636
recht bald wieder zu sehen, vertauschte sie ihren bisherigen Aufent-halt mit dem in einem Seehafen, und so geschah es denn auch,daß sie mit ihren Dienstboten wechselte. Durch diesen, wie siespäter dachte, sehr glücklichen Zufall, blieb sie alleinige Herrin desGeheimnisses von Mildrcds Geburt, denn die wenigen Personen,denen es außer ihr noch bekannt war, befanden sich in einer Stel-lung, welche es unwahrscheinlich machte, daß sie, ohne darüber be-fragt zu werden, jemals etwas über diesen Gegenstand bekanntmachen würden.
Ihre ursprüngliche Absicht war übrigens, die Sache ihremGatten ohne allen Rückhalt mitzutheilcn. Doch er kam als eindurchaus veränderter Mensch zurück — brutal in seinen Manieren,kalt in seinen Gefühlen — ein Opfer der Trunkenheit. Sie selbsthatte sich mittlerweile zu sehr an das Kind gewöhnt, als daß siedaran denken konnte, dasselbe den mürrischen Launen eines solchenMenschen anszusetzen, und so wurde Mildrcd als das wirkliche Kindihrer vermeintlichen Eltern auserzogen und nahm mit jedem Tagezu an Schönheit des Körpers wie des Geistes.
Dieß Alles erzählte Mrs. Dutton kurz und klar, ohne natür-lich im Geringsten ans das Benehmen ihres Gatten anzuspielcn,indem sie ihr eigenes Wohlwollen einzig und allein der Anhänglich-keit an das Kind zuschrieb. Bluewater hatte Kraft genug, umdas Kind in seine Arme zu schließen; wieder und immer wiederküßte er ihre bleiche Wange und segnete sie mit den glühendsten,feierlichsten Gebeten.
„Meine Gefühle waren also weder verrätherisch noch unge-treu," sprach er, „denn ich liebte dich von Anfang an, du süßesKind. Sir Gervaise Oakes besitzt mein Testament, das vor mei-nem Abgänge zu dieser letzten Kreuzfahrt abgefaßt wurde — jederSchilling, den ich hinterlasse, wird dir gehören. Mr. Atwood,schafft dieses Testament herbei und fertigt ein Codicill, welchesdiese neue Entdeckung erklären und das Vermächtnis bestätigen soll.