I. F. Loopers Amerikanische Noinane, n e u aus dem Englischen übertragen. Dreizehnter Land. Die beiden Admirale. Mit St-ihlstich. Dritte ttuslage. Stllttgnrt. Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung. 1853 . Die beiden Admirale. Ein Sce-Roman vvn James Feuimoie Cooper. Aus dem Englischen von Eduard Manch. Kommt. all' ihr Krieger auö deö Meereö Grunde! Kein Flüstern darf deo Brudcrd Schlummer wecken: Schaan euch um ihn in festem, mächt'gem Bunde — Bewacht die Lvrbee'r'n, die den Freund bedecken! Zu „Tripp's" Gcdachtniß. Driike Aussage. Atuttglllt. Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung. 1853 . vorred c. Unter allen Sce-lltomanen, welche die zwei letzten Jahrzehnte haben erscheinen sehen, kennen wir keinen, in dem die Bewegungen ganzer Flotte» wesentliche Lincamcnte gebildet hätten. Wir besitzen zwar treffliche Gemälde, voll von Schilderungen der Manövers einzelner Fahrzeuge, reich an charakteristischen Zügen aus der Schifffahrtskunde überhaupt; aber ihre Urheber scheinen sich ohne Ausnahme und mit der bewußtesten Absicht davon fern gehalten zu haben, jenen Beruf im Großen zeichnen zu wollen. Wir selbst haben früher jeden ähnlichen Versuch unterlassen, thcilweise weil wir unsere Schwäche kannten, hauptsächlich aber aus dem Grunde, weil wir bei allen unfern poetischen Wanderungen zur See so weit als möglich unter der Flagge zu bleiben wünschten, an welche die Gewohnheit und das Heimathsrecht uns fesselten. Wir tadeln laut und entschieden jenen kleinlichen Patriotismus, der empfindlich wird, wenn es sich um die Ehre von Hunden oder Katzen handelt — der die Nationalität damit behaupten will, daß er geringfügige Dinge preist, blos weil sie feinem Lande entstammen : der cs wagt, die lächerliche Doctrin aufzustcllcn (eine Doctrin, in den Annalen der Literatur so neu, daß sie allein in jämmerlichem Provinzialgeiste eine nothdürstige Erklärung findet): Die beiden Admirale. VI daß Laster, Thorheit, Gemeinheit und Unwissenheit dcßhalb entschuldbar wurden, weil sie amerikanische Unarten seien; doch wahrlich Grunds genug sür alle amerikanischen Federn, sie auss Lebhafteste zu bekämpfen. Ein solcher Patriotismus verkehrt jene Großmuth Domitians in's gerade Gegentheil, womit er Jnvenal in seiner Nähe duldete, so lange dieser seine Satiren nur auf das große Publikum im Allgemeinen richtete, ihn aber aus Rom verbannte , sobald er sich zu verleumderischen Angriffen ans Einzelne erniedrigte. Ein eben so verwerfliches Vornrtheil muß es genannt werden, seine poetische Productivität allein auf das Geburtsland beschränken zu wollen — ein Vornrtheil, wie es eine Nation von ausgeprägtem Charakter und umfassender Welt-Ansicht wohl nicht in ihrer Mitte hegen kann, und in unfern Augen nahezu so verächtlich, als jenes eben gerügte maaßlose Selbstlob. Wir für unfern Theil dürfen uns wohl einfach auf unsere Neigung berufen in einer Wahl, über die doch am Ende mehr oder weniger nur die Individualität des Schriftstellers entscheiden kann: ein innerer Drang führte uns dazu, die vorliegenden Schilderungen zu versuchen, und in diesem Gebiete ist ein solcher Drang immerhin ein leidlich sicherer Führer. Dessenungeachtet aber muß sich der Amerikaner, wenn er Flotten zum Gegenstände seiner Darstellungen machen will, wohl oder übel entschließen, seine Flagge zu verlassen. Eine eigentliche amerikanische Flotte war noch nie versammelt, und wenn die Freistaaten auch das Material reichlich besitzen, um ein solches Phänomen zu schaffen, so schien doch seither immer noch der Wille zu fehlen. Sogar die Ereiruug des militärischen Ranges, der von der nöthi- gen Autorität über eine solche Schiffsmacht unzertrennlich ist, begegnete bis jetzt einem wunderlichen, ja gefährlichen Widerstande innerhalb der Räume der Nationalversammlungen, und wäre der Titel dieses Buchs „der Admiral" anstatt: „die beiden Admirale" gewesen, so hätten wir uns nur um so mehr nach einem Helden VII außerhalb unseres Landes umsehen müssen. Unsere Gesetzgeber erwarten vielleicht Wunder von ihren Würdcträgern ohne jene Reizmittel , die doch in der Regel allen menschlichen Bestrebungen zu Grunde liegen. Wie lange sich aber eine solche Politik mit der Klugheit vertragen wird, möchte schwer zu sagen sein. Wahrend wir übrigens nur unsere Unabhängigkeit durch den Anspruch auf Schauplätze zu wahren glauben, wie sie eben unserer Neigung am besten zusagteu, gestehen wir nicht minder bereitwillig, daß wir mit Freuden für die gegenwärtige Erzählung die Flagge unserer Heimath gewählt hätten, wären uns dabei nicht die Forderungen der poetischen Wahrscheinlichkeit zu gebieterisch im Wege gestanden. Wenn auch nicht ganz durch Geburt und Abstammung, so sind wir doch durch Erziehung durch und durch Amerikanisch gesinnt, und bekennen offen unsere entschiedene Vorliebe für die „Sterne und Streifen", jene freilich für ein Kcnnerauge etwas geschmacklosen Symbole der Union, gegenüber dem breiten weißen Felde und dem St. Georgenkrcuz des edlen brittischen Wahrzeichens : gegenüber dem fleckenlosen Banner von Frankreich, wie es in der Periode unserer Erzählung wehte, oder selbst jener schönsten aller Besanflaggcn — dem Tricolore unserer Tage. Wenn uns die gesetzgebenden Versammlungen einmal eine Flotte und Admirale für unsere Feder schaffen, so soll es ein Hochgenuß für uns sein, die Verherrlichung ihrer Heldenthaten zu versuchen. Uebrigens steht cs den Kolonisten wohl zu, ihren Theil an allem Ruhme Englands bis vor 1775 in Anspruch zu nehmen, und ibre Nachkommen mögen sich mit den Söhnen des jetzigen Mutterlandes darüber streiten, wie viel von dem Glanze der Heldenthaten eines Oakes und Bluewater auf jede Seite fallen soll. Unsere Landsleute werden bei unfern inländischen Verlegern, Lea und Blanchard in Philadelphia, alle Documente vorfinden, die wir über den Stoff der „beiden Admirale" besitzen, und zudem haben wir zum Besten aller unserer Freunde in England bei Herrn VIII Richard Bentlcy, Newburlington-Street, London, Duplikate aller der Qncllennachwcisnngen niedcrgclegt, auf welche unsere Erzählung sich gründet, indem wir zugleich alle Geschäftsfreunde dieser beiden großen Verlagsbuchhandlungen bitten, sich allen deßfallsigen Mittheilungen, woher sie immer verlangt werden möchten, willig und ohne Rückhalt zu unterziehen. Hoffentlich wird der Rechtssinn des Lesers „die beiden Admirale" durchweg als ein See-Gemälde und nicht als eine Liebesgeschichte betrachten. Unsere Admirale sind unsere Helden, und da cs eben zwei Helden sind, so haben alle Kritler volle Freiheit, nach ihrem Belieben den einen sich zur Heldin zu wählen. Wir überlassen die Entscheidung ganz ihnen, ohne die mindeste Ausschließlichkeit von unserer Seite. Mit diesen wenigen Begleitwortcn lassen wir unsere Flotten vom Stapel; mögen sie treiben ans den Winden und Wogen der öffentlichen Meinung, die nicht selten so widrig und aufrührerisch — ganz gewiß aber auch nicht minder launisch sind, als die des Oceaus. New-Nork, März 1842. Erstes Kapitel. War cr von meinem Bruder, So könnt' ihn der nicht fordern; Euer Vater Ihn nicht vcrläugnc», war er auch nicht sein. Kurz, meiner Mutter Sohn zeugt Eures NaterS Erden, Dem Erden kommt das Gut des Vaters zu, König Johann. (Neders, v, A, W, Schlegel,) Äe Ereignisse, welche wir hier zu berichten im Begriffe stehen, fallen ungefähr in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, und gehen sogar noch bis über den Beginn jenes Kampfes zurück, der in Amerika gewöhnlich nur ,der alte französische Kriegs genannt wird. Die Eröffnungsscene unserer Erzählung dagegen muß in der andern Hemisphäre, auf der Küste des Mutterlandes selbst, gesucht werden. In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts konnten die amerikanischen Kolonien noch als wahre Muster der Loyalität ausgestellt werden; eben jener Krieg aber, dessen wir kaum vorhin erwähnten, hatte so bedeutende Ausgaben verursacht, daß sich das Ministerium veranlaßt sah, zu dem verpönten Nuslagcnsystem seine Zuflucht zn nehmen, welches später mit der bekannten Revolution endete. Der innere Hader hatte damals noch nicht seinen Anfang genommen. Der Kampf mit dein Ausland, der bald darauf eben so sehr zum Ruhm der brittischcn Waffen als zum entschiedenen Vortheil der englisch-amerikanischen Besitzungen beendigt wurde, beschäftigte damals die Gemüthcr ausschließlich, und nie vielleicht waren die Bewohner der Provinzen besser gegen das Mutterland gesinnt gewesen, als eben zu der Zeit, mit welcher wir unsere Erzählung eröffnen. Die beiden Admirale. 1 2 Die frühere Vorliebe der Amerikaner für dasLand ihrer Abstammung schien eher an Stärke zu gewinnen als zu verlieren, und wie in der Statur bekanntermasten dem Sturme immer die Windstille folgt, so war auch umgekehrt die blinde Anhänglichkeit der Kolonien an ihr Stammland nichts weiter, als der Vorläufer jener Entfremdung und gewaltsamen Trennung, welche so bald nachher cintretcn sollte. Die zahllosen Seegefechte, die zwischen den Jahren 1740 und 1763 geliefert worden waren, hatten zwar die Ueberlcgenhcit der englischen Marine genügend an's Licht gestellt; gleichwohl trugen aber die Seekriege jener Zeit noch keineswegs jenen entschiedenen Charakter an sich, welcher ein Vicrteljahrhundert später bemerkt werden konnte. In unfern Zeiten scheint die brittische Seemacht an Trefflichkeit zugenommen zu haben, während die ihrer Feinde sichtlich im Nückschrciten begriffen ist; im Jahr 1812 aber, als der längst erwartete Krieg endlich zum Ausbruch kam, durfte man mit Recht behaupten, daß ,Grieche gegen Grieche^ im Kampfe lag. Die große Veränderung, die bei den übrigen Marinen Europas sichtbar wurde, war die ganz einfache Folge der Revolutionen, welche säst alle Männer von Erfahrung in die Verbannung getrieben und Sceuntcrnehmnngcn überhaupt immer mehr in Schatten gestellt hatten, je wichtiger und unentbehrlicher die Landarmecn für die Existenz der verschiedenen Staaten wurden, und je mehr sich dadurch dem Talente und dem Muthe der thatlnstigcn Jugend eine andere Sphäre der Wirksamkeit eröffnctc. So lange Frankreich, Anfangs für seine Unabhängigkeit, und später um die Oberherrschaft auf dem Kontinent im Kampfe lag, war eine Seemacht für seine Zwecke nur von untergeordneter Bedeutung, da Wien, Berlin und Moskau ebensogut mit als ohne eine solche erobert werden konnten. Diese und andere ähnliche Ursachen mögen wohl die scheinbare Unüber- windlichkcit der englischen Waffen zur See während der letzten großen europäischen Kriege genugsam erklären — eine Unübcr- windlichkeit, welche übrigens mehr nur dem Scheine als der Wirk- 3 lichkeit nach existirte, da selbst damals unter den tausend Siegen, die sie erfocht, auch manche tüchtige Niederlage aufgezählt werden konnte. Von der Zeit an, da die Kolonisten vermöge ihrer Anzahl zur Unterstützung in diesen Seekriegen beigezogen werden konnten, bis herab auf die Periode der Trennung — hatten die Amerikaner ihren vollen Antheil an den Heldenthaten der brittischen Seetruppen genommen. Der Adel in den Kolonien suchte gerne und begierig seine Söhne in der königlichen Marine nnterzubringen, und sogar noch im neunzehnten Jahrhundert blieb in der englischen Flotte mancher Flaggenoffizier aufzuzählen, dessen Ahnen ursprünglich in Amerika zu suchen waren. Ein vielgcstaltetcs Leben, das uns abwechslnngswcise mit einer Anzahl von Personen des verschiedensten Ranges, Standes und Charakters in Berührung brachte — ein Leben, so wunderbar, wie das Schicksal es nur je dem Menschen zutheilcn kann, führte uns auch im Verlause der Zeiten mit nicht weniger als acht englischen Admiralen von amerikanischer Abkunft zusammen; gleichwohl wollte es uns noch niemals gelingen, auch nur einen einzigen Landsmann zu treffen, der von seiner eigenen Regierung mit diesem Range bekleidet gewesen wäre. Ein Engländer, der früher in seinem vaterländischen Sceministerium die höchste Stelle eingenommen hatte, bemerkte eines Tages gegen uns: der einzige Mann in der ganzen brittischen Marine, dem er mit vollem Vertrauen ein wichtiges Kommando übertragen würde, sei eben einer jener transatlantischen Admirale, und dabei kam uns denn unwillkürlich der Gedanke, jener ausgezeichnete Seeoffizier möchte wohl sehr gut daran gcthan haben, daß er sein natürliches Vaterland mit dem von ihm selbst erwählten vertauschte und letzterem seine Dienste widmete, da er im andern Falle recht wohl ein halbes Jahrhundert im Dienste seines Geburtslandes hätte zubringen und endlich zu guter Letzt, im günstigsten Falle, den Rang eines Obristen in der Landarmee als Belohnung hiefür erhalten können! Wie lange diese schreiende 1 * Ungerechtigkeit und eine so kurzsichtige Politik noch ferner fortdauern soll, ist Niemand im Stande vorherzusagen; glnchwohl darf man sich dreist dem Glauben überlassen, daß es wohl immerhin noch so lange anstehen mag, bis ein einflußreicher Gesetzgeber die einfache Wahrheit erkannt haben wird, daß nämlich der geträumte Widerwille von Volksrcgierungcn, dem Einzelnen gerecht zu werden, weit öfter in den Besorgnissen ihrer Repräsentanten als in der Wirklichkeit begründet ist. — Doch nun zu unserer Erzählung. England genießt wegen seiner Nebel eines weitverbreiteten Rufes; in welchem Grade übrigens ein solcher Nebel zur Verschönerung einer Gegend beizutragcn vermag, fühlt man nur dann, wenn man an Ort und Stelle selbst die zauberische Wirkung desselben zu beobachten Gelegenheit findet: wenn man sieht, wie er eine reizende Landschaft in seine gehcimnißvollcn Sch leier hüllt und sie in anmuthigcr launenvoller Abwechslung mit dein Auge des Zuschauers kokcttiren läßt. — Mit einem dieser oft belächelten Nebel, der übrigens, wie wir wohl zu bemerken bitten, nicht im November, sondern im Juni Statt hatte, werden wir nun auch unsere Geschichte eröffnen. Auf einer hochgelegenen Landspitze au der Küste von Devon- shire stand ein kleiner Signalthurm, der zu dem Zwecke errichtet worden war, um von hier aus mit der Flotte, welche zu Zeiten auf einer nahe befindlichen Rhede vor Anker lag, zu communiciren. Etwas weiter landeinwärts lag ein Dorf oder Weiler, dem wir für unfern Zweck am passendsten den Namen Wychccombe geben wollen; nicht weit von da in einem kleinen Parke stand ein Haus aus dem Zeitalter Heinrichs des Siebenten — die Wohnung Sir Wychcrly Wychecombe's, cinesBaronets aus denZeitcn König Jakobs des Ersten. Er war Besitzer eines nicht eben im höchsten Flor befindlichen Landgutes von drei- bis viertausend Pfund jährlicher Einkünfte, und hatte dieses sein Eigcnthum seit undenklichen Zeiten von seinen Vorfahren ererbt, deren Stammbaum bis zu den Zeiten der Plantagenets hinaussticg. o ' Weder der Flecken Wychecombe, noch die nahegclegenc Landspitze oder die angrenzende Rhede waren Orte von sonderlicher Bedeutung, denn weit größere, günstiger gelegene Weiler, Dörfer und Städtchen waren ringsum in diesem schönen Theile von England aufzuzählen; die Nachbarschaft barg für die ankommcnden und ab- gehcnden Schiffe viel bessere Ankerplätze und Buchten, und unter den Signalstationcn dieser Küste waren wohl mehrere weit wichtiger, als die obengenannte. Nichtsdestoweniger war die Rhede, so oft Windstillen oder widrige Stürme dieß nöthig machten, fortwährend mit Schiffen angefüllt, der Weiler wurde öfter besucht und bot, wie die meisten englischen Flecken, seine Annehmlichkeiten und mannigfachen Natnrschönheitcn; Schloß und Park von Wychecombe endlich ermangelten durchaus nicht ihrer eigenthümlichcn Ansprüche auf Großartigkeit und ländliche Pracht. Vor hundert Jahren war ein englischer Baronct, besonders einer von umw 1611, eine weit wichtigere Person, als dieß wohl heutiges Tags der Fall ist, und ein jährliches Einkommen von 4000 Pfund war, was auch Blackstone oder die Rangtabellcn dagegen sagen mögen, vornehmlich wenn die Rente nicht nur aus bloßem Pachtzinse bestand—fast eben so bedeutend und verschaffte beinahe oder auch ganz denselben Einfluß auf die nähere Umgebung, als der dreifache Betrag jener Summe in gegenwärtiger Zeit zu gewähren im Stande ist. Neben dem aber genoß Sir Wycherly eines weitern Vorthcils, der smio 1745 von viel größerer Bedeutung und damals auch weit allgemeiner als jetzt verbreitet war. Aus fünfzehn Meilen im Umkreis war nirgends ein Nebenbuhler für ihn zu finden: der ihm zunächst wohnende Gutsbesitzer war ein Edelmann, der als einer von des Königs Lieblingen am Hofe lebte, und dessen Rang und Vermögen jeden Gedanken an eine Mitbewerbung außer Frage stellten, so daß sich der Baronct ganz nach Belieben und völlig ungestört der Huldigung der Umgegend erfreuen konnte. Sir Wvcherlu war ein Mal, aber auch nur ein einziges Mal, Parlamentsmitglied gewesen. In seiner Jugend ein leidenschaftlicher Fuchsjäger, hatte er einen kleinen Landsitz in Uorkshire, den seine Familie eben für diesen Zweck schon seit langen Zeiten inne gehabt, oft und mit Vorliebe besucht; als er aber einstmals auf einer seiner Jagden das Bein gebrochen, hatte er sich vor der ihm drohenden Langweile dadurch zu schützen gesucht, daß er sich von einem Flecken in der Nachbarschaft seines Jagdschlößchens in's Unterhaus wählen ließ und eine Session als Mitglied desselben durchmachte. — An dieser einzigen Probe bekam er genug für sein ganzes Leben, denn der gute Baronct nahm die Sache so buchstäblich genau, daß er gewissenhaft jeder einzelnen Sitzung anwohnen zu müssen glaubte — eine Zcitverschwendung, welche, da sie vollends ohne allen Neben- gcwinn für ihn blieb, die Geduld eines alten Fuchsjägers nothwen- dig sehr bald erschöpfen mußte. So verzichtete er also auf seinen Sitz und zog sich von nun an ganz nach Wychccombe zurück. Hier hatte er denn die letzten fünfzig Jahre in Ruhe verlebt; sein einziges Geschäft war —- Essen und Trinken, gewürzt mit leidenschaftlichen Lobeserhebungen auf England, und besonders auf denjenigen Theil desselben, worin seine eigenen Besitzungen lagen, nicht zu vergessen die gewaltigen Schmähungen, die er gegen die Franzosen und gelegentlich auch gegen Spanier und Holländer vom Stapel ließ. Reisen hatte er niemals gemacht; zwar kam es schon vor hundert Jahren häufig vor, daß Engländer seines Standes den Kontinent besuchten, aber weit häufiger noch wurde dieß unterlassen. Nur der Hofadel und was diesem zunächst stand, betrachtete damals das Reisen als ein Mittel, Geist und Lebensart dadurch zu verfeinern; sie alle aber bildeten eine Klasse von Leuten, wozu ein Baronet wenigstens ox »Mio niemals gehörte. Kurz, Sir Wpcherly zählte jetzt vierundachtzig Jahre und war dabei immer noch ein gesunder, kräftiger Junggeselle. Er war der älteste von fünf Brüdern; die jüngeren hatten, wie gewöhnlich, bei der Justiz, im Schooße der Kirche, in der Armee und in der Murine ein Unterkommen gesucht, und genau in der hier aufgezählten Reihenfolge ihre Anstellung gefunden. Der Advokat hatte sich mit dem Titel — Baron Wychccombe — bis ^ zum wirklichen Richter cmporgeschwungcn; seine Haushälterin hatte ihm drei uneheliche Kinder geboren, und als er starb, hintcrließ er dem ältesten das während seiner Amtsführung erworbene Vermögen; den beiden jüngeren hatte er Stellen in der Armee gekauft. Der Geistliche brach noch als Vicar auf einer Fuchsjagd den Hals; erstarb unvermählt und — so viel man wenigstens wußte — kinderlos. Er war unter allen Brüdern Sir Wycherly's Liebling gewesen, und Letzterer pflegte oft von ihm zu sagen: „er habe gerade durch seinen Tod seinen Pfarrkindcrn das würdige Beispiel eines tüchtigen Jägersmannes hinterlassen." Der Soldat fiel schon vor seinem zwanzigsten Jahre in einer Schlacht, und ein Viertcljahrhundert vordem Beginne unserer Erzählung war auch der Name des Jüngsten in Folge eines Schiffbruchs aus der Liste der königlichen Marinelieutenants verschwunden. Zwischen diesem Marineoffizier und dem Haupt der Familie hatte übrigens niemals besondere Sympathie geherrscht, und zwar, wie man sich allgemein zuflüstcrte, weil eine gewisse Schönheit Jenem vor dem älteren Bruder den Vorzug eingeräumt hatte, was jedoch ohne weitere Folgen geblieben war, da die Dame noch im jungfräulichen Stande vom Tode wcggcrafft wurde. Mr. Gregory Wychccombe, der fragliche Lieutenant, war ein sogenannter ,wilder BubH gewesen, und als seine Eltern ihn auf die See schickten, hatte sich die allgemeine Meinung dahin ausgesprochen, daß der Ocean in ihm einen würdigen Gegner finden würde. Nach dem Tode des Geistlichen waren die Hoffnungen der Familie auf den Richter conccntrirt, und alle Diejenigen, welche sich für den Ruhm und den Fortbestand des Hauses interessirten, sahen mit großem Bedauern, daß Seine Ehrwürden sich nicht vermählten. 8 trotzdem, daß der frühe Tod aller übrigen Söhne Schloß, Park und Wappenschild derFamilie noch ohne gesetzlichen Erben gelassen hatte. Mit einem Worte -— sobald Sir Wychcrly die Augen schloß, war mit ihm auch dieser Zweig der Wychecombe's erloschen, und Niemand vorhanden, der das Familicngut in Besitz nehmen konnte. Nicht einmal ein weiblicher Erbe oder irgend ein sonstiger Sciten- verwandtcr war aufzufinden, und so blieb Sir Wycherly nichts Linderes übrig, als ein Testament aufzusetzcn, um das Erbgut nicht gar, Gott weiß in wessen Hände, übergehen, oder, was noch schlimmer war, zuletzt noch an den Lehcnsherrn heimfallcn zu lassen. Zwar sprach Tom Wychecombe, dcS Richters ältester Sohn, in allerhand dunklen Andeutungen von einem noch obschwebenden Gehcimniß, betreffend die zeitige Vermählung seiner beiden Eltern — eine Thatsache, welche allerdings alle weiteren Tcsta- meutsverordnungcn unnöthig gemacht hätte, da das Familiengut, soweit cs die dircktenAbkömmlinge eines gewissen alten SirWycherly betraf, immer streng ans den Aeltesten vererbte; doch hatte unser Sir Wycherly seinen Bruder während dessen letzter Krankheit besucht, und bei dieser Gelegenheit folgende Unterredung mit ihm gehalten. „Und nun, Bruder Thomas," sagte der Barouet in freundlichem, tröstendem Tone, „da du denn doch durch dein Gebet und das reumüthige Bekenntnis deiner Sünden deine Seele gewissermaßen für den Himmel vorbereitet hast, so darf wohl auch noch ein vernünftiges Wort über die Angelegenheiten dieser Welt gesprochen werden. Du weißt, ich bin kinderlos — das heißt —" „Ich verstehe dich schon, Wycherly," unterbrach ihn der Sterbende ; „ du bist ein Junggeselle." „So ist's, Thomas; und Junggesellen sollten wenigstens keine Kinder haben. Hätte unfern armen Bruder James nicht jenes Unglück betroffen, so säße er jetzt an deinem Bette und hätte uns Alles gehörig erklären können. Den heiligen James habe ich ihn immer genannt, und er verdiente wahrlich diesen Namen." 9 „Nun jedenfalls, Wycherly, wäre er St. James, der Zweite gewesen." „Es ist doch recht schlimm, Thomas, so gar keine Erben zu haben. Hast du je während deiner ganzen Praxis einen ähnlichen Fall erlebt, wo ein anderes Gut eben so, wie das unsere, ganz ohne alle Erben geblieben wäre?" „Der Fall ist selten, Bruder; gewöhnlich gibt es immer weit mehr Erben, als Güter, um solche damit ausznstattcn." „So dacht' ich auch. — Wird denn der König Herrschaft und Titel an sich ziehen, Bruder, wenn unser Lehen, wie du's nennst, an ihn heimfallcn sollte?" „Da er selbst die Quelle aller Ehre ist, so wird ihm wohl, denk' ich, an der Barouetswürdc nicht allzuviel gelegen sein." „Die Sache würde mir weit weniger Sorge machen, wenn meine Lehcnswürdc auf den nächsten Souveräne ans englischem Blute überginge. Wychccombe hat von jeher nur Engländern angchört." „So ist's, mein Bruder, und soll, wie ich hoffe, auch ewig so bleiben. Bin ich todt, so hast du nichts weiter zu thun, als dir einen Erben auszuwählcn und ein Testament mit den gehörigen Formalitäten aufzusetzcn — dann wird dein Gut nicht Fremden anheimsallen. Vergiß dabei ja nicht, die Vererbung auf ewige Zeiten recht deutlich darin scstzusetzen." „Ach, Bruder," sagte Sir Wycherly, in seiner Unruhe rastlos umhcrtrippelnd, „wie war doch Alles so ganz nach meinen Wünschen, so lange du noch frisch und gesund einhergingst; du warst mein natürlicher Erbe -—" „Dein Erbe vermöge des Majoratsrechts," unterbrach ihn der Richter. „Ja, ja, auf alle Fälle mein Erbe, und dieß allein schon war für einen Mann, wie ich, der bei dem Gedanken an ein Testament so eine Art religiösen Skrupels in sich verspürt, — ein wunderbarer Trost und mächtiges Labsal. Manhat mir in die Ohren 10 geflüstert, du seiest mit Martha wirklich vermählt gewesen, und in diesem Falle könnte Tom augenblicklich und ohne dieses langweilige Siegeln und Vcrklausuliren in unser Beider Fnßstapfen eintrcten." „Ein lilius nullius ist er, nichts weiter," erwicderte der Andere, der viel zu gewissenhaft war, als daß er sich, selbst als Vater, zu einem solchen Truge hergegeben hätte. „Ei, Bruder, mir scheint doch, Tom begünstige zuweilen selbst einen solchen Glauben." „Das ist eben kein Wunder, Wycherly, denn jener Glaube würde gerade ihn in hohem Grade begünstigen. Tom und seine Brüder sind sammtlich silii nullorui» — Gott möge mir mein Unrecht ihnen gegenüber verzeihen." „Ich wundere mich doch, daß weder Charles noch Gregory an's Heirathen dachten, ehe sie ihr Leben für König und Vaterland zum Opfer brachten," begann Sir Wychcrly abermals im Tone des Vorwurfs, wie wenn seine mittellosen Brüder dadurch, daß sie ihm einen Erben zu hintcrlassen vergessen hatten, ein großes Unrecht gegen ihn begangen hätten, ohne dabei zu bedenken, daß er selbst diese wichtige Pflicht so gut wie sie verabsäumt hatte. „Ich ging auch früher damit um, eine Bill in's Unterhaus zu bringen, welche unverheirathctcn Personen bestimmte Erben festgesetzt und ihnen die Mühe und Verantwortlichkeit einer Tcstamentsabfassung erspart hätte." „Das wäre allerdings eine große Verbesserung für unsere Erb- schastsgesetze gewesen — ich hoffe doch, du würdest die Vorfahren dabei nicht übersehen haben?" „Sicherlich nicht; Jedermänniglich wäre dabei zu seinem Rechte gekommen. Unser armer Charles soll zwar nach dem Schuß, den er erhalten, kein Wörtchen mehr gesprochen haben; wäre uns aber die volle Wahrheit bekannt, so bin ich überzeugt, daß er es aufrichtig bereute, niemals vermählt gewesen zu sein." „Hierin, Wycherly, glaub' ich doch säst, daß du dem armen Burschen Unrecht thust. klno komuio seulv — ohne Einkommen, ist doch wahrlich eine höchst hilflose Person." „Ei was, ich wollte doch, er hätte gehcirathct. Was würde es denn mir verschlagen haben, wenn er anch ein Dutzend Wittwen hinterlasscn hätte?" „Ei, cs würde jedenfalls einige widrige Fragen wegen des Witthums zn lösen gegeben haben; und wenn jede vollends einen Sohn hinterlasscn hätte, so wäre dein Titel und Bcfitzthum doch wahrlich schlimmer daran gewesen, als gegenwärtig — ohne Wittwen oder gesetzmäßige Kinder." „Ach, ich hätte jedenfalls alles Andere dem jetzigen Zustand ohne Erben vorgczogcn. Ich glaube, ich bin der erste Baro- net von Wychecombe, der sich gcnöthigt sieht, ein Testament zu machen." „Mag wohl sein," antwortete sein Bruder trocken; „ich kann mich wenigstens nicht erinnern, daß ich auf diesem Wege von deinem Vorgänger irgend Etwas bekommen hätte; auch Charles und Gregory fuhren um kein Haar besser. Doch ist das keineswegs ein Vorwurf gegen Dich, Wychcrly, denn du hast jederzeit wie ein Vater an uns Allen gehandelt." „Eine Banknote zn unterzeichnen — da mache ich mir gar nichts draus; aber ein Testament — das hat in meinen Augen einen höchst irreligiösen Anschein. — Gleichwohl gibt es eine Menge Wychecombc's in England; sollten denn nicht Einige derselben zu unserer Familie gehören? Man sagt ja, ein Vetter im hundertsten Grade tauge eben so gut zum Erben, als ein erstgeborner Sohn." „In Ermangelung näherer Verwandtschaft — ja. Wir haben aber keinen Vollblntvctter, selbst nicht im hundertsten Grade." „Da sind zum Beispiel die Wychecombos von Sorrey, Bruder Thomas —?" „Stammen von einem Bastard des zweiten Baronets ab, und gehören sammt und sonders nicht aus unseren Stammbaum." „Die Wychccombe's von Hertfordshire aber — die sind doch acht und, wie ich immer gehört habe, von unserer Familie?" „Was ihre Verehelichung betrifft, vollkommen wahr und — nebenbei bemerkt, nur allzu richtig. Sie wurden übrigens schon rmno 1487 ein Nebcnzweig der Familie, noch lange zuvor, che das Fideikommiß in unserem Hanse festgesetzt wurde, und haben dcßhalb auch keinen Anspruch auf die Erbschaft. Der Erste ihrer Linie leitet seine Abkunft von Sir Michael Wychecombe, Sheriff von Dcvonshirc, ans dessen Ehe mit seiner zweiten Frau, Margaretha, ab, wahrend wir selbst durch Wychcrly, den einzigen Sohn von Sir Michaels erster Frau, Johanna, von dem nämlichen Ahne abstammen. Wychcrly und Michael, der Sohn Michaels und Margarethens, waren Halbbrüder und konnten sich als solche niemals beerben — was von den Vorfahren galt, ist ebenso noch für die Nachkommen gültig." „Wir stammten aber doch von dem gleichen Urahn ab, und unser Familiengut datirt von einer weit frühernZeit als dasJahr 1487." „Vollkommen richtig, Bruder; nichtsdestoweniger gilt nun aber einmal das Halbblut nicht, so willls wenigstens die menschliche Vernunft in ihrer Verfeinerung." „Ich konnte diese Spitzfindigkeiten des Gesetzes nie recht verstehen," bemerkte Sir Wychcrly mit einem Seufzer, „und gleichwohl glaube ich an ihre Rechtmäßigkcit. Es sind aber doch so viele Wychecombe's über ganz England zerstreut, daß ich wohl meinen sollte, unter ihnen allen könnte ich doch einen Einzigen zum Erben bekommen." „Jeder derselben trägt entweder, einen Querbalken in seinem Wappenschild oder stammt er vom Halbblutc ab." „Bist du denn auch ganz gewiß, Bruder, daß Tom ein Mus nullusist?" (Der Baronct hatte nämlich von dem wenigen Latein, das er jemals verstanden, das Meiste wieder vergessen, und sprach den Terminus seines Bruders, wie wenn cs in der Uebersetzung ,kein Sohiff und nicht,Keines Sohiff gelautet hätte.) „kilius nullius, SirWycherly, der Sohn von Niemand; deine 13 Lesart würde buchstäblich meinen Tom zum Niemand selber machen, während er in Wirklichkeit nur der Sohn von Niemand ist." „Aber, Bruder, er ist doch dein Sohn und dir so ähnlich, wie nur immer zwei Jagdhunde von demselben Wurfe sein können." „Ich selbst bin ein irullus in den Augen des Gesetzes, so weit es meinen armen Tom betrifft, und auch er wird erst dann, wenn er heirathct und eheliche Kinder bekommt, ein Recht erhalten, von eigener gesetzlicher Verwandtschaft zu sprechen. Auch wüßte ich nicht, wie selbst die rechtmäßigste Abkunft an meinem Tom noch etwas besser machen sollte, denn für einen unanfechtbaren Thronfolger ist er schon jetzt doch wahrlich keck und anmaßend genug." „Nun sich' mal, da ist der junge Seemann, der sich in der letztenZeit so oft ans der Signalstation zeigte, seitdem er von seinem Kommandanten zur Heilung seiner Wunden auf dem Lande zurückgelassen worden. Es ist ein feuriger, muthigcr Junge, und der erste Lord der Admiralität hat ihm bereits zur Belohnung seiner Tapferkeit, mit der er damals den Franzmann kaperte, ein Lieutcnantspatent übersendet. Ich betrachte ihn als Einen, der unserem Namen Ehre machen wird, und zweifle nicht im Mindesten, daß er aufirgend eine Art mit unserer Familie verwandt ist." „Macht er für seine Person Ansprüche ans solche Verwandtschaft?" fragte der Richter etwas rasch, denn er war im Allgemeinen mißtrauisch gegen die Menschen, und vermuthete nach Allein, was er gehört hatte, cs möchte bei seinem Bruder ein Versuch gemacht worden sein, um dessen Einfalt zu hintergchen. „Ich meine doch, du sagtest mir, er komme ans den amerikanischen Kolonien?" „So ist cs auch wirklich; er wurde in Virginia geboren, wo vor ihm auch sein Vater lebte." „ Eintransportirter Verbrecher vielleicht, und höchst wahrscheinlich ein Diener, der den Namen seines früheren Herrn mehr als seinen eigenen nach seinem Geschmacke fand. Achnliches soll jenseits des Oceans nur zu häufig Vorkommen." 14 „Ja, meinetwegen dürfte er alles Andere, nur nicht ein Amerikaner sein, und ich würde mir ihn gern als Erbe» wünschen," versetzte Sir Wychcrly in traurigem Ton; „denn einen Amerikaner zum Herrn vom Wychecombe cinzusctzen, das wäre doch wahrlich noch schlimmer, als wenn ich die Ländereien, wie du's nennst, an den Lehnsherrn hcimfallen ließe. Unsere Güter haben, Gott sei Dank, bis auf den jetzigen Augenblick, noch immer ihren englischen Herren angehört." „Ja, Wychcrly, und dein Fehler wäre es allein, wenn sie jemals einem Andern angehörcn sollten. Nach meinem Tode — und der kann in wenigen Wochen eintreten —- ist kein einziges menschliches Wesen mehr vorhanden, das nach deinem eigenen Hintrittc die Herrschaft anders, als entweder vermöge deines Testaments oder in Folge einer neuen Belehnung erben könnte. Du hast, wie du weißt, weder einen direkten, noch überhaupt einen gesetzmäßigen Erben, und kannst, wen du willst, zum Herrn vom Wychecombe machen, vorausgesetzt, daß du keinen Fremden dazu auserwählst." „Keinen Amerikaner meinst du wohl, Bruder — ein Amerikaner ist schon an sich selbst ein Fremder." „Hum! — dem Gesetze nach gerade nicht, was auch immer unsere Gebräuche darüber festsetzen mögen. Hörst du, Bruder Wy- cherly, ich habe niemals von dir verlangt oder dich gebeten, deine Herrschaft meinem Tom oder seinen jüngern Brüdern zu hinterlassen, denn er und Alle zusammen sind lilii uuHoruiu — so pflege nämlich ich sie zu nennen, wenn auch mein Collcga Record behauptet, es müsse heißen lilii nullius, so gut man sage lilius uullius. Doch mag dem sein wie ihm wolle — ein Bastard wenigstens sollte niemals Herr von Wychecombe werden, und che der König die Ländereien erbte, um sie wieder an einen seiner Günstlinge zu verschenken, wollte ich sie noch lieber aus das Halbblut übergehen sehen." „Kann dieß vielleicht ohne Testament geschehen, Bruder- Thomas?" 15 „O nein, Sir Wychcrly, und so lange noch ein direkter Erbe ausgcfnndcn werden kann, darf cs sogar nicht einmal m i t einem Testamente stattfinden." „Ist cs denn gar nicht möglich, deinen Toni zu einem lilins Irgendwer zu machen, so daß er in die Erbschafteintrctcn könnte?" „Nach unfern Gesetzen nicht. Nach der früheren Civilpraris oder nach dem schottischen Gesetzbuch, ja, da hatte so Etwas schon angehen mögen — bei unserem vollendeten Vernnnstrccht aber ist die Sache unmöglich." „Ich wollte, du kenntest diesen jungcnVirginier. Der Bursche führt dazu noch meine eigenen beiden Namen—Wychcrly Wychccombe." „Ist er nicht etwa gar ein lilius IV^clierl^ — nun, Baronet, ist er cs nicht?" „Psni, pfni, Bruder Thomas! Traust du mir denn weniger Aufrichtigkeit als dir selbst zu, so daß ich mein eigen Fleisch und Blut nicht anerkennen sollte? Ich hatte den Wildsang nie zuvor gesehen, und ebensowenig von ihm gehört, bis er vor einem halben Jahr an unserer Rhede landete und zur Heilung seiner Wunden nach Wychccombe gebracht wurde. Als man mir sagte, daß auch er Wychcrly Wychccombe heiße, konnte ich doch nichts Anderes thun, als ihn besuchen und mich nach ihm erkundigen. Der arme Bursche lag vierzehn Tage lang auf den Tod darnieder, und eben in jener Zeit, als wir wenige oder gar keine Hoffnung für sein Aufkommen hatten, erhielt ich von ihm die wenigen Notizen, die seine Familie berühren. Das wäre doch ein Umstand, Thomas, der, wie ich glaube, seine Aussage gesetzlich beglaubigen würde." „In gewisser Hinficht — ja, wenn er nämlich wirklich gestorben wäre. So aber, da er wieder am Leben ist, muß er persönlich vernommen werden und seine Aussagen mit einem Eid bekräftigen. — Wie lautete denn aber seine Erzählung?" „Die war ganz kurz und bündig. Sein Vater hieß, wie er mir sagte, gleich ihm und mir ebenfalls Wychcrly Wychccombe, und 16 sein Großvater war ein virginischer Pflanzer gewesen. Das war Alles, was er von seinen Ahnen zu wissen schien." „Und wahrscheinlich auch Alles, was er überhaupt von ihnen wissen konnte. Mein Tom ist nicht der einzige lilius nullius, den es in unserer Familie gegeben, und wenn also sein Großvater den Namen nicht förmlich gestohlen, so wird er allem Anschein nach auch auf diese zweifelhafte Art dazu gekommen sein. Was den Namen Wycherly betrifft, so will das vollends gar nichts bedeuten. Sobald man einmal wußte, daß eine Linie von Baronets dieses Namens existire, so konnte Jeder, der auf Verwandtschaft mit der Familie Anspruch machen wollte, seinen Sohn ohne Weiteres Wycherly taufen." „Die Linie der Baronets wird bald zu Ende gehen, Bruder," erwiederte Sir Wycherly seufzend. „Nach alle Dem wünschte ich doch von Herzen, daß du dich täuschen möchtest, und Tom nicht der ülius, wie du ihn nennst, sondern ei» rechtmäßiger Sohn wäre." Baron Wychccombe war nicht nur vermöge eines gewissen osprit (lu Loi'^s, sondern überhaupt in Folge seiner moralischen Grundsätze in Allem, was sich auf das Mein und Dein bezog — ein Mann von der strengsten Rechtlichkeit; ganz besonders streng aber war er in seinen Ansichten über das Erstgcburtsrecht und die Vererbung von Familiengütcrn. In seinen früheren Jahren hatte natürlich die Welt an dein Privatleben eines simplen Advokaten sehr wenig Anthcil genommen; sein erster Sohn war noch vor seiner Erhebung auf den Nichterstuhl zur Welt gekommen, und so galt er selbst unter dein Publikum für einen Wittwer und Vater vielversprechender Junge». Unter Hunderten seiner Bekannten ahnte auch nicht Einer den wahren Stand der Sache, und nichts wäre ihm leichter geworden, als seinen Bruder zu täuschen und ihn unter irgend einem trügerischen Gesetzesvorwaude zur Abfassung eines Testamentes zu verleiten, so daß Tom Wychecombc vermöge unbestreitbarer Ansprüche in das fragliche Erbe hätte eintreten können. Selbst wenn sein Sohn endlich nach dem Hinscheiden des jetzigen 17 Besitzers sein Recht auf die Baronie geltend machen wollte, waren nur sehr wenige Schwierigkeiten zu erwarten, da erstens einmal kein zweiter Mitbewerber vorhanden war, und ferner die Kronbcamten bei der Prüfung von Ansprüchen auf Titel, welche keine besonderen politischen Privilegien mit sich brachten, nicht sonderlich streng zu verfahren pflegten. Trotzdem war er weit entfernt, einem solchen Plane Gehör zu geben. Nach seiner Ansicht mußten bei der Mychecombesichen Herrschaft dieselben Grundsätze, wie sie in andern ähnlichen Fällen gültig waren, in Anwendung gebracht werden, und wenn er auch dem Wortlaute des Gesetzes, so weit es nämlich die Ausschließung des Halbblutes von der Erbschaft betraf, mit der ganzen Ergebenheit eines englischen Advokaten anhing, so sah und fühlte er dennoch, daß Wychccombc in Ermanglung direkter Nachkommenschaft auf die Kinder von Sir Michaels zweitem Sohne übergehen mußte, und zwar aus dem einfachen Grund, weil sie ebensogut als sein Bruder Wychcrly und er selbst von dem ersten Ahn, der einst die Baronie erworben, ihre Abstammung herlcitetcn. Wären Abkömmlinge einer weiblichen Linie dabei in's Spiel gekommen, dann allerdings hätte >cinc Meinung ganz anders gelautet; so aber blieb ja nur die Wahl zwischen einem Hcimfalle der Lehcnschaft oder einem Testamente zu Gunsten von einem lllius nullius oder gar von einem Abkömmling eines Solchen, und unter den genannten Umständen gab er noch immer dem Halbblnte entschieden den Vorrang. Vor seinem juridischen Blicke galt Gesetzmäßigkeit vor Allem, trotzdem, daß er selbst keinen Anstand genommen, sieben unrechtmäßige Kinder in die Welt zu setzen, denn dicß war accnrat die-Zahl, welche Martha, wie das Gerücht wissen wollte, ihm geboren hatte, wenn schon nur noch drei davon am Leben waren. Nachdem er so eine Zeit lang nachgcsonncn, nahm er zuerst, um sich für die Gelegenheit zu stärken, einen Schluck von seinem Elixir,. und wandte sich dann mit mehr Ernst, als er in dem bis- Die beiden Admirale. 2 18 herigen Gespräche an den Tag gelegt hatte, an den Baronet, der neben ihm saß. „Höre mich, Bruder Wychcrly," sprach der Richter mit einer Gravität, welche augenblicklich die Aufmerksamkeit des Andern fesselte, „du kennst ja wohl unsere Familiengeschichte, und ich brauche also für meinen Zweck nur leicht darauf hinzndcute». Unsere Vorfahren waren schon Jahrhunderte vorher, che König Jakob die Baronetswürdc schuf, die ritterlichen Besitzer pon Wychccombe gewesen. Als unser Urgroßvater, Sir Wychcrly, das Patent vom Jahr 1611 annahm, hatte er eben nicht sonderlich für seine Ehre gesorgt, denn er hätte ebensogut höher hinausstcigcu und eine Pccrs- würde davon tragen können. So wurde er nun aber einmal Baronet, und von dieser Zeit au blieb Wychccombe, um den neuen Rang auch aufrecht zu erhalten, eine MajoratSherrschaft. Nun hatte aber der erste Sir Wychcrly drei Söhne und gar keine Tochter. Diese drei Söhne folgten sich nach einander in der Baronie; die beiden älteren als Junggesellen, der jüngste war unser Großvater. Dieser Sir Thomas, der vierte Baronet, hatte einen einzigen Sohn, Wychcrly, unfern Vater. Sir Wychcrly, unser Vater, hatte fünf Söhne: dich selbst, Wychcrly, seinen Nachfolger als sechster Herr der Baronie, mich, James, Charles und Gregory. James brach an deiner Seite den Hals; die beiden Letzteren verloren unvcrmählt ihr Leben in des Königs Diensten, und auch von uns Beiden ist keiner in den heiligen Stand der Ehe getreten. Ich werde höchstens noch einen Monat zu leben haben, und so beruhen also alle Hoffnungen auf Fortpflanzung der geraden Linie unseres Hauses auf dir, mein Bruder. D7eß wären denn sämmtlichc Abkömmlinge Sir Wycherly's, des ersten Baroncts, und nun kämen wir an die Frage wegen des Majoratserben, da nach mir kein solcher mehr vorhanden ist. — Gehen wir zurück bis über die Zeiten König Jakobs I., so finden wir, daß die älteren Linien der Wychccombc's in der Periode zwischen Richards II. und Heinrichs VII. Regierung zweimal aus- 19 ,u>.> starben, worauf das letzte Mal Sir Michael nachfolgte. In beiden Fällen hatte das Gesetz über die Nachfolge bestimmt, und die jungem Zweige der Familie hatten in beiden Fällen die Herrschaft erhalten. Daraus folgt, daß -— übereinstimmend mit gesetzlichen Verfügungen, welche zu jener Zeit getroffen wurden, wo man mit den Fakten vollkommen bekannt sein mußte — die Wychecombe's auf diese jüngeren Linien redncirt waren. Sir Michael hatte zwei Frauen: von der ersten stammen wir, von der zweiten die Wyche- combc's von Hertfordshire — seitdem in jener Grafschaft als Baro- ncts bekannt, deren Nettester den Titel: Sir Reginald Wychecombe von Wychccombe-Negis, Herts — führt." „Der jetzige Sir Reginald hat, da er vom Halbblut ist, auch keinerlei Anspruch zu machen," warf Sir Whchcrly ziemlich hitzig ein, und bewies dadurch, wie unangenehm ihm diese neue Aussicht war. „Das.Halbblut ist wohl eben so schlimm als ein nullius, wie du Tom zu neunen beliebst." „Doch nicht so ganz. Ein Abkömmling aus dem Halbblut ist wenigstens eben so gut berechtigt als des Königs Majestät selber, wogegen ein nullius eigentlich von gar keinem Blute abstammt. Nun denk' dir einmal, Sir Wycherly, du wärest der Sohn der ersten Gemahlin und ich dagegen der der zweiten gewesen — glaubst du, daß dann gar keine Verwandtschaft zwischen uns bestanden hätte?" „Aber, Tom, wie kannst du nur eine solche Frage an deinen eigenen Bruder richten!" „Ja, siehst du, mein Bester, ich wäre ja dann nicht einmal dein rechter, sondern nur dein Halbbruder — vom halben und nicht vom ganzen Blut." „Warum nicht gar? — Das wäre nicht übel! — Dein Vater wäre ja auch der meiuige — wir führten denselben Namen — hätten gleichen Autheil an der Geschichte und an den Gesinnungen unserer Familie — pah! pah! — wir wären beide Wychecombe's gewesen, und um kein Haar anders, als wir es jetzt auch sind." L* 20 „Ganz richtig — und doch hätte ich weder dich, noch du mich jemals beerben können. Statt auf mich übcrzugchcn, würde dein Lehcngut zuvor dem Könige anhcimfallcn, gleichviel ob dieser ein Schotte oder gar ein Hannoveraner wäre. Mir würde cs nie und unter keiner Bedingung zukommcn." „Thomas, du spielst mit meiner Unwissenheit und machst die Sachen weit schlimmer als sie wirklich sind. So lange du lebtest, wärest doch gewiß du und kein Anderer mein Erbe." „Von den zwanzigtausend Pfund, die in den Fonds stecken — ja, aber in der Gutsherrschaft und Baronetswürde von Wychecombe — niemals. So weit die beide» letzteren dabei in's Spiel kommen, wäre ich allerdings der Blutsverwandte und zunächst berechtigte Erbe, weil ich wie du von Sir Wychcrly Wychecombe, dem ersten Baronet und Begründer der Majoratsherrschast, in gerader Linie abstamme." „Bestünde kein Majorat und wäre ich als Kind gestorben, wer wäre dann unserem Vater gefolgt, vorausgesetzt, daß wir zwei Mütter gehabt hätten?" „Ich, als der nächste überlebende Sohn." „Siehst du! ich wußte wohl, daß cs so kommen mußte!" rief Sir Wychcrly triumphirend; „ich sehe nun klar, daß du die ganze Zeit über nur Scherz mit mir getrieben." „Nicht so rasch, mein theurcr Bruder — nicht so rasch. Was unfern Vater und die ihm vorangcgangcnen Wychccombe's betrifft, da wäre ich allerdings vom vollen, dir gegenüber aber doch nur vom halben Blut. Von unserem Vater hätte ich allerdings das Majorat als gesetzmäßiger Erbe ansprcchen können; von dir aber niemals, da ich im letzteren Falle nur vom Halbblut gewesen wäre." „O, in diesem Falle hätte ich ein Testament gemacht, und dir jeden Heller überlassen, Thomas," sprach Sir Wychcrly voll Herzlichkeit. „Das ist's gerade, was du, wie ich wünsche, bei Sir Reginald 21 Wychecombe thun solltest. Du mußt ihn nehmen, Wycherly; wir sind iu der eigeuthümlichen Lage, daß wir weder vou väterlicher noch mütterlicher Seite irgend einen bekannten Verwandten haben, denn auch die mütterliche Linie ist ebenso arm an Erben wie die unseres Vaters, und so bast du denn nur drei Fälle vor dir — entweder du nimmst einen Mus nullius in der Person meines Sohnes Tom — oder einen ganz Fremden— oder die Lehensherrschaft fällt dem Könige anheim. Unsere Mutter war die natürliche Tochter des dritten Earls von Prolific; unsere Großmutter, die letzte ihres Geschlechts, so weit wenigstens der menschliche Blick zu dringen vermag; unsere Urgroßmutter soll halb und halb königliches Blut, das aber nicht durch den Spruch der Kirche geweiht war, in den Adern gehabt haben, und weiter hinauf die Blutsverwandtschaft unseres Geschlechtes zu verfolgen, wäre zwecklos und ohne Erfolg. Nein, nein, Wycherly, glaub' mir, Sir Reginald hat von Allen das beste Recht aus deine Güter; nach ihm kommt Tom oder einer seiner Brüder — dann folgt ein Fremder, und endlich Seine Majestät der König. Vergiß auch nicht, daß Gutsherrschasteu von viertausend Pfund des Jahrs heutzutage nur höchst selten an den Oberlehensherrn zurückfallen." „Wenn du mir das Testament aussetzen willst, so will ich Alles deinem Tom überlassen, Bruder," rief der Baronet, der sich plötzlich entschlossen zu haben schien. „Von dem nullius braucht man ja nichts zu erwähnen, und so kann er dann, wenn ich erst heimgegangen bin, in aller Ruhe an meine Stelle treten." Einen Augenblick lang triumphirtc allerdings die Vaterliebe in der Brust des Richters; doch lange Gewohnheit und sein strenges Rechtsgefühl siegten bald wieder über die Wünsche seines Herzens. Vielleicht mochten wohl auch allerhand Zweifel, und die Kenntniß des wahren Charakters seines Sohnes ihren Antheil an dem heroischen Entschlüsse haben. „Es darf nicht sein, Sir Wychcrly," erwiederte der Richter 22 nachdenklich. „Tom hat kein Recht auf Wychecombe, Sir Reginald dagegen die triftigsten moralischen Ansprüche von der Welt, wenn auch das strenge Gesetz ihn ausscheidet. Hätte Sir Michael, statt unseres Urgroßvaters, das Majorat gestiftet, so würde es sich jetzt ganz von selbst verstehen, daß e r dein Nachfolger würde." „Ich konnte Sir Reginald Wychecombe niemals leiden," versetzte der halsstarrige Baronct. „WaS thut denn das? — So lange du lebst, wird er dich nicht beunruhigen, und bist du todt, so ist's ja auch ganz einerlei. Komm, komm, ich selbst will das Testament aufsctzcn und die Namen noch unausgefüllt lassen; ist's dann einmal geschehen, so wirst du mit frohem Herzen dein Siegel drunter setzen. Es ist der letzte richterliche Akt in meinem ganzen Leben, und paßt gewiß am Besten für einen Mann, der den Tod beständig vor Augen hat." So endete das Zwiegespräch zwischen den Beiden. Das Testament ward versprochenermaßen aufgesetzt; Sir Wycherly nahm es auf sein Zimmer, um cs durchzulescn, setzte sorgfältig den Namen Tom Wychecombe in alle leeren Stellen, brachte cs zurück, Unterzeichnete das Instrument in gehöriger Form in seines Bruders Gegenwart , und übergab das Papier sodann seinem Neffen zur Aufbewahrung mit dem strengen Befehl, die Sache so lange geheim zu halten, bis das Instrument durch seinen Tod in Wirkung treten würde. Sechs Wochen darauf starb Mr. Baron Wychecombe, und der Baronet kehrte in tiefer Trauer über den Verlust dieses einzigen Bruders nach seinem Landsitze zurück. Eine unglücklichere Erbenwahl als diese hätte nie getroffen werden können, denn Tom Wychc- combe war eigentlich der Sohn eines Rechtsanwalts im Tempel *), und die eingebildete Aehnlichkeit mit seinem vermeintlichen Vater bestand nur in der Einbildung des leichtgläubigen Oheims. ') So heißt die Akademie für die Studirende» der Jurisprudenz in London. D, U. 23 Zweites Kapitel. Wie grauenvoll Und schwindelnd ist'ö. so tief hinab;ufchaue,i! — Die Kräh n und Dohlen, die die Mitt' umflattern. . Seh'n kaum wie Käfer aus — halbwegs hinab Hängt Einer. Fencheln sammelnd — schrecklich Handwerk. König Lcar. (lieber!, v. A. W. Schlegel.) Die obige Abschweifung über die Wychecombe'sche Familie hat uns von unserer Signalstation, der Landspitze und dem Nebel, womit wir die Scene eröffnet, ziemlich weit abseits geführt. Das kleine Wohnhaus, das zu der Station gehörte, stand nur wenige Schlitte von dem Signalhügel entfernt; durch seine Lage vor den rauhen Kanalwinden geschützt, war cs von blühenden Büschen und Stauden rings umgeben. In demüthigcr Zurückgezogenheit barg sich das bescheidene Landhäuschcn hinter seiner Umgebung, und dabei zeugte die Art seiner Ausschmückung von einem feineren Ge- schmackc, als er in der Regel zu damaliger Zeit in England angetroffen wurde. Die weißen Mancrn mit dem Strohdach darüber, der eingezäuntc Garten und der mit einem Gitter umschlossene Vorhos verricthcn eine Sorgfalt, ja eine Geistesbildung ans Seiten der Bewohner, wie man sie von Leuten in so bescheidener Stellung, wie der Ausseher bei einem Signalpostcn und dessen Familie war, wohl kaum erwarten konnte. Die ganze Umgebung des Hauses bewies dieselbe treffliche Pflege : denn während die Landspitze frei und von allen Seiten zugänglich da lag, waren in der Nähe des Gebäudes zwei oder drei nette, wohlgehaltene Felder zu bemerken, auf denen ein Pferd und einige Kühe ruhig grasten. Hecken waren zwar keine zu sehen, da der Dornstrauch in dieser windigen Gegend nur kümmerlich fortkam; dagegen waren die Felder durch niedlich gearbeitete Zäune geschieden, die schon in ihrer Zusanimcnfügung die Spuren ihres Ursprungs als Juhölzcr und Planken eines Wracks an sich trugen, und da das Ganze weiß übertüncht war, so gewährten sie in einem Klima, wo die Sonne selten in vollem Glanze erscheint, einen ländlichen und keineswegs unangenehmen Anblick. An einem schönen Julitage, ungefähr um die siebente Stunde des Morgens, saß auf einer Bank am Fuße des Signalhügels ein großer, starkgebanter Mann, dessen Gestalt übrigens durch die Last des Alters oder der Krankheit auffallend gebeugt erschien. Ein einziger Blick auf sein rothes, aufgedunsenes Gesicht würde einem Arzte deutlich genug verkündet haben, daß lasterhafte Gewohnheit mehr als natürliche Zerrüttung seiner physischen Organe die Ursache seiner zunehmenden Körperschwächc sein mochte. Das Gesicht des Alten war auffallend männlich geformt, und mußte früher sogar recht hübsch gewesen sein, wie denn selbst jetzt noch die Spuren einer Schönheit nicht zu verkennen waren, welche freilich in Folge seiner Unmäßigkeit die traurigsten Verwüstungen erlitten hatte. Er mochte etwa fünfzig Jahre alt sein, und sein ganzes Aeußere, wie auch seine Tracht, verkündeten den Seemann, und zwar weder einen gemeinen Matrosen noch auch einen Offizier, sondern einen Mann in jener mittleren Stellung, wie sie im Scelebcn eine ganze Klasse von Individuen bezeichnet, welche zwar zu der Ehre des Quarterdecks berechtigt sind, dabei aber keinen Anspruch auf regelmäßige Beförderung besitzen. Mit einem Wort — er trug die anspruchslose Uniform eines Quartiermeisters. Vor hundert Jahren war die Tracht der englischen Seeoffiziere zwar ausnehmend einfach, aber eben darum für ihren Dienst vielleicht weit passender, als die schönere, prunkvollere Uniform, die seitdem eingcführt wurde. Epanlettcn waren damals nirgends Mode; der Schiffsanker auf der dunkelblaue» Jacke, deren Farbe — Marineblau genannt — das tiefe Dunkel des Oceans nachahmen sollte, nebst weißen Aufschlägen bildete die Hauptanszeichnung bei den Offizieren der Marine. Der Mann, den wir dem Leser vorgesührt haben — sein Name war Dutton, und er selbst der Aufseher des Signalpostens — zeigte an seiner wohlgehaltenen Uniform, der sauberen Wäsche, 25 überhaupt in seinem ganzen Anzuge eine Reinlichkeit, eine Accuratesse, welche vermuthen ließ, daß wohl eine zweite Person, die mit solchen Dingen vertrauter sein mochte, als man dicß bei einem Manne von seinen Gewohnheiten erwarten konnte — die Sorge für seine Garderobe übernommen haben mußte. In dieser Hinsicht war seine äußere Erscheinung in der That untadelhaft, und cs lag in seinem ganzen Wesen ein gewisses Etwas, welches verrieth, daß die Natur, vielleicht auch die Erziehung, den Mann zu etwas Besserem bestimmt hatte, als er nun in Wirklichkeit zu sein schien. Dutton befand sich schon um diese frühe Stunde auf seinem Posten, um den Moment abzuwarten, wo der Nebelschleier, der die See verhüllte, sich lüsten würde, um sich dann zu überzeugen, ob nicht etwa ein Segel zu erblicken sei, das irgend eine seiner einfachen Dicnstverrichtnngen nöthig mache» könnte. Daß noch irgend Jemand auf der Landspitze in seiner Nähe sein mußte, erhellte aus seinen öfteren gelegentlichen Anreden — doch war außer ihm sonst Niemand zu sehen. Der Richtung der Töne nach zu schließen, hätte man glauben sollen, jene zweite Person müsse sich oben auf der Höhe, etwa hundert Fuß von dem Sitze des Meisters entfernt, auf dem Kamm der Klippe befinden. „Ei, ei, Mr. Wychccombe," rief Dutton in warnendem Tone, „vergeht nur nie den Seemannsspruch: ,eine Hand dem König, die andere dir selbstDie Klippen da haben gar kitzliche Stellen, und an einem Seefahrer, wie Ihr, erscheint es in der That etwas unnatürlich, wenn er eine solche Passion für Blumen an den Tag legt, daß er sich nicht scheut, eines Sträußchens wegen seinen Hals zu riskiren." „O, fürchtet nichts für mich, Mr. Dutton," antwortete eine volle, männliche Stimme, welche, man hätte darauf schwören mögen, von einem Jünglinge herrühren müßte; „für mich braucht Ihr nichts zu fürchten; wir Seeleute sind ja daran gewöhnt, in freier Luft zu hängen." 26 „Ja, ja, junger Herr, aber nicht ohne starke dreisträngige Taue, woran man sich halten kann. Und eben jetzt, da Seiner Majestät Regierung Euch kaum noch znm Offizier ernannte, habt Ihr gewissermaßen noch mehr die Verpflichtung, Euer Leben zu schonen, damit Jhr's in seinem Dienste verwenden, und wenn's Noth thnt, für ihn hingebcn könnt." „Sehr wahr — vollkommen wahr, Mr. Dutton — so wahr,, daß ich mich nur wundere, wie Ihr für nöthig halten könnt, mich daran zu erinnern. Ich bin Sr. Majestät Ministerium zu großem Danke verpflichtet und-" Während dieser Rede schien der Sprechende immer tiefer herabzusteigen und seine Stimme ward mit jedem Augenblicke undeutlicher, bis sie zuletzt ganz unhörbar wurde. Dutton schaute sich unruhig um, denn in diesem Augenblicke ließ sich ein Geräusch vernehmen, und es blieb kcinZwcifcl, daß cinschwcrerGcgcnstand über dicKlippen hinabpolterte. In solchen Augenblicken war cs, wo unser Seemann den Mangel guter Nerven am deutlichsten empfand und sich eines dcmüthigenden Gefühls nicht erwehren konnte, welches durch das Bewußtsein, sic selbst durch seine Ausschweifungen zerstört zu haben, jedesmal von Neuem in ihm rege wurde. Er zitterte an allen Gliedern, und war im Anfang gänzlich außer Stand, sich zu erheben. Ein leichter Fußtritt neben ihm zog jedoch bald seine Aufmerksamkeit auf sich, und sein Blick fiel auf seine eigene Tochter Mildred, eine liebliche Mädchengcstalt von neunzehn Jahren. „Ich hörte Euch nach Jemand rufen, Vater," sprach das Mädchen, und schaute nachdenklich und zweifelnd ihrem Vater in's Gesicht, wie wenn sic sich wunderte, daß er schon so früh am Morgen von seinem Anfälle hcimgesucht worden; „kann ich Euch mit irgend Etwas dienen?" „Armer Wychccombc!" rief Dutton. „Er stieg aus die Klippe, um einen Blumenstrauß für dich zu suchen, und — und — ich fürchte — fürchte sehr-" 27 „Was, mein Vater?" fragte Mildrcd; ihre Stimme bebte vor Schrecken, die höhe Röthe verschwand aus ihren Zügen und Todtcn- blässe bedeckte das liebliche Antlitz. „Nein — nein — nein — er kann nicht gefallen sein!" Dutton senkte das Haupt, schöpfte tief Athcm und schien dann wieder mehr Herr seiner Nerven zu werden. Eben wollte er aus- stchen, als der Klang von Pferdehufen sich vernehmen ließ und Sir Wychcrly Wychecombe ans einem ruhigen Pony die Anhöhe zu dem Signalstock langsam hinanritt. Es war etwas ganz Gewöhnliches, wenn der Baronct früh am Morgen ans den Klippen erschien; daß er sich aber ohne Begleitung sehen ließ, das war bei ihm ein seltener Fall. Sobald Mildrcd, welche den Baronet recht wohl zu kennen und mit der Vertraulichkeit eines anerkannten Lieblings sich ihm zu nähern schien, die edle Gestalt des ehrwürdigen alten Mannes gewahr wurde, rief sic voll inniger Beruhigung: „O, Sir Wychcrly, wie glücklich hat sich das getroffen! wo ist Richard?" „Guten Morgen, meine hübsche Milly!" antwortete derBaronct in munterem Tone; „glücklich oder nicht, hier bin ich einmal, und fühle mich nichts weniger als geschmeichelt, daß Ihre erste Frage nur den Diener, und nicht den Herrn selbst betrifft. Ich habe Dick mit einer Botschaft an den Vikar abgeschickt. Seitdem mein armer Bruder, der Richter, gestorben ist, wird Mr. Nothcrham mir immer unentbehrlicher." „Ach, theurer Sir Wychcrly — Mr. Wychecombe — Lieutenant Wychecombe — ich meine den jungen Offizier aus Virginia — der so gefährlich verwundet wurde — an dessen Genesung wir Alle so innigen Antheil nahmen —" „Nun, was ist's denn mit ihm, Kind — Sie werden ihn doch nicht gar mit Mr. Rotherham, was nämlich religiösen Trost anlangt, in gleiche Linie stellen wollen? was seine sonstigen Verhältnisse be- ' - Abkürzung für Richard. 28 trifft, so besteht keinerlei Blutsverwandtschaft zwischen den Wvche- combe's aus Virginia und meiner eigenen Familie. Er ist vielleicht ein silius nullius von den Wychecombe's ans Wychccombe-Ncgis aus Hcrtsordshire, steht aber in keinerlei Verbindung mit denen von Wychecombc-Hall in Dcvonshire." „Dort, dort — die Klippe! — die Klippe!" rief Mildred, unfähig, sich deutlicher zn erklären. Das Mädchen deutete, ein Bild des Entsetzens, nach dem vor ihren Blicken sich auSdchnenden Abgrund. Diese Gebende brachte endlich den gutherzigen alten Baronet der Wahrheit einigermaßen auf die Spur; wenige Worte von Seiten Dnttons vervollständigten die Trauerbotschaft, so daß er bald ebensoviel als seine beiden Begleiter von der Sache wußte. Alsbald stieg er mit einer für einen Mann von seinen Jahren allerdings staunenswerthcn Geschwindigkeit von seinem Pony, und sobald er ans seinen Füßen stand, folgte eine Art wirrer Berathung zwischen den Dreien. Von den beiden Männern mochte sich keiner der Klippe nahen, welche sich von der Landspitze aus beinahe senkrecht gegen das Meer hinabsenkte, und für nervenschwache Personen, welche vor dem Rande eines Abgrundes zurückschrccken, immerhin ein höchst gefährlicher Standpunkt war. Wie gelähmt standen sie da, bis sich Dutton endlich seiner Schwäche schämte; so vieler tausend Proben eines kalten, entschlossenen Mnthcs sich erinnernd, die er selbst bei seinem früheren, männlichen Gewerbe erlebt hatte, machte er eine Bewegung, wie wenn er an den Rand der Klippe vertreten wollte, um sich von dem wahren Stand der Sache zu überzeugen. Auch Mildred kehrte das Blut wieder auf die Wangen zurück; ihr natürlicher Muth stellte sich thcilweise wieder ein, als sie den Geist von den Banden der ersten Schreckens befreit fühlte. „Halt, Vater," sagte sie hastig; „Ihr seid schwach und zittert ja noch an allen Gliedern. Meine Nerven sind fester, drum laßt mich an den Rand der Klippe Vorgehen und sehen, was vorgefallen ist." 29 Diese Worte sprach sie mit einer gezwungenen Fassung, wodurch sie ihre Zuhörer täuschte, welche sich allerdings Beide, der Eine aus Alters- der Andere aus Nervenschwäche, nicht in der Lage befanden, denselben Dienst persönlich zu verrichten. Nur das allsehende Auge des Höchsten, der Herz und Niere» prüft, vermochte die an Todesangst gränzcnde Spannung zu schauen, in welcher dieses junge, schöne Wesen der Stelle sich nahte, wo sie die Klippcnwand in ihrer ganzen furchtbaren Höhe von dem schwind- lichen Gipfel bis zu dem Fuße, den die Sec bespülte, mit einem Blicke zu übersehen vermochte. Das Meer konnte man zwar eigentlich von oben nicht überblicken, denn die Wogen hatten den Felsen so weit untcrhöhlt, daß dadurch ein Vorsprung gebildet wurde, der den Punkt, wo Felsen und Wasser in unmittelbarer Berührung mit einander kamen, dem Auge verhüllte. Der obere Theil der wetterzerschlagenen Felswände dagegen hatte sich etwas einwärts gesenkt, so daß eine wilde, zerrissene und zerklüftete Oberfläche übrig blieb, welche hin und wieder mit kleinen Fleckchen von Erde und Nasen bedeckt und mit Blumen, wie sic solcher Lage eigenthümlich sind, geschmückt war. Noch verhinderte der Nebel jede Aussicht; wie ein bodenloser Abgrund lag die schief abftürzcnde Klippcnwand vor Mildrcds Blicken. Wäre das Leben, selbst des gleichgültigsten Menschen, in Gefahr geschwebt — das Mädchen würde unter den obwaltenden Umständen gewiß die innigste Thcilnahme, aber sicherlich auch die unüberwindlichste Scheu, näher zu treten, in sich gefühlt haben; hier aber kämpfte ein Strom zarter Empfindungen! welche bis jetzt noch in der geheiligten Stille ihrer jungfräulichen Brust geschlummert hatten, mit ihrem natürlichen Entsetzen, während sie leisen Schritts bis dicht an den Rand des Abgrundes vortrat, und einen furchtsamen, aber angestrengten Blick in die Tiefe hinabwarf. Dann trat sie einen Schritt zurück, erhob die Hände wie in Todesangst und bedeckte sich die Augen, als ob sie ein schreckliches Schauspiel vor ihrem inneren Blicke verschließen wollte. 30 Unterdessen war Dutton wieder zu sich selbst gekommen, so daß ihm all' seine praktische Kenntniß wieder zn Gebote stand. Wie Ließ bei Seeleuten gewöhnlich ist, die selbst in den schwärzesten Nächten die verwickelstc Einthcilung des Schiffstauwerks noch klar und lebhaft im Kopfe haben, so überschaute er in Gedanken mit einem Blick alle sich darbietcnden Möglichkeiten und erhielt dadurch ein getreues Bild des wirklichen Faktums. „Selbst wenn kein Nebel da wäre, könnte der Junge dennoch nicht gesehen werden, wenn er ganz hinabgcstürzt wäre, denn die Klippe senkt sich heimwärts, SirWychcrly," bemerkte der Alte eifrig, indem er sich einer nur in der Schiffssprachc verständlichen Wendung bediente, um seine Meinung anSzndrücken. „Er muß an der Seite des Abgrundes und zwar noch oberhalb des Felsvorsprnngcs hängen." Einem gemeinsamen Antriebe folgend, eilten die beiden Alten hastig bis an den Rand des Hügels vor, und auch sie erkannten auf den ersten Blick die volle Wahrheit von Duttons Vermuthung. Der junge Wychccombe hatte sich beim Pflücken einer Blume zu weit vorgelchnt, und die ganze Schwere seines Körpers aus den einen Fuß gestützt, bis das Feldstück unter ihm sich löste und er dadurch das Gleichgewicht verlor. Seine fast übermenschliche Geistesgegenwart und hohe Entschlossenheit retteten ihn allein vom sichern Untergang; ohne sie wäre er hilflos an den Felsen zerschmettert worden. So wie er fühlte, daß der Boden unter ihm wich, that er einen Sprung vorwärts und schwang sich auf eine schmale Felszacke, welche sich wenige Schritte unterhalb der Stelle, auf der er bisher gestanden, und wenigstens zehn Fuß seitwärts von derselben befand. Doch die Felszacke selbst bestand aus zerbröckeltem Gestein und war höchstens zwei bis drei Fuß breit, so daß sie für sich allein seinen Fall nur wenig hätte verzögern können, wenn nicht zu allem Glück oberhalb derselben einige Büsche gestanden hätten. An diesen hielt sich der junge Mann fest, nachdem er mit so gewaltiger Schwungkraft den Vorsprung erreicht hatte, daß er noch einen Augenblick im vollsten Sinne in der freien Lust schwebte. Glücklicherweise aber war das Gesträuch so fest gewurzclt, daß cs nicht nachgab, und so kletterte der junge Lieutenant mit der ganzen Behendigkeit eines Seemannes rund herum, und erreichte augenblicklich festen Boden und einen verglcichungswcise sichern Standpunkt. Dem Sprunge folgte seiner Scits ein augenblickliches Stillschweigen als Folge der tiefen Erschütterung, die er empfand, als er sich Plötzlich in einer so gefährlichen Lage erblickte. Der Gipfel der Klippe ragte ungefähr sechs Klafter über ihm empor; die Felszacke , auf der er stand, hing senkrecht über dem jähen Abgrund, und lief weit über die Linie der kleineren FelSvorsprüngc hinaus, aus denen er noch kaum zuvor ohne alle Besorgniß seine Blumen gesammelt hatte. Es war für jedes menschliche Wesen absolut unmöglich, ohne fremden Beistand aus einer solchen Lage hcrauszukommcn. Dieß erkannte auch Wychceombe aus den ersten Blick, und benützte die paar Minuten, welche zwischen seinem Fall und der Ankunft seiner Retter auf dem Felsgipfel verstrichen, um mit aller Anstrengung über die Mittel nachzndcnken, die zu seiner Befreiung nöthig sein mochten. Nur wer die schwindlichcn Höhen der Schiffsmastcn zu erklettern gewöhnt war, konnte Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart genug bewahren, um sich auf der Stelle, die er einnahm, zu behaupten, und auch ein Solcher hätte sich ohne das Gesträuch, woran Jener sich anklammcrte, nicht daselbst erhalten können. Kaum hatten der Baronet und Dutton mit einem Blick die gefährliche Lage des jungen Wychceombe überschaut, als sie entsetzt vor dem Anblick zurückschaudertcn, wie wenn sic befürchteten, dem Unglücklichen am Ende noch auf den Kopf zu stürzen. Beide legten sich alsbald auf den Nasen nieder, und krochen so abermals bis an den Rand der Klippe vor, von wo sie, selbst in dieser Stellung noch zitternd, mit vorgcbeugtem Haupte aus das unter ihnen schwebende Opfer angstvoll hinuntcrstarrten. 32 Der junge Mann konnte von allem Dem nichts bemerken, denn er stand mit dem Rücken gegen die Felswand gewendet und hatte nicht Raum genug, um sich umzudrehen oder auch nur einen Blick in die Höhe zu werfen. Mildred schien indessen bei dem Anblick der tödtlichcn Gefahr, worin der Jüngling unter ihr schwebte, jeden Gedanken an sich selbst und das etwa ihr drohende Verderben vergessen zu haben. Auf der Gränzlinie des Abgrundes stehend, blickte sie starr und unbeweglich in die Tiefe, was ihr unter anderen weniger ergreifenden Umständen wohl gänzlich unmöglich gewesen wäre; wild flatterten ihre reichen Locken um das schöne Antlitz, so daß selbst der junge Mann bei einer augenblicklichen Wendung dieselben thcilweisc gewahr wurde. „UmGotteswillen, Mildred," ricfderJüngling, „halten Sie sich weiter von der Klippe entfernt — ich sehe Sie wohl, und wir können ja nunmehr einander hören, ohne so viel auf's Spiel zu setzen." „Was kann ich thun, um Sie zu erlösen, Wychecombe?" fragte das junge Mädchen hastig; „sagen Sie mir's, ich beschwöre Sie, denn Sir Wycherly und mein Vater sind Beide außer Stands, etwas zu wagen!" „HimmlischesWesen! und Sie gedenken meiner Gefahr! doch ängstigen Sie sich nicht, Mildred; thun Sie nur, was ich Ihnen sage, und Alles wird noch gut gehen. Ich hoffe, Sie hören und verstehen doch, was ich spreche, thcures Mädchen?" „O, ganz gut," antwortete Mildrcd, während die Anstrengung, die es sie kostete, um ruhig zu erscheinen, ihre Stimme beinahe zu ersticken drohte. „Ich höre jede Sylbe — sprechen Sie nur weiter." „So gehen Sie denn und holen Sie die Signallcine — das eine Ende machen Sie los, das andere ziehen Sie durch die Rolle, bis die ganze Leine unten ist; ist dieß geschehen, dann kehren Sie zurück und ich will Ihnen das Weitere sagen: aber bleiben Sie um's Himmelswillen weiter von der Klippe entfernt!" 33 Der Gedanke, daß das Tau, so dünn und gebrechlich es auch schien, sür die beabsichtigte Rettung dennoch von Nutzen sein könne, leuchtete dem Mädchen augenblicklich ein, und im nächsten Moment stand sic bereits neben der Signalstange. Schon oft, wenn Trunkenheit ihren Vater unfähig gemacht hatte, seinen Dienst zu verrichten, hatte Mildred sür ihn die Signale empfangen und neue aufgesteckt; dieß war ein Glück für sie, denn so verstand sie gehörig mit der Signalleine umzugehen. In einer Minute hatte sie dieselbe lvsgewunden, und ihrer ganzen Länge nach zusammengerollt zu ihren Füßen liegen. „Ich bin fertig, Wycherly," rief sie abermals und schaute über die Klippe hinab; „soll ich Ihnen das eine Ende des Tau's zuwerfen?— aber ach! ich selbst bin nicht stark genug, um Sie emporzuziehcn, und Sir Wycherly, wie mein Vater, scheinen Beide außer Stande, mir Hilft zu leisten!" „Ucbereilen Sie sich nur nicht, Mildred, und Alles wird gut gehen. Sie dürfen nur das eine Ende der Leine um die Signalstange wickeln, beide Enden au einander binden und in einen Knoten zusammenknüpsen: ist die Schlinge fertig, dann werfen Sie sie mir über den Kopf. Aber nehmen Sie sich ja recht in Acht, daß Sie der Klippe nicht zu nahe kommen, denn-" Die letztere Ermahnung war unnöthig, denn bereits war Mildred davongeeilt, um diesen Auftrag zu vollziehen. Ihr rascher Verstand begriff augenblicklich, was jetzt von ihr erwartet wurde, und ihre stinken Fingerchen waren sogleich mit der neuen Aufgabe beschäftigt. Wie der Jüngling sie angewiesen, knüpfte sie die beiden Enden der Leine in einen Knoten zusammen, und bald hing die schwache Schlinge über die Klippe hinab, so daß sie Wychccombe mit dem Arme erreichen konnte. Für einen Landbewohner hält es schwer, die feste Zuversicht zu begreifen, womit ein Seemann an Tauen und Seilen jeder Gattung zu hängen pflegt. Man gebe ihm nur ein schwaches, Die beiden Admirale. 3 halbverfaultes Stück gedrehten Hanfs in die Hand, und er wird mit gewohnter Kühnheit die lebensgefährlichsten Dinge unternehmen, während er ohne diese Hilfe vielleicht furchtsam davor znrückgcbcbt wäre. Von Jugend auf daran gewöhnt, in freier Lust an einem Tau zu hängen, worauf er entweder feine Füße stützt oder woran er sich mit der Hand festhält, lernt sein Auge schnell unterscheiden, was ihm als Stütze dienen kann, und er wird ohne Zandern sein Leben einigen, wenn auch scheinbar noch so schwachen, Strängen anvertrauen, selbst wenn diese einem unerfahrenen Zuschauer jedes Vertrauens nnwerth erscheinen sollten. Die Taue an den Signalleincn sind dünner als ein kleiner Mannsfingcr, werden dabei aber mit Sorgfalt gedreht, und nur das beste Kabelgarn darf dazu verwendet werden. Ucberdieß wußte Wychecombe, daß Mildreds Leine ein ganz neues Stück Tan war, da er sie erst die Woche zuvor selbst hatte aufmachen helfen. Gerade diesem Umstand war es zu danken, daß das Seil lang genug war, um ihn noch zu erreichen, denn als er das Stück vom Schlage abgeschnittcn, hatte er absichtlich noch ziemlich viel zugegeben, für den Fall, daß die Leine eingchen oder vielleicht gar abreißen sollte. So reichte sie bis auf etwa zwanzig Fuß unterhalb der Stelle, wo er sich im Augenblicke befand. „Jetzt ist's gewonnen, Mildred!" rief der junge Mann trium- phirend, sobald seine Hand die beiden Enden der Leine erfaßt hatte. Rasch schwang er sie dann in der Hohe der Arme um den Leib, um sich durch diese Vorsichtsmaßregel gegen alle Unfälle zu sichern. „Nun istAlles gut, theures Mädchen; Sie dürfen sich meinetwegen jetzt nicht inehr ängstigen." Mildred zog sich nunmehr zurück, denn nicht um eine ganze Welt hätte sie den verzweifelten Versuch mit arischen können, der, wie sic wohl wußte, jetzt noch bevorstand. Mittlerweile hatte auch Sir Wycherly, der bis jetzt ein theil- nehmender Zeuge des Vorhergehenden gewesen war, die Sprache 35 wieder gewonnen, und übernahm nun das Amt eines Leitenden bei der Sache. „Halt, Halt, junger Namensvetter," rief er eifrig, als er sah, daß der Seemann im Begriffe stand, sich mit der höchsten Anstrengung die Klippen hinanzuziehen— „halt, sogeht's nicht; laßt wenigstens Dutton und mich Euch dabei helfen, so gut wir's vermögen. Wir haben alles Bisherige mit angesehen, und find nun schon im Stande, Etwas für Euch zu thun." „Nein — nein, Sir Wychcrly — Ihr dürft um keinen Preis die Leine berühren. Wolltet Ihr sic über die Spitze der Klippe emporheben, so würde sie wahrscheinlich abgeschnitten oder aus einander gerissen, und dann wäre ich rettungslos verloren!" „Ach, Sir Wycherly," flehte Mildred mit emporgehobenen Händen, wie wenn sie ihre Bitte dadurch eindringlicher machen wollte; „bitte — bitte — berühren Sie die Leine nicht!" „Am Besten wird es sein, wenn wir den Jungen ganz allein gewähren lassen," warDuttonsMeinung; „eristrasch, entschlossen, ein ganzer Seemann, und wird wohl besser für sich zu sorgen verstehen, als wir, fürcht' ich, zu thun vermöchten. Er hat die Leine um seinen Körper geschlungen, und ist jetzt so ziemlich gegen jedes Ausrntschcn und sonstiges Unglück gesichert." Sobald er ausgesprochen, zogen sich die Drei auf kurze Strecke zurück und warteten in tiefer Herzensangst des Ausgangs. Dutton hatte unterdessen wieder so viel Besinnung erlangt, daß er aus dem am Fuß der Signalstange angebrachten Kasten ein Stück der alten Leine hervorholte und einen Versuch machte, über die beiden Theile des schwachen Taibs, woran der Jüngling hing, einen festen Stopper zu winden; ohne diese Vorsicht hätte sich das Tau, wenn es an irgend einer Stelle gebrochen wäre, unvermeidlich von der Signalstange losgcmacht, und jeder Anhaltspunkt wäre dann für den Unglücklichen verloren gewesen. Die Länge der Leine erschwerte das Geschäft ungemein, doch ruhte er nicht eher, bis 3 - er seinen Schutzbefohlenen so gut als möglich gesichert zu haben hoffen durste. Während dieser ganzen Zeit hatte auch der junge Wychecombe, von den Zuschauern ungesehen, seine Vorbereitungen auf der Felszacke getroffen, und bald verkündete die Spannung der Signalleine, daß sein Körper mit seiner ganzen Schwere daran hing. Mildreds Herz schien jeden Augenblick ihren Lippen entströmen zu wollen, während sie jedes Zerren an der Leine aufmerksam beobachtete; auch ihr Vater bewachte alle Bewegungen mit einer Spannung, als ob er in der nächsten Sekunde die endliche Katastrophe zu erleben erwartete. Es bedurfte von Seiten des jungen Mannes der ungeheuersten Anstrengung, um sich mit der ganzen Schwere seines Körpers aus solche Entfernung an so dünnen Stricken cmporzuziehcu. Wäre das Tau nur um Weniges dicker gewesen, so hätte ein Seemann von seiner Stärke und Gewandtheit die Sache als eine wahre Kleinigkeit hingcnommen, umsomehr, da er sich beim Klettern auch seiner Füße bedienen und diese gegen die Felsen stemmen konnte; so aber war es ihm gerade, als ob er das ganze Vorgebirge hinter sich nachzöge. Endlich sah man sein Haupt einige Zoll über den Klippenrand hervorragcn; seine Füße hatte er gegen die Klippen gestemmt, und sein Körper war unter einem Neigungswinkel von fünfundvierzig Graden auswärts gebogen. „Helft ihm — helft ihm, Vater!" ries Mildred und bedeckte ihr Antlitz mit den Händen, um Wychecombe's verzweifelten Kampf nicht mit ansehen zu müssen. „Wenn er jetzt fällt, so wird er zerschmettert. Ach, rettet ihn, Sir Wycherly, — rettet ihn um's Himmels willen!" Doch von den Beiden, die sie angerufeu hatte, konnte Keiner irgend eine Hilfe leisten. Bei ihrem Vater hatte sich das gewöhnliche Nervenzittern wieder eingestellt, und von dem betagten Baro- net ließ sich bei seiner Unersahreuhcit nur wenig erwarten. 37 „Habt Ihr kein Seil, Mr. Dutton, das Ihr mir über die Schulter werfen könntet?" rief Wychecombe und hielt vor lauter Erschöpfung inne, während er, ohne den gewonnenen Vortheil fahren zu lassen, mit dem Kopf nach außen, das Antlitz gen Himmel gewendet, über dem gähnenden Abgrund da hing. „Werst mir ein Seil über die Schulter, und zieht meinen Körper gegen die Klippe." Dutton hätte sür's Leben gern dem Wunsche gewillfahrt, aber seine Nerven waren noch nicht durch den üblichen Trunk aufgeregt, und seine Hände zitterten dergestalt, daß es noch höchst zweifelhaft schien, ob er nur diesen einfachen Dienst würde verrichten können. Wäre seine Tochter nicht gewesen, so würde er in der That kaum damit zu Stande gekommen sein. An die Handhabung der Signalleine gewöhnt, holte Mildred rasch das alte Tau herbei und händigte es ihrem Vater ein, der sich in der Art, wie er es handhabte, als wohlgeübten Seemann bewährte. Eiligst suchte er die Leine zu verdoppeln, und warf Wychecombe endlich den Schlupfen über die Schulter; dann versuchte er mit Mildreds Hilfe, den Körper des jungen Mannes aufwärts und gegen die Klippen heranzuziehen. Aber selbst ihre vereinigte Kraft war dieser Aufgabe nicht gewachsen. Von der bisherigen Anstrengung ermüdet und unfähig, sich bei seiner Körperschwere noch länger an dem schwachen Taue sestzuhalten, sah sich Wychecombe genöthigt, seine Füße endlich sinken zu lassen, und glitt wieder auf die Fclszacke zurück. — Sogar sein kräftiger Körper zitterte in Folge der übermäßigen Anstrengung, und ermattet mußte er sich auf dem Klippenkamme nicderlassen, um, mit dem Rücken gegen den Felsen gelehnt, ein wenig auszuruhen, bis er seine frühere Kraft und Selbstbeherrschung wieder erlangt hatte. Mildred stieß einen schwachen Schrei aus, als sie den Aermsten verschwinden sah, war aber zu sehr von Schrecken betroffen, um bis an den Rand des Abgrundes vortreten und sich von seinem Schicksale überzeugen zu können. 38 „Beruhige dich, Milly," sagte ihr Vater; „noch ist er geborgen, wie dn an der Leine sehen kannst, und wahrlich das Zeug hält gut zusammen. So lange das Tan ganz bleibt, kann der Junge nicht fallen; er hat ja das Ende zweimal um seinen Leib geschlungen. Sei gutes Mnths, mein Kind; ich befinde mich jetzt besser und sehe meinen Weg klar vor mir. Habt keine Angst, Sir Wychcrly: in zehn Minuten haben wir den Jungen heil und sicher aus der leim» iim»r>. Ich kann eigentlich nicht recht begreifen, was mich heute Morgen angekommcn ist: ich habe meine Glieder gar nicht wie sonst in der Gewalt gehabt. Furcht kann's nicht sein, denn ich habe schon zu viele Männer in Gefahr gesehen, um gerade bei diesem so außer Fassung zu gcrathcn; ich glaube, Milly, es muß der Rheumatismus sein, von dem ich dir schon oft gesagt, und den ich von meiner armen Mutter, der guten, alten Seele, geerbt habe. Glaubt Ihr nicht auch, Sir Wychcrly, daß der Rheumatismus, wie die Gicht, erblich sein kann?" „O ja, ich glaube wohl — ja, ja, ich glaub' es, Dutton — denkt jetzt aber nicht au die Krankheit, sondern helft meinem jungen Namensvetter hier auf den Nasen heraus, und ich will Euch daun anhören, so lang Ihr nur wollt. Die ganze Welt möcht' ich darum geben, wenn ich Dick heute Morgen nicht zu Mr. Notherham geschickt hätte. Könnten wir nicht den Versuch machen, ob mein Pony den Jungen nicht hcraufzuzichen vermag?" „Die Stränge sind schwerlich stark genug zu einem solchen Stuck Arbeit. Habt nur ein wenig Geduld, Sir Wychcrly, und ich will Euch das ganze Ding, ,mit sauberer Takelage und unversehrten JuhölzcnH, wie wir zur See zu sagen pflegen, auf die Höhe herausbringcn. Hallo, Master Wychccombe, hallo — antwortet nur meinem Ruf, und Ihr sollt bald wieder in tiefem Fahrwasser sein." „Ich stehe unverletzt auf meinem Posten," antwortete Wyche- combe's Stimme von unten; „ich wünschte, Ihr würdet nach der Signallcine sehen, Mr. Dutton, damit sie sich nicht an den Felsen zerreibe." „Alles in Ordnung, Sir, Alles in Ordnung. Macht die Leine etwas locker und laßt mich so viel davon erfassen, als Ihr entbehren könnt, ohne sic Euch vom Leibe zu wickeln. Haltet nur das Ende fest, für den Fall, daß Euch ein Unglück zusticße." Im Augenblick wurde die Leine lockerer, und Dutton, wenn gleich noch schwach und durch seine Lebensweise während der letzten fünfzehn Jahre entnervt, hatte endlich doch seine volle Gewalt über sich selbst wieder erlangt, so daß er die Schlinge so weit über die Klippen zog, bis sic über einen Vorsprung desFelsens zu liegenkam, wo sie ganz von selbst festhielt. Auf diese Art erstreckte sich jetzt die Leine über den Thcil der Klippen, von wo der junge Mann hinabgestürzt war, und wo eine state Hand und kräftige Glieder durchaus keine Schwierigkeit darin finden konnten, sich ringsum ungehindert zu bewegen und Blumen abzupflücken. Wychccombe hatte also gar nichts Anderes zu thun, als auf dieser Seite des Abhanges festen Fuß zu fassen, um dann ohne weitere Mühe bis zu dem Gipfel hinaufzusteigen. Allerdings befand er sich jetzt unterhalb des Punktes, den er vor seinem Falle eingenommen hatte; doch konnte er sich leicht von der Seite Hinausschwingen, oder, von der Leine getragen, einen Sprung dahin versuchen, und nicht so bald hatte der junge Mann die Wichtigkeit der getroffenen Aendcrung begriffen, als er sich auch schon an die Ausführung seines Planes machte. Das feste Vertrauen, welches Dutton bewies, ermuthigte auch den Baronet und selbst das zitternde Mädchen; beide näherten sich wieder dem Klippenrande, stellten sich aber doch hinter dem Theil des Felsens auf, von wo ans man mitwenigerBesorgniß vor den Folgen hinabklimmen konnte. Sobald Wychccombe alle nöthigen Vorkehrungen getroffen hatte, stellte er sich aus den Rand der Felszacke, zog die Leine fest an sich, schaute sich sorgfältig nach einem Stützpunkte auf der andern Seite der Kluft um und — that seinen Sprung. Rasch von Spitze 40 zu Spitze sich schwingend, bis die Leine endlich senkrecht über seinem Haupte schwebte, gelangte der junge Mann bis an den Rand des Felsens, dessen Oberfläche er so zerbröckelt sank, daß ihm das Emporklimmen mit Hilfe der Signalleine, die ihn immer noch fest hielt, nichts weniger als schwierig wurde. Bald hatte er seinen Weg zurückgelegt, und die Leine von sich werfend, sprang er endlich auf den Gipfel und stand vor seinen ängstlichen Zuschauern. — Im nämlichenAugcnblick sankMildred besinnungslos ausdcn Rasen nieder. Drittes Kapitel. Mir fehlt ein Held: — 's ist wunderbar zu hören, Wo Helden dutzendweis crsteh'n mit jedem Jahr; Bis dann die Zeitungen, die ihn gekrönt mit Ehren, Zuletzt gesteh'n, wie 's nicht der Rechte war. Byron. Äei der Nervenschwäche des Vaters fiel cs dem jungen Manne als schöne Pflicht anheim, die ohnmächtige Mildrcd auf seine Arme zu nehmen und in ihre Wohnung zurückzutragen. Dicß that er denn auch mit einer Bereitwilligkeit und einer Fürsorge, welche deutlich zeigte, wie tief der Anthcil war, den er an ihrer Lage nahm; dabei war die körperliche Kraft, die er jetzt entwickelte, ein hinlänglicher Beweis, daß seine Stärke durch die dem Mädchen zugestoßene Ohnmacht eher vermehrt als vermindert worden war. Pfeilschnell eilte er mit ihr von dannen, so daß Niemand den Kuß bemerken konnte, den er auf die bleiche Wange des süßen Mädchens drückte, dessen leblose Gestalt er mit Inbrunst an sich geschlossen hielt. In dem Augenblicke, als er die Hausthürc erreichte, begann das liebliche Kind in Folge der raschen Bewegung in freier Luft sich allmählig wieder zu erholen, und so überließ sie Wychccombe nach einigen hastigen, erläuternden Worten der Sorgfalt ihrer ängstlich 41 herbeigeeiltcn Mutter. Er vermochte übrigens das Haus noch eine ganze Viertelstunde lang nicht zu verlassen, und riefDutton nur einmal von Weitem zu, daß Mildred wieder zu sich gekommen, so daß er also ihretwegen keine weiteren Besorgnisse hegen dürfe. Warum er so lange verweilte — dieß zu entscheiden, überlassen wir der Einbildungskraft unserer Leser, denn das Mädchen war sogleich auf ihr eigenes Stübchen gebracht worden, und blieb noch mehrere Stunden lang für ihn unsichtbar. Als der junge Seemann die Klippe abermals erreichte, fand er die Gesellschaft beim Flaggenstock um zwei weitere Mitglieder vermehrt. Dick, des Baronets Reitknecht, war von seiner Versendung zurückgckehrt, und Tom Wychccombe, Sir Wychcrly's ausersehener Erbe, hatte sich ebenfalls eingestellt, und zwar noch in tiefer Trauer um seinen verehrten Vater, den Richter. Dieser junge Manu hatte in neuerer Zeit den Stationsposten sehr häufig besucht, wobei er seinem Oheim zu lieb eine leidenschaftliche Vorliebe für die Seeluft und die Feruflchtcn des Oceans affectirte. Er war dabei schon mehrere Mal mit seinem Namensvetter zusammengetroffen, und cs hatte sich dabei deutlich gezeigt, daß jede folgende Zusammenkunft immer unfreundlicher endete als die vorhergehende — der Grund davon war den beiden jungen Leuten genugsam bekannt. Als sie daher bei gegenwärtiger Veranlassung wieder zusammentrafen, wurden blos kalte, stolze Verbeugungen und feindselige Blicke gewechselt, wobei ein Ausdruck finsteren Spottes in Tom Wychecombc's Gesicht zu bemerken war. Trotzdem ließ sich der Letztere durch seine vorherrschende Abneigung nicht abhalten, den Kommenden scheinbar freundlich und verbindlich anzuredcn. „Man sagt mir, Mr. Wychccombe," bemerkte des Richters Erbe (denn diesen Titel mochte Tom Wychccombe gesetzlich ansprechen), „man sagt mir, Mr. Wychecombe, Ihr habt heute Morgen eine kleine Lection in Euren Bcrussgeschästen genommen, und seid an 42 einem Tau die Klippen hinangeklettert? Nun, meiner Ansicht nach ist dich eine Hcldenthat, die mehr in dem Geschmack eines Amerikaners, als in dem eines Engländers liegt. Aber ich glaube selbst, daß man in den Kolonien wohl häufig gcnöthigt ist, Dinge zu verrichten, von denen wir uns hier zu Hause wohl kaum etwas träumen lassen." Dieß wurde zwar mit anscheinender Gleichgültigkeit geäußert, war aber dennoch von dem Sprechenden seinem Oheim gegenüber sein und schlau berechnet. Sir Wuchcrly's Hanptschwäche bestand in einer dünkelhaften und dabei unwissenden Bewunderung seines Vaterlandes und alles Dessen, was dazu gehörte. Auch hegte er keine geringe Portion von Verachtung gegen die auswärtigen Provinzen des Reichs — ein Gcsühl, das von der politischen Verbindung zwischen dem Volke des Stammlandes und dem seiner Kolonien unzertrennlich zu sein scheint. Zu vollkommener Achtung gehört unbedingt in allen Lagen des Lebens eine völlige Gleichheit der beiderseitigen Verhältnisse, und cs darf als allgemeine Regel geltend gemacht werden, daß die Menschen von der Ueberlegcnhcit, welche dem Lande oder der Provinz, der sie angehören, zugestanden werden mag, sich jederzeit ihren vollen Antheil anznmaßcn geneigt sind. Nach diesem Grundsätze ist es zu erklären, warum der Bewohner einer Dachkammer zu Paris oder London sich gar zu leicht aufgefordcrt fühlt, selbst gegen den Besitzer der behaglichsten Wohnung auf einem Dorfe die höchsten Ansprüche auf Vorrang geltend zu machen. Gerade bei England und seinen nordamerikanischen Kolonien trat dieses Gefühl insbesondere wegen der frühzeitig vorwaltendcn demokratischen Tendenzen der Letzteren noch weit stärker hervor, als dieß gewöhnlich der Fall sein mag. Die genannten Tendenzen waren zwar noch keineswegs Gegenstand politischer Eifersüchteleien geworden, hatten aber gleichwohl allerlei schädliche Eindrücke zurückgelassen, welche bei einem Volke, das so eigensinnig an seinen künstlichen Gewohnheiten hält 43 und so sehr geneigt ist, Alles und Jedes, selbst bis zu den allgemeinsten Grundsätzen, durch das Medium willkürlicher konventioneller Gebräuche zu betrachten — ganz besonders geeignet waren, ein Gefühl von Verachtung gegen die Kolonisten zu erwecken. Zwar läßt sich auf der andern Seite auch nicht läugueu, daß die Amerikaner in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Sitten und Ansichten ein ausnehmend spießbürgerliches, in manchen Beziehungen sogar engherziges Völkchen waren, ein Vorwurf, der sogar bis auf den heutigen Tag noch nicht völlig von ihnen abzuwälzen ist; aber damals hatte auch das eigene Stammland noch nicht jene ungeheuren Fortschritte in der Civilisation gemacht, wodurch cs sich in neuerer Zeit so besonders auszeichuet. Ueberdicß verleitete die Gleichgültigkeit, womit ganz Europa den gcsammtcn amerikanischen Kontinent betrachtete, und wovon England selbst trotz seiner weitläufigen transatlantischen Bcsitzthümer keine wesentliche Ausnahme machte, bei allen Urthcilen, welche der eine Erdtheil über den andern fällte, zu den grassesten Mißverständnissen, welche nur zur Verstärkung jener Gesinnungen, auf die wir eben angespielt haben, beitragen konnten. Sir Wycherly fühlte und dachte über Amerika gerade ebenso, wie die Mehrzahl seiner Landsleute im Jahre 1745 in diesem Punkte zu fühlen und zu denken gewohnt waren. Ausnahmen hievon machten blos vorzugsweise hellseheude Köpfe oder solche Personen, deren besondere Verhältnisse eine genauere Kenntniß jenes Landes nöthig machten; und selbst diese nicht in allen Fällen. Man sagb, der englische Minister habe sich aus dem zufälligen Umstand, daß er einen reichen Virginier eine große Summe Geldes im Spiel verlieren sah, den Plan abgeleitet, Amerika mit Auslagen zu belegen -— ein ur^umoirtni» uil Iiominem, das ihn zu einer Folgerung verleitete, die bei der Gattung von Leuten, mit denen er zu thun hatte, so gefährlich anzuwendcu war. Lassen wir dieß übrigens ganz dahingestellt — so ist wenigstens darüber keine Frage, daß zu der Zeit unserer Erzählung in dem Mutterlandc allgemein die tiefste Unwissenheit über Amerika herrschte, so wie umgekehrt in Amerika die devoteste Verehrung für Alles, was englisch war, zu der Tagesordnung gehörte. Die Wahrheitsliebe nöthigt uns noch, bcizufügeu, daß trotz aller späteren Ereignisse der cisatlantische Antheil an dieser Schwäche die Einwirkung der Zeit und eines vermehrten Verkehrs am längsten überlebt hat. Der junge Wycherly war, wie dieß gewöhnlich der Fall ist, für alle Verdächtigungen, welche gegen den Thcil des Reichs gerichtet schienen, dem er selbst als Eingeborner angehörte, — höchst empfindlich. Sich selbst zwar betrachtete er als einen Engländer, war auch ein höchst loyaler Unterthau und jederzeit geneigt, für die Ehre und die Interessen des Sitzes der Herrschaft in die Schranken zu treten: wenn aber Fragen zwischen Europa und Amerika aufgeworfen wurden, dann war er ganz Amerikaner, wie er sich in Amerika selbst im Gegensätze zu allen übrigen Kolonien als bloßen Virginier betrachtete. Er verstand Tom Wychecombe's spöttische Absicht recht wohl, suchte aber aus Achtung für den Baronet seinen Unwillen uicderzukämpsen; vielleicht daß auch das Nachgefühl deS Entzückens, das kaum noch seine Brust erfüllt hatte, einigen Einfluß aus feine Handlungsweise ausübte. „Die Herren, die etwa geneigt sind, sich solche Dinge von den Kolonien cinzubilden, thäten wohl am Besten, ehe sie ihre Ansichten zu laut aussprächen, jenen Weltthcil selbst zu besuchen," antwortete er kalt, „damit sie nicht Manches sagen, was sie bei späterer Beobachtung gerne widerrufen würden." „Wahr, vollkommen wahr, mein junger Freund," unterbrach ihn der Baronet in der freundlichsten Absicht von der Welt; „so wahr, wie das Evangelium selber. Wir können wohl niemals etwas von Dingen sagen, von denen wir nichts verstehen, das müssen sogar alte Leute, wie wir, Meister Dutton, zugeben, und ich dächte, auch Tom müßte die Gründlichkeit dieses Beweises anerkennen. Es 45 wäre unvernünftig, wenn man in Amerika Alles so hübsch und bequem anzutreffen erwartete, wie wir cs hier in England haben: auch glaube ich nicht, daß die Amerikaner im Allgemeinen so leicht, wie ein Engländer, über eine Klippe wcgkommen werden. Aber keine Regel ist ohne Ausnahme, wie mein armer Bruder James zu sagen pflegte, wenn er an der Rede eines Prälaten irgend Etwas ausznsetzen hatte. Ich glaube, Dutton, Ihr habt meinen armen Bruder nicht mehr gekannt: er hatte wohl gerade um die Zeit, als Ihr geboren wurdet, bereits seinen Tod gefunden—ich nannte ihn gewöhnlich nur den heiligen James, trotzdem daß mein Bruder Thomas, der Richter und Vater unseres Tom hier, mir jedesmal ent- gcgnete, er müsse jedenfalls St. James, derZweite, genannt werden." „Ich glaube, Sir Wycherly, Seine Hochwürden, Mr. Wyche- ^ combe, waren schon todt, ehe ich in das Alter kam, um mich seiner Tugenden erinnern zu können," antwortete Dutton ehrerbietig; „doch hörte ich meinen eigenen Vater oft von Eurer ganzen verehrten Familie erzählen." „Ja, ja, Dutton, Euer Vater war Gerichtsanwalt in der nächsten Stadt, und wir Alle haben ihn wohl gekannt. Ihr habt vollkommen recht daran gcthan, daß Ihr zu uns zurückgekehrt seid, um den Abend Eures Lebens hier znzubringen. Wie kann es Einem i auch besser ergehen, als wenn man einem kräftigen Baume gleich in dem Boden seines Geburtsortes wurzelt und treibt, und dieß noch um so mehr, wenn dieser Boden unserem guten Alt-England und dem geliebten Dcvonshire angehört! Ihr zählt nicht zu unseren Landsleuten, junger Herr, wenn gleich der Zufall will, daß Euer Name Wychccombe ist; nun immerhin — ist ja doch keiner von uns Allen für seine Geburt oder Gcburtsstätte verantwortlich." Die Wahrheit dieser Rede, welche, obwohl im Munde von Tausenden, doch nur in äußerst wenigen Herzen wurzelt, war von Sir Wycherly durchaus gut gemeint, nur etwas zu deutlich ausgesprochen. Der Jüngling antwortete ganz einfach daraus, „er sei 46 in den Kolonien geboren nnd seine Eltern seien ebenfalls Kolonisten gewesen" — eine Thatsachc, welche die Andern bereits zum zehnten oder zwölften Male gehört hatten. „Es ist doch wahrlich sonderbar, Mr. Wychccombc, daß Ihr gerade meine beiden Namen führen und doch kein Verwandter von mir sein sollt," fuhr der alte Baronct fort. „Der Name Wycherly kam in unsere Familie durch den alten Sir Hildcbrand Wycherly, der auf dcm Schlachtfeldc zu Bosworth erschlagen und dessen einzige Tochter mit meinem und Toms Urältcrvater vermählt wurde. Seit jener Zeit blieb Wycherly der Lieblingsname unserer Familie. Ich glaube nicht, daß die Wychecombe's aus Hertfordshire jemals daran dachten, einen ihrer Söhne Wycherly zu nennen, obgleich sie, wie mein armer Bruder, der Richter, zu sagen pflegte, mit uns, wenn auch nur durch Halbblut, verwandt sind. Ich denke, Tbomas, dein Vater wird dich wohl gelehrt haben, was unter Halbblut zu verstehen ist?" Tom Wychecombe's Gesicht wurde scharlachrotst; mit unstätcn Blicken musterte er seine ganze Umgebung und schien besonders zu erwarten, daß er in dem Auge des Lieutenants einem Ausdruck von Schadenfreude begegnen würde. Zu seiner großen Beruhigung fand er indessen, daß Keiner von den Dreien mehr verstand oder ausdrücken wollte, als seines Oheims einfache Rede angcdeutet hatte. Letzterer hatte nicht entfernt die Absicht, eine Anspielung auf die nicht ganz regelrechte Abstammung seines Neffen zu machen, nnd die beiden Andern glaubten, wie überhaupt die ganze Welt, der vermeintliche Erbe gelte mit vollem Rechte als ein solcher. So schöpfte Tom wieder Math aus den Blicken seiner Gefährten, und antwortete seinem Onkel mit einer Ruhe und Festigkeit, welche nichts von seiner Aufregung bemerken ließen: „Ganz gewiß, theuerster Sir; mein trefflicher Vater hat im Geringsten Nichts vergessen, was er als nützlich für mich erachtete, um in Zukunft die Ehre und die Rechte unserer Familie aufrecht 47 zu erhalten. Ich weiß recht gut, daß weder die Wychecombe's aus Hcrtfordshirc noch irgend ein anderer Wychecombe, der nicht von unserem ehrwürdigen Großvater, dem letzten verstorbenen Sir Wycherly, abstaimnt, ein Recht auf Verwandtschaft mit uns besitzen." „Ei, Mr. Thomas, jener Sir Wycherly muß wohl einer der ersten, nicht aber, wie Ihr sagt, der letzten Wycherly's gewesen sein," bemerkteDutton und lachte laut über seinen eigenen Einfall; „denn seit den letzten fünfzig Jahren kann ich mich gar keines andern als des hochverehrten Baroncts hier vor uns erinnern." „Ganz richtig, Dutton, vollkommen richtig," crwiederte freundlich Sir Wycherly, auf welchen Dutton so eben angespielt hatte. „Ganz eben so wahr, wie das gute Sprüchleüu ,Zeit und Flut vergehen bald, warten auf Niemand und war' er auch alt/ Wir an der Küste hier wissen am besten, was solche Verslcin zu bedeuten haben. Letzten October war cs gerade ein halbes Jahrhundert, seit ich meinem verehrten Vater in dieser Herrschaft folgte: bis ich übrigens einen Nachfolger erhalten werde, wird es wohl keines so langen Zeitraumes mehr bedürfen." Sir Wycherly war für seine Jahre ein kerngesunder, kräftiger Mann und hegte auch keineswegs eine unmännliche Furcht vor seinem Ende; doch fühlte er wohl, daß es nicht mehr sehr ferne sein konnte, da er bereits in einem Alter von vicrnndachtzig Jahren stand. Nichtsdestoweniger wollte Dutton die Gelegenheit nicht vor- übcrgchcn lassen, ohne die mancherlei Phrasen, welche bei solchen Veranlassungen üblich sind, gebührendermaßen anzubringcn; so wandte er sich also gegen den Baronct, und schien mit Bewunderung dessen immer noch rothstrahlendes Antlitz zu betrachten, ein Kunstgriff, wodurch er seinen Worten größeren Nachdruck zu geben hoffte. „O, Sir Wycherly," crwiederte er, „Ihr könnt uns recht wohl säst sammt und sonders im Grabe sehen, und immer noch ein munterer, kräftiger Herr dabei bleiben. Freilich wird wohl in fünfzig Jahren Keiner von uns mehr am Leben sein; selbst Mr. Thomas 48 hier so wie auch Euer junger Namensvetter dürfen wohl schwerlich hoffen, daß eine Lcbensleine sich gar noch länger als diese Frist abwickeln werde. Was mich selbst betrifft — nun, ich wünsche nur noch so lange das Leben behalten, bis dieser Krieg beendigt ist, damit ich Seiner Majestät Waffen noch einmal triumphire» sehen kann. Zwar sagt man, der Krieg könne recht gut seine dreißig Jahre andauern: doch hat schon mancher so lange gewährt wie jener, Sir Wycherly, und ich sehe eben nicht, warum er gerade kürzer als ein andcrer-sein sollte." „Ganz richtig, Dntton; dich ist nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich; und ich hoffe, wir Beide, Ihr und ich, werden wohl noch so lange leben, bis wir unseren Blumenjäger von heute Morgen zum wenigsten als zweiten Kapitän Wiedersehen, — als Admiral ihn noch zu begrüßen, das möchte freilich zu viel verlangt sein. Einen'Admiral unseres Namens hat es schon einmal gegeben, und ich gestehe, ich möchte gerne noch einen zweiten deß- gleichen vor mir sehen." „Hat nicht Mr. Thomas eine» Bruder im Dienst?" fragte der Quarticrmcister, „ich glaubte wenigstens, Seine Wohlehrwürden, der Herr Richter, habe uns einen seiner jünger» Söhne anvertraut." „Er hatte cs Anfangs im Sinne; doch änderte er später seinen Plan, und die beiden Jungen traten sofort in die Landarmee ein. Dein Gregory, Tom, hätte Sekadet werden sollen, und da er schon von Anfang an von meinem armen Bruder zum Seemanne bestimmt war, so erhielt er auch den Namen scincs unglücklichen Oheims, den wir einst durch einen Schiffbruch verloren haben. Ich bat Thomas öfter, er möchte doch einen seiner Jungen nach den Namen meines geliebten Bruders, des heiligen James, taufen lassen; aber ich weiß nicht, wie es geschah, es gelang mir nie, ihn zur vollen Anerkennung der Tugenden jenes gottesfürchtigen jungen Mannes zu bewegen." Dutton war einigermaßen in Verlegenheit, denn der heilige 49 James hatte alles Andere weit eher, als den Geruch eines gottes- fürchtigen Mannes hinterlasscn, und der Qnarticrmeister, der lieber das Gegcntheil der Wahrheit bestätigen, als Gefahr laufen wollte, seinen Grundherrn zu beleidigen, schickte sich eben an, Sir Wycherly's Behauptung mit so vieler Keckheit, als er nur immer aufbieten konnte, zu wiederholen, als glücklicherweise in dem Stande des Nebels eine Acndcrung vorging, die ihm eine, günstige Gelegenheit bot, dem Gespräche eine passendere Wendung zu geben. Den ganzen Morgen über hatte, so weit das Auge reichte, ein dichter Ncbcldunst die See bedeckt und diese ihrer ganzen Ausdehnung nach in eine einzige weiße Rauchwolke cingehüllt, so daß auf dem Gipfel des Stationshügels auch nicht das Mindeste zu sehen war. Die leichteren Dunstwölkchen hatten im Anfänge auch die Landspitze umzogen und diese ans eine weite Entfernung unsichtbar gemacht; alltnählig aber hatte sich alles Gewölk in eine einzige dichte Masse gesammelt, die von dem Spiegel des Meeres bis etwa auf zwanzig Fuß unterhalb des Gipfels sich ausbreitete. Es war zwar noch sehr früh am Tag, doch äußerte die Sonne immer mehr ihre Kraft, indem sie rasch die feineren Nebcltheilchcn einsog, so daß die Atmosphäre über der dünnen Wolkenschichte, die noch auf den Gewässern ruhte, rein und klar hervortrat und meilenweit die Gegenstände deutlich erkennen ließ. Es herrschte eben ein leichter Seewind, von der Art, wie's die Seeleute eine ,fächelnde Brise ^ zu nennen pflegen, d. h. ein Lüftchen, gerade stark genug, um die leichteren Segel eines Schiffs unter der gedoppelten Einwirkung des Windes und der Bewegung des Rumpfes bald anschwellcn und bald wieder zusammensinken zu lassen — ein Manöver, das in gewissem Grade mit dem Schwenken eines Damensächers Aehnlichkeit hat und davon wohl auch seinen Namen erhalten haben mag. Duttons Auge hatte über dem Nebel das oberste Segel eines Schiffs entdeckt, das gerade in einer solchen Bewegung begriffen Die beiden Admirale. 4 50 war, und dieser Umstand war es, der ihm zu seiner großen Erleichterung die gewünschte Gelegenheit gewahrte, die Aufmerksamkeit seiner Gefährten auf denselben Gegenstand hinzulcnkcn. „Seht, seht, Sir Wvcherly — da schaut 'mal, Mr. Wyche- combe," rief er eifrig und deutete nach dem fernen Segel, „dort ist ein königliches Schiff nach unserer Rhede im Anzug oder ich müßte mich sehr schlecht auf die Stellung des großen Obcrbram- segels bei einem Linienschiffe verstehen. Für ein so luftiges Segel ist's traun ein tüchtiges Stück Tuch, Herr Lieutenant." „Es ist das Oberbramsegel von einem Zweidecker, Meister Dutton, erwiederte der junge Seemann; „und jetzt, da das Schiff seitwärts schwenkt, könnt Ihr auch Fock- und Hauptmast deutlich erkennen." „Nun," bemerkte Sir Wvcherly in resignirtcm Tone, „ich habe doch schon meine achtzig Jahre an dieser Küste verlebt, und bin doch mein ganzes Leben lang noch nie im Stande gewesen, ein Vorbram von einem Bramkreuzscgel *) oder das Kreuzstengen- von Stengenkrcuzstag **) zu unterscheiden. Für mich ist dicß das konfuseste Zeug, das ich mir nur zu denken vermag, und ich kann wahrhaftig nicht begreifen, wie Ihr an jenem Segel da drüben, das ich auch ganz deutlich vor Augen sehe, erkennen wollt, daß es das große Oberbramsegcl und nicht vielmehr der Klüver***) sei." Dutton und der Lieutenant sahen sich lächelnd an. Sir Wy- cherly's Einfalt war übrigens von einer solchen Wahrheit und Natürlichkeit durchdrungen, daß wohl schwerlich Jemand ans den Gedanken kommen konnte, sich über den alten Baronet lustig machen *) Beides sind Bramsegel, ersteres am Fock-, letzteres am Besanmaft. ") Stag ist überhaupt ein Tau. wodurch jeder Mast und jede Stenge ihre Befestigung nach vorn erhält. Kreuzstengcn- und Stengenkreuzstag, sind die beiden Stags, welche, ersteres das obere, letzteres das untere Ende der Kreuzstcngc mit dem großen Mast verbinden. "*) Ist ein starker Beweis von des Baronets Unwissenheit,-denn daS erstgenannte Segel ist vier-, das Klüversegel dagegen nur dreieckig. D. U. 51 zu wollen, dessen Rang, Reichthum und Ansehen bei solchen Veranlassungen unter seiner Umgebung gleichfalls nicht wenig in Anschlag kam. „Da drüben weiter östlich ist ein zweiter Bursche," riefDutton und wies mit dem Finger nach der bezeichnten Himmelsgegend, „und zwar Zoll für Zoll so groß wie sein Gefährte. Ha! welch' erfreulicher Anblick für meine Augen, wenn sie nach Allem, was ich zum Besten unserer Rhede gesagt und gethan habe, dieselbe endlich auf solche Art in Aufnahme kommen sehen! — Aber halt! wer ist denn das? — ein Zwillingsbruder, allem Anschein nach; vermuthlich ein müsstger Kreuzer, der mit Depeschen an's Land geschickt worden." „Dort ist ein zweiter Bursche weiter östlich und Zoll für Zoll so groß wie sein Gefährte," rief Whchecombe, wie wir in Zukunft unfern Schiffslieutenant zur Unterscheidung von seinem Namensvetter Tom nennen wollen, mit Duttons eigenen Worten, und wies dabei mit schnell besonnenem Witz arif zwei Fremdlinge, welche auf einem Fußpfade, der von dem Strande aufwärts führte, nach den Signal- Posten Heranstiegen. „Gewiß stehen diese beiden Herren in Sr. Majestät Diensten und sind wohl eben von jenen Schiffen, die wir da draußen in der See erblicken, an's Land gestiegen." Dutton erkannte auf den ersten Blick das Richtige dieser Ver- mnthung. Die beiden Fremdlinge trafen nach einiger Zeit unterwegs mit einander zusammen, und der, den man zuletzt wahrgenommen hatte, ging sodann dem Andern voran-, sein Alter, die zuversichtliche Art seines Auftretens, so wie überhaupt sein ganzes Wesen ließ die beiden Seeleute vermuthen, daß er wohl der Kommandant eines jener Schiffe sein möchte, welche eben erst vor ihren Blicken aufgetaucht waren. „Guten Morgen, ihr Herren," begann der so eben Geschilderte, als er der Gesellschaft am Fuß des Flaggenstocks so nahe gekommen war, daß sein Gruß vernommen werden konnte; „guten Morgen 4- euch Allen! Ich bin herzlich froh, daß ich endlich unter euch stehe, denn dieser Pfad da, an dem Felsabhange aufwärts, ist wahrhaftig kaum besser als eine Jakobsleiter zu nennen. — He! Atwood!" rief er überrascht, als er ringsum auf das Nebclmcer hinabschante, „was zum Teufel ist denn ans unserer Flotte geworden?" „Sie liegt im Nebel begraben, Sir; hier oben stehen wir über dem Gewölk; so lange wir mit unseren Schiffen in gleicher Höhe waren, konnten wir mehr, als jetzt, von ihnen sehen oder wenigstens zu sehen uns cinbilden." „Hier sind die Obersegel zweier großen Schiffe, Sir," bemerkte Wychccombc, und deutete auf die beiden bereits erwähnten Fahrzeuge; „ja, ja, — und dort draußen sind noch zwei weitere: nichts als ihre Oberbramsegel sind gegenwärtig sichtbar." „Zwei weitere! — ich hatte eils Zweidecker, drei Fregatten, eine Schaluppe und einen Kutter vor meinen Augen, als ich in's Boot stieg. Ihr hättet sie alle mit einem Taschcntuche zudecken können — nicht wahr, Atwood?" „Sic waren allerdings sehr dicht neben einander aufmarschirt, Sir, ob aber gerade ganz so nahe, wie Ihr bemerktet, das möchte ich denn doch nicht behaupten." „Ach was, Ihr seid Eures Gewerbs ein Dissenter und wollt niemals an ein Wunder glauben. Saure Arbcitdas, ihr Herren, wenn man mit Fünfzig auf dem Rücken einen solchen Hügel hinanklettern soll." „Allerdings, Sir, das ist es wirklich," antwortete SirWychcrly sehr freundlich. „Wollt Ihr Euch nicht gefälligst unter uns niederlassen, Sir, um Euch nach einer so starken Anstrengung wieder zu erholen. Der Felsen ist wahrlich schwierig genug zu ersteigen, selbst wenn man sich pünktlich an den Fußpfad hält, und da haben wir nun gar hier einen jungen Herrn, den kaum vorhin die Lust anwandelte, ohne Pfad die Klippe hinabzuklcttern, und Alles aus dem einzigen Grunde, um einem hübschen Mädchen ein Blumensträußchen zum Frühstück anzubieten." 53 Der Fremde betrachtete Sir Wycherly einen Augenblick mit vieler Aufmerksamkeit, musterte dann mit raschem Blick den Reitknecht mit seinem Pony, und wandte sich hierauf zu Tom Wyche- combe, dem Lieutenant nnd dem Quartiermeistcr. Er war, wie es schien, gewöhnt, mit scharfem, schnell aussassendem Blicke sich umzusehen, nnd hatte sich bereits, vielleicht mit einziger Ausnahme Tom Wychecombe's, ein Charakterbild von der ganzen Gruppe entworfen; ja selbst von diesem war eine ziemlich schlimme Vermu- thnng in seinem Geiste aufgcstiegen. Aus Sir Wycherly machte er augenblicklich den Squire der nächst gelegenen Besitzung; Dut- tons Stand war ihm keinen Augenblick räthselhaft, denn er erkannte in ihm sogleich einen heruntergekommenen Quartiermeistcr, der jetzt die Aussicht auf dem Signalpostcn zu führen hatte, und Wychecombe mußte, nach seinem Anzug und seiner ganzen Miene zu schließen, nothwcndig ein Schiffslieutenant in königlichen Diensten sein. Tom Wychecombe erschien ihm mit vieler Wahrscheinlichkeit als Sohn und Erbe des Gutsherrn, da Beide gleichermaßen Trauerkleidung trugen; doch war ihm alsbald völlig klar, daß zwischen ihnen auch nicht die geringste Familienähnlichkeit bestehe. Der Fremde verbeugte sich höflich, wie ein Mann, der eine Artigkeit anzuerkcnnen weiß, und nahm ohne weitere Umstände den angcbotenen Sitz neben Sir Wycherly ein. „Wir nrnffen den Jungen mit uns auf die See hinausnchmen, Sir," begann er auf's Neue, „das wird ihn schon von seiner Sucht kuriren, und ich wette, daß er dann nicht mehr an so kitzlichen Stellen nach Blumen suchen wird. Seine Majestät bedarf in diesem Kriege aller seiner Diener, nnd ich wollte schwören, junger Herr, daß Ihr nicht gar zu lange hier am Ufer unter den Mädchen verweilt habt." „Nur so lange, als die Heilung einer ziemlich scharfen Wunde erforderte, die ich beim Entern einesLuggers an der gegenüberliegenden Küste davontrug," antwortete Wychecombe mit geziemender Bescheidenheit, doch nicht ohne das gehörige Feuer und Selbstvertrauen. 54 „Eines Luggers! — ha wie! — Atwood? Ihr meint doch nicht In VoItiA6U86, junger Herr?" „Dieß war der Name des Schiffs, Sir — wir trafen cs auf der Rhede von Croix." „So habe ich das Vergnügen, Mr. Wychccombe vor mir zu sehen — den jungen Offizier, der jenen tapferen Angriff leitete?" Bei dieser höchst schmeichelhaften Anrede erhob sich der Fremde und nahm den Hut ab; seine Worte verriethen dabei eine Wärme, eine ungekünstelte Herzlichkeit, welche deutlich bewies, wie sehr seine Gefühle mit dem, was er sprach, im Einklänge standen. „Ich heiße Wychccombe, Sir," antwortete der Andere und erröthete bis über die Schläfe, während er den Gruß höflich erwie- derte; „übrigens hatte ich nicht die Ehre, den genannten Angriff selbst zu kommandiren, denn einer unserer Schiffslieutenants befand sich auf dem zweiten Boote." „Ja, ja — ich weiß das Alles — er wurde zurückgeschlagen und Ihr habt einstweilen geentert und die Eroberung vollendet. Was haben nun unsere Lordkommissäre in der Sache gcthan?" „Alles, was nöthig ist, so weit es nämlich mich selbst betrifft, Sir, das kann ich Euch versichern; schon die Woche darauf wurde mir ein Lieutcnantspatcnt übersendet. Ich wünschte nur, sie wären gegen Mr. Walton gleich großmüthig gewesen, denn er erhielt ebenfalls eine schwere Wunde, und benahm sich so tapfer, wie nur ein Mann sich benehmen konnte." „Das wäre nicht eben so weise gewesen, Mr. Wychccombe, denn eine fchlgeschlagcne Unternehmung wäre dadurch auch noch belohnt worden," antwortete der Fremde kalt. „Das Gelingen einer Sache gilt uns im Kriege am höchsten. — Ha! jetzt endlich fangen die Bursche an, sichtbar zu werden, Atwood." Diese Bemerkung zog Aller Augen wieder nach der Sec, wo sich nunmehr ein Schauspiel eröffnete, das in der That eines flüchtigen Blickes wohl würdig war. Der Nebel schien sich jetzt in eine 02 dichte Masse von etlichen achtzig bis hundert Fuß Höhe zusammen- gcdrängt zu haben; oberhalb desselben war der Himmel vollkommen rein und Hess und die höheren Spieren und Segel der ganzen von den Fremden erwähnten Flotte waren scharf gegen den klaren Hintergrund abgezcichnet. Im Ganzen zählte man sechzehn Segel; nämlich eilf Zweidecker und drei Fregatten, welche, unter einer Pyramide von Segeln daher- schwimmcnd, gegen den Ankerplatz der Nhcde hersteuertcn, der ungefähr einen Pistolenschuß vom User entfernt war. Von den beiden noch übrigen Schiffen schien die Schaluppe mit ihrem Obcrbram- und dem höchsten Thcile des Bramsegels einem Denkmale gleich aus dem nebeligen Hintergründe sich abzudrücken, und nach einer kleinen Weile entdeckte Wychecombc sogar den Topp von dem Hauptmaste des Kutters, von dessen Spitze die Flagge, theilwcise in Nebel gehüllt , nachlässig hcrabslatterte. Der Nebel schien, statt auswärts zu steigen, sich im Gegcntheil immer mehr herabzusenken, und wälzte sich, wie man deutlich an der zunehmenden Bewegung des Ganzen bemerken konnte, in langsamem Zuge über die Oberfläche des Wassers hin. Kurz darauf, nachdem die Topps der Linienschiffe aus dem Dunstmeere hcrausgctreten waren, wurden auch zum ersten Male lebende Wesen unter den wogenden Massen sichtbar. „Ich denke, die Marsposten aus den Schiffen können uns eben so gut entdecken, als wir sie von hier aus im Auge haben," bemerkte der Unbekannte. „Sie inüssen diese Landspitze mit dem Flaggenstock daraus sehen, und so wird wohl keine Gefahr dabei sein, wenn sie so nahe hcrankommen; nicht wahr, Mr. Wychecombc?" „Ich sollte kaum glauben, Sir; jedenfalls muß die Mannschaft auf den oberen Naaen die Klippen eben so gut über den Nebel hervorragen sehen, als wir die Spieren der Schiffe erkennen. Ha! Mr. Dutton, dort drüben auf dem östlichen Flügel der Schiffslinie weht eine Gontreadmirals-Flagge!" „Ja, ja, Sir, ich bemerke sie wohl; aber seht einmal dort 56 das dritte Schiff vom westlichen Flügel an gerechnet — da werdet Ihr am Fockmast ein Stückchen Tuch gewahren, das Euch verkündet, daß sich ein Viccadmiral am Bord desselben befindet." „Wahrhaftig, Ihr habt recht!" riefWychecombe, der für Alles, was seinen Stand berührte, enthusiastisch eingenommen war; „cs ist ein Viccadmiral von der rothcn Flagge, und demnach der Nächste zum wirklichen Admiral. Das muß SirDigby Downe's Flotte sein!" „Nein, junger Herr," erwiedertc der Fremde, der an des Andern Blicke bemerkte, daß dieser eine indirekte Frage an ihn zu richten beabsichtigt hatte; „es ist das südliche Geschwader. Die Viceadmirälsflagge, die Ihr seht, gehört Sir Gervaisc Oakes, und am Bord jenes Schiffes mit der Flagge am Bcsanmast befindet sich Admiral Blu/water." „Die beiden Offiziere sind immer beisammen, SirWycherly," fügte der junge Mann erläuternd bei. „So oft wir Sir Gervaise's Namen hören, dürfen wir darauf zählen, daß der von Blucwater gewiß daneben stehen wird. Eine solche Freundschaft im Dienste ist wahrlich ein herrlicher Anblick." „Wohl ziemt's den Beiden, Mr. Wychecombe, daß sie sich jederzeit neben einander sehen lassen," erwiedertc der Unbekannte, nicht ohne einige Bewegung zu verrathcn. „Oakes und Blucwater waren Beide unter dem alten Breasthook zu gleicher Zeit als Kadeten ausdcr Mccrmaid, und nachdem der Erste als Lieutenant ausden Squid versetzt worden, folgte ihm der Letztere als Kadet eben dahin. Oakes war erster und Blucwater dritter Lieutenant auf dem Briton, und sie bestanden damals mit einander jenen berühmten Kampf mit den spanischen Fregatten. Für die Tapferkeit, welche er damals bewiesen, wurde Oakes mit dem Kommando einer Schaluppe belohnt, wohin ihn sein Freund als erster Lieutenant begleitete. Das Jahr darauf fügte cs das Glück, daß sie ein Schiff eroberten, das weit bedeutender als ihr eigenes war, und jetzt zum ersten Male während ihrer ganzen Dienstzeit mußten sich die beiden Freunde trennen: 57 Oakes bekam eine Fregatte, Bluewater dagegen den Squid zu kommandire». Aber noch immer kreuzten sie wenigstens in Gemeinschaft mit einander, bis der Aeltcre von Beiden mit der Commo- dore's-Flagge zum Kommando eines fliegenden Geschwaders ab- gescndct wurde, und der Jüngere, der unterdessen zweiter Kapitän geworden war, seinen alten Tischgcnossen am Bord seiner eigenen Fregatte aufnahm. Auf diese Art dienten beide Offiziere bis zu dem Augenblick, wo der Erstere die Admiralsflagge aufzog. Von jener Zeit an trennten sich die zwei alten Seemänner nie wieder; Bluewater begleitete seinen Admiral als Linienkapitäu, bis auch er durch die Admiralsflagge geehrt wurde. Der Viceadmiral führte seitdem niemals die Avantgarde, ohne daß der Contreadmiral die Reservcdivision kommandirt hätte, und nun, da Sir Gervaise der Oberadmiral der Flotte geworden, seht Ihr seinen Freund, Richard Bluewater, abermals in seiner Gesellschaft." Während der Unbekannte den Lebenslauf der beiden Admirale halb ernst-, halb scherzhaft erzählte, waren die Augen seiner Gefährten aufmerksam auf ihn geheftet. Er war ein Mann von mittlerer Größe, mit röthlichem Gesicht, einer Adlernase und feurigen, hellblauen Augen; dabei deutete sein Mund weitmehr auf die feineren Sitten und Bedürfnisse des höheren Lebens, als man dieß aus seinem Anzüge oder seiner für gewöhnlich höchst unbekümmerten Miene hätte schließen sollen. Es ist schon so Vieles über die Vornehmheit der Ohren, der Hände oder des Fußes gesprochen worden; aber von all' diesen oder auch noch anderen Körpertheilcn, sind Mund und Nase offenbar die wichtigsten, wenn es sich darum handelt, einem Antlitze den Ausdruck des Adels zu verleihen. Dieß war ganz besonders bei dem Fremden der Fall; seine Vogelnase deutete, gleich dem Schiffsschnabel einer alten Galeere, auf stattliche Bewegungen des Besitzers, während die schönen Zähne und das gewinnende Lächeln des Mundes den häufig sehr ernsten Ausdruck seines Gesichtes milderten und erheiterten. 58 Nachdem der Unbekannte zu sprechen aufgchört hatte, erhob sich Dritten mit auffallender Ehrerbietung, entblößte sein Haupt und machte eine tiefe Verbeugung, so daß der obere Thcil seines Körpers mit dem untern beinahe einen rechten Winkel bildete. „Wenn mein Gcdachtniß mich nicht irre führt, so glaube ich die Ehre zu haben, den Contreadmiral Bluewater in eigener Person vor mir zu sehen; ich diente als Bootsmann auf dem Mcdway, während er die Chloc kommandirtc, und wenn er sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren nicht mehr verändert hat, als ich für wahrscheinlich halte, so muß er sich jetzt auf diesem Hügel befinden." „Euer Gcdächtuiß ist nicht sonderlich treu, Mr. Dntton, und Euer Hügel trägt auf seinem Gipfel einen in jeder Beziehung geringeren Mann, als Admiral Bluewater ist. Man sagt ja, daß Mann und Frau — wenn durch längeres Zusammenleben gleiche DcukungSwcisc und gleiche Neigungen sich erzeugen, und wenn dieselben Dinge gemeinschaftliche Gegenstände der Liebe oder des Hasses auf beiden Seiten werden — allmählig auch eine gewisse äußere Aehnlichkcit annchmen — und darum mag cs wohl sein, daß ich aus demselben Grunde Bluewater ähnlich geworden bin; meint Ihr nicht auch, Atwood? UcbrigcnS ist es heute das erste Mal, daß ich diese Behauptung aussprcchcn hörte. — Mit Eurer Erlaubnis Sir, ich bin Sir Gervaise Oakes selber." Duttons Verbeugung wurde nun noch viel tiefer als zuvor, und auch der junge Wychecombe nahm seinen Hut ab, Sir Wy- cherly aber stand auf und stellte sich dem Admiral unter den herzlichsten Begrüßungen vor, wobei er nicht unterließ, ihn und alle seine Offiziere gastfreundlich aus sein Schloß einznladen. „Nun das heiße ich einmal eine offene, herzliche Einladung, ganz nach der guten alten englischen Sitte!" rief der Admiral, nachdem er die Begrüßung des Baronets erwiedcrt und ihm für sein Anerbieten herzlich gedankt hatte. „Da nehmt zum Beispiel 59 einmal Schottland — wählt Euch zwischen dem Tweed und John o'Groats Haus eiucn Landungspunkt, welchen Ihr wollt, man wird Euch nicht einmal einen Haferkuchcn zum Willkomm an- bicten — doch nein, halt, den Thau der Gebirge*); den dürfen wir freilich nicht vergessen — nicht wahr, Atwood?" „Sir Gervaise läßt sich nun schon einmal seine Stichrcdcn gegen meine armen Landsleute nicht nehmen, und so vermag ich auch nichts weiteres über die Sache zu sagen," antwortete der Sekretär, denn in diesem Rang stand der schon erwähnte Begleiter des Admirals. „Ich könnte mich zuweilen dadurch verletzt fühlen, Sir, wenn ich nicht wüßte, daß Ihr aus Eurem eigenen Schiffe l so viele Schottländcr, als nur immer möglich ist, austellt, und eine i Flotte um so höher in Eurem Urtheile steht, wenn je die Hälfte der Kapitäns aus dem Lande der Haferkuchcn abstammt." „Habt Ihr je so Etwas gehört, Sir Wycherly? Weil ich einen Menschen, den ich gern habe, auch bei mir zu behalten wünsche, kömmt er nun gar und beschuldigt mich, daß ich eine Vorliebe für sein ganzes Vaterland hege. Da ist Atwood zum Beispiel; er war mein Schreiber, als ich noch eine Schaluppe , kommandirte, und ist mir auch auf den Plantagenct gefolgt; « weil ich ihn nun nicht über Bord werfe, so möchte er der Welt weiß machen, ich führe halb Schottland auf meinem Schiffe mit mir." - „Nun da ist doch weiter der Chirurg, der Zahlmeister, einer von ß den Kadctcn, einer von den Marineoffizieren und endlich noch der Z vierte Lieutenant, die mir sämmtlich Gesellschaft leisten, Sir Gcr- ) vaise," crwiedertc der Sekretär und lächelte wie ein Mann, der an " die Scherze seines Vorgesetzten gewöhnt ist und sich keineswegs dadurch außer Fassung bringen läßt. „Wolltet Ihr nun Alle nach -) So nennt man euphemistisch den Branntwein der Hochländer, der jedem Frem- .. den von Bedeutung, sogar den englischen Regenten bei ihren Besuchen, von einem vornehmen Repräsentanten des Landes zum Willkomm angebotcn wird. D. U. 60 ^4 i ^ Schottland zurückschicken, Sir, so mein' ich doch, würde es manche leere Stelle auf Eurer Flotte geben." „Die Schotten wissen sich jederzeit sehr nützlich zu machen, Sir Gcrvaise," warf Sir Wychcrly ein, und suchte den scheinbaren Streit zu beschwichtigen; „und jetzt, da ein braunschweigischer Prinz auf unserem Throne sitzt, haben wir Engländer weit weniger Grund zur Eifersucht, als früher. Ich würde mich gewiß sehr glücklich fühlen, wenn ich all' die Herren, deren Mr. Atwood erwähnte, in Wychccombc-Hall beisammen sehen könnte." „Nun, da werdet Ihr, so lange.die Flotte auf dieser Rhede sich befindet, stets volle Quartiere in Eurem Hause haben. Uebri- gens danke ich Euch, Sir Wvchcrlp, im Namen von Schottland. — Was das aber ein außerordentlicher Anblick ist, Atwood! Schon oft habe ich den Rumpf der Schiffe gesehen, während ihre Spieren in Nebel gehüllt waren; aber ich erinnere mich nicht, daß ich jemals Masten und Takelwerk von sechzehn Segeln im Dunstgewölke hätte dahcrkommen sehen, ohne auch nur einen einzigen Rumpf, der sie trüge, zu erblicken. Die Toppmasten der Zweidecker sind alle so deutlich zu erkennen, als ob sich kein einziges Nebclwolkchen in der Atmosphäre befände, und doch ist von den SchwigtingendcrPutting- tauc abwärts Alles in eine Dunstmasse cingchüllt, die fast eben so dicht ist, als der Pulvcrdampf während einer Schlacht. — Ich muß übrigens gestehen, Mr. Dntton, Bluewaters Aufstellung so nahe bei den Klippen will mir nur halb gefallen; am Ende sehen sie die Klippen doch nicht, denn ich versichere Euch, wir selbst bemerkten sie erst, als wir ganz nahe davor standen. Wir näherten uns dem Lande mit Hilfe des Senkblci's, und unsere Steuermänner mußten sich ihren Weg wie blinde Bettler blos dnrch's Tasten heraussuchen!" „Unser Nennpfünder hier ist stets geladen, Sir Gcrvaise!" antwortete der Stationsaufsehcr, „um solche Schiffe, die zu nahe herankommen, durch Signalschüsse zu warnen; wenn Mr. Wyche- combe, der jünger ist als ich, nach meinem Hause znrückgehen und 6l diese Lunte daselbst anzünden will, so kann ich in weniger als einer Minute losbrcnnen und ihnen ein Warnnngszcichen geben, damit sie merken, wo sie sich befinden." Der Admiral billigte diesen Vorschlag sehr gerne, und die betreffenden Personen schickten sich augenblicklich an, denselben ans- znführen. Wychecombe war herzlich froh, daß er auf diese Art wieder Gelegenheit fand, sich nach Mildreds Befinden erkundigen zu können, und beschleunigte dcßhalb seine Schritte nach dem Hause, wo er die Lunte anzünden wollte. -Dutton zog indessen sein Pulver- Horn ans einer Art Protzkiste, die neben der Kanone stand, und setzte letztere in gehörigen Stand, um sie augenblicklich losfeuern zu können. Der junge Mann war kaum eine Minute abwesend und wandte sich, als Alles fertig war, wieder nach dem Admiral, um dessen fernere Befehle abznwarten. „Nur losgefeucrt, Mr. Wvchecombc," rief Sir Gervaisc lächelnd; „ich denke, Blncwatcr wird dann schon erwachen und uns vielleicht zur Erwiederung mit einer vollen Lage beehren." Die Lunte fuhr an das Zündloch und alsbald hörte man den Donner der Kanone. Wohl länger als eine Minute war Alles still — dann aber zerstob mit einem Male der Nebel, welcher den Danntleß*) (das Schiff mit der Contreadmiralsflagge) eingchüllt hatte, ein Blitzstrahl schlug durch die dicke Wolkenschichte, und nach einiger Zeit hörte man den Knall eines schweren Geschützes. Fast in demselben Augenblicke zeigten sich drei kleine Flaggen auf dem obersten Maste des Dauntleß, denn Sir Gcrvaise hatte, ehe er sein eigenes Schiff verließ, seinem Freunde durch eine Ordonnanz melden lassen, daß er während seiner Abwesenheit das Kommando der Flotte übernehmen möchte. Dieß war das Zeichen zum Ankern. Von der Höhe herab gesehen, gewährte die Bewegung, welche *) Aus deutsch der .Unverzagte'. 62 diesem Signale folgte, einen überraschenden Anblick. — Der Nebel hing immer noch fest an der Oberfläche des Wassers, so daß nicht ein einziger Rumpf sichtbar war, und selbst die unteren Raaen der Zweidecker dem Auge verborgen blieben. Darüber schien die Sonne hell und glänzend, und das Ganze war den Zuschauern so nahe gerückt, daß man sogar einzelne Personen unterscheiden konnte. Reges Leben herrschte in den oberen Regionen, während eine Art übernatürlichen Geheimnisses die unteren Partien verhüllte. Jedes Schiff hatte einen Offizier aus dem obersten Marse, der nach den Signalen ansschancn mußte; kaum hatte daher der Dauntleß seine drei kleinen Flaggen gezeigt, die er schon lange zuvor, in schwarze Ballen gehüllt, zu diesem Zwecke parat gehalten hatte, als man auch sogleich die beantwortenden Zeichen auf allen Schiffen von einem Topp zum andern hinüberfliegen sah. Kaum war dieß geschehen, als die Zuschauer ein noch weit merkwürdigeres Schauspiel, als dasjenige war, das bis jetzt ihre Blicke gefesselt hatte — vor ihren Angen sich entwickeln sahen. Aus der Flotte begannen die Taue sich in Bewegung zu setzen, und die Segel wurden, scheinbar von unsichtbaren Händen, in langen Fcst- gewindcn an den Raaen festgcbundcn. Von jeder sichtbaren Verbindung mit dem Ocean oder dem Rumps der Schiffe abgeschnitten, schienen die Spieren der verschiedenen Fahrzeuge von eigcnthümlichem Leben beseelt zu sein, jede einzelne Maschine spielte ihre Rolle unabhängig von den übrigen, nur daß ein gemeinsamer Zweck sie alle zu leiten schien. Nach wenigen Minuten waren die Segel eingebunden und die ganze Flotte schaukelte sich auf ihren Ankern. Ein Kopf nach dem andern tauchte in dem Nebel empor; die oberen Raaen wimmelten von Leuten, welche die Segel handhabten. Nach diesem wurden die Raaen in's Kreuz gebraßt, was man aber nicht so deutlich sehen konnte und mehr aus der angcdeuteten Bewegung muthmaßen mußte. Die Matrosen kletterten wieder an den Masten herab, und 63 die stolze Flotte lag vor Anker, ohne daß man auf den Klippen mehr als die Marsen und oberen Spieren derselben gewahren konnte. Sir Gervaise Oakes hatte während der ganzen Zeit, da das Ankern der Flotte vor sich gegangen war, nicht eine Sylbe gesprochen, so sehr war er von der Schönheit eines Anblicks betrosten und ergötzt, der ihm bis jetzt noch völlig neu gewesen. In der That kann wohl Mancher sein ganzes Leben ans der See zubringen, ohne jemals eine solche Scene mit ansehen zu können; wer aber schon einmal einen ähnlichen Anblick genossen hat, der weiß auch, daß es eines der schönsten, prächtigsten Schauspiele ist, welches die Wundcrwclt über der großen Tiefe für unsere neugierigen Blicke aufbcwahrt. Mittlerweile war die Sonne so hoch heraufgekommen, daß sie den Nebel zu zerstreuen begann, und gleich dem Rauch aus einer Kohlengrube wogte» nun die Dnnststreisen der Küste entlang. Dazu erhob sich noch der Wind und rollte die Nebclwolkcn in dicken Ballen vor sich her, bis endlich, in weniger als zehn Minuten, der Schleier sich hob, ein Schiss nach dem andern aus der Umhüllung hcraustrat und die ganze Flotte in ihren wahren Verhältnissen auf der Rhede vor Anker gesehen wurde. „Bluewater ist doch ein glücklicher Junge," rief endlich Sir Gervaise. „Sicht da seinen Erbfeind, das Land, vor sich, und weiß sogleich auch, wie er mit demselben umzuspringcn hat." „Ich war immer der Meinung, die Franzmänner seien die Erb- und Todfeinde jedes brittischen Seemannes," bemerkte Sir Wpchcrly in seiner Einfalt, aber dießmal ganz passend. „Hum — auch daran ist etwas Wahres. Nur ist das Land ein Feind, den man zu fürchten hat, was der Franzose dagegen nicht ist — nicht wahr, Atwood?" Es war in der That ein wundervoller Anblick, wenn man die schöne Flotte am Fuß der Klippen von Wychecombe vor Anker liegen sah. Sir Gervaise Oakes wurde eben dazumal für einen 64 glücklichen Flottcnkommandanten angesehen, und war darum ein Liebling der Admiralität wie der ganzen Nation. Seine Popularität erstreckte sich über die fernsten Kolonien seines Landes, da er fast in allen mit Eifer und Glück gedient hatte. Wir schreiben übrigens hier noch nicht von einem Zeitalter der Heldenthaten und Wunder, wie sie in der darauffolgenden Periode, gegen das Ende des Jahrhunderts, zur See ansgeführt wurden. Die Franzosen, die Holländer, ja selbst die Spanier waren damals alle noch als Seemächte furchtbar; denn noch hatten Revolutionen und Acndcrungen aller Art das Marinccorps der übrigen Nationen nicht zerstört, und noch lagen die übrigen Seemächte vor dem fortwährenden Aufschwung der englischen Marine noch nicht so gänzlich darnieder, wie dich später der Fall war und schon oben als eine der beiden großen Ursachen der scheinbaren Unüberwindlichkeit dieses Volkes angeführt wurde. In jenen Tagen wurden noch heiße Seeschlachten geliefert, und blieben, besonders wenn ganze Flotten einander gegenüber standen, oft ohne entscheidenden Erfolg. Einzelne Gefechte waren in der Regel entscheidender, doch war man damals noch weit entfernt, den jedesmaligen Sieg der brittischen Flagge als eine natürliche und unfehlbare Folge der Sache selbst anzuschen, wie dieß später allerdings Mode wurde. Mit einem Wort, die Kriegführung zur See hatte noch nicht jene großen Fortschritte gemacht, welche Englands spätere Laufbahn bezeichnen, und war eben so wenig bei dessen Feinden so weit zurückgeschritten, daß ihre Niederlage in einem Kampfe mit brittischen Seeleuten so gut wie zur Gewißheit erhoben wurde. Immerhin aber war Sir Gervaise ein glücklicher Offizier, denn er hatte in mehreren blutigen Kämpfen verschiedene einzelne Schiffe erobert, hatte in vier oder fünf der großen Schlachten seiner Zeit ganze Flotten mit Ruhm angeführt, und überdieß mehreren anderen Gelegenheiten als Zweiter oder Dritter im Kommando mit Ehren angewohnt. Mochte anderen Schiffen begegnen, was da wollte — 65 sein eigenes durfte immer daraus zählen, einen Gegner zu finden. Selbst während sic noch als Kapitäns nnd Flaggenoffizicrc zusammen gedient, war die Nation mit den beiden Namen Oakcs und Blue- watcr vertrant geworden, und schätzte sic als Männer, welche man stets in der dichtesten Schlacht neben einander kämpfend gesehen hatte. Stoch sei uns erlaubt, hier bcizufügcn, daß diese beiden berühmten Seemänner aus angesehenen Familien — oder was wenigstens unter dem nieder» englischen Adel als solche galten — abstammten. Sir Gcrvaise hatte den Rang eines Baronets durch erbliche Nachfolge erhalten; sein Freund dagegen gehörte einer jener Seclinicn an, welche jede folgende Generation mit einem Admiral versorgen. Sein Vater hatte die weiße Flagge am Hauptmaste geführt: sein Großvater war für seine tapscrn Dienste in den Adelstand erhoben worden und hatte als Vice-Admiral von England seinen Tod gefunden. Diese glücklichen Umstände mochten vielleicht dazu beitragen, Beide bei Hofe nur um so mehr beliebt zu machen. Viertes Kapitel. Drei ausgenommen, ist sonst Mies da; Die sind im Dienst: auch Israel, der Führer, Der jeden Augenblick erwartet wird. Marino Faliero. Äls Sir Gcrvaise Oakcs seine Flotte so sicher und in der schönsten Ordnung vor Anker liegen sah, schickte er sich an, seine ferneren Absichten zu verfolgen. „Das war ein hübscher Anblick," begann er nach einer langen Pause; „— in der That ein sehr hübscher Anblick, an dem ein alter Seemann seine Freude haben konnte; aber die Sache muß einmal ein Ende nehmen. Die Bewegungen einer Flotte haben immer Interesse in meinen Augen, Sir Wychcrly, und ich komme Die beide« Admirale. 5 / 66 nur selten dazu, die Manöver meiner eigenen in dieser Vogelperspektive zu beobachten; kein Wunder also, wenn ich mich so ohne alle Umstände bei Euch cingcsührt habe, Sir, westhalb ich noch um Entschuldigung bitte." „Bitte, bitte, Sir Gervaise, nur keine Entschuldigungen, denn deren bedarf es wahrlich durchaus nicht. Diese Landspitze gehört zwar zu dem Wpchecombc'schen Erbgut, ist aber schon längst an die Krone verpachtet, und Niemand hat wohl zu deren Besitznahme ein besseres Recht, als die Diener Seiner Majestät des Königs. Wpchccombe-Hall ist allerdings mehr Privateigenthum, aber auch dieses mein Hans zählt keine einzige Thüre, die sich nicht willig vor unseren tapferen Seeheldcn öffnen würde. Es ist nur ein kurzer Spaziergang bis dahin, und ich würde mich äußerst glücklich schätzen, wenn ich Euch den Weg nach meiner armen Wohnung zeigen und Euch unter ihrem Dache ganz ebenso zu Hanse sehen könnte, als Ihr nur immer in der Kajüte des Plantagcnet Euch fühlen mögt." „Wenn mir irgend Etwas ein Haus eben so heimisch als ein Schiff machen könnte, so wäre es Euer freundlicher, herzlicher Empfang, und so will ich denn ein so gastfreundliches Anerbieten mit derselben Freimüthigkeit annehmcn, mit der es ausgesprochen wurde. Wir Beide, Atwood und ich, sind aiüs Land gestiegen, um einige wichtige Depeschen an den ersten Lord der Admiralität abzusendcn; wenn Ihr uns in den Stand setzen könntet, dieser Pflicht auf die sicherste und schnellste Weise zu genügen, so wären wir Euch für diesen Dienst zu besonderem Danke verbunden. Neugierde und Ueberraschung haben mich bereits eine volle halbe Stunde verlieren lassen, während doch weder Soldat noch Seemann jemals auch nur eine halbe Minute verlieren sollte." „BrauchtIhr vielleicht einem Courier, Sir Gervaise, der genau mit dem Lande bekannt ist?" fragte der Lieutenant bescheiden, dabei aber mit einer Theilnahme, welche zeigte, daß blos Diensteifer ihn zu seiner Frage vcranlaßte. 67 Der Admiral schaute ihn einen Augenblick aufmerksam an und schien den in der Frage enthaltenen Wink wohlgefällig aufzunehmen. „Könnt Ihr reiten?" fragte Sir Gervaise lächelnd. „Ich hätte zwar ein halbes Dutzend Junker mit mir an's Land bringen können; aber erstens zweifelte ich, ob ei» Pferd zu haben sein würde — von einer Chaise ist ja ohnedem gar nicht die Rede — und dann fürchtete ich noch überdieß, die jungen Herren möchten zu Noß nur Schimpf und Schande davon tragen." „Das ist wohl nur Euer Scherz, Sir Gervaise," antwortete Wychccombe; „wenigstens mußte der ein sonderbarer Nirginier sein, der sich nicht auf's Reiten verstünde!" „Und — würde Blncwater sagen — ein sonderbarer Engländer noch nebenbei! Und dennoch sehe ich ihn niemals mit ausge- sprciztcn Beinen zu Pferde fitzen, ohne daß ich wünschte, sein Roß wäre eine Lccsegelspiere und würde gerade gegen den Wind aus- lanfen. Wir Seeleute bilden uns ein, wir könnten reiten, Mr. Wychccombe, ungefähr gerade so, wie die Marincsoldaten etwa mit den Toppkreuzhölzern an unseren Fockmasten umzuspringen zu könne» wähnen. — Ist wohl bis aus das nächste Postamt, das eine tägliche Eilpost abscndet, ein Pferd zu bekommen?" „Ja wohl, Sir Gervaise," gab Sir Wycherly zur Antwort. „Da ist Dicks Nenner — ein besseres Pferd ist in ganz England nicht aufzntreiben; für die Bereitwilligkeit meines jungen Namensvetters, die Geschwindigkeit des Thiercs auf die Probe zu stellen, will ich zur Noth noch selbst cinstehcn. Der Bote von Wychccombe hat uns bereits verlassen und geht erst in vierund- zwauzig Stunden wieder ab; wenn aber der Lieutenant die Bestie tüchtig vorwärts treibt, so kann er die Landstraße noch zeitig genug erreichen, um mit der großen Londoner Post zusammenzutreffen, welche gegen Mittag durch den nächsten Marktflecken kommt. Zehn Meilen hin und wieder zurück — die wird Mr. Wychccombe im 68 vollen Galop zurücklegcn, und ich wette darauf, um vier Uhr wieder zu Tisch bei uns eintrcffen." Der junge Wychccombe erklärte sich bereitwillig, alb Das und im Nothfall noch weit mehr zu leisten, und so war die Sache bald im Reine». Dick stieg ab, der Lieutenant empfing seine Depeschen und die uöthigcn Instructionen, beurlaubte sich dann und war in den nächsten fünf Minuten seinen Zuschauern im gestrecktesten Galop aus den Augen verschwunden. Der Admiral erklärte sich nunmehr den Nest des Tages über für vollkommen frei, und nahm Sir Wy- cherly's Einladung zum Frühstück und Mittagessen anfWychccombe- Hall mit derselben Freimüthigkeit an, mit welcher sie von diesem an ihn gerichtet worden war. Sir Wycherly fühlte sich dadurch so froh und munter gestimmt, daß erden Ritt auf seinem Pony verschmähte und darauf bestand, seinen Gast, trotzdem, daß die Entfernung über eine Meile betrug, zu Fuß durch das Dorf und den Park nach seiner Wohnung zu führen. Eben als sic im Begriff standen, den Signalposten zu verlassen, nahm der alte Mann den Admiral auf die Seite, um sich im vollsten Ernst, aber auf die ehrerbietigste Weise einer Sorge zu entledigen, die ihm schon seit einiger Zeit schwer auf dem Herzen gelastet hatte. „Sir Gervaise," begann er, „ich bin kein Seemann, wie Ihr wißt, und bekleide noch weniger einen Rang in Seiner Majestät Marine, obwohl ich in der Grafschaft die Stelle eines Friedensrichters vertrete; wenn ich mir also irgend einen kleinen Ncrstoß zu Schulden kommen lasse, so müßt Ihr die Güte haben, ihn zu übersehen, denn ich weiß, daß die Etikette auf dem Quarterdeck ciue sehr ernste Sache ist, womit sich keineswegs spaßen läßt. Da ist aber Dutton, in seiner Art der trefflichste Bursche auf der ganzen Welt; sein Vater war gewissermaßen auch Edelmann , da er lange Zeit die Stelle eines Sachwalters in der Nachbarschaft bekleidete, und der alte Mann war vor vierzig Jahren ein regelmäßiger Gast an meinem Tische-" 69 „Ich glaube Euch zu verstehen, Sir Wvchcrly," unterbrach ihn der Admiral, „und danke Euch für die Aufmerksamkeit, die Ihr meinen Vorurtheilen zu zollen gedenkt. Uebrigcus seid Ihr Herr auf Wychccombe, und ich müßte mich in der That für einen sehr störenden Gast ansehen, wenn Ihr nicht Jeden nach Belieben zu Eucrm Mittagstisch cinladcn wolltet." „Das ist's noch nicht ganz, was ich meine, doch habt Ihr nicht weit vom Ziele getroffen, Dntton ist nur Qmartiermcister, wie Ihr wißt, und mir scheint, ein Meister am Bord seines Schiffes und einer auf dem Lande sind zwei durchaus verschiedene Personen — so hat mir wenigstens Dutton selbst schon oft gesagt." „Nun ja, was königliche Schiffe betrifft, so hat Dutton allerdings recht; dagegen sind bei allen andern Fahrzeugen die beiden Aemter so ziemlich gleich. Uebrigcus, mein theurer Sir Wychcrly, kann es einem Admiral keineswegs Schande bringen, wenn er mit einem Oberbootsführcr Gesellschaft pflegt, so fern dieser überhaupt ein anständiger Mensch ist. Wir haben allerdings unsere besonderen Gebräuche, und unterscheiden zwischen Quarterdecks- und höheren Offizieren, wie wir sie nennen — auf unseren Schiffen ungefähr- eben so, wie cs Stadt und Hof bei Euch zu Lande thun. Ein Quar- tiermcister aber gehört zu der ersteren Klaffe, und Sandy M'Uarn, mein Master aus dem Plautagcnct, speist jeden Monat einmal eben so regelmäßig bei mir zu Mittag, als er pflichtschuldigst jede Seite seines Logbuchs mit einem neuen Buchstaben anfängt. Ich bitte deshalb, daß Ihr Eure Gastfreundlichkeit ganz nach Eurem Belieben ausdehnen mögt, oder" — fuhr der'Admiral zögernd fort und warf einen freundlichen Blick auf den Quartiermeistcr, der noch immer unbedeckten Hauptes dastand und das Abgchen seines Vorgesetzten abwarten wollte — „erlaubt mir Sir Wycherly vielleicht, einen Freund zur Thcilnahme an unserer Gesellschaft einzuladcn?" „Das ist's, was ich wollte, Sir Gervaise," erwiederte der gutherzige Baronct; „und Dutton wird dadurch der glücklichste 70 Bursche in ganz Devonshire. Ich wünschte, wir könnten noch Mrs. Dntton und Milly dabei haben, dann würde unsere Tafel auch mathcinatisch ausschen, wie mein armer Bruder James — der heilige James, wie ich ihn zu nennen pflegte — d. h. Seine Ehrwürden, James Wychecombc —> zu sagen gewohnt war. Er meinte nämlich, an einer Tafel sollten immer alle Seiten und Winkel vollauf besetzt sein. James war ein höchst angenehmer Gesellschafter, Sir Gcrvaisc, und was seine Gelahrtheit betrifft, so glaube ich wahrhaftig, er hätte es wohl selbst mir den Aposteln aufnehmen können!" Mit einer Verbeugung gegen den Baronct wandte sich der Admiral nun an den Quartiermeistcr und lud ihn ein, an der Partie in Wichecombe-Hall Theil zu nehmen; er that dieß mit jener freien, gewinnenden Herzlichkeit, welche er in seiner Stellung längst anzunchmen gewöhnt war, und wodurch er alle Artigkeiten von seiner Seite doppelt verbindlich zu machen wußte. „Sir Wycherly besteht darauf, daß ich seinen Tisch ganz eben so betrachten soll, als ob er in meiner eigenen Kajüte aufgeschla- gcn wäre," fuhr er fort; „ich kann ihm daher meine Dankbarkeit wohl nicht besser beweisen, als wenn ich ihn beim Worte nehme, und sein Hans mit solchen Gästen anfnllc, wie sic uns Beiden am angenehmsten sein müssen. Ich glaube, da ist auch noch Mts. Dntton und eine Miß — a — a — a" „Milly," setzte derBaronet eifrig hinzu; „Miß MildrcdDntton — die Tochter unseres guten Freundes Dntton hier, und dabei ein Mädchen, das der feinsten Damengesellschaft in London alle Ehre machen würde. „Unser gütiger Wirth kommt, wie Ihr bemerken werdet, Sir, den Wünschen eines alten Junggesellen, fast möcht' ich sagen aus Instinkt —- zuvor, und erbittet sich auch die Gesellschaft der Damen. Miß Mildred wird wenigstens zwei junge Männer bei Tische finden, die ihren Reizen die geziemende Huldigung darbringen können — 71 und außerdem noch drei alte Knaben, die in der Entfernung schmachten — nicht wahr, Atwood?" „Mlldred war zwar, wie Sir Wycherln weiß, diesen Morgen etwas unwohl, Sir," crwicdcrtc Dntton mit den feinsten Manieren, die er bei solcher Gelegenheit zu entfalten vermochte; „doch wird sie, wie ich gar nicht zweifle, für die ihr zngcdachte Ehre viel zu dankbar sein, um nicht mit Aufbietung aller Kräfte ihre Erkenntlichkeit selbst beweisen zu wollen. WaS mein Weib betrifft, ihr Herren —" „Sinn, was in aller Welt kann denn Mrs. Dntton abhalten, an unserer Gesellschaft Thcil zu nehmen," siel Sir Wycherlu ein, als er bemerkte, daß der Quartiermeister unentschlossen inne hielt; „sie erfreut mich doch sonst zuweilen mit ihrer Gesellschaft." „Ei, Sir Wycherly, ich glaube, sie wird auch heute nicht fehlen wollen, besonders wenn Mildred wohl genug ist, um das Hans verlassen zu können; die gute Frau läßt ihre Tochter selten ohne Gängelband umhcrgehcu. Sie hält das Mädchen, wie ich zu sagen pflege, fortwährend streng unter ihrer eigenen Klüse, Sir Gervaisc." „Das finde ich sehr weise von ihr gehandelt, Meister Dutton," bemerkte der Admiral etwas spitzig. „Der beste Lootse für ein junges Mädchen ist stets eine gute Mutter, und da Ihr jetzt eine Flotte auf Enrer Rhede vor Anker liegen habt, so brauche ich eiuem Seemanne von Eurer Erfahrung nicht erst zu sagen, daß Ihr Euch aus einem Grunde befindet, wo Lootscn nothig sein dürften —- Hab' ich nicht Recht, Atwood?" Hiemit trennte sich die Gesellschaft. Dutton blieb noch so lange mit unbedecktem Haupte stehen, bis sein Vorgesetzter um die Ecke seiner kleinen Wohnung herum und ihm ganz aus dem Gesicht war. Dann begab sich der Meister in sein niedliches Häuschen, um Frau und Tochter auf die ihnen bevorstehende Ehre vorzubereiten. Ehe er sich aber an die Ausübung dieser Pflicht machte, öffnete der unglückliche Alte ein Schiebsach, wie er's nannte — eine 72 Hausfrau würde es wohl eiuen Spciscschrank geheißen haben — und stärkte seine Nerven durch einen tüchtigen Zug von seinem ächten Nanteser Liqueur — einem Getränk, welches weder Kriege, noch Zollabgaben, noch Nationalfeindschast jemals in gänzlichen Mißkredit auf den brittischeu Inseln zu bringen im Stande waren. Unterdessen verfolgten die beiden Baroucts mit ihren Begleitern den etwas weiten Weg nach Sir Wycherly's Schlosse. Das Dorf oder der Weiler Wychccombe lag ungefähr halbwegs zwischen der Signalstation und dem Wohnsitze des Eigcn- thümcrs der Gutsherrschaft. Es bestand aus wenigen, äußerst ländlichen und abgelegenen Pächtcrswohnungcu; weder Arzt »och Apotheker oder Rechtsanwalt war da zu finden, der dem Orte einige Bedeutung gegeben hätte. Ein unbedeutendes WirthShaus, zwei oder drei Kaufläden von der einfachsten Art und etliche zwanzig Taglöhners- und Handwcrkcrshäuschcn bildeten das Ganze, das zu jener frühen Periode nicht einmal eine Kapelle oder ein Bcthaus besaß, indem die Dissenters damals noch sehr geringe Fortschritte in England gemacht hatten. Die Pfarrkirche, eines jener alten Gebäude aus den Zeiten der Heinriche — stand einsam und mehr als eine Meile von dem Ort entfernt, mitten im Felde; noch eine volle halbe Meile darüber hinaus gerade am Rande des Parks sah mau das Vikariatsgebäude — das ansehnlichste Haus in der Umgebung. Kurz — Wychccombe war eine jener heruntergekommenen Ortschaften, wo nur noch wenige oder fast gar keine Spuren einer früheren Wichtigkeit, wie sie der Ort wohl einmal besessen haben mochte, entdeckt werden konnten, und bildete jetzt blos noch einen Weiler, der seine Ansprüche aus eine Stelle in der Landkarte und in den Tagblättern einzig und allein seinem Alter, so wie dem Namen verdankte, den er einer der ersten ritterlichen Familien Englands gegeben hatte. Unter diesen Umständen war cs wohl nicht zu verwundern, daß die Ankunft einer Flotte am Fuße der Landspitze große Aufregung 73 in dem Dörfchen hervorbrachte. Der Ankerplatz war, was Grund und Boden betraf, vortrefflich, konnte aber in jeder andern Beziehung kaum eine Rhede genannt werden, da er die Schiffe vor keinem andern als vor dem direkten Landwinde zu schützen vermochte, der zufällig in diesem Thcil der Insel nicht der vorherrschende war. Manchmal ließ sich wohl ein kleiner Kreuzer auf der offene» See erblicken; auch hatten sich schon einzelne Fregatten bei ungünstiger Witterung daselbst vor Anker gelegt, um eine Aenderung des Wetters abzuwartcn: von Flotten aber war dieß die erste, die man seit Menschengcdcnken in der Bucht unterhalb der Klippen vor Anker gesehen hatte. Der Nebel hatte die ehrlichen Dorfbewohner verhindert, sich von der unerwarteten Ehre, die ihnen widerfahren war, sogleich selbst zu überzeugen; erst als die beiden Kanonenschüsse ihnen zu Ohren drangen, verbreitete sich die wichtige Nachricht mit entsprechender Geschwindigkeit über die ganze umliegende Gegend. Der Flecken Wychccombe lag zwar nicht geradezu im Angesichte der See: doch fanden Sir Wycherly und seine Gesellschafter beim Eintritte in das Dörfchen die kleine Gasse bereits mit Besuchern von der Flotte angefüllt. Jedes Schiff hatte wenigstens ein Boot, manche sogar deren drei und vier an's User gesendet; Hofmeister und Kanoncndccks-Aufseher, Küchenjungen und Kadeten- diener und andere solche Harpicn waren schaarenweisc an's Land geströmt; hier hatten sie einen Winkel der Erde vor sich, wo Proviantboote noch unbekannt waren, und wollte demnach der Berg nicht zu Mohamed kommen, so mußte dieser wohl oder übel den Berg aufsuchcn. Eine einzige halbe Stunde hatte genügt, um die noch unverdorbene Einfalt des Weilers zu Grabe zu tragen, und Milch, Eier, frische Butter, Gemüse, alle sonstigen Lebensmittel und reisen Früchte waren bereits um volle hundert Procent im Marktpreise gestiegen. Sir Gervaise hatte seine Flotte das südliche Geschwader ge- uannt, weil er mit derselben in den letzten sechs Monaten in der Bai von Biscaya gekreuzt hatte. Es war eine böse Winterstation gewesen, und die Wuth der Elemente hatte die Flotte mit weit größeren Gefahren bedroht, als von dem Feinde zu erwarten gewesen waren. Gleichwohl war der Dienst streng und pünktlich von Statten gegangen; verschiedene westindische und ein wcrthvollcr ostindischer Transport waren glücklich cscortirt, und eben so einige hernmstrcichende feindliche Fregatten anfgefangcn worden; dabei war aber die Station für alle Bcthciligtcn äußerst anstrengend und voller Entbehrungen gewesen. Von den so eben Gelandeten hatten die Meisten seit einem halben Jahr das feste Land nicht mehr betreten, und es war demnach nicht zu verwundern, wenn alle Offiziere, welche der Dienst nicht auf den Schiffen zurückhiclt, mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, um wieder einmal ihre Sinne an dem duftenden Grün ihrer Heimathinsel zu weiden. Gegen hundert Gäste dieser Art tummelten sich in der einzigen Gaffe des Fleckens oder schwärmten um die ringsum gelegenen Pachthöfc; die jüngeren schäckerten mit den linkischen, leicht crröthenden Mädchen, vergaßen aber dabei keineswegs, ihr Hauptaugenmerk auf die so wünschenswertste Versorgung ihres Mittagstisches zu richten. „Unsere Jungen, haben dem Nebel zum Trotz, Euer Dörfchen bereits ausgewittert, Sir Wycherly," bemerkte der Viceadmiral in der besten Laune, als er das muntere Treiben auf der Straße gewahrte, „und die ägyptischen Heuschrecken werde» wohl kaum schneller als sic eine Hungersnoth nach sich gezogen haben. Nach der Blasse der herumlaufendcn Hofmeister zu schließen, sollte man glauben, in jcderKajüte meiner Flotte sei ein großes Festmahl in poltu — was meint Ihr, Atwood? Ich selbst habe neun dieser Harpicn mit eigenen Augen gesehen, und die sieben andern werden wohl auch nicht weit sein." „Hier ist Galleygo, Sir Gcrvaisc," antwortete der Sekretär lächelnd; „obwohl er kaum der Hofmeister eines Kapitäns genannt werden kann, da er einen Viceadmiral nnd Konunandircndcn 011 Lluebzu bedienen die Ehre hat." „Ei, w ir haben ja auch zuweilen die ganze Flotte zu futtern, und verdienen darum wohl einige Nachsicht, wenn wir manchmal gewaltsame Requisitionen veranstalten. Hör' einmal, Galleygo, du mußt dir ein Fuhrwerk nebst Bespannung verschaffen und vier oder fünf Meilen weiter in'S Innere cindringcn, denn ebensogut könnte man in Fischangen ächte Perlen zu finden erwarten, als man unter dieser Unzahl von Küchenmeistern und Jungen noch etwas Feines aufzutreiben hoffen dürfte. Ich selbst speise für heute am Land; Kapitän Greenly aber ist ein großer Freund von Hammelsrippcn — nicht zu vergessen!" Dieß sprach der Admiral mit der freundlichen Gutmüthigkeit eines Mannes, der seine Dienerschaft auf dem vertrauten Fuße untergeordneter Freunde zu behandeln gewohnt ist. Galleygo war als Proviantmcister von so wenig versprechendem Aeußern, daß ein Edelmann auf dem Lande ihn kaum bei sich geduldet haben würde; dafür hatte er aber das gegenwärtige Amt bei seinem jetzigen Herrn von dem Augenblicke an bekleidet, da dieser seine Laufbahn mit dem Kommando einer Schaluppe eröffnete. Seine ganze Jugend hatte er unter den Marsgasten verlebt und war auch in der That ein trefflicher Matrose; durch Zufall war er für einige Zeit ans seinen jetzigen Posten versetzt worden, und Kapitän Oakes war mit seinem Diensteifer, besonders aber mit seiner Ordnungsliebe so ausgezeichnet zufrieden gewesen, daß er ihn später, trotz der Sehnsucht, die der ehrliche Bursche nach seiner geliebten Lustregion verspürte, in der Kajüte znrückbehielt. Zeit und Gewohnheit versöhnten den Hofmeister zuletzt mit seiner Stellung, doch war er nicht dazu zu bewegen, sie anders als unter der ausdrücklichen Bedingung anzunehmen, daß er bei keiner Gelegenheit, wo man der Dienste eines tapferen Matrosen bedürfen würde, als ein bloßer ,Faullenzcr^ betrachtet werden sollte. 76 Auf diese Art war David (so hieß er nämlich mit seinem eigentlichen Namen) ein Individuum von ganz besonderer Art, das keiner auf einem Kriegsschiffe vorkommenden Gattung zngctheilt werden konnte; der Erste voran bei jedem hitzigen Handgemenge: der Kommandant einer Kanone — ließ er sich häufig auch als kühner Kletterer auf den Raacn sehen, und zwar allemal, um, wie er sagte, seine Hand auch so ein wenig bei der Sache im Spiel zu haben, bis er dann wiederum in friedlichen Zeiten und bei gutem Wetter zu dem Dienst in seiner Kajüte Herabstieg. Fast dreißig Jahre hatte er so halb als Hofmeister und halb als Matrose auf der See verlebt; auf dem Lande dagegen war er eher geheimer Rath und Kabinets- miuister als seines Herrn Diener, denn so wie er das Schiff verlassen hatte, war er zu jedem andern Dienste gänzlich unbrauchbar, obwohl er seinen Herrn niemals weder zu Land noch zu Wasser auf länger als eine Woche verlassen hatte. Der Name Galleygo endlich, ein Spitzname, den seine NebcnmarSgastcn ihm ansgetricben hatten, war in den letzten zwanzig Jahren so allgemein gebraucht worden, daß viele seiner Schiffsgenoffen ihn sür seinen wirklichen Taufnamen hielten. Als diese Mischung von einem Kajütcndicncr und einem Vorkastellmatrosen den oben erwähnten Befehl erhielt, berührte er — eine Cercmonie, die er jedesmal befolgte, sobald er mit Sir Gcr- vaisc sprach, die Haarlocke auf seiner Stirne mit der einen Hand — den Hut hatte er nämlich schon in einer Entfernung von zehn bis zwölf Schritten abgenommcn — und gab dann seine gewöhnliche Antwort: „Ja, ja, Sir — Euer Gnaden sind selber einmal jung gewesen und wissen, wie cs in dem Magen eines jungen Herrn, der sechs Monate lang in der Bai von Biscaya gefastet — und dann vollends gar in dem Magen eines Dieners von einem solchen jungen Herren auSsehen mag. Jedesmal, so oft ich sechs oder acht dieser leichten Kreuzer in meiner Nachbarschaft sehe, weiß ich schon zum 77 Voraus, daß für unser Einen nur wenig mehr zu machen ist; es geht mit ihnen gerade wie mit den Schaluppen und Kuttern der Flotte, die auch alle Prisen allein anffischen." „Ganz richtig, Meister Gallevgo; wenn aber auch die leichten Kreuzer die Prisen anftrcibcn, so solltest du wenigstens wissen, daß der Admiral stets auch seinen Antheil an den Priscn- > gcldern erhält." „Ja wohl, Sir, ich weiß recht gut, daß wir auch unser Theil bekommen, das geschieht aber nach dem Gesetz und wcil's die' Kommandanten der leichteren Fahrzeuge nicht anders machen können. Laßt sic nur einmal das Gesetz ans ihre Seite bringen, und nicht ein halber Psennig wird mehr in unsere Taschen schlüpfen! Nein, nein, Sir; was wir erhalten, das bekommen wir dnrch's Gesetz, und da nun einmal kein Gesetz besteht, das junge Herrn oder ihre Diener, die ihre Einkäufe baar besorgen, aufzngreifcn erlaubte, so werden wir auch nie Etwas anftrcibcn, ohne daß sic oder ihre Jungen die Hand darauf legten." „Ich möchte fast behaupten, David, du hast, wie fast immer, auch dießmal wieder Recht. Es wäre wirklich gar nicht so übel, wenn eine Parlamentsakte sich darüber ansspräche, daß einem Admiral der zwanzigste Theil von den Fouragevorräthen der übrigen Flottcnküche znkommcn sollte — so könnten die alten Knaben wieder Manches von ihrem eigenen Geflügel und ihren Früchten zurück erhalten — nicht wahr, Atwood?" Der Sekretär bezeugte durch ein Lächeln seine Zustimmung; Sir Gcrvaise entschuldigte sich hieraus bei seinem Wirth wegen der eingetretencn Unterbrechung, wiederholte seinen Befehl an den Hofmeister und die Gesellschaft setzte sodann ihren Weg weiter fort. „Mein Bursche da kümmert sich eben nicht viel um Personen, die nicht zum Dienstpersonal eines Kriegsschiffes gehören," fuhr der Admiral fort und suchte sich bei dem Baronct noch weiter zu entschuldigen. „Ich glaube, selbst Seine Majestät würde eine Abhand- 78 lung über irgend einen Thcil dcrKajütcnökonomic zn hören bekommen, wenn Galleygo Gelegenheit fände, sein Herz vor ihm auszu- lcercn. Auch erwartet der Narr alles Ernstes, eines Tags diese Gunst zn genießen, denn als ich das letzte Mal zu Hofe ging, fand ich meinen ehrlichen David, vom Schnabel bis znm Stern in seinem besten Putze, blau und roth aufgctakelt, und zwar in der festen Ucbcr- zcngung, daß er, wie er sich auSdrücktc ,mit oder ohne Signal in meiner Gesellschaft segeln werdet" „Daran war eben nichts Ucbcrraschcndcs, Sir Gcrvaise," bemerkte der Sekretär. „Galleygo ist so lange und durch so viele fremde Länder in Eurer Gesellschaft gesegelt, hat so manche Gesahrcn an Eurer Seite bestanden, und sich dadurch so ganz gewöhnt, sich selbst als ein Glied Eurer eigenen Familie zn betrachten, daß es wohl die natürlichste Sache von der Welt war, wenn er erwartete, mit Euch zu Hofe gehen zu dürfen." „Das ist allerdings wahr. Der Bursche würde an meiner Seite dem Teufel selber ins Auge schauen; ich sehe also auäi nicht ein, warum er sich scheuen sollte, dem König in's Antlitz zu sehen. Ich' nenne ihn zuweilen meine Lady Oakcs, Sir Wychcrly, denn er scheint wahrlich zu glauben, daß er eine Art Witthumsrecht oder einen andern derartigen Advokatcnanspruch an meine Besitzungen habe, und von der Flotte spricht er gar vollends, als ob wir Beide sic gern einsch aftli ch kommandirten. Ich wundere mich nur, wie Blue- water cs mit dem Narren aushalten kann, denn unserem David kommt cs gar nicht darauf an, dem Admiral zn verstehen zn geben, daß er unter unseren Befehlen stehe! Wenn mir je einmal etwas Menschliches begegnet, so gerathen Dick und David wegen der Nachfolge im Kommando ganz gewiß in Bürgerkrieg mit einander —- meint Ihr nicht auch, Atwood?" „Ich denke doch, Sir Gervaise, wenn je ein solches Unglück sich ereignen sollte, — was der Himmel noch viele Jahre abwenden möge! — so wird die militärische Subordniation unser» Galleygo 79 schon zur Vernunft bringen. — Doch da kommt eben Admiral Blucwater selbst die Straße herauf, Sir." Bei dieser plötzlichen Ankündigung wandte sich die ganze Gesellschaft um und schaute dahin, wo der Sekretär mit dem Finger hindeutctc. Sie hatten mittlerweile das eine Ende der kurzen Straße erreicht und sahen von dein unteren Eingänge her einen Mann aus sich zukommen, der in Gang, Miene, Anzug und Haltung einen ausfallenden Gegensatz gegen die raschen, jugendlichen Seeleute bildete, welche sich mit fröhlichem Lärm auf der Straße des Dörfchens drängten. Admiral Bluewatcr war ausnehmend hoch und schlank gewachsen. Wie die meisten Seeleute von dieser Art physischer Eonstitution, ging er aber gebückt, was ihn weit älter und schwächlicher erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit war. Diese gebückte Haltung benahm zwar seinem Acußeren in hohem Grade jenes kräftige, martialische Aussehen. das jedem Beschauer an seinem Vorgesetzten auffiel: sie verlieh dagegen seiner ganzen Erscheinung eine Ruhe, eine Würde, deren sie sonst vielleicht entbehrt haben würde. So viel ist gewiß — wäre dieser Offizier in gewöhnlichem Civilanzugc erschienen, so würde ihn wohl Niemand für einen der tapfersten und thätigsten Seekapitäne von ganz England angesehen, sondern weit eher für einen gedankenvollen, gründlich gebildeten, feingesittcten Herrn, einen Mann, der, ohne allen Ehrgeiz, die Einsamkeit liebte und voll Bescheidenheit seinen eigenen Vorzügen mißtraute — gehalten haben. Er war noch in seinem militärischen Morgcnnegligv, und hatte auch seine Contrcadmiralsuniform so nachlässig umgeworsen, als ob er sie nur trüge, weil er mußte, oder als ob er sich wohl bewußt wäre, daß ihm keine Sorgfalt von seiner Seite ein militärisches Aussehen ve.rlcihcn könne. Trotzdem war Alles an seiner ganzen Erscheinung tadellos, zierlich und Achtung gebietend. Sein Gesicht war schön, edel geformt, von feinem Ausdruck und männlich in seinen 80 Umrissen: nur die dunkle Färbung desselben war das untrügliche Zeichen eines allem Unwetter ausgcsctztcn Seemannes. Mit einem Wort — nur ein mit dem Seelcben völlig vertranter Beobachter hätte ihm den Contrcadmiral auch ohne Uniform einen Seemann vermnthct, und selbst ein solcher würde häufig in Verlegenheit gewesen sein, wenn er außer den schon angegebenen Zügen noch weitere Charaktermerkmalc seines Standes an ihm hätte entdecken sollen. Diese seine äußere Erscheinung abgerechnet, war übrigens an Blncwatcr auch keine Spur von unseemännischem Wesen zu bemerken. Admiral Oakcs hatte oft erklärt: „Dick Blncwatcr verstehe mehr von einem Schiff als jeder andere Mann in England," und was die Führung einer Flotte betrifft, so war seine Manier als die beste im Dienste und als ein Muster cingeführt worden. Sobald Sir Gcrvaisc seinen Freund erkannte, äußerte er den Wunsch, ans ihn zu warten, wogegen Sir Wuchcrly augenblicklich den höflichen Vorschlag machte, nmzukehrcn und ihm entgegen zu gehen. Admiral Blncwatcr war übrigens so zerstreut, daß er die Gesellschaft, die auf ihn zukam, nicht eher bemerkte, als bis Gcrvaise, der den Uebrigcn einige Schritte voransging, dicht neben ihm stand. „Guten Tag, Blncwatcr," begann der Letztere in seiner vertraulichen, offenherzigen Weise; „ich bin herzlich froh, daß du dich endlich von deinem Schiffe losgemacht hast. Das muß ich übrigens gestehen, die Art, wie du bei diesem Nebel in die Rhede cingclaufen bist, hatte für mich etwas Unbegreifliches und konnte nur von dem feinsten Instinkte herrühren. Ich beschloß, noch während ich cs mit ansah, dir dieses sogleich zu sagen, sobald wir uns treffen würden; denn ich glaube fast, daß nicht ein einziges Schiff, und wäre cs auch nur um seine halbe Länge, aus seiner mathematischen Linie gekommen ist, trotzdem daß die Flut hier trotz einem Wettrenner hereinbricht." „Das danke ich Euren Kapitäns, Sir Gcrvaise," erwicderte dcr Andere mit Mer Ehrerbietung, welche der Niedere gegen den Höheren bei nur einigem Rangunterschied, ja selbst trotz der innigsten Freundschaft bei jeder andern Gelegenheit — im Dienste und vollends im Seedienstc niemals aus den Augen läßt: „ gute Kapitäns — lenksame Schiffe. Die unsrigen sind nun schon so lange beisammen gewesen, daß sie sich trefflich auf ihre gegenseitigen Bewegungen verstehen, und so hat jedes Schiff in dcr Flotte so gut wie dessen Kommandant seinen eigenthümlichcn Charakter!" „Sehr richtig bemerkt, Admiral Blucwater, „und doch ist kein zweiter Offizier in Seiner Majestät Diensten, der eine Flotte bei einem solchen Nebel in dieser musterhaften Ordnung vor Anker gebracht hätte, und Ihr mußt mir erlauben, Sir, Euch meinen besonder» Dank für die Belehrung auszudrücken, welche Ihr dadurch nicht nur den Kapitäns, sondern auch dem Oberkommandanten ertheilt habt. Ich meines Theils muß jedenfalls eine solche Geschicklichkeit bewundern, wenn ich sie auch nicht aufs Haar hin nach- znahmen im Stande bin." Der Contreadmiral lächelte blos, und berührte seinen Hut zum Danke für das Kompliment, gab aber keine direkte Erwiederung auf die verbindliche Rede seines Freundes. Unterdessen war auch Sir Wycherly mit den klebrigen herangckommen und die übliche Vorstellung nahm ihren Anfang. Sir Wycherly drang mit so vieler Herzlichkeit in seinen neuen Bekannten, daß dieser die Einladung, als weiterer Gast mit ihm auf's Schloß zu gehen, unmöglich ausschlagcn konnte. „Die beiden Herren, Sir Wycherly und Sir Gervaisc, bestehen so ernstlich ans der Sache, daß ich meine Zustimmung wohl nicht länger verweigern kann," erwiederte endlich der Contreadmiral. „Da es übrigens unserer Vorschrift für den auswärtigen Dienst zuwiderläuft — und eine uns gänzlich unbekannte Rhede, wie diese, darf ich doch wohl eine auswärtige Station nennen — da eS also gegen unsere Dienstvorschrift wäre, wenn beide Flaggenoffiziere fern Die beide» AdmirMe. 6 82 von der Flotte übernachteten, so muß ich mir die Erlaubniß erbitten, daß ich noch vor Mitternacht nach meinem Schiffe zurückkehren darf. Das Wetter scheint ziemlich beständig, Sir Gervaise, und so können wir die Flotte schon auf so lange ohne Gefahr verlassen." „Pah, pah, Blucwater, du denkst dir die Schiffe auch immer im Sturm und unteren Legerwall. Gib dich zufrieden und folge jetzt Sir Wycherly's Einladung zu einem komfortabeln Mittagsmahle. Gewiß finden wir dort ein Londoner Zeitungsblatt, das uns nebenbei einen Blick in die Staatsgeheimnisse gestatten wird. Wie lauten denn die Nachrichten von unserer Armee in Flandern?" „Da steht Alles noch so ziemlich beim Alten," erwiederte Sir Wycherly; „seit der letzten furchtbaren Schlacht, worin der Herzog die Franzosen besiegte, bei — ach, wie hcißt's denn nur? — ich kann auch nie einen ausländischen Namen behalten — cs hat so etwas von einer christlichen Taufe. Wenn mein Bruder, der heilige James, noch am Leben wäre, der könnte uns Alles haarklein erzählen." „Wie — von einer christlichen Taufe! das ist doch eine sonderbare Analogie für ein Schlachtfeld. Die Armeen können doch nicht etwa gar zu Jerusalem an einander gerathen sein — oder meint Ihr, Atwood?" „Ich glaube eher, Sir Gervaise," bemerkte der Sekretär ruhig, „Sir Wycherly Wychecombe meint die Schlacht, welche im vergangenen Frühjahr bei Font — ja, ein Font war doch dabei — kurz daherum in den Niederlanden geschlagen wurde; und ein Font*) — hat doch gewiß ziemlich viel mit einer Taufe zu schaffen." „Das ist's, das ist's," rief Sir Wycherly ziemlich hitzig; „Fontenoi ist der Name des Orts, wo der Herzog**) Alles vor sich Hergetrieben, und den Marschall von Sachsen mit all' seinen ') .Tausstein', auf deutsch. ") Bon Cumbcrland — Heerführer der brittischen Truppen in Flandern. 83 Froschessern kriegsgefangen nach England gebracht haben würde, wenn unsere deutschen und holländischen Verbündeten sich besser bei der Sache benommen hätten. So, ihr Herren, geht's aber jedesmal mit unserem armen Alt-England: was es gewinnt, verlieren seine Verbündeten wieder, und so wird es ewig, bald durch die Deutschen, bald durch die Kolonisten, in Noth und Unruhe versetzt!" Sir Gcrvaise und sein Freund waren Beide Männer von vieler Erfahrung; sie glaubten keineswegs an eine allgemeine Uebcrlegen- heit ihrer eigenen Nation, sondern wußten recht gut, daß, sooft sie mit Holländern und Franzosen znsammengetroffen, sie jedesmal auch so ziemlich ihre würdigen Gegner gesunden hatten. Die Kriegsgerichte, welche so oft auf größere Gefechte folgten, hatten sie zur Genüge belehrt, daß unter ihrem eigenen Volke der seltenste, kühnste Muth, aber auch ebensogut der gänzliche Mangel desselben getroffen wurde, und Beide waren viel zu vernünftig, um sich durch die pathetischen Phrasen der Zeitungsschreiber, und durch die hohlen Declamationen, wie sie bei Tischreden oder im Hause der Gemeinen zu hören waren, täuschen zu lassen. So viel hatten sie selbst durch Erfahrung kennen gelernt, daß Krieger unter tüchtigen Führern doppelt so viel werth waren als unter schlechten Kommandanten; sie brauchten also auch nicht erst darüber belehrt zu werden, daß die moralische Kraft einer Armee oder Flotte, wovon zuletzt allerdings jeder Erfolg im Kriege abhäugt, nicht blos durch Heimath, Abstammung oder Farbe der Mannschaft, sondern weit mehr noch durch das Vertrauen und die unerschütterliche Standhaftigkeit der Truppen bestimmt wird, welche ein energischer, einflußreicher Führer denselben einzuhauchen versteht. Beide Admirale warfen sich bedeutende Blicke zu; über Sir Gervais? s Gesicht zog sogar ein sarkastisches Lächeln, wogegen sein Freund den gewohnten Ernst in seinen Mienen behauptete. „Ich glaube, Sir Wycherly, Io Arsnä'Nonailiuo und der Marschall von Sachsen berichten die Sache aus ganz andere Art," bemerkte der Elftere trocken; „und Mit wird es immerhin sein, wenn man sich erinnert, daß jedes Ding seine zwei Seiten hat. Was man auch über Dettingen*) sagen mag, so viel wenigstens ist gewiß, daß Fontenoi Seiner königlichen Hoheit keine Siegcsscder auf den Hut steckte." „Sir Gervaise Oakes! Ihr glaubt doch nicht im Ernste an die Möglichkeit, daß die Franzosen jemals eine brittische Armee zu überwältigen im Stande wären!" rief der kurzsichtige Provinzbewohner, denn ein Solcher war Sir Wycherly Wychecombe, trotzdem, daß er einst im Parlament gesessen hatte, viertausend Pfund jährlicher Einkünfte genoß und einer der ältesten Adelssamilien in ganz England angehörte. „Das klingt ja fast wie Vcrrath, wenn man so etwas auch nur als denkbar zugeben wollte!" „Bewahre uns der Himmel, mein theuerstcr Sir! Ich bin eben so weit entfernt, etwas Achnliches annehmcn zu wollen, als der Herzog von Eumberland selbst nur immer cs sein kann, der nebenbei bemerkt, gerade eben so viel englisches Blut in seinen Adern hat, als etwa die Ostsee von dem Wasser des mittelländischen Meeres mit sich führt — nicht wahr, Atwood? Dabei fällt mir eben ein, Sir Wycherly — ich muß Euch einigermaßen um Nachsicht für meinen Freund, den Sekretär hier, bitten, der als Schotte eine starke Nationalvorlicbe für den Prätendenten und den ganzen Klan der Stuarts hegt." „Ich hoffe nicht — wahrhaftig von ganzem Herzen hoff' ich das nicht, Sir Gervaise!" rief Sir Wycherly mit einer Wärme, die nicht ganz frei von Unruhe war, da seine eigene Ergebenheit für das neue Königshaus gänzlich rein und untadelhaft genannt *) Die Schlacht bei Dettingen wurde (27. Juni 1743) von Georg H. persönlich gegen die Franzosen unter Noailles geliefert und endete mit der Niederlage der Letzteren. In der Schlacht bei Fontenoi dagegen (11. März 1745) wurde das vereinigte Heer der Holländer und Engländer unter dem Herzoge von Eumberland von dein todkranken Marschall von Sachsen auf's Haupt geschlagen, was den Verlust von Tournai und ganz Flandern zur Folge hatte. D. U. 85 werden mußte. „Mr. Atwood scheint mir ein Gentleman von zu guten Grundsätzen zu sein, als daß er nicht einsehen sollte, aus welcher von beiden Seiten die wahre religiöse und politische Freiheit zu finden ist. Gewiß, Sir Gervaise, Ihr beliebt nur zu scherzen, denn schon der Umstand, daß er sich in Eurer Gesellschaft befindet, ist eine Bürgschaft für seine Loyalität." „Nun ja, Sir Wycherly, ich möchte Euch freilich, so viel möglich, keine falsche Idee über meinen Freund Atwood bcibringen, und so darf ich also wohl gestehen, daß während sein schottisches Blut ihn stark zum Torysmus hinübcrzieht, seine englische Vernunft ihn doch zu einem standhaften Anhänger der Whigs stempelt. Wenn Karl Stuart seinen Thron nicht früher wieder erlangt, als bis Stephen Atwood ihm dazu verhilft, so mag er nur dem Ehrgeiz für immer Lebewohl sagen!" „Das habe ich mir auch gedacht, Sir Gervaise — Euer Sekretär kann unmöglich der Lehre vom ,duldenden Gehorsam und der Unterlassung jedes Widerstandes^ anhängen. — Es ist dicß ein Grundsatz, Admiral Bluewatcr, der mir für Seeleute besonders unpassend erschiene." In Admiral Bluewaters schönem, blauem Auge leuchtete etwas wie feiner Spott, doch antwortete er dem Baronct nur durch ein leichtes Neigen des Hauptes. Eigentlich war er ein Jakobite*); doch wußte dicß Niemand als sein unmittelbarer Vorgesetzter. Als Seemann war er einzig zum Dienste seines Vaterlands berufen, und wie dicß bei Militärs sehr häufig der Fall ist, so war auch er bereit, unter jedem Vorgesetzten zu dienen, den der Zufall über ihn setzte, welches auch immer dessen politische Gesinnungen sein mochten. Während des Bürgerkriegs im Jahre 1715 war er noch zu jung und von zu niederem Range gewesen, als daß seine An- *) Anhänger Jakobs Hl., des sogenannten Prätendenten, und seines Sohnes Karl Eduard, der eben in dem I. 1743 seinen verunglückten Versuch zur Wie- dereroberung des väterlichen Thrones wagte. D. U. 86 sichten irgend von Gewicht hätten sein können, und seine auffernen Stationen geleisteten Dienste konnten blos die allgemeine Theil- nahme der Nation erwecken, ohne auf den Streit zu Hause irgend einen Einfluß auszuüben. Seit jener Zeit hatte er bei seinem fortwährenden Dienste zur See keine Gelegenheit gefunden, sich endlich einmal völlig für einen der beiden Herrscher zu entscheiden, welche an seine Treue Anspruch machten. Sir Gervaise hatte ihn immer wieder mit der Behauptung beruhigt, daß er für die Ehre und die Interessen seines Vaterlandes kämpfe, und daß dieser Dienst, wer immer auch den Thron seiner Heimath einnchmen möge, für einen wahren Patrioten vollkommen genüge. Trotz der weiten Kluft, welche die beiden Admirale ihren politischen Ansichten nach trennte — Sir Gervaise war nämlich ein eben so entschiedener Whig, als Jener ein Tory war — wurde doch die persönliche Eintracht zwischen Beiden niemals beeinträchtigt. Im Punkte des Vertrauens kannte Sir Gervaise seinen Untergebenen so genau, daß er, um seinen Freund davon abzuhaltcn, daß er offen für die Jakobiten Partei nahm oder sie durch geheime Dienste unterstützte— als sichersten Ausweg den wählte, dem Con- treadmiral die volle Macht zu einem großen Treubruch in die Hand zu legen. So lange man nur Letzterem Vertrauen zu Theil werden ließ, war Sir Gervaise sicher, daß sein Freund Bluewater es reichlich verdiente, und sollte auch jemals der Augenblick kommen, wo der Andere die Dienste des Hauses Hannover zu verlassen beabsichtigen könnte, so wußte er recht wohl, daß Jener offen und frei- müthig seine Stelle niederlegcn und zu der feindlichen Fahne stoßen würde, ohne das früher genossene Vertrauen auf unedle Weise zu benützen. Eben so muß der Leser wissen, daß Admiral Bluewater seine politischen Gesinnungen Niemand als seinem Freunde anvertraut hatte: weder der Prätendent und dessen Rathgabcr, noch Georg II. oder seine Minister hatten jemals etwas davon erfahren. So hatte 87 die Politik keinen andern Einfluß auf seine Handlungsweise geäußert, als daß sic ihn zur Ablehnung jedes selbstständigen Kommando's, wie deren mehrere ihm angcboten worden waren, veranlaßt hatte, ein Opfer, wofür er übrigens durch Sir Gcrvaise Oakes' freundlichen Umgang reichlich entschädigt wurde. „Nein, nein, Sir Wycherly," antwortete der Viceadmiral auf des Baroncts Bemerkung, und der ernste, gedankenvolle Ausdruck seines Gesichts zeigte deutlich, wie wenig seine Gefühle im jetzigen Augenblick mit seinen ironischen Worten übereinstimmten, — „auf einem Linienschiffe besonders hat man keine Idee von Leidendem Gehorsam und Unterlassung jedes Widerstands^ — denn dieß ist eine Lehre, die nur für Papisten und Tories verständlich ist. — Blucwater ist in ernste Studien vertieft: ohne Zweifel denkt er jetzt eben darüber nach, wie er jenen Monsieur clö Ornvöliir niederdonnern will, wenn wir je wieder das Glück haben sollten, mit dem besagten Herrn zusammen zu treffen; und so, wenn es nämlich den Herrschaften genehm wäre, könnten wir zu einem andern Gegenstände übergehen." „Von ganzem Herzen, Sir Gcrvaise," antwortete der gntmü- thige Baronct; „übcrdicß wäre cs ja doch so ziemlich unnütz, wenn wir die Angelegenheiten des Prätendenten noch länger besprechen wollten, denn seit König Ludwig XV. seinen letzten unglücklichen Versuch unternommen, scheint keine Seele mehr an den Prinzen zu denken." „Ja, Norris hat die junge Viper in ihrer eigenen Höhle zerschmettert, und somit können wir die Sache als beendigt betrachten." „So hat auch mein verstorbener Bruder, Baron Wychecombe, die Sache von jeher angesehen, Sir Gervaise. Er versicherte mich einst, daß die zwölf Richter durchaus gegen die Ansprüche des Prätendenten wären, und daß das Haus Stuart Nichts von ihnen zu erwarten habe." „Hat er Euch nicht auch gesagt, Sir, aus welchen Gründen 88 jene hochgelehrten Herren zu dieser Entscheidung gelangten?" fragte Admiral Blucwater mit der größten Ruhe von der Welt. „O ja, ganz gewiß; denn er kannte meinen eifrigen Wunsch, die Tories in ihrer eigenen Sache zu schlagen, so gut, daß er mir das ganze Gesetz klar und deutlich auseinander legte. Ich bin aber ein sehr ungeschickter Redner, und kann sogar nicht einmal wiederholen, was ich in früheren Zeiten darüber gehört habe; mein armer, verstorbener Bruder freilich, Seine Ehrwürden, Mr. James Wvche- combe — der heilige James, wie ich ihn zu nennen pflegte — der konnte halbe Stunden lang unausgesetzt sortsprcchcn, ohne daß ihm auch nur ein einziges Wort gemangelt hätte. Fast kommt mir's vor, als ob Thomas und James das Gedächtnis der ganzen übrigen Familie mit sich genommen hätten. Nichtsdestoweniger weiß ich doch noch so viel, daß Alles von einer Parlamcntsaktc abhing, welches jedenfalls unumstößlich ist, und da das Hans Hannover durch eine Pariamentsakte in die Regierung eingesetzt wurde, so kann kein Hof der Welt diesen einmal vorhandenen Rechtsanspruch wieder aufheben." „Die Erklärung ist vollkommen deutlich, Sir," fuhr Bluewater fort; „und dabei erlaubt mir noch, zu sagen, daß Eure frühere Entschuldigung wegen Eures Gedächtnisses durchaus unnöthig war. Doch hat vielleicht Euer Bruder nicht deutlich genug auseinander gesetzt, was eine Parlamentsakte eigentlich ist; denn zur Abfassung einer solchen sind alle Gewalten — König, Lords und Gemeine — vonnöthen." „Freilich, freilich — das wissen wir Alle, mein thenrcr Admiral , wir armen Landbewohner so gut, wie ihr draußen auf der See. Die Erbfolge des Hauses Hannover wurde von allen Dreien gut geheißen." „Auch von dem König?" „Dem König? Ganz gewiß — oder wenn auch nicht von ihm, so doch von Jemand, den wir Junggesellen noch bei weitem höher 89 achten sollten — nämlich von der Königin. Die Königin Anna genehmigte die Akte und so ward sie zur Parlamentsakte erhoben. Ich kann Euch versichern, bei den öfteren Besuchen des Barons in Wpchecombc habe ich mir während der angenehmen Stunden, die wir mir einander auf seinem Zimmer zu verplaudern pflegten, ein tüchtig Stück Rechtsgelchrsamkeit gesammelt!" „Und wer Unterzeichnete denn jene Parlamentsakte, welche Anna zur Königin erhob? oder folgte sie etwa vermöge regelmäßigen Erbrechts ihrem Vorgänger auf dem Throne? Maria und Anna regierten beide in Folge einer Parlamentsakte, und wir müssen also so weit znrückgehen, bis wir auf einen Fürsten stoßen, der als legaler Abkömmling die Krone seines Hauses trug und jener Akte seine Genehmigung crtheiltc." „Komm — komm, Blucwatcr," fiel Sir Gervaise ernsthaft ein; „auf diese Art glaubt Sir Wychcrly am Ende, er habe ein Paar wüthender Jakobitcn in seiner Gesellschaft. Die Stuarts wurden durch eine Revolution vom Throne gestoßen, und diese entspringt aus einem Naturgesetz und geht unter Gottes besonderer Zulassung vor sich; sie stößt, wie sich von selbst versteht, alle andern Gesetze über den Haufen; wenn sie einmal die Uebermacht errungen hat, wie du auf's Deutlichste gerade an diesem letzten Falle erkennen kannst. — Das sind wohl die Thore zu Eurem Park, Sir Wy- cherly, und dieß da drüben ist Wychecombe-Hall?" Diese Bemerkung gab der Discnssiou eine andere Wendung, und unter den mannigfaltigsten Gesprächen über die Schönheit der Lage des Wohnhauses, über seine Geschichte, so wie über die Annehmlichkeiten der Umgebung näherte sich die Gesellschaft allmählig dem stattlichen Gebäude, bis sie endlich das Hofthor erreicht hatten. 90 Fünftes Kapitel. Monarch — Minister — sind ehrwürd'ge Namen, Und wer sie trägt, verdient Ergebenheit. Noung. Unser Plan erheischt eben keine ausführliche Beschreibung von Sir Wycherly's Wohnsitze. Das Schloß war früher weder eine Priorci oder Abtei, noch auch eine alte Ritterburg gewesen, sondern war vor etwa zwei- bis dreihundert Jahren von einem gewissen Sir Michael Wychecombe zur Wohnung für sich selbst und seine Nachkommenschaft erbaut und seit der Zeit immer in gutem Stand erhalten worden. Wie die meisten derartigen Gebäude, so hatte auch dieses seine hohen, schmalen Fenster, die Mauern waren mit Zinnen und deren Ecken mit Thürmchcn versehen, die Halle hatte eine entsprechende Größe und die übrigen Gemächer zeigten die übliche Verkleidung mit Taselwcrk. Das Ganze war weder weitläufig nock- eng , weder hübsch noch häßlich, weder groß noch winzig klein, sondern zeigte vielmehr ein schmuckes, respektables Aeußcrc, und war als Wohnsitz höchst bequem und behaglich eingerichtcl. Den beiden Admiralen waren sogleich nach ihrer Ankunft jedem ein Schlaf- und ein Wohnzimmer angewiesen worden, und ebenso wurde Atwood in der Nähe seines Kommandanten untergcbracht, um, wenn solches nöthig wäre, sogleich bei der Hand sein zu können. Sir Wycherly war schon von Natur gastfreundlich, und sein abgelegener Aufenthalt hatte noch eine besondere Vorliebe für geselligen Umgang in ihm hervorgcrufen, die seine angeborne Neigung noch um ein Bedeutendes vermehrte. Sir Gervaise sollte — so war unterdessen ausgemacht worden — die Nacht in seinem Hause zubriugen, und der Baronct hegte noch immer die lebhafte Hoffnung, daß auch des Admirals Freund sich endlich zu dem gleichen Entschlüsse verstehen würde. Auch für Dutton, so wie für dessen Frau und Tochter wurden Betten bestellt, 91 und ebenso erwartete er, daß sein Namensvetter, der Lieutenant, die heutige Nacht unter seinem Dache zubringen würde. Der Tag verstrich aus die gewöhnliche Weise, wie dich auf sämmtlichcn Landsitzen der ganzen Welt und, wie wir glauben, auch zu allen Zeiten Sitte gewesen sein muß: nach dem Frühstück trennte sich die Gesellschaft, und Jeder ging derjenigen Beschäftigung nach, die für seinen Geschmack oder seine Stellung am passendsten erschien. Sir Gcrvaise hatte einen Boten nach dem Plantagenct gesendet, um dort einige Papiere für ihn zu holen, und brachte den übrigen Theil des Morgens mit Schreiben zu; Admiral Blncwatcr ging allein im Park spazieren; Atwood war bei seinem Vorgesetzten beschäftigt; Sir Wycherly ritt auf's Feld, um nach seinen Taglöhnern zu sehen, und Tom Wychccombe nahm eine Angelrnthe — zum Fischfang wie er vorgab, in Wirklichkeit aber, um nach der Landspitze znrückzu- kehrcn und in der Hütte oder deren Nachbarschaft chcrnmzuspionircn, bis die Zeit zur Heimkehr hcrangckommen wäre. Zur bestimmten Stunde sandte Sir Wycherly seinen Wagen, um die Frauen abzuholen, und einige Minuten vor dem festgesetzten Zeitpunkte begann sich die Gesellschaft in dem großen Speisezimmer zu versammeln. Als Sir Wycherly in die Halle trat, fand er die Familie Dntton bereits anwesend und Tom damit beschäftigt, die Honneurs des Hauses zu machen. Von dem Quarticrmcistcr und seiner Tochter brauchen wir wohl nicht mehr zu berichten, als daß Elfterer in seiner besten Uniform erschien — und diese war, wie damals überhaupt die ganze Secmannsgarderobe, ausnehmend schmuck und reinlich — so wie daß Letztere sich wieder von ihrem Unwohlsein erholt hatte, wie die blühende Gesichtsfarbe bewies, welche bei einem fortwährenden sanften Erröthcn ihr liebliches Gefichtchcn nur noch reizender machte. Ihr Anzug war ganz so wie er sein mußte — niedlich, einfach und zu dem Ganzen trefflich passend. Ihrem Wirthe zu Ehren hatte sie heute ihren besten Putz angelegt; doch war dieser ganz nach ihrem Stande eingerichtet, obgleich der wenige Schmuck, der für ein 92 Mädchen von ihren Verhältnissen fast zu kostbar erschien, ihr den Schein einer bescheidenen Eleganz verlieh. Mrs. Dutton war eine einfache, ehrbare Matrone, die Tochter eines Rentmeisters bei einem Edelmannc in der nämlichen Grafschaft; sie zeigte in ihrem Gesichte Spuren eines tiefen Seclenleidens und eines Kummers, den sie bis jetzt vor der Herzlosigkeit der Welt verschlossen gehalten hatte. Der Baronct war so sehr daran gewöhnt, seine demnthigcn Nachbarn bei sich auf Besuch zu sehen, daß sich eine Art von Vertraulichkeit zwischen ihnen entspannen hatte. Sir Wycherly, der überhaupt alles Andere, nur nicht ein scharfer Beobachter war, suhlte, ohne eigentlich selbst zu wissen, warum — oder wenigstens ohne den wahren Grund dieser steten Trauer zu ahnen, eine innige Thciinahme für die melancholisch ansschcnde Mutter, deren Herz durch fortwährende Leiden beinahe gebrochen zu sein schien. Mildreds jugendliche Schönheit aber hatte auch bei dem Baronet ihre gewöhnliche Wirkung nicht verfehlt und ihr den alten Junggesellen zum Freunde gewonnen. Herzlich schüttelte er daher Allen in der Runde die Hände, indem er Mrs. Dutton seine Freude über ihr Erscheinen ausdrückte und der Tochter zu ihrer völligen Wiederherstellung Glück wünschte. „Tom hat, wie ich sehe, seine Schuldigkeit nicht vernachlässigt," fuhr er fort, „während ich selbst durch einen dummen Burschen mit einer Klage gegen einen Wilderer aufgehaltcn wurde. Mein Namensvetter, der junge Wycherly, ist noch nicht zurück, obschon bereits zwei Stunden über seine Zeit verflossen sind, und Mr. Atwood behauptet, der Admiral sei wegen seiner Depeschen einigermaßen in Unruhe. Ich kann ihm aber gleichwohl versichern, daß, obwohl ich nicht die Ehre habe, Mr. Wycherly Wychecombe, der von Geburt blos ein Virginier ist, unter meine Verwandten zu zählen — der junge Mann dennoch äußerst zuverlässig ist, und daß, was auch den Courier auf seinem Wege aufgehalten haben mag, seine Depeschen dennoch sicher geborgen sein werden." 93 „Und warum, Sir Wycherly, sollte cm Virginier nicht ebenso flink sein und in jeder Beziehung unser Vertrauen ebensogut wie ein Engländer verdienen?" fragte Mrs. Dutton. „Er ist ja doch ein Engländer und blos durch das Wasser von uns getrennt." Dicß sprach Mrs. Dutton in mildem Tone, wie Jemand, der daran gewöhnt ist, in gedrückter Stimmung zu reden: dabei klang jedoch ihre Stimme ernst, und selbst ein leiser Vorwurf war darin- zu vernehmen, während die Augen der Sprechenden mit natürlicher Theilnahme auf das schöne Antlitz ihrer Tochter gerichtet waren. „Warum nicht? nun freilich, meine liebe Mrs. Dutton; wem wird cs einfallen, daran zu zweifeln? —" wiederholte der Baronet. „Sie sind Engländer wie wir selbst, nur gleichsam außerhalb des Königreichs geboren und dcßhalb ohne Zweifel von uns etwas verschieden. Sie sind unsere Mituntcrthane», Mrs. Dutton, und daS ist schon ein wichtiger Punkt. Dann sind sic wahre Wunder der Loyalität, denn, wie man mir sagt, soll sich in den gesummten Kolonien fast nicht ein einziger Jakobite befinden." „Mr. Wycherly Wychccombe ist ein sehr achtbarer junger Herr," sagte Dutton; „und ich höre, er soll für seine Jahre ein vortrefflicher Seemann sein. Er bat zwar nicht, wie Mr. Thomas hier, die Ehre, mit dieser hochanschnlichcn Familie verwandt zu sein, wird sich aber, aller Wahrscheinlichkeit nach, bald selbst einen wohlklingenden Namen schaffen. Wenn er erst einmal ein Schiff kom- mandirt und noch mehr so hübsche Thatcn verrichtet, wie er bereits vollführt hat — wird Seine Majestät ihn wahrscheinlich zum Ritter schlagen, und dann hätten wir ja gar zwei Sir Wycherly Wychecombe's mit einem Schlage!" »Ich hoffe nicht — das hoff ich wirklich nicht!" rief der Baronet hitzig; „ich denke, dagegen besteht gewiß ein Gesetz bei uns. Da müßte ich ja, um ciuc Verwechslung zu vermeiden, das Wörtchen Bart. *) jedesmal hinter meinen eigentlichen Namen ') Baronet. D. U. 94 setzen, wie mein würdiger Großvater zu thuu pflegte. England kann aber ebensowenig zwei Sir Wycherlffs brauchen, als die Welt zwei Sonnen auf einmal brauchen kann. Ist das nicht auch Ihre Meinung, Miß Mildrcd?" Der Baronct hatte über seine eigene Anspielung gelacht, zum Beweis, daß er halb im Scherze rede; da aber die Frage zu direkt an Mildred gerichtet war, als daß sie der allgemeinen Aufmerksamkeit hätte entgehen können, so sah sich das verwirrte Mädchen ge- nöthigt, eine Antwort zu geben. „Ich möchte fast behaupten, Mr. Wychecombe wird nie einen so hohen Rang einnehmen, daß eine derartige Verlegenheit dadurch entstehen könnte," sprach sie und zwar aus vollem, aufrichtigem Herzen; denn ohne vielleicht selbst daran zu denken, hoffte sie doch insgeheim, daß nie ein solcher Unterschied des Ranges zwischen dem Jünglinge und ihr selbst geschaffen werden würde. „Sollte dieß aber dennoch der Fall sein, so, denke ich, würden seine Rechte ebensogut wie die eines Anderen sein, denn eS ist ja Pflicht für ihn, seinen Namen mit Ehren aufrecht zu halten." „In einem solchen Falle, der allerdings, wie Miß Mildred sehr richtig bemerkte, unwahrscheinlich genug ist," warf Tom Wychecombe ein, „können wir freilich gegen die Ritterwürde gar nichts eiiewenden, denn diese kommt vom König, und er kann, wcmsis ihm beliebt, einen Kaminfeger zum Ritter schlagen; was aber den Namen betrifft, da ließe sich wieder eine andere Frage anfwersen. So wie die Sache jetzt steht, ist sie schon schlimm genug: wenn es aber vollends gar zwei Sir Wycherly's gäbe, dann, glaube ich, würde mein thcnrer Oheim sehr Unrecht thun, wenn er einen solchen Eingriff in das, was Einer seine Persönlichkeit nennen könnte, geduldig hinnehmen wollte, ohne zuvor darüber Nachforschung anzustellen, mit welchem Rechte der Herr den einen oder andern der beiden Namen trägt — und da möchte das Resultat am Ende wohl 95 gar erweisen, daß der König einen Herrn Irgendwo und Nirgendan zum Ritter erhoben hätte." Der Hohn und Aerger, womit dieß gesprochen wurde, war zu auffallend, um unbeachtet zu bleiben, und Dutton und seine Frau fühlten wohl, wie unangenehm die weitere Verfolgung dieses Gegenstandes werden mußte; doch selbst die Letztere fühlte bei all' ihrer demuthsvollen Schüchternheit und Herzensmilde eine hohe Glut auf ihrer eigenen bleichen Wange aufsteigen, als sie die tiefe Rothe auf ihrer Tochter Antlitz bemerkte, und den heftigen Drang der Leidenschaft gewahrte, der jetzt das edelgesinnte Mädchen zu einer Erwiederung hinriß. „Wir kennen jetzt Mr. Wychecombe seit mehreren Monaten," bemerkte Mildrcd, und heftete ihr volles, blaues Auge aus Toms finsterblickendcs Gesicht, „und haben nie etwas bei ihm gesehen, was uns zu dem Glauben veranlassen dürfte, daß er einen oder gar mehrere Namen führen könnte, wenn er sich nicht für vollkommen dazu berechtigt hielte." Dieß sprach sie Mt-sanfter Betonung, aber gleichwohl mit so entschiedenem Ausdruck, daß jedes ihrer Worte tief in Tom Wyche- combe's Seele eindrang. Er warf einen raschen, mißtrauischen Blick auf die schöne Sprecherin, wie wenn er sich hätte überzeugen wollen, in wie weit sie eine Anspielung auf ihn selbst beabsichtigt habe. Da er aber nichts als den Ausdruck der edelsten Theil- nahme in dem lieblichen Antlitze bemerkte, so gewann er endlich seine Selbstbeherrschung wieder und gab seine Antwort mit ziemlicher Ruhe ab. „Auf mein Wort, Mrs. Dutton," rief er lachend; „wirjungen Leute müssen wohl noch alle nach der Klippe gehen, und uns über dem Abgrund an einem Stückchen Seil hin und her schaukeln, um bei Miß Mildred ein ähnliches Interesse für unsere Vertheidigung zu erwecken, wenn wir der Gesellschaft einmal zufällig den Rücken zugewendet haben. Eine so beredte — und vollends eine so lieb- 96 lichc, bezaubernde Fürsprecherin ist überall eines sicheren Erfolges schon znm Voraus gewiß, und mein Oheim muß somit, wie ich selbst, das Recht des abwesenden Herrn auf unfern Namen anerkennen, wenn er gleich, dem Himmel sei Dank, bis jetzt weder den Titel noch die Herrschaft geerbt hat." „Ich hoffe, ich habe nichts gesagt, was Ihnen, SirWucherly, mißfällig sein könnte," begann Mildrcd mit Nachdruck aufs Nene; dabei war ihr Antlitz von brennender Rothe übcrgossen und noch tausendmal schöner, als cs je zuvor gewesen. „Nichts würde mich mehr schmerzen, als der Gedanke, daß ich mich so ungeschickt hatte benehmen können. Ich wollte ja nur andeutcn, daß wir niemals glauben können, Mr. Wycherlv Wychccombe wäre im Stande, mit seinem Wissen einen Namen anznnchmcn, worauf er kein Recht hat." „Mein theurcs Kind," sprach dcr Baronet, und dabei nahm er das tiesbetrübte Mädchen bei der Hand und küßte sie mit väterlicher Zärtlichkeit ans die Wangen, wie er früher schon oft gethan hatte: „mich zu beleidigen ist für Sic nicht so leicht, und Sie dürfen überzeugt sein, daß ich dem jungen Manne meine beiden Namen von Herzen gönne, wenn Sie überhaupt wünschen, daß er sic besitze." „Und ich, Miß Mildred," suchte Tom einzulcnken, da er bereits fürchtete, zu weit gegangen zu sein, „meinte blos, der junge Herr möchte — ganz ohne sein eigenes Verschulden — am Ende selbst nicht wissen, wie er eigentlich zu einem Paar Namen gelangte, welche schon so lange Zeit dem Haupte einer uralten, angesehenen Familie angehört haben. Es gibt wohl manchen jungen Mann, der ein Earl zu sein verdiente, den aber das Gesetz als einen —" Hier hielt Tom inne, um einen für seine Zuhörerin paffenden Ausdruck zu wählen — als mit einem Male der Baronct sortfnhr: „Als einen lilius nullius betrachtet — das ist das rechte Wort, Tom; ich hörte cs aus deines eigenen Vaters Munde." Tom Wychccombe schrak zusammen und schaute verstohlen in 97 der Runde umher, um sich zu überzeugen, ob irgend Jemand eine Ahnung von der Wahrheit habe. „Ein siliu« nuilni8, Miß Mildred," fuhr er eifrig fort und suchte das Terrain, das er in des Mädchens Gunst verlorcnzu haben fürchtete, durch einen neuen Versuch wieder zu gewinnen—„bedeutet eben das, was ich auszudrückcn wünschte — nämlich eine Familie ohne gesetzliche Abstammung. Ucbrigens soll, wie ich mir schon sagen ließ, in den Kolonien nichts häufiger Vorkommen, als daß geringere Leute die Namen von großen Familien aus ihrer Hcimath annchmcn und sich nach einer Weile gar eine Verwandtschaft mit denselben cinbildeu." „Ich habe von Mr. Wycherly Wychceombc nie ein Wort gehört, Sir, was uns zu der Vermuthung hätte verleiten können, daß er auf irgend eine Art mit Ihrer Familie verwandt sei," antwortete Mildred ruhig, aber sehr verständlich. „Hörten Sie ihn jemals sagen, er sei nicht mit uns verwandt, Miß Mildrcd?" „Ich kann nicht sagen, ob ich dieß je gehört habe, Mr. Wyche- combe. Es ist dieß überhaupt ein Gegenstand, worüber nur sehr selten in meiner Gegenwart gesprochen wurde." „Desto öfter aber in der seinigeu. Ich muß gestehen, Sir Wycherly, es ist mir schon manchmal als höchst sonderbar ausgefallen, wie jener Herr, trotzdem, daß wir Beide, Ihr und ich, uns schon häufig in seiner Gegenwart darüber ausgesprochen haben, wie unsere Familien auf keinerlei Weise mit einander verwandt seien, dennoch niemals auf irgend eine Art, selbst nicht mit einem Kopfnicken oder einem beistimmenden Blicke eine Sache bestätigt hat, von derenWahrhcit er doch vollkommen überzeugt sein muß. Doch ich denke: wie die meisten Kolonisten, so wollte auch er seinen Anhaltspunkt an den alten Stamm nicht aufgcben." Der Eintritt Sir Gervaisc Oakes' führte hier eine Aenderung in der Unterhaltung herbei. Der Viccadmiral zeigte gleich im Die beiden Admirale. 7 93 Anfang jene gute Laune, wie man sie gewöhnlich in eine Gesellschaft mitbringt, wenn man längere Zeit mit dringenden Angelegenheiten beschäftigt war nnd sich der gebotenen Erholung mit dem Bewußtsein pünktlicher Pflichterfüllung hingcben darf. „Wenn man die Bequemlichkeiten eines Hauses, wie das Eure, Sir Wycherly, und so hübsche Gesichtchcn, wie das dieser jungen Dame, mit sich auf die See nehmen könnte," rief Sir Gervaise. in fröhlichem Tone, nachdem er der Gesellschaft sein Kompliment gemacht — „so hätte die Abschließung unseres Standes den anderen gegenüber ein Ende, denn jeder p6lil »knili'6 von Paris oder London würde nichts natürlicher finden, als sogleich sich zum Matrosen anwerbcn zu lassen. Ein sechsmonatlicher Aufenthalt in der Bai von Biscaya kann bei einem alten Knaben, wie ich, die Empfänglichkeit für solche Genüsse nur noch erhöhen, gerade wie der Hunger jede Speise schmackhaft macht, obwohl ich weit, ja wahrlich sehr weit von dem Gedanken entfernt bin, dieses Hans oder seine Gesellschaft — und spräche ich selbst als der eifrigste Epiku- räev — mit einem geringen Mahle vergleichen zu wollen." „Das Ersterc, Sir Gervaise, steht mit Allem, was cs enthält, vollkommen zu Euren Diensten," crwicdcrte der Wirth, „und die Letztere wird gewiß Allem ausbicten, um sich Euch so angenehm als möglich zu erweisen." „Aha! da kommt Bluewatcr! nun der wird bestimmt alle meine Worte und Gefühle getreulich wiederholen. — Ich erkläre so eben Sir Wycherly und den Damen, wie glücklich wir Nordkaper uns fühlen, wenn wir endlich unter einem Dache, wie dieses, und in einem Gesellschastszirkcl Aufnahme finden, wo ein süßes Frauenantlitz einen Schimmer von Glückseligkeit um sich verbreitet." Admiral Bluewatcr hatte der Mutter bereits sein Kompliment gemacht; als aber sein Auge auf Mildrcds Züge und Gestalt fiel, da leuchtete einen Augenblick lang aus seinem ganzen Wesen ein feierlicher Ernst, eine Ueberraschung, ja eine Bewunderung, die Jeder- 99 mann in der Gesellschaft aufsallen mußte, obwohl sich Niemand dieselbe zu deuten wußte. „Sir Gervaise ist ein so erklärter Bewunderer des schönen Geschlechts," bemerkte der Contrcadmiral nach einer Weile, als er sich wieder gefaßt hatte, „daß ich nie erstaunt bin, wenn ich ihn über dem Anblick einer Dame entzückt finde. Doch übt das Salzwasser auch bei ihm seine gewöhnliche Wirkung, denn ich kenne ihn nun schon länger, als er sich wohl gerne erinnern läßt, und habe noch immer gefunden, daß sein Schiff die einzige Geliebte ist, die ihn beständig zu fesseln vermag." „Ja, wohl darf ich behaupten, daß ich dieser, meiner Liebe, von jeher die standhafteste Treue bewahrt habe. Ich weiß nicht, ob cs Euch eben so geht, wie mir, Sir Wycherly — aber Alles, woran mich die Gewohnheit fesselt, das muß ich nun einmal lieben. Ich segle mit diesen beiden Herren hier schon so lange ans allen Meeren, daß ich eher daran denken könnte, ohne mein Fernrohr, als ohne sie in See zu gehen — nicht wahr, Atwood? Und was das Schiff betrifft, so weht meine Flagge nun schon seit zehn Jahren auf dem Plantagcnct, und obgleich Bluewater schon nach dreijährigem Dienste behauptete, das gute alte Schiff sei zu schlecht für meines Gleichen, so wäre ich doch um keinen Preis im Stande, es aufzugebcn. Ich muß den jungen Leuten immer und ewig wiederholen, daß sie gar nicht lange genug aus einem Schiffe dienen, - um dessen gute Eigenschaften gehörig würdigen zu können. Und doch bin ich noch nie auf einem trägen Segler gewesen." „Ans dem einfachen Grunde, weil du niemals einen Schnell- seglcr besteigst, ohne ihn, ehe du ihn aufgibst, vorher von Grund aus abzunützcn. Der Plantagenet, Sir Wycherly, ist nämlich unter allen Zweideckern der rascheste Segler in Seiner Majestät Diensten, und der Viceadmiral kennt ihn viel zu gut, als daß er einen von uns festen Fuß darauf fassen ließe, so lange seine Hölzer noch irgend znsammcnhalten." 7 " 100 „Nun, mag's auch immer so sein, wie du behauptest, so beweist es wenigstens, Sir Wycherly, daß ich mir meine Freunde niemals um ihrer schlimmen Eigenschaften willen wähle. — Doch Sie, meine junge Dame, müssen mir jetzt die Frage erlauben, ob Sie einen gewissen Mr. Wycherly Wychecombe kennen — er ist ein Namensvetter, aber, wie ich höre, kein Anverwandter von nnscrcm verehrten Wirthe, und dient als Lieutenant in seiner Majestät Flotte." „Ei freilich, Sir Gervaise," antwortete Mildred, und schlug zitternd, ohne eigentlich zu wissen, warum — die Augen zu Boden; „Mr. Wychecombe hält sich schon einige Monate in der hiesigen Gegend auf, und da müssen wir doch wohl Etwas von ihm wissen?" „Dann können Sie mir vielleicht auch sagen, ob er wohl sonst im Dienste zu säumen pflegt. Dabei will ich aber keineswegs fragen, ob er vielleicht schon in Ihrem Dienste gezaudert hat, sondern ob er z. B. auf einem guten Renner seine zwanzig Meilen nicht etwa in acht bis zehn Stunden zurücklegen könnte?" „Ich denke, Sir Wychcrlv wird Ihnen am besten sagen können, Sir, daß Mr. Wychecombe dicß recht wohl vermag." „Ja, ja, Sir Wycherly, was das Segeln betrifft, da mag er wohl ein Wychecombe sein — ein Plantagcnet aber ist er nicht, sonst hätte der junge Herr schon seit mehreren Stunden unfehlbar zurück sein müssen!" „Ich bin auch sehr überrascht darüber, daß er seitdem noch nicht zurückgckehrt ist," bemerkte der gutherzige Baronet. „Er ist doch flink, kennt die Gegend, und in der ganzen Grafschaft ist kein besserer Reiter — nicht wahr, Miß Mildrcd?" Mildrcd fand nicht für nöthig, auf diese direkte Aufforderung eine Antwort zu geben. Sie hatte sich zwar seit dem Unfälle auf der Klippe alle Mühe gegeben, ihre Gefühle zu bcmcistcrn; dennoch überzog Todtenblässc ihr liebliches Antlitz, wenn sie sich vorstellte, daß den Abwesenden ein neues Unglück betroffen haben 101 könnte, und erst bei Sir Wycherly's unerwarteter Frage kehrte die Röthe wieder auf ihre Wangen zurück. Sie wandte sich ab, um ihre Verwirrung zu verbergen — da begegnete sie Tom Wychc- combe's Auge, das mit so finsterem 'Ausdruck auf ihre Züge geheftet war, daß sie ein unwillkürliches Beben überfiel. Glücklicherweise drehte Sir Gervaise in diesem Augenblicke der Gesellschaft den Rücken und führte seinen Freund in leisem Gespräche nach der entgegengesetzten Seite der weiten Halle. „Zum guten Glück," begann der Admiral, „hat Atwood ein Duplikat meiner Depeschen mit sich genommen, und wenn daher jener langsame junge Herr bis nach dem Mittagsmahle noch nicht zurück ist, so werde ich einen zweiten Courier abgchen lassen. Meine Botschaft ist zu wichtig, Bluewatcr, als daß man Zeit dabei verlieren dürfte; denn nachdem ich die Flotte gegen Norden abgcführt habe, um beiden gegenwärtigen dringenden Zeitumständen zu jedem Dieuste bereit zu sciu, wäre cs doch wahrlich die reine Tollheit, wenn ich das Ministerium über die Gründe in Ungewißheit ließe, welche mich zu dieser Verfahrungswcise bewogen haben." „Nichtsdestoweniger wäre das Ministerium wenigstens ebenso gut berichtet, als ich selbst es bin," crwicderte der Contreadmiral etwas spitzig, doch ohne die mindeste Bitterkeit. „Der einzige Vorzug, den ich vor demselben voraus habe, ist der, daß ich wenigstens weiß, wo die Flotte sich befindet, und dicß ist jedenfalls mehr, als sich der erste Lord zu wissen rühmen kann." „Wahr, vollkommen wahr — ich hatte vergessen, mein Freund -— doch mußt du wissen, daß die Sache einen Gegenstand betrifft, worüber ich dich weit besser nicht zuRatheziehe. Ich habe wichtige Nachrichten erhalten, welche — bei mir zu bewahren mcinVerhält- niß als kommandirender Admiral mir drängend zur Pflicht inacht." Sir Gervaise selbst lachte über diesen Schluß, schien aber gleichwohl etwas ärgerlich und verlegen. Admiral Bluewatcr verrietst weder Verdruß noch unangenehme Ueberraschung, dagegen 102 war eine heftige, fast unbezähmbare Neugierde in seinem Hellen, blauen Auge zu lesen, und feine ganze Miene schien von einem Gefühle beherrscht, das seinem sonstigen Wesen gänzlich fremd war. Allein die Gewohnheit der Disciplin und der pflichtmäßigcn Unterordnung unter den Höheren gab ihm genügsame Selbstbeherrschung, um eine freiwillige Mitthcilung seines Freundes geduldig abznwarten. In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre und Wychcrly trat in dem Zustande, wie er eben vom Pferd gestiegen war, in's Zimmer. Ein einziger Blick ans sein hastiges Wesen, so wie ans seine ganze Erscheinung genügte, um zu erkennen, daß er Etwas von Wichtigkeit mitzuthcilen habe, und Sir Gervaisc machte ihm auch sogleich ein Zeichen, daß er schweigen sollte. „Es gilt den Dienst des Königs, Sir Wychcrly," sprach der Viceadmiral, „ich hoffe deßhalb, daß Ihr uns ans einige Minuten entschuldigen werdet. Ich bitte, daß Ihr Euch, sobald die Essenszeit erschienen ist, mit der verehrten Gesellschaft zu Tische setzet und uns als alte Freunde betrachtet und behandelt, gerade so wie ich Euch betrachten würde, wenn wir uns am Bord des Plan- tagenct befänden. — Admiral Blncwater, wollt Ihr gefälligst an unserer Berathung Theil nehmen?" Ohne ein weiteres Wort zu sprechen, verließen die beiden Admirale mit dem jungen Lieutenant die Speisehalle, nur sich in Sir Gervaise's Bcsnchzimmer wieder zu vereinigen. Dort angekommcn, wandte sich Letzterer mit der Miene des Vorgesetzten an Wychcrly. „Eigentlich," so begann er, „hättet Ihr wegen Eurer Säum- niß meinen Tadel verdient, junger Herr, wenn ich nicht Eurem Aeußeren nach vermnthen müßte, daß irgend ein wichtiges Ereigniß an Eurem längeren Ausbleiben Schuld ist. Hatte etwa die Post den Marktflecken schon passirt, Sir, noch ehe Ihr ihn erreichen konntet?" „Das nicht, Admiral Oakes; vielmehr habe ich das Vergnügen, Euch zu vermelden, daß Eure Depeschen schon seit mehreren 103 Stunden nach London unterwegs sind. Ich erreichte das Postaint gerade noch zeitig genug, um sie gehörig al'licfern zu können." „Hum! am Bord des Plantagenet ist cs Sitte, daß ein Offizier, der einen wichtigen Dienst zu verrichten gehabt, so bald dieß geschehen ist, Meldung an seinen Vorgesetzten erstattet!" „Ich denke, Sir Gcrvaise Oakes, dieser Gebrauch wird auf allen königlichen Schiffen beobachtet; gleichwohl wurde ich aber auch belehrt, daß eine besondere Umsicht in Verrichtung von Dienst- gcschäftcn, so lange sic der positiven Ordre nicht widerstreitet, ja selbst manchmal, wenn dieses Letztere wirklich der Fall sein sollte — ein sicherer Beweis für die Brauchbarkeit eines Offiziers sei, als selbst die sklavischste Befolgung der gegebenen Regel ihn liefern könnte." „Eure Definition ist zwar vollkommen richtig, junger Herr, nur dünkt mich, daß sie in den Händen eines Kapitäns sicherer, als in denen eines Lieutenants sein möchte," bemerkte der Viceadmiral mit einem Seitenblick auf seinen Freund, während er insgeheim des Jünglings Geistesgegenwart bewundern mußte. „Umsicht im Dienst ist ein sehr allgemeiner Ausdruck, und kann bei verschiedenen Personen sehr Verschiedenes bedeuten. Darf ich mir vielleicht erlauben, zu fragen, was wohl Mr. Wychcrly Wychccombe im gegenwärtigen Falle unter der genannten Umsicht versteht?" „Dazu habt Ihr das vollkommenste Recht, Sir, und ich wartete nur auf Eure Erlaubniß, um Euch »reine ganze Geschichte zu erzählen. - - Während ich auf der Station wartete, um die Londoner Post mit Euren Depeschen abgehen zu sehen und meinem Pferd einige Ruhe zrr gönnen, langte eine Postchaise mit einem Edelmanne an, der im Verdacht steht, ein Jakobite zu sein, und eben nach seinem Landsitze, etliche dreißig Meilen weiter westlich von da, unterwegs war. Dieser Herr hielt eine geheime Konferenz mit einer andern Person, welche derselben Partei angchört, und bei Beiden war alsbald ein Rennen und eine Hast im Aussenden von Boten zu bemerken, die mir die Vermuthung ausdrang, daß 104 etwas Wichtiges vorgefallen sein müßte. Ich ging in den Stall, um nach Sir Wycherly's Renner zn sehen, denn ich weiß, wie sehr ihm das Thier am Herzen licgt^ dort traf ich einen von des Edelmanns Bedienten, der mit dem Hausknecht im Gespräch begriffen war. Letzterer sagte mir, als die Chaise endlich fort war, daß in Exeter, noch ehe die Reisenden die Stadt verlassen hätten, höchst wichtige Neuigkeiten angekommen seien. Alles, was ich hierüber aus ihm heransbringen konnte, lief übrigens ans die Sage hinaus, ,Charter) sei nun nicht mehr über'm Wasser/ Einen Dummkopf, wie diesen, noch weiter zu befragen, wäre nutzlos gewesen, und obgleich man in dem Gasthofe selbst die Hast und Heimlichkeit des Reisenden und seines Besuchs recht wohl bemerkt hatte, so konnte mir dennoch auch dort Niemand etwas Gewisses angebcn. Unter diesen Umständen warf ich mich in die Retonrchaise und fuhr bis Fowcy, wo ich die wichtige Nachricht vernahm, daß Prinz Karl in Wirklichkeit gelandet sei und sich in diesem Augenblicke in Schottland befinde." „So ist also wirklich der Prätendent von Neuem unter uns!" rief Sir Gcrvaisc, wie Einer, der die Wahrheit schon zum Voraus halb und halb geahnt hatte. „Nicht der Prätendent selbst, Sir Gcrvaise — wie ich wenigstens die Nachricht verstand — sondern sein jugendlicher Sohn, Prinz Karl Eduard, ein Jüngling, der weit fähiger ist, das Königreich in Unruhe zu versetzen. Die Nachricht ist vollkommen sicher, wie ich glaube, und da ich mir dachte, daß es für den Kommandanten einer so schönen Flotte, wie gegenwärtig eine am Fuß der Landspitze von Wychecombe vor Anker liegt — von Wichtigkeit sein möchte, meine Kunde zu vernehmen, so verlor ich keine Zeit, um schleunigst mit meiner Neuigkeit zurückzukehren." „Ihr habt Eure Sache brav gemacht, junger Herr, und mir dadurch den Beweis geliefert, daß Umsicht in der That bei einem Lieutenant ebenso nützlich und schätzenswert!) ist, als sie selbst bei 105 einem Admiral der weißen Flagge nur irgend erscheinen könnte. Geht jetzt, und macht Euch bereit, einen Platz neben einem der zartesten, süßesten weiblichen Wesen von ganz England einzunehmen, wo ich Euch in einer Viertelstunde treffen will. — Nun, Bluewater," fuhr er fort, sobald sich die Thürc hinter Wycherly geschlossen hatte, „das ist doch gewiß eine wichtige Neuigkeit!" „In der That. Vermuthlich enthält die Depesche, die du kaum vorhin an den ersten Lord abgcsendct, die nämliche Neuigkeit oder hängt wenigstens mit ihr zusammen? Wenigstens hat cs dich nicht sehr überrascht, als die Sache vorhin gemeldet wurde." „Ich muß gestehen — nein. Du weißt, welch' trefflichen Korrespondenten wir früher an unserem Agenten in Bordeaux besaßen: durch ihn erhielt ich so triftige Beweise von dieser beabsichtigten Expedition, daß ich für rathsam hielt, mich zur Vermehrung unserer heimischen Streitkräfte mit unserer Flotte nordwärts zu dirigircn, um die Schiffe, je nachdem die Noth cs geböte, verwenden zu können." „Gott sei Dank, bis nach Schottland hinauf ist's ein weiter Weg, und wir werden wohl schwerlich, bevor Alles schon vorüber ist, die Küste jenes Landes erreichen können. Ich wollte, wir hätten den Herrn gefragt, welcher Art und wie stark die Seemacht sein mag, von welcher der Prinz begleitet werde. Soll ich nach ihm schicken, um ihn darüber zu befragen?" „Es ist besser, wenn Ihr Euch ganz passiv in der Sache verhaltet, Admiral Bluewater. Ich gebe Euch hiemit das Versprechen, daß Ihr Alles, was mir zu Ohren kommt, erfahren sollt, und unter den gegenwärtigen Umständen, denke ich, sollt Ihr Euch hiemit zufrieden geben." Damit trennten sich die beiden Admiräle, doch kehrte für den Augenblick keiner von Beiden zu der Gesellschaft zurück. Die eben erhaltene Nachricht war zu wichtig, um nur so leichthin genommen - zu werden, und beide Veteranen gingen wohl eine Viertelstunde 106 lang, jeder auf seinem Zimmer, auf und nieder, und überdachten die wahrscheinlichen Folgen, welche dieses neue Ercigniß für ihr Land und sich selbst nach sich ziehen konnte. Sir Gervaise Oakcs hatte einen derartigen Vorfall erwartet, und war daher weit weniger überrascht als sein Freunh; doch betrachtete er die Krisis immerhin als außerordentlich bedenklich, so daß seine Besorgniß nichts weniger als ungegründct erschien: das Glück der Nation wie der Friede der Familien möchte wieder auf lange Zeit zerstört werden. Wie dieß noch heutzutage der Fall ist, und wohl für alle Zeiten der Fall sein wird, so gab cs auch damals zwei Parteien in England. Die eine derselben klammerte sich an die Vergangenheit mit allen ihren ausschlicßcndcn Erbrechten, während die andere weit eher von einem Umschwünge der Dinge jene Vorthcile und Ehrenstetten erwartete, wonach sie sich sehnte. — Die Religion bildete dazumal das Steckenpferd der Politiker, wie dieß heutzutage mit der Freiheit auf der einen und mit der Ordnung auf der anderen Seite der Fall ist; auch waren die Anhänger beider Parteien um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gerade eben so blind, heftig und ohne Rücksicht auf Grundsätze, wie wir dieß noch jetzt um die Mitte des neunzehnten von ihren beiderseitigen Erben rühmen können. Zwar war die Handlungsweise zum Thcil eine andere, und die Loosnngsworte und Einignngspunkte nicht ganz dieselben wie in unseren Zeiten: dagegen war England in Allem, was unwissende Zuversichtlichkeit, wüthende Verleumdung und maßlose, unter dem Mantel des Patriotismus kaum halb verdeckte Selbstsucht betrifft, mit seinen ersten Whigs und Tories dasselbe England, wie zur Zeit des Konservatismus und der Reform; ebenso wie das Amerika von nmro 1776 noch dasselbe Amerika ist, wie es im Jahre 1811 sich darstellt. Bei allen politischen Kämpfen werden übrigens Tausende von Streitenden, wenn sie sich gegenseitig auch noch so bitter befehden,' 107 von den edelsten Absichten geleitet. So oft Vorurtheile das Reizmittel für die Unwissenheit werden, läßt sich überhaupt kein anderes Ergebniß erwarten, und die Erfahrung der Welt hat bei der Leitung der menschlichen Dinge den Redlichen und Einsichtsvollen — als Lohn für die Mühen und Drangsale, womit politische Revolutionen in der Regel bewerkstelligt werden — nur ein einziges Resultat übrig gelassen: die Ueberzeugung nämlich, daß sich überhaupt gar keine Einrichtungen treffen lassen, welche nicht nach kurzer Zeit durch den Scharfsinn der jedesmaligen Machthaber aus ihrer ursprünglichen Bahn gerissen und wohl gar zum direkten Gcgentheil verkehrt werden können. Mit einem Wort — wie die physische Constitution des Menschen unfehlbar zur Abnahme der Kräfte und zu allmähligcr Schwäche führt: wie sie zur Erfüllung der Zwecke der Vorsehung ein neues Wesen, eine neue Existenz gebieterisch fordert — ganz ebenso enthalten die moralischen Constitutionen — als Früchte der menschlichen Weisheit — schon in sich selbst den Keim jeden Mißbrauchs und endlichen Verfalls, einen Keim, welchen die Selbstsucht des Menschen ebenso gewiß zu »ähren sich bemühen wird, als seine Nachsicht stets bereit ist, unserer Natur, wie sie glaubt, zu Hilfe zu kommen, und gerade dadurch die Annäherung des Todes zu beschleunigen. So haben wir auf der einen Seite den fortwährenden Beweggrund der Täuschung und Hoffnung, der uns zu dem Wunsche nach Umänderungen der geselligen Ordnung verleitet — und aus der andern die Erfahrung von Jahrhunderten, welche beweist, wie ungenügend sie Alle für die von uns ersehnte Glückseligkeit bleiben. Macht die Welt wirklich Fortschritte in der Humanität und Civilisation, so geschieht dieß aus dem einzigen Grunde, weil die menschliche Erkenntniß ihre Früchte aus jedem Boden und unter jedweden Bedingungen des Anbaus und der Verbesserung emporkcimcn läßt. Sir Gervaise Oakcs und Admiral Bluewater glaubten den 108 reinsten Grundsätzen zu folgen, indem sie sich dem Drange einer Neigung Hingaben, die sie für die widerstreitenden Ansprüche der Häuser Braunschweig und Stuart in den Kampf gehen hieß. Vielleicht gab es nicht leicht zwei andere Männer in England, welche sich ihrer Beweggründe bei dieser ihrer politischen Neigung weniger als unsere beiden Freunde zu schämen brauchten, und dennoch waren sie, die sonst, wie wir gesehen haben, in den meisten andern Dingen so sehr mit einander übcreinstimmten, in diesem einen Punkte diametral von einander verschieden. So viele Jahre hindurch hatten sic in langem, hartem Dienste Freude und Leid mit einander getragen, und stets war Eifersucht, Mißtrauen und Unzufriedenheit ihren: Herzen fremd geblieben, denn jeder von den Beiden hatte nie einen Augenblick gezwcifclt, daß seine eigene Ehre, sein Glück und Wohlergehen von dem Freunde eben so hoch geschätzt und eben so eifrig erstrebt werde, als dieß von seiner eigenen Seite nur immer geschehen konnte. Ihr ganzes Leben bestand ans einer ununterbrochenen Reihe gegenseitiger, anspruchsloser Beweise ihrer innigen Freundschaft, und alles Das war unter Umständen geschehen, welche die edelsten, männlichsten Gefühle ihrer Natur von selbst erwecken mußten. Noch als Jünglinge waren sie bei ihren lachenden Tischgcnossen unter dem Namen ,Pylades und Orestes^ bekannt; in späteren Jahren nannte man das tapfere Paar, das alle seine Fahrten zusammen ausgeführt hatte, in der ganzen Marine nur die ,Zwillings-Kapitäne^. Sie hatten bei verschiedenen Gelegenheiten feindliche Fregatten angegriffen und erobert. Natürlich trug bei solchen Veranlassungen der Acltere von den beiden den größeren Ruhm bei der Nation davon; dagegen hatte Sir Gervaise in seinem Edelmuthc von jeher sich alle nur erdenkliche Mühe gegeben, auch dem jüngeren Freundeseinen vollen Anthcil an der Ehre des Tages zu sichern, und seinerseits sprach Kapitän Bluewatcr niemals von diesen Affairen, ohne sie als Siege seines Freundes, des Commodorc, darzustellen. Mit einem Wort, 109 bei allen Gelegenheiten und unter allen Umständen schien den beiden edelgesinnten tapferen Seemännern nur das eine Ziel vor Augen zu schweben — nämlich das, einander gegenseitig gefällig zu sein, und dieser Zweck war bisher erreicht worden ohne alle sonderliche Bemühung oder ein Haschen nach Effekt, rein nur aus natürlichem, freiwilligem Triebe des Herzens. Jetzt aber zum ersten Male in ihrem Leben waren Ereignisse cingetrctcn, welche die Harmonie ihrer Herzen mit einer starken Dissonanz bedrohten oder gar Handlungen in Aussicht stellten, welche Beide unausbleiblich in offener, erklärter Feindschaft einander gcgenüberstcllen mußten. Kein Wunder also, wenn sie mit düsteren Vorahnungen und mit einem Mißtrauen in die Zukunft schauten, welches Beide, wenn auch nicht unglücklich, so doch höchst unruhig machte. Sechstes Kapitel. Der Kreis ist fertig und wir sitzen stumm, Wie auf dem Zifferblatt die Zeichen rings herum; Und alle fünf Minuten zeigt ein Zischen „Ja" oder „Nein, Madame!" — wie traurig die Minuten uns entwischen. Cowper. Es ist wohl kaum nöthig, dem Leser zu sagen, daß England, was materiellen Fortschritt betrifft, vor hundert Jahren gegen seinen heutigen Standpunkt noch sehr weit zurück war. Das Jahrhundert, von dem wir schreiben, war das Zeitalter der schweren Wagen, der sechsspännigen Kutschen und vierspännigen Postchaisen, nicht aber die Periode der macadamiflrten Straßen und der Dainpf- wagen. Heutiges Tags kann Einer aus einem sechzig bis achtzig Meilen entfernten Landsitze bequem bis zum Mittagessen eintrcffen,und dieß noch dazu nur mit einem einzigen Paar Pferde; im Jahre 1745 aber hätte man bei einer solchen Einladung wenigstens den 110 Tag zuvor aufbrechen müssen, und würde in vielen Theilcn der Insel vorgezogcn haben, der Sicherheit halber zwei volle Tage dazu zu verwenden. Schottland war damals von Devonshire weiter als heutzutage die Stadt Genf entfernt, und alle Neuigkeiten verbreiteten sich nur langsam und mit all' der Ucbertreibung und Unsicherheit, wie sie stets mit langem Verzüge verknüpft ist. So war es also kein Wunder, wenn ein Jakobite aus dem Weg nach seinem Landsitze — dem wahren Herde des Ansehens und des Einflusses bei einem englischen Gutsbesitzer — eine Botschaft, welche ihm durch den Eifer thatiger, politischer Anhänger zugckommen war, um mehrere Stunden früher erfahren konnte, als die gewöhnliche Post ihre regelmäßigeren Neuigkeiten zu verbreiten im Stande war. Das Wenige, was diesem Edclmanne oder vielmehr seinem Diener entschlüpft war — er selbst nämlich war noch so ziemlich verschwiegen, und vertraute sich auf jeder Station blos einem oder zwei seiner intimeren Freunde — war weder sonderlich genau noch auch sehr allgemein bekannt geworden. Wycherly hatte bei seinem Nachfragen viele Vorsicht bewiesen, und war insbesondere mit der ganzen Klugheit eines Offiziers darauf bedacht gewesen, seine Neuigkeiten einzig und allein für das Ohr der Vorgesetzten aufzubehalten. Als daher Sir Gervaise wieder in das Gesellschaftszimmer trat, bemerkte er sogleich, daß Sir Wycherly von dem, was im Norden vorgesallen war, noch nichts erfahren hatte; er versäumte auch nicht, dem Lieutenant mit einem freundlichen Blicke seinen herzlichen Dank für die von ihm bewiesene Verschwiegenheit zu bezeigen. Diese Enthaltsamkeit erhob den jungen Offizier in den Augen seines wohlerfahrenen, aufmerksamen Admirals noch weit höher, als die Klugheit und Energie, womit der Jüngling kaum vorher seinen Auftrag vollzogen hatte, denn er erkannte recht wohl, daß von all' Denen, welche sich in dem genannten Falle unzweifelhaft eben so brav benommen hätten, doch nur Wenige unter den 111 obwaltenden Umständen die Klugheit und Selbstbeherrschung besessen haben würden, welche einzig und allein einen Mann zu der Uebernahme wichtiger Staatsgeschäftc befähigen können. Der Beifall, der sich bei Sir Gervaise aussprach, und den er auch dem jungen Offizier für seine Klugheit zu bezeigen wünschte, beruhte übrigens weit mehr aus seinen Grundsätzen, als auf einer Nothwendigkeit; denn es war kein genügender Grund vorhanden, warum man das Geheimniß einem so consequentcn Whig, wie ihr Wirth einer war, vorcnthalten sollte. Im Gegcntheil, je schneller die Ansichten, welche Beide als die einzig gesunden und richtigen erkannten, sich in der Nachbarschaft ausbreiteten, um so besser mußte sich dieß für die gute Sache selbst erweisen. So beschloß also der Viceadmiral, sobald die Gesellschaft sich zu Tisch gesetzt haben würde, ihr ohne Zögern eben jenes Geheimniß mitzutheilen, dessen Geheimhaltung er dem jungen Manne so hoch angerechnet hatte. Admiral Bluewatcr trat in diesem Augenblick in s Zimmer, und SirWycherlybeeiltesich alsbald, Mistreß Dutton zu Tische zu führen. Unter den Gästen war nirgends eine Veränderung zu bemerken, außer das Sir Gervaise das rothe Band des Bathordens an sich trug — ein Zeichen, das sein Freund als offenbaren Beweis ansah, daß Erfterer damit die Fahne des Hauses Hannover aufgepflanzt hatte. „Wer sich, so wie wir, in dieser ehrbaren Gesellschaft an Eurer gastlichen Tafel niedergelassen hat, Sir Wycherly," begann der Viceadmiral, nachdem Alle ihre Sitze eingenommen hatten, wobei er seine Blicke rings im Kreise umherwarf, „der sollte kaum glauben, daß wir mit dem Ausbruch eines Bürgerkriegs bedroht, wenn nicht gar schon mitten in einer ernstlichen Revolution begriffen sind." Jede Hand blieb regungslos, jedes Auge war auf den Sprechenden geheftet; selbst Blnewater sah seinen Freund ernsthaft an, als ob er zu wissen wünschte, was wohl zunächst Nachfolgen würde. „Ich denke, mein Haushalt zeigt doch den gehörigen Gehorsam," antwortete Sir Wycherly, und schaute dabei bald rechts, 112 bald links, wie wenn cr erwartete, daß sein Mnndschenk schon im nächsten Augenblick einen Ausstand erheben würde; „die einzige Veränderung, die wir heute, wie ich denke, zu sehen bekommen können, wird darin bestehen, daß ein Gericht nach dem andern abge- nommcn und durch neue ersetzt werden wird." „Ja, ja, so spricht der muntere, behagliche Devonshirer Baro- net, der mitten unter seinem Ucbcrfluß, von warmherzigen Freunden umgeben, an seinem hcimathlichcn Herde sitzt. Aber säst möchte es scheinen, als ob die Schlange nur auf gut schottisch zerhauen, und noch nicht ganz gctödtet sei." „Sir Gervaise Oakcs ist Plötzlich mit seinem schottischen Zerhauen der Sch langen in die bildliche Redeweise verfallen," bemerkte der Contrcadmiral etwas trocken. „Allerdings, Blucwater, ist hier von schottischem Zerhauen die Rede, wie du selbst mit so viel Nachdruck bemerkt hast. — Ich denke, Siv Wpcherly — ebenso auch Dir. Dutton und Sie, meine hübsche junge Dame —- Sic Alle habe» vcrmuthlich schon von dem Prätendenten reden hören — und Einige gar wohl denselben schon gesehen!" Sir Wycherlu ließ Messer und Gabel fallen und starrte dem Sprechenden verwundert ms Gesicht. Ihm schien die christliche Religion, die Freiheit der Untcrthanen— und ganz besonders die der Baronets und Gutsherren mit viertausend Pfund jährlicher Einkünfte — selbst die protestantische Thronfolge—Alles, Alles schien ihm von plötzlichen Gefahren bedroht. „Ich habe meinem Bruder, dem Richter — dem jüngst verstorbenen Mr. Baron Wychccombc — von jeher gesagt, daß England wegen der Franzosen, des Schelms von einem Papst und der un- ächten Nachkommenschaft König Jakobs II. — noch unruhige Zeiten erleben würde! Und jetzt, Sir, sind meine Prophczeihungcn ein- getroffcn!" „Was England speciell betrifft — nein, mein theurcr Sir. Von Schottland habe ich Euch freilich keine so guten Nachrichten mitzutheilen, denn Euer Namensvetter hier überbrachte uns die Neuigkeit, daß der Sohn des Prätendenten in jenem Königreiche gelandet sei und die Clane daselbst zum Kampfe um sich versammle. Er ist, wie cs scheint, ohne alles Geleite von Seiten der Franzosen in's Land gekommen, und hat sich einzig und allein dem irregeleiteten Adel, unter dem die Anhänger seines Hauses zu suchen sind, vertrauensvoll in die Arme geworfen." „Das ist wenigstens eine ächt ritterliche — eines Prinzen vollkommen würdige That!" rief Admiral Bluewatcr. „Ja, insofern sie an unbesonnene Tollheit gränzt. England läßt sich nicht nur so mit einem Schwarm halbnackter Schottländer erobern!" „Ganz richtig — aber England kann nichtsdestoweniger durch England selbst erobert werden." Sir Gervaisc zog hier vor, zu schweigen, - denn nie zuvor war Blucwater so nahe daran gewesen, seine politischen Gesinnungen in Gegenwart dritter Personen zu verrathen. Diese Pause machte es Sir Wycherly möglich, endlich wieder zu Wort zu kommen. „Laß doch 'mal sehen, Tom," sprach jetzt der Baronet, fünfzehn und zehn sind dreißig und zehn sind fünf und vierzig — es ist jetzt gerade dreißig Jahre, seit die Jakobiten ihren letzten Ausstand versucht haben! Es scheint, ein halbes Menschenleben genügt noch nicht, um den Heißhunger eines schottischen Magens nach englischem Golde stillen zu können." „Selbst zweimal dreißig Jahre würden kaum das Drängen eines edlen Geistes zu stillen vermögen, wenn gerechte Ansprüche ihm den Weg auf den englischen Thron eröffnetcn," bemerkte Bluewatcr kalt. „Mir meines Thcils gefällt der hohe Muth dieses jungen Prinzen, denn nur wer muthig wagt, verdient sich auch der Kühnheit Lohn. WassagenSie dazu, meine schöne Nachbarin?" „Wenn Sie mit Ihrer allzuartigen Anrede mich gemeint haben, Die beiden Admirale. 8 114 Sir/' antwortete Mildred in ihrer Bescheidenheit, doch nicht ohne jenen Nachdruck, welchen selbst die Sanfteste ihres Geschlechts dann anznnchmcn weiß, wenn sie lebhaft fühlt, „so möchte ich um die Erlanbniß bitten, die Hoffnung aussprcchcn zu dürftn, daß jeder Engländer zur Vcrthcidigung seiner Freiheit mit derselben Kühnheit handle, und eben so schönen Lohn sich verdienen möge." „Komm — komm, Blnewater," fiel Sir Gcrvaise mit einem Ernste ein, der sich säst zum Vorwürfe steigerte; „solche Anspielungen vor einer so jungen und unerfahrenen Person kann ich nicht zugcbcn. Die junge Dame könnte wahrhaftig durch deinen kühlen Scherz zu dem Glauben verleitet werden, als ob Seiner Majestät Flotte Leuten anvcrtraut sei, welche sich des Vertrauens ihres Herrn gänzlich unwürdig zeigen. Ich mache nunmehr den Vorschlag, Sir Wychcrly, daß wir unser Mahl in Frieden cinnchmcn und der tollkühnen Expedition nicht weiter erwähnen, bis wenigstens das Tischtuch abgcräumt ist. Es ist ein weiter Weg von Schottland herunter, und so ist wohl kaum zu fürchten, daß jener junge Abenteurer, noch ehe die Nüsse vor uns stehen, bis Devon- shirc Vordringen werde. „Es wären in der That nur Nüsse für uns, wenn cr's auch thäte, Sir Gervaisc," warf Tom Wychecombe ein, und belachte seinen eigenen Witz aus vollem Herzen. „Ich wüßte nichts, was meinem Oheim größere Freude gewähren würde, als wenn er jenen Aftcrkönig auf seinem Landsitze hier und in den Händen seiner eigenen Vasallen sehen könnte. Ich denke doch, Sir, in Verbindung mit den paar nächsten Herrschaften könnte Wychceombe mit dem säubern Herrn schon fertig werden." „Das möchte wohl von den Umständen abhängcn," antwortete der Admiral etwas trocken. „Diese Schotten haben so ein gewisses Ding, das man den Claymore*) nennt, und sollen ganz verzweifelte Bursche bei einem Angriffe sein. Schon der einzige Umstand, daß ') Das kurze Schwert der Hochländer. D. U. 115 sie ihre Krieger mit kurzen Schwertern bewaffnen, zeigt ihre blutdürstige Gesinnung." „Ihr vergeht, Sir Gervaisc, daß wir hier im Westen von England unsere Komischen Umarmungen *) haben; ich null unsere Bursche gegen jedes schottische Regiment fuhren, das jemals einen Feind angegriffen hat." Tom lachte abermals über seine eigene Anspielung, die sich ans ein unter den Ringkämpfern der benachbarten Grafschaften übliches Sprüchwort bezog. „Dich ist Alles recht gut, Mr. Thomas Wychecombc, so lange Devonshire im Westen von England und Schottland nördlich vom Tweed liegt. Da könnte aber Sir Wycherly die Sache ebensogut dem Herzog und seinen regulären Truppen anvertranen, wenn sich'S nur darum handelte, Jedermann seinem eigenen Willen folgen zu lassen." „Mir kommt der Versuch eines so niedrig geborenen Jungen, wie dieser Prätendent der englischen Krone ist, so ausnehmend unverschämt vor, daß ich kaum mit Gelassenheit davon sprechen kann. Wir Alle wissen, daß sein Vater ein Wcchselbalg war; der Sohn eines untergeschobenen Erben aber kann ebensowenig ein Recht als dieser selbst besitzen. Ich weiß nicht genau, wie das Gesetz solche Prätendenten betitelt; das aber darf ich jedenfalls behaupten, daß das Ganze etwas ungemein Gehässiges an sich hat." „IMus nullius, Thomas, das ist der wahre Ausdruck!" sagte Sir Wycherly mit nicht geringem Eifer, um seine Gelehrsamkeit an den Mann zu bringen. „Ich habe ihn aus der besten Quelle, nämlich von meinem verstorbenen Bruder, Baron Wychecombc, der mich in eigener Person in einer Angelegenheit darüber belehrte, welche eine tiefe Kenntniß der Sache erforderte. Der Richter war ein höchst accurater Rcchtsmann, vornehmlich in Allem, was Namen betraf, und wenn er noch lebte, so wollte ich darauf wetten, daß er ') So nennen die Ringer in CornwaleS dm Kunstgriff, womit sie ihren, Gegner ei» Bein zu steilen wissen. D. N. 8 « 116 mir Recht gäbe, wenn ich behaupte, daß liiius nullius die gesetzliche Benennung für einen Wechsclbalg ist." Trotz seiner natürlichen Unverschämtheit und des festen ihm angeborenen Entschlusses, sich ohne allznviele Rücksicht auf Wahrheit seinen Weg durch die Welt zu bahnen — fühlte Tom Wychecombe bei dieser unschuldigen Anspielung seines geachteten Oheims seine Wange so tief erglühen, daß er in der That das Gesicht abwcuden mußte, um seine Verwirrung zu verbergen. Wäre in seines Oheims Bemerkung irgend eine Anspielung auf ein von ihm selbst begangenes, moralisches Verbrechen gelegen, so würde er bestimmt Mittel gesunden haben, sich gegen eine derartige Verlegenheit zu stählen : so aber war er, wie dieß nur zu oft der Fall ist, weit mehr über ein Unglück beschämt, dessen Schuld ihm gar nicht bcigemcssen werden konnte, als er sich wegen eines Verbrechens gescheut haben würde, wofür sein Gewissen ihn verantwortlich gemacht hätte. Sir Gervaise lächelte über Sir Wycherly's Kcnntniß der Rechtsausdrücke, wenn nicht gar über sein Latein überhaupt; dann wandte er sich voll Gutmüthigkcit an seinen Freund, den Eontreadmiral, und suchte seinen innigen Wunsch, die alten freundschaftlichen Verhältnisse nntdemselbcnwicderfestzukuüpfcn,ohncBcrzugin'sWerkzu setzen. „Sir Wycherly muß wohl Recht haben, Bluewater," bemerkte er mit kaum bemerkbarem Spott. „Ein Wechselbalg ist kein Mann oder Niem and — das heißt, er ist nicht der Mann, der er zu sein behauptet, was in der Hauptsache gerade so viel als Niemand bedeutet, und daß der Sohn eines Niemands ein liiius uuiiius ist, das ist wohl klar und nicht zu bestreiten. Da ich nunmehr die eigentliche Rcchtsscitc der Sache, wie man's nennen konnte, erledigt habe, so verlange ich einen Waffenstillstand auf so lange, bis wir an unsere Nüsse kommen; denn um noch an Mr. Thomas Wychccombc's Nüsse zu gelangen, die er sich schon heute zu knacken geben möchte — dazu hoffe ich, möchten doch noch zu viele loyale Unterthancn im Norden zu treffen sein." 117 Zwei Freunde, die sich so genau kennen, wie dieß bei den beiden Admiralen der Fall war, haben tausenderlei geheime Mittel an der Hand, nicht nur um sich gegenseitig zu verletzen, sondern auch das auf Augenblicke unterbrochene Freundschastsverhältniß wieder herzustellen. Admiral Bluewater bemerkte recht gut, daß Sir Gervaise über die unter den gewöhnlichen Whigs allgemein verbreitete Meinung weit erhaben war, wonach diese dem Mährchen von einer unächten Abkunst des Prinzen Gehör schenkten; die geheime, ironische Anspielung, die derViceadmiral über diesen Gegenstand gemacht, wirkte vollends wie Oel aus seinen erhitzten Geist, und stimmte denselben wieder zur Mäßigung. Dieß war auch Sir Gervaise's Absicht gewesen, und Beide lächelten sich wieder so freundlich an, daß man deutlich erkennen konnte, wie das geistige Ein- verständniß wenigstens für die nächste Zeit unter ihnen hergcstellt war. Aus Gefälligkeit für seine Gäste gab Sir Wychcrly seine Einwilligung zu der vorgeschlagenen Aenderung der Unterhaltung; doch blieb es ihm immer noch etwas räthselhaft, wie die beiden Admirale vor der Besprechung einer Unternehmung, die, nach seinen Begriffen von der Sache, jedem Engländer das Höchste und Wichtigste sein mußte — so offenbaren Widerwillen an den Tag legen konnten. Tom war auf eine Art zurückgcwieseu worden, daß er sich während der ganzen übrigen Mahlzeit schweigend verhielt — die Uebrigen begnügten sich mit Essen und Trinken, wie wenn überhaupt nichts von Bedeutung vorgefalleu wäre. Wohl selten wird sich eine Gesellschaft zu Tische setzen, ohne daß geheime Jntriguen wegen der Nachbarssitze Vorkommen, so lange natürlich nicht besondere Naug- oder sonstige Verhältnisse zwischen die persönlichen Wünsche treten. Sir Wycherly hatte Sir Gervaise zu seiner Rechten und Mrs. Dntton zu seiner Linken gesetzt; Admiral Bluewater hatte glücklicherweise— den ihm von dem Wirthe angewiesenen Platz vermeidend, seinen Sitz neben Mildred eingenommen, welche Tom Wychecombe am untern Ende der Tafel dicht neben sich zu plaeircn Sorge getragen hatte. Wycherly saß ihr gegenüber, und so war Dntton und Mr. Rothcrham, dcr Vicar, genöthigt, die beiden übrigen Stühle cinznnehmen. Der gute Ba- ronct hatte zwar ein saures Gesicht gemacht, als er den Eontread- miral so ganz gegen seinen Willen nntcrgcbracht sah; da ihm jedoch Sir Gcrvaisc versicherte, sein Freund sei nie glücklicher, als wenn er der Schönheit huldigen könne, so mußte er sich, wohl oder übel, in die getroffene Anordnung fügen. Daß Admiral Bluewater von MildredS Schönheit betroffen war, und an ihrem natürlichen, acht weiblichen Wesen, das alle Erwartungen, die man ihrem Stande gemäß von ihr hegen konnte, bei weitem übcrtras, Gefallen fand — blieb Allen am Tische nicht lange ein Geheimniß; doch war dabei sein Benehmen gegen sie so offenherzig, ja fast väterlich zu nennen, daß man seine Bewunderung unmöglich für etwas Anderes als für den Ausdruck seines Wohlgefallens nehmen konnte, das übcrdieß durch den Unterschied des Lebensalters, so wie durch ihre verschiedene Lage und Erfahrung ganz wohl gerechtfertigt werden konnte. Airs. Dntton war auch weit entfernt, über die Aufmerksamkeiten des Contrcadmirals Unruhe zu fühlen, — im Gcgcnthcile bemerkte sie dieselben mit innerlicher Freude, und empfand wohl einen heimlichen Stolz in dem Bewußtsein, daß sie wirklich so wohl verdient waren. Es wurde schon früher gesagt, daß sie die Tochter eines Rentmeisters bei einem Edclmannc in der benachbarten Grafschaft war; sic hatte sich in der Familie von ihres Vaters Gönner so wohl daran zu machen gewußt, daß sic, als ein Liebling der Töchter vom Hause, gewissermaßen in deren Gesellschaft zngelassen worden war, und an den Vortheilen ihrer Erziehung Anthcil genommen hatte. Lady Wilmcter, die Mutter der jungen Damen, bei welchen sie als eine Art niederer Gesellschafterin zngelassen wurde, hatte sich in den Kopf gesetzt, daß cs dem Mädchen zum größten Nutzen gereichen müßte, wenn sie zur Erzieherin herangebildet würde; sie 119 dachte in ihrer eigenen Stellung nur wenig daran, daß dadurch Martha Ray — dieß war Mrs. Dnttons früherer Familienname — nne Lebensbahn eröffnet wurde, welche vielleicht unter all' Denen, die sich einem tugendhaften, verständigen Mädchen darbicten, am allerwenigsten zu beneiden fein machte — was, nebenbei bemerkt, noch ganz besonders vor hundert Jahren der Fall war, wo Erziehung überhaupt und weibliche Erzieherinnen insbesondere noch nicht so geschätzt waren wie heutiges Tags, da die Welt, trotz all' ihrer Fehlerhaftigkeit und Uebcrfeincrung, in der wahren Eivilisa- tion und geistigen Ausbildung nach tausend verschiedenen Gesichtspunkten hin unbestreitbar die größten Fortschritte gemacht hat. Nichtsdestoweniger erhielt Martha jene feinere Bildung, welche in vielen Beziehungen Gefühle, Ansichten und Neigungen in ihr begründeten, die aus das künftige Leben der Pflegebefohlenen von dem ent- scheidenstcn Einflüsse sein mußten — ob sie wirklich mehr zum Glück oder Unglück derselben beitrugen, dieß ist eine Frage, deren spätere Beantwortung wir der Einsicht unserer Leser überlassen wollen. Frank Dntton, damals ein hübscher, wenn auch sehr ungebildeter, junger Schiffslientcnant, vereitelte Lady Wilmcters Plane und heirathcte Martha Ray in ihrem zweiundzwanzigstcn Jahre. Die Partie war fast in jeder Hinsicht sehr passend, mit einziger Ausnahme der beiderseitigen Verschiedenheit in Charakter und Erziehung — allerdings eine höchst wichtige Ausnahme. Da übrigens eine Frau recht wohl feiner gebildet, und in manchen Dingen sogar verständiger sein darf als ihr Mann — da überdieß die Seeleute zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts eine, der übrigen Gesellschaft gegenüber, viel verschiedenartigere Mcnschcnklassc ausmach- tcn — so wäre das Vcrhältniß des jungen Paares mit ihrem künftigen Wohlergehen durchaus nicht unverträglich gewesen, wenn Jedes von Beiden seine Laufbahn in der mit ihren eigenthümlichen Pflichten am besten übereinstimmenden Weise verfolgt hätte. Der junge Dntton hatte seine hübsche Frau nebst den zweitau- 120 send Pfunden, die er von ihrem Vater erhalten, mit sich genommen, und war dann lange Zeit in seinen: Geburtslande nicht mehr gesehen worden. Nach einer Abwesenheit von etlichen zwanzig Jahre» kehrte er endlich — in: Range degradirt und mit zerrütteten: Körper — nach Hause zurück, um den in: Eingang unserer Erzählung erwähnten Posten bei der Signalftation einzunehmcn. Mrs. Dutton hatte ein einziges Kind mit sich gebracht,' es war eben jenes schöne Mädchen, das wir unfern Lesern bereits vor Augen geführt haben. Dieser ihrer Tochter all' jene Bildung mitzutheilen, die sie selbst auf die oben beschriebene, zufällige Weise erworben hatte — war das unaufhörliche, eifrige Bestreben der Mutter; so kan: es denn, daß auch Mildred durch dieselben Mittel, wie ihre Mutter, eine über ihren Stand gehende Erziehung erhalten hatte, und Mrs. Dutton, die doch aller Wahrscheinlichkeit nach so wenig Ursache hatte, sich zu dem Besitze einer Lebens- und Gesübls- bildung Glück zu wünschen, welcher in ihrer wirklichen Lage so wenig Schätzung oder Sympathie zu Theil wurde — war dennoch emsig bemüht, eben jene Sitten und Ansichten bei ihrer Tochter auszubilden, wobei sie nicht selten eine gewisse reizbare Unzufriedenheit — eine Folge ihres kränklichen Zustandes — über das Benehmen und den Geschmack ihrer Tochter an den Tag legte. Wahrscheinlich hatte das Mädchen, was diese ihre Ausbildung betras — ihrem oftmaligen einsamen Zusammensein mit der Mutter mehr, als jeder Belehrung von Seiten derselben zu verdanken, denn der langjährige Einfluß des guten Beispiels konnte bei ihr an: allerwenigsten seine gewohnten Wirkungen verfehlen. In Wychccombe wußte Niemand die Geschichte von Duttons dienstlicher Degradation genau anzugeben. Er hatte sich niemals höher als bis zum Lieutenant emporgeschwungen, und war durch den Spruch eines Kriegsgerichts von seinen: Posten abgcsctzt worden. Seine Wiederanstcllung im Dienst, freilich mit den: niedrigeren und säst keine weitere Aussicht gewährenden Range eines Quartier- 121 meistcrs, war, wie man glaubte, durch Mrs. Dnttons Einfluß auf Lord Wilmeter, deu Bruder ihrer ehemaligen Jugendfreundinnen, zu Stande gekommen. Daß ihr Manu das Vermögen vergeudet, war eben so gewiß, als daß seine Gewohnheiten, wenigstens was Mäßigkeit betraf, höchst schlimmer Natur waren, wodurch sein Weib, wenn auch nicht völlig aufgerieben, doch jedenfalls ein höchst unglückliches Wesen werden mußte, das ebensowohl Mitleid als Bewunderung verdiente. So wenig sich auch Sir Wycherly auf Menschenkenntniß verstand, so mußte er doch sehr bald den höheren Werth von Weib und Tochter, vor dem des Gatten und Vaters, anerkennen und auch seinem jungen Namensvetter müssen wir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß die unverkennbare Bewunderung, welche er Mildred zollte, ebensosehr ihrem trefflichen Gemüth und Charakter, so wie der anziehenden Natürlichkeit ihres ganzen Wesens — als den ausnehmenden Reizen ihrer Person galt. Diese kleine Abschweifung wird vielleicht in den Angen des Lesers um so eher die besondere Theilnahme entschuldigen, welche Admiral Bluewatcr unserer Heldin bezeigte. Mit dem Takte eines Mannes von Welt, welcher Jahre und vornehme Stellung gänzlich bei Seite gelegt zu haben schien, gelang es ihm, dem Mädchen ihre Schüchternheit zu benehmen, und sie nach und nach gesprächiger zu machen. Bald entdeckte er an ihr zu seinem Erstaunen eine Zartheit des Gefühls und eine Gediegenheit der Kenntnisse, wie er sie hier am allerwenigsten erwartet hatte. Er war ein zu seiner Gesellschafter, und besaß einen viel zu richtigen Takt, als daß er mit seinen eigenen Ansichten zu glänzen versucht hätte; dagegen wußte er es mit jener ruhigen Weise, welche einem Manne, der mit den verschiedenen Ansichten und Geschmacksrichtungen der Welt vertraut ist, so leicht und geläufig wird — bald so weit zu bringen, daß die bewunderte Schöne aus seine eigenen Bemerkungen antwortete, daß sie mit seinen Gefühlen sympathisirte, lachte, 122 wenn er lachte, und wiederum einen mißbilligenden Blick annahm, wenn sie Mißbilligung gerechtfertigt glaubte. All'Dieses beobachtete Wuchert» mit hohem Entzücken: er nahm sogar einigermaßen an der Unterredung Thcil, denn cs war offenbar, daß der Contreadmiral seine schöne Nachbarin keineswegs für sich allein in Beschlag zu nehmen wünschte. Vielleicht war eS gerade der Platz, welchen der junge Mann ihr gegenüber einnahm, der Mildred ucranlafitc, dem alten Offizier so manchen dankbaren Blick, so manches süße Lächeln znznwcnden, denn nie konnte sie über die Tafel hinübersehen, ohne Wycherly's Blick zu begegnen, der in stiller Bewunderung ans ihr erröthendes Antlitz geheftet war. So viel ist gewiß, wenn unsere Heldin im Laufe des Abends auch keine Eroberung — was man nämlich im gewöhnlichen Leben so nennt — an Admiral Blncwater machte, so wurde er doch ihr warmer, aufrichtiger Freund. Selbst Sir Gervaise fühlte sich im ersten Augenblick durch den ganz besonderen, hingcbendcn Eifer betroffen, womit sein alter Tischgcnosse dem schönen Mädchen neben ihm aussckiließlich seine Aufmerksamkeit widmete. Ein-oder zweimal kam ihm sogar der Gedanke, ob cs wohl möglich wäre, daß ein so erfahrener, verständiger und mit den ersten Hofschönhciten so vertrauter Mann wie Blncwater, sich noch in seinem fünfzigsten Jahre in das hübsche Gesicht eines Landmädchens vergaffen könnte. Doch bald mußte er diese Idee als völlig widersinnig verwerfen, worauf er jedesmal seine ungcthcilte Aufmerksamkeit wieder dem gesprächigen Wirth an seiner Seite schenkte, der ihn mit einer weitläufigen Abhandlung über Kaninchen und dercnGchege zu unterhalten bemüht war. Auf diese Art verstrich die Zeit des Mittagessens. Mrs. Dntto» erbat sich, so bald nur immer der Anstand es zulassen wollte, die Erlaubniß ihres Wirths, sich mit ihrer Tochter zurückziehen zu dürfen. Während sie das Zimmer verließ, warf sie noch einen ängstlichen Blick ans das Gesicht ihres Gatten, das von dem häufigen Genüsse des Portweins bereits hochroth zu glühen begann; »üt Mühe zwang sie sich beim Abschied zu einem freundlichen, muntern Lächeln, aber ihre Lippen zitterten, und als sie mit Mildred das Gesellschaftszimmer erreichte, strömten ihr die Hellen Thräncn über die Wangen herab. Noch nie hatte sich Mrs. Dutton, selbst nicht gegen ihre Tochter, über das unverbesserliche, entehrende Laster ihres Gatten geäußert; doch war es ihr unmöglich gewesen, die traurigen Folgen desselben vor der Welt und noch viel weniger vor Jemand, der im Schooß der Familie selbst lebte, geheim zu halten. Einen Fehler, den die Mutter mit solcher Zartheit behandelte, konnte die Tochter natürlich nicht berühren; doch hatten Beide dafür Einen Ersatz—den gemeinschaftlichen Erguß ihrer Thränen, und dieser war ihnen so süß geworden, daß sie in den letzten Jahren sehr häufig Trost darin gesucht und gefunden hatten. „In der That, Mildrcd," begann die Mutter endlich, nachdem sie ihre Bewegung glücklich bcmeistcrt und ihre Thränen abgetrocknet hatte, so daß sie dem lieblichen, hingebcnden Kinde wieder zärtlich in das holde Antlitz lächeln konnte, „in der That, dieser Admiral Blncwatcr thnt so bekannt mit dir, daß ich kaum weiß, was ich von der Sache halten soll." „O, Mutter, er ist ein köstlicher, alter Herr! Er ist so freundlich und dabei so offenherzig, daß er, fast noch che wir's wissen, unser Vertrauen gewinnt. Wundern sollte mich's aber doch, wenn das, was er über die edle Kühnheit und den hohen Mnth des Prinzen Eduard gesagt, wirklich sein Ernst gewesen wäre!" „Natürlich sprach er im Scherze; das Ministerium wird wohl Niemand, als einem ächten Whig, das Kommando einer Flotte an- vcrtrauen. Ich kannte noch als Mädchen mehrere Mitglieder seiner Familie, und habe immer nur mit Achtung und Verehrung von ihnen sprechen gehört. Lord Blncwatcr, der Vetter dieses Herrn, war ein vertranter Freund von Lord Wilmetcr, und kam mit diesem oft auf'S Schloß. Er selbst soll, wie ich mich gehört zu haben erinnere, 124 als ganz junger Mann in seiner Liebe sich getäuscht und seit der Zeit als unverbesserlicher Junggeselle gelebt haben. So nimm dich also in Acht, meine Liebe." „Die Warnung war unnöthig, theure Mutter," antwortete Mildred lächelnd, „ich könnte den Admiral kindlich lieben, wie einen Vater, doch wirst du mir vergeben, wenn er mir zu einem innigeren Bande nicht jung genug erscheint." „Und doch gehört er jenem vielbewunderten Stande an—" bemerkte die Mutter mit zärtlichem und doch etwas schelmischem Lächeln. „Ich habe dich ja oft von deiner leidenschaftlichen Vorliebe für das Seeleben reden hören." „Das war früher, Mutter, da ich noch wie eines Seemanns Tochter und nicht viel besser als ein unbesonnenes Mädchen sprach. Ich wüßte eben nicht, warum ich jetzt den Stand eines Seemannes höher als irgend einen andern achten sollte. Ich fürchte, Soldaten- und Scemannssrauen haben oft nur allzuviel Elend und Jammer zu befürchten." Der Mutter Lippe zitterte abermals; doch als sie Jemand der Thüre nahe kommen hörte, raffte sie sich zusammen, um wenigstens ruhig zu erscheinen, und in demselben Augenblick trat Admiral Blue- watcr in das Zimmer. „Ich bin der Flasche davongelaufen, Mrs. Dutton, gerade wie ich vor einem um's Doppelte stärkeren Feind davonrennen würde — um Sic und Ihre schöne Tochter wieder zu sehen," begann er, und gab jeder von den beiden Frauen so freundlich die Hand, daß diese Artigkeit für weit mehr als eine Gunst, ja daß sie als ein besonderer Beweis von Herzensgüte ausgenommen werden konnte. „Oakes ist eben im Begriff, mit seinem Bruder Baronet den Klüver einzu- hölen, wie wir Seeleute zu sagen pflegen, und ich — bin alsbald ohne Signal aus der Linie herausgebrochen." „Ich hoffe, Sir Gervaise Oakes betrachtet es nicht als eine Nothwendigkeit, mehr Wein zu sich zu nehmen, als für Leib und 125 Seele gut ist/' bemerkte Mrs. Dutton mit einer Hast, welche sie augenblicklich wieder bereute. „Nein, das nicht. Gewiß ist Oakes in Allem, was die Tafel betrifft, so enthaltsam, wie ein Einsiedler, und dabei hat er doch eine Manier an sich, daß man ihn für einen Trinker halten könnte, und durch die er sogar einen: Vierflaschcnmann als ein willkommener Zechbruder erscheinen wird. Wie er das anfängt, kann ich Ihnen wahrhaftig nicht sagen, aber das kann ich Sie versichern, er macht es so gut, daß man behaupten könnte, er treibe seines Königs Feinde aus hoher See kaum mächtiger zu Paare, als er seine Freunde zu Haus unter den Tisch zu bringen versteht. Sir Wycherly hat seine Gesundheiten mit einem Toast aus das Haus Hannover begonnen, und da kanns denn wohl noch eine lange Sitzung geben." Mrs. Dutton trat ans Fenster, um die Blässe ihrer Wangen zu verbergen. Admiral Blncwatcr war zwar für seine eigene Person im Genüsse des Weins vollkommen enthaltsam, betrachtete aber, wie die meisten Männer jener Zeit, die uneingeschränkte Freiheit bei der Flasche nach dem Mittagessen als eine sehr verzeihliche Schwäche, und ließ sich deßhalb vollkommen beruhigt an Mildreds Seite nieder, mit der er alsbald ein Gespräch begann. „Ich hoffe, meine junge Dame, als eines Seemanns Kind hegen Sic eine angeerbte Nachsicht gegen die Plauderei und Unterhaltung eines Seemanns. Bedenken Sie nur, daß wir den größten Theil des Jahres auf unfern Schiffen eingeschlossen sind, und darum sehr arm an Ideen über so mancherlei Gegenstände bleiben müssen — denn wollte man gar an Einem fort nur über Winde und Wogen sich unterhalten, das würde ja selbst einen Dichter ermüden." „Als eines Seemanns Tochter ehre ich meines Vaters Beruf, Sir, und als ein englisches Mädchen weiß ich die tapferen Verteidiger dieses Eilandes hochznschätzen. Doch wüßte ich nicht, warum Seeleute weniger als andere Leute zu sprechen wissen sollten." 126 „Ich bin herzlich froh, dieses Bekcnntniß auS Ihrem Munde zu vernehmen, denn — soll ich offenherzig sein und mir eine Freiheit erlauben, die einem seit zwölf Jahren mit Ihnen vertrauten Freunde wohl eher, als einem eintägigen Bekanntenzukommcn möchte — und doch, ich weiß nicht, wie cs kommt, mein theurcs Kind, aber trotzdem, daß ich gewiß weiß, daß wir uns nie zuvor getroffen haben, ist mir doch geradeso, als ob ich Sieschou längst gekannt hätte." „Vielleicht ist dicß ein Vorzeichen, Sir, daß wir uns in Zukunft noch lange bekannt bleiben sollen," sagte Mildred mit der einnehmenden Vertraulichkeit argloser, unschuldiger Jungfräulichkeit. „Ich hoffe, Sie werden mir nichts vorcnthaltcn." „Nun gut; so will ich Ihnen denn, auf die Gefahr, einen argen Mißgriff zu begehen, geradezu bekennen, daß ,mein Neffe Tonff meinetwegen alles Andere, nur nicht ein einnehmender Junge ist, und daß ich ferner die Hoffnung hege, er möchte vor Aller Augen in dem nämlichen Lichte erscheinen, in welchem ein Seemann von Fünfundfünfzig ihn betrachtet." „Ich kann nur für die eines neunzehnjährigen Mädchens ein- stchen, Admiral Bluewater," bemerkte Mildred lachend, „darfIhnen aber als solches wohl bekennen, daß ich ihn weder für einen Adonis noch auch für einen Crichton halte." „Bei meiner Seele! das höre ich von Herzen gern, denn der Bursche besitzt zufällige Bortheile genug, die ihn wohl furchtbar machen könnten. Er ist der Erbe der Baronctswürdc und dieser Herrschaft, wie ich glaube?" „Ich vermuthe so. Sir Wvchcrly hat keinen andern Neffen — oder wenigstens ist er, wie man sagt, der älteste von drei Brüdern — und da Sir Wycherly selbst kinderlos ist, so muß cs wohl so sein. Mein Vater sagt mir, Sir Wycherly spreche immer von Mr. Thomas Wnchccombe als seinem künftigen Erben." „Ihr Vater! Ja, die Väter betrachten derartige Dinge mit ganz andern Augen als ihre Töchter!" 127 „Nun, die Seeleute haben doch Etwas an sich, was uns bei einer Bekanntschaft mit ihnen sehr sicher macht," sagte Mildrcd lächelnd — „ich meine ihre Freimüthigkcit." „Ja, das ist einer meiner Fehler, wie ich mir schon oft sagen lassen mußte. Doch müssen Sie mir schon eine kleine Unbescheidenheit verzeihen, wenn sie, wie bei mir, ans Theilnahme für Ihr Wohl entspringt. Der älteste von drei Brüdern sagten Sic — so ist der Lieutenant demnach ein jüngerer Sohn?" „Er gehört gar nicht zu der Familie, wie ich glaube," antwortete Mildred, indem sie trotz ihres festen Entschlusses, keine Verwirrung blicken zu lassen, dennoch leicht erröthcte. „Air. Wychcrly Wychccombc ist, wie ich höre, kein Anverwandter unseres Wirths, obgleich dessen beide Namen auch die sinnigen sind. Er stammt aus den Kolonien und wurde in Virginien geboren." „Er ist ein edler Junge von kühnem, offenem Wesen! Wäre ich der Baronet, ich würde lieber die Erbfolgeordnung verletzen, und statt meine Ländereien ans diesen finsterblickcnden Neffen übergehen zu lassen, sie weit eher meinem Namensvetter verleihen. — Ans Virginien, und überhaupt gar kein Verwandter des Hauses?" „So wenigstens versichert Mr. Thomas Wychecombc, und selbst Sir Wycherly "bestätigt es. Mr. Wychcrly Wychccombc selbst habe ich noch nie über diesen Gegenstand reden hören." „Auch eine von den Schwächen der menschlichen Natur! der Junge findet hier eine uralte, angesehene, vcrmöglichc Familie, und hat, da er zufällig denselben Namen führt, nicht den Muth, zu gestehen, daß er in keiner Weise mit ihr verwandt ist." Mildrcd zögerte mit ihrer Antwort; doch bald gewann ihr edleres Gefühl die Oberhand über ihr Mißtrauen. „Ich habe niemals in Mr. Wychcrly Wychccombc's Benehmen irgend Etwas bemerkt, was mich zu dem Glauben verleiten könnte, daß er jemals eine solche Schwäche an sich getragen," sagte sie mit hohem Ernst. „Er scheint eher aus seine Abstammung aus 128 den Kolonien stolz zu sein, als sich derselben zu schämen, und Sie wissen doch, daß wir in England die Leute in den Kolonien kaum als unsers Gleichen betrachten." „Und besitzen etwa auch Sie, junge Dame, das nämliche, weit- herrschende Vorurtheil ihres eigenen Eilandes?" „Ich hoffe nicht; doch sind, wie ich glaube, die meisten Menschen davon eingenommen. Mr. Wycherly Wychceombe gibt selber zu, daß Virginia in tausend Dingen sich nicht mit England messen kann, und doch scheint er auf sein Geburtsland stolz zu sein." „Jedes Gefühl dieser Art hängt mit unserer Eigenliebe zusammen. Wir wissen, daß die Sache nun doch einmal nicht zu ändern ist, und mühen uns, auf Etwas stolz zu sein, wofür wir doch nicht verantwortlich sind. Der Türke wird Ihnen sagen, daß er die Ehre hat in Stambul geboren zu sein, der Pariser rühmt sich seiner Faubourg und das Londoner Stadtkind triumphirt über sein Wapping. Persönliche Eitelkeit — und nichts Anderes ist bei alle Dem im Spiele. Wir glauben, der Ort, dem wir angehören, könne unmöglich ein solchersein, dessen wir uns zu schämen brauchten." „Und doch traue ich Mr. Wycherly nichts weniger als eine besondere Eitelkeit zu. Er ist im Gcgentheil höchst anspruchslos und mißtrauisch gegen sich selbst." Dieß sprach das Mädchen in seiner unschuldigen Einfalt mit solchem Nachdruck, daß ihr Zuhörer unwillkürlich sein durchdringendes blaues Auge auf die Sprechende richtete, die nun erst mit einem Male zusammenschrak, da sie fühlte, daß sie wohl etwas zu viel gesagt haben mochte. In diesem Augenblick traten die beiden jungen Männer in das Zimmer, und mit ihnen erschien ein Diener mit der Bitte an Admiral Bluewatcr, daß Letzterer seinen Freund, Sir Gervaise Oakes, auf dessen Zimmer mit einem Besuche beehren möchte. Nach Tom Wychecombe's Bericht befand sich die Zechgesellschaft bereits in einem Zustande, der jedem Andern als einem Drei- oder 129 Vierflaschenmann einen Rückzug von da höchst wünschenswerth machen mußte. Toaste und Lobeserhebungen auf das hannöver'sche Ncgcntcnhaus folgten sich in steigender Anzahl und Derbheit, und allem Anschein nach war cS die Absicht der Zurückgebliebenen, die ganze Nacht vollends aus diese Weise zuzubringen. Dies« war allerdings eine traurige Botschaft für Mrs. Dutton; sie war den Eintrctendcn in ängstlicher Spannung entgegen gegangen , um ihren Bericht zu vernehmen, kehrte nun aber wieder zu ihrem Fenster zurück und schien unentschlossen, was sie im Augenblicke thun sollte. Die beiden jungen Männer blieben bei Mildred zurück, mit welcher sich alsbald ein Gespräch entspann, und so hatte die Mutter hinlängliche Muße, ohne weitere Unterbrechung zu einer Entscheidung zu gelangen. Siebentes Kapitel. Es soll etwas geschehen! Bin ich einst König, dann verlange nur Die Grafschaft Hereford und die Güter alle, Die einst mein Bruder noch als König hatte. Richard m. E-ontrcadmiral Bluewater traf Sir Gervaise Oakes, wie er eben mit hastigen Schritten in seinem weiten Wohngemache auf- und abging, als ob dieses das Quarterdeck gewesen und er selbst von einem lästigen Geschäft, das ihn lange Zeit in seiner Kajüte zurückgehalten — so eben erst befreit worden wäre. Da die zwei Freunde mit ihren gegenseitigen Gewohnheiten vollkommen vertraut waren, so fiel es keinem von Beiden ein, von seiner üblichen Bequemlichkeit abzuwcichen; der zuletzt Gekommene nahm vielmehr ruhig in einem weiten Armstuhle Platz und setzte sich ans eine Weise darin zurecht, welche verrieth, daß er, was auch noch folgen Die bcidc» AdmirMe. 9 130 möge, vor ollen Dingen seine eigene Behaglichkeit zu Nathe zu ziehen entschlossen war. „Blnewater," begann Sir Gervaise nach einer kleinen Pause, „das ist eine recht thörichte Geschichte, diese Unternehmung deü jungen Prätendenten. Sic kann ja nur zu seinem Untergänge sichren und Jedermann muß den Plan als einen durchaus unglücklichen betrachten." „Nun, je nachdem es endet. Kann ja doch Keiner sagen, was der nächste Tag, die nächste Stunde sogar mit sich bringen wird. So viel weiß ich gewiß — eine solche Schilderhcbnng war das Letzte, was ich noch neulich, als wir in der Bai von Biscava kreuzten, für möglich gehalten hätte." „Ich wünschte von ganzem Herzen, wir hätten sic gar nicht verlassen," murmelte Sir Gervaise so leise, daß sein Freund ihn nicht hören konnte. Dann fuhr er lauter fort: „Unsere Pflicht ist übrigens in diesem Falle höchst einfach. Wir haben einzig den gegebenen Befehlen zu gehorchen, und überdies! scheint der junge Mann nicht einmal eine Flotte zu seiner Unterstützung bei sich zu haben. Wahrscheinlich werden wir wieder zur Bewachung von Brest oder L orient oder eines andern Hafens abgesendet. Monsieur muß um jeden Preis zu Hans eingesperrt werden." „Ich hielte cs bei weitem für besser, wenn man ihn auslaufcn ließe, denn unsere Hoffnung, auf hoher See zu siegen, ist jedenfalls eben so groß wie seine eigene. Ich bin gar kein Freund von Blokaden, die mir immer als eine durchaus n n englische Art von Kriegführung erscheinen." „In der Hauptsache hast du allerdings recht, Dick," erwiederte Sir Gervaise lachend. „Ja, und aus die Hauptsache habe ich gleichfalls ein Recht, Oakes. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß der erste Lord der Admiralität zu einem so jämmerlichen Dienste, wie der einer Blo- kade ist, nicht einen Mann wie dich absenden wird, der du in 131 jeder Beziehung so trefflich im Staude bist, bei gehörigem Seeraume von deinem Feinde Rechenschaft zu geben." „ Einen Mann wie m i ch! Warum gerade einen Mann wie m i ch ? Ich denke doch, ich wurde auch dießmal das Vergnügen haben, Admiral Bluewatcrs Gesellschaft, Rath und Beistand zu genießen?" „Ein Untergeordneter kann niemals wissen, Sir Gervaise, wohin es seinen Oberen belieben mag, ihn zu beordern." „Diese Unterscheidung zwischen Untergebenen und Vorgesetzten kann dich, so furcht" ich sehr, noch eines Tags in eine schlimme Falle locken. Wenn du Karl Stuart als deinen Souvcrain betrachtest, so ist cs kaum wahrscheinlich, daß die Befehle von einem von König Georgs Dienern sonderlich viel von dir werden beachtet werde». Ich hoffe, du wirst dich nicht übereilen und nichts unternehmen, ohne dich zuvor mit deinem ältesten und treuesten Freunde darüber zu bcrathcn!" „Du kennst meine Ansichten, Oakes, und so wird es wohl nicht viel helfen, wenn wir auch länger dabei verweilten. So lange der Streit zwischen meinem Vaterlande und einer fremden Macht geführt wurde, konnte ich's wohl zufrieden sein, meinem eigenen Lande zu dienen; wenn aber mein gesetzmäßiger Fürst oder dessen Sohn und Erbe so recht wie ein achter, tapferer Ritter anstritt und sich seinen Unterthanen voll Vertrauen ans ihre Loyalität und ihren Muth gleichsam in die Arme wirft — so ist Ließ ein Aufruf an meine edelsten Gefühle, welchen mein Herz nur sehr schwer von sich abzuweisen vermag. Mit Norris hätte ich mit dem besten Willen von der Welt anbinden und die Flotte, welche Ludwig XV. in dieser nämlichen Sache gegen uns ansrüstct, zerstreuen und vernichten können — hier aber ist Alles englisch, und wir Engländer haben jetzt den Streit unter uns anszufechtcn. Ich sehe wahrlich nicht ab, wie ich mich als ein treuer Unterthan meines erblichen Fürsten noch länger mit gutem Gewissen von seiner Fahne entfernt halten kann." „Wie, Dick Bluewater! Du, der du schon in deinem zwölften 9 * 132 Jahre auf die See kamst und mm schon an die vierzig Jahre mit Leib und Seele als ein achter Sceheld aus deinem Schiffe dienst — du könntest wirklich die seeblane Uniform, die deine alten Glieder so lange bedeckte und ihnen so wohl anstand, mit einem Male abstrcifcn und dich gleich einem Landsoldaten auftakcln - einen Fedcrhut aufsetzen — und — hol'S der Teufel — einen Fcld- kessel unter'» Arm nehmen und einem Trommler nachlaufen, wie einer von deines Vetters, Lord Blncwatcrs, Garde-Grenadieren! — denn was Seeleute betrifft, so hat dein gesetzmäßiger Prinz, wie du ihn nennst, deren nicht einmal so viel, um sein Gewissen damit zuzustopfen oder ihm die Rockschlcppe zu tragen, damit ihm diese nicht von dem schottischen Haidckraut in Stücke zerfetzt werde. Wolltest du überhaupt dem Abenteurer folgen, so müßte es in der genannten Eigenschaft geschehen, denn ich frage — kann er auch nur einen einzigen Seemann auswcisen, der dir zu sagen im Stande wäre, um wie viel London höher als Perth gelegen ist?" „Bin ich erst bei ihm, so wird er schon besser daran sein!" „Und was könntest selbst du so allein ansrichten, mitten unter einem Häufchen Schotten, die sämmtlich mit cingezogcnen Segeln » ans ihren Hügeln nmherrennen? Mit deinen Signalen komman- dirst du keine Regimenter und von dem übrigen Manövrircn verstehst du ja doch nichts. Nein — nein; bleib', wo du bist, und unterstütze deinen alten Freund mit deinen Kenntnissen, die ihm so trefflich zu Statten kommen. Ich müßte mich wirklich scheuen, etwas Großartiges zu unternehmen, wenn ich nicht gewiß wüßte, daß du entweder die Avantgarde kommandirst, um den ersten Schlag mit ihr zu führen, oder meine Arricrgarde befehligst, um mich hübsch ordentlich herauszuhancn." „Du würdest dich vor Nichts scheuen, Gervaise Oakcs, mag ich nun neben dir oder fern von hier in Schottland stehen. Nicht Furcht, sondern weit eher Tollkühnheit könnte man als einen deiner Fehler ansühren." 133 „Dann bedarf ich deiner jedenfalls, um mich in den Gränzen der Vernunft znrnckznhalten," fuhr Sir Gcrvaise fort, indem er plötzlich in seinem Spaziergänge inne hielt und seinem Freunde lächelnd in's Gesicht schaute. „Aus die eine oder andere Weise bist du mir immer unentbehrlich." „Ich verstehe recht wohl die Absicht Eurer Worte, Sir Ger- vaise, und weiß die freundliche Gesinnung zu schätzen, welche sie diktirtc. Auf alle Fälle dürft Ihr vollkommen überzeugt sein, daß ich keine Nebereilung und noch viel weniger einen Trcnbruch begehen werde. Wenn ich auch König Georg den Rücken kehre, so thuc ich's in einer Beziehung wenigstens als treuer Untcrthan, was er auch sonst von der Sache halten mag, und wenn ich zu Karl Eduard, meinem wahren Fürsten, stoße, so wird dich jedenfalls mit reinem Gewissen geschehen, und er wird sich keinen Augenblick scheuen dürfen, dasselbe auf die Probe zu stellen. — Schon die Namen, die er trägt, müssen uns die alten Fürsten dieses Landes in's Gedächtnis; zurückrufen: sie sollten schon von selbst die Theil- nahme jedes Engländers erwecken." „Ach ja, ganz besonders der Name Karl," bemerkte der Vice- admiral mit einem leichten Nascnrümpsen. „Da ist zum Beispiel der zweite Karl — der heilige Karl, wie unser guter Wirth, Sir Wychcrlu, ihn nennen würde — der ist ja ein wahres Muster von einem Prinzen und verdient die Bewunderung aller Engländer. Und sein Vater— der stammte aus der Schule der Märtyrer von der Stcrnkammcrl" „Beide stammten in gerader Linie von dem Eroberer und zugleich von den sächsischen Königen ab, und vereinigten also in ihrer geheiligten Person gedoppelte Ansprüche aus den Thron dieses Landes. Ich habe von jeher Karl II. nicht sowohl für lasterhaft gehalten, als vielmehr das Opfer des rebellischen Benehmens seiner Unterthanen in ihm erkannt und bedauert. Er wurde ans dem Lande seiner Väter in eine höchst verderbte Gesellschaft hinaus- 134 gestoßen und verschlimmerte sich nur in Folge unserer eigenen Gottlosigkeit. Sein Vater vollends, der war in Wirklichkeit ein heiliger Karl und starb als frommer Märtyrer für die wahre Religion, so wie für seine gesetzlichen Rechte. Dann die Eduards! glorreichen Angedenkens! — erinnere dich nur, daß sie Alle, bis ans Einen, lauter Plantagcnets waren — ha, wahrlich ein Name, der schon von selbst jeden Engländer begeistern könnte!" „Und doch besteht der ganze Unterschied zwischen den Ansprüchen, welche diese nämlichen Plantagcnets ans den Thron besaßen und dem Rechte unseres jetzt regierenden Fürsten einzig und allein darin, daß der Eine mit eigener gewaltsamer Hand eine Revolution hervorrief, während der Andere durch eine vom Volk ansgegangcne Umwälzung auf den Thron gehoben wurde. Ich weiß nichts davon, daß deine Plantagenets jemals etwas für die Flotte — die einzige wahre Quelle von Englands Macht und Ruhm — gcthan hätten. — Beim Henker, Dick, ich halte im Ganzen nicht sonderlich viel von deinen Plantagcnets!" „Und doch trifft man den Namen Oakcs mitten unter ihren tapfersten Rittern und treuesten Anhängern!" „Die Oakes*), wie auch die Fichten, waren stets als Jnhölzcr ans dem jedesmaligen Staatsschiffc zu finden," bemerkte der Vicc- admiral, indem er sein eigenes Wortspiel im ersten Augenblicke beinahe selbst nicht merkte. Wohl länger als eine Minute setzte Sir Gervaisc, das Haupt etwas vorwärts geneigt, seinen Spaziergang fort und schien über einen wichtigen Gegenstand angestrengt nachzudenkcn. Dann plötzlich stehen bleibend, wandte er sich nach seinem Freunde um und schaute ihn fast wieder eine Minute unverwandt au, che er das frühere Gespräch wieder ausnahm." „Ich wollte, ich könnte dich dazu bringen, daß du deinen trefflichen Verstand auch an diesem Gegenstände versuchtest, Dick," ') ,OaIe> heißt nämlich aus deutsch ,Eicher D. N. sprach er »ach einer kleinen Panse; „ dann wüßte ich gewiß, daß du der Sache der Freiheit niemals verloren gehen könntest." Admiral Bluewatcr schüttelte blos den Kopf, ohne etwas zn er- wiedern, als ob er jede Discussion für vollkommen zwecklos erachte. Während dieser Pause verkündigte ein leises Klopfen, daß ein Besuch vor der Thüre war und auf Sir Gcrvaisc's: Herein! erschien Atwood vor den beiden Admiralen. Er hielt ein großes Packet in der Hand, das aus dem Umschlag den gewöhnlichen Dienststcmpcl trug, zum Zeichen, daß es von einer öffentlichen Behörde kam. „Ich muß Sir Gervaise um Entschuldigung bitten," begann der Sekretär, der immer sogleich zn seinem Geschäfte schritt, sobald ein solches zu verrichten war; „aber des Königs Dienst erlaubt keinen Aufschub. Dieses Packet ist soeben durch einen Expressen überbracht worden, der das Admiralitätsamt erst gestern Mittag verließ." „Und wie zum Teufel wußte er mich denn anfzufindcn?" ries der Viceadmiral, die eine Hand dem Uebcrbringer cntgegenstrcckend. „Das verdanken wir Alles der Vorsicht des jungen Lieutenants, der die Nachricht jenes Jakobiten bis in den nächsten Marktflecken verfolgte. Der Courier hatte den Befehl, so schnell, als Postpferdc ihn nur immer weiter fördern könnten, nach Falmouth zu eilen; da hörte er zum Glück, daß die Flotte bei der Landspitze von Wychccombc vor Anker liege, und zu noch größerem Glück war er ein Offizier, der so viel Einsicht besaß, um zu begreifen, daß er Euch die Depeschen früher überliefern könnte, wenn er sich seitwärts wendete und zu Land hieher eilte, als wenn er nach Falmouth ginge, dort die für ihn bestimmte Schaluppe bestiege und über die Bai von Biscaya zn Wasser wieder hieher käme." Sir Gervaise lächelte über Atwoods Ausfall, der dessen Inneres vollkommen preisgab. Man muß nämlich wissen, daß der Sekretär ein neues System der Expressen ausstndirt hatte, das zu seinem höchlichcn Verdrusse von seinen: Herrn unter Lachen verworfen und von der Admiralität gänzlich unbeachtet gelassen wurde. 136 Beide machten sich übrigens, ohne weitere Zeit zu verlieren, an ihr Geschäft; der Sekretär stellte die Kerzen ans den Tisch, Sir Gervaise nahm einen Stuhl und erbrach das Siegel. Doch mitten unter dem Lesen schaute der Viccadmiral plötzlich auf und unterbrach sich mit dem Ausruf: „Wie, du willst uns doch nicht verlassen, Blnewater?" „Ihr habt vielleicht geheime Geschäfte mit Mr. Atwood, Sir Gervaise, und ich thäte dann besser, mich zu entfernen." Nun hatte aber Atwood, trotzdem, daß Sir Gervaise Oakes, wie er steif und fest glaubte, das Gcheimniß von der jakobitischcn Vorliebe seines Freundes niemals weder durch Wort noch durch Blick vcrrathcn hatte — das Vorhandensein cincrsolchcn Gesinnung dennoch ergründet, und zwar ohne dabei zu unwürdigen Hilfsmitteln seine Zuflucht zu nehmen. Er war weder ein Horcher, noch hatte er jemals, wie dicß bei Männern in der Umgebung hochgestellter Personen so häufig geschieht, die geheime Korrespondenz seines Herrn erbrochen , er verdankte vielmehr sein ganzes Wissen lediglich einem natürlichen Scharfsinn und einigen unvermeidlichen glücklichen Zufällen. Bei der gegenwärtigen Veranlassung fühlte der Sekretär, mit dem Takte eines Mannes von Erfahrung, daß man seiner Gegenwart wohl entbehren konnte, und er machte demgemäß der Discussion zwischen den beiden Admiralen durch eine höchst zeitige Bemerkung von seiner Seite ein Ende. „Ich bin mit dem Abschreibcn der Briefe noch nicht fertig, Sir Gervaise, und will gehen, um dieses Geschäft zu beendigen," sagte er. „Solltet Ihr meiner heute Nacht noch bedürfen, so werde ich auf Lockers Nus — so hieß nämlich der Kammerdiener des Admirals — augenblicklich wieder bei Euch erscheinen." „Dieser Atwood besitzt für einen Schotten einen staunens- werthcn Instinkt," rief der Viccadmiral, sobald sich die Thürc hinter dem Sekretär geschlossen hatte. Er weiß nicht nur, wann man seiner bedarf, sondern auch, wann dicß nicht der Fall ist. 137 Letzteres — für einen Mann seines Volks — ein außerordentlicher Vorzug!" „Welchen jeder Engländer recht wohl nachahmcn dürfte," er- wicdcrte Blucwater. „Möglicherweise könntest du vielleicht auch meiner Gesellschaft in diesem wichtigen Augenblicke entbehren." „Du hast doch keine solche Furcht vor den Hannoveranern, Dick, daß du vor ihrer bloßen Handschrift davonlicfcst, oder doch? — Ha, was ist das? — so wahr ich lebe, ein Packet an dich selbst, mit der Adresse an ,Contrcadmiral Sir Richard Blnewater, C. Gott sei Dank! mein alter Knabe, so haben sie dir das rothe Band endlich auch gegeben? Du hast die Ehre reichlich verdient und wirst sic gewiß auch mit Würde tragen." „Ich muß gestehen, das kommt unerwartet. Der Brief kann übrigens nicht an mich gedichtet sein, da ich nicht Ritter des Bath- ordcns bin." „Reiner Unsinn. Oeffnc einmal das Packet oder ich thuc cs statt deiner. Gibt's etwa zwei Dick Blncwatcrs auf der Welt, oder kennst du einen andern Contrcadmiral dieses Namens ?" „Fast möchte ich verziehen, einen Brief nicht anznnchmen, der nicht genau meine Adresse trägt," gab der Andere kalt zur Antwort. „Ich schwöre aber darauf, die Adresse ist richtig. Doch da du nun schon einmal so gewissenhaft bist, so gib ihn mir her, ich will dir diesen kleinen Dienst schon erweisen." Mit diesen Worten erbrach Sir Gervaise das Siegel und alsbald fiel das rothe Band, aus seinem Umschläge losgemacht, auf den Teppich vor ihm nieder. Die weiteren Insignien des Bath- ordeus folgten, und unter Anderem auch ein Brief, der die ganze Sache erklärte. Das Schreiben war in gehöriger Form an Contrcadmiral Blucwater gerichtet; derselbe sollte daraus erfahren, daß Seine Majestät sich bewogen gesunden habe , ihm als Belohnung ') C. B, ,Commimdeur des BathordcnS'. D. U. für seine außerordentlichen Dienste bei verschiedenen Veranlassungen eines der vakant gewordenen rothcn Bänder in Gnaden zu verleihen. Selbst von dem Preinicr war eine kurze Note beigeschlossen, welche besagte, daß das Ministerium sich außerordentlich freue, den königlichen Willen mit der Herzlichsten Bereitwilligkeit von seiner Seite in Vollzug setzen zu können. „Nun, was hältst du jetzt von der Sache, Richard Bluc- watcr?" fragte Sir Gcrvaise triumphircnd. „Habe ich dir nicht immer gesagt, daß es früher oder später doch noch so kommen müsse?" „So ist cs denn zu spät gekommen," antwortete Blucwater kalt, und legte Band, Insignien und Briefe ruhig auf den Tisch. „Es ist dieß eine Ehre, die ich jetzt nur von meinem rechtmäßigen Fürsten annchmen darf. Kein Ruderer kann mich gesetzlich zum Ritter des Bathordens erheben." „Nun, Mr. Richard Blucwater, sagt mir doch gefälligst, wer hat Euch denn zum Kapitän, dann zum Kommodore und endlich zum Coutrcadmiral gemacht? Bin ich etwa ein Betrüger, weil ich dieses Band aus keinen bessern Händen, als denen eines Königs aus dem hannövcr'schcn Hause empfangen habe? Bin ich nach deiner Ansicht ein wirklicher Viceadmiral der rothen Flagge, oder bin ich es etwa nicht?" „Ich mache einen strengen Unterschied, Oakes, zwischen deinem Rang in der Marine und zwischen bloßer persönlicher Würde. Im ersten Falle dienst du deinem Vaterlande, und gibst gerade eben so viel, als du empfängst, wogegen cs sich im zweiten um eine besondere Gnade handelt, welche der geehrten Person ein größeres Ansehen verleiht, ohne daß diese ein entsprechendes Aequivalent bieten könnte, durch welches die Annahme eines ungesetzlich verliehenen Ranges entschuldigt würde." „Der Teufel hole deine Unterscheidungen, die Alles über den Hausen werfen und den Dienst am Ende zu einem wahren Babel 139 machen würden. Bin ich wirklicher Viccadmiral von der rothen, so bin ich auch Ritter vom Bathorden, und bist du Contrcadmiral vou der weißen, so bist auch du nicht minder ein Ritter dieses hochgeehrten Ordens. Beides kommt aus der nämlichen Quelle von Autorität und Ehre." „Ich kann die Sache nicht auf diese Art ansehcu. Unsere Anstellung haben wir vou der Admiralität, und durch diese im Namen des Landes; Ehrenvcrleihungcn aber kommen vou dem jedesmaligen regierenden Fürsten, welches auch immer sein Titel sein möge." „Nun, sag' mir doch — hältst du Richard III. für einen Usurpator oder für einen gesetzlichen Fürsten?" „Für einen Usurpator ohne allen Zweifel, und für einen Mörder noch obendrein. Sein Name sollte von der Liste der englischen Könige gestrichen werden; ich kann ihn niemals hören, ohne ihn und seine Thaten zu verfluchen." „Puh, puh, Dick, das heißt mehr wie ein Dichter, als wie ein Seemann gesprochen. Wenn du nur bei der Hälfte der Könige, die unfern Fluch verdienen, den Namen ausstreichen wolltest , so würde selbst die Liste unserer englischen Könige ziemlich kurz werden, und manche Länder würden deren sogar ganz entbehren. So sehr nun auch Richard III. eine solche summarische Cassation verdienen mag — seine Peers, seine Gesetze sind doch eben so gut, als die jedes andern Fürsten. Da nimm zum Beispiel nur einmal den Herzog von Norfolk." „Ja, verhindern kann ich's freilich nicht, aber das wenigstens liegt in meiner Macht, daß ich Richard Blnewatcr nicht durch Georg II. zum Ritter des Bathordens erheben lasse — und ich werde meine Macht zu gebrauchen wissen." „Scheint doch nicht ganz, da du bereits dazu ernannt und gewiß auch schon in der Zeitung als solcher proklamirt bist." „Der Eid wurde noch nicht empfangen, und es gehört wenig- L 140 stens zu des Engländers Geburtsrechten, daß er eine Ehre ab- lehncn darf, wenn dieses überhaupt für eine Ehre gelten kann." „Auf mein Wort, Contrcadmiral Sir Richard Bluewatcr, Ihr seid heute Abend ganz absonderlich höflich. Der unwürdige Ritter vor Euch und alle übrigen Mitglieder des Ordens sind Ench ganz unendlich verbunden." „Dein Fall, Oakcs, und der meine sind wesentlich verschieden," erwicdertc der Andere, nicht ohne einige Bewegung in Ton nnd Weise zn vcrrathcn. „Dein Band wurde ehrlich gewonnen, wurde in Englands Schlachten erkämpft und kann mit voller Ehre für dich nnd dein Land getragen werden; mir aber wurde dieses Spielzeug in einem Augenblicke übersendet, wo ein Aufstand vor- ansgesehcn wurde: fast wie ein Brocken, um mich bei guter Laune zu erhalten und zugleich die ganze Blncwatcr'schc Familie an das Interesse des Königs fcstzuknüpfcn." „Das ist eine bloße Vcrmuthung, die sich bestimmt als ein Mißverständnis erweisen wird. Hier sind die Depeschen, die für sich selber reden, nnd da es doch wohl kaum möglich ist, daß das Ministerium von dieser raschen Bewegung des Sohnes deines Prätendenten früher, als höchstens seit einigen Tagen, Kenntniß gehabt haben sollte, so will ich mein Leben darauf wetten, nnd das Datum wird meine Behauptung bestätigen — daß das Band, selbst noch ehe man eine Ahnung von der Unternehmung des Prinzen hatte, für dich bestimmt wurde." Während sich Sir Gervaisc mit dem ihn charaktcrisirendcn Eifer an die Untersuchung der Briese machte, welche nun einmal für den Augenblick sein Hauptaugenmerk geworden war, nahm Admiral Bluewatcr in aller Ruhe seinen früheren Sitz wieder ein, um das Resultat der begonnenen Nachforschung mit nicht geringer Neugier und nicht ohne ein leichtes, ungläubiges Lächeln abzuwarten. Sir Gcrvaise Oakcs fand sich bald durch die angestclltc Untersuchung enttäuscht: die Daten der Briefe bewiesen, daß die 141 Minister besser unterrichtet gewesen, als er vermuthet hatte, denn es zeigte sich, dasi sie nm dieselbe Zeit, wie er selbst, von der beabsichtigten Bewegung benachrichtigt worden waren. Die an ihn gerichteten Befehle lauteten dahin, daß er sich mit der Flotte nordwärts wenden und der Hauptsache nach eben das anssührcn sollte, was sein eigener Scharfblick ihn bereits zu thun angewiesen hatte. So weit war Alles gut, und er durfte keinen Augenblick daran zweifeln, daß er sich durch sein ganzes Verfahren den vollständigsten Beifall seiner Vorgesetzten erwerben würde. > Hieinit endete aber auch seine innerliche Zufriedenheit, denn als er das Datum der verschiedenen Mittheilungen verglich, zeigte sich nur zu deutlich, daß das rothe Band erst in dem Augenblicke verliehen worden war, als die Nachricht von der Bewegung des Prätendenten London bereits erreicht hatte. Ein Privatschreibcn von einem seiner Freunde auf dem Admiralitätsamte sprach sogar von seiner eigenen wahrscheinlichen Beförderung zu dem Range eines Admirals von der blauen Flagge und erwähnte noch verschiedener anderer Begünstigungen aus so auffallende Weise, daß man sehr gut daraus erkennen konnte, wie die Regierung in der gegenwärtigen Krise sich so viel als möglich durch Gunstbezeigungen zu befestigen strebte. Dieß hätte allerdings bei Leuten von gewöhnlichem Schlage eine sehr erfolgreiche politische Maßregel sein können; bei Offizieren von so unabhängigem Charakter, wie unsere beiden Admirale, war sic aber aller Wahrscheinlichkeit nach nur dazu geeignet, das entschiedenste Mißfallen derselben hcrvorzurusen. „Verdammt auch, Dick," rief Sir Gervaise, indem er den letzten Brief des Packeis mit allen Anzeigen des höchsten Unwillens von sich warf, „da nehme Einer St. Paul oder selbst Wyche- combe's verstorbenen Bruder, St. James, den Zweiten, und bringe ihn an den Hof - in einer Woche wird er ihn als einen Vollendeten Schuft von dort zurück kommen sehen." L 1ä2 „Nun, das ist eben nicht die gewöhnliche Meinung über die Erziehung an Höfen," gab sein Freund ruhig zur Antwort; „die meisten Leute glauben, daß ein solcher Ort wenigstens die Sitten, wenn auch nicht gerade das Herz, veredle." „Pah, pah, — wir Beide haben doch wohl kein Wörterbuch nöthig, um uns einander verständlich zu machen. Einem Mann, der nie einem edlen Motive seinen Glauben schenkt — der fortwährende Bestechungen und Schmeicheleien für nöthig hält — der keinen Begriff davon hat, daß man irgend Etwas auch ohne sein Mid i>ro «i»o zu leisten bereit sein kann — einen solchen Mann nenne ich einen elenden Schurken, wenn er schon, wie hier der Fall ist, die graziöse Miene und das gebietende Acußcre eines Philipp Stanhope oder eines Chesterfield an sich trägt. Was meinst dn wohl, daß jene sauberen Herren im Admiralitätsamte noch Alles Vorbringen werden, um sich in diesen gesegneten Zeitumständen meiner Loyalität zu versichern?" „Ohne Zweifel werden sic dich noch zum Peer erheben. Ich sehe auch gar nichts so Befremdendes in der Sache. Du stammst von einer der ältesten Familien in ganz England, bist der sechste erbliche Baronet deiner Familie und besitzest schöne Landgüter, die durch die gewonnenen Priscngeldcr nicht eben im Wcrthc heruntergekommen sind. Sir Gervaise Oakes von Bowldero würde sich trefflich zum Lord Bowldero eignen." „Wäre cs nur das — darum würde ich mich nicht sonderlich viel kümmern, denn nichts ist leichter, als die Pcerswürde auszuschlagen. Ich habe es bereits zweimal gethan, und könnte es im Nothfalle auch zum dritten Male versuchen. Aber eine Beförderung in seiner eigentlichen Stellung kann man nicht wohl zurückwcisen, und hier gerade sind diese Höflinge, statt wie wahre Ehrenmänner den Grundsätzen eines Offiziers zu vertrauen, bei ihrem eigenen bösen Gewissen aus das Auskuuftsmittel verfallen, dem Gervaise Oakes die Admiralsstelle von der blauen Flagge als beschwichtigenden 143 Brocken vorzuwerfen! — und das mir, der ich erst vor sechs Monaten zum Viceadmiral der rothcn Flagge ernannt wurde, und mit erlaubtem Stolze mich rühmen darf, meine sämmtlichcn Stellen von der niedersten bis zur höchsten in der Schlacht mir redlich erkämpft zu haben!" „Vielleicht halten sie'S in gegenwärtiger Zeit, wo ein so lauter Aufruf an unsere angeborne Loyalität ergeht, für einen weit kitzlichercn Dienst, wenn ein Gentleman dem regierenden Hause treu bleibt; und stellen dcßhalb diese Selbstüberwindung mit einem zur See erfochtenen Siege in Eine Reihe!" „NiedrigeHöslingsscelen sind sie, sammt und sonders! und sehr gerne möchte ich einmal Gelegenheit finden, ihnen Allen tüchtig meine Meinung zu sagen. Ich will die neue Stelle nicht annch- mcn, denn Jedermann muß ja sehen, Dick, daß cs nur so ein hingeworscner Brocken ist." „Sinn sieh, das ist eben auch meine Meinung mit dem rothen Band; du magst jenes, ich will dieses nicht annehmen. Du hast das Band schon seit zehn Jahren, hast die Pcerswürde bereits znm zweiten Male abgelehnt, so bleibt ihnen also nichts übrig, als dich in deinem Amte zu befördern. Uebrigcns sollst du und mußt cs eigentlich annehmen, denn dadurch bekommst du ein Mittel an die Hand, etliche vier oder fünf arme Teufel, die seit ihrer Ernennung znm Kapitän immer aus diese Weise fortgckcilt worden sind, wieder einmal zu einem Avancement zu bringen. Ich bin nur froh, daß sie nicht von meiner Beförderung sprechen, denn ich wüßte wahrlich kaum, wie ich eine solche Gnade ausschla- gen sollte. Das Pergament steht doch bei uns Militärs in gar zu großem Ansehen. „ „Ja, aber dann muß cs auch ehrlich verdient sein. Ich glaube übrigens dennoch, Blnewater, daß du in deinem Falle unrecht hast, wenn du dich weigerst, das Band anzunehmcn, das dir ans hundert Gründen mit der vollsten Gerechtigkeit zukommt. Es 144 ist kein Mann in unserem Dienst, der für das, was er gethan hat, weniger als dn belohnt worden wäre." „Es thnt mir leid, diese Ansicht bei dir zu vernehmen, denn gerade in diesem Augenblick glaube ich am wenigsten Grund zu haben, mich über die regierende Familie und die Minister dcßhalb zu beklagen. Ich trat ja auch als blutjunger Mensch in den Dienst, und seitdem wurde wenigstens keiner meiner Altersgenossen mir vorgezogen." Der Viccadmiral blickte seinem Freunde scharf in'S Gesicht, denn nie zuvor hatte er eine ähnliche Stimmung bei ihm getroffen, welche, wie er sich dachte, so sehr seinen festen Entschluß vcrricth, den Dienst des jetzt regierenden Herrn zu verlassen — wie eben jetzt. Von Kindheit an mit allen Scclcnzuständen seines Freundes bekannt, erschaute er mit raschem Blick, daß dieser, eben als er selbst mit seiner eigenen Acußcrung hervorbrach, wie nämlich kein Offizier für seine kriegerischen Verdienste mit weniger Freigebigkeit als der Contrcadmiral belohnt worden sei — in demselben Augenblicke sich zu überreden gesucht hatte, der von ihm beabsichtigten Handlung, welche rein nur aus seiner aufopfernden, ritterlichen Gesinnung hcrvorging, könne keinerlei selbstsüchtiger, unwürdiger Beweggrund unterstellt werden. Dem ächten Egoisten wird nichts schwerer, als einen Mann von wahrhaft uneigennütziger Gesinnung zu begreifen, während Leute, die für edle Eindrücke empfänglich und bereit sind — die sich nur durch solche leiten lassen, einander mit instinktartigcr Leichtigkeit verstehen. Wenn ein Einzelner dem Glauben sich hingibt, daß in der Welt das gute Element vor dem schlimmen vorherrsche, so ist Ließ ein Zeichen von Uncrfahrcnhcit oder Geistesschwäche*); wenn Einer aber immer so handelt und denkt, als ob alle Tugend und Ehre von der Erde verschwunden wäre, so liefert er selbst den besten Beweis gegen seine eigenen Absichten und seine» Charakter. ')?! D. n. ' Es wurde schon oft die Bemerkung gemacht, daß zwischen Personen von verschiedenartigen persönlichen Eigenschaften eine engere Freundschaft zu Stande kommt, als zwischen Solchen, wo völlige Achnlichkcit in Gefühlen und Ansichten das Interesse weit weniger lebendig zu erhalten vermag; wo aber immer ein inniges Freun- desvcrhältniß bestehen soll, da muß in Allem, was mit den Motiven deS Handels znsammcnhängt, eine große Uebercinstimmnng in Grundsätzen und Meinungen vorhanden sein, wenn bei Denen, deren Glaubcnsbckcnntniß über den gewöhnlichen Weltansichten steht, die verbindende Achtung und da, wo die Ausbildung des Charakters noch ans einer tieferen Stuft sich befindet, wenigstens Sympathie bei beiden Theilcn hervorgernftn werden soll. Ersteres war bei Admiral Oakes und Blncwatcr der Fall. Physisch und in gewisser Hinsicht auch geistig betrachtet, konnten nicht leicht zwei Menschen in Temperament und Charakter einander unähnlicher sein als sic; so wie man aber ans Grundsätze und all' die Ansichten und Gefühle, die sich auf Grundsätze beziehen, Rücksicht nahm, bestand die innigste und zwar nicht nur angeborne, sondern erworbene Geistesverwandtschaft zwischen Beiden. Diese Einheit in ihren Gesinnungen wurde noch vermehrt durch ihre gemeinschaftlichen Gewohnheiten, so wie durch die Gleichheit einer Laufbahn, welche Beide so lange und so innig mit einander verbunden hatte, daß eine beinahe durchgängige Identität zwischen ihnen hcrgestellt worden war. So wurde Sir Gcrvaise OakcS nichts leichter, als Admiral Blnewatcrs innerste Motive zu verstehen, wenn dieser versucht war, sich dem Glauben hinzugcbcn, daß er von der bestehenden Regierung nur nach Verdienst behandelt worden sei. Natürlich bedurfte Sir Gervaise, während er diese Ideen an seinem Geiste vorüber- gehcn ließ, zu seinem Räsonnement weit weniger Zeit, als wir zu deren Erklärung nöthig haben; er schaute also, wie schon berichtet, seinem Freunde einige Sekunden lang aufmerksam in's Gesicht, und Die beiden Admirale. 10 1L6 begann dann nicht ohne die wohl bemerkliche Absicht (was ihm vielleicht selbst nicht auffallen mochte) die jakobitische Vorliebe seines Freundes zu dämpfen — seine Erwiederung folgendermaßen: „ Es thut mir leid, Dick, daß ich nicht in deine Ansicht cin- stimmcn kann," begann er etwas hitzig. „Weit entfernt, die Behandlung , wie dn sie seit zwanzig Jahren von dem Ministerium erfahren, eine gute zu nennen, halte ich vielmehr dafür, daß dir von jeher gar übel mitgespielt wurde. Zu deinem Rang bist du ohne alle Frage mehr als berechtigt, denn in einem wohlgeregelteu Dienst kann ein braver Offizier ohnehin nie desselben beraubt werden. Aber sag' mir einmal — hast du auch jemals ein O ber- kommando geführt, wie es dir mit Recht zugckommen wäre; — Ich war schon als Contreadmiral der blauen Flagge kommandireu- der Chef einer Flotte und dann, wie lange führte ich die breite Wimpel, noch ehe ich überhaupt die Admiralsflagge bekam?" „Du vergißst, wie oft ich mit dir ausgezogcu bin. Wenn zwei Admirale neben einander dienen, muß immer der eine kommaudiren und der andere gehorchen. Ich meines Theils beklage mich keineswegs über die hannoverschen Minister und unsere ersten Lords von der Admiralität — glaube vielmehr, daß sie von jeher die Falschheit der neueren Throuausprüche im Auge gehabt und brave Männer durch Gunstbezeigungen sich zu erkaufen gestrebt haben." „Dick Bluewater, dn bist doch der sonderbarste Mensch, mit deni ich je in meinem Leben zusammengetroffcn bin. Ich will verdammt sein, wenn ich glaube, daß du cs jedesmal auch nur weißt, wenn du übel behandelt wurdest. Wir haben die Männer dutzendweise in unscrm Dienst, welche abgesonderte Kommando's geführt haben, und nicht halb so gut, wie du, dazu berechtigt waren." „Komm, komm, Oakes, für zwei alte Knaben in den Fünfzigen heißt das doch wahrlich — sich kindisch geberden. Du weißt recht gut, daß mir eine eben so treffliche Flotte, wie deine eigene ange- boten, ja daß mir sogar die Wahl eines jüngern Kommandanten 147 aus der ganzen Liste der hinter mir stehenden Flaggenofsiziere frei gestellt wurde — und so wollen wir nicht weiter von der Sache reden. Was übrigens das rothe Band betrifft, das mag meinethalben bleiben, wo es will." Sir Gcrvaise war eben im Begriff, in seiner früheren Weise zu antworten, als ein Klopfen an der Thüre einen abermaligen Besuch ankündigte. Diesmal war cs Galleygo, der sich unter der geöffneten Thüre zeigte; er war nämlich ebenfalls vonSirWycherly nach dem Schlöffe cingeladen worden, denn dieser ging'in seiner Gastfreundschaft so weit, daß er Alles, was zu Sir Gervaise's unmittelbarem Gefolge gehörte, in die demselben gewährte Bcwirthung bereitwillig einschloß. „Was zum Teufel hat denn dich hierher gebracht?" rief der Viceadmiral etwas heftig, denn die Unterbrechung kam ihm gerade in diesem Augenblick höchst ungelegen. Du bist bekanntlich hier nicht am Bord des Plantagenet — was hast du in der Wohnung eines Edelmanns zu schaffen, wo Mundschenken und Haushälterinnen genug vorhanden find, und cs also weder deines Raths noch deiner Befehle bedarf, um die Sachen in Ordnung zu halten?" „Nun, seht einmal, Sir Gcrvaise, da kann ich auch nicht ein Bischen mit Euch übereinstimmen, denn ich meine, ein Hofmeister auf einem Kriegsschiff — das heißt nämlich ein Kajütenhofmeister und das erst noch ein guter — ist ganz dazu gemacht, gerade in diesem Hause mannigfache Verbesserungen cinzuführcn. Ich habe bereits mit der Köchin eine Unterredung über allerlei Gegenstände gehabt; dabei wußte ich ihr die Namen von sieben verschiedenen Gerichten aufzuzählcn, und sie hat so gut wie eingcstanden, daß sie ihr sammt und sonders wie lauter böhmische Dörfer verkämen." „Mir scheint, Bluewater, ich werde den Burschen in den langen Pieck *) stecken und ihm dort Quarantäne auferlegen müssen. Ich ') Pieck ist der hinterste Lheil im Schiffsraum, Ivo die Arrestanten untergebracht werden. D. U. 10 * 1/^8 glaube, wenn ich ihn in den Lambeth-Palaft oder am Ende nach St. Jameö Mitnahme, er würde selbst den Erzbischof in seinem SegenSspruchc unterbrechen oder seine Nase gar noch in der Königin Suppenschüssel hincinsteckcn." „Nun, Sir Gervaise, was könnt' cs denn viel schaden, wenn ich's auch thäte. Wer einmal weiß, wozu er seine Nase hat, warum sollte er sie nicht auch in einer Kirche oder Abtei gebrauchen? Wenn Euer Gnaden erst noch hören würden, was das für Gerichte waren, von denen Sir Wycherly's Köchin noch niemals gehört hatte — Ihr würdet cs für ein eben so großes Wunder anschen, wie ich selbst. Wenn ich sie nur einmal nennen dürfte! — ich glaube die beiden Herren würden die Sache höchst bcmcrkenswcrth finden? „Nun, welche waren's denn, Gallcygo?" fragte Blncwatcr und legte eines seiner langen Beine über den nebenstehenden Armstnhl, um mit desto größerer Bequemlichkeit der endlosen Geschichte seines Freundes, des Hofmeisters, zuznhörcn. Er fand nämlich hohes Ergötzen an Gallcygo's Sonderbarkeiten, da er nur gerade so viel von dem Burschen zu sehen bekam, um seine Splisse unterhaltend und nicht am Ende langweilig zu finden. „Ich will an Sir Gervaise's Statt antworten, denn der ist noch immer etwas ungläubig, so oft man ein Schiff großartiger und schöner als ein Hans finden will." „Ja, Euer Gnaden, das ist er wahrlich — cs ist nun einmal eine vor Sir Jarvy'S *) schwachen Seiten, wie man's nennen könnte. Nein, nein, ich meines Theils gehe nie an's Land, ohne Jedermann, mit dem ich zusammengerathe, die Klüsen tüchtig auszufcgen und querüber zu lufcn; das ist dann ebensoviel, als wenn ich ihnen sagte: ich gehöre zu einem Flaggenschiff, einem Schnellscgler, der auf dem Salzwasser nirgends seines Gleichen hat; damit will ich übrigens der Flagge am Kreuzbramstangenkops des Cäsar oder auch dem Schiffe, das sie trägt, keineswegs etwas Ungehöriges nachsagen. ') So lautet nämlich „Gervaise" im schottischen Dialekt. D. U Ich hoffe, Admiral Bluewater, da wir so gut mit einander bekannt sind, werdet Ihr mir dicß nicht übel nehmen." „Wo keine Beleidigung beabsichtigt wird, kann ich auch nichts übel nehmen, mein Freund. Jetzt laß uns aber einmal deinen Speisezettel Horen." „Nun, Sir, das erste Gericht, das ich mit Mrs. Larder, Sir Wycherlffs Köchin, verhandelte, war ein LobsconS*); und — die Herren werden mirs kaum glauben — die arme Frau hatte noch nie davon gehört. Ich wollte mein Examen erst noch recht leicht einrichten, um sie, so zu sagen, durch meine Gelehrsamkeit nicht ans den ersten Schlag niederzuschmettcrn, gerade wie Sir Jarvy die französische Fregatte blos mit der ober» Kanonenreihe überwältigte, um das arme Ding lebendig in die Hand zu kriegen." „Und die Köchin wußte nichts von einem LobsconS, auch nicht von seiner Essenz oder sonstigen Beschaffenheit?" „Ei was, Admiral Bluewater, in einen LobsconS kommen keine andere Essenzen als Kartoffeln; so machen wir's auf dem alten Planier — inmtiov heißt das,Plantagcnct^ — dabei darf der Ligucur nicht vergessen werden, und da könnt Ihr leicht denken, daß wir nur ächten Jamaika nehmen. Nein, nein, die Kartoffel — das ist die wahre Essenz für einen LobsconS, und es ist erst noch ein gutes Ding um eine Kartoffel, Sir Jarvy, besonders wenn die Herren bei mchrmonatlicher Seefahrt ans gesalzenes Pöckclfleisch beschränkt waren." „Nun, Galleygo, was war denn nun das nächste Gericht, womit du die gute Frau in Verlegenheit brachtest?" fragte der Contrcadmiral, welcher seinen Freund daran verhindern wollte, daß er den Koch aus dem Zimmer gehen hieße, da er dessen Anwesenheit aus dem Grunde wünschte, um jeder ferneren politischen Dis- cussion überhoben zu sein. Ein Gericht aus Pöckclflcisch, Kartoffel» und Zwiebeln, daS aus Schiffen eigenthümlich zubcreitct wird. D. N. 150 „Ja denkt nur, Sir, sie wußte ebensowenig, was ein Ehow- der *) ist — als ob sie nicht die See in ihrer Nachbarschaft hätte, und in ganz England kein solches Ding, wie ein Fisch, auszutreiben wäre. Als ich von meinem Chowder zu sprechen anfiug, da gab sie weich, wie ein Spanier bei der vierten oder fünften Lage." „Eine solche Unwissenheit ist doch wahrlich schmachvoll und der beste Beweis, daß die Civilisation im Rückschritte begriffen ist! Aber du wirst doch deine Gelehrsamkeit zum Nutzen der armen Frau noch höher aufgehißt haben, Galleygo — in kleinen Dosen beigebracht, nützt die Wissenschaft nur wenig." „Ja, ja, Euer Gnaden, gerade wie schwacher Grog die Zündung aufbrcunt, ohne daß die Kanone losgeht. In der That, ich machte cs auch so, Admiral Blue. Ich nannte ihr auch noch Burgoo und Duff (uiibliLö — Schiffsteig) —sie aber behauptete geradezu, so etwas stehe gar nicht im Kochbuch. Wißt Ihr auch, Sir Jarvy, daß diese Landratten gerade so zu ihrem Essen kommen, wie unser Quartiermeistcr zu der Sonne — Alles wird gleichsam aus Büchern zusammcnstudirt. — Schreckliche Neuigkeiten nebenbei, ihr Herren, von dem Sohne des Prätendenten; ich glaube fast, wir werden mit der Flotte nach Schottland hinaus müssen, denn ich denke mir wohl, daß diese Landratten doch zu nicht viel gut sein werden, Gesetz und Recht zu schützen." „Und hast du uns etwa deßhalb mit deinem Besuche beehrt, um uns eine Vorlesung über Kochkunst zu halten und uns deine Plaue in Betreff der Flotte prciszugebcn?" fragte Sir Gervaisc, dießmal etwas ernsthafter, als er sonst mit seinem Hofmeister zu sprechen gewohnt war. „Der Herr segne Euch, Sir Jarvy; ich dachte an das Eine so wenig, wie an das Andere! Ich sollte Euch oder Admiral Blue ') Ein Gericht von Seefischen, aus Secnmnnsweise gekocht. D, U, 151 (so nannten die Seeleute den zweiten im Rang) von Lobscous und Chowder oder solchen Dingen versprechen? — das hieße ich gerade soviel, als wenn ich Kohlen nach Ncwkastle führen wollte. Hab' ich euch doch Beide mit all' diesen Gerichten gefüttert, als ihr weiter nichts als ganz junge Herrchen wäret, und auch noch später, als ihr keine kleine Hcrrlein mehr, sondern ein Paar stattliche Rangen von neunzehn geworden wäret. Und was das Manövriren der Flotte betrifft, so weiß ich recht wohl, daß es damit doch nichts ist, wenn wir uns nicht vorher in der Kajüte des alten Plantcrs darüber besprochen haben. Dort ist allerdings auch ein weit geeigneterer Ort, um über solche Dinge zu reden, als hier oder in jedem Hause in England." „Darf ich mir also die Freiheit nehmen, zu fragen, was dich eigentlich hierher gebracht hat?" „O ja, von Herzen gern, Sir Jarvy, das dürft Ihr gewiß, denn ich liebe cs sehr, auf Eure Fragen zu antworten. Mein Gang gilt übrigens diesmal nicht Euer Gnaden, obwohl Ihr eigentlich mein wahrer Herr seid. Doch will's im Ganzen nicht sonderlich viel heißen, denn ich habe Admiral Blue blos dieses Fetzchcn von einem Briefchen einzuhändigcn." „Und woher kam dieser Brief und wie geriet!) er in deine Hände?" fragte Bluewater und besah sich die Handschrift der Adresse, deren Züge er zu erkennen schien. „Er kommt von Lun'nun, wie ich höre, und man sagt mir, es müsse sehr geheim gehalten werden, daß es überhaupt in Eure Hände gelange. — Die Sache ist kurz folgende. Heute Nacht langte ein Offizier mit Befehlen für uns an, und hatte dabei seine Segel so straff gespannt, als seine Stenge Deichsel) nur immer ertragen wollte. Es scheint, er stieß, als er an's Land stieg, auf Mr. Atwood, den er von früher kannte, so daß er seine Befehle nur aus der Tasche nehmen und an den rechten Mann übergeben durste. Dann nahm er seinen Kurs nach dem Landungsplätze, da 152 cr an Bord des Dnplin, wohin er beordert ist, zn gelangen wünschte; auf dem Platze aber stieß cr aus unsere Barke, in der ich eben landete, und da wünschte cr denn zu wissen, wo Admiral Blnewater zu treffen sei — er glaubte nämlich, cr befinde sich auf der Flotte. Einer von den Leuten sagte ihm, daß ich so zu sagen der Freund und Diener der beiden Admirale sei, und da wandte er sich denn an mich und fragte mich nur meinen Rath. So versprach ich ihm, ungesäumt den Brief zu überliefern, da ich schon tausende zuvor überliefert hatte, und recht wohl wußte, wie man das angrcifen müsse — und cr gibt mir den Brief mit dem besonderen Befehl, das heißt — er sollte dem Contreadmiral unter der Leeseite des Krcuzbramscgels, nämlich — privatim übergeben werden. Nun seht, ihr Herren, ihr Beide wißt, daß ich mich darauf verstehe, und so übernahm ich denn das Acmtchcn." „Und ich hin für dich eine so unbedeutende Person geworden, Meister Gallcpgo, daß ich vor deinem klug unterscheidenden Verstände für gar Niemand gelte!" rief der Viceadmiral spitzig. „Ich habe mir doch schon seit sünsnndzwanzig Jahren etwas der Art gedacht." „Der Herr sei mit Euch, Sir Jarvy — was doch Flaggenoffiziere sich manchmal täuschen können! Auch sie sind sterblich — so pflege ich oft den Leuten in der Kombüse *) zu sagen — und haben öfter einen unrichtigen Appetit, gerade wie unsere jungen Herren, wenn sie Jemand quer über die Klüsen kommen, sag' ich. Nun zähle ich aber Admiral Blucwater und Euch selbst so ziemlich nur als einen Mann, da ich sehe, daß ihr nur wenig oder gar keine Geheimnisse vor einander habt. Ich kannte euch noch als junge Herren, und damals liebtet ihr euch wie Zwillingsbrüder; dann kannte ich euch, als ihr erwachsen wäret und die ganze Nachtwache hindurch mit einander ans dem Verdeck auf und abginget und euch ellenlange Geschichten erzähltet, und endlich kannte ich ') Schiffsküche. D. U. 153 euch als ?illni eloos und ^rrosloc; *), obwohl ein Kiffen für Beide hiugereicht hätte, und was vollends den Arrest betrifft, so habe ich nie gehört, daß Einer von euch in eine solche Schlamaffe gcrathen wäre. So habe ich's also, wenn ich dem Einen ein Geheiinniß sagte, so ziemlich für's Nämliche gehalten, als ob ich's auch dem Andern gesagt hätte." Die beiden Admirale sahen sich an: Jeder begegnete in dem Auge des Andern einem Ausdrucke der innigsten Seelenfreundschast, der auch alsbald jeden Schatten von Mißvergnügen entfernte, welchen ihr früheres Gespräch ans ihrer Stirne hervorgcrufen hatte. „Nun, so will ich mir's gefallen lassen, Gallcvgo," erwicdertc Sir Gervaisc mit mildem Tone. „Du bist, wenn auch zuweilen ein verdammt rauher Geselle, im Ganzen doch ein guter Bursche." „Ich habe so Etwas vom alten Boreus, Sir Jarvy," bemerkte der Hofmeister mit grimmigem Lächeln; aber aus der See bläst's auch schärfer als hier am User. Diese Lassen da am Land herum sind nicht gegen solche Stürme heransgefüttcrt und gckalsatert, wie wir Söhne des Neptun sie so oft anszustchcn haben." „Ganz richtig bemerkt und somit gute Nacht! Admiral Bluc- water und ich wünschen noch ein halbes Stündchen mit einander zu verplaudern. Was du etwa sonst noch zu wissen brauchst, kann dir ein ander Mal mitgcthcilt werden." „Gute Nacht! und Gott segne Euer Gnaden! Gute Nacht, Admiral Blue! Wir Drei sind ganz die Männer dazu, um jedes Geheiinniß, das nur je dahcrscgeltc, treu zu bewahren, und sollte cs auch Wasser ziehen, so viel cs immer möchte." Sir Gervaisc hielt in seinem Spaziergänge innc und schaute mit offenbarer Neugier nach seinem Freunde, denn er bemerkte, *) Hier macht Galleygo zwei köstliche gi" pro guo's. Unter seinem kManlees und .Vrrestee meint er nämlich ?v!av -- ,Kisten' — das letztere ader mit — ,Arrest' verwandt. D. N. 154 daß dieser den erhaltenen Brief schon zum dritten Male überlas. Da er jetzt ohne Zeugen war, so zögerte er nicht, seine Besorgniß laut werden zu lassen. „Es ist, wie ich fürchtete, Dick!" rief er. „Der Brief kommt von irgend einem vornehmen Anhänger dieses Eduard Stuart?" Der Contreadmiral richtete seine Augen mit schwer verständlichem Ausdruck auf seines Freundes Gesicht und durchlas dann den Inhalt der Epistel zum vierten Mal. „Eine kostbare Bande Schurken sind sic doch, Gcrvaise!" rief der Contreadmiral endlich. „Wollte man auch den ganzen Hof durchmustern, so möchte ich erst noch fragen, ob man nur so viele Ehrlichkeit vorfindcn würde, um einen einzigen puritanischen Schuft damit durchzusäucrn. Sag' mir einmal, Oakcs — kennst du diese Hand? Ich frage dich, hast du sie je zuvor gesehen?" Mit diesen Worten bot er Sir Gervaise die Aufschrift des Briefes hin, und dieser erklärte nach genauer Untersuchung, daß ihm die Handschrift gänzlich unbekannt sei. „Dacht' ich mir's doch," fuhr Bluewatcr fort, und trennte sorgfältig Siegel und Unterschrift von dem Rande des Schreibens, um sie alsbald au dem Lichte zu verbrennen. „Lassen wir wenigstens diesen schmählichen Theil des Geheimnisses für immer begraben sein. Der Bursche, der's geschrieben, hat das Wort,vertraulich^ an die Spitze seines erbärmlichen Gekritzels gesetzt — und wahrlich, ein ächter Schurke ist er, nach der Mühe, die er sich gegeben hat. Doch hat Niemand ein Recht, sich aus diese plumpe Manier zwischen mir und meinem ältesten Freunde einzudrängcn, und am allerwenigsten bin ich gesonnen, dieses verrätherische Stückchen dir vorzuenthalten. Indem ich seinen Namen verbrenne, thue ich mehr, als der Schurke eigentlich verdient; nichtsdestoweniger aber will ich mir das Vergnügen nicht versagen, ihm eine Antwort zuzusenden, wie er sie nicht besser verdient hat. So lies denn, 155 Oakes, und sage mir alsdann, ob Kielholen für den Schreiber nicht noch zu gut wäre." Sir Gervaisc nahm den Brief schweigend, doch nicht ohne große Ueberraschung aus der Hand seines Freundes und begann ihn durchzulesen. Je weiter er kam, desto höher stieg ihm das Blut in die Schläfe; einmal senkte er sogar die Hand und warf einen Blick voll Verwunderung und Unwillen auf seinen Gefährten. Damit der Leser sehen möge, wie sehr er zu beiderlei Gefühlen Veranlassung hatte, wollen wir ihm das Schreiben vollständig mit- theilcn. Dasselbe lautete wörtlich also: „Theurer Admiral Bluewater! „Unser altes Freuudschastsverhältniß, so wie eine Blutsverwandschaft, worauf ich stolz zu sein alle Ursache habe, bestimmen mich gleichermaßen, in diesem hochwichtigen Augenblicke Vorliegendes an Euch zu richten. lieber den Ausgang, welchen der übereilte Versuch des Prätendentensohnes nehmen wird, kann wohl kein vernünftiger Mann einen Augenblick im Zweifel sein. Doch wird uns der Knabe noch mannigfach zu schaffen machen, bis wir uns seiner endlich entledigt haben werden. Deßhalb schauen wir uns bei allen unfern Freunden nach ihrem wirksamsten Beistände und ihrem gemeinschaftlichen wohlüberlegten Zusammenwirken um. Auf Eu ch beruht unser vollestes Vertrauen: könnte ich doch von jedem Flaggenofsizier unserer Flotte das Nämliche behaupten! In einer sehr hoher Region herrscht einiges Mißtrauen — ich hoffe von ganzem Herzen, daß es unverdient sein möge — gegen die Loyalität eines gewissen kommandirenden Chefs, der Eurer Beobachtung so vollkommen bloß gegeben ist, daß ein Wink über dieses Faktum einem Manne von Eurem politischen Scharfsinn vollkommen genügen wird. Der König sagte heute Morgen: ,Wohl, da ischt ja Bluewater: seiner sind wir so sicher wie där Sonne/ Ihr seid zu meiner großen Freude höchsten Orts ausgezeichnet gut 156 angeschrieben, nnd ich brauche somit blos zu sagen: seid wachsam und schnell. „Mit der aufrichtigsten Treue und Ergebenheit, mein theurcr Bluewatcr der Eurige re. re. „An Contreadmiral Bluewatcr." „P. S. — So eben höre ich, daß man Euch das rothe Band zugeschickt hat. Dahinter steckt der König selber." Nachdem Sir Verwaise diese kostbare Epistel zu Ende gelesen hatte, begann er den Brief langsam, aber mit fester, sicherer Stimme laut vorzuleseu. Als er geendet hatte, faltete er das Papier wieder zusammen und schaute seinem Freunde schweigend iu's Gesicht. „Fast konnte man hinter dem Burschen einen feinen Satprikcr vcrmuthen," begann Bluewatcr lachend. „Ich soll wachsam sein, und darauf sehen, daß du keine Meuterei anfäugst und an einem dieser nebeligen Morgen mit deiner Flotte nach den Hochlanden davon fliegst! Ja, ja, daß du sie nicht nach Schottland hinaufführest, wie schon Galleygo meinte! Nun, sag'mir einmal deine Meinung über diesen Brief!" „O, die ist kurz beisammen — alle Höflinge sind Buben und alle Fürsten undankbar. Das hätte ich am allerwenigsten erwartet, daß meine Anhänglichkeit, wenn auch nicht an die Pcrson, doch wenigstens an die gute Sache von England jemals verdächtigt werden könnte." „Dieß ist auch nicht im Mindesten der Fall. Mein Leben will ich wetten, weder der regierende Monarch noch seine vertrauten Diener sind solche heillose Wichte, daß sie sich einer derartigen Schwäche schuldig machen könnten. Nein, nein, dieser Meisterstrcich ist einzig und allein ans mich berechnet, denn durch ein Vertrauen, das, wie sic glauben, ein edelgesinnter Mann niemals vcrrathen kann, wollen sic sich meiner noch besser versichern. Dieß ist ein 157 Netz, um einen Gründling darin zu fangen, nicht aber, um sich damit eines Walisisches zu versichern." „Können die Schurken so niederträchtig sein — ja, dürfen sie sich solcher Keckheit unterfangen! Sic mußten doch wissen, daß du mir den Brief vorzeigcn würdest." „Sie? — o nein! Sie haben sich meine Handlungsweise so gedacht, wie etwa die ihrige sein würde. Mit nichts fängt man einen schwachen Menschen leichter, als mit einer vorgeblich vertraulichen Eröffnung dieser Art. Der Schandbnbe stellt mich gerade noch hoch genug, daß er sich denkt, ich werde mich ans so plumpe Art an der Nase herumführcn lassen. Beruhige dich, Freund; König Georg weiß, daß er aus d i ch vertrauen darf, wogegen ich glauben muß, daß ich bereits verdächtig bin." „Ich hoffe, Dick, du wirst meiner Verschwiegenheit nicht mißtrauen! Mein eigenes Geheimnis wäre mir nicht halb so heilig als das deine." „O, das weiß ich vollkommen wohl. Dir kann ich keinen Augenblick mißtrauen — nein, nein — weder deinem Kops noch deinem Herzen dürfte ich solches Unrecht thun! — meiner selbst aber bin ich nicht eben so sicher. Wo unsere Gefühle mit hereingezogen werden, da ist auch unser Rechtthun gefährdet, und bei der Sache ist ebensoviel Gefühl, als sonst etwas anderes mit im Spiele." „In allen meinen Depeschen ist auch nicht eine Zeile, die irgend ein Mißtrauen von meiner oder irgend einer andern Seite vcrrathen könnte. Es ist darin allerdings von dir die Rede, aber auf eine Weise, die dich eher erfreuen als beunruhigen würde. Nimm sie, lies sie alle; ich hatte nur schon längst vorgenommcn, sie dir sämmtlich vorzuzeigen, sobald wir mit dieser verdammten Dis- cussion zu Ende gekommen wären." Mit diesen Worten warf Sir Gcrvaise das ganze Packet mit Briefen auf den Tisch, an welchen sein Freund sich lehnte. 158 „Dazu ist'sZeit, wenn du mich zu einem regelmäßigen Kriegs- rathe berufen läßst," erwiederte Blnewater und legte die Briefe höflich bei Seite. „Vielleicht thäten wir besser, die Sache zu be- schlafen; morgen früh sehen wir uns wieder mit kühlerem Kopfe und eben so warmem Herzen." „Gute Nacht, Dick," sprach Sir Gervaise, und streckte dem Freunde, während er sich nach der Thüre wandte und an ihm vor- überging, beide Hände entgegen, die jener auch mit längstgewohnter Herzlichkeit schüttelte. „Gute Nacht, Gervaise; wirs den erbärmlichen Wicht über Bord und denke nicht mehr an ihn. Ich habe nicht übel Lust, dich morgen um Urlaub zu bitten, um selbst nach London zu eilen und ihm die Ohren gehörig zu stutzen." Sir Gervaise lachte und nickte mit dem Kopf; beide Freunde aber trennten sich mit einer Herzlichkeit, wie sie von jeher ihre denkwürdige Laufbahn ausgezeichnet hatte. Achtes Kapitel. Seht zu, bedenkt! ich pflege nicht zu spaßen. Der Donnerstag ist nah': die Hand aus'S Herz! Und bist du mein, so soll mein Freund dich habe»! Wo nichts geh' — bettle — hung're — stirb am Wege! Romeo und tiulie. (Mbers. p. A. W. Schlegel.) ^ychecombe-Hall zeigte in seinem Inneren viele von den Eigenthümlichkeiten einer Junggesellenwohnuug und war, was Moden, Gebräuche und Lustbarkeiten betraf, in keiner Beziehung hinter seiner Zeit zurückgeblieben, oder besser gesagt, eher von früherem Datum als je. Sobald der Gutsherr nur ein wenig sich dem Vergnügen überließ, waren die Diener sogleich bereit, ein- müthig dessen Beispiel nachzuahmcn. Sir Wycherly hielt stets reichliche Tafel, und den einzigen Artikel — Wein — ausgenom- 159 men, war der Bediententisch fast eben so wohl versehen wie die Herrentafel. Statt des Weins erfreute sich die Dienerschaft des unbeschränkten Genusses von doppeltgcbrautem Ale, und der Unterschied der beiderseitigen Getränke bestand mehr in dem Namen als in der Beschaffenheit derselben. Wie die meisten Engländer in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, so trank auch der Herr von Wyche- combc-Hall Portowein, und zwar nicht einmal von der feinsten Sorte, sondern von einer Qualität, die eben so rauh, ehrenfest und stark wie der Trinkende selbst war; die Dienerschaft dagegen genoß ein Malzgebräu, das in Stärke und Wohlgeschmack den höchsten Grad der Trefflichkeit erreicht hatte. Zwischen mittelmäßigem Wein und vorzüglichem Ale ist die Entfernung nicht eben unbegränzt — eine Wahrheit, wovon sich Sir Wycherly's Haushalt schon längst durch häufig angcstellte praktische Vergleichungen überzeugt hatte, so daß, Mrs. Larder und den einzigen Mundschenk ausgenommen, die ganze übrige Dienerschaft zu dem wohlweisen Entschlüsse gelangt war, lieber bei dem heimischen Gebräue stehen zu bleiben. Bei gegenwärtiger Veranlassung war auch nicht eine einzige Seele in dem ganzen Hanse mit dem Grunde unbekannt, der den Baronet bestimmte, die Nacht dnrchschwärmcn zu wollen. Sämmt- liche, männliche sowohl wie weibliche Einwohner in und um Wyche- combe waren, sogar bis auf die Kinder herab — treu ergebene Anhänger des hannoverschen Hauses, und sobald man nur erst wußte, daß diese ihre Gesinnung durch mannhaftes Zechen an den Tag gelegt werden sollte, so ertönten an allen Ecken und Enden die loyalen Trinksprüche: „Heil unserem König Georg, den Gott segnen möge!" und „Untergang dem Prätendenten und seinem tollen Sohne!" Alle Hausbewohner ohne Unterschied machten sich sofort mit einem Eifer an die Erfüllung ihrer Pflicht, der, wenn das Trinken allein ausrcichen würde, jedweden Usurpator aus den Thron hätte heben können. Als daher Admiral Bluewater das Zimmer seines Freundes 160 verließ, waren die Zeichen von Fröhlichkeit nnd einer im besten Gange befindlichen Schlemmerei in allen Theilen des HanseS so deutlich sichtbar, daß er keine geringe Neugierde in sich fühlte, das Resultat der Sache zu beobachten. Da er überdieß noch sehr wenig Lust hatte, so bald nach seinem Schiffe zurückzukehren, so entschloß er sich geradezu, in die unteren Gemächer hinabzngchen nnd sich eine genauere Kenntniß von der Beschaffenheit des Haushaltes zu verschaffen. Während er über die große Halle hinschritt, die nach dem Wohnzimmer führte, stieß er ans Gallcygo, mit dem sich alsbald folgendes Gespräch entspann. „Räch dünkt, der Exerziermeister hat seine Schuldigkeit nicht gcthan und die lärmenden Bursche nicht gehörig beohrfcigt, Herr Haushofmeister," begann der Eontreadmiral in seiner gewohnten ruhigen Weise; „da unten herrscht ja ein Lachen, Singen nnd Schlucken, das mir für einen ehrbaren Landsitz beinahe etwas zu uneingeschränkt scheint." Gallevgo berührte, bevor er antwortete, mit der einen Hand die Haarlocke aus seiner Stirn, während er mit der andern an seinen Schiffshosen zupfte. Als er aber endlich mit seiner Antwort herausrückte, zeigte sich seine Zunge etwas schwerer als gewöhnlich, was einzig daher kam, daß er sich nach der gewohnten Portion, die er vor seinem früheren Besuche auf Sir Gcrvaise's Wohnzimmer zu sich genommen, noch ein oder zwei weitere Züge erlaubt hatte, welche weitere Züge ungefähr eben dieselbe Wirkung hervorbrachtcn, wie sie ein einziger Waffcrtropfcn bei einem Becher, der bereits zum Ueberfließcn voll ist, hervorzurnsen pflegt. „Ja, das ist's gerade, Admiral Blue," antwortete der Hofmeister in der besten Laune, doch immer noch nüchtern genug, um den Anstand nach seiner Weise zu wahren; „das ist gerade die Sache, Euer Gnaden. Da unten gilt die Losung, die Lichter alle bis aus weiteren Beseht brennend zu halten und sämmtliche Dienerschaft der Fröhlichkeit zu überlassen. Solch' ein Ale, wie sie's in dem untern Kielraum 161 dieses Hauses in Tonnen, so groß, wie die in dem tiefsten Kanonen- ranm unserer Schiffe, ausgcpflanzt haben — das thnt Einem bis iws innerste Herz hinein wohl und hält Einen im Gleichgewicht. Alles ist im besten Zuge, Sir, die Klüver einznholen, und die alte Halle wird bald so viele Segel führen, als sie nur immer zu tragen vermag. Man hörte nichts mehr als,Laßt los^ und ,Eingcschotct ll" „Ei, ei, Galleygo, das mag wohl für die Dienerschaft des Hauses angehcn, wenn nämlich Sir Wychcrly so etwas erlaubt; für die Diener seiner Gäste aber will sich's nur sehr schlecht ziemen, daß sie an einer solchen Unordnung Theil nehmen. Sollte Tom sich ebenfalls vergessen haben, so wird er schon noch mehr von der Sache zn hören bekommen, und da dein eigener Herr nicht hier ist, um d i ch zu ermahnen, so muß ich mir schon die Freiheit nehmen, solches an seiner Statt zu thun; denn ich weiß, daß er sich schwer darüber ärgern würde, wenn er erführe, daß sein Hofmeister etwas gethan hätte, was ihm selbst Schande brächte." „Der Herr segne Euren edlen Geist, Admiral Blue, nehmt Euch nur immer so viele Freiheiten, als Ihr für passend haltet, und ich will Euch gewiß keine übel nehmen. Ich kannte Euch, als Ihr noch ein ganz junges Herrchen wäret, und jetzt seit Ihr ein Eontreadmiral geworden. Ihr seid uns auch immer dicht auf den Fersen, und wenn wir erst einmal wirklicher Admiral sind, werdet Ihr wohl so etwas wie ein Vice sein. Ich betrachte Euch immer als Ein Fleisch und Blut — Uillurcluos und Jrrvsleos — und ich beachte einen kleinen Verweis von Euer Gnaden ebensogut, als ob er von Sir Jarvy selber käme." „Ja, ja, Galleygo, das glaub' ich dir Alles; jetzt aber nimm auch meinen Rath, und verstopfe den Hahn an deinem Alefaß für heute Nacht. Kannst du mir vielleicht sagen, wie's mit der übrigen Gesellschaft aussieht?" „O, da hätten Euer Gnaden keinen Bessern als mich befragen können, denn ich bin so eben aus einer Art Gewohnheit, die ich Die beiden Admirale. 11 162 an mir habe, durch alle Zimmer gekommen. Ich dachte mir nämlich — müht Ihr wissen — ich sei auf dem alten Planier nnd müsse, wie gewöhnlich zum Schlüsse, noch nach allem Röthigen sehen. Der letzte Zug aus dem Alekrug hat mir diesen Gedanken in den Kopf gesetzt; jetzt aber ist Alles vorbei und ich sehe wohl, wie die Sachen stehen. Ja, Sir, das dürft Ihr glauben: der Hauptmast au einer Kirche ist nicht aufrechter und gerader als mein Verstand in diesem gesegneten Augenblick. Sir Wychcrly gab mir ein Glas von seinem Dunkelrothcn, als ich eben durch's Tafclzim- mcr rannte, und hiest mich aus den Untergang des Prätendenten trinken, was ich auch von ganzem Herzen that; aber ich finde doch, daß sein Porto sich ebensowenig mit dem Ale vertragen will, das ich unter der Kubbrücke *) untergebracht habe, als ein Franzmann mit einem Engländer auszukommcn vermag. — Was ist Eure Meinung, Admiral Blue, von diesem Krcnzzug, den der Sohn des Prätendenten nach den schottischen Hochlanden unternommen hat?" Blucwatcr warf einen raschen, mißtrauischen Blick auf denHof- meister, denn er wußte, daß sich der Bursche die halbe Zeit über in der Außcnkajüte und Speisekammer des Plantagcnet aushiclt, und konnte unmöglich wissen, wie viel er von den öfteren vertraulichen Unterredungen bei Sir Gcrvaise mit angehört haben konnte. Zum Glücke begegnete er übrigens bloß der ausdruckslosen ' Miene eines schon halb über der See Befindlichen! und so war' seine Unruhe sogleich wieder zerstreut. „Ich halte es für eine ritterliche Unternehmung, Gallcygo," gab er mit einer offenen Männlichkeit zur Antwort, die sich selbst hierzu keiner Verstellung entschließen konnte, „fürchte aber, wie jeder Kreuzzug wird sie nicht viel Priscngcldcr ciubringen. Du hast übrigens vergessen, mir zu sagen, wie's mit den Herrschaften drüben steht. Sir Wychcrly, Mr. Dutton, Mr. Rothcrham find ') Der Nimm, wo die Wein- und NumMer des Schiffes liegen. D. N. 163 wohl noch alle bei Tisch, wie ich denke -— sind dieß aber Alle? — Was ist ans den beiden jungen Herren geworden?" „Von denen zeigt sich keiner am Land, Sir," antwortete Gal- lchgo rasch; er war nämlich gewöhnt, nur die Seckadcttcn mit diesem Namen zu belegen. „Ich meine die beiden Mr. Wychecombe's; säst hätte ich's vergessen — der eine von ihnen ist ja auch Offizier." „Ja, Sir, und noch dazu ein stattlicher, trefflicher Offizier, wie Jedermann sagt. Nun, Sir,, Der ist bei den Damen; sein Namensvetter dagegen ist ins Tafclzimmer zurückgckchrt und hat einmal übcr's Andere tüchtig draus los gelufft, bis auch er ziemlich leewärts gerathen ist." „Und die Damen — was haben denn sic bei diesem lärmenden Gelage angcfangcn?" „Dort drüben find sie in jenem Staatszimmer, Euer Gnaden. Sobald sie fanden, auf welchen Punkt das Schiff lossteure, hielten sie als ächte Weiber sür's Beste, den ruhigsten Hafen, der zu finden wäre, auszusuchcn. Ja, ja, dort drüben sind sie." Mit diesen Worten wies Galleygo nach der Thürc des Zimmers, das er meinte; Bluewatcr richtete, wie gewöhnlich, noch einige, wiewohl höchst nutzlose Ermahnungen an den Hofmeister und ging dann auf die bczcichnete Thüre zu. Sein Klopsen wurde von Wvcherly selbst beantwortet, der dem Admiral die Thüre öffnete und mit einer achtungsvollen Verbeugung seinem Vorgesetzten Platz machte. Eine einzige Kerze brannte in dem kleinen Gemach, worin die beiden Frauen bei dem zunehmenden Lärm des nächtlichen Gelages Zuflucht gefunden hatten; Mildrcd hatte mit zartfühlender Berücksichtigung ihrer beiderseitigen Stimmung die übrigen Kerzen ausgelöscht, um die Thränenspuren zu verbergen, die noch immer auf ihren eigenen und ihrer Mutter Wangen sichtbar waren. Der Contrcadmiral war im Anfang über diese vergleichungs- 11 " . weise Dunkelheit betroffen, fand sic aber sehr bald im Einklang mit den Gefühlen der Gesellschaft, die sich in dem Zimmer versammelt hatte. Mrs. Dutton empfing ihn mit der Feinheit einer Dame von Welt, wie sie ihr in ihrem früheren Leben zur Gewohnheit geworden war; man konnte auch ein solches Zusammentreffen unter Personen, die für einige Zeit unter einem Dach miteinander wohnten, nicht wohl anders als natürlich finden. „Unsere Freunde drüben müssen sich trefflich unterhalten," bemerkte Bluewater, als das laute Geschrei aus dem Tafelzimmer den Anwesenden zu Ohren drang. „Sir Wychcrlsss Loyalität scheint die Probe wacker zu bestehen." „O, Admiral Bluewater," rief die trostlose Frau, deren Gefühle für einen Augenblick selbst ihre Vorsicht übcrmannten, „ist eS möglich — können Sie eine solche Entweihung von Gottes Ebenbilde eine fröhliche Unterhaltung nennen?" „Vielleicht nicht so ganz eigentlich, Mrs. Dutton, wiewohl Millionen von Menschen sie fälschlich für eine solche nehmen. Diese Sitte, jedes wichtige Ercigniß auf solche Art zu feiern und dadurch sogar Dem, was wir unsere Grundsätze nennen, Ausdruck zu geben, ist, wie ich fürchte, nicht nur unserer Zeit, sondern unserem Lande überhaupt als Fehler anzurcchncn." „Und doch finden, wie ich sehe, weder Sie noch Sir Gervaise Oakes für nöthig, Ihre Anhänglichkeit an das hannövcr'schc Hans, und ihre Bereitwilligkeit, demselben Ihre Zeit, so wie Ihr Leben zu widmen, auf solche Art an den Tag zu legen." „Sie dürfen nicht vergessen, meine gute Mrs. Dutton, daß wir Beide, Oakes und ich, uns als Flaggcnoffiziere auf Kommando befinden und uns als Solche um keinen Preis im Angesicht unserer eigenen Schiffe einer Schwelgerei überlassen dürfen. Uebrigens sehe ich mit vielem Vergnügen, daß auch Mr. Wychecombe die Gesellschaft, in der ich ihn finde, den Freuden der Tafel vorzuziehen scheint." Wychcrly antwortete mit einer Verbeugung, und Mildred richtete 165 einen ausdrucksvollen, wenn nicht gar dankbaren Blick auf den Sprechenden, ihre Mutter aber verfolgte den Faden der Unterhaltung, die ihrem gepreßten Herzen wenigstens einigermaßen Erleichterung gewährte. „Gott sei gedankt dafür!" rief sic, ohne zu bemerken, daß ihre Worte einer sehr verschiedenen Deutung fähig waren; „Alles, was wir bis jetzt an Mr. Wychecombe gesehen haben, berechtigt uns zu dem Glauben, daß dieß keine ungewöhnliche oder blos zufällige Enthaltsamkeit von seiner Seite ist." „Um so besser für ihn selbst. Zn einem solchen Triumph Eurer Grundsätze oder Eures Temperaments oder gar Beider kann ich Euch, junger Herr, blos Glück wünschtu. — Wir gehören einem Stande an, in welchem wir als den ärgsten Feind, — gefährlicher, als jeden andern, den der König uns entgegenstellen könnte — die Flasche zu fürchten haben, und ein Seemann kann kein wirksameres Mittel finden, um diesen unfern Todfeind unschädlich zu machen, als die eigene Bildung und Vervollkommnung seines Geistes. Wer ernstlich denkt, trinkt selten viel; aber aus einem Schiffe gibt cs so manche müßige Stunden, ja wohl gar Wochen und Monate, in denen, bei dem Drang nach Vergnügen, die Versuchung zu so unnatürlicher Aufreizung für Geister, die nicht die gehörige Kraft zum Widerstand besitzen, wirklich zu stark ist. Besonders ist dieß der Fall bei Schiffs-Kommandanten, welche, vermöge ihres Rangs vom Umgang der klebrigen abgeschlossen und überall von Verantwortlichkeit umgeben, sich in ihrer einsamen Kajüte allein finden und dann bei dem Mangel an paffender Gesellschaft vor dem Andrang unbehaglicher Gedanken Schutz bei der Flasche suchen, die sie dann zu ihrer ausschließlichen Gefährtin erwählen. Ich setze immer die kritische Periode in dem Leben eines Seemannes in die ersten paar Jahre eines abgesonderten Kommandos." „O, wie wahr! wie wahr gesprochen!" murmelte Mrs. Dutton. „Ach, jener Kutter — jener unglückselige Kutter!" 166 Bei dieser unvorsichtigen Aenßerung, welche die Sprechende auch augenblicklich bereute, erwachte in Admiral Bluewater plötzlich wieder die Erinnerung an einen früher erlebten Vorfall. Vor vielen Jahren, als er selbst noch bloßer Kapitän gewesen, hatte er einem Kriegsgerichte beigcwohnt, das einen Lieutenant, Namens Dutton, Kommandanten eines Kutters, wegen eines — in Folge des Trunks entstandenen — schweren Vergehens während der Dauer seiner Amtsführung zur Kassation vernrtheilt hatte. Gleich im Anfang war ihm der Name bekannt vorgckommcn; doch hatten sich während seiner vierzigjährigen Dienstzeit so manche ähnliche Geschichten ereignet, daß ihm dieser einzelne Fall nach und nach ans dem Gedächtnisse entschwunden war. Jetzt aber stand er mit einem Male wieder lebendig und mit allen begleitenden Nebennm- ständen vor seinen Angen. Diese Erinnerung diente nur dazu, die Thcilnahme desContrc- admirals an der unglücklichen Gattin, wie nicht minder an der lieblichen Tochter des erbarmcnswürdigen Schuldigen, zu vermehre». Er war damals wegen Wiedereinsetzung des schuldigen Offiziers, oder wenigstens wegen dessen Anstellung ans dem hoffnungslosen Posten, den er gegenwärtig wirklich einnahm — um seine Verwendung angegangen worden, hatte aber standhaft jede Beteiligung an der Wiederherstellung eines Mannes verweigert, der einem Laster zum Opfer geworden war, das nicht nur seine eigene Person entehrte, sondern auch in seiner besonder» Stellung als Seemann die Ehre seines Vaterlandes, so wie das Leben seiner ganzen Umgebung gleichermaßen gefährdete. Er erinnerte sich noch, daß die letzte Bittschrift in Folge eines Einflusses vom Hofe aus, der in so unbedeutenden Fällen nur höchst selten angewendet wurde,— erfolgreich gewesen war; dann hatte er viele Jahre lang den Schuldigen, wie dessen fernere Schicksale ans den Augen verloren. Diese unerwartete Auffrischung früherer Eindrücke machte ihn gewissermaßen zu einem alten Freunde der unglücklichen Frau und 167 Tochter, denn recht wohl konnte er sich noch eine Scene erinnern, die er mit Beiden gehabt, wobei der heftige Kampf zwischen seinem Meuschlichkeitsgefühl und feinen Grundsätzen ihn sogar bis zu Thräncn gerührt hatte. Mildrcd war damals noch ein Kind gewesen, und hatte unterdessen den Namen jenes Offiziers vergessen; MrS. Dutton aber erinnerte sich seiner recht wohl, und war am heutigen Tage mit Furcht und Zittern in Whchceombc-Hall erschienen, wo sie ihrem alten Bekannten begegnen sollte. Der erste Blick hatte ihr gezeigt, daß sic unterdessen vergessen worden war, und auch sic hatte einen harten Kampf mit sich selbst bestanden, um eine» der peinlichsten Auftritte ihres Lebens in Vergessenheit zu begraben. Der obige Ausruf, der so höchst unerwartet kam, änderte aber mit einem Male den Stand der Dinge. „Mrs. Duttou," begann Blncwatcr, und nahm die trauernde Frau freundlich bei der Hand, „wir sind alte Freunde, wie ich nunmehr glauben muß, wenn Sie nämlich, nach dem, was vor- gcfallen, nur selbst noch erlauben wollen, mich als einen solchen zu betrachten." „Ach, Admiral Bluewater, mein Gedächtuiß bedurfte keines solchen Mahners, um mich daran zu erinnern. Ihre gütige Theil- nahme, Ihr Mitleid ist mir jetzt eben so erfreulich, als in jenem schrecklichen Augenblicke, da wir früher mit einander zusammentrafcn." „So hatte ich also bei jener unerfreulichen Veranlassung das Vergnügen, ihre Tochter mehr als einmal zu sehen. Jetzt erst erkläre ich mir die Ahnung, die mich schon den ganzen Tag über beschäftigte: in dein Augenblicke nämlich, da ich Miß Mildrcd heute zum ersten Mal erblickte, fiel mir auf, daß ihr ganzes Gesicht, vornehmlich dessen Ausdruck, mir bekannt war. Freilich ist cs auch ein Gesicht, das, einmal gesehen, nicht so leicht wieder vergessen wird." „Mildred war damals noch ein Kind, Sir, und Ihr Gedächt- niß muß Sie doch getäuscht haben, da Kinder von ihrem Alter, 168 besonders was Gesichtszügc betrifft, nur selten einen bleibenden Eindruck in unserm Geiste zurücklassen." „Es sind auch nicht die Züge, deren ich mich erinnere, sondern der Ausdruck derselben, und er gerade ist von einer Art, die man nicht so leicht wieder vergißt, was ich ihnen als Mutter wohl nicht erst zu sagen brauche. Auch Mr. Wychecombe ist sicherlich bereit, die Wahrheit dessen, was ich sage, zu beschwören." „Horch!" ries Mrs. Dutton, welche mit ängstlicher Aufmerksamkeit auf jedes Zeichen lauschte, das die Zunahme der schwelgerischen Unordnung verkündete. „In dem Tafclzimmer scheint große Verwirrung zu herrschen! Ich hoffe, die Herren hegen doch über diesen neuen Aufstand in Schottland einerlei Ansichten?" „Der Jakobite, der etwa unter ihnen wäre, würde allerdings nicht übel warm bekommen, denn Sir Wycherly, sein Neffe und der Vikar sind alle drei wahre brüllende Löwe», was Loyalität betrifft. In der That, cs scheint etwas Außergewöhnliches vorge- fallcn zu sein, denn die Fußtritte, die ich höre, müssen doch wohl, wie mir scheint, von auf und ab rennenden Dienern herrühren. Wenn sich die Bedientenstube in dem Zustande befindet, in welchem ich sie vermuthc, so wird sic ebensosehr des Beistands des Herrenzimmers bedürfen, als dieses möglicherweise-" Ein Klopfen an der Thüre unterbrach Bluewaters Rede, und als Wycherly öffnete, zeigte sich Galleygo auf der Schwelle, dieß- mal aber in einem Zustande, der ihn nöthigte, sich an dem Thüren- sutter festzuhalten. „Nun, Sir," bemerkte der Contreadmiral ernsthaft, denn er war nicht länger aufgelegt, mit einem von der berauschten Bande Scherz zu treiben — „sagt mir doch gefälligst, welche Ungeschlif- senheit Euch wieder hicher geführt hat." „Nichts da von Ungeschliffenhcit, Euer Gnaden, davon wissen wir nichts auf dem alten Planier. Es ist ja auch keiner von den jungen Herrn um die Wege, der das, was vorgeht, melden 169 könnte und so dachte ich, ich gehe lieber selbst hinein und verrichte das Geschäft mit meiner eigenen Zunge. Wir bekommen so häufig Rapporte in unserer Kajüte zu hören, Sir, daß auf der ganzen Flotte kein Offizier ist, der fle besser als ich selbst erstatten kann." „Hunderte würden aber gewiß weniger Worte dazu brauchen. Wie lautet denn dein Auftrag?" „Nun, Sir, 'S ist weiter Nichts, als daß die eine Flagge gestrichen wurde und der oberste Kommandant total auf der Seite liegt." „Großer Gott! Sir Gcrvaise ist hoffentlich doch kein Unglück zugestoßen? Sprich, Bursche, oder ich will dich aus diesem Babel herausbringen und nach dem Schiffe zurückzuschickcn, und sollte es noch später als Mitternacht sein." „Ja, 's ist auch wirklich nicht weit davon, Admiral Blue — so gegen sechs, wie man auf der Schiffsuhr neben der großen Hintertreppe recht gut scheu kann — sechse durch, 's geht stark auf sieben —" „Zur Sache, Sir! was ist Sir Gervaise zugestoßen?" wiederholte Bluewater und winkte dem Andern drohend mit dem Finger. „O, wir befinden uns gerade so wohl, Admiral Blue, wie damals, als wir zum ersten Mal den Planier bestiegen. Sir Jarvy segelt mit dem Besten in die Wette, daraus will ich schwören, mag nun sein Schiff in dem alten Hafen von Oporto oder in einem Braukessel steuern. Bei solchen Streichen laßt nur Sir Jarvy allein für sich sorgen; er ist nicht umsonst einmal jung gewesen." „Habt nur einen Augenblick Geduld, Sir," fiel Wycherly ein, „ich will selbst gehen und mich von der Thatsachc überzeugen." „Ich sehe schon, ich muß meine Frage anders stellen," fuhr Admiral Bluewater fort, nachdem Wycherly das Zimmer verlassen hatte. „Nun, sehen Euer Gnaden, der alte Sir Wycherly, der hier am Lande das oberste Kommando führt, hat seine Segel im Vergleich zu der jüngern Mannschaft zu straff gehalten und ist deßhalb umgcstülpt; jetzt bngsiren sie ihn i» das Deck, damit er dort geviert werde." „Und das ist Alles? Das ließ sich nach einem solchen Gelage wohl gar nicht anders erwarten. Dcsthalb hättest dn gerade nicht nöthig gehabt, Gallcygo, mit deiner unglückvcrkündcnden Miene unter uns zu erscheinen." „Ja, Sir, so dachte ich eigentlich selbst, und ich wollte auch mir ungefähr ebenso melancholisch ansschcn, wie einer unserer jungen Herren, wenn sie manchmal melden, daß eine Bramstcnge abgeknickt oder eine Leescgelspicrc zum Teufel gegangen sei. Wißt Ihr noch, Admiral Blue, wie Ihr einmal an der Wetterseite des alten Planters vorbeilnsseu und Euch zwischen ihn und den französischen Dreidecker mit seinen neunzig Kanonen stellen wolltet — wie damals Eure Leescgcl, eines nach dem Andern zu Schanden gingen, nicht anders als wie Erdschwämmc, die beim Schälen zerbröckeln?" Galleygo, der in seiner bilderreichen Sprache seine Gleichnisse stets ans den beiden von ihm betriebenen Gewerben zu nehmen pflegte, hätte wohl noch eine ganze Stunde lang ohne Unterbrechung fortgcplandert, wäre nicht Wycherly bei seiner letzten Rede mit der Nachricht in's Zimmer getreten, daß ihr Wirth ernstlich, ja sogar gefährlich krank sei. Mitten unter den Freuden der Tafel, bei welcher er die HonncurS machte, hatte er einen Anfall erlitten, der sich, wie der Vicar, ein berühmter Drcislaschcnmann, fürchtete, wohl als ein Schlagflnß erweisen konnte. Mr. Rotherham hatte dem Patienten zur Ader gelassen, worauf er sich etwas besser befand; auch war bereits ein Eilbote nach einem Arzte ansgeschickt worden. Natürlich hatten seine Zcchgcsellen alsbald die Tafel verlassen und die Angst hatte selbst die Diener wieder nüchtern gemacht. Auf Mrs. Duttows dringende Bitte verließ Wycherlu das Zimmer augenblicklich wieder, indem er zugleich Galleygo mit sich fortnahm — um genauere Nachricht über des Baroncts wirkliche 171 Lage einzuziehcn. Sir Wychcrly hatte nämlich durch seine wohlwollende Freundlichkeit, so wie durch seine beständige Theilnahme an ihrem Wohlergehen die Herzen von Mutter und Tochter für sich gewonnen, und Beide suhlten eine ausrichtige Zuneigung sür den gütigen alten Mann. „8io truusit ustttriu mumli,"*) murmelte Admiral Bluewater, während sich seine hohe Gestalt mit der ihm cigenthümlichen sorglosen Weise in einem dunkeln Winkel des Zimmers ans einem Stuhle niederließ. „Dieser Baronct ist in einem Augenblicke anscheinenden Glücks und mitten in seiner triumphirendcn Trunkenheit vom Throne gestürzt: warum sollte dieß bei einem Andern nicht ebenso der Fall sein können?" Mrs. Dutton hörte des Admirals Stimme, ohne jedoch seine Worte deutlich zu verstehen, und war sehr bekümmert bei dem Gedanken, daß der Baronet, den sic so hoch verehrte und liebte, von einem Manne von des Contreadmirals Charakter so hart beurtheilt werden sollte. „Sir Wycherly ist einer der gutherzigsten Menschen unter der Sonne," bemerkte sie etwas hastig, „und in ganz England ist bestimmt kein besserer Gutsherr anzutreffen. Auch ist er keineswegs den Genüssen der Tafel eifriger ergeben, als dieß bei Edclleutcn von seiner Stellung gewöhnlich ist. Gewiß hat ihn heute Abend nichts als seine Loyalität weiter geführt, als vielleicht klug war oder wir etwa wünschen konnten." „Glauben Sie mir, meine theure Mrs. Dutton, ich bin gewiß geneigt, von unserem Wirthe nur das Beste zu denken; wir Seeleute sind ja ohncdieß nicht gewöhnt, einen Bonvivant zu streng zu bcurtheilcn." „Ach! und Sie vollends, Admiral Bluewatcr! der Sie wegen Ihrer Enthaltsamkeit und geregelten Lebensweise eines so weit verbreiteten Rufes genießen! Wohl erinnere ich mich noch, wie ich ') „So schwindet der Ruhm der Welte D. U. 172 zitterte, als ich unter den Hauptgliedern jenes schrecklichen Gerichtes Ihren Namen aufzählen hörte!" „Sie lassen Ihre Gedanken zu oft bei jenen unerfreulichen Erinnerungen verweilen, Mrs. Dutton; viel lieber würde ich sehen, wenn Sie Ihrer liebenswürdigen Tochter mit dem Beispiele größerer Munterkeit vorangingcn. Ich konnte damals ihre Bitte nicht erfüllen, denn mein Eid wie meine Dienstpflicht waren gleichermaßen dagegen; jetzt aber ist wohl kein Grund vorhanden, der mir solches unmöglich machte: im Gcgentheil bin ich sogar ungemein geneigt, so viel ich nur immer kann, für Sie zu thun, denn dieses süße Kind hier nimmt meine Theilnahme auf eine Weise in Anspruch, die ich kaum beschreiben kann." Mrs. Dutton schwieg, in Gedanken vertieft. Admiral Blue- waters Jahre waren gewiß kein unumstößliches Hinderniß für ihn, wenn er Mildreds ausnehmende Schönheit mit den Augen gewöhnlicher Bewunderer hätte betrachten wollen; seine Sprache aber und vor Allem sein Charakter mußten wohl einen derartigen Verdacht augenblicklich wieder verscheuchen. Nichtsdestoweniger war Mildred über alle Beschreibung lieblich, und ebenso waren die Männer in Sachen der Liebe von jeher über alle Beschreibung schwach. Wie macher Held hatte in seiner Jugend die höchste Selbstbeherrschung und Enthaltsamkeit bewiesen, nur noch im Herbste seines Lebens gerade in diesem Punkt die thörichtesten, unüberlegtesten Handlungen zu begehen! — die bittere Erfahrung hatte sich selbst über die Nothwendigkeit des Mißtrauens belehrt. Trotz dessen konnte sie sich dennoch unmöglich dazu verstehen, von einem Manne, dessen Charakter sie so lange hochgeachtet hatte, Uebles zu denken; zudem war des Contreadmirals ganzes Wesen so offen, so wahrhaft zart und sein fühlend, wie man es nur immer von einem gebildeten Edelmanne und Seeoffiziere ewarten mochte — so daß es ziemlich schwer war, sich der Bermuthung hinzugeben: er könnte neben den Beweggründen, die er zu gestehen 173 für gut fand, noch weitere geheimere in sich verbergen. Mildred hatte durch die unwicderstchliche Zartheit ihres Ausdrucks, die, so sehr die Schönheit von Gesicht und Gestalt auch anzog, doch immer noch tausendmal einnehmender war als diese — schon Manchen sich zum Freunde gewonnen; warum sollte der achtungswürdige alte Seemann nicht auch unter die Letzteren gehören? In diesem Gedankengange wurde sic durch Duttons plötzlichen, unwillkommenen Eintritt unterbrochen. Er war so eben von Sir Wychcrly's Krankenlager znrückgekehrt, und wollte nun Frau und Tochter aufsuchen, um ihnen die Weisung zu erthcilen, daß sie sich anschicken sollten, den ihrer harrenden Wagen zu besteigen, der sie nach ihrer Wohnung zurückbringcn sollte. Der arme Unglückliche war gerade nicht in dem Grade betrunken, daß er des Gebrauchs der Sprache oder seiner Gliedmaßen beraubt gewesen wäre; doch aber hatte er gerade so viel zu sich genommen, daß der böse Dämon in ihm wach geworden war und die wahren Geheimnisse seines Innern blos zu legen drohte. Seine Nerven waren heute mehr gespannt als gewöhnlich, und der Wein hatte vollends die ganze Thatkraft eines Mannes aufgeregt, dessen Entschlüsse nur selten aufrichtiges Gefühl oder rechtschaffenes Handeln gerichtet waren. Die Dunkelheit des Zimmers, sowie die leichte Verwirrung, die immer noch in seinem Kopfe herrschte, hinderten ihn, die Person seines Vorgesetzten in dem finsteren Winkel zu bemerken; so glaubte er sich abermals mit den Personen allein, die so ganz von seiner Willkür abhingen, und schon so lange seine brutale Tyrannei geduldig getragen hatten. »Ich hoffe, Dntton, Sir Wycherly befindet sich besser?" nahm seine Frau das Wort, da sic fürchtete, ihr Gatte möchte sie Beide zu sehr bloßgeben, noch ehe er die Anwesenheit seines Vorgesetzten bemerkt haben würde. „ Admiral Blucwater wünscht eben so dringend, wie wir selbst, den wahren Stand der Sache zu erfahren." >74 „Ja, bci Baronets und Contrcadmiralen, da seid Ihr Weiber voller Mitleid und Erbarmen," antwortete Dutton und warf sich ohne Weiteres in den nächsten Stuhl, so daß er dem Fremden den Rücken kehrte und ihn fortan unmöglich bemerken konnte; „Euer Mann und Vater aber, der könnte hundertmal sterben, ohne daß ihm ein mitleidiger Blick von Euren schönen Augen oder auch nur ein freundliches Wörtchen von Euren verteufelten Zungen gespendet würde." „Weder Mildrcd noch ich haben diesen Vorwurf von Dir verdient, Dutton." „Nein, Ihr seid Beide die Vollkommenheit selber; wie die Mutter, so daß Kind. Bin ich nicht selbst mit dem nämlichen Anfall, wie Sir Wvcherly heute, schon fünfzigmal am Rande des Grabes geschwebt, und habt Ihr auch nur ei» einziges Mal nach einem Arzte ausgcsendct?" „Du warst zu Zeiten unwohl, Dutton, hast aber noch nie an einem Schlaganfalle gelitten; wir haben allemal gedacht, ein wenig Schlummer würde dich wieder Herstellen, wie dieß auch wirklich immer der Fall war." „Was Teufels hat du mit dem Denken zu schaffen? — Das ist das Geschäft der Aerzte oder Chirurgen, und deine Pflicht war es, nach dem nächsten Kunstverständigen zu schicken, um einem Manne Hilft zu leisten, dem du Verehrung und Gehorsam schuldig bist. In gewisser Art bist du allerdings deine eigene Herrin, Martha; was nicht mehr abzuändern ist, muß mit Geduld ertragen werden; Mildred aber ist mein Kind — von ihr verlange ich Ehrfurcht und Liebe, und sollte ich Euch Beiden das Herz brechen müssen, um dazu zu gelangen." „Eine fromme Tochter ehrt jederzeit ihren Vater, Dutton," crwiedertc die arme Frau, am ganzen Körper zitternd; „Liebe aber muß freiwillig kommen, denn anders kommt sie niemals." „Das wollen wir schon sehen, Mrs. Martha Dutton; das 175 z werden wir ja sehen. Komin daher, Mildred; ich habe ein Wörtchen z mit dir zn reden, das wohl am Besten jetzt gleich gesprochen wird." s Mildrcd, zitternd wie ihre Mnttcr, trat dem Sprechenden H näher; ein Gefühl kindlichen Mitleids, das keine Barschheit von s seiner Seite gänzlich zn ersticken vermochte, bewog sic jedoch zn ' dem ängstlichen Wunsche, ihren armen Vater zn hindern, daß er sich in Admiral Bluewatcrs Gegenwart nicht noch weitere Blößen ' geben möchte. In dieser Absicht, nnd in ihr allein, bot sic all' ihre GeistcSstärkc ans und crwiederte ans ihres Vaters Aufforderung: „Vater, würden wir nicht besser thun, unsere Familienangelegenheiten so lange bei Seite zu lassen, bis wir allein sein werden?" Unter gewöhnlichen Umständen würde Blucwater nicht erst diesen handgreiflichen Wink abgcwartct, sondern sieh sogleich im ersten Augenblick zurückgezogen haben, sobald er die Annäherung j einer so unangenehmen Scene, wie ein Mißverständniß zwischen E Mann nnd Frau immer ist, — bemerken konnte. Doch seine un- ^ widerstchlichc Thcilnahmc an dem lieblichen Wesen, das zitternd vor ^ ihrem Vater dastand, ließ ihn sein gewohntes Zartgefühl vergessen ,1 und verleitete ihn sogar, die üblichen Regeln der guten Gesellschaft in diesem Falle zn übersehen. — Statt sich also zn entfernen, wie j ;! Mildred gehofft und erwartet hatte, blieb er regungslos in seinem ' L Stuhle sitzen. ^ Dnttons Geiftesvermögcn war zu stumpf, um die 'Anspielungen tz seiner Tochter zu begreifen, so lange er nicht einen sichtbaren Bc- » weis von der Anwesenheit eines Fremden vor Augen hatte; sein Zorn war überdies; zn sehr aufgeregt, um ihn noch an etwas anderes, als an die spezielle Ursache seines Unwillens denken zn lassen. „Nur besser vor meine Augen, Mildrcd," rief er ärgerlich: „Da, tritt mir näher vor'S Gesicht, wie's einer Tochter geziemt, l s die ihre Pflicht gegen ihren Vater nicht kennt nnd also darüber belehrt werden muß." „O Dutton," rief sein betrübtes Weib, „um's Himmelswillcn — beschuldige Mildrcd nicht der Pflichtvergcsscnheit! Du weißt nicht, was du sprichst — du weißt nicht, wie pflichtgctr — nein, wahrlich, du kannst ihr Herz nicht kennen, sonst würdest du nicht diese grausamen Beschuldigungen hören lassen!" „Schweigt still, Mrs. Martha Dutton — mich Euch habe ich jetzt nichts zu schaffen,, wohl aber mit diesem jungen Mädchen hier, mit der ich, wie ich hoffe, als meinem eigenen leiblichen Kinde, wohl etwas deutlich reden darf. So schweigt denn still, Mrs. Martha Dutton. Wenn mein Gcdächtniß mich nicht trügt, so standet Ihr einst mit mir vor Gottes Altäre und gelobtet mir Liebe, Achtung und Gehorsam, ja, ja, das war das rechte Wort — Gehorsam; versteht Ihr mich, Mrs. Martha Dutton?" „Und was hast denn du damals versprochen, Frank?" rief sein gemartertes Weib, das in ihrem Scelenlciden diese mittelbare Anklage nicht unterdrücken konnte. „Nichts, was ich nicht ehrlich und männlich gehalten habe. Ich versprach, für dich zu sorgen, dir Nahrung und Kleidung zu geben, dich meinen Namen führen zu lassen und vor der Welt in der achtbaren Stellung, wie sic des ehrlichen Frank Duttons Weibe zukommt, zu erhalten." „Achtbar!" murmelte seine Gattin so laut, daß Mildred sowohl als der Admiral es deutlich vernehmen konnten, doch immer noch mit so gedämpfter Stimme, daß ihre Aeußerung dem durch lange Ausschweifung abgestumpften Gehörsinn ihres Gatten völlig entging. Kaum war übrigens dieses vielsagende Wort ihrem innersten Herzen entschlüpft, als sie mit gewaltsamer Anstrengung jede weitere Aeußerung zurückhielt und stumm und refignirt in einen Stuhl sinkend, ihr Antlitz in beide Hände begrub. „Mildred, komm daher," begann abermals der immer brutaler werdende Vater. „Du wenigstens bist meine Tochter, und was Andere auch immer einst am Altäre gelobt und wieder vergessen haben — das Gesetz der Natur lehrt dich, mir zu gehorchen. — Du hast zwei Anbeter, welche du dir Beide zu sichern bemüht sein solltest, wiewohl ein großer Unterschied zwischen ihnen-" „Vater!" rief Mildred, und jede Regung ihrer zartfühlenden Natnr empörte sich bei dieser gemeinen Anspielung au eine Verbindung und an Gefühle, die sic als die geheimsten und heiligsten ihres ganzen geistigen Wesens zu betrachten gewohnt war. „Gewiß, Vater, Ihr könnt nicht wissen, was Ihr sagt!" „Wie die Mutter, so das Kind! Ja laßt nur erst Mangel an Gehorsam und Ehrerbietung bei einem Weibe Platz greifen, und ihr dürft gewiß sein, daß beide Laster die ganze Familie, und bestände sic aus Dutzenden von Kindern, ansteckcn werden! Hörst du, Miß Mildred: Du selbst bist es, die nicht weiß, was sie sagt, ich aber verstehe recht gut, was eines Vaters Pflichten und Rechte verlangen. Deine Mutter würde dir ohnedicß niemals mittheilcn, was ich für meine Pflicht halte, dir klar und offen vor Augen zu legen — und so erwarte ich, daß du mir aufmerksam znhörst, wie cs einem gehorsamen, liebevollen Kinde zukommt. — Du hast zu wählen zwischen diesen beiden Wvchecombe's; Jeder von Beiden muß für die arme, beschimpfte Tochter eines Quartiermeisters als gute Partie erscheinen." „Vater, ich werde noch unter den Boden sinken, wenn Ihr ein zweites, grausames Wort dieser Art hören lasset!" „Ei was, Thcuerste — weder schwimmen noch versinken wirst du, bis du erst eine gute oder schlechte Wahl getroffen hast. Mr. Thomas Wychecombe ist Sir Wycherlh's Erbe, und als solcher der nächste Baronet und Besitzer dieser Gutsherrschast. Natürlich ist er von Beiden bei weitem der Bessere, und billig solltest du ihm auch den Vorzug geben." „ Dutton, k a n n st du, als Christ und Vater, deinem eigenen Kinde einen so herzlosen Rath geben?" rief Mrs. Dutton, unaussprechlich verletzt durch den gänzlichen Mangel an Gefühlen und Grundsätzen, der ihr hier in des Gatten Anweisung so schroff cntgegentrat. Die beiden Admirale. 13 178 „Ja, Mw. Martha Dutton, das kann ich, und glaube dabei erst noch, daß mein Rath nichts weniger als herzlos ist. Willst du etwa deine Tochter als das Weib eines armseligen Aufsehers einer Signalstation kor Augen sehen, während sie, wenn wir cs nur ein bischen klug angrcifcn, einstens noch Lady Wychccombe werden, und als Herrin dieses stattlichen alten Hauses und der ganzen, beinahe fürstlichen Herrschaft anftrcten kann?" „Vater! Vater!" fiel Mildred besänftigend ein, obwohl sie bei dem Gedanken, daß Admiral Blnewater eine solche Unterredung mit anhörcn sollte, kor Beschämung nicht auszuschancn kcrmochtc; „Ihr kergcßt Euch selbst und überseht meine eigenen Wünsche. Es ist ja überhaupt höchst unwahrscheinlich, daß Mr. Thomas Wycheeombe jemals daran dachte, mich zur Frau zu nehmen -- oder daß sonst Jemand ähnliche Gedanken in sich nähren sollte." „Das Alles, Milly, wird sich fügen, je nachdem du cs an- grcifst. Mr. Thomas Wycheeombe denkt allerdings im jetzigen Augenblicke schwerlich daran, dich zur Frau zu nehmen, aber gerade die größten Walisische werden mit den kleinsten Leinen gefangen , wenn mau diese nur gehörig zu handhaben kersteht. Der junge Lieutenant, der würde dich gleich morgen hcirathcu, obwohl ich mir unter allen möglichen Fällen nichts Thörichtcrcs als eine Heirat!) zwischen euch Beiden erdenken könnte. Er ist simpler Lieutenant, und mag sein Name auch noch so gut klingen, so scheint cs ja erst nicht einmal, daß er ein wirkliches Recht darauf besitzt!" „Und doch, Dutton, warst auch du ein bloßer Lieutenant, als du dir eine Frau nahmst, und dein Name trug nichts dazu bei, ein Interesse oder einen Vorzug für dich zu erwecken," bemerkte die Mutter, ängstlich bemüht, bei ihrem Gatten ein neues Gefühl für ihre Tochter hcrkorzuruseu und die grausame Schlußfolgerung des letzten Tbeils seiner Rede zu kcrwischen. „Damals lag die Zukunft noch lächelnd und freundlich kor unseren Augen!" „Und würde bis ans diese Stunde noch eben so kor uns liegen, 179 Mrs. Dutton, wenn nicht diese Eine thörichte Handlung von meiner Seite dazwischen getreten wäre. Ein Mann mit geringer Besoldung, ohne Vermögen und mit Familiensorgcn, die ans ihm lasten, wird leicht zu tausend Thorhcitcn verleitet, um sein Elend vor sich selbst zu verbergen. Es bessert übrigens deine Sache keineswegs, wenn du mich an jene Unklugheit erinnerst. — Ich muthe jedoch Mildrcd keineswegs zu, den jungen Virginier aus's Gerathewohl abzuweisen; er kann im Gegcntheil in mehr als einer Beziehung von Nutzen sein. Erstens kannst du ihn gegen Mr. Thomas Wychecombc spielen lasse», zweitens kann ein Lieutenant aller Wahrscheinlichkeit nach eines Tages noch Kapitän werden, und die Frau eines Kapitäns in Sr. Majestät Marine — hm! das ist denn doch nicht ganz zu verachten. Ich rathe dir also, Mädchen, diesen Junker als Köder bei dem Fange des Erben zu gebrauchen, und sollte der Letztere mißlingen, so kannst du den Burschen ja immer noch haben." Dieß sprach der Elende mit einer gebieterischen Gemeinheit, welche mit seiner Grundsatzlosigkeit und dem gänzlichen Mangel an Zartgefühl, der allein einen solchen Rath erfinden konnte — vollkommen harmonirte. Mrs. Dutton seufzte tief, als sie ihren Gatten also sprechen hörte, denn nie zuvor hatte er die schwache Maske des äußeren Anstands, die er gewöhnlich trug, so ganz bei Seite geworfen. Mildred aber war nicht länger im Stande, ihr tief empörtes Gefühl zu bemeistern; sic floh hastig aus der Nähe ihres Vaters, als ob sie um jeden Preis eine sichere Zukunft und freundlichen Schutz suchen wollte, und fand sich bald schluchzend, als ob ihr das Herz brechen wollte, — in Admiral Blucwatcrs Armen. Dutton folgte diesem unwiderstehlichen Antriebe seiner Tochter mit den Augen, und bemerkte jetzt zum ersten Male, in wessen Gegenwart er seine ganze, angeborne Gemeinheit ausgedeckt hatte. Noch war der Wein nicht so ganz Herr über ihn geworden, daß er für alle möglicherweise hieraus entspringenden Folgen blind gewesen IS" 180 wäre; doch steigerte ihn seine Trunkenheit wenigstens so weit, daß er im Stande war, der augenblicklichen Beschämung seiner Lage zu trotzen. „Ich bitte tausendmal nm Entschuldigung, Sir," begann er aufstehend und sich tief vor seinem Vorgesetzten verbeugend: „ich besaß keine Ahnung davon, daß ich die Ehre hatte, in Admiral Bluewaters Gesellschaft zu sein — Jack nennt Euch den Admiral Blue, Sir, ha! ha! ha! — und diese Vertraulichkeit ist ein sicheres Zeichen seiner Liebe und Achtung. Ich kannte nie einen Kapitän oder Flaggcuoffizier mit einem regelmäßigen, bezeichnenden Schiffö- namen, der nicht auch der Liebling der ganzen Mannschaft gewesen wäre. Ja, Sir, ich finde, die Leute nennen Sir Gervaise den kleinen Jarvy, und Euch den Admiral Blue! ha! ha! ha! ein untrügliches Zeichen von Verdienst bei den Höheren, und von Liebe auf Seiten der Mannschaft." „Ich sollte mich eigentlich darüber entschuldigen, Mr. Dutton, daß ich, für mich selbst so unerwartet, in Euren Familienrath beigezogen wurde," erwiedcrtc der Contreadmiral. „Was unsere Leute betrifft, so sind sie eben keine großen Philosophen, obwohl sic recht gut zu unterscheiden wissen, ob sie gut kommandirt und behandelt werden, oder nicht. — Es ist jetzt übrigens schon ziemlich spät, und meine Absicht war, die heutige Nacht auf meinem eigenen Schiffe zuzubringen. Sir Wychcrly's Wagen ist beordert, mich ans den Landungsplatz zu führen, und Ihr werdet mir, wie ich hoffe, die Erlaubniß nicht versagen, die Damen mit derselben Gelegenheit nach Eurer Wohnung zu bringen." Dutton gab seine Erlaubniß mit vollkommener Selbstbeherrschung, ein Beweis, daß er bei entsprechender Laune die gewöhnlichen Artigkeiten eben so wohl ausznüben als zu empfangen verstand. „Das ist eine Ehre, Sir, welche Beide, wenn mein Rath gehört wird, gewiß nicht abzulehncn wünschen werden. Komm, Milly, närrisches Mädchen! trockne deine Thränen, und danke Admiral 181 Bluewater mit einem Lächeln für seine Herablassung. Junge Mädchen verstehen doch fast nie, einen Scherz cinzustecken, und unsere SchiffSwitze, Sir, sind freilich manchmal etwas stark für sie zu verdauen. Ich pflege manchmal meinem lieben Weibe hier zu sagen — ,Weib/ sage ich, ,wenn Seine Majestät starkherzige, ricsen- kräftige Seeleute haben soll, so können Sie nicht wohl die Eigenschaften von Damen-Dichtern und schmachtenden Schäfern in einer Person vereinigen/ sag' ich. Mrs. Dntton versteht mich auch, Sir, und so auch die kleine Milly, die im Ganzen ein treffliches Mädchen ist, Sir, nur manchmal ihre Augcnpumpen, wie wir'S früher ans den Schiffen nannten, etwas zu oft in Bewegung setzt." „Und nun, Mr. Dntton, da wir darüber einig sind, daß ich die Damen nach Haus geleite, so habt Ihr wohl die Güte, und erkundigt Euch uach Sir Wycherly's Befinden. Ich möchte sein gastfreundliches Dach doch nicht gerade in der Ungewißheit über sein gegenwärtiges Befinden verlassen." Dutton fühlte recht wohl, daß er vor feinem Vorgesetzten eine höchst linkische Rolle spielte; er benutzte daher diesen Auftrag mit Freuden, um das Zimmer zu verlassen, und that dicß mit so festem, aufrechtem Schritte, als ob er gar nicht getrunken hätte. Diese ganze Zeit über lehnte Mildrcd weinend an Admiral Bluewaters Seite und wollte sich nicht entschließen, eine Stelle zu verlassen, die ihr in ihrer surchtcrfüllten Aufregung säst wie ein Heiligthum vorkam. „Ihnen, Mrs. Dntton," sprach Bluewater, und küßte erst seine liebliche Schutzbefohlene mit einer wahrhaft väterlichen Zärtlichkeit auf die Wange, so daß selbst die zarteste Empfindlichkeit sich unmöglich daran stoßen konnte — „der Mutter wird es wohl besser als mir gelingen, diese kleine Zitternde wieder etwas zur Ruhe zu bringen. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß Alles, was ich zufällig zu hören bekam, und wenn es auch eigentlich nickt für mich bestimmt war, als unverbrüchliches Gehcimniß bei mir so 182 sicher wie bei Ihrem leiblichen Bruder bewahrt bleiben soll. Ihr eigener, wie Ihrer Tochter Charakter, kann durch die mißverstandenen, aufgeregten Berechnungen eines Einzelnen nicht berührt werden, und so hat diese Gelegenheit nur dazu gedient, mich mit Ihnen und Ihrer bcwundcrnswcrthen Tochter näher bekannt zu machen, als ich sonst wohl durch jahrelangen Verkehr geworden wäre." „O, Admiral Bluewatcr! beurtheilen Sie ihn nicht allzu streng! Er ist wieder zu lange an jener unglückseligen Tafel gesessen, die, wie ich fürchte, dem armen, guten Sir Wycherly den Untergang gebracht hat, — er wußte nicht, was er sagte. Noch nie zuvor habe ich ihn in so schrecklicher Laune gesehen; noch niemals zeigte er Lust, mit den Gefühlen dieses süßen Kindes zu scherzen oder sie gar zu verwunden!" „Ihre außerordentliche Aufregung ist der beste Beweis dafür, meine gute Frau, und bestätigt Ihre Aussage vollkommen. Betrachten Sie mich als Ihren aufrichtigen Freund, und haben Sie zu meiner Verschwiegenheit das vollste Vertrauen." Mit dankbarem Herzen lauschte die betrübte Mutter seinen tröstenden Worten. Mildrcd aber wand sich verwundert aus ihrer ungewöhnlichen Lage, und wußte sich nicht recht zu erklären, durch welche Verblendung sie eigentlich darein gerathen sein konnte. Neuntes Kapitel. Ach, Montague! Bist du es, Bruder, so nimm meine Hand, Und meine Seel' leg' ich dir auf die Lippen! Du liebst mich nicht, denn, Bruder, thatest du's, Sv würden deine Thränen dieses Blut, Das kalt, geronnen, mir die Lippen schließet, Abwaschen. — Komm', komm', Montague, sonst sterb' ich! König Heinrich Vl. Sir Wycherly lag in der Thal an einem Schlaganfalle darnieder. Es war die erste ernstliche Krankheit, von der er während 183 eines langen Lebens Noll Glück und Gesundheit befallen worden war, und der Anblick ihres herablassende», sonst immer so gut gelaunten , nachsichtsvollen Herrn, der sich nunmehr in so schlimmer Lage befand, machte einen überraschenden Eindruck ans die erhitzten Köpfe seines ganzen Haushaltes. Mr. Rotherham, der im Nothfallc recht gut drei Flaschen auf sich zu uchmcu vermochte, hatte die Kunst des Aderlassens erlernt; demgemäß öffnete er dem Patienten, noch während er aus dem Boden, worauf er gefallen — hingestreckt lag, eine Ader, welche glücklicherweise einen solchen Blutstrom von sich gab, daß der Ba- ronct dadurch nicht nur zum Leben, sondern großcntheils auch zum Bewußtsein zurückgcsührt wurde. Sir Wycherly war kein Trunkenbold wie Dutton, sondern nur ein gelegentlicher Trinker wie Mr. Rotherham und der größere Thell des wohlbcpfründetcn Klerus jener Zeit. Mangel an Hebung in seinen alten Tagen hatte eben so gut wie das Uebermaaß des genossenen Weins zu diesem unerwarteten Anfalle bcigetragen; auch hegte man bereits die besten Hoffnungen, daß der Patient, unterstützt von seiner guten Körpcrcoustitutiou, denselben wohl überleben werde. Zu allem Glück war der Apotheker eben beschäftigt gewesen, dem Gärtner ein Nccept zu verschreiben, so daß er schon fünf Minuten nach dem Schlaganfalle am Krankenlager eintraf; der Hausarzt nebst dem Chirurgen wurden Beide noch im Laufe des Morgens erwartet. Sir Gcrvaise Oakes hatte seines Wirthcs Zustand durch seine» eigenen Kammerdiener erfahren, sobald dieser in der Bedientenstube davon sprechen gehört hatte; als ein Mann voll Thatkraft zauderte er keinen Augenblick, sondern verfügte sich sogleich nach dem Zimmer des Kranken, um ihm in Ermangelung einer besseren Hilfe wenigstens seinen eigenen Beistand anzubietcn. An der Thüre des Zimmers traf er mit Atwood zusammen, der von seinem Geschäfte abgerufen worden war; Beide traten mit einander in das Gemach, und der Viccadmiral suchte dabei in seinen Taschen nach einer Lanzette, denn auch er hatte die Kunst des Aderlassens erlernt. Hier endlich erfuhren sie den wahren Stand der Dinge. „Wo ist Bluewater?" fragte Sir Gcrvaise, nachdem er seinen Wirth einen Augenblick voll Bestürzung und Mitleid betrachtet hatte. „Ich hoffe, er wird doch jetzt das Hans nicht verlassen haben?" „Er befindet sich noch hier, Sir Gervaisc, ist aber, wie ich glaube, aus dem Punkt, sich zu eutserucn. Trotz all' der freundlichen Versuche Sir Wycherly's, der ihn hier zurückhaltcn wollte, hörte ich ihn gleichwohl sagen, daß er auf seinem Schiffe zu schlafen beabsichtige." „Daran habe ich nie gezweifelt, obschon ich mich stellte, als ob ich das Gegcntheil glaubte. Geht zu ihm, Atwood, und sagt ihm, ich lasse ihn bitten, daß er bei seiner Rückkehr am Plauta- genct vorüberfahre, und Mr. Magrath ersuche, so bald als möglich an's Land zu kommen. Zugleich muß mau für ein Fuhrwerk sorgen, das ihn vom Landungsplätze hieher bringt, und ebenso möge er, wenn cs anders in seinen Wünschen liegt, seinen eigenen Chirurgen gleichfalls hieher beordern." Mit diesen Aufträgen verließ der Sekretär das Zimmer, während sich Sir Gcrvaise nach Tom Wychecombe wandte und ihm einige Worte der Theilnahme zuflüsterte, wie sie bei so traurigen Veranlassungen natürlich sind. „Ich denke, es ist Hoffnung vorhanden, Sir," fuhr er fort; „ja, Sir, ich denke, wir dürfen Hoffnung hegen, obwohl Euer verehrter Oheim kein Jüngling mehr ist — jedenfalls hat ihm dieser frühzeitige Aderlaß sehr gut gcthau, und können wir nur noch für den armen Sir Wychcrly einige Zeit gewinnen, so werden unsere Anstrengungen wohl nicht weggeworfeu sein. Ein plötzlicher Tod ist etwas Schreckliches, Sir, und Wenige von uns sind weder in ihrem Geiste, noch in ihren Geschäften auf einen solchen vorbe- 185 reitet. Wir Seeleute tragen allerdings unser Leben in der Hand, doch geschieht's bei uns wenigstens für König und Vaterland, und wir hoffen aus Gnade für alle Diejenigen, die in der Erfüllung ihrer Pflichten den Tod finden. Ich meincstheils habe mich stets mit einem Testamente vorgesehen, das über alle meine weltlichen Interessen verfügt, während ich wegen des Jenseits vertrauensvoll auf meinen heiligen Mittler blicke. Ich hoffe, Sir Wycherly ist mit feinen weltlichen Angelegenheiten eben so vorsichtig verfahren?" „Mein Oheim wird ohne Zweifel noch wünschen, seinen wenigen Vertranten einige unbedeutende Andenken zu hinterlassen," crwicdcrtc Tom mit niedergeschlagener Miene, „doch hatte er, so viel ich weiß, vor einiger Zeit ein Testament aufgesetzt. Ich denke, auch Ihr werdet mit mir in der Ansicht übercinstimmen, Sir, daß er, falls kein solches vorhanden sein sollte, im jetzigen Augenblick nicht im Stande wäre, etwas der Art abzufassen!" „Vielleicht nicht gerade in diesem Augenblick, doch wird er wohl noch mehr zu sich kommen, und dann kann sich schon Gelegenheit dazu bieten. Das Gut ist eine Majoritätsherrschaft, wie mir Mr. Dntton bei der Tafel berichtete." „Ja, so ist es, Sir Gervaisc, und ich bin der Unwürdige, der nach gewöhnlichem menschlichen Ermessen aus dieser Einrichtung Nutzen ziehen soll, obwohl ich es, wie der Himmel weiß, für alles Andere eher als für einen Gewinn ansehe. Wie dem auch sei, ich bin der Unwürdige, demnach meines Onkels Hingang das Lehen gebührt." „Euer Vater war des Baronets nächster Bruder?" bemerkte Sir Gervaise zufällig, und ein Schatten von Mißtrauen erwachte plötzlich in seinem Geiste, ohne daß er sich zu erklären wußte, aus welcher Quelle er gekommen und welchem Ziele er entgegen gehe. „Mr. Baron Wuchecombe war, wie ich glaube, Euer Vater?" „Ja, Sir Gervaise, und dazu der zärtlichste, nachsichtigste Vater, den ich nur jemals finden konnte. Er hinterließ mir die Früchte seines Fleißes, gegen siebenhundert Pfund jährlicher Renten, 186 und wahrlich, Sir Wycherltsis Tod kommt mir um so unerwünschter, als meine Umstände ihn keineswegs sür mich nothwcndig machen." „Natürlich wollt Ihr, wie in der Herrschaft, so auch in der Baronetswürdc Eurem Oheim Nachfolgen?" fragte Sir Gervaisc mechanisch, indem er sich mehr durch Toms übertriebene Acnßernngen als durch gewöhnliche Neugierde veranlaßt fühlte, an den Letzteren Fragen zu richten, die er unter anderen Umständen wohl selbst sür unpassend gehalten haben würde. „Natürlich, Sir. Mein Vater war Sir Wychcrly's einziger überlebender Bruder — der einzige, der sich je vermählte-- und ich bin sein ältester Sohn. Da dieses traurige Ereigniß nun einmal cingetrctcn ist, so trifft cs um so glücklicher sür mich, daß in neuester Zeit das Ccrtifikat über die Vermählung meiner Eitern in meine Hände gelangte — meint Ihr nicht auch, Sir?" Hier zog Tom ein schmutziges Stück Papier aus seiner Tasche, das sich als ein Hcirathszeugniß zwischen Thomas Wychccombe, Advokat, und Martha Dodd, Jungfrau re. rc. erwies. Das Dokument war in aller Form von dem Prediger einer Pfarrkirche in Wcstminster unterzeichnet und trug ein ziemlich altes Datum, wodurch die rechtmäßige Abkunft des jetzigen Inhabers genügend bewiesen war. Diese außergewöhnliche Vorsicht hatte den sehr natürlichen Erfolg, daß der Verdacht des Vice-Admirals dadurch nur noch vermehrt und demselben gewissermaßen erst jetzt die wahre Richtung gegeben wurde. „Ihr seid wohl bewaffnet, Sir," bemerkte Sir Gervaise trocken. „Ist es Eure Absicht, für den Fall der Nachfolge das Baroncts- Patcnt und die Erbschafts-Dokumente in der Tasche mit Euch herum zu tragen?" „Aha! ich merke, der Umstand, daß ich dieses Dokument bei mir führe, fällt Euch als eine Sonderbarkeit aus, Sir Gervaise; doch kann ich Euch leicht Auskunft hierüber geben. Zwischen meinen 187 beiden Eltern bestand ein großer Unterschied im Rang, und einige böswillige Personen haben sogar ans dem Stande meiner Mutter den Schluß gezogen, daß sie überhaupt gar nicht vermählt gewesen sei." „In welchem Falle Ihr am besten thun würdet, Sir, einem halben Dutzend dieser Ungläubigen die Ohren abznschneidcn." „Damit gibt sich aber das Gesetz in meinem Falle nicht zu- sriedcn, Sir Gervaisc. Mein Vater prägte mir von jeher die Nothwendigkeit ein, Alles, was ich thue, nach dem Gesetz zu verrichten, und ich bin stets bemüht, seiner Vorschriften zu gedenken. Er bestätigte seine Vermählung auf dem Sterbebette, leistete meiner verehrten und tiefgekränktcn Mutter jede mögliche Entschädigung, und belehrte mich, in wessen Händen ich dieses Ccrtifikat finden würde. Erst diesen Morgen habe ich es erhalten, und dieß ist der Grund, warum ich es jetzt bei dieser traurigen, unerwarteten Krise in meines Oheims Gesundheitszustand in meiner Tasche trage." Der letztere Theil von Toms Erklärung war wirklich der Wahrheit gemäß. Nachdem er nämlich alle nöthigen Nachforschungen angestellt und sich die Handschrift eines längst verstorbenen Geistlichen verschafft hatte, war es ihm gelungen, das Certifikat am heutigen Tage auf ciu Stück beschmutztes Papier mit dem Wasserzeichen 1720 höchst eigenhändig nachzukopiren. Uebrigens trug seine ganze Redeweise nur noch mehr dazu bei, ihm das Vertrauen seines Zuhörers zu entfremden, denn Sir Gervaise war so sehr an ein gerades, offenes Handeln gewöhnt, daß er bei Allem, was entfernt den Anschein von Verstellung und Heuchelei an sich trug, den tiefsten Unwillen fühlte. Nichtsdestoweniger hatte er seine eigenen Beweggründe, den Gegenstand weiter zu verfolgen, da ohnedieß keiner der beiden Sprechenden im jetzigen Augenblick an dem Krankenbette des Leidenden nöthig war. „Und dieser Mr. Wycherly Wychecombe" — fuhr er fort, „ Eures Onkels Namensvetter, der sich in neuerer Zeit so sehr ausgezeichnet hat, — iffs denn wahr, daß er mit Eurer Familie nicht verwandt ist?" 188 „Nicht im Geringsten, Sir Gervaise," antwortete Tom mit seinem gewohnten widrigen Lächeln. „Er ist blos ein Virginier, wie Ihr wisset, Sir, und kann nicht wohl zu uns gehören. Ick' habe meinen Oheim öfter sagen hören, daß der junge Mann wahrscheinlich von einem alten Bedienten seines Vaters abstamme, der wegen Diebstahls in einem Silberladen auf Ludgate-Hill deportirt und schon früher wegen lügenhaften Vorgebens, daß er zu der Familie Wychccombe gehöre — arrctirt worden war. Man sagt mir, Sir Gervaise, daß sich in den Kolonien mehr als genug Personen vorfinden, die von derartigen Vorfahren abstammcn." „Ich kann nicht sagen, daß ich es so gefunden Härte, trotzdem, daß ich als Kommandant einer Fregatte mehrere Jahre lang auf der nordamerikanischen Station diente. Der größere Theil der Amerikaner besteht, wie die Mehrzahl der Engländer, ans niederen Taglöhnern, die sich in einer entfernten Kolonie niedergelassen haben, wo die Civilisation noch nicht weit vorgeschritten ist. Die Bedürfnisse sind dort gar mannigfaltig, die Mittel dagegen sehr beschränkt. Was übrigens den Charakter der Bewohner anbetrifft, so möchte ich beinahe vermuthen, daß sie Denen, welche sie hier im Stammlande verlassen, durchaus nichts nachgebcn; unter dem Adel der Kolonien habe ich vollends Männer aus dem besten Blute des Mutterlandes getroffen — natürlich lauter jüngere Söhne und deren Abkömmlinge, aber Alle von ehrwürdigem, geachtetem Stamme!" „ Ei, Sir, das wundert mich wahrlich! So viel weiß ich übrigens gewiß, die allgemeine Meinung lautet ganz anders. Jedenfalls hat die Sache keine Beziehung aus unfern fraglichen Herrn — oder Fremdling, wie ich ihn nennen möchte, denn ein solcher ist er in Wychecombe — und zwar Einer, der nicht das geringste Recht zu der Behauptung besitzt, daß er zu uns gehöre." „Habt Ihr jemals vernommen, Sir, daß er auf diese Ehre Anspruch macht?" „Aus direktem Wege nicht, Sir Gervaise, doch soll er, wie man mir sagt, mancherlei Winke in diesem Sinne gegeben haben, seit er in der Gegend landete, um sich von seinen Wunden heilen zu lassen. Besser hätte er gethan, wenn er seine vorgeblichen Rechte lieber dem Gutsherrn, statt dessen Dienern auseinander gesetzt hätte; das werdetJhr als Mann von Ehre wohl sclbstzugeben,Sir Gervaise?" „Ich kann niemals eine Heimlichkeit billigen, Mr. Thomas Wychecombe, wo offenes, ehrliches Handeln am Platze wäre. Doch sollte ich eigentlich um Entschuldigung bitten, wenn ich bei Euren Familienangelegenheiten verweile, die mich nur insofern berühren, als ich an den Wünschen, wie an dem Wohlergehen meines neuen Bekannten, unseres trefflichen Wirthes, den innigsten Antheil nehme." „SirWycherly hat noch abgesondertes Vermögen in den Fonds angelegt, das nicht zu dem Majorate gehört — gerade tausend Pfund jährlichen Ertrags, ohne die Herrschaftsrente— auch weist ich, daß er ein Testament hinterläßt,—" fuhr Tom fort, indem er sich in der ächten Kurzsichtigkeit eines Schurken mit der Hoffnung schmeichelte, daß er einen günstigen Eindruck auf seinen Gefährten gemacht habe, den er auch augenblicklich zu seinem Nutzen auszu- beutcn suchte, da der Zustand seines Oheims, wie ihm zu seiner innigen Freude fast alle Umstände anzeigten, doch der Art war, daß er wahrscheinlich mit dessen schleunigem Tode endigen mußte. „Ja, ja, ein volles Tausend in den Fünfproccntigen— lauter Geld, das er sich während eines langen Lebens von seinen Renten ersparte. Er wird dieß wahrscheinlich meinen jüngeren Brüdern, vielleicht gar diesem seinem Namensvetter vermacht haben" — Tom wußte recht wohl, daß jeder Schilling des gesammten Vermögens ihm selbst zugedacht war—„denn ein besseres Herz, als das seine, schlägt nirgends auf der Erde. In der That, mein Oheim hat dieses Testament in meine, als des gesetzlichen Erben, Hände gelegt, da er dieß wahrscheinlich meinen Ansprüchenschüldig zu sein glaubte— doch habe ich mir niemals herausgenommen, einen Blick hinein zu werfen." 190 Dieß war der zweite Beweis einer ungemeinen Feinheit, womit Tom — eben durch sein Bemühen Verdacht zu bekämpfen - - - nur neuen Argwohn erregte. Sir Gcrvaise fand cs höchst unwahrscheinlich, daß ein Mensch, wie dieser Neffe, das Testament seines Onkels lange Zeit in Händen haben und kein Verlangen fühlen sollte, dessen Inhalt zu erfahren. Schon durch seine Acußerung hatte der junge Mann wenigstens indirekt zugegeben, daß er, falls er Lust dazu gefühlt, das Testament dennoch untersucht haben würde, und der Admiral war sehr geneigt, zu vcrmuthen, daß Tom das, was er so leicht hätte thuu können, auch wirklich gethan habe. Das Gespräch der Beiden wurde übrigens durch Duttou unterbrochen, der in diesem Augenblicke mit Admiral Blucwaters Auftrag in's Zimmer trat, worauf Tom seinem alten Bekannten alsbald entgegengiug. Sir Gcrvaise Oakcs war über die Lage seines Wirthes zu tief bekümmert, und außerdem noch zu sehr mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt, um über das, was zwischen ihm und Tom Wyche- combe vorgefallen war, lange oder tief Nachdenken zu können. Hätten sich Beide heute Nacht getrennt, so wäre das vorangegan- geue Gespräch, sowie der ungünstige Eindruck, den cs hinterließ, wohl bald vergessen worden; so aber vereinigten sich alle nachfolgenden Umstände, um ihm später das Ganze wieder in's Gcdächt- niß zurückzurufen. — Die Folgen sollen im Verlauf unserer Geschichte berichtet werden. Duttou schien doch etwas erschüttert, als er Sir Wycher- ly's bleiche Züge gewahr wurde, und fühlte sich sehr erleichtert, als ihn Tom bei Seite führte und ein vertrauliches Gespräch über die Zukunft und über das wahrscheinlich sehr nahe Ende seines Oheims mit ihm begann. Wer in diesem Augenblicke die Macht besessen hätte, in den Herzen der Menschen zu lesen, der müßte wohl einen tiefen Abscheu vor der menschlichen Gebrechlichkeit gefühlt haben, wenn ihm jetzt die Habgierde und Schlauheit dieser 191 beiden unreinen Geister so offenbar vor sei» geistiges Auge getreten wäre. Acußcrlich zeigten sich Beide als gegenseitige Freunde, die den ihnen wahrscheinlich bevorstehenden Verlust mit einander betrauerten; inwendig aber war Drittens einziges i Streben darauf gerichtet, Toms Vertrauen in so weit zu gewinne neu, daß ihm dadurch der Weg zu seinem zukünftigen Ziele— der unverhofften, hohen Stellung eines Schwiegervaters eines so reichen Baronets — ungebahnt wurde, während der Neffe bemüht war, den Quartiermeister nur so lange in seinem Jrrthum zu . erhalten, daß er ihn im Falle der Noth als Zeugen zur Behauptung seiner Ansprüche benützen könnte. Auf welche Art er übrigens - dieses sein Ziel zu erreichen strebte — dieß zu errathcn, müssen wir der Einbildungskraft unserer Leser überlassen, da wir, beson- ' dcrs in dem jetzigen Augenblicke, weit wichtigere Gegenstände zu i verhandeln haben. j Von dem Augenblicke an, da Sir Wychcrly zu Bett gebracht » worden war, saß Mr. Rothcrham dem Kranken zur Seite, bewachte L de» Verlauf seiner Krankheit, und suchte die Wünsche des Patienten, z welche dieser nur schwach und undeutlich knndzugebcn vermochte, 1 ^ seiner Umgebung begreiflich zu machen. Wir sagen absichtlich un- l > deutlich, denn auch die Sprachorgane des Baronets hatten eine j leichte Lähmung erlitten, so daß ein ähnlicher Zustand bei ihm sz eingctreten war, wie man ihn im gemeinen Leben mit dein Nris- E drucke einer schweren Zunge zu bezeichnen pflegt. ^ Wir haben oben Mr. Rotherham als einen wackcrn Helden s bei der Flasche geschildert, doch war er bei Veranlassungen, wie die ! ^ heutige, keineswegs ohne warmes, theilnchmcndes Gefühl, und I ä verrichtete alle seine geistlichen Funktionen mit einer Salbung, Z wie die Sitten des Landes und die Ansichten der Zeitgenossen dieß r nur immer von einem Manne seines Standes verlangten. Er hatte ; sich sogar, sobald er bemerkte, daß der Patient wieder zu sich ge- ^ kommen war, freiwillig erboten, demselben die Krankcngebete 192 vorzulcsen; sein gutmüthigcs Anerbieten war jedoch von Sir Wy- cherly mit jenem zarten Schicklichkcitsgcfühle abgelehnt worden, das sich bei Annähernng des Todes nur noch mehr zu verschärfen scheint, und das im jetzigen Falle den Kranken belehrte, daß die versammelte Gesellschaft nicht eben in der Lage war, um ein so heiliges Amt mitanznhören. Endlich hatte sich Sir Wychcrly wieder so weit erholt, daß er mit zunehmendem Bewußtsein um sich schauen konnte; zuletzt wandcrtcn seine Blicke im Zimmer umher, indem sie jeden Einzelnen der Umstehenden nnt besonderer Bedachtsamkeit eine Weile zu mustern schienen. „Ich kenne euch Alle — jetzt," begann der gutherzigeBaronet mit heiserer Stimme, der man anhörte, daß ihm das Sprechen Mühe verursachte; „thut mir leid, daß ich euch -— so viele Mühe verursache. Ich habe — nur noch kurze Zeit vor mir." „Ich hoffe nicht, Sir Wvchcrly," fiel der Vicar mit tröstendem Tone ein, „Ihr habt einen schweren Anfall gehabt, doch erfreut Ihr Euch einer festen Gesundheit, die Vielem zu widerstehen vermag." „Meine Zeit — kurz -— ich fühl' cs hier," wiederholte der Kranke und fuhr mit der Hand über die Stirne. „Bemerkt es wohl, Dutton," flüsterte Wychccombe. „Mein armer Oheim gesteht selbst, daß sein Geist etwas erschüttert ist. Unter solchen Umständen wäre cs eine Grausamkeit, wenn wir gestatteten, daß er sich durch vorzunehmendc Geschäfte selbst Schaden zufügc." „Gesetzlich kann cs gar nicht geschehen, Mr. Thomas. Ich denke, Admiral Oakes würde schon dazwischen treten, um dicß zu verhindern." „Rotherham," fuhr der Kranke fort, „ich will mich — mit der — mit der Welt abfindcn, — und dann — meine Gedanken — auf Gott richten. Haben wir -— Gäste — im Haus? — Männer von Stand — Familie?" 193 „Gewiß, Sir Wycherly, Admiral Oakcs selbst ist hier im Zimmer, und Admiral Bluewatcr verweilt, wie ich glaube, auch uoch im Hause. Ihr ludet Beide ein, die Nacht bei Euch zuznbringen." „Ich erinnere mich — jetzt, — mein Geist — uoch verwirrt." Hier nickte Tom Wychecombe dem Quarticrmciftcr abermals zu. „Sir Gervaise Oakcs— Admiral — Barouet von altem Stamme — höchst ehrenwcrthcr Mann. Admiral Bluewatcr gleichfalls - - Verwandter —von Lord Bluewatcr; Edelmann — allgemein geachtet. Auch Ihr, Rotherham; wäre doch mein armer Bruder James — der heilige James — wie ich ihn nannte — noch am Leben; — Ihr — guter Nachbar — Rotherham." „Kann ich irgend Etwas thun, mein thcnrer Sir Wycherly, um Euch dieses zu beweisen? Nichts würde mich glücklicher machen, als in einem so wichtigen Augenblicke alle Eure Wünsche zu kennen und zu erfüllen." „Alle sollen das Zimmer verlassen — Euch ausgenommen — im Kopfe wird's schlimmer — ich kamüs nicht länger aufschieben - -" „Es ist doch grausam, meinen armen Oheim in seinem jetzigen Zustande mit Geschäften oder anstrengender Unterhaltung zu belästigen," fiel Tom Wychecombe mit Nachdruck und sogar mit einem gewissen, befehlenden Ernste ein. Alle Anwesenden fühlten die Wahrheit des Gesagten und ebenso, daß der Sprecher durch seine Verwandtschaft das volle Recht besaß, ans die Art, wie er gethan, einzuschrciten. Trotz dessen konnte sich Sir Gervaise Oakcs nur mit tiefem Widerstreben in diese Anordnung fügen, denn neben dem Mißtrauen, das er neuerdings gegen Tom Wychecombe gefaßt, dünkte es ihm, sein Wirth wünsche ihnen, in Beziehung aus seinen neuen Liebling, den Lieutenant, etwas Wichtiges mitzutheilen. Doch sah er sich genothigt, den anerkannt besseren Ansprüchen des Neffen nachzugcben und enthielt sich deßhalb jeder Widerrede. Zum Gluck war aber Sir Wycherly noch selbst im Stande, die Erfüllung seiner Wünsche durchzusetzen. Die beiden Admirale. lg „Alle sollen das Zimmer — verlassen/' wiederholte er mit einer Stimme, die dnrch ihre unerwartete Festigkeit, wie durch ihre ebenso unverhoffte Deutlichkeit in Erstaunen setzte. „ Alle — ausgenommen Sir Gervaise Oakes — Admiral Blncwater — Mr. Rotherham. Diese Herren — haben die Güte zu bleiben. >— Die klebrigen gehen ab." An pünktlichen Gehorsam gegen ihres Herrn Befehle gewöhnt, besonders wenn sic in so entschiedenem Tone gegeben wurden, verliest die Dienerschaft in Duttons Begleitung das Zimmer. Toni Wychecombe aber zog eS vor, zu bleiben, als ob seine Gegenwart sich eigentlich von selbst verstünde. „Erweist mir — den Gefallen — entfernt Euch — Mr. Wychecombe/' begann der Baronet von Neuem, nachdem er seinen Neffen, vielleicht in der Erwartung, daß er sich ohne fernere Aufforderung zurückziehen würde, eine Zeitlang aufmerksam angesehen hatte. „Ich bin cs ja, mein geliebter Onkel— Thomas, Eures leiblichen Bruders Sohn — Euer nächster Blutsverwandter — der mit ängstlicher Sorgfalt neben Eurem Krankenlager harrt. Bitte — bitte — verwechselt mich nicht mit Fremden. Eine solche Vergessenheit würde mir das Herz brechen!" „Vergib mir, Neffe — aber ich wünsche — mit diesen edlen — allein — mein Kopf — wird wieder — verwirrt —" „Ihr seht selbst, Sir Gervaise Oakes, wie die Sachen stehen — auch Ihr, Mr. Rotherham, bemerkt wohl, wie es ausstcht. Ach, da geht auch schon der Wagen ab, der Admiral Blncwater wieder nach seinem Boote führt. Mein Oheim wünscht aus irgend einem Grunde drei Zeugen zu haben und so kann ich als einer von den Dreien Zurückbleiben." „Ist es Euer Wille, Sir Wycherly — wünscht Ihr uns wirklich allein bei Euch zu sehen?" fragte Sir Gervaise mit einem Ernste, welcher deutlich zeigte, daß er für den Fall, daß der Baronet aus der Entfernung seines Neffen bestehen sollte, des Elfteren Wunsch mit allem Nachdruck durchzusetzen entschlossen war. 195 Der Kranke nickte bejahend nnd zwar mit solchem Eifer, daß nicht wobt länger ein Mißverständnis; obwalten konnte. „Ihr seht jetzt, Mr. Wychccombe, wohin Eures Onkels Wünsche zielen," bemerkte Sir Gcrvaise so ziemlich in der Art, wie ein sein gebildeter Vorgesetzter zu verstehen gibt, daß er die Erfüllung eines geäußerten Wunsches bestimmt erwartet. „Ich hoffe, sein Begehren wird in einem Augenblicke, wie der jetzige, nicht unbeachtet bleiben." „Ich bin Sir Wychcrly Wychecombc's nächster Blutsverwandter," cntgegnete Tom in ziemlich polterndem Tone; „Niemand hat wie ich — sein Verwandter und so zu sagen, sein Erbe — ein Recht, an seinem Krankenlager zu verharren." „Das, Sir, bängt lediglich von Sir Wycherlp Wychceombe's eigenen Wünschen ab. E r ist hier der Herr, und da er mir die Ehre erwiesen, mich als Gast unter sein Dach einzuladen und jetzt eben das Verlangen äußerte, mich selbst, nebst einigen Andern, die er ausdrücklich genannt — nnd wozu Ihr nicht gehört — allein zu sprechen, so halte ich es für meine Pflicht, ans pünktliche Erfüllung seiner Wünsche zu dringen." Dieß sprach Sir Gcrvaise in dem festen, ruhigen Tone, wie ihn die Gewohnheit des Beschleus bei ihm zur Sitte erhoben hatte, und Tom fing an, zu begreifen, daß längerer Widerstand zuletzt doch gefährlich werden könnte. Ueberdicß war cs für ihn von Wichtigkeit, daß für den Fall fernerer Verhandlungen ein Mann von des Viceadmirals Charakter und Stellung nichts wider ihn vorzubringen hätte. So verließ er denn endlich das Gemach, nachdem er seinem Oheim wiederholt seine Achtung nnd Hingebung in dessen Willen bethcuert hatte. Ein Strahl der Freude leuchtete auf dem Antlitze des Kranken, als er seinen Neffen verschwinden sah; dann richtete sich sein Auge langsam ans die Gesichter der Zurnckblcibenden. „Bluewater," sprach er nnd die Schwere seiner Zunge schien 13 * 196 zuzunchmcn und ihn immer mehr im Sprechen zu hindern; „der Eontreadmiral — ich brauche alle — ehrbare — Zeugen im Hanse." „Mein Freund hat uns, wie ich höre, verlassen," erwiedcrtc Sir Gervaise, „und ist ans seiner Gewohnheit bestanden, niemals außerhalb seines Schiffes zu schlafen; Atwood aber muß bald zurückkommen; ich hoffe, der wird genügen! ' Der Kranke gab ein Zeichen des Beifalls; dann folgte eine Pause von einigen Minuten, bis der Sekretär im Zimmer erschien. Sobald dieser zurückgekehrt war sammelten sich die Drei um des Baroncts Bett, nicht ohne einigen Antheil an jener Schwäche, welche wir Menschen von unserer Stamm-Mutter Eva geerbt haben — einer Schwäche, die übrigens im gegenwärtigen Fall, bei dem sonderbaren Beginnen des Baroncts — nicht so unerklärlich war. „Sir Gervaise — Rothcrham - Mr. Atwood," wiederholte der Patient langsam, und sein Blick schweifte von einem Gesichte zum andern, während er den Namen eines jeden Einzelnen anssprach; „drei Zeugen — das genügt - Thomas sagte — man müsse drei Zeugen — und zwar drei gute Zeugen haben." „Womit können wir Euch dienen, SirWycherly?" fragte der Admiral mit aufrichtigcrTheilnahme. „JhrdürftEuerVerlangennnrnen- nen, und könnt versichert sein, daß cs pünktlich vollzogen werden wird." „Der alte Sir Michael Wychecombe, Ritter — zwei Frauen — Margaretha und Johanna. Zwei Frauen — zwei Sohne — Halbblut — Thomas, James, Charles und Gregory, ganz; Sir- Reginald Wychecombe, halb. Die Herrn — hoffe — verstanden?" „Das ist freilich nicht sonderlich klar," flüsterte Sir Gervaise; „doch wenn wir das andere Ende des Tan's sesthaltcn, so können wir ihn vielleicht unterlaufen, wie wir Seeleute es nennen, und seine Meinung endlich doch erfahren — kaffen wir also den armen Mann weiter sortfahren. — Vollkommen klar, theurer Sir, was habt Ihr uns jetzt zunächst zu sagen? Ihr schloßet damit, daß Ihr Sir Reginald — halb — nanntet." 197 „Halbblut — blos halb — Tom und die klebrigen ganz. Sir Reginald, kein nullius — der junge Tom — ein nullius." „Ein nullius, Mr. Notherham! Ihr versteht Latein, Sir; was kann wohl nullius bedeuten? He, Atwood! habt Ihr kein solches Tau im Schiff?" „iVulluis oder nulkus, wie es zuweilen ausgesprochen werden sollte, ist der Genitiv, Singular, von dem Pronomen nullus; uullus, uulln, nulluui; bedeutet,,keiner^,,keines ,keines'. Mllius heißt also, ,keines ManncS^, ,keiner Frau^, ,keines Dingst" Der Vicar gab seine Erklärung gerade so, wie etwa ein Schulmeister die Sache seinen Schülern auseinander gesetzt haben wurde. „Ei ja doch — jeder Schulknabe hätte das hersagen können, das. steht ja in der ersten Formenlehre. Was zum Teufel kann aber — ,Nominativ nullus, uulln, nullum, Genitiv nullius, nullius, nullius, mit Mr. Thomas Wychecombe, dem Neffen und Erben gegenwärtiger Baronie — zu schaffen haben?" „Das ist mehr, als ich Euch sagen kann, Sir Gervaise," antwortete der Vicar steif; „mein Latein aber, dafür will ich stehen, das ist gut." Sir Gervaise war zu sein gebildet, um zu lachen, konnte aber doch nur mit vieler Mühe ein Lächeln unterdrücken. „Gut, Sir Whcherly," wiederholte der Viccadmiral, „das Alles ist vollkommen klar — „Sir Reginald ist blos halb, während Euer Neffe Tom und die klebrigen ganz sind — Margaretha und Johanna und Alle. Habt Ihr uns noch mehr zu sagen, theurer Sir?" „Tom nicht ganz — uullus, wollt' ich sagen. Sir Reginald h alb — kein uullus." „Das ist gerade, wie wenn man eine Woche lang aus der See herumschwimmt, ohne jemals einen Sonnenblick zu erhalten! Jetzt, ihr Herren, bin ich am Ende." „Sir Whcherly beachtet die Casus nicht gehörig," warf At- 198 wood trocken ein. „Einmal spricht er im Genitiv, dann kommt er wieder aufdcn N o m inativ zurück nnd läßt uns selbst im Vocativ." „Geht, geht, Atwood, bleibt mir bei einer so feierlichen Veranlassung, wie diese, mit Euren Kanonendeckswitzcn vom Leibe. — Mein thcurer Sir Wychcrly, habt Ihr uns noch irgend Etwas zu sagen? Ich glaube, wir verstehen Euch setzt ganz genau. Tom ist nicht ganz — Ihr wollt sagen mrlln« und nicht nul>i»8. Sir Reginald ist blos halb, aber kein milluk." „Ja, Sir, —so ist's," crwiedcrte der alte Mann lächelnd. „Halb, aber kein millus. Meinen Sinn geändert — von dem Andern neuerdings zu viel gesehen — von Tom, meinem Neffen möchte ihn zu meinem Erben machen." . „Jetzt wird die Sache ohne Widerrede klarer. Ihr wünscht, Euren Neffen Tom zum Erben einzusetzen. So aber verfügt schon das Gesetz — oder nicht, Sir? Mr. Baron Wycheeombe war des Baroncts nächster Bruder; nicht wahr, Mr. Nothcrham?" „So habe ich die Sache von jeher verstanden, und Mr. Thomas Wycheeombe muß der gesetzliche Erbe sein." „Nein — nein — nulki« — mlllus," wiederholte Sir Wy- cherly mit solchem Eifer, daß seine Stimme beinahe unverständlich wurde; „Sir Reginald — Sir Reginald — Sir Reginald!" „Sagt mir doch, Mr. Rotberham, wer mag dieser Sir Reginald sein? Vermnthlich so ein alter Baronet von der Familie?" „Nichts weniger als das, Sir Gcrvaisc; er meint Sir Reginald Wycheeombe von Wychccombc-Regis, Hcrtfordshire — einen Baronet ans der Zeit der Königin Anna, der, wie man mir sagt, von einem jüngeren Zweige der Familie abstammt." „Das nenn' ich endlich ans Ankergrund gerathcn. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, dieser Sir Reginald müsse so ein alter Knabe ans den Zeiten der Plantagcncts sein. - - Nun, Sir Wy- cherly, wünscht Ihr vielleicht, daß wir einen Eilboten nach Hcrt- sordshire absendcn und Sir Reginald Wychccombe, Euren vermuth- 199 lichcn Testamentsvollstrecker, herbcirufen lassen? Gebt Euch nicht die Mühe zu sprechen — ein Zeichen genügt uns." Sir Wycherlu schien sehr betroffen über diesen Wink, der, wie der Leser sich wohl cinbildcn kann, durchaus nicht in seiner Absicht lag; nach einer Weile lächelte er jedoch wieder und nickte bejahend. Sir Gervaise wandte sich augenblicklich mit der Eilfertigkeit eines ächten Geschäftsmannes nach dem Tische, wo der Vicar eben dringende Einladungen an die Acrzte erliest und diktirte seinem Sekretär ein kurzgefaßtes Schreiben. Der Brief wurde gesiegelt, und in fünf Minuten verliest Atwood das Zimmer, um unverzüglich einen Eilboten an die Adresse abgehcn zu lassen. Sobald dieß geschehen war, rieb sich der Admiral vergnügt die Hände, in dem Bewußtsein, daß er sich mit vieler Geschicklichkeit aus einem schwierigen Falle hcrausgewnnden hatte. „Bei alb Dem sehe ich nicht ein, Mr. Rotherham," bemerkte er gegen den Vicar, wahrend Beide in einer Ecke des Zimmers standen und die Rückkehr des Sekretärs abwartcten, „zu welchem Zweck er sich mit diesem Abcschützcn-Latein — dem ewigen nutlns, milln, imtsiim hcrnmschleppte! KönntJhr mir darüber vielleicht eine Aufklärung geben?" „Vielleicht wollte Sir Wychcrly damit andcuten, daß Sir Reginald, als ein Abkömmling von einem jüngeren Sohne, eigentlich ,Keiner^ sei — oder bis jetzt keine Frau habe — ich glaube überdieß, daß er noch unvermählt ist — oder daß er arm sei, d. h. -Nichts besitze?" „Ist denn aber Sir Wychcrly ein so verzweifelter Schulge- lchrtcr, daß er sich sogar ans seinem Todtenbcttc — denn so, fürcht' ich, mag es wohl mit ihm stehen — in dieser hicrogly- phischen Weise ausdrücken sollte?" „Nun seht, Sir Gervaise — Sir Wycherly wurde wohl wie alle jungen Edclleute erzogen, hat aber im Laufe eines langen Lebens voll Behaglichkeit und Ucberfluß seine klassischen Studien 200 zum größten Theile wieder vergessen. Ist es nun nicht denkbar, daß in Folge dieses jetzigen Gchirnlcidens seine früheren Erinnerungen plötzlich wieder erwacht sein könnten? Ich meine schon merkwürdige Beispiele der Art gelesen zu haben, wo das Gcdächtniß bei einem Krankhcitsansall oder gar auf dem Todteubette, wie hier, auf's Neue wieder belebt wurde!" „Nun das mag wohl sein!" rief Sir Gervaisc lächelnd, „und der arme, gute Sir Wycherly hat dann auf's Neue da begonnen, wo er früher stehen geblieben war. — Doch da istAtwood wieder zurück." Nach kurzer Bcrathung versammelten sich die drei erwählten Zengen wieder an dem Krankenlager; der Admiral machte abermals den Sprecher. „In zehn Minuten ist der Eilbote fort, Sir Wychcrlv," begann er von Neuem; „so dürft Ihr hoffen, Euren Verwandten im Lauf der nächsten zwei oder drei Tage zu scheu." „Zu spät — zu spät," murmelte der Kranke, der innerlich seine wahre Lage reckt wohl fühlte; „zu spät — dreht das Testament um — Sir Reginald, Tom; — Tom — Sir Reginald. Dreht den Willen um." „Dreht den Willen um! — das ist wohl recht verständlich, ihr Herren, nämlich für Einen, der s verstehen kann. Sir Reginald, Tom; — Tom, Sir Reginald. Auf alle Fälle aber geht so viel daraus hervor, daß sein Geist mit Verfügungen über sein Eigcn- thum beschäftigt ist, denn er spricht ja vom letzten Willen. Notirt Euch das, Atwood — damit cs kein Mißverständnis gibt. Ich wundere mich, daß er noch kein Wort von unserem braven jungen Lieutenant, seinem Namensvetter, gesprochen. Es ist wohl kein Unrecht, Mr. Rotherham, wenn ich in einem Augenblicke, wie dieser, eines so hübschen Jungen erwähne?" „Ich meines Thcils kann keines darin sehen, Sir. Ist es ja doch unsere Pflicht, Kranke an die ihrigen zu erinnern." „Wünscht Ihr vielleicht nicht, Sir Wycherly, Euren jungen 201 Namensvetter, Lieutenant Wycherly Wychecombe, vor Euch zu sehen?" fragte der Admiral, indem er auf den Taufnamen besonderen Nachdruck legte. „Er muß sich im Hause befinden, und würde sich gewiß äußerst glücklich fühlen, wenn er Eurem Wuusche gehorchen dürfte." „Ich hoffe, er ist wohl, Sir — trefflicher junger Mann — eine Ehre für unfern Namen, Sir." „Ganz richtig bemerkt, Sir Wycherly, und nicht nur Eurem Namen, auch der Nation macht er Ehre." „Wußte nicht, daß die Virginier eine Nation ausmachcn — um so besser für sie — feiner, junger Virginier, Sir." „Ohne Zweifel von Eurer Familie, Sir Wycherly, wie er denn auch Euren Namen trägt," fuhr der Admiral fort, der insgeheim vermuthctc, der junge Seemann möchte trotz all' Dem, was er vom Gegentheile gehört, am Ende doch ein Sohn des Baroncts sein. „Ein ausnehmend feiner, junger Mann, der jedem Hanse in England Ehre machen würde!" „Ich denke, sic haben Häuser in Virginia — schlimmes Klima; Häuser nothwcndig. Kein Verwandter, Sir; vermuthlich ein iiullu«. Viele Wychccombc's Nullussc. Tom ein >mllu8— dieser junge Mann ein iiullu« — die Wyechonibc's aus Surrey lauter Nullusse — Sir Reginald kein »iillrm; aber halb — Thomas, James, Charles und Gregory alle ganz. So sagte mir mein Bruder, Baron Wychecombe — ehe er starb." „Was ganz, Sir Wycherly?" fragte der Admiral, etwas ärgerlich über die Unverständlichkeit des Sprechenden. „Blut — Vollblut, Sir. Kapitalgcsctz, Sir Gervaisc; hab's von dem Baron — aus erster Hand." Nun gehört cs aber zu den Eigcnthümlichkeiten Englands, daß bei der dortigen Geschästsvcrtheilung außer den eigentlichen Rechtsgelehrten fast Niemand etwas vom Gesetz versteht. Selbst die Rechtswissenschaft ist in Abtheilungen und Unterabthcilungen geschieden, 203 damit sich der Gewinn unter den Männern vom Fach hübsch ordentlich ansgleichc. So ist der Notar kein Proknrator, dieser wiederum kein Gerichtsanwalt, und ein Advokatbcim Kanzleihofe würde ebenso einen schlechten Rathgeber für einen gewöhnlichen Gerichtshof abgcben. Eben jene Verordnung des Landrechts, welche Baron Wychc- combe gegen seinen Bruder als Regel für das Halbblut anführtc, ist erst vor etwa zehn Jahren durch ein besonderes Statut aufgehoben oder modificirt worden, doch selbst wenn ein solches Gesetz bestünde, würden wahrscheinlich nur wenige englische Advokaten von einer derartigen Nachsolgeordnung Kcnntniß haben, denn eine Satzung, wie die vorliegende, die jedem natürlichen Nechtsgcfühle Gewalt anthat, wurde als ein Standcsgcheimniß vor Andern verschlossen gehalten. Man denke sich tausend verständige, dabei aber rcchtsunkundige Engländer, und trage ihnen den Fall vor, daß Brüder von verschiedenen Müttern, die Beide gleichermaßen von dem Begründer eines Majorats abstammcn, einander nicht anders als durch ausdrückliches Vermächtniß oder besondere Nebereinkunft beerben können — und man darf mit Sicherheit daraus zählen, daß gewiß neun Zehntel das Vorhandensein eines solchen Gesetzes geradezu in Abrede stellen würden, wobei noch dazu diese Art von Räsonnement ihrem natürlichen Sinne für Gerechtigkeit alle Ehre machen würde. Nichtsdestoweniger lautete bis zu der neuerlichen Reform der englischen Gesetze die „Vollendung der Vernunft" um kein Haar anders, als wir oben angeführt haben, und wir mußten mit großer Verwunderung bemerken, daß ein geistreicher Romanschriftsteller, der seine Leser erst kürzlich mit einer Erzählung beschenkte, deren Interesse sich hauptsächlich um die Wcchselfälle der Rechtspraris dreht, dieser Eigenthümlichkeit seiner vaterländischen Gesetze nicht gedacht hat, da doch eben der erwähnte Fall Verwicklungen genug für ein Dutzend gewöhnlicher Romane gewährt, und vollends Un- wahrscheinlichkcit für ein volles Hundert liefern könnte. 2si3 Daß somit Sir Gervaise und seine Gefährten mit dem ,Gesetze über das Halbblut unbekannt waren, versteht sich nach dem bisher Gesagten so ziemlich von selbst, und Niemand darf sich also darüber wundern, daß die wiederholten Anspielungen des würdigen Baro- ncts auf das ,halb^ und ,ganz^ — undurchdringliche Räthsel für sie waren, zu deren Lösung Keiner von Allen genügende Kenntnisse besaß. „Was kann der Aermste wohl meinen?" fragte der Admiral in einer Verwirrung, wie er, so lange er sich erinnern konnte, nie eine ähnliche bei solcher Veranlassung gefühlt hatte. „Ich wünschte ja von Herzen, ihm nach allen meinen Kräften zu dienen, aber dieses ewige ,nuli»8^ und ,Vollblut^ und ,halb^ ist für mich ein völlig unverständliches Kauderwelsch — könnt Ihr irgend Etwas daraus machen, Atwood?" „ Auf mein Wort, Sir Gervaise, das Ding scheint für einen Richter, aber keineswegs für Seeleute zu passen, die, wie wir, ihr Lebcnlang auf Kriegsschiffen gedient haben." „ES kann doch nichts zu schaffen haben mit dieser Erhebung der Jakobiten? Es ist dieß allerdings ein Gegenstand, der sogar die letzten Augenblicke eines loualcn Untcrthans zu trüben vermöchte — meint Ihr nicht auch, Mr. Rotherham?" „Sir Wycherlsss Alter und Gewohnheiten lassen keineswegs dem Gedanken Raum, Sir, daß er von dieser Sache mehr, als wir Anderen, gewußt habe. Die eine feiner Forderungen, nämlich die, den Willen umzukchrcn, — finde ich übrigens durchaus erklärlich. Es sind in letzter Zeit einige treffliche Abhandlungen über den ,menschlichen Willen^ erschienen und, zu meinem Bedauern muß ich's gestehen, mein verehrter Freund und Patron war in diesem Punkte nicht immer so rechtgläubig, wie ich wohl hätte wünschen können. Ich nehme somit seine Worte als den Beweis einer herzlichen Reue. Sir Gervaise schaute sich um, wie er jedesmal that, wenn 20L ihm cm drolliger Gedanke in den Sinn kam; doch anch jetzt überwand er seine Lachlust und antwortete mit geziemendem Ernst: „Ich verstehe Euch, Sir; Ihr glaubt, all' diese unerklärlichen Ausdrücke stehen mit Sir Wycherly's religiösen Gefühlen im Zusammenhang. Ihr mögt allerdings recht haben, denn es überstiege auch wirklich all' meine Kenntnlß, wenn ich sic mit etwas Anderem in Verbindung bringen wollte. Nichtsdestoweniger aber wünschte ich, er hätte unfern edlen jungen Lieutenant nicht vcrläugnet. Jft's denn ganz gewiß, daß der junge Mann ein Virginier ist?" „So habe ich von jeher gehört, Sir. Man hatte ihn nie zuvor in diesem Theile von England gesehen, bis er von einer Fregatte an der Rhede an's Land gesetzt wurde, um sich von einer schweren Wunde heilen zu lassen. Ich glaube, daß keine von Sir Wvcherlp's Anspielungen auf ihn den mindesten Bezug hat." Sir Gervaise legte nun die Hände auf den glücken und ging eine Zeitlang in dem Zimmer auf und ab, gerade wie er auf seinem Quarterdecke zu thun gewohnt war. Bei jeder Wendung fielen seine Augen auf das Bett, und jedesmal fand er den Blick des Kranken ängstlich ans seine Person geheftet. Diese Bemerkung überzeugte ihn wenigstens davon, daß die Religion mit dem offenbaren Verlangen seines Wirthcs, sich verständlich zu machen — nichts zu schaffen hatte; seine eigene Unruhe wurde aber dadurch nur noch vermehrt. Es kam ihm vor, als ob ein Sterbender unaufhörlich seine Hilfe anricfc, ohne daß es in seiner Macht stand, solche zu gewähren. Für einen Mann von Sir Gcrvaisc's edlen Gesinnungen war cs unmöglich, sich einem so trostlosen Gefühle ohne Widerstand gefangen zu geben, und so trat er bald wieder an das Bett des Leidenden, fest entschlossen, die Sache zu irgend einem verständlichen Ausgange zu bringen. „Glaubt Ihr nicht, SirWychcrly,daßJhr vielleicht einige Zeilen niederschreiben könntet, wenn wir Euch Tinte, Feder und Papier vorlegten?" fragte er, nmnoch den letztenverzweiselten Versuch zu machen. 205 „Unmöglich — vermag kaum, zu sehen — habe nicht die Kraft — halt — will'S versuchen — wcnn's Euch so recht ist." Sir Gervaise war hierüber hoch erfreut, und wandte sich unverzüglich an seine Gefährten, nur ihren Beistand zu erbitten. At- wood und der Vicar richteten den alten Mann aus und stützten ihn mit Kissen; der Admiral legte ihm dann die Schreibmaterialien zurecht, während eine große Bibel in Quart seine Unterlage bildete. Nach mehreren nutzlosen Versuchen bekam endlich SirWycherly die Feder in die Hand, und kritzelte damit sechs oder sieben fast ganz unlesbare Worte, die gucr in der Diagonale über das Papier hinliefen. Mit dieser Anstrengung waren aber auch seine Kräfte vollkommen erschöpft — er sank zurück, ließ die Feder fallen und schloß in theilweiser Bewußtlosigkeit die Augen. In diesem kritischen Momente erschien der Chirurg und machte der ferneren Unterredung mit einem Mal ein Ende, indem er jetzt die Pflege des Kranken übernahm und vcrordncte, daß mit Ausnahme von einem oder zwei unentbehrlichen Gehilfen alle klebrigen das Zimmer verlassen sollten. Die drei erwählten Zeugen der vorangegangenen Scene versammelten sich wieder in dem Gesellschaftszimmer; Atwood hatte dabei in einer Art mechanischer Gewohnheit das Papier mit sich genommen, worauf der Baronet die eben erwähnten Worte gekritzelt hatte. Dieß legte er, sobald sie iisis Zimmer traten, fast eben so mechanisch in Sir Gervaise's Hände, wie er seinem Vorgesetzten einen Befehl zum Unterzeichnen hingehalteu oder die Abschrift eines Briefs an den Sekretär des Marineamts übergeben hätte. „Das ist fast eben so schlimm, wie der ,nuIIusP" rief Sir Gervaise, nachdem er vergeblich das Gekritzel zu entziffern versucht hatte. „Was ist wohl dieses erste Wort, Mr. Rotherham? -— ,Irisch^ — nicht? — was meint Ihr, Atwood?" „Ich glaube, es ist nicht mehr als ,J-iss — wozu er freilich weit mehr Papier brauchte, als gerade nöthig gewesen wäre." 206 „Ihr habt ganz recht, Vicar, das nächste bedeutet ,denff, sieht aber aus wie lauter spanische Reiter, -- was kommt aber dann? Fast scheint es ein Linienschiff zu sein,— meint Ihr nicht auch, Atwood?" „Bitte um Verzeihung, Sir Gervaise: der erste Buchstabe ist wohl ein verzogenes — n, der nächste ganz gewiß ein — a, der dritte gleicht den Wellen eines Flusses —- aha, es ist ein — m und der letzte ist ein — e — n — — m — c — n, nun das macht ,Nameiss, ihr Herren." „Ja," suhr der Vicar eifrig fort, „nnd dieß nächste Wort heißt ,Gottesst" „So wäre es also nach allem Dem sein Seelenheil, was den Geist des armen Mannes beschäftigte!" rief Sir Gervaise, einigermaßen enttäuscht, wenn wir die Wahrheit gestehen sollen. „Was bedeutet dieses A—m—e—n ? ,Amen ss—nun cs ist eine Art Gebet." „Das ist, wie ich glaube, die Formel, Sir Gervaise, womit man ein Testament einzuleiten pflegt," bemerkte der Sekretär, der seiner Zeit schon manches auf der Flotte abgefaßt hatte. ,Jm Namen Gottes, Amen ff" „Beim heiligen Georg! Ihr habt recht, Atwood, und der arme Mann war die ganze Zeit über damit beschäftigt, wie er uns die Willensverfügung über sein Eigenthum mittheilcn könnte. Was konnte er aber nur mit seinem milius meinen — es ist doch nicht möglich, daß der alte Herr nichts zu hinterlassen haben sollte?" „Dafür wenigstens will ich stehen, Sir Gervaise, daß dieß nicht die richtige Erklärung ist," erwiedcrte der Vicar. „ Sir Wy- cherlsss Angelegenheiten sind in der besten Ordnung, und außer der Gutsherrschast'besitzt er noch ein schönes Kapitalvermögen." „Nun denn, ihr Herren, so können wir wohl für hcure Nacht nichts Weiteres vornehmen. Ein Arzt ist bereits da, und Bluewatcr wird noch einen oder zwei Andere von der Flotte herübersenden. Morgen früh, wenn Sir Wycherly im Stande ist, sich auszusprechen, wollen wir die Sache weiter verhandeln." 207 Damit trennten sich die Drei. Für den Viear war ebenfalls ein Bett zugerichtet worden: der Admiral und sein Sekretär aber begaben sich jeder auf das ihm angewiesene Zimmer. Zolintes Kapitel. Laßt Aerzte die Natur uns ändern, Und neue Pulse durch Beweise schaffen: Dann, Herr, versucht'?, in Liede drein zu reden. Nounn. Ulährend die eben erwähnte Scene im dem Krankenzimmer Statt hatte, verließ Admiral Bluewatcr mit Mrs. Dritten und Mildred das Haus in der alten Familienkutsche. Der Admiral war hartnäckig ans seinem Entschlüsse bestanden, und seiner alten Gewohnheit, auf seinem Schiffe zu übernachten, getreu geblieben; die Art, wie er seinen beiden schönen Freundinnen — denn auch MrS. Dutton verdiente noch immer diesen Namen — Sitze in seinem Wagen angeboten, haben wir schon oben erzählt. Der Beweggrund, der ihn hiebei leitete, war einzig der — die beiden Frauen vor jeder weiteren Brutalität von Seiten Duttons zu schützen, so lange dieser in seiner rohen Laune verharrte; in dieser Stimmung war es denn auch nicht sehr wahrscheinlich, daß der feinfühlende alte Seemann in seinen Gesprächen länger, als gerade unumgänglich nöthig war, bei der unerfreulichen Scene verweilte, deren Zeuge er gewesen war. In der That wurde auch während der Viertelstunde, welche die Fahrt von Wychecombe-Hall nach dem Stationshause hiunahm, nicht die geringste Anspielung auf das Vorgesallcne gemacht. Alle sprachen mit innigem Bedauern — Mildred sogar mit liebevoller Zärtlichkeit — von dem armen Sir Wycherly, und während sich der Wagen langsam fortbewegte, erzählten die beiden Frauen ihrem 208 Beschützer verschiedene Anekdoten als Beweis von der Herzensgute des alten Herrn. — In der schon erwähnten Zeit stand der Wagen vor der Thüre des niedlichen Häuschens und alle Drei stiegen ans. Der Morgen des heutigen Tages war zwar ziemlich nebelig gewesen; dagegen erschien der Himmel bei Sonnenuntergang rein und wolkenlos, und einer jener herrlichen Abende, wie sie auf der großbritannischeu Insel nicht selten sind, war über das Land herein- gebrochen. Im jetzigen Augenblicke herrschte die schönste, prachtvollste Mondnacht, die zwar die Tagcshellc nicht, wie dieß in noch reinerer Atmosphäre der Fall ist, bis zur Täuschung nachahmte, dagegen aber das Panorama von der Landspitze aus in ein sanftes, zauberisches Halbdunkel einhüllte, das die Gegenstände noch deutlich genug erkennen ließ und Allem einen wunderbaren Reiz verlieh. Gegen das Land gewendet, erblickte das Auge die runden, wellenförmigen Erhöhungen des Bodens in ihrem sanften, saftigen Grün; die schönen Eichen des Parks bildeten einen schattigen Hintergrund in dem freundlichen Gemälde. Seewärts glänzte der Ocean, so weit das Auge reichte, und man glaubte die umgekehrte Wölbung des Firmaments vor sich zu sehen. Wenn unsere eigene Hemisphäre in dieser Breite sich eines reineren Himmels rühmen kann, als dich bei dem Muttcrlande vielleicht der Fall ist, so hat dieses, was die Färbung des Wassers betrifft, vor jener einen entschiedenen Vorzug. Während die ganze amerikanische Küste von dem unbegränzten düsteren Elemente in seinem Sccgrün bespült wird, scheint das tiefe Blau des weiten Oceans auf die heimathlichen Ufer Europas beschränkt zu sein. Diese herrliche Farbe, welche auch dem Ultramarin den Namen gegeben hat, erscheint am reinsten in der mittelländischen See, dieser Perle der Meere; doch findet man es auch an den felsigen Ufern der pyrenäischen Halbinsel, längs des brittischen Kanals und bis zu den sandigen Untiefen der Nordsee, wo es zwar von seiner ursprünglichen Schönheit einigermaßen verliert, doch nur um sich im 209 tiefen Norden Norwegens cm den wild romantischen Gestaden jenes Landes auf's Nene zn verjüngen. „Das ist heute eine herrliche Nacht/' rief Bluewatcr, während er Mildrcd als die Letzte aus dem Wagen hob; „kaum kann man sich entschließen, die Hängematte zu besteigen, und wenn sie auch noch so angenehm schaukeln mag." „An Schlaf ist ohncdicß nicht zu denken," erwiederte Mildred kummervoll. „Es ist heute eine jener Nächte, wo selbst der Ermüdete sich nur mit Widerstreben der Bewußtlosigkeit hingibt, und wie sollten wir vollends schlafen können, so lange wir um den thcuern Sir Wycherly in Ungewißheit schweben!" „Das vernehme ich mit Freuden aus Ihrem Munde, Mildred," — denn so begann jetzt der Admiral, ohne es selbst zu wissen oder Widerspruch zu erfahren, seine süße Freundin zu nennen — „ja wahrlich, mit Freuden höre ich Sie also sprechen, denn ich selbst bin ein unverbesserlicher Sternschcr und Mondscheinspaziergänger, und hoffe Sie und Mrs. Dutton wohl zu überreden, daß Sie noch ein Stündchen länger mit mir auf dieser Anhöhe lustwandeln. — Aha! dort unten ist Sam Uoke, mein Bootsführer, der aus die Abfahrt der Barke wartet; nun, ich kann Sir Gervaisc's Aufforderung an die Leiden Chirurgen auch durch einen Dritten an sie abseuden, und so habe ich dann gar keine Veranlassung, diesen lieblichen Punkt und Ihre angenehme Gesellschaft so eilig zu verlassen." Der Bootsführer hatte bald die nöthigcn Befehle erhalten. Trotz der späten Mittcrnachtsstundc waren noch säst ein Dutzend Boote am Strand, die, wie es schien, die Ankunft ihrer am Land befindlichen Offiziere erwarteten; zwei derselben wurden zum Abstoßen beordert, um die verlangten Aerztc hcrbeizuholen. Der Wagen wurde um den Hügel herumgcschickt, um Letztere nach ihrer Landung einzunehmen, — dann war Alles wieder still auf der Anhöhe. Mrs. Dutton ging in ihre Wohnung, um einige häusliche Die beide» Admirale. 14 210 Geschäfte zu besorgen; während dessen nahm der Admiral Mildreds Arm, und Beide wandelten zusammen bis an den Rand der Klippen. Ein schöneres Mondscheingemälde als das, weiches jetzt vor Admiral Blncwaters und Mildreds Blicken ausgebrcitct dalag, mochte sich wohl noch selten dem Auge eines Seemannes dargeboten haben. Unter ihren Füßen lag die Flotte vor Anker; sechzehn Segel verschiedener Größe, eilf davon Zweidecker von der ersten Größe, welche damals im Seekriege bekannt war, und dazu alle in jener vollendeten Ordnung, wie sic ein thätigcr, einsichtsvoller Kommandant selbst bei trägen, gleichgültigen Unterbcfchlshabern hervorznruscn versteht. Admiral Blnewater war im Manövrircn einer Flotte als Meister berühmt, und verstand selbst bei einer mcilenlangen Linie jedes Schiff, und zwar an seinem rechten Platze, zu verwenden. Sir Gcrvaise Oakes dagegen hatte den Ruf eines der besten englischen Seeoffiziere im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Noch nie hatte ein Schiff von vernachlässigtem Acußern unter seinem Kommando gestanden, und war jemals ein solches unter seine Flotte gerathen, so hatte es auch unfehlbar in kurzer Zeit einen andern Anstrich bekommen. Der Viceadmiral war sehr wohl mit der allvermögendcn Wichtigkeit des Satzes bekannt, — der von Kongreß- wie Parlamentsmitgliedern nur allzulcicht vergessen oder gänzlich verkannt wird — daß nämlich die Wirksamkeit einer Flotte als solcher noth- wcndig durch den Zustand ihrer schlechtesten Schiffe bedingt wird. Wozu soll cs nützen, wenn sich auch vier oder fünf Schiffe in einem Geschwader als Schncllseglcr und kühne Entercr anszeichncn, wenn dagegen die acht oder zehn übrigen nur langsam fortkommen und keine Bravour an den Tag legen? Sind dann die Eigenschaften der verschiedenen Fahrzeuge auch gehörig erprobt, so ist eine Trennung des Geschwaders die unvermeidliche Folge, und die Theilung der Strcitkräfte ist eben so sicher der erste Schritt zu einer Niederlage, wie die geeignete Eoncentrirung derselben die erste Bedingung des 211 Sieges ist. Die schwächeren Schiffe können es den besseren unmöglich gleich thun, nnd so müssen die Letzteren ihre Bewegungen nach den schlechteren cinrichtcn, und dies; heißt doch wahrlich die besten Schiffe einer Flotte mit den schlechtesten auf gleiche Linie herab- bringcn — was wir eben beweisen wollten. Sir Gervaise Oakes war bei der Admiralität so sehr beliebt, daß ihm Alles, was er verlangte, gewöhnlich auch gewährt wurde. Eine von seinen Bedingungen war die, daß alle seine Schiffe gleich gute Segler sein sollten. „Gebt Ihr mir rasche Schiffe," pflegte er zu sagen, „so kann ich den Feind überholen; habe ich dagegen nur faule Enten, so überholt er mich; welcher von beiden Fällen am ehesten ein Gefecht hcrbeiführcn wird — das könnt Ihr Euch wohl selbst beantworten. Ans alle Fälle gebt mir gleiche Fahrzeuge, nicht das eine ein Flügel-, das andere ein Schleppschiff, sondern Segler, die sich auch ohne zu ankern ans Anrusweite neben einander zu halten im Stande sind." Die Admiralität zeigte den besten Willen, die Forderung des tapferen Kommandanten zu erfüllen, nnd da er entschlossen war, den Plantagenet nicht eher zu verlasst», als bis er gänzlich abgenützt wäre, so wurde es unumgänglich nöthig, so viele Schnellsegler als möglich zu seinem Gefolge hcrauSzufindcn. Das Resultat war, daß Sir Gervaise eine Flotte von ,Rossenff wie Galleygo sie nannte, zu führen bekam, und in der ganzen Marine galt das Sprüchwort ,Oakes kommandire ein Geschwader von Fliegern, wenn nicht gar ein fliegendes Geschwaders Schiffe, wie die eben erwähnten, sind gewöhnlich auch symmetrisch gebaut, und nicht nur rasch im Segeln, sondern auch angenehm für's Auge. Dieß fiel im ersten Augenblicke sogar Mildred auf, die doch an den Anblick vonSchiffen gewöhnt war; sie theilte diese Bemerkung auch sogleich ihrem Begleiter mit, nachdem Beide eine volle Minute schweigend auf dem Hügel dagestandcn und das großartige Schauspiel zu ihren Füßen angestaunt hatten. 14 * 212 , „Ein Schiff gewährt mir jeder Zeit einen höchst anziehenden Anblick," begann das Mädchen; „doch Ihre Schiffe, Admiral Blue- water, erscheinen mir viel hübscher als gewöhnlich." „Das macht, sie sind auch hübscher als gewöhnlich, meine schöne Bcobachtcrin. Viccadmiral Oakcs ist ein Offizier, der eben so wenig ein häßliches Schiff in seiner Flotte duldet, als einer unserer Reichspeers eine andere als eine hübsche Frau ehelichen wird, wenn sie nicht etwa über die Maßen reich wäre." „Ich habe schon gehört, daß die Männer unter solchen Umständen gar leicht ihre Herzen verlieren," bemerkte Mildred lächelnd; „das wußte ich aber bis jetzt noch nicht, vaß sie auch freimüthig genug sind, dieß cinzngestchcn!" „Diese Wahrheit wurde Ihnen vermuthlich von Ihrer klugen Mutter mitgetheilt," erwicderte der Contrcadmiral in Nachsinnen vertieft; „ich wollte, meine junge Freundin, ich stünde Ihnen als Verwandter nahe genug, um Ihnen ebenfalls so ein bischen meinen Nath crthcilen zu können. Noch nie zuvor fühlte ich so sehr den Wunsch in mir —- wenn ich mir überhaupt diese Freiheit nehmen darf — ein menschliches Wesen vor einer großen Gefahr zu warnen, von der es, wie ich fürchte, bedroht ist." „Es ist nicht eine Freiheit, die wir uns nehmen, sondern sogar eine heilige Pflicht, wenn wir Jedermann vor einer Gefahr warnen, die wir selbst zwar kennen, die aber der Person, welcher sie droht, noch fremd ist. So wenigstens erscheint die Sache den Augen eines noch sehr jungen Mädchens." „Ja, wenn's sich davon handelte, daß Jemand Gefahr liefe, von diesen Klippen herabzustürzcn oder ein Haus anzuzündcn, oder in ein derartiges sichtbares Unglück zu gerathen. Etwas Anderes ist es aber, wenn junge Mädchen und ihre Herzen dabei in Betracht kommen." „Nun, diese Unterscheidung ist mir freilich begreiflich," antwortete Mildred nach kurzer Pause; „ich finde es erklärlich, daß 213 dieselbe Person, die keinen Augenblick anstehcn würde, vor einer physischen Gefahr zu warnen, sich zuvor ängstlich bedenkt, wenn sich's darum handelt, auf ein moralisches Ucbcl hinzudeutcn. Wenn übrigens Admiral Blucwater einem einfachen Mädchen, wie ich, überhaupt so viel Wichtigkeit beilegt, daß er sich die Mühe nehmen will, sich für ihr Wohlergehen zu intercssiren, so möchte ich nichtsdestoweniger hoffen, daß er nicht zaudern werde, ihr die Gefahr zu bezeichnen. Gefahr ist ein schreckliches Wort, um cs mit in die Nacht hinein zu nehmen, und ich bekenne, daß ich neben einiger Aengst- lichkeit auch ziemlich viel Neugierde in mir fühle, etwas mehr von der Sache zu erfahren." „Dieß sprechen Sic, Mildred, weil Sie noch nicht an die Erschütterungen gewöhnt sind, welche die Zunge eines rauhen Mannes in Ihrem zartfühlenden Herzen hervorzubringcu vermag." „Nicht daran gewöhnt!" erwicdcrtc Mildred und zitterte dabei so heftig, daß cs ihrem Begleiter auffallen mußte. „Nicht daran gewöhnt! Ach, Admiral Blucwater! wäre dieß noch möglich nach dem, was Sie selbst gesehen und gehört haben?" „Verzeihung, theures Kind! Nichts war meinen Gedanken fremder, als der Wunsch, diese unerfreulichen Erinnerungen aufs Neue in Ihnen anzuregcn. Wenn ich Ihrer Verzeihung gewiß sein dürfte, so würde ich cs jetzt wagen, Ihnen mein Geheimnis; zu enthüllen; denn — glauben Sie mir, obwohl ich mir den Grund einer so plötzlichen und so außerordentlichen Thcilnahme nicht erklären kann, welche mich, der ich beinahe ein Fremdling-" „Nein, nein, kein Fremdling, thcurcr Herr! Nach all' Dem, was sich heute zugctragcn, nachdem Sic, wenn auch durch Zufall, in unser heiligstes Familicngeheimniß cingewciht wurden — nach Allem, was während unserer Herfahrt besprochen worden, und nach den schrecklichen Auftritten, die meine geliebte Mutter vor vielen Jahren schon in Ihrer Gegenwart erlebte — können Sic uns kein Fremder mehr sein, sogar wenn Sie selbst noch wünschen sollten, sich als solchen zu betrachten." 214 „Mädchcn! cs ist kein Zauber, ist nicht Entzücken, was mich mit einer Macht an dich fesselt und alle meine Gefühle dir unterwirft , wie ich cs nie bei einem menschlichen Wesen für möglich gehalten hätte/' Dich sprach der Admiral mit so viel Feuer, daß Mildred im ersten Augenblicke seinen Arm los liest, und wenn nicht ans Zingst, doch wenigstens vor Erstaunen einen Schritt zurücktrat. Als sie aber ihrem Begleiter iws Gesicht schaute und groste Thräncntropfen auf seinen Wangen bemerkte; als sie sein wcistcs Haar betrachtete, das äustcre Stürme und innerliche Sorgen vor der Zeit gebleicht hatten — da kehrte ihr ganzes Vertrauen wieder zurück, und sic nahm freiwillig und mit eben so viel Kindlichkeit den Platz, den sic verlassen, wieder ein, wie eine Tochter sich an den Vater angc- schmiegt haben würde. „Gewiss Sir, meine Dankbarkeit für diese Thcilnahme must eben so groß sein, wie die Ebre, die Sic mir dadurch erweisen," sprach Mildrcd in feierlichem Ernst. „Und nun, Admiral Blnewater, zaudern Sic nicht länger, sprechen Sic zu mir mit eben der Offenheit, wie ein Vater thnn würde. Ich will Ihnen mit der Ergebenheit und Ehrfurcht einer Tochter znhören." „Nun, so hören Sic, was ich sage, und antworten Sie mir nicht, wenn Sic sich durch die Freiheit, die ich mir nehme, verletzt fühlen. — Fast möchte cs scheinen, es gebe nur einen Gegenstand, worüber ein Mann, alt oder jung, mit einem lieblichen jungen Mädchcn sprechen kan», wenn er bei so lieblichem Mondschein mit ihr allein ist, und dieser Gegenstand ist — die Liebe. Nein, erschrecken Sie nicht wieder, meine Thcnrc, denn wenn ich auch im Begriff stehe, von einer so kitzlichen Sache zu sprechen, so geschieht cs wenigstens nicht um meiner selbst willen. Ich weiß kaum, ob Sie sich irgend Jemand denken, für den ich spräche, denn was ich zu sagen habe, ist nicht eine Aufforderung an Ihr Herz, sondern vielmehr eine Warnung, dasselbe nicht zu verschenken." 215 „Eine Warnung, Admiral. Bluewater! Halten Sie wirklich eine solche für nvthig?" „Nein, mein Kind, das wissen Sie selbst am besten. Das Eine weiß ich gewiß: der junge Mann, den ich im Auge habe, affektirt zwar Bewunderung für Sie; ob er sie aber wirklich fühlt, das ist noch ungewiß, und ich denke, wenn junge Mädchen nur erst einmal so weit sind, daß sie sich geliebt glauben, so ist dieß schon eine starke Aufforderung an alb ihre edlen Gefühle, um die Leidenschaft, wenn auch nicht ganz mit derselben Wärme, so doch wenigstens nicht viel schwächer zu crwicdern." „Affektirt Bewunderung, Sir! Und warum sollte sich denn irgend Jemand die Mühe nehmen, Gefühle gegen mich zu affek- tircn, wenn er sie nicht auch wirklich empfindet? Ich besitze ja weder Rang, noch Vermögen, um einen Mann zu einer so niedrigen, und in diesem Falle so zwecklosen Heuchelei zu verleiten." „Als ob cs zwecklos wäre, das lieblichste Wesen in ganz England für sich zu gewinnen! Doch gleichviel. Wir wollen da, wo cs sich um Thatsachcn handelt, uns nicht mit der Zergliederung von Beweggründen abgebcn. Ich sollte meinen, hinter der ganzen Bewerbung des jungen Mannes halte sich doch einige Leidenschaft verborgen, und dieß kann ihn für Sie, den Gegenstand derselben, nur um so gefährlicher machen. Jedenfalls trage ich die tiefe Ueberzengung in mir, daß er Ihrer gänzlich unwürdig ist. Es ist dieß allerdings eine kühne Acußernng für die Bekanntschaft tincs einzigen Tages; doch sind so viele Gründe dafür vorhanden, daß sich ein Mann von meiner Lebenserfahrung, der ohne Vorur- theil ist, wohl kaum darin täuschen kann." „Das ist doch höchst sonderbar und ,bcnnruhigcndfi Sir, wie ich beinahe mit Ihren eigenen Worten sagen möchte," antwortete Mildred, in ihrer Neugierde mehr ergötzt, als beunruhigt. „Ich will eben so freimüthig sein wie Sie selbst, und Ihnen sagen, daß Sie den Herrn zu hart bcurtheilcn. Mr. Rotherham mag vielleicht 216 nicht alle die Eigenschaften besitzen, die ein Geistlicher besitzen sollte; jedenfalls ist er aber weit entfernt, ein schlechter Mensch zn sein. Mag er übrigens gut oder schlimm genannt werden, so ist es kaum wahrscheinlich, daß er in seiner vorübergehenden Parteilichkeit irgend weiter gehen wird, als er bereits gegangen ist." „Mr. Nothcrham! An den frommen Vicar habe ich weder gedacht, noch ist mir eingefallen, von ihm zn sprechen." Jetzt war cs an Mildred, auss Tiefste verwirrt zu sein. Mr. Rotherham hatte ihr erst den Tag zuvor seine Anträge gemacht, und war zwar mit Schonung, aber auch mit Festigkeit zurückgc- wiesen worden. Natürlich war dieser nculiche Vorfall noch frisch in ihrer Erinnerung, und die Vermuthnng, ihr abgcwicscner Bewerber könnte, vom Wein erhitzt, seine Wünsche, oder was er wenigstens dafür hielt, ihrem jetzigen Gefährten mitgethcilt haben — lag so nahe, daß sic fast ohne alles Nachdenken in diesen Jrr- thum verfallen war. „Ich bitte um Entschuldigung, Sir, — ich dachte wirklich—" antwortete das verwirrte Mädchen; „da aber Mr. Rotherham die einzige Person ist, welche jemals mit meiner Mutter von so Etwas wie von einer Vorliebe für mich gesprochen, so war cs für mich wohl sehr natürlich, wenn ich vcrmuthcte, daß Sie Mr. Nothcrham meinten." „Glauben Sie mir, Mildred, — vor Personen, welche mit Ihrer Mutter sprachen, habe ich weit weniger Furcht, als vor solchen, die nur mit Ihnen gesprochen haben. Da mir übrigens jede Zweideutigkeit verhaßt ist, so will ich Ihnen nur gleich sagen, daß meine Anspielung aus Mr. Wychccombc gehen sollte." „Mr. Wychccombc, AdmiralBluewater!"riefsic, und dcrVeteran fühlte, wie ihr Arm, der sich auf ihn lehnte, heftig zu zittern begann, so daß sich seine Besorgnis sogar noch in höherem Grade, als er gefürchtet, zu bestätigen schien, da er sonst wohl nicht so rasch unterbrochen worden sein würde. „Wahrlich, wahrlich, Ihre 217 beabsichtigte Warnung kann oder sollte wenigstens einen Herrn von Mr. Wychccombc's Stellung und Charakter nicht treffen." „So ist einmal die Welt, Miß Dutton; das erfahren besonders wir alten Seeleute, ob wir wollen oder nicht, mit jedem Tage deutlicher. Meine plötzliche Thcilnahme für Sie, die Erinnerung an frühere, wenn gleich peinliche Scencn, so wie die Ereignisse des heutigen Tages haben mich wachsam und, wie Sie vielleicht beifügen werden, sogar kühn gemacht—doch bin ich entschlossen, zu sprechen, selbst ans die Gefahr hin, Sic mir dadurch für immer zu entfremden — und so muß ich Ihnen denn sagen, daß ich noch niemals einen jungen Mann getroffen habe, der einen so unvortheil- haften Eindruck, wie dieser nämliche Mr. Wychecombc, auf mich gemacht hätte." Mildred zog, ohne cs selbst zu bemerken, ihren Arm zurück, und erstaunte nun znm ersten Mal über die Unbesonnenheit, womit sic in ihrer plötzlichen Vertraulichkeit gegen einen Fremden so weit gegangen war, daß sie diesem erlaubt hatte, sogar einen erprobten Freund auf solche Art zu verunglimpfen. „Ich bcdaure aufrichtig, Sir, daß Sie von einem Manne, der, wie ich glaube, der allgemeine Liebling dieser ganzen Gegend ist, eine so, ungünstige Meinung hegen," gab sic mit auffallender Kälte zur Antwort. „Ich sehe schon, auch ich werde das Loos aller unwillkommenen Rathgcber theilcn, kann aber einzig mich selbst wegen meiner Anmaßung tadeln. Mildrcd!, wir leben in einer sehr wichtigen Zeit, und Gott allein weiß, was in den nächsten paar 'Monaten mit mir selbst Vorgehen mag — aber sehen Sie, so stark ist diese unerklärliche Thcilnahme, die ich für Ihr Wohlergehen fühle, daß ich mich nochmals Ihrem Unwillen bloßzustellen wage. Ich liebe diesen Mr. Wychecombc nicht, der — ob mit aufrichtigem Herzen oder nicht, mag dahin gestellt bleiben — ein so großer Verehrer von Ihnen ist; daß er, der Erbe einer so bedeutenden Herrschaft, von Denen, ,die von ihm abhäugeiff, geliebt wird, ist etwas so Natürliches, daß ich cs gar nicht in Anschlag bringe." „Der Erbe einer so bedeutenden Herrschaft!" wiederholte Mildred mit der ganzen natürlichen Anmnth ihrer Stimme, und nahm wieder rußig den Arm, den sie ohne alle Umstände verlassen hatte. „Theurer Sir, Sie sprechen doch hoffentlich nicht von Mr. Thomas Wychecombe, Sir Wychcrly's Neffen?" „Von wem sollte ich denn sonst sprechen? Hat er Sie nicht gleich einem Schatten den ganzen Tag begleitet? -— und ist er nicht so auffallend in seinen Aufmerksamkeiten, daß er kaum für uöthig hält, seine Bewerbung geheim zu halten?" „Ist Ihnen dieses wirklich ausgefallen, Sir? Ich gestehe, ich habe es nicht so angesehen. Wir sind in Wychccombe-Hall so genau bekannt, daß wir sogar erwarten, die ganze dortige Familie gütig gegen die unserige zu finden. Doch mögen Sie nun mit Ihrer Vermuthung Recht haben oder nicht — Admiral Blucwatcr — so viel ist gewiß: Mr. Thomas Wychecombe wird mir stets gleichgültig bleiben, und als Beweis, daß ich Ihre Warnung eben so aufrichtig und freundlich aufnehme, wie sie von Jlmeu crtheilt wurde — will ich noch hinzufügeu, daß er nicht gerade zu meinen beson- dcrn Lieblingen gehört." „Das höre ich mit Vergnügen. Da ist sein Namensvetter, unser junger Lieutenant, ein stattlicher, trefflicher Junge, wie nur je cmer lebte — wollte der Himmel, er würde sich nicht so ausschließlich nur seinem Stande widmen, daß er dadurch für jede andere Schönheit als die eines Schiffes gänzlich unempfindlich werden muß. Wären Sic meine eigene Tochter, Mildrcd, diesem Jungen könnte ich Sie eben so bereitwillig übergeben, als ich ihm meine Güter verleihen würde — wenn er mein Sohn wäre." Mildrcd lächelte — doch war der schelmische Ausdruck ihres Gesichts nicht ganz ohne Beimischung von Kummer. Sic besaß übrigens Selbstbeherrschung genug, um ihre Gefühle in sich zu 219 verschließen, und empfand viel zu viel mädchenhafte Schüchternheit, um sich nicht sorgfältig zu hüten, daß sic einem Mann ihre Schwäche vcrrieth, der ihr im Ganzen doch ziemlich fremd war. „Ich darf wohl sagen, Sir," antwortete sic mit wohl verzeihlicher Zweideutigkeit, „daß Ihre Weltkenntnis die beiden Herren vollkommen richtig beurtheilt hat. Mr. Thomas Wychecombc wird übrigens, trotz alles Dessen, was Sie von meinem armen Vater gehört haben, wohl kaum im Ernste an mich denken; und was meine eigenen Gesinnungen gegen ihn betrifft, so kann ich vollkommen für dieselben bürgen. Ich bin in keinem Falle die Person, die zn einer Lady Wychccombe passen mochte, und hoffe, so viel Klugheit zu besitzen, daß ich die Ehre, selbst wenn sie mir ange- boten würde — abzulehnen wüßte. Glauben Sie mir, Sir, ohne Sir Whchcrly's Wein und die vielen loyalen Toaste, welche getrunken wurden, würde mein Vater heute Abend eine ganz andere Sprache geführt haben. Er muß ja doch in seinen Hellen Momenten einschcn, daß sein Kind nicht für eine so hohe Stellung geeignet ist. Unsere Lcbcnsaussichten waren zwar früher besser, als sie cs gegenwärtig sind, Admiral Blncwater, hätten uns aber wohl niemals zu hohen Erwartungen berechtigen können." „Die Tochter eines Offiziers, meine Thcure, darf wohl immerhin erwarten, eines Edelmanns Frau zu werden, und als solche könnten Sie sogar eines Herzogs Gemahlin werden, wenn ein solcher Sie liebte. Da ich übrigens meine Warnung nunmehr un- nöthig finde, so wollen wir von etwas Anderem, reden. — Hat sich nicht diesen Morgen ein außergewöhnliches Ercigniß ans dieser Klippe zugetragen, was mit eben diesem Mr. Thomas Wychecombc in Verbindung steht? Sir Gervaise sprach von etwas der Art mit mir, war aber nicht sonderlich klar in seiner Erzählung." Mildrcd erklärte ihm das Mißverständnis, und gab dann eine höchst lebendige Schilderung von der Gefahr, worin der junge Lieutenant geschwebt, so wie von der Art und Weise, wie er sich wieder befreit hatte. Besonders verweilte sicbci seiner außerordentlichen Geistesgegenwart nnd Entschlossenheit, wodurch er damals, als der Stein zuerst unter seinen Füßen wich, sein Leben gerettet hatte. „Das Alles ist wohl gut, und ganz so, wie ich es von einem so raschen, entschlossenen Jünglinge erwarten würde," antwortete der Contrcadmiral ziemlich ernsthaft; „aber dennoch muß ich gestehen, daß ich es lieber hätte, wenn es gar nicht geschehen wäre. Unbc- dachtsame, sorglose Jünglinge, die ihrLeben an solchen Stellen zwecklos der Gefahr aussctzen, haben meistens nur wenig inneren Gehalt. Hätte er irgend einen besonderen Grund gehabt, so würde dieß allerdings den Fall durchaus geändert haben." „Ei! er hatte aber wirklich einen Beweggrund, Sir, umsonst etwas der Art zu wagen, dazu war er lange nicht thöricht genug!" „Und was war denn dieser Beweggrund, wenn ich frage» darf? Ich sehe keine genügende Veranlassung, warum ein verständiger Mensch sein Leben an einer so drohenden Klippe, wie diese hier, wagen sollte. Bei Mondschein kann man sich schon hcranwagen, doch bekenne ich offen, daß ich bei Tag nicht daran denken würde, mich dem Rande so sehr, wie in diesem Augenblicke, zu nähern." Mildred war sehr verlegen um eine Antwort. Ihr eigenes Herz erklärte ihr zwar Wychcrly's Beweggrund zur Genüge; doch so glücklich sie sich auch fühlte, wenn sie sich denselben cingestand, so konnte sie doch niemals daran denken, ihn ihrem Gefährten zu bekennen. Mit Freuden wäre sie zu etwas Anderem übergcgangcn; da dieß aber nicht wohl geschehen konnte, so folgte sic der Offenheit und Unschuld ihres ganzen Wesens, und erzählte die Wahrheit in der Sache, so weit dich überhaupt möglich war. „Die Blumen, die auf der Südseite dieser Felsen wachsen, sind besonders schön und wohlriechend, Admiral Blnewatcr," erwic- derte sie zögernd; „und da er meine Mutter und mich selbst davon sprechen hörte, und vernahm, mit welchem Entzücken Jene, so selten sie auch zu haben sind, ihrer gedachte, so wagte er sich denn auf 221 die Klippe; aber nicht hier, Sir, wo der Felsen so gar senkrecht ist, sondern dort drüben, wo man mit einiger Sorgsalt wohl hinabklimmen kann. So kam cs, daß er sich nnr ein wenig nnd nnr ein ganz klein wenig zu weit vorwagtc, wie er mir heute nach dem Mittagessen selbst sagte, worauf einer der Steine nachgab, und, wie bekannt, jenes Unglück herbciführtc. Ich halte Mr. Wy- cherly Wychccombe für nichts weniger als tolldreist, und glaube keineswegs, daß er durch thörichte Wagstücke eine thörichte Bewunderung einzucrntcn bemüht ist." „Jedenfalls hat er eine höchst liebenswürdige und sehr bcredt- same Verthcidigerin," erwiedcrte der Admiral lächelnd, obwohl der Ausdruck seiner Züge tiefe Betrübniß, ja sogar schweren Kummer verrieth, „und damit ist er vollkommen entschuldigt. Ich glaube, wenige Männer von seinen Jahren würden sich lange besinnen, wenn es gälte, ihr Leben für so schöne und wohlriechende Blumen zu wagen, vornehmlich wenn Ihre Mutter, Mildred, sich so sehr danach gesehnt hätte." „Und besonders ein Seemann, Sir, der sich so wenig daraus macht, an schlüpfrigen Stellen zu stehen, und der bei Gefahren dieser Art nur zu lachen gewöhnt ist?" „Ganz richtig, wenn es auch auf Schiffen nur wenig Klippen gibt. Bei uns sind cs Taue, die den Muth beleben." „Das sollte ich wohl glauben, nach dem, was heute vorgesal- lcn ist," erwiedcrte Mildred lachend. „Mr. Wycherly ries nach einem Tau, und wir warfen ihm auch eines zu, um ihm aus seiner Noth zu helfen. Sobald er das Tau in der Hand hatte, das zwar blos aus jener dünnen Signalleinc bestand, fühlte er sich so sicher, als ob er hier aus der Anhöhe stünde und ganze Felder festen Bodens um sich hätte. Daß er überhaupt je erschrocken war, glaube ich nicht; als er aber erst jenes schmale Tau erfaßt hatte, da zeigte er sich wieder völlig muthig." Mildred versuchte über ihre eigene Erzählung zu lachen, um 222 ihre Theilnahme an dem Ereignisse um so besser zu verbergen; doch ihr alter Freund war zu erfahren und zu scharfblickend, um sich so leicht täuschen zu lassen. Schweigend führte er sic wieder von der Klippe zurück, und als er in ihre Wohnung trat, bemerkte Mildred beim Schein der Kerzen, daß seine Miene immer noch traurig war. Admiral Bluewater verweilte noch eine weitere halbe Stunde in dem Stationshäuschen, bis er sich endlich aus einer Gesellschaft losriß, die für ihn einen Reiz besaß, den er nicht recht zu erklären, ja bis jetzt nicht einmal gehörig zu würdigen wußte. Schon war die erste Stunde nach Mitternacht vorüber, als er von Mrs. Dut- tou und deren Tochter Abschied nahm, wobei er versprach, daß er Beide vor Abfahrt der Flotte noch einmal besuchen wolle. So spät es auch war, so fühlten doch, nach den aufregenden Sceneu, die sie erlebt hatten, weder Mildrcd noch ihre Mutter irgend Lust, sich zur Ruhe zu begeben. Ihr Gcmüth hatte sich unterdessen nach der rohen Unterbrechung, welche durch Duttons Brutalität veranlaßt worden war, allmählig wieder beruhigt, und so entschloßen sie sich noch, nach der Klippe hinzuwandcln, um in der Geisterstunde der kühlen Nachtlust zu genießen und sich an der schönen Aussicht aus der Landspitze zu ergötzen. „Diese ausnehmende Aufmerksamkeit der meisten Männer gegen dich, mein Kind, könnte mich eigentlich beunruhigen," bemerkte die verständige Mutter, während Beide das Haus verließen; „doch Admiral Bluewaters Jahre, besonders aber sein Charakter, bürgen mir dafür, daß er weder Thorheit noch Unrecht im Schilde führt." „ Seine Jahre wären schon hinreichend, Mutter," ries Mildred lachend, denn jetzt, nachdem sie den Admiral noch eben erst von Wpcherly's Vorzügen hatte sprechen hören, war sie ausnehmend froh gestimmt; „den Charakter könnte man ganz bei Seite lassen." „Für dich vielleicht, Mildred, nicht aber für ihn selber. Die Männer halten sich selten für zu alt, als daß sic nicht noch junge 223 Mädchen für sich zu gewinnen hofften,und was ihnen anAnziehungskrast abgeht, das suchen sie meistens durch List und Schmeichelei zu ersetzen. Doch unfern neuen Freund will ich gerne von alle Dem srcisprcchen." „Wäre er mein leiblicher Vater gewesen, thenerstc Mutter, seine Sprache, so wie die Theilnahme, die er mir schenkte, hätte unmöglich zärtlicher sein können. Ich habe cs in der That entzückend gefunden, dem Rathe eines solchen Mannes znzuhören; denn in der Regel behandeln mich die Männer nicht auf diese aufrichtige, väterliche Weise." Mrs. Dnttons Lippe bebte, ihre Augenlider zitterten und ein paar Thräncn rollten ihr über die Wangen herab. „Für dich ist cs noch etwas Neues, Mildred, die Sprache der uneigennützigen Liebe und der Lebensweisheit von einer Person seines Alters und Geschlechts zu vernehmen. Ich tadle es nicht, wenn du mit Vergnügen seinen Worten lauschest, und will dich blos erinnern, daß du jederzeit die Zurückhaltung beobachtest, wie deine Jugend und dein Stand sic von dir erheischen. — Doch horch! dort hörst du die Ruder seiner Barke im Wasser plätschern." Mildred lauschte; der abgemessene aber rasche Ruck der Ruder in den Rojeklampen stieg ebenso vernehmlich in die stille Nachtlnft empor, als er wohl in dem Boote selbst gehört wurde. Im nächsten Augenblicke schoß eine achtrndrige Barke rasch unter der Klippe hervor und glitt in schnurgerader Linie auf eines der Schiffe zu, das am Ende seiner Gaffel so wie am Topp des Bcsanmastes je eine Laterne aufgehißt hatte, während an der Spiere seines Krcuzsegels die Nachtflagge eines Contrcadmiralü herabflatterte. Der Kutter lag dem Landungsplatz am nächsten, und so wie die Barke sich demselben näherte, hörten die beiden Frauen den lauten Anruf: „Boot ahop!" Die Antwort wurde vonBlucwater jelbst gegeben, und war an dem milden, wahrhaft seingebildeten Ton seiner Stimme deutlich zu erkennen. Sie lautete einfach: „ Contrcadmiralsflagge!" Todtenstille folgte, sobald der Offizier in dem vorüberziehendcn Boot seinen Rang angekündigt hatte, und wurde nur durch die abgemessene Bewegung der Ruder unterbrochen. Ein- oder zweimal glaubte Mildred wirklich, ihr feines Gehör lasse sie sogar das gemeinsame Einsenken der acht Ruder, so wie das Plätschern des WasserS vernehmen, wenn sie wieder ans dem Elemente empor- tauchtcn, um zu einem neuen Zuge auszuholcn. Bei jedem Schiff, an dem die Barke vorüberkam, wiederholte sich Anruf und Antwort aus's Neue, worauf jedesmal wieder die tiefe Stille der Mitternacht in ihre Rechte eintrat. Endlich sah man, wie die Barke an dem Hintcrtheil des Cäsar — des Contrcadmirals eigenem Schiffe—vorbeirudcrte, und jetzt ertönte der Anruf zum letzten Male. Dießmal entstand einiger Lärm aus dem Schiffe, und bald nachdem die Ruder ihre Bewegung eingestellt hatten, wurden die Laternen von den Punkten, die sic seit Einbruch der Nacht eingenommen hatten, herabgelasscu. Zwei oder drei weitere Laternen waren übrigens an,dcn Spieren anderer Schiffe noch sichtbar, zum Zeichen, daß sie ihre Kapitäne nicht am Bord hatten; ob diese aber am Lande oder auf anderen Fahrzeugen zum Besuch waren, das mochten sic wohl selbst am besten wissen. Der Plantagenet hatte kein Licht, da man wußte, daß Sir Gervaise das Land heute nicht mehr zu verlassen beabsichtigte. Als dieß Alles vorüber war, suchten auch Mrs. Dutton und Mildrcd ihr Lager. Für sic war ja der heutige Tag voll Aufregung gewesen, und sollte erst noch wichtigere Folgen nach sich ziehen, als sie selbst bis jetzt sich denken konnten. 225 Eilftes Kapitel. Betrackten wir das Leben — Trug ist'ö. was wir sehen! Der Mensch, er liebt ihn. lässt sich ewig von der Hoffnung hintcrgehen — Vertraue nur und hoff' vom Morgen Lolm für deine Sorgen: — Noch falscher als das Heute ist das Morgen! Drydcn. Admiral Bluewater hatte sich zwar gewöhnt, dem Schlummer nur sehr wenig Zeit zu widmen, doch war er nicht, was die Franzosen inntiiml*) nennen. Am Bord der Kriegsschiffe tritt Morgens eine Periode ein — wo nämlich die Decks abgewaschen werden — welche sich am besten mit der Unbehaglichkeit einer amerikanischen Reinigung dem sogenannten ,Haussegen^ vergleichen läßt. Es geschieht dies; täglich mit Aufgang der Sonne, und kein Offizier, den sein Rang irgend von einem Befassen mit diesem Dienste freispricht, denkt je daran — den Fall außerordentlicher Veranlassungen, die ihre Gegenwart um anderer Zwecke willen erfordern, natürlich ausgenommen — sich in die geheiligten Mysterien dieses Geschäftes einznmischcn. Dieß ist ,dic böse Stunde^ auf einem Schiffe; alle Müssiggänger **) und wachhabenden Offiziere, die nicht zu diesem Dienste gehören, können nichts Besseres thun, als sich zwischen die Luken zu verkriechen, wenn dieß gerade mit ihrer Bequemlichkeit übereinstimmt. Wer aber eine Flagge führt, ruht gewöhnlich während dieses kritischen Moments in seiner Hängematte und verrichtet, wenn er schon aufgestanden ist, äknlichc tägliche Waschungen an seiner eigenen Person. Admiral Bluewater öffnete eben die Augen, als sich das Spritzen des ersten Wassereimcrs am Bord des Eäsar vernehmen ließ. In der besten Laune gab er sich ganz dem Genüsse bin, dem Seeoffiziere so gerne nachhängcn, wenn sic sich einmal bis zu dem Range eines Kommandircnden cmporgcschwnngcn haben. Es ist ') Früh aus. ") Wie die Marinesoldaten genannt werden. Die beide» Admirale. D. U. D. N. 15 226 dieß gewissermaßen ein halbvcrzückter Zustand; der Geist ruft dann alle Bilder der Vergangenheit vor sein Auge: hier sieht er sich wieder als Schiffsjungen im Sturm und Regen die Toppsegel ciu- rcffeu, steigt auf das Ende einer Naae und ruft: ,Ahoy! leewärts gestalt st dort guckt er über die Hängcmattcutüchcr, um nach dem Wetter zu schauen, während ihm der Schnee gleich Nadeln in s Gesicht prickelt — dann kommt gar noch das Abwaschen des Decks und ähnliche Annehmlichkeiten des Seclebcns! — All' diese Traumbilder aus der Vergangenheit werden aber nur deßhalb herausbc- schworen, um das Gefühl der gegenwärtigen Behaglichkeit noch mehr zu erhöhen. Sie bilden dann lauter wohlcrsonucnc Folien, die, so zu sagen, dem Diamant einer behaglichen Hängematte und dem süßen Bewußtsein, daß mau nicht länger einem allzu frühzeitigen Aufrufe auf's Verdeck ausgesctzt ist — nur um so größeren Werth und Glanz verleihen. Unser Contrcadmiral war übrigens bei solchen Gelegenheiten kein gewöhnlicher Träumer. Er dachte überhaupt nur wenig au persönliche Bequemlichkeiten, wenn nicht gerade das leibhafte Ge- gentheil sich seinem Geiste zu lebendig ausdräugtc. So verstand er wenig oder gar nichts von der Feinschmeckerei, wogegen sein Freund ein wohlerfahrener Koch war, und in den Tagen der Prüfung als Proviantmcistcr sich ausgezeichnet hatte. Dafür war aber Blucwatcr, selbst wenn die Sonne in seinem Zcnithe schien, einer cigenthüm- lichen Träumerei ergeben, und oft war es schon geschehen, daß er mitten unter seinen Offizieren in der tiefsten Zerstreutheit aus dem Quarterdeck umhergcgaugeu war. Am heutigen Morgen jedoch, da das Plätschern auf dem Deck kein Ende nehmen wollte, konnte er sich nicht enthalten, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, und sich die Zeit in's Gedächtnis? zurückzurufen, von der es heißt' INNNNNN PNI 8 <>UM'UU> bl'lT!'ch ') D. i. wo der größere Thcil der Mühe» des Lebens mi uns vorüber iß. 227 In diesem köstlichen Augenblicke zeigte sich das blühende Gesicht eines Zungen HernE unter der Thüre seines Staatszimmcrs, und nachdem sich der Junker überzeugt, daß sein Vorgesetzter bereits die Augen geöffnet hatte, begann er: „Ein Billet von Sir Gcrvaisc an Admiral Blucwatcr." „Sehr wohl, Sir" — mit diesen Worten empfing der Contre- admiral das Schreiben. — „Wie stcht's mit dem Wetter, Lord Geoffrey?" „Ein irischer Orkan, Sir; Alles in der schönsten Ordnung. Unser Premier sagt, Sir, er habe nie schöneres Kanalwettcr erlebt." „Unser Premier ist ein großer Astrolog. Haben wir noch Flut ans unserer Rhede?" „Nein, Sir, wir haben todtes Wasser, oder vielmehr, die Ebbe hat so eben begonnen." „Geht aufs Deck, Mylord, und seht, ob der Dover sein Steuerbord weiter beigedreht hat, so daß er unserem Hintertheile näher ist." „Ja, ja, Sir." Und damit schwang sich der Kadct, der Sprößling einer der vornehmsten Familien Englands, die Leiter hinauf, um seinen Auftrag auszurichten. Mittlerweile streckte Blucwatcr den einen Arm aus dem Bett, zog den Vorhang von seinem kleinen Fenster, tappte eine Zeit lang in seiner Hängematte umher, um seine Brille zu suchen, und öffnete dann das Bittet. Die frühzeitige Epistel lautete Wort für Wort also: „Mein thcnrcr Blue! „Ich schreibe dir Vorliegendes in einem Bette, das groß genug wäre, um eincu Neunziger darin aufzunehmen. Ich habe die halbe Nacht, ohne es selbst zu wissen, mit umgekehrtem Borde*) zugebracht. Galleygo kam so eben und erstattete Rapport, daß es bei unserer Flotte nichts Neues gebe, und diese in schönster Ordnung ') D. h. ich bin verkehrt im Bett gelegen. IS* D. N. 228 Vor Anker liege! Es scheint, auf dem Dache des Hauses ist ein guter Ausguckcr, von wo man einen Theil der Rhede übersehen kann. Magrath und die Anderen haben, wie ich höre, die ganze Nacht bei dem armen Sir Wycherlv Angebracht; doch geht's mit seinem Kopfe immer noch nicht besser. Ich fürchte sehr, der gute, alte Mann wird nicht mehr ganz aufgetakelt werden können. Ich werde so lange hier bleiben, bis stch's mit ihm entschieden hat, und da wir nufere Ordrcn im günstigsten Falle doch erst bis übermorgen erwarten dürfen, so bin ich eben so gut hier, als auf meinem Schiffe. Komm' an's Land und frühstücke mit uns, dann wollen wir zusammen berathen, ob cs besser ist, hier zu bleiben oder das Wrack zu verlassen. Adieu! Oakcs." „An Contreadmiral Bluewater." „P. S. — Es ist heute Nacht Etwas vorgefallcn, was mit Sir Wvcherly's Testamente zusammcnhängt, und mich ganz besonders zu dem Wunsche veranlaßt, dich heute Morgen, so bald als möglich bei mir zu scheu. O." Sir Gervaise hatte, wie dieß sonst bei Frauen gewöhnlich ist, der Hauptsache erst in seinem Proscripte erwähnt. Die Scene der vergangenen Nacht hatte sich beim Erwachen gewaltsam seiner Erinnerung aufgedrängt, und so hatte er bei Tagesanbruch sein Schreibzeug verlangt und oben erwähntes Billct abgcsendct, weil er selbst für die erste paffende Stunde, die sich finden ließe, eine zweite Unterredung bei dem Kranken nachzusuchcn beabsichtige, und zu diesem Behufe möglichst viele gewichtige Zeugen um sich zu versammeln wünschte. „Was Teufels kann denn mir Oakcs mit Sir Wycherly's Testamente zu schaffen haben!" dachte der Contreadmiral. „Uebrigcns erinnert mich dieß nebenbei an mein eigenes und an meinen ncu- lichen Entschluß. Was wären meine armseligen 30,000 Pfund für 229 einen Mann von Lord Bluewaters Vermögen? Ich habe weder Weib noch Kind, weder Brnder noch Schwester, nnd so will ich nach eigenem Belieben über mein Geld verfügen. Oakcs wird nichts davon wollen. Zudem besitzt er übrig genug eigene Neich- thümcr: ein jährliches Einkommen von 7000 Pfund und eine Masse von Priscngeldern in den Fonds. Ich darf wohl sagen, daß sich seine Jahrcsrcnte ans 12,000 Pfund belaufen wird, und zu dem Allem hat er einen einzigen Neffen, der ihn beerben wird. Ich bin entschlossen, mit meinem Gclde anzufaugcu, was ich will. Ich selbst habe mir jeden Schilling davon zusammcngespart, so will ich cs auch wiederum geben, wem es mir beliebt." Diese ganze Zeit über lag Admiral Bluewater mit geschlossenen Augen in seiner Hängematte, und seine Zunge blieb so regungslos, wie wenn sie sich gar nicht zu rühren im Stande gewesen wäre. Bei all' seiner Imrissv/.-uIIvi'-Manier besaß er übrigens, sobald er sich erst für Etwas entschieden hatte, die ganze Entschlossenheit eines Seemannes, und vollführte dann seinen Plan in der ihm eigcnthümlichcn Weise. Anfstehen, sich aukleidcn und alle nöthigcn Vorbereitungen zum Aufbruche treffen — das war bei ihm das Werk nur weniger Minuten, und noch war kaum eine Viertelstunde verflossen, seit die eben erwähnten Gedanken seinen Geist beschäftigt hatten, so saß er auch schon an seinem eigenen Schreibtische in der Hintcrkajütc. Das Erste, was er vornahm, war, daß er ein zusammcnge- faltetes Papier aus einem geheimen Schubfachc nahm und dasselbe mit ziemlich gleichgültigem Blicke überlas. Es war dieß sein eigenes Testament, das er früher zu Gunstcu Lord BluewatcrS aufgesetzt hatte. Es war in sehr bündigen Ausdrücken abgcfaßt und füllte nur die erste Seite eines Bogens. Diese begann er denn vorlmlim vl lilurnlim abzuschrciben, indem er den Namen des Erben noch offen ließ, und, wie in dem bereits versiegelten Erem- plar, Sir Gervaise Oakes zum Testamentsvollstrecker bestimmte. 230 Als er damit fertig war, schickte er sich an, die leeren Stellen auszufüllen. Einen Augenblick lang fühlte er sich versucht, den Namen des Prätendenten einzutragen, doch über seine eigene Thorhcit lächelnd, schrieb er endlich in alle Stellen, wo dies? nöthig war— „Mildred'Dutton, Tochter von Francis Dutton, Quarticrmeiftcr in Seiner Majestät MarinccorpS." Dann drückte er sein Siegel darauf, schlug das Papier so über einander, daß man den Inhalt von Außen nicht lesen konnte, und klingelte sofort mit einer kleinen silbernen Glocke, die immer neben ihm aus dem Tische stand. Die Schildwache öffnete die äußere Kasütenthüre und streckte den Kopf zum Zimmer herein. „Einer der jungen Herren soll erscheinen, Schildwache," befahl der Eontreadmiral. Die Thnre ging wieder zu, und in der nächsten Minute zeigte sich Lord Geoffrey's lachendes Gesicht am Eingang der Hinterkajüte. „Wer ist außer der Wache noch sonst auf dem Deck, Mnlord," fragte Bluewatcr. „Niemand, Sir. Die Müßiggänger stecken so dicht bei einander, wie die Füchse, so lange die Decks gesäubert werden, und daß einer unserer eigenen Schnarcher sich vor sechs Uhr sehen ließe, daran ist gar nicht zu denken, Sir." „Irgend Jemand muß doch im jetzigen Augenblick aus dem Kanoncndeck umherstöbern? Geht, und bittet den Kaplan oder den Marinekapitän, daß sie mich mit ihrem Besuch in der Kajüte beehren möchten — meinethalben auch den ersten Lieutenant oder den ersten Qmarticrmeistcr oder irgend einen von den Müssiggängern." Der Kadet war kaum zwei oder drei Minuten fort, als er mit dem Zahlmeister und dem Kaplan wieder zurückkehrte. „Der erste Lieutenant ist in dem vorderen Kielraum, Sir; die von der Marine haben noch sämmtlich die Kajütenfenster geschlossen und der Quartiermeistcr ist an seinem Logbuch, wie mir der Ka- noncndecksausseber soeben gemeldet. Ich hoffe, Die da werdend 231 auch thun, Sir: nach meiner Meinung sind sie jedenfalls die grüßten Müssiggängcr auf dem Schiff." Lord Gcoffrcy Elcvcland war der zweite Sohn des Herzogs gleichen Namens, des Dritten am Rang im ganzen brittischcn gleich, was er so gut, wie irgend Einer am Bord, wußte. Admiral Blnewatcr fühlte zwar keine sklavische Verehrung für hohen Rang, hegte aber nichtsdestoweniger, wie alle Männer, die unter dem Einflüße eines aristokratischen Systems erzogen wurden. die tiefste Achtung vor hochgestellten Personen, und dies? in einem Grade, den er selbst weit entfernt war, sich cinzugcstehen. Der junge, adelige Sprößling wurde zwar in allen dienstlichen Verhältnissen nichts weniger als begünstigt, denn dieß würde sein eigener Ehrgeiz zurückgewiesen haben; dagegen speiste er zweimal so oft als die übrigen Kadetcn bei dem Admiral, und hatte für seine Person eine Art Znngcnfreiheit erlangt, welche ihm den Mnth gab, alle anzüglichen Redensarten, die im Kadetenzimmer oder ans dem Ka- nonendccke üblich waren, und die ohne Zweifel fast überall als vorlaute Aenßernngcn ausgenommen worden wären, auch in Gegenwart des höchsten Vorgesetzten knntcrbund hcrauszusagcn. So kam eS, daß weder der Kaplan, noch der Zahlmeister die Freiheit übel nahmen, die er sich bei gegenwärtiger Veranlassung genommen hatte. Der Contrcadmiral hatte gar nicht gehört, was gesprochen worden war, sondern winkte nur den Ankömmlingen, sobald er sie in seiner Kajüte gewahr wurde, und bedeutete ihnen, seinem Schreibtische näher zu kommen; dann wies er aus das znsammcngefaltete Papier. „Jeder verständige Mann," sprach er, „und besonders jeder verständige Seemann und Soldat, sollte sich, besonders in Kriegszeiten , mit einem Testamente versehen. Hier ist das meinige, das ich soeben selbst aufgesetzt habe: dieses Instrument hier enthält eine ältere Verfügung, die ich jetzt in eurer Gegenwart vernichte. Ich erkenne dies; für meine Unterschrift und Siegel, — dabei schrieb er feinen Namen und berührte, während er sprach, das Sigill mit dem Finger — was ihr hier meinem letzten Willen und Testament beigefügt findet. — Wollen die Herren die Güte haben, mir bei dem Akte als Zeugen zu dienen?" Der Kaplan und der Zahlmeister Unterzeichneten ihre Namen; noch blieb aber ein leerer Raum für eine dritte Unterschrift übrig. Diese füllte der lachende Kadct auf einen Wink feines Vorgesetzten mit seinem eigenen Namen ans. „Ich hoffe, Ihr habt Euch erinnert, Sir," rief der Knabe mit munterem Scherz, während er sich »Übersetzte, um dem Wunsche zu gehorchen, „daß die Blucwaters und die Clevclands mit einander verwandt sind. Ich würde mich bitter getäuscht fühlen, wenn dieses Testament dereinst geöffnet werden, und ich meinen Namen nicht irgendwo wieder finden sollte!" „Ich gleichfalls, Mylord," erwiederte Blnewater trocken, „denn ich erwarte zuversichtlich, daß er als der eines Zeugen zu Tage kommen wird, und dieß ist ein Charakter, der sich gewöhnlich allen Ansprüchen auf eine Erbschaft höchst ungünstig erweist." „Nun, Sir, ich denke jedenfalls: so gut unsere Flaggcnoffi- ziere mit den Schiffen und Allem, was daraus ist, vornehmen können, was sie nur wollen, so werden sie wohl auch mit ihrem Gelde schalten dürfen, wie's ihnen beliebt. So muß ich mich denn um so fester an meine beiden alten Tanten halten, da ich mich doch einmal, wie mir scheint, bei dieser Geschichte den Klüsen meines Glückssterns gegenüber gelegt habe!" „Meine Herren!" sagte der Contreadmiral mit höflicher Würde, „ich bedaurc, daß ich für heute nicht das Vergnügen haben kann, Sie an meinem Tische zu sehen. Ich bin von Sir Gcrvaise an s Land berufen, und weiß nicht bestimmt, wann ich zurück sein werde. Dagegen hoffe ich, daß mir morgen dieses Vergnügen nicht versagt sein wird." 233 Die Offiziere verbeugten sich zum Dank, nahmen die Einladung an, machte Jeder noch eine bis zwei Verbeugungen und verließen die Kajüte mit Ausnahme des Kadcten. „Nun, Sir—" riefAdmiralBluewater nach einer Minute tiefer Zerstreutheit, als er sich zu seiner Verwunderung nicht allein fand; „welcherBitte verdanke ich noch dasVergnügenEnrcrGegenwart?" „Ei, Sir, es sind gerade vierzig Meilen nach meines Vaters Hanse in Cornwall, und ich weiß, die ganze Familie ist dort versammelt: so dachte ich eben, daß ein Wagen mit zwei Extrapostpser- den mich ungefähr in fünf Stunden an die Parkthore bringen könnte. Wenn ich mich dann morgen um diese Zeit wieder ans den Weg machte, so meine ich, würde der alte Cäsar unterdessen einen närrischen Kadcten mehr oder weniger nicht eben vermissen." „Sehr sinnreich vorgebracht, junger Herr, und im Ganzen höchst annehmbar. Als ich in Eurem Alter war, stand cs vier Jahre an, ohne daß ich weder Vater noch Mutter gesehen hätte." „Ja, Sir, aber das ist schon gar lange her! Heutiges Tags könnend die Jungen kaum halb so lang aushaltcn als damals, wie alle alten Leute behaupten." ' DeS Contreadmirals Lippen verzogen sich leicht, als ob sein Mund mit einem Lächeln kämpfte, dann aber erhielt sein Gesicht mit einem Male einen andern Ausdruck und erschien tief bekümmert. „Ihr wißt, Geoffrey, ich bin nicht Kommandirender cn Chef. Sir Gervaise allein kann einen solchen Urlaub crthcileu." „Ganz recht, Sir; aber Sir Gervaise thut jedesmal das, was Ihr verlangt,besonders wenn es die von EuremFlaggcnschissc betrifft." „Das mag wohl sein. Doch leben wir in bedenklichen Zeiten, mein Knabe, und müssen vielleicht eine Stunde nach erhaltener Ordre die Anker lichten. Wißt Ihr denn nicht, daß Prinz Karl Eduard in Schottland gelandet ist, und daß die Jakobitcn sich wacker regen? Wenn die Franzosen ihm den Rücken decken, werden wir hier rm Kanal alle Hände voll zu thnn bekommen." 234 „Dann muß meine theure Mutter für die nächsten zwölf Monate schon auf einen Kuß verzichten!" ries der hochherzige Kunde, fuhr aber, trotz seines männlichen Entschlusses, mit der Hand dennoch verstohlen über die Angen. „Der Thron von Alt-England muß aufrecht erhalten werden, und sollten auch alle Mütter und Schwestern ans der ganzen Insel ihre Kadett» auf Jahre lang nicht wieder sehen!" „Edel gesprochen, Lord Gcofsrcy, was auch im Hauptquartier gehörig bekannt werden soll. Eure Familie gehört zu den Whigs, und Ihr thnt wohl daran, Euer Lebcnlang der Politik Eurer Familie zu folgen." „Ein kleiner Ausflug ans Ufer, Sir, würde mir nach sechsmonatlichem Aufenthalte zur Sec ein großes Vergnügen gewähren." „Da müßt Ihr Kapitän Stowck um Urlaub bitten. Ihr wißt, daß ich mich niemals in den inucrn Dienst der Fregatte mische." „Ja, Sir, aber wir sind unserer so Viele, und Alle haben eine Sehnsucht nach der komm lirnur. Dürfte ich wohl Kapitän Stowel sagen, daß ich Eure Genehmigung dazu habe, mir von ihm ein wenig Landurlaub zu erbitten?" „Das könnt Ihr thnn, Mulord, wenn's Euch Vergnügen macht. Stowel weiß ja doch, daß er immer noch thnn kann, was er will." „O, Sir, er müßte doch ein recht wunderlicher Linieukapitän sein, wenn er es jetzt nicht thnn wollte. Ich danke Euch, Admiral Blnewatcr. Ich will meiner Mutter schreiben, und weiß gewiß, daß sie den Grund, der mich von einem Besuche bei ihr abhälss billigen wird. Guten Morgen, Sir." „Guten Morgen." Noch hatte der Knabe die Hand an der Thürklinke, da rief der Admiral: „Mvlord?" „Habt Ihr noch irgend Etwas zu befehle»', S-ir?" 235 „Wenn Ihr schreibt, so vermeldet der Herzogin meine freundlichen Empfehlungen. Wir waren in unserer Jugend die vertrautesten Bekannte, und liebten einander, wie ich wohl sagen darf." Der Kadct versprach, seines Admirals Wunsch zu erfüllen, und ließ denselben sofort allein. Eine halbe Stunde lang ging Blnewater in der Kajüte auf und ab, in tiefem Nachdenken über die Art, wie er über sein Eigenthum verfügt, sowie darüber, was er in Bezug auf den Prätendenten thun sollte. Dann liest er plötzlich seinen Bootssührer rufen, crtheilte ihm einige Weisungen, und schickte den Befehl auf's Deck, daß seine Barke bemannt werden sollte. Die üblichen Meldungen gingen ihren gewöhnlichen Gang und liefen in drei weiteren Minuten zur Kajüte zurück, indem Lord Geoffrev sic daselbst hintcrbrachtc. „Die Barke ist bemannt, Sir," rapportirte der Knabe, der in der niedlichen Landungstracht eines Scekadeten unter der Ka- jütcnthüre stand. „Seid Ihr bei Kapitän Stowel gewesen, Mylord?" fragte der Eontrcadmiral. „Ja, Sir, und er hat mir Landurlaub bis Sonnenuntergang gegeben! mit der Abendkanone des Contreadmirals muß ich wieder zurück sein." „Dann seid so gut und nehmt Euren Sitz in meiner Barke, wenn Ihr völlig bereit seid." Das Anerbieten wurde angenommen; nach wenigen Minuten waren die üblichen Ceremonien aus dem Verdeck vorüber, und der Contreadmiral säst in seiner Barke. Es war bereits so spät am Morgen, daß die volle Schiffs-Etikette beobachtet werden mußte, und kein Pünktchen derselben wurde bei gegenwärtiger Veranlassung versäumt. Der Kapitän stand in Person auf dem Verdeck, neben ihm die Offiziere der Konstabelkammer, als Repräsentanten ihres Eorps; die Wache paradirte unter dem Kommando ihrer Offiziere; die Trommel wirbelte und der Oberbootsmann pfiff den Admirals- 236 grüß; beim Ei»steigen hüpfte Lord Geoffrey zuerst in das Boot und blieb respektvoll stehen, bis sein Vorgesetzter sich niedergelassen hatte. Nachdem endlich alle diese Einzelheiten vorüber waren , stieß das Boot von dem Schiffe ab; die acht Ruder fielen mit gleich- sörmigcm Schlage, als ob cs nur ein einziges wäre, in s Wasser, und die Barke schwamm dem Ufer entgegen. Alle Kutter, Barken, Jollen oder Ansschiffsbootc, denen sie begegneten, erhoben ohne Unterschied, wenn sic nicht etwa selbst einen Offizier von Rang enthielten, ihre Ruder zur Begrüßung der Barke, die mit der Contreadmiralsflagge in ihrem Bug an ihnen vorüber zog, während die andern die ihrigen auflegten und die Herren zum Gruß die Hüte abnahmen. Auf diese Art zog die Barke an der Flotte vorüber und näherte sich endlich dem Ufer. Am Landungsplätze erhob sich ans dem natürlichen Quai, der durch einen flachen, niedrigen Felsvorsprung gebildet wurde, eine allgemeine geschäftige Bewegung, sobald man die Flagge des Con- treadmirals herankommcn sah; selbst die Boote der Kapitäns wurden bei Seite gerudert, um dem Admirale den freien Durchgang zu eröffnen. Sobald Letzterer übrigens das Land betreten hatte, wurde die kleine Bootsflagge wieder herabgelassen, und als eine Minute später ein Kutter mit einem einzigen Lieutenant anlangte, befahl dieser Offizier mit hoher, gebietender Miene, daß nunmehr die Barke ihm Platz zu machen habe. Vielleicht war in der ganzen brittischcn Marine kein einziger Offizier, dem die Dicnstetikctte gleichgültiger war, als unserem Eontreadmiral. In dieser Hinsicht war er gerade das Gegentheil von seinem Freunde, denn Sir Gervaise hatte von jeher das vorgeschriebene Ccremoniel nicht nur für seine eigene Person auf's Pünktlichste beobachtet, sondern auch bei Andern auf dessen strenge Befolgung gehalten. Es war dieß übrigens keineswegs der einzige dienstliche Punkt, worin diese beiden ausgezeichneten Offiziere von einander abwichen. 237 Wir haben schon oben erwähnt, daß der Contreadmiral der beste Taktiker in England war, während der Viccadmiral in diesem Dienstzweige nicht gleich Jenem hervorragte. Auf der andern Seite wurde Sir Gervaise für den besten praktischen Seemann der Flotte gehalten, so weit es auf den inneren Dienst und die Führung eines einzelnen Schiffes ankam — ein Fachr, worin Bluewatcr hinwie- dcrnm sich nicht sonderlich hervorthat. Auch iu Beziehung auf Mannszucht bestand der gleiche Unterschied zwischen den Beiden. Der Kommandirende war ein wenig, was man in Land-Armeen einen Kamaschenknops nennt, d. h. er hielt sich fest und bis in die kleinsten Details an die bestehenden Reglements; sein Freund dagegen hatte schon als Kapitän die Auf- rcchthaltung des inneren Dienstes aus feinem Schiffe dem sogenannten dicnstthucnden Offizier oder ersten Lieutenant übertragen, so daß dieser wichtige Beamte alle erforderlichen Anweisungen zur Erhaltung der Ordnung und Reinlichkeit ans dem Schiffe zu cr- theilcn und auszuführcn hatte. — Nichtsdestoweniger war Blue- water selbst in diesem besonderen Dicnstzwcige nicht ohne eigen- thümlichcs Verdienst. Er war für seinen Freund der beste Kapitän in der Flotte gewesen, den dieser nur jemals getroffen hatte. Sein Dienst als solcher korrespondirte gewissermaßen mit dem eines Ge- ncraladjutantcn in einer Land-Armee, und paßte vortrefflich zu seiner philosophischen Gcistcsrichtnng, die alle Dinge nur in ihrem Zusammenhänge zu dem Ganzen betrachtete; so hatte er denn alle Dienstvcrrichtungen seiner damaligen Stellung unter gewisse allgemeine, einfache Gesichtspunkte gebracht, die ihm die Erfüllung derselben angenehm und leicht machten. So oft er bei Sir Gervaise's häufiger Abwesenheit auf eine oder zwei Wochen das Oberkommando führte, hatte man noch jedesmal bemerkt, daß der Dienst auf der Flotte pünktlich wie ein Uhrwerk zusammcnstimmte, denn sein Geist schien wirklich allein das Große und Allgemeine zu umfassen, während er nur mit Widerstreben sich zu den Details hcrabzulasscn vermochte. 238 In Folge dieser persönlichen Eigenthümlichkeiten hatten die Kapitäne schon häufig die Bemerkung gemacht, daß Blnewater eigentlich der Aeltere, und Oakes der Jüngere unter den beiden Befehlshabern hätte sein sollen, in welchem Falle gewiß ihr vereinigtes Kommando nichts zu wünschen übrig gelassen hätte. Doch müssen diese kritischen Bemerkungen auch großentheils auf Rechnung der allgemeinen Vorliebe der Menschen geschrieben werden, womit sie selbst au Dingen, welche an und für sich vortrefflich sind, einen Fehler finden zu müssen glauben, um mit der Angabe der Wege und Mittel, wodurch dieselben sich etwa verbessern ließen, ihre eigene Ueberlcgcnheit zu beweisen. Hätten Beide in der Armee gedient, so möchte diese Ansicht allerdings mehr praktische Wahrheit für sich gehabt haben; bei den gewöhnlichen Seegefechten aber, wo es hauptsächlich nur auf ein keckes Augrcifcn des Feindes ankam, waren Sir Gervaise's Kühnheit und Ungestüm kein schlechter Ersatz für mangelnde Taktik. Kehren wir übrigens wieder zu unserer Erzählung zurück. Blnewater wurde bei seiner Landung von Allen, die sich am Landungsplätze oder in dessen Nähe befanden, mit tiefer, allgemeiner Ehrfurcht begrüßt; er selbst crwiedcrte diese Artigkeit mit einer flüchtigen, doch höflichen Verbeugung, welcher man übrigens die Zerstreutheit seines Wesens wohl anmerkte, und begann alsbald den Abhang hinanzusteigen. Er hatte bereits die grasige Auffahrt auf der Höhe erreicht, che er überhaupt gewahr wurde, daß uoch Jemand hinter ihm war. Indem er sich umwandte, bemerkte er, daß ihm der Kadet aus den Fersen folgte; es war der lautere Respekt, der einen Jungen von seiner Jugend und Behendigkeit abhielt, an seinem Vorgesetzten vorbei den Abhang hinanzuhüpfcn. Dem Admiral fiel es sogleich bei, wie wenig Unterhaltung ein Knabe von seinen Gewohnheiten an einem Orte wie Wychecombe finden würde, und so beschloß er in seiner Gutmüthigkeit,denselben mit sich zu nehmen. „Ihr werdet hier wohl schwerlich irgend eine Unterhaltung 239 finden, Lord Geoffrey," bemerkte er gegen den Knaben; „wollt Ihr Euch aber mit der Gesellschaft eines mürrischen, alten Knaben, wie ich, begnügen, so sollt Ihr wenigstens Alles sehen, was ich selbst sehe, mag dicst dann viel oder wenig sein." „ Es war mir ja um einen Kreuzzug zu thun, Sir; ich bin vollkommen bereit und fühle mich sehr glücklich, Euren Weisungen mit oder ohne Signale zu folgen," antwortete der lachende Junker. „Ich denke, Wychccombe wird wohl eben so gut wie Portsmouth oder Plymouth sein, und jedenfalls sind diese grünen Felder schöner als die schmutzigen Straßen der Städte, die ich bis jetzt betreten habe." „Ja, in der That, solche grünen Felder sind für Seeleute, die, wie wir, ganze Monate lang nichts als Wasser vor sich sahen, ein höchst lieblicher Anblick. Wendet Euch gefälligst rechts, Mylord; ich wünsche ans meinem Wege nach dem Schlosse in jener Signalstation dort drüben cinzusprechcn." Der Knabe that, wie ihm befohlen worden, und schlug — in seinem Alter ein ungewöhnlicher Fall — „den Weg ein, den er zu gehen geheißen ward;" in wenigen Minuten standen Beide ans der Landspitze. Da cs für einen Mann seines Amtes nicht wohl angegangen wäre, wenn er an einem Tage, wo eine Flotte ans der Rhede vor Anker lag, ans seinem Posten gefehlt hätte, so war Dntton auch bereits ans seinem Plätzchen; er war, wie gewöhnlich, höchst reinlich gekleidet, zitterte aber wieder bedeutend, denn die Ausschweifung der vergangenen Nacht hatte ihre Einwirkung ans seine Nerven nicht verfehlt. Er erhob sich zum Empfange des Contreadmirals mit großer Unterwürfigkeit, doch nicht ohne allerhand Mahnungen seines Gewissens, denn sein Gcdächtniß gab ihm von dem, was während seines Zusammenseins mit Frau und Tochter vorgcsal- lcn war, in allgemeinen Umrissen ein ziemlich deutliches Bild; zu gleicher Zeit hatte der Wein jetzt seine Wirkung auf ihn verloren, und hals ihm nicht länger seine Selbstbeherrschung ausrecht zu 240 erhalten. Doch fühlte er sich sehr erleichtert, als er bemerkte, wie Bluewater ihm selbst auf die schoncndste Weise begegnete. „Wie steht's mit Sir Wuchert» ?" fragte der Admiral und begrüßte den Quartiermeister, wie wenn gar nichts vorgefallen wäre. „Sir Gcruaisc benachrichtigt mieli in einem Billct, das er gegen Tagesanbruch geschrieben, daß damals noch keine wesentliche Besserung eingetrctcn war." „Ich wollte, cs stünde in meiner Macht, Sir, Euch günstige Nachrichten hierüber zu geben. Jedenfalls muß er sich jetzt wieder bei Bewußtsein befinden; denn Dick, sein Reitknecht, kam so eben mit einem Briefchen von Mr. Rotherham, worin er uns mittheilte, daß der treffliche alte Herr ein ganz besonderes Verlangen habe, meine Frau und Tochter zu sehen, und daß der Wagen in wenigen Minuten hier sein werde, um Beide abzuholcn. Wenn Ihr heute Morgen gleichfalls auf das Schloß zu gehen beabsichtigt, Sir, so werden Euch die beiden Frauen ohne Zweifel mit größtem Vergnügen einen Sitz anbieten." „Nun so will ich auch von ihrer Güte Gebrauch machen," erwiedcrte Bluewater, und setzte sich auf die Bank am Fuße des Signalstocks nieder; „besonders wenn Ihr glaubt, daß sic mir erlauben werden, die Gesellschaft durch Lord Gcoffrcy Cleveland, einen von Stowels Scekadctcn, zu vermehren. Der junge Herr hat sich mir angeschiossen, und will mir überall hin, und zwar mit oder ohne Signale, folgen." Dutton nahm den Hut von Neuem ab und machte eine tiefe Verbeugung, als er des Knaben Namen und Rang verkünden hörte. Dieser selbst erwicderte den Gruß zwar artig, doch ziemlich gleichgültig , als ob er die Verehrung der Menge bereits vollkommen satt hätte, und schaute sich unterdessen mit ziemlicher Neugierde um, wobei besonders die Landspitze und der Flaggcnftock seine Aufmerksamkeit erregte. „Das gibt hier einen trefflichen Ausgucker, Sir," bemerkte 2-L1 dev Kadet; „dabei ist cv noch etwas lnstiger als unsere Kreuzhölzer. Ein Paar scharfe Augen können ja von hier aus Alles erblicken, was sogar ans zwanzig Meilen Weite hcrankommt, und znm Beweis will ich jetzt als der Erste den Ruf anstünincn: ,Ein Segel, ho, ein Segel ll" „Wo denn, mein junger Lord ?" fragte Dntton mit rühriger Behendigkeit, wie wenn er fürchtete, seine Pflicht in Gegenwart eines Höheren vernachlässigt zu haben. „Ich bin gewiß, Eure Lordschaft kann nichts anderes bemerken als die Flotte, die da unten vor Anker liegt, und die wenigen Boote, die zwischen den einzelnen Schiffen und dem Landungsplätze hin- und hergchen. „Ganz richtig; Junker, wo wollt Ihr denn etwas erblicken?" begann der Admiral gleichfalls. „Ich sehe allerdings einige Mövcn ein oder zwei Meilen jenseits der Schiffe ans der Oberfläche des Wassers glänzen! doch von einem Segel ist nirgends etwas zu bemerken." Der Knabe nahm Duttons Glas, das ans der Bank lag, und noch war keine Minute Vorüber, so hatte er cs schon ans die Wasserfläche gerichtet. Es dauerte einige Zeit, bis er die Züge des Instruments so weit zurecht gerichtet hatte, daß sie für sein Auge paßten. „Nun, Meister Scharfauge," fragte Bluewater trocken: „ist's ein Franzmann oder ein Spanier?" „Habt nur eine» Augenblick Geduld, bis ich dieses ungeschickte Glas erst recht gerichtet habe. — Ha! nun Hab' ich's; jedenfalls ist'S nur ein ganz kleines Ding — Bram- und Oberbramsegel — »ein, Sir, bei St. Georg, 's ist unser eigener Kutter, der Active; er hat die Brcfocke herabgclassen, und seine unteren Segel werden so eben anfgehißt. Ich kenne ihn an der Art, wie er seine Gaffel trägt." „Der Active! — der bedeutet Neuigkeiten," bemerkte Bluewater nachdenklich, denn der Gang der Ereignisse mußte im gegenwärtigen Moment nothwendig auch eine Krise in seiner eigenen Die beiden Admirale. 16 S42 Laufbahn hcrbeiführen. „Sir Gcrvaise hat ihn ausgeschickt, um nach Chcrburg hinein zu spioniren." Ja, ja, Sir, das wissen wir Alle. Und da kommt er denn hoffentlich, um nnS zu melden, daß iklonmom' cko Vnrviili» sich endlich ansgerafft hat, und uns wie ein Mann nnter's Gesicht treten will. Wollt Ihr auch nach dem Segel schauen, Sir?" Blnewater nahm das Glas, fuhr damit am Horizonte hin und hatte bald den gewünschten Gegenstand im Auge. Ein kurzer Ucbcrblick genügte für einen so erfahrenen Seemann! dann gab er dem Knaben das Glas wieder zurück. „Ihr habt flinke Auge», Sir," sprach er, während er dich that; „eS ist in der That ein Kutter, der ans die Rhede lossteuert, und ich glaube, Ihr habt vollkommen recht, wenn Ihr ihn für den Aetioe haltet." „Das wäre doch eine weite Entfernung, um ein so kleines Fahrzeug zu erkennen!" meinte Dutton, und richtete sein Glas gleichfalls »ach dem Fremden. „Ganz richtig, Sir," crwicderte der Knabe; „einen Freund muß man aber auch sogleich erkennen, sobald man ihn gewahr wird. Der Active führt eine längere und niedrigere Gaffel als jeder andere Kutter in der Marine, und das iffs gerade, wodurch wir ihn von dem Gnat — dem Kutter, den wir bei uns führen — unterscheiden." „Ich bemerke mit Vergnügen, wie Eure Lordschaft bereits ein so scharfer Beobachter geworden," antwortete Dutton verbindlich; „ein sicheres Zeichen, Mvlord, daß Eure Lordschast seiner Zeit ein tüchtiger Seemann werden wird." „Geoffrcy ist bereits ein guter Seemann," bemerkte der Admiral, welcher recht gut wußte, daß er dem Junker keine größere Freude machen konnte, als wenn er jeden Unterschied des Ranges fallen ließ, und ohne seinen Titel zu nennen, mit ihm oder über ihn nur als Verwandter sprach, was er in Wirklichkeit auch war. „Er 243 ist mm schon seine vier Jahre bei mir, und kam im Alter von Zwölfen ans mein Schiff. Zwei Jahre weiter, und er gibt einen stattlichen Ossizier." „Ja, Sir," antwortete Dutton, sich erst gegen den Einen und dann gegen den Andern verbeugend. „Ja, Sir, mit seinen besonderen Verdiensten, mit Eurer hochansehnlichen Gunst und seinem eigenen großen Namen darf sich Seine Lordschaft kecklich diesen Aussichten überlassen. Aha, Sir, da unten auf der Flotte haben sie den Ankömmling auch schon bemerkt; die Flaggen sind bereits in Bewegung." Beim Ankern der Flotte hatte Admiral Blncwatcr seine Schiffe so nahe beisammen gehalten, als der Nebel nur immer erlauben wollte; denn eine der großen Schwierigkeiten für einen Kommandanten zur Sec besteht eben darin, in trübem, nebeligem Wetter seine Schiffe in fester, geschlossener Ordnung zu erhalten. Der Vorsicht halber hatte er übrigens am Tage zuvor den Befehl gegeben, daß, sobald der Nebel sich zerthcilt hätte, eine Fregatte nebst einer Schaluppe die Anker lichten und eine oder zwei Meilen in die offene See hinanssteucrn sollte, um einen möglichst großen Theil des Horizonts zu übersehen. Um sich bei dem leichten Winde und der heftig strömenden Flut ans der Stelle zu erhalten, hatten die beiden Schiffe Anker geworfen, das eine ungefähr eine Meile von der Flotte entfernt, das andere eine oder zwei Meilen darüber hinaus und weiter östlich. Die Schaluppe lag dem ankommenden Kutter am nächsten, und ihre Signale flogen alsbald von dem großen Oberbramstengentopp zu der Fregatte, welche sie »»verweilt wiederholte, und dem Flaggcnschiff des obersten Kommandirendcn mitthcilte. Blncwatcr war mit den gewöhnlichen Signalen so vertrant, daß er bei ihrer Erklärung nur selten zu dem Signalbuch seine Zuflucht nehmen mußte; im gegenwärtigen Falle gewahrte er augenblicklich, daß cs wirklich die Nummer des Active war, welche signa- 16 » 244 lisirt wurde. Dann folgten aber noch andere Signale, die der Lontreadmiral ohne Hilfe seines Buchs nicht zu erkennen vermochte; aus Allein konnte er übrigens zu seiner Zufriedenheit so viel zusammen kombinircn, daß der Kutter wichtige Neuigkeiten über- brachte, die er aber blos mit Zuratheziehnng seines besondcrn Signalbnchs verstehen konnte. Während dieß Alles ans der Flotte vor sich ging, langte der Wagen an, der Mrs. Dutton und Mildred nach dem Schlosse abholen sollte. Bluewater stellte sich nunmehr den Damen vor, und wurde mit derselben Freundlichkeit von ihnen ausgenommen, mit der sie sich wenige Stunden zuvor von ihm getrennt hatten. Beide waren nichts weniger als unangenehm überrascht, als sie vernahmen, daß er sie nach Sir Wycherly's Wohnung znrückgeleiten wollte. „Ich fürchte nur, diese Aufforderung bedeutet nichts Gutes," meinte Mrs. Dutton: „der alte Herr wurde wohl schwerlich daran denken, uns zu sich zu berufen, wenn sein Geist nicht mit etwas sehr Ernstem beschäftigt wäre; auch sagte der Bote ausdrücklich, er befinde sich noch nicht besser." „Das Alles werden wir erfahren, meine liebe Frau, sobald wir das Schloß erreicht haben werden," erwicdertcBluewater; „je früher wir dahin gelangen, um desto eher werden auch unsere Zweifel zerstreut sein. Ehe wir in den Wagen steigen, erlauben Sie mir, Sie mit meinem jungen Freunde, Lord Geoffrey Clcve- land, bekannt zu machen, den ich mir die Freiheit nahm, zu unserer Partie einzuladen." Der hübsche, junge Kadet wurde sehr gut ausgenommen; doch war Mrs. Dutton durch ihr früheres Leben zu sehr gewöhnt, mit Leuten von Stand nmzngehen, als daß sie dieselbe Unterwürfigkeit, wie ihr Gatte vor dem Rang des Knaben an den Tag gelegt hätte. Die Damen nahmen wie gewöhnlich den hintern Sitz im Wage» ein, so daß ihren männlichen Begleitern der vordere überlassen blieb. Diese Einrichtung brachte zufällig Mildred und den 2-L5 Kadctcn einander gegenüber -- ein Umstand, der sehr bald die Aufmerksamkeit des Admirals ans eine wohl etwas sonderbare, ja sogar auffallende Weise auf sich zog. Die Jugend birgt einen Reiz in sich, wie keine andere Periode des Lebens ihn besitzt, und wie selbst die Kindheit in ihrer hilflosen Schöne kaum mit gleicher Gewalt — Einbildungskraft und Gefühl eines jeden Menschen in Anspruch nimmt. Die beiden jungen Leutchen besaßen diesen Vorthcil in hohem Grade, und wäre auch keine andere Eigenthümlichkeit hinzugckommen, so würde schon dieser Anblick allein für einen Manu von Blucwaters wohlwollendem und richtig fühlendem Gemüth ein höchst erfreulicher gewesen sein. Der Knabe war sechzehn vorüber — ein Alter, wo in England wenigstens der Jüngling noch nicht das Acußere des Mannes an sich trägt; er zeigte in seiner ganzen Erscheinung noch den edlen, munteren Knaben, dessen aufgewecktes Wesen durch einen Anflug von Schelmerei, Schalkhaftigkeit und Witz, wie ihn ein begabter Jüngling ans einem Kriegsschiffe fast immer anzunehmen pflegt, noch piquante r gemacht wurde. Nichtsdestoweniger verkündeten seine Züge ein zartes Gefühl, verbunden mit einer gewissen, treuherzigen Offenheit, die an einer Person seines Geschlechts besonders aufficl, und selbst MildrcdsLieblichkcit gegenüber, bei all' ihrer Schönheit in Zügen, Haaren und Gesichtsfarbe, eine ganz besondere Anziehungskraft ansübtc. Es war ganz derselbe Ausdruck, der Blnewatcrn an dem Mädchen so sehr betroffen und entzückt hatte — der ihm seit dem gestrigen Tage nicht mehr aus dem Sinne kam, da er ihm, neben dem, daß er so außergewöhnlich war, auch noch ganz besonders bekannt erschien, ohne daß er im Stande gewesen wäre, irgend ein Urbild dazu anfzufinden. Als aber das Mädchen nunmehr Lord Gcoffrcy gerade gegenüber saß, da fand der Contreadmiral mit einem Male zu seinem großen Erstaunen zwischen ihr und dem hübschen Knaben eine auffallende Aehnlichkeit gerade in demselben Ausdruck der Gesichtsbildung, welcher ihn an dem liebliche» Kinde schon so sehr entzückt hatte. Jene geistvolle, herzgewinnende Miene war zwar bei dein jnngcn Cleveland bei weitem nicht so auffallend, wie bei Mildrcd, und in der sonstigen Bildung der Züge und der Gcsichtsform bestand nur wenig Aehnlichkcit zwischen den Beiden; aber eben jener Ausdruck war bei ihm wie bei ihr, und zwar so unverkennbar vorhanden, daß er dem Beschauer, besonders wenn Beide, wie jetzt, in so naher Berührung mit einander waren — wohl kaum entgehen konnte. Geoffreu Clevcland galt dasür, daß er seiner Mutter sehr ähnlich sehen sollte — mit dieser Bemerkung hatte Blnewater endlich einen Anhaltspunkt gewonnen, und jetzt mit einem Male ward es ihm klar, daß das Wesen, welchem Mildred so durchaus und auffallend glich, eine verstorbene Schwester der Herzogin und seine eigene ihm so thenre Cousine gewesen sei. Miß Hcdworth, die fragliche junge Dame, war schon lange todt; aber Alle, die sie gekannt hatten, sprachen noch immer mit der freundlichsten Erinnerung von den Reizen ihrer Person, wie ihres Geistes. Zwischen ihr und Blnewater batte ein zartes Freundschaftsverhältnis bestanden, das übrigens durch keinen Schatten von Leidenschaft getrübt worden war — ein Umstand, der, da Kapitän Blnewater fast doppelt so alt wie seine Eonsine war, eines Thcils dem Unterschied der Jahre, andern Thcils aber auch wahrscheinlich der unzertrennlichen Anhänglichkeit des Letzteren an seinen Stand und sein Schiff zugcschricben werden mußte. Agnes Hcdworth war übrigens ans verschiedenen Gründen unserem Secmannc sehr thencr, und sogar noch weit werthcr gewesen, als ihre Schwester, die Herzogin, obwohl diese zu seinen Lieblingen gehörte; und so fand der Eontreadmiral mit wahrer Herzensfreude, indem er mit Blitzesschnelle dem Jdcengangc folgte, der ihm so unerwartet Mildreds Aehnlich- keit mit jenem hochverehrten Gegenstände klar machte — daß er hier, ohne es selbst zu wissen, durch ein Wesen ungezogen worden war, an dem mm jedes Lächeln, jeder Blick ihm mit Gewalt das Bild 247 einer ander» Person aufdrängte, die er seiner Zeit nahezu für vollkommen gehalten, und deshalb so innig verehrt hatte. Seine Freude blieb übrigens ans verschiedenen Ursachen durch Trauer getrübt, und die kurze Fahrt nach dem Schlosse geschah deshalb in einer so melancholischen Stimmung, daß wohl Niemand von der Gesellschaft cs bedauerte, als sie zu Ende war. Zwölftes Kapitel. N a t. In vor Thal. Meister Holofernes. Ihr wechselt recht anmn. thig mit denen Prädikaten, recht wie ein Schristgclehrter; allein laßt mich Euch versichern, Sir. es war ein Bock vom ersten Geweih. H o l. Sir Natbanael, I»aiu1 cevilo. Bull. Eö war keine Hautkrähe, sondern ein Spießer. Der Liebe Müh' umsonst. ^cde Spur der für das Leben zu Wychecombe-Hall so charakteristischen fröhlichen Sorglosigkeit war verschwunden, als die alte Hcrrenkntsche in den Hosranm fuhr, um die Gesellschaft, welche sie von dem Stationshause hercingeführt hatte, anssteigen zu lassen. Da Niemand als Mrs. Dutton und ihre Tochter erwartet wurde, so erschien nicht ein einziger Bedienter, um den Wagenschlag zu öffnen; der Pöbel unter der Dienerschaft sucht sich ja gewöhnlich für die Huldigungen, die er dem Mächtigen darbringt, dadurch zu rächen, daß er gegen Schwächere so viel Geringschätzung als möglich an den Tag legt. Gallcygo half den Angckommencn aus dem Wagen, und war somit auch der Erste, an welchen Nachfragen über den Stand der Dinge im Hause gerichtet werden konnten. „Nun, Gallcygo," begann Ndmiral Blncwater, mit ernstem Blick an den Hofmeister sich wendend; „wie steht's mit Sir Wy- cherly und was gibt's Neues?" 2ä8 „Sir Wycherly steht noch auf der Krankcnliste, Euer Gnaden, und ich glaube, sein Fall ist als ein sehr gefährlicher ausgezeichnet. Wir selbst befinden uns so wohl, als sich erwarten laßt, und sind noch immer gutes Muths. Sir Jarvy stand schon mit Sonnen, aufgang auf, und war doch erst um die Hälfte der Mittelwachl zu Bett gegangen — um 2 Uhr, wie man's hier im Hause nennt — auf dem alten Planier würden wir's 4 Uhr heißen — und die Hühner sind, wie ich höre, um einen Schilling das Stück gestiegen, seit wir mit unserem ersten Boote landeten." „Es ist eine traurige Geschichte, Mrs. Dutton; ich fürchte, cs ist nur wenig Hoffnung vorhanden." „Ja, ja, Admiral Blue, so stcht's jetzt," fuhr Gallcygo, welcher der Gesellschaft in das Haus gefolgt war, unverdrossen fort, trotzdem, daß Niemand als er selbst, ein Wort von dem, was er sprach, vernahm: „und 's wird wohl noch schlimmer werden, che sich's besser gestaltet. Ich höre, die Kartoffeln haben auch noch anf- geschlagen; nun wenn einmal all' die Bursche unserer gcsammtcn jungen Herren auf der Flotte, wie eben so viele wilde egyptische Heuschrecken ausgeflogen sind — dann erwarte ich auch gar nichts Besseres, als daß unser Tisch so ärmlich aussehen wird, wie jener der Kinder Israel auf ihrem Rückzug." Im Schlosse trat Tom Wychccombe und sein Namensvetter, der Lieutenant, zu der Gesellschaft. Der Elftere bestätigte in seiner angenommenen Hoffnungslosigkeit alle ihre Besorgnisse. Der Letztere dagegen war fröhlicher gestimmt, und nicht ganz ohne Hoffnung, was er auch ohne Zögern offen bekannte. „Was mich betrifft," sprach er, „so muß ich gestehen, ich halte Sir Wycherly's Zustand für weit besser, wenn gleich meine Meinung durch die der Acrztc eben nicht bestätigt wird. Schon sein Wunsch, die Damen hier zu sehen, ist ein günstiges Zeichen, und dann sind durch den Boten, der erst por acht Stunden an seinen Anverwandten, Sir Reginald Whchecombe, abgesendet worden, 2L9 bereits sehr gute Nachrichten eingclaufcn. Seit diese Meldung ihm überbracht wurde, ist der Kranke wieder sichtlich aufgelebt." „Ach, mein thcurer Ülamensvctter!" crwicderte Tom mit traurigem Kopsschntteln; „Ihr könnt meines geliebten Oheims Constitution und Stimmung unmöglich so gut kennen als ich selbst! Verlaßt Euch darauf, die Acrztc haben recht, und Eure Hoffnungen sind nur trügerisch. Daß mein verehrter Onkel Mrs. Dntton und Miß Mildrcd, die er Beide verehrt und hochschätzt, zu sich berufen ließ, sieht eher aus, als ob er von Ihnen Abschied nehmen wollte, und was Sir Reginald Wychccombc betrifft — der zwar ohne Zweifel ein Anverwandter ist — so glaube ich, daß seine Berufung ans einem Mißverständnisse beruht, denn er wird von dem älteren Zweige der Familie kaum als Scitenverwandter anerkannt, und stammt nur von dem Halbblute." „Halb --- was, Mr. Thomas Wvcheeombc?" hörte man den Viceadmiral so unerwartet hinter dem Sprechenden fragen, daß alle Anwesenden plötzlich zusammcnschrakeu. Sir Gervaise hatte sich nämlich beeilt, seinem Freunde so wie den beiden Damen entgegen zu gehen, so bald er deren Ankunft erfahren hatte. „Ich bitte wegen meiner plötzlichen Frage um Verzeihung, Sir; da ich übrigens Derjenige war, der Sir Reginald Wychccombe hcrbcirufcn ließ, so fühle ich ein besonderes Interesse, seine Verwandtschaft mit meinem Wirthc genau kennen zu lernen." Tom war bei der unerwarteten Frage zusammcugeschrocken und sehr blaß geworden; nach einiger Zeit stieg ihm jedoch das Blut wieder bis in die Schläfe — er wurde ruhiger, und gab endlich mit fester Stimme zur Antwort; „Halbblut, Sir Gewaise. ES ist dieß ein Verwandtschaftsgrad, der den Betheiligten ans der Liste der zur Nachfolge Berechtigten auSstrcicht, und der hier somit natürlich auch jede Nothwcndig- keit oder den Wunsch, Sir Reginald zu sehen, von selbst aufhcbt." „Halbblut — habt JhvS gehört, Atwood?" flüsterte der 250 Viceadmiral, seitwärts gegen seinen Sekretär gewendet, der ihm die Treppe herab gefolgt war. Das könnte endlich das Räthsel lösen! Wißt Ihr vielleicht, was Halbblut bedeutet? Es kann doch nicht wohl heißen, Sir Reginald stamme von einer Person, die keinen Vater hat, und deren ganze Ahnenreihc ans der einzigen Mutter bestünde?" „Ich denke nicht, Sir Gervaisc. In diesem Falle würde man Sir Reginald wohl kaum eine so ehrbare Abstammung zuschrciben, wie dieß wirklich der Fall zu sein scheint. Ich habe nicht die geringste Idee davon, Sir, was Halbblut bedeuten mag; vielleicht wäre eS nicht so übel, wenn wir die Aerzte darüber befragte». Magrath ist eben jetzt oben; vielleicht daß er cs uns sagen kann." „Ich glaube eher, das Ding hängt mit dem.Iu8 zusammen. Wenn nur dieser außer aller Welt gelegene Ort wenigstens irgend einen auch noch so lumpigen Anwalt aufznweisen hätte, dann könnten wir wohl Alles erfahren. Hört Ihr, Atwood, Ihr müßt Sir Wychcrly's Testament aufsetzen helfen, wenn er noch einmal davon ansangen sollte. Habt Ihr die Einleitung schon fertig, wie ich gewünscht habe?" „Ist Alles fertig, Sir Gervaise — beginnt, wie gewöhnlich: ,Jm Namen Gottes, Amen!' Ich bin sogar schon weiter gekommen und habe des Erblassers Titel und Wohnort re. ec. ausgezeichnet : ,Jch, Sir Wycherly Wpchccombc, Baronct ans Wvche- combe-Hall in Devonshire, thue hicniit kund und zu wissen, daß dieß mein letzter Wille und Testament i>U re. w. ES fehlt nichts mehr als die Legate selbst, wie's die Advokaten nennen. Ich kann, glaub' ich, schon mit dem Abfassen von Testamenten umgehen, Sir Gervaise. Schon vor fünf Jahren ist eine derartige Urkunde von meiner Hand vor den Gerichtshof gekommen, und soll dort, wie man mir sagt, eben so gut erfunden worden sein, als ob sic im Tempel selbst aufgesetzt worden wäre." „Ja, ja, Eure Geschicklichkeit ist mir recht wohl bekannt. 251 Jedenfalls wird es aber nichts schaden, wenn wir Magrath um Rath frage», obwohl das Ganze bestimmt mit dem Gesetze zusam- menhängt. Geht einmal hinauf Atwood, und fragt ihn, Ihr könnt mir hernach die Antwort in das Gesellschaftszimmer bringen, wohin Blucwater, wie ich sehe, mit seinen Begleitern bereits voransge- gangcn ist; und hört Ihr, vergeht mir ja nicht, den Doktoren zu sagen, daß fle's uns augenblicklich wissen lassen sollen, sobald der Kranke irgend etwas von seinen zeitlichen Angelegenheiten zu sprechen anfängt. Die Zwanzig-Tausend in den Fonds find jedenfalls sein Eigenthum, und darüber kann er nach Belieben verfügen, wie dann auch seine Herrschaft sich vererben mag." Während dieses ,bci SeitH auf dem Korridor vor sich ging, war Blucwater mit dem Niest der Gesellschaft in ein kleines Wohnzimmer getreten, das beständig im Gebrauch war, uud noch immer handelte ihr Gespräch von Sir Wycherly's Instand. Da mit Ausnahme der beiden jungen Männer die ganze übrige Gesellschaft mit dem Zweck der an Sir Reginald Wychecombc ergangenen Botschaft, so wie mit dem Resultat der von letzterem Herrn eingclanfcncn Antwort unbekannt war, so hatte Mrs. Dutton um eine Erläuterung gebeten; diese wurde auch von Wpcherly mit einer Bereitwilligkeit gegeben, welche bewies, daß er wenigstens in der Sache nichts zu fürchten hatte. „Sir Wucherte) wünschte, Sir Reginald, seinen entfernten Verwandten, bei sich zu sehen," bemerkte der Lieutenant; „glücklicherweise erfuhr der Bote, der nach ihm ausgeschickt worden war, von einem Postknecht, daß der Hcrtfordshirer Baronct im gegenwärtigen Augenblick in Gemeinschaft mit mehreren anderen Edelleutcn eine Tour durch den Westen von England mache, und heute Nacht nur zwanzig Meilen von hier auf einem Landsitze übernachtet habe. So traf ihn der Eilbote schon vor mehreren Stunden, und brachte die Antwort zurück, daß wir ihn in einer oder zwei Stunden erwarten dürsten." 252 So weit ging Wycherly's Bericht. Wir selbst wollen denselben vervollständigen, indem wir den Leser benachrichtigen, daß Sir Reginald Wvchecombe ein Katholik — wie man damals die Anhänger der römischen Kirche nannte — nnd insgeheim auch Ja- kobitc war, nnd daß seine in Gemeinschaft mit mehreren Conscs- sionsverwandtcn im Westen unternommene Reise keinen andern Zweck hatte, als wo möglich in diesem Thcilc des Königreichs einen Anfstand zu organisircn, um dadurch jeden Versuch, den jungen Prätendenten im Norden zu verdrängen, nach dieser Richtung ab- zulcitcn. Da die Verschwörer nur mit der äußersten Vorsicht zu Werke gingen, so ahnte außer Denen, die in das ganze Geheimniß eingcwciht waren, sonst Niemand etwas von der Sache. Sir Reginald wußte, daß sein Anverwandter ein einflußloser alter Mann war, nnd so hatte er selbst, als thätiger nnd scharfsinniger Jntri- gnant, den Beschluß gefaßt, siäi dem alten Stammsitze seiner Familie zu nähern, um sich selbst zu überzeugen, ob sein Name nnd seine Abkunft ihm nicht behilflich sein könnten, unter den erblichen Pächterfamiiicn des Guts für seine Zwecke Rekruten zu werben. Es war sogar seine Absicht gewesen, am heutigen Tage verkleidet nnd unter einem angenommenen Namen in Wvchecombe selbst anf- zntreten. Er wollte diesen Schritt ans dem Grunde wagen, weil die Umstände cs in seine Hände legten, sein Vorhaben, auch wenn es Tadel erwecken sollte, dennoch, wie er glaubte, genügend zu entschuldigen. Sir Reginald Wycheeombe war ein Charakter, in welchem Verschlagenheit nnd Rechtlichkeit auf eigcnthümliche, obgleich keineswegs unnatürliche Weise gepaart waren. Seine Stellung als Papist hatte ihn znrJntrigue getrieben, und seine Verhältnisse als ein durch religiösen Haß Proscribirtcr ihn hinwieder zu einem umso eifrigeren Anhänger des Papismus gemacht. Tausende werden durch Aechtnng und Verfolgung zu unternehmenden und sogar wichtigen Männern gestempelt, welche ihre Tage ruhig und unbemerkt verlebt haben 253 würden, wenn nicht die vermittelnde Hand menschlichen Vorbedachts sic in Lagen geführt hätte, die ihre Feindseligkeit erweckten, nnd ihre moralische Kraft in der Entwicklung beschleunigten. Der Baronet glaubte steif und fest an alle Ueberliefernngen seiner Kirche, wenn gleich seine Gelehrsamkeit sich kaum über das Meßbuch erstreckte, und setzte das unbedingteste Vertrauen in die so unwahrscheinliche, und darum so abgeschmackte, Geschichte mancher Heiligsprechung, ohne es nur ein einziges Mal für nöthig zu halten, einen Blick in jene Urkunde zu werfen, welche allein einen solchen Streit entscheiden konnte. Mit einem Wort, er war ein abermaliger Beleg für die Erfahrung, was alles religiöse Intoleranz aus einem so wunderlichen Geschöpfe, wie der Mensch eines ist, zu schaffen vermochte und aller Wahrscheinlichkeit nach auch in Zukunft zu schaffen vermögen wird. Abgesehen von dieser Schwäche war Sir Reginald Wychccombe ein schlauer, scharfblickender Mann. In Neligionssachen ließ er größtcnthcils die Priester walten; seine zeitlichen Angelegenheiten aber behielt er selbst als kluger Mann höchst vorsichtig im Auge. Er war viel reicher als das Haupt der Familie, und dabei nichts weniger als ein filziger Geizhals zu nennen; dennoch hätte er gar nichts dagegen gehabt, wenn die alte Familienherrschaft sein Eigenthum geworden wäre. Sein eigener Verwandtschaftsgrad mit dem Haupte der Familie war ihm recht wohl bekannt, und der Umstand mit dem Halbblut nebst dessen gesetzlichen Folgen war ihm kein Geheimniß. Sir Reginald Wychecombe war nicht der Mann, der eine solche Lage nicht benützt, und zu allen geeigneten Mitteln seine Zuflucht genommen hätte, um ,seine Stellung zu definireiff, wie mau dieß in neuerer Zeit mit einem Modeausdruck zu benennen pflegt. Mit Hilfe eines pfiffigen Advokaten von seiner eigenen politischen Partei, wenn auch nicht von denselben religiösen Ansichten — hatte er sich, nnd zwar aus Martha's eigenem Munde, von der Thatsachc überzeugt, daß Baron Wychecombe niemals ver- heirathet gewesen war, und folglich Tom und seine Brüder mit keinem bessern Rechte als er selbst aus die Wychecombe sehe Herrschaft Erbschastsansprüchc erheben konnten. Auch begriff er vollkommen, daß gar kein gesetzlicher Erbe vorhanden war, und daß die Güter somit an die Krone hcimsallen mußten, wenn nicht etwa der zeitliche Besitzer ein Testament hinterlicßc; was dieses Letztere betras, so wußte er auch aus sehr guter Quelle, daß Sir Wychcrly einen unüberwindlichen Widerwillen dagegen hegte. Unter solchen Umständen wird es wohl kaum überraschen, wenn der Hertfordshirer Baronct bei dieser unerwarteten Einladung an das Krankenlager seines entfernten Verwandten sich nichts anderes ciubildete, als daß seine eigenen Ansprüche zuletzt doch noch, wenn auch spät, anerkannt worden seien, und daß er nun selbst in den Besitz der Güter seiner anerkannten Vorfahren eingesetzt werden sollte. Noch weniger wird man sich wundern, wenn er, von dieser Ansicht ausgehend, der Aufforderung ohne Zaudern zu willfahren versprach, und seine politischen Interessen auf Augenblicke hintau- zusetzen beschloß, um doch auch ein wenig auf seinen zeitlichen Vorthcil Bedacht zu nehmen. Der Leser wird sich übrigens erinnern, daß Sir Reginalds erwartete Ankunft und den Umstand mit dem Halbblute ausgenommen — letzteren wußte übrigens Tom allein in seiner wahren Bedeutung zu würdigen — alle übrigen Details den Bewohnern von Wychecombe — unbekannt waren. Ihre Gedanken waren auf den Zustand ihres Wirthes gerichtet, und deshalb wurde denn auch nur wenig gesagt oder gethan, was nicht diese seine besondere Lage zum Gegenstände gehabt hätte. Da mau übrigens wußte, daß die Aerzte das Krankenzimmer vor jedem Besuche streng verschlossen hielten, so nahm die ganze Gesellschaft einstweilen in melancholischem Schweigen ein Frühstück ein und erwartete geduldig den Augenblick, wo sie bei dem Patienten vorgelasscn werden 255 würden. Als das freudenlose Mahl vorüber war, lud Sir Gervaise seinen Freund Bluewater ein, ihm ans sein Zimmer zu folgen, wohin er ihm in eigener Person voranging. Ms ist allerdings möglich, daß Vervillin ansgefloge» ist," begann der Viceadmiral, sobald sie allein waren; „doch werden wir bald mehr von der Sache erfahren, wenn der Kutter mit seinen Berichten bei uns angclangt sein wird. Du sahst bloS die Nummer — nicht wahr, so sagtest du mir doch?" „Er steckte eben seine geheimen Signale ans, als ich die Landspitze verließ; natürlich konnte ich sic ohne Beihilfe meines Buchs nicht wohl verstehen." „Dieser Vervillin ist ein braver Bursche," crwicderte Sir Gcr- vaise und rieb sich die Hände — was er immer that, wenn er vergnügt war — „und 's ist auch was Tüchtiges hinter ihm. Er hat dreizehn Zweidecker bei sich, Dick; so kommt gerade auf jeden unserer Kapitäns ein Schiff, und dann ist noch eines für unsere beiden Flaggenschiffe übrig. Ich glaube doch, es ist kein Dreidecker- unter seinem Geschwader?" „Darin, Sir Gervaise, irrt Ihr Euch ein klein wenig, denn der Graf von Vervillin hat seine Flagge auf dem größten Dreidecker von Frankreich — dem Bourbon von 120 Kanonen-— anfgepstanzt. Seine übrigen Schiffe sind nnsern eigenen gleich, nur viel zahlreicher bemannt." „Thnt nichts, Blue — hat nichts zu sagen: — wir wollen zwei gegen den Bourbon schicken, und dann gehörigen Gebrauch von nnsern Fregatten machen. Uebcrdieß hast du ja eine besondere Fertigkeit darin, deine Flotte so dicht beisammen zu behalten, daß sie fast mir eine einzige Batterie bildet." „Darf ich mir wohl die Frage erlauben, ob du für den Fall, daß des SchooncrS Neuigkeiten deine jetzige Vermuthnng bestätigen sollten, ohne weiteren Verzug anszulansen gedenkst?" Sir Gervaise warf einen raschen, mißtrauischen Blick auf 256 seinen Freund, und hätte gar zu gern den Beweggrund zu dieser Frage in dessen Gesichte gelesen, ohne zu gleicher Zeit seine eigenen Gesinnungen zu verrathen; dann schien er sich aus eine Antwort zu besinne». „ES ist nicht sonderlich angenehm, hier zu liegen und uns an den Ankcrtauen wund zu reiben, während ein französisches Geschwader im Kanäle umherschwärmt," bemerkte er endlich; „unter den gegenwärtigen Umständen halte ich es aber doch für meine Schuldigkeit, zuvor die Befehle der Admiralität abzuwarten." „Glaubst du, die Lords werden dich durch die Meerenge von Dover zur Blokade des Frith abscnden?" „Wenn sie'S thnn, Blncwater, so hoffe ich, wirft du mir Gesellschaft leisten. Ich hoffe, dein eigenes Nachdenken während der heutigen Nacht, wird deine Ansichten über die Pflichten eines Seemanns, dessen Vaterland mit seinen ältesten und mächtigsten Feinden in offenem Kampfe begriffe» ist, um ein Gutes geändert haben." „Es gehört zu den Prärogativen der Krone, den Krieg zu erklären — so weit hast du recht, Oakes. Aber Niemand als ein gesetzmäßiger Souverain kann einen gesetzmäßigen Krieg beginnen." „Ach, da kommen schon wieder deine verdammten Unterscheidungen über das st« jure und «Io l'noto. — Halt, da fällt mir etwas ein, Dick; du bist ja doch so eine Art von Gelehrtem: kannst du mir sagen, was man darunter versteht, wenn man Jemand einen MIIus nennt?" Admiral Bluewater hatte bereits wieder in dem bequemsten Stuhle, den er finden konnte, seine gewöhnliche nachlässige Stellung eingenommen, während sein ungeduldiger Freund fortwährend im Zimmer ans und ab ging; jetzt aber richtete er voll Erstaunen seine Blicke empor und folgte den raschen Bewegungen des Andern, als zweifelte er, ob er dessen Frage auch recht verstanden habe. „ES ist doch deutliches Englisch, oder nicht? meinethalben auch deutliches Latein — wenn du so willst; was versteht man darunter, wenn man Jemand einen MIIim nennt?" wiederholte Sir Gcrvaisc, den Andern scharf beobachtend. „Das Latein ist allerdings deutlich genug," antwortete Blue- watcr lächelnd: „Du meinst doch nicht etwa gar — nullu5, iwlln, millum?" „Nichts anderes: Du hast's bis auf's Genus genau getroffen, MIIus, milln, millmn. Keiner, keine, keines. Mascn- linum, Femininum, Neutrum." „Den Ausdruck habe ich noch nie gehört. Wenn er überhaupt gebräuchlich ist, so muß er wohl irgend ein thörichtes Wortspiel bedeuten — vielleicht heißt es so viel wie — Einfaltspinsel — oder ist cs auch eine hämische Anspielung ans den Stand eines Menschen, indem man ihn einen .Niemand^ nennt. Wer zum Teufel hat es aber gewagt, in Gegenwart des kommandirendcn Admirals des südlichen Geschwaders einen Andern einen — stlulln8 — zn heißen?" „Sir Wycherlp Wychccombe, unser unglücklicher Wirth; derselbe arme Mann, der in unserer Nähe ans seinem Todtenbettc liegt." Blucwatcr erhob abermals das Haupt und noch einmal suchten seine Augen in des Anderen Zügen zu lesen. Sir Gervaise hatte in seinem Spaziergange inne gehalten und stand, die Arme über den Rücken gekreuzt, vor seinem Freunde, den er, in Erwartung einer Antwort, aufmerksam ansah. „Ich hätte geglaubt, die Schwierigkeit rühre von der Flotte her — vielleicht irgend ein Narr, der sich über einen noch größeren Narren beklagte, weil dieser jenes Wort gebrauchte! — Sir Wycherlp? — der arme Mann muß irre geredet haben!" „Ich glaube nicht; und wenn auch, so ist ,Methode iikseinem Wahnsimst, denn er blieb zu unserem höchsten Erstaunen mit unerschütterlicher Beharrlichkeit bei diesem seinem Ausdrucke stehen. Sein Neffe, Tom Wychccombe, der muthmaßliche Erbe, ist, wie Die Helden Admirale. 1? 258 er steif und fest behauptet, ein null»«, nnd dieser Sir Reginald, dessen Ankunft wir jeden Augenblick erwarten, ist, wie er sagt, blos halb oder vom Halbblut, wie uns unterdessen erklärt wurde." „ Ich fürchte sehr, dieser Neffe wird sich, wenn er erst einmal Titel und Besitz der Herrschaft erlangt, als etwas ganz anderes denn als ein imllus erweisen," gabBluewater ernsthaft zur Antwort. „Ein finstrerer, unheimlicherer Geselle ist mir noch nie vor Augen gekommen." „Das ist gerade auch meine Meinung; zudem sieht er der Familie auch gar nicht ähnlich." „Das Kapitel der Nehnlichkeitcn ist ein Thema, Oakcs, das nicht leicht zu erklären ist. Wir finden oft Eltern und Kinder ohne die geringste Aehnlichkeit unter einander, während wir wieder bei völlig fremden Personen die erstaunlichste Gleichartigkeit antreffen." „Junggesellen-Kinder! ja, bei denen mag bas wohl Vorkommen, sonst aber wohl nicht. Ich habe noch nie ein Kind betrachtet, ohne daß ich irgend eine Aehnlichkeit mit beiden Eltern entdeckt hätte, welche, wenn auch versteckt und nur vorübergehend > vorhanden, doch jedenfalls so deutlich war, daß kein Zweifel an l einer Verwandtschaft bleiben konnte. — Was das aber für ein verdammter Zufall ist, daß unser stattlicher junger Lieutenant keinerlei Ansprüche an diesen alten Baronet besitzen soll, während dieser verteufelte riulkis gesetzlicher Majoratscrbe ist. Noch nie in meinem Leben habe ich nur halb so viel Antheil an dem Erbe eines Menschen genommen, als ich mich jetzt für die Festsetzung der Nachfolge bei unserem armen Wirthe interessirc." „Das ist wieder ein kleines Mißverständnis Oakes; an meinem Testamente hast du noch bedeutenderen Antheil genommen; denn aH ich eines Tags ein solches zu deinen Gunsten verfaßte und dir zu lesen gab, rissest du's entzwei und warfst es mit eigener Hand über Bord." „Ja, ja, und dazu hatte ich auch alles Recht. Als dein Vorgesetzter mußte ich jenes Testament Niederschlagen. Ich hoffe, 259 du hast ein anderes abgefaßt und dein Vermögen deinem Vetter, dem Viscount, vermacht. „Ein neues habe ich zwar gemacht, doch theilt cs in diesem Punkte wenigstens das Loos des früheren. Ich hielt dafür, daß wir am Vorabend wichtiger Ereignisse stehen, und daß Bluewater überdieß reich genug sei; so vernichtete ich das Instrument, das ich zu seinen Gunsten angcfcrtigt hatte, und setzte erst heute Morgen ein neues auf. Da du, wie gewöhnlich, dessen Vollstrecker bist, so werde ich wohl gut thun, wenn ich dich dasselbe lesen lasse." „Dick! Du bist doch hoffentlich nicht so thöricht gewesen, und hast das Haupt deiner eigenen Familie, dein eigen Fleisch und Blut, aus deinem Testamente getilgt, um die paar tausend Pfund, die du besitzest, diesem tollen schottischen Abenteurer zu hinterlasscu?" Bei diesem neuen Beweise von der Vertrautheit seines Freundes mit seiner eigenen Art zu denken und zu fühlen — mußte Blue- watcr unwillkürlich lächeln. Im ersten Augenblicke wollte er sogar bedauern, daß er sein früheres Vorhaben nicht wirklich ausgesührt hatte, wodurch die Divinatiousgabc des Viceadmirals allerdings noch klarer aisis Licht getreten wäre; doch zog er endlich das Instrument aus seiner Tasche und überreichte es Sir Gervaise mit gleichgültiger Miene. „Hier ist das Testament," sprach er; „überlies cs, dann wirst du erfahren, was ich gcthan habe. Ich wünsche, Lu möchtest es bei dir behalten, denn gleich wie ,das-Unglück uns mit den sonderbarsten Bettgenossen zusammenführt^, so können uns Revolutionen oft in die unerwartetsten Situationen versetzen, und das Papier ist bei dir jedenfalls sicherer als bei mir aufgehoben. Natürlich bewahrst du mein Geheimniß, bis die geeignete Zeit zur Enthüllung desselben gekommen sein wird." Der Viceadmiral wußte recht wohl, daß bei der Vermögens- Verfügung seines Freundes sein eigenes Interesse nicht berührt sein konnte, empfing aber das Instrument dennoch mit ziemlicher 1 ?» 260 Neugierde zur Durchsicht. Ein so kurzes Testament war bald gelesen; sein Auge haftete aber aufmerksam auf dem Papier, bis er mit dem letzten Worte fertig war. Dann ließ er die Hand sinken und schaute Bluewatern mit einem Erstaunen an, das er weder zu erkünsteln brauchte noch auch zu verbergen strebte. Er zweifelte keineswegs an seines Freundes gesundem Verstand; dagegen schien ihm dessen Klugheit stark in Frage zu stehen. „Das ist nun allerdings eine höchst einfache, aber auch höchst sinnreiche Verfügung," begann er, „wenn sich's drum handelt, die Ordnung der menschlichen Gesellschaft zu stören und ein höchst bescheidenes und anspruchloses, wenn auch noch so liebenswürdiges Mädchen in ein anmaßendes, aufgeblasenes altes Weib zu verwandeln! Was in aller Welt kann diese Mildrcd Dutton dir sein, daß du ihr 30,000 Pf. vermachst?" „Sie ist eine der Sanftesten, Edelsten, Reinsten und Liebenswürdigsten unter ihrem ganzen sanften, edlen, reinen und liebenswürdigen Geschlechts; dabei wurde sie nur durch den Fluch eines brutalen, trunksüchtigen Vaters in ihre gegenwärtige Lage herabgedrückt, und es ist nun einmal mein fester Wille, daß das Leben hier wenigstens für das Elend, das es auferlcgt, auch einigermaßen Vergütung leisten soll." „Daran darfst du niemals zweifeln, Richard Bluewater, gewiß — niemals. Es ist so unzweifelhaft wahr, daß jedes Laster oder Verbrechen schon in diesem Leben seine Strafe zu tragen hat, daß man wohl fragen könnte, ob es noch einer weiteren Hölle für den Menschen bedürfe? Darum verlaß dich darauf, dein Ideal sanfter, edler Bescheidenheit wird nicht ohne Belohnung ansgehen." „Vollkommen richtig, so weit cs den Geist betrifft; ich will aber auch ein wenig ans das Wohlergehen des Körpers bedacht sein. Du erinnerst dich doch noch der Agnes Hcdworth, oder nicht?" „Ob ich mich ihrer erinnere! — welche Frage! Hätte mir der Krieg Zeit zur Liebe gelassen, Dick, von allen Frauen, die ich 261 kannte, sic wäre die einzige gewesen, zu deren Füßen ich mich — und zwar wie ein Hund hätte niederlegcn können." „Erkennst du keine Aehnlichkeit zwischen ihr und dieser Mildred Dutton? Sic liegt mehr im Ausdruck, als in den Gcsichtszügen, aber eben der Ausdruck ist cs ja, der allem deu Charakter verkündet." „Bei St. Georg! Du hast recht, Blnewater; uud dieß benimmt mir wieder einigermaßen die Verlegenheit, worin ich mich eben wegen jenes Ausdruckes befand, von dem du jetzt sprichst. Sie ist ganz wie die arme Agnes, die viel früher, als Jeder von uns wünschen konnte, zu den Heiligen versammelt wurde. Lebend oder todt, Agnes Hcdworth muß ein Engel sein! Du liebtest sie wie ich glaube, mehr als jedes andere weibliche Wesen! Einmal sogar glaubte ich, du würdest ihr deine Hand anbicten." „Meine Zuneigung war nicht von dieser Art; du mußt auch die geheime Geschichte ihres Lebens nicht gekannt haben, sonst hättest du nicht an so Etwas denken können. Meine eigenthümliche Stellung ihr gegenüber war der Art, daß Agnes, obwohl mit mir nur Geschwisterkind, doch die nächste weibliche Verwandte war, die ich besaß, und ich betrachtete sie mehr wie eine Schwester als wie ein Wesen, das dermaleinst mein Weib werden könnte. Sie war um sechzehn Jahre jünger als ich, und als sie endlich das nöthige Alter zum Hcirathcn erreicht hatte, war ich schon gewöhnt, sie als eine Person zu betrachten, die für eine andere Stellung bestimmt war. Auch ihrer Schwester, der Herzogin, gegenüber, bestand von meiner Seite dasselbe Gefühl, obwohl in weit schwächerem Grade." „Arme, süße Agnes! Und wegen dieser zufälligen Aehnlichkeit hast du beschlossen, die Tochter eines Trunkenbolds von einem Qnartiermeister zu deiner Erbin einzusctzen?" „Das nicht gerade. Das Testament war fertig, noch ehe ich wußte, daß eine solche Aehnlichkeit existirtc. Doch hat dieser Umstand höchst wahrscheinlich, ohne daß ich es selbst bemerkte, mich sehr dafür gestimmt, sie mit günstigen Augen zu betrachten. Denn 262 bemerke nur, Gervaise, Agnes selbst war nicht schöner von Person oder nicht liebenswürdiger an Geist als eben diese Mildred Dutton!" „Nun, nun, sie wenigstens bist du noch nicht gewöhnt, als deine Schwester zu betrachten; und hcirathsfähig ist sie auch, Dick, ohne daß du bis jetzt Gelegenheit gefunden hättest, sie als so besonders heilig anzuschcn!" erwiedcrte Sir Gervaise, mit halb unterdrücktem Lächeln, während er dem Freunde einen ruhigen Blick zuwarf. „Du weißt, das ist Alles umsonst, Oakes. Irgend Jemand muß mein Vermögen erben. Mein Bruder ist schon lange todt; selbst die arme, arme Agnes ist dahingegangen; ihre Schwester bedarf es nicht; Bluewater selbst ist bereits ein überreicher Junggeselle; du willst cs nicht; was kann ich also Besseres damit anfangen ? Hättest du mit angesehen, wie grausam Mutter und Tochter von diesem llnthier von einem Gatten und Vater in der vergangenen Nacht mißhandelt wurden — du hättest bestimmt auch ein Verlangen in dir gefühlt, das Elend Beider zu erleichtern, und hätte es dich selbst dein Bowldero und dein halbes Vermögen in der Bank gekostet." „Hum! Bowldero ist nun schon seit fünf Jahrhunderten in meiner Familie, Meister Bluewater, und wird wohl noch fünf weitere dabei verbleiben, wenn nicht etwa dein stürmischer Prätendent den Thron besteigt und dasselbe konfiscircn läßt." „Dann hatte ich auch noch einen weiteren Grund. Hinterlasse ich meine Baarschast einem gleichen und sollte mich dann der nächste Kampf etwa auf die schwächere Seite führen, so nimmt der König, der cs — >m vouit? Siehst du nicht, wer kommt? Video vt r-niäoo. O ja, und zwar mit Freude». Nathanael und Holofernes. Ewm Whchecombe hatte seit der Zeit, da er erfahren, daß sein verehrter Oheim einen Boten an das ,Halbblut^ abgesendet hatte, um dieses in das Schloß zu bescheiden — eine Unruhe in sich gefühlt, die wir dem Leser wohl nicht des Näheren zu schildern nöthig haben. Von dem Augenblicke an, da er einen Schlüssel zu diesem Vorhaben erlangt zu haben glaubte, gab er sich alle erdenkliche Mühe, um zu erfahren, was vorging, und als Sir Reginald Whchecombe das Haus betrat, war die erste Person, mit welcher er zusammentraf — eben dieser unächtc Erhalter der Ehren seines Namens. „Sir Reginald Whchecombe, wie ich nach Wappen und Livreen vermuthe?" begann Tom und suchte die Weise des Hauswirths anzunehmen. „Es ist erfreulich, zu bemerken, wie alle angeerbten Gebräuche der Familie in beiden Zweigen derselben, obwohl diese durch zwei volle Jahrhunderte von einander getrennt sind, dennoch gleichmäßig bewahrt und geachtet werden." 270 „Ich bin Sir Reginald Wychecombe, Sir, und war von jeher bemüht, der ehrwürdigen Ahnenreihc, von der ich abstamme, nicht zu vergessen. Darf ich fragen, welchen Verwandten ich vor mir zn sehen das Vergnügen habe?" „Mr. Thomas Wychecombe, Euch zu dienen, Sir, den ältesten Sohn von Sir Wycherly's nächstem Bruder, dem verstorbenen Mr. Baron Wychecombe. Ich hoffe, Sir Reginald, Ihr habt uns nicht als so entfernte Blutsverwandte betrachtet, daß Ihr unsere Geburten, Trauungen und Todesfälle ganz und gar übersehen hättet?" „O nein, Sir," erwiedcrte der Baronct trocken und mit einem Nachdruck, der seinen Zuhörer sehr in Verwirrung setzte, wenn auch das kalte, jesuitische Lächeln, das diese Worte begleitete, seine lebhaften Besorgnisse wieder einigermaßen beruhigte. „Alles, was das Haus Wychecombe betrifft, ist in meinen Augen von Interesse, und ich war, wie ich hoffe, nicht ohne Erfolg bemüht, Alles, was sich auf Geburten, Trauungen und Todesfälle in der Familie bezieht, genau zu erfahren. Ich bedauere unendlich, daß jetzt, da ich zum zweiten Mal diese ehrwürdige Wohnung betrete, eine so traurige Veranlassung, wie die, wcßhalb ich hierher beschieden worden, mich einführcn mußte. Wie befindet sich Euer verehrter —- d. h. ich wollte sagen, wie geht cs mit Sir Wycherly Wychecombe?" Wenn man die überlegte, vorsichtige und doch bezeichnende Weise des Sprechenden mit dem Inhalt der Antwort zusammenhiclt, so hatte Tom allerdings Grund genug zur Unruhe, obgleich er über die wahre Absicht seines Namensvetters noch immer in Zweifel gelassen wurde. Die Worte, worauf Letzterer den Hauptnachdruck legte, wurden nur leicht, aber dabei sehr kenntlich berührt; dabei war das kalte, arglistige Lächeln, welches dieselben begleitete, ganz dazu gemacht, den Scharfsinn eines so gewöhnlichen Schurken, wie dieser Erbschaftsexspektant einer war, vollkommen irre zu führen. 271 Dann war es ja auch leicht möglich, daß die plötzliche Aenderung in der Construetion der letzten Phrase und die Substitution des Personennamens statt des Verwandtschaftsgrades, worin Wycherly, wie man allgemein glaubte, zu Tom stand — nichts weiter als eine strenge Beobachtung des guten Gesellschaftstones war — oder konnte die Sache ja auch völlig nichtsbcdcutend sein. All' diese kleinen Zweifel glimmten in Tom Wychecombe's Innerem, doch war jetzt nicht der Augenblick, um eine solche Nachforschung weiter zu verfolgen. Die Höflichkeit verlangte von ihm eine augenblickliche Antwort: diese gab er denn auch dem äußeren Anscheine nach mit ziemlicher Festigkeit, obwohl sein scharfblickender, erfahrener Gegner sogleich bemerkte, daß seine Worte die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt hatten, denn er hatte dadurch zugleich ein gewisses Ansehen über den jungen Mann erlangen wollen. „Mein verehrter und geliebter Oheim hat sich zwar, wie man mir sagt, ein wenig erholt," sagte Tom; „ich fürchte aber, dieser Schein von Hoffnung wird wohl trügerisch sein. Mit Vierundachtzig hat der Tod ein allzu gegründetes Recht auf seine Beute, Sir! Das Schlimmste an der Sache ist, daß meines armen Oheims Geisteszustand sichtlich erschüttert ist, so daß es rein unmöglich erscheint, seine wenigen Wünsche durch Dokumente oder sonstige Bestellungen zu erfahren." „Wie kam cs dann, Sir, daß Sir Wycherly mich mit der Einladung, ihn zu besuchen, beehrte?" fragte der Andere höchst spitzig und treffend. „Vcrmuthlich hat er Euren Namen vor sich hingeflüstert, Sir, und die Auslegung dessen, was er damit meinte, war dann in einein solchen Augenblicke sehr natürlich. Sein Testament wurde, so viel ich weiß, schon vor längerer Zeit abgefaßt; dasselbe ist aber in einen Umschlag gehüllt und mit Sir Wycherly's Wappen versiegelt, weß- halb ich nicht einmal den Namen des Vollstreckers kenne. Es wird also wohl nicht wegen seines letzten Willens sein, warum er 272 Euch rufen ließ, Sir. Ich denke mir eher, daß er Euch als den nächsten Anverwandten von der Seitenlinie zum Vollstrecker seines bereits verfaßten Testamentes bestimmte, und dcßhalb für paffend hielt, Euch von der Sache in Kenntniß zu setzen." „Mag sein, Sir," erwiederte Sir Reginald in seiner gewohnten kalten, vorsichtigen Weise; „doch wäre es in diesem Falle mehr im Einklang mit den bestehenden Gebräuchen gewesen, wenn in dem an mich erlassenen Schreiben der Zweck, warum meine Anwesenheit erbeten wurde, bemerkt worden wäre. Der Brief trägt die Unterschrift ,Gcrvaise Oakesft und da sich eine Flotte in der Nachbarschaft befinden soll, so dachte ich mir, der berühmte Admiral dieses Namens könnte mir wohl gar die Ehre erwiesen haben, an mich zu schreiben." „Ihr habt Euch nicht getäuscht, Sir; Sir Gcrvaise Oakes befindet sich in unserem Hause — ha! hier kommt er selbst, Euch zu empfangen; der Mann neben ihm ist Contrcadmiral Blucwatcr, den die Seeleute nur seinen Hauptmast nennen." Die eben erzählte Unterredung hatte in einem kleinen Wohnzimmer stattgefnndcn, wohin Tom seinen Gast von der großen Halle aus geführt hatte, und wo nunmehr die beiden Admirale denselben empfingen. Eine Vorstellung war kaum nothwendig; Uniform und Stern — denn damals erschienen Offiziere gewöhnlich in großem Kostüm — Uniform und Stern verkündeten sogleich Sir Gervaise's Rang und Namen, und zwischen Blucwatcr und Sir Reginald bestand sogar eine oberflächliche persönliche Bekanntschaft, die sich von ihren stillen, aber ticfgewnrzclten, jakobitifchcn Sympathien herlcitete. „Sir Gcrvaise Oakes?" und „Sir Reginald Wychccombc!" war Alles, was die beiden Herren sprachen; der Admiral schüttelte dabei dem Angekommencn herzlich die Hand, was dieser mit einer kalten Berührung der Finger erwiederte, — eine Begrüßung, welche recht wohl für das wahre Muster des herzlosen Händereichcns in 273 neuerer Zeit hätte gelten können, dießmal aber mehr in dem Temperamente als in der Mode ihren Grund hatte. Sobald diese Ccremonie vorüber war, folgten die üblichen Höflichkeitspbrase», und dann wandte sich der Neuangekommene mit der Miene großer Freimüthigkeit an Bluewater und begann mit den Worten l „Auch Ihr hier, Sir Richard Bluewater! Ich freue mich sehr, bei dieser traurigen Veranlassung wenigstens einem alten Bekannten zu begegnen." „Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, Sir Reginald; nur habt Ihr mir da einen Titel gegeben, worauf ich kein eigentliches Recht besitze." „Nicht! — die Zeitungen wenigstens melden uns, daß Ihr eines der neuerlich vakant gewordenen rothen Bänder erhalten habet?" „Ich glaube, diese Ehre stand allerdings in Aussicht —" „Aussicht! — Ich kann Euch versichern, Sir, Euer Name steht klar und deutlich in der Zeitung, wie ich Euch sogleich beweisen werde, indem ich nach meinem Wagen hinabschicke. So bin ich also der Erste, der Euch mit,Sir Richard^ anredet!" „Entschuldigt mich, Sir Reginald, in der Sache herrscht noch ein kleines Mißverständnis ich ziehe es vor, einfach wie bisher Eontrcadmiral Bluewater zu bleiben. Die Sache wird sich seiner Zeit aufklärcn!" Beide Partien wechselten Blicke mit einander, welche in Zeiten wie die, worin sie lebten, gehörig verständlich waren; und der Gegenstand der Unterhaltung ward alsbald geändert. Ehe Sir Reginald Bluewatcrs Hand los ließ, drückte er sie herzlich — ein Wink, der auch von dem Letzteren mit einem warmen Händedruck erwicdert wurde. Die Gesellschaft fing nun an, sich über Sir Wuchcrly, sein jetziges Befinden, so wie über den wahrscheinlichen Grund zu besprechen, der ihn zu dem Wunsche veranlaßt haben mochte, seinen entfernten Verwandten sehen zu wollen. Als Ursache hiesür Die beiden Admirale. 18 274 bezeichnet«; Sir Gervaise, trotz Tom Wvcheeombe's Anwesenheit, des Erblassers Wnnsch, seinen letzten Willen cmfznsetzen, wobei der Baronet, wie er glaube, die Absicht hege, Sir Reginald znm Vollstrecker desselben, wenn nicht gar zu etwas ganz Anderem zu ernennen." „So viel ich weiß," fuhr der Viceadmiral fort, „besitzt Sir Wycherly eine bedeutende Summe, worüber ihm die freie Verfügung zusteht. Ich muß gestehen, ich sehe cs gerne, wenn ein Mann inseinen letzten Augenblicken seiner Freunde und Diener großmüthig gedenkt. Die Herrschaft ist ein Majorat, wie ich höre, und ich denke, Mr. Thomas Wychecombc wird sich bei dieser Vorsichtsmaßregel seiner Ahnen um nichts schlechter befinden; so laßt denn den alten Herrn mitseinen Ersparnisscnschaltcn und walten, wie erwill." Sir Gervaise war so sehr an's Befehlen gewöhnt, daß er das Sonderbare seiner Einmischung in die Angelegenheiten einer ihm doch eigentlich fremden Familie nicht bemerkte; Sir Reginald dagegen konnte nicht umhin, die Sache ziemlich auffallend zu finden. Nichtsdestoweniger hatte Letzterer bei feiner tiefen Menschenkcuntniß des Viceadmirals Charakter auf den ersten Blick erkannt, und sein cigen- thümliches Wesen hinterlicß daher bei ihm keinen bleibenden Eindruck. Da übrigens Sir Gervaise auf Toms Nachfolge als auf eine Sache anspielte, die sich eigentlich ganz von selbst verstehe, warf er einen kalten, sengenden Seitenblick auf den vermeinten Erben, — einen Blick, der dem eifersüchtigen Schurken beinahe das Mark in den Beineu gerinnen machte. „Könnte ich mit Euch ein Wort ans Eurem Zimmer allein sprechen, Sir Gervaise?" fragte Sir Reginald, indem er Letzteren bei Seite führte. „Diese Dinge dürfen nicht ungebührlich übereilt werden, und ehe ich weiter vorangche, wünsche ich Grund und Boden näher kennen zu lernen." Bluewater hatte diese Frage gehört; er bat die Herren sogleich, zu bleiben, wo sie waren, worauf er sich mit Tom Wychecombe aus dem Zimmer entfernte. 275 Sobald sie allein waren, wußte Sir Reginald durch äußerst kluge und vorsichtige Fragen von seinem Gefährten Alles zu erforschen , was sich in den letzten vierundzwanzig Stunden zugetragen hatte — Sir Wychcrly's wahrhaft hoffnungslosen Zustand, so wie die Art, wie er selbst nach dem Schlosse eingcladen worden war. Als der Fremde endlich Alles erfahren hatte, was er zu wissen für nöthig hielt, drückte er den Wunsch aus, den Kranken sehen zu dürfen. „Halt, da hätte ich beinahe Etwas vergessen, Sir Reginald," bemerkte der Viceadmiral, der, mit der Hand bereits an der Thürklinke, in seiner Bewegung inne hielt, um auch seinerseits eine Frage zu stellen. „An Eurer Art, Euch auszndrücken, bemerke ich, daß das Studium des Gesetzes bei Eurer Erziehung nicht ganz übersehen worden ist. Wißt Ihr vielleicht, was man unter,Halbblut^ begreift; es ist entweder ein juristischer oder mcdicinischcr Ausdruck, und ich selbst verstehe mich fast nur auf die nautischen." „Ihr hättet Euch in ganz England an keinen geeigneteren Mann wenden können, Sir Gervaise," antwortete der Hertfordshirer Ba- ronet mit vielsagendem Lächeln. „Ich gehöre zu den Rechtskundigen von Middle-Temple, wurde als jüngerer Sohn zum Rechtsstudium angehalten, und bin erst in meinem sicbcnundzwanzigsten Jahre meinem älteren Bruder auf dem Gute gefolgt. Uebcrdieß stehe ich selbst zu eben dieser Herrschaft, von der wir kaum noch gesprochen, in der unglücklichen Beziehung des ,HalbblutH." Sir Reginald begann sofort, dem Andern das betreffende Gesetz zwar bündig, aber vollkommen klar zu erläutern, wie wir schon früher bei unfern Lesern cs versucht haben. „Halt, halt! Sir Reginald!" rief der geradherzige und rechtlich gesinnte Seemann; „beim Himmel! da muß ein Mißvcrständniß obwalten! Ein Vetter im vierzigsten Grade oder auch der König sollte diese Herrschaft vor Euch selber erben, obgleich Ihr in gerader Linie von den alten Wychecombe's ans den Zeiten der Plantagenets abstammt?" 18 276 „So spricht das Landesgesetz, Sir Gervaise. Ware ich Sir Wycherly's Halbbruder, d. h. der Sohn der zweiten Frau von unserem gcineinschaftlichcn Vater, so könnte ich ihn nicht beerben, und wenn unser Vater das Gut sogar durch eigenes Glück oder Verdienst erworben hätte." „Das ist abscheulich, Sir — wirklich abscheulich — und Ihr müßt mir schon verzeihen, ich kann kaum glauben, daß in den guten, ehrlichen, wohlmeinenden Gesetzen des guten, ehrlichen, wohlmeinenden Altenglands ein so monströser Satz enthalten sein kann." Sir Reginald gehörte zu den wenigen Rechtskundigen seiner Zeit, welche die Vortrefslichkcit dieser besonderen Bestimmung des gemeinen Rechts nicht anerkannten, was wohl auf seiner Seite dem Umstande zuznschrcibcn war, daß er von jetzt ab an den Geheimnissen des Advokatenstandes sogeringes, an dcrFamilienstistnng der Wychecombc's dagegen, sofern sie durch jenes «Uolniu aufgehoben wurde, so großes Interesse zu nehmen hatte. Demnach war er auch über die offene Weise, womit der Seemann seine Behauptung als gleichermaßen der Vernunft, der Gerechtigkeit und Wahrscheinlichkeit widerstreitend — verwarf, nicht sehr überrascht und nichts weniger als gekränkt. „Das gute, ehrliche, wohlmeinende Altcngland duldet gleichwohl noch manche drückende Gesetze, Sir Gervaise," antwortete er, „und unter anderen eben dieses Gesetz über das Halbblut. Viel hängt dabei von der Art ab, wie man die Dinge betrachtet; was dem Einen als Gold erscheint, hält der Andere für Silber. So zum Beispiel" — dieß sagte er mit einem spähenden Lächeln, das für ironisch oder vertrauensvoll gelten konnte, je nachdem der Zuhörer cs anslegen wollte—„würden die Klane gegen uns behaupten, daß England einen Usurpator ans dem Throne hat, während sein gesetzmäßiger Prinz in der Verbannung schmachtet — was I h r übrigens so wenig als ich znzugebcn geneigt sein werdet." Sir Gervaise fuhr aus und warf einen raschen, mißtrauischen 277 Blick auf den Sprechenden; dieser aber zeigte in seinen hübschen Gesichtszügen einen so offenen, arglosen Ausdruck, wie er ihn kaum jemals aus dem Antlitze eines vertrauensvollen, sechzehnjährigen Jünglings getroffen hatte. „Euer vermeintlicher Fall bietet keine Parallele," antwortete der Vieeadmiral, der jeden Schatten von Mißtrauen vergaß, als er dieser sorglosen Offenheit begegnete; „denn wir Männer lassen uns in unserer Unterthanentrene häufig nur vom Gefühle leiten, während das Gesetz eigentlich immer nur von Vernunft und Gerechtigkeit regiert werden sollte. -- Doch da wir schon einmal bei diesem Gegenstände verweilen, wollt Ihr mir nicht sagen, Sir Reginald, ob Ihr nicht auch wißt, was ein uullns ist?" „Davon verstehe ich nichts weiter," antwortete der 'Andere, diesmal mit unverstelltem Lächeln, „als was man in lateinischen Wörterbüchern und Grammatiken findet." „Ja, Ihr meint auch iiullu,^, »rilln, n»i!u»>. Das versteht sogar ein Seemann wie ich, denn wir gehen Alle vorher in die Schule, che wir ans die Sec kommen. — Sir Wycherly aber gab sich die größte Mühe, sich verständlich zu machen, und nannte Euch dann ein,Halbblntfi" „Und mit vollkommenem Recht — ich gebe zu, daß dieß wirklich so ist, und daß ich keine größeren gesetzlichen Ansprüche, als Ihr z. B., an diese Herrschaft zu machen habe. Mein moralisches Recht aber — damit mag's schon besser stehen." „Es macht Euch alle Ehre, daß Ihr dieß so sreimüthig bekennt, Sir Reginald; denn seht, Ihr dürft mich hängen, wenn ich glaube, daß die Richter auch nur im Traume daran denken würden, solche Einwürfe gegen Eure Nachfolge zu erheben, wenn sic nicht eben darauf aufmerksam gemacht werden." „Darin thnt Ihr ihnen unrecht, Sir Gcrvaisc; denn cs ist ja ihre Pflicht, ans die Befolgung der Gesetze zu achten, mögen die Letzteren auch beschaffen sein, wie sie wollen." 278 „Vielleicht habt Ihr recht, Sir. Der Grund aber, warum ich Euch frage, was ein uullus bedeutet, liegt darin, daß Sir Wy- chcrlp, der nur mit der angestrengtesten Mühe zu sprechen vermochte, seinen Neffen und Erben, Mr. Thomas Wuchccombe, zu wiederholten Malen mit diesem Beiworte benannte." „That er das wirklich! Sagte er vielleicht nicht—statt Eures Ausdrucks — Mus nullius?" „Ich glaube eher, eS war uullus — doch kann's wohl sein, daß ich auch das Wort lilius ein oder zwei Mal von ihm flüstern hörte." „Ja, ja, Sir, das wird's gewesen sein; und sehr lieb ist mir's, daß Sir Wycherly von der Sache weiß, da sich der junge Mann, wie ich höre, die Miene gibt, als ob er die Sache unter einem andern Gesichtspunkt betrachten dürfe, Filius nullius ist nämlich der gesetzliche Ausdruck für ,Sohn von Niemand' oder,Bastards wie Ihr jetzt wohl verstehen werdet. Ich weiß zuverlässig, daß dieses unglückliche Beiwort Mr. Thomas Wpchecombe gebührt, dessen Vater, wie ich durch die triftigsten Beweise erhärten kann, niemals mit seiner Mutter vermählt gewesen ist." „Aber, Sir Reginald, der unverschämte Schuft trägt doch zum Beweise des Gegcntheils ein Certificat in seiner Tasche, das von einem Prediger an einer Londoner Pfarrkirche unterzeichnet ist." Der Baronet ans Hertsordshire schien bei dieser Versicherung seines militärischen Gefährten überrascht; doch Sir Gcrvaise erklärte ihm, was zwischen ihm selbst und dem jungen Manne vorgegangen war, und so blieb kein weiterer Zweifel über die Thatsache übrig. „Da Ihr das Dokument selbst gesehen habt," begann Sir Reginald von Neuem, „so muß sich die Sache wohl so verhalten, und dieser irregeleitete Knabe scheint daraus gefaßt, jeden, auch noch so verzweifelten Schritt zu wagen, um sich des Titels und der Herrschaft zu bemächtigen. Alles, was er über ein schon vorhandenes Testament sagt, ist wohl nur reine Fabel, denn kein Mensch von gesundem Verstände wird wohl seinen Hals daran 279 wagen, um eine so nichtsbedeutende Auszeichnung, wie die Baroncts- würde, zu erlangen —- da wir Beide gleichfalls Mitglieder dieser Klasse sind, so darf ich schon offen mit Euch sprechen, Sir Gcr- vaisc. Wäre ein Testament vorhanden, so würde dieses die Nachfolge sicher stellen. Ich kann also nicht glauben, daß bis setzt ein solches wirklich existire." „Wäre dieses Testament nicht ganz nach des Burschen Wünschen, würde dann nicht jene Trauung. neben der wcrthlosen Ehre, von der Ihr gesprochen, auch den ganzen Länderbesitz dieser Herrschaft dem Masoratserben zuweudcn?" „Ja wahrhaftig, in der That; ich bin Euch für diesen Wink höchst dankbar. Wünscht übrigens Sir Wycherlh jetzt, ein neues Testament abznsassen, und besitzt er Kraft und Besinnung genug, um seinen Willen durchznsetzcn, so darf das alte uns nicht mehr beunruhigen. Für einen Mann in meiner Lage ist es eine höchst schwierige Aufgabe, Sir, in dieser Sache handelnd aufzutreten, und ich bin höchlich erfreut, so höchst chrenwerthe, hochgestellte Zeugen in diesem Hause vorzufinden, die meinen Ruf zu verfechten im Stande sind, falls irgend Etwas vorfallen sollte, was eine solche Rechtfertigung uölhig machen könnte. Einerseits, Sir Gervaise, droht Gefahr, diese alte Herrschaft in die Hände der Krone, und zwar noch bei Lebzeiten eines Namens zurücksallen zu scheu, an dessen Blute keinerlei Makel haftet, und der von denselben ehrwürdigen Ahnen, wie der letzte Besitzer, abftammt; auf der andern Seite könnte sie gar noch einem Menschen von unedler Abkunft und höchst zweifelhaftem Charakter als Beute anhcimsallcn. Der Umstand, daß Sir Wycherly meine Anwesenheit verlangte, ist von großer Wichtigkeit, und ich habe zu Euch und Euren Begleitern das volle Vertrauen, daß Ihr die Ehrenhaftigkeit meines Verfahrens bezeugen werdet. Doch jetzt, Sir, wcnn's Euch beliebte, könnten wir uns in das Krankenzimmer verfügen." „Von Herzen gern," sagte der Admiral, indem er sich der 28 « Thüre näherte. „Ich denke übrigens, Sir Reginald, selbst in dem Falle, wenn die Herrschaft an den Lehnsherrn zurücksicle, würdet Ihr so viel Großmnth bei nnsern braunschweigischen Fürsten finden, daß sie Euch das Gut wieder anheimstelltcn. Für diese herumzie- hendcn Schotten, die so viele nacktbeinigc Edcllcnte zu bereichern haben, möchte ich Euch freilich nicht gut stehen; dagegen glaube ich, daß Ihr bei den Hannoveranern vollkommen geborgen wäret." „Die Letzteren haben jedenfalls eine Empfehlung für sich," erwiederte der Andere mit artigem, aber auch so zweideutigem Lächeln, daß selbst Sir Gervaise im ersten Augenblick davon betroffen war; „sic haben sich unterdessen an der Krippe so vollgemästet, daß sie unmöglich denselben Heißhunger verspüren können, wie Diejenigen, welche lange gefastet haben. Jedenfalls aber wäre es weit angenehmer, diese Ländereien aus der Hand eines Wychecombc's — ein Wychccombe von dem andern — zu empfangen, als dieselben selbst von dem ersten Plantagenet, der sic ursprünglich verlieh, auf's Neue anzunchmen." Hiemit endete die geheime Unterredung, denn die Sprechenden traten in demselben Augenblicke in die große Halle, als Sir Reginald seine Rede schloß. Wpcherly war in dem Moment, da die beiden Baronets eintraten, gerade in ernstem Gespräche mit Mrs. Dntton und Mildrcd begriffen: doch rasch den Blick des Admirals aussassend, sprach er einige hastige Worte zu seinen Freundinnen und schloß sich dann den beiden Herren an, die eben auf dem Wege nach dem Zimmer des Kranken begriffen waren. „Hier, Sir Reginald, seht Ihr einen Namensvetter, wenn nicht gar einen Anverwandten," bemerkte Sir Gervaise, den Lieutenant vorstellend; „einen Jüngling, auf den selbst Eure geachtete Familie mit vollem Rechte stolz sein dürfte." SirReginaldsKomplimentwar artig und verbindlich,während der Admiral in seiner Vorstellung sortfuhr; Wycherly aber fand denschar- fen,forschendenBlick,welchenJener aufihn heftete, höchst unangenehm. 281 „Ich weiß durchaus Nichts davon, daß ich auch nur den geringsten Anspruch auf die Ehre hätte, Sir Reginald Wvchccombe's Verwandter zu sein, sprach er mit kalter Zurückhaltung. „In der That erfuhr ich gestern Abend zum ersten Mal, daß in Hcrtford- shire eine Seitenlinie der Familie existire, und Sir Gervaise wird sich erinnern, daß ich ein gcborncr Virginier bin." „Ein Virginier!" riessein Namensvetter, von solchem Erstaunen überrascht, daß sogar seine Selbstbeherrschung ihn einigermaßen zu verlassen drohte. „Davon wußte ich allerdings nichts, daß Abkömmlinge unseres Stammes ihren Weg in die Kolonien gefunden hätten." „Und wenn sie cs auch gethan hätten, Sir, so würden sie dort jedenfalls eine Klasse von Menschen getroffen haben, die in jeder Beziehung zu ihren Gefährten taugten, Sir Reginald. Wir Engländer hängen noch zu sehr an dem Systeme der Klanverwandtschaften — ich hasse zwar daö Wort, denn cS erinnert zu sehr an das Schottische — aber nichtsdestoweniger ist cs wahr, wir hängen noch sehr an der Einrichtung der Klane, wenn wir auch großentheils nicht mehr mit nackten Beinen herumgehen, und sehen oft hochmn- thig sogar auf den eigenen Sohn herab, wenn ihn die Liebe zu Abenteuern nach jenem fernen Welttheile führte. Meiner 'Ansicht nach bleibt der Engländer immer Engländer, ans welchem Theile des Reichs er auch kommen mag. Das allein ist es, Sir Reginald, was ich edle Freisinnigkeit nenne." „Vollkommen wahr, Sir Gervaise; so bleibt auch der Schott- ländcr ein Schotte,und wenn er gleich vomNorden desTwccd herkäme." Dies; sprach der Baronet mit voller Ruhe, doch fühlte der Viceadmiral recht gut den wohlverdienten Vorwurf, der darin lag; er war aber vernünftig und gutmüthig genug, um seine eigenen Vornrthcile znzngcbcn und herzlich darüber zu lachen. Während dieses kleinen Wortgefechtes gelangten die Drei an Sir Wycherly's Thüre, wo sie stehen blieben, bis sie Gewißheit erlangt hatten, daß der Eintritt wirklich erlaubt sei. 282 Die nächste Viertelstunde brachte in der Lage Aller, die wir bis jetzt als Hauptpersonen in Wychecombe-Hall geschildert haben, eine bedeutende Veränderung hcrpor. Das Einlaßverbot in Sir Wycherly's Zimmer war aufgehoben, und sämmtliche Herren, so wie Mrs. Dntton und ihre Tochter nebst drei oder vier der älteren Diener deS Haushalts waren jetzt daselbst versammelt; selbst Gallcygo hatte es gewagt, sich mit seiner ungeschlachten Gestalt unter den klebrigen hereinzudrängcn, besaß aber doch so viel Einsicht, daß er unter seinen Standesgenossen verborgen im Hintergründe zurück- blieb. Mit einem Wort — Wohnstube und Krankenzimmer waren beide voll von Gästen: nur hatte sich in letzterem hauptsächlich das ärztliche Personal nebst denjenigen Personen versammelt, denen ihr Rang einen Anspruch darauf gab, in der nnmittelbarcn Nähe des Kranken zu verweilen. Es war nun keine Frage mehr, daß Sir Wycherly auf seinem Sterbebette lag. Sein Geist hatte sich zwar merklich erholt, auch seine Sprache war vernehmlicher geworden; aber sein ganzes physisches System hatte einen Stoß erlitten, der ein Wiederaufkomme» unmöglich machte. Die Acrzte waren der Ansicht, daß er möglicherweise noch mehrere Tage leben, aber auch bei einer Wiederholung seiner Schlaganfälle augenblicklich hingcrafft werden konnte. Der Baronet selbst schien seine Lage pollkommen zu fühlen, wie schon ans der Aengstlichkcit, mit der er seine Freunde um sieb zu versammeln wünschte, und mehr noch ans der dringenden Sehnsucht erhellte, mit welcher er seine zeitlichen Angelegenheiten noch gehörig zu ordnen verlangte. Beiden Wünschen hatten sich die Aerzte lange Zeit widersctzt, bis sic endlich in der Ueberzengung, daß es sich doch nur um wenige Stunden mehr oder weniger handle, und die Verweigerung dieses Verlangens ans den Kranken am Ende gar noch einen nachtheiligeren Einfluß als die Erfüllung desselben äußern könnte, einstimmig ihre Zustimmung gegeben hatten. „Es heißt der menschlichen Schwäche nicht allzuviel nachgeben, 283 wenn wir einen Sterbenden seinen eigenen Weg verfolgen lasse»/ finsterte Magrath den beiden Admiralen bei ihrem Eintritte iisis Ohr. „Sir Wycherly ist rettungslos verloren, nnd da er es so dringend wünscht, so wollen wir ihn seine wenigen Eodicille noch machen lassen — vielleicht bleiben weniger hoffnungslose Teufel an seinem Sarge zurück, wenn er dermaleinst zu seinen Ahnen versammelt sein wird." „Da sind wir nun, mein thenrer Sir Wycherly," begann der Viceadmiral, der niemals eine Gelegenheit verabsäumte, um seinen Zweck ohne allen unnöthigen Aufschub zu verfolgen; „wir sind versammelt und von ganzem Herzen bereit, Eure Wünsche zu erfüllen. Euer Verwandter, Sir Reginald Wychecombe, ist gleichfalls gegenwärtig, nnd wünscht, wie wir, Euch zu Gefallen zu leben." Es war ein peinlicher Anblick, einen Mann auf seinem Sterbebette so ängstlich bemüht zu sehen, die äußeren Gesellschaftsformen nicht zu vernachlässigen— wie es der Herr des Schlosses in Wirklichkeit zu sein schien. — Zwischen den Häuptern der beiden Familienzweige hatte bis jetzt eine unnatürliche Entfremdung bestanden, welche weder in einem vorangegangenen Streite, noch in einer wirklichen Ursache zum Mißvergnügen, sondern einzig nnd allein in der stillschweigenden Ueberzengnng der beiden Theile ihren Grund hatte, daß keiner von beiden zu dem andern paßte. Sie hatten sich nur selten gesehen, und waren jedesmal ohne Bedauern von einander geschieden. — Jetzt war aber der Fall ein anderer; die Trennung sollte auf einer Seite wenigstens eine ewige werden, und so schwanden alle untergeordneten Rücksichten, alle Launen der Gewohnheit oder eines herrischen Geschmacks vor den feierlichen Eindrücken des Augenblicks. Sir Wycherly konnte übrigens noch immer nicht vergessen, daß er der Herr von Wychccombe war, nnd daß sein Namensvetter für einen seingebildeten Edelmann galt; und so hätte er sich in seiner einfachen Denkungsart gar zu gern im Bette ausgerichtet, um 284 seinem Gaste die gebührende Ehre zu erweisen. Es bedurfte sogar einiger sanften Gewalt, um den Patienten in seiner Ruhe zu erhalten. „Sehr geehrt, Sir — höchlich erfreut," murmelte Sir Wy- cherly mühsam, denn noch immer kostete ihn das Sprechen bedeutende Anstrengung. „Gleiche Ahnen — gleicher Name — Plan- tagcnets — altes Haus, Sir — eiu Haupt geht, ein neues kommt. Keiner besser, als —" „Strengt Euch doch nicht zu sehr an mit unnvthigem Spreche», mein theurer Sir," unterbrach ihn Sir Reginald, mit größerer Berücksichtigung des Patienten als seiner eigenen Interessen, da die folgenden Worte des Kranken allem Anschein nach von der Nachfolge im Erbe zu handeln versprochen hatten. „Sir Gervaise Oakes sagt mir, er kenne im Allgemeinen Eure Wünsche, und sei nun vollkommen vorbereitet, dieselben zu erfüllen. Entledigt Euch zuvörderst der Sorge für Eure häuslichen Anliegen, dann werde ich mich sehr glücklich fühlen, Euch im klebrigen mit der ganzen Herzlichkeit eines Verwandten beizustehen." „Ja, Sir Wycherly," fuhr Sir Gervaise, diesen Wink benützend, fort; „ich glaube, ich habe jetzt zu all' Dem, was Ihr zu sagen wünschtet, den wahren Schlüssel gefunden. Die wenigen Worte, die Ihr vergangene Nacht eigenhändig ausgezeichnet, waren der Anfang eines Testaments, dessen Abfassung Euer sehnlichster Wunsch ist. Ihr braucht nicht zu sprechen, Sir; erhebt nur Eure rechte Hand zum Zeichen, daß ich Euch richtig verstanden habe." Der Kranke streckte wirklich seinen rechten Arm über das Betttuch und seine trüben Augen leuchteten in einem Strahl von Freude, zum Beweise, welch' innigen Anthcil sein Herz an diesem Resultate nahm. „Ihr seht selbst, meine Herren!" sprach Sir Gervaise mit Nachdruck. „Niemand kann wohl die Bedeutung dieses Zeichens mißverstehen! Kommt näher, Doktor -- Mr. Rotherham — Alle, welche voraussichtlich kein persönliches Interesse an der Sache haben. 285 Ich wünsche, daß Jedermann sehe, wie Sir Wucherly Wvchecombe sein Testament zn machen wünscht." Der Viceadmiral wiederholte nnn seine Frage zum zweiten Mal und erhielt dieselbe bezeichnende Antwort. „So Hab' ich's schon früher verstanden, und glaube jetzt auch Euer,halb^ und ,ganz^ und ebenso Euer ,inill>i8° vollkommen zn begreifen. Ihr wolltet uns sagen, Euer Verwandter hier, Sir Reginald Wvchecombe, sei in Beziehung auf Euch selbst vom .Halbblut-, Euer Neffe, Mr. Thomas Wychecombe, dagegen sei, was man mit dem gesetzlichen Ansdruck einen ,li1in8 iwIIm.H nennt — so peinlich Letzteres auch in einem so feierlichen Augenblicke klingen mag, die Wahrheit, ihr Herren, muß nichtsdestoweniger klar ausgesprochen werden. Wenn wir auch hierin Eure Meinung richtig verstanden haben, so habt die Güte, Sir, und gebt dieser Gesellschaft dasselbe Zeichen Eurer Billigung." Die letzten Worte waren noch kaum gesprochen, als Sir Whcherly bereits wieder seinen Arm ausstrcckte und mit dem Kopfe nickte. „Hierin kann somit kein Mißverständniß obwalten, und Niemand wird wohl darüber mehr erfreut sein, als ich selbst, denn jene unverständlichen Worte haben mich in der vergangenen Nacht außerordentlich beunruhigt. — Nun denn, mein theurer Sir, so hätten wir also Euren Willen richtig verstanden; in dieser Voraussicht hat mein Sekretär, Mr. Atwood, bereits den Anfang eines Testaments in den üblichen Formeln aufgesetzt. Als Einleitung stehen am passendsten oben an Eure eigenen frommen Worte — ,Jm Namen Gottes, Amcnss — Mein Sekretär selbst ist bereit, Eure Legate, so wie Ihr sie ihm zu nennen beliebet, aufznzeichncn. Wir wollen sie zuerst auf ein besonderes Blatt Papier niederschreiben, wollen sie Euch dann vorlesen, um uns zn überzeugen, daß sie Eure Billigung erhalten, und sie dann erst zu einem Testamente zusam- menfaffen. Ich denke, Sir, auf diese Art können wir am besten den 286 Spitzfindigkeiten der Rechtsgelchrten, welchem Gerichtshöfe sie auch angehören mögen, entgehen?" „Ja wohl, wcrther Sir, Eure Art, das Testament aufzusetzen, ist unter den besonderen, hier obwaltenden Umständen durchaus paffend und angemessen," gab der aus Hertfordshire zur Antwort. „Doch muß ich noch Eines bemerken, Sir Gervaise: meine eigene Stellung hier ist etwas delikater Statur, nicht minder die des Mr. Thomas Wycheeombc, so wie aller Derjenigen, welche gleichen Namen führen oder sonst zur Familie gehören, wenn wirklich noch solche vorhanden find. Wäre es nicht gut, wenn man bei dem Testator anfragte, ob er unsere Anwesenheit ausdrücklich wünscht oder nicht?" „Ist cs Euer Wunsch, Sir Wychcrly, daß Eure Verwandten und Namensvettern im Zimmer bleiben, oder sollen sie sich so lange zurückzichen, bis das Testament fertig ist? Ich will Euch die Namen der Anwesenden nennen, und wenn Ihr einen derselben insbesondere um Euch zu haben wünscht, so dürft Ihr cs nur durch ein Nicken mit dem Kopfe zu erkennen geben." „Alle — Alle dablciben," murmelte Sir Wvcherly; „Sir Reginald — Tom — Wychcrly — Alle." „Das scheint deutlich genug, ihr Herren," begann der Vice- admiral von Neuem. „Er will, daß alle bleiben, und wenn meine Vermuthung richtig ist, so hat unser armer Freund mit den Genannten auch Diejenigen bezeichnet, denen er Legate zu vermachen beabsichtigt; vielleicht sollen sie auch in eben der Ordnung auf einander folgen, wie er sie genannt hat." „Dieß muß sich unzweifelhaft Herausstellen, wenn Sir Wy- cherly seine Absichten erst in Worten ansgedrückt hat," bemerkte Sir Reginald, welcher ernstlich wünschte, daß in einem so folgenreichen Augenblick auch nicht der leiseste Anschein Zurückbleiben sollte, als ob sein Verwandter zu irgend Etwas bestimmt oder überredet worden wäre. „Ich möchte Euch dringend ersuchen, keine einleitenden Fragen mehr zu stellen." 287 „Sir Gcrvaise versteht sich auf die Einleitung einer Schlacht besser, als ans solche juridische Kreuz- und Querfragen, Sir Reginald," bemerkte Bluewater so leise, daß Niemand, als der Ange- sprochene, seine Worte vernehmen konnte. „Ich denke, wir werden Sir Wychcrlsss Wünsche weit besser erfahren, wenn nur meinen Freund seinen eigenen Weg gehen lassen." Der Andere verbeugte sich und schien sich gerne zufrieden zu geben. Unterdessen wurden alle nöthigen Anstalten getroffen, um das gewünschte Testament abzufasscn. Atwood setzte sich an einen Tisch neben dem Bett und begann seine Federn zu spitzen: die Aerzte reichten dem Kranken einen stärkenden Trank; Sir Gcrvaise ließ alle anwesenden Zeugen sich so im Zimmer ordnen, daß Jedes den Kranken sehen und von ihm gesehen werden konnte, wobei er indessen Wucherly wohlweislich so placirte, daß dessen schöne Gestalt dem Sterbenden nothwendig in die Angen fallen mußte. Des Lieutenants Bescheidenheit würde sich vielleicht gegen diese Anordnung gesträubt haben, wenn er dadurch nicht zufällig dicht neben Mildred zu sitzen gekommen wäre. Vierzehntes Kapitel. Nun ist's vorbei! — Furcht, Zweifel sind dahin, Den edlen Todten lichte Träum' umzieh'n! Die Seele hat die letzte Prob' hienieden Bestanden: auf dem Antlitz wohnt deö Himmels Frieden! Mrs. Hcmans. >Älan wird sich leicht denken können, daß Tom Wychecombe die in dem vorhergehenden Kapitel erzählten Vorgänge mit tiefem Schrecken wahrnahm. Der Umstand, daß er wirklich ein unverfälschtes Testament von seinem Oheim in Händen hatte, das ihn zum Universalerben seiner sämmtlichen Vcrlassenschaft einsetzte, hatte 288 ihn kühn gemacht, und ihn zuerst zu dem kecken Versuche veranlaßt, auch seine rechtmäßige Abkunft durch Beweise darlegen und alle daraus entspringenden Ansprüche durchsetzen zu wollen. Er war fest entschlossen, nach Sir Wycherlv's Hingänge dessen Titel anzunehmen, denn, da kein Erbe für die Baronie vorhanden war, so konnte er mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit annchmen, daß — wenn sich einmal die Ländereien in seinem ruhigen Besitze befänden, wohl Niemand so viel Authcil an der Sache nehmen würde, um ihm sein Recht auf Titel und Rang streitig zu mache». 'Jetzt aber drohte ein Schlag, der alle seine Hoffnungen vernichten mußte. Die Unrcchtmäßigkeit seiner Abkunft schien nun auch Andern bekannt zu sein, und aller Wahrscheinlichkeit nach sollte ein neues Testament das alte wenigstens in den wichtigsten Bestimmungen verdrängen. Er konnte sich nicht denken, was wohl diese plötzliche Veränderung in den Plänen seines Onkels hervorgernfen hatte, denn er kannte sich selbst nicht hinlänglich, um zu begreifen, daß die wenigen Monate näheren Umgangs, welche auf den Tod seines verehrten Vaters gefolgt waren, vollkommen hingereicht hatten, um Sir Wychcrly über seinen wahren Charakter aufzuklären und ein Mißfallen in ihm zu erregen, das sich bis jetzt, da der Augenblick zu handeln cs wecken mußte, nur passiv verhalten hatte; am wenigsten von Allem aber konnte er verstehen, wie der geistige Gesichtskreis des Menschen, sowohl was Vergangenheit, als was Zukunft betrifft, bei der Annäherung des Todes auf so überraschende Weise geläutert und erweitert werden konnte. Zwar waren seinem Oheime hin und wieder einzelne Aeußerungeu ernstlicher Unzufriedenheit entschlüpft, doch hatte derselbe seinen Unwillen so viel als möglich gedämpft und vorsichtig die Gelegenheit abgcwartet, wo er das besagte Testament am besten bei Seite schieben oder, was noch besser wäre, seinen Neffen, wie jetzt, gänzlich von der Nachfolge ausschließcn könnte. Endlich waren die nöthigen Vorkehrungen getroffen; Atwood 389 — eine gespitzte Feder, Tinte und Papier por sich — war bereit zu beginnen, und eine athemlose Stille herrschte in dem Zimmer. So wie Sir Gervaise dieß bemerkte, nahm er den Gegenstand, um dessen willen sic zusammcngckommcn waren, non Neuem wieder ans. „Atwood wird Euch das, was er bereits geschrieben hat, verlesen, Sir Wychcrlp. Sollte der Styl Eure Billigung erhalten, so habt Ihr wohl die Güte, dieß durch ein Zeichen kund zu geben. — Gut denn, wenn Alles bereit ist, so könnt Ihr ansangen, Atwood!" „,Jm Namen Gottes, Amcn!^" begann der umständliche Sekretär; „,Jch Wychcrlp Wychecombe, Baronet von Wychecombe- Hall in der Grafschaft Devon, thue hicmit kund und zu wissen, daß ich, zwar rüstig an Geist, doch an Gesundheit schwach und leidend, und die Aussicht auf den nahen Tod vor Augen — alle anderen Testamente, Codicille und sonstige testamentarischen Verordnungen jeder Art vernichte und anfhebe, und dieses Instrument für meinen letzte» Willen und Testament erkläre; das will sagen, Iniprnni«, ich bestimme hiermit und bezeichne-von — — zum Vollstrecker dieses meines genannten Willens mit aller Gewalt und Vollmacht, wie das Gesetz sie erthcilt oder dem Vollstrecker später noch crtheilcn mag. Zweitens bestimme und vermache ick/- — dieß ist Alles, was bis jetzt geschrieben wurde, Sir Gervaise; dabei habe ich nicht vergessen, für den Fall, daß der Testator cS passend finden sollte, mehr als einen Exekutor zu ernennen — für den oder die Namen des oder der Testamentsvollstrecker, sowie für das ,s^ oder ,r^ bei dem Artikel der Vollstrecker weiße Stellen übrig zu lassen." „Da habt Jhr's, Sir Reginald," sprach der Viceadmiral nicht ganz ohne Triumph; „dieß ist die Art, wie wir auf Linienschiffen solche Dinge vorbereitcn! Der Sekretär eines Flaggenoffiziers muß fast zu allen Verrichtungen brauchbar sein, eine einzige vielleicht — die Pflege der Seele, ausgenommen!" „Und die des Leibes ditto, Sir Gervaise, wenn Ihr mir Die beide» Admirale. 19 290 erlauben wollt, dieß bcizufügen," bemerkte Magrath, und nahm eine ungeheure Prise von seinem starken, gelben Schnupftabak. „O, o, unser Sekretär wurde sich wohl recht linkisch gebärden , wenn er ans einem Schwcinskopf eine delikate Schildkrötensuppe herauSbringen sollte, wie wir auf der Sec sic so oft auf den Tisch stellen," flüsterte Galleygo Mrs. Barder in's Ohr. „Ich finde keinerlei Einwendung gegen die Sache, Sir Gervaise, wenn die Fassung Sir Wycherly genehm ist," gab der zwar gelehrte, aber nicht ausübende Rechtskundige zur Antwort. „Ich glaube, cs wäre räthlich, sich selbst hiefürvon seiner Billigung zu überzeugen." „Natürlich, Sir; das wollen wir sogleich thun. — Sir Wuchers, findet Ihr diese Abfassung des Testaments nach Eurem Wunsch?" Sir Wycherly lächelte und machte ein sehr deutliches Zeichen der Bejahung. „Ich dachte mir's wohl; so viel ich weiß, hat Atwood schon bei zwei Admiralen und drei Kapitänen denselben Notars-Dienst geleistet, und der Lord-Oberrichter äußerte sich über eines seiner letzten Testamente dahin, daß cs dem besten Nechtsgelehrten in England Ehre gemacht haben würde, und nur Eines dabei zu bedauern gewesen sei, daß der Testator nichts zu vermachen gehabt habe. — Nun denn, Sir Wycherly, wollt Ihr einen oder mehrere Exekutorcn? Im Falle Ihr nur einrn wünscht, dürft Ihr nur einen Finger in die Höhe strecken, und für jeden weiteren Exekutor, den Ihr in den leeren Stellen anfgeführt zu sehen wünscht, allemal einen Finger weiter. — Einen, Atwood; — Ihr seht, meine Herren, daß Sir Wycherly nur einen einzigen Finger cmporhebt — so könnt Ihr also ein simples an die leere Stelle setzen, Atwood, da das Wort im Singular stehen soll — habt Jhr's, Atwood?" Der Sekretär that, wie ihm besohle» ward, und erklärte sich dann bereit, weiter fortznfahren. „Es wird nun nöthig werden, Sir Wycherlv, daß Ihr Euren 29t Exekutor nennt. Strengt Euch so wenig als möglich an, nur so, daß wir's verstehe» können." Sir Wycherly brachte den Namen „Sir Reginald Wyche- combe" ganz deutlich heraus. „Das ist vollkommen klar," fuhr der Vieeadmiral fort. „Wie lautet der Satz nunmehr, Atwood?" „,Im>nu»Ü8: —Bestimme und bezeichne ich Sir Reginald Whchecombc von Wychecombc-Rcgis, Baronct aus der Grafschaft Herts zum Vollstrecker dieses meines besagten Testamentes^ u. s. w." „Wenn dieser Satz Eure Zustimmung hat, Sir Wycherlv, so habt die Güte und gebt das ausgemachte Zeichen." Der Kranke lächelte, nickte mit dem Kopfe, hob seine Hand empor und blickte seinen Verwandten ängstlich an. „Ich will Euch recht gern als solcher dienen, Sir Wycherlv, wenn dieß Euer Wunsch ist," bemerkte der Genannte, als er die Bedeutung des Blickes seines Anverwandten erkannte. „Und nun, Sir," fuhr der Vieeadmiral fort, „ist es nöthig, Euch einige Fragen vorzulegen, damit Atwood weiß, was er zunächst zu schreiben hat. —Ist es Euer Wunsch, etwas von Eurem Grundeigenthum zu vermachen?" Sir Wycherly bejahte. „Wollt Ihr Euer gesammtes Grundcigenthum vermachen?" Dasselbe Zeichen der Bejahung folgte. „Wollt Ihr Alles einer einzigen Person vermachen?" Auch hier wieder das nämliche Zeichen der Billigung. „Nun erst haben wir klare Fahrt vor uns, und werden bald zu Ende sein — nicht wahr, Atwood?" Der Sekretär schrieb so schnell als möglich, und nach zwei oder drei Minuten las er, wie folgt: „,Zweitens: Mache und bestimmt Ich folgende Vermächtnisse oder Legate — nämlich ich gebe und vermache dem-von -- — das gesammte Grundeigenthum, in dessen Besitz ich sterbe, 19 * 292 nebst sämmtlichen dazu gehörigen Gebäulichkeiten, Grundstücken, Erbschaften und Zubehördeu, so daß besagter - — von - so -Erben, Exekutorcn, Administratoren oder Bevollmächtigte dasselbe als ewiges Lehe» nach Stecht und Billigkeit besitzen und genießen solle»'si Für Name, Titel, so wie für das Geschlecht des Erben sind wieder leere Stellen gelassen," setzte der Sekretär hinzu. „Alles durchaus richtig und gesetzlich — glaubt Ihr nicht auch, Sir Reginald? Es freut mich sehr, wenn Ihr cs auch so findet, Sir. — Nun, Sir Wycherly, wir warten auf den Namen des Glücklichen, den Ihr also zu begünstigen gedenket." „Sir Reginald Wychecombe," brachte der Kranke mit Mühe heraus; „Halbblut - kein »ulkis. Sir Michaels Erbe — mein Erbe." „Das ist gutes, verständliches Englisch!" rief Sir Gervaise mit dem Tone der Zufriedenheit; schreibt, Atwood: - Sir Reginald Wychecombe von Wychccombe-Regis, HcrtS - nun seht, das füllt die leeren Stellen recht hübsch ans — nun habt Ihr noch in die anderen leeren Stellen zu setzen — ,seine Erben, Erekntoreisi ». s. w." „Bitte um Entschuldigung, Sir Gervaise; cs sollte lauten, ,von ihm selbst, seine Erbcisi n. s. w." „Ganz recht, ganz recht, Atwood. Jetzt lest einmal langsam, und wenn Sir Wycherly damit einverstanden ist, wird er uns wieder sein Zeichen geben." Wie Gervaise befohlen, so geschah es; Sir Wycherly gab nicht nur sein gewöhnliches Zeichen der Bejahung, sondern that eS dießmal mit einem wahrhaften Entzücken, wie alle Anwesenden, den beschämten und bestürzten Tom selbst nicht ausgenommen, deutlich bemerken konnten. „Das Grundcigenthum wäre nun versorgt — nicht wahr, Atwood?" meinte Sir Gervaise, der das vorliegende Geschäft 293 allmählig mit dem Eifer eines bestellten Notars oder vielmehr wie ein Mann betrieb, auf dessen Schultern die Verantwortlichkeit eines glücklichen oder unglücklichen Erfolgs des Ganzen lastete. „Jetzt kommen wir zunächst an die I'ersounliu. — Ist es Euer Wunsch, SirWvcherly, Eure Hausgcräthe, Weine, Pferde, Wagen und sonstige derartige Sachen einer besonder» Person zu vermachen?" „Alles — Sir Reginald — Wvchccombc -— Halbblut — des alten Sir Michaels Erben," gab der Testator zur Antwort. „Gut — schreibt cs nieder, Atwood; das heißt die Sache ans eine Art abmachen, wie ich Familienangelegenheiten gerne abgemacht sehe. Sobald Ihr fertig seid, laßt eins hören, wie das Ding geschrieben lautet." Weiter vermache ich besagtem Sir Reginald Wychccombe von Wychceombe-Ncgis, als vorhin besagtem Baronet—mein sämmt- liches persönliches Eigcntbnm aller Art/" las Atwood, sobald er fertig war; nämlich HauSgeräthc, Weine, Gemälde, Bücher, Rosse und Wagen und sämmtlichcs andere Eigenthum, in dessen Besitz ich sterbe; ausgenommen davon sind übrigens diejenigen Summen, mögen sic nun bestehen in baarcm Gclde, Staatskapitalien, Obligationen, Wechseln, sonstigen Pfandschastcn oder dergleichen, welche ich in diesem Instrument anderen Personen noch besonders anwei- scn werde/ — Wir können jetzt an die einzelnen Legate gehen, Sir Gervaisc, und in einer späteren Klausel Sir Reginald als Haupt- erbcn aufführen, der sämmtlichc Legate anSznzahlcn beauftragt ist, wenn eS nämlich Sir Wvchcrlv also genehm ist." „Wenn diese Klausel Euren Beifall hat, mein thcurcr Sir, so macht das gewöhnliche bejahende Zeichen." Sir Whcherly, offenbar äußerst zufrieden, hob die Hand in die Höhe und nickte noch überdies! mit dem Kopfe. „Nun, mein guter Sir, kommen wir an die Pfunde — nein — Guineen? Ihr habt das lieber — nun, ich gestehe, es klingt besser im Ohr und paßt auch mehr zu den Gewohnheiten eines Edelmaiines. Wollt Ihr jetzt die Guineen vermachen? — Gut — nennt zuerst den Erben — ist's so recht, Sir Reginald?" „Ganz recht, Sir Gervaise; Sir Wycherly wird schon wissen, daß er jetzt die erste Person zu benennen hat, welcher er noch etwas Weiteres zn vermachen wünscht." „Milly," murmelte der Kranke. „Was? Mühlen!" — Die gehören ja zum Grnndeigenthum, Sir Reginald!" „Er meint Miß Mildred Dutton," fiel Wycherly eifrig, aber mit geziemender Bescheidenheit ein. „Ja — recht — recht," fuhr der Testator fort. „Kleine Milly — Milly Dutton — gute kleine Milly." Sir Gervaise zauderte und schaute Bluewater au, wie wenn er hätte sagen wollen, „das heißt ja: die Kohlen nach Newcastle tragen;" doch Atwood faßte die Idee auf und schrieb das Legat in der üblichen Form. „,Jch verleihe und vermache Mildred Dutton, Tochter von Francis Dutton von der königlichen Marine, die Summe voiss — — Mit welcbcr Summe soll ich die leere Stelle ausfüllen, Sir Wycherly?" „Drei — drei — ja, drei-" „Hundert oder tausend, mein guter Sir?" fragte Sir Gervaise, durch die Größe des Legats etwas überrascht. „ Guineen — drei — tausend — Guineen — fünf Procent." „Das ist so klar, wie Logarithmen. Gebt der jungen Dame dreitausend Guineen von den fünfprocentigen, Atwood." „,Jch verleihe und vermache Mildrcd Dutton, Tochter von Francis Dutton von der königlichen Marine, die Summe von drei tausend Guineen aus den sünfproecntigcn Staatskapitalicn unseres Königreichs? — Ist's so recht, Sir Wycherly?" Der alte Mann schaute Mildred an und lächelte freundlich, denn er fühlte in diesem Augenblicke, daß er das reine, liebens- 295 würdige Geschöpf dadurch, daß er cs unabhängig gemacht, zugleich auch den gewöhnlichen Bedrängnissen ihrer Lage enthoben habe. „Wessen Namen sollen wir jetzt zunächst einzeichnen, Sir Wycherly?" begann der Viceadmiral auf's Neue. „Es müssen noch viele von diesen Guineen übrig sein." „Gregory — und — James — Kinder meines Bruders Thomas — Baron von Wychecombc — fünftausend Guineen einem Jeden," fuhr der Testator fort, und suchte mit großer Anstrengung seine Meinung so deutlich als möglich auszudrückcn. Er wurde verstanden, und Atwood schrieb nach kurzer Bc- rathung mit dem Viceadmiral das ausgeworfene Legat in das Testament nieder. ,„Jch verleihe und vermache meinen Neffen, Gregory und James Wycheeombe, den achtbaren Söhnen meines verstorbenen Bruders, Thomas Wychceombe, eines der Barone von Seiner Majestät Schatzkammergericht — Jedem die Summe von fünftausend Guineen aus den fünfprocentigc» Staatsobligationen dieses Königreichs."' „Seid Ihr mit dem Legate zufrieden, Sir Wycherly? Im Bejahungsfälle macht nur Euer gewöhnliches Zeichen." Sir Wycherly that, wie er bis jetzt in allen Bejahungsfällen gethau hatte. „Wessen Namen sollen wir jetzt zunächst bereit halten, Sir Wycherly?" fragte der Viceadmiral. Hier entstand eine lange Pause; allem Anscheine nach überdachte der Baronet bei sich selbst, was er bis jetzt gethan hatte, und was noch zu thun übrig blieb. „Vertheilt euch so, meine Freunde, daß der Testator euch Alle scheu kann," fuhr der Viceadmiral fort und winkte mit der Hand, daß mau den Kreis um das Bett des Kranken, welchen Theil- nahme und Neugier einigermaßen verengt hatten, wieder etwas erweitern sollte. „Stellt Euch mehr dort neben hin, Lieutenant Wycherly Wychecombc, daß die Damen sehen und gesehen 296 werden können, und auch Ihr, Mr. Thomas Wvchccombe, tretet weiter vor, damit Euer Oheim Euch bemerken könne." Damit hatte der Sprechende so ziemlich seinen eigenen Jdcen- gang ausgesprochen. Der Gedanke, daß Wychcrly ein natürlicher Sohn des Baroncts sein möchte, wollte ihm trotz der virginischen Geschichte nicht aus dem Sinn: diese seine Vermnthung, mit den Vorzügen des jungen Mannes zusammcngehalten, bestimmte ihn zu dem ernstlichen Wunsche, für denselben ein Legat zu erhalten. Ob Toms Name in dem Testamente vorkämc oder nicht, das kümmerte ihn nur sehr wenig. Der Gerechtigkeit war jetzt im Wesentlichen ihr Stecht geschehen, und da des Richters Vermögen für die Bedürfnisse seines Sohnes hinreichtc, so konnte die jetzige Lage des früher vermeinten Erben nur wenig Mitleid erregen. Dennoch glaubte Sir Gervaise unter den gegenwärtigen Umständen cs seiner Großmuth schuldig zu sein, daß er den Testator daran erinnerte, daß noch so ein Wesen, wie Thomas Wychecombc, ans der Welt war. „Hier, Sir Wychcrly, ist Euer Neffe, Mr. Thomas," sagte er, „ist cs Euer Wunsch, daß sein Name in Eurem Testamente mit enthalten sei?" Der Kranke lächelte kalt und bewegte den Kopf, wie wenn er ein Zeichen der Bejahung hätte machen wollen. ,„Jch verleihe und vermache Thomas Wychecombc, dem ältesten, achtbaren Sohne meines verstorbenen Bruders Thomas, eines der Barone von Seiner Majestät Schatzkammergcricht/" las At- wood, als die Klausel fertig war, ,„die Summe von-ans den sünfproccntigen StaatSakticn dieses Königreichs/" „Welche Summe sollen wir anfzeichnc», Sir Wvcherly?" fragte der Viceadmiral. „Fünfzig — fünfzig — Pfund," sprach der Testator so hell und deutlich, wie er den ganzen Tag über noch nicht gcthan hatte. Die nöthigen Worte wurden augenblicklich ergänzt. Als der 297 Paragraph fertig war, wurde er vorgelesen, und der Kranke bekräftigte seine Zustimmung mit einem deutlich gesprochenen „Ja." Tom fuhr auf; doch er sah, daß alle klebrigen ihre Selbstbeherrschung behaupteten, nnd so ging das Geschäft ungestört seinen Gang weiter. „Wünscht Ihr noch weitere Namen in Eurem Testamente anf- gefnhrt zu sehen, Sir Wycherly?" fragte der Viceadmiral. „Ihr habt bis jetzt verfugt über — ja — wie viel? — nun, Atwood? — ja, zehn und drei macht dreizehn und fünfzig Pfund — macht 13,180 Pfund, nnd Ihr besitzt, wie ich höre, außer dem baarcn Geldvorrat!), der ohne Zweifel vorhanden ist, 20,000 Pfund Staatskapitalien." „Anna Larder — Samuel Eork — Richard Bitts — David Brush — Phöbc Keys," sprach Sir Wvchcrly langsam, um Atwood zwischen jeder Panse Zeit zum Schreiben zu lassen; cs waren die Namen seiner Köchin, des Mundschenken, Reitknechts, Kammerdieners nnd der Haushälterin in der Reihenfolge, wie sic dem Leser vorgcsührt wurden. „Wie viel Jedem von ihnen, Sir Wycherlv? Ich sehe, Atwood hat sich kurz gefaßt, und Alle in die nämliche Klausel znsammcngc- schrieben— das würde nicht angcheu, wenn die Legate nicht sämmt- lich gleich wären." „Gut — gut - - recht," murmelte der Testator; „zweihundert Pfund — Jedem — tausend Pfund — Alles — baarcs — baa- res Geld." Damit war auch dieses beendigt, die Klausel wurde in der gehörigen Ordnung geschrieben, gelesen und gebilligt. „Jetzt beträgt die vermachte Summe 14,180 Pfund, SirWy- chcrlp — etliche 0—7000 Pf. sind noch zu Eurer Verfügung übrig. Stellt Euch etwas mehr bei Seite, Mr. Wych erly Wvchecombe, und laßt den Damen mehr freien Raum. — Wessen Namen sollen wir jetzt zunächst aufzcichncn, Sir?" 298 Bei diesem Winke des Admirals, der dem tapferen Lientenant so gerne einen Dienst zn erweisen wünschte, heftete Sir Wycherly seine Blicke alsbald auf den jungen Mann und betrachtete ihn eine volle Minute mit schweigender Aufmerksamkeit. „Virginier — gleicher Name — Amerikaner — Kolonien — guter Junge — tapferer Junge — 1000 Pf./' murmelte der Kranke zwischen den Zahnen; doch so athemlos war die Stille, die in diesem Augenblicke in dem Zimmer herrschte, daß jede Sylbc von den Anwesenden gehört wurde. „Ja — 1000 Pf. — Wy- cherly Wychecombc — königliche Marine." Atwoods Feder flog über das Papier hin, und war gerade bis zu den Namen des vorgenannten Erben gekommen — da wurde seine Hand durch den Ruf des jungen Mannes selbst im Weiter- schreibcn gehemmt. „Halt, Mr. Atwood — ich will keine Klausel zu meinen Gunsten!" rief Wycherly, sein Gesicht war mit hoher Nöthe überzogen und seine Brust hob sich unter einer Aufregung, die er nur schwer znrückzndrängen vermochte. „Ich muß jedes Legat zu meinem Vor- theilc ablehnen — es wäre umsonst, es niedcrzuschrciben, denn ich bin entschlossen, auch nicht einen Shilling davon anzunehmen." „Junger Herr," bemerkte Sir Gervaise, und sein Ton lautete dabei etwas streng, wie der Vorgesetzte ihn gegen den Untergebenen annimmt, wenn er Letzteren tadeln will. „Ihr sprecht sehr hastig und übereilt. Es steht einen, bloßen Zuschauer oder Zuhörer keineswegs zu, die Güte eines Mannes zurückzuwcisen, der diese Erde zu .verlassen und unmittelbar vor das Antlitz seines Gottes zu treten im Begriffe steht." „Ich fühle alle nur mögliche Hochachtung vor Sir Wycherly Wychecombe, Sir, und hege gewiß die freundlichsten Wünsche für seine baldige Genesung und für ein langes Leben, das ihm noch zu Theil werden möge; trotzdem aber will ich kein Geld von einem Manne annchmen, der mein Vaterland mit so „»verhehlter 299 Verachtung behandelt, wie dieß offenbar bei dem Testator der Fall ist/' „Ihr seid ein Engländer, wie ich glaube, Lieutenant Wy- checombe, und König Georgs 11. Diener?" „Ich bin kein Engländer, Sir Gervaise Oakes, sondern ein Amerikaner, ein Virginier, der zu allen Rechten und Privilegien eines brittischen Untcrthans besngt ist. Mein Recht auf den Titel eines Engländers ist nicht größer, als das, welches Or. Magrath etwa anzusprcchcn vermöchte." „Das heißt die Sache Haarschars nehmen — nicht wahr, Atwood?" antwortete der Viceadmiral, und konnte trotz der feierlichen Veranlassung ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. „Ich bin weit entfernt, zu behaupten, Sir, daß Ihr in jeder Beziehung ein Engländer seid, Ihr seid cs aber jedenfalls in dem Sinne, der Euch Nationalcharakter und Nationalrcchte cinräumt — Ihr seid nämlich Nntcrthan von England." „Mitnichten, Sir Gervaise, Ihr werdet mich entschuldigen, wenn ich hier widerspreche. König Georgs Unterthan bin ich allerdings, aber keineswegs ein Unterthan von England. In einer Hinsicht bin ich freilich ein Unterthan des brittischen Reichs, bleibe aber nichtsdestoweniger Virginier und Amerikaner. Und wer jemals gegen eines von beiden Ländern seine Verachtung ausdrückt, von dessen Gelbe werde ich niemals auch nur einen Shilling berühren." „Ihr vergeht Euch selbst, junger Mann, und überseht Eure Zukunft. Die paar hundert Pfund Priscngelder, die Ihr bei der letzten Affaire zu Croix mit Eurem Blute erkauftet, werden wohl nicht ewig dauern." „Die sind bereits versorgt, Sir, denn ich habe sie bis auf den letzten Shilling der Wittwe des Bootsführers übersendet, der an meiner Seite getödtet wurde. Wenn gleich nur Amerikaner, bin ich doch keineswegs ein Bettler, Sir Gervaise Oakes. Ich bin 3N0 Besitzer einer Pflanzung, die mir schon jetzt eine anständige Unabhängigkeit sichert, und nicht anS Noth, sondern ans sreier Wahl habe ich Dienste genommen. Wenn Sir Wycherly dies, wüste, würde er es vielleicht billigen, dasi mein Name ausgelassen wird. Ich liebe und verehre ihn gewiß, würde ihn auch herzlich gern von körperlicher wie von geistiger Krankheit befreien, mich aber niemals dazu entschließen, sein Geld anznnchmen, wenn cS mir in Ausdrücken, die ich als demüthigend betrachten muß, angeboten wird." Der junge Mann sprach dieß mit Bescheidenheit, aber auch mit einer Wärme, einer Aufrichtigkeit, welche keinen Zweifel an dem vollkommenen Ernste des Sprechers aufkommcn ließ. Sir Gervaise achtete die Gesinnungen des jungen Mannes viel zu sehr, um noch weiter in ihn zu dringe», und so wandte er sich nach dem Bette und wartete ruhig ab, was der Kranke zunächst Vorbringen würde. Sir Wycherly hatte Alles, was vorging, gehört und verstanden, und selbst in seinem jetzigen Zustande konnte das Gesagte seine Wirkung auf ihn nicht ganz verfehlen. Zu gntmnthig und menschenfreundlich, um auch nur einer Fliege wehe thun zu können, gewann das natürliche Gefühl bei dem alten Manne die Oberhand, und herzlich gerne hätte er jeden Shilling seines gesammten Kapitalvermögens hingcgeben, um seine Nene darüber zu beweisen, daß er jemals eine Sylbe gesprochen hatte, welche eine so edle, hochsinnigc Empfindlichkeit verletzen konnte. Dieß stand aber jetzt außer seiner Macht, und in der peinlichen Lage, in welcher er sich befand, suchte er sein Unrecht, so gut er eben konnte, wieder gut zu machen. „Edler Junge!" stotterte er, „Ehre für den Namen — kommt hierher — Sir Gervaise, bringt hierher-" „Ich glaube, cs ist Sir Wychcrly'S Wunsch, daß Ihr seinem Bette näher tretet, Mr. Wycheeombc ans Virginien," sagte der 30t Viceadmiral mit Nachdruck, und bot dem Jüngling mit freundlichem Lächeln die Hand, als derselbe seinem Wunsche gemäß näher kam. Der Kranke zog, nicht ohne bedeutende Kraftanstrcngung, einen kostbaren Siegelring von seinem Finger. Auf diesem Ringe war das Wychecombc'sche Familicnwappen eingravirt; es zeigte jedoch nicht die blutige Hand des späteren Wappens, denn cs war weit älter, als die Verleihung der Baronetswürdc, und, wieWy- cherly recht wohl wußte, einem der Ahnherrn der Familie von einem Herzoge ans dem Stamme der Plantagcnets — während der französischen Kriege unter Heinrich VI., und zwar zum Andenken an eine besonders glänzende Waffenthat -- verliehen worden. „Tragt dicß — edler Junge — Ehre unseres Namens," sprach Sir Wychcrly — „Bi n ß doch abstammen — alle Wyche- combe stammten — ihre —" „Ich danke Euch, Sir Wychcrly, für dieses Geschenk, das ich nach seinem vollen Werthc zu schätzen weiß," crwiederte Wy- cherlu, und jede Spur eines andern Gefühls, als des der Dankbarkeit, war aus seinen Zügen verschwunden. „Mag es auch sein, daß ich keinen Anspruch auf Eure Würde oder Euer Vermögen besitze, diesen Ring wenigstens darf ich ohne Beschämung tragen, da er Euch von einem Vorfahren verliehen wurde, der eben so gut mein Ahnherr ist, als er der Stammvater jedes anderen Wyche- combe's in England war." „Gesetzmäßig?" rief Tom, der in einem Anfall wilden Ingrimms seine frühere Vorsicht und List gleich sehr vergaß. „Ja, Sir, gesetzmäßig," gab Wychcrly dem Fragenden mit der Ruhe eines Mannes zur Antwort, welcher sich der Wahrheit seiner Aussage bewußt ist; dabei begleitete er seine Worte mit einem Blick, wodurch Tom wieder ganz in seinen früheren Kreis znrückgeschreckt wurde. „Ich bedarf keines Querbalkens, um dieses Siegel gebrauchen zu dürfen, das, wie Sir Gervaise Oakes bemerken wird, ein bncsimiie desselben Wappens ist , welches ich 302 gewöhnlich trage, und das mir von meinem nächsten Vorfahren übergeben wurde." Der Viccadmiral verglich das Siegel an Wycherly's Uhrkette mit dem ans dem Ringe; das Wappenbild bei beiden bildeten Greife, und Sir Gervaise fand, daß das eine das vollständige Konterfei des anderen war. Sir Reginald trat einen Schritt näher, und nachdem der Vieeadnüral sich hinlänglich von der Wahrheit der Sache überzeugt hatte, nahm auch er die beiden Siegel, um sie sorgfältig zu vergleichen. Die ihm bekannten Zweige der Wychecombe's von Wychecombe führten alle dasselbe Wappen, nämlich Greife Von der Herrschaft Wychecombe und von dem Namen Wychcrl y drei Sturmböcke in den vier Ecken — der junge Mann trug, wie er jetzt mit dem ersten Blicke sah, das Zeichen ihres gemeinsamen Ursprungs. Sir Reginald wußte recht wohl, daß Wappen so gut wie Namen sehr häufig von Fremden angenommen werden, und daß ein solches Individuum sich derartige Freiheiten mit um so größerer Straflosigkeit herausnimmt, je dunkler sein Ursprung gewesen; das Siegel aber, das er jetzt in Händen hatte, war sehr alt, und zudem fielen derartige Eingriffe in fremde persönliche Rechte vor hundert Jahren weit seltener als heutzutage vor. Dazu kam noch, daß Wycherly's Charakter, so wie dessen Aeußeres, jeden Betrug, wenigstens was den jungen Lieutenant selbst betraf, ganz außer Frage stellte. Der ältere legitime Zweig der Familie war jetzt allerdings auf den einzigen rettungslosen Greis rcducirt, der hier auf seinem Sterbebette vor ihnen lag — dagegen war seine eigene Linie weitverbreitet, und cs konnte recht wohl der Fall sein, daß ein jüngerer Sohn von den Wychccombe's auf Wychecombe-Regis sich nach den Kolonien verirrt und Nachkommen daselbst hinterlassen batte. Mit dem innerlichen Vorsatze, die Sache näher zu untersuchen, gab Reginald den Ring mit tiefem Ernste zurück, bemerkte aber 303 gegen Sir Gervaise, daß man wohl besser das wichtigere Geschäft, das sic vor sich hätten, wieder aufnehmen würde. Auf diesen Wink griff Atwood abermals nach seiner Feder, und der Viceadmiral begann wieder sein früheres Amt. „Es fehlen noch etwa 7000 Pfund, Sir Wvcherly, um die 20,000 voll zu machen, welche Ihr, wie ich höre, in den Staatsfonds stehen habt. Wessen Name oder Namen soll nun zunächst auf die Liste kommen?" „Notherham — Vikar — armer St. James! — dahin; ja — Mr. Notherham — Vikar." Die Klausel wurde aufgesetzt, die Summe von 1000 Pfund eingczcichnct, und das Ganze sodann vorgelesen und gebilligt. „Noch immer haben wir 5000 Pf. zu freier Verfügung, mein theurcr Sir." Eine lange Pause folgte, während welcher Sir Wycherly mit sich zu Rathe ging, was er mit dem übrigen Gelde anfangeu sollte. Zuletzt blieben seine umherirrenden Blicke auf Mrs. Dut- tons bleichen Zügen hasten; ihr Maine genoß aus bloßer Gewohnheit einer ziemlichen Beliebtheit bei ihm selbst, und dabei gedachte er auch , daß sie so mancherlei Ursache zu Kummer hatte. Mit einem Gefühle, das seinem Herzen Ehre machte, stotterte er ihren Namen und die Summe von 2000 Pfund. Die Klausel wurde demgemäß geschrieben, vorgelescn und genehmigt. „Wir haben jedenfalls noch drei-, wenn nicht gar viertausend Pfund," fuhr Sir Gervaise fort. „Millu — thcurc, kleine — Milk) — hübsche Milly," stotterte der Baronct mit väterlicher Zärtlichkeit. „Dicß muß in ein Eodicill, Sir Gervaise," fiel Atwood ein, „da bereits ein Legat zu Gunsten der jungen Dame vorhanden ist. Wie viel Pfund sollen cs werden zu Gunsten Miß Mildreds, der Ihr bereits 3000 Pfund vermacht habt — ein-, zwei-, drei- oder viertausend?" „Dreitausend," murmelte der Kranke, worauf er nach kurzer Pause noch das Wort „Codicill" beifügte. Sein Wunsch ging in Erfüllung; das Ganze wunde vorge- leseu und bejaht. Hierauf fragte Sir Gervaise, ob der Testator noch weitere Legate auSzusetzeu wünsche. Sir Wychcrly, der in der That bis auf wenige hundert Pfund sein ganzes Vermögen bereits vermacht hatte, besann sich einige Augenblicke über den Stand seiner Angelegenheiten, und bezeigte dann seine Zufriedenheit mit dem, was bis jetzt geschehen war. „Da es doch möglich wäre, Sir Gervaise, daß Ihr irgend Etwas übersehen haben könntet," bemerkte Sir Gervaise, „und cS jedenfalls besser ist, wenn Nichts an die Krone heimfällt, so schlage ich als Ansknnftsmittel vor, irgend einen verantwortlichen Haupterbcn zu ernennen." Der arme, alte Mann gab lächelnd seine Zustimmung zu erkennen und flüsterte dann mühsam „Sir Reginald Wychecombe." Auch diese Kanscl wurde, wie alle anderen, niedergeschriebcn, vorgelese» und gebilligt. Hiermit war das Testament fertig, und man traf nunmehr die nöthigen Vorkehrungen, um dasselbe dem Testator genau und vollständig vorzulesen. Um sich hiebei gegen alle künftigen Einwendungen mit gehöriger Sorgfalt zu verwahren, lasen die beiden Admirale und Atwood, als die drei erwählten Zeugen, ein Jeder einzeln das Testament durch, um später mit Recht bezeugen zu können, daß dem Testator nichts vorgclegt worden, als was er selbst in dem Testament deponirt hatte; ferner, daß nichts ausgelassen worden sei. Als dieß Alles vorüber war, wurde Sir Wycherly das Testament von dem Sekretär langsam und deutlich von Anfang bis zu Ende vorgelesen. Der alte Mann hörte mit vieler Aufmerksamkeit zu, lächelte, als Mildreds Name genannt wurde, und drückte, als Alles beendigt 305 war, mit Worten und Zeichen seine volle Zufriedenheit noch einmal klar und deutlich aus. Es blieb jetzt nur noch übrig, ihm eine Feder in die Hand zn geben, und ihn, unter gehörigem Beistände, seinen Namen zweimal unterzeichnen zu lassen; nämlich einmal am Schlüsse des Testaments, und nachdem dieses auch von den Zeugen in aller Form unterschrieben worden, auch am Ende des Codicills. Nunmehr glaubte Tom Wycheeombe den Augenblick gekommen, wo er gegen die bisherige Verhandlung auftreten müßte. Während des ganzen Vorganges war er wie ans Nadeln gestanden und hatte die verzweifeltsten Plane geschmiedet, um mit kühnem Betrüge seine eigene Abkunft als ächt zu erweisen und sämmtliche Ländereien und Güter seines Oheims als Majoratscrbe cinzuziehcn. Ihm war nicht unbekannt, daß immer »och die höchst wichtige Nebenfrage aufgeworfen werden konnte, wie cs nun mit der Rechtskräftigkeit der beiden Testamente beschaffen sei, und ob denn auch Sir Wycherly zu der Abfassung des letzteren befugt gewesen. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, war es für ihn wesentlich nothwendig, in der Sache einen Protest cinzulegen. „Meine Herren," sprach er und trat bis an den Fuß des Bettes vor, „ich fordere euch sämmtlich auf, die Art dieser ganzen Verhandlung wohl in's Auge zu fassen. Mein armer, geliebter, aber irregeleiteter Oheim hat erst in der verwichenen Nacht einen Schlaganfall oder etwas dem Achnliches erlitten, was ihn jedenfalls unfähig machte, in dieser Sache ein Urtheil zu fällen; hier aber wird er zur Abfassung eines Testamentes gedrängt-" „Von wem, Sir?" fragte Sir Gervaise mit so ernstem Tone, daß der Sprecher erschrocken einen Schritt zurücktrat. „Nun, Sir, meiner Ansicht nach, von Allen, die hier im Zimmer anwesend sind; wenn auch nicht mit der Zunge, so doch mit den Augen." „Und warum sollten denn alle Anwesenden Solches unternehmen ? Bin ich etwa Einer von den Erben? — oder ist Admiral Die beiden Admirale. 20 306 Bluewater Einer von Denen, die bei diesem Testamente zu gewinnen haben? — können überhaupt die Zeugen bei einem Testamente zugleich auch dessen Erben sein?" „Sir Gervaise Oakes, ich wünsche über die Sache keinen Streit mit Euch anzufangen, protestire aber jedenfalls feierlich gegen diese regelwidrige und höchst ungewöhnliche Art, ein Testament abzufassen. Mögen Alle, die mich hören, meine Worte wohl im Gc- dächtniß behalten, und sich bereit machen, dieselben, wenn sie dazu anfgefordert werden, vor einem Gerichtshöfe zu bezeugen." Hier versuchte Sir Wycherly mit gewaltsamer Anstrengung sich in dem Bette aufzurichten; er war offenbar in großer Aufregung, und mühte sich, durch die heftigsten Gcberden seinen Unwillen gegen seinen Neffen auszusprechcn und ihm den Befehl zu erthcilcn, daß er sich augenblicklich aus dem Zimmer entferne. Die Aerztc versuchten ihn übrigens zu beruhigen, während Atwood neben ihm stand und in aller Kaltblütigkeit nur daraus bedacht war, die nöthigen Unterschriften zu erhalten, zu welchem Zwecke er Feder und Papier, auf einem Portefeuille ausgcbreitet, in Bereitschaft hielt. Als Sir Wycherly die Feder empfing, zitterte seine Hand so heftig, daß für den Augenblick an kein Schreiben zu denken war, und ihm ein Stärkungstrauk gereicht werden mußte, um die Kraft seiner Nerven wieder aufzufrischeu. „Fort — aus den Augen," murmelte der aufgeregte Baronet, so daß allen Anwesenden kein Zweifel darüber übrig blieb, wie für den Augenblick als vorherrschendes Gefühl der sehnliche Wunsch in seiner Seele lebte, man möchte den Gegenstand des Anstoßes aus seiner Nähe entfernen. „Sir Reginald — kleine Milly — arme Diener — Brüder — alle Uebrigen — bleiben." „Beruhigt nur Euer Gemüth, Sir Wycherly Wychecombe," fiel Magrath ein, „und auch Euer Körper wird durch dasselbe Mittel wieder erstarken. So wie sich das Gemüth in einem Zustande der Aufregung befindet, leidet das Nervensystem nur gar zu leicht 307 unter einem sympathetischen Einflüsse. Wenn Ihr beide in harmonische Wechselwirkung bringt, werden die testamentarischen Bestimmungen keinen Falls, weder im Schein »och in der Wirklichkeit an Rechtsgültigkcit verlieren." Sir Wychcrly verstand die Meinung des Arztes und rang mühsam nach Selbstbeherrschung. Er erhob die Feder und brachte ihre Spitze glücklich an die ihr bestimmte Stelle. Dann leuchtete sein trübes Auge und schoß einen vorwurfsvollen Blick ans Tom. Mit geisterhaftem Lachen schaute er aus das Papier, fuhr mit der Hand über die Stirne, schloß die Augen und fiel auf seine Kissen zurück; alles Bewußtsein des Lebens, seiner Interessen, seiner Pflichten oder Gefühle war ihm entschwunden. — In zehn Minuten hatte er zu athmcn ausgehort. So starb nach langem Leben Sir Wycherly Wychecombc. Er war ein Mann gewesen, in dessen Charakter verschiedene, höchst zweifelhafte Eigenschaften durch seine große Herzensgüte und eine mehr passive als aktive Menschenfreundlichkeit ausgewogen wurden. Seinen gewöhnlichen Pflichten hatte er mit gewissenhafter Pünktlichkeit und wie ein Mann genügt, in dessen Herzen keine wahrhaft schlimme Neigung Wurzel gefaßt hatte, wohl aber viele wesentliche und wirklich bedeutsame Vorzüge zur Reise gekommen waren. Fünfzehntes Kapitel. Kommt nur. die ihr die schwere Last des Lebens Gleich Sifyphuö hmanschleppt, und am Ziele, Dem fernen, hofft ein Ende eures Strebens! — Umsonst! mit mächt'gem Schwünge donnert wieder Der Stein herab in's Thal, reißt eure Arbeit nieder. Thomson. 'as plötzliche und gewissermaßen unvorhergesehene Ercigniß, das wir am Schluffe des vorhergehenden Kapitels berichtet haben, 80 " 308 brachte in dem Stand der Dinge zu Wychecombe-Hall eine große Veränderung hervor. Das Erste, was vorzunehmen blieb, war, sich von dem wirklichen Tode des Baronets zu überzeugen; Sir Gervaise Oakes namentlich sträubte sich bei seiner eigenthümlichen Gemüthsstimmung lange gegen den Glauben an die Möglichkeit dieser Thatsachc. Waren ja doch schon Manche in Ohnmacht gefallen, und so viel er wußte, bedurfte cs immer dreier Schlagaufälle, bis wirklicher Tod eintrat; noch konnte der Kranke sich erholen und wenigstens so weit wieder auflebcn, daß er seinen so deutlich ausgesprochenen Willen zu bekräftigen vermochte. „In diesem Leben wird der Hingeschiedene Sir Wycherly Wychecombe von Wvchecombe-Hall in Devonshirc keine Handlung irgend einer Art mehr verrichten, ob sie sich nun auf Testament oder Ehe beziehen, und mit den Gesetzen in gutem oder schlimmem Einklänge stehen möge," bemerkte Magrath ruhig und sammelte die verschiedenen Arzneigläser und Instrumente, die er zu seinem Zwecke mitgebracht hatte. „Er ist längst jeder Jurisdiction sowohl von Seiten des Lord Oberkanzlcrs als auch des Kollegiums der Aerzte und Chirurgen enthoben, und derohalben werdet Ihr weise handeln, wenn Ihr ihn als verstorben oder in dem Lichte betrachtet, worin der menschliche Körper erscheint, wenn alle animalischen Funktionen bei ihm aufgehört haben." Damit war die Sache entschieden. Augenblicklich wurden die nöthigen Befehle ertheilt; außer den hiezu geeigneten Dienern sollten alle Uebrigen das Zimmer des Todten verlassen. Wir würden ein Unrecht gegen die Wahrheit begehen, wenn wir behaupten wollten, Sir Wycherly Wychecombe sei von Niemand betrauert worden. Mrs. Dutton und Mildred grämten sich Beide über sein plötzliches Ende, und weinten aufrichtig über seinen Verlust, ohne im Geringsten an die Folgen zu denken, welche er für sie selbst herbeisühren mußte. Die Tochter dachte nicht einmal L 309 daran, wie nahe es ihr gestanden hatte, Besitzerin von 6000 Pfund zu werden, und wie ihr so sehr zur unglücklichen Stunde der Becher verglcichungsweisen llebcrflusses von den Lippen genommen worden war; nur die Mutter erinnerte sich, wie wir zur Ehre der Wahrheit gestehen müssen, ein einziges Mal dieses Umstandes, und ein dem Bedauern ähnliches Gefühl erfaßte ihre Brust. Aehnliche Erinnerungen mochten auch bei den Schmcrzcns- äußcrungen derUcbrigcn ihren Einfluß ausüben. Die Dienerschaft besonders war zu sehr betäubt, um sich für jetzt einem besonderen Grame hingcben zu können; Sir Gcrvaise und Atwood waren Beide außerordentlich ärgerlich. Mit einem Worte — der äußere Anstand wurde zwar geziemend gewahrt, doch von den Trauer-Gefühlen, wie sie bei solchen Veranlassungen hcrvorzubre- chen pflegen, war nur sehr wenig zu bemerken. Sir Reginald Wychecombe beachtete diese Umstände mit vieler Aufmerksamkeit, und ergriff demgemäß die nöthigen Maßregeln. Er benützte einen günstigen Augenblick, um sich mit beiden Admiralen zu berathen, und alsbald war auch sein Entschluß gefaßt. Eine Stunde nach dem Hinscheiden seines Verwandten waren sämmtliche Gäste, so wie die Mehrzahl der höheren Dienerschaft in einem Zimmer versammelt, das nach dem im Hause üblichen Gebrauche das Bibliothekzimmer genannt wurde, obwohl nur wenige Bücher vorhanden waren, und diese mir selten gelesen wurden. Zuvor hatte eine Berathuug zwischen Sir 'Reginald und den beiden Admiralen stattgefundcn, woran Atwood e;x «sliei«> Theil genommen hatte. Da sonach Alles zum Voraus vorbereitet worden, so wollte man auch, nachdem die Gesellschaft versammelt war, die Zeit nicht ungenützt verstreichen lassen; vielmehr fing der Hertfordshirer Ba- ronet augenblicklich an, seinen Plan so klar wie möglich zu entwickeln. „ Meine Herren, und ihr, gute Leute und Diener des verstorbenen Sir Wycherly Wychecombe," begann er; „ihr Alle seid mit 310 dem unglücklichen Zustande dieses Haushaltes bekannt. Durch den Tod seines Herrn ist er ohne Haupt oder Stütze, und da der Verstorbene als Junggeselle aus diesem Leben geschieden ist, so ist kein Kind vorhanden, das als natürlicher oder gesetzlicher Nachfolger seine Stelle einnchmen könnte. In einer Hinsicht zwar könnte i ch als der nächste unter seinen Verwandten gelten; doch habe ich nach dem Wort sinne des gemeinen Rechts keinen Anspruch auf die Nachfolge. Nichtsdestoweniger ist euch Allen bekannt, wie es die Absicht unseres verstorbenen Freundes war, mich zu seinem Testamentsvollstrecker cinzusetzen, und ich halte es nun für das Zweckdienlichste, nach einem Testamente Nachforschungen anzustellcn, das, wenn es pflichtgemäß abgcfaßt ist, über Alles in diesem Hause verfügen und uns in Kcnntniß setzen wird, wer in diesem feierlichen, gewichtigen Augenblicke berechtigt ist, den Befehl allhier zu führen. Mir wenigstens, Sir Gervaise Oakes, erscheinen die Umstände so eigcnthümlich, daß ein rasches Verfahren wohl als nothwendig erscheinen möchte." „Ich bin vollkommen Eurer Ansicht, Sir Reginald," erwie- derte der Viceadmiral; „ehe wir übrigens weiter gehen, möchte ich als passend anrathen, daß wir so weit möglich alle diejenigen Personen um uns versammeln, welche ein Interesse an dem Resultate haben können. Mr. Thomas Wpcheeombc, den vermeintlichen Neffen des Verstorbenen, kann ich nicht unter uns bemerken." Bei näherer Untersuchung fand sich, daß diese Bemerkung richtig war. Augenblicklich wurde Tom Wychccombe's Diener, der von seinem Herrn als Spion hierher beordert worden war, mit der Bitte au Letzteren abgcsendet, daß er alsbald erscheinen möchte. Nach einem Zwischenraum von zwei bis drei Minuten brachte der Bursche die Antwort seines Herrn zurück. „Sir Thomas Wycheeombe," so meldete er, „läßt sich den Herren empfehlen, und wünscht zu wissen, zu welchem Zwecke sie ihn hierher gebeten haben. Er ist auf seinem Zimmer, um dem 311 natürlichen Kununer über seinen nenlichen Verlust nachzuhängen, und wenn es den Herren angenehm wäre, so würde er vorziehen, gerade in diesem Augenblicke mit seinem Schmerze allein zu bleiben." Dieß hieß für den Anfang einen hohen Ton anstimmen; zudem hatte der Bursche seine Rolle wohl einstudirt, und richtete seine Botschaft mit einer Deutlichkeit, einer Festigkeit aus, welche ihre Wirkung auf die Dienerschaft nicht verfehlen konnte. Sir Reginald wurde slammroth, Sir Gervaise biß sich in die Lippen, Blucwater spielte i» völliger Gleichgültigkeit gegen Alles, was, um ihn vorging, mit seinem Degengefäß, während Atwood mit den Aerzten die Schultern zuckte und lächelte. Der Erste von den Genannten wußte recht wohl, daß Tom auch nicht den Schatten eines Anspruchs aus den Titel besaß , den er sich mit so vieler Hast angemaßt hatte, und hoffte, daß die Mischung von Schwäche und Unverschämtheit, welche ihm in der Botschaft des Dieners ausficl, ein treues Abbild von dem Ungrund aller einzelnen Rechte seines Herrn sein möchte. Fest entschlossen also, sich in seinem jetzigen Vorhaben durch gar Nichts störeu zu lassen, wandte er sich von Neuem an den Burschen und schickte ihn mit einem abermaligen Austrage zurück, der denn auch dießmal seinen Zweck nicht verfehlte. Der Diener wurde angewiesen, seinen Herrn zu benachrichtigen, daß Sir Reginald Wychecombe im Besitz von Thatsachcn sei, welche seiner Ansicht nach die von ihm eiuge- schlagene Bahn vollkommen rechtfertigten, und wenn ,Mr. Thomas Wpchecombch für gut halte, dabei nicht zu erscheinen, um seine eigenen Interessen zu wahren, so würde er ohne ihn weiter verfügen. Diese Botschaft brachte Tom Wychecombe augenblicklich herbei. Sein Gesicht war bleich, doch eher von Ungewißheit als aus Kummer, denn seine Seele war von tiefen Besorgnissen bewegt, wie Jeder, selbst der verworfenste Bösewicht sie empfinden wird, wenn er den ersten, wichtigen Schritt zum Schlimmen unternimmt. Uebri- 312 gens verbeugte er sich gegen die Gesellschaft mit einer Miene, worin er zeigen wollte, daß er als feiner, wohlerzogener Mann die Pflichten gegen seine geehrten Gäste wohl zn beobachten wisse. „Wenn ich," so begann er, ,,irgend eine von den Pflichten des Wirthes zu vernachlässigen scheine, so werden die Herren in Betracht meiner gegenwärtigen Gefühle mir hoffentlich solches nachsehen. Sir Wycherly war meines Vaters ältester Bruder, und war mir eben so theuer, als er mir nahe stand. Durch diesen traurigen Tod bin ich plötzlich und unerwartet zum Haupt unserer uralten, geachteten Familie erhoben worden, Sir Reginald; ich erkennender wohl, wie sehr ich selbst rinwürdig bin, eine so ausgezeichnete Stellung einzunehmen, und fühle recht gut, wie Ihr sie um so viel besser ausgefüllt haben würdet. Das Gesetz hat zwar eine weite und unübersteigliche Scheidewand zwischen Eurer Linie und unserem Stamme aufgerichtet; trotzdem werde ich stets bereit sein, die Verwandtschaft anzuerkenncn und frei zn gestehen, daß sie uns eben so viel Ehre verleiht, als sic gewährt." Sir Reginald suchte sich mit großer Anstrengung so weit zu beherrschen, daß er die Verbeugung des Andern crwicdcrte und seine herablassende Sprache mit der uöthigcn Achtung anhörte. „Ich danke Euch, Sir," gab er mit förmlicher Höflichkeit zur Antwort; „eine Verwandtschaft, welche wirklich und gesetzlich bewiesen werden kann, wird nie von mir verläugnct werden. Unter den gegenwärtigen Umständen aber, da ich von dem verstorbenen Sir Wycherly selbst an sein Sterbebette gerufen und gewissermaßen mit seinem letzten, erlöschenden Athcmzuge zu seinem Testamentsvollstrecker ernannt worden bin — halte ich's für meine Pflicht, die Rechte aller Parteien zu untersuchen und mich wo möglich zu überzeugen, wer eigentlich der Nachfolger ist und demgemäß die gegründetsten Ansprüche hat, den Befehl in diesem Hause zu führen." „Ihr werdet doch dem beabsichtigten Testamente, das aus so 313 sonderbare Weise in meines theuren Oheims Gegenwart eine Stunde vor seinem Tode ausgezeichnet wurde, nicht etwa Rechtskräftigkeit zutrauen wollen, Sir Reginald? Selbst wenn jenes höchst außergewöhnliche Instrument unterzeichnet und besiegelt worden wäre, glaube ich kaum, daß cs vor einem Gerichtshöfe hätte bestehen können: ununte r s chricbc n und ungesiegelt aber ist cs um nichts besser als ein leerer Wisch Papier." „Was den Besitz des Gruudeigenthums betrifft, Sir, so will ich zngeben, daß Ihr recht habt, wenn ich gleich Derjenige bin, der durch einen Aufschub von fünf Minuten am Meisten verlor. Was aber das bewegliche Eigenthum betrifft — da möchte sich denn doch — in Anbetracht der deutlich ausgesprochenen Absicht Eures Oheims — eine Frage der Billigkeit erheben, wiewohl ich auch darüber noch nicht völlig im Reinen bin." „Nein, Sir; nein!" rief Tom, und trotz der Anstrengung, mit der er sich zwang, eine» Anschein der Ruhe beizubchaltcn, leuchtete dennoch ein Strahl des Triumphs auf seinen erröthenden Wangen; „kein englischer Gerichtshof wird jemals die Erbschaft des Grundbesitzes von der des beweglichen Eigenthumes trennen! Ich bin zwar gewiß der Letzte, der gegen manche dieser Legate eine Einsprache zu erheben wünschte — so namentlich nicht gegen das für Mr. Rothcrham und diese armen, treuen Diener" — Tom sah nämlich wohl ein, wie klug cs sein würde, sich in einem so kritischen Momente Freunde zu gewinnen, und seine Erklärung hatte auch einen augenblicklichen, mächtigen Erfolg, wie man an den Mienen mancher Zuhörer deutlich erkennen konnte—„auch nicht gegen das von Miß Mildrcd Dutton; sie Alle sollen eben so pünktlich ausbezahlt werden, als ob mein geliebter Oheim noch bei seinem vollen Verstände gewesen wäre und seine Legate mit allem Rechte ausgesctzt hätte; denn eine solche Mischung von Verstand und Gerechtigkeit mit wunderlichen, außerordentlichen Einfällen ist bei Personen von hohem Alter, besonders in ihren letzten Augen- 314 blicken keineswegs ungewöhnlich. Dennoch ersuche ich Euch, Sir Reginald, nur weiter fortzufahren, und ganz so zu handeln, wie es nach Eurem eigenen Urtheil die außerordentlichen Umstande eines, wie man wohl sagen darf, so ganz eigenthümlichen Falles erfordern mögen." „Ich halte cS für unsere Pflicht, Sir, Nachsuchuugen nach einem Testamente anzustelleu. Ist Sir Wycherly wirklich ohne Testament gestorben, so ist es immer noch Zeit, die Frage wegen der Nachfolge nach gemeinem Rechte näher zu untersuchen. Ich habe hier die Schlüssel seines Schreibtisches, und wie mir Mr. Für- long, der Landrentmeistcr, der so eben angckommen ist und den Ihr hier vor Euch seht — berichtet, hielt Sir Wvcherly gewöhnlich alle seine werthvollen Papiere in diesem Schranke aufbewahrt. Ich will also damit anfangcn, den Schreibtisch zu eröffnen." „Ja, ja, Sir Reginald, thnt es nur; Niemand kann sehnlicher als ich wünschen, meines geliebten Oheims Willen zu erfahren. Diejenigen, welchen er noch Etwas verleihen zu wollen schien, sollen darum nicht leer ansgehen, weil seinem Testamente die Unterschrift fehlt." Durch diese listige Erklärung war Tom in der guten Meinung der Mehrzahl der Anwesenden bedeutend gestiegen, und hatte sich diese dadurch sämmtlich für den Fall zu Freunden gewonnen, daß irgend ein Zwischcncreigniß eine solche Unterstützung nöthig machen sollte. Unterdessen hatte Sir Reginald mit Hilfe des Rentmeisters den Schreibtisch geöffnet und alle daselbst hinterlegten Papiere ausgefunden. Die Pachtkontrakte waren alle in Ordnung, die Eigen- thnmsurkunden sämmtlich vollzählig ; Bücher und Rechnungen schienen sehr genau geführt zu sein; gewöhnliche Schuldverschreibungen und Quittungen waren systematisch znsammengehestet; zwei oder drei Säckchen mit Guineen zeigten, daß es auch nicht an baarem Kassen- vorrath gebrach — kurz, Alles bewies, daß der Verstorbene seine 315 Angelegenheiten in vollkommener Ordnung und in einem sehr leicht zn übersehenden Zustande hinterlassen hatte. Aber ein Papier nach dem andern wurde geöffnet, ohne auch nur die geringste Spnr eines Testamentes, auch weder Skizze noch Kopie eines solchen, vorzufindcn. Täuschung war auf allen Gesichtern zu lesen, denn Alle hatten sich, ohne es zu wissen, der Ansicht hingegeben, daß ein Vorgefundenes Testament auf eine ihueu selbst noch unbekannte Weise die Hoffnungen des sogenannten Sir- Thomas Wychecombe zu Nichte machen müßte. Tom selbst war nicht ganz ohne Besorgniß; denn seit erbemerkt hatte, daß seines Oheims Gesinnung gegen ihn eine andere geworden war, fürchtete auch er insgeheim, cs möchte irgend ein Papier vorgefundcn werden, das seinen Hoffnungen ein Ende machen könnte. Allmählig jedoch begann in dem Ausdrucke seines Gesichts Triumph an die Stelle der Angst zu treten, und als Mr. Furlong, ein durchaus ehrcnwerther Mann, nach vollendeter Nach- suchung erklärte, wie sich sowohl nach des verstorbenen Baroncts Denkweise als nach dem Resultate ihrer Nachforschung mit Sicherheit annehmen lasse, daß kein derartiges Instrument eristire — da machte sich seine Freude in Worten Lust. „Nicht so rasch, Meister Furlong, nicht so rasch!" rief er. „Hier ist Etwas, was sogar Euer legaler Scharfsinn ein Testament zu neunen gewillt sein wird. Die Herren werden bemerken, daß ich es mit vollem Recht in meinem Besitze habe, da es an mich adresfirt ist und dazu Sir Wycherly's eigene Handschrift trägt. Der Nmschlag ist mit seinem eigenen Petschaft versiegelt. Ihr werdet dicß als meines thcuren Oheims Hand erkennen, Furlong," — hier zeigte er ihm die Aufschrift des Schreibens — „und eben so dieses hier für sein Siegel erklären?" „Beide sind ächt, meine Herren," antwortete der Rentmeister mit einem Seufzer. „So weit wäre Mr. Tbomas allerdings im Recht." 316 „Mr. Thomas! Ihr Grobian! Warum denn nicht Sir Thomas? Werden Baroncts in England etwa so wie andere Leute titulirt? Doch gleichviel! Das Alles wird mit der Zeit schon kommen. — Sir Gervaise Oakes, Ihr seid vollkommen unparteiisch in der Sache, und so bitte ich Euch um die Gefälligkeit , dieses Siegel zu eröffnen und die darin enthaltenen Papiere zu untersuchen." Der Viceadmiral öffnete ohne Zögern, denn seine Theilnahme an dem Ausgange hatte nunmehr den höchsten Grad erreicht. Wie der Leser schon zum Voraus geahnt haben wird, hatte Sir Gervaise von Tom das von dessen Vater aufgesetzte Testament erhalten, welches Sir Wycherly später, nachdem er den Namen seines vermeintlichen Neffen eingeschrieben, in aller Form unterzeichnet und der am meisten betheiligten Person überliefert hatte. Umschlag, Aufschrift und äußeres Siegel hatte Tom noch am nämlichen Tage besorgt, da das Testament unterschrieben worden war, natürlich erst, nachdem er dessen Inhalt sechs- oder achtmal sorgfältig überlesen hatte. Der Viceadmiral las das Instrument von Anfang bis zu Ende und reichte es dann Sir Reginald zur näheren Untersuchung. Letzterer erwartete zuversichtlich eine plumpe Verfälschung vor sich zu finden; sobald sich aber seine Augen ans die Fassung des Ganzen richteten, erkannte er augenblicklich, daß das Testament von einem Rechtsvcrständigeu abgesaßt worden war. Ein zweiter Blick genügte, um ihm zu sagen, daß es von Mr. Baron Wychecombe's Hand war. Wie wir schon im Anfang erzählten, hatte Sir Wycherly darin Alles, was er auf Erden besaß, .seinem Neffen, Thomas Wyche- combe, Sohn u.'s. w. u. s. w/ vermacht, und seinen Erben zugleich auch zum Vollstrecker des Testamentes eingesetzt. „Dieses Testament scheint mir einen sehr geschickten Rechtsmann, nämlich den verstorbenen Baron Wychecombe, znm Verfasser zu haben," bemerkte der Baronet. 317 „So ist es, Sir Reginald," gab Tom so unbefangen als möglich zur Antwort. „Er that es meinem verehrten Oheime zu Gefallen, und ließ dabei die Stellen für den späteren Erben noch offen, da er das Testament nicht so ausschließlich zu Gunsten seines eigenen Sohnes abzufafscn wünschte. Sir Wycherly hat nachher eigenhändig die leeren Stellen ausgesüllt, und dadurch wohl keinen Zweifel mehr über seine Abficht übrig gelassen." „Wie ich sehe, habt Ihr alle Ansprüche auf die Erbschaft von Wychecombe, sowohl ansGrundbcsitz, als aus persönliches Eigenthum — für Euch, Sir. Eure Ansprüche aufdie Baronetswürde aber werden ganz gewiß bestritten und niedergeschlagen werden." „Und warum niedergeschlagen?" fragte Wycherly, zum ersten Male mit einer Neugierde vertretend, die er kaum mehr zu bcmei- stern vermochte. „Ist denn Mr. Thomas — Sir Thomas, wie ich eher sagen sollte — nicht der älteste Sohn von dem nächsten Bruder des verstorbenen Sir Wycherly, und somit auch der natürliche Erbe des Titels, so wie der Herrschaft von Wychecombe?" „O nein, das ist er nicht, wie ich nach sorgfältiger Prüfung aller Beweise unwiderleglich darthnn kann. Mr. Baron Wychecombe war niemals vermählt, und konnte also auch keine gesetzlichen Erben haben." „Ware es möglich! So sind wir also in Amerika Alle getäuscht worden!" „Warum fragt Ihr eigentlich, junger Herr? könnt Ihr vielleicht irgend einen gesetzlichen Anspruch erheben?" „Ich bin Wycherly, der einzige Sohn Wycherly's, des ältesten Sohnes von Gregory, dem jüngeren Bruder des verstorbenen Ba- ronetS, und bin somit, wenn Eure Aussage richtig ist, wenigstens für die Nachfolge in der Baronetswürde der zunächst berechtigte Erbe." „Das ist —" Tom erstickten die Worte in der Kehle, denn das ruhige, ernste Auge des jungen Seemanns begegnete seinem Blicke und warnte ihn vor jeder Unvorsichtigkeit. „Dieß ist ein 318 Mißverständuiß," stotterte er endlich. „Mein Onkel Gregory verunglückte zur Sec, und stark als Junggeselle. Er kann keine gesetzliche Nachkommenschaft hinterlassen haben/ „Ich muß bekennen, junger Mann," sprach auch Sir Reginald mit tiefem Ernst, daß die Geschichte seines Lebens von jeher so erzählt wurde. Ich hatte ein zu naheliegendes Interesse für die Familie, um ihre Geschichte zu vernachlässigen." „Ich weiß recht gut, Sir, daß dicß wohl länger als fünfzig Jahre hindurch als allgemeine Meinung hier verbreitet war; allein sic gründete sich nur auf einen Jrrthnm. Die Sache ist einfach diese: „Mein Großvater, ein heißblütiger, ungestümer, junger Mann, verging sich bei einer Landung aus einer der westindischen-Inseln gegen einen älteren Lieutenant so weit, daß er sogar im Dienste nach ihm schlug. Auf ein solches Vergehen ist bekanntermaßen Todesstrafe gesetzt; aber weder der beleidigte Theil noch der Kommandant des Schiffs wollten die Sache auf's Ncnßerste treiben: Letzterer gab vielmehr dem Beleidiger den Rath, im Augenblicke des Ankerlichtens das Schiff heimlich zu verlassen. Der Beleidigte wurde zu seinem Entschlüsse durch den Umstand vermocht, daß mein Großvater in einem früheren Duelle, nachdem der Gegner sein Feuer- abgegeben , in frcimüthiger Anerkennung seines Fehlers, dasselbe zu erwiedern sich geweigert hatte. Das Schiff segelte ohne Mr. Gregory Wychecombe ab und ging mit Mann und Maus zu Grunde. „Mein Großvater kam nach Virginicn und verweilte daselbst ein ganzes Jahr, ohne seiner Geschichte mit einer Sylbe zu erwähnen, um nicht zuletzt noch zu einer militärischen Strafe gezogen zu werden. Die Liebe besiegelte endlich sein ferneres Schicksal. Er heirathete eine Frau von Vermögen; seine Geschichte wurde zwar im engeren Familienkreise wohl bekannt, ist aber niemals über denselben hinausgedrungen. Niemand hatte eine Ahnung davon, daß er noch zu der Nachfolge in dem Majorat der Familie gelangen könnte, und so war also auch kein Grund vorhanden, zur 319 Wahrung seines Interesses die Sache bekannt zu machen. Er schrieb ein einziges Mal an Sir Wychcrly, unterdrückte seinen Brief aber wieder, da er glaubte, daß derselbe wohl eher Kummer als Freude erregen möchte. Dieser Brief ist, von seiner eigenen Hand geschrieben, in meinem Besitze. Auch sein Offizicrspatcnt nebst allen weiteren Beweisen seiner Identität, wie ein Mann seines Standes sie stets bei sich fuhren wird, befinden sich in meinen Händen. Letztere sind so Vollständig, daß jeder Gerichtshof in der gesammten Christenheit damit zufrieden sein wird; denn mein Großvater fand nie für nöthig, seinen Namen zu ändern. Er starb' erst vor zwei Jahren; vor seinem Tode sorgte er noch dafür, daß alle Dokumente, welche zur Begründung meiner Ansprüche erforderlich sein könnten — wenn je einmal der Fall zur Geltendmachung derselben cintreten sollte — in durchaus gesetzlicher Form hcrgestellt wurden, so daß jedes Bekrittln von irgend einer Seite unmöglich gemacht würde. Er überlebte meinen eigenen Vater; Keiner von uns hatte je daran gedacht, sich in der Heimath sehen zu lassen, denn wir Alle waren der Meinung, der Baron Wvchecombe habe rechtmäßige Kinder. So kann ich blos sagen, Sir: ich besitze vollständige gesetzliche Beweise für die Behauptung, daß ich der gesetzliche Erbe Gregory's, des jüngeren Bruders des verstorbenen Sir Wychcrly Wvchecombe bin. Ob dieser Umstand mir hier irgend ein Recht verleiht, das könnt Ihr selbst am besten ermessen." „Er wird Euch zum Majoratserbcn dieser Herrschaft, zum Herrn dieses Hauses und fast seines ganzen Inhalts — endlich zum wirklichen Baronet von Wvchecombe machen. Ihr habt das, was Ihr sagt, nur noch zu beweisen, um, mit Ausnahme der Verfügungen über das bewegliche Eigcnthum, jede weitere Verordnung dieses Testaments null u»d nichtig zu machen." „Bravo!" jubelte Sir Gervaise und rieb sich die Hände vor Vergnügen. „Bravo, Dick. Wären wir am Bord des Plantagenet, beim Himmel, ich ließe alle Hände aushebm und brächte i 320 dem jungen Baronet ein dreimaliges Hnrrah! Nun, nun, mein tapferer, junger Seemann, so seid Ihr also doch noch Sir Wu- chcrly Wuchecombe geworden." „Ja, ia, so machen wir's allemal am Bord unserer Schiffe," erklärte Gallevgo der ihn umgebenden Gruppe der Dienerschaft, „so oft sich irgend etwas Freudiges ereignet. Manchmal geben wir Admiral Blue und den klebrigen ein Zeichen, daß „sie uns bei unseren Chcers beistchcn sollen" — dann geht'S an ein Schreien und Jubeln, wie wenn unsere Mägen voll Hurral/s wären, und wir um jeden Preis derselben loS werden müßten. Wenn nur Sir Jarvy das rechte Wort aussprcchcn wollte, dann solltet ihr einen Vorgeschmack von dieser unserer Sitte bekommen, daß Eure Ohren noch volle zwölf Monate genug daran haben würden. Es ist immer ein freudiges Ereigniß, wenn Einer von unserem Stande plötzlich der Erbe einer Herrschaft wird." „Und ist dicß wohl die geeignete Art, Sir Gcrvaise Oakes, eine Frage über Eigenthumsrcchte zur Entscheidung zu bringen," fragte Tom mit mehr Recht und Vernunft auf seiner Seite, als dieß gewöhnlich bei ihm der Fall war; „und zwar noch während meines Oheims Leiche sich unter diesem Dache befindet?" „Ich erkenne die Gerechtigkeit Eures Vorwurfes, junger Herr, und will nichts mehr in der Sache äußern, wenigstens nichts so Unpassendes, wie meine letzte Bemerkung gewesen. — Sir Reginald, die Sache ruht in Eurer Hand, und ich empfehle sie Eurer ernstlichsten Beachtung." „Fürchtet nichts, Sir Gcrvaise," gab Der ans Hertfordshirc zur Antwort. „Es soll mit Gerechtigkeit über das Erbe verfügt werden, so lange noch Gerechtigkeit in England zu finden ist. — Eure Geschichte, junger Herr, trägt das Gepräge der Wahrscheinlichkeit an sich. Eure Erzählung ist natürlich, und ich erkenne jetzt selbst eine Familienähnlichkeit zwischen Euch und der ganzen Wyche- combe'schen Familie — eine Achnlichkcit, von welcher wenigstens in 321 der Person des andern Bewerbers auch nicht die leiseste Spur zu entdecken ist. Handelte cs sich nur darum, die Frage über die Abkunft von Mr. Thomas Wychecombc festzustellen, so könnten wir sehr leicht fertig werden, da ich das Zcngniß seiner eigenen Mutter nicht nur über seine uneheliche Geburt, sondern auch noch über einen andern höchst wesentlichen Umstand in Händen habe, der möglicherweise sogar das Testament des verstorbenen Barons Wychecombc über den Hansen werfen konnte. Sir Wycherly's testamentarisches Vermächtniß aber erscheint hier so vollständig, daß nichts als die Majoratserbfolge dasselbe aufzuhebcn vermag. — Ihr sprecht von Beweisen, wo find sie? Es^ist von der höchsten Wichtigkeit, zu erfahren, welcher von beiden Theilen zu dem Besitze berechtigt ist." „Hier sind sie, Sir," antwortete Wychcrly, indem er seinen Leibgürtel bei Seite schob und seine Papiere hervorzog; „zwar nicht im Original — denn die meisten derselben sind als offizielle Gcrichtsaktcn in Virginien deponirt — aber in ,beglaubigten Abschriften,' wie's die Advokaten nennen, und diese sollen in einem Zustande sein, daß sie vor jedem Gerichtshöfe in England, der über solche Dinge zu erkennen hat, als Beweise meiner Behauptung bestehen können." Sir Reginald nahm die Papiere, und begann sie, eines nach dem andern, mit tiefer Aufmerksamkeit zu durchlesen. Der Beweis über die Identität des Großvaters war vollständig und stand außer allem Zweifel. Er war von einem seiner ehemaligen Schulkameraden, dem Statthalter der Provinz, wieder erkannt worden, und eben dieser alte Freund hatte ihn bestimmt, so viele Mühe auf die Herstellung des Beweises seiner Identität zu verwenden. Die beiden Trauungsscheinc, der eine über die Vermählung mit Johanna Be- verley, der andere über die mit Rebekka Randolph, nebst beiden Geburtszeugniffen, waren in der besten gerichtlichen Form vorhanden. Die persönliche Identität des jungen Mannes und zwar als einzigen Sohnes Wycherly's, des ältesten Sohnes von Gregory, Die beiden Admirale. ZI 322 war ebenfalls auf eine Art nachgewiesen, daß nicht wohl ein Zweifel mehr übrig bleiben konnte. Mit einem Worte, die Beweise waren der Art, wie sie ein sorgfältiger, erfahrener Advokat in einem Falle sammeln würde, der zwar keine eigentliche Zweifel zuläßt, aber dennoch der Bestreitung vor einem Gerichtshöfe ausgesetzt sein kann. Sir Reginald brachte eine volle halbe Stunde mit dem Dnrch- lesen der Papiere zu. Während dieser ganzen Zeit war jedes Auge auf ihn geheftet und bewachte den Ansdruck seines Gesichts mit der ängstlichsten Sorgfalt. Endlich hatfp er seine Aufgabe beendigt und wandte sich wieder zu Wycherlp. „Diese Papiere sind mit großer Umsicht und mit höchst genauer Kenntniß dessen, was nöthig war, gesammelt worden," sagte er. „Warum blieben sie so lange unterdrückt, und warum ließt Ihr Sir Wychcrly Hinsterben, ohne ihn über Eure nahe Verwandtschaft zu ihm, so wie über Eure Ansprüche aufzuklärcn?" „Meine Ansprüche waren mir selbst unbekannt, denn ich hegte die Meinung, daß nicht nur Mr. Thomas Wvchecombe, sondern auch seine beiden jüngern Brüder noch vor mir kämen. Dieß war auch meines Großvaters Ansicht, selbst während er die hier vorliegenden Beweise vorbereiten ließ. Sie wurden mir mitgegebcn, damit ich bei meiner Ankunft in England wenigstens meine Verwandtschaft mit der Familie Nachweisen könnte, und mein Großvater trug mir dabei noch besonders aus, daß ich sie stets mit mir führen sollte, bis der Augenblick, sie zu gebrauchen, gekommen sein würde." „Das erklärt den einen Punkt, daß Ihr nämlich nicht mit Euren Ansprüchen hervortratet, — warum aber unterließt Ihr, Eure Verwandtschaft darzulegen?" „Wozu auch, Sir? Ich fand, daß man in England auf Amerika und alle Amerikaner herabsah, daß man von den Kolonisten, als von einer Klasse untergeordneter Wesen sprach, die im Vergleich mit denen, von welchen sie noch vor so kurzer Zeit entsprungen waren, 323 kleiner von Statur, schwächer an Verstand und ärmer an Geist lein sollten — und da war ich denn doch zu stolz dazu, um eine Verwandtschaft einzngestchcu, die, wie ich deutlich erkannte, nicht in den Wünschen der anderen Partie liegen konnte. Verwundet und dem Tode nahe wurde ich hier auf meinen eigenen Wunsch aiks Land gesetzt, und damals war ich entschlossen, meine Abstammung bekannt zu machen; mittlerweile gerietst ich aber unter die Pflege zweier hilfreicher Engel" — hier warf Wycherly seine Blicke aus Mildred und ihre Mutter — „und so fühlte ich den Mangel an Verwandten weniger. Sir Wycherly habe ich stets verehrt; aber auch er betrachtete uns Amerikaner zu entschieden nur wie untergeordnete Wesen, als daß ich den Wunsch hegen konnte, mich ihm als Großneffe vorzustellen." „Ich fürchte, Sir Gervaise, wir Alle sind nicht ganz von diesem Vorwurfe frei zu sprechen," erwicderteSir Reginald nachdenklich. „Wir scheinen Alle zu glauben, dieser Theil der Insel trage etwas an sich, was uns besser als andere Leute mache. Ja, wenn je einmal von jens eits des Wassers ein Anspruch irgend einer Art erhoben wird, so fällt uns dieß sogleich als befremdend aus, und wir nennen's dann gar zu gerne eine unzulässige Forderung. Dem Schicksal, welchem selbst Prinzen nichl entgehen, müssen doch gewiß auch geringere Leute sich unterwerfen!" „Ich kann dieses Gefühl wohl begreifen und finde, daß es dem jungen Manne alle Ehre macht. Admiral Bluewater hat, wie ich selbst, schon oft Gelegenheit gehabt, diesen nämlichen Geist unter unfern jungen Offizieren zu tadeln, und er wird mir bestimmt Recht geben, wenn ich behaupte, daß der junge Herr hier nur durchaus naturgemäß gehandelt hat." „Ich muß Sir Gervaise's Aussage allerdings bestätigen," antwortete Bluewater, „und als betagter Mann von vielseitiger Erfahrung, die ich zum Theil in den Kolonien selbst gesammelt habe, wage ich vorauszusagen, daß eben dieses nämliche Gefühl 21 * 324 früher oder später in allen seinen Folgen über England Hereinbrechen und uns für unfern Ucbermnth geziemend bestrafen wird." „So weit möchte ich doch nicht gehen, Dick — so weit denn doch nicht. Aber es ist jedenfalls nnweise und unnatürlich, und wir, die wir beide Hemisphären kennen, sollten uns solcher Ungerechtigkeit zuerst widersetzcn. Wir haben bereits einige tapfere Jungen ans jenem Welttheile unter uns, und ich hoffe es noch zu erleben, deren mehrere zu sehen." Dich wurde, wie wir erinnert haben wollen, gesprochen, noch ehe die Hallowels, Cosfins und Brcntons unserer Tage, die seitdem ihren Landsleuten so fremd geworden sind, auf den englischen Grellsten zu lesen waren; cs beweist aber, wie man damals schon der Erscheinung solcher Helden, so wie noch mancher anderer hoher Namen aus den Kolonien, in den Reihen der brittischen Marine entgegensah. Wychcrly lächelte stolz, ohne eine Antwort zu geben. — Sir Reginald war diese ganze Zeit über schweigend dagcstanden und schien über das Vorgegangene nachzustnnen. „Gegen unsere frühere Meinung möchte es nun dennoch scheinen, ihr Herren," bemerkte der Letztere endlich, „daß ein Erbe für die Baronetswürde, so wie für die Herrschaft von Wvchecombe wirklich vorhanden ist, und all' unser Bedauern, daß der verstorbene Besitzer nicht noch so lange am Leben blieb, um das Testament, das wir auf seine Bitte aufgesetzt, zu unterzeichnen — ist demnach unnütz gewesen. Sir Wvcherly Wvchecombe, ich gratulire Euch von Herzen zu der Nachfolge in der Würde und dem Besitz unserer Familie; als ein Mitglied der Letzteren werdet Ihr mir erlauben, allen Verwandten unseres Namens Glück zu wünschen, daß sie in Euch einen so würdigen Repräsentanten gesunden haben. Im Namen der klebrigen begrüße ich Euch mit freudigem Herzen als Haupt unserer Familie." Wycherly dankte mit einer Verbeugung und empfing eben so die Glückwünsche der meisten Anwesenden. 325 Tom Wvchecombe allein machte eine Ausnahme; statt sich irgend geneigt zu zeigen, sich dieser summarischen Verfügung über seine Ansprüche zu unterwerfen, brütete er vielmehr über die Mittel, dieselben auf's Neue geltend zu machen. An den Mienen der höheren Diener konnte er erkennen, daß sic durch scin Versprechcn, die Legate des verstorbenen Baroncts ausbczahlen zu wollen, höchst wirksam bestochen worden waren, und so hoffte er, wenigstens von dieser Seite, mit ziemlicher Zuversicht ans Unterstützung. Er wußte wohl, daß der wirkliche Besitz an sich schon neun Zchntheile der Advokaten auf seine Seite bringen mußte, und so wandten sich seine Gedanken ganz natürlich zu den Mitteln, sich dieses großen Vorthcils zu versichern. Bis jetzt standen sich die beiden Bewerber in gewisser Beziehung gleich; denn eines Thcils schien zwar das unterschriebene Testament dem Neffen Tom einen höheren Anspruch zu verleihen, dagegen konnte eine Autorität, wenn sie aus ungenügender Quelle entsprang, vor dem Gesetz nicht wohl als rechtsbeständig gelten, und Sir Wycherly hatte offenbar kein Recht, so lange ein Majoratserbe übrig war, die Herrschaft Wychccombe vermöge Testaments zu vererben. Ferner waren beide Partien eigentlich als Gäste im Hanse, so daß noch Keiner von ihnen irgend einen Thcil in Besitz genommen hätte, aus welchem das Gesetz ihn nunmehr zu verdrängen brauchte. Tom war im Tempel unterrichtet worden, und besaß einige Kenntniß des Landrcchts, besonders was den Grundbesitz betraf: so wußte er denn, daß noch immer von den Zeiten des Feudalsystems her bei der Besitzergreifung einer solchen Herrschaft allerhand wunderliche Eercmonien eristirtcn, deren genaue Formen ihm übrigens unbekannt waren, so daß er mit Recht zweifeln durste, ob sic unter den hier obwaltenden Umständen ihm überhaupt von Stutzen sein würden. Er nahm sich also vor, das Mittel der Einschüchterung zu gebrauchen, und sich dabei der sämmtlichcn Vorthcile, die er bereits besaß, so wie all' der untergeordneteren Gründe zu bedienen, 326 welche die mit seinen Ansprüchen verbundenen Thatsachen ihm zu bieten versprachen. „Sir Reginald Wychecombe," begann er demnach ernsthaft und mit so vieler Gleichgültigkeit, als er nur immer anzunehmen vermochte, „Ihr seid mit einer Leichtigkeit auf diese amerikanische Geschichte eingegangcn, die mich an einem Manne von so allgemein anerkannter Vorsicht und Besonnenheit in hohem Grade in Erstaunen setzt. Dieses plötzliche Wiederaufleben der Tobten mag zwar leichtgläubigen Liebhabern von Wundergeschichten zusagen, wird aber vor einer Jury von zwölf nüchternen Geschwornen von sehr geringer Wirkung sein. Selbst zugegeben, daß die Behauptung dieses Herrn sich ihrem ganzen Umfange nach als wahr erweisen sollte —- so werdet Ihr doch nicht läugncn, daß der verstorbene Sir Wycherly --- und wenn er auch nur seine alten Schuhe vererben wollte — das Recht hatte, ein Testament zu machen, und daß, wenn er ein solches Recht besaß, auch das weitere — sich einen Exekutor zu ernennen — nothwendig damit verbunden sein mußte. Nach den klarsten Beweisen ist nun aber dieser Exekutor kein Anderer, als ich selbst, Sir, und als solcher fordere ich die Erlaubniß, mein Amt in diesem Hause, wenigstens als dessen zeitlicher Gebieter, geltend zu machen." „Nicht so rasch, nicht so rasch, junger Herr! Testamente müssen erwiesen, und Exckntoren auch wirklich qualificirt sein, che sic Rechtskräftigkeit erhalten können. Ucberdieß durfte Sir Wycherly blos darüber, was wirklich sein Eigcnthum war, eine Autorität verleihen. Von dem Augenblick seines Todes an ist seines Bruders Gregory Enkel rechtmäßiger Besitzer dieser Herrschaft mit Einschluß des Hauses, und als solchem rathc ich ihm, sich dieses Rechtes zu versichern, und sich wegen seiner Rechtfertigung vor dem Gesetze — wenn Ließ je nöthig werden sollte — auf die Stärke seiner Ansprüche zu verlassen. Wer in solchen Dingen im Rechte ist, darf auch sicher sein, während Der, welcher Unrecht thut, die Folgen 327 seiner Handlungen ganz auf sich nehmen nmß. — Mr. Furlong, Euer Amt als Rentmeister hat mit dem Tode Eures Herrn aufgehört; habt Ihr irgend welche Schlüssel oder Papiere zu übergeben, so ermahne ich Euch, sie in die Hände dieses Herrn niederzulegen, den ich trotz aller Kriteleien für den rechtmäßigen Sir Wycherly Wychecombe erkläre." Furlong war ein vorsichtiger, hellsehender, ehrlicher Mann, der, so sehr er auch wünschte, Tom durchfallen zu sehen, sich dennoch streng an seine Pflichten hielt. Er führte deßhalb Sir Reginald bei Seite und befragte ihn des Langen und Breiten über die von Wycherly überlieferten Beweise. Endlich jedoch war auch er völlig zufrieden gestellt und fest überzeugt, daß kein Mißverständniß mehr obwalten konnte: so erklärte er sich auch alsbald bereit, das an ihn gerichtete Ansinnen zu vollziehen. „Allerdings habe ich die Schlüssel zu des verstorbenen Sir Wycherly's Papieren — den nämlichen, welchen wir vorhin, als man nach einem Testamente suchte, in Augenschein genommen haben, und bin sehr gerne bereit, sie in die Hände ihres rechten Herrn niederzulcgcn. Hier sind sie, Sir Wycherly; übrigens möchte ich Euch rathen, die Beutel mit Geld ans dem Schreibtische an einen andern Ort zu versetzen, denn sie konnte Euer Oheim mit allem Rechte vermachen, wem er für paffend hielt; alles Andere, was sich noch in dem Schreibtische befindet, gehört zum Gut, so wie auch das Silbergeschirr, dasHausgeräthe und übrige Zubehör im Schlosse." „Ich danke Euch, Mr. Furlong," gab der neue Baronet zur Antwort; „ich will diese Schlüssel zuerst dazu gebrauchen, um Euren Rath zu befolgen, dann will ich sie Euch wieder zustellen und Euch dabei ersuche», daß Ihr Euer bisher bekleidetes Amt auch fernerhin bei mir beibehalten möget." Dieß war fast eben so bald gesagt als gethan; Wycherly legte die Beutel mit Gold einstweilen auf den Boden, bis ein anderer sicherer Ort dafür aufgefunden werden konnte. 328 4 „Alles, was ich gesetzlich thun kann, will ich auch herzlich gerne thun, Sir Wycherly, um Euch in der Behauptung Eures Rechts zu unterstützen; doch sehe ich eigentlich nicht, wie ich mehr übergeben könnte, als ich in Händen habe. 0»i l'-mlt imr nimm, lnoil >>6i' 86*), ist ein gutes Sprüchlein, Sir Reginald; aber erst muß der Herr die Macht zum Handeln besitzen, ehe sein Bevollmächtigter eine Autorität ausüben kann. Mir scheint, dieß ist ein Fall, wo jede der beiden Parteien, aber ganz ans ihre eigene Gefahr, in ihrem Rechte ist. Der Besitz der Pachtgüter ist allerdings sicher genug, so wie das Recht über die Pächter: was aber Schloß und Park betrifft, da scheint mir bis jetzt noch Niemand rechtlicherweise Besitz genommen zu haben. Es ist dieß offenbar ein Fall, wo ein Titel unmittelbar seinen Nutzen äußert." „So spricht das Gesetz, Mr. Fnrlong, und ich rathe Sir Wycherly, als Herr der Besitzung auch den Schlüssel des äußeren Thores zu sich zu nehmen." Kaum hatte Reginald diese Ansicht geäußert, als Wycherly das Zimmer verließ und, von der ganzen Gesellschaft begleitet, sich in die Halle verfügte. Hier trat er allein in den Vorhof, schloß das große Hosthor ab und steckte den Schlüssel in seine Tasche. Der junge Mann zeigte dabei ein festes, sicheres Benehmen, das bei der Dienerschaft den Eindruck, welchen Toms Versprechungen wegen der Legate hervorgcbracht hatten, wieder so ziemlich verwischte. Im nämlichen Augenblicke flüsterte Fnrlong dem Sir Reginald etwas in's Ohr. „Jetzt seid Ihr vollkommen im Besitze des Ganzen, Sir Wycherly," sprach der Letztere lächelnd; „doch ist es eben nicht nöthig, uns Alle als Gefangene zu behandeln, um Eure Ansprüche sicher zu stellen. David, der bisherige Thürstcher, ist, wie Mr. Fnrlong mir sagt, ein treugesinnter Diener, und wenn er den Schlüssel ') Wer durch Andere handelt, handelt durch sich seldst! D, N. 1 329 als Euer jetziger Bevollmächtigter wieder annchmen will, so kann er ihm mit voller gesetzlicher Sicherheit wieder zngcstellt werden." David gab mit Freuden seine Zustimmung zu diesem Vorschläge; der Schlüssel wurde wieder seinen Händen übergeben, und der neue Sir Wychcrlp war nun allgemein als der wirkliche Besitzer anerkannt. Tom wagte nicht mehr, die Frage über seine eigene rechtmäßige Abkunft, so wie er sich vorgenommcn hatte, vor Sir Reginald zu verhandeln, denn er hatte entdeckt, daß dieser den wahren Schlüssel zu allen Thatsachcn in Händen hatte. So unterdrückte er, wenigstens für den Augenblick, das Heirathscertisicat, das er erst kürzlich zusammcngeschmiedet hatte. Mit einer Art sarkastischer Ergebung sich gegen die ganze Gesellschaft verbeugend, verließ er die Halle und ging stolzen Schrittes und mit der Miene eines Beleidigten auf sein Zimmer. So blieb unser junger Held im Besitze des Kampfplatzes; da aber die Verhältnisse des Hauses eine triumphirende Feier des Sieges nicht wohl als passend erscheinen ließen, so ging die Gesellschaft bald auseinander — Einige, um sich über die Zukunft zu beratheu — Andere, um die Vergangenheit zu besprechen, — Alle aber, um sich mehr oder weniger über die Gegenwart zu verwundern. Sechzehntes Kapitel. Laß Wind und Wogen toben fürchterlich — Ich fürchte weder Wog' noch Wind; )tur staune nicht, Sir Childe, wenn ich Don Sorgen bin umringt. Childe Harold. „dlun, Sir Jarvy," begann Galleygo, welcher beiden Admiralen aus dem Fuße folgte und mit ihnen in das Wohnzimmer des 330 zuerst Genannten eintrat, „die Sache hat stch doch noch so gewendet, wie ich mir gedacht habe; der Graf von Fairvillian ist doch noch aus seiner Höhle hcrvorgebrochcn, gerade wie ein Meerschwein, das nur in dem Augenblicke Luft zu schöpfen wagt, wenn wir ihm den Rücken zngedreht haben! Sobald wir Befehl gaben, nach England zurnckznkehrcn und ich des alten Planters Kajütenfenster Frankreich zngedreht sah, prophezeite ich sogleich, daß es diese Wendung nehmen wurde. Nun, ihr Herren, auch in diesem Hause da hat's einen Hansen von Prisengeld gegeben, und zwar, ohne daß viel darum gestochten wurde. Wir werden dem jungen Lieutenant wohl auf einige Monate Urlaub crthcilen muffen, damit er sich hier unter seinen Brüdern, den Landbaronen, gehörig umthun kann." „Wie, was, Sir! was steht denn schon wieder zu Dienst?" fragte Sir Gervaise; „was zum Teufel hat Euch denn wieder in mein Kielwasser gebracht?" „Ei, Euer Gnaden, große Schiffe führen immer kleinere Fahrzeuge im Schlepptau," erwicdertc Galleygo mit einfältigem Lächeln. „Uebrigens komme ich, wie Jedermann weiß, niemals ohne irgend eine Botschaft. So hört denn, Sir Jarvy — und Ihr, Admiral Blue, vernehmt meine Neuigkeit: unser Signaloffizicr ist gelandet, um uns eine Meldung zu überbringcn; da er mich nun zuerst in der Halle traf, so rapportirte er auch zuerst mir, um hernach euch Beiden die Meldung zu überbringen. Seine Neuigkeit aber besteht darin, daß der französische Graf in See gegangen ist, wie ich den beiden Herren so eben gesagt habe." „Wäre es möglich, daß Bnnting eine solche Zeitung hierher gebracht hätte! Hörst du, Galleygo! sage Mr. Bnnting, er möchte heraus kommen, und dann sieh' zu, daß du dich in einem Hause der Trauer anständig benimmst." „Ja, ja, Sir. Von mir habt ihr nichts zu fürchten, ihr Herren. Ich kann ebensogut eine betrübte Miene annehmen, wie der Beste von euch Allen, und wer etwa zusehen will, wie man bei 331 unserer Schiffstrauer seinen Schmerz mit Anstand trägt, der darf nur mein Gesicht und Benehmen studiren. Wir haben, wie Jedermann weiß, in unserem Leben alle schon Todte gesehen, ihr Herren. Als wir mit Mounschccr Graveland zusammengeriethen, hatten wir siebcnundvierzig Todte ohne die Verwundeten, die noch am Leben blieben, um uns von ihren Schmerzen zu erzählen, und als wir den-" „Geh' zum Teufel, Meister Galleygo, und heiße Mr. Bnnting heraufkommen," ries Sir Gervaise in höchster Ungeduld. „Ja, ja, Sir. Welches von beiden soll zuerst geschehen, Euer Gnaden?" „Zuerst? — holst du mir den Signaloffizier," gab derVice- admiral lachend zur Antwort, „dann aber vergiß nicht, auch den zweiten Befehl auszuführeu." „Da sehe man einmal wieder," brummte Galleygo, während er die Treppe Hinabstieg; „wenn ich jetzt thun wollte, wie er besohlen, was würde da wieder aus unserer Flotte werden? Schiffe brauchen Befehle, wenn fie fechten sollen; Flaggenoffiziere brauchen Nahrung, um Befehle zu crtheilen; Nahrung aber braucht einen Hofmeister, der sie auf'die Tafel setzt, und Hofmeister — ei die brauchen durchaus nicht den Teufel, der ihnen ihr Amt verrichten helfe. Nein, nein, Sir Jarvy; jenen Besuch werde ich erst dann abstatten, wenn wir Alle zusammen gehen, wie fich's denn auch für Leute, die so lange miteinander gesegelt find, nicht anders geziemt." „Das wäre allerdings eine große Neuigkeit, Dick, wenn clv Vervillin wirklich ausgelaufen wäre!" rief Sir Gervaise und rieb sich die Hände vor lauter Freude. „Du darfst mich aufhängen, wenn ich noch vorher die Befehle aus London abwarte! Nichts da, mit dem ersten Winde wird daun abgcsegelt. Laß sie ihren Streit zu Hause abmachen, so gut sie können; unser Amt ist allein, den ') So spricht Galleygo das französische ,Uo»si°>li eiavoliiv aus. D, U. Franzmann einzufangen. Wie viel Schiffe, glaubst du wohl, wird der Graf etwa bei sich haben?" „Zwölf Zweidecker, nebst einem Dreidecker; dabei ist er uns nur in der Zahl feiner Fregatten überlegen. Zwei oder drei davon führen übrigens kleinere Kaliber, und können sich darin mit unseren Schiffen nicht messen. Ich sehe also keinen Grund, warum wir ihn nicht umgreifen sollten." „Ich höre cs mit Freuden, wenn du so sprichst, Dick! Es ist doch wahrlich weit ehrenhafter, seinen Feind aufzusuchen, als sich an einem Hofe mit Jutrigucu abzugebeu! Ich hoffe, Dick, du wirst mir jetzt wohl erlauben, die Verleihung des rothen Bandes morgen in einem Tagesbefehle der Flotte bekannt zu machen?" „Mit meiner Zustimmung niemals, Sir Gervaise, so lange die Verleihung von dem Hause Hannover ausgcht. — Was für eine außerordentliche Scene haben wir aber kaum vorhin in diesem Hause erlebt! Dieser junge Lieutenant ist ein edler Jüngling, und ich hoffe von ganzem Herzen, daß er im Stande sein wird, seine Ansprüche durchzusetzeu." „Darüber bleibt, wie mich Sir Reginald versichert, auch nicht der geringste Zweifel. Seine Papiere sind vollkommen in Ordnung, und seine Geschichte ist einfach und wahrscheinlich. Erinnerst du dich nicht, früher, da wir noch in Wcstindieu als Kadctcn dienten — gehört zu haben, daß ein Lieutenant auf der Sappho bei einer Landung nach einem älteren Offiziere geschlagen habe, und vor der Vollziehung des Todesurtheils wahrscheinlich nur durch den Untergang des Schiffes bewahrt worden sei?" „O ja, jetzt, da du das Schiff benennst, ist mir die Sache so deutlich erinnerlich, als ob sie erst gestern vorgcfallen wäre. Und das, meinst du, sei der Bruder des verstorbenen Sir Wycherlv gewesen? Hat er denn auf der Sappho gedient?" „So sagt man mir unten; ich für meine Person zweifle durchaus nicht an der Wahrheit der ganzen Geschichte." 333 „Es ist ein Beweis weiter, wie leicht es ist, nach einer Abwesenheit von mehr als einem halben Jahrhundert nach England zurückzukehren und seine Rechte geltend zu machen. Der in Schottland hat ein eben so gutes Recht, wie dieser junge Mann bier." „Dick Bluewater, du scheinst entschlossen, jedem vernünftige» Rathe unzugänglich zu bleiben. Was haben wir Beide, du und ich, mit diesen schottischen Abenteurern zu schaffen, wenn ein tapferer Feind uns zum Auslaufen und znin Angriffe einlädt? Aber halt — da ist Bunting!" In diesem Augenblicke wurde der Signallieutenant des Plantagenet von Galleygo in eigener Person in's Zimmer geführt. „Nun, Bunting, was für Neuigkeiten von der Flotte?" fragte Sir Gervaise. „Sind die Schiffe alle noch fest vor Anker?" „Es ist ruhiges Wetter, Sir Gervaise, und die Schiffe können jetzt alles Nöthige besorgen. Die Meisten von uns säubern die Klüsen, denn unsere Taue sind so verwickelt, wie ich mich nicht erinnern kann, in so kurzer Zeit cs je gesehen zu haben." „Das kommt davon her, daß wir keinen Wind hatten und unsere Leescgcl und Brodwinner *) nicht verwenden konnten. Doch was hat Euch hieher an's Land gebracht? Galleygo erzählte uns etwas von dem Einlaufen eines Kutters, der die Nachricht vom Auslaufen der Franzosen überbracht habe; doch seine Nachrichten schmecken immer nach der Kombüse**)." „Nicht immer, Sir Gervaise," crwiederte der Lieutenant mit einem Seitenblick auf den Hofmeister, der ihn insgeheim öfter mit Leckerbissen aus des Admirals Privatküche versorgte; „dießmal wenigstens hat er recht. Der ,Aktive^ kommt eben langsam eingelausen *) Eine Art Sturmsegel. D. U. ") Hier steht im Original ein Wortspiel. Sir Gervaise sagt: „Galleyg o's Neuigkeiten seien immer G a l l e y Neuigkeiten," denn GaUey heißt auf deutsch Kombüse oder Schisssküche. woher auch Galleygo feinen Spitznamen hatte. 334 und signalisirt schon den ganzen Morgen mit uns. Seine Hanpt- neuigkeit bildete die Nachricht, daß Monsieur de Vervillin mit seiner ganzen Streitmacht ausgelaufen sei." „Ja, ja," flüsterte Galleygo dem Contreadmiral halb und halb bei Seite in's Ohr; „County Fair-villian *) ist aus seiner Höhle hervorgebrochen, wie ich Sir Jarvy bereits gesagt habe. Schönwetterschufte sind sic alle miteinander — keiner davon hat noch ein Bein gebrochen!" „Still — und Ihr glaubt, Vunting: Ihr habt die Signale richtig gelesen?" „Ganz gewiß, Sir Gervaise. Kapitän Greenly ist derselben Meinung, und hat mich mit der Nachricht davon an'S Land geschickt. Er befahl mir, Euch zu melden, daß in einer halben Stunde die Ebbe eintrcten werde, und daß wir dann, besonders bei diesem leichten Winde recht gut westwärts an den Felsen vorbeikommcn könnten." „Ja, ja, das sieht ihm ähnlich, darauf wollt' ich schwören! Er will nicht einmal so lange' warten, bis alle unsere Anker auf und nieder sind und wir davon steuern können. — Meldet der Kutter vielleicht auch, welchen Weg der Graf genommen hat?" „Westwärts, Sir; unter leichter Boliene und mit kurz gerefften Segeln." „Der Herr hat, scheint's, nicht große Eile. Führt er Transportschiffe?" „Nicht ein einziges, Sir. Er zählt im Ganzen neunzehn Segel — lauter Kreuzer, doch nur zwölf davon gehören zur Linie. Er hat einen Zweidecker und zwei Fregatten mehr als wir — gerade die richtige Zahl für einen Franzmann, Sir." „Der Graf hat sicherlich die sieben neuen Schiffe bei sich, die letzten Sommer gebaut wurden," bemerkte Bluewater ruhig und ') So ausgesprochen bedeutet der Name im Englischen: „ein rechter Schust i'— Daher auch das folgende Wortspiel. D. U, 335 lehnte sich wieder in seinen Armstuhl zurück, bis sein Körper einen Winkel von fünfundvierzig Gruden bildete, woraus er in seiner beliebten, nachlässigen Manier das eine Bein auf einen leeren Stuhl legte. „Sic sind etwas stärker als seine alten Fahrzeuge und werden uns mehr zu schaffen machen." „Je härter der Streich, desto größer die Ehre für unsere Geschicklichkeit. Die Flut ist vorüber, nicht wahr, Bunting?" „Ja wohl, Sir Gervaise; in zwanzig Minuten haben wir Ebbe. Die Flügclfregatten machen sich bereits zur Abfahrt fertig. Die Chloc muß glauben, wir werden alsbald aufbrechcn, denn sie hat bereits Bram- und Oberbramraa in's Kreuz gebraßt. Selbst Kapitän Greenly wollte im Anfang dem Boten cntgegensegeln." „Zum Teufel auch! Ihr seid sammt und sonders höchst unruhige Köpfe! Ihr habt euer Geburtsland schon in vierundzwanzig Stunden satt, wie ich finde. Nun, Mr. Bunting, Ihr könnt jetzt wieder auf die Flotte zurückkehren, und dort vermelden, daß wir hier Alle wohl auf sind. Dieses Haus ist in einem traurigen Zustande der Verwirrung, wie Ihr wohl schon wissest werdet. Ihr könnt dieß Kapitän Greenly gleichfalls mittheilen." „Ja, ja, Sir; befehlen Euer Gnaden vielleicht, daß ich sonst noch etwas ausrichtcn soll?" „Hm — ja, Bunting," antwortete der Viceadmiral lächelnd, „Ihr könnt ihm auch darüber noch einen Wink geben, daß er alle frische Mannschaft, so schnell er kann, aufbieten — und — ja, daß er Niemand mehr Urlaub an's Land ertheilcu soll." „Sonst nichts, Sir Gervaise?" fuhr der hartnäckige Offizier fort. „Im Ganzen könnt Ihr auch ein Signal ergehen lassen, daß man sich zum Ankerlichtcn bereit halten solle. Die Schiffe können, mein' ich, recht wohl an einem Anker liegen bleiben, wenn die Flut einmal hübsch vorüber ist. Was meinst du, Bluewatcr?" „Das Signal zum Ankerlichtcn wäre wohl das Kürzeste. Du 336 weißt ja recht gut, daß du iu die See stechen willst — warum also nicht offen in der Sache verfahren?" „Ich sehe schon, Bnnting, auch Ihr möchtet gerne dem kom- mandirenden Admiral auf die eine oder andere Art einen Wink geben." „Wenn ich mir so Etwas herausnchmen durfte — ja, Sir Gervaise. Ich kann nur so viel sagen, Sir: je früher wir ausbrechen, desto eher können wir auch die Franzosen peitschen." „Und, wie lauten denn deine Ansichten bei dieser Gelegenheit, Meister Gallevgo? — Es ist jetzt offener Kriegsrath, und da muß Jeder seine Meinung äußern." „Ihr wißt, Sir Jarvy, daß ich niemals unaufgefordert in solche Dinge dreinrede. Admiral Blue und Euer Gnaden find vollkommen im Stande fast unter allen Umständen für die Flotte zu sorgen, obwohl dabei so Vieles zu beachten ist, und zwar in den Topps so gut wie in der Kajüte. Meine Idee, ihr Herren, ist diese: wenden wir uns während dieser Ebbe steuerbord, so bringen wir das Gallion vom Lande ab, und gewinnen die offene See fast eben so leicht, wie eine Landdirne sich beim Tanze herumdreht. Was wir mit der Flotte anfangen, nachdem sic einmal ausgelaufen ist, wird sich erst in unfern Ultra-Bewegungen zeigen." Unter,Ultra-Bcwegungeiff verstand nämlich David ,fernere^ *) Bewegungen: er hatte das Wort gelegentlich ausgeschnappt, wenn er Depeschen in der Kajüte vorlesen hörte, die er in der Regel nicht besser verstand, als die Leute, welche sie auf dem Admiralitätsamte geschrieben hatten. „Ich danke Euch verbindlichst, meine Freunde!" rief Sir Gervaise, der über die Aussicht eines nahe bevorstehenden, allgemeinen Kampfes so entzückt war, daß er ein wahrhaft kindisches Vergnügen an diesem närrischen Treiben fand; „jetzt aber im Ernste an unser Geschäft. Mr. Bnnting, ich wünsche, daß Ihr das Signal zum D, n. *) Im Englischen ,ultrs' und ,ulterlor'. 337 Auslaufen aufstccket. Laßt jedes Schiff eine Kanone abfeuern, um die ansgeschickten Boote zurückznrnfen. Eine halbe Stunde später gebt Ihr das Signal zum Ankerlichten und schickt mein Boot an's Ufer, sobald Euer Gangspill in Bewegung ist. Und somit guten Morgen, mein wackerer Junge, und zeigt Euch hübsch thätig und munter." „Wenn Ihr am Cäsar vorübcrfahrt, Mr. Bnnting, so habt die Güte, auch mein Boot hcrznbeordcrn," sagte Blucwater gleichgültig; richtete sich aber doch halb in die Höhe, um nach dem ab- gehcnden Lieutenant zu sehen. „Wenn wir einmal aufbrcchcn, so, denk' ich, muß ich schon mit den klebrigen gehen. Natürlich wiederholen wir alle unsere Signale." Sir Gcrvaisc wartete, bis Bnnting aus dem Zimmer war, und wandte sich dann in seiner trockenen Manier an den zurückgebliebenen Hofmeister. „Mr. Galleygo, Ihr habt meine Erlanbniß, mit Sack und Pack an Bord zu gehen." „Aha, Sir Jarvv, ich verstehe schon. Wir sind im Begriff, mit den Schiffen unter Segel zu gehen, und ein rechter Mann muß da immer an seinem Platze stehen. Lebt wohl, Admiral Blue. Vor der französischen Schlachtlinie werden wir uns wieder treffen, und dann, hoff' ich, wird Jeder von uns an seiner eigenen Person ein Beispiel von Muth und Hingebung ausstellen." „Der Bursche wird mit jedem Tage unerträglicher, und ich muß ihn am Ende noch fortschicken, um nur seiner Unverschämtheit ein Ziel zu setzen," bemerkte Sir Gervaise halb ärgerlich, halb lachend. „Ich wundere mich überhaupt, wie du seine kecke Vertraulichkeit mit dem /Admiral BlnH nur so dulden kannst!" „Nun, ich werde cs ihm.schon übel nehmen, sobald ich einmal bemerke, daß ,Sir Jarvrff wirklich mit ihm gebrochen hat. Der Mann ist tapfer, ehrlich und anhänglich; das sind Tugenden, die mich für hundert Fehler wieder mit ihm anssöhnen können." „Laß den Burschen zum Teufel gehen! — Glaubst du nicht Die beiden Admirale. ZA 338 auch, daß ich besser ihn» werde, wenn ich auslaufe, ohne die Depeschen aus der Stadt abzuwarten?" „Das ist schwer zu sage». Jene Befehle könnten uns Alle zusammen gegen jenen Karl Stuart nach Schottland beordren. Vielleicht machen sic dich aber auch zum Herzog und mich zum Baron, um sich unserer Treue zu versichern! meinst du nicht?" „Die Schandbuben! — sprich mir nur jetzt nicht von ihnen. Wenn Nmimour ilo Vorvillm gegen Westen steuert, so kann er wohl schwerlich nach Edinburgh wollen, um sich den Bewegungen im Norden anzuschlicßen." „Das ist noch keineswegs so ganz gewiß. Ein recht kluger Bursche macht's immer so—schaut auf die eine Seite und steuert nach der anderen." „Meiner Ansicht nach wird er wohl irgend eine Diversion ausznführcn haben, und mein innigster Wunsch ist nur der, ans eine Art mit ihm zusammen zu gerathcu, daß er gewiß zufrieden sein soll. So lange seine Streitmacht an den Mündungen des Kanals sestgchalten wird, kann sie im Norden kein Unheil anrichten, und laßt eben dadurch auch die Straße nach Deutschland offen." „Es ist doch ein wahres Elend, wenn nicht gar eine Schande — daß England seine eigenen Streitigkeiten nicht ausfcchten kann, ohne Franzosen oder Deutsche zu Hilfe zu rufen." „Wir müssen die Welt nun einmal nehmen, wie sic ist, Dick, und als rasch entsä'losscnc Seemänner handeln, ohne uns lange mit Klatschereien über Politik aufzuhalten. Ich nehme es als gewiß, daß du trotz deines Enthusiasmus für die Stuarts im jetzigen Augenblicke bereits entschlossen bist, lilonsieni' ,Io Vervillm mit mir dreschen zu helfen?" „Ohne Zweifel. Nichts als die Ucbcrzeugung, daß jener Franzmann im ausschließlichen Dienste meines natürlichen, rechtmäßigen Fürsten verwendet werde, hätte mich veranlassen können, mich zu seinen Gunsten zu erklären. Doch ist es immer noch möglich, Oakes, 339 daß er Sukkurs für die Schotten am Bord hat, und durch den irischen Kanal gegen Norden zu ziehen angewiesen wurde." „Ja, einen hübschen Snkknrs, das muß ich sagen, wie ihn ein Engländer kaum zu verdauen vermag! silousciuoluiro« und Regimenter von 6rc>^ oder Ilillon oder mit irgend einem anderen jener verdammten französischen Namen; vielleicht auch hübsche Musketen aus dem iöoi« tlo Vineomres, oder sonst einem Höllenneste gallischer Erfindungskunst, das nur darauf ausgeht, die wohlerworbene Uebcrmacht Altcnglands niedcrzuschlagen! Nein — nein — Dick Blucwater, deine treffliche, loyale, treuherzige englische Mutter hat dich nicht deßhalb geboren, damit du dich von Bour- bonischer List und Treusosigkeit zum Narren halten lassen sollst. Ich darf wohl sagen, sic wäre schon bei dem bloßen Namen ,Louis^ krank geworden!" „Das möchte ich denn doch nicht behaupten, Sir Jarvy," erwicdertc der Contreadmiral mit ausdruckslosem Lächeln, „denn auch sic hat einige Zeit am Hofe des 6iunci silonnrciuo zugebracht. — Doch das ist Alles umsonst; wir kennen unsere gegenseitigen Ansichten und sollten jetzt endlich auch mit unseren Charakteren vertraut sein. Hast du bereits irgend einen Plan für deine künftigen Operationen entworfen, und welche Rolle willst du mir darin zutheilcn?" Sir Gervaise ging, ehe er eine Antwort erthcilte, wohl fünf Minuten lang, die Hände auf den Rücken gefaltet, mit einer Miene tiefen Nachdenkens im Zimmer auf und nieder. Diese ganze Zeit über blieb Blucwater ruhig in feinem Stuhl und bewachte sorgfältig alle Mienen und Bewegungen seines Freundes, um daraus das, was kommen sollte, schon zum Voraus zu entnehmen. Endlich schien der Viccadmiral einen Entschluß gefaßt zu haben, den er sofort, wie folgt, seinem Freunde mitthcilte. „Ich habe darüber nachgcdacht, Dick," begann er, „sogar während meine Gedanken noch mit Anderer Angelegenheiten be- 340 schästigt schienen. Ist clo Voivillin auSgeflogcn, so befindet er sich immer noch östlich von uns; denn bei der Flut, wie sie an der französischen Küste herrscht, kann er mit diesem leichten Südwestwinde unmöglich weit gegen Westen gekommen sein. Wir sind zwar über seine Bestimmung noch ungewiß; deßhalb ist es für nnS von entschiedener Wichtigkeit, ihn so bald wie möglich zu Gesicht zu bekommen, und so lange im Auge zu behalten, bis er zum Schlagen gebracht werden kann. Mein Plan ist nun dieser - —Ich will die Schiffe ein's nach dem andern, und zwar mit dem ausdrücklichen Befehle abschicken, sich an leichter Boleinc zu halten, bis sie die Mündung des Kanals erreicht haben werden- dort kreuzt dann jedes für sich, hält sich aber natürlich mehr an die englische Küste. Jedes nachfolgende Schiff lichtet den Anker, so wie es den Rumpf des vorhergehenden verschwinden steht, und so halten sich alle auf Signalentfernung von einander, um die nöthigen Befehle über die ganze Linie verbreiten zu können. Bei so schönem Wetter, wie bas jetzige, ist nichts leichter, als einander im Gesicht zu behalten, und auf diese Art bilden wir einen weiten Bogen — fast hundert Meilen im Umfang — und haben den ganzen Kanal in unserem Gesichtskreis. Sobald wir Nonsivur «lv Voivillin erreicht haben, schließt die Flotte auf, und dann lassen wir uns von den Umständen leiten. Sollten wir aber nichts von den Franzosen zu sehen bekommen, bis wir ihre eigene Küste erreicht haben, so dürfen wir als gewiß annehmen, daß sie den Kanal aufwärts gesegelt sind, und dann kann ein Signal, von der Vorhut aus gegeben, die bisherige Ordnung umkehren; wir steuern in diesem Falle gegen Osten und bilden so schnell als möglich eine einzige Frontcnlinie." „Das Alles ist ganz gewiß recht gut, und mittelst der Fregatten und kleineren Kreuzer können wir auch den Ocean leicht bis aus eine Ausdehnung von hundert und fünfzig Meilen untersuchen — nichts destoweniger kömmt die Flotte dadurch sehr weit aus einander." „Du glaubst doch nicht etwa, daß Gefahr vorhanden sei, 341 der Franzmann möchte das erste Treffen angreifen, ehe das zweite zur Unterstützung anfschließen könnte?" fragte Sir Gervaise mit vielem Interesse, denn er hatte die höchste Meinung von seines Freundes Kenntnissen und Kriegserfahruug. „Ich hatte im Sinn, mich mit dem Plantagenet selbst an die Spitze zu stellen, und fünf oder sechs der besten Schncllscgler zunächst mit mir zu nehmen, indem ich mir dachte, daß wir uns wohl so lange von ihnen würden entfernt halten können, bis du das zweite Treffen heranbrächtest. Drängen sic uns, so können wir uns ja, wie du weißt, auch zurückziehen." „Ohne Zweifel, sofern überhaupt Sir Gervaise Oakes sich dazu entschließen kann, sich vor einem Franzmann, wo er auch immer geboren sein möge, zurückzuziehen," crwiederte Blue- watcr lachend. „Das Alles klingt recht gut: im Falle eines Zusammentreffens müßte ich aber erwarten, dich mit dem ganzen Vordertrcffen entmastct zu sehen, deine Leute aber gleich Bulldoggen ihre segellosen Schiffe vertheidigend, und den Grasen so lange hinhaltend, bis mir endlich der Ruhm zu Theil würde, deinen Rückzug gedeckt zu habcu." „Neiu, nein, Dick: ich will dir mein Wort darauf geben, daß ich keinen so thörichten Knabenstreich versuchen werde. Ich bin jetzt mit Fünsundfünfzig ein ganz anderer Mann, als ich vielleicht mit Fünfundzwanzig gewesen. Du kannst dich darauf verlassen — ich werde so lange davon lausen, bis ich mich zum Kampfe stark genug glaube." „Willst du mir erlauben, Admiral Oakes, dir einen Vorschlag zu machen? und zwar mit alb der Freimüthigkeit, wie sie unsere alte Freundschaft eigentlich immer bezeichnen sollte?" Sir Gervaise hielt in seinem Spaziergänge Plötzlich inne, blickte Bluewatcr fest in's Gesicht und nickte mit dem Kopfe. „Ich sehe an dem Ausdruck deiner Mienen, daß du meine weitere Rede erwartest," fuhr der Andere fort. „Ich wollte 342 eigentlich nichts weiter sagen, als dir meine einfache Ansicht nnd zwar dahin erklären, daß dein Plan wohl am meisten Hoffnung eines glücklichen Erfolges böte, wenn ich das erste Treffen kom- mandirtc nnd d n das zweite hintcnnach führtest." „Den Teufel auch! Das gränzt ja so nahe an Meuterei oder SLNNlliüum i»gLr»nlu>», als man nur immer wünschen kann! Und warum glaubst du, daß der Plan des obersten Befehlshabers weniger der Gefahr des Mißlingens ausgesctzt sein werde, wenn Admiral Bluewater statt Admiral Oakes die Sache cinleitcte?" „Ganz allein deßhalb, weil ich überzeugt bin, daß Admiral OakeS, sobald der Feind ans ihn eindringt, viel eher seinen feurigen Muth als seinen kalten Verstand zu Rathe ziehen wird, während Admiral Bluewater dieses ganz gewiß nicht thnn würde. Du weißt es selbst nicht genau, Sir Jarvv, ob du es wirklich für so leicht halten darfst, vor deinem Feinde davon zu lausen." „Ich habe dich verzogen, Dick, weil ich dich gestern wegen deines thörichten Manövrircns so laut in's Gesicht lobte — und das ist die Wahrheit vom Ganzen. Stein — nein -- ich bin jetzt fest entschlossen, nnd — ich denke, du kennst mich darauf, um überzeugt zu sein, daß, wenn dicß einmal der Fall ist, mich selbst ein Kriegsrath nicht mehr anders zu stimmen vermag. I ch ziehe mit dem ersten Zweidecker, der seine Anker lichtet, voraus, und du folgst mit dein letzten. Du kennst meinen Plan, und wirst ihn auch befolgen, so gewiß du im Angesichte des Feindes jeden meiner Befehle befolgst." Admiral Bluewater lächelte, nicht ganz ohne Ironie in seinem Wesen; zu gleicher Zeit aber hob er das eine Bein, das während der letzten fünf Minuten unten gewesen war, mit einem ibm allein eigenthümlichen Kunstgriff in die Höhe, so daß es »m mehrere Zoll höher als sein Kamerad zu stehen kam. „Die Natur hat dich nicht zum Verschwörer geschaffen, Oakes," sprach er, sobald diese Aenderung nach seinem Sinne 343 ausgeführt war; „denn du trägst eine Marslaterne an der Brust, die sogar ein Blinder sehen kann!" „Was für eine Grille beherrscht dich nur wieder, Dick? Sind die Befehle nicht deutlich genug, um dich danach zu richten?" „O ja — eben so klar, als der Beweggrund, welcher sie dir gerade in dieser Form diktirtc." „Nun, so geh' einmal mit der Sprache heraus. Eine volle Breitseite ist mir jedesmal lieber, als deine Miniaturkanone». Welchen Beweggrund soll ich denn haben?" „Ganz einfach den, SirJarvy: daß du zu einem gewissen Sir Gcrvaise Oakes, Baronct, Biceadmiral der rothen Flagge und Parlamentsmitglied für Bowldcro — in deinem innersten Herzen sagst: ,wcnn ich diesen Burschen, mit NamenDickBluewater, sammt vier oder fünf Schiffen hinter mir lasse, so kann er, was auch immer seine Gesinnungen gegen König Georg sein mögen, mir wenigstens nicht vor dem Feinde desertiren; und so will ich mich seiner versichern, indem ich die Sache in ein solches Licht stelle, daß das Ganze mehr als ein Frenndschafts- denn als ein Loyali- tätsdicnst erscheint/" Sir Gcrvaise wurde roth bis zu den Schläfen, denn Bluewater hatte wirklich seine geheimsten Gedanken durchschaut; doch trotz seines augenblicklichen AcrgerS scbantc er seinem Ankläger fest in's Gesicht, und Beide brachen in ein so herzliches Gelächter aus, wie eine solche Veranlassung es nur immer Hervorrufen konnte. „Hörst du, Dick," begann der Biceadmiral, sobald er wieder den nöthigen Ernst zum Sprechen gesammelt hatte; „als man dich auf die See schickte, haben deine Eltern einen gewaltigen Mißgriff begangen — denn dich hätte man zu einem Hexenmeister erziehen sollen. Ncbrigcns gilt es mir gleich, was du von der Sache denkst; meine Befehle sind gegeben, und müssen befolgt werden. Hast du nun einen genauen Begriff von meinem Plane?" „Wie gesagt, eben so klar, wie von dessen Beweggrund." 344 „Genug davon, Blucwater; wir haben noch ernste Pflichten vor uns." Sir Gervaise ließ sich nun des Weiteren über sein Vorhaben aus, und erklärte seinem Freunde alle seine Wünsche und Hoffnungen, und theiltc ihm auch mit dienstlicher Genauigkeit mit, was er dabei von seiner Unterstützung erwartete. Der Contrcadmiral horte ihm mit jenem Respekte zu, den er jedesmal zeigte, so oft etwas Wichtiges zwischen ihnen verhandelt wurde, und wäre Jemand in dem Augenblicke ürs Zimmer getreten, während Beide aus diese Art beschäftigt waren, so würde er in dem Wesen des Einen nichts als die würdevolle Freimüthigkeit eines freundlichen Vorgesetzten, und bei dem Andern den ehrfurchtsvollen Gehorsam gesunden haben, welchen der Untergebene im Seedienst jederzeit vor dem höheren Range beweist. Sobald dieß vorüber war, zog Sir Gervaise die Glocke und befahl, Sir Wycherly Wychecombe herbeizurufen. „Ich möchte eigentlich wohl wünschen, daß ich hätte hier bleiben können, um die Schlacht wegen der Nachfolge männlich ausfechtcn zu sehen," sagte er; „doch ein Kampf ganz anderer Art zieht uns nach sehr verschiedener Richtung hin. — Führe ihn nur herein," fuhr er fort, als sein Diener ihm meldete, daß der junge Baronet seines Befehles harre. „Wenn wir die Pflichten unserer militärischen Stellung, und hinwiederum die, welche die Gäste gegen ihren Wirth haben, in s Auge fassen," begann der Viceadmiral aufstchend und sich verbeugend, „so ist's wohl nicht ganz leicht, Sir Wycherly, den Etikette- .Punkt zwischen uns Beiden festzusetzen; ich für meine Person habe aus Gewohnheit mehr an den Admiral und den Lieutenant, als an den Herrn des Hauses und seine dankbaren Gäste gedacht. Habe ich darin einen Jrrthum begangen, so bitte ich, denselben zu entschuldigen." „Meine neue Stellung ist mir noch so ungewohnt, Sir Gervaise, daß ich noch ganz der frühere Seemann bin," gab der junge 345 Mann lächelnd zur Antwort; „als solchen, hoffe ich, werdet Ihr mich immer betrachten. Kann ich Euch mit irgend Etwas dienen?" „Einer unserer Knttcr ist so eben mit Nachrichten angekommen, welche die Flotte noch diesen Morgen, oder so bald die Flut sich in eine starke Ebbe nmgewandclt haben wird — in die See zurück- sichren werden. Die Franzosen find ansgelaufen, und wir müssen uns nothwendig nach ihnen nmsehcn. Es war meine Hoffnung und Absicht, Euch auf dem Plantageuet wieder nach der See znrück- führen zu können. Ihr würdet zwar, vermöge des Datums Eures Patents, unter den dortigen Lieutenants nicht weit obenan gestanden haben; doch hat sich Bunting den Rang eines ersten Lieutenants verdient, und ich dachte ihm denselben heute Nachmittag noch zu erthcilen, in welchem Falle die Stelle eines Flaggenoffiziers bei mir vakant geworden wäre — ein Amt, welches Ihr recht wohl hättet versehen können. So wie jetzt die Sachen stehen, dürft Ihr aber dieses Haus nicht verlassen; ich muß mich somit von Euch verabschiede», und kann bloS bedauern, daß es die Umstände nicht anders erlauben." „Admiral Oakes! was kann es geben, das einen Offizier in meiner Stellung am Lande zurückhalten könnte, während wir am Vorabende einer Hauptschlacht stehen? Ich hoffe und wünsche von ganzem Herzen, daß Ihr Euren letzten Entschluß ändern und zu Eurem ersten Plane zurückkommen möchtet." „Ihr vergeßt Eure eigenen, so wichtigen Interessen; bedenkt nur, daß der wirkliche Besitz neun Zehnthcilc des Rechts auf Eure Seite bringt." „Wir hatten Eure Neuigkeit schon unten gehört, und Sir Reginald, Mr. Furlong und ich besprachen uns eben über die Sache, als ich Eure Einladung erhielt. Diese Herren sagten mir, daß ich eben so gut durch einen Bevollmächtigten, als in eigener Person, den Besitz behaupten könne, und so bin ich sehr zufrieden, daß sich Eure Einwendung auf solche Art beseitigen läßt." 346 „Eures Großvaters Bruder, das kaum verstorbene Haupt Eurer Familie — liegt noch uubeerdigt in diesem Hause; und da möchte cs ddch wohl schicklich sein, daß der Nachfolger seinem Leichenbegängnisse anwohne." „Auch daran haben wir gedacht. Sir Reginald war so gütig, sich mir als Stellvertreter anzubietcn, nnd übcrdicß spricht ja die Wahrscheinlichkeit dafür, daß das Zusammentreffen mit Umrsieur >1» Vöi'vilii» in den nächsten achtundvicrzig Stunden stattfinden wird, während mein Oheim nicht vor den nächsten acht bis zehn Tagen beerdigt werden kann." „Ich sehe, jnuger Herr, Ihr habt alle möglichen Fälle wohl in 'Rechnung gezogen," bemerkte Sir Gcrvaise lächelnd. „Nun, Blncwater, wie gefällt dir die Sache?" . „Ncberlassc sic mir, nnd ich will bestens dafür besorgt sein. Du wirst beinabe, wenn nicht gerade vierundzwanzig Stunden vor mir abscgeln, und so hätten wir also Zeit zu weiterer Neberlcgnng. Sir Wvcherly kann während der Schlacht bei mir auf dem Eäsar bleiben, oder auch, sobald wir wieder Zusammentreffen, aus den Plantagenct übcrgcsetzt werden." Nach kurzer Ucberleguug billigte Sir Gervaisc, der gcrue Jeden seinen eigenen Weg gehen ließ, den gemachten Vorschlag, und es wurde beschlossen, daßWycherly, wenn nicht unterdessen etwas vorfiele, was den Schritt als ungeeignet erscheinen ließe - — ans dem Cäsar Nachfolgen sollte. Als auch diese Einrichtung verabredet war, erklärte sich der Viceadmiral bereit, das Schloß zu verlassen. Gallcygo hatte bereits mit den übrigen Dienern die zur Einschiffung nöthigcn Vorkehrungen getroffen, und so blieb dem Admiral nur noch übrig, den Bewohnern des Schlosses Lebewohl zu sagen. Der Abschied zwischen den beiden Baronets war freundlich ; die gemeinschaftliche Thcilnahme, welche sie für Wycherly's Glück hegten, hatte sie gewissermaßen zu vertrauten Freunden gestempelt, und selbst Sir Reginald geneigt gemacht, dem Seemanne seine wohl bekannte Anhänglichkeit an die Whigpartei nachznsehen. Dutton verließ mit den beiden Frauen zu gleicher Zeit das Schloß; Sir Gervaisc verabschiedete sich von allen Dreien, und schlug dann den Weg nach der Landspitze ein, wohin sich Alle zu Fuß begaben. Eine so wichtige Person, wie Sir Gervaisc Oakcs, konnte unmöglich das Dach, das ihn bis jetzt geschützt hatte, verlassen, um sich an Bord seines eigenen Schiffes zu begeben, ohne eine gehörige Begleitung hinter sich zu haben. Blncwater ging neben her, um noch allerlei Kleinigkeiten des Dienstes, die etwa einem von Beiden im letzten Augenblicke noch einfallcn konnten, mit ihm zu besprechen; eben so war Wychcrly von der Gesellschaft, znm Thcil ans seemännischer Anhänglichkeit, mehr aber noch, weil er Mildred nahe zu sein wünschte. Dann kam noch Atwood, die beiden Doktoren, Mr. Notherham und zwei oder drei von des Admirals Dienerschaft. Auch Lord Geoffrey schlenkerte neben der Gesellschaft her, obwohl er bereits wußte, daß sein eigenes Schiff heute nicht mehr absegcln würde. Gerade als die Gesellschaft aus dem Parkthore in die Straße des Weilers gelangte, wurde auf der Flotte eine schwere Kanone abgefeucrt. Ihr folgten alsdann andere nach, und man hörte Pfeifen- und Hornsignale von den Mastenspitzen herabtönen, welche hin und wieder zwischen den Spalten in den Klippen sichtbar wurden — es waren die Signale, welche die Boote nach den Schiffen zurückriefen. Im nächsten Augenblicke gerieth Alles in geschäftige Bewegung , und seit Mcnschengedenken war Wychecombe nicht mehr der Schauplatz so emsiger Thätigkeit und wilder Verwirrung gewesen. Halbbetrunkcne Matrosen wurden, gleich Schweinen, welche sich halb und halb zu gehen sträuben, und doch nicht stehen zu bleiben wagen, von den munteren Junkern in ihrer schmucken Galauniform 348 nach den Booten an den Strand hinab getrieben. Ganze Viertel von geschlachteten Ochsen wurden in Karren oder aus Tragbahren nach den Booten geschleppt, und waren bald darauf an verschiedenen Leespiercn der Hauptmaste sichtbar. Neben dem wollte das Einsammeln von Eiern, Butter, Geflügel, Kalb-, Schöpsen- und Lammfleisch fast gar kein Ende nehmen, und schien die umliegende Gegend mit einer Hungcrsnoth bedrohen zu wollen. Mitten durch diese Masse von lebenden und leblosen Gegenständen verfolgte unsere Gesellschaft ihren Weg: manchmal wurden sie von den eifrigen Landlcuten fast über den Haufen gerannt, während Alle, die zur Flotte gehörten, ihnen ehrerbietig Platz machten, bis sie den Punkt erreichten, wo die Straße nach den Klippen und die nach dem Landungsplätze sich trennten. Hier wandte sich der Viceadmiral an den einzigen Kadetcn, der gerade anwesend war; höflich den Hut lüpfend, wie wenn er einen -jungen Herrn^, der eben beurlaubt war, nur ungern mit einem solchen Dienste beauftragte, sprach er endlich: „Habt die Güte, Lord Geoffrey, Euch auf de» Landungsplatz zu verfügen und nachzusehen, ob meine Barke am Ufer ist. Der Offizier des Boots wird mich bei der Signalstation treffen." Der Knabe gehorchte mit Freuden, und dieser Sohn eines englischen Herzogs, der durch den Tod seines älteren Bruders später selbst noch Herzog wurde, übernahm hier einen Dienst, der am Land von seines Gleichen für einen Dienstboten passend erachtet worden wäre — mit einer Geschäftigkeit, als ob er sich durch den Auftrag sehr geehrt fühlte. Nur durch eine Mannszucht, wie diese, welche Diejenigen, die dereinst zum Befehle» bestimmt waren, zuerst die hochwichtige Kunst des Gehorchens lehrte, konnte es England seiner Zeit gelingen, eine Marine zu erlangen, die so viele denkwürdige Thatcn verrichtete. Während der Kadet fort war, um nach dem Boote zu sehen, gingen die beiden Admirale neben einander nach den Klippen spa- 349 zieren und besprachen sich über ihre ferneren Manöver. Als Alles bereit war, stieg Sir Gcrvaise auf demselben Pfade, auf dem er am Tage zuvor die Anhöhe hinangeklimmt war, wieder an's Ufer hinab; dort schob er die wirre Masse, die sich am Landungsplätze gesammelt hatte und fast-nur zu viel damit beschäftigt war, seine Annäherung zu beobachten — bei Seite, und bestieg seine Barke. In der nächsten Minute führten ibn die Ruderschläge seiner Mannschaftin raschem Fluge nach seinem Admiralschiff— dem Plantagenet. Siebzehntes Kapitel. Nicht ohne Grund war s, denn am Abend sing der Wind Sich mächtig an zum Sturme zu beleben; Zwar scheut ihn wohl kein achtes Seemannskind, Doch mancher Landbewohner sah ihn traun mit Beben; Denn and'rcr Art Matrosenherzen sind. Mit Sonnenuntergang begann der Anker sich zu heben. Denn klar am Himmel stand's, daß Stürme nahen Nnd Masten mit sich nehmen könnten oder Naaen. Byron. ^a die Mittagsstunde kaum vorüber war, so beschloß Blue- water, sich noch ein paar Stunden auf den Klippen umherzn- treiben, bis etwa die Zeit des Mittagessens herangekommen wäre. So sehr auch gewöhnlich seine Gedanken zerstreut waren, so fand sein Geist dennoch Beschäftigung und Vergnügen im Anschauen der Bewegungen, welche jetzt unter den Schiffen bemerkbar wurden. Der geneigte Leser möge uns erlauben, ihm einige dieser Bewegungen in Kürze vor Augen zu führen. Kaum hatte Sir Gervaise Oakcs seinen Fuß auf das Deck des Plantagenet gesetzt, als ssbon nach fünf Minuten das Signal zur Versammlung sämmtlicher Schiffskommandanten an dem Haupt- 350 maste des Admiralschiffes flatterte. Zehn Minuten später waren, mit Ausnahme der beiden in der offenen Sec befindlichen Schiffe, alle übrigen Kapitäns der Flotte in der Kajüte des Flaggcuschiffs versammelt, und horchten mit gespannter Aufmerksamkeit ans die Pläne und Weisungen des Viccadmirals. „Mein Operationsplan, ihr Herren, ist sehr leicht zu begreifen," fuhr der kommandircnde Admiral fort, nachdem er seine Absichten zur Verfolgung und Bekämpfung des Feindes im Allgemeinen dargclcgt hatte, „und Jeder von euch hat demselben blindlings zu gehorchen. Die Ebbe ist jetzt noch im Steigen und ein frischer Sechsknotenwind bläst eben von Südwcsten her in unsere Segel. Ich werde beim Lichten der Anker meine Naaen in's Kreuz brassen und sie auch so behalten, bis mein Schiff über die Flotte hinaus ist; dann werde ich Bolciuc und Steuerbordhalsen beihalcn und die Ebbe unter den Lecbug der Fregatte zu bekommen suchen. Dieß wird den Plantagcnet gegen Morlaix hinüber führen, und bringt uns überhaupt gerade so weit windwärts, als wir's brauchen. So lange die Ebbe in Verbindung mit dieser Brise sortdaucrt, werden wir leichte Fahrt haben; erst wenn die Flut beginnt oder der Wind umspringt, dann kann die Sache schwieriger werden. Die Schiffe, die jetzt auslausen, müssen besonders daraus bedacht sein, daß sie nach vorn und hinten gut in Verbindung bleiben und ihre Genossen stets im Auge behalten; sie haben also alle ihre Bewegungen so viel als möglich nach denen der vorderen Schiffe eiuzurichten. Unser Hauptzweck ist der, einen möglichst großen Bogen zu beschreiben, und dabei doch die einzelnen Fahrzeuge auf Sigüaldistanz beisammen zu behalten. Gegen Sonnenuntergang werde ich die Segel cinreffen; die ganze Flotte schließt dann dichter auf, so daß ein Schiff vom andern nur eine Meile entfernt ist. Auch Bluewater wird dieselbe Vorsicht gebrauchen, wenn er mit den letzten Schiffen ausläuft; übcrdieß habe ich ihn angewiesen, für den Fall, daß ein zweiter Courier von dem Admiralitätsamte cintreffen sollte, so lange, als er nur immer sür räthlich hält, aus der Rhede zurückzubleiben. Während die Flut im Steigen ist, beabsichtige ich nicht zu wenden, sondern mit den Halsen am Steuerbord zu bleiben, und wünsche, daß ihr Me das Nämliche thnn möchtet. Dicß wird die vorderen Schiffe im Vergleich mit den rückwärtigen bedeutend windwärts treiben und die Flotte möglicherweise in die Windvicrungslinic bringen: da ich selbst die Vorhut führe, so liegt es mir ob, für die Richtung zu sorgen und die Folgen zu beachten. Von euch, meine Herren, verlange ich aber, daß ihr den Stand des Wetters nicht aus den Augen verliert und eure Schiffe auf volle Signaldistanz von einander haltet. Kommt ein dichter Nebel oder ein heftiger Sturm, dann müssen wir von der Spitze bis zur Nachhut anfschließen und unser Glück in geschlossener Ordnung versuchen. Wer den Feind zuerst erblickt, soll seine Lungen nicht schonen, sondern die Nachricht davon nebst der Richtung, welche die französische Flotte cingcschlagen, so schnell als möglich nach vorn und hinten weiter verbreiten. Tritt dieser Fall ein, so habt ihr euch sogleich auf dem Punkte zu sammeln, von wo die Nachricht ansging: und merktzs euch, laßt mir das Kreuzen windwärts bleiben, als ob ihr Befehl zum Herumstreifen hättet, wie ihr cs sonst in der Gewohnheit habt'— ihr wißt, ich kann cs nicht leiden. Und nun, meine Herren, ist cs wohl möglich, daß wir uns nie wieder sehen. Gott sei mit euch! Kommt, reicht mir Einer nach dem Andern die Hand, und dann flugs ans eure Boote! Der erste Lieutenant hat Grccnly so eben melden lassen, daß wir auf und nieder sindso laßt die Anker lichten, Greenly, und macht, daß wir so bald als möglich sortkommcn!" Der Abschied — eine Scene, wobei Fröhlichkeit und Trauer ans eigenthümliche Weise gepaart waren — ging rasch vorüber, und die Kapitäne verschwanden allmählig. Von jetzt an waren Aller Gedanken nur aus das Abscgcln gerichtet. ' ') jegeliertig. D. U, 352 Bluewatcr hatte zwar den Austritt in der Kajüte des Plantagenet nicht mit angesehen, konnte sich denselben aber recht gut in seinen Gedanken vormalen, und blieb ans den Klippen, um die nun folgenden Bewegungen zu beobachten. Wycherly war unterdessen unsichtbar geworden, Dntton lehnte an seiner Signalstange, und so hatte der Contreadmiral Niemand als Lord Geoffrcy zum Gesellschafter. Letzterer bemerkte, daß sein Verwandter nicht zur Unterhaltung aufgelegt schien, und besaß so viel Takt, daß er für seine Person still schwieg — eine Aufgabe, die ihm bei dem Interesse, welches das nun beginnende Schauspiel in Anspruch nahm, weit weniger schwer wurde, als dieß sonst gewöhnlich der Fall war. Kaum hatten die Boote der verschiedenen Kapitäne von der Steuerbordseite des Plantagenet, jpo das Schiffsceremoniel sie auf einem Haufen versammelt hatte — abgestoßcn, als auch bereits die drei Marssegel des Admiralschiffs sich senkten und die Geitane in stetiger Bewegung gegen die Enden der niedersten Raaen gespannt wurden. Während diese noch im Gange waren, begannen die Raaen sich zu heben, und mit jener sicheren, stnsenweisen Bewegung anzusteigen, wie sic gewöhnlich die Manöver auf einem Kriegsschiffe auszcichnet. In zehn Minuten standen alle drei steif an ihren Masten. Der Wind blies schief in die Segel, und so füllte sich die Leinwand, während sie ihre Falten öffnete; als sie sich endlich völlig entfaltet hatte, begann der Plantagenet sich langsam von seinem bisherigen Ankerplätze zu entfernen und, gegen die Flut sich stemmend, aus der langen Linie von Schiffen, unter denen er kaum noch vor Anker gelegen, allmählig hervorzubrechen. Es war dieß in der That ein schönes Manöver, ähnlich dem Anssteigen eines Seevogels, wenn er sachte die Schwingen entfaltet, und über das Wasser hingleitcnd sich langsam in den Aether erhebt, um auf einen fernen, unsichtbaren Punkt loszustenern. Das Weiterschreitcn des Flaggenschisss war stätig, abgemessen und großartig. Die ersten fünf Minuten steuerte es beinahe gerade 353 gegen Osten, so daß es den Wind auf der Steuerbordseite hatte und die Flut fast senkrecht durchkreuzte. Als sich die Fregatte weit genug von der Flotte entfernt hatte, ließ sie die großen Segel fallen, holte Bram- und Oberbramsegcl ein, setzte Brod- winncr*), Klüver und Stagsegel bei und braßte scharf beim Winde, mit dem Gallion gegen Süd-Süd-Ost gewendet. Dieß brachte die Flut gerade unter ihre Lcevorkettcn und führte sie in raschem Laufe windwärts vom Lande ab. Während sie ihre Segel ordnete und die Bolcinen gerade stellte, feuerte sie eine Kanone ab zum Zeichen, daß die Mehrzahl der Schiffe aus der Rhede die Anker lichten und auf Rufweite Nachfolgen sollte. Alle diese Bewegungen wurden von Bluewatcr mit der Aufmerksamkeit eines Liebhabers beobachtet und mit der kritischen Schärfe eines Kenners beurthcilt. „Recht wacker ausgeführt, Master Geoffrey, in der That, recht wacker, das muß ich gestehen! Nie hat wohl ein Vogel den ihm befreundeten Flug mit mehr Ordnung und Geräuschlosigkeit verlassen, als der Plantagenct so eben aus der Schiffsrcihe hcrvor- brach! Greenly versteht in der That sein Schiff zu handhaben — das muß man ihm lassen!" „Ich denke, Sir, Kapitän Stowet würde cs mit dem Cäsar- gewiß ebensogut gemacht haben," antwortete der Knabe mit dem jedem Seemanne eigcnthümlichen or^n-il >Io 001^8. „Erinnert Ihr Euch noch, Admiral Bluewatcr, wie wir neulich von Lorient herunter Segel gingen, während der Wind einem Orkane gleich gerade vom Lande her wüthcte? Sogar Sir Gervaise bemerkte später, wir hätten weniger als jedes andere Schiff in der Flotte an Grund verloren, und doch ist der Plantagenct, wie Jedermann weiß, der ansdauerndste Zweidecker in der ganzen Marine." „Wie Jedermann weiß? Nun, er ist allerdings ein ausdauernder Segler, aber doch nicht mehr als mancher andere auch. D. u. *) Das kleinere Klüversege!. Hie beiden Admirale. 23 354 Wann habt Ihr je gehört, daß diesem Schiffe insbesondere ein solcher Charakter bcigclegt worden wäre?" „Nun, Sir, die Kadctcn ans dem Plantagenet prahlen immer damit, ja rühmen sich sogar noch weit größerer Vorzüge." „Die Kadeten—ah, so! Nun, die jungen Herren sind freilich für die Reize ihrer ersten Liebe, mag diese nun am Lande oder auf der See weilen, von jeher besonders eingenommen. Habt Ihr jemals von einem alten Sccmanne gehört, daß er den Plantagenet so hoch erhoben hätte?" „Ich denke doch, Sir," erwiederte Lord Gcoffrey erröthend. „Gallcygo, Sir Gcrvaise's Hofmeister, spricht von nichts Anderem, als von solchen Einbildungen. Es sind wüthende Großprahler, die Plantagencts, Alle mit einander." „Das ist ganz natürlich," bemerkte Blnewater mit Lächeln; „ihre Namensvettern und Vorgänger haben sich vor Alters durch die nämliche Eigenschaft bemerkbar gemacht. — Schau einmal auf jene Raaen dort unten, Knabe, und lerne, wie man die Segel eines Schiffs im Winde entfalten muß." „Kapitän Stowel sagt uns, Sir, die Raaen dürften nicht ganz gleich gebraßt werden, vielmehr müsse man die Windbrafsen beim Luswärtswenden ein wenig vieren, so daß die Marsraa etwas weniger als die untere Raa, und ebenso das Bram- weniger als das Marssegel nach vorne zu stehen komme." „Ihr habt vollkommen recht, Gcoffrey, wenn Ihr Euch in allen diesen Dingen an Kapitän Stowels Ansicht haltet: doch hat nicht Kapitän Grcenly so eben auf dem Plantagenet das Nämliche gethan? Wenn ich von Symmetrie spreche, so meine ich natürlich die Symmetrie eines Seemannes." Dadurch war der Knabe zum Schweigen gebracht, doch sträubte er sich immer noch mit allen Kräften gegen die Behauptung, daß irgend ein Schiff feinem eigenen gleich kommen könne. Mittlerweile nahm es allen Anschein, als ob eine Aenderung 355 in dem Stande des Wetters eintreten wollte. Gerade zu der Zeit, als der Plantagenct beibraßte, wurde der Wind frischer, und zehn Minuten später wehte eine steife Brise. Noch ehe der Admiral die beiden detachirtcn Schiffe anrufcn konnte, sah er sich gcnöthigt, alle leichteren Segel einzunehmcn. Nachdem er hieraus der auswärts geankerten Fregatte und Schaluppe seine'Befehle gegeben, ließ er die Leinwand sich wieder füllen; die Bramschotcn wurden losgelösten, bei den Marssegeln ein einziges Reff eiugczogen und das leichtere Segclwcrk sodann wieder darüber gesetzt. Dieser Umsprung der Witterung mußte nothwendig, da noch insbesondere die Nacht wolkig, wenn nicht gar völlig finster zu werden drohte — eine entsprechende Veränderung in dem Plane der Fahrt mit sich bringen und die Zwischenräume zwischen dem Abgang der Schiffe um die volle Hälfte verkürzen. — Solchen Wechsel- fällcn sind alle Operationen zur See unterworfen, und es ist ein Glück, wenn die Führer so viel Geschicklichkeit besitzen, daß sie denselben jedesmal zu begegnen verstehen. In weniger als einer Stunde begann der Rumps des Plantagenct am Horizonte zu verschwinden. Jetzt lichtete der Car- uatic die Anker, entfaltete seine Segel und brach aus der Flotte hervor, worauf er, beim Winde halcnd, dem Admiralschiff in dessen Kielwasser uachsolgte. So genau war der Kurs, in welchem diese Fregatte steuerte, daß sie eine halbe Stunde, nachdem sie beigebraßt hatte, einen Klüseimer, den der Plantagenet beim Waffereinholen hatte fallen lassen, wieder einnehmen konnte. Wir halten es für zweckmäßig, mit Anticipirung der folgenden Ereignisse schon jetzt die Scgelordnung der Flotte in Kürze anzugeben, indem wir bemerken, daß der Thundcrer*) dem Carna- tic**) — der Blenheim dem Thunderer — der Achilles demBlen- heim — der Warspite ***) dem Achilles - - der Dover dem Warspite ') Der Donnerer. ") Der Fleischfarbene. Der Kriegestrutz. 23 * D. U. — der Uork dem Dover—- die Elisabeth dem Uork— der Dublin der Elisabeth und der Cäsar dem Dublin folgte. Stunden vergingen jedoch, bis alle diese Schiffe in Bewegung waren, und manche Ereignisse, welche während dieser Zeit am Lande stattfanden, bleiben uns noch zu berichten. Der Leser wird jedoch die späteren Vorfälle unserer Erzählung besser verstehen, wenn wir schon jetzt einiger Umstände erwähnen, welche das Abscgeln der Schiffe begleiteten. Zu der Zeit, da die Marssegel des Plantagcnct auf den Klippen unsichtbar zu werden anfingen, zogen der Earnatic, der Thnnderer, der Blenhcim, der Achilles und der Warspitc in Zwischenräumen von je zwei vollen Meilen unter einem Scgclwalde, wie sie ihn nur immer zu tragen vermochten, alle in einer geraden Linie dahin. Der Admiral hatte seine Segel am meisten verkürzt, indem er, wahrscheinlich wegen des drohenden Aussehens, welches der Himmel gegen Südwcstcn annahm, den Earnatic allem Anscheine nach näher aufschlicßcn lassen wollte, während er die anstcnlicgcnde Fregatte und Schaluppe, die Chloe und den Driver*), die eine auf seiner Luv-, die andere ans der Leeseite vor sich hcrgehen liest. Als der Dover die Anker lichtete, waren die Obersegcl des Admiralschiffs von seinem Mars ans nicht mehr zu sehen, während man auf dem Verdeck den Rumps des Warspitc noch recht gut im Auge hatte. Er verliest die Florte oder vielmehr den Theil derselben, der noch vor Anker lag, das Fockscgcl eingesetzt nnd bei dem Winde gehalt, die Marssegel doppelt gerefft, am großen Segel ein einziges Reff ungezogen und das Oberbram- über das Bramsegel gestellt. Mit also verkürzten Schwingen schost er dahin, um seinen Gefährten zu folgen, während die Brandung an seinen Bügen emporschäumte und die straffe Hieling den schweren Druck, den seine Segel zu tragen hatten, bczeichnete. Mittlerweile war auch der Uork flott geworden. Die Ebbe D. ». ') Der Treiber. 357 hatte sich unterdessen zur Flut umgewandelt, und cs wurde nöthig, die Halsen am Backbord auzuzichen, um das Land ostwärts klar zu bekommen. Dieß änderte die Formation der Flottenlinic; doch wollen wir nunmehr zu den Ereignissen am Ufer znrückkehrcn und diese in ihrer natürlichen Ordnung berichten. Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß Blnewater, um die Abfahrt so vieler Schiffe zu beobachten, mehrere Stunden aus den Klippen oder in deren Nähe zugebracht haben mußte. Statt seinem Versprechen gemäß zur Mittagsstunde in das Schloß zurückzukchren, benützte er das Erscheinen Wychcrly's — der eben in dem Augenblick, da er einen Boten an Sir Reginald abznscnden gedachte, mit glühendem Gesicht und in tiefer Bewegung die Hütte verließ — um den jungen Mann zu bitten, daß er dem älteren Baronet seine Entschuldigung überbringen möchte, indem er glaube, die Aenderung des Wetters werde cs nöthig machen, im Angesichte der Sec zu verweilen. Dutton hörte diesen Auftrag und lud, nach einer geheimen Unterredung mit seiner Gattin, den Admiral ein, ein einfaches Mahl unter seinem niedrigen Dache zu sich zu nehmen. Blnewater willigte mit Vergnügen ein; als er zu Tische gerufen wurde, fand er zu seiner großen Freude, daß Mildred allein ihm Gesellschaft leisten sollte: sic hatte — warum? das mochte wohl nur ihrem eigenen Herzen bekannt sein — die gewöhnliche Mittagsstunde vorübcrgehcn lassen, ohne bei Tische zu erscheinen, und war nun von ihrer Mutter anfgefordcrt worden, ein wenig Speise zu sich zu nehmen. „Die letzten Ereignisse im Schlosse haben das arme Kind sehr erschüttert, Sir," bemerkte Mrs. Dutton gleichsam entschuldigend, „und sie hat seit heute Morgen keinen Bissen angerührt. Ich sagte ihr, Ihr würdet meiner Tochter Gesellschaft gewiß nicht verschmähen, sondern die Aufmerksamkeiten, wie sic ihr als Eurer Wirthin zn- komme», als eine Entschuldigung ihrer Anwesenheit gelten lassen." Blnewater betrachtete die bleichen Züge des Mädchens; noch 358 nie war ihm ihre auffallende Aehnlichkeit mit Agnes Hedworth so klar geworden, als eben in diesem Augenblicke. Die letzten paar Jahre seiner süßen Freundin waren nichts weniger als glücklich gewesen, und Mildreds trüber, schmachtender Blick - - ihre thräneu- vollcn Augen erinnerten ihn wieder mit peinlicher Deutlichkeit an die geliebte Verstorbene. „Gütiger Gott!" murmelte er vor sich hin, „sollten denn zwei solche Wesen nur, um zu leiden, auf der Welt sein? — Meine gute Mrs. Dutton," fuhr er lauter fort, „Sie brauchen sich wahrlich nicht zu entschuldigen. Sie dürfen mir vollen Glauben schenken, wenn ich Ihnen sage, daß Sic in ganz England kein zweites Wesen hätten finden können, das mir ebenso willkommen gewesen wäre, wie meine kleine Tischgcfährtin es wirklich ist." Mildred kämpfte mit einem Lächeln, und es gelang ihr endlich, dem Admiral durch einen sehr freundlichen Blick ihren Dank auszudrücken. Mehr aber vermochte fie für jetzt nicht von sich zu geben. Mrs. Dutton schien hierüber erfreut und ließ die Beiden bald bei ihrem niedlich zubereiteten, aber einfachen Mahle allein, da Haushaltungspflichten ihre Gegenwart anderswo verlangten. ' „Erlauben Sie mir, mein Kind, daß ich Ihnen ein Glas von diesem wirklich vortrefflichen Portowcine anempfehle," begann Blucwater das Tischgespräch. „Hätten Sie so lange wie ich an der Küste von Portugal nmhergckreuzt, so würden Sie den Werth eines so reinen Getränkes, wie dieses hier, zu schätzen wissen. Ich wüßte keinen Admiral, der einen so trefflichen Wein aufznwci- sen hätte!" „ES ist wahrlich unser letzter, Sir," gab Mildred mit einem unwillkürlichen Zittern zur Antwort, während eine Thräne von jedem ihrer langen, schwarzen Augenlider auf den Teller niederfiel. „Es war ein Geschenk von dem theuren alten SirWycherly, der nie unterließ, meine Mutter mit derartigen Luxusartikeln zu bedenken, die, wie er sich vorstellen konnte, bei unserer Armuth für 359 uns unerschwinglich waren. Den Wein können wir leicht vermissen, den Geber aber um so weniger." Bluewatern war nicht anders zu Mnth, als ob er sogleich auf die eine Hälfte des Vermögens, das er seiner neuen Freundin bestimmt hatte, einen Wechsel hätte ziehen sollen; er zwang sich jedoch, mit einer eigenthümlichcn Laune des Gefühls, wie sie bei Personen von so lebhafter Empfänglichkeit keineswegs ungewöhnlich ist, in seiner Antwort nichts von dieser Bewegung merken zu lassen. „Einen alten SirWycherly wird's freilich sobald nicht wieder geben, der ebenso, wie der Verstorbene, zur Erleichterung seiner Nachbarn beiträgt; dafür ist jetzt aber ein junger Baronet da, der mir gar nicht danach aussieht, als ob er das gute Beispiel seines Oheims vergessen könnte. Ich hoffe, Sie Alle freuen sich mit uns über die plötzliche Glückserhöhung, welche unserem Liebling, dem Lieutenant, so unerwartet zu Theil geworden ist?" Ein Ausdruck von Aengstlichkeit flog über Mildreds Züge; ihr Freund hatte dieß wohl bemerkt, doch hielten ihn Erstaunen und Mitleid, wenn nicht gar Rene über das Geäußerte ab, seine Entdeckung zu verrathen. „Wir bemühen uns, froh darüber zu sein," antwortete Mildred, und lächelte dabei so trüb und ernst, daß der Admiral seine volle Theilnahme erwacht fühlte; „doch ist es nicht so leicht, uns über ein Glück zu freuen, das durch den Verlust unseres früheren hochgeschätzten Freundes erkauft werden mußte." „Ich weiß wohl, meine Theure, daß ein junger Mann wie der jetzige Sir Wycherly einen alten Knaben wie der verstorbene Sir Wycherly nie ganz ersetzen kann; da aber der Eine ein Seemann ist, während der Andere nur ein Landbewohner war, so mag's wohl sein, daß meine Standcsvorurtheile die Ungleichheit nicht für so bedeutend ansehen, als sie vielleicht in Ihren weniger parteiischen Augen erscheinen mag." 360 Blucwatcr glaubte in dem ihm begegnenden Blicke einen flehenden Ausdruck zu bemerken, und bereute augenblicklich, daß er ein solches Mittel ergriffen hatte, um den Trübsinn seiner Freundin zu zerstreuen. Auch Mildrcd mochte wohl dieses Bedauern in gewissem Grade theilcn, denn sic raffte sich zusammen und bestrebte sich nicht ganz ohne Erfolg, eine angenehmere Gesellschafterin abzugcben. „Mein Vater glaubt," bemerkte sie, „das kürzlich so schöne Wetter werde uns wohl bald verlassen, und dagegen, noch ehe scchsunddreißig Stunden vorüber sind, einem tüchtigen Sturme Platz machen." „Ich fürchte fast, Mr. Dntton möchte einen nur gar zu richtigen Wetterpropheten abgcbcn. Der Himmel hat so etwas Brütendes in seinem Aussehen, und ich erwarte eine unruhige Nacht. Doch — gut oder schlimm — wir Seeleute müssen nun einmal dem Sturm die Stirne bieten, und das sogar in dieser Meerenge, wo er wahrhaftig nicht zu verachten ist." „Ach, Sir, cs ist doch ein schreckliches Leben, das Ihr führt. Erst seitdem ich ans diesen Klippen wohne, habe ich die Seeleute bedauern gelernt." „Vielleicht, mein Kind, bedauern Sic uns gerade da, wo wir am glücklichsten sind. Unter zehn Seemännern sind cs immer neun, die einen tüchtigen Sturm einer langweiligen Windstille verziehen. Es gibt freilich Augenblicke, wo der Occan wahrhaft furchtbar erscheint; im Ganzen ist er übrigens eher launenhaft als bösartig. Gerade die bevorstehende Nacht verspricht eine solche zu werden, wie sic Sir Gervaise Oakcs am liebsten hat. Er ist nie glücklicher, als wenn er den Sturm durch das Takclwcrk seines Schiffes heulen hört." „Ihn habe ich allerdings als einen sehr waghalsigen, zuversichtlichen Kommandanten schildern hören. Doch, Ihr, Admiral Blnewater, könnt unmöglich solche Gefühle in Euch nähren, denn mir scheint cs immer, Ihr paßtet besser an ein trauliches Kamin 361 mit Freunden und Verwandten in Eurer Umgebung, als für die Kämpfe und Mühseligkeiten des Seelcbens." Dießmal kostete es Mildred keine Ueberwindung, den Veteran mit einem süßen Lächeln anzublicken, das ihn auch so sehr entzückte, daß er sich beinahe erhoben und sie mit der Zärtlichkeit eines Vaters, der seine geliebte Tochter an's Herz drückt, in die Arme geschlossen hätte. Nur die Bescheidenheit hielt ihn ab, seine Gefühle auf eine Art zu äußern, welche der Mißdeutung leicht ansgesctzt gewesen wäre, und so begnügte er sich mit der Antwort: „Ich fürchte fast, ich bin ein Wolf in Schafskleidern. Oakcs gesteht selbst, daß er sich glücklich fühlt, wenn er sein Schiff in pechschwarzer Nacht durch die tobende Sec dahinfliegcu sicht; dagegen behauptet er, ich pflege bei einem Orkane gar in Verzückung zu gerathcu. Ich kann diese Anklage zwar nicht als vollkommen begründet anerkennen, muß aber doch gestehen, daß ich bei der Theil- nahme an dem wilden Kampfe der Elemente ein gewisses stolzes Entzücken nicht unterdrücken kann. In solchen Augenblicken scheint meine ganze Natur mit einem Schlag verändert, und alle Milde und Sanstmuth ist vergessen. Dies; kommt daher, meine Thcurc, daß ich Ihrem Geschlechtc so lange fremd geblieben bi» und bis daher als einsamer Junggeselle gelebt habe." „Seid Ihr denn der Meinung, daß Seemänner sich vermählen sollten?" fragte Mildrcd mit einer Festigkeit, worüber sic selbst erstaunt war, denn während sic noch ihre Frage stellte, jagte ihr der Gedanke die Schamröthc bis in die Schläfe. „Ei das wäre doch traurig, wenn ich einen ganzen zahlreichen Stand, und noch dazu einen, den ich so sehr liebe, zu dem trostlosen Elend des Junggcscllcnlcbens verdammen müßte. Der Ehestand hat zwar bei Kriegern und Seemännern seine eigenthümlichcn Unannehmlichkeiten; aber gibt es deren nicht auch bei Leuten, welche sich niemals trennen? Ich habe schon viele Seeleute gehört,— Männer, die Weib und Kind von Herzen liebten — und sie Alle 362 meinten, das unbeschreibliche Entzücken des Wiedersehens nach langer Trennnng, die Freuden der Hoffnung und der Hochgenuß der Ausregung hätten weit mehr als die stillen Perioden des Friedens ihre Dienstjahre mit süßen Freuden bereichert. Da ich selbst nie verheirathet war, so kann ich nur vom Hörensagen urtheilen." „Ach — bei Männern kann dieß wohl der Fall sein, aber Frau en -— nein — nein — die können nie solche Gefühle hegen." „Sie sind ja selbst eines Seemannes Tochter, und kennen also wahrscheinlich auch Jacks Bericht über das häusliche Glaubensbe- kcnntniß seines Weibes: Ein gutes Feuer, ein reines Gewissen, die Kinder im Bett und der Gatte auf der See — das hält Jene wenigstens für den Gipfel der Glückseligkeit." „Für Scemannsscherze mag dieß wohl gut sein, Admiral Bluewater," gab Mildred lächelnd zur Antwort; „doch wird cs wenig zur Erleichterung eines brechenden Herzens beitragen. -— Nach all' Dem, was ich heute Nachmittag gehört habe, und nach dem plötzlichen Absegeln der Flotte ist wohl zu fürchten, daß eine große Seeschlacht bevorsteht?" „Und warum sollten Sie, eine brittische Osfizicrötochter, vor so Etwas zurückbeben? Haben Sie so wenig Vertrauen zu uns, daß Sie vielleicht glauben, eine Schlacht müsse nothwendig mit einer Niederlage für uns enden? Ich habe in meinem Stande schon Mancherlei erlebt, Miß Dnttou, und glaube in gewisser Beziehung über die gewöhnlichen Prahlereien von Großsprechern erhaben zu sein; aber so viel darf ich wohl sagen: wenn wir einmal dem Feinde begegnen, so ist cs nicht gewöhnlich, daß unsere Landsleute zu Haus Ursache bekommen, sich der englischen Flagge zu schämen. Ich bin noch nie mit einem Franzmanue zusammen getroffen, der nicht das männliche Verlangen bewiesen hätte, den Ruhm seines Vaterlandes aufrecht zu erhalten, und ich habe noch immer gefunden, daß es uns einen harten Kampf kostete, bevor der Feind überwunden war — doch hat mich der Ausgang noch 363 niemals getäuscht. Glück, Geschicklichkeit oder Recht sind gewöhnlich auf unserer Seite, und sie haben uns am Ende noch jedesmal den Sieg gegeben." „Und was mag es sein, Sir, was Euch auf diese Art in den meisten Fällen den Vortheil zur See sicherte?" „Als Protestant sollte ich sagen—unsere Religion; doch habe ich auch bei Protestanten schon zu viele Laster beobachtet, als daß ich dieser Ansicht Glauben schenken könnte. Wollte ich sagen — das Glück, so wäre dieß eine übermäßige Selbsterniedrigung, die wir wahrlich nicht verdienen. So muß es also wohl unsere Geschicklichkeit sein. Als Seeleute, glaub'ich, sind wir der Mehrzahl unserer Nachbarn an Erfahrung überlegen; doch will ich keineswegs als unumstößliche Wahrheit behaupten, daß wir selbst in der Taktik große Vortheile vor ihnen voraus hätten. Von Allen sind uns die Holländer am ehesten gewachsen." „Nichtsdestoweniger seid Ihr des Erfolges vollkommen sicher. Es muß eine große Ermuthigung sein, wenn man mit der festen Zuversicht ans Sieg in den Kampf geht! Ich denke, Sir — das heißt, mir scheint — es verstehe sich wohl von selbst, Sir — daß unser neuer Sir Wycherly für dießmal nicht im Stande sein wird, an dem Kampfe Antheil zu nehmen?" Nur schüchtern hatte Mildred ihre Frage gestellt, indem sic, so gut sie konnte, ihre Verwirrung zu verbergen suchte; aber Blue- water las in ihrem Herzen, und fühlte tief, wie peinlich es ihr geworden sein mußte, diesen Zweifel auszusprechcn. Ueberdieß fiel es ihm auf, daß ein Mädchen von so zartem, richtigem Gefühl wie seine Freundin, gewiß nicht diese Aufmerksamkeit auf des Jünglings Schritte verrathen haben würde, wenn Letzterer überhaupt Etwas gethan hätte, was irgend Tadel erwecken könnte. Diese Ueberzeu- gung beruhigte ihn sehr über die Wirkung, welche die plötzliche Standeserhöhnng auf den hübschen Lieutenant äußern möchte. Da er übrigens einer Antwort nicht auswcichen konnte, wenn Mildrcd nicht entdecken sollte, daß er ihre Gefühle kenne — so verlor er keinen Augenblick bei seiner Erwiederung. „Es ist nicht leicht," antwortete er, „einen jungen, waghalsigen Seemann, wie diesen Sir Wycherly Wychccombc, von der Theilnahmc an einem allgemeinen Treffen zurückzuhalten, besonders wenn es der Art ist, wie dasjenige, welches uns bcvorsteht. Oakcs hat zwar die Sache mir überlassen; ich glaube aber, ich werde dem jungen Mann seinen Wunsch schon gewähren müssen." „So hat er selbst um Aufnahme in Euer Schiff gebeten?" fragte Mildred, und ihre Hand zitterte, als sie den Löffel znm Munde führen wollte. „Natürlich. Jeder, der Uniform trägt, könnte oder würde gewiß nicht weniger thun. Zwar scheint cs für ihn ein kitzlichcr Augenblick zu sein, um Wychecombe gerade jetzt zu verlassen — den Ort, wo er wohl über kurz oder lang einen Kampf für sich selbst zu bestehen haben wird: doch bei jungen Leuten wird der Diensteifer stets jedes andere Gefühl, ja sogar die Liebe überwältigen — so wird wenigstens unter uns Seeleuten behauptet." Mildred gab keine Antwort; aber ihre-bleiche Wange, die zitternden Lippen vcrricthcn abermals ein Gefühl, welches sic bei ihrer Arglosigkeit nicht zu verbergen vermochte, und so mußte Blnc- water auf's Neue seine Bemerkung bereuen. In der Absicht, dem armen Mädchen ihre Selbstbeherrschung wieder zu geben, änderte er den Gegenstand der Unterhaltung, ohne Wvcherlv's mit einer Sylbe zu erwähnen. So verstrich der Rest der Mahlzeit in Frieden; der Admiral bewies bis aus Ende die so rasch in ihm entstandene, cdelmüthige Theilnahmc, welche er bei den Vorzügen seiner jungen Freundin für ihr Wohlergehen fühlte. Als sie vom Tische ausstandcn, verfügte sich Mildred wieder zu ihrer Mutter, während Blucwater nach den Klippen zurnckkehrtc. Es war unterdessen Abend geworden und der milde Glanz des 365 Sommers übcrgoß die Landschaft. Dennoch bot die weite Wasser- wüste, die sich vor Blncwaters Auge ansbreitete, jenen wilden, dräuenden Anblick dar, wülchcnWindeund Wogen einer solchen Scene zu verleihen pflegen, wenn das Licht des Tages vor der Dunkelheit der Nacht zu weichen im Begriffe steht. Dieß Alles machte aber ans den Konteradmiral keinen Eindruck, denn er wußte wohl, daß die stark bemannten Zweidecker bei wohl- cingcrcfften Segeln sich leicht durch die Finstcrniß durchzuarbcitcn vermöchten, wenn diese keine größeren Gefahren, als eben jetzt, zu bringen versprach. Der Wind hatte übrigens an Heftigkeit zuge- nommcn, und erlaubte ihm nur mit Mühe, sich gegen die Gewalt, mit welcher er ihm gerade in's Gesicht blies, auf dem Rande der Klippe zu behaupten. Er hatte eben wieder festen Fuß gefaßt und schaute in anfgerachteter Stellung auf die unten liegende Flotte, als die Elisabeth mit cng- geressten Mars- und doppcltgercfftcnUntersegeln abznfallcn begann, wobei sie sich durch ein oder zwei der schwereren Stagsegcl die Handhabung des Steuerruders zu erleichtern suchte. Er bemerkte, wie der gewaltige Bau selbst unter diesen verkürzten Segeln zu schwanken anfing, und sah, daß der Kapitän bereits seine Vorkehrungen für eine stürmische Nacht getroffen hatte. Die Lichter, welche der Dover und der Uork auf ihren Marsen führten, fingen eben an, in der hercinbrcchenden Finsterniß sichtbar zu werden — letzterer zeigte sich ungefähr anderthalb Meilen den Kanal abwärts, und hielt sich in solcher Richtung, daß er windwärts gelangen konnte, crstcrer aber hatte bereits in etwas südlicherer Dircction seinen Kurs nach dem Kielwasser des Admiralschiffes genommen. Eine Kette von Lichtern verknüpfte nun die ganze Linie, und machte es den Kapitäns möglich, auf diese Art mit einander zu commnni- eiren. Der Plantagenet war in diesem Augenblicke volle fünfzig Meilen draußen in der Sec, und arbeitete sich durch die heftige, 366 südwestliche Strömung, welche der Wind von der Bai von Biscava her und ans dem großen atlantischen Occan in die Mündung des Kanals Hereintrieb. Bluewater fing an, seinen Nock zuzuknöpfen, während er sich gleichwohl durch den ihn überwehenden Sturm, welcher den so eigenthümlichcn Scegcruch zu ihm hcrübcrtrug, wunderbar gestärkt fühlte. Noch lagen zwei von den großen Schiffen, der Dublin und der Cäsar, unbeweglich vor Anker. Sein geübtes Auge konnte aber bemerken, wie Stowel am Bord des letzteren Alles bereit hielt, um, sobald er selbst den Befehl dazu crtheilen würde, unverzüglich lichten zu können. In diesem Augenblicke kehrte der Kadet, der mehrere Stunden ausgeblieben war, zurück und stand wieder neben ihm. „Jetzt wird bald auch uns die Reihe treffen, Sir," begann der muntere Knabe, „und was mich betrifft, so wird's mir gar nicht unlieb sein, wenn ich einmal wieder in Bewegung komme. Die prahlerischen Junker am Bord des Plantagenet werden wieder trotz einem Don schwadroniren, wenn sie etwa dem Monsieur de Vervillin eine volle Lage beibringen sollten, während wir selbst noch auf der Rhede liegen — nicht anders, als wie die Dacht eines Edelmanns, welche man in die Bucht eingeholt hat, damit die Damen ohne Schaden für die Verdauung ihre Mahlzeit einnehmen können." „So viel haben wir wohl nicht zu fürchten, Geoffrey. Der Active ist zu leichtfüßig, als daß er sich — besonders bei so günstiger Witterung, wie wir sie gehabt haben, die schweren Schiffe so dicht auf den Hals kommen ließe. Er muß einen Vorsprung von fünfzehn bis zwanzig Meilen gehabt haben, und überdicß waren die Franzosen genöthigt, Kap la Hogue und Alderney zu umsegeln, bevor sie nur in diese Richtung gelangen konnten. Wenn sie überhaupt den Kanal Herabkommen, so sind sie doch noch volle fünfzig Meilen ostwärts, und sollte auch unsere Spitze weit genug vorwärts 367 gelangen, um gegen Morgen auf sie zu stoßen, so werden wir immer noch ganz hübsch windwärts kommen. Sir Gervaise hat ihnen noch nie eine bessere Falle gelegt, als eben heute. Die Elisabeth hat alle Hände voll zu thuu, Knabe, und der Wind scheint bei ihr sehr schralend *) zw werden. Wenn er sie noch mehr abschlägt, so wird er die Flut unter ihren Luvbug bringen, so daß sie zuletzt gegen den Wind wenden muß, und Ließ könnte das Ende unserer Linie in Verwirrung bringen!" „Was sollen wir aber in einem solchen Falle thun, Sir? Es ginge doch gewiß nicht an, daß wir den armen Sir Jarvy sich selbst überließen!" „Das würden wir auch bestimmt nicht thun!" antwortete Bluewater, und lächelte über die liebevolle Bcsorgniß des Knaben — eine Bcsorgniß, welche ihn sogar den gewohnten Respekt vor dem Oberkommandanten vergessen ließ, so daß er ihn mit seinem aus der Flotte üblichen Beinamen benannt hatte. „In einem solchen Falle wäre es meine Pflicht, so viel Schiffe als möglich zu sammeln, und so schnell wir könnten, dahin zu steuern, wo wir die andern morgen früh zu treffen erwarten dürsten. In dieser Meerenge laufen wir kaum Gefahr, einander ans längere Zeit aus den Augen zu verlieren, und wir dürfen wohl schwerlich befürchten, die Franzosen so weit westlich zu haben, daß sie vor dem nächsten Morgen mit unseren übrigen Schiffen handgemein werden könnten. Sollten sie dieß dennoch thun, Geoffrey —" „Ha, Sir, wenn sie dieß thäten, dann weiß ich schon, was geschehen würde!" „Was denn, mein Junge? Angenommen, Monsieur de Ver- villin träfe bei Tagesanbruch mit Sir Gcrvaise zusammen, was ') Schralend — knapp, heißt so viel als: das Schiff hat seine Segel so gestellt. daß der Wind nur wenig Wirkung auf dieselben ausübt. D. U. 368 hieltest du wohl nach deiner Erfahrung für die wahrscheinlichsten Folgen?" „Nun, Sir, ich glaube, Sir Jarvy würde aus ihn losgehen, wie der Delphin auf einen fliegenden Fisch; sollte er wirklich so glücklich sein, Einige von den Burschen gefangen zu nehmen, dann könnten wir Casars vollends gar nicht mehr in Gesellschaft der Plantagenets segeln. Schon bei unserem letzten Gefechte mit Monsieur de Gravelin warcu sic aufgeblasen wie die Pfauen , weil wir nicht früher anfschloßcn, als bis ihre Fockraa und Kreuzbramstcnge fort war, trotz dem, daß der Wind, der unterdessen umgesprungen war, uns todt nach leewärts gebracht hatte, und wir am Ende doch beim ganzen Gefecht die cilf gcfährlichst Verwundeten zählten. Ihr kennt die Plantagcnets nicht, Sir, denn vor Euch wagen sie nicht, sich etwas der Art.herauszunehmen!" „Nun, dafür will ich doch stehen, daß sic überhaupt nichts sagen werden, was meinen jungen Cäsars Unehre bringen könnte. Ihr erinnert Euch doch, Sir, daß Sir Gervaisc selbst in seinen Depeschen uns volle Anerkennung widerfahren ließ." „Ja, Sir — Alles vollkommen wahr. Sir Gervaisc kennt das freilich besser; er weiß, was der Cäsar ist und was er leisten kann und auch schon geleistet hat. Bei seinen Junkern aber — da ist es etwas ganz Anderes: die glauben, weil sie eine rothe Flagge am Fockmast führen, seien sic selbst lauter Blakes und Howards. Da ist z. B. Jack Oldeastle — der spricht stets nur von uns Kadctcn, wie wenn gar kein Seemannsblnt in unfern Adern wäre, und dieß ganz allein dcßhalb, weil sein eigener Vater zufällig Kapitän war — dabcj behauptet er noch, er sei Commodore gewesen, weil er ein einzig Mal drei Fregatten unter seinem Befehle gehabt habe." „Nun -- - in jetziger Zeit würde dieß auch einen Commodore ausmachen. Gewiß aber treibt er die Anmaßung nicht so weit, daß er das Blut der Oldcastle's über das der Clevelands stellte?" 369 „Nein, Sir—davon ist allerdings nicht die Rede," erwicderte der hübsche Knabe, leicht crröthcnd, so sehr er anch eine solch' weibische Schwäche verachtete; „Ihr wißt, von solchem Unsinn reden wir gar nie auf unserem Geschwader. Bei uns gilt blos der Dienst und was damit znsammcnhängt. Jack Oldcastle behauptet nur, die Clevclands seien lauter Civilistcn, wie er sie nennt, oder Soldaten, was, wie Ihr wißt, gerade nicht viel besser ist. Ich sage ihm aber, daß wir ein altes Gemälde von einem unserer Ahnen mit einem Ankerknopf haben, und das war lange vor den Zeiten der Königin Anna — vielleicht gar in Elisabeths Zeitalter — und dann, wißt Ihr, Sir, fange ich ihn allemal im Garn mit den Hcdworths, denn ich bin ebensogut Hcdworth als Clevcland." „Und was sagt der unverschämte Bursche dazu, Geoffrey?" „Nun, Sir, er meint, der Name sollte Hcadwork *) buchstabirt werden, und diese seien alle Advokaten gewesen. Alber ich gab's ihm dafür so gut, als seine listige Rede cs verdiente — darauf könnt Ihr Euch verlassen !" „Und was gabst du ihm zur Erwiederung auf ein solches Kompliment? Sagtest du ihm vielleicht, die Oldcastlc's seien ebensogut Stein und Holz und altes Eisen — und dieß noch dazu Alles bunt unter einander liegend?" „Nein, Sir, das nicht," antwortete der Knabe lachend; „ich dachte nicht daran, ihm eine auch nur halb so gescheidte Antwort zu geben. Aber ich gab ihm einen Nasenstüber, und gut gemeint war er, das dürft Ihr glauben." „Und wie nahm er diese Beweisführung auf? Führte sie zum Schlüsse -— oder wurde der Streit noch länger fortgesetzt?" „Natürlich fochten wir ihn aus, Sir. Es war am Bord des Dover; der erste Lieutenant sah daraus, daß dabei Alles nach der Regel zuging. Jack führte zu viele Kanonen für mich, Sir, denn ') Kopswerk. Die beiden Admirale. 24 370 er ist über ein Jahr älter als ich: aber ich schoß ihm doch so oft in die Hölzer, daß er gestand, es sei ein härter Stück 'Arbeit, als wenn man getoppt werde. Darauf nahmen die junge» Herren aus dem Dover meine Partie und sagten, die Hedworths hätten überhaupt nichts mit Headwork zu schaffen, sondern seien lauter rechte Seeleute — Admirale, Kapitäns und Kadeten, wie wir andern Alle auch. Ich erzählte ihnen, wie mein Großvater Hcdworth ein Admiral und zwar ein tüchtiger Seehcld war." „Darin begingst du einen kleinen Verstoß. Deiner Mutter Vater war blos General, aber sein Vater —- der war wirklicher Admiral der Nöthen — denn er lebte, ehe dicffr Grad ausgehoben wurde. Ein besserer Offizier hat nie die Planken betreten. Er war meiner Mutter Bruder, und wir Beide, Sir Gervafie und ich, dienten lange unter seinen Befehlen. Er war ein Seemann, auf den du mit allem Rechte stolz sein darfst." „Ich denke doch, Sir, von den Plantagenets wird keiner mehr in diesem Reviere zu jagen versuchen, denn wir haben unsere Jungen alle gemustert und dabei gesunden, daß wir an unfern beiden Tischen im Ganzen vier Admirale, zwei Commodore's und dreizehn Kapitäns zählen — das heißt, wie Ihr wohl denken könnt, Sir, wenn wir alle unsere Verwandten zusammcnrechnen." „Nun wohl, mein theurer Junge, ich hoffe, ihr sollt in späteren Tagen dicß Alles, und noch weit mehr, an euer» eigenen Personen erleben. Dort kommt übrigens Sir Reginald Wychecombe, wie ich mit Verwunderung bemerke: er wünscht vielleicht, mit mir allein zu reden. Geh' nach dem Landungsplatz hinab, und überzeuge dich, ob meine Barke noch da ist; sobald divs beliebt, kannst du »näss wissen lassen. Vergiß nicht, Geoffrcy, daß du mit mir abgehst, und treibe mir auch Sir Wycherlv Wychecombe aus, denn wenn er sich nicht im nämlichen Augenblick, da man seiner bedarf, einfindet, so wird er um die Ueberfahrt kommen." 371 Der Knabe berührte die Mütze, und eilte in inunteren Sprüngen den Hügel hinab, um sich des erhaltenen Auftrags zu entledigen. Achtzehntes Kapitel. So schmeichelte der Bose — nicht umsonst! Denn Eva's Herz sog ein die gift'ge Rede, iso wunderbar die Stimm' ihr klingen mochte. Milton. war wohl eine Art von Vorgefühl, was Bluewater veranlagte, den Kadeten sortzuschicken, sobald er den Anhänger des entthronten Königsstammcs ans sich zukommcn sah. Was bis jetzt zwischen beiden Theilen vorgefallen war, hatte vollkommen genügt, um Jeden über den geheimen Wunsch des Andern aufzuklären, und vermöge jenes geheimen Bandes, welches bei Parteiungen gewöhnlich im Geleite mächtiger Sympathien ist, war der Admiral fest überzeugt, daß die bevorstehende Unterredung sich aus die politischen Unruhen des Tages beziehen müsse. Die stürmischen Vorzeichen in der Atmosphäre — die Stunde — ja selbst der Ort waren für eine Zusammenkunft zwischen Verschwörern ausnehmend günstig und verleihen ihr einen eigenen poetischen Reiz. Es war fast völlig dunkel; die Landspitze war einsam und leer, dcnn Dutton hatte sich anfänglich zu seiner Flasche, und dann ins Bett zurückgezogen; der Wind blicß scharf über den schwarzen Felsvorsprung, und ließ sich zuweilen sogar, unwillig murrend, in den Klippenhöhlen vernehmen, während die unheil- schwangeren Wolken, vom Sturme gejagt, das Mondlicht bald verfinsterten , bald es theilweise und in ungewissem Schimmer wieder blicken ließen, und der ganzen Scene einen wild aufregenden Charakter mittheilten. Kein Wunder also, wenn Bluewater bei der Annäherung seines Besuchs stärker als je zuvor das Verlangen 24 " 372 fühlte, auf die Rede des Versuchers zu horchen, wie wir hier Sir Reginald unter solchen Umständen wohl ohne Ungerechtigkeit nennen dürfen. „Wenn ich Euch an einem solchen Orte und mitten in einer so wilden Landschaft aufsuchte," begann der Letztere, „so durste ich wohl versichert sein, einen Mann zu finden, der die See und seinen edeln Stand aufrichtig liebt. Das Schloß ist im jetzigen Augenblick ein Haus der Trauer; als ich dort nach Euch fragte, konnte mir Niemand angeben, wohin Ihr Euch gewendet hattet. Ich folgte also Eurem eigenen Scemannsinstinkte, und sehe nun, daß ich wohl daran gcthan habe. Sollten mich vielleicht meine Angen täuschen oder sind wirklich nicht mehr als drei Schiffe auf der Rhede dort unten vor Anker?" „Eure Augen find noch immer gut, Sir Reginald. Admiral Oäkes ist schon vor mehreren Stunden abgesegelt; ihm folgte die ganze Flotte, mit Ausnahme der beiden Linienschiffe und der Fregatte, die Ihr dort vor Euch seht, und mit welchen ich selbst als der Letzte den Ankerplatz verlassen werde." „Ist es etwa ein Staatsgeheimniß — oder dürft Ihr mir vielleicht mittheilcn, wohin eine so starke Streitmacht so plötzlich aufgebrochen ist?" fragte derBaronet, und sein schwarzes Auge heftete sich mit so ausdrucksvollem Blick aus den Gefährten, daß der Fragende sich in der zunehmenden Dunkelheit fast wie ein Inquisitor ausnahm. „Man sagte mir doch, die Flotte warte ausBefehlc aus London?" „Dieß war auch ursprünglich die Absicht des ersten Komman- direnden; doch die Nachricht, daß der Graf von Vcrvillin ausgelaufen sei, veranlaßte Sir Gervaise zu einer Acndcrung seines Planes. Sobald ein englischer Admiral einen thätigcn und dabei gefährlichen Feind aufsucht und schlägt, läuft er selten Gefahr, in einen Jrrthum zu verfallen." „Ist dieß in allen Fällen wahr, Admiral Bluewater?" vcr- 373 setzte Sir Reginald, indem er näher trat und sich dein Andern anschloß, der ans dem kurzen Pfade, welchen Dutton sein Quarterdeck nannte, auf und nieder ging;—- „oder ist cs nicht vielmehr nur eine allgemeine Phrase ohne Bedeutung, welche manchen Mann verleitet, das Spielzeugsseiner eigenen Phantasie zu werden? Sind die auch wirklich immer unsere Feinde, welche dieß zu sein scheinen? oder ist etwa unser Urtheil so untrüglich, daß wir jedes unserer Gefühle oder Vorurtheile als einen Impuls betrachten müßten, dem wir uns, ohne dessen Rechtmäßigkeit zu prüfen, blindlings zu unterwerfen hätten?" „ Haltet Ihr es etwa für ein Vorurthcil, Sir Reginald, wenn ich Frankreich als Englands natürlichen Feind ansehe?" „Beim Himmel! ja, das thu' ich, Sir. Ich kann begreifen, daß England weit mehr sein eigener Feind zu sein vermag, als Frankreich jemals ihm gewesen! Wollen wir auch zugebcn, daß Jahrhunderte des Kriegs dazu beigetragen haben, jenes Gefühl, woraus Ihr angcspielt, gewissermaßen zu erwecken, so muß ich doch fragen: liegt nicht zuletzt doch hinter dem Allen eine Frage des Rechts oder Unrechts verborgen? Bedenkt, wie oft England auf französischem Boden eingefallen, welch' schwere Beleidigung cs an des letzteren Gebiete verübt hat, während Frankreich eben hierin so wenig gegen uns verbrochen; erinnert Euch, wie selbst sein Thron von unfern Fürsten eingenommen, und seine Provinzen durch unsere Armeen erobert wurden." „Ich denke, Ihr werdet selbst kaum behaupten, daß der Fall bei alle Dem stets der gleiche gewesen. Gar manche Theile des jetzigen Frankreichs gehörten zu der rechtmäßigen Erbschaft Derer, die auf dem englischen Throne saßen, und jene Streitigkeiten waren nichts weiter als Zänkereien, wie sie unter Nachbarn häufig genug Vorkommen. Wenn unsere Ansprüche an sich selbst gerecht waren, so könnt Ihr doch gewiß nicht wünschen, sie aufgegebcn zu sehen." „Nein — nein; davon bin ich weit entfernt. Wenn aber An- 374 sprücbe bestritten werden, ist es da nicht natürlich, daß der Verlierende sie als eine Ungerechtigkeit betrachtet? Ich glaube, wir hätten mit Frankreich, wie Jhr's nennt, weit bessere Nachbarschaft gehalten , wenn nicht diese neulichen Schwierigkeiten, mit religiösen Wechseln verbunden, dazwischen gekommen wären." „Wie ich voraussctze, Sir Reginald, so wißt Ihr, daß ich mit meiner ganzen Familie protestantisch bin?" „Ja, Admiral Bluewater, ich weiß es, und finde zu meiner Freude, daß eine Meinungsverschiedenheit in dieser wichtigen Beziehung nicht nothwendig auch dieselbe Uneinigkeit in allen andern Dingen herbciführt. Aus einigen leisen Anspielungen, welche heute zwischen uns vorkamen, darf ich wohl den Schluß ziehen, daß wir, wie groß auch die Kluft in geistlichen Dingen zwischen uns sein möge, gleichwohl in gewissen weltlichen Angelegenheiten ein und derselben Ansicht folgen." „Ich gestehe, auch ich bin auf denselben Schluß verfallen; wenn ich mich irrte, so sollte es mir wahrlich leid thun, enttäuscht zu werden." „Wozu also noch ferner diese zweideutigen Reden? Zwei Ehrenmänner können dock hoffentlich ihre beiderseitigen Gesinnungen mit Sicherheit gegen einander austauschen, wenn die Zeiten Aufrichtigkeit und Entschlossenheit von ihnen verlangen? Ich bin ein Jakobitc, Admiral Bluewater; durch dieses Geständniß gefährde ich mein Leben, wie mein Vermögen — beides lege ich ohne allen Rückhalt in Eure Hände." „Sie könnten nie in bessern sein. Sir. Ich weiß Euch keine bessere Bürgschaft dafür zu geben, daß Euer Vertrauen nicht mißbraucht werde, als indem ich Euch meinerseits bekenne, daß ich mit Freuden mein Leben hingeben würde, wenn ich durch dieses Opfer die verbannte Familie wieder aus den Thron bringen könnte." „Das ist edel und männlich und frcimüthig, wie ich es von einem Seemanne erwartet hatte!" rief Sir Reginald, mit einem Entzücken, 3,5 das cr in diesem Augenblicke nicht auszudrücken vermochte. „Diese einfache Versicherung aus Eurem Munde hat mehr Gewicht, als alle Eidschwüre und Pfänder gewöhnlicher Parteigänger. Wir verstehen einander, und tief würde es mich schmerzen, wenn ich weniger Vertrauen einslößte, als ich selbst empfinde." „Welch' besseren Beweis kann ich Euch von dem Vertrauen geben, das ich in Eure Treue setze, Sir Reginald, als durch die Erklärung, die Ihr so eben vernommen?" Wolltet Ihr mich ver- rathcn — in einer Woche müßte mein Kopf fallen, und doch habe ich ihn nie sicherer auf meinen Schultern gewußt, als eben in diesem Augenblicke." Der Baronet faßte die Hand seines Gefährten, und Jeder gab und empfing einen Druck, der ihre volle Gesinnung aussprach. Dann gingen Beide, gedankenvoll, obwohl beruhigt, eine volle Minute in tiefem Schweigen neben einander auf und nieder. „Dieses plötzliche Auftreten des Prinzen in Schottland hat uns Alle ein wenig überrascht," begann Sir Reginald nach einer Pause aufs Neue. „Doch wußten einige Wenige von unserer Partei, daß seine Plane seit einiger Zeit dahin abzieltcu. Vielleicht hat er wohl daran gcthan, daß cr ohne fremde Hilfsmacht kam und sich mit dem edelsten Vertrauen in die Großherzigkeit, den Muth und die Loyalität seiner Freunde — man möchte sagen: ganz allein in die Arme seiner Uuterthaneu warf. Einige tadeln ihn dcßhalb: darunter aber gehöre ich nicht. Jetzt erst wird cr die Thcilnahme jedes cdcln Herzens in unserem Volke erwecken" — dieß war höchst schlau auf den Charakter des Zuhörers berechnet— „wogegen wohl Manche bei einer weniger männlichen Aufforderung an ihre Liebe und Treue gleichgültiger geblieben wären. Wie wir von allen Seiten vernehmen, so wirkt die Anwesenheit Seiner königlichen Hoheit in Schottland wahrhaft wunderbar aus die Gemüther, während auch in England die Freunde seines Hauses, obwohl noch 376 für einige Zeit zur Vorsicht und Wachsamkeit genöthigt, an allen Ecken und Enden sich zu rühren anfangen." „Ich freue mich von Grund meines Herzens, dieß zu vernehmen!" sagte Blnewater, tief Athem schöpfend, als ob seine Brust plötzlich von einer schweren Last befreit worden wäre — „von Grund meines Herzens freue ich mich darüber. Ich fürchtete halb und halb, die plötzliche Erscheinung des Prinzen möchte Diejenigen, die es wohl mit ihm meinen, unvorbereitet überrascht haben und darum furchtsam finden." „Nichts weniger als das, mein theurer Sir, wenn gleich noch Vieles von der Raschheit und Entschlossenheit der Hauptführer unserer Partei abhängt. Wir sind wahrlich stark genug, die Nation zu leiten und zu befehlige». Was uns jetzt vor Allem fehlt — das sind ein paar hundert hochgestellte Männer, die aus diesem Zustande des Mißtrauens hcraustretcn, und uns den Weg zu ehrenvollen Thaten und zu sicherem Erfolge zeigen." „Und in einem Augenblicke, wie dieser — kann es an solchen Männern fehlen?" „Ich denke, des größten Thcils des hohen Adels sind wir sicher, nur nöthigt sie die große Gefahr, welche sie laufen würden, den äußeren Schein vorderhand noch vorsichtig zu wahren. So sind cs denn die Herren im Dienst, die tapfer» Soldaten und die kühnen, hcldenmüthigen Seemänner unserer Flotte, auf welche wir unsere Blicke werfen, wenn sich's darum handelt, den ersten Beweis von Loyalität und ächtcr Vaterlandsliebe zu geben. Ich will offen gegen Euch sein, Sir, und Euch gestehen, daß ich es herzlich müde bin, mich von einem Deutschen regieren zu lassen." „Wißt Ihr von irgend einem Plan, Sir Reginald, in diesem Theil von England eine Streitmacht zu sammeln? Wenn dieß der Fall ist, so sagt mir nur ein Wort; bezeichnet mir den Punkt, wo meines Herrn Fahne ausgepflanzt werden soll, und sobald nur immer die Umstände es erlauben, werde ich daselbst erscheinen." 377 „Das ist es eben, was ich erwartete, Admiral Bluewater," antwortete der Baronet, der innerlich höchlich erfreut war, wenn er gleich zu viel Klugheit besaß, um seine ganze Zufriedenheit merken zu lassen — „nur ist dieß nicht ganz die richtige Art, wie Ihr uns gerade in. diesem Augenblicke am besten dienen könnt. In diesem Theile der Insel sind wir vermöge der Hilfsquellen der Regierung vom Norde» abgeschnitten, und es verriethe daher die höchste Unklugheit von unserer Seite, wenn wir die Hände der Spielenden zeigen wollten, noch ehe die Karten gehörig gemischt sind. Die Armee wird in diesem Momente von zuverlässigen, thatigen Agenten bearbeitet; London hat seine besondere Anzahl von Geschäftsmännern, während wieder Andere in den Grafschaften ihr Bestes thun, um Alles aus den entscheidenden Schlag, den wir so sehnlich erwarten, vorzuberciten. Ich selbst verweilte mit einigen unserer Freunde in der Nachbarschaft, um die Angelegenheiten günstig für uns zu wenden, und es war meine Absicht, eben diese Herrschaft zu besuchen, um zu sehen, was wohl mein Name unter der Pächterschaft vermöge, wenn nicht der verstorbene Sir Wycherly selbst mich an sein Sterbebette gerufen hätte. Habt Ihr irgend Gewißheit über die Gesinnungen des neuen, jugendlichen Hauptes meiner Familie, des früheren Schifflieutenants und jetzigen Baronets?" „Ich bin über ihn nicht ganz im Reinen, Sir, zweifle aber dennoch sehr, ob seine Ansichten dem Hause Stuart günstig sein werden." „Das Nämliche fürchtete auch ich. Noch diesen Abend erhielt ich eine anonyme Mitthcilnng, die von Niemand anders als von seinem Mitbewerber herrühren kann; darin erklärt er mir mit klaren Worten, wenn ich seine Rechte, wie er es nennt, sicher stellen wolle, so sei er bereit, in dem bevorstehenden Kampfe die ganze Pächterschaft und allen Einfluß der Wychecombe's für diejenige Partei aufzubieten, die ich selbst ihm anweisen wollte." 378 „Das ist in der That ein kühner, entscheidender Streich! darf ich fragen, was Ihr zur Antwort gegeben, Sir Reginald?" „Nichts werde ich ihm antworten. Ich werde stets und unter allen Umständen mich weigern, einen Bastard in die Stelle des rechtmäßigen Abkömmlings meiner Familie einzusetzen. Wir selbst, mein thcurer Admiral, streiten sür gesetzliche, natürliche Rechte, und die Mittel, die wir dazu verwenden, dürfen des Ausgangs nicht unwürdig sein. Ucberdieß weiß ich, daß der Schuft gar kein Vertrauen verdient, und werde sicherlich nicht die Schwachheit begehen, mich selbst in seine Gewalt zu begeben. Ich möchte freilich wünschen, daß der eigentliche Baronet einer verschiedenen Ansicht huldigte; doch wenn wir ihn zur See schicken, wohin er, wie er mir sagt, beordert ist, — so ist er wenigstens nicht im Stande, Schaden anzurichten." Hierin sprach Sir Reginald wirklich durchaus aufrichtig, denn wenn er auch in politischen Angelegenheiten bei der Wahl seiner Mittel nicht immer allzu gewissenhaft verfuhr, so dachte er doch streng rechtlich in Allem, was Privateigcnthum betras. Es ist Ließ zwar eine Art moralischen Widerspruchs, der aber bei Solchen, welche nach der Leitung menschlicher Angelegenheiten streben, zuweilen wohl getroffen wird, indem sogar Männer, die in andern Dingen fast untadelhast zu nennen sind, gerade hierin einer überwältigenden Schwäche unterliegen. Bluewater hörte diese Erklärung mit Freuden: die Lauterkeit seines eigenen Charakters verleitete ihn, sie als einen Beweis von der allseitigcn Redlichkeit seines Gefährten hinzunehmen. „Ja," bemerkte der Admiral, „in einer Angelegenheit, wo es sich um das Recht des Einzelnen handelt, müssen wir unter allen Bedingungen die Landesgesetzc aufrecht erhalten. Dieser junge Mann ist vielleicht nicht im Stande, in einer Krisis, wie die jetzige, seine eigenen politischen Pflichten gehörig zu würdigen, und so wird es in der Tbat das Beste sein, wenn wir ihn auf die See schaffen, 379 damit cr nicht sein Eigenthum, noch ehe er es recht in Besitz genommen, durch Unterstützung der verlierenden Partei gefährde. So wären wir denn mit Sir Wycherly fertig — was kann aber ich jetzt zunächst thun, um unsere rechtmäßige, glorwürdige Sache nach Kräften zu unterstützen'?" „Das nenne ich wie ein Mann dem Ziele entgegen gesteuert, Sir Richard — ich bitte um Verzeihung, wenn ich Euch mit diesem Titel aurede — aber ich weiß zuverlässig, daß Euer Name vor einiger Zeit dem Prinzen als einer derjenigen genannt wurde, welche zunächst bestimmt sind, das rothcBand von dem Souverän: zu empfangen, der zu dessen Verleihung wahrhaft berechtigt ist. Habe ich etwas zu frühzeitig gesprochen so bitte ich nochmals um Entschuldigung. — Aber in der That, das heiße ich mannhaft dem Ziele entgegen gegangen! Allerdings könnt Ihr uns dienen — Ihr könnt cs sehr erfolgreich und auf eine höchst entscheidende Weise. Jetzt erst bedaure ich von ganzem Herzen, daß mich mein Vater in meiner Jugend nicht für die Armee bestimmte, wo ich meinem Fürsten in dieser gefährlichen Probezeit so, wie ich gerne möchte — hätte dienen können! Doch wir haben viele Freunde, die mit dem Waffcnhandwerk vertrant sind; unter diesen wird Euer eigener hochgeachteter Name durch den Glanz, den Eure Vergangenheit verbreitet, zugleich auch ermuthigcnd für die Zukunft wirken." „Es ist wahr, Sir Reginald, ich habe von meiner Knabenzeit an die Waffen getragen; das geschah aber in einem Dienst, der uns bei diesem Kriege wohl schwerlich nützen wird. Prinz Eduard hatte keine Schiffe und wird wohl auch keine brauchen." „Wahr, mein thcurcr Sir — aber König Georg hat Schiffe! Ihr meint, Prinz Eduard brauche keine? -— Erlaubt mir, Euch zu bemerken, daß Ihr Euch hierin täuscht. Bald wird es von der höchsten Wichtigkeit für uns sein, die Verbindung mit dem Festlande offen zu erhalten. Ohne Zweifel ist Monsieur de Vervillin schon jetzt zu einem ähnlichen Zwecke ausgelaufen." Bluewater erschrak, und fuhr vor dem festen Druck, womit der Andere in der Wärme des Gesprächs seinen Arm gefaßt hatte, ungefähr mit demselben instinktartigen Widerwillen zurück, mit dem man vor der Berührung einer Schlange zurückbebt. Der Gedanke an eine Verrätherei, wie sie ihm in der Bemerkung seines Gefährten zugemuthct wurde, war ihm noch nie vor die Seele getreten, und sein redliches Gemüth wandte sich mit heftigem Widerwillen selbst vor dem nur angedeutetcn Vorschläge des Andern ab. Doch war es ja immer noch nicht gewiß, wie weit Sir Reginald ihn zu drängen wünschte, und so hielt er es für gerecht, ehe er eine entscheidende Antwort gab, sich- zuerst von den wirklichen Absichten des Andern zu überzeugen. So räthlich dicß auch schien, so war es doch für einen geradsinnigcn Charakter, der hier mit einem wohlgeübten Jntriguantcn, wie der Baronet einer war, in Berührung kam — ein höchst gefährlicher Aufschub, denn Sir Reginald besaß Takt genug, um zu bemerken, daß sein neuer Freund bereits auf's Höchste beunruhigt war, und hatte sogleich beschlossen, in Zukunft vorsichtiger zu fein. „Wie soll ich das verstehen, Sir Reginald Wychecombe?" fragte der Contreadmiral. „Auf welche Art kann ich möglicherweise noch mit der Seemacht des Hauses Hannover in Verbindung bleiben, wenn es einmal meine Absicht ist, dessen Dienst zu verlassen? König Georgs Flotten können wohl schwerlich die Stuarts unterstützen und werden jedenfalls den Befehlen ihrer eigenen Offiziere gehorchen." „Daran ist auch nicht der geringste Zweifel, Admiral Blue- water! Welch' glorreiches Vorrecht ward Monk*) dadurch zu Theil, daß es in seiner Macht stand, seinen gesetzlichen Oberhcrrn auf den ihm gebührenden Thron zu erheben und so durch einen Handstreich *) Georg Monk, später Herzog von Albemarle. war der General, der nach Cromwellö Tode Karl ll. im Jahr 166V wieder auf den Thron setzte. D. U. 381 das Reich vor dem Elend und Jammer eines Bürgerkriegs zu bewahren! Unter all' den ruhmwürdigen Namen in unserer englischen Geschichte erscheint mir der von Georg Monk als der bencidcns- wertheste. Es ist etwas Großes, ein Fürst zu sein — geboren als Stellvertreter Gottes auf Erden in Allem, was menschliche Gerechtigkeit und Macht betrifft: doch der Mann zu sein, der die Ordnung der, fast möcht' ich sagen göttlichen, Erbfolge, nachdem sie durch gesetzlose, anmaßende Menschen gestört worden, wieder her- zustcllen bestimmt ist — das ist in meinen Augen doch noch weit größer und erhabener." „Das ist allerdings wahr, Sir; doch hätte ich sür meine Person vorgczogcn, ganz allein — und nur mit meinem eigenen makellosen Schwerte bewaffnet — am Strande von Dover dem Könige Karl entgcgenzugehen, als ihn mit einem Heere auf meinen Fersen zu begrüßen." „Wie? auch wenn dieses Heer mit frohem Herzen gefolgt, und von demselben Eifer, wie Ihr selbst, beseelt gewesen wäre, seinem Herrn zu dienen?" „Nun, das möchte freilich den Fehltritt einigermaßen entschuldigen. Ucbrigens stehen Krieger wie Seeleute gewöhnlich unter dem Einflüsse der Ansichten, wie sic von Männern ansgehen, die von höheren Behörden zu ihren Befehlshabern eingesetzt worden." „Ohne Zweifel, und das ist auch ganz in der Ordnung. Wir dürfen uns dem Glauben hingcben, daß bereits zehn bis fünfzehn Kapitäns uns wohlgeneigt sind, und ihre zugehörigen Schiffe mit Freuden dahin lenken werden, wo wir derer bedürfen, sobald sie nur erst darüber im Reinen sein können, daß es ihnen, nachdem sie sich versammelt, nicht an einem tüchtigen Führer fehlen werde. Bei einem einigermaßen guten Zusammenwirken erringen wir die Herrschaft auf der Nordsee und halten uns die wichtige Verbindungsstraße mit dem Festlandc offen. Es ist bekannt, daß das Ministerium so viele deutsche Truppen, als es nur immer aufzutreibcn 382 vermag, zu verwenden beabsichtigt: in diesem Falle ist eine Seemacht, welche diese schnurrbärtigen Fremdlinge serne halt, für uns von der höchsten Wichtigkeit. Der Streit ist ein rein englischer, Sir, und sollte auch allein durch Engländer ausgesuchten werden." „Darin stimme ich in der That vollkommen mit Euch überein, Sir Reginald," gab Bluewatcr zur Antwort, indem er etwas freier athmete. „Ich wollte gerne einen ganzen Winter in der Nordsee kreuzen, um diese Deutschen zurückzuhalten und die Engländer allein darüber entscheiden zu lassen, wer Englands König sein soll. In meinen Augen ist fremde Einmischung in eine solche Angelegenheit ein Uebel, welches der wirklichen Abtrünnigkeit von einem rechtmäßigen Fürsten am nächsten kommt." „Das ist aus'S Haar auch meine Meinung, thcurer Sir, und ich hoffe, Euch in Uebereinstimmung damit handeln zu sehen. Apropos — wie kommt es denn, daß Ihr allein hier zurückgeblieben seid, und auf welche Art Pflegen zwei Admirale, wie Ihr, wenn sie gemeinschaftlich Dienst thun, sich in die Befehlführung zu theilen?" „Ich weiß nicht, Sir Reginald, ob ich Eure Frage genau verstanden habe. Ich bin hier zurückgeblieben, um als der Letzte mit dem Cäsar abzusegcln. Sir Gcrvaise ist mit dem Plantagcnet voraus, um quer über den Kanal mit seiner Flotte einen Bogen zu beschreiben, der de Vcrvillin am erfolgreichsten vom Westen ab- hälten soll." „Vom Westen!" wiederholte der Lindere mit ironischem Lächeln, welches jedoch der Admiral bei der jetzt eingebrochcnen Dunkelheit nicht bemerken konnte. „Glaubt denn Admiral Oakes, die französische Flotte segle in dieser Richtung?" „So wurde uns wenigstens gemeldet. Habt Ihr irgend Grund zu vermuthen, daß der Feind andere Absichten hege?" Der Baronet schwieg und schien sich zu besinnen. Nach Allem, was bis jetzt besprochen worden, durfte er als gewiß annchmen, daß er es bei seinem Gefährten mit keinem Alltagsmenschcn zu 383 thun habe, und cr war deshalb einigermaßen in Verlegenheit um eine passende Antwort. Er war fest entschlossen, den Andern in seine Falle zu locken, und der böse Geist, der Jntriguanten nie verläßt, gab ihm gerade in diesem Augenblicke einen Plan ein, welcher vor allen andern einen günstigen Erfolg zu versprechen schien. Blucwatcr hatte seinen entschiedenen Widerwille» gegen jede Einmischung fremder Truppen bei diesem Streite zu erkennen gegeben, und so beschloß denn der Baronet, eine Saite anzuschlagen, die, wie er mit vollem Rechte annahm, in des Eontrcadmirals Herzen wiederklingen »rußte. „Wir haben allerdings unsere Nachrichten," antwortete Sir Reginald mit Zögern, wie wenn cr nicht Alles, was er wußte, mittheilen wollte — „doch fordert die Treue, dieselben jetzt noch nicht preiSzugebcn. Nichtsdestoweniger kann Jeder über die wahrscheinlich cintrctenden Ereignisse seine Vermuthungen anstelle». Der Herzog von Cumbcrland wird seine deutschen Hilssvölker sammeln und sie auf dem nächsten, besten Wege nach England herüber bringen. Glaubt Ihr nun wohl, daß ein einsichtsvoller Feind mit einer wohlbemannten Flotte diese Vereinigung zugeben würde, wenn erste irgend verhindern könnte? — Gewiß nicht; das werdet Ihr so gut wie ich einschen. Wenn wir nun vollends die Zeit, zu welcher der Graf ausgelaufen, seine wahrscheinliche Unbekanntschast mit der Anwcsenheit dieses Eures Geschwaders im Kanal und alle übrigen noch zu berücksichtigenden Ilmstände zusammenreimcn — was bleibt uns anderes zu glauben übrig, als daß er ausgesendet wurde, um den deutschen Regimentern den Rückweg abzuschneiden?" „Das klingt allerdings ziemlich wahrscheinlich: und doch — die Signale des Active meldeten uns ja, die Franzosen steuerten mit ziemlich günstigem Winde gegen Westen?" „Und sollte nicht bei Flotten, gerade wie bei Landarmeen, der Fall Vorkommen, daß sie Scheindcmoustrationcn machen? Kann Monsieur de Vervillin, so lange er noch im Angesichte des Landes 384 war, seine Flotte nicht westwärts gerichtet haben, um sich sodann, sobald die Dunkelheit seine Bewegungen verhüllte, wieder gegen Osten zu wenden und vielleicht unter englischer Flagge den Kanal hinaufzusegeln? Ist cs nicht möglich, daß er, etwa als englisches Geschwader — z. B. als das Eure — die Meerenge von Dover passirt, daß er durch diese List die hannoverischen Kreuzer irre führt, bis er endlich im Stande sein wird, jeden Transport, sobald er herüber käme, aufzufangcn oder zu zerstören?" „Schwerlich, Sir Reginald/' bemerkte Bluewater lächelnd. „Ein französisches Schiff kann ebensowenig für ein englisches angesehen werden, als ein Franzmann jemals für einen Britten gelten wird. Wir Seeleute lassen uns nicht so leicht irre führen, als cs hier der Fall sein müßte. Es ist zwar wohl denkbar, daß eine Flotte, bis sie sich weit genug vom Lande entfernt hat und von der Dunkelheit der Nacht eingchüllt wird — eine gewisse Richtung verfolge und dann ihren Kurs plötzlich nach der entgegengesetzten Seite ändere; auch ist cs leicht möglich, daß sich der Graf von Vervillin einer derartigen Kriegslist bedient haben mag. Wenn er in der That von dem Plane, deutsche Truppen auf diese Insel zu werfen, gewußt hat — so ist die Sache sogar ziemlich w a h r- scheinlich. Was mich betrifft, so möchte ich ihm beinahe in diesem Falle glücklichen Erfolg wünschen!" „Und mm, mein thcurer Sir, wer wird ihn wohl daran hindern?" fragte Sir Reginald mit einem triumphircnden Lächeln, welches dießmal in der That nicht verstellt war. — .„Nichts/ werdet Ihr antworten, ,wenn er nicht etwa mit Sir Gcrvaise Oa- kes zusammentrifft ff — Aber Ihr habt mir meine Frage noch nicht beantwortet, nämlich auf welche Art Flaggcnoffiziere sich in den Oberbefehl zur See zu thcilcn pflegen?" „Gerade so, wie sich die Landoffiziere in das Kommando thei- len! der Vorgesetzte befiehlt und der Untergebene gehorcht." „Ach ja, das ist wahr; doch ist meine Frage damit noch nicht 385 erledigt. Hier find cils große Schiffe und zwei Admirale — wie viele dieser Schiffe stehen nun unter Euren besonderen Befehlen, und welche Anzahl hat Sir Gervaise Oakcs unter den seinigen?" „Der Viceadmiral hat snr sich selbst eine Division von sechs Schiffen mit sich genommen, die fünf übrigen hat er mir überlassen. Jeder von uns hat seine Fregatten und kleineren Fahrzeuge. Doch muß jeder Befehl, den der oberste Kommandant einem der Kapitäne zu ertheilen beliebt, von diesem pünktlich befolgt werden, gerade wie nach unserer Vorschrift der Untergebene dem zuletzt erhaltenen Befehle jeder Zeit gehorchen muß." „Und Ihr," fuhr Sir Reginald eifrig fort — „wie seid Ihr diesen Kapitäns gegenüber gestellt?" „Wenn ich einem Kapitän in der Flotte einen Befehl crtheile, so wäre es allerdings seine Schuldigkeit, demselben zu gehorchen, doch könnten auch Umstände eintreten, welche cs ihm zur Pflicht machten, mich wissen zu lassen, wenn er von unserem gemeinsamen Vorgesetzten entgegengesetzte Befehle erhalten hätte. — Wozu aber diese Fragen, Sir Reginald?" „Nur noch ein wenig Geduld, mein thcurer Admirak— welche Schiffe habt Ihr speziell unter Eurem Kommando?" „Mein eigenes Schiff, den Cäsar, ferner den Dublin, die Elisabeth, den Uorker, den Dover. Hiezu kommt noch die Fregatte: der Druid, ferner eine Kriegssloop — und der Gnat*). In Allem zählt meine Division acht Fahrzeuge." „Welch' herrliche Streitmacht in einem kritischen Augenblicke, wie der jetzige! Aber wo find denn all' diese Schiffe? Außer dem Kutter sehe ich blos vier, und von diesen scheinen blos zwei zu den großen Fahrzeugen zu gehören." „Das Licht, das Ihr dort gegen Westen und längs der Küste erblickt, gehört zu der Elisabeth; jener Helle Schimmer dort drüben im Kanal kommt von dem Borde des Uork. Die Laterne des *) Aus Deutsch: ,die Schnacke'. Die beiden Admirale. D. N. 386 Dover, weiter gegen Süden, ist bereits verschwunden. — Ha! dort lichtet der Dublin die Anker und folgt der übrigen Flotte!" „Und Ihr wollt ebenfalls Nachfolge», Admiral Bluewater?" „In einer Stunde — sonst verliere ich die vordere Division. Ich habe eben vorhin darüber berathschlagt, ob es nicht rathsam wäre, die hintersten Schiffe zurückzurusc» und mein Geschwader dicht beisammen zu behalten, denn die zunehmende Heftigkeit des Windes macht es wahrscheinlich, daß die Schiffe einzeln den Vice- admiral verlieren müssen, und die ganze Linie bei Tagesanbruch verwirrt und zerstreut sein wird. Bei Schiffen geht cs nämlich wie bei Bataillonen, Sir Reginald, wenn sie in Gemeinschaft wirken sollen — ein Geist muß alle ihre Bewegungen leiten." „In welcher Absicht würdet Ihr die genannten Schiffe in der erwähnten Art zusammenziehcn — wenn Ihr nämlich meine Frage nicht für unbescheiden haltet?" fragte der Baronet ziemlich hastig. „Ganz einfach deßhalb -um sie beisammen zu behalten und durch meine eigenen Signale lenken zu können. Dieß ist die Pflicht, die mir als Kommandanten der Division ganz besonders obliegt." „Habt Ihr den» die Mittel, Sir, um Ließ von diesem Hügel aus und ganz allein zu bewerkstelligen?" „Es wäre ein großes Versehen, wenn eine so wichtige Vorsicht vernachlässigt worden wäre. Mein Signalosfizicr liegt, in seinen Mantel gehüllt, unter jenem Fclsdache, und zwei Luar- tienneister sind bereit, jeden Augenblick das Signal, von dem wir reden, zu geben; wir haben nämlich dessen Nothwcndigkcit vorausgesehen— und in der That, fast möchte sie immer dringender erscheinen. Soll es überhaupt gegeben werden, so muß es rasch geschehen. Das Licht des Uork wird in der Entfernung immer düsterer. Es soll gegeben werden, Sir, die Klugheit verlangt es, und bald sollt Ihr sehen, wie wir auch über entfernte Schiffe Befehl zu führen vermögen!" Bluewater hätte seinem Gefährten keine angenehmere Nach- 387 richt mittheilcn können. Sir Reginald scheute sich, wie billig, seinem Freunde eine offene Verrätherei, wie er sie beabsichtigte, so unverhüllt vorzuschlagen: dagegen dachte er sich, wenn der Contre- admiral seine eigene Division mit guter Art von der Flotte zurückhalten könnte, so würde dich den Viceadmiral wenigstens in so weit schwächen, daß er verhindert würde, mit den Franzosen anzubinden — dieß, meinte er, könnte zuletzt zu einer solchen Trennung zwischen den beiden Befehlshabern führen, daß der endliche Abfall der zurückgebliebenen Division nur um so mehr erleichtert würde. Zwar waren Bluewatcrs Motive den Wünschen des Baroncts gerade hierin schnurstracks entgegengesetzt; doch da die beiden Theile bis zu einem gewisse» Punkte denselben Weg verfolgten, so gab der ränkevolle Versucher seine Hoffnung noch nicht auf, und erwartete noch immer, daß es ihm zuletzt doch gelingen würde, seinen neuen Freund dahin zu bringen, daß er mit ihm ein und dieselbe Straße wandle. Raschheit ist eine militärische Tugend, und auch unter Seeleuten gilt der Grundsatz: das, was geschehen soll, stets flink und munter auszuführen. Die Gesetze wurden bei gegenwärtiger Veranlassung keineswegs vernachlässigt. — Der Contreadmiral hatte nicht sobald seinen neuen Entschluß gefaßt, als er auch schon seine Gehilfen aufforderte, denselben in Vollziehung zu setzen. Lord Gcoffrey war wieder auf die Anhöhe zurückgekehrt und hielt sich in solcher Nähe, daß er des Admirals Rusen vernehmen konnte; er hinterbrachte dem Lieutenant und den Quartiermeistern die Befehle seines Vorgesetzten. Man durfte die Laternen blos anzünden, um sie alsbald eben so regelmäßig au Duttons Signalstange aufzuhissen, als ob dieses Geschäft auf der Hütte des Cäsar verrichtet worden wäre. Unmittelbar darauf flogen drei Raketen in die Höhe, und die Kanone, die man zu diesem Zwecke auf der Klippe bereit hielt, ward abgefeuert, um die Aufmerksamkeit der Schiffe auf die Signale zu lenken. 388 Es mochte wohl eine Minute angestanden Huben, als das schwere Geschütz des Cäsar diese Aufforderung beantwortete und an dem Topp seines Hauptmastes dasselbe Signal blicken ließ. Der Dublin war noch so nahe, daß auch er, ohne Zeit zu verlieren, dem Befehle gemäß das Signal wiederholte; in der ganzen Flottenlinie galt nämlich die Weisung, daß jeder derartige Befehl heute Nacht von Schiff zu Schiff weiter befördert werden sollte. „Nun kommt's an die Elisabeth/' rief Blucwater; „sie muß doch wohl unsere Kanonen gehört und unsere Signale gesehen haben!" „Der Dort ist gerade vor ihr, Sir!" schrie der Knabe, „seht nur, schon hat er das Signal ausgesteckt!" Dieß Alles war das Werk einiger Minuten, denn die zuletzt abgegangencn Schiffe hatten schon bei ihrer Abfahrt einen solchen Befehl erwartet. Der Uork war der Fregatte, die ihm in der Linie zunächst stand, aus dem Grunde mit seinem Signale zuvorgekommen, weil er sich etwas seitwärts gewendet, hatte, und dem Contreadmirale deßhalb näher war, als die Elisabeth, welche ihm unmittelbar folgen sollte. Doch dauerte es nicht länger als eine Minute, bis auch die letztere durch einen Kanonenschuß und die aufgcstecktcn Laternen zu erkennen gab, daß sie den erhaltenen Befehl verstanden hatte. Die beiden zuletzt genannten Schiffe konnten übrigens von den Klippen aus nicht mehr gesehen werden, und nur ihre Laternen bezeichnten die Stelle, welche fie einnahmcn; doch kein Zeichen irgend einer Art ließ den Punkt des Oceanes erkennen, wo der Dover sich durch die Wogen durchkämpfen mochte. Nach einer Pause von mehreren Minuten begann deßhalb Blucwater von Neuem: „Ich fürchte, mehr werden wir nicht zusammen bringen, und das vorderste meiner Schiffe muß cs eben versuchen, seinen Weg allein zu dem kommandirenden Admiral zu finden — Ha! das hat Etwas zu bedeuten!" In derselben Sekunde ließ sich nur einen einzigen Augenblick 389 lang ein schwaches, fernes Blitzen in der Dunkelheit gewahren, und alsbald waren die Häupter aller Anwesenden in athemloscr Erwartung vorwärts gerichtet. Eine kurze Zeit verstrich, bis endlich der schwere, gedämpfte Donner einer Kanone Verkündete, daß auch der Dover den schnell verbreiteten Befehl erhalten hatte. „Was soll das bedeuten, Sir?" fragte voll Eifer Sir Reginald , der bis jetzt alles Vorgegangcne mit der gespanntesten Erwartung beobachtet hatte. „Es bedeutet, Sir, daß noch sämmtliche Schiffe meiner Division unter meinen Befehlen stehen. Kein anderes Schiff würde das Signal beachten. Für sie müssen die nöthigen Anweisungen, jede mit der erforderlichen Schiffsnnmmer, von dem Biceadmiral selbst ausgchen — Lord Geoffrcy Cleveland, ist meine Barke am User?" „Ja, Sir, so wie auch der Kutter für Mr. Cornct und die Quartiermeister." „Gut. — Meine Herren, wir wollen an Bord gehen, der Cäsar muß die Anker lichten und sich mit den übrigen Schiffen auf der offenen See vereinigen. Ich werde euch nach dem Landungsplätze folgen. Ihr müßt übrigens sogleich abstoßcn und Kapitän Stowcl meinen Befehl übcrbringen, daß er lichten und Backbord wenden soll. Wir wollen aus der Steuerbordscite vollbrassen und gerade aus vom Lande abhalten." Die ganze Gesellschaft verließ augenblicklich die Signalstation und eilte nach den Booten, nur Bluewater und Sir Reginald blieben zurück, um ihnen mit größerer Gemächlichkeit zu folgen. Es war ein kritischer Moment für den Baronct, der seinen Zweck beinahe schon erreicht hatte, und jetzt durch ein Mißglücken desselben doppelt getäuscht worden wäre. Er beschloß deßhalb, so lange noch der leichteste Schimmer von Hoffnung auf einen glücklichen Erfolg übrig war, dem Admiral keinen Augenblick von der Seite zu weichen. 390 So stiegen denn Beide zusammen ans Ufer hinab, indem sie' während der ersten paar Minuten ihrer Wanderung das tiefste Schweigen beobachteten. „Ein großes Spiel ist in Eure Hände gelegt, Admiral Blue- water," Hub endlich der Baronct wieder an; „und wenn Ihr cs richtig durchspielt, so mögt Ihr wohl deu Triumph der guten Sache sichern. Ich glaube behaupten zu dürfen, daß de Vervillins Plan mir bekannt ist; gelingt er, so werden die Stuarts den Thron ihrer Ahnen wieder einnehmen. Wer sie liebte, der sollte zuvor wohl überlegen, ehe er Etwas thut, was einen so glorreichen Ausgang des Kampfes Hintertreiben könnte." Diese Rede war eben so kühn als listig. Was die Hauptsache betraf, so wußte Sir Reginald Wychecombe von den bevorstehenden Bewegungen des Grafen von Vcrvillin eigentlich eben so wenig, als sein Gefährte; aber dennoch zauderte er keinen Augenblick, die obige Versicherung zu geben, um sich dadurch in einem Momente von so hoher Wichtigkeit eines großen politischen Vorthcils zu versichern. Bluewatcr und seine Kapitäns offen für die Seite der Stuarts zu gewinnen, wäre schon au sich selbst ein großes Kunststück gewesen; Sir Gervaise's Plane zu vereiteln, mochte billig als ein zweiter Vortheil angcrechnet werden, und dann war überdieß noch mit Bestimmtheit vorauszuseheu, daß sich der Franzmann gewiß nicht umsonst auf hoher See befinde, sondern in der That durch seine Operationen die Bewegungen des Prinzen zu unterstützen beabsichtigte. So aufrichtig auch der Baronet in anderen Dingen zu verfahren pflegte — dießmal fühlte er keine Skrupel in seinen: Gewissen sich regen; hatte er sich doch schon längere Zeit dem Glauben überlassen, so große Zwecke, wie er sie hier beabsichtigte, dürfe man wohl auch mit Aufopferung all' jener unbedeutenden, moralischen Bedenklichkeiten zu erreichen streben. Die Wirkung auf Bluewatcr war keineswegs gering. Der 391 Satan hatte ihm den Köder in der lockendsten Gestalt vor Augen gelegt, denn er durste ja nur mit seiner Division in der Reserve zurückblcibcn, um ein Zusammentreffen der beiden Flotten moralisch unmöglich zu machen. Seinen Freund einer überlegenen Macht xrcisgeben — das wollte und könnte er nimmermehr; aber dennoch ist es unsere peinliche Pflicht, zu gestehen, daß sein Geist zuweilen an die Möglichkeit dachte, wie es nun in seinen Händen liege, dem Abenteurer in Schottland auf diese Art einen wichtigen Dienst zu erweisen, ohne dadurch dem Viccadmiral und der Vorhut der Flotte einen wesentlichen Schaden zuzufügcn. Doch möge man uns nicht mißverstehen. Der Contrcadmiral Lachte nicht entfernt an Verrath oder an einen ernstlichen Abfall irgend einer Art; aber vermöge einer jener Schwächen, die bei den Menschen so leicht Eingang finden, und uns Alle bedrohen, hatte Bluewater gewisse Resultate vor Augen, welche ihm der Urheber alles Bösen im jetzigen 'Augenblicke als groß und ruhmwürdig vor die Seele führte. „Ich wünschte, wir wüßten de Vervillins Plane genau," meinte er, und dieß war das einzige in Worten ausgedrückte Zu- geständniß, welches er diesem neuen Gefühle darbrachtc. „Es könnte in der That ein wichtiges Licht auf den Kurs werfen, den wir selbst einzuschlagen hätten. Ich verabscheue diese deutsche Allianz, und würde lieber den Dienst verlassen, als daß ich auch nur einen dieser fremden Lumpenkerls nach England transportircn oder eskortiren möchte!" Hier bewies Sir Reginald erst recht, wie sehr er in allen Kunstgriffen der Jntrigue erfahren war. Er hatte nunmehr den Gedanken und Gefühlen seines Gefährten eine Richtung gegeben, welche ihn, wie er wohl merkte, dem Ziel seiner Wünsche entgegenführen konnte, während er zu gleicher Zeit nicht übersah, daß neues Zureden bei seinem Freunde nur Widerstand Hervorrufen und dessen frühere Ansichten aufs Neue erwecken könnte. Wohlweislich be- 392 schloß er deßhalb, die Dinge ihren eigenen Weg gehen zu lassen; den bereits errungenen sichtbaren und so höchst bedeutenden Vortheil vor Augen, mochte er es der starken und erklärten Vorliebe des Admirals für die Revolution ruhig überlassen, wie sie die zunächst zu erwartenden Folgen bei ihm in s Werk setzen wollte. „Ich verstehe zwar nichts von Schiffen," antwortete er bescheiden," aber das weiß ich gewiß, daß der Graf uns Verstärkung zu bringen beabsichtigt. Es würde mir übel anstchen, wen» ich einem Manne von Eurer Erfahrung rathen wollte, wie er eine Streitmacht, gleich derjenigen, welche unter Euren Befehlen steht, zu führen habe; von einem Freunde der guten Sache, der sich jetzt im Westen aufhält und in letzter Zeit häufig um die Person des Prinzen war, erfuhr ich jedoch, daß Dieser die höchste Zufriedenheit bezeigte, als er erfuhr, wie sehr cs in Eurer Macht stehe, ihm selbst die wichtigsten Dienste zu leisten." „Glaubt Ihr denn wirklich, daß mein Name das königliche Ohr erreicht habe, und daß der Prinz von meinen eigentlichen Gesinnungen unterrichtet sei?" „Nichts als Eure außerordentliche Bescheidenheit konnte Euch die erste dieser Thatsachcu bezweifeln lassen, Sir; und was die zweite betrifft, so fragt Euch nur selbst, wie ich dazu kam, mich Euch heute Nacht, fast möchte man sagen, mit dem Herzen in der Hand zu nahen, und Euch znm Herrn meines Geheimnisses, so wie meines Lebens zu machen. Liebe und Haß — Beides find Leidenschaften, die sich nur allzubald selbst verrathen." Es ist eine historische Thatsachc, daß auch Männer von dem festesten Charakter, belebt von den erhabensten Grundsätzen, dennoch der Schmeichelei der Großen unterlegen sind. Den Contreadmiräl hatten zwar seine politischen Ansichten für die Gunstbezeigungen des Londoner Hofes unempfindlich gemacht; dagegen warseine Einbildungskraft, jene ritterliche Ehrfurcht für eine poetische Vorzeit und deren Siechte, wie sie seinem Jakobitismus zu Grunde lag — 393 seine großherzigen Sympathien endlich — alles Dieß zusammen- gcnommen, mir allzusehr geeignet, ihn zum Spielball der Beredsamkeit Sir Reginalds werden zu lassen. Wäre er mehr ein praktischer Mann gewesen und weniger unter dem Einflüsse seiner lebhaften Einbildungskraft gestanden — hätte sein gutes Glück es gewollt, daß er mit Denen, welche er nun, wenigstens im politischen Sinne, so demüthig verehrte, in näherer Berührung gelebt hätte: ihr Einfluß über einen so rechtlich denkenden und hellfehcnden Geist, wie der seinige, würde bald aufgehört haben. So aber hatte er sein Leben auf der See zugebracht, und seine auf's Höchste gesteigerte Geneigtheit, sich die Außenwelt so zu denken, wie er sie zu sehen wünschte — war deßhalb ein um so mächtigerer Bundesgenosse für jene schon genannten Triebfedern seines Handelns. Kein Wunder also, wenn er Sir Reginalds falsche Versicherung mit einer stürmischen Freude, ja sogar mit einem Herzklopfen aufnahm, das ihm schon längst fremd geworden war. Eine Zeitlang war sein besseres Ich von diesen neuen verrätherischen Empfindungen gänzlich hingerissen. Mittlerweile hatten die beiden Herren den Landungsplatz erreicht , und sahen sich nun gcnöthigt, sich zn trennen. Des Contre- admirals Barke konnte nur mit Mühe vermittelst der Ruder und Bootshaken von einem Anrcnnen an die Klippen zurückgehalten werden, und das Einschiffen ward mit jedem Momente mehr und mehr erschwert. Die Augenblicke wurden jetzt aus mehr als einem Grunde kostbar, und so war der Abschied kurz. Sir Reginald sprach nur wenig; dagegen sollte, wie er meinte, sein Händedruck dem Gefährten alles Fehlende ersetzen. „Gott sei mit Euch!" so schloß er, „und so wie Ihr Euch treu erweist, mögt Ihr auch glücklich sein in Eurem Unternehmen. Vergeßt nicht,Euren rechtmäßigen Fürsten und die Ansprüche des Geburtsrechtes^ — somit Gott befohlen!" „Lebt wohl, Sir Reginald! Wenn wir uns wieder treffen, 394 wird die Zukunft wohl etwas klarer vor uns liegen. — Doch wer kommt hier gleich einem Rasenden ans das Boot zugerannt?" Eine Gestalt eilte rasch durch die Dunkelheit daher; erst als sie Bluewater auf zwei Fuß nahe gekommen war, erkannte man, daß es Sir Whcherly war. Er hatte die Kanonenschüsse gehört und die Signale gesehen, während er, um seine Aufregung abzukühlen, in dem Parke, der nunmehr sein Eigcnthnm geworden, auf und abgegangen warund da er den Grund der genannten Zeichen er- rieth, so war er unaufhaltsam die ganze Strecke bis an's Ufer herabgerannt, um nicht allein zurückgelasscn zu werden. Er kam noch eben zu rechter Zeit, denn im nächsten Augenblicke stieß die Barke von dem Felsen ab. Neunzehntes Kapitel. So weit die Lüfte tragen. Wogen schäumen. So weit die Seele schweift in freien Räumen — Des MeereS blaue Wellen heiter glänzen: Reicht unser Reich, die Heimat!) ohne Gränzen. Byron. ^E!an kann den Umfang der Kraft, welche die Tiefen des Oceans aufrührt, nicht eher in seiner ganzen Ausdehnung ermessen, als bis man selbst ihrer Einwirkung unterworfen wird — bis mau ihre ganze Gewalt zu fühlen bekommt und über die drohende Gefahr ernstlich nachzudenken gezwungen war. Sogleich die erste Schwenkung des Bootes verkündete Bluewater, daß die Nacht bedenklich zu werden drohte. So wie die rüstigen Ruderer sich emsig au ihre Arbeit machten, erhob sich die Barke auf einer schwellenden Mecreswoge, theilte den Schaum auf beiden Seiten, der, einem Nordlichte ähnlich, seinen Glanz ringsum verbreitete, und fuhr daun in eine Wellenschlucht hinein, als ob es in des Oceans Tiefen hinabginge. Es bedurfte mehrmaliger vereinter und mächtiger Anstrengungen, 395 um das kleine Fahrzeug aus der gefährlichen Nachbarschaft der Klippen und in die volle Gewalt der Rudernden zu bringen. Als dieß aber einmal gelungen war, trieben die wohlgeübten Matrosen ihre Barke langsam, aber in stätiger Bewegung vorwärts. „Eine finstere Nacht! eine schwarze Nacht!" murmelte Blue- water, ohne cs selbst zu wissen, vor sich hin. „Wir hätten ein schlimmes Lager gehabt, wenn wir bei diesem Sturme noch vor Anker geblieben wären. Oakes wird da drüben, gerade in der Mündung des Kanals, einen schweren Stand haben, wenn die westliche Strömung so heftig gegen diese Ebbe hcreinprallt!" „Ja wohl, Sir," gab Wycherlp zur Antwort, „der Vice- admiral wird sich morgen früh ängstlich genug nach uns Allen umsehcn." Bluewatcr sprach keine Sylbc weiter, bis sein Boot den Cäsar erreicht hatte. Er war in tiefes Nachsinncn über seine Lage versunken, und wer seine Gefühle kennt, wird leicht begreifen, daß seine Gedanken nicht ganz frei von einer peinlichen Schattirung waren. Doch welcher Art sie auch sein mochten — er behielt sie für sich, und ans dem Boote eines Linienschiffes versteht cs sich immer von selbst, daß, wenn der Flaggcnoffizier Stillschweigen beobachtet — die ihm Untergeordneten seinem Beispiele folgen. Die Barke war ungefähr eine Viertelmcile vom Landungsplätze entfernt, als man das schwere Schlagen des großen Marssegels des Cäsar vernahm, das, eng gerefft, um seine Freiheit kämpfte, während die Mannschaft seine Schoten bis zu den Blöcken der unteren Arme der Naaen hcrabzog. Eine Minute später sah man den Gnat mit ausgehißtem Vormars- und Krcuzsegel daher kommen und immer weiter sich von dem Land entfernen — der halbanfgetakelte Schatten seiner selbst, so schien er durch die Dunkelheit dahin zu schweben. Auch die Kriegssloop beugte sich tief vor der Wucht des Windes; sie hatte ihre Untersegel — ein Miniaturgebilde ihrer gewaltigeren Gefährten — rückwärts gehißt, und 396 warteten aus das Flaggenschiff, uni sogleich ihre Bewegung zu beginnen. Die Oberfläche dcsWasscrS war ein glänzendes Schaumbette, während die Lust ringsum von dem Zischen der Wogen und dem Brüllen der Winde ersüllt war. Doch war nichts Fröstelndes oder Unheimliches in der äußeren Temperatur zu verspüren; man athmete nur die Frische der Meerluft, welche, stärkend und belebend zugleich, jenen Secgernch, wie der Matrose ihn liebt, mit sich führte. Nachdem die Ruderer volle fünfzehn Minuten mit schwerer Anstrengung gearbeitet hatten, war die Barke so nahe herangekommen, daß man die schwarze Masse des Cäsar vor Augen hatte. Eine Zeitlang steuerte Lord Geoffrcv, der für seine Person an der Ruderpinne saß — Jochlcinen *) waren vor hundert Jahren noch nicht gebräuchlich — nach dem Marslichte des Admiralschiffes; jetzt sah man aber allmählig die Masse des Tauwcrks sich langsam an dem finsteren Horizonte hin und her bewegen, und der ungeheure Rumps wurde sichtbar, wie er sich hob und senkte, als ächzte der Ocean über diese Last von Holz und Eisen, die ihm zu tragen aufgebürdct worden. Ein Licht flimmerte aus den Kajütenfenstern und hie und da drang ein Schimmer aus den Luken einer offenen Konstablcrkammer. In jeder anderen Hinsicht zeigte das Schiff nur eine Farbe — nämlich die schwarze. Selbst jetzt, da die Barke unter der Leeseite des Schiffes ruhte, war es für Die, welche darin waren, kein leichtes Unternehmen, ihre schwankenden Bretter zu verlassen, und auf den Klampen, welche gleich einer Leiter rings um das Schiff liefen, festen Fuß zu fassen. Doch endlich war auch dicß geschehen, und mit Ausnahme von zwei Matrosen, welche in dem Boote zurückgeblieben, um die Raa- und Stagtaljen anzuhakcn, stiegen Alle auf das Deck empor. Kaum war dieß vorüber, als eine schrille Pfeife das Zeichen *) Sind Taue, welche an beiden Enden des Nuderstocks (>oke) befestigt sind, und mittelst derer die Nuder in Bewegung gesetzt werden. 397 gab, und das große Boot, das zur Noth etliche zwanzig Menschen zu fassen vermochte, wie durch eine riesenhafte Anstrengung des Schiffes selbst aus dem tobenden Wasserspiegel emporgehobcn und in dem Inneren des Zweideckers selbst aufbewahrt wurde. „Wir sind nichts'weniger als zu früh daran, Sir," sprach Stowel, sobald er den Contrcadmiral mit den zu dieser Stunde üblichen Cercmonien empfangen hatte. „Wir haben schon eine tüchtige Mütze voll Wind, und cs hat allen Anschein, als ob es vor Morgen noch ärger blasen wollte. Der Anker ist gebattet und gefischt, Sir, und auf dem Vorkastell lassen meine Leute in diesem Augenblick die Nustleinen ablaufen." „Füllt, Sir, und steuert in einer leichtenBolinic hinaus" — lautete die Antwort; „seid Ihr dann auf eine Meile draußen in der See, so laßt mich's wissen. Mr. Eornet, ich habe mit Euch in meiner Kajüte zu sprechen." Mit diesen Worten begab sich Blucwater in Begleitung seines Signalosfiziers in seine Kajüte hinab. In demselben Augenblick befahl der erste Lieutenant, die großen Brassen zu bemannen und das Marssegel zu füllen. Sobald dieser Befehl vollzogen war, hob sich der Cäsar und steuerte vorwärts. Seine Bewegungen geschahen langsam, aber mit einer Majestät, welche des Ungestüms der Elemente zu spotten schien. Bluewatcr war indessen, das Haupt in nachdcnkender Stellung aus die Brust gesenkt, nicht weniger als sechsmal in seiner Kajüte auf und ab geschritten, ehe sich seine Aufmerksamkeit den Gegenständen außer ihm zuwcndcte. „Wünscht Ihr, daß ich noch länger bleibe, Admiral Blue- water?" fragte endlich der Signaloffizier. „Bitte um Entschuldigung, Mr. Cornct, ich wußte in der That nicht, daß Ihr Euch in der Kajüte befindet. Laßt sehen —- ja — unser letztes Signal war: ,die Division auf Anrusweite dem Contrcadmiral sich nähern!' Sie müssen sehr nahe hcrankommen, 398 Mr. Cornet, um beute Nacht unfern Ruf vernehmen zu können, denn Wind und Wogen haben bereits ihren Gesang in vollem Ernste begonnen!" „Und dennoch, Sir, wollte ich eine Monatsgage daran setzen, Kapitän Drinkmater wird den Dover so nahe heranbringen, daß der Offizier auf seinem Deck und der Quartiermeistcr am Rad darüber in ein Fieber gerathen könnten. Wir gaben einmal während eines Sturmes das nämliche Signal, und da ließ er dann sein Klüvcrbaumende über unseren Hackbord hereinlanfcn." „Er nimmt allerdings die Befehle in der Regel sehr buchstäblich, dieser Kapitän Drinkwater; dabei versteht er aber sein Schiff dennoch zu handhaben. Seht einmal nach der Nummer: -folgt des Contreadmirals Bewegungen ff Sie ist, glaube ich, 211." „Nein, Sir, sic ist 212. Blau, roth und weiß, mit den Flaggen. Mit den Laternen ist sie eines der einfachsten Signale, das wir haben." „Wir wollen es sogleich ausstecken. Wenn dicß geschehen ist, dann zeigt ihnen: ,der Contreadmiral; in seinem Kielwasser geblieben; Segelordnung wie früher/ Dicß ist, ich weiß cs ganz gewiß, 204." „Ja, Sir; Ihr habt ganz recht. Soll ich das zweite Signal sogleich aufstccken, Sir, sobald die Schiffe das erste beantwortet haben werden?" „Ja, Cornet, das ist mein Wunsch. Wenn alle geantwortet haben, so laßt miä/s wissen." Mr. Cornet verließ die Kajüte; Bluewatcr ließ sich in einem Lehnstuhle nieder und versank in tiefes Nachdenken. Fast eine volle halbe Stunde war der Signalossizier mit seinen beiden Onartiermeistern auf der Hütte beschäftigt, denn das Aufstecken von Nachtsignalen, wie es damals zur Sec geübt wurde, war ein langwieriges und nichts weniger als leichtes Geschäft. — So dauerte es einige Zeit, bis der Dover, welcher am weitesten entfernt war, auch nur das geringste Zeichen gab, daß er das erste Signal verstanden habe, und als dicß endlich geschah, so mußte dieselbe langsame Operation auch mit dem zweiten dnrchgcmacht werden. Endlich öffnete die Schildwache die Kajütcnthüre und Cornct erschien abermals vor seinem Admiral. Dieser hatte sich während dieser ganzen Zeit keinen Augenblick von der Stelle gerührt und schien kaum zu athmen. Seine Gedanken schweiften weit von seinen Schiffen entfernt, und zum ersten Mal in den zehn Jahren, seit er die Eontreadmiralsflagge führte, hatte er den Befehl, welchen er selbst ertheilt, vergessen. „Die Signale wurden gegeben und beantwortet, Sir," meldete Cornet, sobald er bis an den Rand des Tisches vorgeschritten war, auf welchen sich Bluewater mit dem Ellbogen lehnte. „Der Dublin ist bereits in unserem Kielwasser, und die Elisabeth steuert rasch gegen unsere Wetterseite heran; in zehn Minuten wird sie ihre Stelle erreicht haben." „Welche Neuigkeiten bringt Ihr vom Dort und vom Dover, Eornct?" fragte Bluewater, sich selbst aus einem Anfalle tiefer Zerstreuung emporraffend. „Das Licht des Uork nähert sich uns ganz deutlich, Sir; aber bas des Dover bleibt immer noch ein Fixstern," gab der Lieutenant, überfeinen eigenen Witz lächelnd, zur Antwort; „es erscheint noch nicht größer, als da wir's zum ersten Mal erblickten." „Es ist immerhin viel, daß man es überhaupt gesehen hat. Ich glaubte nicht, daß man's vom Deck aus bemerken könne." „Man kann's auch nicht, Sir; erst wenn man ein halb Dutzend Webeleinen hinaufsteigt, kann man's aufAugenblicke gewahren. Kapitän Drinkwater holt seine Laternen am Gaffelende an, und ich kann ihn jederzeit zehn Minuten früher bemerken, als dieß bei jedem anderen Schiffe der Flotte unter den nämlichen Umständen der Fall ist." „Drinkwater ist ein sorgsamer Offiziere doch sagt mir, ändert sich auch die Höhe seines Lichtes hinreichend, um uns den Kurs, in welchem er steuert, zu bezeichnen?" 400 „Ich denke — ja, Sir; doch macht unser Standpunkt, der seine eigene Steuerlinie durchkreuzt, die Aenderung natürlich nur sehr langsam kennbar. Jeder Schritt, welchen wir weiter gegen Süden gerathcn, muß ihn, wie Ihr wißt, Sir, mehr westlich von uns bringen, während jeder Fuß breit, den er gegen Osten macht, diesem Wechsel entgegcnwirkt und uns sein Licht weiter südlich erscheinen läßt." „Das ist vollkommen klar; da er übrigens mit rechtwinklich gebraßten Raacn vor dieser Bö daherrcnnt, so muß er drei Faden durchlaufen, bis wir einen einzigen zurücklegcn, und so, meine ich, müßten wir sein Licht fortwährend im Süden haben." „Ja, ja, Sir, daran ist kein Zweifel, und das ist's gerade auch, was wir wirklich thun. Ich glaube, ich kann schon jetzt einen Unterschied von einem halben Punkt wahrnchmcn, und so wie wir sein Licht von unserer Hütte aus recht deutlich vor Augen haben, werden wir auch im Stände sein, seinen Gang vollkommen genau zu bestimmen." „Ganz recht, Cornet. Thut mir den Gefallen und heißt Kapitän Stowel in die Kajüte Herabkommen; Ihr selbst müßt mir fortwährend ein scharfes Auge auf die Schiffe unserer Division richten. Halt — noch einen Augenblick; welchen besonders scharfsehenden Junker habt Ihr jetzt eben auf dem Verdeck auf Wache!" „Ich weiß Keinen, Sir, der ein besseres Auge hätte, als Lord Geoffrey Cleveland; er ficht jede Schelmerei, die irgend wo aus der Flotte vorgeht, und sollte dann wohl auch andere Dinge bemerken können." »Ja, ja, er wird vollkommen dazu taugen. Schickt mir den jungen Herrn herunter, Sir; doch zuerst benachrichtigt den Offizier der Wache, daß ich des Kadeten bedarf." Bluewater pflegte in der Ausübung seines Ansehens über Diejenigen, welche auf dem ihnen angewiesenen Posten zeitweise einen anderen Vorgesetzten über sich hatten, ungewöhnlich vorsi chtig zu sein: so -jOI schickte er niemals einen Befehl an Einen von der Wache, ohne ihn durch den wachhabenden Offizier selbst gehen zu lassen! — Es dauerte blos eine Minute, bis der Knabe vor ihm erschien. „Habt Ihr wohl heute Nacht eine sichere Faust, mein Kind?" fragte der Contrcadmiräl lächelnd; „oder braucht Ihr etwa beide Hände für Euch selbst und habt keine für den König übrig? Ihr solltet nur auf acht bis zehn Minuten ans die Vorbramraae steigen?" „Sehr wohl, Sir; der Weg dahin ist ganz eben — ich habe ihn schon oft gemacht," antwortete der Knabe mit fröhlichem Muthe. „Das weiß ich wohl; Ihr habt Euch noch niemals versteckt, wenn's Etwas zu thun gab. So steigt denn hinauf, und überzeugt Euch, ob von irgend einem Schiffe von Sir Gervaise's Geschwader ein Licht zu bemerken ist. Dabei müßt Ihr Euch aber erinnern, daß der Dover so ziemlich südwestlich von uns segelt und noch eine gute Strecke seewärts abliegt. Ich sollte denken, Sir Gervaise's Schiffe müßten alle gerade so weit südlich liegen, als dieser Punkt sie bringen würde — nur viel weiter luvwärts. Wenn Ihr einen oder auch einen halben Punkt scharf windwärts von Dover hinausschaut, so könnt Ihr möglicherweise das Licht des Warspite erblicken, und dadurch würden wir einen ziemlich deutlichen Begriff von der Lage aller übrigen Schiffe der Division bekommen-" „Ja, ja, Sir," unterbrach ihn der Knabe; „ich denke, ich verstehe ganz genau, was Ihr zu wissen wünscht, Admiral Blucwater." „Dieß ist im sechzehnten Jahr eine natürliche Gabe, mein Lord," erwiederte der Admiral lächelnd; „doch kann sie vielleicht durch eine fünfzigjährige Erfahrung noch etwas verbessert werden. Nun ist es möglich, daß Sir Gervaise, sobald die Flut eintrat, mit seinen Schiffen durch den Wind gewendet hat; in diesem Falle müßte er beinahe westlich von uns liegen, und Ihr werdet also Die beiden Admirale. 28 402 auch iu dieser Richtung hinausschaue». Aus der andern Seite kann aber auch Sir Gervaise vor Einbruch der Nacht so weit gegen die französische Küste vorgedrungcn sein, daß er überzeugt sein darf, Monsieur de Vervillin müsse noch östlich von ihm liegen; dann würde er wohl ein wenig seewärts abgchalten haben, und müßte in diesem Augenblicke beinahe gerade vor uns liegen. Unter allen Umständen werdet Ihr also den ganzen Horizont vor Euch vom Luvbaum bis zum Lecbug scharf zu beobachten haben. Habt Ihr mich jetzt verstanden, Mylord?" „Ja, Sir, ich denke wenigstens," versetzte der Knabe, über seinen eigenen Ungestüm crröthcnd. „Entschuldigt nur meine Unbesonnenheit, Admiral Bluewater; ich glaubte aber, als ich so hastig antwortete, ich hätte alle Eure Wünsche verstanden." „Ja, ja, das glaubtest du freilich, Geoffrey; aber nun flehst du selbst, daß cs nicht so war. Die Natur hat dir eine rasche Auffassungsgabe verliehen; doch ist sie immer noch nicht rasch genug, um eines alten Mannes Geplauder ganz vorherzusehen. Komm näher, mein Junge, reich' mir deine Hand. So - - jetzt klettere nur hinauf und halte dich fest, denn cs ist heute Nacht sehr windig, und ich möchte keineswegs, daß du am Ende über Bord geworfen würdest." Der Knabe that, wie ihm befohlen -— drückte Bluewatcrn Die Hand und eilte aus der Kajüte, um seine Thräncn zu verbergen. Der Contreadmiral seinerseits verfiel augenblicklich wieder in seine frühere Zerstreutheit, indem er Stowels Ankunft geduldig erwartete. Am Bord eines Kriegsschiffes führt die Einladung an einen Kapitän dessen Besuch nicht eben so schnell herbei, als wenn dieselbe an einen Kadeten gerichtet ist. Kapitän Stowel war eben damit beschäftigt, das Stauen seiner Boote zu überwachen, als Cornet ihm meldete, daß der Contreadmiral ihn zu sprechen wünsche; sodann hatte er dem ersten Lieutenant noch einige Be- 403 fehle in Betreff des frischen Fleisches zu geben, das man an Bord gebracht hatte, und noch allerhand ähnliche Kleinigkeiten zu besorgen, bis er die nöthige Muse fand, nm der Aufforderung zu entsprechen. „Mich sehen, sagt Ihr, Mr. Cornct; in seiner eigenen Kajüte, so bald es mir möglich sei?" bemerkte er zuletzt, nachdem er alle diese verschiedenen Geschäfte pünktlich verrichtet hatte. Der Signaloffizier wiederholte seinen Auftrag Wort für Wort, so wie er ihn erhalten hatte, und entfernte sich sodann, um sich wieder nach dem Lichte des Dover umznsehen. Stowel selbst bekümmerte sich in der finsteren, windigen Nacht, welche bcvorzustehen schien, ebensowenig um den Dover, als ein gewöhnlicher Bürger sich aufgcfordcrt fühlen wird, für seines Nachbars Hans zu sorgen, wenn die ganze Straße mit Zerstörung bedroht ist. Ihm war der Cäsar der große Mittelpunkt, der seine ganze Theilnahme in Anspruch nahm, und dafür bezahlte ihn Cornet mit gleicher Münze, denn von allen Schiffen der Flotte war der Cäsar gerade dasjenige, welchem er die wenigste Aufmerksamkeit widmete, und zwar aus dem sehr einfachen Grunde, weil er das einzige Schiff war, dem er niemals ein Signal zu geben, noch eines von ihm zu empfangen hatte. „Nun, Mr. Burv," bemerkte Stowel gegen den ersten Lieutenant — „Einer von uns Beiden wird den größten Thcil der heutigen Nacht aus dem Deck zubriugcn müssen; ich will vorerst auf eine halbe Stunde hinabgehen, um zu sehen, was der Admiral zu befehlen hat." Mit diesen Worten verließ der Kapitän das Verdeck, um sich nach den Wünschen seines Vorgesetzten zu erkundigen. Kapitän Stowel war um mehrere Jahre älter als Bluewater, denn er war schon Lieutenant auf einer der Fregatten gewesen, auf welcher der Contreadmiral noch als Kadet gedient hatte — ein Umstand, aus welchen er bei ihrem jetzigen Verkehr gelegentlich anzuspielen pflegte. LS* 404 Die Acndcrung in ihrer gegenseitigen Stellung war das Oiesultat des Familiencinflusses des Jüngeren, der seinen alteren Kameraden in den Graden des Masters und Kommandanten übersprang, und dadurch zu einem Range gelangte, welcher damals in der englischen Marine manches braven Mannes Lausbahn sür sein Leben zu bestimmen Pflegte. In dem Alter von fünsundvierzig Jahren — dem nämlichen, wo Bluewater seine Flagge zum ersten Mal aushißte -— war Stowel Kapitän, und wurde bald darauf von seinem alten Schiffs- genoffcn, der ihn einst auf einer Kricgsschaluppe als ersten Lieutenant unter sich gehabt — eingcladcn, das Kommando seines Flaggenschiffes zu übernehmen. Von diesem Tage bis zu dem gegenwärtigen Augenblick waren die beiden Offiziere als die besteil Freunde mit einander gesegelt, so oft der Dienst ihrer bedurfte; obwohl der Kapitän niemals ganz der Zeit zu vergessen schien, wo fie ans der oben genannten Fregatte — der Eine als Kon- stabelosfizier und der Andere als einfacher ,Junker^ zusammen gedient hatten. Stowel mochte nun etwa fünfundscchzig Jahre alt sein; ein derber Seemann mit rothem Gesicht und harten Zügen, der sein Schiff vom Flaggenknopf bis zum Nüstcrgattaue *), von außen und von innen auf's Haar hin kannte, sich aber sonst um alles Uebrige sehr wenig bekümmerte. Er hatte nach seiner Anstellung als Kapitän eine Wittwe geheirathet, war aber kinderlos geblieben, und hatte deßhalb längst wieder seiner alten Neigung nachgegcbcn, welche ihn in die ihm am meisten vertraute Laufbahn — vom heimischen Herde wieder aus das Schiff zurückgeführt hatte. Er sprach nur selten von der Ehe; doch das Wenige, was er über diesen Gegenstand preiszugeben für gut fand, war vielumfaffend und praktisch. Obwohl ein durchaus nüchterner Mann, verbrauchte er große ") NUstergat ist die unterste Ocffnung des Schiffes — die Pumprinne, durch welche ein gieichbenanntcS Tau laust, D. N, ^05 Quantitäten Wein und Branntwein, so wie auch Tabak, und schien sich darum keineswegs schlimmer zu befinden. Loyal war er aus politischer Ueberzeugung, und betrachtete eine Revolution, welches auch immer deren Ursache sein mochte, ungefähr ebenso, wie er eine Meuterei auf dem Cäsar angesehen haben würde. Er hielt sowohl am Land als auf der Flotte mit ausnehmender Hartnäckigkeit an seinen Rechten als ,Kapitän seines eigenen Schiffes^ — eine Eigenschaft, welche bei dem sanften, hochgebildeten Contre- admiral weit weniger Streit, als bei Mrs. Stowel, herbeisührte. Fügen wir noch bei, daß dieser einfache Seemann, seine eigenen wissenschaftlichen Werke ausgenommen, niemals in ein Buch hinein- schautc — so werden nur wohl so ziemlich Alles von ihm gesagt haben, was sein Zusammenhang mit unserer Erzählung nöthig machen dürfte. „Guten Abend, AdmiralBluewater," begann diese ächte Theer- jacke, und begrüßte den Admiral, wie etwa ein Nachbar den andern bei einem abendlichen Zusammentreffen begrüßt haben würde — Beide bewohnten nämlich abgesonderte Kajüten — „Mr. Cornet sagte mir, Ihr wünscht noch ein Wörtchen mit mir zu sprechen, ehe ich mich in meine Hängematte verfüge, sofern dieß in dieser gesegneten Nacht überhaupt geschehen kann." „Nehmt einen Stuhl, Stowel, und ein Glas von diesem Acres obendrein," antwortete Bluewater freundlich, und bewies durch die Art, wie er dem Kapitän Glas und Flasche zuschob, zur Genüge, wie gut er seinen Mann zu behandeln verstand. „Wie steht's mit dieser Nacht? — und wird der Wind wohl länger anhaltend" „Ich bin der Meinung, Sir — wir wollen Seiner Majestät Gesundheit trinken, wenn Ihr nichts dagegen habt, Admiral Bluewater — also ich bin der Meinung, Sir, daß wir die Fäden unseres neuen großen Marssegels wohl noch ausdehncn werden, ehe diese Brise vorüber sein wird. Ich glaube, ich habe Euch noch 40Ü nicht gesagt, daß ich unterdessen das neue Segel anfzichen ließ, seit wir zuletzt über diesen Gegenstand mit einander gesprochen haben. Es ist ein tüchtig Stück Leinwand, Sir; und eng gerefft steht das Segel trotz der Mauer eines Hauses." „Freut mich, dich zu vernehmen, Stowel; doch dünkt mich überhaupt, daß Euer ganzes Segelwerk gewöhnlich am rechten Platze steht." „Nun, Ihr wißt, Admiral Bluewatcr, ich bin lange genug dabei gewesen, um etwas von der Sache zu verstehen. Es ist jetzt mehr als vierzig Jahre, seit wir auf der Kalypso beisammen waren, und diese ganze Zeit über habe ich als Offizier auf Schiffen gedient. Ihr wäret damals noch Junker, und dachtet mehr an Eure Schwänke als daran, wie man ein Segel aufzicht oder auch Nachsicht, ob dasselbe richtig gestellt sei." „Vor vierzig Jahren war freilich nicht viel an mir, Stowel; aber recht wohl erinnere ich mich noch, mit welcher Geschicklichkeit Ihr dafür sorgtet, daß jede Schote und Boleine, jedes Raaband oder Tan seine Schuldigkeit that, gerade so, wie Ihr noch heutiges Tages darauf bedacht seid. — Apropos, wißt Ihr mir irgend etwas vom Dower zu berichten, und wo er sich wohl heute Abend befinden mag?" „Nicht daß ich wüßte, Sir; er verließ, wie ich glaube, mit den übrigen Schiffen die Rhede, und muß wohl irgendwo in der Flotte sich vorfinden; doch wird das Logbuch, wie ich wohl behaupten darf, alles Nöthige enthalten, wenn er überhaupt in letzterer Zeit in unserer Nähe gewesen ist. Ich bedaure übrigens, daß wir, statt auf dieser offenen Rhede anzuhaltcn, nicht lieber in einen rechten Hafen eingelaufen sind und unsere Tonnen wieder gefüllt haben, denn meiner Berechnung nach müssen wir wenigstens um siebenundzwanzighundert Gallonen *) zu kurz gekommen sein, die uns noch an unserem wahren Bcdarfe abgehen. Dann bedürfen ') Eine Gallone hält 4 Maaß unserer Größe. D. II. 407 wir auch noch, da und dort, einer neuen Portion leichter Spieren, und der untere Kielraum hat nicht so viele Vorrathsfässer, als ich dort zu sehen wünschen könnte, denn es mögen deren wohl an die dreißig Stück abgchen." „Das überlasse ich Euch ganz allein, Stowcl; Ihr werdet bei Zeiten Meldung erstatten, um das Schiff zu jeder Frist schlagfertig zu erhalten." „O, wegen des Casars seid nur unbesorgt, Sir, denn Mr. Bury, der Master und ich selbst, wir wissen so ziemlich Alles, was er nöthig hat, obwohl noch Männer in der Flotte sein mögen, die Euch, wie man wohl sagen könnte, vom Dublin, dem Dover und dem Dort mehr als ich zu erzählen-wisscn. — Wenn s Euch genehm ist, Sir, wollen wir aus das Wohl der Königin und der ganzen königlichen Familie trinken." Blucwater verbeugte sich blos, wie er gewöhnlich that, da sein Gefährte keine weitere Zustimmung zu seinen Trinksprüchcn verlangte. In dem jetzigen Augenblicke vollends hätte es zum wenigsten einer Gencralordre bedurft, um ihn dazu zu bewegen, daß er aus das Wohl irgend eines Gliedes des regierenden Hauses getrunken hätte. „OKes muß jetzt schon ziemlich weit weg und mitten im Kanäle sein, Kapitän Stowel?" „Ich denke auch, daß dem so sein wird, Sir, nur kann ich eben nicht sagen, daß ich mir die Zeit, da er abscgclte, sonderlich genau gemerkt hätte. Ich darf wohl behaupten, 's wird Alles im Logbuch flehen. Der Plantagcnet ist ein tüchtiger Segler, Sir, und Kapitän Grecnly versteht sich auf's Austakeln, und weiß, was er in jedem Fahrwasser zu leisten vermag: und doch, glaube ich, besitzt Seine Majestät noch ein weiteres Schiff in dieser Flotte, das einen Franzmann eben so bald auffindet und, wenn cs ihn gefunden, eben so rasch und eben so gut mit ihm fertig werden kann, als jener." 408 „Ihr meint natürlich den Cäsar; — nun seht, darin bin ich auch ganz Eurer Meinung, obgleich Sir Gcrvaise cs immer so cinrichtet, daß man ihn nie ans einem langsamen Segler findet. Ich denke, Stowel, Ihr wißt bereits, daß Monsieur de Vervillin ausgelaufen ist, und daß wir morgen wohl irgend Etwas von ihm zu sehen oder zu hören bekommen werden?" „Ja, Sir, man spricht so etwas im Schiff davon, so viel ich weiß; doch die Masse derartiger Neuigkeiten ist so groß ans unserem Geschwader, daß ich nie viel auf das achte, wovon eben gesprochen wird. Einer von den Offizieren sprengte gar, wie ich glaube, das Gerücht aus, es habe in Schottland so eine Art von Lärm gegeben. Nebenbei bemerkt, Sir, wir haben jetzt einen überzähligen Lieutenant an Bord, und da er ohne alle Ordre zu uns gestoßen ist, so weiß ich nicht recht, wie ich ihn untcrbringen und sonst für ihn sorgen soll. Für heute Nacht können wir den Herrn schon gastlich bewirthcn; aber morgen werde ich doch genöthigt sein, ihn regelmäßig zu Papier zu bringen." „Ihr meint Sir Wychcrly Wychecombe; nun, che er Euch selbst Mühe verursacht, will ich ihn lieber an meinen eigenen Tisch nehmen." „Ei, ich will mir keineswegs hcrausnehmen, Sir, mich darein zu mischen, wenn Ihr einen von den Herren in Eure Kajüte cin- zuladen beliebt," entschuldigte sich Stowel mit einer steifen Verbeugung. „Das ist es eben, Sir, was ich Mrs. Stowel fortwährend wiederholen muß — nämlich daß meine Kajüte meine Kajüte ist, und daß selbst eine Frau kein Recht besitzt, einen Besen darin zu schwingen." „Was allerdings für uns Seeleute ein großer Vortheil ist, da es uns wenigstens noch eine Citadelle zum Rückzug offen hält, wenn die Außcnwerkc allzuhart bedrängt werden. — Ihr scheint mir aber an diesem Bürgerkrieg nur wenig Antheil zu nehmen, Stowel?" 409 „So ist's denn doch wahr, Sir? In der That? Ich glaubte iuuner noch, es werde sich als blinder Lärm erweisen. So sagt mir doch, Admiral Bluewatcr, was soll denn all' der Spektakel bedeuten? Ich konnte bis jetzt noch nie so recht seemännisch hinter die Geschichte kämmen: ich meine so, daß das Takelwcrk gehörig aufgerichtet und jede Spiere an ihrer rechten Stelle gewesen wäre." „Es ist blos ein Krieg, der entscheiden muß, wer König von England sein soll; weiter nichts, das kann ich Euch versichern, Sir." „Unbequemes Volk, diese Leute am Land, Sir, wenn man denn doch die Wahrheit von ihnen sagen soll. Wir haben ja schon einen König — aus welchem Grunde wünscht man sich also einen zweiten? — Seht, Admiral, da war Kapitän Blakeley, von der Elisabeth, heute Nachmittag bei mir am Bord; wir besprachen uns so ein bischen über die Sache, und kamen Beide zu dem Schluß, daß sic diese Geschichten hauptsächlich deßhalb so gerne ausbringen, um den Armeelieferanten und Munitionsgroßhändlern den Hasen desto bequemer in die Küche zu jagen." Bluewatcr horchte mit der gespanntesten Theilnahme, denn hier konnte er sich selbst überzeugen, wie vollständig er wenigstens zwei seiner Kapitäne in der Hand hatte, und wie diese aller Wahrscheinlichkeit nach zum Mindesten eine Zeitlang seinen Befehlen ohne allen Widerspruch gehorchen würden. Er dachte an Sir Reginald — mit welchem Entzücken er diesen besonderen Zug des seemännischen Charakters wahrgcnommcn haben würde. „Nichtsdestoweniger gibt es Leute, die ihren Kopf auf den Ausgang setzen," bemerkte der Contreadmiral gleichgültig; „wieder Andere gibt es, deren zeitliches Glück durch den Sieg oder die Niederlage der Parteien gefördert oder zerstört wird. Diese glauben, de Vervillins Auftrag stehe mit jenem Aufstand im Norden in Verbindung." 410 „Nun, das sehe ich doch nicht ein, was er überhaupt mit der Sache zu schaffen hat, denn König Ludwig ist doch hoffentlich nicht ein solcher Narr, daß er ebensogut König von England zu werden erwartete, wie er schon jetzt König von Frankreich ist?" „Die Würde wäre doch für ein Paar Schultern zu gewichtig. Ebensogut könnte ein Admiral alle Divisionen seiner Flotte, und wären sie auch fünfzig Meilen aus einander — allein kommandircn wollen." „Oder ein Kapitän zwei Schiffe, oder was noch besser zutrifft, zwei Kapitäne c i n Schiff. — Wir wollen die DiSciplin leben lassen, Sir, wenn Ihr keine Einwendung dagegen habt. Sic ist, am Land wie auf der Sec, die Seele aller Ordnung und Ruhe. Was mich betrifft, ich brauche keinen Kollegen — ich glaube, das ist eben das rechte Wort, dessen sie sich bei solchen Gelegenheiten bedienen—aber ich brauche aus dem Cäsar keinen Kollegen, und will auch keinen in dem Hanse zu Greenwich haben, wenn auch Mrs. Stowel hierin ganz anders denken mag. Hier ist mein Schiff; es ist an seiner rechten Stelle in der Linie, und meine Sache ist's, darauf zu sehen, daß cs zu jedem Dienste tauglich sei, welchen ein Zweidecker ersten Ranges nur immer übernehmen kann. Dieser meiner Pflicht suche ich nach Kräften zu genügen, und ich zweifle keinen Augenblick, daß ich um so besser damit zu Stande komme, als hier am Bord kein Weib oder Kollege zu finden ist. Wohin das Schiff zu steuern und was cs überhaupt zu verrichten hat — das find wieder andere Dinge, die ich entweder aus der Generalordrc oder aus besonderen Befehlen oder Signalen abnchme. Würden sic auch in London nach diesen Grundsätzen verfahren — gebt Acht, wie bald wir, im Norden wie im Süden, nichts mehr von Unruhen zu hören bekämen." „Ganz richtig, Stowel; Eure Lehre würde ganz gewiß, wie aus dem Schiff, so auch bei der ganzen Nation Ruhe zuwege -jll bringen. Ich hoffe, Ihr werdet mir so viel Gerechtigkeit erweisen, daß Ihr in mir und meiner Stellung keinen Kollegen erkennt?" „Rein, wahrhaftig nicht, Sir — und ich habe die Ehre, aus Eure Gesundheit zu triukeu — wahrhaftig, das thut Ihr nicht, Sir. Damals, als wir noch zusammen aus der Kalypso waren, stand ich im Vortheil, und ich muß sagen, ich hatte nie einen Junker- unter mir, der seinem Dienst mit fröhlicherem Muthe nachgekommcn wäre. Seit jener Zeit haben wir die Plätze gewechselt — jawohl, total umgetauscht, könnte man sagen — und ich bestrebe mich jetzt, Euch in Eurer eigenen Münze zu bezahlen. Es ist kein Einziger in der Flotte, dessen Befehlen ich williger und mehr zu meinem eigenen Vorthcile gehorchen würde — die von Admiral Oakes natürlich jeder Zeit ausgenommen, denn er ist der Kommandant en Chef, und hält uns Alle an seinem Anker gefesselt. Vor seinen Signalen müssen wir freilich die Piken senken, doch dürfen wir dabei immer, ohne eine Meuterei zu begehen, behaupten, daß der Eäsar sowohl in als vor dem Wind ein eben so gutes Boot wie der Plantagenct ist, und als dieser jemals auch in seinen schönsten Tagen, da ihn Sir Jarvcy gesehen, gewesen." „Ja, ja, daran ist keinen Augenblick zu zweifeln. Ihr selbst, Stowel, habt, wie ich finde, durchaus nur die Ansichten eines ächten Seemannes; — Gehorsam den Befehlen -— das geht vor Allem andern. Ich bin doch begierig zu hören, wie unsere Kapitäne im Allgemeinen auf die Ansprüche, welche der Prätendent auf den englischen Thron geltend macht — zu sprechen sein mögen!" „Kann's Euch nicht sagen, Sir; bei meiner Seele; doch denke ich mir, daß nur Wenige sich sonderlich um die Sache bekümmern werden. Ist der Wind gut, so segeln wir rasch darauf los in's Weite; ist er schlecht, so müssen wir eine Boleine anholen — mag dann regieren, wer da will. Unter Königin Anna war ich Junker, und diese war, wie ich glaube, eine Stuart; seither habe ich stets unter dem deutschen Königshaus- gedient und—um's Euch ehrlich 412 zu gestehen, Admiral Bluewater — ich sehe weder im Dienst, noch in der Besoldung oder in den Rationen einen bedeutenden Unterschied. Mein Grundsatz ist der — .parire OrdrH — dann weiß ich, wird der Tadel auf Diejenigen zurückfallcn, die den Befehl gegeben haben, wenn irgend Etwas schief gehen sollte." „Wir haben viele Schotten in der Flotte, Stowel," bemerkte der Contreadmiral nachdenklich, wie Jemand, der eigentlich mehr laut denkt als spricht. „Mehrere von den Kapitäns find nördlich vom Tweed zu Haus." „Ja freilich, Sir, man darf fast immer darauf rechnen, beinahe in jeder Stellung und Lage den Herren aus jenem Theil der Insel zu begegnen. Ich habe noch nie gehört, daß Schottland in früheren Zeiten so etwas wie eine Marine gehabt hätte, sobald aber England die Sache zu bezahlen hat, sind die Lairds augenblicklich willig und bereit, ihre Söhne auf die See zu schicken." „Nichtsdestoweniger muß man übrigens zugestehen, Stowel, daß sie tapfere und höchst brauchbare Offiziere abgeben." „Ganz gewiß find sie das, Sir; doch sind tapfere und brauchbare Leute nirgends selten. Wir Beide, Admiral Bluewater, sind zu alt und haben zu viel Erfahrung, um im Geringsten der Ansicht Glauben zu schenken, daß Mutb und Brauchbarkeit in irgend einem Theile der Welt ausschließlich zu Haus seien. Ich habe noch nie mit einem Franzmann gefochten, den ich für eine Memme gehalten hätte, und meiner Meinung nach gibt's ili England selbst tapfere Männer genug, um alle unsere Schiffe zu kommandiren und auch in den Kamps zu führen." „Nun, mag dem auch wirklich so sein, Stowel, so müssen wir jedenfalls die Dinge nehmen, wie sie kommen. — Was haltet Ihr von der heutigen Nacht?" „Stürmisch genug noch vor dem Morgen, sollt' ich denken, Sir; nur ist es etwas außergewöhnlich, daß es bei diesem Winde nicht bereits geregnet hat. Das nächste Mal, wenn wir wieder dazu kommen, Admiral Bluewater, gedenke ich mit einem kürzeren Kabeltaue zu ankern, als nur gerade vorhin gebrauchten, denn ich fange an zu glauben, daß es sehr unnütz ist, in den Sommermonaten so viel Garn naß zu machen. Der Uork, sagt man mir, begnügt sich schon jetzt mit vierzig Faden." „Ei, für ein schweres Schiff ist das doch ziemlich kurz, sollt' ich meine». Doch hier kommt ein Besuch." Die Schildwache öffnete die Kajütenthüre und Lord Gcoffrey trat ein; er hatte seine Mütze mit einem Taschcntnche am Kopfe festgebunden und sein Gesicht war von dem Aufenthalte in dem frischen Nachtwindc stark geröthct. „ Nun," begann Bluewater, „ wie lautet Euer Bericht von oben ?" „Der Dover läuft quer an unserem Vorderreitknie vorüber und nähert sich rasch, Sir," gab der Kadct zur Antwort. „Der Uork ist dicht an unserem Wctterbord und hält auf seinen Standpunkt ab; vorwärts von uns kann ich aber nichts ausfindig machen, obgleich ich zwanzig Minuten lang ans der Bramraa verweilte." „Habt Ihr auch scharf über den Wetterbord und vorwärts bis zum Leebug hinausgcschaut?" „O ja, Sir; wenn je in dieser Richtung ein Licht zu entdecken ist, so müßten cs jedenfalls viel bessere Augen sein, als die meinigcn, wenn sie cs auffinden sollten." Während dieser kurzen Unterredung hatte Stowet bald den Einen und bald den Andern der beiden Sprechenden betrachtet; sobald aber eine Pause eintrat, warf auch er ein Wörtchen über den Zustand seines Schiffes ein. „Ihr seid doch vorn aus der Raa gestanden, Mylord?" fragte er. „Ja freilich, Kapitän Stowel." „Und habt Ihr auch daran gedacht, nachzusehcn, wie die Hieling de^ Oberbramstenge bei dieser See sich halten wird? Bury 414 sagt mir, sie sei zu los und tauge schwerlich mehr sür so stürmisches Wetter wie dieses." „Daran habe ich nicht gedacht, Sir. Ich wurde hinauf geschickt, um mich nach der Schiffsdivision des Oberadmirals umzusehen, und dachte da nicht mehr daran, daß die Hicling der Oberbramstenge zu los sei." „Ja freilich — so geht es heutzutage mit all' den jungen Herren;'zu meiner Zeit — ja selbst noch zu der Euri gen, Admiral Blucwater— setzten wir nie den Fuß auf eine Wcbeleine, ohne Augen und Hände anzustrcngen, bis nur unfern Posten—und wäre Ließ selbst der Knopf des Flaggenstocks gewesen — erreicht hatten. Das allein ist die rechte Art, um zu erfahren, aus was ein Schiff construirt ist!" „Auch ich habe Augen und Hände nach Kräften angestrengt, Kapitän Stowet; doch dießmal galt's, mich sestzuhalten und scharf umherzuschauen." „Das genügt noch nicht — nein, das genügt noch lange nicht, wenn Ihr ein tüchtiger Seemann werden wollt. Mit Eurem eigenen Schiff müßt Ihr den Anfang machen; hier müßt Ihr zuerst Alles kennen lernen, und dann, wenn Ihr etn Admiral geworden, Mylord, was Eures Vaters Sohu mit Sicherheit erwarten darf — dann werdet Ihr wohl noch Zeit genug haben, Euch auch um den Rest der Flotte zu bekümmern." „Ihr vergeht, Kapitän Stowcl — ^—" „Nun, nun, Lord Geoffrcy, es wird schon genügen," fiel Bluewater besänftigend ein, denn er wußte, daß der Kapitän nicht mehr predigte, als er anch buchstäblich ausübte; „wenn ich mit Eurem Berichte zufrieden bin, so hat sonst Niemand ein Recht, Euch darüber zu schelten. Meldet Sir Wycherly Wychecombe, daß er ans das Verdeck zu mir kommen möge, denn dorthin wollen wir jetzt gehen, Stowel, um uns selbst nach dem Stande des Wetters umzusehen." 415 „Von ganzem Herzen, Admiral Bluewater; erlaubt mir nur, daß ich, bevor wir diesem herrlichen Getränke Lebewohl sagen, die Gesundheit des ersten Lords der Admiralität ausbringe. Dieser Junker hat trotz seines Adels doch ziemlich viel Stoff in sich, und indem ich ihm gelegentlich meine guten Lehren Vorhalte, hoffe ich noch einen tüchtigen Mann aus ihm zu machen." „Wenn er nicht in den nächsten paar Jahren sowohl physisch als geistig ein trefflicher Mann wird — wahrhaftig, Sir, er wäre der Erste in seiner Familie, der jemals fehlgeschlagen hätte." Mit diesen Worten verließen Bluewater und der Kapitän die Kajüte und verfügten sich zusammen auf das Quarterdeck. Dort angckommcn, hielt Stowcl inne, um mit seinem ersten Lieutenant eine Berathung zu halten, während der Admiral die Kampanjelciter Hinaufstieg, wo er wieder mit Cornet zusammentraf. Letzterer hatte nichts Neues mitzutheilcn, und wurde von dem Contrcadmiral ans das Verdeck hinabgeschickt, um Wycherly auf die Kampaujc hcrauszuscndcn, wo Bluewater den jungen Mann erwarten wollte. Es dauerte einige Zeit, bis der junge Virginier aufgcsunden werden konnte; sobald dieses aber geschehen war, beeilte er sich, dem Contrcadmiral zu gehorchen. Sie hatten sofort eine geheime Unterredung, welche eine volle halbe Stunde dauerte, während welcher Zeit Beide aus dem Hinterdeck aus- und abgingcn; daun wurde Cornet wieder auf seinen gewöhnlichen Posten zurückgcrufen. Letzterer erhielt augenblicklich den Befehl, Kapitän Stowel zu melden, der Contreadmiral wünsche, daß der Cäsar beidrehe und dem Druid das Signal Numero 3l> gebe, um auf die Leeseite des Flaggenschiffcs zu kommen und sein großes Marssegel back zu legen. Kaum war dieser Befehl aus das Quarterdeck gelangt, als die Wachmannschaft auf die Brassen geschickt und die große Naa eingerundet wurde, bis der Theil des Segelwerks, der bis jetzt noch beigesetzt war, gleichfalls gegen die Masten lag. Dadurch kam der 416 gewaltige Bau todt in den Kurs zu liegen, und hob und senkte sich schwerfällig auf den Wogen, welche den Kiel bespülten, und kaum groß genug waren, um die schwere Last, welche auf ihnen ruhte, emporzuheben. Im selben Augenblicke wurde das Signal gegeben. Bei der so Plötzlich gehemmten Bewegung des Cäsar kam der Dublin mit vollen Segeln durch die Finstcrniß herangezogen, bis er, das Steuerruder beisetzend, langsam an der Leeseite des Admiralschiffs vorüberzog und einem schwarzen Gebirge ähnlich in der Dunkelheit dahinschwebte. Er wurde augcrufen und erhielt den Befehl, sobald er weit genug nach vorn stünde, gleichfalls bcizudrehen. Die Elisabeth folgte, das Flaggenschiff nur auf zwanzig Faden klarirend, und erhielt ähnliche Ordre. Der Druid war ursprünglich aus der Wetterseite des Admiralschiffs gesegelt, glitt aber jetzt ebenfalls, vom Seitenwinde getragen, gegen den Cäsar heran, und ließ nur so viel Raum zwischen beiden, daß er sein Marssegel unter dcmLcebug des Anderen back legen konnte. Während dieser Zeit war ein Kutter *) in die See herabgc- lassen worden, und man konnte ihn bald au der schwarzen Seite des Schiffs sechs bis acht Fuß in die Höhe steigen, bald wieder eben so weit in die Tiefe des Oceans versinken sehen. Jetzt endlich erklärte sich Wychcrlu bereit, die erhaltene Weisung zu vollziehen. „Ihr werdet Nichts von meinem Aufträge vergessen, Sir," sprach Bluewater, „sondern werdet ihn vollständig dem komman- direnden Admiral hinterbringen. Es möchte von Wichtigkeit sein, daß wir uns gegenseitig ganz verstehen. Ihr werdet ihm auch diesen Brief einhändigen, den ich vorhin in der Eile geschrieben habe, während das Boot in Stand gesetzt wurde." ') Kutter bedeutet hier nicht eines jener zweimastigcn Fahrzeuge, welche gewöhnlich als Packetboote verwendet werden, sondern nur das Wachboot, wie eS aus allen Kriegsschiffen zum augenblicklichen Dienste bereit gehalten wird, D, U, 417 „Ich glaube Eure Wünsche zu verstehen, Sir —- wenigstens hoffe ich so, und will mich bemühen, sie pünktlich zu vollziehen/' „Gott segne Euch, SirWycherlyWychccombe," suhrBluewater nicht ohne Bewegung fort. „Wir werden uns vielleicht nie wieder sehen, denn wir Seeleute führen ein gar unsicheres Leben — man könnte behaupten, daß wir cs stets in der Hand mit uns tragen." Wychcrly verabschiedete sich von dem Admiral und eilte dann die Kampanjelciter hinab, um sich in das Boot zu verfügen. Zweimal hielt er jedoch auf dem Quarterdeck inne, wie wenn er umkehren und um Erläuterung einzelner Punkte bitten wollte: doch jedesmal ging er wieder weiter, entschlossen, wie es schien, seinen Auftrag ohne Weiteres zu vollziehen. Es bedurfte der ganzen Gewandtheit unseres jungen Seemannes, um ungefährdet das Boot zu erreichen. Sobald dich geschehen war, senkten sich die Ruder in's Wasser und der Kutter trieb eilends an der Leeseite des Admiralschiffs vorüber. In wenigen Minuten schoß er unter dem Leebug der zweiten Fregatte hin, woselbst er seine Ladung absetzte. Noch hatte Wycherly keine drei Minuten am Bord des Druyd zugebracht, als dessen Raaeu aufgebraßt wurden, während sich das große Segel unter schwerem Schlagen füllte. Dadurch wurde die Fregatte langsam nach vorn getrieben. Fünf Minuten später sah man eine weiße Wolke über ihrem Rumpfe flattern und das gereffte Marssegel wurde dem Winde preisgcgcbcn. Die Wirkung war so plötzlich, daß die Fregatte von dem Admirälschiffe wegzuglciten schien, und schon eine Viertelstunde später mit drei doppelt gerefften Mars- und allen Unterscgeln eine volle Meile von dem Luvbug des Cäsar entfernt war. Diejenigen, welche ihre Bewegungen bewachten, ohne den Grund derselben zu wissen, konnten bemerken, wie sic ihr Licht herabgleitcn ließ und sich von dem Reste der Division zu trennen schien. Es dauerte einige Zeit, bis cs dem Boote des Cäsar gelang, Die beide» Admirale. 37 418 trotz Fluten, Wind und Wogen seinen Weg nach dem Admiral- schiffe zurück zu steuern. Sobald diese Aufgabe glücklich beendigt war, füllte die Fregatte ihre Segel auf's Neue, zog an dem Dublin und der Elisabeth vorüber und nahm ihre frühere Stelle in der Linie wieder ein. Noch eine volle Stunde ging Bluewater auf dem Hinterdecke auf und nieder, nachdem er seinen Sigualoffizier und die Quarticr- mcister in ihre Hängematten entlassen hatte. Selbst Stowel hatte sich zur Ruhe begeben, und auch Mr. Bury hielt es nicht für nöthig, noch länger auf dem Deck zu verweilen. Als die Stunde zu Ende ging, dachte auch der Eontreadmiral daran, sich in seine Kajüte zurückzuzichen. Ehe er jedoch die Hütte verließ, stellte er sich an die Luvleiter, hielt sich an der Takelage des Bcsanmastes fest und betrachtete die vor ihm ausgebreitetc Scene. Der Wind — und mit ihm die See — war heftiger geworden, hatte sich jedoch noch nicht zum Sturme gesteigert. Der Dort hatte schon lange zuvor auf seiner Station, eine Kabellänge vor dem Cäsar, eingchalt, und zog mit den nämlichen Segeln, wie das Flaggenschiff, eine schwarze, stattliche Masse — durch das Düster dahin. Der Dover steuerte eben in die ihm angewiesene Stelle vorwärts vom Jork, so daß er von diesem eben so weit entfernt war, als letzterer vom Cäsar; auch er hatte der Vorschrift gemäß die nämlichen Segel entfaltet, war aber bei weitem nicht in so deutlichen, imposanten Umrissen sichtbar, wie dieß beim Dort der Fall war. Die. Schaluppe, so wie der Kutter, segelten ungefähr eine Viertelmeile von den größeren Schiffen entfernt entlang der Leeseite der letzteren; jedes der beiden hatte seine volle Aufmerksamkeit aus das Segelwerk gerichtet, um die ihm angewiesene Stelle in der Linie zu behaupten. Weiterhin war nichts mehr zu sehen. Die See zeigte jenes wilde Gemisch von Glanz und Düster, wie es diesem Elemente eigenthümlich ist, wenn es in finsterer Nacht heftig bewegt wird; der Himmel aber war trüb und drohend. Auf dem Schiffe selbst war Alles still. Da und dort warf eine Laterne ihr flackerndes Licht um sich, doch die tiefen Schatten der Masten, der Geschütze und so vieler anderer Gegenstände ließen diese Erleuchtung in der schwarzen Nacht nur unbedeutend erscheinen. Der Lieutenant der Wache schritt schweigend, aber aufmerksam, auf der Luvseite des Quarterdecks hin und her. Gelegentlich rief er auch die Marsposten an und ermahnte sie gleichfalls zur Wachsamkeit; bei jeder Wendung aber blickte er nach dem Marssegel empor, um sich von dem richtigen Stande desselben zu überzeugen. Vier oder fünf alte Matrosen gingen nachdenklich aus der Kühl *) und dem Vorderkastcll auf und nieder, sonst aber hatte sich die Wachmannschaft größtentheils zwischen den Kanonen cingestaut oder wo sie noch anderswo hinter dem Lee der Bollwerke ein sicheres Plätzchen finden konnte, um sich einem flüchtigen Schlummer hinzugeben. Von dieser Erholung schienen übrigens einige von den jungen Herren ausgeschlossen zu sein: den Einen von ihnen sah man auf dem Vorkastell an einem Maste lehnen, wie er eben von seiner Heimath träumte, ein Anderer befand sich auf der Kühl und hielt sich an dem Tauwerke fest, und ein Dritter ging mit geschlossenen Augen, wirren Gedanken und unsicheren Schritten auf der Leeseite des Hinterkastells umher. Als Bluewater auf die Quarterdecksleiter trat, um in seine eigene Kajüte hinabzusteigen, stieß der Junker gegen einen Augenbolzen und plumpte jählings gegen seinen Vorgesetzten. Bluewater sing den Knaben in seinen Armen auf und rettete ihn dadurch vor dem Falle, indem er ihn nicht eher losließ, bis er wieder fest aus seinen Füßen stand. „Es ist jetzt sieben Uhr, Geoffrey," sprach der Admiral mit leiser Stimme. „Halte dich nur noch eine halbe Stunde länger, dann magst du gehen und von deiner theuren Mutter träumen." ') Mittelverdeik. D. N. 420 Ehe noch der Knabe so weit zn sich gekommen war, daß er sich bei seinem Vorgesetzten bedanken konnte, war der Letztere bereits verschwunden. Zwanzigstes Kapitel. Doch ist er. selbst entbrannt, ein Kieselstein; So launisch wie der Winter und so heftig Wie eis ge Winde in des Frühlings Tagen: Drum muß sein Wesen wohl beachtet werden. Shakespeare. Äer Leser wird sich erinnern, daß damals, als Sir Gervaise Oakes in seine Barke stieg, um die Flotte in die See hinauszu- sühren, der Wind noch nicht so heftig zu wehen angefaugeu hatte. Es wird darum nöthig sein, einen allgemeinen Rückblick auf den damaligen Stand des Wetters zu werfen, um des Lesers Gedanken auf eben jenen Zeitabschnitt zu lenken, in welchen wir uns ge- nöthigt sehen, seine Einbildungskraft zurück zu versetzen. Der Viceadmiral pflegte eine Flotte nach ganz anderen Grundsätzen als sein Freund Bluewater zu führen. Während der Letztere den Schiffskommandantcn selbst so Vieles überließ, war sein Freund gewöhnt, sich in eigener Person nach allen Dingen umzusehen. Er wußte, daß die Einzelnheiten des Dienstes für einen Erfolg im Großen unerläßlich sind, und sein thätiger Geist ließ sich zu all' jenen Kleinlichkeiten mit einem Eifer herab, der seinen Kapitänen nicht selten ziemlich lästig fiel. Im Ganzen beobachtete er übrigens mit vieler Genauigkeit die Gesetze der Schiffsetikette — Gesetze, welche jeder übermäßigen Vertraulichkeit eine furchtbare Schranke entgegcnstellcn, aber auch so häufig Ursache zum Mißvergnügen in einem Geschwader darbieten — so daß nie ein ernstliches Mißverständniß in seiner Flotte Platz greisen konnte, 421 und zwischen ihm und den unter seine Befehle gestellten Machthabern fortwährend das beste Einvernehmen herrschte. Vielleicht mochte der Umstand, daß er ein fechtender Admiral war, zu dieser Ruhe im Innern der Flotte nicht wenig beitragen, denn man hat schon oft die Bemerkung gemacht, daß Armeen wie Flotten sich weit mehr von solchen Führern gefallen lassen, die ihnen viel mit dem Feinde zu thun geben, als von Befehlshabern, welche sie einer unthätigen, gefahrlosen Ruhe überlassen. Das beständige Zusammentreffen mit dem Feindescheint all' jene überflüssigen, händelsüchtigen Gelüste am besten abzuleitcn. Nelson war in mancher Hinsicht ein Beispiel dieses Einflusses in der englischen—Suffren*) in der französischen und Preble in noch weit höherem Grade als Jeder von diesen Beiden in unserer eigenen Marine. Auf alle Fälle war wenigstens bei Sir Gervaise so viel gewiß, daß, wenn auch die meisten seiner Kapitäne sich weit mehr, und nicht ohne Empfindlichkeit, als untergeordnete Befehlshaber fühlten, sobald sich der Admiral am Bord oder in der Nähe ihrer Schiffe, statt in der Kajüte des Plantagenets befand — der allgemeine Friede dennoch nur selten gestört wurde, und daß man den Admiral eben so sehr liebte, als man ihm pünktlich gehorchte. Blue- water war vielleicht unwandelbarer der Liebling der Flotte, dafür aber auch kaum so sehr geachtet und jedenfalls nur halb so viel gefürchtet. *) Suffren war einer der besten Seekapitäne, welche Frankreich jemals besaß, dabei aber gleichwohl ein Mann von übermäßiger Strenge und äußerst rauhen Manieren. Demungeachtet muß er von guter Familie gewesen sein, denn sein Titel: Bailli de Suffren kommt blos davon her, baß er die Würde eines Maltheserritters bekleidete, lieber seinem Tode, der nicht lange vor dem Ausbruch der französischen Revolution erfolgte, schwebt ein auffallendes Dunkel, denn dieser ausgezeichnete Offizier verschwand Plötzlich auf eine rätbselhafte Weise, selbst ohne daß man wußte, wo er begraben wurde. Man vermuthet, daß er von einem feiner eigenen Offiziere bei einem nächtlichen Zweikampf in den Straßen von Paris getödtet wurde, und daß der Einfluß der Freunde des Siegers groß genug war. um jede Nachforschung zu unterdrücken. Als Ursache des Kampfes wird sein barsches Benehmen im Dienste angegeben. L 422 Auch bei gegenwärtiger Veranlassung ruderte der Viceadmiral nicht durch die Flotte, ohne jene cigenthümliche, schon oben von uns angedeutete Vorliebe an den Tag zu legen. Als er an einem der Schiffe vorüberfuhr, machte er seinem Bootssührer ein Zeichen, daß er die Mannschaft das Rudern cinstellen lassen solle, und ries die bezeichnte Fregatte an, woraus sich folgendes Zwiegespräch entspann : „Carnatic, ahoy!" rief der Admiral. „Sir!" antwortete der Offizier ans dem Deck , indem er ans eine der Kanonen des Hinterkastells sprang und ehrerbietig den Hut zog. „Ist Kapitän Parker an Bord, Sir?" „Ja, Sir Gervaise: wollt Ihr ihn sprechen, Sir?" Ein Kopfnicken genügte, um Kapitän Parker auf das Verdeck und an die Fallreepstreppe zu bringen, wo er sich ohne Unbequemlichkeit für einen von Beiden mit seinem Vorgesetzten unterreden konnte. „Wie geht's Euch, Kapitän Parker?" -— ein sicheres Zeichen, daß Sir Gervaise den Andern auf die Finger zu klopfen gedachte, denn sonst würde er ihn einfach mit Parker angeredet haben. „Wie geht's Euch, Kapitän Parker? Es thut mir leid, bemerken zu müssen, daß Euer Schiff mit dem Gallion zu tief steht, Sir. So wird es vor dem Winde ausbrcchcn, wie ein Füllen, das zum ersten Mal den Zaum fühlt und den Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite wirft. Ihr wißt doch, Sir, daß ich stracke Linien und schnurgerades Kielwasser liebe." „Das weiß ich recht wohl, Sir Gervaise," erwiedcrte Parker, ein gutmüthiger, alter Mann mit grauen Haaren, der sich seinen Weg vom Vorkastell bis zu seinem jetzigen ehrenvollen Posten mühsam durchgesochten hatte, und obwohl vor dem Feinde tapfer wie ein Löwe, vor seinem Vorgesetzten gleichwohl eine absonderliche Furcht hegte; „wir haben aber hinten aus unseren Kanonendecks mehr Wasser nöthig gehabt, als wir eigentlich wünschten. Wir werden jetzt übrigens einige von den neuen Kabeltauen wcgschaffen und dann Raum für einige von den vorderen Fässern gewinnen, Sir, so daß, wie ich hoffe, in einer Woche Alles wieder in Ordnung sein wird." „In einer Woche! zum Teufel, Sir, das geht nicht an, wenn ich de Vervillin schon morgen zu treffen erwarte. Füllt sogleich all' Eure leeren Fässer hinten mit Salzwasser, und wenn dieß nicht hinreicht, so schafft einen Theil Eurer Munition von vorn nach hinten. Ich kenne Eure Fregatte recht wohl; sic ist so empfindlich wie ein Junge mit Leichdornen — der Schuh darf sie nirgends drücken." „Sehr wohl, Sir Gervaise, das Schiff soll so bald als möglich in Takel gebracht werden." „Ja, ja, Sir — das eben erwarte ich von jedem meiner Schiffe zu allen Zeiten, und ganz besonders, wenn wir auf ein Zusammentreffen mit dem Feind gefaßt sein müssen. — Und, hört einmal, Parker" — hier gab er seiner Bootsmannschaft, welche sich wieder zum Rudern anschickte, ein Zeichen, inne zu halten — „hört, Parker, ich weiß, daß Ihr Schwarzwildpret liebt: so bald ich am Bord bin, will ich Euch ein Stück davon schicken, das Galleygo, wie er mir sagt, am Lande aufgegabelt hat. Wenn man den Burschen hört, so möchte man glauben, er habe alle Hühnerställe in ganz Dcvonshire ausgeplündcrt." Sir Gervaise winkte mit der Hand, Parker lächelte mit einer dankenden Verbeugung, und trotz des kleinen Scharmützels, womit die Unterredung begonnen hatte, schieden Beide dennoch in vollkommen freundlichem Einvernehmen mit einander. „Mr. Willamson," sagte Kapitän Parker zu seinem ersten Lieutenant, während er die Fallreepstreppe verließ; „Ihr habt gehört, was der Admiral en Ehcf gesprochen, und seine Befehle müssen befolgt werden. Ich glaube zwar nicht, daß der Carnatic, selbst wenn er vorn etwas zu schwer ist, darum aus der Linie ge- brochen wäre, doch laßt jedenfalls die leeren Fässer füllen und legt ihn am Hintertheil um sechs Zoll tiefer." „Ist doch ein guter Bursche, der alte Parker," meinte Sir Gervaise, an seinen Zahlmeister sich wendend, den er in seiner Gutmüthigkeit nach dem Plantagenct mitgenommen hatte, damit er des Weges nicht vergesse, „und ich muß mich nur wundern, wie er sein Schiff auf diese Art die Nase unteres Wasser stecken läßt. Ich habe ihn gern als Zweiten am Spiegel, denn ich weiß gewiß, er würde mir folgen, und wenn ich geraden Wegs auf Cherbourg losftcuerte. Ja, ja— Parker ist ein guter Bursche, und Locker" — hier meinte er seinen Kammerdiener, der sich ebenfalls ans dem Boote befand— „vergiß nicht, ihm zwei von den besten Schwarz-- wildstücken zu schicken. He! h«! he! — was zum Teufel hat Lord Morganic" — dieß war ein Sprößling des königlichen Hauses aus einer morganatischen Ehe — „was macht er nur? Sein Schiff sieht ja ans, wie die Gliederpuppe eines Schneiders, die man erst mit Jacke und Flitterwcrk ausstaffircn muß. — Heda! Achilles!" Ein Quartiermeister trat bis an die Brüstung des Hinter- theils vor und entfernte sich dann wieder, um seinem Kapitän, der ans dem Verdeck hin und her ging, zu melden, daß der konunan- dirende Admiral das Schiff angerufen habe. Der Earl von Morganic, ein junger Mann von vierundzwanzig Jahren, der kurze Zeit zuvor durch den Tod eines älteren Bruders zu diesem Titel gelangt war — der gewöhnliche Weg, aus dem ein alter Peer in die brittische Marine cingeführt wird, da allerdings für Solche, welche die Aussicht vor sich haben, im Sprunge befördert zu werden, der Dienst von unten auf gar zu entmuthigcnd ist — näherte sich jetzt dem Quarterdeck, verbeugte sich mit ehrerbietigem Anstand und sprach mit einem Selbstbewußtsein , wie es keiner von den älteren Befehlshabern der Flotte an den Tag zu legen gewagt haben würde. Im Allgemeinen verrieth der Verkehr dieses Edelmannes mit denjenigen seiner Standes- genossen, welche ihm im militärischen Range vergingen, daß er sich seiner Uebcrlegenheit im bürgerlichen recht wohl bewußt war: da übrigens Sir Gervaise von einer alten Familie abstammte und eben so reich wie er selbst war, so pflegte er dem Viceadmiral weit größere Ehrerbietung als den übrigen Kommandanten zu erweisen. Sein Schiss war voll von Nobs*), wie man in der englischen Marine die Söhne und Verwandten des hohen Adels zu nennen pflegt, und es war bei diesen Herren keineswegs ungewöhnlich, sich bei Tische sogar auf Kosten von Flaggcnosfizieren lustig zu machen, wenn sie von ihnen glaubten, daß sic jenes verfeinerten Ehrgefühles ermangelten, das, wie man mit vollem Rechte annimmt, eine solche höhere Stellung in der Gesellschaft bezeichnen sollte. „Guten Morgen, Sir Gervaise," begann der adelige Kapitän in munterem Tone; „ich bin sehr erfreut, Euch nach unserer langen Kreuzfahrt in der Bai so wohl aussehend zu finden. Ich wollte mir heute Morgen die Ehre nehmen, mich persönlich nach Eurem Befinden zu erkundigen; man sagte mir aber, Ihr hättet die Nacht außerhalb Eures Schiffes zngcbracht. Wir werden wohl noch ein Kriegsgericht über Euch halten müssen, Sir, wenn Ihr Euch noch oft dieser Gewohnheit hingebt!" Alle, welche dieß mit anhörten, sogar die rauhen, alten Theer- jacken, die rittlings auf den Raacn saßen, mußten lachen, und selbst Sir Gervaisc's Lippe verzog sich ein wenig, obwohl er nicht eben zu Scherzen aufgelegt war. „Nun, nun, Morganic, laßt mir nur meine Gewohnheiten, und seht Euch lieber nach Eurer eigenen Vorstenge um. Sagt mir, bei aller Seemannskunde, warum ist diese Spiere auf eine Art vorwärts gestaut, daß sie dem Fockmast einer Schebecke ähnlich sieht?" „Gesällt's Euch nicht, Sir Gervaise? Nun seht, uns Allen hier am Bord kommt cs vor, als ob dieß dem Achilles ein ausnehmend kluges Aussehen gebe, und wir hoffen, daß es noch Mode werden ') Nobles — Adelige. D. U. 426 wird. Wenn wir dann die Obersegcl etwas vorwärts stellen, Sir, so können wir, wie Ihr wißt, unser Schiff auch bei stürmischer See recht gut herumbringen." ^ „In der That, davon weiß ich bis jetzt nichts, mein Lord. Was Ihr gewinnt, wcnn.Jhr back genommen werdet, das verliert Ihr wieder, sobald Ihr in den Wind kommt. Wenn ich eine Wage hätte, die zu solchem Zwecke taugte, so würde ich alb das Tauwerk, das Ihr dort drüben über Eurem Buge ans das Ende eines so langen Hebels aufgcstaut habt, abwägen lassen, damit Ihr einsehcn lerntet, welch' schöne Erfindung Ihr unter Euch ausgehcckt habt, um ein Schiff gegen die Stürzsce stampfen zu lassen. Hol' mich der Teufel, wenn ich glaube, daß Ihr überhaupt nur beilegen könnt, denn Ihr habt ja so viel Zeug da oben, daß cs Euch noth- wendig leewärts abtreiben muß! Nur vorwärts, mein Lord, Alles nach vorne — ja Alles, mcrkt's Euch und stellt mir den Mast so senkrecht als möglich. Es ist, find' ich, ein hart Stück Arbeit, einen neumodischen Kapitän dazu zu bringen, daß er alle Dinge an ihrem Platze läßt." „Nun, nun, Sir Gervaise, ich denke doch, der Achilles wird sich eben so gut wie die meisten anderen Schiffe ausnehmcn, und was sein Steuern und Arbeiten betrifft, so weiß ich nur so viel, daß er weder träg noch plump ist." „Er ist allerdings gut genug, Morganic, wenn man bedenkt, wie viele Bondstreet-Jdeenunter seinen Offizieren herrschen: eine Stürzsee aber wird er nimmermehr aushaltcn, so lange jene Vorstenge Eure ritterlichen Häupter bedroht. Macht also, daß Euer Mast, sobald es angeht, wieder in Ordnung kömmt, und wählt den ersten schönen Tag, den wir zur See haben, um ohne weitere Einladung eine Suppe bei mir cinzunehmen. Ich werde Parker einige Stücke Schwarzwild übersenden: Euch aber will '1 Zu damaliger Zeit die Straße des vornehme» Adels in London. D. U. 427 ich von Galleygo's Schildkrötensuppe vorsetzen, die der Bursche, wie Ihr wißt, aus Schweinsköpsen bereitet." „Dank Euch, Sir Gervaise. Wir wollen versuchen, die Stenge wieder gerade zu richten, da Jhr's denn doch einmal so haben wollt, obwohl ich-gestehen muß, daß ich cs sehr langweilig finde, wenn ich heute wieder Alles so antreffen muß, wie ich es gestern verlassen habe." »Ja, ja — so geht's den Meisten dieser St. James-Kreuzer," fuhr der Viceadmiral fort, während er nach seinem Schiffe weiter ruderte. „Sie hätten beinahe einen Modeschneider nöthig, um ein Kriegsschiff gerade so aufzutakeln, wie sic selbst ausgetakelt sind. Da ist z. B. mein alter Freund und Nachbar, Lord Scupperton; dem fällt's in letzter Zeit ein, sich eine Dacht zu halten, und als nun die neue Brigg übs Wasser gesetzt wird, läßt er sich von Lady Scupperton dazu bestimmen, einen Tapezier aus der Stadt kommen zu lassen, um die Kajüte hübsch ordentlich auszustasfircn. Nachdem dieser nun das unglückliche Fahrzeug von vorn und hinten beaugenscheinigt, als ob es ein Lusthäuschen wäre, was thut der Tropf —- geht her und behauptet: ,dieses Gebäude, Mylord, sollte meiner Ansicht nach im ländlichen Style eingerichtet werden^ — der Landstreicher!" Diese Geschichte, die eben nicht mehr sonderlich neu war, da Sir Gervaise sie früher schon wenigstens ein Dutzend Mal erzählt hatte, versetzte den Admiral gleichwohl in die beste Laune, und so fand er denn bei den übrigen Kapitäns nichts weiter zu bekrittln, bis er selbst den Plantagenet erreicht hatte. „Daly," so wendete sich Lord Morganic an seinen ersten Lieutenant, einen alten, erfahrenen Irländer in den Fünfzigen, der immer noch ein gutes Lied zu singen, eine gute Anekdote zu erzählen und — was allerdings neben den beiden kaum erwähnten Vorzügen ziemlich außergewöhnlich war — auch ein Schiff nicht minder gut zu lenken wußte — »Daly, ich denke, wir müssen dem 428 alten Herrn schon den Gefallen thun, sonst schickt er mich in Quarantäne, und das würde mir gerade am Vorabend einer Hauptaktion eben nicht sonderlich behagen; so wollen wir es also vorn etwas leichter machen und die Stengen wieder rückwärts richten. Ich will mich hängen lassen, wenn ich glaube, daß er es ausfindig machen würde, wenn wir's nicht thäten — so lange wir nämlich todt in seinem Kielwasser segeln." „Das wäre bei Sir Jarvy nicht sehr gut angebracht, Mylord, denn er hat ein wunderbar scharfes Auge auf alle Taue! wäre es Admiral Blue, — ja, da wollt ich wetten, daß ich den Besanmast in den Kielraum stauen*) und dennoch eine ganze Woche lang in seiner Gesellschaft segeln wollte, ohne daß auch nur der geringste Lärm wegen dieser Neuerung entstünde: höchstens daß er uns einmal anriefe und fragte: ,was das für eine Brigg sci?^ Bei dem andern Admiral aber möchte ich keinen von diesen Streichen versuchen, denn jedes Bcschlagseising, das nicht ganz haarscharf angezogen ist, entdeckt er gewiß eben so bald als der Scharfsichtigste von uns Allen. So will ich mich denn ernstlich an mein Geschäft machen; laßt den Zimmermann mit seinem Bleiloth hcraufkommen und bald soll Alles so straff und bolzgerade wie ein Grenadier dastehen!" Lord Morganic lachte, wie er gewöhnlich that, wenn sein Lieutenant witzig zu sein beliebte, und alsbald war die Laune, welche ihn zur Aenderung des Mastenstandes verleitet, so wie der Befehl, der diese Anordnung widerrufen hatte — rein vergessen. Sir Gervaise's Ankunft auf seinem eigenen Schiffe war jederzeit ein Ereigniß auf der Flotte, auch wenn seine Nbwescnbeit nicht länger als vierundzwanzig Stunden gedauert hatte. Die Wirkung war dann gewöhnlich die nämliche, wie bei einem Gespanne feuriger Rosse, wenn sie gewahr werden, daß ein erfahrener, muthiger Lenker die Zügel in Händen hat. „Guten Morgen, Greenly — guten Morgen euch Allen, ihr '1 D. h. kappen, so daß aus der Fregatte ein Zweimaster würde. D. U. 429 Herren," so rief der Viceadmiral und verbeugte sich rings auf dem Quarterdeck zum Dank für das ,Präsentirt's Gewehrs das Rasseln der Trommeln und das Abnehmcn der Hüte, womit feine Ankunft gefeiert wurde; „ein schöner Tag heute, und cs hat allen Anschein, als ob wir eine frische Brise bekommen sollten. Kapitän Greenly, Eure Sprietraa muß besser gegen die Toppenants geviert werden, und Ihr, Bunting, gebt dem Thundercr ein Signal, daß er seine Vorraa so bald als möglich an ihre Stelle bringt. Statt sic ganz einfach zu Wangen*), behilft er sich noch immer damit, während er längst eine neue dafür hätte einsetzen sollen. — Sind Eure Boote alle am Bord, Greenly?" „Alle — bis auf Eure eigene Barke, Sir Gcrvaise, und diese wird so eben eingehakt." „Herein damit, Sir; und dann gelichtet und fortgestcuert. Monsieur de Vervillin hat Böses mit uns im Sinne, ihr Herren; so wollen wir denn hinaus und ihm den Kopf zurecht setzen." Diese Befehle wurden unverzüglich befolgt; da übrigens die Art und Weise, wie der Plantagenet die Flotte verließ und an der Spitze der klebrigen in die See hinauszog, schon oben erzählt wurde, so ist eine Wiederholung hier ziemlich unnöthig. Das gewöhnliche Getümmel, die übliche^ methodische Verwirrung, das Schrillen der Bootmannspseife, das Krachen der Blöcke und das Schwingen der Raaen — Alles war auch dießmal gerade so wie sonst, bis die Schiffe erst einmal ganz in Bewegung waren. So wie die Brise stärker wehte, wurden, wie schon oben erzählt, die Segel verkürzt. Als endlich das vorderste Schiff zehn Meilen weit in See war, standen auch alle anderen unter kurzen Segeln, und jetzt erst gewann es den Anschein, als ob eine windige, finstere Nacht Hereinbrechen wollte. Natürlicherweise hatte jeder Verkehr zwischen dem Plantagenet *) Als unnütz wegwerfen, das Nämliche, was sei dem Anker das .Fischen' genannt wird. D. U. 430 und den noch vor Anker liegenden Schiffen schon längst aufgehört; Sir Gervaise hätte zwar seine Signale durch die Schiffslinie rückwärts befördern können, doch mochte er nicht zu diesem Hilfsmittel seine Zuflucht nehmen, indem er schon vollkommen beruhigt war, wenn Bluewater um seine Plane wußte, da er gegen die Bereitwilligkeit seines Freundes, ihn zu unterstützen, auch nicht den geringsten Zweifel hegte. Um das, was etwa hinter dem Spiegel Vorgehen mochte, bekümmerte man sich auf dem Plantagenct nur sehr wenig. Zwar sah ein Jeder, so lange man überhaupt die Bewegungen noch von der Rhede aus beobachten konnte — daß Schiff auf Schiff in schönster Ordnung absegclte. Jetzt aber war das Hauptinteresse aller Neugierigen auf den Horizont im Süden und Osten gerichtet. Dort in jenem Theile des Kanals hoffte man auf die Franzosen zu stoßen, denn die Ursache ihres plötzlichen Ausbruchs war für Niemand in der Flotte ein Gehcimniß mehr. Ein Dutzend der besten Ausguckcr auf dem Schiff mußten den ganzen Nachmittag in der Höhe bleiben, und Kapitän Greenly selbst saß gerade gegen Sonnenuntergang wohl länger als eine Stunde mit dem Glas in der Hand auf den vorderen Krcuzhölzern, um den Horizont zu betrachten. Man entdeckte zwar zwei bis dreiSegel, doch waren es nur englische Küstenfahrer aus Gnernsey oder Jersey, in einen von den westlichen Häfen von England bestimmt,und höchst wahrscheinlich mit verbotenen Artikeln aus dem Lande des Feindes beladen. Wie groß auch der Widerwille des Engländers gegen den Franzosen sein mag — gegen die Handarbeiten des Letzteren zeigt der Dritte keine Spur des genannten Widerwillens, und seit die Civilisation im Gefolge der übrigen Künste auch die Kunst des Schmuggelns eingeführt hat, ist wohl keine Periode zu nennen, wo nicht französische Liqucure, Spitzen und Seidenstoffe gegen englischen Tabak und englische Guineen im Weg der Contrcbande, im Kriege wie im Frieden, cingctauscht worden wären. 431 Es war einer von Sir Gervaise Oakes besonderen Charakterzügen, daß er alle kleinlichen Mittel der Plackerei verachtete, nnd gewöhnlich sogar den kleinsten Abstecher verschmähte, wenn er auf einen Schmuggler hätte Jagd machen können. Fischer belästigte er überhaupt niemals, und führte den Seekrieg überhaupt auf eine Weise, daß manche seiner Nachfolger in jetziger Zeit sich ein vor- theilhaftcs Beispiel au diesem Vorgänge aus dem verflossenen Jahrhunderte nehmen könnten. Aehnlich jenem hochsinnigen Irländer Caldwell*), der zu Anfang der Revolution die Blokade in der Chesapeakebai mit solcher Freisiunigkeit betrieb, daß ihm seine Feinde allen Ernstes eine Einladung zu einem öffentlichen Gastmahle überschickten — wußte auch Sir Gervaise zwischen Streitern und Nichtstrcitern wohl zu unterscheiden, und verachtete von ganzem Herzen all' jene gcldcinbringenden Nebcndienfte, obgleich schon große Summen, aber blos als zufällige Gottesgaben, auf diese Art in seine Hände gelangt waren. So wurde also von Allem, was nicht ein kriegerisches Aussehen zeigte, auch nicht die mindeste Notiz genommen, und der alte, stolze Plantagcnct steuerte kühn der französischen Küste entgegen, gerade wie die Bulldogge mit Verachtung an dem Wachtelhündchen vorübereilt, um sich mit einem andern Thiere zn messen, das an Größe, Mnth und Stärke seiner würdiger ist als jenes. „Noch nichts von ihnen wahrgcnommen — he! Grcenly?" fragte Sir Gervaise, als der Kapitän in Folge der cinbrechenden Dunkelheit von seinem Sitze auf den Kreuzhölzern herabkam, gefolgt von einem halben Dutzend junger Lieutenants und Kadeten, die als Freiwillige mit ihm oben gewesen waren. „Nun, wir wissen wenigstens, daß sic noch nicht westlich von uns sein können, und wenn wir so sortscgeln, so sind wir gewiß, daß wir in den nächsten ') Der Verfasser müßte sich sehr irren, oder dieser edelgesinnte Seemann war der verstorbene Admiral Sir Benjamin Caldwell. Es ist wohl kaum nöthig, beizu- sügen. daß jene Einladung, wen» auch noch so ernstlich gemeint, doch niemals angenommen werden konnte. 432 sechs Monaten sicherlich auf sie stoßen werden. — Wie schön sick- all' die Schiffe ansnehmcn — seht nur, wie sie so haarscharf hinter einander drein segeln, als ob Blucwatcr in eigener Person auf jedem derselben stünde und seine Bewegungen beobachtete!" „Ja, Sir, sic halten ungewöhnlich gut Linie, wenn man vollends bedenkt, wie die Flut strichweise in de» Kanal hcreinströmt. Ich wenigstens glaube, wenn wir eine Hängematte über Bord fallen ließen — der Carnatic würde sic ansfangcn, obgleich er volle vier Meilen hinter uns sein muß." „Ja, dazu ist der alte Parker eben der rechte Mann! Ich wette, er kommt nie ans der Linie! Wäre cs Lord Morganic auf seinem Achilles — den könnte ich freilich eher erwarten, an unserem Wetterbord hier, oder auch dort drüben auf unserer Leeseite, vorüberkommen zu sehen, und wäre cs auch nur, um uns zu zeigen, wie uns sein Schiff aus dem Winde zu beißen vermag, wenn cr's versucht, oder damit wir einschen lernen, wie er absällt, wenn er uns nicht gerade beißen will." „Trotz dessen ist aber Mylord ein braver Offizier und für seine Jahre gar kein übler Seemann, Sir Gervaisc," bemerkte Greenly, der gewöhnlich für jeden Abwesenden Partei nahm, so oft sein Vorgesetzter über einen seiner Kameraden loszuziehen geneigt schien. „Ich läugne keines von beiden, Greenly, am wenigsten das Erstere. Ich weiß recht wohl, wenn ich Morganic das Signal gäbe, nach Brest hincinzurennen—er würde es thun; ob er aber mit dcrGicksegclstcnge — oder mit dem Klüverbaum^) zuerst hinein käme, das könnte ich Euch nicht vorher sagen, bis ich cs selber sähe. Nun seid Ihr zwar selbst noch ein junger Mann, Greenly-" „Oho, Sir Gcrvaise, Achtnnddreißig und einige Monate drüber; ich mache mir nichts daraus, wenn's auch die Damen erfahren." *) Der Klüverbaum ist der vorderste, die Gieksegclstenge die hinterste Stenge des Schiffs. D. N. „Pah! sie lieben uns alte Bursche manchmal ebensogut, wie sie Knaben lieben. Ihr seid übrigens in einem Alter, wo Ihr den Einfluß der Zeit noch nicht in Eurem Marke spürt, und doch vielleicht die Thorheit so mancher unserer altmodischen Ansichten ein- sehen werdet, während Ihr wahrscheinlich viel schwerer die Abgeschmacktheit von Gewohnheiten erkennt, die mit Euch selber ausgewachsen sind. Nichts ist alberner, als mit den wohlcrprobten und schon längst feststehenden Grundsätzen unserer Kunst neue Versuche anstellcn zu wollen. Unsere Schiffe sind Maschinen, Greenlu, und haben ebensogut ihre Gesetze wie die Planeten am Himmel. Der Grundgedanke geht von einem Fische aus — Kops, Pick*) und Steuer; wir haben also nichts weiter zu thun, als die Fische zu studircn, um diejenige Art von Schiffen herauszukricgcn, wie wir sie brauchen. Bedürft Ihr einer großen Masse, so nehmt den Wallfisch — da habt Ihr runden Boden, volles Vordertheil und reines Piek. Jsss Euch dagegen um Schnelligkeit zu thun, so habt Ihr Muster in Menge — da ist zum Beispiel der Delphin — bei ihm findet Ihr einen Vorbug, geformt wie eine Mastcnkeule, ein schmales Vordertheil und ein Pick, so sauber wie die Decks dieses Schiffes. Da gibt cs aber manche unter unfern jungen Kapitäns, die dem Delphin gerne das Segeln niederlegen möchten, wenn sie nur so lange unter dem Wasser athmen könnten, bis sie die armen Teufel erreicht hätten. Nun denkt Euch einmal diese Tollheit! Setzt den Fall, der erste Lord der Admiralität gäbe einem seiner Vettern eine Fregatte, welche so zu sagen nach der Natur selbst gebaut ist und einen Boden hat, der eine Forelle beschämen könnte. Nun seht — eines der ersten Geschäfte, das der Junge voruimmt, nachdem er an Bord gestiegen, ist —- seine Gaffel zu verlängern, vielleicht ein oder zwei Segel am Besanmast aufzuziehcn (was er dann einen Spanier nennt) und das Piek zu versetzen, bis es gleich einem Meilenzeiger über dem Hackbord hervorragt — dann geht er So nennt man den hintersten Raum im Schiff, D. u. Die beide» Admirale. Z8 mit dem Winde dahin, das Steuerruder hart auf, und rühmt sich noch, welch' dauerhaftes Fahrzeug er habe, und wie schwer es sei, dasselbe auch nur leewärts scheu zu lassen." „Ja, ja, Sir Gervaise, ich muß gestehen, solche Seeleute habe ich schon gekannt, doch die Zeit heilt auch diese Thorhcit." „Hoffentlich, denn was würde mau wohl von einem Fische denken, den die Natur mit einem Schweif versehen hätte, der in die Quere statt in die Länge ansliefe — ein Geschöpf, das unter seinen Leckicmcn eine Flosse gleich einem Schwerte*) führen müßte, um nicht todt vor dem Winde abzusallen!" Hier lachte Sir Gervaise herzlich über das Gemälde des ungestalteten Geschöpfes, welches seine eigene Phantasie geschaffen hatte; Greenly stimmte in diese Fröhlichkeit ein, theils um der Sonderbarkeit der Idee willen, theils ans Ergebenheit gegen den kom- mandircndcn Admiral, wie denn die Scherze solcher Männer von jeher mit besonderer Gelehrigkeit ausgenommen worden sind. Das Gefühl augenblicklichen Unwillens, welches Sir Gervaise zu einem so kräftigen Ansdruck seines Widerstrebens gegen moderne Neuc- rungssncht gesteigert hatte, war durch diesen kleinen Erfolg beschwichtigt; er lud seinen Kapitän — als Ersatz für das Mittagsmahl — zum Abendessen ein, und verfügte sich in der besten Laune von der Welt in seine Kajüte hinab, da Galleygo so eben gemeldet hatte, daß die Tafel gedeckt sei. Die Tischgenossen bestanden bei dieser Gelegenheit, außer dem Admirale selbst, blos aus Greenly und Atwood. Das Mahl war eher kernhaft als ausgesucht; das Tafelgeschirr aber reich, denn Sir Gervaise pflegte nur auf Silber zu speisen. Außer Galleygo sah man nicht weniger als fünf Diener damit beschäftigt, -für die Bedürfnisse der Gäste zu sorgen. Ein Schiff, von der Größe des Plantagenct, hatte natürlich, *) Ein an der Leeseite befestigtes Brett, bestimmt, das starke Abfallen des Schiffes zu verhindern. D. tt. 435 einen Sturm ausgenommen, für gewöhnlich einen ungemein stäten Gang, und so bot also die große Kajüte des Admiralschiffs, nachdem Lampen und Kerzen angezündet waren und die Gesellschaft sich zurecht gesetzt hatte, bei der reichen Ausstattung des Zimmers, dem drohenden Geschütze und den sonstigen Kriegsgeräthschaftcn — ein Gemälde, worin eine gewisse rohe Pracht am kenntlichsten hervortrat. Sir Gervaise hielt nicht weniger als drei Bediente in Livree als einen Theil seines persönlichen Haushalts, und duldete noch nebenbei Gallchgo und ein oder zwei weitere von demselben Schlage, als eine Huldigung, welche er Neptun darbringcn zu müssen glaubte. Da die Sachlage für Keinen von der Gesellschaft etwas Neues hatte und die Tagcsarbeit streng gewesen war, so wurden die ersten zwanzig Minuten mit großem Eifer der,Erholung^ gewidmet, wie cs die großen Meister in der Tafelwissenschaft zu nennen pflegen. Nach Ablauf dieser Zeit begann jedoch der Becher — obwohl nur mäßig -— am Tische zu kreisen, und mit ihn: waren auch die Zungen gelöst. „Eure Gesundheit, Kapitän Greeuly — Atwood, es gilt Euch." begann der Viceadmiral, nachdem er ein Glas Kcres geleert hatte, seinen beiden Gästen vertraulich mit dem Kopfe zunickend. „Diese spanischen Weine gehen geraden Wegs in's Herz über, und ich muß mich nur wundern, warum ein Volk, das solches Getränk erzeugt, nicht auch bessere Seemänner hervorbringt." „Zu Columbus Zeiten durften sich die Spanier in diescrBeziehung Wohl auch einigermaßen rühmen, Sir Gervaise," bemerkte Atwood. „Ja, das ist aber schon lange her, und sie sind jetzt völlig darüber weg. Ich erkläre mir die Mängel der französischen wie der spanischen Marine ungefähr folgendermaßen, Greeuly. Columbus, sowie die Entdeckung Amcrika's brachten Schiffe und Seeleute in die Mode. Aber ein Schiff ohne einen tauglichen Offizier, der es kommandirt, ist wie ein Leib ohne Seele. Die Mode lockte übrigens die jungen Söhne des Adels zum Seedienst, und die Kapitäns er- 28 * hielten ihre Schiffe, nicht weil sie etwas vom Seefahren verstanden, sondern weil ihre Väter Grafen und Herzoge waren." „Ist unser Dienst etwa gänzlich frei von dieser Art von Begünstigung?" fragte ruhig der Kapitän. „Nichts weniger als das, Greenly; sonst wäre Morganic nicht im zwanzigsten, der alte Parker dagegen erst im fünfzigsten Jahre Kapitän geworden. Bei uns gleiten übrigens die einzelnen Stände doch so ziemlich unmerklich in einander über, so daß dadurch der Einfluß der Geburt in hohen: Grade neutralisirt wird — nicht wahr, Atwood?" „Gewisse Stände wissen es allerdings so einzurichten, Sir Ger- vaise, daß sie jedesmal in die besten Stellen Hineingleiten — wenn ich denn doch einmal die Wahrheit sagen soll." „Nun, das ist kühn genug für einen Schotten!" versetzte der Viccadmiral in guter Laune. „ Seit der Thronbesteigung des Hauses Stuart haben wir eine Brücke über den Tweed gebaut, welche die Leute nur in einer Richtung passiren läßt. Ich zweifle durchaus nicht, daß dieser Sohn des Prätendenten halb Schottland auf seinen Fersen mit sich bringen wird, um alle diejenigen Posten aus- znfüllen, welche sie für ihre Verdienste als passend erachten. Versprechungen — nun, sie gewähren allerdings ein bequemes Mittel, um genossene Wohlthaten zu belohnen." „Nach Allem, was ich höre, scheint diese Geschichte im Norden doch ziemlich ernsthaft zu werden," meinte Greenly. „Dieß ist, glaube ich, auch Mr. Atwoods Meinung von der Sache?" „Man wird sie allerdings ernsthaft genug finden, wenn Sir Gervaise's Ansicht über die Wohlthaten sich als richtig erweisen sollte," gab der unerschütterliche Sekretär zur Antwort. „Schottland ist ein kleines Ländchen, dabei aber doch voll kühner Geister, sobald diese Gelegenheit finden, sich zu bewähren." „Nun, nun, dieser Krieg zwischen England und Schottland ') Der südlichen nämlich. D. N. ist jedenfalls hier nicht am Platze, da wir es jetzt blos mit Franzosen und Spaniern zu thun haben. Ganz außerordentliche Auftritte haben wir drüben am Lande mit einem alten Devonshirer Baronet gehabt, Grecnly, der, während wir in seinem Hause waren, die Anker lichtete und in die andere Welt davon segelte." „Magrath hat mir etwas davon erzählt, Sir, auch von dem stll-us null-u8*) —Ihr dürft mich hängen lassen, Sir, wenn ich in den ersten fünf Minuten, nachdem er mir's gesagt, sein Kauder- wälsch noch aussprechen konnte." „Filius nulliu8 meint Ihr —- Niemands Sohn — habt Ihr denn Euer Latein ganz vergessen, Mann?" „Meiner Treu, Sir Gcrvaise, ich hatte nie welches zu vergessen. Mein Vater war vor mir Kapitän auf einem Linienschiff, und führte mich von meinem fünften Jahre bis zu seinem Todestage unausgesetzt auf der Flotte mit sich herum. Latein gehörte nicht zu meiner Löffelspcise." „Ja, ja, mein guter Junge, ich kannte Euren Pater und war bei der Affaire, in welcher er fiel, nur drei Schiffe von ihm entfernt," erwicderte der Viceadmiral freundlich. „Bluewatcr war gerade noch vor ihm, und wir Alle liebten ihn wie einen älteren Bruder. Ihr wäret damals noch nicht Lieutenant?" „Nein, Sir — ich war blos Kadet, und gerade an jenem Tage nicht am Bord seines Schiffes," antwortete Greenlp, sichtlich gerührt von dem Lobe, welches der Admiral den Verdiensten feines Vaters gespendet hatte; „nichtsdestoweniger war ich alt genug, um mich jetzt noch zu erinnern, wie edel ihr euch Alle bei jener Veranlassung benommen. Nun" —hier wischte er.unbemerkt eine Thräne aus den Augen — „das Latein mag für einen Schulmeister *) Hier nimmt der Verfasser wieder Veranlassung zu einem Wortspiel. So wie Greenly die lateinischen Worte ausspricht, lauten sie nämlich wie englische und bedeuten: „fülle uns. vernichte uns". D. U. recht gut sein, am Bord eines Schiffes aber ist es nur von geringem Nutzen. Unter all' meinen alten Freunden und Bekannten hatte ich nur einen einzigen Gelehrten." „Und wer war der, Grcenly? Ihr solltet die Gelehrsamkeit darum doch nicht verachten, weil Ihr selbst nichts davon versteht. Euer Freund war doch gewiß um kein Haar schlimmer, trotzdem, daß er ein wenig Latein gelernt hatte, — und wäre cs auch beispielshalber nur so viel, um millus, milln, iiulk»» zu decliniren. — Nun wer war dieser Freund, Grcenly?" „John Bluewater — der hübsche Jack, wie er genannt wurde, der jüngere Bruder unseres Admirals. Sic schickten ihn aus die See, um ihm eine gewisse Liebesgeschichte aus dem Sinne zu bringen, und Ihr erinnert Euch vielleicht noch, daß, während er bei dem Admiral oder wie er damals noch genannt wurde — Kapitän Bluewater war, ich selbst die Stelle eines Lieutenants bekleidete. Trotzdem, daß der arme Jack Soldat war, in der Garde diente, und vier oder fünf Jahre mehr zählte, als ich, fand er doch großen Gefallen an mir und wir wurden die vertrautesten Freunde. Ec verstand sich besser auf's Latein, als auf seine eigenen Interessen." „Warum das? — Was that er denn eigentlich? Bluewater war gerade über diesen Bruder nie sehr mittheilsam gegen mich." „Eine heimliche Heirath war mit im Spiel — eigensinnige Vormünder und andere Hindernisse wie gewöhnlich. Mitten in diesem Wirrwarr fiel der arme John, wie Ihr wißt, in der Schlacht, und seine Wittwe folgte ihm einen oder zwei Monate später in's Grab. Es war im Ganzen eine traurige Geschichte, und ich suche so selten als möglich daran zu denken." „Eine heimliche Heirath!" wiederholte Sir Gcrvaise langsam. „Wißt Ihr das gewiß, Grcenly? Ich glaube, Bluewater hat nie etwas von diesem Umstande erfahren; wenigstens hörte ich ihn nie darauf anspielen. Sollte er irgend Nachkommenschaft hiutcr- lasscn haben?" 439 „Niemand kann die Sache besser wissen, als ich selbst, denn ich half die Dame entführen, und war bei der Trauung zugegen. So viel ist mir bekannt. Was die Nachkommenschaft betrifft, so sollte ich fast meinen, cs sei keine vorhanden gewesen, obgleich der Obrist nach der Trauung noch ein ganzes Jahr lebte. Wie weit der Admiral mit all' diesen Umständen bekannt sein mag, kann ich nicht sagen, da man doch seinem kommandirenden Offizier die näheren Details über die heimliche Heirath eines verstorbenen Bruders nicht gerade gerne anvertraut." „Ich bin nur froh, Grecnly, daß keine Nachkommenschaft übrig geblieben: besondere Umstände machen, daß ich mich sehr darob freue. Laßt uns übrigens zu einem andern Gegenstände übergehen: diese Familienunfälle machen Einen ordentlich melancholisch, und ein melancholisches Essen ist so gut wie Undank gegen Den, der es beschert hat." Die Unterhaltung wurde nun allgemein und endigte noch ziemlich frühe — zugleich mit dem Mahle. Nachdem die Zecher die gewöhnliche Zeit beisammen gesessen, zogen sich die beiden Gäste zurück. Sir Gervaise ging sofort abermals auf das Verdeck, wo er noch eine Stunde lang ans der Hütte auf und ab ging, und mit aller Anstrengung vorwärts hinaus schaute, ob nicht etwa eines der französischen Segel zu bemerken wäre; da jedoch nichts der Art entdeckt werden konnte, so suchte auch er endlich ans reiner Ermüdung bereitwillig das Lager. Bevor er übrigens dieses that, versäumte er nicht, die nvthigen Befehle zu crtheilen; besonders schärfte er ein und wiederholte nicht weniger als viermal: daß man ihn augenblicklich rufen sollte, so bald sich etwas Ungewöhnliches ereignen sollte. 440 Einundzwanzigstes Kapitel. Noll nur, du tiefer, blauer Ocean — roll Spurlos zelmtausend Flotten auf dir zogen; Zerstörung übt der Mensch am Land! sein Groll — Am Strande hört er auf — denn auf den Wogen Sind alle Wracks dein Werk. Byron. Es war schon Heller Tag, als Sir Gervaise Oakes auf dem Verdecke erschien. Da die Scene, die sich hier seinem Blicke darbot, so wie die Eindrücke, welche sie in seiner Seele zurückließ, am besten geeignet sind, unsere Leser mit dem Stande der Dinge, wie er sechs Stunden nach Verflnß des im letzten Kapitel erwähnten Zeitabschnitts beschaffen war, bekannt zu machen, so wollen wir ihnen diese Eindrücke in aller Kürze schildern. Der Sturm war jetzt eben im besten Toben, obwohl die Jahreszeit ihn weniger fühlbar machte, als dieß sonst bei Winterstürmen der Fall ist. Die Luft war sogar mild und noch immer mit dem eigcnthümllchen Seegernche erfüllt, doch fegte sie auch aus Augenblicke mit solcher Wuth quer über die Schaumschichten dahin, daß sic ganze Gipfel der höchsten Wogen meilenweit als Gischt umherzustreuen drohte. Selbst die Waffervögcl schienen in den Augenblicken, wo der Sturm am heftigsten wüthete, erschreckt zu sein, schwenkten sich plötzlich mit ihren Flügeln und stürzten sich in die See unter ihnen, um dort gegen die Wuth des zweiten Elements, dem sie eigentlich angchörtcn, Schutz zu suchen. Doch sah Sir Gervaise immer noch, wie seine Flotte mannhaft gegeiz die tobende Flut ankämpfte. Die Schiffe hatten alle die gleiche Leinwand entfaltet, nämlich ein gerefftes Fockscgel, ein kleines, dreieckiges Stück festen, schweren Segeltuchs, das zwischen ' dem Ende desBugspriets und dem Topp der Vorstenge befestigt war; Ml ein ähnliches Segel oberhalb des Quarterdecks zwischen dem Haupt- und Besanmaste, und zuletzt uoch das enggereffte große Marssegel. Schon mehrere Male an diesem Morgen hatte Kapitän Greenly geglaubt, er würde dem Winde wohl eine noch geringere Fläche darbieten müssen, als -dieß mit dem zuletzt genannten Segel geschah. Da es übrigens das beste Mittel darbot, um das Schiff in stetigem Laufe und unter der Einwirkung des Steuerruders zu erhalten, so hatte er den Befehl dazu jedesmal wieder aufgeschoben, bis er sich jetzt zu fragen begann, ob es wohl noch enger gerefft werden könnte, ohne daß die Leute, welche er zu diesem Dienste hinausschicken mußte, zu großer Gefahr ausgesetzt würden. So hatte er endlich beschlossen, dasselbe stehen oder auch vom Sturme niederblasen zu lassen, wie das Schicksal es eben fügen würde. Aus ähnlichen Gründen blieben auch all' die anderen Schiffe genau unter denselben Segeln wie der Plautagenet. Für den Fall, daß das Wetter eine Trennung der Flotte befürchten ließe, hatte diese, noch che sie von ihrem Ankerplätze aufgebrochen war, Befehl erhalten, bis auf die gewöhnliche Segeldistanz aufzuschlicßen, und demgemäß waren sämmtliche Schiffe von des Viceadmirals Division während der Nacht näher zusammengerückt. Die Hinteren Schiffe waren deßhalb auch mit straff gespannten Segeln nachgesteuert, nachdem die vorderen schon längst ihre Leinwand vermindert und ihren Laus dadurch verkürzt hatten. Die Segelordnung war folgende: an der Spitze zog der Plantagenet, ihm folgte der Carnatic, diesem der Achilles, der Thunde- rer, Blcnheim und Warspite — alle in der hier angegebenen Ordnung; nur waren bei Nacht einige Aenderungen getroffen worden, um die Schiffe der Division uach der ihnen angewiesenen Kampfstellung in eine Linie nach vorn zu bringen, so daß der Viceadmiral den Zug eröffnetc. Dabei war übrigens die Ucberlegenheit des Plantagenct im Segeln nicht zu verkennen; der Carnatic allein, und dieser nur in Folge der sorgsamsten Ueberwachung, war im E Stande, sich buchstäblich im Kielwasser des kommandircnden Admirals zu erhalten; alle übrigen Fahrzeuge waren allmählig, doch beinahe umnerklich, etwas leewärts von den beiden ersten gcrathen. Sir Gcrvaisc bemerkte diesen Unterschied im ersten Augenblick, so wie er den Fuß auf die Kampanje setzte, wo Grccnly bereits zugegen war, um sich mit angestrengter Sorgfalt nach der Beschaffenheit der Witterung, so wie nach dem Zustande seines Schiffes umzusehcn, indem er sich an den Spankerbaum lehnte, um bei der Wuth des Sturmes einen festen Standpunkt zu gewinnen. Der Viceadmiral suchte seine eigene, wohlgebaute, gedrungene Gestalt durch das Aussprcizcn der Beine,.so gut es ging, festzubrassen, und richtete dann sein hübsches, aber wcttcrzerschlagenes Gesicht auf die Mastenlinie; er musterte ein Schiff nach dem andern, wie sic sich, im Winde übcrliegcnd, cinhcrwälztcn und mit ihren Bügen ganze Berge von Schaum zu beiden Seiten aus- einandcrschoben, während ihre Masten kleine Bogen in der Luft beschrieben, und der Rumpf bald windwärts rollte, bald auf die Seite übcrhelltc, als ob er mit Gewalt seinen Pfad durch den Occan bohren wollte. Gallevgo, der sich bei einem Sturme niemals als Schiffs- Hofmeister betrachtete, war außer dem Admiral und Kapitän die einzige Person auf der Kampanje, wo er mit einer Art unverjähr- baren Rechtes nach Belieben Zutritt fand. „Brav gemacht, alter Planier!" rief Sir Gcrvaisc freudig, sobald sein Blick die Haupteigenthümlichkciten der Scene überflogen hatte. „Ihr seht, Grecnlu. alle Andere, bis auf den alten Parker, sind leewärts gcrathen, und auch ihm wäre wohl das Nämliche begegnet, wenn er sich nicht lieber jeden Bolzen aus dem Caruatic ausrcißen ließe, ehe er sein Fahrwasser verlöre. Da seh' Einer 'mal unfern Master Morganic — er hat sein großes Segel eng gerefft, um den Achilles in seine Stelle zu luven, und ich garantire Euch dafür, er wird in diesem einzigen Sturme mehr 443 an seinem Schiffe abnützcn, als ein Anderer in sechs Monaten zu thun im Stande wäre. Er lockert die Kniehölzer und zerrt an den Spieren, als ob es lauter Peitschenstiele wären —- und alles Das der neuen Motze zu lieb > welche einen englischen Zweidecker gleich einer algicrischen Schebecke auftakelt. Nun, wenn er einmal in die Posse vernarrt ist, so laßt ihn in Gottes Namen seinen Weg nach der Bontzstrectmotze suchen. — Was ist aber aus der Chloe geworden, Grecnly?" „Hier ist sie, Sir, gerade eine Meile von unserem Lcebug entfernt, dem Befehle gemäß auslngend." „Ja, ja, daß ist das rechte Geschäft für sie, und sie wird es auch pünktlich verrichten — von dem Driver aber ist nirgends etwas zu sehen." „Er ist todt*) nach vorwärts, Sir," antwortete Grecnly lächelnd! „denn s eine Aufgabe ist auch viel schwieriger auszuführen. Seine Stelle wäre eigentlich windwärts dort draußen, eine halbe Meile vor uns; doch ist cs nicht leicht, Sir Gervaisc, in jene Lage zu gelangen, wenn's dem Plantagenet ein rechter Ernst ist." Sir Gcrvaise lachte, rieb sich die Hände, und wendete sich dann seitwärts, um sich nach dem einzigen noch übrigen Fahrzeuge der Division — dem Active umzuschauen. Der kleine Kutter tanzte, obwohl er die halbe Zeit unter Wasser war, lustig über die Wogen, und hielt sich mit breit entfaltetem Hauptsegel an des Admirals Lcebug; er hatte alle Obersegel eingehißt, und fand es deßhalb bei seinem niederen Rumpfe nicht sonderlich schwer, sich in dieser Stellung zu behaupten. Nachdem dieser Uebcrblick vollendet war, richtete der Admiral seinen Blick aufwärts nach den Segeln und Spieren des Plantagc- net, welche er nun eifrig zu mustern begann. „Noch keine Anzeigen von de Vcrvillin — he, Grecnly!" ') Ein Schiff ist todt, wenn eS so dom Winde abgcsallcn ist, daß derselbe keine Wirkung mehr aus dasselbe auöiibt, D. U, fragte der Admiral, als die Musterung der ganzen Flotte beendigt war. „Ich hatte gehofft, wenn das Tageslicht wicderkehrte, würden wir etwas von ihm zu sehen bekommen." „Vielleicht ist es auch so ganz gut, wie es jetzt ist, Sir Ger- vaise," crwiederte der Kapitän. „Bei diesem Sturm könnten wir ohnedieß fast nichts anderes thun, als einander anschen, und dann sollte Admiral Bluewater erst zu uns gestoßen sein, ehe ich mir sogar nur soviel wünschte." „Meint Ihr wirklich so, Master Grecnly? Nun seht, darin seid Ihr im Jrrthum, denn ich würde mich vor ihn hinlcgen und wenn ich ganz allein auf diesem Schiff wäre, nur um zu wissen, wo er wohl zu finden sein möchte, wenn uns das Wetter einmal erlaubt, ein Wörtchen mit ihm zu sprechen." Noch hatte er seine Rede nicht vollendet, als der Ausgucker auf den vorderen Kreuzhölzern, so stark er konnte, ausrief: „Segel — ho!" Im nächsten Augenblicke feuerte die Chloe eine Kanone ab, deren Knall mitten unter dem Brüllen des Sturmes gerade noch gehört wurde, während man den Rauch deutlich über deu Dünsten des Oceans schweben sah. Nachdem dicß vorüber war, konnte man bemerken, wie sie auf ihren nackten Kreuzbramstcngentopp ein Signal aussteckte. „Eilt hinab, junger Herr," sprach der Viceadmiral und trat an die Brüstung der Kampanje, wo er sich an einen von den Kade- ten des Quarterdecks wendete; „eilt hinab und sagt Mr. Bunting, er möchte herauskommen: die Chloe gebe uns Signale — sagt ihm, er brauche nicht erst nach seinen Knieschnallen zu sehen." Vor hundert Jahren war diese letztere Einschärfung, obgleich sie noch jetzt aus Schiffen sehr im Gebrauch ist, weit buchstäblicher gemeint, als heutzutage, denn damals war der fragliche Artikel bei allen Ständen zu Hause, wenn er auch auf der See nicht immerwährend getragen wurde. L45 Der Kadet sprang übrigens sogleich die Leiter hinab, sobald sein Vorgesetzter diese Worte gesprochen hatte, und nach wenigen Minuten erschien Buuting, welcher gerade auf der Hauptdecksleiter stehen geblieben war, und seinen Rock noch vorher umgeworfen hatte, um die geheiligten Räume des Quarterdecks nicht gar, mit Hintansetzung allen Ceremoniells, in Hemdärmeln zu betreten. „Dort seht, Bunting," sprach Sir Gervaise, während er seinem Lieutenant das Glas einhändigte; „zweihundertund siebenundzwanzig — ,eiu großes Segel nach vorne^, wenn ich mich recht erinnere." „Nein, Sir Gervaise — ,Schisse vorick; ihre Zahl muß jetzt Nachfolgen. Hißt Eure Flagge auf zur Antwort, Quartiermcistcr!" „Um so besser! Um so besser, Bunting! Die Zahl wird folgen? Nun gut, wir wollen der Zahl folgen, mag sie nun groß oder klein sein. Vorwärts, Mann, so sputet Euch doch mit Eurer Antwortsflagge." Das gewöhnliche Zeichen, daß das Signal verstanden worden sei, wurde nun an dem Maste emporgezogen und unverzüglich wieder hcrabgelassen, da man die Flagge aus der Chloe im nämlichen Augenblicke niedcrgleiten sah. „Nun wollen wir sehen, wie viele Segel wir vorne haben," meinte Sir Gervaise, während er selbst, so wie Greenly und Bunting, sein Glas auf die Fregatte richtete, von wo man jeden Augenblick das nächste Signal erwartete. „Eils, beim heiligen Georg!" „Nein, Sir Gervaise," ries Greenly, „das weiß ich besser. Oben roth, unten blau und der bezeichnende Wimpel unterhalb — nun das macht in unfern Büchern vierzehn!" „Gut, Sir, und laßt es vierzigsein, so wollen wir ihnen jedenfalls näher zu Leibe rücken und sehen, aus welchem Stoffe sie gemacht sind. — Zeigt Eure Autwortsflagge, Bunting, damit wir sehen, was uns die Chloe sonst noch zu sagen hat." Dieß geschah; die Fregatte ließ eilends ihre Flaggen nieder und zeigte so bald als möglich neue Signale. „Was nun, Bunting? — was nun, Greenly?" fragte Sir L-L6 Gervaisc, dem eine an die Seite des Schiffes angcprallte Woge so viel Schaum in's Gesicht gespritzt hatte, daß er sich gcnöthigt sah, in demselben Augenblicke, da er so gerne durch das Glas geschaut hätte, sein Taschentuch zu gebrauchen. „Was könnt ihr wohl jetzt herausbringen, ihr Herren?" „Ich bringe die Zahl 382 heraus," gab Greenly zur Antwort; „was sie aber bedeutet, das weiß ich nicht." ,„Fremdc Segel, Feinde/" las Buuting aus seinem Buch. „Gebt Antwort, Quarticrmeister." „Dazu bedurften wir kaum eines Signals, Greenly, denn hier herum kann uns wohl keine befreundete Macht begegnen, und vierzehn Segel an dieser Küste haben immer Unheil zu bedeuten.— Was hat die Chloe nun zu melden?" ,„Fremde Segel auf der Backbordscite, uns entgegenkommend, wie folgt/" „Bei St. Georg, so kreuzen sie unfern Kurs! Bald werden wir sie vom Deck aus sehen können. Haben unsere Hinteren Schiffe die Signale bemerkt?" „Alle zusammen, Sir Gervaisc," antwortete der Kapitän. „Der Thundercr hat so eben seine Antwortsflagge herabgelassen, während der Active das Signal wiederholt. Noch nie habe ich die Quarticrmeister so flink gesehen!" „Um so besser — um so besser - da kommt schon wieder ein neues; paßt auf und merkt es genau!" „Nach der nöthigen Pause steckte die Chloe ein neues Signal auf, um den Punkt im Kompasse zu bezeichnen. „Wie steuern sie, Buuting?" fragte der Viccadmiral eifrig. „Wie steuern sie, Sir?" „Nordwcst und bei Nord, glaub' ich, Sir. Nein — nein; ich habe mich geirrt, Sir Gervaisc — 's ist Nord-Nordwest." „Also, wie wir selbst, hart in den Wind geklemmt. Dieser Sturm kommt geraden Wegs aus dem weiten atlantischen Occan, >147 und der eine Theii kreuzt jetzt gegen die nördliche, der andere gegen die südliche Küste. Wir müssen uns begegnen, wenn nicht einer von uns Beiden geradezu davon läuft — meint Ihr nicht anch, Greenly ?" „Ganz gewiß, Sir Gervaise; nur sind vierzehn Segel gegen sieben doch etwas gar zu ungleich." „Ihr vergeht den Driver und den Active, Sir; wir haben n eun — neun muthige, kernhaste brittische Kreuzer." „Nämlich: sechs Linienschiffe, eine Fregatte, eine Sloop und einen Kutter." versetzte der Kapitän, indem er aus die beiden letztgenannten Gattungen einen starken Nachdruck legte. „Was sagt die Chloe weiter, Buuting ? daß wir für die Franzosen stark genug sind, wenn gleich ihrer z w ei auf unser einen kommen?" „Das nicht gerade, Sir Gervaise. ,Fünf weitere Segel nach vornenll Sie vermehren sich rasch, Sir." „Nun, auf diese Art möchten sie allerdings zu stark für uns werden," gab Sir Gervaise mit düsterer Fassung zur Antwort; „n eunzeh n gegen n enn — nein, das ist doch zu viel. Ich wollte, wir hätten Blncwatcr hier." „Das ist's gerade, was auch ich so eben bemerken wollte, Sir Gervaise," erwiederte der Kapitän. „Wenn wir die andere Division bei uns hätten, so wären wir wohl besser daran, denn der Franzmann wird wohl auch einige Fregatten und Korvetten mit sich führen. Admiral Blncwatcr kann jedenfalls nicht weit von uns weg sein — ich denke, ungefähr dort drüben, so gegen Nord- oder Nord-Nord-Ost. Wenn wir rund halten, sollten wir. denk ich, seiner Division in wenigen Stunden begegnen." „Wie — und Monsieur de Vervillin sollten wir den Vorthcil lassen, einen Eid darauf ablegen zu können, daß er uns in die Flucht gejagt habe? Nein, nein, Greenly; erst wollen wir offen und männlich, und zwar auf Schußweite, an ihm vorbei passiren; dann werden wir noch Zeit genug haben, zu wenden und uns nach unfern Freunden umzusehen." E „Werden wir aber die Franzosen dadurch nicht gerade zwischen unsere beiden Divisionen bringen, Sir Gcrvaise, und ihnen den Vortheil einräumen, unsere Streitkräfte zu theilen? Wenn sie steif bei ihrem Nord-Nordwest-Kursc beharren, müssen sie, denk' ich, unfehlbar zwischen uns und Admiral Bluewater gerathen." „Und was werden sie damit gewinnen, Greenly? Worin wird denn nach Eurer Ansicht von den Umständen und Verhältnissen — der große Vortheil für sie bestehen, wenn sie auf jeder Seite eine englische Flotte vor sich haben?" „Nun, groß wird der Vortheil freilich nicht sein, Sir Gervaise," versetzte Greenly lachend; „wenn diese Flotten der seinigen überhaupt an Stärke gleich kämen. So aber konnte der Graf, da er uns weit überlegen ist, die Sache wohl so einrichten, daß er sich auf die eine Division würfe, während die andere zu weit entfernt wäre, um Beistand leisten zu können, und da könnte eine einzige heiße Stunde den Sieg entscheiden." „Das Alles ist freilich plausibel genug, Greenly, und doch könnt' ich's kaum über's Herz bringen, den Feind uugerupst vorüberziehen zu lassen. So lange der Wind, wie eben jetzt, daraus los bläst, ist doch nicht viel an's Fechten zu denken, und so kann's also wohl nicht sonderlich schaden, wenn wir uns Monsieur de Ver- villin etwas näher betrachten. In einer halben Stunde — höchstens in einer Stunde müssen wir ihn, selbst bei diesem langsamen Vorrücken der beiden Flotten, vom Deck aus scheu können. Laßt einmal das Loth heben, Sir, um uns zu überzeugen, wie schnell wir vorschreiten." „Wenn wir bei solchem Wetter mit den Franzosen zusammen geriethen, Sir Gervaise," bemerkte Greenly, nachdem er den obigen Befehl gegeben hatte, „so hieße das, ihnen gerade den Vortheil einräumen, den sie sich wünschen müssen. Sie feuern gewöhnlich auf die Spieren, und da würde ein einziger Schuß bei E der gegenwärtigen Spannung der Masten mehr Unheil anrichten, als ein ganzes halbes Dutzend bei ruhigem Winde." „Genug, Grecnly — vollkommen genug," erwicderte der Vicc- admiral ungeduldig; „wenn ich Euch nicht so gut kennte und Euch nicht so oft in der Schlucht gesehen hätte — wahrhaftig ich wurde glauben, Ihr fürchtet Euch vor den neunzehn Segeln. Ihr habt mir jetzt lange genug Lcction gelesen, um mich vollkommen klug zu machen, und so wollen wir nicht weiter davon reden." Mit diesen Worten drehte sich Sir Gervaise, ziemlich gereizt, auf der Ferse um, und sing an, obwohl nicht ernstlich böse, doch hastig genug auf der Kampanje hin und her zu gehen. Solche kleine Zwiegespräche zwischen ihm und dem Kapitän kamen häufig vor, denn der Letztere wußte recht wohl, daß der größte Fehler seines Kommandircndcn in allzu großer Kühnheit bestand, während er zugleich fühlte, daß sein eigener Nus zu wohl begründet war, als daß er sich hätte scheuen sollen, zur Vorsicht zu rathen. Nächst der Ehre der Flagge und vielleicht seiner eigenen — hegte Grecnly für keine ein größeres Interesse als für die von Sir Gervaise Oakcs, unter welchem er als Kadet, als Lieutenant und als Kapitän gedient hatte; sein Vorgesetzter wußte dieß auch recht wohl — ein Umstand, der noch weit größere Freiheiten entschuldigt haben würde. Nachdem der Viccadmiral einige Male auf und ab gegangen war, begann er kühler zu werden, und alsbald war auch dieser vorübergehende Ausbruch seines raschen Gefühls vergessen. Auf der andern Seite beruhigte sich Grecnly mit dem Gedanken, daß der gerade Sinn des kommandircndcn Admirals nicht verfehlen würde, die Thatsachcn, die so klar auf der Hand lagen, geziemend anzuerkennen — und so war auch cr's zufrieden, von etwas Anderem zu sprechen. Sic unterhielten sich auf die freundlichste Weise; Sir Gervaise war sogar ungewöhnlich offen und mitthcilend, um dem Andern zu beweisen, daß er nicht böse sei: der Gegenstand ihres Gesprächs war der Zustand des Schiffs und die Lage der Mannschaft. Die beiden Admirale. Zg 450 „Ihr seid stets zum.Kampfe bereit, Grccnlv," bemerkte schließlich der Viceadmiral mit Lächeln,— „wenn die Nothwendigkeit ihn gebietet; aber ebenso bereit seid Ihr auch, ans die Unzweckmäßigkeit desselben aufmerksam zu machen, wenn Ihr glaubt, daß Nichts dabei zu gewinnen sei! doch werdet Ihr nicht haben wollen, daß ich vor einem bloßen Schatten, oder was beinahe dasselbe ist — vor einem Signale davon lause; und so wollen wir also noch bleiben, bis wir des Franzmanns von unserem Verdecke ans ansichtig werden, und dann ist cs immer noch Zeit, zu beschließen, was zunächst folgen soll." „Segel — ho!" schrie einer der Ausgucker von oben herunter, was sogleich Aller Angen nach den Krenzbramkreuzhölzern zog, von wo der Ruf ausgegangen war. Der Wind blies zu stark, als daß man sich, selbst mittelst bes Sprachrohrs, so leicht hätte verständlich machen können; deßhalb wurde der Mann herabbeordert, um über das, was er gesehen hatte, Bericht zu erstatten. Natürlich kam er zuerst auf das Hinterdeck, wo der Admiral und der Kapitän ihm entgegen traten, woraus ihn der wachhabende Offizier, an den er sich eigentlich zuerst hätte wenden sollen, ohne weitere Einwendung seinen beiden Vorgesetzten zum Ausfragen überließ. „In welcher Gegend ist das Segel, das Ihr gesehen habt, Sir?" fragte Sir Gervaise etwas scharf, denn er vermuthcte, es möchte nichts weiter als eines der bereits stgnalisirten feindlichen Schiffe sein. „Etwa dort drüben süd- und ostwärts — he Bursche!" „Nein, Sir Jarvy," antwortete der Toppmann, während er mit der einen Hand seine Beinkleider fester anzog und mit der andern sein Haar auf der Stirne glatt strich; „dort drüben zeigt stch's, nord- und westwärts, auf unserer Wetterseite; 's ist keiner von den französischen Lassen, die mit dem Grafen von Fairvillian daherziehen" — so, glaubten nämlich alle gemeinen Matrosen auf der Flotte, heiße ihr tapferer Gegner mit seinem wahren Namen 451 — „sondern ein langraaiges Fahrzeug, das gerade so wie wir selbst, im Winde eingekeilt dahergeht." „Das ändert die Sache, Greenly! Aber Mann, sagt mir — wie wißt Ihr denn, daß es lange Raaen führt?" „Wie, Sir Janus? — Nun, Euer Gnaden, cs steht unter seinem Vor- und großen Marssegel, beide eng gerefft, und hat noch ein Stück vom Hauptsegel aushängen, so viel ich bis jetzt bemerken konnte, Sir." „Den Teufel auch! der Bursche muß ja gewaltige Eile haben, um in einem solchen Sturme so viele Leinwand frei zu geben! Wäre es wohl möglich, Greenly, daß Bluewaters vorderstes Schiff uns schon zu Gesichte käme?" „Ich glaube kaum, Sir Gervaise; für seine Zweidecker wäre es jedenfalls zu weit windwärts. Es wird sich wohl noch als ein Ausgucker der Franzosen erweisen, der mit dem Kiele wendete, um sich in seiner Stellung zu behaupten, und nun alle Segel beisetzt, weil er an unserer Gegenwart kein sonderliches Wohlgefallen findet." „In diesem Falle muß er scharf windwärts halten, wenn er uns noch entrinnen will. Wie nennst du dich, Bursche? — Tom Davis, wenn ich nicht irre?" „Nein, Sir Jarvy, Jack Brown heiß' ich; was so ziemlich dasselbe ist, Euer Gnaden. Wir halten eben nicht sonderlich viel auf Namen." „Nun, Jack, bläst's tüchtig da oben? Ungefähr so, daß Ihr Mühe habt, Euch fest zu halten?" „Nicht der Rede werth, Sir Jarvy. Nachdem wir den Winter und Frühling hindurch in der Bai von Biscaya gekreuzt haben, achte ich das Alles für nicht mehr als ein leichtes Lüftchen. Eine halbe Hand würde hinreichen, um einen Burschen da oben festzuhalten." „Galleygo — nimm Jack Brown mit dir in meine Kajüte und reiche ihm einen frischen Schluck in seine Flasche — er wird sich dann oben nur um so besser sesthalten." 89 452 Dieß war Sir Gervaisc's Art, wie er das Unrecht wieder gut zu machen suchte, das er dem Manne augethan hatte, indem er glaubte, er könne sich mit dem angekündigten Segel geirrt haben, und voll Ergebenheit für den kommandirenden Admiral kletterte Jack Brown sofort wieder auf seine Höhe zurück. Es kostet die Großen und Mächtigen so wenig, um populär zu werden, daß man sich oft wundern möchte, wenn man sie dennoch anders findet. Wenn wir übrigens bedenken, daß es eben ihre Pflicht ist, gerecht zu sein, so hören wir auf uns zu verwundern, da Gerechtigkeit gerade diejenige Eigenschaft ist, gegen welche ein großer Theil des menschlichen Geschlechts die meiste Abneigung zu hegen pflegt. Eine halbe Stunde verstrich, ohne daß weitere Nachrichten von oben gekommen wären. Wenige Minuten später gab aber der Warspite dem Admiral ein Signal, um zu berichten, daß der Fremde auf seiner Wetterseite sichtbar werde, und nicht lange darauf that der Active das Nämliche. Keines der genannten Schiffe gab übrigens Auskunft über den Charakter des unbekannten Schiffes, das im Wesentlichen noch immer denselben Kurs verfolgte, und trotz der ungewöhnlichen Masse von Segeln, die cs beigesetzt hatte, nur langsam näher kam. Nach Verlauf des genannten Zeitraums wurden nun auch die im Südosten signalisirten Schiffe allmählig vom Verdecke aus sichtbar. Der Ocean war dermaßen mit Schaum bedeckt, daß man ein Schiff mit kurz gerefften Segeln nicht leicht auf größere Entfernung unterscheiden konnte; mit Hilfe der Gläser aber konnten sich Sir Gervaise und Grccnly selbst überzeugen, daß sich die Zahl der feindlichen Schiffe im Süden gerade aus zwanzig belief, da seit dem ersten Berichte ein weiteres Segel am Horizonte aufgetaucht und auch sogleich von der Ehloe signalisirt worden war. Einige dieser Schiffe waren jedoch nur von der kleineren Gattung, und der Viceadmiral ließ nach einem langen, angestrengten Ueberblick -453 sein Glas sinken und wandte sich an den Kapitän, nm dessen Ansicht zu vernehmen. „Nun, Grecnly," fragte er, „was gedenkt Ihr jetzt mit ihnen anzufangen? Meiner Berechnung nach sind es dreizehn Linienschiffe, zwei Fregatten, vier'Corvetten und ein Lugger — Alles in Allem also zwanzig Segel!" „An den zwanzig Segeln läßt sich allerdings nicht zweifeln, Sir Gervaise, obwohl die Hinteren Schiffe noch zu fern sind, als daß man mit Zuverlässigkeit von ihrer Größe sprechen könnte. Ich glaube eher, es werden noch vierzehn Linienschiffe und nur drei Fregatten daraus werden." „Das ist freilich für unser Einen — ohne Bluewater — zu viel. Seine fünf Schiffe, wenn sie jetzt im Westen anstauchten, müßten uns wahrlich einen frohen Anblick gewähren. Wie die Kletten würden wir uns an Monsieur de Vcrvillin hänge», bis der Wind sich etwas gelegt hätte, um ihm sodann unser» Respekt zu bezeigen. Was sagt Ihr dazu, Greenly?" „Daß es nicht von großer Bedeutung ist, Sir Gervaise, so lange die andere Division nicht bei uns ist. Doch dort drüben am Bord des Active, des Warspite und des Blenheim sehe ich neue Signale spielen." „Aha — sie werden uns wohl von dem Burschen, der hinter unserem Spiegel und windwärts dort drüben liegt, etwas zu sagen haben. Kommt, Bunting, gebt uns ihre Neuigkeiten." „,Der Fremde in Nordwest zeigt die Nummer des Druid/" las der Signaloffizier mechanisch aus seinem Buche. „Den Teufel zeigt er! dann kann Bluewater nicht mehr ferne sein. Ja, ja — laßt Dick nur machen, er wird seine Stelle schon einnehmen. Er hat einen eigenen Instinkt für eine Schlachtlinie, und noch nie Hab' ich's erlebt, daß er gerade da gefehlt hätte, wo ich ihn am meisten herbeiwünschen mochte; und jedesmal zeigte er sich auf seinem Platze so heimisch, wie wenn seine Schiffe sammt 454 und sonders daselbst gebaut worden wären. Die Nummer des Druid! — sagt Ihr? der Cäsar und die übrigen müssen weiter nördlich in einer Linie aufgezogen sein, und bleiben sogar von unserem eigenen Fahrwasser windwärts. Dieß wird den Grafen mit der schönsten Manier unter unser Lee bringen." Grecnly besaß jedoch bei weitem nicht das sanguinische Temperament seines Vireadmirals. Ihm wollte der Umstand gar nicht gefallen, daß der Druid allein und zwar unter einem Walde von Segeln sichtbar geworden war, was bei einem so heftigen Sturme jedenfalls befremden mußte. Es war gar kein genügender Grund vorhanden, warum die andere Division so scharf darauf los segeln sollte, was doch nothwendig gewesen wäre, wenn die Fregatte solche Schneüsegler, wie den Plantagenct und seine Gefährten, hätte einholen wollen. So äußerte er sich also dahin, daß das Schiff aller Wahrscheinlichkeit nach allein sei und mit ihnen zu sprechen beabsichtigen werde. „Was Ihr da sagt, Greenly, ist allerdings nicht so ganz ohne," gab Sir Gcrvaise nach augenblicklichem Nachdenken zur Antwort, „und wir müssen bald sehen, wo cs hinaus will. Wenn Denham uns unterdessen nicht irgend eine Neuigkeit von dem Grasen bringt, die unsere Plane ändert, so möchte es wohl gut sein, zu erfahren, was der Druid bei uns zu schaffen hat." Denham war der Kommandant der Chloe, eines niedlichen Schiffs von sechsnnddreißig Kanonen, das mit Zierlichkeit in die schweren Wogen eintauchte, welche sich nunmehr mit Heftigkeit aus dem weiten atlantischen Oceane hercinwälzten, während die Flut, so oft das Schiff ans einer Vertiefung empor stieg, gleich den Wasserstrahlen eines Wallfisches ans den Klüscnöffnungen hervorschoß. Die Chloe lag, wie oben schon gesagt wurde, eine volle Meile vorwärts von dem Plantagenct und etwas leewärts von demselben, sie war folglich um eben so viel näher an den Franzosen, welche gerade eben so wie die Engländer in einer einzigen langen 455 Linie an diesem Theile des Horizontes heranfkamcn, mit dem einzigen Unterschiede, daß ihre Ausguckschiffe sämmtlich auf der Wetterseite ihrer Freunde abhielten. Die Entfernung zwischen beiden Theilcu war jedoch immer noch so groß, daß man fortwährend der Gläser bedurfte, um nur einigermaßen eine genauere Kcnntuiß der Größe und Richtung von Monsieur de Vcrvillins Flotte zu erlangen, da die Hinteren Schiffe noch so weit zurück waren, daß man langjährige Uebung uöthig hatte, um mit einiger Sicherheit auf ihren Charakter zu schließen. Nirgends trat jedoch die Ueberlegenheit der Engländer in der praktischen Seewiffenschaft deutlicher hervor, als in der Art und Weise, wie die beiden Flottcnlinien gebildet waren. Sir Gervaise's Linie war fest gedrängt, und jedes Schiff nur auf Kabellänge*) von feinem Vor- und Hintermanne entfernt. Dieß war ein Punkt, aus den der Viceadmiral nicht wenig stolz war; und nur dadurch, daß er seine Kapitäns mit Strenge anhielt, diese Segcl- ordnung wohl einznhalten, so wie durch den Umstand, daß er, — so weit dieses anging, dieselben Schiffe und Offiziere möglichst lange unter seinen Befehlen zu behalten sich bemühte — hatte er es dahin gebracht, daß jeder Schiffskonnnandant mit der Schnelligkeit seines eigenen Schiffes, so wie mit allen übrigen Eigenschaften desselben so genau vertrant war, als unumgänglich nöthig erschien, wenn sich jedes so genau in seiner Stellung behaupten sollte. Da die Schiffe sammt und sonders sehr dauerhaft waren — wenn schon die einen in gewissem Grade mehr als die andern — so wurde es leicht, sogar bei so stürmischem Wetter, wie eben jetzt, genaue Linie zu halten, indem der Wind noch nicht so heftig wehte, daß einige Segel mehr oder weniger überhaupt von großer Bedeutung sein konnten. Wenn ans der ganzen Linie ein Schiff irgend merklich aus der Stelle gewichen war, so war dieß der Achilles, denn Lord Morganic hatte noch nicht Zeit gehabt, alle vorderen Spieren so *) Die Kabellänge beträgt 120 Klafter — 720 Fuß. D. U. 456 weit rückwärts zu bringen, als sic eigentlich hätten sein sollen — ein Ilmstand, der ihn etwas weiter leewärts getrieben hatte, als dich bei den andern Schissen der Fall war. Wenn man übrigens von dem Topp des BcsanmasteS ans dem Plantagenct bis zn dem des Warspite in der Lnst eine Linie hätte ziehen können, so würde man nichtsdestoweniger gesunden haben, daß sie über die Hälfte der Masten der zwischenliegenden Schiffe berührte, und auch von den außerhalb liegenden keines weiter als einen Pistolenschuß von der geraden Richtung entfernt war. Da man sechs Zwischenräume zwischen den Schiffen zählte, und jeder derselben, so weit dicß überhaupt mit Genauigkeit errathen werden konnte, eine Kabellänge ausmachte, so betrug die Ausdehnung der gesammtcn Linie etwas über drei Viertelmcilen. Auf der andern Seite waren die Franzosen, wenn sie auch einen ziemlichen Grad von Ordnung beobachteten, doch weit weniger geschlossen und keineswegs so regclgcrccht in ihrer 'Art zu segeln. Einige ihrer Schiffe standen eine Vicrtelmcilc leewärts von der Linie: die Zwischenräume waren unregelmäßig und wurden schlecht eiugehalten. Diese Uebelständc entsprangen aus verschiedenen Ursachen, deren keine übrigens dem Kommandirenden en Chef zur Last fiel, da dieser sich ebensosehr als erfahrener Seemann wie als geschickter Taktiker auSzeichnete. Seine Kapitäne aber waren einander noch neu: Einige derselbe» hatten sogar erst neuerdings diesen Posten erhalten, während cs doch eben so natürlich ist, daß ein Seemann die Eigenschaften seines Schiffes durch längeren Umgang kennen lernen, als daß ein Gatte den Charakter seiner Frau durch das trauliche Zusammenleben in der Ehe erproben muß. Gerade in dem Augenblick, von dem wir sprechen, mochte die Ehloe ungefähr noch eine Meile von dem vordersten feindlichen Schiffe entfernt sein; ihre Stellung aus der Leeseite der eigenen Flotte drohte sie in einer halben Stunde in den Bereich der Kanonen des Franzmannes zu bringen. Dicß war zwar dem ganzen Geschwader vollkommen klar: doch verfolgte die Fregatte immer noch ihren 457 alten Kurs, da sie einmal hiezu beordert war und der kommandirende Admiral ja ohnedieß die ganze Stellung unmittelbar vor Augen hatte. „Denham würde tüchtig warm bekommen, Sir, wenn er seinen Kurs noch länger bcibehalteu müßte," bemerkte Greenly nach zehn weiteren Minuten, während welcher Zeit die Schiffe sich allmählig näher gekommen waren. „Ich hoffte, er könne zwischen die nördlichste von den französischen Fregatten und ihre übrige Linie gelangen," antwortete Sir Gervaise; „dann, dächt' ich, hätten wir rasch wenden und sie mit dem Plantagcnet lebendig abfangen können." „In welchem Falle wir ebensogut'zum Kampfe klariren dürften, da ein solches Manöver ganz gewiß eine allgemeine Schlacht herbeiführen würde." „Nein, nein, Meister Telemach, so toll bin ich gerade doch nicht: übrigens können wir schon noch etwas länger warten, um den weiteren Verlauf mit anzusehen. Wie viele Flaggen könnt Ihr unter den feindlichen Schiffen gewahren, Bunting?" „Ich sehe blos zwei, Sir Gervaise; eine am Fock-, die andere am Besanmast, gerade wie bei uns. Uebrigens gewahre ich jetzt blos noch zwölf Linienschiffe, und keines darunter ist ein Dreidecker." „Da könnt Ihr wieder einmal sehen, wie man sich auf das Gerücht verlassen kann — wahrhaftig, kein Lügner, der je eine Zunge rührte, kann unverschämter sein. Zwölf Schiffe mit zwei Decken und acht Fregatten, Schaluppen und Lugger. Darin kann wohl kein Mißverständniß mehr obwalten." „Ich glaube nicht, Sir Gcrvaise. Der oberste Befehlshaber befindet sich auf dem vierten Schiff von vorne an gerechnet: seine Flagge ist gerade noch mit unserem besten Glase zu unterscheiden. Halt — in diesem Augenblicke ist an dem Ende seiner Gaffel ein Signal zu erkennen." „Wenn Einer nur französisch lesen könnte, Greenly," sagte der Viceadmiral lächelnd, „so könnte man einigermaßen hinter Monsieur 458 de Vervillins Geheimnisse kommen. Vielleicht ist'S ein Befehl, sich zum Kampfe zu rüsten oder zu klarireu. Seht nur scharf aus jedes Zeichen, Bunting, das eine solche Bewegung verratheu könnte. — Nun, was glaubt Ihr, daß es bedeute?" „Den Fregatten gilt's, Sir Gervaise; denn alle beantworten das Signal, während die übrigen Schiffe nnthätig bleiben." „Nun dazu bedürfen wir kein Französisch, Sir, um dieses Signal zu verstehen," fiel Greenly ein; „die Fregatten sagen uns ja selbst, was eS bedeutet. Monsieur de Vervillin hat nicht im Sinn, ans dem Plantagenct noch irgend Jemand am Leben zu lassen." Und so war es auch wirklich. Eben als der Kapitän noch sprach, wurde der Zweck des angcdeutetcn Befehls erst vollkommen deutlich, denn all' die leichten Schiffe windwärts von der französischen Flotte hielten mit einem Male ab, bis sie den Wind hinter sich backlegten, worauf sic leewärts und mit einer Schnelligkeit davonglitten, wie wenn einzeln schwimmende Gegenstände von einem raschen Strome plötzlich erfaßt werden. Ehe diese Aenderung in ihrem Kurse eintrat, hatten die Fregatten und Korvetten einen starken Kampf mit den Wogen bestanden, welche mit Heftigkeit gegen ihren Luvbng anprallten, so daß sie höchstens zwei oder nicht einmal so viel Knoten in der Minute znrücklegten; jetzt aber war ihre Geschwindigkeit vervierfacht, und in wenigen Minuten waren alle sammt und sonders durch die verschiedenen Zwischenräume in der Hauptlinie gesegelt und hatten sich wie zuvor ungefähr eine halbe Meile seitwärts davon aufgestellt. Hier würde im Falle einer Schlacht ihre hauptsächlichste Pflicht gewesen sein, die verstümmelten Schiffe zu unterstützen, welche im Verlaus des Kampfes aus der angewiesenen Stellung verdrängt worden wären. Dieß Alles beobachtete Sir Gervaise mit sichtlichem Mißvergnügen. Er hatte gehofft, sein Feind werde auf den Zustand der Elemente Rücksicht nehmen und seine leichten Fahrzeuge in ihrer ursprünglichen Stellung lassen. 459 „Es wäre ein großer Triumph für uns, Grecnly," begann er nach einer längeren Pause, „wenn Denham, ohne seinen Kurs zu ändern, an ihnen vorbeipassiren könnte. Es hätte etwas Männliches und ächt Seemännisches an sich, wenn eine schwächere Flotte aus diese Art an einer ihr überlegenen Abtheilung vorüberzöge." „Ja, Sir, aber cs könnte uns auch eine schöne Fregatte kosten. Es wird dem Grasen nicht schwer werden, seine Hauptdeckskanonen auf der Luvseite loszufeuern, und eine Salve von zweien oder dreien seiner vorderen Schiffe möchte Denham am Ende doch manche Spiere mitnehmen, die er gerade in einem solchen Augenblicke schmerzlich vermissen würde." Sir Gervaise legte die Hände auf den Rücken, ging eine Minute lang aus dem Verdecke hin und her, und sagte dann mit entschlossenem Tone: „Bunting, gebt der Chloe das Signal, zu vieren. Bei dieser See und mit so verkürzten Segeln durch den Wind zu wenden, ist für sie keine schwere Aufgabe." Bunting hatte diesen Befehl zum Voraus geahnt, und war sogar so weit gegangen, die Quarticrmeister heimlich anzuweisen, daß die nöthigen Flaggen fcstgcknüpft werden sollten, so daß Sir Gervaise noch nicht ausgesprochen hatte, als auch schon das Signal am Vorstengentopp flatterte. Die Chloe war eben so flink, denn auch sie hatte jeden Augenblick diesen Befehl erwartet, und noch ehe ihre Antwortsflaggc gesehen werden konnte, war ihr Steuer bereits in der Höhe und das Kreuzstcngcntoppsegel eingehißt, so daß ihr Gallion rasch gegen den Feind abfiel. Diese Bewegung schien von Allen erwartet worden zu sein. In der That war sie auch bis auf den letzten Augenblick hinausgeschoben worden, denn als jetzt die Fregatte dem vordersten französischen Schiff gerade gegenüber stand, fiel dieses um drei bis vier Punkte vom Wind ab und ließ in demselbenAugenblick alle Kanonen des Vorkastells, so wie die Batterien aus dem Hauptdeck zumal gegen den Feind losdonnern. 460 Eines von den Obersegeln der Fregatte wurde durch dieses rasche, unerwartete Feuer abgeschossen, und auch das stehende Takelwerk erlitt einigen Schaden, der aber zu allein Glück von keiner großen Bedeutung war. Kapitän Denham war sehr thätig, und ließ sein Obersegel, sobald er es hin und her flattern sah, augenblicklich beschlagen, wogegen das große Segel losgelassen wurde. Das letztere wurde dicht gerefft und beigesetzt, als die Fregatte den Wind auf der Backbordseite faßte, und nachdem auf dieser Seite Alles aufgebraßt und eingchalt war, konnte man auch das große Marssegel auf's Neue wieder einziehen. Während der wenigen Minuten, welche diese Bewegungen erforderten, hielt Sir Gervaise den Blick unausgesetzt ans die Fregatte geheftet, und als er sie endlich die Wendung vollbringen und sich wieder im Winde ausrichten sah, so daß das Hauptsegel sie nach vorne zog — fühlte er sich, um die Wahrheit zu gestehen, im Innersten erleichtert. „Nicht eine Minute zu früh, Sir Gervaise," bemerkte der vorsichtige Greenly lächelnd. „Es sollte mich gar nicht wundern, wenn Denham von diesem Burschen da an der Töte der französischen Linie noch mehr zu hören bekäme. Seine Luvjagdkanoncn sind genau in gerader Linie mit der Fregatte, und die beiden oberen Reihen könnten wirklich recht hübsch darauf spielen." „Ich denke nicht, Greenly. Die Kanonen des Vorkaftells — vielleicht; die tieferen wohl schwerlich." Bald zeigte sich's, daß Sir Gervaise theilwcise recht, theil- weise aber auch unrecht gehabt hatte. Der Franzose versuchte in der That, das Feuer der Kanonen des Hauptdecks auf die Fregatte zu richten; doch bei dem ersten Eintauchen des Schiffes war eine hohe Woge gegen seinen Luvbug hereingebrochen und hatte eine Masse von Wasser in die Stückpforten gejagt, so daß die Hälfte der Mannschaft in die Leespeigaten getrieben wurde. Mitten in dieser Wasserhose gingen die Kanonen los, nachdem man kaum den Augenblick zuvor deren Richtung vollendet hatte — und verliehen der Scene am Borde selbst eine Art chaotischer Wildheit. Hiemit begnügten sich die unteren Reihen; die aus dem Vorkastell aber wollten ihre Sache besser machen. Sic feuerten mehrere Mal hinter einander — doch jedesmal ohne allen Erfolg. Dieses Mißlingen hatte einen Grund, der von Schiffskanoniercn nur selten gehörig beachtet wird: die Kugel war nämlich bei der Heftigkeit des Windes, gegen den sic flog, um zwei bis dreihundert Fuß von der Visirlinie abgewichen, che sie die ganze, eine Meile betragende Entfernung zurückgelcgt hatte. Sir Gervaise beobachtete in ängstlicher Spannung die Wirkung des Feuers, und als er bemerkte, daß alle Kugeln leewärts von der Lhloe niederficlcn, war er nicht länger um dieses Schiff besorgt, sondern fing an, seine Aufmerksamkeit auf andere, wichtigere Gegenstände zu lenken. Da wir uns nunmehr einem Augenblicke nähern, wo es nöthig sein wird, dem Leser einen möglichst deutlichen Begriff von der gegenseitigen Stellung der beiden Flotten im Ganzen zu geben, so wollen wir hier das vorliegende Kapitel beschließen und uns die nähere Erklärung für den Anfang des nächsten Abschnittes Vorbehalten. Zweiundzwanzigstes Kapitel. — — Alle waren froh. Und lachten, jauchzten, als das Schiff dahin schoß Und mitten in den Schaum sich stürzte, hoch ihn werfend Das Deck entlang, gleichwie ein muth'ger Nenner In scharfem Lauf Schaum vom Gebisse schleudert. Percival. ji^as lange Zwielicht einer hohen Breite hatte nunmehr sein Ende erreicht, und die Sonne war, vorderhand freilich noch hinter Wolkmmassm, cmporgestiegen. Die zunehmende Helle trug dazu bei, den düsteren Anblick des Oceans etwas aufzuhcitern, obgleich ihm die Wuth der Winde und Wogen immer noch ein finsteres, melancholisches Aussehen verlieh. Windwärts waren noch keine Zeichen von einem Abnchmen des Sturmes zu gewahren, und auch der Himmel zögerte noch immer, seine Fluten, so wie man hätte erwarten können, auf die tobenden Wasser herabzusenden. Die Flotte befand sich in diesem Augenblicke ziemlich weit südlich vom Kap la Hogue, nur noch bedeutend westwärts von demselben, also gerade auf einem Punkte, wo der Kanal die Winde und Wogen aus dem vollen Bereiche des atlantischen Oceans empfing, und die Fluten in langen, regelmäßigen Wellenlinien hereinbrachen, aber gleichwohl durch den Einfluß der Strömung in ihrem Lause gehemmt wurden. Selbst so schwere Schiffe wie die Zweidecker bewegten sich in diesem Sturme mit großer Anstrengung, und Schoten und Jnhölzer ,klagten^, wie die Schiffssprache dieß gewöhnlich bezeichnet, wenn die ungeheuren, mit ehernen Geschützen beladenen Massen sich auf den kommenden und gehenden Wogen hoben und senkten. Doch waren ihre Bewegungen stetig und majestätisch, wogegen der Kutter, die Sloop und selbst die Fregatten gleich Schaumblascn herumgeworfen wurden und der Willkür der Elemente gänzlich preisgegeben schienen. Die Chloe kam eine volle Meile leewärts, und zwar gerade in entgegengesetzter Richtung an dem Admiralschiffe vorüber, und dennoch war ihr Brustholz, wenn sie auf die Spitze einer Woge gehoben wurde, oft beinahe bis zum Kiele sichtbar. Dieß sind die wahren Momente der Prüfung, welche die Stärke eines Fahrzeuges erproben, denn wenn ein Schiff stets gleichförmig mit allen seinen Linien im Wasser läge, so wäre keine Nothwendigkeit vorhanden, dasselbe zu einer so sestgedrungenen Masse von Holz und Eisen zusammen zu construiren, wie dieß in der That der Fall ist. Das Vorrücken der beiden Flotten blieb sich ziemlich gleich; beide Geschwader kämpften sich mit der Geschwindigkeit von einer 463 Seemeile auf die Stunde durch die tobenden Wogen. Da keines der Schiffe ein Oberscgcl führte nnd die vordersten sich erst in dem Nebel eines wolkigen Morgens erblickt hatten, so konnten sie einander erst dann gewahr werden, als sie sich bereits näher denn gewöhnlich standen; zu der Zeit, wie wir sic nunmehr in unserer Erzählung erreicht haben, waren die beiden vordersten Schiffe nur noch durch einen Zwischenraum von höchstens zwei Meilen getrennt, wenn man nämlich die Entfernung nur nach ihren beiderseitigen Gegellinien berechnete, obgleich wohl auch derselbe Zwischenraum herausgekommcn wäre, wenn sie sich Front gegen Front gegenüber gestanden hätten, da sich die Engländer ebensoviel windwärts von ihren Gegnern befanden. Wer nur einigermaßen mit Seemanövern vertraut ist, wird hieraus entnehmen können, daß unter diesen Umständen die Töte der französischen und die Queue der englischen Flotte sich beim Vorüberfahren weit näher kommen mußten, da beide Geschwader dicht angehalt waren. Sir Gervaisc Oakes bewachte, wie sich von selbst versteht, das Vorrücken der beiden Linien mit tiefer, angestrengter Aufmerksamkeit. Monsieur de Vervillin that dasselbe vom Hintcrthcile des Foud- royant*), eines stattlichen Schiffes von achtzig Kanonen, auf welchem seine Biceadmiralsslagge flatterte und den Feind gleichsam herauszufordern schien. Neben Sir Gervaise befanden sich Greenly, Bunting und Bury, der erste Lieutenant des Plautagenet; neben dem französischen Admiral stand sein oupituiiu; «U; vuissviui, ein Mann, welcher jenen Karrikaturcn französischer Seeoffiziere, wie sie der Geist der Feindseligkeit den Kennern der englischen Literatur schon vor Augen führte — ungefähr ebensoviel glich, als Washington jenem Geschöpfe ähnlich sah, welches im Anfänge des großen amerikanischen Krieges in den Londoner Journalen als Gegenstand des Haffes ausgeboten wurde. Des ,BIitzeschleudmrs', D. U. 464 Monsieur de Vervillin war ein Mann von angesehener Familie, der mit guter, wissenschaftlicher Bildung eine genaue Kcnntniß der Schiffsknnst vcrdand, so weit cs nämlich die Bekanntschaft mit ihren allgemeinen Kräften und Grundsätzen betraft Hiemit waren aber auch seine Standcskenntnisse zu Ende, denn all' jene unzähligen Einzelheiten, deren Bekanntschaft den unterscheidenden Vorzug eines praktischen Seemannes begründet, waren ihm in hohem Grade fremd, so daß er genöthigt war, in dringenden Augenblicken erst nachzu- denkcn, während der wahrhaft ausgezeichnete Seemann in solchen Momenten mehr nach einer Art Instinkt als nach einer wirklich nachweisbaren Verstandcsoperatio» zu handeln scheint. Doch war dieser tapfere Offizier — mit einer solchen Flotte und einer so starken Ansprache an alle seine Hilfsquellen vor sich —jedenfalls ein ausnehmend furchtbarer Feind für eine offene Seeschlacht in geschlossener Linie. Sir Gervaise Oakcs verlor all' seine angcborne, ficbcrischc Ungeduld, so wie die beiden Flotten sich immer näher und näher kamen. Wie dich bei tapferen Männern, die von Natur sehr erregbar sind, keineswegs ungewöhnlich ist, so wurde auch er immer ruhiger und gewann immer nwhr seine vollkommene Selbstbeherrschung wieder, je mehr die Entscheidung hcrannahtc; jetzt erst sah er die Dinge in ihrem wahren Lichte, und fühlte mehr und mehr die Kraft in sich, die Umstände zu bewältigen. Noch immer ging er ans der Kampanje auf und nieder; aber sein Schritt war jetzt langsamer, die Hände waren zwar noch auf dem Rücken gekreuzt, die Finger aber regungslos, während seine Miene ernst und sein Blick nachdenklich wurde. Grccnly wußte, daß eine Störung von seiner Seite jetzt nicht mehr rathsam war, denn so bald der Viceadmiral diese Miene annahm, wurde er auch buchstäblich der oberste Befehlshaber: und jeder Versuch, anders als durch Mitthcilung neuer Thatsacheu eine Meinung geltend zu machen oder Einfluß aus ihn ausznüben — konnte nichts als denZorn des Admirals aus sein cigencsHaupt hcrbeirusen. Auch Bunting wurde gewahr, daß ,der Admiral am Bord warff, wie die Offiziere diese Geistesstimmnng ihres Vorgesetzten unter sich zu bezeichnen pflegten; er machte sich also gefaßt, den ihm zukommenden Dienst so still und rasch als möglich zu versehen. Alle anderen Anwesenden fühlten mehr oder weniger denselben Einfluß eines festen, willeuskräftigeu Charakters. „Master Bunting," begann Sir Gervaise, als die Entfernung zwischen dem Plautagenct und dem Temeraire*), dem vordersten französischen Schiffe nur noch ungefähr eine Meile betragen mochte, wenn man den Unterschied in den beiderseitigen Segellinien in Rechnung zog — „Master Bunting, gebt den Schiffen das Signal, Alarm zu schlagen. Wir müssen auf alle Fälle gerüstet sein, wie dann der Würfel auch fallen möge." Niemand erlaubte sich eine Bemerkung über diesen Befehl: rasch und schweigend wurde er vollzogen. „Das Signal ist fertig, Sir Gervaise," meldete Bunting, sobald die letzte Flagge an ihrer Stelle war. „Hinauf damit, geschwind, Sir, und gebt mir wohl auf die Antworten Acht. Kapitän Greenly, laßt Alarm schlagen und seht darauf, daß auf dem Hauptdeck wohl aufgeräumt wird, um, wcun's Noth thut, die Batterien gebrauchen zu können. Die Mannschaft kann unten einstweilen dabei stehen bleiben, da ich es für gefährlich halte, die Stückpsorten zu öffnen." Kapitän Greenly verließ die Hütte des Quarterdecks, und eine Minute später hörte man den Schall von Trommel und Pfeife — in der ganzen gebildeten Welt als der Nus zu den Waffen bekannt — die,. Lüfte durchdrungen. In den meisten Marinen geschieht dieser Aufruf durch die Trommel allein, welche dann Töne von sich zu geben pflegt, denen die Phantasie eigene Worte untergelegt hat. Das Motto der französischen Soldaten dabei ist: D. u. ') Dem.Verwegene»'. Die beiden Admirale. 30 ff66 ton 8U0 - 1N'6N(>8 ton 8S0 — PI'0N(l8 ton 8oo"') , was die eigentliche Bedeutung gar nicht übel bezeichnet. Auf den englischen und amerikanischen Schiffen aber wird dieses Signal stets von den Tönen der ,ohrcnzcrreißcnden Pfeift begleitess welche dem Ganzen eine Melodie verleiht, wie sie ihm anderswo wohl fehlen mag. „Das Signal ist von der ganzen Flotte beantwortet, Sir Gervaise," meldete Bunting von Neuem. Ein ruhiges Kopfnicken war die einzige Antwort, welche auf diese Meldung erfolgte. Nach einer augenblicklichen Pause wendete sich jedoch der Viceadmiral abermals au seinen Signalossizier. „Ich sollte meinen, Bunting," sagte er, „es bedürfe keines weiteren Befehles an die Kapitäne, um ihnen zu sagen, daß sie bei einer so stürmischen See die unteren Lecstückpforteu nicht öffnen dürfen." „Ich glaube auch nicht, Sir Gervaise," gab Bunting znr Antwort und schaute drollig auf das kochende Element, das alle Augenblicke von dem Boden des Schiffes bis zu den Hängemattentüchern emporspritzte. „Die Mannschaft bei den Hauptdeckskanonen würde dadurch einen nassen Standpunkt bekommen." „Gebt den Hinteren Schiffen das Signal, Sir, daß sie in des Viceadmirals Kielwasser bleiben sollen. — Junger Herr," fuhr er fort, indem er sich an den Kadeten wendete, der jedesmal während eines Gefechts den Dienst des Adjutanten bei ihm versah— „meldet Kapitän Greenly, daß ich ihn zu sprechen wünsche, sobald er alle erforderlichen Rapporte empfangen haben wird." Bis zu dem Augenblicke, da der erste Trommelwirbel sich hatte vernehmen lassen, war der Plantageuct, besonders wenn man die Umstände erwog, in denen er sich befand — ein Musterbild der Ruhe und Ordnung gewesen. Einem Landbewohner würde es kaum ') In den französischen Nevolutionskriegen wurde dieses Sprüchlein in Süd- Leutschland vom Volke höchst treffend übersetzt: Packt euern Sack, ihr Lumpenhund. Und macht euch fort zu dieser Stund'! D. U. 467 glaublich Vorkommen, daß man überhaupt dem Feinde so nahe sein und doch so viele Gleichgültigkeit gegen diese Nähe an den Tag legen könne; — und gleichwohl war dieß ans dem Plantagenet der Fall, als das Ergebniß langer Gewohnheit und eines gewissen seemännischen Instinktes, der dem Matrosen jedesmal verkündet, ob etwas Bedenkliches ,im Winde^ ist oder nicht. Die Verschiedenheit der Stärke der beiden Flotten, der heftige Sturm und die Luvstcllung der Engländer — Alles zusammen ließ die Mannschaft mit Sicherheit schließen, daß keinerlei Entscheidung eintreten könne. Hie und da sah man einen Offizier oder einen alten Matrosen durch eine Stückpforte hinausschaucn, um die Stellung und Stärke der Franzosen zu beaugenscheinigen; im Ganzen aber erregte die feindliche Flotte kaum größere Aufmerksamkeit, als wenn sie in Cherbourg vor Anker gelegen wäre. Die Stunde des Frühstücks war nahe, und dieses wichtige Ereigniß nahm alsbald das Hauptinteresse des Augenblicks in Anspruch. Die Offiziersjnngen besonders fingen an — wie gewöhnlich mit Töpfen und Tellern versehen, sich um die Kombüse zu versammeln; dann und wann warf Einer von ihnen einen sorglosen Blick durch die nächste Oeffnung, um zu erfahren, wie's bei den Fremden aussah; was aber den Kampf betraf, so war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß derselbe weit eher zwischen den Verfechtern der Rechte der verschiedenen Tische, als zwischen den beiden großen kriegführenden Seemächten ausbrechen würde/ Auch in der Konstablerkammer, der Ambulance*) und aus der Kuhbrücke war der Stand der Dinge im Wesentlichen derselbe. Auf einem Zweidecker wird die Mehrzahl der Mannschaft aus dem unteren Kanonendeck untergebracht, und der Befehl, ,das Schiff zu klarireiss, ehe man ernstlich an die Vorbereitungen zum Kampfe geht, ist bei einemSchiffe von dieserBauart weitnöthiger als bei einem kleineren ') Das .Verbandzimmer'. zunächst neben dem Kanonendeck befindlich. D. U. 30 * 468 Fahrzeuge, obwohl er auf allen gleichermaßen üblich ist. So lauge die Backs, das Tafelzeug und die sonstigen derartigen Geräth- schastcn in ihrer gewöhnlichen Lage gelassen wurden, sah Jack'ss nur wenig Grund vor sich, warum er sich selbst inkommodiren sollte, und als sich von Zeit zu Zeit das Gerücht von der Annäherung des Feindes, und ganz besonders von dessen Stellung auf ihrer Leeseite auch nach unten verbreitete, kümmerten sich gleichwohl nur sehr Wenige um die Sache, wenn nicht etwa der Dienst den Einen oder den Anderen auf das Verdeck rief. Diese Gewohnheit, sein eigenes Glück als an das des Schiffes gebunden, und sich selbst als einen Punkt auf der ganzen großen Masse zu betrachten, gerade wie wir selbst uns als Atome des Weltkörpcrs ansehen, den wir in seinen Umwälzungen begleiten—ist unter den Matrosen ziemlich allgemein verbreitet; bei den Seeleuten einer Flotte aber, die schon so lange zusammen auf der See gewesen war und schon so oft im Angesichte des Feindes alle nur denkbaren Ereignisse erlebt hatte—kam sie erst vollends recht in Anwendung. Die Scene, welche gerade in dem Augenblick, bis zu welchem unsere Erzählung vorgerückt ist, in der Konstablerkammer Statt hatte, war insbesondere so durchaus charakteristisch, daß sie wohl eine kurze Schilderung verdient. Die Müssiggänger waren alle von ihren Ruhestätten und Hängematten aufgestanden, und auch die Spuren Derer, welche, wie man's nennt, ,aufdemLande schliefen^*) oder in Ermanglung von Staatszimmern ihre Hängematten in den gewöhnlichen Gemächern auspflanzen mußten—warenverschwundcu. Magrath las beim Schimmer einer Lampe eine medicinische Abhandlung in gutem Leydeuer Latein; der Zahlmeister mühte sich ab, mit Hilfe desselben Lichtes die ') Was der .John BuW aus dem Lande, ist ,JaW auf der See — der gemeine englische Matrose. "1 D. h. durch den Wachdienst adgebalten waren, ihre Hängematten auszusuchen. D. U. 469 hieroglyhischen Rechnungen seines Proviantmeisters zu entziffern, und der Kapitän der Marinesoldaten untersuchte das Schloß einer alten Muskete. Der dritte und vierte Lieutenant halfen einander bei einer eigenen Lampe eine jener Berechnungen zu entwirren, welche sie in der Baffvon Biscaya begonnen hatten, und welche gleichermaßen der ebenen wie der sphärischen Trigonometrie Trotz boten; der Kaplan endlich trieb den Küchenmeister und seine Jungen an, sich mit dem Frühstücke zu beeilen — seine gewöhnliche Beschäftigung um diese,verhexte Stunde^ des Morgens. Während die Dinge in diesem Zustande waren, erschien Mr. Bnry, der erste Lieutenant, in der Konstablcrkammer. Bei seiner Ankunft richteten wohl Einer oderZwei am Offizierstische die Blicke auf ihn, doch sprach Keiner ein Wort, bis ans den jüngsten Lieutenant, der von Adel war, und mit Jedem aus dem Schiffe, mit einziger Ausnahme des Kapitäns, aus ziemlich vertrautem Fuße stand. „Wie lauten die Neuigkeiten vom Deck, Bnry?" fragte dieser Offizier, ein Jüngling von zwanzig Jahren, seinen Kameraden, der um volle zehn Jahre älter war. „Denkt Monsieur de Vervil- lin endlich an's Davonlaufen?" „O nein, Sir — um dieß zu thnn, hat er viel zu viel von einem Kampfhahne an sich." „O, ich kann Euch dafür stehen, er kann gewiß auch krähen! Doch was gibt's Neues, Bnry?" „Das Neueste ist, daß der alte Planier an seinem Vordertheil so naß wie ein Waschtrog ist, und daß ich eine trockene Jacke brauche — nun, hörst du mich nicht, Tom? — Soundings," fuhr er fort, indem er sich an den Master wandte, der eben von vorne hcrbeikam — „habt Ihr auch heute Morgen schon zur Thüre hinaus geschaut?" „Ihr wißt, daß ich dieß nur selten vergesse, Vir. Bnry. Das Schiff wäre wohl bald in einer schönen Patsche, wenn ich einmal mich nmzuschancn vergäße." „Er hat das Senkblei dort unten in der Bai verloren," rief der adelige Lieutenant lachend, „und geht nun jeden Morgen mit Tagesanbruch an die Hiuterpforte, um zu sehen, ob es nicht wieder hervor kömmt." „Nun, Sonndings, was haltet Ihr von dem dritten Schiffe in der französischen Linie?" fuhr Bury fort, ohne die leichtfertige Aeußerung des Jünglings zu beachten; „habt Ihr je zuvor solche Obermaste gesehen, wie dieses sie führt?" „Ich habe noch selten einen Franzmann ohne solche gesehen, Mr. Burv. Wir würden auch auf unserer Flotte dieselben Schäfte haben, wenn Sir Jarvy sie duldete." „Ja, aber Sir Jarvy wird sie nieinals dulden. Der Kapitän, der auf seinem Schiffe einen solchen Schaft aufrichten würde, müßte ihn wahrlich noch vor Abend wieder über Bord werfen. In meinem Leben habe ich noch niemals eine solche Stange in der Luft gesehen." „Was ik's denn mit dem Maste, Mr. Bury?" fiel Magrath ein, der mit den älteren Seeoffizieren beständig wissenschaftliche Scharmützel (wie er's nannte) zu halten pflegte — feiner Ansicht nach waren nämlich die jüngeren Offiziere viel zu unerfahren, um sie eines solchen Kampfes zu würdigen. „Ich will drauf wetten, die Spiere ist gewiß nach den erprobtesten philosophischen Grundsätzen geformt und aufs Schönste hcrausgcpntzt, denn hierin haben die Franzosen vor uns den Vorzug." „Wer hat je von dem Formen einer Spiere gehört," unterbrach ihn Soundings, laut lachend; „wir formen die Gestalt eines Schiffs, Doktor, aber wir verlängern oder verkürzen, schrubben oder schließen unsere Masten." „Das ist die gewöhnliche Antwort, die ich erhalte, ihr Herren, und damit gedenkt ihr mich, wahrscheinlich durch Acclamation (wie manch in anderen gelehrten Körperschaften nennt) hinaus zu vo- tiren? wahrlich, ich möchte keinem Geschöpfe, das nur einige Ver- 471 »unft hat, auf die Sce zu gehen rathen; denn hier bedarf es einzig und allein des Instinkts, um Lord Ober-Admiral von zwanzig Noßschweiscn zu werden." „Ich wollte, Sir Jarvh hätte dieß hören können, Ihr Bücherwurm," rief dir vierte Lieutenant, der sich so eben selbst überzeugt hatte, daß Bücher nicht seine starke Seite waren —- „ich denke, Euer Instinkt wird Euch wohl abhalten, Doktor, dem Viceadmiral so Etwas in die Ohren zu flüstern!" Obgleich Magrath die tiefste Ehrfurcht vor dem komman- direnden Admirale hegte, so war er doch bei einer Disputation in der Konstablcrkammcr jeder Nachgiebigkeit durchaus abgeneigt. Demgemäß ließ er sich auch seine jetzige Antwort von dem Gefühle des Augenblicks diktiren. „Sir Gervaise," sprach er, indem er als Schotte das Wort wie Jarvis aussprach und höhnisch dabei lächelte— „Sir Gervaise Oakes, mein ehrenwerther Sir, mag ein recht guter Seemann sei»; ein Sprachgclehrter aber — das ist er nicht. Erst neulich, als er sich drüben am Lande unter Todten und Sterbenden befand, zeigte er sich so unwissend, als ob er nie in seinem Leben ein Abc- buch in der Hand gehabt hätte. Es handelte sich nämlich um die Bedeutung von lillus nullius — nun, das ist doch wahres Kna- bcnlatein! Nichtsdestoweniger ist cs die Wissenschaft, ihr Herren, und nicht allein die Klassiker, was den wahren Mann ausmacht. Wer da behaupten wollte, man könne die Wissenschaft auch durch Instinkt erlernen, dem will ich beweisen, daß dieß rein unmöglich ist, während die instinktartige Erlangung dessen, was ihr die Seemannskunde nennt, nichts weniger als unwahrscheinlich sein möchte." „Das ist in der That die seemännischste Rede, die ich je aus Eurem Munde hörte, Doktor," fiel Soundings ein. „Wie zum Teufel kann ein Mann ausJnstinkt wissen, aufwelchc Art man eiu Schiff vieren muß — wenn ich mir eine solche Frage erlauben darf?" - „Ganz einfach, Soundings — weil man dabei des Prozesses 472 der Vernunftfolgerung gänzlich entbehren kann. Habt Ihr Venn Etwas dabei zu denken, wenn Ihr ein Schiff vierct? — die Antwort will ich ganz Eurer eigenen Ehre überlassen." „Denken!— Nun in der That, ich müßte doch ein armseliger Tropf von einem Master sein, wenn ich bei einer so einsachen Sache, wie das Wenden und Vieren—noch viel zu denken brauchte! Nein — nein — ein rechter Seehund hat nicht nöthig, viel zu denken, wenn er etwas zu thun vor sich hat." „Nun, das ist's ja gerade, ihr Herren! — das ist es eben, was ich euch immer sage," rief der Doktor, über das Gelingen seines Kunstgriffes triumphirend. „Nicht allein, daß Mr. Soundings nicht denkt, wenn er seine gewöhnlichen Dienstgeschäfte zu verrichten hat — nein, auch den Prozeß an und für sich bestraft er mit gebührender Verachtung, wie ihr bemerken werdet, und so ist also meine Theorie durch den Beweis der bctheiligtcn Partie selbst begründet — was jedenfalls mehr ist, als ein Postulat, logisch genommen, erfordert." Hier ließ Magrath sein Buch fallen und schlug jenes zischende Lachen auf, wie es Leuten von seiner Klasse eigen zu sein scheint. — Da mit einem Male, während er sich noch seinem Triumphe hingab, ließ sich der erste Trommelschlag vernehmen. Alle lauschten — jedes Ohr war gespitzt, wie das des Wilds, wenn es das Bellen des Hundes hört, während man nichts mehr vernahm, als — „r-r-r-ap, tap — r-r-r-ap, tap — r-r-r-ap tap a-tap-tap— rap-a-tap — a-rap-a-tap, a-rap-a-tap — a-tap-tap." „Instinkt oder Vernunft — Sir Jarvy läßt hier Alarm schlagen!" rief der Ehrbare. „Das wußte ich nichts daß wir den Monsieurs so nahe wären." „Nun," sprach Magrath mit grinsendem Lächeln und erhob sich, um nach der Ambülance hinabzugehcn — „jetzt dürste cS bald Gelegenheit geben, sein bischen Gelehrsamkeit an den Mann zu bringen, und ich verspreche Euch, daß ich alle Schätze meines beschränkten Wissens für Euch aufbieten werde. Vielleicht werde ich mein Senkblei sogar in die Tiefen Eurer physischen Bildung zu versenken haben, Soundings — in welchem Falle ich bemüht sein werde, die Klippen der Unwissenheit zu vermeiden." „ Geht zum Teufel oder auf die Ambülance, wo's Euch am besten gefällt, Sir," brummte der Master; „ich habebcreits in sechs Hauptactionen gedient, und war noch nie gcnöthigt, einen Eures Gelichters auch nur um ein Stückchen Heftpflaster oder Charpie zu ersuchen; bei mir kann Kalfatwcrg und Segeltuch den Dienst vonbcidcnversehen." Während dieses freundlichen Zwiegesprächs kamen alle Hände in Bewegung. Die See- und Marineoffiziere sahen nach ihren Seitengewehren, der Wundarzt suchte sorgsam seine Bücher zusammen und der Kaplan griff nach einem Gerichte kalten Bratens, das noch in aller Eile auf den Tisch gestellt worden war, um es mit sich in seine Kajüte zu nehmen und auf diese Art nicht in die Unrechten Hände fallen zu lassen. In einer Minute war die Konstablcrkammer von Allen, die sie für gewöhnlich bewohnten, geräumt; statt ihrer hatten sich die Matrosen hinter die vier Zwcinnddreißigpfünder postirt, welche sie, nebst der gleichen Zahl gegenüber, zu bedienen hatten. Als die Seeoffiziere endlich unter der Mannschaft erschienen, nahmen ihre Mienen einen gebietenden Ausdruck an, und der Befehl, ,sich zu sputen^, wurde noch öfter von ihnen wiederholt, während sic selbst an ihre verschiedenen Posten eilten. Diese ganze Zeit über schritt Sir Gervaise unausgesetzt auf der Kampanjc auf und ab. Bunting und der Quartiermeister hielten sich beständig bereit, neue Signale anszuhisscn, und Greenly wartete nur noch auf die nöthigen Rapporte, um wieder zu dem Oberadmiral zu stoßen. Ungefähr fünf Minuten nach dem ersten Trommclschlage waren alle Berichte eingcgangen, und alsbald verfügte sich der Kapitän nach der Hütte. 474 „Wenn wir unseren gegenwärtigen Kurs beibehalten, Kapitän Grcenly," bemerkte Sir Gcrvaise, welcher das von ihm beabsichtigte Manöver vor sich selbst rechtfertigen wollte, „so muß die Queue unser eigenen und die Töte der französischen Linie einander gerade auf die schönste Schußweite nahe kommen, und wir könnten so durch einen Zufall einen unserer Zweidecker verlieren, da jedes entmastcte Schiff nothwcndig geraden Wegs auf den Feind abtreiben müßte. Nun schlage ich vor, mit dem Plantagcnet abzuhalten und an dem vordersten französischen Schiffe ungefähr in derselben Entfernung vorbei zu segeln, in welcher der Warspite vorüber muß — dadurch wird dann die Lage der Dinge ein wenig geändert. Welches, glaubtJhr, würde die Folge eines solchen Manövers sein?" „Daß sowohl die Töte unserer eigenen wie die der französischen Linie so nahe an einander gerathcn werden, Sir Gcrvaise, wie dicß nach Eurer eigenen Bemerkung mit der Queue auf alle Fälle geschehen müßte." „Nun, um dieses zu sagen, dazu bedarf cS gerade keines Mathematikers, Sir. Ihr werdet abhalten und den Wind steuerbord bringen, sobald Euch Bunting das Signal dazu gibt. Kümmert Euch nicht zu viel um die Brassen, sondern laßt sie nur fest stehen; sobald wir an dem französischen Admiral vorüber sind, werde ich abermals luven. Dicß wird uns zwar etwas aus unserer Lcestel- lung bringen, das ist mir aber sehr gleichgültig. Gebt den Befehl, Sir. — Hinauf mit dem Signal, Bunting!" Diese Weisungen wurden schweigend befolgt, und augenblicklich jagte der Plantagcnet, genau doppelt so schnell als zuvor, geraden Wegs in die Wellenschluchten hinein. Die anderen Schiffe folgten eben so rasch;' ein jedes fing an, abzuhaltcn, sowie das zweite vorn wieder in die eigentliche Scgellinie eintrat, und alle folgten buchstäblich einem Befehl, der wirklich sehr leicht auszuführen war. Außerdem daß dieß alle Aussicht auf einen nicht sehr 475 fernen Kampf gewährte, hatte es noch die weitere Folge, daß sich die Linie fast mit mathematischer Genauigkeit scststellte. „Wünscht Ihr vielleicht, Sir Gervaisc, daß wir unsere unteren Leestückpforten zn öffnen versuchen?" fragte Greenly. „Wenn wir nicht etwas der Art Prokuren, werden wir kein schwereres Geschütz als die Achtzchnpfünder zur Verfügung haben, falls Monsieur de Vervillin für passend erachten sollte, den Kampf zu eröffnen." „Und ist er etwa besser daran? — Es würde wahrhaftig an Wahnsinn gränzen, wenn wir daran denken wollten, die Unterdeckskanonen bei solchem Wetter in den Kampf zu führen, und so wollen wir Alles fest verschlossen halten. Sollten die Franzosen das Spiel anfangcn, so haben wir den Vortheil, windwärts zu sein, so daß der Verlust weniger Sturmsegel dm besten Mast in ihrer Flotte in unsere Hände führen müßte." Greenly gab keine Antwort, obwohl er klar erkannte, daß der Verlust eines Mastes beinahe mit voller Gewißheit auch den Verlust des Schiffes nach sich ziehen müßte, sobald eine seiner schwereren Spieren zu Schanden ginge. Aber gerade hierin zeigte Sir Gervaisc, als oberster Befehlshaber, eine seiner größten Schwächen, und Jener wußte wohl, daß er ihn umsonst zn überreden versuchen würde, von allen unter seinen Befehlen stehenden Schiffen auch nur ein einziges näher an dem Feinde vorüberziehen zu lassen, als er selbst mit dem Plantagenet gekommen war. Sir Gervaisc nannte dicß ,seine Schiffe deckeiff, obwohl cs weiter auf Nichts hin- auslies, als daß er alle in die nämliche Gefahr versetzte, welche für eines oder zwei derselben unvermeidlich geworden war. Der Graf von Vervillin schien diese plötzliche, außergewöhnliche Bewegung der feindlichen Vorhut nicht recht begreifen zu können. Seine Signale folgten sich rasch, und die Mannschaft trat alsbald an die Kanonen; cs war nichts weniger als leicht für die Schiffe, welche fortwährend so dicht als möglich beim Winde hielten, in einem solchen Sturme irgend eine wesentliche Aenderung in den 476 bezüglichen Stellungen zu treffen. Doch drohte nunmehr das rasche Vorrücken der Engländer ein baldiges Zusammentreffen, wenn überhaupt ein solches beabsichtigt wurde, und so war es immerhin Zeit, sich zu rühren, um wenigstens darauf gefaßt zu sciu. Andererseits herrschte auf dcu englischen Schiffen eine wahre Todtenstille. Die Mannschaft war bereits auf ihren Posten, und dann folgt jedesmal auf Kriegsschiffen ein Augenblick der tiefsten Ruhe. Die untere» Stückpsorten blieben geschlossen, und so war die Bedienungsmannschaft auf dem unteren Verdeck so zu sagen in Dunkelheit begraben, während die auf dem oberen immer noch thcilweise durch die Halbpfortcu verdeckt blieb. Auch für die Matrosen an den Segeln gab cs im wörtlichen Sinne des Wortes nichts zu thuu, und Alles war scheinbar der Bewegung der mächtigen Maschinen selbst überlassen, auf denen sie schwammen. Sir Gervaisc, Greeuly und die gewöhnlichen diensthabenden Offiziere blieben immer noch auf der Kampanjc und verwandten die Blicke kaum einen Augenblick von der Flotte des Feindes. Jetzt waren der Plantagcnct und der Temcrairc nur noch wenig über eine Meile von einander, und jeden Augenblick minderte sich die Entfernung zwischen beiden. Der letztere mußte sich mühsam durch die Wogen kämpfen, wobei seine Büge bis zu dcu Klüsgatcn in die See versanken, während der crstcrc in rascher, leichter Bewegung durch die Wcllenschluchtcn und längs der Wogenrcihcn dahinzog, indem die geflachten Segel ihn in der schweren Brandung, die bei einer solchen Bewegung unvermeidlich war, aufrecht erhalten halsen. Noch immer brach sich von Zeit zu Zeit eine hohe Woge au seinem Wctterbord, warf ihren Kamm in einem glänzenden Wasserbogcn empor und ließ ganze Tonnen Wassers auf dem Verdecke zurück. Sir Gervaise hatte in seinem Wesen auch jedes Aufflackcru von Aufregung verloren. Wenn er sprach, so that er cs in freundlichem , scherzhaftem Tone, wie ihn etwa ein fcingebildetcr Mann 477 in Gesellschaft von Damen annehmen würde. Seine ganze Energie hatte sich nämlich in dem Entschlüsse, eine kühne That zu vollbringen , vereinigt, und wie dich bei den thatkräftigsten Männern nicht ungewöhnlich ist — je näher die Zeit zur Vollfükrung seiner Absicht heranrückte, desto mehr schien er auch die Hilfe einer uu- ächten erzwungenen Festigkeit verschmähen zu wollen. „ Die Franzosen öffnen ihre unteren Stückpforten nicht, Greenly," bemerkte der Viceadmiral, indem er das Glas nach einem laugen Blicke aus den Feind finken ließ, „trotzdem, daß sie den Vortheil haben, leewärts zu liegen. Ich halte dieß für ein Zeichen, daß sie nichts sehr Ernstliches im Schilde führen." „Noch fünf Minnten —- und wir werden besser wissen, wie wir daran find, Sir Gcrvaise. Dieses Schiff gleitet ja dahin, wie eine Londoner Kutsche." „Bei all' Dem ist seine Linie doch recht unstät und schwankend, Greenly. Seht einmal jene beiden Schiffe dort hinten — sie sind fast eine halbe Meile windwärts von der übrigen Flotte und wenigstens um eben so viel zu weit zurück. — Nicht wahr, Greenly?" Der Kapitän wendete sich zu der Queue der französischen Linie und musterte mit gehöriger Bedächtigkeit die Stellung der beiden erwähnten Schiffe. Sir Gervaise aber senkte das Haupt in tiefem Nachfinnen und fing wiedcrmn, auf der Kampanje hin und her zu gehen. Ein und zwei Mal hielt er inne, um nach der Nachhut der Franzosen zu sehen, welche damals eine volle Meile von ihm entfernt war, und eben so oft setzte er seinen Spaziergang wieder fort. „Bunting," sprach der Viceadmiral sanft, „kommt einen Augenblick hierher. Unser letztes Signal war, im Fahrwasser des Oberadmirals zu bleiben und seinen Bewegungen zu folgen — nicht wahr?" „Ja, Sir Gervaise. So zu sagen der alte Befehl — den Bewegungen, mit und ohne Signale, zu folgen." 478 „Gebt die Signale: so nahe als die Sicherheit es erlaubt, in Linie aufzuschließen und die Segel nach dem Flaggenschiffzu führen." „Ja, ja, Sir Gervaise-in fünf Minuten sollen beide aufgehißt sein, Sir." Jetzt zeigte der kommandircnde Admiral sogar eine vergnügte Miene. Seine physische Aufregung kehrte einigermaßen zurück und ein Lächeln zuckte um seine Lippen. Sein Auge richtete sich auf Greenly, um zu sehen, ob dieser sein Vorhaben ahne, und dann gewann sein Acußeres alsbald wieder die frühere Ruhe. Unterdessen wurden die Signale gegeben und beantwortet. Letzteres wurde Sir Gervaise gemeldet, der seine Blicke über die ganze rückwärtige Linie Hinstreifen ließ und bemerkte, daß die verschiedenen Schiffe bereits beibraßten und die Segel langsam vierten, um dieZwischenräumezwischen den cinzelnenZweideckernzuverkürzen. Sobald man gewahr wurde, daß der Carnatic aufschloß, erhielt Kapitän Greenly Befehl, die Haupt- und Fockraae beinahe rechtwinklich zu legen, all' seine Stagscgclschoten aufzurichten und so weit abzuhaltcn, bis Alles gehörig in Zug käme. — Der Befehl erregte zwar, wie billig, Erstaunen, wurde aber dennoch unverzüglich befolgt. Der Moment des Zusammentreffens war nun gekommen. In Folge des starken Abhaltcns konnte jetzt der Plantagenet nicht mehr völlig drei Viertheile einer Meile von dem Luvbug des Temeraire entfernt sein, den er, in raschem Laufe sich nähernd, mit einem halbschrägcn Feuer bedrohte. Um dieses zu verhindern, machte das französische Schiff eine kurze Wendung, so daß es mit rascherem, leichterem Gange durch die Wogen hineiltc und seine eigene Breitseite dem bedrohten Punkte näher brachte. Dieses Manöver wurde von den beiden nächsten Schiffen — vielleicht etwas zu voreilig — nachgeahmt, denn der Admiral selbst schien sich um keinen Preis von dem Feinde abwenden zu wollen, und hielt denFoudroyant luvwärts. Die Hinteren Schiffe folgten 479 der Bewegung ihres Kommaudircndeu, so daß die Vorhut der französischen Flotte durch diese Acnderung einigermaßen in Unordnung gerietst, welche immer größer zu werden drohte, wenn der eine oder der andere der beiden Theile nicht bald von dem eingcschlagenen Kurse abstand. Allein divZcit drängte und die beiden Flotten näherten sich so eilig, daß jeder andere Gedanke verdrängt werden mußte. „Das ist nur Kinderarbeit für Euch, Grcenly!" rief Sir Gervaisc lächelnd. „Ein kommandirendcr Admiral kommt mit geschleppten Bolcincn, sein zweites und drittes — wenn nicht gar auch sein viertes — Schiff vor ihm, gerades Wegs mit dem besten Winde auf Euch zugelaufen! Wenn wir nun dem Grafen im Vor- bcipassiren einige Punkte abkappen können, werden all'die Bursche da hinten ihm Nachfolgen, und der Warspite, der Blcnheim und der Thunderer werden wie Mädchen in einem Contretanze vorbei- schlnpfcn I Sendet Bury ans das große Deck hinab und gebt ihm Befehl, seine Achtzchnpfnndcr bereit zu halten." Greenly gehorchte wie natürlich, und jetzt erst fing er an, eine bessere Meinung von der Verwegenheit im Seekriege zu bekommen, als er bis jetzt gehabt hatte. Dieß war der gewöhnliche Gang der Dinge bei diesen beiden Offizieren: der Eine urtheilte und beschloß, wie sein ruhiger Verstand cs ihm cingab, der Andere folgte seinen Eingebungen mit größter Bereitwilligkeit, bis neue Thatsachen dazwischen kamen, welche bewiesen, daß irdische Dinge eben so sehr durch zufällige Einflüsse — die Wirkungen entfernter, unsichtbarer Ursachen — als durch die bestersonncnen Plane, von augenblicklicher Noth eingcgeben — geleitet werden. Wenn sie in ruhigeren Stunden ans die Vergangenheit zu sprechen kamen, suchte der Viceadmiral seine Triumphe gewöhnlich dadurch vollständig zu machen, daß er dem Kapitän zu Gcmüthe führte, wie er, wenn ihm nicht das Glück zur Seite gewesen wäre, cS auch nicht hätte nützen können: für einen Seeoffizier, der sonst klug und wachsam war, allerdings kein übler Glaube. 480 Die Quartiermeister der Flotte ließen eben die sechste Glocke schlagen, oder verkündeten mit anderen Worten, daß die siebente Stunde der Morgenwache gekommen sei, als der Planta gen et und der Temeraire einander quer gegenüber kamen. Beide Schiffe drängten sich schwerfällig durch die Welleuschluchten dahin, beide steuerten in ernster Majestät windwärts, und dennoch glitten beide mit einer Schwerkraft durch die Brandung, welche der kaum bemerkbaren Bewegung eines Planeten gleich kam. Das Wasser schoß von ihren schwarzen Seiten und den glänzenden Hängcmat- teutüchern zurück, und all' das schwarze Rüstzeug des Kriegs, welches ein Linienschiff von anderen Fahrzeugen unterscheidet, glitzerte vom Schaum-—doch keines von beiden gab ein Zeichen der Feindseligkeit von sich. Der französische Admiral schickte kein Signal zur Eröffnung des Kampfes, und Sir Gervaise hatte seine eigenen Gründe, warum er wünschte, die Vorhnt des Feindes wo möglich ungefährdet zu passircn. Auf dem Plantagenet wie aus dem Carnatic, welch' letzterer sich dem Admiralschiffe bis auf halbe Kabellänge genähert hatte, entrann eine Minute nach der andern in athemlosem Schweigen. Jedes Auge, das irgend eine Ocffnung zum Ausschaueu vor sich hatte, war nach den Stückpforten des Hauptdecks auf dem Temeraire gerichtet, und erwartete jeden Augenblick, das Feuer aus dessen Kanonen hervorbrcchen zu sehen. Doch jeden Augenblick verminderte sich diese Wahrscheinlichkeit, wenigstens bei dem ersten von den französischen Schiffen, das bald außerhalb der Feuerlinie des Plantagenct war, woraus sich dasselbe Schauspiel, mit demselben Erfolg, bei dem Conquercur, dem zweiten Schiffe in der französischen Linie wiederholte. Sir Gervaise lächelte, als er die drei ersten Schiffe passirt hatte, ohne daß man, wie es schien, Notiz von ihm nehmen wollte; als er sich aber jetzt dem Admiralschiffe näherte, da war er fest überzeugt, daß diese Ungestrastheit ein Ende nehmen müsse. 481 „WaSsic mit all' Dem b eabsichtigen, Grcenly," bemerkte er gegen seinen nebenstehenden Gefährten, „ist mehr, als ich zu sagen vermag; mir wollen aber näher hinzngchcn und cs ausfindig zu machen suchen. Haltet das Schiff noch etwas weiter ab, Sir; noch um einen halben Punkt müßt Ihr abhalten." Grcenly war eben jetzt nicht geneigt, Gegenvorstellungen zu machen, denn auch seine kluge Zurückhaltung wich nunmehr der Aufregung des Augenblicks. Er war darin das direkte Gegenbild von Sir Gervaisc's Charakter — da der Eine seine ausnehmende Besonnenheit gerade in solchen Augenblicken verlor, wo sie der Andere im Drange der Umstände von Neuem gewann. Das Steuer wurde ein klein wenig in die Höhe gehoben und das Schiff begann alsbald, noch näher gegen den Foudroyant heranzurücken. Der französische Admiral befand sich, wie dieß bei allen Marinen gewöhnlich ist, ans einem der besten Fahrzeuge seiner Flotte. Der Foudroyant war nicht allein ein großes Schiff, das in der unteren Reihe französische Zweiundvierzigpfünder führte, und im Ganzen seine achtzig Kanonen am Bord hatte, sondern auch, gleich dem Plantagcnct, als einer der schnellsten und ausdauerndsten Segler seiner ganzen Gattung bekannt. Dieses edle Schiff hatte unterdessen fortwährend beim Winde gehalten, und war dadurch ziemlich weit windwärts von dem zweiten und dritten Zweidecker vor ihm gerathen; zu gleicher Zeit aber hatte sich auch seine Entfernung von den rückwärtigen Schiffen, die ihm hätten Hilfe leisten können — um ein Bedeutendes gemehrt. Mit einem Wort, das Admiralschiff war durchaus nicht in der gedeckten Lage, in der es eigentlich hätte sein sollen, wenn es nicht noch ausbog — ciue Bewegung, an welche Niemand an seinem Borde zu denken schien. „Ein edler Bursche, Grcenly, dieser Gras von Vervillin!" murmelte Sir Gervaise in einem Tone der Bewunderung, „so Die beide» Admirale. 31 482 habe ich ihn jederzeit gefunden, und ihn auch jederzeit als Solchen geschildert. Laßt die Narren in ihren Zeitungen und die Schurken in ihren Schreibstuben schelten, so viel sie wollen — Monsieur de Vervillin würde ihnen Beschäftigung genug geben, wenn sic jetzt hier wären. Ich frage — hat er bis jetzt auch nur um einen Punkt abgehalten — oder besteht er nicht vielmehr darauf, jeden Zoll breit zu behaupten, den er gewinnen kann?" Der nächste Augenblick belehrte übrigens Sir Gcrvaise zur Genüge, daß er sich in dieser letzteren Annahme getäuscht hatte, denn die Büge des Foudroyant fielen jetzt allmählig ab, bis die Kanonenreihen seines Backbords klar wurden und die ganze Breitseite, mit Ausnahme des unteren Verdecks, in eine allgemeine Salve ausbrach. Die aus dem Plantagenet warteten, bis das Schiff auf einer Woge emporsticg; dann erwiedertcn sic den artigen Gruß ihres Feindes mit gleicher Höflichkeit. Der Carnatic sprühte unmittelbar darauf seine Flammenschichte aus, und auch Lord Morganic luvte den Achilles rasch in den Wind, so daß seine Kanonen schußgerecht wurden, und folgte dem Beispiel seiner Gefährten mit Blitzesschnelle. Diese drei Schiffe hatten ihr Feuer sämmtlich auf den Foudroyant gerichtet, und der Rauch hatte seine Spieren noch nicht verlassen, als Sir Gervaise bemerkte, daß seine drei Hauptstengen sammt und sonders leewärts hingen. Bei diesem Anblick sprang Grcenly triumphircnd auf das Deck und brach in ein dreimaliges Hurrah aus. Die Mannschaft unten erwiederte seinen Ruf, sogar Diejenigen, welche auf dem unteren Deck gewissermaßen begraben waren, und im nächsten Augenblick konnte man, trotz des Sturms, auch die aus dem Carnatic hinten dem Beispiele ihrer Kameraden folgen hören. In diesem Augenblicke eröffnete die französische wie die englische Linie, beide zumal, in ihrer ganzen Ausdehnung von der Spitze bis 483 zur Nachhut, so weit die Kanonen tragen und die Kugeln treffen mochten — ihr Feuer. „Nun, Sir, jetzt ist cs Zeit für uns, mit de Vervillin anzubinden!" rief Greenly, fo bald er bemerkte, wie übel das feindliche Schiff zugerichtet war.' „Mit unserer dichtgedrängten Linie können wir hoffen, ein vollkommenes Wrack aus ihm zu machen." „Nicht so, Grecnlu," erwiederte Sir Gervaise ruhig. „Ihr seht, der Admiral wendet bereits ab, und wird in fünf Minuten bei seinen übrigen Schiffen fein; so bekämen wir also nichts als einen allgemeinen Kamps mit einer doppelt überlegenen Streitmacht. Was wir gemacht haben, haben wir gut gemacht, und so wollen wirs dabei bewenden lassen. Es will schon etwas heißen, das feindliche Admiralschiff entmastct zu haben: nun müßt Ihr aber auch daraus sehen, daß der Feind dem unsrigcn nicht den gleichen Streich spiele. Ich hörte einige Kugeln da oben raffeln, und das Tauwerk ist sämmtlich auf's Acnßcrste gespannt." Greenly entfernte sich, um nach seinem Schiffe zu sehen, während Sir Gervaise fortwährend auf dcr Kampanje auf und ab ging. Der Foudroyant hatte sein ganzes Feuer ans den Plantagenet gerichtet; die See ging aber so hoch, daß nicht eine einzige Kugel den Rumpf desselben berührt hatte. Nur oben unter dem Tauwerk hatte das Schiff einigen Schaden «erlitten, doch war derselbe so unbedeutend , daß er, selbst bei diesem stürmischen Wetter, durch die flinken, geschickten Matrosen rasch wieder ausgebcssert werden konnte. Die meisten Kugeln hatten nämlich die Wellen gestreift, und waren von ihrer so verschiedenartigen Oberfläche in allen nur denkbaren Winkeln zurückgeflogen. Eines der Geheimnisse, welches Sir Gcr- vaise seine Kapitäne gelehrt hatte, bestand darin, daß sie es, wenn immer möglich, vermeiden sollten, die Oberfläche der See zu treffen, wenn diese nicht ganz glatt, und der zu erreichende Gegenstand ziemlich nahe bei der Hand wäre. Dann hatte auch der französische Admiral das erste — und damit auch das zerstöreudste — Feuer 3l" von drei frischen Schiffen empfangen, und seine Beschädigung war in eben diesem Verhältnisse bedeutend geworden. Die Scene war nun sehr belebt nnd nicht ohne großartige Wildheit. Der Sturm war noch immer so heftig wie zuvor, und zu dem Toben des Oceans, zu dem Heulen der Winde kam jetzt noch der Donner des Geschützes und das Rauchgewölke der Schlacht. Doch stand die Zerstörung aus keiner von beiden Seiten im Ver- hältniß mit dem tobenden Lärm, der dabei gleichsam aceompagnirtc, denn die Entfernung und die Nnstätigkcit der Schiffe verhinderte durchaus ein scharfes Zielen. Zu jener Zeit führte ein großer Zweidecker kein schwereres Kaliber als Achtzehnpfünder auf seinen oberen Batterien, und so wirksam dieses Geschütz auch in den meisten Fällen ist, so übt es doch nicht jene furchtbare Zerstörung, wie dieß bei den neueren Breitseiten der Fall ist. Nichtsdestoweniger herrschte ein gewaltiger Lärm, und auch einiges Blut wurde hin und wieder vergossen; im Ganzen aber hätte man, nachdem dcr Warspite, das letzte von den englischen Schiffen, wegen allzugroßer Entfernung des ihm gegeuübcrstehenden Feindes sein Feuer eingestellt hatte — nicht wohl behaupten können, daß irgend eines von den Schiffen, den Foudroyant ausgenommen, mehr als Begrüßungsschüsse empfangen habe. In diesem Augenblicke erschien Grecnly wieder auf der Kam- panje, nachdem sein eigenes Schiff seit mehreren Minuten zu feuern aufgehört hatte. „Nun, Greenly, die Kanonen des Hauptdecks sind wenigstens wieder einmal ausgeschleimt," bemerkte Sir Gervaise lächelnd; „das braucht also eine Zeitlang nicht mehr vorgenommen zu werden. Ihr laßt hoffentlich bei den Batterien Alles bereit halten?" „Wir sind völlig bereit, Sir Gervaise, aber da ist nirgends mehr etwas zu thun. Es wäre nutzlos, unsere Munition an Schiffe zu verschwenden, die sich volle zwei Meilen unter unserem Lee befinden." „Ganz richtig — vollkommen richtig, Sir. Doch sind nicht 485 alle Franzosen so weit leewärts von uns, wie Ihr wohl glauben mögt, wenn Ihr vorwärts hinausschaut. Jene beiden wenigstens sind nicht so ganz außer unserem Bereiche." Grccnlv drehte sich um, schaute einen Augenblick in der von dem kommandircnden'Admiral angedeuteten Richtung, und dann wurde ihm auf einmal mit wahrer Blitzesschnelligkeit klar, was Sir Gcrvaise mit seinem früheren Abhalten eigentlich beabsichtigt hatte. Ohne ein Wort zn sprechen, verließ er die Kampanje augenblicklich wieder, und musterte den Zustand seines Schiffes von den oberen bis zu den untersten Batterien, indem er überallhin seine Blicke wendete und allenthalben seine Befehle crtheilte. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Beim Himmel! traun, 's ist wunderbar zu seh'n, (Es wäre denn ein Bruder dort, ein Freund) Der buntgestickten Schärpen krieg'risch Weh'n — Der Waffen Glanz, auf den die Sonne scheint. Cliilde Harold. DaS kurze Zusammentreffen der Tüte der französischen Linie mit den englischen Schiffen, die Bewegung, welche hierauf gefolgt, die Entmaftung des Foudroyaut und die Fortdauer dcsStnrmö— alles Dieß zusammeugcnommen hatte in den gegenseitigen Stellungen der beiden Flotten wesentliche Aenderungcn zur Folge gehabt. Die englischen Schiffe behaupteten ihre Posten sämmtlich mit der schönsten Genauigkeit, und steuerten immer noch in dicht geschlossener Linie gegen Süden, indem sie den Wind hinter ihrer Back und die Raaen bcigebraßt behielten. Unter diesen Umständen batten sie höchstens sieben bis acht Minuten nöthig, um aus dem wild erregten Ocean eine ganze Meile zurückzulcgen, und dieß fiel gerade in den Zeitpunkt, da sie alle dem unsicheren, langsamen Feuer des Feindes, wie es der Zustand des Wetters nicht anders erlaubte, 486 am meisten ausgesetzt gewesen waren. Die unbedeutenden Beschädigungen, welche sie dabei erlitten hatten, waren bereits wieder ausgebcffert oder wenigstens auf dem besten Wege, es zu werden. Andererseits herrschte keine geringe Unordnung unter den Franzosen. Ihre Linie, welche eine volle Meile einnahm, war nie sehr genau gewesen; einige von den vorderen Schiffen, oder wer in der Nähe des kommandirenden Admirals segelte, unterstützten sich ge- gegenseitig, so gut mau dieß wünschen konnte; dagegen blieben die Hinteren Schiffe durch große Zwischenräume von einander getrennt. Unter diesen letzteren segelten überdicß noch einige viel weiter windwärts , als die andern, und zwar war diese Unregelmäßigkeit von dem Admirale selbst ausgegangen, der so nahe als möglich an den Feind zu luven wünschte — ein Wunsch, der bei seiner Ausführung die weniger ausdauernden Schiffe nothwendig leewärts bringen mußte. So waren die beiden Schiffe in der äußersten Nachhut, wie schon oben angcdeutet wurde, ungewöhnlich hart gegen den Wind gestaut und dabei bedeutend luvwärts von ihren Kameraden geworfen worden, während ihre Geschwindigkeit verhältnißmäßig immer mehr abnahm. Diese vereinten Umstände waren cs, welche sie so weit rück- und windwärts gebracht hatten. Damals, als Sir Gervaisc den Kapitän Greenly auf diese Nachzügler aufmerksam machte, befanden sich die beiden schon erwähnten Schiffe eine volle halbe Meile west- und noch viel weiter südwärts von ihrem nächsten Kameraden. Wenn man sich erinnert, daß der Wind fast gerade aus Westen kam, und daß die ganze französische Flotte, mit Ausnahme dieser beiden Schiffe, nordwärts steuerte, so wird man die Stellung der letzteren um so besser begreife». Der Foudroyant hatte nach dem Verluste seiner Masten gleichfalls abgehalten, bis er wieder hinter dem Fahrwasser seiner vorderen Gefährten auf seiner eigenen Linie cintras, und da die Schiffe mehrere Minuten lang gerade in der Richtung des Windes hinstcuerten, so brachte dieses Manöver die Franzosen noch weiter leewärts. -187 Um die Sache noch mehr zu verschlimmern, hatte Monsieur de Vervillin in dem Augenblick, da sich der Warspite aus der französischen Feuerlinie znrückzog, ein neues Signal an seiner Gaffel aufgesteckt, welches der ganzen Flotte zu vieren befahl — ein Befehl, der zwar allerdings den Anschein der Tapferkeit hatte, da er die Schiffe rundherum in das Fahrwasser des Feindes brachte, und so gleichsam wie eine Herausforderung aussah, der aber nichtsdestoweniger ganz dazu geeignet war, den Engländern den ganzen Vortheil des Windes wieder zu geben, den sie beim Abhalten verloren hatten. Da es nothwendig war, bei Ausführung dieses Manövers gehörig Raum zu gewinnen, um die Schiffe, die sich jetzt alle nach vorn ans einem Haufen gesammelt hatten -— wieder aus einander zu bringen, so kam der Temeraire, als er aus der Steuerbordseite in den Wind gelangte, eine volle halbe Meile leewärts von dem Admiralschiffe, das eben erst sein Steuer aufgerichtet hatte. Natürlich mußte jedes Schiff, um eine neue Linie nach Süden zu bilden, sich zuvor wieder in das Kielwasser des vordersten Zweideckers begeben, was die ganze französische Flotte abermals zwei volle Meilen leewärts von der englischen Linie entfernen mußte. Nichtsdestoweniger fuhren die zwei Nachzügler an der Queue des französischen Geschwaders fort, den Wind mit einer Hartnäckigkeit zu fassen, woraus mau ihren Entschluß, sich mit dem Feind im Vorüberfahrcn zu messen — deutlich erkennen konnte. Die beiden Schiffe waren der Scipio und die Victoire — jedes von vierundsicbenzig Kanonen. Das erste derselben befehligte ein junger Mann, der zwar im Seewesen nur äußerst geringe Erfahrung, dagegen aber bei Hof sehr bedeutenden Einfluß besaß; das zweite stand unter einem Kapitän, der sich, wie der alte Parker, unter großen Schwierigkeiten, mit manchen harten Stößen und noch härterer Arbeit den Weg zu seiner jetzigen Stellung gebahnt hatte. Unglücklicherweise hatte Ersterer den Vorrang, und der bescheidene Fregattenkapitän, der durch Zufall ei» Linienschiff zu kom- niandircn bekommen hatte, wagte nicht, einen Schissskapitän der einen Herzog zum älteren Bruder hatte und sich selbst einen Grafen nannte — allein zu lassen. Es lebte vielleicht ein ritterlicher Geist in dem Grafen von Che- lincourt, der ihn zu dem gefahrvollen Entschlüsse bewog, mit zwei Schiffen an deren sechscn in solcher Nähe vorüberzusegcln — ein Geist, der uns wieder mit ihm aussöhnen und einen Schleier über seine Unbesonnenheit werfen könnte, um so mehr, als seine eigene Flotte nahe genug war, um ihm im Falle eines Unglücks zu Hilfe zu kommen, und überdicß immer noch die Möglichkeit offen stand, daß der Verlust einer wichtigen Spiere am Bord eines der feindlichen Schiffe die Eroberung desselben nach sich ziehen konnte. So wenigstens dachte Monsieur de Ehelinconrt, indem er mit an- gezogcnen Backbordhalsen kühn darauf los steuerte und sogar, nachdem der Temeraire rund geviert hatte, den Wind noch beständig gefaßt hielt, worin ihm Monsieur Comptant auf der Victoire getreulich nachfolgte. Der Plantagcnet war indessen keine ganze Meile mehr von dem Scipio entfernt, und näherte sich ihm mit immer gleicher Geschwindigkeit; so machten eS die obwaltenden Umstände ipr höchsten Grade wahrscheinlich, daß er bald auf eine Vicrtelmcile Entfernung an dem Wctterbord seines Feindes vorübcrkommen und hierauf eine neue Kanonade folgen müßte, welche weit ernsthafter, als Alles, was sich bis jetzt zugctragen hatte, zu werden drohte. Die wenigen dazwischen liegenden Minuten gewährten Sir Ger- vaise Zeit, einen Blick um sich zu werfen und zum endlichen Entschlüsse zu gelangen. Die englische Flotte hatte nie besser Linie gehalten, als gerade in diesem Augenblick. Die Schiffe waren so dicht aufgeschlossen, als die Sicherheit nur immer gestattete, und Segel und Taue standen so sicher und fest, als ob der günstigste Paffatwind wehte. -L89 Die vorderen französischen Schiffe vierten und vergrößerten dadurkb ihre Entfernung leewärts, so daß sie eine volle Stunde bedurft hätten, um so nahe heranznkommcn, daß sie überhaupt hätten gefährlich werden können; die Hinteren folgten dieser Bewegung, ohne sich im Geringsten um ihre beiden luvwärts steuernden Gefährten zu bekümmern. Die Chloe hatte bereits gewendet und war eben, den Wind erfassend, unter einem Walde von Segeln, der sie unter seiner Wucht beinahe zu begraben drohte, windwärts gerathen. Der Active und Driver waren noch auf ihrem früheren Standpunkte, der eine vorn, der andere hinten am Luvbord des Plantagcnet; der Druid endlich hatte so nahe aufgeschlossen, daß sein Stumpf mit den scharf angezogenen rcchtwinklichen Raacn deutlich sichtbar war. „Das ist entweder ein sehr kecker oder ein sehr hartnäckiger Bursche, der da drüben die beiden Schiffe vor uns kommandirt," bemerkte Greenly, welcher neben dem Viceadmiral stand, eben als dieser seinen Ueberblick beendigt hatte. „Welchen Zweck kann er nur haben, daß er in einem solchen Sturme einer dreifach überlegenen Flotte Trotz bietet?" „Wäre er ein Engländer, Greenly — wir würden ihn einen Helden nennen! Wenn er Einem von uns einen Mast entzweibricht, kann er den Verlust des ganzen Schiffes herbeisühren oder uns zwingen, mit einer doppelt so starken Flotte anzubinden. Tadelt ihn nicht, sondern helft mir lieber, ihn zu enttäuschen. Jetzt merkt wohl auf und sorgt, daß Alles unverzüglich vollzogen werde." Sir Gervaise erklärte nun dem Kapitän seine eigentlichen Absichten. Zuerst befahl er dem ersten Lieutenant in eigener Person (bei einem Manne, wie er, ein höchst ungewöhnlicher Fall) — das Schiff so weit als thunlich abzuhalten, ohne dabei diese Absicht merken zu lassen. Da wir übrigens diese Befehle im Verlaus der Erzählung gelegentlich näher erklären werden, so ist cs unnöthig, jetzt schon dabei zu verweilen. Greenly ging sodann hinab und L90 ließ Sir Gervaise mit Bnnting und dessen Gehilfen in dem alleinigen Besitz der Kampanje. Schon seit einiger Zeit war ein geheimes Signal bereit gehalten worden: jetzt wurde dasselbe anfgehißt. In fünf Minuten war es von allen Schiffen der Flotte abgenommen, verstanden und beantwortet. Sir Gervaise rieb sich die Hände wie Einer, der hocherfreut ist; gleich daraus bedeutete er Bnrv, der mit dem Sprachrohr auf dem Quarterdeck stand, durch einen Wink, daß er zu ihm auf die Kampanje heraus kommen möchte. „Hat Euch Kapitän Grccnlp in unser Komplot eingeweiht, Bnry?" fragte der Viccadmiral in der vergnügtesten Laune, sobald der Lieutenant feinem Winke gehorcht hatte. „Ich sah ihn mit Euch sprechen, ehe er hinabging?" „Er sagte mir blos, Sir Gervaise, ich sollte den Franzmännern so nahe als möglich zu Leibe rücken, und dieß thnn wir auch, denk' ich, so schnell als Mounscher" — Bnry war ein Anglo- Gallikaner — „nur immer wünschen mag." ,„AH! der alte Parker giert tüchtig leewärts! Verlaßt Euch drauf, er wird stets an der rechten Stelle sein. Der Carnatic ging bei diesem einzigen Male seine volle fünfzig Faden aus der Linie. Der Thunderer und Warspite ebenso! Nie wurde ein Signal schöner und pünktlicher vollzogen. Wenn die Franzosen jetzt noch nichts merken, so wird Alles ganz nach unserem Sinne gehen." Jetzt fing auch Bnry an, das Manöver zu begreifen. Der Viceadmiral ließ je das zweite Schiff seiner Flotte rasch leewärts gieren, so daß eine Luv - und eine Leelinie mit vergrößerten Zwischenräumen zwischen den einzelnen Schiffen gebildet wurde, während alle zusammen wie im Fluge absteucrten, so daß sie dem Feinde mit Blitzesschnelle näher kamen. Es war jetzt außer Zweifel, daß der Plantagenet, und zwar in weniger als zwei Minuten, aus hundert Faden Entfernung an 491 dem Scipio vorüber kommen mußte. Die ursprüngliche Verzögerung des letzten Manövers begünstigte jetzt sehr das Gelingen desselben, insofern sie dem Feind keine Zeit zur Ueberlegung übrig gelassen hatte. Der Graf von Chelincourt hatte in der That den Plan des Feindes nicht' durchschaut oder wenigstens dessen Folgen nicht vorhergesehen, obwohl Beides dem erfahrenen Fregattenkapitän hinten sogleich vollkommen klar war. Es war zn spät; sonst würde der Letztere seinen Vorgesetzten durch Signale gewarnt haben, aus seiner Hut zn sein; wie die Sachen nunmehr standen, blieb allem Anschein nach nichts anderes übrig, als durch die feindliche Gasse Spießruthen zu laufen und Alles den Wechselsällen einer Schlacht anheimzustellen. In einem Augenblicke, wie wir ihn jetzt beschreiben, drängen sich die Ereignisse weit rascher, als wir sie zu erzählen im Stande sind. Der Plantagenet war jetzt aus Pistolenschußweite vor dem Scipio und ans dessen Luvseite. In demselben Augenblick, da die Bugkanonen ans beiden Seiten zn spielen begannen, machte der Carnatic, der mit dem Feinde fast in gleicher Linie stand, eine volle Wendung leewärts und rückte dann vor, indem er das Feuer noch während der Wendung mit seinen Luvbatterien eröffnete. Der Thunderer und Warspite folgten diesem Manöver, und boten dadurch dem Franzmanne die unerfreuliche Aussicht, von beiden Seiten angegriffen zn werden. Wir können nicht verhehlen, daß Monsieur de Chelincourt bei dieser plötzlichen Acnderung seiner Lage nicht wenig beunruhigt war. Was einen Augenblick zuvor das Ansehen eines ritterlichen, obwohl ausnehmend kühnen Vorbeipassirens an einem furchtbaren Feinde gehabt hatte, fing jetzt an, so ziemlich den Anschein völliger Vernichtung zu gewinnen. Doch war's zu spät, dem Uebel vorzubeugen, und der junge Gras, so tapfer wie nur irgend Einer, beschloß, männlich der Gefahr in's Auge zu schauen. Er hatte kaum Zeit, den Leuten aus dem Quarterdeck einige 492 ermunternde Worte mit dramatischer Lebhaftigkeit zuzurnfen, als das englische Admiralschiff in einer Wolke von Rauch und unter einem Strome von Feuer vorübcrschost. Er antwortete kühn mit seiner eigenen Breitseite, so weit wenigstens das Wetter es erlaubte; doch während noch der Rauch von beiden Salven zwischen seinen Masten auf- und nicdcrwogte, erschien der Earnatic mit seiner- schwarzen Takelage in der sich drängenden Dampfschichte, welche vor einem zweiten Flammenstrome aus den dem Untergang geweihten Franzmann znrückwirbelte. Dreimal hinter einander, in Zwischenräumen von nur einer Minute, wurde dieser furchtbare Angriff auf den Scipio erneuert, jedesmal kam der eherne Hagel zuerst windwärts herüber, sckien dann wie durch seinen eigenen Rückprall von leewärts zurückge- tricbcn zu werden, und liest den Gcängstigten kaum so viel Zeit, um Athem zu holen, viel weniger, um das Feuer zu erwiedern. Die Wirkung war vollständig — der Scipio war zum Schweigen gebracht; zwischen die Wutb der rasenden Elemente und die zerstörenden Salven des Feindes eingekeilt, hatte eine Art wilder, blutgetränkter Verwirrung die Stelle der Ordnung und des planmäßigen Handelns an seinem Borde eingenommen. Seine Decks waren mit Todten und Verwundeten übersä't, unter deren Letzteren sich auch der Graf von Ehelincourt befand, dessen Befehle auf eine Art gegeben und wieder zurückgenommen wurden, daß sie jedenfalls völlig nutzlos, wenn nicht ohne allen Zusammenhang blieben. Von dem Augenblicke, da der Plantagenet seine erste Kanone abgefeuert, bis zu dem, wo der Warspite feine letzte gelöst hatte, waren gerade fünf Minuten verflossen. Den Franzosen war diese Zeit wie eine Stunde. ihren Feinden dagegen nur wie ein Augenblick vorgekommen. Einhundert und zwciundachtzig Matrosen und Schiffsjungen hatten diese ereignißreichen Augenblicke auf dem Scipio allein als Opfer hingerafft, und als dieses Schiff langsam und mehr durch die Raschheit feiner vorübersaufenden Feinde, 493 als durch seine eigene Geschwindigkeit, diesem Schauplatze der Zerstörung entrann — war von dem ganzen Takelwerk der Fockmast allein stehen geblieben; alle übrigen Masten und Spieren hingen jämmerlich zerschossen am Lee herunter. Den letzteren ausss Ge- rathcwohl gleichfalls abzNhancn und sich geradcswcgs in den Wind zu begeben, um wenigstens die vorderen Spieren zu retten und bald wieder unter den Schutz der Flotte zu gelangen — dieß war Alles, was vorderhand vorgenommcn werden konnte. Beides wurde auch wirklich erreicht, wie wir hier wohl noch beifügen dürfen. Auch der Plantagcnet hatte durch das Feuer seines Gegners einigen Schaden erlitten. Etliche zehn bis fünfzehn Matrosen waren tobt oder verwundet; das große Marssegel war durch eine Kugel vom Horn bis zum Ringe zerrissen; einer der Qnartier- meister wurde von der Kampanje gerissen und über Bord geschlendert; auch einige von den Spieren und ein guter Theil der Takelage bedurften alsbaldiger Ausbesserung. Doch in dem jetzigen Momente dachte Niemand an solche Dinge, wenn sie nicht etwa mit den jedesmaligen drängenden Pflichten des Augenblicks in Verbindung standen. Sir Gcrvaise bekam die Victoirc, welche ungefähr hundert und zwanzig Faden vor ihm lag, gerade in dem Augenblicke zu Gesicht, als das Brüllen der Kanonen des Carnatic ihm zu Ohren drang. Der französische Kapitän sah und erkannte die äußerste Gefahr seines Gefährten, und hatte bereits das Steuer hart beigedreht. „Steuerbord — hart Steuerbord, Bury!" schrie Sir Gcrvaise von der Kampanje herüber. „Verdammt auch, — rennt ihm an Bord, wenn er es wagt, so lange anznhalten, bis er uns begegnet." Der Lieutenant winkte mit der Hand, zum Zeichen, daß er den Befehl verstanden hatte; das Steuerruder wurde hart aufgesetzt, und pfeilschnell wirbelte das Schiff ans einem Berge von *) Das Horn ist das untere, der Nina das obere Ende des Segels. D. U. 494 Schaum leewärts hinüber. Der Admiral hörte eben ein Freuden- geschrei sich durch den Sturm zu ihm herüber ringen, und überfeine linke Schulter blickend, gewahrte er den Carnatic, wie er aus der Rauchwolke herrwrschoß und sogleich seinem eigenen Beispiel folgte, indem er eine zweite und noch stärkere Wendung leewärts machte. Im selben Augenblicke ließ er sein Hauptsegel cnggerefft cinsctzen, entschlossen, wie es schien, seinen Gegner zu überholen und seine Stellung zu behaupten. Nur ein vollendeter Seemann vermochte eine solche Bewegung mitten unter der wilden Hast und Verwirrung einer derartigen Scene so schön und stätig auszuführcn. Sir Gervaise, der eben jetzt keine hundert Klafter vom Carnatic entfernt war, schwenkte den Hut in triumphircndcr Anerkennung, und der alte Parker, der allein ans der Hütte stand, entblößte seine grauen Haare zum Danke für das Kompliment. Diese ganze Zeit über jagten die beiden Schiffe wie rasend vorwärts, während das Gckrach und Ge- brülle der Schlacht hinter ihnen fortdauertc. Das noch übrige französische Schiff wurde flink und geschickt geleitet. Während dasselbe wendete, mußte es unvermeidlich gegen seine Feinde gieren, und Sir Gervaise fand nöthig, seinen letzten Befehl zu widerrufen und rasch in den Wind zu kommen, um der Breitseite der Victoire auszuweichcn, weil er sonst mit seinem eigenen Gefährten zusammengerannt wäre. Der Carnatic aber, der etwas mehr Raum hatte, hielt zuerst ab und kam dann, sobald der Franzmann gefeuert hatte, alsbald wieder in den Wind, so daß dieser entweder auf der andern Seite aufholcn oder gänzlich gegen seinen eigenen Bord abfallen mußte. Beinahe in demselben Augenblick brachte der Plantagenet seinen Luvbord bei, und gab die erste Salve. Parker war seitwärts herangekommen, und hatte sich so nahe hcrbcigedrängt, daß er die Victoire nöthigtc, ihre Bolinien zu Halen, so daß sie gerade zwischen zwei Feuer kam. Eine Spiere nach der andern ging verloren, und 495 bald war nichts mehr als die unteren Masten stehen geblieben; doch konnten der Plantagenet und der Carnatic, so sehr sie auch ihre Segel verkürzt hatten, nicht verhindern, daß sic von dem Sturme an ihrem Opfer vorbei getrieben wurden: übcrdicß war auch der erftcre bereits ohne Marssegel. Ihre Stellen wurden jedoch augenblicklich durch den Achilles und den Thundercr eingenommen, welche beide, um ihren Weg zu verkürzen, ihre Stagsegel niedcrgchalt hatten. Da der Blenheim und Warspite dicht hinter ihnen drein kamen, und eine Achtzehn- pfündcrkugcl die irdische Laufbahn des armen Fregattenkapitäns beendigt hatte, so hielt sein Nachfolger im Kommando für rathsam, nach einem Widerstande, dessen Dauer der Erwartung, wozu man im Anfänge berechtigt gewesen, keineswegs entsprochen hatte, — seine Flagge zu streichen. Das Schiff hatte übrigens jetzt schon bedeutend gelitten, und zählte fünfzig Todte unter den Verlust des heutigen Tages. Natürlich hatte der Kampf mit dieser Unterwerfung für den Augenblick wenigstens sein Ende erreicht. Sir Gcrvaise Oakcs hatte jetzt Muße, und als bald daraus der Rauch vor dem Sturme sich verzog — auch volle Gelegenheit, sich auf dem Kampsplatze umzusehen. Die Mehrzahl der französischen Schiffe hatte unterdessen gewendet; doch außerdem, daß sie noch viel zu weit zurück waren, selbst für den Fall, daß er aus der Stelle bleiben wollte, wo er sich in diesem Augenblicke befand, und sie ihm mit dem Winde zu folgen beabsichtigten — waren sie auch noch einen starken Kanonenschuß todt nach leewärts. Auf seiner jetzigen Stelle zu bleiben, lag übrigens keineswegs in seinem Plane, denn er war fest entschlossen, sich alle errungenen Vortheile zu sichern. Die Hauptschwierigkeit bestand darin, die Prise in Besitz zu nehmen, denn die See ging so hoch, daß es noch sehr in Frage stand, ob ein Boot dnrchkommen würde. Lord Morganie aber war eben in einem Alter und von einem Temperament, um diese Frage zu einer raschen Entscheidung zu bringen. Da er sich gerade am Lnvbord der Victoirc befand, als diese ihre Flagge senkte, so befahl er seinem ersten Lieutenant, in den größeren Kutter zu steigen, und ein halb Dutzend Marinesoldatcn und die nöthige Anzahl Matrosen mit sich zu nehmen. Bald sah man das Boot mit losgebnndenen Rudern über dem tobenden Kessel des Oceans in der Lust schweben: cS niederznsenkcn, anszuhakcn und gehen zu lassen — war das Werk eines Augenblicks — die Ruder fielen ein und der Kutter schwamm leewärts. Eine Kommandantenstelle mußte der Lohn eines glücklichen Erfolges sein, und Daly machte verzweifelte Anstrengungen, um sie zu gewinnen. Die Prise bot die Leeseite dar, und mit der ihrer Nation eigenthümlichen Gntmnthigkcit, Großmnth und Artigkeit, welche im umgekehrten Falle von ihren Gegnern wohl schwerlich nachgeahmt worden wäre, warfen die Franzosen ihren Besiegern Taue zu, um sic aus ihrer höchst widrigen Lage zu befreien. So gelang cs der Mannschaft, die Prise zu erreichen — das Boot aber schlug alsbald um und war verloren. Das Anfhiffcn der rothen Flagge von England, jenes Symbols seines eigenen Ranges, das unter seinen Befehlen noch immer mit Ehren bestanden war, neben der weißen Wimpel von Frankreich — galt Sir Gervaisc als Zeichen, daß der Offizier von der Prise Besitz genommen hatte. Augenblicklich ließ er der Flotte durch ein Signal befehlen, daß Alle den Bewegungen des kommandiren- den Admirales folgen sollten. Sein eigenes großes Segel hatte die Stelle des zerrissenen Marssegels eingenommen, und der Plan- tagenct steuerte wieder so ruhig voraus gegen Süden, wie wenn überhaupt gar nichts Außergewöhnliches vorgefallen wäre. Daly hatte eine volle Viertelstunde alle Kräfte am Bord der Prise aufzubieten, bis er diese endlich so, wie er wünschte, in Gang brachte ; indem er aber die Schiffsaxt ungehindert walten ließ, gelang es ihm endlich, die Victoire von allen hindernden Trümmern 497 los zu machen. Das Focksegel und die Fock- und Kreuzstagsegel standen noch auf dem Schiffe; das große Segel, gleichfalls cinge- refft, war in dem Augenblicke, da man die Flagge gestrichen hatte, zum Einsetzen bereit gehalten worden, um das Schiff aus der erdrückenden Umarmung seiner Feinde zu befreien. Wenn es ihm gelang, den Hals des letzteren an Bord zu bringen und die Schote nach hinten zu schaffen, so hatte er gerade so viel Leinwand eingesetzt , als der Sturm erlaubte, und ans diesen so höchst wesentlichen Punkt war nunmehr seine ganze Thätigkeit gerichtet. In einem Sturme, wie der gegenwärtige, dem nur sehr wenig zu einem wirklichen Orkane fehlte, den Hals des großen Segels aus einem Zweidecker niederzubringen, war mit zwanzig Mann — dieß war die ganze Stärke von Dalsss Kommando — nicht zu unternehmen: so nahm er also seine Zuflucht zu dem Beistände seiner Feinde. Als ein gutmüthiger, humoristischer Irländer, der sogar eine oberflächliche Kcnntniß der französischen Sprache besaß , gelang cs ihm bald, vierzig bis fünfzig seiner Gefangenen in so gute Laune zu versetzen, daß sie ihm ihre Hilfe liehen, und so wurde endlich das große Segel, nicht ohne große Gefahr des Zerreißens, glücklich eingesetzt. Von diesem Augenblicke an war die Victoire hinsichtlich des Sturms und ihrer eigenen Lage weit besser daran, als jedes der englischen Schiffe, insofern sie alle Segel, die das Unwetter erlaubte, führen konnte, und dafür nicht jene starke Abtrift zu besorgen hatte, welche jedesmal unvermeidlich ist, wenn oben noch vieles Tauwerk eingebunden bleibt. Die Wirkung wurde auch in der That gleich in der ersten Stunde zu Daly's nicht geringer Freude sichtbar. Nach Verlauf dieser Zeit befand er sich gerade eine Kabellänge windwärts von der Linie, und dieß aus dem einfachen Grunde, weil er leewärts nicht die üblichen Segel hatte einsctzen können. Wir haben übrigens bei Erwähnung dieses letzteren Umstandes dem Gange der Ereignisse einigermaßen vorgegriffen. Die beide,, Admirale. ZZ 498 Greenly hatte sich bis jetzt in den unteren Raumen ausgehalten, um die Batterien, welche bei hochgehender See nichts weniger als leicht zu bedienen waren, zu beaufsichtigen und Alles zum Oeffncn der unteren Stückpforten bereit zu halten, sobald sich Gelegenheit hiezu bieten würde. Er erschien jetzt wieder auf dem Verdeck gerade in dem Bioment, als der Admiral den Schissen das Signal zugchen ließ, daß man nur seinen eigenen Bewegungen zu folgen habe. Die Linie war bald wieder wie früher gebildet, und es stund nicht lange an, bis man die Bemerkung machte, daß auch die Prise leicht ihre Stellung bcibehaltcn konnte. Da man zudem noch den größeren Theil des Tages vor sich hatte, so zweifelte Sir Gervaise nicht, daß er letztere in Sicherheit bringen könne, noch ehe die Nacht herbeikäme, wo dieß vollends unerläßlich wurde. Der Viceadmiral und sein Kapitän schüttelten sich aus der Kampanje herzlich die Hände, und Elfterer zeigte diesem mit wohl- erlaubtem Triumphe die Resultate seines kühnen Manövers. „Wir haben zweien von ihnen die Flügel beschnitten," fuhr Sin Gervaise fort, „und der dritte wurde hübsch ordentlich backgelegt, mein wackerer Freund; wenn Bluewatcr noch vollends dazu kommt, so werden wir, so Gott will, mit den übrigen keine allzu großen Schwierigkeiten haben. Ich kann nicht bemerken, daß irgend eines unserer Schiffe bedeutenden Schaden genommen hätte, und so darf ich sie wohl alle als unversehrt annehmen. Wenn eines derselben kampfunfähig geworden wäre, so hätte es unterdessen Zeit zu dem geeigneten Signale gehabt; es scheint aber Niemand geneigt, ein solches zu geben, und so ist mir dieser Jammer für eines Admirals Manöver erspart. Wenn wir wirklich diesem Uebel entgehen, so ist dieß heute das erste Beispiel in meinem ganzen Leben!" „Ein halb Dutzend Raaen find wohl zerschossen worden, doch wird deßhalb Keiner bei diesem Sturme schlimmer daran sein. Ständen wir unter einem Walde von Segeln — ja, da wär's etwas Anderes; doch jetzt ist voranszusehen, daß wir, so lange nur st99 die Hauptmasten stehen, noch immer gut genug durchkommen werden! Ich finde auf meinem eigenen Schiffe nirgends einen Schaden, der nicht auf der See selbst ausgebcssert werden könnte." „Nun, und der Planfagcnet ist gerade am Schärfsten dran gewesen. Es war wohl ziemlich keck, Grecnly, in einem solchen Sturme mit einem überlegenen Feinde anzubiudcn, doch haben wir unfern Erfolg höchst wahrscheinlich eben der Kühnheit des Angriffes einzig und allein zu danken. Hätte ihn der Feind für möglich gehalten, so würde er ihn wohl auch vereitelt haben.— Nun, Meister Galleygo, eS freut mich, dich unverletzt zu sehen! Was steht zu Dienst?" „Nun, Sir Jarvy, ich habe Zweierlei auf der Kampanje zu schaffen, wie man wohl sagen könnte. Das Eine ist — uns die Hände zu schütteln, was wir jedesmal nach einem solchen Strauße zu thun pflegen, wie Ihr wohl wißt, Sir, und nachzusehen, wie wir uns gegenseitig befinden; das Zweite — ist eine Unglücksbotschaft, die ich Euch zu hinterbringen habe, und die sich wohl bei dem heutigen Mittagsmahle sehr fühlbar machen wird. Denkt nur, Sir Jarvy, ich hatte das todte Geflügel in ein Netz gebunden und oben in unserem Stalle aufgehängt, damit ihm nicht etwa ein Unglück zustoße; nun seht, da kommt eine Kugel, Sir, reißt das Taljereep entzwei und wirst die Hühner alle mitten unter die Grunzer des Kanoncndecks; und da man diesen Thieren blos halb genug zu fressen gibt, so ist von dem ganzen Geflügel auch nicht einmal so viel übrig geblieben, daß man einem kranken jungen Herrn ein Mahl davon bereiten könnte. Meiner Ansicht nach sollte außer dem kommandirenden Admiral sonst Niemand lebendes Geilster in der Proviantkammcr halten dürfen." „Zum Teufel mit dir und deiner Proviantkammer! Da — schüttle mir dieHand und dann ausdeinen Topp zurück — wie kamtJhr überhaupt dazu, Sir, Euren Posten ohne Erlaubniß zu verlassen?" „Das that ich nicht, Sir Jarvy. Als ich sah, wie's unter der Schweineheerde zuging (mein Posten ist nämlich gerade über 38 " 500 der schrecklichen Scene) — bat ich den jungen Herrn, herabsteigen und Euer Gnaden mein Beileid bezeigen zu dürfen; und da sie mich in solchen Stücken jederzeit thun lassen, was ich verlange — nun, darum komme ich auch jetzt herab. Wir haben aber da oben ' irgendwoher einen Raßler gehabt, der uns beinahe sammt und sonders herausklarirt hätte!" „Ist irgend eine Spiere beschädigt?" fragte Sir Gervaise rasch; „da muß nachgesehen werden — hört Ihr — Greenly?" „Nicht der Rede wcrth, Euer Gnaden — nicht der Rede werth. Einer dieser französischen Achtzehnpsünder am Bord der Prise hob gerade die Nase in die Höhe, als das Schiff überhellte, und spie uns eine Vollkugel und einen Hagel von Kartätschen gerade in's Gesicht. Ich sah es kommen und schrie gerade noch,aufgepaßt"'-— und 's war wirklich gut, daß ich das that. Wir duckten uns alle bei Zeiten: die Kugel räumte tüchtig auf, und eine Handvoll von den Kartätschcnkörnern blieb am Topp des Mastes stecken, so daß die Spiere nicht anders aussieht, als wie ein Plumpudding oder wie ein Kerl, der die Blattern hat." „Genug davon. Du brauchst nicht mehr auf den Topp zurückzukehren — und — Greenly, laßt nur Retraite schlagen. — Bun- ting, gebt das Signal zur Retraite. Die Schiffe mögen zum Frühstück Pfeifen, wenn sie Lust haben." Dieser Befehl gibt das deutlichste Bild von dem sonderbaren Gemisch von Empfindungen und Zerstreuungen, wie es das gewöhnliche Leben aus einem Schiffe charakterisirt. In dem einen Augenblick mitten in Scenen wilder Großartigkeit und greulicher Verwirrung — kehren dessen Bewohner im nächsten zn den häuslichen Pflichten gesitteter Menschen zurück. Auf der ganzen Flotte wurde die Mannschaft nunmehr von den Kanonen zurückgezogen; unmittelbar darauf saßen sie alle traulich beisammen und verzehrten mit Heißhunger die Speisen, wozu der Dienst am heutigen Morgen den Appetit genugsam geschärft hatte. 501 Doch auch bei der Fröhlichkeit des Mahles war immer noch etwas von dem Ernste der Schlacht zurückgeblieben, und die wenigen Scherze, welche laut wurden, waren mit einer Bitterkeit gewürzt, wie sie unter den leichtherzigen Seefahrern keineswegs gewöhnlich ist. Hier und dort würbe Einer von den Tischkameraden vermißt, und sein Ausbleiben veranlaßte manche gutgcwählte und selbst pathetische Anspielung aufscine Gewohnheiten oder die Art seines Todes, denn nachdem der Schlag geschehen ist, betrachten die Matrosen gewöhnlich die Verheerungen dieses großen Erbfeindes unseres Geschlechts mit ebensoviel Feierlichkeit und sogar Zartgefühl, als sie seiner Annäherung mit leichtem Mnthe entgegensehen. Erst wenn sie selbst verschont geblieben, fassen die Meisten die Zerstörung der Schlacht ernstlich in's Auge. Auch die Stellung, die Einer auf einem Schiffe einnimmt, ist zu solchen Zeiten von bedeutendem Gewicht, und so wurde der Verlust des Quartiermeisters ans dem Plantagenet besonders bedauert. Dieser Mann hatte mit einer Anzahl untergeordneter Beamten an einem Tische gespeist, lauter Leuten, welche fast durchaus nachdenklicher und ernster als die große Masse der Mannschaft sind. Als sie am heutigen Morgen sich an ihrem gewohnten Tische zum Frühstück versammelten, zeigten sie einen Ernst, eine Nüchternheit in ihren Mienen, welche bewies, wie viel sie persönlich zu der geschickten Leitung des Schiffes beigctragen hatten. Mehrere Minuten verstrichen unter dem Kreise, dessen Mitglied der todte Qnartiermeister gewesen war, ehe ein Wort gesprochen wurde; Alle aßen mit einem Appetit, der sich auch hier auf's Neue bewährte — aber Keiner wagte das Schweigen zu unterbrechen. Endlich nahm ein alter Konstablermaat ^'), Namens Tom Sponge, welcher gewöhnlich das Gespräch leitete — das Wort: „Ich denke," sprach er in halb fragendem, halb bedauerndem Führt als Gehilfe (Maat) des Konstablers die Aufsicht über eine bestimmte Anzahl Kanonen. D. U. 502 Tone, „ich brauche nicht erst zu fragen, warum Jack Glaß's Löffel heute Morgen unthätig geblieben. Die Gaffer auf dem Vorkastell sagen, sie hätten seinen Körper mit einer Schnelligkeit über den Steuerbord hinfliegen sehen, wie wenn er der Schwengel an einer seiner eigenen Flaggen gewesen wäre. Wie war's damit, Ned*), du bist ja dabei gewesen, und solltest Alles auffs Genaueste wissen?" „Und ich weiß es auch," sagte Ned, der nunmehr Buntings einziger überlebender Gehilfe war. „Ich bin dabei gewesen, wie du sagst, und habe so viel davon gesehen, als nur immer ein Mann von Dem sehen kann, was zwischen einem armen Burschen und einer Kugel vorgeht, wenn beide und zwar nicht auf die liebevollste Weise an einander gcrathen. Es geschah, als wir eben am Luvbord jenes ersten Gelbschnabels vorüberkamcn — desselben, dem wir so hübsch die Flügel stutzten. Nun, Sir Jarvy hatte einen Stopper an die Signale geklappt **), da er sah, daß wir mitten im Rauch drin waren, und so schauten wir uns, nämlich Jack und ich, nach den Musketen um, da man ja doch nicht wissen konnte, ob der Zufall es nicht fügen würde, daß wir einem von den Maischen***) so ein Bischen Blei in den Leib jagen könnten; und so sagt Jack, sagt er, ,Ned, du hast meine Muskete? — (die ich in der That auch hatte) — und, sagt er, Ned, du hast meine Muskete; Loch hat's im Ganzen nichts zu sagen, denn 's liegt ja genug von dem Zeug hier herum/ — Als er nun dieses gesagt hatte, drückte er los; ob er aber Jemand getroffen hat, ist mehr als ich sagen kann. Wenn er's that, so war's wahrscheinlich ein Franzmann, da er in dieser Richtung hinausschoß. — ,Nun/ sagt Jack, sagt er, — ,Ned, da dieß hier deine Muskete ist, so kannst du sie auch laden, und mir die meinige einhändigen, dann will ich noch einen von den Teufelsbraten zur Hölle schicken/ — Nun, in diesem *) Ned — Abkürzung für Eduard. ") D. h.: er hatte die Signale eingestellt. "*) rarl;-voos (xarler-vous) nennt sie eigentlich der Konstabler. D. U. Augenblick hebt sich der Franzmann auf einer schweren Woge und läßt seine Vorkastellkanonen alle zumal los, wie wenn sic von einer Lnnte entzündet worden wären —" „Schlechtes Kanonircn das," brummte Tom Sponge; „auf diese Art wird ja ein Schiff fürchterlich erschüttert." „Ja, sie verstehen sich überhaupt nur schlecht aufs Seewesen. Nun, diese französischen Zwölfpfündcr find verdammt heimtückische Geschütze, und ein ganz kl ein wenig vorher, ehe sie abfeuerten, dünkte cs mich, ich hörte etwas, wie wenn man Jack einen Streich auf die Wange gäbe, und dabei klang's, als ob Einer eine Ohrfeige bekäme, die wie ein Donnerschlag knallte. Ich schaue auf — da fliegt Jack wie der Schwengel an seiner Flagge über Bord, mit dem Kopf voran, der übrige Körper wie von den Sehnen in seinem Nacken nachgezogen!" „Ich glaubte," fiel ein anderer Qnartiermeister, mit Namen Ben Barrel ein, „wenn Einem der Kopf weggeschossen werde, so bleibe der Körper im Schiffe, und nur der getroffene Theil fliege von dannen." „Das kommt davon her, Ben*), daß du noch nie so etwas gesehen hast," erwiederte der Augenzeuge. „Der Kopf eines Menschen ist gerade so wie der Mast eines Schiffes auf seinen Rumpf gestaut. Da hast du Vor-, Backstags und Waudtaue, gerade so gut wie hier am Bord; der einzige Unterschied ist, daß die Taljereeps etwas lockerer sind, so daß ein Mensch mit seinem Kopfe größeren Spielraum hat, als man mit Sicherheit einem Maste gewähren könnte. Wenn Einer eine Verbeugung macht — nun, so hält er sich allemal etwas rückwärts und holt auf sein Fockstag an; dann und wann triffst du wohl auch einen Burschen, der durchaus zu weit vorwärts gestaut ist oder vielleicht eine starke Neigung seitwärts hat, und das kommt dann daher, daß seine Wandtaue auf der Steuer- oder Backbordseite zu stark aufgesetzt sind." ') Abkürzung sür .Benjamin'. D. U. 504 „Das klingt vernünftig/' meinte der Konstablcrmaat ernsthaft; „ich selbst habe schon solche ,Zieher^ gesehen." „Wenn du vor einer oder zwei Stunden auf derKampanje gewesen wärest, hättest du noch mehr davon sehen können! Da sind z. B. all' unsere Marinesoldaten — ihre Backstags haben, seit sie nach der Prise gerudert wurden, frische Rojcn bekommen *), und ihr Kapitän vollends, — der hat einen Luv über dem andern — darauf will ich wetten." „Ich hörte, wie der Zimmermann diese Dinger überholte**)," bemerkte Sam ***) Wad, ein anderer Konstablermaat; „und er bewies Euch Alles mit Winkel und Kompaß. Das scheint mir nicht weniger vernünftig zu sein." „Wenn du den armen Jack gesehen hättest, wie sein Kopf den übrigen Körper nach sich zog, gerade wie der Franzmann sein Wrack unter dem Lee nachschlepptc, würdest du auch geglaubt haben, daß es vernünftig dabei zugeht. Wozu hat denn Einer überhaupt seine Schultern, als um seinen Wandtauen Spannung zu geben, welche den ganzen Nacken hinablaufcn und irgendwo unter den Armen eingesetzt sind. Man spricht immer so viel vom Herzen — ich meines Theils glaube, daß dort Alles zusammen eingekeilt ist." „Hörst du, Ncd," bemerkte der Qnarticrmeistcr, der nicht viel mehr als die übrigen Tischgcnosscn von der Sache verstand, „wenn das, was du sagst, wahr ist, warum ziehen diese Wandtauc nicht gerades Wegs vom Kopf gegen die Schultern, statt unter einer Haut in den Nacken eingcknüpst zu sein? — Nun, jetzt beantworte mir auch einmal dieses!" „Wer Teufels hat je an einem Schiffe Wandtauc gesehen, welche nicht eingebunden gewesen wären?" rief Ned etwas hitzig. „Ein Mädchen, das seine Arme um eines Burschen Nacken schlingt, '> D. >>.: sie gehe» viel nusrechter und stolzer cinlicr. D h.: .über diese Dinge sprach'. ") Abkürzung sür Samuel. D. N. 505 müßte traun eine hübsche Figur mache», weun sie so, wie du meinst, aufgetakelt wäre! Diese Dinge werden alle der Vernunft gemäß eingerichtet, wenn der Kiel zu einem Menschen gelegt wird/' Dieser letzte Beweisgrund schien den Ausschlag zu geben, denn das Gespräch-nahm allnrählig eine andere Wendung, und beschränkte sich zuletzt aus die Verdienste des Verstorbenen. Sir Gervaise hatte Galleygo angewiesen, sobald der Mannschaft zum Frühstück gepfiffen würde, auch das seinige zuznrichten; aber noch immer sah er sich in Folge der Bewegung eines seiner Schiffe auf dem Verdeck znrückgehaltcn, und auch wir sehen uns genöthigt, nunmehr auf dieses letztere zurückzukommen. Der Leser wird sich ohne Zweifel noch erinnern, wie der Druid schon am frühen Morgen im Norden erschienen war. Als die Fregatte so nahe hcrangekommen war, daß sie bemerkt werden konnte, hatte sie ihre Nummer scheu lassen, woraus sie sich damit begnügte, weit schärfer als jedes andere Schiff in der Flotte drauf loSzn- segeln. Als die Flotten aneinander geriethcn, hatte sie einen Versuch gemacht, das Vormarssegel, eng gerefft, cinzusetzcn; aber einige Zuschauer aus den übrigen Schiffen, welche gelegentlich ihre Bewegungen beobachteten, meinten, es müsse ihr irgend ein Unfall zugestoßen sein, da die Leinwand bald wieder eingchißt wurde, und das Schiff sofort geneigt schien, sich mit denjenigen Segeln zu begnügen , unter denen man cs zuerst erblickt hatte. Da die Fregatte ziemlich weit windwärts von der Linie lag und die ganze Zeit über beinahe frei einhcrgehcn konnte, so war ihre Geschwindigkeit viel größer als die der anderen Schiffe, und sie war jetzt so nahe hcrangekommen, daß Sir Gervaise dieselbe nicht weit seitwärts vom Plantagcnet und etwas leewärts vom Active gewahr wurde. Natürlich war ihr Rumpf, so wie sie ans einer Woge cmporstieg, bis ans den Boden vollkommen sichtbar, und man konnte die Mannschaft auf den Marsen und in der Takelage sogar mit bloßen Augen leicht erkennen. 506 „Der Druid muß uns etwas von der andern Division unserer Flotte zu melden haben," bemerkte der Viceadmiral gegen seinen Signalosfizier, während Beide die Bewegungen der Fregatte beobachteten. „Es ist etwas sonderbar, daß Blcwet kein Signal von sich gibt. Schaut einmal in Euer Buch, und sucht mir eine Frage, die wir ihm in Beziehung ans seinen Auftrag verlegen können." Bunting war eben beschäftigt, in dem kleinen Frage- und Antwortbuche hin und her zu blättern, als Sir Gcrvaise mit Hilfe seines Glases drei oder vier schwarze Ballen zwischen den Masten der Fregatte hängen sah, welche sich zu Flaggen öffneten, und dadurch thatsächlich bewiesen, daß Blewet nicht völlig eiugeschlafen war. „Vierhundert und sechzehn — gewöhnliche Mitthcilung," bemerkte der Viceadmiral, das Glas noch immer vors Auge haltend. „Seht nach, Bunting, und laßt uns hören, was es bedeutet?" „,Den kommandircndenAdmiral! — wünsche ihn zu sprechend" las Bunting in der gewöhnlichen förmlichen Weise, mit der er immer den Inhalt eines Signals meldete. „Sehr wohl — antwortet, und dann zeigt des Druids Nummer, damit er auf Rufweite heraukommc. Der Bursche hat ja ohne- dieß so viele Segel aufgezogen, daß er gewiß zwei Schritte macht, bis wir nur einen zurncklegen; laßt ihn beidrehen und unter unser Lee kommen. Das Sprechen muß heute jedenfalls ganz in der Nähe geschehen." „Ich zweifle, Sir, ob ein Schiff so nahe hcrankommenkann, daß man im Staude wäre, das Sprechen zu vernehmen," erwiederte der Andere, „obwohl, wie man mir sagt, der zweite Lieutenant auf unserem Schiff selbst beim heftigsten Sturme kein Sprachrohr gebraucht. Unsere jungen Herren sagen, sein Vater sei Stadtausrufer gewesen, und so habe er das Haupttalent der Familie geerbt." „Ha, ha! — unsere jungen Herren sind eine Rotte vorwitziger Bursche, wie dieß gewöhnlich der Fall ist, wenn es nicht genug am Bord zu thun gibt." 507 „Ihr solltet schon etwas nachsichtig gegen sie sein, Sir Ger- vaise, da sie ans dem Schiffe eines siegreichen Obcradmirals dienen. Dieß macht uns Alle etwas eingebildet, den andern Flottenkameraden gegenüber." „Hinauf mit Eurem Signal, Sir; hinaus mit Eurem Signal! — Ich werde genöthigt sein, Greenly den Befehl zu geben, daß er euch Alle einen Monat lang ans die Wache setzt, bis ihr wieder zu eurer alten höflichen Manier zurückgebracht seid." „Das Signal ist bereits beantwortet, Sir Gervaise. Nebenbei bemerkt, Sir, werde ich Euch dankbar sein, wenn Ihr Kapitän Greenly anweisen wollt, mir einen weiteren Quartiermeister zu geben. Wir können nicht flink genug arbeiten, sobald es etwas Wichtiges zu thun gibt." „Den sollt Ihr haben, Bunting," erwiederte der Viceadmiral, und eine Wolke beschattete einen Augenblick lang seine Züge. „Ich hatte den armen Jack Glaß sogleich vermißt, und als ich einen blutigen Fleck aus der Hütte bemerkte, konnte ich sein Schicksal wohl erreichen. Ich glaubte in der That gehört zu haben, wie eine Kugel Jemand hinter mir fortschleuderte. Sie schlug dem armen Burschen den Kopf ab, Sir, und machte einen Lärm, als ob ein Schlächter einen Ochsen träft." „Nun — nun — wir wollen cs zu vergessen suchen, bis etwas für seinen Sohn, der einer von den Seitenjungen ist, gethan werden kann. — Aha! da hält Blewet schon in vollem Ernste ab. Wie Teufels er aber mit uns sprechen will — das ist mehr, als ich bis jetzt zu sagen vermag." Sir Gervaise ließ nun seinem Kapitän sagen, daß er ihn zu sprechen wünsche. Greenly erschien bald darauf, und wurde sowohl mit der Absicht des Druid als mit dem Inhalte der letzten Signale bekannt gemacht. Das zerrissene große Marssegel war unterdessen ausgebessert worden, und der Kapitän äußerte seine Absicht, dasselbe wieder, eng 508 gerefft wie zuvor, einzusetzen und dafür das große Segel einzuneh- men. Dadurch wollte er de» Plautagenet in seinem Laufe etwas zurückhalten, denn dieser eilte schon wieder im Sturmschritt seinen Gefährten voraus. Sir Gervaise billigte diesen Plan. Alsbald wurde die Aendc- rung ausgesührt, und fast eben so bald war die Wirkung derselben nicht allein in dem Gange des Schiffs, sondern auch in der größeren Leichtigkeit und Stetigkeit seiner Bewegung zu verspüren. Bald daraus zeigte sich der Druid nur noch hundert Faden vom Luvbord des Admiralschiffs entfernt, und jagte die Brandung mit einer Eilfertigkeit vor sich her, welche eine ungeheure Triebkraft verriet!). Es war offenbar Kapitän Blewets Absicht, den Spiegel des Plantageuct zu kreuzen und unter dessen Leebord zu luven — allerdings der sicherste Weg, wie er sich seinem Ziele bei so hoch- gehcnder Sec nahen konnte, wenn anders das Manöver mit Vorsicht ausgesührt wurde. Kapitän Blewet stand in dem Rufe, daß er seine Fregatte so leicht wie ein Boot handhabte, und die vorliegende Gelegenheit war von der Art, daß sie wohl das dringendste Verlangen in ihm erwecken mußte, sich die Anerkennung, die er bereits gewonnen hatte, auch ferner zu erhalten.» Doch konnte sich immer noch Niemand denken, wie der Druid nahe genug herankommen wollte, um eine auch nur einigermaßen ausführliche Mitthcilung zu machen. Die Stcntorslungen des zweiten Lieutenants mochten es übrigens vielleicht doch zu Stande bringen, und als die Nachricht von dem zu erwartenden Anruf sich auf dem Plantagenet verbreitete, kamen manche von Denen, welche theil- uahmlos unten geblieben waren, so lange der Feind dicht unter ihrem Lee drohte, --- voll Neugierde auf das Verdeck herauf, um das, was nunmehr Vorgehen sollte, mit anzuseheu. „He! Atwood?" rief Sir Gervaise, denn die leichte Aufregung in dem Schiff hatte sogar den Sekretär aus der Kajüte des 509 Kommandirenden herauf geführt — „was hat Blewet im Sinn? der Bursche wird doch nicht daran denken, ein Leesegel einsetzen zu wollen?" „Nichtsdestoweniger kommt er mit Sturmeseile daher gerannt, Sir Gcrvaise, oder meine dreißigjährige Erfahrung im Seewesen ist rein weggeworsen."' „In der That, Sir, er läßt seine Leesegelspieren am Vormars auf der Luvseite auftakeln!" ries Greenlev im Tone der Verwunderung. „Sie ist sogar schon heraus," fuhr der Viceadmiral mit Unwillen fort, wie wenn er der Meldung eines Unglücks Nachdruck geben wollte. „Wie? -— was? Ist das nicht ein Mensch, Bun- ting, der an das Ende desselben hinausläuft? Erhebt einmal Euer Glas, Sir, und laßt eS uns sogleich wissen." „Um dieß zu erkennen, bedarf es keines Glases, Sir Gervaise. Es ist ein Mensch, ohne allen Zweifel — und dort hängt er am Ende der Spiere, als ob er von einem allgemeinen Kriegsgerichte dazu verurtheilt wäre!" Sir Gervaise unterdrückte jede Aeußerung der Verwunderung, und seine Zurückhaltung wurde, wie sich von selbst verstand, auch von den zwanzig Offizieren, die sich mittlerweile auf der Kampanje versammelt hatten, pünktlich nachgeahmt! Der Druid drehte jetzt bei, näherte sich rasch und hatte bald das Kielwasser des Admiralschiffcs gekreuzt. Hier kam er in den Wind, und von der Triebkraft begünstigt, welche ihn hergeführt hatte und durch das große Segel noch verstärkt worden war, näherte er sich in schwerfälligem, aber stetigem Fortschritt dem Leebord des Plantagenet. Beide Schiffe waren dicht angeholt, und so hatte das Vorrücken keine sonderliche Schwierigkeit; ja wenn man aus die Steuer ein sorgsames Auge richtete, so mochte es trotz der stürmenden See vielleicht doch noch thunlich scheinen, die Rümpfe beider Schiffe auf zehn Ruthen einander nahe zu bringen, ebne daß ein Schaden daraus entstehen konnte. 510 Dieß war übrigens näher, als die Nothwendigkeit eigentlich gebot; denn die Leesegelspiere, mit dem Manne, der an ihrem Ende hing, ragte doppelt so weit über dis Büge des Schiffes hervor. Doch war es immer noch ein kitzliches Stück Arbeit: während der Mann am Ende der Spiere noch dreißig bis vierzig Fnß entfernt war, gab er ein Zeichen, um die Aufmerksamkeit Derer auf dem Plantagenet auf sich zu ziehen, schwang ein Stück Tau, das er in der Hand hielt — und als er mehrere Arme zum Auffangcn cmpor- gehoben sah, schleuderte er es wirklich hinüber. Ein Lieutenant sing das Tau aus und hakte es augenblicklich in die Schlinge ein. Jetzt verstand man erst die Absicht des Andern: augenblicklich erfaßten ein Dutzend Hände das Seil, und während die aus dem Plantagenet dasselbe auf ein gemeinschaftliches Signal mit allen Kräften einhalten, begannen die Leute auf dem Druid es gleichfalls einzuziehen. Durch diese einfache, aber vereinigte Bewegung rutschte der Mann von der Lecsegelspiere in schiefer Linie herab, sprang ans der Boleine, in welcher er gesessen, und warf den Klappläufer von sich. Nachdem er sich, um festen Fuß zu fassen, zurecht geschüttelt hatte, nahm er die Mütze ab und verbeugte sich gegen Sir Ger- vaise, der nun mit einem Male -— Wycherly Wychecombe in eigener Person vor sich aus der Kampanje erblickte. Vierundzwanzigstes Kapitel. Noch weine nicht — der Kampf ist nicht vorüber; O Sieger von Philippi! manches Schlachtfeld Hat seine Palme uns gewährt — ein einzig Ringen, Ein ernster Kampf muß unser Loos besiegeln. Mrs. Hcmanntz. Sobald die Leute auf dem Plautagenet, welche bei dem An- blick des Mannes, der am Ende der Leesegelspiere da hing, die 511 Disciplin so weit überschritten hatten, daß sie in der Takelage, aus den Spieren und Kanonen erschienen, um den Ausgang des Kunststückes mit anznsehcn — den Unbekannten sicher und wohlbehalten aus der Kampanjc gelandet sahen, hoben sie ihre Hüte und Mützen in die Höhe und begrüßten ihn wie ans einem Munde mit einem dreimaligen Hnrrah. Die Offiziere lächelten bei diesem Ausbruch der Theilnahme, und die Verletzung des Gcbraucbs wurde vergessen , denn selbst die strenge Mannszncht eines Kriegsschiffes muß manchmal den plötzlichen Antrieben natürlicher Gefühle weichen. Als sich der Drnid dem Admiralschiffe näherte, war Kapitän Blcwet auf der Luvseite der Bcsantakelage erschienen, um sein Schiff persönlich zu lenken, und der Befehl zu luven oder abzuhalten war von seiner eigenen Stimme oder durch einen Wink seiner Hand er- theilt worden. Sobald er bemerkte, daß Wychcrly die Kampanje des Plantagenet erreicht, und seine behende Gestalt von der doppelten Boleinc, worin er gesessen, frei gemacht hatte, schwenkte der Kapitän mit dem Arme weit hinaus, um anzuzeigen, daß er wegzudrehen wünsche: das Steuer der Fregatte wurde hart aufgelüpft, und während sich der Zweidecker aus einer hohen Woge vorwärts hob, wurden die Büge des Drnid leewärts gestoßen, und im nächsten Augenblicke war schon ein Zwischenraum von hundert oder mehr Fußen zwischen den beiden Schiffen. Da dieselben Ursachen zu wirken sortfnhren, so trieb der Plan- tagenct noch weiter nach vorn, während die Fregatte bald wieder in den Wind kam, und eine Kabellänge leewärts, der Mitte zwischen dem Admiralschiff und dem nächsten Zweidecker gegenüber, Halt machte. Hier schien Kapitän Blcwet die ferneren Befehle erwarten zu wollen. Sir Gcrvaise Oakes war nicht gewöhnt, bei kleinen Vorfällen, die sich im Dienst zutrugen, auch wenn sie ihn augenblicklich überraschten — irgend ein Erstaunen zu verrathen. So erwiederte er auch jetzt Wycherly's Verbeugung mit voller Ruhe, und richtete seine 512 Augen, ohne eine Frage zn stellen oder eine Miene zu verziehen, auf die ferneren Bewegungen des Druid. Nachdem er sich zu seiner Zufriedenheit überzeugt hatte, daß bei der Fregatte Alles in Ordnung war, besaht er dem Boten, ihm zn folgen, und ging für seine Person in die Kajüte hinab, indem er es Wycherly überließ, ihm so schnell zu folgen, als die vielen Fragen, die er, während er die Leitern hinab stieg, zu beantworten hatte, nur immer erlauben wollten. Atwood — ein theilnehmcnder Beobachter Dessen, was vorging — machte die Bemerkung, daß Kapitän Grecnly von allen Anwesenden der Einzige war, der sich um die Mittheilung, welche der Fremde überbringen mochte, nichts zu bekümmern schien, obgleich er von Allen vielleicht allein durch seinen Rang berechtigt war, Fragen an ihn zn richten. „Ihr seid auf eine neue, außergewöhnliche Weise an unfern Bord gelangt, Sir Wycherly Wychecombe!" bemerkte der Vice- admiral etwas streng, sobald er sich in seiner eigenen Kajüte mit dem Lieutenant allein fand. „Der Plan ging von Kapitän Blewet aus, Sir, und war auch in der That der einzige, der einigen Erfolg versprach, da ein Boot wohl schwerlich sich hätte halten können. Ich hoffe, das Gelingen des Versuchs und die Art der Mittheilungen, die ich überbringe, werden diesen Mangel an Förmlichkeit genügend entschuldigen." „Ich glaube, es ist das erste Mal, seit den Tagen des Eroberers, daß das Schiff eines englischen Viceadmirals so cavaliermäßig betreten wurde. Doch, wie Ihr sagt, die Umstände mögen die Neuerung rechtfertigen. — Wie lautet Euer Auftrag, Sir?" „Dieser Brief, Sir Gervaise, wird, wie ich denke, für sich selbst sprechen. Ich habe nur wenig beizusügen, wenn nicht etwa, daß der Fockmast des Druid gesprungen, weil wir zu scharf auf Euch zusegelten , und keinen Augenblick verloren haben, seit Admiral Blue- water uns den Befehl gab, aus seiner Gesellschaft zu scheiden." „So wäret Ihr also auf dem Eäsar?" fragte Sir Gervaise, 513 durch den Diensteifer eines Jünglings, der sich, wie er von Wycherly wußte, am Lande in so günstiger Lage befand, nicht wenig beschwichtigt. „Ihr verließt ihn mit diesem Schreiben?" „Ja, Sir Gervaise, ans Admiral Bluewaters Befehl." „Setztet Ihr auch auf den Druid von der Leesegelspiere aus über, oder wurde dieses Kunststück für den kommandirenden Admiral besonders aufgcspart?" „Ich verließ den Cäsar in einem Boote, Sir Gervaise; und obwohl wir damals der Küste viel näher waren, wo der Wind nicht mit derselben Wnth wie hier tobte und auch noch nicht seine volle Höhe erreicht hatte, so waren wir doch beinahe nntergegangen." „Als ächter Virginier wäret Ihr keinenfalls ertrunken, Wyche- combe," antwortete der Viceadmiral in besserer Laune. „Ihr Amerikaner schwimmt ja trotz einem Korkftücke. — Entschuldigt mich aus so lange, Sir, bis ich gelesen habe, was Admiral Blue- water mir zu sagen hat." Sir Gervaise hatte Wycherly in der großen Kajüte empfangen, wobei er an dem in der Mitte befestigten Tische ausrecht stehen geblieben war. Er wäre wohl selbst in Verlegenheit gewesen, wenn er den wahren Grund hätte angeben sollen, warum er dem jungen Manne zuwinkte, daß er einen Stuhl nehmen sollte, während er selbst in sein Gesellschaftszimmer^, wie er's nannte, d. h. in das zierliche kleine Hintergemach zwischen den beiden Staatszimmern trat, das mit einer Eleganz ausgestattet war, welche selbst an einer dauernderen Wohnung Bewunderung hätte erregen können, und wohin er sich jedesmal zurückzog, so oft er zum Nachdenken gestimmt war. Wahrscheinlich stand übrigens sein Beginn mit einer geheimen Besorgnis in Verbindung, die er wegen der politischen Vorliebe des Eontreadmirals hegte, denn auch als er allein war, hielt er noch eine volle Minute inne, ehe er den Brief öffnete. Doch endlich sein Zaudern als unmännlich verdammend, erbrach er das Siegel und las den Inhalt des Briefes, der Wort für Wort also lautete: Die beiden Admirale. 3g 514 „ Mein thenrcr Oakes! „Seit wir uns trennte», wurde mein Geist hinsichtlich des Benehmens, welches die Pflicht in einer so entscheidenden Epoche mir vorschreibt, durch die heftigsten Kämpfe erschüttert. Eine Hand — ein Herz — eine Stimme sogar wird vielleicht über Englands Schicksal entscheiden! Unter solchen Umständen sollte Jeder auf die Stimme des Gewissens hören und die Folgen seiner eigeneil Handlungen voraus zu beurtheilcn bemüht sein. „Vertrante Agenten bereisen den Westen von England, und Einen von ihnen habe ich gesprochen. Aus seinen Mittheilnngen entnahm ich, daß mehr, als ich mir je hätte träumen lassen, von mir selbst - wie nicht minder von Monsieur de Vcrvillins Bewegungen abhängt. „Sei nicht zu sanguinisch—nimm dir Zeit zu deinen eigenen Entschlüssen, und gewähre auch mir solchen Aufschub, denn mir ist zu Muth wie einem Unglücklichen, dessen Schicksal bald entschieden werden muß. Um keinen Preis laß dich zum Kampfe hin- rcißen, weil du glaubst, meine Division sei nahe genug, um dich zu unterstützen, sondern halte wenigstens so lange an dich, bis Ln Gewisseres von mir hörst oder bis wir uns sehen. Ich finde es eben so hart, einen Schlag gegen meinen rechtmäßigen Fürsten zu führen, als ineinen Freund zu verlassen. „Ums Himmels willen — handle klug, und verlaß dich daraus, daß du mich im Laufe der nächsten vierundzwanzig Stunden sehen wirst. Ich werde mich stark östlich halten, in der Hoffnung, dich zu treffen, da ich fest überzeugt bin, daß de Vervillin nicht sehr weit nach Westen strebt. „Ich werde dir durch den Ucberbringer noch mündliche Botschaft übersenden, denn meine Gedanken komme» nur langsam und mit großem Widerstreben. Ewig der Deine Richard Bluewater. 515 Sir Gervaise las diesen Brief zweimal mit großer Bedacht- samkeit: dann zerknitterte er ihn in der Hand, wie man eine giftige Schlange zerdrücken würde. Mit diesem Beweise seines Unwillens noch nicht zufrieden, zerriß er den Brief in so kleine Stückchen, daß man unmöglich dessen Inhalt daraus zusammenreimen konnte, öffnete ein Kajütenfenster und warf die Fetzen in den Ocean hinaus. Nachdem er jedes Zeichen von der Schwäche seines Freundes auf diese Art vernichtet zu haben glaubte, fing er an, in seiner gewöhnlichen Weise in der Kajüte auf und nieder zu gehen. Wycherly vernahm seine Tritte und wunderte sich über die Zögerung; doch seine Pflicht nöthigte ihn, eine unbehagliche halbe Stunde schweigend zuzubringen, bis endlich die Thüre sich öffnete und Sir Gervaise cintrat. Er hatte jedes Zeichen des Kummers zurückgedrängt, obgleich der Lieutenant bemerken konnte, daß er ungewöhnlich aufgeregt war. „ Hat Euch der Coutrcadmiral sonst noch eine Botschaft mitgegeben, Sir Wycherly?" fragte Sir Gervaise. „Seinem Briefe nach scheint er mich wegen mündlicher Erläuterungen an Euch zu verweisen." „Zu meiner Beschämung muß ich gestehen, Sir, daß ich keine sehr verständliche Erklärung zu geben vermag. Admiral Blucwater gab mir allerdings einige Aufträge, die ich Euch ausrichten sollte; doch fand ich erst, nachdem wir geschieden waren, daß ich wohl ganz außerordentlich ungeschickt sein muß, da ich, wie ich fürchte, gänzlich außer Stande bin, sie einigermaßen mit klarer Bestimmtheit und im Zusammenhang wiederzugeben." „Vielleicht ist der Fehler weniger auf Eurer, als auf seiner Seite, Sir. Bluewater ist zuweilen Anfällen von Geistesabwesenheit unterworfen, und dann hat er allerdings keinen Grund, sich über Andere zu beklagen, wenn sie ihn nicht verstanden haben, da er sich nicht einmal zu allen Zeiten selbst versteht." Sir Gervaise sagte dieß mit einem gewissen Triumph, denn er war höchlich erfreut, zu finden, daß sein Freund sich wenigstens 33 * 516 dem Boten nicht anvertraut hatte. Der Letztere war übrigens weit weniger geneigt, sich selbst durch dieses Vergeben zu entschuldigen, da er seft überzeugt war, daß bei der Mittheilung, die er zu machen hatte — mochte auch ihre Form beschaffen sein, wie sie wollte— doch jedenfalls die Gefühle des Contreadmirals stark betheiligt gewesen waren. „Ich glaube kaum, Sir, daß wir bei dieser Veranlassung Admiral Bluewaters Geistesabwesenheit irgend eine Schuld bcimessen dürfen," gab Wycherly mit edler Freimüthigkeit zur Antwort. „Seine Gefühle schienen an dem, was er sagte, den innigsten An- theil zu nehmen. Vielleicht mag es gerade die Stärke dieses Gefühles gewesen sein, was seine Rede etwas dunkel machte, denn Gleichgültigkeit konnte cs unmöglich gewesen sein." „So werde ich die Sache wohl am besten begreifen, Sir, wenn ich erst höre, was er Euch sagte." Wycherly schwieg, und suchte sich Alles, was er vernommen, in's Gcdächtniß zurückzurusen, um sich wieder verständlich aus- drücken zu können. „Es wurde mir wiederholt und sehr oft anfgetragen, Sir, Euch dringend zu warnen, daß Ihr nicht eher mit den Franzosen anbinden möchtet, als bis die andere Division aufgeschlossen hätte und zum Beistände bereit wäre. Ob diese Warnung übrigens wirklich in einer geheimen Nachricht, die der Eontrcadmiral erhalten, oder blos in seinem Verlangen, an der Schlacht Antheil zu nehmen, ihren Grund hatte—dieß ist mehr, als ich zu entscheiden im Stande bin." „Beides mag wohl Einfluß aus ihn gehabt haben. Vernahmt Ihr irgend eine Anspielung auf eine geheime Botschaft, weil Ihr einer solchen erwähnt habt?" „Nie fühlte ich mehr Ursache, Sir Gervaise Oakes, mich meiner eigenen Ungeschicklichkeit zu schämen, als eben in diesem Augenblicke," ries Wycherly, der über das Peinliche seiner Lage tief bekümmert war, da er allmählig zu vermuthen anfing, daß sein eigenes Unglück, dessen tief verborgene Ursachen nnr ihm bekannt waren, ihn dazu verleitet hatte, vielleicht den wichtigsten Thcil seines Auftrags zu vergessen— „einige neuere Vorfälle am Laude haben mich vielleicht zu einem solchen Dienste überhaupt untauglich gemacht." „Dieß wäre auch ganz natürlich, mein junger Freund; und da sie mir alle bekannt find, so dürft Ihr meiner Nachsicht gewiß sein." „Alle! — o nein, Sir Gervaise; Ihr kennt kaum die Hälfte -doch ich vergesse mich selbst, Sir, und bitte um Verzeihung." „Ich wünsche keineswegs, mich in Eure Geheimnisse ciuzu- drängen, Sir Wychcrly Wychecombe, und so wollen wir den Gegenstand lieber fallen lassen. Doch könnt Ihr mir vielleicht sagen, ob der Contreadmiral bei guter Laune war — wie ein englischer Seemann wohl immer sein wird, wenn er die Aussicht auf eine große Schlacht vor sich hat." „Ich glaube nicht, Sir Gervaise. Admiral Biuewater schien mir sehr traurig zu sein — wenn ich mir erlauben darf, dieß zu sagen - — traurig selbst bis zu Thränen — so kam cs wenigstens mir ein oder zwei Mal vor, Sir." „Armer Dick!" sagte der Viceadmiral in Gedanken zu sich selbst! „er konnte sich freilich nicht ohne große Scclenangst dazu entschließen, mich zu verlassen. — Doch sagt mir," fuhr er wieder laut fort, „ob irgend Etwas von Monsieur de Vervillins Flotte gesprochen wurde?" „Allerdings, Sir, und zwar sehr viel; ich muß aber zu meiner Schande gestehen — ich weiß kaum, was?" Admiral Blucwater schien zu glauben, der Gras von Vcrvillin habe nicht die Absicht, einen Schlag auf eine unserer Kolonien auszuführcn, und hiemit schien er die Idee zu verbinden, daß wir deßhalb weniger nöthig hätten, uns in einen Kampf mit ihm einzulassen. Jedenfalls habe ich mich nicht geirrt, Sir, wenn ich Euch sagte, daß er wünschte, Ihr möchtet dem Feinde so lange fern bleiben, bis er selbst aufgeschlossen hätte." „Ja, und Ihr seht, mit welchem Instinkt ich seinen Wünschen entsprochen habe!" erwiedertc Sir Gervaise, etwas bitter lächelnd. „Und wäre die Nachhut der Flotte am heutigen Morgen ausgerückt gewesen, Sir Wucherly, so hätte es einen glorreichen Tag für England gegeben!" „Es ist ein glorreicher Tag gewesen, Sir, auch so wie es jetzt steht. Wir haben auf dem Druid Alles gesehen, und cs war nicht Einer unter uns, der nicht stolz darauf gewesen wäre, ei» Engländer zu heißen!" „Wie, sogar der Virginier, Wychccombe?" versetzte Sir Gervaise, der über das ungekünstelte Lob, das für ihn in den Worten und dem ganzen Wesen des Anderen lag, höchlich erfreut war und den jungen Mann mit freundlichem Lächeln auschaute. „Ich fürchtete schon, die Winke, die Ihr in Dcvonshirc erhalten, möchten Euch veranlaßt haben, Enre Nationalität von der von Altcngland zu trennen." „Sogar der Virginier, Sir Gervaise. Ihr seid selbst in den Kolonien gewesen, Sir, und müßt wissen, daß wir nicht all' Das verdienen, was man uns zuweilen auf dieser Seite des Oceanes aufbürdet. Der König hat nirgends ergebenere Unterthancn, als in Amerika." „Das weiß ich sehr wohl, mein edler Junge, und habe es auch dem König mit meinem eigenen Munde gesagt. Doch denkt jetzt nicht mehr daran. Wenn Euer alter Oheim Euch auch gelegentlich ein Pröbchen von John Bulls wahren Gesinnungen gab, so hat er Euch dafür einen desto ehrenvolleren Titel und eine werthvolle Herrschaft hinterlasscn. Ich will dafür sorgen, daß Grcenly ein Unterkommen für Euch findet, und Ihr werdet mir, wie ich hoffe, Eure Gesellschaft bei Tische nicht verweigern. Ich hoffe, Euch eines Tags in Bowldero bei mir zu sehen. Für jetzt wollen wir auf's Verdeck zurückgehen, und sollte Euch später Eiuiges von dem, was Admiral Blucwater gesagt, wieder etwas deutlicher in's 519 Gedächtnis zurückkehren, so werdet Ihr nicht vergessen, es mir zu wissen zu thun." Wycherly verbeugte sich nun und verließ die Kajüte; Sir Gcrvaise aber setzte sich nieder und ersuchte Grecnlu in einem Billet, daß er sür die Bequemlichkeit des jungen Mannes ein wenig Sorge tragen möchte. Daun verfügte er sich selbst auf das Verdeck. Obwohl sich der Viceadmiral bemühte, all' die peinlichen Zweifel, die ihn belagerten, von sich zu schütteln und so fröhlich zu erscheinen, wie dicß einem Offiziere, der kaum zuvor eine glänzende Waffenthat verrichtet hatte, eigentlich zukam — so fand er es dennoch schwer, die Erschütterung zu verbergen, womit Bluewaters Mitthcilnng ihn heimgesucht hatte. So fest er auch überzeugt war, daß er dem Feinde einen entscheidenden Schlag versetzen könnte, wenn er durch die fünf Schiffe der rückwärtigen Division verstärkt würde, so hätte er doch herzlich gerne den Triumph dieses weiteren Sieges dafür hingcgeben, wenn er hätte gewiß sein dürfen, daß Bluewater seine Abneigung nicht bis zu offenkundigen Handlungen treiben würde. Er fand cs hart, von einem Manne, wie Blne- water, zu glauben, daß er wirklich mit dem Plane umgehen konnte, die unter seinem Komm^rdo stehenden Schiffe mit sich sortzuführen; doch kannte er auch daö^Ansehcn, welches sein Freund über die ihm untergebenen Kapitäne ausübte, und die Ausführbarkeit eines solchen Schrittes drängte sich seinem Geiste auf Augenblicke mit peinlicher Deutlichkeit aus. „Sobald sich ein Mann in all' den Unsinn, wie er leider mit dem ju« ckivmum in Verbindung steht, hincinschwatzen kann," dachte Sir Gervaisc, „so heißt es dem gesunden Menschenverstände eben keine große Gewalt anthun, wenn er sich endlich auch überreden läßt, in alle gewöhnlich damit verbundenen Folgen zu willigen." Dann trat aber wieder die Erinnerung an BluewaterS edlen, unbefleckten Charakter beruhigend zwischen diese finsteren Gedanken und ließ ihn frohere Hoffnungen für den Ausgang schöpfen. 520 So zwischen Furcht und Hoffnung hin und her geworfen, beschloß der Oberbefehlshaber, diese Gedanken für den Augenblick ans seiner Seele zu verbannen und all' seine Aufmerksamkeit auf den Theil der Flotte zu richten, den er bei sich hatte. Eben als er diesen weisen Entschluß gefaßt hatte, erschienen Greenly und Wychccombe zu gleicher Zeit auf der Kampanje. „Ich bin erfreut, Greenly, Euch mit so hungrigen Blicken zu sehen," rief Sir Gervaisc seinem Kapitäne fröhlich entgegen; „ Galleygo hat mir so eben gemeldet, daß das Frühstück aufgetragen sei, und da ich weiß, daß Eure eigene Kajüte noch nicht in Ordnung gebracht werden konnte, seit Eure Leute die Kanonen verlassen haben, so hoffe ich, werdet Ihr mir das Vergnügen Eurer Gesellschaft nicht versagen. Sir Wychcrly, mein tapferer, junger Virginier, wird gewiß gerne den dritten Stuhl einnehmcn, und somit wäre unsere Gesellschaft vollständig." Die beiden Herren willigten dankend ein, und der Viceadmiral wollte eben nach seiner Kajüte vorausgehen — als er mit einem Male auf der Kampanjelciter stehen blieb. „Sagtet Ihr mir nicht, Wychccombc," fragte er plötzlich, „dem Druid sei der Fockmast gesprungen?" „Ja, Sir Gervaisc, und zwar sehr schlimm, wie ich glaube — gerade in den Backen. Kapitän Blcwct ließ sein Schiff die ganze Nacht über fürchterlich dahin jagen." „Ja — er geht fürchterlich um mit seinen Spieren — dieser Tom Blewet. Ich war nie ganz sicher, Greenly, so lange er noch Lieutenant bei Euch war, ob ich auch noch alle Masten an ihrem Platze finden würde, wenn ich Morgens früh auf's Verdeck kam. Wie viele Klüverbäume und Bramraacn hat er uns auf jener Kreuzfahrt jenseits des Kaps der guten Hoffnung gekostet! Beim heiligen Georg, ich glaube, wenigstens ein Dutzend!" „Nun, so schlimm war's gerade nicht, Sir Gervaisc; doch hat er mich immerhin um zwei Klüverbäume und drei Bramraacn 521 gebracht. Kapitän Blcwet hat einen tüchtigen Segler, und wünscht auch, daß die Welt darum wisse." „Und er hat seinen Fockmast gesprengt, und soll nun auch sehen, daß ich darum weiß! Hört, Bunting, gebt dein Druid ein Signal, daß er sich neben die Prise lege; wenn dieß beantwortet ist, so sagt ihm, er solle auf den Franzosen Acht haben und meine ferneren Befehle erwarten. Ich will ihn nach Plymouth schicken, um sich einen neuen Fockmast zu holen und den Fremden dahin zu eskortiren. — Apropos, weiß irgend Jemand den Namen des Franzmanns — nun, Grecnly?" „Ich nicht, Sir Gcrvaise. Einige unserer Offiziere glauben übrigens, das Schiff sei das nämliche, das bei unserer Affaire jenseits Kap Finistcrrc zunächst hinter dem Admiral gekommen sei. Ich bin jedoch nicht derselben Meinung, Sir, denn jenes Schiff hatte ein Brustbild an seinem Gallion, dieses aber trägt eine ganze weibliche Figur, die mit der einer Minerva ziemliche Aehnlichkeit hat. Ich glaube, die Franzosen haben wirklich ein Schiff mit Namen,1m Wnorvo^?" „Jetzt eben nicht mehr, Grecnly, wenn diese cs ist: denn von heute an gehört sic u n s." Hier lachte Sir Gcrvaise herzlich überfeinen eigenen Einfall, und Alle, die in seiner Nähe standen, stimmten ihm, wie natürlich, bei. „Die Minerva war übrigens seit undenklichen Zeiten eine Fregatte. Die Göttin der Weisheit ist noch nie so verrückt gewesen, mitten in eine Schlachtlinic hineinzulau- fcn, so lange cs in ihrer Macht stand, dieß zu hindern." „Wir hielten das Bild am Gallion der Prise für eine Venus, als wirmitdemDruid daran vorbei kamen," bcmerkteWychcrly bescheiden. „Nun, es gibt schon ein Mittel, es zu erfahren, und dieß soll jetzt versucht werden. — Wenn Ihr mit dem Druid fertig seid, Bunting, so gebt Ihr der Prise ein Signal, daß sie ihren Namen durch den Telegraphen wiederholen soll. Ihr wißt vermuthlich, wie man einer Prise eine Nummer gibt, wenn sie noch keine hat?" 522 „Ich muß gestehen, das weiß ich nicht, Sir Gervaisc," antwortete Bunting, welcher schon vorher durch seine Miene gezeigt hatte, daß die Sache ihn in Verlegenheit setzte. „Da wir sür sie keine Nummer in unser» Büchern haben, so wäre cs traun ein schwieriges Ding, Sir, mit ihr zu eommnnicircn." „Wie würdet Ihr die Sache angrcifen, junger Mann?" fragte Sir Gervaisc, der sich die ganze Zeit über an dem Hanpt- tan der Kampanjelcitcr hielt. „Laßt einmal sehen, Sir, ob Ihr einen guten Unterricht genossen habt." „Ich glaube, Sir Gervaisc, das kam; ans verschiedene Arten ausgeführt werden," gab Wychcrly zur Antwort, ohne eine Spur von Triumph über seine überlegene Geschicklichkeit blicken zu lassen; „das einfachste Mittel, das'ich kenne, ist aber, die französische Flagge unter der englischen anfzuhisscn, wodurch man anzcigt, für wen das Signal bestimmt ist." „Thut das, Bunting," fuhr Sir Gervaisc fort und nickte mit dem Kopfe, während er die Leiter hinabsticg, „und ich garantire Euch, Dalu wird Antwort geben. Wie er mit des Franzmanns Flagge zurecht kommen wird, ist wieder eine andere Frage. Ich zweifle überdieß, ob er so viel Verstand gehabt hat, eines unserer Bücher mit sich zu nehmen, und in diesem Falle wird er sehr in Verlegenheit sein, wie er das Signal verstehen soll. Versucht es übrigens immerhin, Bunting; ein Irländer hat immer Etwas zu sagen, und wenn es auch nur Unsinn wäre." Nachdem dieser Befehl gegeben war, stieg Sir Gervaisc in seine Kajüte hinab. In einer halben Stunde saß die Gesellschaft so ruhig bei Tische, als ob diesen ganzen Tag nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. „Das Schlimmste an diesen kleinen Scharmützeln, die doch zu nichts führen, ist das, Greenly, daß sie einen eben so starken Pulvergeruch in der Kajüte zurücklassen, als ob eine ganze Flotte vernichtet worden wäre," begann der Viceadmiral gutgelaunt, während 523 er seinen Gästen vorzulegen begann. „Ich hoffe, meine Herren, der Geruch, den wir hier haben, wird euch den Appetit nicht verderben." „Ihr thut dem Erfolge dieses Tages unrecht, Sir Gervaise, wenn Jhr's blos ein Scharmützel nennt," antwortete der Kapitän, der, um die Wahrheit zu sagen, so herzhaft über Galleygo's Leckerbissen hcrgesallen war, als ob er seit vierundzwanzig Stunden nicht mehr gespeist hätte. „Jedenfalls hat es zwei von König Ludwigs Schiffen sämmtliche Spieren gekostet und eines derselben mit Haut und Haaren in unsere Hände—ffa, in gewissem Sinne auch in unsere Taschen — sch armutzirt." „Ganz richtig, Greenly — ganz richtig; was hätte aber daraus werden können, wenn-" Die Hast, womit der Kommandirende mitten in seiner Rede abbrach, ließ seine Tischgenossen glauben, es sei ihm beim Essen oder Trinken ein Unfall zugestoßen; Beide blickten ihm ernsthaft üsis Gesicht, als ob sie ihm ihre Hilfe anbietcn wollten. Sein Antlitz war zwar bleich; doch lächelte er und schien sonst ganz wohl zu sein. „Es ist vorüber, ihr Herren," sprach Sir Gervaise mit sanfter Stimme — „wir wollen nicht mehr daran denken." „Ich hoffe von ganzem Herzen, daß Ihr nicht verwundet seid, Sir," ries Greenly. „Ich habe schon Verwundete gekannt, die nichts davon wußten, daß sie getroffen waren, bis eine plötzliche Schwäche es ihnen verrieth." „Ich glaube, die Franzosen haben mich für dicßmal ungerupst gelassen, mein lieber Freund — ja, ja, ich denke, Magrath wird bei dieser Gelegenheit keine Kügellöcher in meinem Rumpfe zuzustopfen finden. — Diese Eier, Sir Wychcrly, sind von Eurem eigenen Gute, denn Galleygo hat die ganze Herrschaft mit Allem, was sie Gutes enthält, mit Eontribution belegt. Kostet sie einmal, Greenly, da sie von der Besitzung unseres Freundes herstammen." „Sir Wychcrly ist ein glücklicher Junge, daß er überhaupt eine Besitzung hat," meinte der Kapitän. „Wenige Offiziere von 524 seinem Rang können sich eines solchen Vortheils rühmen, und nur von den älteren ist hie und da Einer so gut daran." „Das ist freilich nur allzuwahr — uicht wahr, Greenly? Das Laudhcer schnappt fast alle vermöglichcn Leute für sich weg, denn die reichen Bursche lieben die guten Quartiere und Bälle in den Grafschaften. I ch selbst war ein jüngerer Bruder, als ich aus die See kam, wurde aber noch Baronet—und zwar ein recht warmer — während ich noch als Kadct diente. Der arme Jocelyn starb, als ich erst sechzehn Jahre alt war, und im siebzehnten machte man mich zum Offizier." „Ja, ja, Sir Gcrvaise; und daß Ihr uns nicht aufgegeben, als Euch das Geld zuficl — dafür lieben wir Euch uur um so mehr. Lord Morgauic war schon Kapitän, als er zur Nachfolge gelangte, und so können wir's ihm auch uicht so hoch anrcchnen." „Morgauic bleibt im Dienst, um uns zu belehren, wie mau Stangen und gemalte Brustbilder in den Wind bringen muß," bemerkte Sir Gcrvaise trocken. „Und doch hat der Bursche sein Schiff heute ganz brav gehandhabt, und kam weit besser damit zurecht, als ich Anfangs gefürchtet hatte." „Ich höre, wir werden wahrscheinlich noch einen zweiten Herzog in unsere Marine bekommen, Sir; es ist eine Seltenheit, wenn wir eine Person von so hohem Range zu den Unsrigen zählen dürfen." Sir Gcrvaise kümmerte sich um derartige Dinge weit weniger, als Bluewater; doch warf er, wie natürlich, bei diesen Worten einen Blick auf den Sprechenden, als ob er fragen wollte, wen dieser eigentlich meine. „Lord Montresor, der ältere Bruder jenes Kadeten auf dem Cäsar, soll, wie man sagt, ziemlich übel daran sein, Sir, und in diesem Falle wäre Lord Geoffrey der nächste Nachfolger. Ich denke, er hat bereits zu viel Stoff gezeigt, als daß er uns jetzt, wo ihm mit Nächstem eine Osfizierstelle zusteht, verlassen sollte." „Es ist wahr — Bluewater hat auch diesen hoffnungsvollen, 525 vielversprechenden Knaben bei sich," gab Sir Gervaise nachdenklich zur Antwort, ohne zu wissen, was er sprach. „Gebe Gott, daß er unter so manchem Anderen nicht auch dieses vergesse!" „Ich glaube nicht, daß höherer Rang bei Admiral Bluewater oder Kapitän Stowel einen Unterschied macht. Die Adeligen werden aus dem Cäsar eben so streng zur Arbeit angehalten, wie der geringste Kadet auf der ganzen Flotte. — Doch hier ist Bunting, Sir, um uns eine Mittheilung zu machen." Sir Gervaise raffte sich aus einem Ansalle von Zerstreuung empor, drehte sich um und sah seinen Signaloffizier bereit, Rapport zu erstatten. „Der Druid hat gehörig geantwortet, Sir Gervaise, und hat bereits so dicht aufgeholt, daß er vielleicht, wenn auch erst hinter dem Carnatic, durch die Linie luven wird." „Und die Prise, Bunting? Habt Ihr der Prise ein Signal gegeben, wie ich Euch besohlen habe?" „Ja, Sir; und sie hat so geschickt geantwortet, daß ich gar nicht daran zweifle, der Prisenoffizier habe ein Buch bei sich gehabt. Das telegraphische Signal wurde gleich dem anderen beantwortet." „Nun, und was sagt sie denn? Habt Ihr den Namen des Franzmanns ausfindig gemacht?" „Das ist gerade die Schwierigkeit, Sir; wir selbst wurden zwar verstanden, aber Mr. Daly hat uns auf seiner Prise ein Zeichen aufgesteckt, das der Quartiermeister mit den heiligsten Schwüren für einen Paddy*) erklärt." „Einen Paddy! —- Was! er hat sich doch nicht selbst an einem Raaenarm oder einer Leesegelspiere emporgezogen — oder —was meint Ihr, Wychecombe? Daly ist ein Irländer, und braucht blos sich selbst zu zeigen, um einen Paddy sehen zu lassen." '1 Paddy ist der Spitzname der Irländer, von ihren Landeshriligen Sr. Pa< trik; auch das Bild dieses Heiligen trägt dieselbe Benennung. D. U. „Es ist aber eine Art von Bild, mag es nun sein, was es will, Sir Gcrvaise, und doch — Mr> Daly selber ist cS nicht. Ich glaube eher, er hat zu unseren Worten nicht die nöthigen Flaggen, und hat so etwas wie ein Weib aufgctakclt, um uns den Namen des Schiffes mitzntheilen, denn, wie Ihr wißt, Sir, trägt es wirklich ein weibliches Brustbild." „Den Tensel trägt cs! — Nun, paßt auf, das wird eine neue Aera in der Signalisirkunst geben! Galleygo, sieh' zum Kajütenfenster hinaus und sag' mir dann, ob du die Prise von dort ans sehen kannst. — Nun, Sir, wie lautet die Nachricht?" „Ich sehe sie, Sir Jarvy," gab der Hofmeister zur Antwort; „und ich sehe sie noch dazu auf einer Stelle, welche kein französisches Schiff, das in Gesellschaft von englischen Fahrzeugen segelt, einzunehmen ein Recht hat. Aus jeden Faden, den sie tief geht, Euer Gnaden, steht sie dafür auch fünfzig windwärts von unserer Linie! Gar nicht am rechten Platz, Sir, wie man wohl sagen darf, und ganz unvernünftig!" „Das kommt daher, Mr. Galleygo, daß wir ihr die Gipfel ihrer Masten abgeschosscn haben, so daß jede Spiere, die sie noch übrig hat, nur dazu beiträgt, sie dahin zu ziehen, wo du sie nunmehr siehst. Die Prise muß übrigens ein ausdauerndes Fahrzeug sein — meint Ihr nicht auch, Greenly? Sie und ihr Gefährte waren stark windwärts von ihrer eigenen Linie, sonst hätten wir nicht so hinter sie kommen können, wie wir wirklich kamen. Diese Franzosen bringen doch dann und wann auch ein tüchtiges Schiff zuwege — das müssen wir ihnen lassen." „Ja, Sir Jarvy," fiel Galleygo ein, der die Unterhaltung niemals ins Stocken gerathcn ließ, sobald er nur zur Theilnahme eingeladen war — „ja, Sir Jarvy, und wenn sie sie fertig gebracht haben, ihre Dinger, so fertigen sie sie alsbald uns selber zu , damit wir daraus segeln sollen. Ein Fahrzeug zu bauen, ist ein Theil der Kunst; aber gut darauszu segeln— das ist der andere." „Genug von deiner Philosophie, du Schwätzer; schau' hinaus und merke dir, ob mau irgend etwas Ungewöhnliches zwischen der Takelage der Prise hängen sieht. Wenn du dich nicht bald flinker zeigst, werde ich dir einen von den Bowldero's zur Unterstützung nachschickcn." Diese Bowldero's waren die Diener, welche Sir Gervaise von seinem Gute mit sich gebracht hatte. Auf seiner Besitzung geboren und in seiner oder seines Vaters Familie zu Bedienten auferzogen - - waren sie zwar schon längst an das Leben auf Kriegsschiffen gewöhnt, hatten jedoch ihren Ehrgeiz nie über den gewöhnlichen Gesinde-Dienst hinausgctricbcn, und wurden deßhalb von dem Hofmeister mit ausnehmender Geringschätzung betrachtet. Eine härtere Strafe konnte man ihm niemals anthun, als wenn man ihm drohte, einen dieser gewöhnlichen Bedienten zu einem Dienste zu verwenden, der im Geringsten mit dem Scemannsgewerbe in Verbindung stand. Die gegenwärtige Drohung hatte auch alsbald die gewünschte Wirkung, denn Galleygo verlor keine Zeit, das Takelwerk der Prise mit kritischen Blicken zu mustern. „An einer Franzmanns-Takelage finde ich nichts außergewöhnlich, Sir Jarvy," gab der Hofmeister zur Antwort, sobald er sich von der eigentlichen Thatsache überzeugt hatte; „ihre Schiffsbauer haben in solchen Dingen ihre eigenen Ideen. Nun hat der Bursche allerdings an dem Lee seines Fockraacnarms etwas anshängen, das gerade so aussieht, als ob man ein Bramleesegel hätte anfmachen und hinansziehcn wollen, unterwegs aber wieder innegehalten hätte, weil man fand, daß kein Tauwerk mehr oben war, um es daran zu befestigen." „Ja, so ist's, Sir," fiel Bunting ein. „Mr. Daly hat wie ein Seeräuber sein Weibsbild auf dein Fockraacnarm anfgehißt." „Weibsbild!" wiederholte Galleygo— „dieses Zeug da nennt Ihr ein Weibsbild, Mr. Bunting? — Ich heiße es ein Flaggen- 528 bündel, das aufgesetzt werden sollte, wenn sie überhaupt irgend Etwas aufzusetzen hatten." „Es ist nichts weiter, als ein irisches Weibsbild, Mr. Gal- leygo, wie Ihr Euch selbst überzeugen könnt, wenn Ihr dieses Glas darauf richten wollt." „Nun, so will ich diesen Dienst selbst besorgen," rief Sir Gervaise. „Seid ihr nicht ein bischen neugierig, ihr Herren, Mr. Dälv's Signal kennen zu lernen? — Galleygo, öffne jenes Lnvfenstcr dort und räume die Bücher und das Schreibzeug weg, damit wir bequem hinausschaucn können." Der Befehl wurde augenblicklich vollzogen, und bald saß der Viceadmiral am Fenster und musterte die sonderbare Figur, welche allerdings an dem Lee des FockraaenarmS der Prise ausgehängt war— ein wirklich noch unbeschriebenes Wesen, das jeder seemännischen Erfahrung fremd war. „Ich will mich hängen lassen, Greenly, wenn ich irgend Etwas daraus zu machen verstehe," meinte Sir Gervaise, nachdem er es lange betrachtet hatte. „Nehmt Ihr einmal diesen Platz ein und versucht Euer Glück an dem Ungethüm. Mit einer Weiberfigur hat es allerdings die größte Aehnlichkcit." „Ja, Sir," bemerkte Bunting mit dem Ernste eines Mannes, der seinen Ruf bei dem Ausgange einer Sache betheiligt fühlt; „ich wußte gewiß, daß Mr. Daly in Ermangelung eines Telegraphenbuchs , womit er uns die Buchstaben Hütte signalisiren können, die Figur aufgehißt haben werde, um uns den Namen der Prise mitzutheilen; auch vergaß ich keineswegs, mich erst gehörig zu überzeugen, ehe ich mir die Freiheit nahm, zu Euch herab zu kommen und meine Meldung zu machen." „Ja, sagt mir aber, Bunting, wofür haltet Jhr's denn? das Brustbild könnte es uns wohl besser sagen, doch scheint es unvollständig zu sein." „Das Brustbild hat die ganze Büste nebst einem Arm durch eine Kugel verloren," sagte Greenlv, nachdem er sein Glas auf den genannte» Gegenstand gerichtet hatte; „und ich kann überdieß Mr. Daly noch weiter sagen, daß ein Theil des Wühlings an seinem Bugspriet gleichfalls zum Teufel ist. Das Schiff hat eine tüchtige Ausbesserung nöthig, Sir Gervaise; wenn dieser Wind so fortdauert, so wird eS morgen früh wohl schwerlich mehr einen Fockmast besitzen. Ein zweiter Schuß hat die Hintere Seite seiner Vormarsstenge getroffen und das halbe Spann mitgenommen. Ja, und da ist eben ein Bursche daran gewesen-" „Kümmert Euch nichts um die Kugeln — kümmert Euch nichts um die Kugeln, Grecnly," unterbrach ihn der Viceadmiral. „Ein armer Teufel, wie er, konnte nicht wohl sechs Kameraden unseres Kalibers auf einmal gegen sich haben, und dabei doch noch ,schußfrcff auszugehen erwarten. Erzählt uns lieber etwas von dem Wcibsbilde." „Nun ja, Sir Gervaise, cs ist freilich kein Zweifel — Daly hat es wirklich als Symbol anfgchißt. Ja, ja — nach all' Dem muß das Schiff wohl die Minerva fein, denn die Figur hat in der That etwas wie einen Helm auf dem Kopfe." „Die Minerva kann es in keinem Fall sein," versetzte der Viceadmiral mit Bestimmtheit; denn sie ist, wie ich ganz gewiß weiß, eine Fregatte. Reicht mir einmal das kleine Buch mit der rothen Decke, Bunting — das dort neben Euch — es enthält eine Liste der feindlichen Seemacht. Da Hab' ich's — ,I^n Wnorvo, 32, Io vnpitnino do irognto —ülmulo». Gebaut im Jahre 1733; alt und schwerfällig^ Somit wären wir über die Minerva im Reinen, denn dicß hier ist die neueste Liste, welche die Admiralität uns zugescndet hat." „Dann muß cs die Pallas sein," begann Grcenly auf's Neue; „denn diese trägt ebenfalls einen Helm, und ich sehe ganz genau: die Figur trägt nicht nur eine Mütze, die einem Helme ähnlich sieht, sondern auch noch ein Guernsey-Ueberkleid, das wohl einen Die beiden Admirale. Z4 530 Waffemock vorstellen soll. Minerva und Pallas trugen beide Panzer, wenn ich mich anders recht erinnere." „Damit kommen wir der Sache schon etwas näher — ja, ja, Grecnlv" —stimmte derViceadmiral maller Unschuld ein*); „wir wollen einmal nachschlagen, ob die Pallas ein Zweidecker ist oder nicht. — Beim heiligen Georg! es steht kein solcher Name aus der Liste. Das ist doch sonderbar, daß die Franzosen die eine dieser Gottheiten haben, die andere aber nicht!" „Sie haben nie etwas, wie es sein soll, Sir Jarvy," fügte Galleygo gleichsam als Kommentar zu den klassischen Kenntnissen der beiden Sprecher — des Viceadmirals und des Kapitäns — bei; „und ich muß mich nur wundern, daß sic überhaupt eine Gottheit haben, sintemalen sie im Allgemeinen so wenig Ehrfurcht vor der Religion besitzen." Wycherly war schon längere Zeit höchst unruhig, beobachtete jedoch aus Achtung vor seinen Vorgesetzten ein fortwährendes Stillschweigen. Bunting dagegen bekümmerte sich um all' dieses Gerede äußerst wenig, denn sein Vater war Proviantmeister in der Marine gewesen, und er selbst hatte seine ganze Erziehung auf der See erhalten, wie dieß schon seit einem Jahrhundert in seiner Familie üblich gewesen war. „Es möchte vielleicht nicht so ganz ungeschickt sein, Sir Ger- vaise," meinte der Kapitän, „wenn wir diese Liste von hinten herein durchgingen, und so lange fortführen, bis wir einen Zweidecker fänden, der eine weibliche Figur zum Sinnbild haben muß. So könnten wir die Sache sehr vereinfachen, und ich habe schon sehr schwierige Aufgaben auf diese Art lösen sehen." Der Gedanke leuchtete Sir Gervaise als zweckmäßig ein, und er machte sich allen Ernstes an die Ausführung von Greenly's Vorschlag. '1 Ein ziemlicher Verstoß des Hrn. Mceadinirais. da Minerva und Pallas bekanntlich nur die verschiedenen Namen einer und derselben Gottheit sind. D. U. 531 Eben als er an die Hekate, Nr. 64 kam, zog Greenly durch einen Ausruf seine Aufmerksamkeit auf sich, und er fragte, was es gebe. „Seht selbst, Sir Gervaise, denn wenn meine Augen mich nicht völlig täuschen, so läßt Daly eben einen Wurfanker neben seiner Figur aufhiffen." „Wie — einen Wurfanker? — Ja, ja, 's ist allerdings ein Anker, und das bedeutet Hoffnung. Alle Welt weiß, daß die Hoffnung einen Anker führt —- nicht wahr, Wychecombe? Auf mein Wort, Daly entwickelt immer mehr Scharfsinn. Schaut einmal nach der Hoffnung — in dieser Liste, Bunting — hinten im Buch werdet Ihr die englischen Namen vorgedruckt finden." ,Die Hoffnung oder I'LsslöraneiH, las der Signalosfizier; ,36, >66 cupitlMA ci66 lrignto ckeo Oonrti'gjff *). „Nach all' Dem also nichts weiter, als ein Eindecker. Da haben wir fast wieder dieselbe schlimme Geschichte, wie drüben am Lande mit dem verdammten Nullus. Doch will ich mich jedenfalls von keinem Franzmanne, der je auf der See umherschwamm, an Gelehrsamkeit überbieten lassen. Gehe hinab, Locker, und sage Doktor Magrath, wenn er nicht mit den Verwundeten beschäftigt sei, so möchte er heraufkommen. Er versteht mehr Latein, als jeder Andere auf dem Schiff." „Ja, SirJarvy; das ist aber Französisch, wie Ihr wißt, Euer Gnaden, und hat gar nichts mit Latein zu schaffen. Ich sehe es kommen — es wird sich noch Herausstellen, daß das Ding einen Namen hat, den keine ordentliche Person in den Mund nehmen möchte, so daß wir's dann umtaufen müssen." „Ja, ja, in der That, er hat den Anker eingehakt; wenn die Figur nicht die Hoffnung bedeutet, so muß sie wohl den Glauben oder die Barmherzigkeit vorstellen." „O, glaubt das Ding nicht, Sir Jarvy; der Franzmann hat '1 Dich ist ganz die Bezeichnung, wie ein Engländer daS sranzösischc — , 1 s cexi- tsius Se rrsxsto äs oaurtiaU aussprechen würde. D. u. 34 " weder Glauben, noch Barmherzigkeit — nein, ebensowenig als Gut- müthigkeit, wie jeder arme Teufel weiß, der jemals an ihrer Küste Schiffbrnch gelitten, was mir einmal als Knabe passirtc. Ich betrachte sie nicht anders, denn als lautere Heiden, und dieß ist vielleicht auch der Name des Schiffs. Ich habe Heiden schon hundert Mal in solcher Art von Vermummung gesehen, Sir Jarvy." „Wie, Mann, hast du jemals einenHcidcnmit einem Anker gesehen ? — einem Anker, der dreihundertPfund wiegt, so gut wie ein einziges?" „Vielleicht nicht mit einem ächten und gerechten Anker, Euer Gnaden, aber doch wenigstens mit etwas, was dem ähnlich war. — Das dort drüben ist aber überhaupt gar kein Anker, Sir, sondern nur ein Wurf, der wie ein Anker eingehakt ist." „Da kommt Magrath, um uns aus unserer Noth zu helfen; so wollen wir ihm denn die Sache vortragen." Der Viceadmiral erklärte nunmehr dem Chirurgen die ganze Geschichte, und bekannte freimüthig, daß die klassischen Kenntnisse der Admiralskajüte nicht ansreichten, wcßhalb man sich an die Konstabelkammer um Unterstützung gewendet habe. Magrath hörte das Alles mit nicht geringem Ergötzen, denn hier genoß er wieder einen seiner Triumphe; er lachte nicht wenig über die Verlegenheit seiner Vorgesetzten. „Nun, Sir Jairvis," so lautete seine Antwort, „Ihr hättet wohl auch noch Schlimmeres anrichten und einen Kricgsrath in der Sache zusammenberufen können; wenn Ihr aber nichts weiter als den Namen da braucht — dazu kann ich Euch schon verhelfen, ohne überhaupt weder Sinnbilder, noch Zeichen oder Hieroglyphen zu bedürfen. Als wir vor ein paar Stunden das Kielwasser des Schiffes durchkreuzten, las ich ihn an seinem Spiegel mit goldenen Buchstaben geschrieben. La Victoire isss, und bedeutet ans englisch der Sieg — allerdings ein höchst unglücklicher Beiname für ein unglückliches Schiff. Doch isss ja blos eine französische Victoria, das müßt ihr nicht vergessen, ihr Herren!" „Das muß ein Mißverständniß sein, Magrath; denn Daly hat dort drüben einen Anker gewiesen, und das Wort Sieg sührt ja doch keinen Anker." „Das ist schwer zu sagen, Viceadmiral; denn des Einen Sieg ist des Anderen Niederlage. Was Mr. Daly's Bild betrifft, so ist das eben eine irische Gottheit, und seinem Lande muß man schon eine poetische Licenz gestatten." Sir Gervaise lachte, lud die Herren ein, das Frühstück vollends vernichten zu helfen, und schickte den Befehl auf's Verdeck, daß eine Antwortsflagge aufgchißt werden sollte. Als Daly später einmal zu einer Erläuterung ausgefordert wurde, versicherte er, Helm und Waffen gehörten der Victoria allerdings — wie sich von selbst verstehe; gestand aber doch dabei, daß er im Anfang den Anker vergessen habe; „als ich aber den erst aushißte, da lasen sie's am Bord des alten Planier so leicht, als ob es lauter ellenlange Buchstaben gewesen wären." Minfundzwanzigstes Kapitel. Die Tief' ist wunderbar und groß? Denn reiner als der Lüfte Blau, Wenn Licht strahlt aus des Himmels Au. Und sanfter Meeresperlen glüh'n, Die aus der Tiefe Funken fprüh'n. Des NegenbogenS Wunderschein — Die Wasser bilden ihn allein, Und Sonn' und Mond am hellsten strahlen. Wenn sie sich in der Brandung malen. Die Tief' ist wunderbar und groß! Brainard. ^Haly war als privilegirter Spaßmacher der Flotte anerkannt, und so wurde die außergewöhnliche Art, wie er den Namen seines Schiffes zu verkündigen versucht hatte, als einer seiner charakteristischen Scherze ausgenommen und belacht, bis sich etwas Besseres 534 zur Erheiterung der Gesellschaft darbot. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen der beiden Geschwader wurde die Sache übrigens bald über ernsteren Dingen vergessen, denn nur Wenige glaubten, daß das Zusammentreffen, wie es bereits stattgefunden hatte, einen Mann von dem bekannten Temperamente des kommandirenden Admirals befriedigen werde. Da die Vereinigung mit der rückwärtigen Division das Einzige war, das noch zu dem Beginne eines allgemeinen Gefechtes fehlte, so hatte jedes Schiff, sobald der Sturm ein wenig nachgelassen, einige seiner besten Ausgucker auf die Marsen hinaufgeschickt, welche nun den Horizont, besonders gegen Osten und Nordosten fortwährend mit ihren Fernrohren beobachteten. Gegen Mittag brach sich der Sturm, doch wehte immer noch ein frischer Wind und aus derselben Himmelsgegend wie zuvor. Die See begann jedoch allmählig zu fallen, und gegen acht Uhr waren wesentliche Aenderungen in der Stellung der beiden Flotten eingetreten. Einige derselben halten wir für nöthig, dem Leser vor Augen zu führen. Der Foudroyant, das Schiff des französischen Admirals, und der Scipio waren auf die schon oben erwähnte Weise so zu sagen von den Armen ihrer eigenen Flotte ausgenommen worden; von diesem Augenblicke an hatte sich die Bewegung der gesummten französischen Streitmacht in gewissem Grade nach dem Gange dieser beiden zerschossenen Fahrzeuge richten müssen. Das erstere der beiden Schiffe hätte vermittelst seiner tieferen Segel seine Stellung in der Linie, so lange der Sturm andauerte, noch so ziemlich behaupten können; das letztere aber fiel unvermeidlich von der Richtung ab, und zwang seine Gefährten, sich ihm entweder nahe zu halten oder es gänzlich seinem Schicksale zu überlassen. Monsieur de Vervillin zog das Letztere vor. — Die Folge davon war, daß seine Linie, als die Sonne endlich den Zenith erreichte, noch immer ziemlich weit ausgedehnt, aber nichts weniger 535 als gut geordnet — volle drei Meilen leewärts von der englischen Flotte entfernt stand. Und dieß war noch nicht Alles: denn Sir Gervaise Oakeö war zu dieser wichtigen Tagesstunde bereits wieder im Stande, auf allen seinen Schiffen eiwe größere Anzahl von Segeln zu entwickeln, und die Vor- und Krcnzbramsegel, enggerefft, einsetzen zu lassen, während die Victoire, ein flinker Zweidecker, schon so weit hergcstellt war, daß sie mit ihren Untersegeln den übrigen Schiffen gleichen Schritt halten konnte. Die Franzosen konnten dieß nicht nachahmen, da eines ihrer zerschossenen Schiffe nichts mehr als den Fockmast ausrecht stehend erblicken ließ. Sir Gervaise hatte sich, noch ehe die Entfernung zwischen beiden Flotten für solche Beobachtungen zu groß geworden war, überzeugt, daß der Feind sich anschickte, aus dem Admiralschiffe neue Stengen und andere erforderliche Spieren aufzuziehen, so wie die fehlenden Masten auf dem Scipio durch Nothmasten zu ersetzen, obwohl die See noch nicht erlaubte, einen wirklichen Versuch zum Beginne dieser Verbesserungen anzustellen. Demgemäß entwarf er seine eigenen Plane für die kommende Nacht, denn er wollte seine Leute bei dem jetzigen Zustand der Brise nicht mit ähnlichen Verbeffernngsversuchen ermüden oder dem Feinde seine Absichten kund geben. Gegen Mittag wurde ein Schiff nach dem andern durch Signale angernfen und befragt, ob es bei dem letzten Zusammentreffen irgend eine bedeutende Beschädigung erlitten habe. Die Antworten waren im Allgemeinen sehr befriedigend; nur eines oder zwei derselben gaben ihre Erwiederung auf eine Art, daß der komman- dirende Admiral beschloß, sich durch ein sicheres Mittel von dem wirklichen Zustande seiner Flotte zu überzeugen. Um diesen wichtigen Zweck zu erreichen, wartete Sir Gervaise noch zwei Stunden länger in der gedoppelten Absicht, sowohl die Essenszeit auf allen Schiffen ruhig verstreichen, als auch den 536 Wind sich legen und die See noch weiter fallen zu lassen, wie dieß bei beiden bereits sehr rasch begonnen hatte. Nach Verfiuß dieser Zeit erschien er auf der Kampanje und beorderte Bnnting, seine gewöhnliche Stelle einzunehmen. Um zwei Uhr Nachmittags wehte noch eine rolle Marssegelbrise, wie sie gewöhnlich genannt wird; da übrigens die See immer noch hoch ging und die Schiffe dicht aufgeholt waren, so hielt der Viceadmiral nicht für passend, noch weitere Segel einsetzcn zu lassen. Vielleicht hegte er auch »och den Wunsch, die Entfernung zwischen sich und dem Feinde nicht zu vergrößern, da es theilweise zu seinem Plane gehörte, Monsieur de Vervilliu, so lange der Tag noch dauerte, scharf im Auge zu behalten, um sich eine möglichst genaue Idee von der Stellung seiner Flotte während der Stunden der Dunkelheit zu bewahren. Seine jetzige Absicht war die, seine Schiffe die Revue passiren zu lassen, gerade wie ein General seinen Bataillonen den Befehl gibt, an einem gewissen Punkte, den er selbst mit seinem Stabe einuimmt, vorüber zu marschircn, um sich von ihrer taktischen Tüchtigkeit, so wie von ihrer äußeren Propretü mit eigenen Augen zu überzeugen. Viceadmiral Oakes war der einzige Offizier in der brittischen Marine, der je ein solches Mittel in Anwendung brachte: wie er denn überhaupt so Manches that, wovon Andere sich nie etwas träumen ließen, dafür aber auch nie einen Augenblick zögerte, wenn sich Gelegenheit darbot, eine doppelt überlegene Streitmacht anzugreifeu wie wir bereits am heutigen Tage gesehen haben. Die Offiziere nannten diese charakteristischen Musterungen ,Sir Jarvy's Feldtage^, indem sie ein boshaftes Vergnügen darin fanden, Alles, was gegen den gewöhnlichen Seemannsgebranch verstieß, mit den Gewohnheiten der Landsoldaten zu vergleichen. Doch trotz solcher Scherze und Witze der Flotte erhielt Bnnting seine Befehle, und alsbald wurden die nöthigen Signale gegeben und zur gehörigen Zeit beantwortet. Kapitän Greenly bekam sofort die erforderlichen mündlichen Weisungen, worauf sich der komman- dirende Admiral in seine Kajüte verfügte, um sich selbst für die bevorstehende Scene vorzubereiten. Als Sir Gcrvaisc abermals auf der Kampanje erschien, war er in voller Uniform, mit dem Sterne des BathordenS, wie Ließ bei allen feierlichen, amtlichen Anlässen bei ihm gewöhnlich war. Atwood und Bunting standen ihm zur Seite, während die Bowt- dero's in ihrer reichen Livree die zunächst befindliche Nebengruppe bildeten. Kapitän Greenly und sein erster Lieutenant fanden sich gleichfalls bei der Gesellschaft ein, sobald der Dienst ihres Schiffes ihnen solches erlaubte. Der Kampanje gegenüber war das ganze Marinccorps, was nicht gerade im Dienste war, mit ihren Offizieren au der Spitze in dreifacher Linie aufmarschirt. Der Plantagcnet selbst hatte sein großes Segel auf-, ach seine Stagsegel dagegen uiedergeholt und sich mit scharf-backgebraßtem großem Marssegel beigelcgt, wobei der Quarticrmeistcr Befehl hatte, bas Schiff ein wenig vom Winde abznhalten, da man einigen Raum vor sich frei halten wollte, nm die beabsichtigte Musterung zu verlängern. Nach diesen Vorbereitungen erwartete der kommandirende Admiral das allmahlige Herannahen seiner Schiffe, während sich die Sonne — seit vierundzwanzig Stunden zum ersten Male — in einem Strahlenmccre glänzenden Sommerlichtes zeigte, wie wenn sie absichtlich die Ceremonie durch ihre Gegenwart verherrlichen wollte. Das erste Schiff, das dem Plantagenct nahe kam, war natürlich der Carnatic, da er dem Admiralschiffe zunächst folgte. Dieses Schiff, welches sich, wie der Kommandirende selbst bemerkt hatte, dadurch auszcichnete, daß cs nie aus der Linie kam, brauchte keine lange Zeit, um aufzuschließen, sondern luvte, um windwärts zu gelangen, an dem Luvbord des Admiralschiffes, und ließ dabei alle Marssegelboleinen los, so daß es seine Geschwindigkeit dadurch verlor und eine Art Halbbord machte. Diese einfache Bewegung brachte den Carnatic, als er jetzt sein Steuer gerade richtete, ungefähr auf fünfzig Faden windwärts von dem Plantagenet, an dem er sofort in langsamem aber stattlichem Gange vorüberzog, während auch das Wetter nunmehr erlaubte, in solcher Entfernung vermittelst der Sprachrohre fast ohne alle Anstrengung der Stimme eine Unterredung zu halten. Die meisten Offiziere des Carnatic standen auf der Kampanje, während das Schiff sachte dahinglitt und seine Schatten auf das Verdeck des Plantagenet hinüber warf. Kapitän Parker selbst stand in der Nähe des Lausstags mit unbedecktem Haupte, das graue Haar im Winde flatternd. Das Gesicht des einfachen, treuherzigen Ve- terans zeigte einige Aengstlichkeit, denn hätte er den Feind nur den zehnten Theil so viel gefürchtet, als er sich vor seinem kommandi- renden Offizier scheute, so wäre er gänzlich untauglich zu seinem Posten gewesen. So schaute er bald nach den Segeln hinauf, um zu sehen, ob Alles in Ordnung wäre, bald suchte er, gleichsam mit jedem Faden, welchen er näher rückte, voll Aengstlichkeit den Ausdruck in des Viceadmirals Zügen zu lesen. „Wie geht's Euch, Kapitän Parker?" — begann Sir Ger- vaise mit ächter Sprachrohr-Förmlichkeit, indem er die gewöhnliche Begrüßung machte. „Wie befindet sich Sir Gervaise Oakes am heutigen Tage? Ich hoffe, er ist doch bei der letzten Affaire mit dem Feinde unverletzt geblieben?" „Ganz wohl, ich danke Euch, Sir; hat der Carnatic-während der Schlacht irgend eine ernstliche Beschädigung erlitten?" „Nicht der Rede werth, Sir Gervaise. Eine tüchtige Quetschung am Fockmast, doch nicht bedeutend genug, um uns jetzt, da das Wetter nachgelassen hat, sonderlich zu beunruhigen; an der Takelage ist auch Einiges abgeschosscn, und der Rumpf hat ein paar Püffe erhalten." „Hat Eure Mannschaft Noth gelitten, Sir?" 539 „Zwei sind todt, sieben verwundet, Sir Gervaise. Recht brave Bursche die Meisten, doch habe ich noch genug ihres'Gleichen übrig." „ So darf ich also annehmen, Kapitän Parker, daß Ihr den Carnatic als zu jedem Dienste tauglich geschildert?" „So tauglich, als meine geringen Fähigkeiten ihn nur immer zu machen vermögen, Sir Gervaise Oakes," antwortete der Andere, über die Förmlichkeit und Bestimmtheit der Frage etwas beunruhigt. „Mit dem Steuer entgegengekommen — mit dem Steuer entgegengekommen!" Alles dieses ging vor sich, während der Carnatic immer noch Halbbord hielt; jetzt wurde aber das Steuerruder gerade gerichtet, und er fiel nun in langsamer, majestätischer Bewegung mit der Breitseite gegen das Admiralschiff ab, indem er in dem Maaße, als seine Segel sich wieder zu füllen anfingen, auch neuen Raum nach vorwärts gewann. In diesem Augenblicke, als die Raaenarme der beiden Schiffe nur noch etwa hundert Fuß von einander waren, und während der Carnatic seitwärts abbog, nahm Sir Gervaise Oakes seinen Hut ab, trat rasch an den Rand der Kampanje vor, und gebot mit der Hand Stillschweigen. „Kapitän Parker," sprach er so laut und deutlich, daß man seine Worte auf beiden Schiffen vernehmen konnte — „ich wünsche Euch öffentlich für Euer tapferes Benehmen am heutigen Tage zu danken. Ich habe immer gesagt, eine sicherere Stütze als Ihr könne niemals einem kommandirendcn Admiral in die Schlacht folgen, und Ihr habt die Wahrheit meiner Behauptung mehr als bewährt. Ich wünsche Euch öffentlich dafür zu danken, Sir." „Sir Gervaise — ich kann nicht ausdrücken — Gott segne Euch, Sir Gervaise!" „Nur einen Fehler habe ich an Euch zu tadeln, Sir, und auch dieser ist leicht zu verzeihen." „Gewiß, ich hoffe es, Sir." 540 „Ihr habt Euer Schiff so rasch und sicher gehandhabt, daß wir sogar kaum Zeit batten, Euren Kanonen aus dem Wege zu gehen." Der alte Parker wäre nicht im Stande gewesen, eine Antwort zu geben, und wenn sein Leben davon abgehangeu hätte; er verbeugte sich blos und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Es war nur noch ein Augenblick übrig, um sich nochmals verständlich zu machen. „Wenn das Schwert Seiner Majestät für Euer heutiges Tagewerk nicht auf Eure Schulter gelegt wird, Sir, so wird es wenigstens nicht mein Fehler sein," fuhr Sir Gervaise fort und winkte ihm mit dem Hute Lebewohl zu. So lange dieses Zwiegespräch dauerte, herrschte ans beiden Schiffen so tiefes Stillschweigen, daß man neben Sir Gervaise's volltönender Stimme nur noch das Klatschen des Wassers unter den Bügen des Earnatic als einzigen begleitenden Laut vernahm; sobald aber der Admiral zu sprechen aufgehört hatte, erhob sich die Mannschaft auf beiden Schiffen wie ein Mann und brach in ein donnerndes Hurrah aus. Die Offiziere stimmten herzhaft mit ein, und um das Kompliment voll zu machen, befahl der Komman- dircnde dem Marinecorps des Plantagcnet, vor dem vorüberziehenden Schiffe die Gewehre zu präsentircn. Der Earnatic aber, dessen Segel wieder sämmtlich gefüllt waren, nahm plötzlich einen frischen Anlauf, und schoß, von einer Woge emporgehobeu, fast um seine ganze Länge vorwärts. Eine halbe Minute später war er schon vor dem fliegenden Klüverbaumende des Plantagenet, indem er so viel Raum übrig ließ, daß das Admiralschiff durch seine Bewegung nicht leewärts geworfen wurde. Kaum war der Earnatic vorüber, als der Achilles sich an- schicktc, seine Stelle einzunehmen. Dieses Schiff hatte mehr Raum vor sich frei gelassen; es brauchte daher blos leicht windwärts vom Plantagenet zu luven und seine Boleinen los zu lassen, um mit den Bügen an dem Spiegel des Admiralschiffcs vorbei zu kommen und die Schnelligkeit seines Laufes zu vermindern. „Wie befindet Ihr Euch heute, Sir Gervaise?" schrie Lord Morganic, ohne lange den Anruf des kommandirenden Admirals abznwarten — „erlaubt mir, Sir, Euch zu den Waffenthaten dieses glorreichen Tages meinen Glückwunsch abzustatten!" „Ich danke Euch, mein Lord, und wünsche Euch zu sagen, daß ich mit dem Benehmen Eures Schiffes zufrieden bin. Ihr habt euch Alle sehr brav gehalten, und ich wünsche euch Allen hiefür zu danken. Ist der Achilles beschädigt?" „Nicht, daß fich's der Mühe lohnt, Sir. Etwas Tanwerk, auch hie und da eine Spiere ist allerdings drauf gegangen." „Habt Ihr Leute verloren, Mylord? Ich wünsche ganz besonders, den Zustand jedes Schiffes genau kennen zu lernen." „Ich glaube, so etliche acht bis zehn arme Bursche, Sir Ger- vaisc; doch sind wir jeden Augenblick zu neuem Kampfe bereit." „Gut so, Mylord; macht Eure Boleinen fest und gebt Raum für den Thunderer." Morganic gab den nöthigen Befehl; als aber sein Schiff wieder vorwärts steuerte, rief er mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit: „Ich hoffe, Sir Gervaise, Ihr habt nicht im Sinn, seine andere lahme Ente anfzugeben. Ich habe meinen ersten Lieutenant der einen Prise an Bord geschickt, und gestehe mein Verlangen, auch den zweiten ans den Bord der andern zu bringen." „Ja, — ja — Morganic; wir schießen die Vögel herunter und Ihr schiebt sie ein. Ich werde Euch noch oster solche Jagd anvertrauen, ehe wir überhaupt auseinander kommen." Selbst Sir Gervaise Oakes, der doch sonst nicht gewöhnt war, in Sachen des Dienstes zu scherzen, Hielt für passend, dem Range des Andern dieses keine Zugeständniß zu machen; dann entfernte sich der Achilles von dem Flaggenschiffe so geräuschlos, wie man etwa den Vorhang von einer Bühne wegzicht. „Ich glaube, Greenleaf," bemerkte Lord Morganic gegen den nebenstehenden Wundarzt, einen seiner besonderen Lieblinge — „Sir Jarvy ist ein wenig eifersüchtig auf uns, weil Daly die Prise bestieg, ehe er eines seiner eigenen Boote dahin abschicken konnte. Es wird, traun, in der Zeitung gar nicht übel lauten — meint Ihr nicht auch? — ,Das französische Schiff wurde in Besitz genommen und weggebracht von dem Achilles, Kapitän der Earl von Morganic'ff — Ich hoffe, der alte Knabe wird so viel Schicklichkeitsgefühl besitzen, daß er uns gibt, was uns gebührt. Ich glaube noch dazu, daß cs unsere letzte Breitseite war, welche die französische Flagge hernieder brachte." Es fehlte nicht an einer geziemenden Antwort; doch da der Achilles weiter vorwärts segelte, so können wir ihm nicht so weit folgen, um sie zu erzählen. Das dritte Schiff, das sich dem Plantagenet näherte, war der Thunderer, Kapitän Folcy. Dieses Schiff gehörte zu denen, welche das Feuer der drei vorderen französischen Zweidecker, nachdem diese seitwärts aus derLiuie gezogen, ausgehalten hatten, und da es überdieß das vorderste Schiff der englischen Nachhut gewesen war, so hatte es mehr als jedes andere Fahrzeug des ganzen Geschwaders gelitten. Diese Thatsache erhellte auch sogleich, so wie es sich näherte — aus der Art und Weise, wie sein Takclwerk zusammengekuüpft war, so wie aus der Aufmerksamkeit, welche mau auf seine Spieren verwendet hatte. Selbst während er jetzt vorüberzog, sah man die Leute auf den Raaen noch mit dem Einbinden eines neuen Hauptsegels beschäftigt, da das alte am Liek versetzt und beinahe von der Spiere abgerissen worden war. Auch konnte man mehrere Pflöcke an seiner Leeseite bemerken, welche die Stellen bezeichnten, wo die französischen Kugeln angeprallt hatten. Auch hier fand die gewöhnliche Begrüßung zwischen dem Vice- admiral und seinem Kapitäne Statt: der Erstere stellte sodann seine Fragen wie bisher. 543 „Wir haben nicht gerade blos Bcgrüßungssalven ausgetauscht, Sir Gervaise," gab Kqpitän Folev zur Antwort, „doch ist das Schiff bereits wieder dienstfähig. Sollte der Wind noch etwas Nachlassen, so denke ich, wären wir sogar im Stand, die Segel scharf zu führen." „Ich bin sehr froh, dieß zu vernehmen, Sir — höchlich erfreut, dieß zu vernehmen, Sir. Ich fürchtete für Euch mehr als für jedes andere Schiff in der Flotte. Ich hoffe, Ihr habt unter Eurer Mannschaft keinen wesentlichen Verlust erlitten?" „Neun Todtc, Sir Gervaise, und, wie der Wundarzt sagt, sechzehn Verwundete." „Das beweist, Foley, daß Ihr nicht im Hafen gelegen seid!— Nun, ich darf wohl sagen, wenn man die Wahrheit erfahren könnte, so würde man finden, daß Monsieur de Vcrvillins Schiffe zur Vergeltung auch Merkzeichen von Euch an sich tragen. Lebt wohl —- lebt wohl — Gott mit Euch." Der Thunderer glitt vorwärts und machte dem Blenheim — Kapitän Sterling — Raum. Der Blenheim war eines jener allzeit dienstbereiten Schiffe, die in ihrem Aeußeren zwar keine Spur von Glanz und Prunk an sich tragen, dafür aber jeden Augenblick bereit sind, Schläge auszutheilen und zu empfangen. Sein Kommandant war ein achter Seehund, zwar ziemlich stark zu harten, ausländischen Flüchen geneigt, auch ein bedeutender Konsument von Tabak und Branntwein, dabei aber ein Mann, der so viel Unterscheidungsgabe besaß, daß er vor seinem kommandirenden Admiral niemals fluchte, obwohl er dafür bekannt war, daß er es in Kirchen schon öfter gethan hatte — oder auch mehr Getränke zu sich nahm, als er bequem führen konnte, sobald er einem Feinde oder einem Sturme zu begegnen erwarten mußte. Er war als Krieger wie als Seemann zu fest erprobt, um die Flasche als seine Zuflucht zu betrachten; sie war nur die Gefährtin seiner heiteren, vergnügten Stunden, und wurde dann auch, um die Wahrheit zu gestehen, mit solchem 544 zärtlichen Wohlwollen behandelt, daß es Anderen ausnehmend schwer wurde, nicht gleichfalls einige Parteilichkeit für sic zu hegen. — Mit einem Wort: Kapitän Sterling war ein Seemann nach der ,alten Schule^ denn vor hundert Jahren gab cs in Sitten, Gebräuchen und Ansichten, in Philosophie, Moral und allen Fortschritten der Vernunft ebensogut eine alte Schule, als cs heutiges Tages eine solche gibt, und aller Wahrscheinlichkeit nach im nächstenJahr- hnndcrt eine solche gebe n w i r d. Der Blcnhcim hatte keinen wesentlichen Schaden irgend einer Art genommen, auch war Keiner seiner Mannschaft verletzt, und so konnte er einen sehr günstigen Bericht erstatten. Der Kapitän meldete, sein Schiff sei noch eben so diensttüchtig, als cs zu der Stunde gewesen, da cs seine Anker gelichtet habe. „Um so besser, Sterling — um so besser. Ihr sollt bei der nächsten Affaire die Ehre des ersten Angriffs haben, damit Ihr Gelegenheit findet, Euch ausznzeichnen. Ich verlasse mich auf den Blcnhcim und ans seinen Kapitän." „Ich danke Euch, Sir," crwiederte Sterling, während sein Schiff weiter zog. „Nebenbei bemerkt, Sir Gcrvaise — würde es nicht gut sein, die Kisten der Prise vorher etwas zu durchsuchen, ehe sie den Zollbeamten in die Hände fiele. Hier ans der hohen See könnte man dieses doch nicht geschmuggelt heißen, und ich denke, sic muß guten Klaret an Bord haben." „Das wäre eine,Priscnplünderungss Sterling," sagte der Vice- admiral lachend, denn er wußte, daß die Frage mehr im Scherze gestellt war und kein ernsthafter Vorschlag sein sollte; „darauf steht, wie Ihr wißt, der Tod, sogar ohne die Wohlthat eines Beichtvaters. Nur weiter — da kommt schon Goodfcllow dicht aus Euren Fersen." Das letzte Schiff der englischen Linie war der Warspitc, Kapitän Goodfcllow, ein Offizier, der sich unter den damaligen Seemännern durch seinen ,religiösen Hang', wie man cs nannte, bemcrklich machte. Wie dieß gewöhnlich bei solchen Männern der Fall ist, 545 so war auch Kapitän Goodfellow ruhig, nachdenklich und pünktlich in seinem Dienste. Er hatte vielleicht weniger als manche seiner Kameraden von den Eigenschaften einer ächten Thecrjackc an sich, aber sein Schiff war dabei in guter Ordnung, that seine Schuldigkeit zu jeder Zeit, und war besonders aufmerksam auf die Signale — ein Umstand, der den Kommandanten zu einem besonderen Lieblinge des Viccadmirals machte. Nachdem die üblichen Fragen gestellt und beantwortet waren, wurde Goodfellow vou Sir Gervaise benachrichtigt, daß der Admiral die Scgelordnung umzukehrcn beabsichtige, so daß der Warspite in die Vorhut komme» werde. „ „Wir wollen dem alten Parker ein Weilchen zum Athemholen vergönnen, Goodfellow," fuhr derKommandirende tu sciuem Gespräche fort, „uud Ihr sollt dann zunächst hinter meinem Spiegel segeln. Ich selbst muß euch Allen vorangehen, sonst rennt ihr mir ohne Befehle aus den Franzmanu los, und behauptet heruach, ihr hättet die Signale im Pnlverdampfe nicht gesehen." Der Warspite segelte alsbald weiter, und der Plantagenet hatte nun Niemand mehr als die Prise und den Druid zu empfangen: die Chloe, der Driver und der Active waren nämlich in dem Musterungssignal nicht einbegriffen worden. Daly hatte, wie wir schon oben erwähnt haben, die andern Schiffe allmählig ans dem Winde geschlagen, und brummte nicht wenig, als der Befehl, auf Anrusweite an dem Viceadmiral vorbei zu pasfiren, gegeben wurde, da er nun nothwendig wieder so viel von dem gewonnenen Grunde verlieren mußte. Nichtsdestoweniger ließ sich mit dem obersten Kommandircnden in Sachen dieser Art nicht leicht scherzen, und wohl oder übel mußte er seine großen Segel ausholen und den Augenblick abwartcn, wo er ausschließen sollte. Nachdem der Warspite Platz gemacht hatte, ließ er sein Schiff so nahe an den Admiral herantrciben, daß er nichts als seine Halsen wieder anzuhalen brauchte, um so nahe, als man nur wünschen konnte, Die beiden Admirale. 35 546 an dem Flaggenschiff vorüber zn kommen. Als er ganz nahe war, ließ er ans Befehl des Niceadmirals sein großes Segel aufholcn. „Habt Ihr irgend Etwas besonders nöthig, Mr. Daly," fragte Sir Gcrvaisc, sobald der Lieutenant an dem vorderen Rande erschien, um seinen Ruf zu beantworten. „Die See fällt so rasch, daß wir Euch wohl einige Boote hinübcrschickcu könnten." „Großen Dank, Sir Gcrvaisc; ich bedarf weiter nichts, als ein Paar hundert Franzmänner vom Halse und statt ihrer ein Hundert Engländer an Bord zu kriegen. Alle zusammcngcrcchnct sind wir hier blos unser einundzwanzig königlicher Unterthaucu." „Kapitän Blewct hat Befehl, Euch Gesellschaft zu leisten, Sir; sobald cs dunkel ist, habe ich im Sinn, Euch unter der Eskorte der Fregatte nach Plymouth zu senden. Ist sie ein tüchtiges Schiff, Eure Prise — he, Daly?" „Nun, Sir Gervaise, vorderhand ist sic wie ein Stück zerbrochener Töpferwaare, und man kann alle ihre Vorzüge noch nicht gehörig schätzen. Sic ist gar kein übler Segler und dauerhaft ist sie auch, denk' ich —- das muß man ihr lassen. Im Innern aber ist sie verteufelt französisch." „Wir wollen sie seiner Zeit schon englisch machen, Sir. Wie steht's mit den Lecken? Arbeiten die Pumpen frisch drauf los?" „Sic hat einen einzigen verhenkerten Leck, .Sir Gcrvaisc; die Pumpen saugen aber trotz einem Knäbchcu von neun Monaten. Wenn fie's nicht thätcn — ja, da wären wir freilich zu wenig, um sie dazu zu zwingen,dcnnwir haben imGanzen uur neunzehu arbeitcndeHände." „Ganz gut, Daly; Ihr könnt jetzt den großen Hals an Bord holen; vergeht mir aber nicht, daß Ihr, sobald es dunkel ist, nach Plymouth abzugeheu habt. Solltet Ihr irgend Etwas von Admiral Bluewatcr zu sehen bekommen, so sagt ihm, daß ich mich auf seine Unterstützung verlasse, und nur noch seine Ankunft abwarte, um Monsieur de Vervillins Aufgabe zu Ende zu bringen." „Das will ich Alles herzlich gerne thuu, Sir. — Ei, Sir 547 Gervaise," riefDaly grinsend von derKampanje seiner Prise herüber, denn wahrend sein Schiff vorwärts gegangen, hatte er sich selbst nach hinten verfügt, bis er auf dem Hinterdeck angclangt war — „wie gefallen Euch die französischen Signale? In Ermanglung eines Besseren haben wir zu den Klassikern unsere Zuflucht genommen!" „Ja, ja, Ihr würdet, glaub'ich, wohl in Verlegenheit kommen , wenn Ihr Eure eigenen Flaggen erklären solltet. Der Name des Schiffs ist ,die Victorias wie man mir sagte; warum habt Ihr denn dem armen Weibe eine Rüstung angezogen und einen Wurfanker neben ihr aufgehißt?" „Das geschah nach unfern Büchern, Sir Gervaise. Jedes Wort ist aus dem Cicero, dem Cordairy, dem Cornelius Nepos und lauter solchen Burschen. O, Sir! ich ging auch in die Schule, ehe ich auf die See kam, wie Ihr zuweilen selbst zu sagen pflegt, Sir Ger- vaise, und die Literatur ist in Irland dieselbe wie auf der ganzen übrigen Welt. Die Victoria braucht eine Waffenrüstung, Sir, um siegreich zu sein, und der Anker soll anzeigen, daß sie zu keiner hergelaufenen Gaunerfamilie gehört. Ich bin so sicher, daß Alles richtig war, als ich es je bei meinen Modus und Tempus gewesen." „Alles ganz gut, Dalv," gab Sir Gervaise lachend zur Antwort: — „Die Lords der Admiralität sollen Eure Verdienste in dieser Beziehung kennen lernen; vielleichtwerden sie Euch noch den Professortitel verschaffen. — Haltet Euer Luv an, sonst kommt Ihr gar bis zu unserer Sprietsegelraa *) herüber; — habt wohl Acht und folget dem Druid." Hier winkten sich die beiden Herren zum Abschied, wie gewöhnlich, mit den Händen, und die Victoire zog mit gestutzten Schwingen langsam vorüber. Der Druid folgte; Sir Gervaise gab Kapitän Blewet einfach den Befehl, die Prise in den Hasen zu eskortiren und für seinen eigenen Fockmast Sorge zu tragen. ') Das Spliet- oder blinde Segel ist das unterste Segel am Bugspriet. D. u. 38 " 548 Hiemit endete der,Feldtag^ die Fregatte luvte abermals windwärts von der Linie und ließ den Plantagenct hinter sich. Wenige Minuten später füllte der letztere und eilte mit vollen Segeln hinter seinen Gefährten her. Der Viceadnüral hatte sich nun auf die unmittelbarste Weise von dem wirklichen Zustande seiner Flotte überzeugt, und dabei That- sachen genug gesammelt, um seine Plane für die nächste Zukunft darnach zu entwerfen. Wäre Blucwatcrs Brief nicht gewesen, so hätte nichts zu seinem vollen Glücke gefehlt: der Erfolg des heutigen Tages hatte all' den verschiedenen Schiffen einen Feuereifer ciugeflößt, welcher an sich schon ein Unterpfand noch wichtigerer Resultate abgab. Doch war er immer noch entschlossen, gerade so zu handeln, wie wenn der Brief gar nicht geschrieben worden wäre, denn cs war ihm unmöglich, zu glauben, daß ein Mann, der so lauge treu gewesen war, in der Stunde der Noth ihm wirklich seine Hilfe entziehen könnte. „Ich kenne sein Herz besser als er selbst" — auf diesem Gedanken betraf er sich oft in seinen Selbstgesprächen, „und che wir Beide noch um einen Tag älter sind, will ich's ihm zu seiner eigenen Beschämung und zu meinem Triumphe beweisen." Er hatte im Laufe des Nachmittags mehrere kurze, abgebrochene Unterredungen mit Wycherlv, um sich wo möglich von dem eigentlichen Geisteszustände zu überzeugen, worin sein Freund an ihn geschrieben hatte — doch jedesmal ohne Erfolg, da der junge Mann freimüthig bekannte, daß er in Folge einer Gedankcnverwirrung, welche er aus Bescheidenheit sich selbst znschrieb, die aber, wie Sir Gervaise wohl wußte, mit größerem Rechte Blucwatern Schuld gegeben werden mußte — nicht im Stande gewesen sei, eine einigermaßen klare Idee von des Contreadmirals Absichten zu erhalten. Mittlerweile hatten die Elemente angefangcn, eine neue Probe ihrer wechselnden Launen an den Tag zu legen. Ein Sturm im Sommer ist selten von langer Dauer, und fast scheint es, als ob dieNaturhiesürgerade einenZcitraum von vierundzwanzig Stunden 549 angewiesen hätte. Das Wetter war seit dem Beginne der Musterung wesentlich milder geworden, und süns Minuten später hatte sich die Sec nicht nur so ziemlich zur Ruhe begeben, sondern auch der Wind war um mehrere Punkte umgesprungen, und blies jetzt als eine srische Bramsegclbrise aus Nordwesten. Die französische Flotte vierte bald daraus und stand so ziemlich norduordöstlich oder au leichter Boleine. Die Mannschaft war bei Ausbesserung der erlittenen Beschädigungen sehr thätig gewesen: das Admiralschiff war wieder völlig hergestellt und hatte dieselben Segel eingesetzt, wie die übrigen Schiffe sie führten. Dem Scipio war in seinem traurigen Zustande nicht so leicht abzuhelfcn, obwohl auch er, sobald nur Boote mit Sicherheit zu ihm gelangen konnten, von den anderen Schiffen alle mögliche Unterstützung erhalten und sogar wieder zwei Nothmaste ansgerichtet hatte. Als die Sonne am westlichen Horizonte hing und nur noch eine Stunde bis zu dem Augenblicke fehlte, wo sie einen der langen Sommertage in dieser hohen Breite beschließen sollte, setzte der Scipio ein Krcuzsegcl an die Stelle des großen und ein Vorbramsegel an die Stelle des Krenzsegels. So ausgestattct war er wieder im Stande, mit seinen Kameraden gleichen Schritt zu halten, welche sämmtlich unter leichter Leinwand standen und die Nacht erwarteten, die ihre Bewegungen verhüllen sollte. Ungefähr eine Stunde, ehe cs dem Scipio gelang, seine Segel auf die erwähnte Art zu vermehren, hatte Sir Gervaise Oakes seiner Flotte das Signal gegeben, daß ein Schiff nach dem andern von der Nachhut bis zur Vorhut vieren sollte. Der Befehl wurde mit großer Behendigkeit vollzogen, und da die Schiffe zuvor gerade gegen Südsüdwest gesteuert waren, so lag ihre Scgellinie, nachdem sie beigedreht und gegen Nordnordost Front gemacht hatten, noch immer eine volle Meile windwärts von der ihrer Feinde. Jedes Schiff füllte seine Segel aus der Backbordseite, und verkürzte sie zugleich, um den Hinteren Schiffen Raum zum Abhalten zu geben, so daß jedes an seine angewiesene Stelle gelangen konnte. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, daß diese Aenderung den Plantagenet abermals an die Töte der Linie brachte; nur folgte jetzt statt des Carnatic — der Warspite als zweites Schiff, und elfterer schloß dagegen die Nachhut der ganzen Flotte. Es war ein herrlicher Nachmittag und alle Aussicht zu einer eben so schönen Nacht vorhanden. Da übrigens bei gegenwärtiger Jahreszeit nur sechs Stunden völliger Dunkelheit zu erwarten waren, und der Mond überdieß noch um Mitternacht aufgehen mußte, so erkannte der Viccadmiral recht wohl, daß er keine Zeit zu verlieren hatte, wenn er irgend eine Bewegung unter dem Schleier der Finsteruiß ausführen wollte. Reffbänder wurden keine mehr gebraucht, obwohl die Schiffe sämmtlich unter kurzen Segeln standen, um ihre Bewegungen nach denen der Prise cinzurichten. Die letztere war jetzt übrigens vom Druid in's Schlepptau genommen worden, und da diese Fregatte ihre Bramsegel führte und die Victoire selbst ihre Untcrsegcl gebrauchen konnte, so war sie nicht nur im Staude, der Geschwindigkeit der Flotte, welche damals unter vollen Marssegeln stand, gleich zu kommen, sondern auch ihre Luvstellung glücklich zu behaupten. Dicß war der Stand der Dinge in dem Augenblicke, als die Sonne nntersank. Der Feind war vom Leebug aus etwa ein und eine halbe Meile entfernt, da steckte der Plantagenet plötzlich ein Signal auf, welches der ganzen Flotte befahl, mit den großen Marssegeln an den Masten beizuwenden. Dieser Befehl war kaum vollzogen, als die Offiziere aus dem Verdeck durch die Pfeife des Untcrbootsmannes überrascht wurden, welche die Mannschaft der Viceadmiralsbarke zusammenberief. — Letztere war nämlich ein Boot, welches zu dem ausschließlichen Gebrauche des kommandi- renden Admirals bestimmt worden war. „Habe ich recht gehört, Sir Gervaise?" fragte Grcenly mit 551 einer Theilnahme, die nicht ganz frei von Neugierde war; „ist es Euer Wunsch, daß Eure Barke bemannt werde, Sir?" „Ihr habt vollkommen recht gehört, Greenly, und seid Ihr anders zu einer Spazierfahrt an diesem schönen Abend aufgelegt, so möchte ich Euch um das Vergnügen Eurer Gesellschaft ersuchen. Ihr, Sir Wycherly Wychecombc, seid hier vorderhand noch Müssig- ganger, und so habe ich als Flaggenosfizier das Recht, Euch für meinen eigenen Dienst zu pressen. Nebenbei bemerkt, Greenly — ich habe für diesen Herrn einen Befehl ausfertigen lassen und bereits unterzeichnet, wonach er sich bei Euch, als meiner Familie zngctheilt (wie die Soldaten es nennen), zu melden hat. Sobald Atwood denselben abgeschricben haben wird, soll er ihm cingehän- digt werden, und ich ersuche Euch hiernach, ihn sofort als meinen ersten Adjutanten zu betrachten." Dagegen konnte Niemand eine Einwendung machen, und Wycherly dankte dem Admiral durch eine Verbeugung. In diesem Augenblicke sah man die Boote über der Kühl des Schiffes hin und her schwingen; im nächsten hörte man, wie die Raatakeln sich selbst überholten. Dann folgte das plätschernde Geräusch, womit das Boot das Wasser berührte. In der nächsten Minute schon war auch die Bootsmannschaft mit aufgcrichtctcn Rudern und schweren Bootshaken auf der Barke versammelt. Die Wache präscntirte, der Bootsmann pfiff sein Stückchen, die Trommel rasselte, und Wycherly sprang auf die Fallrcepstreppc und war mit der Schnelligkeit des Gedankens verschwunden. Greenly und Sir Gervaise folgten, worauf die Barke augenblicklich abstieß. Obgleich die Wogen bedeutend gefallen und ihre Spitzen nicht länger gefährlich waren, so zeigte sich dennoch der atlantische Occan noch keineswegs so ruhig, wie man sich einen See an einem heiteren Sommcrabend denken mag. Gleich beim ersten Einstnken der Ruder hob sich die Barke aus einer langen, schweren Woge, aus der sie leicht wie eine Eierschale dahinschwamm, und als das Wasser 552 wieder unter ihr wegglitt, schien cs, als ob das Boot in eine Höhle des Oceans hinabsinken wollte. Es gibt nicht leicht etwas, was uns die Hilslosigkeit des Menschen lebhafter vor Augen stellt, als solche Boote, wenn sie von den Wellen hin und her geworfen werden, selbst wenn diese nicht in ihrer tobenden Laune sind; denn gerade, wenn dicß nicht stattfindct, ist man um so eher geneigt, eine bessere Behandlung zu erwarten, als auf solche Art dem Elemente nur zum Spiclballe zu dienen. Wer aber jemals selbst auf dem ruhigsten Meere geschwommen ist, muß diese hilflose Abhängigkeit mehr oder weniger erfahren haben, denn sogar die stärksten Boote, von den kräftigsten Matrosen geleitet, erscheinen nur gar zu oft wie leichte Federn, die in dem launischen Lnststrome hin und her flattern. Die Männer, welche die Barke cinnahmcn, waren übrigens mit ihrer Lage zu vertraut, um viel an solche Dinge zu denken, und sobald Sir Gervaise Wychcrlsss Anerbieten angenommen und dieser sich an die Ruderpinnen gestellt hatte, warf der Admiral einen prüfenden Blick in die Höhe, um das Acußere des Plantagenet zu mustern. „Der Bursche da, der Morganic, hat jetzt eine bessere Entschuldigung für seine Schcbeckentakclage, als ich vcrmuthet hätte, Greenlu," begann dann der Viccadmiral, nachdem er das Schiff eine Minute lang gemustert hatte. „Eure Vormarsstengc steht wenigstens um sechs Zoll zu weit nach vorn, und ich muß Euch ersuchen, sic morgen früh wieder zurückstancn zu lassen, sobald die Witterung cs zuläßt. In diesen Meerengen da oben wollen jene mittelländischen Fahrzeuge nichts taugen." „Sehr wohl, Sir Gervaise; die Spiere soll mit der Morgen- wache aufgerichtet werden," gab der Kapitän ruhig zur Antwort. „Da ist z. B. Goodsellow, so sehr er auch sonst ein halber Prediger ist — der weiß seine Masten aufrechter zu stellen, als jeder andere Kapitän in der Flotte. Da werdet Ihr niemals am 553 Bord des Warspite eine Spiere auch nur um einen halben Zoll am Unrechten Platze finden." „Das kommt daher, Sir, daß sein Kapitän durch den eigenen Lebenswandel Alles so. schön heraustakclt," erwicderte Greenly lächelnd. „Wenn wir Andern in sonstigen Dingen nur halb so gut, als er es ist, so wären wir wohl auch im Secdienfte weit besser daran." „Nun ich denke, Greenly, Religion kann auch einem Seemanne nicht schaden — nein, nicht im Geringsten — das heißt nämlich, wenn er seine Masten nicht zu knapp einkeilt, sondern ihnen sür jede Witterung genügenden Spielraum läßt. Uebrigens ist Good- ftllow nichts weniger als ein Heuchler." „Nicht im Geringsten, Sir, und das ist's gerade, was ihn so sehr beliebt macht. Der Kaplan des Warspite ist nicht ohne Nutzen; aber ebensogut könnte man ein Bugspriet aus einem Kajütenfenster auftakeln, als unseren Burschen zu etwas Rechtem verwenden." „Ei, bei uns wird doch auch Keiner beerdigt, Greenly, ohne daß er wie ein ächter Christ in's Wasser versenkt würde," versetzte Sir Gervaise, mit der Einfalt eines eifrigen Anhängers jener Schule, welche Alles mehr nach dem äußeren Anscheine benrthcilt. „Ich kann es nicht ausstehen, wenn ich einen Seemann gleich einem Bündel alter Kleider in den Ocean geworfen sehe." „Nun ja — dieser Thcil des Dienstes wird allerdings bei uns ziemlich genau verrichtet; dagegen aber hegt unser Kaplan die Ansicht, ein Mann, der nicht bereits todt sei, gehöre ausschließlich nur dem Arzte an." „Ich will hundert Guineen darauf wetten, daß Magrath in dieser Sache einigen Einfluß auf ihn gehabt hat — gebt dem Blenheim einen weiteren Raum, Sir Wycherly, ich wünsche zu sehen, wie er sich in der Höhe ausnimmt —- er ist ein verteufelter Bursche, dieser Magrath" — ans Sir Gervaise's Boote fluchte Niemand, als er selbst, sobald die Viceadmiralsflagge von dem 554 Buge flatterte; „und er ist gerade der rechte Manu dazu, um dem Kaplan eine solche Meinung in den Kopf zu setzen." „Ja, ja, darin mögt Ihr nicht so ganz unrecht haben, Sir Gervaise; ich hörte einmal in einer finsteren Nacht einer Unterredung zu, welche die Beiden, an den Besanmast gelehnt, am Ende der Kampauje mit einander hielten, und eben damals stellte der Doktor eine Theorie auf, welche derjenigen, deren Ihr erwähnt, ziemlich ähnlich war, Sir." „So? — wirklich? — that er das? Das sieht dem schottischen Spitzbuben ganz ähnlich; gerade so hätte er mich gerne überreden mögen, daß wir Eurem armen Oheime, Sir Wycherly, nicht hätten zur Ader lassen sollen, und doch war hier ein so sonnenklarer Fall von Schlagfluß im Spiele, als nur jemals einer existirte." „Nun, das muß ich doch sagen — soweit hätte ich nicht geglaubt, daß er seine Unverschämtheit treiben würde," bemerkte Grccnly, dessen mcdicinische Kenntnisse mit denen seines Viceadmi- rals so ziemlich auf gleicher Stufe standen. „Ich hätte nicht geglaubt, daß sogar ein Arzt eine solche Lehre zu verfechten wagen würde! — Was aber den Kaplan betrifft, so legte ihm Magrath damals den Grundsatz an's Herz, daß Religion und Arzneiwissenschaft sich nicht gut mit einander vertrügen. Er sagte, Religion sei ein ,Alternativunfl und würde ein Salz so schnell wie Feuer ncu- tralisiren." „Er ist ein großer Vagabund, dieser Magrath, wenn er einmal einen frischen Ankömmling erwischt hat, Sir; ich wünschte von ganzem Herzen, daß der Prätendent ihn nebst zwei oder drei Pfund seiner Lieblingsarzneien bei sieb hätte — unter uns gesagt, glaube ich, Greenlv, daß England einen hübschen Vortheil dadurch erreichen könnte. — Ei, Wvchceombe, meiner Ansicht nach würde der Blen- heim weit besser gehen, wenn sein Mast wenigstens um zwei Fuß verkürzt wäre." „Das mag wohl sein, Sir Gervaise; würde das Schiff aber 555 wohl noch eben so sicher zu handhaben sein, wenn es bei leichtem Wind und in kritischen Augenblicken znm Schlagen käme?" „Hum! Greenly! für uns alte Bursche wird cs allmählig Zeit, uns umzuschauen, wen'n schon die Jungen anfangen, über Schlachtlinien ihre Betrachtungen anzustellcn! Ihr braucht nicht zu erröthcn, Wychecombe — braucht gar nicht zu erröthen! Eure Bemerkung war durchaus verständig und zeugt von reiflichem Nachdenken. Nie wird ein Land eine mächtige Marine aufweisen, nie wird sich ein Mann einen bedeutenden Einfluß auf die Kriegführung seines Volkes erringen, wenn nicht auf die Taktik der Flotte die größte Aufmerksamkeit gerichtet wird. Als Vorübung sind diese Fregattengc- fcchte und einzelnen Kreuzfahrten ganz an ihrem Platze: die Hauptübung aber muß nothwendig im Geschwader geschehen. Zehn große Schiffe, wenn sie an gute Flottendisciplin gewöhnt sind und längere Zeit zur See neben einander gedient haben, richten mehr ans, als hundert einzelne Kreuzer, sobald sich's darum handelt, Ordnung und Mannszucht auf dem Occan zu erhalten; nur dann, wenn wir unsere Fahrzeuge zusammen verwenden, lernen wir auch, was Mannschaft und Schiffe zu leisten vermögen. So z. B. verdanken wir den Erfolg des heutigen Tags einzig und allein unserer Uebung im geschlossenen Segeln, so wie der Sicherheit, womit jedes Schiff seinen Posten zu behaupten gewöhnt ist; sonst würden sechs Schiffe wohl niemals im Stande gewesen sein, ihrer Zwölfen die Palme des Siegs zu entreißen. — Die Palme! — ja, das ist eben das rechte Wort, Greenly, das ich heute Morgen im Sinne hatte. Daly's vermaledeiter Paddy hätte eigentlich, als Sinnbild der Victoria, doch auch einen Palmzweig in der Hand tragen sollen — meint Ihr nicht auch?" 556 Sechsundzwanzigstes Kapitel. Wer je die dunkelblaue Sec durchmessen, Wenn weit den Schaum die Winde von sich sprüh'n: Der hat des schönen Anblicks nicht vergessen, Wenn stolze Schiff' und Segel fernhin flieh'n Und Rumpf und Spieren sich den: Blick entzieh'n, Der große Mast hoch auf dem Bug sich hebet — Konvohschiff' wilden Schwänen gleich entflieh'n. Der trägste Seemann thut sich kühn hervor: So munted springt die Well' am Bord empor. " Byron. (Vir Gervaise Oakes war bei seinem beweglichen Geiste öfter solchen plötzlichen Gedankensprüngen unterworfen, wie wir es oben am Schluffe des vorigen Kapitels beschrieben haben, und so gab Greenly weder durch ein Lächeln noch durch ein längeres Verweilen bei dem berührten Gegenstände eine Erwiederung aus des Viceadmirals Bemerkung, sondern machte seinen Vorgesetzten ganz einfach darauf aufmerksam, daß sie nunmehr dem Thunderer gerade gegenüber stünden, und fragte dabei an, ob er noch weiter fortzn- rudcrn wünsche. „Nach dem Carnatic, Greenly, wenn Sir Wycherly die Güte haben will, seinen Kurs dorthin zu nehmen. Ich habe mit meinem Freunde Parker noch ein Wörtchen zu reden, ehe wir uns für heute Nacht zur Ruhe begeben. Dabei könnt Ihr uns übrigens immerhin so viel Raum geben, um MorganicS phantasiereiche Einfälle bemerken zu können, denn ich komme nie an seinem Schiffe vorüber, ohne irgend etwas Neues zu lernen. Lord Morganics Schiff ist für uns alte Knaben eine gute Schule, die wir nicht versäumen dürfen — nicht wahr, Greenly?" „Der Achilles ist allerdings in gewissen Beziehungen ein Musterschiff, Sir Gervaise, obwohl ich mir schmeichle, daß die Plantagenets nicht allzuviele Veranlassung haben, dasselbe nachzuahmen , um sich einen Ruf zu erwerben." 557 „Ihr solltet Morganic nachahmcn, um zu lernen, wie man ein Schiff in Ordnung hält? — Pah! da laßt eher Morganic kommen, um bei E u ch iu die Schule zu gehen. Ucbrigcns ist der Bursche in der Schlacht selbst nichts weniger als blöde -— behauptet seinen Posten vortrefflich, und gibt seinem Feinde nicht nur zu hören, sondern auch zu fühlen. — Ha, da ist er und schwenkt seinen Hut auf dcrKampanje; er wundert sich vielleicht, was Teufels wohl Sir Jarvy heute Abend noch Vorhaben mag! Giert einmal hinüber, Wychccombe, und laßt uns hören, was er uns zu sagen hat." „Guten Abend, Sir Gcrvaise," rief der Earl, wie gewöhnlich die Initiative der Unterhaltung ergreifend; „als ich Eure Flagge auf dem Boote gewahrte, schöpfte ich schon Hoffnung, Ihr würdet mir die Ehre erweisen, eine Flasche Klaret mit mir anzustechen , und einige von den Früchten, die noch auf meiner Tafel stehen, zu kosten." „Ich dank' Euch, mein Lord; Geschäfte gehen aber allen Vergnügungen vor. Wir sind heute eben nicht müsfig gewesen, werden aber morgen wohl noch mehr zu thun bekommen. — Nun, wie steuert denn jetzt der Achilles, da sein Fockmast wieder an seiner Stelle ist?" „Er schwankt wie ein Bursche, der zu viel Grog an Bord genommen hat — auf mein Wort, Sir Gervaisc. Wir werden so lange nichts mehr mit ihm ausrichtcn können, bis Ihr Eure Einwilligung gebt, daß wir seine Spieren nach unserer Mode stauen dürfen. Habt Ihr die Absicht, Admiral, mir Daly wieder zurück zu schicken oder soll ich selbst die Nolle des ersten Lieutenants übernehmen?" „Daly ist zum Kreuzen bestimmt, und Ihr müßt Euch, so gut Ihr könnt, ohne ihn zu behelfen suchen. Wenn Ihr im Laufe der heutigen Nacht Euren Kameraden hinter Eurem Spiegel vermissen solltet, so dürft Ihr nicht glauben, er sei versunken. Stellt gute Ausgucker aus und habt wohl Acht auf die Signale." 558 Da Sir Gcrvaise mit der Hand seinen Abschied winkte, so wagte der junge Edelmann nichts weiter zu crwiedern, noch weniger eine Frage zu stellen, obwohl man auf der Kompanie des Achilles mit nicht geringer Neugierde darüber berathschlagte, was wohl des Admirals Worte bedeuten mochten. Das Boot ruderte weiter, und fünf Minuten später befand sich Sir Gcrvaise aus dem Quarterdeck des Carnatic. Parker empfing den kommandircndcn Admiral, den Hut in der Hand, mit einem Diensteifer, einer Aengstlichkcit, welche vielleicht in seiner Constitution begründet waren, und auch durch das Bewußtsein eigenen Verdienstes nie völlig beschwichtigt werden konnten. Auch die Gewohnheit mochte ihren Antheil daran haben, denn von seinen Knabcnjahren an war ihm die Ehrfurcht vor höherem Range eingepflanzt worden, und so hatte er, der Baumeister seines eigenen Kleinen Glückes^, von jeher dem Beifalle seines Vorgesetzten weit mehr Wichtigkeit beigelegt, als dieß bei Andern der Fall ist, welche sich noch auf andere Stützen, als ihre eigenen Dienste, lehnen dürfen. Sobald die Honneurs des Quarterdecks pflichtschuldigst abgemacht waren — denn diese pflegte Sir Gcrvaise niemals weder selbst zu vernachlässigen noch auch eine Vernachlässigung von 'Anderen zu dulden — gab der Viceadmiral dem Kapitän Parker den Wunsch zu erkennen, ihn in seiner Kajüte zu sprechen, wobei er Greenly und Wychecombe bat, sie dahin zu begleiten. „Aus mein Wort, Parker," begann Sir Gcrvaise, als er rings umher den besonderen Anschein häuslicher Behaglichkeit gewahr wurde, welchen die Hinterkajüte des Schiffes darbot — „Ihr habt ein Geschick, Euer Haus mit Euch auf die See zu nehmen, wie kein anderer Kapitän in der Flotte es besitzt! Nirgends ist etwas Uebertriebenes, keine Spielereien n In Morganic, sondern ein einfaches, gesundes, häusliches Aussehen, das Einen wohl zu dem Glauben verleiten könnte, daß man sich in seinem väterlichen Hause befinde. Ich wollte wahrhaftig gleich tausend Pfund darum 559 geben, wenn meine eigenen Tagdicbc der Kajüte auf dem Plantagenet eine solche Achnlichkeit mit Bowldero verleihen könnten." „Weniger als hundert haben zu dem Bischen ausgcrcicht, was Ihr hier vor Euch, seht. Mrs. Parker hält sehr viel darauf, derlei Dinge jederzeit selbst zu besorgen, und hierin mag vielleicht das ganze Gehcimniß liegen. Ein gutes Weib ist ein großer Segen, Sir Gervaisc, obwohl Ihr Euch, wie ich glaube, niemals zu dieser Anficht bekehren lassen wolltet." „Ich glaube kaum, Parker, daß cs ein Weib allein ausmacht. Da ist z. B. Stowel, Bluewatcrs Kapitän — der ist verhcirathct, so gut wie Ihr — nein, beim heiligen Georg , ich habe sogar gehört, der alte Knabe behaupte, er habe so viel an seinem Weib, wie nur irgend Einer in Seiner Majestät Diensten: aber seht — seine Kajüte sieht gerade aus wie eines Schuhflickers Rumpelkammer, und sein Staatszimmer gleicht so ziemlich einer Wachstube! Als wir noch zusammen Lieutenants auf der Eurydice waren, Parker, da hatte Euer Staatszimmer gerade das nämliche behagliche Aeußerc an sich, wie ich es in diesem Augenblicke an Eurer Kajüte gewahre. Nein, nein, Mann, das liegt in Eurem eigenen Ge- schmacke: sonst würde es nicht überall und zu allen Zeiten zu Tage komme»." „Ihr vergeht, Sir Gervaisc, daß ich schon damals, als ich die Ehre hatte, Euer Tischgenosse auf der Eurydice zu sein — ein verhcirathetcr Mann war." „Bitte um Verzeihung, mein alter Freund; — doch ja, in der That, das wäret Ihr! Nun, das ist aber doch schon eine verteufelt lange Zeit, nicht wahr, Parker?" „Ja, wahrhaftig, Sir; ich war aber arm und konnte die kostspieligen Streiche des Juuggescllenlcbcns nicht mit machen. Ich heirathete aus purer Sparsamkeit, Admiral Oakes." „Und aus Liebe—" setzte Sir Gervaisc lachend hinzu. „Ich will daraus wetten, Grecnly, daß er Mrs. Parker diesen Glauben ein- 560 redete, mochte er mm wahr sein oder nicht. Ich wette drauf, er hat ihr nichts davon gesagt, daß er ans einem so knauserigen Grunde, wie diese Sparsamkeit, heirathe! Jetzt möchte ich erst einmal Euer Staatszimmer sehen, Parker." „Nichts leichter als das, Sir Gcrvaise," antwortete der Kapitän aufstehcnd und die Thürc öffnend. „Hier ist es, Sir, so wenig cs auch die Aufmerksamkeit des Besitzers von Bowldero verdienen mag." „Ein höchst ansprechender Ort, in der That! — sieht so heimisch und säuberlich aus, daß Ihr dadurch gewiß oft an Mrs. Parker erinnert werdet, wenn nicht anders dieses Gemälde am Fuße Eurer Hängematte Euch andere Gedanken in den Kopf setzt! Was für eine junge Verführerin habt Ihr denn hier, mein alter Kamerad von der Eurydice? — nun, Parker?" „Es ist das Portrait meines treuen Weibes, Sir Gcrvaise; ist es nicht ein würdiger Begleiter ans meiner Kreuzfahrt?" „Wie? was? — Dieses junge Ding wäre Eure Gattin, Parker? Wie Teufels ist sic denn an Euch gerathcn?" „Ach, Sir Gcrvaise, jetzt ist sic kein junges Ding mehr, sondern geht nachgerade stark den Sechzigen entgegen. Das Portrait wurde gefertigt, als sie noch meine Braut war, und ist mir jetzt um so theurer, als ich weiß, daß das Original so lange Zeit mein Loos mit mir getheilt hat. Ich betrachte cs niemals, ohne mich mit Dank daran zu erinnern, wie häufig sic meiner auf unseren Kreuzfahrten gedenkt und wie oft sic den Himmel nur Sieg für uns anfleht. Auch Ihr, Sir, werdet bei ihren Gebeten nicht vergessen." „Ich!" rief der Viceadmiral, ganz gerührt von dem einfachen Ernste des Kapitäns. „Habt Jhr's gehört, Greenlu? Nun, das will ich einmal behaupten — diese Dame ist wahrhaftig eine gute Frau — ein wirklich vortreffliches Wesen — gerade so wie meine arme selige Mutter — ein Segen für ihre ganze Umgebung! — Gebt mir Eure Hand, Parker; und wenn Ihr das nächste Mal an Eure Gattin schreibt, so sagt Ihr von mir — Gott möge sic segnen — sagt ihr Alles, was ein Mann, wie Ihr selbst wißt, bei einer solchen Veranlassung zu sagen hat. — Und jetzt an unser Geschäft. Laßt uns in dieser Eurer niedlichen und so behaglichen Kajüte Platz nehmen und unsere Sachen besprechen." Die beiden Kapitäne nebst Wycherly folgten dem Viceadmirale in die Hinterkajüte, wo sich der Leztere auf einem kleinen Sopha niederlicß, während die Anderen in achtungsvoller Entfernung ihre Stühle einnahmen: auf der See ist nämlich weder Vertraulichkeit, noch scherzhafte Laune von Seiten eines Vorgesetzten jemals im Stande, die Entfernung zwischen ihm und Denen, welche untergeordnete Stellen bekleiden, zu vermindern — eine That- sache, deren sich Gesetzgeber recht wohl erinnern dürften, wenn sie tm Dienste neue Rangstufen schaffen. Sobald Alle Platz genommen hatten, eröffnete Sir Gervaise sein Vorhaben. „Ich habe da einen kitzlichen Dienst, Kapitän Parker," begann er, „den ich gerne Euch selbst anvertraucn möchte. Ihr müßt wissen, daß wir das Schiff, das uns heute Morgen entkam und sich in die französische Linie zurück flüchtete — neben dem, daß wir ihm zwei seiner Masten abgcschosscn, in jeder Beziehung scharf genug mitgenommen haben. Dieses Schiff hat, wie Ihr gesehen haben werdet, bereits wieder Nothmastcn aufgerichtct; doch sind cs blos Spieren, die einzig in der Absicht aufgezogen sein können, dasselbe sicher in den Hafen zurückzuführen. Monsieur de Vcrvillin wäre nicht der Mann, für den ich ihn halte, wenn er den Streit zwischen uns auf dem Punkte zu lassen beabsichtigte, auf welchem er jetzt ist. Nun kann er aber jenes cntmastete Schiff ebensowenig in seiner Flotte behalten, als wir dieß mit unserer eigenen Prise thun können, und ich zweifle keinen Augenblick, daß er es, sobald es dunkel ist, höchst wahrscheinlich von einer seiner Korvetten oder vielleicht Von einer Fregatte begleitet, nach Cherbourg absenden wird." Die beiden Admirale. Zg 562 „Ja, Sir Gervaise," gab Parier nachdenklich znr Antwort, sobald sein Vorgesetzter zu sprechen ansgehört batte; „was Ihr da voraussagt, wird aller Wahrscheinlichkeit nach wirklich eintrcffen." „Es muß so eintrcffen, Parker, denn der Wind bläst in gerader Richtung gegen seinen Hafen. Nun - Ihr könnt Euch jetzt leicht denken, wozu ich des Carnatic bedarf." „Ich glaube, Euch zu verstehen, Sir; und doch, wenn ich es wagen durfte, einen Wunsch zu äußern - —" „Sprecht ihn aus, alter Knabe — Ihr sprecht ja zu einem Freunde. Ich habe Euch auserwählt, um Euch einen Dienst zu erweisen— sowohl, weil ich Euch liebe, als weil Ihr der älteste Kapitän in der Flotte seid. Wer dieses Schiff auffängt, wird wohl noch mehr davon zu hören bekommen." „Vollkommen richtig, Sir; werden wir aber hier wahrscheinlich nicht noch mehr zu thuu erhalten? und wird es auch wohl durchaus klug sein, ein so treffliches Schiff, wie den Carnatic, wegzuschicken, während der Feind, selbst wenn ich bei Euch bleibe, noch immer zehn gegen sccbse zählt?" „Dieß Alles ist bereits überlegt worden, und ich glaube, Eure eigenen Gefühle zum Voraus geahnt zu haben. Ihr seid der Ansicht, es werde Eurem Schiff mehr Ehre bringen, wenn Ihr Eure Stelle in der Linie behauptet, als wenn Ihr ein schon halb besiegtes Schiff wegkaperu könntet." „In der That, Sir Gervaise, das ist es. Ich gestehe, derartige Gedanken kamen mir in den Sinn." „Nun, so seht, wie leicht cs ist, Euch dieselben zu benehmen. Ohne Verstärkung kann ich die Franzosen bei dieser ruhigen Witterung nicht wohl angreiscn. Rückt die Nachhut auf, so sind wir ohne Euch gerade zehn gegen zehn — mit Euch wären wir sogar eilf gegen zehn. Sinn will ich Euch gestehen, daß ich durchaus keine Ueberzahl auf meiner Seite wünsche, und deßhalb jedenfalls einen Kapitän wegschicken werde, besonders wenn ich überzeugt bin, 563 daß ein edles zweigedecktes Schiff der Lohn dafür sein wird. Wenn eine Fregatte den verkrüppelten Burschen begleitet, so werdet Ihr alle Hände voll zu thun und einen männlichen Kamps vor Euch haben; solltet Ihr beide bekommen, so wäre dieß doch eine recht hübsche Sache. Was sagt Ihr nun, Parker?" „Ich fange an, besser von dem Plane zu denken, Sir Gervaise, und bin Euch für Eure Auswahl dankbar. Doch wünschte ich zuvor , Eure eigenen Plane genau kennen zu lernen — ich habe es noch immer sicher gefunden, Sir, dieselben pünktlich zu befolgen." „Nun, so sollt Ihr sie denn haben. Nehmt vier oder fünf der scharfäugigsten Leute, die Ihr habt, und schickt sie hinauf, damit sie Euren Burschen keine Minute aus den Augen lassen, so lange es hell genug ist, um ihn deutlich unterscheiden zu können. In kurzer Zeit werden sie auch im Staude sein, ihn sogar in der Dunkelheit zu erkennen, und wenn Ihr Eure Nachtgläser wohl aus ihn gerichtet behaltet, so kann er Euch kaum entschlüpfen, ohne daß Ihr es bemerktet. So wie er fort ist, müßt Ihr kurz rund vieren und so rasch als möglich gegen Kap la Hogue oder Alderney Hinsteuern ; Ihr werdet immer drei Schritte machen, bis er zwei zuwege bringt und, mein Leben darauf, mit Tagesanbruch habt Ihr ihn windwärts von Euch und seid dann seiner vollkommen sicher. Auf Signale von mir dürft Ihr nicht warten, sondern müßt Euch aufmachen, sobald es dunkel wird. Ist Euer Werk verrichtet, so sucht, so rasch Ihr könnt, einen englischen Hafen, und hängt einen schottischen Plaid über Eure Schulter, damit Euch des Königs Schwert nicht unsanft berühre. Mich hat man schon mit Dreiundzwanzig der Ritterehre für würdig gehalten, und der Teufel müßte drin stecken, Parker, wenn Ihr mit Dreiundsechzig derselben nicht werth sein solltet!" „Ja, Sir Gervaise, Euch ist auch noch Alles gelungen, was Ihr jemals unternommen. Euch hat noch nie eine Expedition sehlgeschlagen." ^ 36 564 „Das kommt daher, daß ich auch Vieles versucht habe. Meine Plaue haben oft fehlgeschlagen; da übrigens im Allgemeinen immer etwas Gutes darauf erfolgte, so stehe ich jetzt in dem Rufe, als ob ich Alles, was ich gethan, auch wirklich vorher so beabsichtigt hätte." Jetzt folgte eine lange, in's Einzelne gehende Unterredung über das beabsichtigte Unternehmen, an der auch Greenly Antheil nahm, und dem betagten Kommandanten dcs Carnatic verschiedene nützliche Winke ertheilte. So brachte Sir Gervaise eine volle Stunde in Parker's Kajüte zu, worauf er Abschied nahm und sich wieder aus seine Barke verfügte. Es war mittlerweile so dunkel geworden, daß man kleine Gegenstände nicht mehr bis auf hundert Ruthen erkennen konnte; die Massen der Schiffe, an denen das Boot allmählig vorüberkam, glichen schwarzen Hügeln, über deren Kamme die Wolken zwischen den baumähnlichen, schwankenden Spieren hin und her schwebten. Kein Kapitän nahm sich heraus, den kommandirendcn Admiral anzurufen, als er wieder an der Linie hinabruderte: nur der Peer des Königreichs machte hierin eine Ausnahme. Er hatte allerdings immer etwas zu sagen, und da er geraume Zeit seine Muthmaßnn- gen darüber angestellt hatte, was wohl den Viceadmiral veranlassen mochte, dem Earnatic einen so langen Besuch abzustatten, so konnte er sich nicht enthalten, seine Gedanken laut werden zu lassen, als er den abgemessenen Ruderschlag der zurückkehrendcn Barke vernahm. „Wir werden sammt und sonders eifersüchtig werden über das Kompliment, das Ihr Parkern so eben erwiese», Sir Gervaise," rief er laut — „wenn Ihr nicht hie und da Eure Gunst auch auf uns Andere ausdchnt, die derselben vielleicht weniger würdig sein mögen." „Ja — ja — Morganic; seiner Zeit soll auch an Euch gedacht werden. Unterdessen haltet Euren Leuten die Augen offen, so daß ihr die Franzosen nicht aus dem Gesichte verlieret. Wir werden morgen früh Einiges mit ihnen zu sprechen haben." „Verschont uns nur wo möglich mit einer Nachtaffaire, Sir 565 Gervaise! Ich verabscheue das Fechten, wenn ich schläfrig bin, und sehe gar gerne meinen Gegner vor mir. Bei Tag — so viel Ihr wollt; aber bei Nacht — da bitte ich Euch geziemendst um Ruhe, Sir." „Nun, da will sch doch wetten, Morganic, wenn wir eine Oper oder Ranelagh*), eine Spielgesellschaft oder Maskerade hier hätten — ob Ihr da auch so viel an Eure Nachtruhe dächtet!" antwortete Sir Gervaise trocken; „was Ihr für Eure eigene Person auch thun möget, mein Lord, laßt mir nur den Achilles in seinem Dienste nicht einschlafen, denn ich werde morgen wohl seiner bedürfen. Fahrt weiter, Wychecombe, fahrt weiter und laßt uns wieder nach Haus zurückkehren." Eine Viertelstunde später stand Sir Gervaise abermals auf der Kampanje des Plantagcnet und die Barke war wieder an ihrem alten Plätzchen auf dem Verdeck aufgestaut. Greenly beschäftigte sich mit dem Dienste seines Schiffes und Bunting war bereit, die Befehle, welche der kommandirende Admiral allenfalls noch geben mochte, rasch weiter zu befördern. Es war jetzt neun Uhr Abends, und man konnte die Gegenstände auf dem Ocean, selbst wen» sie so groß waren, wie Schiffe, nur noch mit Mühe ans die Entfernung einer halben Meile erkennen. Mit Hilfe der Gläser hielt man aber fortwährend ein scharfes Augenmerk auf die französischen Schiffe gerichtet, welche um diese Zeit zwei volle Meilen vorwärts von ihnen lagen. Um dichter gegen sie aufzurücken, war es nöthig, von der bisherigen Stelle anfzubrechen, und ein Nachtsignal wurde zu diesem Zwecke ausgestellt. Die ganze brittischc Linie braßte ihre großen Raaen gleichsam mit einem Schlage nach vorn, und wäre Jemand mit hinreichend scharfen Sinnen begabt gewesen, so hätte er hören können, wie die sechs großen Marssegel alle zumal in demselben Augenblicke nieder flaggten. Natürlich schoßen die Schiffe bei ') Ein damaliger Vergnügungsort der höheren Stände in London. D. U. 566 dieser Bewegung vorwärts, und da Befehl gegeben war, demVice- admiral in dicht nach vorn geschlossener Linie zn folgen und der Plantageuet alsbald vorrückte, so daß er den Wind von der Seite faßte, so trat ein Schiff nach dem andern, so wie es in das Kielwasser des Admiralschiffes kam, gleichsam wie vom Instinkt geleitet in den Kurs des Kommandirenden. Ungefähr zehn Minuten später sahen Diejenigen, welche vom Achilles aus die Manövers des Carnatic mit Staunen beobachteten, wie dieser rund herum vierte, seine Leesegel auf der Steuerbordseitc einsetzte und eilenden Laufes davon segelte. Da der dunkelste Theil des Horizontes gerade gegen Osten, nämlich in der Richtung des Festlandes lag, so war die schattige Pyramide seiner Umrisse in zwanzig Minuten von der umgebenden Finstcrniß verschlungen. Die ganze Zeit über hatte sich die Victoire, von dem voranziehenden Druid im Schlepptau gezogen, an leichter Bolinie gehalten. Eine halbe Stunde später befand sich Sir Gervaise abermals aus eine halbe Meile dwarsab- und windwärts von der französischen Linie; von den drei zuletzt genannten Schiffen aber war nirgends mehr eine Spur zu entdecken. „So weit ginge Alles gut, ihr Herren," bemerkte der Vice- admiral, indem er sich an die auf der Kampanje versammelte Gruppe wendete; „jetzt wollen wir den Feind zu zählen versuchen, um uns zu überzeugen,, ob er nicht ebenfalls einige Kreuzer ausgcschickt hat, um etwaige herrenlose Schiffe abzufangen. Greenly — pro- birt einmal dieses Glas; es ist für die Nacht eingerichtet, und Eure Augen sind die besten, die wir haben. Richtet mir aber Euer besonderes Augenmerk auf den Burschen mit den Nothmasteu." „Ich kann blos zehn Schiffe in seiner Linie ausfindig machen, Sir Gervaise," gab der Kapitän nach einer langen Musterung zur Antwort; „das cntmastete Schiff muß also leewärts abgcgangen sein. Von ihm kann ich in der That keine Spur entdecken." „Ihr würdet mich verbinden, Sir Wycherly, wenn auch Ihr 567 versuchen wolltet, ob Ihr vielleicht in dieser Richtung etwas auffinden könnt." Nachdem Wychcrly den Feind noch viel länger als der Kapitän beobachtet hatte, machte auch er denselben Bericht; nur fügte er noch hinzu, er glaube auch die eine von den Fregatten zu vermissen, welche dem Fondroyant zunächst gewesen sei, und den ganzen Tag über dessen Signale wiederholt habe. Dieser Umstand war Sir Gervaise höchst angenehm, da er mit nicht geringer Befriedigung seine eigenen Prophezeiungen hiedurch bestätigt fand und den Feind nicht ungerne um einen seiner leichten Kreuzer vermindert sah, da diese Art von Fahrzeugen sich nicht selten selbst für den Sieger nach einer entschiedenen Affaire höchst lästig erwiesen. „Ich glaube, Sir Gervaise," fuhr Wychcrly bescheiden fort, „die Franzosen haben ihre Halsen scharf angezogen und drängen windwärts, um sich uns zu nähern. Kam cs Euch nicht auch so vor, Kapitän Grccnly?" „Nicht im Geringsten. Wenn sie überhaupt große Segel führen, so müssen sie in den letzten fünf Minuten eingesetzt worden sein. —- Ha! Sir Gervaise! da haben wir das Vorzeichen einer geschäftigen Nacht!" Mit diesen Worten deutete Grecnly nach der Stelle, wo sich, wie man wußte, der französische Admiral befand, und wo in diesem Augenblicke eine doppelte Reihe von Lichtern sichtbar wurde, zum Beweis, daß die Batterien die Laternen angezündct hatten und sich zum Kampfe bereit hielten. In weniger als einer Minute war die ganze französische Linie an diesen doppelten Lichtstrciscn längs des Oceans zu erkennen. Das Licht glich dem Schimmer eines Gemachs, doch weit mehr demjenigen, wie er bei starkem Kaminfeuer durch die Fenster strahlt, als dem Glanze, welchen Lampen und Kerzen darin zu verbreiten pflegen. Da dieß gerade diejenige Art von Gefecht war, wobei die Eng- 568 länder viel zu befürchten und wenig zu gewinnen hatten, so gab Sir Gervaise augenblicklich Befehl, die Raaen vorwärts zu brassen, Fock- und Hanpthalscn anzuziehen und die Bramsegel cinzusctzcn. Die Hinteren Schiffe beobachteten, wie natürlich, dieselbe Segelordnung und folgten dem Admiral mit angehaltcnen Bolcinen. „Dicß ist lein Spiel für uns," bemerkte Sir Gervaise ruhig; „ein cntmastctcs Schiff würde ihnen ja geradezu in die Arme rennen, und bei einem Kampfe, wo Zwei gegen Einen stehen, laßt sich auch von einer fernen Kanonade kein großer Erfolg voraussehen. Nein — nein, Monsieur de Vcrvilliu — zeigt uns nur Eure Zahne nach Belieben — 's ist ein recht artiger Anblick, aber zu einem Schüsse werbet Ihr mich doch nicht verleiten. — Ich hoffe, der Befehl, keine Lichter zu zeigen, ist streng befolgt worden." „Ich glaube kaum, daß auf irgend einem Schiffe der Flotte ein Licht sichtbar ist, Sir Gervaise," gab Bunting zur Antwort; „doch sind wir dem Feinde so nahe, daß es ihm nicht schwer werden kann, zu entdecken, wo wir sind." „Alle bis aus den Carnatic und die Prise, Bunting. Je mehr sic sich um uns beschäftigen, dcstowenigcr werden sie an jene denken." Der französische Admiral hatte sich wahrscheinlich durch das nahe Heranrücken seines Feindes täuschen lassen, vor dessen Tapferkeit er die tiefste Achtung hegte. Er hatte in Erwartung eines Angriffs seine Vorbereitungen getroffen, wollte aber das Feuer nicht eröffnen, obwohl das schwere Geschütz sicherlich nicht ohne bedeutende Wirkung geblieben wäre. Da er sich aber dem unsicheren Erfolge eines nächtlichen Kampfes nicht aussetzen wollte, so fühlte er auch keine Lust, denselben cinzulciten, und eine Stunde später waren seine Lichter wieder von den Stückpforten verschwunden. Die englischen Schiffe, welche schärfer, als in einer so steifen Brsie gewöhnlich ist, drauf los gesegelt waren, befanden sich um diese Zeit außer Kanonenschußweite auf der Luvseite ihrer Feinde. Dann, aber auch erst dann ließ Sir Gervaise die Segel vermindern, 569 nachdem er sich zuvor mit Hilfe seiner Gläser überzeugt hatte, daß die Franzosen ihre Untersegcl wieder aufholtcn und sich mit ziemlicher Geschwindigkeit fortbewegtcn. Es war jetzt beinahe Mitternacht und Sir Gervaise schickte sich an, seine Kajüte anszusuchen. Ehe er übrigens das Verdeck verließ, gab er Grccnly noch sehr ausführliche Befehle, welche dieser dem ersten Lieutenant mitthcilte: Beide hatten nämlich beschlossen, da die Bewegungen des ganzen Geschwaders so sehr von denen des Flaggenschiffes abhingcn, abwcchslungswcise den Ausguckposten einzunehmen. Der Viccadmiral zog sich sofort zurück und ging ruhig zu Bette. Er war nicht der Mann, der sich dcßhalb um seine Nachtruhe bringen ließ, weil der Feind außer Kanonenschußweite vor ihm lag. An das Manövrircn im Angesichte feindlicher Flotten gewöhnt, hatte diese Lage den Reiz der Neuheit bei ihm verloren; dabei hegte er das größte Vertrauen zu der Tüchtigkeit seiner Kapitäns, und wußte recht wohl, daß nichts Ungeschicktes vorfallen konnte, so lange seine Befehle befolgt wurden — an Letzterem zu zweifeln, wäre in seinen Augen so gut wie Ketzerei gewesen. In solchen Dingen konnte sich wohl Niemand mit unserem Viceadmirale an Kaltblütigkeit messen. Der Wind mochte blasen, wie er wollte — die Einrichtung seines Kajütcnlcbcns vermochte er nicht zu stören, so weit sie nicht mit dem Wohle des Schiffes unvermeidlich verknüpft war; die Aussicht auf eine Schlacht änderte die gewöhnliche Essenszeit und jede sonstige Verrichtung um keine Minute, bis erst die Schoten wirklich niedergelassen und die Batterien znm Kampfe ausgestellt wurden. Obgleich in Kleinigkeiten reizbar und zuweilen sehr leicht zu erzürnen, war Sir Gervaise dennoch in seiner Stellung bei großen Gelegenheiten auch ein großer M a n n. Sein Temperament war sanguinisch, sein Geist kühn und entschlossen, und wie dicß gewöhnlich bei Männern von seinem Schlage der Fall ist, wenn sie die Wahrheit überhaupt erkennen wollen, so geschah es auch bei ihm — sobald 570 er sie erkannte, durchschaute er sie auch so klar, daß augenblicklich alle Zweifel verschwanden, welche einen weniger männlichen Geist in ihre Schatten gehüllt haben würden. Bei gegenwärtiger Veranlassung war er gewiß, daß Nichts Vorfällen würde, was seine Ruhe stören könnte, und so genoß er sie denn, als ob er sich mit voller Behaglichkeit und im schönsten Frieden aus der torim lirm-r befunden hätte. Unähnlich Denen, welche an solche Scenen der Aufregung nicht gewöhnt sind, kleidete er sich mit vollendeter Kaltblütigkeit aus, und kaum war sein Haupt auf das Kissen gesunken, als er auch alsbald in tiefen Schlaf verfiel. Für einen unerfahrenen Zuschauer müßte cs wohl einen merkwürdigen Gegenstand der Beobachtung abgegeben haben, wenn er die Art und Weise bemerkt hätte, wie die beiden Flotten in dieser Nacht gegen einander manövrirtcn. Nachdem sic sich mehrere Stunden lang umsonst angestrengt hatten, um ihre Feinde in den Bereich ihrer Kanonen zu bringen, gaben die Franzosen, nachdem der Mond am Himmel erschienen war, die Sache für eine Zeitlang auf, verkürzten ihre Segel, und die Mehrzahl ihrer höheren Offiziere begab sich zur Ruhe. Die Sonne war eben im Anfstcigcn begriffen, als Galleygo, den Befehlen gemäß, die er in voriger Nacht erhalten, seine Hand auf die Schulter des Viceadmirals legte. Diese Berührung genügte —- im nächsten Augenblicke war Sir Gcrvaise vollkommen wach. „Nun," fing er an, indem er eine fitzende Stellung annahm und sogleich mit der Frage begann, welche einem Seemanne immer zuerst beifällt — „wie steht's mit dem Wetter?" „Eine gute Bramsegelbrise, Sir Jarvy, gerade wie unser Schiff sie nöthig hat. Wenn Ihr es nur auf jene Johnny Cra- paud's los lassen wolltet — in einer halben Stunde wäre cs mitten unter ihnen, wie der Falk unter den Küchlein. Dabei habe ich Euer Gnaden zu vermelden, daß das letzte Huhn zum Frühstück aufgetragcn werden muß, wenn wir nicht dem Hauptproviantmeister 571 den Befehl geben, daß er uns zum Ersatz für das, was die Schweine aufgespeist — und das waren die schönsten Kapaunen von der Welt — etwas von seinem Geflügel zukommen läßt." „Wie, du Seeräuber — du willst doch nicht gar, daß ich mir auf hoher See eine Plünderung zu Schulden kommen lasse — oder' willst du dieß in der That?" „Worin bestünde denn aber die Plünderung, wenn wir der Proviantkammer befehlen würden, daß sie einiges Geflügel an uns verkaufe? Du lieber Gott! SirJarvy, ich bin eben so weit entfernt, etwas ohne Befehl wegnehmcn zu wollen, als des Konstablers Stückschützen nur immer sein können. Laßt aber nur Mr. Atwood die Sache schwarz aus weiß aufsetzen." „Still!" fiel fein Herr ein. „Wie weit waren die Franzosen von uns entfernt, als du das letzte Mal auf dem Verdecke warst?" „O, die find da drüben, Sir Jarvy," antwortete Gallcygo und öffnete dabei den Vorhang an dem Fenster des Staatszimmers, so daß der Vieeadmiral, wenn er sich halb hcrumdrchte, die Nachhut der französischen Linie mit eigenen Augen beobachten konnte; „gerade da, wo wir sie nöthig haben; ihr vorderes Schiff etwas rückwärts von unserem Lccbaum, und eine Meile davon entfernt. Das nenne ich doch ziemlich befriedigend — nicht wahr?" „Ja, das ist in der That eine gute Stellung, Master Galleygo. Hat man etwas von der Prise gesehen, oder gingen dir etwa die Hühner zu viel im Kopf herum, um dich darnach umzuschauen?" „Die Hühner mir im Kopf herum? Nun seht, SirJarvy, von allen Eigenschaften und Charakterschilderungen, die Euer Gnaden über mich in Umlauf zu setzen für gut befanden, ist gerade diese die ungerechteste, denn Hühner sind eine Speise, an die ich niemals denke, sobald wir unter Segel stehen. Hättet Ihr statt Hühner — Schweine gesagt, so würdet Ihr wohl eher recht gehabt haben, Sir Jarvy; nach Schweinen sehe ich mich allerdings um, denn sie bilden den wahren Rcichthum eines Schiffes. An Hühner 572 aber habe ich nicht einmal im Traume gedacht, wenn's nicht etwa für Euer» eigenen Gaumen war. Als sie noch ihrer achte waren-" „Hat man die Prise gesehen?" fragte Sir Gervaise etwas scharf. „Nein, SirJarvy : sie ist verschwunden und der Druid mit ihr. 'Das ist aber nicht Alles, Sir; man sagt auch, dem Carnatic müsse etwas zugestoßen sein, denn er soll aus unserer Linie verschwunden sein, wie sonst eine Glaslatcrne um acht Uhr erlischt." „ So — auch von i h m ist nichts zu sehen." „So wenig als von einem Hühnerstalle, SirJarvy ! Wir Alle haben uns schon verwundert, was wohl aus Kapitän Parker geworden sein mag — nirgends ist auf dem salzigen Occane eine Spur von ihm oder seinem Schiffe zu entdecken. Die jungen Herren von der Wache lachen und meinen, er müsse in einer Wasserhose aus und davon geflogen fein; sie lachen aber überhaupt so oft über Unglücksfälle, daß ich mich nichts um ihre Meinung bekümmere.'' „Hast du dich heute Morgen schon tüchtig aus dem Occane umgcsehen, Master Galleygo?" fragte Sir Gervaise, indem er den Kops aus einem Wasserbecken zog; denn mittlerweile hatte er sich schon halb angekleidct, so daß er eben mit den Vorbereitungen zum Rasiren beschäftigt war. „Du hattest sonst ein scharfes Auge für die Jagd, als wir noch auf einer Fregatte beisammen waren — kannst du mir vielleicht sagen, ob Admiral Bluewater sich noch nicht sehen läßt?" „Admiral Blue! — Nun seht, Sir Jarvy, es ist doch merkwürdig , aber ich hatte seine Division bereits aus meinem Logbuche ausgestrichen und ganz und gar vergessen. Es war allerdings bei Tagesanbruch eine Handvoll Segel oder so Etwas gegen Norden zu bemerken; ich glaubte aber nicht, daß es Admiral Bluewater sein könne, und finde cs viel natürlicher, ihn an seiner gewöhnlichen Stelle in der Nachhut unserer eigenen Linie zu vermuthen. — Laßt mal sehen, Sir Jarvy, wie viel Schiffe haben wir denn unter Admiral Blue abwesend?" 573 „Nun-—die fünf Zweidecker seiner eigenen Division jedenfalls, nnd überdies den Ranger und den Gnat—in Allem also sieben Segel." „Ja, ja, so iffs. Nun, Euer Gnaden, gerade fünf Segel waren auch, wie ich Euch sagte, hier herum gegen Norden zu bemerken, und ganz gewiß ist es Admiral Blue mit seiner ganzen Division gewesen." Mittlerweile hatte Sir Gervaise sein Gesicht mit Seifenschaum bedeckt, doch bei Gallehgo's Bemerkung vergaß er dieses Umstandes augenblicklich wieder. Da der Wind aus Nordwesten wehte und der Plantagenct gegen seinen Backbord und in der Richtung gegen die Landspitze von Portland steuerte, so hatte der Admiral, wenn gleich sein Schiff viel zu weit gegen Süden stand, um das Land von seinem Borde aus erblicken zu können, dennoch von den Luvfenstern der Hinterdccksgalerie eine weitgedehnte Aussicht auf den ganzen windwärts gelegenen Horizont. Er trat deßhalb augenblicklich aus seinem Staaszimmer auf der Steuerbordseite in die ncbenan- stehende Galerie, öffnete das fragliche Fenster und suchte sich mit eigenen Augen von der angeführten Thatsache zu überzeugen. In der That konnte man ein Geschwader von fünf Schiffen in enggcschlosscner Ordnung langsam gegen die beiden Schiffslinien herankommen sehen; cs hatte seine Marssegel entfaltet, und stand gerade nahe genug, um gewiß sein zu können, daß die übrigen Un- terscgel nicht eingesetzt waren. Dieser Anblick bewirkte eine plötzliche Aenderung in allen Anordnungen des Viccadmirals. Das Geschäft der Toilette wurde in aller Eile wieder vorgenommcn, und der Bart mit einer Geschwindigkeit wegrafirt, welche bei der Bewegung des Schiffes für jeden Andern als einen so wohlerfahrenen Seemann höchst gefährlich hätte werden können. Kaum war dieser wichtige Theil der Morgentoilette vorüber, als Locker die Anwesenheit Kapitän Greenly's in der großen Kajüte meldete. „Was gibt's, Grcenly? — Was gibt's?" rief der Viceadmiral 574 pustend, während er den Kopf aus dem Wasserbecken zurückzog — „Was gibt's Greenly? Habt Ihr Neuigkeiten von Bluewater?" „Ich bin herzlich froh, Euch melden zu können, Sir Gervaise, daß er seit länger als einer Stunde zu sehen ist, und uns, wiewohl etwas schüchtern und langsam — näher rückt. Ich wollte Euch nicht rufen lassen, da Alles in Ordnung war und ich wohl wußte, daß Ihr, um mit klarem Geiste zu erwachen, noch längeren Schlafes bedurftet." „Ihr habt ganz recht gethau, Greenly; so Gott will, soll's heute einen geschäftigen Tag geben! Die Franzosen müssen unsere zweite Division wohl bemerken?" „Ohne Zweifel, Sir; sie machen aber kein Zeichen, als ob sie aufpacken wollten. Ich bin fest überzeugt, Monsieur de Vervillin will es zum Kampfe kommen lassen, nur mag er vielleicht durch die Erfahrung des gestrigen Tages über die Art der Einleitung etwas behutsam geworden sein." „Und sein entmastetes Schiff — des alten Parkers Freund — ich denke, von ihm wird nichts sichtbar sein?" „Eure Muthmaßung hat sich vollkommen bestätigt, Sir Gervaise; das entmastete Schiff ist fort, so wie auch eine seiner Fregatten, welche es ohne Zweifel eskortiren wird. Auch Blewet ist gut windwärts an den Franzosen vorüber, doch kann er, so lange diese Brise anhält, vor Portsmouth keinen andern Ankerplatz erreichen." „Jeder Hafen ist recht für ihn. Unser leichter Erfolg wird des Königs Partei ermuthigen, und dadurch vielleicht mehr Eclat machen, als er eigentlich verdient. Laßt heute Morgen das Frühstück nicht zu spät auftragen, Greenly, wir werden einen geschäft- vollen Tag haben." „Ja—Za — Sir—," gab der Kapitän in der gewöhnlichen Manier des Seemanns zur Antwort, „dafür ist bereits gesorgt, denn ich habe es nicht anders erwartet. Admiral Blucwater hält seine Schiffe in der schönsten Ordnung, Sir. Ich glaube, der Cäsar, der die Linie anführt, ist keine zwei Kabellängen von dem 575 hintersten Schiffe, dem Dublin, entfernt. Er fährt vierspännig, mit scharf ungezogenen Zügeln -- verlaßt Euch daraus, Sir." In dicscm Augcnblicke trat Sir Gervaise mit dem Rock unteren Arm ans seinem Staatszimmcr. Seine Züge waren nachdenklich, und er beendigte seine Toilette mit zerstreuter Miene; wahrscheinlich hätte er nicht gewußt, daß er das letzte Kleidungsstück angelegt hatte, wenn nicht Gallcygo auf eine höchst derbe Art an seinen Schößen gezupft hätte, um die Falten an den Schultern glatt zu legen. „Es ist doch sonderbar, daß Bluewater l'einahe vor dem Winde daher kommt, und seine Linie rückwärts, statt in der Front aus- marschiren ließ," begann Sir Gervaise wieder, während sein Hofmeister jenes Geschäft an seiner Statt verrichtete. „Laßt Admiral Blue nur machen — er macht Alles reckt," fiel Gallcygo in seiner beliebten, selbstbewußten und höchst zuversichtlichen Manier ein. „Dadurch, daß er seine Schiffe rückwärts aufmarschiren läßt, ist er auch im Stande, zu sagen, wo er sie finden kann, und wir sind durch Erfahrung belehrt, daß Admiral Bluewater, wenn er nur einmal weiß, wo er ein Schiff findet, dasselbe jedesmal auch gehörig zu verwenden versteht." Statt daß der Admiral dem Sprechenden diese seine Einmischung. welche dießmal etwas weiter als gewöhnlich ging, verwiesen hätte, sah Greenly mit Verwunderung, wie er seinem Hofmeister aufmerksam iirs Gesicht schaute, als ob der Mann eine scharfsinnige, umfassende Wahrheit ausgesprochen hätte. Sir Gervaise wendete sich hierauf an den Kapitän und theilte ihm mit, daß er sich auf das Verdeck verfügen und den Stand der Dinge mit eigenen Augen beobachten wolle. 576 Siebenundzwanzigstes Kapitel. Wär'st du gestorben, hehrer Führer — In deines Sieges Glanz entschwunden! Dein Ruhm würd' unscrn Kummer lindern Dasi kaum noch schmerzten diese Wunden. Mrs. Hemans. ^er ereignißreichc Tag begann mit der vollen Pracht eines Sommermorgens. Wäre der Wind nicht gewesen, so hätte man den Sonnenaufgang einen der schönsten des ganzen Monats Juli nennen können: doch die Brise wehte immer noch frisch ans Nordwesten, und machte dadurch die Luft, für diese Jahreszeit wenigstens ungewöhnlich kühl. Die von dem Südwestfturme aufgeregten Wogen hatten sich unterdessen völlig zur Ruhe begeben: statt ihrer war bereits wieder das regelmäßige, aber vergleichungsweise unbedeutende Anschwellen in Folge der neuen Brise cingctrctcn. Für große Schiffe mochte man die Wasserfläche sogar geglättet nennen, doch zeigten der Driver und der Active durch ihr uustätes Stampfen, und selbst die Zweidecker durch ihre schwankenden Masten, daß der unruhige Ocean noch immer etwas in Bewegung war. Der Wind schien anhalten zu wollen, und war von der Art, welche Seeleute höchst wahrscheinlich eine gute Sechsknotenbrise genannt haben würden. Leewärts, und immer noch ungefähr eine Meile entfernt, lag die französische Flotte in schönster Schlachtlinie und in so geschlossener, wohlgeregelter Ordnung, daß man hätte zu dem Glauben verleitet werden können, Monsieur de Vervillin habe alle Anstalten getroffen, um den erwarteten Angriff eben in seiner gegenwärtigen Stellung zu erwarten. Seine großen Marssegel lagen alle flach nach hinten; die Bramsegel flatterten lose, waren aber mit Schwiepingen und Geitanen wohl aufgeholt; die Klüver waren leewärts von ihren Klüverbäumen geschwellt und die großen Segel hingen in Gewinden unterhalb der Raacn. Dieß hieß seine Segel znm tapferen Kampfe 577 stelle» und erregte sogar die Bewunderung ihrer Feinde. Um diese Anerkennung noch zu vermehren, entfaltete gerade in dem Augenblicke, da Sir Gcrvaise's Fuß die Kampanje betrat, die ganze französische Linie ihre Flaggen und der Foudroyant feuerte rückwärts eine Kanone ab. „He — Greculv!" rief der englische Oberbefehlshaber, „das ist eine männliche Herausforderung, und da sie von Monsieur de Vervillin kommt, so muß sic wohl etwas zu bedeute» habe». Er wünscht den heutigen Tag dazu zu verwenden, doch denke ich, wird schon die Hälfte genügen, und wir wollen unsere Becher zuerst aus- waschcu, che wir an's Werk schreiten. Gebt den Schiffen das Signal zum Beidrehen, Bunting; dann sollen sie ihr Frühstück so schnell als möglich cinnehmen. Eine steife Brise—eine steife Brise, Greeuly, ist Alles, was wir bedürfen." Fünf Minuten später, während Sir Gcrvaise eben das Signalbuch durchblättcrte, riefen die Pfeifen des Plantagcnet die Mannschaft zu ihrem Morgcumahle, wenigstens um eine Stunde früher als gewöhnlich. Die Leute erschienen mit einer gewissen ernsten Freude an ihren Tischen, denn Jeder auf dem Schiffe begriff die Ursache einer so ungewöhnlichen Aufforderung. Bald vernahm man auch auf den Hinteren Schiffen ein ähnliches Signal, und einer von den Offizieren, der den Feind mit dem Glase beobachtete, meldete, daß er auch die Franzosen mit dem Frühstück beschäftigt glaube. Da auch die Offiziere Befehl erhalten hatten, die nächste halbe Stunde in derselben Weise zu verwenden, so war fast Jedermann mit Essen beschäftigt; Wenige mochten wohl daran denken, daß dieses Mahl vielleicht ihr letztes sein würde. Der Umstand, daß die windwärts gelegenen Schiffe nicht mehr Segel einsetzten, beunruhigte übrigens Sir Gervaiseiu hohem Grade, obwohl cs ihm gelang, seine Bewegung zu verbergen; aus zarter Rücksicht für seinen Freund, wohl auch aus einer gewissen dunkeln Die beiden Admirale. 37 578 Besorgniß vor de» möglichen Folgen unterließ er jedoch, dem Eon- treadmiral zu diesem Zwecke Signale zugehen zu lassen. Während die Mannschaft am Essen war, stand er auf der Kampanje und betrachtete gedankenvoll das schöne Schauspiel, welches der Feind leewärts darbot; von Zeit zu Zeit warf er auch ernste Blicke aus die Division, welche fortwährend näher windwärts zog. Endlich meldete Grecnly in eigener Person, der Plantagenct habe jetzt wieder ,alle Hände bereits Auf diese Nachricht fuhr Sir Gervaise wie aus einem Traume empor, lächelte und gab seine Erwiederung. Wir wollen gleich hier bemerken, daß der komman- dirende Admiral, wie schon am vorhergehenden Tage, so auch jetzt all' die natürliche Erregbarkeit seines Wesens verloren hatte, und wieder vollkommen ruhig und in seinem Benehmen ausnehmend höflich war. Alle, die ihn kannten, wußten, daß dicß seinen festen Entschluß zum Schlagen verkündete. „Ich habe Gallcygo befohlen, meine kleine Tafel in einer halben Stunde in der Hinterkajüte bereit zu halten, Greenlu, und Ihr werdet mein Mahl mit mir thcilen. Sir Wycherly wird uns Gesellschaft leisten, und ich hoffe, es soll nicht das letzte Mal sein, daß wir an demselben Tische zusammentreffen. Es ist nöthig, daß heute Alles in Schlachtordnung ausgestellt werde." „So Hab' ich's auch bis jetzt angcordnet, Sir Gervaise. Wir sind bereit, zu beginnen, sobald der Befehl hiezu crtheilt wird." „Wartetnoch einen Augenblick, bis Bnnting von seinem Frühstücke heraufkömmt. Ah! hier ist er ja; nun wir sind vollkommen bereit für ihn und haben in seiner Abwesenheit das Signal zusammengebunden. Steckt den Befehl auf, Bnnting, denn der Tag rückt allmählig vor." In weniger als einer Minute flatterten die Signale an dem BramstengentopdcsHauptmastcsaufdcmPlantagenct; indernächsten wurden sie von der Chloe, dem Driver und dem Active beantwortet, welche sämmtlich eine Viertelmeile windwärts beilagen und unter anderen Verrichtungen auch diesen besonderen Dienst zu besorgen hatten. 579 So wohl war dieses Signal bekannt, daß auf der ganzen Flotte kein einziges Buch zu Rathe gezogen wurde: die Schiffe antworteten, sowie die Flaggen gesehen und verstanden werden konnten. Dann hörte inan längs der ganzen Linie die schrillen Töne der Pfeifen und den Nuf—„Me Hände bereit" und „klarirt das Schiff znm Kampf, ahoy!" Kaum war dieser Befehl auf dem Plantagenet gegeben, als das ganze Schiff der Schauplatz einer munteren, aber geordneten Thätigkeit wurde. Die Toppleute standen auf den Raacn, stoppten, banden die Spieren in Ketten und befestigten diese, um die Kugeln zu verhindern, daß sie nicht mehr Unheil, als gerade unvermeidlich war, anrichtcn sollten; Bollwerke wurden niedergerissen, Speisctische und alle anderen häuslichen Gcräthschaften verschwanden unten*) und die Decks wurden von Allem gesäubert, was überhaupt entfernt werden konnte und nicht unmittelbar zum Kampfe nöthig war. Eine volle Viertelstunde verstrich unter dieser Beschäftigung: denn nirgends war eine Uebereilung sichtbar; es war jetzt nicht mehr der Augenblick einer bloßen Schaustellung, und was geschehen mußte, mußte auch wirksam gethan werden. Die Offiziere verboten alle unnöthige Hast, und kein irgend wichtiges Geschäft wurde als beendigt gemeldet, ohne daß zuvor einer von den Vorgesetzten sich mit eigenen Augen überzeugt hatte, ob man es dabei nicht an der geeigneten Sorgfalt habe fehlen lassen. So stieg Mr. Bury, der erste Lieutenant, in eigener Person aus die große Raa, um die Art und Weise zu untersuchen, wie sie umschlungen worden war; seinen Bootssnhrer hatte er mit dem gleichen Aufträge auf die entsprechende Raa des Fockmastes vorgeschickt. Dieß waren ungewöhnliche Vorsichtsmaßregeln; aber man hatte '1 I» der Schlacht auf dem Nil hatte» viele französische Schisse in der Mei- nung. der Feind müsse ans der Außenseite angrcifen, ihre Backs, Gepäcke u. s. w. in die Stückpsorte» und zwischen die Kanonen der Backbord- oder inneren Batterien geschoben: als nun die Britten ans der inneren Seite ankerten, konnten diese Batterien nicht verwendet werden! 37 * 580 auch auf dem Schiffe das Wort vernommen: „Sir Jarvy sei cs jetzt Ernst", und sobald bekannt war, daß sich,Sir Jarvrff in solcher Laune befinde, so wußte auch Jeder, daß die Tagesarbcit schwer werden, vielleicht wohl gar lange dauern würde. „Unser Frühstück ist bereit, Sir Jarvy," berichtete Galleygo, „und da die Decks völlig klarirt find, so haben die Jungen einen offenen Weg von der Küche herauf. Ich brauche blos noch zu wissen, Euer Gnaden, wann ich es aufzutragen habe." „Trage sogleich auf, mein guter Bursche. Sage den Bowl- dero'S, sie sollen sich sputen, und erwarte uns unten. — Kommt, Greenlu — kommt, Wychecombc, — wir sind die Letzten, welche speisen — laßt uns nicht die Letzten auf unseren Posten sein." „Das Schiff ist klar, Sir," meldete Bury seinem Kapitän, als die Drei auf ihrem Weg zur Kajüte das Quarterdeck erreichten. „Sehr wohl, Bury; wenn der Flotte zum Alarmschlagcn signa- lisirt wird, wollen wir mit den übrigen dem Befehle gehorchen." Bei diesen Worten richtete Greeuly seine Blicke auf den Vice- admiral, um dessen Wünsche zu vernehmen. Doch Sir Gervaise hatte keineswegs die Absicht, seine Leute uunöthig zu ermüden. Er hatte Bunting seine geheimen Befehle hintcrlasseu, und schritt ohne Blick oder Antwort nach der Kajüte weiter. Die Anordnung in der Hinterkajüte war so zierlich und behaglich , als ob das Frühstück in einem Privathausc aufgetragen worden wäre: die Drei setzten sich alsbald nieder und machten sich mit dem besten Wille» von der Welt au ihre Arbeit. Der Viccadmiral befahl die Thüreu zu öffnen, und da auch die Stückpfortcudeckel offen standen, so konnte er von seinem Sitze aus sowohl lee- als windwärts seine Blicke hiuauswerfeu, und nicht nur den Feind, sondern auch die erwartete Verstärkung fortwährend im Auge behalten. Die Bowldero's waren in voller Livree, und sogar noch thä- tiger und aufmerksamer als gewöhnlich. Ihr Posten während der Schlacht — denn am Bord eines Kriegsschiffes darf bei einem 581 Kampfe Keiner den Müssiggänger^ machen — war auf der Kam- panje, wo sie in der Nahe ihres Herrn, dessen Farben sie trugen, unter der Fahne ihres Fürsten, gleich den Vasallen eines ehemaligen Ncichsbarons, als Musketiere dienten. Trotz der herannahcndcn Gefahren des heutigen Morgens verrichteten diese Diener übrigens ihr gewöhnliches Amt mit der Genauigkeit und Ucbcrlegung englischer Domestiken, ohne auch nur den überflüssigsten Dienst der Tafel zu vernachlässigen. Auf einem Sopha lag die volle Galauniform eines Vieeadmi- rals ausgcbreitct, damals eine niedliche, aber einfache Tracht, ohne Tressen oder Epanlctten, aber mit dem reichen Sterne des Bathordcns in Brillanten geziert. Diese Uniform trug Sir Ger- vaise jedesmal in der Schlacht, wenn nicht die Witterung eine ,SturmunifornE, wie er einen einfacheren Anzug der Art nannte, — nöthig machte. Das Frühstück ging unter munteren Scherzen vorüber, und die Herren ließen sich's schmecken, als ob nichts weniger denn folgenreiche Ereignisse vor der Thüre stünden. Gerade beim Schluffe des Mahles hatte sich Sir Gervaisc vorwärts gelehnt, und wäb- rcud er durch eine der Lnvstückpfortcn der Hauptkajüte schaute, sah man plötzlich einen Ausdruck der Freude in seinen Mienen strahlen. „Aha! Da kommen endlich auch Bluewaters Signale! -- ein sicherer Beweis, daß er im Begriffe steht, sich mit uns in Verbindung zu setzen." „Ich habe mich sehr gewundert, Sir," bemerkte Greenly, etwas trocken, doch mit großer Ehrerbietung in feinem Benehmen, „daß Ihr dem Contrcadmiral nicht schon befohlen habt, mehr Segel einzusctzcn. Er trabt gleich einem schwerfälligen Wage» daher, und kann doch unmöglich unsere fünf Schiffe für Franzosen ansehen!" „Er pflegt sich nie zu übereilen, und wird ohne Zweifel auch se in e Mannschaft zuvor frühstücken lassen wollen, ehe er näher aufrückt. Ich wette aber, ihr Herren, seine Schiffe sind in diesem 582 Augenblick gewiß sämmtlich eben so sauber und leer, wie eine Kirche süuf Minuten, nachdem der Segen gesprochen worden." „Das müßte aber keine von unseren virginischen Kirchen sein, Sir Gervaise," bemerkte Wycherly lächelnd; „denn sie dienen uns zugleich als Börsen, wo man Neuigkeiten erzählt und anhört, so bald der Gottesdienst vorüber ist." „Ja, ja — das ist die alte Regel — erst gebetet, dann geplaudert.— Nun, Bnnting, was spricht denn der Contreadmiral?" „Auf mein Wort, Sir Gervaise, ich weiß nicht, was ich aus dem Signale machen soll, obwohl es leicht genug ist, die Flaggen zu verstehen," gab der verlegene Signaloffizier zur Antwort. „Wollt Ihr wohl die Güte haben, Sir, und selbst in Eurem Buche Nachsehen. Die Nummer ist einhundert und vierzig." „Einhundert und vierzig! Ei, das muß etwas mit ,Anken/ zu thun haben! — halt! da ist'S. ,Ankern kann ich nicht, denn ich habe meine Kabeltaue verlöre»/ Wer Teufels hieß ihu denn ankern ?" „Das ist's gerade, Sir. Der Signalosfizier auf dem Cäsar muß sich mit seinen Flaggen vergriffen haben; denn wenn auch die Entfernung ziemlich beträchtlich ist, so sind doch unsere Gläser gut genug, um sie zu lesen." „Vielleicht hat Admiral Btuewater den persönlichen Gehcim- telegraphen spielen lassen, Sir," bemerkte Greenly ruhig. Der kommandirende Admiral wechselte bei diesem Winke augenblicklich die Farbe. Zuerst wurde sein Gesicht hochroth, dann ward es blaß wie das Antlitz eines Menschen, der heftige körperliche Schmerzen auszustehcn hat. Wycherly bemerkte dieses und fragte ehrerbietig, ob Sir Gervaise unwohl sei. „Ich danke Euch, junger Herr," antwortete der Viceadmiral mit schmerzlichem Lächeln; „cs ist vorüber. Ich glaube, ich werde wohl in eine Docke gehen und Magrath nach einigen alten Wunden sehen lassen müssen, welche mich zuweilen belästigen. — Mr. Buu- ting, thut mir den Gefallen und verfügt Euch auf's Deck; dort sucht Euch durch sorgfältige Beobachtung zu überzeugen, ob nicht eine kurze, rothe Wimpel etliche zehn bis zwölf Fuß oberhalb der höchsten Flagge zu sehen ist. Wir wollen unterdessen eine zweite Tasse Thee zu uns nehmen, G.reenly, denn wir haben noch Muße genug." Zwei oder drei Minuten tiefen Nachsinnens folgten. Dann kehrte Bunting mit der Meldung zurück, daß die besagte Wimpel wirklich vorhanden sei, — eine Thatsache, welche er, die fragliche Flagge mit der gewöhnlichen königlichen Wimpel verwechselnd, bei seiner früheren Beobachtung völlig übersehen hatte. Diese kurze, rothe Wimpel sollte bedeuten, daß die Mittheilung eine wörtliche sei. Die Methode hiezu war von Blnewatcrs eigener Erfindung und so eingerichtet, daß er mittelst derselben nur mit den gewöhnlichen Nummern, ohne daß einer von den Kapitäns — sogar Sir Gervaise's eigenerFlaggenofsizier nicht—um die Mitthcilung wußte, mit seinem Freunde verkehren konnte. Mit einem Worte, ohne zu neuen Flaggen seine Zuflucht zu nehmen, blos durch eine neue Nummerirung der alten und mit Hilfe eines zuvor angelegten Wörterbuches war es möglich, eine Unterredung in lauter Sätzen zu.füh- ren, welche, außer ihnen Beiden, allen klebrigen ein Geheimniß blieben. Sir Gervaise bezeichnctc sich die Nummer des aufgesteckten Signals und befahl Bunting hierauf, die Antwortsflagge mit der ähnlichen Wimpel darüber zu zeigen, und mit dieser Operation so lange fortzufahren, als der Contreadmiral noch weitere Signale geben würde. Die Nummern sollten, sobald sic abgeuommen wären, ihm in die Kajüte herabgeschickt werden. Sobald Bunting verschwunden war, öffnete der Viccadmiral einen Schreibtisch, dessen Schlüssel niemals aus seinen Händen kam, nahm ein kleines Wörterbuch heraus und legte es neben seinen Teller. Unterdessen ging das Frühstück ruhig seinen Gang fort, denn Signale dieser Art kamen bei den beiden Admiralen gar häufig vor. Nach Verlauf von zehn Minuten überbrachte ein Quartiermeister eine Reihe von Nummern, aus kleine Stücke Papier ge- 584 schrieben, worauf Bunting in eigener Person mit der Meldung erschien, der Cäsar habe nnmnchr mit Signalisiren innegchalten. Sir Gervaise schlug jedes Wort nach seiner besonderen Nummer auf und schrieb cS mit seinem Bleistifte nieder, bis er das Ganze beisammen hatte und las: „Um Gotteswille» — gib kein Signal! Schlage dich nicht." Kaum hatte er die Mittheilung verstanden, als auch schon das Papier in kleine Fetzen gerissen war; das Wörterbuch wandertc wieder an seine frühere Stelle — der Viccadmiral wendete sich mit ruhiger, entschlossener Miene zu Grceniu und befahl ihm, sobald Bunting das nämliche Signal für die ganze Flotte aufgesteckt baden würde, ans seinem eigenen Schiffe Alarm schlagen zu lassen. Ans diesen Wink gingen Alle, mit Ausnahme des Viccadmirals, ans das Verdeck, und die BowldcrwS schickten sich augenblicklich an, die Tafel und alle übrigen Gcräthschaftcn zu entfernen. Durch das Treiben seiner Diener belästigt, ging Sir Ger- vaisc in die große Kajüte hinaus und begann hier, ohne an deren gegenwärtigen Zustand zu denken, mit hastigen Schritten auf und ab zu gehen, wie er immer that, wen» er in Gedanken vertieft war. Da die Schoten niedcrgerissen und alles Geräthe weggeschafft war, so hieß dieses allerdings, im Angesichte seiner eigenen Leute auf und nieder gehen, denn Jeder, der sich gerade aufdemHaupt- verdcck befand, konnte das, was vorging, bemerken; doch nahm sich Keiner heraus, einen Ort zu betreten, der selbst in diesem entblößten Zustande vor jeder Berührung des Haufens streng verschlossen war. Doch blieb ,Sir Jarvy's^ Aussehen und Benehmen keineswegs unbeobachtet, und die Leute prophezeiten daraus einen ernsten Tag. Dieß war der Stand der Dinge, als die Trommeln auf der ganzen Linie Alarm zu schlagen begannen. Beim ersten Streich sank die große Kajüte zu dem Range einer gewöhnlichen Batterie herab; die Bedienungsmannschaft zweier Kanonen überschritt mit 585 den zugehörigen Offizieren die geheiligten Schranken und schickte sich in aller Kaltblütigkeit an, ihr Geschütz frei zn machen und alle nöthigcn Vorbereitungen für den Kampf zu treffen. Diese ganze Zeit über fuhr Sir Gervaise fort, auf dem Raume auf und ab zu gehen, wo die Mitte seiner eigenen Kajüte gewesen wäre, wenn die Schoten noch gestanden hätten; die grimmig blickenden Seeleute wußten ihm sehr geschickt ausznweichcn und berührten jedesmal den Hut, so oft sie gcnöthigt waren, nahe an seiner Person vorübcrzngleitcn — sonst ging übrigens Alles gerade so vor sich, wie wenn der Admiral gar nicht zugegen gewesen wäre. Sir Gervaise würde sich hier vielleicht noch länger seinen stürmischen Gedanken überlassen haben, wenn ihn nicht der Donner einer Kanone zum Bewußtsein und zu der Scene znrückgerusen hätte, die-jetzt rings um ihn vor sich gehen sollte. „Was ist das?" fragte der Viceadmiral plötzlich. — „Gibt Blncwatcr abermals Signale?" „Nein, Sir Gervaise," antwortete der vierte Lieutenant, der eben zn der Lccpfortc hinausschantc; „ cs ist der französische Admiral, der uns seine zweite Lnvkanone hören läßt — wahrscheinlich, um zu fragen, warum wir nicht hinüber kommen. Es ist das zweite Kompliment dieser Art, welches er uns am heutigen Tage erweist." Diese Worte waren noch nicht ganz beendigt, als der Viceadmiral auch schon ans dem Quarterdeck stand; eine halbe Minute später befand er sich auf der Kampanje. Hier traf er Greenly, Wychccombe und Bnnting, Alle mit Thcilnahme aus die schöne Linie des Feindes hinübcrschauend. „Monsieur de Vervillin kann es kaum erwarten, bis er die Scharte von gestern wieder ausgcwetzt hat," bemerkte der Elftere; „so scheint es wenigstens, da er uns abermals einladen läßt, zu ihm hinüber zu kommen. Ich denke, bei diesem letzten Winke wird auch Admiral Blncwatcr aufwachcn." „Beim Himmel, er hat seinen Wind geholt und steht jetzt nord- 586 und ostwärts!" rief Sir Gervaise, bei dem jetzt das Erstaunen seine sonstige Vorsicht überwältigte. „Zwar zu einer solchen Zeit eine außergewöhnliche Bewegung — aber dennoch ist es wunderbar, zu sehen, wie Bluewater seine Schiffe in so schöner Ordnung beisammen hält!" Alles, was hier gesprochen wurde, war wirklich wahr. Die Division des Contreadmirals hatte plötzlich in einer dicht nach vorn geschlossenen Linie aufgehalt, wobei jedes von den Schiffen dem Führer so mechanisch folgte, als ob sie sich alle auf einen gemeinsamen Impuls bewegten. Da man des Contreadmirals Loyalität nicht im Entferntesten bezweifelte und sein Mnth längst erprobt war, so ging die allgemeine Ansicht darauf hinaus, dieses ungewöhnliche Manöver müsse nothwendig mit den unverständlichen Signalen in Verbindung stehen, und die jungen Offiziere fragten sich lachend unter einander: was wohl Sir Jarvy jetzt zunächst thun werde?" Doch schien es fast, als ob Monsieur de Vervillin eine Wiederholung einer der Scencn des vorhergehenden Tages befürchtete, denn kaum hatte er bemerkt, daß die brittische Nachhut dem Winde folgte, als fünf seiner vorderen Schiffe füllten und vorwärts steuerten, als ob sie um die Tüte seiner Linie hernmsegcln und mit der zweiten Division des Feindes anbinden wollten. Die übrigen fünf, unter ihnen der Fondroyant, lagen noch immer mit den Marssegeln an den Masten und schienen zu erwarten, daß der-Feind zu ihnen herüber kommen würde. Sir Gervaisc konnte es ans diese Art nicht lange aushalten. Er beschloß, Blncwatern wo möglich zu einer Entscheidung zu bringen, und befahl dem Plantagenct, zu füllen. Von seiner eigenen Division gefolgt, vierte er alsbald und steuerte unter leichten Segeln backftags ans Monsieur de Vervillins Nachhut los, um nicht der Länge nach vom Gallion gegen den Stern beschossen zu werden. Die Viertelstunde, welche jetzt folgte, verstrich beiden Theilen in der höchsten Spannung: sie hatte wesentliche Milderungen zur 587 Folge — doch hörte man noch nirgends einen Schuß fallen. So bald der Graf von Vcrvillin bemerkte, daß die Engländer sich anschickten, näher zu rücken, signalisirte er seiner eigenen Division, das Steuer zu heben und unter ihren Marssegeln todt vor dem Winde herzulaufen, wobei die Hinteren Schiffe die Bewegung an- zusangen hätten. Dieß verkehrte die ganze bisherige Segelordnung und brachte den Foudroyant in die Nachhut — also dem Feinde am nächsten. Kaum war dieß geschehen, als er seine Marssegel auf's Eselshaupt*) setzte. Dieses Manöver konnte nicht leicht mißverstanden werden. Es war eine direkte Einladung an Sir Gervaise, hübsch ordentlich längs seiner Linie hcrabzukommen, da durch das Wenden jede Gefahr, hiebei der Läugenach beschossen zu werden, entfernt worden war. Der englische Obcradmiral war nicht der Mann, der eine so handgreifliche Herausforderung ausgeschlagen hätte; im Gegentheil gab er noch einige Signale, um die Art und Weise des beabsichtigten Angriffs zu bestimmen, setzte dann Vor- und Hauptbram- segcl ein und brachte den Wind gerade über seinen eigenen Hackbord. Die Hinteren Schiffe folgten so pünktlich wie ein Uhrwerk, und jetzt zweifelte Niemand mehr, daß die Art des Angriffs für den heutigen Tag festgesetzt sei. Da die Franzosen mit Monsieur de Vcrvillin noch immer eine halbe Meile süd- und ostwärts von der herannahendcn Division ihrer Feinde entfernt lagen, so sammelte der Graf alle seine Fregatten und Korvetten aus seine Steucrbordseite und ließ aus diese Art seinem Gegner den Zugang auf der Backbordseite frei. Auch dieser Wink wurde verstanden, und der Plantagenct steuerte jetzt in einem Kurse, der ihn, ungefähr hundert Ruthen von den Mündungen der feindlichen Kanonen entfernt, gerade auf diese Seite des Foudroyant bringen mußte. *) Esels haupt ist das Holz über den Sahlingen, das die einzelnen Stengen an die Masten befestigt. D. U. 588 So drohte em naher und für jene Zeit wenigstens auf Flotten noch ungewohnter Kampf; aber es war gerade das Spiel, wie es unser Oberadmiral am meisten liebte, und wie es auch die Sachen am schnellsten zu einem Resultate zu bringen versprach. Nachdem die Präliminarien auf diese Art getroffen waren, blieb für die betreffenden Befehlshaber immer noch Zeit übrig, um sich nochmals gehörig umzuschauen. Die Franzosen lagen noch immer eine volle Meile vor ihren Feinden, und da beide Flotten in ein und derselben Richtung hinstencrten, so geschah die Annäherung der Engländer so langsam, daß noch immer zwanzig Minuten jener feierlichen, athemlosen Stille übrig waren, wie sic ans einem wohldis- ciplinirten Schiffe gewöhnlich vor dem Beginn eines Kampfes herrscht. Die Gefühle der beiden Oberbefehlshaber in diesem gewichtigen Augenblicke standen gegenseitig im offenbarsten Widerspruch. Der Graf von Vervillin sah, daß die zweite Division seiner Flotte unter dem Contreadmiral, Vicomte des Prez, gerade in der Stellung mar, wie er sie wünschte, da sie durch das Hcrankommcn der englischen Division und dadurch, daß sie an ihrer eigenen Luvseite hielt — den Vorthcil des Windes gewonnen hatte. Zwischen den beiden französischen Offizieren herrschte über den Kurs, den sie cin- znhalten hatten, das vollkommenste Einverständnis!, und Beide hegten die lebendige Hoffnung, daß es ihnen gelingen würde, die Schlappe des vorhergehenden Tags, und zwar gerade durch solche Mittel wieder gut zu machen, welche denen, wodurch sic sic erhalten, sehr ähnlich waren. Ans der anderen Seite schwebte Sir Gervaise über Bluewatcrs nächstes Benehmen in den pcinigendsten Zweifeln. So sehr er sich übrigens mit Vcrmnthnngen quälte, so konnte er doch niemals zu dem Schluffe gelangen, daß sein Freund ihn hilflos der vereinten Macht der beiden feindlichen Divisionen überlassen würde, und so lange der französische Eontreadmiral durch die windwärts stehende Abtheilung der Engländer im Schach gehalten wurde, hatte er 589 selbst freies Feld zum Kumpfe mit Monsieur de Vervillin, ohne duß dieser einen besonderen Vortheil voraus gehabt hätte. Er kannte Blncwaters edle Natur zu gut, um nicht vollkommen davon überzeugt zu sein, daß seine eigene Willfährigkeit, womit er dessen Bitte, seinen Untergebenen nicht durch Signale zum Kampfe zu rufen, erfüllt hatte — sein Herz rühren und all' seinen besseren Gefühlen gedoppelte Kraft verleihen müsse. Nichtsdestoweniger zog Sir Gcrvaisc Oakcs dießmal nicht ohne mancherlei peinliche Vorahnungen in den nahenden Kampf. Er hatte zu lange in der Welt gelebt, um nicht zu wissen, daß das politische Vornrtheil von allen menschlichen Schwächen gerade diejenige ist, welche am meisten demoralisirt, indem sie unsere persönlichen Laster in den gefährlichen Schleier des allgemeinen Besten cinhüllt, und selbst den Gutgesinnten unempfindlich für das Unrecht macht, das er unter dem trügerischen, schmeichelnden Vorwände, der Gesammtheit zu dienen — einzelnen Personen rücksichtslos zufügt. Doch war der Zweifel noch viel peinlicher als die Gewißheit selbst der schlimmsten Vorahnungen; übcrdicß lag es nicht in seiner Natur, einen so offen angebotcnen Kampf von sich zu »reisen — und so beschloß er denn, aus jede Gefahr hin mit dem Grasen anzubinden und den Ausgang Gott und seiner eigenen Kraft an- hcimzustellen. Der Plantagcnct bot, »rührend er sich bei dieser denkwürdigen Gelegenheit der französischen Linie näherte, das beredte Gemälde eines geordneten und zum Kampfe gerüsteten Schiffes dar. Die Leute standen alle »ruf ihren Posten, und als Grcenlu durch die Batterien wandcltc, fand er jede Kanone auf der Steuerbordseite losgemacht, gerichtet und zum Abfeucrn bereit, während mau auf der entgegengesetzten Seite die Taljen blos einigemal abwindcn, das Geschütz frei machen und Lunten oder Kngclsormen anwendcn durste, um auch dort eine allgemeine Salve hören zu lassen. Eine Todtenstille herrschte von der Kampanje bis zur Vmbülance; die älteren Matrosen 590 warfen hie und da einen Blick durch ihre Stückpforten, nm die gegenseitigen Stellungen der beiden Flotten in Augenschein zu nehmen und für ihre eigene Person zum Kampfe bereit zu sein. Als die Engländer ans Gewchrschußweite herangckommen waren, zogen die Franzosen ihre Marssegel an die Mastcntoppö an; dadurch kamen ihre Schiffe in lebhafteren Gang. Noch immer jagten die Elfteren mit der äußersten Schnelligkeit daher, da sic die meisten Segel führten und von der größeren Triebkraft geleitet wurden. Als man endlich nahe genug war, gab Sir Gervaise den Befehl, die Segel seines eigenen Schiffes zu verkürzen. „So wird es gehen, Greenly," sagte er in mildem, ruhigem Tone. „Laßt die Bramfallen ablaufcn und das Focksegel aufholen. Der jetzige Kurs wird Euch gerade gegenüber bringen." Der Kapitän gab die nöthigen Befehle und der Master verkürzte demgemäß seine Segel. Stoch immer schoß der Plantagenct vorwärts; drei bis vier Minuten später schwenkte er seine Büge so nahe an dem Hintertheil des Fondroyant vorbei, daß eine Kanonenkugel hinübcrrcichen konnte. Dicß war für beide Linien das erwartete Signal, und sämmt- liche Schiffe eröffneten ihr Feuer fast in demselben Athemzugc. Der Blitz, das Gebrüll und der wirbelnde Ranch folgten sich rasch hinter einander, und in einem Zeiträume, der fast nur ein Augenblick zu sein schien: das Rasseln der Kugeln und das Acchzcn der Verwundeten mischten sich in diesen höllischen Lärm, denn selbst dem Tapfersten und Entschlossensten entreißt die Natur in solchen Augenblicken den Schmerzensruf menschlicher Schwäche. Bunting war eben im Begriff, Sir Gervaise zu melden, daß er mitten in diesem tobenden Lärm kein Signal von dem Cäsar bemerken könne, als eine kleine, runde Kugel, von der Kompanie des Franzmanns abgefeucrt, seinen Körper durchbohrte und buchstäblich das Herz vor sich Hertrieb, so daß er todt zu den Füßen seines Kommandirenden niederstürztc. 591 „So muß ich denn für de» Rest dieser Kreuzfahrt des armen Buntings Amt Euch übertragen, Sir Wycherly," bemerkte Sir Gcrvaise mit einem Lächeln, worin Artigkeit und Mitleid höchst sonderbar um die Oberherrschaft kämpften. „Quarticrmcister — schafft Mr. Buntings Leiche ein wenig ans dem Wege und bedeckt sie mit diesen Flaggen. Sic sind ein passendes Leichentuch für einen so tapferen Mann." Eben als dieses vorfiel, klarirte der Warspitc den erhaltenen Befehlen gemäß, an der Außenseite des Plantagenet vorüber und eröffnete das Feuer mit seinen vorderen Kanonen, indem er sich das zweite Schiff in der französischen Linie zur Zielscheibe nahm. Zwei Minuten später waren auch diese beiden Schiffe im heißesten, wüthendsteu Kampfe begriffen. Aus diese Art zog ein Schiff nach dem anderen an der Außenseite des Plantagcnct vorüber, gierte ans seinen Posten vorwärts von dem Schiffe, das gerade vor ihm gekommen war, bis endlich Lord Morganic mit dem Achilles, dem letzten von den sünfen, dem Eonquerant, jetzt dem vordersten Schiffe in der französischen Schlachtordnung — gerade gegenüber lag. Damit der Leser die Ereignisse um so richtiger verstehen kann, wollen wir ihm die beiden Schlachtlinicn genau in derselben Reihenfolge, wie sie einander gegenüber lagen, vor Augen führen, nämlich Plantagcnct . . . Foudroyant Warspitc .... Tcmeraire Bleu heim . . . . Dugnay Trouin Thunderer .... Ajax Achilles.Eonquerant. Die unaufhörlich zurückprallendcn Salven von vierhundert schweren Geschützen auf einem so engen Raume hatten die Wirkung, daß die regelmäßige Strömung der Lust zurückgedrängt und die bisherige Tiefe von sechs bis sieben Knoten fast augenblicklich in eine schwächere verwandelt wurde, wie sie ein Schiff nicht weiter 592 als zwei bis drei Knoten fortgctriebcn hätte, Dieß war die erste ncnncnswerthc Erscheinung, welche mit dem Kampfe in Verbindung stand; da sie aber erwartet worden war, so hatte Sir Gerpaisc die Vorsicht gebraucht, seine Schiffe gleich Anfangs so nahe als möglich in diejenigen Stellungen zu bringen, worin sie seinem Plane gemäß die Schlacht ansfechten sollten. Die nächste große physische Wirkung, wclebc man gleichfalls als natürlich voransgcsehen hatte, die aber eine große Aendernng in dem äußeren Bilde der Schlacht zur Folge hatte — war die dichte Wolke non Rauch, in welche die zcbn Schiffe augenblicklich eingehüllt waren. Bei den erste» Salven zwischen den beiden Admiralschiffen rollten Schichten leichten, flockigen Dunstes über die See, trafen in der Mitte zusammen und stiegen in kräuselnden Wirbeln empor, so daß ans jedem der beiden feindlichen Schiffe nur noch die Masten und Segel des Gegners sichtbar waren. Dieß würde die Kämpfenden bald von selbst in eine beinahe undurchdringliche Ncbelschichtc cingehüllt haben; da aber die Schiffe noch überdieß vorwärts trieben, so drangen sie noch tiefer in den Schwefeldampf ein, bis er jedes derselben rings umschloß und alle Aussicht auf den Occan, den Himmel und den Horizont gleichermaßen unmöglich machte. Das Flammen des Zündkrauts in den unteren Reihen trug noch mehr dazu bei, den Rauch zu vermehren, bis er so dicht wurde, daß nicht nur das Athmen häufig dadurch erschwert ward, sondern auch die Kämpfenden, selbst wenn sie nur wenige Schritte von einander getrennt waren, sich öfter nicht einmal im Gesicht erkennen konnten. Inmitten dieses Schauplatzes der Dunkelheit und eines Getöses, das sogar die Grundvestcn des Oceans hätte erschüttern können, bedienten die ernsten, wohldresfirten Matrosen ihre gewichtigen Geschütze und verbesserten mit flinken Händen die Beschädigungen in der Takelage; Jeder war so aufmerksam auf seinen besonderen 593 Dienst bedacht, als ob er seine Geschäfte in einem ordentlichen Sturme verrichtet hätte. „Sir Wycherly," bemerkte der Vieeadmiral, nachdem die Kanonade etwa zwanzig Minuten gedauert hatte, „in einer solchen Rauchwolke gibt es für einen Flaggenoffizier nur wenig zu thun. Ich gäbe viel darum, wenn ich die Stellungen der zwei Divisionen unserer beiden Eoutrcadmirale genau wüßte." „Es gibt nur ein einziges Mittel, darüber in's Reine zu kommen, Sir Gervaise — wenn Ihr cs wünscht, so will ich's versuchen — nämlich ans die große Bramraa hiuauszusteigen: von dort wird man vielleicht eine freie Aussicht genießen." Sir Gervaise lächelte beifällig; im nächsten Augenblicke sah er den jungen Mann bereits, von dem dichten Rauche halb verhüllt, an der großen Wand hinaufklettcrn. In dem nämlichen Moment kam Grcenly von dem unteren Deck, wo er Alles genau gemustert hatte, auf die Kampanje her- ansgestiegen, und machte dem Admiral, ohne erst dessen Frage ab- zuwartcn, seinen Bericht über die eingestellte Untersuchung. „Mit uns steht es ganz gut, Sir Gervaise: nur die erste Breitseite des Grafen hat uns etwas hart mitgenommen. Ich glaube, sein Feuer ermattet schon jetzt, und Bury will als gewiß behaupten, daß seine Fockmarsstenge bereits dahin sei. Aus alle Fälle find unsere Bursche vom besten Geiste beseelt, und bis jetzt sind alle Masten und Spieren noch an ihrem Platze." „Das freut mich, Greenly; besonders der letztere Umstand gerade in diesem Augenblicke. Wie ich sehe, betrachtet Ihr diese Flaggen — sie bedecken den Leichnam des armen Bunting." „Und dieser Blutstreifen gegen die Leiter hin, Sir?— Ich hoffe, unser junger Baronet ist nicht verletzt?" „Nein — das kommt von einem der Bowldero's, der ein Bein verloren hat. Ich werde dafür sorgen müssen, daß er in Zukunft nicht Noth leidet." Die beiden Admirale. 38 594 Hier entstand eine Pause; nach einer Weile aber lächelten beide Herren wieder, als sic gerade unter sich das Krachen einer Kugel vernahmen, welche nach der Richtung und dem Lärme zu schließen, durch Greenly'S Porzellanschrank gedrungen sein mußte. Keiner sprach jedoch ein Wort. Nach einigen weiteren Minuten schweigender Beobachtung bemerkte Sir Gcrvaisc, er glaube jetzt das Blitzen der französischen Geschütze etwas ferner zu sehen, als cs im Anfänge gewesen war, obwohl in diesem Augenblicke außer dem Kanonendonner und jenen Blitzen nebst ihrer Wirkung aus den Plantagenet — sonst nirgends eine Spur von dem Feind entdeckt werden konnte. „Wenn dieß der Fall ist, Sir, so muß wohl der Graf seinen jetzigen Standpunkt zu heiß finden; wir selbst haben den Wind noch gerade über unserem Hackbord." „Nein —nein—-wir steuern noch in unserem früheren Kurs: ich halte fortwährend meine Blicke ans den Kompaß da unten geheftet, und weiß gewiß, daß wir gerade Linie halten. Geht einmal vor, Grecnlu, und sorgt, daß vorn ein scharfsehcndcr Ausgncker ausgestellt werde. Es ist jetzt um die Zeit, daß auch von unseren eigenen Schiffen einige zusammengeschossen sein könnten, und da müssen wir uns in Acht nehmen, daß wir nicht gegen sie anrennen. Sollte etwas der Art vorfallen, so müßt Ihr hart gegen Steuerbord gieren und auf der inneren Seite passircn." „Ja — ja — Sir Gervaise: EureWünsche sollen erfüllt werden." Mit diesen Worten verschwand Grcenly, und im nächsten Augenblicke stand Wycherly an dessen Platze. „Nun, Sir — ich bin erfreut, Euch wohlbehalten zurückkehren zu sehen. Wenn Greenly jetzt eben hier wäre, so würde er sich ohne Zweifel nach seinen Masten erkundigen: ich aber wünsche mehr die Lage der Schiffe kennen zu lernen!" „Ich überbringe Euch schlimme Nachrichten, Sir. Aus dem Topp selbst war durchaus nichts zu entdecken: dagegen konnte ich 595 auf den Kreuzhölzern recht gut durch den Rauch hindurch sehen, und muß Euch zu meinem Leidwesen verkünden, daß der französische Contrcadmiral mit seiner ganzen Streitmacht in vollem Laufe gegen unser Backbord heran.kommt. Wir werden ihn in fünf Minuten seitwärts vor uns haben." „Und Bluewatcr?" fragte Sir Gervaisc mit Blitzesschnelle. „Von Admiral Bluewaters Schiffen konnte ich nichts entdecken. In Betracht der Wichtigkeit meiner Botschaft stieg ich aber unverzüglich wieder an dem Kreuzstag herunter." „Das habt Ihr gut gemacht, Sir. Schickt einen Kadeten zu Kapitän Grecnly vor; dann geht selbst hinab und laßt die Lieutenants in den Batterien Eure Neuigkeit vernehmen. Sie müssen ihre Mannschaft theilen, und um jeden Preis ihre rasche und wohlgeziclte Breitseite zuerst anbringen." Wycherly wartete nicht länger, sondern eilte mit der Behendigkeit seiner Jahre auf das Verdeck. Der abgeschickte Bote traf Grecnly zwischen den Kardeelhölzern *); der Kapitän eilte ohne Verzug aus die Kampanje zurück, um sich von der Wahrheit des Gehörten zu überzeugen. Sir Gervaisc bedurfte blos eines Augenblicks, um dem Kapitän den ganzen Stand der Dinge zu erklären. „In des Himmels Namen — was kann nur die andere Division Vorhaben," rief Greenly, „daß sie den französischen Contrcadmiral in einem solchen Augenblicke gegen uns herankommen läßt?" „Davon ist jetzt nicht nöthig zu sprechen, Sir," gab der kommandirende Admiral feierlich zur Antwort. „Unser nunmehriges Geschäft besteht darin, auf diesen neuen Feind gefaßt zu sein. Geht wieder aus die Batterien zurück, und so hoch Ihr den Sieg zu schätzen wißt — so traget Sorge, daß die erste Ladung bei dem jetzigen Rauche nicht weggeworsen sei." Da die Zeit drängte, so überwand Greenly seinen Mißmuth und verschwand abermals. ') Den Bugstücken dicht am Vorsteven. 38 D. U. 596 Die nächsten fünf Minuten waren für Sir Gervaise Oakcs bittere Minuten. — Außer ihm waren nur noch fünf Personen auf der Kampanjc — nämlich der Quartiermeister, der die Signale besorgte, und vier von den Bowldero's. Sie Alle gebrauchten ihre Musketen wie gewöhnlich, obwohl der Viceadmiral niemals erlaubte, daß ein Theil der Marinetruppen an einem Orte ausgestellt werde, den er selbst so viel als möglich von dem Rauche und Lärm der Schlacht frei zu sehen wünschte. Auf diesem kleinen und vergleichungsweise leeren Deck begann nunmehr der Viceadmiral mit raschen Schritten aus und ab zu gehen, indem er scharfe Blicke über den Backbord hinaussandte. Das Feuer hatte zwar sowohl wegen der Erschöpfung der Leute, als wegen der Beschädigungen, die man empfangen und ausgetheilt hatte — wenigstens einigermaßen nachgelassen, und der Rauch verzog sich zuweilen ein bischen in der Richtung des Windes: dennoch war er nicht im Stande, von irgend einem Schiffe ein Signal zu entdecken. So standen die Dinge, als Wycherly mit der Meldung zurück- kehrte, des Admirals Befehl sei ausgerichtet, und ein Theil der Mannschaft bereits an den Backbordbatterien aufgestellt. Achtundzwanzigstes Kapitel. Und dann — die kleine kriegerische Welt im Innern! Das heisere Kommando, emsig Summen, Des Tauwerkö Netze hier, und dort Kanonen schimmern, Ein Wort — und alle Marsen, und bemannt; Hört ihr des Bootsmanns Nuf: ,seid frisch zur Hand*? Wenn durch Matrosenhand die Taljen gleiten, Und Seekadeten, kaum der Schul' entrannt. Sich an der Pfeife schrillen Tönen weiden? Der kecke Schelm! — weiß doch das Volk zu leiten. Byron. „söeid Ihr auch ganz sicher, Sir Wycherly Wychecombe, daß in Betreff der Annäherung der französischen Nachhut nicht irgend 597 ein Mißverständniß obwalten kann?" fragte der Vtccadnüral, und suchte durch den Rauch auf der Backbordscite einen freien Blick auf das Wasser zu gewinnen. „Wäre es nicht möglich, daß eines unserer eigenen entmastetcn Schiffe ans der Linie herausgebrochcn, und ohne daß wir's wüßten, aus dieser Seite von uns zurückgelassen worden wäre?" „Nein, Sir Gervaise — hier herrscht kein Mißverständniß, und kann auch keines herrschen — höchstens daß ich mich ein wenig in der Entfernung getäuscht hätte. Ich sah nichts als Segel und Spieren, nicht von einem einzelnen, sondern von drei Schiffen, und eines derselben trug die französische Contreadmirals- flagge am Bcsanmaste. Zum Beweise, daß ich mich nicht geirrt habe, Sir, kommt cs hier noch in dieser Minute!" Wie natürlich war der Ranch auf der äußeren Seite des Plantagenct bei weitem nicht so dicht, als auf der inneren, wo das Schiff noch im Kampfe begriffen war, und da sich der Lnftstrom, wie dieß bei Kanonaden gewöhnlich der Fall ist, zu einem Wirbelwinde umgewandelt hatte, so gab cs sogar Augenblicke, wo er das Leichentuch der Schlacht völlig bei Seite schob. Eine solche Oeffnung entstand eben auch in dem jetzigen Augenblicke, und ein einzelner Mast und ein einzelnes Segel wurden gerade in der Richtung sichtbar, wo nach Wychcrly's Aussage der Feind erwartet werden mußte. Es war ein Kreuzsegel, wie man jetzt nicht länger zweifeln konnte, und oberhalb desselben wehte die kleine viereckige Wimpel des Contrcadmirals. Sir Gervaise hatte in einem Augenblicke über den Charakter des Schiffes und über seinen eigenen Kurs entschieden. An den Rand der Kampanje vertretend, rief er ohne Hilfe irgend eines Sprachrohrs mit seiner natürlichen Stimme, welche das Gebrülle der Schlacht übertönte, die verhängnisvollen, dem Secmanne aber wohlvertrauten Worte: „Bleibt stehen!" 598 Ein Ruf ans kräftigen Lungen — und des Viceadmirals Stimme war, wenn er sie brauchen wollte, dem Schmettern einer Posaune ähnlich — ist vielleicht ohne Beihilfe von Instrumenten Heller und eindrucksvoller, als wenn er entstellt und unnatürlich ans einem Sprachrohre heraustönt. Jedenfalls wurden des Viceadmirals Worte sogar auf dem unteren Deck und von den Leuten nahe bei den Luken vernommen. Ein Dutzend Stimmen faßten sie auf und wiederholten sie mit den Beisätzen: „Aufgeschaut, ihr Jungen; Sir Jarvy ist wach!" „Eure Kanonen bereit gehalten!" „Wartet, bis er winkelrccht steht!" und anderen ähnlichen Ermahnungen, wie sie der Seeoffizier beim Beginne eines Kampfes fast immer zu geben pflegt. In diesem entscheidenden Augenblicke schaute Sir Gervaise abermals aufwärts und erblickte wieder die kleine Flagge, während sie gerade in eine ungeheure Rauchwolke eintauchtc: er sah das Schiff dem seinen dwars gegenüber, und seine Kraft gleichsam verdoppelnd, rief er das einzige Wort: „Feuer!" Greenly stand auf der Unterdecksleiter und hatte den Kopf eben an die Rahmen der Luken angedrückt, als dieser Befehl sein Ohr erreichte; er wiederholte ihn augenblicklich mit kaum minder furchtbarer Stimme. Die Wolke auf der Backbordseite wurde wie der Dunst, welchen der Wind zerstreut, nach allen Seiten aus einander gerissen. Das Scknff schien in Flammen zu stehen, und die Geschosse von einundvierzig Kanonen flogen so zu sagen mit einem einzigen Blitzstrahl auf ihrem tödtlichen Pfade dahin. Der alte Plantagenct erzitterte bis in den Kiel hinab, und bog sich sogar etwas unter den Rückstößen der Geschütze, hob sich jedoch augenblicklich wieder wie Einer, der plötzlich von einer Last befreit wird, und zog rasch, wie zuvor, seines Weges weiter. Diese zeitige volle Lage rettete das Schiff des brittischen Ober- 599 admirals vor einer frühen Niederlage. Die Mannschaft des Pluto, seines neuen Gegners, war überrascht, da sie bis jetzt noch gar nicht im Stande gewesen war, die Stellung ihres Feindes genan zu erkennen; neben dem, daß Schiff und Leute durch die sichtbarste Verheerung gelitten hatten, wurden Letztere auch noch im ungünstigsten Momente zum Feuern verleitet. So unsicher und hastig war in der That die Salve, womit das französische Schiff den Gruß des Feindes erwicdcrte, daß kein kleiner Theil des Inhalts ihrer Kanonen den Leuten auf dem Plantagenet über die Köpfe wcgsauste und an der Backbordscite des Temeraire cinschlug, der zunächst vor dem französischen Admiralschiffe stand. „Das war eine zeitgemäße Begrüßung," sagte Sir Gervaise lächelnd, sobald das Feuer seines neuen Feindes ohne wesentlichen Schaden vorübcrgegangen war. „Der erste Schlag ist immer schon die halbe Schlacht. Jetzt können wir wohl mit einiger Hoffnung auf Erfolg weiter fortfahrcn. Aha! da kommt Greenly wieder — Gott sei Dank, er wenigstens ist unverletzt!" Das Wiedersehen dieser beiden erfahrenen Seemänner war herzlich, aber von tiefem Ernste begleitet. Beide fühlten, daß nicht nur die Lage ihres Schiffes, sondern auch die der ganzen Flotte ausnehmend kritisch wurde, da die Uebermacht des Feindes zu groß und seine Stellung zu günstig war, um nicht den endlichen Ansgang äußerst zweifelhaft zu machen. Bis jetzt hatte man allerdings einigen Vortheil errungen, aber cs war nur wenig Hoffnung vorhanden, daß man ihn lange würde behaupten können. Die Umstände forderten jedenfalls höchst entschiedene und vor Allem äußerst kühne Maßregeln. „Ich bin entschlossen, Greenly," bemerkte der Viccadmiral. „Wir müssen uns einem dieser beiden Schiffe an Bord legen und die Sache Mann gegen Mann ausfechtcn. Wir wollen den französischen Oberkommandantcn nehmen; er muß nach der Art, wie sein Feuer nachläßt, schon ziemlich schlimm zugerichtct sein, und wenn wir ihn wegnehmen oder auch nur aus der Linie drängen 600 können, so wird es uns den andern gegenüber in eine bessere Lage versetzen. Was Blucwater betrifft, so weiß Gott allein, was aus ihm geworden sein mag! Jedenfalls ist er nicht hier, und so müssen wir uns schon selber Helsen!" „Ihr habt blos zu befehlen, Sir Gcrvaise —- wir werden gehorchen. Ich selbst will die Entcrcr ansührcn." „Die Sache geht Alle an, Greenly, und ich glaube, wir werden auch Alle an Bord des Foudroyant gehen müssen. — Geht — crtheilt die nöthigen Befehle, und wenn Alles fertig ist, dann wendet die Backbordbrassen ein bischen, haltet das Steuer in derselben Richtung und macht mit dem Schiff eine volle Schwenkung gegen den Steuerbord. Das wird die Sache auf einmal zur Entscheidung bringen. Wenn Ihr das Focksegcl fallen laßt und den Spankcr cinsctzt, werdet Ihr das Schiff etwas rascher weiter bringen." Greenly verließ augenblicklich die Kampanje, um diesen neuen, wichtigen Auftrag in Vollzug zu setzen. Er schickte seine Befehle in die Batterien hinab, hieß aber die Mannschaft bis zum letzten Augenblicke bei ihren Kanonen bleiben, und instruirte besonders den Kapitän der Marinctruppcn über die Art und Weise, wie er die Entcrcr anfänglich zu decken und ihnen sodann nachzufolgcn habe. Nachdem dieses geschehen war, gab er Befehl, die Raaen vorwärts zu brassen, wie ihn Sir Gervaise angewiesen hatte. Der Leser wird den wesentlichen Umstand nicht übersehen haben, daß Alles, was wir bis jetzt erzählten, inmitten des Schlachtgctöscs vor sich ging. Jeden Augenblick hörte man den Donner der Kanonen : der Pulvcrdampf wurde stets dichter und breitete sich mehr und mehr aus, Feuer blitzte durch das Halbdunkel dieser Ranch- schichtcn, Kugeln zerschmetterten das Holzwerk und zerrissen die Takelage, und als grelles Accompagnement in dieser Scene derZer- störung hörte man den durchdringenden Schrei der Verwundeten, das Nechzeu der Sterbenden, das um so furchtbarer erschien, wenn man bedachte, daß cs den Lippen fester, entschlossener Männer er- Preßt wurde. Die Menschen schienen sich in höllische Geister verwandelt zu haben, und dennoch beseelte sie Alle — was den Kampf wiederum adelte und sogar heroisch machte — der hohe, unerschütterliche Entschluß, den Sieg zu gewinnen. Die vollen Lagen,' welche nach einander die Linie entlang donnerten, während die Schiffe der französischen Nachhut eines nach dem andern die ihnen angewiesenen Posten cinnahmcn — verkündeten indessen, daß Monsieur des Prcz Sir Gervaisc's Lieblingsmethode des dichten Anfschließens — in diesem Falle allerdings das einzige Mittel, wodurch das vorderste Sclnff der Vernichtung entrinnen konnte — nachgeahmt hatte, und daß die Engländer vollständig zwischen zwei Feuer gebracht waren. In diesem Augenblicke fingen die Marsgasten an, die Brassen ans dem Plantagcnet anzuhalc». Der erste Zug war aber auch der letzte, denn kaum waren die Taue angezogen, als die Vorstenge über die Büge hinabftürzte, den Hauptmast mit seiner ganzen Takelage nach sich zog und der Besanmast wie ein Pfeifenrohr an dem Esclshauptc absprang. Durch diesen schrecklichen Zufall—> einer Folge der unzähligen Beschädigungen an den Wandtauen, Backstagen und Spieren — hatte sich die Lage des Plantagcnet mehr als je verschlimmert, denn das Wrack mußte nicht nur wenigstens theilweise klar gemacht werden, um einen großen Thcil der Backbordkanonen in den Kamps zu bringen, sondern die Leitung des Schiffes wunde dadurch in hohem Grade schwierig, und dicß noch dazu inmitten des fürchterlichsten Schlachtgctnmmels, das jemals einen Kampf zur See begleitet hatte. Der wahre Seemann erscheint nie größer, als wenn er plötzlichen Unglücksfällen mit jener Standhaftigkeit und Ruhe begegnet, welche die eigentliche Mora l der Disciplin dem Manne als wesentlichstes Erforderniß einzupflanzen verlangt. Greenly war eben noch voll feuriger Kampflust für den nahenden Angriff, und dachte daraus, wie er auf die beste Art über seinen Gegner herfallen könnte 602 — als dieses Unglück Plötzlich über ihn hereinbrach; doch kaum lagen die Masten am Boden, als alle seine Gedanken eine ncne Richtung nahmen und der Kapitän den Marsgasten zuries: „Legt sogleich über und macht das Wrack klar!" Auch Sir Gcrvaisc's Gedanken und Gefühle erlitten einen plötzlichen, heftigen Stoß. Er hatte seine Bowldcro's gesammelt, und ihnen über die Art und Weise, wie sie ihm folgen und sich bei dem erwarteten Handgemenge an seine Person anschlicßcn sollten — Anweisungen crthcilt, als das schwere Rauschen der Luft und der Sturz der oberen Masten ihm die Wahrheit des Ganzen verkündete. An seine Leute sich wendend, befahl er ihnen ruhig, beim Wegräumen der Trümmer behilflich zu sein, und war eben im Begriff, Wycherly dasselbe Geschäft anzuweiscn, als dieser ausrief: „Seht, Sir Gervaise, da kommt noch Einer von den Franzmännern dicht gegen unser Hinterthcil heran. Beim Himmel, die müssen wohl zu entern beabsichtigen!" Der Viceadmiral faßte unwillkürlich seinen Degengriff fester und drehte sich rückwärts, wo sein Gefährte hingedcutet hatte. Da kam in der That ein frisches Schiff, das die Rauchwolke vor sich herwälzte, und nach der klareren Atmosphäre, von der cS begleitet schien, zu schließen — allem 'Anscheine nach von einem ungewöhnlich scharfen Luftstrome dahergctragen werden mußte. Als man cs zuerst erblickte, waren Klüverbaum und Bugspriet beide in Rauch eingehüllt, aber sein schwellendes Vormarssegel und die in Gewinden aufgebundene Leinwand schimmerte in großartigen Umrissen durch den Pulverdampf, und die schwarzenRaaen schienen dicWirbclsäulcn nur deshalb anzuziehen, um sie augenblicklich wieder von sich zu stoßen. Auch die Nähe des Ankömmlings erschien furchtbar, denn seine Raacn- arme mußten die desPlautagenctnur aufwcnige Fuß klarircn und seine dunklen Büge brausten dicht an dem Borde des Admiralschiffs vorüber. „Das wird in der That eine furchtbare Arbeit geben!" ries Sir Gervaise. „Eine frische Breitseite von einem so nahen Schiffe 603 muß vollends Alles von den Spieren herabfegcn. Geht, Wyche- combe — sagt Greenly, er soll — Halt! — das ist ein englisches Schiff! Kein Franzmann stellt sein Bugspriet, wie dieses — der allmächtige Gott sei gepriesen! Es ist der Cäsar — da kommt sein altes römisches Brustbild eben ans dem Pulvcrdampfe hervor!" Diese Worte wurden von einem gellenden Ruse des Entzückens begleitet, und waren so laut gesprochen, daß fie sogar unten gehört wurden und sich gleich dem Zischen einer aufsteigenden Rakete im Fluge über das ganze Schiff verbreiteten. Um diese hocherfreuliche Botschaft noch zu bestätigen, ließ der Fremde alsbald den Blitz und Donner seiner äußeren Batterien vernehmen, und brachte dadurch die willkommene Gewißheit, daß der Pluto nun auch seinen Gegner vor sich habe, so daß die Mannschaft des Plantagenet wieder in den Stand gesetzt war, sich mit ihrer ganzen Stärke auf die Steuerbordbattc- ricn zu werfen und ihr eigenes dringendes Geschäft ohne fernere Belästigung von Seiten des französischen Contreadmirals fortzusetzen. Sir Gervaise's Dankbarkeit gegen den Freund, der sich mit seinem Schiffe zwischen ihn und seinen furchtbarsten Feind mitten hineinwarf, war zu tief gefühlt, um sich in Worten ausdrücken zu lassen. Mechanisch nahm er den Hut vor's Gesicht und dankte Gott mit einer Inbrunst, wie sie niemals zuvor seine stummen Gebete begleitet hatte. Nachdem dieser kurze Akt der Andacht vorüber war, schaute er wieder empor und gewahrte die Büge des Cäsar, welcher, um nicht zu weit vorwärts zu gerathen, nur sehr langsam näher kam — gerade dem Punkte gegenüber, wo er selbst stand, und zwar in solcher Nähe, daß alle Gegenstände vollkommen sichtbar waren. Zwischen » den Kardeelstücken stand Bluewatcr und leitete das Schiff mit Hilfe der zahlreich versammelten Offiziere; den Hut hatte er in der Hand und winkte damit ermuthigend gegen seine eigenen Leute, während Geoffrey Clcveland mit dem Sprachrohre neben ihm stand. In diesem Augenblicke brach die Mannschaft der beiden bc- 604 freundeten Schiffe in ein dreimaliges donnerndes Hurrah aus, das sich in das zunehmende Gebrüll der Geschütze des Cäsar mischte. Dann zog der Pulverdampf in einer dicken Wolke über das Vorkastell des letztgenannten Schiffes, so daß man keine Person mehr unterscheiden konnte. Nichtsdestoweniger zog das Rettungsschiff und mit ihm alle Schiffe der zweiten Division nur langsam vorwärts, bis es die un- vertheidigte Seite seines Gefährten beinahe mit seiner ganzen Länge deckte, indem cs mit furchtbarer Geschwindigkeit seine Flammenströme ausgoß. Die auf dem Plantagenet schienen durch die Ankunft ihrer Kameraden ncubclebt, und ihre Stcuerbordkanoncn ließen sich wieder vernehmen, als ob sie von Niesen gerichtet würden. Etwa fünf Minuten nach dieser so zeitgemäßen Ankunft des Cäsar verkündeten auch die Kanonen der übrigen Schiffe der englischen Nachhut, daß sie sämmtlich den Angriff auf die Außenseite von Monsieur des Prez's Division begonnen hatten. Die beiden Flotten waren aus diese Art in vier Linien neben einander ausgestellt, welche sämmtlich todt vor dem Winde herstcuertcn, und so zu sagen in einander verwoben zu sein schienen. Der Ranch trieb jetzt fast ganz seewärts an den Schiffen vorüber, und auf dem Plantagenet wie aus dem Cäsar konnte man wieder von einer Kampanjc zu der andern hinübcrschauen. Da standen unsere beiden Admirale abermals, und Jeder wartete sehnsüchtig auf den Augenblick, wo er den Freund vor sich sehen würde. Sobald sich der Rauch ganz verzogen hatte, setzte Sir Gervaise das Sprachrohr an den Mund. „Gott segne dich, Dick!" rief er — „möge Gott dich für immer segnen! — Dein Schiff kann cs wohl durchführen— richte die Pinne hart steuerbord, und dann auf Monsieur des Prez losgegangen — in fünf Minuten kannst du ihn haben!" Bluewater lächelte, winkte mit der Hand, gab dann einen Befehl und legte das Sprachrohr bei Seite. Zwei Minuten später 605 drang der Cäsar in die Rauchschichte auf seiner Backbordseite, und alsbald vernahm man das Krachen der zusammenstoßenden Schiffe. Unterdessen hatten die auf dem Plautagenet das Wrack von seinen Trümmern gesäubert, und auch das Admiralschiff machte jetzt eine volle Wendung, wie der Cäsar, nur in entgegengesetzter Richtung. Während cs durch den Rauch hinzog, hörten seine Kanonen ans zu spielen, und als es endlich in die freie Luft hervortauchte, sah man den Foudroyant mit eingesetzten Mars- und Bramsegeln so rasch nach vorn Hintreiben, daß eine Verfolgung mit den wenigen Segeln, die noch zu brauchen waren, völlig nutzlos erschien. An Signale war nicht zu denken, und so verwandelte diese Bewegung der beiden Admiralschiffc die ganze Schlachtscene in einen Schauplatz der unaussprechlichsten Verwirrung. Ein Schiff nach dem andern änderte seine Stellung und hielt mit Feuern inne, weil es nicht wußte, wo es eigentlich stand, so daß endlich dem Brüllen der Kanonade eine allgemeine Stille folgte. Man mußte nothwendig eine Zeitlang paustrcn, um den Rauch sich verziehen zu lassen. Es bedurfte nur weniger Minuten, um aufs Neue den Vorhang von beiden Flotten aufzuziehen. Sobald das Feuern aufgehört hatte, verstärkte sich der Wind: der Pulverdampf wurde in einer Ungeheuern, wirbelnden Wolke leewärts getrieben und schien sich von selbst zu zertheilen und in die Luft zu verschwimmen. Dann erst konnte man einen Ueberblick über die greuliche Zerstörung gewinnen, welche dieser kurze Kampf herbeigesührt hatte. Die beiden Geschwader waren unter einander gemischt, und Sir Gervaisc bedurfte einiger Zeit, um einen klaren Begriff von dem Zustande seiner eigenen Schiffe zu bekommen. Im Allgemeinen konnte man sagen — die Schiffe zogen aus einander, denn die Franzosen steuerten gegen ihre eigene Küste und die Engländer ließen sich von dem Winde meistens gegen Backbord treiben oder hatten sich mit dem Gallion England zugcwendet. Der Cäsar und der Pluto hingen noch immer an einander; doch wehte die Contreadmiralsslagge an dem Besamnaste des cr- stercn, während die Wimpel, welche noch kürzlich an der Oberbramraa des anderen geflattert hatte, mit einem Male verschwunden war. Der Achilles unter Lord Morganic stand noch immer zwischen den französischen Schiffen, obwohl weiter leewärts als jeder seiner Kameraden. Nicht eine einzige Spiere war auf dem ganzen Schiffe stehen geblieben. Seine Flaggen wehten übrigens noch, und der Thnnderer und der Dublin näherten sich ihm rasch und in ziemlich guter Ordnung, um ihren zusammengcschossencn Gefährten zu decken: doch schien auch das nächste französische Schiff weit mehr darausbedacht, aus dem Schlachtgcwirre zu entkommen und seine eigene Linie wieder zu erreichen, als einen bereits gewonnencnVorthcil weiter zu verfolgen. Der Temeraire war, was seine Spieren betraf, in demselben Zustande, wie der Achilles; nur hatte sein Rumps weit mehr Noth gelitten, und überdies zählte er dreimal so viel Todte, als jener. Er hatte mannhaft gegen den Warspite gestritten, mußte aber seine Flagge streichen und die englischen Boote waren bereits längs seiner Büge sichtbar. Der Foudroyant, dem ein volles Drittheil seiner Mannschaft kampfunfähig geworden war, lief mit vollen Segeln leewärts, und bedeutete seinen Gefährten durch Signale, daß sie sich wieder um ihn versammeln sollten; doch in weniger als zehn Minuten, nachdem er wieder sichtbar geworden, war sein Haupt- und Besanmast gleichfalls über Bord gestürzt. Der Blenheim hatte gleich dem Plantagcnct alle seine Marsstengen verloren, und die Elisabeth, wie auch der Jork waren beide ohne Besanmast, obwohl sic nur ganz kurze Zeit an dem Kampfe Theil genommen hatten. Von den tieferen Naacn waren mehrere entweder abgeschossen oder so beschädigt, daß sämmtliche Schiffe genöthigt waren, ihre Segel zu verkürzen, da dieses Unglück beide Flotten gleichermaßen betroffen hatte. Was endlich den Schaden betrifft, welchen das stehende und laufende Takclwerk, so wie die Segel erlitten hatten, so brauchen wir 607 blos zu sagen, daß ganze Wände, Back-und Vorstags, Brassen, Bolinien und Toppcnants nach allen Richtungen hcrmnbamnelten, während die Leinwand, welche lose herabhing, alle möglichen Arten von Rissen zeigte, von demjenigen, der wie ein Zeug in Kaufmanns- Händen zertrennt worden war, bis zu den kleinen ,Augenlöcheriff der Musketen- und Kartätschenkngeln. Nach den späteren Berichten der beiden Thcilc stellte sich heraus, daß sich die Zahl der in diesem kurzen, aber furchtbaren Kampfe Getödtetcn und Verwundeten auf Seiten der Engländer — die Offiziere mit cingcschlossen — aus siebenhundert und dreiundsechzig, ans Seiten der Franzosen dagegen auf eintausend vierhundert und zwölf belief. Die Ungleichheit gegenüber von den Letzteren würde wahrscheinlich noch größer gewesen sein, wenn es nicht Monsieur des Prez gelungen wäre, seine Feinde eine Zeitlang zwischen zwei Feuer zu bringen. Wir brauchen nur noch Weniges zur Erklärung derjenigen Thcilc dieser Schlacht beizufügen, welche bis jetzt noch nicht ausführlich erzählt worden. Monsieur des Prez hatte im Beginne der Schlacht auf die schon oben erwähnte Weise manövrirt, in der Hoffnung, Sir Gcrvaise dadurch gegen die Division des Grafen von Vervillin heranlocken zu können: kaum sah er Elfteren tüchtig in Rauch eingehüllt, als er kurz herumwcndete und sich in der schon beschriebenen Weise dem Kampfe anschloß. Bei diesem Anblick hatte Blucwaters Anhänglichkeit an die Stuarts alle Macht über ihn verloren. Er ließ unverzüglich das allgemeine Schlachtsignal ausstecken, und Alles, was den Cäsar weiter bringen konnte, beisetzen; so flog er seinem Freunde zur Hilfe, den er auch noch zeitig genug erreichte, um seine Errettung zu bewirken. Die anderen Schiffe waren ihm gefolgt und hatten ihre Gegner von außen angegriffen, da es ihnen an Raum gebrach, um ihrem Führer nachahmcn zu können. Außer dem Tcmeraire und dem Pluto hätten wenigstens 608 noch zwei weitere französische Schiffe der Liste der englischen Prisen beigcsügt werden können, wenn man den wirklichen Instand der Flotte gekannt hätte. In solchen Augenblicken sicht und suhlt aber der Kämpfende seine eigenen Verletzungen, während er die seiner Feinde großcntheils bloS c rrathe» muß, und die Engländer waren zu sehr mit den nöthigen Anstalten zur Rettung ihrer noch übrigen Masten beschäftigt, als daß sie sich noch einer weiteren Gefahr anssetzcn mochten, um einen schon so beträchtliche» Vor- thcil noch weiter zu verfolgen. Zwischen dem Thundcrcr und Dublin und dem Ajar, Dugay, Tronin und Hektar wurden noch einige ferne Salven gewechselt, bis cs den beiden erstercn gelang, Lord Morganic ans seiner schlimmen Lage herauszureißen. Doch hatte dicß keine anderen wesentlichen Folgen, als daß einige Spieren, die schon vorher beschädigt genug gewesen waren, noch mehr zusammengcschossen und weitere fünfzehn bis zwanzig Menschen höchst nutzlos getödtet oder verwundet wurden. Sobald der Viceadmiral sah, was diese neue Episode wahrscheinlich zur Folge haben würde, befahl er Kapitän O'Ncill vom Dublin — eincmOffizier von,heißem Temperaments wie der Krieger von Waterloo sich selbst nannte — durch Signale, daß der Kamps eingestellt werden sollte. Die Befolgung dieses Befehls machte sofort der Schlacht ein Ende. Der Leser wird sich erinnern, daß der Wind beim Beginne des Kampfes aus Nordwesten geblasen hatte. Die Kanonade hatte ihn beinahe ,todt gemacht, wie die Seeleute cs nennen; in dem Grade aber, wie die Erschütterungen durch das Geschütz allmählig abnahmen, hatte er sich auch von Neuem belebt. Das Vorschreiten des Tags, zusammcngenommen mit den neuen Luftströmungen, welchen die leeren Räume, die durch das Verbrennen von so viel Pulver entstanden waren, ausfüllen wollten, hatte ein plötzliches Umspringen des Windes zur Folge, denn bald nach Beendigung des Kampfes verspürte man eine starke Brise aus Osten. 609 Dieser unerwartete Wechsel in der Richtung und Stärke des Windes kostete den Thnnderer seinen Fockmast und verursachte noch allerlei Schaden auf den verschiedenen Schiffen. Dennoch gelang es den Engländern durch ihre emsige Thätigkeit, so wie durch die sorgsame Lenkung ihrer Schiffe, diese sämmtlich mit dem Gallion nordwärts zu wenden, während die Franzosen auf der andern Seite füllten und, das Steuer nahezu südöstlich gerichtet, frei dahin liefen, um sobald als möglich den Hafen von Brest zu erreichen. Die Letzteren litten durch die eben erwähnte Acnderung weit mehr als ihre Feinde, und als sie endlich den Hafen erreichten - was mit Ausnahme eines Einzigen am folgenden Tage Allen gelang — konnten nicht weniger als drei Fahrzeuge, statt aller Masten und Spieren — nichts mehr als das Bugspriet anfweisen. Diese Ausnahme machte der Cato, welchen Monsieur deVer- villin wegen seiner schweren Beschädigung im Laufe des Nachmittags anzündcn und abbrcnnen ließ, so daß dieser Offizier von zwölf stattlichen Zweideckern, mit denen er zwei Tage früher von Cherbourg ausgelaufen war, nur noch sieben in den Hasen von Brest znrückbrachte. Auch bei den Engländern fehlte es nicht an mancherlei Verlegenheiten. Der Warspitc hatte zwar den Temeraire zum Flaggenstreichen gezwungen, konnte sich aber gleichwohl selbst nur mit großer Mühe flott erhalten, und dieses nicht einmal, ohne den Beistand der übrigen Schiffe in bedeutendem Grade in Anspruch zu nehmen. Doch wurden die Lecke endlich wirksam verstopft und das Schiff sodann der Sorgfalt seiner eigenen Mannschaft überlassen. Andere Schiffe hatten natürlich auch gelitten; doch war keines von den übrigen so sehr in Gefahr wie das letztgenannte. Die erste Stunde nach Beendigung des Kampfes war für unseren Admiral eine Stunde großer Thätigkeit und Besorgniß. Die Chloe wurde durch Signale neben den Plantagcnet gerufen, worauf der Admiral, von Wpcherly und seinen eigenen Quartiermeistern, ferner von Galleugo, der ohne Befehl mitging, und von den Bowl- Die beiden Admirale. gg 610 dero's, welche noch unverletzt waren, begleitet — seine Flagge auf dieser Fregatte aufhißte. Sodann begann er unverzüglich von einem Schiff zum andern zu steuern, um sich von dem wirklichen Zustande seiner Flotte zu überzeugen. Der Achilles hielt ihn längere Zeit auf, und er befand sich noch in dessen Nähe, nur etwas leewärts von demselben, als der oben berührte Umfprung in dem Winde eintrat, wodurch er bei der jetzigen Lage der Dinge windwärts gelangen mußte. Diesen Vortheil benützte der Admiral, und drängte die verschiedenen Schiffe so schnell als möglich vorwärts, so daß, noch ehe die Sonne ihre Mittagshöhe erreicht hatte, sämmtliche englischen Schiffe mit vollen Segeln nach dem Lande unterwegs waren, in der Absicht, denHafen vonPlymouth, oder wenn dieß nicht anginge, den nächsten besten Ankerplatz leewärts davon zu erreichen. Doch geschah, wie sich von selbst versteht, das Vorrücken der Flotte vergleichungsweise nur langsam, so daß ungefähr fünfKuotcn in der Minute zurückgelegt wurden, wobei man den Wind noch bestens zu benützen suchte. Der Quartiermeister der Ehloe hatte so eben den Stand der Sonne gemessen, um darnach die Breite zu bestimmen, als der Viceadmiral an Kapitän Dcnham den Befehl ertheilte, die Bramsegel einzusetzen und sich dem Cäsar auf Anrusweite zu nähern. Letzterer hatte sich eine halbe Stunde nach dem Aufhören des Kampfes von dem Pluto frei gemacht und steuerte nun unter seinen drei Marssegeln an der Spitze der Flotte. Nach oben hatte er vcr- gleichungsweise nur wenig gelitten; dagegen aber wußte Sir Ger- vaise, daß das Entern eines Schiffes, wie das von Monsieur des Prcz, eiuen starken Verlust an Menschen herbeigeführt haben mußte. Er sehnte sich sehr, seinen Freund zu sehen, die Art und Weise zu vernehmen, wie er seinen Sieg errungen hatte und — so müssen wir noch hinzufügen — Bluewatern seine Vorwürfe über ein Benehmen zu machen, das Letzteren an den Rand eines so höchst gefährlichen Abgrundes geführt hatte. 611 Die Chloe setzte eine halbe Stunde lang ihren Lauf durch die Flotte fort, welche jetzt ziemlich weit auseinander war und ohne Rücksicht auf eine strenge Scgellinie dahin steuerte. Auch hatte Sir Gcrvaise im Vorbeifahren manche Fragen an die verschiedenen Schiffskommandanten zu richten. Endlich hatte die Fregatte den Tcme- raire eingeholt, welcher dem Cäsar unter leichten Segeln folgte. Als die Chloe dwarsab herankam, erschien Sir Gervaise auf der Laufplankc der Fregatte; den Hut in der Hand schickte er sich an, in einem Accent, der zwar verständlich war, wenn er auch die strenge Probe der Kritik nicht auf's Beste bestanden haben würde — an den Feind einige Fragen zu richten. „I.o Vico-^mirui Oulcos clemunclo, oommsnt 86 Ports Io Oontro-^mirul, Io Vioomto clss ?re??*)" Ein kleiner ältlicher Mann, ausnehmend sorgfältig gekleidet und mit gepudertem Haar, erschien festen Schrittes und mit vollkommen gefaßter Miene am Rande der Kampanje des Tcmeraire, das Sprachrohr in der Hand. „1.6 Vioomto llo8 ?ro 2 romorcio bion Ncmsiour Io 6Iro- valior Onko8 ot c>68ii6 vivomont suvoir, commont 86 ports Aon8iour Io Vioo-^mirul? **)" Gegenseitiges Schwenken der Sprachrohre diente als Antwort auf diese Fragen; dann fuhr Sir Gervaise, nachdem er einen Augenblick lang sein Französisch gemustert, von Neuem fort: „1'68PLI'6 voir Noii8i6ur Io Coutro-^Vmii'uI ü clinor, ü eine; llour68 pröei868 *'**)." Der Vicomte lächelte über diesen charakteristischen Beweis von Wohlwollen und Artigkeit; er schwieg eine Weile, um einen Ausdruck zu suchen, der das Unfreundliche einer abschlägigen Antwort *) Viceadmiral Oakes fragt, wie sich der Contreadmiral, Vicomte des Prez, befinde. **) Der Vicomte des Prez sagt dem Chevalier OakeS seinen verbindlichsten Dank, und sehnt sich lebhaft, zu wissen, wie sich der Herr Viceadmiral befindet. "*) Ich hoffe, den Herrn Contreadmiral -räcis fünf Uhr an meiner Mittagstafel zu sehen. D. tt. 39 * 612 mildem und zugleich seinen Dank für den Beweggrund der Einladung bezeichnen sollte: endlich rief er: „Vöuillen dien roeevoir irss 6X6U868 jimir ruijourcisirui, ülonsiöur Io Oluzvnlivi'. ?1on8 iiMvo»8 >in8 »neore lliAerü >» i'6jii>8 8i nolilo, royu cls vo8 mnili8 comme clejeimvr ^)." Die Chloe fuhr jetzt eben an dem feindlichen Vordertheil vorüber, und so beschloßen einige Verbeugungen die kurze Unterredung. Unfern Admiral hatte sein Französisch im Stich gelassen, denn -— war es die rasche, zierliche Aussprache des Franzosen, — war es das Sprachrohr oder die Wendung seines Ausdrucks — so viel ist gewiß: erhalte die Absicht des Oontrs-^milmI nicht verstanden. 'Was sagt er, Wychecombe?" fragte er den jungen Mann eifrig. „Wird er kommen oder nicht?" „Auf mein Wort, Sir Gervaise, das Französische ist für mich eine versiegelte Sprache. Gefangener bin ich noch nie gewesen, und so habe ich auch noch nie Gelegenheit gehabt, die Sprache zu erlernen. So viel ich verstehen konnte, wolltet Ihr ihn zum Mittagessen einladen; nach seiner Miene aber möchte ich fast glauben, er wollte Euch sagen, daß er sich für diese Unterhaltung nicht in der besten Laune befinde." „Pah! wir würden ihn schon in gute Laune versetzt haben, und Blnewater hätte mit ihm in seiner eigenen Sprache gesprochen, so geläufig man es nur verlangen kann. — Wir wollen dicht an des Cäsars Leeseite anschließen, Denham: bei einer Gelegenheit, wie diese, braucht Ihr auf den Rang keine Rücksicht zu nehmen. Es ist jetzt übrigens Zeit, die Bramraafallen laufen zu lassen; auch werdet Ihr Eure Marssegel anhalen müssen, sonst schießen wir an ihm vorüber. Blnewater mag es als ein Kompliment für seine *) Ich bitte, der Herr Chevalier möge uns für heute gütigst entschuldigen. Wir haben das edle Mahl noch nicht ganz verdaut, das uns zum Frühstück von seinen Händen dargereicht worden. D. N. 613 Tapferkeit hinnehmen, mit der er ein so schönes Schiff auf so hübsche Weise eroberte." Mehrere Minuten verstrichen nun unter erwartungsvollem Schweigen. Die Fregatte näherte sich mit fortwährend verminderter Schnelligkeit dem größeren Schiffe, indem sie gleichsam Fuß um Fuß nach vorn gegen dasselbe aufrückte. Sir Gervaise stellte sich auf eine der QnartcrdeckSkanonen und stützte sich dabei gegen die Hängcmattentücher: in dieser Stellung erwartete er den Gruß des Freundes, den er schon so lange mit ihm auszutauschen gewöhnt war, und fühlte sich bereit, ihn gerade eben so herzlich zu crwiedern, als ob unterdessen nichts vorgefallen wäre, was die Harmonie ihrer Seelen hätte stören können. Der einzige Blick seines Auges, sein Winken mit dem Hute und die edle Entschlossenheit, womit sich Blucwater zwischen ihn und seinen gefährlichsten Feind geworfen hatte — dieß Alles war ihm noch immer im Geiste gegenwärtig, und stimmte ihn mehr als je zu den freundlichsten Gefühlen, deren seine Natur fähig war. Als die Chloe langsam gegen den Cäsar herankam, stand Stowcl bereits auf der Kampanje seines Schiffes und nahm aus Ehrerbietung gegen den kommandircnden Admiral seinen Hut ab. Sir Gervaise hatte sich ans Zartgefühl zum Grundsatz gemacht, sich auf dem Schiffe eines untergeordneten Flaggenosfiziers nie weiter in die inneren Angelegenheiten zu mischen, als der Dienst unerläßlich gebot. Demgemäß war auch sein Verkehr mit dem Kapitän des Cäsar gewöhnlich nur sehr allgemeiner Natur gewesen, und mündliche Befehle, tadelnde Bemerkungen waren stets sorgfältig vermieden worden. Dieser Umstand machte den komman- direnden Admiral mehr als jeden andern zu Stowels Liebling, denn Letzterer konnte dabei auf seinem eigenen Schiff ganzseinen eigenen Weg gehen, da dem Contrcadmiral alle diese Dinge viel zu gleichgültig waren, als daß er sich damit hätte befassen mögen. „Wie geht's Euch, Stowel?" rief Sir Gervaise herzlich zu 614 diesem hinüber. „Ich bin sehr erfreut, Euch auf Euren Beinen zu sehen, und hoffe, der alte Römer wird wegen der Behandlung, die er am heutigen Tage erfahren, gerade nicht viel schlimmer daran sein." „Ich danke Euch, Sir Gervaise — wir sind Beide noch flott, obwohl wir eine warme Zeit durchgcmacht haben. Das Schiff ist freilich beschädigt, Sir, wie Ihr Euch wohl denken könnt, und obgleich es so tapfer aushält und so aufrecht eiuhergeht, so ist doch dieser unser Fockmast z. B. um nichts besser als eine verlorene Spiere. Ein Zweiunddreißigpfündcr ging ihm ungefähr zehn Fuß über dem Verdeck gerade dnrch's Herz — ein Achtzchu- pfünder durch die Backen, und eine Kettenkngcl traf in einen von den Mastenbügeln. Ein Mast, der so viele Löcher hat wie dieser, kann wohl nicht mehr sehr hoch angeschlagen werden, Sir!" „Geht zärtlich mit ihm um, mein alter Freund, und verschont ihn mit Segeln; in Plymouth setzen sie Euch in einer Woche Alles wieder zurecht. Mastenbügel sind ja zu haben, man darf nur darnach fragen, und was die Löcher im Herzen betrifft, — nun, mancher arme Teufel har schon welche gehabt, und ist doch mit dem Leben davon gekommen. Ihr selbst seid ein lebendiges Beispiel meiner Behauptung: Mrs. Stowcl hat Euch in dieser Beziehung gewiß nicht geschont, darauf will ich wetten!" „Mrs. Stowel kommaudirt am Lande, Sir Gervaise, und ich kommandirc zur See; aus diese Art erhalten wir Ruhe auf dem Schiffe und Ruhe im Haus — Euch schönstens zu danken, Sir; ich bemühe mich überhaupt, aus der See so selten als möglich an sie zu denken." „Ja, so macht ihr's immer — ihr verliebten Ehemänner — immer schämt ihr euch eurer eigenen zarten Empfindungen. — Was ist aber aus Bluewater geworden? — Weiß er wohl, daß wir in seiner Nähe sind?" Stowel schaute sich um, warf seine Blicke nach den Segeln 615 empor und spielte mit seinem Degengriffe. Das rasche Auge des Kommandircnden entdeckte augenblicklich seine Verlegenheit, und mit Gedankenschnelle erkundigte er sich, was vorgefallen sei. „Nun, Sir Gervaise — Ihr wißt, wie es mit manchen Admiralen geht, wenn sie in Allem ihre Hände haben wollen. Ich sagte nnserem geliebten und verehrten Freund, daß er mit dem Entern nichts zu schaffen habe; wenn Einer von uns mitgehen muffe, so sei ich der rechte Maun dazu — übrigens hätten wir Beide eigentlich auf dem Schiff zu verbleiben. Er sprach aber etwas von verlorener Ehre und verletzter Pflicht — und Ihr wißt selbst, Sir, was er für Beine hat, wenn er sie einmal gebrauchen will! Ebensogüt könnte man versuchen, einen Deserteur durch ein Halloh anzuhalten — weg war er mit dem ersten Haufen, den Degen in der Hand — ein Anblick, den ich nie zuvor gehabt und nie wieder zu haben wünsche! — So seht Ihr nun selbst, wie es steht, Sir." Der Kommandirende preßte die Lippen zusammen, bis seine Züge und sogar seine ganze Gestalt ein Bild verzweifelter Entschlossenheit darboten; sein Gesicht war bleich wie der Tod, und die Muskeln seines Mundes zuckten trotz aller physischen Selbstbeherrschung. „Ich verstehe Euch, Sir," sprach er mit einer Stimme, welche aus der iunersten Tiefe seiner Brust zu kommen schien; „Ihr wollt sagen: Admiral Bluewater ist gefallen." „Nein, Gott sei Dank! Sir Gervaise, nicht ganz so schlimm; obwohl schwer verletzt — ja, in der That, sehr schwer verletzt!" Sir Gervaise Oakcs stöhnte schmerzlich, und begrub einige Minuten lang sein Haupt in die Hängemattcntüchcr, um sein Gesicht vor dem Anblicke der Menschen zu verhüllen. „Zieht Eure Marssegel an die Mastenhäupter, Kapitän Stowet," sprach er endlich mit fester Stimme und richtete sich wieder stolz empor — „und wendet Euer Schiff herüber. Ich will zu Euch an Bord kommen." 616 Dcnham erhielt Befehl, Raum zu nehmen, worauf sich die Chloe auf der einen, und der Cäsar auf der andern Seite in den Wind begab. Dieß war zwar gegen die Regel, da cs die Entfernung zwischen beiden Schiffen vergrößerte; aber der Viceadmiral konnte in feiner Ungeduld kaum erwarten, bis er in seine Barke gelangte. In zehn Minuten stieg er am Cäsar empor, und zwei Minuten später befand er sich in Blucwaters Hauptkajüte. Gcoffrey Clevcland saß neben dem Tisch und hatte das Gesicht in seine Hände begraben. Der Viceadmiral berührte ihn an der Schulter — der Knabe richtete sein Haupt empor und zeigte ein Gesicht, das in Thräncn schwamm. „Wie stcht's mit ihm, Knabe?" fragte Sir Gervmse leise. „Geben die Aerzte noch einige Hoffnung?" Der Kadct schüttelte den Kopf und verbarg dann sein Gesicht abermals zwischen den Händen, als ob die Frage seinen Schmerz erneuert hätte. In diesem Augenblicke trat der Schiffswundarzt aus des Contre- admirals Staatszimmer und folgte dem Viceadmiral in die Hinterkajüte , wo Beide eine lange Unterredung mit einander hielten. Minute um Minute verstrich, und der Cäsar und die Chloe lagen noch immer mit backgelcgten Marssegeln neben einander. Endlich nach einer halben Stunde vierte Denham rund herum und brachte das Gallion seiner Fregatte in die geeignete Richtung. Ein Schiff nach dem andern zog vorüber und steuerte nordwärts, so schnell der beschädigte Zustand der Flotte es erlaubte, und noch immer sah man aus dem Cäsar kein Zeichen der Bewegung. Zwei Segel waren an dem südlichen Horizonte aufgetaucht: auch sie näherten sich und zogen vorüber, ohne den Viceadmiral auf's Verdeck herauf zu bringen. Diese Schiffe waren, wie sich zeigte, der Carnatic und dessen Prise, der Scipio, welch' letzterer von Kapitän Parker aufgesangen und mit geringer Mühe erobert worden war. Der Umstand, daß 6l7 Monsieur de Vervillin südwestlich steuerte, hatte den beiden Schiffen die Passage vollkommen offen gelassen: sie kamen denn auch mit dem besten Wind und in beträchtlicher Geschwindigkeit näher. Man hatte die Nachricht in die Kajüte des Cäsars gemeldet, doch war weder eine Person noch eine Antwort darauf erschienen. Endlich, als Alles vorübergezogcn war, kehrte die Barke nach der Chlor zurück. Sie brachte aber blos ein Billet, und kaum hatte Wycherly cs gelesen, als er den Bowldero's und Galleygo ihm zu folgen befahl, sämmtliches Gepäck des Viceadmirals in das Boot bringen ließ, die Flagge abnahm und sich von Denham verabschiedete. Sobald das Boot von der Fregatte befreit war, eilte die letztere mit vollen Segeln hinter der Flotte drein, um ihren gewöhnlichen Dienst als Ausguck- und Signalschiff wieder anzutreten. Sobald Wycherly den Cäsar erreicht hatte, wurde des Viceadmirals Barke von diesem Schiffe eingchißt. Sir Gervaise wurde, was bis jetzt geschehen war, gemeldet, und alsbald gelangte ein Befehl auf das Deck, der Alle auf der Flotte in das höchste Erstaunen versetzte. Sir Gervaise Oakes" rothe Flagge wurde an dem Topp der Vorobcrbramstengc des Cäsar ausgehißt, während die weiße Wimpel des Contreadmirals noch immer an dem Besanmaste flatterte. Etwas Aehnliches hatte man noch nie zuvor erlebt, wenn es überhaupt je schon erlebt worden war, und bis zu der Zeit, da der Cäsar später aus den Seelistcn verschwand, blieb er fortwährend als das ,doppelte Flaggenschisff bekannt. 618 Neunundzwaiizigstes Kapitel. Sprach's — und Geraldinens Feengestalt Bezanbernd auf Leinwand erglühte: Im Fluge der emsige Pinsel sie malt. Und der Perle Weiß mit dem Purpur bald Vereint sich in herrlicher Llüthe. Alston. I^ir müssen den Leser nunmehr um Erlaubniß bitten, die Scene um volle achtuudvierzig Stunden weiter rücken zu dürfen; — eine Freiheit, welche wir uns, wie man Gerechtigkeit halber zugestehen wird, bis jetzt nicht allzuoft mit den poetischen Einheiten genommen haben. Auch den Schauplatz unserer Erzählung müssen wir wieder zu dem bereits beschriebenen Flecken Wychecombc mit Einschluß der Landspitze, des Stationshäuschens, der Rhede und der verschiedenen Fcrnstchten auf Land und Meer — zurückverlegen. Die sommerliche Witterung hatte sich wieder eingestellt, und die Wimpel der vor Anker liegenden Schiffe bewegten sich kaum so viel an ihren Masten, daß sie gekrümmte Linien bildeten. Der größere Thcil der englischen Flotte lag hier wieder vor Anker; doch hatte das Geschwader mehrere Veränderungen erlitten. Der Druid war mit der Victoirc nach Portsmouth gesegelt; der Driver und Active waren mit Depeschen für die Admiralität auf dem kürzesten Wege nach den nächsten Häfen abgcgangen; der Achilles endlich, von dem Dublin aws Schlepptau genommen, und diese beide von der Chloe bewacht, hatte sich mit rcchtwinklichen Naaen leewärts gezogen, in der Hoffnung, Falmouth zu erreichen. Der Rest der Flotte lag vor Wychecombe vor Anker; die entmasteteu Schiffe waren erst am heutigen Morgen am Schlepptau in die Rhede hcreingeführt worden. Der Zustand der Rhede zeigte ein Gemälde voll reger Lebendigkeit und Thätigkcit. Aus dem Warspitc wurden Nothmasten aufgcrichtet; die unteren, so wie die Marsraaen waren herabgelasscn, um entweder gefischt oder durch neue ersetzt zu werden, welche man so eben frisch auftakelte, NM sie hernach an der Stelle der älteren aufznhisscn. Der Plantagenet war wieder vollkommen hergestellt und abermals zur Schlacht bereit; seine Takelage in guter Ordnung, die Masten gefischt, und auch an dem Cäsar, dem Carnatic, Dover, Uork, der Elisabeth und noch ein paar anderen Schiffen hätte nur ein sehr erfahrenes Auge auf so kurze Entfernung entdecken können, daß sie überhaupt in einer Action gewesen waren. Der Landungsplatz wimmelte wieder, wie früher, von Booten; Küchenaufsehcr und Kadetenjungen suchten wieder, wie gewöhnlich, frische Lebensmittel aufzntreibcn. Einige davon kamen in der edlen Absicht, einige Leckerbissen für die Verwundeten zu sammeln; der größere Thcil aber war spitzbübisch genug, nur für die Bequemlichkeit der Gesunden zu sorgen, und dabei dennoch das Mitgefühl der Frauen in der Nachbarschaft zu Gunsten der Leidenden in Anspruch zu nehmen. Die Hauptveränderung, welche durch den jetzigen Stand der Dinge herbeigeführt worden, war übrigens aus der Signalstation zu bemerken. Die Landspitze glich einem Orte, nach welchem das Hauptquartier einer Armee unter den Wechselfällen eines Feldzugs verlegt worden, und statt der Soldaten strömten kriegerisch aus- seheude Seemänner daselbst als in dem Mittelpunkte zusammen, wo alle Meldungen erstattet und alle Befehle eingeholt werden mußten. Als eine besondere Eigcnthümlichkeit mochte übrigens die Art und Weise anffallen, wie die Helden des Verdecks diesen Ort zu besuchen pflegten. Der Zutritt zu dem Stationshäuschcn schien beinahe verboten oder wenigstens nur als seltene Ausnahme gestattet, während der Rasen am Fuße des Flaggeustocks schon jetzt die Spuren vieler Ab- und Zugchcnden auszuweisen anfing. Dieser besondere Fleck war auch in der That der Mittelpunkt, der Alles an sich zog: jeden Augenblick kamen Offiziere jeden Ranges und Alters daselbst an, verabschiedeten sich wieder eben so oft, und in Aller Miene war Ängstlichkeit und Besorgniß aufs Deutlichste zu 620 lesen. Trotz des fortwährenden Ab- und Zuströmens hatte man dennoch seit Aufgang der Sonne noch keinen Augenblick gezählt, wo nicht wenigstens zehn bis zwölf — Kapitäne, Lieutenants, Masters oder Müssiggängcr — um die Bank am Fuße des Sigualstocks versammelt gewesen waren; öfter aber hatte ihre Zahl sogar zwanzig betragen. Etwas entfernt von der Menge und nahe am Rande der Klippe war ein großes Zelt ausgeschlagen worden. Ein Marinesoldat schritt als Schildwache vor demselben auf und nieder. Eine zweite stand nahe am Eingang zu dem kleinen Hofe, der vor dem Stationshäus- cheu lag, und alle Personen, welche sich einem dieser beiden Posten näherten, wurden mit Ausnahme weniger dazu Berechtigter an den Sergeanten gewiesen, welcher die Wache kommandirte. Die Gewehre der Wachmannschaft waren auf dem Rasen aufgcpflauzt, wo auch die nicht auf den Posten Kommandirtcn in der Nähe hcrumschlen- dertcn. Dicß waren die gewöhnlichen militärischen Zeichen, welche bewiesen, daß Offiziere von Rang anwesend sein mußten: sie konnten auch in der That als Schlüssel zu dem jetzigen Stande der Dinge aus der Landspitze und in deren Nähe angesehen werden. Admiral Bluewatcr lag in dem Stationshause, während Sir Gervaise Oakcs das Zelt auf den Klippen einnahm. Der Ersten war auf seinen eigenen dringenden Wunsch an diesen Ort gebracht worden, wo er in Kurzem seiner Sterbestunde entgegensah, und so lange noch ein Restcheu Leben in ihm zurückbliebe, wollte sich auch sein Freund um keinen Preis von ihm trennen. Die beiden Flaggen wehten noch immer an den Mastenspitzcn des Cäsar, als eine Art wehmüthiger Erinerung an das Band, welches die beiden edlen Führer so lange Zeit in ihrem öffentlichen, wie in ihrem Privatleben durch die stärksten Sympathien der Freundschaft verknüpft hatte. Personen von Erziehung, wie Mrs. Dutton und ihre Tochter, konnten unmöglich so lange auf dieser schönen Landspitze wohnen, ohne daselbst einige dauernde Spuren ihres Geschmackes zurückzulassen. 621 Von dcm Landhäuschen haben wir bereits gesprochen. Auch das Gärtchen, das damals im schönsten Blumenflore prangte, zeigte eine Zierlichkeit und eine Anmuth, wie wir sie wohl schwerlich an einem solchen Orte erwartet hätten, und selbst die Fußpfade, welche sich über den grünen Rafen'hinschlängelten, der einen großen Theil des Hochlandes bedeckte, waren mit einer gewissen Rücksicht auf das Malerische und Angenehme angelegt worden. Einer dieser Pfade führte sogar zu einem ländlichen Sommer- Hause — einer Art kleinen, runden Pavillons, der, wie auch der Gartenzaun, aus Schiffstrümmcrn erbaut war, und in schwindlicher Höhe, aber vollkommen sicher, aus einem Klippenvorsprunge stand. In der That war jetzt mit dem Betreten des Sommerhauses so wenig Gefahr verknüpft, daß Wycherly während seines sechsmonatlichen Aufenthalts in der Nähe der Landspitze noch einen anderen Pfad zu einem tiefer gelegenen Punkte angelegt hatte, der jedem Blicke von oben vollkommen verborgen war; hier hatte er sogar auf einer zweiten Felsenplatte einen so sicheren Sitz angebracht, daß Mildrcd und ihre Mutter ihn oft zusammen besuchten. Während der neu- lichen Abwesenheit des jungen Mannes hatte das arme Mädchen in der That manche Stunde daselbst zugebracht, und sich in dieser Einsamkeit ihrem Kummer und ihren Thränen hingegebcn. Dutton wagte sich niemals zu diesem Sitze, denn der abschüssige Pfad, wenn er auch noch so sorgfältig durch Taue eingefriedigt war, erforderte dennoch größere Festigkeit des Fußes und Stetigkeit des Kopses, als seine Unmäßigkeit ihm übrig gelassen hatte. Ein- oder zweimal hatte Wycherly die schüchterne Mildred vermocht, mit ihm allein eine Stunde an diesem romantischen Plätzchen zuzubringen, und einige seiner süßesten Erinnerungen an dieses feinfühlende, geistvolle Mädchen knüpften sich an die offenherzigen Mittheilungen, welche hier zwischen Beiden stattgefunden hatten. Auf dieser Bank saß er nun auch zu der Zeit, mit welcher wir das gegenwärtige Kapitel eröffnen. Das geschäftige Treiben auf der Landspitze und in der Nähe des Stationshäuschens war so groß, daß es ibm jede Aussicht, Mildred allein zu sehen, benahm, und so hatte er denn gehofft, daß auch sie, von geheimer Sympathie, wenn nicht gar von einem noch zarteren Beweggründe getrieben — diesen so gänzlich abgeschiedenen Ort aufsuchen würde, um wenigstens einen Augenblick unbewachter Einsamkeit daselbst zu genießen. Er hatte noch nicht lange gewartet, als er an einem schweren Fußtritte über seinem Haupte hören konnte, daß ein Mann in das Sommerhaus eintrat. Er berathschlagte noch eben mit sich selbst, ob er jede Hoffnung, Mildrcd zu sehen, aufgeben sollte, als sein scharfes Ohr ihren leichten, wohlbekannten Schritt vernahm, während auch sie das Sommerhaus erreichte. „Vater, ich bin gekommen, wie Ihr gewünscht habt," sprach das arme Mädchen mit jenem Zittern in der Stimme, welches Wycherly zu gut kannte, um nicht augenblicklich Duttons Zustand zu begreifen — „Admiral Blucwater schlummert, und so hat mir die Mutter erlaubt, mich wegzustehleu." „Ja, Admiral Bluewater ist gar ein großer Mann, obwohl nur wenig besser mehr, als eine Leiche!" antwortete Dutton in eben so rauhem Tone, als seine Sprache gemein war. „Du und deine Mutter, ihr Beide seid lauter Aufmerksamkeit sür ihn — läge ich an seiner Stelle, wer von euch würde sich wohl mit bleichen Wangen und thränenvollen Augen über mein Bette hinbeugen?" „Wir Beide, Vater! Denkt nicht— o denkt doch nicht so schlimm von Gattin und Tochter, daß Ihr eine von Beiden sür fähig hieltet, ihrer Pflicht zu vergessen!" „Ja, Pflicht mag vielleicht schon etwas thun— was aber hat die Pflicht mit diesem nutzlosen Coutreadmiral zu schaffen? — Ich hasse den Schuft — er war ein Mitglied jenes Kriegsgerichts, das mich kassirte, und noch dazu Derjenige, der sich, wie man mir sagte, am hartnäckigsten dagegen sträubte, mir zu diesem erbärmlichen Gnadenposten eines Masters zu verhelfen." 623 Mildred schwieg. Sic konnte ihren Freund nicht vertheidigen, ohne ihren Vater anzuklagen. Wycherly würde gerne ein Jahreseinkommen darum gegeben haben, wenn er auf der See gewesen wäre, und dennoch scheute er sich, die Gefühle der atmen Tochter zu verletzen und sie merken zu lassen, daß er ihr Zwiegespräch mit anhöre. Diese Unentschlossenheit machte ihn zu dem unfreiwilligen Zuhörer einer Unterredung, die offenbar nicht für sein Ohr bestimmt war — ein Zufall, zu dessen Verhütung er wohl die geeigneten Maßregeln ergriffen haben würde, wenn er noch Zeit zur Ueberlegung gehabt hätte. „Setz' dich hierher, Mildred," begann Dutton abermals mit strengem Tone, „und höre, was ich dir zu sagen habe. Es ist Zeit, daß wir nicht länger nutzlos mit einander tändeln. Du hast mein und deiner Mutter Glück in deinen Händen, und als einer der beiden so tief interesstrten Theile bin ich entschlossen, das meintge endlich einmal fest zu begründen." „Ich verstehe Euch nicht, Vater," versetzte Mildred mit einem Beben des Tons, das den jungen Mann beinahe verleitet hätte, sich sehen zu lassen, obwohl sich jetzt, wie wir der Wahrheit zur Ehre gestehen müssen, eine lebhafte Neugierde zu seinen sonstigen Gefühlen gesellte. „Wie sollte ich das Glück der theuren Mutter und das Eure begründen können?" „Der theuren Mutter! — Ja, in der That, theuer genug ist sie mich zu stehen gekommen; aber ich denke, die Tochter wenigstens soll mir dafür bezahlen. — Hörst du, Mildred — ich will mit diesem dummen Zeug nichts mehr zu schaffen haben — als Vater aber frage ich dich, ob irgend ein Mann dir seine Hand angetragen hat? Rede aufrichtig und verhehle mir nichts — ich will Antwort?" „Ich wünsche nichts von dem zu verhehlen, Vater, was gesagt werden muß; wenn aber ein junges Mädchen die Ehre ablehnt, die ein Anderer ihr in solcher Beziehung anbietet, muß sie denn dieses Geheimniß selbst ihrem Vater enthüllen?" 624 „Sie muß — ja, und in deinem Falle wird sie es auch. Nur nicht länger gezaudert — nenne mir eines der Anerbieten, welche dir gemacht wurden." Nach einer kurzen Pause brachte Mildred mit leiser, zitternder Stimme den Namen — „Mr. Rothcrham" — hervor. „Das habe ich vermuthet," zürnte Dutton; „es gab eine Zeit, wo er sogar gut genug gewesen wäre, doch jetzt haben wir Besseres vor uns. Uebrigcns kann er immer noch als letzte Zuflucht ausbehalten bleiben: die tausend Pfund, welche ihm, wie Mr. Thomas sagt, ansbczahlt werden solle», und sein jährliches Einkommen werden immerhin einen behaglichen Hafen nach einem stürmcvollen Leben abgeben. — Nun, wer kommt jetzt zunächst, Mildred ? — Ist Mr. Thomas Wychecombe bis jetzt schon so weit gegangen?" „Er hat in diesen letzten vierundzwanzig Stunden von mir verlangt, daß ich seine Frau werden sollte, Vater — wenn Ihr etwa dieses meint." „Keine Ziererei, Mildred—-ich kann so etwas nicht ansstehen. Du weißt recht gut, was ich meine. — Wie lautete deine Antwort?" „Ich liebe ihn nicht im Geringsten, Vater, und sagte ihm natürlich, daß ich ihn nicht ehelichen könnte." „Das folgt noch keineswegs natürlich, Mädchen! DaS Verehelichen geschieht durch die Priester, und die Liebe ist wieder etwas ganz Anderes. Ich hoffe, du betrachtest doch Mrs. Dutton als meine Frau?" „Welche Frage!" flüsterte Mildred. „Nun, und glaubst du etwa, sie liebe mich — könne mich lieben — nachdem ich ein armer, entehrter Bettler geworden?" „Vater —" „Komm — komm — genug davon. Mr. Thomas Wychecombe mag vielleicht nicht legitim sein — nach den Beweisen, welche Sir Reginald in den letzten paar Tagen vorgebracht hat, glaube ich sogar, daß er es nicht ist; auch höre ich, seine eigene Mutter 625 sei unzufrieden mit ihm, und das muß allerdings seine Ansprüche völlig back legen. 'Nichtsdestoweniger hat Tom Wychecombe bereits seine vollen Sechshundcrtjährlichen Einkommens, Mildred, und Sir Reginald selbst gibt zu, daß das ganze persönliche Eigenthum, welches der verstorbeneBarönct vermachen konnte, ihmznsallen muß." „Ihr vergeht, Vater," unterbrach ihn Mildred, welche wohl einsah, daß jede andere Einsprache unwirksam sein würde — „daß Mr. Thomas versprochen hat, die Legate, welche Sir Wycherly zu machen beabsichtigte, sämmtlich auszubezahlen." „Darauf darfst du keine Erwartungen gründen, Mildred. Ich glaube zwar, daß er gleich morgen die Halste jener zwanzigtansend Pfund auf dich übertragen würde, wenn du einwilligen wolltest, ihn zum Manne zu nehmen. — Nun aber, um ans diesen neuen Baronct zu kommen— denn es scheint, er wird wohl den Titel, wie die Herrschaft davon tragen — hat er dir jemals einen Antrag gemacht?" Eine lange Panse folgte, und Wycherly glaubte, das schwere, gepreßte Athmen Mildreds zu vernehmen. Jetzt fühlte er, daß eS unmöglich für ihn war, noch länger ruhig zu verharren, denn sein Gewissen sagte ihm, daß dieß entehrend sein würde: er sprang aus und eilte auf dem Pfade gegen das Sommerhaus hin. Bei dem ersten Schalle seiner Tritte ließ Mildred einen schwachen Schrei vernehmen, und als Wycherly in den Pavillon trat, fand er sie, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, während Dntton, gleichfalls überrascht und beunruhigt, ihm cntgegenstolpertc. Da die Umstände ein Answeichen gänzlich unmöglich machten, warf der junge Mann jede Zurückhaltung bei Seite und sprach klar und offen: „Ich bin ein unfreiwilliger Zuhörer eines Theils Eurer Unterredung mit Mildred gewesen, Mr. Dutton," begann er, „und kann Eure letzte Frage selbst beantworten. Ich habe Eurer Tochter meine Hand «»geboten, Sir; — ein Anerbieten, das ich jetzt wiederhole, und dessen Annahme mich zu dem glücklichsten Manne Die beiden Admirale. 4g 626 in England machen winde. Vielleicht kann Euer Einfluß mir behilflich sein — denn sie hat meine Hand ansgeschlagen." „Ansgeschlagen!" ricfDutton mit einem Erstaunen, das sogar die berechnete Freundlichkeit, welche er in dem Augenblicke, da Wycherly cintrat, angenommen hatte, völlig überwältigte— „Sir Wycherly Wychecombe und — ausgcschlagen! Doch das geschah, ehe Eure Rechte so wohl begründet waren, wie sic es jetzt find. Mildred, gib mir Antwort — wie konntest du — ja, wie durftest du ein derartiges Anerbieten zurückweisen?" Mehr konnte die menschliche Natur nicht ertragen. Mildred ließ die Hände unwillkürlich in ihren Schoost fallen und zeigte ein Antlitz, so lieblich wie das eines Engels, aber bleich — beinahe wie die Farbe des Todes. „Vater," rief ste, „konnte ich, dürfte ich Sir Wycherly Wychecombe ermuthigen, sich mit einer Familie, wie die unsrige, zu verbinde»?" Diese Antwort war ihr gewaltsam erpreßt worden; doch kaum waren ihr die Worte entschlüpft, als sie dieselben auch schon wieder bereute und ihr Gesicht abermals zwiscben ihren Händen begrub. Das Gewissen schlug Dutton mit einer Gewalt, die ihn beinahe wieder nüchtern machte, und es ist schwer zu bestimmen, was für eine Erläuterung nunmehr gefolgt sein würde, wenn Wycherly nicht in leisem Tone darum gebeten hätte, mit der Tochter allein gelassen zu werden. Dutton hatte Verstand genug, um zu begreifen, daß er überflüssig war, und überdieß trieb ihn sein Schamgefühl von dannen. In einer halben Minute war er den Gipfel der Klippe vollends hiuaufgehumpclt und dann verschwunden. „Mildred! — Theu erste Mildrcd," sprach Wycherly zärtlich und versuchte freundlich, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, „wir sind jetzt allein; gewiß — gewiß — Sie werden sich nicht weigern, mich an zu sehen!" „Ist er fort?" fragte Mildred, ließ ihre Hände sinken und 627 blickte wild um sich. „Gott sei Dank! so ist es wenigstens sür dießmal üb erstanden! Lassen Sie uns nach Hause zurückkehren — Admiral Bluewater wird mich vielleicht vermissen." „Nein, Mildred —, jetzt nicht. Gewiß können Sie für mich -— sür mich, der ich in letzter Zeit Ihretwegen — ja, durch Ihre Schuld — so viel gelitten habe — Sie können wohl aus Barmherzigkeit einige wenige Minuten für mich erübrigen. — War dieß der Grund -— der einzige Grund, thenerstes Mädchen, warum Sie meine Hand mit solcher Hartnäckigkeit zurückwiesen?" „War es daran nicht genug, Wycherly?" flüsterte Mildred so leise, als ob sie fürchtete, die Luft möchte ihr Gcheimniß vernehmen. „Bedenken Sie, wer Sie sind und was ich bin! Konnte ich zugeben, daß Sie der Gatte eines Wesens werden sollten, welchem von ihrem eigenen Vaterso grausame, grausame Vorschläge gemacht worden waren?" „Ich will mich nicht verstellen, Mildred — will Ihnen meinen Abscheu vor solchen Grundsätzen nicht verbergen: doch Ihre Tugenden strahlen nur um so Heller, da sie in solcher Gesellschaft aufgeblüht sind. Beantworten Sie mir nur eine einzige Frage aufrichtig, und jede andere Schwierigkeit kann überwunden werden — Lieben Sie mich so innig, Mildred, daß Sie — wären Sic eine Waise — meine Gattin werden möchten?" Mildreds Antlitz zeugte von tiefer Seelcnangst: bei dieser Frage gewann es aber einen durchaus veränderten Ausdruck. Der Augenblick war, wie die Gefühle, die er erzeugte — außergewöhnlich, und sich selbst beinahe unbewußt, hob sie die Hand, welche ihre eigene gefaßt hielt, mit einer Art stummer Ehrfurcht an ihre Lippen. Im nächsten Augenblicke lag sie in des jungen Mannes Armen und fühlte sich von ihm glühend an's Herz gedrückt. „Laßt uns gehen," sprach Mildred, indem sie sich ans einer Umarmung los machte, welche zu unwillkürlich eingetreten und dabei zu herzlich war, als daß sie ihr Zartgefühl hätte beunruhigen können. „Ich weiß es, Admiral Bluewater wird mich vermissen!" 40 » 628 „Nein, Mildred — so können wir nicht scheiden. Gewähren Sie mir wenigstens den schwachen Trost, mir zu sagen, ob Sie, wenn dieses Hindcrniß nicht bestünde — wenn Sie zum Beispiel eine Waise wären — ob sie dann die Meine sein wollten?" „O, Wycherly, wie gern — wie gern! — Doch sprechen Sie jetzt nicht mehr — nein-" Dießmal dauerte die Umarmung länger, war sogar noch inniger als zuvor, und Wycherly besaß zu viel von der Kühnheit eines Seemanns, um das süße Mädchen aus seinen Armen entschlüpfen zu lassen, ohne einen Kuß aus ihre Lippen zu drücken. Kaum fühlte sich aber Mildred von seinem warmen Drucke befreit, als ihre leichte Gestalt auch augenblicklich verschwunden war. Mit diesem charakteristischen Abschiede beschließen wir jetzt unsere Scene und verlegen dieselbe in das Zelt der Viceadmirals, Sir Gervaise Oakes. „Ihr habt Admiral Bluewatcr gesehen?" fragte der Komman- dirende, sobald Magraths Gestalt den Eingang verdunkelte, mit dem entschiedenen Ernste eines Mannes, der selbst das Schlimmste zu hören gefaßt ist. „Ist dieß der Fall, so sagt mir nur gleich, welche Hoffnung für ihn vorhanden ist." „Von allen menschlichen Leidenschaften, Sir Jarvis," gab Ma- grath zur Antwort und schaute dabei ans die Seite, um dem festen Blicke des Anderen auszuweichen — „wird die Hoffnung von vernünftigen Männern allgemein als die eitelste und trügerischste angesehen , und — so muß ich noch hinzusetzeu — von allen Arten und Klassen von Hoffnung ist die, welche über das Leben entscheidet, noch vollends die allerunficherstc. Ich denke, wir Alle hoffen ein hübsches Alter zu erreichen, und doch — wie Viele von uns leben gerade nur so lange, um sich zuletzt enttäuscht zu sehen!" Sir Gervaise rührte sich nicht, bis der Arzt zu sprechen aushörte : dann begann er in traurigem Schweigen in seinem Zelte aus und ab zu gehen. Ihm war Magraths Weise so wohl bekannt, 629 daß nun auch die letzte schwache Hoffnung verschwand, die er noch immer gehegt hatte, während er ihn um seine Ansicht befragte — jetzt erst wußte er gewiß, daß sein Freund sterben mußte. Er bedurfte seiner ganzen Seelenstärke, um diesen Schlag zu ertragen, denn einsam, kinderlos und fast von Kindheit auf mit einander vertrant, batten sich diese beiden betagten Seemänner all- mählig gewöhnt, sich blos als die getrennten Thcile eines und desselben Wesens zu betrachten. Magrath selbst war tiefer ergriffen, als er gestehen wollte, und machte mehrere Mal mit seiner Nase ein Geräusch, das einem Beobachter ziemlich verdächtig hätte erscheinen müssen. „Wollt Ihr mir den Gefallen erweisen, Du. Magrath," begann Sir Gervaisc wieder mit sanftem, bebendem Tone — „Kapitän Grecnlu zu mir herein zu bitten, wenn Ihr am Flaggcnstock vorübergeht?" „Recht gerne, Sir Jarvis, und ich weiß, er wird gewiß nicht zögern, Euren Wunsch zu erfüllen." Es dauerte nicht lange, bis der Kapitän des Plantagenct in dem Zelte erschien. Wie bei allen Anderen, so schien auch bei ihm der nculiche Sieg keine Freude erregt zu haben. „Ich denke, Magrath wird Euch Alles gesagt haben," sagte der Viceadmiral und drückte dem Anderen die Hand. „Es ist keine Hoffnung mehr, Sir Gervaise, wie ich mit aufrichtigem Bedauern gestehen muß." „Ich wußte es wohl! — Ich wußte cs wohl! — Und doch fühlt er sich wohl, Greenly! — scheint sogar glücklich. In der That, ich hegte schon einige Hoffnung, dieses Aufhörcn der Schmerzen könnte ein günstiges Zeichen sein." „Ich bin herzlich froh, Sir, wenigstens dieses zu hören; denn ich habe schon daran gedacht, cs möchte wohl meine Pflicht sein, mit dem Contrcadmiral über die Ehe seines Bruders zu sprechen. Nach seinem eigenen Stillschweigen über diesen Gegenstand wäre 630 es möglich — ja, nach allen Umständen sogar wahrscheinlich, daß er niemals davon wußte, und doch mag es Gründe geben, weßhalb er von der Sache unterrichtet werden sollte. Da Ihr selbst sagt, daß er sich so wohl befinde — würdet Ihr es vielleicht nicht für passend halten, der Sache gegen ihn zu erwähnen?" Greenty hätte keinen Vorschlag machen können, der Sir Ger- vaise erwünschter gewesen wäre. Die Nothwendigkeit, zu handeln — seine eigene Gewohnheit, sich rasch zu entschließen, und nun dieser neue Gegenstand vor seinen Augen — Alles lrug dazu bei, seine Gedanken auf eine dringende Pflicht zu lenken und seinen Schmerz dadurch zu erleichtern. Er nahm seinen Hut, winkte Greenty, ihm zu folgen, und eilte mit raschen Schritten den Hügel hinab, indem er den Weg nach dem Stationshäuschcn cinschlug. Er mußte dabei »othwcndig an der Signalstange vorüberkommen , und in allen Blicken las der Viceadmiral hierbei die aufrichtigste Thcilnahmc. Die Verbeugungen, welche dießmal ausgetauscht wurden, hatten mehr zu bedeuten, als gewöhnlich in der bloßen Höflichkeit solcher Begrüßung liegt — sic sollten auf beiden Seiten das tiefste Gefühl aussprechcn. Bluewater war wach und hielt eben Mildreds Hand voll Zärtlichkeit in seiner eigenen, als sein Frcnnd eintrat. Den Arm des Mädchens loslasseud, faßte er die Hand des ViccadmiralS und blickte ihm ernsthast in's Gesicht, als ob er über den Schmerz bekümmert wäre, welchen, wie er wohl wußte, der Ueberlcbcnde fühlen würde. „Mein theurer Bluewater," begann Sir Gervaise, den die Aufregung seiner Nerven sowohl, als seine angeborene Entschlossenheit zum Handeln drängte — „hier ist Greenly, um dir etwas zu sagen, das du, wie wir Beide der Meinung sind, in einem solchen Augenblicke noch erfahren solltest." Der Contreadmiral blickte seinen Freund aufmerksam an, als ob er ihn zum Weitcrsprechen cinladen wollte. „Siehe — es betrifft deinen Bruder Jack. Ich denke mir, du wirst wohl niemals gewußt haben, daß er verheirathet war, sonst hätte ich dich gewiß davon sprechen hören." „Verheirathet!" wiederholte Blnewater mit großer Theilnahme und ohne daß das Sprechen ihn anzustrcngen schien. „Ich glaube, das muß wohl ein Jrrthum sein. Unbedacht und warmherzig war er freilich — doch lebte nur ein Wesen, das er jemals gchcirathet haben könnte und geheirathet haben w ü r d e. Sie ist schon längst gestorben. Doch nicht als seine Gattin, denn dieses würde ihr Oheim — ein Mann von großem Neichthnm, aber unbeugsamem Eigensinne — niemals zugegeben haben. Er überlebte sie, mein armer Bruder aber nicht." Dieß sprach der Verwundete mit sanfter Stimme, ohne daß cs ihn Anstrengung zu kosten oder ihm Schmerz zu verursachen schien. „Hört Jhr's, Grecnly?" bemerkte Sir Gervaisc. „Und doch ist cs kaum wahrscheinlich, daß Ihr Euch getäuscht haben solltet." „Das habe ich auch nicht, wie Ihr mir glauben könnt, Ihr Herren. Ich selbst nebst noch einem anderen Offizier, der in diesem Augenblicke ans unserer Flotte dient, war bei Obrist Blucwaters Vermählung zugegen. Kapitän Blakclcy ist die Person, die ich meine, und ich weiß, daß auch der Priester, der den Trauungsakt verrichtete, noch immerals wohibepfründcter Geistlicher am Leben ist." „Das kommt mir aber wunderbar vor! Er liebte doch Agnes Hedworth so glühend, und nur seine Armuth war das Hinderniß ihrer Vereinigung : Beide starben so jung, daß sic wohl schwerlich den Oheim ausgesöhnt haben konnten." „Darin eben irrt Ihr Euch, Sir, denn Agnes Hedworth war wirklich die Braut." Ein Geräusch im Zimmer unterbrach das Gespräch, und die drei Herren sahen, wie Wycherly und Mildred sich beeilten, die Trümmer einer Tasse, welche MrS. Duttou hatte fallen lassen, aufzulesen. Die Letztere, über den kleinen Unfall anscheinend sehr erschrocken, war bleich und zitternd in einen Stuhl zurückgesunken. 632 „Meine thenrc Mrs. Dntton, nehmen Sie doch ein Gins Wasser," sagte Sir Gervaise nnd näherte sich ihr freundlich; „Ihre Nerven sind in letzter Zeit stark erschüttert worden, sonst würde eine solche Kleinigkeit sie nicht so ergreifen!" „Das ist cs nicht," rief die Matrone mit schwacher Stimme. „Das ist es nicht! O, so ist endlich doch der fürchterliche Augenblick gekommen, und von Grund meines Herzens danke ich Dir, mein Herr und mein Gott, daß er ohne Schmach und Schande herangekommen ist!" Bei den letzten Worten hatte sich die Sprechende auf ihre Kniee niedergelassen nnd hielt, wie im brünstigen Gebete, die Hände gen Himmel. „Mutter! — tbcncrstc, thenerste Mutter!" ricf Mildrcd, der Matrone um den Hals fallend. „Was meinst du damit? Welches neue Unglück ist dir heute zugestoßen?" „Mutter! Ja, süßes Kind, du bist nnd sollst immer mein Kind sein. — Das ist die Qual, vor der ich am meisten gezittert habe — doch was sind unbekannte Bande des Blutes gegen Gewohnheit, Zuneigung nnd die sorgsame Liebe einer Mutter? Habe ich dich gleich nicht geboren, Mildrcd — deine rechte Mutter hätte dich nicht mehr lieben, hätte nicht williger für dich sterben können, als ich I" „Der Kummer hat sic verwirrt, liebe Herren," sprach Mildrcd, indem sie sich sanft aus ihrer Mutter Armen los machte und ihr wieder aufstchcn half. „Wenige Augenblicke der Ruhe werden sie gewiß wieder zu sich bringen." „Mein theurcs Kind — jetzt muß cs kommen — cs sollte jetzt kommen— denn nach dem, was ich soeben gehört habe, wäre cs unverzeihlich, wenn cs jetzt nicht käme. — Habe ich Euch verstanden , Sir — seid Ihr wirklich bei der Trauung von Agnes Hedworth mit dem Bruder des AdmiralsBlucwatcr zugegen gewesen?" „Darüber ist wohl kein Zweifel mehr, Madame. Ich und 633 Andere können es bezeugen. Die Trauung fand im Sommer 1725 zu London statt, während Blakelcv und ich gerade von Portsmouth daselbst aus Urlaub waren. Obrist Bluewater bat uns Beide, gegen das Versprechen der Verschwiegenheit, seiner Vermählung anzuwohuen." „Und im Sommer 1726 starb Agnes Hedworth in meinem Hause, in diesen meinen Armen, eine Stunde nachdem sie diesem theurcn, geliebten Kinde das Leben gegeben hatte — Mildred Dutton, wie sie seit jener Zeit genannt wurde — Mildred Bluc- watcr, wie ihr Name eigentlich lauten sollte." Es ist unnöthig, bei dem Erstaunen zu verweilen, womit alle Anwesenden diese außerordentliche Nachricht ausnahmen, oder das Entzücken zu schildern, welches Bluewater und Wycherly beim Anhören derselben empfanden. Mildred selbst gab einen Schrei von sich und warf sich Mrs. Dutton au den Hals; krampfhaft hielt sic die Arme um ihre bisherige Mutter geschlungen, wie wenn sie dadurch verhindern wollte, daß das Baud, welches Beide so lange verknüpft hatte, so rauh und plötzlich gelöst werde. Nachdem jedoch Beide wohl eine halbe Stunde zusammen geweint und die Mutter ihre zärtlichsten Trostsprüche augcwcudet hatte, wurde das arme Mädchen etwas ruhiger und war jetzt eher im Stande, die nähere Erläuterung der Geschichte auzuhören. Dieselbe war ausnehmend einfach und so klar, daß die einzelnen Thatsachcn, in Verbindung mit den übrigen Beweisen, die Sache außer allen Zweifel stellten. Miß Hedworth hatte Mrs. Duttous Bekanntschaft gemacht, während Letztere in dem Hause ihrer Beschützerin wohnte. Ein oder zwei Jahr nach Mrs. Duttons Vermählung mit dem damaligen Lieutenant, während dieser eben auf einer entfernten Station verweilte — hatte Agnes Hedworth ihren Schutz angcrufen und sie für eine Frau in den bedrängtcstcn Umständen um einen Zufluchtsort gebeten. Wie alle Diejenigen, welche Agnes Hedworth kannten, liebte 634 und verehrte auch Mrs. Duttou ihre junge Freundin; doch war der Abstand, weichen Stellung und Geburt zwischen Beiden geschaffen, der Art, daß er das Vertrauen bei ihnen ausschloß. Während der wenigen Tage, welche Erstere bei ihrer bescheidenen Freundin zubrachte, hatte sie sich mit der ruhigen Würde einer Frau benommen, die sich keines Unrechtes bewußt ist, und um keinen Preis wäre es der Anderen möglich gewesen, Fragen zu stellen, welche irgend einen Zweifel hätten blicken lassen. Wiederholte Anfälle von Ohnmacht machten in Agnesens Todesstunde jede Mittheilnng unmöglich, und Mrs. Dutton sah mit einem Male ein Kind aus ihren Armen und den Leichnam ihrer Freundin vor sich liegen. Miß Hedworth hatte ohne Begleitung und unter einem falschen Namen ihre Schwelle ausgesucht. Dieser Umstand verleitete Mrs. Dutton, das Schlimmste zu fürchten, und so fuhr sic fort, alle weiteren Anstalten mit der zartesten Rücksicht für den Ruf der Verstorbenen zu treffen. Die Leiche wurde nach London gebracht und an ihren Oheim Briefe gesendet, um ihn zu benachrichtigen, wo er sie finden könnte, nebst einer Nachweisung darüber, von wem er, falls er es wünsche, die näheren Umstände über den Tod seiner Nichte erfahren könne. Mrs. Dutton überzeugte sich, daß die Verstorbene aus die gewöhnliche Weise beerdigt wurde: doch über die näheren Umstände wurde niemals Erkundigung bei ihr cingczogen. Miß Hedworths Schwester, die junge Herzogin, machte damals eine Reise in Italien , von wo sie länger als ein Jahr nicht mehr zurückkchrte, und auch dann erhielt sic, wie wir hinznfügcn müssen, auf ihre Nachfragen nach dem Schicksale einer geliebten Schwester die einfache Auskunft — welche Mrs. Dutton jedoch unfähig war, weiter zu erklären — daß dieselbe während eines Besuches in einem Badeorte, wohin sie ihrer Gesundheit wegen mit einer weiblichen Freundin gegangen, plötzlich gestorben sei. Ob Mr. Hedworth selbst irgend einen Verdacht über den Zu- 635 635 stand seiner Nichte gehabt habe — ist ungewiß; doch sprach jede Wahrscheinlichkeit gegen diese Annahme. Miß Hedworth hatte ihn schon früher dadurch gegen sich aufgebracht, daß sie eine Partie ansschlug, welche der ihrer älteren Schwester in jeder Beziehung gleich kam, mit der einzigen Ausnahme jedoch, daß jene einen Mann erhielt, den sie liebte, während er von Agnes ein ganz anderes Opfer verlangt hatte. In Folge der durch diesen Vorfall veran- laßten Entfremdung hatte zwischen Oheim und Nichte nur ein sehr geringer Verkehr bestanden: Letztere brachte ihr Leben in der Zurückgezogenheit und angeblich unter Freunden hin, welche Ersterer nicht kannte oder nicht kennen lernen wollte. Kurz, die Lebensweise der beiden Theile war der Art, daß der unglücklichen jungen Wittwe nichts leichter wurde, als ihren Zustand vor dem Oheim geheim zu halten. Ihr Beweggrund hiebei war — das Glück des erwartenden Kindes zu sichern, denn der Oheim hatte cs in seiner Gewalt, demselben, wenn er es für passend hielt, in seinem Testamente einen gewissen Theil des Familienvermögens zu entziehen, der sonst ans die Nachkommenschaft der beiden Schwestern, als seiner Miterbinnen, übergehen mußte. Was später wohl cingetreten wäre, oder was Alles die arme Agnes vielleicht noch Vorhaben mochte — kann Niemand wissen, denn der Tod verschloß ihr Gehcimniß mit seinem unentwirrbaren Siegel. Mrs. Dutton war Mutter eines Töchterchens, das zu der Zeit, da jene kleine Unbekannte in ihren Händen zurückgelassen wurde, gerade drei Monate alt war. Wenige Wochen später starb ihr eigenes Kind; nachdem sie mehrere Monate hindurch vergeblich auf Nachrichten von der Hedworth'schen Familie gewartet hatte, ließ sie das überlebende Kind auf denselben Namen taufen, den ihre eigene Tochter geführt batte, und liebte cs bald säst eben so sehr, als ob sie cs selbst geboren hätte. Drei Jahre verstrichen auf diese Weise, bis endlich die Zeit herannahte, wo ihr Gatte aus Ostindien zurückkehren sollte. Um ihn 636 recht bald wieder zu sehen, vertauschte sie ihren bisherigen Aufenthalt mit dem in einem Seehafen, und so geschah es denn auch, daß sie mit ihren Dienstboten wechselte. Durch diesen, wie sie später dachte, sehr glücklichen Zufall, blieb sie alleinige Herrin des Geheimnisses von Mildrcds Geburt, denn die wenigen Personen, denen es außer ihr noch bekannt war, befanden sich in einer Stellung, welche es unwahrscheinlich machte, daß sie, ohne darüber befragt zu werden, jemals etwas über diesen Gegenstand bekannt machen würden. Ihre ursprüngliche Absicht war übrigens, die Sache ihrem Gatten ohne allen Rückhalt mitzutheilcn. Doch er kam als ein durchaus veränderter Mensch zurück — brutal in seinen Manieren, kalt in seinen Gefühlen — ein Opfer der Trunkenheit. Sie selbst hatte sich mittlerweile zu sehr an das Kind gewöhnt, als daß sie daran denken konnte, dasselbe den mürrischen Launen eines solchen Menschen anszusetzen, und so wurde Mildrcd als das wirkliche Kind ihrer vermeintlichen Eltern auserzogen und nahm mit jedem Tage zu an Schönheit des Körpers wie des Geistes. Dieß Alles erzählte Mrs. Dutton kurz und klar, ohne natürlich im Geringsten ans das Benehmen ihres Gatten anzuspielcn, indem sie ihr eigenes Wohlwollen einzig und allein der Anhänglichkeit an das Kind zuschrieb. Bluewater hatte Kraft genug, um das Kind in seine Arme zu schließen; wieder und immer wieder küßte er ihre bleiche Wange und segnete sie mit den glühendsten, feierlichsten Gebeten. „Meine Gefühle waren also weder verrätherisch noch ungetreu," sprach er, „denn ich liebte dich von Anfang an, du süßes Kind. Sir Gervaise Oakes besitzt mein Testament, das vor meinem Abgänge zu dieser letzten Kreuzfahrt abgefaßt wurde — jeder Schilling, den ich hinterlasse, wird dir gehören. Mr. Atwood, schafft dieses Testament herbei und fertigt ein Codicill, welches diese neue Entdeckung erklären und das Vermächtnis bestätigen soll. Das letztere soll unverändert bleiben, denn es wurde ans freien Stücken festgesetzt und kommt von Herzen." „Und nun," bemerkte Mrs. Dutton, „haben wir für jetzt genug gehört. An einem Krankenbett sollte es ruhiger sein. Gebt mir mein Kind zurück/-ich kann mich noch nicht entschließen, mich für immer von ihm zu trennen." „Mutter! Mutter!" rief Mildred, an Mrs. Drittens Brust fliegend — „ich bin dein und dein allein." „Nein—nein — Mildred, ich fürchte, so ist cs nicht, wenn Alles sich bestätigen sollte, wie ich's vermuthe, und dieser Augenblick ist so geeignet, wie jeder andere, um auch diese Sache deinem verehrten Oheim vorzutragen. — Treten Sie nur vor, Sir Wy- cherly — ich habe wohl verstanden, was Sie mir noch in dieser Minute in's Ohr flüsterten: daß Sie das Versprechen dieses eigensinnigen Mädchens besitzen, Ihre Gattin zu werden, wenn sie jemals eine Waise werden sollte. Eine Waise ist sie wirklich, und ist es seit der ersten Stunde ihrer Geburt gewesen." „Nein — nein — nein," flüsterte Mildrcd, ihr Antlitz noch tiefer an ihrer Mutter Brust verbergend, „so lange du lebst, kann ich nie eine Waise sein. Nur jetzt nicht — ein ander Mal — dicß ist unzeitig — grausam — nein, es ist doch das nicht, was ich sagte." „Führen Sie sie weg, theuerste Mrs. Dutton," sagte Blue- water', und Thränen der Freude stahlen sich aus seinen Augen. „Nehmen Sie sie weg, damit mich nicht allzuviel Glück auf einmal überrasche. Meine Gedanken sollten für einen solchen Augenblick ruhiger sein, als sie eben jetzt sind!" Wycherly machte Mildred aus den Armen ihrer Mutter los und führte sie sanft aus dem Zimmer. Als Beide mit Mrs. Dutton das Stübchen der Letzteren erreicht hatten, flüsterte er dem tief erschütterten Mädchen etwas in's Ohr, woraus sie ihn mit einem überglücklichen Blicke ansah, der auch durch ihre Thränen zu ihm 638 herablächelte, und nun war die Reihe an ihm, sie abermals eine selige Minute lang an sein Herz zu drücken. „Meine theure Mrs. Dutton — nein, meine theure Mutter," begann er, „wir Beide, Mildrcd und ich, sind ohne Eltern. Ich bin eine Waise, wie sie, und wir können uns niemals dazu verstehen , uns von Ihnen zu trennen. Ich bitte Sie inständig, betrachten Sic sich in Allem als ein Glied unserer Familie, denn Mildred und ich werden nie aufhören, Sie stets nur wie eine Mutter anzusehen, welche aus mehr als gewöhnliche Liebe und Verehrung Anspruch machcn.darf." Wycherly hatte kaum diese Rede vollendet, als er auch von Mildrcd zehnfach dafür belohnt wurde. In einem Plötzlichen Ausbruche ihres natürlichen Gefühls, ohne alle Verstellung und Zurückhaltung , und nur ihrem eigenen Herzen nachgcbend, schlang sie ihre Arme um seinen Nacken, flüsterte mehrere Male das Wort „Dank" und weinte laut an seiner Brust. Als Mrs. Dutton das schluchzende Mädchen wieder aus seinen Händen empfing, küßte Wycherly der Mutter Wange und verließ dann das Zimmer. Admiral Bluewater wollte sich nicht vorher zur Ruhe begeben, bis er mit seinem Freunde und Wycherly noch eine geheime Unterredung gehabt hatte. Der Letztere war die Freimüthigkcit und Hochherzigkeit selbst: der Admiral wollte aber nichts von Bedingungen hören, denn er vertraute unbedingt der Ehrenhaftigkeit des jungen Mannes. Seine eigene Zeit war übrigens kurz gemessen, und er erklärte, nur dann vollkommen glücklich sterben zu können, wenn er seine Nichte unter der Obhut eines Mannes, wie unser Virginier, zurücklassen könnte. Er wünschte deßhalb, daß die Trauung vor seinen Augen stattfinden möchte. Hieraus bestand er sogar alles Ernstes: Wycherly machte natürlich keine Einwendungen, sondern beeilte sich, Mrs. Dutton und Mildred den Stand der Dinge mitzutheilen. „Es ist doch sonderbar, Dick," sprach Sir Gervaise und 639 wischte sich die Augen, während er zu einem Fenster des Zimmers hinansschante, welches die Aussicht auf die See beherrschte — „daß ich unsere beiden Flaggen auf dem Cäsar gelassen habe! Ich gestehe, das Befremdende an diesem Umstande ist mir noch nie so stark ausgefallen, als eben in der jetzigen Minute." „Laß sie noch ein wenig länger neben einander flattern, Ger- vaise. Sie haben so manchem Sturm, so mancher Schlacht vereint in's Auge gesehen, und sollten sich auch noch einige Stunden länger zusammen vertragen können." Dreißigstes Kapitel. Gemisch von Schwäche und von Kraft, Stark, aber unbewußt der eig'nen Macht, Erhabener als Luft und Meer uno Erde Und nied'rer doch als selbst die kleinste Blüthe. Margaretha Davidson. Glicht eine Sylbe der Erläuterung, des Vorwurfs oder der Selbstanklage war zwischen dem Kommandirenden und dem Contre- admirale, seit der Verwundung des Letzteren, gewechselt worden. Jeder der beiden Theile schien die Ereignisse verletzten paar Tage aus dem Gedächtniß verwischt zu haben, um nicht die lange Reihe ihrer früherenErlebnisse und so mancherFreundschaftsdienste durch einen einzigen unangenehmen, unerfreulichen Gegenstand entstellen zu lassen. Während Sir Gervaise die thätige Oberaufsicht über seine Flotte beibehielt und rechts und links die nöthigen Befehle ertheilte, weilte er mit der Unverdrossenheit und fast auch mit der Zärtlichkeit eines weiblichen Wesens neben Blnewaters Bette; doch wurde nie die leiseste Anspielung auf die neulich«: Gefechte oder auf irgend Etwas, was sich während der kurzen Kreuzfahrt zugetragen hatte — gemacht. Die Worte, deren wir am Schlüsse des letzten Kapitels erwähnten, waren in der That die ersten, welche in gewisser 6-40 Beziehung die Gedanken von Beiden zu den Ereignissen znrückführen konnten, die sie gleichermaßen zu vergessen wünschen mochten. Der Contreadmiral fühlte diese Schonung seines Freundes im innersten Herzen, und da nun einmal der Gegenstand zufällig zwischen ihnen zur Sprache gekommen war, so wünschte er auch etwas zu erwicdern, um die Sache weiter zu verfolgen. Doch wartete er noch, bis der Baronet das Fenster verlassen und den früheren Sitz neben seinem Bette wieder eingenommen hatte. „Gcrvaise," begann jetzt Bluewater, den seine Schwäche nur noch leise sprechen ließ, wogegen sein Gefühl die Worte um so deutlicher machte, „ich kann nicht sterben, ohne dich um Verzeihung gebeten zu haben. Ich habe in der letzten Zeit mehrere Stunden durchlebt, während deren ich wirklich ausVerrath sann—Verrath, ich will nicht sagen, an meinem König, denn in dieser Beziehung sind meine Ansichten unverändert geblieben — aber an dir, mein Freund." „Warum davon sprechen, Dick? Du kanntest dich selbst nicht, als du an die Möglichkeit glaubtest, mich im Angesichte des Feindes verlassen zu können. Um wie viel besser ich selbst deinen Charakter benrthcilte, beweist die Thatsache, daß ich keinen Augenblick zauderte, mich mit einer doppelt überlegenen Streitmacht in den Kampf cinznlassen, da ich wohl wußte, daß du nicht ermangeln würdest, zu meiner Befreiung herbeizneilen." Bluewater blickte seinem Freunde mit gespannter Aufmerksamkeit in's Gesicht, und ein Lächeln ernster Zufriedenheit flog über seine blassen Züge, während er auf Sir Gervaisc's Worte lauschte, welche dieser mit der gewohnten Wärme und Aufrichtigkeit seines Wesens vorbrachte. „Ich glaube in der That, du kennst mich besser als ich mich selbst," gab er nach einer gedankenvollen Pause zur Antwort — „ja, ja, besser als ich mich selber kenne. Welch' glorreicher Schluß unserer dienstlichen Laufbahn wäre es gewesen, Oakes, wenn ich dir, nach unserer alten Gewohnheit, in die Schlacht gcsolgt und.deineigenes hohes Beispiel nachahmcnd, unter deinen Augen gefallen wäre!" 641 „Es ist besser, so wie es ist, Dick — wenn überhaupt etwas, was ein so schlimmes Ende hat, gut sein kann — ja, cs ist besser, wie cs ist — du bist ja, fast möcht' ich sagen, an meiner Seite gefallen. Wir wollen.nicht mehr daran denken, noch weniger davon sprechen." „Wir find eine lange Zeit hindurch Freunde und zwar innige Freunde gewesen, Gcrvaise," crwiedcrte Blnewater, und streckte seinen Arm aus dem Bette hervor, indem die langen, mageren Finger der Hand dem Drucke des Anderen entgegen zu kommen strebten—„und doch vermag ich mich keiner Handlung von deiner Seite zu erinnern, welche ich mit Recht als ungütig und ungetreu mir hätte zu Herzen nehmen können." „Gott vergebe mir, wenn du es kannst—auch ich hoffe: nein, Dick, von ganzem Herzen hoffe ich: nein! Es würde mir sehr wehe thun, wenn ich das glauben müßte." „Du hast keinen Grund zu Selbstvorwürfcn. Du kannst dich, mit Recht wenigstens, keiner Handlung, keines Gedankens anklagcn, wodurch du m i r wehe gethan hättest. — Ich würde viel glücklicher sterben, Oakes, wenn ich mir selbst das Nämliche nachsagen könnte!" „Gedanken! — Dick? — Gedanken! Du hast in deinem ganzen Leben nie daran gedacht, mir ein Unrecht zuzufügen. Die Liebe, die du für m i ch hegst — sie ist der einzige Grund, warum du in diesem gesegneten Augenblicke hier liegst." „Es thut mir wohl, zu finden, daß ich verstanden worden bin. Ich bin dir tief dafür verpflichtet, Oakes, daß du unterließest, mich damals, als ich thörichterweise um jenen nnzcitigen Aufschub nachsuchte, mit meiner Division durch Signale zu dir zu rufen. Damals fühlte ich eine Seelcnangst, gegen welche jeder körperliche Schmerz, den ich noch erdulden mag, nur Wonne ist; deine Sclbstvcrläug- nung gestattete mir Zeit-" „Daß dein Herz dich zu Dem trieb, was dein besseres Gefühl von Anfang an durchzusetzen sich mühte, Blnewater," fiel Sir Die beiden Admirale. 41 642 Gervaise ein. „Und nun befehle ich dir als dein Vorgesetzter Offizier, für immer über diesen Gegenstand zu schweigen." „Ich will mich bemühen, dir zu gehorchen. Ich werde nicht mehr allzu lange unter deinem Befehle stehen, Oatcs," fuhr der Contreadmiral mit schmerzlichem Lächeln fort. „ES sollte allerdings in den letzten Momenten meines Lebens nicht die Anklage der Meuterei gegen mich vorliegcn. Doch du mußt mir diese eine Unterlassungssünde verzeihen, wenn du dich erinnerst, wie oft und wie gerne während dieser letzten sünsunddreißig Jahre mein eigener Wille dem deinen untergeordnet war — wie wenig mein Geist eine neue Idee in unserem Berufe zur Reife brachte, die nicht von dir angeregt worden wäre!" „Sprich nicht länger von ,Vergebungss Dick, ich befehle es dir: daß du stets eine mädchenhafte Gelehrigkeit im Befolgen aller meiner Befehle bewiesen, ist eine Wahrheit, die ich vor Gott und Menschen bekräftigen will; wenn du aber vom Geiste sprichst — da bin ich weit entfernt, dem meinigen die Meisterschaft zuerkennen zu wollen. Ich bin der Meinung: wenn überhaupt die Wahrheit ausfindig zu machen wäre, so würde man finden, daß ich in diesem gesegneten Augenblicke eines Rufes genieße, den ich mehr als zur Hälfte dir selbst verdanke." „Daran liegt jetzt nur wenig, Gervaise — daran liegt jetzt nur wenig. Wir waren zwei leichtsinnige, muntere Jungen, als wir uns zum ersten Male als Knaben begegneten, frisch von der Schule kommend und fröhlich, wie Gesundheit und ein lebhafter Geist uns nur immer machen konnte." „Das waren wir in der That, Dick! — ja, das waren wir — nie dachten wir daran, daß ein so trauriger Moment, wie der jetzige, jemals eintreten könnte!" „Da war George Anson und Peter Warren, der kleine Charley Saunders, Jack Byng und eine ganze Rotte von Knaben, welche in der That Alle darauf los lebten, als ob wir niemals sterben müßten! Und doch trugen wir unser Leben, man möchte sagen, fortwährend in unfern Händen, Oakcs!" „Das wirst du bei Knaben und Jünglingen wohl immer so treffen, Dick. Der aber ist der Glücklichste, der einem Augenblicke, wie der jetzige, so wie du in's Auge sehen kann — ruhig und in dem Bewußtsein seiner eigenen Verdienste." „Ich hatte eine vortreffliche Mutter, Oakes! Wir denken in der Jugend so wenig daran, wie viel wir der unauslöschlichen Zärtlichkeit und dem weitsehendcn Unterrichte unserer Mutter verdanken! Uns Beiden starben sic, während wir noch jung waren, und doch, glaube ich, schulden wir ihnen weit mehr, als wir je zu vergelten im Stande gewesen wären." Sir Gervaise bejahte einfach; da er jedoch keine unmittelbare Antwort gab, so erfolgte eine lange Pause, während deren der Viccadmiral glaubte, sein Freund fange an einzuschlummern. Doch täuschte er sich hierin. „Du wirst für diesen letzten Dienst zum Viscount von Bowl- dero erhoben werden, Gervaise," bemerkte der Verwundete höchst unerwartet, und bewies dadurch, wie sehr seine Gedanken noch immer bei dem verweilten, was für seinen Freund von Interesse war. „Auch sehe ich nicht ein, warum du abermals eine Peersstelle aus- schlagen solltest. Wer in dieser Welt zurückbleibt, darf ihren Ansichten und Gebräuchen wohl nachgeben, so lange sic nicht mit höheren Verpflichtungen im Widerspruche stehen." »Ich! —" rief Gervaise düster. „Der Gedanke, auf diese Art an das, was vorgesallen ist, erinnert zu werden, wäre schlimmer, als eine Niederlage! Nein — ich verlange keine Veränderung des Namens, die mich beständig an meinen Verlust mahnen müßte." Bluewater warf ihm einen mehr dankbaren, als freudigen Blick zu — doch gab er keine Antwort. Er verfiel nun in einen leichten Schlummer, aus welchem er nicht früher erwachte, als bis die Zeit, 6-14 welche er selbst für Mildreds und Wycherly's Vermählung festgesetzt hatte, herangekommcn war. Eine Festlichkeit, welche gewöhnlich als eine eben so freudige, wie feierliche angesehen wird, könnte wohl etwas unzeitig erscheinen, so lange der Oheim des Bräutigams todt und noch unbeerdigt, der der Braut aber im Begriffe ist, die Welt für immer zu verlassen. Der Sterbende hatte jedoch darum gebeten, um vor seinem Ende noch den Trost zu haben, seine Nichte unter dem gesetzlichen Schutze eines Mannes zu wissen, der eben so fähig war, als er den innigen Wunsch hegte, seine Geliebte zu beschirmen. Der Leser kann sich wohl leicht denken, welche Einwürse und Gegengründe bei dieser Veranlassung erhoben wurden; sie waren jedoch alle der Art, daß sämmtliche Betheiligte geneigt scheinen und es für passend erachten konnten, ihre Vorurtheile den Forderungen des Augenblickes unterzuordnen. Um allen nutzlosen Kriteleien vorzubeugen, wird es wohl gut sein, wenn wir beifügen, daß die Gesetze Englands im Jahre 1745 im Punkte der Verlobnngsfeierlichkeiten nicht so strenge waren, als sie cs späterhin wurden — so daß sie sogar erlaubten, die Cercmonie in einem Privathause, ohne vorher eingeholte Erlaubniß und sogar ohne eine öffentliche Verkündigung zu begehen — Beschränkungen, welche erst ein paar Jahre später eingeführt wurden. Eine solche Dispcnsation von der öffentlichen Verkündigung wurde damals an dem Geistlichen mit einer Geldbuße von hundert Pfund bestraft, und Bluewater wollte lieber diese Geldbuße bezahlen, als den einzigen großen Lebenszweck, der noch unerfüllt vor ihm lag, unvollendet lassen. Diese Strafe schwächte übrigens in keiner Beziehung die Rechtskräftigkeit der Verbindung, und nur Mrs. Dntton fühlte noch eine weibliche Abneigung dagegen, sich von ihrem geliebten Kinde zu trennen, ohne daß alle üblichen Formen auf's Strengste beobachtet würden. Doch auch sie hatte endlich den Ver- nunstgründen, welche man der ehrwürdigen Frau vorlegte, Gehör gegeben, und war durch die Vorstellung von der Dringlichkeit des Falles zur vollen Einwilligung vermocht worden. Sie gab jedoch ihre Zustimmung nur unter dem ausdrücklichen Vorbehalte, daß die Hei- rathserlaubniß nachträglich eingeholt werden und eine zweite Trauung in einem Passenderen Augenblicke stattfinden sollte, wenn nämlich die kirchlichen Behörden ihre Genehmigung dazu ertheilen würden — was an und für sich selbst schon höchst unwahrscheinlich war. Mr. Rotherham benützte die Verordnung, welche jene Geldbuße festsetzte, als eine Entschuldigung, die Einsegnung nicht in eigener Person vollziehen zu müssen. Sein eigentlicher Beweggrund war übrigens leicht zu begreifen, und der Kaplan des Plantagenet, ein frommer, ehrenhafter Geistlicher, vertrat seine Stelle. Bluewater hatte verlangt, daß von den Kapitäns der Flotte so viele, als man nur immer zusammenbringcn könnte, der Festlichkeit anwohnen sollten, und es war eben die Versammlung dieser Krieger der Tiefe, so wie die Ankunft des Geistlichen, was zuerst das Herrannahen der festgesetzten Stunde verkündete. Es ist nicht unsere Abficht, bei den Einzelheiten einer Ceremo- nie zu verweilen, welche bei alb ihrer Feierlichkeit so viel Schmerzliches an sich hatte. Weder Wychcrly noch Mildred trafen irgend eine Veränderung in ihrem Anzüge, und die liebliche Braut weinte von dem ersten Augenblicke, da die Einsegnung begann, bis zu dem Momente, wo sie sich den Armen ihres Oheims entwand, um von ihrem Gatten an's Herz geschlossen und dann aus dem Zimmer geführt zu werden. Alle Anwesenden schienen traurig, nur Bluewater nicht: ihn hatte die Scene in hohem Grade aufgeregt, und doch auch wieder auf eine wunderbare Weise beruhigt. „Jetzt bin ich bereit zu sterben, ihr Herren," begann er, so- - bald sich die Thüre hinter dem Neuvermählten Paare geschlossen hatte. „Meine letzte weltliche Sorge ist abgethan, und es wäre wohl besser für mich, wenn ich nunmehr alb meine Gedanken einem anderen Dasein zuwendete. Lady Wychecombe, meine Nichte, wird 646 meine geringe Hinterlassenschaft erben; ich glaube nicht, daß es von großer Wichtigkeit sein wird, ihre wahre Herkunft geltend zu machen, da ihr Großoheim das, was ihrer Mutter als Eigenthum zugesallen wäre, mit klaren Worten ihrer Tante, der Herzogin, vermacht hat. Wenn jedoch die Erklärung eines Sterbenden hiebei irgend von Nutzen sein kann, so habt ihr sie vernommen und könnt sie später bezeugen. Jetzt kommt, meine Freunde, einer nach dem andern, und nehmt Abschied von mir, damit ich euch Alle noch segne und euch für so viele unverdiente und, wie ich fürchte, unver- goltene Liebe danke." Die Scene, welche jetzt folgte, war feierlich und traurig. Von den Kapitäns näherte sich einer nach dem andern dem Bette des Sterbenden, und Jedem hatte er noch etwas Freundliches und Liebevolles zu sagen. Selbst die Kaltherzigsten zeigten einen tiefen Ernst in ihren Mienen, und sogar OMeil, ein Mann, der wegen seiner unverwüstlichen frohen Laune bekannt war, welche die Aufregung einer Schlacht für ihn zu den vergnügtesten Augenblicken seines Lebens machte — vergoß im buchstäblichen Sinne des Wortes Thränen der Rührung, als er dem Sterbenden die Hand küßte. „Ah! mein alter Freund," sagte der Contreadmiral, als Parker, der Kapitän des Carnatic, in seiner gewöhnlichen sanften, unterwürfigen Weise sich näherte — „Ihr seht, nicht die Jahre sind cs allein, welche uns in's Grab bringen! Man sagt mir, Ihr habt Euch in der letzten Action mit Eurer gewohnten Tapferkeit benommen , und ich hoffe sicher, daß Ihr jetzt, nach so langjährigem Ausharren und nach so wichtigen Diensten endlich den verdienten Lohn erhalten werdet." „Ich will zugcbcn, Admiral Bluewater," versetzte Parker ernsthaft, „daß ich es, hauptsächlich um meines theuren Weibs und meiner Kinder willen, mit besonderem Danke anerkennen würde, wenn ich von meinem Fürsten ein Zeichen seiner Gnade empfangen sollte. Wir stammen nicht, wie Jhr,aus einer adeligenFamilie, sondern mußten 647 uns das Recht aufAuszeichnung eigenhändig erwerben, und wer Ehren dieser Art nie gekannt hat, pflegt sic auch immer hoch anzuschlagen!" „Ja, mein guter Parker/' fiel der Contreadmiral ein— „und wer sie je kennen gelernt hat, der weiß auch, wie nichtsbedeutend sie sind, besonders wenn man sich jener Gränze des Daseins nähert, von wo das Auge in so furchtbarer Nähe in das unermeßliche, unbekannte Gebiet der Ewigkeit hinüberschaut." „Ohne Zweifel, Sir; auch bin ich nicht so eitel, um zu glauben, daß graue Haare, wie die meinigcn jetzt geworden sind — ewig dauern werden. Ich wollte aber auch nur so viel damit sagen, daß ich, so kostbar auch solche Ehren dem Niedriggcborcncn erscheinen mögen, doch jede derartige Hoffnung, wie ich sie nur immer hege, mit Freuden hingeben würde, wenn ich Euch wieder auf der Kampanje des Cäsar, Mr. Cornct an Eurer Seite, die Flotte anführen oder den Bewegungen des Viccadmirals folgen sehen könnte." „Ich danke Euch, mein guter Parker, das kann aber nie mehr geschehen, und ich darf auch nicht sagen, daß ich es jetzt wieder so wünschte. Wenn wir einmal die Anker nach einer andern Welt gelichtet haben, so werfen wir unsere Blicke bei weitem nicht so gerne rückwärts, als vorwärts. Gott segne Euch, Parker, und erhalte Euch — was Ihr immer gewesen seid —- als einen Ehrenmann." Stowel war der Letzte, der sich dem Sterbebette näherte; auch that er dieß erst, nachdem Alle, außer Sir Gervaise und ihm selbst, das Zimmer verlassen hatten. Bluewatcrs unveränderliche Gut- müthigkeit und sein wahrhaft seemännisches, unbekümmertes Wesen, das jeden Untergebenen in dessen eigenen Persönlichen Launen frei gewähren ließ, hatte den Contreadmiral, in . einer Beziehung wenigstens, noch weit mehr als den Kommandirenden selbst zum Liebling der Flotte gemacht. Stowel hatte bei seinem näheren Verkehre mit Bluewatcr aus diesen Eigenthümlichkeiten mehr Nutzen gezogen, als jeder andere Offizier unter ihm, und die Wirkung aus seine Gefühle war mit 648 der Wohlthat selbst stets im richtigen Verhältnisse gestanden. Er konnte freilich nicht verhindern, daß er noch manchmal des Tages gedachte, wo er selbst auf dem nämlichen Schiffe Lieutenant gewesen, auf dem der Coutreadmiral als Kadet gedient hatte; aber er erinnerte sich dieses Umstandes wenigstens nicht mehr mit der Bitterkeit, welche er früher zuweilen dabei gefühlt hatte. Im Gegentheil stellte sich diese Thatsache seinem Geiste nur noch als die fernste unter den vielen Landmarken dar, welche sie während ihrer langen, gemeinschaftlichen Dienstzeit aufnotirt hatten. „Nun, Stowcl," bemerkte Blnewater mit trübem Lächeln, „selbst der alte Casar muß zurück gelassen werden, wenn wir vom Leben Abschied nehmen. Es ist eine Seltenheit, wenn ein Flaggenkapitän gegen seinen Vorgesetzten nicht Mancherlei auf dem Herzen hat, und ich bitte Euch aufrichtig, mir Alles zu vergeben und zu vergessen, worin ich vielleicht gegen Euch gefehlt haben mag." „Der Himmel stehe mir bei, Sir! — Ich bin wahrhaftig weit entfernt, an so Etwas zu denken! Im Gegentheil, ich dachte eben daran, wie wenig ich damals, als wir zusammen aus der Kalypso waren, es für möglich gehalten hätte, daß ich jemals auf diese Art an Eurem Lager stehen würde. Glaubt mir, Admiral Blnewater, ich würde von Herzen gern das bischen Leben, das mir noch übrig geblieben, mit Euch theilen." »Ich glaub's, Stowcl — das würdet Ihr thun. Doch das ist jetzt unmöglich. Ich habe so eben mein letztes Werk in dieser Welt vollendet — meine Nichte ist die Gemahlin Sir Wycherly Wychecombe's geworden." „Ja, Sir — ja, Sir — die Ehe ist ohne Zweifel ein ehrbarer Stand, wie ich Mrs. Stowcl schon oft gesagt habe, und sie darf darum nicht gering geachtet werden. Dennoch ist cs sonderbar, daß ein Mann, wie Ihr, der selbst als Junggeselle gelebt hat, gerade noch am Schluffe seiner eigenen Kreuzfahrt eine Trauungs- ceremonie vornehmen läßt, und dieß noch dazu mit Aufopferung von 649 hundert Pfunden, falls irgend Jemand Einsprache dagegen erheben sollte! Nun meinethalben — die Männer sind sich in solchen Dingen nicht viel ähnlicher, als die Frauen in ihren häuslichen Eigenschaften, und ich wünsche von Herzen, daß dieser junge Sir Wycherly in dem alten Hanse, das er, wie ich höre, etwas landeinwärts von hier besitzt, eben so viel Ruhe und Behaglichkeit finden möge, als Ihr und ich, Sir, auf dem alten Cäsar zusammen genossen. Ich denke, in Wychccombe-Hall wird's wohl keine Kollegen geben." „Ich hoffe nicht, Stowel. Ihr mußt aber nun meinen letzten Befehl in Betreff des alten Cäsar anhören-" „Der kommandircnde Admiral hat seine eigene Flagge an unserem Borde aufgehißt, Sir!" fiel der pedantische Kapitän im Tone der Ermahnung ein. „Macht Euch darum keine Sorge, Stowel — ich stehe Euch für seine Zustimmung. Mein Leichnam muß von dem Cäsar an Bord genommen und dann auf diesem meinem Schiffe nach Plymouth geführt werden. Stellt den Sarg auf das Hauptdeck, damit die Mannschaft ihn sehen kann: ich möchte gerne meine letzten Stunden über dem Grabe in ihrer Mitte zubringen." „Es soll geschehen, Sir —ja, buchstäblich soll es befolgt werden, Sir — wenn anders Sir Gervaise keinen Gegenbefehl er- theilt. Und ich will Mrs. Stowel noch diesen Abend schreiben und ihr mitthcilcn, daß sie nicht wie gewöhnlich herüber zu kommen braucht, sobald sie hört, daß das Schiff cingelaufen ist — sondern daß sic warten soll, bis Eure Flagge mit allen nöthigen Cere- monicn gestrichen." „Es sollte mir leid thun, Stowel, wenn ich das Wiedersehen zwischen Mann und Frau auch nur um einen Augenblick verzögern würde." „Sprecht nicht davon, Admiral Bluewatcr; Mrs. Stowel wird schon begreifen, daß der Dienst dieß so mit sich bringt, denn als wir heiratheten, erklärte ich ihr mit klaren Worten, daß bei einem Seemanne des Königs Dienst dem Dienst der Ehe vorgehe." 650 Eine kleine Pause folgte, und dann nahm Bluewater den letzten, herzlichen Abschied von seinem Kapitän. Zwanzig Minuten etwa verstrichen nunmehr in tiefem Schweigen; Sir Gervaise rührte sich nicht, in der Meinung, sein Freund sei abermals eingeschlummert. Es schien aber so beschlossen, daß Bluewater nicht mehr ruhen sollte, bis er endlich die letzte Ruhe der Todten gefunden hätte. Es war sein Geist, der stets über die trägere Masse des Körpers trinmphirt hatte, was ihn jetzt so tief anfregte und seinen physischen Kräften einen unnatürlichen Impuls mittheilte — einen Impuls, der übrigens blos augenblicklich war, und in Folge der nothwendig folgenden Reaction am Ende nur zu seiner rascheren Auflösung beitrug. Als Sir Gervaise endlich bemerkte, daß sein Freund nicht schlummerte, näherte er sich abermals dem Krankenlager. „Richard," sprach er sanft, „draußen ist Einer, der dringend um Einlaß bittet. Ich habe in der Meinung, daß du zu schlummern wünschtest, bis jetzt sogar seinen Thränen Widerstand geleistet." „Nie wünschte ich es weniger als jetzt. Mein Geist scheint — statt zu schwinden, im Gegcntheil immer klarer und kräftiger zu werden; ich glaube, ich werde nicht mehr schlafen, wenigstens in dem Sinne, in dem du cs meinst. — Wer cs auch sein mag, laß ihn herein." Nach dieser Erlaubniß öffnete Sir Gervaise die Thüre und Geoffrey Clcveland trat in das Zimmer. In dem nämlichen Augenblicke sckob auch Gallevgo, der nach Belieben ab und zu ging, seine ungeschlachte Gestalt zu der Thüre herein. Das Gesicht des Knaben verrieth ganz die Größe und den Umfang seines Schmerzes. In seinem Geiste war Admiral Bluewater mit allen Erscheinungen seines eigenen Seelebens innig verbunden, und obwohl der Zeitraum ihres Zusammenseins in der Wirklichkeit nur kurz war, so erschien er ihm dennoch, wenn er einen Blick in die Vergangenheit zurückwarf, fast eben so lange als der, welcher die 651 Dauer der Freundschaft zwischen den beiden Admiralen selbst bezeichn nete. Er kämpfte zwar mit der ganzen Kraft seiner Seele, um seine Selbstbeherrschung zu behalten, doch gewann das Gefühl in dem Knaben die Oberhand; er warf sich neben dem Bette auf die Kniee nieder nnd schluchzte, als ob ihm das Herz brechen wollte. Auch Bluewaters Auge schimmerte unter einer Thräne, und liebevoll legte er seine Hand auf das Haupt seines jugendlichen Verwandten. „Gervaise, du wirst dich dieses Knaben annehmen, wenn ich nicht mehr bin," sagte er; „und wirst ihn auf deinem eigenen Schiffe um dich haben. Ich hinterlasse ihn dir, als ein theures und mir sehr naheliegendes dienstliches Vermächtniß. Ermanne dich — ermuntere dich — mein wackerer Knabe — betrachte dieß Alles nur als das Loos eines Seemannes. Unser Leben gehört dem-" Das Wort,Königs, das eigentlich hätte folgen sollen, schien den Sprechenden unangenehm zu berühren. Er warf einen bedeutungsvollen Blick auf seinen Freund, während ein schmerzliches Lächeln über sein Antlitz zuckte und schwieg. „Ach! theurer Sir," gab der Kadet treuherzig zur Antwort; „ich wußte zwar, daß wir Alle gctödtet werden konnten, aber nimmermehr wäre mir eingefallen, daß ein Admiral sein Leben in der Schlacht verlieren würde./ Ich bin gewiß — Ihr seid der Erste, den ein solches Unglück betroffen!" „Ei bewahre, mein armer Geoffrey. Es gibt nur wenige Admirale , sichst du, und so können auch nur wenige fallen — aber wir sind der Gefahr ebensogut ausgesctzt, wie andere Offiziere." „Wenn ich nnr wenigstens diesem Monsieur des Prez den Säbel durch den Leib gerannt hätte, als wir mit ihm zusammentrafen," erwiedcrte der Knabe mit den Zähnen knirschend, während die ganze Rachsucht, die ihu in diesem Moment durchglühte, ihm aus deu Augen blitzte, „das wäre doch wenigstens etwas gewesen! Ich hätte es auch ganz gut thun können, denn er war ja gänzlich unbedeckt!" 652 „Es wäre etwas sehr Schlimmes gewesen, Knabe, wenn du einen tapferen Mann nutzlos verletzt hättest." „Was für einen Nutzen hat es denn gebracht, daß sie aus Euch geschossen haben, Sir? Wir hätten ihr Schiff ebensogut genommen, wenn Ihr auch nicht verwundet worden wäret." „Ich glaube eher, Geoffrey, ihr Schiff war eigentlich schon genommen, als ich verwundet wurde," versetzte Blucwater lächelnd. „Ich wurde von einem französischen Marinesoldaten getroffen, der dabei nicht mehr als seine Pflicht gethan hat." „Ja, Sir," ries der Knabe ungeduldig, und er ist ohne eine Schramme davon gekommen. Er wenigstens hätte doch eigentlich niedergemetzelt werden sollen." „Du bist blutdürstig, mein Kind; ich kenne dich kaum mehr. Niederg emetze lt ist nie daS rechte Wort, weder für einen brit- tischen Edelmann, noch für einen brittischen Matrosen. Ich rettete diesem Marincsoldaten das Leben, und wenn du einmal, wie ich, aus deinem Sterbebette liegen wirst, Geoffrey, dann wirst du erst lernen, welch' süßen Trost das Bewußtsein einer solchen Handlung verleihen kann. Wir Alle sind der Gnade bedürftig, und Keiner darf Gnade für sich selbst erwarten, wenn er sie nicht auch Anderen gewährt." Der Knabe erkannte die Gerechtigkeit dieses Verweises, und seine Gefühle nahmen eine bessere, obgleich kaum eine natürlichere Richtung. Blucwater erzählte ihm jetzt von seiner eben erst aufgefundenen Cousine, und fühlte eine wehmüthige Genugthuung darin, in der Brust des offenherzigen, edelmüthigen Knaben eine rege Theilnahme für Mildred zu erwecken. Geoffrey lauschte mit ehrerbietiger Aufmerksamkeit, wie dieß immer seine Gewohnheit gewesen war, bis er, getäuscht durch die ruhige, wohlwollende Weise Bluewaters, in den sehr natürlichen Jrrthum verfiel, daß er des Contreadmirals Wunde für weniger gefährlich hielt, als er bis jetzt gefürchtet hatte, und neue Hoffnung 653 zu schöpfen anfing, daß der Verwundete doch noch mit dem Leben davonkommen werde. Durch diese Anficht beruhigt, hörte er bald auf zu weinen: er versprach Sir Gervaise, sich ruhig zu verhalten, und erhielt dafür die Erlaubniß, im Zimmer zu bleiben, wo er sich alsbald mit dem Amte eines Krankenwärters beschäftigte. Dieser kurzen, aufregenden Scene folgte abermals eine lange Pause; Bluewater lag still und ruhig auf seinem Lager, und verkehrte nur mit sich selbst und seinem Gott. Sir Gervaise schrieb Befehle und las Rapporte, obgleich sein Auge das Antlitz seines Freundes nie länger als eine oder zwei Minuten unbeachtet ließ. Endlich richtete sich der Contreadmiral wieder empor, und begann nochmals seine Theilnahme für die verschiedenen Personen und Gegenstände in seiner Umgebung auszusprechen. „Galleygo," redete er diesen an, „du mein alter Gefährte auf unseren Kreuzzügen — ich übergebe Sir Gervaise jetzt ganz besonders deiner Sorgfalt. In dem Maaße, wie wir in den Jahren vor- schrciten, vermindert sich auch die Zahl unserer Freunde, und doch können wir uns nur auf diejenigen verlassen, die wir im Leben erprobt haben." „Ja, Admiral Blue, das weiß ich wohl, und Sir Jarvy weiß cs auch. Ja, ja — alte Schiffskameraden gehen immer vor jungen, und so auch alte Matrosen vor grünen Sprößlingen. Sir Jarvy's Bowldcro's sind recht gute Tellerhalter und dergleichen mehr: wenn's aber einmal zu schlimmem Wetter und harter Arbeit kommt, dann schlage ich alle zusammen nicht sonderlich hoch an." „Nebenbei bemerkt, Oakes," äußerte Bluewater mit einer plötzlichen Theilnahme an einem solchen Gegenstände, wie er selbst sie kaum mehr zu fühlen erwartet hatte, „ich habe noch nichts von dem Kampfe des ersten Tages vernommen, an welchem es dir gelang, wie ich aus dem Wenigen, was ich von meiner Umgebung erfuhr, zusammenreimte — einen Zweidecker zu nehmen und überdieß das französische Admiralschiff zu cntmasten."' 654 „Vergib mir, Dick; aber du würdest wohl besser thun, wenn du ein Schläfchen zu machen versuchtest; die Erzählung unserer Thaten an diesen beiden Tagen kann mich nur schmerzen." „Nun denn, SirJarvy, wenn Ihr wirklich einen so starken Widerwillen habt, Admiral Blue die Geschichte zu erzählen, so kann ja ich es thun, Euer Gnaden," meinte Galleygo, der sich schon freute, eine ausführliche Schilderung der Seeschlacht geben zu können. „Ich meines Theils glaube, die Geschichte dieses Tages muß viel dazu beitragen, einen Flaggcnoffizier zu trösten, der dabei selbst so schwer verwundet worden ist." Da Bluewater keine Einwendung machte, so begann Galleygo seinen Bericht über die Bewegungen der Schiffe, wie wir sie bereits beschrieben haben. Zur allgemeinen Verwunderung war seine Erzählung nicht nur höchst interessant, sondern auch vollkommen klar und verständlich, wozu seine genaue Kenntniß und der richtige Gebrauch der nöthigen Seemannsausdrücke nicht wenig beitrug. Als er zu dem Augenblicke gelangte, wo die englische Linie sich trennte, so daß der eine Thcil windwärts und der andere luvwärts von den beiden französischen Schiffen zu stehen kam, wußte er die Sache so klar und lebendig zu schildern, daß selbst der kommandirende Admiral die Feder niederlcgte und ihm mit Vergnügen zuhörte. „Wer sollte es glauben, Dick," bemerkte Sir Gervaise, „daß uns diese Burschen auf ihren Topps so streng beobachten, und einen so genauen Bericht von dem, was vorfällt, zu geben vermögen?" „Ja! Gervaise — und was ist Galleygo's Wachsamkeit gegen Sein allsehendes Auge? In einer Stunde, wie die jetzige, ist es ein schrecklicher Gedanke, wenn wir uns erinnern, daß Nichts von unseren Thaten vergessen wird. Ich habe irgendwo gelesen, kein Eid werde gesprochen, der nicht in den weitverbreiteten Strömungen der Klänge durch alle Zeiten fortzittre — kein Gebet gelispclt, dessen Gedächtniß nicht von dem unzerstörbaren Griffel des Allmächtigen aus die ewigen Gesetztaseln der Natur eingegraben würde." In Beziehung auf religiöse Eindrücke hatten die beiden Freunde nur wenig mit einander gemein. Beide waren Seemänner, und wenn dieses Wort auch nicht von selber folgern läßt, daß sie in mehr als gewöhnlichem Grade Sünder waren, so ist cs doch auch nicht eben geeignet, sie zu Heiligen zu stempeln. Beide hatten in ihren Knabenjahren die gewöhnliche Erziehung erhalten, und waren dann gleichsam auf gut Glück in den Ocean des Lebens hinausgestoßen worden, um den Samen, so gut er konnte, Wurzel fasten und die Früchte reifen zu lasten. Wenige von Denen, ,welche sich in Schiffen auf die große Tiefe bcgebeick, bleiben — wenn sie überhaupt dem verderblichen Einflüsse eines so rauhen Lebens entrinnen — ganz und gar ohne religiöse Eindrücke. Der Seemann lebt fortwährend so zu sagen in der unmittelbaren Anschauung der Allmacht Gottes, und ist daher immer geneigt, Seine Größe zu verehren, wenn er gleich Seine Gesetze oft Übertritt; in all' den Fällen aber, wo die Natur dem Menschen, wie bei Bluewatern geschehen, einen Hang, sich tieferen Gefühlen hinzugeben, eiugepflanzt hat, ist selbst das schlimmste Beispiel, d'as lockere gedankenlose Leben von Menschen, welche auf diese Art von allen gewöhnlichen Banden der Gesellschaft abgetrennt sind — nie ganz im Stande, die Ehrfurcht vor Gott, wie sie durch den fortwährenden Anblick der Großartigkeit seiner irdischen Werke in uns geweckt wird — völlig zu vertilgen. Dieses Gefühl war bei Bluewater nicht ganz ohne Früchte geblieben, denn er hatte viel gelesen und nachgedacht. Manchmal — obwohl in isolirten, weit getrennten Zwischenräumen — konnte er sogar beten, und zwar inbrünstig und mit dem vollen, lebendigen Bewußtsein seiner eigenen Fehler. Bei dieser Grundstimmung seines Wesens und in Folge der daraus hervorgehendcn Uebcrzeu- gungen war sein Geist bester auf die kommende Entscheidung vorbereitet, als dicß bei den Meisten seiner Waffenbrüder der Fall gewesen wäre, die, wenn sie auch von dem in ihrem Stande so gewöhnlichen Loose überrascht werden, sich in ihren letzten Augenblicken 656 fast immer nur von dem schwankenden Enthusiasmus des Kampfes und Sieges aufrecht erhalten fühlen. Auf der andern Seite war Sir Gervaise in Dingen dieser Art so unerfahren wie ein Kind. Er fühlte Ehrfurcht vor seinem Schöpfer, und hatte von dessen Güte und Liebe jene allgemeinen Begriffe, wie sie ein guter Mensch immer zu haben pflegt; all' jene Dogmen aber in Betreff des verlorenen Urstandes des Menschengeschlechts, der Erlösung und der Macht des Glaubens, galten seinem Geiste als Ansichten, welche zwar nicht bestritten werden durften, die man aber auch nicht gerade theilen müsse. Kurz — der kommandirende Admiral hatte sich jener praktischen Ketzerei ergeben, welche den Glauben von Millionen umschattet, hielt sich aber gleichwohl für einen standhaften Verfechter der Kirche und des Thrones. Doch war auch Sir Gervaise Oakes zu Zeiten mehr als gewöhnlich zu ernstem Nachdenken aufgelegt, und neigte sich dann sogar zur Andacht hin; dabei aber machte er sich nur wenig mit Theorien oder mit der Offenbarung zu schaffen. In solchen Augenblicken würden ihn zwar seine Ansichten wohl schwerlich in dem Schooßc irgend einer der christlichen Kirchen geduldet haben; dagegen stempelte ihn aber sein Gefühl vielleicht zu einem Anhänger von allen. Mit einem Worte — wir besorgen, ihn unser» Lesern als ein ziemlich anschauliches Beispiel dessen verführen zu müssen, was unbestimmte Allgemeinheiten — sobald sie auf ein Gcmüth wirken, das für moralische Eindrücke nicht unempfänglich ist — ans der großen Mehrzahl der Menschen zu machen pflegen, die sich bekanntlich manchmal mit den Geheimnissen eines zukünftigen Lebens beschäftigen, ohne weder zu den Tröstungen des Glaubens zu gelangen, noch jene logischen Schlußfolgerungen zu erreichen, welche sie, beinahe ohne cs selbst zu wissen, dennoch sicher zu erwarten scheinen. Als daher Blüewater seine letzte Bemerkung machte, richtete der Viceadmiral einen ängstlichen Blick aus seinen Freund, denn 657 zum ersten Male, feit dieser seiner Wunde empfangen, mischte sich jetzt die Religion in seine Gedanken. Er hatte Gott seinen innigen, obwohl stummen Dank für jenen Sieg dargebracht; das war ihm aber noch nicht eingefallen, daß Blncwatcr einige Vorbereitung auf seinen Tod nöthig haben könnte. „Wünschest du vielleicht den Kaplan des Plantagenet noch einmal zu spreche», Dick?" fragte er zärtlich besorgt; „du bist kein Papist, das wenigstens weiß ich gewiß." „Darin hast du auch ganz recht, Gervaisc. Ich betrachte alle Kirchen — auch die alleinseligmachende katholische Kirche, wenn du so willst — als ein bloßes Gnadcnmittcl, das die ewige Barmherzigkeit uns gewährt hat? um schwache Menschen ans ihrem Pil- gerpsade aufzurichtcn; ich glaube aber auch, daß es noch einen kürzeren Weg zu Seiner Vergebung gibt, als mittelst dieser gewöhnlichen Zugänge. In wie weit ich recht haben mag," fuhr er lächelnd fort, „wird in wenigen Stunden wohl Niemand besser als ich selbst wissen." „Freunde müssen sich in jenem künftigen Leben wieder sehen, Bluewater; es streitet wider alle Vernunft, zu glauben, daß Die, welche sich in diesem Leben so innig geliebt haben, in einer andern Welt für immer getrennt sein sollen." „Wir wollen es hoffen, Oakes," sprach Bluewater und ergriff des Viceadmirals Hand — „wir wollen dieses hoffen. Doch werden wir dort wohl keine Schiffe finden — keine Kreuzfahrten — keine Siege — keine Triumphe! Erst in solchen Augenblicken wie ich sic jetzt erreicht habe, gelingt es uns, die Dinge in ihrem wahren Lichte zu schauen. Von Allem, was nun an mir vorüber ist, gewährt mir deine treue, unwandelbare Freundschaft jetzt noch die größte Befriedigung!" Jetzt konnte der Viceadmiral nicht länger widerstehen — er wandte sich bei Seite und weinte. Dieser Tribut, welchen er der Natur entrichtete, war an einem so männlichen Charakter selbst Die beiden Admirale. 42 658 für den Sterbenden ergreifend, und Galleygo betrachtete ihn vollends mit ehrfurchtsvollem Schauer. So vertraut dieser Letztere durch langen, innigen Umgang mit seinem Herrn geworden war, so gab es doch seiner Meinung nach kein zweites lebendes Wesen, das so gebieterisch und furchtbar, wie der kommandirendc Admiral gewesen wäre. Die Wirkung des jetzigen Anblicks war daher so mächtig, daß auch er in tiefer Sclbstzerknirschnng sein Angesicht verhüllte. Bluewater sah dieß Alles, sprach aber kein Wort, und verricth auch durch kein Zeichen irgend einer Art, daß er cs bemerke. Er betete, und zwar aus warmem, vollem Herzen, nicht allein für den Freund, sondern auch für dessen dcmüthigen, ungeschlachten Diener. Gegen neun Uhr Abends trat in dem Zustande des Verwundeten eine abermalige Ncaction ein. Um diese Zeit glaubte er sich selbst seinem Ende nahe, und schickte nach Wycherly und seiner Nichte, um Abschied von ihnen zu nehmen. MrS. Dntton war gleichfalls gegenwärtig, und so auch Magrath, der zu jeder Hilfe bereit am Lande geblieben war. Mildred lag wohl eine halbe Stunde lang vor dem Kranken und badete sein Kissen mit ihren Thräncn, bis sie endlich aus die Mahnung des Arztes entfernt wurde. „Ihr werdet einsehen, Sir Gervaise," flüsterte er, „Ihr werdet einschen, Sir Gervaise — (oder eigentlich ,Sir Jairvisss wie er diesen Namen jedesmal anssprach) — daß cs die Pflicht meiner Fakultät ist, das Leben wenigstens zu verlängern, wenn auch keine Hoffnung mehr vorhanden ist, dasselbe retten zu können; wenn Ihr also das Urthcil eines Sachverständigen beachten wollt, so glaubt mir, Lady Wychccombe würde besser thun, wenn sie sich entfernte. Es wäre in der That ein schöner Triumph für uns pon dem Plantagenet, wenn wir den Contrcadmiral noch über die Nacht hinüber bringen könnten, besonders da der Schiffsarzt des Cäsar sich dahin ausgesprochen, er werde den Untergang der Sonne nicht überleben." Bluewater vermochte seiner Nichte in dem Augenblicke der letz- 659 ten Trennung nur wenig zu sagen. Er küßte sie, segnete sie nochmals, und winkte dann, daß man sie entfernen möchte. Auch Mrs. Dutton bekam ihren vollen Antheil an seinen letzten Liebesbezeigungen; er hatte nämlich gewünscht, daß sie noch verweilen möchte, auch Nachdem Wychcrly und Mildrcd das Zimmer verlassen hatten. »Ihrer zärtlichen Mutterliebe verdanken wir es, vortreffliche Frau," sprach er, mit einer Stimme, die jetzt beinahe zu einem Flüstern herabgcsunken war — „daß sich Mildred für ihre jetzige Stellung so wohlgecignet zeigt. Ihr Wiederfinden wäre wohl noch peinlicher als ihr Verlust gewesen, wenn sie ihrer Familie als ein Wesen ohne Erziehung, mit gemeinen Sitten und Grundsätzen — zurückgegeben worden wäre." „Das hätte bei Mildred unter allen denkbaren Umständen wohl niemals der Fall sein können, Sir," gab die weinende Matrone zur Antwort. „Die Natur hat für das theure Kind zu viel gcthan, als daß sie selbst in den drückendsten Verhältnissen des Lebens anders als zart und lieblich hätte erscheinen können." „So wie es ist, ist's jedenfalls besser, und Gott sei dafür gepriesen, daß er ihrer Kindheit eine solche Beschützerin zur Seite stellte. Sie find dem Kinde Alles in Allem gewesen, und sie wird sich bemühen, Ihnen in Ihren alten Tagen dafür zu lohnen." Davon war Mrs. Dutton zu fest überzeugt, als daß es weiterer Versicherungen bedurft hätte; sie knieete an dem Lager des Sterbenden nieder, empfing seinen Segen, betete dann einige Minuten mit tiefer Inbrunst und entfernte sich gleichfalls. Von jetzt an bis gegen Mitternacht ereignete sich nichts Außergewöhnliches, und Magrath ließ mehr als einmal seine freudigen Ahnungen laut werden, daß der Viceadmiral wohl noch bis zum Morgen am Leben bleiben könnte. Eine Stunde vor Tag lebte jedoch der Verwundete in einer Weise wieder aus, welche dem Arzt Besorgnisse einflößte. Er wußte, 42 » 660 daß keine physische Veränderung dieser Art eintretcn konnte, die nicht in der augenblicklichen Oberherrschaft des Geistes über den Körper ihren Grund fand, wenn der Erstere ans dem Punkte sicht, seine irdische Behausung für immer zu verlassen — ein Umstand, welcher bei solchen Kranken, wo das geistige Element besonders vorherrscht, keineswegs ungewöhnlich ist. So leben dann in ihren letzten Momenten die Kräfte der Seele noch für einen Augenblick wieder auf, gerade wie eine Lampe, welche dem Erlöschen nahe ist, zuvor noch eine Zeitlang glimmt und aufflackert. Er näherte sich dem Bette des Kranken, und betrachtete ihn lange und aufmerksam — es war kein Zweifel mehr, der letzte Augenblick war nahe. „Ihr seid ein Mann und seid Krieger, Sir Jairvis," sprach er zu diesem mit leiser Stimme, „es würde also nicht wohl gc- rathen sein, wenn ich Euer Urtheil in einem Falle dieser Art irre zu leiten versuchen wollte. Unser verehrter Freund, der Contre- admiral, ist nrlieulo mortis, wie man wohl sagen könnte: er wird die nächste halbe Stunde wohl schwerlich überleben." Sir Gcrvaise fuhr auf. Er warf einen ernsten Blick um sich, denn gerade in diesem Augenblicke hätte er viel darum gegeben, wenn er mit seinem sterbenden Freunde hätte allein sein können. Er zauderte jedoch, diesen Wunsch zu äußern, denn es fiel ihm plötzlich bei, daß derselbe wohl unpassend erscheinen möchte. Dieser Verlegenheit wurde er aber durch Blucwatcr selbst enthoben, der sich, wie er selbst, gescheut hatte, ein solches Begehren laut werden zu lassen. Der Kranke winkte dem Arzte, hcrbeizu- kommen, und flüsterte ihm seinen Wunsch in's Ohr, mit dein kom- mandircnden Admirale allein gelassen zu werden. „Nun denn —- es heißt die Regeln unserer Praxis noch nicht überschreiten, wenn wir dem armen Manne sein Ansuchen gewähren," murmelte Magrath, und schaute sich nach seinen chirurgischen Instrumenten um, welche er mit der Kaltblütigkeit eines Handwerks- 661 mannes zusammenlas, der im Begriffe steht, den bisherigen Ort zu verlassen, um seine Arbeit an einem andern wieder aufzunehmen: „ich meines Theils bin bereit, seiner Bitte nachzukommcn." Mit diesen Wortensschob er Galleygo und Gcoffrcy vor sich her zum Zimmer hinaus, verließ cs dann selbst und verschloß die Thüre. Sobald sich Sir Gervaise mit seinem Freunde allein befand, kniecte er an dessen Sterbebette nieder und betete, indem er die Hand des Sterbenden mit seinen beiden umklammerte. Mrs. Drittens Beispiel und die Erschütterung seines eigenen Herzens verlangten dieses Opfer; sobald dasselbe gebracht war, fühlte er eine große Erleichterung i» sich, während sein Schmerz ihn vorher beinahe zu ersticken gedroht hatte. „Willst du mir vergebe», Gervaise?" flüsterte Bluewater. „Nur dieses Wort nicht— nur dieses Wort nicht, mein theurer Freund. Wir Alle haben unsere Augenblicke der Schwäche und bedürfen insgesammt der Verzeihung. Möge mir Gott meine Sünden so gewiß vergeben, als ich deinerJrrthümcr von Herzen vergesse!" „Gott segne dich, Oakcs, und erhalte dich als denselben biederen, treuherzigen Manu, der du immer gewesen!" Sir Gervaise begrub sein Antlitz in die Bettvorhänge und stöhnte laut. „Küsse mich, Oakes," flüsterte der Contreadmiral. Der Kommandirende erhob sich von seinen Knieen, um diesen Wunsch zu erfüllen, und beugte sich über den Körper seines Freundes. Als er die Largcbotene Wange geküßt hatte, glänzte ein wohlwollendes Lächeln auf dem Angesichte des Sterbenden und sein Athcm stockte. Es dauerte noch etwa eine halbe Minute, bis der letzte, so bezeichnende Athcmzug, der aus der menschlichen Brust hervorkommt, ausgehaucht war. Den Rest der Nacht brachte Sir Gervaise Oakes allein in dem Todtenzimmer zu; ohne zu ermüden, ging er darin aus und nieder, und rief sich die vielen Scenen von Freude, Gefahr, Schmerz und 662 Triumph in's Gedächtniß zurück, welche er und der Todte mit einander verlebt hatten. Mit dem Wicderkehren des Tageslichtes rief er den Dienern und, zog sich in sein Zelt zurück. Einunddrcißigstes Kapitel. Und sie suchten den todtcn König im Schrein, Wo er ruht hinter Tempels Ketten; Am Schlachttage muß er bewaffnet sein. Um mit ihnen das Land zu erretten! — Drauf zogen sie jubelnd hinab in's Thal, Und die Mauren in der Mittagssonne Strahl Auf Tolosa's Eb'ne zerstoben. Mrß. HemanS. Es bleibt uns jetzt nur noch übrig, von den Schicksalen der Hauptpersonen unserer Erzählung eine kurze Skizze zu entwerfen, und die wenigen Vorfälle zu berichten, welche mit den bisherigen Ereignissen näher verknüpft sind. Bluewaters Tod wurde der Flotte mit Sonnenaufgang bekannt gemacht, indem seine Flagge von dem Bcsanmaste des Cäsar abge- nommcn wurde. Auch des Viceadmirals Flagge wurde zu gleicher Zeit herabgelassen und erschien in der nächsten Minute wieder an dem Fockmaste des Plantagcnct. Die kleine, weiße Wimpel aber, das Zeichen des Ranges des Verstorbenen, ward nie mehr ihm zu Ehren aufgchißt. Gegen Mittag wurde sie über seinem Sarge ausgebrcitct, der dem früheren Wunsche gemäß auf dem Hauptdecke seines Schiffes ausgestellt war, und manche alte rauhe Theerjacke gebrauchte sie mehr als einmal an diesem Tage, um sich die Thrä- nen aus den Augen zu wischen. Am zweiten Tage nach dem Tode eines unserer Helden war der Wind in den Nachmittagsstunden wieder westwärts umgesprungen; alsbald lichtete die ganze Flotte die Anker und segelte gegen 663 Plymouth. Die entmasteten Schiffe waren mittlerweile wieder so weit hergestellt worden, daß sie mehr oder weniger Segel führen konnten; ein Fremder aber, der die düsterblickcnde Linie beobachtet hätte, wahrend sic die Startlandspitze umsegelte, würde geglaubt haben, eine geschlagene'Flotte in den Hafen znrückkehren zu sehcip. Die einzigen Zeichen des Triumphs, welche man blicken ließ, waren die sogenannten Jackflaggcn, welche über den weißen Wimpeln der Prisen flatterten: selbst nachdem alle Schiffe wieder in dem neuen Hasen vor Anker gegangen waren, herrschte noch immer dieselbe Miene der Trauer unter diesen siegreichen Seemännern. Die Leiche wurde mit dem üblichen Pompe an'sLand gebracht; der Tranerzug aber, mit welchem die Krieger der Tiefe ihren Admiral zu Grabe geleiteten, zeichnete sich durch einen Ernst aus, der die gewöhnlichen Ccremonien der Art, bei denen es sich nur um ein Beobachten der Form handelt — weit überbot. Viele pon den Kapitäns, und Greenly insbesondere, hatten Blnewaters neuliche Manöver mit Verwunderung, der Letztere sogar nicht ganz ohne Mißvergnügen wahrgenommen; doch sein nachfolgendes Einschreiten hatte diese Eindrücke wieder völlig verwischt, und in Betreff seines Benehmens an jenem Morgen keine andere Erinnerung in ihnen znrückgelaffen, als das Gcdächtniß seines glänzenden Mnthes und der bewundernswürdigen Geschicklichkeit, womit er seine Schiffe geleitet und das Glück eines beinahe verlorenen Tages wieder hergestcllt hatte. Diejenigen, welche etwas länger über diesen Gegenstand nachdachtcn, schrieben die seltsamen Bewegungen, die der Contreadmiral ausgeführt hatte, allein den geheimen Befehlen zu, welche ihm durch das schon oben erwähnte telegraphische Signal zugcgangen waren. Wir halten nicht für nvthig, noch länger bei den verschiedenen Manövern zu verweilen, welche die Flotte, nachdem sie Plymouth erreicht, auszusühren hatte. Die Beschädigungen wurden ausgebessert, die Prisen in den Dienst ausgenommen, und die Schiffe 664 stachen wieder alle zu gehöriger Zeit in die See, bereit und willig, den Feinden ihres Landes zu begegnen. Sie folgten der bei den schweren englischen Kreuzern jener Zeit üblichen Laufbahn, und da Schiffe überhaupt die hervorragenden Charaktere in unserer Erzählung bilden, so möchte es vielleicht nicht ganz unpassend sein, aus ihre und ihrer rcspektiven Kommandanten verschiedene Schicksale noch einen allgemeinen Blick zu werfen. Der Plantagcnet wurde von Sir Gervaisc gehörig ausgenützt, bis er endlich drei Jahre später abgebrochen wurde, doch erst nachdem er länger als zwei Jahre eine blaue Flagge an seinem Hauptmaste geführt hatte. Grcenly erlebte noch seine Beförderung zum Contrcadmiral der rotkcn Flagge und starb auf der Insel Barbados am gelben Fieber. Der Casar, welchen Stowcl noch fortwährend kommandirtc, scheiterte auf einer Wiuterkrcuzfahrt im baltischen Meere, ohne daß eine einzige Seele von der ganzen Bemannung gerettet werden konnte. Dieses Unglück fiel gerade in den Winter, welcher aus den Sommer unserer Erzählung folgte, und der einzige tröstliche Umstand bei der ganzen Sache war der, daß der Kommandant des Cäsar von jenem Tage an zugleich auch seiner geliebten Mrs. Stowcl los ward. Der Thundcrer nahm noch an mancher folgenden Schlacht An- theil, und sein Kapitän Folcv starb dreißig Jahre später als Con- treadmiral von England und als Viccadmiral von der rothcn Flagge. Der Carnatic wurde noch so lauge von Parker kommandirt, bis der Letztere berechtigt war, eine blaue Flagge au seinem Besaumaste aufzuhisseu; was, um der Form zu genügen, gerade einen Tag lang geschah, worauf beide, Schiff und Admiral, als zu alt für längeren Dienst — in Ruhestand versetzt wurden. Noch sollten wir übrigens beifügen, daß Parker vom König am Bord seines eigenen Schiffes zum Ritter geschlagen wurde — ein Umstand, der noch einen augenblicklichen Sonnenschein auf den Lebensabend eines Mannes warf, der seine Laufbahn in einer so niedrigen Sphäre 665 begonnen hatte, daß dieser glückliche Schluß seine Erwartungen noch weit übertreffen mußte. In direktem Gegensätze hiezu dürfen wir hier wohl beiläufig bemerken, daß es Sir Gervaise aus Grundsätzen, welche denen Parkers gerade entgegengesetzt waren, zum dritten Male ausschlug, sich zum Viscount vonBowldcro ernennen zu lassen. Seine gesellschaftliche Stellung war gesichert, um Politik bekümmerte er sich nichts, und so betrachtete er diese Erhebung mit einer Gleichgültigkeit, welche eine natürliche Folge seiner eigenen Abkunft, seines Reichthums und seines hohen Charakters bildete. Es war nach einem abermaligen Siege, den Sir Gervaise erfochten , als Georg II. persönlich auf diesen Gegenstand anspielte, indem er bemerkte, daß der glückliche Kampf, den wir geschildert haben, noch immer ohne Belohnung geblieben sei. Bei dieser Gelegenheit bekannte der alte Seemann bas wahre Geheimniß seiner hartnäckigen Weigerung, eine Ehre anzunehmen, die er doch, wie man hätte glauben können, ebensogut hinnehmcn als ausschlagcn mochte. „Sir," gab er auf die Bemerkung des Königs zur Antwort, „ich weiß die Gnade Eurer Majestät gebührend zu schätzen, kann aber niemals meine Zustimmung dazu geben, ein Adelsdiplom an- zunehmcn, das in meinen Augen ewig als mit dem Blute meines innigsten, besten Freundes besiegelt erscheinen würde." Diese Antwort wurde nicht vergessen und der Gegenstand später nie wieder berührt. Das Schicksal des Blcnhcim bildete eines jener ausdrucksvollen, l eeren Blätter, wie sie die Bücher der Seegeschichte so charakteristisch bezeichnen. Er segelte allein nach dem mittelländischen Meere ab: nachdem er aber seinen Lootsen entlassen, ward später nie mehr etwas von ihm vernommen. Dieses Unglück ereignete sich jedoch erst, nachdem Kapitän Sterling in einer von Sir Gervaise's späteren Schlachten auf seinem eigenen Verdecke gefallen war. Den Achilles hatte man einstmals, noch ehe der Aachener 666 Frieden geschloffen wurde, zu nahe gegen einige schwere französische Batterien antrciben lassen: auch jetzt wieder, wie damals, wurde ihm jedes Stück seiner Masten ans dem Rumpfe heransgcschoffen, zuletzt aber sah er sich genöthigt, die Flagge zu streichen. Sein Grafenrang und sein Muth retteten Lord Morganic vor dem Kriegsgericht; er erhielt noch vor seiner Auswechslung die Erlaubuiß, nach Paris zu gehen, und schloß daselbst den Bund der Ehe mit einer berühmten Tänzerin — ein Fahrzeug, das seine Zeit nunmehr dermaßen in Anspruch nahm, daß er seinem bisherigen Stande für immer Lebewohl sagte. Nichtsdestoweniger stand sein Name auf der Liste der Viceadmirale von der blauen Flagge, als er späterhin aus diesem Leben absegelte. Der Warspitc und sein Kapitän Goodfellow verstürben beide eines natürlichen Todes; der eine als Aufnahmsschiff, der andere als Contreadmiral von der weißen Flagge. Der Dower, Kapitän Drinkwater, scheiterte bei dem Versuche Kap Scilly während eines Sturmes zu umsegeln, wobei der Kommandant mit der Hälfte der Mannschaft den Tod in den Wellen fand. Der Uork hatte noch manchen harten Strauß zu bestehen, che endlich auch seine Zeit herankam; zuletzt aber wurve er bei einer Hauptschlacht dermaßen beschädigt, daß er verlassen werden mußte und auf offener See niedcrgebrannt wurde. Sein Kommandant war schon früher bei der ersten Kreuzfahrt, die er nach der auf diesen Blättern verzeichneten Action unternahm, unversehens über Bord gestürzt. Die Elisabeth verfaulte als Wachschiff auf dem Medway: Kapitän Blakeley zog sich später als Invalide mit einem Arm und als Admiral von der gelben Flagge aus dem Dienste zurück. Der Dublin begrub seine Gebeine in der Bai von Uork, nachdem er einen strengen Winter hindurch zum Kreuzen an der Nord- küstc verurtheilt gewesen war. Kapitän O'Neil fiel nach dem Frieden in einem Duell mit einem französischen Offizier, welcher behauptet 667 hatte, sein Schiff sei vor zwei Fregatten unter dem Kommando des Chevalier *> davon gelaufen. Die Chloc wurde im nächsten Kriege von einer feindlichen Flotte weggenommcn: Kapitän Denham aber brachte cs bis zur Peerswürde und hatte die weiße Flagge an seinem Hauptmaste flattern. Der Druid litt noch im nämlichen Sommer auf einer Jagd gegen die französische Küste in der Nähe von Bordeaux Schiffbruch, und Blewet war, wenigstens vom dienstlichen Gesichtspunkte aus betrachtet, nie mehr im Stande, den Grund, den er bei dieser Gelegenheit verloren, später wieder zu gewinnen. Was endlich die übrigen Schaluppen und Kutter betrifft, so gingen sie den Weg aller kleinen Kreuzer, während ihre namenlosen Kommandanten das gewöhnliche Schicksal der meisten Seemänner theiltcn. Wycherly blieb zu Wychccombe, bis die Beerdigung seines Oheims Statt hatte, bei welcher er, von Sir Reginalds Einfluß und Sachkenntniß unterstützt, trotz Toms Jntriguen, als Hauptleidtragender erschien. Auch die Angelegenheit wegen der Nachfolge wurde so geleitet, daß sie ihm nur wenig Unruhe verursachte. Als Tom endlich entdeckte, daß seine eigene unrechtmäßige Abkunft bekannt war, und die Hoffnungslosigkeit eines Streites einsah, bei welchem er cs mit einem Gegner, wie Sir Reginald, zu thun hatte, der mit den Thatsachcn eben so genau wie mit den daraus bezüglichen Gesetzen vertraut war — zog er sich gutwillig von dem Kampfplätze zurück. Von diesem Augenblicke an war von den Legaten nicht mehr das Geringste zu vernehmen. Zuletzt erhielt er noch seine zwanzigtausend Pfund aus den sünfprocentigen Staatsaktien nebst der geringen beweglichen Habe, welche Sir Wycherly rechtmäßigerweise hatte vergeben können; er konnte die Erbschaft aber nur kurze Zeit genießen, denn noch im Herbste des nämlichen Jahres zog er sich eine heftige Erkältung zu, und starb wenige Wochen darauf an einem bösartigen Fieber. ') So wurde her Prätendent gewöhnlich genannt. D. N. Da er kein Testament hinterlasscn hatte, so fiel sein Vermögen dem Fiscus anheim, wurde aber durch die Großmnth des Ministeriums, in Berücksichtigung der langjährigen Dienste des Barons, sammt und sonders seinen beiden Brüdern mütterlicher Seits überlassen, welche, wie man sich erinnern wird, die einzigen seines Geschlechtes waren, welche von dem Blute der Wychccombc's in ihren Adern trugen. So geschah cs, daß in diesem Falle über die beiderseitige Verlasscnschast des Baronets und des Richters mit geziemender Beachtung der moralischen Gerechtigkeit verfügt wurde. Auch Wycherly erschien in Gesellschaft Sir Gcrvaise Oakcs, als einer der Hauptleidtragenden bei dem Leichenbegängnisse des Admirals Blucwater. Dasselbe wurde als eine öffentliche Feierlichkeit in der Wcstminstcr Abtei begangen. Auch die Wagen derjenigen königlichen Personen, welche durch die Gesetze der Hofetikette nicht von der Begleitung ausgeschlossen waren, erschienen in dem Traucr- zuge, und von den Mitgliedern ebenderselben Familie, welche der Verstorbene nur als Eindringlinge betrachtet hatte, erschienen mehrere unerkannt bei der letzten Ceremonie, die ihm zu Ehren veranstaltet wurde. Es war dieß übrigens nur eine von den tausenderlei Täuschungen, welche die große Maskerade des Lebens den Augen des Publikums fortwährend darbietet. Die Anerkennung von Mildreds Ansprüchen als Tochter Obrist Bluewaters und Agnes Hedworths fand nur sehr geringe Schwierigkeiten. Lord Bluewatcr war bald zufrieden gestellt: der Besitz von seines Vetters Vermögen war ihm von jeher höchst gleichgültig gewesen, da er ihn niemals weder gewünscht noch erwartet hatte, und so herrschte bald zwischen beiden Partien das vollkommenste Einverständniß. Größere Schwierigkeiten ergaben sich mit der Herzogin von Glamorgan, welche sich zu sehr den Ansichten des höchsten Adels hingegeben hatte, um noch mit Wohlgefallen auf eine Nichte herabsehen zu können, welche als die Tochter eines Scgelmeisters in der Marine auserzogcn worden war. Sie gab zwar zu, daß sie um ihrer Schwester Neigung zu John Bluewater gewußt habe, erhob aber dennoch alle möglichen Einwendungen gegen Mildreds Anerkennung. Ihr zweiter Sohn, Geoffrey, trug, mehr als alle klebrigen zusammen, zur Heilung ihrer Zweifel bei, und als sich Sir Gervaise Oakes in eigener Person zu einer Reise nach dem Park bequemte, um sie zu der Prüfung der beigebrachteu Zeugnisse zu überreden — konnte fic sich wohl nicht länger sträuben. Sobald erst ihr wahrhaft redliches Gemüth dazu vermocht war, auf die gewünschte Untersuchung cinzngchen, mußte sie auch den Beweis als unwiderleglich anerkennen und den Gefühlen der Natur uachgeben. Wycherly war unermüdlich in Begründung der Ansprüche seiner Gattin, und hier sogar noch eifriger, als er bei seinen eigenen Rechts- forderuugen gewesen; er hatte aus den Rath des Viceadmirals — der in Folge einer neulichen allgemeinen Beförderung zum Admiral der weißen Flagge vorgerückt war — darein gewilligt, den Letzteren bei obengenanntem Besuche zu begleiten. Doch war dabei ausgemacht worden, daß er so lange in der nächsten Stadt warten wollte, bis er eine Einladung nach dem Parke erhielte, was alsbald geschehen sollte, so wie sich der Admiral überzeugt haben würde, daß Wycherly's Anwesenheit der Herrin desselben angenehm sein könnte. „Wenn meine Nichte nur halbwegs das empfehlende Neußere meines Neffen zeigt, SirGervaise," bemerkte dieHerzogin, nach- deiA ihr der junge Virginier vorgestellt worden war, indem sie einen besonder» Nachdruck aus das Wort ,NeffH legte, „so kann uns diese neue Verwandtschaft nicht anders als erwünscht sein. Ich bin jetzt in der That sehr neugierig, meine Nichte zu scheu: Sir Wycherly Wychecombe hat mich schon darauf vorbereitet, eine junge Dame von mehr als gewöhnlichen Vorzügen in ihr zu erwarten." „Mein Leben zum Pfände, Herzogin, er hat Ihre Erwartungen nicht zu hoch gesteigert. Das arme Mädchen lebt noch in ihrem Stationshäuschen, wo sie ihrer Mutter Gesellschaft leistet; doch ist es wahrlich hohe Zeit für Euch, Wychecombe, die Braut endlich heimzusühren!" 670 „Ich erwarte sie und Mrs. Dutton -ei meiner Rückkehr in Wychecombe-Hall zu finden, Sir Gervaise, denn so haben wir es mit einander verabredet. Die traurigen Pflichten, welche wir in letzter Zeit zu erfüllen hatten, waren nicht wohl dazu geeignet, die neue Herrin in ihren Wohnsitz einzuführcn, und so wurde dich bis zu einer passenderen Gelegenheit verschoben." „Ich bitte, daß der erste Besuch, welchen Lady Wychecombe machen wird, meinem eigenen Schlosse gelten möge," versetzte die Herzogin. „Ich befehle dieses nicht, Sir Wycherly, als ihre Tante, die wohl einige Ansprüche auf ihre Ergebenheit besitzt — sondern ich bitte darum, weil ich wünsche, ihre volle Liebe zu besitzen. Ihre Mutter war meine einzige Schwester, und einer einzigen Schwester Kind muß uns doch wohl sehr nahe stehen." Die Herzogin von Glamorgan hätte wohl, ehe sie den jungen Virginier gesehen, unmöglich ans diese Art sich aussprechen können; da jedoch der Neffe sich so ganz anders dargestcllt hatte, als sie ihn zu finden erwartete, so hegte sie nunmehr auch die schönsten Hoffnungen in Betreff ihrer Nichte. Wycherly kehrte nach diesem kurzen Besuche bei Mildreds Tante nach Wychecombe zurück, und fand seine liebenswürdige Gemahlin in Gesellschaft ihrer Mutter im vollen Besitze des Schlosses. Dutton blieb noch aus der Signalstation zurück, denn er besaß Scharfsinn genug, um sich zu denken, daß er dort nicht eben willkommen sein würde, und war auch gerade noch so bescheiden, daß er mit vorsichtiger Zurückhaltung zu handeln beschloß. Wycherly achtete jedoch das vortreffliche Weib des Quartiermeisters viel zu sehr, um nicht in Allem die zarteste Rücksicht auf ihre Gefühle zu beachten, und so wurde Dutton eingeladen, ihnen Gesellschaft zu leisten. Wo sich Rohheit und Gemeinheit in einem Charakter, wie der von Dutton, vereinigen, da wird das Schamgefühl nur wenig Einfluß ausüben; der Quarticrmcister nahm demnach die Einladung an, und schmeichelte sich dabei mit der Hoffnung, daß er durch Mildreds Ver- 671 Mahlung mit dem reichen Barouet am Ende doch noch eben so viele Vorthcile gewinnen werde, wie wenn Jene in Wirklichkeit seine Tochter gewesen wäre. Nachdem Wycherly einige Wochen in bescheidenem Glücke zn Haus verlebt hatte, glaubte er es allen Betheiligtcn schuldig zu sein, seine Gattin nach dem Wohnsitze der Herzogin zu fuhren, um sie mit ihren dortigen nahen Verwandten bekannt zu machen. Mrs. Dutton wurde cingeladen, an der Partie Theil zu nehmen; Dutton aber ward zurückgelasscn, da er mit den Sccncn und Gefühlen, welche man dort mit Wahrscheinlichkeit erwarten konnte, durchaus in keiner nothwendigen Verbindung stand. Es hieße die Herzogin zn sehr in's Schöne malen, wenn wir behaupten wollten, sie habe Mildred ohne allerlei schlimme Ahnungen und Besorgnisse empfangen. Doch der erste Blick auf ihre liebliche Nichte ließ ihre natürlichen Gefühle vollständig die Oberhand gewinnen. Die Aehnlichkcit mit ihrer Schwester war so auffallend, daß sie bei dem ersten Entgegenkommen einen durchdringenden Schrei ausstieß, und unter einem Strome von Thronen das junge, zitternde Wesen mit einer Innigkeit und Aufrichtigkeit an's Herz schloß, welche sie alle conventionellen Formen vergessen ließen. — Dieß war der Anfang einer innigen Verbindung, welche jedoch nur kurze Zeit dauerte, da die Herzogin zwei Jahre später mit Tod abging. Wycherly blieb noch bis zu dem Aachener Frieden im Dienst, worauf er der Sec für immer Lebewohl sagte. Seine große Anhänglichkeit an sein Geburtsland führte ihn nach Virginia zurück, wo alle seine nächsten Verwandten weilten, und wo er sein ganzes Herz befriedigt fühlte, als er Mildrcd und seine Kinder neben sich sah. Bei ihm hatten frühere Bande und Gewohnheiten mehr Stärke als Sagen und Ueberlicferungen aus entschwundenen Zeiten. Er baute sich eine geräumige Wohnung auf dem Landsitze, den er von seinem Vater geerbt hatte, und verlebte daselbst den größten Theil seiner Zeit, während Wychecombe der Aufsicht eines 672 sorgsamen Haushofmeisters auvertraut blieb. Mit den Vergrößerungen und Verbesserungen, die er nunmehr cinzusühren im Stande war, gewährte ihm sein virgiuischcs Gut sogar noch ein größeres Einkommen als das in England, und sein Interesse entsprach vollkommen der Wahl, die er getroffen hatte. Doch lagen dieser seiner Wahl keinerlei pekuniäre Rücksichten zu Grunde. Er gab in Wirklichkeit dem offenen, geselligen Tone, wie er damals die Sitten am James-Flnsse anszcichnete, entschieden den Vorzug, da dieselben in jener Zeit eben so weit von der gemeinen, lärmenden Fröhlichkeit des englischen Landadels, als von dem herzlosen Formenwesen der vornehmen Welt entfernt waren. Dazu kam noch, daß sein empfindliches Gefühl deutlich genug bemerkt hatte, wie er in dem Mutterlande doch nur als eine Art Eindringling angesehen wurde. Man sprach von ihm nur als von dem amerikanischen Gutsherrn; so nannte mau ihn in den Tagsblättcrn, als solchen betrachteten ihn sogar seine Pächter, und so konnte er sich in dem Lande, für welches er gesuchten und geblutet hatte, doch niemals recht heimisch fühlen. In England war sein Baronetsraug nicht hinreichend, um diese kleinen Eigenthümlich- keitcn zu vergessen, wogegen er ihm in Virginia einen gewissen Glanz verlieh, wie er einer der Hauptschwächen unserer menschlichen Natur nichts weniger als unangenehm war. ,Zu Hauses wie man damals das Mutterland mit liebevoller Anhänglichkeit nannte, hatte er nie Hoffnung, geheimer Rath zu werden, während ihn sein Rang wie sein Vermögen in seinem Gcburtslande, in der Kolonie, beinahe ganz von selbst in den Rath des Statthalters versetzten. — Mit einem Worte, Wycherlp fand, daß von den weltlichen Rücksichten, welche die Menschen gewöhnlich zu der Wahl eines Wohnsitzes bestimmen, die meisten zu Gunsten desjenigen Landstriches sprachen, in welchem er zufällig geboren worden war, und so wurde seine Entscheidung mehr von seinem Gefühl und Geschmack, als von irgend etwas Anderem geleitet. Sein Geist hatte eine 673 frühzeitige Vorliebe für die Gebräuche und Ansichten des Volkes gefaßt, unter welchem er seine ersten Eindrücke empfangen hatte, und dieser Vorliebe blieb er treu bis zu der Stunde feines Todes. Als ein Muster achter Weiblichkeit fand auch Mildred ihr ganzes Glück in dem Besitze ihres Gatten und ihrer Kinder. Der Letzteren hatte sie blos drei, einen Knaben und zwei Mädchen, welche bald darauf der Sorgfalt von Mrs. Dutton anvertrant werden konnten. Diese vortreffliche Frau war mit ihrem Gatten in Wychecombe zurückgeblieben, bis endlich der Tod feinen Lastern ein Ziel fetzte. Uebrigens war das Ende seiner Laufbahn frei von jenen Scenen herrischer Brutalität und Gewaltthat gewesen, welche die früheren Abschnitte in dem Leben feiner Gattin so elend gemacht hatten. Die Furcht vor den Folgen, welche seiner noch warten mochten, wirkte hier als hemmendes Mittel, und dabei hatte er Verstand genug, um cinznsehen, daß er die leibliche Behaglichkeit, deren er nun genoß, einzig und allein dem Einflüsse feiner Frau verdankte. Er lebte jedoch nur noch vier Jahre. Seine Wittwe reiste nach seinem Tode unverzüglich nach Amerika ab. Wir müßten ein Gemälde nüchterner Wirklichkeiten durch reine Phantasicgcbilde ersetzen, wenn wir behaupten wollten, Lady Wychecombe und ihre adoptirte Mutter hätten ihr eigenes Geburtsland niemals vermißt. Eine solche Vcrläugnung des Gefühls, der Gewohnheiten und der Vornrtheilc ist ja nicht einmal von einem Eskimo zu erwarten. Beide hatten gelegentliche Bemerkungen über das Klima zu machen (und zwar zu Wycherly's größtem Erstaunen, denn er für seine Person war fest überzeugt, daß das von England in der ganzen Welt gerade das schlechteste sei); auch über die Früchte, die Dienerschaft, die Straßen, so wie über die Schwierigkeit, sich manche kleine Luxusartikel zu verschaffen — gab's allerlei Tadel zu hören. Doch wurde dieß Alles nur mit der größten Gntmüthigkeit und mehr scherzweise, als in der wirklichen Absicht, sich zu beklagen, Die beiden Admirale. 43 674 vorgebracht, und konnte also niemals unangenehme Scenen oder Eindrücke veranlassen. Alle Drei machten von Zeit zu Zeit Reisen nach England, wohin der Baronet wegen seiner Güter, besonders aber wegen der Auseinandersetzung mit seinem Verwalter ungefähr alle fünf Jahre einmal zu gehen gcnöthigt war, und so wurden auch die Früchte und das Klima zuletzt noch von den Damen aufgegeben. Nach manchen Jahren wurde sogar die unmanierliche, sorglose aber herzliche Bedienung der Neger dem pedantischen Starrsinn englischer Domestiken vorgezogen, so vollendet die Letzteren auch in ihrem Dienste sein Mochten, und die ganze Sache blieb später statt eines Gegenstandes der Klage nur noch das Ziel mancher munteren Scherze. Es gibt nicht leicht einen größeren Jrrthum, als wenn man glaubt, ein Reisender, der voll von seinen heimathlichen, oft mir zu provinziellen Anfichten zum ersten Male durch ein Land kömmt, sei im Stande, sogar die Gebräuche, welche er wirklich vor Augen hat, mit wohl unterscheidendem Gerechtigkeitssinne zu beschreiben. Diese Wahrheit lernte seiner Zeit die ganze Familie würdigen, und wahrend sic Alle zusammen umsichtiger in ihren kritischen Bemerkungen wurden, trug jene auch dazu bei, ihnen überhaupt größere Nachsicht cinzuflößcn. So wie die Sachen standen, waren im ganzen brittischen Reiche wenig glücklichere Familien als die Sir Wycherly Wychecombe'S zu finden. Er selbst, als das Haupt derselben, bewahrte für alle seine Angehörigen seine männliche, schützende Zärtlichkeit, während seine Gattin — als Matrone eben so schön als sie als Mädchen lieblich gewesen war — ihm mit der vollen Liebe eines Weibes anhing, und sich so hingebend, wie die Weinrebe an dem Eichstammc, an ihm emporrankte. Ucber den Ausgang des Ausstandes im Norden haben wir wohl nicht nöthig, Vieles zu bemerken. Die Geschichte von den Siegen des Chevaliers im ersten und von seiner endlichen Niederlage 675 bei Culloden im folgenden Jahre ist allgemein bekannt. Sir Reginald Wychecombe hatte, gleich hundert Anderen, seine Karten so geschickt gemischt, daß er sich selbst dadurch nicht kompromittirte, und obwohl er sein ganzes übriges Leben nnd sogar bis zu seinem Tode als ein verkappter Jakobitc angesehen wurde, so entging er doch einer gerichtlichen Untersuchung und Strafe. Mit Sir Wy- cherly, als dem Haupt seines Hauses, unterhielt er bis an sein Ende einen freundschaftlichen Briefwechsel, nnd führte sogar in Abwesenheit des Besitzers die Aufsicht über das väterliche Erbgut; bis zu der Stunde seines Todes bewährte er in Geldsachen die gewissenhafteste Rechtlichkeit, gepaart mit einer angeborenen Liebe zum Jn- triguiren und Komploteschmieden, sobald cs sich von Gegenständen der Politik nnd der Thronfolge handelte. Sir Reginald lebte übrigens noch lange genug, um die Hoffnungen der Jakobiten völlig vernichtet nnd den Thron von einem gcbornen Engländer eingenommen zu sehen. Der Leser muß sich nun, nach der für die Hauptpersonen so merkwürdigen Woche, deren Anfang unsere vorliegende Erzählung eröffnete, eine lange Reihe von Jahren als vorübcrgeflossen denken. Die Zeit war mit ihrem gewohnten, nie wankenden Schritte weiter gerückt, und der größere Theil der früheren Generation war nunmehr zn ihren Vätern versammelt. Georg III. saß nun schon seit drei Lustren aus dem Throne, und die Mehrzahl der Hauptpersonen des Jahres 1745 war todt — viele davon in gewissem Grade auch vergessen. Jedes Zeitalter hat aber seine eigenthümlichen Ereignisse, seine eigenthümlichen Veränderungen. Jene Kolonien, welche im Jahre 1745 in dem Glauben, daß ihre politische und religiöse Freiheit von dem Ausgange abhingcn, dem Hause Hannover so treu und unerschütterlich ergeben gewesen — hatten sich unterdessen gegen die Oberherrschaft des Reichsparlamentes empört. Amerika stand bereits in Waffen gegen das Mutterland, und gerade den Tag zuvor, ehe die kleine Scene, welche wir zu schildern im Begriffe stehen, Statt hatte, war die Kunde von der Schlacht bei Bunkers- 43 " 676 « Hill zu London eingetroffen. Obgleich die Tagesblätter und der Nationalstolz die besonders hervorragenden Züge dieses merkwürdigsten aller ähnlichen Kämpfe in gewissem Grade verwischten — die Zahl der im Kampfe gestandenen Kolonisten vermehrten und dagegen den Verlust der königlichen Truppen verminderten — so muß doch der Eindruck, welchen diese Nachricht verbreitete, wie man allgemein behauptet, weit größer gewesen sein als jeder andere, der noch aus jener Zeit bekannt ist. In England — sogar in ganz Europa, und zwar bis auf die jetzigen Zeiten herab — hatte die Meinung vorgchcrrscht, die Thiere des neuen Kontinents, mit Einschluß der Menschen, besäßen weniger Muth und physische Stärke als die des alten, und Erstaunen mischte sich in die Ahnungen auch der Hcllersehcnden, als man fand, daß ein Haufen schleckt bewaffneter Landleutc cs gewagt hatte, der doppelten Zahl regulärer Truppen in einem äußerst blutigen Kampfe — und zwar noch unter den Kanonen der königlichen Land- und Flottenbattcrien — entgegen zu treten. In London selbst wurden in jenem Augenblicke allerhand seltsame Gerüchte verbreitet, und die politische Welt war über die nächste Zukunft mit den düstersten Ahnungen erfüllt. An dem Morgen des bezeichnten Tages war die Westminster- Abtei, wie gewöhnlich, für die Besuche der Neugierigen oder besonders Betheiligteu geöffnet. Verschiedene Gesellschaften waren in den Chorgängcn und Kapellen zerstreut: einige lasen die Inschriften auf den einfachen Gcdächtuißtafcln der Tobten, welche — indem sie sich selbst verherrlicht, auch ihre Nation verherrlicht hatten; andere horchten ans die Namen von Fürsten, die ihre einzige Bedeutung von ihren Thronen und Verbindungen ableiteten, und wieder andere wunderten zwischen den prunkvolleren Denkmälern umher, die gleichermaßen zur Verherrlichung der Unbedeutendheit wie zur Bezeichnung der letzten Ruhestätten neuerer Helden und Staatsmänner errichtet worden sind. 677 Die Schönheit der Witterung hatte ungewöhnlich viele Besuche herbeigelockt, und nicht weniger als ein halbes Dutzend Equipagen warteten in dem Palasthofc oder in dessen Nähe. Eine darunter führte eine Herzogskrone im Wappenschild, und ermangelte auch nicht, alsbald jene Aufmerksamkeit zu erregen, welche in England so oft dem Range gezollt wird. Die Wagen waren übrigens sämmtlich leer, und manche Partie von Fußgängern betrat das ehrwürdige Gebäude in der freudigen Aussicht, daß sie unter den übrigen Sehenswürdigkeiten auch noch einen Herzog oder eine Herzogin, und noch obendrein unentgcldlich, würden anstaunen dürfen. Dock waren nicht Alle, welche zu Fuß nahten, von diesem gemeinen Gefühle beseelt, denn eine Gesellschaft ging vorüber, ohne auch nur einen einzigen Blick auf die verschiedenen Wagen zu werfen; die älteren Personen dieser Gruppe mochten wohl au solche Dinge zu sehr gewöhnt sein, um hierüber nur einen Gedanken zu verlieren, und die jüngeren schwelgten schon zu sehr in dem Vor- genusse alles Dessen, was sie zu sehen im Begriffe standen, um noch au andere Dinge denken zu können. Die Gesellschaft bestand aus einem hübschen Manne in den Fünfzigen, einer drei bis vier Jahre jüngeren Dame von sehr wohl erhaltenem und noch immer höchst anziehendem Neußern; ferner aus einem jungen Manne von sechsundzwanzig, und zwei lieblichen Mädchen, welche fast wie Zwillinge aussahcn, obwohl die eine eigentlich einundzwanzig, die andere aber nur neunzehn Jahre zählte. — Es war Sir Wyckerly mit Lady Wychecombe, nebst ihren Kindern, nämlich ihrem einzigen Sohne Wychcrly, der so eben von einer fünfjährigen Wanderschaft auf dem Fcstlaude von Europa zurückgckehrt war, und ihren beiden Töchtern Mildrcd und Agnes. Die Familie war ungefähr vor vierzehn Tagen in England angekommen, um den Erben bei seiner Rückkehr von der großen Tour, wie man es damals nannte, zu begrüßen. Das Wiedersehen war herzlich und voll Zärtlichkeit gewesen; nur batte Lady Wychecombe 678 an ihrem Sohne einige unschuldige ausländische Zierereien, oder was ihr wenigstens dafür galt, zu tadeln, und der Baronet selbst lachte herzlich über die französischen, italienischen und deutschen Brocken, welche sich ganz natürlich in des jungen Mannes Unterredung mischten. Doch warf dich Alles keinen Schatten auf die Freude der Gesellschaft, denn unbegränztes Vertrauen und unveränderliche Liebe waren stets in dieser Familie einheimisch gewesen. „Dich ist für mich ein höchst feierlicher Ort," bemerkte Sir Wycherly, als sie bei dem Chorgang der Dichter eintraten, „wo ein gewöhnlicher Mensch nothwendig seine eigene Unbedeutendheit fühlen must. Wir wollen aber zuerst unsere Wanderschaft vollenden und diese denkwürdigen Aufschriften erst beim Herausgehen betrachten. Das Grab, das wir suchen, ist in einer Kapelle auf der andern Seite der Kirche, nahe am großen Eingang. Als ich es das letzte Mal sah, war es ganz einsam." Bei diesen Worten ging die ganze Gesellschaft weiter, und nur diebciden lieblichen, jugendlichen Virginierinnen warfen ernste, ncugie- rigcBlickc aufdieWnndcrdinge, wovonsie allenthalben umringt waren. „Ist dieß nicht ein ganz außerordentliches Gebäude, Wycherly ?" flüsterte Agnes, die jüngere der beiden Schwestern, und hing sich an den einen Arm ihres Bruders, während Mildred den andern eingenommen hatte. „Kann die ganze Welt einen zweiten derartigen Ort anfwcisen?" „Ja, ja, euch von dem Jamesflnsse mag es wohl so Vorkommen!" gab der junge Mann lachend zur Antwort; „hättet ihr aber den Thurm zu Rouen oder zu Rheims, oder den von Antwerpen, ja sogar nur den von Uork in unserem eigenen guten Königreiche gesehen, dann würde das alte Wcstminster bis auf seine kleinen Täfelchen und ellenlangen Namen zusammenfchwinden. Doch Sir Wycherly bleibt stehen: er muß wohl seinen ,Landsalfl*), wie er's nennt, vor Augen haben." So nennt der Engländer das erste Land, das er nach einer langen Seereise zu Gesicht bekommt. D. U. Sir Wycherly hatte in der That Halt gemacht. Er hatte das obere Ende des Mittelschiffs erreicht, von wo er das Innere der Nische oder Kapelle, auf welche er zugcgangcn war, erblicken konnte. Auch jetzt war dort nur ein einziges Monument zu sehen, und dieses war mit einem Anker und anderen nautischen Sinnbildern verziert. Sogar in dieser Entfernung konnte man die Worte lesen: „Richard Sluewater, Canlreadmiral von der weißen Flagge." Der Baronet war übrigens deshalb so plötzlich still gestanden, weil er eine andere Gesellschaft von drei Personen dieselbe Kapelle betreten sah, worin er mit seiner Familie allein zu ;cin gewünscht hatte. Die Gesellschaft bestand aus einem alten Manne, der mit wankenden Schritten cinherging, was wohl hauptsächlich von dem Umstande hcrrühren mochte, daß er sich auf einen Diener stützte, der fast eben so alt wie er selbst war, wenn er gleich einen etwas kräftigeren Körperbau zeigte. Der Dritte war ein schlanker, imponirend aussehcnder Mann in mittleren Jahren, der den Beiden geduldigen Schrittes folgte. Mehrere Thürstcher der Kathedrale beobachteten diese Gruppe mit neugierigen, aber ehrfurchtsvollen Mienen aus der Entfernung, hatten jedoch die Weisung erhalten, die Drei nicht nach der Kapelle zu begleiten. „Das müssen einige alte Kriegskameraden meines armen Oheims sein, welche hier sein Grab besuchen!" flüsterte Lady Wychecombe. „Sieh' nur — der alte, ehrwürdige Herr trägt ebenfalls die Abzeichen eines Seemanns an seinem Stocke." „Wie, Liebe — kannst du ihn wirklich vergessen haben? Da ist ja Sir Gervaise Oakes, der Stolz von England; und jetzt — ach! wie verändert! Es sind jetzt fünfundzwanzig Jahre, seit wir das letzte Mal zusammentrafen, und doch erkenne ich ihn auf den ersten Blick. Der Diener ist der alte Galleygo, sein früherer 680 Hofmeister; den Herrn aber, der bei ihnen ist, kenne ich nicht. Laß uns naher treten — wir können wohl an einem solchen Orte keine unwillkommenen Gäste sein." Sir Geroaise schenkte dem Eintreten der Wychccombe's keine Aufmerksamkeit. An dem leeren Ausdrucke seines Gesichts konnte man deutlich gewahren, daß seine Geisteskräfte durch die lange Zeit und den harten Dienst bedeutend abgeuomme» hatten, während sein Körper noch unversehrt geblieben war — bei einem Manne, der so viele Schlachten mitgemacht hatte, allerdings eine große Seltenheit. Dennoch war in seinem Auge, wenn plötzliche Einfälle seinen Geist durchkreuzten, das Glimmen mancher lebhaften Erinnerung und sogar Zeichen lebhaften Gefühls zu erkennen. Er Pflegte jedes Jahr einmal an dem Gcdächtnißtage der Beerdigung seines Freundes die Kapelle zu besuchen, und war auch heute thcils aus Gewohnheit, thcils auf seinen eigenen Wunsch hergeführt worden. Ein Stuhl wurde für ihn bereit gehalten: darin nahm er dem Grabe gegenüber Platz, so daß er die großen Buchstaben der Aufschrift gerade vor Augen hatte. Er sah jedoch weder ans das Grab noch auf die Fremden, obgleich er ihren Gruß mit einer höflichen Verbeugung crwicdcrte. Sein Begleiter schien im Anfänge durch die fremde Gesellschaft etwas überrascht, wenn nicht gar aufgebracht zu sein; als aber Wycherly die Bemerkung fallen' ließ, daß sie Verwandte des Verstorbenen seien, machte auch er seine artige Verbeugung und gab Raum für die Damen. „Das isbs, was Ihr sehen wolltet, SirJarvy," bemerkte Gallcygo, und rüttelte seinen Herrn etwas weniges an der Schulter, um dadurch sein Gedächtniß aufzuwecken. „Die Kabeltaue da und die Anker, der Besaumast mit der Contreadmiralsflagge am Topp — dicß Alles wurde unserem Freunde, dem ehemaligen Admirale Blue zu Ehren in dieser alten Kirche aufgetakelt; jetzt ist er freilich todt und modert schon manches lange Jahr!" 681 „ Admiral von der Blauen *)," wiederholte Sir Gervaise gleichgültig. „Du irrst dich, Gallcvgo — ich bin Admiral der Weißen und Flottenadmiral noch obendrein. Ich kenne meinen eigenen Rang recht wohl, Sir." „Das weiß ich so gnt, wie Ihr selbst, Sir Jarvy," antwortete Gallcygo, dessen Sprache, was Reinheit betraf, sich mit der Zeit nichts weniger als gebessert hatte — „so gut, wie Ihr oder wie der erste Lord der Admiralität selber. Admiral Blue aber war einst Euer bester Freund, und ich kann cs durchaus nicht bewundern, daß Ihr ihn vergessen habt — laßt nur 'mal eine recht lange Nacht hcrankommcn, und Ihr werdet am Ende auch m i ch noch vergessen." „Ich bitte dich um Verzeihung, Gallcvgo — ich glaube es aber doch nicht. Ich kann mich deiner erinnern, als du noch ein ganz junger Mann warst." „Nun seht — und ebenso werdet Ihr Euch noch auf Admiral Blue besinnen können, wenn Jhr's nur einmal versuchen wolltet. Ich selbst kannte euch Beide, als ihr noch ganz junge Lassen wäret." „Das ist ein höchst peinlicher Anblick," bemerkte der Fremde mit wchmüthigcm Lächeln gegen SirWychcrly. „Dieser Herr steht vor dem Grabe seines thcucrstcn Freundes, und doch scheint er, wie Ihr sehet, auch jede Spur von Erinnerung verloren zu haben, daß jemals eine solche Person existirte. Wofür leben wir denn, wenn wenige kurze Jahre unser Gedächtniß zu einem leeren Blatte umwandeln!" „Ist er schon lange in diesem Zustande?" fragte Lady Wyche- combc mit Theilnahme. Der Fremde stutzte beim Klange ihrer Stimme. Er blickte aufmerksam in das noch immer schöne Antlitz der Sprecherin, und gab erst nach längerer Pause mit einer Verbeugung zur Antwort: „Seit den letzten fünf Jahren erst war cs an ihm zu bemerken; übrigens war der letzte Besuch, den er hier abstattcte, weit Blue heißt nämlich blau. 682 weniger peinlich, als dieser. — Ist aber unser eigenes Gedächtniß auch wohl treu genug? Ich weiß doch gewiß — dieses Gesicht habe ich schon gesehen! Diese jungen Damen, auch-" „Gcoffrcy — th eurer Cousin Gcoffrcy!" rief Lady Wyche- combe und bot ihm ihre beiden Hände entgegen. „Es ist — ja es muß der Herzog von Glamorgan sein, Wychcrly!" Es bedurfte keiner ferneren Erklärungen. Alle Anwesenden erkannten sich im nächsten Augenblick. Sic hatten sich viele — viele Jahre nicht mehr gesehen, und von den drei Bekannten hatte bereits Jedes diejenige Lebcnspcriodc überschritten, wo die größte Veränderung mit unserer äußeren Erscheinung vor sich geht: jetzt aber, da das Eis einmal gebrochen war, strömte auch eine wahre Flut von Erinnerungen über sie herein. Der Herzog oder Geoffny Clcveland, wie wir ihn lieber nennen wollen, küßte seine Cousine und deren Töchter mit freimüthiger Zärtlichkeit, denn kein Wechsel seiner äußeren Stellung hatte seine einfachen Seemannsgewohnhcitcn geändert, und er schüttelte den beiden Herren mit der Herzlichkeit früherer Zeiten die Hand. Dieß Alles blieb übrigens von Sir Gervaise unbemerkt, der in dumpfer Fühllosigkeit vor dem Grabmale dasaß. „Galleygo," sprach endlich der Greis — aber Galleygo hatte sich vor Sir Wychcrly aufgcpslanzt und ihm eine Hand cntgegen- gcstrcckt, die einem Bündel Knochen ähnlich sah. „Ich kenne Euch!" rief der Hofmeister mit einem freudigen Grinsen. „Ich kannte Euch schon in der See da draußen, nur konnte ich Eure Nummer nicht gleich ausfindig machen. Mein Gott, Sir — wenn das Sir Jarvy nicht wieder ermuntert und ihm die alten Zeiten in's Gedächtniß zurückruft, so müßte ich wohl glauben, unser Kabeltau sei nach dem besseren Ende ausgelaufen." „Ich will mit ihm sprechen, Herzog, wenn Ihr es für rathsam haltet," sprach Sir Wychcrly in fragendem Tone. „Galleygo," wiederholte Sir Gervaise, „welcher Stümper hat 683 dieses Kabeltau gefertigt? — er hat ja die Schlaufe verkehrt hin- gemacht." „Ja ^ ja — Sir, 's sind arge Stümper, diese Steiuhauer, Sir Jarvy, und sie wissen gerade so viel von Schiffen, als die Schiffe von ihnen wissen. Hier aber ist der junge Sir Wycherly Wychecombe und will Euch besuchen — Ihr wißt doch noch, des Alten Neffe!" „Sir Wycherly, Ihr seid ein sehr willkommener Gast. Bowl- dero ist zwar ein armseliger Ort für einen Mann von Euren Vorzügen; doch so wie es ist, steht cs ganz zu Euren Diensten. — Wie sagtest du, daß der Name des Herrn laute, Gallcygo?" „Sir Wycherly Wychccombe, der junge — der alte segelte ja in jener Nacht davon, als wir in seinem Hause vor Anker lagen." „Ich hoffe, Sir Gervaise, ich bin Eurem Gedächtnisse nicht gänzlich entschwunden; cs würde mich aufrichtig betrüben, wenn ich dieß glauben müßte. Und mein armer Oheim — er, der in Eurer Gegenwart am Schlagflnsse starb?" „Kullus, iiuilg, »ullum. Das ist gutes Latein— nicht wahr, Herzog? Nullius, nullius, nullius. Mein Gedächtniß ist vortrefflich, ihr Herren. Nominativ — punun, Genitiv — >>onnu6 und so fort." „Nun, Sir Jarvy, da Ihr wieder einmal Euer Latein viert, so möcktc ich doch gerne wissen, ob Ihr wißt, worin sich ein ,Tim- mcrstich^ von einem,PlattknopfH unterscheidet?" „Das ist eine sonderbare Frage, Gallcygo, die du da einem alten Secmannc verlegst." „Nun, wenn Ihr Euch daran erinnert, warum könnt Ihr Euch dann nicht ebensogut auch Eures alten Freundes, des Admirals Blue erinnern?" „Admiral von der Blauen! Ich erinnere mich manches Admirals von der Blauen. Sic sollten mich doch auch einmal zum Admiral von der Blauen machen, Herzog; ich bin jetzt lange genug Contreadmiral gewesen." 684 „Ihr seid einstens wirklicher Admiral von der Blauen gewesen, und damit könnte Jeder zufrieden sein," fiel Galleygo wieder in seiner zuversichtlichen Weise ein; „es sind noch keine fünf Minuten, daß Ihr Euren eigenen Rang so gut kanntet, wie der Sekretär der Admiralität ihn wissen kann. So macht er's immer, ihr Herren — viert und halt an einem Gedanken herum, bis er zuletzt das eine Ende nicht mehr vom andern unterscheiden kann." „Das ist bei Männern von so hohem Alter keineswegs ungewöhnlich," bemerkte der Herzog. „Sie erinnern sich zuweilen einzelner Umstände aus ihrer Jugendzeit, während ibr ganzes späteres Leben wie ein unbeschriebenes Blatt vor ihnen liegt. Ich habe dieses gerade bei unserem ehrwürdigen Freunde wahrgenommen; doch sollte es, denk' ich, nicht so schwer fallen, das Andenken an Admiral Blucwater, oder selbst an Euch, Sir Wychcrlu, in seinem Geiste wieder aufzufrischcn. Laßt m i ch einmal dieSachevcrsnchen,Galleygo." „Ja, Lord Geoffrey" — denn so nannte der Hofmeister noch immer den einstigen Kadetcn — „Ihr handhabt ihn allerdings mehr, wie ein rasebarbeitendes Boot, und besser, als Jeder von uns zu thnn vermag; so will ich die Gelegenheit benützen und unseres alten Lieutenants junges Volk ein wenig überholen, um zu sehen, welche Art von Fahrzeugen er für die nächste Generation vom Stapel laufen ließ." „Sir Gcrvaisc," sprach der Herzog, sich über den Stuhl des Greises lehnend, „hier ist Sir Wychcrly Wychecombc, der einstens eine kurze Zeit als Lieutenant bei uns diente — cs war damals, als Ihr Euch auf dem Plantagenct befandet. Ihr erinnert Euch doch gewiß noch des Plantagencts, mein theurer Sir?" „Des Plantagenets? — Ganz gewiß, Herzog; ich habe ihre ganze Geschichte gelesen, als ich noch Knabe war. Die Eduarde, die Heinriche, die Richarde —" Bei dem letzten Namen hielt er inne: die Muskeln seines Gesichtes zuckten, denn das Gedächtniß batte eine Saite berührt, 685 welche immer noch in ihm nachklang. Doch war die Berührung zu schwach, um mehr als ejne kleine Pause hervorzurufen. „Da habt ihr's," brumteGalleygo, der eben damit beschäftigt war, Agnesens Gesicht mit Hilfe einer silbernen Brille zu mustern, welche er von seinem Herrn zum Geschenke erhalten hatte — „ihr seht nun, er hat auch den alten Planier vergessen - - das Nächste, was er nun vergessen wird, mag wohl sein Mittagessen sein. Es istgottlos, Sir Jarvy, ein solches Schiff zu vergessen." „Ich hoffe wenigstens, Ihr habt Richard Bluewater nicht vergessen?" fuhr der Herzog fort— „ihn, der in unserer letzten Netion mit dem Grafen von Vervillin fiel?" Ein Strahl von Verstand zuckte über das starre, runzlige Gesicht ; das Auge leuchtete, und ein schmerzliches Lächeln kämpfte um seine Lippen. „Wie—Dick!" ries er mit stärkerer Stimme, als er bis jetzt hatte vernehmen lassen. „Dick! he, Herzog! Der gute, treffliche Dick! Wir waren ja Kadeten zusammen, mein Herr Herzog, und ich liebte ihn wie einen Bruder!" „Ich wußte cs ja wohl! und jetzt, darf ich wohl sagen, werdet Ihr Euch auch der traurigen Veranlassung seines Todes erinnern?" „Ist Dick todt?" fragte der Admiral mit ansdruckloscm Blick. „Mein Gott — mein Gott, Sir Jarvy — Ihr wißt ja, daß er's ist, und daß dieses marmorne Gcbäu sein Monument ist — nun m ü ß t Ihr Euch auch des alten Plantcrs erinnern und des County von Fairvillian, und wie wir ihn damals durchdroschcn." „Vergib mir, Galleygo — aber dabei hast du gar nicht nöthig, in Hitze zu gerathcn. AIS ich noch Kadct war, wurde das heftige Reden von allen älteren Offizieren getadelt." „Ihr macht, daß ich meinen Boden wieder verliere," meinte der Herzog, an den Hofmeister sich wendend, um ihn dadurch zum Schweigen zu veranlassen: „ist es nicht erstaunlich, Sir Wycherly, wie sein Geist zu seiner Jugendzeit zurückkehrt und die Scenen des 686 spateren Lebens ganz außer Acht läßt? —Ja, Dick isttodt, Sir Gcrpaisc. Er fiel in jener Schlacht, worin Ihr von den Franzosen zwischen zwei Feuer genommen wurdet — wißt Ihr noch, damals, als Ihr den Fondrovant ans der einen und den Pluto ans der andern Seite hattet — " „Ich erinnere mich!" siel Sir Gervaise mit voller, kräftiger Stimme ein, und sein Auge leuchtete von einem Reste jugendlichen Feuers — „ich erinnere mich! der Fondroyant stand unserem Steuerbord gegenüber — Bunting war hinauf gestiegen, um sich nach Bluewatcr umzuschancn — nein — nein — der arme Bunting war schon getödtet —" „Sir Wycherly Wychecombc war es, welcher später Mildred Bluewatcr, Dicks Nichte, heirathcte," fügte der Baronet bei, der jetzt fast eben so eifrig wie der Admiral selber geworden war; „Sir Wycherly Wychecombc hatte sich hinauf begeben, war aber schon wieder mit der Meldung zurückgekommcn, daß der Pluto hcranrücke!" „Ja, ja, das that er! — Gott segne ihn! Ein geschcidtcr Junge — und er heirathcte wirklich Dick's Nichte? — Gott segne sie Beide. Nun, Sir, Ihr seid zwar ein Fremder, aber die Geschickte wird Euch doch interessircn. Da lagen wir, im Pulvcr- dampfe fast erstickend — ein Zweidecker arbeitete gegen unsere Stcucrbordseite, ein anderer hämmerte ans unfern Backbordbug los; dabei hingen unsere Marssegel auf die Seite herunter und die Kanonen feuerten immer noch aus dem Wrack heraus." „Ah, jetzt kommt's Euch wieder und Ihr sprecht wie ein Buch!" rief Galleygo triumphirend, schwang seinen Stock und stolzirtc in der kleinen Kapelle auf und ab; „ja, ja, so ist's — so war's gerade, denn ich weiß es recht gut, da ich selbst dabei war." „Ich weiß ganz gewiß, daß ich recht habe, Galleygo!" „Recht! — Euer Gnaden haben tausendmal mehr recht, als jedes Logbuch unserer Flotte. — Gcbt's ihnen, Sir Jarvy — Backbord und Steuerbord!" 687 „Das thaten wir ja — das thaten wir ja," fuhr der alte Manu ernsthaft fort, und es gewährte einen großartigen Anblick, wie er sich nun erhob, und immer noch edel und voll feinen Anstands, dabei von all' seinem angeborenen Feuer erfüllt, den Zuhörern gegcnüberstand — „das thaten wir ja! de Vcrvillin war ans unserer Rechten, des Prez auf unserer Linken — der Ranch drohte uns Alle zu ersticken — Bnnting — nein, der junge Wychccombe stand mir zur Seite; er sagte, ein frischer Franzmann komme zwischen uns und den Pluto hereingesegelt, Sir — Verhüt' es Gott! dachte ich, denn wir hatten der Feinde schon wahrlich genug. Dort kommt er! Seht, da ist ihr fliegendes Klüverbanmcnde — und dort - - nun, Wychccombe? — Das ist der alte Römer, der dort durch den Ranch dahersegelt! — Der Cäsar selber! und dort steht Dick und der junge Geoffrc? Cleveland — er war von Eurer Familie, Herzog — dort steht Dick Bluewatcr, zwischen den Kardeclenhäuptern und winkt mit dem Hute herüber — H u r r a h! — Er ist endlich doch noch getreu! — Er ist doch noch getreu — Hurrah! Hnrrah!" Die Hellen Töne erhoben sich gleich dem Schmettern der Trompete, und das Hnrrah des edlen Seemanns klang zwischen den Spitzbogen der Kathedrale, so daß Alle, welche es hörten, erschraken, als ob sic eine Stimme aus dem Grabe vernommen hätten. Sir Ger- vaisc selbst schien erstaunt und schaute halb betroffen und halb erfreut nach der gewölbten Decke empor. „Ist dieß Bowldero oder Glamorgan House, mein Herr Herzog?" fragte er flüsternd. „Keines von beiden, Admiral Oakcs, sondern die Westminster- Abtei — und dieß hier ist das Grab Eures Freundes, des Contre- admirals Richard Bluewatcr." „Gallcygo, hilf mir ans meine Kniee," fuhr der Greis in der Weise eines zurechtgewiesenen Schulknaben fort. „Der Stolzeste von uns Allen sollte vor Gott in seinem eigenen Tempel nieder- 688 kniecn. Ich bitte mich zu entschuldigen, ihr Herren — ich wünsche zu beten." Der Herzog von Glamorgan und Sir Wycherly Wycbccombe halfen dem Admiral niedcrkniecn; Gallcygo folgte hierauf, wie dieß seine Gewohnheit war, dem Beispiele seines Herrn, der sodann das Haupt auf seines Dieners Schulter stützte. Dieser rührende Anblick brachte die andern Alle in dieselbe demuthvolle Stellung — Wy- chcrly, Mildred und ihre Kinder -nebst dem Herzog knieten nieder und vereinigten sich in stillen Gebeten. Eines nach dem andern erhob sich; nur Gallcygo und sein Herr blieben immer noch ans dem Steinpflaster kniecn. Endlich näherte sich Geoffrey Elcvcl.rnd den Beiden, richtete den Greis empor und setzte ihn wieder mitWychcrly'ö Beistand in dem Stuhle nieder. Hier saß er, mit einem ruhigen Lächeln auf seine» betagten Zügen, die offenen Augen ansihcincnd auf den Namen seines Freundes geheftet - sie waren toet und erstarrt. Ein Herzschlag hatte den Strom seines Lebens Plötzlich unterbrochen. So verschied Sir Gcroinse Oakcs, nachdem er das vollste Maaß der Jahre und der Ehren erschöpft hatte — einer der tapfersten und glücklichsten Scckapitäne Englands. Er hatte seine Zeit ausgcdauert, und einen ncuenBclcg für die Wahrheit geliefert, daß weltlicher Erfolg nicht genügt, um des Menschen Bestimmung zu vollenden, denn er hatte in gewissem Grade seine eigenen Geisteskräfte und mit ihnen das Bewußtsein alles Dessen überlebt, was er jemals gethan und was er sich Alles verdient hatte. Als einen geringen Ersatz für dieses Nachlassen der Natur hatte er noch einmal einen zitternden Blick auf eine der anregendsten Scenen und auf das weithin beständigste Gefühl eines langen Lebens geworfen, welches Gott in Seiner Gnade in demselben Augenblicke endigen ließ, da er seiner Größe und Herrlichkeit eine dcmuthsvolle Huldigung dargcbracht hatte. ' - - Druck von C. Hosjmann in Stuttgart.