend, die sie bewohnte, als nähme sic kein weiteres Interesse an dem, was zwischen den drei Bleichgesichtern verhandelt werden mochte. Zwölftes Kapitel. Sie spricht von ihrem Vater; sagt, sie höre, Die Welt sei schlimm, und ächzt »ni> schlägt die Brust; Ein Strohhalm ärgert sie, sie spricht verworren: Mit halbem Sinn nur; ihre Red' ist nichts, Doch leitet ihre ungcstaite Art Die Hörenden auf Schlüsse; — Shakcspearc. Alir verließen die Inhaber des Kastells und der Arche in Schlaf versunken. Ein paar Mal zwar im Laufe der Nacht stand Wildtödter oder der Delaware auf, um ans den ruhigen Sec hin- ausznschauen, und kehrten, wenn sie Alles sicher fanden, zn ihren Lagerstätten zurück, und schliefen wie Leute, die sich ihre natürliche Ruhe nicht leicht nehmen oder stören lassen. Bei dem ersten Anzeichen der Morgendämmerung jedoch stand der Erstere auf, und traf die ihn selbst zunächst angehenden Vorkehrungen für den Tags sein Genosse aber, der in den letzten Zeiten keine ruhige oder ungestörte Nächte gehabt hatte, blieb auf seiner Pritsche liegen, bis die Sonne ganz aufgegangen war. Auch Judith war an diesem Morgen später als gewöhnlich, denn die frühem Stunden der Nacht hatten ihr wenig Erquickung oder Schlaf gebracht. Aber ehe die Sonne sich über den östlichen Hügeln gezeigt, waren doch auch sie auf und auf den Beineu; denn in jener Gegend bleiben selbst die Faulen selten nach dem Erscheinen des großen Himmels- lichts noch auf ihren Polstern liegen. Chingachgook war eben mit seiner Waldtoilette beschäftigt, als Wildtödter in die Kajüte der Arche trat, und ihm ei» paar grobe aber leichte Sommerkleidungsstücke hinwarf, welche Hutter gehörten. 245 „Judith hat mir das für Euch gegeben, Häuptling," sagte der Letztere, indem er die Jacke und Beinkleider zu den Füßen des Indianers hinwarf; „denn es ist gegen alle Klugheit und Vorsicht, daß Ihr Euch in Eurer Kriegstracht und Bemalung blicken lasset. Wascht all' die feurigen Streifen von Eurer Wange ab, legt diese Kleider an, und hier ist ein Hut, so wie er nun eben ist, der Euch einen schauerlich nncivilisirten Anstrich von Civili- sation, wie die Missionäre sagen, geben wird. Vergeht nicht, daß Hist in der Nähe ist, und was wir für das Mädchen thnn, geschehen muß, indem wir für Andere handeln. Ich weiß, es ist gegen Eure Gaben und Natur, Kleider zu tragen, wenn sie nicht nach eines rothen Mannes Schnitt und Tracht sind, aber macht jetzt ans der Noth eine Tugend, und legt diese sofort an, wenn sie Euch auch etwas wider de» Magen sind." Chingachgook, oder die Schlange, betrachtete die Kleider mit starkem Mißfallen; aber er erkannte den Nutzen der Vermummung, wenn auch nickt ihre absolute Nothwendigkeit. Entdeckten die Irokesen einen rotbe» Mann in dem oder um das Kastell, so konnte sie dies; gar leicht behutsamer machen, und ihrem Argwohn die Richtung auf ihre Gefangene geben. Alles war besser als ein Fehlschlagen seiner Absicht, seine Verlobte betreffend, und nachdem er die verschiedenen Kleidungsstücke nach allen Seiten gedreht, sie mit einer Art ernster Ironie geprüft, sie in einer Weise anzuziehen versucht, die sich von selbst verbot, und auch sonst den Widerwillen eines jungen Wilden an den Tag gelegt hatte, seine Glieder in die herkömmlichen Fessel» und Bande des civilisirtcn Lebens zu schnüren, unterwarf sich der Häuptling den Anweisungen seines Freundes, und stand am Ende als ein rother Mann »nr noch der Farbe nach da — so weit nämlich das Auge darüber urtheilen konnte. Von dieser ihm einzig noch gebliebenen Eigenschaft jedoch war wenig zu befürchten, da die Entfernung von der Küste und der Mangel von Ferngläsern jede genauere 246 Prüfung abschnitt, und Wildtödter selbst, obgleich von einem helleren und frischeren Teint, hatte doch ein Gesicht, dem die Sonne eine Farbe ausgebrannt, kaum minder roth als die seines Mohi- kanisclien Genossen. Das linkische, verlegene Wesen des Delawa- ren in seiner neuen Tracht machte an diesem Tage seinen Freund mehr als einmal lächeln, aber er enthielt sich geflissentlich aller jener Scherze, die bei einer solchen Gelegenheit unter Weißen auf's Tapet gekommen wären; da die Lebensgcwohnheiten eines Häuptlings, die Wurde eines Kriegers ans seinem ersten Kriegspfad, »nd der Ernst der Umstände, worin sie sich befanden, zusammen genommen, eine solche Leichtfertigkeit gleich unzeitgemäß erscheinen ließen. Die Begegnung der drei Insulaner, wenn wir diesen Ausdruck gebrauchen dürfen, beim Morgenimbiß war stumm, ernst und nachdenklich. Judiths Aussehen zeigte, daß sie eine unruhige Nacht gehabt, während den beiden Männern die Zukunft, mit ihren unsichtbaren und unbekannten Ereignissen, vor der Seele stand. Wenige Worte der Höflichkeit wurden zwischen Wildtödter und dem Mädchen im Verlauf des Frühstücks gewechselt, aber ihre Lage mit keiner Sylbe besprochen. Endlich brachte Judith, deren Herz voll war, und deren neue Gefühle sie zu ungewöhnlich weichen und sanften Empfindungen stimmten, diesen Gegenstand ans die Bahn, und das in einer Art, welche zeigte, wie sehr er im Lauf der letzten schlaflosen Nacht ihre Gedanken mußte beschäftigt haben. „Es wäre schrecklich, Wildtödter," rief das Mädchen plötzlich aus, „wenn meinem Vater und Hetty etwas Ernsthaftes znstieße! Wir dürfen hier nicht ruhig sitzen, und sie in den Händen der Irokesen lassen, ohne auf Mittel zu denken, ihnen zu dienen." „Ich bin bereit, Judith, ihnen zu dienen, und allen Andern, die in Nöthen sind, könnte man mir nur die Art und Weise zeigen, cs zu thun. Es ist keine Kleinigkeit, in die Hände von Rothhäuten 247 z„ fallen, wenn Leute auf ein Vorhaben ausziehen, wie das war, welches Hutter und Hurry an's Land lockte; das weiß ich so gut wie ein Anderer; und ich wünschte meinem schlimmsten Feind nicht, daß er in eine solche Klemme käme, viel weniger Solchen, mit denen ich gereist bin, gegessen und geschlafen habe. Habt Ihr irgend einen Plan, dessen Ausführung Ihr von der Schlange und mir versucht wünschtet?" „Ich kenne kein anderes Mittel, die Gefangenen frei zu machen, als Bestechung der Irokesen. Sie sind Geschenken nicht unzugänglich; und wir könnten ihnen vielleicht genug bieten, um sie auf den Gedanken zu bringen, es sei besser, reiche Gaben, nach ihrer Schätzung, mit fort zu nehmen, als arme Gefangene; — wenn sie sie wirklich überhaupt wegführen sollten!" „Das ist ganz gut, Judith; ja, es ist ganz gut, wenn der Feind sich erkaufen läßt, und wir Artikel finden können, um damit den Kauf zu zahlen. Euer Vater hat eine bequeme Wohnung, und sie ist sehr schlau gewählt und angelegt, aber sie scheint nicht übermäßig versehen mit Reichthümern, welche seine Freilassung erkaufen dürfte». Da das Gewehr, das er Killdrer") nennt, möchte etwas gelten, und ich höre; es sei ein Pulverfäßchen da, welches allerdings in die Wagschale fiele; aber zwei tüchtige Männer sind doch nicht mit einer Kleinigkeit losznkaufen — zudem —" „Zudem was?" fragte Judith ungeduldig, da sie bemerkte, daß der Andere zauderte fortzufahren, vermuthlich weil er sich scheuste, sie zu beunruhigen. „Ha, Judith, die Franzmänner bieten Preise, eben so wie unsere Partei; und der Preis für zwei Skalpe würde hinreichcn, ein Pulverfäßchen und eine Büchse zu kaufen; obwohl ich nicht sagen will, daß eine solche Büchse ganz so gut sein würde wie Wild- tödter hier, den Euer Vater als ungemein und unerreichbar rühmt. Aber gutes Pulver und eine recht sichere Büchse; und ') Wildtödter. 248 dann sind die rothen Männer nicht die erfahrensten in Feuerwaffen, nnd missen nicht immer den Unterschied zwischen dem zn erkennen was wirklich nnd was Schein ist." „Das ist gräßlich," mnrmeltc das Mädchen, betroffen durch die unbefangene Art, in welcher ihr Genosse seine Thatsachen vorzutragen pflegte. „Aber Ihr vergesst meine Kleider, Wildtödter; nnd die, glaube ich, konnten bei den Weibern dcrJrokesen vielansrichten." „Ohne Zweifel könnten sie, ohne Zweifel könnten sie das, Judith," versetzte der Andere, sic scharf anblickcnd, als wollte er sich vergewissern, ob sie wirklich ein solches Opfer zn bringen im Stande sein würde. „Aber wisst Ihr gewiß, Mädchen, daß Ihr es über's Herz bringen könntet, Euch von Euren schönen Sachen einem solchen Zweck znlieb zn trennen? Mancher Man» hat sich mnthig geglaubt, bis die Gefahr ihm entgegenstarrtc; ich habe auch Solche gekannt, die sich einbildcten, gutmüthig zn sein, und bereit, Alles, was sie hatten, den Armen zn schenken, wenn sie von' anderer Leute Hartherzigkeit hörten, aber deren Hände sich so fest und zäh znsammenballten, wie die gespaltene Hagcnbnchc, wenn es drauf und dran kam, von ihrem Eigenen wirkliche Opfer zn bringen. Zudem, Judith, Ihr seid schön — außerordentlich, dürfte man sagen, ohne der Wahrheit zn nahe zn treten — nnd die, so Schönheit besitzen, hängen auch an dem, was sie zu schmücken dient. Seid Ihr gewiß, daß Jhr's über's Herz bringen könntet, Euch von Euren schönen Sachen zn trennen?" Die begütigende Anspielung auf die persönlichen Reize des Mädchens war wohl angebracht als Gegengewicht gegen die Wirkung des Mißtrauens, das der junge Mann gegen Judiths Eifer in Erfüllung ihrer kindlichen Pflichten blicken ließ. Hätte ein Anderer dasselbe gesagt, was Wildtödter, — das Kompliment wäre vcrmnthlich ganz übersehen morden in der durch jene Zweifel her- vorgernfenen Entrüstung; aber eben die ungeschliffene Aufrichtigkeit, die so oft diesen einfachen Jäger seine innersten Gedanke» enthüllen 249 ließ, hatte einen Reiz für das Mädchen; inid obgleich sie erröthetc, nnd einen Augenblick ihre Angen Flammen sprühten, konnte sie es doch nicht übcr's Herz bringen, einem Menschen wirklich zn zürnen, dessen Seele ganz Wahrheit nnd männliches Wohlwollen schien. Ihre Mienen sprachen allerdings Vorwürfe ans; aber sie unterdrückte die Lust, auch in Worten sie ihn fühlen zn lassen, nnd sie zwang sich glücklich, mild nnd freundlich zu antworten. „Ihr müßt alle Eure günstigen Ansichten für die delawarischen Mädchen anfsparen, Wildtödter, wenn Ihr im Ernst so von denen Eurer eigenen Farbe denkt," sagte sie, sich znm Lachen zwingend. „Aber stellt mich auf die Probe! wenn Ihr findet, daß es mir um Band oder Feder, um Seide oder Monsseline leid thnt, dann mögt Ihr von meinem Herzen denken was Ihr wollt, nnd sagen was Ihr denkt!" „Das ist gerecht! das Seltenste auf Erden zn finden ist ein wahrhaft gerechter Mensch. So sagt Tamennnd, der weiseste Prophet der Delawaren; nnd so müssen Alle denken, die Gelegen- beit haben, die Menschen zn sehen, mit ihnen zu sprechen und unter ihnen zn handeln. Ich liebe einen gerechten Mann, Schlange; seine Angen sind nie mit Dunkel bedeckt gegen seine Feinde, während sie ganz Sonnenschein nnd Glanz sind gegen seine Freunde. Er gebraucht die Vernunft, die ihm Gott gegeben nnd er gebrauchtste mit dem Gefühl, daß er dazu bestimmt nnd verpflichtet ist, die Dinge so anznsehen nnd zn erwägen, wie sie sind, und nicht wie er sie haben möchte. Es ist leicht genug, Menschen zn finden, die sich selbst gerecht nennen; aber es ist außerordentlich selten, solche zn finden, die es in der That nnd Wahrheit sind. Wie oft habe ich Indianer gesehen, Mädchen, die da glaubten, sie hätten Etwas ganz dem Willen des Großen Geistes Angenehmes im Ange, wenn sie in Wahrheit nur beflissen waren, nach ihrem eigenen Willen nnd Vergnügen zn handeln, nnd das gar oft bei einer Versuchung znm Fehltritt, die sie selbst so 250 wenig sehen konnten, als wir durch den Berg dort hindurch den Fluß im nächsten Thal sehen können, obgleich ein von Oben Her- abschanender es so gut hätte sehen können, wie wir die Bärse, die nm diese Hatte herum schwimmen." „Sehr wahr, Wildtödtcr," versetzte Judith, bei der jede Spur von Mißfallen sich in einem strahlenden Lächeln verlor, „sehr wahr; und ich hoffe Euch dieser Liebe zur Gerechtigkeit gemäß handeln zu sehen in allen Dingen, wobei ich bctheiligt bin. Vor Allem hoffe ich: Ihr werdet selbst nrtheilcn, und nicht jede arge Geschichte glauben, die ein geschwätziger Miissiggänger, wie Hnrry Harry, erzählen mag, der darauf ausgeht, den Namen jenes jungen Weibes anzntasten, die vielleicht nicht dieselbe Meinung von seinem Gesicht und seiner Person haben mag, wie der eigenlicbige Prahler selbst." „Hnrry Harry's Idee» gelten bei mir nicht für ei» Evangelium, Judith, aber auch Schlimmere, als er, habe» Augen und Ohren," crwiederte der Andere ernst. „Genug hievon!" rief Judith mit flammendem Auge, und die Röthe stieg ihr bis zu den Schläfen; „und jetzt von meinem Vater und seiner Lösung. Es ist, wie Ihr sagt, Wildtödtcr: die Indianer werden schwerlich ihre Gefangenen herausgcben ohne ein gewichtigeres Lösegeld als meine Kleider und Vaters Büchse und Pulver betragen. Da ist der Schrank." „Ja, da ist der Schrank, wie Ihr sagt, Judith; und wenn es sich handelt um ein Geheimnis; und einen Skalp, so würden, glaube ich, die meisten Menschen lieber den letzter» für sich behalten. Hat Euch je Euer Vater ein bestimmtes Gebot, diesen Schrank betreffend, gegeben?" „Nie. Er schien immer der Ansicht, seine Schlösser und seine stählernen Bänder und seine Stärke seien sein bester Schuh." „Es ist ein rarer Schrank und von ganz merkwürdiger Arbeit," versetzte Wildtödtcr, aufstehend und dem fraglichen Gegenstände näher tretend, auf den er sich setzte, um ihn mit größerer Bequem- 251 lichkeit zu besichtigen. „Chingachgook, das ist kein Holz aus irgend einem Walde, den Ihr oder ich je durchstreift! Es ist nicht vom schwarzen Wallnnßbanm, und doch ist es ganz so hübsch, wo nicht noch hübscher, wäre es nicht von Rauch und schlechter Behandlung entstellt." Der Delaware trat näher, befühlte das Holz, prüfte seine Textur, suchte die Oberfläche mit einem Nagel zu ritzen, und fuhr neugierig mit der Hand über die stählernen Schlosser und die andern ihm neuen Eigenthümlichkeiten des seltsamen Möbels. „Nein — Nichts wie dieses wächst in diesen Gegenden," fuhr Wildtödter fort; „ich habe alle Eiche» gesehen, beide Ahornarten, die Ulmen, die Linden, alle Wallnnßbäume, die Bntternnß- bäume und jeden Baum, der Holz und Farbe hat, in einer oder der andern Gestalt verarbeitet; aber nie früher habe ich ein Holz wie dieses gesehen. Judith, der Schrank selbst würde Eures Vaters Freiheit erkaufen; oder die Neugier der Irokesen ist nicht so groß, wie die der Rothhänte überhaupt, namentlich in Holzsachen." „Der Handel ließe sich vielleicht wohlfeiler schließen, Wildtödter. Der Schrank ist voll, und es wäre doch besser, nur die Hälfte, als Alles hinzugeben. Zudem, Vater — ich weiß nicht warum — aber Vater schätzt den Schrank sehr hoch." „Es scheint fast, er schätzt den Inhalt höher, als den Schrank selbst, nach der Art zu nrtheilen, wie er das Aeußcre behandelt und das Innere verwahrt. Es sind drei Schlösser, Judith; ist kein Schlüssel da?" „Ich habe nie einen gesehen; und doch müssen Schlüssel da sein, da Hetty uns gesagt hat, sie habe den Schrank oft geöffnet gesehen." „Schlüssel liegen so wenig in der Luft oder schwimmen im Wasser, als Menschen, Mädchen; wenn ein Schlüssel da ist, so muß auch ein Platz sein, wo er aufbewahrt ist." 252 „Das ist wahr; und es würde nicht schwer halten, ihn zu finden, wenn wir suchen dürften." „Das ist Eure Sache, Judith; das ist ganz Eure Sache. Der Schrank ist Euer oder Enrcs Vaters; und Hutter ist Euer Vater, nicht der meine. Neugier ist der Weiber, nicht der Männer Schwächez und hier habt Ihr alle Gründe vor Euch. Wenn der Schrank Artikel enthält, welche zum Löscgeld sich eignen, so würde» sie, scheint mir, klüglich dazu verwendet, ihres Besitzers Leben zu erkaufen, oder auch seinen Skalp zu retten; aber das zu bcnrtheilen ist Eure, nicht meine Sache. Wenn der rechtmäßige Eigcnthümer einer Falle oder eines Hirsches, oder eines Canoe's nicht anwesend ist, so wird, wer ihm am nächsten steht, sein Stellvertreter, nach allen Gesetze» der Wälder. Daher überlassen wir Euch die Entscheidung, ob der Schrank geöffnet werden soll oder nicht." „Ihr glaubt doch hoffentlich nicht, ich könnte mich bedenken, wen» meines Vaters Leben in Gefahr schwebt, Wildtödter?" „Nun, es läßt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein tüchtiges Schelten gegen Thränen und Trauern setzen. Es ist nicht ohne Grund zu vermnthen, daß der alte Tom unzufrieden sein werde mit dem, was Ihr gethan, wenn er sich wieder selbst i» seiner Hütte hier sicht; aber es ist nichts Ungewöhnliches, daß die Menschen mit dem nicht einverstanden sind, was zu ihrem eigenen Besten geschehe» ist; ich glaube fast', der Mond selbst würde sich ganz anders ausnehmen, als jetzt, wenn wir ihn von der andern Seite sehen könnten." „Wildtödter, wenn ich den Schlüssel finden kann, will ich Euch ermächtigen, den Schrank zu öffnen und herauszunehmen, was Ihr zu Vaters Loskaufung dienlich glaubt." „Sucht zuerst den Schlüssel, Mädchen, von dem klebrigen wollen wir nachher reden. Schlange, Ihr habt Angen wie eine Fliege, und ein Urtheil, das selten irrt; könnt Ihr uns ersinnen 253 helfen, wo der alte Tom wohl den Schlüssel zu einem Schranke verwahrt halten dürfe, mit dem er so geheim thnt?" Der Delaware hatte an dem Gespräche keinen Anthcil genommen, bis er so geradezu anfgefordert wurde; seht trat er von dem Schranke weg, welcher fortwährend seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, und sah sich um nach dem Orte, wo unter den vorliegenden Verhältnissen denkbarer Weise der Schlüssel verwahrt sein dürfte. Judith und Wildtödter waren inzwischen auch nicht müssig, und so waren bald alle Drei mit lebhaftem und ängstlichem Suchen beschäftigt, da es gewiß war, daß der gewünschte Schlüssel nicht in einer der gewöhnlichen Schubladen oder Fächer, deren mehrere in dem Gebäude waren, sich finden würde, sah in diesen Niemand nach, sondern Alle wandte» sich solchen Orten zu, die ihnen als sinnreiche Verstcckplätze anffiele», deren man sich zu solchem Behnse leicht bedienen könnte. So ward das äußere Gemach sorgfältig aber fruchtlos durchsucht, worauf sie sich in Hntter's Schlafzimmer begaben. Dieser Theil des rohen Gebäudes war besser eingerichtet als das klebrige; er enthielt manche Artikel, welche besonders zum Gebrauch der verstorbenen Frau des Besipers gedient hatten; aber da Judith alle übrigen Schlüssel hatte, war es auch bald dnrchstöbert, ohne daß der gewünschte Schlüssel an's Licht gekommen wäre. Jeyt traten sie in das Schlafgemach der Töchter. Dem Chin- gachgvok fiel sogleich der Kontrast zwischen den Artikel» und der Anordnung ans der Seite des Gemaches, die man die Judiths nennen konnte, und ans der Hetty angehvrigen ans. Ein leiser. Ausruf entschlüpfte ihm, und nach den verschiedenen Richtungen hin deutend, machte er mit leiser Stimme ans diesen Umstand aufmerksam, zu seinem Freunde in der Delawarcnsprachc redend. „Wie Ihr denkt, Schlange," antwortete Wildtödter, von dessen, in Delawarensprache geäußerten, Bemerkungen wir so viel als möglich die cigenthümlichc Ausdrncksweise des Mannes beiznbehal- 256 teil suchen. „Es ist richtig so, wie Jeder sehen kann; nnd das ist Alles in der Natnr gegründet. Eine Schwester liebt schone Sachen — übermäßig, wie Manche behaupten; während die Andere so saust nnd demüthig ist, wie Gott nur je die Güte nnd Wahrheit selbst erschuf. Doch glaube ich am Ende, daß auch Judith ihre Tugenden und Hetty ihre Fehler hat." „Und die,Geistschwachc" hat den Schrank offen gesehen?" erkundigte sich Chingachgook, forschende Neugier in seinen Blicken. „Gewiß; das Hab' ich ans ihrem eigene» Munde gehört, nnd Ihr auch. Es scheint, ihr Vater mißtraut ihrer Verschwiegenheit nicht, vbschon vielleicht der seiner, altern Tochter." „Dann ist wohl der Schlüssel nur vor der Wilden Rose versteckt?" Denn so hatte der galante Chingachgook Judith in seinen Gesprächen mit seinem Freund allein zu nennen angefangen. „Das ist's. Das ist's gerade! Der Einen traut er, und der Andern nicht. Da ist weiß nnd roth, Schlange; alle Stämme nnd Nationen kommen darin überein, daß sie Manchen trauen, nnd Manchen ihr Vertrauen versagen. Es kommt auf Charakter und Urtheil an." „Wo könnte ein Schlüssel versteckt werden, daß die Wilde Rose ihn gewiß nicht fände, wo eher als unter groben Kleidern?" Wildtödter stutzte, wandte sich gegen seinen Freund, Bewunderung in jedem Zuge seines Gesichts sich malend, nnd lachte recht in seiner stillen aber herzlichen Weise über das Sinnreiche nnd Rasche dieser Vermnthnng. „Euer Name ist wohl angelegt! Schlange — ja, er ist wohl angelegt! Ganz gewiß! wo sollte eine Liebhaberin von schönen Putzsachcn so wenig nachsnchen, als unter so groben nnd unscheinbaren Kleidern, wie die der armen Hetty sind? Ich glaube, Judiths zarte Finger haben nie ein Fleckchen so grobes und unschönes Tuch angerührt, wie das an diesem Unterrock, seit sie zuerst mit den Offizieren Bekanntschaft machte! Ja, wer weiß? der 255 Schlüssel dürste ebensogut gerade an diesem Pflock zu finden sein, als sonst an einem Platze. Nehmt das Kleidungsstück weg, Delaware, und laßt uns sehen, ob Ihr wirklich ein Prophet seid." Chingachgook that, wie er geheißen ward, aber kein Schlüssel fand sich. Eine plumpe, dem Anschein nach leere Tasche hing an dem nächsten Pflocke »nd ward sofort untersucht. Mittlerweile war auch Judiths Aufmerksamkeit nach dieser Richtung gezogen worden, und sie ließ sich mit Hast vernehmen, als wünschte sie unnöthige Mühe zu ersparen. „Das sind nur die Kleider Hetty's, des guten, einfältigen Mädchens!" sagte sie. „Was wir suchen, ist wohl schwerlich hier zu finden!" Kaum waren diese Worte über den schönen Mund der Sprecherin gekommen, als Chingachgook den gewünschten Schlüssel ans der Tasche zog. Judith besaß einen zu schnellen Verstand, um nicht sogleich den Grund zu errathen, warum ein so einfacher »nd leicht zu findender Versteck war gewählt worden. Das Blut schoß ihr in's Gesicht, vielleicht ebensosehr ans Verdruß, als ans Scham, und sie biß sich in die Lippe, blieb aber stumm. Wild- tödter und sein Freund bewährten jetzt das Zartgefühl von Männern von natürlich feinem Sinn, indem sie weder lächelten, noch auch nur durch einen Blick verriethen, wie gut sie die Beweggründe und das Schlaue dieser sinnreichen List verstanden. Der Erstere,, der dem Indianer den Schlüssel abgenommen, trat jetzt in das anstoßende Gemach, versuchte ihn an einem Schloß, und j versicherte sich, daß wirklich das rechte Instrument gefunden sei. Es waren drei Vorlegeschlösser, die aber alle drei leicht mit dem einen Schlüssel geöffnet wurden. Wildtödter nahm sie alle ab, machte die Haspen los, hob de» Deckel ein wenig auf, um sich zu versichern, daß der Schrank anfgehc, und trat dann einige Schritte davon zurück, seinem Freunde winkend, ihm zu folgen. „Das ist ein Familienschrank, Judith," sagte er, „und enthält 256 vermuthlich Familiengehcimnissc. Die Schlange und ich wollen in die Arche gehen, und nach de» Canoe's, den Rudern und Schaufeln sehen, während Ihr sie allein untersucht, und znseht, ob unter den Artikeln darin sich Etwas findet, was bei einem Lösegeld von Gewicht sein kann, oder nicht. Wenn Ihr fertig seid, ruft uns, und dann wollen wir in einem Rath znsammensipen über den Werth der Artikel." „Halt, Wildtödter!" ries das Mädchen, als er im Begriffe mar, sich zu entfernen; „nicht einen Gegenstand rühre ich an — nicht einmal den Deckel hebe ich ans — wenn Ihr nicht dabei gegenwärtig seid. Vater und Hetty haben für gut befunden, ans dem Inhalt dieses Schrankes mir ein Geheimnis; zu machen, und ich bin viel zu stolz, ihre geheimen Schätze erspähen und durchsuchen zu wollen, wenn es nicht um ihres eigenen Besten willen wäre. Aber in keinem Falle will ich den Schrank allein öffnen. So bleibt denn bei mir; ich will Zeugen haben bei dem, was ich thne." „Ich denke fast, Schlange, das Mädchen hat recht. Vertrauen und guter Glaube erzeugen Sicherheit, aber Argwohn macht uns leicht Alle tückisch. Judith hat das Recht, unsere Gegenwart zn verlangen; und sollte der Schrank Geheimnisse von Meister Hutter enthalten, so kommen die in den Besitz von zwei jungen Männern von so verschlossenem Munde, als nur in der Welt zn .finden sind. Wir wollen bei Euch bleiben, Judith; aber zuerst laßt uns eine» Blick ans die See und in die Küste werfen, denn dieser Schrank ist wohl nicht in einer Minute geleert!" Die beiden Männer begaben sich jetzt ans die Platform, und Wildtödter durchmusterte die Küste mit dem Fernglas, während der Indianer sein Auge ernst ans den Wassern und Wäldern nm- herschmeifen ließ, um ein Zeichen zn suchen, das ihm die Anschläge ihrer Feinde vcrricthe. Nichts war z» sehen; und beruhigt für den Augenblick wegen ihrer Sicherheit, versammelte» sich die Drei wieder nm den Schrank, mit der erklärten Absicht, ihn zn öffnen. Judith hatte, so weit sie znrückdcnken konnte, vor diesem Schrank und seinem Inhalt eine Art Ehrfurcht gehabt. Weder ihr Vater noch ihre Mutter redeten je in ihrer Anwesenheit davon; und cs schien eine Art stillschweigender Verabredung zu sein, daß bei Bezeichnung der verschiedenen Gegenstände, die gelegentlich in seiner Nähe standen, oder selbst ans seinem Deckel lagen, jede Nennung des Schrankes selbst sorgfältig vermieden werde. Durch Gewohnheit war dies; so leicht und so geläufig und natürlich geworden, daß erst in ganz neuester Zeit das Mädchen über diesen seltsamen Umstand nachzndenken angcfangcn hatte. Aber cs hatte nie zwischen Hutter und seiner älter» Tochter ein so inniges Verhältnis; bestanden, daß dadurch Vertrauen wäre geweckt worden. Zn Zeiten war er freundlich, aber in der Regel, gegen sie besonders, finster und mürrisch. Am allerwenigsten hatte er seine Autorität in solcher Art geübt, daß sein Kind hätte den Mnth gehabt, die Freiheit, zu der sie jetzt entschlossen war, sich heranszunchmen ohne große Besorgnis; wegen der Folgen, obgleich sie den kecken Entschluß nur faßte in Kraft des Wunsches, ihm zu dienen. Und dann war Judith auch nicht frei von einem kleinen Aberglauben in Betreff dieses Schrankes, der von Kindheit an bis auf diese Stunde als eine Art Reliquie vor ihren Angen gestanden. Dennoch war die Zeit gekommen, wo, so schic» es, dies; Mysterium sich aufklären sollte, und das unter Umständen, die ihr in der Sache sehr wenig Wahl ließen. Da Judith sah, daß ihre beiden Genossen ihre Bewegungen in ernstem Schweigen beobachteten, legte sie die Hand an den Deckel und suchte ihn anfzuheben. Ihre Kraft reichte jedoch nicht zu, und es dünkte das Mädchen, das wohl wußte, daß alle Schlosser und Bande weg waren, als widersetzte sich ihr eine übernatürliche Macht bei einem unheiligen Beginnen. „Ich kann den Deckel nicht anfheben, Wildtödter," sagte sie. „Thäten mir nicht besser, den Versuch aufzugeben und 'auf andere Mittel zur Befreiung der Gefangenen zu denken?" Der Wildtödter. 17 258 „Nicht so, Judith; nicht so, Mädchen. Kein Mittel ist so sicher und leicht, als eine gute Bestechung," versetzte der Andere. „Was den Deckel betrifft, so wird der von nichts gehalten, als von seiner eigenen Schwere, die wunderbar ist für ein so kleines, zwar mit Eisen so stark beschlagenes Stück Holz." Mit diesen Worten versuchte Wildtödter auch seine Kraft an der Aufgabe, und cs gelang ihm, den Deckel gegen das Gebälkc des Hauses anfznheben, wo er ihn mittelst einer hinlängliche» Stütze sorgfältig befestigte. Judith zitterte ordentlich, als sie den ersten Blick ans das Innere warf; und sie empfand für den Augenblick einige Beruhigung, als sic sah, daß ein am Rande sorgfältig hineingestepptes Stück Leinwand Alles, was darunter war, gänzlich verbarg. Der Schrank war indessen allem Anschein nach wohl angefüllt, denn die Leinwand war kaum einen Zoll vom Deckel entfernt. „Hier ist eine volle Ladung," sagte Wildtödter, den wohlgepackten Schrank betrachtend, „und wir thnn wohl, gemächlich und ordentlich zu Werke zu gehen. Schlange, bringt einige Stühle, während ich dies; Tuch ans den Boden breite, und dann wollen wir das Werk ordentlich und behaglich angreifen." - Der Delaware gehorchte; Wildtödter stellte höflich Judith einen Stuhl hin, nahm selbst einen, und fing an, die verhüllende Leinwand zu entfernen. Er that dicß mit gutem Bedacht und mit solcher Vorsicht, als ob man Gegenstände von zerbrechlichster Art und feinster Arbeit darunter verborgen geglaubt hätte. Als die Leinwand weggenommen war, waren die ersten Gegenstände, die sich zeigten, einige männliche Kleidungsstücke. Diese waren von feinen Stoffen, und nack der Mode jener Zeiten von lebhaften Farben und mit reichen Verzierungen. Ein Rock insbesondere war von Scharlach, und hatte mit Goldfaden genähte Knopflöcher. Doch war er nicht militärisch, sondern gehörte znm Anzug eines höheren Civilistcn in einer Periode, wo der Rang in der Gesellschaft noch streng auch in der Kleidung beachtet wurde. Chingachgook 259 konnte einen Ansruf des Wohlgefallens nicht unterdrücken, als Wildtödtcr diesen Nock auseinandcrlegte und ihn znm Anscheinen «mporhvb; denn trotz seiner anerzogencn Selbstbeherrschung war doch der Glanz dieses Kleidungsstückes zu viel für die Philosophie eines Indianers. Wildtödtcr wandte sich rasch um, und sah seinen Freund mit einem vorübergehenden Mißfallen an, als dieser Ausbruch von Schwäche ihm entschlüpfte; dann sprach er vor stctz hin, wie seine Gewohnheit war, so oft ein lebhaftes Gefühl sich seiner plötzlich bemächtigte. „Es ist seine Gabe so! —ja, es ist die Gabe einer Rothhant, schöne Pntzsachen zu lieben, und er ist darum nicht zu tadeln. Es ist auch ein außerordentliches Kleidungsstück, und außerordentliche Sachen erzeugen außerordentliche Gefühle. Ich denke, das wird's thun, Judith, denn das indianische Herz ist schwerlich zu finden in ganz Amerika, das Farben wie diese, und einem Schimmer wie dieser widersteht. Wenn dieser Rock je für Euren Vater gemacht wurde, so habt Ihr Euren Geschmack an schönen Pntzsachen redlich und ehrlich überkommen — ja, das habt Ihr!" „Dieser Rock ist nie für Vater gemacht worden," antwortete das Mädchen rasch; „er ist viel zu lang, denn mein Vater ist klein und vierschrötig." „Tuch war genug da, wenn es so war, und Flitterstaat wohlfeil," antwortete Wildtödtcr mit seinem stillen, fröhlichen Lachen. „Schlange, dieß Kleid war gemacht für einen Mann von Eurem Wuchs, und ich möchte es wohl auf Euren Schultern sehen." Chingachgook nicht faul, willigte in die Probe; er warf die grobe, fadenscheinige Jacke Hutters weg, um seine Person mit einem Rock zu schmücken, der ursprünglich für einen Gentleman bestimmt war. Die Verwandlung war komisch; aber wie den Menschen selten Lächerlichkeiten in ihrer eigenen äußern Erscheinung anffallen, so wenig als in ihrer Handlungsweise, beschaute der Delaware diese seine Metamorphose in einem gemeinen Spiegel, 17 * 260 vor welchem Hutter sich zu rasircn pflegte, mit ernstem Interesse. In diesem Augenblick dachte er au Hist, und wir sind der Wahrheit schuldig, zu gestehen, obgleich es ein wenig mit dem strenge» Charakter des Kriegers streiten mag, daß er wünschte, von ihr in seiner jetzigen, so vortheilhaften Gestalt gesehen werden zu können. „Herunter damit, Schlange — herunter damit," begann jetzt der unbeugsame Wildtödter; „solche Kleider stehen Euch so wenig an, als sie mir anstehcn wurden; Eure Gaben sind für Bemalung und Falkcnfedern, und wollene Decken und Wampums, und die meinigcn sind für Wämser von Häuten, zähe Beinkleider und tüchtige Mokasins. Ich sage Mvkasins, Jndith; denn obgleich weiß, muß ich doch, in den Wäldern lebend, wie ich pflege, nothwendig um der Bequemlichkeit und Wohlfeilheit willen einige Gebräuche der Wälder annchmen." „Ich sehe keinen Grund, Wildtödter, warum ein Mann nicht so gut einen Scharlachrock tragen sollte, als der Andere," versetzte das Mädchen. „Ich wollte, ich könnte Euch in diesem schönen Kleide sehen!" „Mich in einem Nock sehen, der für einen Lord recht wäre! Nun, Jndith, wenn Ihr diese» Tag abwarten wollt, so müßt Ihr warten, bis Ihr mich des Verstandes und des Gedächtnisses ledig seht. Nein — nein — Mädchen, meine Gaben sind meine Gaben, und ich will bei ihnen leben und sterben, sollte ich auch nie wieder ein Wild fällen oder einen Salinen spießen. Was habe ich gethan, daß Jhrwünscht, m i ch in einem so flunkernden Rock zu sehen, Jndith ?" „Ich meine eben, Wildtödter, die falschzüngigen und falschherzigen jungen galanten Herren von der Garnison sollten nicht allein in schönen Federn stolzircn; sondern Wahrheit und Redlichkeit hätten auch ihre Ansprüche ans Ehre und Auszeichnung." „Und welche Auszeichnung würde es für mich sein, Jndith, geschniegelt und bescharlacht zu werden, wie ein Mingohänptling,- der eben seine Präsente von Quebeck erhalten hat? Nein — nein 261 — ich bin wohl, wie ich bin; und wenn nicht, so kann ich nicht besser werden. Legt den Nock ans die Decke, Schlange, und laßt uns weiter im Schranke Nachsehen." Das verlockende Kleidungsstück — das sicherlich nie für Hutter gefertigt ward — wurde bei Seite gelegt und die Untersuchung fortgesetzt. Der männliche Anzug, dessen einzelne Bestandtheile sämmtlich in ihrer Beschaffenheit dem Nocke entsprachen, war bald erschöpft,' und dann folgten weibliche. Ein schöner Anzug von Brokat, der dnrch nachlässlge Behandlung etwas gelitten, folgte; und dießmal entschlüpften offene Ausrufe des Entzückens Judiths Munde. So sehr das Mädchen auf schönen Anzug hielt, und so günstige Gelegenheit sie gehabt hatte, manche kleine Ansprüche auf diesem Felde zu sehen bei den Frauen der verschiedenen Kommandanten und andern Damen der Forts, so hatte sie doch noch nie zuvor ein Gewebe oder Farben geschaut, welche sich mit dem messen konnten, was jetzt so unerwartet ihrem Auge sich darbot. Ihr Entzücken war beinahe kindisch; auch wollte sie die Untersuchung nicht fortsetzen lassen, che sie sich mit einem Gewände bekleidet hätte, das so wenig mit ihren Lebensgcwohnheiten und ihrem Aufenthaltsort zusammcnstimmte. Zn diesem Behnfe begab sie sich in ihr eigenes Gemach, wo sie mit ihren in solchem Geschäft geübten Händen bald ihren säubern Linnenrock ablegte und in den buntern und prächtigen Farben des Brokats dastand. Der Anzug paßte zufällig für die schöne, volle Person Judiths, und gewiß hatte'er nie ein Wesen geschmückt, das durch natürliche Gaben mehr geeignet gewesen wäre, seinen wahrhaft prächtigen Farben und der schönen Weberei Ehre zu machen. Als sie znrückkam, standen Wildtödter und Chingachgook, welche die kurze Zeit ihrer Abwesenheit benutzt hatten, die männlichen Kleidungsstücke nochmals zu beschauen, mit Erstaunen auf, und Beide machten ihrer Bewunderung und ihrem Wohlgefallen in Ausrufungen von so unzweideutiger Art Luft, daß dadurch die Augen Judiths neuen Glanz 262 gewannen, indem ihre Wangen von der Glnt des Trinmphs flammten. Sich jedoch die Miene gebend, den Eindruck, den sie gemacht, nicht zu bemerken, setzte sich das Mädchen mit dem stattlichen Anstand einer Königin nieder, und verlangte, daß man den Inhalt des Schrankes weiter untersuche. „Ich weiß kein besseres Mittel, mit den Mingo's zu unterhandeln, Mädchen," rief Wildtödter, „als Euch, wie Ihr seid, an's Land zu schicken und ihnen zn sagen, eine Königin sei unter ihnen angekommen! Bei einem solchen Schauspiel werden sie den alten Hutter, und Hnrry und Hetty dazu ansliefern!" „Ich glaubte Eure Zunge zn ehrlich zum Schmeicheln, Wildtödter," versetzte das Mädchen, der diese Bewunderung größere Freude machte, als sie hätte gestehen mögen. „Einer der Hauptgründe meiner Achtung für Euch war Eure Liebe zur Wahrheit?" „Und cs ist Wahrheit, und ernste Wahrheit, Judith, und nichts Anderes. Nie schauten meine Augen ein so prächtig aussehendes Geschöpf, als Ihr in diesem Augenblick seid! Ich habe zu meiner Zeit auch Schönheiten gesehen, beides, weiße und rothe, und sie waren besprochen und gepriesen nah und fern; aber nie habe ich eine gesehen, die irgend einen Vergleich anshalten konnte mit dem, was Ihr in diesem gesegneten Augenblick seid, Judith; nie!" Der Blick des Entzückens, den das Mädchen dem freimüthigen Jäger zuwarf, verminderte in keiner Weise den Eindruck ihrer Reize; und da die feuchten Augen dazu noch einen Ausdruck von Rührbarkeit uud Gefühl gesellten, erschien vielleicht Judith nie wahrhaft liebenswürdiger, als in diesem ,gesegneten Augenblicke', wie der junge Mann sich ausgedrückt hatte. Er schüttelte den Kopf, hielt ihn einen Augenblick über den offenen Schrank hingebeugt, wie Einer, der im Zweifel ist, und fuhr dann mit der Untersuchung fort. Einige kleinere Bestandtheile des weiblichen Anzuges kamen, jetzt, alle von einer Beschaffenheit, die dem Kleide entsprach. Diese 263 wurden stillschweigend Judith zu Füßen gelegt, als hätte sie ein natürliches Recht ans ihren Besitz. Ein paar davon, wie Handschuhe oder Spitzen, nahm das Mädchen ans, nnd fügte sie ihrem schon so prächtigen Anzug bei, anscheinend mir wie znm Spiel, in der That aber in der Absicht, ihre Person so herauszupntzen, wie mir immer die Umstände erlaubten. Nachdem diese beiden auffallenden Anzüge, .ein Männlein und ein Fräulein', so zu sagen, weggenommen waren, trennte wieder eine Leinwanddecke die übrigen Artikel von dem Theil des Schrankes, den jene eingenommen. Sobald Wildtödter diese Einrichtung bemerkte, hielt er inne, zweifelnd, ob es angemcffcn sei, weiter fvrtznfahren. „Jeder Mensch hat seine Geheimnisse, glaube ich," sagte er; „nnd alle Menschen haben ein Recht, sich des ihrige» zu erfreuen; wir sind weit genug i» diesem Schranke hiuabgekommen, um, meiner Ansicht nach, unfern Wünschen und Bedürfnissen Genüge zu leisten; und es scheint mir, wir thäten gut, nicht weiter zu gehen, und dem Meister Hutter allein und seinen Gefühlen Alles unter dieser Decke zu überlassen." „Ihr meint also, Wildtödter, man solle den Irokesen diese Kleider anbieteu als Lösegeld?" fragte Judith rasch. „Gewiß, warum sonst durchstöbern wir eines Andern Schrank, als um dem Eigcnthümer die besten Dienste nach unser» Kräften zu leisten? Dieser Rock allein würde ganz geeignet sein, den Häuptling der Gewürme zu gewinnen! nnd wenn zufällig sein Weib'oder seine Tochter mit ihm ansgezogen sein sollte, würde dies; Kleid das Herz jedes Weibes zwischen Albany und Montreal erweichen. Ich sehe nicht, wozu wir eines weitern Handelsvor- raths bedürften, als diese zwei Artikel." „Euch mag cs so erscheinen, Wildtödter," erwiederte das betroffene Mädchen; „aber von welchem Nutzen wäre ein Anzug wie dieser für eine Indianerin? Sie könnte ihn nicht tragen unter den Zweigen der Bäume; der Schmutz und Ranch des Wigwam 264 würde ihn bald verderben; und wie würde sich ein Paar rother Arme ausnehmen, durch diese kurzen, spitzenbcsetzten Ermel geschoben!" „Alles ganz wahr, Mädchen, und Ihr könntet fortfahrcn und sagen, er sei ganz außer Zeit und Ort und Klima in dieser Gegend überhaupt. Was geht es uns an, wie mit den schönen Sachen umgegange» wird, wenn sie nur unser» Wünschen zur Erfüllung verhelfen? Ich sehe nicht ein, welchen Gebrauch Euer Vater von solchen Kleidern machen will; und cs ist ein Glück, daß er Sachen hat, die für ihn werthlos, für Andere einen hohen Preis haben. Wir können keinen bessern Handel für ihn schließen, als diesen Tand für seine Freiheit zu bieten. Wir werfen das leichte Flitterzeug dazu, und bekommen dann Hnrry in Kauf." „So denkt Ihr also nicht, Wildtödter, daß Thomas Hutter Jemand in seiner Familie habe — ein Kind — eine Tochter, der dieser Anzug nach billigem Ermessen wohl ansteht, und die darin dann und wann, wäre es auch nur nach langen Zwischenräumen und nur zum Scherz zu sehen, Ihr selbst wünschen könntet?" „Ich verstehe Euch, Judith — ja, jetzt verstehe ich Eure Meinung, und ich glaube, ich darf auch sagen: Eure Wünsche. Daß Ihr in diesem Anzug so prächtig seid, wie die auf- oder untergehende Sonne an einem Octobertag, gebe ich gerne zu; und daß Ihr ihm herrlich ansteht, ist um ein gut Theil gewisser, als daß er Euch an- und zusteht. Es sind Gaben in den Kleidern, wie in andern Dingen. Nun glaube ich nicht, daß ein Krieger auf seinem ersten Kriegspfad dieselben entsetzlichen Bemalungen annehmen darf, wie ein Häuptling, dessen Tugend erprobt ist, und der aus Erfahrung weiß, daß er seinen Ansprüchen keine Schande machen wird. So ist es mit uns Allen, Rothen oder Weißen. Ihr seid Thomas Hutters Tochter, und dieß Wciberkleid ward gemacht für das Kind irgend eines Gouverneurs, oder für eine Dame von hohem Stand; und es sollte getragen werden in Häu-- fern mit schöner Einrichtung und in vornehmer Gesellschaft. In 265 meinen Augen, Judith, steht einem sittsamen Mädchen nichts besser, als wenn sie anständig gekleidet ist, und nichts ist passend, was dem ganzen Wesen und Charakter widerspricht. Zudem, Mädchen, wenn ein Geschöpf in der Kolonie ist, das ganz der schönen Sachen entbehren und auf sein gutes Aussehen und holdes Gesicht vertrauen kann, so seid Ihr es." „Ich will den Plunder im Augenblick ansziehen, Wildtödter," rief das Mädchen und sprang auf, um das Zimmer zu verlassen, „und nie wünsche ich ihn wieder an einem menschlichen Wesen zu sehen." „So ist cs bei ihnen Allen, Schlange," sagte der Andere, sich zu seinem Freunde kehrend und lachend, sobald die Schöne verschwunden war. „Sie haben eine Freude an Pnhsachen, aber an ihren angeborenen Reizen die größte. Ich bin jedoch froh, daß das Mädchen eingewilligt, ihren Staat wieder abznlegen, denn es ist gegen die Vernunft für eine von ihrer Klasse, ihn zu tragen; und dann ist sie hübsch genug, wie ich es nenne, um so herum- zulaufcn. Hist würde sich auch ganz absonderlich ansnehmen in einem solchen Weiberrock, Delaware!" „Wah-ta!-wah ist ein Rothhautmädche», Wildtödter," versetzte der Indianer; „wie die Jungen der Taube, erkennt man sie an ihren eigenen Federn. Ich würde an ihr, ohne sie zu kennen, Vorbeigehen, wäre sie in eine solche Haut gekleidet. Es ist immer das Weiseste, so gekleidet zu sein, daß unsere Freunde uns nicht nach unserm Namen zu fragen brauchen. Die Wilde Rose ist sehr stattlich, aber sie ist nicht holdseliger mit diesen vielen Farben." „Das ist's! Das ist Natur, und die wahre Grundlage für Liebe und Schutz. Wenn ein Mann anhält, um eine wilde Stachelbeere zu pflücken, so erwartet er nicht, eine Melone zu finden, und wenn er eine Melone brechen möchte, so verdrießt cs ihn, wenn es ein Kürbis ist, obwohl Kürbisse oft für das Auge 266 herrlicher sind, als Melonen. Das ist es, und cs bedenket: bleibt bei Euren Gabe» und Eure Gaben werden bei Euch bleiben!" Die beiden Männer hatten jetzt eine kleine Erörterung mit einander, ob es geeignet sei, noch tiefer in den Schrank Hutters cinzndringcn, als Judith, ihres Prachtgewandcs entkleidet, in ihrem einfachen Linncnkleide wieder erschien. „Dank Euch, Jndith," sagte Wildtödter, sie freundlich bei der Hand fassend; „denn ich weiß, es ging ein wenig gegen die natürlichen Wünsche des Weibes, so viel schöne Sachen gleichsam wie einen Haufen Plunder wcgznwerfcn. Aber Ihr seid dem Auge lieblicher, wie Ihr dasteht, ja gewiß, als wenn Ihr eine Krone ans dem Haupt und Juwele» um's Haar bammeln hättet. Die Frage ist jetzt, ob man diese Decke anfheben soll, um zu sehen, was in der That der beste Handel wäre, den wir für Meister Hutter machen konnten; denn wir müssen so handeln, wie wir denken, daß er handeln würde, stände er an unserer Stelle." Judith sah sehr vergnügt ans. Gewohnt an Schmeichelei, wie sie war, hatte ihr die bescheidene Huldigung Wildtödters mehr- wahre Genngthnung und Freude gewährt, als sie noch je bei den Worten ans dem Munde eines Mannes empfunden hatte. Es waren nicht die Ausdrücke, worein die Bewunderung gekleidet war, denn diese waren einfach genug - was einen so lebhaften Eindruck machte; auch nicht ihre Neuheit oder Wärme, noch sonst eine der Eigenthümlichkeiten, welche einer Lobpreisung gewöhnlich Werth verleihen, sondern die nngeirrte Wahrhaftigkeit des Redenden, die seine Worte so unmittelbar airs Herz der Hörenden dringen machte. Dies; ist einer der großen Vortheile der Geradheit und Freimüthig- keit. Der schlaue, gewohnheitsmäßige Schmeichler mag seine Absichten so lange erreichen, bis seine Künste gegen ihn selbst znrück- springcn, und wie andre Süßigkeiten, die von ihm gebotene Nahrung durch Uebermaaß anekelt; aber wer ehrlich und offen handelt, wenn er auch oft anstößt, besitzt eine Macht zu loben, die keine andere 267 Eigenschaft als die Aufrichtigkeit gewährt, weil seine Worte geradezu an's Herz dringen, nnd ihre Unterstützung im Verstände finden. So war cs bei Wildtödter nnd Judith; so bald nnd so tief erfüllte dieser einfache Jäger Alle, die ihn kannten, mit der Ueberzcugnng von seiner nnbengsamen Redlichkeit, das; Alles, was er lobend äußerte, ebenso gewiß Freude machte, als Alles, was er tadelnd nnd als Vorwurf äußerte, gewiß da tief einschneiden nnd Feindschaft erwecken mußte, wo sein Charakter nicht schon Achtung und Neigung ihm gewonnen hatte, die seinen Tadel in anderem Sinne schmerzhaft und empfindlich machten. Im späten; Leben, als die Laufbahn dieses ungebildeten und nnverkünstelten Menschen ihn in Berührung brachte mit Offizieren von hohem Rang, nnd Andern, die mit der Sorge für die Interessen des Staats betraut waren, übte er denselben Einfluß aus einem weiteren Feld; selbst Generale hörten seine Lobsprüche mit einem Anflug von hoher Freude, welche in ihnen hcrvorznrnfen nicht immer in der Macht ihrer officicllen Obern stand. Vielleicht war Judith das erste Individuum von seiner Farbe, das sich diesen natürliche» Folgen der Wahrheitsliebe nnd Geradheit von Seiten Wildtödtcrs entschieden unterwarf. Sic hatte wirklich nach seinem Lobe geschmachtet, und jetzt hatte sie es geerntet, und das in der Form, wie es ihrer Schwäche nnd ihrer Denkungsart am angenehmsten war. Das Ergcbniß davon wird sich im Laufe dieser Erzählung zeigen. „Wenn wir wüßten, was Alles dieser Schrank enthält, Wild- tvdters" versetzte das Mädchen, als sie sich ein wenig erholt hatte von der augenblicklichen Wirkung seiner Lobsprüche ans ihre persönliche Erscheinung, „könnten wir besser entscheiden, welches Verfahren wir einschlagen sollen." „Das ist nicht ohne Grund, Mädchen, obgleich es mehr eine Bleichgesichts- als eine Rothhauts-Gabe ist, anderer Leute Geheimnisse zu durchspähen " „Neugier ist natürlich, und es läßt sich erwarten, daß alle 268 menschliche Wese» menschliche Fehler haben. So oft ich bei den Garnisonen gewesen bin, habe ich gefunden, das; die Meisten dort und rings herum Verlangen trugen, ihres Nächsten Geheimnisse zu erspähen." „Ja, nnd manchmal sie zu crrathen oder zu erdichten, wenn sie sie nicht entdecken konnten. Das ist der Unterschied zwischen einem indianischen nnd einem weißen Gentleman. Die Schlange hier wurde den Kopf ans die Seite wenden, wenn er bemerkte, das; er unabsichtlich in eines andern Häuptlings Wigwam hineinsehe; während in den Ansiedlnngen, wo Alle vornehme Leute sein wollen, die Meisten beweise», daß sie besser als Andere seien, durch die Art, wie sie über diese und ihre Angelegenheiten schwatze». Ich stehe dafür, Judith, Ihr brächtet die Schlange hier nicht dazu, zu gestehen, es sei ein Anderer in seinem Stamme um so viel großer als er, das; er der Gegenstand seiner Gedanken'würde, Und er seine Zunge gebrauchte zu Gesprächen über sein Thun nnd Treiben, sein Gehen und Stehen, sein Essen nnd Trinken, und all' die andern kleinen Sachen, die einen Menschen beschäftigen, wenn er nicht mit seinen größeren Pflichten zu thnn hat. Wer das thut, ist nicht viel besser als ein ausgemachter Spitzbube, und wer Einen dazu aufmnntcrt, ist so ziemlich von derselben Gattung, trage er so schöne Röcke, als er will, und von Farben, wie sie ihm gefallen." „Aber das ist keines andern Mannes Wigwam; es gehört meinem Vater; es sind seine Sachen, die man zu seinem Besten verwendet nnd bedarf." „Das ist wahr, Mädchen, das ist wahr, und es ist nicht ohne Gewicht. Nun gut, wenn Alles vor uns liegt, können wir in der That am besten entscheiden, was wir als Lösegeld anbieten, was zurückbehalten sollen." Judith war in ihren Gefühlen nicht ganz so uneigennützig, als sie sich die Miene gab. Sie erinnerte sich, das; die Neugierde Hetty's in Bezug auf diesen Schrank war befriedigt worden, 269 während die ihrige unberücksichtigt blieb, und es war ihr nicht leid, eine Gelegenheit zn bekommen, in diesem Einen Punkt sich ihrer minder begabten Schwester glcichznstellen. Da es schien, als seien Alle darüber einverstanden, die Untersuchung des Inhalts des Schrankes solle weiter fortgesetzt werden, »lackte sich Wild- tödter daran, die zweite Leinwanddecke zn entfernen. Die zn oberst liegenden Artikel, nachdem der Vorhang wieder von den Geheimnissen des Schrankes weggezogen mar, waren ein Paar Pistolen, sehr schön mit Silber eingelegt. Ihr Werth würde in einer der Städte ansehnlich gewesen sein, obgleich sie für die Wälder eine Art selten gebrauchter Waffe» waren, ja, nie wurden sie eigentlich gebraucht, außer etwa von einem Offizier ans Europa, der die Kolonien besuchte, wie damals manche zn thnn pflegten, und der so erfüllt war von der Vortrefflichkeit der Sitten und Gebräuche von London, daß er meinte, er dürfe sich auch aus der Gränzc Amerika's nicht bei Seite legen. Was bei der Auffindung dieser Waffen sich zntrng, wird im nächsten Kapitel kund werden. Dreizehntes Kapitel. Ein Eichenlehnstuhl, zerbrochen gar; Ein Leuchter, seiner Handhabe baar; Ein esckencS Bett aus der Rumpelkammer; Ein Koffer ohne Schloß und Klammer; Eine Beißzange, die nicht mehr packt; ' Ein Degen, die Spitze abgehackt; Eine Schüssel, wohl lecker gefüllt, als noch ganz; Ein Ovid, sammt alter Konkordanz. Swift's Inventar. Sobald Wildtvdter die Pistolen aufgehoben, wandte er sich gegen den Delaware» und hielt sic ihm hi», sie zn bewundern. „Kind's Gewehr," sagte die Schlange lächelnd, indem er eine der Waffen wie ein Spielzeug handhabte. „Nicht so, Schlange, nicht so. Es ist für einen Mann gemacht, 270 und würde einen Riesen zufrieden stellen, recht gebraucht. Aber halt; weiße Männer zeichnen sich aus durch die Sorglosigkeit, womit sie Feuerwaffen in Schränken und Winkeln auf die Seite legen. Laßt mich sehen, ob diese Waffen sorglich behandelt worden sind." Mit diesen Worten nahm Wildtödter die Waffe seinem Freunde aus der Hand und öffnete die Pfanne. Diese war mit Pnlver gefüllt, das dnrch Zeit, Feuchtigkeit und Druck wie in ein Stückchen Kohle znsammcngebacken war. Ein Versuch mit dem Ladstock zeigte, daß beide Pistolen geladen waren, obgleich Judith bezeugen konnte, daß sie vielleicht Jahre lang in dem Schranke gelegen. Es märe schwer, das Erstaunen des Indianers bei dieser Entdeckung zu schildern, denn er war gewohnt, das Pulver auf seiner Pfanne täglich zu erneuern, und in andern kurzen Zwischenzeiten nach der Ladung seines Gewehrs zu sehen. „Das ist weiße Nachlässigkeit," sagte Wildtödter, den Kopf schüttelnd, „und kaum eine Jagdjahrszeit geht vorüber, ohne daß 'Jemand in den Ansiedlnngen dadurch zu Schaden kommt. Es ist auch außerordentlich, Judith — ja, es ist geradezu außerordentlich, daß der Eigcnthümer sein Gewehr ans einen Hirsch oder ein anderes Wild, oder vielleicht auf einen Feind abfencrn, und dann zweimal unter dreien fehlen soll; aber es stoße ihm ein Unfall zu mit einer solchen vergessenen Ladung — und sie bringt sichern Tod einem Kind, einem Bruder oder Freund! Nun, mir werden dem Eigcnthümer einen Dienst erweisen, wenn wir an seiner Statt diese Pistolen abfencrn; und da sie für Euch und für mich etwas Neues sind, wollen wir unsere stete Hand an einem Ziele versuchen. Erneuert dieß Pnlver auf der Pfanne, und ich will es bei dieser thnn, dann wollen wir sehen, wer der beste Schütze ist mit einer Pistole; was die Büchse betrifft, so ist das längst unter uns ausgemacht!" Wildtödter lachte herzlich über seinen eigenen Einfall, und 271 nach ein paar Mimiken standen sie Beide ans der Platform, sich einen Gegenstand in der Arche znr Zielscheibe zn wählen. Judith führte die Neugier auch herbei. „Tretetzurück, Mädchen, tretet ein wenig zurück; diese Waffen sind schon lange geladen," sagte Wildtödter, „und es könnte bei dem Abfcncrn ei» Unfall sich ereignen." „Dann sollt Ihr sie nicht abfenern! Gebt sie beide dem De- lawaren; oder es wäre besser, die Ladung heranszuziehen, statt sie abzufenern." „Das ist gegen den Gebrauch — und manche Leute meinen: gegen die Mannhaftigkeit, obgleich ich solche einfältige Lehren nicht annehme. Wir müssen sie abfenern, Judith, ja, wir müssen sie abfenern: obgleich ich voranssehe, daß Keiner Ursache haben wird, sich seiner Geschicklichkeit groß zu rühmen." Judith war im Ganzen ein Mädchen von vielem persönlichen Mnth, und ihre Lebensweise machte, daß sie nichts von der Angst fühlte, welche beim Knall von Feuerwaffen leicht ihr Geschlecht überfällt. Sie hatte manche Büchse abgefenert, und man wußte sogar, daß sie unter Umständen, die den Erfolg begünstigten, ein Wild erlegt hatte. Sie ergab sich daher, trat ein wenig zurück, neben Wildtödter, und überließ dem Indianer die Fronte der Platform allein. Chingachgook erhob die Waffe mehrere Male, suchte sie mit Anwendung beider Hände in eine stete Lage zn bringen, wechselte seine Stellung, die ihm unbequem schien und nahm eine noch unbequemere an, und endlich drückte er ab, mit einer Art verzweifelter Gleichgültigkeit, ohne in der That irgend ein Ziel fest in's Auge gefaßt zu haben. Die Folge war, daß er, statt den Knoten z» treffen, der znr Zielscheibe bestimmt worden war, die Arche ganz und gar fehlte, und die Kugel auf dem Wasser dahintanzte, wie ein mit der Hand geworfener Stein. „Gut gemacht, Schlange — gut gemacht!" rief Wildtödter, und lachte in seiner geräuschlosen Munterkeit; „Ihr habt den See 272 getroffen, und das ist eine Großthat für manche Männer. Ich wußte es, und sagte es auch der Judith hier, denn diese kurzen Waffen eignen sich nicht für Rothhantsgabcn. Ihr habt den See getroffen, und das ist besser, als nur die Luft treffen! Jetzt tretet zurück und laßt »ns sehen, was weiße Gaben vermögen mit einer weißen Waffe. Eine Pistole ist keine Büchse; aber Farbe ist Farbe." Wildtödtcr zielte ebenso rasch als stet, und der Knall erfolgte beinahe in dem Augenblick, wo er die Waffe erhob. Aber die Pistole zersprang, und Bruchstücke davon flogen nach allen Richtungen; einige fielen ans das Dach des Kastells, andere in die Arche, und noch andere in's Wasser. Judith kreischte laut ans, und als die beiden Männer sich ängstlich zu dem Mädchen wandten, war sie bleich wie der Tod und zitterte an allen Gliedern. „Sie ist verwundet — ja, das arme Mädchen ist verwundet, Schlange, obgleich man es nicht hätte vcrmüthcn sollen, da wo sie stand. Wir wollen sie ans einen Sitz führen, und müssen alles Mögliche für sie thnn,soweit unsre Einsicht und Geschicklichkeit reicht." Judith ließ sich zu dem Sitz hinführen, schluckte einen Mundvoll von dem Wasser, das ihr der Delaware in einer Lederflasche bot, und nach einem heftigen Anfall von Zittern, das ihre schöne Gestalt bis zur Auflösung schien schütteln zu wollen, brach sie in Thränen ans. „Der Schmerz muß ertragen sein, arme Judith — ja er muß ertragen sein," sagte Wildtödtcr ihr znsprechcnd; „obwohl ich weit entfernt bin, zu verlangen, daß Ihr nicht weinen sollt; denn Weinen erleichtert oft mädchenhafte Gefühle. Wo kann sie denn verletzt sein, Schlange? Ich sehe keine Spuren von Blut, auch keine Riffe in Haut oder Kleidern." „Ich bin nicht beschädigt, Wildtödtcr," stammelte das Mädchen unter ihren Thränen. „Es ist Schrecken — Nichts weiter, ich versichere Euch; und Gott sei gepriesen, ich sehe, Niemand ist durch > den Zufall beschädigt." 273 „Das ist außerordentlich!" rief der arglose und treuherzige Jäger. „Ich dachte, Judith, Ihr wäret hinaus über die Schwäche» der Leute in den Ausiedluugeu, und nicht ein Mädchen, das sich durch den Knall einer zerspringenden Waffe in Schrecken sehen ließe. Nein, ich hätte Euch nicht für so schüchtern gehalten! Hetty hätte wohl darüber in Angst gerathen dürfen; aber Ihr habt zu viel Vernunft und Einsicht, um zu erschrecken, nachdem die ganze Gefahr vorüber! Sie sind dem Auge wohlgefällig, Häuptling, und abwechselnd, aber sehr unzuverlässig in ihren Gefühlen." Scham hielt Judiths Mund verschlossen. Es war keine Schauspielkunst in ihrer Aufregung, sondern Alles war die natürliche Folge plötzlicher, unüberwindlicher Besorgnis; und Angst, die ihr selbst beinahe eben so unerklärlich vorkam, wie sie cs ihren Genossen war. Sie wischte sich jedoch die Spnren der Thränen ab, lächelte wieder, und war bald im Stande, in das Lachcnjüber ihre eigene Thorheit cinznstimmen. „Und Ihr, Wildtödter," dies; brachte sie am Ende über die Lippen, „seid Ihr wirklich ganz unverletzt? Es erscheint beinahe wie ein Minder, daß eine Pistole Euch in der Hand zerspringen mußte, und Ihr ohne den Verlust eines Glieds, wo nicht gar des Lebens davonkamct!" „Solche Wunder sind gar nicht ungewöhnlich bei alten, verbrauchte» Waffen. Die erste Büchse, die sie mir gaben, spielte mir denselben Streich, und doch kam ich lebend davon, obwohl nicht so ohne Schaden wie dießmal. Thomas Hutter besitzt jetzt eine Pistole weniger, als er diesen Morgen besaß, aber da der Zufall sich ereignete bei einem Versuch ihm zu dienen, hat er keinen Grund sich zu beklagen. Jetzt kommt herbei, und laßt uns weiter nach dem Inhalt des Schrankes sehen." Judith war mittlerweile ihrer Bewegung so weit Meister geworden, daß sie ihren Sitz wieder einnehmen konnte, und die Untersuchung nahm ihren Fortgang. Der nächste Artikel, der sich Der Wildtödter. 18 274 fand, war in Dich eingewickelt, nnd als man dieß öffnete, zechte sich, daß cs eines der mathematischen Jnstrnmentc war, wie sie damals die Seelente hatten, mit den gewöhnlichen Zierrathen und Bändern von Metall. Wildtödter nnd Chingachgook legten ihre Bewunderung nnd Ueberraschnng bei Auffindung des ihnen unbekannten Instruments an den Tag, welches glänzte nnd glitzerte, nnd allem Anschein nach sorglich behandelt war. „Das geht über die Feldmesser hinaus, Judith," ries Wild- tödtcr, nachdem er das Instrument mehrmals in seinen Händen hernmgedreht; „ich habe alle ihre Werkzeuge oft gesehen, und ruchlos und herzlos genug sind sic, denn sie kommen nie in den Wald, als nur um der Verwüstung nnd Zerstörung Bahn zu machen; aber keines von ihnen hat ein so kluges Aussehen wie dieses! Ich fürchte am Ende doch, Thomas. Hutter hat sich in die Wildnis! begeben, nicht mit den besten Absichten gegen ihr Glück. Habt Ihr je schon das Thun nnd Treiben eines Feldmessers an Eurem Vater gesehen, Mädchen?" „Er ist kein Feldmesser, Wildtödter, kennt auch nicht den Gebrauch dieses Instruments, obgleich er dessen Besitzer zu sein scheint. Meint Ihr, Thomas Hutter habe je diesen Rock getragen? Er ist eben so viel zu groß für ihn, als dies; Instrument über seine Kenntnisse ist." „Das ist's — das muß sein, Schlange; nnd der alte Kamerad ist, ans irgend eine unbekannte Weise, der Erbe von eines Andern Habe geworden! Sie sagen, er sei ein Seemann gewesen, nnd ohne Zweifel — dieser Schrank und Alles was er enthält — Ha! was kommt da! das geht noch weit über das Metall und das schwarze Holz des Instruments!" Wildtödter hatte einen kleinen Sack geöffnet, ans dem er nacheinander die Figuren eines Schachspiels heranshvlte. Sie waren von Elfenbein, weit größer als gewöhnlich, nnd köstlich gearbeitet! Jedes Stück stellte den Charakter oder die Sache dar, wvrnach es genannt ist; die Ritter (Springer) waren zu Pferde, die Thürme standen auf Elcphantcn, und selbst die Bauern hatten Köpfe und Büsten von Männern. Das Spiel war nicht vollständig, und einige Beschädigungen zeugten vvn »»sorgfältiger Behandlung; aber Alles was noch übrig, war sorgfältig znrückgelcgt und anfbewahrt. Selbst Judith drückte ihre Verwunderung ans, als man ihr diese neuen Gegenstände vorwies, und Chingachgvok vergas; in seinem bewundernden Entzücken gänzlich seine indianische Würde. Er hob jedes Stück ans, prüfte es genau mit nimmer ermüdender Zufriedenheit, und machte das Mädchen auf die sinnreichsten und auffallendsten Thcilc der Arbeit aufmerksam. Die Elephanten aber machten ihm das größte Vergnügen. Die ,Hnghs'! die er hören ließ, als er mit den Fingern über ihre Rüffel und Ohren und Schwänze fuhr, waren sehr vernehmlich; auch entgingen seiner Aufmerksamkeit die als Bogenschützen bewaffneten Bauern nicht. Dieß Auskramen dauerte einige Minuten, während welcher Zeit Judith und der Indianer sich miteinander ganz in ihr Entzücken vertieften. Wildtödter saß schweigend, nachdenklich, und sogar düster da, obgleich seine Augen jede Bewegung der zwei Personen verfolgten, die hier die Hauptrolle spielten, und jede neue Eigcn- thümlichkeit an den einzelnen Stücken, so wie sie aufgehoben und vorgezeigt wurden, sich merkten. Kein Ausruf des Wohlgefallens, kein Wort des Beifalls kam über seine Lippen. Endlich bemerkten seine,Genossen sein Schweigen, und jetzt zum ersten Mal, seit der Auffindung der Schachfiguren, sprach er. „Judith," fragte er ernst, aber mit einer Theilnahnic, die beinahe an Weichheit und Zärtlichkeit gränzte, „sprachen Eure Eltern je mit Euch von Religion?" Das Mädchen crröthete, und die Pnrpursiammen, die über ihr schönes Angesicht liefen, glichen den seltsamen Tinten eines neapolitanischen Himmels im November. Wildtödter hatte ihr jedoch ein solches Wohlgefallen an der Wahrheit beigebracht, daß sic in 18 " 276 ihrer Antwort nicht schwankte, sondern einfach und aufrichtig er- wiederte: „Meine Mutter, ja oft," sagte sie, „mein Vater nie. Es kam mir vor, es mache meine Mutter bekümmert, von unfern Gebeten und Pflichten zu sprechen; aber mein Vater hat nie den Mund über solche Dinge anfgcthan vor oder seit ihrem Tode." „Das kann ich glauben — das kann ich glauben. Er hat keinen Gott — keinen solchen Gott, wie es einem Menschen von weißer Haut zu verehren geziemt, oder auch einer Rothhaut. Die Dinge da sind Götzen!" Judith fuhr ans, und einen Augenblick schien sie ernstlich gekrankt. Dann besann sie sich, und am Ende lachte sie. „Und Ihr meint also, Wildtödter, diese elfenbeinernen Spielsachen seien meines Vaters Götter? Ich habe schon von Götzen gehört, und weiß, was sie sind." „Es sind Götzen!" wiederholte der Andere mit Bestimmtheit. „Warum sollte sic Euer Vater aufbewahren, wenn er sic nicht anbetet?" „Würde er seine Götter in einem Sack haben, und in einem Schrank ^»geschlossen? Nein, nein, Wildtödter, mein armer Vater hat seinen Gott bei sich, wohin er geht, und das ist seine eigene Sache. Diese Dinge da mögen wirklich Götzen sein — ich glaube selbst, das sind sic, nach dem was ich von Götzendiencrei gehört und gelesen habe, aber sie kommen aus einem fernen Lande, wie alle die andern Gegenstände, und sind in Thomas Hutters Hände gekommen, als er Matrose war." „Das freut mich — das freut mich wahrhaft zu hören, Judith, denn ich glaube, ich hätte den Entschluß nicht aufgebracht, einem weißen Götzendiener aus seiner Noth zu helfen! Der alte Mann ist von meiner Farbe und Nation, und ich wünschte ihm zn dienen, aber verlängnete er alle seine Gaben im Punkte der Religion, so würde mich's hart ankommen, das zn thun. Das Thier da scheint 277 Euch große Freude zu machen, Schlange, obgleich es im besten Fall ein abgöttisches Haupt ist." „Es ist ein Elephant," unterbrach ihn Judith. „Ich habe oft Abbildungen von solchen Thieren in der Garnison gesehen; und Mutter hatte ein Buch, worin Nachrichten von dem Geschöpfe gedruckt sind. Vater verbrannte das, sammt allen andern Büchern, denn er sagte, Mutter lese zu gern. Das war nicht lange, ehe die Mutter starb, und ich habe manchmal gedacht, der Verlust habe ihr Ende beschleunigt." Sie sagte dies; eben so einerseits ohne Leichtsinn, als andererseits ohne tieferes Gefühl. Ohne Leichtsinn, denn Judith war trüb gestimmt durch ihre Erinnerungen, und doch war sie zu sehr gewöhnt gewesen, für sich allein und für die Befriedigung ihrer eiteln Neigungen zu leben, um ihrer Mutter Leiden sehr tief zu fühlen. Es bedurfte außerordentlicher Umstände, um ein geeignetes Bewußtsein ihrer Lage zu erwecken, und die besseren Gefühle dieses schönen, aber mißleiteten Mädchens anzuspornen; und diese Umstände waren in ihrem kurzen Dasein noch nicht eingetreten. „Elephant oder nicht Elephant, cs ist ein Götzenbild," versetzte der Jäger, „und nicht geeignet, in christlichen Händen zu bleiben." „Gut für Irokesen!" sagte Chingachgook, mit Widerstreben sich von einem der Thürmc trennend, als sein Freund ihn ihm abnahm, um ihn wieder in den Sack zu schieben. „Elephon einen ganzen Stamm erkaufen — beinahe Dclawaren erkaufen!" „Ja, das würde er, wie Jeder wissen muß, der die Natur der Rothhäute kennt," versetzte Wildtödter; „aber der Mann, der falsches Geld in Umlauf setzt, Schlange, ist so schlimm, als der, der es münzt. Habt Ihr je von einem rechten Indianer gehört, der es nicht verschmähen würde, einen Jltiß für einen ächten Marder zu verkaufen, oder ein Stiukthier für einen Biber auszugeben? Ich weiß, daß wenige von diesen Götzenbildern, vielleicht einer von diesen Elephanten viel ausrichten würde, dem armen 278 Thomas Hutter die Freiheit zu erkaufen, aber es läuft gegen das Gewissen, solches falsche Geld in Umlauf zu bringen. Vielleicht kein indianischer Stamm hier herum ist eigentlich götzendienerisch; aber einige kommen dem so nahe, daß weiße Gaben sich wohl hüten müssen, sie in ihrem Jrrthnm zn ermuthigen." „Wenn Götzendienerei eine Gabe ist, Wildtvdter, und Gaben das sind, wofür Ihr sie zn halten scheint, so kann Götzendienern bei solchen Leuten schwerlich Sünde sein," sagte Judith mit mehr Keckheit als Unterscheidungskraft. „Gott verleiht keinen von seinen Geschöpfen solche Gaben," versetzte der Jäger ernsthaft. „Er muß angebetet werden, unter einem oder dem andern Namen, und nicht Kreaturen von Metall oder Elfenbein. Es ist gleichgültig, ob der Vater von Allen Gott genannt wird, oder Manittn, Gottheit oder'Großer Geist, er ist nichtsdestoweniger unser gemeinsamer Herr und Schöpfer; auch trägt es nicht viel aus, ob die Seelen der Gerechten in's Paradies kommen, oder in die glücklichen Jagdreviere, da Er ja Jeden seinen Weg schicken kann, wie es seiner Gnade und Weisheit beliebt; aber cs empört mein Blnt, wenn ich menschliche Sterbliche so in Finsterniß und Wahn befangen sehe, daß sie Erde oder Holz, oder Knochen — Dinge, von ihren eigenen Händen geformt — zn bewegungslosen, sinnlosen Bildern gestalten, und dann vor ihnen niederfallcn, und sie wie eine Gottheit anbcten!" „Am Ende, Wildtvdter, sind alle diese elfenbeinernen Figuren gar keine Götzenbilder. Ich erinnere mich jetzt, einen der Offiziere der Garnison gesehen zu haben mit einem Spiel: Fuchs und Gänse, in ähnlicher Weise verfertigt wie diese; und da ist etwas Hartes in Tuch cingewickelt, das vielleicht zu den Götzenbildern gehört." Wildtödter nahm das Päckchen, das ihm das Mädchen reichte, machte cs ans, und fand darin das Schachbrett. Wie die Figuren war es groß, prächtig, und mit Ebenholz und Elfenbein eingelegt. Nachdem dicß Alles in Verbindung gebracht wurde, trat der Jäger, obwohl nicht ohne viele Bedenklichkeiten, allmiihlig Judiths Ansicht bei, nnd gab am Ende zn, die vermeintlichen Götzenbilder müßten wohl mir die seltsam geschnitzten Figuren eines unbekannten Spieles sein. Judith besaß so viel Takt, ihren Sieg mit großer Mäßigung zu benutzen; auch spielte sie nie auch nur auf's Entfernteste auf den komischen Jrrthum ihres Freundes an. Diese Entdeckung der Bestimmung der so seltsam ansschenden kleinen Figuren brachte die Angelegenheit des zn bietenden Lösegeldes in's Reine. Es ward allgemein anerkannt — und Alle waren mit dem Geschmack nnd den Schwächen der Indianer vertrant — daß Nichts ohne Zweifel die Habsucht der Irokesen mehr reizen würde, als namentlich die Elephantcn. Znm Gluck waren alle vier Thürmc unter den vorhandenen Stücken, und es ward endlich beschlossen, diese vier thnrmetragenden Thiere sollten das anznbietende Lösegeld ansmachen. Die übrigen Figuren, so wie auch alle andern Artikel in dem Schranke sollten versteckt gehalten, und nur im äußersten Nothfall zn Hilfe genommen werden. Sobald diese Präliminarien in's Reine gebracht waren, wurde Alles, außer den znm Lösegeld bestimmten Artikeln sorgfältig wieder in den Schrank gepackt, und alle Bedeckungen wurden wieder hineingesteppt, wie man sie gefunden; und es war ganz wohl möglich, daß, wenn Hutter wieder in den Besitz des Kastells gesetzt werden konnte, er darin den übrigen Rest seiner Tage verlebte, ohne auch nur den Eingriff zu argwöhnen, den man sich an dem Geheimnis; des Schranks erlaubt hatte. Die zersprungene Pistole hätte am ehesten das Ge- heimniß verrathen können, aber diese ward neben die ihr entsprechende hingclegt, und Alles ward znsammengcdrückt, wie cs zuvor gewesen; ein halb Dutzend Päcke unten ans dem Boden des Schranks waren gar nicht geöffnet worden. Nachdem dies; geschehen, wurde der Deckel herabgcsenkt, die Schlösser wieder vvrgelegt, nnd der Schlüssel nmgedreht. Dieser wurde dann wieder in die Tasche gesteckt, aus der man ihn heransgcnommen. 280 Mehr als eine Stunde verging, bis man sich über das nun cinzuschlagende Verfahren vereinigt und Alles wieder an seinen Ort gebracht hatte. Die Pansen, während deren man sich besprach, waren häufig; und Judith, die ein lebhaftes Wohlgefallen an der offenen, »»verhehlten Bemnndernng hatte, womit Wildtödters ehrliches Auge in ihr schönes Antlitz schante, fand mit einer Gewandtheit, die der weiblichen Koketterie angeboren scheint, Mittel, die Unterhaltung zu verlängern. Wildtödter schien in der That der Erste zu sein, dem es einfiel, wie viel Zeit man so vergeude, und der die Aufmerksamkeit seiner Genossen auf die Nothwendigkeit hinlenkte, Etwas zn thnn, um den Anslösnngsplan in Ausführung zn bringen. Chingachgook war in Hutters Schlafzimmer geblieben, wohin man die Elephanten gebracht hatte, um sein Auge an den Bildern so wunderbarer und so neuer Thicre zn weiden. Vielleicht sagte ihm ein instinktmäßiges Gefühl, seine Gegenwart würde seinen Genossen nicht so erwünscht sein, als wenn er sich entfernt halte; denn Judith beobachtete nicht viel Zurückhaltung in der Kundgebung ihrer Vorliebe, und der Delaware hatte es nicht bis zur Verlobung gebracht, ohne sich auch einige Kenntnisse der Symptome der ,großen Leidenschaft' zu erwerben. „Nun, Judith," sagte Wildtödter anfstehend, nachdem die Besprechung weit länger gedauert hatte, als er selbst ahnte; „es ist angenehm, mit Euch zn plaudern und alle diese Dinge in's Reine zn bringen, aber die Pflicht ruft uns anders wohin. Diese ganze Zeit her sind Hurry und Euer Vater, Nichts zu sagen vvn Hetty —" Dieß Wort ward dem Redenden im Mund abgeschnitten, denn in diesem entscheidenden Augenblick hörte man einen leichten Schritt ans der Platform oder dem Thorhof, eine menschliche Gestalt beschattete die Thüre — und die zuletzt genannte Person stand vor ihm. Der leise Ausruf, welcher Wildtödter» entschlüpfte, und Judiths schwaches Kreischen waren kaum über ihre Lippen, als ein indianischer Jüngling, zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren, neben 281 ihr stand. Das Eintreten dieser Beiden war, da sie Mokasins an den Füßen hatten, fast ohne alles Geränsch erfolgt; aber so unerwartet und verstohlen sie sich jetzt näherten, vermochten sie doch Wildtödtcrs Selbstbeherrschung nicht zu erschüttern. Sein Erstes war, daß er schnell auf delawarisch zu seinem Freunde sprach und ihn warnte, sich versteckt zu halten und auf der Hut zu sein; das Nächste, daß er an die Thür trat, um sich von dem Umfang der Gefahr zu vergewissern. Niemand sonst jedoch war gekommen; und ein einfaches Fahrzeug, in Gestalt eines Floßes, das neben der Arche schwamm, erklärte sofort, auf welche Art Hetty heran- gekommen. Zwei gefallene und trockene, und daher schwimmende Tannenstämme waren zusammengebnnden mit Pflöcken und Weiden, und eine kleine Platsorm von Flußkastanienholz war kunstlos daraus angebracht. Hier hatte Hetty ans einem Holzscheit gesessen, während der junge Irokese das rohe und schwerbewegliche, aber vollkommen sichere Fahrzeug von der Küste hicher ruderte. Sobald Wildtödter diesen Floß genau in's Auge gefaßt und sich versichert hatte, daß sonst Nichts in der Nähe war, schüttelte er den Kopf, und murmelte in seiner Art, mit sich selbst zu reden: „Das kommt dabei heraus, wenn man in anderer Leute Schränken wühlt! Wären wir aufmerksam und wachsam gewesen, so hätte nie eine solche Ucbcrraschnng stattfinden können; und daß uns diesen Streich ein Knabe spielt, zeigt uns, was wir zu erwarten haben, wenn die alten Krieger selbst sich recht daran machen, ihre Tücken anszufnhren. Indes;, es bahnt uns den Weg zu einer Unterhandlung über das Lösegeld, und ich will hören, was Hetty zu sagen hat." Judith zeigte, sobald ihre Überraschung und ihr Schrecken ein wenig sich gelegt hatten, eine geziemende, zärtliche Freude über die Rückkunft ihrer Schwester. Sie drückte sie an ihre Brust und küßte sie, wie ihre Gewohnheit gewesen in den Tagen ihrer Kindheit und Unschuld. Hetty selbst war weniger ergriffen; denn für sie gab es keine Ucbcrraschnng, und ihre Nerven waren gestählt 282 durch die Reinheit und Heiligkeit ihres Bestrebens. Auf ihrer Schwester Bitte setzte sic sich, und begann eine Erzählung ihrer Abenteuer, seit sie sich getrennt hatten. Ihre Erzählung fing gerade an, als Wildtödtcr zurnckkchrte, und auch er wurde ein aufmerksamer Zuhörer, während der junge Irokese nahe an der Thnre stand, anscheinend so gleichgültig gegen Alles was vorging, wie einer ihrer Pfosten. Die Erzählung des Mädchens war klar genug, bis sie zu dem Zeitpunkt gelangte, wo wir sie in dem Lager verließen, nach der Besprechung mit den Häuptlingen und bis zu dem Augenblick, wo Hist sie so plötzlich verließ, wie oben angegeben. Die weitere Geschichte mag in ihren eigenen Worten folgen: „Als ich den Häuptlingen die Texte las, Judith, da hättest du wohl nicht bemerkt, daß sie irgend eine Veränderung in ihren Gemüthern hcrvorbrachten," sagte sie; „aber wenn der Samen ansgestrent ist, so wird er auch wachsen. Gott hat den Samen aller Bäume gepflanzt —" „Ja, das hat er, das hat er," murmelte Wildtödtcr, „und ei» schöner Ertrag ist gefolgt." „Gott hat den Samen aller Bäume gepflanzt," fuhr Hetty nach einer angenblicklichcn Panse fort, „und Ihr seht, z» welcher Höhe, zu welchem Schatten sie cmporgewachsen sind! So ist es mit der Bibel. Ihr könnt dieß Jahr einen Verö lesen, und ihn vergessen, und ein Jahr später kommt er Euch wieder in den Sinn, wenn Ihr am wenigsten daran denkt, Euch seiner wieder zu erinnern." „Und hast du etwas der Art unter den Wilden gefunden, arme Hetty?" „Ja, Judith, und eher und reichlicher als ich je gehofft hätte. Ich blieb nicht lange bei Vater und Hnrry, sondern ging, mit Hist mein Frühstück cinznnehmen. Sobald wir damit fertig waren, kamen die Häuptlinge zn uns, und da erkannten wir die Früchte des ausgestreuten Samens. Sie sagten, was ich ans dem guten 283 Buche gelesen, sei recht — es müsse recht sein — es laute recht wie ein holder Vogel, der ihnen in's Ohr singe; und sic hießen mich znrückkchren, und dieß dem großen Krieger sagen, der Einen ihrer Tapfern getödtct, und cs dir erzählen, und auch sagen, wie glücklich sie sich schätzen würden, hier im Kastell zur Kirche zu kommen, oder auch draußen in der Sonne, und mich mehr lesen zn hören ans dem heiligen Buche — und hießen mich euch sagen, sie wünschten, daß ihr ihnen einige Canoe's leihet, damit sie Vater und Hurry, und auch ihre Weiber zu dem Kastell herüber- fnhren könnten, daß wir Alle dort ans der Platform säßen, und horchten dem Gesänge des Manittn der Bleichgesichter. Nnn, Judith, hast du je Etwas gehört, was so offenkundig die Macht der Bibel zeigt, wie dies;?" „Wenn es wahr wäre, so wäre cs allerdings ein Wnnder, Hetty. Aber dieß Alles ist nichts als indianische Schlanhcit nnd Verrätherei, die uns durch List zu überwinden suchen, wenn sie finden, daß es mit Gewalt nicht geht." „Zweifelst du an der Bibel, Schwester, daß du die Wilden so hart benrtheilst?" „Ich zweifle nicht an der Bibel, arme Hetty, aber ich zweifle sehr an einem Indianer und einem Irokesen. Was sagt Ihr zu diesem Besuch, Wildtödter?" „Erst laßt mich ein wenig mit Hetty sprechen," versetzte der Befragte; „ward dieser Floß gefertigt, nachdem Ihr Euer Frühstück eingenommen, Mädchen? und begabt Ihr Euch von dem Lager nach der uns gegenüberliegenden Küste hier?" „Oh! nein, Wildtödter. Der Floß war bereit und im Wasser — konnte das durch ein Wunder geschehen sein, Judith?" «Ja — ja — ein indianisches Wnnder," versetzte der Jäger. „Sie sind erfahren genug in dieser Art von Wundern. Und Ihr fandet den Floß ganz bereit vor Euch, und im Wasser, nnd Eurer wartend, als seiner Ladung?" 284 „Alles so wie Ihr sagt. Der Floß war nahe beim Lager, und die Indianer setzten mich darauf, und hatten Schiffstaue, und zogen mich an den Platz gegenüber dem Kastell, und dann hießen sie diesen jungen Mann mich herüber rudern." „Und die Wälder sind voll von den Vagabunden, die nur warten, um zu erfahren, was das Ende von dem Mirakel sein werde. Wir begreifen jetzt diesen Handel, Judith, uud ich will nur erst diesen jungen canadischen Blutsauger abfertigeu, dann wollen wir über unser Verfahren uns besprechen. Laßt Ihr und Hetty uns allein mit einander, zuvor aber bringt mir die Stephanien, welche Schlange bewundert; denn es wird nicht gut thun, diesen lauernden Burschen nur eine Minute allein zu lassen, oder er entlehnt ein Canoe, ohne zu fragen." Judith that nach seinem Verlangen, brachte zuerst die Figuren und entfernte sich dann mit ihrer Schwester in ihr Gemach. Wild- tödter hatte sich einige Bekanntschaft mit den meisten indianischen Dialekten der Gegend erworben, und verstand Jrokesisch genug, um ein Gespräch in dieser Sprache zu führen. Er winkte daher dem Burschen, und hieß ihn auf den Schrank sitzen, worauf er plötzlich zwei von den Thürmen vor ihn hinstellte. Bis zu diesem Augenblick hatte der junge Wilde durch keine Miene eine innere Bewegung oder ein Wohlgefallen verrathen. Es waren viele Sachen in dem Gemach und draußen, die ihm neu sein mußten, aber er hatte seine Selbstbeherrschung mit stoischer Fassung behauptet. Zwar hatte Wildtödtcr bemerkt, wie sein dunkles Auge die Vertheidigungsanstalten uud Waffen musterte, aber diese Musterung war mit so unschuldiger Miene in einer so kindischen, faulen, gaffenden Art angestellt worden, daß Niemand als ein Mann, der selbst eine ähnliche Schule durchlaufen, seine Absicht auch nur von ferne hätte argwöhnen können. In dem Augenblick aber, wo das Auge des Wilden auf das schöngearbeitete Elfenbein und auf die Figuren der wunderbaren unbekannten Thiere fiel, überwältigten 285 ihn Uebcrraschnng und Bewunderung. Das Benehmen der Bewohner der Südseeinseln, als sie zuerst die Spielereien des civi- lisirten Lebens erblickten, ist oft geschildert worden; aber der Leser darf dies; nicht verwechseln mit dem Benehmen eines amerikanischen Indianers unter denselben Verhältnissen. Im vorliegenden Falle entfuhr dem jungen Irokesen oder Hnronen ein Ausruf des Entzückens; dann aber nahm er sich sogleich zusammen, wie Einer, der sich einer Verletzung der Schicklichkeit schuldig gemacht. Dann hörten seine Augen auf, umher zu schweifen, und hefteten sich ans die Stephanien, von denen er nach kurzem Bedenken einen sogar mit der Hand zu betasten wagte. Wildtödter störte ihn volle zehn Minuten lang gar nicht, wohl wissend, daß der Junge die Merkwürdigkeiten sich so genau merken würde, daß er bei seiner Rückkehr den altern Indianern die genaueste und in's Einzelnste gehende Beschreibung davon würde machen können. Nachdem der Jäger dachte, er habe ihm jetzt Zeit genug gelassen, sich Alles so genau cinznprägen, berührte er mit dem Finger das nackte Knie des Jünglings, und nahm selbst dessen Aufmerksamkeit in Anspruch. „Hört mich," sagte er; „ich möchte mit meinem jungen Frennd aus den Canada's sprechen. Vergesse er seiner Verwunderung für eine Minute." „Wo ist der andere weiße Bruder?" fragte der Junge aufschauend, und unwillkürlich entschlüpfte so seinem Munde der Gedanke, der am meisten seine Seele beschäftigt hatte vor der Vorzeigung der Schlachtfiguren. „Er schläft — oder wenn er nicht eigentlich schläft, so ist er doch in dem Gemach, wo die Männer schlafen," antwortete Wildtödter. „Woher weiß mein junger Freund, daß noch Einer da ist?" »Ihn gesehen von der Küste ans. Irokesen lange Augen haben — über die Wolken hinaus sehen — den Grund der großen Quelle sehen!" 286 „Gut, die Irokese» sind willkommen. Zwei Bleichgesichter sind Gefangene im Lager Eurer Väter, Knabe." Der Bursche nickte, und behandelte den Umstand anscheinend mit großer Gleichgültigkeit, obwohl er einen Augenblick darauf lachte, wie frohlockend über die überlegene Gewandtheit seines Stammes. „Könnt Ihr mir sagen, Knabe, was Eure Häuptlinge mit diesen Gefangenen zu thnn beabsichtigen; oder sind sie deßhalb »och nicht entschlossen?" Der Bursche schaute einen Augenblick den Jäger mit einiger Uebcrraschnng an, dann setzte er kaltblütig die Spitze seines Zeigefingers an seinen Kopf, gerade über dem linken Ohr, und fuhr damit rund nm den Schädel, mit einer Sicherheit und Genauigkeit, welche zeigte, wie gut er in der eigenthümlichen Kunst seines Volkes eingeschnlt sein müsse. „Wann?" fragte Wildtödtcr, dessen Galle schwoll, bei dieser kaltblütig zur Schau gestellten Gleichgültigkeit gegen Menschenleben. „Und warum nicht sie in eure Wigwams mitnehmen?" „Weg zu weit, und voll von Bleichgesichtern. Wigwam voll nnd Skalpe thener zu verkaufen, kleiner Skalp, viel Gold." „Gut, das erklärt es — ja, das erklärt es. Es ist nicht nöthig, deutlicher zu sprechen. Nun wißt Ihr, Bursche, daß der Aelterc von euren Gefangenen der Vater von diesen zwei jungen Mädchen ist, und der Andere ist der Liebhaber der Einen. Die Mädchen wünschen natürlich, die Skalpe von so nahen Freunden zu retten, nnd sie wollen ihnen zwei elfenbeinerne Kreaturen als Lösegeld geben, eine für jeden Skalp. Geht zurück und sagt das Enern Häuptlingen, und bringt mir die Antwort, ehe die Sonne untergcht." Der Knabe ging mit Eifer in diesen Vorschlag ein, nnd mit einer Aufrichtigkeit, die keinen Zweifel übrig ließ, daß er seinen Auftrag mit Einsicht und rasch ansführen werde. Einen Augenblick 287 vergas; er seine Ehrliebe und alle seine Stanimesfeindseligkeit gegen die Britten und ihre Indianer, in seinem Wunsche, einen solchen Schatz im Besitz seines Volkes zu wissen, und Wildtödter war mit dem Eindruck, den die Sache ans den Knaben gemacht, zufrieden. Zwar schlug der Junge vor, er wolle einen der Ele- phanten mit sich nehmen als Probe vom Andern, aber darein zu willigen, war sein Bruder Unterhändler zu scharfblickend, da er wohl wußte, daß derselbe, solchen Händen anvertraut, nie an den Ort seiner Bestimmung gelangen würde. Diese kleine Schwierigkeit war bald ausgeglichen, und dann schickte sich der Knabe zur Abfahrt an. Als er auf der Platform stand, bereit, auf den Floß zu steigen, besann er sich und kehrte sich plötzlich um, mit dem Vorschlag, man möchte ihm ein Canoe leihen, als ein Mittel, die Unterhandlung voraussichtlich bedeutend abzukürzen. Wildtödter schlug das Verlangen ruhig ab, und nach einigem weitern Zögern rnderte der Knabe langsam von dem Kastell weg, seine Richtung nach einem Dickicht an der Küste zu nehmend, das weniger als eine halbe Meile entfernt war. Wildtödter setzte sich auf einen Stuhl und beobachtete die Fahrt des Botschafters; manchmal genau die ganze Linie der Küste, so weit das Auge reichte, musternd und dann einen Ellbogen ans ein Knie stemmend, das Kinn ans die Hand gestützt, blieb er so lange Zeit sitzen. Während der Unterredung zwischen Wildtödter und dem Jungen, ,fiel im anstoßenden Gemach eine Scene anderer Art vor. Hctty hatte nach dem Delawarcn gefragt, und als sic erfahren, warum und wo er sich verborgen hatte, begab sie sich zu ihm. Der Empfang, welchen dieser Besuch bei Chingachgvok fand, war freundlich und achtungsvoll. Er verstand ihren Charakter und ihr Wesen, und ohne Zweifel ward seine Geneigtheit, einem solchen Geschöpf freundlich zu begegnen, noch gesteigert durch die Hoffnung, Nachrichten von seiner Verlobten zu erhalten. Sobald das Mädchen cingetrcten war, nahm sie einen Sitz, und lud den Indianer 288 ein, sich neben sie zn setzen, blieb aber dann stumm, als hielte sie für schicklich, das; er sie befrage, che sie sich entschloßt, von dem Gegenstände zn sprechen, den sie ans dem Herzen hatte. Aberda Chingachgook dieß Gefühl nicht verstand, erwartete er in achtungsvoller Aufmerksamkeit und schweigend, was sic ihm mitzn- theilen belieben möchte. „Ihr seid Chingachgook, die Große Schlange der Delaware», nicht so?" begann endlich das Mädchen in ihrer einfachen Weise, ihre Selbstbeherrschung verlierend über dem Verlangen, weiter zu kommen, aber ängstlich bedacht, sich doch zuvor der Person recht zu versichern. „Chingachgook," versetzte der Delaware mit ernster Würde. „Das bedeuten Große Schlange in Wildtödtcrs Sprache." „Gut, das ist meine Sprache. Wildtödtcr, und Vater, und Judith, und ich und der arme Hnrry Harry — kennt Ihr Henry March, Große Schlange? — Doch ich weiß, Ihr kennt ihn nicht, sonst hatte auch er schon von Euch gesprochen." „Hat eine Zunge Chingachgook genannt, schmachtende Lilie?" denn so hatte der Häuptling die arme Hetty benamst. „Ward sein Name gesungen von einem kleinen Vogel unter den Irokesen?" Hetty antwortete zuerst nicht; aber mit jenem nicht zn beschreibenden Gefühl, welches Sympathie und Verständnis; erweckt unter den Jugendlichen und in der Welt Unerfahrenen ihres Geschlechts, ließ sie ihr Haupt hängen, und das Blut schoß ihr in die Wangen, ehe sie die Sprache wieder fand. Es würde über ihren Antheil von Verstand hinansgcgangen sein, diese Verlegenheit zn erklären; aber obwohl die arme Hetty nicht bei jedem vorkommendcn Fall geordnet denken konnte, konnte sie doch immer fühlen. Die Rothe trat allmählig wieder ans ihren Wangen zurück, und das Mädchen schaute den Indianer schelmisch au, lächelnd mir der Unschuld eines Kindes, worein sich denn doch das Interesse des Weibes mischte. 289 „Meine Schwester, die schmachtende Lilie, solchen Vogel hören!" fnhr Chingachgook fort, »nd das mit einer milden Freundlichkeit in Ton und Benehme», die Solche wurde in Erstaunen gesept habe», welche manchmal die unharmonischen, oft aus derselben Kehle kommenden schreienden Töne gehört hätten; aber solche Uebcrgänge von dem rauhen und Gnrgel-Ton, znm sanften und melodischen sind nicht selten, auch bei gewöhnlichen Gesprächen von Indianern: „Meiner Schwester Ohr offen gewesen — hat sie ihre Zunge verloren?" „Ihr seid Chingachgook — Ihr müstt es sein; denn es ist kein anderer rother Mann da, und sie erwartete, daß Chingachgook kommen würde." „Chin—gach—gook," so sprach er den Namen langsam ans, und verweilte bei jeder Sylbc. „Große Schlange, Jengeese Sprache." „Chin—gach—gook," wiederholte Hetty ebenso langsam und beachtlich. „Ja, so nannte ihnHist, und Ihr m n ß t der Häuptling sein." „Wah-ta!-Wah," rief der Delaware. „Wah-ta!-Wah, oder Hist-oh!-Hist! Mir klingt Hist hübscher als Wah, und so nenne ich sie Hist." „Wah! sehr süß in Delaware» Ohren!" „Ihr sprecht es ans, daß es anders klingt als bei mir. Aber einerlei; ich habe den Vogel singen hören, von dem Ihr sprecht, Große Schlange!" „Will meine Schwester sagen Worte des Gesangs?—Was sie am meisten singen — wie anssehen — sie oft lachen?" „Sie sang Chin-gach—gook öfter als irgend sonst Etwas; und sie lachte herzlich, als ich ihr erzählte, wie die Irokesen uns im Wasser nachwateten, und uns nicht erreichen konnten. Ich hoffe, diese Stämme haben keine Ohren, Schlange!" „Fürchtet die Stämme nicht; fürchtet Schwester nächstes Gemach. Nicht fürchten Irokesen; Wildtödter ihm Angen und Ohren stopfen mit seltsamem Gethier." Der Wildtödter. 19 290 „Ich verstehe Euch, Schlange, uud ich verstand Hist. Manchmal meine ich, ich sei nicht halb so schwachsinnig, als sie sagen, daß ich bin. Jetzt schaut hinauf zur Decke, so will ich Euch Alles sagen. Aber Ihr macht mir bange, Ihr schaut mich so wild an, wenn ich von Hist spreche." Der Indianer suchte seinen Mienen und Blicken einen sanfteren Ausdruck zu geben, um des Mädchens treuherzigem Verlangen zu genügen. „Hist trug mir ans, in sehr leisem Tone Euch zu sagen, Ihr dürfet den Irokesen in Nichts trauen. Sie sind tückischer als alle Indianer, die sie kennt. Dann sagte sie, es sei ein großer, glänzender Stern, der über den Hügel hervortritt, etwa eine Stunde nach Anbruch des Dunkels — (Hist hatte den Planeten Venns bezeichnet, ohne es zu wissen,) — und genau, wann dieser Stern sichtbar wird, will sie ans dem Landvorsprnng sein, wo ich gestern Nacht gelandet habe, und Ihr sollet sie in einem Canoe abholen." „Gut — Chingachgook jetzt gut genug verstehen; aber er versteht noch besser, wenn meine Schwester ihm noch einmal singt." Hetty wiederholte ihre Worte, erklärte noch umständlicher, welcher Stern gemeint sei, und bezeichnete den Punkt des Vorsprungs, wo er an's Land kommen sollte. Jetzt erzählte sie weiter in ihrer ungekünstelten, arglosen Art ihre Begegnung mit dem indianischen Mädchen, und wiederholte mehrere ihrer Ausdrücke und Meinungen, welche das Herz ihres Verlobten sehr entzückten. Besonders schärfte sie wiederholt ihre Warnungen ein, vor Verräthe- rei ans der Hut zu sein; Warnungen, die jedoch kaum nöthig waren, bei Männern, die so schlau wie die, welchen sie galten. Auch setzte sie mit genügender Klarheit — denn bei allen solchen Gegenständen versagte dem Mädchen ihr Verstand selten — die gegenwärtige Stellung des Feindes, und seine Bewegungen seit dem Morgen auseinander. Hist war mit ihr auf dem Floß gewesen bis cs von der Küste abstieß; sie befand sich jetzt irgendwo in 291 den Wäldern, gegenüber dem Kastell, und gedachte nicht in das Lager znrückznkehren, als bis gegen die Nacht; dann hoffte sie im Stande zu sein, sich von ihren Genossinnen wcgznstehlcn, während sie der Küste entlang heimzögen, und sich auf dem Landvorsprung zu verbergen. Niemand schien die Anwesenheit Chingach- gooks zu ahnen, obgleich man nothwendig wußte, daß in der vorigen Nacht ein Indianer in die Arche war ausgenommen worden, und man Verdacht hegte, er habe sich seither in und außer der Arche in der Tracht eines Bleichgesichts gezeigt. Doch herrschte in Betreff des letztem Punktes noch einiger Zweifel; denn da dieß die Jahrszeit war, wo man die Ankunft weißer Männer erwarten konnte, herrschte einige Besorgniß, die Besatzung des Kastells möchte sich ans diesem ordentlichen Wege verstärken. All' Dieß hatte Hist der Hetty mit- getheilt, während die Indianer sich an der Küste hinzvgen, und die über sechs Meilen betragende Entfernung hatte dazu Zeit genug vergönnt. „Hist weiß selbst nicht, ob sie gegen sie Verdacht haben oder nicht, oder ob sie gegen Euch Verdacht haben; aber sie hofft, daß keines von beiden der Fall ist. Und jetzt, Schlange, nachdem ich Euch so Viel von Eurer Verlobten gesagt," fuhr Hetty fort, halb unbewußt eine Hand des Indianers ergreifend, und mit den Fingern spielend, wie oft ein Kind bei seinen Eltern thnt, „müßt Ihr Euch Etwas von mir selbst sagen lassen. Wenn Ihr Hist heira- thet, müßt Ihr gütig und freundlich gegen sie sein, und gegen sie lächeln, wie Ihr jetzt gegen mich thnt; und nicht sauer und finster sehen, wie einige Häuptlinge mit ihren Weibern thun. Wollt Ihr mir das versprechen?" „Immer gut mit Wah! — zu zart, um hart zu zwirnen — sonst sie brechen." „Ja, und auch lächeln; Ihr wißt nicht, wie sehr ein Mädchen nach Lächeln schmachtet von Denen, die sie lieb hat. Vater lächelte mir kaum Einmal zu, wie ich dort bei ihm war — und Hnrry — ja — Hurry schwatzte laut und lachte; aber ich glaube, er lächelte . 19 » 292 nicht Einmal. Ihr kennt den Unterschied zwischen Lächeln und Lachen?" „Lachen das Beste! Hört Wah! lachen; denkt, Vogel singe." „Ich weiß das; ihr Lachen ist lieblich; aber Ihr müßt lächeln. Und dann, Schlange, müßt Ihr sic nicht Lasten schleppen »nd schwer ans dem Feld mit der Hacke arbeiten lassen, wie so viele Indianer thnn, sondern sie mehr so wie die Bleichgesichter ihre Weiber behandeln." „Wah-ta!-Wah nicht Bleichgesicht — hat rothe Haut, rothes Herz, rothe Gefühle. Alles roth; kein Bleichgesicht. Mnß kleine Schreier tragen." „Jedes Weib trägt gern ihr Kind," sagte Hetty lächelnd, „und das ist nichts Arges. Aber Ihr müßt Hist lieben, und sanft und gut gegen sie sein; denn sie ist selbst sanft und gut." Chingachgook neigte sich ernst, und dann schien er der Meinung, dieser Gegenstand könnte nunmehr verlassen werden. Ehe Hetty Zeit hatte, ihre Mittheilungen noch einmal znsammenzn- fassen, hörte man im äußern Gemach Wildtödtcrs Stimme, der seinem Freunde rief. Der Indianer stand ans, dieser Aufforderung Folge zu leisten, und Hetty begab sich zu ihrer Schwester. Vierzehntes Kapitel. Solch' seltsam' Thier." der Eine schrie — „Lebte noch unter der Sonne nie; Eidechsenleib, so schmal und lang, Fischkopf. die Zunge von der Schlang', Der Fuß mit drei gespalt'nen Klau'n, Und welch' ein Schwanz ist hinter: zu schau'n?" MerriS. Aas Erste, was der Delaware that, als er bei seinem Freund, angekommen, war, daß er sich ganz ernsthaft daran machte, seines civilisirten Anzugs sich zu entledigen, nm wieder als indianischer Krieger daznstehen. Ans die Vorstellungen Wildtödtcrs dagegen thciltc er ihm den Umstand mit, daß die Anwesenheit eines Indianers in der Hütte den Irokese» bekannt sei, und daß seine Beibehaltung der Vermnmmnug wohl eher Verdacht in Bezug ans seine wirkliche Absicht erwecken wurde, als wenn er offen als Glied eines feindlichen Stammes anftrete. Als Wildtödtcr den Sachverhalt erfuhr und vernahm, er habe sich getäuscht in der Voraussetzung, daß der Häuptling wirklich ganz nnbemerkt in die Arche sei ausgenommen worden, willigte er mit Freuden in die Umwandlung, da weitere Versuche, die Sache zu verheimlichen, fruchtlos waren. Ein anderer Beweggrund jedoch, als er vorgab, ein gemüthlichcr, hatte den Wunsch' des Indianers veranlaßt, sich als Sohn des Waldes zu zeigen. Er hatte gehört, daß Hist ans der gegenüberliegenden Küste weile; und die Natur trinmphirte so weit über alle Unterschiede der Sitten, des Stammes und Volkes, daß sie diesem jungen Krieger ganz dasselbe Gefühl einflößte, das man unter ähnlichen Verhältnissen bei dem verfeinerten Stadtbewohner würde gefunden haben. Er fand eine milde Gcnng- thuung in dem Bewußtsein, daß die Geliebte ihn sehen könne; und wie er auf die Platform hinansschritt in seiner ärmlichen Landestracht, ein Apollo der Wildniß, da erfüllten hundert jener zärtlichen Phantasien, welche Liebenden durch den Kopf gehen, seine Einbildungskraft und stimmten sein Herz weich. Alles Dies; war an Wildtödtcr verloren, der kein großer Adept in den Mysterien Cupido's war, und dessen Seele weit mehr sich beschäftigte mit den Sorgen, die sich seiner Beachtung aufdrangen, als mit eitel», »nissigen Liebesphantasien. Er rief daher seinen Genossen bald zur Erwägung ihrer dcrmaligen Lage zurück, indem er ihn zu einer Art von Kriegsrath lud, worin sic ihr künftiges Verfahren fcstsetze» wollten. In der nun folgenden Unterredung theilten. Beide einander mit, was Jeder bei seiner Besprechung 294 erfahren hatte. Chingachgook erfuhr die Geschichte der Unterhandlung über das Lösegeld, und Wildtödter vernahm alle Eröffnungen Hetty's. Der Letztere hörte mit grvßmüthigcr Theil- nahme von seines Freundes Hoffnungen, und versprach mit Freuden, ihm nach Kräften seinen Beistand zu leisten. „Es ist unser Hauptvorhaben, Schlange, wie Ihr mißt; diese Schlägerei um das Kastell und des alten Hutters Töchter ist nur so zufällig dazwischen gekommen. Ja — ja — ich will mich thätig zeigen, der kleinen Hist zu helfen, die nicht nur eines der besten und schönsten Mädchen des Stammes ist, sondern wirklich das allerbeste und schönste. Ich habe Euch immer ermuthigt, Häuptling, bei dieser Neigung.; und es ist auch geziemend, daß ein großer und alter Stamm, wie der Enrige, nicht ausstcrbe. Wenn ein Mädchen von rother Haut und rothcn Gaben mir so nahe kommen könnte, daß ich sie mir zum Weib wünschte, so würde ich mir eben eine Solche suchen; aber das kann nie sein — nein, das kann nie sein. Ich bin jedoch froh, daß Hctty ans Hist gestoßen ist, denn wenn die Erstere etwas zu wenig Witz und Verstand besitzt, so hat die Letztere genug für Beide. Ja Schlange," und er lachte herzlich, „nehmt sie zusammen, und zwei flottere Mädchen sind nicht zn finden in der ganzen Kolonie Jork." „Ich will in's Lager der Irokese» gehen," versetzte der Delaware ernst. „Niemand kennt Chingachgook, außer Wah! und ein Vertrag um Leben und Skalpe sollte von einem Häuptling abgeschlossen werden. Gebt mir die fremden Bestien und laßt mich ein Canoe nehmen." Wildtödter senkte den Kopf und spielte mit dem Ende einer Fischstange im Wasser, während er da saß und seine Füße über den Rand der Platform hinaus baumeln ließ, wie Einer, der durch eine plötzlich gekommene neue Idee in Gedanken versunken ist. Statt geradezu ans den Vorschlag seines Freundes zu antworten, begann er mit sich selbst zn sprechen; wodurch jedoch seine Worte 295 in keiner Weise an Wahrheit gewinnen konnten, da er sich dadurch anszcichnetc, daß er immer sagte, was er dachte, mochte er mm seine Rede an sich selbst oder an einen Ander» richten. »Ja — ja," sagte er, „das mnß sein, was man Liebe nennt! Ich habe manchmal gehört, daß sie die Verminst ganz nmwirft, und einen jungen Mann, was Berechnung und Vorsicht anlangt, so hilflos macht, wie ein sinnloses Thier. Denken müssen, daß Schlange so ganz Vernunft, Schlauheit und Weisheit verloren! Sicherlich müssen wir es zu Stande bringen, daß Hist frei wird, und sie vcrheirathen, sobald wir zn dem Stamme zurück sind, sonst wird dieser Krieg dem Häuptling so wenig nützen, als eine etwas ungewöhnliche und außerordentliche Jagd. Ja — ja — er wird nie wieder der Mann sein, der er war, bis er diese Sache ans dem Kopfe hat, und er wieder zn seinen Sinnen kommt, wie alle übrigen Menschenkinder. Schlange, es kann Euch nicht Ernst sein, und daher will ich nur wenig auf Euer Anerbieten sagen. Aber Ihr seid ein Häuptling, und werdet bald ans den Kriegspfad gesendet werden an der Spitze von Truppen, und ich will Euch mir die Frage vorlegcn, ob Ihr gesonnen seid, Eure Mannschaft dem Feind in die Hände zu liefern, ehe die Schlacht gekämpft ist?" „Wah!" rief der Indianer hastig. „Ja — Wah! ich weiß ganz gut, es ist Wah! und ganz und gar Wah! In der That, Schlange, ich bin. um Euch besorgt und betrübt! Ich hörte nie einen so schwachen Gedanken ans dem Mund eines Häuptlings, und dazu Eines, der schon einen Namen wegen seiner Weisheit hat, so jung und unerfahren er ist. Ein Canoe bekommt Ihr nicht, so lange die Stimme der Freundschaft lind Warnung noch etwas gilt." »Mein Bleichgesichtfrennd hat recht. Eine Wolke kam übcrChin- gachgooks Angesicht und Schwäche schlich sich in seine Seele, während sein Auge trüb mar. Mein Bruder hat ein gutes Gedächtniß für gute Thaten, und ein schlechtes für schlechte. Er wird vergessen." 296 „Ja, das ist leicht gethan. Sagt nichts weiter davon, Häuptling; aber wenn wieder eine von diesen Wolken Euch nahe kvmmen will, thnt Euer Möglichstes, ihr ans dein Wege zu gehen. Wolken sind schlimm genug bei der Witterung; aber wenn sic über die Verminst hersichen, dann wird die Sache ernsthaft. Jetzt setzt Euch zu mir her, und laßt uns ein wenig unser Verfahren überlegen, denn wir müsse» bald einen Waffenstillstand oder Frieden hrben, sonst kommt es zu einem wirklichen, blutige» Krieg. Ihr sehr, die Vagabunden wissen Baumstämme zu benützen, so gut wie die besten Flößer ans den Flüssen; und es wäre für sie ein Kleines, uns mit Hellen Hansen anzngreifen. Ich denke nach, ob es klng gethan wäre, alle Habe des alten Tom in die Arche zu bringen, das Kastellzu verschließen und zn verrammeln,nnd uns ganz anfdieArche zn begeben. Die ist beweglich, nnd wenn wir das Segel aufsetzten und den Platz wechselten, könnten wir uns viele Nächte hindurch halten," ohne daß die Wölfe aus den Canada's den Weg in unsere Hürde fänden." Chingachgook hörte diesen Plan mit Beifall an. Schlug die Unterhandlung fehl, so war jetzt wenig Hoffnung, daß die Nacht ohne eine» Angriff vorübergehen würde; nnd der Feind besaß Scharfblick genug, um einzusehen, daß wenn er das Kastell eiu- nähme, er ohne Zweifel Herr alles Dessen werden würde,^ was es enthielt, das angcbotene Lösegeld mit eiugeschlossen, nnd dazu noch im Besitz der schon gewonnenen Bortheile bleiben. Eine Vorsichtsmaßregel der Art schien durchaus nothwendig; den» jetzt, nachdem man die große Anzahl der Irokese» kannte, durfte man kaum hoffen, einem nächtlichen Angriff mit Erfolg zu widerstehe». Es erschien als unmöglich, den Feind zu hindern, sich der Cauoe's nnd der Arche zu bemächtigen, und die Letztere selbst gab dann schon den Angreifern einen Anhalt, wo sie gegen Kugeln so gut geschützt waren, wie die im Gebäude befindlichen Personen. Einige Minuten dachten beide Männer daran, die Arche in dem seichten Wasser zu versenken, »der die Canve'S in das Hans z» bringe», 297 und sich ganz auf den Schutz, den das Kastell biete, zu verlassen. Aber nähere Erwägung überzeugte sie, daß am Ende dieß Aus- knnftsmittel fehlschlagcu würde. Es war so leicht, auf dem Lande Baumstämme zu sammeln, und einen Floß von beinahe jeder beliebigen Größe zu bauen, daß es als gewiß erschien, die Irokesen, nachdem sic einmal an solche Mittel gedacht, würden mit allem Ernste sich darauf legen, so lange sic die sichere Aussicht hatten, durch Beharrlichkeit ihren Zweck zu erreichen. Nach reiflicher Ucberlegung und Erwägung aller Rücksichten vereinigten sich die zwei jungen Anfänger in der Kriegskunst der Wälder in der Ansicht, daß die Arche das einzige brauchbare Mittel zur Rettung darbiete. Sobald diese Entscheidung gefaßt war, wurde sie Judith mitgetheilt. Das Mädchen hatte keine ernstliche Einwendung dagegen zu machen, und dann beeilten sich alle Vier, die zur Ausführung des Planes nöthigen Maßregeln zu ergreifen. Der Leser wird leicht ermessen, daß Floating Toms weltliche Güter von keinem großen Werth waren. Ein paar Betten, einige Kleidungsstücke, die Waffen und Munition, einiges Küchcngeräthe, nebst dem geheimnißvollen, nur erst halb untersuchten Schranke, — das machte die wichtigsten Artikel aus. Dies; Alles war bald ausgeräumt, nachdem man die Arche an die östliche Seite des Hauses gezogen, so daß man den Transport bewerkstelligen konnte, ohne von der Küste aus gesehen zu werden. Man erachtete es für nnuöthig, die schwereren und gröberen Stücke des Haushaltes zu verrücken, da man ihrer ans der Arche nicht bedurfte, und sic an sich wenig Werth hatten. Da große Vorsicht erforderlich war bei der Hinübcrschaffnng der verschiedenen Gegenstände, von denen die meisten durch ein Fenster den Weg nehmen mußten, weil man dieß Vornehmen geheim halten wollte, brauchte cs zwei oder drei Stunden, bis Alles in's Werk gesetzt war. Nach Ablauf dieser Zeit erschien auch wieder der Floß, wie er von der Küste abstieß, Wildtödter griff augenblicklich nach dem Fernglas, mittelst dessen 298 er wahrnahm, daß zwei Krieger, die jedoch unbewaffnet schienen, sich darauf befanden. Die Bewegung des Floßes war langsam, und hierin lag einer der großen Vortheile für die Inhaber der Arche bei einem etwaigen künftigen Zusammenstoß, denn die Bewegungen von dieser waren verglcichnngswcise leicht und schnell. Da man Zeit hatte, die Vorkehrungen zu treffen znm Empfang der zwei gefährlichen Gäste, wurde Alles dazu in Bereitschaft gesetzt, lange, ehe sic nahe genug herankamen, um angernfen zu werden. Schlange und die Mädchen zogen sich in das Gebäude zurück, wo sich Jener in die Nähe der Thnre, wohl mit Büchsen versehen, anfstcllte, während Judith durch eine Scharte den weitern Verlauf beobachtete. Wildtödtcr aber hatte einen Stuhl an den Rand der Platform gestellt, auf dem Punkt, gegen welchen der Floß znsteuerte, und hatte sich darauf gesetzt, die Büchse nachlässig zwischen die Beine gelehnt. Als der Floß näher kam, wurden alle der Gesellschaft im Kastell zur Verfügung stehenden Mittel anfgeboten, um sich zu vergewissern, ob die nahenden Gäste Feuerwaffen hätten. Weder Wildtödtcr noch Chingachgook konnten solche entdecken; Judith aber, die dem bloßen Auge nicht trauen wollte, schob das Fernglas durch die Scharte und richtete es gegen die Schierlingstanncn- zweige, die zwischen den zwei Baumstämmen des Floßes lagen, eine Art Fußboden, so wie einen Sitz für die Ruderer bildend. Als der schwerfällige Floß auf fünfzig Fuß sich genähert, rief Wildtödtcr die Huronen an, hieß sie das Andern einstcllen, da er nicht gesonnen sei, sie landen zu lassen. Natürlich mußten sie sich darein ergeben, und die beiden grimmig ansschendcn Krieger verließen ihre Sitze, obgleich der Floß noch immer weiter rückte, bis er der Platform noch viel näher gekommen war. „Seid ihr Häuptlinge?" fragte Wildtödtcr mit Wurde. „Seid ihr Häuptlinge? Oder haben mir die Mingv's Krieger ohne Namen geschickt bei einer solche» Sendung? Wenn dieß ist, dann je eher 299 ihr umkehrt, desto eher kann ein Solcher kommen, mit dem ein Krieger unterhandeln kann." „Hugh!" rief der ältere von den beiden Männern auf dem Floße, und ließ seine glühenden Augen über die verschiedenen Gegenstände Hinrollen, die man im Kastell und rings umher sah, mit einer Lebhaftigkeit, welche bewies, wie wenig ihm entging. „Mein Bruder ist sehr stolz, aber Rivenoak (gespaltene Eiche) ist ein Name, der einen Delawaren erblassen macht." „Das ist wahr, oder es ist eine Lüge, Rivenoak, wie es sich trifft; aber ich werde schwerlich bleich werden, sintemal ich bleich geboren bin. Was ist Eure Sendung, und warum kommt Ihr unter leichte Rinden-Canoe's hinein auf Stämmen, die nicht einmal ansgchöhlt sind?" „Die Irokesen sind keine Enten, daß sie auf dem Wasser schreiten könnten. Mögen die Bleichgesichter ihnen ein Canoe geben, dann werden sie in einem Canoe kommen." „Das ist wohl vernünftig, wird aber schwerlich geschehen. Wir haben nur vier Canoe's, und da wir unserer Vier sind, kommt ans Jeden nur eines. Wir danken Euch indessen für den Antrag, obschon wir so frei sind, ihn nicht anzunehmen. Ihr seid willkommen Irokese, ans Euren Baumstämmen." „Danke Euch — mein junger Bleichgestchtkrieger — er hat schon einen Namen gewonnen — wie nennen ihn die Häuptlinge?" ' Wildtödter besann sich einen Augenblick, und ein Anflug von Stolz und menschlicher Schwäche zuckte durch seine Seele. Er lächelte, murmelte zwischen den Zähnen, schaute dann stolz auf und sagte: „Mingo, wie Alle, die jung und tüchtig sind, bin ich zu verschiedenen Zeiten unter verschiedenen Namen bekannt gewesen. Einer Eurer Krieger, dessen Geist aufflog zu den glücklichen Jagdrevieren Eures Volkes erst gestern Morgen, meinte, ich verdiente unter dem Namen Falkenauge bekannt zu werden, und das, weil 30 » mein Gesicht zufällig rascher war als das seinige, als es Leben und Tod zwischen uns galt." Chingachgook, der auf Alles, was vorging, aufmerksam lauschte, hörte und verstand diesen Beweis einer vorübergehenden Schwäche seines Freundes, und bei einer spätern Gelegenheit fragte er ihn genauer aus über den ganzen Hergang ans der Küste, wo Wild- tvdter zuerst einem Menschen das Leben genommen. Nachdem er die ganze Wahrheit heransbekvmmen, ermangelte er nicht, Alles dem Stamme mitzutheilen, und von dieser Zeit an war der junge Jäger allgemein bekannt bei de» Dclawarcn unter einem so ehrenvoll erworbenen Namen. Da jedoch dich später fällt, als alle Begebenheiten dieser Erzählung, werden wir den jungen Jäger fortwährend mit dem Namen bezeichnen, unter welchem wir ihn zuerst dem Leser vorgeführt haben. Der Irokese war nicht weniger betroffen über die prahlende Anssage des weißen Mannes. Er wußte von dem Tod seines Kameraden, und verstand die Anspielung ohne Schwierigkeit; denn die Begegnung des Siegers und seines Opfers bei dieser Gelegenheit war von mehreren Wilden ans der Küste des See's gesehen worden, welche an verschiedene» Punkten dicht am Saum der Gebüsche waren ansgestellt gewesen, um die auf dem See treibenden Canoe's zu beobachten, aber nicht Zeit gehabt hatten, die Scene des Kampfes zu erreichen, ehe der Sieger sich zurückgezogen. Die Wirkung war bei diesem rohen Wesen des Waldes ein Ausruf der Uebcrraschnng; dann folgte ei» Lächeln der Höflichkeit und ein Winken mit der Hand, wie es asiatischer Diplomatie würde Ehre gemacht haben. Die beiden Irokesen besprachen sich mit einander in leisem Tone, und Beide traten ans das der Platform nächstgelegene Ende des Floßes. „Mein Bruder Falkenange hat eine Botschaft zu den Hnrone» gesandt," begann wieder Rivcnoak, „und sie hat ihre Herzen sehr froh gemacht. Sie hören, er hat Bilder von Thicren mit zwei Schwänzen! Will er sie seinen Freunden zeigen?" 301 „Feinden, wäre wahrer," versetzte Wildtödter, „aber das Wort ist nicht die Sache, nnd schadet wenig. Hier ist eines von den Bildern; ich werfe es Euch hinunter ans Tren nnd Glauben des Vertrags. Wird es nicht znrückgegcben, sv wird die Büchse die Sache zwischen uns in's Reine bringen." Die Irokesen schienen mit den Bedingungen zufrieden, und Wildtödter stand ans, nnd schickte sich an, einen der Elephanten auf den Floß zu werfen, wobei beide Theile alle erforderliche Vorsicht anmandten, um dessen Verlust zu verhüten. Da Uebnng die Menschen in solchen Dingen geschickt macht, war die kleine Figur von Elfenbein bald aus einer Hand in die andere glücklich überliefert; und dann folgte auf dem Floß eine Scene, wo Erstaunen und Entzücken die Oberhand gewann über indianischen Stoicismus. Die beiden grimmigen alten Krieger zeigten sogar bei Besichtigung der seltsam gearbeiteten Schachfigur noch größere Aufregung, als der Knabe verrathen hatte, denn bei dem letzteren wirkte noch der frische Einfluß der dnrchgemachten Schule und Zucht, während die Männer, wie Alle, die sich auf ihren begründeten Ruf verlassen, sich nicht schämten, ihre Empfindungen znm Theil kund zu geben. Einige Minuten lang hatten sie dem Anschein nach das ganze Bewußtsein ihrer Lage verloren über der genauen nnd lebhaften Prüfung, mit der sic bei einem so kostbaren Material, einer so schönen Arbeit nnd einem so außerordentlichen Thiere verweilten. Das Maul des Elcnnthiers hat vielleicht noch am meisten Aehnlich- keit 'mit dem Rüssel des Elephanten unter den Thieren der amerikanischen Wälder; aber diese Aehnlichkeit war weit nicht auffallend genug, um die ihnen neue Kreatur in den Kreis ihrer Vorstellungen und des ihnen Gewohnten hineinznziehen, und je länger sie daran studirten, um so größer ward ihr Staunen. Auch nahmen diese Kinder des Waldes keineswegs das Gebäude auf dem Rücken des Elephanten irrigerweise für einen Theil des Thieres selbst. Sie waren mit Pferden und Ochsen bekannt, hatten in den Canada's 302 Thürme gesehen, und fanden nichts Befremdendes an Lastthiereu. Doch aber meinten sie, vermöge einer sehr naheliegenden Vorstellung, das Schnitzwerk bedente so viel, daß das Thier, welches sie sahen, Stärke genng besitze, um ans seinem Rücken ein Fort zu tragen, — ein Umstand, der ihre Verwunderung durchaus nicht verminderte. „Hat mein Bleichgesichtbrnder noch mehr solche Thiere?" fragte endlich der Aeltere der Irokesen in halb bittendem Tone. „Es sind da, woher sie kommen, noch mehrere, Mingo," war die Antwort; „aber Eines ist genug, um fünfzig Skalpe abzn- kanfen." „Einer meiner Gefangenen ist ein großer Krieger — hoch wie eine Tanne — stark wie das Elenuthier — schnell wie der Hirsch — trotzig wie der Panther! Er wird einmal ein großer Häuptling werden und das Heer des Königs George anführen." „Still! still! Mingo; Harry Hnrry ist Harry Hnrry, und Ihr werdet nie mehr als einen Korporal ans ihm machen, und das kaum. Allerdings ist er hoch; aber das nützt nichts, denn er stößt da nur seinen Kopf an die Zweige, wenn er durch den Wald geht. Auch ist er stark; aber ein starker Leib ist nicht ein starker Kopf, und die Generale des Königs werden nicht nach ihren Sehnen gewählt. Er ist schnell, wenn Ihr wollt, aber eine Büchsenkngel ist schneller; und was den Trotz betrifft, so ist das keine große Empfehlung für einen Soldaten; Solche, die da sich am mannhaftesten dünken, werden oft in einer Klemme sogleich verzagt. Nein — nein — Ihr werdet nie Hurry's Skalp für mehr ausgeben können, als für einen guten Kopf voll krauser Haare mit einer klappernden Hirnschale darunter!" „Mein alter Gefangener sehr weise — König des See's — großer Krieger, weiser Rathgeber!" „Nun, es gibt Leute, die dem Allen widersprechen könnten, Mingo. Ein sehr weiser Manu würde sich nicht da so närrischer 303 Weise fangen lassen, wie dieß Meister Hutter begegnete; und wenn er guten Rath gibt, muß er doch ans schlechten gehorcht haben in dieser ganzen Sache. Es gibt nur Einen König dieses See's, und der ist weit weg, und wird ihn schwerlich je sehe». Floating Tom ist ungefähr so ein König dieser Gegend, wie der Wolf, der durch die Wälder streift, König des Forstes ist. Ein Thier mit zwei Schwänzen ist wohl solche zwei Skalpe werth." „Aber mein Bruder hat noch ein Thier? — Er wird zwei geben," und er hielt zwei Finger in die Höhe, „für alten Vater?" „Floating Tom ist nicht mein Vater, aber darum soll er nicht schlimmer fahren. Zwei Thicre für seinen Skalp zu geben, und jedes Thier mit zwei Schwänzen, ist ganz über alles Maaß und Vernunft. Ihr habt von Gewinn zu sagen, Mingo, wenn Ihr einen viel schlechtem Handel macht." Mittlerweile hatte die Selbstbeherrschung Rivenoaks die Oberhand über seine Verwunderung gewonnen, und er begann, wieder auf seine gewohnte List und Schlauheit zu verfallen, um den möglichst vortheilhaften Handel zu schließen. Es wäre überflüssig, mehr als den wesentlichen Inhalt des nun folgenden, rasch ab- spriugenden Gesprächs zu erzählen, worin der Indianer nicht wenig Verschlagenheit zeigte bei seinem Bestreben, den unter dem Einfluß der Ueberraschnng verlorenen Boden wieder zu gewinnen. Er gab sich sogar die Miene zn zweifeln, ob das Original von dem Bilde des Thieres cxistire, und versicherte, der älteste Indianer habe nie eine Sage von einem solchen Thiere gehört. Schwerlich dachte Einer von Beiden damals daran, daß lange vor Ablauf eines Jahrhunderts der Fortschritt der Civilisation noch viel außerordentlichere und seltenere Thiere in diese Gegend bringen würde, als Merkwürdigkeiten zum Begaffen für die Neugier, und daß namentlich das Thier, über welches die Parteien stritten, in eben dem See, wo sie sich getroffen, zu sehen sein würde, wie es darin seine Seiten wüsche und herumschwämme. Wie eS nicht selten 304 geschieht in solchen Fällen, eine der Parteien wurde im Verlauf der Erörterung etwas warm; denn Wildtödter begegnete allen Gründen und Vorspiegelungen seines schlauen und gewandten Gegners mit der ihm eigene» kaltblütigen Geradheit und unerschütterlichen Wahrheitsliebe. Was ein Elephant war, wußte er wenig besser als der Wilde; aber er wußte vollkommen gut, daß die geschnitzten Figuren von Elfenbein in den Augen eines Irokesen einen Werth haben müßten, wie ein Sack voll Gold oder ein Haufen Biberfelle in denen eines Kaufmanns. Unter solchen Umstände» fand eres daher klug, anfänglich nicht zu viel einzugestehcn, da ein beinahe nnnber- windliches Hinderniß in der Bewcrkstellignng des Austausches vorlag, selbst nachdem die unterhandelnden Parteien über die Bedingungen einig geworden wären. Diese Schwierigkeit im Auge, behielt er die übrigen Schachfiguren in Reserve, als Mittel, um im Augenblick der Noth alle Schwierigkeiten zu beseitigen. Endlich behauptete der Wilde, weitere Unterhandlung sei fruchtlos, da er gegen seinen Stamm nicht so ungerecht sein könne, die Ehre und den Gewinn von zwei trefflichen, ausgewachsenen, männlichen Skalpen hinzngeben für einen so ärmlichen Werth wie die zwei gesehenen Spielzeuge — und schickte sich znm Aufbruch an. Beiden Thcilcn war jetzt zu Muth wie gewöhnlich Leuten, wenn ein Handel, den zu schließen Jeder den lebhaften Wunsch hat, auf dem Punkt steht, abgebrochen zu werden in Folge zn großer Hartnäckigkeit bei der Unterhandlung. Die Wirkung der getäuschten Hoffnung jedoch war bei den beiden Individuen sehr verschieden. Wildtödter war betroffen und von schmerzlichem Bedauern erfüllt; denn er hatte nicht blvs mit den Gefangenen, sondern auch mit den beiden Mädchen tiefes Mitleid. Das Abbrcchen der Unterhandlung erfüllte ihn daher mit Trauer und Leidwesen. Bei dem Wilden erweckte seine Niederlage wilde Rachsucht. In einem Augenblick der Aufregung hatte er laut seinen Entschluß ausgesprochen,. nichts weiter zn sagen; und er war gleich wnthend über sich, wie 305 über seinen kaltblütigen Gegner, das; er einem Bleichgesicht in der Kundgebung von Gleichgültigkeit und Selbstbeherrschung den Sieg über einen indianischen Häuptling überlassen hatte. Als er anfing, seinen Floß von der Platform wegznrndern, wurde sein Gesicht finster und seine Angen glühten, während er dennoch ein freundliches Lächeln und eine Geberde der Höflichkeit znm Abschied erzwang. Es bedurfte eine kleine Weile, die vis inertiae der Baumstämme zu überwinden, und während dies; der Indianer zu Stande brachte, der eine stumme Rolle gespielt, schritt Rivenoak über die Tannenzweigc, welche zwischen den Stämmen lagen, in schweigendem Ingrimm hin, und betrachtete mit scharfem Auge während dem das Kastell, die Platform und die Person seines unterhandelnden Gegners. Einmal sprach er in leisem Tone, aber rasch mit seinem Begleiter, und er scharrte mit den Füßen in den Zweigen, wie ein ungeduldiges, stetiges Thier. In diesem Augenblick wardst Wachsamkeit Wildtödters etwas erlahmt, denn er saß da, »achsinnend über die Art und Weise, die Unterhandlung wieder zu erneuen, ohne der andern Partei zu viel Vorthcil einznränmen. Bietleicht war es ein Glück für ihn, daß das lebhafte und glänzende Auge Judiths so wachsam war wie immer. In dem Augenblick, wo der junge Mann am wenigsten ans seiner Hut, und sein Feind am wachsamsten und lancrndsten war, ries sie Jenem mit warnender Stimme, sehr zur rechten Zeit Lärm machend, zu: „Seid ans Eurer Hut, Wildtödter. Ich sehe durch das Fernglas Büchsen über Pen Tannenzwcigen, und der Irokese macht sie mit dem Fuße los!" Es schien fast, als hätte der Feind seine List so weit getrieben, sich eines Unterhändlers zu bedienen, der Englisch verstand. Die bisherige Besprechung hatte in seiner Sprache ftattgefnnden, aber ans der Art, wie seine Füße plöylich in ihrer verrätherischen Beschäftigung inne hielten, während zugleich auf dem Gesicht Ri- Der Wildtvdter. 20 306 venoaks der trotzige Grimm in ein Lächeln der Höflichkeit sich verwandelte, erhellte deutlich, daß er den Znrnf des Mädchens verstanden hatte. Er winkte seinem Begleiter, der die Stämme in Bewegung zu bringen sich bestrebte, in seinen Bemühungen inne zu halten, trat an das Ende des Floßes zunächst der Plat- form und begann zu sprechen. „Warum sollten Rivenoak und sein Bruder eine Wolke zwischen sich lassen?" sagte er. „Sie sind Beide weise, Beide tapfer, und Beide großmüthig; sie sollten als Freunde scheiden. Ein Thier soll der Preis für je einen Gefangenen sein." „Und Mingo," versetzte der Andere, hocherfreut die Unterhandlungen erneut zu sehen, auf beinahe jede Bedingung hin, und entschlossen, den Handel wo möglich durch eine kleine Extra-Freigebigkeit zu befestigen — „Ihr sollt sehen, das; ein Bleichgesicht wohl den vollen Preis zu bezahlen weiß, wenn er mit einer offenen Hand und einem offenen Herzen zu thnn hat. Behaltet das Thier, das Ihr mir znrückzngeben vergessen, als Ihr im Begriff wäret abzustoßen, und das ich vergaß znrückznfordern, ans Kummer darüber, daß wir im Zorn scheiden sollten. Zeigt es Euren Häuptlingen. Wenn Ihr uns unsere Freunde zurückbringt, sollen zwei weitere dazukommen — und —" er zauderte einen Augenblick, im Zweifel an der Rathsamkeit eines so großen Zugeständnisses, für das er sich jedoch am Ende entschied — „und wenn wir sie hier sehen, ehe die Sonne untergeht, so findet sich vielleicht auch das vierte, um die Zahl gerade zu machen," Dieß brachte die Sache in's Reine. Jeder Schatten von Mißvergnügen verschwand ans dem dunkel» Angesicht des Irokesen, und er lächelte so huldvoll, wenn auch nicht so holdselig, wie Judith Hutter selbst. Die schon in seinem Besitz befindliche Figur ward von Neuem besichtigt, und ein Ausruf der Freude zeigte, wie sehr er mit diesem unerwarteten Ausgang der Sache zufrieden war. In der That hatten er und Wildtödter für den Augenblick 307 in der Wärme ihres Affekts vergessen, was aus dem Gegenstand ihres Streites selbst geworden; dies; war jedoch nicht der Fall bei Rivcnoaks Begleiter. Dieser hielt die Figur in Händen, und war fest entschlossen, wenn sie unter solchen Umständen zurückverlangt würde, welche die Zurückgabe nothwendig machten, sie in den See fallen zn lassen, wo er sie künftig einmal wieder zu finden zuversichtlich hoffte. Dieß verzweifelte Ansknnftsmittel jedoch war jetzt nicht mehr nöthig, und nachdem die Bedingungen der Nebereinkunft wiederholt worden waren, und die Indianer versichert hatten, das; sic sie wohl gefaßt, brachen sie endlich auf und ruderten langsam der Küste zu. „Kann man irgend auf solche Elende Vertrauen sehen?" fragte Judith, als sie mit Hetty auf die Platform hcrausgetreten war »nd neben Wildtödter stand, die schwerfällige Bewegung des Floßes beobachtend; „werden sie nicht am Ende das Spielzeug, das sie haben, behalten, und uns irgend ein blutiges Zeichen schicken, Prahlend, daß sie uns überlistet? Ich habe wohl schon von so schlimmen Thaten gehört!" „Ohne Zweifel, Judith; gar kein Zweifel, wäre nicht die indianische Natur. Aber ich verstehe mich nicht auf die Rothhäute, wenn diese zweischwänzige Bestie nicht den ganzen Stamm in eine Aufregung bringt, wie etwa ein Stecken einen Bienenkorb! Nun, da ist Schlange, ein Mann mit Nerven wie Flintenstein, und von nicht mehr Neugier iu alltäglichen Dingen, als mit der Klugheit sich verträgt. Nun, und der war so überwältigt von dem Anblick der Kreatur, wie sie ans Bein geschnitzt ist, daß ich mich selbst für ihn schämte. Aber das sind eben gerade ihre Gaben, und man kann nicht wohl mit Einem streiten und zanken wegen seiner Gaben, wenn sie rechtmäßig sind. Chingachgook wird bald seine Schwäche überwinden und bedenken, daß er ei» Häuptling ist, und daß er von einem großen Geschlecht abstammt, und einen berühmten Namen aufrecht und in Ehren zu halten hat; aber was jene Schufte betrifft, unter denen wird kein Friede sein, bis sie glauben im Besitz so» 308 von Allem von der Gattung dieser Figur aus geschnitztem Bein zu sein, was sich unter Thomas Hutters Habe findet." „Sie wissen nur von den Elephanten und können auf das Andere keine Hoffnung haben." „Das ist wahr, Judith; aber Habsucht ist ein nagendes, begehrliches Gefühl. Sie werden sagen: wenn die Bleichgesichter diese seltsamen Bestien mit zwei Schwänzen haben, wer weiß, ob sie nicht auch solche mit drei, oder dann auch wohl gar mit vier haben! Das ist, was die Schulmeister natürltche Arithmetik nennen, und gewiß wird das den Wilden in den Sinn kommen. Sie werden sich nicht beruhigen, bis die Wahrheit bekannt ist." „Meint Ihr, Wildtödter," fragte Hetty in ihrer einfachen und unschuldigen Art, „daß die Irokesen Vater und Hnrry nicht werden gehen lassen? — Ich las ihnen einige der allerbesten Verse aus der Bibel vor, und Ihr seht, was sic schon gethan haben." Der Jäger hörte, wie er immer that, freundlich und sogar liebevoll Hetty's Worte an; dann sann er einen Augenblick stillschweigend nach. Es war Etwas wie eine Röthe auf seiner Wange, als er, nach Verflnß einer vollen Minute, antwortete. „Ich weiß nicht, ob ein weißer Mann sich schämen soll oder nicht, zu gestehen, daß er nicht lesen kann; aber bei nnr ist das der Fall, Judith. Ihr seid geschickt, finde ich, in allen solchen Dingen, während icfi nnr die Hand Gottes studirt habe, so wie man sie sieht in Hügeln und Thälcrn, Bergspiyen, Strömen, in Wäldern und Quellen. Viel kann man auf diese Art lernen, so gut wie ans Büchern; und doch denke ich manchmal, es gehöre zu eines weißen Mannes Gaben, zu lesen! Wenn ich ans dem Munde der Mährischen Brüder die Worte höre, von welchen Hetty spricht, so erwecken sie ein Verlangen in meinem Gemüth, und ich denke, ich wolle selbst auch sie lesen lernen; aber das Wild im Sommer, und die Ueberlicsernngen, und der Unterricht im Krieg, und andere Sachen haben mich noch immer daran verhindert." 309 „Sott ich's Euch lehren, Wildtödtcr?" fragte Hctty ernst. „Ich bin schwachsinnig, so sagen sie, aber lesen kann ich so gut wie Judith. Es kann Euch das Leben retten, wenn Ihr den Wilden die Bibel vorznlesen versteht, und gewiß wird cs Eure Seele retten, denn das hat mir Mutter gar oft gesagt." „Dank Euch, Hetty, Dank Euch von ganzem Herzen. Jetzt werden wohl zu unruhige Zeiten kommen, um viel Muße zu haben; aber wenn's Friede ist, und ich wieder an diesen See komme, Euch zu besuchen, dann will ich mich dazu hergeben, und cs wird mir eine Lust und ein Gewinn zugleich sein. Vielleicht sollte ich mich schämen, Judith, daß cs so ist; aber Wahrheit ist Wahrheit. Was diese Irokesen belangt, so ist nicht sehr wahrscheinlich, daß sie eine Bestie mit zwei Schwänzen vergessen über einem oder zwei Versen aus derBibel. Ich vermuthe eher, sie werden die Gefangenen ausliefern, und ans die eine oder andere List und Tücke sich verlassen, sie wieder in ihre Gewalt zu bekommen, und uns und Alle im Kastell, sammt der Arche in den Kauf. Indes;, wir müsse» die Vagabunden bei guter Laune erhalten, erstlich, um Euren Vater und Hnrry aus ihren Händen los zu bekommen, und dann um den Frieden zwischen uns zu erhalten, bis zu der Zeit, wo Schlange es dahin bringen kann, seine Verlobte frei zu machen. Wenn es plötzlich zu einem Ansbrnch von Zorn und Wildheit kommt, werden die Indianer alle ihre Weiber und Kinder sofort in's Lager schicken; während wir, wenn wir sie ruhig und zntrancnsvoll erhalten, es so werden richten können, daß wir Hist an dem von ihr bezeich- neten Ort treffen. Ehe ich jetzt den Handel abbräche, würde ich wohl noch ein Halbdutzend von jenen Bogenundpfeilmännerfiguren drein geben, deren wir genug in dem Schranke haben." Judith stimmte mit Freuden bei, denn sic hätte selbst den geblümten Brokat anfgeopfert, um nur ihren Vater zu befreien und Wildtödter zn Gefallen. Die Aussichten auf einen glücklichen Erfolg waren jetzt so er- 310 muthigend, daß Alle im Kastell sich erleichtert fühlten, obwohl man die gebührende wachsame Beobachtung aller Bewegungen des Feindes nicht vernachlässigte. Stunde jedock um Stunde verstrich, und die Sonne hatte schon angefangen, sich wieder zu den westlichen Hügeln herab zu senken, und noch sah man keine Spur von einem zurückkehrenden Floße. Endlich entdeckte Wildtödter, der die Küste mit dem Fernglas genau musterte, einen Platz in den dunkeln dichten Wäldern, wo die Irokesen, wie er unzweifelhaft dafür hielt, in ansehnlicher Zahl versammelt waren. Er war in der Nähe des Dickichts, von wo der Floß abgegangen war, und ein kleiner Bach, der in den See rieselte, verkündete die Nähe einer Quelle. Hier also hielten vermnthlich die Wilden ihre Berathnng und sollte der Beschluß gefaßt werden, der die Frage über Leben und Tod der Gefangenen entschied. Ein Grund zur Hoffnung jedoch war vorhanden, trotz der Verzögerung, den Wildtödter nicht ermangelte, seinen ängstlich harrenden Freunden mitzntheilen. Es war weit wahrscheinlicher, daß die Indianer ihre Gefangenen im Lager gelassen, als daß sie sich mit ihnen belastet hatten, indem sie sie hätten einer Truppe durch die Wälder folgen lassen, die nur auf einen zeitweiligen Streifzng ans war. Verhielt sich dieß so, dann bedurfte es einer ziemlichen Zeit, um einen Boten nach jenem entfernten Ort zu schicken, und die zwei weißen Männer an den Platz zu bringen, wo sie sich einschiffen sollten. Ermnthigt durch diese Gedanken sammelten sie einen neuen Vorrath von Geduld, und das Hinabgleiten der Sonne ward mit weniger Unruhe betrachtet. Der Erfolg rechtfertigte Wildtödters Vermnthnng. Nicht lang, ehe die Sonne ganz verschwand, sah man die zwei Stämme ans dem Dickicht wieder Hervorkommen, und als der Floß näher kam, verkündigte Judith, ihr Vater und Hnrry, beide gebunden, lägen aus den Büschen in der Mitte. Wie zuvor ruderten die Indianer. Die Letzteren schienen zu fühlen, daß die späte Tageszeit ungewöhnliche Kraftanstrengung erfordere, und ganz entgegen der Ge- wohnheit ihres Volks, das immer die Mühe scheut, arbeiteten sie rüstig an den Surrogaten der Ruder. In Folge dieses Eifers nahm der Floß seine frühere Stellung ein schon in etwa der Hälfte der Zeit, die sie bei den früher» Fahrten gebraucht hatten. Selbst nachdem die Bedingungen so deutlich festgesetzt und die Sachen so weit gediehen waren, blieb die wirkliche Uebergabe der Gefangenen eine nicht ohne Schwierigkeit zu erfüllende Obliegenheit. Die Irokesen sahen sich genöthigt, großes Vertrauen in den guten Glauben und Willen ihrer Feinde zu sehen, obgleich sie cs mit Widerstreben, und mehr in Folge der Nothwendigkeit, als mit freiem Willen und mit Zuversicht thaten. Sobald Hutter und Hurry freigelassen waren, zählte die Truppe im Kastell, denen auf dem Floß gegenüber, Zwei gegen Einen, und von Flucht konnte keine Rede sein, da Jene drei Canoe's besaßen, Nichts zu sagen von den Vcrtheidignngsaustalten des Hauses und der Arche. Alles Dieß ward von beiden Parteien wohl begriffen, und vermuthlich wäre die Uebereinkunft nie ganz in's Reine gebracht worden, hätte nicht Wildtödters ehrliches Gesicht und Wesen seine gewöhnliche Wirkung auch bei Riveuoak gethau. „Mein Bruder weiß, ich setzte Vertrauen in ihn," sagte der Letztere, indem er mit Hutter näher trat, dessen Beine losgebunden waren, damit der alte Mann die Platform hinanstcigen konnte. „Ein Skalp — Ein Thier mehr!" .„Ha, Mingv," mrterbrach ihn der Jäger, „behaltet Euren Gefangene» noch einen Augenblick. Ich muß gehen und die Mittel der Zahlung suchen." Diese Entschuldigung jedoch, obwohl zum Thcil wahr, war doch hauptsächlich eine List. Wildtödter verließ die Platform, trat i» das Haus und wies Judith an, alle Waffen znsammenzutragcn und in ihrem Gemache verbergen. Dann sprach er ernstlich mit dem Delaware», der wie früher nahe am Eingang des Gebäudes Wache hielt, steckte die drei Thürme in die Tasche und kehrte zurück. 312 „Seid willkommen zurück in Eurer alten Wohnung, Meister Hutter," sagte Wildtödtcr, indem er ihm ans die Platfvrm heranf- half, zu gleicher Zeit schlau wieder einen Thurm in die Hand Rivenoaks schiebend. „Ihr findet Eure Töchter hoch erfreut Euch wieder zn sehen, und da kommt Hetty selbst, um Euch dies; von steh zn versichern." Hier hielt der Jäger von selbst im Reden inne, und brach in sein eigenthümliches, stilles aber herzliches Lachen aus. Hurry'S Beine waren eben losgebundcn und er ans die Füße gestellt worden. Sv eng hatte man die Bande ungezogen, daß die Gebundenen nicht sogleich wieder den Gebrauch ihrer Glieder erlangten, und der junge Riese machte in allem Ernst eine sehr hilflose und einigermaßen komische Figur. Es war dieß ungewohnte Schauspiel, besonders das verdutzte Gesicht, was Wildtödters Fröhlichkeit erregte. „Ihr seht ans wie eine geringelte Tanne ans einer Lichtung, Harry Hurry, die sich in einem Sturme wiegt," sagte Wildtödtcr, seine unzeitgemäße Lustigkeit zügelnd, mehr aus Zartgefühl gegen die Andern, als aus Achtung vvr dem befreiten Gefangenen. „Es freut mich jedoch zu sehen, daß Euch nicht Euer Haar von einem der Jrokesischen Barbiere bei Eurem letzten Besuch in ihrem Lager ist frisirt worden." „Hört, Wildtödtcr," versetzte der Andere etwas trotzig; „es wäre klug von Euch, bei dieser Gelegenheit weniger der Lustigkeit zu pflegen, und mehr der Freundschaft. Handelt einmal wie ein Christ, und nicht wie ein lachsüchtiges Mädchen in einer Landschule, wenn der Lehrer den Rücken kehrt, und sagt mir nur, ob da am Ende von meinen Beinen Füße sind oder nicht? Ich glaube sie doch zn sehen, aber was das Fühlen betrifft, so könnten sic ebensogut drunten an den Ufern des Mohawks sein, als wo sie mir zn sein scheinen." „Ihr seid ganz davongckommcn, Hurry, und das will viel sagen," versetzte der Andere, heimlich dem Indianer den Rest des 313 bedungene» Löscgeldes zusteckend, und zugleich gab er ihm einen ernsten Wink, seinen Rückzug anznireten. „Ihr seid ganz davongekommen, mit Füßen und Allem, und seid jetzt nur ein wenig starr, in Folge des scharfen Anziehens der Weiden. Die Natur wird schon das Blut in Bewegung setzen, und dann könnt Ihr an- fangen zu tanzen, um Eure, wie ich sagen möchte, höchst wundervolle und unerwartete Befreiung ans der Höhle der Wölfe zu feiern." Wildtödter löste die Arme seiner Freunde von den Banden, so wie Beide heranfstiegen, und sie stampften und hinkten jetzt ans der Platform herum, brummend nnd Verwünschungen ansstoßend, indem sie dem wiederkehrendcn Blntumlanf nachHnhelfen suchten. Sie waren jedoch zu lange gebunden gewesen, um in einem Augenblick wieder den Gebrauch ihrer Glieder zu erlangen; nnd da die Indianer ans dem Rückweg ebenso fleißig arbeiteten, als auf dem Herweg, war der Floß volle hundert Schritte von dem Kastell entfernt, als Hnrry, zufällig nach jener Richtung gewandt, entdeckte, wie schnell derselbe dem Bereich seiner Rache sich entziehe. Er konnte sich jetzt mit erträglicher Leichtigkeit bewegen, obwohl noch starr nnd steif. Ohne jedoch seinen Zustand zu erwägen, ergriff er die Büchse, die an Wildtödters Schulter gelehnt war, und suchte sie zu spannen nnd anznlegen, der junge Jäger war ihm aber zu schnell. Er faßte das Gewehr und entrang es den Händen des Niesen, doch nicht ohne daß es in dem Kampfe losging, als gerade die Mündung nach oben gerichtet war. Wahrscheinlich hätte Wildtödter in diesem Ringen wegen des Zustands von Hnrry's Gliedmaßen siegen können; aber im Augenblick, wo das Gewehr losgiug, ließ es der Letztere fahren, nnd trollte dem Hanse zu, die Beine bei jedem Schritt einen vollen Fuß über den Boden erhebend, weil er gar nicht recht spürte, wie er die Füße setzte. Aber Judith war ihm zuvorgekommcn. Der ganze Vorrath von Hutters Waffen, der in dem Gebäude verwahrt war, als ein Hilfsmittel für den Fall eines plötzlichen Ausbruchs von Feind- 314 seligkeiten, war nach Wildtödters Anweisungen entfernt und versteckt worden. In Folge dieser Vorsichtsmaßregel fehlten March alle Mittel zur Ausführung seiner Racheplane. Getäuscht in seinem rachgierigen Bestreben, setzte sich Hurry nieder, und wie Hutter, war er eine halbe Stunde lang so sehr damit beschäftigt, den Blutumlauf wieder herzustellen, nnd im freien Gebrauch seiner Glieder sich wieder zu üben, um andern Gedanken nachzuhängen. Nach Verfluß dieser Zeit war der Floß verschwunden, und die Nacht begann ihre Schatten wieder über die ganze Waldsceue zu werfen. Ehe die Dunkelheit völlig cinge- brochen war, und während die Mädchen die Abendmahlzeit bereiteten, berichtete Wildtödter in skizzirtem Umriß die Ereignisse, welche stattgehabt, und erzählte ihm, welche Mittel er zur Sicherung seiner Kinder und seines Eigenthnms ergriffen habe. Fünfzehntes Kapitel. ..So lange Edward herrscht im Land. Hier nie der KriegSgott ruht. ES fallen Söhn' und Gatten euch. Und eure Ström' süllt Blut." ..O, ihr verließt den rechten Herrn, Als er im Mißgeschick; — Sterbt sür die gute Sach', gleich mir, — O kehrt zu ihm zurück!» Chattcrton. Aie Ruhe des Abends staikd wieder in eigenthümlichem Kontrast mit den Leidenschaften der Menschen, während sein düster anwachsendes Dunkel in ebenso, eigenthümlichem Einklang damit stand. Die Sonne war unter, und die Strahlen des geschiedenen Gestirns hatten anfgehört, die Ränder der wenigen Wolken zu vergolden, welche hinlängliche Nisse hatten, um sein erbleichendes Licht dnrchzulassen. Der Wolkenbaldachin oben am Himmel war schwer und dicht, und verhieß wieder eine dunkle Nacht, aber die" Fläche des See's war kanm von einem Wellchen gekräuselt. Es 315 wehte ein kleiner Luftzug — Wind konnte man es eigentlich nicht nennen. Doch hatte er, da er schwül und feucht mar, eine gewisse Kraft. Die Gesellschaft im Kastell war so trüb und schweigsam wie die Scene. Die beiden ansgelösten Gefangenen fühlten sich gcdcmüthigt und entehrt, aber ihre Beschämung hatte Etwas von der Erbitterung und Tücke der Rachsucht. Sie waren weit mehr geneigt, der Unwürdigkeit zu gedenken, mit der sie während der letzten paar Stunden ihrer Gefangenschaft behandelt worden waren, als Dankbarkeit zu fühlen für die vorhergegangene Milde. Und dann stachelte sie der scharfäugige Mahner, das Gewissen, indem es ihnen Alles, was sie erduldet, als verhängt von einer vergeltenden Gerechtigkeit darstellte, dennoch vielmehr ihren Grimm ihre Feinde entgelten zu lassen, als sich selbst anznklagen. Die klebrigen waren nachdenklich, halb aus Leid, halb ans Freude. Wildtödter und Judith hatten mehr die erstgenannte Empfindung, während Hetty für den Augenblick vollkommen glücklich war. Dem Delaware» gewährte ebenfalls die Aussicht, sobald seine Verlobte wieder zn gewinnen, lachende Bilder des Glückes. Unter solchen Umständen, und in solcher Stimmung, nahmen Alle das Abendbrod ein. „Alter Tom!" rief Hurry in ein krampfhaftes, lärmendes Gelächter ausbrechend, „Ihr saht znm Erstaunen einem gebundenen Bären gleich, wie Ihr ans den Tannenzweigen ausgestreckt da läget, und ich wundere mich nur, daß Ihr nicht ärger brummtet. Nun, es ist vorüber, und Seufzen und Wehklagen bessern die Sache nicht mehr! Da ist der Spitzbube Rivcuoak, der uns hierherbrachte, der hat einen außerordentlichen Skalp, für den ich selbst so viel gebe wie die Kolonie. Ja, es ist mir jetzt, als wäre ich so reich wie der Gouverneur, was diese Sachen betrifft, und ich will Doublonc gegen Doublone setzen. Judith, Schätzchen, habt Ihr recht um mich getrauert, als ich in den Händen dieser Philipsteiner war?" Dieser Name bezeichnte eine Familie von deutscher Abkunft 316 am Mohawk, gegen welche Hnrry einen großen Widerwillen hegte, und die er mit den Feinden Judäa's vermengt hatte. „Unsere Thränen haben den See anschwellcn machen, Harry March, wie Ihr an der Küste hättet sehen können," versetzte Judith mit angenommenem Leichtsinn, von dem ihr Inneres weit entfernt war. „Daß Hetty und ich uns um den Vater grämten, war zu erwarten; aber um Euch ließen wir förmlich Thränen regnen." „Wir waren in Sorgen und Leid um den armen Hnrry, wie um den Vater, Judith," fiel ihre unschuldige und arglose Schwester ein. „Wahr, Mädchen, wahr; aber wir fühlen Sorge und Leid, nm Jeden der in Noth ist, weißt dn," erwiederte die Andere rasch, in znrechtweisendem aber leisem Tone, „dennoch aber, es freut uns, Euch zu sehen, Meister March, und das dazu erlöst aus den Händen der Philipsteiner." „Ja, es ist eine böse Rotte, und so ist auch die andere Brut, abwärts den Strom. Es ist mir zum Verwundern, wie Ihr uns los bekämet, Wildtödter; und ich verzeihe Euch Eure Einmischung, welche mich hinderte, an diesem Vagabunden Gerechtigkeit zu üben, in Betracht dieses kleinen Dienstes. Weiht uns in das Geheimniß ein, damit wir Euch im Fall der Noth denselben Dienst leisten können. HabtJhr es mitLügen oder mit Schmeicheln ausgcrichtet?" „Durch keines von beiden, Hnrry, sondern durch Kaufen. Wir zahlten ein Lösegeld für euch Beide, und das dazu ein so hohes, daß Ihr wohl thun würdet, aus Eurer Hut zn sein, und Euch nicht noch einmal fangen zu lassen, weil sonst unser Vorrath an Gütern nicht ausreichen würde." „Ein Löscgeld! — Nun, dann hat der alte Tom den Spicl- mann bezahlt, denn all' mein' Sach' hätte nicht das Haar, viel weniger die Haut losgekauft. Ich hätte nicht geglaubt, eine so wilde Rotte, wie jene Vagabunden, würden einen Burschen so leicht wieder auf und loslaffen, wenn sle ihn einmal fest gepackt und am 317 Boden hätten. Aber Geld ist Geld, und es ist immer unnatürlich schwer, ihm zu widerstehen. Indianer oder Weißer, es ist so ziemlich das Gleiche. Man muß gestehen, Judith, es ist doch eigentlich ein gut Theil menschliche Natur in den Leuten überhaupt!" Hutter stand jetzt auf, winkte Wildtödter, und führte ihn in ein inneres Gemach, wo er auf seine Frage zuerst den Preis erfuhr, der für seine Freilassung war bezahlt morden. Der alte Mann drückte weder Unwillen noch Neberraschung aus über den Eingriff i» seinen Schrank, den man sich erlaubt hatte, obwohl er einige Neugier an den Tag legte, zu erfahren, wie weit die Untersuchung von dessen Inhalt gegangen sei. Auch erkundigte er sich, wo man den Schlüssel gefunden habe. Wildtödters gewohnte Offenherzigkeit hinderte jede Täuschung, und die Besprechung endigte sich bald mit der Rückkehr Beider in das äußere Gemach, welches dem doppelten Behufe des Wohnzimmers und der Küche diente. „Es soll mich wundern, ob Friede ist oder Krieg zwischen uns und den Wilden," rief Hurry, gerade als Wildtödter, der einen Augenblick geschwiegen hatte, aufmerksam horchte und ohne sich aufzuhalteu durch die äußere Thüre schritt. „Diese Zurückgabe von uns Gefangenen hat ein freundschaftliches Ansehen, und wenn Männer mit einander verkehrt und gehandelt haben auf einen ehrliche» und ehrenhaften Fuß, so sollten sie für dießmal wenigstens als gute Freunde scheiden. Kommt zurück, Wildtödter, und gebt uns Eure Meinung, denn ich fange an, mehr von Euch zu halten, seit Eurem neuesten Benehmen, als ick früher that." „Hier ist eine Antwort auf Eure Frage, Hurr», wenn Ihr ja solchen Drang und Eile habt, wieder zum Schlagen zu kommen!" Mit diesen Worten warf Wildtödter auf den Tisch, auf den sich der Andere mit dem eine» Ellbogen stemmte, eine Art von Miniatur-Holzbündel, bestehend aus einem Dutzend Stecken, die mit einem Riemen von Wildleder eng znsammcugebunden waren. March ergriff es begierig, hielt es ganz nahe an ein flammendes 318 Tannenholzscheit, das auf dem Herde lag, und von dem alles Licht im Zimmer ausging, und überzeugte sich, daß die Enden der sämmtlichen Stecken in Blut getaucht waren. „Wenn das nicht gut Englisch ist," sagte der trotzige Gränz- mann, „so ist es doch gut Indianisch! Da haben wir, was sie drunten in Jork eine Kriegserklärung nennen, Judith. Wie kamt Ihr zu dem Zeichen der Herausforderung, Wildtödter?" „Einfach genug. Es lag vor noch nicht einer Minute auf Floating Toms Thorhof, wie Ihr es nennt." „Wie kam es dahin? Es fiel doch nicht ans den Wolken, Judith, wie manchmal kleine Kröten, und dann regnet es auch nicht. Ihr mußt darthnn, woher es kommt, Wildtvdter, sonst argwohnen wir einen Anschlag, Leuten Angst einznjagen, die längst ihren Verstand verloren hätten, wenn Furcht ihn verscheuchen könnte." Wildtödter hatte sich einem Fenster genähert und warf einen Blick hinaus auf den dunkel daliegenden See. Zufrieden scheinend mit dem, was er geschaut, trat er zu Hurry, nahm den Bündel Stecken in seine Hand, und besichtigte sie genau. „Ja, es ist eine indianische Kriegserklärung, ganz gewiß," sagte er, „und es ist ein Beweis, wie wenig Ihr gewöhnt seid an den Weg, den sie gemacht hat, Hurry March, daß sie hierher kommen konnte, ohne daß Ihr die Art und Weise begreift. Die Wilden mögen Euch den Skalp auf dem Kopf gelassen, aber sie müssen Euch die Ohren abgcschnitten haben; sonst hättet Ihr das Rauschen des Wassers gehört, das der Junge verursachte, als er wieder auf seinen zwei Baumstämmen herfnhr. Sein Auftrag war, diese Stecken vor unsere Thüre zu werfen, was so viel sagen will: wir haben seit dem Handel in den Kriegspfahl gehauen, und unser Nächstes wird sein, ans Euch cinzuhauen." „Die herumstreichenden Wölfe! Aber reicht mir die Büchse, Judith, so will ich den Vagabunden durch ihren Boten eine Antwort schicken." „Nicht, solang ich dabei bin, Meister March," entgcgnete kaltblütig Wildtödter, und winkte dem Mädchen, es zu unterlassen. „Wort ist Wort, sei es einer Rothhaut oder einem Christen gegeben. Der Junge zündete ein Scheit an, und fuhr bei dessen Licht offen herüber, uns diese Warnung zu übcrbriugcu, und kein Mensch hier darf ihm ein Leid thun, mährend er eine solche Sendung ansführt. Worte nützen Nichts, denn der Knabe ist zu schlau, um den Spahn fortbrenuen zu lassen, nachdem sein Gewerbe bestellt ist, und auch die Nacht ist zu dunkel, um mit einer Büchse irgend sicher zielen zu können." „Das mag wahr genug sein von einem Gewehr, aber noch ist ein Canoe zu Etwas zu brauchen," antwortete Hurry, mit ungeheuren Schritten, eine Büchse in der Hand, ans die Thüre zugehend. „Der Mensch lebt nicht, der mich hindern soll zu folgen, und des Wurmes Skalp zurückzubriugen. Je Mehrere von ihnen Ihr im Ei zerdrückt, desto Weniger werden Euch in den Wäldern aufallen!" Judith zitterte wie eine Espe, sie wußte selbst kaum warum, obwohl alle Aussicht auf eine Scene der Gcwaltthat vorhanden war; denn wenn Hurry trotzig und übermüthig war im Bewußtsein seiner Stärke, so besaß Wildtödter die ruhige Festigkeit, welche größere Beharrlichkeit verspricht, und eine Entschlossenheit, die mehr Aussicht hat ihren Zweck zu erreichen. Es war mehr das finstere, entschlossene Auge des Letzter», als die aufbrausende Heftigkeit' des Erster», was ihre Besorgnis; rege machte. Hurry erreichte bald den Ort, wo das Canoe befestigt war, aber schon hatte auch Wildtödter mit dem Delaware» in raschem, ernstem Tone in seiner Sprache gesprochen. Dieser war in der That der Erste gewesen, der den Laut der Ruder vernommen hatte, und war in eifersüchtiger Wachsamkeit auf die Platsvrm getreten. Das Licht überzeugte ihn, daß eine Botschaft komme, und alS ihm der Junge das Bündel Stecken vor die Füße warf, so erregte dicß 320 weder seinen Zorn, noch überraschte es ihn. Er blieb mir ans seinem Wachtposten, die Büchse in der Hand, nm sich zn versichern, daß keine Verrätherei hinter der Herausforderung lanre. Da ihm jetzt Wildtödter ries, trat er in das Canoe, nnd entfernte schnell wie ein Gedanke die Ander. Hnrr» war wüthend, als er sich der Mittel znr Ausführung seines Vorsatzes beraubt sah. Zuerst näherte er sich dem Indianer mit lauten Drohungen, nnd selbst Wildtödter war in tödtlicher Angst wegen der möglichen Folgen. March schüttelte seine hammerartigen Fäuste und schwang die Arme, als er ans den Indianer zntrat, nnd Alle erwartete», er werde den Delaware» zn Boden zn werfen versuchen; Einer von ihnen wenigstens wußte wohl, daß Blutvergießen die unmittelbare Folge eines solchen Versuchs sein müßte. Aber selbst Hnrry ward etwas unheimlich zn Muth bei der finstern Fassung und Haltung des Häuptlings, nnd auch er wußte, daß ein solcher Mann sich nicht ungestraft mißhandeln ließ; daher wandte er sich, nm seine Wnth an Wildtödter ansznlassen, wo er keine so schreckliche Folgen vvr- anssah. Was das Ergebnis; dieser zweiten Demonstration gewesen wäre, wenn es znr Thätlichkeit gekommen wäre, läßt sich nicht sagen, aber cs kam nicht so weit. „Hnrry!" sagte eine sanfte, begütigende Stimme dicht an seiner Seite, „es ist sündhaft, so grimmig zn sein, nnd Gott wird es nicht übersehen. Die Irokesen haben Euch gut behandelt, nnd Euch den Skalp nicht genommen, obgleich Ihr nnd Vater ihnen die ihrigen nehmen wolltet." Die Macht der Milde nnd Sanftmuth über die Leidenschaft ist bekannt. Auch hatte Hctty sich eine Art Schätzung erworben, die man ihr früher nie zngestanden hatte, durch die Aufopferung und Entschlossenheit ihrer jüngsten Handlungsweise. Vielleicht steigerte ihre anerkannte Geistesschwäche, die jeden Verdacht beseitigte, als wolle sie sich eine Herrschaft anmaßen, ihren Einfluß. Wie nun aber die Ursache erklärt nnd gedeutet werde» mochte, die 321 Wirkung war gewiß genug. Statt seinen alten Reisegcnvssen zn würgen, kehrte sich Hnrry gegen das Mädchen, und ergoß einen Theil seines Mißmnthcs, wenn auch nicht seines Zorns, in ihr aufmerksames Ohr. „Es ist zn schlimm, Hetty!" ries er ans; „so schlimm als ein Grasschaftsgefängniß oder ein Biberfehljahr, eine Kreatur in die Falle bekommen, und sie dann wieder los und ledig lassen! So viel als sechs Hänte erster Qualität ist an Werth fortgcrndcrt ans den plumpen Baumstämmen, während zwanzig Schläge einer wohlgcführten Rnderschanfel sie einholen würden. Ich sage an Werth, denn was den Jungen nach der Natur betrifft, so ist er eben ein Knabe, und nickt mehr noch weniger werth, als jeder Andere. Wildtödter, Ihr seid untreu gewesen gegen Eure Freunde, daß Ihr einen solchen Vorthcil meinen und auch Euren Händen entschlüpfen ließet." Die Antwort darauf ward mit Ruhe gegeben, aber in einem so festen Tone, wie nur immer eine furchtlose Natur und das Bewußtsein der Rechtlichkeit ihn machen konnten. „Ich wäre dem, was recht ist, untren geworden, hätte ich anders gehandelt," erwiderte Wildtödter mit Fassung, „und weder Ihr noch sonst Jemand hat die Bcfngniß, das von mir zn verlangen. Der Junge kam in einem rechtmäßigen Auftrag, und die elendeste Rothhant, die sich in den Wäldern umtrcibt, hätte sich geschämt, seine Sendung nicht zn respcktircn. Aber er ist jetzt außer dem Bereich Eures Zornes, Meister March, und es Hilst wenig, wie ein paar Weiber von dem zn schwatzen, was nicht mehr zn ändern ist." Mit diesen Worten wandte sich Wildtödter weg, wie entschlossen, keine Worte weiter über der Sache zn verschwenden, während Hutter Hnrry am Ermel zupfte und ihn in die Arche zog. Hier saßen sie lang in heimlicher Besprechung. Mittlerweile hatten auch der Indianer und sein Freund ihre geheime Bcrathung; denn obgleich cs noch drei oder vier Stunden waren bis zum Aufgang des Sterns, konnte sich doch Jener nicht enthalten, seine» Plan Der Wildtödter. 81 322 vorzubereiten, und sei» Herz gegen den Andern zn öffnen. Anch Jndith gab sich ihren sanfter» Gefühlen hin und hörte Hetty's ganze kunstlose Erzählung von Allem, was sich begeben, nachdem sie an's Land getreten, an. Die Wälder hatten wenig Schrecknisse für diese beiden Mädchen, so wie sie erzogen und gewohnt waren, täglich ihre weite, üppige Ausbreitung zn schauen, oder unter ihren dunkeln Schatten zn wandeln; aber das fühlte die ältere Schwester, daß sie sich bedacht haben würde, sich so allein in daS Lager der Irokesen zn wagen. In Betreff Hists war Hetty nicht sehr mittheilsam. Sie sprach von ihrer Güte und Sanftmnth und von ihrer Begegnung im Walde; aber das Geheimnis; Chingach- gvoks bewahrte sie mit einer Schlauheit und Treue, welche manches Mädchen von schärferem Verstände schwerlich bewährt haben dürfte. Endlich wurde den verschiedenen Besprechungen ein Ende gemacht durch Hutters Wiedererscheinen ans der Platform. Hier versammelte er die ganze Gesellschaft, und theilte ihr von seinen Absichten mit, so viel ihm passend dünkte. Den von Wildtödter gemachten Plan, das Kastell während der Nacht zn verlassen und sich auf die Arche zn flüchten, billigte er ganz. Es leuchtete ihm ebenso, wie früher den Andern, ein, als das einzige wirksame Mittel, dem Verderben zn entgehen. Jetzt, nachdem die Wilden ihr Augenmerk auf Erbauung von Flößen gerichtet, konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß sie wenigstens einen Versuch mache» würden, das Gebäude zu nehmen, und die Sendung der blutigen Stecken bewies hinlänglich ihr Vertrauen auf einen glücklichen Erfolg. Kurz, der alte Mann sah die Nacht als entscheidend an, und forderte Alle ans, sich so bald als möglich bereit zn machen, die Wohnung wenigstens für einige Zeit, wo nicht für immer zn verlassen. Nachdem diese Mittheilnngen gemacht waren, wurde Alles rasch und mit Einsicht betrieben: das Kastell ward in der schon angegebenen Weise geschlossen, die Canoe's unter dem Dock weg- genommen und mit dem andern an der Arche befestigt; die wenigen 323 Bedürfnisse, die man noch im Hanse gelassen, wurden in die Kajüte geschifft, das Feuer ansgclöscht und Alle schifften sich ein. Die Nahe der Hügel mit ihrer Tannenbekleidnng hatte die Wirkung, das; finstere Nachte auf dem See noch dunkler als gewöhnlich waren. Wie immer jedoch, zog sich ein oergleichungsweise lichter Streifen mitten durch den Wasserspiegel, wahrend die Finsternis; im Bereich der Schatten der Berge am schwersten auf dem Gewässer lastete. Die Insel, oder das Kastell, stand innerhalb dieses Streifens, der verhältnißmäßig licht war, aber dennoch war die Nacht so dunkel, das; sie die Abfahrt der Arche dem Auge verbarg. Ans die Entfernung eines Beobachters von der Küste ans konnten ihre Bewegungen gar nicht gesehen werden, zumal da ein Hintergrund von dunkeln Bergen die Perspective von jedem Gesichtspunkt bcgränzte, den man schräg oder in gerader Linie über das Wasser hin nahm. Der vorherrschende Wind ans den See'n dieser Gegend ist der Westwind, aber wegen der durch die Berge gebildeten Thaleinschnitte ist es häufig unmöglich, die eigentliche Richtung der Luftströmungen anzngebcn, da sic oft in kleinen Entfernungen und Zeiträumen wechseln. Dieß gilt mehr von leichten, schwankenden Lnftstößen, als von steten Lüftchen, obschon man in allen gebirgigen Gegenden und schmalen Gewässern recht gut weiß, daß auch die Stöße von den letzter» unsicher und täuschend sind. Im gegenwärtigen Falle war Hutter selbst, als er die Arche von ihrem Ankerplatz neben der Platform wegdrängte, in Verlegenheit, zu sagen, welcher Wind wehe. In der Regel wurde diese Schwierigkeit gelöst durch die Wolken, die, hoch über den Bergspitzen schwebend, natürlich den eigentlichen Luftströmungen folgten; aber jetzt schien das ganze Himmelsgewölbe eine massive, finstere Mauer. Keine Oeffnnng irgend einer Art war sichtbar, und Chingachgook zitterte schon, das Nichtanfgehcn des Sterns möchte seine Verlobte abhalten, ihrem Versprechen pünktlich nachzukommen. Unter diesen Umständen zog Hutter sein Segel, wie es schien, nur in der Absicht auf, von 81 * 324 dem Kastell wegzukommen, da es gefährlich sein mochte, viel länger in dessen Nähe zn verweilen. Der Wind schwellte bald das Tuch, und als das Fahrzeug in Bewegung kam, und das Segel gehörig aufgezogen mar, zeigte sich's, das; die Richtung südlich, mit einer Abweichung nach der östlichen Küste, war. Da sich für die Absichten der Gesellschaft keine bessere Richtung fand, ließ man das eigcnthümliche Fahrzeug in dieser Richtung über eine Stunde auf der Wasserfläche Hintreiben, als ein Wechsel in der Luftströmung sie hinüber dem Lager zn trieb. Wildtödter beobachtete alle Bewegungen Hutters und Harry's mit eifersüchtiger Wachsamkeit. Anfänglich wußte er nicht, ob er die Richtung, die sie hielten, dem Zufall oder einer Absicht znschrei- ben sollte; aber jetzt begann er letzteres zu argwöhnen. So vertrant mit dem Sec, wie Hutter war, mußte es ihm eine leichte Sache sein, Einen zn täuschen, der wenig Uebnng auf dem Wasser hatte; und was immer seine Absichten sein mochten, so viel war, ehe zwei Stunden verstrichen, klar, daß die Arche so viel Wegs znrückgelegt, daß sie sich mir hundert Ruthen'von der Küste entfernt und gerade in Einer Linie mit der bekannten Lage des indianischen Lagers befand. Eine ziemliche Zeit, ehe man diesen Punkt erreicht, hatte Hurry, der einige Kenntniß der Algonqninsprache besaß, eine heimliche Unterredung mit dem Indianer gehabt, und das Ergebnis; ward jetzt von diesem dem Wildtödter mitgetheilt, der ein kalter, um nicht zn sagen mißtrauischer Beobachter alles Bisherigen gewesen. „Mein alter Vater und mein junger Bruder, die Große Tanne," — denn diesen Namen hatte der Delaware March gegeben — „möchten Huronenskalpe an ihren Gürteln sehen," sagte Chingach- gook zn seinem Freunde. „Es ist Raum für einige an dem Gürtel der Schlange, und -sein Volk wird nach solchen sehen, wenn er zurückkommt in sein Dorf. Ihre Augen dürfen nicht lange in einem Nebel bleiben, sondern sie müssen sehen, was sie suchen und erwarten. Ich weiß, daß mein Bruder eine weiße Hand hat; er 325 mag nicht einmal die Tobten beschädigen. Er wird anf nns warten; wenn wir znrückkommen, wird er sein Angesicht nicht verbergen ans Scham für seinen Frennd. Die Große Schlange der Mohikans muß wcrth sein, ans dem Kriegspfad zn schreiten mit Falkenange." „Ja, ja, Schlange, ich sehe, wie es ist; der Name soll mir bleiben, und bald werde ich unter ihm, statt unter dem Wildtödtcrs bekannt sein; nun gut, wenn solche Ehren kommen, so muß sie sich der Bescheidenste von uns gern gefallen lassen. Daß Ihr Euch nach Skalpen nmseht, das gehört zn Euer» Gaben, und ich sehe nichts Arges daran. Aber seid barmherzig, Schlange; seid barmherzig, darum bitte ich Euch. Es kann sicherlich der Ehre einer Rothhaut nicht schaden, etwas Barmherzigkeit zn zeigen. Was den alten Mann betrifft, den Vater der zwei Mädchen, die bessere Gefühle in seiner Brust zur Reife bringen sollten, und Harry March da, der, so eine hohe Tanne er ist, wohl besser die Früchte eines mehr christlichen Baumes tragen dürfte, was die Zwei betrifft, so stelle ich sic den Händen des Gottes der Weißen anheim. Wären nicht die blutigen Stecken, so sollte kein Mensch heute Nacht gegen die Mingo's ansziehen, sintemal cs unsere Treue und unfern Ruf entehren würde; aber die da Blut begehren, können sich nicht beklagen, wenn Blut vergossen wird ans ihre Aufforderung. Aber dennoch, Schlange, könnt Ihr barmherzig sein. Beginnt Eure Laufbahn nicht unter dem Wehklagen von Weibern und dem Geheule von Kindern. Benehmt Euch so, daß Hist lächeln wird und nicht weinen, wenn sie Euch wieder steht. Geht denn jetzt, und der Manittn schütze Euch!" „Mein Bruder wird hier mit dem Fahrzeug warten. Wah! wird bald wartend an der Küste stehen, und Chingachgook muß eilen." Dann begab sich der Indianer zn seinen zwei Mitabenteurern, und nachdem sie zuerst das Segel herabgclassen, traten sic alle Drei in ein Canoe und stießen von der Arche ab. Weder Hutter noch March sprachen mit Wildtödter von ihrem Vorhaben, oder 326 von der muthmaßlichen Dauer ihrer Abwesenheit. Alles Dieß war dem Indianer anvertrant worden, der sich seines Auftrags mit charakteristischer Kurze entledigt hatte. Sobald man das Canoe aus dem Gesicht verloren — und das war der Fall, ehe die Ruder zwölf Schläge gethan hatten, traf Wildtödter die besten Vorkehrungen, die in seiner Macht standen, um die Arche so viel als möglich ans demselben Punkte beharren zn machen, und dann setzte er sich auf dem Ende der Fähre nieder, um an seinen bitter» Gedanken zn kauen. Es stand jedoch nicht lange an, bis Judith sich zu ihm gesellte, die jede Gelegenheit aufsnchte, iu seiner Nähe zu sein, und ihre Angriffe auf seine Neigung mit der Geschicklichkeit ausführtc, welche ihr angeborene Koketterie an die Hand gab, unterstützt von einer nicht kleinen Uebuug, die aber ihre gefährliche Macht hauptsächlich von dem Anflug von Gefühl erhielt, die ihr Benehmen, Stimme, Ton, Gedanken und Handlungen mit dem unbeschreiblichen Zauber natürlicher Zärtlichkeit und Weichheit umkleidete. Wir verlassen den jungen Jäger, diesen gefährlichen Angreifern preisgegebcn, und erfüllen die dringendere Pflicht, der Gesellschaft in dem Canoe an die Küste zn folgen. Das gewaltige Motiv, das Hutter und Hurry zur Wiederholung ihres Versuchs gegen das feindliche Lager trieb, war genau dasselbe, das ihre erste Unternehmung veranlaßt hatte, etwas verstärkt vielleicht durch Rachgier. Aber Keiner von diesen zwei rauhen Wesen, so gefühllos in Allem, was die Rechte und Interessen der rothen Menschen betraf, obwohl in andern Dingen nicht ohne Regungen menschlicher Empfindung, war in bedeutendem Maaße durch andere Beweggründe geleitet, als von herzloser Gewinnsucht. Hurry batte zwar gleich Anfangs nach seiner Befreiung Zorn über seine durchgemachten Leiden gefühlt, aber dieser Affekt war bald verschwunden über der ihm zur andern Natur gewordenen Sucht nach Gold, nach dem er mehr mit der gewissenlosen Gier eines bedürftigen Verschwenders, als mit dem unablässigen Verlangen eines 327 Geizigen trachtete. Kurz, das Motiv, das sic trieb, so bald wieder gegen die Hnronen anszuzichen, war eine zur Gewohnheit gewordene Verachtung ihrer Feinde, welche zugleich die rastlose Habsucht, die der Verschwendung Mittel liefern mußte, in Bewegung setzte. Bei der Entwertung des zweiten Planes jedoch nahmen auch die verstärkten Aussichten auf Erfolg ihre Stelle ein. Man wußte, daß ein großer Theil der Krieger, vielleicht alle, für die Nacht gerade gegenüber dem Kastell sich gelagert hatten, und man hofft«, die Skalpe hilfloser Opfer würden die Folgen hiervon sein. Die Wahrheit zu gestehen, Hutter besonders — er, der so eben zwei Tochter verlassen hatte—hoffte in dem Lager Wenige sonst außer Weibern und Kindern zu treffen. Auf diesen Umstand hatte er in seinen Besprechungen m t-Hurry nur leise hingedentet, und gegen Chingachgook hatte man ihn ganz aus dem Auge gelassen. Wenn der Indianer überhaupt daran dachte, so war das Niemand bekannt als ihm. Hutter steuerte das Caive; Hurry hatte mannhaft seinen Posten vorn eingenommen, und Lhingachgook stand in der Mitte. Wir sagen, stand; denn alle Dre, waren so geschickt in der Handhabung dieser Art von gebrechlichen Barken, daß sie im Stande waren, mitten in der Dunkelheit aufferichtet darin zu stehen. Die Annäherung an die Küste geschah mt großer Vorsicht, und die Landung erfolgte ungefährdet. Jetzt festen die Drei ihre Waffen in Bereitschaft, und begannen wie Tige: sich dem Lager zu nähern. Der Indianer war der Vorderste, md seine Begleiter traten in seine Fußstapfen mit einer verstohlenenVorsicht, die ihre Schritte beinahe im buchstäblichen Sinne geränschos machte. Manchmal knackte ein dürrer Zweig unter der schwere, Wucht des gigantischen Hnrry, oder der ungeschickten Plumpheit ms alten Mannes; aber wäre der Indianer auf der Luft dahingewndelt, sein Schritt hätte nicht leichter sein können. Die Hanptaufgbe war, zuerst die Stellung des Feuers zu entdecken, das, wie n«, wußte, den Mittelpunkt 328 des Lagers bildete. Endlich wurde das scharfe Auge Chingach- gooks dieses wichtigen Wegweisers ansichtig. Es glimmte in einiger Entfernung zwischen den Baumstämmen; es war keine Flamme, sondern nur ein verglühender Brand, wie es der tztnndc gemäß war; denn die Wilden begeben sich gewöhnlich zur Ruhe und stehen auf mit dem Unter- und Aufgang der Sonne." Sobald man dieses Fenersignals ansichtig geworden, schritten die Abenteurer rascher und sicherer vorwärts. In wenigen Minuten gelangten sie an den Rand des Kreises von kleinen Hutten. Hier machten sie Halt, um das Terrain in's Anxe zu fassen, und ihre Bewegungen zu verabreden. Die Finsternis war so dicht, daß es schwer war, irgend Etwas zu unterscheide«! außer dem glühenden Brand, den Stämmen der nächsten Bärme und dem endlosen Blätterdach, das den nmwölkten Himmel verschleierte. Es wurde jedoch ansgcmittelt, daß eine Hütte gan; in der Nahe war, und Chingachgook machte den Versuch, das Innere derselben anszn- knndschaften. Die Art, wie sich der Jidianer dem Orte näherte, wo man Feinde vermnthcte, glich den tückischen Heranschleichen der Katze ans den Vogel. Als er nahe herankam, ließ er sich ans Hände und Kniee nieder, denn der ssingang war so nieder, daß er diese Stellung, als noch die begu niste, fast nothwendig gebot. Ehe er jedoch den Kopf hineinstrcckte, horchte er lange, um Athcm- znge von Schlafenden zu erlausche!. Kein Ton war zu Horen, und diese menschliche Schlange shob den Kops zur Thürc oder zu der Oeffnung hinein, wie cüe eigentliche Schlange in das Nest würde hincingekrochcn sein. Kein Lohn vergalt das gefahrvolle Wagestück; denn als er vosichtig mit der Hand umhertastete, fand er die Hütte leer. In derselben behutsamen Leise kroch der Delaware noch in ein paar von den Hütten, s»d aber alle in gleichem Zustand. Dann kehrte er zu seinen Gssvsscn zurück, und benachrichtigte sie, daß die Huronen ihr Lagt-' verlassen hätten. Einige weitere 329 Nachforschung bestätigte dies;, und cs blieb nichts übrig, als in das Canoe znrückzukehren. Die verschiedene Art, wie die Abenteurer diese Täuschung ihrer Hoffnungen ertrugen, verdient eine flüchtige Bemerkung. Der Häuptling, der nur an's Land gestiegen war, in der Hoffnung, Ruhm zu ernten, stand, an einen Baum gelehnt, unbeweglich da, die Ansicht und den Willen seiner Begleiter abwartend. Er war zwar gekränkt und etwas überrascht; aber er ertrug Alles mit Würde, und tröstete sich wegen des Unfalls mit den süßern Erwartungen, die ihm für diesen Abend noch Vorbehalten blieben. Zwar konnte er jetzt nicht hoffen, seiner Geliebten cntgcgcnzntreten, geschmückt mit den Zeichen seiner Kühnheit und Geschicklichkeit, aber er durfte doch noch hoffen, sie zu sehen; und der Krieger, der sich so eifrig in der Aufsuchung zeigte, durfte immer noch hoffen, geehrt zu werden. Hutter und Hnrry dagegen, die hauptsächlich durch das gemeinste aller Motive menschlichen Handels, durch Gewinnsucht, waren angelockt morden, konnten ihre Affekte kaum zügeln. Sie streiften wüthend zwischen den Hütten herum, als hoffte» sie noch ein verlassenes Kind »der einen sorglosen Schläfer irgendwo zu treffen; und zu wiederholten Malen ließen sie ihren Grimm an den empfindungslosen Hütten ans, von denen einige wirklich in Stücke gerissen und ans dem Platz nm- hergestrent wurden. Ja, sie haderten auch unter einander, und heftige Vorwürfe wurden zwischen ihnen gewechselt. Es ist möglich, daß ernstere Folge» eingctrcten wären, hätte sich nicht der Delaware in's Mittel gelegt, und sie a» die Gefahr erinnert, sich so unvorsichtig zu benehmen, und an die Nvthwendigkcit, zur Arche znrückznkehren. Dies; erstickte den Streit, und nach wenigen Minuten ruderten sie rasch zurück nach der Stelle, wo sie das Fahrzeug zu finden hofften. Es wnrde schon erzählt, das; bald nach der Abfahrt der Aben- teurer Judith sich neben Wildtödter setzte. Eine kleine Weile blieb das Mädchen schweigsam, und der Jäger wußte nicht, welche von 330 den Schwestern sich ihm genähert hatte; aber bald erkannte er die metallreiche, lebhafte Stimme der älteren, als sie ihren Gefühlen in Worten Luft machte. „Das ist ein schreckliches Leben für Frauen, Wildtödtcr!" rief sie ans. „Wollte Gott, ich sähe ein Ende davon ab!" „Das Leben ist gut genug, Judith," war die Antwort, „es ist eben so ziemlich, je nachdem man es gebraucht oder mißbraucht. Was wünschtet Ihr Euch denn dafür?" „Ich würde tausendmal glücklicher sein, wenn ich näher bei civilisirten Menschen lebte, — wo Pachthöfe und Häuser, und, will's Gott, von Christenhänden gebaute Häuser sind; und wo mein Schlaf bei Nacht süß und ruhig wäre! Eine Wohnung in der Nähe der Forts wäre weit besser, als der traurige Ort, wo wir leben!" „Nein, Judith, ich kann nicht allznleicht die Wahrheit von all' Diesem zngcben. Wenn Forts gut sind, Feinde abzuhaltcn, so enthalten sie dafür oft selbst Feinde. Ich glaube nicht, daß es zu Eurem oder Hetty's Besten wäre, in der Nähe von einem zu wohnen; und wenn ich sagen soll, was ich denke, so fürchte ich, Ihr seid so schon zu nahe dabei." Wildtvdter fuhr fort in der ihm eigenen gefaßten, ernsten, gleichmüthigen Weise, denn die Dunkelheit verbarg ihm die Gluten, welche die Wangen des Mädchens mit glänzendem Purpur überzogen hatten, während ihre eigene heftige Anstrengung die Töne des gewaltsamen Athmens, das sie fast ersticken wollte, unterdrückte. „Was Pachthöfe betrifft, die haben ihren Nutzen, nnd cs gibt Leute, die gern ihr Leben darauf zubringen; aber welches Behagen kann ein Mensch von einer Lichtung hoffen, das er nicht in doppeltem Maas; im Walde finden kann? Wenn es mit Luft und Raum und Licht etwas knapp zugeht, so liefern das die Windflnchten und die Ströme, oder da sind ja die See'n für Solche, die in dieser Hinsicht stärkere Wünsche haben; aber wo findet Ihr Eure Schatten, und lachenden Quellen, und hüpfenden Bache, und ehrwürdigen, tanscndjährigen 331 Bäume auf einer Lichtung? Ihr findet sie nicht, sondern Ihr findet mir ihre verstümmelten Stämme als Landmarken, wie Grabsteine ans einem Kirchhof. Mir scheint es, daß die Leute, die an solchen Orten leben, immer an ihr eigenes Ende und an allgemeinen Verfall denken müssen, und zwar nicht an den Verfall, den Zeit nnd Natur herbeiführen, sondern an den Verfall, der auf Verheerung und Gewaltthat folgt. Dann was Kirchen betrifft, die sind gut, glaube ich, sonst würden nicht gute Leute sie erbauen und erhalten. Aber sie sind nicht durchaus nothwendig. Sie nenne» sie Tempel des Herrn; aber Judith, die ganze Erde ist ein Tempel des Herrn für Solche, welche das rechte Gemüth dafür haben. Weder Forts noch Kirchen an sich machen die Menschen glücklicher. Zudem ist in den Ansiedlnngen Alles Widerspruch, während in den Wäldern Alles Einklang ist. Forts nnd Kirchen sind fast immer bei einander, und doch sind sie ja gerade Gegensätze; Kirchen sind ja für den Frieden, und Forts für den Krieg. Nein, nein — ich lobe mir die festen Plätze der Wildniß, nämlich die Bäume, und auch die Kirchen, nämlich die Hallen, die die Hand der Natur aufgeführt." „Das Weib ist nicht gemacht für Scenen, wie diese, Wild- tödter; Scenen, von denen kein Ende abzusehen ist, so lange dieser Krieg währt." „Wenn Ihr Weiber von weißer Farbe meint, so glaube ich fast, Ihr seid nicht weit vom Wahren entfernt, Mädchen; was aber die Weiber der rothen Männer betrifft, so sind solche Auftritte ganz nach ihrem Charakter. Nichts würde Hist zum Beispiel, die verlobte Braut dieses Delaware», glücklicher machen, als wenn sie wüßte, daß er in diesem Augenblick unter seinen natürlichen Feinden hernmstrcift und nach einem Skalpe trachtet." „Wahrhaftig, Wildtödter, wahrhaftig, sic kann doch kein ZSeib sein, ohne Sorge zu fühlen, wenn sie denkt, der Mann, den sie liebt, sei in Gefahr!" ' 332 „Sie denkt nicht an die Gefahr, Jndith, sondern an die Ehre; und wenn das Herz anf's Aenßerstc auf solche Gefühle versessen ist, ha, dann bleibt wenig Ranin übrig, daß sich die Furcht einschleichen könnte. Hist ist eine gutmüthige, sanfte, lachende, angenehme Kreatur, aber sie liebt die Ehre so sehr als irgend ein delawarisches Mädchen meiner Bekanntschaft. Sie soll Schlange binnen einer Stunde treffen ans dem Vorsprung, wo Hctty landete; und ohne Zweifel hat sie auch ihre Aengste darüber, wie jedes andere Weib; aber sie wäre nur um so glücklicher, wüßte sic, daß ihr Geliebter in diesem Augenblicke einem Mingo, seines Skalpes wegen, anfpaßt." „Wenn Ihr das wirklich glaubt, Wildtödter, kein Wnnder dann, daß Ihr ein so großes Gewicht auf die Gaben legt. Ich weiß gewiß, kein weißes Mädchen könnte sich anders als elend fühlen, so lange sic ihren Geliebten in Lebensgefahr wüßte! Auch glaube ich, selbst Ihr, so unerschütterlich und ruhig Ihr immer scheint, könntet schwerlich Ruhe haben, wenn Ihr Eure Hist in Gefahr glaubtet." „Das ist ein andres Ding — das ist ein ganz andres Ding, Jndith. Das Weib ist zu schwach und zart, um für solche Gefahren bestimmt zu sein, und der Mann muß für sie fühlen. Ja, ich glaube fast, das ist ebenso rothe Natur wie weiße. Aber ich habe keine Hist, und werde schwerlich eine bekommen; denn ich' halte cs nicht für recht, irgend wie die Farben zu mischen, außer in Freundschaft und Dienstleistungen." „Darin seid und fühlt Ihr, wie es einem weißen Manne ziemt! Was den Hnrry Harry betrifft, so glaube ich, ihm wäre Alles gleich, ob sein Weib eine Indianerin oder eine Gouverneurs- Tochter wäre, vorausgesetzt nur, sie wäre ein wenig hübsch, und könnte ihm dazu helfen, seine» gierigen Magen immer zu füllen." „Ihr thnt March unrecht, Jndith, ja, das thnt Ihr! Der arme Kerl ist vernarrt in Euch, und wenn ein Mann sich wirklich eine solche Kreatur in den Kopf gesetzt hat, so wird ihm schwerlich ein Mingo- oder sclbst'ein Delawaren-Miidchen mehr den Kopf verrücken. Ihr mögt lachen über solche Männer, wie Harry und ich sind, denn wir sind rauh und ungelehrt in Büchern und andern Kenntnissen, aber wir haben unsere guten Seiten, wie unsere schlechten. Ein redliches Herz ist nicht zu verachten, Mädchen, wenn cs auch nicht bewandert ist in all' den Zierlichkeiten, die einem weiblichen Geschmack gefallen." „Ihr, Wildtödter! Und meint Ihr — könnt Ihr einen Augenblick glauben, ich stelle Euch Harry March an die Seite? Nein, nein. So weit bin ich nicht in der Thorhcit und Blindheit gekommen. Niemand — Mann oder Weib — könnte daran denken, Euer redliches Herz, Euer mannhaftes Wesen und Eure einfache Wahrheitsliebe zusammen mit der lärmenden Selbstsucht, der schmutzigen Habsucht und der übermäßigen Wildheit Henry Marchs zu nennen. Das Beste noch, was von ihm gesagt werden kann, ist in seinem Namen Hnrry Sknrry zu finden, der, wenn nicht viel Schlimmes, auch eben nicht viel Gutes besagt. Sogar mein Vater, mit dem Andern der Befriedigung seiner Neigungen und Gefühle nachgehcnd, wie eben im jetzigen Augenblick, erkennt doch wohl den Unterschied zwischen Euch. Das weiß ich, denn das hat er mir selbst offen erklärt." Judith mar ein Mädchen von schnellen Empfindungen und von ungestümen Gefühlen; und da sie wenig von dem Zwang wußte, welcher die Offenbarung der Gemüthsbewegungen junger, weiblicher Seelen bei Solchen beschränkt und hemmt, die in den Sitten und Gewohnheiten des civilisirten Lebens aufwachsen, vcrrieth sie die ihrigen mit einer Offenheit, die so rein natürlich war, daß sie weit über den Künsten der Koketterie stand, ebenso wie übessihrer Herzlosigkeit. Sie hatte sogar jetzt eine der harten Hände des Jägers ergriffen und sie mit ihren beiden Händen gedrückt, mit einer Wärme und einem Ernst, die zeigten, wie aufrichtig ihre 334 Sprache war. Es war vielleicht ein Glück, daß sie gerade durch das Uebermaaß ihrer Gefühle zum Schweigen gcnöthigt wurde, denn dieselbe Gewalt hätte sie dahin bringen können, Alles zu gestehen, was ihr Vater gesagt, — denn der Alte hatte sich nicht mit einer für Wildtödter vortheilhaften Vergleichung zwischen Hnrry und dem Jäger begnügt, sondern auch in seiner derben, plumpen Weise seine Tochter kurz und gut angewiesen, den Erster» gänzlich fahren zu lassen, und sich darauf gefaßt zu machen, des Letztem Weib zu werden. Judith würde das nicht gern einem andern Manne gesagt haben, aber die arglose Treuherzigkeit Wildtödters erweckte so viel Vertrauen, daß ein Wesen von ihrem Naturell in beständiger Versuchung sich fühlen mußte, die Gränzen der Gewohnheit zu überspringen. Sie ging jedoch nicht weiter, ließ augenblicklich seine Hand wieder los, und nahm wieder die Zurückhaltung an, die ihrem Geschlecht und in der That auch ihrer natürlichen Sittsanikeit gemäßer war. „Dank Euch, Judith, Dank Euch von ganzem Herzen," versetzte der Jäger, dem seine Bescheidenheit verbot, von dem Benehmen oder von der Sprache des Mädchens eine schmeichelhafte Auslegung zu machen, „Dank Euch, so herzlich, als wenn Alles wahr wäre. Harry fällt in's Auge, ja er fällt in's Auge wie die größte Tanne dieser Berge, und Schlange hat ihn dem entsprechend benamst; aber Manche finden Geschmack an gutem Aussehen, nnd Manche nur an guter Handlungsweise. Hnrry hat Einen Vortheil, und es kommt auf ihn an, ob er auch den andern haben soll, oder — horcht! Das ist Eures Vaters Stimme, und er spricht wie Einer, der über Etwas ergrimmt ist." „Gott bewahre uns vor weitern solchen entsetzlichen Scenen!" rief Judith, ihr Gesicht zu den Knieen herunterbengend nnd bestrebt, indem sie sich mit den Händen die Ohren zuhielt, die widerlichen Töne von sich fern zu halten. „Ich wünschte manchmal, ich hätte keinen Vater!" 335 Sie sagte dieß mit Bitterkeit, und die quälende» Erinnerungen, die ihr diese Werte auspreßten, wurden bitter von ihr gesuhlt. Es ist unmöglich, zu sagen, was sie noch weiter hätte äußern mögen, hätte nicht eine sanfte, leise Stimme dicht an ihrer Seite gesprochen. „Judith, ich hätte Vater und Hnrry ein Kapitel lesen sollen!" sagte die unschuldige aber geängstigte Sprecherin, „das würde sie abgehalte» haben, aus ein solches Unternehmen auszuziehen. Ruft Ihr ihnen, Wildtödter, und sagt ihnen, ich verlange nach ihnen, und es werde für sie Beide gut sein, wenn sie umkehren und meinen Worten horchen." „Ach Gott! — arme Hetty, Ihr wißt wenig von der Gier nach Geld und Rache, wenn Ihr glaubt, sie lasse sich so leicht von ihrem Bestreben abziehen! Aber das ist ein ganz seltsamer Handel, in mehr als einer Weise, Judith! Ich höre Euren Vater und Hnrry brüllen wie Bären, und doch kommt kein Laut aus dem Munde des jungen Häuptlings. Das Geheimthun hat sein Ziel gefunden, und doch schweigt sein Kriegsrus, der nach der Regel unter solchen Umständen an den Bergen wiederhallen sollte!" „Die Gerechtigkeit hat ihn vielleicht ereilt, und sein Tod hat das Leben von Unschuldigen gerettet!" „Nicht so — nicht so — die Schlange ist es nicht, der es entgelten müßte, wenn das das Gesetz sei» sollte. Gewiß hat kein Angriff stattgcfundcn, und es ist höchst wahrscheinlich, daß die Männer das Lager verlassen gefunden haben und mit getäuschter Hoffnung zurückkommcn. Das erklärt das Gebrülls Hurry's und das Schweigen der Schlange." Gerade in diesem Augenblicke hörte man im Canoe einen Ruderschlag fallen, denn der Verdruß hatte March ganz rücksichtslos gemacht, und Wildtödter war jetzt von der Richtigkeit seiner Ver- muthuug überzeugt. Da das Segel herabgelassen, war die Arche nicht weit geschwommen, und nach wenigen Minuten hörte er 336 Chingachgook in leisem, ruhigem Tone Huttern Anweisung gehen, wie er steuern sollte, um sie zu erreichen. In kürzerer Zeit als die Erzählung erfordert, erreichte das Canoe die Fähre, und die Abenteurer stiegen auf diese herüber. Weder Hutter noch Hurry sprachen von dem Vorgefallenc»; der Delaware aber sprach, als er an seinem Freunde vorbeikam, nur die Worte: „das Feuer ist ans!" die, wenn nicht buchstäblich wahr, doch dem Andern die Wahrheit zur Genüge erklärten. Jetzt entstand die Frage, in welcher Richtung steuern. Eine kurze, mürrische Bcrathung wurde gehalten, wo Hutter entschied: das Klügste würde sein, in beständiger Bewegung zu bleiben — als das sicherste Mittel, jeden Versuch einer Uebcrraschnng zu vereiteln; und zugleich kündigte er seine und Marchs Absicht an, sich für den Verlust des Schlafs während ihrer Gefangenschaft schadlos zu halten und sich niederznlegen. Da der Wind noch immer umschlug und leicht wehte, wurde am Ende beschlossen, vor ihm her zu segeln, komme er von welcher Richtung er wolle, so lange er nur die Arche nicht an den Strand treibe. Nachdem dieser Punkt festgesetzt war, halfen die befreiten Gefangenen die Segel anfziehcn, und warfen sich dann auf zwei Pritschen, Wild- tvdter und seinem Freunde überlassend, nach den Bewegungen der Arche zu sehen, da Keiner von den Letzter« zu schlafen gesonnen war. Wegen der Verabredung mit Hist war diese Anstheilnng der Rollen allen Theilen recht, und daß Judith und Hetty auch aufblieben, verminderte in keiner Weise die Annehmlichkeiten der den Wachehaltendcn zngetheilten Nolle. Eine Zeitlang trieb die Fähre mehr an der westlichen Küste hin, als daß sie segelte, einer leisen südlichen Luftströmung folgend. Die Bewegung war langsam, nicht über ein paar Meilen in der Stunde, aber die zwei Männer bemerkten, das; sie sic nicht blos dem Punkte znführte, den sie zu erreichen wünschten, sondern auch in einem Verhältnis; der Schnelligkeit, wie cs gerade die noch 337 übrige Zeit erforderte. Aber wenig ward in dieser Zeit gesprochen, selbst von den Mädchen, nnd dies; Wenige bezog sich mehr ans die Befrcinng Hists, als ans andere Gegenstände. Der Indianer war dem äußern Anschein nach ruhig; aber wie Minute um Minute verstrich, wurden seine Gefühle immer aufgeregter, bis sie einen Stand erreichten, der die Ansprüche selbst der begehrlichsten Geliebten würde befriedigt haben. Wildtödter steuerte das Fahrzeug so viel in den Buchten hin, als die Vorsicht erlaubte, mit dem gedoppelten Zweck, unter dem Schatten der Wälder zu segeln, nnd Zeichen von einem Lager auf der Küste zu entdecken, an dem sie etwa vorbeikämen. In dieser Weise hatten sie einen tiefgelegenen Vorsprung umsegelt, nnd befanden sich schon in der Bai, welche zur nördlichen -Gränze das Ziel hatte, auf welches sie los gingen. Das letztere war noch eine Viertelmcile entfernt, als Chingachgook schweigend zu seinem Freunde trat, nnd auf einen Punkt hindentete, gerade vor ihnen. Ein kleines Feuer brannte gerade am Saum der Büsche, welche die Küste auf der Südseite des Vorsprungs einfaßten — nnd ließ keinen Zweifel daran übrig, daß die Indianer ihr Lager eben an den Platz, oder wenigstens auf den Landvor- sprung verlegt hatten, wohin Hist sie beschicken! Sechzehntes Kapitel. Ben Sonnschein du dem Thale bringst — Non Blumen süße Kunden; Mir aber du ein Mährchen stngst Non geisterhaften Stunden. Wordsworth. Die am Schluß des vorigen Kapitels gemeldete Entdeckung war in Wildtödters und seines Freundes Angen von großer Bedeutung. Für's Erste war die Gefahr, ja beinahe die Gewißheit vorhanden, daß Hutter und Hurry einen neuen Versuch gegen dieß Lager unternehmen würden, falls sie anfwachten und dessen Der Wildtödter. ZZ 338 Position erkannten. Dann war es bedenklicher zu landen, um Hist anfnchmen, und dann mußte überhaupt auch Unsicherheit und mußten weitere schlimme Wcchsclfälle die Folge des Umstandes sein, daß ihre Feinde angefangen, ihre Stellung zu andern. Da der Delaware wußte, daß die Stunde nahe war, wo er an dem verabredeten Punkte sich einstellen sollte, dachte er nicht weiter au Trophäen, die er seinen Feinden abzieheu wollte, und eine der ersten Verabredungen zwischen ihm und seinem Genossen war die, die beide» Andern fortschlasen zu lassen, damit sie nicht die Ausführung ihres Plans durch einen neuen, von ihnen ausgesounencn, durchkreuzten und vereitelten. Die Arche rückte langsam vor, und hatte in diesem Verhältnis; der Schnelligkeit eine volle Viertelstunde gebraucht, den Landvorspruug zu erreichen, wodurch sic Zeit zu weiterem Bedenken gewannen. Die Indianer, in der Absicht, ihr Feuer dem Auge der im Kastell (nach ihrem Wahne) Befindlichen zu entziehen, hatten es so nahe der südlichen Küste des Vorsprungs angezündct, daß es äußerst schwer hielt, hinter den Büschen die Aussicht zu versperre», obgleich Wildtödter die Richtung der Fähre nach Rechts und Links veränderte, in der Hoffnung, dieß bewirken zu können. „Einen Vortheil hat cs, Judith, daß wir das Feuer so nahe beim Wasser finden," sagte er, während er diese kleinen Manövers ausführte; „es zeigt uns, daß die Mingo's uns in der Hütte glaube», und daß unser Herankommen von dieser Seite ein Ereigniß ist, das sic nicht erwarten. Aber es ist ein Glück, daß Harry March und Euer Vater schlafen, sonst würden sie wieder auf Skalpe Jagd machen wollen. Ha! so — jetzt fangen die Büsche an, das Feuer dem Auge zu entziehen — und jetzt sieht man es gar nicht mehr!" Wildtödter wartete eine Weile, um sich zu versichern, daß er die gewünschte Stellung eingenommen, worauf er das verabredete 339 Signal gab, und Chingachgook den Anker auswarf und das Segel hernnterließ. Die Lage, in welcher sich die Arche jetzt befand, hatte ihre Vortheile und ihre Nachtheile. Das Feuer war dem Auge dadurch entzogen worden, daß man der Küste entlang hinsteuertc, und dadurch war man dieser vielleicht näher, als wünschenswerth, gekommen. Aber man wußte, daß weiter einwärts im See das Wasser sehr tief war, und unter den Umständen, worin die Gesellschaft sich befand, war es, wenn immer möglich, zu vermeiden, in tiefem Wasser den Anker zu werfen. Man glaubte auch, cs könne ans Meilen weit kein Floß um den Weg sein; und obgleich die Bäume in der Dunkelheit beinahe auf die Fähre her- einznhängen schienen, war es doch wohl nicht leicht, sich ihr zu nähern und an Bord zu kommen, ohne sich eines Bootes zu bedienen. Auch die dichte Finsternis;, welche mit dem Wald verschwi- stert herrschte, diente als ein wirksamer Schirm und Schild, und so lange man sich recht hütete kein Geräusch zu machen, war wenig oder keine Gefahr, entdeckt zu werden. Ans dieß Alles machte Wildtödter Judith aufmerksam, und unterwies sie, was sie zu thnn hätte, falls Lärm entstände; denn man erachtete cs für nn- dienlich im höchsten Grade, die Schläfer zu wecken, außer im allerdringendsten Nothfall. „Und jetzt, Judith, da wir einander verstehen, ist es Zeit, daß Schlange und ich uns in das Canoe begeben," schloß der Jäger. „Der Stern ist zwar noch nicht aufgegangen, aber er muß jetzt bald kommen, obwohl heute Nacht schwerlich Einer von uns wird viel von ihm zu sehen bekommen vor den Wolken. Jedoch Hist hat einen entschlossenen und klugen Geist, und sic gehört zu Denen, die nicht gerade immer nöthig haben, Etwas vor Augen zu haben, um es zn sehen. Ich stehe Euch dafür, sie fehlt nicht um zwei Minuten und nicht zwei Fuß breit, wenn nicht die eifersüchtigen Vagabunden dort, die Mingo's, aufmerksam geworden sind, und sle SS" 340 hingesetzt haben als eine Locktaube, um uns zu fangen, oder sie sortgeschleppt und versteckt, um sich gefaßt zu machen auf einen Hurouen, statt eines Mohikan, zum Gatten." „Wildtödter," unterbrach ihn das Mädchen ernst; „das ist ein sehr gefährlicher Dienst; warum befaßt Ihr Euch überhaupt damit?" „Ha! Nun, Ihr wißt ja, Mädchen, wir wollen Hist, der Schlange Verlobte abholen, das Mädchen, das er zu heiratheu gedenkt, sobald wir zu dem Stamm zurückkommen." „Das ist Alles recht für den Indianer — aber Ihr gedenkt nicht Hist zu heirathen — Ihr seid nicht verlobt, und warum sollen Zwei ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel setzen, um zu thuu, was Einer ebensogut vollbringen kann?" „Ha! — jetzt verstehe ich Euch, Judith — ja, jetzt fang' ich an, Eure Idee zu fassen. Ihr denkt, da Hist Chiugachgooks Verlobte sei, wie sie es nennen, und nicht die meinige, so sei es ganz und gar seine Sache; und da Ein Mann ein Cauoe rudern könne, so sollte man ihn allein nach dem Mädchen ausziehen lassen. Aber Ihr vergeßt, das ist unser Vorhaben hier, am See, und es nähme sich schlimm aus, ein Vorhaben zu vergessen, gerade wenn das Mißlichste kommt. Dann, wenn die Liebe bei manchen Leuten, besonders bei jungen Weibern, so viel gilt und erklärt, so gilt bei manchen Andern auch die Freundschaft etwas. Ich glaube wohl, der Delaware kann allein ein Canoe rudern und allein Hist abholen, und vielleicht wäre er es ebenso zufrieden, als wenn ich ihn begleite; aber er könnte allein nicht ebenso List mit List begegnen, oder einen Hinterhalt aufstöbern, oder mit den Wilde» kämpfen, und zugleich sein Liebchen davon führen, als wenn er einen Freund bei sich hat, auf den er sich verlassen kann, wenn auch dieser Freund kein besserer ist als ich. Nein — »ein — Judith, Ihr würdet nimmermehr in einem solchen Augenblick Jemand verlassen, der auf Euch gezählt hätte, und Ihr könnt es billigermaßen auch von mir nicht erwarten." 341 „Ich furchte — ich glaube, Ihr habt recht, Wildtödter, und doch wünsche ich, Ihr ginget nicht! Versprecht mir wenigstens Eines, und das ist: Euch nicht unter die Wilden zu wagen, und nicht mehr zu thun, als das Mädchen zu retten! Das wird für einmal genug sei», und damit solltet Ihr Euch zufrieden geben." „Gott tröste Euch, Mädchen; man sollte glauben, es sei Hetty, die so spreche, und nicht die raschbesonnene, wunderbare Judith Hutter! Aber Furcht macht die Weisen einfältig, und die Starken schwach. Ja, davon Hab' ich vft und viel Beweise gesehen! Nun, es ist gütig und sanftherzig von Euch, Judith, solche Theilnahme zu fühlen für ein Mitgeschvpf, und ich werde es immer sagen, daß Ihr wohlwollend und von treuem Gefühl seid, mögen Die, die Euer schönes Aussehen beneiden, so viel müssige Mährchcn von Euch erzählen, als sie Lust haben." „Wildtödter!" unterbrach ihn das Mädchen hastig, aber beinahe erstickt von ihrer heftigen Gemüthsbewcgnng; „glaubt Ihr Alles, was Ihr von einem armen, mutterlosen Mädchen hört? Soll die schändliche Zunge Harry Hnrry's mein Leben vergiften?" „Nicht so, Judith, nicht so. Ich habe Hnrry gesagt, es sei nickt mannhaft, Diejenigen hinterrücks zu beißen, die er nicht durch offene Mittel gewinnen könne, und daß selbst ein Indianer immer rücksichtlich ist in Bezug auf den guten Namen eines jungen Weibes." „Wenn ich einen Bruder hätte, sollte er sich nicht erfrechen, cs zu thnn!" rief Judith mit fenersprühenden Augen. „Aber da er mich ohne einen Beschützer findet, außer einem alten Mann, dessen Ohren eben so stumpf zu werden anfangen als seine Gefühle, steht ihm allerdings frei zu thnn, was ihm beliebt." „Nickst so ganz, Judith; nein, das doch nicht so ganz! Kein Mann, Bruder oder Fremder würde ruhig dabei stehen und zusehen, wie ein so schönes Mädchen wie Ihr verunglimpft und herabgeriffen würde, ohne ein Wort zu ihren Gunsten zu sagen. Es ist Hnrry ernst mit dem Wunsch, Euch zu seinem Weibe zu bekommen, und 342 das Wenige, was er zn Eurem Nachtheil äußert, kommt wohl mehr von Eifersucht her, als von einem andern Beweggrund. Lächelt ihm zu, wenn er erwacht, und druckt ihm die Hand nur halb so stark, als Ihr die meinige vor einer Weile drücktet, und ich sehe mein Leben darauf, der arme Kerl wird Alles vergessen außer Eurem hübschen Gesicht. Heiße Worte kommen nickt immer ans dem Herzen, sondern öfter ans dem Magen, oder sonst woher. Versnckt es mit ihm, Judith, wenn er erwacht, und erkennt daun die Kraft und Tugend eines Lächelns!" Wildtödter lachte ans seine Weise, als er schloß, und dann gab er dem geduldig anssehendcn, aber innerlich sehr ungeduldigen Chingachgook seine Bereitwilligkeit zum Aufbruch zn erkennen. Als der junge Mann in das Canoe trat, stand das Mädchen regungslos wie Stein, versunken in das Nachsinncn, das die Sprache und das Benehmen des Andern wohl in ihr Hervorrufen mochten. Die Einfachheit und Treuherzigkeit des Jägers hatte sie völlig getäuscht; denn in ihrer engen Sphäre war Judith Meisterin in Behandlung des andern Geschlechts; obwohl sie im gegenwärtigen Falle, bei Allem, was sie gesagt und gethan, weit mehr durch unwillkürliche Gefühle als durch Berechnung war geleitet worden. Wir wollen nickt längnen, daß einige von Judiths Betrachtungen bitter gewesen, obwohl wir ans den weiteren Verlauf der Erzählung verweisen Müsse», wo sich Herausstellen wird, wie verdient oder wie heftig ihre Leiden waren. Chingachgook und sei» Bleichgeslchtsfrennd schickte» sich zn ihrem gewagten und delikaten Unternehmen mit einer Kaltblütigkeit und Umsicht an, die Männern Ehre gemacht hätte, welche sich ans ihrem zwanzigsten, statt ans dem ersten Kriegszng befanden. Der Indianer, wie seinem Verhältnis; zn der schönen Flüchtigen geziemte, deren Dienst sie sich so zn sagen geweiht hatten, nahm seinen Play vorn im Canoe ein, während Wildtödter dessen Bewegungen vom Hintertheil aus lenkte. Vermöge dieser Anordnung 3-L3 mußte Jener zuerst laude», und mithin auch zuerst seiner Geliebten entgegen treten. Der Andere hatte seinen Posten ohne weitere Bemerkung eingenommen, insgeheim jedoch geleitet von dem Gedanken, daß Einer, der so viel ans dem Spiele stehen hatte, wie der Indianer, wohl schwerlich das Canoe mit derselben Stetigkeit und Einsicht wurde steuern können, wie Einer, der mehr Herrschaft über seine Gefühle besaß. Von dem Augenblick an, wo ste von der Arche absticßcn, glichen die Bewegungen der beiden Abenteurer den Manövern von trefflich dressirten Soldaten, die zum ersten Mal berufen sind, dem Feind im Feld zu begegnen. Bis jetzt hatte Chingachgook noch nie einen Schuß in ernstem Kampfe abgefeuert, und das Probestück feines Kriegskameraden ist dem Leser bekannt. Zwar war der Indianer gleich bei seiner ersten Ankunft einige Stunden um das Lager des Feindes herumgestrichen, und hatte sich sogar, wie im vorigen Kapitel erzählt worden, hineingewagt, aber beide Versuche waren ohne Folgen geblieben. Jetzt war gewiß, daß entweder ein wichtiges Ergebnis; erzielt werden, oder ein schmerzliches Mißlingen der Ansgang sein mußte. Die Befreiung oder die fortdauernde Gefangenschaft Hists hing von dem Unternehmen ab. Mit einem Wort, es war in der That die Jnngfern- Expeditiomdiescr zwei ehrgeizigen jungen Waldkricger, und während der Eine dabei beseelt wurde von Gefühle», welche gewöhnlich Männer auf diese Bahn spornen, waren bei Beiden alle Empfindungen des Stolzes und der Mannhaftigkeit rege in dem Eifer, einen guten Erfolg zu gewinnen. Statt gerade auf den Landvorsprnng loszustenern, der jetzt nicht mehr eine Viertelstunde von der Arche entfernt war, lenkte Wildtödter das Vordertheil seines Canoe's schräg gegen den Mittelpunkt des Sec's, in der Absicht, eine Stellung zu gewinnen, von der ans er sich der Küste nähern könnte, so daß er die Feinde bloß vor sich hätte. Die Stelle, wo Hetty gelandet, und wo Hist versprochen hatte, sich einznfinden, war zudem eher ans der höher» 344 als auf der nieder» Seite des Vorsprungs; und um sic zu erreiche», hätten die zwei Abenteurer beinahe den ganzen Vorsprung dicht an der Küste hin umfahren müssen, Härten sie nicht jenen Schritt, um dem oorznbengen, gethan. So gut ward die Nothwendigkeit dieser Maßregel begriffen, daß Chingachgvok ruhig fvrtrnderte, obgleich der Andere es gethan hatte, ohne ihn zu befrage», und dem Anschein nach das Canoe in eine Richtung brachte, welche der von ihm eigentlich, wie man hätte denken sollen, gewünschten, fast entgegengesetzt war. Wenige Minuten jedoch genügten, das Canoe so weit als nöthig z» fördern, wo dann beide junge Männer wie in instinktmäßiger Uebcreinknnft zu rudern aufhörten und das Boot stehen blieb. Die Dunkelheit nahm eher zn als ab, aber es war von dem Punkt aus, wo die Abenteurer sich befanden, doch noch möglich, die Umrisse der Berge zn unterscheiden. Umsonst wandte Wildtödter den Kopf nach Osten, um des verabredeten Sternes ansichtig zn werden; denn obgleich in dieser Himmelsgegend die Wolken in der Nähe des Horizontes sich ein wenig öffneten, blieb doch der Vorhang noch so dicht vorgezogen, daß er Alles dahinter ganz verbarg. Vor ihnen lag, wie man ans der Formation des Landes darüber und dahinten wußte, der Vorsprung in einer Entfernung von etwa tausend Fuß. Von dem Kastell sah man keine Spur, auch konnte keine Bewegung, die ans jenem Theile des Ortes vorging, vom Ohr vernommen werden. Der letztere Umstand mochte ebensowohl von der Entfernung, die einige Meilen betrug, als von der That- sache herrühren, daß sich wirklich nichts bewegte. Die Arche, die von dem Canoe freilich kaum entfernter lag, als der Landvorsprung, war so vollständig in dem Schatten der Küste versenkt, daß sie nicht sichtbar gewesen sein würde, wäre es auch um viele Grade Heller gewesen, als der Fall war. Die Abenteurer hielten jetzt mit leiser Stimme eine Besprechung, und beriethcn sich, welche Zeit es wohl sein möchte. Wildtödter meinte, es fehlten noch einige Minuten bis zur Zeit des Aufgangs des Sternes, während die Ungeduld des Häuptlings ihm die Nacht weiter vorgerückt erscheinen und ihn glauben ließ, seine Verlobte harre schon an der Küste seiner Ankunft. Wie man erwarten konnte, siegte des Leistern Meinung, und sein Freund schickte sich an, ans den verabredeten Platz losznstcuern. Die äußerste Vorsicht und Geschicklichkeit war jetzt bei der Handhabung und Leitung des Canoe's nothwcndig.Die Rnderschaufeln wurden auf's Geräuschloseste emporgehoben und wieder in's Wasser gesenkt; und als sie sich ans zweihundert Fuß dem Strande genähert, zog Chingachgook die seinige herein, und nahm dafür die Büchse zur Hand. Als sie dem Gürtel von Finsternis; noch näher kamen, der die Wälder ein- faßte, sahen sie, daß sie zu weit nördlich steuerten, und veränderten demgemäß ihre Richtung. Das Canoe schien jetzt von eigenem Instinkte geleitet, so vorsichtig und bedächtig waren alle seine Bewegungen. Doch rückte es noch immer vor, bis sein Bug ans dem Kiesboden des Strandes anfstieß, genau an der Stelle, wo Hctty gelandet hatte, und von wo ans in der vorigen Nacht, als die Arche vvrbeifnhr, ihre Stimme erschallt war. Wie gewöhnlich war der Strand schmal, aber Büsche faßten die Wälder ein und hingen an den meisten Stellen über das Wasser herein. Chingachgook stieg auf dem Strande ans, und untersuchte ihn sorgfältig in einiger Entfernung zu beiden Seiten des Canoe's. Er war dabei öfters genöthigt, bis an die Kniee im Wasser zu wate», aber keine Hist war der Lohn seines Suchens. Bei seiner Rückkehr fand er seinen Freund auch an der Küste. Sie besprachen sich jedoch in flüsterndem Tone, und der Indianer befürchtete, sie möchten sich in dem Ort der Verabredung geirrt haben. Wildtödter aber fand es wahrscheinlicher, daß sie die Stunde verfehlt hätten. Während er noch sprach, ergriff er den Arm des Delaware», ließ ihn mit dem Gesicht dem See sich zu wenden, und deutete ans die Gipfel der östlichen Berge. Die Wolken waren ein wenig zerrissen, 346 dem Anschein nach mehr hinter als über den Bergen, nnd der Abendstern schimmerte zwischen den Zweigen einer Fichte. Dies; war in jeder Weise eine schmeichelnde Vorbedeutung; und die jungen Männer lehnten sich ans ihre Büchsen, mit gespannter Erwartung dem Laute sich nähernder Schritte lauschend. Stimmen hörten sie oft, nnd gemischt damit war das unterdrückte Weinen von Kindern, und das leise aber anmnthige Lachen indianischer Weiber. Da die eingeborene» Amerikaner ihrer Natur und Gewohnheit nach vorsichtig sind, und selten einem lauten Gespräche sich hingcben, erkannten die Abenteurer aus diese» Umständen, daß sie dem Lager sehr nahe sein mußten. Es war leicht zu bemerken, daß in den Wäldern ein Feuer sein müsse, ans der Art, wie manche der höheren Neste der Bäume beleuchtet waren, aber cs war von der Stelle ans, wo sie standen, nicht möglich, mit Genauigkeit zn ermitteln, wie nahe sie demselben wären. Ein paar Male schien es, als ob Personen vom Feuer her sich dem Ort der Verabredung näherten; aber diese Laute waren entweder eine reine Täuschung, oder Diejenigen, welche sich genähert hatten, kehrten wieder um, ehe sie an die Küste kamen. Eine Viertelstunde verstrich in solcher gespannter Erwartung nnd Bangigkeit, als Wildtödter vorschlug, sie wollten im Canoe den Vorsprung umfahren, eine Position ganz in der Nähe, von wo ans man das Lager sehen könne, gewinnen, die Indianer recognoscircn, und sich so in Stand sehen, sich beifallswerthere Vermnthnngcn über das Nichterscheinen Hists zn bilden. Der Delaware jedoch weigerte sich entschieden, den Plah zu verlassen, und führte vernünftig genug als Grund hiefür die Verlegenheit nnd Noth des Mädchens an, wenn sie während seiner Abwesenheit ankämc. Wildtödter fühlte seines Freundes Besorgnisse mit, nnd erbot sich, die Fahrt um den Vorsprung herum allein zn machen, während Chin- gachgook in dem Gebüsche versteckt Zurückbleiben solle, um den etwaigen Eintritt eines glücklichen, seine Absichten begünstigenden 347 Ereignisses abznmarten. Mit dieser Verabredung trennten sie sich denn. Sobald Wildtödter wieder ans seinem Posten im Hinterthcil des Canoe's sich befand, verließ er die Küste mit derselben Vorsicht und in derselben geräuschlosen Weise, wie er sich ihr genähert hatte. Dießmal entfernte er sich nicht weit vom Lande, da die Busche einen hinlänglichen Versteck boten, wenn man so nahe wie möglich an die Küste sich hielt. Man konnte sich in der That nicht leicht eine günstigere Gelegenheit erdenken, eine Recognos- cirnng um ein indianisches Lager herum anznstellen, als welche die wirkliche Lage der Dinge darbot. Die Formation des Landvvr- sprungs gestattete, den Platz auf drei seiner Seiten zu umkreisen, und die Bewegung des Bootes war so geräuschlos, daß jede Be- sorgniß wegein eines dadurch zu verursachenden Lärmes beseitigt war. Der geübteste und vorsichtigste Fuß konnte in der Dunkelheit einen Hansen Blätter anfstöbern, oder einen dürren Zweig knicken, aber ein Rindencanoe konnte tnan über die Fläche eines glatte» Wassers dahingleiten machen, beinahe mit der instinktmäßigen Behendigkeit und gewiß mit der geräuschlosen Bewegung eines Waffervogels. Wildtödter war beinahe in eine Linie zwischen dem Lager und der Arche gekommen, ehe er des Feuers ansichtig wurde. Es wurde ihm plötzlich und etwas unvermnthet sichtbar, und verursachte ihm zuerst die Besorgniß, er habe sich unvorsichtig in den Kreis von Licht, den es um sich verbreitete, gewagt. Aber da er bei einem zweiten Blick wahrnahm, daß er vor Entdeckung ganz gewiß sicher wäre, so lange die Indianer sich in der Nähe des Mittelpunkts der Beleuchtung hielten, brachte er das Canoe in der vortheilhaftesten Position, die er finden konnte, zur Ruhe und begann seine Beobachtungen. Wir haben dies; ungewöhnliche Wesen vielfach beschrieben, aber vergebens, wenn wir dem Leser jetzt erst zu sagen nöthig 348 haben, daß er, unbewandert in der Gelehrsamkeit der Welt, und einfach wie er sich immer zeigte in allen Dingen, welche die Feinheit des conventionellen Geschmacks betrafen, doch ein Mann ron starkem natürlichem und poetischem Gefühl war. Er liebte die Wälder um ihrer Frische, ihrer erhabenen Einsamkeit, ihrer Rie- senhaftigkeit und des Stempels willen, den sie überall an sich trugen pon der göttlichen Hand ihres Schöpfers. Er durchwanderte sie selten, ohne stillstehend zu verweilen bei irgend einer eigenthümlichen Schönheit, die ihm Freude machte, obschon er selten den Gründen dieser Freude nachzuspüren suchte; und nie verging ein Tag, ohne daß er im Geist verkehrte — und das dazu ohne die Hilfe von Formen und Sprache — mit dem unendliche» Urquell von Allem, was er sah, fühlte und anschaute. Bei dieser geistigen und moralischen Organisation, und bei einer Kaltblütigkeit, welche keine Gefahr aus der Fassung bringen, kein kritischer Augenblick stören konnte, darf man sich nicht wundern, daß der Jäger jetzt einen Genuß empfand, die vor ihm liegende Scene zu beschauen, worüber er für den Augenblick den Zweck seines Besuchs vergaß. Diese wird man noch erklärlicher finden, wen» wir die Scene beschreiben. Das Cauoe lag gerade vor einer natürlichen Aussicht nicht blos durch die das Ufer einfassenden Büsche, sondern auch durch die Bäume, welche eine volle Ansicht des Lagers gestattete. Mittelst eben dieser Oeffnnug hatte man von der Arche aus zuerst das Licht gesehen. In Folge ihrer ganz neuerlichen Lagerveränderung hatten sich die Indianer noch nicht in ihre Hütten zurückgezogen, sondern sich bei ihren Vorbereitungen, Wohnung und Nahrung zugleich betreffend, verspätet. Ein großes Feuer war ausgemacht worden, sowohl um den Dienst von Fackeln zu leisten, als auch zum Behuf ihres einfachen Kochens; und gerade in diesem Augenblick loderte es hell und lustig auf, da es neuerdings eine tüchtige Zulage von dürrem Reisig erhalten. Die Wirkung war, 349 daß die Gewölbe des Waldes erleuchtet, und der ganze vom Lager eingenommene Platz so licht wurde, wie wenn Hunderte von Kerzen angeznndct gewesen wären; die meiste Arbeit hatte aufgehört, und selbst das hungrigste Kind hatte seinen Appetit gestillt. Mit einem Wort, es war gerade der Augenblick der Abspannung und allgemeiner, träger Erschlaffung, wie er gern auf eine herzhafte Mahlzeit folgt, wenn die Mühen des Tages zu Ende find. Die Jäger und die Fischer waren gleich glücklich gewesen; und da Lebensmittel, dieß eine große Bedürfnis; des Wildcnlebcns, im Nebenfluß vorhanden waren, schien jede andere Sorge unter- gcgangen in der Empfindung der von diesem hochwichtigen Umstand abhängenden Zufriedenheit. Wildtödter sah auf den ersten Blick, daß viele von de» Kriegern abwesend waren. Sein Bekannter, Rivcnoak, jedoch war anwesend, und saß im Vorgrnnd eines Gemäldes, das ein Salvator Rosa mit Lust gemalt haben würde, seine dunkeln Züge ebenso von Freude erhellt, wie von der fackelgleichen Flamme, während er einem Andern von dem Stamm einen der Stephanien zeigte, die unter seinem Volke so großes Aufsehen gemacht hatte». Ein Knabe schaute in dummer Neugier über seine Schulter herein, die Gruppe zu vervollständigen. Mehr im Hintergrund lagen acht bis zehn Krieger halb ansgestreckt auf dem Boden, oder saßen da, den Rücken an die Bäume gelehnt, ebenso viele Bilder träger Ruhe. Alle hatten ihre Waffen ganz in der Nähe; zum Theil lehnten sie an denselben Bäumen wie ihre Besitzer, oder lagen sie in nächlässtger Bereitschaft über ihren Leibern. Die Gruppe aber, welche Wildtödters Aufmerksamkeit am meisten anzog, war die ans den Weibern und Kindern bestehende. Alle Weiber schienen sich zusammen gemacht zu haben, und als eine Art Nothwendigkeit waren ihre Kinder um sie her. Jene lachten und plauderten in ihrer gedämpften, ruhigen Weise, obwohl Einer, der die Sitten des Volks kannte, wohl gemerkt haben würde, daß 350 nicht Alles im gewöhnlichen Geleise ging. Die meisten der jungen Fronen schienen wohlgemnth genug zu sein; aber eine alte Hexe saß beiseite, mit einer lauernden, grämlichen Miene, die, wie der Jäger sogleich erkannte, verrieth, daß irgend eine Pflicht von unangenehmer Art ihr von den Häuptlingen war angewiesen worden. Worin diese Pflicht bestand, konnte er nicht crrathen; aber er war überzeugt, daß sie sich einigermaßen ans ihr eigenes Geschlecht beziehen müsse, da die Alten unter den Weibern in der Regel nur zu solchen und keinen andern Diensten gewählt wurden. Natürlich sah sich Wildtödter mit lebhaftem Eifer nach der Person Hist's um. Sie war nirgends sichtbar, obgleich das Licht ansehnliche Entfernungen in allen Richtungen um das Feuer her durchdrang. Ein paar Mal fuhr er auf, da er ihr Lachen zu erkennen glaubte; aber sein Ohr war getäuscht worden durch die sanfte Melodie, welche man bei der Stimme der Indianerinnen so häufig findet. Endlich sprach das alte Weib laut und zornig, und dann wurde er ein paar dunkler Gestalten im Hintergrund der Bäume ansichtig, die sich, den Vorwürfen folgsam, wie cs schien, umwandten, und mehr in den Kreis der Helle traten. Die Gestalt eines jungen Kriegers wurde zuerst deutlicher sichtbar; dann folgten zwei jugendliche Franengestalten, von welchen Eine wirklich das delawarische Mädchen war. Jetzt begriff Wildtvdter Alles. Hist war bewacht, vielleicht von ihrer jungen Begleiterin, gewiß aber von dem alten Weibe. Der Jüngling war vermuthlich ihr oder ihrer Begleiterin Anbeter; aber selbst seiner Klugheit mißtraute man in Betracht seiner bewundernden Neigung. Die wohlbekannte Nähe solcher, die man als ihre Freunde ansehen durfte, und die Ankunft eines unbekannten rothen Mannes am See hatte die gewöhnliche Sorgfalt noch geschärft, und das Mädchen hatte den sic Bewachenden nicht entschlüpfen können, um ihre Zusage zu erfüllen. Wildtödter errieth ihr Mißbehagen daraus, daß sie ein paar Mal durch die Zweige der Bäume empor zu blicken 351 versuchte, um des Sterns ansichtig zu werden, den sie selbst als Zeichen für die Zeit der Zusammenkunft genannt. Alles jedoch war umsonst, und nachdem die beiden Mädchen noch eine Weile in erheuchelter Gleichgültigkeit um das Lager hcrnmgeschlendert, verließen sie ihren Begleiter, und setzten sich unter ihr Geschlecht. Sobald dieß geschehen, vertauschte die alte Schildwache ihren Platz mit einem ihr angenehmeren, ein deutlicher Beweis, daß sie bisher ausschließlich der Wache gepflogen. Wildtödtcr war jetzt sehr verlegen, was weiter vornehmen. Er wußte wohl, daß Chingachgook sich nimmer wurde zur Rückkehr nach der Arche überreden lassen, ohne eine» verzweifelten Versuch zur Wiedererlangung seiner Geliebten zn machen, und seine eigene Großherzigkeit machte ihn ganz geneigt, bei einem solchen Unternehmen Beistand zu leisten. Er glaubte bei den Weibern Zeichen ihrer Absicht zu bemerken, sich für diese Nacht zur Ruhe zn begeben; und falls er blieb, nnd das Feuer hell fortbrannte, konnte er vielleicht die Hütte oder das Lanbgemach entdecke», worunter Hist schlief; ein Umstand von unendlichem Vortheil für ihr weiteres Beginnen. Aber wenn er noch viel länger an diesem Orte verweilte, so war große Gefahr, die Ungeduld seines Freundes möchte ihn zn irgend einer unbesonnenen That fortreißcn. Wirklich erwartete er jeden Augenblick die dunkle Gestalt des Delaware» im Hintergrund erscheinen zn sehen, dem Tiger ähnlich, der um die Hürde hernmschleicht. Altes gegen einander erwogen, gelangte er daher am Ende zn dem Schluß: es werde besser sein, wenn er sich wieder zn seinem Freunde begebe, nnd seinen Ungestümm durch seine eigene Kaltblütigkeit nnd Besonnenheit zn mäßigen versuche. Es brauchte nur ein paar Minuten, diesen Plan in Ausführung zu bringen, nnd zehn oder fünfzehn Minuten, nachdem das Canoe den Strand verlassen, kehrte es wieder dahin zurück. Vielleicht einigermaßen gegen seine Erwartung traf Wildtödtcr 352 den Indianer ans seinem Posten, von dem er nicht gewichen war, aus Besorgniß, seine Verlobte möchte während seiner Abwesenheit ankommcn. Eine Besprechung folgte, worin Chingachgook mit dem Stand der Dinge im Lager bekannt gemacht wurde. Als Hist den Vorsprung als Ort des Zusammentreffens nannte, that sie dies; in der Hoffnung, von der frühem Lagerstelle aus entfliehen, und sich an einen Platz begeben zu können, den sie gänzlich leer zn finden erwartete; aber der plötzliche Ortswechsel hatte alle ihre Plane vereitelt. Eine noch viel größere Wachsamkeit als früher war jetzt nöthig; und der Umstand, das; ein altes Weib auf den Wachposten gestellt war, zeugte auch von besonder» Gründen zn Besorgnissen. Alle diese Erwägungen, und manche andere, die sich dem Leser leicht von selbst darbietcn, wurden kurz besprochen, ehe die jungen Männer zn einer Entscheidung kamen. Da jedoch der Fall von der Art war, daß er Thaten vielmehr als Worte erheischte, war die einznschlagcnde Handlungsweise bald gewählt. Die jungen Männer brachten das Canoe in eine solche Stellung, das; Hist, wenn sie an den verabredeten Platz vor ihrer Rückkehr kam, es sehen mußte, untersuchten dann ihre Waffen, und begaben sich in den Wald hinein. Der ganze Vorsprung in den See hinein betrug etwa zwei Acres Land; und der Theil, welcher die Landzunge bildete, und wo das Lager stand, betrug eine Fläche von nur halb dieser Ausdehnung. Er war vornehmlich mit Eichen bedeckt, die, wie gewöhnlich in den amerikanischen Wäldern, sehr hoch emporwuclisen, ohne Aeste ansznsenden, und dann erst ein dichtes und üppiges Lanbgewölbe bildeten. Unten war, außer dem Saum von dickem Buschwerk der Küste entlang, sehr wenig Unterholz; obwohl die Bäume, in Folge ihrer Gestalt, dichter beisammenstandcn als in Gegenden gewöhnlich ist, wo das Beil frei geschaltet hat, und großen, geraden, rohen Säule» glichen, das gewöhnliche Blätterdach tragend. Der Boden war ziemlich eben, hatte jedoch eine kleine Erhöhung gegen die Mitte, 353 welche ihn in eine nördliche nnd südliche Hälfte theille. Anch kam ein Bach von den Seiten der benachbarten Hügel -brausend herunter, nnd bahnte sich seinen Weg in den Sec ans der Südseite der Landspitze. Er hatte sich ein tiefes Bett gewühlt durch einige der höhergelegenen Theile des Landstriches, nnd in später» Tagen, als dieser Platz für die Zwecke der Civilisativn benutzt wurde, ist er vermöge seiner gewundenen nnd schattigen Ufer ein nicht geringer Zuwachs von Schönheit für die Gegend geworden. Dieser Bach lag westlich von dem Lager, und seine Wasser fanden ihren Weg in den großen Wasserbehälter der Gegend auf derselben Seite nnd ganz nahe dem Platze, dm man für das Feuer gewählt hatte. Alle diese Umstände waren, soweit die Verhältnisse es gestatteten, von Wildtödter bemerkt, und seinem Freunde mit- getheilt worden. Der Leser begreift, daß die kleine Erhöhung des Bodens hinter dem indianischen Lager die heimliche Annäherung der zwei Abenteurer sehr begünstigte. Sie verhinderte, daß das Licht des Feuers sich auf den Hintergrund geradezu ergoß, obgleich das Land dem Wasser zu abfiel, so daß die linke oder östliche Seite der Stellung dadurch ungeschützt blieb. Wir sagen ,ungeschützt", obgleich das nicht eigentlich das Wort ist, da der Buckel hinter den Hütten und dem Feuer den verstohlen fick Nähernden vielmehr einen Versteck, als den Indianern irgend einen Schutz bot. Wildtödter drang nicht durch den Gürtel von Buschwerk, unmittelbar parallel dem Canoe, denn dadurch hätte er zu plötzlich in den Bereich des Lichts kommen können, da der kleine Hügel nicht ganz bis an's Wasser reichte; sondern er folgte dem Strande nördlich, bis er beinahe der Landzunge gegenüber sich befand, wodurch er unter den Schutz des leichten Abhangs nnd mithin mehr in Schatten kam. Sobald die Freunde aus den Büschen heraus waren, machten sie Halt, um zu recognosciren; das Feuer loderte noch hinter dem Der Wildtödter. L3 354 kleinen Buckel, und warf sein Licht aufwärts zu den Wipfeln der Bänme empor, was mehr einen schöne» als für sie vortheilhaften Effekt hervorbrachte. Doch hatte das Lodern der Flamme seine Vortheile; denn während der Hintergrund dunkel, war der Vorgrund stark beleuchtet, so das; die Wilden dem Blick ansgcseht, ihre Feinde verstecktwaren. Den letzten; Umstand benutzend, näherten sich die jungen Männer vorsichtig dem Hngelrücken, Wild- tödtcr voran, denn er bestand ans dieser Anordnung, damit nicht der Delaware von seinen Empfindungen zu einem unbesonnenen Schritt sich Hinreißen ließe. Es brauchte nur einen Augenblick, bis sie den Fuß der kleinen Anhöhe erreichten; und jetzt begann der kritischste Theil des Unternehmens. Mit ausnehmender Vorsicht sich bewegend, nnd seine Büchse so haltend, daß ihr Lauf nicht sichtbar wurde, nnd er sich ihrer sogleich bedienen konnte, rückte der Jäger nur einen Schritt um den andern vor, bis er hoch genug gekommen war, um über den Gipfel wegzuschen — nur sein Kopf in die Helle emporragcnd. Chingachgook war an seiner Seite, nnd Beide standen still, um das Lager noch einmal genau zu besichtigen. Um sich jedoch gegen etwaige Hcrnmstrei- chcr in ihrem Rücken zu decken, stellten sie sich hinter den Stamm einer Eiche, ans der Seite zunächst dem Feuer. Die Ansicht vom Lager, welche sich jetzt Wildtödter darbot, war gerade die entgegengesetzte von derjenigen, die er von der Wafferseite her gehabt. Die dämmernden Gestalten, die er vorhin wahrgenommen, mußten aus dem Gipfel des Bergrückens gewesen sein, wenige Schritte vorwärts von der Stelle, wo ersetzt stand. Das Feuer loderte noch lustig, nnd um es herum saßen ans Baumstämmen dreizehn Krieger, so viele, als er von dem Canoe ans gesehen hatte. Sie besprachen sich sehr angelegentlich und eifrig unter einander, nnd die Figur des Elephanten ging von Hand zu Hand. Der erste Ausbruch der Verwunderung der Wilden war vorüber, nnd die jetzt vorliegende Erörterung betraf die Wahr- 355 scheinlichkeit der Existenz, die Geschichte und Lebensweise eines so außerordentlichen Thieres. Wir haben nicht Zeit, die Meinungen dieser rohen Männer über einen Gegenstand zu wiederholen, der ihren Erfahrungen und ihrem Leben so fremd war; aber wir sagen schwerlich zu viel, wenn wir behaupten, daß sie ebenso plausibel, und weit sinnreicher waren, als die Hälfte der Hypotesen, welche den Demonstrationen der Wissenschaft vvrangehen. Wie sehr sie mit ihren Schlüffen und Vermnthnngcn fehlgeschossen haben mögen, gewiß ist, daß sie die Fragen mit eifriger und un- getheiltcr Aufmerksamkeit erörterten. Für den Augenblick war alles Uebrige vergessen, und unsere Abenteurer hätten sich in keinem glücklicheren Augenblick nähern können. Die Weiber waren Alle beisammen, ungefähr so wie Wildtödter sie zuletzt gesehen hatte, beinahe in einer Linie zwischen dem Platz, wo er jetzt stand, und dem Feuer. Die Entfernung von der Eiche, an die sich die jungen Männer lehnten, bis zu den Kriegern betrug etwa dreißig Schritte; die Weiber mochten um die Hälfte näher sein; ja sie waren wirklich so nahe, daß die äußerste Behutsamkeit, was Bewegungen und Geräusch betraf, unerläßlich war. Obwohl sic in ihrem leisen, sauften Tone sich unterredetcn, war es doch bei der tiefen Stille der Wälder möglich, sogar ganze Stücke des Gesprächs zu belauschen, und das leichtmüthige Lachen, das den Mädchen entfuhr, konnte gelegentlich selbst das Canoe erreichen. Wildtödter spürte das Zittern, das de» Körper seines Freundes durchzuckte, als dieser zuerst die süßen Töne vernahm, welche den derben, hübschen Lippen Hists entströmten. Er legte sogar die Hand auf die Schulter des Indianers, als eine Art Ermahnung zur Selbstbeherrschung. Als die Unterredung lebhafter wurde, beugten sich Beide vor, um zu horchen. „Die Huronen haben merkwürdigere Thiere als diese," sagte eines der Mädchen verächtlich, den» wie bei den Männern, drehte sich auch bei ihnen das Gespräch um den Elephanten und seine 83 * 356 Eigenschaften. „Die Delawaren mögen diese Kreatur wunderbar finden, aber keine Hurouenzunge wird morgen mehr davon spreche». Unsre jungen Männer werden sie zu finden wissen, wenn die Thiere in die Nähe unserer Wigwams zu kommen wagen." Dieß war eigentlich an Wah-ta!-Wah gerichtet, obgleich die Sprecherin ihre Worte mit einer angenommenen Schüchternheit nnd Bescheidenheit anssprach, die sie die Andern nicht anblicken ließ. „Die Delawaren sind so weit entfernt, solche Kreaturen in ihr Land zu lassen," versetzte Hist, „daß noch keine Seele auch nur ihre Bilder davon gesehen hat! Ihre jungen Männer würden die Bilder wie die Bestien selbst fortschenchcn!" „Die delawarischcn jungen Männer! — Die Nation besteht aus Weibern — selbst das Wild wandelt ruhig dahin, wenn es ihre Jäger kommen hört! Wer hat je den Namen eines jungen Kriegers der Delawaren vernommen!" Dieß wurde in gntmüthigem Tone nnd mit Lachen gesprochen, aber zugleich doch etwas beißend. Daß Hist es so nahm, zeigte sich in der Lebhaftigkeit ihrer Antwort. „Wer hat je den Namen eines jungen Delawaren vernommen?" wiederholte sie ernst. „Tamennnd selbst, obwohl jetzt so alt wie die Tannen auf dem Berge, oder als die Adler in der Luft, war einst jung; sein Name ward vernommen von dem großen Salzsee bis zu den süßen Wassern des Westens. Was ist die Familie der Uncas? — Wo ist eine andere so große, obgleich die Bleichgesichter ihre Gräber aufgewühlt und ihre Gebeine mit Füßen getreten haben? Fliegen die Adler so hoch, ist das Wild so schnell, oder der Panther so muthig? Ist kein junger Krieger dieses Stammes da? Laßt die Huronen-Mädchen ihre Angen weiter auf- thun, so mögen sie Einen sehe», Chiugachgook genannt, der so stattlich ist wie eine junge Esche, und so zäh wie die Hagenbnche." Wie das Mädchen dieß in ihrer bilderreichen Sprache sagte, und ihre Genossinnen die Augen weiter aufthun hieß, damit sie 357 de» Delaware» sähen, stieß Wildtödtcr mit den Fingern seinen Frennd in die Seite, und überließ sich seinem herzlichen, wohlwollenden, leisen Lachen. Der Andere lächelte; aber die Sprache der Redenden war zn schmeichelhaft und die Tone ihrer Stimme zn süß für ihn, als daß er sich durch ein zufälliges, wenn auch komisches Zusammentreffen von Umständen in seiner Aufmerksamkeit stören ließ. Die Rede Hists zog eine Erwiederung nach sich, und der Streit, obwohl gntmüthig geführt, und weit entfernt von der plumpen Heftigkeit in Ton und Geberden, wie sie oft den Reizen des schonen Geschlechts im civilisirten Leben, wie man es nennt, Eintrag thnt, wurde warm und etwas laut. Mitten unter dieser Scene hieß der Delaware seinen Freund sich ducken, so daß er ganz versteckt war, und ließ dann einen Ton hören, so ganz ähnlich dem Pfeifen der kleinsten Gattung des amerikanischen Eichhorns, daß Wildtödtcr selbst, obgleich er den Ton hundertmal hatte nachahmen gehört, wirklich glaubte, er rühre von einem der kleinen, über seinem Haupt hernmkletternden Thierchen her. Der Ton ist in den Wäldern so gewöhnlich, daß keine von den Hnroninnen im Geringsten darauf achtete. Hist aber hörte augenblicklich auf zn sprechen, und saß regungslos da. Doch behielt sie Selbstbeherrschung genug, den Kopf nicht umznwenden. Sie hatte das Signal vernommen, mit dem ihr Geliebter so oft sie ans dem Wigwam zur heimlichen Besprechung rief, und es kam über ihre Sinne und ihr Herz, wie die Serenade im Land des Gesanges das Mädchen ergreift. Von diesem Augenblick an war Chingachgook überzeugt, daß sie seine Gegenwart wisse. Dieß war wichtig, und er konnte jetzt hoffen, daß seine Geliebte ein weit kühneres Verfahren einschla- gen werde, als sie, über seinen Aufenthaltsort ungewiß, gewählt haben würde. Es blieb kein Zweifel daran übrig, daß sie sich bestreben würde, seine Bemühungen für ihre Befreiung zu unterstützen. Wildtödtcr stand auf, sobald das Signal gegeben war, 358 und obgleich er noch nie den süßen Verkehr gepflogen hatte, der nur Liebenden bekannt ist, entdeckte er doch sehr bald die große Veränderung, die mit dem Wesen und Benehmen des Mädchens vorgegangen war. Sic gab sich noch Muhe zu streiten, aber nicht mehr mit Geist und Unbefangenheit, sondern was sie sagte, war mehr nur als ein Köder hingeworfen, ihre Gegnerinnen zu leichtem Siege heranzulvcken, als mit irgend einer Hoffnung, selbst Siegerin zu werden. Zwar ein paar Mal gab ihr ihre natürliche Besonnenheit eine rasche Erwiederung oder einen Beweisgrund ein, welche Lachen erregten und ihr für den Augenblick einigen Vortheil gaben; aber diese kleinen Einfälle, Früchte des Mutterwitzes, dienten mir, um besser ihre wahren Gefühle zu verhehlen, und dem Triumph der andern Partei einen natürlicheren Anstrich zu geben, als er ohne sie vielleicht gehabt hätte. Endlich wurden die Streitenden müde, und sie erhoben sich Alle gesammt, als wollten sie sich trennen. Jetzt zum ersten Mal wagte Hist das Gesicht nach der Richtung zu kehren, woher das Signal gekommen. Ihre Bewegung hiebei war natürlich, aber behutsam, und sie streckte den Arm ans und gähnte, wie von Schläfrigkeit übermannt. Wieder ließ sich das schrillende Pfeifen hören, und das Mädchen war jetzt gewiß, wo ihr Geliebter stehe, obgleich das starke Licht, in dem sie selbst stand, und die verhältnißmäßige Dunkelheit, welche die Abenteurer umgab, sie hinderte, ihre Köpfe zu sehen, den einzigen Theil ihres Körpers, der über den Hügelrücken hervorragte. Der Baum, an den sie sich lehnten, war von einem dunkeln Schatten überzogen, der von einer ungeheuren, zwischen ihm und dem Feuer stehenden Fichte herrührte, und dieser Umstand allein schon würde alle Gegenstände, die in diesen Bereich fielen, in jeder Entfernung dem Auge entzogen haben. Das wußte Wildtödtcr wohl, und es war einer der Gründe, warum er gerade diesen Baum gewählt hatte. Der Augenblick, wo Hist nothwendig handeln mußte, war nahe. Sie sollte in einer kleinen Hatte, oder Laube, schlafen, ganz in der Nahe des Orts, wo sie stand, aufgeschlagen, und ihre Genossin war die schon erwähnte alte Hexe. War sie einmal in dieser Hütte, und lag das schlaflose alte Weib, wie sie allnächtlich pflegte, quer über den Eingang hingestreckt, so war beinahe alle Hoffnung zum Entkommen zerstört, und sie konnte jeden Augenblick zu Bette gerufen werden. Zum Glück rief in diesem Augenblick einer der Krieger das alte Weib mit Namen, und hieß sie ihm Wasser zum Trinken bringen. Es war eine köstliche Quelle ans der Nordseite der Landspitze, und die Alte nahm einen ledernen Becher von einem Zweig, rief Hist an ihre Seite, und ging dem Gipfel des Hügelrückens zu, in der Absicht, über die Landspitze hin zu dem natürlichen Brunnen hinabzustcigen. Alles dies; sahen und verstanden die Abenteurer; sie traten in das Dunkel zurück und versteckten sich hinter Bäumen, bis die beiden Weiber an ihnen vorbei waren. Im Gehen hielt die Alte Hist fest an der Hand. Als sie an dem Baum vorüber kam, welcher Chin- gachgook und seinen Freund verbarg, griff Jener nach seinem Tomahawk, in der Absicht, ihn in dem Hirnschädel des Weibes zu begraben. Der Andere aber erkannte das Gefährliche einer solchen Maßregel, da Ein Schrei alle Krieger ihnen auf den Hals ziehen konnte, und er war auch ans Gründen der Menschlichkeit einer solchen That abgeneigt. Daher hinderte seine Hand den Streich. Als aber die Beiden vorüber geschritten, ward das Pfeifen wiederholt, und die Hnronin blieb stehen und gaffte den Baum an, von welchem die Töne zu kommen schienen, und in diesem Augenblick stand sie nur sechs Fuß von ihren Feinden entfernt. Sie bezeigte ihr Erstaunen, daß ein Eichhorn so spät noch munter sein sollte, und sagte, cs bedeute Unheil. Hist antwortete, sie habe dasselbe Eichhorn dreimal binnen der letzten zwanzig Minuten gehört, und sie glaube, es spanne darauf, einige Brocken, die bei der Mahlzeit übrig geblieben, zu erlangen. Diese Erklärung 360 schien befriedigend, und sie schritten der Quelle zu, auf dem Fuß und heimlich von den Männern gefolgt. Der Becher mar gefüllt, und die Alte eilte zurück, die Hand immer an dem Handgelenk des Mädchens, als sie plötzlich fo heftig an der Kehle gepackt wurde, daß sie ihre Gefangene loslaffen mußte, und keinen andern Ton von sich geben konnte, als eine Art halbersticktes Gurgeln und Röcheln. Schlange umfaßte mit dem Arm den Leib seiner Geliebten, und stürzte sich mit ihr durch die Büsche auf der Nordseite der Landspitze. Hier bog er sofort ein, dem Strand entlang, und rannte nach dem Canoe. Er hätte eine geradere Richtung eingeschlagen, aber dies; hätte leicht zur Entdeckung des Landungsplatzes führen können. Wildtödter spielte indes; immerfort auf der Kehle des alten Weibes wie auf den Tasten einer Orgel, ließ sie von Zeit zu Zeit athmen, und drückte dann wieder mit den Fingern beinahe zum Erwürgen. Aber die kurzen Fristen zu»; Athcmholen wurden wohl benützt, und es gelang der Alten, ein paar kreischende Töne ans- zustoßen, welche das Lager in Alarm brachten. Das Stampfen der Krieger, als sie vom Feuer anfsprange», war deutlich zu hören, und im nächsten Augenblick erschienen drei oder vier von ihnen auf dem Gipfel des Hügelrückcns, die auf dem lichten Hintergrund sich wie die dämmernden Schatten einer Zauberlaterne ansnahmen. Jetzt war es die höchste Zeit für den Jäger, sich zurückzn- ziehen. Er unterschlug seiner Gefangenen ein Bein, klemmte ihr zum Abschied noch einmal die Kehle zusammen, ebensosehr ans Rache wegen ihrer nnbezwinglichen Bestrebungen, Lärm zu machen, als ans Gründen der Klugheit, verließ sie auf dem Rücken liegend, und eilte den Büschen zu, — die Büchse im Gleichgewicht, den Kops über die Schultern wendend, wie ein gehetzter Löwe. 361 Siebzehntes Kapitel. Schaut, weise Heil'ge, dieß Eu'r Licht und Stern! Die Narr'n und Opfer seid Ihr, scheint's. ja gern! Ist g'nug jetzt? wollt von unS Ihr sein betrogen. Bis Eurer weisen Brust der letzte Hauch entflogen? Moore. Das Feuer, das Canoe und die Quelle, von der aus Wild- tvdter seinen Rückzug antrai, standen so gegeneinander, daß sie die Winkel eines so ziemlich gleichseitigen Dreiecks wurden gebildet haben. Die Entfernung vom Feuer zum Boote betrug etwas weniger, als die Entfernung vom Feuer zu der Quelle, wahrend die von der Quelle bis zum Boot etwa der zwischen den zwei zuerst genannten Punkten gleich kam. Dieß Verhältnis; aber war bei geraden Linien — und in dieser Art konnten die Flüchtigen ihre Flucht nicht anssühren. Sie waren gezwungen, sich zu einem Umweg zu entschließen, um den Schutz der Büsche zu gewinnen und der Krümmung des Strandes zu folgen. Unter solchen Nachtheilen also trat der Jäger seinen Rückzug an — Nacktheiten, deren Größe er nur um so mehr empfand, vermöge seiner Kcnntniß der Gewohnheiten aller Indianer, die in Fällen plötzlichen Alarms, zumal mitten in einer gedeckten Stellung, selten verfehlen, augenblicklich Plänkler nach den Seiten ansznschicken, in der Absicht, den Feinden ans allen Punkten entgegenzntreten, und wo möglich ihnen in den Rücken zu fallen. Daß so Etwas auch jetzt im Werke war, schloß er ans dem Stampfen von Füßen, das nicht blos, wie schon gemeldet, die Anhöhe herauf kam, sondern auch, wiewohl leiser, gehört wurde in ganz anderer Linie, nicht blos gegen den Hügel im Rücken zu, sondern auch gegen den äußersten Punkt der Landspitze, in einer Richtung, entgegengesetzt der, die er einznschlagen im Begriffe stand. Schnelligkeit war daher jetzt von äußerster Wichtigkeit, da die verschiedenen Partien am Strand 362 Zusammentreffen konnten, ehe die Fluchtigen das Canoe zn erreichen vermochten. Trotz der Dringlichkeit der Umstände zögerte Wildtödter doch einen Augenblick, ehe er sich in die die Küste einfaffenden Büsche hineinstürzte. Seine Gefühle waren rege gemacht worden durch den ganzen Auftritt, und eine finstere Entschlossenheit war über ihn gekommen, wie sie ihm sonst fremd war. Vier dunkle Gestalten zeigten sich ans dem Hügelrücken, gegen die Helle des Feuers sich abhebend, und ein Feind konnte ans einen Blick geopfert werden. Die Indianer hatten Halt gemacht und starrten in das Dunkel, die alte kreischende Hexe zn suchen, und bei manchem Mann, der weniger gedacht hätte, als der Jäger, märe der Tod Eines von ihnen gewiß gewesen. Zum Glück war er umsichtiger. Obgleich die Büchse sich ein wenig gegen den Vordersten seiner Verfolger senkte, zielte oder feuerte er doch nicht, sondern verschwand in dem Versteck. Den Strand gewinnen, und ihm folgen bis herum zn dem Platz, wo Chingachgvok schon mit Hist im Conoe war, ängstlich seine Ankunft erwartend, war das Werk eines Augenblicks. Seine Büchse ans den Boden des Canoe's legend, bückte sich Wildtödter, um dem letztem einen kräftigen Stoß von der Küste weg zn geben, als ein gewaltiger Indianer ans den Büsche» hcrvorstürzte und wie ein Panther ihm ans den Rücken sprang. Alles hing jetzt an einem Haar; ein falscher Schritt richtete Alle zu Grunde. Mit einer Großherzigkeit, die einen Römer für alle künftige Zeiten hin berühmt gemacht haben würde, die aber in der Laufbahn eines so einfachen und niedrigen Mannes ohne diese anspruchslose Erzählung der Welt für immer fremd geblieben und verloren wäre, bot Wildtödter all' seine Kraft in einer ver- zweiflnngsvollen Anstrengung ans, stieß das Canoe mit einer Gewalt hinaus, die es in einem Augenblick vielleicht hundert Fuß weit von der Küste wegtrieb, und stürzte selbst, mit dem Kopf voran, in den Sec; und sein Angreifer natürlich mit ihm. 363 Obgleich das Wasser einige Schritte vom Strand entfernt tief war, hatte es doch so nahe am Ufer, wie die Stelle war, wo die beiden Feinde hineinficlen, mir Brusthöhe, dies; war jedoch schon völlig genug, um einen Mann zu tödten, der unter so ungünstigen Umständen hineingestürzt war, wie Wildtödter. Doch hatte er die Hände frei, und der Wilde war genöthigt, seinen Hals fahren zu lassen, um selbst sein Gesicht über dem Wasser zu halten. Eine halbe Minute dauerte ein verzweifluugsvoller Kampf, ähnlich dem Gezappel eines Alligators, der eben eine gewaltige Beute ergriffen hat, und dann standen Beide aufgerichtet, Jeder des Andern Arme zu packen suchend, um ihn am Gebrauche des tödtlichen Messers in der Finsternis; zu hindern. Was der Ansgang dieses heftigen Kampfes von Mann gegen Mann gewesen wäre, kann man nicht wissen; aber ein halb Dutzend Wilde sprangen in's Wasser ihrem Genossen zu Hilfe, und Wildiödter ergab sich zum Gefangenen mit einer Würde, die nicht minder bemerkenswert!) war, als seine Aufopferung. Den See zu verlassen, und den neuen Gefangenen an's Feuer zu führen, erforderte auch nur wieder eine Minute. So beschäftigt waren sie Alle mit dem Kampfe und dessen Folgen, daß sie das Canoe nicht sahen, obgleich es der Küste noch so nahe war, daß der Delaware und seine Verlobte jede Sylbc ganz deutlich hörten, die gesprochen wurde; und die ganze Truppe verließ den Platz, Einige setzten die Verfolgung Hists dem Strand entlang fort, die Meisten aber kehrten zum Feuer zurück. Hier gewann Wildtödters Gegner so weit seinen Athen; und seine Besinnung wieder, denn er war beinahe erwürgt worden von den Griffen des Andern, daß er die Art und Weise erzählen konnte, wie das Mädchen davon gekommen. Es war jetzt zu spät, die andern Flüchtlinge anzugreifen, denn sobald sein Freund in die Gebüsche abgcführt war, senkte der Delaware seine Ruderschansel in's Wasser, und das leichte Canoe glitt geräuschlos dahin, dem Mittelpunkt 364 des See's zusteuernd, bis es außer Schußweite war, und dann suchte es die Arche auf. Als Wildtödter beim Feuer aukam, sah er sich umringt von nicht weniger als acht grimmigen Wilden, worunter sein alter Bekannter, Rivenoak. Sobald dieser das Gesicht des Gefangenen erblickt hatte, redete er heimlich mit seinen Genossen- und ein leiser aber allgemeiner Ausruf der Freude und Ueberraschnug entfuhr ihnen. Sic hatten erfahren, daß der Besieger ihres jüngst auf der gegenüberliegenden Küste des See's gefallenen Freundes in ihren Händen, ihrer Barmherzigkeit oder Rachsucht preisgcge- ben war. Es lag eine nicht geringe Beimischung von Bewunderung in den trotzigen Blicken, die ans den Gefangenen geworfen wurden, Bewunderung, die ebensosehr durch seine jetzige Fassung, als durch seine vorangegangenen Thaten rege gemacht wurde. Man kann sagen, diese Scene war der Anfang des großen und schreckenverbreitendcn Rufes, dessen Wildtödter, oder Falkenange, wie er nachmals genannt wurde, unter allen Stämmen von New- Jork und Canada genoß; — ein Ruf, der freilich, was die Ausdehnung nach Länderstrecken und Menschenzahl betrifft, weit beschränkter war als der Ruf von Menschen im civilisirten Leben, aber der vielleicht, was ihm in diesen Punkten fehlte, durch seine größere Rechtmäßigkeit, und durch die gänzliche Ausschließung von Täuschung und künstlicher Pflege vergütete. Die Arme Wildtödters wurden nicht gebunden, und es blieb ihm der freie Gebrauch seiner Hände, nachdem man erst sein Messer ihm weggenommen hatte. Die einzige Vorsichtsmaßregel, die man traf, um sich seiner Person zu versichern, war unablässige Wachsamkeit, und ein starkes Seil von Bast, das von einer Knöchel zur andern ging, nicht sowohl um ihn im Gehen zu hindern, als nm einem etwaigen Fluchtversuche mittelst eines plötzlichen Satzes ein Hindernis; in den Weg zu legen. Selbst diese außerordentliche Vorbeugungsmaßregel gegen einen Fluchtversuch ward 365 erst getroffen, nachdem man den Gefangenen an's Licht geführt und seine Person erkannt hatte. Es mar in der That ein Kompliment, das man seiner Kühnheit machte, und er war stolz ans diese Auszeichnung. Daß er würde gebunden werden, wenn die Krieger schliefen, war ihm wahrscheinlich; aber gebunden zu werden im Augenblick seiner Gefangcnnchmnng, war ein Beweis, daß er schon, und so frühe, einen Namen gewann. Wahrend die jungen Indianer das Seil befestigten, dachte er bei sich selbst nach, ob wohl Chin- gachgook ebenso behandelt worden wäre, wäre auch er dem Feinde in die Hände gefallen. Ach rührte der Ruf des jungen Bleichgesichts nicht ganz von dem glücklichen Erfolg seines früheren Kampfes, oder von der Klugheit und Kaltblütigkeit her, die er bei der Unterhandlung erwiesen hatte; sondern er hatte auch durch die Ereignisse der Nacht einen großen Zuwachs erhalten. Unbekannt mit den Bewegungen der Arche, und mit dem Zufall, der die Feinde ihr Feuer hatte erblicken machen, schrieben die Irokesen die Entdeckung ihres neuen Lagers der Wachsamkeit eines so schlauen Feindes zu. Die Art und Weise, wie er sich auf die Landspitze gewagt hatte, die Entführung oder Flucht Hists, und ganz besonders die Selbstaufopferung des Gefangenen, verbunden mit der Besonnenheit, womit er das Canoe hinansgestoßen, waren ebenso viele wichtige Glieder in der Kette von Thatsachen, worauf sein wachsender Ruhm beruhte. Manche dieser Umstände hatten die Indianer selbst gesehen, manche waren ihnen erklärt worden, und alle wurden gewürdigt. Während solche Bewunderung und Ehren so ohne Rückhalt Wildtvdtcrn gezollt wurden, entging er doch nicht einigen Beschwerlichkeiten seiner Lage. Man gestattete ihm, sich auf das Ende eines Blockes in der Nähe des Feuers zu setzen, um seine Kleider zu trocknen, und sein Gegner von Kurzem her stand ihm gegenüber, bald Stücke seiner eigenen ärmlichen Kleidung an die Hitze haltend, bald sich die Kehle befühlend, wo die Spuren von seines Feindes Fingern noch recht gut sichtbar waren. Die übrigen 366 Krieger rathschlagten in der Nähe miteinander, da Alle, die ans gewesen, mit der Nachricht zurückgekehrt waren, daß keine anderen Herumstreifer in der Nähe des Lagers zn finden seien. Während dieses Stands der Dinge näherte sich das alte Weib, deren indianischer Name verdolmetscht Bärin bedeutete, Wildtödtern mit geballten Fäusten und feuersprühenden Angen. Bisher hatte sie sich mit Kreischen begnügt, eine Aufgabe, bei der sie ihre Rolle mit nicht geringem Erfolg gespielt hatte, aber nachdem sic auf's wirksamste Alles in Alarm gesetzt hatte, was im Bereich einer durch lange Uebung gekräftigten Lunge lag, richtete sie zunächst ihre Aufmerksamkeit auf die Unbilden, die ihre eigene Person bei dem Kampfe erlitten hatte. Diese waren i» keiner Weise von Bedeutung, obwohl von einer Art, daß sie wohl alle Wnth eines Weibes erwecken konnten, das längst nicht mehr mittelst sanfterer Eigenschaften anzog, und sehr geneigt war, die Mühsale, die sie so lange erduldet, als vernachlässigte Gattin und Mutter von Wilden an Jedem, der in ihre Gewalt kam, zu rächen. Wenn Wildtödter sie nicht ans die Dauer verletzt, hatte er ihr doch für einige Zeit Schmerzen bereitet, und sie war nicht die Person, ei» Unrecht dieser Art nm des Beweggrunds willen zn übersehen. „Stinkthier der Bleichgesichter," begann diese erbitterte und halb-poetische Furie, dem unerschütterlichen Jäger die Faust unter die Nase schüttelnd, „Ihr seid nicht einmal ein Weib. Eure Freunde, die Delaware», sind Weiber, und Ihr seid ihr Schaaf. Euer eigenes Volk wird Euch nicht anerkennen, und kein Stamm von rothen Männern würde Euch in seinen Wigwams dulden; Ihr schleickt herum unter Kriegern in Unterröcken. Ihr unfern tapfer» Freund erschlagen, der uns verlassen hat? — nein! seine große Seele verschmähte cs, mit Euch zu kämpfen, und verließ lieber ihren Leib, als daß sie die Schmach auf sich geladen, Euch zn tobten! Aber das Blut, das Ihr vergoßet, als der Geist nicht zusah, ist nicht in die Erde geflossen. Es muß begraben sein in 367 Eurem Stöhnen — welche Musik höre ich! Das ist nicht das Aechzen eines rothen Mannes! — kein rother Krieger stöhnt und grunzt so wie ein Schwein. Diese Töne kommen ans einer Bleichgesichtskehle — einer Jengeese-Brust — und tönen so lieblich/ wie eines Mädchens Singen. — Hund — Stinkthicr — Wiesel — Iltis; — Stachelschwein — Ferkel — Kröte — Spinne — Aengec —" Hier mußte wohl die Alte, nachdem sie ihren Athen; aufge- wcndet, und ihren Schatz von Schimpfwörtern erschöpft hatte/ einen Augenblick inne halte»/ obwohl sie noch immer beide Fäuste dem Gefangenen in's Gesicht schüttelte, und ihr ganzes mit Runzeln bedecktes Gesicht voll wilder, erbitterter Rachgier war. Wild- tödter betrachtete diese ohnmächtigen Versuche, ihn aufznbringen, mit der Gleichgültigkeit, womit in nnserm Zustand der Gesellschaft ein Gentleman auf die Schimpfreden eines Lumpen herabsieht; er fühlte, daß die Zunge eines alten Weibes nimmermehr einen Krieger vernnchrcn konnte, so wie dieser weiß, daß Lüge und Gemeinheit auf die Länge nur Diejenigen beschimpfen, die sich ihrer bedienen mögen; aber für den Augenblick wurden ihm weitere Angriffe erspart durch das Dazwischentreten Nivcnoaks, der die Hexe bei Seite schob, sie den Ort verlassen hieß, und sich anschickte, sich neben den Gefangenen zu sehen. Das alte Weib entfernte sich, aber der Jäger erkannte wohl, daß er der Gegenstand aller ihrer Belästigungen und Quälereien, wenn auch nicht thätlicher Mißhandlungen sein würde, so lange er in der Gewalt seiner Feinde blieb; denn nichts wurmt tiefer, als das Bewußtsein, daß ein Versuch, Jemand in Zorn zu bringen, mit Verachtung aufgenommen worden ist, — einem Gefühl, das gewöhnlich das passivste von allen in der menschlichen Brust gehegten zu sein pflegt. Ri- venvak nahm ruhig seinen Sitz, wie wir schon erwähnt, ein, und nach einem kurzen Stillschweigen begann er ein Gespräch-, das wir natürlich wieder zum Besten der Leser übersetzen, welche die nordamerikanischen Sprachen nicht studirt haben. 368 „Mein Bleichgesichtfrcund ist sehr willkommen," sagte der Indianer mit einem vertraulichen Kopfnicken, und mit einem so versteckten Lächeln, daß cs Wildtödters ganze Aufmerksamkeit brauchte, es zu entdecken, und nicht wenig von seiner Philosophie, um dabei ganz ruhig zu bleiben, „er ist willkommen. Die Hnronen unterhalten ein heißes Feuer, des weißen Mannes Kleider daran zu trocknen." „Ich danke Euch, Hnrone oder Mingo, oder wie ich Euch eigentlich zu nennen habe," versetzte der Andere; „ich danke Euch für den Willkomm und danke Euch für das Feuer. Beide sind gut in ihrer Art, und das letztere ist sehr gut, wenn Einer in einem so kalten Bade gewesen, wie der Glimmcrglas ist. Selbst Hnronenwärme mag in einem solchen Zeitpunkt angenehm sein einem Manne mit einem Delawarcnherzen." „Das Bleichgesicht —aber mein Bruder hat einen Namen? Ein so großer Krieger hat doch wohl nicht ohne einen Namen gelebt!" „Mingo," sagte der Jager, und etwas von der Schwäche der menschlichen Natur offenbarte »sich in dem Blicke sgines Auges und in der Farbe seiner Wangen, „Mingo, Euer Tapfrer nannte mich Falkcnangc, ich glaube wegen meines raschen und sichern Zielens, als er mit seinem Haupt in meinem Schooß lag, ehe sein Geist nach den glücklichen Jagdrevieren anfflog!" „Es ist ein guter Name. Der Falke ist seines Stoßes sicher. Falkcnangc ist kein Weib; warum lebt er bei den Delaware» ?" „Ich verstehe Euch, Mingo, aber wir betrachten das Alles als eine Tucke von einigen Eurer listigen Teufel, und längnen die Beschuldigung. Die Vorsehung hat mich jung unter die Delaware» versetzt, und abgerechnet, was christliche Gebräuche von meiner Farbe und meinen Gaben fordern, hoffe ich in ihrem Stamme zu leben und zu sterben. Doch aber bin ich nicht gemeint, meine angeborenen Rechte ganz wegzuwerfen, und werde mich bestreben, die Pflicht eines Bleichgesichts in Gesellschaft von Rothhänten zu erfüllen." 369 „Gut; ein Hnrone ist eine Rothhaut, so gut wie ein Delaware. Falkeuauge ist mehr ei» Huroue als ei» Weib." „Ich denke, Miugo, Ihr kennt Eure eigene Meinung; wenn nicht, so ist sie doch, wie ich nicht zweifle, dem Satan wohl bekannt? Aber wenn Ihr etwas von mir heransbringen wollt, so sprecht deutlicher, denn einen Handel kann man nicht abschließen mit verbundenen Augen und gelähmter Zunge." „Gut; Falkenange hat keine Gabclznnge, und er liebt zu sagen, was er denkt. Er ist ein Bekannter der Bisamraye," — mit diesem Namen bezeichnet«, alle Indianer Hutter, — „und er hat in seinem Wigwam gewohnt, aber er ist nicht ein Freund von ihm. Es ist ihm nicht nm Skalpe zu thnn, wie einem armseligen Indianer, sondern er kämpft wie ein mannhaftes Bleichgesicht. Die Bisamratze ist weder weis; noch roth, weder Thier noch Fisch. Sie ist eine Wasserschlange; manchmal im Wasser, manchmal ans dem Land. Er trachtet nach Skalpen wie ein Räuber. Falkenange kann znrnckgehen und ihm sagen, wie er die Hnroncn überlistet habe, wie er entkommen sei; und wenn dann seine Angen in einem Nebel sind, wenn er nicht mehr von seiner Kajüte bis zu den Wäldern sehen kann — dann kann Falkenange die Thüre öffnen für die Hnronen. Und wie wird der Raub getheilt werden? Ha! Falkenange wird das Meiste hinwegnehmen und die Hnronen werden nehmen, was er übrig lassen mag. Die Skalpe können nach Canada wandern, denn ein Bleichgesicht hat keine Lust daran." „Nun gut, Nivenoak, denn so höre ich Euch nennen, das ist einmal deutlich gesprochen, obwohl ans Jrokesisch. Ich verstehe wohl Alles, was Ihr meint, und muß sagen, diese Teufelei geht selbst über Mingo-Tenfelei hinaus. Ohne Zweifel, es wäre leicht, znrückzngehe», und der Bisamratze zu sagen, daß ich von Euch losgekommen, und dazu noch durch die That einiges Lob und Ansehen zu gewinnen." „Gut; das ist es, was ich von dem Bleichgesicht wünschte." Der Wiwtvdter. 24 370 »Ja, ja — das ist klar genug. Ich weiß ohne weitere Worte, was Ihr von mir verlangt. Während ich im Hause der Bisamratze sitze, und sein Brod esse, und mit seinen hübschen Töchtern lache und plaudere, könnte ich seine Angen mit einem dicken Nebel umhüllen, das; er nicht einmal die Thüre, geschweige das Land sähe!" „Gut. Falkenange sollte ein Hnrvne geboren sein! Sein Blut ist kaum halb weiß'" „Da irrt Ihr, Hnrone; ja, da irrt Ihr so gewaltig, wie wenn Ihr einen Wolf für einen Panther hieltet. Ich bin weiß an Blut, Herz, Natur und Gaben, obwohl ein wenig Rothhant in Gefühlen und Lebensart. Aber wenn des alten Hutters Augen recht benebelt sind, und seine hübschen Töchter vielleicht in tiefem Schlaf liegen, und Harry Hurry, die Große Fichte, wie ihr Indianer ihn nennt, von Allem eher als von Unheil träumt, und Alle denken, Falkenauge versehe den Dienst einer treuen Schild- wache, hätte ich weiter nichts zu thnn, als irgendwo eine Fackel zum kenntlichen Signal ausznstecken, die Thüre zu öffnen und die Huronen einznlaffen, um sie Alle niederzuschlagen." „Gewiß ist mein Bruder im Jrrthum; er kann nicht weiß sein! Er ist würdig, ein großer Häuptling unter den Huronen zu sein!" „Das ist sehr wahr, glaube ich gern, wenn er dieß Alles zu thun im Stande wäre. Jetzt merkt ans, Hnrone, und hört auch einmal ein paar ehrliche Worte ans dem Mund eines geraden, einfachen Mannes. Ich bin als Christ geboren, und die von einem solchen Stamme kommen, und den Worten horchen, die zu ihren Vätern geredet wurden, und zu ihren Kindern werden geredet werden, bis die Erde mit Allem, was darin ist, vergeht, können sich nimmermehr zu solcher Verruchtheit hergebe». Listen im Krieg mögen rechtmäßig sein, und sind es; aber Listen und Trug, und Verrätherei unter Freunden paffen nur für die Teufel unter den Bleichgesichtern. Ich weiß, daß es weiße Männer genug gibt, die Euch eine so falsche Idee von unsrer Natur geben können, aber 371 die sind untren ihrem Blut und ihren Guben, und sollten, wenn sie es nicht wirklich sind, Ansgestoßene und Vagabunden sein. Kein rechtliches Bleichgesicht könnte thun, was Ihr verlangt, und um so offen gegen Euch zu sein, als cs meine Art und mein Bestreben ist, nach meinem Urtheil auch kein rechtlicher Delaware; mit einem Mingo mag es ein anderer Fall sein." Der Hurone hörte diese Abfertigung mit sehr begreiflichem Widerwillen an, aber er hatte seine Zwecke fest im Auge, und war zu schlau, um alle Aussicht, sie noch zu erreichen, durch eine übereilte Kundgebung seines Unmnths zu vereiteln. Sich zu einem Lächeln zwingend, schien er eifrig znznhören, und erwog dann nachdenklich, was er vernommen hatte. „Liebt Falkcnange die Bisamrahe?" fragte er plötzlich; „oder liebt er seine Tochter?" „Keines von beiden, Mingo. Der alte Tom ist nicht der Mann, meine Liebe zu gewinnen, und was die Töchter betrifft, die sind hübsch genug, um jedem jungen Manne zu gefallen; aber Gründe genug sind gegen eine sehr große Liebe für die Eine oder die Andere. Hetty ist eine gute Seele, aber die Natur hat eine schwere Hand ans ihren Geist gelegt; — das arme Geschöpf!" „Und die Wilde Rose!" rief der Hurone — denn der Ruf von Judiths Schönheit hatte sich unter denen verbreitet, welche in der Wildnis; so gut zu reisen wußten, als auf der Heerstraße, mittelst alter Adlersnester, Felsen und geborstener Bäume, die ihnen durch Sage und Ueberlieferung bekannt waren: so gut wie unter den weißen Granzbewohnern — „und die Wilde Rose, ist sie nicht süß genug, um an die Brust meines Bruders gesteckt zu werden?" Wildtödter besaß zu viel vom gebornen Gentleman, um das Mindeste gegen den guten Ruf eines durch Natur und Stellung so hilflosen Wesens zu äußern; und da er keine Unwahrheit reden mochte, schwieg er lieber ganz. Der Hurone mißverstand den Beweggrund, und vermnthete, seiner Zurückhaltung liege eine nicht 24 * 372 erhörte Neigung zu Grunde. Immer noch trachtend, seinen Gefangenen zu verfuhren oder zu besteche», um in den Besitz der Schätze zu kommen, womit seine Einbildungskraft das Kastell anfiillte, setzte er seine Angriffe beharrlich fort. „Falkenauge spricht mit einem Freund," sagte er. „Er weiß, daß Nivenoak der Mann seines Wortes ist, denn sic haben mit einander gehandelt, und Handel öffnet die Seele. Mein Freund ist hierher gekommen wegen einer kleine» Schnur, von einem Mädchen festgchalten, welche den mannhaften Krieger ganz und gar nach sich reißen kann?" „Jetzt seid Ihr der Wahrheit näher, Hnrone, als je zuvor, seit unser Gespräch begonnen. Aber das eine Ende dieser Schnur war nicht an meinem Herzen befestigt, auch haftete keines an der Wilden Rose." „Das ist wunderbar! Liebt mein Bruder mit seinem Kopf und nicht mit seinem Herzen? Und kann die Schwachsinnige so hart an einem so mannhaften Krieger zerren?" „Da ist es wieder! manchmal richtig und manchmal falsch! Die Schnur, davon Ihr sprächet, ist befestigt an dem Herzen eines großen Delaware»; eigentlich Eines von Mvhikanstamm, der unter den Delawaren lebt seit der Zerstreuung seines eignen Volkes und der Familie der Uncas — Chingachgook mit Namen, oder Große Schlange. Er ist hierher gekommen, geleitet von jener Schnur, und ich bin ihm gefolgt, oder vielmehr, ging ihin voran, denn ich kam zuerst hierher, durch nichts Stärkeres hergezogen, als durch Freundschaft, die stark genug ist bei Solchen, die nicht neidisch sind mit ihren Gefühlen, und gern auch ein wenig für ihre Mitgeschöpfe leben, so gut wie für sich selbst." „Aber eine Schnur hat zwei Enden — eines ist befestigt am Herzen eines Mohikans, und das andere — ?" „Ha, das andere war hier, dicht am Feuer, noch vor einer 373 halben Stunde. Wah-ta!-Wah hielt es in ihrer Hand, wenn es nicht an ihrem Herzen haftete." „Ich verstehe, was Ihr meint, mein Bruder," versetzte der Indianer ernst, jetzt erst dem Zusammenhänge der Ereignisse des Abends ans die Spur kommend. „Die Große Schlange, als der Stärkste, zog an der Schnur, und Hist war gezwungen, uns zu verlassen." „Ich denke nicht, daß es viel Ziehens brauchte," erwiederte der Andere, immer in seiner stillen Weise lachend, und das so herzlich, als wäre er kein Gefangener, in Gefahr von Martern und Tod schwebend, gewesen. „Ich glaube nicht, daß es da viel Ziehens brauchte; nein, wahrhaftig nicht. Gott tröste Euch, Hu- ronc; er hat das Mädchen gern, und das Mädchen ihn, und es ging über Hnronenlist, zwei junge Leute von einander getrennt zu halten, wenn ein so starkes Gefühl sie an einander knüpfte." „Und Falkenange und Chingachgook kamen nur mit diesem Vorhaben in unser Lager?" „Das ist eine Frage, die sich selbst beantwortet, Mingo! Ja, wenn eine Frage reden könnte, sie würde sich selbst beantworten zu Eurer vollkommenen Befriedigung. Warum sonst sollten wir kommen? Und doch ist cs nicht ganz genau so; denn wir kamen gar nicht in Euer Lager, sondern nur bis an die Fichte dort, die Ihr ans der andern Seite des Hügelrückcns seht, wo wir standen, und Euer Thun und Treiben beobachteten, so lang cs uns beliebte. Als wir fertig waren, gab Schlange sein Signal, und dann ging Alles genau, wie cs gehen konnte, bis zu dem Augenblick, wo der Vagabund dort mir auf den Rücken sprang! Gewiß! deßhalb kamen wir und in keiner andern Absicht; und wir erreichten, weßhalb wir kamen; es wäre nutzlos, etwas Anderes behaupten zu wollen. Hist ist ans und davon mit einem Mann, der so gut wie ihr Gatte ist, und begegne mir, was da wolle; das ist wenigstens etwas Gutes gewonnen." 374 „Welches Zeichen oder Signal benachrichtigte das junge Mädchen, daß ihr Liebhaber in der Nähe sei?" fragte der alte Hurone mit größerer Neugier, als er sonst zu verrathen pflegte. Wildtödter lachte wieder, und schien sich des Gelingens der That mit so herzlicher Fröhlichkeit zu freuen, wie wenn er nicht das Opfer davon geworden wäre. „Eure Eichhörner sind große Nachtschwärmer, Mingo!" ries er, noch immer lachend — „ja, die sind gewiß rechte Nachtschwärmer! Wenn anderer Leute Eichhörner zu Hanse sind und schlafen, sind die Emsigen noch auf den Bäumen lustig und munter, und pfeifen und singen in einer Weise, daß selbst ein delawarisches Mädchen ihre Musik verstehen' kann! Nun, es gibt vierbeinigte Eichhörner und es gibt zweibeinigte Eichhörner, und ich lobe mir die letzter», wenn eine gute, zähe Schnur zwei Herzen znsammen- kni'ipft. Wenn diese sie zusammenbringt, so sagt jenes, wann es gilt, es am stärksten zu ziehen!" Der Hurone sah ärgerlich aus, doch gelang cs ihm, jede heftige Aeußerung seiner Erbitterung zu unterdrücken. Er verließ bald seinen Gefangenen, begab sich zu den andern Kriegern, und theilte ihnen das Wesentliche dessen, was er erfahren hatte, mit. Wie er selbst, so fühlten auch die Uebrigen Bewunderung neben ihrem Verdruß über die Keckheit und die gelungene That ihrer Feinde. Drei oder vier von ihnen stiegen auf die kleine Anhöhe hinauf, und betrachteten den Baum, wo sich die Abenteurer, wie sie gehört, aufgestellt hatten, und Einer stieg sogar hinab und suchte unten herum nach Fnßstapfen, um sich zu versichern, daß jene Angabe wahr sei. Das Ergebniß bestätigte die Erzählung des Gefangenen, und Alle kehrten mit erhöhter Verwunderung und Achtung znm Feuer zurück. Der Bote, der mit einigen Mittheilungen von der Truppe weiter oben allgekommen war, während die zwei Abenteurer das Lager beobachteten, ward jetzt mit einer Antwort fortgeschickt, und nahm ohne Zweifel den Bericht alles hier Vorgefallenen mit sich. 375 Bis zu diesem Augenblick hatte der junge Indianer, den man , hatte mit Hist und einem andern Mädchen herumgehen sehen, keine Schritte gethan, eine Unterredung mit Wildtödter anzuknüpfcn. Er hatte sich selbst von seinen Freunden ferngehalten, und war an der Versammlung jüngerer Weiber ans- und abgeschritten, die wie gewöhnlich abgesondert sich znsammengethan hatten, und leise über die Flucht, ihrer bisherigen Genossin sich besprachen. Vielleicht wäre der Wahrheit gemäß zu sagen, daß diese Letzter» über das Vorgefallcne eben so vergnügt als ärgerlich waren. Ihre weiblichen Gefühle sprachen für die Liebenden, während ihr Stolz bei dem Erfolge ihres eignen Stammes bctheiligt war. Es ist auch möglich, daß die überlegenen persönliche» Vorzüge Hists sie für Einige von dem jünger» Theile der Gruppe gefährlich machten, und es diesen nicht leid war, sie der Macht ihrer Reize nicht mehr im Wege stehen zu sehen. Im Ganzen jedoch herrschte das bessere Gefühl vor; denn weder der wilde Zustand, worin sie lebten, und die Stammesvornrtheile der einzelnen Völkerschaften, noch ihr hartes Loos als indianische Weiber hatten die unvertilgbare Hinneigung ihres Geschlechtes zu sanfteren Gefühlen gänzlich zu besiegen vermocht. Eines von den Mädchen lachte sogar über die trostlosen Mienen des Burschen, der sich als verlassen betrachten mochte, ein Umstand, der plötzlich seine Thatkraft zu erwecken schien, und ihn veranlasse, zu dem Stamm hinzntreten, ans welchem der Gefangene noch immer, seine Kleider trocknend, saß. „Das ist Pantherkatze!" sagte der Indianer, prahlerisch mit der Hand auf die nackte Brust sich schlagend, indem er jene Worte sprach in einer Weise, die zeigte, welchen großen Eindruck er von ihnen erwartete. „Das ist Falkenangeversetzte ganz ruhig Wildtödter, den Namen sich beilegend, unter welchem er künftighin allen Männern der Irokesen bekannt zu werden gewiß war. „Mein Gesicht ist scharf; reicht meines Bruders Sprung weit?" 376 „Bon hier bis zu den Dörfern der Delaware». Falkenauge hat mein Weib gestohlen; er muß sie znrückbringen, oder sein Skalp wird an einem Pfahl hängen und in meinem Wigwam trocknen." „Falkenange hat Nichts gestohlen, Hurone. Er stammt nicht von einem Diebsgeschlecht und hat keine Liebesgaben. Euer Weib, wie Ihr Wah-ta!-Wah nennt, wird nie das Weib Eines der Rothhänte ans den Canada's werden; ihre Seele ist in der Hütte eines Delaware», und ihr Leib ist gegangen, sie zu sncben. Die Pantherkatze ist schnell, das weiß ich, aber ihre Füße können nicht Schritt halten mit den Wünschen eines Weibes." „Die Schlange der Delaware» ist ein Hund; er ist ein armseliger Ochsenfrosch, der sich im Wasser hält; er fürchtet sich, ans festem Boden zu stehen, wie ein tapferer Indianer." „Ei, ei, Hurone, das ist ziemlich unverschämt, sintemal es nicht eine Stunde ist, daß Schlange mir hundert Fuß von Euch entfernt stand, und die Dicke Eurer Haut mit einer Büchsenkngel probirt haben würde, als ich ihm anf Ench hindentete, hätte ich nicht das Gewicht einiger Ucberlegnng anf seine Hand gelegt. Ihr mögt Mädchen in den Ansiedlnngen fangen mit Eurem Pan- therkatzengehcnle, aber das Ohr eines Mannes kann Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden." „Hist lacht über ihn! Sie sieht, er ist lahm und ein ärmlicher Jäger, und ist nie anf dem Kricgspfad gewesen. Sie wird einen Mann znm Gatten nehmen, und nicht einen Narren." „Wie wißt Ihr das, Pantherkatzc? wie wißt Ihr das?" versetzte Wildtödter lachend. „Sie ist anf den See gegangen, das seht Ihr, und vielleicht zieht sie eine Forelle einer Bastardkatze vor. Was die Kriegspfade betrifft, so haben weder Schlange noch ich viele Erfahrung, wie wir gerne gestehen; aber wenn Ihr dieß keinen nennen wollt, so müßt Ihr cs, wie die Mädchen in den Niederlassungen, doch die Hochstraße znm Ehestand nennen. Nehmt meinen Rath, Pantherkatze, und sucht Ench ein Weib unter den 377 jungen Hnroninnen: unter den Delawarinne» werdet Ihr nie Eine mit ihrem guten Willen bekommen." Pantherkape's Hand fühlte nach seinem Tomahawk, nnd als die Finger den Griff faßten, zogen sie sich krampfhaft zusammen, als wenn der Indianer zwischen Klugheit und Ingrimm schwankte. In diesem kritischen Augenblick näherte sich Rivenoak, veranlaßte durch eine gebieterische Geberde den jungen Mann, sich zu entfernen, nnd nahm selbst seinen früheren Sih neben Wildtvdter ans dem Baumstamm ein. Hier blieb er eine kleine Weile stumm sihen, mit der ernsten Zurückhaltung eines indianischen Häuptlings. „Falkenange hat recht," begann endlich der Irokese; „sein Gesicht ist so scharf, daß er die Wahrheit sieht in einer dunkeln Nacht, und unsere Augen sind blind gewesen. Er ist eine Eule, und das Dunkel verbirgt ihm Nichts. Er darf seine Freunde nicht beschädigen nnd erschlagen; er hat recht." „Es freut mich, daß Ihr so denkt, Mingo," versetzte der Andere, „denn ein Verräthcr ist nach meinem Urthcil schlimmer als eine Memme. Ich frage so wenig nach der Bisamrahe, als ein Bleichgesicht nach dem andern fragen darf; aber doch liegt er mir zu sehr am Herzen, als daß ich ihm in der Weise, wie Ihr wünschtet, einen Hinterhalt legen sollte. Kurz, nach meinen Ideen sind alle Listen, außer Listen im offene» Krieg, gegen das Recht, nnd wie wir Weißen es nennen, auch gegen das Evangelium." „Mein Bleichgesichtbrnder hat recht; er ist kein Indianer, der seine» Manittn nnd seine Farbe vergäße. Die Huronen wissen, daß sie einen großen Krieger zum Gefangenen haben, nnd sie werden ihn als solchen behandeln. Wenn er gemartert werden soll, so werden seine Martern von der Art sein, wie kein gewöhnlicher Mann sie ertragen kann, nnd wenn er nls Freund behandelt wird, so wird die ihm erwiesene Freundschaft die Freundschaft von Häuptlingen sein." Während der Hnrone diese Versicherung seiner außerordentlichen 378 Hochschätznng gab, blickte sein Auge verstohlen nach dem Gesicht des Andern, nm zn entdecken, wie dieser das Kompliment anfnehme, obgleich sein Ernst und seine anscheinende Aufrichtigkeit Jeden, der nicht in Listen und Künsten erfahren gewesen, seine Beweggründe schwerlich hätte entdecken lassen. Wildtödtcr gehörte z» den Arglosen; und bekannt mit den indianische» Begriffen, worin die Achtung, in Behandlung von Gefangenen, sich kund that, fühlte er sein Blut gerinnen bei dieser Ankündigung, wiewohl er eine so gestählte Fassung und Miene behauptete, daß sein scharfblickender Feind darin keine Spur von Schwäche lesen konnte. „Gott hat mich in Eure Hände gegeben, Hurone," versetzte endlich der Gefangene, „und ich denke, Ihr werdet nach Eurem Willen mit mir verfahren. Ich will mich nicht dessen rühmen, was ich thun werde unter den Martern, denn ich bin noch nie auf die Probe gestellt worden, und vorher kann kein Mensch so Etwas behaupten; aber ich will mein Möglichstes thnn, um dem Volk keine Schande zn machen, nnter dem ich anfgcwachsen bin. Jndeß wünschte ich jetzt, daß Ihr mir bezeigtet, daß ich ganz von weißem Blute bin, und natürlich auch von weißen Gaben; somit, wenn ich sollte übermannt werden und mich vergessen, werdet Ihr, hoffe ich, den Fehler dahin stellen, wohin er eigentlich gehört, nnd ihn in keiner Weise den Delaware», oder ihren Verbündeten nnd Freunden, den Mohikans, znrechnen. Wir sind Alle mit mehr oder weniger Schwäche erschaffen, und ich fürchte, die eines Bleichgesichts besteht darin, unter großen körperlichen Martern zn erliegen, während eine Rothhant seine Lieder singt, und den Feinden in's Gesicht trotzig sich seiner Thaten rühmt." „Wir werden sehen; Falkenange hat eine gute Miene nnd er ist zäh. — Aber warum sollte er gemartert werden, wen» die Huronen ihn lieben? Er ist nicht als ihr Feind geboren; nnd der Tod Eines Kriegers wird nicht für immer eine Wolke zwischen sie werfen." 379 „Um so besser, Huronc, um so besser. Dennoch möchte ich nichts einem Mißverständnis; über unsere beiderseitigen Gesinnungen zu verdanken haben. Es ist um so besser, wenn Ihr keinen Groll nachtragt wegen "des Verlustes eines Kriegers, der im Kampfe fiel; doch aber ist cs unwahr, daß keine Feindschaft — rechtmäßige Feindschaft meine ich — zwischen uns bestehe. So weit ich überhaupt Rothhautgcfühle habe, habe ich Dclawarengefühle; und ich überlasse es Euch selbst, zu beurthcilen, in wie weit sie freundschaftlich gegen die Mingv's sein können." Wildtödter hielt inne, denn eine Art Gespenst stand vor ihm, das plötzlich den Fluß seiner Worte hemmte, und ihn in der That einen Augenblick zweifeln machte an der Treue seines gerühmten Gesichts. Hetty Hutter stand neben dem Feuer, so ruhig, als gehörte sie zu dem Stamme. Während der Jäger und der Indianer dasaßen, Jeder die Ge- müthsbewegungcn beobachtend, die sich im Gesicht des Andern aus- spracheu, hatte sich das Mädchen unbeachtet genähert, ohne Zweifel von dem Strand auf der südlichen Seite der Landspitze her, oder derjenigen, die dem Ort zunächst war, wo die Arche geankert hatte, und war zu dem Feuer herangeschritten mit der ihrer Einfalt cigen- thümlichen und durch ihre frühere Behandlung bei den Indianern allerdings gerechtfertigten Furchtlosigkeit. Sobald Riveuoak das Mädchen erblickte, erkannte er sie auch wieder, und zwei oder drei der jünger» Krieger herrufend, sandte sie der Häuptling auf Kundschaft aus, besorgt, Hctty's Erscheinung möchte der Vorbote eines neuen Angriffs sein. Dann winkte er Hetty, näher heranzukommeu. »Ich hoffe, Euer Besuch ist ein Zeichen, daß Schlange und Hist in Sicherheit sind," sagte Wildtödter, sobald das Mädchen der Aufforderung des Huroneu gehorcht hatte. „Ich denke nicht,, daß Ihr wieder mit dem Vorhaben au die Küste kommt, das Euch das letzte Mal herführte." „Judith hieß mich dießmal gehen, Wildtödter," versetzte Hetty; 380 „sie ruderte mich selbst in einem Canoe an's Land, sobald Schlange seine Hist gezeigt und seine Geschichte erzählt hatte.' Wie schon ist Hist heute Nacht, Wildtödter, und wie viel glücklicher sieht sie ans, als da sie bei den Huronen war!" „Das ist Natur, Mädchen; ja, das kann man als menschliche Natur setzen. Sie ist bei ihrem Verlobten und fürchtet nicht mehr einen Mingo znm Mann zn bekommen. Nach meinem Urtheil würde Judith selbst den größte» Theil ihrer Schönheit verlieren, wenn sie dächte, sie müßte sie ganz einem Mingo hingeben! Zufriedenheit thnt viel zur Befestigung des guten Aussehens; und ich will Euch dafür stehen, Hist ist zufrieden genug, nachdem sie den Händen dieser Elenden entronnen und bei ihrem anscrwählten Krieger ist! Sagtet Ihr nicht, Eure Schwester habe Euch an's Land gehen heißen — wie kam Judith dazu?" „Sie bat mich zn gehen, nm nach Euch zn sehe», und den Versuch zn machen, die Wilden zn bereden, daß sie »och mehr Elephanten nähmen für Eure Loslassnng; aber ich habe die Bibel mitgebracht, die wird mehr ansrichtcn, als alle Elephanten in Vaters Schranke!" „Und Euer Vater, gute kleine Hetty — und Hnrry; wußten sie von Eurem Vorhaben?" „Nichts. Beide schlafen; und Judith und Schlange hielten es für's Beste, daß sie nicht geweckt würden, damit sic nicht wieder gelüstete, auf Skalpe ansznzichen, wenn Hist ihnen gesagt hätte, wie wenige Krieger und wie viele Weiber und Kinder hier im Lager seien. Judith ließ mir keine Ruhe, bis ich an's Land ging, um zn sehe», was ans Euch geworden." „Nun, das ist auffallend, was Judith betrifft! Warum ist sie denn auch wegen meiner so in Sorgen? Ja, jetzt sehe ich, wie die Sache ist; ja, jetzt durchschaue ich die ganze Sache. Ihr müßt verstehen, Hetty, Eure Schwester ist nnrnhig darüber, Harry March möchte erwachen und nngeschicktcrweise wieder dem Feind in die Hände laufen, weil er leicht die Idee haben könnte, er müsse 381 als Reisegescllschafter mir in dieser Sache beistehen! Hurry ist ein zn täppischer Mensch, das gcb' ich zn; aber ich glanbe nicht, daß er meinetwillen so viel wagen würde, wie für sich selbst." „Judith kümmert sich nicbt »m Hnrry, wenn schon Hnrry wohl um sie," versetzte Hetty, unschuldig, aber mit großer Bestimmtheit. „Ich habe Euch das schon früher sagen hören; ja, ich habe das sonst schon von Euch gehört, Mädchen; und doch ist es nicht wahr. Man lebt nicht unter einem Stamm, ohne auch etwas zn sehen von der Art und Weise, wie die Neigung im Herzen eines Weibes arbeitet. Obgleich selbst keineswegs gesonnen, zn hcirathen, bin ich doch unter den Delaware» ein Beobachter gewesen, und das ist eine Sache, worin Bleichgesicht- und Nothhant-Gaben ganz gleich sind. Wenn das Gefühl anfängt, ist das junge Weib nachdenklich, und hat Angen und Ohren nur für den Krieger, der ihr Gemüth eingenommen hat; dann folgt Schwermnth und Seufzen und derlei Geberdnngen; darnach, besonders wenn die Sachen nicht zn deutlicher Erörterung kommen, legt sic sich oft anf's Tadeln und Feylcrfindcn, und schilt den Jüngling eben wegen der Dinge, die ihr am besten an ihm gefallen. Manche junge Kreatur ist gar geneigt, in dieser Weise ihre Liebe zn zeigen, und ich bin der Meinung, zn diesen gehört auch Judith. Nnn habe ich sie so gut als längnen hören, daß Hnrry ein gutes Aussehen habe; und mit dem jungen Weib, das das thnt, muß es in der That weit gekommen sein." „Das junge Weib, das Hnrry liebte, würde gestehen, daß er schön sei. Ich halte Hnrry für sehr schön, Wildtödter, und gewiß muß Jedermann, wer Angen hat, so denken. Judith mag den Harry March nicht, und das ist der Grund, warum sie so viel an ihm ansseht." „Gut — gut — meine gute kleine Hetty, sei es, wie Ihr wollt. Wenn wir auch von jetzt bis zum Winter fortschwatzten, 382 würde doch Jedes bei seiner Meinung bleiben, und so nutzen Worte nichts. Ich muß glauben, daß Judith sehr in Hnrry verschossen ist, und daß sie ihn früher oder später nehmen wird; nnd dieß nur um so mehr, nach der Art zu schließen, wie sic ihn schilt und mißhandelt; Ihr aber, glaube ich fast, denkt gerade das Gegen- theil. Aber merkt, was ich Euch sage, Mädchen, und gebt Euch die Miene, es nicht zu wissen," fuhr dieser Mann fort, der so blind war in einem Punkt, wo Männer gewöhnlich scharfsichtig und rasch genug sind, Entdeckungen zu machen, und so scharfblickend in Dingen, welche der Beobachtung bei weitem des größten Theils der Menschen spotten würden; „ich sehe, wie cs ist mit diesen Vagabunden. Rivenoak hat uns verlassen, wie Ihr seht, und spricht mit den jungen Männern dort, und obgleich es zu weit entfernt ist, um zu hören, kann ich doch sehen, was er ihnen sagt. Er gibt ihnen Befehl, Eure Bewegungen zu beobachten und ausfindig zu machen, wo das Canoe Euch treffen soll, um Euch zur Arche znrückznführen, und dann festznnehmen Wen und Was sie können. Es thnt mir leid, daß Judith Euch geschickt hat, denn ich denke mir, sie wünscht Eure Rückkehr.*' „Alles das ist schon in's Reine gebracht, Wildtödtcr," versetzte das Mädchen in leisem, vertraulichem und behutsamem Tone; „nnd Ihr könnt mir zntrancn, daß ich die besten Indianer dort alle überlisten werde. Ich weiß, ich bin schwachsinnig, aber doch habe ich einigen Sinn »nd Verstand, und Ihr sollt sehen, wie ich damit znrnckznkommen weiß, wenn mein Vorhaben beendigt ist!" „Ach, armes Mädchen, ich fürchte, das Alles ist leichter gesagt als gethan. Es ist das ein giftiges Gezücht von Gemurmen, und ihr Gift ist nicht vermindert und milder worden durch den Verlust Hists. Sehr froh bin ich, daß es Schlange gerade gelang, mit dem Mädchen sich zu retten, denn jetzt werden Zwei wenigstens glücklich sein, während, wenn er in die Hände der Mingo's gefallen wäre, Zwei unglücklich und einem Dritten keineswegs so zn Muthe gewesen wäre, wie cs einem Zufriedenen ist." „Jetzt erinnert Ihr mich an einen Theil meines Vorhabens, den ich beinahe vergessen hätte, Wildtödter. Judith trug mir auf, Euch zn fragen, was Ihr glaubt, daß die Huronen mit Euch thun würden, wenn Ihr nicht könntet losgekauft werden, und womit sie Euch am wirksamsten dienen könne? Ja, das war der wichtigste Theil des Auftrags — was sie thnn könne, um Euch am wirksamsten zn dienen." „So denkt Ihr, Hetty; aber daran liegt nichts. Junge Weiber sind geneigt, am meisten Werth auf das zn legen, was ihre Gefühle berührt — aber das ist einerlei, sei es, wie Ihr wollt, nur nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht die Vagabunden sich eines Canoe's bemächtigen laßt. Wenn Ihr auf die Arche zurückkommt, saht ihnen, sie sollen immer scharfe Wache, aber immer sich in Bewegung halten, ganz besonders bei Nacht. Es können nicht mehr viele Stunden vergehen, ohne daß die Truppen am Fluß von dieser Bande hören, und dann können Eure Freunde nach Unterstützung und Entsatz sich umsehen. Es ist nur ein Tagmarsch von der nächsten Garnison hierher, und rechte Soldaten werden nie müssig hinliegen, wenn der Feind in ihrer Nachbarschaft ist. Das ist mein Rath, und Ihr mögct Eurem Vater und Hnrry sagen: auf Skalpe Jagd machen, werde jetzt ein ärmliches Gewerbe sein, da die Mingo's auf den Beinen und wach sind, und Nichts sie retten könne, bis die Truppen anlangen, als wenn sie einen tüchtigen Wassergürtel zwischen sich und den Wilden ziehen." „Was soll ich Judith von Euch sagen, Wildtödter? Ich weiß, sie wird mich wieder znrückschicken, wenn ich ihr nicht die Wahrheit über Euch berichte." „Dann sagt Ihr die Wahrheit. Ich sehe keinen Grund, warum Judith Hutter von mir nicht so gut die Wahrheit hören sollte als eine Lüge. Ich bin ein Gefangener in den Händen der Indianer, nnd die Vorsehnng allein weiß, was der Ansgang sein wird! Hört, Hetty —" nnd er ließ die Stimme sinken nnd sprach noch heimlicher nnd noch mehr im Vertrauen, „Ihr seid ein wenig schwachsinnig, mnsi man gestehen, aber Ihr versteht Ench ein wenig ans Indianer. Hier bin ich in ihren Händen, nachdem ich einen ihrer mnthigsten Krieger getödtet, nnd sie haben versucht, mich durch Furcht vor den Folgen ihrer Rache zu bearbeiten, Enern Vater nnd Alle in der Arche zu verrathen. Ich verstehe die Spitzbuben so gut, als wenn sie Alles geradezu mit ihren Zungen heransgesagt hätten. Sie halten mir die Lockungen der Habgier ans der einen nnd Furcht ans der andern Seite vor, nnd glauben, die Ehrlichkeit werde zwischen beiden zu Fall kommen. Aber thnt Eurem Vater nnd Hnrry zu wissen, das; es vergeblich ist, Schlange weis; es schon." „Aber was soll ich Judith sagen? Sie wird mich gewis; wieder zurückschickcn, wenn ich ihr Gcmüth nicht beruhige." „Nun, sagt Judith dasselbe. Ohne Zweifel werden die Wilden ihre Martern versuchen, »m mich zur Schwäche zu bringen und den Verlust ihres Kriegers zu rächen, aber ich muß mich gegen natürliche Schwäche zu behaupten suchen, so gut ich immer kann. Ihr könnt Judith sagen, sie solle sich um mich keinen Kummer machen — cs wird hart kommen, das weis; ich, sintemalen eines weißen Mannes Gaben nicht dahin gehen, unter Martern zu prahlen und zu singe», denn er empfindet in der Regel am wenigsten, wenn er am ärgsten leidet — aber Ihr mögt ihr sagen, sie solle sich keinen Kummer machen. Ich denke, ich werde es schon zu ertragen wissen; und sie darf sich darauf verlassen, mag ich auch noch so sehr den Gleichmnth verlieren, nnd ganz nnd gar bewähren, das; ich weiß bin, durch Wimmern und Stöhnen »nd selbst durch Thrä- nen, — doch werde ich nie so weit kommen, daß ich meine Freunde verrathc. Wenn es daran geht, daß man mit glühenden Ladstöcken Löcher in's Fleisch brennt, und den Körper zerhackt, und das Haar 385 mit den Wurzeln ansrauft, mag wohl die Natur die Oberhand gewinnen, was Acchzen und Klagen anbetrifft, aber damit wird der Triumph der Vagabunden enden; nichts Geringeres, als wenn ihn Gott den Teufeln preisgibt, kann einen ehrlichen Mann seiner Farbe und seiner Pflicht untren machen." Hetty hörte mit großer Aufmerksamkeit zu, und ihr mildes, aber sprechendes Gesicht verrieth lebhafte Theilnahme an der so vorläufig geschilderten Todesqual des künftigen möglichen Dulders. Anfänglich schien sie verlegen, wie sie sich benehmen sollte; dann ergriff sie eine Hand Wildtödters, und empfahl ihm dringend und liebevoll, ihre Bibel zu borgen und darin gu lesen, während ihn die Wilde» mit ihren Marter» peinigten. Als der Andere redlich gestand, daß das Lesen über sein Vermögen gehe, erbot sie sich sogar, bei ihm zu bleiben, und selbst diesen heiligen Dienst zu versehen. Das Anerbieten ward freundlich abgelehnt, und da Rivenoak im Begriff stand, wieder zu ihnen zu treten, bat Wild- tödter das Mädchen, ihn zu verlassen, wobei er ihr jedoch nochmals einschärfte, denen in der Arche zu sagen, daß sie volles Vertrauen in seine Treue sehe» sollten. Jetzt entfernte sich Hetty, und näherte sich der Gruppe von Weibern mit solcher Zuversicht und Selbstbeherrschung, als wäre sie eine Eingeborue des Stammes. Andererseits nahm der Hnrone seinen Sitz neben dem Gefangenen wieder ein, und fuhr fort, ihm mit all' der tückischen Schlauheit eines geübten indianischen Rathsmannes Fragen vorzulegen, während der Andere seine List zu Schanden machte mit den Mitteln, die, wie man weiß, auch die wirksamsten sind, die Feinheit der anspruchsvolleren Diplomatie der Civilisation zu vereiteln — oder sich in seinen Antworten auf die Wahrheit und die Wahrheit allein, beschränkte. Der Wildtödter. 25 386 Achtzehntes Kapitel. So starb sie. Nie wird sie erfahren Mehr Schmerz und Schmach; unfähig. daß sie trägt Die inn're Last im Lauf von Monden. Jahren. Gleich kältern Herzen, bis in's Grab sie legt Das Alter. Ihre Tag' und Freuden waren Kurz, aber schön, wie sie das Schiüsal^'flegt Nicht lang zu gönnen. Doch am Meeresftrand Schläft sie nun wohl, wo sie sich gern befand. Byron. Die jungen Männer, die bei Hctty's plötzlichem Erscheinen auf Kundschaft waren ausgesandt worden, kehrten bald zurück mit dem Bericht, daß es ihnen nicht gelungen, irgend Etwas zu entdecken. Einer von ihnen war sogar am Strand bis an den Platz, der der Arche gegenüber lag, hingegangen, aber die Dunkelheit hatte dieß Fahrzeug seinen Blicken gänzlich entzogen. Andere hatten in verschiedenen Richtungen sich umgesehcn, und überall hatte» sie nur die Stille der Nacht mit dem Schwelgen und der Einsamkeit der Wälder vermählt gefunden. Man glaubte daher, das Mädchen sei, wie bei ihrem ersten Besuch und in einem ähnlichen Zweck, allein gekommen. Die Irokesen wußten nicht, daß die Arche das Kastell verlassen hatte, nnd es waren mittlerweile Bewegungen im Plane, wenn nicht schon in wirklicher Ausführung begriffen, welche auch das Gefühl der Sicherheit mächtig verstärkten. Eine Wache ward daher ausgestellt, nnd Alle, außer den Schildwachen, schickten sich zum Schlafe an. Man hatte hinlängliche Sorge getroffen, den Gefangenen sicher verwahrt zu halten, ohne ihm unnöthige Leiden anzuthnn, und Hetty gestattete man, sich unter den indianischen Mädchen so gut sie konnte, eine Schlafstätte zu suchen. Die freundliche Dienstfertigkeit Hists fand sie freilich nicht, obwohl ihr Charakter nicht blos gegen Unbilden und Gefangenschaft sie sicher stellte, sondern ihr auch eine Berücksichtigung und Achtung verschaffte, 387 vermöge der sie, was Bequemlichkeit betraf, völlig deu wilden, aber gutmüthigen Geschöpfen um sie her gleichgestellt wurde. Mau gab ihr eine Haut, und sie machte sich selbst ihr Bett zurecht aus einem Haufen von Zweigen, ein wenig bei Seite von den Hütten. Hier lag sie bald, wie Alle um sie her, in tiefem Schlafe. Es waren jetzt dreizehn Männer bei der Truppe, und je drei auf einmal hielten Wache. Einer jedoch blieb im Schatten, nicht weit vom Feuer, zurück. Seine Obliegenheit war, den Gefangenen zu bewachen, dafür Sorge zu tragen, daß das Feuer nicht so aufflackerte, daß es den Platz beleuchtete, und doch es nicht ganz erlöschen zu lassen, und auf den Zustand des Lagers überhaupt ein wachsames Auge zu haben. Ein Zweiter ging von einem Strand zum andern herüber und hinüber, und durchkreuzte die Basis der Landspitze, während der Dritte langsam an dem äußersten Rand der Küste" auf und ab schritt, um eine Wiederkehr der Ueberraschung, die schon einmal in dieser Nacht stattgefunden, zu verhüten. Diese Einrichtung war keineswegs gewöhnlich bei Wilden, die sich in der Regel mehr auf die Heimlichkeit ihrer Bewegungen, als auf eine derartige Wachsamkeit verlassen; aber sic war veranlaßt durch die eigenthümlichen Umstände, in welchen sich die Huronen eben jetzt befanden. Ihre Stellung war ihren Feinden bekannt, und sie konnte nicht wohl geändert werden zn einer Stunde, welche Schlaf und Ruhe verlangte. Vielleicht setzten sie auch hauptsächlich ihr Vertrauen auf das, was, wie. sie für gewiß zu wissen glaubten, weiter aufwärts auf dem See vorging, und was, wie sie wähnten, sämmtlichcn in Freiheit befindlichen Bleichgesichtern nebst ihrem einzigen indianischen Bundesgenossen alle Hände voll zu thun geben würde. Auch wußte ver- muthlich Rivenoak, daß, so lange er den Gefangenen behielt, er den Gefährlichsten von allen seinen Feinden in Händen hätte. Die Sicherheit, mit welcher diese an Wachsamkeit oder an ein LS* 388 Leben, dessen Rnhe oft gestört wird, gewöhnten Menschen ein- schlafen, ist eines der nicht am wenigsten merkwürdigen Phänomene unseres gcheimnißrcichen Daseins. Nicht sobald ruht der Kopf ans dem Pfuhl, so ist auch das Bewußtsein entschwunden; und doch, zur erforderlichen Stunde, scheint der Geist den Körper anfznwecken, so rasch und sicher, als hätte er die Zeit über Schildwache bei ihm gestanden. Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß Diejenigen, die so ihren Schlummer abbrcchcu, auf- wachen vermöge der Macht des Gedankens über die Materie, obwohl die Art und Weise, wie diese Macht, dieser Einfluß geübt wird, unsererForschbegicr verborgen bleibe» muß, bis er einst, falls diese Stunde je eintritt, wirk erklärt werden durch die vollständige Erleuchtung der Seele hinsichtlich aller menschlichen Räthsel. Dies; war nun auch der Fall,bei Hetty Hutter. Für so schwach auch der immaterielle Bestandtheil ihres Wesens galt, war er doch kräftig genug, ihre Augen um Mitternacht zu öffnen. Um diese Stnnde wachte sic auf, verließ ihr Lager, aus Zweigen und einer Haut bestehend, schritt arglos und offen zn der Glut des Feuers, und fachte diese ein wenig an, da die Kühle der Nacht und der Wälder, in Verbindung mit einem über die Maße» kunstlosen Bett, sie ein wenig frieren gemacht hatte. Als die Flamme anf- lodcrte, beleuchtete sie das braune Gesicht des wachehaltenden Hu- ronen, dessen dunkle Auge» bei diesem Licht blitzten wie die Augen des Panthers, der mit Feuerbrändcn zn seiner Höhle verfolgt wird. Aber Hetty fühlte keine Furcht, und sie näherte sich dem Play, wo der Indianer stand. Ihre Bewegungen waren so natürlich, und so gänzlich frei von der verstohlenen Art der List oder Täuschung, daß er dachte, sie sei nur anfgestanden wegen der Kälte der Nacht, ein in einem Bivvnak nicht seltenes Vorkommnis;, und ein solches, das vielleicht unter allen am wenigsten Verdacht zn erregen geeignet ist. Hetty sprach zn ihm, aber er verstand kein Englisch, dann starrte sie beinahe eine Minute den schlafende» 389 Gefangenen an, und entfernte sich dann langsam, Trauer und Betrübnis; in ihrem Wesen. Das Mädchen nahm sich nicht die Mühe, ihre Bewegungen zn verhehlen. Alle schlauen Ansknnftsmittel dieser Art gingen gänzlich über ihr Vermögen; doch war ihr Schritt von Natur leicht und kaum hörbar. Wie sie die Richtung nach der äußersten Landspitze, oder nach dem Platz cinschlng, wo sie bei ihrem ersten Abenteuer gelandet, und wo Hist sich eingcschifft hatte, sah die Schildwache ihre leichte Gestalt allmählig im Dunkel verschwinden, ohne darüber unruhig zn werden oder ihre Stellung zu ändern. Der Indianer wußte, daß Andere ans Wache ausgestellt Waren, und glaubte niclit, daß Diejenige, die zweimal freiwillig in s Lager gekommen war, und cs schon ganz offen verlassen hatte, sich durch die Flucht ihnen werde zn entziehen suchen. Kurz, das Thun und Treiben des Mädchens erregte nicht mehr Aufmerksamkeit, als das irgend einer geistesschwachen Person in civilisirten Ländern erregen würde, während man ihrer Person mit weit mehr Achtung und Rücksicht begegnete. Hetty hatte freilicb keine sehr deutliche Vorstellung von den Lokalitäten, aber doch fand sie den Weg zum Strande, den sie ans derselben Seite des Vorsprungs erreichte, wo auch das Lager anf- geschlagen war. Dem Rand des Wassers folgend, und die Richtung nach Norden einschlagend, stieß sie bald ans den Indianer, der als Schildwache am Strand ans und ab schritt. Es war dieß ein junger Krieger, und als er ihren leichten Tritt ans dem Kies- grnnde hörte, näherte er sich rasch, obwohl keineswegs in drohender Weise. Die Finsternis; war so dicht, daß es nicht leicht war, innerhalb der Schatten des Waldes ans eine Entfernung von zwanzig Fuß Gestalten zn entdecken, und beinahe unmöglich, Personen zu unterscheiden, als bis man sie beinahe greifen konnte. Der junge Hnrone ließ einigen Verdruß blicken, als er merkte, wem er begegnete, denn die Wahrheit zn gestehen, erwartete er seine Auserkorene, welche ihm versprochen, die Langeweile einer Wache nm Mitternacht durch ihre Anwesenheit ihm zu versüßen. Auch dieser Mann verstand kein Englisch, aber er fand gar nichts Befremdendes daran, daß das Mädchen zu dieser Stunde auf den Beinen war. Solche Dinge kamen in einem indianischen Dorf und Lager, wo der Schlaf so unregelmäßig ist wie die Mahlzeit, ganz gewöhnlich vor. Dann kam der armen Hetty ihre bekannte Geistesschwäche auch bei dieser Gelegenheit, wie in den meisten Dingen gegenüber den Wilden, sehr zu Statten. Verdrießlich über die Täuschung seiner Erwartung, und nnmnthig über die Erscheinung eines unbequemen Besuchs, wie er dachte, winkte der junge Krieger dem Mädchen weiter zu gehen in der Richtung des Strandes. Hetty gehorchte; aber im Wcitcrgehen sprach sie laut Englisch in ihrem gewöhnlichen, weichen Ton, den die Stille der Nacht auf einige Entfernung vernehmbar machte. „Wenn Ihr mich für ein Hnroncnmädchcn »ahmet, Krieger," sagte sie, „so wundert es mich nicht, daß Ihr so unzufrieden seid. Ich bin Hetty Hutter, Thomas Hutters Tochter, und bin noch nie Nachts mit einem Mann znsammengetroffen, denn Mutter sagte immer, das sei unrecht, und sittsame Mädchen dürften es nie thuu — sittsame Mädchen von den Bleichgesichtern, meine ich; denn die Bräuche sind verschieden in verschiedenen Theilen der Welt, das weiß ich. Nein, nein; ich bin Hetty Hutter, und möchte selbst Hnrry Harry nicht begegnen, sollte er auch auf die Kniee nieder- satten und mich darum bitten! Mutter sagte, es sei unrecht." Während Hetty so sprach, hatte sie den Platz erreicht, wo die Canoe's gelandet hatten, und vermöge der Krümmung des Landes und der Gebüsche dem Auge der Schildwache sogar am Hellen Tage verborgen geblieben wären. Aber ein anderer Fußtritt hatte das Ohr des Liebhabers erreicht, und er befand sich schon außer dem Bereich der Silbcrstimme des Mädchens. Noch immer sprach Hetty fort, ganz ihren Gedanken und Wünschen 391 nachhängend, aber bei ihrer so leisen Stimme konnten die Töne nicht weit in den Wald hineindringen. Ueber's Wasser hin verbreiteten sie sich weiter. „Da bin ich, Jndith," fuhr sie fort, „nnd Niemand ist in meiner Nähe. Der Hurone ans der Wache ist seinem Liebchen eiltgegcngcgangcn, einem indianischen Mädchen, das dn kennst, nnd das nie eine christliche Mntter gehabt, die ihr hätte sagen können, wie unrecht es ist, bei Nacht sich mit einem Manne zn treffen — " Hetty's Reden ward unterbrochen durch ein„Bscht!" das vom Wasser her kam, nnd dann wurde sie, wiewohl undeutlich, des Canoe's ansichtig, welches sich geräuschlos näherte, nnd bald mit seinem Bug ans den Kieseln anffnhr. Sobald Hetty's Last in das leichte Fahrzeug ausgenommen war, entfernte sich das Canve wieder, das Hintertheil voran, wie wenn es Leben und Willen hätte, bis es hundert Schritte vom Ufer entfernt war. Dann wandte es sich, nnd indem es einen weiten Bogen beschrieb, ebensosehr um die Fahrt zn verlängern, als um außer Gehörweite zu kommen, nahm es seinen Lauf der Arche zn. Einige Minuten lang ward nichts gesprochen, dann aber begann Jndith, welche sich in einer günstigen Lage zn befinden glaubte, um mit ihrer Schwester sich zn besprechen, nnd — das Canve mit einer Geschicklichkeit handhabend, die der eines Mannes wenig nachgab,.allein im Hintertheil saß, ein Gespräch, welches anznfangcn sie vor Begierde brannte, seit sie die Landspitze verlassen hatten. „Hier sind wir sicher, Hetty," sagte sie, „und können plaudern, ohne Furcht belauscht zn werden. Dn mußt aber leise sprechen, denn über's Wasser hört man in einer stille» Nacht die Töne weit hin. Ich war einen Theil der Zeit über, während welcher du am Lande wärest, dem Ansläufer so nahe, daß ich die Stimmen der Krieger hörte, nnd ich hörte deine Schuhe auf dem Kies des Strandes, noch ehe du sprachest." 392 »Die Hnronen, Judith, wissen, glaube ich, nicht, das; ich sie verlassen habe." „Wahrscheinlich nicht, denn ein Liebhaber gibt eine schlechte Schildwache ab, wenn er nicht etwa ans sein Liebchen wartet oder sie bewacht! Aber sag' mir, Hetty, hast du Wildtvdter gesehen und gesprochen?" „Oh! ja — er saß am Feuer, mit gebundenen Fußen, aber die Arme hatte man ihm freigclassen, daß er sie bewegen konnte, wie er wollte. „Gut; was hat er dir gesagt, Kind? Sprich schnell; ich sterbe vor Verlangen, zu wissen, welche Botschaft er mir sendet." „Was er mir gesagt hat? ha, was denkst du, Judith! er hat mir gesagt, er könne nicht lesen! Bedenke nur, ein weißer Mann und nicht einmal seine Bibel lesen können! Er hat wohl nie eine Mutter gehabt, Schwester!" „Laß das ruhen, Hetty. Nicht alle Menschen können lesen; obgleich unsere Mutter so viel wußte, und uns so viel lehrte, versteht doch Vater sehr wenig von Büchern, und kann kaum nur die Bibel lesen, wie du weißt." „Oh, ich dachte auch nie, daß die Väter gut lesen könnten, aber die Mütter sollten alle lesen, denn wie können sie cs sonst ihre Kinder lehren? Glaube mir, Judith, Wildtödter kan» nie eine Mutter gehabt haben, sonst würde er auch lesen können." „Hast du ihm gesagt, ich habe dich an's Land geschickt, Hetty, und daß ich so bekümmert sei um sein Unglück?" fragte die Andere ungeduldig. „Ich glaube so, Judith; aber du weißt, ich bin schwachsinnig und kann cs vergessen haben. Ich habe ihm gesagt, du habest mich an's Land geführt. Und er trug mir Vieles ans, was ich dir sagen sollte, dessen ich mich wohl erinnere, denn das Blut erstarrte mir, wie ich ihm zuhörte. Er trug mir ans zu sagen, seine Freunde — ich denke, zu denen gehörst du auch, Schwester?" 393 „Wie kannst dn mich so martern, Hetty! gewiß gehöre ich zn den treueste» Freunden, die er ans der Welt hat!" „Dich martern, ja, jetzt besinne ich mich wieder ans Alles! Ich bin froh, daß dn das Wort gebrauchtest, Judith, denn es ruft mir wieder Alles in die Seele zurück. Nun er sagte, er könnte wohl von den Wilden gemartert werden, aber er wolle versuchen, es zn ertragen, wie cs einem christlichen, weißen Manne gezieme, und es dürfe Niemand in Forcbt sein — warum sagt denn Wildtödter: in Forcht, wahrend uns doch Mutter immer sagen lehrte: in Furcht?" „Laß das, liebe Hetty, laß doch jetzt das," rief die Andere, beinahe außer Stand zu athmen. „Hat Wildtödter dir wirklich gesagt, er glaube, die Wilden würden ihn martern? Besinne dich recht, Hetty, denn das ist eine höchst ernste und entsetzliche Sache." „Ja, das hat er; und es fällt mir darüber ein, daß du sagtest, ich martere dich. Oh! cs ward mir sehr leid und bange um ihn, und Wildtödter nahm Alles so ruhig und so geräuschlos! Wildtödter ist nicht so schön wie Hnrry Harry, Judith, aber er ist ruhiger." „Er ist so viel wcrth, als eine Million Hnrry's! ja, er ist so viel werth als alle die jungen Männer, die je an den See kamen, znsammengenvmmcn," sagte Judith mit einer Lebhaftigkeit und Bestimmtheit, welche ihre Schwester staunen machte. „Er ist wahr! es ist keine Lüge in Wildtödters Mund und Seele. Du, Hetty, weißt vielleicht nicht, welches Verdienst an einem Manne die Wahrheit ist, aber wenn du einmal — nein, ich hoffe, dn wirst es nie erfahren. Warum sollte ein Geschöpf, wie du, je die harte Schule des Hasses und Mißtrauens durchmachen?" Jzidith beugte, so dunkel es war, und so wenig sie von irgend einem Auge außer dem der Allmacht gesehen werden konnte, ihr Haupt herunter zwischen ihre Hände und stöhnte tief ans. Dieser plötzliche Paroxismus von Affekt dauerte jedoch nur einen Augenblick, 394 und sie fuhr dann ruhiger fort, immer noch freimüthig zu ihrer Schwester sprechend, in deren Verstand und Verschwiegenheit in Allem, was sie betraf, sie nicht das mindeste Mißtrauen setzte. Ihre Stimme mar aber jetzt leise und hohl, während sie zuvor klar und lebhaft gewesen war. „Es ist eine harte Sache, die Wahrheit fürchten zu müssen, Hetty," sagte sie; „und doch fürchte ich Wildtödters Wahrhaftigkeit mehr als irgend einen Feind. Mau kann nicht markten mit solcher Wahrhaftigkeit — solcher Redlichkeit — solcher hartnäckigen Geradheit! Aber sind wir nicht gänzlich ungleich, Schwester — Wildtödter und ich? Ist er nicht in Allem mir überlegen?" Es war etwas Ungewöhnliches bei Judith, sich so weit her- unterzngcben, daß sie an Hetty's Einsicht und Urtheil sich fragend wandte. Auch redete sie sie nicht oft mit dem Namen Schwester au, — eine Auszeichnung, die gewöhnlich die Jüngere der Aelteren erweist, selbst da wo in allen andern Beziehungen Gleichheit der Personen stattfindet. Wie geringfügige Abweichungen vom gewohnten Ton oft stärker auffallen, als wichtigere Veränderungen, bemerkte auch Hetty diese Umstände, und wunderte sich darüber in ihrer einfachen Weise. Ihr Ehrgeiz war ein wenig aufgcstachelt; und ihre Antwort war ebensowenig dem gewöhnlichen Lauf der Dinge entsprechend, als die Frage; denn das arme Mädchen suchte sich über ihr Vermögen fein und klug vernehmen zu lassen. „Ueberlegen, Judith? —wiederholte sie mit Stolz. „In was kann Wildtödter dir überlegen sein? Bist du nicht der Mutter- Kind — und kann er lesen — und that es nicht Mutter darin allen Frauen in dieser Gegend der Welt zuvor? Ich sollte meinen, weit entfernt, daß er dir überlegen wäre, dürfte er sich kaum mir überlegen glauben. Du bist hübsch und er ist häßlich —" „Nein, nicht häßlich, Hetty," unterbrach sie Judith. „Nur unansehnlich. Aber sein ehrliches Gesicht hat einen Ausdruck, der 395 weit besser ist, als Schönheit. In meinen Augen ist Wildtödtcr hübscher als Harry Hnrry." «Judith Hutter! Du erschreckst mich. Hnrry ist der hübscheste Sterbliche auf der Welt — hübscher sogar als du selbst; weil, wie du weißt, das gute Aussehen eines Mannes immer besser ist, als das gute Aussehen eines Weibes." Dieser kleine unschuldige Zug von natürlichem Geschmack gefiel der älter» Schwester im Augenblick nicht, und sie stand nicht an, dies; zu erkennen zu geben. „Hetty, du sprichst jetzt thöricht, und sagtest lieber nichts mehr über diesen Gegenstand," versetzte sie. „Hnrry ist weit nicht der schönste Sterbliche ans der Welt; und es sind Offiziere in den Garnisonen —" bei diesen Worten stammelte Judith — „es sind Offiziere in den Garnisonen in unserer Nähe weit hübscher als er. Aber warum glaubst du, daß ich Wildtödtcr» gleich sei — davon sprich, denn ich höre es nicht gern, wenn du solche große Bewunderung an den Tag legst für einen Mann wie Hnrry Harry, der weder Gefühl, noch Benehmen, »och ein Gewissen hat. Du bist zu gut für ihn, und das sollte man ihm gerade heraus sagen!" „Ich, Judith, wie du Alles vergißst! Ha, ich bin ja nicht schön, und schwachsinnig!" „Du bist gut, Hetty, und das ist mehr, als sich von Harry March sagen läßt. Er mag ein Gesicht, und einen tüchtigen Körper haben, aber er hat kein Herz. Doch genug hievon für jetzt. Sage mir, was mich Wildtödtcr» gleich stellt." „Daß dir einfällt, mich das zu fragen, Judith! Er kann nicht lesen, und du kannst cs. Er weiß nicht, schön zu reden, sondern spricht schlechter, sogar als Hnrry; denn, Schwester, Harry spricht seine Worte nicht immer richtig ans. Hast du das auch schon bemerkt?" „Ganz gewiß; er ist so roh im Sprechen, wie in Allem sonst. Aber ich fürchte, du schmeichelst mir, Hetty, wenn du'meinst, 396 ich könne mit Recht Wildtödter» gleich gestellt werden. Es ist wahr, ich habe mehr gelernt; bin in Einem Sinne hübscher; und vielleicht dürfte ich nach Höherem trachten — aber dann seine Wahrhaftigkeit — seine Wahrhaftigkeit — die macht einen fürchterlichen Unterschied zwischen nns! Nnn, ich will hicvvn nicht weiter sprechen; nnd wir wollen ans Mittel denke», ihn ans den Händen der Hnronen zn befreien. Wir haben Vaters Schrank in der Arche, Hetty, nnd könnten es mit dxr Lockspeise weiterer Ele- phanten versuchen; aber ich fürchte, solche Spielsachen werden nicht die Freiheit eines Mannes wie Wildtödter erkaufen. Ich fürchte, Vater nnd Hnrry werden nicht so bereitwillig sein, Wildtödter ansznlösen, als er es war, sic ausznlösen!" „Warum nicht, Judith? Hnrry »nd Wildtödter sind Freunde, nnd Freunde sollten immer einander beistehen?" „Ach, arme Hetty, du kennst die Menschen wenig! Anscheinende Freunde sind oft mehr zn fürchten, als offene Feinde, zumal von Franc». Aber du sollst am Morgen noch einmal an's Land, nnd versuchen, was für Wildtödter geschehen kann. Gemartert soll er nicht werden, so lange Judith Hutter lebt, nnd Mittel finden kann, es zn verhindern." Das Gespräch kam seht ans allerlei Punkte, nnd spann sich fort, bis die ältere Schwester von der jünger» alle Umstände heransge- zogen hatte, welche zn behalten nnd mitzntheilen dieser ihre schwachen Geisteskräfte gestatteten. Als Judith befriedigt war — obgleich man eigentlich nicht sagen kann, daß sie befriedigt worden, da ihre Gefühle so mit Allem verwoben waren, was sich ans den Gegenstand bezog, daß eine fast nicht zn stillende Neugier in ihr rege geworden war — also, als Judith keine Fragen mehr zn ersinnen wußte, ohne sich nur zu wiederholen, ward das Canoe zn der Arche hingerudcrt. Die dichte Finsternis; der Nacht, und die tiefen Schatten, welche die Hügel und Wälder auf das Wasser warfen, machten cs schwer, das Fahrzeug zu finden, da es so nahe an der 397 Küste vor Anker lag, als nur irgend die Rücksicht ans Sicherheit rüthlich machte. Judith mar erfahren in der Handhabung eines Rindencanoe's, dessen Leichtigkeit mehr Geschicklichkeit als Kraft erheischte; und sie trieb ihr kleines Fahrzeug rasch über das Wasser hin, sobald sie ihre Unterredung mit Hetty beendigt und den Entschluß znrückznkehren, gefaßt hatte. Aber noch immer mar keine Arche zu sehen. Einige Male glaubten die Schwestern, sie zu erblicken, hervorragend in der Finsterniß, wie ein niederer, schwarzer Fels; aber jedesmal fand sich, daß cs entweder eine optische Täuschung, oder ein Auswuchs von Laubwerk an der Küste gewesen war. Nach einem halbstündigen Suche» drängte sich den Mädchen die unwillkommene Ueberzengnng ans, daß die Arche sich entfernt habe. Die meisten Mädchen hätten wohl die peinliche Verlegenheit ihrer Lage im physischen Sinne unter den Umständen, in welchen sich die verlassenen Schwestern befanden, eher empfunden, als irgend sonstige Besorgnisse. Bei Judith verhielt sich dies; nicht so,; und selbst Hetty empfand mehr Unruhe wegen der Beweggründe, die ihren Vater und Hnrry möchten geleitet haben, als Besorgnisse wegen ihrer Sicherheit. „Es kann doch nicht sein, Hetty," sagte Judith, als die genaueste Nachsnchnng Beide überzeugt hatte, daß keine Arche zu finden war; „cs kann doch nicht sein, daß Indianer ans Flößen oder gar ohne solche hcrangeschwommen sind, und unsere Freunde im Schlaf überrascht haben?" „Ich glaube nicht, daß Hist und Chingachgook schlafen würde», ehe sie einander Alles gesagt, was sie sich nach einer so lange» Trennung zu sage» hatten — glaubst du es, Schwester?" „Vielleicht nicht, Kind. Vielerlei konnte sie wach halten, aber Ein Indianer mochte überrascht werden, selbst wenn er nicht schlief, zumal da seine Gedanken bei andern Dingen verweilt haben mögen. Doch aber sollten wir ein Geräusch hören; denn in einer Nacht, 398 wie diese, hätte ein Fluch Harry Hnrry's an den östlichen Bergen wiederhallen muffen, wie ein Donnerschlag." „Hnrry ist sündhaft und rücksichtslos in seinen Worten," versetzte Hetty leise und bekümmert. „Nein — nein; cs ist unmöglich, daß die Arche sollte genommen worden sein, ohne daß ich ein Geräusch gehört hätte. Es ist nicht eine Stunde, seit ich sic verließ, und die ganze Zeit über lauschte ich ans das kleinste Geräusch. Und doch kann man nicht leicht glaube», daß ein Vater absichtlich seine Kinder preisgeben würde!" „Vielleicht hat Vater uns in unserem Gemache schlafend geglaubt, und hat zurück nach Hanse gesteuert, du weißt, daß wir oft bei Nacht mit der Arche Bewegungen machen." „Das ist wahr, Hetty, und es muß so sein, wie du denkst. Es ist etwas mehr Südwind, als zuvor, und sie sind den See hinaus gefahren —" Judith stockte; denn als das letzte Wort ihrer Zunge entschwebte , ward die Scene plötzlich, obwohl nur für einen Augenblick, durch ein anfflammendes Licht erhellt. Das Krachen einer Büchse folgte darauf, und dann das Rollen des Echo's die östlichen Berge entlang. Beinahe in demselben Augenblick stieg ein durchdringender weiblicher Schrei in langem Kreischen in die Lüfte empor. Die entsetzliche Stille, die darauf folgte, war wo möglich noch gräßlicher, als die plötzliche, wilde Unterbrechung des tiefen, mitternächtlichen Schweigens. Judith, so entschlossen sie von Natur und durch Gewohnheit war, athmcte kaum, während die arme Hetty ihr Angesicht verbarg und zitterte. „Das war eines Weibes Schrei, Hetty!" sagte die Erstere mit feierlichem Ernst; „und es war ein Schmerzensschrei! Wenn die Arche sich von dieser Stelle bewegt hat, so konnte sie bei diesem Wind nur nördlich segeln, und der Schuß und der Schrei kamen von der Landspitze. Sollte Hist Etwas zugestoßen sein?" 399 „Laß uns hin und sehen, Judith; sie bedarf vielleicht unseres Beistandes — denn außer ihr sind nur Männer auf der Arche." Es war kein Augenblick zum Zandern, und ehe Judith aufgehört zu sprechen, war schon ihr Ruder im Wasser. Die Entfernung von der Landspitze, in gerader Linie, war nicht groß, und die Gemüthsbewegnngen, welche die Mädchen trieben, waren zu aufregend, als daß sie ihnen gestattet hätten, die kostbaren Augenblicke mit nutzlosen Vorsichtsmaßregeln zu vergeuden. Sie rnder- den ohne große Vorsicht vorwärts, aber dieselbe Aufregung hinderte auch Andere, ihre Bewegungen zu beobachten. Bald gewahrte das Auge Judiths einen Lichtschimmer durch eine Lücke in den Gebüschen, und darauf znsteuernd, lenkte sie das Canoe so, daß sie denselben im Gesicht behielt, während sic dem Lande sich so weit näherte, als nothwendig und klug war. Die Scene, die sich jetzt den Blicken der Mädchen darbot, war in den Wäldern, auf der Seite des oft erwähnten Abhangs, vom Boot ans vollkommen übersehbar. Alle im Lager waren da versammelt, und sechs oder acht trugen Kienholzfackeln, die ein starkes, aber leichcnhaftes Licht auf Alles unter den Laubhallen des Waldes warfen. Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, und auf einer Seite unterstützt von der jungen Schildwache, deren Nachlässigkeit Hetty hatte entkommen lassen, saß das Mädchen, dessen erwarteter Besuch die Schuld seines Dienstfehlers trug. Bei dem grellen Lichte der Fackel, die man ihr gegen das Gesicht hielt, erkannte man deutlich, daß sie mit dem Tode rang, während das von ihrer nackten Brust herabtränfelnde Blut die Beschaffenheit des Unfalls, der sie betroffen, verrieth. Auch der scharfe, eigenthümlichc Geruch von Schießpulver war noch in der schweren, feuchten Nachtluft wahrzunehmen. Es konnte kein Zweifel sein, daß sie erschossen war. Judith verstand Alles ans Einen Blick. Der Lichtblitz hatte auf dem Wasser gezuckt in kleiner Entfernung von der Landspitze, und entweder war die Büchse ans einem Canoe, das die Küste 400 umkreiste, oder von der Arche aus im Vorbeifahren abgcfeuert worden. Ein unvorsichtiger Ausruf, ein Lachen, mochte den Angriff veranlaßt haben, denn es war kaum möglich, daß dem Schutzen beim Zielen etwas Anderes zu Hilfe gekommen, als ein Laut. Die Wirkung war noch viel augenscheinlicher, denn der Kopf des Opfers hing herunter, und der Leib schlotterte in der Auflösung des Todes. Dan» wurden alle Fackeln bis auf eine gelöscht — eine Klugheitsmaßregcl; und der traurige Zug, der den Leichnam in's Lager trug, konnte eben kaum noch unterschieden werden bei dem noch übrigen dämmernden Lichte. Judith seufzte tief ans »ud schauderte, als sic ihr Ruder wieder eintanchte, und das Canve umfuhr vorsichtig die Landspitze. Ein Anblick hatte sich ihren Sinnen dargeboten und schwebte jetzt vor ihrer Einbildungskraft, der noch härter zu ertragen war, als selbst der frühe Tod und der vorübergehende Todeskampf des verschiedenen Mädchens. Sie hatte bei dem grellen Licht aller der Fackeln die anfgerichtete Gestalt Wildtödters erblickt, der, Mitleid und wie ihr vorkam, Scham in seinem Angesicht sich anssprechend, neben der Sterbenden stand. Er selbst verrietst weder Furcht noch Kleinmüthigkeit, aber aus den Blicken, welche die Krieger ans ihn warfen, sah man deutlich, daß in ihrer Brust heftige Leidenschaften kämpften. Alles dies; schien von dem Gefangenen nicht beachtet zu werden; aber Judiths Gedächtnis; blieb es die ganze Nacht hindurch schauerlich cingcprägt. Man traf kein Canoe, das nm die Landspitze hernmstreifte. Eine Stille und Dunkelheit, so vollständig, als wäre das Schweigen des Waldes nie gestört worden, oder hätte die Sonne nie diese entlegene Scene beschienen, herrschte jetzt ans der Landspitze und dem düster» Wasser, auf den schlummernden Wäldern, und selbst an dem nnlustigen Himmel. Es war daher nichts weiter zu machen, als einen sicheren Platz zu suchen; und der war nur zu finden in der Mitte des See's. Dahin ruderten sie in aller Stille; man 401 ließ das Canoe nördlich Hintreiben, und die Mädchen suchten Rast und Ruhe, so gut ihre Lage und ihre Gefühle sie ihnen gönnen wollten. Neunzehntes Kapitel. Koßt Eure Waffen fest! besetzt die Thür! Verloren ist jetzt Alles, wenn nicht bald Geschwelgt wird diese fürchterliche Glocke. Der Offizier verfehlte seinen Weg, Oder vollzog er seinen Auftrag falsch, Oder stieß ihm ein traurig Hemmniß aus. Anfelmo, brich mit deiner Schaar stracks gegen Den Thurm auf; alle Andern bleiben hier. Marino Falicro. Die Vermnthnng der Judith Hutter in Betreff der Art und Weise, wie das indianische Mädchen seinen Tod gefunden, war in der Hauptsache richtig. Nach einigen Stunden Schlafs waren ihr Vater und Hurry aufgewacht. Dieß geschah einige Minuten, nachdem sie die Arche verlassen, um ihre Schwester aufzusuchcn, als natürlich Chingachgook und seine Verlobte schon an Bord waren. Von dem Delawaren erfuhr der Alte die Stellung des Lagers und die neuesten Vorfälle, sowie die Abwesenheit seiner Töchter. Dieß Letztere machte ihm keine Sorge, denn er verließ sich sehr auf die Klugheit der Aclteren, so wie auf die ungefährdete Sicherheit, mit der, wie man nun schon wußte, die Jüngere unter den Wilden sich nmtreiben konnte. Auch hatte lange und vielfache Bekanntschaft mit Gefahren seine Empfänglichkeit für Besorgnisse abgestumpft. Auch die Gefangenschaft Wildtödtcrs schien er nicht groß zu bedauern; denn so gut er wußte, wie wesentlich sein Beistand bei einer Verthcidigung sein würde, hatte doch die Verschiedenheit ihrer Ansichten über die für die Wälder geltende Moral wenig Sympathie zwischen ihnen bestehen lassen. Es hätte ihn sehr erfreut, die Stellung des Lagers zu erfahren, bevor es durch Hists Flucht war in Alarm gebracht worden, aber jetzt war ein Der WNdtödter. 26 402 Landnngsversuch allzu gewagt; und mit Widerstreben entsagte er für diese Nacht den grausamen Anschlägen, welche zu hegen Gefangenschaft und Rachsucht ihn angespornt hatten. In solcher Stimmung setzte sich Hutter vorn ans der Fähre hin, wo bald Hurry sich zu ihm gesellte; Schlange und Hist blieben in ruhigem Besitz von dem andern Ende des Fahrzeugs. „Wildtödter hat sich als Knabe gezeigt, daß er unter die Wilden ging zu dieser Stunde, und ihnen in die Hände fiel wie ein Wild, das in eine Grube taumelt," brummte der Alte, der, wie gewöhnlich, den Splitter in seines Nächsten Auge sah, aber des Balkens in seinem eignen Auge nicht gewahr wurde. „Wenn man ihn jetzt seine Dummheit mit seinem eignen Fleisch bezahlen läßt, so kann er Niemand schelten als sich selbst." „Das ist der Lauf der Welt, alter Tom," versetzte Hurry. „Jeder Mensch muß seine Schulden selbst vertreten, und für seine Sünden cinstehcn. Ich bi» jedoch erstaunt, daß ein so gewandter und wachsamer Bursch, wie Wildtödter, sich in einer solchen Falle hat fangen lassen können! Wußte er nichts Besseres, als um Mitternacht um ein Hnronenlager herumznschlcichen, ohne einen andern Rückzug zu haben, als ans den See? oder glaubte er ein Hirsch zu sein, und durch's in's Wasser Springen die Witterung abschneiden und mit Schwimmen sich aus der Noth retten zu können? Ich hatte eine bessere Meinung von des Jungen Einsicht, ich gesteh' es; aber wir müssen ein wenig Unwissenheit bei einem jungen Blut übersehen. Ich sage, Meister Hutter, wißt Ihr zufällig, was aus den Mädchen geworden ist — ich sehe keine Spur von Judith und von Hetty, obgleich ich in der ganzen Arche herum gewesen und nach allen lebenden Kreaturen darin gesehen habe." Hutter erklärte in der Kürze die Art und Weise, wie seine Töchter das Canoe genommen, nach der Erzählung des Delawaren, sowie Judiths Rückkehr, nachdem sie ihre Schwester an's Land gesetzt, und ihre zweite Abfahrt von der Arche. 403 „Das kommt von einer glatten Zunge, Floating Tom," rief Hurry, in reinem Zorn und Ingrimm mit den Zähnen knirschend, — „das kommt von einer glatten Zunge und von den Neigungen eines einfältigen Mädchens — und Ihr thätet am besten, bei der Sache wohl znznsehen! Ihr und ich, mir waren Beide Gefangene," — jetzt erinnerte sich Hurry dieses Umstandes ganz gut,—„Ihr und ich, wir waren Beide Gefangene, und da rührte sich Judith nicht vom Fleck, um uns einen Dienst zu leisten! Sic ist behext von diesem schmächtig anssehenden Wildtödtcr; und er und sie, und Ihr und wir Alle thäten gut, bei der Sache wohl znznsehen! Laßt uns verholen, alter Kamerad, und dieser, Landspitze näher rücken und sehen, wie die Sachen weiter gehen." Hutter hatte gegen diese Bewegung Nichts einzuwcnden, und die Arche setzte sich auf die gewöhnliche Weise in Bewegung, wobei man sich hütete, ein Geräusch zu machen. Der Wind war stark nördlich, und bald trieb das Segel die Fähre so weit den See aufwärts, daß die dunkel» Umrisse der Bäume, welche die Landspitze bedeckten, dämmernd sichtbar wurden. Floating Tom steuerte, und segelte so nahe am Lande hin, als die Tiefe des Wassers und die übcrhaugenden Zweige gestatteten. Es war unmöglich, etwas zu unterscheiden, was im Schatten der Küste lag; aber die Umrisse des Segels und der Kajüte wurde» von der schon erwähnten jungen Schildwache am Strand erkannt. Im Augenblick der plötzlichen Uebcrraschnng entfuhr ihm ein tiefer indianischer Ausruf. In dem Geist der Rücksichtslosigkeit und Wildheit, welcher das Wesen von Hnrry's Charakter ausmachte, fällte der Mann seine Büchse und feuerte. Die Kugel ward geführt vom Zufall, oder von jener Alles beherrschenden Vorsehung, welche über das Geschick Aller entscheidet, und das Mädchen fiel. Dann erfolgte die oben schon beschriebene Scene mit den Fackel». Gerade in dem Augenblick, wo Hurry diese That gedankenloser L6° 404 Grausamkeit beging, war das Eanoe Judiths der Stelle, welche von der Arche ganz kürzlich verlassen worden mar, bis auf hundert Fuß nahe gekommen. Ihre Fahrt ist schon beschrieben worden, und cs ist seht unsere Obliegenheit, ihren Vater und seine Genossen auf der seinigen zu begleiten. Der kreischende Schrei verkündigte die Wirkung von Marchs auf's Gerathewohl abgcfenertem Schuß, und ließ auch erkennen, daß das Opfer ein Weib war. Hurry selbst war betroffen über diese unvorhergesehene Folge, und einen Augenblick war er von kämpfenden Empfindungen lebhaft verstört. Zuerst lachte er in rücksichtslosem und rohem Triumph; dann aber schoß ihm das Gewissen, der von Gott in unsere Brust gepflanzte Mahner, der aber sein allgemeineres Wachsthum durch die der Kindheit gewidmete Pflege, Zucht und Arbeit erhält, einen Stachel in's Herz. Eine Minute lang war die Seele dieses Zwittergeschöpfes derCivi- lisation und Barbarei in ihren Empfindungen eine Art Chaos,— er wußte selbst nicht, was er von seiner That denken sollte — dann traten die Hartnäckigkeit und der Stolz eines Mannes von seiner Art hervor, um ihre gewohnte Obermacht zu behaupten. Er stieß den Kolben seiner Büchse auf den Boden des Fahrzeugs mit einer Art herausfordernden Trotzes, und fing an mit erheuchelter Gleichgültigkeit eine Melodie zu pfeifen. Während dem war die Arche immer in Bewegung, schon öffnete sich die Bai oberhalb der Landspitze, und sic verließ mithin das Land. Hurry's Genossen betrachteten seine That nicht mit derselben Nachsicht, mit der er selbst sie anzusehen geneigt war. Hutter sprach brummend und grollend seine Mißbilligung ans; denn die That brachte gar keinen Vortheil, während sie den Krieg erbitterter als je zu machen drohte; und Niemand tadelt nnmotivirte Abweichungen von dem, was recht ist, strenger, als eigennützige und grundsatzlose Menschen. Doch beherrschte er sich noch, da Wild- tödters Gefangenschaft den Arm des Frevlers in diesem Augenblick für ihn doppelt schätzbar und unentbehrlich machte. Chingachgook 405 stand auf, und einen Augenblick ward die alte Erbitterung der Stämme vergessen über der Sympathie für seine Farbe; aber erfaßte und besann sich noch zeitig genug, um es nicht zu den schlimme» Folgen kommen zu lassen, zu welchen ihn allerdings die rasche Aufwallung eines Augenblicks hinznreißen gedrohthatte. Nicht so Hist. Das Mädchen rannte durch die Hütte, oder die Kajüte, und stand neben Hnrry beinahe in dem Augenblick, wo seine Büchse den Boden der Fähre berührte, und mit einer ihrem Herzen Ehre machenden Furchtlosigkeit strömte sie ihre Vorwürfe ans mit der edlen Wärme des Weibes. „Warum Ihr schießen?" sagte sie. „Was Hnronen-Mädchen gethan, daß Ihr tödten sic? Was Ihr denken, was Manittn sagen? Was Ihr denken, daß Manittn fühlen? Was Irokesen thun? Nicht gewinnen Ehre — nicht Lager — nicht Gefangene — nicht Schlacht — nicht Skalpe — gewinnen gar Nichts! Blut kommen ans Blut! Wie Ihr fühlen, wenn Euer Weib getvdtet? Wer Euch bemitleiden, wenn Thränen kommen »m Mutter oder Schwester? Ihr dick, wie große Fichte — Hnronen-Mädchen kleine, zarte Birke — warum Ihr ans sie fallen und zermalmen? Ihr denken, Hnronen cs vergessen? Nein! Rothhant nie vergessen, nie vergessen Freund, nie vergessen Feind. Rother Mann Manittn in diesem. Warum Ihr so ruchlos, großes Bleichgesicht?" Hnrry war nie so cingeschüchtert worden, wie durch diesen starken und warmen Angriff des indianischen Mädchens. Es ist wahr, sie hatte einen mächtigen Verbündeten an seinem Gewissen; und obgleich sie eifrig sprach, geschah es doch in so acht weiblichen Tönen, daß er keinen Vorwand zu unmännlichem Zorn hatte. Die Weichheit ihrer Stimme vermehrte das Gewicht ihrer Vorwürfe, indem sie letztem ganz die Farbe der Reinheit und Wahrheit lieh. Wie die meisten gemeindcnkenden Menschen hatte er die Indianer blos durch das Medium ihrer roheren und wilderen Charaktcrzüge betrachtet. Es war ihm nie eingefallen, daß die Gefühle des Herzens allgemein menschlich seien; daß selbst hochsinnige Grundsätze — 406 modificirt durch Gewohnheiten und Vornrtheile, aber darum in ihrem Kreis nicht minder erhaben — im wilden Zustande vorhanden sein können; und daß der im Felde mitleidloseste Krieger in den Stunden des friedlichen, häuslichen Lebens den sanftesten und zartesten Einflüssen und Gefühlen sich hingeben könne. Mit einem Wort, sein Geist hatte sich gewöhnt, alle Indianer als Wese» zn betrachten, nur um einen schwachen Grad über den wilden Bestien stehend, die durch die Wälder streifen, und war geneigt, sie dem gemäß zn behandeln, sobald Vortheil oder Laune einen Antrieb oder einen Reiz dazu gaben. Dennoch konnte man von dem Wohlgestalten Barbaren, so sehr er von diesen Vorwürfen eingeschnch- tert war, nicht eigentlich sagen, daß er reuig gewesen. Er war aber von seinem Gewissen zu sehr cheschämt, um sich einen Ansbruch von Zorn zn gestatten; und vielleicht fühlte er, daß er schon eine That begangen, die mit Recht seine Mannhaftigkeit in Zweifel stellen dürfte. Statt den einfachen, aber natürlichen Ausfall Hists gegen ihn zn ahnden oder zn beantworten, entfernte er sich nur wie Einer, der cs unter seiner Würde achtet, Hader mit einem Weibe anzufangen. Mittlerweile fuhr die Arche weiter, und bis zu der Zeit, wo die Scene mit den Fackeln unter den Bäumen vor sich ging, hatte sie den offenen See erreicht; denn Floating Tom lenkte sie weiter vom Lande weg mit einer Art instinktmäßiger Furcht vor Wicdcr- vergeltung. Eine Stunde verstrich jetzt in düsterem Schweigen, das Niemand zu brechen geneigt schien. Hist hatte sich auf ihr Polster zurückgezogen und Chingachgook lag schlafend im Vorder- theil des Fahrzeugs. Hutter und Hurry allein blieben wach, der Erstere am Steuerruder, während der Letztere über seiner Handlungsweise brütete mit der Verstocktheit eines Menschen, der wenig geneigt ist zur Anerkennung seiner Fehler, und doch mit dem heimlichen Nagen des Wurms, der nicht stirbt. Dieß war in dem Augenblick, wo Judith und Hetty die Mitte des See's erreichten, 407 und sich niedergelegt hatten, um zu versuchen, in ihrem dahin- treibendeu Canoe zu schlafen. Die Nacht, obwohl so sehr verfinstert durch Wolken, mar ruhig. Es war nicht die Jahrszeit der Sturme, und die im Monat Junius auf diesem eingebetteten Wasser vorkamen, waren, wenn auch oft heftig, immer von kurzer Dauer. Doch war auch jetzt der gewöhnliche Zug schwerer, feuchter Nachtlicht, die, über die Gipfel der Bäume hinstreichcnd, sich kaum bis zu der Fläche des spiegelglatten See's hcrabznsenken schien, sondern in einigem Abstand darüber hinschwebte — gesättigt von der Feuchtigkeit, die immer aus den Wäldern anfstieg, nnd dem Anschein nach nie weit dieselbe Richtung verfolgend. Die Luftströmungen standen, wie natürlich, unter dem Einfluß der Hügelformationen, ein Umstand, der selbst frische Lüftchen unzuverlässig machte, und die schwächeren Regungen der Nachtlnft nur als eine Art launenhafter und unbeständiger Seufzer der Wälder erscheinen ließ. Einige Male wies das Vordertheil der Arche nach Osten, und einmal war es in der That ganz nach Süden gekehrt; im Ganzen aber hielt es die Richtung nach Norden; denn Hutter benützte eben immer den Wind, wenn man es Wind nennen konnte — wie er war, möglichst gut, nnd sein Hanptbeweggrnnd schien der Wunsch zu sein, die Arche immer in Bewegung zu erhalten, um alle vcrrätherischen Anschläge seiner Feinde zu vereiteln. Jetzt empfand er einige kleine Sorge um seine Töchter, nnd vielleicht ebensosehr um das Canoe; im Ganzen aber störte ihn diese Ungewißheit nicht viel, da er das schon erwähnte Vertrauen zu Judiths Einsicht und Klugheit besaß. Es war die Jahreszeit der kürzesten Nächte, und es währte nicht lange, bis das tiefe Dunkel, welches dem Tag vorangeht, dem wiederkehrenden Lichte zu weichen begann. Wenn eine Scene auf Erden sich den Sinnen des Menschen darstellen kann, die geeignet ist, seine Leidenschaften zu stillen und seine Wildheit nnd Trotz zu besänftigen, so war es die, welche vor-Hurry's nnd Hutters Blicken 408 aufgüig, als mit den verrückenden Slnnden die Nacht zum Morgen sich verwandelte. Es waren die gewöhnlichen, weichen Tinten des Himmels, an dem weder die Dunkelheit der Nacht noch der Glanz der Sonne herrscht, und bei welchen die Gegenstände weniger irdisch, wir möchten sagen heiliger erscheinen, als je sonst während der viernndzwanzig Stunden des Tages. Die schöne und wvhl- thnendc Ruhe der Abendzeit ist von tausend Dichtern schon gepriesen worden, und noch führt sie nicht die weitreichenden und erhabenen Gedanken mit sich, wie die halbe Stunde, welche dem Anfgehen einer Sommersonne vorangeht. Dort entzieht sich das Panorama allmählig dem Blicke, während hier die Gegenstände ans dem sich entrollenden Gemälde Hervorbrechen, zuerst dämmernd und nebelhaft, dann scharf gezeichnet auf festlichem Hintergründe, dann wird es geschaut in dem Zauber des an Helle zunehmenden Zwielichts — etwas vom abnehmenden so Verschiedenes, als sich nur denken läßt! —und endlich ganz weich, klar »nd licht, so wie die Strahlen des großen Lichtmiktelpunkteü sich in der Atmosphäre ansbreitc». Auch die Hymnen der Vögel finden kein Gegenstück in dem Heimgang zur Stange »nd znm Schlaf, oder im Flug nach dem Nest; und diese begleiten unabänderlich den Anbruch des Tages, bis die Erscheinung der Sonne selbst „Badet in Wonne See und Land." Alles Dies; jedoch sahen Hutter und Hnrry an, ohne etwas von jenem friedevollcn Entzücken zu empfinden, welches dieß Schauspiel doch gewöhnlich gewährt, wenn die Gedanken gut und recht, die Bestrebungen des Gemnthes rein sind. Sie waren nicht blos Zeugen davon, sondern sie waren Zeugen davon unter Umständen, welche das Großartige nnd den zauberischen Reiz des Schauspiels noch zu erhöhen geeignet waren. Nur ein einzelner Gegenstand wurde sichtbar bei dem znrückkehrenden Licht, der seine Form und seinen Gebrauch von menschlichem Geschmack oder Bestreben erhalten hatte, die freilich eine Landschaft eben so oft entstellen 409 als verschönern. Dies; ivar das Kastell; alles klebrige war Werk der Natnr nnd frisch ans der Hand Gottes gekommen. Diese seltsame Behansnng stimmte anch mit den Natnrgcgenständen der Ansicht zusammen, da sie ans der Dunkelheit hervorbrach — seltsam, malerisch, nnd wie eine zweckmäßige Zierde. Dennoch war dies; Alles verloren für diese Zuschauer, welche kein Gefühl für Poesie, die den Sinn natürlicher Frömmigkeit in einem Leben voll engherziger nnd verhärteter Selbstsucht verloren, und wenig andre Sympathie mit der Natnr hatten, als diejenige, welche ihren Grund hatte in ihren niedrigsten Bedürfnissen. Sobald das Licht kräftig genug war, um einen genanern Ueber- blick des See's und insbesondere seiner Küsten zu gestatten, lenkte Hutter das Vordertheil der Arche gerade auf das Kastell zu, mit der erklärten Absicht, fü^ diesen Tag wenigstens davon Besitz zu nehmen, als von dem günstigsten Platze, seine Töchter zu erwarten und seine Operationen gegen die Indianer in's Werk zu sehen. Mittlerweile hatte sich Chingachgook erhoben, und Hist hörte man in den Küchcngeräthen wühlen. Der Platz, nach dem sie steuerten, war nur eine Meile entfernt, und der Wind war günstig genug, so daß sic sich ihm mittelst der Segel nähern konnten. In diesem Augenblick, um alle Anzeichen günstig erscheine» zu lassen, sah man anch Judiths Canoe in nördlicher Richtung ans dem breitesten Thcile des See's schwimmen, das, nur der Macht der Elemente folgend, wirklich in der Dunkelheit an der Arche vorübergcschwom- men war. Hutter nahm sein Fernglas nnd schaute lang und eifrig durch dasselbe, um sich zu überzeugen, ob seine Töchter in dem leichten Fahrzeug seien oder nicht, »nd ein leiser Ausruf — wie vor Freude — entfuhr ihm, als er Etwas über dem Rand des Canoe's erblickte, was er mit Recht für ein Stück von Judiths Kleidung nahm. Eine Minute später sah man im andern Ende des Canoe's Hetty ans ihren Knieen, die Gebete hersagend, die sie in ihrer Jugend von einer irregeleiteten, aber bereuenden Mutter war 410 gelehrt worden. Als Hutter das Glas wcglegte, noch znm Blick in die Ferne ansgezogen, setzte es Schlange an's Auge und richtete es ans das Canoe. Es war das erste Mal, daß er sich eines solchen Instruments bediente, und Hist errieth aus seinem ,Hngh!', dem Ansdruck seines Gesichts und seiner ganzen Geberdnng, daß etwas Seltsames seine Bewunderung erregt haben müsse. Es ist bekannt, daß die amerikanischen Indianer, und ganz besonders die von höherem Stand und Charakter in auffallender Weise ihre Selbstbeherrschung und stoische Fassung mitten i» der Flut von Wundern behaupten, die sich ihnen bei ihren gelegentlichen Besuchen an de» Sitzen der Civilisation aufdrängen, und Chingachgook hatte genug von dieser Unempfindlichkeit eiugesogen, um jede, seiner Wurde nicht gemäße Aeußeruug seiner Ueberraschuug zu unterdrücken. Hist indessen war von keinem solchen Gesetze gebunden, und als ihr Geliebter ihr das auf das Canoe gerichtete Glas vorhielt, und sie das Auge an das engere Ende brachte, fuhr das Mädchen bestürzt zurück; dann klatschte sie vor Freuden in die Hände, und ein Gelächter, der gewöhnliche Ausdruck unbeherrschter Verwunderung, folgte. Wenige Minuten waren für dies; schnellbegreifende Mädchen genug, um das Instrument selbst handhaben zu lerne», und sie richtete es auf jeden hervorragenden Gegenstand, der ihr gerade anffiel. Nachdem sie in einem Fenster einen Punkt zum Auflegen gefunden, überschauten sie und der Delaware zuerst den See, dann die Küsten, den Hügel, und endlich zog das Kastell ihre Aufmerksamkeit auf sich. Nachdem sie dies; lange und stet betrachtet, zog Hist ihr Auge zurück und sprach leise und ernst mit ihrem Geliebten. Augenblicklich setzte Chingachgook das Glas an sei» Auge, und schaute noch länger und eifriger sogar als seine Verlobte durch dasselbe. Wieder besprachen sie sich heimlich und schienen ihre Meinungen zu vergleichen, worauf das Glas beiseite gelegt ward und der junge Krieger die Kajüte verließ, um Hutter und Hurry aufzusnchen. Die Arche rückte langsam, aber stetig vorwärts, und das Kastell 4l1 war in der Thai mir eine halbe Meile noch entfernt, als Chingach- gook zn den beiden Männern anf dem Hintcrtheil des Fahrzeuges trat. Sein Benehmen war rnhig, aber die Ander», mit den Gewohnheiten der Indianer vertrant, erkannten doch, daß er Etwas mitzutheilen habe. Hnrry war in der Regel schnell zn reden, und seiner Gewohnheit getreu, ergriff er auch dießmal die Initiative. „Heraus damit, Rothhaut," schrie er in seiner gewohnten, rohen Weise. „Habt Ihr eine wilde Katze anf einem Baum entdeckt, oder schwimmt eine Lachsforelle unter dem Boden der Arche? Ihr seht jetzt, was ein Bleichgesicht leisten kann im Punkte der Augen, Schlange, und müßt Euch nicht wundern, daß sie das Land der Indianer von ferne sehen können." „Nicht gut nach dem Kastell gehen," versetzte Chingachgook mit Nachdruck, sobald ihn der Erstere zum Wort kommen ließ. „Huroncu dort!" „Den Teufel auch! Wenn dieß sich so erwiese, Floating Tom, wären wir im Begriff gewesen, den Kopf in eine artige Falle zu stecken. Hnronen dort! — nun, das kann sein; aber ich kann keine Spur von etwas Anderem um die alte Hütte herum sehen, -als Blöcke, Wasser und Rinde — außer zwei oder drei Fenstern und einer Thürc." Hutter verlangte das Glas und betrachtete genau den Platz, ehe er überhaupt eine Ansicht anssprach, dann gab er etwas von Oben herab seine Nichtübereinstimmung mit der Meinung des Indianers zn erkennen. „Ihr habt dieß Glas verkehrt vor's Auge gehalten, Delaware," fuhr Hnrry fort; „weder der alte Mann noch ich können eine Spur im See sehen." „Keine Spur — Wasser behält keine Spur," sagte Hist lebhaft. „Haltet ein — nicht zn nahe hinfahren — Hnronen dort!" „Ja, das ist's! Bleibt nur bei Eurem Mährchcn, so glauben es immer mehr Leute. Ich hoffe, Schlange, Ihr und Euer Mädchen, 412 ihr werdet eins werden, dieselbe Geschichte noch in eurer Heimath zn erzählen, wie ihr jetzt thnt. Hnrone dort! — wo denn soll er zn sehen sei»? im Vorlegschloß, oder den Ketten, oder den Blöcken? Es ist kein Gefängniß in der Kolonie, das besser verwahrt und verriegelt anssieht, als des alten Toms cllientö; und auf Gefängnisse verstehe ich mich gut ans Erfahrung." „Nicht sehen Mokasin," sagte Hist ungeduldig, „warum nicht Hinschauen und ihn sehen?" „Gebt mir das Fernglas, Harry," unterbrach sie Hutter, „und zieht das Segel ein. Es ist selten, dass ein indianisches Weib sich in solche Dinge mischt, und wenn sie es thnt, so ist gewöhnlich Grund dazu vorhanden. Es schwimmt wirklich ein Mokasin um einen der Pfeiler herum, und es ist vielleicht ein Zeichen, vielleicht aber auch nicht, daß das Kastell während unserer Abwesenheit Besuch bekommen hat. Mokasins sind jedoch keine Seltenheiten, denn ich selbst trage sie, und Wildtödter anch, und Ihr tragt welche, March; und sogar auch Helty eben so oft als Schuhe; nur Judith habe ich ihren hübschen Fuß noch nie in einen Mokasin zwängen sehen." Hnrry hatte das Segel eingezogen, und inzwischen hatte sich die Arche auf zweihundert Schritte dem Kastell genähert, und mit' jedem Augenblick kam sic ihm näher, doch so langsam, daß dieß keine Besorgnis; erregen konnte. Alle nahmen jetzt der Reihe nach das Fernglas, und das Kastell und Alles in seiner Nähe ward einer noch genanern Prüfung als zuvor unterworfen. Da war allerdings zweifelsohne der Mokasin, so leicht schwimmend, und in seiner Form bleibend, daß er kaum naß wurde. Er war an einem Stück der rauhen Rinde von einem der Pfeiler außen an den Wasserpallisaden, welche das schon erwähnte Dock bildeten, hängen geblieben; und dieser Umstand allein verhinderte, daß ihn nicht der Wind weiter trieb. Auf mancherlei Arten jedoch ließ sich das Dasein des Mokasins erklären, ohne daß man annahm, cs habe ihn ein Feind fallen lassen. Er konnte von der Platform 413 hernntergefallcn sei», so lange noch Hutter im Besitz des Hauses gewesen, dann an den Platz, wo man ihn jetzt sah, geschwommen und unbemerkt geblieben sein, bis das scharfe Ange Hists ihn entdeckte. Er konnte weiterher, den See herauf- oder herabgeschwommen, zufällig än dem Pfeiler oder der Pallisade hängen geblieben sein. Er konnte ans einem Fenster geworfen worden, und gerade an diesem Orte sitzen geblieben sein; oder er war auch einem Kundschafter oder einem Angreifer während der vorigen Nacht entfallen, der ihn bei der dichten Finsternis;, die da herrschte, hatte dem See preisgeben muffen. Alle diese Vermnthungen theiltc Hutter Hnrry mit; und er schien geneigt, die Sache als ein nnheilbedentcndes Omen anzn- sehen, während der Letztere sie mit seiner gewohnten, gleichgültigen Verachtung behandelte. Der Indianer dagegen war der Meinung, der Mokasin sollte so angesehen werden, wie man eine Spur in den Wäldern ansehen würde, die ebensogut eine Gefahr drohen könnte, als nicht. Hist aber hatte einen ersprießlichen Vorschlag zu machen. Sie erklärte sich bereit, ein Canoe zu nehmen, zu den Pallisaden hinznrndcrn und den Mokasin zu holen, worauf man aus seinen Verzierungen sehen würde, ob er aus den Canada's komme oder nicht. Beide weiße Männer waren geneigt, ans das Anerbieten cinzngehen; aber der Delaware trat dazwischen und verhinderte lnps Wagestück. Wenn ein solcher Versuch gemacht werden sollte, so gezieme cs einem Krieger am besten, sich der Gefahr ansznsetzen; und er sprach seine Weigerung, seiner Verlobten diesen Schritt zu gestatten, ganz in der ruhigen, aber kurzen Weise ans, womit der indianische Ehemann seine Befehle von sich gibt. „Gut denn, Delaware, so geht Ihr selbst, wenn Ihr so zärtlich besorgt seid um Eure Squaw," versetzte der nnccremoniöse Hnrry. „Dieser Mokasin muß hcrbeigeholt werden, oder Floatin Tom bleibt hier, außer Schußweite, bis der Herd,in seiner Kajüte 414 kalt wird. Es ist am Ende doch nichts als eine kleine Wildhaut, und so oder so geschnitten, ist es keine Vogelscheuche, welche rechte Jäger abschreckcn sollte, ihr Wild zu verfolgen. Was sagt Ihr, Schlange, wollt Ihr oder soll ich mit dem Canoe ihn holen?" „Laßt rothen Mann gehen. Bessere Augen als Bleichgesicht — auch Hnronenschliche besser kennen." „Dem widersprech' ich bis an meine Todesstunde! Eines weißen Mannes Augen und eines weißen Mannes Nase, ja auch sein Gesicht und seine Ohren sind alle besser als die eines Indianers, wenn man's recht prüft. Oft und viel habe ich das erprobt, und was erprobt ist, ist gewiß. Doch glaube ich, der ärmlichste Vagabund, der ans Füßen steht, Delaware oder Hnrone, findet wohl den Weg zu jener Hütte und zurück; und so, Schlange, gebraucht denn Euer Ruder und willkommen!" Chingachgook war schon im Canoe und tauchte seine Rnder- schanfel in's Wasser, eben als Hnrry's geschmeidige Zunge schwieg. Wah-ta!-Wah sah dem Abgang ihres Kriegers diesmal mit dem unterwürfigen Schweigen eines indianischen Mädchens, aber mit den gewöhnlichen Besorgnissen und Ahnungen ihres Geschlechts zu. Während der ganzen vorigen Nacht, und bis zu dem Augenblick, wo sie mit einander in der Kajüte das Fernglas handhabten, hatte Chingachgook so viel männliche Zärtlichkeit gegen seine Verlobte bewiesen, als mir immer ein Mann vom feinsten Gefühl unter denselben Verhältnissen hätte zeigen können; aber jetzt verlor sich jede Spur von Schwäche und Weichheit, und sein ganzes Benehmen zeigte nur trotzige Entschlossenheit. Schüchtern suchte Hists Auge das seinige, als das Canoe von der Arche abstieß, aber der Stolz des Kriegers gestattete ihm nicht, ihren zärtlichen und ängstlichen Blick zu erwicdern. Das Canoe flog dahin, und kein hernbergesandter Blick belohnte ihre Bekümmerniß. Der Ernst und die Sorge des Delawarcn waren auch ganz am Platze bei den Aussichten, unter welchen er zu seinem Unternehmen 415 schritt. Hatte der Feind wirklich von dem Gebäude Besitz genommen, so mußte er sich gleichsam unter die Mündungen ihrer Büchsen hin wagen, und das ohne den Schutz aller jener Decknngs- mittel,die im indianischen Kriege so wesentliche Bundesgenossen sind. Man kann sich kanm einen gefährlichere» Dienst denken; und wäre Schlange durch die Erfahrung von zehn weiteren Jahren gekräftigt, oder wäre sein Freund, der Wildtödter, da gewesen, so wäre der Versuch unterblieben, da die Vortheile in keiner Weise die Gefahr aufwogen. Aber der Stolz eines indianischen Häuptlings war gespornt durch den Wetteifer der Farbe, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß gerade die Gegenwart des Wesens, von welchem auch nur einen Blick anznnehmen, seine Ideen von Mannhaftigkeit ihm verwehrten, so sehr er von der Liebe, die sie so wohl verdiente, überfloß, einen nicht geringen Einfluß auf seinen Entschluß übte. Chingachgook ruderte stetig auf die Pallisaden zu, und hielt ein wachsames Auge auf die verschiedenen Oeffnungen und Löcher des Gebäudes. Jeden Augenblick erwartete er die Mündung einer Büchse herausgesteckt zu sehen, oder ihren scharfen Knall zu hören; aber er erreichte glücklich und ungefährdet die Pfeiler. Hier war er gewissermaßen geschützt, da er die Spitzen der Pallisaden zwischen sich und der Hütte hatte; und die Gefahren eines Angriffs gegen sein Leben waren, so lang er so geschützt war, sehr vermindert. Das Canoe hatte die Pfeiler erreicht, sein Vordertheil nach Norden gerichtet und in geringer Entfernung von dem Mokasin. Statt zu wenden, um diesen anfzngreifen, umfuhr der Delaware längs«;» das ganze Gebäude, und untersuchte mit gutem Bedacht jeden Gegenstand, der die Anwesenheit von Feinden oder die Verübung einer Gewaltthätigkeit vcrrathcn konnte. Keine Spur jedoch war zn entdecken, welche den rcgegewordenen Verdacht hätte bekräftigen können. Die Stille der Verlassenheit durchwehte das Haus; kein Riegel war von seiner Stelle gerückt; kein Fenster war zerbrochen. Die Thüre sah so fest und verschlossen aus, wie zu der Stunde, wo Hutter sie zugeschlossen, und selbst das Thor des Docks hatte alle seine gewohnten Verrammlungen. Kurz, das schärfste und eifersüchtigste Auge hätte kein anderes Anzeichen von einem feindlichen Besuch entdeckt, als das ans der Erscheinung des schwimmenden Mokastns beruhende. Der Delaware befand sich jetzt in großer Verlegenheit, was weiter beginnen. Einen Augenblick, wie er an die Vorderseite des Kastells kam, stand er im Begriff, ans die Platform hinaus zu steigen, und sein Auge an eines der Gucklöcher zu halten, um selbst unmittelbar durch eigene Anschauung vom Stand der Dinge innen sich zu überzeugen; aber er besann sich doch. Obgleich selbst noch wenig erfahren in solchen Dingen, hatte er doch durch Ueber- liefernngen so viel von indianischen Tücken gehört, hatte mit so athemlosem Interesse den Erzählungen von dem Entkommen der älter» Krieger gelauscht, kurz, war so gut geschult in der Theorie seines Berufes, daß es für ihn beinahe so unmöglich war, bei einer solchen Gelegenheit einen groben Verstoß zu machen, als es für einen Schüler, der einen guten Grund gelegt, und der richtig angcfangen hat, wäre, in der Lösung seiner mathematischen Aufgabe zu fehlen. Der Häuptling gab somit den augenblicklichen Einfall, anszusteigen, aus, und fuhr langsam weiter um die Pallisaden herum. Als er sich dem Mokasin näherte — er hatte jetzt beinahe das ganze Gebäude umfahren — warf er den ominösen Gegenstand durch eine gewandte und beinahe nnmerkliche Bewegung seiner Ruder- schanfel iists Canve. Er war jetzt im Begriff, sich wieder zu entfernen; aber der Rückzug mar sogar noch gefährlicher als die Annäherung, weil das Auge nicht mehr die Löcher beobachten konnte. Wenn wirklich Jemand im Kastell war, so mußte das Motiv des Delaware» bei seiner Auskundschaftung wohl begriffen worden sein, und es war das Klügste, wie gefährlich es quch immer sein mochte, sich mit der Miene der Zuversicht zu entfernen, als wäre jedes Mißtrauen durch die Besichtigung gehoben. Zn 417 diesem Verfahren entschloß sich denn auch der Indianer, der be- dächtlich fortrnderte, die Richtung nach der Arche einschlagend, und durch kein hastiges, ungeduldiges Zucken der Nerven sich zu rascherer Bewegung seiner Arme, oder auch nur zu einem verstohlenen Blick rückwärts verleiten ließ. Keine zärtliche Gattin, ausgewachsen in der Verfeinerung der höchsten Civilisatio», empfing je den Gatten bei der Rückkehr aus dem Feld mit einem innigeren Ausdruck von Empfindung und Rührung, als Hist zeigte, da sie die Große Schlange der Delawaren unverletzt in die Arche steigen sah. Doch drängte sie ihre Gemüths- bewegnngen noch zurück, obwohl die Freude, die in ihren dunkeln Angen funkelte, und das Lächeln, das ihren hübschen Mund verklärte, eine ihrem Verlobten wohl verständliche Sprache redeten. „Nun, Schlange," schrie Hnrry, immer der Erste zu reden, „was Neues von den Bisamratzen? Haben sie ihre Zähne gewiesen, als Ihr ihren Ban umkreistet?" „Mr nicht gefallen," erwiederte in seiner kurzen Art der Indianer. „Zn still, so still! kann Schweigen sehen!" „Das ist ächt indianisch — als ob Etwas weniger Lärm machen könnte, als Nichts! Wenn Ihr keinen bessern Grund anzugeben wißt, als diesen, thäte der alte Tom am besten, sein Segel anfzu- ziehen und hinznfahren, und sein Frühstück unter seinem eigenen Dach einznnehmen. Was ist aus dem Mokasi» geworden?" „Hier!" versetzte Chingachgook, seine Beute zu allgemeiner Ansichtnahme emporhaltend. Der Mokastn ward untersucht, und Hist sprach ihn zuversichtlich für den eines Hnronen an, wegen der Art, wie die Stachelschwcinsstacheln vorn daran geordnet waren. Auch Hutter und der Delaware waren entschieden derselben Ansicht. Aber all' Dieß zugegeben, folgte nicht nothwcndig, daß darum Hnronen im Kastell sein mußten. Der Mokasin konnte ans der Ferne hergetriebcn, oder dem Fuß eines Kundschafters entfallen sein, der den Platz wieder verlassen, nachdem er seine Sendung Der WNdtödter. Z7 418 ausgerichtet. Kurz, er erklärte Nichts, während er so viel Be- sorgniß erweckte. Unter solchen Umständen waren Hutter und Hnrry nicht die Männer, die sich durch so schwache Anzeichen, wie der Mokasin, lange von ihrem Vorhaben abschrecken ließen. Sie zogen wieder das Segel ans, und bald war die Arche wieder in Bewegung auf das Kastell zu. Der Wind, oder Luftzug, dauerte gelinde fort, und die Bewegung mar langsam genug, um eine genaue Besichtigung des Gebäudes während der Annäherung der Fähre zu gestatten. Dieselbe todtenähnlichc Stille herrschte, und es war schwer, sich zu denken, daß ein lebendiges Wesen in dem Gebäude oder seiner Umgebung sein sollte. Unähnlich dem Delawaren, dessen Einbildungskraft, von seinen Traditionen erfüllt, so lange gearbeitet hatte, bis er geneigt war, in einer natürlichen Stille eine durch Absicht und Willen entstandene zu finden, sahen die Andern gar nichts Besorgnißerregendcs in einem Schweigen, das in der That nur den regungslosen Zustand lebloser Gegenstände gezeichnete. Auch sonst mar bei der Scene alles Uebrige eher beruhigend und friedlich, als das Gcgcntheil. Der Tag war noch nicht so weit vorgerückt, daß die Sonne schon über dem Horizont gestanden wäre, sondern der Himmel, die Atmosphäre, die Wälder und der See erschienen sämmtlich in jenem gedämpften Licht, das ihrem Aufgang unmittelbar vorangeht, und was vielleicht der bezauberndste Augenblick von den viernndzwanzig Stunden des Tages ist. Es ist der Augenblick, wo alle Gegenstände klar sind; selbst die Atmosphäre scheint eine flüssige Durchsichtigkeit zu gewinnen, die Farben erscheinen gedämpft und blaß, mit den Umrissen der Gegenstände verschwimmend, und die Perspektive gerade wie sittliche Wahrheiten, die sich in ihrer Einfachheit, ohne den buhlerischen Beistand von Schimmer und Zierrathen darstellen. Mit einem Wort, es ist der Augenblick, wo die Sinne ihre Kräfte an den einfachsten und wahrsten Formen wieder zu gewinnen scheinen, ähnlich dem Geist, 419 -er aus dem Dunkel von Zweifeln zur Ruhe und zum Frieden sicherer Ueberzenguug sich cmporarbeitet. Das Meiste von der Wirkung, die eine solche Scene auf Gemüther Hervorbringen kann, die moralisch gesund genannt werden können, war bei Hutter und Hurry verloren; die beiden Delaware» aber, obwohl zu sehr daran gewöhnt, Zeugen von der Lieblichkeit der frühen Morgenzeit zu sein, als daß sie hätten erst lange ihre Gefühle zergliedern mögen, waren ganz empfänglich für die Schönheiten dieser Stunde, obwohl vermuthlich in einer ihnen selbst unbewußten Weise. Der junge Krieger fühlte sich dadurch friedlich gestimmt; und nie hatte er weniger Verlangen nach dem Ruhm des Kampfes empfunden, als wie er zu Hist in die Kajüte trat, in dem Augenblick, wo die Fähre an der Platform anlegte. Ans der Süßigkeit solcher zarten Rührungen ward er jedoch anfgescheucht durch eine rauhe Aufforderung Hurry's, der ihn anrief, vor zu kommen, nnd beim Ein- zieheu des Segels nnd der Befestigung der Arche behilflich zu sein. Chingachgook gehorchte; nnd bis er das Vordertheil der Fähre erreicht hatte, war Hnrry auf der Platform, stampfte mit den Füßen, zum Ausdruck seiner Freude, wieder die terra lirms, wie man es vergleichnngsweise nennen konnte, zu berühren, und that seine Verachtung des ganzen Stammes der Huronen in seiner gewohnten, lärmenden und kecken Weise kund. Hutter hatte ein Canoe au die Spitze der Fähre herangezogcu, und war schon im Begriff, die Verrammlungen des Thores zu entfernen, um zum Dock hinein zu gelangen. March hatte kein anderes Motiv dabei, daß er auf die Platform gesprungen, als unverständige Prahlerei, und nachdem er an der Thüre gerüttelt, in einer Art, die ihre Festigkeit auf die Probe setzte, sprang er zu Hutter in das Canoe und half ihm Las Thor öffnen. Der Leser wird sich erinnern, daß diese Art hineinznkommen, nothweudig geworden war durch die Weise, wie der Eigenthümer dieser seltsamen Residenz sie gewöhnlich schloß, wenn sie leer blieb, zumal in Zeiten, wo man Gefahr 27 - 420 besorgte. Hntter hatte, als er in das Caiioe trat, dem Delaware» ein Tan in die Hand gegeben, mit der Weisung, daß er die Arche an der Platform befestigen nnd das Segel niederlassen solle. Statt aber diesen Weisnngen zn folgen, ließ Chingachgook das Segel oben, nnd indem er das schlaffe Ende des Tau's über einen Pfeiler herwarf, ließ er die Arche in der Runde weiter treiben, bis sie den Befestignngswerken gegenüber in einer Position lag, daß man mir mittelst eines Bootes in sie gelangen konnte, oder wen» man ans den Spitzen der Pallisaden hinlies, was aber ein Beginnen war, das einige Geschicklichkeit der Füße erheischte, nnd sich im Angesicht eines entschlossenen Feindes nicht wohl ansführcn ließ. In Folge dieser Veränderung der Lage der Fähre, welche ansgeführt wurde, ehe Huttern gelungen war, das Thor seines Docks zn offnen, lagen die Arche nnd das Kastell mit in einander verwickelten Nocken der Raa, nach der Seesprachc, mittelst der Pfeiler zehn oder zwölf Fuß ans einander gehalten. Da die Fähre gegen die letzter» sich herandrängte, bildeten ihre Giebel eine Art von Brustwehr, etwa Manneshöhe, und deckten gewissermaßen die Theile der Fähre, die durch die Kajüte nicht geschützt waren. Der Delaware betrachtete diese Vorkehrungen mit großer Zufriedenheit, nnd als Hutters Canoe durch das Thor in das Dock einfnhr, dachte er: er könnte seine Stellung eine ziemliche Zeit gegen jede Besatzung im Kastell vertheidigcn, hätte er nur den Arm seines Freundes Wilhtödter zum Beistand. Doch auch so fühlte er sich vergleichungs- weise sicher, und empfand nicht mehr die lebhaften Besorgnisse, die er noch ganz kürzlich um Hists willen gefühlt hatte. Ein einziger Stoß brachte das Canoe vom Thor bis zn der Falle unter dem Kastell. Hier fand Hntter Alles fest, weder Schloß, noch Kette, noch Riegel mar verrückt worden. Der Schlüssel ward hervorgeholt, die Schlösser abgenommen, die Kette aufgeschlossen, und die Falle anfgestoßen. Jetzt schob Hurry seinen Kopf durch die Ocffnung hinein; die Arme folgten und die kolossalen 421 Beine stiegen ohne sichtbare Mühe hinauf. Im nächsten Augenblick hörte man seinen schweren Fuß im Gang oben stampfen, der die Gemächer von Vater und Töchtern trennte, und in welchen die Falle sich öffnete. Dann stieß er einen Trinmphschrei aus. „Kommt herauf, alter Tom!" rief der unbekümmerte Waldmann ans dem Innern des Gebäudes heraus; „da ist Euer Häuschen wohlbehalten und gesund; ja, und so leer, wie eine Nuß, die eine halbe Stunde in den Pfoten eines Eichhorns zngebracht hat!* Der Delaware prahlt, er könne das Schweigen sehen; laßt ihn Herkommen, dann mag er es obenein auch greifen." „Schweigen und Stille, wo Ihr seid, Hnrry Harry!" versetzte Hutter, den Kopf in das Loch steckend, während er das letzte Wort sagte, wodurch sogleich seine Stimme den außen Befindlichen ganz gedämpft tönte. — „Schweigen, wo Ihr seid, müßte man wohl sehen und greifen können, denn cs ist jedem andern Schweigen unähnlich." „Kommt, kommt, alter Kamerad; zieht Euch herauf, dann wollen wir Thüren und Fenster öffnen, und die frische Luft herein lassen, die Sachen hell zu machen. Wenige Worte in unruhigen Zeiten machen die Leute zu den besten Freunden. Eure Tochter Judith ist, was ich nenne, ein Mädchen von schlechter Aufführung, und das Band, das mich an die ganze Familie bindet, ist durch ihr neuestes Betragen so gelockert worden, daß es keine Rede brauchte so lang, als die zehn Gebote, um mich zu veranlassen, mich nach dem Fluß zn begeben, und Euch und Eure Fallen, Eure Arche und Eure Kinder, Eure Knechte und Eure Mägde, Eure Ochsen und Eure Esel zn verlassen, daß Ihr den Kampf mit den Irokesen allein ansfechten könntet. Oeffnet dies; Fenster, Floating Tom, und ich will durchstolpern und dasselbe an der Thüre vorn thun." Ein Augenblick des Schweigens trat ein, und ein Getöse, wie durch den Fall eines schweren Körpers verursacht, folgte. Ein dumpfer Fluch von Hnrry ward vernommen, und dann schien das 422 ganze Innere des Gebäudes lebendig geworden zu sein. Das Getöse, der Lärmen, die jetzt so plötzlich, und wir dürfen hinzusetzen, so unerwartet selbst für den Dclawaren die Stille drinnen ablöstcn, konnten nicht mißdeutet werden. Es waren Töne etwa wie sie durch einen Kampf zwischen Tigern in einem Käfig würden verursacht werden. Ein paar Male ward der gellende Ruf der Indianer ausgestoßen, aber er schien gedämpft, wie wenn er ans erschöpften und znsammengepreßten Kehlen dränge; und einmal erscholl ein dumpfer, und dann wieder ein empörend gräßlicher Fluch ans Hurry's Kehle. Es war, als würden menschliche Körper fortwährend gewaltsam an den Boden geschmettert, die sich eben so oft wieder erhoben, den Kampf von Neuem zu beginnen. Chin- gachgook war in peinlicher Verlegenheit, was er thnn solle. Er hatte in der Arche alle Waffen, da Hutter und Hnrry sich an's Werk gemacht hatten, ohne ihre Büchsen mitznnehmen; aber eS war keine Möglichkeit, sich ihrer zu bedienen, oder sie in die Hände ihrer Herren zu bringen. Die Kämpfenden waren im buchstäblichen Sinne wie in Käfigen eingesperrt, und es war unter den obwaltenden Umständen beinahe eben so unmöglich, ans dem Gebäude heraus, als hinein zu kommen. Dann war auch Hist da, die seine Bewegungen hemmte und seine Kräfte lähmte. Um sich dieses Nachtheils zu entledigen, hieß er das Mädchen das noch übrige Canoe nehmen und zu Hutters Töchtern rudern, die sich unvorsichtig, aber mit gutem Bedacht näherten, um sich selbst zu retten, und die Andern vor der Gefahr, die sie liefen, zu warnen. Aber das Mädchen weigerte sich entschieden und fest, zu gehorchen. In diesem Augenblick hätte keine menschliche Macht, hätte nur Anwendung von überlegener physischer Gewalt sie vermocht, die Arche zu verlassen. Die Dringlichkeit des Augenblicks gestattete kein Zögern, und der Delaware, der keine Möglichkeit vor sich sah, seinen Freunden zu dienen, schnitt das Tan ab, und schob mit einem gewaltigen Stoß die Fähre etwa zwanzig Fuß weit von den 423 Pfeilern weg. Hier ergriff er die breiten Ander, und es gelang ihm, eine kleine Entfernung unter dem Winde zu gewinnen, wenn bei einem so leichten Luftzug irgend eine Richtung so bezeichnet werden konnte, aber weder die Zeit noch seine Geschicklichkeit im Rudern machten es möglich, daß diese Entfernung groß wurde. Als er zu rudern anfhörte, mochte die Arche etwa hundert Schritte von der Platform entfernt sei», und etwa um die Hälfte dieser Entfernung weiter südlich, da das Segel eingezogen worden war. Judith »ud Hetty hatten jetzt entdeckt, daß Etwas nicht richtig war, und hatten tausend Fuß weiter nördlich Halt gemacht. Diese ganze Zeit über währte der wüthende Kampf im Hause fort. Bei solchen Austritten häufen sich die Ereignisse in kürzerer Zeit, als die Erzählung erheischt. Bon dem Augenblick anr wo man den ersten Fall im Hause gehört hatte, bis zu dem, wo der Delaware seine mühseligen Versuche im Rudern aufgab, mochten drei bis vier Minuten verflossen sein, aber offenbar war binnen dieser Zeit die Kraft der Kämpfenden schwächer geworden. Man hörte nicht mehr Hurry's Flüche und Verwünschungen, und selbst die Kämpfe hatten etwas an ihrer Gewaltsamkeit und Wuth verloren; dennoch währten sie mit nnbezwinglicher Hartnäckigkeit fort. In diesem Augenblick flog die Thüre auf, und der Kampf ward ans die Platform, in das Licht und in die freie Luft versetzt. Ein Hnrone hatte die Riegel der Thüre aufgebrochen, und drei oder vier seines Stammes stürzten ihm nach auf den engen Raum, als wären sie froh, einer furchtbaren Scene drinnen zn entfliehen. Der Leib eines Andern folgte, der Länge nach durch die Thüre mit entsetzlicher Gewalt hingeschleudert. Daun erschien March, wüthend und tobend wie ein gehetzter Löwe, und für einen Augenblick seiner zahlreichen Feinde entledigt. Hntter war schon gefangen und gebunden. Es war jetzt eine Panse im Kampfe, ähnlich einem ruhigen Augenblick während eines Gewitters. Das Bedürfniß aufznathmen, war für Alle eine gleiche Nothwendigkeit, 424 und die Kämpfer standen da, einander beobachtend, wie Köter, die man aus einander getrieben hat, und die nur eine günstige Gelegenheit abwarten, um ihren Kampf zn erneuen. Wir wollen diese Panse benutzen, um die Art und Weise zu erzählen, wie die Indianer von dem Kastell Besitz ergriffen hatten; und wir thun dicß um so lieber, als es wohl auch nothwendig ist, dem Leser zn erklären, warum ein so erbitterter Kampf in solch' engem Raume doch zugleich verhältnißmäßig so unblutig sein konnte. Rivenoak und sein Begleiter, besonders der Letztere, der von untergeordnetem Rang und einzig mit dem Floß beschäftigt erschienen war, hatten bei ihren Besuchen im Kastell die genaueste» Beobachtungen angestellt; selbst der Knabe hatte schätzbare und in's Einzelne gehende Aufschlüsse mitgebracht. Ans diesem Wege hatten die Hnroncn im Allgemeinen eine Vorstellung bekommen von der Art, wie das Gebäude eonstrnirt und befestigt war, so wie Kenntnisse von Einzelnheitcn, die sie in Stand setzten, im Dunkel mit zweckmäßiger Einsicht zu handeln. Trotz der Sorgfalt, mit welcher Hutter die Arche ans der östlichen Seite des Gebäudes angelegt hatte, als er die Habseligkeitcn von diesem in jene brachte, war er dennoch beobachtet worden, so daß jene Vorsicht ganz nutzlos ward. Kundschafter waren ans der Ost- wie ans der West- Küste des See's ausgestellt gewesen, und das ganze Beginnen bemerkt worden. Sobald es dunkel war, näherten sich Flöße, dem oben beschriebenen ähnlich, von beiden Küsten her, um zu recog- nosciren, und die Arche war an einem ans fünfzig Schritte vorbeigefahren, ohne daß man es entdeckt hatte; die Männer darauf lagen der Länge nach auf den Baumstämmen, so daß sie und ihr langsam sich bewegendes Fahrzeug für das Auge ganz mit dem Wasser sich vermischten. Als diese beiden Rotten von Abenteurern dem Kastell sich näherten, stießen sie zusammen, und nachdem sie sich ihre beiderseitigen Beobachtungen mitgetheilt, näherten sie sich ohne weiteres Zögern dem Gebäude. Wie sie erwarteten, fand man es leer. Die Flöße wurden sogleich au die Küste nach Verstärkungen geschickt, und zwei von den Wilden blieben, um die Vvrtheile ihrer Lage zu benützen. Diesen Männern gelang es, auf's Dach zu kommen, und durch Wegschaffung eines Theils der Rinde in die Dachstube, wenn man so will, zu gelangen. Hier trafen sie ihre Genossen. Beide öffneten jetzt ein Loch durch die behauenen Stämme des obern Bodens, durch das nicht weniger als acht der athletischsten Indianer in das untere Gemach sich hinabließen. Hier blieben sie, wohl versehen mit Waffen und Mnndvorrath, um entweder eine Belagerung ausznhalten, oder einen Ausfall zu machen, wie es die Gelegenheit mit sich brächte. Die Nacht brachten sie schlafend zu, wie die Indianer bei ihren gefährlichsten Unternehmungen zu thnn pflegen. Der wicderkehrende Tag zeigte ihnen die Annäherung der Arche durch die Scharten — der einzige Weg, auf dem Licht und Luft eindrangen, da die Fenster sehr wirksam mit roh gearbeiteten aber genau passenden Planken verschlossen waren. Sobald es gewiß war, daß die zwei weißen Männer im Begriff standen, durch die Fallthüre hereinznkvmmen, traf der die Bewegungen der Hnronen leitende Häuptling demgemäß seine Maßregeln. Er entfernte alle Waffen seiner Leute, selbst die Messer, weil er dem rohen Ungestüm der Wilden, durch persönliche Unbilden gereizt, nicht traute, und verbarg sie an Orten, wo man sic nur bei einigem Nachsnchen finden konnte. Stricke von Bast wurden dann in Bereitschaft gesetzt, und Alle, ihre Posten in den drei verschiedenen Gemächern einnehmend, erwarteten das Signal, über ihre zu hoffenden Gefangenen herzn- fallen. Sobald die Truppe in dem Gebäude war, stellten Männer draußen die Rinde ans dem Dache wieder her, beseitigten sorgfältig alle Anzeichen und Spuren ihres Besuchs, und fuhren dann wieder nach der Küste ab. Einer von diesen hatte seinen Mokastn fallen lassen, den er in der Dunkelheit nicht wieder finden konnte. Wäre der Tod des Mädchens bekannt gewesen, so hätte wahrscheinlich 426 Nichts Hutter und Hurry das Leben retten können; aber dieß Ereigniß trat erst ein, nachdem der Hinterhalt gelegt war, und in einer Entfernung von einigen Meilen von dein, dem Kastell nahe gelegenen Lager. Dieß waren die Mittel und Listen, die man angewendet, um den Stand der Dinge herbeiznfnhren, den wir jetzt weiter zu beschreibe» haben. Zwanzigstes Kapitel. „Ich that, waS thun kann Menschenhand, Und Alles hals nicht mehr; Leb wohl, mein Liel>! mein Heimathland! Denn ich muß Wer's Meer; Mein Lied, Denn ich muß über'S Meer." Schottische Ballade. ^m letzten Kapitel verließen wir die Kämpfenden, wie sie in ihrem engen Kampfplatz Athem schöpften. Gewohnt an die derben Spiele des Ringens und Schwingens, wie sie damals in Amerika und zumal an den Gränzen so gewöhnlich waren, besaß Hnrry neben seiner Ungeheuern Stärke einen Vortheil, der den Kampf minder ungleich machte, als er sonst erscheinen mochte. Dieß allein hatte ihn in Stand gesetzt, so lang allein gegen so viele Feinde ausznhalten; denn der Indianer ist keineswegs, ausgezeichnet durch Stärke oder Gewandtheit in athletischen Hebungen. Bis jetzt war noch Niemand ernstlich beschädigt, obwohl Einige von den Wilden schwere Fälle gethan hatten; namentlich Derjenige, der der Länge nach auf die Platform geschlendert worden, war, kann man wohl sagen, fiir den Augenblick kampfnn- tiichtig geworden. Einige der klebrigen hinkten; und March selbst war nicht ohne alle Beulen dnrchgekommen, obgleich Erschöpfung des Athems der Hanptverlust war, den beide Parteien wieder her- znstellen wünschten. Unter Umständen wie die, worin die Parteien sich befanden, konnte ein Waffenstillstand, welche Ursache er min haben mochte, 427 nicht wohl von langer Dauer sein. Der Kampfplatz war zu euge, und die Besorgnis; von Vcrrätherei zu groß, um dies; zu gestatten. Was man bei seiner Lage gar nicht hätte erwarten sollen, war Harry der Erste, der die Feindseligkeiten wieder eröffnete. Ob er dies; aus Politik that, oder in dem Gedanken, er könnte durch einen plötzlichen und unvermuthcten Angriff irgend einen Vorthcil gewinnen, oder ob es die Folge der Aufregung und seines nie ruhenden Hasses gegen die Indianer gewesen, ist unmöglich zu sagen. Sein Angriff indessen war wnthend, und zuerst trieb er Alle vor sich her. Er packte den nächsten Hnronen um den Leib, hob ihn ganz von der Platform empor, und schleuderte ihn in's Wasser, als wäre er nur ein Kind. In einer halben Minute lagen noch Zwei neben ihm, von welchen Einer eine schwere Verletzung davontrng, weil er auf den ihm eben vorangegangenen Genossen fiel. Nur vier Feinde blieben noch übrig, und in einem Handgemenge, wo man sich keiner anderen Waffen bediente, als der von der Natur selbst gegebenen, glaubte sich Hnrry ganz Mannes genug, mit dieser Zahl von Rothhänten es anfznnehmen. „Hnrrah! Alter Tom!" brüllte er; „die Schurken machen sich in den See, und ich will sie bald Alle schwimmen sehen!" Wie er diese Worte gesprochen, schleuderte ein heftiger Stoß in's Gesicht den verletzten Indianer, der den Rand der Platform gefaßt hatte, und sich hinaufznschwingen versuchte, rettnngs- und hoffnungslos in's Wasser. Als der Kampf vorüber war, sah man seinen dunkeln Leichnam durch das durchsichtige Element des Glimmerglases mit ansgestreckten Armen der Länge nach auf dem Grund der Sandbank liegen, worauf das Kastell stand, in den Sand und das Seegras die Hände einwühlcnd, als ob durch dieß verzweiflnngsvollc Anklammern im Tod das Leben zurückgehalten werden sollte. Ein Streich, einem Andern in die Magenhöhle verseht, rollte ihn ans, wie einen getretenen Wurm; und nur noch zwei tüchtige Feinde blieben zu bekämpfen übrig. Einer von 428 diesen jedoch war nicht mir der Größte und Stärkste unter den Hnronen, sondern auch der Erfahrenste unter den anwesenden Kriegern, und Derjenige, dessen Sehnen in Kämpfen und durch Märsche ans dem Kriegspfad am meisten gestählt waren. Dieser Mann hatte die riesenhafte Stärke seines Gegners wohl gewürdigt, und hatte seine Kraft sorgsam gespart. Er war auch auf's Beste gerüstet für einen solchen Kampf, denn er stand da nur in Beinkleidern, das Modell einer schönen, nackten Statue der Gewandtheit und Stärke. Ihn zu packen erforderte außerordentliche Behendigkeit und »»gewöhnliche Stärke, dennoch bedachte sich Hnrr» nicht, und sobald er jenen Stoß verseht, der in der That einem Mitmenschen das Leben kostete, band er auch mit diesem furchtbaren Feind an, und suchte auch ihn in's Wasser zu drängen. Der nun folgende Kampf war in der That gräßlich. So wild wurde er im Augenblick, und so rasch und wechselnd waren die Bewegungen der Athleten, daß dem noch übrigen Wilden, hätte er auch den Wunsch gehabt, keine Möglichkeit blieb, sich einznmischen, sondern er von Staunen und Furcht wie gefesselt dastand. Er war ein unerfahrener Jüngling, und das Blut gerann ihm, als er Zeuge ward von dem häßlichen Kampf menschlicher Leidenschaften, der sich dazu noch in ungewohnter Gestalt darstellte. Hnrry versuchte zuerst seinen Gegner zu werfen. In dieser Absicht packte er ihn an der Kehle und einem Arm, und suchte ihm mit der Gewandtheit und Stärke eines amerikanischen Gränz- mannes ein Bein zu stellen. Dieß ward vereitelt durch die behenden Bewegungen des Hnronen, der Hnrry bei den Kleidern packen konnte, und dessen Füße jenem Versuch answiche» mit einer Geschwindigkeit, gleich der des Angreifers selbst. Dann folgte eine Art mölöe, wenn man einen solchen Ansdruck gebrauchen darf von einem Kampf zwischen Zweien, in welchem keine Anstrengungen einzeln zu unterscheiden waren, und die Glieder und Leiber der 429 Kämpfende» so viele Stellungen und Verrenkungen annahmcn, daß sie jeder Beobachtung spotteten. Dies; wirre aber müthende Handgemenge dauerte jedoch nicht ganz eine Minute, worauf Hurry rasend, daß seine Stärke durch die Gewandtheit und Nacktheit seines Feindes in ihrem Erfolg getäuscht wurde, eine verzweifelte Anstrengung machte, welche den Huroncu ihm vom Leibe schaffte, und ihn heftig gegen die Blöcke der Hütte schleuderte. Die Er- chüttcrung war so groß, daß sic für einen Augenblick den Letzter» betäubte. Auch der Schmerz erpreßte ihm ei» tiefes Aechzen — ein Zoll, vvn Qual und Angst abgerungen, der in der Hitze des Kampfes einem rotheu Mann nicht selten entfährt. Dennoch stürzte er sich auf's Neue seinem Feind entgegen, wohl wissend, daß seine Rettung von seiner Entschlossenheit abhauge. Jetzt packte Hurry de» Andern um den Leib, hob ihn frei über die Platform empor, und fiel mit seiner gewaltige» Wucht auf den unter ihm Liegenden. Diese weitere heftige Bedrängniß betäubte den armen Indianer so, daß sein gigantischer weißer Gegner ihn jetzt ganz und gar in seiner Hand hatte. Er legte die Hände um die Kehle seines Opfers, und preßte sic zusammen mit der Gewalt einer Schraube, wobei er den Kopf des Huroncu an dem Rand der Platform ordentlich umbog, bis bei der höllischen Stärke, die er anweudete, das Kinn zuoberst war. Ein Augenblick schon zeigte die Folgen. Die Augen des Mißhandelten schienen herauszutreten, seine Zunge reckte sich heraus, und seine Nüstern dehnten sich fast zum Zerspringen. In diesem Augenblick ward ein Strick von Bast, mit einem Auge versehen, geschickt über die beiden Arme Hurry's geworfen; das Ende ward durch das Auge geschoben, so daß eine Schlinge entstand, und jetzt wurden ihm die Ellbogen auf dem Rücken zusammcngezogcn mit einer Gewalt, der selbst seine gigantische Stärke nicht widerstehen konnte. Mit Widerstreben, selbst unter diesen Umständen noch, sah der erbitterte Gränzmann seine Hände zurnckgeriffen von ihrer tödtlichen Umspannung, denn alle 430 bösen Leidenschaften tobten jetzt auf's Höchste in ihm. Beinahe im selben Augenblick fesselte ein gleiches Band auch seine Knöchel, und sein Körper ward in der Mitte der Platform hingerollt, so hilflos und so rücksichtslos, als wäre er ein Holzscheit. Sein befreiter Gegner aber stand nicht auf, denn während er wieder zu athmcn «»fing, hing doch sein Kopf noch kraftlos über den Rand der Blöcke hinunter, und man glaubte Anfangs, der Hals sei ihm verdreht. Nur allmählig erholte er sich wieder, und Stunden vergingen, bis er gehen konnte. Manche glaubten, weder sein Leib noch sein Gcmnth habe sich je wieder ganz erholt von diesem drohenden Vorschmack des Todes. Hnrry hatte seine Niederlage und Gefangennehmnng der blinden Wuth zu danken, mit der er alle seine Kräfte gegen den gefallenen Feind aufbot. Während er mit diesem beschäftigt, waren die zwei von ihm in's Wasser geschlenderten Indianer an den Pfeilern heraufgestiegcn, schlichen jetzt diesen entlang daher, und gesellten sich zu ihrem Genossen auf der Platform. Der Letztere hatte seine Geisteskräfte so weit wieder gesammelt, daß er die Stricke herbcigeholt hatte, die nun zum Gebrauch in Bereitschaft waren, als die Andern erschienen, und sie wurden in der nun schon erzählte» Weise angewendet, während Hnrry mit seiner ganzen Wucht seinen Feind niedergedrückt hielt, nur mit dem gräßlichen Wunsch beschäftigt, ihn zu erdrosseln. So hatte sich in einem Augenblick das Blatt gewendet, er, der so nahe daran gewesen, einen vollständigen Sieg zu erringen, der mittelst Ueber- liefernng Jahrhunderte hindurch in dieser ganzen Gegend wäre bekannt und gepriesen worden, lag jetzt da, hilflos, gebunden, gefangen. So furchtbar waren die Anstrengungen des Bleichgesichts gewesen, so wunderbar die Stärke, die er an den Tag gelegt, daß sie selbst, wie er so, einem gebundenen Schafe gleich, vor ihnen dalag, ihn mit Achtung und nicht ohne Furcht betrachteten. Der kraftlose Leib ihres stärksten Kriegers lag noch aus- gestreckt auf der Platform; und wie sie ihre Augen auf den See warfen, den Kameraden zu suchen, der so unceremoniös hineingeschleudert worden war, und den sie in der Verwirrung des Handgemenges ans dem Gesicht verloren hatten, sahen sie, wie schon beschrieben, seine leblose Gestalt auf dem Grund des See's, an's Gras sich anklammernd, liegen. Alle diese Umstände zusammen machte den Sieg der Hnrone» für sie beinahe so betrübend wie eine Niederlage. Chingachgook und seine Verlobte hatten diesem ganzen Kampf von der Arche ans zngesehen. Als die drei Huronen im Begriffe waren, die Stricke durch die Arme des daliegenden Hnrry zu schieben, suchte der Delaware nach seiner Buchse; aber noch ehe er sich ihrer bedienen konnte, war der weiße Mann gebunden und das Unheil geschehen. Er konnte noch einen Feind niederschicßen, aberden Skalp zu gewinnen war unmöglich, und der junge Häuptling, der so entschlossen sein Leben an eine solche Trophäe wagte, bedachte sich, einem Feinde das Leben zu nehmen, wenn er keine Aussicht ans jene hatte. Ein Blick ans Hist, und der Gedanke an die möglichen Folgen dämpfte jedes fluchtige Racheverlangen. Der Leser weiß schon, daß man von Chingachgook kaum sagen konnte, daß er die Ruder der Arche zu handhaben verstanden habe, so erfahren er auch im Gebrauche der Nnderschanfel auf Canve's sein mochte. Vielleicht gibt es keine Handarbeit, bei der sich die Menschen so ungeschickt und linkisch geberden, wie bei den ersten Versuchen ein Ruder zu handhaben, und selbst der erfahrenste Seemann oder Bootsmann fällt durch mit seinen Bemühungen, neben dem gefeierten Kerbenrndern des Gondeliers zu fignriren. Kurz, es ist für den Augenblick für den neuen Anfänger unmöglich, Ein Ruder- gut zu handhaben; hier aber mar erforderlich, zwei auf einmal, und dazu zwei sehr große zu bewältigen. Große Rnderstangen jedoch werden von einer ungeübten Hand noch eher gehandhabt, als leichtere Werkzeuge, und dieß war der Grund, daß es dem Delawaren beim ersten Versuche doch noch so gut gelang, die Arche -432 von der Stelle zu bringen. Aber dennoch hatte dieser Versuch hingereicht, ihn gegen sich selbst mißtrauisch zu machen, und er sah wohl, in welche kritische Lage er und Hist jetzt verseht waren, falls die Huroneu das Canoe, das noch unter der Fallthüre lag, nahmen und sich gegen sie wandten. In einem Augenblick dachte er daran, Hist in das in seinem Besitz befindliche Canoe zu setzen, und sich nach de» östlichen Bergen zu wenden, in der Hoffnung, durch rasche Flucht die delawarischen Dörfer zu gewinnen. Aber manche Betrachtungen drängten sich ans, um diesen unbesonnenen Schritt zu Hintertreiben. Es war beinahe gewiß, daß Kundschafter den See auf beiden Seiten bewachten, und kein Canoe so leicht der Küste sich näher» konnte, ohne von den Hügeln ans gesehen zu werden. Dann war eine Fährte vor einem indianischen Auge nicht zu verhehlen, und die Kraft Hists war einer Flucht nicht gewachsen, die so rasch und unausgesetzt ansgeführt werden mußte, um der Verfolgung geübter Krieger zu enteilen. Es war dieß eine Gegend Amerika's, wo die Indianer den Gebrauch von Pferden noch nicht kannten, und Alles hing von der physischen Kraft der Flüchtigen ab. Die letzte, aber nicht die geringste Rücksicht war der Gedanke an Wildtödters Lage; ein Freund durfte in seiner Noth nicht so verlassen werden. Hist dachte und folgerte in einigen Punkten, ja sie fühlte auch anders, obwohl sie zu demselben Schluß gelangte. Ihre eigene Gefahr beunruhigte sie weniger, als ihre Sorge um die zwei Schwestern, für welche ihre weibliche Sympathie jetzt auf's Lebhafteste sich betheiligte. Das Canoe der Mädchen hatte sich, bis der Kampf zu Ende war, dem Kastell ans dreihundert Schritte genähert, und jetzt hörte Judith auf zu rudern, da die Anzeichen des Kampfes erst hier dem Auge sichtbar wurden. Sie und Hetty standen aufrecht da, ängstlich bemüht zu erkunden, was vorgefallen, aber außer Stand, sich Gewißheit zu verschaffen, weil das Gebäude großentheils den Kampfplatz verdeckte. -433 Die ans der Arche und im Canoe Befindlichen verdankten der Heftigkeit von Hnrry's Angriff ihre augenblickliche Sicherheit. I» jedem gewöhnlichen Falle waren die Mädchen sofort gefangen worden — eine leicht zu vollziehende Maßregel, nachdem die Huro- nen im Besitz eines Canoe waren, ohne den demüthigenden Schlag, den die Kühnheit der Hnronen in dem jüngsten Kampfe erlitten. Es erforderte eine Weile, bis sie sich von den Eindrücken dieser gewaltsamen Scene erholten; nnd das um so mehr, als der wichtigste Mann der Truppe, wenigstens was persönliche Tapferkeit betraf, so schwer zu Schaden gekommen war. Dennoch war es von höchster Wichtigkeit, daß Judith und ihre Schwester unverzüglich Zuflucht in der Arche suchten, deren Vertheidigungsmittcl, wenigstens für kurze Zeit, Schirm und Schutz boten; und die nächste Aufgabe war, Mittel zu finden, sie hiezu zu veranlassen. Hist zeigte sich auf dem Hintertheil der Fähre, und machte, aber vergebens, allerlei Zeichen nnd Geberden, um die Mädchen zu veranlassen, mittelst eines Bogens das Kastell zn vermeiden und sich der Arche von Osten her zu nähern. Aber diese Zeichen wurden verachtet oder mißverstanden. Wahrscheinlich erkannte Judith noch nicht hinlänglich den wahren Stand der Dinge, um volles Vertrauen in die eine oder andere Partei zn sehen. Statt zu thu», wie man ihr rieth, hielt sie sich vielmehr weiter entfernt; sie ruderte langsam zurück, nordwärts oder nach dem breitesten Theil des Sce's, wo sie die weiteste Aussicht beherrschte, und das weiteste Feld zur Flucht vor sich hatte. In diesem Augenblick erschien die Sonne über den Fichten der östlichen Bergreihe, nnd ein leichter Südwind erhob sich, wie zu dieser Jahreszeit und Stunde ganz gewöhnlich war. Chingachgook verlor keine Zeit das Segel aufznziehen. Was auch seiner warten mochte, daran konnte kein Zweifel sei», daß cs in jeder Weise wünschenswerth war, die Arche in solche Entfernung von dem Kastell zu bringen, daß die Feinde in die Nothwen- digkeit verseht wurden, sich der Arche in dem Canoe zu nähern, das Der Wildtödter. L8 434 die Wechselfällc des Krieges so ungelegen für seine Wünsche und seine Sicherheit ihnen in die Hände geliefert hatten. Der Anblick des schwellenden Segels schien die Hnronen zuerst ans ihrer That- losigkeit zu wecken; und bis die Spitze der Fähre vor dem Winde abgefallen war — was unglücklicherweise in der falschen Richtung geschah — wodurch sie derPlatform ans wenige Schritte sich näherte, fand es Hist nöthig, ihren Geliebten dringend zu ermahnen, wie wesentlich es sei, dast er seine Person gegen die Büchsen der Feinde sicher stelle. Dicß war eine unter allen Umständen zu vermeidende Gefahr, und um so mehr, weilder Delaware sah, daß Hist selbst keine Bedeckung suchen würde, so lange er blvßgestellt blieb. So überließ denn Chingachgook die Fähre ganz ihren eigenen Bewegungen, drängte Hist in die Kajüte, deren Thüren er augenblicklich verschloß, und sah sich dann nach den Büchsen um. Die Lage der Parteien war jetzt so eigcnthümlich, daß sie eine besondere Schilderung verdient. Die Arche war sechzig Schritte vom Kastell entfernt, etwas südlich davon, ans der Seite wohin der Wind blies, mit vollem Segel und ledigem Steuerruder. Das letztere war zum Glück nicht befestigt, so daß es keinen großen Einfluß übte ans die krebsartige Bewegung des ungefügen Fahrzeugs. Da das Segel dem Winde preisgegeben war, wie es die Matrosen nennen, oder keine Brassen hatte, drängte der Luftzug die Raa vorwärts, obgleich beide Schoten fest waren. Die Wirkung war eine dreifach starke bei einem Fahrzeug, das einen vollkommen flachen Boden hatte, und nur etwa drei bis vier Zoll tief im Wasser ging. Das Vordertheil wurde langsam leewärts herum getrieben, die gesummte Masse wurde zugleich nach derselben Richtung kräftig gedrängt, nnddas Wasser, das nothwendig unter dem Lee anschwoll, gab derFähre anch eine verstärkte Bewegung vorwärts. Alle diese Veränderungen jedoch waren ausnehmend langsam, denn derWind war nicht nur schwach, sondern auch wie gewöhnlich unzuverlässig, und zwei-oder dreimal schwankte das Segel. Einmal schlug es ganz und gar zurück. 435 Hätte die Arche irgend einen Kiel gehabt, so wäre sie unausbleiblich auf die Platform, den Bug voran, losgefahren, und dann hätte vermnthlich Nichts die Hnronen verhindert, sie zu nehmen, zumal, da das Segel ihnen möglich gemacht hätte, sich unter einer Deckung zu nähern. So aber trieb die Fähre nur langsam rund herum, an diesem Theil des Gebäudes nur eben vorbeigleitend. An den um einige Fuß vorstehenden Pfeilern jedoch glitt sie nicht vorbei, sondern die Spitze des langsam sich bewegenden Fahrzeugs fing sich zwischen zwei derselben mit einer seiner in rechten Winkeln anslaufenden Ecken und blieb hängen. In diesem Augenblick paßte der Delaware, aufmerksam durch ein Guckloch schauend, eine Gelegenheit ab, zu feuern, während die Hnronen, auf das Gleiche bedacht, in dem Hans sich hielten. Der erschöpfte Krieger lehnte sich gegen die Hütte, da keine Zeit gewesen war, ihn wegznbrin- gen, und Hnrry lag beinahe so hilflos wie ein Klotz, gebunden wie ein Lamm auf der Schlachtbank, der Mitte der Platform nahe. Chingachgook hätte den Erster» jeden Augenblick tödten können, aber sein Skalp wäre ihm doch entgangen, und der junge Häuptling verschmähte es, einen Schlag znMhren, der weder Ehre noch Vortheil brachte. „Fahrt mit einem der Bootshaken heraus, Schlange, wenn Ihr es seid," sagte Hnrry, unter "das Stöhnen hinein, das ihm die Festigkeit der einschneidenden Bande anszupresfen anfing, „fahrt mit einem der Bootshaken heraus und schiebt damit das Vorder- theil der Fähre weg, dann kommt Ihr von uns los — und wenn Ihr Euch diesen Dienst geleistet, dann gebt mir zu Liebe diesem nach Luft schnappenden Schurken den Rest!" Der Zuruf Hnrry's hatte jedoch keine andere Wirkung, als Hists Aufmerksamkeit auf seine Lage zu lenken. Dicß schnellauf- fassende Geschöpf begriff sie auf einen Blick. Seine Knöchel waren mit starken Baststricken mehrmals umwunden, und seine Arme über den Ellbogen auf ähnliche Weise über den Rücken gebunden, so 436 daß er nur mit Händen und Fäusten wenig freies Spiel hatte. Sie setzte den Mund an ein Guckloch, und sagte mit leiser, aber vernehmlicher Stimme: „Warum Euch nicht herwälzen und in die Fähre fallen? Chin- gachgook Hurouen schießen, wenn er nachsetzt!" „Beim Himmel, Mädchen, das ist ein einsichtsvoller Gedanke, und soll versucht werden, wenn der Spiegel Eurer Fähre nur etwas näher kommen will. Legt nur ein Bett aus den Boden, daß ich darauf falle." Dies; ward in einem glücklichen Augenblick gesprochen, denn des Wartens müde, schoßen alle Indianer ihre Büchsen beinahe in Einem Augenblick rasch ab, ohne Jemand zu treffen, obgleich mehrere Kugeln durch die Scharten gingen. Hist hatte einen Theil von Hurry's Worten gehört, das Meiste aber war über dem heftigen Knallen der Gewehre verloren gegangen. Sie machte den Riegel der Thüre auf, die nach dem Hintertheil der Fähre führte, wagte aber nicht ihre Person auszusctzeu. Diese ganze Zeit über hing die Spitze der Arche an den Pfeilern, aber immer lockerer und loser, so wie das andere Ende langsam sich umdrehte, und der Platform näher und näher kam. Hurry, der jetzt mit dem Gesicht der Arche zu lag, gelegentlich sich wendend und bäumend, wie Einer, der große Schmerzen sbduldet, Bewegungen, die er fortwährend gemacht, seit er gebunden war, beobachtete jede Veränderung, und endlich sah er, daß das ganze Fahrzeug frei war, und anfiug, langsam an den Seiten der Pfeiler hinzustreifeu. Das Wagestück war verzweifelt, aber es schien die einzige Auskunft, Martern und dem Tod zu entgehen, und es paßte für die rücksichtslose Kühnheit von dieses Mannes Charakter. Bis zum letzten Augenblick wartend, damit der Spiegel der Fähre sich ordentlich an der Platform riebe, begann er wieder, wie in unerträglichen Schmerzen, sich zu bäumen, alle Indianer überhaupt, und die Hurouen insbesondere verfluchend, und dann wälzte er sich plötzlich 437 und rasch fort, seine Richtung nach dem Hintertheil der Fähre nehmend. Znm Unglück bedurften Hurry's Schultern mehr Raum, um sich fortznmälzen, als seine Fuße, und bis er den Rand der Platform erreichte, hatte sich seine Richtung so geändert, daß er gar nicht mehr in Einer Linie mit der Arche war, und da die Raschheit seiner rollenden Bewegung und die drohende Gefahr keinen Verzug gestatteten, fiel er hinter der Arche in's Wasser. In diesem Augenblick verleitete Chingachgook nach einer Verabredung mit seiner Verlobten die Indianer noch einmal znm Feuern, von welche» Keiner bemerkte, ans welche Weise der Mann, den sie so fest gebunden wußten, verschwunden war. Aber Hists Gefühl nahm lebhaften Antheil an dem Gelingen eines so kühnen Anschlags, und sie bewachte die Bewegungen Hurry's, wie die Katze die Maus. Sobald er sich in Bewegung gesetzt, sah sie die Folgen voraus, und dieß nm so sicherer, als die Fähre sich jetzt mit einiger Stetigkeit zn bewegen anfing, und sic dachte ans Mittel, ihn zu retten. Mit einer Art von instinktmäßiger Besonnenheit öffnete siedle Thüre gerade in dem Augenblick, wo ihr die Büchsen in den Ohren knallten, und geschützt durch die dazwischenliegende Kajüte, trat sic in den Spiegel der Fähre gerade zu rechter Zeit, um Zeugin von Hurry's Fall in den See zn sein. Halb unbewußt, setzte sie ihren Fuß ans das Ende von einer der Schoten des Segels, die hinten angebunden war, und alles entbehrliche Tan abwindend, mit der Unbeholfcnheit, aber auch mit der großherzigen Entschlossenheit eines Weibes, warf sie es dem hilflosen Hurry zn. Das Tan fiel dem Sinkenden ans den Kopf und den Leib, und es gelang ihm nicht nur, Theile davon mit den Händen zn erhaschen, sondern er packte auch wirklich ein Stück davon zwischen den Zähnen. Hurry war ein erfahrener Schwimmer, und gebunden, wie er war, griff er zn dem Anskunftsmittel, das' Philosophie und Nachdenken ihm auch hätten empfehlen müssen. Er war auf den Rücken gefallen, und anstatt zn zappeln, und durch verzweifelte Anstrengungen, 438 auf die Füße zu stehen zu kommen, sich den Tod des Ertrinkens zu bereiten, kieß er seinen Körper so tief als möglich sinken, und war schon, mit Ausnahme seines Gesichts, ganz unter dem Wasser, als das Tan ihn erreichte. In dieser Lage hätte er möglicherweise bleiben können, bis ihn die Hnronen heransgezogen hätten, seiner Hände in der Art, wie die Fische ihrer Flößen sich bedienend, wäre ihm keine andere Hilfe zu Theil geworden; aber die Bewegung der Arche machte bald das Seil straff, und natürlich ward er sachte nachgezogen, gleichen Schritt mit. der Fähre haltend. Die Bewegung hals sein Gesicht über dem Wasserspiegel halten, und Einer, der an Erdnldung lange dauernder Unbequemlichkeiten und Schmerzen gewohnt gewesen, hätte wohl eine Meile weit in dieser seltsamen, aber einfachen Weise sich fortbngsire» lassen können. Es wurde schon gesagt, daß die Hnronen das plötzliche Verschwinden Hnrry's nicht bemerkten. In seinem jetzigen Zustand war er nicht nur durch die Platform dem Auge verborgen, sondern wie die Arche langsam weiter fuhr, von einem jetzt geschwellten Segel getrieben, erwiesen ihm die Pfeiler denselben Liebesdienst. Die Hnronen waren wirklich zu sehr darauf erpicht, ihren Feind, den Delawaren, durch eine Kugel, durch eine der Scharten oder Gucklöcher der Kajüte gesendet, zu tödten, um nur an einen Mann zu denken, den sie so fest und stark gebunden wähnten. Ihre große Sorge war die Art und Weise, wie die Arche an den Pfeilern sich vorüberdrängtc, obwohl ihre Bewegung mindestens um die Hälfte durch die Reibung geschwächt wurde, und sie begaben sich nach dem nördlichen Theile des Kastells, um Gelegenheit zu suchen, durch die Löcher und Scharten auf jener Seite des Gebäudes zu feuern. Chingachgvok war ebenso beschäftigt, und der Zustand Hnrry's blieb ihm ebenso verborgen, wie seinen Feinden. Wie die Arche knarrend vorbeifnhr, spieen die Büchse» ihre kleinen Rauchwolken von einem Versteck znm andern ans, aber die Angen und Bewegungen der andern Partei waren zu rasch, als daß ihnen hätte ein Leid zngefügt werden können. Endlich hatte die eine Partei den Verdruß, und die andere die Freude, die Fähre gänzlich von den Pfeilern loskommen zu sehen, worauf sie sogleich mit einer wesentlich beschleunigten Bewegung gegen Norden weiter rückte. Jetzt erst erfuhr Chingachgvok von Hist die kritische Lage Hnrry's. Hätte einer von Beiden sich auf dem Spiegel der Fäbre blicken lassen und ausgefetzt — so wäre dieß sicherer Tod gewesen, aber zum Glück reichte die Schote, woran der Mann sich fcsthielt, vorwärts bis an den Fuß des Segels. Der Delaware fand Mittel, sie von dem hintern Pflock loszumachen, und Hist, die schon zu diesem Behnfe vorangecilt war, begann sogleich das Tan einzuziehen. In diesem Augenblick trieb Hurry etwa fünfzig bis sechzig Fuß hinter dem Spiegel der Fähre her, nur das Gesicht über dem Wasser. Als er hinter dem Kastell und den Pfeilern hervorgezogen ward, wurden erst die Hnronen seiner ansichtig, die ein häßliches, gellendes Geschrei erhoben, und ein Feuer auf die schwimmende Masse, wie man wohl sagen darf, eröffneten. In diesem Augenblick begann auch Hist das Tan vorn anznziehen — ein Umstand, der wahrscheinlich Hnrry das Leben rettete, verbunden mit seiner eigenen Fassung und Gränzmanns-Besonnenheit. Die erste Kugel schlug in's Wasser, gerade an der Stelle, wo die breite Brust des jungen Riesen durch das reine Element hindurch sichtbar war, und hätte ihm vielleicht das Herz durchbohrt, wäre der Winkel, in dem sie abgefenert worden, weniger scharf gewesen. Aber, statt in den See hinabzndringen, prallte sie von seiner glatten Fläche ab, und begrub sich in der That in den Blöcken der Kajüte, nahe an dem Platze, wo sich vor einer Minute Chingachgvok gezeigt hatte, als er das Tan von dem Pflocke losmachtc. Eine zweite, dritte und vierte Kugel folgten, aber allen leistete die Fläche des Wassers denselben Widerstand, obwohl Hnrry deutlich die heftigen Erschütterungen spürte, die sie, so unmittelbar über 440 seiner Brust, und so nahe in's Wasser treffend, hcrvorbrachten. Ihren Mißgriff entdeckend, änderten jetzt die Hnronen ihren Plan und zielten auf das nicht gedeckte Gesicht; aber jetzt zog Hist das Tau an, die Schießscheibe bewegte sich vorwärts, und die tödt- lichen Geschosse fielen alle in's Wasser. Im nächsten Augenblick ward der Riesenkörper an dem Hintertheil der Fähre vorbeigezogen und wurde jetzt den Feinden unsichtbar. Der Delaware und Hist arbeiteten ganz im Schutze der deckenden Kajüte, und in kürzerer Zeit als die Erzählung erhäscht, hatten sie den gewaltigen Körper Hurry's bis dahin, wo sie standen, herangezogen. Chin- gachgook stand mit seinem scharfen Messer bereit da, beugte sich über die Seite der Fähre hinab, und hatte bald den Bast durchschnitten, der die Glieder des Gränzmannes gefesselt hielt. Ihn hoch genug emporheben, um den Rand des Fahrzeugs zu erreichen, und ihm hereinhelfen, waren minder leichte Aufgaben, da Hurry seine Arme fast noch nicht brauchen konnte; aber Beides wurde doch bald geleistet, worauf der Befreite vorwärts taumelte, und erschöpft und kraftlos auf den Boden des Fahrzeugs hinficl. Hier wollen wir ihn lassen, bis er seine Kraft und den freien Blntumlanf wieder gewinnt, während wir in der Erzählung von Ereignissen fortfahren, welche zu rasch sich herandrängen, als daß sie einen Aufschub gestatteten. Im Augenblick, wo die Hnronen Hurry's Körper ans dem Gesicht verloren, stießen sie Alle zusammen einen Schrei ans, der ihren Verdruß und ihre getäuschte Erwartung bezeugte, und drei der Rüstigsten von ihnen liefen nach der Fallthüre und traten in das Canoe. Es brauchte jedoch etwas längere Zeit, bis sie sich mit ihren Waffen einschifften, die Rndcrschanfeln fanden und, wenn wir so sagen dürfen, ,aus dem Dock herauskamen'. Inzwischen war Hurry in die Fähre ausgenommen, und der Delaware hatte wieder seine Büchsen in Bereitschaft gesetzt. Da die Arche natürlich vor dem Wind segelte, hatte sie sich mittlerweile volle Ml zweihundert Schritte vom Kastell entfernt, und glitt mit jedem Augenblick weiter und weiter, obwohl mit so leichter Bewegung, daß kaum das Wasser aufgewühlt wurde. Das Canoe der Mädchen war eine volle Viertelmeile von der Arche entfernt, und hielt stch, wie man deutlich sah, absichtlich in der Ferne, in Unkunde dessen, was vorgefallen, und ans Furcht vor den Folgen, wenn sie stch zu nahe heranwagten. Sie hatten die Richtung nach der östlichen Kiiste eingeschlagen, und suchten zu gleicher Zeit windwärts von der Arche ab, und gewissermaßen zwischen die beiden Parteien zu kommen, wie mißtrauisch und ungewiß, Wen sie für Freund, Wen für Feind zu nehmen hätten. Die Mädchen führten in Folge langer Gewohnheit die Rnderschanfeln mit großer Gewandtheit; und Judith insbesondere hatte oft im Spiel bei Wettrennen gesiegt, wenn sie mit den gelegentlich den See besuchenden Jünglingen stch in der Schnelligkeit versuchte. Als die drei Hnronen hinter den Pallisaden hervorkamen nnd sich auf dem offenen See sahen, in die Nothwcndigkeit versetzt, ohne Schutzmittel gegen die Arche anznrücken, falls sic bei ihrem ersten Plane beharrten, da kühlte sich ihr Eifer merklich ab. In einem Rinden-Canoe waren sie gänzlich ohne Schutz, und indianische Klugheit war ganz einer solchen Aufopferung des Lebens zuwider, wie sie die wahrscheinliche Folge eines Angriffsversuchs auf einen Feind sein mußte, der so kräftig verschanzt mar wie der Delaware. Statt daher der Arche zu folgen, wandten stch die drei Krieger gegen die östliche Küste hin, in sicherem Abstand von Chingachgooks Büchsen sich haltend. Aber dieß Manöver machte die Lage der Mädchen ausnehmend kritisch. Es drohte, sie, wo nicht zwischen zwei Feuer, doch wenigstens zwischen zwei Gefahren zn bringen — oder was doch ihnen als solche erschien; nnd Judith, statt sich von den Hnronen in einer Art von Netz, wie sie meinte, einschließen zn lassen, begann sogleich ihren Rückzug in südlicher Richtung, in nicht sehr großer Entfernung von der Küste. 442 Zu landen getraute sie sich nicht; wenn sie überhaupt zu diesem Ansknnftsmittel sich entschließen sollte, so konnte sie doch nur im äußersten Fall es zu ergreifen wagen. Zuerst schenkten die Indianer dem andern Canoe wenig oder keine Aufmerksamkeit; denn wohl wissend, Wen es enthielt, achteten sie seine Wegnahme für ver- gleichungsweise unwichtig, während die Arche mit ihren eingebildeten Schätzen, den Personen des Delawaren nnd Hnrry's nnd ihrem bedeutenden Apparat zur Ausführung oon Bewegungen vor ihnen stand. Aber diese Arche hatte ihre Gefahren wie ihre Versuchungen; und nachdem sie beinahe eine Stunde mit schwankenden Bewegungen vergeudet, immer in sicherer Ferne von der Büchse, schienen die Hnronen plötzlich ihren Entschluß zu fassen, nnd begannen ihn dadurch anszufnhren, daß sie eine lebhafte Jagd ans die Mädchen ervffneten. Als dieser letzte Plan angenommen wnrde, waren die Verhältnisse aller Parteien, was ihre gegenseitigen Stellungen betrifft, wesentlich verändert. Die Arche war voll eine halbe Meile weit gesegelt nnd geschwommen, nnd war ziemlich ebenso weit genau nördlich vom Kastell entfernt. Sobald der Delaware merkte, daß die Mädchen ihm answichen, hatte er, außer Stand, sein ungefüges Fahrzeug zu bewältigen, nnd wohl wissend, daß der Versuch, einem Rinden-Canoe durch die Flucht entgehen zu wollen, falls dieß wirklich auf's Verfolgen sich legte, ein nutzloses Unternehmen wäre, sein Segel eingezogen, in der Hoffnung, dieß könnte die Schwestern veranlassen, ihren Plan zu ändern, und in der Arche eine Zuflucht zu suchen. Diese Demvnstration hatte keine andere Wirkung, als daß die Arche der Scene der Handlung näher blieb, und ihre Inhaber Zeugen der Jagd zu sein in Stand gesetzt wurden. Das Canoe Jndith's war etwa eine Viertelmeile südlich von dem der Hnronen entfernt, etwas näher der östlichen Küste, und ungefähr eben so weit von dem Kastell südlich entfernt, als von dem feindlichen Canoe, ein Umstand, der letzteres so ziemlich gegenüber 4L3 von Hutters kleiner Veste brachte. So mar die Lage und Stellung der Parteien/ als die Jagd begann. In dem Augenblick, wo die Hnronen so plötzlich ihren Angriffs- p,lan änderten, befand sich ihr Canoe eben nicht im glänzendsten Zustand zu einer Schnell- und Wettfahrt. Es waren nur zwei Rnderschanfeln da, und der dritte Mann war somit unnütze Uebcr- fracht. Sodann glich der Unterschied im Gewicht zwischen den Schwestern und den zwei andern Männern, zumal bei so äußerst leichten Fahrzeugen, beinahe ganz den Unterschied aus, der sich aus der größer» Stärke der Hnronen ergeben mochte, und machte den wetteifernden Versuch in der Schnelligkeit weit weniger ungleich, als er etwa scheinen mochte. Judith strengte ihre Kräfte nicht eher an, als bis die größere Annäherung des andern Canve's über die Absicht seiner Bewegungen nicht mehr zweifeln ließ, und dann ermunterte sie Hetty, ihr mit aller ihrer Kraft und Geschicklichkeit beizustehcn. „Warum sollen wir fliehen, Judith?" fragte das schwachsinnige Mädchen; „die Hnronen haben mir nie ein Leid gethan, und werden cs, denke ich, auch nie thun," „Das mag so sein, in Beziehung auf dich, Hetty, aber es wird ein ganz anderer Fall sein mit mir. Kniee nieder und sprich deine Gebete, und dann stehe auf und thne dein Aeußerstes, um unsere Flucht zu fördern. Gedenke auch meiner, gutes Mädchen, wenn du betest." Judith sprach dieß in Kraft sehr gemischter Gefühle, erstlich, weil sie wußte, daß ihre Schwester immer in Nöthen die Hilfe ihres großen Bundesgenossen suchte; und dann, weil in diesem Augenblick der anscheinenden Verlassenheit und Prüfung ein Gefühl der Schwäche und Abhängigkeit plötzlich über ihren eigenen stolzen Geist kam. Das Gebet ward indessen rasch gesprochen, und das Canoe war bald in schneller Bewegung, doch boten beide Theile nicht gleich bei dem Beginn alle ihre Kräfte auf, La beide gleich gut wußten^ daß die Jagd wohl heiß werden und lange dauern durfte. Wie zwei Kriegsschiffe, die sich zu einem Treffen rüsten, schienen sie verlangend, zuerst das Verhältnis; der beiderseitigen Schnelligkeit ansznmittcln, um zu wissen, wie sie ihre Kraftentwicklung vor der Hauptanstrcugung abzustufen hätten. Wenige Minuten schon zeigten den Hurouen, daß es den Mädchen nicht an Erfahrung fehle, und daß sie all' ihre Geschicklichkeit und Kraft brauchen wurden, um sie einzuholcn. Judith hatte im Anfang der Jagd nach der östlichen Küste sich gewendet, mit einem unbestimmten Vorsatz, im letzten Nothfall zu landen, und in die Wälder zu fliehen; aber als sie sich dem Lande näherten, machte die Gewißheit, daß Kundschafter ihre Bewegungen beobachten müßten, ihre Abneigung, diese Auskunft zu ergreifen, ganz unüberwindlich. Dann war sie auch noch frisch und hegte sanguinische Hoffnungen, im Stande zu sein, ihre Verfolger zu ermüden. In diesen Gefühlen leitete sie mit ihrem Ruder das Canoe in etwas anderer Richtung, entfernte sich von dem Saum von dunkeln Schirlingstannen, unter deren Schatten sie schon beinahe sich geborgen hatte, und steuerte wieder mehr der Mitte des Scc's zu. Dies; schien der günstige Augenblick für die Hnronen, ihre Kraftaustrengung zu machen, da sie jetzt die ganze Breite des Wassers dazu hatten, und das dazu auf dem weitesten Theile, sobald sie zwischen die Flüchtigen und das Land gekommen waren. Die Canve's flogen jetzt dahin; Judith ersetzte, was ihr an Stärke abging, durch ihre große Gewandtheit und Selbstbeherrschung. Eine halbe Meile weit gewannen die Indianer keinen Vortheil; aber die Fortsetzung so großer Anstrengungen während vieler Minuten griff alle Betheiligten merklich an. Hier bedienten sich die Indianer eines Auskunftsmittels, das sie in Stand setzte, je Einem von ihnen Zeit zum Anfathmen zu gönnen, indem sie mit dem Rudern abwechselten, und zwar ohne daß sie in ihren Anstrengungen merklich nachließcn. Judith schaute sich von Zeit 445 zu Zeit um, und bemerkte, daß dies; Ansknnftsmittel ergriffen worden war. Das machte sie sogleich mißtrauisch gegen den Ansgang, weil ihre Kräfte und Ausdauer schwerlich cs denen von Männern gleich thnn konnten, die überdies; einander abzulöscn vermochten; doch blieb sie standhaft, und gab ihre Befürchtung im Augenblick durch nichts in die Augen Fallendes zu erkennen. Bis jetzt hatten die Indianer sich den Mädchen nur erst auf zweihundert Schritte nähern können, obgleich sie in ,ihrem Kielwasser', oder in geraderer Linie hinter ihnen- waren, denselben Strich des Wassers durchschncidend. Dies; machte die Verfolgung zu einer bolzgeradcn, oder Stern-Jagd, nach dem technischen Ausdruck, was sprichwörtlich eine .lange Jagd', ist; und der Sinn ist der, daß in Folge der beiderseitigen Stellung der Parteien keine Veränderung sichtbar wird, außer derjenigen, die in einem direkten Gewinn auf der kürzesten Annähernngslinie besteht. So .lang' indessen diese Art von Jagd zngestandcner Maßen ist, konnte Judith doch wahrnehmen, daß die Hnronen merklich näher kamen, ehe sie die Mitte des See's gewonnen hatte. Sie war nicht ein Mädchen, das so leicht verzweifelte; aber es war ein Augenblick, wo sie daran dachte, sich zu ergeben, in dem Wunsche, in das Lager geführt zu werden, wo sie Wildtödter als Gefangenen wußte; aber die Erwägung der Mittel, die sie hoffte anwcnden zu können, um seine Freilassung zu bewirken, trat alsbald hemmend dazwischen, und spornte sie zu erneuter Anstrengung ihrer Kräfte. Wäre Jemand dagewcsen, der die Bewegung der beiden Canoe's beobachtet, so würde er das der Judith pfeilschnell vor seinen Verfolgern dahinfliegen gesehen haben, als das Mädchen cs mit frischem Eifer wcitertrieb, während ihr Geist so über seinen glühenden und groß- müthigcn Entwürfen brütete. So bedeutend war in der That der Unterschied in dem Verhältnis; der Schnelligkeit zwischen den zwei Canoe's während der nächsten fünf Minuten, daß die Hnro- ncn anfingen sich zu überzeugen, sie müßten alle ihre Kräfte auf- 446 bieten, oder sie wurden die Schmach erfahren, durch Weiber in ihrer Hoffnung und um ihren Raub betrogen zu werden. Als sie, von dieser kränkenden Ueberzengnng angespornt, eine wüthende Anstrengung machten, brach einem der Stärkeren von ihnen die Rnderschanfcl in dem Augenblick, wo er sie ans der Hand seines Kameraden genommen, um ihn abznlösen. Dies; entschied sogleich die Sache; denn ein Canoe mit drei Männern und nur Einer Rnderschaufel war gänzlich außer Stand, Flüchtlinge, wie die Töchter Tvmas Hutters, einznholen. „Da, Judith!" rief Helty, welche den Unfall bemerkt, „jetzt, hoffe ich, wirst du zngestehen, das; Beten Etwas Hilst! den Huro- nen ist ein Ruder gebrochen, und sie können uns nicht mehr cin- holen!" „Ich habe es nie gclängnet, armeHetty; und manchmalwünsche ich, mit bitterem Leidwesen, ich hätte selbst mehr gebetet, und weniger an meine Schönheit gedacht! Wie du sagst, wir sind jetzt gerettet, und muffen nur ein wenig südlich uns wenden und Athem schöpfen." Dies; geschah; denn der Feind gab seine Verfolgung so plötzlich ans, wie ein Schiff, das eine wichtige Spiere verloren hat, sobald jener Unfall sich begeben hatte. Statt Judiths Canoe zu verfolgen, das jetzt leicht auf dem Wasser südlich dahinschwamm, wendeten die Hnronen den Bug ihres Canoe's nach dem Kastell zu, wo sie bald ankamen und ansstiegen. Die Mädchen, fürchtend, man möchte übrige Ruder in dem Gebäude oder in der Umgebung finden, fuhren immer zu; und sie hielte» erst inne, als sie so weit von ihren Feinden entfernt waren, das; sie im Fall der Ernenernng der Jagd jede Aussicht hatten, zu entkommen. Es schien, als ob die Wilden an keinen solchen Plan dachten; sondern nach Verstnß einer Stunde sah man ihr Canoe, angefüllt mit Männern, das Kastell verlassen und nach der Küste steuern. Die Mädchen waren ohne Lebensmittel, und sie näherten sich jetzt dem Gebäude und 4-47 der Arche, da sie endlich aus den Manövern der letzter» geschlossen hatten, daß Freunde darauf sich befinden mußten. Obgleich das Kastell ganz verlassen schien, näherte sich ihm doch Judith mit äußerster Vorsicht, die Arche mar jetzt eine volle Meile gegen Norden zu entfernt, strebte aber nun auch ans das Gebäude zu, und das mit so regelmäßiger Bewegung, daß Judith sich überzeugte, ein weißer Mann müsse am Ruder sein. Hundert Schritte noch von dem Hans entfernt, begannen die Mädchen es zu umkreisen, um sich zu versichern, daß es leer stehe. Kein Ca- noe war in der Nähe, und dies; ermnthigte sie, näher und näher zu kommen, bis sie ganz um die Pfeiler herum waren und die Platform erreichten. „Geh du in's Haus, Hetty," sagte Judith, „und sich, ob die Wilden fort sind. Sie werden dir kein Leid thnn, und wenn noch Jemand von ihnen da ist, kannst du mich warnen. Ich glaube nicht, daß sie feuern werden auf ein armes, wehrloses Mädchen, und ich werde wenigstens entkommen, bis ich bereit bin, freiwillig mich unter sie zu wagen." Hetty that, was Judith verlangte — und diese zog sich, zur Flucht bereit, einige Schritte weit von der Platform zurück. Aber dieß war nnnöthig, denn kaum eine Minute verstrich, als Hetty mit der Nachricht zurückkehrte, daß Alles sicher sei. „Ich bin in allen Gemächern gewesen, Judith," sagte sie ernst, „und alle sind leer, außer Vater seines; er ist in seiner Stube, schlafend, aber nicht so ruhig, als wir wünschen konnten." „Ist dem Vater Etwas zugestoßen?" fragte Judith, als sie mit dem Fuß die Platform berührte; und sie sprach hastig, denn ihre Nerven waren in einem leicht anfzuregendcn Zustand. Hetty schien bekümmert, und sah sich verstohlen um, als wünschte sie, daß Niemand außer der Tochter höre, was sie mitzutheileu hatte, und daß auch diese es nur obenhin erfahre. „Du weißt, wie es mit Vater manchmal ist, Judith," sagte 448 sie. „Wenn er von geistigem Getränk übermannt ist, weiß er nicht immer, was er sagt oder thut — und jetzt scheint er von geistigem Getränk übermannt." „Das ist sonderbar! sollten die Wilden mit ihm getrunken, und ihn dann verlassen haben? Aber das ist ein betrübender Anblick für ein Kind, Hetty, eine solche Verirrung an einem Vater zu sehen, und wir wollen uns ihm nicht nähern, bis er anfwacht." Aber ein Stöhnen ans dem inner» Zimmer änderte diesen Entschluß, und die Mädchen wagten es, sich einem Vater zu nähern, den in einem Zustand zu finden, der den Menschen zum Thiere herabwürdigt, ihnen nichts Fremdes war. Er saß zurückgelchnt in einem Winkel des cngern Gemaches, die Schultern durch die Ecke gehalten, den Kopf schwer ans die Brust hcrabgesnnken. Judith trat in einer plötzlichen schlimmen Ahnung vor, und entfernte eine Leinwandmntze, die ihm so tief in den Kopf gedrückt war, daß sie das Gesicht, ja Alles, bis auf die Schultern verhüllte. Sobald diese Bedeckung weggenommen war, zeigte das zuckende rohe Fleisch, die entblößten Adern und Muskeln, und all' die andern schauerlichen Zeichen der Sterblichkeit, welche das Abziehen der Haut bloßlegt, daß er skalpirt worden war, obwohl er noch lebte. Einundzwanzigstes Kapitel. Leicht reden sie von dem Geist, der entfloh, Und die Asche mit Hohn sie ihm schänden; Doch er achtet eS nicht, der Ruhestatt froh. Die ihm ward von britischen Händen. Verfasser bestritten. Der Leser mag sich selbst das Entsetzen vorstellcn, welches Töchter empfinden mußten beim Anblick eines so gräßlichen Schauspiels, wie dasjenige war, das sich nach der Erzählung am Schlüsse des letzten Kapitels dem Auge Judiths und Hetty's darbot. Wir gehen hinweg über die ersten Gemnthsbewegunge», über die ersten Geberdungen und Aeusierungen kindlicher Theilnahme und Liebe, und fahren in der Erzählung fort, die einzelnen Züge der empörenden Scene mehr der Einbildungskraft überlassend, als sie anfzeichnend. Der verstümmelte, zerfetzte Kopf war verbunden, das entstellende Blut ans dem Gesicht des Leidenden gewischt, die sonstigen Mittel und Erleichterungen, welche erforderlich und dienlich schienen, angewendet, und es war jetzt Zeit, nach den ernsteren Umständen des Falles sich zu erkundigen. Die Thatsachcn wurden in all' ihren Einzelnheiten, so einfach sie waren, erst nach Jahren bekannt; aber wir können sie hier schon erzählen, da dieß mit wenigen Worten sich thnn läßt. In dem Kampf mit de» Huronen war Hutter getroffen worden von dem Messer des alten Kriegers, der die Vorsicht gebraucht hatte, die Waffen aller Andern, nur seine eignen nicht, entfernen zu lassen. Da er von seinem stämmigen Feind hart gedrängt wurde, hatte das Messer die Sache beendigt. Dieß geschah gerade, als die Thüre geöffnet wurde, und Hnrry, wie oben berichtet, auf die Platform heransstürzte. Dieß war das Geheimnis;, warum keiner von beiden Theilen bei dem nun folgenden Kampfe sich blicken ließ; Hutter war im buchstäblichen Sinne kampfnntüchtig, und sein Sieger schämte sich, mit den Blntspnren an seiner Perfon sich sehen zu lassen, nachdem er so viele Beredsamkeit und Gründe Aufgeboten, seine jungen Krieger von der Nothwendigkeit zu überzeugen, ihre Feinde lebendig zn fangen. Als die drei Huronen von der Jagd znrückkehrten, und es beschlossen war, das Kastell zu verlassen und zu der Truppe auf dem Land znrückznkehren, ward Hutter einfach skalpirt, um die übliche Trophäe zn gewinnen, und dann ließ man ihn so zn sagen zollweis dahinsterben, wie die mitleidlosen Krieger dieses Theils des amerikanischen Festlandes in tausend Fällen schon gethan hatten. Hätte sich jedoch die Mißhandlung Hutters ans seinen Kopf beschränkt, so hätte er sich Der Wildtödter. Lg 450 wieder erholen können, denn der Mefferstoß war es, der tödtlich für ihn wurde. Es gibt Augenblicke des lebhaften Bewußtseins, wo die strenge Gerechtigkeit Gottes in so auffallenden Farben vor Einen hintritt, daß sie aller Bestrebungen spottet, sie dem Auge zu verschleiern, wie unangenehm sie auch das Gemnth berühren, wie beflissen man auch sein mag, ihrer Anerkennung ansznweichen. Sv war es jetzt bei Judith und Hetty, welche beide den Rathschluß einer vergeltenden Vorsehung in der Art des Leidens ihres Vaters erblickten, als Strafe für die von ihm kürzlich gegen die Irokese» gemachten Anschläge. Dieß erkannte und fühlte Judith mit der scharfen Empfindung und Erkenntnis;, die ihrem Charakter gemäß war; während der auf das einfältigere Gemüth ihrer Schwester gemachte Eindruck vielleicht weniger lebhaft war, obwohl er sich vielleicht als nachhaltiger answies. „Oh! Judith!" rief das schwachsinnige Mädchen, sobald sie dem Leidenden ihre erste Sorgfalt gewidmet hatte; „Vater ging selbst auf Skalpe aus, und wo ist jetzt der seinige? die Bibel hätte wohl diese fürchterliche Strafe Vorhersagen können!" „Still — Hetty — still, arme Schwester — er öffnet die Augen; er hört und versteht dich vielleicht. Es ist, wie du sagst und denkst; aber es ist zu schrecklich, davon zu sprechen." „Wasser!" stammelte Hutter wie mit verzweifelter Anstrengung, die seine Stimme fürchterlich tief und stark machte für einen sichtlich dem Tode so Nahen — „Wasser — närrische Mädchen — wollt ihr mich Durstes sterben lassen?" Wasser ward gebracht und dem Leidenden gereicht — das erste, das er in Stunden körperlicher Schmerzen und Pein gekostet hatte. Es hatte die doppelte Wirkung, seine Kehle rein zu machen und für einen Augenblick seine erlöschende Kraft wieder zu beleben. Seine Angen öffneten sich mit jenem ängstlichen, verzerrten Blick, der oft das Scheiden einer vom Tod überraschten Seele begleitet, und er schien sprechen zu wollen. 451 „Vater —" sagte Judith, in unaussprechlicher Augst und Betrübnis' über seinen jammervollen Zustand, und um so mehr, als sie nicht wußte, welche Mittel anzuwenden wären — „Vater, können wir Etwas für Euch thnn? Kann ich und Hetty Eure Schmerzen erleichtern?" „Vater!" wiederholte langsam der alte Mann. „Nein, Judith — nein, Hetty — ich bin kein Vater, Sie war eure Mutter, aber ich bin kein Vater. Seht in dem Schranke nach — dort ist Alles — mehr Wasser!" Die Mädchen erfüllten seinen Wunsch; und Judith, deren frühere Erinnerungen viel weiter znrückreichten, als die ihrer Schwester, und die in jeder Hinsicht viel deutlichere Eindrücke von der Vergangenheit hatte, empfand, als sie jene Worte vernahm, eine nicht zu unterdrückende Anwandlung von Freude. Es hatte nie viel Sympathie zwischen ihrem vermeintlichen Vater und ihr geherrscht, und eine Vermnthnng eben dieser Wahrheit hatte oft ihre Seele durchzuckt in Folge von Gesprächen zwischen Hutter und ihrer Mutter, die sie belauscht hatte. Vielleicht ginge es zu weit, wenn man sagte, sie habe ihn nie geliebt, aber das darf man keck behaupten, sie habe sich gefreut, daß es nicht mehr ihre Pflicht war. Hetty's Empfindungen waren anders. Unfähig, alle die Unterscheidungen zu machen, wie ihre Schwester, war sie ihrer ganzen Natur nach voll Zärtlichkeit, und sie hatte ihren vermeintlichen Vater geliebt, obwohl viel weniger zärtlich als ihre wirkliche Mutter; und es betrübte sie jetzt, von ihm die Erklärung zu hören, daß er nicht durch natürliche Bande zu dieser Liebe berechtigt war. Sie fühlte einen doppelten Schmerz, als ob sein Tod und seine Worte zusammen sie doppelt des Vaters beraubten. Ihren Gefühlen nachgebend, trat das arme Mädchen beiseite und weinte. Die entgegengesetzten Gemüthsbewegnngen der beiden Mädchen machten Beide lange Zeit stumm. Judith reichte dem Leidenden oft Wasser, aber sie enthielt sich, mit Fragen in ihn zn dringen, 89 * 452 einigermaßen ans Rücksicht für seinen Zustand, aber wenn man die Wahrheit gestehen soll, ebensosehr auch, damit nicht, was er bei einer weitern Erläuterung etwa hinzufügte, den angenehmen Glauben störte, daß sie nicht Thomas Hutters Kind sei. Endlich trocknete Hetty ihre Thränen, kam herbei und setzte sich ans einen Schemel neben den Sterbenden, welcher der Länge nach ans den Boden gelegt worden war, das Haupt ans einigen abgetragenen Kleidern anfliegend, die im Hanse zurückgeblieben waren. „Vater," sagte sie, „Ihr werdet mich Euch Vater nennen kaffen, obgleich Ihr sagt, Ihr seid es nicht — Vater, soll ich Euch aus der Bibel lesen — Mutter sagte immer, die Bibel sei gut für Leute in Nöthen. Sie war selbst oft in Noth und Unruhe, und dann ließ sie sich von mir aus der Bibel lesen; denn Judith war nicht eine solche Freundin von der Bibel, wie ich — und es that ihr immer gut. Oft habe ich es erlebt, daß Mutter anfing zuznhören, während ihr die Thränen ans den Angen strömten, und am Ende ganz Lächeln und Heiterkeit war. O! Vater, Ihr wißt nicht, wie viel Gutes die Bibel wirken kann, denn Ihr habt es nie versucht; jetzt will ich Euch ein Kapitel lesen, und es wird EuerHerz besänftigen, wie es die Herzen der Huronen besänftigt hat." Während die arme Hetty so viel Ehrfurcht vor der Tugend der Bibel und so viel Glauben daran hatte, war ihr Verstand zu schwach, als daß sie im Stande gewesen wäre, ihre Schönheiten vollständig zu würdigen, oder ihre tiefe, manchmal geheimnißvolle Weisheit zn ergründen. Jener instinktmäßige Sinn für das Rechte, der sie vor der Begehung eines Unrechts zn schützen schien, und selbst einen Mantel sittlicher Liebenswürdigkeit und Wahrheit um ihren Charakter warf, konnte nicht in tiefsinnige Wahrheiten ein- dringen, oder die feine» Fäden der Verkettung zwischen Ursache und Wirkung, neben dem in die Augen fallenden und unbestreitbaren Zusammenhang, auffinden und verfolgen, obwohl sie selten verfehlte, diesen letzter« wohl einzusehen und sich allen gerechten Conseqnenzen 453 zu unterwerfen. Mit einem Wort, sie gehörte zu Denjenigen, die richtig empfinden und handeln, ohne im Stande zu sein, logische Gründe dafür anzngeben, selbst wenn man ihr die Offenbarung als Autorität gelten ließ. Ihre aus der Bibel gewählten Abschnitte zeichneten sich daher gewöhnlich aus durch die Einfalt ihres eignen Gemüthes, und fielen eher dadurch auf, daß sie Bilder von bekannten und handgreiflichen Dingen enthielten, als jene höhernZüge sittlicher Wahrheiten, wovon die Blätter dieses wunderbaren Buches erfüllt sind — wunderbar und beispiellos, auch abgesehen von seinem göttlichen Ursprung, als ein Werk voll der tiefsten Philosophie, vorgetragen in der edelsten Sprache. Ihre Mutter hatte, in Kraft einer Jdeenverbindung, die dem Leser anffallen wird, eine besondere Vorliebe für das Buch Hiob gehabt; und Hetty hatte großentheils das Lesen gelernt bei den häufigen Unterrichtsstunden, welche diesem ehrwürdigen und erhabnen Gedicht gewidmet waren, das man jetzt für das älteste Buch der Welt hält. Auch in diesem Falle folgte das arme Mädchen der Gewohnheit ihrer Erziehung und Bilhung, und wandte sich zu diesem wohlbekannten Theile des heiligen Buches mit der schnellen Besonnenheit, mit der etwa der geübte Anwalt seine Autoritäten aus den Schätzen juristischer Weisheit citireu würde. Bei der Wahl des Kapitels ließ sie sich durch die Ueber- schriften leiten, und wählte das, was in der englischen Uebersetzung die Ueberschrift hat: ,Hiob rechtfertigt sein Verlangen nach dem Tod'. (Kap. 7.) Dieß las sie stetig, vom Anfang bis zum Ende, mit süßer, leiser und wehmüthigklagender Stimme, in der frommen Hoffnung, die allegorischen und tiefsinnigen Sprüche würden wohl dem Herzen des Leidenden den Trost bieten, dessen er bedürfe. Es ist auch eine Eigeuthümlichkeit der umfassenden Weisheit der Bibel, daß man kaum ein Kapitel aufschlagen kann, es sei denn streng erzählender Art, das nicht irgend eine tiefergeheude Wahrheit enthielte, die ihre Anwendung findet auf den Zustand jedes menschlichen Herzens, so wie auf den zeitlichen Stand seines Besitzers, 454 entweder mittelst der Regungen dieses Herzens, oder auch in noch unmittelbarerer Weise. Im gegenwärtigen Fall war schon der erste Spruch: ,Mnß nicht der Mensch immer im Streite sein auf Erden?" auffallend und zutreffend; und wie Hetty weiter las, fand Hutter manche Sätze und Bilder auf seinen eignen Zustand im leiblichen und geistlichen Sinne bezüglich, oder glaubte wenigstens, solche Beziehungen zu finden. Wenn das Leben rasch dahin flutet, klammert sich der Geist begierig a» jede Hoffnung, wofern er nicht ganz von Verzweiflung niedergedrückt ist. Die feierlichen Worte: -Habe ich gesündigt, was soll ich dir thun, du Menschenhüter? Warum machst du mich, daß ich auf dich stoße, und bin mir selbst eine Last?" ergriffen Hutter noch lebhafter als die andern; und obgleich zn dunkel, als daß ein Mann von seinen abgestumpften Gefühlen und seinem schwerfälligen Geist sie in ihrem vollen Sinn hätte fühle» oder fassen können, fanden sie doch eine so unmittelbare Anwendung auf seinen Zustand, daß er davon heftig betroffen wurde. »Fühlt Ihr Euch jetzt nicht besser, Vater?" fragte Hetty, das Buch znmachend. „Mutter fühlte sich immer besser, wenn sie in der Bibel gelesen." „Wasser!" versetzte Hutter hierauf; „gib mir Wasser, Judith. Ich bin nur begierig, ob meine Zunge immer so heiß bleibe» wird! Hetty, steht nicht auch etwas in der Bibel von dem Kühlen der Zunge eines Mannes, der in den Flammen der Hölle Pein litt?" Judith wandte sich entsetzt ab; Hetty aber suchte eifrig den Abschnitt, den sie dem von seinem Gewissen gequälten Opfer seiner habgierigen Anschläge laut vorlas. „Das ist es, arme Hetty; ja das ist es. Meine Zunge bedarf jetzt der Kühlung; wie wird es drüben sein?" Diese Frage machte selbst die vertrauensvolle Hetty stumm, denn sie hatte für eine so verzwciflungsschwere Frage keine Antwort bereit. Wasser, so lange es dem Leidenden Erleichterung 455 gewährte, vermochten ihm allein die Schwestern zn geben; und von Zeit zu Zeit ward es dem Munde des Dulders gereicht, wenn er darnach verlangte. Selbst Judith betete. Und Hctty, sobald sie fand, daß ihre Bemühungen, ihres Vaters Aufmerksamkeit für ihre Texte zu gewinnen, von keinem Erfolg mehr gekrönt waren, kniete neben ihm hin, und sagte andächtig die Worte her, welche der Erlöser als Muster für menschliche Bitten zu Gott hinterlassen hat. Damit fuhr sie in Zwischenräumen fort, so lange sic glaubte, daß dieser Act dem Sterbenden wohl thuu könne. Aber Hutters Kräfte erhielten sich noch länger, als die Mädchen für möglich gehalten hätten, wie sie ihn zuerst fanden. Zu Zeiten sprach er vernehmlich, öfter aber bewegten sich seine Lippen nur, um Töne anszustoßen, welche dem Geist keine deutliche Vorstellung gaben. Judith lauschte gespannt, und sie hörte die Worte: .Gatte', .Tod', .Seeräuber', ,Gesetz', .Skalpe' und verschiedene andere von ähnlicher Wichtigkeit, obgleich kein Satz den eigentlichen Zusammenhang dessen erläuterte, was sie anssprcchen sollten. Doch waren sie hinlänglich bedeutsam, um von einer Person verstanden zu werden, deren Ohr die Gerüchte nicht überhört hatte, welche gegen den guten Namen ihres vermeintlichen Vaters im Umlauf waren, und deren Combinationskrast eben so rasch, als ihre Fassungskraft lebhaft und aufmerksam war. Während der ganzen peinlichen Stunde, die nun folgte, dachte keine der beiden Schwester» so viel an die Huroneu, um ihre Wiederkunft zu fürchten. Es schien, als hätte ihr Jammer und ihre Betrübnis; sie über die Gefahr einer solchen Störung hiuausgcsetzt; und als endlich der Ton von Rudern gehört wurde, erschrak selbst Judith, welche allein Grund hatte, den Feind zu fürchten, nicht, sondern begriff sogleich, daß die Arche in der Nähe sein müsse. Sie trat fnrchtlos auf die Platform, denn wenn es sich auch zeigen sollte, daß Hurry nicht da, und die Hnronen Meister der Fähre waren, war Flucht unmöglich. Dann besaß sie auch die ^56 Art von Zuversicht, welche der höchste Jammer einzuflößen pflegt. Aber es war kein Grund zu einer Unruhe vorhanden — Chin- gachgook, Hist und Hurry standen alle ans dem offenen Theil der Fähre, und besichtigten vorsichtig das Gebäude, um sich von der Abwesenheit des Feindes zu versichern. Auch sie hatten die Abfahrt der Huronen gesehen, so wie das Herankommen des Canoe's der Mädchen an das Kastell, und ans den letzter» Umstand bauend, hatte March die Fähre ans die Platform zngesteuert. Ein Wort genügte, zu erklären, daß Nicbts zu furchten sei, und bald schwankte die Arche auf ihrem alten Ankerplatz. Judith sagte kein Wort von dem Zustande ihres Vaters, aber Hurry kannte sie zu gut, um nicht zu merken, daß irgend etwas besonders Schlimmes vorgefallen. Er ging voran in das Haus, obwohl nicht ganz mit seinem gewöhnlichen kecken und zuversichtlichen Wesen, und als er in das innere Gemach gelangte, fand er da Hutter auf dem Rücken liegend, und Hetty neben ihm sitzend, die ihm mit frommer Sorgfalt Kühlung znfächelte. Die Vorfälle des Morgens hatten eine merkliche Veränderung in Hnrry's Wesen zur Folge gehabt. Trotz seiner Geschicklichkeit als Schwimmer, und der Geistesgegenwart, mit welcher er das einzige Mittel, das ihn noch retten konnte, ergriffen, hatte doch sein hilfloser Zustand im Wasser, an Händen und Füßen gebunden, einen ähnlichen Eindruck auf ihn gemacht, wie nach der Erfahrung das drohende Herannahen der Strafe auf die meisten Verbrecher: hatte einen lebhaften Eindruck von den Schrecken des Todes in seinem Ge- müthe zurückgelassen, und dies; dazu in Verbindung mit der Vorstellung von physischer Hilflosigkeit; — und die Kühnheit dieses Mannes war weit mehr die Folge ungeheurer physischer Kräfte, als von Willensstärke, oder auch von hitzigem Temperamente. Solche Helden verlieren unausbleiblich einen großen Theil ihres Muths mit der Lähmung oder Beschämung ihrer Stärke, und obgleich jetzt Hnrry ohne Bande und so kräftig wie immer war, -457 waren doch die Ereignisse noch zu frisch, als daß die Erinnerung an seinen kürzlich durchgemachten kläglichen Zustand schon irgend wäre geschwächt gewesen. Wäre er hundert Jahre alt geworden, die Begebnisse der wenigen gefahrvollen Minuten, die er im See zugebracht, würden einen dämpfenden Einfluß auf seinen Charakter, wenn auch nicht immer auf sein Benehmen geübt haben. Hnrry war nicht blos entsetzt, als er seinen Genossen von Kurzem her in dieser verzweiflnngsvollen Lage fand, sondern auch höchlich überrascht. Während des Kampfes in dem Gebäude war er selbst viel zu sehr in Anspruch genommen gewesen, als daß er sich hätte darum bekümmern sollen, was ans seinem Kameraden geworden, und da gegen ihn keine tödtliche Waffe war gebraucht worden, man sich vielmehr alle Mühe gegeben hatte, ihn unversehrt zu fangen, glaubte er natürlich, Hutter sei überwältigt worden, während er sein Entkommen seiner gewaltigen Körperstärke und einem glücklichen Zusammentreffen außerordentlicher Umstände verdankte. Der Tod, in der Stille und in dem trüben Ernst eines Zimmers war ihm etwas Neues. Obgleich an Scencn von Gewaltthätigkeit gewöhnt, war es ihm doch ganz fremd, an einem Bette zu sitzen und den matten Schlag des Pulses zu beobachten, wie er allmählig schwächer und schwächer wurde. Trotz des in seiner Gemüthsstimmung vorgegangencn Wechsels konnte er doch die Angewöhnungen eines Lebens nicht in einem Augenblick ganz bei Seite werfen und in seinem Benehmen verlängnen, und die unerwartete Scene entlockte dem Gränzmann eine ganz charakteristische Rede. „Nun, wie steht's, alter Tom!" sagte er; „haben Euch die Vagabunden einen Vortheil abgewonnen, daß Ihr nicht nur unten zu liegen gekommen, sondern wohl auch liegen bleiben werdet! Ich vermnthete Euch allerdings als Gefangenen, aber glaubte nicht, daß Ihr so hart mitgenommen wäret." Hutter öffnete seine gläsernen Augen und stierte den Redenden 458 wild an. Ein Strom verworrener Erinnernngen stürmte beim Anblick des Mannes, der so knrz nocb sein Kamcrade gewesen, auf seinen verstörten Geist ein. Es war unverkennbar, das; er mit seinen eigenen Phantasiebildern kämpfte, nnd das Wirkliche vom Eingebildeten nicht zu unterscheiden vermochte. „Wer seid Ihr?" fragte er mit heiserem, hohlem Flüstern, denn seine ermattende Kraft weigerte sich, ihn zu einer lauteren Erhebung seiner Stimme zu unterstützen. „Wer seid Ihr? — Ihr seht aus wie der Bootsmann von dem Schnee — er war auch ein Riese, und hätte uns beinahe überwältigt." „Ich bin Euer Bootsmann, Floating Tom, und Euer Ka- merade, habe aber nichts mit Schnee zu schaffen. Es ist jetzt Sommer, und Harry March verläßt immer die Berge so bald nach dem Eintreten des Frosts als irgend thnnlich." „Ich kenne Euch — Hurry Sknrry — ich will Euch einen Skalp verkaufen! — einen gesunden nnd von einem ausgewachsenen Mann — Was gebt Ihr dafür?" „Armer Tom! Dicß Geschäft mit Skalpen ist gar nicht ge- winnreich ausgefallen, und ich bin ziemlich entschlossen, es aufzugeben, und eine» minder blutigen Berns zu ergreifen." „Habt Ihr einen Skalp? Meiner ist fort — Wie fühlt es sich, wenn man einen Skalp hat? —Ich weiß, wie es sich fühlt, wenn man einen verliert — Feuer nnd Flammen um das Hirn — und ein Zucken im Herzen — nein, nein! tobtet vorher, Hurry, und nachher skalpirt!" „Was'meint der alte Bursche, Judith? Er schwatzt wie Einer, der des Geschäfts eben so überdrüssig geworden, wie ich. Warum habt Ihr ihm den Kopf verbunden? oder haben ihm die Wilden mit dem Tomahawk Eins auf's Hirn versetzt?" „Sie haben ihm das gethan, was Ihr nnd er, Harry March, so gern ihnen gethan hättet. Sie haben ihm Haut und Haare vom Kopf gerissen, um Geld vom Gouverncnr von Canada zu 459 bekommen, wie Ihr sie den Hurone» gern heruntcrgerissen hättet, um Geld zu bekommen von dem Gouverneur von Jork." Judith sprach mit einer großen Anstrengung, sich den Schein der Fassung zu geben, aber es lag weder in ihrer Natur, noch in der Stimmung des Augenblicks, ganz ohne Bitterkeit zu sprechen. Ihr scharfer, nachdrücklicher Ton sowohl, als ihr ganzes Wesen veranlaßten Hetty, vorwurfsvoll anfzuschauen. „Das sind hohe Worte aus dem Munde der Tochter von Thomas,Hutter, während Thomas Hutter sterbend vor ihren Augen liegt," erwiederte Hurry scharf. „Gott sei dafür gepriesen! — welchen Vorwurf es auch auf meine arme Mutter laden mag, ich bin nicht Thomas Hutters Tochter!" „Nicht Thomas Hutters Tochter! — Verlängnet den alten Burschen nicht in seinen letzten Augenblicke», Judith, denn das ist eine Sünde, die der Herr nie vergeben wird. Wenn Ihr nicht Thomas Hutters Tochter seid, wessen Tochter seid Ihr denn?" Diese Frage demüthigte den rebellischen Geist Judiths; denn indem sie eines Vaters los ward, von welchem gestehen zu dürfen, daß sie ihn nie geliebt habe, sie als eine Herzenserleichtcrung empfand, übersah sie den wichtigen Umstand, daß kein Stellvertreter in Bereitschaft war, seinen Platz einzunehmen. „Ich kann Euch nicht sagen, Hurry, wer mein Vater war," antwortete sie milder, „ich hoffe, er mar wenigstens ein ehrlicher Mann." „Was mehr ist, als Ihr von dem alten Hutter glaubt sagen zu können? Nun, Judith, ich will nicht läugneu, daß arge Geschichten im Umlauf waren, Floating Tom betreffend, aber wer ist, der nicht einen Kratz davon trüge, wenn ein Feind den Rechen führt? Es gibt Leute, die arge Sachen sagen von mir; und selbst Ihr, so eine große Schönheit Ihr seid, entgeht ihnen nicht immer." Dieß ward gesagt in der Absicht, eine Art Gleichheit des 460 Charakters und Rufes zwischen den Parteien zu begründen, und, wie die Politiker des Tages es anszndriicken pflegen, ,mit weitergreifenden Intentionen^ Was die Folgen gewesen wären bei einem Mädchen von Judiths bekannter Heftigkeit und ihrem zuverlässigen Widerwillen gegen den Sprecher, ist nicht leicht zu sagen; aber gerade jetzt verrieth Hutter durch unzweideutige Anzeichen, daß er seinem letzte» Augenblicke nahe war. Judith und Hetty waren am Sterbebette ihrer Mutter gestanden; keine von Beiden brauchte daher ans die eintrctcnde Krise aufmerksam gemacht zu werden, und jede Spur von Erbitterung schwand aus der Erstcren Antlitz. Hutter öffnete seine Angen, und versuchte sogar, mit der Hand um sich zu tasten, ein Zeichen, daß ihn das Gesicht verließ. Eine Minute darauf wurde sein Athem röchelnd, — eine Panse folgte, wo die Respiration ganz anfhörte; und dann trat der letzte, langgczogene Seufzer ein, mit welchem, wie mau glaubt, der Geist den Körper verläßt. Dies; plötzliche Erlöschen des Lebens eines Menschen, der bisher eine so wichtige Stelle ausgefüllt auf der kleinen Scene, wo er auch eine Rolle zn spielen gehabt, machte allem Hin- und Herreden ein Ende. Der Tag verstrich ohne weitere Unterbrechung, und die Hn- ronen, obwohl im Besitz eines Canoe's, schienen mit ihrem Erfolg so weit zufrieden, daß sie allen weitern Anschlägen gegen das Kastell unmittelbar vorderhand entsagten. Es wäre in der That kein gefahrloses Unternehmen gewesen, sich ihm zu nähern unter den Büchsen Derjenigen, die, wie man wußte, sich jetzt drinnen befanden, und wahrscheinlich von diesem Umstand mehr, als von irgend einem andern, rührte die Waffenruhe her. Mittlerweile wurden Anstalten zur Bestattung Hutters getroffen. Ihn auf dem Land zu begraben, war nnthunlich, und Hetty wünschte, sein Leichnam möchte an der Seite des Leichnams ihrer Mutter im See ruhen. Sic vermochte eine Rede von ihm anznführen, worin er selbst den See ,den Familienbegräbnißplalsi genannt hatte. und zum Glück geschah dieß ohne Varmissen ihrer Schwester, die sich dem Plan, wenn sie davon gewußt hätte, mit unüberwindlichem Widerwillen widerseht haben würde. Aber Judith hatte sich nicht in diese Anordnung gemischt, und alle erforderlichen Vorbereitungen wurden ohne ihren Rath und ihre Kenntnißnahme getroffen. Die für die schmucklose Ceremonie gewählte Stunde war die, wo gerade die Sonne nnterging, und einen Zeitpunkt und eine Scene, die geeigneter gewesen wären, ein Wesen von friedvollem und reinem Geist die letzte Ehre zu erweisen, hätte man nicht erdenken können. Es ist ein Geheimniß und eine feierliche Würde im Tod verborgen, welche die Ueberlebendcn geneigt machen, die Reste selbst eines Frevlers mit einer Art von Ehrfurcht zu betrachten. Alle weltlichen Unterschiede haben anfgehört; man denkt, der Schleier sei gelüftet, und der Charakter und das Schicksal des Abgeschiedenen seien jetzt ebenso über menschliche Meinungen, wie über menschliches Wissen erhaben. In Nichts ist der Tod in wahrerem Sinne ein Glcichmacber, weil, obschon es unmöglich sein mag, den Vornehmen mit dem Geringen, den Würdigen mit dem Unwürdigen ganz und gar zu vermengen, das Gemüth es doch als eine Anmaßung empfände, wollte es das Recht in Anspruch nehmen, Diejenigen zu richten, die, wie man glaubt, vor dem Richterstnhle Gottes stehen. Als man Judith sagte, daß Alles bereit sei, trat sle auf die Platform, der Bitte ihrer Schwester nachgebend, und jetzt erst beachtete sie die Vorkehrungen. Der Leichnam war in der Fähre, eingehüllt in ein Leintuch, und wohl ein Centner Steine, die man von dem Fenerplatz genommen, waren mit demselben eingcschloffen, damit er gewiß sinke. Keine andern Vorbereitungen erachtete man nöthig, doch nahm Hetty ihre Bibel unter dem Arme mit. Als Alle an Bord der Arche sich befanden, ward diese eigen- thiimliche Behausung des Mannes, dessen Leichnam sie jetzt zu seiner letzten Ruhestätte trug, in Bewegung gesetzt. Hnrry war 462 an den Zindern. In seinen gewaltigen Händen erschienen sie in der That als kaum mehr, denn ein paar Rndcrschäufelchen, die er ohne Anstrengung handhabte, und da er in ihrem Gebrauch geübt genug war, blieb der Delaware ein muffiger Zuschauer seiner Arbeit. Die Fahrt der Arche hatte etwas von der feierlichen Langsamkeit eines Leichenzngs, das Eintauchen der Ruder geschah in gemessenem Takt, und die Bewegung war langsam und stetig. Das Anspülen des Wassers, wenn die Ruder sich hoben und senkten, hielt gleichen Schritt mit Hurry's Anstrengung, und hätte mit dem gemessenen Schritt von Leidtragenden verglichen werden können; dann war auch die ruhige Scene in schönem Einklang mit einem Ritus, der immer die Idee Gottes unwillkürlich anfdrängt. In diesem Augenblick war die spiegelglatte Fläche des See's nicht auch nur im Mindesten gekräuselt, und das umfassende Panorama von Wäldern schien ans die heilige Ruhe der Stunde und der Ceremonie in melancholischem Schweigen herabzuschauen. Judith war bis zn Thränen ergriffen, und sogar Hurry, obgleich er selbst kaum wußte warum, war aufgeregt. Hetty behielt den äußern Anschein von ruhiger Fassung, aber ihre innere Betrübniß überstieg weit die ihrer Schwester, da ihr gefühlvolles Herz mehr ans Gewohnheit und in Folge eines langen Zusammenlebens liebte, als in Kraft der gewöhnlichen Verbindung von Gefühl und Geschmack. Sie ward jedoch aufrecht erhalten durch religiöse Hoffnungen, die in ihrem einfachen Gemüth gewöhnlich den Raum einnahmen, welchen in dem Gemüth Judiths weltliche Gefühle ansfüllten; und sie war nicht ganz ohne die Erwartung, Zeugin von einer offenen Kundgebung der göttlichen Macht bei einer so feierlichen Gelegenheit zn sein. Doch war sie weder mystisch noch überspannt, da ihre geistige Schwäche beides verhinderte. Dennoch hatten ihre Gedanken überhaupt so viel von der Reinheit einer besseren Welt an sich, daß es ihr leicht ward, die Erde ganz zn vergessen und nur an den Himmel zn denken. Hist war ernst, aufmerksam und gespannt, 463 denn sie hatte oft Beerdigungen von Bleichgesichtern gesehen obwohl nie eine, die so eigenthümlich zn werden versprach, wie diese; während der Delaware, obwohl ernst und auch beobachtend, in seinem Wesen doch stoisch und kaltblütig blieb. Hetty übernahm die Rolle des Lootsen, und wies Hnrry an, wie er zn steuern habe, um die Stelle im See zu finden, welche sie der ,Mutter Grab' zn nennen pflegte. Der Leser wird sich erinnern, daß das Kastell in der Nähe des südlichen Endes einer Sandbank lag, die sich beinahe eine halbe Meile nördlich erstreckte, und am äußersten Ende dieser Untiefe hatte Floating Tom für- passend erachtet, die Reste seines Weibes und Kindes zu versenken. Jetzt sollten sofort die seinigen daneben beigesetzt werden. Hetty hatte Merkzeichen auf dem Lande, woran sie gewöhnlich die Stelle auffand, obwohl die Stellung der Gebäude, die Richtung der Sandbank überhaupt, und die schöne Durchsichtigkeit des Wassers znmal, das bis auf den Grund zn sehen gestattete, ihr dabei zn Hilfe kamen. Durch diese Mittel ward das Mädchen in Stand gesetzt, den Fortschritt der Arche zn beobachten, und zur rechten Zeit trat sie zn March und flüsterte ihm zn: „Jetzt, Hnrry, könnt Ihr anfhören zn rudern. Wir sind am Stein auf dem Grund vorbei, und der Mutter Grab ist nahe." March stellte seine Arbeit ein, warf sogleich den kleinen Anker aus, und faßte das Tan-Ende mit der Hand, um die Arche in ihrem Laufe zn hemmen. Die Arche drehte sich in Folge dieser Hemmung langsam im Kreise herum, und als sie ganz ruhig stand, sah man auf dem Hintertheil Hetty, in's Wasser deutend, und die Thränen strömten ihr in unwiderstehlicher, natürlicher Rührung aus den Augen. Judith war bei der Bestattung ihrer Mutter gegenwärtig gewesen, hatte aber seitdem den Platz nicht mehr besucht. Diese Vernachlässigung hatte ihren Grund nicht in Gleichgültigkeit gegen das Andenken der Geschiedenen; denn ihre Mutter hatte sie geliebt, und hatte mit bitterem Schmerze Anlaß gefunden, ihren Verlust zu betrauern; aber sie hatte einen Widerwillen gegen die Betrachtung des Todes, und seit dem Bestattnngstage waren in ihrem eignen Leben Begebenheiten vorgefallen, welche dicß Gefühl steigerten, und sie wo möglich noch abgeneigter machten, demPlatze sich zu nähern, welcher die Ueberreste einer Mutter enthielt, deren strenge Lehren und Einschärfnngen von weiblicher Sittlichkeit und Anstand durch Reue über eigene Verfehlungen nur um so ernster und eindringlicher geworden waren. Bei Hetty war es ein ganz anderer Fall. Für ihr einfaches, unschuldiges Gemüth hatte die Erinnerung an ihre Mutter kein andres Gefühl zur Folge als milden Kummer; — einen Schmerz, den man so oft genußvoll oder wollüstig nennt, weil er verbunden ist mit den Bildern von Vortrefflichkeit und von der Reinheit eines bessern Daseins. Eine» ganzen Sommer hatte sie je nach Einbruch der Nacht an den Play sich zu begeben die Gewohnheit gehabt; und ihr Canoe sorgfältig so vor Anker legend, daß der Leichnam nicht verstört wurde, saß sie dann da, und pflog eingebildete Gespräche mit der Geschiedenen, sang süße Hymnen in die Abendlnft und sagte die Gebete her, welche das jetzt drunten schlummernde Wesen sie in ihrer Kindheit gelehrt hatte. Hetty hatte ihre glücklichsten Stunden in diesem mittelbaren Verkehr mit dem Geist ihrer Mutter zngebracht, und die wilden verworrenen indianischen Ueberlieferungen und Meinungen mischten sich, ihr unbewußt, mit der christlichen Lehre, die ihr in der Kindheit war beigebracht worden. Einmal war sie von jenen so weit beherrscht worden, daß sie daran dachte, an ihrer Mutter Grab einige jener physischen Bräuche zu verrichten, welche, wie man weiß, von den rothen Männern beobachtet werden; aber die vorübergehende Anwandlung war zurückgedrängt worden durch das stetige, obwohl milde Licht des Christenthums, das in ihrer sanften Brust nie aufhörte zu brennen. Jetzt waren ihre Gemüthsbewegungen der natürliche Ausbruch des Gefühls einer Tochter, welche um eine Mutter weinte, deren Liebe ihrem Herzen unzerstörbar eingeprägt >465 war, und deren Lehren zn ernstlich eingeschärft morden waren, um so leicht vergessen zn werden von einer Tochter, die so wenig Versuchung zn Verirrungen hatte. Kein anderer Priester als die Natur war gegenwärtig bei diesem cigcnthümlichcn und kunstlosen Leichcnbegängniß. March blickte in das Wasser, und durch das klare, durchsichtige Element, beinahe so rein wie die Luft, sah er, was Hetty .der Mutter Grab' zn nennen pflegte. Es war ein niedriger, einzelner Erdhaufen, nicht durch Spaten gebildet, ans dessen einer Ecke ein Stuck von der weißen Leinwand hcrvorsah, welche das Todtenkleid der Geschiedenen ansmachte. Der Leichnam war ans den Grund versenkt worden, und Hutter hatte vom Land her Erde herbeigeführt und daraus geworfen, bis Alles zugedeckt war. In diesem Zustand war der Platz geblieben, bis die Bewegung des Wassers das einzige Zeichen, das wir so eben erwähnten, sichtbar machte, welches verrieth, wozu der Platz benutzt worden war. Selbst die rohesten und lärmendsten Menschen werden durch die Ceremonie einer Bestattung weicher und gesitteter. March suhlte keine Lust, seine Stimme zn einem jener bei ihm so häufigen rohen Ausbruche» zn erheben, und war ganz geneigt, den Dienst, den er übernommen, in anständiger Nüchternheit zn vollziehen. Vielleicht sann er nach über die Vergeltung, die seinen bisherigen Kameraden betroffen, und dachte an die gräßliche Gefahr, worin sein eigenes Leben vor so kurzer Zeit geschwebt. Er gab Judith zn verstehen, daß Alles bereit sei, erhielt von ihr die Anweisung, Hand an's Werk zu legen, hob, vermöge seiner Ungeheuern Stärke, ohne Anderer Unterstützung de» Leichnam auf, und trug ihn an das Ende der Fähre. Das Seil ward unter den Füßen und unter den Schultern dnrchgezogen, wie unter den Särgen, und dann der Leichnam langsam in den See versenkt. „Nicht hier — Harry March — nein, nicht hier!" sagte Der WNdtödtcr. Zg 466 Judith unwillkürlich schaudernd, „versenkt ihn nicht so ganz nahe an dem Platz, wo Mutter liegt." „Warum nicht, Judith?" fragte Hett» ernst. „Sie lebten mit einander im Leben und sollen im Tode bei einander ruhen." „Nein — nein — Harry March — weiter weg, weiter weg, — arme Hetty, du weißt nicht, was du sagst. — Laß mich das anordnen." „Ich weiß, ich bin schwachsinnig, Judith, und du bist gescheitst, — aber, gewiß, ein Ehemann soll immer neben die Frau gelegt werden. Mutter sagte immer, das sei die Art, wie man ans christlichen Kirchhöfen begrabe." Dieser kleine Streit wurde mit Eifer, obwohl mit gedämpfter Stimme geführt, als fürchteten die Sprechenden, der Totste möchte sie hören. Judith konnte in einem solchen Augenblick nicht mit ihrer Schwester hadern, aber eine bedeutsame Geberde von ihr bewog March, den Leichnam in einer kleinen Entfernung von dem der Mutter zu versenken, woraus er die Stricke heranfzog und der Akt geschlossen war. „So hat's ein Ende mit Floating Tom!" rief Hnrry, sich über die Fähre vorbeugend, und dnrch's Wasser den Leichnam anstarrcnd. „Er war ein braver Kamerad ans einer Kundschaft, und ein tüchtiger Kerl im Fallenstellen. Weint nicht, Judith — laßt Euch den Schmerz nicht übermanncn, Hetty, denn die Rechtschaffensten von uns müssen Alle auch sterben, und wenn die Zeit kommt, können Wehklagen und Thräncn die Todten nicht wieder zum Leben bringen. Euer Vater wird ein Verlust für ench sein, ohne Zweifel; die meisten Väter sind ein Verlust, besonders für unverheirathete Tochter, aber es gibt ein Mittel, dies; Uebel zu heilen, und ihr seid Beide zu jung und zu schön, als daß ihr jenes Mittel lange nicht finden solltet. Wcnn's Ench angenehm ist, zu hören, was ein ehrlicher und anspruchsloser Mann zu sagen hat, Judith, möchteich wohlein wenig mitEnchsprechen, unddas bei Seite." L67 Judith hatte kaum aufHurry's rohen Tröstungsversuch gemerkt, obwohl sie natürlich die Abzwecknng davon im Allgemeinen verstand, und einen ziemlich genauen Begriff von seiner Art und Weise hatte. Sie weinte bei der Erinnerung an ihrer Mutter frühere Zärtlichkeit, und schmerzliche Bilder von lange vergessenen Anweisungen und vernachlässigten Lehren stürmten auf ihr Gemüth ein. Aber Hnrry's Worte riefen sie wieder in die Gegenwart zurück, und so überraschend und nnzeitig ihr Inhalt war, hatten sie doch nicht jene Aenßernngen von Widerwillen zur Folge, die man bei dein Charakter des Mädchens hätte erwarten können. >Jm Gegentheil, es schien ihr ein plötzlicher Gedanke aufzugehcn, sie schaute einen Augenblick den jungen Mann scharf an, trocknete sich die Augen, und begab sich nach dem andern Ende der Fähre, ihm winkend, ihr zu folgen. Hier setzte sie sich und bedeutete March, sich neben sie zu setzen. Die Entschiedenheit und der Ernst, womit dieß Alles geschah, schüchterten ihren Genossen ein wenig ein, und Judith fand nöthig, selbst das Gespräch zu eröffnen. „Ihr wünscht mit mir von Heirath zu sprechen, Harry March," sagte sie, „und ich komme hieher, über dem Grabe meiner Eltern, gleichsam — nein, nein — über dem Grabe meiner armen, theuern, thcueru Mutter, zu hören, was Ihr mir zu sagen habt." „Das ist ungewöhnlich, und Ihr habt ein so scheumachendes Wesen au Euch diesen Abend, Judith," antworteteHurry, verstörter als er selbst hätte gestehen mögen; „aber Wahrheit ist Wahrheit, und sie kommt an den Tag, folge dann was da will. Ihr wißt, Mädchen, daß ich Euch längst schon für das hübscheste junge Weib halte, das meine Augen je gesehen, und daß ich daraus kein Geheimnis' gemacht habe, weder hier auf dem Sec, noch draußen bei den Jägern und Fallenstellern, noch in den Ansiedlungcn." »Ja, ja, ich habe das sonst schon gehört, und glaube, daß es wahr ist," antwortete Judith mit einer Art fieberhafter Ungeduld. „Wenn ein junger Mann eine solche Sprache führt von einem 30 * 468 bestimmten jungen Weibe, so ist es vernünftig, anzunehmcn, das; er viel ans sic hält." „Wahr — wahr, Hnrry — das Alles habt Ihr mir oft und viel gesagt." „Nun, wenn es angenehm ist, so sollte ich meinen, ein Weib könne cs nicht zu oft hören. Alle sagen mir, das sei die Art Eures Geschlechtes — Nichts gefalle Euch mehr, als wenn man Euch hundert und aber hundert Mal wiederhole, daß man Ench gern habe — ausgenommen das, daß man Ench von Eurer Schönheit spreche." „Ohne Zweifel — wir haben Beides gern in den meisten Fällen; aber das ist ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, Hnrry, und eitle Worte sollten nicht allzu frei gebraucht werden. Ich möchte Euch lieber ganz einfach reden hören." „Ihr sollt Euer» Willen haben, Judith, und ich vermnthe halb, Ihr werdet ihn immer haben. Ich Hab' Euch oft gesagt, daß ich Euch nicht nur lieber habe, als irgend ein junges Weib auf Erden, oder eigentlich lieber als alle jungen Weiber ans der Welt; aber Ihr mußt bemerkt haben, Judith, das; ich Ench nie mit offenen Worten aufgefordert habe, mich zn hcirathcn." „Ich habe Beides bemerkt," versetzte das Mädchen, und ein Lächeln schwebte um ihren schönen Mund, trotz der seltsamen und derben Zutäppischkcit Hurry's, die ihre Wangen flammen machte, und ihre Augen mit einem beinahe blendenden Glanz entzündete, — „ich habe Beides bemerkt, und habe das Letztere auffallend gefunden an einem Mann von Harry Marchs Entschlossenheit und Furchtlosigkeit." „Das hat seinen Grund gehabt, Mädchen, und einen, der mich noch jetzt unruhig macht, — nein, werdet mir nicht so roth, und seht nicht drein wie Feuer und Flammen, denn da gibt es freilich Gedanken, die einem Mann lang im Kopf stecken können, wie es Worte gibt, die ihm in der Kehle stecke» bleiben — aber dann gibt es auch Gefühle, welche die Oberhand gewinnen über sie alle, »nd diesen Gefühlen, sehe ich, muß ich mich jetzt unterwerfen. Ihr habt keinen Vater und keine Mutter mehr, Judith, und es ist moralisch unmöglich, das; Ihr und Hetty hier allein leben solltet, selbst wenn es Friede und die Irokese» ruhig wären; aber wie die Sachen jetzt stehen, wurdet Ihr nicht mir Hungers sterben, sondern auch Beide, vor Ablauf einer Woche, Gefangene oder skalpirt sein. Es ist Zeit, an einen Wechsel und an einen Ehemann zu denken, und wenn Ihr mich nehmen wollt, so soll alles Vergangene vergessen sein, und das ist Alles, was ich zu sagen habe." Judith hatte Muhe, ihre Ungeduld zu zügeln, bis diese rohe Erklärnng nebst Antrag gemacht war, welche zu hören sichtlich ihr Wunsch gewesen, und die sie jetzt wirklich mit einer Bereitwilligkeit anhörte, die wohl einige Hoffnung erregen konnte. Sie ließ den jungen Mann kaum zum Schluß kommen, so begierig war sie, ihn auf den Hauptpunkt zu bringen, und so gefaßt mit ihrer Antwort. „So, Hurr», das ist genug," sagte sie, eine Hand erhebend, wie um ihm Einhalt zu thnn. „Ich verstehe Euch so gut, als sprächet Ihr noch einen Monat fort. Ihr gebt mir den Vorzug vor andern Mädchen, und wünscht, daß ich Eure Frau würde." „Ihr faßt es in bessere Worte, als ich es vermag, Judith, und ich wünschte, Ihr dächtet, ich habe cs in solchen Worten aus- gedrückt, wie Ihr sie am liebsten hört." „Sie sind einfach genug, Hnrry, und cs ist auch angemessen, daß sie das sind. Es ist jetzt nicht am Orte zu tändeln oder zu täuschen. Hört denn meine Antwort, die in jedem Welchen so aufrichtig sein soll, wie Euer Antrag. Es ist ein Grund, March, warum ich nie würde —" „Ich glaube, ich verstehe Euch, Judith; aber wenn ich bereit bin, diesen Grund zu übersehen, so geht das Niemand etwas an, als mich. Nun, lodert nur nicht so auf, wie der Himmel beim Sonnenuntergang; ich will ja nichts Beleidigendes sagen, und Ihr solltet es nicht so nehmen." 470 „Ich lodere nicht auf, und ich nehme Nichts als Beleidigung," sagte Judith kämpfend, ihre Entrüstung zu unterdrücken, in einer Art, wie sie noch nie früher sich im Falle befunden, mit sich kämpfen zu müssen. „Es ist ein Grund, warum ich nie Euer Weib werden werde, cs nicht kann, Hnrry, den Ihr zu übersehen scheint, und welchen Euch jetzt zu sagen meine Pflicht ist, so unumwunden, wie Ihr von mir verlangt habt, es zu werden. Ich liebe Euch nicht so, und weiß gewiß, daß ich Euch nie so lieben werde, daß ich Euch heira- then könnte. Kein Mann kann sich ein Weib wünschen, das ihn nicht allen andern Männern vorzieht, und wenn ich Euch dies; offen sage, werdet Ihr mir, denke ich, selbst danken für meine Aufrichtigkeit." „O Judith, die flunkernden, lustigen, scharlachröckigen Offiziere von den Garnisonen haben all' dies; Unheil angerichtet!" „Still, March! verleumdet nicht eine Tochter über dem Grab ihrer Mutter! Gebt mir nicht, wenn ich nur ehrlich gegen Euch handeln will, Grund, in der Bitterkeit meines Herzens Unglück auf Euer Haupt herabznrnfen! Vergesst nicht, daß ich ein Weib bin, und Ihr ein Mann seid; daß ich weder Vater noch Bruder habe, Eure Worte zu rächen." „Nun, am Letzter,; ist Etwas, und ich will nicht mehr sagen. Nehmt Enäi Zeit, Judith, und besinnt Euch eines Bessern." „Ich brauche keine Zeit; ich bin längst entschlossen, und habe nur gewartet, bis Ihr offen sprechen würdet, um Euch offen zu antworten. Wir verstehen jetzt einander, und weitere Worte nützen Nichts." Der heftige, ungestüme Ernst des Mädchens machte den jungen Mann schüchtern, denn nie früher hatte er sie so streng und entschlossen gesehen. Bei ihren meisten früher,; Gesprächen hatte sie seine entgegenkommenden Worte mit Ausflüchten oder Spöttereien beantwortet; aber diese hatte Hnrry fälschlich für weibliche Koketterie genommen, und geglaubt, sie würden sich leicht in eine Einwilligung verwandeln. Der Kampf in seinem Innern hatte den 471 Antrag betroffen; nnd nie hatte er im Ernst es für möglich gehalten/ daß Jndith sich weigern würde, das Weib des schönsten Mannes auf der ganzen Gränze zn werden. Jetzt, als diese Weigerung kam, nnd das in so entschiedenen Ansdrücken, daß alle Spitzfindigkeiten außer Frage gestellt waren, mar er, wenn nicht eigentlich betäubt und verwirrt, doch so gekränkt nnd überrascht, daß er keine Lust zn einem Versuch fühlte, ihren Entschluß wankend zn machen. „Der Glimmerglas hat jetzt keine große Anziehungskraft für mich," rief er ans, nachdem er eine Minute geschwiegen. „Der alte Tom ist dahin, die Hnronen sind in solcher Menge ans den Küsten, wie Tauben in den Wäldern; nnd überhaupt wird es nachgerade ein unlieblicher Play." „Dann verlaßt ihn. Ihr seht, er ist von Gefahren umgeben, und es ist kein Grund vorhanden, wenn Ihr Euer Leben für Andere auf's Spiel setzen solltet. Auch wüßte ich nicht, wie Ihr uns einen Dienst leisten solltet. Geht, heute Nacht noch; wir wollen Euch nie anklagcn, etwas Undankbares oder Unmännliches gethan zn haben." „Wenn ich gehe, so ist es mit schwerem Herzen, Enrethalb, Jndith; ich nähme Euch lieber mit." „Davon kann jetzt nicht mehr die Rede sein, March; aber ich will Euch an's Land setzen in einem der Canoe's sobald es dunkel ist, und Ihr Euch »ach der nächsten Garnison flüchten könnt. Wenn Ihr das Fort erreicht, wcnnJhr uns könntet eine Truppe schicken —" Judith erstarken die Worte im Munde, denn sie fühlte, daß es demüthigcnd für sie sei, sich so den Bemerkungen und Glossen eines Mannes preiszngcben, der ihr Benehmen gegenüber allen Denen, die in den Garnisonen sich befanden, eben nicht im günstigsten Licht anzusehen geneigt war. Hnrry aber faßte die Idee auf; nnd ohne sie zu verdrehen, wie das Mädchen fürchtete, antwortete er in diesem Sinne. „Ich verstehe, was Ihr sagen wolltet, und warum Ihr es nicht sagt," versetzte er. „Wenn ich wohlbehalten in das Fort gelange, soll eine Truppe sich anfmachen zur Verfolgung dieser Vagabunden, und ich will selbst mitkvmmeu, denn es würde mich freuen, Euch und Hetty sicher und wohlbehalten nntergebracht zu sehen, ehe wir auf immer scheiden." „Ach, Harry March, hättet Ihr immer so gesprochen, so gefühlt, meine Gesinnungen gegen Euch wären wohl jetzt anders!" „Ist es jetzt zu spät, Judith? Ich bin rauh und ein Waldmann; aber wir ändern »ns Alle, wenn man uns anders behandelt, als wir gewohnt gewesen." „Es ist zu spät, March, ich kann nie für Euch oder irgend sonsteinen Mann, Einen ausgenommen, die Gefühle haben, wie Ihr wünscht, daß ich sie gegen Euch hätte. So; ich habe jetzt sicherlich genug gesagt, und Ihr werdet mich nicht weiter mit Fragen bestürmen. Sobald es dunkel ist, sehe ich oder der Delaware Euch an's Land; Ihr eilt was Ihr könnt an den Mohawk und zur nächsten Garnison, und schickt uns Beistand so viel Ihr könnt. Und, Hurry, wir sind jetzt Freunde, und ich kann Euch vertrauen, nicht wahr?" „Gewiß, Judith; obwohl unsere Freundschaft bei weitem wärmer wäre, könntet Ihr mich so ansehen, wie ich Euch!" Judith zauderte, und eine gewaltige Gemnthsbewegung kämpfte in ihr. Dann, als wäre sie entschlossen, alle Schwächen niederzudrücken und ihre Zwecke auszufnhren, ans jede Gefahr hin, sprach sie sich noch offener aus. „Ihr werdet einen Kapitän mit Namen Warley ans dem nächsten Posten finden," sagte sie, blaß wie der Tod, und zitternd während sie sprach; „ich halte für wahrscheinlich, daß er sich an die Spitze der Truppe zu stellen wünscht; mir wäre es weit lieber, wenn es ein Anderer wäre. Wenn Kapitän Warley zurückgehalten werden könnte, würde es mich sehr glücklich machen." „Das ist leichter gesagt, als gethan, Judith; denn diese Offiziere 473 thnn eben meist was ihnen beliebt. Der Major wird Befehl geben, nnd Kapitäns nnd Lieutenants und Fähndriche muffen gehorchen. Ich kenne den Offizier, den Ihr meint, einen rothanssehendcn, muntern, lebenslustigen Gentleman, der Madeira hinnnterfchlnckt, genug, um den Mohawk zu ertränken, nnd doch ein angenehmer Plauderer. Alle Mädels im Thal bewundern ihn; nnd es heißt, er bewundere alle Mädels. Es wundert mich nicht, wenn er Euch zuwider ist, denn er ist recht ein General-Liebhaber, wenn er auch kein General-Offizier ist." Judith antwortete nicht, zitterte aber am ganzen Leib, nnd ihre Farbe wechselte von Weiß in Purpur, »nd von Purpur wieder in Todesblässe. „Ach, meine arme Mutter!" sprach sie jammernd im Geist, statt ein lautes Wort zu äußern; „wir sind über deinem Grabe, aber du weißt wohl nicht, wie sehr deine Lehren vergessen worden sind, deine Sorgfalt verachtet, deine Liebe getäuscht ist!" Wie sie dies; Nagen des Wurmes fühlte, der nie stirbt, stand sie ans nnd bedeutete Hnrry, daß sie ihm nichts mehr mitzntheilen habe. Zweiundzwanzigstes Kapitel. . Jene Stufe Des Elends, die den Unterdrückten macht Mr Nicbts sein eignes Leben achten mehr, Die macht ihn auch zum Herrn vom Leben seines Bedrückers. Coleridgc. diese ganze Zeit über war Hetty im Vordcrtheil der Arche sihcn geblieben, kummervoll in das Wasser schauend, das den Leichnam ihrer Mutter barg, so wie den des Mannes, den man sie als ihren Vater anznsehen gelehrt hatte. Hist stand neben ihr in rnhiger Sanftmnth, konnte ihr aber mit Worten keinen Trost bieten. Die Gewohnheiten ihres Volks lehrten sie in dieser Be- 47-1 ziehung Zurückhaltung; und die Art und das Gefühl ihres Geschlechts hieß sic geduldig einen Augenblick abwarten, wo sie ein wohlthucudes Mitgefühl durch die That statt mit Worten au den Tag legen könnte. Chingachgook hielt sich in ernster Zurückhaltung etwas entfernt, wie ein Krieger drein schauend, aber fühlend wie ein Mensch. Judith trat zu ihrer Schwester mit einer Würde und Feierlichkeit in ihrem Wesen, wie es sonst nicht in ihrer Art war zu zeigen; und obwohl ans ihrem schönen Gesicht noch die Schatten der innen, Qual sichtbar waren, sprach sie doch fest und ohne Beben der Stimme. In diesem Augenblick entfernten sich Hist und der Delaware, und begaben sich an's andere Ende des Fahrzeugs zu Hnrry. „Schwester," begann Judith freundlich, „ich habe dir viel zu sagen; wir wollen in dieß Canoe steigen und ei» wenig von der Arche weg rudern — die Geheimnisse von zwei Waisen dürfen nicht von jedem Ohr vernommen werden." „Aber gewiß, Judith, von dem Ohr ihrer Eltern. Laß Hnrry den Anker lichten und mit der Arche wegfahren, und uns hier allein lassen, neben de» Gräbern von Vater und Mutter, damit wir uns sagen, was wir zu sagen haben." „Vater!" wiederholte Judith langsam, und das Blut stieg ihr, zum ersten Mal wieder, seit sie sich von March getrennt, in die Wangen; „er mar nicht unser Vater, Hctty. Das haben wir ans seinem eigenen Munde, und zwar in seiner Sterbestunde." „Freust du dich, Judith, zu erfahren, daß du keinen Vater gehabt hast? Er sorgte für uns, und nährte uns, und kleidete uns, und liebte uns; ein Vater hätte nicht mehr thnn können. Ich verstehe nicht, warum er nicht unser Vater war." „Laß das, liebes Kind, aber wir wollen thnn, wie du gesagt hast. Es ist wohl gut, wenn wir hier bleiben und die Arche ein wenig weiter fahren lassen. Setze du das Canoe in Bereitschaft, und ich will Hurry und den Indianern unsere Wunsche sagen." Dieß war bald und ohne Weitläuftigkeit gethan; die Arche entfernte sich unter gemessenen Schlägen der großen Ruder etwa hundert Schritte weit von dem Platz, und die Mädchen blieben, fast wie in der Luft schwimmend, über der Begräbnißstätte der Todten, — so schwebend war das leichte Fahrzeug, das sie trug, und so durchsichtig das reine Element, auf dem cs ruhte. „Der Tod des Thomas Hutter," begann Judith — nachdem eine kleine Panse ihre Schwester vorbereitet hatte, ihre Mitthci- lnngen anfznnehmen, „hat alle unsere Aussichten verändert, Hetty. Wenn er nicht unser Vater war, so sind wir doch Schwestern, und müssen gleiche Gesinnungen haben und miteinander leben." „Wie weiß ich, Judith, ob du nicht ebenso froh sein würdest, zu erfahren, daß ich nicht deine Schwester sei, wie du es darüber bist, daß Thomas Hutter, wie du ihn nennst, nicht unser Vater war? Ich bin nur halb klug, und wenige Leute haben eine Freude an halbklngen Verwandten; — und dann bin ick nicht schön — wenigstens nicht so schön wie du — und du wünschest dir vielleicht eine schönere Schwester." „Nein, nein, Hetty. Du und du allein bist meine Schwester — mein Herz und meine Liebe zu dir sagen mir das — und Mutter war meine Mutter — auch darüber bin ich froh und stolz; denn sie war eine Mutter, ans die man stolz sein durfte; aber Vater war kein Vater!" „Still, Judith! Sein Geist ist vielleicht in der Nähe; es würde ihn schmerzen, seine Kinder so reden zu Horen, und dazu noch über seinem Grabe. Kinder sollten die Eltern nie betrüben, sagte mir die Mutter oft, und besonders nicht, wenn sie todt sind!" „Arme Hetty! Sie sind vielleicht über alle Sorgen in Beziehung ans uns erhaben! Nichts, was ich sagen oder thun kann, wird Mutter jetzt mehr betrüben — darin liegt wenigstens einiger Trost! — und Nichts, was du sogen oder thun kannst, wird sie lächeln machen, wie sie im Leben bei deiner guten Aufführung zu lächeln pflegte." „Du weißt das nicht, Judith. Geister können sehen, und Mutter sieht vielleicht so gut als irgend ein Geist. Sie sagte uns immer, Gott sehe Alles, was wir thun, und wir sollten Nichts thun, ihn zu beleidigen; und jetzt, nachdem sie uns verlassen hat, will ich mich bestreben, Nichts zu thun, was ihr mißfallen könnte. Denke, wie ihr Geist trauern und sich bekümmern würde, Judith, wenn sie Eine von uns thun sähe, was nicht recht wäre, und Geister sehen ja doch auch: besonders die Geister von Eltern, welche in Sorgen sind um das Wohl ihrer Kinder!" „Hetty, Hetty — du weißt nicht, was dn sagst!" murmelte Judith, beinahe leichenfahl von innerer Bewegung. „Die Todten können nicht sehen, und wissen nichts von dem, was hier vorgeht! Aber wir wollen hievon nicht weiter reden. Die Leichname von Mutter und Thomas Hutter liegen bei einander im Sec, und wir wollen hoffen, daß die Geister von Beiden bei Gott sind. Daß wir, die Kinder von Jener, auf Erden Zurückbleiben, ist ge- 'wiß; wir sollte» aber jetzt auch wissen, was wir in der Znknnft anfangen werden." „Wenn wir auch nicht Thomas Hutters Kinder sind, Judith, wird uns doch Niemand unser Recht ans seine Habe bestreiten. Wir haben das Kastell, und die Arche, und die Canoe's, und die Wälder und die Sec'n, gerade wie wenn er noch lebte; und was kann uns hindern, hier zu bleiben, und unser Leben hinzubringen gerade so wie bisher?" „Nein, nein — arme Schwester, das geht nicht mehr. Zwei Mädchen wären hier nicht sicher, sollte es auch diesen Hnronen nicht gelingen, uns in ihre Macht zu bekommen. Selbst Vater hatte manchmal Alles, was in seinen Kräften stand, zu thnn, um ans dem See unangefochten zu bleiben; und uns würde es ganz 477 und gar nickt gelingen. Wir müssen diesen Platz verlassen, Hetty, und uns in die Ansiedlnngen begeben." „Es thut mir leid, daß du so denkst, Judith," versetzte Hetty, ließ den Kopf auf die Brust sinken, und blickte nachdenklich hinab auf die Stelle, wo man gerade noch den Leichcnhügcl ihrer Mutter sehen konnte. „Es thut mir sehr leid, das zu hören. Ich würde lieber hier bleiben, wo ich, wenn nicht geboren bin, doch mein Leben zngebracht habe. Ich mag die Ansiedelungen nicht — sie sind voll Sünde und Herzbrennen, während Gott unbeleidigt i» diesen Bergen wohnt. Ich liebe die Bäume, und die Berge, und den See und die Quellen; alles Das hat seine Güte uns gegeben, und es würde mich bitter schmerzen, Judith, Alles verlassen zu müssen. Du bist schön, und nicht blos halb klug, und wirst einmal heirathen, und dann wirst du einen Gatten haben, und ich einen Bruder, der für uns sorgt, wenn Frauen wirklich an einem Platze wie dieser nicht für sich selbst sorgen können." „Ach! wenn das so sein könnte, Hetty, dann wahrhaftig könnte ich jetzt tausendmal glücklicher in diesen Wäldern sein, als in den Ansiedlnngen! Sonst fühlte ich nicht so, aber jetzt. Aber wo ist der Mann, der diesen schönen Platz in einen solchen Garten Eden für uns verwandelte?" „Harry March liebt dich, Schwester," versetzte die arme Hetty, mährend sie sprach, unbewußt die Rinde von dem Canoe wegreißend. „Er würde gewiß mit Freuden dein Gatte werden, und ein kräftigerer und mnthigercr Jüngling ist nicht zu finden in der ganzen Gegend weit umher." „Harry March und ich verstehen einander, und von ihm braucht nicht mehr die Rede zu sein. Es ist Einer da — doch lassen wir das. Es ist Alles in den Händen der Vorsehung, und wir müssen in Bälde zu einem Entschluß kommen wegen unserer künftigen Lebensweise. Hier bleiben — das heißt, allein hier bleiben, können wir nicht — und vielleicht bietet sich nie eine 478 Gelegenheit dar, so hier z» bleibe», wie dn es meinst. Anch ist es Zeit, Hetty, daß wir, so viel wir können, über unsere Verwandte nnd unsere Familie zu erfahren suchen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß wir ganz ohne Verwandte sind, und vielleicht freuen sie sich, uns zu, sehen. Der alte Schrank ist seht unser Eigenthum, und wir haben ein Recht, ihn zu durchsuchen, und aus dem, was er enthält, so viel als möglich zu erfahren. Mutter war so verschieden von Thomas Hutter, daß ich jetzt, seit ich weiß, daß wir nicht seine Kinder sind, vor Verlangen brenne, zu erfahren, westen Kinder wir denn sein mögen. Gewiß sind Papiere in jenem Schrank, nnd diese Papiere geben uns vielleicht allen Aufschluß über unsere Eltern nnd Blutsfreunde." „Nun, Judith, dn weißt es am besten, denn du bist ungewöhnlich gescheidt, das sagte die Mutter immer, und ich bin nur halb klug. Nunmehr Vater und Mutter todt sind, frage ich nicht mehr viel nach Verwandten, außer dir, und glaube, ich könnte sie, die ich nie gesehen, nicht so lieben wie ich sollte. Wenn du den Hurry nicht heirathen magst, sehe ich nicht, wen dn znm Mann wählen solltest, nnd daun fürchte ich, werden wir am Ende doch den See verlassen müssen." „Was meinst du von Wildtödter, Hetty?" fragte Judith, indem sie sich vorwärts beugte, wie ihre arglose Schwester, nnd ihre Verlegenheit auf eine ähnliche Weise zu verhehlen suchte. „Wäre das nicht ein Schwager nach deinem Geschmack?" „Wildtödter!" wiederholte die Andere, in unverstelltem Erstaunen anfschaueud; „ei, Judith, Wildtödter ist nicht im Mindesten hübsch, und ist gar kein Mann für Eine wie du bist!" „Er sieht nicht übel aus, Hetty, und Schönheit ist bei einem Mann nichts Wichtiges." „Denkst du so, Judith? Ich weiß, daß Schönheit von keiner großen Wichtigkeit ist, bei Mann oder Weib, in den Augen Gottes; denn Mutter hat mir das oft gesagt, wenn sie dachte, ich 479 möchte traurig darüber sein, daß ich nicht so schön sei wie du; — obgleich sie darüber hatte ganz ruhig sein können, denn ich gelüstete nie nach Etwas, das dein ist, Schwester; aber gesagt hat sie mir das! — dennoch aber ist Schönheit in den Augen Beider etwas sehr Einnehmendes. Ich glaube, wenn ich ein Mann wäre, ich würde mehr nach einem guten Anssehen mich sehnen, denn als Mädchen. Ein schöner Mann ist ein viel einnehmenderer Anblick, als ein schönes Weib." „Armes Kind! Du weißt kaum, was dn sagst, oder was du meinst! Schönheit bei unserem Geschlecht ist Etwas, aber beim Mann gilt sie wenig. Gewiß, ein Mann soll groß sein, aber Andere sind auch groß, so gut wie Hurry; und rüstig — ich denke, ich kenne Solche, die rüstiger sind; — und stark — nun, er hat auch nicht alle Stärke ans der Welt allein; nnd muthig — sicherlich kann ich einen Jüngling nennen, der mnthigcr ist." „Das ist sonderbar, Judith. Ich hätte nicht geglaubt, daß auf Erden ein schönerer, oder stärkerer, oder rüstigerer, oder mnthigerer Mann lebte, als Harry Hurry! Ich bin gewiß, ich sah nie Einen, der ihm in einem dieser Stücke gleich gekommen wäre." „Gut, gut, Hetty — sprich davon nicht mehr. Ich höre dich nicht gerne so schwatzen. Es paßt nicht für deine Unschuld und Wahrheit, nnd deine warmherzige Aufrichtigkeit. Laß den Harry March gehen. Er verläßt uns heute Nacht, nnd kein Bedauern folgt ihm von meiner Seite, wenn nicht etwa darüber, daß er so lange nnd so zwecklos dageblieben ist!" „Ach, Judith, das ist es, was ich lange gefürchtet, und ich hoffte so, er würde mein Schwager werden!" „Denke jetzt nicht mehr daran; laß uns von unserer armen Mutter und von Thomas Hutter sprechen." „So sprich denn, aber mild, Schwester, denn du kannst nicht gewiß wissen, ob nicht Geister hören und sehen. Wenn Vater 480 nicht unser Vater war, so war er doch gut gegen uns, und gab uns Nahrung und Obdach. Wir können keine Steine auf ihre Gräber setze», hier im Wasser, den Leuten das Alles zu erzählen, und so müssen wir es mit nnsern Zungen bezeugen." „Sie werden sich darum wenig kümmern, Mädchen. Es ist ei» großer Trost, Hetty, zu wissen, daß, wenn Mntter je einen schweren Fehltritt beging, als jung, sie ihn aufrichtig bereute ihr Leben lang; ohne Zweifel wurden ihr ihre Sünden vergeben." „Es ist nicht recht an Kindern, Judith, daß sie von ihrer Eltern Sünden spreche». Wir thäten besser, von unseren eigenen zn sprechen." „Von deinen Sünden sprechen, Hettp! — Wenn je eine Kreatur ans Erden ohne Sünden war, so bist du es! Ich wollte, ich könnte dasselbe von mir sagen oder denke»; aber wir werden sehen. Niemand weiß, welche Veränderungen die Liebe zn einem guten Gatten im Herzen eines Weibes bewirken kann. Ich glaube, Kind, ich habe schon nicht mehr denselben Geschmack an schönen Pntzsachen, wie früher." „Es wäre ein Jammer, Judith, wenn du über deiner Eltern Grabe an Kleider dächtest! Wir wollen diesen Platz nie verlassen, wenn du so sagst, und wollen Hnrry ziehen lassen, wohin es ihm beliebt." „Ich bin gern bereit, in das Letztere zn willigen, kann aber für das Erstere nicht stehen. — Wir müssen in Zukunft leben wie es anständigen jungen Mädchen geziemt, und können nicht hier bleiben, um das Geschwätz nnd der Spaß all' der rohen und gift- züngigen Jäger und Fallensteller zn sein, die an den See kommen. Laß Hnrry seiner Wege gehen, nnd dann will ich Mittel finden, Wildtödtcr zn sehen, wo dann wegen der Zukunft Alles bald in's Reine gebracht sein wird. Komm, Mädchen, die Sonne ist unter, nnd die Arche entfernt sich von uns; laß uns zn der Fähre hinanfrndern nnd mit nnsern Freunden uns berathen. Heute 481 Nacht werde ich den Schrank durchsuchen, und der morgende Tag soll entscheiden, was wir thnn wollen. Was die Huroncn betrifft, so werden die leicht zn erkaufen sein, nunmehr wir ohne Scheu mit Thomas Hutters Schätzen schalten können. Laß mich nur erst Wildtödter ans ihren Hände» befreit haben, so wird eine Stunde die Dinge in's Klare bringen." Judith sprach mit Entschiedenheit und in gebieterischem Tone, eine Gewohnheit, die sie gegenüber ihrer schwachsinnigen Schwester lange geübt hatte. Aber während sie so gewohnt war, ihren Willen durchznsetzcn, mittelst ihres gewandten Benehmens und ihrer Herrschaft über die Sprache, legte Hetty gelegentlich ihren ungestümen Gefühlen und ihren hastigen Handlungen Zügel an, mittelst jener einfachen, sittlichen Wahrheiten, die ihren eigenen Gedanken und Gefühlen so tief eingeprägt waren, und sic mit einem schönen, milden Glanz durchleuchteten, der eine Art Heiligenschein über so Vieles warf, was sie sagte und.that. Im gegenwärtigen Fall bethätigte sich dieser wohlthätige Einfluß, den das Mädchen von schwachem Verstand über ihre Schwester ausübte, die unter andern Umständen durch ihren Geist hätte glänzen und Bewunderung ernten können — in der gewöhnlichen einfachen und ernste» Weise. „Du oergißst, Judith, was uns hierhergeführt," sagte sie im Tone des Vorwurfs. „Dieß ist der Mutter Grab, und eben erst haben wir Vaters Leichnam neben ihr versenkt. Wir haben unrecht gcthan, so viel von uns zn sprechen an einem solchen Orte, und wir sollten jetzt zn Gott beten, uns zn vergeben, und ihn bitten, uns zn lehren, wohin wir gehen, und was wir thnn sollen." Judith legte halb unwillkürlich ihr Ruder beiseite, während Hetty ans ihre Kniee sank, und bald in ihrem andächtigen aber einfachen Gebete ganz verloren war. Ihre Schwester betete nicht. Scho» lange that sie es nicht mehr eigentlich und förmlich, obwohl geistige Leiden und Qualen ihr häufig hastige, stumme, innere Anrufungen des großen Urquells alles Segens erpreßten, um Hilfe, wo Der Wildtödter. 31 482 nicht um Erneuerung des Geistes. Doch sah sie nie Hetty knieen, ohne daß ein Gefühl wehmüthig-süßer Erinnerung, so wie tiefer Betriibniß über die Erstorbenheit ihres eignen Herzens über sie kam. Das hatte sie selbst auch in der Kindheit gethan, und selbst bis zu der Stunde ihrer unseligen Besuche in den Garnisonen, und sie hätte gern in solchen Augenblicken Welten darum gegeben, wenn sie im Stande gewesen wäre, ihre jetzigen Empfindungen zu vertauschen gegen den vertrauensvollen Glauben, die reinen, erhebenden Gefühle und die milde Hoffnung, welche jeden Zug und jede Bewegung ihrer sonst weniger begünstigten Schwester verklärten. Aber Alles, was sie thnn konnte, war, daß sie ihr Haupt ans die Brust sinken ließ, nnd in ihren Geberden und Haltung etwas von der Andacht annahm, in welche recht cinznstimmen ihr verstockter Geist sich weigerte. Als Hetty nach ihrem Knieen wieder anfstand, zeigte ihre Miene einen Glanz nnd eine Heiterkeit, die ein immer angenehmes Angesicht wirklich schön machten. Ihr Gemüth hatte Frieden, und ihr Gewissen sprach sie wegen Versäumnis; ihrer Pflicht frei. „Jetzt magst du gehen, wenn du Lust hast, Judith," sagte sic; „Gott ist gütig gegen mich gewesen, nnd hat mir eine Last vom Herzen genommen. Mutter hatte viele solche Lasten, so pflegte sie mir zu sagen, nnd schaffte sie sich immer auf solche Weise vom Herzen. Es ist die einzige Weise, Schwester, wie man so Etwas thnn kann. Einen Stein oder ein Stück Holz kannst du mit der Hand auf- heben; aber das Herz muß dnrch's Gebet erleichtert werden. Ich meine, du betest nicht mehr so oft, Judith, als da du jünger warst." „Laß das — laß das, Kind," antwortete Judith mit hohler Stimme — „davon handelt es sich jetzt nicht. Mutter ist dahin, und Thomas Hutter ist dahin, nnd die Zeit ist gekommen, wo wir für uns denken und handeln müssen." Während das Canoe sich von der Stelle entfernte, unter den leisen Rnderschlägen der älteren Schwester, saß die jüngere in sinnendem Brüten da, wie sie pflegte, so oft ihr Geist durch 483 eine abstraktere und schwerer zu fassende Idee beschäftigt und verwirrt war. „Ich weiß nicht, was dn unter Zukunft verstehst, Judith," bemerkte sie am Ende plötzlich. „Mutter pflegte den Himmel die Zukunft zu neunen, aber du scheinst damit die nächste Woche oder den morgenden Tag zn meinen." „Es bedeutet Beides, liebe Schwester; Alles was noch kommen soll in dieser Welt oder in einer andern. Es ist ein ernstes Wort, und am ernstesten, fürchte ich, für Diejenigen, die am wenigsten daran denken. Der Mutter Zukunft ist die Ewigkeit; die unsrige kann noch bedeuten, was uns begegnen wird, so lange wir in dieser Welt leben — ist das nicht ein Canoe, was eben hinter dem Kastell vorüberfährt? — Dort, mehr in der Richtung des Vorfprnngs, meine ich; es ist versteckt, jetzt; aber gewiß, ich sah ein Canoe hinter die Stämme sich stehlen." „Ich habe cs scbvn einige Zeit gesehen," versetzte Hetty ruhig, denn die Indianer hatten wenig Schreckliches für sle, „aber ich hielt es nicht für recht, über der Mutter Grab von solchen Dingen zu schwatzen. Das Canoe kam von dem Lager her, Judith, und ward gerudert von einem einzigen Manne; und der schien mir Wildtödter und kein Irokese zu sein." „Wildtödter!" erwiedertc die Andere wieder ganz mit ihrem natürlichen Ungestüm. „Das kann nicht sein! Wildtödter ist ein Gefangener, und ich habe auf Mittel gedacht, ihn frei zu machen. Warum bild'est du dir ei», cs sei Wildtödter, Kind?" „Dn kannst selbst schauen, Schwester, da kommt uns das Canoe wieder zn Gesicht, diesseits der Hütte." Wirklich war das leichte Boot an dem Gebäude vorbeigefahren und näherte sich jetzt stetig der Arche, wo die an Bord befindlichen Personen sich schon im Vordertheile der Fähre zusammendrängten, um den Besuch zn empfangen. Ein einziger Blick genügte, Judith die Gewißheit zn verschaffen, daß ihre Schwester recht hatte, und 31 - 484 Wildtvdter allein in dem Canoe sich befand. Aber sein Herankommen war so still und gemächlich, das; sie sich darüber wundern mußte, da ein Mann, dem es gelungen, seinen Feinden durch List oder Gewalt zu entfliehen, schwerlich im Stand sein könnte, mit der Stetigkeit und Bcdächtlichkeit sich zu bewegen, womit sein Ruder das Wasser dnrchschnitt. Mittlerweile neigte sich der Tag stark, zum Ende, und man sah die Gegenstände an den Küsten nur noch dämmernd. Ans der Breite des See's jedoch weilte noch das Licht, und gerade unmittelbar um die Scene der gegenwärtigen Ereignisse her, die weniger beschattet war, als die meisten Gegenden des See's, in dessen größter Breite sie lag, goß cs einen Schimmer aus, der eine schwache Aehnlichkeit hatte mit den warmen Tinten eines italienischen oder griechischen Sonnennntergangs. Die Stämme der Hütte und der Arche bekamen eine Art Purpurfarbe, vermischt mit der wachsenden Dunkelheit, und die Rinde an des Jägers Boot verlor ihre schärfere Deutlichkeit in reicheren aber weicheren Farben, als die sie beim Hellen Sonnenglanz gezeigt hatte. Als die beiden Canoe's sich einander näherten — denn Judith und ihre Schwester hatten sich mit ihren Ruderschaufeln so gerührt, daß sie dem unerwarteten Besuch begegneten, noch ehe er die Arche erreichte — da hatte selbst Wildtödters sonnverbranntes Gesicht ein glänzenderes Aussehen als gewöhnlich, unter den liebliche» Tinten, die in der Atmosphäre zu tanzen schienen. Judith bildete sich ein, die Freude, sie wieder zn sehen, habe einigen Antheil an diesem ungewohnten, einnehmenden Ausdruck. Sie wußte nicht, daß ihre eigne Schönheit in Folge derselben natürlichen Ursache sich noch vortheil- hafter als gewöhnlich darstellte; auch wußte sie nicht, was zn wissen ihr eine so große Freude gemacht hätte, daß wirklich Verjünge Mann sie, als sie ihm näher kam, für die anmuthigste Kreatur ihres Geschlechtes hielt, die seine Angen je gesehen. „Willkommen — willkommen, Wildtödter!" rief das Mädchen, als die Canoe's an einander heranschwammen, nachdem die Ruderer 485 ihre Dienste eingestellt hatten; „wir haben einen traurigen — einen entsetzlichen Tag gehabt — aber Enre Rückkehr ist wenigstens ein Unglück weniger. Sind die Huronen menschlicher geworden, und haben Euch gehen lassen; oder seid Ihr den Elenden durch Euern Mnth »nd Enre Geschicklichkeit entkommen?" „Keines von Beiden, Judith, weder das eine noch das andere. Die Mingo's sind noch Mingo's, und werden als Mingo's leben und sterben; es ist nicht wahrscheinlich, das; ihre Natur je eine Verbesserung erfahren wird. Nun, sic haben ihre Gaben, und wir die unsrigen, Judith, und es geziemt sich auch nicht, übel zu reden von dem, was der Herr geschaffen hat; obwohl, wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich es eine harte Probe finde, mild zu denke» oder mild zu reden von jenen Vagabunden. Was das betrifft, sie zu überlisten, so hatte das wohl geschehen können, und es ist auch geschehen, von der Schlange dort und von mir, als wir Hist ans der Spur waren —" hier hielt der Jäger inne und lachte in seiner geräuschlosen Weise; „aber es ist nicht so leicht, den Ueberlisteten wieder zu überlisten. Selbst die Rehe lernen die Schliche der Jäger kennen, eh' eine Jagdzeit vorüber ist; und ein Indianer, dem einmal durch eine Ueberlistnng die Angen geöffnet worden sind, schließt sie nimmer wieder genau an demsclbigen Platz. Ich habe weiße Männer gekannt, die das thaten, aber nie eine Rothhant. Was sie lernen, das lernen sie durch Erfahrung, und nicht durch Bücher; und unter allen Schulmeistern gibt die Erfahrung die am längsten im Gedächtnis; haftenden Lehren." „Das ist Alles wahr, Wildtödter; aber wenn Ihr den Wilden nicht entwischt seid, wie kommt Ihr denn hierher?" „Das ist eine natürliche Frage und znm Bezaubern gestellt. Ihr seid wirklich wunderbar hübsch diesen Abend, Judith, oder Wilde Rose, wie Schlange Euch nennt, und wie ich wohl auch sagen darf, da ich in allem Ernst so denke. Ihr mögt sie wohl Mingo's nennen, und Wilde auch, denn wild genug sind sic gesinnt, und wild genug handeln sie, sobald Ihr ihnen einmal Gelegenheit gebt. Sie empfinden ihren Verlust hier, bei dem letzten Scharmützel, bis in's innerste Herz, und sind bereit, ihn an jeder Kreatur von englischem Blute zu rächen, die ihnen in den Weg kommen mag. Ja, was das betrifft, ich glaube, sie würden sich auch nicht besinnen, ihre Genugthuung an einem Holländer zu nehmen." „Sie haben Vater getödtet; das sollte ihren ruchlosen Blutdurst befriedigen," bemerkte Hetty in vorwurfsvollem Tone. „Ich weiß es, Mädchen — ich weiß die ganze Geschichte — theils ans dem, was ich von der Küste ans gesehen habe, denn sie führten mich von dem Landvorsprnng dahin, — theils ans ihren Drohungen gegen mich und ihren übrigen Reden. Nun, das Leben ist im besten Fall ein ungewisses Ding, und wir Alle hängen Tag für Tag in dieser Beziehung vom Athen, unserer Nase ab. Wenn ihr einen kräftigen Freund und Beschützer verloren habt, wie ich das nicht bezweifle, so wird euch die Vorsehung neue an seiner Statt erwecken; und sintemal unsere Bekanntschaft ans diese ungewöhnliche Art begonnen hat, will ich dies; als einen Wink ansehen, daß es in Zukunft auch zu meiner Pflicht gehört, falls sich Gelegenheit zeigt, Sorge zu tragen, daß ihr keinen Mangel an Lebensmitteln leidet im Wigwam. Ich kann die Todten nicht wieder zum Leben bringen, aber die Lebenden zu ernähren — darin thnn es mir Wenige zuvor ans dieser ganzen Gränzc, was ich aber nur aus Mitleid und zum Trost für euch sage, und keineswegs in der Absicht zu prahlen!" „Wir verstehen Euch, Wildtödter," versetzte Judith hastig, „und nehmen Alles, was von Eurem Munde kommt, so wie es gemeint ist, in Wohlwollen und Freundschaft. Wollte Gott, alle Männer hätten so wahrhafte Zungen und so redliche Herzen!" „In dieser Hinsicht sind die Menschen verschieden, ganz gewiß, Judith. Ich habe Solche gekannt, denen nicht weiter zu trauen war, als man sie mit Angen sehen konnte; und wieder Andere, auf W7 deren Botschaften, mit einem kleinen Stück Wampnm gesandt, man sich vielleicht eben so sicher verlassen konnte, als sähe man das ganze Geschäft vor Angen beendigt. Ja, Judith, Ihr spracht nie ein wahreres Wort, als da Ihr sagtet, ans manche Männer könne man sich verlassen, und ans Andere nicht." „Ihr seid ein unbegreifliches Wesen, Wildtödter," versetzte das Mädchen, nicht wenig verdutzt über die fast kindische Einfalt, die der Jäger so oft verriet!) — eine so auffallende Einfalt, daß sle ihn nicht selten auf die gleiche Stufe mit der Schwachsinnigkeit Hetty's zu stellen schien, obgleich immer gehoben durch die schöne, sittliche Wahrheit, die durch Alles durchschimmerte, was dies; unglückliche Mädchen sagte und that. „Ihr seid ein höchst unerklärlicher Mann, und ich weiß oft nicht, wie ich Euch verstehen soll. Aber für jetzt lassen wir das; Ihr habt vergessen, uns zu sagen, auf welche Weise Ihr hierher gekommen." „Ich! — Oh, das ist nicht sehr unerklärlich, wenn auch ich selbst es bin, Judith. Ich bin auf Urlaub." „Urlaub! Das Wort hat eine Bedeutung unter den Soldaten, die ich verstehe; aber was es bedeutet, gebraucht von einem Gefangenen, wüßte ich nicht zu sagen." „Es bedeutet gerade dasselbe. Ihr habt ganz recht; die Soldaten gebrauchen das Wort, und gerade in demselben Sinne wie ich. Ein Urlaub ist das, wenn ein Mann Erlaubnis; hat, ein Lager oder eine Garnison für.eine gewisse, festbestimmte Zeit zu verlassen, nach deren Ablauf er znrückkommen und seine Muskete schultern, oder sich seinen Martern unterwerfen muß, je nachdem er zufällig ein Soldat oder ein Gefangener ist. Da das Letztere bei mir der Fall ist, so habe ich nothwendig auch die Aussichten eines Gefangenen." „Haben Euch die Huronen so gehen lassen, ohne Wache oder Begleitung?" „Gewiß — ich konnte auf keine andere Weise kommen, es 488 hätte den» durch eine kühne Erhebung oder durch Uebcrlistnng sein muffen." „Welches Pfand haben sie denn, daß Ihr wieder kommen werdet?" „Mein Wort," antwortete der Jäger einfach. „Ja, ich gesteh' es, das gab ich ihnen, und große Narren wären sie gewesen, hätten sie mich ohne das gehen lassen! Ha, in dem Fall wäre ich dann nicht genöthigt gewesen, znrückznkommen, und mich allen Teufeleien zu unterwerfen, die ihre Wntl, ansdenken mag, sondern hätte meine Buchse auf die Schulter und meinen Weg nach den Dörfern der Delaware» rasch unter die Fuße nehmen können. Aber, v Herr! Judith, sie wußten das gerade so gut wie Ihr und ich, und wollten mich so wenig fortlasscn, ohne meine Zusage, wieder kommen zu wollen, als sie die Wölfe die Gebeine ihrer Väter wurden anffcharren lassen." „Jst's möglich, denkt Ihr diese That unerhörter Selbsthin- opferung und Gleichgültigkeit gegen Euer Leben zu begehen?" „Was meint Ihr?" „Ich frage, ist es möglich, daß Ihr glaubt im Stande zu sein, Euch wieder in die Gewalt so grausamer Feinde zu liefern, indem Ihr Euer Wort haltet?" Wildtödter starrte die schöne Fragerin einen Augenblick mit finsterem Mißfallen an. Dann veränderte sich plötzlich der Ausdruck seines ehrlichen und arglosen Gesichts, und glänzte auf wie von einem raschen Gedanken erleuchtet; dann lachte er in seiner gewohnten Weise. „Ich verstand Euch anfänglich nicht, Judith, nein, wahrlich nicht! Ihr meint, Chingachgook und Harry Hnrry würden es nicht leiden; aber Ihr kennt, wie ich sehe, die Menschen noch nicht von Grund ans. Der Delaware wäre der letzte Mann auf der Welt, der Einwendungen machte gegen das, was er als Pflicht erkannt; und was March betrifft, so kümmert er sich zu wenig um irgend eine Kreatur außer sich selbst, um viele Worte über einen 489 solchen Gegenstand zu verlieren. Doch wenn er es auch thäte, es machte nicht viel Unterschied; aber er thnt es nicht — denn er denkt mehr an seinen Gewinn als selbst an sein eigenes Wort. Meine Zusagen, oder die Enrigen, Judith, oder die von sonst Jemand, die fechten ihn wenig an. Seid daher ganz unbesorgt, Mädchen; man wird mich znrückkehren lassen gemäß dem Urlaub; und wenn Schwierigkeiten erhoben würden, so bin ich nicht in den Wäldern ausgewachsen und erzogen, wenn man so sagen darf, ohne daß ich gelernt hätte, wie ich sie überwinden könnte." Judith antwortete eine Weile nicht. All' ihre Gefühle als Weib, — und als Weib, das zum ersten Mal in ihrem Leben anfing jenem Gefühle sich hinzngcben, welches so großen Einfluß auf das Glück oder das Elend ihres Geschlechtes übt— empörten sich gegen das grausame Schicksal, das, wie sie dachte, Wildtödter sich znziehe» würde, während das Rechtsgefühl, das Gott in jede Menschenbrnstgepflanzthat, sie eine so nnbezwingliche und anspruchslose Rechtlichkeit bewundern hieß, wie diejenige, welche der Andere so unbewußt an den Tag legte. Gründe und Zureden, fühlte sie, waren fruchtlos; auch war sie in diesem Augenblicke nicht geneigt, die Würde und die sittliche Hochherzigkeit, welche in den Gesinnungen des Jägers so. ausfallend hervortraten, zu schwächen durch den Versuch, ihn von seinem Vorhaben abznbringen. Daß noch Etwas eintreten könne, was die Nothwendigkeit dieser Selbsthinopfernng ersparte, bestrebte sie sich zu hoffen; und dann erkundigte sie sich genauer nach dem Verhalt der Sachen, um ihre Handlungsweise nach ihrer Kenntniß der Umstände einrichten zu können. „Wann ist Euer Urlaub ans, Wildtödter?" fragte sie, nachdem beide Canoe's der Arche mjt dem Vordcrtheile sich näherten und mit kaum bemerklichen Nnderschlägen durch das Wasser dahinglitten. „Morgen Mittag, — nicht eine Minute früher; und Ihr könnt Euch darauf verlassen, Judith, ich werde, was ich eine christliche Gesellschaft nenne, nicht einen Augenblick früher verlassen, als 490 es schnurstracks nothwendig ist, um hinzngehen, und mich den Vagabunden dort ansznliefern. Sie fangen an, einen Besuch aus den Garnisonen zu besorgen, und wollte» mir keine Minute länger zngeben; und.es ist so ziemlich unter uns ausgemacht, daß, falls ich den Zweck meiner Sendung verfehle, die MarternI anfangen sollen, wenn die Sonne anfängt unterzngehen, damit sie, sobald cs dunkel ist, ihren Heimzug antreten können." Dieß ward in ernstem Tone gesprochen, als wenn der'Ge- danke an das, was seiner, wie er glaubte, wartete, ziemlich auf der Seele des Gefangene» lastete, und doch so einfach, und ohne seine Bedrängnis; zur Schau zu stellen, daß offene Kundgebungen des Mitgefühls eher znrückgewiesen als heransgefordert wurde». „Sind sie darauf erpicht, ihre Verluste zu rächen?" fragte Judith mit schwacher Stimme, da ihr eigener hoher Geist den Einfluß von des Andern ruhiger aber würdevoller Rechtlichkeit und Entschlossenheit fühlte. „Nicht wenig, wenn ich die Gelüste von Indianern ans den Anzeichen zu bcurtheilen verstehe. Sie meinen zwar, ich vermuthe ihrrvAbsichten nicht, so scheint es mir; aber Einer, der so lang unter Menschen von Rothhantgaben gelebt hat, läßt sich so wenig täuschen über indianische Gefühle, als ein ächter Jäger die Spur seines Wildes, oder ein tüchtiger Hund seine Witterung verliert. Mein eigenes Urtheil verspricht mir wenig für mein Entkommen, denn ich sehe, daß die Weiber sehr erbost sind wegen Hists, obwohl ich das sage, der ich es eigentlich nicht sagen sollte, sintemal ich selbst die Hand dabei im Spiele hatte, das Mädchen los zn kriegen. Dann geschah in der letzten Nacht im Lager ein grausamer Mord, und jene Kugel hätte ebensogut durch meine Brnst geschossen werden mögen. Indessen, komme, was da will, Schlange und sein Weib werden gerettet sein, und das ist immerhin ein Glück." „Oh! Wildtödter, sie werden sich eines Bessern besinnen, da' 491 sie Euch bis morgen Mittag Zeit gegeben haben, Euch in Enrem Gemnth zu fassen." „Ich denke nicht, Judith; ja, ich denke nicht. Ein Indianer ist ein Indianer, Mädchen, und es ist eine ziemlich leere Hoffnung, ihn zu tänfchen, wenn er die Witterung bekommen hat und sie verfolgt mit vorgcstreckter Nase. Die Delamaren sind jetzt ein halb christlich gemachter Stamm — nicht daß ich eine solche Art von Christen für viel besser hielte, als die Vollblut-Ungläubigen — aber dennoch, was ein halbes Christenthnm einem Manne Gutes bringen kann, dessen sind Einige unter ihnen theilhaftig geworden, und doch haftet die Rachsucht noch fest au ihrcu Herzen, wie die verworrenen Schlingpflanzen hier an dem Baume! Dann Hab' ich einen ihrer besten und kühnsten Krieger getödtct, wie sie sagen, und es wäre zu viel, wenn mau erwarten wollte, sie würden, wenn sic den Manu, der die That gethan, auf eben dem Strcifzng, wo sie vorfiel, gefangen nehmen, ihm die Sache nicht in Rechnung bringen. Wäre ein Monat oder so darüber hinge- gaugcn, so würden ihre Gefühle sich gelegt haben, und wir hätten uns vielleicht freundschaftlicher verglichen, aber wie es ist, so ist es. Judith, wir sprechen da immer nur von mir und meinen Angelegenheiten, während Ihr Noth genug gehabt habt, und vielleicht einen Freund ein wenig über Eure Angelegenheiten zu Rathe zu ziehen wünscht. Ist der alte Mann iu's Wasser versenkt, wo, wie ich mir denke, sein Leichnam gern ruhen würde?" „Das ist er, Wildtödtcr," antwortete Judith in fast »nhör- barcm Tone. „Diese Pflicht ist so eben erfüllt worden. Ihr ver- mnthet recht, daß ich einen Freund zu Rathe zu ziehen wünsche; und der Freund seid Ihr. Harry Hnrry steht im Begriff, uns zu verlassen; wenn er fort ist, und wir ein wenig über die Gefühle dieser ernsten Pflichterfüllung hinweg sind, werdet Ihr mir, hoffe ich, eine Stunde allein gönnen. Hetty und ich sind in Ungewißheit und Verlegenheit, was thun." 492 „Das ist ganz natürlich, da die Dinge so plötzlich und fürchterlich gekommen sind. Aber da ist die Arche, und wir wollen hievon mehr sprechen bei besserer Gelegenheit." Drciundzwan.zigstes Kapitel. Die stärksten Stürm' auf höchsten Bergen wehen, Die Ruhe wohnet unten in dem Thal; Die gleiten leicht, die auf dem Eise gehen. . Sie finden Sorgen, der Vorwitz'gen Qual; Wer stille lebt, und damit ist begnügt, Geht Allen uns an achter Weisheit vor; Wer diese Lehre haßt, der heifi' ein Thor! Churchyard. §ie Begrüßung zwischen Wildtödter und seinen Freunden ans der Arche war ernst und beklommen. Die beiden Indianer besonders erriethen ans seinem ganzen Wesen, daß er nicht ein glücklich Entflohener war, und wenige bedeutsame Worte genügten, ihnen die Natur des Urlaubs verständlich zu machen, wie ihr Freund sich ausgedrückt hatte. Chingachgook wurde sogleich nachdenklich; während Hist, wie gewöhnlich, ihre Theilnahme nicht besser knnd zu geben wußte, als mittelst jener kleinen Aufmerksamkeiten, welche der liebevollen Art des Weibes eigenthümlich sind. In wenigen Minuten jedoch mar eine Art von allgemeinem Plan für das, was in der Nacht geschehen sollte, angenommen, und ein uneingeweihter Beobachter hätte nach dem ersten Augenschein glauben können, es bewege sich Alles im gewöhnlichen Geleise. Es wurde jetzt nachgerade dunkel, und es ward beschlossen, die Arche znm Kastell hinanfzurndern, und sie an ihrem gewohnten Ankerplatz in Sicherheit zu bringen. Zn diesem Entschluß war man znm Theil gekommen in Betracht des Umstandes, daß alle Canoe's wieder im Besitz ihrer rechtmäßigen Eigenthümer waren; '493 besonders aber in Folge der Sicherheii, in die man sich nach Wildtödtcrs Angaben versenk glanbic. Er hatte den Stand der Dinge unter den Hnronen genau geprüft, und war überzeugt, daß sie während der Nacht keine weiteren Feindseligkeiten beabsichtigten, da der erlittene Verlust sie sür den Augenblick zu ferneren Anstrengungen nicht geneigt machte. Dann hatte er auch einen Antrag mitzntheilen — der eigentliche Zweck seines Besuchs; und wenn dieser angenommen wurde, war der Krieg zwischen den Parteien ans einmal zu Ende; und cs war unwahrscheinlich, daß die Hnronen das Gelingen eines Entwurfs, an welchen offenbar ihre Häuptlinge ihr Herz gehängt hatten, dadurch im Voraus vereiteln würden, daß sie vor der Rückkehr des Gesandten wieder etwas Gewaltsames unternahmen. Sobald die Arche gehörig in Sicherheit gebracht war, beschäftigten sich die verschiedenen Glieder der Gesellschaft jedes ans die ihm eigenthümliche Art; denn Hast und Uebereilnng im Rath oder in der Entschließung gehörte so wenig zu der Verfahrnngsart der ans der Gränze lebenden Weißen, als zu der ihrer rothen Nachbarn. Die Mädchen machten sich mit Vorbereitungen sür die Abendmahlzeit zu thnn, trüb und schweigsam, aber doch immer für die ersten Bedürfnisse der Natur sorgend. Hnrry machte sieb beim Licht eines Fcnerbrandes daran, seine Mokasins ausznbeffern, Chingachgook saß in düsterem Nachdenken da, während WilLtödter in einer Weise, die ebensowenig Affekta- tion als Unruhe verrieth, Killdeer, die Büclfte Hutters, besichtigte, deren schon einmal Erwähnung geschah, und die später so berühmt wurde in den Händen des Individuums, das jetzt ihre Vorzüge genau untersuchte. Das Gewehr war etwas länger als gewöhnlich, und kam augenscheinlich ans der Werkstättc eines ausgezeichneteren Waffenschmieds. Es hatte einige wenige silberne Ornamente, obwohl die meisten Gränzmänner es im Ganzen für ein gewöhnliches Gewehr würden genommen haben, denn seine Hanptverdieuste bestanden in der Genauigkeit, womit es gezogen war, in der Vollkommenheit der einzelnen Bestandtheile nnd in der Trefflichkeit des Metalls. Zn wiederholten Malen lehnte der Jäger die Schwanzschranbe an seine Schnlter und pruste mit dem Auge das Visir, und eben so oft beugte er sich mit dem Leibe vor, nnd erhob langsam die Waffe, wie im Begriff ans ein Wild zu zielen, um ihre Wucht zu erproben, und sich ihrer Tüchtigkeit zu raschem nnd genauem Feuern z» versichern. Alles Dicß that er bei Hnrry's Fackel, unbefangen nnd einfach, aber mit einem Ernst und Eifer, welche jeder Beobachter, der zufällig die eigentliche Lage des Mannes gekannt hätte, rührend gefunden haben würde. „Es ist eine prächtige Waffe, Hurry!" rief endlich Wildtvdter, „nnd man könnte es Jammerschade finden, das; sie in die Hände von Weibern gefallen ist. Die Jäger haben mir von ihren Tha- tcu erzählt, nnd nach Allem, was ich gehört, möchte ich behaupten, daß sie in erfahrenen Händen der sichere Tod ist. Hört nur das Schnellen dieses Schlosses — eine Wvlfsfalle hat keine kräftigere Feder; Hahn nnd Pfanne stimmen zusammen und verstehen sich wie zwei Singmeister, die zusammen einen Psalm singen. Ich habe nie einen so schön gebohrten Lauf gesehen, Hurry, das ist gewiß." „Ja, der alte Tom pflegte große Stucke ans das Gewehr zu halten, obgleich er nicht der Mann war, die Tugenden irgend einer Art von Feuerwaffen in der Praxis zu erproben," versetzte March, indem er die Wildlederricmcn mit der Kaltblütigkeit eines Schuhflickers durch den Mokasin zog. „Er war kein Schütze, das müssen wir Alle gestehen, aber er hatte seine guten Seiten, so wie seine schlimmen. Ich hatte die Hoffnung gehegt, Judith würde auf die Idee komme», Killdeer mir zu geben." „Man kann nie dafür stehen, was junge Weiber thnn werden, das ist gewiß, Hurry; nnd ich denke, Ihr habt so viel Aussicht, die Büchse zu bekommen, als ein Anderer. Dennock, wenn die Dinge der Vollkommenheit so sehr nahe kommen, ist es schade, wenn sle sie nicht erreichen." „Was wollt Ihr damit sagen? Würde sich nicht dicß Gewehr auf meiner Schulter so gut anstiehmcn, als ans der irgend eines Mannes?" „Was das Aussehen betrifft, so sage ich davon nichts. Ihr seht Beide gut aus, und möchtet wohl, was man ein gut ans- sehendeS Paar nennt, machen. Aber der Hauptpunkt liegt im Thun und Handeln. Mehr Wild würde in Einem Tage durch dicß Gewehr in der Hand gewisser Männer fallen, als in der Enrigen binnen einer Woche, Hnrry! Ich habe Euch die Probe manchen sehen; — Ihr erinnert Euch des Hirsches dieser Tage?" „Der Hirsch war außer der Wildpretjahrszeit; und wer mag Wildpret schießen außer seiner Jahrszeit? Ich wollte nur die Kreatur erschrecken, und ich denke, Ihr werdet gestehen müssen, er gerieth in nicht kleine Bestürzung!" „Gut, gut, Ihr sollt Euren Willen haben. Aber das ist ein herrenmäßiges Gewehr, und würde Einen mit- steter Hand und raschem Auge znm König der Wälder machen." „Dann behaltet es, Wildtödter, und werdetKönig der Wälder!" sagte Judith ernst, die dem Gespräche zngehört, und ihr Auge nie abgewandt hatte von dem ehrlichen Gesicht des Jägers. „Es kann nie in bessere Hände kommen, als in denen es jetzt ist, und darin wird es, hoffe ich, fünfzig Jahre bleiben!" „Judith, es kann Euch nicht Ernst sein!" rief Wildtödter, so überrascht, daß er mehr Aufregung zeigte, als er sonst bei gewöhnlichen Gelegenheiten blicken ließ. „Ein solches Geschenk könnte wohl ein wirklicher König machen; ja, und ein wirklicher König annehmen!" ° „Es war mir nie in meinem Leben größerer Ernst, Wildtödter; und es ist mir ebenso Ernst mit dem Wunsch wie mit dem Geschenk." 496 „Gut, Mädchen, gut; wir werden Zeit finden, wieder davon zu sprechen. Ihr mußt nicht niedergeschlagen sein, Hnrry, denn Judith ist ein flinkes Mädchen und sie hat einen raschen Verstand; sie weiß, daß der Ruf von ihres Vaters Buchse sichrer ist in meinen Händen, als er es möglicherweise in Euren Händen sein kann; und darum mußt Ihr nicht niedergeschlagen sein. In anderen Dingen, und zwar in solchen, die mehr nach Eurem Geschmack sind, werdet Ihr sehen, daß sie Euch den Vorzug gibt." Hnrry machte seinem Mißvergnügen durch Brummen Luft; aber er war zu begierig, den See zu verlassen und seine Vorkehrungen hiefiir zu treffen, als Laß er seinen Athem über einen Gegenstand dieser Art hätte verschwenden sollen. Bald nachher war das Nachtessen bereit, cs ward in Schweigen eingenommen, wie es meist die Gewohnheit Derjenigen ist, welche die Tafel mir als einen Platz der physischen Erquickung betrachten. Im gegenwärtigen Falle jedoch trugen Traurigkeit und Nachdenken auch ihren Thcil zu der allgemeinen Abneigung gegen eine Unterhaltung bei; denn Wildtödter machte in so weit eine Ausnahme von den Gewohnheiten der Leute seiner Gattung, daß er nicht nur gerne bei solchen Gelegenheiten ein Gespräch anknüpfte, sondern oft auch in seiner Gesellschaft dieselbe Lust dazu rege machte. Nachdem die Mahlzeit zu Ende, und der bescheidene Apparat entfernt war, versammelte sich die ganze Gesellschaft auf der Plat- form, um die erwartete Mittheilung von Wildtödter über den Zweck seines Besuchs zu vernehmen. Es war unverkennbar, daß er nicht eilte, seine Mittheilnng zu machen; aber Judiths Gefühle duldeten keine» länger» Aufschub. Stühle wurden aus der Arche und der Hütte gebracht, und alle Sechse setzten sich in einen Kreis nahe bei der Thüre, und beobachteten Eines des Andern Gesicht, so gut sie es vermochten bei dem spärlichen Lichte, das eine liebliche, sternhelle Nacht bot. Die Küste entlang, unter den Bergen, lag die gewöhnliche Masse schwereren Dunkels; aber ans die Breite 497 des Scc's fiel kein Schatten, und tausend Bilder der Sterne tanzten in dem durchsichtigen Element, das von der Abendlnft nur so weit aufgeregt wurde, um sie alle schwankend und bewegt erscheinen zu lassen. „Jetzt, Wildtödter," begann Judith, deren Ungeduld keinen weitern Zwang litt; „jetzt, Wildtödter, sagt uns Alles, was die Hnroncn uns entbieten, und den Grund, warum sie Euch auf Parole entlasse» haben, um uns ein Anerbieten zu machen." „Urlaub, Judith, Urlaub ist das Wort; und es hat dieselbe Bedeutung bei einem Gefangenen, dem man einige Freiheit gönnt, wie bei einem Soldaten, dem man gestattet, seine Fahnen zu verlassen. In beiden Fällen wird das Wort gegeben, znrückznkom- mcn; und jetzt erinnere ich mich, gehört zu haben, daß das die wirkliche Bedeutung ist, da Urlaub so viel heiße als ein Wort darauf gegeben, daß man etwas thnn wolle, oder dergleichen Parole, glaube ich beinahe, ist holländisch, und hat Etwas mit dem Zapfenstreich der Garnisonen zu schaffen. Aber das macht weiter keinen Unterschied, sintemal die Tugend eines Pfandes in der Idee liegt, und nicht im Wort. Nun denn, wenn die Botschaft ansgerichtet werden muß, so muß sie, und vielleicht »sitzt es nichts, sie aufzuschieben. Hnrry wird verlangend sein, bald seine Reise an den Fluß anzntreten, und die Sterne gehen auf und unter, als ob sie weder um Indianer noch um Botschafter sich kümmerten. Ach, lejder! Es ist keine angenehme, und ich weiß, es ist eine fruchtlose Sendung; —aber doch muß ich meinen Auftrag bestellen." „Hört, Wildtödter," fiel Hnrry etwas vornehm und gebieterisch ein; „Ihr seid ein verständiger Mann auf einer Jagd, und ein so guter Kamerad auf einem Marsch, als sich Einer, der seine sechzig Meilen des Tags macht, nur wünschen mag; aber Ihr seid entsetzlich langsam mit Botschaften, besonders solchen, wovon Ihr glaubt, daß sie nicht gut dürften aufgenommen werden; wenn etwas gesagt werden muß, nun so sagt es, und häuft nicht zurück, Der Wildtödter. 32 498 wie einIankee-Advokat, der behauptet, er verstehe eines Holländers Englisch nicht, nur um die doppelten Sporteln von ihm zu bekommen." „Ich verstehe Euch, Hnrry, und mit Recht tragt Ihr Euren Namen heute Nacht, angesehen, das; Ihr keine Zeit zu verlieren habt. Aber laßt uns mit Einmal zum Hauptpunkt kommen, angesehen, daß dieß der Zweck der Berathnng ist; denn eine Berathnng kann es genannt werden, obschon Weiber unter uns Sitz haben. Die Sache ist einfach diese. Als die Truppe vom Kastell zurückkam, hielten die Mingo's einen Rath, und schlimme Gedanken walteten vor, wie deutlich zu sehen war ans ihren finstern Gesichtern. Niemand läßt sich gerne schlagen, und eine Rothhant so wenig, als ein Bleichgesicht. Nun, als sie darüber geraucht, und ihre Reden gehalten hatten, und ihr Rathsfeuer herabgebrannt war, kam die Sache zum Beschluß. Es scheint, die Aelteren unter ihnen waren der Meinung, ich sei ein Mann, den man mit Vertrauen ans Urlaub wegschicken könne. Sie sind wunderbar scharf im Beobachten, diese Mingo's, das muß ihnen ihr schlimmster Feind lassen; aber sie waren der Meinung, ich sei ein solcher Mann, und es geschieht nicht oft.-"fuhr der Jäger fort, mit einem wohlthuen- den Bewußtsein und Selbstgefühl, daß sein früheres Leben dieß unbedingte Vertrauen zn seiner Redlichkeit rechtfertigte — „es ist nicht oft, daß sie eine gute Meinung haben von einem Bleichgesicht; aber von mir hatten sie sie, und darum bedachten sie sich nicht, ihre Gesinnungen ausznsprechen, und die sind so. — Ihr seht den Stand der Dinge. Der See und Alles darauf, bilden sie sich ein, sei ihrer Willkür preisgegeben. Thomas Hutter sei todt, und was Hnrry betrifft, so sind sie auf die Idee gekommen, er sei heute dem Tod nahe genug gewesen, um für diesen Sommer nicht zn wünschen, ihn noch einmal so in der Nähe zu sehen. Daher rechnen sie so, alle eure Streitkräfte beschränken sich auf Chingachgook und die beiden Mädchen, und wie sie wissen, daß der Delaware von hohem Geschlecht und ein geborener Krieger ist, so 499 wissen sic auch, daß er jetzt auf seinem ersten Kriegspfad ist. Was die Mädchen betrifft, so taxiren sie die natürlich eben nur so wie die Weiber überhaupt." „Ihr wollt sagen, sie verachten uns!" unterbrach ihn Judith mitAugen, die so leuchtend flammten, daß es allen Anwesenden auffiel. „Das wird man am Ende sehen. Sie halten dafür, daß der See mit Allem darauf ihrer Willkür preisgegcben sei, und daher senden sie durch mich diesen Gürtel Wampum," und er zeigte, wie er so sprach, den fraglichen Artikel dem Delawaren, „mit diesen Worten: Sagt der Schlange, sprachen sie, er hat sich gut gehalten für einen Anfänger; er mag jetzt über die Berge sich wenden nach seinen Dörfern, und Niemand soll seiner Spur nachgehen. Wenn er einen Skalp gefunden, mag er ihn mit sich nehmen; die Tapfern unter den Hnronen haben Herzen, und können mit einem jungen Krieger fühlen, der nicht mit leeren Händen heimzukommen wünscht. Wenn er schnellfüßig ist, so steht ihm eine Truppe zur Verfolgung zu Diensten. Hist aber muß zurück zu den Hnronen; als sie sie in der Nacht verließ, nahm sie durch Versehen mit sich, was nicht ihr gehört." „Das kann nicht wahr sein!" sagte Hetty ernst. „Hist ist kein solches Mädchen — sondern eines, das Jedermann gibt, was ihm gebührt —" Was sie noch weiter für Einwendungen würde vorgebracht haben, kann man nicht wissen, denn Hist, halb lachend, und halb in Beschämung ihr Angesicht versteckend, legte ihre Hand der Sprechenden auf den Mund, um ihren Worten Einhalt zu thun. „Ihr versteht nicht Mingo-Botschaften, arme Hetty," fuhr Wild- tödter fort, „welche selten das meinen, was dem Anschein nach zu oberst liegt. Hist hat die Neigung eines jungen Hnronen mit sich genommen, und sie verlangen sie zurück, damit der arme junge Mann sie wieder da finde, wo er sie zuletzt gelassen! Schlange, sagen sie, ist ein zu vielversprechender junger Krieger, um nicht 32 * 500 so viele Weiber zu finden, als er verlangt, aber diese Eine kann er nicht haben. Das ist ihre Mcinnng nnd nichts Anderes, wie ich es verstehe." „Sie sind sehr verbindlich und einsichtsvoll, daß sie vvrans- setzen, ein junges Weib könne alle ihre Neigungen vergessen, um diesen unglücklichen Jüngling die seinigc finden zu lassen!" sagte Judith ironisch; aber im Weitersprcchen wurde ihr Ton bitterer. „Ich denke, ein Weib ist ein Weib, sei ihre Farbe weiß oder roth; und Eure Häuptlinge verstehen sich wenig ans das Herz des Weibes, Wildtödter, wenn sie meinen, es könne je verzeihen, wenn cs mißhandelt worden, oder je vergessen, wenn es innig liebt." „Ich denke, das ist so ziemlich die Wahrheit bei manchen Weibern, Judith, aber doch habe ich auch solche gekannt, die Beides konnten. Die nächste Botschaft ist an Euch. Sic sagen, die Bisamratze, wie sie Alle Euren Vater nennen, ist nntergctanTht in den Grund des See's; er wird nimmer wieder heranfkommen, und seinen Jungen wird es bald an Wigwams, wo nicht an Nahrung fehlen. Die Huroncn-Hütten, meinen sie, sind besser, als die Hütten von Jork; sie wünschen, daß Ihr kommt nnd einen Versuch macht. Eure Farbe ist weiß, das gestehen sie zu, aber sie meinen, Mädchen, die so lang in den Wäldern gelebt, würden ihren Weg verlieren in den Lichtungen. Ein großer Krieger unter ihnen hat neulich sein Weib verloren, nnd er würde sich freuen, die Wilde Rose ans ihre Bank an seiner Fenerseite zu setzen. Was die Schwachsinnige betrifft, so wird sie immer geehrt und gut besorgt sein bei den rothen Kriegern. Eures Vaters Güter, meinen sie, sollen den Stamm bereichern; aber Eure eigene Habe, worin alle und jede Weibersachen eingeschlossen sind, soll, wie bei allen Weibern, mit in den Wigwam des Mannes komme». Ueberdieß haben sie kürzlich ein junges Mädchen durch eine Gewaltthat verloren, nnd es erfordere zwei Bleichgesichter, ihren Platzauszufüllen." „Und Ihr bringt mir eine solche Botschaft!" rief Judith, obwohl der Ton, womit sie das sagte, mehr Kummer als Zorn verrieth. „Din ich ein Mädchen, das eines Indianers Sklavin zu sein verdient?" „Wenn Ihr meine ehrlichen Gedanken über diesen Punkt zu hören wünscht, Judith, so will ich Euch antworten, daß ich nicht glaube, Ihr werdet je mit gutem Willen eines Mannes, sei er ein Weißer, oder eine Rothhaut, Sklavin werden. Ihr müßt mich jedoch nicht hart darum benrtheilcn, daß ich die Botschaft so genau, als ich nur konnte, in denselben Worten überbrachte, womit sie mir anfgctragen ward. Das waren die Bedingungen, unter welchen ich meine» Urlaub bekam, und ein Handel ist ein Handel, sei er auch mit einem Vagabunden geschlossen. Ich habe Euch berichtet, was sie gesagt haben, aber Euch noch nicht gesagt, was nach meiner Meinung Ihr insgesammt antworten solltet." „Ja, laßt uns das hören, Wildtödter," versetzte Hnrry. „Meine Neugier ist sehr gespannt bei dieser Erwägung, und ich wäre recht begierig Eure Ideen zu hören, was Ihr für räsonnabel hieltet, zu antworten. Zwar was mich betrifft,-ich bin über meine Antwort ganz im Reinen und entschlossen, und werde sie sobald als nöthig kund thnn." „Und ich ebenso, Hnrry, über alle die verschiedenen Hauptpunkte, und über keinen ist meine Ansicht entschiedener, als über das, was Euch betrifft. Wenn ich Ihr wäre, würde ich sagen: ,Wildtödter, sagt den Schurken drüben, sle kennen Hnrry March nicht! Er ist menschlich; und wie er eine weiße Haut hat, so hat er auch eine weiße Natur, und diese Natur läßt ihm nimmermehr zu, daß er Weiber von seiner Rasse und von seinen Gaben in ihrer größten Noth verließe. So nehmt denn mich für Einen, der sich weigert, Eurem Vertrage beizntrcten, und wenn Ihr auch einen Schweinskopf voll Taback darüber verschmancht."' March war etwas verlegen über diesen zurechtweiscnden Vorwurf, der in hinlänglich warmem Tone ausgesprochen ward, und 502 mit einer Schärfe, die keinen Zweifel über den Sinn davon übrig ließ. Hätte ihn Jndith anfgemnntcrt, so hätte er sich nicht bedacht, dazubleiben, um sic und ihre Schwester zu vertheidigcn, aber unter den obwaltenden Umständen trieb ihn ein Gefühl von Erbitterung vielmehr sie zu verlassen. Jedenfalls besaß Hnrry Harry nicht so viel Ritterlichkeit, um sich bewogen zu finden, die Sicherheit seiner eigenen Person auf's Spiel zu sehen, wenn er nicht einen augenfälligen Zusammenhang zwischen den wahrscheinlichen Folgen und seinem eigenen Interesse sah. Man darf sich daher nicht wundern, daß seine Antwort gleicherweise seine Absicht und die Zuversicht verrieth, welche er so prahlerisch auf seine riesenhafte Stärke setze, die ihn, wo nicht immer mnthig, doch gewöhnlich unverschämt machte gegenüber Denen, mit welchen er verkehrte. „Gute Worte erzeuge» lange Freundschaften, Meister Wild- tvdter," sagte er, ein wenig drohend. „Ihr seid erst ein junger Lasse, und Ihr wißt ans Erfahrung, was Ihr seid in den Händen eines Mannes. Da Ihr nicht Ich seid, sondern mir ein Zwischenträger, von den Wilden an uns Christen gesandt, mögt Ihr Euren Auftraggebern sagen, daß sie Harry March nicht kennen, was ein Beweis ist sowohl von ihrem Verstand als von dem seinige». Er ist menschlich genug, nm der menschlichen Natur zu folge», und die heißt ihn die Thorheit davon cinsehen, wenn ein Mann mit einem ganzen Stamme kämpfen wollte. Wenn Weiber ihn im Stich lassen, so müssen sie gefaßt sein, von ihm im Stich gelassen zu werden, ob sie nun von seinen Gaben, oder von anderer Menschen Gaben seien. Sollte Judith es passend finden, ihren Sinn zu ändern, so ist sie mir willkommen zur Gesellschaft nach dem Fluß, und Hctty dazu; entschließt sie sich aber dazu nicht, so breche ich auf, sobald ich denken kann, daß die Kundschafter des Feindes für die Nacht im Gebüsch und Laubwerk nnterznkriechen ansangen." „Judith wird ihren Sinn nicht ändern, und sie begehrt Enre 503 Gesellschaft nicht, Meister March," versetzte das Mädchen mit Lebhaftigkeit. „Der Punkt ist also in's Reine gebracht," begann Wildtödter wieder, ganz unbeweglich bei der Heftigkeit des Andern. „Hurry Harry muß für sich selbst handeln, und thun, was seinem Geschmack am meisten Zusagen mag. Die Handlungsweise, zu der er entschlossen scheint, wird ihm ans freies Feld für leichte Füße verhelfen, wenn auch nicht zu einem freien und leichten Gewissen. Dann kvmmt die Frage, Hist betreffend — was sagt Ihr, Mädchen? — wollt Ihr auch Enre Pflicht verlassen, und zu den Mingo's zurückgehcn, und einen Hnronen znm Mann nehmen, und das Alles nicht ans Liebe zu dem Manne, den Ihr heirathen sollt, sondern aus Liebe zu Eurem eigenen Skalp?" „Warum Ihr so spreche» zu Hist?" fragte das Mädchen halb beleidigt. „Ihr denken, ein Rothhautmädchen sein wie eines Kapitäns Lady, lachen und scherzen mit jedem Ofnzier der kommt." „Was ich in dieser Sache denke, darauf kommt Nichts au. Ich muß Eure Antwort zurück bringen, und damit ich das thun kann, müßt Ihr sic zuerst geben. Ein treuer Bote richtet seinen Auftrag aus, Wort für Wort." Hist bedachte sich nicht länger, ihr Herz offen anszusprechen. In ihrer Aufregung stand sie von ihrer Bank ans, und ganz natürlich derjenigen Sprache sich bedienend, in welcher sie sich am leichtesten ausdrückte, erklärte sie sich über ihre Gesinnungen und Absichten, schon und mit Würde, in der Zunge ihres Volkes. „Sagt den Hnronen, Wildtödter," sprach sie, „daß sie so unwissend sind wie Maulwürfe; sie wissen nicht den Wolf vom Hund zu unterscheiden. Unter meinem Volke stirbt die Rose auf dem Stengel, auf dem sie entknospet ist; die Thränen des Kindes fallen auf die Gräber seiner Eltern; das Korn reift, wo der Samen ausgestreut worden ist. Die Delawareu-Mädchen sind keine Boten, die man wie Wampumgürtel von Stamm zu Stamm sendet. Sie 504 sind Geißblattblüthen, die am süßesten duften in ihren eigenen Wäldern; ihre eigenen jungen Männer tragen sie an ihrer Brust, weil sie so wohlriechend sind; sie sind am süßesten, wenn man sie von ihren heimischen Stengeln pflückt. Selbst das Nothkchlchen und der Marder kommen Jahr für Jahr zurück zu ihren alten Nestern; soll ein Weib weniger treu sei», als ein Vogel? Seht die Tanne in Lehmboden, so wird sie gelb; die Weide wird nicht gedeihen ans dem Berge; die Tamariske ist am gesnndesten im Sumpfe; die Stämme der See lieben am meisten die Winde zu hören, die über das Salzwafser herwchcn. Ein Hnronen-Jüng- ling, was ist er für ein Mädchen vom Lenin Lenape? Er mag flink sein, aber ihre Angen folge» ihm nicht ans seinem Lauf; sie schauen zurück nach den Hütten der Delaware». Er mag ein süßes Lied singen für die Mädchen von Canada, aber für Wah gibt es keine Musik als in der Zunge, der sie von Kindheit an gehorcht hat. Wäre der Hnrone geboren ans dem Volke, das einst nmherzog an den Küsten des Salzsee's, cs wäre umsonst, wenn er nicht aus der Familie der Uncas stammte. Die junge Tanne wird so hoch emporwachsen als irgend einer seiner Väter. Wah-ta!-Wah hat nur Ein Herz, und es kann nur Einen Gatten lieben!" Wildtödter lauschte dieser charakteristischen Antwort, welche ertheilt ward mit einem Ernst, wie er den Gefühlen gemäß war, aus welchen sie hervorging, mit »»verhehlter Freude; und er er- wiederte die glühende Beredsamkeit des Mädchens, als sie schloß, mit seinem herzlichen, stillen, eigcnthümlichen Lachen. „Das ist mehr werth als alle Wampums der Welt!" rief er. „Ihr versteht es nicht, Judith, denke ich; aber wenn Ihr Eure eigenen Gefühle vor Euch nehmen wollt, und Euch einbilden, ein Feind habe Euch sagen lassen, Ihr sollet den Mann Eurer Wahl anfgcben, und einen Andern nehmen, der nicht der Mann Eurer Wahl wäre, so werdet Ihr Euch die Hauptsache schon denken 505 können, dafür steh' ich! Ja, ich lobe mir ein Weib für wahre Beredsamkeit, wenn sie sich nnr einmal entschließen, ausznsprcchen, was sie fühlen. Unter Sprechen verstehe ich aber nicht Plaudern, denn das thun die Meisten von ihnen jede Stunde; sondern mit ihren ehrlichen, tiefsten Gefühlen in passenden Worten herans- rücken. Und jetzt, Judith, nachdem ich die Antwort eines Roth- hantmädchens habe, muß ich auch die eines Bleichgesichts bekommen, wenn anders ei» so blühendes Gesicht wie das Eurige irgend so genannt werden darf. Es ist ein schöner Name für Euch: Wilde Rose, und was die Farbe anbelangt, sollte man Hetty die Geißblattblüthe nennen." „Käme diese Sprache ans dem Munde eines der galanten Herren von der Garnison, so würde ich sie verlachen, Wildtödtcr; aber da sic ans Eurem kommt, kann ich mich, das weiß ich, darauf verlassen," versetzte Judith, im Innersten geschmeichelt durch seine natürlichen und charakteristischen Komplimente. „Es ist jedoch zu bald, meine Antwort zu verlangen, die große Schlange hat noch nicht geredet." „Die Schlange! Herr; ich könnte seine Rede ansrichten, ohne ein Wort davon gehört zu haben! Ich dachte gar nicht daran, ihm die Frage auch nur vorznlcgen, ich gesteh' es; obwohl es freilich wohl nicht ganz recht wäre, angesehen daß Wahrheit eben Wahrheit ist, und ich verpflichtet bin, diese» Mingo's eben die Thatsache zu berichten, und sonst Nichts. So, Chingachgook, laßt uns Eure Gesinnung höre» über diese Sache — seid Ihr geneigt, Euch nach Eurem Dorfe zu wende» über die Berge, Hist einem Hnronen abzntreten, und den Häuptlingen zn Hanse zu melden: wenn sie rüstig und glücklich seien, können sic möglicherweise die Spur der Irokesen noch treffen, zwei oder drei Tage nachdem der Feind auf und davon ist?" Wie seine Verlobte, stand auch der junge Häuptling ans, um seine Antwort mit der gehörigen Deutlichkeit und Würde zu geben. 506 Hist hatte gesprochen, die Hände über der Brust gekreuzt, als wollte sie ihre innere Bewegung unterdrücken; der Krieger überstreckte einen Arm vor sich ans, mit einer ruhigen Energie, welche seinen Ausdrücken noch mehr Nachdruck gab. „Wampnm sollte gesandt werden für Wampnm," sagte er; „eine Botschaft muß beantwortet werden mit einer Botschaft. Hört, was die große Schlange von den Delaware» zu sagen hat den angeblichen Wölfen von den großen See'n, die durch unsere Wälder heulen. Sie sind keine Wölfe, sie sind Hunde, die gekommen sind, sich ihre Schwänze und Ohren durch die Hände der Delaware» stutzen zu lassen. Sie sind gut, junge Weiber zu stehlen, aber schlecht, sie zu verwahren und zu behaupten. Chingach- gook nimmt sein Eigenthnm, wo er es findet, — er fragt keinen Köter ans den Canada's um Erlaubnis; dazu. Wenn er ein zärtliches Gefühl in seinem Herzen hat, so geht das die Hnronen Nichts an. Er sagt es ihr, die es am liebsten hört; er will es nicht in den Forst hinansbellcn für die Ohren Derjenigen, die nur das Geschrei der Angst verstehen. Was in seiner Hütte vorgeht, gebührt nicht einmal den Häuptlinge» seines eigenen Volkes zu wissen, viel weniger den Mingo-Schnften." — „Nennt sie Vagabunden / Schlange," unterbrach ihn Wild- tödter, der seine Freude nicht zu zügeln vermochte — „ja nennt sie nur gerade heraus Vagabunden, was ein Wort ist, das sich leicht erklären läßt, und ihren Ohren am allerverhaßtesten, weil es so wahr ist. Seid unbesorgt wePN meiner; ich will Eure Botschaft an sie bestellen Sylbe für Sylbe, Hohn für Hohn, Idee für Idee, Trotz für Trotz — und sie verdienen nichts Besseres von Euch. — Nennt sie nur Vagabunden, ein- oder zweimal, und das wird den Saft in ihnen steigen machen von den untersten Wurzeln bis in die höchsten Zweige!" „Viel weniger den Mingo - Vagabunden!" fuhr Chingachgovk fort, gerne bereit, seines Freundes Verlangen zu willfahren. — 507 „Sagt den Hnronen-Hunden, sie müssen lauter heulen, wenn sie wünschen, daß ein Delaware sie in den Wäldern finde, wo sie sich verkriechen wie Füchse, statt zu jagen wie Krieger. Als sie ein Delawaren-Miidchen in ihrem Lager hatten, da war Grund, sie aufznjagen; jetzt wird man sie vergessen, wenn sie nicht Lärm machen. Chingachgook mag sich nicht die Mühe nehmen, von seinen Dörfern mehr Krieger herbciznholen; er kann ihren flüchtigen Zug schon treffen; wenn sie sich nicht unter den Bode» verstecken, wird er sie nach Canada verfolgen, allein. Er wird Wah-ta!-Wah bei sich behalten, sein Wildpret zu kochen; sic Beide werden Delaware» genug sein, um alle Hnronen in ihr Land znrückznschenchen." „Das ist eine wichtige Depesche, wie die Offiziere diese Dinge nennen!" rief Wildtödter; „sie wird alles Blut der Hnronen in Bewegung bringen; ganz besonders der Theil, wo er ihnen sagen läßt, auch Hist werde ihnen nachseycn, bis sie völlig ans dem Lande getrieben seien. Ach, ja freilich! große Worte sind nicht immer große Thaten, bei alle Dem der Herr gebe, daß wir nur halb so tüchtig zu sein vermögen, als mir verbeißen! Und jetzt, Judith, ist die Reihe a» Euch, zu reden; denn die Elende» werden eine Antwort erwarten von jeder Person, die arme Hctty vielleicht ausgenommen." „Und warum nicht von Hctty, Wildtödter? Sie spricht oft vernünftig und passend; die Indianer halten vielleicht ihre Worte in Ehren, den» sie haben Mitgefühl für Leute in ihrem Zustand." „Das ist wahr, Judith, und ein rascher, guter Gedanke von Euch. Die Rothhänte achten das Unglück in jeder Gestalt, und namentlich das Hetty's. So, Hetty, wenn Ihr Etwas zu sagen habt, so will ich es den Hnronen so getreulich ansrichten, als wären cs die Worte eines Schulmeisters oder Missionärs." Das Mädchen bedachte sich einen Augenblick, und dann antwortete sic in ihrem sausten, milden Tone, so ernst als nur einer unter ihren Vorgängern: 508 „Die Hnronen müssen den Unterschied zwischen weißen Leuten und ihnen selbst nicht begreifen können," sagte sie, „sonst würden sie nicht verlangen, daß Judith und ich mit ihnen gehen und in ihren Dörfern wohnen sollen. Gott hat ein Land den rothen Männern, und ein anderes uns gegeben. Er wollte, daß wir abgesondert für uns leben. Dann sagte auch Mutter immer, wir sollten wo möglich nur immer unter Christen leben, und das ist ein Grund, warum wir nicht gehen könne». Dieser See ist unser, und wir wollen ihn nicht verlassen. Vaters und der Mutter Gräber sind darin, und selbst die schlechtesten Indianer bleiben gern bei den Gräbern ihrer Väter. Ich will noch einmal kommen und sie sehen, wenn sie das von mir verlangen, und ihnen noch mehr aus der Bibel vorlesen, aber des Vaters nnd der Mutter Grab kann ich nicht verlassen." „Das ist recht, das ist recht, Hetty, gerade so gut, als wenn Ihr ihnen eine zweimal so lange Botschaft schicktet," unterbrach sie der Jäger. „Ich will Ihnen Alles sagen, was Ihr gesprochen habt nnd was Ihr meint, nnd ich stehe dafür, daß sie leicht befriedigt sein werden. Jetzt, Judith, kommt die Reihe an Euch, nnd dann ist dieser Theil meines Auftrags für heute Nacht zu Ende." Judith zeigte ein Widerstreben, ihre Antwort zu geben, das ein wenig die Neugier des Boten rege machte. Nach ihrem bekannten lebhaften Geist nrtheilend, hatte er nie gezweifelt, daß das Mädchen ihren Gefühlen nnd Grundsätzen nicht minder treu bleiben werde als Hist oder Hetty; nnd doch war eine merkliche, schwankende Unentschlossenheit bei ihr sichtbar, die ihm einige Unruhe machte. Selbst jetzt, wo er sie geradezu anfforderte, zu sprechen, schien sie sich zu bedenke», nnd sie öffnete nicht eher den Mund, als bis das tiefe Schweigen ihr zeigte, mit welcher Spannung man ans ihre Worte warte. Da sprach sie zwar, aber unsicher nnd mit Widerstreben. „Sagt mir erst — sagt uns erst, Wildtödter," begann sie, 509 die Worte wiederholend, nur nm den Nachdruck anders zu sehen — „welchen Einfluß werden unsere Antworten ans Euer Schicksal haben? Wenn Ihr das Opfer unserer trotzigen Keckheit sein solltet, so wäre es besser gewesen, wenn wir Alle eine bedächtlichcre und schlauere Sprache geführr hätten. Was also werden denn wohl die Folgen für Euch sein?" „Herr im Himmel, Judith, Ihr könntet mich ebensogirt fragen, woher der Wind wehen werde in der nächsten Woche, oder wie alt das nächste Wild sei, das geschossen werde! Ich kann nur sagen, daß ihre Gesichter mich etwas finster auschaueu; aber es donnert nicht jedes Mal, wenn eine schwarze Wolke am Himmel steht, auch weht nicht jeder Windstoß Regen zusammen. Das ist somit eine Frage, die viel leichter zu machen, als zu beantworten ist." „So ist es auch mit dieser Botschaft der Irokesen an mich," versetzte Judith, anfstehend, als wäre sie für den Augenblick über ihre Handlungsweise entschieden. „Meine Antwort werde ich geben, Wildtödtcr, nachdem wir, Ihr und ich, mit einander gesprochen, und die Andern sich für die Nacht zur Ruhe begeben haben." Es war eine Entschiedenheit in dem ganzen Wesen des Mädchens, welche Wildtödtcr geneigt machte, sich dieß gefallen zu lassen, und er that dieß um so leichter, als der Aufschub nach keiner Seite hin wesentliche Folgen nach sich ziehen konnte. Die Versammlung brach jetzt auf, und Hurry kündigte seinen Entschluß an, sie bald zu verlassen. Während der Stunde, die man noch verstreichen ließ, damit inzwischen noch stärkere Dunkelheit eintrete, bis der Gränzmann ausbrach, machten sich die verschiedenen Individuen Jedes in seiner gewohnten Art zu schaffen, und der Jäger insbesondere brachte die meiste Zeit damit zu, die Trefflichkeit der schon erwähnten Büchse noch weiter zu untersuchen. Die Stunde Nenn kam jedoch bald heran, und dann, so war es bestimmt, sollte Hnrry seine Reise anlreten. Statt seinen 510 Abschied freimnthig und mit großherziger Wärme zu nehmen, brachte er das Wenige, was er zn sagen nöthig fand, mürrisch und kalt vor. Erbitterung über Judiths Hartnäckigkeit, wie er es ansah, war gemischt mit Kränkung und Verdruß über die Begegnisse, die ihm zngcstoßen, seit er den See erreicht hatte; und wie es gewöhnlich ist bei gemeinen und engherzigen Menschen, war er mehr geneigt, Andern wegen seiner Mißgeschicke Vorwürfe zn machen, als sich selbst zn tadeln. Judith reichte ihm die Hand, aber wohl völlig ebensosehr ans Freude als mit Bedauern, während die beiden Delaware» ohne Leidwesen erfuhren, daß er sie verlasse» wolle. Unter der ganzen Gesellschaft zeigte nur Hetty ein wahres Gefühl. Verschämtheit und die Schüchternheit ihres Geschlechts und Charakters hielten auch sie einigermaßen entfernt, so daß Hnrry in das Canoe trat, wo Wildtödter schon seiner wartete, ehe sie sich nahe genug heranwagte, um bemerkt zu werden. Dann aber trat das Mädchen in die Arche, und erreichte deren Ende, gerade als die kleine Barke von ihr abstieß mit so leichter und stetiger Bewegung, daß man es kaum wahrnahm. Eine Aufwallung von Gefühl überwand jetzt ihre Schüchternheit, und Hetty sprach: „Lebt wohl, Hnrry," rief sie mit ihrer süßen Stimme — „lebt wohl, lieber Hnrry. Nehmt Euch in Acht in den Wäldern, und macht nie Halt, bis Ihr die Garnison erreicht. Die Blätter ans den Bäumen sind kaum zahlreicher als die Huronen um den See herum, und sie würden einen starken Mann nicht so mild behandeln, wie sie mich behandeln." Die fesselnde Anziehungskraft, welche March für dies; schwachsinnige Mädchen hatte, das doch den Sinn und das Gefühl des Rechten befaß, beruhte auf einem Gesetz der Natur. Ihre Sinne waren eingenommen worden von den Vorzügen seiner Person; und ihr moralischer Verkehr mit ihm war nie innig und genau genug gewesen, um einem Eindruck das Gegengewicht zu halten, der 511 sonst allerdings, selbst bei einem Wesen von so stumpfen Geisteskräften, hätte vermindert werde» müssen. Hetty'S Instinkt für daS Rechte, wenn ein solcher Ausdruck- gebraucht werden darf von einem Wesen, daS von einem guten Geist geleitet zu werden schien, um mit nie irrender Genauigkeit zwischen Gut und Böse dahinzusteuern, würde über tausend Punkte in Hurry'S Charakter sich empört haben, wäre Gelegenheit gewesen, sie darüber aufzn- klären; aber während er, von ihr selbst sich ferne haltend, mit ihrer Schwester plauderte und tändelte, hatten seine vollendet schöne Gestalt und seine Züge allen Eindruck auf ihre einfache Einbildungskraft und ihr von Natur zärtliches Gemüth machen können, ohne durch den Zusatz und die Lcgirnng seiner Gesinnungen und seiner Plumpheit beeinträchtigt zu werden. Zwar fand sie ihn roh und derb; aber daS war auch ihr Vater, und die meisten ander» Männer, die sie gesehen; und waS ihr alS eine Eigen- thümlichkeit deS ganzen Geschlechts erschien, fiel ihr in Hurry'S Charakter weniger ungünstig auf, alS sonst wohl der Fall gewesen wäre. Doch war cS nicht eigentlich Liebe, waS Hetty für Hurry fühlte, auch möge man dies; nicht in unserer Schilderung finden, sondern nur die erwachende Empfänglichkeit deS Gefühls und Bewunderung, die, unter günstigeren Verhältnissen, und immer vorausgesetzt, daß keine widerwärtigen Offenbarungen hinsichtlich deS Charakters deS jungen ManneS hindernd dazwischen gekommen wären, bald zu jener allbeherrschenden Leidenschaft hätten heranreifen können. Sie fühlte für ihn eine keimende Zärtlichkeit, aber kaum irgend eine Leidenschaft. Vielleicht die stärkste Annäherung zu letzterer, die sich in Hetty'S Benehmen gezeigt, konnte man erblicken in der Empfindlichkeit, die sie hatte MarchS Vorliebe für ihre Schwester entdecken lassen; denn bei den zahlreichen Bewunderern Judiths war dies; daS einzige Mal, daß der umwölkte Geist deS Mädchens die zur Beobachtung der Verhältnisse erforderliche Schärfe anfgelwten hatte. 512 Man hatte Hnrn) bei seinem Anfbrnch so wenig Mitgefühl bezeigt, daß die milden Worte Hetty's, wie sic ihm so nachricf, ihm ganz wohlthnend nnd tröstlich klangen. Er hielt das Canoe ans, nnd mit einem Schwnng seines gewaltigen Armes brachte er es wieder neben die Arche zurück. Das war mehr, als Hetty, deren Mnth mit dem Weggehen ihres Helden gestiegen war, erwartet hatte, und sie bebte jetzt schüchtern zurück bei seiner unverhofften Rückkehr. „Ihr seid ein gutes Mädchen, Hetty, nnd ich kann Euch nickt ohne ein Händeschütteln verlassen," sagte March freundlich. „Judith ist am Ende nicht so viel werth als Ihr, obgleich sie um eine Kleinigkeit besser ansschen mag. Was den Witz betrifft, wenn Redlichkeit nnd Offenheit mit einem jungen Mann ein Zeichen von Verstand bei einem jungen Weibe ist, so wiegt Ihr zehn Judiths ans; ja nnd in Wahrheit die meisten Mädchen meiner Bekanntschaft." „Sagt Nichts gegen Judith, Harry," erwicderte Hetty in bittendem Tone. „Vater ist todt, nnd Mutter ist todt, nnd Niemand ist übrig, als Jndsth und ich, nnd es ist nicht recht, wenn Schwestern übel von einander reden, oder znhören, wenn man so redet. Vater ist im See, und Mutter auch, nnd wir sollten Alle Gott fürchten, denn wir wissen nicht, wenn wir vielleicht auch im See liegen werden." „Das klingt vernünftig, Kind, wie das Meiste, was Ihr sprecht. Nun, wenn wir uns je wieder sehen, Hetty, so werdet Ihr einen Freund an mir finden, thnc auch Eure Schwester was sie wolle. Ich war kein großer Freund von Eurer Mutter, ich gesteh' es, denn wir dachten verschieden über die meisten Punkte; aber dafür Euer Vater, der alte Tom, nnd ich paßten für einander so prächtig, wie ein hirschledcrner Anzug einem wohlgebauten Manne paßt. Ich bin immerdar der gleichen Meinung gewesen, daß der alte Floating Tom Hutter im Grunde ein guter Kerl 513 war, und will das gegen alle Feinde behaupten, um seinetwillen, wie Euretwillen." „Lebt wohl, Hnrry," sagte Hetty, die jetzt so sehnlich wünschte, den jungen Mann bald fortznbringen, als sie noch vor einem Augenblick gewünscht hatte, ihn znrückznhalten, obgleich sie sich vom einen Gefühl so wenig als vom andern klare Rechenschaft zu geben wußte; „lebt wohl, Harry, nehmt Euch in Acht in den Wäldern; haltet Ench nicht auf, bis Ihr die Garnison erreicht. Ich will ei» Kapitel in der Bibel für Ench lesen, eh' ich zu Bette gehe, und Euer in meinem Gebet gedenken." Dicß hieß einen Punkt berühren, rücksichtlich dessen March keine Sympathien hatte, und ohne weitere Worte schüttelte er dem Mädchen herzlich die Hand, und begab sich wieder in das Canoe. Nach einer Minute waren die beiden Abenteurer hundert Fuß von der Arche entfernt, und nach etwa sechs Minuten hatte man sie schon ganz ans dem Gesicht verloren. Hetty seufzte tief, und trat zu ihrer Schwester und Hist. Eine Zeitlang ruderten Wildtödter und sein Genosse schweigend fort. Es war beschlossen morden, Hnrry gerade an dem Landvorsprung an's Land zn sehen, wo er sich, wie wir im Anfang unserer Erzählung berichtet, eingeschifft hatte; nicht nur weil dieser Platz von den Hnronen schwerlich so genau bewacht wurde, sondern auch weil Hnrry auf diesem Platze mit den Zeichen der Wälder hinlänglich vertrant war, um auch bei Nacht sich in ihnen zurecht zu finden. Dorthin steuerte denn das leichte Fahrzeug, so emsig und rasch gerudert, als nur immer zwei kräftige und geübte Canoe-Männer ihr leichtes Schiffchen durch oder vielmehr über das Wasser treiben konnten. Weniger als eine Viertelstunde genügte für ihr Vorhaben, und als sie nach Verfloß dieser Zeit sich, im Bereich der Schatten der Küste, und ganz nahe dem gesuchten Punkt befanden, hörten Beide in ihrer Arbeit auf, um ihre Abschiedsbesprechung außer der Gehörweitc Der Wildtödter- 33 514 irgend eines Lanschers, der etwa in der Nähe sein konnte, zu halten. „Ihr werdet wohl daran thnn, die Offiziere der Garnison zn bereden, daß sie einen Streifzng gegen diese Vagabunden unternehmen, sobald Ihr hincinkommt, Hnrry," begann Wildtödtcr; „und noch besser, wenn Ihr sie selbst als Freiwilliger und Führer wieder herauf begleitet. Ihr kennt die Pfade, und die Gestalt des See's, und die Natur des Landes, und könnt es besser thnn, als ein gewöhnlicher, allgemeiner Kundschafter. Geht zuerst auf das Lager der Hnronen los, und folgt den Zeichen, die sich Euch dann darbieten werden. Ein paar Blicke nach der Hütte und der Arche werden Euch über den Zustand des Delawaren und der Weiber unterrichten; und in jedem Fall wird es eine schöne Gelegenheit sein, den Mingo's auf die Fährte zu kommen, und den Spitzbuben einen Denkzettel zn machen, den sie lange genug mit sich herumtrage» sollen. Es wird dieß vermuthlich keinen großen Unterschied machen für mich, denn diese Sache wird abgemacht sein, che die Sonne des morgenden Tages unter ist; aber es kann eine große Aenderung für Judiths und Hetty's Hoffnungen und Aussichten bewirken!" „Und was Euch selbst angeht, Nathanacl," erkundigte sich Hurry mit größerer Theilnahme, als er sonst für Wohl und Wehe Anderer zu verrathen pflegte — „und was Euch selbst betrifft, was haltet Ihr für wahrscheinlich, daß Euch widerfahren werde?" „Das weiß der Herr allein in seiner Weisheit, Henry March! Die Wolken sehen schwarz und drohend aus, und ich setze mein Gemüth in Verfassung, das Schlimmste zu erdulden. Rachsüchtige Gefühle herrschen vor in den Herzen der Mingo's, und jede kleine Täuschung ihrer Erwartungen in Betreff des Raubes, oder der Gefangenen, oder Hists, kann die Marter zur Gewißheit mache». Der Herr in seiner Weisheit allein kann mein Schicksal bestimmen, oder das Eure!" 515 „Das ist ein schwarzer Handel, nnd sollte in irgend einer Art nnd Weise gehemmt werden," versetzte Hnrry, die Unterscheidungen zwischen Recht nnd Unrecht verwechselnd, wie gewöhnlich bei selbstsüchtigen nnd gemeinen Menschen der Fall ist. „Ich wünschte von Herzen, der alte Hntter nnd ich hätten jede Kreatur in ihrem Lager skalpirt in der Nacht, da wir zuerst mit diesem Kapitalplan landeten! Hättet Ihr Euch nicht gesträubt, Wildtödter, es wäre vielleicht gelungen, dann hättet Ihr Euch nicht am Ende in der desperaten Lage gefunden, von der Ihr sprecht." „Besser hättet Ihr gesagt, Ihr wünschet, daß Ihr gar nie zu thnn versucht hättet, was zu unternehmen eines weißen Mannes Gaben schlecht geziemt; in diesem Falle wäre uns nicht nur vielleicht jeder Kampf erspart geblieben, sondern Thomas Hutter würde auch jetzt »och leben, nnd die Herzen der Wilden würden nickt so rachgierig sein. Auch der Tod jenes jungen Weibes, March, mar eine unberufene That, und läßt eine schwere Last auf unserem Namen, wo nicht auf unserem Gewissen zurück!" Ließ war so klar, nnd es leuchtete im Augenblick Hnrry selbst so ei», daß er das Ruder in's Wasser tauchte, und anfing, das Canoe der Küste zuzurndcrn, als strebte er nur seiner eigenen, lebhaften Rene zu entfliehen. Sein Begleiter gab diesem fieberhaften Drang nach Veränderung nach, und nach ein paar Minuten fuhr der Bug des Bootes mit einer leichten, hörbaren Reibung auf dem Kies des Strandes auf. Landen, sein Bündel nnd seine Büchse schultern, und sich marschfertig machen, dieß Alles war für Hnrry nur das Werk eines Augenblicks, und mit einem halbgrollendcn Abschied hatte er schon seinen Marsch angetreten, als eine plötzliche Anwandlung von Gefühl ihn jählings Halt machen ließ, nnd augenblicklich darauf befand er sich wieder an der Seite des Andern. „Ihr könnt doch nicht gemeint sein, Euch wieder in die Hände der mörderischen Wilden zu liefern, Wildtödter!" sagte er, ebenso- 33 » 516 sehr in zorniger Abmahnnng als mit edlem Gefühl. „Es wäre die That eines Wahnsinnigen oder eines Thoren!" „Es gibt Leute, die es für Wahnsinn halten, seinem Wort treu zu sein, und Solche, die cs nicht dafür halten, Hnrry Harry. Ihr mögt Einer von den Ersteren sein, ich gehöre zu den Letzteren. Keine Rothhaut auf der Welt soll sagen können, daß ein Mingo sein Wort höher halte als ein Mann von weißem Blut und weißen Gaben in irgend Etwas, das mich betrifft. Ich bin weg auf Urlaub, und wenn ich Kraft und Vernunft habe, will ich meinem Urlaub gemäß znriickkehren vor morgen Mittag." „Was ist ein Indianer, oder ein gegebenes Wort, oder ein Urlaub, genommen von Kreaturen, wie diese, die weder Seelen noch Namen haben?" „Wenn sie weder Seelen noch Namen haben, so haben dafür wir, Ich und Ihr, Harry March, Beides, und die eine ist für den andern verantwortlich. Dieser Urlaub ist nicht, wie Ihr zu wähnen scheint, ganz nur eine Sache zwischen mir und den Min- go's, angesehen, daß es ein feierlicher Pakt ist, zwischen mir und Gott geschlossen. Wer da glaubt, er könne sagen was ihm beliebt in seiner Roth, und Alles gelte für Nichts, weil es im Walde gesprochen ist, und in's Ohr der rothen Männer, versteht wenig von seiner Lage, von seinen Hoffnungen und Bedürfnissen. Die Worte sind geredet vor dem Ohr des Allmächtigen. Die Luft ist sein Athem, und das Licht der Sonne ist wenig mehr, als ein Blick seines Auges. Lebt wohl, Harry! wir sehen uns vielleicht nie wieder; aber ich möchte Euch wünschen, daß Ihr nie einen Urlaub, oder sonst eine feierliche Zusage, wobei Euer christlicher Gott als Zeuge angerufen worden, als eine so leichte Pflicht behandelt, daß man sie vergessen dürfte nach den Bedürfnissen des Leibes, oder auch nach den Gelüsten des Geistes." March war jetzt wieder froh, losznkommen. Es war ihm ganz unmöglich, auf die Gesinnungen cinzngehen, die seinen Genossen 517 adelten, und er eilte von Beiden weg mit einer Ungeduld, die ihn heimlich fluchen machte auf die Thorheit, die einen Mann veranlassen könne, so zu sagen in sein eigenes Verderben zu rennen. Wildtödter dagegen zeigte keine solche Aufregung. Aufrecht gehalten durch seine Grundsätze, unbeugsam in dem Entschluß, ihnen gemäß zu handeln, und erhaben über jede unmännliche Furcht, betrachtete er Alles, was ihm bevorstand, als eine Art Nothwen- digkeit, und dachte so wenig daran, einen unwürdigen Versuch zu machen, ihm zu entgehen, als ein Moslem daran denkt, den Beschlüssen der Vorsehung entgegen zu handeln. Er stand ruhig ans der Küste, dem sorglosen Schritt horchend, womit Hurry seine Wanderung durch die Gebüsche verrieth, schüttelte den Kopf im Mißvergnügen über diesen Mangel an Vorsicht, und trat dann ruhig in sein Eanoe. Ehe er die Nnderschaufel wieder in's Wasser tauchte, sah sich der junge Mann um und betrachtete die Scene, die sich ihm in der sternhellen Nacht darbot. Es war dieß die Stelle, wo zuerst sei» Auge auf den schönen Wasserspiegel gefalle» war, ans dem er jetzt schwamm. War er damals prächtig in dem Hellen Licht eines Sommcrmittags, so war er jetzt trüb und melancholisch unter den Schatten der Nacht. Die Berge stiegen rings um ihn her empor wie schwarze Mauern, um die Welt draußen ansznschließen, und die Streifen blaffen Lichts, die noch ans den breiteren Theilen des See's ruhten, waren keine übel» Symbole von der Schwäche der Hoffnungen, die nur so dämmernd noch über seiner Zukunft sichtbar waren. Schwer seufzend drängte er das Eanoe vom Lande weg, und ruderte mit stetigem Fleiß zurück, der Arche und dem Kastell zu. 518 VicrundzwanzigsteS Kapitel. Deine geheime Lust wird off'ne Scham, Dein heimlich Schwelgen öffentlich Entbehren: Dein hoher Titel ein zerlumpter Nam', Dein süßer Mund wird bittern Mermuth gähren; Nie können deine Eitelkeiten Mähren. Tarquinius und Lucretia. Judith erwartete die Zurückkunft Wildtödters auf der Plat- form mit steigender Ungeduld, bis er endlich das Kastell erreichte. Hist und Hetty lagen Beide in tiefem Schlaf auf dem Bette, das gewöhnlich die Töchter des Hauses einuahmeu, und der Delaware hatte sich auf dem Boden des anstoßenden Gemaches hingestrcckt, seine Büchse neben ihm, und einen Teppich über sich gebreitet, schon träumend von den Begebnissen der letzten paar Tage. Eine Lampe brannte in der Arche; denn die Familie pflegte sich diesen Luxus bei außerordentlichen Gelegenheiten zu gestatten, und besaß auch die Mittel dazu; und das Gefäß war nach Form und Material von der Art, daß man mit Wahrscheinlichkeit vermnthen konnte, es sei auch einmal in dem Schranke gewesen. Sobald das Mädchen des Canoe's ansichtig wurde, gab sic ihr hastiges Anfundabschreiten ans der Platform ans, und stand bereit zum Empfang des jungen Mannes, dessen Rückkehr sie nun schon einige Zeit mit Spannung erwartete. Sie half ihm das Canoe anbinden, und legte dadurch, daß sie ihm bei verschiedenen andern kleinen Geschäften behilflich war, ihr Verlangen an den Tag, sobald als möglich einen freien Augenblick eintreten zu sehen. Als dieß endlich geschah, benachrichtigte sie ihn ans seine Erkundigung, von der Art und Weise, wie ihre Genossen sich die Zeit zu Nutze machten. Er hörte ihr aufmerksam zu, denn das Benehmen des Mädchens war so ernst und bedeutungsvoll, daß er wohl merkte, sie habe etwas von ungewöhnlicher Wichtigkeit auf der Seele. »Und jetzt, Wildtödter," fuhr Judith fort, „seht Ihr, habe ich die Lampe angezündet und sie in die Kajüte der Arche gestellt. Das geschieht bei uns nur bei großen Veranlassungen, und ich betrachte diese Nacht als die wichtigste meines Lebens. Wollt Ihr mir folgen, und sehen, was ich Euch zu zeigen — hören, was ich Euch zu sagen habe?" Der Jäger war etwas überrascht; aber er machte keine Einwendungen, und bald befanden sich Beide ans der Fähre, in dem Gemache, wo das Licht brannte. Hier standen zwei Stühle neben dem Schranke, und ans einem dritten die Lampe, und in der Nähe ein Tisch, um die verschiedenen Artikel anfznnehmen, so wie sie zum Vorschein kämen. Diese Anordnung hatte ihren Grund in der fieberhaften Ungeduld des Mädchens, die keine Verzögerung ertragen mochte, welcher zu begegnen in ihrer Macht stand. Selbst alle Schlösser waren weggenvmmen, und es blieb nur noch übrig, den schweren Deckel aufznheben, und die Schätze dieses langverborgcnen Hortes ausznlcgen. „Ich sehe znm Theil, was dies; Alles bedeutet," bemerkte Wildtödter, „ja ich durchschaue es znm Theil. Aber warum ist Hetty nicht anwesend? nachdem Thomas Hutter todt ist, ist sie Miteigenthümcrin dieser Merkwürdigkeiten, und sollte sehen, wie man sie eröffnet und was man damit ansängt." „Hetty schläft," antwortete Judith hastig. „Znm Glück für sie haben schöne Kleider und Schätze für sie keinen Reiz. Zudem hat sie mir heute Nacht ihren Antheil an Allem, was dieser Schrank enthalten mag, übergeben, das; ich damit nach meinem Gutdünken verfahre." „Ist die arme Hetty hinlänglich ihrer Geisteskräfte mächtig dazu, Judith?" fragte der rechtlichgesinnte, junge Mann. „Es ist eine gute Vorschrift und eine gerechte, daß man Nichts nehmen solle, wenn die Gebenden den Werth ihrer Gaben nicht verstehen, und mit solchen, welche Gott so schwer heimgesncht hat in ihrem Verstände, sollte man so sorgsam umgehen, wie mit Kindern, die noch nicht zu ihrer Vernunft gekommen sind." Judith war verletzt durch diese Zurechtweisung aus dem Munde dieses Mannes, aber sie würde dieselbe noch weit lebhafter empfunden habe», hätte nicht ihr Gewissen sie von allen ungerechten, selbstsüchtigen Absichten gegen ihre schwachsinnige, aber vertrauensvolle Schwester freigesprochen. Es war jedoch nicht der Augenblick, irgendwie die bei ihr so gewöhnliche Aufwallung ihres stolzen Geistes zu verrathcn, und die vorübergehende Empfindlichkeit ward unterdrückt von dem Wunsche, zu dem wichtigen Vorhaben, das sie im Auge hatte, zu gelangen. „Hetty wird kein Unrecht geschehen," antwortete sie mild; „sie weiß auch sogar nicht nur, was ich zu thuu im Begriff stehe, sondern auch, warum ich es thue. So nehmt denn Euren Sitz, hebt den Deckel des Schranks auf, und dießmal wollen wir bis auf den Boden hinabdriugen. Es sollte mich sehr wundern, wenn sich nicht Etwas fände, was uns über die Geschichte Thomas Hutters und meiner Mutter mehr anfklärte." „Warum sagt Ihr Thomas Hutter, Judith, und nicht Euer Vater? Den Todten soll mau mit ebensoviel Ehrfurcht begegnen, als den Lebenden." »Ich habe schon lang geargwohnt, daß Thomas Hutter nicht mein Vater sei, obwohl ich ihn für Hetty's Vater zu halten geneigt war, aber jetzt wissen wir, daß er der Vater von Keiner von uns ist. Er bekannte dieß förmlich in seinen letzten Augenblicken. Ich bin alt genug, um mich eines bessern Zustands zu erinnern, als worin wir auf diesem See gelebt haben, obgleich die Eindrücke davon in meinem Geiste so schwach sind, daß mir der frühere Thcil meines Lebens wie ein Traum erscheint." „Träume sind armselige Wegweiser, wenn mau sich über Wirklichkeiten zu entscheiden hat, Judith," versetzte der Andere warnend. „Bildet Euch Nichts ein, und hofft Nichts ihrethalb: obwohl ich schon Häuptlinge gekannt habe, die sie für nützlich hielten." 521 „Ich erwarte Nichts von ihnen für die Zuknnft, mein gnter Freund, kann aber nicht umhin, mich dessen zu erinnern, was gewesen ist. Das ist aber eitel, wenn eine halbstündige Untersuchung uns Alles, oder sogar mehr als ich wissen möchte, lehren kann." Wildtödter, der des Mädchens Ungeduld begriff, nahm jetzt seinen Sitz ein, und machte sich daran, von Neuem die verschiedenen Artikel, welche der Schrank enthielt, auszukramen. Natürlich fand man Alles, was man früher schon durchsucht hatte, ebenso wie man es zuvor wiedereingepackt hatte, und es erregte weit weniger Interesse und Bemerkungen, als bei der ersten Auffindung. Selbst Judith legte den kostbaren Brokat mit gleichgültiger Miene bei Seite, denn sie hatte einen weit höhern Zweck im Auge als Befriedigung der Eitelkeit, und war ungeduldig, den noch verborgenen oder vielmehr unbekannten Schätzen ans den Grund zu kommen. „All' diese Dinge haben wir schon zuvor gesehen," sagte sie, „und wollen uns nicht damit anfhalten, sie aufzumachen. Das Packet unter Eurer Hand, Wildtödter, ist ein neues, das wollen wir untersuchen. Gott gebe, daß es Etwas enthalte, was der armen Hetty und mir sagen, wer wir eigentlich sind." .„Ja, wenn manche Packete reden könnten, sie würden von wunderbaren Geheimnissen zu erzählen haben," versetzte der junge Mann, mit Bedacht die Falten eines neuen Stücks grober Leinwand auseinanderschlagend, um zum Inhalt einer aus seinen Knieen liegenden Rolle zu gelangen; „obwohl dies; hier nicht zu der Familie zu gehören scheint, angesehen, daß cs nicht mehr und nicht weniger ist, als eine Art Fahne; aber von welcher Nation, das zu sagen geht über meine Gelehrsamkeit." „Diese Flagge muß eine besondere Bedeutung haben," fiel Judith hastig ein. „Öeffnct sie weiter, Wildtödter, damit wir die Farben sehen." „Ha, ich bedaure den Fähndrich, der dieß Stück Tuch auf der 522 Schulter zu schleppen, und damit im Feld zu paradiren hat. Es ist wahrhaftig groß genug, Judith, um ein Dutzend solcher Fahnen daraus zu machen, auf welche des Königs Offiziere so große Stucke halten; das kann nicht die Fahne eines Fähndrichs, sondern muß die eines Generals sein!" „Ein Schiff könnte sie tragen, Wildtödter; und Schiffe, das weiß ich, fuhren solche Dinge. Habt Ihr nie schauerliche Geschichten gehört, daß Thomas Hutter einmal mit den Leuten in Verhältniß gestanden, die man Bukkaniers nennt?" „Bockohnnieren! Nein — ich nie — ich habe nie von ihm rühmen gehört, daß er ein guter Schütze auf Böcke gewesen wäre, von welcher Sorte sie sein mochten. Hnrry Harry sprach mir einmal davon, wie man glaube, daß er früher einmal in irgend einer Weise mit gewissen Seeräubern zu schaffen gehabt habe; aber, Herr im Himmel, Judith, es kau» Euch doch wahrlich keine Befriedigung geben, das gegen Eurer Mutter Gatten hcrauszu- briugen, wenn er auch nicht Euer Vater ist." „Alles gibt mir Befriedigung, was mir Aufschluß gibt, wer ich bin und mir die Träume meiner Kindheit erklären hilft. Meiner Mutter Gatte! Ja, er muß das gewesen sein, obwohl es über eine menschliche Vernunft geht, zu erklären, wie eine Frau, wie sie, soll einen Mann gewählt haben, wie er! Ihr habt Mutter nie gesehen, und könnt daher nicht den unermeßlichen, unermeßlichen Unterschied empfinden, der zwischen ihnen stattfand." „Solche Dinge kommen aber doch vor; — ja, sle kommen vor; obwohl cs über meine Begriffe geht, warum die Vorsehung sie zuläßt. Ich habe die trotzigsten Krieger gekannt mit den sanftesten Frauen im ganzen Stamm, und wieder gräßliche Zänkerin- nen, welche Indianern zu Theil wurden, die zu Missionären sich geeignet hätten." „Das war es nicht, Wildtödter; das war es nicht. Oh! wenn es sich zeigen sollte, daß — nein; ich kann nicht wünschen, daß 523 sie gar nicht sein Weib sollte gewesen sein. Das kann keine Tochter von ihrer Mittler wünschen! Fahrt jetzt fort, nnd laßt uns sehe» / was der viereckige Pack enthält." Wildtödter that nach ihrem Wille», nnd sand, daß er einen kleinewKoffer von hübscher Arbeit, aber geschlossen, enthielt. Das Nächste war, den Schlüssel zn finden; aber da alles Sachen fruchtlos blieb, wurde beschlossen, das Schloß anfzubrechen. Dieß bewerkstelligte Wildtödter bald mittelst eines eisernen Instruments, und man fand, daß er beinahe ganz mit Papieren angesüllt war. Viele davon waren Briefe; andere Bruchstücke von Mannscripten, Aufsätze, Rechnungen nnd ähnliche Urkunden. Der Falke stoßt nicht mit plötzlicherer Gier ans das Huhn, als Judith herbeisprang, nm sich dieses Schachts von bisher unbekannten Nachrichten nnd Kenntnissen zn bemächtigen. Ihre Erziehung und Bildung war, wie der Leser bemerkt haben wird, weit über ihre Stellung im Leben, nnd ihr Auge flog über die Briefe, Blatt für Blatt, mit einer Leichtigkeit hin, welche Folge ihrer guten Schule, zugleich aber auch mit einer Gier, welche das natürliche Ergebnis; ihrer Gefühle war. Zuerst war das Mädchen sichtlich erfreut, nnd wir dürfen beisetzen mit Grund; denn die Briese, von Frauen geschrieben, voll Unschuld nnd Zärtlichkeit, waren der Art, daß sie ihr wohl einigen Stolz einflößen konnten ans Diejenigen, mit welchen sic, wie sie mit allem Grund glaubte, durch Bande des Blutes enge verbunden war. Es paßt jedoch nicht in unser» Plan, von diesen Briefen mehr ntttznthcilen, als einen allgemeinen Begriff ihres Inhalts, nnd dieß wird am besten geschehen, wenn wir die Wirkung schildern, welche sie ans das Benehmen, die äußere Erscheinung nnd die Gefühle des Mädchens hervorbrachten, das sie so begierig durchlief. Es ist schon gesagt worden, daß Judith eine große Freude über die Papiere hatte, die ihr zuerst unter die Augen kamen. Sie enthielten die Briefe einer zärtlichen und liebevollen Mutter an 524 eine entfernte Tochter, mit solchen Hindentnngen ans die Antworten, welche großen Theils die Lücke der fehlenden Erwiederungen ans- zufüllen dienten. Sie waren jedoch nicht ohne Ermahnungen und Warnungen, und Judith fühlte sich das Blut in die Schläfe steige», und dann einen kalten Schauer, als sie einen Brief las, worin die Schicklichkeit davon, daß die Tochter sich einem so innigen und vertraulichen Verhältniß, wie diese selbst cs in einem ihrer Briefe mußte geschildert haben, mit einem Offiziere hingab, ,der von Europa kam, und von dem kaum anzunehmen war, daß er in Amerika eine ehrenhafte Verbindung zu schließen gesonnen sei', in ziemlich kaltem Tone von der Mutter erörtert wurde. Ein seltsamer Umstand war, daß die Unterschriften bei allen diesen Briefen sorgfältig weggeschnitten, und so oft ein Name im Brief selbst vorkam, dieser mit solcher Pünktlichkeit heransradirt war, daß man ihn unmöglich lesen konnte. Sie waren alle in Couverts einge- schlofsen gewesen, der Sitte jener Zeit gemäß, und es fand sich auch nicht Eine Adresse. Doch waren die Briefe selbst mit gewissenhafter Sorgfalt aufbewahrt worden, und Judith glaubte auf einigen Spuren von Thräneu entdecken zu kennen. Sie erinnerte sich jetzt, den kleinen Koffer vor ihrer Mutter Tod in der Verwahrung von dieser gesehen zu haben, und sie vermuthete, er sei nebst den andern vergessenen oder verheimlichten Gegenständen in der Kiste anfbewahrt worden, als die Briefe nichts mehr zum Kummer oder znm Glück dieser Mutter beitragen konnten. Da kam ein anderes Packet Briefe, und diese waren voll von Bethenrnngcn der Liebe, allerdings mit Leidenschaft geschrieben, aber auch mit jener trügerischen Ueberrednng, welcher gegenüber dem andern Geschlecht sich zu bedienen, die Männer so oft sich glauben gestatten zu dürfen. Judith hatte über das erste Packet reichliche Thräneu vergossen, aberjetzt empfand sie sich durch ein Gefühl von Entrüstung und Stolz mehr aufrecht gehalten. Aber ihre Hand zitterte, und kalte Schauer zuckten durch ihren Leib, als sie 525 auf einige Punkte stieß, welche starke Ähnlichkeit hatten mit Briefen, die zu erhalten ihr Schicksal gewesen war. Einmal legte sic wirklich das Packet hin, beugte ihr Haupt auf die Knice nieder, und schien beinahe Krämpfe zu bekommen. Wildtödter saß diese ganze Zeit über da, ein stummer aber aufmerksamer Beobachter von Allem, was vorging. Wenn Judith einen Brief gelesen, gab sie ihn ihm, um ihn zu halten, bis sie den nächsten las; aber dies; schien ihren Genossen in keiner Weise anfznklären, da er des Lesens gänzlich unkundig war. Doch war er nicht ganz auf dem falschen Wege in der Dentnng und Enträthselnng der Leidenschaften, die in der Brust des schönen Wesens neben ihm kämpften, und da ihr von Zeit zn Zeit leise gemurmelte Sähe und Ausrufe entschlüpften, war er in seinen Ahnungen oder Vcr- mnthungen der Wahrheit näher, als dem Mädchen lieb gewesen wäre, wahrznnehmen. Judith hatte begonnen mit den frnstestcn Briefen, was günstig war für ein schnelles Verständnis; der Geschichte, die sie enthielten; denn sie waren sorgfältig in der Zeitfolge geordnet, und offenbarten Jedem, der sich die Mühe nahm, sie zn dnrchlcsen, eine traurige Geschichte von befriedigter Leidenschaft, Kälte und endlicher Abneigung. Wie sic den Schlüssel dieses Inhalts gewonnen hatte, duldete ihre Ungeduld keinen Aufschub, und sie überlicf rasch mit dem Auge ein ganzes Blatt, um auf die möglichst kurze Weise hinter die Wahrheit zn kommen. Mittelst dieses Verfahrens, zn dem Alle, die verlangend sind, ein Resultat zn erreiche», ohne sich mit Details zn belästigen, so gerne greifen, schritt Judith sehr schnell vor in dieser traurigen Enthüllung von ihrer Mutter Fehltritten und Strafe. Sie sah, daß der Zeitpunkt ihrer Geburt deutlich bezeichnet war, und erfuhr selbst, das; der einfache Name, den sie trug, ihr von dem Vater gegeben ward, von dessen Person sie einen so schwachen Eindruck behalten hatte, daß er fast einem Traume glich. Dieser Name war im Text der Briese nicht 526 ausgelöscht, sondern stand darin, als wäre durch seine Auslöschnng Nichts zu erzielen gewesen. Hetty's Geburt ward einmal erwähnt, und dicßmal war cs der Name der Mutter; aber noch vor diesem Zeitpunkt traten die Anzeichen der Kälte ein; düstere Vorboten der Treulosigkeit, deren verlassenes Opser sie bald wurde. In diesem Stadium der Corrcspondenz war es, daß ihre Mutter darauf verfallen war, eine Abschrift von ihren eigenen Briefen zu nehmen. Es waren dieser »nr wenige, aber sie sprachen beredt die Empfindungen zerstörter Zärtlichkeit und der Zerknirschung ans. Judith schluchzte darüber, bis sie sich zu wiederholten Malen genvthigt sah, sie wegznlege», ans förmlichem, physischem Unvermögen zu sehen und zu lesen, da ihre Augen von Thränen im buchstäblichen Sinne verdunkelt waren. Doch kehrte sic immer wieder mit gesteigertem Interesse z» ihrer Aufgabe zurück, und endlich gelangte sie glücklich bis zum Schluß der letzten Mittheilnng wahrscheinlich, die zwischen ihren Eltern ansgetanscht wurde. Alles dies; nahm eine volle Stunde weg; denn beinahe hundert Briefe hatte sic mit einem Blick überflogen, und etwa zwanzig genau dnrchlesen. Die Wahrheit lag jetzt klar vor dem scharfblickenden Geiste Judiths, was ihre und Hetty's Geburt betraf. Sie ward tief betrübt bei dieser Ueberzengnug, und für den Augenblick war ihr die ganze übrige Welt wie abgeschnitte», und sic hatte jetzt »och 5nehr Grund zu dem Wunsche, den Rest ihres Lebens ans dem See hinzubringen, wo sic schon so manche Helle und so manche kummervolle Tage erlebt hatte. Aber es waren noch mehr Briefe zu untersuchen übrig. Judith fand, daß diese eine Corrcspondenz zwischen ihrer Mutter und Thomas Hovey enthielten. Die Originale von beiden Theilen waren sorgfältig geordnet, Brief »nd Antwort nebeneinander; und sie erklärten die frühere Geschichte der Verbindung zwischen dem übel zusammenpassendcn Paare weit deutlicher, als Judith sie zu erfahren gewünscht hatte. Ihre Mutter that die entgegenkommenden Schritte zu einer Heirath zum Erstaunen, um nicht zu sagen: Entsetzen, ihrer Tochter; nnd cs war ihr in der That ein Trost, als sie in den früheren Briefen dieses unglückseligen Weibes schon Spuren von dem entdeckte, was ihr als Wahnsinn anffiel, oder als eine krankhafte Gemüthsverfaffung, die an jenen entsetzlichen Znstand gränzte. Die Antworten Hovcy's waren plnmp, und verricthen Mangel an Bildung, obgleich sie ein hinlängliches Verlangen ans- sprachen, die Hand einer Fran von ausnehmenden persönlichen Reizen zu erlangen, deren große Verirrung er geneigt mar zu übersehen in Betracht des Vortheils, eine ihm in jeder Hinsicht überlegene Gattin zu besitzen, die zudem, wie es schien, nicht ganz ohne Geld war. Das Uebrigc von diesem Theile des Briefwechsels war kurz, nnd beschränkte sich bald ans einige wenige Mittheilungen über Geschäftssachen, worin das unglückliche Weib den abwesenden Gatten zur Eile.antricb in seinen Vorbereitungen, eine Welt zn verlassen, die, wie man anznnehmen Grund genug hatte, für das Eine von Beiden ebenso gefährlich, als für das Andere unangenehm mar. Aber Ein Ausdruck war ihrer Mutter entschlüpft, woraus Judith den Beweggründen, die sie veranlassen, Hutter oder Hvvey zn heirathen, auf die Spur kam; sie fand diese in dem Gefühl der Erbitterung, das so oft die Mißhandelten verleitet, sich selbst Leiden zuznfügen, um so feurige Kohlen auf das Haupt Derjenigen zn sammeln, durch welche sie gelitten haben. Judith hatte genug von dem lebhaften Geist dieser Mutter, um dieß Gefühl zn begreifen, nnd einen Augenblick sah sie die ausnehmende Thorheit ein, welche solche rachsüchtige Gefühle die Oberhand gewinnen ließ. Hiermit hörte der historische Theil der Papiere, wenn man so sagen darf, auf. Unter den vermischten Bruchstücken jedoch war eine alte Zeitung, einen Aufruf enthaltend, der eine Belohnung bot für die Festnehmung gewisser, mit Namen aufgeführter Freibeuter, worunter auch Thomas Hovey. Die Aufmerksamkeit des Mädchens ward auf diesen Aufruf und auf diesen Namen insbe- 528 sondere hingelenkt durch den Umstand, daß beide mit Tinte schwarz unterstrichen waren. Sonst fand sich Nichts unter den Papieren, was zur Entdeckung des Namens oder des Wohnorts von Hutters Gattin fuhren konnte. Alle Daten, Unterschriften und Adressen waren von den Briefen weggeschnitten, und wo ein Wort im Text selbst vvrkam, das einen Schlüssel liefern konnte, war es auf's Sorgsamste ausgelöscht. So fand Judith alle ihre Hoffnungen, zu erfahren, wer ihre Eltern gewesen, getauscht, und sie war genö- thigt, in Betreff ihrer ganzen Zukunft wieder ans ihre eigenen Hilfsquellen und Lebensgewohnhcitcn znrückznkommen. Ihre Erinnerung an ihrer Mutter Benehmen, Gespräche und Leiden ergänzten manche Lücken in de» jetzt von ihr entdeckten historischen Umständen; »nd die Wahrheit stand in ihren allgemeinen Umrissen deutlich genug vor ihr, um ihr in der That alle Lust zu benehmen nach weiteren Details. Sie warf, sich wieder ans ihren Sitz zurück, und bat einfach ihren Genossen, die Untersuchung der übrigen Artikel in dem Schranke zu beendigen, da er noch Etwas von Wichtigkeit enthalten könne. „Ich will cs thnn, Judith; ich will es thnn," versetzte der geduldige Wildtödter, „aber wenn noch mehr Ariefe zum Lesen darin sind, werden mir die Sonne wieder am Himmel sehen, ehe Ihr mit dem Lese» fertig geworden! Zwei gute Stunden habt Ihr in diese Stücke Papier hinctzsgcschant!" „Sie melden mir von meinen Eltern, Wildtödter, und haben meine Plane für mein Lebe» bestimmt. Ein Mädchen ist wohl zn entschuldigen, das von seinem eigenen Vater und Mutter liest, und dazu noch znm ersten Mal in ihrem Leben. Es thut mir leid, daß ick Euch habe lange warten lassen." „Seid unbekümmert wegen meiner, Mädchen, ganz unbekümmert. Es trägt wenig aus, ob ich schlafe oder wache; aber obschon ihr lieblich anznsehen und so schön seid, Judith, ist es doch nicht ganz angenehm, so lange dazusitzen und Euch Thränen vergieße» zu scheu. Ich weiß, daß Thränen nicht nmbringcn, und daß es manchen Leuten besser wird, wenn sie dann und wann ein paar vergießen, besvnders Frauen; aber ich möchte Euch doch immer lieber lächeln als weinen sehen, Judith." Diese galante Rede ward belohnt mit einem süßen, obwohl melancholischen Lächeln; und daun bat das Mädchen ihren Genossen noch einmal, die Untersuchung des Schrankes zu beendigen. Das Durchsuchen dauerte nothwendig noch einige Zeit, während welcher Judith ihre Gedanken sammelte und ihre Fassung wieder gewann. Sie nahm an der Durchsuchung keinen Antheil, überließ Alles dem jungen Mann, und beobachtete selbst gleichgültig die verschiedenen Artikel, die'znm Vorschein kamen. Es fand sich jedoch nichts weiter von vielem Interesse oder Werth. Ein paar Degen, wie sie damals Gentlemen trugen, einige Schnallen von Silber, oder so stark plattirt, daß sie von Silber schienen, und einige wenige schöne weibliche Kleidungsstücke waren die wichtigsten Fünde. Es fiel indessen Judith und Wildtödtern ein, daß manche von diesen Dingen wohl benutzt werden könnte», eine Unterhandlung mit den Irokesen einznleiten; nur sah dabei der Letztere eine Schwierigkeit, die der Erster» nicht so in die Augen sprang. Das Gespräch ward zuerst wieder über diesen Umstand angeknüpft. „Und mm, Wildtvdter," sagte Judith, „können wir von Euch sprechen, und von den Mitteln, Euch ans den Händen der Hn- ronen zu befreien. Ein Theil oder Alles, was Ihr in dem Schrank gesehen habt, wird von mir und Hetty mit Freuden hingegeben, um Euch in Freiheit zu sehen." „Nun, das ist großmüthig — ja, es ist durchaus mit freigebigem Herzen und freigebigen Händen gehandelt und großmüthig. Das ist die Art bei Weibern, wenn sie eine Freundschaft fassen, so thnn sie Nichts halb, sondern sind so bereit, ihr Hab und Gut hinzugeben, als hätte es gar keinen Werth in ihren Angen. Indessen, so sehr ich euch Beiden danke, gerade wie wenn der Handel Der Wildtödter. 34 530 schon geschloffen, nnd Rivenoak, oder irgend ein Anderer oon den Vagabunden hier wäre, nni es in Empfang zn nehmen nnd den Vertrag zu schließen, sind dennoch zwei Hauptgründe, warum das nimmermehr geschehen kann, nnd ich kann sie Euch sogleich sagen, damit nicht in Euch unwahrscheinliche Erwartungen, oder in mir nicht zn rechtfertigende Hoffnungen rege werden." „Welcher Grund kann vorhanden sein, wenn Hctty nnd ich bereit sind, Euretwillen diese Kleinigkeiten hinzngeben, nnd die Wilden geneigt, sie anznnehmen?" „Das ist's, Judith — Ihr habt die rechten Ideen, aber sie sind ein wenig ans der Ordnung gerückt, etwa wie wen» ein Hund der Spur rückwärts statt vorwärts folgte. Daß die Mingo's geneigt sein werden, diese Dinge anznnehmen, oder Alles, was Ihr ihnen von der Art noch weiter anbieten mögt, ist wahrscheinlich genug; aber ob sie Etwas dafür vergüten werden, ist eine ganz-andere Sache. Fragt Euch selbst, Judith, wenn Euch Jemand eine Botschaft schickte, des Inhalts, für den nnd den Preis könnt Ihr nnd Hctty diesen Schrank sammt Allem, was er enthält, haben, würdet Ihr es der Mühe werth halten, über einen solchen Handel viele Worte zn verlieren?" „Ha, dieser Schrank mit Allem was darin ist, ist schon unser; wir hätten keinen Grund, zu kaufen, was schon unser ist." „Gerade so rechnen die Mingo's! Sic sagen, der Schrank sei schon ihr, oder so gut als ihr, und sie wollen für den Schlüssel Niemand großen Dank sagen." „Ich versteh' Euch, Wildtödter; sicherlich aber sind wir jetzt noch im Besitz des See's, nnd können uns im Besitz behaupten, bis Hnrry Truppen schickt, um den Feind zn verjagen. Das können wir sicherlich, vorausgesetzt, daß Ihr bei uns bleiben wollt, statt znrückzukehren und Euch wieder als Gefangener ausznliefern, wie Ihr jetzt entschlossen scheint zn thnn." „Daß Hnrry Harry so schwatzte, ist natürlich, und den Gaben des Mannes gemäß. Er versteht es nicht besser, und daher ist nicht zn erwarten, daß er besser fühlt oder besser handelt, aber, Judith, ich lege cs Euch an's Herz und an's Gewissen — würdet Ihr, könntet Ihr von mir so vorthcilhaft denken, als Ihr jetzt, wie ich hoffe und glaube, thut, wenn ich meinen Urlaub vergäße und nicht in's Lager znrückkehrte?" „Vorthcilhafter von Euch zn denken, Wildtödtcr, als ich jetzt schon thue, wäre nicht leicht; aber ich würde fortwährend ebenso vorthcilhaft von Euch denken — es scheint mir wenigstens so — ich hoffe, ich könnte es; denn eine Welt würde mich nicht verlocken, Ench zn Etwas zn veranlassen, was meine wirkliche Meinung von Euch ändern könnte." „Dann sucht nicht mich zur Verletzung meines Urlaubs zu verlocken, Mädchen! Ein Urlaub ist etwas Heiliges unter Kriegern und Männern, die ihr Leben in ihren Händen tragen, wie wir in den Wäldern thnn; und welch' eine schmerzliche Täuschung würde es für den alten Tamennnd, und Uncas, den Vater von Schlange, und meine andern Freunde im Stamme sein, wenn ich mich ans meinem ersten Kriegspfade entehrte? Dieß gilt, das werdet Ihr auch noch einsehen, Judith, ohne daß man ein Gewicht legt auf natürliche Gaben und eines weißen Mannes Pflichten, Nichts zu sagen vom Gewissen. Das ist König bei mir, und ich suche nie seinen Befehlen zn widersprechen." „Ich glaube, Ihr habt recht, Wildtödtcr," versetzte das Mädchen nach kurzem Besinnen und mit trauriger Stimme; „ein Mann wie Ihr darf nicht handeln, wie die Selbstsüchtigen und Unehrenhaften zn handeln geneigt sein würden; Ihr müßt in der That znrückkehren. Wir wollen denn hiervon nicht weiter sprechen; beredete ich Euch zn Etwas, das Ench nachmals leid wäre, so würde meine Rene nicht kleiner sein als die Enrige. Ihr sollt nicht sagen dürfen, Judith — ich weiß selbst kaum recht, mit welchem Namen ich mich jetzt nennen soll!" 34 » 532 „Und warum nicht? - warum nicht, Mädchen? Kinder fuhren die Namen ihrer Eltern, naturgemäß, und als eine Art Gabe; und warum solltet Ihr und Hctty nicht auch thnn, was Andere vor Euch gethan? Hutter war des alten Mannes Name, und Hutter sollte auch seiner Töchter Name sein; — wenigstens bis Ihr in gesetzmäßiger und heiliger Ehe weggegebcn werdet." »Ich bin Judith, und nur Judith," versetzte das Mädchen mit Bestimmtheit, „bis das Gesetz mir ein Recht ans einen andern Namen gibt. Nie will ich wieder den Thomas Hutters führen, und auch, mit meiner Einwilligung, Hetty nicht! Hutter war nicht sein eigentlicher Name, wie ich finde; aber hätte er auch ein tausendfaches Recht darauf, das würde mir keines geben. Er war nicht mein Vater, dem Himmel sei Dank! obwohl ich nicht Grund haben mag, stolz zu sein ans den, der es war!" „Das ist sonderbar," sagte Wildtödter, das aufgeregte Mädchen scharf anstarrcnd, begierig, mehr zu erfahren, aber nicht geneigt, sich nach Dingen zu erkundigen, die ihn, streng genommen, Nichts angingen; „ja, das ist sehr seltsam und ungewöhnlich! Thomas Hutter war nicht Thomas Hutter, und seine Töchter sind nicht seine Töchter! Wer konnte denn Thomas Hutter sein, und wer sind seine Töchter?" „Hörtet Ihr nie Gerüchte flüstern gegen das frühere Leben dieses Mannes, Wildtödter?" fragte Judith. „Obgleich ich für sein Kind galt, erreichten doch selbst mein Ohr solche Gerüchte." „Ich will es nicht läugncn, Judith; nein, ich will es nicht längnen. Gewisse Dinge wurden gesagt, wie man mir erzählt hat; aber ich bin nicht sehr leichtgläubig gegen Gerüchte. So jung ich bin, habe ich doch lauge genug gelebt, um zu lernen, daß es zwei Arten von Charakteren in der Welt gibt: solche, die man sich durch Ahnten erwirbt, und solche, die man durch Zungen erwirbt; und so ziehe ich es vor, für mich selbst zu sehen und zu nrtheilen, statt daß ich jeden Rachen, der sich nur in Bewegung setzen mag, 533 meinen Richter werden lasse. Harry Hurry äußerte sich ziemlich gerade heraus über die ganze Familie, als wir hicher reisten; und er ließ eine Anspielung fallen, daß Themas Hutter in seinen jungen Jahren ein Freibeuter ans dem Wasser gewesen. Unter Freibeuter verstehe ich, daß er anderer Leute Hab' und Gut als freie Beute ausah und davon lebte." „Er sagte Euch, er sei ein Seeräuber gewesen — unter Freunden ist cs nicht nöthig, die Sachen zu beschönigen. Lest das, Wildtödter, und Ihr werdet sehen, daß er Euch nicht mehr als die Wahrheit gesagt hat. Dieser Thomas Hovcy war der Thomas Hutter, den Ihr kanntet, wie man ans diesen Briefen sieht." „Wie Judith so sprach mit flammender Wange und mit Angen, die im Glanze wilder Aufregung leuchteten, hielt sie ihrem Genossen das Zeitnngsblatt hin, und deutete ans den schon erwähnten Aufruf eines Kolonie-Gouverneurs. „Gott tröste Euch, Judith?" versetzte der Andere lachend, „Ihr könntet ebensogut von mir verlangen, ich solle das drucken oder auch schreiben. Meine Erziehung und Bildung Hab' ich ganz in den Wäldern erhalten; das einzige Buch, das ich lese, oder lesen mag, ist dasjenige, das Gott anfgeschlagcn hat vor allen seinen Kreaturen in den edeln Wäldern, breiten See'n, rollenden Strömen, blauen Himmel, Winden, Sturmen, Sonnenschein und anderen prächtigen Wundern des Landes! Dieß Buch kann ich lesen, und finde es voll Weisheit und Einsicht." „Ich bitte Euch »m Verzeihung, Wildtödter," sagte Judith ernst, mehr beschämt als sie sonst zu sein pflegte, als sie bemerkte, daß sie unabsichtlich ihrem Genossen eine Anmuthung gemacht, die seinen Stolz verletzen konnte. „Ich hatte Eure Lebensweise vergessen, und am allerwenigsten dachte ich Eurem Gefühl wehe zu th'nn." „Meinem Gefühl wehe zu thun! — warum sollte cs meinem Gefühl wehe thnn, wenn mau von mir verlangt, ich solle lesen, während ich cs nicht kann? Ich bin ein Jäger — und ich darf 53 ^ jetzt auch anfangen zu sagen : ein Krieger, und kein Missionär; und daher gelten Bücher und Papier einem Manne, wie ietz bin, Nictzts. Nein, nein, Judith;" und hier lachte der junge Mann herzlich, „nicht einmal zu Pfropfen mag ich sie brauchen, angesehen, daß ein achter Wildpretschntz immer der Haut eines Rehes sich bedient, wenn er eine solche hat, oder sonst eines Stückes ordentlich zngerichtcten Leders. Es gibt Leute, die sagen, Alles was gedruckt ist, sei wahr; in diesem Fall, ich gesteh' es, muß ein ungelehrter Mann etwas zu kurz kommen; doch aber kann cs nicht wahrer sein, als was Gott mit eigener Hand gedruckt hat am Himmel, und in den Wäldern, und Strömen und Quellen." „Nun gut, also Hutter, oder Hovcy, war ein Seeräuber; und da er nicht mein Vater war, kann ich auch nicht wünschen, ihn so zu nennen. Sein Name soll nicht länger mein Name sein!" „Wenn Euch der Name dieses Mannes nicht gefällt, so ist ja dann der Name Eurer Mutter da, Judith. Ihr Name kann Euch ebensogut dienen." „Ich weiß ihn nicht. Ich habe diese Papiere dnrchgesehcn, Wildtödter, in der Hoffnung, eine Andeutung zn finden, vermöge welcher ich entdecken könnte, wer meine Mutter war; aber ich habe in dieser Beziehung so wenig eine Spur von der Vergangenheit gefunden, als der Vogel bei seinem Flug in der Luft eine znrückläßt." „Das ist ungewöhnlich und auch unvernünftig. Eltern sind verpflichtet, ihren Kindern einen Namen zn geben, wenn sic ihnen auch sonst Nichts geben. Nun stamme ich von einer niedrigen Familie, obgleich wir weiße Gaben nnd eine weiße Natur haben, aber wir sind doch nicht so armselig, daß wir keinen Namen hätten. Bnmppo sind mir genannt, nnd ich habe sagen hören," hier glühte ein Strahl menschlicher Eitelkeit ans seiner Wange, „daß eine Zeit gewesen, wo die Bnmppo'S mehr Ansehen nnd Einfluß unter den Menschen hatten, als sie jetzt haben." 535 „Sie verdienten sie nie mehr, als seht, Wildtödter, und der Name ist ein guter, Hetty oder ich selbst wurden tausendmal lieber Hetty Bnmppo, oder Judith Bnmppo uns nennen lassen, als Hetty oder Judith Hutter." „Das ist eine moralische Unmöglichkeit," versetzte der Jager gntmüthig, „falls nicht Eine von euch sich so weit erniedrigen svllte, mich zu heirathen." Judith konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als sie sah, wie einfach und natürlich das Gespräch sich eben auf den Punkt gewendet hatte, wohin es zu führen ihr Augenmerk gewesen mar. Obwohl keineswegs nnweiblich oder frech, weder in ihren Gefühlen noch in ihrem Benehmen, war das Mädchen doch gestachelt durch das Gefühl nicht ganz verdienter Unbilden, aufgeregt durch die Hilflosigkeit einer Zukunft, die keinen Ruheplatz zu biete» schien, und noch mehr beherrscht von Gefühlen, die ihr eben so neu waren, als sie sich heftig und mächtig zeigten. Die Gelegenheit war daher zu gut, um versäumt zu werden, obwohl sie ihrem Gegenstand recht auf den Umwegen und mit der vielleicht entschuldbaren List und Gewandtheit eines Weibes näher rückte. „Ich denke nicht, daß Hetty je heirathen wird, Wildtödter," sagte sie; „wenn Euer Name von Einer von uns geführt werden soll, so muß ich diese Eine sein." „Es hat auch schöne Weiber gegeben, so sagt man mir, unter den Bnmppo's, Judith, vor diesen Zeiten; und wenn Ihr den Namen Euch gefallen ließet, so ungewöhnlich Ihr seid in diesem Punkt, Solche, welche die Familie kennen, würden nicht so sehr überrascht sein." „Das ist aber nicht gesprochen, wie es uns Beiden geziemt, Wildtödter; denn was über einen solchen Gegenstand zwischen Mann und Weib verhandelt wird, das sollte im Ernst und mit aufrichtigem Herzen geredet sein. Der Verschämtheit vergessend, welche in den meisten Fällen Mädchen den Mund schließen muß, bis man zn ihnen spricht, will ich mit Ench so offen sprechen und handeln, wie es nach meiner vollen Ueberzengung einem Manne von Eurer großmüthigen Natur am liebsten sein muß. Könnt Ihr glauben — glaubt Ihr, Wildtödter, daß Ihr glücklich sein könntet mit einem solchen Weibe, wie ein Mädchen, wie ich, eins geben würde?" „Ein Mädchen wie Ihr, Judith! Aber was hat es für einen Sinn, über so Etwas zn spaßen und zn tändeln? Ein Mädchen wie Ihr, das schön genug ist, um eines Kapitäns Lady zu werden, und fein genug, und so viel ich verstehe, gebildet genug, kann wohl wenig geneigt sein, daran zn denken, mein Weib zn werden. Ich denke, junge Mädchen, welche fühlen, daß sie proper und flott sind, und wissen, daß sie schön sind, finden eine gewisse Genugthnnng darin, ihre Scherze zn treiben mit Solchen, die keines von beiden sind, wie ein armer Delawaren-Jäger." Dieß mar in gntmüthigem Tone gesprochen, doch nicht ohne daß sich ein Gefühl verriet!), welches zeigte, daß Etwas, wie versetzte Empfindlichkeit ihren Antheil an dieser Antwort hatte. Nichts hätte begegnen können, was in höherem Grade Judiths großmüthige Rene erregen, oder sie mehr in ihrem Vorhaben bestärken und ihr dabei zn Hilfe kommen mußte, indem so zu ihren andern Beweggründen und Antrieben auch »och der Sporn eines uneigennützigen Wunsches: eine Kränkung gut zn machen, hinzukam, welcher Alles in eine so natürliche und gewinnende Gestalt kleidete, daß dadurch der unangenehme Zug einer ihrem Geschlecht nicht wohl anstehenden vorlauten Zudringlichkeit nicht wenig gemildert wurde. „Ihr thnt mir unrecht, wenn Ihr mir einen solchen Gedanken oder Wunsch zntrant," antwortete sie ernst. „Nie in meinem Leben war es mir größerer Ernst, und nie war ich bereitwilliger, bei jeder Verabredung, die wir heute Nacht treffen mögen, fest zn bleiben. Ich habe viele Bewerber gehabt, Wildtödter, — ja, kaum ist ein nnver- heiratheter Jäger oder Fallensteller seit den letzten vier Jahren an den See gekommen, der mir nicht angebotcn hätte, mich mit sich zn'nehmen, »nd ich fürchte auch einige, die oerheirathet waren —" „Ja, das will ich wohl glauben!" unterbrach sie der Andere — „ja, das will ich Alles wohl glauben! Alle znsammengenommen, Judith, trägt die Erde keine Sorte von Menschen, die so selbstsüchtig wäre, und so gleichgültig gegen Gott und sein Gesetz." „Nicht Einem von ihnen wollte ich — konnte ich mein Ohr leihen; ein Glück vielleicht für mich, daß dies; so war. Es sind auch gut aussehende junge Männer darunter gewesen, wie Ihr an Eurem Bekannten habt sehen können, an Harry March." „Ja, Harry ist scheinbar für's Auge, obwohl, nach meinen Ideen, weniger für das Urtheil. Ich glaubte im Anfang, Ihr seiet gemeint, ihn zu nehmen, ja wirklich; aber eh' er wegging, war es leicht genug, sich zu überzeugen, daß dieselbe Hütte nicht groß genug für euch Beide sein würde." „Ihr habt mir hierin wenigstens Gerechtigkeit widerfahren lassen, Wildtödter. Hnrry ist ein Mann, den ich nie hcirathen könnte, wenn er auch zehnmal hübscher wäre für das Auge, und ein hundertmal männlicheres Herz besäße, als er hat?' „Warum nicht, Judith, warum nicht? Ich gestehe, ich bin neugierig zu erfahre», warum ein junger Mann wie Hnrry nicht Gnnst finden sollte bei einem Mädchen wie Ihr?" „Dann sollt Ihr cs auch erfahren, Wildtödter," versetzte das Mädchen, freudig die Gelegenheit benützend, diejenigen Eigenschaften zu preisen, welche sie an dem Frager so lebhaft interessirt hatten, und in der Hoffnung, auf diesem Wege unvermerkt dem ihr am meisten am Herzen liegenden Gegenstand näher zu rücken. „Erstlich ist das Aussehen bei einem Mann von keiner Bedeutung für ein Weib, vorausgesetzt, daß er männlich und nicht entstellt und mißgestaltet ist." „Da kann ich Euch nicht ganz beistimmen," versetzte der Andere nachdenklich, denn er hatte eine sehr bescheidene Meinung von seiner 538 eigenen persönlichen Erscheinung; „ich habe bemerkt, daß die hübschesten Krieger gewöhnlich die am besten ansschendcn Mädchen des Stammes zn Weiber» bekommen; »nd Schlange drüben, der manchmal wundervoll sich ansnimmt in seiner Bemalung, ist der allgemeine Liebling bei alle» jungen Delawarinncn, obgleich er selbst sich an Hist hält, als wäre sie die einzige Schönheit ans der Welt!" „Es mag so sein bei den Indianerinnen, aber bei weißen Mädchen ist cs ganz anders. Wenn nur der junge Mann einen geraden und männlichen Körper hat, der verspricht, er werde ein Weib zn schützen im Stande sein, und den Mangel fern oom Hanse zn halten, fragen sie nicht weiter nach dem Aussehen. Riesen wie Hnrry mögen wohl zn Grenadieren taugen, aber gelten wenig als Liebhaber. Dann, was das Gesicht betrifft, eine ehrliche Miene, eine, die für das Herz innen bürgt, ist mehr werth, als Züge oder Farbe, oder Auge», oder Zähne, oder solche Kleinigkeiten. Die letzter» mögen wichtig sein bei Mädchen, aber wer denkt daran bei einem Jäger, oder Krieger, oder Ehemann! Wenn es so einfältige Weiber gibt, so gehört Judith wenigstens nicht darunter." „Nun, das ist wunderbar! Ich dachte immer, Schöne haben Gefallen an Schönen, wie Reiche an Reichen!" „Es mag so sein bei den Männer», Wildtödter, aber cs ist nicht immer so bei uns Franc». Wir haben Gefallen an Männer» von tüchtigem Herzen, aber wir wünschen sie bescheiden zu sehen, sicher ans einer Jagd oder ans dem Kriegspfad, bereit für das Rechte und Gute zu sterbe», und unfähig, dem Unrecht nachzngeben. Bor Allem verlangen wir Ehrlichkeit — Zungen, die sich nicht dazu brauchen lassen, zn sagen, was das Herz nicht meint, und Herzen, die ein wenig für Andere fühle», so gut wie für sich selbst. Ein treuherziges Mädchen könnte für einen solche» Gatten sterben, während der prahlerische und doppelzüngige Bewerber dem Auge nachgerade so verhaßt wird, wie er dem Gemüthe ist." , Judith sprach mit Bitterkeit, und mit ihrem gewöhnlichen 539 Nachdruck, aber ihr Zuhörer war zu sehr betroffen vvu der Neuheit der Empfiudung, die ihn ergriff, als daß er auf ihren To» hätte viel achten sollen. Es lag etwas so Wohlthuendes für die Bescheidenheit eines Mannes von seiner Gemüthsart darin, Eigenschaften, welche zu besitzen er sich nothwendig bewußt war, so hoch gepriesen zu hören von dein lieblichsten Mädchen, das er je gesehen, daß für den Augenblick seine Geisteskräfte ganz anfgegangcn schiene» in einem sehr natürlichen und entschuldbaren Stolze. Da dnrchzückte die Idee der Möglichkeit, daß ein Wesen wie Judith seine Lebensgefährtin werden könnte, znm ersten Mal sein Gemüth. Das Bild war so lieblich und so neu, daß er länger als eine Minute völlig darin versunken blieb, gänzlich achtlos für die schöne Wirklichkeit, die vor ihm saß, den Ausdruck seines geraden und wahrhaftigen Gesichts mit einer Schärfe beobachtend, die ihr einen sehr schönen, wenn auch nicht durchaus richtigen Schlüssel zu seinen Gedanken gab. Nie zuvor war ein so reizendes Tranmgesicht vor dem geistigen Auge des jungen Jägers geschwebt; aber vorzugsweise an's Praktische gewöhnt, und wenig geneigt, sich der Gewalt seiner Einbildungskraft zu unterwerfen, so viel ächtes poetisches Gefühl er ancli namentlich in Beziehung aus Gegenstände der Natur besaß, faßte sich seine Vernunft bald wieder, und er lächelte über seine eigene Schwäche, als das Phantasiegcbilde vor seinem geistige»Auge entschwand, und er wieder das einfacbe, ungelehrte, aber sittlich hochstehende Wesen wie zuvor war, in der Arche Thomas Hutters, beim Licht der einsamen Lampe dasitzend nm Mitternacht, das holde Antlitz der vermeintlichen Tochter des geschiedenen Besitzers ihn anstrahlend mit ängstlich forschenden Blicke». „Ihr seid wundervoll schön, und verlockend »nd lieblich anzn- schanen, Judith!" rief er in seiner Einfalt, als die Wirklichkeit ihre Macht über die Phantasie behauptete. „Wundervoll! Ich erinnere mich nicht, je ein so schönes Mädchen gesehen zu haben, selbst nicht unter den Delaware»; und ich bin nicht 540 erstaunt darüber, daß Hurry Harry eben so erbittert als getäuscht fortging!" „Hättet Ihr gewollt, Wildtödter, daß ich das Weib eines Mannes wie Henry March geworden wäre?" „Es spricht Manches zu seinen Gunsten, und wieder Manches gegen ihn. Nach meinem Geschmack wurde Hnrry nicht eben den besten Ehemann abgeben, aber ich furchte, der Geschmack der meisten jungen Weiber hier herum würde sich nicht so hart über ihn aussprechen." „Nein — nein — Judith ohne einen Namen würde nimmermehr einwilligen, Judith March genannt zn werden! Alles wäre noch besser als das!" „Judith Bnmppo würde nicht so gut lauten, Mädchen; und noch manche Namen würden, was den Wohlklang für's Ohr betrifft, gegen March znrückstehen." „Ach! Wildtödter, der Wohlklang in solchen Fällen kommt nicht dnrch's Ohr, sondern durch's Herz. Alles ist angenehm, wenn das Herz davon befriedigt ist! Wäre Natty Bnmppo Henry March, und Henry March Natty Bnmppo, so würde mir der Name March schöner Vorkommen als er ist; oder wäre er Ihr, so würde ich den Namen Bnmppo abscheulich finden!" „Das ist cs gerade — ja, das ist der Grund der Sache. So ich, ich bin von Natur ein Feind von Schlangen, und Haffe selbst das Wort, was, wie mir die Missionäre sagen, in der menschlichen Natur liegt, wegen einer gewissen Schlange bei der Erschaffung der Welt, welche das erste Weib überlistete; und doch seitdem Chin- gachgook den Titel sich erworben, den er jetzt trägt, ha, jetzt ist der Laut meinem Ohr so angenehm, als das Pfeife» des Ziegenmelkers an einem heitern Abend, ja gewiß! Die Gefühle machen allen Unterschied ans der Welt, Judith, in der Natur der Laute; ja sogar auch beim Aussehen." „Das ist so wahr, Wildtödter, daß ich überrascht bin darüber, 541 daß Ihr es bemcrkcnswerth findet, wenn ein Mädchen, welches selbst ziemlich hübsch sein mag, es nicht für notwendig hält, daß ihr Gatte denselben Vorzug, oder was Euch als ein Vorzug erscheint, 'besitze. Mir gilt das Aeußere an einem Manne Nichts, vorausgesetzt, daß sein Gesicht so ehrlich ist wie sein Herz." „Ja, Ehrlichkeit ist ein großer Vortheil ans die Länge; und die es am ehesten vergessen am Anfang, lernen das oft am besten am Ende. Aber doch, Judith, gibt es Mehrere, die auf den augenblicklichen Gewinn eher sehen, als ans den Segen, der nachher erst kommt. Jenen halten sic für etwas Gewisses, und diesen für etwas Ungewisses. Ich bin aber froh, daß Ihr die Sache im rechten Licht anseht, und nicht in der Art, wie so Viele, die sich gerne selbst täuschen." „Ich sehe sic so an, Wildtödter," versetzte das Mädchen mit Nachdruck, immer noch mit dem Zartgefühl des Weibes zurück- bebend von einem unmittelbaren Anträge ihrer Hand, „und kann von Grund meines Herzens versichern, daß ich lieber mein Glück einem Manne anvertranen würde, ans dessen Wahrhaftigkeit und Gemüth man sich verlassen kann, als einem falschzüngigen nnd falschhcrzigen Elenden, der Kisten voll Gold, nnd Häuser und Ländereien hätte — ja, säße er selbst ans einem Thron!" „Das sind wackere Worte, Judith; es sind recht wackere Worte; aber meint Ihr, daß die Gefühle gleichen Schritt damit halten würden, wenn die Wahl wirklich vor Euch läge? Wenn ein munterer und galanter Herr in einem Scharlachrock ans der einen Seite stände, sein Kopf duftend wie der Fuß eines Hirsches, sein Gesicht glatt und blühend wie das Enrige, seine Hände so weiß und weich, als ob Gott nicht darüber ausgesprochen hätte, daß der Mann im Schmeiß seines Angesichts sein Brod essen soll, und sein Schritt so leicht, als Tanzmcister und ein leichtes Herz ihn nur immer machen können; nnd ans der andern Seite stände Einer, der seine Tage in der freien Lnft verlebt hat-, bis seine Stirne so 542 roth geworden wie seine Wange; der sich dnrch Moräste und Busche hindnrchgcarbeitct, bis seine Hand so rauh geworden wie die Eichen, unter denen er schlief; der die Witterung des Wildes verfolgt hat, bis sein Schritt so verstohlen geworden wie der des Panthers, und der keinen Wohlgernch an sich hätte, als welchen die Natur in der freien Luft und im Walde gibt — wenn jetzt diese beiden Männer hier ständen, als Werber um Eure Neigung; welcher, glaubt Ihr, würde Eure Gnnst gewinnen?" „Judiths schönes Angesicht flammte; denn das Bild, das ihr Gesellschafter so unbefangen entworfen von einem lustigen Offizier der Garnisonen, war einst ihrer Phantasie besonders angenehm gewesen, obwohl Erfahrung und Täuschung jetzt nicht nur alle ihre Gefühle erkältet, sondern ihnen auch eine entgegengesetzte Richtung gegeben hatte, und das vorübergehende Bild übte einen augenblicklichen Einfluß auf ihre Empfindungen; aber auf die ihr in's Gesicht getretene Nöthe folgte eine so tvdtliche Bläffe, daß sie ganz geisterhaft erschien. „So wahr Gott mein Richter ist," antwortete das Mädchen feierlich, „stände» diese beiden Männer vor mir, wie denn der Eine, ich darf cs sagen, wirklich vor mir steht, meine Wahl würde, wenn ich mein eigenes Her; kenne, auf den Letzten: gehen. Ich wünsche mir keinen Gatten, der irgend vornehmer ist als ich." „Das ist lieblich zu hören, und könnte einen jungen Mann wohl verführen, eine Zcitlang feine eigene Unwürdigkeit zu vergessen, Judith! Indes;, Ihr bedenkt doch kaum Alles, was Ihr sprecht! Ein Mann wie ich, ist zu roh und zu unwissend für ein Mädchen, das eine solche Mutter gehabt hat, sie zu lehren; Eitelkeit ist natürlich, glaub' ich; aber eine solche Eitelkeit würde die Vernunft überschreiten!" „Dann wißt Ihr nicht, wessen eines Weibes Herz fähig ist! Roh seid Ihr nicht, Wildtödtcr, auch kann der nicht unwissend 543 genannt werde», der, was vor seinen Auge» ist, so genau studirt hat wie Ihr! Wenn die Neigung im Spiele ist, erscheinen alle Dinge in ihren lieblichsten Farben, und Kleinigkeiten werden übersehen oder vergessen. Wenn es im Herzen Sonnenschein ist, so ist Nichts düster, und selbst trüb ansschende Gegenstände erscheinen hell und heiter; und so wäre es auch bei Ench nnd dem Mädchen, das Ench liebte, obwohl Euer Weib vielleicht in manchen Dingen Ench überlegen sein möchte, wie die Welt es nennt." „Judith, Ihr stammt von viel vornehmeren Leuten in der Welt ab, als ich, nnd ungleiche Ehen, wie ungleiche Frenud- schaftcn, nehmen selten ein gutes Ende. Ich rede von dieser Sache ganz als von einer bloßen Einbildung, sintemal es von Ench wenigstens nicht wahrscheinlich ist, daß Ihr sie als Etwas behandeln solltet, was wirklich zu Stande kommen könnte." Judith heftete ihre tiefblauen Angen ans das offene, frei- müthige Gesicht ihres Genossen, als wollte sie in seiner Seele lesen. Nichts verrieth hier einen versteckten Sin», nnd sie war gcnöthigt, sich selbst zu gestehen, daß er das Gespräch als eine bloße Erörterung mehr von Grundsätzen als von Thatsachen betrachtete, nnd daß er noch ohne allen Verdacht sei, ihre Gefühle möchten ernstlich bei dem Ansgang und Ergebnis; bethciligt sein. Zuerst fühlte sie sich gekränkt; dann sah sie die Ungerechtigkeit ein, die Bescheidenheit nnd Selbsterniedrigung des Jägers ihm znm Verbrechen zu machen; nnd diese neue Schwierigkeit verlieh dem Stand der Dinge einen cigenthümlichen Reiz, der ihr Interesse für den jungen Mann wohl noch steigerte. In diesem kritischen Augenblick blitzte in ihrem Geist eine Veränderung ihres Planes ans, nnd mit einer Raschheit der Erfindung, welche besonnenen und geistesgegenwärtigen Mensche» eigen ist, faßte sie jetzt einen Entwurf, der ihn, wie sie hoffte, wirksam nnd sicher an sie binden sollte. Dieser Entwurf trug eben so viel von der Fruchtbarkeit ihrer Erfindungsgabe, als von der Entschiedenheit nnd Kühnheit 544 ihres Charakters an sich. Damit jedoch das Gespräch nicht zn rasch abbreche, oder ein Verdacht von ihrer Absicht in Wildtöd- ter rege werde, beantwortete sie seine letzte Bemerkung so ernst und wahrhaft, als wäre ihr ursprüngliches Vorhaben ganz unverändert geblieben. „Ich habe gewiß keinen Grund, mich meiner Abstammung zn rühmen, nach dem, was ich heute Nacht erfahren habe," sagte das Mädchen in traurigem Tone. „Ich habe eine Mutter gehabt, das ist wahr; aber nicht einmal ihren Namen weis; ich; nnd.was meinen Vater betrifft, so ist es vielleicht besser, ich erfahre nie, wer er gewesen, damit ich nicht zu bitter von ihm spreche!" „Judith!" sagte Wildtödter, freundlich ihre Hand ergreifend, und mit einer männlichen Aufrichtigkeit, die dem Mädchen an's Herz griff, „cs ist besser, wir sprechen heute Nacht nichts weiter. Schlaft über Dem, was Ihr gesehen und empfunden habt; am Morgen nehmen sich vielleicht Dinge, die jetzt düster erscheinen, freundlicher aus. Vor Allem, thut nie Etwas in der Bitterkeit des Herzens, oder weil Tuch so zn Mnthe ist, als nähmet Ihr gern an Euch selbst Rache für anderer Leute Verkehrtheiten. Alles, was heute Nacht zwischen »ns gesprochen und verhandelt worden, ist Euer Geheimnis', und ich werde nie davon reden, selbst nicht mit Schlange; und seid gewiß, wenn er es nicht ans mir herauskriegt, so kriegt es Niemand heraus. Wenn Eure Eltern sündhaft gewesen sind, so sei cs die Tochter desto weniger; bedenkt, daß Ihr jung seid, und die Jungen dürfen immer ans bessere Zeiten hoffen; daß Ihr schnelleren Verstandes seid als gewöhnlich ist, und Solche meist leicht über Schwierigkeiten wegkommen, und daß Eure Schönheit eine ungemeine ist; das ist ein Vortheil bei Allen. Es ist Zeit, ein wenig Ruhe zu genießen, denn morgen wird wohl für Eins oder das Andere von. uns ein Tag heißer Prüfung werden." Mit diesen Worten stand Wildtödter aus, und Judith hatte 545 keine Wahl als ihm zu folge». Der Schrank ward geschlossen und verwahrt, und sie trennten sich schweigend; sie ging, um neben Hist und Hetty ihr Lager einznnehmen, und er suchte sich einen Teppich ans dem Boden der Kajüte, wo er war. Es dauerte kaum fünf Minuten, so lag der junge Mann schon in tiefem Schlafe; das Mädchen aber wachte noch lange. Sie wußte selbst nicht, sollte sie bedauern oder sich freuen, daß ihr nickt gelungen, sich verständlich zu machen. Einerseits war ihrem weiblichen Zartgefühl ein Opfer erspart, andererseits aber empfand sie den Verdruß, ihre Hoffnungen vereitelt oder doch hinansgeschoben zu sehen, und die Ungewißheit einer so dunkel anssehenden Zukunft. Dan» kam der neue Entschluß und der kecke Plan für morgen; und als Schläfrigkeit ihr endlich die Angen schloß, war das Letzte, was sie noch schauten, ein Bild des glücklichen Erfolges^ das ihre Phantasie unter dem Einfluß eines sanguinischen Temperaments und einer glücklichen Erfindungsgabe entwarf und ansmalte. Fünfundzwanzigftes Kapitel. Doch Mutter, jetzt ein Schatten stillt Aus meiner Traume gold'nen Schein; Und eine schwarze Wolke hüllt Des Daseins kurzen Rest mir ein! Nicht Lied, nicht Echo tönt mir mehr; Der funkelnde Quell im Innern leer! Margaret Davidson. Hist und Hetty erhoben sich mit dem wiederkehrenden Licht, und verließen Judith noch in Schlaf versunken. Die Erstere brauchte nur eine Minute, um ihre Toilette zu vollenden. Ihr langes, kohlschwarzes Haar war bald in einen einfachen Knoten geordnet, das Caliko-Gewand eng um ihren schlanken Leib gegürtet, und ihre kleinen Füße in ihren lustig gezierten Mokasins Der Wildtödtcr. 35 546 verborge». Als sie »»gekleidet war, verliest sie ihre »lit Haushal- tmigssachc» beschäftigte Freundin, »»d ging selbst a»f die Plat- form, >n» die rci»e Morge»l»ft z» »thmen. Hier traf sie Chin- gachgovk, wie er die Küste» des See's, die Berge »»d de» Himmel »nt dem Scharfblick eines Mannes der Wälder und mit dem Ernst eines Indianers stndirte. Die Begcgnnng der Liebenden war einfach aber liebevoll. Der Häuptling zeigte eine männliche Freundlichkeit, glcichweit entfernt von knabenhafter Weichheit wie von Hast, während das Mädchen in ihrem Lächeln und ihren halb abgewandten Blicken die verschämte Zärtlichkeit ihres Geschlechtes verrieth. Keines sprach, außer mit den Angen, aber Beide verstanden einander so vollkommen, wie wenn sie ein Wörterbuch voll Phrasen und Bethenerungen erschöpft hätten. Hist erschien selten vorlheilhafter als in diesem Augenblick; denn da sie eben vom Schlaf und von den Abwaschungen hcrkam, zeigte ihre jugendliche Gestalt und ihr Antlitz eine Frische, welche selbst die Jungen und Hübschen unter den Mühsalcn des Waldlebens sich nicht immer zu erhalten vermögen. Sodann hatte Judith nicht nur einiges von ihrer Geschicklichkeit in der Toilette während ihrer kurzen Bekanntschaft ihr beigebracht, sondern ihr auch ans ihren Vorräthcn einige gntgewählte Zierrathen geschenkt, welche die natürlichen Reize der jungen Indianerin nicht wenig heraushoben. Alles Dieß sah und empfand der Liebhaber, denn einen Augenblick war sein Angesicht von einem Blick der Freude erleuchtet; aber bald war es wieder ernst, und dann wurde es traurig und ängstlich. Die in der vorigen Nacht gebrauchten Stühle standen noch auf der Platform; er stellte zwei davon an die Wände der Hütte, setzte sich ans eine», und bedeutete mit einer Geberde seiner Genossin, den andern zu nehmen. Nach diesem blieb er noch eine volle Minute nachdenklich und stumm, die überlegende Würde eines Mannes behauptend, der dazu geboren ist, seine» Sitz am Bera- thnngsfener einzunehmen, während Hist verstohlen den Ausdruck 547 seines Gesichts beobachtete, geduldig und unterwürfig, wie einem Weib ihres Volkes geziemte. Dann streckte der junge Krieger den Arm vor sich ans, als wollte er ans die Herrlichkeit der Sonne in dieser bezaubernden Stunde hindenten, wo das ganze Panorama, wie gewöhnlich, in der weichen, milden Klarheit eines Frühmorgens prangte, und fuhr mit seiner Hand langsam dem Sec, den Bergen und dein Himmel entlang. Das Mädchen folgte dieser Bewegung mit vergnügter Bewunderung, lächelnd bei jeder neuen Schönheit, auf die ihr Auge fiel. „Hngh!" rief der Häuptling in seiner Bewunderung einer selbst ihm so ungewohnten Scene, denn dieß mar der erste See, den er sah. „Das ist das Land des Manittu! Es ist zu gut für Mingo's, Hist; aber die Köter dieses Stammes heulen trnppweis durch die Wälder. Sie meinen, die Delawaren schlafen über den Bergen." „Alle, bis auf Einen von, ihnen, Chingachgook. Einer ist hier, und der ist vom Blute der Uncas!" „Was ist Ein Krieger gegen einen Stamm? — Der Pfad zu unfern Dörfern ist sehr lang und krumm, und wir haben dahin zu wandern unter einem nmwölkten Himmel. Auch fürchte ich, Geißblattblüthe der Berge, wir werden allein dahin wandern." Hist verstand die Anspielung und sie ward traurig, obwohl es ihrem Ohre süß klang, von dem Krieger, den sie so liebte, mit der duftigsten und lieblichsten von allen wilde» Blumen ihrer heimischen Berge verglichen zu werden. Doch blieb sic stumm, wie ihr geziemte, wenn auf eine ernste Angelegenheit angespiclt wurde, welche Männer am besten benrtheiltcn, obgleich die Macht der Erziehung bei ihr nicht so viel vermochte, daß sie das Lächeln verhehlt hätte, welches in Folge des wohlthnendcn Eindrucks von Chingachgooks Rede ihren hübschen Mund umschwebte. „Wenn die Sonne so ist," fuhr der Delaware fort, nach dem Zettith hinanfdentcnd, einfach eine Hand und einen Finger durch 35 * 548 eine Bewegung des Handgelenks aufwärts richtend, „wird der große Jäger unseres Stammes znrückkehren zu den Hnronen, um behandelt zu werden wie ein Bär, de» sie rösten und schinden, selbst bei vollem Magen." „Der Große Geist möge ihre Herzen besänftige» und nicht dulden, daß sie so blutdürstig seien. Ich habe unter den Hnronen gelebt und kenne sie. Sie haben Herzen, und werden ihre eigenen Kinder nicht vergessen, sollten sic in die Hände dcr Delawarcn fallen." „Ein Wolf heult immer fort; ein Schwein hört nicht ans zu fressen. Sie haben Krieger verloren; selbst ihre Weiber werden nach Rache schreien. Das Bleichgesicht hat die Augen eines Adlers nnd kann hineinsclianen in die Mingo-Herzen; er sieht nicht ans, als hoffte er Gnade. Es ist eine Wolke über seinem Geist, obgleich keine vor seinem Angesicht." Eine lange Panse des Nachflnnens trat nun ein, während welcher Hist leise die Hand des Häuptlings ergriff, als suchte sie seine Hilfe nach, obwohl sie kaum ihr Auge zu erheben wagte gegen ein Antlitz, das jetzt im buchstäblichen Sinne furchtbar ward unter dem Kampfe von streitenden Leidenschaften nnd finsterer Entschlossenheit in der Brnst des Indianers. „Was will der Sohn von Uncas thnn?" fragte endlich schüchtern das Mädchen. „Er ist ein Häuptling, nnd ist schon berühmt im Rathe, obwohl noch so jung; was sagt ihm sein Herz, daß das Weiseste sei? spricht das Haupt auch dieselben Worte wie das Herz?" „Was sagt Wah-ta!-Wah in einem Augenblick, wo mein liebster Freund in einer svlcsscn Gefahr ist? Die kleinsten Vögel singen am süßesten; es ist immer angenehm, ihrem Gesang zu horchen. Ich wollte, ich hörte den Zaunkönig der Wäldcp in meiner Bedrängnis;; seine Noten würden tiefer dringen als in's Ohr." Wieder empfand Hist die innige Zufriedenheit, welche die Sprache des Lobes im Munde Derer, die man liebt, jederzeit 549 gewährt. ,Geißblattblüthe der Berge' war ein Ausdruck, de» die jungen Delawareu oft von dem Mädchen gebrauchten, der aber nie so süß in ihr Ohr klang, als wenn er von Chingachgooks Lippen kam, der Letztere allein aber hatte sie Zaunkönig der Wälder genannt. Bei ihm indessen war es eine ganz vertrante Benennung geworden, und der Name klang dem Mädchen über alle Beschreibung süß, weil er in ihr die Idee erweckte, daß ihr Rath und ihre Gesinnungen ihrem künftigen Gatten eben so werth, als der Ton ihrer Stimme, und die Art und Weise, jene ansznspre- chen, ihm angenehm seien, und so die zwei Dinge vereinigte, die einem indianischen Mädchen bei ihrem Verlobten am meisten gelten: Bewunderung eines schätzbaren physischen Vorzugs, und Achtung vor ihrer Meinung. Sie drückte die Hand, die sie zwischen den beiden ihrigen hielt, und antwortete: „Wah-ta!-Wah sagt, weder sie noch die Große Schlange konnte je wieder lachen, oder auch nur schlafen, ohne zu träumen von den Hnronen, sollte der Wildtödter sterben unter einem Mingo- Tomahawk, ohne daß sie Etwas gethan hätten, ihn zu retten. Lieber würde sie znrückkehren und ihren langen Pfad allein an- treten, als solch' eine dunkle Wolke vor ihr Glück treten lassen." „Gut! Der Gatte und das Weib werde» nur Ein Herz haben; sie werden sehen mit denselben Augen, und fühlen mit denselben Gefühlen." Was weiter gesprochen wurde, braucht hier nicht erzählt zu werden. Daß das Gespräch Wildtödter» und seine Aussichten betraf, hat man schon gesehen, aber die Entscheidung, welche gefaßt wurde, wird man besser im weitern Verlauf der Erzählung erfahren. Das jugendliche Paar war noch in seiner Unterredung begriffen, als die Sonne über den Gipfeln der Fichten erschien, und das Licht eines glänzenden amerikanischen Tages über das Thal ansströmte, in ,tiefer Wonne' den See, die Wälder und die Bergabhänge badend. Gerade in diesem Augenblick trat Wildtödter aus 550 der Kajüte der Arche, und kam auf die Platform. Sein erster Blick war nach dem wolkenlosen Himmel, dann nahm sein rasches Ange das ganze Panorama von Land nnd Wasser in sich ans, wo er dann Muße hatte zn einem frenndlichen Nicken gegen seine Frennde, nnd zn einem heitern Lächeln für Hist. „Nnn," sagte er, in seiner gewohnten, gefaßten Art nnd mit seiner wohllautenden Stimme; „wer die Sonne im Westen nnter- gehen sieht nnd früh genug erwacht am Morgen, findet sie gewiß wieder kommend im Osten, wie einen Hirsch, der um sein Lager herum gejagt wird. Ich glaube fast, Hist, Ihr habt das oft und viel gesehen, nnd doch ist es Euch noch nie in Euren mädchenhafte» Sinn gekommen, nach der Ursache davon zu fragen?" Chingachgvok nnd seine Verlobte schauten Beide zn dem Glanzgestirn empor mit einer Miene, welche plötzliches Staunen ver- rieth, nnd dann starrten sie einander an, als suchten sie nach der Lösung der Schwierigkeit. Gewöhnlich tödtct die Empfänglichkeit selbst in Bezug auf die wichtigsten Naturerscheinungen; nnd nie bis jetzt hatten diese einfachen Geschöpfe daran gedacht, über eine Bewegung nachzusinnen, welche täglich ihnen vor Angen stand, wie befremdend sie auch bei näherer Forschung scheinen mochte. Als der Gegenstand so plötzlich auf die Bahn gebracht wurde, sprach er Beide, nnd in demselben Augenblick etwa mit derselben Gewalt an, wie ein neuer und glänzender Satz in den Naturwissenschaften den Gelehrten ansprechcn würde. Chingachgvok allein erachtete für passend, zu antworten. „Die Bleichgesichter wissen Alles," sagte er; „können sie uns sagen, warum die Sonne ihr Angesicht verbirgt, wenn sie bei Nacht ihren Weg znrückgeht?" „Ja, das ist ächte Rothhantgclehrsamkeit," versetzte der Andere lachend, obwohl er nicht ganz gleichgültig war gegen den Genuß, die Ueberlegenheit seinerRaffe zu beweisen durch die Lösung des schwierigen Problems, woran er sich in seiner eigenthümlichen 551 Weise machte. «Hört, Schlange," fuhr er ernster fort, doch zn unbefangen zur Affektativn, „das ist leichter erklärt, als ein indianisches Hirn sich vielleicht einbildet. Die Sonne, während sie die Reise am Himmel hin zn machen scheint, rührt sich nie, sondern die Erde ist es, die sich rund herum dreht; und Jeder kann begreifen, wenn er an ein Mühlrad zum Beispiel gebunden würde, während es in Bewegung ist, daß er zn Zeiten den Himmel sehen muß, während er zu andern Zeiten unter dem Wasser ist. Es ist kein großes Geheimnis; darin, sondern einfache Natur; und die Schwierigkeit besteht nur darin, die Erde in Bewegung zn sehen." „Wie weiß mein Bruder, daß die Erde sich rund hernmdreht?" fragte der Andere. „Kann er cs sehen?" „Nun das war eine verwirrende Frage, ich gesteh' es, Delaware; denn ich habe es schon oft versucht, und konnte es nie recht hcransbringen. Manchmal bildete ich mir ein, es zu können; und dann wieder sah ich mich genöthigt, die Unmöglichkeit zu gestehen. Aber, nmdrehen thut sie sich, wie Alle von meinem Volke sagen, und Ihr müßt ihnen glauben, denn sie können Finsternisse und andere Wunder Vorhersagen, welche die Stämme mit Schrecken zu erfüllen pflegen, nach Euren eigenen Uebrrliefernngen von solchen Dingen." „Gut. Das ist wahr, kein rother Mann wird es längnen. Wenn ein Rad sich dreht, so können es meine Augen sehen — die Erde sehen sie nicht sich umdrehen." „Ja, das ist, was ich Sinnentrotz nenne! Sehen ist Glauben, sagen sie; und was sic nicht sehen könne», dem wollen manche Menschen nicht den mindesten Glauben bcimeffen. Dennoch, Häuptling, ist das nicht so ganz ausgemachte Vernunft, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Ihr glaubt an den Großen Geist, das weiß ich; und doch, denke ich, würde es Euch in Verlegenheit sehen, anzngeben, wo Ihr ihn seht!" „Chingachgook kann ihn sehen überall — überall in guten 552 Dinge», den Bösen Mist in schlechten. Hier im See, dort im Wald, drüben in den Wolken; in Hist, in dem Sohne von Un- cas, in Tamenund, in Wildtödter. Der Böse Geist ist in den Mingo's, das weiß ich: die Erde sehe ich nicht sich umdrehen." „Es wundert mich nicht, daß man Euch die Schlange nennt, Delaware, nein, wahrhaftig nicht! Es ist immer eine Bedentnng in Encrn Worten, nnd oft ist anch eine Bedentnng in Eurem Gesicht! Trotzdem passen Eure Antworte» nicht ganz zu meiner Idee: daß Gott wahrznnehmcn ist in allen natürlichen Gegenständen, kann man zngeben; aber er ist nicht darin wahrznnehmen in der Art, wie ich meine. Ihr wißt, daß ein Großer Geist ist, ans seinen Werken; nnd die Bleichgesichter wissen, daß die Erde sich umdreht, ans ihren Werken. Das ist der Grund der Sache, obwohl, wie es zu erklären, Mehr ist, als ich Euch so genau sagen kann. Das weiß ich: Alle von meinem Volk sind von der Sache überzeugt; nnd was alle Bleichgesichter glauben, wird doch wohl wahr sein." „Wenn die Sonne über dem Wipfel dieser Fichte steht, wo wird mein Bruder Wildtödter dann sein?" Der Jäger fahr ans und schaute seinen Freund scharf, obwohl ganz ohne Unruhe an. Dann winkte er ihm zu folgen, nnd ging ihm voran in die Arche, um dort den Gegenstand weiter zu besprechen, »»gehört von Solchen, deren Gefühle, wie er besorgte, die Oberhand über die Vernunft gewinnen möchten. Hier blieb er stehen, nnd setzte das Gespräch in vertraulicherem Tone fort. „Es war etwas unklug von Euch, Schlange," sagte er, „einen solchen Gegenstand vor Hist anfznbringcn, und wo das Mädchen von meiner Farbe Alles hätte hören können, was gesprochen wurde. Ja, cs war ein wenig unkluger, als das Meiste, was Ihr thnt. Einerlei; Hist verstand cs nicht, nnd die Andre hörte cs nicht. Indessen, die Frage ist leichter gestellt, als b'eantwortet. Kein Sterblicher kann sagen, wo er morgen sei» wird, wenn die 553 Sonne anfgcht. Ich will Euch dieselbe Frage vorlege», Schlange, und wäre begierig zu höre», welche Antwort Ihr geben könnt?" „Chingachgook wird bei seinem Frennd Wildtödter sein; wenn dieser im Lande der Geister ist, wird die Große Schlange an seine Seite sich schmiegen: wenn nnter jener Sonne dort, wird ihre Wärme und ihr Licht ans Beide fallen." „Ich verstehe Euch, Delaware," versetzte der Andere, gerührt von der einfachen Selbstanfopfcrnng seines Frenndcs. „Eine solche Sprache- ist so klar in einer Sprache wie in der andern; sic kommt vom Herze» nnd geht anch zum Herzen. Es ist gut, so zu denken, und mag gut sein, so zu sprechen anch, aber es wäre nicht gut, so zu handeln, Schlange. Ihr steht nicht mehr allein im Leben; denn obgleich Ihr noch die Hütten zn wechseln, nnd andere Ce- remonien dnrchznmachen habt, ehe Hist Euer rechtmäßiges Weib wird, seid Ihr doch schon so gut wie vcrheirathct, was Gefühle nnd Freude nnd Jammer betrifft. Nein, nein; Hist darf nicht verlassen werden, weil eine Wolke etwas unerwartet zwischen Euch nnd mir hinzieht, nnd etwas dunkler als wir voransgesehcn hatten." „Hist ist eine Tochter der Mohikans; sie weiß ihrem Gatten zn gehorchen. Wohin er geht, wird sie ihm folgen. Beide werden bei dem großen Jäger der Delaware» sein, wenn die Sonne morgen über den Fichten steht." „Der Herr segne nnd schütze Euch, Häuptling; das ist baarer Wahnslnn! Kann Eines von euch, oder könnt ihr Beide zusammen eine Mingo-Natnr ändern? Werden Eure stolzen Mienen, vder Hists Thränen nnd Schönheit einen Wolf in ein Eichhorn verwandeln, oder einen Panther so unschuldig machen wie ein Reh? Nein, Schlange, Ihr werdet Euch diese Sache besser bedenken, nnd mich in der Hand Gottes lassen. Am Ende ist doch noch keineswegs gewiß, daß die Schurken die Martern im Sinn haben, denn sie können anch noch barmherzig sein, nnd bedenken, wie sündhaft ein solches Beginnen wäre; obgleich cs eine ziemlich 554 hoffnungslose Aussicht ist, zu erwarten, daß ein Miugv sich ab- wcude vom Uebel, und Barmherzigkeit die Oberhand gewinnen lasse in seinem Herzen. Demnngeachtct, Niemand weiß gewiß, was sich begeben wird; und junge Kreaturen wie Hist dürfen nicht auf Ungewißheiten hin auf's Spiel gesetzt werden. Dies; Heirathcn ist eine ganz andere Sache, als manche junge Leute sich einbildcn. Ja, wenn Ihr ledig wäret, oder so gut als ledig, Delaware, dann wurde ich erwarten, das; Ihr flink und rüstig wäret und um das Lager der Vagabunden hcrnmstrichet, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, mit Listen und Schlichen, so rastlos wie ein Hund aus der Fährte, und Alles versuchtet, um mir zu helfen und den Feind von mir abznziehen; aber Zwei sind oft schwächer als Einer, und wir müssen die Dinge nehmen wie sie sind, und nicht wie wir sie wünschen." „Hört, Wildtödtcr," crwiederte der Indianer mit einem so entschiedenen Nachdruck, daß man wohl sah, wie Ernst es ihm war: „Wenn Chingachgook in den Händen der Hnronen wäre, was würde mein Bleichgesichtbrnder thnn? Nach den Dclawarcndörfern schleichen und den Häuptlingen, und alten Männern, und jungen Kriegern sagen: ,Scht, hier ist Wat-ta!-Wah; sie ist gerettet, und wohlbehalten, aber ein wenig ermüdet; und hier ist der Sohn von Uncas, nicht so ermüdet wie die Geißblattblnthe, weil er stärker ist, aber eben so wohlbehalten? Würdet Ihr das thnn?" „Nun, das ist ungemein sinnreich; cs ist schlau genug selbst für einen Mingo. Der Herr allein weiß, was Euch auf den Gedanken gebracht, eine solche Frage zu thnn. Was ich thun würde? Ha, für's Erste würde wohl Hist schwerlich überhaupt in meiner Gesellschaft sein, denn sie wurde Euch so nahe bleiben als möglich, und daher könnte Alles, was sie betraf, nicht gesprochen werden, ohne Unsinn zu sprechen. Das Ermüdetscin, das würde auch wegfallen, wenn sie gar nicht mitkämc, und kein Theil Eurer Rede würde wohl in meinen Mund paffen; so seht Ihr, Schlange, 555 die Vernunft ist gegen Euch, und Ihr könnt es immerhin anfge- ben; denn gegen die Vernunft Etwas behaupten, geziemt sich in keiner Weise für einen Häuptling von Eurem Charakter und Ruf." „Mein Bruder ist nicht er selbst; er vergißt, daß er zu Einem redet, der an den Berathnngsfeuern seiner Nation gesessen ist," versetzte der Andere mild. „Wenn Männer sprechen, sollten sie Nichts sagen, was auf der einen Seite des Kopfes hinein und auf der andern heransgeht. Ihre Worte sollten nicht Federn sein, so leicht, daß ein Wind, der das Wasser nicht kräuselt, sie fortmehen kann. Er hat auf meine Frage nicht geantwortet; wenn ein Häuptling eine Frage stellt, sollte sein Freund nicht von ander» Dingen plaudern." „Ich versteh' Euch, Delaware; ich verstehe wohl, was Ihr meint, und die Wahrheit erlaubte mir nicht, es anders zu sagen. Dennoch ist es nicht so leicht, Euch zu antworten, wie Ihr zu glauben scheint, aus diesem einfachen Grunde: Ihr verlangt, ich solle sagen, was ich thäte, wenn ich eine Verlobte hätte wie Ihr hier habt, auf dem See, und einen Freund drüben im Lager der Hnronen, mit Martern bedroht. Das ist cs, nicht so?" Der Indianer nickte schweigend mit dem Kopf, immer mit unbeweglichem Ernst, obgleich sein Auge zwinkerte bei dem Anblick von des Andern Verlegenheit. „Nun gut, ich hatte nie eine Verlobte, kannte nie die Art von Gefühlen gegen ein junges Weib, wie Ihr gegen Hist; obgleich der Herr weiß, daß meine Gefühle wohlwollend genug sind gegen Alle. Dennoch aber ist mein Herz, wie sie es nennen, in solchen Dingen nicht geübt, und daher kann ich nicht sagen, was ich thäte. Ein Freund zieht stark an Einem; das weiß ich ans Erfahrung, Schlange; aber nach Allem, was ich gesehen und gehört habe von der Liebe, bin ich geneigt zu glauben, daß eine Verlobte noch stärker zieht." „Wahr, aber die Verlobte Chingachgooks zieht nicht nach den 556 Hütten der Delaware» hin; sie zieht hinüber nach dem Lager der Huronen." „Sic ist ein edles Mädchen, mit all' ihren kleinen Füßen nnd Hände», die nicht größer sind als die eines Kindes, nnd einer Stimme, die so lieblich ist wie die eines Spottvogels; sie ist ein edles Mädchen nnd ganz wie der Stamm ihrer Väter! Nnn was ist cs denn, Schlange? denn ich bilde mir ein, sie hat doch nicht ihren Sinn geändert, nnd will sich ansliefern, nnd ein Hnronen- weib werden? Was habt Ihr im Sinne?" „Wah-ta!-Wah will nimmermehr im Wigwam eines Irokesen leben," antwortete der Delaware trocken. „Sic hat kleine Füße, aber sie können sic zn den Dörfern ihres Volkes tragen; sic hat auch kleine Hände, aber ihr Gemüth ist groß. Mein Brnder wird sehen, was wir thun können, wenn die Zeit kommt, ehe wir ihn unter den Martern der Mingo's sterben lassen." „Unternehmt nichts Unvorsichtiges," sagte der Andere ernst; „ich glaube wohl, Ihr werdet nnd müßt Euren Willen haben; »nd im Ganzen ist cs »echt, daß Ihr ihn habt; denn Ihr würdet Euch nicht glücklich fühlen, wenn nicht Etwas unternommen würde. Aber beginnt nichts Unvorsichtiges. Ich erwartete, daß Ihr den See nicht verlassen würdet, so lang meine Sache in Ungewißheit schwebte; aber bedenkt, Schlange, daß keine Martern, welche sinnreiche Grausamkeit der Mingo's erdenken mag, keine Verspottungen und Schmähungen, kein Brennen und Rösten und Nägel- anszichcn, noch irgend welche unmenschliche Quälereien meinen Geist so leicht Niederdrücken könnten, als wenn ich sehen müßte, daß Ihr und Hist über dem Bestreben, Etwas zu meinen Gunsten zu thun, in die Hände des Feindes gefallen wäret." „Die Delawaren sind vorsichtig. Wildtödter wird sehen, daß sic nicht mit geschlossenen Augen in ein fremdes Lager hiueinrcnnen." Hier endete die Unterredung. Hetty kündigte sofort an, daß das Frühstück bereit sei, »nd die ganze Gesellschaft saß bald um 557 den einfachen Tisch in der gewöhnlichen, nrznständlichen Weise der Gränzlente herum. Judith nahm zuletzt ihren Sitz ein, bleich, schweigsam, und mit den Spuren einer bang und schmerzlich, wo nicht schlaflos verbrachten Nacht in ihrem Angesicht. Keine Sylbe ward bei dieser Mahlzeit gesprochen, und alle Frauen zeigten Mangel an Appetit, während bei den Männer» in diesem Punkt keine Veränderung zu bemerken war. Es war noch frühe, als die Gesellschaft anfstand, und noch blieben einige Stunden, bis der Gefangene seine Freunde verlassen mußte. Dieser wohl bekannte und bedachte Umstand, und die Theilnahme, die sie an seinem Schicksal suhlten, versammelte Alle wieder ans der Platform, weil sie wünschten, in der Nähe des vermnthlichen Opfers zu weilen, seinen Reden zu horchen, und wo möglich durch Zuvorkommenheit gegen seine Wunsche ihm ihre Theilnahme zu bezeigen. Wildtöd- ter selbst war, so viel menschliche Angen sehen konnten, ganz un- erschüttert, er sprach heiter und natürlich, obwohl er jede unmittelbare Hindentung ans das zu befürchtende, große Ereigniß des Tages vermied. Wenn man irgend ein Anzeichen davon entdecken konnte, daß seine Gedanken überhaupt ans diesen peinlichen Gegenstand sich richteten, so war es die Art, wie er vom Tod und von dem letzten großen Wechsel sprach. „Grämt Euch nicht, Hetty," sagte er; denn während er das schwachsinnige Mädchen über den Verlust ihrer Eltern tröstete, verrieth er seine Gefühle in der bezeichnetcn Weise, „sintemal Gott es so verhängt hat, daß Alle sterben müssen. Enre Eltern, oder die Ihr dafür gehalten, was ans Eins hinansläuft, sind vor Euch hingegangen; das ist mir in der Ordnung der Natur, mein gutes Mädchen, denn die Alten gehe» zuerst, und die Jungen folgen. Aber wer eine Mutter gehabt hat, wie die Emsige war, Hetty, kann nicht im Zweifel sein, daß er das Beste hoffen dürfe über die Gestaltung der Dinge in einer andern Welt. Der Delaware hier und Hist glauben an glückliche Jagdreviere, und haben 558 Ideen, wie sie für ihre Begriffe und Gaben als Rothhäntc passen; aber wir, die wir von weißem Blute sind, halten an einer ganz andern Lehre fest. Doch vermnthc ich so ziemlich, unser Himmel ist ihr Land der Geister, und der Pfad, der dahin führt, wird von allen Farben gleicherweise betreten. Es ist für die Ruchlosen unmöglich, darein cinzugchc», das will ich zngeben; aber Freunde können schwerlich getrennt werden, wenn sic auch nicht von derselben Raffe auf Erden sind. Richtet Euer Gemüts) auf, arme Hetty, und sehet getrost dem Tag entgegen, wo Ihr Eure Mutter wieder sehen werdet, und das ohne Leid und Kummer." „Ich erwarte Mutter wieder zu sehen," versetzte das wahrhafte und einfache Mädchen, „aber was wird aus Vater werden?" „Das ist eine Frage znm Maulstopfen, Delaware," sagte der Jäger in indianischer Sprache, „das ist geradezu eine Frage zum Maulstopfen! Die Bisamratze war kein Heiliger auf Erden, und es ist gut crrathen, daß er drüben eben auch kein sonderlicher sein wird! Indes;, Hetty," und hier glitt er mit einem leichten Uebergang in's Englische hinüber, „indes;, Hetty, wir müssen Alle das Beste hoffen; das ist das Klügste, und es ist bei weitem das Wohlthätigste für das Gemüth, wenn man es nur thun kann. Ich empfehle Euch, auf Gott zu vertrauen, und alle Eure Besorgnisse und kleinmüthigen Gefühle fahre» zu lassen. Es ist wunderbar, Judith, wie verschiedene Leute so verschiedene Begriffe von der Zukunft haben, und sich die Einen diesen, die Andern jenen Wechsel vorstellen. Ich habe weiße Lehrer gekannt, die da glaubten, im andern Leben sei Alles Geist; und auch wieder solckc, die meinten, der Leib werde in eine andere Welt versetzt, ungefähr wie die Rothhäute selbst sich's einbilden, und daß wir dort wandeln werden im Fleisch, und einander kennen, und mit einander reden, und Freunde sein, wie wir hier gewesen." „Welche von diesen Meinungen gefällt Euch am besten, Wild- tödter?" fragte das Mädchen, das gern ans seine schwermüthige > 559 Stimmung cinging, und selbst keineswegs frei war von ihrem Einfluß. „Ware cs Euch unangenehm, zn denken, Ihr werdet Alle, die ans dieser Platform seht stehen, in einer andern Welt wieder finden? Oder habt Ihr uns hier genug kennen gelernt, um froh zn sein, wenn Ihr uns nicht wieder seht?" „Das Letztere wurde den Tod zn etwas Bitterem machen, ja, das wurde es. Es sind acht gute Jahre, seit Schlange und ich mit einander zn jagen anfingen, und der Gedanke, daß wir uns nie wieder sehen sollten, wäre für mich ein harter Gedanke. Er sieht der Zeit entgegen, wo wir mit einander eine Art von Geist- wildprct jage» werde», ans Ebenen, wo keine Dornen, kein Gestrüppe, keine Sümpfe und andere Mühseligkeiten zn überwinden sind, während ich nicht all' diesen Begriffen bestallen kann, angesehen daß sie gegen die Vernunft zn sein scheinen. Geister können nicht essen, haben auch keine Kleider nöthig; und Wild kann man von Rechtswegen nur jagen, um cs zn tödten, und nur tödten, des Wildprcts oder der Häute wegen. Nun finde ich cs schwierig, anznnehmen, daß selige Geister Wild jagen sollten, ohne einen rechten Zweck, und die einfältigen Thiere quälen, nur um ihrer eigenen Lustbarkeit und Ergötzung willen. Ich habe noch nie ans einen Hirsch oder ein Thier abgedrückt, Judith, als wenn ich Nahrung oder Kleider bedurfte." „Diese Erinnerung, Wildtödtcr, muß jetzt ein großer Trost für Euch sein." „Der Gedanke an solche Dinge ist es, meine Freunde, was einen Mann fähig macht, seinen Urlaub zn halten. Es möchte auch ohne dies; geschehen, ich geb' es zn; denn die schlimmsten Nothhäutc thnn manchmal ihre Pflicht in diesem Stücke; aber es macht, was sonst schwer wäre, leicht, wenn auch nicht ganz nach unserem Geschmack. Nichts in Wahrheit gibt ein kühneres Herz, als ei» leichtes Gewissen." Judith wurde blässer als je, aber sie rang, ihre Selbst- 560 behcrrschnng zu behaupten, und cs gelang ihr. Der Kampf jedoch war heftig gewesen, und sie war jetzt so wenig zum Sprechen aufgelegt, das; Hctty den Gegenstand weiter verfolgte. Sic that dies; in der ihr natürlichen, einfachen Weise. „Es wäre grausam, das arme Wild zn tvdten," sagte sie, „in dieser Welt oder in einer andern, wenn Ihr nicht des Fleisches oder der Häute bedurftet. Kein guter weißer, und kein guter rother Mann wurde cs thun. Aber es ist für einen Christen sündhaft, vom Jagen im Himmel zn reden. Solche Dinge geschehen nicht vor dem Angesicht Gottes, und der Missionär, welcher dergleichen lehrt, kann kein wahrer Missionär sein. Er muß ein Wolf sein in Schafskleidern. Ich denke Ihr wißt, was ein Schaf ist, Wildtödtcr?" „Ja wohl, Mädchen, und eine nützliche Kreatur ist es für Solche, welche Tnchkleider Häuten vorziehen, zum Winteranzng. Ich verstehe die Natur des Schafs, obwohl ich noch wenig damit zn thun gehabt habe; und die Natur der Wölfe auch, und kann mir wohl die Idee bilden von einem Wolf in; Pelz eines Schafs, obwohl ich denke, es würde eine heiße Jacke für eine solche Bestie werden in den warmen Monaten!" „Und Sünde und Heuchelei sind auch heiße Jacken, wie Diejenigen finden werden, die sie anziehen," versetzte Hctty mit bestimmtem Tone; „so würde der Wolf nicht schlimmer daran sein als der Sünder. Geister jagen nicht, und stellen nicht Fallen, und fischen nicht, und thun Nichts, was nichtige Menschen beginnen, weil sic keine Gelüste dieser Welt zn befriedigen haben. Oh! Mutter sagte mir das Alles vor Jahren schon, und ich mochte es nicht gern bestreiten Horen." „Nun, meine gute Hetty, in diesem Falle würdet Ihr gut thun, Eure Lehre nicht Hist mitthcilen zn wollen, wenn Ihr allein seid, und die junge Delawarin gerne von Religion spricht. Es ist ihre feststehende Idee, das weis; ich, das; die gute» Krieger in der 561 andern Welt nichts thnn als Jagen und Fischen, obgleich sie, glaube ich, sich nickt einbildet, daß je Einer sich zum Fallenstellen erniedrigt, was keine Beschäftigung für einen Tapfern ist. Aber des Jagens und Fischcns haben sie, nach ihrem Begriffe, Genüge, und das dazu auf den angenehmsten Jagdrevieren, und unter Wild, bei dem es immer die rechte Jahreszeit ist, und das gerade flink und gut genug ist, um dem Tödter einen Reiz zu geben. So möchte ich Euch denn nicht anrathen, Hist auf diese Idee zu bringen." „Hist kann nicht so sündhaft sein, irgend dergleichen zu glauben," erwiederte die Andere ernst. „Kein Indianer jagt mehr nach dem Tode." „Kein sündhafter Indianer, geb' ich Euch zu; kein sündhafter Indianer, allerdings. Der muß die Munition herbeitragen, und zusehen, ohne an der Kurzweil Theil zu haben, und kochen, und Feuer anzünden, und Alles thnn, was nicht Mannesarbeit ist. Merkt's Euch aber jetzt: das sind nicht meine Ideen, sondern es sind Hist's Ideen, und daher, um des Friedens willen, je weniger Ihr darüber und dagegen zu Ihr redet, desto besser." „Und was sind Eure Ideen von dem Schicksal eines Indianers in der andern Welt?" fragte Judith, die jetzt eben ihre Stimme wieder gefunden hatte. „Ha, Mädcken, Alles eher als Das! Ich bin ein zu guter Christ, um solche phantastische Dinge wie Jagen und Fischen nach dem Tode zu erwarten; auch glaube ich nicht, daß ein Manittn für die Rothhänte ist, und ein anderer für die Bleichgesichter. Ihr findet verschiedene Farben auf der Erde, wie Jeder sehen kann; aber Ihr findet nicht verschiedene Naturen. Verschiedene Gaben, aber nur Eine Natur!" „In was unterscheidet sich eine Gabe von einer Natur? Ist nicht die Natur selbst eine Gabe von Gott?" „Gewiß; das ist rasch gedacht und beifallswürdig, Judith, obwohl die Hanptidee falsch ist. Eine Natur ist die Kreatur selbst; Der Witdlödtcr. Zg ihre Wünsche, Bedürfnisse, Ideen nnd Gefühle, wie das Alles mit ihr geboren ist. Diese Natur kann sich nie verändern in der Hauptsache, obgleich sie einige Zunahme oder Abnahme erleiden mag. Gaben aber kommen von de» Umständen nnd Verhältnissen. So, wenn Ihr einen Man» i» eine Stadt seht, so bekommt er Stadtgaben; wenn in eine Ansicdlnng, Anslcdlnngsgaben; in einen Wald, Waldgaben. Ein Soldat hat Soldatengaben nnd ein Missionär Predigersgabcn. Diese alle wachsen und verstärken sich, bis sie, so zu sagen, die Natur befestigen, und tausend Hand- Inngen nnd Ideen zur Entschuldigung dienen. Doch ist im Grunde die Kreatur dieselbe; gerade wie ein Mann, der in Uniform gekleidet ist, derselbe ist wie der in Häute Gekleidete. Die Kleider machen einen Unterschied für's Auge, nnd vielleicht auch eine Veränderung im Benehmen, aber keine im Menschen selbst. Darin liegt die Rechtfertigung der Gaben; angesehen, daß Ihr ein verschiedenes Benehmen erwartet von Einem in Seide und Maß, und von Einem in grober Leinwand; obgleich der Herr, der nicht die Kleider gemacht hat, aber die Kreaturen selbst geschaffen hat, nur ans sein eigenes Werk sieht. Das ist nicht eigentlich die Lehre der Missionäre, aber sie kommt ihr doch so nahe, als dies; bei einem Manne von weißer Farbe nvthig ist. Ach Himmel! wenig dachte ich dar'an, heute von solchen Sachen zu sprechen, aber es ist eine von unser» Schwachheiten, daß wir nie wissen, was geschehen wird. Tretet mit mir eine Minute in die Arche, Judith, ich wünsche mit Euch zu sprechen." Judith gehorchte mit einer Bereitwilligkeit, die sie kaum verhehlen konnte. Sie folgte dem Jäger in die Kajüte, setzte sich ans einen Stuhl, während der junge Mann Killdeer, die Büchse, die sic ihm geschenkt, anS einer Ecke hcrvorholtc, und sich, die Waffe ans seinen Knieen, ans einen andern setzte. Nachdem er das Gewehr um und um besehen, nnd Schloß nnd Schwanzschranbe mit einer Art von zärtlicher Emsigkeit untersncht hatte, legte er es 563 weg, und kam auf den Gegenstand zn sprechen, wegen dessen er die Besprechung begehrt hatte. „Ich verstand Euch so, Judith, daß Ihr mir diese Büchse habt geben wollen. Ich willigte ein, sie zn nehmen, weil ein junges Weib mit Feuerwaffen nicht viel anfaugcn kann. Die Waffe hatte einen großen Namen, und sie verdient ihn, und sollte von Rechtswegen von einer bekannten und sicheren Hand geführt werden, denn der beste Ruf kann verloren gehen durch nachlässige und achtlose Behandlung." „Kann sie in besseren Händen sein, als worin sie jetzt ist, Wildtöd- ter ? Thomas Hutter fehlte selten damit; bei Euch wird sie gewiß —" „Gewisser Tod!" unterbrach sie der Jäger lachend. „Ich kannte einmal einen Bibermann, der ein Gewehr hatte, das er ebenso nannte, aber es war lauter Prahlerei, denn ich habe De- lawaren gekannt, die eben so sicher waren mit Pfeilen ans eine kleine Schußweite. Indessen, ich will meine Gaben nicht längnen — und dieß ist eine Gabe, Judith, und nicht Natur — und will daher zugeben, daß die Büchse wohl nicht in besseren Händen sein könnte, als worin sie sich jetzt befindet. Aber wie lang wird sie wahrscheinlich darin bleiben? Unter uns mag die Wahrheit gesagt werden, obgleich ich sie vor Schlange und Hist nicht gerne kund werden ließe; aber Euch kann ich die Wahrheit sagen, sintemal Euer Gefühl wohl nicht so dadurch gemartert werden wird, als das von Denjenigen, welche mich länger und genanerkennen! Wie lange werde ich mnthmaßlich diese Büchse oder irgend eine andere behalten? Das ist eine ernste Frage, bei der unsere Gedanken zu verweilen haben; und sollte das eintrcten, was sogar wahrscheinlich ist, so wäre Killdeer ohne einen Eigenthümer." Judith hörte mit anscheinender Fassung zu, obwohl der innere Kampf sie beinahe überwältigte. Da sie jedoch den cigenthüm- lichen Charakter ihres Gesellschafters zu würdigen wußte, gelang es ihr, ruhig zn erscheinen, obwohl ein Mann von seiner scharfen 36 » 564 Beobachtung, wäre nicht seine Aufmerksamkeit ausschließlich von der Büchse in Anspruch genommen gewesen, fast unfehlbar die tödtlich-peinliche Stimmung hätte entdecken müssen, womit das Mädchen seinen Worten zuhörte. Aber ihre große Selbstbeherrschung machte es ihr doch noch möglich, den Gegenstand in der Weise zu verfolgen, daß sie ihn täuschte. „Was wolltet Ihr, daß ich mit der Waffe anstnge," fragte sie, „sollte der Fall eintreten, den Ihr zn erwarten scheint?" „Das ist es gerade, worüber ich mit Euch zn sprechen wünschte, Judith — das ist es gerade. Da ist jetzt Chingachgook, obgleich weit entfernt davon, vollkommen sicher mit der Büchse zn sein — denn dahin bringen es wenige Rothhäute jemals — obgleich weit entfernt, vollkommen sicher zn sein, ist er doch ein respektabler Schütze und bringt es weiter. Demnngeachtet, er ist mein Freund; und vielleicht mein um so besserer Freund, als nie Mißstimmungen zwischen uns eintreten können, unsere Gaben betreffend, da die seinigen nun einmal roth, und die mcinigcn ganz weiß sind. Nun würde ich gerne die Büchse Killdeer der Schlange hintcrlassen, sollte Etwas eintreten, was mir verwehrte, Eurer kostbaren Gabe, Judith, ihr Recht und ihre Ehre anzuthnn." „Hinterlaßt sie, wem Ihr wollt, Wildtödter; die Büchse ist Euer Eigenthnm, thut damit nach Belieben; Chingachgook soll sie haben, falls Ihr nicht znrückkehrtet, sie anzusprechcn, wenn das Euer Wunsch ist." „Ist Hetty über diese Sache auch befragt worden? das Eigenthum geht von den Eltern ans die Kinder über, und nicht auf Ein Kind besonders." „Wenn Ihr Euer Recht ans das Gesetz gründen wollt, Wildtödter, so fürchte ich, Keiner von uns kann für den Eigenthümer gelten. Thomas Hutter war so wenig der Vater Esthers, als er der Vater Judiths war. Judith und Esther sind wir in Wahrheit, da wir keinen andern Namen haben." 565 „Das mag Gesetzesrccht sei», aber es ist nicht viel Vernunft darin, Mädchen. Nach dem Brauch der Familien sind die Güter euer, und Niemand ist, der dem widersprechen könnte. Wenn Hetty nur sagen wollte, daß sic einwillige, wäre mein Gemüth vollkommen beruhigt über die Sache. Es ist wahr, Judith, daß Eure Schwester weder Eure Schönheit noch Euren Wifi besitzt, aller wir sollten am zärtlichsten verfahren mit de» Rechten und der Wohlfahrt der Geistesschwachen." Das Mädchen antwortete nicht, sondern sic ging an ein Fenster und rief ihre Schwester zu sich. Als die Frage Hetty vorgclegt ward, trat sie mit ihrem einfältigen und wohlwollenden Wesen freudig dem Vorschlag bei, Wildtödtern das volle Eigenthnms- rccht ans die vielbegehrte Büchse zu übertragen. Dieser schien nun, für den Augenblick wenigstens, vollkommen glücklich; und nachdem er seine Beute hin und her besichtigt, sprach er seinen Entschluß ans, ehe er den Ort verließ, ihre Verdienste noch praktisch zu erprobe». Kein Knabe kann begieriger sein, die Eigenschaften seiner Trompete oder seiner Armbrust geltend zu machen, als der einfache Walkman» es war, die Tugenden seiner Büchse zu probiren. Ans die Platform zurückkehrend, nahm er zuerst den Delawaren beiseite, und setzte ihn in Kcnntniß, daß das berühmte Gewehr sein Eigcnthnm werden solle, falls ihm selbst etwas Ernstliches znstieße. „Das ist ein Grund mehr, warum Ihr vorsichtig sein solltet, Schlange, und nicht unbesonnen in eine Gefahr hineinrcnnen," fuhr der Jäger fort, „denn es wird an sich schon ein Sieg für einen Stamm sein, ein solches Gewehr, wie dieses, zu besitze»! Die Mingo's werden grün werden vor Neid; und was mehr ist, sie werden sich nicht leichtsinnig in die Nähe eines Dorfes wagen, wo sie dasselbe bewahrt wissen. So seht denn wohl zn, Delaware, und bedenkt, daß Ihr jetzt über ein Ding zn wachen habt, das allen Werth einer Kreatur hat, ohne ihre Fehler. Hist mag und 566 soll Euch kostbar sein, aber Killdeer wird die Liebe und Verehrung Eures ganzen Volkes für sich haben." „Eine Buchse wie die andere, Wildtödter," versetzte der Indianer ans Englisch, denn dieser Sprache bediente sich auch der Andere, ein wenig gekränkt darüber, daß sein Freund seine Verlobte einem Gewehre gleich setzte. „Alle tödten, alle Holz und Eisen. Weib thencr dem Herzen; Büchse gut znm Schießen." „Und was ist der Mann in den Wäldern, ohne Etwas, womit er schießen kann? ein erbärmlicher Fallensteller oder ein verlorener Besen- und Körbe-Macher auf's Höchste. Ein solcher Mann mag Korn bauen, und Leib und Seele Zusammenhalten, aber nimmermehr kann er die schmackhaftesten Stücke vom Wildpret kennen, oder einen Bärenschinkcn von dem eines Schweins unterscheiden. Kommt, mein Freund, ein solche Gelegenheit bietet sich vielleicht nie wieder dar, und ich empfinde ein starkes Gelüsten nach einer Probe mit diesem berühmten Gewehr. Ihr sollt Eure eigene Büchse holen, und ich will mit Killdeer nur so obenhin zielen, damit wir einige seiner geheimen Tugenden kennen lernen." Da dieser Vorschlag geeignet war, den trüben Gedanken der ganzen Gesellschaft eine neue Richtung zu geben, während er zugleich ein nicht unwillkommenes Ergebnis' versprach, war Jedermann geneigt, darauf einzngchen; und die Mädchen brachten die Feuerwaffen mit einer an Munterkeit gränzendcn Rührigkeit herbei. Hutters Waffenschrank war wohl versehen, denn er besaß mehrere Büchsen, welche gewöhnlich alle geladen waren, immer in Bereitschaft, wenn man ihrer plötzlich benöthigt wäre. Im jetzigen Falle durfte man nur das Pulver ans der Pfanne erneuern, so waren sämmtliche Gewehre znm augenblickliche» Dienst bereit. Dieß war bald geschehen, da Alle dabei behilflich, und die Frauen in diesem Punkt des Vertheidignngssystcms so erfahren waren, wie ihre männlichen Genossen. „Jetzt, Schlange, wollen wir ganz bescheiden anfangen, und 567 zuerst des alten Tom gemeine Buchsen Prokuren, und mit Eurer Waffe und Killdeer, als letzten Rednern, den Beschluß machen," sagte Wildtödter, erfreut, wieder eine Waffe in der Hand zu haben, und bereit, seine Geschicklichkeit zu zeigen. „Hier sind Vögel im Ueberflnß, einige in, einige über dem See, und sie halten sich in einer guten Schußweite, wie sie so um die Hütte hernmschweben. Sprecht ans, was Ihr denkt, Delaware, und bezeichnet die Kreatur, die Ihr zu erschrecken gesonnen seid. Da ist ein Taucher, ganz in der Nähe nach Osten zu, und das ist eine Kreatur, die sich beim Blitzen des Gewehrs sogleich versteckt, und Waffe und Pulver recht erproben kann." Chingachgook war ein Mann von wenig Worten. Sobald ihm der Vogel gezeigt worden war, zielte er und feuerte. Die Ente tauchte unter beim Blitzen des Schusses, und die Kugel tanzte, ohne Schaden zu thnn, über die Fläche des See's hin, zuerst das Wasser berührend wenige Zolle von der Stelle, wo eben noch der Vogel geschwommen. Wildtodter lachte herzlich und natürlich; aber zu gleicher Zeit stellte er sich in die Positur des Schützen, und stand da, scharf die ruhige Wasserfläche beobachtend. Alsbald zeigte sich ei» dunkler Fleck, und dann tauchte die Ente auf, um Athem zu schöpfen, und schüttelte ihre Flügel. Während sle noch dies; that, ging ihr eine Kugel gerade durch die Brust, und warf sie wirklich leblos auf den Rücken. Im nächsten Augenblick stand Wildtödter, den Kolben seiner Büchse auf die Plat- form gestützt, so ruhig da, als wäre Nichts geschehen, obwohl er in seiner cigenthümlichen Art lachte. „Das ist keine rechte Probe von der Güte der Gewehre!" sagte er, wie bestrebt, einer falschen Schätzung seines Verdienstes znvorznkommcn. „Nein, das beweist' weder für noch gegen die Büchsen, angesehen, daß Alles Schnelligkeit der Hand und des Auges war. Ich überraschte den Vogel in einem für ihn ungünstigen Augenblick, sonst wäre er wohl auch wieder nntergetancht, ehe die Kugel ihn erreichte. Aber die Schlange ist zu klug, um auf solche Schliche zu achten, da er schon lange daran gewöhnt ist. Erinnert Ihr Euch der Zeit, Häuptling, wo Ihr Euch der wilden Gans sicher glaubtet, und ich nahm sie Euch aus den Augen gleichsam mit ein wenig Ranch! Indessen solche Dinge gelten für Nichts unter Freunden, und junge Leute wollen ihren Spaß haben, Judith. Ja, da ist gerade der Vogel, den wir brauchen, denn er ist so gut fnr's Feuer, wie zum Ziel, und Nichts sollte unbenüyt bleiben, was irgend vortheilhast verwendet werden kan». Dort, weiter nördlich, Delaware!" Der Letztere schaute hinaus in der angedcutetcn Richtung, und bald sah er eine große schwarze Ente, in stattlicher Ruhe auf dem Wasser dahinschwimmend. In jenen frühen Tagen, wo so wenig Menschen da waren, die Harmonie der Wildniß zu stören, waren alle die kleinern See'n, an welchen das Innere von New-Iork so reich ist, Sammelplätze für die Wasserzugvögel; und dieser See, wie die übrigen, war einst sehr bevölkert von allen Gattungen der Ente, von der Gans, der Möve, der Lomme. Nach Hutters Ankunft ward der See vergleichnngsweise mit andern, entfernteren und abgelegeneren See'n, wohin die Vögel sich zogen, leer, doch verweilten noch immer einige von jeder Gattung daselbst, wie in der That noch bis ans die heutige Stunde. In diesem Augenblick waren wohl hundert Vögel vom Kastell aus sichtbar, die ans dem Wasser schliefen, oder ihre Federn in dem klaren Element wuschen, obgleich kein anderer eine so günstige Zielscheibe darbot, wie der, ans welchen Wildtödter seinem Freunde deutete. Chingachgook sparte wie gewöhnlich seine Worte und schritt sogleich zum Werke. Dießmal zielte er sorgfältiger als zuvor, und dem entsprach auch der Erfolg. Dem Vogel wurde ein Flügel gelähmt, und er flatterte kreischend über das Wasser dahin und entfernte sich so wesentlich von seinen Feinden. „Dem Vogel muß man sein Leiden abkürzen," rief Wildtödter 569 im Augenblick, wo das Thier versuchte, aufzussatteru; „und dies; ist die Biichse und die Hand, es zu thun." Die Ente flatterte noch dahin, als die tödtliche Kugel sie ereilte, und den Kopf vom Halse trennte, so sauber, als wäre eS mit dem Beil geschehen. Hist hatte sich bei dem Erfolge des jungen Indianers einen leisen Freudenschrei erlaubt; jetzt «bergab sie sich die Miene, die größere Geschicklichkeit seines Freundes mit Verdruß zu empfinden. Der Häuptling dagegen stieß den gewöhnlichen Ausruf des Vergnügens aus, und sein Lächeln zeigte, wie voll er von Bewunderung und wie entfernt von Neid war. „Laßt nur das Mädchen, Schlange; laßt nur Hists Gefühle, die weder ersticken noch ertränken, weder tödten noch verschönern," sagte Wildtödter lachend. „Es ist den Weibern natürlich, an ihrer Männer Siegen und Niederlagen Theil zu nehmen, und Ihr seid so gut wie Mann und Frau, was Vornrtheil und Freundschaft anbelangt. Da ist ein Vogel über uns, der wird die Gewehre auf die Probe stellen; ich fordere Euch heraus auf ein Ziel in der Höhe, mit fliegender Scheibe, das ist'eine wahre Probe, und eine, die sichere Büchsen wie sichere Angen verlangt." Es war auf dem See auch die Art von Adlern, die das Wasser anfsnchen und von Fischen leben, und einer schwebte in beträchtlicher Höhe über der Hütte, begierig eine Gelegenheit zum Hcrabstoßen erwartend; und seine hungrigen Jungen streckten ihre Köpfe aus einem Nest, das man ans dem nackten Wipfel einer- abgestorbenen Fichte sah. Chingachgook legte schweigend ein neues Gewehr ans den Vogel an, und nachdem er sich genau seine Zeit ersehen, feuerte er. Ei» weiterer Kreis, als gewöhnlich, den der Vogel beschrieb, zeigte an, daß der bleierne Bote in einer nicht großen Entfernung von jenem die Luft durchschnitten, aber sein Ziel verfehlt hatte. Wildtödter, dessen Visiren eben so rasch als sicher war, feuerte, sobald gewiß war, daß sein Freund gefehlt 570 hatte, und das starke Hcrabstoße» des Adlers, welches man sogleich darauf bemerkte, ließ eö für de» Augenblick zweifelhaft, ob er getroffen war oder nicht. Der Schütze selbst jedoch erklärte, das; er nicht glücklich gewesen, und forderte seinen Freund auf, eine neue Büchse zu ergreifen, denn er bemerkte bei dem Vogel Anzeichen seiner Absicht, den Ort zu verlassen. „Ich habe ihn blinzeln »nd stutzig gemacht; ich glaube, seiue Federn wurden gezaust, aber noch ist sein Blut nicht geflossen, und dies; alte Gewehr taugt auch nicht zu einem so genauen und raschen Visireu. Schnell, Delaware; Ihr habt jetzt eine bessere Büchse, und, Judith, bringt Killdeer heraus, denn dicß ist eine Gelegenheit, seiue Verdienste zu erproben, wenn er welche hat!" Eine allgemeine Bewegung trat nun ein, die beiden Nebenbuhler machten sich fertig, und die Mädchen standen in lebhafter Erwartung des Ergebnisses. Der Adler hatte nach seinem tiefer» Herabstoßen einen weiten Bogen beschrieben, und jetzt wieder empor flügelnd, schwebte er von Neuem so ziemlich über dem Gebäude, sogar in noch größerer Entfernung als zuvor. Chingach- gook starrte hinauf, und sprach dann seine Ansicht ans, daß er es für unmöglich halte, einen Vogel in solcher Höhe, und während er beinahe scheitelrecht über dem Zielenden sctzwcbe, zu treffen. Aber ein leises Murmeln Hists bewirkte einen plötzlichen Entschluß, und er feuerte. Das Ergebnis; zeigte, wie richtig er gerechnet, denn der Adler änderte seinen Flug gar nicht, beschrieb, ruhig dahinsegclnd, runde Kreise in seiner luftigen Bahn, und schaute wie verachtend ans seine Feinde herunter. »Jetzt, Judith," rief Wildtödter lachend, mit glänzenden und freudigen Augen, „wollen wir sehen, ob die Büchse Wildtö d ter nicht auch Adlcrtödter ist! Gebt mir Platz, Schlange, und beobachtet die vernünftige Art des Zielens, denn durch Vernunft kann man Alles lernen." Ein sorgfältiges Visireu folgte jetzt, und ward mehrere Male 571 wiederholt, während der Vogel immer hoher und hoher stieg. Dann kam der Blitz nnd der Knall. Der rasche Bote flog hinauf, und im nächsten Augenblick drehte sich der Vogel ans die Seite, nnd sties; herunter, bald mit dem einen, bald mit dem andern Flügel schlagend nnd kämpfend, manchmal in einem Kreis sich nmtreibend, dann verzweifelt flatternd, wie bewusst seiner Verletzung, bis er, nachdem er »och ein paar völlige Kreise »m den Platz beschrieben, schwer ans das Ende der Arche herabstiirzte. Als mau den Körper untersuchte, fand mau, daß die Kugel halb durch ihn durchgegangeu mar zwischen einem Flügel nnd dem Brustbein. Sechsundzwanzigstes Kapitel. An zwei Steintaseln, vor ihr hingebreitet, Lehnt ihre Brust sie, härter selbst als Stein; Da schlief der Richter, der den Lohn bereitet Dem Unrecht und dein Recht mit Trost nnd Pein; Da hing all' unsrer Schulden Buch und Schein, D'rausÄut, Bös, Leben, Tod war ungeschrieben; So rein ist nie ein sterblich Herz geblieben, Den, Lesung dieses Buchs nicht Angstschweiß auögetriebcn, Giles Fletcher. „Wir haben etwas Unbesonnenes gethan, Schlange — ja, Judith, wir haben etwas Unbesonnenes gethan, daß wir ohne eiuen andern Zweck, als Eitelkeit, tödtcten," rief Wildtvdter, als der Delaware den gewaltigen Vogel an den Flügeln emporhielt, während dieser die sterbenden Augen ans seine Feinde geheftet hielt mit jenem Blick, welchen die Hilflosen immer ans ihre Verderber werfen. „Es ziemte mehr zwei Knaben, ihr Gelüste in dieser unbesonnenen Weise zu büßen, als zwei Männern ans dem Kriegspfad, wenn es auch ihr erster ist. Ach Gott! nun, zur Strafe will ich euch sogleich verlassen, nnd wenn ich mich allein bei den blutgierigen Mingv's sehe, ist es mehr als wahrscheinlich, daß ich 572 Gelegenheit finden werde, zu bedenken, daß das Leben süß ist, selbst den Thieren des Waldes und den Vögeln der Lust. Da, Judith, da ist Killdeer; nehmt ihn wieder zurück, und bewahrt ihn ans für eine Hand, die würdiger ist, ein solches Gewehr zu besitzen." „Ich weiß keine, die so würdig ist, als die Eurige, Wildtöd- tcr," versetzte hastig das Mädchen; „keine als die Enrige soll die Büchse haben." „Wenn es aus die Geschicklichkeit ankäme, möchtet Ihr schon recht haben, Mädchen, aber wir sollten wissen, wann Feuerwaffen gebrauchen und nicht blos wie. Ich habe das Erste noch nicht gelernt, wie es scheint, so behaltet die Büchse, bis ich es habe. Der Anblick eines sterbenden und gequälten Geschöpfes, wenn es auch nur ein Vogel ist, bringt einen Mann ans heilsame Gedanken, der nicht weiß, wie bald sein eigenes Stündlein kommen mag, und der ziemlich sicher Voraussicht, daß es vor Sonnenuntergang kommen wird; ich wollte alle meine eitel» Empfindungen nnd meinen Stolz auf Hand nnd Auge hingeben, wenn nur dieser arme Adler wieder auf seinem Horst bei seinen Jungen wäre, den Herrn preisend, wie wir Allem nach annehmen müssen, für seine Gesundheit nnd Stärke!" Die Znhörenden waren betroffen über diesen Ansbruch plötzlicher Reue bei dem Jäger, nnd dazu noch über eine so gewöhnliche, wenn schon unbesonnene und gewissermaßen muthwillige That, daß die Menschen sich selten dabei anfhalten, ihre Folgen zu erwägen, oder die physischen Leiden, welche sie dem hilflosen, verfolgten Geschöpf zuzicht. Der Delaware verstand, was Jener sagte, obwohl schwerlich die Gefühle, ans welchen jene Worte hervorgin- gen, und um die Bedenklichkeit zu beseitigen, zog er sein scharfes Messer und trennte den Kopf des armen Vogels vom Rumpfe. „Was ist es doch um die Macht!" fuhr der Jäger fort, „und was ist es darum, sie zu haben, nnd nicht zu wissen, wie sie benützen! Es ist kein Wunder, Judith, daß die Mächtigen so oft 573 ihre» Pflichte» »»treu werden, wenn es selbst den Geringen und Niedrigen so hart ankommt, zu thnn, was recht ist, und zu unterlassen, was unrecht ist. Und dann, wie Eine üble Handlung andere nach sich zieht! Wäre jetzt nicht dieser mein Urlaub, der mich bald zu den Mingo's zurückführt, so würde ich dieser Kreatur Nest finden, wenn ich vierzehn Tage die Wälder durchstreifte — obgleich ein Adlernest bald gefunden ist von Solchen, welche des Vogels Natur verstehen — aber ich würde eher vierzehn Tage hcrnmstreifcn, als «blassen, cs zu suchen, nur um auch den Jungen ihr Leiden abzukürzen." „Es freut mich, das von Euch zu hören, Wildtödter," bemerkte Hetty, „und Gott wird eher Eure Betrübniß über Eure That ansehen, als die Sünde selbst. Ich dachte, wie sündhaft es sei, harmlose Vögel zu tödten, gerade während Ihr schoßet, und wollte es Euch sagen; aber ich weiß nicht, wie es kam — ich war so begierig, zu scheu, ob Ihr einen Adler in solcher Höhe treffen könntet, daß ich ganz vergaß zu sprechen, bis das Unheil geschehen war." „Das ist es; das ist es gerade, meine gute Hetty. Wir könne» Alle unsere Fehler und Verirrungen sehen, wenn es zu spät ist, sie ungeschehen zu machen! Jndeß, ich bin froh, daß Ihr nichts gesagt, denn ich glaube, in jenem Augenblick gerade hätten auch ein paar Worte mich nicht abgehalten; und so blieb die Sünde doch nur in ihrer einfachen Nacktheit, und nicht noch erschwert durch Nichtachtung von abmahuendeu Warnungen. Nun, nun, bittere Gedanken sind immer eine schwere Last, aber zu gewissen Zeiten eine noch schwerere als sonst." Wenig ahnte Wildtödtcr, während er so Gefühlen sich hingab, die dem Manne so natürlich und so streng im Einklang mit seinen unverfälschten und richtigen Grundsätzen waren, daß nach dem Plane der unerforschliche» Vorsehung, welche so gleichmäßig und doch so gchcimmßvvll alle Begebenheiten mit ihrem Mantel bedeckt, 574 eben der Fehler, wegen dessen er fleh so streng zn tadeln geneigt war, das Mittel werden sollte, sein Schicksal auf Erden zu bestimmen. Die Art, wie, und den Augenblick, wo er die Wirkung dieses Vorfalls zu suhlen bekam, anzngeben, wäre hier zn frühe; man wird dies; im Laufe der folgenden Kapitel erfahren. Der junge Mann aber verließ jetzt langsam die Arche, wie Einer, der sich über seine Missethaten bekümmert, und setzte sich schweigend auf der Platform nieder. Mittlerweile war die Sonne schon ziemlich hoch gestiegen, und ihre Erscheinung, znsammengenom- mciv mit seinen dermaligen Empfindungen, bestimmte ihn, sich znm Weggehen anznschicken. Der Delaware setzte das Canoe für seinen Freund in Bereitschaft, sobald er seine Absicht erfuhr, und Hist war geschäftig, die wenigen Vorkehrungen zn treffen, die man für seine Behaglichkeit nothwendig erachtete. Alles dies; geschah ohne Schaustellung von Gefühlen, aber in einer solchen Weise, daß Wildtödtcr die Beweggründe völlig erkannte, und eben so geneigt war, sie zn würdigen. Nachdem Alles fertig war, kehrten Beide zu Judith und Hetty zurück, deren keine sich von der Stelle gerührt hatte, wo der junge Jäger saß. „Die besten Freunde müssen sich oft trennen," begann der Letztere, als er die ganze Gesellschaft um ihn her grnppirt sah. „Ja, Freundschaft kann nichts ändern an den Wegen der Vorsehung; und mögen unsere Gefühle sein, welche sie wollen, wir müssen scheiden. Ich habe oft gedacht, es gebe Augenblicke, wo unsere Worte länger im Gcmüthe haften als gewöhnlich, und wo man eines Rathes eingedenk bleibt, gerade weil der Mund, der ihn gibt, schwerlich ihn wieder geben wird. Niemand weiß, was in der Welt sich zntragen mag; und daher mag es gerathen sein, wenn Freunde sich trennen in der wahrscheinlichen Aussicht, daß die Trennung lange währen kann — daß sie sich ein paar freundliche Worte sagen als eine Art von Angedenken. Wenn Alle bis auf Eines in die Arche treten wollen, will ich mit Jedem der Reihe »ach spreche», und was mehr ist, auch anhörc», was Ihr zur Erwiederung etwa zu sage» habt; denn das ist ein elender Nath- gcber, der nicht ebenso auch nähme, wie gäbe." „Da man die Absicht des Redenden verstand, entfernten sich sogleich nach seinem Wunsche die beiden Indianer, die beiden Schwestern aber blieben noch bei dem junge» Manne stehen. Ein Blick Wildtödters vcranlaßte Judith, sich zu äußer». „Ihr könnt Hetty Enern Rath erthcilen während Ihr landet," sagte sic hastig; „ich habe den Plan, daß sic Euch an die Küste begleite." „Ist das klng, Judith? Es ist wahr, daß unter gewöhnlichen Umständen ein schwacher Geist ein großer Schirm und Schuh ist unter den Nvthhänten; aber wenn ihre Gefühle aufgeregt und sic ans Rache erpicht sind, ist schwer zu sagen, was geschehen mag. Zudem —" „Was wollt Ihr sagen, Wildtödter?" fragte Judith, deren Weichheit in Benehmen und Stimme beinahe bis zur Rührung und Zärtlichkeit stieg, obgleich sie kräftig kämpfte, ihre Gemüths- bewegungcn und Besorgnisse nicdcrznhalten. „Nun, weiter nichts, als daß cs Anblicke und Thaten gibt, von welchen selbst eine so wenig mit Vernunft und Gedächtnis; Begabte wie Hctty hier, besser nicht Zeugin ist. So würdet Ihr wohl thnn, Judith, mich allein landen zu lassen und Eure Schwester zurückznbehalten." „Seid ohne Sorge um mich, Wildtödter," fiel Hetty ein, welche genug von der Besprechung verstand, um ihre Abzwccknng im Allgemeine» zu begreifen; „ich bin schwachsinnig, und das, sagen sie, ist ei» Vorwand, überall hin zu gehen; und was dadurch nicht entschuldigt, das würde übersehen werden in Betracht der Bibel, die ich immer mit mir führe. Es ist wunderbar, Judith, wie alle Arten von Menschen, die Fallensteller wie die Jäger, rothe wie weiße, Mingo's wie Delaware», die Bibel fürchten und ihr Ehrfurcht beweisen." 576 „Ich denke, dn hast nicht den mindesten Grund, eine Mißhandlung zn befürchten, Hetty," versetzte die Schwester, „und daher werde ich darauf bestehen, daß du mit unserem Freund in's Lager der Huronen gehst. Daß du dorthin gehst, kann dir selbst keinen Schaden bringen, und könnte für Wildtödter sehr nützlich sein." „Dies; ist kein Augenblick zum Streiten, Judith, und so sollt Ihr in der Sache Euer» Willen haben," versetzte der junge Mann. „Macht Euch fertig, Hetty, und geht in das Canoe, denn ich habe Eurer Schwester ein paar Abschiedsworte zu sagen, die Euch nichts helfen können." Judith und ihr Genosse blieben schweigend, bis Hetty gehorcht und sie allein gelassen hatte, worauf Wildtödter den Gegenstand aufnahin, als ob er durch ein gewöhnliches Begegnis; wäre unterbrochen worden, und in sehr bündiger Weise. „Worte, die man beim Abschied spricht, und die vielleicht die letzten sind, die man von einem Freunde hört, vergißt man nicht so bald," wiederholte er, „und so, Judith, gedenke ich zu Euch zn sprechen wie ein Bruder, angesehen, das; ich nicht alt genug bin, Euer Vater zu sein. Erstlich wünsche icb Euch zn warnen vor Eucrn Feinden, von welchen zwei, kann man sagen, sich an Eure Fersen heften und Eucrn Weg besetzt halten. Der erste ist: ungewöhnlich gutes Aussehen, was ein so gefährlicher Feind für manches junge Weib ist, als ein ganzer Schwarm Mingo's, und große Wachsamkeit erheischt, nicht in Bezug auf Bewunderung und Preis, sonder» ans Mißtrauen und Täuschung. Ja, gutes Aussehen kann durch Täuschung berückt und auch überlistet werden. Um dieß zu begreifen, dürft Ihr Euch nur erinnern, das; es schmilzt, wie der Schnee, und einmal dahin, kehrt cs nie wieder. Die Jahreszeiten kommen und gehen, Judith, und wenn wir Winter haben, mit Sturm und Kälte, und Frühling, mit Frösten und entlaubten Bäumen, haben mir auch Sommer, mit seiner Sonne und prächtigem blauem Himmel, und Herbst mit seinen Früchten, und einem Gewand, über den Wald ansgcbreitct, wie es keine Schönheit der Stadt in allen Laden Amerika's znsammensnchen könnte. Die Erde ist in einem ewigen Kreislauf begriffen, nnd die Güte Gattes führt wieder das Angenehme zurück, wenn wir des Unangenehmen genug gehabt habe». Aber nicht ebenst ist es mit dem guten Aussehen. Das ist nur für eine kurze Zeit in der Jugend verliehen, um benützt nnd nicht misibrancht zu werden; nnd da ich nie ein Mädchen sah, gegen das die Vorsehung st gütig gewesen wäre, wie gegen Euch, Judith, in diesem Punkte, warne ich Euch, gleichsam mit dem letzten Hauche meines Mundes, das; Ihr Euch hütet vor dem Feinde; Freund oder Feind, je nachdem wir mit der Gabe umgehen." Es war Judith st angenehm, diese unzweideutige Anerkennung ihrer persönlichen Reize zu vernehmen, das; sie dem Manne, ans dessen Munde sie kam, er hätte sein mögen wer er wollte, viel verziehen hätte. Aber in diesem Augenblick, nnd in Kraft eines weit edleren Gefühls von ihrer Seite, wäre es für Wildtödter sehr schwer gewesen, sie ernstlich zu beleidigen; nnd sie lieh ihm mit einer Geduld ihr Ohr, von welcher zn hören sie, wenn man ihr nur acht Tage zuvor dieß hätte Vorhersagen wollen, mit Entrüstung sich würde gesträubt haben. „Ich verstehe Eure Meinung, Wildtödter," versetzte das Mädchen mit einer Milde nnd Dcmnth, welche den Andern ein wenig überraschte, „und hoffe mir, was Ihr sagt, zn Nutze machen zn können. Aber Ihr habt nur Einen der Feinde genannt, die ich zn fürchten habe; Wer, oder Was, ist der Andere?" „Der Andere entweicht vor Eurem guten Verstand und Urthcil, wie ich finde, Judith; ja, er ist nicht so gefährlich, wie ich dachte. Indes;, da ich einmal den Gegenstand berührt habe, ist es wohl das Beste, redlich Alles zn Ende zn sagen. Der erste Feind, gegen den Ihr wachsam sein müßt, wie ich Euch schon gesagt, Judith, ist ein ungewöhnlich gutes Aussehen, und der zweite ist: ein Der Wildtödter. 37 578 ungewöhnliches Bewußtsein dieses Umstands. Wenn das Erste Minim ist, so bessert das Zweite die Sache in keiner Weise, was Wohlfahrt und Seelenfrieden betrifft." Wie lange der junge Mann in seiner einfachen und arglosen, aber wohlgemeinten Weise nocss fortgesahrcn haben würde, ist schwer zu sage», wäre er nicht dadurch unterbrochen worden, daß seine Znhörerin in Thräncn ansbrach, und sich einer Gcfühlö- anfwallnng hingab, die nur »m so gewaltsamer war, mit je größerer Anstrengung sie sie bisher unterdrückt hatte. Zuerst war ihr Schluchzen so heftig und unbändig, daß Wildtödter nicht wenig erschrak, und voll Rene ward von dem Augenblick an, wo er bemerkte, wie viel größer die Wirkung seiner Worte war, als er erwartet hatte. Selbst strenge und in ihren Anmnthnngen weitgehende Menschen werden gewöhnlich begütigt und befriedigt durch die Zeichen der Zerknirschung, aber Wildtödters Gcmüth bedurfte gar keiner so starken Beweise von Rührung, um zum lebhaften Mitgefühl der Betrübnis; des Mädchens gestimmt zu werden. Er stand auf, als hätte ihn eine Natter gestochen, und die Töne der Mutter, die ihr Kind tröstet, sind kaum sanfter und begütigender, als seine Stimme und seine Worte waren, wie er jetzt seine Nene darüber aussprach, so weit gegangen zu sein. „Es war gut gemeint, Judith," sagte er, „aber es war nicht die Absicht, Euch so sehr wehe zu thun. Ich habe es mit meinem Rath übertrieben, wie ich sehe; ja, ich habe es übertrieben, und ich bitte Euch deßhalb dringend um Verzeihung. Freundschaft ist ein entsetzliches Ding! Manchmal schilt sic uns, daß wir nicht genug gethan haben; und dann wieder macht sie uns Vorwürfe, daß wir zu viel gethan. Wie dem sei, ich gestehe, daß ich zu weit gegangen bin, und da ich eine wirkliche und lebhafte Achtung für Euch habe, erkläre ich dies; mit Freuden, insofern es beweist, wie viel besser Ihr seid, als Euch meine Eitelkeit und Einbildung dafür hielt." 579 Jetzt zog Judith die Hände von ihrem Angesicht zurück, ihre Thränen hatten anfgehört, und sie ließ eine so gewinnende Miene blicken mit dem Lächeln, das sie wahrhaft strahlend machte, daß der junge Mann sie einen Augenblick mit sprachlosem Entzücken an starrte. „Sagt nichts weiter, Wildtödter," entgegnete sie hastig, „es peinigt mich, wenn ich höre, wie Ihr Ench selbst tadelt. Ich erkenne meine Schwäche nur um so besser, nunmehr ich sehe, daß Ihr sie entdeckt habt; die Lehre, so bitter ich sic einen Augenblick empfunden habe, soll nicht vergessen werden. Wir wollen nicht länger von diesen Dingen sprechen, denn ich fühle mich nicht stark genug dazu, und ich mochte nicht, daß der Delaware, oder Hist, oder auch Hetty meine Schwäche bemerkten. Fahrt wohl, Wild- tödtcr! möge Gott Ench segnen und schützen, wie Euer redliches Herz Segen und Schutz verdient, und wie ich es zuversichtlich hoffe!" Judith hatte so weit wieder die Ueberlegcnhcit gewonnen, die eigentlich ihrer bessern Bildung, ihrem hochfliegendcn Geiste und ihren ausnehmenden persönlichen Vorzügen znkam, daß sie die so zufällig erlangte Gewalt über den Andern behauptete, und wirklich jedes Znrückkommen auf einen Gesprächsgegenstand verhinderte, der eben so seltsam war unterbrochen, als seltsam eingeleitct morden. Der junge Mann ließ ihr ganz ihren Willen, und als sie seine harte Hand mit ihren beiden Hände» drückte, widersetzte ersieh nicht, sondern ergab sich in diese Huldigung so ruhig und mit einer Alles so in der Ordnung findenden Art, wie ein Fürst einen ähnlichen Tribut von einem Unterthan, oder die Geliebte von ihrem Anbeter würde hingenommen haben. Die Gefühlsanfwallnng hatte das Angesicht des Mädchens gcröthet und ihr ganzes Wesen erleuchtet, und ihre Schönheit war nie strahlender, als da sie dem Jüngling einen Abschiedsblick znmarf. Dieser Blick war voll ängstlicher Besorgnis;, Interesses, und zarten Mitleids. Im nächsten 37 * 580 Augenblick flog sie in die Kajüte und ward nicht mehr gesehen; doch sprach sie von einem Fenster ans zn Hist, nm ihr zn sagen, daß ihr Frennd sic jetzt erwarte. „Ihr kennt Rothhant-Natnr nnd Nothhant-Bränche hinläng- lictz, Wah-ta!-Wah, um die Lage zu verstehen, in der ich bin in Betreff dieses Urlaubs," begann der Jäger in der Delawaren- sprachc, sobald das geduldige nnd unterwürfige Mädchen ans diesem Volke still zn ihm hcrangetreten war; „Ihr werdet daher am besten begreifen, wie unwahrscheinlich es ist, daß ich je wieder mit Euch rede. Ich habe nur wenig zn sagen; aber dies; Wenige gibt mir ein langer Aufenthalt unter Eurem Volke, nnd genaue Beobachtung und Erkundigung seiner Gebräuche ein. Das Leben eines Weibes ist hart und mühselig im besten Falle, aber ich muß gestehen, obgleich ich nicht zn Gunsten meiner Farbe eingenommen bin, daß cs härter ist unter den rothen Männern, als unter den Bleichgesichtern. Das ist ein Punkt, dessen die Christen sich wohl rühmen dürfen, wenn Rühmen und Prahlen in irgend einer Form nnd Weise für's Christenthnm sich geziemt, was ich jcdocb bezweifle. Wie dem sei, alle Weiber haben ihre Prüfungen. Rothe Weiber haben die ihrigen in der natürlichen Weise, wie ich cs neunen möchte, während sie die weißen Weiber so zn sagen inocn- lirt bekommen. Tragt Eure Last wie sich's geziemt, Hist, und bedenkt, wenn sie auch etwas beschwerlich sein sollte, wie viel leichter sie doch ist, als die der meisten Indianerinnen. Ich kenne Schlange wohl — was ich nennen darf: von Herzen, nnd er wird nie ein Tyrann sein gegen Jemand, den er liebt, obwohl er erwarten wird, selbst als Mohikan'scher Häuptling behandelt zu werden. Es werden wolkige Tage über Eure Hütte kommen, denke ich mir, denn die treten ein bei allen Gebräuchen nnd unter allen Völkern; aber wenn man die Fenster des Herzens offen hält, wird immer Raum für den Sonnenschein bleiben, hincinzndringen. Ihr selbst seid der Abkömmling eines großen Stammes, nnd so 58l Chingachgovk auch. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß je Eines diesen Umstand vergessen und etwas, eure Voreltern Entehrendes thn» sollte. Aber dennoch, die Neigung ist eine zarte Pflanze, und gedeiht nie lange, wenn sie mit Thronen begossen wird. Laßt die Erde um euer eheliches Gluck herum von dem Than der Freundlichkeit befeuchtet werden!" „Mein bleicher Bruder ist sehr weise; Wah wird in ihrem Herzen Alles bewahren, was seine Weisheit ihr sagt." „Das ist einsichtig und weiblich gesprochen, Hist, Aufmerksamkeit beim Anhören eines guten Naths, und Kraft und Beharrlichkeit in der Befolgung, das ist der große Schutz eines Weibes. Und jetzt bittet Schlange, hcrznkomme» und einen Augenblick mit mir zu sprechen, und nehmt mit Euch alle meine besten Wünsche und Gebete. Ich werde an Euch denken, Hist, und an Euren künftigen Gatten, geschehe was da wolle, und Euch Gutes gönnen hier und Jenseits, sei nun das Letztere nach den Ideen der Indianer, oder nach der christlichen Lehre gestaltet." Hist vergoß keine Thränen beim Abschied. Sie ward aufrecht erhalten durch die hochsinnige Entschlossenheit eines über seine Handlungsweise entschiedenen Gcmüths; aber ihre dunkeln Angen leuchteten von den Gefühlen, die in ihrem Innern glühten, und ihr hübsches Gesicht strahlte in einem Ausdruck von Entschlossenheit, der in ausfallendem und eigenthümlichem Kontrast zu seiner gewöhnlichen Sanftheit stand. Es stand nur eine Minute an, bis der Delaware mit dem leichten, geräuschlosen Tritt eines Indianers zu seinem Freund herantrat. „Kommt hicher, Schlange, hicher, mehr den Weibern aus dem Gesicht," begann Wildtödter, „denn ich habe Euch Einiges zu sagen, was nicht einmal geargwvhnt, viel weniger gehört werden darf. Ihr versteht die Natur der Urlaube und der Mingo's zu gut, um darüber im Zweifel und in der Ungewißheit zu sein, was geschehe» wird, wenn ich in das Lager zurückkchre. Uebcr die zwei 582 Punkte daher werden wenige Worte weit ansreichen. Erstlich, Häuptling, wünsche ich Euch Etwas zu sagen über Hist, und über die Weise, wie ihr rothen Männer eure Weiber behandelt. Ich denke, cs ist den Gaben Eures Volkes gemäß, daß die Weiber arbeiten und die Männer jagen; aber es gibt in allen Dingen ein Maaß und Ziel. Was das Jagen betrifft, so sehe ich keinen Grund, warum dem sollten Gränzen gesteckt werden, aber Hist kommt von einem zu guten Stamme, als daß sie sich wie ein gemeines Weib placken sollte. Einem von Enern Mitteln lind Eurem Stand kann es nie an Korn, oder Kartoffeln, oder irgend Etwas fehlen, was das Feld trägt; daher hoffe ich, wird nie Euer Weib die Hacke in die Hand nehmen müssen. Ihr wißt, ich bin nicht ganz ein Bettler, und Alles, was ich habe an Munition, Häuten, Waffen oder Caliko's, schenke ich an Hist, sollte ich nicht zu Ende des Sommers znrückkvmmen, um es anznsprcchcn. Das wird dem Mädchen auf lange Zeit zu Statten komme» und die Arbeit für sie abkaufen. Ich denke, ich brauche Euch nicht zu empfehlen, das Mädchen zu lieben, denn das thnt Ihr schon, und wen der Mann wahrhaft liebt, den wird er wohl auch gut halten und pflegen. Dennoch kann cs nichts schaden, wenn ich Euch erinnere, daß freundliche Worte nie im Herzen wurmen, wohl aber bittere. Ich weiß, Ihr seid ein Man», Schlange, der weniger dazu gemacht ist, in seiner Hütte zu schwatzen, als am Rathsfeucr zu sprechen; aber achtlose Augenblicke können uns Alle überraschen, und die Ucbnng in freundlicher Behandlung und freundlichen Worten ist ein wunderbar gutes Mittel, Frieden in einem Hanse, wie ans einer Jagd zu erhalten." „Meine Ohren sind offen," erwiederte der Delaware ernst; „die Worte meines Bruders sind so tief eingedrnngen, daß sie nie mehr hcransfallen können. Sie sind wie Ringe, die kein Ende haben und nicht heranswcicüen können. Er spreche weiter; der Gesang des Zaunkönigs und die Stimme eines Freundes werden Einem nie zu oiel." 583 , „Ich will etwas länger spreche», Häuptling, aber Ihr werdet es entschuldigen in Betracht alter Kameradschaft, falls ich jetzt von mir selbst rede. Wenn das Schlimmste zum Schlimmsten kommt, wird von mir schwerlich viel mehr übrig bleiben, als Asche; somit wäre ein Grab überflüssig und eine Art Eitelkeit. Ans diesen Punkt bin ich nicht sonderlich versessen, obgleich es nicht übel wäre, die Ucberbleibsel von dem Holzstoß anznsehcn, und sollten sich noch Knochen oder sonst Stücke finden, so wäre es anständiger, sie zu sammeln und zu begraben, als sie liegen zu lassen, daß die Wölfe daran nagten und darüber heulten. Diese Sachen machen am Ende keinen großen Unterschied, aber Männer von weißem Blut und christlichem Gefühl haben doch eher eine Gabe für Gräber." „Es soll geschehen, wie mein Bruder sagt," versetzte der Indianer ernst. „Wenn sein Gemüth voll ist, leere er es ans in die Brust eines Freundes." „Dank Euch, Schlange; mein Gemüth ist leicht genug, ja, es ist ziemlich leicht. Ideen drängen sich wohl auf, an die ich freilich gewöhnlich nicht denke, cs ist wahr; aber wenn ich gegen die einen ankämpfe und den andern Luft mache, wird am Ende Alles in Ordnung kommen. Ein Ding jedoch ist, Häuptling, das mir unvernünftig scheint, und gegen die Natur, obgleich die Missionäre es als wahr gelten lassen; und bei meiner Religion und Farbe fühle ich mich verpflichtet, ihnen zu glauben. Sie sage», ein Indianer möge den Leib martern und peinigen nach Hcrzensgelüsten, und skalpiren und schneiden, und reißen und brennen, und alle seine Erfindungsgabe und Teufelei aufbieten, bis Nichts übrig bleibt, als die Asche, und diese nach den vier Winden des Himmels verstreuen: dennoch, wenn die Posaune Gottes erschalle, werde sich Alles wieder znsammcnfinden, und der Mensch werde wieder in seinem Fleisch dastehen, dieselbe Kreatur im Aussehen, wen» auch nicht im Gefühl, wie zuvor, eh' er mißhandelt worden!" „Die Missionäre sind gute Männer; sie meinen es gut," 584 versetzte der Delaware höflich; „sie sind keine große» Aerztc. Sic glanbcn Alles, was sie sagen, Wildtödter; das ist kein Grnnd, daß Krieger und Redner ganz Ohr sein sollten. Wenn Chingachgook den Vater Tamennnds in seinem Skalp und Bemalung und Kricgs- locke stehen sehen wird, dann wird er den Missionären glanhcn." „Sehen ist Glauben, gewiß. Ach ja! und Einer von n»S sieht vielleicht dies; Alles eher als wir gedacht hätten. Ich verstehe Eure Meinung in Betreff von Tamennnds Vater, und die Idee ist eine bündige Idee. Tamennnd ist jetzt ei» alter Mann, wir wollen sagen achtzig, wohlgezählt; und sein Vater ward skal- pirt und gemartert, als der jetzige Prophet ei» junger Bursch war. Ja, wenn man das geschehen sähe, dann wäre es nicht mehr schwer, Allem Glauben zu schenken, was die Missionäre sagen. Indes; ich bin jetzt nicht gegen ihre Ansicht; denn Ihr müßt wissen, Schlange, daß der große Grundsatz des Christenthnms ist: zu glanbcn ohne zu sehen; und ein Mann sollte immer nach seiner Religion und seinen Grundsätzen handeln, seien sie welche sie wollen." „Das ist sonderbar für eine weise Nation!" sagte der Delaware mit Nachdruck. „Der rothe Mann schaut scharf hin, um zn sehen und zn verstehen." „Ja, das ist plausibel und dem menschlichen Stolz angenehm, aber cs ist nicht so tief als es scheint. Wenn wir Alles verständen, was wir sehen, Schlange, so wäre cs nicht nur klug, sondern auch sicher, jedem Ding nnsern Glauben zn versagen, das wir unbegreiflich finden; aber wo es so viele Dinge gibt, von denen wir gar Nichts zn verstehen bekennen müssen, so nützt es wenig und hat keinen vernünftigen Grnnd, bedenklich zn sein gerade in Einem Punkt. Was mich betrifft, Delaware, meine Gedanken sind nicht alle bei der Jagd gewesen, wenn wir in unsrer Jugend auf Jagd und Kundschaft auszogcn. Manche Stunde habe ich ganz angenehm zngebracht mit dem, was man bei meinem Volke Beschaulichkeit nennt. Bei solchen Gelegenheiten ist der Geist thätig, 585 obschon der Körper trag und gleichgültig scheint. Ei» offner Play ans einem Berg, wo man Himmel und Erde weithin übersieht, ist ein höchst gntgewählter Ort für einen Mann, nm eine richtige Idee von der Macht Manittn's und von seiner eignen Kleinheit zu bekommen. Zn solchen Zeiten hat man keine große Neignng, sich an kleinen Schwierigkeiten im Begreifen zu stoßen, da so große da sind, sie zu verbergen. Zn solchen Zeiten kommt mich das Glauben leicht genug an; und wenn der Herr zuerst den Menschen ans Erde machte, wie sie mir sagen, daß in der Bibel geschrieben stehe, und dann im Tod ihn in Stand verwandelt, sehe ich keine große Schwierigkeit darin, daß er ihm wieder zn seinem Leibe oerhilft, obgleich davon nichts als Asche übrig geblieben. Diese Dinge liegen über unser Verständniß hinaus, wie nahe sie nnsern Gefühlen liegen mögen, und wirklich liegen. Aber von allen Lehren, Schlange, ist, die mich am meisten stört und mein Gemüth in Unruhe verseht, diejenige, welche uns glauben heißt: ein Bleichgesicht komme in einen Himmel, und eine Rothhant in einen andern; sie möchte im Tod Diejenigen trennen, die viel zusammen lebten und einander im Leben herzlich liebten." „Lehren die Missionäre ihre weißen Brüder dies; glauben?" fragte der Indianer mit gemessenem Ernst. „Die Delaware» glauben, daß gute Männer und tapfere Krieger mit einander jagen werden in denselben lustigen Wäldern, welchem Stamme sie auch angehören mögen; daß alle ungerechten Indianer und Feigen mit den Hunden und Wölfen hernmkricchen müssen, nm Wildpret für ihre Hütten zn bekommen." „Es ist wunderbar, wie mancherlei Einbildungen die Menschen haben, Glück und Elend betreffend in einem andern Leben!" rief der Jäger ans, hingerissen von der Macht seiner eignen Gedanken. „Einige glauben an Feuer und Flammen, und Andere halte» cs für Strafe, mit den Wölfen und Hunden zn essen. Dann wieder bilden sich Einige ein, der Himmel sei nur die Befriedigung ihrer 586 irdischen Wunsche, während Andere ihn sich ganz voll Gold nnd glänzender Lichter denken! Nun, ich habe meine eigne Idee in dieser Sache, Schlange, und zwar diese. So oft ich Unrecht ge- than, habe ich in der Regel gefunden, daß es von einer Blindheit des Geistes herrührte, welche mich hinderte, das Rechte zn sehen, und wenn das Gesicht wiedergekehrt war, dann kam Kummer und Rene. Nun bilde ich mir ein, daß nach dem Tod, wenn der Körper abgelegt, oder, wenn überhaupt noch gebraucht, gereinigt nnd von seinen Bedürfnissen und Wünschen befreit ist, der Geist alle Dinge in ihrem wahren Lichte sieht, nnd nie gegen Wahrheit nnd Gerechtigkeit blind wird. Wenn dieß der Fall, schaut man Alles, was man im Leben gethan, so klar, wie die Sonne am Mittag; das Gnte bringt Freude, und das Böse Kummer. Daran ist nichts Unvernünftiges, sondern es ist der Erfahrung jedes Menschen gemäß." „Ich glaubte, die Bleichgesichter hielten alle Menschen für Sünder; wer soll dann je den Himmel der Weißen finden?" „Das ist sinnreich, aber es trifft nicht mit den Lehren der Missionäre zusammen. Ihr werdet eines Tags, ich zweifle nicht, ein Christ werden, und dann wird Euch Alles klar cinleuchte». Ihr müßt wissen, Schlange, daß eine große That der Rettung nnd Erlösung vollbracht worden ist, die mit Gottes Hilfe alle Menschen in den Stand setzt, Vergebung zu finden für ihre Sündhaftigkeit, und das ist das Wesentliche der Religion der Weißen. Ich kann mich nicht aufhaltcn, weitläufiger hierüber mit Euch zu sprechen, denn Hetty wartet im Canoe, nnd der Urlaub ruft mich weg; aber die Zeit wird, hoffe ich, kommen, wo Ihr das fühlen werdet; denn gefühlt muß es am Ende doch werden, mehr als mit dem Verstände ergründet. Ach weh! nun, Delaware, da ist meine Hand. Ihr wißt, cs ist die eines Freundes, und werdet sie als solche schütteln, obgleich sie Euch nicht halb so viel Gutes erwiesen, als ich gewünscht hätte!" Der Indianer ergriff die dargebotene Hand, und erwicdertc den 587 Druck mit Wärme. Dann wieder seinen erworbenen Stoicismus annehmend, den man so häufig für angeborne Gleichgültigkeit hielt, stand er mit Fassung und Zurückhaltung ans, und schickte sich an, von seinem Freunde mit aller Würde sich zu trennen. Wildtödter jedoch war natürlicher; und er hätte sich wohl gar nichts daraus gemacht, seinen Gefühlen ganz freien Lauf zu lassen, hätte ihn nicht das Benehmen und die Sprache Judiths vor einer kleinen Weile mit geheimer, obwohl unbestimmter Besorgniß vor einer Scene erfüllt. Er war zu bescheiden, um die Wahrheit hinsichtlich der wahren Gefühle dieses schönen Mädchens zu ahnen, während er zu gut beobachtete, als das; er nicht ihren inner« Kampf hätte bemerken sollen, der sie so oft einer Entdeckung ihres Geheimnisses so nahe gebracht hatte. Daß etwas Außerordentliches in ihrer Brust sich verberge, war ihm augenfällig genug; und vermöge eines männlichen Zartgefühls, das der feinsten und höchsten Bildung Ehre gemacht haben würde, scheute er zurück vor einer Offenbarung dieses Geheimnisses, welche später das Mädchen selbst hätte reuen können. Daher beschloß er jetzt aufzubrechen, und das ohne weitere Kundgebung von Gefühlen von seiner Seite oder von Andern. „Gott segne Euch! Schlange — Gott segne Euch;" rief der Jäger, als das Canoe von der Platform abstieß, „Euer Manittn und mein Gott allein weiß, wann und wo wir uns Wiedersehen; ich werde es für einen großen Segen und für eine reichliche Belohnung des wenigen Guten ansehcn, das ich etwa auf Erden ge- than, wenn cs uns vergönnt sein wird, im andern Leben einander zu erkennen und mit einander zu verkehren, wie wir in diesen lustigen Wäldern vor uns so lange gethan haben!" Chingachgvok winkte mit der Hand — das leichte Tuch, das er trug, über den Kopf ziehend, wie ein Römer seinen Schmerz in seinen Gewändern verbarg, entfernte er sich langsam in die Arche, um allein seinem Kummer und seinen Gedanken nachznhängen. Wildtödter sprach nicht eher wieder, als bis das Canoe halbwegs 588 am Laude war. Daun hörte er plötzlich auf zu rudern, hiezu veranlaßt durch Hetty, welche das Schweigen »nt ihrer sanften, musikalischen Stimme unterbrach. „Warum geht Ihr zu den Hurvucn zurück, Wildtödtcr?" fragte das Mädchen. „Sie sagen, ich sei schwachsinnig, und Solchen thnn sie nie ein Leid; aber Ihr habt so viel Verstand als Hnrry Harry, und noch mehr, meint Judith, obgleich ich nicht einsche, wie das möglich ist." „Ach, Hetty, che wir landen, muß ich mich noch ein wenig mit Euch besprechen, Kind; und das über Sachen, welche vornehmlich Eure Wohlfahrt betreffen. Stellt Euer Rudern ein, oder vielmehr, damit nicht die Mingo's meinen, wir machen Anschläge und Komplvte, und uns darnach behandeln, taucht nur so ganz leicht Eure Schaufel ein, und gebt dem Canoc nur ganz wenig Bewegung und nicht mehr. Das ist gerade die Idee und die Bewegung. Ich sehe, Ihr seid anstellig genug auf den Augenschein, und wäret wohl zu brauchen bei einer List und Täuschung, wenn das jetzt recht wäre, eine zu versuchen — das ist gerade die Idee und die Bewegung! Ach weh! Trug und eine falsche Zunge sind böse Sachen, und geziemen sich gar nicht für unsere Farbe, Hetty; aber cs ist eine Lust und eine Genugthnnng, die schlauen Ränke einer Rothhant zu vereiteln in dem Kampf eines rechtmäßigen Kriegers. Meine Bahn ist kurz gewesen und wird wohl bald ein Ende haben; aber ich kann sehen, daß die Wanderungen eines Kriegers doch nicht ganz zwischen Gestrüppe und Schwierigkeiten hin gehen. Der Kriegspfad hat auch eine glänzende Seite, so gut wie die meisten andern Dinge, wenn wir nur die Weisheit haben, sie zu sehen, und die Großmnth, es zn gestehen." „Und warum sollte Euer Kricgspfad, wie Ihr cs nennt, seinem Ende so nahe sein, Wildtödtcr?" „Weil, mein gutes Mädchen, mein Urlaub seinem Ende so nahe ist. Bermnthlich werden beide so ziemlich miteinander zn Ende 589 gehen, was die Zeit betrifft — eines folgt dem andern ganz natürlich ans der Ferse." „Ich verstehe Enre Meinung nicht, Wildtödtcr," verfehle das Mädchen, etwas verwirrt darein schauend. „Mnttcr sagte immer, die Leute sollten mit mir deutlicher sprechen, als mit den meisten Andern, weil ich schwachsinnig sei. Die Schwachsinnigen fassen nicht so leicht, wie Die, die Verstand haben." „Nun denn, Hetty, die einfache Wahrheit ist diese. Ihr wißt, daß ich dermalen ein Gefangner von den Huronen bin, und Gefangene nicht in Allem nach ihrem Belieben thun können —" „Aber wie könnt Ihr ein Gefangner sein," unterbrach ihn lebhaft das Mädchen, „da Ihr doch hier auf dem See seid, in Vaters Rindcn-Canoe, und die Indianer in den Wäldern, und gar kein Canoe haben? Das kann nicht wahr sein, Wildtödtcr!" „Ich wünschte von ganzem Herzen und ganzer Seele, Hetty, daß Ihr Recht hättet, und ich Unrecht, statt daß Ihr jetzt Unrecht habt, und ich der Wahrheit nur zu nahe bin. So frei ich Euren Angen scheine, Mädchen, bin ich doch in Wirklichkeit an Händen und Füßen gebunden." „Ha, es ist wirklich ein großes Unglück, keinen Verstand zu haben! Ich kann nun einmal nicht sehen noch verstehen, daß Ihr irgendwie ein Gefangner oder gebunden seid. Wenn Ihr gebunden seid, womit sind denn Enre Hände- und Füße gefesselt?" „Mit einem Urlaub, Mädchen; das ist ein Band, das fester bindet als irgend eine Kette, diese kann man brechen, aber jenen nicht. Bei Seilen und Ketten kann man sich mit Messern und Listen und Schlauheit helfen; aber ein Urlaub kann weder durchschnitten, noch dnrchfcilt, noch abgcstreift werden." „WaS für eine Art Ding ist denn ei» Urlaub, wenn er stärker ist als Hanf oder Eisen? Ich habe noch nie einen Urlaub gesehen." „Ich hoffe, Ihr bekommt nie eine» zu fühlen, Mädchen; das Bindende bei diesen Sachen liegt ganz in den Gefühlen, und muß daher gefühlt, nicht gesehen werden. Ihr versteht doch wohl, glanbe ich, was es heißt, ein Versprechen zu geben, gute kleine Hetty?" „Gewiß. Ein Versprechen heißt: Ihr wollet Etwas thnn, und das bindet Euch so gut als Euer Wort. Mutter hielt immer ihr Versprechen gegen mich, und dann sagte sie, es wäre eine Sunde, wenn ich nicht meine Versprechen gegen sie und gegen Jedermann sonst hielte." „Ihr habt eine gute Mutter gehabt, in manchen Beziehungen, Kind, was sie auch in andern gewesen sein mag. Ja, das ist ein Versprechen, und wie Ihr sagt, muß es gehalten werden. Nun bin ich vorige Nacht in die Hände der Mingo's gefallen, und sie ließen mich los, um meine Freunde zu sehen, und Botschaften zn schicken zn den Leuten meiner Farbe, falls von ihnen an meinem Schicksal Theil nehmen, unter der Bedingung, daß ich zurück sei, wenn die Sonne heute mitten am Himmel steht, und erdulde, was ihr Haß und Rachsucht von Qualen ersinnen kann, zur Sühne für das Leben des Kriegers, der von meiner Büchse fiel, wie auch für das des jungen Weibes, das Hurry erschossen hat, und für andere Widerwärtigkeiten, die ihnen auf dem See und um ihn hernm zngestoßen sind. Was man ein Versprechen nennt zwischen Mutter und Tochter, oder auch zwischen Fremden in den Ansied- lnngen, wird ein Urlaub genannt, wenn ein Soldat gegen einen andern auf dem Kriegspfad sich dadurch bindet. Und jetzt, denke ich, begreift Ihr meine Lage, Hetty!" Das Mädchen gab einige Zeit keine Antwort, aber sie hörte ganz ans zu rudern, als ob die neue Idee ihren Geist zn sehr angriffe, um ihr noch eine andere Beschäftigung zu gestatten. Dann setzte sie das Zwiegespräch ernstlich und mitBekümmcrniß fort. „Meint Ihr, die Huronen werden das Herz haben, zn thnn was Ihr sagt, Wildtödter?" fragte sie. „Ich habe sie freundlich und unschädlich gefunden." „Das ist schon wahr, was ein Wesen wie Euch anbelangt, 591 Hetty; aber eine ganz andere Sache ist cs, wenn es einem offenen Feind gilt, der noch dazn der Besitzer einer ziemlich sichern Büchse ist. Ick sage nicht, daß sie einen besonder» Haß gegen mich tragen wegen gewisser Thaten, die ich schon verrichtet, denn das wäre gleichsam am Rande des Grabes geprahlt, aber es ist keine Eitelkeit, wenn ich glanbe, daß sie wissen, wie einer ihrer tapfersten und schlauesten Häuptlinge durch meine Hand fiel. Da dieß der Fall ist, wurde sich der Stamm Vorwürfe machen, wenn er ermangelte, den Geist eines Bleichgesichts dem Geist ihres rothen Bruders zur Gesellschaft nachznschicken; vorausgesetzt natürlich, daß er ihn einholen kann. Ich erwarte keine Gnade und Barmherzigkeit von ihnen, Hetty; und mein vornehmster Kummer ist, daß ein solches Unglück mir ans meinem ersten Kriegspfade zustoßen mußte; daß es früher oder später einmal komme, das erwartet jeder Soldat und ist darauf gefaßt." „Die Hnronen solle» Euch kein Leid thnn, Wildtödter!" rief das Mädchen in großer Aufregung. „Es ist sündhaft ebensowohl als grausam; ich habe hier die Bibel, ihnen das zu sagen. Meint Ihr, ich würde dazu hinstchen und Euch martern sehen?" „Ich hoffe nicht, meine gute Hetty, ich hoffe nicht; und daher erwarte ich, Ihr werdet, wenn der Augenblick kommt, Euch entfernen, und nicht Zeugen sein eines Schauspiels, wo Ihr doch nicht helfen könnt, und das Euch betrüben würde. Aber ich habe nicht darum das Rudern eingestellt, um von meinen Bekümmernissen und Nöthen zu schwatzen, sondern um ein wenig offen mit Encsi von Euren Angelegenheiten zu reden, Mädchen." „Was könnt Ihr mir zu sagen haben, Wildtödter! Seit Mutter starb, reden Wenige mit mir von solchen Dingen!" „Um so schlimmer, armes Mädchen; ja, es ist um so schlimmer, denn mit Einer von Eurem Gemüthszustand sollte man häufig sprechen, damit sie den Schlingen und Tücken dieser sündhaften 592 Welt entgehe. Ihr habt den Hnrry Harry nicht so bald vergessen, Mädchen, denke ich mir!" »Ich! — Ich Henry March vergessen!" rief Hetty auffahrend. „Wie sollte ich ihn vergessen, Wildtödter, da er unser Freund ist, und uns erst vorige Nacht verließ. Der große, glänzende Stern, welchen Mutter so gern betrachtete, war gerade über dem Wipfel der großen Fichte dort, auf dem Berg, als Hnrry in das Canoc stieg; und als Ihr ihn auf dem Vorsprung bei der östlichen Bucht an's Land setztet, stand er nicht um mehr als die Länge von Judiths schönstem Band darüber." „Und wie könnt Ihr wissen, wie lang ich fort war, oder wie weit ich fuhr, um Hnrry zu landen, da Ihr nicht bei uns wäret, und die Entfernung so groß ist, der Nacht zu geschweige»?" „Oh! ich mußte es doch ganz genau," versetzte Hetty mit Bestimmtheit. „Es gibt mehr als Eine Weise, Zeit und Entfernung zu messen. Wenn das Gemüth recht bei einer Sache betheiligt ist, so ist cs besser als jede Uhr. Meines ist schwach, aber cs geht sicher genug in Allem, was den armen Hnrry Harry betrifft. Judith wird nimmermehr den March hcirathen, Wildtödter." „Das ist der Punkt, Hetty, das ist eben der Punkt, auf den ich kommen möchte. Ihr wißt, denke ich, daß es bei jungen Leuten natürlich "ist, daß sic wohlwollende Gefühle für einander haben, zumal wenn das Eine ein Jüngling, das Andere ein Mädchen ist. Nun muß Eine von Euren Jahren und Eurem Gemüth, Mädchen, die weder Vater noch Mutter hat, und in einer Wildnis; lebt, wohin nur Jäger und Fallensteller kommen, auf ihrer Hut sein gegen Ucbcl, von denen sie kaum träumt!" „Was kann Arges daran sein, gut zu denken von einem Mitgeschöpf," versetzte Hetty einfach, obgleich das verrätherische Blut ihr in die Wangen stieg, trotz einer Reinheit des Geistes, bei der sie kaum wußte, woher dies; Erröthcn kam; „die Bibel 593 gebietet uns, die zu lieben, die uns verächtlich behandeln, und warum nicht Diejenigen, die das nicht thnn?" „Ach, Hctty! Die Liebe der Missionäre ist nicht die Art von Wohlgefallen, die ich meine. Antwortet mir ans Eines, Kind: glaubt Ihr Geist und Verstand genug zu haben, Weib und Mutter zu werden?" „Das ist keine Frage, die einem Mädchen vorznlegen geziemt, Wildtvdter, und ich werde sie nicht beantworten," versetzte das Mädchen im Ton des Vorwurfs — etwa wie ein Vater oder eine Mutter ein Kind tadelt wegen einer Unbescheidenheit. „Wenn Jbr Etwas über Hnrry zu sagen habt, so will ich das hören; aber Ihr mußt nicht schlimm von ihm sprechen; er ist abwesend, und es ist nicht schön, schlimm von Abwesenden zu sprechen." „Eure Mutter hat Euch so viel gute Lehren gegeben, Hetty, daß meine Besorgnisse Eurethalben nicht mehr so groß sind wie früher. Dennoch muß ein Mädchen ohne Eltern, in Eurem Ge- mnthsznstand, und nicht ohne Schönheit, immer in Gefahr sein in einer so gesetzlosen Gegend wie diese. Ich möchte Nichts zum Nachtheil Hnrry's sagen, der in der Hauptsache kein übler Mann ist für Einen von seinem Berns, aber Ihr solltet Eines wissen, was zu hören Euch vielleicht gar nicht angenehm ist, aber Euch doch gesagt werden muß. March hat eine desperate Neigung für Eure Schwester Judith." „Nun, und was weiter? Jedermann bewundert Judith, sle ist so schön, und Hnrry hat mir oft und viel gesagt, wie sehr er wünsche, sic zu heirathcn. Aber das wird nie geschehen, denn Judith mag den Hnrry nicht. Sie hat einen Andern gern, und spricht von dem im Schlafe; aber Ihr dürft mich nicht fragen, wer es ist, den» alles Gold in König Georgs Krone und alle Juwele» dazu, würden mich nicht versuchen, Euch seinen Namen zu sagen. Wenn Schwestern nicht Geheimnisse von einander bewahren können, wer soll es dann?" Der Wildtbdter. 38 594 „Gewiß; jch wünsche gar nicht, daß Ihr mir es sagt, Hetty, auch würde es einen Sterbenden Nichts nüpen, es zn wissen. Was die Znnge spricht, wenn der Geist schläft, dasür ist weder Kopf »och Herz verantwortlich." „Jch wollte, ich wüßte, warum Judith im Schlafe so viel von Offiziere» und redlichen Herzen und falschen Zungen redet; aber ich denke, sie sagt es mir nicht gern, weil ich schwachsinnig bin. Ist es nicht sonderbar, Wildtödter, daß Judith den Hnrry nicht mag — der doch der tüchtigstanssehende Junge ist, der je an den Sec kommt, und so schön wie slc selbst. Vater sagte immer, sie würden das hübscheste Paar in der Gegend sein, obgleich Mutter an March so wenig Gefallen hatte als Judith. Man kann nicht wissen, was kommen wird, sagt man, bis die Dinge wirklich geschehen." „Ach, weh! Nun, arme Hetty, es hilft nicht viel, zu Solchen zn sprechen, die Einen nicht verstehen können, und so will ich nichts weiter von dem sagen, wovon ich mit Euch reden wollte, obwohl es mir schwer auf der Seele liegt. Rührt die Ruder wieder, Mädchen, und wir wollen dem Lande znstcnern, denn die Sonne steht schon hoch, und mein Urlaub ist beinahe zn Ende." Das Canoe glitt jetzt dahin, und steuerte dem Punkte zu, wo Wildtödter genau wußte, daß seine Feinde ihn erwarteten, und wo er schon zu fürchten anfing, nicht mehr zur rechten Zeit cinzn- treffen, um das Pfand seines Wortes zn lösen. Hetty jedoch, die seine Ungeduld bemerkte, ohne ihren Grund sehr klar zn begreifen, unterstützte ihn so kräftig in seiner Anstrengung, daß ihre rechtzeitige Ankunft bald nicht mehr zweifelhaft war. Dann, und erst dann, ließ der junge Mann in seiner Arbeit am Ruder etwas nach, und Hetty fing wieder an in ihrer einfachen, zutraulichen Weise zu plaudern, obwohl nichts weiter zur Sprache kam, was zn berichten slch der Mühe verlohnte. 595 Siebenundzwanzigstes Kapitel. Geschäftig warst du heute. Tod! doch halb Ist erst Lein Merk vollbracht! der Hölle Thore Sind vollgedrängt, doch Geister rücken an Zweimal zehntausend noch, die, keiner Scheidung Loil ihren warmen und gesunden Zellen Gewärtig, ehe noch die Sonne sinkt. Die Welt des Weh's betreten muffen! Southcy. Ein mir de» Zeichen des Himmels Bekannter würde gesehen haben, das; die Sonne »nr noch zwei oder drei Minnten von; Zenith entfernt war, als Wildtödtcr ans dem Landvorsprnng, wo die Hnrvnen jetzt lagerten, beinahe gegenüber von dem Kastell, landete. Dieser Play war dem schon beschriebenen ähnlich, mit der Ausnahme, daß der Boden weniger unterbrochen und weniger mit Bäumen besetzt war. Vermöge dieser beiden Umstände eignete er sich um so besser für den Zweck, wozu er gewählt worden war, und der Raum unter den Zweigen hatte einige Aehnlichkeit mit einem von dichtem Wald umgebenen Grasplatz. Begünstigt durch seine Lage und seine Quelle ward er häufig von Wilden und Jägern besucht und erkoren, und das natürliche Gras, das ans ihren Fenerplätzcn nachgewachsen war, gab manchen Stellen das Ansehen von Rasen, eine sehr ungewöhnliche Zierde des jungfräulichen Urwaldes. Auch war der Rand des Wassers nicht.mit Büschen eingefaßt, wie ans einem großen Theil der Küste, sondern das Auge drang unmittelbar, so wie man den Strand erreichte, in die Wälder hinein, und beherrschte beinahe die ganze Fläche des Vorsprungs. War cs ein Ehrenpnnkt für den indianischen Krieger, sein Wort zu lösen, wenn er sich verpflichtet hatte, znrückzukehren und seinem Tode entgegenzngchcij zu einer gegebenen Stunde, so war es auch ein Ehrenpnnkt charakteristischen Stolzes, keine weibische Ungeduld zu zeigen, sondern so genau als möglich ans den festgesetzten Augenblick wieder einzutreffen. Es war gut, die von der 38 * 596 Großmuth des Feindes bewilligte Gnadenfrist nicht zu überschreiten, aber es war noch besser, sie ans die Minute einzuhalten. Etwas von dieser dramatischen Effcktsncht mischt sich in die meisten der ernsteren Gebräuche der amerikanischen Ureinwohner, und ohne Zweifel kann cs, wie die Herrschaft eines ähnlichen Gefühls unter mehr verfeinerten und künstlich gebildeten Menschen ans ein natürliches Prinzip znrückgeführt werden. Wir lieben Alle das Wunderbare, und wenn es anftritt, begleitet von ritterlicher Selbstaufopferung und strenger Beachtung der Ehre, so stellt es sich unserer Bewunderung in doppelt anziehender Gestalt dar. Wildtödter nun, obgleich er seinen Stolz darein setzte, sein weißes Blut dadurch zu zeigen, daß er oft von den Sitten der rothen Männer abwich, verfiel doch auch häufig, sich selbst unbewußt, in ihre Gebräuche, und noch öfter in ihre Gefühle, in Folge davon , daß er sich nur an ihr Urtheil und ihren Geschmack als seine Richter und Autoritäten wenden konnte. Im gegenwärtigen Fall hätte er gern den Schein einer fieberischen Hast, die sich durch eine zu frühe Rückkehr verrathen hätte, vermieden, weil dieß ein stillschweigendes Zugeständnis; gewesen wäre, daß die von ihm begehrte Zeit länger war als nöthig gewesen; aber andererseits würde er, wenn es ihm eingefallen wäre, seine Bewegungen ein weujg beschleunigt haben, um den dramatischen Effekt zu vermeiden, genau in dem Augenblick zurückznkommeu, der ihm als äußerste Gränze seines Ausbleibens gesetzt war. Doch hatte der Zufall das Gelinge gethan, die letztere Absicht zu vereiteln, denn als der junge Mau» den Fuß an's Land setzte, und mit stetem Schritt auf die Gruppe von Häuptlingen zuging, die in ernster Versammlung auf einem gefallenen Baum saßen, warf der Aelteste von ihnen einen Blick hinauf nach einer Oeffunng in den Bäumen, und machte seine Genossen auf den merkwürdigen Umstand aufmerksam, daß die Sonne gerade in eine Stelle eintrat, die, wie man wußte, das Zcnith bezeichnete. Ein allgemeiner, aber leiser 597 Ausruf der Ueberraschung uud Bewunderung entfuhr jedem Mund, und die grimmigen Krieger schauten einander an; einige mit Neid und Verdruß, andere mit Erstaunen über die pünktliche Genauigkeit ihres Opfers, uud noch andere mit einem großmüthigercn und edleren Gefühl. Der amerikanische Indianer hielt immer seine moralischen Siege für die edelsten, und schlug das Stöhnen und Erliegen seines Opfers unter Martern höher an, als die Trophäe seines Skalpes, und die Trophäe selbst höher als seinen Tod. Tödtcn, ohne das Zeichen des Siegs davonzutragen, galt in der That kaum für ehrenhaft; selbst diese rohen und wilden Bewohner des Waldes hatten sich, wie ihre feiner gebildeten Brüder vom Hof und Lager, eingebildete und willkürliche Ehrenpunkte festgesetzt, zur Beeinträchtigung der Ansprüche des Rechts und der Entscheidungen der Vernunft. Die Huronen waren in ihren Meinungen, die Wahrscheinlichkeit der Zurückkehr ihres Gefangenen betreffend, getheilt gewesen. Die Meisten unter ihnen hatten cs in der That nicht für möglich gehalten, daß ein Bleichgesicht freiwillig zurückkommen und sich den bekannten Qualen einer indianischen Marterung unterziehen werde; aber Einige von den Aeltereu traute» Besseres einem Manne zu, der sich schon so ansuehmend kaltblütig, tapfer und gcradsinnig gezeigt hatte. Die Truppe war jedoch zu ihrer Entscheidung gekommen, weniger in der Erwartung, daß das Pfand des gegebenen Wortes werde gelöst werden, als in der Hoffnung, die Delawaren herabwürdigen zu können, indem man ihnen das Unrecht und die Schmach eines in ihren Dörfern Ausgewachsenen vorrückc und aufbürde. Weit lieber hätten sie gesehen, daß Chin- gachgook ihr Gefangener gewesen' wäre und sich als Verräther gezeigt hätte; aber der Bleichgesichtsprößling von dem verhaßten Stamm war kein übler Ersatzmann für ihre Zwecke, wenn einmal ihre Anschläge gegen den alten, eigentlichen Baum scheiterten. Um den Triumph so auffallend als möglich zu machen, für den 598 Fall, daß die Stunde verstreiche, ohne daß der Jäger wieder erscheine, waren alle Krieger und Kundschafter der Truppe herbei- bernfen worden; und die ganze Bande, Männer, Weiber und Kinder waren letzt ans diesem Punkt versammelt, um Zeugen der erwarteten Scene zu sein. Da das Kastell ganz offen da lag, in gar nicht großer Entfernung, konnte man es bei Tag wohl beobachten; und da man annahm, daß die Jnsaßen mir ans Hnrry, dem Delawaren und den beiden Mädchen beständen, befürchtete man nicht, fte könnten ungesehen entfliehen. Ein großer Floß, mit einer Brustwehr von Stämmen, war angefertigt worden, und wirklich schon ganz bereit gegen Arche oder Kastell, wie es die Gelegenheit erfordere, verwendet zu werden, sobald Wildtödters Geschick entschieden wäre; denn die Netteren unter der Truppe waren auf die Ansicht gekommen, daß es nachgerade gefährlich wurde, ihren Aufbruch nach Canada länger als bis zur nächsten Nacht anfznscbicben. Kurz, die Bande wartete nur noch die Abmachung dieser einzigen Angelegenheit ab, ehe sie die Sachen zur Entscheidung brachte, und bereitete sich, den Rückzug nach den fernen Gewässern des Ontario anzntretcn. Es war eine imposante Scene, in welche Wildtödter sich jetzt, wie er vorwärts schritt, verseht sah. Alle ältcrn Krieger saßen auf dem Stamme des gefallenen Baumes, und erwarteten seine Annäherung mit ernstem Anstand. Rechts standen die jungen Männer, bewaffnet, während die linke Seite von den Weibern und Kindern eingenommen war. In der Mitte war ein freier Platz von ansehnlicher Ausdehnung, von Laub durchaus überwölbt, wo man aber das Unterholz, abgestorbene Bäume und andere Hindernisse sorgfältig wcggeränmt hatte. Dieser offenere Platz war vcrmnthlich von früheren Gesellschaften oft benützt worden, denn dies; war die Stelle, welche am entschiedensten den Eindruck eines Rasens machte. Die Bogen der Wälder warfen selbst am hohen Mittag ihren düstcrn Schatten auf den Platz, welchen die 599 glänzenden, durch die Blätter sich dnrchkämpfcnden Sonnenstrahlen mit einer milden, weichen Belenchtnng übcrgoßen. Vermnth- lich von einer solchen Scene empfing der Geist des Menschen zuerst die Idee von den Wirkungen gothischer Verzierungen und kirchlicher Farben; dieser Tempel der Natur machte ungefähr denselben Eindruck, was Licht und Schatten betrifft, wie das bekannte Produkt menschlichen Kunstsinnes. Wie nicht selten bei den Stämmen und wandernden Banden der Ureinwohner, theilten zwei Häuptlinge, in beinahe gleichen Grade» der Würde, die vornehmste patriarchalische Autorität, welche über diese Kinder des Waldes geübt wurde. Es waren Einige, welche die Auszeichnung von Häuptlingen ansprechen mochten, aber die zwei Erstgenannten gingen allen klebrigen so sehr an Ansehen und Einfluß vor, daß, wenn sie einig waren, Niemand ihre Gebote bestritt; und wenn sie getheilter Ansicht waren, schwankte die Bande unschlüssig hin und her, wie Männer, die ihr leitendes Prinzip des Handelns verloren. Es war auch ganz der Erfahrung — mir dürften vielleicht hinznsetzen, der Natur gemäß, daß Eines der Häupter seinen Einfluß seinem Geist verdankte, während bei dem Andern seine Auszeichnung ganz auf physischen Eigenschaften und Vorzügen beruhte. Der Eine war ein älterer Mann, wohlbekannt durch seine Beredsamkeit in Erörterungen, seine Weisheit im Nathe, und seine Klugheit in der Wahl der Maßregeln, während sein großer Mitbewerber, wo nicht Nebenbuhler, ein tapferer Mann war, ausgezeichnet im Krieg, bekannt durch seine Wildheit, und was die Intelligenz betrifft, hervorragend nur durch Schlauheit und Reichthum an Ausknuftsmittcln auf dem Kriegspfade. Der Erstere war Rive- nvak, der dem Leser schon bekannt ist, und der Letztere mar der Panther genannt. Die Benennung des kampflustigen Häuptlings bezeichnet»!, der Annahme nach, die Eigenschaften des Kriegers nach der bei den rothen Männern üblichen Nomenklatur, denn 600 Wildheit, Schlauheit und Verrätherci waren vielleicht die unterscheidenden Züge seines Charakters. Er hatte den Namen von den Franzosen erhalten, und dieser wurde deßhalb um so hoher geschaut, da der Indianer in den meisten Dingen sich von ganzem Herzen der höher» Intelligenz seiner Verbündeten, der Bleichgesichter, unterwarf. Wie gut er dieß 8ol,ri,piet Io ?sntliore, verdiente, wird man ans dem Später» ersehen. Rivenoak und der Panther saßen neben einander, die Annäherung ihres Gefangenen erwartend, als Wildtödter seinen Fuß mit dem Mokasin ans Len Strand setzte; auch rührte sich Keiner, oder sprach eine Sylbe, als bis der junge Mann in die Mitte des Platzes getreten war, und seine Anwesenheit durch Worte verkündigte. Er that dieß mit Festigkeit, obwohl in der einfachen Weise, die de» Charakter des Mannes überhaupt bezeichnete. „Hier bin ich, Mingo's,« sagte er in der Sprache der Delaware», welche die Meisten der Anwesenden verstanden; „hier bin ich, »nd dort steht die Sonne. Die Eine ist nicht treuer den Gesetzen der Natur, als der Andere sich seinem Worte treu bewährt hat. Ich bin euer Gefangener; verfahrt mit mir nach eurem Belieben. Meine Geschäfte mit Menschen und mit der Erde sind in's Reine gebracht; Nichts bleibt mir jetzt mehr übrig, als vor den Gott der weißen Männer zu treten, nach eines weißen Mannes Pflichten und Gaben." Ein beifälliges Murmeln entschlüpfte selbst den Weibern bei dieser Anrede, nnd einen Augenblick wurde ein lebhaftes und ziemlich allgemeines Verlangen rege, einen Mann von so mnthigem Geist in den Stamm anfznnehmen. Doch gab es auch Solche, welche diesem Wunsch nicht beitraten, und unter den Wichtigsten von diesen ist zu nennen der Panther und seine Schwester, Is Kumscli, so genannt von der Zahl ihrer Kinder, die Wittwe des Lonp Cervier, von dem man wußte, daß er von der Hand des Gefangenen gefallen war. Natürliche Wildheit hielt den Einen 601 umstrickt und gefesselt, wahrend die nagende Leidenschaft der Rachgier die Andere hinderte, im Augenblick sanftere Gefühle aufkom- men zu lassen. Nicht so Rivenoak. Dieser Häuptling stand auf, streckte seinen Arm vor sich ans, mit einer Bewegung der Höflichkeit, und machte dem Gefangenen sein Kompliment mit einer Gewandtheit und Wurde, um die ihn ein Fürst hätte beneiden dürfen. Da seine Weisheit und Beredsamkeit unter dieser Bande zugestandenermaßen keinen Nebenbuhler hatten, erkannte er, daß ihm schicklich die Pflicht znficl, die Rede des Bleichgesichts zuerst zu beantworten. „Bleichgesicht, Ihr seid redlich," sagte der huroniscke Redner. „Mein Volk ist glücklich, daß es einen Mann gefangen hat, und nicht einen schleichenden Fuchs. Wir kennen Euch jetzt, wir werden Euch als einen Tapfer» behandeln. Wenn Ihr Einen unserer Krieger gctödtet, und geholfen habt, Andere zu tödten, so seid Ihr dafür Euer eigenes Leben znm Ersatz zu geben bereit. Einige meiner jungen Männer dackten, das Blut eines Bleichgesichts würde zu dünn sein, nnd sich weigern, unter dem Messer der Hnronen zu fließen. Ihr wollt ihnen zeigen, daß dem nicht so ist, Euer Herz ist stark wie Euer Körper. Es ist eine Freude, einen solchen Gefangenen zu machen; sollten meine Krieger sagen, der Tod des Loup Cervier dürfe nicht vergessen werden, und er könne nickt allein wandern in's Land der Geister, sein Feind müsse ihm nackgeschickt werden, um ihn einznholen: so werden sic doch bedenken, daß er von der Hand eines Tapfcrn fiel, nnd Euch ihm nachschicken mit solchen Zeichen unserer Freundschaft, daß er sich Eurer Gesellschaft nicht sckämen wird. Ich habe gesprochen; Ihr wißt, was ich gesagt habe." «Wahr genug, Mingo, Alles wahr wie das Evangelium," versetzte der unbefangene Jäger; „Ihr habt gesprochen, nnd ich weiß nicht nur, was Ihr gesagt habt, sondern, was noch wichtiger ist, was Ihr meint. Ich glaube wohl, Euer Krieger, der 602 Luchs, mar ein Tapferer van mannhaftem Herzen, und würdig Eurer Freundschaft und Achtung, aber ich fühle mich seiner Gesellschaft nicht nnmerth, auch ohne einen Paßzettel vvn Eurer Hand. Dennoch bi» ich hier, bereit, mein Urtheil zu empfangen von Eurem Rathe, wenn nicht anders die Sache schon unter Euch entschieden war, noch eh' ich znrückkam." „Meine alten Männer wollten nicht zu Rathe sitzen über ein Bleichgesicht, che sie ihn unter sich sahen," antwortete Rivenoak, etwas ironisch sich nmsehend; „sie sagten, eS wäre wie wenn man zu Rathe säße über die Winde, sie wehen, wohin sie wollen, und kommen wieder, wenn es ihnen beliebt, und sonst nicht. Eine Stimme war, die zu Euren Gunsten sprach, Wildtödter, aber sie war allein, wie der Gesang des Zaunkönigs, dessen Weibchen vom Falken zerrissen worden ist." „Ich danke dieser Stimme, wessen sie immer gewesen sei, Mingo, und behaupte, sie ist eine so wahre Stimme gewesen, als die andern lügenhafte Stimmen waren. Ein Urlaub ist so bindend für ein Bleichgesicht, wenn cs redlich ist, wie für eine Rothhant, und märe das auch nicht, so möchte ich doch nie Schmach über die Delaware» bringen, unter denen ich, kann ich wohl sagen, meine Erziehung erhalten habe. Aber Worte sind nutzlos, und führen zu prahlerischen Gefühlen; hier bin ich, verfahrt mit mir wie Ihr wollt." Rivenoak machte eine znstimmende Gebende, und dann hielten die Häuptlinge unter sich eine kurze, geheime Besprechung. Sobald diese zu Ende war, schieden drei oder vier junge Männer ans der bewaffneten Gruppe ans und verschwanden. Dann ward dem Gefangenen bedeutet, daß es ihm frcistche, auf dem Vorsprung hernmzugehen, bis über sein Schicksal Berathnng gepflogen wäre. In dieser anscheinenden Großmnth war jedoch weniger wirkliches als scheinbares Vertrauen, sofern die obenerwähnte» junge» Männer schon eine Linie von Schildmachen über die ganze 603 Breite des Vorsprungs landeinwärts bildeten, und Flucht nach einer andern Seite hin nickt gedenkbar war. Selbst das Canoe ward ans die Seite gekrackt, über diese Linie von Schildwachen hinaus, an einen Ort, wo man es als sicher vor jedem plötzlichen Versuch betrachtete. Diese Vorsichtsmaßregeln entsprangen nicht aus einem Mangel an Vertrauest, sondern ans dem Umstand, daß der Gefangene jetzt alle Bedingungen, zu denen er sich durch sein Wort verpflichtet, erfüllt hatte, und es jetzt für eine löbliche und ehrenhafte That gegolten hätte, wenn er seinen Feinden hätte entkommen können. So fein waren in der That die Unterscheidungen, welche die Wilden in Dingen dieser Art machten, daß sie oft ihren Opfern eine Aussicht eröffneten, den Martern zu entrinne», weil sie cs ebenso rühmlich für die Verfolger an- sahe», einen Flüchtling einznholen oder zu überlisten, dessen Anstrengungen, wie man annehmen durfte, durch die dringende Gefahr seiner Lage auf's Aenßerste gespornt und gestachelt wurden, als es für ihn rühmlich war, einer so außerordentlichen Wachsamkeit sich zu entziehen. Auch war Wildtödter sich seiner Rechte nicht unbewußt, und gegen sie und etwa sich darbietende günstige Umstände nicht gleichgültig. Hätte er irgend einen Ausweg, wo Flucht möglich war, gesehen, so hätte er wohl nicht eine Minute mit dem Versncke gezögert. Aber der Fall schien verzweifelt. Er wußte von der Linie von Schildwachen, und erkannte die Schwierigkeit, sie mit heiler Haut zu durchbrechen. Der See bot keine Hilfe, da das Canoe seinen Feinden es ganz leicht machte, ihn einzuholen; sonst hätte er es nicht so schwierig gesunden, bis zu dem Kastell hinüber zu schwimmen. Wie er ans dem Vorsprung hernmwandelte, besichtigte er auch genau den Platz, um sich zu vergewissern, ob er nirgends einen Versteck darbicte; aber die Offenheit und die Gestalt des Punktes, und die hundert wachsamen Angen, die auf ihn sich richteten, während sie sich doch die Miene gaben, ihn gar nicht zu 60-4 sehen, mußte dieß Rettungsmittel vereiteln. Die Furcht und Schande eines Mißlingens hatte keinen Einfluß auf Wildtödter, der es immer als einen Ehrenpunkt betrachtete, wie ein Weißer, vielmehr denn wie ein Indianer zu denken und zu empfinden, und der es als eine Art von Pflicht ansah, zur Rettung seines Lebens alles Mögliche zu versuchen, was nur keine Untreue gegen einen Grundsah in sich schloß. Dennoch zögerte er, den Versuch zu machen, denn er fühlte auch, daß er die Möglichkeit des Gelingens vor sich sehen sollte, che er sich auf das Wagestück einließ. Mittlerweile schien das Geschäft im Lager seinen regelmäßigen Gang zu gehen. Die Häuptlinge beriethcn sich abgesondert, und ließen nur die Snmach an ihrer Berathnng Theil nehmen; denn diese, die Wittwe des gefallenen Kriegers, hatte ein ausschließliches Recht, bei einer solchen Gelegenheit gehört zu werden. Die jungen Männer schleuderten in träger Gleichgültigkeit herum, mit indianischer Geduld das Ergcbniß abwartend, während die Frauen das Festmahl znberciteten, welches den Beschluß der Angelegenheit verherrlichen sollte, mochte diese nun gut oder schlimm für unfern Helden endigen. Niemand verrieth irgend eine Empfindung; und ein gleichgültiger Beobachter hätte wohl, außer der ausnehmenden Wachsamkeit der Schildwachcn, an keiner außerordentlichen Bewegung oder Aufregung den wahren Stand der Dinge errathen. Zwei oder drei alte Weiber steckten die Köpfe zusammen, und zwar, wie es schien, in einem für Wildtödters Aussichten ungünstigen Sinne, nach ihren scheelen Mienen und zornigen Geberden zu schließen; eine Gruppe indianischer Mädchen dagegen war sichtlich von andern Gesinnungen beseelt, wie man aus verstohlenen Blicken sah, welche Mitleid und Bedauern aussprachen. Unter solchen Verhältnissen und Zuständen im Lager verstrich eine Stunde. Bange Ungewißheit ist vielleicht unter allen Empfindungen die unerträglichste. Als Wildtödter landete, war er völlig darauf gefaßt, binnen wenigen Minuten die Martern, von indianischer Rachgier ersonnen, zu erdulden, und bereit, seinem Schicksal männlich entgegenzntreten; aber der Aufschub wurde für ihn eine weit härtere Probe, als das nahe Bevorstehen der Qualen, und das muthmaßliche Opfer begann alles Ernstes auf einen verzweifelten Fluchtversuch zu denken, gleichsam ans reiner Ungeduld, der Scene ein Ende zu machen, als er plötzlich wieder vor das Angesicht seiner Richter gefordert wurde, die schon die Bande wieder in der früher» Ordnung versammelt hatten, bereit, ihn zu empfangen- „Tödter des Wildes," begann Rivenoak, sobald sein Gefangner vor ihm stand, „meine älteren Männer haben weisen Worten zugehört; sie sind bereit, zu sprechen. Ihr seid ein Mann, dessen Väter von jenseits der ausgehenden Sonne gekommen sind; wir sind Kinder der nntergchenden Sonne; wir wenden unser Angesicht den großen süßen See'» zu, wenn wir nach unfern Dörfern schauen. Es mag ein weises Land sein, und voll von Reichthümern, das nach Morgen zu liegt; aber das nach Abend zu ist ein sehr lustiges Land. Wir lieben am meisten nach dieser Richtung hin zn schauen. Wenn wir nach Osten schauen, empfinden wir Furcht, weil Canoe um Canoe mehr und mehr von Eurem Volk ans der Bahn der Sonne herüberbringt, als wäre ihr Land so voll, daß cs überfließt. Die rothen Männer sind schon wenige; sie bedürfen der Hilfe. Eine unsrer besten Hütten ist neulich leer geworden durch den Tod ihres Herrn; es wird lange Zeit anstehen, bis sein Sohn groß genug wird, an seinem Platze zu sitzen. Hier ist seine Wittwe; cs wird ihr an Wildpret fehlen, sich und ihre Kinder zu sättigen, denn ihre Söhne sind noch wie die Jungen des Rothkehlchens, ehe sie aus dem Neste fliegen. Durch Eure Hand hat sie diese große Trübsal betroffen. Sie hat zwei Pflichten; eine gegen den Iwup Oervier, und eine gegen ihre Kinder- Skalp um Skalp, Leben um Leben, Blut um Blut — ist Ein Gesetz; ihre Jungen zu füttern ein anderes. Wir kennen Ench, Tödter des Wildes. Ihr seid ehrlich; wenn Ihr Etwas sagt, ist cs so. Ihr habt nur Eine Zunge, und die ist nicht gabelförmig, wie die der Natter. Euer Kopf ist nie versteckt im Gras; Alle können ihn sehen. Was Ihr sagt, das thnt Ihr auch. Ihr seid gerecht. Wenn Ihr Unrecht gcthan habt, so ist Euer Wunsch, wieder Recht zu thnn, sobald Ihr könnt. Da ist die Snmach; sie ist allein in ihrem Wigwam, mit Kindern um sie her, die nach Brvd schreien; dort ist eine Buchse, sie ist geladen und znm Abfeuern fertig. Nehmt das Gewehr! geht hinaus und schießt ein Wild; bringt das Wildpret und legt es vor die Wittwe des Loup Cervier hin; füttert ihre Kinder; nennt Euch ihren Gatten. Darnach wird Euer Herz nicht mehr Dela- warisch, sondern Huronisch sein; die Ohren der Snmach werden nicht mehr das Schreien ihrer Kinder hören; mein Volk wird die gehörige Anzahl von Krieger» zählen." „Ich fürchtete das, Riveuoak," antwortete Wildtödter, als der Andere zu sprechen aufhörte; „ja, ich besorgte, daß es dazu kommen werde. Jndeß, die Wahrheit ist bald gesagt, und sie wird allen Erwartungen in diesem Punkt ein Ende machen. Mingo, ich bin weiß uud als Christ geboren; es würde mir übel anstehen, ein Weib mit Rothhautgebräuchen unter den Heiden zu nehme». Was ich nicht in friedlichen Zeiten und unter einer glänzenden Sonne thäte, würde ich noch weniger thnn hinter Wolken, um mein Leben zu retten. Ich heirathe wahrscheinlich nie; vermnth- lich war es die Absicht der Vorsehung, als sie mich hier in die Wälder hinsetztc, daß ich ledig und ohne eigne Hütte bleiben sollte; aber sollte doch jenes einmal geschehen, so soll mir nur ein Weib von meiner Farbe und meinen Gaben die Thüre meines Wigwam beschatten. Was das «»langt, die Jungen Eures tobten Kriegers zu füttern, so würde ich das mit Freuden thnn, könnte cs ohne Unehre geschehen; aber das kann nicht sein, sintemal ich nie in einem huronischcn Dorfe leben kann. Eure eignen jungen Männer müssen die Snmach mit Wildpret versorgen, und wenn sie das nächste Mal heirathet, laßt sie einen Mann nehmen, dessen Beine 607 nickt so lang sind, das- sie in ein Gebiet hinüberspringen, das ihm nicht gehört. Wir habe» einen ehrlichen Kampf gekämpft, nnd er fiel; daran ist nichts, als was ein Tapfrer erwartet, nnd be- , reit ist zn erdulden. Und was das Mingo-Herz betrifft, eben so ssnr mögt Ihr erwarten, graue Haare auf dem Kopf eines Knaben, oder Brombeeren auf einer Fichte wachsen zn sehen. Nein, nein, Hnrvne; meine Gaben sind weiß, was Weiber betrifft; sic sind Delawarisch in allen Dingen, die mit Indianern znsammcnhängen." Diese Worte waren kaum ans Wildtödters Munde, als ein allgemeines Murmeln die Unzufriedenheit vcrrieth, womit sic oernommen wurden. Die alten Weiber besonders legten in lauten Ausdrücken ihr Mißfallen an den Tag, nnd die holde Snmach selbst, ein Weib, alt genug, um unsers Helden Mutter zn sein, war nicht die Gelindeste in ihren Verwünschungen nnd Schmä- hnngen. Aber alle andern Kundgebungen von Mißvergnügen und Verdruß wurde» znrückgedrängt nnd überboten durch die wilde Erbitterung des Panthers. Dieser grimmige Häuptling hatte es als eine Herabwürdigung betrachtet, seine Schwester überhaupt das Weib eines Bleichgesichts von den Jengesc werden zn lassen, nnd nur mit Widerstreben seine Zustimmung zn der — bei den Indianern übrigens keineswegs ungewöhnlichen — Auskunft und Anordnung gegeben, ans das lebhafte Zureden der des Gatten beraubten Wittwe hin, nnd es wurmte ihm entsetzlich, seine Herablassung geringgeschäht, die Ehre, die er zn bewilligen mit so großem Verdruß sich hatte berede» lassen, verachtet zn sehe». Das Thier, von welchem er seinen Namen hatte, stiert nicht mit fürchterlicherer Wildheit seine beabsichtigte Beute an, als seine Augen auf den Gefangenen funkelten; auch blieb sein Arm nicht zurück, die heftige Erbitterung nnd Wuth, die beinahe seine Brust verzehrte, zn bethätigen. „Hund von einem Bleichgesicht!" rief er ans Jrvkesisch, „geh' und belle unter den Kötern deiner schlimmen Jagdreviere!" 608 Die Verwünschung war von einer entsprechenden Thathandlnng begleitet. Noch während er sprach, erhob er den Arm, und der Tomahawk ward geschlendert. Zum Glück hatte der laute Ton des Redenden Wildtödters Auge ans ihn hingczogen, sonst hätte dieser Augenblick wahrscheinlich seiner Laufbahn ein Ende gemacht. So groß war die Gewandtheit, womit diese gefährliche Waffe geworfen ward, und so tödtlich die Absicht, daß sie den Schädel des Gefangenen gespalten haben würde, hätte er nicht einen Arm vor- gcstreckt und die Handhabe an einer ihrer Krümmungen gefaßt, mit einer eben so merkwürdigen Behendigkeit, als die Geschicklichkeit war, womit die Waffe war geschleudert worden. Dennoch war die Wnrfkraft so groß, daß, als Wildtödters Arm nach der Waffe gegriffen, seine Hand rückwärts hinter seinen Kopf hinauf gerissen ward, gerade in der Stellung, die zur Erwiederung des Angriffs erforderlich. Es ist nicht gewiß, ob der Umstand, daß er sich so unerwartet, bewaffnet, in dieser drohenden Stellung fand, den jungen Mann versuchte, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, oder ob plötzliche Erbitterung seine Geduld und Klugheit übermannte. Aber sein Auge funkelte und ei» kleiner rother Fleck zeigte sich auf jeder Wange, während er all' seine Kraft in der Anstrengung seines Armes anfbot, und die Waffe ans den Angreifer znrückschlcnderte. Das Unerwartete dieses Wurfs trug zum Erfolg mit bei, da der Panther weder eine» Arm anfhob, noch sich bückte, um ihm ausznweichen. Das scharfe, kleine Beil traf das Opfer in perpendikulärer Linie mit der Nase, gerade zwischen den Augen, und schlug ihm im buchstäblichen Sinne das Hirn ein. Vorwärts stürzend, wie die Schlange im Augenblick noch, wo sie die Todes- wnnde empfängt, auf ihren Feind losschießt, fiel dieser Mann von gewaltiger Körperkraft der Länge nach auf den offenen Platz hin, den der Kreis bildete, im Todeskampf zuckend. Ein allgemeines Beispringen ihm zu Hilfe entledigte den Gefangenen, für einen Augenblick, des ganzen Haufens; und entschlossen, einen verzweifelten 609 Versuch zur Rettung seines Lebens zn wagen, rannte er mit der Flüchtigkeit eines Hirsches davon. Es dauerte nur einen athemlosen Augenblick, bis die ganze Bande, Alt und Jung, Weiber und Kinder, den entseelten Leichnam des Panthers liegen lassend, wo er lag, das Lärmgeschrei erhoben und ihm verfolgend nacheilten. So plötzlich das Ereigniß gekommen, welches Wildtödter ver- anlaßte, diesen verzwcisluugsvvllen Versuch durch eilige Flucht zu machen, war doch sein Geist nicht gänzlich unvorbereitet für das fürchterliche Spiel um sein Leben. Während der verflossenen Stunde hatte er die Aussichten bei einem solchen Wagestück wohl erwogen, und alle einzelnen Punkte für Gelingen und Fehlschlagen schlau berechnet. Daher folgte gleich beim ersten Sprung sein Körper ganz der Leitung eines Verstandes, der alle Anstrengungen und Kräfte desselben aufs Beste zn nützen verstand, und in dem wichtigen Augenblick des Entspringens nicht das mindeste Besinnen, nicht die mindeste Unentschiedenheit aufkommcn ließ: dem allein verdankte er den ersten großen Vortheil, den, daß er unverletzt durch die Linie der Schildwachcn durchkam. Die Art und Weise, wie dieß geschah, obwohl einfach genug, verdient eine Beschreibung. Obgleich die Küsten des Vorsprungs nicht mit Gebüsch besetzt waren, wie die meisten andern am See herum, rührte dieß doch ganz von dem Umstand her, daß der Platz so häufig von Jägern und Fischern benützt worden war. Dieser Saum begann dann mit dem eigentlichen Land, und war so dicht wie sonst überall, in langen Linien nach Norden und Süden sich erstreckend. In der letzter» Richtung schlug denn Wildtödter seinen Weg ein; und da die Schildwachcn etwas außerhalb des Anfangs dieses Dickichts standen, hatte der Fliehende seinen Versteck gewonnen, ehe sie den Alarm und seine Ursache recht wahrgenommen hatten. In dem Gebüsch jedoch weiter zu laufen, davon konnte nicht die Der Wildtödter. Zg 610 Rede sein, und Wildtödter sekte seine Flucht etwa vierzig bis fünfzig Schritte weit in dem Wasser fort, das nur knietief war, und der Eile seiner Verfolger ein eben so großes Hindernis; in den Weg legte, wie der scinigen. Sobald ein günstiger Plan sich zeigte, stürzte er sich durch die Linie des Gebüsches und eilte in die offenen Wälder. Einige Büchsen wurden ans Wildtödter abgefenert während er im Wasser war, und noch mehrere folgten, als er auf das vcr- gleichnngsweise ihn mehr bloßstellende Gebiet des eigentlichen Waldes kam. Aber die Richtung der Linie, in der er floh, welche thcilmcise die des Feuers kreuzte, die Hast, mit welcher gezielt wurde, und die allgemeine Verwirrung, welche im Lager herrschte, dies; Alles machte, das; er unversehrt blieb. Kugeln pfiffen an ihm vorbei, und manche rissen neben ihm Zweige von den Bäumen, aber keine streifte auch nur seine Kleider. Der durch diese fruchtlosen Versuche verursachte Verzug war von großem Ruhen für den Flüchtling, der selbst den Vordersten der Hnronen mehr als hundert Schritte Vorsprung abgewonnen hatte, che irgend eine Ordnung und Uebercinstimmung einer Verfolgung kam. Ihn mit der Büchse in der Hand zu verfolgen, davon konnte keine Rede sein, und die besten Läufer unter den Indianern, nachdem sie ihre Gewehre abgefenert, in unbestimmter Hoffnung, den entlaufenen Gefangenen zu verwunden,'warfen sie weg, und riefen den Weibern und Knaben zu, sie so schnell als möglich anfznnehmen und wieder zu laden. Wildtödter erkannte das Verzweifelte des Kampfes, in dem er begriffen war, zu gut, nm auch nur Einen der kostbaren Augenblicke zu verlieren. Er wußte auch, daß seine einzige Hoffnung darauf beruhte, daß er geradeaus lief, denn sobald er sich wandte oder umbog, machte die überlegene Zahl der Verfolger sein Entkommen unmöglich. Er verfolgte daher seinen Weg in schräger Richtung die Anhöhe hinan, die weder sehr lang noch sehr steil 611 war auf dieser Seite des Berges, aber dach mühsam genug für eine» um sein Leben sich Wehrende», »m ihn entsetzlich zn erschöpfen. Hier aber ließ er in seiner Eile nach, »m aufznathmen, und legte die schwierigeren Theile des Weges in raschem Schritt oder in langsamerem Trab zurück. Die Hnronen hinter ihm hüpften und sprangen, aber dies; beachtete er nicht, wohl wissend, das; sie auch die hinter ihm liegenden Schwierigkeiten überwinden mußten, ehe sie die von ihm schon gewonnene Höhe erreichten. Der Gipfel des ersten Hügels war jetzt ganz nahe, und er sab ans der Formation des Landes, das; eine tiefe Schlucht dazwischen- lag, ehe man den Fuß des zweiten Hügels erreichen konnte. Be- dächtlich den Gipfel hinansteigend, schaute er sich nach allen Richtungen begierig um, nach einem Versteck suchend. Keiner bot sich dar auf dem Boden; aber ein gefallener Baum lag in seiner Nähe, und verzweifelte Lagen erheischen verzweifelte Ansknnftsmittel. Dieser Baum lag in einer Parallellinie mit der Schlucht; ans den Gipfel des Hügels hinanfspringen und dann seinen Körper so dicht als möglich unter dessen innere Seite schmiegen und drängen, war das Werk eines Augenblicks. Ehe jedoch Wildtödter dem Auge seiner Verfolger entschwand, stellte er sich auf die Höhe hin, und stieß ein Trinmphgeschrci aus, als juble er über den Anblick des vor ihm liegenden Abhangs. Im nächsten Augenblick lag er unter dem Baum hingestreckt. Sobald der junge Mann diese List ansgeführt, so überzeugte er sich auch, wie verzweifelt seine Anstrengungen gewesen, durch die Heftigkeit, womit Alles in ihm pnlslrte. Er hörte sein Herz klopfen, und sein Athen; war wie das Arbeiten eines Blasebalgs in heftiger Bewegung. Indes; gewann er den Athen; wieder, und das Herz hörte bald auf, so zn klopfen, wie wenn cs seine Haft »nd Schranken durchbrechen wollte. Man hörte jetzt die Fußtritte Derer, welche sich auf der andern Seite der Anhöhe herauf arbeiteten , und bald kündigten Stimmen und Tritte die Ankunft der 39 " 612 Verfolger an. Die Vordersten jauchzten, als sie die Höhe erreichten; dann fürchtend, ihr Feind werde ihnen, begünstigt durch den Abhang, entrinnen, sprang Jeder auf den gefallenen Baum, und stürzte sich in die Schlucht, in der Hoffnung, des Verfolgten ansichtig zu werden, che er die Tiefe erreiche. So folgte Hurone auf Hurone, bis Natty anfing zu hoffen, es werden Alle an ihm vorbei sein. Aber Andere folgten, bis wohl Vierzig über den Baum gesprungen waren, und daun zählte er sie, als sicherstes Mittel zu erfahren, wie Viele noch zurück sein konnten. Bald waren Alle in der Tiefe der Schlucht, volle hundert Fuß unter ihm, und Einige hatten sogar schon einen Theil des gegenüberliegenden Hügels erstiegen, als deutlich ward, das; man eine Nachforschung wegen der von ihm eingeschlageuen Richtung anstcllte. Das war der kritische Moment, und Einer von weniger festen Nerven oder von minder sorgfältiger Schule und Zucht, würde ihn benützt haben, um aufzustehen und zu fliehen. Nicht so Wildtvdtcr. Er blieb noch immer ruhig liegen, beobachtete mit eifersüchtiger Wachsamkeit jede Bewegung drunten, und gewann schnell seinen Athem wieder. Die Huronen glichen jetzt einer Meute von Hunden auf falscher Fährte. Wenig ward gesprochen, aber Jeder rannte umher, und untersuchte die abgestorbenen Bäume, wie der Hund nach der verlornen Witterung spürt. Die große Menge von Mokasins, welche des Weges gekommen, machte die Untersuchung schwierig, obgleich die Spur eines indianischen Fußes leicht zu unterscheiden war von dem freier» und weitern Schritt eines weißen Mannes. Im Glauben, daß keine Verfolger mehr zurück seien, und in der Hoffnung, sich ungesehen wegstehlcn zu können, schwang sich Wildtödter plötzlich über den Baum hinüber, und fiel auf dessen höherliegende Seite. Dieß Manöver schien glücklich ausgeführt worden zu sein, und Hoffnung machte das Herz des Flüchtlings hoch klopfen. Auf Hände und Füße sich erhebend, nachdem er einen Augenblick den Tönen in der Schlucht gelauscht, um sich zu überzeugen, ob man ihn nicht gesehen, kletterte der jnnge Mann zunächst den höchsten Punkt des Hügels hinan, eine Strecke von nur zehn Schritten, in der Hoffnung, den Gipfel zwischen sich und seine Verfolger zu bekommen, und so gegen ihr Auge gedeckt zu sein. Auch dicß ward ausgeführt, und er richtete sich jetzt auf, und lief rasch aber stät den höchsten Bergrücken entlang, in einer Richtung entgegengesetzt der, in welcher er zuerst geflohen. Die Art und Weise der Rufe in der Schlucht jedoch machte ihn bald unruhig, und er sprang wieder auf den Gipfel, um zu recognoscireu. Sobald er die Höhe erreicht hatte, ward er auch gesehen, und die Jagd begann von Neuem. Da es auf dem ebenen Grund besser fortkom- men war, vermied Wildtödtcr jetzt die Seite des Hügels und setzte seine Flucht im Bergrücken entlang fort, wahrend die Hnronen, von der allgemeinen Formation des Landes schließend, erkannten, daß der Bergrücken bald in die Schlucht sich verlieren würde, und der letzter» zneilten, als die leichteste Weise dem Flüchtling vorznkom- men. Zugleich wandten sich einige Wenige südlich, um ihm die Flucht nach dieser Richtung abznschneideu, während andere ihm die Richtung dem Wasser zu abschnittcn, um ihn zu hindern, am See hin seinen Rückzug zu nehmen, und auch nach Süden zu liefen. Die Lage Wildtödters war jetzt kritischer als sie je gewesen. Er war in der That von drei Seiten cingeschloffen, und ans der vierten hatte er den See. Aber er hatte alle Aussichten wohl überlegt, und ergriff, selbst während der eiligsten Flucht, seine Maßregeln mit kaltem Blute. Wie gewöhnlich der Fall bei kräftigen Gränzmänuer», konnte er es jedem einzelnen Indianer unter seinen Verfolgern im Laufen znvorthnn, und sie waren ihm hauptsächlich furchtbar wegen ihrer großen Zahl, und der Vortheile, die ihnen ihre Stellung verschaffte; und er würde sich nicht besonne» haben, in gerader Linie, auf jedem gegebenen Punkt, auf und davon zu rennen, hätte er nur erst wieder die ganze Bande ordentlich hinter sich gehabt. Aber eine solche Aussicht zeigte sich 614 nicht und konnte sich nicht zeige»; und als er merkte, daß er durch die Senkung des Bergrückens gegen die Schlucht hinabkam, bvg er rasch um, in einem rechten Winkel mit seiner bisherigen Bahn, und rannte mit fürchterlicher Geschwindigkeit den Abhang hinunter, der Küste zu. Einige seiner Verfolger kamen in gerader Linie ihm nachjagend, keuchend den Hügel herauf, wahrend die Meisten sich immer noch in der Schlucht hielten, bei deren Ansgang sie ihm vorznkommen gedachten. Wildtödter hatte jetzt einen andern, obwohl verzweifelten Plan im Auge. Jeden Gedanken ausgehend, durch die Wälder zu entkommen, eilte er, was er konnte, dem Canoe zu. Er wußte, wo cs lag; konnte er es erreichen, so hatte er nur die Gefahr einiger Schüsse zu bestehen, und dann war der Erfolg sicher. Keiner von den Kriegern hatte die Waffen behalten, was ihre Schnelligkeit gehemmt haben würde, und die Gefahr kam entweder von den nnslchcrn Händen der Weiber oder von denen eines halberwachsenen Knaben, obwohl von den letzter» die meisten schon in heißer Verfolgung begriffen waren. Alles schien der Ausführung dieses Plans günstig, und da sein Weg jetzt fortwährend abwärts ging, flog der junge Mann mit einer Geschwindigkeit über den Boden hin, welche ein baldiges Ende seiner Drangsale» hoffen ließ. Als Wildtödter sich dem Vorsprung näherte, kam er an einigen Weiber» und Kindern vorbei, aber obgleich Jene ihm dürre Zweige zwischen die Beine zu werfe» versuchten, war doch der Schrecken, welche seine kühne Wiedervergeltnng an dem gefürchteten Panther verbreitet hatte, so groß, daß Niemand wagte, ihm, so nahe zu kommen, ni» ihn ernstlich zu gefährden. Er lief an Allen trinm- phirend vorbei und erreichte den Saum von Gebüschen. Sich durch diese hindnrchdrängend, sah sich unser Held wieder im Sec, und nur fünfzig Fuß vom Canoe entfernt. Hier hörte er auf zu laufen, den» er begriff wohl, daß jetzt sein Athem das Wichtigste für ihn war. Er bückte sich sogar im Weiterschreiten, und kühlte 615 seinen ansgetrocknetcn Mund, indem er in der Hand Wasser schöpfte znm Trinken. Dach drängten die Augenblicke, und bald stand er »eben dem Canve. Der erste Blick zeigte ihm, daß die Ruder waren weggcbracht worden. Das war ein harter Schlag für seine Hoffnungen nach allen seinen Anstrengungen, und einen Augenblick dachte er daran, nmzukehren, und seinen Feinden die Stirne zu bieten, indem er mit Wurde wieder in die Mitte des Lagers schritte. Aber ein höllischer Schrei, wie allein die amerikanischen Wilden ihn ansstoßen können, verkündigte das rasche Hcrankommcn seiner Verfolger, und der Instinkt des Lebens siegte. Sich gehörig anschickend, und dem Bug Les Canoe's die rechte Richtung gebend, sprang er in das Wasser, trieb das Canoe vor sich her, bot alle seine Kraft und Geschicklichkeit zu einer letzte» Anstrengung ans, und ließ sich dann vorwärts ans den Boden des leichten Fahrzeugs falten, so daß er seinem Lauf keinen wesentlichen Eintrag that. Hier blieb er ans dem Rücken liegen, sowohl um wieder zu Athen, zu kommen, als auch um sich gegen die tödtlichen Büchsen zu decken. Die Leichtigkeit, welche beim Rudern der Canoe's so vortheilhaft war, wirkte jetzt ungünstig. Das Material war so federleicht, daß das Boot keine Wucht batte, sonst hätte es der Stoß auf diesem ruhigen und glatten Wasser in eine Entfernung von der Küste getrieben, bei der man sicher mit den Händen hätte rudern können. Hätte er es einmal so weit gebracht, so hoffte Wildtödter weit genug zu kommen, um die Aufmerksamkeit Chingachgvvks und Judiths auf sich zu ziehen, die ihm unfehlbar mit andern Canoe's zn Hilfe kommen würden, wo er sich dann alles Gute versprechen konnte. Wie der junge Mann auf dem Boden des Canoe's lag, beobachtete er dessen Bewegungen, indem er die Wipfel der Bäume am Berge stndirtc, und ans der Zeit und dem Grad der Bewegung ans seine Entfernung vom Lande schloß. Die Stimmen an der Küste wurden jetzt zahlreich, und er hörte davon sprechen, das Floß zu bemannen, das znm 616 Glück für den Flüchtling in ziemlicher Entfernung auf der andern Seite des Vorsprungs lag. Vielleicht war Wildtödters Lage heute noch nie kritischer gewesen, als in diesem Augenblick, und gewiß nie halb so voll tan- talischer Qual. Er lag zwei bis drei Minuten vollkommen ruhig, einzig auf sein Ohr sich verlassend, da er hoffte, das Geräusch im See zu vernehmen, falls Jemand heranzuschwimmen wagte. Ein paarmal bildete er sich ein, das Wasser werde aufgerührt durch die vorsichtige Bewegung eines Armes, bemerkte aber daun, daß es das Anspülen des Wassers an den Kieseln des Strandes war; denn es ist selten, daß diese kleinen See'u, dem Oceau nachäffcud, so gänzlich ruhig sind, daß sic nicht an ihren Küsten ein leises Sichheben und Senken des Wassers hätten. Plötzlich verstummten alle Stimmen, und eine Todesstille herrschte auf dem Platze; ein so tiefes Schweigen, als ob Alles in der Ruhe nnbeseelten Lebens daläge. Mittlerweile war das Canoc so weit hinansge- tricben, daß Wildtödtcr, auf dem Rücken liegend, nichts mehr sehen konnte, als den leeren, blauen Raum, und einige wenige jener helleren Strahlen, welche ans dem vollen Sonnenglanz her- vorbrechc», bezeichnet«, ihre Nähe. Diese Ungewißheit lang ans- znhalten war nicht möglich. Der junge Mann wußte wohl, daß die tiefe Stille Unheil weissagte, denn die Wilden sind nie so schweigsam, als wenn sie im Begriff stehen, einen Schlag zu führen — dem verstohlenen Schleichen des Panthers ähnlich, ehe er seinen Satz macht. Er zog ein Messer heraus, und war im Begriff ein Loch durch die Rinde zu schneiden, um einen Blick ans die Küste zu gewinnen, als er wieder inne hielt, ans Furcht, bei diesem Vornehmen gesehen zu werden, wodurch die Feinde ein Ziel für ihre Kugeln bekommen würden. In diesem Augenblick aber ward schon eine Büchse abgcfenert, und die Kugel schlug durch beide Seiten des Canoe's, achtzehn Zoll von der Stelle, wo sein Kopf lag. Das war ein gefährlicher Handel, aber unser Held 617 hatte so kürzlich erst »och Gefährlicheres durchgcmacht, um die Fassung zu verlieren. Er lag noch eine halbe Minute ruhig da, und daun sah er den Wipfel einer Eiche langsam in seinen engen Horizont kommen. Wildtödter, der sich diese Veränderung nicht zu erklären vermochte, konnte jetzt seine Ungeduld nicht mehr zügeln. Mit der äußersten Vorsicht sich hinaufschiebend, hielt er sein Auge an das durch die Kugel geschlagene Loch, und bekam zum Glück eine leidliche Ansicht des Vorsprungs. Das Canoe hatte sich, in Folge einer jener nnbeinerklichen, als Zufall erscheinende» Fügungen, die so oft über das Schicksal der Menschen, wie über den Gang der Dinge entscheiden, südlich gewendet, und glitt langsam den See abwärts. Es war ei» Glück, daß ihm Wildtödter einen hinlänglich kräftigen Stoß gegeben hatte, nm es am Ende des Vorsprungs vorbei treiben zu machen, che es in diese Abweichung gerieth, sonst hätte es müssen wieder an die Küste kommen. Auch so noch trieb es so nahe vorüber, daß, wie schon erwähnt, die Gipfel von zwei oder drei Bäumen in den Horizont des jungen Mannes fielen, und kam der äußersten Spitze des Vorsprungs wirklich so nahe, daß cs nicht mehr ganz außer Gefahr war. Die Entfernung konnte nicht viel über hundert Fuß betragen; doch begann zum Glück eine leise Luftströmung von Südwest cs langsam von der Küste wcgzntreibcn. Wildtödter empfand jetzt die dringende Nothwendigkeit, ein Mittel zu ersinnen, nm sich von seinen Feinden zu entfernen, und wo möglich seine Freunde von seiner Lage in Kenntniß zu setzen. Die Entfernung machte Letzteres schmierig, während die Nähe des Vorsprungs jenes zur unerläßlichen Nothwendigkeit machte. Wie gewöhnlich in solchen Fahrzeugen, befand sich ein großer, runder, glatter Stein an beiden Enden des Canoe's, zu dem doppelten Be- hnse, als Sitze und als Ballast zu dienen; einen von diesen konnte er mit den Füßen erreichen. Diesen Stein wußte er so weit zwischen seinen Beinen heraufznarbeitcn, daß er ihn mit den Händen fassen konnte, nnd dann gelang es ihm, denselben neben den andern im Bng hinznwälzen, wo die beiden seht dienten, das Gleichgewicht des leichten Bootes zn erhalte», während er sich selbst so weit alS möglich nach dem Hinterthcile arbeitete. Ehe er die Küste verließ, nnd sobald er bemerkte, daß die Ander fort waren, hatte Wildtvdter ein Stück von einem abgestorbenen Zweig in das Canoe geworfen, nnd diesen konnte er mit dem Arm erreichen. Er nahm die Mühe, die er trng, ab, steckte sie ans diesen Stecken, nnd hob sie über den Rand des Canoc's empor, so weit als möglich von sich entfernt. Diese List war kanm in Ausführung gebracht, als der junge Mann sich überzeugte, wie sehr er die Einsicht nnd Schlauheit seiner Feinde unterschätzt hatte. Dem so leicht z» durchschauenden nnd gewöhnliche» Kunstgriff znm Trotz, ward durch einen andern Theil des Canoc's eine Kugel geschossen, welche ihn wirklich an der Haut streifte. Er ließ die Mütze sinken, nnd hielt sic sich sofort znm Schutz über de» Kopf. Es konnte scheinen, als ob dieser zweite Kunstgriff unbemerkt bleibe; wahrscheinlich aber war, daß die Hn- ronen, überzeugt, ihres Gefangenen wieder habhaft zn werden, ihn lebendig in ihre Hände zn bekommen wünschten. Wildtödter lag noch einige Minuten regungslos da, sein Auge jedoch an dem Kngelloch, und nicht wenig erfreut war er, zn sehen, daß er allmählig.immer weiter nnd weiter von der Küste weg trieb. Als er emporschaute, waren die Banmwipfel verschwunden, aber er bemerkte bald, daß das Canoe sich langsam wandte, so daß er durch sein Guckloch nichts mehr als nur die beiden Enden des See's sehen konnte. Jetzt dachte er an den Stecken, welcher gekrümmt war, nnd sich nicht übel znm Andern eignete, ohne daß er nöthig hatte anfznstehen. Das Experiment gelang beim Versuch besser selbst als er gehofft hatte, obwohl die große Verlegenheit jetzt die war, das Canoe in gerader Richtung zu erhalten. Daß dieß neue Manöver gesehen worden, ward bald klar aus dem 619 Geschrei auf der Küste/ und eine am Hiuterthcil des Canve's cin- driugeiide Kugel fuhr der Länge nach hindurch, pfiff zwischen den Armen nuferes Helden hin, und drang am Vordcrthcil hinaus. Dies; überzeugte den Flüchtling, das; er sich mit ziemlicher Geschwindigkeit entfernte, und spornte ihn an, seine Anstrengungen zu verdoppeln. Er ruderte noch kräftiger als zuvor, als ein neuer Bote von dem Vorsprung den Stecken außen zerschmetterte und ihn seines Ruders beraubte. Da aber der Ton der Stimmen immer ferner und ferner zu werden schien, beschloß Wildtödter, Alles dem Treiben des Wassers zu überlassen, bis er sich außerdem Bereich der Kugeln glaubte. Das war eine harte Nervenprobe, aber es war das klügste Ausknnftsmittcl, das sich darbot; und der junge Mann fühlte sich ermnthigt, dabei zn bleiben, durch den Umstand, daß er im Gesicht das Fächeln der Luft spürte, ein Beweis, daß der Wind etwas stärker wehte. Achtundzwanzigstes Kapitel. Nicht der Wittwe Tbrän', nicht der Waisen Weh Hält die wilden Stürmer auf; Nicht dräuender Himmel, nicht schwellende See Hemmt des Piraten Lauf; Von Selbstsucht gestählt zu vermessenem Muth Wandeln sie hin durch Raub und Blut; An Leumund und Schande bange Gedanken Machen im Frevel sie nimmer wanken; Macht und Schätze durch Untkat zu häufen nicht laß, Verlachen der Mitmenschen Furcht sie und Haß. Congrevc. Wildtödter befand sich jetzt zwanzig Minuten in dem Canoe, und er harrte nachgerade mit einiger Ungeduld auf Zeichen des Beistands von seinen Freunden. Die Stellung des Bootes hinderte ihn noch immer, in einer andern Richtung, als den See auf- oder abwärts zn sehen; und obwohl er wußte, daß seine Gesichtslinie nur hundert Schritte von dem Kastell ab lag, überschritt sse doch 620 in der Thai diese Entfernung, von der westlichen Seite der Gebäude ans gerechnet. Die tiefe Stille beunruhigte ihn auch, denn er wußte nicht, ob er sie auf Rechnung des zunehmenden Abstandes von den Indianern, oder einer neuen List schreiben sollte. Endlich, ermüdet von dem fruchtlosen Harren, kehrte sich der junge Mann ans seinem Rücken um, schloß die Angen und erwartete das Weitere in gefaßter Ergebung und Ruhe. Wenn die Wilden ihren Rachedurst so völlig zu bcmeistern vermochten, so mar er entschlossen, sich eben so ruhig zu verhalten wie sie, und sein Schicksal dem Einfluß der Strömungen und der Luft anznvertranen. Etwa zehn weitere Minuten mochten verflossen sein, wahrend beide Theile sich so ruhig verhielten, als Wildtödter ein leises Geräusch zu hören glaubte, wie wenn Etwas an dem Boden des Canve's riebe. Er öffnete natürlich die Angen, in Erwartung das Gesicht oder den Arm eines Indianers ans dem Wasser sich erheben zu sehen, und fand, daß ein Lanbdach gerade über seinem Kopf hing. Er sprang auf, und das Erste, was sein Auge erblickte, war Rivenoak, welcher dem langsamen Vorrücken des Bootes nachgeholfen und es an den Vorsprung herangezogen hatte; und das Anstreifen auf dem Strand war der Ton gewesen, welcher unfern Helden zuerst anfgcschreckt hatte. Der Wechsel in der Richtung des Canoe's rührte ganz nur von der Unbeständigkeit der Luftströmungen und einigen Strudeln des Wassers her. „Kommt," sagte der Hnrone mit einer ruhig gebietenden Geberdc seinen Gefangenen anffordcrnd, an's Land zu steigen; „mein junger Freund ist hernmgesegelt, bis er müde geworden ist; er wird vergessen, wieder zu laufen, wenn er nicht seine Beine gebraucht." „Ihr habt den Vortheil davon, Hnrone," versetzte Wildtödter, ruhig ans dem Canoe tretend, und seinem Führer geduldig auf den offenen Platz des Vorsprungs folgend; „die Vorsehung hat Euch in unerwarteter Weise geholfen. Ich bin wieder Euer Gefangener, und Ihr werdet, hoff ich, gestehen, daß ich eben so tüchtig darin bin, ans der Haft z» brechen, als Urlaube zu halten." „Mein junger Freund ist ein Elennthier!" rief der Hnrone. „Seine Beine sind sehr lang; sie haben meinen jungen Männern Muhe gemacht. Aber er ist kein Fisch; er kann seinen Weg im See nicht finden. Wir schoßen ihn nicht; Fische fängt man in Netzen, und tödtet sie nicht mit Kugeln. Wenn er wieder ein Elennthier wird, wird er wie ein Elennthier behandelt werden." „Ja, schmatzt nur, Rivenoak; rühmt und benutzt Euren Vortheil. Es ist Euer Recht, denke ich, und ich weiß, cs ist Eure Gabe. Ueber den Punkt werden wir nicht weiter Worte wechseln; denn alle Menschen dürfen und müssen ihren Gaben folgen. Indessen, wenn Eure Weiber anfangen, mich zn necken und zu schmähen, was, wie ich glaube, bald geschehe» wird, so mögen sie bedenken, daß, wenn ein Bleichgesicht sich um sein Leben wehrt, so lang es recht und mannhaft ist, er auch mit Anstand es fahren zn lassen weiß, wenn er fühlt, daß die Zeit gekommen. Ich bin Euer Gefangener; thut Euren Willen an mir." „Mein Bruder hat einen langen Lauf gcmachl ans den Bergen und eine angenehme Fahrt ans dem Wasser," versetzte Rivenoak milder, und lächelte dabei in einer Art, die, wie der Andere wußte, friedliche Absichten verrieth. „Er hat die Wälder gesehen; er hat das Wasser gesehen; wo gefällt es ihm am besten? Vielleicht hat er genug gesehen, um seinen Sinn zn ändern und ihn geneigt zn machen, Vernunft zn hören." „Sprecht, Hnrone, Ihr habt Etwas in Gedanken, und je eher cs gesagt ist, um so eher habt Ihr meine Antwort." „Das ist gerade heraus gesprochen! In den Reden meines Freundes, des Bleichgesichts, sind keine krummen Windungen, obwohl er ein Fuchs ist im Laufen. Ich will zn ihm sprechen! seine Ohren sind jetzt weiter offen als zuvor, und seine Angen sind nicht verschlossen. Die Snmach ist ärmer als je. Früher hatte sie einen Brnder und einen Gatten. Sie hatte auch Kinder. Die Zeit ging hin, und der Gatte brach auf nach den glücklichen Jagdrevieren, vhne Lebewohl zn sagen; er ließ sie allein mit seinen Kindern. Das konnte er nicht ändern, sonst hätte er es nicht ge- than; der Lonp Cervier war ein guter Gatte. Es war lustig, das Wildpret, und die wilden Enten nnd Gänse, nnd Bärcnflcisch zn sehen, das Winters in seiner Hütte hing. Es ist jetzt dahin; es hält sich nicht bei warmem Wetter. Wer soll es wieder bringen? Manche dachten, der Bruder werde seiner Schwester nicht vergessen, nnd er wurde im nächsten Winter sorgen, daß die Hütte nicht leer bleibe. Wir glaubten dieß; aber der Panther brüllte nnd folgte dem Gatten ans dem Pfade des Todes. Sie wetteifern jetzt, wer zuerst die glücklichen Jagdreviere erreiche. Einige meinen, der Luchs könne am schnellsten laufen, nnd Einige, der Panther könne am weitesten springen. Die Snmach meint, Beide werden so schnell nnd so weit reisen, daß Keiner je zurückkomme. Wer soll sie und ihre Kinder ernähren? Der Mann, der ihren Gatten nnd ihren Brnder ihre Hütte verlassen hieß, damit für ihn Raum würde hineinzngehen. Er ist ein großer Jäger, nnd wir wissen, daß das Weib nie Mangel leiden wird." »Ja, Hnrone, das ist bald abgemacht nach Euren Begriffen: aber den Gefühlen eines weißen Mannes geht es leidig gegen den Strich. Ich habe von Männern gehört, welche ihr Leben ans diese Weise retteten, nnd ich habe Solche gekannt, die den Tod einer solchen Art von Gefangenschaft vorziehen würden. Was mich betrifft, ich suche mein Ende nicht, aber ich suche auch die Ehe nicht." „Das Bleichgesicht wird sich dieß bedenken, während meine Leute sich zur Berathnng anschicken. Man wird ihm sagen, was geschehen wird. Er bedenke, wie hart cs ist, einen Gatten nnd einen Brnder zu verlieren. Geht; wenn wir Euch vor uns sehen wollen, wird man den Namen Wildtödter rufen." Dieß Gespräch war ohne alle Zeugen in der Nähe der beiden Männer geführt worden. Von der ganzen Bande, von welcher vor Kurzem der Platz wimmelte, war »nr Nivenoak sichtbar. Die Uebrigen schienen den Ort ganz verlassen zn haben. Selbst die Geralde, Kleider, Waffen nnd sonstiges Zugehör des Lagers waren gänzlich verschwunden, nnd die Stelle wies keine andere Merkmale von dem Schwarm, der sich darauf vor einer Stunde noch nmgetrieben, als die Spuren von den Fcnern und Ruheplätzen, und die zerstampfte Erde, die noch ihre Fnsistapfen zeigte. Eine so plötzliche nnd nnerwartetc Veränderung erregte i» nicht geringem Grade Wildtödtcrs Erstaunen nnd Unruhe, denn so Etwas war ihm während seiner ganzen Erfahrung unter den Delaware» nicht vvrgekommen. Er vermnthcte jedoch, nnd mit Recht, daß ein Wechsel deS Lagers beabsichtigt werde, und daß man das Geheimnißvvlle dieser Bewegung zn Hilfe nehme, um ans seine Seele durch Furcht zu wirken. Nivenoak schritt den Gang zwischen den Bäumen dahin, sobald er gesprochen hatte, und ließ Wildtödter allein. Der Häuptling verschwand hinter dem Dickicht des Waldes, und ein Neuling in solchen Scene» hätte wähnen können, der Gefangene sei nunmehr ganz den Eingebungen seiner Klugheit überlassen gewesen. Aber der junge Mann kannte, während er einigermaßen betroffen war über den dramatischen Anstrich der Dinge, seine Feinde zu gut, um sich frei und in seinen Bewegungen ungehemmt z» glauben. Doch wußte er noch nicht, wie weit die Hnronen ihre Täuschungen zn treiben beabsichtigten, nnd er beschloß, die Frage so bald als thnnlich zur Entscheidung zn bringen. Eine Gleichgültigkeit zur Schau tragend, die er keineswegs fühlte, schleuderte er auf dem Platz herum, nnd kam allmählig immer näher zu der Stelle, wo er gelandet hatte, als er plötzlich seinen Schritt beschleunigte, obwohl er sorgfältig jeden Schein der Flucht vermied, und die Büsche auseinanderreißend, schritt er auf den Kiesplatz. Das Canoc war weg, nnd er sah auch keine Spuren davon, nachdem 624 er zi»n nördlichen n»d südlichen Rand des Vorsprungs geschritten war und in beiden Richtungen die Küste besichtigt hatte. Es mar- offenbar an einen Ort gebracht worden, der ihm unbekannt und unzugänglich war, und unter Umständen, welche zeigten, daß dieß die Absicht der Wilden gewesen. Wildtödter verstand jetzt seine wirkliche Lage besser. Er war ein Gefangener auf der schmalen Landzunge, ohne Zweifel sorgfältig bewacht, und ohne andere Mittel zu entkommen, als durch Schwimmen. Er dachte wieder an dieß letzte Anskunftsmittel, aber die Gewißheit, daß man ihm das Canoe zur Verfolgung nachschicken würde, und die geringe Aussicht dieses verzweifelten Versuchs ans Erfolg schreckten ihn davon ab. Am Strand stieß er ans eine Stelle, wo die Büsche waren abgeschnittcn und auf einen kleinen Hansen zusammengcworfen worden. Als er einige der ober» Zweige wegnahm, fand er darunter den Leichnam des Panthers. Er wußte, daß er anfbemahrt wurde, bis die Wilden einen Begräbnißplatz fänden, wo er außer dem Bereiche des Skalpirmessers wäre. Er blickte gedankenvoll nach dem Kastell hinüber; aber dort schien Alles still und öde; und ein Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit überfiel ihn, das den düstern Ernst des Augenblicks noch erhöhte. „Gottes Wille geschehe!" murmelte der junge Mann, indem er bekümmert von dem Strand sich entfernte und wieder unter die Bogen des Waldes trat. „Gottes Wille geschehe auf Erden wie im Himmel! Ich hoffte, meine Tage würden nicht so bald gezählt sein, aber es trägt am Ende wenig ans. Einige Winter und einige Sommer mehr, so wäre es nach dem Laufe der Natur doch vorüber gewesen. Ach ja wohl! die Jungen und Rüstigen denken selten an die Möglichkeit des Todes, bis er ihnen iu's Angesicht grinst, und ihnen ankündigt, daß ihre Stunde gekommen ist!" Während dieses Selbstgesprächs trat der Jäger auf den freien Platz, wo er zu seinem Erstaunen Hetty allein stehen sah, allem Anschein nach auf seine Znrückkunft wartend. Das Mädchen trug 625 die Bibel unter dem Arm, und ihr Antlitz, über welchem gewöhnlich ein Schatten sanfter Schwermnth lag, schien jetzt traurig und niedergeschlagen. Wildtödter trat ihr näher und sprach zu ihr. „Arme Hetty," sagte er, „in dieser letzten Zeit ist es so unruhig zugegangcn, daß ich Euch ganz vergessen hatte; wir treffen uns jetzt gleichsam, um zu trauern über das, was kommen wird. Ich bin verlangend zu wissen, was ans Chingachgook und Wah! geworden ist!" „Warum habt Ihr den Hnronen getödtct, Wildtödter?" versetzte das Mädchen in vorwnrfsvvllcm Tone. „Kennt Ihr Eure zehn Gebote nicht, welche sagen: du sollst nicht tödten? Sie sagen mir, Ihr habet jetzt des Weibes Gatten und Bruder erschlagen ?" „Es ist wahr, meine gute Hetty, — cs ist wahr wie das Evangelium, und ich will nicht längnen, was geschehen ist. Aber Ihr müßt bedenken, Mädchen, daß Manches erlaubt ist im Krieg, was unerlaubt wäre im Frieden. Der Gatte ward erschossen in offenem Kampfe, oder offen, so weit es mich betras, während er einen ungewöhnlich guten Schutz und Versteck halte; — und der Bruder zog sich selbst seinen Tod zu, indem er seinen Tomahawk nach einem unbewaffneten Gefangenen warf. Seid Ihr Zeugin der That gewesen, Mädchen?" »Ich sah sie, und cs that mir leid, daß sie vorfiel, Wild- tödtcr; denn ich hoffte, Ihr würdet nicht Schlag mit Schlag, sondern Böses mit Gutem vergelten." „Ach, Hetty, das mag angehen unter den Missionären, aber in den Wäldern würde das ein unsicheres Lebe» machen. Der Panther gelüstete nach meinem Blut, und war thöricht genug, mir Waffen in die Hände zn geben, in dem Augenblick, wo er darnach trachtete. Es wäre gegen die Natur gewesen, bei einer solchen Versuchung nicht eine Hand zn erheben, und cs hätte meiner Erziehung und meinen Gaben Unehre gebracht. Nein, nein; ich bin Der Wildtödter. 4g 626 so bereit als Einer, Jedem das Seinige zu lassen und zu geben; und dieß, hoffe ich, werdet Ihr bezeugen gegen Diejenigen, die Euch etwa über das befragen, was Ihr heute gesehen habt." „Wildtödter, gedenkt Ihr Sumach zu hcirathen, nunmehr sie weder Gatten noch Bruder mehr hat, sie zu ernähren?" „Sind das Eure Ideen vom Ehestand, Hetty? Sott der Junge die Alte zum Weibe nehmen — das Bleichgesicht die Rvthhaut — der Christ die Heidin? Es ist gegen Vernunft und Natur, und das werdet Ihr cinsehen, wenn Ihr cs einen Augenblick bedenkt." „Ich habe immer Mutter sagen Horen," erwiederte Hetty, ihr Gesicht wegwendend, mehr aus weiblichem Instinkt, als in irgend einem Bewußtsein von Unrecht — „daß die Leute nie heirathcu sollten, als wenn sie einander mehr liebten als Brüder und Schwestern; und ich denke, das ist's, was Ihr meint. Sumach ist alt, und Ihr seid jung." „Ja, und sie ist roth, und ich bin weiß. Zudem, Hetty, seht den Fall, Ihr wäret jetzt ein Weib und hättet eine» jungen Mann von Euren Jahren, Stand und Farbe geheirathet — Hurry Harry zum Beispiel," — Wildtödter wählte dieß Beispiel einfach deß- wegen, weil er der einzige Beiden bekannte junge Mann war — „und er wäre gefallen auf einem Kriegspfad: würdet Ihr wünschen, an Enre Brnst als Gatten den Mann zu nehmen, der ihn erschlagen?" „Oh! nein, nein, nein;" antwortete das Mädchen schaudernd. „Das wäre sündhaft, ebenso wie herzlos! Kein christliches Mädchen könnte oder wollte das thun. Ich werde nie Hurry's Weib werden, das weiß ich; aber wäre er mein Gatte, kein Mann sollte es je wieder werden nach seinem Tode!" „Ich dachte, auf das würde es hinauskommeu, Hetty, wenn Ihr erst die Umstände recht begriffen. Es ist eine moralische Unmöglichkeit, daß ich je Sumach heirathe; und obgleich bei indianischen Hcirathen keine Priester sind, und wenig Religion, kann doch ein weißer Mann, der seine Gaben und Pflichten kennt, sich das nicht zu Nutze machen, nnd so im geeigneten Augenblick sich retten. Ich glaube, der Tod wäre natürlicher nnd willkommener, als Ehe mit diesem Weibe." „Sagt das nicht zu laut," unterbrach ihn Hctty ungeduldig; „ich glaube, sie würde das nicht gern höre». Ich bin gewiß, Hurry würde eher sogar mich heirathen, als Martern ausstehcn, obwohl ich schwachsinnig bin; und es würde mich gewiß tödtcn, wenn ich denken müßte, er würde lieber den Tod wählen, als mein Gatte werden!" „Ja, Mädchen, Ihr seid nicht Snmach, sondern eine hübsche, junge Christin, mit einem guten Herzen, anmuthigem Lächeln und freundlichem Auge. Hurry dürfte stolz darauf sein, Euch zu bekommen, und das nicht, wenn er im Elend »nd Kummer wäre, sondern in seinen besten und glücklichsten Tagen. Jndeß nehmt meinen Rath, und sprecht mit Harry nie von diesen Dingen, er ist im beste» Falle doch eben ein Gränzer." „Ich möchte es ihm nm die Welt nicht sagen!" rief das Mädchen, und sah sich ganz entsetzt nnd erröthend um, sie wußte selbst nicht warum. „Mutter sagte immer, Mädchen sollen nicht keck und vorlaut sein, und ihre Gesinnungen nicht anssprechen, ehe man sie frage; — oh! ich vergesse nie, was Mutter mir gesagt hat. Es ist schade, daß Hurry so schon ist, Wildtödter; ich glaube, ohne das würden ihn wenigere Mädchen gern haben, und er wurde eher sein eigenes Gemiith kennen lernen." „Armes Mädchen, armes Mädchen! es ist klar genug, wie es steht; aber der Herr wird ein Geschöpf von so einfältigem Herzen und so freundlichem Gemüth nicht außer Acht lassen! Wir wollen nicht weiter von diesen Dingen sprechen; wenn Ihr Vernunft hättet, wurdet Ihr Euch bekümmern, Andere so Euer Ge- heimniß haben durchschauen zu lassen. Sagt mir, Hetty, was ist aus all' den Hnronen geworden, und warum lassen sie Euch auf 40 * 628 dem Vorsprung herumwandeln, als ob Ihr auch eine Gefangene wäret?" „Ich bin keine Gefangene, Wildtödter, sondern ein freies Mädchen, und gehe wohin und wann es mir gefällt. Niemand darf mir ein Leid thnn! Wenn sie cs thäten, würde Gott zürnen, wie ich ihnen in der Bibel zeigen kann. Nein — nein — Hetty Hutter fürchtet sich nicht; sie ist in guten Händen. Die Hnronen sind dort in den Wäldern drüben, und haben ein scharfes Auge auf uns Beide, dafür steh' ich, denn alle Weiber und Kinder halten Wache. Einige begraben den Leichnam des armen Mädchens, das in der vorigen Nacht erschossen wurde, damit der Feind und die wilden Thiere ihn nicht finden können. Ich sagte ihnen, Vater und Mutter lägen im See, aber ich lies; sie nicht wissen, in welcher Gegend, denn Judith und ich brauchen Niemand von ihrer heidnischen Gesellschaft auf unserem Begräbnißplatz." „Ach weh! Nun, cs ist in der That eine grausame Aufgabe, hier zn stehen, lebend und zornig, mit aufgeregten, wnthenden Gefühlen, in der einen Stunde, und dann in der nächsten weggeführt und in einer Grube in der Erde dem Anblick der Menschenkinder entrückt zu werden! Niemand weiß, was ihm auf einem Kriegspfad widerfahren mag, das ist gewiß!" Hier unterbrach das Rauschen des Laubs und das Krachen von dürren Zweigen das Gespräch, und setzte Wildtödter in Kcnntniß von der Annäherung seiner Feinde. Die Hnronen schloßen um den Platz, der für die nun kommende Scene eingerichtet worden war, und in dessen Mitte das beabsichtigte Opfer jetzt stand, einen Kreis — und die bewaffneten Männer waren so unter die schwächen; Glieder der Bande vertheilt, daß keine gefahrlose Lücke war, wo der Gefangene durchbrechen konnte. Aber er dachte jetzt nicht mehr an Flucht; der letzte Versuch hatte ihn von der Unmöglichkeit überzeugt, zu entkommen, wenn er von einer großen Menge so scharf verfolgt ward. Im Gegenthcil hatte er alle seine Kräfte 629 anfgeboten, um dem Schicksal, das er erwartete, mit einer Ruhe eutgegenzugehen, welche seiner Farbe und Mannhaftigkeit Ehre machen sollte, — ebenso entfernt von feiger und schimpflicher Augst, wie von der Prahlerei der Wilden. Als Rivcnoak wieder in dem Kreis erschien, nahm er seinen alten Platz oben ans der Scene ein. Einige der älteren Krieger standen in seiner Nähe, aber jetzt, nachdem Snmachs Bruder gefallen, war kein anerkannter Häuptling mehr anwesend, dessen Einfluß und Ansehen mit dem seinige» in eine gefährliche Nebenbuhlerschaft hätte treten können. Dennoch ist wohl bekannt, daß wenig Monarchisches oder Despotisches in irgend einem Sinne in der politischen Verfassung der nordamerikanischen Stämme sich fand, obgleich die ersten Kolonisten, in diese Hemisphäre die Begriffe und Meinungen ihrer Länder mitbringend, die angesehensten Männer dieser dem Urzustand nahe stehenden Nationen häufig mit den stolzen Titeln von Königen und Fürsten bezeichneten. Erblicher Einfluß existirte allerdings; aber man hat allen Grund zu glauben, daß er eher als eine Folge von erblichem Verdienst und erworbenen Eigenschaften, denn als Gebnrtsrecht bestand. Nive- noak jedoch hatte nicht einmal diesen Anspruch — denn er war zu Ansehen emporgcstiegen einzig durch die Macht von Talenten, Scharfsinn und, wie Bacon es ansspricht, im Hinblick auf alle ausgezeichneten Staatsmänner — ,durch eine Vereinigung großer und gemeiner Eigenschaften'; eine Wahrheit, für welche die Laufbahn des tiefdenkenden Engländers selbst einen so einleuchtenden Beleg liefert. Nächst den Waffe» ebnet Beredsamkeit die große Bahn zur Volksgunst, sei es im civilisirten oder im wilden Leben, und Ri- venoak hatte es so weit gebracht — wie so Manche vor ihm! — ebensosehr dadurch, daß er seinen Zuhörern falsche Sätze und Trugschlüsse einleuchtend zu machen wußte, als durch tiefe und gelehrte Auseinandersetzung der Wahrheit, oder durch die Schärfe 630 seiner Logik. Dennoch besaß er Einfluß, nnd war anch gar nicht ohne gerechte Ansprache daranf. Wie die meisten Menschen, welche mehr überlegen als fühlen, war der Hurone kein Frennd davon, die blos wilden »nd trotzigen Leidenschaften seines Volkes zu üben nnd zn hegen; man fand ihn gewöhnlich auf der Seite der Barmherzigkeit bei all' de» Scenen erbitterter Peinigung nnd Rachgier, die in seinem Stamme vvrgekommen, seit er zur Macht gelangt war. Im jetzigen Falle sträubte er sich, es anf's Aenßerste kommen zu lassen, obwohl die Reizung nnd Herausforderung so groß war; aber doch ging es über seinen Scharfsinn, ein Mittel zn entdecken, diese. Alternative glücklich zn vermeiden. Snmactz empfand ihre Verschmähnng bitterer, als den Tod von Gatten und Bruder, nnd es war wenig Wahrscheinlichkeit, daß das Weib dem Manne verzeihen werde, der so unumwunden den Tod ihre» Umarmungen vorgezogen hatte. Ohne ihre Verzeihung war kaum zn hoffen, daß der Stamm sich bewegen lassen würde, seinen Verlust zu übersehen; und selbst dem zur Verzeihung so geneigten Rivenoak schien das Schicksal unseres Helden jetzt hoffnungslos besiegelt. Als die ganze Bande versammelt war, erfüllte ein ernstes Schweigen, nur um so drohender bei seiner tiefen Ruhe, den Platz. Wildtödter bemerkte, daß die Weiber nnd Knaben Splitter von den fetten Fichtenwnrzcln gefertigt hatten, die, wie er wohl wußte, ihm in's Fleisch gesteckt und angeznndet werden sollten, während zwei oder drei der jungen Männer die Stricke von Bast hielten, womit er gebunden werden sollte. Der Ranch von einem fernen Fener kündigte an, daß die Brände schon in Bereitschaft waren, und einige von den älteren Kriegern fuhren mit den Fingern über die Schneide ihrer Tomahawks, um ihre Schärfe und Feinheit zu erproben. Selbst die Messer schienen schon gelockert in ihre» Scheiden, ungeduldig der blutigen, unbarmherzigen Arbeit harrend, die beginnen sollte. „Tödter des Wildes," begann wieder Nivenoak, allerdings ohne alle Zeichen non Sympathie oder Mitleid in seinem Wesen, obwohl mit Rnhe nnd Würde; „Tödter des Wildes, es ist Zeit, daß meine Lente ihre Gesinnnngen erkannten. Die Sonne steht nicht mehr über nnsern Häuptern; müde, über den Hnrvncn zn weilen, hat sie angefangen, gegen die Fichten auf dieser Seite des Thales sich zn senken. Sie wandert schnell dem Lande unserer französischen Väter zn — um zu warnen ihre Kinder, daß ihre Hütten leer stehen, und daß sie zn Hanse sein sollten. Der streifende Wolf hat seine Höhle, nnd er sucht sie ans, wenn er seine Jungen zn sehen wünscht. Die Irokesen sind nicht ärmer als die Wölfe. Sie haben Dörfer, nnd Wigwams, nnd Kornfelder; die guten Geister werden müde sein, sie allein zu bewachen. Meine Leute müsse» zurückgehen und nach ihren Angelegenheiten sehen. Es wird Freude herrschen in den Hütten, wenn sie unfern Ruf von dem Walde her hören! Es wird ein kummervoller Ruf sein; wenn man ihn verstanden, wird Gram ihm folgen. Es wird Ein Skalprns erschallen, aber nur Einer. Wir haben den Pelz der Bisamratze; sein Leichnam ist unter den Fischen. Wildtödter muß es sagen, ob noch ein Skalp auf unserem Pfahl sein soll. Zwei Hütten sind leer; ein Skalp, lebendig oder todt, ist erforderlich für jede Thüre!" „Dann nehmt ihn todt, Hurone," erwiederte der Gefangene fest, aber ohne theatralische Prahlerei. „Meine Stunde ist gekommen, glaube ich, und was sein muß, muß sein. Wenn Ihr auf die Martern versessen seid, so will ich mein Möglichstes thnn, sie mannhaft zu ertragen, obgleich kein Mensch sagen kann, wie weit seine Natur Schmerzen aushalten kann, bis cs zur Probe gekommen ist." „Der Bleichgesichthund fängt an den Schwanz zwischen die Beine zu nehmen!" schrie ein junger, geschwätziger Wilder, der den passenden Titel: t!nrl>?i»> llnuge führte, ein sobriguet, das er von den Franzosen bekommen wegen seiner Fertigkeit, zur 632 Unzeit Geräusch zu machen, und einer ungebührlichen Neigung, seine eigene Stimme zu Horen; „er ist kein Krieger; er hat den Lonp Cervier getödtet, hinter sich blickend, um nicht den Blitz seiner eigenen Buchse zu sehen. Er grunzt schon wie ein Schwein; wenn die Hnronen-Weiber anfangcn, ihn zu quälen, wird er schreien wie das Junge der Pantherkatze. Er ist ein delawari- schcs Weib, gekleidet in die Haut eines Ijengeese!" „Schwatzt, wie Ihr wollt, junger Mann; schwatzt, wie Ihr wollt," versetzte Wildtödter unbeweglich; „Ihr versteht cs nicht besser und ich kann es übersehen. Schwatzen mag Weiber belustigen, aber kan» schwerlich Messer schärfen, Feuer heißer oder Buchsen sicherer machen." Nivenoak legte sich jetzt dazwischen, verwies der Rothen Krähe ihre voreilige Einmischung, und wies dann die geeigneten Personen an, den Gefangenen zu binden. Diese Maßregel ward ergriffen nicht aus Besorgniß, er möchte entfliehen, oder sofern man jetzt schon die Nothwendigkeit davon erkannt hatte, weil er nicht im Stande gewesen wäre, die Martern mit freien Gliedern aus- znhalten, sondern mit der sinnreichen Absicht, ihm seine Hilflosigkeit recht fühlbar zu machen, und seine Entschlossenheit dadurch allmählig zu läbmen, daß man sie, so zu sagen, Schritt für Schritt untergrub. Wildtödter widersetzte sich nicht. Er bot seine Arme und Beine willig, wenn auch nicht freudig, den Bastseilen dar, welche auf Befehl des Häuptlings so darum gebunden wurden, daß sie möglichst wenig Schmerzen verursachten. Diese Anweisungen waren geheim und in der Hoffnung gegeben, der Gefangene wüide sich am Ende jede ernste körperliche Marter ersparen, durch seine Einwilligung, die Snmach znm Weib zu nehmen. Sobald Wildtödter hinlänglich mit Bast gebunden war, um ein lebhaftes Gefühl von Hilflosigkeit in ihm zu erwecken, ward er an einen jungen Baum im buchstäblichen Sinne geschleppt, und daran so angebunden, daß er sich in der That ebensowenig rühren als fallen konnte. Die Hände wurden flach an die Beine gelegt, nnd überall Seile darüber gezogen, dergestalt, daß der Gefangene mit dem Banme wie verwachsen schien. Dann ward ihm seine Mühe abgenommen, nnd er blieb dann in einer Lage — halb stehend, halb von seinen Banden gehalten, nm der kommenden Scene, so gnt er konnte, die Stirne zn bieten. Ehe man irgend znm Aenßersten schritt, war es Rivenoaks Wnnsch, seines Gefangenen Entschlossenheit ans die Probe zu stellen durch Ernenernng des Versuchs zn einem gütlichen Vergleich. Dies; konnte nur auf Eine Weise geschehe», da die Einwilligung der Snmach unerläßlich war, wenn es zn einem Vergleich über ihr Recht ans Rache kommen sollte. In dieser Absicht ward denn zunächst das Weib anfgcfordert, vorzntreten, nnd selbst ihr Interesse zu wahre», da man annehmen konnte, daß Niemand bei dieser Negotiation eine wirksamere Rolle würde spielen können, als die Hauptperson selbst. Die Indianerinnen sind als Mädchen gewöhnlich mild und unterwürfig, mit musikalischem Ton, angenehmen Stimmen und lustigem Lachen; aber Mühseligkeiten und Leiden berauben sie der meisten dieser Vorzüge, bis sie nur ein Alter erreichen, das die Snmach lange schon überschritten hatte. Ihre Stimmen rauh zn machen, erforderte es, so mochte es scheinen, lebhafte, bösartige Leidenschaften, obwohl in der Aufregung ihr Kreischen zn einem hinlänglichen Grade von gellendem Mißton sich erheben kann, nm ihre Ansprüche auf den Besitz dieser unterscheidenden Eigenthümlichkeit des schönen Geschlechts sicher zn stellen. Die Snmach war jedoch nicht ganz ohne weibliche Reize, und hatte noch vor so kurzer Zeit unter ihrem Stamme für schön gegolten, daß sie noch nicht in ihrem ganzen Umfang die Wirkungen erkannt hatte, welche Zeit nnd Mühseligkeit bei Männern so gnt wie bei Frauen Hervorbringen. Ans Rivenoaks Veranstaltung hatten einige der Weiber um sie her die ganze Zeit über sich Mühe gegeben, die einsam stehende Wittwe zu bereden, es sei noch 634 Hoffnung vorhanden, den Wildtödter zn vermögen, lieber in ihren Wigwam, als in die Welt der Geister einznziehen, und dieß mit einem Erfolg, den frühere Symptome kaum hätten erwarte» lassen. Alles dieß war die Folge eines Entschlusses von Seiten des Häuptlings, kein geeignetes Mittel unversucht zu lassen, um den größten Jäger, der nach allgemeiner Annahme damals in der ganzen Gegend lebte, für seine Nation, so wie auch einen Gatten für ein Weib zn gewinnen, das, wie er wohl fühlte, sehr lästig und beschwerlich werden konnte, wen» man ihre Ansprüche an die Aufmerksamkeit und Vorsorge des Stammes irgend übersah. Diesem Plan gemäß war die Snmach insgeheim angewiesen worden, in den Kreis vorzntretcn, und den Gerechtigkeitssinn des Gefangenen anzusprechcn, ehe die Bande zn dem letzten Versuch schritt. Das Weib willigte nicht faul ein; denn es lag ein ähnlicher Reiz darin, das Weib eines unter den Frauen der Stämme berühmten Jägers zn werden, wie etwa die Schönen in einem mehr verfeinerten Zustand empfinden, wenn sie ihre Hand reichen Männern geben. Da die Pflichten einer Mutter als alle andere Rücksichten 'anfwicgend galten, empfand die Wittwe nichts von der Verlegenheit bei dem Vortrag ihrer Ansprüche, deren selbst eine Glücksjägerin unter uns sich doch nicht erwehren würde. Wie sie daher vor der ganzen Truppe vortrat, rechtfertigten die Kinder, die sie an der Hand führte, Alles, was sie that, vollkommen. „Ihr seht mich vor Euch, grausames Bleichgesicht," begann das Weib; „Euer Geist muß Euch mein Anliegen sagen. Ich habe E u ch gefunden: ich kann nicht finden den Loup Cervier noch den Panther. Ich habe sie gesucht im Sec, in den Wäldern, in den Wolken. Ich weiß nicht zn sagen, wohin sie gegangen sind." „Niemand weiß es, gute Snmach, Niemand weiß es," fiel der Gefangene ein. „Wenn der Geist den Körper verläßt, geht er in eine Welt über, welche jenseits unserer Erkenntnis; liegt, und das Klügste für die Zurückgebliebenen ist: das Beste zn hoffen. Ohne 635 Zweifel sind Eure beiden Krieger nach den glücklichen Jagdrevieren gegangen, nnd seiner Zeit werdet Ihr sie wieder sehen in ihrem besseren Zustand. Das Weib und die Schwester von Tapfern muh einem solchen oder ähnlichen Schluß ihrer Laufbahnen auf Erden eutgegcugesehen haben." „Grausames Bleichgesicht, was hatten meine Krieger gethau, daß Ihr sie erschlüget? Sie waren die besten Jäger und die kühnsten jungen Männer ihres Stammes; der Große Geist wollte, daß sie leben sollten, bis sie verwitterten gleich den Zweigen der Tanne, und durch ihre eigene Wucht abfieleu." „Nein, nein, gute Sumach," unterbrach sic der Wildtödter, dessen Wahrheitsliebe zu unbezwinglich war, um geduldig solchen Hyperbeln zuzuhvreu, selbst wenn sie aus dem zerrissenen Herzen einer Wittwe kamen. — „Nein, nein, gute Sumach, das heißt die Vorrechte der Rothhäute etwas übertreiben. Ein junger Mann war Keiner, so wenig als Ihr eine junge Frau genannt werden könnt; und was des Großen Geistes Wille» anlangt, daß sie hätten auf eine andere Weise fallen sollen, als sie fielen, so ist das ein trauriger Jrrthum, sintemal, was der Große Geist will, ganz gewiß in Erfüllung geht. Und daun weiter ist es zwar ganz klar, daß keiner Eurer Freunde mir ein Leid that; ich erhob aber meine Hand gegen sie wegen dessen, was sie mir zu thuu trachteten, und nicht, was sic mir thaten. Das ist natürliches Geseh: seine Hand brauchen, damit man nicht der Hand des Andern erliege." „Es ist so. Sumach hat nur eine Zunge; sie kann nur eine Geschichte erzählen. Das Bleichgesicht erschlug die Huroneu, damit nicht die Huronen ihn erschlügen. Die Huronen sind eine gerechte Nation, sie werden es vergessen, die Häuptlinge werden ibre Augen schließen und sich stellen, als hätten sie es nicht gesehen. Die jungen Männer werden glauben, der Panther und der Luchs seien aus ferne Jagden gezogen; nnd die Sumach wird ihre Kinder bei der Hand nehmen, und in die Hütte des Bleichgesichts gehen und 636 sagen: Seht, das sind Eure Kinder — sie sind auch die weinigen; ernährt uns und mir wollen bei Euch wohnen." „Die Bedingungen sind nicht annehmbar, Weib; und so sehr ich Eure Verluste bedaure, welche hart zu tragen sein müssen, können doch die Anträge nicht angenommen werden. Euch Wild- pret zu schaffen, falls wir nahe genug bei einander wohnten, daS wäre keine so große Aufgabe, aber Euer Mann zu werden, und der Vater von Euren Kindern, dazu fühle ich, ehrlich mit Euch gesprochen, keinen Beruf in mir." „Seht diesen Knaben an, grausames Bleichgesicht; er hat keinen Vater, der ihn lehren könnte, das Wild zu tödten, oder Skalpe zn nehmen. Seht dieß Mädchen; welcher junge Mann wird kommen, um sich ein Weib zu suchen in einer Hütte, die kein Haupt hat? Noch mehrere sind unter meinem Volke in den Canada's, und der Tödter des Wildes wird so viele Mäuler zn füttern finden, als sein Herz wünschen mag." „Ich sage Euch, Weib," rief Wildtödter, dessen Phantasie keineswegs die Aufforderung der Wittwe unterstützte, und der bei den lebhaften Gemälden, welche sie entwarf, ungeduldig und stä- tisch zu werden anfing, „das Alles ist mir Nichts. Das Volk und die Verwandten müssen sich ihrer Vaterlosen annehmen, und die, die keine Kinder haben, ihrer Einsamkeit überlassen. Was mich betrifft, ich habe keine Sprösslinge und begehre kein Weib. Jetzt geht Eures Weges, Snmach, laßt mich in den Händen Eurer Häuptlinge, denn meine Farbe und Gaben und meine Natur selbst schreien gegen die Idee, Euch zum Weib zu nehmen." Es ist unnöthig, weitläufig zn sein über die Wirkungen dieser unumwundenen Ablehnung der Vorschläge des Weibes. Wenn Etwas wie Zärtlichkeit in ihrem Busen war — und kein Weib vielleicht entbehrte je ganz dieser weiblichen Eigenschaft — so verschwand dieß ganz bei dieser einfachen Erklärung. Rachsucht, Wuth, gekränkter Stolz und ein Vulkan von Zorn brachen in 637 Einem Erguß los, und verwandelten sie wie mit einer Zauber- rnthe in eine Art Wahnsinnige. Ohne ihn einer Antwort in Worten zu würdigen, machte sie die Wölbungen des Waldes von ihrem Gekreische erdröhnen, und dann stürzte sie ans ihr Opfer los, und ergriff ihn bei de» Haaren, die sie ihm mit den Wurzeln auszu- reißen entschlossen schien. Es dauerte einige Zeit, bis man ihn von ihr losmachen konnte. Znm Glück für den Gefangenen war ihre Wnth blind, denn seine gänzliche Hilflosigkeit hätte ihn ihr völlig preisgegeben: wäre sie besonnener gewesen, so hätte sie ihm den Tod bringen können, ehe zn Hilfe zn eilen möglich war. So aber gelang cs ihr nur, ihm ein paar Hände voll Haare auszn- ranfen, ehe die jungen Männer sie von ihrem Opfer wegrissen. Die der Sumach widerfahrene Beschimpfung galt als eine Beleidigung des ganzen Stammes, jedoch nicht sowohl wegen der Achtung, die man für das Weib hegte, als in Betracht der verletzten Ehre der hnronischen Nation. Snmach selbst galt allgemein für so herb und so sauer wie die Beere, von der sie ihren Namen hatte; und jetzt, nachdem ihre großen Beschützer, ihr Gatte und ihr Bruder, Beide dahin waren, gaben sich Wenige mehr Mühe, ihre Abneigung gegen sic zn verbergen. Doch aber war es ein Ehrenpnnkt geworden, das Bleichgesicht zn strafen, das ein hnronisches Weib verschmähte, und zumal Einen, der ganz kaltblütig lieber sterben wollte, als dem Stamme die Last einer Wittwe und ihrer Kinder abnehmen. Die jungen Männer zeigten eine Ungeduld, mit der Marter zn beginnen, welche Rive- noak verstand, und da seine älter» Genossen keine Neigung ver- riethen, einen längern Aufschub zu gestatten, sah er sich genöthigt, das Zeichen zu geben zum Anfang des höllischen Werkes. 638 Neunundzwanzigstes Kapitel. Den zottigen Bär focht nicht an der Pfahl. Und nicht das Zerren der grausamen Meute; Still lag der Hirsch in dem umbuschten Thal, Der schaumende Eber nicht den Jagdspieß scheute; Alles war still in Wildniß, Busch und Hag. Lord Dorsel. Es war einer der gewöhnlichen Gebräuche der Wilden bei solchen Gelegenheiten, die Nerven ihrer Opfer ans die härtesten Proben zu stellen. Andererseits war cs ein Ehrenpnnkt indianischen Stolzes, keine Anwandlung von Furcht und keine Schinerzempfindung zu verrathen; der Gefangene aber mußte seine Feinde zu solchen Mißhandlungen herauszufordern suchen, welche am ehesten den Tod zur Folge hatten. Man konnte manchen Krieger, dem es gelungen mar seine Qualen abznkürzcn durch höhnische Vorwürfe und eine beschimpfende Sprache, wenn er merkte, daß seine physische Organisation zu erliegen drohte unter dem Schmerz von Martern, ansgesonnen durch eine teuflische Erfindsamkeit, die wohl Alles verdunkeln mochte, was man von den höllischen Grausamkeiten religiösen Berfvlgungseifers gesagt hat. Dieß glückliche Ansknnftsmittel jedoch, gegen die Wildheit seiner Feinde ihre Leidenschaften selbst zu Hilfe zn rufen, war Wildtödter» versagt durch seine eigenthümlichen Begriffe von der Pflicht eines weißen Mannes; und er hatte den männlich festen Entschluß gefaßt, lieber Alles zu erdulden, als seiner Farbe Schande zn machen. Sobald die jungen Männer merkte», daß ihnen frei stand, an- znfangen, sprangen Einige der kühnsten und dreistesten unter ihnen auf den Platz vor, den Tomahawk in der Hand. Hier schickten sie sich an, diese gefährliche Waffe zu schlendern, wobei die Absicht war, den Baum so nahe als möglich am Kopf des Opfers zu treffen, ohne doch dieses selbst zn verletzen. Dieß war ein so gewagtes Experiment, daß imr die als die Erfahrensten in Handhabung dieser Waffe Anerkannten überhaupt auftreten durften, damit nicht ein früher Tod der erwarteten Unterhaltung ein vereitelndes Ende mache. Selten, selbst unter der sichersten Hand, entging der Gefangene bei diesen Prüfungen aller Verlegung; und oft war der Tod die Folge, wenn dieß gar nicht der Zweck der Schlendernden war. Im jetzigen Fall bei unserem Helden fürchteten Rivenoak und die älteren Krieger, das Beispiel von des Panthers Schicksal möchte für hitzige Geister ein Beweggrund werden, dessen Ueber- winder rasch zn opfern, jetzt, wo die Versuchung locken konnte, cs gerade in derselbe» Weise, »nd vielleicht gar mit derselben Waffe, durch welche der Krieger gefallen war, zn thnn. Dieser Umstand machte an sich schon die Probe mit dem Tomahawk doppelt bedenklich für Wildtödter. Es schien jedoch, daß Alle, welche jetzt in die Schranken traten, wenn man so sagen kann, mehr darauf dachten, ihre eigene Geschicklichkeit zur Schau zn stellen, als den Tod ihrer Kameraden zn rächen. Alle schickten sich zn dem Versuche mehr mit den Gefühle» des Wetteifers, als mit Durst nach Racke an; und die ersten paar Minuten hatte die Sacke für den Gefangenen nur so viel Bedeutung, als ans dem Interesse entsprang, welches eine lebendige Zielscheibe nothwcndig erregte. Die jungen Männer waren lebhaft und munter', aber nicht erbittert, und Rivenoak glaubte noch aus einigen Anzeichen schließe» und hoffen zu dürfen, er könne vielleicht noch das Leben des Gefangenen retten, wenn erst die Eitelkeit der jungen Männer befriedigt sei; vorausgesetzt natürlich, daß es nickt vorher bei den damit anzustellenden kitzlichen Experimenten geopfert wurde. Der erste Jüngling, der sich zn dem Versuch stellte, hieß der Rabe, da er bis jetzt noch nickt Gelegenheit gehabt, ein kriegerischer lautendes sobriguet zn erlangen. Er zeichnete sich mehr durch große Anmaßung, als durch Geschicklichkeit oder Thatcn 64 » aus; und die seinen Charakter kannten, glaubten den Gefangenen in drohender Gefahr, als er seinen Stand cinnahm und den Tomahawk schwang. Jedoch mar der junge Mann gutmüthig, und in seiner Seele herrschte kein anderer Gedanke, als der Wunsch, einen bessern Wurf zu thun als irgend Einer seiner Genossen. Wild- tödter bekam eine Ahnung von dem geringen Nnf dieses Kriegers dadurch, daß die Aelteren ihn dringend ermahnten und warnten; und sie würden sich in der That widersetzt haben, das; er überhaupt ans dem Plan anftrete, wäre nicht der Einfluß seines Vaters ihm zu Statte» gekommen, eines bejahrten Kriegers von großem Verdienst, der damals in den Hütte» des Stammes sich befand. Dennoch behauptete unser Held die Miene gefaßter Selbstbeherrschung. Er hatte sich darein ergeben, daß seine Stunde gekommen sei, und cs wäre eine Wohlthat, nicht ein Unglück gewesen, durch die Unsicherheit der ersten Hand, die sich gegen ihn erhob, zu fallen. Nach einer ansehnlichen Menge von Schwenkungen und Gestikulationen, die weit mehr versprachen, als er zu leisten vermochte, ließ der Rabe de» Tomahawk seiner Hand entgleiten. Die Waffe schwirrte mit den gewöhnlichen Umdrehungen durch die Luft, schnitt einen Splitter von dem jungen Baum, woran der Gefangene gebunden war, einige Zoll von seiner Wange entfernt, »nd fuhr in eine große, einige Schritte weiter hinten stehende Eiche. Dieß war ein entschieden schlechter Wurf, und ein allgemeines Hohnlächeln erklärte es dafür, zur bitter» Kränkung des jungen Mannes. Andererseits erhob sich ein allgemeines, aber gedämpftes Murmeln der Bewunderung über die Standhaftigkeit, womit der Gefangene die Probe bestand. Der Kopf war das Einzige, was er bewegen konnte, und diesen hatte man absichtlich frei gelassen, damit die Peiniger die Belustigung, und der Gemarterte die Schande der Schwäche zu erdulden hätte, wenn er sich duckte, und sonst der Waffe ansznweichen suchte. Wildtödter vereitelte diese Hoffnungen durch eine Herrschaft über seine Nerven, die seinen ganzen Leib so unbeweglich machte, wie der Baum, an den er gebunden war. Nicht einmal die natürliche und gewöhnliche Erleichterung, die Angen zu schließen, benutzte er, und der älteste und kühnste Krieger unter den rothen Männern hatte niemals mit größerer Sclbst- verlängnnng diese Wvhlthat, unter ähnlichen Umständen, verschmäht. Sobald der Rabe seinen unglücklichen und kindischen Versuch gemacht hatte, folgte ihm le Vnim-Uoss, oder das Elcmithier; ein Krieger von mittlerem Alter, der besonders geschickt mar in der Handhabung des Tomahawk, und von dessen Auftreten die Zuschauer mit Zuversicht eine nicht geringe Befriedigung sich versprachen. Dieser Mann hatte Nichts von der Gntmüthigkeit des Raben, sondern er würde gern den Gefangenen seinem Haß gegen die Bleichgesichter überhaupt geopfert haben, hätte nicht das Interesse bei einem glücklichen Erfolg im Handhaben einer Waffe, in deren Gebrauch er besonders geschickt mar, überwogen. Er nahm ruhig, aber mit zuversichtlichem Wesen, seinen Stand, schwang sein kleines Beil nur einen Augenblick, trat rasch einen Schritt vor und schleuderte. Wildtödter sah die scharfe Waffe gegen sich schwirren, und glaubte, es sei jetzt ans mit ihm, aber er ward gar nicht verletzt. Der Tomahawk hatte in der That den Kops des Gefangenen an den Baum gepreßt, indem er einen Busch seines Haars gefaßt hatte, und tief in die weiche Rinde cindrang. Ein allgemeiner gellender Ruf verkündigte' die Freude der Zuschauer, und das Elennthier fühlte sein Herz sich etwas erweichen gegen den Gefangenen, dessen Ncrvenstärke allein ihm möglich gemacht hatte, diese Probe seiner vollendeten Geschicklichkeit abznlegen. Ans das Elennthier folgte der Hüpfende Junge, oder le Karpon qui bonciit, der hüpfend in den Kreis kam, wie ein Hund oder eine spielende Ziege. Es war dieß Einer jener elastischen Jünglinge, deren Muskeln in immerwährender Bewegung zu sein scheinen, und der sich, mochte es nun Affcktation, oder wirkliche, fixirte Gewohnheit sein, gar nicht mehr anders bewegte, .als in der Der Wildtödter. 41 642 bezcichneten gauklerischen Weise. Trotzdem war er sowohl tapfer als geschickt, und hatte sich die Achtung seines Volks sowohl durch Thaten im Krieg, als durch Glück auf der Jagd erworben. Ein weit edlerer Name hätte ihm längst zu Theil werden müssen, hätte ihm nicht ein Franzose von Rang dieses sodrlgnet unabsichtlich gegeben, das er nun gewissenhaft beibehielt, als von seinem Großen Vater kommend, der jenseits hcs großen Salzsee's wohne. Der Hüpfende Junge tanzte vordem Gefangenen herum, und drohte ihm jetzt von dieser, jetzt von jener Seite, dann wieder von vorn mit dem Tomahawk, in der eitcln Hoffnung, durch diese Gefahrvor- spiegelnng ihm ein Zeichen der Furcht abznpresse». Endlich wurde Wildlvdters Geduld durch all' diese Gaukelei erschöpft, und er sprach znm ersten Mal, seit die Prüfung wirklich angefangcn hatte. „Werst z», Hnrone!" rief er, „oder Euer Tomahawk vergißt seine Aufgabe. Warum tanzt Ihr denn immer so herum wie ein Hirschkalb, das seiner Mutter zeigen will, wie gut es Hüpfen kann, da Ihr doch selbst ein vvllgewachsener Krieger seid, und ein vollgcwachsencr Krieger Euch »nd all' Euren läppischen Sprüngen Trotz bietet? Schlendert, oder die hnronischen Mädchen werden Euch in's Gesicht lachen!" Diese letzten Worte entflammten, so wenig der Redende eine solche Wirkung beabsichtigte, den ,Hüpfx»de>st Krieger zur Wnth. Dieselbe Nervenerregbarkeit, die ihn körperlich so beweglich machte, erschwerte cs ihm, seine Empfindungen znrückznhalten, und kaum waren jene Worte ans Wildtödters Mund, als der Tomahawk der Hand des Indianers entfuhr. Auch war er nicht ohne guten Willen und den grimmigen Vorsatz, zu tödten, geschlendert. Wäre die Absicht weniger tödtlich, so wäre die Gefahr vielleicht größer gewesen. Er zielte unsicher, und die Waffe zuckte an der Wange des Gefangenen vorbei, und schnitt ihm bei ihren Umdrehungen leicht in die Schulter. Dies; war das erste Mal, daß eine andere Absicht, als die, den Gefangenen zu ängstigen und die eigene Geschicklichkeit zu zeigen, an den Tag gelegt worden war; und der Hupfende Junge ward sogleich von dem Platz weggeführt, und mit Wärme gescholten wegen seiner ungezügelten Hitze, die beinahe alle Hoffnungen der Bande vereitelt hatte. Ans diesen reizbaren Mann folgten einige andere junge Krieger, die nicht nnr den Tomahawk, sondern auch das Messer — ein viel gefährlicheres Experiment — mit rücksichtsloser Gleichgültigkeit schleuderten; doch zeigten sie Alle eine Geschicklichkeit, welche den Gefangenen vor ernstlichen Verletzungen bewahrte. Einige Male zwar wurde Wildtödter geritzt, aber nie erhielt er eine eigentliche Wunde. Die unbeugsame, unerschütterliche Festigkeit, womit er seinen Angreifern die Stirne bot, zumal in der Art von Kurzweil, womit diese Prüfung endete, erregte bei de» Zuschauern tiefe Achtung; und als die Häuptlinge erklärten, der Gefangene habe die Probe mit dem Messer und dem Tomahawk gut ansgehalten, da war nicht Eine Seele unter der Truppe, die wirklich eine feindselige Gesinnung gegen ihn gehegt bättc, mit Ausnahme der Snmach und des Hüpfenden Jungen. Diese beiden mißvergnügten Geister thaten sich allerdings zusammen, gegenseitig ihren Zorn schürend, aber bis jetzt waren ihre boshaften Gefühle großentheils auf sie selbst beschränkt, obwohl zu befürchten stand, daß binnen Kurzem auch die Andern durch ihre Anstrengungen zu jenem dämonischen Zustand aufgeregt würden, der gewöhnlich alle solche Scenen unter den rothen Männern begleitete. Rivenoak sagte jetzt seinen Leuten, das Bleichgesicht habe sich als ein Mann bewährt. Er möge unter den Delaware» leben, aber er sei nicht ein Weib geworden, mit diesem Stamme. Er wünschte zu wissen, ob es der Wille der Hnrvnen sei, noch weiter zu gehen. Aber auch die Sanftesten unter den Weibern hatten bei den bisherigen Prüfungen zu viel Befriedigung empfunden, um ihren Aussichten auf ein ergötzliches Schauspiel zu entsagen, und daher wurde mit Einer Stimme verlangt, daß man fortfahre. Der 644 politische Häuptling, der ein ähnliches Verlangen empfand, einen so berühmten Jäger in seinen Stamm «nfznnehmen, wie ei» europäischer Minister nach einem neue», einträglichen Mittel der Besteuerung, suchte alle irgend scheinbaren Gründe geltend zu machen, um der Sache noch zn rechter Zeit Einhalt zu thnn; denn er wußte wohl, wenn man es einmal so weit kommen ließ, daß die wilderen Leidenschaften der Peiniger aufgeregt wurden, daß es dann eben so leicht wäre, die Wasser der großen See'n in seiner Heimath zn dämmen, als ihnen in ihrem blutigen Treiben Einhalt zu thnn. Daher berief er vier oder fünf der besten Schützen zu sich, und gebot ihnen, den Gefangenen der Büchsenprobe zn unterwerfen, wobei er sie zugleich an die Nothwendigkeit erinnerte, durch die gemessenste Aufmerksamkeit bei der Art, wie sle ihre Geschicklichkeit zeigten, ihren Ruf aufrecht zn erhalten. Als Wildtödter die erlesenen Krieger, ihre Waffen in schuß- fertigem Stand, in den Kreis treten^ sah, empfand er eine Ge- müthserleichternng, wie etwa ein Dulder, der lange die Qualen der Krankheit ertragen, bei dem sicher» Herannahen des Todes empfinden mag. Beim Zielen mit dieser furchtbaren Waffe wurde leicht jede kleine Abweichung tvdtlich; denn da der Kopf die Zielscheibe war, oder vielmehr der Punkt, den man ohne wirkliche Verletzung streifen sollte, mußte ein Zoll oder zwei Unterschied in der Schußlinie auf einmal die Frage über Leben und Tod entscheiden. Bei der Tortur mit der Büchse war nicht einmal so viel Spielraum freigegeben, wie selbst in dem Fall mit Geßlers Apfel, denn ein Haar breit war in der That die äußerste Gränzc, die sich ein erfahrener Schütze bei einer solchen Gelegenheit gestattete. Häufig wurde das Opfer von zn hitzigen oder ungeschickten Händen durch den Kopf geschossen; und oft geschah es auch, daß der Schütze, erbittert durch die Seelenstärke und die Herausforderungen der Gefangenen absichtlich in einem Augenblick unbändiger Aufregung ihm de» Tod zusandte. Alles das wußte Wildtödter wohl, 645 denn mit Erzählen von Überlieferungen solcher Scenen, wie von Schlachten nnd Siegen ihres Volkes, vertrieben sich die alten Männer die langen Winterabende in ihren Hütten. Er erwartete jetzt mit Bestimmtheit das Ende seiner Laufbahn, nnd empfand eine Art schwermüthigc Freude bei dem Gedanken, daß er durch eine so geliebte Waffe, wie die Büchse, fallen sollte. Eine kleine Unterbrechung jedoch trat noch ein, ehe die Sache vor sich gehen konnte. Hetty Hutter war Zeugin von Allem, was vorging, nnd das Schauspiel hatte zuerst ans ihren schwachen Geist völlig lähmend gewirkt; jetzt aber hatte sie sich erholt, nnd ihr Gemüth empörte sich über die unverdienten Leiden, womit die Indianer ihren Freund quälten. Obwohl schüchtern nnd scheu wie das Junge der Hirschkuh bei manchen Gelegenheiten, war doch dieß Mädchen von richtigem Gefühl immer unerschrocken, wenn es die Sache der Menschlichkeit galt; die Lehren ihrer Mutter nnd die Antriebe ihres eigenen Herzens — vielleicht dürften wir sagen: die Eingebungen jenes unsichtbaren, reinen Geistes, der immer ihre Handlungen zu bewachen nnd zu leiten schien — vereinigten sich, die weibliche Furchtsamkeit niederznhaltcn nnd sic zu kühner Entschlossenheit zu kräftigen. Sic erschien jetzt in den, Kreis, sanft, weiblich, sogar verschämt in ihrem Wesen, wie gewöhnlich, aber ernst in ihren Worten nnd Mienen, nnd redend wie Eine, die sich durch die Vollmacht Gottes unterstützt weiß. „Warum martert ihr den Wildtödter, rothe Männer?" fragte sie. „Was hat er gethan, daß ihr mit seinem Leben spielt; wer hat euch das Recht gegeben, seine Richter zu sein? Seht den Falt, eins eurer Messer oder ein Tomahawk hätte ihn getroffen: welcher Indianer unter euch Allen könnte die Wunde heilen, die ihr gemacht? Ueberdieß, wenn ihr Wildtödter ein Leid thnt, verletzt ihr euer» Freund; als Vater und Hnrry ans eure Skalpe auszogen, weigerte er sich, daran Theil zu nehmen, nnd blieb allein 646 im Canoe. Ihr martert euren Freund, wenn ihr diesen jungen Mann martert." Die Hnronen hörten sie mit ernster Aufmerksamkeit an, und Einer unter ihnen, der Englisch verstand, übersetzte das Gesagte in die Sprache ihrer Hcimath. Svbald Rivenoak den Sinn ihrer Anrede vernommen, beantwortete er sie in seiner Sprache, und der Dolmetscher übersetzte es dem Mädchen in's Englische. „Meiner Tochter steht es frei zu sprechen," sagte der finstere, alte Redner, und gebrauchte so sanfte Töne und lächelte so freundlich, als spräche er mit einem Kinde — „die Hnronen hören gern ihre Stimme; sie lauschen Allem, was sie sagt. Der Große Geist redet oft zu den Menschen mit solchen Zungen. Dießmal sind ihre Augen nicht weit genug offen gewesen, um Alles zu sehen, was vorgefallen ist. Wildtödtcr ist nicht gekommen, unsere Skalpe zu nehmen, das ist wahr, warum kam er nicht? Hier sind sie, auf unser» Häuptern; die Kriegslockcu sind bereit, daß man sie packen kann; ein kühner Feind soll seine Hand ausstrecken, sie zu fassen. Die Irokesen sind eine zu große Nation, um Männer zu strafen, welche Skalpe nehmen. Was sic selbst thnn, das sehen sic gern auch an Andern. Meine Tochter möge sich umsehen und meine Krieger zählen. Hätte ich so viele Hände als vier Krieger, ihre Finger wären weniger als mein Volk war, als wir in eure Jagdgründe kamen. Jetzt fehlt eine ganze Hand. Wo sind die Finger? Zwei sind abgeschnitten worden von diesem Bleichgesicht; meine Hnronen wünschen zu sehen, ob er dies; gethan hat in Kraft eines männlichen Herzens, oder durch Verrath; wie ein schleichender Fuchs, oder wie ein springender Panther." „Ihr wißt selbst, Hnronen, wie Einer davon fiel. Ich habe es gesehen, und ihr Alle auch. Es war zu blutig, um hinzu- schanen; aber es war nicht Wildtödters Schuld. Euer Krieger trachtete nach seinem Leben, und er verthcidigte sich. Ich weiß nicht, ob das gute Buch sagt, daß dieß recht gewesen, aber alle 647 Menschen werden es sagen. Kommt, wenn ihr wissen wollt, wer von cnch am besten schießen kann, gebt Wildtödtern eine Bückse, n»d dann werdet ihr sehen, wie viel erfahrener er ist, als irgend Einer enrer Krieger; ja als Alle zusammen!" Hätte Jemand eine solche Seene unbefangen und gleichgültig beobachten könne», so hätte er müssen belustigt werden durch den Ernst, womit die Wilden die Dolmetschung dieses ungewöhnlichen Verlangens anhörten. Kein Hohn, kein Lächeln mischte sich in ihr Erstaunen; denn Hctty's Wesen hatte einen zu geheiligten Charakter, als daß ihre Schwäche der Gegenstand deö Spottes der Trotzigen und Rohen hätte werden dürfen. Im Gcgentheil, man antwortete ihr mit achtungsvoller Aufmerksamkeit. „Meine Tochter redet nickt immer wie ein Häuptling am Be- rathnngsfener," erwiedcrte ihr Nivcnoak, „sonst würde sie das nicht gesagt haben. Zwei meiner Krieger sind gefallen von der Hand unseres Gefangenen; ihr Grab ist zu klein, einen Dritten anfznnehmen. Die Hnronen hänfen nicht gern ihre Tobten aufeinander. Wenn noch ein Geist im Begriff steht, nach der fernen Welt anfznbrechen, so darf es nicht der Geist eines Hnronen sein, es muß der Geist eines Bleichgesichts sein. Geht, Tochter, und setzt Enck zn Snmach, die in Trauer ist; laßt die Hnronenkrieger zeigen, wie gut sie schießen können; laßt das Bleichgesicht zeigen, wie wenig er sich um ihre Kugeln kümmert." Hetty's Geist war der Fortführung einer Erörterung nicht gewachsen, nnd gewohnt, sick den Anweisungen Aclterer zn unterwerfen, that sie wie ihr geboten, setzte sich willenlos ans einen Stamm neben die Snmach, nnd wandte ihr Antlitz ab von dem peinlichen Schauspiel, das innerhalb des Kreises anfgeführt wurde. Die Krieger nahmen, sobald diese Unterbrechung beseitigt war, ihre Sitze ein, nnd schickten sich wieder an, ihre Geschicklichkeit glänzen zn lassen, wobei sie einen gedoppelten Zweck im Auge hatten; den, die Standhaftigkeit des Gefangenen ans die Probe zn 648 stelle», und dann ferner zn zeigen, wie steil und sicher die Hand der Schutzen unter aufregenden Umstände» sei. Die Entfernung war klein und, in Einem Sinn, Sicherheit versprechend. Aber je kleiner der von den Peinigenden genommene Abstand war, um so mebr wurde die Probe für die Nerven des Gefangenen wesentlich gesteigert. Wildtödters Gesicht war in der That nur eben weit genug von dem Ende der Gewehre entfernt, um von der Explosion des PnlverS nicht gefährdet zu werden, und sein stätes Auge konnte gerade in die Mündungen ihrer Büchsen hineinsehen, gleichsam im Voraus schon den tödtlichen Bote» erschauend, der ans jeder hcr- vorbrechen sollte. Die schlauen Huronen hatten diesen Umstand wohl berechnet; und kaum Einer erhob sein Gewehr, ohne es zuerst so scharf als möglich ans die Stirne des Gefangenen anzn- legen, in der Hoffnung, seine Seclenstärkc werde ihn verlassen, und die Bande werde den Triumph genießen, ein Opfer unter ihrer sinnreichen Grausamkeit zucken und sich winde» zu sehe». Dennoch hütete» sich sämmtliche Schützen wohl, ihn zu treffen, da die Schmach, ihn vor der Zeit zn tödten, nur der nachstand, das Ziel ganz zu verfehlen. Schuß um Schuß fiel; alle Kugeln schlugen ganz nahe bei Wildtödters Kops ein, ohne ihn zn berühren. Aber noch konnte Niemand auch nur das Zucken eines Muskels von Seite» des Gefangenen, oder das leiseste Blinzeln seines Auges wahrnehmcn. Diese unbczwingliche Entschlossenheit, welche so weit alles Aehn- liche übertraf, was irgend ein Anwesender je zuvor gesehen, konnte von drei besonder» Ursachen abgeleitet werden. Die erste war: Ergebung in sein Schicksal, verbunden mit natürlicher fester Haltung und Fassung; denn unser Held hatte es ruhig mit sich abgemacht, daß er sterben müsse, und zog diese Todcsart jener andern vor; die zweite war seine vertrante Bekanntschaft gerade mit dieser Waffe, wodurch sie für ihn alles Schreckliche verlor, was sich gewöhnlich schon an die bloße Form der Gefahr knüpft; und die dritte war eben diese auch praktisch erprobte Bekanntschaft, die so weit 649 »nd fein ausgebildet war, daß das beabsichtigte Opfer bis auf den Zoll de» Fleck anzugeben wußte, wohin jede Kugel treffen müsse, denn er berechnete ihr Ziel, indem er gerade in's Rohr hineinsah. So genau war Wiidtödters Berechnung der Schußlinie, daß am Ende sein Stolz die Oberhand über feine Ergebung gewann, und er, nachdem Fünf oder Secbse ihre Kugeln in den Banm geschossen, sich nicht enthalten konnte, seine Verachtung über ihre» Mangel an sicherer Hand und sicherem Auge auszusprechcn. „Ihr mögt dicß Schießen nennen, Mingo's!" rief er, „aber wir haben Weiber unter den Delaware», und ich habe holländische Mädchen gekannt am Mohawk, die eure größten Kunststücke zu Schanden mache» konnten. Macht diese meine Arme los, gebt mir eine Büchse in die Hand, und ich will die dünnste Kriegslocke in eurer Truppe an jeden Banm nageln, den ihr mir bezeichnet, und das auf hundert Schritte; ja, oder ans zweihundert, wenn man das Ziel sehen kann, neunzehn Schüsse unter zwanzig, oder meinetwegen zwanzig unter zwanzig, wenn das Gewehr preiswürdig »nd zuverlässig ist!" Ein leises, drohendes Gemurmel folgte ans diesen kalten, herausfordernden Hohn; der Zorn der Krieger entzündete sich, als sie einen solchen Vorwurf hörten aus dem Mund eines Mannes, der ihr Beginnen so verächtlich ansah, daß er nicht einmal blinzelte, wenn man eine Büchse so nahe vor seinem Gesicht abschoß, als man konnte, ohne es ihm zu versengen. Rivenoak bemerkte, daß der Augenblick kritisch mar, und noch immer die Hoffnung nicht ansgcbend, einen so ausgezeichneten Jäger für seinen Stamm zu gewinnen, legte sich der schlaue, alte Häuptling, vermnthlich zur rechten Zeit, in's Mittel, um zu verhüten, daß man nicht augenblicklich zu dem Theil der Marter schritt, der nvthwendig durch äußerste körperliche Qual, wenn nicht in anderer Weise, den Tod zur Folge habe» mußte. Er trat mitten unter die gereizte Gruppe, redete sie mit seiner gewohnten schlauen Logik und seiner gefälligen,' 650 gewinnenden Art an, und unterdrückte sogleich die heftige Bewegung, die schon begonnen hatte. „Ich sehe, wie es ist," sagte er. „Wir sind gewesen wie die Bleichgesichter,' wenn sic bei Nacht ihre Thiiren schließen ans Furcht vor den rothen Männern. Sie brauchen so viele Riegel, daß das Feuer auskommt und ste verbrennen, ehe sie hinaus können. Wir haben den Wildtödter zu fest gebunden. Die Bande hindern seine Glieder, zu zittern, und seine Auge», sich zu schließen. Lockert sie ihm; laßt uns sehen, ans welchem Stoffe sein eigener Körper wirklich besteht!" Es ist oft der Fall, wenn wir in einem Licblingsplan uns getauscht sehen, daß wir gerne zn jedem Ansknnstsmittel, mag es auch noch so wenig Aussicht ans Erfolg verbürgen, greisen, ehe wir unfern Zweck ganz anfgeben. Sv war es bei den Hnroncn. Der Vorschlag des Häuptlings fand augenblicklich Beifall; und mehrere Hände waren sofort geschäftig, die Bastseile vom Leib unseres Helden wegznreißen und zn schneiden. Nach einer halben Minute stand Wildtödter so frei von Banden da, wie er eine Stunde zuvor seine Flucht am Berg hin begonnen hatte. Ein wenig Zeit brauchte es, bis er den Gebrauch seiner Glieder wieder erlangte, denn der Umlauf des Blutes war durch die Festigkeit der Bande gehemmt worden; und diese ward ihm von Rivenoaks Politik bewilligt unter dem Vorwand, daß sein Körper für Furcht und Schrecken empfänglicher sein würde, wenn er seine rechte Stimmung wieder gewonnen habe; eigentlich aber war seine Absicht, den heftigen wilden Leidenschaften, die in der Brust seiner jungen Männer rege geworden waren, Zeit zn lassen, sich wieder zn legen. Diese List gelang; und Wildtödter, indem er sich die Glieder rieb, mit den Füßen stampfte und sich Bewegung machte, stellte bald den Umlauf des Blutes wieder her, und gewann wieder seine ganze physische Kraft so vollständig, als wenn gar nichts sie gestört und geschwächt hätte. 651 Selten denken die Menschen an den Tod in dem stolzen Gefühl ihrer Gesundheit nnd Stärke. So war es bei Wildtvdtcr. Nachdem er hilflos gebunden, und, wie er allen Grund gehabt zu glaube», so ganz kürzlich erst am Rande der andern Welt gewesen war, wirkte jetzt das, daß er sich so unerwartet befreit, im Besitz seiner Kraft, und völlig Herr seiner Glieder sah, ans ihn wie eine plötzliche Wiederbelebung, und fachte in ihm wieder Hoffnungen an, die er zuvor schon ganz anfgegeben hatte. Von diesem Augenblicke an änderten sich alle seine Plane. Hierin gehorchte er einfach einem Gesetz der Natur; denn wenn wir unfern Helden als ergeben in sein Schicksal darznstellen wünschten, war es doch entfernt nicht unsere Absicht, ihn als verlangend nach dem Tode zu schildern. Von dem Augenblick an, wo sein Kraftgcfiihl frisch wieder anflebte, waren seine Gedanken lebhaft ans die verschiedenen Entwürfe gerichtet, die sich ihm darboten, um mittelst ihrer den Anschlägen seiner Feinde sich zu entziehen; und er wurde wieder der besonnene, sinnreiche und entschlossene Waldmann, der aller seiner Kräfte nnd Hilfsquellen sich bewußt und sie zu benutzen bereit war. Der Wechsel war so groß, daß auch sein Geist wieder seine Spannkraft gewann; und nicht mehr an Unterwerfung denkend, verweilte er nur bei den Listen nnd Anschlägen der Art von Kriegführung, worin er jetzt verwickelt war. Sobald Wildtödtcr losgebunden war, vcrtheilte sich die Bande in einen Kreis um ihn her, um ihn einzuhegen; und der Wunsch, seinen Muth nnd Geist zu brechen, wuchs in ihnen, je mehr sie Beweise von der Schwierigkeit sahen, ihn zu beugen. Die Ehre der Truppe stand jetzt bei dem Ansgang auf dem Spiel; und selbst das schöne Geschlecht verlor all' sein Mitgefühl mit menschlichem Leiden über dem Wunsch, die Ehre des Stammes gerettet zu sehen. Die Stimmen der Mädchen, sanft nnd melodisch wie die Natur sie geschaffen, hörte man mit den Drohungen der Männer sich mischen; und die der Snmach widerfahrenen Unbilden nahmen 652 plötzlich de» Charakter von kränkenden Leiden an, die jedes huro- nische Weib betroffen. Diesem sich erhebenden Tumnlt nachgebend, zogen sich die Männer ein wenig zurück, den Weibern bedeutend, daß sie den Gefangenen eine Weile in ihren Händen ließen; denn es war bei solcher Gelegenheit ein gewöhnlicher Kunstgriff, daß die Weiber durch ihre Verhöhnungen und Schmähungen das Opfer in einen Zustand von Wuth zu versetzen suchten, und es dann plötzlich den Männern überlieferten, in einem Gcmüthsznstand, der wenig günstig war, den Qualen körperlicher Peinigung Widerstand zu leisten. Auch war diese Gesellschaft nicht ohne die geeigneten Werkzeuge, einen solchen Zweck zu erreichen. Sumach hatte einen großen Ruf als Keiferin und Schreierin; und ein paar alte Weiber, wie die Bärin, waren mit der Truppe ausgczogen, höchst wahrscheinlich als Wächterinnen des Anstands und der moralischen Discipli»; denn dergleichen kommt im wilden so gut wie im civi- lisirten Leben vor. Es ist nnnöthig, Alles zu wiederholen, was Wildheit und Unwissenheit zu diesem Behuf zu ersinnen vermochten; der einzige Unterschied zwischen diesem Ausbruch weiblichen Zorns und einer ähnlichen Scene unter uns bestand nur in den Redefiguren und den Prädikaten; — die huronischcn Weiber benannten ihren Gefangenen mit den Namen der niedrigsten und verachtetsten Thiere, die ihnen bekannt waren. Aber Wildtödters Geist war zu sehr beschäftigt, als daß er hätte durch das Schimpfen erbitterter Hexen sollen gestört werden; und da ihre Wuth nothwendig mit seiner Gleichgültigkeit stieg, so wie seine Gleichgültigkeit mit ihrer Wuth, wurden die Furien bald durch das Uebermaaß unfähig, weiter fort zu machen. Die Krieger, als sie bemerkten, daß dieser Versuch gänzlich fehlgeschlagen, traten in's Mittel und machten der Scene ein Ende; und dieß um so mehr, da man jetzt ernstlich Vorbereitungen machte zu dem Anfang der wirklichen Martern, derjenigen, welche die Seelenstärke des Dulders auf die Probe heftiger, körperlicher Schmerzen stellen 653 sollten. Eine plötzliche, unvorhergesehene Meldung jedoch, die Einer der ausgestellten Kundschafter, ein Knabe von zehn oder zwölf Jahren, brachte, hemmte für einen Augenblick das ganze Beginnen. Da diese Unterbrechung in engem Zusammenhang mit dem üönouement unserer Geschichte steht, wollen wir sie in einem besondern Kapitel berichten. Dreißigstes Kapitel. So meinst du — wie wohl Jeder meint Das Gleiche, weil's dem Aug' so scheint; Doch andre Ernte sank. Als die des Bauers Sichel fällt, Vor härtrer Hand auf diesem Feld. Durch Speer und Klingen blank. Scott. Es ging über Wildtödters Vermögen, zu erfahren, was den plötzlichen Stillstand in den Bewegungen seiner Feinde veranlaßt hatte, bis die Sache sich im ordentlichen Verlauf der Ereignisse offenbarte. Er bemerkte, daß große Unruhe besonders unter den Weibern herrschte, wahrend die Krieger in einer Art würdevoller Erwartung auf ihre Waffen gelehnt blieben. Es war klar, daß kein Alarm entstanden, obwohl nicht eben so augenfällig war, daß ein erwünschtes Ereigniß die Verzögerung herbeiführte. Rivenvak war sichtlich von Allem unterrichtet, und durch eine Bewegung seines Armes schien er dem Kreise zu bedeuten, er solle unaufgelöst bleiben, und Jedes soll den Ausgang der Sache in der Stellung abwarten, in der es sich gerade befinde. Es bedurfte nur ein paar Minuten, um die Erklärung dieser sonderbaren und geheim- vollen Pause zu bringen, welche bald dadurch ihr Ende erreichte, daß Judith hinter der Linie von Huronen erschien, und sofort in den Kreis eingelassen wurde. Wenn Wildtödter erstaunt war über diese unerwartete An- 654 kunft, da er wohl wußte, daß das geschcidte und geistesgegenwärtige Mädchen keineswegs Ansprüche hatte ans die Befreiung von den Leiden und Folgen der Gefangenschaft, die inan ihrer schwachsinnigen Schwester so gerne bewilligte, so war er nicht minder betroffen über den Auszug, worin sie erschien. Ihr ganzer gewöhnlicher Waldanzug, so sauber und paffend dieser in der Regel war, war vertauscht worden mit dem schon erwähnten Brokatkleid, das schon einmal an ihrer Person eine so große und zauberhafte Wirkung hervorgebracht hatte. Dies; war noch nicht Alles. Gewohnt, die Lady's der Garnison in der förmlichen Galatracht des Tages zu sehen, und vertrant mit den feiner», genauem Zierlichkeiten in diesen Dingen, hatte das Mädchen ihren Anzug dergestalt zu vervollständigen gewußt, daß kein auffallender Mangel im Detail sichtbar wurde, und nicht einmal ein Mangel an Uebereinstimmnng hervortrat, der einer in die Geheimnisse der Toilette Eingeweihten hätte ansfallcn muffen. Kopf, Füße, Arme, Hände, Büste und Faltenwurf — Alles war in Harmonie, — was man damals am weiblichen Anzug reizend und harmonisch fand; und das Vorhaben, ans das sic ausging, nämlich den ungelehrten, sinnlichen Wilden zu imponircn, indem sie sie glauben machte, ihr Besuch sei eine Frau von hohem Stand und Bedeutung, hätte ihr gar leicht gelingen können bei Solchen, die vermöge ihrer Lebensgewohnheiten zwischen den Personen derlei Unterschiede zu machen gelernt hatten. Neben ihrer seltenen, natürlichen Schönheit besaß Judith eine ausgezeichnete Grazie in ihrem Wesen, und ihre Mutter hatte ihr genug von ihrer Haltung und ihrem Anstand beigcbracht, lim ans ihrem Benehmen jeden anstößigen oder auffallenden Zug von Gemeinheit zu verbannen; so daß, die Wahrheit zu gestehen, der prächtige Anzug beinahe in jedem andern Falle übler an seinem Platze gewesen wäre. In einer Hauptstadt hätten ihn Tausend tragen können, ehe sich Eine gefunden, die den lebhaften Farben, dem schimmern- den Maß', und den reichen Spitzen mehr Ehre gebracht hätten, als das schöne Wesen, deren Person er jetzt schmücken half. Die Wirkung einer solchen Erscheinung war nicht übel berechnet. Im Augenblick, wo Judith sich innerhalb des Kreises befand, ward sie einigermaßen für die furchtbare persönliche Gefahr, der sie sich anssetzte, entschädigt durch den unzweideutigen Eindruck von Ueberraschung und Bewunderung, den ihre Erscheinung hcrvorbrachte. Die grimmigen alten Krieger ließen ihre» Lieblingsruf: ,Hnghff hören. Die jünger» Männer waren noch stärker hingenommen, und selbst die Weiber blieben nicht zurück, ihr Wohlgefallen durch offene Aenßernngcn kund zu geben. Nur selten hatten diese rohen Kinder des Waldes andere weiße Frauen, als von der niedrigsten Klaffe, gesehen, und was Kleider betrifft, so hatte ihr Auge noch nie so viel Glanz und Schimmer erblickt. Die lustigsten Uniformen von Franzosen und Engländern erschienen matt, verglichen mit dem schillernden Brokat; und während die seltene körperliche Schönheit der Trägerin die Wirkungen der Farben noch erhöhte, verfehlte der Anzug nicht, diese Schönheit noch hcrvvrznheben in einer Art, welche selbst die Hoffnungen des Mädchens übertraf. Wildtödter selbst war ganz verblüfft, »nd dieß ebensosehr über das glänzende Bild, welches das Mädchen darbot, als über die Gleichgültigkeit gegen die Folgen, womit sie der Gefahr des gethancn Schrittes trotzte. Unter solchen Umständen warteten Alle ab, bis der Besuch seine Absicht erklären würde, die den Meisten der Zuschauer ebenso unbegreiflich schien, wie dessen Erscheinung. „Welcher von diesen Krieger» ist der vornehmste Häuptling?" fragte Judith den Wildtödter, sobald sie merkte, daß man von ihr die Eröffnung der Unterredung erwartete; „mein Auftrag ist zu wichtig, um an Einen von niedrigerem Rang bestellt zu werden. Zuerst erklärt den Hnronen, was ich sage; dann gebt mir Antwort ans die Frage, die ich gcthan." Wildtödter gehorchte ruhig, und seine Zuhörer horchten begierig auf die Dolmetschung der ersten Worte aus dem Mund einer so außerordentlichen Erscheinung. Das Verlangen schien vollkommen im Charakter einer Person, die selbst allem Anschein »ach einem hohen Stand angehörte. Rivcnoak ertheilte eine geeignete Antwort, indem er sich seinem schönen Besuch in einer Art vorstellte, die keine» Zweifel übrig ließ, daß er zu all' der Achtung berechtigt sei, die er in Anspruch nahm. „Ich kann das glauben, Hnrone," begann Judith wieder, und spielte ihre angenommene Rolle mit einer Festigkeit und Würde, die ihrem Nachahmnngstalent Ehre machte, denn sie war bemüht, ihrem Benehmen die herablassende Artigkeit zu verleihen, die sie einmal bei der Gattin des Generals bei einer ähnlichen, obwohl friedlicheren Scene beobachtet hatte; „ich kann glauben, daß Ihr die wichtigste Person dieser Truppe seid; ich sehe in Eurem Angesicht die Züge des Nachdenkens und der Besonnenheit. An Euch also muß ich meine Mitthcilnng richten." „Möge die Blume der Wälder sprechen," erwiederte der alte Häuptling höflich, sobald ihre Anrede so gedolmetscht war, daß Alle sie verstehen mochten. „Wenn ihre Worte so lieblich sind wie ihr Aussehen, werden sie nie meine Ohren verlassen; ich werde sie noch hören, lange nachdem der Winter von Canada alle Blumen des Sommers gctödtet und alle seine Reden erstarren gemacht hat." Diese Bewunderung schmeichelte Judith bei der ihr eigenen Gemüthsart, und sie trug ebensoviel bei, ihr ihre Selbstbeherrschung zu erleichtern, als sie ihre Eitelkeit befriedigte. Sie lächelte unwillkürlich, oder trotz ihrem Vorsatz, zurückhaltend zu erscheinen, und fuhr nun weiter in ihrem Gewerbe fort. „Nun, Hnrone," sprach sie, „hört meine Worte. Eure Angen sagen Euch, daß ich kein gewöhnliches Weib bin. Ich will nicht sagen, daß ich die Königin dieses Landes sei; die ist weit weg von hier, in einem fernen Lande; aber unter unfern großmächtigen Monarchen sind viele Abstufungen des Ranges, und eine davon nehme ich ei». Welches dieser Rang sei, ist nnnöthig, so genau anzugeben, denn Ihr würdet es doch nicht verstehen. Euch darüber zu belehren müßt Ihr Euer» sehenden Angen überlassen. Ihr schaut, was ich bin; Ihr müßt fühlen, indem Ihr meine Worte höret, daß Ihr Eine höret, die Eure Freundin oder Eure Feindin zu sein vermag, je nachdem Ihr sie behandelt." Dies; ward ganz angemessen vorgetragen, mit gebührender Rücksicht auf ihr Benehmen und mit einer sichern Festigkeit des Tones, die in der That überraschend war, in Betracht aller Umstände des Falles. Auch ward diese Rede gut, obwohl einfach, in die indianische Sprache überseht, und mit einem Ernst und einer Achtung anfgenommen, die für den Erfolg des Mädchens nur Gutes weissagten. Aber die Gedanken der Indianer lassen sich nicht so leicht bis auf die innerste Quelle ergründen. Judith wartete mit ängstlicher Spannung auf die Antwort, eben so sehr von Hoffnung als von Zweifel erfüllt. Rivenoak war ein fertiger Sprecher, und er antwortete so rasch, als sich mit den Begriffen von indianischem Wohlstand vertrug; denn dies; eigcnthümliche Volk scheint eine kurze Verzögerung der Antwort für ein Zeichen der Achtung zu halten, sofern dadurch au den Tag gelegt wird, daß mau die vernommenen Worte auch gebührend erwogen hat. „Meine Tochter ist schöner als die wilden Rosen am Ontario; ihre Stimme ist lieblich für das Ohr wie der Gesang des Zaunkönigs," antwortete der vorsichtige und schlaue Häuptling, der allein unter der ganzen Bande sich nicht ganz hinnehmen ließ von der prächtigen und ungewöhnlichen Erscheinung Judiths, und der bei seiner Verwunderung doch noch Mißtrauen hegte; „der Colibri ist nicht viel größer als die Biene, und doch sind seine Federn so glänzend wie der Schweif des Pfauen. Der Große Geist verleiht manchmal sehr prächtige Kleider sehr kleinen Thicreu. Und doch bedeckt er das Elennthier auch mit groben Haaren. Diese Dinge Der Wildtödter. 42 658 gehen über das Verständnis; von arme» Indianern, die n»r begreifen können, was sie sehen nnd höre». Ohne Zweifel hat meine Tochter einen sehr großen Wigwam irgendwo in der Nähe des See's, die Hnronen haben ihn nicht gefunden in ihrer Unwissenheit." „Ich habe Euch gesagt, Häuptling, es wäre unnütz, meinen Rang nnd meinen Aufenthaltsort zu nennen, da Ihr doch davon nichts verstehen würdet. Ihr müßt Euer» Augen glauben, was diese Kunde betrifft; welcher rothe Man» ist hier, der nicht sehen könnte? Dieß Tuch, das ich trage, ist nicht das Tuch einer gewöhnliche» Squaw; diese Schmncksachc» sind von der Art, wie nur die Frauen und Töchter der Häuptlinge darin erscheinen. Jeht horcht auf nnd vernehmt, warum ich allein unter Euer Volk gekommen bin, nnd achtet auf das Anliegen, das mich hierher geführt hat. Die Jengecse haben junge Männer, so gut wie die Hnronen, nnd zwar haben sie Deren genug; das wißt Ihr wohl!" „Der Jengecse sind so viele, als Blätter auf den Bäumen! das weiß nnd fühlt jeder Huronc." „Ich verstehe Euch, Häuptling. Hätte ich eine Truppe mit mir genommen, so hätte Euch das in Unruhe sehen können. Meine jungen Männer nnd die Enrigcn würden einander zornig angeschant haben; zumal wenn meine jungen Männer dieß Bleichgesicht gesehen hätten, das Ihr zu Martern bestimmt habt. Er ist ein großer Jäger nnd sehr geliebt von allen Garnisonen in der Nähe und Ferne. Es hätte einen Kampf um ihn gegeben, und der Weg der Irokesen heim nach den Canada's wäre mit Blut bezeichnet worden." „Es ist schon so viel Blut darauf," versetzte der Häuptling finster, „daß es unsere Angen blendet. Meine jungen Männer sehen, daß es alles Blut der Hnronen ist." „Ohne Zweifel; nnd noch mehr Hnronenblnt würde vergossen werden, wenn ich umgeben von Bleichgesichtern gekommen wäre. Ich habe von Rivenoak gehört, und habe gedacht, es würde besser sein, ihn im Frieden in sein Dorf heimznschicken, das; er seine Weiber nnd seine Kinder daheim ließe, wenn er dann Lnst hätte, unsere Skalpe zn holen, würden wir ihm entgegen treten. Er liebt Thiere ans Elfenbein gemacht nnd kleine Büchsen. Seht; ich habe einige mitgebracht, sie ihm zn zeigen. Ich bin seine Freundin. Wenn er diese Dinge zn seinen Gütern gepackt hat, wird er nach seinem Dorfe anfbrechen, ehe einer von meinen jungen Männern ihn einholcn kann, nnd dann wird er seinem Volke in Canada zeigen, welche Schätze sie hier suchen können, jetzt nachdem unsere großen Väter über den Salzsee einander die Kriegsaxt zngeschickt haben. Ich will zurück mit dem großen Jäger, dessen ich bedarf, nm mein Hans mit Wildprct zn versorgen." Judith, mit der indianischen Phraseologie hinlänglich vertrant, bemühte sich, ihre Gedanken in der diesem Volke eigenen senten- tiösen Weise anszudrücken, nnd es gelang ihr sogar über ihre eigene Erwartung. Wildtödtcr ließ ihr in seiner Dolmetschung alle Gerechtigkeit widerfahre», nnd das um so bereitwilliger, als das Mädchen sich sorgfältig hütete, eine eigentliche Unwahrheit vorznbringen, — eine Huldigung, die sie der ihr bekannten Abneigung des jungen Mannes gegen Lügen zollte; denn diese hielt er für eine der Gaben eines weißen Mannes ganz unwürdige Niederträchtigkeit. Das Anbietcn der noch zwei übrigen Stephanien nnd der früher erwähnten Pistolen, deren eine freilich durch den Unfall vor Kurzem ziemlich gelitten hatte, brachte eine lebhafte Aufregung unter den Hnrvnen im Ganze» hervor; Rivenoak aber nahm es kalt ans, trotz des Entzückens, womit er zuerst die Wahrscheinlichkeit der Existenz einer Kreatur mit zwei Schwänzen entdeckt hatte. Mit einem Wort, dieser kühle und scharfsichtige Wilde ließ sich nicht so leicht imponiren wie seine Genossen; und mit einem Ehrgefühl, das die Hälfte der civilisirten Welt über- 42 * 660 trieben gefunden haben wurde, lehnte er die Annahme einer Bestechung ab, die er nicht gemeint war durch Erfüllung der Wünsche der Geberin zu verdienen. „Behalte meine Tochter ihr zweischwänziges Schwein, es zu essen, wenn es an Wildpret fehlt," antwortete er trocken, „und auch das kleine Gewehr mit zwei Mündungen. Die Huronen werden Wild tödten, wenn sie hungrig sind; und sie haben lange Büchsen, damit sie kämpfen. Dieser Jäger kann jetzt meine jungen Männer nicht verlassen: sie wünschen zu wissen, vb er so tapfer» Herzens ist, als er prahlt." „Das längne ich, Hnronc," unterbrach ihn Wildtödtcr mit Wärme; „ja, das längne ich schnurstracks, da es gegen Wahrheit und Vernunft ist. Kein Mensch hat gehört, daß ich prahle, und soll es auch Keiner, und wenn Ihr mich auch lebendig schindet, und dann das zuckende Fleisch röstet, mit Euren höllischen Tücken und Grausamkeiten! Ich bin wohl niedrig und unglücklich, und Euer Gefangener; aber ich bin kein Prahler; schon vermöge meiner Gaben." „Mein junges Bleichgesicht prahlt, er sei kein Prahler," versetzte der schlaue Häuptling; „er muß Recht haben. Ich höre einen seltsamen Vogel singen. Er hat sehr prächtige Federn. Kein Hnrone hat je solche Federn gesehen! Sie werden sich schämen, znrückznkehren in ihr Dorf, und ihrem Volke zu sagen, sie haben ihren Gefangenen ziehen lassen wegen des Gesangs dieses fremden Vogels, ohne im Stande zu sein, den Namen dieses Vogels anzngeben. Sie wissen nicht zu sagen, ob es ein Zaunkönig ist oder ein Katzenvogel. Das wäre eine große Schmach; man würde meine jungen Männer nicht in die Wälder ziehen lassen, ohne daß sie ihre Mütter mitnähmcn, ihnen die Namen der Vögel zu sagen!" „Ihr könnt Euren Gefangenen nach meinem Namen fragen," versetzte das Mädchen. „Er ist Judith; und es steht viel von 661 der Geschichte der Judith in der Bleichgesichter bestem Buch, der Bibel. Wenn ich eiu Vogel mit schönen Federn bin, so habe ich auch meinen Namen." „Nein," antwortete der schlaue Hnrone, seine lange geübte List und Verstellung verrathcnd, indem er mit ziemlicher Richtigkeit Englisch sprach, „ich nicht Gefangenen fragen. Er ermüdet; der Ruhe bedürfen. Ich frage meine Tochter mit dem schwachen Geist. Sie die Wahrheit sprechen. Kommt her, Tochter; Ihr antworten. Euer Name Hetty?" „Ja, so nennt man mich," antwortete das Mädchen, „obwohl er in der Bibel Esther geschrieben ist." „Es ihn auch in die Bibel schreiben! Alles in die Bibel schreiben. Einerlei — was ihr Name?" „Der ist Judith, und er ist so in der Bibel geschrieben, obgleich der Vater sie manchmal Jude nannte. Das ist meine Schwester Judith, Thomas Hutters Tochter — Thomas Hutters, den Ihr Bisamratte nanntet, obgleich er keine Bisamrayc war, sondern ein Mensch wie Ihr — er wohnte in einem Hans ans dem Wasser, und das war genug für Euch!" Ein trinmphirendes Lächeln blihte über das hartgesnrchte Gesicht des Häuptlings, als er sah, wie pvllständig ihm der Versuch gelungen, die wahrheitsliebende Hetty znm Sprechen zu bringen. Judith selbst, im Augenblick, wo ihre Schwester befragt wurde, erkannte, daß Alles verloren war, denn kein Winken, kein Bitten selbst, hätte das redlichgesinnte Mädchen vermocht, eine Lüge zu reden. Das; der Versuch, eine Tochter der Bisamrahe den Wilden als eine Fürstin oder als eine vornehme Dame anszngeben, mißlingen mußte, wußte sie; und sie sah ihren kecken und sinnreichen Einfall zur Befreiung des Gefangenen durch eine der einfachsten und natürlichsten Ursachen, die man sich denken konnte, scheitern. Sie richtete daher ihr Auge auf Wildtödtcr, ihn gleichsam anstehend, sich der Sache anznnehmen, um sic Beide zu retten. 662 „Es wird nicht gehen, Judith," sagte der junge Mann, auf diese stumme Aufforderung antwortend, die er wohl oerstand, aber als fruchtlos erkannte; „es wird nicht gehen. Es war eine kecke Idee, und passend für eine Geueralsfrau; aber der Miugv dort —" Rivcuoak hatte sich in einige Entfernung zurückgezogen, so daß er ihn nicht verstehen konnte — „aber der Mingo dort ist kein gewöhnlicher Mann, und nicht zu täuschen durch unnatürliche Listen. Die Dinge müssen in ihrer rechten Ordnung vor ihn kommen, um eine Wolke vor seinem Auge zu verbreiten! Es war zu viel, ihm vorspiegeln zu wollen, daß eine Königin oder vornehme Lady in diesen Bergen lebte, und ohne Zweifel denkt er, die schönen Kleider, die Ihr tragt, seien von dem Raube Eures Vaters — oder wenigstens Dessen, der für Euren Vater galt; was auch gern wahrscheinlich ist, wenn Alles wahr ist, was man sagt." „In jedem Falle, Wildtödtcr, wird meine Anwesenheit hier Euch eine Zeit lang fristen. Sie werden schwerlich versuchen, Euch vor meinen Angen zu martern!" „Warum nicht, Judith? Meint Ihr, sie werden mit einem Weib von den Bleichgesichtern zärtlicher verfahren, als mit ihren eigenen? Es ist wahr, Euer Geschlecht wird Euch selbst höchst wahrscheinlich gegen die Martern schützen, aber Euch nicht Eure Freiheit und Euren Skalp sichern. Ich wollte, Ihr wäret nicht gekommen, meine gute Judith, es kann mir keinen Vortheil, aber Euch großes Unheil bringen!" „Ich kann Euer Schicksal thcilen," antwortete das Mädchen mit großherzigem Enthusiasmus. „Sie sollen Euch kein Leid thnn, so lange ich dabei bin, wenn es in meiner Macht steht, es zu verhindern — zudem —" „Zudem, was, Judith? Welche Mittel habt Ihr, indianischer Grausamkeit Einhalt zu thnn, oder indianische Teufeleien abznwenden?" „Vielleicht keine, Wildtödtcr," versetzte das Mädchen mit 663 Festigkeit, „aber ich kann mit meinen Freunden leiden — Mt ihnen sterben, wenn's nöthig ist." Ach! Judith — leiden werdet Ihr vielleicht, aber sterben werdet Ihr nicht, als bis die vom Herrn bestimmte Stunde kommt. Es ist unwahrscheinlich, daß Eine von Eurem Geschlecht und Eurer Schönheit ein härteres Schicksal trifft, als daß sie das Weib eines Häuptlings wird, wenn anders Eure weißen Neigungen sich zur Ehe mit einem Indianer bequemen. Es wäre besser, Ihr wäret in der Arche oder im Kastell geblieben; aber was geschehen ist, ist geschehen. Ihr wolltet Etwas sagen, als Ihr stocktet bei: zudem — ?" „Es möchte nicht gerathen sein, cs hier anszusprechen, Wild- tödter!" antwortete das Mädchen hastig, wie nachlässig an ihm vorbeigehcnd, um leise reden zu können; „eine halbe Stunde gilt uns Alles. Keiner Eurer Freunde ist massig." Der Jäger antwortete nur mit einem dankbaren Blick. Dann wandte er sich zu seinen Feinden, seine Bereitwilligkeit zeigend, den Marter» wieder die Stirne zu bieten. Eine kurze Berathung war zwischen den Aeltern der Bande gepflogen worden, und mittlerweile waren sie mit ihrer Entscheidung gefaßt. Die milde Gesinnung Nivenoaks war durch Judiths List sehr geschwächt worden, welche statt ihren wahren Zweck zu erreichen, gerade die entgegengesetzten Ergebnisse von den beabsichtigten zu liefern drohte. Dieß war natürlich: denn zum klebrigen kam noch die Erbitterung eines Indianers, der sah, wie nahe er daran gewesen, sich von einem unerfahrenen Mädchen überlisten zu lassen. Inzwischen hatte man Judiths wahre Verhältnisse vollkommen erkannt, und der weitverbreitete Ruf ihrer Schönheit trug zu der Entdeckung bei. Was den ungewöhnlichen Anzug betrifft, so wurde er mit dem tiefen Geheimnis; der zweischwänzigen Thiere in Verbindung gebracht, und verlor für den Augenblick allen Einfluß. Als daher Rivenoak den Gefangenen wieder in's Ange faßte, 664 war der Ausdruck seines Gesichts sehr verändert. Er hatte den Wunsch, ihn zu retten, aufgcgebeu, und war nicht mehr geneigt, die ernstern Martern noch länger zu verschieben. Diese veränderte Stimmung hatte sich in ihrer Wirkung de» jungen Männern mit- getheilt, welche schon rüstig ibre Vorbereitungen sür die beabsichtigte Scene trafen. Stücke trockenen Holzes wurden rasch um den jungen Baum her gesammelt — die Splitter, die man dem Opfer in's Fleisch stoßen und daun anzünden wollte, waren alle gesammelt, und die Bastseile schon in Bereitschaft, um ihn wieder au den Baum zu binden. Dies; Alles geschah in tiefem Schweigen; Judith beobachtete jede Bewegung mit athcmloser Erwartung, während Wildtödter selbst anscheinend so unbeweglich dastand, wie eine der Fichten auf den Bergen. Als jedoch die Krieger, um ihn zu binden, vortratcn, warf der junge Mann Judith einen Blick zu, wie fragend, ob Widerstand oder Ergebung das Rathfamste sei. Durch eine bedeutungsvolle Geberde rieth sie zur letzter»; und in einer Minute war er wieder an den Baum gebunden, eine hilflose Zielscheibe jeder Schmähung oder Mißhandlung, die man ihm bieten mochte. So eifrig waren jetzt Alle, zu handeln, daß kein Wort gesprochen wurde. Sofort ward der Scheiterhaufen augezündet, und mit gespannter Erwartung sah man dem Ende von Allem entgegen. Es war nicht die Absicht der Huroneu, ihrem Opfer mittelst des Feuers geradezu das-Leben zu nehme». Sie beabsichtigten nur, seine physische Kraft und Ausdauer auf die härteste Probe zu stellen, die sie, ohne ganz zu erliegen, ertragen könnte. Am Ende hatten sie den Plan, seinen Skalp mit sich in ihr Dorf zu nehmen, aber sie wünschten vorher seine Entschlossenheit zu brechen und ihn zum klagenden Dulder zu erniedrigen. Zu diesem Behufe war der Haufen von Zweigen und Gestrüppe in einer geeigneten Entfernung aufgcthürmt worden, wo, wie mau berechnete, die Hitze bald unerträglich werden würde, ohne geradezu auch schon gefährlich 665 und tödtlich zu sein. Aber, wie es bei solchen Gelegenheiten oft geschah, die Entfernung war nicht richtig berechnet, nnd die Flammen begannen schon dem Opfer so nahe iirs Gesicht zu züngeln, daß der nächste Augenblick den Tod hätte bringen könne», wenn nicht Hetty durch den Haufen gedrungen wäre, mit einem Stecken bewaffnet, nnd den lodernden Scheiterhaufen nach allen Richtungen auseinander geschlendert hätte. Mehr als Eine Hand erhob sich, um die anmaßende Störerin zu Boden zu schlagen; aber die Häuptlinge verhinderten eine Mißhandlung nnd erinnerten ihre aufgebrachten Leute an ihren Geisteszustand. Hetty selbst war der Gefahr, die sie lief, sich nicht bewußt, und sobald sie diese kecke That vollbracht, stand sie da, nnd sah sich mit finsterem Mißfallen und Unwillen um, als wollte sie dem Schwarm der sic aufmerksam betrachtenden Wilden ihre Grausamkeit vorrücken. „Gott segne'dich; liebste Schwester, für diese muthige nnd besonnene That!" flüsterte Judith, selbst so abgespannt, daß sie zum Handeln unfähig war; „der Himmel selbst hat dich mit seiner heiligen Vollmacht gesandt!" „Es war gut gemeint, Judith," fiel das Opfer ein; „es war trefflich gemeint, und es kam zur rechten Zeit, obwohl es am Ende doch unzeitig gewesen sein mag. Was cintreten soll, muß bald eintreteu, sonst wird es in Kurzem zu spät sein. Hätte ich beim Athmen einen Mundvoll von dieser Flamme eingcsogen, so könnte keine menschliche Macht mein Leben retten; und Ihr seht, sie haben mir dießmal die Stirne so fest gebunden, daß mein Kopf nicht die mindeste Freiheit nnd Wahl hat. Es war gut gemeint; aber cs wäre vielleicht eine größere Barmherzigkeit gewesen, die Flammen ihr Werk vollende» zu lassen." „Grausame, herzlose Hnronen!" rief die noch immer empörte Hetty; „wolltet ihr einen Mann, einen Christen verbrennen, wie ein Scheit Holz? Lest ihr nie In euer» Bibeln, oder meint ihr, Gott werde solche Dinge vergessen?" 666 Eine Geberde Rivenoaks gebot, die zerstreuten Brände wieder zu sammeln; frisches Holz ward gebracht, und selbst Weiber und Kinder waren eifrig und geschäftig, trockene Stecken herbeizn- schaffen. Die Flamme loderte eben znm zweiten Mal auf, als eine Indianerin durch den Kreis sich drängte, auf den Haufen znschritt, und mit dem Fuß noch zu rechter Zeit die brennenden Zweige bei Seite stieß, um das Anfflammc» des Ganzen zu verhindern. Ein gellender Schrei folgte auf diese zweite Störung; aber als die Thätcrin sich gegen den Kreis wandte, »nd Hists Angesicht erkannt wurde, erfolgte ein allgemeiner Ausruf der Freude und Ueberraschnng. Eine Minute lang blieb jeder Gedanke, das vorliegende Geschäft fortznsetzcn, vergessen, und Alt und Jung drängten sich hastig um das Mädchen, eine Erklärung ihrer plötzlichen, unerwarteten Zurückknnft begehrend. In diesem kritischen- Augenblick sprach Hist mit leiser Stimme zu Judith, gab ihr einen kleinen Gegenstand ungesehen in die Hand, und wandte sich daun, um die Begrüßungen der huronischen Mädchen zu erwiedern, bei denen sie persönlich sehr beliebt mar. Judith gewann ihre Fassung wieder und handelte rasch. Das kleine, scharfschneidende Messer, das Hist ihr in die Hand gedrückt hatte, ward vvn Judith in die Hand Hctty's befördert, als die sicherste und am wenigsten verdächtige Vermittlerin an Wildtödter. Aber der schwache Verstand der Letzter» vereitelte die wohlbcgrnndeten Hoffnungen von allen Dreien. Statt erst die Hände des Opfers losznmachen, »nd ihm dann heimlich das Messer in die Kleider zu stecken, damit er im günstigsten Augenblick sich desselben bedienen konnte, machte sie sich selbst mit Ernst und Einfalt an's Werk, die Seile zu zerschneiden, welche seine» Kopf gebunden hielten, damit er nicht wieder in Gefahr komme, Flammen einznathmcn. Natürlich sah man dieß bedächtliche Beginnen, und that Hetty's Händen Einhalt, ehe sie mehr als den ober» Theil von des Gefangenen Leib, die Arme unter den Ellbogen nicht miteingeschlossen, befreit hatte. Diese 667 Entdeckung erweckte sofort Mißtrauen gegen Hist; und zu Judiths Erstaunen zeigte dieß kluge Mädchen, als inan sie darüber zur Rede setzte, keine Neigung, ihre Theilnahme an dem, was vor- gegangcn war, zu läugnen. „Warum sollte ich dem Wildtödter nicht helfen?" fragte das Mädchen im Ton eines Weibes von festem Willen und Gcmüth. „Er ist der Bruder eines Dclawaren-Hänptlings; mein Herz ist ganz delawarisch. Kommt hervor, erbärmlicher Briarthorn, »nd wascht die Jrokesen-Bemalnng von Eurem Angesicht, steht vor die Huro- nen hin, als die Krähe, die Ihr seid; Ihr würdet eher das Aas Eurer eignen Tobten essen, als Hunger leiden. Stellt ihn Wildtödter gegenüber, Stirn gegen Stirn, Häuptlinge und Krieger, ich will euch zeigen, welch einen großen Schurken ihr in eurem Stamme geduldet habt." Diese kühne Rede, in ihrer eigenen Sprache und mit dem zuversichtlichsten Benehmen vorgetragen, machte einen tiefen Eindruck unter den Hnronen. Verrätherei zieht immer Mißtrauen nach sich; und obgleich der Neberlänfer Briarthorn dem Feinde gut zu dienen sich bestrebt hatte, hatten seine Bemühungen und sein Eifer ihm doch wenig mehr als Duldung gewonnen. Sein Wunsch, Hist znm Weibe zu bekommen, hatte ihn zuerst veranlaßt, sie und sein eigenes Volk zu verrathen; aber ernste Nebenbuhler in Betreff seines ersten Zweckes waren unter seinen neuen Freunden erstanden, deren Sympathie für den Verräther nur noch geringer wurde. Mit einem Wort, man hatte Briarthorn nur noch im Huronenlager sich anfznhalten gestattet, wo er so genau und eifersüchtig bewacht wurde, wie Hist selbst; er ließ sich selten vor den Häuptlingen blicken, und hielt sich geflissentlich ferne von Wildtödters Auge, der bis ans diesen Augenblick gar nichts von seiner Anwesenheit gewußt hatte. So anfgefordert aber konnte er sich unmöglich mehr im Hintergrund halten. „Die Jrokesen-Bemalnng von seinem Gesicht abwaschen" — das that er nicht; denn als er inmitten 668 des Kreises dastand, war er durch die neue» Farben sv entstellt, daß ihn der Jäger anfänglich nicht erkannte. Er nahm aber dvch eine trotzige, herausfordernde Miene an, und fragte hochmüthig: wer irgend Etwas gegen Briarthorn sagen könne. „Daö fragt Euch selbst," fuhr Hist lebhaft fort, obwohl ihr Benehmen etwas minder gesammelt erschien; ein Anfing von Zerstreutheit oder Abwesenheit wurde dem Wildtödter und Judith, wo nicht auch Andern, bemerklich. „Fragt das Euer eigenes Herz, kriechendes Wiesel der Delaware»; tretet nicht hier ans mit der Miene eines unschuldigen Mannes. Geht, schaut in die Quelle; seht die Farben Eurer Feinde auf Eurer lugenden Haut; dann kommt zurück und prahlt, wie Ihr Eurem Stamme entflohen seid, und das Tuch der Franzosen zu Eurer Bekleidung machtet! Malt Euch immerhin so bunt an wie der Kolibri, Ihr bleibt doch schwarz wie die Krähe!" Hist war während ihres Aufenthaltes unter den Hnronen sv gleichmäßig sanft gewesen, daß sie jetzt ihre Sprache mit Erstaunen anhörten. Dem Angeschnldigtcn selbst kochte das Blut in den Adern; und es war gut für die hübsche Sprecherin, daß es nicht in seiner Macht stand, die Rache anszuüben, die er, trotz seiner vorgeblichen Liebe, ihr auzuthnn vor Begierde brannte. „Wer will Etwas von Briarthorn?" fragte er finster. „Wenn das Bleichgesicht des Lebens überdrüssig ist; wenn es indianische Martern fürchtet, so sprecht, Rivenoak! ich will ihn den Kriegern nachsenden, die wir verloren haben." „Nein, Häuptling; nein, Rivenoak," unterbrach ihn Hist lebhaft. „Wildtödter fürchtet Nichts; am allerwenigsten eine Krähe! Bindet ihn los — zerschneidet die Bastseilc — stellt ihn Stirn gegen Stirn diesem krächzenden Vogel gegenüber; dann laßt »ns sehe», wer des Lebens überdrüssig ist." Hist machte eine rasche Bewegung vorwärts, als wollte sie einem jungen Manne ei» Messer ans der Hand nehmen, und in 669 eigener Person dem Gefangenen jenen Dienst leisten; aber ein bejahrter Krieger verhinderte es ans einen Wink Rivenoaks. Dieser Häuptling beobachtete mit Mißtrauen Alles, was das Mädchen that; denn während sie mit der entschlossensten Haltung die prahlerischste Sprache führte, war in ihrem Wesen doch etwas Unsicheres und Erwartungsvolles, was einem scharfen Beobachter nicht entgehen konnte. Sic spielte ihre Rolle gut; aber zwei oder drei von den altern Männern waren gleicherweise überzeugt, daß es nur eine Nolle war. Daher ward ihr Vorschlag, Wildtödter loszubinden, verworfen; und die in ihren Erwartungen getäuschte Hist sah sich in dem Augenblick von dem Baume znrückgewiesen, wo sie schon ihr Vorhaben gelungen wähnte. Zur gleichen Zeit ward der Kreis, der nachgerade wirr und enge geworden, wieder erweitert und in Ordnung gebracht. Rivenoak verkündigte jetzt die Absicht der alten Männer, weiter im Werke zu schreiten, da die Verzögerung jetzt lange genug gedauert habe und zu keinem Ergebniß führe. „Halt, Hnrone! halt, Häuptlinge!" rief Judith, kaum wissend, was sie sagte oder warum sie sich dareinlegte, als etwa um Zeit zu gewinnen; „um Gottes willen, nur noch eine Minute —" Die Worte wurden ihr im Munde abgeschnitten durch eine neue und noch außerordentlichere Unterbrechung. Ein junger Indianer kam durch die Reihen der Hnronen gesprungen, und hüpfte mitten in den Kreis hinein, in einer Weise, welche die höchste Zuversicht oder eine an Tollkühnheit grunzende Verwegenheit bezeich- nete. Fünf oder sechs Schildwachen standen noch am See an verschiedenen und entfernten Punkten; und es war der erste Gedanke Rivenoaks, Einer von diesen sei mit wichtigen Zeitungen angekommen. Aber die Bewegungen des Ankömmlings waren so hastig, und sein Anzng, der ihm kaum mehr Gewandung ließ als eine antike Statue hat, hatte so wenig Anszeichnendes, daß es ans den ersten Anblick unmöglich war, zu bestimmen, ob er ein Feind oder 670 Freund sei. Drei Sprünge brachten diesen Krieger an Wildtödters Seite, dessen Seile in einem Nn zerschnitten waren, mit einer Sicherheit und Genauigkeit, welche den Gefangenen sogleich znm freien Herrn seiner Glieder machte. Ehe dies; vollbracht, warf der Ankömmling keinenBlick auf einen andern Gegenstand; dann wandte er sich, und zeigte den erstaunten Huronen die edle Stirne, die schöne Gestalt und das Adlerauge eines jungen Kriegers in der Bemalung und Waffenrüstnng eines Delawaren. Er hielt in jeder Hand eine Büchse, die Kolben beider ans dem Boden aufstehend, während an der einen seine Tasche und sein Horn hing. Diese war Killdecr, den er, während er sich keck und mit herausforderndem Trotz im Kreise umsah, in die Hände seines wahren Herrn fallen lies;. Die Gegenwart zweier Bewaffneten, obwohl in ihrer Mitte, machte die Huronen betroffen. Ihre Büchsen standen ringsumher zerstreut an verschiedene Bäume gelehnt, und ihre einzigen Waffen waren ihre Messer und Tomahawks. Doch hatten sie zu viel Selbstbeherrschung, um Furcht zu vcrrathen. Es war wenig wahrscheinlich, das; eine so kleine Macht eine starke Bande angreifen würde, und Jeder erwartete, ein außerordentlicher Vorschlag werde auf einen so entschiedenen Schritt folgen. Der Fremde schien geneigt, ihrer Erwartung zu entsprechen. Er schickte sich an zu reden. „Huronen," sagte er, „diese Erde ist sehr groß, die großen See'» sind auch geräumig; jenseits derselben ist Platz für die Irokesen, diesseits ist Platz für die Delawaren. Ich bin Chingachgook, der Sohn des Uncas; der Vetter Tamcnnnds. Diese ist meine Verlobte; das Bleichgesicht ist mein Freund. Mein Herz war schwer, als ich ihn vermißte; ich folgte ihm in Euer Lager, zu sehen, daß ihm kein Leid geschehe. Alle Delawaren-Mädchen warten auf Wah! sie wundern sich, daß sie so lange ansbleibt. Kommt, laßt uns Lebewohl sagen, und unserer Wege gehen." „Huronen, das ist euer Todfeind, die Große Schlange von Denen, die ihr haßt!" schrie Briarthorn. „Wenn er entkommt, 671 werde» die Fußstapfen eurer Mokaslns blutig sein von hier bis nach den Canada's. Ich bin ganz Hnrone!" Wie er die letzten Warte sprach, schleuderte der Verräther sein Messer nach der nackten Brust des Delawaren- Eine rasche Bewegung Hists, die in der Nähe stand, mit dem Arm, lenkte den Wurf ab, und die gefährliche Waffe fuhr mit der Spitze in eine Fichte. Im nächsten Augenblick zuckte eine gleiche Waffe ans der Hand der Schlange, und zitterte im Herzen des Uebcrläufers. Kaum eine Minute war verflossen von dem Augenblick an, wo Chiugachgook in den Kreis gesprungen war, bis zn dem, wo Briarthorn todt wie ein Klotz auf dem Platze niederstürzte. Die Schnelligkeit der Ereignisse hatte die Hurouen nicht zur That kommen lassen, aber diese Katastrophe erlaubte keinen längeren Verzug. Ein allgemeiner Aufschrei folgte, und die ganze Bande war in Bewegung. In diesem Augenblick ward ein in de» Wäldern nicht gewöhnlicher Ton vernommen, und alle Hurouen, Männer und Weiber, standen horchend stille, mit angestrengtem Ohr und erwartungsvollen Gesichtern. Der Ton mar regelmäßig und dumpf, wie wenn mit Klöppeln auf den Boden gestampft wurde. Jetzt zeigten sich Gegenstände zwischen den Bäumen im Hintergrund, und mau sah eine Schaar Truppen im Taktschritt anrücken. Sic zogen zum Angriff fertig daher, und der Scharlach der königlichen Uniformen glänzte durch das hellgrüne Laub des Waldes. Die jetzt folgende Scene ist nicht leicht zu schildern. Wilde Verwirrung, Verzweiflung und wahnsinnige Anstrengungen waren dabei so durcheinander gemengt, daß alle Einheit und Klarheit des Handelns vernichtet wurde. Ein allgemeiner, gellender Ruf entfuhr den eingcschlossencn Hurouen, darauf folgte das herzhafte freudige Jauchzen der Engländer. Doch ward noch keine Muskete oder Büchse abgcfenert, obgleich der stetige, taktmäßige Schritt fortwährend vernommen wurde, und man die Bajonete glänzen sah vor einer Linie, die etwa sechzig Mann zählte. Die Hurouen 672 wurde» in entsetzlich migiiiistiger Stellung überfallen. Auf drei Seiten war Wasser, während ans der vierten ihre furchtbaren, wohlgeübten Feinde ihnen die Flucht abfchnitten. Jeder Krieger rannte nach seinen Waffen, und dann suchten alle auf dem Vorsprung Befindlichen, Männer, Weiber und Kinder hastig einen Versteck. I» dieser Scene der Verwirrung und des Entsetzens jedoch ging Nichts über die Kaltblütigkeit und kluge Besonnenheit Wildtödters. Seine erste Sorge war, Judith und Hist hinter Bäume zu bringen, und er sah sich nach Hetty um; aber sie war von einem Schwarm Huronen-Weiber mit fvrtgerissen worden. Nach diesem warf er sich ans eine Flanke der znrückziehenden Hn- ronen, welche nach dem südlichen Rande des Vorsprungs sich wandten, in der Hoffnung, durch das Wasser zu entkommen. Wild- tödter wartete seine Gelegenheit ab, und als er zwei seiner bisherigen Peiniger in Schußweite vor sich fand, brach seine Büchse zuerst die Stille der schrecklichen'Scene. Die Kugel streckte Beide ans Einmal nieder. Ließ vcranlaßte ein allgemeines Feuern der Huronen, und man hörte die Büchse und das. Kriegsgeschrei der Schlange in dem Getümmel. Noch aber erwiederten die discipli- nirtcn Truppen mit keiner Salve, und man vernahm nur das Jauchzen und die Büchse Hnrry's, der neben ihnen Herzog, und das kurze, rasche Befchlshaberwort, und die schweren, drohenden Taktschritte. Bald jedoch folgten die Verwünschungen und das Kreischen und Stöhnen, welche gewöhnlich die Anwendung des Bajoncts begleiten. Diese schreckliche, tödtliche Waffe schwelgte jetzt in Rache. Die nun folgende Scene war eine von denjenigen, die so häufig auch in unfern Zeiten Vorkommen, wo weder Alter noch Geschlecht eine Ausnahme von dem Schicksal eines barbarischen wilden Kriegsgebrauchs begründet. 673 Einunddreißigstes Kapitel. Die Blume, die heute lacht, Ist morgen verblüht; - Was gern wir ewig gedacht. Lockt uns und flieht. Was ist die Lust der Welt? Ein Blitz, der spottend erhellt Die Nacht, und glänzt, und fällt. Shelley. Das Bild, welches zunächst die von den unglücklichen Hnronen zu ihrem letzten Lagerplatz gewählte Landspitze darbot, braucht kann, dem Auge des Lesers vorgefnhrt zu werden. Zum Glück für die Zärtcrfühlcnden und Furchtsameren halten die Baumstämme, das Laub und der Pnlverdampf viel von dem, was vorging, verborgen, und bald darauf zog die Nacht ihren Schleier über den See, und die ganze, dem Anschein nach gränzenlose Wildniß, die sich, kann man sagen, mit entfernten und unwesentlichen Unterbrechungen von den Ufern des Hudsons bis an die Küsten des stillen Oceans erstreckte. Unsere Aufgabe führt uns zu dem folgenden Tag, wo das Lickt ans die Erde wiederkehrte, so sonnig und lächelnd, als wäre nichts Außerordentliches vorgefallen. Als am nächsten Morgen die Sonne sich erhob, waren alle Anzeichen von Feindseligkeit und Kriegslärm von dem Becken des Glimmerglas verschwunden. Das entsetzliche Ereigniß des vorigen Abends hatte keine Spuren auf dem friedlichen Wasserspiegel zn- rnckgelaffen, und die unermüdlichen Stunden verfolgten ihren Lauf in der harmlosen Ordnung, die ihnen von der mächtigen Hand, welche sie in Bewegung setzte, vorgezeichnct war. Die Vögel schwammen wieder auf dem Wasser, oder schwebten von ihren Schwingen getragen hoch über den Wipfeln der höchsten Fichten der Berge, lustig ihre Bahnen auf und nieder beschreibend, gehorsam den unwiderstehlichen Gesehen ihrer Natur. Mit einem Der Wildtovter. 43 674 Wort, Nichts war verändert, als die Art und Weise des Treibens nnd Lebens, das in dem Kastell nnd darnni her herrschte. Hier war in der That ein Wechsel eingetretcn, der dem mindest scharfen Ange anffallen mußte. Eine Schildwache, in der Uniform eines königlichen leichten Infanterie-Regiments schritt mit gemessenen Schritten ans der Platform hin nnd her, nnd einige zwanzig Mann von demselben Corps lungerten in dem Gebäude herum, oder saßen in der Arche. Ihre Waffen waren unter dem Auge ihres wachhaltendcn Kameraden ausgestellt. Zwei Offiziere standen da, nnd untersuchten die Küste mit dem oft erwähnten Schiffsglas. Ihre Blicke waren nach dem verhängnißvollen Land- vorsprnng gerichtet, wo man noch Scharlachrvcke zwischen den Bäumen durchschlüpfcn sah, und wo die Vcrgrößeningskraft des Instruments auch Spaten zeigte, womit gearbeitet und die traurige Pflicht der Beerdigung erfüllt wurde. Einige der Gemeinen trugen Zeichen an ihrem Leibe davon, daß ihre Feinde nicht ganz ohne Widerstand waren überwältigt worden; und der Jüngere von den zwei Offizieren auf der Platform trug einen Arm in der Schlinge. Sein Genosse, der die Truppe kommandirte, war glücklicher gewesen. Er war cs, der das Glas handhabte bei den Recognoscirnngen, welche Beide anstellten. Ein Sergeant näherte sich, um einen Rapport zu machen. Er redete den Aeltern der Offiziere als Kapitän Warley an, während der Andere als Mr. — gleichbedeutend mit Fähnrich — Thornton angesprochen wurde. Der Erstere war, wie der Leser sich erinnern wird, der Offizier, welcher bei dem Abschiedsgespräch zwischen Judith und Hurry mit so großer Lebhaftigkeit nnd Aufregung genannt morden war. Es war in der That das Individuum, mit welchem die lästernde Nachrede der Garnisonen den Namen dieses schönen aber unvorsichtigen Mädchens am freiesten und kecksten in Verbindung gebracht hatte. Er war ein Mann von harten Zügen und rothem Gesicht, und etwa von fünfund- 675 dreißig Jahren, aber von militärischer Haltung nnd Benehmen, nnd mit einem Anstrich von vornehmer Lebensart, welcher der Phantasie eines mit der Welt so unbekannten Mädchens, wie Judith war, wohl imponiren konnte. „Craig überhäuft uns mit Segenswünschen," bemerkte dieser Mann gegen seinen jungen Fähnrich, mit einem gleichgültigen Wesen, indem er das Glas znmachte, nnd es seinem Diener einhändigte; „und die Wahrheit zu sagen, nicht ohne Grund; es ist gewiß angenehmer, hier der Miß Judith Hutter anfznwar- ten, als Indianer ans einem Landvorsprnng am See zu begraben, wie romantisch auch die Lage, und wie glänzend der Sieg sein mag. Ei, beiläufig bemerkt, Wright, lebt Davis noch?" „Er ist etwa vor zehn Minuten gestorben, Ew. Ehren," versetzte der Sergeant, an den diese Frage gerichtet war. „Ich wußte, daß es so kommen würde, sobald ich fand, daß die Kugel den Magen berührt hatte. Ich habe nie von einem Mann gehört, der es lang ansgehaltcn, wenn er ein Loch im Magen hatte." „Nein; er ist dann gar zu ungeeignet, »m etwas sehr Nahrhaftes fortznschaffen," bemerkte Warley gähnend. „Das Wachen nnd Anfsein zwei Nächte hintereinander, Arthur, spielt den Kräften eines Mannes übel mit. Ich bin so dumm, wie Einer von den holländischen Pfaffen am Mohawk. Ich hoffe, Euer Arm schmerzt Euch nicht, mein guter Junge?" „Er erpreßt mir einige Grimassen, Sir, wie Ihr wohl bemerken werdet," antwortete der Jüngling, und lachte in demselben Augenblick, wo sich sein Gesicht vor Schmerz etwas verzog. „Aber es ist schon zum ertragen. Ich denke, Graham kann bald ein paar Minuten erübrigen, um nach meiner Verlckung zu sehen." „Es ist eigentlich doch ein anmnthiges Geschöpf, diese Judith Hutter, Thornton; und es soll nicht mein Fehler sein, wenn sie nicht in den Parks gesehen und bewundert wird!" begann Warley 43 " 676 wieder, der sich wenig um seines Genossen Wunde kümmerte. — „Euer Arm, he? Ganz wahr! Geht in die Arche, Sergeant, und sagt vr, Graham, ich wünsche, er möchte nach Mr. Thorntons Verletzung sehen, sobald er mit dem armen Kerl mit dem gebrochenen Bein fertig ist. Ein liebliches Geschöpf! und sie sah aus wie eine Königin in dem Brokatkleid, worin wir sic trafen. Ich finde hier Alles verändert; Vater und Mutter Beide todt, die Schwester sterbend, wo nicht todt, und Keines von der Familie übrig, als die Schöne! Das ist ein glücklicher Zug gewesen im Ganzen, und verspricht einen bessern Ansgang, als gewöhnlich Scharmützel mit Indianern." „Darf ich vermuthen, Sir, daß Ihr gesonnen seid, Eure Fahnen in dem großen Corps der Junggesellen zu verlassen, und den Feldzug des Ehestands anzntrcten!" „Ich, Tom Warley, ein Benedikt werden! Wahrlich, mein lieber Junge, Ihr kennt das Corps wenig, von dem Ihr sprecht, wenn Ihr Euch solche Dinge einbildet! Ich denke, es gibt Franc» in den Kolonien, die ein Kapitän von der leichten Infanterie nicht zu verschmähen braucht; aber sie sind nicht hier, ans einem Gebirgssee zu finden, oder auch drunten an dem holländischen Fluß, wo wir postirt sind. Es ist wahr, mein Oheim, der General, erwies mir einmal die Gunst, eine Frau für mich zu wählen, in Jorkshire; aber sie war ohne Schönheit — und ich würde nicht eine Fürstin heirathen, wenn sie nicht hübsch wäre." „Aber eine Bettlerin, wenn sie hübsch wäre?" „Ja, das sind die Begriffe eines Fähnrichs! Liebe in einer Hütte — mit Thüren und Fenstern — die alte Geschichte znm hundertsten Mal! Das Zwanzigste heirathet nicht! Wir sind kein heirathendes Corps, mein lieber Junge. Da ist jetzt der Obrist, der alte Sir Edwin-; obgleich ein komplcter General, hat er doch nie an ein Weib gedacht; und wenn ein Mann es zum Lieutenant-General hringt, ohne Ehestand, so ist er ganz sicher. 677 Dann der Oberstlieutenant ist konfirmirt, wie ich meinem Vetter, dem Bischöfe, zu sagen pflege. Der Major ist ein Wittwer, der es in seiner Jngend einmal zwölf Monate mit dem Ehestand versucht hat, und wir betrachten ihn jetzt als einen unserer zuverlässigsten Männer. Unter den zehn Kapitäns ist nur Einer in dem bösen Dilemma, und er, der arme Teufel, wird immer beim Hauptquartier des Regiments zurückbchalteu, als eine Art von memento muri für die jungen Leute, wenn sie eintreffeu. Von den Subalternen hat noch nicht Einer die Keckheit gehabt, davon zu sprechen, ein Weib im Regiment einznführcn. Aber Euer Arm macht Euch Schmerzen, und wir wollen selbst gehen, und sehen, was aus Graham geworden ist." Der Wundarzt, der die Truppe begleitet hatte, war ganz anders beschäftigt, alS der Kapitän vermuthete. Als der Angriff vorüber war und die Todten und Verwundete» zusammeugcsucht wurden, fand man unter den Letzteren die arme Hetty. Eine Büchsenkugel war ihr durch den Leib gegangen, und hatte ihr eine Verletzung beigebracht, die mau auf den ersten Blick für tödtlich erkannte. Wie sie diese Wunde erhalten, wußte Niemand; wahrscheinlich war es einer jener Zufälle,, wie sie immer Scenen von der Art der im letzten Kapitel geschilderten, begleiten. DieSumach, alle älteren Weiber und Einige von den Huronen-Mädcheu waren durch das Bajouet gefallen, entweder in der Verwirrung des Handgemenges, oder wegen der Schmierigkeit, bei solcher Einfachheit des Anzugs die Geschlechter zu unterscheiden. Bei weitem der größere Thcil der Krieger war auf dem Platz geblieben; einige Wenige jedoch waren entkommen, und Zwei oder Drei waren unverletzt gefangen. Bei den Verwundeten ersparte das Bajouet dem Wundarzt viele Mühe. Niveuvak war mit dem Leben und ganzen Gliedern dävongekommcn, war aber verwundet und gefangen. Als Kapitän Warley und sein Fähnrich in die Arche traten, kamen sie an ihm vorbei, der in würdevollem Schweigen am 678 einen Ende der Fähre saß, Kopf nnd Fnß »erblinden, aber durch kein sichtbares Anzeichen Niedergeschlagenheit oder Verzweiflung verrathcnd. Daß er über den Verlust seines Stammes trauerte, ist gewiß, aber er that es in der Weise, die einem Krieger und Häuptling am besten geziemte. Die beiden Soldaten fanden ihren Wundarzt in dem Haupt- gemach der Arche. Er verließ eben das Bett Hctty's mit einem Ausdruck kummervollen Bedauerns in seinen harten, pockennarbigen, schottischen Zügen, die hier zu sehen etwas Seltenes war. Alle seine Bemühungen waren fruchtlos gewesen, und er sah sich ge- nöthigt, widerstrebend der Hoffnung zu entsage», das Leben des Mädchens noch über einige Stunden gefristet zu sehen. Nr. Graham war gewohnt an Sterbc-Scenen, nnd gewöhnlich machten sie keinen großen Eindruck auf ihn. Er war in Allem, was die Religion betrifft, Einer von den Geistern, die in Folge davon, daß sie viel über materielle Dinge mit scharfer und bündiger Logik nach- dcnken'und forschen, und den gänzlichen Mangel an sichern Voraussetzungen und Ausgangspunkten übersehen, der einer solchen Tbevrie jederzeit anhaften muß, weil es ihr immer au einer bewegenden und beseelenden Urkraft fehlt — skeptisch werden) cs blieb ihm nur eine unbestimmte, schwankende Meinung über die Entstehung der Dinge, die bei hohen, anmaßenden Ansprüchen, Philosophie zu sein, im ersten aller philosophischen Prinzipien, in Grund nnd Ursache, im Dunkeln tappte. Ihm erschien religiöses Abhängigkeitsgefühl als eine Schwäche; aber als er ein so zartes und junges Wesen, wie Hetty, mit einem Geist, der nicht zu dem gewöhnlichen Maas; ihrer Gattung sich erhob, in einem solchen Augenblick aufrecht erhalten sah durch diese frommen Gefühle, und zwar in einer Weise, daß mancher tapfere, derbe Krieger nnd gepriesene Held sie mit Neidhätte betrachten dürfen, da fühlte er sich von diesem Anblick gerührt in einem Grade, daß er es sich selbst zu gestehen, sich halb würde geschämt haben. Edinburgh und Aberdeen lieferten damals, 679 me jetzt, dem Brittischcn Dienst einen nicht geringen Theil seiner Acrztc; und I>r, Graham mar, mic sein Name und Gesicht gleicherweise anzeigte», ein Nordbritte. „Das ist etwas Außerordentliches für eine in Wäldern Lebende nur nnr halb mit Verminst Begabte," bemerkte er mit entschieden schottischem Accent, als Warley und der Fähnrich cintraten; „ich hoffe nnr, Gentlcmen, daß, wenn mir Drei abbcrnfen werden vom Zwaizigsten, wir dann so darein ergeben seien, znm Halbsold eines andern Daseins überzngehen, wie dies; arme nnklnge Mädchen!" „Ist keine Hoffnung, daß sic davonkomme?" fragte Warley, sein Arge ans die blaffe Jndith richtend, ans deren Wangen jedoch, sobald er eingetreten war, zwei große rothc Flecken erschienen waren. „So wenig als für Charlie Stnart! Tretet selbst näher nnd nrtheilt, Gentlcmen; ihr werdet ein Beispiel von Glauben sehen in einer außerordentlichen nnd wunderbaren Weise. Es ist eine Art von in'ditrimn zwischen Lebe» nnd Tod in wirklichem Kampf in des armen Mädchens Gemüth, das sie zu einem interessanten Studium für einen Philosophen macht. Mr. Thornton, ich stehe jetzt zn Euren Diensten; mir können den Arm gleich im nächsten Gemach besichtigen, während wir, so viel uns beliebt, über die Operationen und die verschlungenen Eigenschaften des menschlichen Geistes speknlnen." Der Wundarzt nnd der Fähnrich entfernten sich, und Warley hatte Gelegenheit, sich mit mehrMnße und mit besserem Verständnis' der Eigenthümlichkeit nnd der Gefühle der in der Kajüte versammelten Gruppe nmznsehen. Die arme Hctty war ans ihr eigenes, einfaches Bett gebracht worden, nnd lag in halb sitzender Stellung da, die Zeichen des herannahendcn Todes in ihrem Antlitz, jedoch cigenthümlich gemildert durch den Glanz eines Ausdrucks, in welchen alle Intelligenz ihres Wesens zusammengedrängt schien. Judith nnd Hist waren in ihrer Nähe; die Erstere saß da, in tiefer Betrübnis;. Die Letztere stand, bereit ihr die zarte Aufmerksamkeit 680 weiblicher Sorgfalt und Pflege zu widmen. Wildtödter stand za Fußen des Lagers, auf Killdeer gelehnt; er war ganz nnverle-t geblieben; all' das schöne kriegerische Feuer, das vor Kurzem ans seinem Angesicht geglüht, hatte wieder der gewohnten ehrlichen und wohlwollenden Miene Platz gemacht, — ei» Ausdruck, der jetzt mit männlicher Wehmnth und Mitgefühl sich sanft mischte. Die Schlange stand im Hintergrund der Scene, aufrecht und regungslos wie eine Statue, aber so aufmerksam und beobachtend, daß nicht ei» Zucken des Auges seinem scharfen Blicke entging. Hnrr) vervollständigte die Gruppe; er saß auf einem Stuhl in der Nähe der Thüre, als fühlte er sich in einer solchen Scene nicht am Platze, und schämte sich doch, sich unaufgefordert zu entfernen. „Wer ist der im Scharlach?" fragte Hetty, sobald ihr Auge ans die Uniform des Kapitäns fiel. „Sage mir, Judith, ist es der Freund Hnrry's?" „Es ist der Offizier der Truppen, die uns Alle ans den Händen der Hnronen befreit haben," war die leise Antwort der Schwester. „Bin ich auch befreit? — Ich meinte, sie sagten, ich sei erschossen und dem Tode nahe. Mutter ist todt, und Vater auch; aber du lebst, Judith, und so auch Hnrry. Ich fürchtete, Hnrry werde getödtet werden, als ich ihn unter den Soldaten schreien hörte." „Laß es gut sei» — laß es gut sein — liebe Hetty," unterbrach sie Judith, ängstlich besorgt um die Bewahrung von ihrer Schwester Geheimniß, »nd vielleicht in diesem Augenblick mehr als je sonst. „Hnrry ist wohl, und Wildtödter ist wohl, und der Delaware auch." „Warum schoßen sie ein armes Mädchen, wie ich bin, und ließen so viele Männer unverletzt durchkominen? Ich wußte nicht, daß die Hnronen so ruchlos seien, Judith!" „Es war ein Zufall, arme Hetty; ein trauriger Zufall war es! Niemand hätte dir absichtlich ein Leid zugefügt!" „Das freut mich. — Es kam mir sonderbar vor; ich bin 681 schwachsinnig, nnd die rothen Männer habe» mir nie znvor ein Leid gethan. Es würde mich bekümmern, wenn ich denken müßte, sie hätten ihren Sinn geändert. Es freut mich auch, Judith, daß sie Hurry nicht verletzt haben. Wildtödtern, glaube ich, wird Gott von Niemand ein Leid widerfahren lassen. Es war ein großes Glück, daß die Soldaten gerade in dem Augenblick kamen, denn das Feuer muß brennen." „Es war in der That ein Glück, meine Schwester; Gottes heiliger Name sei immerdar gepriesen für diese Barmherzigkeit!" „Ich glaube fast, Judith, du kennst Einen oder den Andern von den Offizieren; du kanntest ja immer so Viele!" Judith antwortete nicht; sie verbarg ihr Gesicht in den Händen nnd stöhnte. Hctty schaute sie verwundert an; aber natürlich voranssetzend, ihr eigner Zustand sei der Grund dieser Betrnbniß, suchte sie ihre Schwester freundlich zu trösten. „Sei wegen meiner unbekümmert," sagte das gefühlvolle und herzensreine Geschöpf. „Mir widerfährt nichts Schlimmes, wenn ich sterbe; sind ja Vater und Mutter Beide todt, nnd was ihnen, geschah, mag mir immerhin auch geschehe». Du weißt, cs ist an mir weniger gelegen, als an Einem von der Familie; daher werden Wenige an mich denke», wenn ich einmal im See liege." „Nein, nein, nein — arme, liebe, liebe Hetty!" rief Judith in einem unbezähmbaren Ausbruch von Jammer, — „ich wenigstens werde immer an dich denken; nnd freudig, oh! wie freudig würde ich mit dir tauschen, um das reine, herrliche, snndenlose Geschöpf zu sein, das du bist!" Bis jetzt war Kapitän Warley an die Thüre der Kajüte gelehnt, gestanden; als dieser Ausbruch von Schmerz, nnd vielleicht von Rene, das schöne Mädchen übermannte, schritt er langsam nnd nachdenklich weg, nnd ging selbst an dem Fähnrich, der eben die Behandlung des Wundarzts zu erdulden hatte, vernber, ohne von ihm Kunde zu nehmen. 682 „Ich habe meine Bibel hier, Judith!" cnvicderte ihre Schwester mit triumphirender Stimme. „Es ist wahr, ich kann nicht mehr lesen; es ist Etwas vor meinen Auge»; du erscheinst mir fern und dämmernd — und so auch Hnrry, wenn ich ihn jetzt anblicke; — ci, ich hätte nie geglaubt, daß Henry March so matt und grau aussehen könnte! Was mag der Grund sein, Judith, daß ich heute so schlecht sehe? ich, von der Mutter immer sagte, ich hätte die besten Augen in der ganzen Familie? Ja, das war es, mein Geist war schwach — was die Leute halbklng nennen — aber meine Angen waren so gut." Judith stöhnte wieder; dießmal war es kein ans sie selbst Bezug habendes Gefühl, kein Rückblick in die Vergangenheit, was sie schmerzlich ergriff. Es war der reine, herzinnige Jammer schwesterlicher Liebe, erhöht durch das Gefühl von der sanften Demnth und vollkommenen Wahrhaftigkeit des Wesens, das vor ihr lag. In diesem Augenblick hätte sie gern ihr eigenes Leben hingegeben, um das Hctty's zu retten. Da aber dies; außer dem Bereich menschlicher Macht lag, fühlte sie, daß ihr Nichts übrig bleibe, als Trauer und Kummer. In diesem Augenblick kam Warlcy wieder in die Kajüte zurück, gezogen von einem geheimen Antrieb, dem er nicht widerstehen konnte, obgleich cs ihm eben jetzt zu Mnthe war, als würde er gern den amerikanische» Kontinent für immer verlasse», wenn es thnnlich wäre. Statt an der Thnre stehen zu bleiben, trat er jetzt so nahe an das Lager der Leidenden, daß er ihr deutlicher sichtbar wurde. Hctty konnte noch größere Gegenstände unterscheiden, und ihr Blick heftete sich bald, ans ihn. „Seid Ihr der Offizier, der mit Hnrry kam?" fragte sie. „Wenn Ihr cs seid, so sind wir Euch Alle Dank schuldig; denn wenn auch ich verwundet bin, ist doch das Leben der klebrigen gerettet. Hat Euch Harry March gesagt, wo wir zu finden und wie bedürftig wir Eurer Hilfe seien?" 683 „Die Nachricht von der Bande Huronen kam uns durch einen gutgesinnten Eilboten zu," versetzte der Kapitän, froh, seinen Gefühlen Luft machen zu könne» durch diesen Anschein von freundschaftlicher Mittheilnng- „und ich ward augenblicklich abgeschickt, um sie abzuschneiden. Gewiß war cs ein Glück, daß mir Hnrry Harry begegnete, wie Ihr ihn nennt, denn er diente uns zum Führer, und nicht minder war cs ein Glück, daß wir ein Feuern hörten, das, wie ich jetzt erfahren, blos ein Schießen nach dem Ziel war, denn es beschleunigte nicht nur unser» Marsch, sondern führte uns auch ans die rechte Seite des See's. Der Delaware sah uns an der Küste durch das Fernglas, wie es scheint; und er und Hist, wie diese Squaw, so höre ich, heißt, thaten uns treffliche Dienste. Es war in der That ein ganz glückliches Zusammentreffen von Umständen, Judith." „Sprecht mir nichts von Glück und glücklichen Umständen, Sir," crwiedertc das Mädchen mit dumpfer Stimme, und verbarg wieder ihr Antlitz. „Mir ist die Welt voll Elend und Jammer. Ich wünschte nie wieder von Ziel, noch von Büchsen, noch Soldaten und Männern zn hören." „Kennt Ihr meine Schwester?" fragte Hetty, ehe der znrück- gewiesene Soldat Zeit hatte, sich zn einer Erwiederung zu sammeln. „Woher wißt Ihr denn, daß ihr Name Judith ist? Ihr habt recht, Judith ist ihr Name; und ich bi» Hetty, — Thomas HnttersTöchter." „Um's Himmels willen, thencrstc Schwester, um meinetwillen, geliebte Hetty," fiel Judith flehend ein, „sprich nicht mehr hievon!" Hetty scksien erstaunt; aber an Gehorsam gewohnt, ließ sie von ihren ungelegenen »nd peinlichen Fragen an Warley ab, und richtete ihr Auge ans die Bibel, die sie noch in ihren Händen bielt, wie etwa Einer an ein Kästchen mit Edelsteinen bei einem Schiffbrnch oder Brand sich anklammern würde. Ihr Geist kehrte jetzt zur Zukunft zurück, und verlor die Scene» der Vergangenheit zum größte» Theil aus dem Gesicht. I > 684 „Wir werden nicht lange getrennt bleibe», Jndith," sagte sie; „wenn dn stirbst, mußt dn auch im See neben der Mntter bc- braben werden." „Wollte Gott, Hetty, daß ich schon jetzt dort läge!" „Nein, das kann nicht sei», Jndith; die Leute müssen sterben, che sie das Recht haben, begraben zn werden. Es wäre eine Sünde, dich zn begraben, oder gar wenn dn dich selbst begraben wolltest, so lange dn noch lebst. Einmal dachte ich daran, mich selbst z» begraben; Gott bewahrte mich vor dieser Sünde." „Du! — dn, Hetty Hutter, an eine solche That denken!" rief Jndith, in nicht zn bemcisterndem Erstaunen aufschanend, denn sie wußte wohl, daß kein Wort, das nicht gewissenhaft wahr gewesen wäre, über den Mund ihrer streng redlichen Schwester kam. „Ja, ich, Judith, aber Gott hat es vergessen — nein, er vergißt Nichts, aber er hat es vergeben," erwiederte das sterbende Mädchen, mit dem zerknirschten Wesen eines reuigen Kindes. „Es war nach der Mntter Tod; ich fühlte, daß ich die beste Freundin auf der Erde verloren hatte, wo nicht die einzige Freundin. Es ist wahr, dn und Vater, ihr war't freundlich gegen mich, Jndith; aber ich war so schwachsinnig; ich wußte, ich würde euch nur Unlust mache»; und dann schämtet ihr euch so oft einer solchen Schwester und Tochter; und es ist hart, in einer Welt zu leben, wo Alle Einen ansehen als unter ihnen stehend. Ich dachte damals, wenn ich mich an der Mntter Seite begraben könnte, würde ich glücklicher sein im Sec, als in der Hütte." „Vergib mir — verzeih' mir, liebste Hetty, auf meinen Kniecn liegend bitte ich dich, mir zu verzeihen, süße Schwester, wenn irgend ein Wort oder eine Handlung von mir dich zn einem so wahnsinnigen und grausamen Gedanken trieb!" „Steh' auf, Jndith, kniee vor Gott — kniee nicht vor mir. Gerade so war mir zn Mnth, als Mntter starb. Es fiel mir Alles ein, womit ich sie in Worten und Werken betrübt hatte, 685 und ich hätte ihr die Füße küsse» können, ihre Vergebung zu erlangen. Ich glaube, es ist so bei allen Sterbenden; doch, wenn ich mich besinne, so erinnere ich mich nicht, solche Empfindungen bei Vater gehabt zu haben." Judith stand ans, verhüllte ihr Gesicht in ihrer Schürze, und weinte. Eine lange Panse — von mehr als zwei Stunden — trat nun ein, während welcher Warley verschiedene Male in der Kajüte ans- und cinging; es war ihm sichtlich unbehaglich, wenn er weg war, und doch vermochte er nicht zu bleiben. Er ertheilte verschiedene Befehle, welche seine Leute sofort vollzogen; und es war eine unruhige Bewegung unter der Truppe, zumal da Mr. Craig, der Lieutenant, mit der unangenehmen Pflicht, die Tvdtcn zu beerdigen, fertig geworden war, und von der Küste um Instructionen nachsnchte, und zu wissen verlangte, was er mit seinen Leuten thnn solle. Während dieser Zeit schlief Hetty ein wenig; und Wildtödter und Chingachgook verließen die Arche, um sich mit einander zu besprechen. Aber nach Vcrflnß der genannten Frist trat der Wundarzt auf die Platsorm; und mit einer Ge- müthsbcwegnng, die seine Kameraden noch nie an einem Mann von seiner Art und seinem Beruf gesehen hatten, kündigte er an, daß die Leidende ihrer Auflösung rasch entgegen gehe. Auf diese Nachricht hin versammelte sich die Gruppe wieder; die Neugier, Zeugen eines solchen Todes zu sein, — dero auch ein edleres Gefühl, — zog Männer, die erst vor so kurzer Zeit handelnd ausgetreten bei einer Scene, welche dem Anschein nach von so unendlich wichtigerem Interesse war — nach jener Stelle. Judith hatte inzwischen vor Betrübnis; jede Thätigkeit anfgegeben; und Hist allein besorgte die kleinen Dienste weiblicher Aufmerksamkeit, welche am Krankenbette so sehr am Platz sind. Bei Hetty selbst war keine andere sichtbare Veränderung eingetreten, als jene allgemeine Schwäche, welche das Herannahen der Auflösung verkündigt?, Was sic von Geisteskräften besaß, 686 war so klar alö nur je, und in mancher Hinsicht war vielleicht ihr Geist kräftiger als gewöhnlich. „Betrübe dich nicht so sehr nm mich, Judith," sagte die sanfte Dulderin, nachdem sie eine Zeitlang nicht gesprochen; „ich werde bald Mntter sehen; ich glaube, ich sehe sie jetzt; ihr Angesicht ist gerade so hold und lächelnd, wie cs immer war! Vielleicht wenn ich gestorben bin, gibt mir Gott meinen ganzen Verstand, und ich werde dann eine passendere Gesellschaft für Mutter, als ich ehemals war." „Du wirst ein Engel im Himmel sein, Hetty," schluchzte die Schwester; „kein Geist wird seines heiligen Aufenthalts würdiger sein!" „Ich verstehe cs nicht ganz; doch weiß ich, es muß Alles wahr sein; ich habe cs in der Bibel gelesen. Wie dunkel es wird! Kann es so bald schon Nacht sein? Ich kann dich kaum mehr sehen; wo ist Hist?" „Ich hier, armes Mädchen; warum Ihr mich nicht sehen?" „Ich sehe Euch; aber ich konnte nicht unterscheiden, ob Ihr es wäret oder Judith. Ich glaube, ich werde Euch nicht lange mehr sehen, Hist!" „Mir leid thnn das, arme Hetty. Bekümmert Euch nicht darüber; Bleichgesichter einen Himmel haben für Mädchen, wie für Krieger." „Wo ist Schlange? Laßt mich mit ihm sprechen — gebt mir seine Hand — so, ich fühle sie; Delaware, Ihr werdet diese junge Indianerin lieben und hegen; ich weiß, wie zärtlich sie Euch liebt, und Ihr müßt auch sie lieben. Behandelt sie nicht so, wie Manche von Eurem Volk ihre Weiber behandeln; seid Ihr ein rechter Gatte! Jetzt bringt Wildtödter zu mir her; gebt mir seine Hand!" Dieß Verlangen ward erfüllt, und der Jäger stand liebendem 687 ärmliche» Lager, »nt der Willigkeit eilies Kindes de» Manschen des Mädchens sich fügend. „Ich fühle, Wildtödter," begann sic wieder, „obgleich ich nicht angebcn könnte warm» — aber ich fühle, daß Ihr und ich nicht für immer scheiden. Es ist ei» sonderbares Gefühl! Ich hatte es nie früher; ich möchte wissen, woher es kommt." „Es ist Gott, der Euch in der letzten Noth stärkt, Hetty; als solches maß cs gehegt und geachtet werden. Ja, wir werden uns wieder sehen, obgleich noch lange Zeit vorher vergehen mag, und in einem weit entfernten Lande!" „Denkt Ihr auch in dem See begraben zn werden? Wenn dieß ist, so könnte es dies; Gefühl erklären." „Das ist wenig wahrscheinlich, Mädchen, das ist nicht wahrscheinlich; aber es gibt ein Reich für christliche Seelen, wo es weder See'n noch Wälder gibt, wie sie sagen; wiewohl ich mir nicht erklären kann, warum die letzter» nicht da sein sollten; angesehen daß es doch um Friede und Lnstsamkeit zn thnn ist. Mein Grab wird im Walde sein, höchst wahrscheinlich, aber ich hoffe, mein Geist wird nicht fern sein von dem Enrigen!" „So mnß es also sein. Ich bin zn schwachsinnig, nm diese Sache» zn verstehen, aber ich fühle, daß Ihr und ich nns Wiedersehen werden. Schwester, wo bist du? Ich sehe jetzt nichts mehr als Finsternis. Es mnß gewiß Nacht sein!" „Oh! Hetty, ich bin hier, an deiner Seite; das sind meine Arme, die dich umschlingen," schluchzte Judith. „Sprich, Thenerste; hast dn Etwas zn sagen, wünschest du Etwas in diesem ernsten Augenblick?" Inzwischen war Hetty's Gesicht ganz vergangen. Dennoch nahte der Tod nicht mit seinen gewöhnlichen Schauern, als wollte er ein geistig nur halb begabtes Wesen zarter behandeln. Sie war bleich wie eine Leiche, aber ihr Athen; war leicht und nnnn- tcrbrochen, während ihre Stimme, obwohl fast zn einem Flüstern herabsinkend, klar und vernehmlich blieb. Als aber ihre Schwester diese Frage an sic that, ergoß sich eine Röthe über das Angesicht des sterbenden Mädchens, so zart jedoch, daß sie kaum wahrnehmbar war, — mehr jenem Rosenfarb ähnlich, das man für das Symbol der Bescheidenheit nimmt, als der Glnt dieser Blnmc in ihrer üppigeren Blüthc. Niemand anßer Judith bemerkte dies; Zeichen eines inner» Gefühls — eine der leisen Offenbarungen weiblicher Erregbarkeit noch in der Nähe des Todes. Ihr aber blieb cs nicht verborgen, »nd sie verhehlte sich auch den Grund davon nicht. „Hnrry ist hier, liebste Hetty," flüsterte die Schwester, und beugte sich so nahe über das Gesicht der Leidenden hin, daß kein anderes Ohr die Worte vernahm. „Soll ich ihm sagen, daß er herantrete und deine Segenswünsche empfange?" Ein leiser Druck der Hand beantwortete die Frage bejahend, und jetzt ward Hnrry an das Lager geführt. Vermnthlich hatte sich dieser hübsche aber rohe Waldmann noch nie zuvor in einer so peinlichen Lage befunden, obwohl die Neigung, welche Hetty für ihn fühlte (eine Art geheime Nachgiebigkeit gegen die Instinkte der Natur mehr als ein nngezicmenver Trieb einer ungeordneten Einbildungskraft), zu rein und zurückhaltend war, als daß die geringste Ähnnng davon in seiner Seele geweckt worden wäre. Er ließ Indmj seine harte, kolossale Hand in Hetty's Hände legen, und stand in verlegenem Stillschweigen, des Ergebnisses harrend da. „Das ist Hnrry, Thcnerste," flüsterte Judith, sich über ihre Schwester beugend, sich schämend, die Worte nur so laut anszn- sprechen, daß sie selbst es hörte; „sprich zu ihm und entlaß ihn dann." „Was soll ich ihm sagen, Judith?" „Ha, was dir immer dein reiner Geist eingibt, meine Liebe! Vertraue dem, so brauchst du Nichts zn fürchten." „Lebt wohl, Hnrry," flüsterte das Mädchen und drückte sanft 689 seine Hand — „Ich wünschte, Ihr versuchtet es nnd würdet mehr Wildtödtern ähnlich." Diese Worte sprach sie mit Mühe; eine schwache Rothe folgte dann, die nur einen Augenblick währte; dann ließ sie die Hand fahren, nnd Hctty wandte ihr Angesicht ab, als sei sie mit der Welt fertig. Das geheimnißvollc Gefühl, das sic an den jungen Mann gebunden hatte, eine so leise Empfindung, daß sie sich ihrer selbst kaum bewußt geworden war, nnd die gar nicht hätte bestehen können, wenn ihre Vernunft mehr Herrschaft über ihre Sinne gehabt hätte, verlor sich für immer in Gedanken höherer, obwohl kaum reinerer Art. „Was denkst du, meine süße Schwester?" flüsterte Judith, — „sag' es mir, damit ich dir beistehen kann in diesem Augenblick." „Mutter — ich sehe Mutter jetzt, nnd glänzende Wesen um sie her im See. Warum ist nicht Vater dort? — Es ist seltsam, daß ich Mutter sehe» kann, während ich dich nicht sehen kann! — Fahre wohl, Judith!" Die letzten Worte wurden nach einer Panse gesprochen, und ihre Schwester hatte sich einige Zeit in angstvoller Beobachtung über sic hingcbengt, ehe sie bemerkte, daß der sanfte Geist entflohen war. So starb Hetty Hutter, — eines der räthselhafteu Wesen, die Kettenglieder gleichsam zwischen der materiellen nnd immateriellen Welt, die — während sie so viel zu entbehren scheinen, was für diesen Zustand des Daseins werthvoll und noth- wendig ist, der Wahrheit, Reinheit nnd Einfalt eines andern so nahe kommen, und ein so schönes Bild, eine so rührende Anschauung davon gewähren! Der Wildtödter. 4L 690 Zweiunddreißigstcs Kapitel. ,,Du kannst nicht mit! Hör' an, icl) bitt'. Hör' an und last es sein. Was ist der Wald für Aufenthalt Für dich, du Mädchen fein! In Frost und Schnee, in Durst und Weh. In Hunger, Furcht und Schmerz; Nein. Mädchen, nein! es kann nicht sein. Bleib' hier und still' dein Herz. WaS wird die Stadt, die Zungen hat. So scharf wie Spieß und Schwert. Für bitt're Schmach dir reden nach. Wenn sie die Flucht erfährt?" Das nußbraune Mädchen (nach Herders Bearbeitung). Der noch übrige Tag ward ein sehr melancholischer, obgleich es nicht an lebhafter Thiitigkeit fehlte. Die Soldaten, welche vor Kurzem beschäftigt gewesen, ihre Opfer zn beerdigen, hatten jetzt die Aufgabe, ihre eigenen Tobten zn bestatten. Die Scene des Morgens hatte einen trüben Eindruck bei all' den Gentlcmen der Truppe znrückgelaffen; und die Uebrigen empfanden den Einfluß einer ähnlichen Stimmung in verschiedener Weise, und in Folge verschiedener Ursachen. Stunde um Stunde schleppte sich hin bis der Abend anbrach, und dann kamen die letzten traurigen Pflichten zn Ehren der armen Hetty Hutter. Ihr Leichnam wurde in den See versenkt, neben dem der Mutter, die sie so geliebt und geehrt hatte; und der Wundarzt, obwohl in der That ein völliger Ungläubiger, bcgnemte sich so weit dem hergebrachten Anstand und Brauch, daß er über ihrem Grabe das Leichengebet las. wie er früher schon über dem Grabe der andern gefallenen Christen gethan hatte. Es war gleichgültig, das allsehende Auge, das in den Herzen liest, wußte dennoch wohl zu unterscheiden zwischen den Lebendigen und den Tobten, und die 691 sanfte Seele des unglücklichen Mädchen war schon weit erhaben und entrückt über die Jrrthümer oder Täuschungen irgend eines menschlichen Rituals. Es fehlte jedoch diesen einfachen Bräuchen nicht ganz an geziemender Begleitung und Znthat. Die Thrä- nen Judiths und Hists flohen ungehemmt, und Wildtödter starrte in das klare Wasser, das jetzt über Einer wogte, deren Geist noch reiner sogar war, als seine eigenen Gebirgsqnellcn, mit glänzenden Angen. Selbst der Delaware wandte sich ab, seine Rührung zu verbergen, während die gemeinen Soldaten der Ceremonie mit staunenden Angen und ernsteren Empfindungen zusahen. Mit dieser frommen Pflichterfüllung schloß sich das Geschäft des Tages. Auf Befehl des kommandircnden Offiziers begaben sich Alle früh zur Ruhe, denn es war der Plan, mit Tagesanbruch den Rückmarsch wieder anzutreten. Eine Abtheilnng, welche die Verwundeten, die Gefangenen und die Trophäen mit sich führte, hatte wirklich schon im Laufe des Tags, unter Hnrry's Führung, das Kastell verlassen, mit der Absicht, in kürzeren Märschen das Fort zu erreichen. Sie war auf dem oft erwähnten Vorsprung, den wir auf den ersten Blättern beschrieben haben, an's Land gesetzt worden; und als die Sonne nnterging, lagerte sie schon auf der Höhe der lang hingestreckten, unterbrochenen, unebenen Hügel, die gegen das Thal des Mohawk hin abfielen. Der Abmarsch dieser Abtheilnng hatte die Pflichten des folgenden Tages sehr vereinfacht, indem er den Marsch um das Gepäck und die Verwundeten erleichterte, und überhaupt dem Befehlshaber größere Freiheit in seinen Bewegungen ließ. Judith sprach nach dem Tode ihrer Schwester mit Niemand als mit Hist, bis sie sich für diese Nacht zur Ruhe begab. Man hatte ihren Kummer geachtet, und die beiden Mädchen mit dem Leichnam, bis auf den letzten Augenblick, ungestört allein gelassen. Das Raffeln der Trommeln unterbrach die Stille dieses 44» 692 friedlichen Wassers, und man vernahm sobald nach dem Schluß der Ceremonic das Echo des Zapfenstreichs in den Bergen, daß man keim; Störung zu besorgen hatte. Der Stern, welcher Hists Führer gewesen war, stieg über einer so stillen Scene auf, als ob die Ruhe der Natur nie durch das Treiben oder die Leidenschaften der Menschen wäre gestört worden. Eine einfache Schildwachc, zu Zeiten abgelöst, schritt die Nacht über ans der Platform hin und her; und der Morgen ward, wie gewöhnlich, durch das kriegerische Schlagen der Neveille cingcleitet. Militärische Genauigkeit war jetzt an die Stelle des nnstätcn, fahrigen Treibens der Gränzmänner getreten, und als ein hastiges und frugales Frühstück eingenommen war, begann die Truppe nach der Küste ausznbrechen mit einer Regelmäßigkeit und Ordnung, welche weder Lärm noch Verwirrung anfkommen ließ. Von allen Offizieren blieb nur Warley. Craig führte die vorangcgan- gene Abthcilnng; Thvrnton war bei den Verwundeten, und Graham hatte natürlich seine Kranken begleitet. Auch Hutters Schrank, nebst allen seinen werthvolleren Habseligkeiten, war weggebracht worden, und nichts zurückgeblieben, was sich der Mühe des Transports verlohnte. Judith war froh, zu bemerken, daß der Kapitän ihre Gefühle achtete, und sich ganz mit den Pflichten seines Kommando's beschäftigte, während er sie ihre» Empfindungen und ihrer eigene» Einsicht und Klugheit überließ. Es war die allgemeine Voraussetzung, daß der Platz ganz verlassen werden solle; aber außer diesem wurden keine Aufklärungen weder verlangt noch gegeben. Die Soldaten schifften sich auf der Arche ein, ihren Kapitän an ihrer Spitze. Er hatte Judith befragt, in welcher Weise sie zu reisen wünschte, und als er ihren Wunsch vernahm, mit Hist bis zum letzten Augenblick zu bleiben, belästigte er sie weder mit Bitten, noch verletzte er sie durch Ertheilung von Rath. Es war nur Ein sicherer und bekannter Weg an den Mohawk; und dort 693 zweifelte er nicht, daß sie sich zur geeignete» Stunde in guter Freundschaft, wo nicht in erneuertem, vertrauterem Verkehr wieder begegnen wurden. Als Alle an Bord waren, wurden die Ruder besetzt, und die Arche bewegte sich iu ihrer schwerfälligen Weise dem fernen Landvorsprung zu. Wildtödter und Chingachgook zogen jetzt zwei der Canoe's ans dem Wasser und brachten sie in das Kastell. Thu- reu und Fenster wurden dann verriegelt, und das Hans wurde mittelst der Fallthnre auf die schon beschriebene Weise verschlossen. Beim Verlassen der Pallisaden sah man Hist in dem übrigen Ca- noe, wo der Delaware alsbald sich zu ihr gesellte und fortruderte, so daß Judith allein auf der Platform stehen blieb. In Folge dieser raschen Bewegungen fand sich Wildtödter allein mit der schönen, und noch immer weinende» Leidtragenden. Zn nn- befangen, um irgend einen Verdacht zu hegen, ruderte der junge Mann sein leichtes Boot herum, und nahm darin seine Herrin auf, worauf er dieselbe Richtung wie sein Freund cinschlug. Die Fahrt nach dem Vorsprung führte schräg, und zwar in nicht großer Entfernung an den Gräbern der Totsten vorbei. Als das Canoe dort vorüber glitt, redete Judith, znm ersten Mal diesen Morgen, mit ihrem Begleiter. Sie sprach nur wenig, — sie that nur die einfache Bitte an ihn, ein paar Minuten zu halten, ehe er die Stelle verließe. »Ich sehe diesen Platz vielleicht nie wieder, Wildtödter," sagte sie, „und er enthält die Leichen meiner Mutter und meiner Schwester! Ist es nicht möglich, was meint Ihr, daß die Unschuld des Einen dieser beide» Wesen in den Augen Gottes für das Heil Beider gutspreche?" „Ich verstehe es nicht so, Judith; aber ich bin kein Missivnär und nur dürftig unterrichtet. Jeder Geist steht ein für seine eigenen Fehltritte; obwohl eine herzliche Rene Gottes Gesetzen genügen kann." 694 „Dann »inß meine arme, arme Mutter im Himmel sein! — Bitter — bitter hat sie ihre Sünden bereut; und gewiss, es sollten ihre Leiden in diesem Leben Etwas von ihren Leide» im andern abziehen!" „Alles das geht über meine Einsicht, Jndith. — Ich bestrebe mich, hier recht zu handeln, als das sicherste Mittel, im künftigen Leben Alles recht und tröstlich zu finden. Hetty war ein ungewöhnliches Wesen, wie Alle gestehen müssen, die sie kannten, und ihre Seele war in der Stunde, wo sie ihren Körper verließ, so geeignet mit Engeln zu verkehren, als die irgend eines Heiligen in der Bibel!" „Ich glaube, Ihr laßt ihr nur Gerechtigkeit widerfahren! — Ach! ach! daß es so große Unterschiede geben soll zwischen Solchen, die an derselben Brust genährt wurden, in demselben Bett schliefen, unter demselben Dache wohnten! Doch lassen wir das — führt das Canoe etwas weiter östlich, Wildtödter; die Sonne blendet meine Angen so, daß ich die Gräber nicht sehen kann. Das ist Hetty, zur rechten Seite meiner Mutter?" „Gewiß — Ihr verlangtet das von uns; und Alle freuen sich, Eure Wünsche zu erfüllen, Judith, wenn Ihr wünscht was recht ist." Das Mädchen starrte ihn beinahe eine Minute in schweigender Aufmerksamkeit an, dann wandte sie ihre Augen rückwärts nach dem Kastell. „Dieser Sec wird bald ganz verlassen sein," sagte sie — „und das in einem Zeitpunkt, wo er ein sichrerer Aufenthaltsort sein wird als je. Was ganz kürzlich vorgefallen ist, wird die Irokesen ans lange Zeit hinaus von einem neuen Besuch abschrecken!" „Das wird cs! — ja, das kann man als ansgemachte Sache behaupten. Ich gedenke nicht wieder des Weges zu kommen, so lange der Krieg dauert; denn nach meiner Meinung wird kein Huronen-Mokasin seine Spuren den Blättern dieses Waldes mehr 695 eindrücken, bis ihre Ueberliefernngen vergessen haben, ihren jungen Männern von ihrer Schande und Vernichtung zu erzählen." „Und habt Ihr eine solche Freude an Gewaltthat und Blutvergießen? Ich hatte besser von Euch gedacht, Wildtödter — hatte Euch fiir einen Mann gehalten, der sein Gluck finden könnte in einer ruhigen, heimlichen Häuslichkeit, mit einem ergebene», liebenden Weib, das bereit wäre, ans alle Eure Wunsche zu achten, und gesunden, pflichtmäßigen Kindern, bestrebt in Eure Fnßstapfcn zu treten, und so redlich und gerecht wie Ihr selbst." „Herr Gott, Judith, was für eine Zunge wißt Ihr zu führen! Sprache und Schönheit gehen Hand in Hand, gleichsam; und was die eine nicht kann, das leistet desto gewisser die andere! Ein solches Mädchen könnte in einem Monat den mannhaftesten Krieger in der Kolonie verderben!" „Und irre ich mich denn so sehr? Liebt Ihr wirklich den Krieg mehr, Wildtödter, als den häuslichen Herd und die zärtlichen Gefühle?" „Ich verstehe Eure Meinung, Mädchen — ja, ich verstehe, glaube ich, was Ihr meint, obwohl Ihr mich, so denke ich, nicht ganz versteht. Einen Krieger darf ich mich jetzt nennen, denke ich, denn ich habe gekämpft nicht nur, sondern auch gesiegt, und das ist genug, um diesen Namen zu führen; auch will ich nicht längnen, daß ich eine Neigung für den Beruf habe, der männlich sowohl als ehrenvoll ist, wenn man ihn übt nach natürlichen Gaben; aber ich habe kein Verlangen nach Blut. Indes', Jugend ist Jugend, und ein Mingo ist ein Mingo. Wenn die jungen Männer dieser Gegend müssig ständen, und die Vagabunden das Land überschwemmen ließen, ha! so könnten wir ebensogut Alle auf einmal Franzmänner werden, und Land und Leute prcisgeben. Ich bin kein Fenercsser, Judith, oder Einer, der den Kampf um des Kampfs willen liebt; aber ich kann keinen großen Unterschied sehen zwischen dem, daß man das Land 696 abtritt vor einem Krieg, aus Furcht vor einem Krieg, und dem, daß man cs abtritt, nach einem Krieg, weil man nicht anders kann — wenn nicht der, daß letzteres das Mannhaftere und Ehrenhaftere ist." „Kein Weib würde je wünschen, zu sehen, daß ihr Gatte oder Bruder ruhig Hinstände und sich Schimpf und Hohn gefalle» ließe, Wildtödter, wie sehr sie auch darüber trauerte, wenn er in die Gefahren der Schlacht sich stürzte. Aber Ihr habt schon genug gcthan, diese Gegend von den Hnronen zu säubern; denn Euch vornehmlich verdankt man den Ruhm unseres letzten Sieges. Jetzt hört mich geduldig an, und antwortet mir mit der angeborene» Redlichkeit, welche bei Einem von Eurem Geschlecht zu sehen eben so erfreulich als selten Zst." Judith hielt inne; denn jetzt, wo sie gerade auf dem Punkte stand, sich zu erklären, behauptete natürliche Sittsamkeit ihre Macht, trotz der ermuthigcndcn Zuversicht, welche die große Unbefangenheit und Treuherzigkeit von ihres Gesellschafters Charakter ihr einflößte. Ihre Wangen, die erst noch so bleich gewesen, flammten, und ihre Angen leuchteten fast wieder mit ihrem frühem Glanze. Ihre Gemüthsbewcgnng gab ihrem Angesicht Ausdruck und ihrer Stimme Weichheit, und machte sie, die immer so schön war, dreifach einnehmend und verführerisch. „Wildtödter," begann sie wieder nach einer ansehnlichen Panse, „dicß ist nicht ein Augenblick für Verstellung, Täuschung oder Unvffenherzigkeit irgend einer Art. Hier, über meiner Mutter Grab, »nd über dem Grabe der wahrheitsliebenden, wahrheit- redenden Hetty scheint alles versteckte, unredliche Verfahren nicht am Platze. Ich will daher ohne Zurückhaltung, und ohne alle Furcht, mißverstanden zu werden, zu Euch sprechen. Ihr seid mir nicht ein Bekannter von einer Woche her, sondern cs ist mir, als kennte ich Euch seit Jahren. So viel, und so viel Wichtiges ist in dieser kurzen Zeit vorgefallen, daß die Bekümmernisse 697 und Gefahren und Rettungen eines ganzen Lebens in wenige Tage sich znsammengedrängt haben; und die mit einander bei solchen Scenen gelitten und gehandelt haben, dürfen sich nicht als einander fremd fühlen. Ich weist, daß, was ick zu sage» im Begriff bin, von den meisten Männer» mißverstanden werden würde; aber von Euch hoffe ich eine großmüthige Auslegung meiner Handlungsweise. Wir befinde» uns hier nicht inmitten der Künste und Täuschungen der Ansiedelungen, sondern wir sind junge Leute, welche keine Gelegenheit haben, einander in irgend einer Weise oder Form zu betrügen. Ich hoffe, ich rede verständlich." „Gewiß, Judith; Wenige conversiren besser als Ihr, und wohl Keine angenehmer.' Eure Worte sind so gefällig wie Euer Aussehen." „Die Art und Weise, wie Ihr dies; Aussehen so oft gerühmt habt, ist cs, was mir Mnth gibt, fortznfahren. Dennoch, Wild- tödter, ist es nichts Leichtes für Eine von meinem Geschlecht und meinen Jahren, alle Lehren ihrer Kindheit, all' ihre Angewöhnungen und ihre natürliche Schüchternheit zu vergessen, und offen heransznsagen, was ihr Herz fühlt!" „Warum nicht, Judith? Warum sollten nicht Frauen so gut wie ein Mann offen und redlich mit ihren Mitmenschen verkehren? Ich sehe keinen Grund, warum Ihr nicht so geradeheraus sprechen solltet, wie ich, wenn Ihr etwas wirklich Wichtiges zu sagen habt." Die unüberwindliche Bescheidenheit, welche den jungen Mann noch immer die Wahrheit nicht ahnen ließ, würde das Mädchen ganz entmnthigt haben, wäre nicht ihre Seele, wie ihr ganzes Herz entschlossen und begierig gewesen, einen verzweifelten Versuch zu wagen, um sich vor einer Zukunft zu retten, welche sie mit einem Abscheu fürchtete, der nicht minder lebhaft war, als die deutliche Sicherheit, womit sie dieselbe vorherzusehen wähnte. 698 Dieser Beweggrund mm erhob sic über alle gewöhnlichen Rücksichten, und sie blieb bei ihrem Vorhaben, zn ihrem eigenen Er- stannen, wo nicht zn ihrer großen Beschämung. „Ich will — ich mns; so offen mit Euch sprechen, wie ich es mit der armen, lieben Hetty thäte, wäre das süße Kind noch am Leben," snhr sie fort, und wurde blaß, statt roth, denn die kühne Entschlossenheit, von der sie getrieben wurde, hielt die sichtbare Wirkung, welche ein solcher Schritt in der Regel bei Einer ihres Geschlechts hätte hervorbringcn müssen, zurück; „ja, ich will alle anderen Gefühle in dem Einen ersticken, das jetzt das mächtigste in mir ist. Ihr liebt die Wälder und das Leben, das wir hier in der Wildnis; führen, fern von den Wohnungen und Städten der Weißen?" „Wie ich meine Eltern liebte, Judith, als sie noch lebten! Dieser Platz märe mir wie die ganze Schöpfung, wäre nur einmal dieser Krieg ordentlich vorüber, und hielten sich die Ansiedler entfernt!" „Warum dann ihn verlassen? Er hat keinen Eigenthümer — wenigstens keinen, der ein besseres Recht als das mcinige geltend machen kann, und das trete ich Euch freiwillig ab. Wäre cs ein Königreich, Wildtödter, ich glaube, ich würde mit Freuden dasselbe sagen. Laßt uns dann dahin znrnckkehren, nachdem wir erst den Priester im Fort ausgesucht haben, und ihn nie wieder verlassen, bis Gott uns abrnft in jene Welt, wo wir die Geister meiner armen Mutter und Schwester finden werden." Eine lange nachdenkliche Panse trat nun ein; Judith hatte sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, nachdem sie sich gezwungen, einen so offenen Antrag anszusprechen, und Wildtödter sann eben so bekümmert als erstaunt nach über die Meinung der Sprache, die er soeben gehört. Endlich brach der Jäger das Schweigen, und sprach in einem Tone, der bis 699 zur Zartheit gedämpft war durch seiueu Wunsch nicht zu beleidigen. „Ihr habt das nicht wohl bedacht, Judith," sagte er — „nein, Eure Gefühle sind aufgeregt durch Alles, was sieb jüngst znge- tragcu, und weil Ihr Euch ohne Verwandte und Freunde in der Welt glaubt, seid Ihr allzu hastig, Jemand zu finden, der die Stellen der Verlorenen äusfülle." „Lebte ich in einem ganzen Schwarm von Freunden und Verwandten, Wildtödter, ich würde dennoch denken, wie ich jetzt denke — sagen, was ich jetzt sage," erwiederte Judith, die noch immer mit den Händen ihr liebliches Angesicht verhüllte. „Dank Euch, Mädchen, Dank Euch von Grund meines Herzens. Indessen ich bin nicht der Mann, der den Vortheil eines schwachen Augenblicks benützen sollte, wo Ihr Eure eigenen großen Vortheile vergesst, und meint, die Erde mit Allem, was sie enthält, sei i» diesem kleinen Canoe. Nein — nein — Judith, es wäre ungroßmüthig von mir; was Ihr mir angeboten habt, kann nie in Erfüllung gehen!" „Es kann wohl, und das ohne daß Eines Ursache zur Rene hätte," versetzte Judith mit einer Heftigkeit des Gefühls und Benehmens, die sie auf einmal die Hände von den Angen wcg- ziehen machte. „Wir können die Soldaten veranlassen, unsere Habseligkeiten auf dem Weg znrückznlassen, bis wir znrück- kehren, wo wir sie dann leicht in's Haus schaffen können; der See wird nicht mehr vom Feind heimgesncht werden, während dieses Krieges wenigstens; alle Eure Häute könnt Ihr leicht bei der Garnison verkaufen. Dort könnt Ihr die wenigen uns nothwcndigen Lebensbedürfnisse einkanfen, denn ich wünsche jenen Ort nie wieder zu betreten; und, Wildtödter," fuhr das Mädchen fort, und lächelte mit einer Holdseligkeit und Natürlichkeit, daß es dem jungen Mann schwer wurde, ihr zn wider- 700 stehe», — „zum Beweis, wie gänzlich ich die Eurige bin und zn sein wünsche, wie gänzlich ich wünsche, Nichts zu sein als Euer Weib, fall gleich das erste Feuer, das wir nach unsrer Rückkehr anfmachen, angezündet werden mit dem Brokatkleid, und unterhalten werden mit allen Sachen, die ich besitze, und die Ihr für das Weib, mit dem Ihr zu leben wünscht, nicht paffend findet!" „Ach, weh! — Ihr seid ein cinnehmcndes nnd liebliches Geschöpf, Judith; ja, das Alles seid Ihr, und Niemand kann das längnen, der Wahrheit unbeschadet. Diese Bilder sind de» Gedanken gefällig, aber sie möchten nicht so glücklich ansfallen, als Ihr jetzt meint. Vergesst daher Alles, nnd lasst uns Schlange nnd Hist nachrndern, als ob von der Sache gar nicht die Rede gewesen wäre." Judith war tief gekränkt, nnd was mehr ist, tief betrübt. Es lag eine Ruhe nnd Festigkeit i» Wildtödtcrs Benehmen, welche ihre Hoffnungen gänzlich erstickte, nnd ihr zeigte, das; dießmal ihre außerordentliche Schönheit doch verfehlt hatte, die Bewunderung und Huldigung zn erwecken, die ihr sonst immer ent- gcgenkamen. Man sagt, Franc» vergeben Denen selten, die ihr Entgegenkommen mißachten; aber dieß hochsinnige nnd heftige Mädchen hegte nie, weder damals noch später, auch nur einen Schatten von Erbitterung gegen den offenen nnd frcimüthigcn Jäger. Im Augenblick mar das vorwiegende Gefühl der Wunsch, sich zn vergewissern, ob kein Mißverständnis; obwalte. Nach einer weitern, peinlichen Panse brachte sie daher die Sache zn einem Ende durch eine Frage, die zu einfach war, um eine Mißdeutung znzulassen. „Gott verhüte, das; wir uns für's spätere Leben Reue bereiten durch einen Mangel an Offenheit jetzt," sagte sie. „Ich hoffe, wir verstehen einander wenigstens. Ihr wollt mich nicht znm Weib nehmen, Wildtödter?" 701 „Es ist besser für Beide, wenn ich Eure unüberlegte Hast mir nicht zu Nutze mache, Judith. Wir können uns nimmermehr heirathen." „Ihr liebt mich nicht, — Euer Herz ist vielleicht nicht im Stande mich zn achten, Wildtödtcr!" „Alles und Jedes in guter Freundschaft, Judith — Alles, meine Dienste und mein Leben selbst. Ja, ich wollte so viel für Euch wagen, in diesem Augenblick, als für Hist selbst; und das ist so viel gesagt, als ich nur zn Gunsten einer Tochter des Weibes sagen kann. Ich glaube, ich fühle mich gegen Keine von Beiden so gesinnt — merkt cs, Judith, ich sage Keine! — als möchte ich Vater und Mutter verlassen — wen» Vater und Mutter noch lebten, was jedoch nicht der Fall ist — aber wenn Beide noch lebten, so fühle ich mich gegen kein Weib so gesinnt, das; ich jene verlassen möchte, um ihr anzuhängen." „Das ist genug," antwortete Judith mit beschämter und erstickter Stimme. „Ich verstehe ganz, was Ihr meint. Heirathen könnt Ihr nicht ohne Liebe; und diese Liebe fühlt Ihr für mich nicht. Antwortet nicht, wenn ich recht habe, denn ich verstehe Euer Schweigen. Dies; schon für sich wird peinlich genug sein." Wildtödtcr gehorchte und antwortete nicht. Langer als eine Minute hielt das Mädchen ihre glänzenden Augen ans ihn geheftet, als wollte sie in seiner Seele lesen; während er im Wasser spielend dasas;, wie ein gestrafter Schnlknabe. Dann senkte Judith selbst ihre Ruderschanfel in's Wasser, und trieb das Canoe von der Stelle weg, mit einer so widerstrebenden Bewegung, als die Gefühle, welche sic dazu veranlasiten. Wildtödtcr jedoch unterstützte ruhig ihre Anstrengung, und bald waren sie ans der spurlosen Bahn, die der Delaware ein- gcschlagen. 702 Auf der Fahrt nach dem Vorsprung ward kein Wort mehr zwischen Wildtödter und seiner schönen Begleiterin gewechselt. Da Judith im Vvrderthcil des Canoe's saß, wandte sic ihm den Rücken zu, sonst hätte vermnthlich der Ausdruck ihres Gesichts ihn veranlaßt, einige begütigende, tröstende Worte der Freundschaft und Achtung gegen sie zu wagen. Was man kaum hätte erwarten sollen — sie empfand noch immer keine Bitterkeit gegen ihn, obwohl ihre Farbe häufig von der flammenden Nöthc der kränkenden Beschämung zur Blässe der getäuschten Erwartung überging. Kummer, tiefer herzinniger Kummer jedoch war das vorwalteude Gefühl, und dieser verriet!) sich auch in einer nicht zu mißdeutenden Weise. Da keines von Beiden sich sehr anstrengte mit Rudern, war die Arche schon angekommen und die Mannschaft ausgeschifft, ehe das Cauoe mit den zwei Nachzüglern den Vorsprung erreichte. Chingachgvok war ihr vorgekommen, und befand sich schon in einiger Entfernung waldciuwärts auf einer Stelle, wo die beiden Pfade, der nach der Garnison und der zu den Dörfern der Delaware» führende, sich trennten. Auch die Soldaten hatten sich schon in Marschlinie gestellt, nachdem sie zuvor die Arche hatten wegtreibcn lassen, gänzlich gleichgültig gegen ihr Schicksal. Alles das sah Judith, aber sie beachtete es nicht. Der Glimmerglas hatte keine Reize mehr für sie; und als sic den Fuß an's Land gesetzt, schlug sie sogleich den Pfad der Soldaten ein, ohne einen einzigen Blick hinter sich zu werfen. Selbst an Hist ging sie vorbei, ohne von ihr Kunde zu nehmen; und dies; bescheidene junge Geschöpf scheute vor Judiths abgewandtem Gesicht zurück, wie wenn sie selbst eines Unrechts sich schuldig wüßte. „Wartet Ihr hier, Schlange," sagte Wildtödter, der dem Schatten der niedergeschlagenen Schönheit folgte, als er an sei- 703 «cm Freund vorbeikam. „Ich will nur Judith zu ihrer Gesellschaft geleiten, und daun Euch wieder treffen." Hundert Schritte hatten das Paar dem Auge sowohl der Vorauziehcudeu als der Nachkommeudeu entzogen, als Judith sich nmwandte und sprach. „Das wird genügen, Wildtödter," sagte sie traurig. „Ich verstehe Eure Güte und Freundlichkeit, werde ihrer aber nicht bedürfen. In wenigen Minuten werde ich die Soldaten erreichen. Da Ihr nicht mit mir die Reise des Lebens antreten wollt, wünsche ich nicht, daß Ihr mich auf dieser weiter begleitet. Doch halt! che wir scheiden, möchte ich Euch noch Eine Frage vorlegen. Und ich verlange von Euch, wie Ihr Gott fürchtet-und die Wahrheit ehrt, daß Ihr mich mit Eurer Antwort nicht täuschet. Ich weiß, Ihr liebt keine Andere: und ich sehe nur Einen Grund ab, warum Ihr mich nicht lieben könnt, nicht lieben wollt. Sagt mir den, Wildtödter," das Mädchen stockte, und die Worte, die sie im Begriff war zu sagen, schienen sic ersticken zu wollen. Dann all' ihre Entschlossenheit aufbietend, fuhr sic mit einem Angesicht, in welchem flammende Röthe und Bläffe mit jedem Athemzugc wechselten, fort: „sagt mir denn, Wildtödter, ob nicht vielleicht etwas Leichtfertiges, was Henry March von mir gesagt, Einfluß auf Eure Gefühle gehabt haben mag?" Die Wahrheit mar Wildtödtcrs Polarstern, den er immer im Auge behielt; und es war ihm beinahe unmöglich, das Anssprechen derselben zu vermeiden, selbst wenn die Klugheit Schweigen gebot. Judith las seine Antwort in seinem Angesicht; und mit einem Herzen, das beinahe brach durch das Bewußtsein unverdienten Unrechts, winkte sie ihm ein Lebewohl zu, und begrub sich in den Wäldern. Einige Zeit war Wildtödter unschlüssig, was er thnu solle, am Ende aber wandte er seine Schritte rückwärts, und schloß sich an die Delawareu wieder 704 an. In dieser Nacht kampirten die Drei an den ober» Wassern ihres Stromes, und am folgenden Abend langten sie in dem Dorfe des Stammes an; Chingachgook und seine Verlobte im Triumph, ihr Begleiter geehrt und bewundert, aber mit einem Kummer, welche» zu vertilgen es Monate der rüstigsten Thätig- keit brauchte. Der Krieg, der damals begonnen, war heftig und blutig. Der Delawarenhäuptling stieg in feinem Volke so hoch empor, daß sein Name nie ohne Lob und Ruhm genannt wurde; während ein neuer Uncas, der letzte seines Stammes, der langen Linie von Kriegern sich anschlvß, welche diesen ausgezeichneten Namen trugen. Wildtödter seinerseits, unter dem sodriguet ,Falkenaug«ch machte seinen Ruf weit und breit bekannt, bis das Krachen seiner Büchse den Ohren der Mingo's so furchtbar wurde, wie die Donner Manittn's. Seine Dienste wurden bald von den Offizieren der Armee in Anspruch genommen, und er schloß sich im Feld insbesondere an Einen an, mit dessen späterem Leben er in einem engen und wichtigen Verhältnis; stand. Fünfzehn Jahre waren verstrichen, ehe Wildtödter wieder Gelegenheit fand, den Glimmerglas zu besuchen. Friede hatte inzwischen geherrscht, nnd es war am Vorabend eines neuen, noch wichtigeren Krieges, als er und sein beständiger Freund Chingachgook nach den Forts eilten, um sich ihren Verbündeten anznschließen. Ein junges Bürschchen begleitete sie, denn Hist schlummerte schon unter den Fichten der Delaware», nnd die drei Ueberlcbenden waren jetzt unzertrennlich geworden. Sie erreichten den Sec gerade als die Sonne. nntergiug. Hier war Alles unverändert, der Fluß rauschte noch durch sein Gewölbe von Bäumen dahin; der kleine Fels verwitterte allmählig unter dem langsam wirkenden Einfluß des Wassers, das ihn » seit Jahrhunderten bespülte; die Berge standen in ihrem natür- 705 licken dunkeln, reichen und geheimnißvollen Gewände da, während der See in seiner Einsamkeit schimmerte, ein schöner Edelstein des Waldes. Am folgenden Morgen entdeckte der Jüngling eines von den Canoe's, das an's User getrieben und im Zustand des Verfalls war. Einige Arbeit stellte es in dienstfähigen Stand her, und Alle schifften sich ein, um den Play in Angenschein zu nehmen. An allen Vorsprüngen fuhren sie vorbei, und Chingachgook bezeichnet« seinem Sohn die Stelle, wo die Huronen zuerst sich gelagert hatten, und den Punkt, von wo cs ihm gelungen war, seine Braut wieder zu entführen. Hier landeten sie auch; aber alle Spuren des frühern Besuchs waren verschwunden. Sodann begaben sie sich nach dem Schauplatz der Schlacht, und hier fanden sie einige der Spuren, welche längere Zeit an solchen Lokalitäten zu treffen sind. Wilde Thiere hatten viele Leichname ausgewühlt, und Menschcnknochen bleichten in den Sommerregen. Uncas betrachtete sich Alles mit Ehrfurcht und Rührung, obwohl schon die Ueberlieferungen seinen jungen Geist mit dem Ehrgeiz und Trotz des Kriegers aufregend erfüllten. Von dem Vorsprung aus nahm das Cauoe seinen Weg nach der Sandbank, wo die Ueberreste des Kastells noch sichtbar waren, eine malerische Ruine. Die Winterstürme hatten längst das Haus seines Daches beraubt, und Fäulnis; hatte die Stämme an- gefreffen. Alle Bande und Riegel waren unversehrt, aber die Jahreszeiten trieben ihr Spiel in dem Hause, des Versuchs, sie auszuschließen, gleichsam spottend. Die Pallisadcn verfaulten, wie auch die Pfeiler; und es war augenscheinlich, daß noch ein paar Winter, noch einige Stürme und Gewitter Alles in den See fegen, und das Gebäude von der Oberfläche dieser prächtigen Einsamkeit wegwischen würden. Die Gräber waren nicht zu finden. Entweder hatten die Elemente ihre Spuren verwischt, Der Wildtödter. 45 706 oder hatten die Suchenden die genauere Lage derselben in der langen Zeit vergessen. Die Arche ward entdeckt, gestrandet an der östlichen Küste, wohin sie längst von den vorherrschenden Nvrdwcstwinden getrieben war. Sie lag ans dem sandigen Endpunkte eines lange», niederen Landvorsprungs, etwa zwei Meilen von der Ausströmung gelegen, der selbst durch die Wirkung der Elemente rasch verschwindet. Die Fähre war mit Wasser angcfüllt, die Kajüte ohne Dach, und das Holz in Verfall. Einiges von dem roheren Geräthe war noch vorhanden, und Wildtödters Herz pochte höher, als er ein Band Judiths an einem Holzblock flattern sah. Es erinnerte ihn an alle ihre Schönheit, und, dürfen wir hinzusetzen, an alle ihre Fehler. Obwohl das Mädchen sein Herz nie eigentlich gerührt hatte, war doch dem Falkenauge, denn so müssen wir ihn jetzt nennen, ein aufrichtiges und inniges Interesse an ihrem Schicksal geblieben. Er riß das Band weg, und machte daraus eine Schleife am Schaft seiner Büchse, Killdcer, welche ihm das Mädchen selbst geschenkt hatte. Einige Meilen weiter aufwärts am See entdeckten sie ein weiteres Canoe; und auf dem Ausläufer, wo die Gesellschaft am Ende landete, fand man die hier an der Küste zurückgelassene». Das, in welchem die gegenwärtige Fahrt gemacht wurde, und das an der östlichen Küste gefundene waren durch den zerstörten Boden des Kastells durchgebrochen, waren an den zusammenfal- lcnden Pallisaden vorbei getrieben und als herrenlose Sachen an den Strand geworfen worden. Aus allen diesen Anzeichen wurde wahrscheinlich, daß der See seit den Vorfällen der letzten Scene unserer Erzählung nicht mehr besucht worden war. Zufall oder Ueberlieferung hatten ihn wieder zu einem der Natur geheiligten Platz gemacht, und die häufigen Kriege und die schwache Bevölkerung der Kolonien beschränkten noch die Ansiedelungen ans enge Gränzcn. Chingach- 707 gook und sein Freund verließe» den Platz mit schwermüthigen Gefühlen. Es war die Gegend ihres ersten Kriegspfades gewesen, und rief den Seelen Beider das Bild zärtlicher, rührender Scenen und Stunden des Triumphes zurück. Sie setzten jedoch schweigend ihren Weg nach dem Mohawk fort, um sich in neue Abenteuer zu stürzen, so merkwürdig und aufregend, wie diejenigen, welche den Anfang ihrer Laufbahn an diesem lieblichen See begleitet hatten. Zeit und Umstände haben einen undurchdringlichen Schleier über Alles geworfen, was mit dem Schicksal der Familie Hutter zusammenhängt. Sie lebten, irrten, starben und sind vergessen. Keine der mit ihnen in Berührung Gekommenen haben so viel Antheil an den mit Unehre Bezeichneten genommen, um den Schleier zu lüften, und ein Jahrhundert verwischt bald das Gedächtniß selbst ihrer Namen. Die Geschichte des Verbrechens ist immer empörend, und es ist ein Glück, daß Wenige gerne bei ihren einzelnen Begebenheiten länger verweilen. Die Sünden der Familie sind längstens vor den Richterstnhl Gottes gezogen worden, oder sind eingetragen für die furchtbare Abrechnung des letzten großen Tages. Dasselbe Schicksal erwartete Judith. Als Falkenauge die Garnison am Mohawk erreichte, erkundigte er sich angelegentlich nach diesem lieblichen aber irregeleiteten Geschöpf. Niemand wußte von ihr — selbst einer Person ihres Namens erinnerte man sich nicht mehr. Andere Offiziere waren zu wiederholten Malen an die Stelle der Warley's, Craigs und Grahams gerückt, aber ein alter Sergeant der Garnison, der kürzlich von England gekommen, war im Stand, unserem Helden die Nachricht zu geben, daß Sir Robert Warley auf seinen väterlichen Gütern lebe, und daß eine Dame von seltener Schönheit in dem Landhaus sich befinde, welche großen Einfluß auf ihn ausübe, obwohl sie nicht seinen Namen trage. Ob dieß Judith war, zu- 45 * 708 rückgefallen in ihre frühere Verirrung, oder ein anderes Opfer des Soldaten, erfuhr Falkcnauge nie, auch wäre eine Nachforschung weder angenehm noch ersprießlich gewesen. Wir leben in einer Welt der Übertretungen und der Selbstsucht, und keine Gemälde, die sie uns anders darstellen, sind wahr, obwohl, zum Glück für die menschliche Natur, Strahlen jenes reine» Geistes, nach dessen Bilde der Mensch erschaffen ist, sichtbar sind, welche ihre Mißgestaltungen verhüllen und mindern, und ihre Verbrechen milder», wenn nicht entschuldigen. Druck von C. Hessin an» in Stuttgart.