302 Siebenter Tag. Achte Geschichte.
faden durch das Fenster der Kammer zu ziehen, der mitdem einen Ende auf die Erde herabhinge, mit dem andernaber über den Fußboden weg, bis zu ihrem Bette reichte,wo er unter den Linnen versteckt, wenn sie das Bett be-stiegen hatte, an ihre große Fußzehe befestigt werden sollte.Dies nun ließ sie dem Ruberto melden und befahl ihm,wenn er käme, an dem Faden zu ziehen, worauf sie,wenn der Mann schliefe, ihn loslassen und ihm zu öffneneilen würde; schliefe er aber nicht, so würde sie ihn fest-halten und ihn an sich ziehen, damit er nicht zu wartenbrauche.
Diese Einrichtung gefiel dem Ruberto überaus, undoft ging er hin, und bisweilen gelang es ihm, mit ihrzusammen zu sein, bisweilen aber auch nicht. Zuletzt je-doch, nachdem sie dies Kunststück lange genug fortgesetzthatten, begab es sich in einer Nacht, daß, als die Frauschlief und Arriguecio den Fuß in dem Bett ausstreckte,er diesen Faden entdeckte. Sogleich griff er mit der Handdarnach, und als er ihn an den Fuß der Frau befestigtfand, sagte er zu sich selbst: „Das muß irgend ein Trugsein." Und als er nun bemerkte, daß der Faden zumFenster hinausging, hielt er sich davon überzeugt, schnittdeshalb den Faden leise von der Zehe der Frau ab, be-festigte ihn an die seinige und wartete nun aufmerksam,zu sehen, was dies zu bedeuten haben würde.
Nicht lange hatte ec geharrt, als Ruberto erschien; erzog den Faden, wie er gewohnt war, Arriguecio fühlte es;allein da er ihn nicht wohl angeknüpft hatte und Rubertostark zog, sodaß der Faden ihm in die Hand kam, soglaubte er warten zu müssen, und that dies auch. Arri-guccio indessen stand schnell auf, ergriff seine Waffen undeilte zu der Thür, um zu sehen, wer er wäre und umihm übles Spiel zu bereiten. Arriguecio, trotz dem, daßer Kaufmann war, war ein heftiger und starker Mann;als er daher an die Thür kam, und sie nicht so leise öff-nete, wie die Frau zu thun pflegte, argwöhnte Ruberto,