Das Dekameron. Zweiter Ehe». Das D e k a m e r o n von . Giovanni Boccaccio. Aus dem Italienischen übersetzt von «Karl Witte. Zweite verbesserte Auflage. Zweiter Theil. Leipzig: F. A. B r o ck h a u s. ^ 843 . Zucl-idmösr-si Wsltsl' Xösisi'- ^/Isi-dui-g, SwpNsn-^Iiäsi'sIis-Sii'. 21s, 7s>.21277 BMA- Inhalt des Merten Theils Vierter Tag. ^ Einleitung. I liierter Tag. Erste Geschichte. Tancredi, Fürst von Salerno, tödtet den Geliebten seiner Tochter und schickt ihr sein Herz in einer goldenen Schale; sie gießt vergiftetes Wasser darüber, trinkt es und stirbt. .. IV liierter Tag. Zweite Geschichte. Bruder Alberto redet einer Frau ein, daß der Engel Gabriel in sie verliebt sei, und beschläft sie mehrmals in dessen Namen- Endlich springt er, aus Furcht vor ihren Verwandten, aus dem Fenster und flüchtet sich in das Haus eines armen Mannes, der ihn, als wilden Mann verkleidet, am andern Tage auf den Marktplatz bringt, wo er erkannt, von seinen Klosterbrüdern festgehalten und ins Gefängniß gesetzt wird. 23 liierter Tag. Dritte Geschichte. Drei junge Männer lieben drei Schwestern und flüchten mit diesen nach Kreta. Die älteste von ihnen ermordet ar Eifersucht ihren Geliebten- Die zweite rettet Jene dadurch vom Tode, daß sie sich dem Herzoge von Kreta ergibt, dafür ermordet sie aber ihr Geliebter und flicht mit der ältesten. Die dritte Schwester und ihr Freund werden dieses Mordes beschuldigt und bekennen sich im Gefängnisse dazu. In der VI Inhalt des zweiten Lheils. Seite Furcht vor dem Tode bestechen sie aber ihre -Wächter und fliehen arm nach Rhodus, wo sie im Elende sterben. 36 Vierter Tag. Vierte Geschichte. Gerbino greift gegen das Versprechen König Wilhelm's, seines Großvaters, um die Tochter des Königs von Tunis zu rauben, ein Schiff des Letzteren an. Die Bemannung des Schiffes tödtet die Dame, wofür Gerbino sie Alle umbringt, ihm aber nachher der Kopf abgeschlagen wird. l5 Vierter Tag. Fünfte Geschichte. Lisabetta'S Brüder ermorde» deren Geliebten. Er erscheint ihr im Traume und zeigt ihr, wo er verscharrt sei. Darauf gräbt sie seine» Kopf heimlich aus, thut ihn in einen Basilikumnapf und benetzt ihn täglich stundenlang mit ihren Thränen. Endlich nehmen die Brüder ihr ihn weg, und sie stirbt bald darauf vor Gram. 52 Vierter Tag. Sechste Geschichte. Andreola liebt den Gabriotto. Sie erzählt ihm einen Traum, den sie gehabt, und er ihr einen andere». Darauf stirbt er plötzlich in ihren Armen, und während sie ihn mit ihrer Dienerin nach seinem Hause trägt, werden sie von der Wache gefangen, und sie gesteht, wie sich Alles zugetragen. Der Podestä will ihrer Ehre Gewalt anthun, sie wehrt sich aber. Ihr Kater erfährt indes, wo sie sei, und befreit sie, da er sie unschuldig findet. Sie aber weigert sich, länger in der Welt zu lebe», und wird Nonne. 57 Vierter Tag. Siebente Geschichte. Simona liebt den Pasquino. Während sie miteinander in einem Garten find, reibt Pasquino sich mit einem Salbeiblatte die Zähne und stirbt. Simona wird festgenommen und stirbt gleichfalls, wie sie, um dem Richter den Tod des Pasquino deutlich zu machen, ein anderes jener Salbeiblätter an den Zähnen zerreibt. 67 Vierter Tag. Ächte Geschichte. Girolamo liebt die Salvestra. Die Bitten seiner Mutter nöthigen ihn, »ach Paris zu gehen, und, wie er zurückkommt, findet er seine Geliebte verheirathet. Er schleicht sich verstohlen in ihr HauS und stirbt an ihre Seite. Die Leiche Inhalt des zweiten Theils. VII Seite wird in eine Kirche getragen, und Salvestra sinkt todt neben ihr nieder.... 72 liierter Tag. Neunte Geschichte. Herr Guillem vvn Roussillon gibt seiner Frau das Herz des von ihm getödtetcn Herrn Guillem von Eabcstaing, den sie geliebt, zu essen. Sobald sie es erfahre», stürzt sic sich aus einem hohen Fenster und wird mit ihrem Geliebten begraben- 80 liierter Tag. Zehnte Geschichte. Die Frau eines Arztes legt ihren Geliebten, der einen Schlaftrunk genommen, den sie aber für todt hält, in einen Kasten, den zwei Wucherer mit dem Schcintodten in ihr Haus tragen. Letzterer erholt sich und wird als Dieb gefangen. Die Dienerin der Frau redet dem Richter vor, sie habe Jenen in den Kasten gelegt, den die Wucherer gestohlen, und so wird er vom Galgen gerettet, die Wucherer aber werden wegen des Kastendiebstahls mit einer Geldbuße belegt. 8 l Fünfter Tag. Einleitung. kOI fünfter Tag. Erste Geschichte. Cimon wird durch Liebe vernünftig und raubt Iphigenie, seine Geliebte, zur Sec. In Rhodus verhaftet, befreit ihn Lysimachus, und Beide gemeinschaftlich entführen Iphigenie und Kassandra von ihrem Hochzeitsseste. Sie fliehen nach Kreta und heirathen dort ihre Geliebten, mit denen sie endlich in die Heimat zurückbcrufen werden. 102 Fünfter Tag. Zweite Geschichte. Costanza liebt Martuccio Gomito und überläßt sich auf die Nachricht vvn seinem Tode verzweifelnd und allein einem Kahne, den der Wind nach Susa führt. In Tunis findet sic ihn lebendig wieder und gibt sich ihm, der durch die Rathschläge, die er dem Könige ertheilt, inzwischen dessen Gunst erworben hatte, zu erkennen. Er heirathet sie und kehrt als reicher Mann mit ihr nach Lipari zurück. tI6 Fünfter Tag. Dritte Geschichte. Pietro Boccamazza flieht mit Agnolclla und stößt auf Räuber. Das Mädchen flüchtet sich in einen Wald und wird VIII Inhalt des zweiten Thcils. von dort nach einer Burg geführt. Pietro fällt gefangen in die Hände der Räuber, entgeht ihnen aber wieder und gelangt endlich, nachdem er noch andere Gefahren überstanden, in dieselbe Burg, wo Agnolella sich schon befindet. Dort vermählt er sich mit ihr, und Beide kehren nach Rom zurück.. 125 Fünfter Tag. flirrte Geschichte. Ricciardo Manardi wird von Messer Lizio da Balbona bei der Tochter des Letzteren betroffen. Er heirathet indeß das Mädchen und söhnt sich mit ihrem Water wieder aus... III Fünfter Tag. Fünfte Geschichte. Guidotto von Eremona vertraut dem Giacomino von Pavia sterbend seine Pflegetochter an. Giannole di Severino und Minghino di Mingole verlieben sich zu Faenza beide in sie und werden darüber miteinander handgemein. Endlich wird entdeckt, daß das Mädchen eine Schwester des Giannole ist und Minghino erhält sic zur Frau. 1-12 Fünfter Tag. Sechste Geschichte. Gian von Procida wird bei seiner Geliebten, die inzwischen dem König Friedrich geschenkt worden war, überrascht und mit ihr an einen Pfahl gebunden, um dort verbrannt zu werden. Ruggieri dell'Oria erkennt und rettet ihn aber und er heirathet sie. 150 Fünfter Tag. Siebente Geschichte. Theodor verliebt sich in Wiolantc, die Tochter seines Herrn, des Messer Amerigo, schwängert sie und wird deshalb zum Strange verurtheilt. Während er aber mit Geißel- Hieben zur Hinrichtung geführt wird, erkennt und befreit ihn sein Water und er heirathet Biolante. 158 Fünfter Tag. Ächte Geschichte. Nastagio degli Onesti bewirbt sich um die Liebe einer Dame aus dem Hause Travcrsari, und bringt, ohne Gegenliebe zu finden, dabei sein ganzes Vermögen durch. Auf die Bitten der Seinigen geht er eines Tages nach Chiassi und sieht daselbst, wie ein junges Mädchen von einem Ritter gejagt, getödtet und dann von zweien Hunden gefressen wird. Darauf ladet er seine Familie sowol als die der Dame zu einem Mittagscssen dorthin, und der Anblick des zerfleischten Inhalt des zweiten Theils. IX Scitc Mädchens und die Furcht vor ähnlichem Schicksal erschrecken die Spröde so sehr, daß sie den Nastagio zum Manne nimmt. 168 Fünfter Tag. Neunte Geschichte. Federigo degli Alberighi liebt, ohne Gegenliebe zu finden. Er verzehrt in ritterlichem Aufwand sein ganzes Vermögen, sodaß ihm nur ein einziger Falke bleibt. Diesen seht er, da er nichts Andres hat, seiner Dame, die ihn zu besuchen kommt, zum Essen vor. Sie aber ändert, als sie dies vernommen, ihre Gesinnung, nimmt ihn zum Manne und macht ihn reich. >"6 Fünfter Tag. Zehnte Geschichte. Pietro da Vinciolo geht aus, um anderwärts zu Nacht zu essen. Seine Frau läßt ihren Buhlen kommen; Pietro kehrt aber heim, und die Frau versteckt den Liebhaber unter einem Hühnerkorbe. Pietro erzählt, daß in dem Hause des Ercolano, bei dem er zu Nacht gegessen, ein junger Mensch, den die Frau verborgen hatte, gefunden sei; worüber Pictro's Frau die des Ercolano heftig tadelt. Zum Unglück tritt ein Esel dem Burschen unter dem Korbe auf die Finger, sodaß er schreien muß. Pietro läuft hinzu, sieht ihn und erkennt die Falschheit seiner Frau, ist aber niederträchtig genug, sich am Ende doch wieder mit ihr auSzusöhncn. >85 Sechster Tag. Einleitung. 200 Sechster Tag. Erste Geschichte. Ein Edelmann sagt zu Madonna Orctta, er wolle ihr eine Geschichte erzählen, daß sie glauben solle, sie sitze zu Pferde. Als er sie darauf ungeschickt vorträgt, bittet sie ihn, daß er sie wieder absteigen lasse. 203 Sechster Tag. Zweite Geschichte. Cisti, der Bäcker, bringt durch eine beißende Antwort Herrn Geri zur Einsicht wegen eines unbescheidenen Begehrens. 205 Sechster Tag. Dritte Geschichte. Monna Nonna de' Pulci gebietet durch eine treffende Antwort den unziemlichen Reden des Bischofs von Florenz Stillschweigen. 210 X Inhalt des zweiten Theils. Seite Sechster Tag. Vierte Geschichte. Chichibio, der Koch des Currado Giafigliazzi, verwandelt zu seinem Heile, durch einen schnellen Einfall, den Zorn des Currado in Gelächter und rettet sich von dem Unheil, mit dem Currado ihn schon bedroht hatte. 213 Sechster Tag. Fünfte Geschichte. Messer Forese La Rabatta und Meister Giotto, der Maler, die beide von Mugello zurückkommen, machen sich gegenseitig über ihr unscheinbares Aeußere lustig. 211, Sechster Tag. Sechste Geschichte. Michele Scalza beweist einigen jungen Leuten, daß die Baronci das adlichste Geschlecht in der Welt und in der Maremma sind, und gewinnt dabei eine Mahlzeit. 2I!> Sechster Tag. Siebente Geschichte. Madonna Filippa wird vor Gericht gefordert, weil ihr Mann sie mit ihrem Geliebten betroffen; durch ihre geschickte und scherzhafte Antwort kommt sie aber frei und veranlaßt eine Abänderung des Stadtrechtes. 222 Sechster Tag. Achte Geschichte. Frcsco räth seiner Nichte, niemals in den Spiegel zu sehen, wenn, unausstehliche Leute zu sehn, ihr so widerwärtig sei, als sie sage... 226 Sechster Tag. Neunte Geschichte. Guido Cavalcanti sagt einigen florentiner Edelleuten, die ihn überrascht hatten, in versteckter Weise die Wahrheit. 22t' Sechster Tag. Zehnte Geschichte. Bruder Cipolla verspricht den Bewohnern einer Landstadt, ihnen eine Feder des Engel Gabriel zu zeigen; da er - aber an deren Stelle Kohlen findet, sagt er, sie seien von denen, mit welchen der heilige Laurentius geröstet ward.... 231 Siebenter Tag. Einleitung. 225 Siebenter Tag. Erste Geschichte. Gianni Lotteringhi hört des Nachts an seine Thür klopfen, weckt seine Frau und läßt sich von dieser weiß Inhalt des zweiten Theils. XI Seite machen, es sei ein Gespenst: Beide machen sich daran, dies mit einem Gebet zu beschwört», und das Klopsen hört aus. . 27 t Siebenter Tag. Zweite Geschichte. Peronella verbirgt ihren Liebhaber in einem Bottich, als ihr Mann plötzlich nach Hause kömmt, und da dieser das Fass verkauft hat, so macht sie ihm weiss, sie habe es an cinen Andern verhandelt, der darin sei, um zu sehen, ob es auch fest scheine. Dieser springt heraus, lässt den Bottich von dem Manne ausschaben und ihn dann nach Hause bringen... WO Siebenter Tag. Dritte Geschichte. Bruder Rinaldo schläft bei seiner Gevatterin: der Mann überrascht sie in ihrer Kammer, und man macht ihm weiß, dass Jener seinem Pathen die Würmer beschwöre. 205 Siebenter Tag. vierte Geschichte. Tofano sperrt seine Frau eine Nacht vor dem Hause aus, und da diese auf ihre Bitten keinen Einlaß erhalten kann, so thut sie, als stürze sie sich in einen Brunnen, indem sie cinen grossen Stein hinenwirst; Tofano kommt hierauf aus dem Hause, die Frau schleicht sich hinein und sperrt nun ihn aus, indess sie ihn zugleich ausschilt und verhöhnt. . 272 Siebenter Tag. Mnfte Geschichte. Ein Eifersüchtiger hört, als Priester verkleidet, seine Frau zur Beichte, welche ihm weiss macht, dass sie einen Pater liebe, der jede Nacht zu ihr komme, und während der Eifersüchtige nun diesem an der Thür verborgen auslauert, lässt die Frau ihren Liebhaber über das Dach zu sich kommen, und verweilt mit ihm. 278 Siebenter Tag. Sechste Geschichte. Madonna Jsabella verweilt mit Lionetto und wird von Herrn Lambertuccio, der sie liebt, besucht; auch ihr Mann kehrt zurück, und sie schickt den Lambertuccio nun mit einem Messer in der Hand aus dem Hause, worauf der Mann den Lionetto freundlich nach Hause begleitet. 288 Siebenter Tag. Siebente Geschichte. Lodovico offenbart der Madonna Beatrice die Liebe, die er für sie hegt. Sie schickt den Egano, ihren Mann, in Inhalt des zweiten Theils. ihren Kleidern in den Garten, während Lodovico sie beschläst. Dann steht dieser auf und prügelt im Garten den Egano... 293 Siebenter Tag. Achte Geschichte. Ein Mann wird auf seine Frau eifersüchtig, und diese wickelt sich einen Bindfaden um die Zehe, um zu fühlen, wenn ihr Liebhaber kommt; der Mann wird dessen gewahr, und während er den Liebhaber verfolgt, legt die Frau eine Andere an ihre Stelle ins Bett, die der Mann schlägt und der er die Locken abschneidet; dann eilt er zu ihren Brüdern, die, als sie finden, daß Alles unwahr sei, ihn heftig ausschelten. 3W Siebenter Tag. Neunte Geschichte. Lydia, die Frau des Nikostratus, liebt den Pyrrhus, welcher, um cs glauben zu können, drei Dinge von ihr fordert, die sie alle vollbringt; überdies aber ergötzt sie sich mit ihm in Gegenwart des Nikostratus und spiegelt diesem vor, es sei nicht wahr, was er mit Augen gesehen.310 Siebenter Tag. Zehnte Geschichte. Zwei Sieneser lieben eine Frau, die des Einen Gevatterin ist; der Gevatter stirbt und erscheint, seinem -Versprechen gemäß, dem Gefährten und berichtet ihm nun, wie er sich jenseits befindet. 323 Es schließt des Dekameron dritter Tag, und es beginnt der vierte, an welchem unter dem Regiments des Philostratus von Personen geredet wird, deren Liebe ein unglückliches Ende nahm. (beliebte Damen, sowol nach den Worten weiser Männer, die ich vernommen, als nach Dem, was ich selber oftmals gesehen und gelesen hatte, glaubte ich, daß der ungestüme und sengende Wind des Neides nur die hohen Thürme und die erhabensten Baumwipfel erschüttere; doch ich finde mich in dieser meiner Meinung betragen. Weil ich nämlich das wilde Ungestüm jenes wüthenden Geistes fliehe und immer vor ihm geflohen bin, habe ich absichtlich meinen Weg nicht allein in der Ebene, sondern in den tiefsten Thalern gehalten. Diese meine Gesinnung muß schon Demjenigen deutlich genug einleuchten, der die gegenwärtigen Geschichtchen betrachtet, die ich nicht nur in florentinischer Volkssprache, und in Prosa, ohne weitere Bezeichnung, sondern in der anspruchlosesten und bescheidensten Schreibart von der Welt verfaßt habe. Dem Allen aber ohnerachtet, bin ich dem Ungestüm jenes Sturmes so wenig entgangen, daß er mich vielmehr gewaltig erschüttert, ja fast entwurzelt hat, und ich ganz zerfleischt bin -»on den Bissen des Neides. Daraus erhellt mir denn gar deutlich die Wahrheit Dessen, was die Weisen sagen, daß allein unter allen gegenwärtigen Dingen die Erbärmlichkeit dem Neide entgeht. Einige nämlich haben Dekameron. II. I 3 Vierter Tag. beim Lesen dieser Geschichten gesagt, daß Ihr, o Damen, mir zu wohl gefallet, und daß es mir übel anstehe, wenn ich solches Behagen daran finde, Euch zu unterhalten und zu ergötzen, oder gar (wie Andere noch arger sich ausgedrückt haben), Euch zu loben. Wieder Andere, die ihr Urtheil für ein reiferes gelten lassen wollten, haben gemeint, für mein Alter seien dergleichen Dinge unziemlich, als da wären, noch immer bemüht sein, den Damen zu gefallen und nur von ihnen zu reden. Nock- Andere haben sich auf das zärtlichste um meinen Nachruhm besorgt gestellt und geäußert, ich würde besser thun, mit den Musen auf dem Parnasss zu weilen, als mit solchem Geschwätze unter Euch zu verkehren. Auch hat es nicht an Solchen gefehlt, die, mit größerer Geringschätzung als Einsicht, der Meinung gewesen sind, daß ich gescheuter thun würde, daran zu denken, wo ich Brot hernehmen wollte, als bei solchen Narretheien vom Winde zu leben. Endlich haben auch Einige zum Nachtheile meiner Arbeit behaupten wollen, die Begebenheiten meiner Erzählungen haben sich ganz anders zugetragen, als ich sie Euch berichte. Von so vielfachen und so gewaltigen Stürmen, von so giftigen und so scharfen Zähnen werde ich gedrängt, beängstigt, ja lebensgefährlich verwundet, weil ich in Euren Diensten, Ihr werthen Damen, stehe; ich aber vernehme und ertrage diese Anfechtungen, Gott weiß es, mit heiterem Muthe. Ob nun gleich meine Vertheidigung in diesen Dingen Euch allein obliegt, bin ich doch nicht gesonnen, meine Kräfte zu schonen, sondern beabsichtige vielmehr, ohne weiteren Verzug, zwar nicht, wie es sich gebührte, zu erwidern, wol aber mit einer geringeren Antwort mich von meinen Gegnern zu befreien. Denn, wenn sie, wo ich noch nicht zum Dritttheil meines Werkes gelangt bin, schon zahlreich und so übermüthig sind, so m«b ich wol vermuthen, daß sie, bevor ich das End« erreichte, wird ihnen anders nicht eine vvrgangige Abfertigung zu Theil, leicht Einleitung. in solcher Maße sich vervielfältigt haben möchten, daß sie mich mit geringer-Mühe in den Grund bohren und Eure, wenn auch noch so großen, Kräfte nichts mehr dagegen vermögen würden. Bevor ich mich indeß darauf cinlasse, irgend Jemandem Antwort zu ertheilen, will ich zu meiner Rechtfertigung nicht eine vollständige Geschichte erzählen, weil es sonst scheinen könnte, als wollte ich meine Geschichten mit denen einer so ehrenwerthen Gesellschaft, als die oben beschriebene war, vermengen, wol aber einen Theil von einer Geschichte mittheilen, damit diese Mangelhaftigkeit selber sie von jenen unterscheide. So sage ich denn zu meinen Widersachern, daß in unserer Stadt schon vor geraumer Zeit ein Bürger, Namens Filippo Balducci, lebte, der, obgleich von ziemlich geringem Stande, dennoch bemittelt und wohlerzogen und für seine Umstände ungewöhnlich welterfahren war. Dieser hatte eine Frau, die er auf das zärtlichste liebte, und sie ihn ebenso, sodaß sie bei ihrem sorgenfreien Leben sich Beide nichts so angelegen sein ließen, als Eines dem Andern recht viel Freude zu machen. Nun geschah es, wie dereinst uns Allen geschehen wird, daß die gute Frau aus dieser Welt ging und ihrem Filippo nichts als einen einzigen Sohn hinterließ, der etwa zwei Jahre alt sein mochte. Der Mann verfiel über den Tod seiner Frau in solche Schwermuth,- als nur jemals Einer, der den Gegenstand seiner Liebe verlor; und da er sich der Gesellschaft beraubt sah, die ihm unter allen die liebste gewesen war, beschloß er, nicht mehr der Welt angehören, sondern sich dem Dienste Gottes widmen und seinen kleinen Sohn gleichem Berufe zuführen zu wollen. Zu dem Ende vertheilte er sein ganzes Vermögen als Almosen, begab sich sodann auf den Monte Asinajo und bezog daselbst mit seinem Sohne «ine kleine Zelle. Während er nun, von Almosen ernährt, mir dem Kinde in Fasten und Beten fortlebte, nahm er sich gar sehr in Acht, in dessen Gegenwart weder von weltlichen Dingen zu reden, noch dergleichen ihm 1 * vor die Augen kommen zu lassen, damit sie dasselbe von jenem frommen Leben nicht abziehen möchten; vielmehr redete er ihm statt Dessen nur von der Herrlichkeit des ewigen Lebens, von Gott und seinen Heiligen, und lehrte es nichts als fromme Gebete. In solchem Leben erhielt er den Kleinen viele Jahre lang, ließ ihn nie aus der Zelle gehen und duldete nicht, daß der Knabe Jemand anders als ihn zu sehen bekam. Filippo war aber gewohnt, zu Zeiten nach Florenz zu wandern, von wo er, nach seinen Bedürfnissen von gottes- fürchtigen Leuten unterstützt, in seine Zelle heimkehrte. Da geschah es denn, daß, als der Sohn das achtzehnte Jahr erreicht, der Vater aber bereits alt geworden war, jener diesen frug, wohin er gehe, worauf Filippo ihm die Wahrheit sagte. Darauf entgegncte der Sohn: „Vater, Ihr seid nach gerade alt und ertragt die Arbeit nur mit Mühe. Warum nehmt Ihr mich nicht einmal mit nach Florenz und macht mich mit den gottesfürchtigen Freunden bekannt, damit ich dann, so oft Ihr es wünschet, allein nach unseren Bedürfnissen in die Stadt gehen kann, und Ihr zu Hause bleibt?" Der Vater erwog, wie sein Sohn schon groß und an ein gottgefälliges Leben so gewöhnt sei, daß die Verlockungen der Welt ihn wol schwerlich würden an sich ziehen können, und sagte bei sich selbst: „Er hat nicht Unrecht." Demzufolge nahm er ihn mit, als er hineinging. Wie der junge Mensch nun Paläste, Hauser, Kirchen und alle die andern Schönheiten sah, von denen Florenz voll ist, und deren er, so weit seine Erinnerung reichte, noch niemals gesehen hatte, verwunderte er sich ausnehmend und fragte bei vielen den Vater, wie sie genannt würden. Der Vater gab ihm Auskunft, und wenn er dann den Namen vernommen, war er zufrieden und fragte nach etwas Anderem. Während der Sohn also frug, und der Vater antwortete, geschah es, daß sie einer Schaar schöner und geschmückter junger Mädchen begegneten, die soeben von einem Hochzeitsfeste heimkchrten. Als der junge Einsiedler diese ansichtig wurde, fragte er alsbald den Vater, was das für Dinger waren. Jener antwortete: „Mein Sohn, schlage die Augen nieder und schaue sie nicht an; denn sie sind vom Uebel." Darauf sprach der Sohn: „Wie nennt man sie denn aber?" Weil nun der Vater in dem Begehrungsvermögen des jungen Menschen nicht unnütze Lust und Verlangen zu erregen wünschte, mochte er sie nicht mit ihrem rechten Namen Weiber nennen, sondern sagte: „Das sind Gänschen." Und, in der That klingt es unglaublich, der junge Mann, der nie zuvor ein Weib erblickt, antwortete sogleich, unbekümmert um Paläste, Ochsen, Pferde, Esel, Geld und alle andern Dinge, die er gesehen: „Vater, ich bitte Euch, verschafft mir so ein Gänschen." „Um Himmels willen, schweige," entgegnete der Vater, „die sind vom Uebel." Darauf fragte ihn der Sohn: „Sieht denn, was vom Uebel ist, also aus?" „Ja," sagte der Vater; aber der Sohn entgegnete wieder: „Ich weiß nicht, was Ihr sprecht, und warum die vom Uebel sind. Was mich betrifft, so habe ich so was Schönes und Reizendes noch nie gesehen. Die sind ja noch schöner als die gemalten Engel, die Ihr mir so oft gezeigt habt. Wenn Ihr mir gut seid, so laßt uns so ein Gänschen mit hinaufnehmen; ich will es schon auffüttern." Da sagte der Vater: „Ich will aber nicht; und Du weißt auch gar nicht, womit die gefüttert sein wollen." Indem er aber so sprach, fühlte er, daß die Natur mehr vermöge, als menschlicher Verstand, und bereute es, ihn nach Florenz mitgenommen zu haben. Was ich bisher von dieser Geschichte erzählt habe, möge indeß genügen, und ich will mich nun zu Denen wenden, an die ich sie gerichtet. Einige meiner Tadler sagten nämlich, ich thue übel daran, daß ich allzu sehr mich bemühe, Euch, Ihr jungen Damen, zu gefallen, und ich finde an Euch ein allzugroßes Behagen. Diese Vorwürfe nun, daß Ihr nämlich mir gefallet, und daß 6 Vierter Tag. ich Euch zu gefallen mich bestrebe, gestehe ich offen als wahr ein; frage aber Jene, ob sie darüber sich verwundern können, wenn sie (die Bekanntschaft mit den liebevollen Küssen, den süßen Umarmungen und den höchsten Freuden der Sinnenlust zu geschweigen, die Ihr, gelieb- teste Damen, öfters gewahrt) nur Eure erlesenen Sitten, Eure gefällige Schönheit und Eure zierliche Anmukh und überdies Eure weibliche Sittsamkeit fortwährend beachteten oder noch beachten; da ein Mensch, der auf einem wilden und einsamen Berge, innerhalb der Wände einer kleinen Zelle und in alleiniger Gesellschaft seines Vaters genährt, erzogen und groß geworden war, sobald er Euch erblickt, nur nach Euch verlangte, Euch begehrte und nur Euch in seinen Wünschen anhing? Werden mich Jene tadeln, verspotten und beschimpfen dürfen, wenn ich, dessen Körper der Himmel ganz zur Liebe für Euch geeignet erschaffen hat, und dessen Geist ich selber seit meiner Kindheit Euch zuführte, seit ich die Kraft Eures Augenlichtes, die Anmuth Eurer honigsüßen Worte und die Flamme empfunden habe, die sich von Euren sehnsüchtigen Seufzern entzündet, — wenn ich an Euch Gefallen finde, oder Euch zu gefallen mich bemühe; besonders, wenn sie ins Auge fassen, daß Ihr vor allen andern Dingen einem Einsiedler, einem ungebildeten Jungen, oder, um richtiger zu sagen, einem wilden Thiere gefielet? Wahrlich, nur wer die Freuden und die Kraft der Gefühle nicht kennt, die die Natur in uns gelegt, und deshalb Euch weder liebt, noch von Euch geliebt zu werden wünscht, tadelt mich auf diese Weife; und der Tadel eines Solchen kümmert mich wenig. Diejenigen aber, die sich über mein Alter aufhalten, müssen wol nicht wissen, daß der Stengel des Lauches grün bleibt, wenn der Kopf auch weiß ist, und ich antworte ihnen, allen Scherz bei Seite, daß ich «S nie für eine Schande halten werde, mich bis zum Ende meines Lebens um Diejenigen zu bewerben, denen zu gefallen Guido Cavalcanti und Dante Allighieri in reifen Jahren, Messer Cino von Pistoja aber in seinem spaten Alter sich zur Ehre und Freude schätzten. Entfernte ich mich nicht dadurch von meiner herkömmlichen Redeweise, so würde ich die Geschichtsbücher herbeibringen und zeigen, wie voll sie von großen Männern des Alterthums sind, die noch in ihren spatesten Jahren sich eifrigst bemüht haben, den Frauen zu gefallen. ^ Ist diese Thatsache Jenen unbekannt, so mögen sie hingehen und sich belehren. Daß ich mit den Musen auf dem Parnasse weilen solle, ist, ich sage es selber, ein guter Rath. Da wir aber weder immer bei den Musen, noch sie immer bei uns bleiben können, so ist es nicht zu tadeln, daß man sich, wenn man von ihnen entfernt ist, mit Gegenständen beschäftige, die ihnen ähnlich sehen. Nun sind die Musen Frauen, und wenn ihnen gleich die Damen an Würde nicht gleich stehen, so haben sie doch auf den ersten Anblick Ähnlichkeit mit ihnen, und müßten mir also gefallen, wäre es auch aus keinem andern Grunde, als diesem. Ueberdem aber haben die Damen mir schon Anlaß gegeben, tausende von Versen zu dichten, während ich auf Anlaß der Musen noch keinen einzigen gemacht habe. Wol aber halfen mir die Musen und lehrten mich jene tausende schreiben, und es ist nicht unmöglich, daß sie während des Schreibens dieser Geschichtchen, so anspruchlos sie sind, mich schon mehrere Male heimgesucht haben. Ist Dem aber also, so thaten sie es vermuthlich der Ähnlichkeit, welche die Damen mit ihnen haben, zu Ehren und zu Gefallen. Demzufolge entferne ich mich, wenn ich diese Geschichten niederschrcibe, lange nicht so weit von dem Berge Parnaß und von den Musen, als Manche vielleicht denken mögen. Was sollen wir aber Denen antworten, die mir aus lauter Mitleiden mit meinem Hunger rathen, auf meinen Broterwerb zu denken? Wahrlich ich wüßte nicht; so viel aber weiß ich wol, daß, wenn ich mir überlege, wie 8 Vierter Lag. ihre Antwort ausfallen würde, wollte ich sie meiner Nothdurst wegen ansprechen, ich sie mir nicht anders denken kann, als: „Geh, bettle Dir bei Deinen Fabeln Brot." Doch haben den Dichtern ihre Fabeln mitunter schon mehr eingebracht, als vielen Reichen ihre Schätze. Manche verherrlichten durch ihre Fabeln das ganze Zeitalter, dem sie angehörten, wahrend viele Andere im Ge- gentheil über dem Bestreben, mehr als ihnen nöthig war zu erwerben, selbst in Kummer und Sorgen verkamen. Doch, wozu die vielen Worte; mögen jene Tadler mich immerhin abweisen, wenn ich von ihnen etwas verlange. Gottlob, für jetzt bedarf ich Dessen nicht; sollte ich aber spater dennoch in Noch gerathen, so weiß ich nach der Lehre des Apostels sowol Ueberfluß als Mangel zu ertragen, und deshalb möge sich es denn Niemand angelegener um mich sein lassen, als ich es selber thue. Diejenigen endlich, welche behaupten, diese Geschichten haben sich nicht auf die erzählte Weise zugetragen, würden mir einen großen Gefallen thun, wenn sie die rechte Wahrheit beibrachten; verhielte sich die alsdann anders, als ich geschrieben habe, so würde ich ihren Tadel gegründet finden und meinen Fehler zu bessern bemüht sein. So lange aber nichts Anderes als Worte zum Vorschein kommt, will ich ihnen ihre Meinung lassen, für mein Theil aber bei der meinigen bleiben und von ihnen Dasselbe sagen, was sie mir vorwerfen. Da ich nun gesonnen bin, für dies Mal mit dem Gesagten mich zu begnügen, erkläre ich, daß ich mit Gottes Hülfe, und mit der, die ich von Euch, Ihr holdseligen Damen, hoffe, und mit Geduld bewaffnet, diesen Stürmen den Rücken kehren und sie blasen lassen will. Kann mir ja doch nichts Anderes, als dem leichten Staube, geschehen, den der Sturmwind entweder nicht von der Stelle rührt, oder den er, wenn er ihn ergreift, in die Höhe führt, und oftmals auf die Häupter der Menschen, die Kronen der Könige und Kaiser, und zu Zeiten auf stolze Paläste und erhabene Thürme absetzt, von denen er, wenn er niederfallt, doch nicht tiefer als bis zu dem Orte fallen kann, von dem er aufgehoben ward. Habe ich also jemals mich mit allen meinen Kräften bemüht, Euch in etwas zu gefallen, so werde ich es nun mehr als je zuvor thun, weil ich erkenne, daß Niemand wider mich mit Grund etwas Anderes sagen kann, als daß die Uebrigen sowol als ich, die wir Euch lieben, nach dem Willen der Natur verfahren. Ihren Gesetzen aber zu widerstreben bedarf es allzugroßer Kräfte, und die es zu thun versuchen, bemühen sich oftmals nicht allein vergebens, sondern zu ihrem eigenen wesentlichen Nachtheil. Was mich betrifft, so gestehe ich, daß ich jene Kräfte weder habe, noch zu haben wünsche; ja, besäße ich sie auch, so würde ich sie doch lieber einem Andern leihen, als für mich verwenden. So mögen denn jene Kläffer schweigen, und wenn sie unfähig sind, sich zu erwärmen, in ihrer Frostigkeit weiter leben. Mögen sie ihren Freuden, oder richtiger, ihren verderbten Lüsten nachgehen, und mir, in dem kurzen Leben, das uns verliehen ist, die meinigen lassen. Nun aber ist es Zeit, daß wir, schöne Damen,nach langem Abschweife dahin wieder zurückkehren, von wo wir ausgegangen sind, und in der begonnenen Ordnung fortfahren. Die Sonne hatte vom Himmel bereits alle Gestirne und von der Erde die feuchten Schatten der Nacht vertrieben, als Philostratus aufstand und die ganze Gesellschaft aufstehcn hieß. Sie gingen in den schönen Garten und lustwandelten dort nach Gefallen; als aber die Effens- stunde gekommen war, speisten sie eben da, wo sie Tages zuvor das Abendessen verzehrt hatten. Nach dem Mittagsschlafe, den sie beendeten, als die Sonne am höchsten stand, setzten sie sich in der gewohnten Weise zu der schönen Quelle nieder. Dann gebot Philostratus Fiammet- tcn, die Reihe der Erzählungen zu beginnen; sie aber Hub, ohne weitere Reden zu erwarten, anmuthig zu reden an - 1 ** 10 Vierter Tag. Erste Geschichte. Erste Geschichte. Tancrcdi, Fürst von Salerno, tödtet den Geliebten seiner Tochter und schickt ihr sein Herz in einer goldenen Schale; sie gießt vergiftetes Wasser darüber, trinkt es und stirbt. „Einen traurigen Gegenstand hat der König uns für heute zu besprechen gegeben, da wir fremde Thräncn, die nicht erzählt werden können, ohne daß Hörer und Sprecher zum Mitleid erregt werden, schildern sollen, wo wir nur, um uns zu erheitern, zufammenkamen. Vielleicht that er es, um die Lustigkeit der vorigen Tage ein wenig auszugleichen; was aber immer ihn dazu veranlaßt haben mag, so will ich, da es mir nicht zukommt, seinen Gefallen zu andern, eine klägliche, herzzerreißende und Eurer Thränen würdige Begebenheit Euch erzählen. Tancredi, der Fürst von Salerno, wäre ein mildherziger und gutgesinnter Fürst gewesen, hätte er sich in seinen alten Tagen nicht noch die Hände mit dem Blute zweier Liebenden besudelt. Es hatte derselbe während seines ganzen Lebens nur eine Tochter gehabt, und wohl ihm! hätte er auch sie nicht besessen. Der Vater liebte sie so zärtlich, als jemals eine Tochter von ihrem Vater geliebt ward, und nur um dieser Liebe willen, weil er sich von ihr zu trennen, nicht über's Herz bringen konnte, verheirathete er sie selbst da noch nicht, als sie schon um mehrere Jahre die Zeit der Mannbarkeit überschritten hatte. Endlich gab er sie zwar einem Sohne des Herzogs von Eapua zur Frau, aber nach kurzer Ehe machte dessen Tod sie zur Witwe, und sie kehrte zum Vater zurück. II Ghismonda und Guiscardo. Sie war von Gesicht und von Gestalt, so schön als je ein anderes Weib gewesen, und dabei jung, entschlossen und gescheut in höherem Maße, als einer Frau vielleicht taugen mag. Wahrend sie nun bei dem zärtlichen Water in Ueberfluß und Bequemlichkeiten lebte, wie sie ihrem hohen Range geziemten, und gewahr ward, daß der Vater vor großer Liebe sich wenig bemühte, sie wieder zu verheirathen, beschloß sie, weil es ihr nicht schicklich bäuchte, ihn um einen zweiten Mann anzusprechen, wenn es ge- ^ schehcn könne, heimlich einen würdigen Geliebten sich zu verschaffen. So beschaute sie sich denn viel eidliche und nichtadliche Männer, die am Hofe ihres Vaters, wie wir c das an Höfen geschehen sehen, verkehrten, und beachtete e das Betragen und die Sitten Vieler unter ihnen. Vor r den Andern aber gefiel ihr ein junger Diener ihres Vaters, , Namens Guiscardo, der, seiner Abkunft nach, ziemlich l gering, seinen Eigenschaften und seinem Betragen zu Folge ' aber mehr als alle Uebrigen adlich zu nennen war, und > in diesen verliebte sie sich, wie sie ihn öfter sah und an - seinem Wesen immer größeres Gefallen fand, in aller c Stille auf das inbrünstigste. Auch hatte der junge Mann, der gleichfalls verständig war, die Gesinnung der Dame - erkannt und ihr sein Herz in solchem Maße zugewendet, > daß er alle Gedanken, außer der Liebe zu ihr, aus seiner e Seele fast gänzlich getilgt hatte. - Während nun Beide einander auf solche Weise heim- l sich liebten, und die junge Dame nach nichts so sehr als e nach einer Zusammenkunft mit ihm verlangte, und den- r noch ihre Liebe Niemandem anvertrauen wollte, erdachte c sie sich eine neue List, um ihn mit den Mitteln dazu be- , kannt zu machen. Sie schrieb nämlich einen Brief,, in ' welchem sie ihm anzeigte, was er des folgenden Tages zu - thun hätte, um zu ihr zu gelangen; dann steckte sie diesen > in die Höhlung eines Rohres, das sie dem Guiscardo > scherzend mit den Worten übergab: „Daraus magst Du heute Abend Deiner Magd ein Blaserohr zum Feueran- 12 Vierter Tag. Erste Geschichte. zünden machen." Guiscardo nahm es hin und errieth bald, daß sie es ihm nicht ohne Ursache gegeben und also dabei gesprochen haben werde. Demzufolge entfernte er sich sogleich und ging damit nach Hause, besah das Rohr und zerbrach es, wie er es gespalten fand. Als er nun innen ihren Brief entdeckt, ihn gelesen und die darin enthaltenen Vorschläge wohl in sich ausgenommen hatte, wurde er so froh wie kein Anderer und begann sogleich ins Werk zu richten, was nöthig war, um auf die angegebene Weise zu ihr zu gelangen. Hart an dem fürstlichen Palaste war schon vor undenklichen Zeiten eine Höhle in den Felsen gehauen, die von einem künstlich durch die Wand des Felsens getriebenen Luftloche einiges Licht empfing. Weil indeß die Höhle selbst vernachlässigt war, hatten aufgeschossene Dornen und Sträuche auch jenes Luftloch fast gänzlich verdeckt. In diese Höhle nun konnte man durch eine geheime Treppe, die sich in einem der von der Dame im Erdgeschoß bewohnten Zimmer des Palastes befand, gelangen, obgleich der Eingang mit einer starken Thür verschlossen war. Auch war von der Treppe seit so undenklichen Zeiten kein Gebrauch gemacht, daß sie dem Gedächtnisse Aller im Schlosse so gut wie entfallen war, und kaum Einer sich erinnerte, daß sie vorhanden sei, dennoch aber hatte die Liebe, deren Auge das Verborgenste gewahr wird, sie in das Andenken der liebenden Dame zurückgerufen. Damit indeß Niemand das Mindeste gewahr würde, hatte sie Tage lang mit den Werkzeugen, die ihr zur Hand waren, allein sich abgemüht, die Thür zu öffnen; dann war sie in die Höhle gegangen, hatte sich jenes Luftloch angesehen und dem Guiscardo geschrieben, daß er suchen möge, dort herunter zu kommen, und zu diesem Ende ihm auch angegeben, wie tief es ungefähr von dort bis auf den Boden sein könne. Zur Ausführung dieses Planes machte sich Guiscardo in aller Eile einen Strick mit allerhand Knoten und Ghismonda und Guiscardo. 13 Schlingen zurecht, um daran hinabzusteigen, zog einen ledernen Koller an, der ihn vor den Dornen schützen sollte, und machte sich dann, ohne Jemanden ein Wort wissen zu lassen, in der nächsten Nacht auf den Weg nach jenem Luftloch. Hier befestigte er das eine Ende des Strickes an einen kräftigen Stamm, der hart am Rande stand, ließ sich alsdann in die Höhle hinab und erwartete die Dame. Diese stellte sich am andern Tage, als wolle sie schlafen, hieß ihre Gesellschafterinnen sie verlassen und eröffnet«!, nachdem sie sich eingeschlossen, die Thür zur Höhle, in der sie ihren Guiscardo fand. Beide begrüßten sich mit unbeschreiblicher Freude, gingen bann miteinander in das Zimmer und verbrachten dort den größten Theil des Tages unter dem lebhaftesten beiderseitigen Ergötzen. Als sie darauf sorgfältige Abrede getroffen, wie sie ihre Liebe fernerhin geheim halten wollten, kehrte Guiscardo in die Höhle zurück, und die junge Dame suchte, nachdem sie die Thür verschlossen, ihre Gesellschafterinnen wieder auf. Guiscardo aber kletterte die folgende Nacht an seinem Stricke empor, kroch aus dem Lustloche, durch das er gekommen war, wieder heraus und ging nach Hause. Wie er nun den Weg einmal gesunden hatte, legte er ihn im Verlaufe der Zeit noch oft auf dieselbe Weise zurück. Endlich aber verwandelte das Schicksal, das den Liebenden so lange und so große Freuden nicht gönnte, durch ein trauriges Ereigniß ihre Glückseligkeit in Jammer und Thränen. — Tancredi pflegte zuweilen ganz allein in das Zimmer seiner Tochter zu kommen, eine Zeit lang bei ihr zu bleiben und mit ihr zu sprechen und dann wieder zu gehen. So kam er denn auch eines Tages nach Tische, als die junge Dame, deren Name Ghismonda war, mit ihren Gesellschafterinnen im Garten verweilte, herunter in ihr Zimmer, ohne daß ihn Jemand gehört oder gesehen hätte. Als er sie nicht fand, wollte er ihr Vergnügen nicht unterbrechen; die Fenster waren verschlossen und die Vorhänge des Bettes 14 Vierter Tag. Erste Geschichte. niedergelassen, und der alte Fürst setzte sich in eine Ecke zu Füßen des letztem auf einen Schemel, lehnte das Haupt ans Bette, zog den Vorhang über sich, als hatte er sich absichtlich verbergen wollen, und schlief ein. Wahrend er noch schlief, verließ Ghismonda, die zu ihrem Unglück eben an jenem Tage den Guiscardo zu sich beschicken hatte, ihre zwei Gesellschafterinnen, kehrte leise in ihr Zimmer zurück, verschloß es hinter sich, und öffnete, ohne zu bemerken, daß Jemand da sei, dem Guiscardo, der sie bereits erwartete, die Thür. Wie Beide nun, ihrer Gewohnheit nach, sich zusammen niederlegten und miteinander scherzten und sich ergötzten, geschah es, daß Tancredi erwachte und Dem, was Guiscardo und seine Tochter miteinander Vornahmen, zuhörte und zusah. Tief ergrimmt darüber, wollte er zuerst seinen Zorn sogleich gegen sie ausschütten, dann aber zog er es vor, zu schweigen und wo möglich verborgen zu bleiben, um spater mit größerer Ueberlegung und geringerer Schande für sich selbst, Das auszusühren, was zu thun ihm bereits dunkel vorschwebte. Die beiden Liebenden blieben nach gewohnter Weise lange Zeit beieinander und wurden Tancredi noch immer nicht gewahr. Endlich standen sie auf, Guiscardo kehrte in die Höhle zurück, und die junge Dame verließ das Zimmer. Darauf ließ Tancredi, obgleich er schon alt war, sich aus einem Fenster des Zimmers in den Garten hinunter und erreichte, ohne von Jemand beobachtet worden zu sein, mit tödtlichem Gram im Herzen, sein Zimmer. In der folgenden Nacht wurde Guiscardo auf seinen Befehl, als er um die Zeit des ersten Schlafes aus jenem Luftloche schlüpfen wollte, verpanzert mit dem ledernen Koller wie er war, von zwei Reisigen gefangen und heimlich vor Tancredi geführt. Als dieser ihn ansichtig wurde, sagte er ihm, fast bis zu Thränen erschüttert: „Guiscardo, meine Güte gegen Dich hat den Schimpf und die Schande nicht verdient, die Du mir, wie ich heute mit eigenen Ghismonda und Guiscardo. 15 Augen sah, in den Meinigen angethan hast." Guiscardo antwortete ihm auf diese Worte weiter nichts, als: „Liebe vermag um Vieles mehr, als Ihr und ich." Daraus befahl Tancredi, daß er in aller Stille in einem benachbarten Zimmer bewacht werde, und so geschah es; Tancredi aber ging, nachdem er viel und mancherlei Vorhaben durchdacht hatte, am andern Tage, bevor Ghismonda von dem Geschehenen das Mindeste erfahren, seiner Gewohnheit zufolge, nach Tische aus das Zimmer seiner Tochter, ließ sie zu sich rufen, schloß sich mit ihr ein und sagte dann unter Thränen: „Ghismonda, ich glaubte Deiner Tugend und Ehrbarkeit so gewiß zu sein, daß ich, von wem es mir auch gesagt worden wäre, hatte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, mir niemals hatte träumen lassen, Du könntest nur daran denken, Dich einem Manne, der Dir nicht angetrant wäre, zu ergeben, geschweige denn, Du wärest fähig, es wirklich zu thun. Daß es nun dennoch geschehen ist, wird mir den kurzen Rest von Leben, den mein Alter mich noch erwarten laßt, auf immer verbittern. Wollte Gott nur wenigstens, daß, wenn Du einmal zu solcher Sittenlosigkeit herabsinken solltest, Du Dir einen Mann erwählt hattest, der Deinem Adel geziemend gewesen wäre; so aber hast Du unter so Vielen, die an meinem Hofe sich aufhaltcn, Dir den Guiscardo, einen Menschen vom niedrigsten Stande, der an unserm Hofe so zu sagen, aus bloßem Erbarmen bis auf den heutigen Tag ernährt worden ist, ausgewählt und mich dadurch in die größten Sorgen gestürzt, da ich nicht weiß, was ich nach dem Geschehenen mit Dir anfangen soll. Ueber Guiscardo, den ich diese Nacht, als er aus dem Luftlochs der Höhle schlüpfte, fest nehmen ließ und gefangen halte, stehen meine Vorsätze bereits fest; was aber aus Dir werden soll, mag Gott wissen, denn ich weiß es nicht. Aus der einen Seite bewegt mich die Liebe, die ich von jeher zärtlicher für Dich empfunden habe, als je ein Vater für seine Tochter, auf der andern erregt mich 16 Vierter Lag. Erste Geschichte. der gerechte Zorn über Deine verbrecherische Thorheit. Jene will, daß ich Dir vergebe, dieser aber nöthigt mich wider meine Natur, Dich hart zu bestrafen. Bevor ich mich jedoch entschließe, will ich hören, was Du selber über das Geschehene zu sagen hast;" — und mit diesen Worten senkte er das Haupt und weinte so heftig, als ein Kind nach argen Schlagen es nur immer thun könnte. Ghismonda hatte bei den Reden ihres Vaters, aus denen sie abnahm, daß nicht allein ihre geheime Liebe entdeckt, sondern auch ihr Guiscardo gefangen sei, unbeschreiblichen Schmerz empfunden und war oft nahe daran gewesen, demselben, nach Art der meisten Weiber, in Thränen und lauten Wehklagen Luft zu macken; dennoch aber besiegte sie diese Schwache, behielt die Züge ihres Gesichts mit wunderbarer Festigkeit in ihrer Gewalt und setzte sich, in der Meinung, daß ihr Guiscardo schon umgebracht sein möge, vor, lieber ihr Leben lassen zu wollen, als die geringste Bitte für sich zu thun. Demzufolge antwortete sie ihrem Vater nicht wie ein betrübtes, oder ihres Vergehens bezüchtigtes Weib, sondern fest und unbekümmert, mit trockenen Augen und sicheren, unveränderten Zügen, folgendermaßen: „Tan- credi, ich bin weder gesonnen zu leugnen, noch zu bitten; denn das Eine würde, und das Andere soll mir nichts nützen. Auch will ich Deine Liebe und Milde durch nichts auf der Welt für mich zu erregen suchen; vielmehr bin ich entschlossen, zuerst die Wahrheit zu gestehen und meine Ehre mit genügenden Gründen zu vertheidigen, dann aber meine Seelengröße durch Thaten auf das nachdrücklichste zu bewähren. Es ist wahr, daß ich Guiscardo geliebt habe, ihn noch liebe, und ihn, nicht nur so lange ich noch am Leben bleibe, was nicht lange sein wird, sondern wenn man nach dem Tode noch liebt, auch alsdann zu lieben nie aufhören werde. Zu dieser Liebe hat mich indeß nicht sowol meine weibliche Schwäche, als Deine Saumseligkeit, mich zu verheirathen, verbunden mit seiner Trefflich- 17 Ghismonda und Guiscardo. keit, getrieben. Da Du selber, Tancredi, von Fleisch und Blut bist, so mußtest Du wissen, Du habest eine Tochter erzeugt, die aus Fleisch und Blut und nicht aus Eisen oder Stein besteht; Du mußtest Dich erinnern und mußt es noch heute thun, obwol Du jetzt alt geworden bist, in welcher Art und mit welcher Kraft die Gesetze der Natur die Jugend bestürmen; und wenn Du gleich als Mann einen Theil Deiner besten Jahre in Waffenübungen verbracht hast, so konnte Dir doch nicht unbekannt sein, was Muße und Ueberfluß über Bejahrte, geschweige denn über junge Leute vermögen. Nun bin ich, als Deine Tochter, von Fleisch und Blut, und weit entfernt verlebt zu sein, vielmehr noch jung an Jahren, und aus beiden Gründen voller sinnlichen Verlangens, dessen Stärke besonders dadurch auf das äußerste gesteigert worden ist, daß ich schon einmal verheirathet gewesen und dadurch gewahr worden bin, welche Wollust es ist, jenes Verlangen zu befriedigen." „So entschloß ich mich denn, da ich doch jenen Angriffen zu widerstehen nicht vermochte, als ein schwaches, junges Weib, wie ich war, zu thun, wozu sie mich verlockten, und verliebte mich wirklich. Aber wahrlich, ich bot dabei alle meine Kräfte auf, so weit ich es zu verhindern im Stande wäre, durch den Fehltritt, zu dem die Natur mich nöthigte, weder Dir noch mir Schande zu bereiten. Auch hatten Amor's Mitleid und meines Geschicks Gunst mir so verborgene Wege erspäht und gewiesen, daß ich zum Ziele meiner Wünsche gelangte, ohne daß Jemand etwas davon gewahr geworden wäre. Dies Alles leugne ich Dir nicht, wer Dir auch jene Kunde hinterbracht hat, oder wie Du sonst das Geschehene erfahren hast. Uebrigens habe ich dem Guiscardo mich nicht, wie Viele thun, aufs Gerathewohl ergeben; nein, ich habe ihn nach sorgfältiger Ueberlegung vor vielen Andern erwählt, ihn mit umsichtiger Sorgfalt zu mir eingeführt und, mit bedächtiger Ausdauer von beiden Seiten, mich lange der Erfüllung meiner Wünsche gefreut." 18 Vierter Lag. Erste Geschichte. „Daß ich eben ihn mir ausersehen, scheinst Du, noch außer meinem Fehltritte an sich (weil Du der gemeinen Meinung mehr als der Wahrheit nachgehst) mir mit besonderer Bitterkeit vorzuwerfen, wenn Du sagst, ich habe mich mit einem Menschen geringen Standes eingelassen, als ob Du mir nicht gezürnt haben würdest, wenn ich mir einen Edelmann zu gleichem Umgänge gewählt hatte. Dabei berücksichtigst Du aber nicht, daß Du keineswegs mich eines Unrechts zeihest, sondern allein das Schicksal, welches nur allzuoft die Unwürdigen erhebt und die Würdigsten in der Tiefe laßt. Aber schweigen wir jetzt davon, und fasse für einen Augenblick das Wesen der Dinge ins Auge, so wirst Du erkennen, daß unser Aller Fleisch aus einem Stoffe besteht, und daß unsere Seelen alle von ein und demselben Schöpfer mit gleichen Fähigkeiten, gleichen Anlagen und gleichen Eigenschaften ausgestattet worden sind. Erst die Tugend hat uns, die wir gleich geboren wurden und noch werden, unterschieden, und Diejenigen, welche sie im höheren Grade besaßen oder übten, wurden edel genannt, während die Uebrigen unedel blieben. Wenn nun gleich späterhin widerstrebende Gebräuche dieses Grundgesetz verhüllt haben, so ist es darum weder aufgehoben, noch aus der Natur und den edlen Sitten getilgt. Der also beweist unwiderleglich seinen Adel, der tugendhaft handelt, und wer ihn dann anders nennt, der ladet auf sich und nicht auf den fälschlich Benannten eine Makel. Thue Dich unter allen Deinen Edelleuten um, erwäge ihre Eigenschaften, ihre Sitten, ihr Betragen und stelle ihnen Guiscardo mit den seinigen gegenüber; willst Du dann leidenschaftlos richten, so mußt Du ihn hoch- adlich, Deine Edelleute alle aber gemein nennen." „Was übrigens Guiscardo's Tugenden und seinen Werth betrifft, so habe ich mich in Hinsicht ihrer auf Niemandes Urtheil, als allein auf Deine Worte und meine Augen verlassen. Wer lobte ihn wol je so lebhaft, als Du ihn wegen alles Dessen gepriesen hast, was an 19 Ghismonda und Guiscardo. einem wackeren Manne des Lobes werth ist? Und wahrlich, Du thatest nicht unrecht daran, denn, täuschten meine Augen mich nicht, so hast Du ihm keinen Lobspruch er- theilt, den ich nicht von ihm durch die Thal viel herrlicher hatte rechtfertigen sehen, als Deine Worte es auszudrücken vermochten. Hatte ich mich aber hierbei dennoch irgendwo betrogen, so wärest Du es gewesen, der mich getäuscht hätte. Willst Du nun noch sagen, ich habe mich mit einem Menschen von niedrigem Stande eingelassen? Gewiß, Du sprächest die Unwahrheit." „Sagtest Du aber vielleicht: mit einem armen Menschen, so könnte man Dir allerdings zu Deiner Schande einräumen, daß Du einen trefflichen Mann in Deinen Diensten nicht besser gefördert hast; doch Armuth beraubt Niemanden des Adels, sondern nur des Besitzes. Wiele Könige, viele große Fürsten sind arm gewesen, und Viele, die hinter dem Pfluge gehen, oder das Vieh hüten, waren und sind überreich." „Das letzte Bedenken, das Du erwähntest, was Du nämlich mit mir machen sollest, schlage Dir nur völlig aus dem Sinne. Bist Du in Deinem späten Alter gesonnen, zu thun, was Du in Deiner Jugend nicht pflegtest; willst Du hart und grausam verfahren, so übe an mir, als der ersten Ursache dieses Vergehens, wenn meine That anders ein solches zu nennen ist, immerhin Deine Härte; denn ich bin entschlossen, mit keinem Worte Deine Milde in Anspruch zu nehmen. Auch betheure ich Dir, daß ich, was Du auch dem Guiscardo angethan bast oder anthun wirst, mir, im Falle Du es nicht thust, mit meinen Händen Dasselbe bereiten werde. Wohlan denn, weine, wenn Du willst, gleich Weibern, und verschließe, wenn Du glaubst, daß wir es verdient haben, dem Mitleiden Dein Herz, und tödte uns Beide mit einem Schlage." Der Fürst erkannte in dieser Rede die Seelengröße seiner Tochter, glaubte sie aber dennoch zu Dem, was sie angedeutet hatte, nicht so fest entschlossen, als in ihren 20 Vierter Tag. Erste Geschichte. Worten lag. Deshalb gab er, als er sie verließ, den Gedanken, seine Harte an ihr selber auszulassen, zwar völlig auf, beabsichtigte aber dafür ihre glühende Liebe durch andere Schlage abzukühlen und befahl zu dem Ende den Zweien, die den Guiscardo bewachten, diesen in der nächsten Nacht ohne alles Geräusch zu erdrosseln, ihm das Herz aus dem Leibe zu nehmen, und dieses ihm, dem Fürsten, zu bringen. Die Wächter thaten genau, wie ihnen befohlen worden war; der Fürst aber ließ sich am andern Tage eine große und schöne goldene Schale reichen, that in diese Guiscardo's Herz und schickte sie alsdann seiner Tochter durch einen vertrauten Diener, dem er auftrug, wenn er die Schale übergäbe, zu sagen: „Das schickt Dir Dein Vater, um Dir an Dem, was Du am meisten liebst, eben so viel Freude zu bereiten, als Du ihm an Dem gewährt hast, was er am liebsten hatte." Ghismonda hatte sich inzwischen, unerschüttert in ihrem schrecklichen Vorsatze, sobald ihr Vater von ihr gegangen, giftige Wurzeln und Krauter bringen lassen, diese abgekocht und ein Wasser daraus bereitet, das sie zur Hand haben wollte, sobald, was sie fürchtete, geschähe. Wie nun der Diener mit dem Geschenke und den Worten des Fürsten vor sie kam, nahm sie mit unverändertem Gesichte die Schale, und war, sobald sie dieselbe aufdeckte, das Herz erblickte und jene Worte vernahm, sogleich völlig überzeugt, es sei Guiscardo's Herz. Deshalb blickte sie zu dem Diener auf und sagte: „Wahrlich einem Herzen wie dieses ziemte kein geringeres Grab als ein goldenes. Darin hat mein Vater verständig gehandelt." Und nach diesen Worten führte sie es zum Munde, küßte es und sagte: „Mein Vater hat mir von jeher und bis zu diesem letzten Augenblicke meines Lebens in allen Dingen die zärtlichste Liebe bewiesen, jetzt aber thut er es mehr als je zuvor. Bestelle ihm dafür den letzten Dank, den ich ihm jemals sagen werde." Als sie so gesprochen hatte, wendete sie sich wieder 21 Ghismonda und Guiscardo. zur Schule, die sie noch fest in den Händen hielt, und sagte, während, sie unverwandt das Herz anblickte: „O, geliebtester Wohnort aller meiner Freuden, Fluch über die Grausamkeit Dessen, der Schuld daran ist, daß ich Dich mit körperlichen Augen sehe. Genügte es mir doch, mit den Augen des Geistes Dich immerdar zu schauen. Du hast nun Deinen Lauf beendet und vollbracht, was Dein Geschick Dir bestimmt hatte. Du bist zu dem Ziele gediehen, dem ein Jeder entgegengeht. Alles Elend und alle Mühen dieser Welt hast Du hinter Dir gelassen und von Deinem Feinde selber ein Grab gefunden, wie es Deinem Werthe gebührt. Nichts fehlt Dir nun zu Deiner vollen Bestattung als die Thränen Derjenigen, die Du im Leben so zärtlich geliebt hast; damit aber auch diese Dir zu Theil würden, gab Gott es meinem unbarmherzigen Vater ein, daß er Dich mir schickte, und ich will sie Dir gewähren, wenngleich ich mir vorgesetzt hatte, mit trockenen Augen zu sterben und durch keinen Schauder meine Züge verändern zu lassen. Werde ich Dir meine Thränen gezollt haben, so will ich ohne Säumen dazu thun, daß durch Deine Hülfe sich meine Seele mit derjenigen, die einst von Dir so sorgsam beherbergt ward, vereinige. Und unter welchem Geleite könnte ich wol zufriedener und sicherer in jenes unbekannte Land gehen, als in der ihrigen. Ich glaube sicher, sie weilt noch hierinnen und betrachtet den Schauplatz ihrer und meiner Freuden, und da ich gewiß bin, sie liebt mich noch, so erwartet sie wol meine Seele, die ihr auf das zärtlichste anhängt." Als sie so gesprochen hatte, begann sie, ohne nach Art der Frauen laut zu klagen, über die Schale geneigt, unter tausend Küssen, die sie dem tobten Herzen gab, einen solchen Strom von Thränen zu vergießen, daß es wunderbar zu sehen war, und nicht anders schien, als sei in ihrem Haupte ein Wasserquell. Ihre Gesellschafterinnen, die um sie hcrumstanden, begriffen weder, was das für 22 Vierter Lag. Erste Geschichte. ein Herz sei, noch was die Worte der Dame zu bedeuten hatten. Dennoch aber weinten sie Alle aus Mitlei- dcn, fragten sie theilnehmend aber vergebens nach der Ursache ihrer Thranen und bescherten sich noch viel mehr, zu thun, was sie nur wußten und konnten, um sie zu trösten. Die Dame aber richtete ihr Haupt, als sie genug geweint zu haben glaubte, wieder aus, trocknete sich die Augen und sagte: „O, vielgeliebtes Herz, nun sind alle meine Pflichten gegen Dich vollendet, und mir bleibt nichts weiter zu thun übrig, als daß ich mit meiner Seele komme, um der Deinen Gesellschaft zu leisten." Und mit diesen Worten ließ sie sich die Flasche reichen, die das Wasser enthielt, das sie am Tage zuvor bereitet, schüttete es in die Schale, in der das Herz von ihren vielen Thronen gebadet lag, setzte sie vollkommen furchtlos an den Mund und trank sie völlig leer. Dann aber bestieg sie, die Schale in der Hand, ihr Bette, nahm die anständigste Lage an, die sie ihrem Körper zu geben wußte, drückte das Herz des todten Geliebten an das ihrige und erwartete so, ohne ein Wort zu reden, ihren Tod. Inzwischen hatten ihre Gesellschafterinnen, ob sie gleich nicht wußten, was für ein Wasser Ghismonda getrunken, Alles, was sie mit angesehen und gehört hatten, dem Tancredi hinterbracht. Dieser eilte, von der Ahnung des Geschehenen getrieben, in das Zimmer der Tochter und trat in dem Augenblicke ein, wo sie sich aus ihr Bette niederlegte. Nun es zu spat war, sprach er ihr mit süßen Worten Trost zu und fing, als er erkannte, wie weit es mit ihr gekommen war, bitterlich zu weinen an. Ghismonda aber sagte zu ihm: „Tancredi, spare diese Thranen auf ein Unglück, das Du nicht, wie dieses, selber herbeigeführt, und verschwende sie nicht um mich, die ich dergleichen nicht begehre. Wer, außer Dir, möchte auch wol über Das weinen, was er selber gewollt hat? Wenn aber dennoch eine Spur der Liebe, die Du für mich empfandest, noch in Dir lebt, so gewähre mir, als letzte Madonna Lisetta und der Engel Gabriel. 23 Gunst, daß, wenn Du nicht dulden wolltest, daß ich stillschweigend und verborgen mit Guiscardo lebte, nun mein Leib wenigstens mit dem seinen, wohin Du ihn immer hast werfen lassen, öffentlich zusammenruhe." Der Drang der Thränen gestattete dem Fürsten nicht zu antworten. Die Dame aber fühlte, daß ihr Ende gekommen sei, drückte noch ein Mal das tobte Herz an die Brust und sagte: „Lebt mit Gott, ich scheide." Da verschleierten sich ihre Augen, ihre Sinne schwanden, und sie schied aus diesem Leben des Leidens. Ein so trauriges Ende nahm, wie Ihr vernommen, Guiscardo's und Ghismonda's Liebe. Tancredi aber bereute seine Grausamkeit zu spat mit vielen Thranen und ließ die beiden Leichen, unter allgemeinem Bedauern der Salernitaner, ehrenvoll in einem und demselben Grabmal bestatten. Zweite Geschichte. Bruder Alberto redet einer Frau ein, daß der Engel Gabriel in sie verliebt sei, und bcschläft sie mehrmals in dessen Namen. Endlich springt er, aus Furcht vor ihren Verwandten, aus dem Fenster und flüchtet sich in das Haus eines armen Mannes, der ihn, als wilden Mann verkleidet, am andern Tage auf den Marktplatz bringt, wo er erkannt, von seinen Klosterbrüdern festgchal- ten und ins Gefängnis gesetzt wird. §)ie Geschichte, welche Fiammetta erzählt, hatte mehrmals die Augen ihrer Gefährtinnen mit Thränen gefüllt; als sie nun aber zu Ende gediehen war, sagte der König mit unfreundlichem Gesichte: „Wohlfeilen Kaufes würde ich die Hälfte der Freuden, die Guiscardo und Ghismonda 24 Vierter Tag. Zweite Geschichte. genossen, mit meinem Leben zu bezahlen glauben; und daß ich so denke, kann Niemanden unter Euch Wunder nehmen, da ich lebend immerwahrend tausend Tode erleide, und mir darum doch nicht das kleinste Theilchen Lust gewahrt wird. Doch will ich meine Lage für jetzt nicht weiter berühren und gebe Pampineen aus, in den kläglichen Geschichten, die meinem Unglücke theilweis ähnlich sind, fortzufahren. Wird sie dann der Weise, in welcher Fiammetta angefangen hat, einigermaßen Nachkommen, so darf ich sicher hoffen, daß ich meine Gluth durch einige Thautropfen gemildert fühlen werde." Als Pampinea den an sie gerichteten Befehl vernahm, erkannte sie zufolge ihrer Freundschaft den Wunsch ihrer Gefährtinnen besser als den des Königs in seinen Worten. So beschloß sie denn, gesonnen Jene vielmehr zu erheitern, als, den Befehl selber abgerechnet, dem Könige zu folgen, ohne von der Aufgabe abzuweichen, eine lächerliche Geschichte zu erzählen, und begann also: Das Volk hat ein Sprüchwort: „Gilt ein Bösewicht für gut, er kann Böses thun, und Niemand glaubt daran," das mir nicht allein reichlichen Stoff, über Dasjenige, was mir aufgegeben ist, zu reden, leiht, sondern an dem sich auch zeigen läßt, wie groß die Heuchelei der Geistlichen ist, die mit ihren weiten und langen Gewändern, mit ihren künstlich gebleichten Gesichtern, mit ihrer Stimme, die sanft und demüthig ist, wenn sie fremdes Gut begehren, aber laut und ungestüm, wenn sie an Andern ihre eigenen Laster tadeln, oder wenn sie vorgeben, daß sie durch Nehmen, Andere aber durch Geben selig werden, ja daß sie überall nicht wie Menschen sind, die gleich uns sich selber um ihre Seligkeit zu mühen haben, sondern wie Herren und Besitzer des Paradieses, Jedem, der da stirbt, je nach der Summe Geldes, die er ihnen hinterläßt, einen mehr oder weniger vorzüglichen Platz in demselben gewähren können, — die mit allem Diesem, sage ich, zuerst sich selber, wenn sie anders daran glauben, und dann alle Madonna Lisetta und der Engel Gabriel. 25 ) Diejenigen zu tauschen suchen, die ihren Worten Glau- r den beimessen. Dürfte ich nur, in Betreff ihrer, Alles - offenbaren, was zu sagen wäre, so wollte ich manchen * einfältigen Seelen bald klar machen, was jene in ihren t weiten Capuzen verbergen. Wollte aber Gott, daß es r ihnen Allen mit ihren Lügen so ginge, wie einem Mino- ' ritcn, der nicht mehr jung war, aber in Venedig für ei- i nen der größten Casuisten galt, und dessen Geschichte ich - besondere Lust habe, Euch zu erzählen, damit Ihr Eure 1 Gemüther, die noch von Mitleid über den Tod der Ghis- 5 monda erfüllt sind, vielleicht durch Scherz und Lachen e einigermaßen wieder erholen mvget. - In Jmola nämlich war einmal ein Mann, der ein > gar ruchlos und sündhaftes Leben führte und Berto della , Massa hieß. Wie seine Schändlichkeiten aber den Jmo- , lesen bekannt wurden, kam es bald dahin, daß ihm in - seiner Heimat Niemand mehr trauen wollte, selbst wenn er die Wahrheit, geschweige denn, wenn er Lügen erzählte. t So sah er denn wol ein, daß es in Jmola mit dem ' Riemchenstechen nicht mehr gehen wollte, siedelte deshalb , nach Venedig, dem Sammelplätze aller Taugenichtse, über, > und hoffte hier auf neue Art bessere Gelegenheit zu sin- - den, als bisher anderwärts der Fall gewesen, um nach , seiner Weise im Trüben zu fischen. Zu dem Ende stellte , er sich über alle die schlechten Streiche, die er zuvor ge- , macht, reuigen Gewissens, that, als habe sich eine un- i sägliche Demuth seiner bemächtigt, wurde der frömmste - Katholik aus der Welt und ließ sich zum Minoriten ein- ! kleiden, als welcher er Bruder Alberto von Jmola ge- ' nannt ward. In diesem seinem neuen Gewände begann > er, dem Scheine nach, ein gar strenges Leben zu führen, ! empfahl Bußen und Enthaltsamkeit aus das nachdrücklichste > und aß kein Fleisch und trank keinen Wein, — wenn er nämlich keinen hatte, der nach seinem Gcschmacke war. Dem Allen zufolge war fast Niemand gewahr worden, daß unser Mönch aus einem Diebe, Kuppler, Fälscher Dekameron. II. 2 26 Vierter Tag. Zweite Geschichte. und Mörder plötzlich, und ohne jene Laster aufzugeben, wenn er sie im Verborgenen begehen konnte, zu einem gewaltigen Prediger geworden war. Auch hatte er sich überdies zum Priester weihen lassen und weinte, da ihm Thranen, wenn er ihrer bedurfte, wenig kosteten, so oft er vor den Augen Vieler Messe las, bitterlich über das Leiden Christi. Mit einem Worte, er wußte durch seine Predigten und durch seine Thranen die Gemüther der Venezianer in solchem Maße zu gewinnen, daß er fast in jedem Testamente als zuverlässigster Vollstrecker und Bewahrer ernannt ward, daß Viele ihr Geld ihm zum Aufheben gaben, und daß er Beichtiger und Rathgeber des beinahe größeren Theiles aller Männer und Frauen ward. Auf solche Weise war er denn vom Wolfe zum Hirten geworden, und der Ruf seiner Heiligkeit war in jener Gegend größer, als der des heiligen Franciscus jemals in Assisi gewesen ist. Nun geschah es, daß ein junges albernes und einfältiges Weib, die Madonna Lisetta, aus der Familie Quirino, hieß, und an einen Großhändler verheirathet war, der mit seinen Galeeren nach Flandern gefahren, bei eben diesem heiligen Mönche mit andern Frauen zur Beichte ging. Als diese nun vor ihm kniend, nach venezianischer Weise (und Windmacher sind die Venezianer alle) ihm einen Thsil ihrer Angelegenheiten vorgetragen, fragte sie Bruder Alberto, ob sie keinen Liebhaber habe. Sie aber antwortete mit erzürntem Gesichte: „Wo denkt Ihr hin, Herr Pater; habt Ihr denn keine Augen im Kopfs? Scheinen meine Reize Euch von derselben Sorte, wie bieder andern Weiber? Mehr wie zu Viele hätt' ich, wenn ich sie wollte, aber ich bin keine Schönheit, in die sich jeder Narr verlieben dürfte. Wie Viele sind Euch denn schon vorgekommen, deren Reize den meinigen gleich kämen? Ich wäre auch im Paradiese schön." Und so fuhr sie fort von ihrer Schönheit so viel Wesens zu machen, daß es gar nicht zum Aushalten war. Bruder Madonna Lisetta und der Engel Gabriel. 27 Alberto merkte gleich, die gute Frau leide nicht an übermäßigem Verstände, und weil ec Erdreich gefunden zu haben glaubte, das seinem Pfluge gerecht fei, verliebte er sich alsbald auf das lebhafteste in sie. Dennoch wollte er sich die guten Worte für eine gelegenere Zeit ausheben und sing, um seine Heiligkeit an den Tag zu legen, für dies Mal an, sie zu schelten und ihr zu sagen, das seien Eitelkeiten, und mehr solche Redensarten. Darauf erwiderte ihm die Frau, er sei ein Esel und wisse nicht, daß eine Schönheit mehr heißen wolle, als eine andere. Bruder Alberto aber wollte sie nicht allzusehr erzürnen, beschloß die Beichte und ließ sie mit den klebrigen gehen. Als nach dieser Zeit einige Tage verstrichen waren, nahm er einen vertrauten Gefährten und begab sich mit diesem in das Haus der Madonna Lisetta; hier ging ec mit ihr in ein Zimmer beiseits, warf sich, daß Niemand ihn sehen konnte, ihr zu Füßen und sagte: „Madonna, ich bitte Euch um Gottes Willen, vergebt mir, was ich Euch am Sonntage sagte, als Ihr mir von Eurer Schönheit sprächet. Ich bin die nächste Nacht so dafür geschlagen worden, daß ich bis heute nicht habe aus dem Bette aufstehen können." Darauf sagte Frau Theekessel: „Wer schlug Euch denn so?" „Das will ich Euch wol sagen," entgegnete Bruder Alberto; „während ich, meiner Gewohnheit nach, die Nacht über auf meinen Knien lag und betete, erblickte ich plötzlich einen Hellen Glanz in meiner Zelle, und ich konnte nicht so bald mich umwenden, um zu sehen, was es sei, als ich einen wunderschönen Jüngling mit einem dicken Stocke in der Hand vor mir stehen sah, der mich sogleich beim Kragen kriegte, mich zu seinen Füßen riß und mir so viel Hiebe gab, bis ich ganz zerschlagen war. Darauf fragte ich ihn, warum er mir so gethan habe; er aber antwortete: „Weil Du Dich heute unterstanden hast, die himmlische Schönheit der Madonna Lisetta, die ich nächst Gott vor allen andern Dingen liebe, zu schmähen." Dann fragte ich ihn 2 « 28 Vierter Tag. Zweite Geschichte. wieder: „Wer seid Ihr denn," und er antwortete mir, er sei der Engel Gabriel. „Ach Herr," erwiderte ich darauf, „seid doch nur so gut und verzeiht mir." Er entgegnete mir aber: „Ich verzeihe Dir; jedoch nur unter der Bedingung, daß Du, sobald Du kannst, zu ihr gehst und Dir von ihr verzeihen laßt. Will sie Dir dann nicht vergeben, so komme ich wieder und prügle Dich so lange, daß Du Dein Leben lang daran genug haben wirst." — Was er mir aber hernach noch gesagt hat, wage ich Euch nicht wieder zu erzählen, wenn Ihr mir nicht zuvor vergeben wollt." Frau Grützkopf, die nicht leicht ein Wasser trübte, war über diese Worte, denen sie vollen Glauben beimaß, ganz vergnügt geworden und sagte nach einer kleinen Weile: „Habe ich Euch's nicht sogleich gesagt, Bruder Alberto, daß meine Schönheit himmlischer Art ist? Aber, Gott soll mir nicht helfen, wenn es mir nicht leid ist um Euch, und damit Euch weiter kein Leides geschehe, verzeihe ich Euch gleich vom Flecke, unter der Bedingung, daß Ihr mir erzählt, was der Engel weiter zu Euch sagte." Bruder Alberto erwiderte: „Madonna, weil Ihr mir denn verziehen habt, will ich Euch Alles genau sagen, doch mache ich Euch darauf aufmerksam, daß Ihr Euch wohl hüten müßt, gegen irgend Jemanden auf der Welt von Dem, was ich Euch sagen werde, das Mindeste zu erwähnen, wenn Ihr, die Ihr das glücklichste Frauenzimmer seid, das lebt, nicht alle Eure Angelegenheiten verderben wollt. Derselbe Engel Gabriel trug mir auf, Euch zu bestellen, Ihr gesielt ihm so gut, daß ec schon oft gekommen sein würde, die Nacht bei Euch zuzubringen, wenn er nicht gefürchtet hatte, Euch zu erschrecken, und nun läßt er Euch durch mich sagen, daß er Euch eine Nacht besuchen und eine Weile bei Euch bleiben will; weil er aber ein Engel ist, und Ihr ihn nicht anrühren könntet, wenn er in Engelsgestalt käme, so will er Euch Madonna Lisetta und der Engel Gabriel. 2!) zu Gefallen, wahrend er Euch besucht, menschliche Gestalt annehmen. Zu dem Ende will er von Euch wissen, wann und in wessen Gestalt er zu Euch kommen soll. Sobald er darüber Auskunft hat, wird er kommen, und Ihr könnt Euch für die glücklichste Frau von der Welt halten." Frau Liese sagte darauf, es sei ihr sehr angenehm, wenn der Engel Gabriel sie liebte, denn sie hatte ihn auch recht lieb, und sie kriegte ihn niemals abgebildet zu sehen, daß sie nicht ein Dreierlicht vor ihm anbrennte. Jeder Zeit, wenn er sie besuchen wollte, würde er ihr willkommen sein; sie würde ihn ganz allein auf ihrer Stube erwarten. Das bedinge sie sich aber aus, daß er sie nicht um die Jungfrau Maria im Stiche ließe. Man habe ihr gesagt, daß er Der gar sehr gut sei, und es komme ihr selber so vor, denn überall, wo sie ihn sähe-, läge er immer vor der Jungfrau auf den Knien. Im klebrigen möchte er kommen, in was für einer Gestalt ihm beliebte, wenn sie nur nicht erschräke. Dem entgegnete Bruder Alberto: „Madonna, was Ihr da sagt, ist sehr verständig, und ich werde mit dem Engel schon Alles in Ordnung bringen, was Ihr mir auftragt. Ihr könntet mir aber eine große Gunst erzeigen, die Euch nichts kostete. Die Gunst ist nämlich die, daß Ihr dem Engel in meiner Gestalt zu Euch kommen heißt. Nun will ich Euch aber auch sagen, warum das eine Gunst für mich ist. Nimmt er meine Gestalt an, so muß er mir die Seele aus dem Leibs holen und sie derweilen ins Paradies versetzen; dann geht er in meinen Körper ein, und so lange er bei Euch bleibt, so lange weilt meine Seele im Paradiese." Darauf sagte Madonna Einfalt: „Gut, ich bin's zufrieden; so mögt Ihr denn zur Entschädigung der Prügel, die ihr um meinetwillen bekommen, diese Freude haben." „So sorgt denn," entgegnete Bruder Alberto, „daß er heute Nacht Eure Hausthür offen findet und ohne weiteres herein kann; denn, wenn er, wie er es doch thun soll, in menschlicher 30 Vierter Tag. Zweite Geschichte. Gestalt zu Euch kommt, so kann er nicht anders, als durch die Thür herein." Die gute Frau sagte, sie werde es besorgen, und Bruder Alberto empfahl sich; sie aber warf sich, wie sie allein war, so in die Brust, daß ihr der Hintere nicht ans Hemde langte, und es dünkten ihr tausend Jahre, bis der Engel Gabriel sie zu besuchen käme. Bruder Alberto hatte inzwischen, in der Meinung, daß er diese Nacht nicht sowol den Engel, als den tüchtigen Reiter spielen müsse, um nicht allzuschnell aus dem Sattel gehoben zu werden, bereits angefangen, sich mit Zuckerwerk und andern guten Dingen zu stärken. Dann ließ er sich vom Kloster Urlaub geben und ging mit einem andern Mönche in das Haus einer seiner Freundinnen, von welchem aus er in vorkommenden Fallen den Weiberlauf schon öfter begonnen. Als es ihm an der Zeit schien, begab er sich von dort in das Haus der Lisetta, wo er sich zuvor mit allerhand Narrheiten, die er mitgebracht, als Engel verkleidete und dann hinauf in das Zimmer der jungen Frau ging. Als diese die weiße Figur eintreten sah, warf sie sich vor ihm auf die Knie; der Engel aber segnete sie, hieß sie aufstehen und winkte ihr sich schlafen zu legen. Ihr kam dieses Geheiß nicht anders als gelegen, sie gehorchte mithin alsbald, und der Engel legte sich darauf neben seine Verehrerin. Bruder Alberto war wohlgewachsen und kräftig, auch standen ihm die Beine trefflich zu Leibe, und so lieferte er denn in Frau Lisetta's Armen, die ein festes Fleisch und weiche Haut hatte, ihr andere Beweise der Liebe, als sie von ihrem Manne gewohnt war. Auch ohne Flügel that'er die Nacht über manchen Flug und erfreute dadurch die junge Frau, der er noch überdem gar viel von der himmlischen Herrlichkeit erzählte, ausnehmend. Als endlich der Morgen herannahete, schied er, nach besprochener Wiederkehr, mit seiner Engelsmaske und kehrte zu dem Klosterbruder zurück, dem inzwischen, damit er Madonna Lisetta und der Engel Gabriel. 31 sich allein im Bette nicht fürchten möchte, die gute Frau vom Hause freundliche Gesellschaft geleistet hatte. Frau Lifetta aber ging, sobald sie gegessen hatte, in geziemender Begleitung zum Bruder Alberto, berichtete ihm Neuigkeiten vom Engel Gabriel, erzählte ihm, was sie über die Herrlichkeit des ewigen Lebens von ihm gehört habe, und wie er aussehe, und fügte zu dem Allen noch die seltsamsten Fabeln. Bruder Alberto antwortete ihr darauf: „Madonna, ich weiß nicht, was zwischen ihm und Euch vorgefallen ist; wol aber weiß ich, daß, wie er diese Nacht zu mir kam, und ich ihm Eure Bestellung gemacht hatte, er sogleich meine Seele unter so viel Blumen und Rosen davon trug, daß man deren hienieden noch nie so viele beisammen gesehen hat; da weilte ich denn an einem der entzückendsten Oerter, die je gewesen sind, bis heute früh zum Morgengebct. Was inzwischen aus meinem Körper geworden ist, davon weiß ich nichts." „Sag' ich Euch's denn nicht?" entgegnete die Frau, „Euer Körper hat die ganze Nacht mit dem Engel Gabriel in meinen Armen gelegen, und wenn Ihr mir nicht glauben wollt, so seht Euch nur unter der linken Brustwarze nach, wo ich dem Engel solch' einen erschrecklichen Kuß gegeben habe, daß noch ein paar Tage lang das Maal an Euch zu sehen sein wird." Darauf sagte Bruder Alberto: „Nun so will ich denn heute Abend Etwas thun, was ich seit gar langer Zeit nicht gethan, ich will mich entblößen, um doch nachzusehen, ob Ihr mir die Wahrheit sagt." Nach vielem ferneren Geschwatze ging die junge Frau wieder nach Hause, Bruder Alberto aber kehrte in Engelsgestalt noch oft zu ihr zurück, ohne auf irgend ein Hin- dcrniß zu stoßen. Indessen geschah es, daß Madonna Lisetta, als sie eines Tages mit einer Gevatterin zusammen war und sich mit dieser über Schönheiten stritt, ihrer erwähnten Einfalt zufolge, um ihrer Schönheit den Vorrang vor allen übrigen zu behaupten, sagte: „Wenn Ihr nur wüßtet, wem meine Schönheit gefallt, so würdet Ihr 32 Vierter Lag. Zweite Geschichte. wahrhaftig von den übrigen still sein." Da die Gevatterin sie schon kannte, so war sie neugierig zu hören, was da herauskommen würde, und sagte: „Madonna, es kann immer sein, daß Ihr recht habt; so lange man aber nicht weiß, wer es ist, von dem Ihr redet, so lange ändert man auch nicht leicht seine Meinung." Darauf erwiderte die kurzsichtige junge Frau: „Gevatterin, man soll nicht davon reden, aber der Engel Gabriel ist mein Liebster. Der hat mich lieber als sich selbst, denn er sagt, ich sei das schönste Frauenzimmer auf der Welt und an der See." Die Gevatterin hatte bei diesen Reden wol Lust zu lachen, doch bezwang sie sich, damit Frau Lisetta noch weiter erzählen möchte, und sagte: „Nun beim Himmel, wenn der Engel Gabriel Euer Liebster ist und Euch das versichert, so muß es wol wahr sein; aber ich dachte nicht, daß die Engel solche Geschichten machten." „Gevatterin," sagte die junge Frau, „da habt Ihr Euch geirrt. Gott soll mich strafen, wenn er's nicht besser macht, wie mein Mann; auch sagt er mir, sie machen's dort oben so gut wie wir; weil er mich aber für schöner hält als im Himmel keine ist, da hat er sich in mich verliebt und kommt oft über Nacht zu mir. Habt Jhr's nun begriffen?" Wie die Gevatterin von Madonna Lisetta fortging, konnte sie's gar nicht erwarten, daß sich Gelegenheit fände, alle diese Geschichten weiter unter die Heute zu bringen. Zu dem Ende rief sie bei einem Feste eine große Menge Frauen zusammen und erzählte diesen ihre Neuigkeiten in guter Ordnung. Die Frauen theilten die Geschichte ihren Männern und andern Freundinnen mit, diese erzählten sie wieder weiter, und so war ganz Venedig in weniger als zwei Tagen voll davon. Unter den Andern aber, die von der Angelegenheit reden hörten, waren auch die Schwäger der Madonna Lisetta, und diese nahmen sich in aller Stille vor, den Engel kennen zu lernen und zu versuchen, ob er auch fliegen könne. Zu dem Ende standen sie mehrere Nächte auf der Lauer. Madonna Lisetta und dcr Engel Gabriel. IZ Inzwischen hatte aber auch Bruder Alberto ganz von Ferne von der Geschichte reden hören. Wie er nun eines Nachts zu der jungen Frau ging, um ihr Vorwürfe zu machen, hatte er sich kaum entkleidet, als ihre Schwäger, die ihn hatten kommen sehen, auch schon an der Thür waren und herein wollten. Als Bruder Alberto das hörte, errieth er wohl, was es zu bedeuten habe, sprang schnell aus dem Bette, riß ein Fenster, das auf den großen Canal hinausging, auf und stürzte sich, da ihm kein anderer Ausweg übrig blieb, von dort aus ins Wasser. Da der Boden tief war, und er gut schwimmen konnte, that er sich keinen Schaden; vielmehr schwamm ec auf die andere Seite des Canals hinüber, flüchtete sich eilig in ein Haus, das er dort offen fand, und bat» einen Mann, den er darin antraf, um Gottes Willen, ihm das Leben zu retten, wobei er ihm eine Menge Lügen vorerzählte, warum ec nackt und zu später Stunde sich dort befinde. Der gute Mann hieß, in einer Regung von Mitleid, ihn, während er selbst in Geschäften ausgehen mußte, sich in sein Bette legen und dort bis zu seiner Rückkehr ruhig verweilen. Dann schloß er ihn ein und besorgte, was er zu thun hatte. Indessen fanden die Schwäger der jungen Frau, als sie hereinkamen, daß der Engel Gabriel mit Zurücklassung seiner Flügel davon geflogen sei. Zornig, daß sie so angeführt seien, sagten sie der Frau die härtesten Dinge und kehrten endlich von der Trostlosen mit den Geräthen des Engels nach Hause zurück. Derweile war es Heller Tag geworden, und der gute Mann, zu dem Bruder Alberto sich geflüchtet, hörte, während er auf dem Rialto stand, erzählen, wie der Engel Gabriel die Nacht bei Madonna Lisetta geschlafen habe, wie er, als die Schwäger ihn bei ihr gefunden, in der Angst ins Wasser gesprungen, und wie man nicht wisse, was aus ihm geworden sei. Aus allem diesen errieth er bald, es müsse Der sein, den er bei sich im Hause hatte. 2 ** 34 Vierter Lag. Zweite Geschichte. Als er nun heimkam, brachte ec den Mönch zum Ge- standniß und wußte eS nach vielem Hin- und Hcrreden mit diesem so weit zu bringen, daß er ihm fünfzig Du- caten herbeischaffen mußte, wollte er nicht an die Schwäger der Madonna Lisetta ausgeliefert sein. Der gute Mann erhielt sein Geld, als aber Bruder Alberto nachher von dort fortzukommen wünschte, sagte ihm Jener: „Dazu gibt es kein Mittel, es wäre denn, daß Ihr Euch zu Einem entschließen wolltet. Wir feiern heute ein Fest, zu dem der Eine einen Menschen, als Bären verkleidet, mitbringt, der Andere einen, als wilden Mann, der Dritte so, der Vierte anders. Dann wird auf dem Marcusplatze eine Jagd gehalten; ist die zu Ende, so ist auch das Fest aus, und ein Jeder geht mit Dem, welchen er mitgebracht, wohin er will. Wollt Ihr nun dazuthun, ehe man auskundschaften kann, daß Ihr hier seid, und soll ich Euch auf eine der erwähnten Weisen mitnehmen, so kann ich Euch nachher hinführen, wohin Ihr wollt. Widrigenfalls aber sehe ich nicht ein, wie Ihr, ohne erkannt zu werden, von hier wegkommen wollt, denn die Schwäger Eurer Dame haben, in der Vermu- thung, daß Ihr in dieser Nachbarschaft versteckt sein müßt, überall Wache ausgestellt, um Euch zu fangen." Ob cs gleich dem Bruder Alberto hart ankam, in solchem Aufzuge ausgehen zu sollen, so entschloß er sich doch endlich aus Furcht vor den Verwandten der Dame dazu und sagte dem guten Manne, wohin er gebracht sein wolle, und wie er mit jeder Verkleidung, unter der er ihn führen wolle, zufrieden sei. Daraus salbte ihn Jener über und über mit Honig, bestreute ihn darauf mir Flaumenfedern, that ihm eine Kette um den Hals, band ihm eine Larve vor und gab ihm einen großen Stock in die eine Hand und an die andere zwei gewaltige Hunde, die er sich vom Fleischer dazu geholt hatte. Inzwischen aber ließ er, mit ächt venezianischer Redlichkeit, auf dem Rialto.durch Jemand bekannt machen, Madonna Lisctta und der Engel Gabriel. 35, daß Jeder, der den Engel Gabriel sehen wollte, auf den Marcusplatz kommen möchte. Bald nachdem dies geschehen war, führte er ihn heraus, ließ ihn vor sich Herzchen, wahrend er ihn von hinten an der Kette hielt, und brachte ihn so unter großem Lärmen Vieler, die fortwährend riesen: — „Wer ist denn das?" auf den Platz, auf welchem theils an Denen, die ihnen nachgezogen, theils an den Andern, welche die Bekanntmachung gehört, und vom Rialto herbcigekommen waren, eine unglaubliche Menschenmenge sich versammelt hatte. Wie er auf dem Platze war, band er an einer erhöhten Stelle seinen wilden Mann an eine Säule und stellte sich, als ob er auf den Anfang der Jagd warte; den armen Alberto aber plagten indessen Fliegen und Bremsen, weil er mit Honig bestrichen war, auf das fürchterlichste. Sobald nun Jener den Platz recht voller Leute sah, that er, als wolle er seinen wilden Mann loslassen, zog aber dem Bruder Alberto die Larve vom Gesichte und sagte: „Ihr Herren, weil der Eber ausbleibt und aus der Jagd nichts werden kann, so will ich, damit Ihr nicht umsonst gekommen seid, Euch den Engel Gabriel zeigen, der Nachts vom Himmel auf die Erde kommt, um dem Venezianer Frauenzimmer die Zeit zu vertreiben." Wie die Larve herunter war, wurde Bruder Alberto sogleich von Allen erkannt; allgemein erhob sich gegen ihn ein wüthendes Geschrei, und es wurden ihm die härtesten Dinge und die ärgsten Schimpfreden gesagt, mit denen jemals ein schlimmer Geselle überhäuft worden war; und noch überdies warf ihm der Eine den, der Andere jenen Unrath ins Gesicht. Auf solche Weise hielten sie ihn eine lange Weile fest, bis endlich die Neuigkeit noch zum Glücke in sein Kloster gelangte, worauf nicht weniger als sechs Mönche sich auf den Weg machten, die, als sie auf dem Platze ankamen, ihm eine Kutte Überwürfen, ihn lvsbanden und, nicht ohne großen Lärm hinter sich herzuziehen, ihn in ihre Wohnung 36 Vierter Lag. Dritte Geschichte. brachten, wo man glaubt, daß er nach einem trübseligen Leben im Kerker gestorben sei. So that Alberto, der böse war und für gut galt, Böses, und Niemand glaubte daran; er wagte es, sich für den Engel Gabriel auszugeben, wurde in einen wilden Mann verwandelt und hatte endlich, verdientermaßen, in Schimpf und Schanden seine Sünden erfolglos zu beweinen. Möchte es Gott gefallen, daß es allen Andern seines Gleichen ebenso ginge! Dritte Geschichte. Drei junge Männer lieben drei Schwestern und flüchten mit diesen nach Kreta. Die älteste von ihnen ermordet aus Eifersucht ihren Geliebten. Die zweite rettet Jene dadurch vom Tode, daß sic sich dem Herzoge von Kreta ergibt, dafür ermordet sic aber ihr Geliebter und flieht mit der ältesten. Die dritte Schwester und ihr Freund werden dieses Mordes beschuldigt und bekennen sich im Gefängnisse dazu. In der Furcht vor dem Tode bestechen sic aber ihre Wächter und fliehen arm nach Rhodus, wo sic im Elende sterben. Als Philostratus das Ende von Pampineens Geschichte vernommen, blieb er eine Weile nachdenklich und sagte dann zu ihr: „Eure Geschichte wurde gegen das Ende erträglich und mir wohlgefällig; vorher aber enthielt sie zu viel Lächerliches, das ich hinweg gewünscht hätte." Darauf wandte er sich zu Lauretten und sagte: „Dame, fahrt fort, und wo möglich, mit einer besseren Geschichte." Laurette erwiderte lächelnd: „Ihr seid mit den Liebenden auch gar zu unbarmherzig, wenn Ihr ihnen immer ein schlimmes Ende wünscht. Um Euch aber zu gehorchen, will ich Restagnon, Ninette und deren Schwestern. 37 Euch von drei Paaren erzählen, dis sämmtlich nach kurzem Genüsse ihrer Liebe elendiglich umkamen." Und wie sie dies gesagt hatte, begann sie folgendermaßen. „Wie Ihr deutlich wahrnehmen könnt, Ihr jungen Mädchen, gereicht ein jedes Laster leichtlich nicht allein Demjenigen, der es begeht, sondern nicht selten auch Andern zum größten Nachtheil; unter allen übrigen aber scheint mir der Zorn eines von denen zu sein, das am meisten mit verhängten Zügeln uns in die Gefahren stürzt. Der Zorn, sage ich, der nichts Anders als eine plötzliche, unüberlegte Aufregung der Seele ist, die, durch einen Verdruß veranlaßt, alle Vernunft von sich stößt, die geistigen Augen mit Finsterniß umhüllt und das Gemüth zu siedender Wuth entflammt. Ob nun gleich diese Leidenschaft häufig an Männern wahrgenommen wird und den Einen mehr als den Andern beherrscht, hat man sie doch, und zwar mit nachtheiligeren Wirkungen, auch schon bei Frauen beobachtet; denn in ihnen entzündet sie sich leichter, brennt in ihnen mit einer lebhafteren Flamme und regiert sie mit minderer Scheu. Auch ist es kein Wunder, daß es sich so verhalt, denn, wollen wir Acht haben, so werden wir finden, daß das Feuer seiner Natur nach die leichten und weichen Dinge eher ergreift, als dis härteren und schwereren. Die Männer mögen es aber nicht übel deuten: weicherund zarter als sie sind wir, und um Vieles leichtsinniger. Weil ich nun finde, daß wir zu diesem Fehler geneigt sind, und weil ich zugleich erkenne, daß unsere Sanftmuth und Freundlichkeit eben so viel zu der Ruhe und dem Glücke der Männer beiträgt, mit denen wir zu verkehren haben, als ihnen unser Zorn und unsere Heftigkeit lästig und gefährlich ist, will ich, damit wir mit um so festerem Willen uns vor jenen hüten, Euch in meiner Geschichte die Liebesabenteuer dreier jungen Männer und eben so vieler Mädchen berichten, welche, wie ich schon früher erwähnte, durch den Zorn einer der Letzteren, aus vollem Glücke in das höchste Unglück verwandelt wurden. 38 Vierter Lag. Dritte Geschichte- Die alte und ehrenwerthe Stadt Marseille, die ehemals an großen Kaufleuten reicher war, als sie es jetzt ist, liegt, wie Ihr wissen werdet, am Meeresufer in der Provence. Unter jenen Kaufleuten war Einer, Namens 'N. Arnaut Cluada, ein Mann von niedriger Abkunft, aber von erprobter Ehrlichkeit, ein rechtlicher und an Geld und Besitzungen über die Maßen reicher Kaufherr, dem seine Frau unter mehreren andern Kindern drei Töchter hinterlassen hatte, die den Söhnen dem Alter nach vorgingen. Zwei derselben waren Zwillinge von fünfzehn Jahren, die dritte hatte ihr vierzehntes Lebensjahr ebenfalls schon erreicht, und ihre Angehörigen verschoben ihre Verheirathung nur noch, bis 'N. Arnaut, der mit Maaren nach Spanien gegangen war, von dort zurückgekommen sein würde. Die beiden alteren hießen Ninette und Madelon, die dritte aber wurde Berta genannt. In Ninetten hatte sich nun ein junger Edelmann, Namens Restagnvn, außer Maßen verliebt, der zwar arm, aber von guter Familie war, und ebenso das Mädchen sich in ihn; auch hatten Beide es so zu stellen gewußt, daß sie die Früchte der Liebe ohne Jemandes Mitwissen genossen. Schon war in diesem wechselseitigen Verständniß eine geraume Zeit vergangen, als zwei miteinander befreundete junge Männer, von denen der eine Folguet, der andere aber Uc hieß, und welche sich Beide nach dem Tode ihrer Väter im Besitze eines bedeutenden Vermögens befanden, sich jener in Madelon, dieser aber in Berta verliebten. Als Restagnon, von Ninetten darauf aufmerksam gemacht, dies gewahr wurde, dachte er darauf, seinem Mangel durch die Liebe jener Beiden abzuhelfen. Zu dem Ende befreundete er sich mit ihnen, begleitete bald den Einen, bald den Andern, bald aber auch Beide zu ihren Geliebten und zu der seinigen und rief sie dann, wie er zur Genüge mit ihnen vertraut geworden zu sein glaubte, eines Tages in sein Haus und sagte zu ihnen: „Geliebte Freunde, unser bisheriger Umgang hat Euch überzeugen können, wie groß Restagnon, Ninctte und dcccn Schwestern. 39 meine Liebe zu Euch ist, und wie ich für Euch so viel als für mich selber zu thun bereit wäre. Und, weil ich Euch denn so lieb habe, will ich Euch mitthcilen, was mir in den Sinn gekommen ist; dann könnt Ihr ja immer mit mir gemeinschaftlich Dasjenige beschließen, was wir für das Vernünftigste halten werden. Ihr seid, wenn Eure Worte nicht trügen, und auch Dem zufolge, was ich bei Tage wie bei Nacht an Eurem Benehmen bemerkt zu haben glaube, von der glühendsten Liebe zu jenen zwei Schwestern entbrannt, wie ich zu der Dritten. Für diese Liebe nun getrauete ich mich, wenn Ihr damit zufrieden wäret, ein willkommenes, süßes Mittel zu finden, das in Folgendem bestehen würde: Ihr seid überreiche Leute, und ich bin es nicht; wollt Ihr nun Euer Vermögen zusammen thun und mich zu einem Dritttheil daran Theil nehmen lassen, so beschließt nur, in welche Weltgegend wir ziehen und jener Reichthümer uns erfreuen sollen, denn ich übernehme cs, die drei Schwestern unfehlbar dahin zu bringen, daß sie mit einem großen Theile des Vermögens ihres Vaters uns begleiten, wohin wir nur wollen. Da könnten wir dann, ein Jeder mit der Scinigen, wie drei Brüder, als die glücklichsten Menschen auf der Welt leben. Nun ist es aber an Euch, zu bestimmen, ob Ihr ein solches Glück erwerben, oder cs aufgeben wollt." Die beiden jungen Männer, die in Hellen Flammen standen, besannen sich, als sie hörten, sie sollten ihre Geliebten erhalten, nicht lange, sondern antworteten, wenn das geschehen könne, so seien sie bereit, zu thun, wie er gesagt habe. Als Restagnon von den jungen Männern diese Antwort erhalten hatte, verschaffte er sich nach wenig Lagen eine Zusammenkunft mit Ninetten, zu der er niemals ohne bedeutende Schwierigkeiten gelangen konnte. Nach kurzen Gesprächen berichtete er ihr den Inhalt seiner Unterredung mit den jungen Leuten und suchte sie mit vielen Gründen für seine Unternehmung zu gewinnen. In der That ward ihm dies nicht schwer, denn sie wünschte 40 Vierter Tag. Dritte Geschichte. noch mehr als er, ungestört von fremdem Verdachte mit ihm zusammen sein zu können. So antwortete sie ihm denn entschlossen, sie sei damit zufrieden, und ihre Schwestern würden, besonders in diesem Falle, thun, was sie wolle; er möge also, fügte sie hinzu, nur alles Nöthige sobald als möglich in Ordnung bringen. Als Restagnon zu den jungen Männern, die ihn inzwischen schon vielfach wegen seiner früheren Reden gemahnt hatten, zurückkehrte, sagte er ihnen, wie die Sache von Seiten ihrer Geliebten bereits in Richtigkeit sei. Jene, die inzwischen nach Kreta zu ziehen beschlossen hatten, verkauften nun einige ihnen gehörende Besitzungen unter dem Vorgebcn, mit dem Erlöse Waaren in der Fremde einhandeln zu wollen, kauften sich, nachdem sie alles ihr übriges Besitzthum ebenfalls in Geld umgesetzt hatten, ein schnellsegelndes Schiff, das sie in der Stille auf das beste bewaffneten, und erwarteten dann den Tag der Ausführung. Auf der andern Seite wußte Ninette, welche die Wünsche der Schwestern zur Genüge kannte, sie mit süßen Worten dem Plane Restagnon's so geneigt zu machen, daß sie die Zeit nicht abwarten zu können glaubten, bis er ins Werk gesetzt würde. Als nun die Nacht gekommen war, in welcher sie das Schiff besteigen sollten, eröffneten die drei Schwestern einen großen Kasten ihres Vaters, nahmen daraus eine Menge Gold und Edelsteine und gingen damit in der größten Stille aus dem -Hause an den Platz, wo ihre drei Liebhaber nach der getroffenen Verabredung sie bereits erwarteten. Dann bestiegen sie ohne Verzug das Schiff, ließen die Ruder ins Wasser werfen, stießen vom Lande und verweilten sich an keinem Orte, bevor sie nicht am folgenden Abende Genua erreichten, wo die liebenden Paare zuerst die Freuden ihrer Liebe genossen. Nachdem sie hier die nöthigen Erfrischungen eingenommen, fuhren sie weiter und gelangten, von Hafen zu Hafen, noch vor dem achten Tage, ohne einigen Unfall, nach Kreta, wo sie sich aus- Restagnon, Ninette und deren Schwestern. 41 gedehnte und schöne Besitzungen kauften und, unweit der Stadt Eandia, köstliche und anmuthige Wohnungen bauten. Hier lebten sie dann mit zahlreicher Dienerschaft, mit Hunden, Falken und Pferden, unter Gastgelagen, wie die größten Herren, mit ihren Geliebten, als die glücklichsten Leute van der Welt, in lauter Herrlichkeit und Freuden. Wahrend sie aber noch ein solches Leben führten, geschah es, daß, wie wir täglich den Leuten Dinge, die ihnen noch so sehr behagten, überdrüssig werden sehen, weil sie zu großen Ueberfluß daran haben, auch Restagnon Ninetten, die er zärtlich geliebt hatte, nun sie ihm ohne alle Gefahr in Allem zu Willen sein konnte, satt zu bekommen und ihr daher die gehörige Liebs nicht zu beweisen ansing. Darauf fand er bei einem Feste an einem jungen, schönen und edlen Mädchen, die dort einheimisch war, besonderes Behagen, ging ihr auf das angelegentlichste nach und erschöpfte sich ihr zu Ehren in Huldigungen und Festlichkeiten. Als Ninette das gewahr ward, wurde sie gegen Restagnon so eifersüchtig, daß er keinen Schritt mehr gehen konnte, den sie nicht ausgekundschaftet, und über welchen sie nicht ihm und sich nachher mit Vorwürfen und mit übler Laune das Leben sauer gemacht hatte. Wie aber das Uebermaß der Dinge sie uns zum Ekel werden läßt, so vermehrt die Verweigerung der begehrten die Lust zu ihnen, und so fachte Ninettens Verdruß in Restagnon's Herzen die Flammen seiner neuen Liebe an. Wie es sich nun im Verlaufe der Zeit zugetragen haben mag, ob Restagnon die Freundschaft der geliebten Dame erlangt oder nicht, das lassen wir unentschieden; genug Ninette glaubte, der Himmel weiß, auf wessen Bericht, für gewiß, es verhalte sich so, verfiel darüber zunächst in tiefe Traurigkeit, dann in glühenden Zorn und gab sich endlich solch einer Wuth hin, daß ihre bisherige Liebe für Restagnon sich in den bittersten Haß verwandelte, und daß sie, von ihrem 42 Vierter Tag. Dritte Geschichte. Zorn verblendet, den Schimpf, den Restagnon, wie sie wähnte, ihr angethan, nur durch dessen Tod abwaschcn zu können glaubte. Sie ließ sich zu dem Ende eine alte Griechin, die in der Bereitung der Gifte äußerst erfahren war, rufen und bewog sie durch Geschenke und durch Versprechungen, ihr ein tödtliches Wasser zu bereiten, das Ninette dann, ohne sich mit irgend Jemandem zu berathen, eines Abends, als Restagnon erhitzt war und kein Arges hatte, diesem zu trinken gab. Die Kraft des Trankes war so groß, daß Restagnon ihm noch vor dem Ende der Nacht erlag. Als Folguct und Uc seinen Tod erfahren, beweinten sie ihn, ohne zu wissen, daß er an Gift gestorben sei, mit ihren Geliebten und mit Ninetten bitterlich, und ließen ihn dann ehrenvoll zur Erde bestatten. Nun geschah es aber, daß nach wenigen Tagen die Alte, die Ninetten das vergiftete Wasser bereitet, wegen anderer Schlechtigkeiten verhaftet ward, und auf der Folter, unter ihren übrigen Verbrechen, auch dieses, unter genauer Angabe, wozu das Gift gedient habe, bekannte. Der Herzog von Kreta erwähnte gegen Niemanden ein Wort von dieser Aussage, sondern umringte eines Nachts in der Stille das Schloß des Folquet und führte Ninetten ohne Geräusch und Widerstand von dort gefangen mit sich fort. Diese wartete die Folter nicht erst ab, sondern gestand sogleich, was der Herzog über Restagnon's Tod von ihr hören wollte. Inzwischen erfuhren Folquet und Uc unter der Hand vom Herzog, warum er Ninetten gefangen gefetzt, und von ihnen bekamen es ihre Frauen zu wissen. Die Nachricht betrübte sie Alle sehr, und sie boten auf, was sie nur wußten, um Ninetten vom Scheiterhaufen zu retten, zu dem sie vermutheten, daß sie verdientermaßen verurtheilt werden würde. Alles schien aber umsonst zu sein, und der Herzog bestand daraus, sie hinrichten zu lassen. Da kam der Madelon, die schön und jung war, und der der Herzog lange Zeit, ohne die mindeste Gefälligkeit von ihr Rcstagnon, Ninettc und deren Schwestern. 43 erlangen zu können, den Hof gemacht hatte, der Gedanke ein, wenn sie dem Herzoge zu Willen wäre, würde sic die Schwester vom Feuertods retten können, und demzufolge ließ sie ihm durch einen schlauen Boten wissen, wenn er ihr zwei Dinge gewähre, wolle sie alle seine Befehle erfüllen. Das erste, daß sie ihre Schwester frei und unversehrt wicderbekomme, das zweite, daß dieses Abkommen geheim bleibe. Als der Herzog die Botschaft vernahm, gefiel sie ihm wohl, und obgleich er sich lange besann, ob er es thun solle, ging er am Ende doch darauf ein und sagte, er sei bereit. Zu dem Ende ließ er, nach vorgängiger Verabredung mit der Dame, eine Nacht Folquet und Uc, als ob er sich bei ihnen über den Tod ihres Bruders weiter unterrichten wolle, aufheben und nahm inzwischen heimlich bei Madelon sein Nachtquartier. Schon zuvor hatte er gethan, als habe er Ninetten in einen Sack gesteckt, um sie noch dieselbe Nacht im Meere säcken zu lasse», nun aber führte er sie zu ihrer Schwester zurück, schenkte sie dieser zum Danke für die genossene Nacht und bat am Morgen beim Scheiden die Madela, sie möge diese Nacht nicht, wie sie die erste in ihrer Liebe gewesen war, die letzte sein lassen. Ueberdies empfahl er ihr noch, die Schuldige fortzubringett, damit nicht entweder ihre Straflosigkeit ihm zur Schande gereichte, oder er gezwungen würde, mit neuer Strenge gegen sie zu verfahren. Am folgenden Morgen hörten Folquet und Uc, Ninette sei die Nacht gesackt worden, maßen der Nachricht vollen Glauben bei und kehrten, als sie ohne Weiteres sreigelassen waren, zu ihren Weibern zurück, um sie über den Tod ihrer Schwester zu trösten. Ob nun gleich Madelon bemüht war, Ninetten aus das sorgfältigste zu verbergen, so wurde Folquet doch gewahr, wo sie sei, und faßte, über ihre Rettung nicht wenig verwundert, sogleich Verdacht gegen Madelon, von der ihm bereits zu Ohren gekommen war, daß der Her- 44 Vierter Tag. Dritte Geschichte. zog sie liebe. Als er sie fragte, wie es zugehe, daß Ninette bei ihr sei, antwortete Madelon mit einer langen Fabel, die sie sich ersonnen, um ihn zu tauschen, welcher er indes, vermöge seiner Schlauheit, so wenig Glauben beimaß, daß sie sich bald von ihm in die Enge getrieben sah und ihm nach vielem Hin- und Herreden die Wahrheit gestand. Da ließ sich Folquet von seinem Schmerz überwältigen, zog wüthend den Degen und tödtete sie, ohne ihren Bitten um Gnade Gehör zu geben. Dann aber ließ er, in der Furcht vor dem Zorne und der Gerechtigkeit des Herzogs, die Leiche im Zimmer liegen, ging mit scheinbar heiterer Miene in das Gemach, wo Ninette sich befand, und sagte zu ihr: „Gehen wir schnell dahin, wo ich nach dem Willen Deiner Schwester Dich hin bringen soll, damit Du nicht wieder in die Hände des Herzogs fällst." Ninette glaubte seinen Worten, und da sie in ihrer Angst nichts sehnlicher wünschte, als bald fort zu kommen, ging sie, ohne von ihrer Schwester weiteren Abschied zu nehmen, in der Dunkelheit, die schon eingebrochen war, mit Folquet. So eilten sie denn mit dem wenigen Gelbe, das Folquet hatte nehmen können, zum Meeresufer, bestiegen einen Kahn und entflohen, ohne daß man je erfahren, wohin sie gelangt seien. Als Madelon am andern Morgen ermordet gesunden ward, hatten Einige aus Neid und Haß gegen Uc nichts Eiligeres zu thun, als dem Herzog die Kunde zu hinterbringen. Der Herzog eilte, wegen seiner großen Liebe für Madelon über das Geschehene doppelt aufgebracht, sogleich in das Haus, nahm Uc und seine Geliebte gefangen und wußte sie, da sie von dem Hergange der Sache, nämlich von Folquet's und Ninsttens Flucht, noch nichts wußten, zu zwingen, daß sie sich als Folquet's Mitschuldige und als Madelon's Mörder bekannten. Da sie nun in Folge dieses Geständnisses mit Recht für ihr Leben fürchteten, bestachen sie mit vieler Mühe ihre Wächter, indem sie ibnen einen Theil des Geldes überwiesen, das sie aus vor- Gerbino und die Prinzessin von Tunis. 45 kommende Fälle in ihrem Hause verborgen hatten. Dann bestiegen sie mit ihren Wächtern, ohne daß sie sich Zeit genommen hätten, etwas von ihren Sachen mit sich zu führen, einen Kahn und flohen Nachts nach Rhodus, wo sie nur kurze Zeit noch in Armuth und Elend lebten. Zu solchem Ungemache also brachten Restagnon's thö- richte Liebe und Ninettens Zorn sowol diese selbst als ihre Gefährten. diertc Geschichte. Gerbino greift gegen das Versprechen König Wilhelm's, seines Großvaters, um die Tochter des Königs von Tunis zu rauben, ein Schiff des Letzteren an. Die Bemannung des Schiffes tödtet die Dame, wofür Gerbino sie Alle umbringt, ihm aber nachher der Kopf abgeschlagen wird. Äauretta schwieg am Ende ihrer Geschichte, und in der Gesellschaft äußerte der Eine gegen den Andern sein Mitleid über das Unglück der Liebenden; Andere tadelten Ninettens Zorn, und so drückten Alle verschiedentlich ihre Empfindungen aus, bis endlich der König, als komme er von tiefen Gedanken wieder zu sich, das Haupt erhob und Elisen fortzufahren winkte, worauf diese gehorsamlich begann: „Liebenswürdige Mädchen, es gibt gar Viele, welche glauben, Amor sende seine Pfeile, nur von den Augen entflammt, und welche Diejenigen verspotten, die dafür halten, daß sich Jemand dem Rufe nach verlieben könne; wie sehr aber diese im Jcrthum befangen sind, wird in der Geschichte deutlich erhellen, die ich Euch zu erzählen gesonnen bin. In ihr werdet Ihr nicht allein vernehmen, wie das Gerücht, ohne daß die Liebenden sich 46 Vierter Tag. Vierte Geschichte. jemals gesehen, solche Gefühle erzeugt hat, sondern auch, wie Beide dadurch jämmerlichen Tod erlitten haben. Wilhelm, der zweite König von Sicilien, hatte, wie die Sicilianer berichten, zwei Kinder, von denen der Sohn Ruggieri, die Tochter aber Constanza hieß. Ruggieri hinterließ, als er noch vor seinem Vater starb, einen Knaben, Namens Gerbino, der vom Großvater mit besonderer ! Sorgfalt erzogen ward und zu einem jungen Manne heranwuchs, der durch Schönheit ausgezeichnet und wegen seiner Tapferkeit und seines adlichen Betragens berühmt war. Der Ruhm von ihm blieb aber nicht innerhalb der Grenzen Siciliens, sondern ertönte in verschiedenen Gegenden der Welt und war besonders in der Berberei, die zu jenen Zeiten den Königen von Sicilien steuerpflichtig war, verbreitet. Unter den Andern, denen hier der glanzende Ruhm von Gerbino's Tugenden und Ritterlichkeit zu Ohren kam, war eine Tochter des Königs von Tunis, die, nach Dem, was Alle, die sie jemals gesehen, von ihr sagten, eines der schönsten Wesen, die jemals von der Natur geformt worden, und dabei von erlesenen Sitten und großer, edler Seele war. Wie sie nun überhaupt gerne von ehren- werthen Männern reden hörte, so vernahm sie besonders die rühmlichen Thaten des Gerbino, die ihr bald von dem Einen und bald von dem Andern berichtet wurden, mit Aufmerksamkeit und fand an ihnen ein solches Wohlgefallen, daß sie sich in ihrer Einbildungskraft ein Bild von ihm entwarf, sich auf das heftigste in ihn verliebte, und lieber als von irgend einem andern Gegenstände von ihm redete und reden hörte. Zugleich war aber auch, sowie in andere Gegenden, nach Sicilien der große Ruhm von der Schönheit und dem Edelsinn jener Prinzessin gedrungen und hatte, nicht ohne Wohlgefallen des Hörers, in Gerbino's Ohren Eingang gefunden, ja ihn mit nicht minderer Gluth für sie entflammt, als dje war, in welcher die junge Dame sich Gerbino und die Prinzessin von Tunis. 47 für ihn entbrannt fühlte. Aus diesem Grunde trug er, voller Verlangen, sie selbst zu sehen, bis ein geziemender Grund ihm des Großvaters Erlaubniß, nach Tunis gehen zu dürfen, gewahren würde, inzwischen Jedem seiner Freunde, der dorthin reiste, auf, nach Kräften und in der Weise, die er für die zweckmäßigste halten würde, sie von seiner geheimen und innigen Liebe zu unterrichten und ihm Nachrichten von ihr zurückzubringen. Einer dieser Freunde richtete den Auftrag auf das geschickteste aus, indem er, unter dem Vorwände, daß er, nach Art der Kaufleute, zum Frauenschmucke bestimmte, Juwelen der Dame zum Ansehen bringe, ihr Gerbino's Gluth ohne Rückhalt offenbarte und diesen und alles das Seinige ihrer freien Verfügung darbot. Die Dame empfing Boten wie Botschaft mit dem freudigsten Gesichte, erwiderte, wie sie in gleicher Liebe entbrannt sei, und sandte zum Zeugniß ihrer Worte dem Gerbino einen ihrer köstlichsten Juwelen. Als Gerbino dies Geschenk erhielt, war er darüber entzückt, wie man es über den Empfang der herrlichsten Gabe nur immer sein kann. Derselbe Freund mußte der Dame noch öfters Briefe und prächtige Geschenke von Gerbino überbringen, und die Liebenden besprachen sich darüber, wie sie, wenn das Schicksal es ihnen gestatten würde, sich sehen und umarmen wollten. Während die Angelegenheiten noch so standen und wol etwas langsamer gefördert wurden, als nöthig gewesen wäre, da auf der einen Seite die junge Dame und auf der andern Gerbino in gleichen Flammen brannten, versprach der König von Tunis seine Tochter an den König von Granada. Diese war außer Maßen darüber betrübt, daß sie nicht allein durch diese Heirath von ihrem Geliebten so weit entfernt, sondern ihm nun. so gut als gänzlich entrissen werden sollte; und, wenn sie ein Mittel gewußt hätte, so wäre sie, damit das Gefürchtete nicht geschähe, gern vom Vater geflohen und zu Gerbino gekommen. Als Gerbino von jener Verbindung hörte, verfiel er 48 Vierter Lag. Vierte Geschichte. darüber gleichfalls in unmäßige Traurigkeit und gedachte oftmals bei sich selber, wenn es eine Möglichkeit sei, und wenn sie zu Schiffe nach Granada gehe, wollte er sie mit Gewalt entführen. Der König von Tunis bekam indeß von dieser Liebe und von Gerbino's Planen einige Nachricht und, weil er wegen der Tapferkeit und der Macht des Letzteren in Sorge war, that er, um die Zeit, als er seine Tochter hinüberschicken sollte, dem König Wilhelm dieses sein Vorhaben zu wissen und erklärte zugleich, daß er es auszuführen gedenke, wenn er versichert sei, daß er daran weder durch Gerbino, noch durch einen Andern an dessen Statt verhindert werden würde. König Wilhelm, der ein alter Herr war und von Gerbino's Liebschaft niemals etwas vernommen, ließ sich nicht einfallen, daß um ihretwillen jene Versicherung nachgesucht werde, gewährte sie also willig und schickte seinen Handschuh dem König von Tunis zum Zeichen. Als dieser die Zusicherung empfangen, ließ er im Hafen von Carthago ein großes und schönes Schiff zurichten, es mit Allem versehen, was den darauf Reisenden nöthig sein konnte, und es zur Ueberfahrt seiner Tochter nach Granada verzieren und schmücken und wartete nur noch aus günstiges Wetter. Als die junge Dame dies Alles geschehen sah, sandte sie heimlich einen ihrer Diener nach Palermo, befahl ihm, den schönen Gerbino von ihr zu grüßen und ihm zu sagen, daß sie in wenig Tagen nach Granada abzureisen im Begriff stehe. Da würde man ja sehen, ob er so tapfer sei, als man von ihm sage, und ob er sie so liebe, wie er sie öfters habe versichern lassen. Der Diener bestellte seinen Auftrag auf das beste und kehrte auch nach Tunis wieder zurück. Gerbino aber wußte, als er die Botschaft der Dame vernahm, da die Zusicherung seines Großvaters ihm bekannt war, nicht, was er thun sollte. Dennoch eilte ec, von der Liebe getrieben, und um nicht, nach den Worten der Dame, die ihm hinterbracht worden, Gerbino und die Prinzessin von Tunis. 49 für feige zu gelten, nach Messina, ließ dort sogleich zwei leichte Galeeren bewaffnen, bemannte sie mit tapferen Leuten und steuerte damit gegen Sardinien, wo er vermuthete, daß das Schiff der Dame vorbeikommen müsse. Auch entsprach der Erfolg in Kurzem seinem Dafürhalten, denn kaum war er einige Tage hier angelangt, als das Schiff mit geringem Winde der Stelle, wo Gerbino, um zu warten, beigelegt hatte, ziemlich nahe kam. Sobald Gerbino das gewahr wurde, sagte er zu seinen Gefährten: „Ihr Herren, seid Ihr so tüchtige Männer, wie ich Euch dafür halte, so denke ich, wird wol Keiner unter Euch sein, der die Liebe nicht gefühlt hätte oder noch fühlte, ohne die, nach meinem Dafürhalten, kein Sterblicher einige Tugend oder sonstiges Gute in sich beherbergen kann. Habt Ihr aber geliebt, oder liebt Ihr noch, so wird es Euch leicht sein, meine Lage zu begreifen. Ich liebe; aus Liebe habe ich Euch zur gegenwärtigen Unternehmung veranlaßt, und der Gegenstand meiner Liebe verweilt auf dem Schiffe, das Ihr hier vor Euch seht, auf welchem sich, außer dem Inbegriff meiner Wünsche, die größten Reichthümer befinden, die wir, wenn Ihr anders tüchtige Leute seid, durch einen männlichen Kampf mit leichter Mühe erobern können. Ich will indeß von diesem Sieg kein ander Theil haben, als jenes Mädchen, der zu Liebe ich die Waffen ergriffen; alles Andere überlasse ich Euch im Voraus auf das freiwilligste. Wolan denn, so laßt uns jenes Schiff mit sicherem Erfolge angreifen. Gott selber zeigt sich unserem Unternehmen günstig und halt es uns durch völlige Windstille fest." Die vielen Worte des schönen Gerbino wären nicht einmal nöthig gewesen, denn die Messinesen, die ihn begleiteten, führten, von Raubsucht entbrannt, in Gedanken schon aus, wozu er sie noch mit Worten ermahnte. Aus diesem Grunde erhoben sie zu Ende seiner Rede ein lautes Geschrei und stießen zum Zeichen ihrer Gesinnung in die Trompeten. Dann griffen sie zu den Waffen, tauchten Dekameron. II. 3 5,0 Vierter Lag. Vierte Geschichte. die Ruder ins Meer und gelangten bis' zu dem feindlichen Schiffe. Als die Mannschaft des letzteren die Galeeren auf sich zukommen sah und nicht entfliehen konnte, rüstete sie sich zur Vertheidigung. Der schöne Gerbino verlangte von ihnen, sobald er herangekommen war, wenn sie sich nicht mit ihm schlagen wollten, möchten sie ihm die Schiffsherren an Bord seiner Galeeren liefern. Wie die Saracenen aber ihre Gegner erkannt und die Aufforderung vernommen hatten, erwiderten sie, sie würden gegen das vom König verpfändete Wort von Jenen überfallen, und zeigten zum Beweise König Wilhelm's Handschuh vor. Uebri- gens aber erklärten sie, unter keiner Bedingung sich, oder irgend Etwas, das sie am Bord hatten, anders als mit dem Schwerte in der Hand ergeben zu wollen. Gerbino, der inzwischen seine Dame auf dem Hinteren Verdecke des Schiffes gesehen und sie noch unendlich viel schöner gefunden hatte, als er sich eingebildet, antwortete im Feuer der vermehrten Gluth, als Jene ihm den Handschuh zeigten, hier waren vorläufig keine Falken, und so sei denn auch kein Handschuh vonnöthen. Wollten sie also die Dame nicht geben, so möchten sie sich bereit halten, den Kampf anzunehmen. Mit diesen Worten singen beide Theile, ohne weiteren Aufschub, eifrig aufeinander Pfeile zu schießen und Steine zu werfen an und kämpften in dieser Weise geraume Zeit lang zu großem beiderseitigen Nachtheil. Als aber Gerbino sah, daß er dem Ziele solchergestalt nicht viel naher komme, zündete er endlich ein Fahrzeug, das seine Leute aus Sicilien mitgenommen, an, und drängte es alsdann durch Hülfe seiner beiden Galeeren hart an das feindliche Schiff. Bei diesem Anblick sahen die Saracenen wol ein, daß ihnen nun kein anderer Ausweg bleibe, als entweder sich zu ergeben, oder zu sterben. Darum ließen sie denn dis Tochter des Königs, die inzwischen im unteren Raume saß und weinte, auf das Verdeck bringen, führten sie an Gerbino und die Prinzessin von Tunis. 51 die Spitze des Schiffes, riefen dem Gerbino zu und töd- teten sie dann unter seinen Augen, so sehr sie auch um Gnade und um Hülfe rief. Darauf warfen sie den Leichnam ins Meer und sagten: „Nimm sie, wir geben sie Dir, wie wir dürfen, und wie Deine Redlichkeit sie verdient hat." Kaum hatte Gerbino diese Grausamkeit gesehen, so ließ er sich, als suchte er den Tod, unbekümmert um Pfeile und Steine, an das feindliche Schiff heranführen und sprang, Allen, die es vertheidigten, zum Trotze, hinauf. Nicht anders, wie ein hungriger Löwe, der unter eine Schar junger Stiere gerath, bald diesen, bald jenen erwürgt, und mit Zähnen und Krallen eher seine Wuth, als seinen Hunger befriedigt, traf Gerbino hier, mit dem Schwerte in der Hand, bald den einen und bald den andern Saracenen und tödtete ihrer Viele. Inzwischen nahm das Feuer in dem entzündeten Schiffe schon überhand- Gerbino ließ also seine Leute, um sie zufrieden zu stellen, nehmen, was sie konnten, und kehrte dann, wenig über den davon getragenen Sieg erfreut, auf seine Galeeren zurück. Noch ließ er den Körper der schönen Dame aus dem Meere fischen, weinte lange und mit vielen Thranen über ihn und bestattete ihn auf der Rückkehr nach Sicilicn feierlich auf Ustica, einer kleinen Insel, die Trapani ohngefahr gegenüberliegt. Alsdann erst schiffte er, über alle Maßen traurig, nach seiner Heimat zurück. Sobald der König von Tunis von dem Vorgefallenen Kunde erhalten, schickte er an' König Wilhelm schwarz bekleidete Gesandten und beschwerte sich bei ihm, daß sein Versprechen so schlecht gehalten worden sei. Die Gesandten berichteten den Hergang der Sache; König Wilhelm aber wurde über das Geschehene sehr aufgebracht und ließ den Gerbino gefangen setzen, da er nicht wußte, unter welchem Vorwände er die Genugthuung, die Jene forderten, verweigern sollte. Ja er verurtheilte ihn darauf, da keiner seiner Barone ihn für Gerbino um Gnade bitten 3 * 52 Vierter Tag. Fünfte Geschichte. mochte, selber zum Tode und ließ ihm das Haupt in seiner Gegenwart abschlagen; denn er wollte lieber ohne Enkel sterben, als für einen Fürsten gelten, der sein Wort bricht. Auf solche Weise fanden also innerhalb weniger Tage zwei Liebende elendig in unnatürlichem Tode ihr Ende, ohne nur die geringste Frucht ihrer Liebe gekostet zu haben." Funkte Geschichte. Lisabetta's Brüder ermorden deren Geliebten. Er erscheint ihr im Traume und zeigt ihr, wo er verscharrt sei. Darauf gräbt sie seinen Kopf heimlich aus, thut ihn in einen Basilikumnapf und benetzt ihn täglich stundenlang mit ihren Thränen. Endlich nehmen die Brüder ihr ihn weg, und sie stirbt bald darauf vor Gram. Äls der König Elisens eben beendete Geschichte ein wenig gelobt hatte, erging das Geheiß, weiter zu erzählen an Philomelen, welche, noch voller Mitleid für den armen Gerbino und seine Dame, nach einem wehmüthigen Seufzer also begann: „Geliebte Mädchen, meine Geschichte betrifft zwar keine Personen so hohen Ranges, als Diejenigen waren, von denen Elisa erzählt hat, wvl aber dürfte sie vielleicht nicht weniger rührend sein. Messina, dessen eben gedacht wurde, brachte sie mir in Erinnerung, weil sich dort die Begebenheit zugetragen hat. In Messina nämlich lebten drei Brüder, junge Kaufleute, die bei dem Tode ihres Vaters, der aus San Gi- mignano stammte, in den Besitz eines bedeutenden Vermögens gekommen waren. Diese hatten eine Schwester, Namens Lisabctta, die sie, obwol sie jung und hübsch und wohlerzogen war, aus was immer für einem Grunde, Lisabetta's Blumennapf. 53 noch nicht verheirathet hatten. Außerdem hielten sie in einem ihrer Kaufladen einen jungen Pisaner, Namens Lorenzo, als Diener, der alle ihre Geschäfte in Händen hatte und besorgte und überdies von einnehmender Gestalt und gefälligen Sitten war. Als nun Lisabetta diesen mehrmals betrachtet, sing sie sich übermäßig in ihn zu verlieben an. Sobald Lorenzo das zu wiederholten Malen gewahr worden war, gab er seine übrigen Liebschaften auf und begann ebenfalls, ihr seine Neigung zuzuwenden; und so geschah es denn, daß bei gleichmäßigem beiderseitigen Wohlgefallen sie binnen kurzer Frist sicher zu werden ansingen und miteinander thaten, wonach sie Beide am meisten verlangten. Während sie nun auf diese Weise ihr Verstandniß fortführten und sich einander viele Lust und Zeitvertreib gewährten, wußten sie die Sache doch nicht so geheim zu betreiben, daß nicht der älteste Bruder eines Nachts Lisabetta, als sie sich in das Schlafzimmer des Lorenzo schlich, von ihr selber unbemerkt, gesehen hatte. So weh es ihm auch that, diese Entdeckung gemacht zu haben, so faßte ec doch, als ein verständiger junger Mann wie er war, den geziemenderen Entschluß und sagte vorläufig kein Wort, sondern erwartete unter verschiedenen Gedanken über das Geschehene, die sich in seiner Seele durchkreuzten, den Morgen. Als aber der Tag angebrochen war, erzählte er seinen Brüdern, was er in der vergangenen Nacht in Betreff Lisabetta's und Lorenzo's gesehen hatte, und beschloß, nach langer Ueberlegung, mit ihnen gemeinschaftlich, damit weder ihnen, noch ihrer Schwester Schande daraus erwüchse, die Sache so lange mit Stillschweigen zu übergehen und sich in Allem zu stellen, als ob sie nichts gesehen, oder sonst entdeckt hatten, bis sich eine gelegene Zeit finden würde, diesen Schimpf, bevor er ärger würde, ohne einigen Nachtheil oder Gefahr, sich aus dem Gesichte zu schaffen. Sie blieben diesem Entschlüsse treu und plauderten und scherzten mit Lorenzo nach alter Weise; 54 Vierter Tag. Fünfte Geschichte. und so führten sie ihn einmal, unter dem Vorwände, eine Lustreise aufs Land zu machen, mit sich fort. Wie sie aber an einen ganz einsamen und abgelegenen Ort gekommen waren, nahmen sie die Gelegenheit wahr, und brachten Lorenzo, der sich dessen nicht versah, um und verscharrten seinen Körper so, daß Niemand von der Sache etwas gewahr ward. Nach Messina zurückgekehrt, verbreiteten sie alsdann, sie hätten den Lorenzo in ihren Geschäften irgendwohin geschickt, und dieses Vorgeben wurde von Niemand bezweifelt, da sie ihn häüsig umherreisen zu lassen pflegten. Als aber Lorenzo gar nicht wieder kam, und Lisabetta, die seine lange Abwesenheit mit Schmerzen empfand, sich oft und angelegentlich nach ihm erkundigte, geschah es, daß einer ihrer Brüder, eines Tages, wo sie besonders dringend nach ihm frug, ihr erwiderte: „Was soll das bedeuten? Was hast Du mit Lorenzo zu schaffen, daß Du so viel nach ihm fragst? Wirst Du noch ein Mal fragen, so werden wir Dir antworten, wie Du es verdient hast." Das Mädchen wurde über diese Reden traurig und betrübt. Es war ihr bange, und sie wußte nicht wovor. Sie erkundigte sich auch weiter nicht nach ihm, wenn es aber Nacht war, rief sie ihn häufig voller Weh- muth, bat ihn, er möge doch kommen, und klagte zuweilen unter vielen Thränen über seine lange Entfernung. So blieb sie, ohne einen frohen Augenblick zu haben, eine Weile in fortwährender Erwartung. Eine Nacht aber, als sie besonders lange Lorenzo's Ausbleiben beweint hatte und endlich über ihre Klagen eingeschlafen war, erschien Lorenzo ihr im Traume, bleich und ganz zerstört, mit schmuzigen und zerfetzten Kleidern, und es war ihr, als ob er zu ihr sagte: „Ach, Lisabetta, Du rufst mich unaufhörlich, Du betrübst Dich über mein langes Ausbleiben und klagst mich mit Deinen Thränen auf das härteste an. Wisse aber, daß ich nicht mehr zurückzukehren vermag; denn an dem Tage, wo Du mich zum letzten Lisabetta's Blumennapf. 5,5 Male sähest, mordeten mich Deine Brüder." Dann bezeichnen er ihr noch die Stelle, wo Jene ihn verscharrt hatten, wiederholte ihr, daß sie ihn nicht mehr rufen oder erwarten solle, und verschwand. Das Mädchen erwachte und weinte bitterlich über ihr Traumgestcht, dem sie vollen Glauben beimaß. Am andern Morgen hatte sie zwar nicht den Muth, ihren Brüdern etwas zu sagen, beschloß aber, an den bezeichnten Ort zu gehen, um sich zu überzeugen, ob, was sie im Traume gesehen, Wahrheit sei. Sobald sie also die Erlaubniß erhalten hatte, in Begleitung eines Mädchens, die früher bei den Geschwistern gedient hatte und alle Geheimnisse Lisabetta's wußte, zu ihrem Vergnügen einen Spaziergang vor die Stadt zu machen, ging sie an jene Stelle und grub nach, wo sie nach Wegräumung einiger dürren Blätter, die daselbst den Boden bedeckten, die Erde am lockersten fand. ' Auch hatte sie noch nicht lange gegraben, als sie auf den noch völlig erhaltenen und unbeschädigten Körper ihres unglücklichen Geliebten stieß und dadurch nur allzudeutlich die Wahrhaftigkeit ihres Traumgestchtes erkannte. Unaussprechlich über diese Entdeckung betrübt, fühlte sie doch wol, daß sie ihren Thrä- nen hier nicht freien Lauf lassen dürfe, und hätte, wenn es möglich gewesen wäre, gern den ganzen Körper mit sich genommen, um ihn geziemend zu begraben. Da sie aber davon die Unmöglichkeit einsah, trennte sie, so gut sie konnte, den Kopf mit einem Messer vom Rumpfe, gab ihn, in ein Handtuch gehüllt, nachdem sie den Rest des Körpers wieder mit Erde bedeckt, der Dienerin zu tragen und kehrte dann, ohne von Jemand gesehen zu sein, nach ihrer Wohnung zurück. Hier verschloß sie sich mit dem Kopfe in ihre Stube und weinte, über ihn hingeneigt, so lange Zeit bitterlich, daß ihre Thränen, während sie ihn mit tausend Küssen bedeckte, ihn völlig abwuschen. Dann legte sie ihn, mit einem sauberen Tuche umwunden, in einen schönen Blumentopf, von der Art, wie man ! 5,6 Vierter Tag. Fünfte Geschichte. Majoran und Basilikum darin zieht, schüttete Erde darüber und pflanzte einige schöne Stauden salernitanisches Basilikum hinein und begoß sie nicht anders als mit Rosen- oder Orangenwasser, oder mit ihren Thranen. Dabei pflegte sie sich denn immer zu dem Blumentopf zu setzen und das Gefäß, das ihren Lorenzo verborgen kielt, mit inniger Sehnsucht zu betrachten. Hatte sie ihn lange so angeschaut, so trat sie wieder heran und weinte so lange über ihn hingebeugt, bis sie das ganze Basilikum begossen hatte. Sowol durch die lange und ununterbrochene Pflege, als durch die Fruchtbarkeit, die der verwesende Kops dem Erdreiche mittheilte, wurde die Pflanze wunderschön und duftete köstlich. Da das junge Mädchen immer in dieser Weise fortfuhr, wurde sie öfters von den Nachbaren dabei beobachtet. Diese aber sagten zu ihren Brüdern, die sich darüber verwunderten, daß ihre Schönheit verginge und ihre Augen aussähen, als seien sie im Kopfe verloschen: „Wir haben bemerkt, daß sie sich täglich so und so benimmt." Wie die Brüder dies hörten und, daß dem also sei, selber wahrnahmen, schalten sie sie einige Male deswegen und ließen ihr, als das nichts Helsen wollte, endlich den Blumentopf heimlich wegnehmen. Als sie ihn vermißte, verlangte sie viele Male auf das dringendste nach ihm; wie sie ihn aber doch nicht wieder bekam, wurde sie unter fortwährenden Thränen und Klagen krank und begehrte auch in der Krankheit nichts als ihren Blumentopf. Die Brüder verwunderten sich über dies Verlangen und verfielen deshalb darauf, zu untersuchen, was darin sei. Sie schütteten also die Erde aus und fanden das Tuck, und in diesem den Kopf, der noch nicht so völlig vermodert war, daß sie ihn an dem krausen Haarwuchs nicht für den des Lorenzo erkannt hatten. Gewaltig darüber erstaunt, fürchteten sie, ihre That könnte ruchtbar werden, und verließen, ohne Jemanden davon zu sagen, sobald sie den Kopf vergraben hatten, vorsichtig die Stadt Messina Andreola's und Gabriotto's Träume. 59 die jung und hübsch und unverheirathet war und sich zufälliger Weise iw einen ihrer Nachbaren verliebte, der Gabriotto hieß und zwar von niedrigem Stande, aber von gar löblichen Sitten und schönem, wohlgefälligen Aussehen war. Auch wußte die junge Dame es durch Hülfe eines Mädchens, das im Hause diente, nicht allein dahin zu bringen, daß Gabriotto ihre Liebe zu ihm erfuhr, sondern sie ließ ihn auch zu großem beiderseitigen Vergnügen gar häufig zu sich in einen schönen Garten ihres Vaters führen. Und damit keine Macht außer dem Tode ihre wechselseitige Liebe zu trennen vermöchte, wurden sie heimlich Mann und Frau. Während sie nun auf solche Weise verstohlen ihre Zusammenkünfte fortsetztcn, geschah es, daß die junge Dame, schlafend eines Nachts, im Traume mit Gabriotto in ihrem Garten zu sein und voller gegenseitiger Freude ihn in ihren Armen zu halten glaubte. Und als sie noch in dieser Stellung verweilten, war es ihr, als sehe sie aus seinem Körper ein schwarzes scheusliches Ding herauskommen, dessen Gestalt sie nicht erkennen konnte. Dann kam es ihr vor, als faßte dies Ding den Gabriotto und risse ihn wider ihren Willen mit unglaublicher Kraft aus ihren Armen und verschwände mit ihm unter die Erde, sodaß sie weder das Eine noch den Andern wieder zu sehen bekam. Darüber empfand sie so heftigen Schmerz, daß sie aufwachte; und, ob sie wol, erwacht, sich freute, daß die Erscheinungen ihres Traumes verschwunden waren, erfüllte sie dennoch, was sie getraumet hatte, mit Angst. Deshalb bemühte sie sich, als Gabriotto die folgende Nacht zu ihr kommen wollte, so viel sie nur wußte, ihn für diesen Abend davon abzubringen. Da sie aber seinen festen Willen sah, gab sie, damit er sie nicht in anderem Verdacht haben möchte, nach, ihn die Nacht in ihrem Garten zu empfangen. So pflückten sie denn, da es eben die Jahreszeit war, .viel weiße und rothe Rosen und setzten sich dann mitein- Z 60 Vierter Tag. Sechste Geschichte. ander an den Rand eines schönen Springbrunnens des klarsten Wassers, der den Garten zierte. Nachdem sie hier eine Zeitlang unter gegenseitigen lebhaften und anhaltenden Freudenbezeugungen verweilt, fragte Gabriotto seine Dame, aus was für einem Grunde sie am vergangenen Tage ihm diese Zusammenkunft abgeschlagen. Das Mädchen that, wie er es wünschte, und erzählte ihm den Traum, den sie die Nacht zuvor gehabt, und die Besorgnis, die sie deshalb gefaßt habe. Gabriotto aber lachte über ihre Rede und sagte, Träumen einigen Glauben beizumessen, sei eine große Thorheit, denn sie entständen aus Ueber- maß oder Mangel an Speise, und man sehe täglich, daß sie vollkommen eitel seien. Dann fügte er hinzu: „Hätk ich mich nach Träumen richten wollen, so wäre ich nicht ^ sowol wegen des Deinigen, als wegen eines Traumes, den ich, gleichfalls in dieser letzten Nacht, gehabt habe, nicht gekommen. Mir träumte nämlich, als wäre ich in einem anmuthigen, schönen Walde auf der Jagd und hätte das niedlichste und allerliebste Reh gefangen, das je gesehen j worden ist. Das Reh war weißer als Schnee und wurde in kurzer Zeit so zutraulich, daß es gar nicht mehr von mir ging. Dennoch war es mir im Traume, als ob ich,, damit es mir nicht entflöhe, und weil ich es so lieb hatte,, ihm ein goldenes Halsband um die Kehle legte und es > an einer goldenen Kette mit der Hand hielte. Dann aber! schien mir, während das Reh schlummerte und sein Kopf! in meinem Schoße lag, von woher weiß ich nicht, ein kohlenschwarzer Windhund, von gierigem und furchtbarem Aussehen, auf mich zuzukommen. Mir kam es vor, als leistete ich ihm gar keinen Widerstand , und als packte er mich mit den Zähnen in die linke Seite und nagte st lange daran, bis er zum Herzen gelangte, es herausriß und dann forteilte. Darüber empfand ich denn solch einen Schmerz, daß ich aus dem Schlafe auffuhr und, erwacht, mir eilig nach der Seite griff, um zu fühlen, ob ich dort nichts hätte; als ich indeß nichts fand, lachte ich mich um, nach vorgängiger Anordnung ihrer Geschäfte, nach Neapel zu ziehen. Das Mädchen aber hörte nicht auf zu weinen und ihren Blumentopf zu verlangen und starb in solcher Weife unter Thränen. Das war das Ende dieser traurigen Liebe. Mit der Zeit aber wurde die Begebenheit Vielen bekannt, und es dichtete Einer das Lied darauf, das heute noch gesungen wird: Wer war der arge Bösewicht, Der meinen Blumenstock genommen?" Sechste Geschichte. Andrcola liebt den Gabriotto. Sie erzählt ihm einen Traum, den sie gehabt, und er ihr einen anderen. Darauf stirbt er plötzlich in ihren Armen, und während sie ihn mit ihrer Dienerin nach seinem Hause trägt, werden sic von der Wache gefangen, und sie gesteht, wie sich Alles zugetragen. Der Podest», will ihrer Ehre Gewalt anthun, sie wehrt sich aber. Ihr Water erfährt indes, wo sie sei, und befreit sie, da er sic unschuldig findet. Sie aber weigert sich, länger in der Welt zu leben, und wird Nonne. §)ie Geschichte, die Philomela so eben erzählt, war den Damen sehr willkommen gewesen, da sie jenes Lied schon oft singen gehört hatten, nirgend aber, trotz allen Fragens, die Veranlassung, auf die es gedichtet wäre, hatten erfahren können. Der König hatte kaum das Ende gehört, so hieß er dem Pamphilus, in der Ordnung weiter fortzufahren. Pamphilus sagte darauf: „Der in der vorigen Geschichte erwähnte Traum veranlaßt mich, Euch eine andere zu erzählen, in der ihrer zweie Vorkommen, welche 3 * * 5)8 Vierter Tag. Sechste Geschichte. zukünftige Dinge betrafen, sowie jener vergangene, und von Denjenigen, die sie geträumt hatten, kaum erzählt waren, als sie auch Beide schon eintrafen. Ihr müßt nämlich wissen, liebenswürdige Damen, daß alle lebenden Menschen, vermöge einer gemeinschaftlichen Erregbarkeit, im Traume mancherlei Dinge sehen, die zwar dem Träumenden, so lange er schläft, vollkommen wahr scheinen, von denen aber, sobald er wieder erwacht, nur einige als wahr, andere als wahrscheinlich und noch andere als aller Wahrheit widersprechend erkannt werden. Viele messen nun demzufolge jedem ihrer Träume eben so viel Glauben bei, als den Gegenständen, die sie wachend sehen, und betrüben oder erfreuen sich über ihre Träume, je nachdem ihr Inhalt sie hoffen oder fürchten macht. Umgekehrt gibt es aber auch Manche, die keinem Traume früher glauben, als wenn sie der Gefahr, vor der sie gewarnt wurden, bereits erlegen sind. Ich billige weder das Eine, noch das Andere; denn die Träume sind weder immer wahr, noch allemal falsch. Daß sie nicht alle wahr sind, wird wol ein Jeder von uns öfters erfahren haben. Daß sie aber auch nicht alle täuschen, habt Ihr schon aus Phi- lomelen's Geschichte ersehen, und ich denke es Euch jetzt, wie ich schon erwähnte, auch durch die meinige zu beweisen. Deshalb meine ich denn, daß man sich durch keinen widersprechenden Traum bei tugendhaftem Leben und Wandel in Furcht setzen, noch von seinen guten Entschlüssen abbringen lassen soll. Ebenso soll man, wie vortheilhaft auch die Träume uns ein schlechtes und widerrechtliches Benehmen darstellen und uns mit. lockenden Vorspiegelungen dazu verleiten wollen, ihnen doch keinen Glauben beimessen; wol aber im umgekehrten Falle sie alle für wahr halten. Doch, kommen wir nun zu unserer Geschichte. In der Stadt Brescia lebte vor Zeiten ein Edelmann, Herr Negro von Ponte Carali genannt, der unter mehren andern Kindern eine Tochter, Namens Andreola, hatte, Andreola's und Gabriotto'S Träume- 63 die der Seinigen zu Thcil werden, und schon zeigen sich mir die Mittel, wie wir es zu bewerkstelligen haben." Nach diesen Worten befahl sie ihr eilig, ein Stück seidenes Zeuch, das sie vo.rräthig im Schranke hatte, zu holen, breitete dies, als die Dienerin es gebracht, auf den Boden aus und legte mit deren Hülfe die Leiche des Ga- briotto, der sie ein Kissen unter den Kopf that, darauf Dann drückte sie ihm Augen und Mund unter vielen Thranen zu, bekränzte ihn mit Rosen und überschüttete ihn ganz mit all den übrigen Rosen, die sie zusammen gepflückt, und sagte endlich zur Dienerin: „Es ist nicht weit bis zur Thür seines Hauses, und so wollen wir ihn denn Beide, Du und ich, geschmückt, wie wir ihn haben, forttragen und dort an der Schwelle niederlegen. Binnen kurzem wird es ja Tag, und dann die Leiche gefunden und aufgehoben werden. Den Seinigen freilich wird unsere Sorgfalt keinen Trost gewahren können; ich aber, in deren Armen er gestorben ist, werde mich daran freuen." Als sie so gesprochen, siel sie dem tobten Körper abermals mit einem Strome von Thranen um den Hals und weinte eine lange Weile. Erst auf vielfältiges Dringen der Dienerin, und als der Tag zu dämmern begann, richtete sie sich auf, zog sich alsdann den Ring vom Finger, mit dem Gabriotto sich ihr vermählt hatte, und sagte, während sie ihn an den seinigen steckte: „Mein theurer Gemahl, wenn Deine Seele jetzt meine Thränen sieht, oder wenn der Körper, nachdem jene ihn verlassen, noch fähig ist, etwas zu empfinden oder wahrzunehmen, so nimm das letzte Geschenk Deines Weibes, das Du im Leben so zärtlich geliebt hast, freundlich auf." Und mit diesen Worten sank sie wieder bewußtlos auf die Leiche nieder. Sobald sie sich aber ein wenig erholt hatte, nahm sie mit Hülfe der Dienerin das Tuch, auf dem der tobte Körper lag, trug es zum Garten hinaus und schlug den Weg nach seinem Hause ein. Während sie aber noch dahin unterwegs waren, traf 64 Vierter Lag. Sechste Geschichte. es sich, daß Einige von der Wache des Podest«, die zufällig um eben diese Zeit einer Amtsverrichtung nachgingen, ihnen begegneten, und die Leiche, die sie trugen, gewahr wurden. Als Andreola,. welcher der Tod willkommener gewesen wäre wie das Leben, die städtische Wache erkannte, sagte sie unerschrocken: „Ich sehe wol, wer Ihr seid, und daß, fliehen zu wollen, nichts fruchten würde. Auch bin ich bereit, Euch vor die Obrigkeit zu folgen und ihr zu berichten, wie es sich mit dieser Angelegenheit verhalte. Soll ich aber nachher nicht über Euch Beschwerde führen, so wage Niemand, so lange ich willig Euch folge, mich zu berühren, oder diese Leiche ihres Schmuckes in irgend etwas zu berauben." Zn Folge dieser Rede gelangte sie, ohne daß Einer sich unterstanden hätte, sie zu berühren, oder die Leiche zu versehren, auf das Stadthaus. Der Podest« stand, sobald es ihm gemeldet worden, auf und befragte sie in seinem Zimmer wegen des Vorgefallenen. Auch ließ er den Leichnam von Aerzten untersuchen, ob sich Spuren fänden, daß der arme Mensch durch Gift oder auf andere Weise umgebracht wäre. Alle verneinten es und erklärten, es sei ihm ein Geschwür in der Nähe des Herzens aufgebrochen und habe ihn erstickt. Als der Podest« diesen Ausspruch vernahm und erkannte, daß sie keines erheblichen Verbrechens geziehen werden könne, wollte er sich das Ansehen geben, als schenke er ihr, was er ihr doch nicht hatte verkaufen können, und versprach ihr die Freiheit, im Falle sie zuvor seinen Lüsten nachgeben wolle. Weil aber diese Worte bei der Dame nichts fruchteten, wollte er wider alles Fug und Recht Gewalt anwenden. Andreola indeß, der Zorn und Abscheu ungewohnte Kräfte gaben, vertheidigte sich hartnäckig und überhäufte ihn mit Schimpfworten und Ausdrücken ihrer Verachtung. Inzwischen war der Helle Tag angebrochen, und Herr Negro hatte zu seiner tiefsten Betrübniß das Geschehene erfahren. Sogleich begab er sich, von vielen seiner Freunde Andrea la'S und Gabriotto's Träume. 61 selber aus, daß ich erst nachgesehen hatte. Was hat denn das Alles aber auf sich? Aehnliche und noch viel schrecklichere Träume habe ich schon oft genug gehabt, ohne daß mir darum der mindeste Unfall von der Welt zugestoßen wäre. Bekümmere Dich also nicht wegen der Träume, sondern laß uns allein unserem Glücke nachgehen." Die junge Dame, die schon über ihren Traum so sehr erschrocken war, wurde es über die Rede ihres Geliebten noch weit mehr; um ihn aber auf keine Weise zu verstimmen, verbarg sie ihre Angst so viel sie nur vermochte. Ob sie nun gleich ihren Gabriotto öfters umarmte und ihn küßte und auch in seinen Umarmungen und Küssen einige Freude fand, so fürchtete sie doch fortwährend, ohne selber zu wissen was, blickte ihm häufiger als sonst ins Gesicht und sah sich zuweilen im Garten um, ob nicht irgendwo etwas Schwarzes auf sie zukomme. Während sie noch so miteinander weilten, seufzte Gabriotto tief aus, umarmte sie und rief: „Ach, Gott, mein liebstes Herz, hilf mir, denn ick) sterbe;" und mit diesen Worten siel er auf den Rasen der Wiese nieder. Sogleich hob ihn Andreola wieder auf, legte ihn sich in den Schoß und sagte fast unter Thränen: „Ach, mein süßester Gebieter, um Gottes willen, was fehlt Euch denn?" Gabriotto antwortete nicht, sondern stöhnte heftig unter plötzlichem Schweiße, und es währte nicht lange, so verschied er. Wie schmerzlich und wie betrübend dies der jungen Dame sein mußte, die ihn mehr als sich selber liebte, wird sich eine Jede von Euch einbilden können. Lange weinte sie über ihn, und oftmals rief sie ihn vergebens bei Namen; als sie aber fühlte, daß er schon am ganzen Leibe kalt sei und sich dadurch überzeugte, er sei wirklich todt, ging sie, da sie sich auf der Welt keinen Rath wußte, in aller ihrer Angst und mit nassen Augen, ihre Dienerin, die die Vertraute dieser Liebe war, zu rufen 62 Vierter Tag. Sechste Geschichte- und erzählte ihr ihren Jammer und ihr Elend. Nachdem sie nun gemeinschaftlich Gabriotto's tobte Züge eine Zeitlang mit ihren Thränen benetzt hatten, sagte die Dame zur Dienerin: „Da Gott mir ihn genommen hat, so denke ich auch nicht langer am Leben zu bleiben. Bevor ich aber Hand anlege, mich zu tödten, wünschte ich, daß wir ein genügendes Mittel ergriffen, um meine Ehre und das Geheimniß der zwischen uns bestandenen Liebe zu bewahren und diesen Körper, von dem die geliebte Seele geschieden ist, zur Erde zu bestatten." Darauf entgegnete die Dienerin: „Sage nicht, meine Tochter, Du wollest Dir das Leben nehmen; denn, hast Du ihn in dieser Welt verloren, so würde Dein Selbstmord auch in jener Welt Dich von ihm trennen, weil Du zur Hölle verbannt werden würdest, wo seine Seele gewiß nicht weilt, denn er war ein braver Mensch. Viel besser ist es also, Du suchst Dich zu trösten, und bemühst Dich, sein Heil durch Gebete und andere gute Werke zu befördern, wenn er um etwaniger Sünden willen dessen bedürfen sollte. Was aber sein Begräbnis betrifft, so haben wir dazu hier im Garten die beste Gelegenheit, und, da Niemand weiß, daß er jemals hierher gekommen, wird auch kein Mensch das Geringste davon erfahren. Ist Dir das aber nicht genehm, so legen wir die Leiche hier vor dem Garten ruhig nieder, dann werden ihn morgen früh die Leute schon finden und nach Hause schaffen, daß seine Angehörigen ihn begraben lassen." Trotz der Bitterkeit ihres Schmerzes und ihrer unablässigen Thränen hatte die junge Dame auf den Rath ihrer Dienerin gehört und antwortete, da dessen erste Hälfte nicht nach ihrem Sinne gewesen, nun auf die zweite: „Behüte Gott, daß solch ein trefflicher Mann, den ich so herzlich geliebt und der mein Gatte gewesen, mit meinem Willen wie ein Hund verscharrt oder auf die Straße geworfen werden sollte. Meine Thränen sind ihm geworden; so sollen ihm denn auch, so weit es an mir liegt, Andreola's und Gabriotto's Träume. 65 begleitet, auf das Stadthaus und verlangte, sobald der Podesta ihm Alles berichtet, unwillig seine Tochter zurück. Der Podesta, der es für gerathen hielt, bevor die Dame es thäte, sich selber wegen der Gewalt anzuklagen, die er - ihr hatte anthun wollen, lobte zuvörderst sie und ihre Standhaftigkeit, und gestand sodann, als besten Beleg für jene, was er gethan habe, und mit welchem Erfolge. Daß er sie dabei so unerschütterlich gefunden, setzte er hinzu, habe ihm die wärmste Liebe zu ihr eingeflößt, und, wenn es Herrn Negro, als ihrem Vater, und ihr selber genehm sei, werde er sie, trotz ihrer früheren Verbindung mit einem Menschen niedrigen Standes, gerne zur Frau nehmen. Wahrend nun Beide noch so miteinander redeten, trat Andreola vor ihren Vater, warf sich weinend vor ihm nieder und sagte: „Vater, ich glaube, es ist unnöthig, daß ich Euch die Geschichte meiner Verwegenheit und meines Unglückes erzähle, denn gewiß habt Ihr sie bereits vernommen und kennt sie zur Genüge. Darum bitte ich Euch denn, so innig und so demülhig als ich nur kann, um Verzeihung für mein Vergehen, daß ich ohne Euer > Wissen mir Den zum Manne genommen, der mir am besten gefiel. Ich bitte Euch darum, nicht damit mir das Leben geschenkt werdp, sondern damit ich als Eure Tochter und nicht als Eure Feindin sterben könne." Mit diesen Worten sank sie zu seinen Füßen weinend zu Boden. Herr Negro, der schon bei Jahren und überhaupt wohlwollenden und liebevollen Gemüthes war, begann bei der Rede seiner Tochter zu weinen, richtete voller Zärtlichkeit sie weinend auf und sagte dann: „Meine Tochter, freilich wäre es mir viel lieber gewesen, hattest Du einen Mann gehabt, wie er nach meiner Ansicht sich für Dich geziemt hätte. Wenn Du ihn aber auch nach Deinem Gefallen gewählt hättest, so würde der. von Dir Erwählte nothwendig auch mir gefallen haben. Daß Du mir jedoch Deine Wahl verborgen, kränkt mich wegen Deines geringen Zutrauens zu mir. Noch mehr aber schmerzt es l 66 Vierter Tag. Sechste Geschichte. mich, zu sehen, daß Du ihn verloren, bevor ich noch davon gewußt. Da es indeß nun einmal so ist, so will ich zu Deiner Beruhigung wenigstens dem Tobten anthun, was ich gern dem Lebenden gewahrt hätte, ihm nämlich die Ehre erweisen lassen, die meinem Schwiegersöhne zukommt." Darauf wandte er sich zu seinen Kindern und Verwandten und hieß sie, für den Gabriotto ein großes und ehrenvolles Begräbniß zurüsten. Inzwischen waren auch! die männlichen und weiblichen Angehörigen des jungen! Mannes, die von dem Vorfälle Nachricht erhalten, und ^ fast so viel Männer und Frauen als in der Stadt waren, herbeigekommen. So wurde denn die Leiche, die mitten ^ im Hofe auf Andreola's Tuche lag und noch mit all den ! Rosen geschmückt war, nicht allein von ihr und von sei-! nen Verwandtinnen, sondern fast von allen Frauen in! der Stadt und von vielen Männern öffentlich beweint,! und alsdann, nicht nach Art eines gemeinen Mannes, i sondern eines großen Herrn, aus dem Hofe des Stadt-^ Hauses auf den Schultern der edelsten Bürger unter großen Ehren zur Gruft getragen. Nach einigen Tagen wiederholte der Podesta seine bereits gemachten Anträge, und Herr Negro sprach davon zu seiner Tochter. Sie aber wollte nichts davon hören, und da der Vater bereit war, ihr den Willen darin zu lassen, nahm sie mit ihrer Dienerin in einem seiner Heiligkeit wegen berühmten Kloster den Schleier, wo Beide noch lange ein tugendhaftes Leben führten.,, Der giftige Salbeibusch. 67 Siebente Geschichte. ^ Simona liebt den Pasquino. Während sie miteinander in einem l Garten sind, reibt PaSquino sich mit einem Salbciblatte die Zähne und stirbt. Simona wird festgcnommen und stirbt gleich- I falls, wie sie, um dem Richter den Tod des Pasquinv deutlich zu machen, ein anderes jener Salbciblätter an den Zähnen zerreibt. i Äls Pamphilus seine Pflicht zu erzählen gelöst, zeigte ! der König für Andreolen kein Mitleid, sondern gab Emi- ^ lien durch einen an sie gerichteten Blick zu erkennen, er ! wünsche, daß sie mit einer Geschichte Denen, die vor ihr ^ gesprochen, Nachfolgen möge. Sie aber begann, ohne im > mindesten zu zögern, also: „Liebe Freundinnen, die Ge- ^ schichte, die Pamphilus uns erzählt, hat, veranlaßt mich, j eine andere Euch mitzutheilen, die jener nur darin gleicht, daß das Mädchen, von der ich Euch erzählen werde, ihren Geliebten, wie Andreola, in einem Garten verlor, und daß sie, gleich dieser, festgenommen ward, obwol weder ihre Kraft noch ihre Standhaftigkeit, sondern allein ihr Plötzlicher Tod sie von den Gerichten befreite. Wie schon früher unter uns bemerkt worden ist, verschmähet Amor, obgleich er die Schlösser eidlicher Herren gerne bewohnt, deshalb keineswegs die Herrschaft über die Hütten der Armen, sondern zeigt vielmehr in diesen seine Kraft zuweilen in solchem Maße, daß die Reicheren ihn eben hier als übermächtigen Gebieter erkennen und fürchten lernen. Dies wird nun, wenn nicht vollständig, doch zum Theil aus meiner Geschichte erhellen, mit welcher ich in unsere Stadt .zurückzukehren gesonnen bin, von der wir uns heute, unter verschiedentlichen Reden über Verschiedenerlei, so 68 Vierter Tag. Siebente Geschichte- lange entfernt, und von entlegenen Weltgegenden gesprochen haben. Es war nämlich vor nicht gar langer Zeit in Florenz ein ganz hübsches und für ihren Stand gar artiges Mädchen, die Simona hieß und eines armen Mannes Tochter war. Obgleich sie sich mit ihrer Hände Arbeit das Brot verdienen mußte, das sie essen wollte, und sich vom Wollespinnen ernährte, so hatte ^ sich die Armuth ihrer Gesinnung doch so wenig bemächtigt, daß sie sich von jener nicht abschrecken ließ, die Liebe in ihr Herz aufzunehmen, die seit geraumer Zeit den Eingang dazu mit dem gefälligen Betragen und den freundlichen Worten eines jungen Mannes begehrte, der um nichts vornehmer war als sie und ihr Wolle für einen Wollenweber, bei dem er diente, zu spinnen gab. So sehr nun aber auch das gefällige Aeußere des jungen Mannes, der Pasquino hieß und sie ebenfalls liebte, die Simona entflammt hatte, so getraute sie sich doch bei dem lebhaftesten Verlangen nicht, weitere Schritte zu thun, sondern stieß nur unter dem Spinnen bei jedem Endchen wollenen Fadens, das sie um die Spule wand, in Gedanken an Denjenigen, in dessen Aufträge sie spann, tausend Seufzer aus, die heftiger als Feuer brannten. Auf der andern Seite war auch er ausnehmend sorgsam geworden, daß die Wolle seines Herrn gut gesponnen würde, und mahnte um die der Simona aufgetragene, als ob allein aus dieser und aus keiner andern alles Tuch gewoben werden sollte, am häufigsten. Wie nun der Eine fortwährend bat, die Andere aber Vergnügen daran fand, gebeten zu werden, wurde er allmälig dreister, als er früher gepflegt, und sie verlor einen großen Theil von ihrer sonst gewohnten Furcht und Scham, bis sie sich endlich in voller Gewährung gegenseitiger Freuden einigten. Solches Gefallen fanden aber beide Theile an diesen, daß sie, weit entfernt die Aufforderung des Andern, abzuwarten, sich selber gegen- > fertig mit den Anträgen zu ihrer Wiederholung entgegenkamen. Der giftige Salbeibusch. 69 Während sie nun diese ihre Vergnügungen vom einen zum andern Tage fortsetzren und sich in ihrer Wiederkehr immer mehr entflammten, sagte Pasquino eines Tages zur Simona, sie müsse sich ihm zu Gefallen nothwendig so einzurichten wissen, daß sie mit ihm einen Garten, in den er sie führen wolle, besuchen könne, damit sie dort in größerer Muße und geringerer Furcht zusammen seien. Simona sagte, sie sei es zufrieden. Dann redete sie eines Sonntags nach dem Essen ihrem Vater ein, sie wolle den Ablaß von San Gallo besuchen, und ging statt dessen mit einer Freundin, Namens Lagina, in den Garten, den Pasquino ihr bezeichnet. Hier fanden sie den Pasquino schon mit einem seiner Cameraden, der Puccino hieß, aber gewöhnlich Stramba genannt ward, und wie dieser in der Eile eine Liebschaft mit der Lagina ansing, ließen Pasquino und Simona sie am einen Ende des Gartens, und verloren sich am andern, um ihre gewohnten Vergnügungen zu wiederholen. Nun stand in der Gegend, wo Pasquino und seine Geliebte sich befanden, zufällig ein Salbeibusch von besonderer Größe, neben dem sie sich niedersetzten und eine gute Weile sich miteinander ergötzten. Dann redeten sie noch lange über das Vesperbrot, das sie mit aller Gemächlichkeit in diesem Garten einnehmen wollten, wobei sich Pasquino zu dem großen Salbeibusche niederbeugte, ein Blatt davon abpflückte und sich mit der Bemerkung, daß ihm der Salbei, was etwa vom Essen zurückgeblieben sei, am besten davon wegnehme, Zahne und Zahnfleisch tüchtig damit zu reiben begann. Als er dies eine Zeit lang gethan, fuhr er fort über den Jnbiß zu sprechen, von dem vorher die Rede gewesen war. Jndeß hatte er noch nicht lange weiter gesprochen, als er plötzlich die Farbe wechselte, wenig Augenblicke darauf Gesicht und Sprache verlor und endlich binnen kurzem starb. Beim Anblick aller dieser Unfälle Hub Simona laut zu weinen und zu klagen an und rief nach Stramba 70 Vierter Tag. Siebente Geschichte. und Lagina. Diese kamen eilig gelaufen und fanden den Pasquino nicht allein todt, sondern auch schon aufgeschwollen, und im Gesichte und auf dem Leibe voller dunkler Flecke. Als Stramba dies gewahr wurde, rief er sogleich: „Abscheuliches Weibsbild, Du hast ihn vergiftet!" und erhub einen solchen Lärm, daß Viele, die in der Nachbarschaft des Gartens wohnten, davon hörten. Alle, die darüber herbeiliefen, den tobten und geschwollenen Körper sahen, und hörten, wie Stramba wehklagte und die Simona beschuldigte, Jenen hinterlistig vergiftet zu haben, glaubten, es verhalte sich wirklich, wie Stramba vorgab, da auch das Mädchen vor Schmerz über den Unfall, der ihren Geliebten ihr so plötzlich entrissen, wie außer sich war und sich nicht zu vertheidigen wußte. So wurde sie denn ergriffen und unter heftigem Weinen auf den Palast des Podesta geführt. Hier brachten Stramba, Atticciato und Malagevole, lauter Cameraden des Pasquino, die sich inzwischen eingefunden hatten, ihr Begehren so ungestüm vor, daß einer der Richter das Mädchen, ohne weiteren Aufschub, über den Hergang der Sache zu befragen anfmg. Da es ihm nun dabei gar nicht einleuchten wollte, daß sie in böser Absicht gehandelt habe und schuldig sei, beschloß er, die Leiche, den Ort, wo sich Alles zugetragen, und die Nebenumstande, von denen sie ihm gesprochen, in ihrem Beisein in Augenschein zu nehmen; denn aus ihrer Erzählung wußte er sich nicht recht zu vernehmen. Zu dem Ende ließ er sie, unter Vermeidung alles Aufsehens, in den Garten zurückbringen, wo der Leichnam des Pasquino, aufgeschwollen wie eine Tonne, noch immer am Boden lag. Als der Richter nachkam, verwunderte er sich sehr über das Ansehen des Tobten und fragte sie, wie es denn nun gewesen sei. Das Mädchen erzählte zuerst Alles, was vorher geschehen, und trat alsdann, um dem Richter das Ereigniß desto vollständiger vorzustellen, an den Salbeibusch und rieb sich, sowie Pasquino gethan, mit einem 71 Der giftige Salbeibusch. von den Blättern desselben die Zähne. Stramba und Atticciato nebst Pasquino's übrigen Freunden und Gefährten verhöhnten Alles, was Simona vorbrachte, in Gegenwart des Richters als alberne Erfindungen, verdoppelten ihre Anklagen gegen sie und verlangten nichts Geringeres, als daß sie mit dem Feuer für solche Verruchtheit bestraft werden solle. Das arme Mädchen aber, das aus Schmerz über den Verlust ihres Geliebten und aus Angst vor der Strafe, die Stramba für sie begehrte, die Sprache verlor, wurde nun, in Folge des Salbei, mit welchem sie sich die Zähne gerieben, von denselben Zufällen, denen früher Pasquino erlegen, zum großen Erstaunen aller Umstehenden betroffen. Glückliche Seelen, denen das Loos zu Theil ward, au demselben Tage ihre glühende Liebe und dies irdische Leben endigen zu sehen. Doppelt glücklich, wenn Ihr Beide einem gemeinschaftlichen Aufenthaltsort zueiltet. Ueberselig, wenn man auch jenseit liebt, und wenn Eure Liebe dort ebenso fortdauert, wie sie diesseit Euch durchdrang. Am glücklichsten aber ist nach unserem Dafürhalten, die wir am,Leben geblieben sind, als sie starb, Simona zu preisen, weil das Geschick nicht zuließ, daß ihre Unschuld dem Zeugnisse des Stramba, des Atticciato und des Mala- gevole, welche Wollkratzer oder noch geringeres Volk sein mochten, erläge, sondern ihr einett ehrenvolleren Weg bereitete, auf dem sie durch denselben Tod, den ihr Geliebter gestorben, sich der Schmach entriß, die Jene ihr zugedacht, und der vielgeliebten Seele ihres Pasquino nachfolgte. Der Richter, der gleich allen klebrigen höchlich über dies Schauspiel erstaunte, wußte nicht, was er sagen sollte, und blieb in langem Schweigen. Als er sich endlich wieder gefaßt hatte, sagte er: „So muß denn dieser Salbei giftig sei, was doch sonst nicht die Art der Pflanze ist. Damit sie aber in Zukunft Niemanden auf solche Weise mehr schade, soll man sie bis zu den Wurzeln ab- 73 Vierter Lag. Achte Geschichte. schneiden und ins Feuer werfen." Der Wächter des Gartens gehorchte alsbald diesem Befehle in des Richters Gegenwart. Kaum aber hatte er den großen Busch vertilgt, als offenbar ward, was am Tode des unglücklichen Paares Schuld gewesen sei. Es saß nämlich unter diesem Salbeibusche eine Kröte von erstaunlicher Größe, deren giftiger Hauch, wie Alle vermutheten, die Pflanze vergiftet hatte. Wie nun aber Niemand den Muth hatte, sich der Kröte zu nähern, umlegte man sie rings mit vielem Reisig und verbrannte sie darin mit sammt dem Salbei. So endete die Untersuchung des Herrn Richters über den Tod des armen Pasquino. Die Leiche des Letztem aber wurde nebst der seiner Simona, geschwollen, wie sie waren, vom Stramba, Atticciato, Guccio Jmbratta und dem Malagcvole in der Kirche San Paolo, wo die Verstorbenen eingepfarrt gewesen, zur Erde bestattet." Achte Geschichte. Girolamo liebt die Salvcstra. Die Bitten seiner Mutter nöthi- gen ihn, nach Paris zu gehen, und, wie er zurückkommt, findet er seine Geliebte verheirathet. Cr schleicht sich verstohlen in ihr Haus und stirbt an ihrer Seite. Die Leiche wird in eine Kirche getragen, und Salvestra sinkt tobt neben ihr nieder. §)ie Geschichte der Emilia war zu Ende gediehen, als Neiphile auf Befehl des Königs also begann: „Nach meinem Dafürhalten, Ihr werthen Damen, gibt es Leute, die sich zwar größere Klugheit als allen Andern zuschreiben, in der Thal aber deren weniger besitzen. Darum sind sie denn übermüthig genug, nicht allein menschlichen Rathschlägen, sondern auch den Anordnungen der Natur Girolamo und Salvestra. 73 ihre Weisheit entgegen zu setzen, woraus schon öfter die größten Unfälle erwuchsen, niemals aber das mindeste Gute erfolgt ist. Weil nun aber die Liebe noch weniger als alle übrigen Naturtriebe sich durch Rath und Widerstreben beherrschen laßt und ihrem Wesen nach sich eher in sich selber verzehren, als durch menschliche Vorkehrungen vertilgt werden wird, bin ich gesonnen, Euch von einer Frau zu erzählen, die, während sie weiser sein wollte, als sie war und als sich für sie schickte, ja weiser, als mit der Angelegenheit, in der sie ihren Scharfsinn zu zeigen gedachte, sich vertrug, statt dem verliebten Herzen die Liebe zu entreißen, die die Sterne vielleicht in ihm hatten entstehen lassen, nur das erlangte, daß sie Liebe und Leben zugleich aus dem Körper ihres Sohnes vertrieb. In unserer Stadt nämlich lebte, wie die Bejahrteren uns erzählen, vor Zeiten ein großer und sehr begüterter Kaufmann, Namens Leonardo Sighieri, der bald, nachdem seine Frau ihm einen Knaben, welcher Girolamo genannt wurde, geboren, seine letzten Verfügungen traf und aus der Welt ging. Die Vormünder des Kindes verwalteten in Gemeinschaft mit dessen Mutter seine Angelegenheiten treu und redlich. Der Knabe wuchs mit den Kindern der Nachbaren auf; mit keinem von der Straße, auf welcher sie wohnten, wurde er aber so vertraut, als mit einem Mädchen seines Alters, der Tochter eines Schneiders. Wie nun Beide an Alter zunahmen, verwandelte sich die Gewohnheit des Umganges in so große und heftige Liebe, daß Girolamo nur so lange sich wohl fühlte, als er das Mädchen sah. Auf der andern Seite liebte auch sie ihn gewiß nicht minder, als sie von ihm geliebt ward. Sobald die Mutter des Knaben diese Neigung bemerkt hatte, schalt und züchtigte sie ihn oft deshalb. Als aber Girolamo es doch nicht lassen konnte, beschwerte sie sich gegen die Vormünder darüber und sagte zu ihnen, in der thörichten Meinung, bei dem großen Reichthume ihres Sohnes könne sie einen Mohren weiß waschen: „Unser Dekameron. II. 4 74 Vierter Lag. Achte Geschichte. Girolamo ist kaum erst vierzehn Jahre alt und hat sich in eine Schneiderstochter aus unserer Nachbarschaft, die Salvestra heißt, schon so verliebt, daß ich immer fürchte, wenn wir sie ihm nicht aus den Augen bringen, nimmt er sie sich ein Mal ohne Jemandes Vorwissen zur Frau und betrübt mich dadurch für mein ganzes Leben. Sieht er sie dagegen an einen Andern verheirathet, so wird er sich um ihretwillen ganz verzehren. Und so dächte ich, Ihr würdet gut thun, wenn Ihr ihn, um Beides zu vermeiden, in den Angelegenheiten des Handelshauses nach irgend einem entlegenen Orte schicktet. Entfernt er sich von ihrem Anblicke, so wird er sie sich schon aus dem Sinne schlagen, und dann können wir ihm ein Mädchen von guter Abkunft zur Frau geben." Die Vormünder billigten die Rede der Mutter und versprachen nach ihren Kräften darnach HU handeln. Zu dem Ende ließen sie sich den Knaben in das Gewölbe rufen, und Einer unter ihnen sagte ihm gar freundlich: „Mein Sohn, Du sangst nachgerade an, groß zu werden, und da ziemt es sich, daß Du selber lernst in Deinen Angelegenheiten nach dem Rechten zu sehen. Deshalb wäre es uns denn sehr lieb, wenn Du eine Zeit lang in Paris verweilen wolltest, wo Du einen großen Theil Deiner Reichthümer umsetzen sehen wirst. Ueber- dies wirst Du Dich dort viel mehr auszubilden, und gute Sitten und feines Betragen zu erlernen Gelegenheit haben, als hier, wenn Du die großen Herren, die Barone und Edelleute, die dort vorzüglich zahlreich sind, beobachtest. Hast Du alsdann ihre Sitten Dir zu eigen gemacht, so magst Du hierher wieder zurückkehren." Der Knabe hatte der Rede aufmerksam zugehört, antwortete nun aber mit wenig Worten, er wolle von alle Dem nichts thun, denn er denke, so gut wie ein Anderer, ruhig in Florenz bleiben zu können. Die guten Leute erklärten ihm zwar ausführlich ihre Misbilligung seiner Antwort; da sie indeß keine andere aus ihm herausbringen Girolamo und Salvestra. 75 konnten, erstatteten sie der Mutter über Alles Bericht. Diese sagte ihm dann, nicht über seine Weigerung, nach Paris zu gehen, sondern über seine Liebschaft heftig erzürnt, gar harte Sachen. Dann aber suchte sie ihn durch freundlichere Worte wieder zu gewinnen und schmeichelte und bat ihn auf das zärtlichste, daß er ihr zu Gefallen thun möge, was seine Vormünder verlangten. In der That wußte sie ihm so viel vorzureden, daß er sich bereit erklärte, auf ein Jahr, auf länger aber nicht, hingehen zu wollen. So reiste Girolamo denn ab; als er aber, seine heftige Liebe im Herzen, in Paris angelangt war, wurde er von einem Tage zum andern so lange hingehalten, bis zwei Jahre verstrichen waren. Endlich, verliebter als je zuvor nach Florenz heimgekehrt, fand er seine Salvestra an einen ehrlichen Bürgersmann, der ein Zeltmacher war, verheirathet und grämte sich darüber außer Maßen. Als er indeß einsah, daß die Sache nun doch nicht mehr zu ändern sei, suchte er für seinen Gram auf andere Weise Trost zu gewinnen. Zu dem Ende erfrug er ihre Wohnung und ging alsdann nach Art der verliebten Jünglinge häufig vor dem Hause vorüber, denn er dachte nicht anders, als sie werde ihn eben so wenig vergessen haben, als er sie. Doch verhielt es sich damit ganz anders. Sie gedachte seiner nicht mehr, als ob sie ihn nie gesehen, und wenn sie sich ja noch einigermaßen an ihn erinnerte, so drückte sie wenigstens in ihrem Benehmen das Gegen- theil davon aus. Girolamo wurde dies in kurzer Zeit gewahr und betrübte sich darüber ausnehmend. Dennoch that er, was er nur konnte, um ihre Neigung wieder zu gewinnen, und als Alles ihm gar Nichts zu fruchten schien, beschloß er, und wenn es sein Leben kostete, wenigstens noch ein Mal mit ihr zu reden. Nachdem er sich in dieser Absicht von einem Nachbar das Innere des Hauses genau hatte bezeichnen lassen, schlich er sich eines Abends, als sie mit ihrem Manne in 4 * 76 Vierter Tag. Achte Geschichte. dis Nachbarschaft zu Lichts gegangen war, heimlich hinein und versteckte sich in ihrem Schlafzimmer hinter einige Stücke Zeltleinewand, die dort ausgebreitet waren. Hier wartete er, bis sie zurückkamen und zu Bette gingen und bis er den Mann schlafen hörte. Dann trat er an die Seite des Bettes, wo er die Salvestra sich hatte niederlegen sehen, legte ihr die Hand auf die Brust und sagte leise: „Liebes Herz, schläfst Du schon?" Das junge Weib wachte noch und wollte schreien; er aber sagte eilig: „Schreie nicht, um Himmels Willen, ich bin ja Dein Girolamo." Darauf erwiderte sie unter heftigem Zittern: „Um Gottes willen, Girolamo, geh wieder fort. Die Zeit ist jetzt vorbei, wo wir als Kinder ineinander verliebt sein durften. Ich bin, wie Du siehst, verheiratbet, und da wär's ja eine Schande, wollte ich mich mit einem Andern einlassen, als mit meinem Manne. Darum bitte ich Dich uns Gottes Barmherzigkeit willen, daß Du fort gehest; denn hörte Dich mein Mann, so würde, selbst wenn kein anderes Unglück daraus entstünde, doch das die Folge sein, daß ich mein Lebelang nicht wieder in Ruh' und Frieden mit ihm würde leben können, wahrend ich jetzt, weil er mich lieb hat, mich wohl und zufrieden mit ihm fühle." Der Jüngling, der über diese Rede sich heftig betrübte, erinnerte sie an die vergangene Zeit und an seine Liebe, die sich auch in der Ferne niemals verringert, bestürmte sie mit Bitten und den größten Versprechungen, konnte aber demungeachtet nichts von ihr erlangen. Da bat er sie denn endlich, weil er sich nichts mehr wünschte als den Tod, daß sie ihm zum Lohne für so große Liebe weiter nichts gestatten möge, als daß er sich so lange neben sie niederlegen dürfe, bis er sich ein wenig erwärmt hätte, denn er sei, während der Zeit, wo er auf sie gewartet habe, vor Kälte völlig erstarrt. Er versprach dabei, weder ein Wort zu reden, noch sie anrühren zu wollen, sondern zu gehen, sobald er einigermaßen wieder warm geworden wäre. Salvestra fühlte doch ein wenig Mitleiden mit ihm » Girolamo und Salvestra- 77 und so ließ sie es, unter den Bedingungen, die er sich nuferlegt hatte, zu. Der Jüngling legte sich also neben sie nieder und berührte sie nicht, sondern richtete alle seine Gedanken auf seine lange Ausdauer in der Liebe zu ihr, auf ihre gegenwärtige Grausamkeit und seine vernichteten Hoffnungen und beschloß nicht mehr leben zu wollen. Und so hielt er die Lebensgeister auf, preßte die Hände zusammen und starb, ohne einen Laut von sich zu geben, an ihrer Seite. Die junge Frau wunderte sich inzwischen über seine Enthaltsamkeit und sagte nach einer Weile, aus Besorgnis daß ihr Mann aufwachen möchte: „Nun Girolamo, warum gehst Du denn noch nicht?" Da sie keine Antwort erhielt, glaubte sie, er möchte wol eingeschlafen sein, und streckte die Hand nach ihm aus und Hub ihn zu schütteln an, daß er aufwachen sollte. Als sie aber bei der Berührung fühlte, er sei kalt wie Eis, verwunderte sie sich ausnehmend, und wie er bei abermaligem stärkeren Anfaffen sich nicht bewegte, erkannte sie nach öfter wiederholten Versuchen, daß er todt sei. Voller Schrecken darüber wußte sie geraume Zeit lang durchaus nicht, was sie thun sollte, bis sie sich endlich entschloß, ihren Mann dadurch über den Vorfall aus- zusorschen, daß sie ihm denselben unter erdichteten Namen vortrüge. Zu dem Ende weckte sie ihn, erzählte ihm, was soeben hier geschehen war, als habe es sich in dem Hause eines Andern zugetragen, und fragte ihn alsdann, was er beschließen würde, wenn ihr dasselbe begegnete. Der gute Mann erwiderte, seinem Dafürhalten nach müsse man in einem solchen Falle den tobten Körper in der Stille bis zu seiner Wohnung zurücktragen und ihn dort liegen lassen, ohne fernerhin der Frau, die ihm nicht gefehlt zu haben scheine, einigen Groll nachzutragen. „Nun," entgegnete die junge Frau, „so laß uns denn dasselbe thun;" und damit nahm sie seine Hand und ließ ihn den tobten jungen Mann anfühlen. Ganz erschrocken über diesen An- 78 Vierter Lag. Achte Geschichte. blick, stand der Mann auf und machte Licht an; dann bekleidete er, ohne mit der Frau, der ihre Unschuld zu Hülfe kam, weiter über die Sache zu reden, die Leiche mit des Verstorbenen eigenen Kleidern, nahm sie alsbald auf die Schultern und trug sie bis an die Thür des Hauses, das Girolamo bewohnt hatte, wo er sie niederlegte. Als darauf der Tag anbrach und der Tobte vor der Pforte seines eigenen Hauses gefunden wurde, erhoben Alle, besonders aber die Mutter, ein großes Wehklagen. Man untersuchte und besichtigte den ganzen Körper; da sich aber keine Wunde und keine Quetschung fand, erklärten die Aerzte sammtlich, er müsse, wie er es wirklich war, vor Gram gestorben sein. Als man den Körper von dort hinweggenommen und in eine Kirche gebracht hatte, kam die betrübte Mutter mit vielen andern verwandten oder benachbarten Frauen und sie beweinten und beklagten nach der Sitte unserer Stadt den Verstorbenen gemeinschaftlich mit unzähligen Thränen. Während nun diese Wehklagen in voller Heftigkeit anhielten, sagte der gute Mann, in dessen Hause der Todesfall geschehen war, zu Salvestra: „Du möchtest doch einmal einen Mantel umnehmen und in die Kirche gehen, wo sie den Girolamo hingetragen haben. Stell' Du Dich unter die Frauen und merke auf, was über den Vorfall geredet wird. Ich werde dasselbe unter den Männern thun, damit wir erfahren, ob die Leute über uns was sagen." Der jungen Frau, bei der das Mitleiden etwas spät nachgekommen war, gefiel der Vorschlag, da sie den Jüngling, den sie, wäbrend er gelebt, nicht mit einem einzigen Kusse hatte erfreuen wollen, nun er todt war, zu sehen wünschte, und so ging sie hin. Wunderbar ist cs, wenn man bedenkt, wie schwer zu erforschen die Gewalt der Liebe ist. Dasselbe Herz, das sich dem Glücke des Girolamo nicht hatte aufthun wollen, ward nun von dessen Unglück erweicht. Alle die alten Flammen erwachten plötzlich aufs neue und verwandelten Girolamo und Salvestra. 78 sich beim Anblicke des tobten Angesichtes in solches Mitleid, daß Salvestra sich ganz mit dem Mantel verhüllte und zwischen den umstehenden Frauen sich so lange vordrängte, bis sie zur Leiche gelangt war. Hier siel sie mit einem lauten Schrei auf das Gesicht des tobten Jünglings nieder, badete es aber nicht mit vielen Thränen, denn sie hatte es kaum berührt, als der Schmerz ihr das Leben nahm, wie er dem Girolamo früher das seine genommen. Die Frauen sprachen ihr, ohne sie erkannt zu haben, Trost zu und hießen ihr, sich ein wenig wieder aufzurichten; sie erhob sich aber nicht. Da wollten Jene sie mit Gewalt emporhebsn und erst, als sie sie unbeweglich fanden, erkannten sie zugleich, daß sie Salvestra und daß sie todt sei. Von doppeltem Mitleiden über diesen neuen Unfall ergriffen, erhoben alle gegenwärtigen Frauen nun ein noch viel größeres Wehklagen als zuvor. Dadurch verbreitete sich die Nachricht bis vor die Kirche, wo die Männer standen, und als sie zu den Ohren von Salvestra's Mann gelangte, der sich unter Jenen befand, weinte er lange, ohne von Jemandem Trost oder Zuspruch annehmen zu wollen. Dann aber erzählte er Vielen von den Gegenwärtigen den Vorfall, der sich in der vergangenen Nacht zwischen dem jungen Manne und seiner Frau zugetragen, wodurch dann Allen die Ursache von dem Tode des Erste- ren offenbar und ihr Leidwesen noch um Vieles vermehrt ward. Der Körper der jungen Frau wurde geschmückt, wie man die Tobten zu schmücken pflegt, alsdann auf dasselbe Bette neben dem Jünglinge niedergelegt und endlich Beide, nachdem sie lange in jener Kirche beweint worden waren, in ein und demselben Begräbnisse beigesetzt. Die also die Liebe im Leben nicht hatte vereinigen können, verband nun der Tod mit unzertrennlichen Banden " 80 Vierter Tag. Neunte Geschichte. Neunte Geschichte. Herr Guillem von Roussillon gibt seiner Frau das Herz des von ihm gctödteten Herrn Guillem von Cabestaing, den sie geliebt, zu essen. Sobald sie es erfahren, stürzt sie sich aus einem hohen Fenster und wird mit ihrem Geliebten begraben. Äls die Geschichte der Neiphile, nicht ohne lebhaftes Mitleiden in den Freundinnen der Erzählerin geweckt zu haben, beendet war, Hub der König, weil er des Dioneus Vorrecht nicht zu schmälern gedachte und weil sonst kein Anderer mehr zu erzählen hatte, also zu reden an: „Ihr mitleidigen Damen, ich erinnere mich einer Geschichte, die Euch, wenn Ihr für die Unfälle der Liebenden so viel Theilnahme empfindet, nicht weniger rühren muß, als die vorige; denn Diejenigen, welchen geschah, was ich Euch berichten werde, standen höher und erfuhren noch Schrecklicheres, als dies in Neiphilens Geschichte der Fall war. So wißt denn, daß, nach den Berichten der Proven- ?alen, vor Zeiten in der Provence zwei edle Ritter lebten, deren Jeder über Schlösser und Lehnsmannen zu gebieten hatte und von denen der eine Herr Guillem Roussillon, der Andere aber Herr Guillem Cabestaing hieß. Weil nun der Eine wie der Andere mit besonderer Tapferkeit die Waffen führte, waren sie sich sehr gewogen und pflegten zu jedem Turniere, Lanzenrennen, oder sonstigem Waffenspiele miteinander und in gleicher Rüstung zu reiten. Da geschah es denn, daß, obgleich Jeder von ihnen Beiden ein eigenes Schloß bewohnte und diese wol zehn Mi- glien auseinanderlagen, dennoch Herr Guillem Cabestaing, Guillem Cabestaing u d. Dame v. Roussillon. 81 ohne seine Freundschaft und Waffenbrüderschaft mit Herrn Guillem Roussillon zu berücksichtigen, sich in dessen schöne und liebenswürdige Gemahlin über die Maßen verliebte. Auch wußte er diese Liebe in seinem Betragen auf mancherlei Weise der Dame an den Tag zu legen, sodaß sie seine Gefühle erriech und, da sie wußte, welch ein wackerer Ritter er sei, an ihm Gefallen fand, ja endlich solch' eine Liebe zu ihm faßte, daß sie ihn über Alles begehrte und liebte und nur darauf wartete, daß er sie um ihre Gunstbczeugungen anspräche. Dies geschah denn bald genug und so hatten sie in großer gegenseitiger Liebe öftere Zusammenkünfte. Weil sie aber nicht mit genügender Vorsicht verfuhren, wurde der Mann ihr Einverständnis gewahr und gerieth darüber in solchen Zorn, daß er seine frühere Liebe zu Cabestaing nun in tödtlichen Haß verkehrte und, obwol er denselben besser zu verstecken wußte als das liebende Paar seine Neigung, Jenen umzubringen beschloß. Während sich nun Roussillon noch mit diesem Vorsätze trug, wurde in Frankreich ein großes Turnier angesagt. Roussillon gab dem Cabestaing sogleich davon Nachricht und ließ ihm sagen, wenn es ihm genehm sei, möge er zu ihm kommen, damit sie sich gemeinschaftlich entschließen könnten, ob und wie sie jenes Turnier besuchen wollten. Cabestaing erwiderte voller Freude, er werde auf jeden Fall den folgenden Tag zum Abendessen kommen. Roussillon aber dachte bei dieser Antwort, nun sei die Zeit gekommen, wo er ihn umbringen könne. Und so bewaffnete er sich denn des andern Tages und ritt mit einigen seiner Diener etwa eine Miglie weit von seiner Burg, wo er sich an einer Stelle, an der Cabestaing vorüber mußte, im Gebüsch verbarg. Er hatte schon eine lange Weile gewartet, als er den Cabestaing, der sich von ihm nichts Arges versah, unbewaffnet mit zwei gleichfalls un- bewaffneten Dienern des Weges kommen sah. Kaum war dieser nun an der Stelle, wo Jener ihn haben wollte, 1 " 82 Vierter Tag. Neunte Geschichte. als er tückisch und voll Ingrimm unter dem Rufe: „Du bist des Todes!" mit vorgestreckter Lanze über ihn Hersiel und im selben Augenblicke dessen Brust mit der Lanze durchbohrte. So siel Cabestaing, ohne das Mindeste zu seiner Vertheidigung thun zu können, und starb nach wenig Augenblicken, ohne daß er im Stande gewesen wäre, nur noch ein Wort zu reden. Seine Diener hatten indessen, bevor sie noch erkannt, von Wem dieser Anfall ausgegangen sei, eiligst die Häupter ihrer Pferde herumgewandt und waren, so schnell sie vermochten, nach der Burg ihres Herrn geflohen. Roussillon aber stieg vom Pferde, öffnete dem Cabestaing mit einem Messer die Brust und nahm mit eigenen Händen das Herz heraus. In ein Lanzenfähnchen eingewickelt, ließ er es sich von einem der Diener nachtragen und ritt alsdann, nachdem er ihnen Allen eingeschärft, daß Keiner sich unterstehen solle, von dem Geschehenen ein Wort zu sagen, da es schon Nacht geworden, in seine Burg zurück Die Dame hatte vernommen, daß Cabestaing zum Abendessen kommen wollte, und erwartete ihn mit der größten Sehnsucht; als er nun aber ausblieb, verwunderte sie sich gar sehr und sagte zu ihrem Gemahle: „Herr, was ist es nur, daß Cabestaing noch immer nicht gekommen?" Der Mann aber erwiderte: „Frau, er hat mich wissen lassen, daß er vor morgen nicht hier sein kann;" worüber die Dame bei übler Laune blieb. Inzwischen hatte sich Roussillon, als er kaum vom Pferde gestiegen, den Koch rufen lassen und sagte nun zu ihm: „Nimm dies Eberherz und mache daraus das beste und wohlschmeckendste Gericht, das Du weißt, und schick' es mir dann in einer silbernen Schale zur Tafel." Der Koch nahm das Herz, zerhackte es und that viel gute Gewürze dazu und bereitete so nach aller seiner Kunst und Geschicklichkeit ein äußerst schmackhaftes Gedämpftes daraus. Herr Guillem setzte sich, sobald es Zeit war, mit seiner Gemahlin zu Tische. Die Speisen wurden aufgetragen; Guillem Cabestaing u. d. Dame v. Roussillon. 83 das Verbrechen aber, das er zu begehen im Begriffe stand, Ing ihm so sehr in Gedanken, daß er nur wenig aß. Endlich schickte der Koch das Gedampfte. Herr Guillem ließ die Speise vor die Dame setzen, weil er, wie er vorgab, für den Abend keinen Appetit hatte, und empfahl sie ihr als besonders vorzüglich. Die Dame, der es nicht an Hunger fehlte, versuchte das Gericht und verzehrte es, da sie es wohlschmeckend fand, völlig. Als der Gemahl sah, die Dame habe die Schüssel leergegessen, sagte er: „Frau, was meint Ihr von der Speise?" Sie entgegnen: „Beim Himmel, Herr, sie bat mir gut geschmeckt." „Das glaub' ich Euch," erwiderte der Ritter, „so wahr mir Gott helfe, und sind' es ganz natürlich, daß Ihr an Dem, was Euch lebendig vor allem Andern behagte, auch, nun es todt ist, Behagen findet." Die Dame stutzte über diese Worte einen Augenblick, dann aber sagte sie: „Und was war es denn, das Ihr mir zu essen gegeben?" „Was Ihr gegessen habt," entgegnen der Ritter, „war wahrlich das Herz des Herrn Guillem Cabestaing, das Ihr als ein pflichtvergessenes Weib geliebt habt. Zweifelt nicht, es war es wirklich; denn ich Hab'es ihm selber, kurz bevor ich zurückkam, mit diesen meinen Händen aus dem Leibe gerissen." Wie sehr es die Dame schmerzte, von Dem, den sie über Alles liebte, diese Nachricht zu erhalten, darf ich Euch nicht erst berichten. Nach einer Weile aber sagte sie: „Ihr thatet wie ein ehrloser und niederträchtiger Ritter; denn, wenn ich, ohne von Cabestaing gezwungen zu sein, ihn zum Gebieter über meine Neigungen erwählt hatte und Eurer Ehre dadurch zu nahe getreten war, so konnte mich, nicht aber ihn dafür Strafe treffen. Das aber soll, so Gott will, nie geschehen, daß ich eine andere Speise nach einer so edlen genieße, als das Herz des Herrn Guillem Cabestaing war, den an Tapferkeit und an Sittenadel kein anderer Ritter übertraf." Mit diesen Worten stand sie auf und stürzte sich, ohne einen Augen- 84 Vierter Lag- Zehnte Geschichte. blick zu zögern, rücklings aus einem hinter ihr befindlichen Fenster. Da dies Fenster hoch über dem Boden war, blieb die Dame von dem Sturze nicht allein auf der Stelle todt, sondern ihr Körper war auch fast ganz zerschmettert. Ueber diesen Anblick erschrak Herr Guillem sehr und glaubte nun selber übel gethan zu haben. So ließ er denn, in der Furcht vor der Rache des Volks und des Grafen von Provence, die Pferde satteln und floh. Am andern Morgen war der Hergang der Sache schon in der ganzen Gegend bekannt. Die Leute vom Schlosse des Herrn Guillem Cabestaing, wie von dem der Dame, hoben unter unzähligen Thranen und Wehklagen die beiden Leichen auf und bestatteten sie in der der Dame gehörigen Burgkapelle in eine gemeinschaftliche Gruft. Darüber wurde in Versen der Name der daselbst Begrabenen und Art und Ursache ihres Todes beschrieben." Zehnte Geschichte. Die Frau eines Arztes legt ihren Geliebten, der einen Schlaftrunk genommen, den sie aber für todt hält, in einen Kasten, de» zwei Wucherer mit dem Scheintodten in ihr Haus tragen. Letzterer erholt sich und wird als Dieb gefangen. Die Dienerin der Frau redet dem Richter vor, sie habe Jenen in den Kasten gelegt, den die Wucherer gestohlen, und so wird er vom Galgen gerettet, die Wucherer aber werden wegen des Kastendiebstahls mit einer Geldstrafe belegt. Alls nun der König seine Geschichte beendet, lag es allein dem Dioneus noch ob, seine Pflicht zu erfüllen. Und so begann er denn, im Bewußtsein derselben und auf Geheiß 85 Scheintod des Ruggicri von Jcroli. des Königs folgendermaßen: „Die traurigen Ereignisse un- , glücklicher Lieben, die uns bisher erzählt sind, haben (Euch, Ihr Damen, zu geschweigen), selbst mir Herz und Augen so sehr gerührt, daß ich ihr Ende sehnlich herbeigewünscht habe. Gottlob, daß sie nun hinter uns liegen, wenn ich nicht etwa, wovor Gott mich aber bewahren soll, dieser kläglichen Waare noch eine betrübte Zugabe beifügen wollte. Ohne mick also länger bei traurigen Gegenständen zu verweilen, will ich von anmuthigeren und heiteren zu reden beginnen, um dadurch für die Erzählungen des nächsten Tages vielleicht einen besseren Stoff anzudeuten." „Ihr müßt nämlich wissen, reizende Mädchen, daß vor nicht gar langer Zeit in Salerno ein vortrefflicher Wundarzt, Namens Mazzeo della Montagna, lebte, der ein schönes junges Weibchen, das er noch in seinem späten Alter zur Frau genommen, zwar mit vornehmen und prächtigen Kleidungsstücken, mit Edelsteinen und allem andern Schmuck, der ein Weib erfreuen kann, besser versah, als irgend eine Andere in der Stadt dergleichen aufweisen konnte; dafür aber zuließ, daß sie sich des Nachts meistentheils erkältete, weil er zu wenig dafür that, sie im Bette gehörig zugedeckt zu halten. Und, sowie Herr Ricciardo von Chinziea seiner Frau die Festtage einlehrte, so versicherte dieser der seinigen, wenn man bei einer Frau geschlafen, brauche man, Gott weiß, wie viel Tage, um sich wieder zu erholen, und mehr solche Albernheiten, an denen das arme Weib sich nicht sonderlich erbaute. Weil aber die Frau verschlagen und entschlossen war, so setzte sie sich, um den Hausvorrath zu sparen, vor, auf der Straße sich umzuthun und wo möglich von anderer Leute Tellern zu essen. Eine Weile sah sie sich eine Anzahl junger Leute nacheinander an, endlich aber fand sie Einen, der ihr ganz zu Sinns war, und setzte auf ihn allein alle ihre Hoffnung, ihre Gedanken und ihr Glück. Wie der junge 86 Vierter Tag. Zehnte Geschichte. Mann dies gewahr ward, wandte auch er, da sie ihm besonders wohl gefiel, ihr seine ganze Liebe zu. Sein Name war Ruggieri von Jeroli, und, obwol er von edler Abkunft war, führte er doch ein so schlechtes Leben und war in so traurigen Umstanden, daß er weder Freund noch Verwandten behalten hatte, der ihm wohlgewollt oder ihn nur vor sich gelassen hatte; denn in ganz Salerno war er wegen seiner Diebereien und ähnlicher Schändlich- keiten der niedrigsten Art berüchtigt. Doch, da er ihr übrigens wohl gefiel, kümmerte sich die Dame nur wenig um dies Alles und wußte es durch die Vermittelung einer ihrer Dienerinnen so weit zu bringen, daß sie eine Zusammenkunft hatten. Als sie nun eine Zeit lang sich miteinander ergötzt hatten, sing die Dame an, sein voriges Leben zu tadeln, und bat ihn, ihr zu Liebe für die Zukunft dergleichen Dinge zu lassen. Um ihm dies aber möglich zu machen, unterstützte sie ihn bald mit einer größeren, bald mit einer kleineren Geldsumme. Während das liebende Paar auf solche Weise vorsichtig seine Freuden fortsetzte, traf es sich, daß unser Wundarzt einen Kranken bekam, der einen beträchtlichen Schaden an dem einen Beine hatte. Als der Arzt das Uebel untersucht hatte, sagte er zu den Angehörigen des Kranken, wenn man diesem nicht einen angegangenen Knochen herausnähme, müsse er nothwendig entweder das ganze Bein verlieren, oder sterben, während er in Folge jener Operation genesen könne. In jedem Falle aber erklärte er, könne er ihn nur als einen vollkommen Aufgegebenen in die Kur nehmen. Auch damit erklärten die Verwandten sich zufrieden und übergaben ihm den Kranken unter der erwähnten Bedingung. Der Arzt überzeugte sich indeß, daß der Patient ohne einen Schlaftrunk die Schmerzen nicht ertragen und die Operation nicht geschehen lassen würde. Zu dem Ende ließ er am Morgen (da er gegen Abend das Geschäft vorzunehmen dachte) ein Wasser über gewisse Ingredienzien abziehen, das die Scheintod des Ruggieri von Jeroli. 87 Kraft besaß, den Leidenden, wenn er es getrunken, so lange schlafend zu erhalten, als der Wundarzt über dem Schnitte zuzubringen glaubte. Als das Wasser bereitet war, ließ er es sich ins Haus bringen, ohne Jemandem zu sagen, was es sei und wozu es diene. Wie es aber nun Abend wurde und unser Wundarzt eben zu seinem Patienten gehen wollte, erhielt er einen Boten aus Amalsi von einigen seiner liebsten Freunde, daß er sich ja durch nichts auf der Welt abhalten lassen möge, sogleich hinüber zu kommen, da bei einer eben vorgefallenen großen Schlägerei Viele verwundet worden seien. In der That verschob der Wundarzt die Operation des Beines auf den andern Morgen und fuhr sogleich mit einem Kahne nach Amalsi. Da nun die Frau wußte, daß ihr Mann diese Nacht nicht mehr nach Hause komme, ließ sie nach alter Gewohnheit den Ruggieri heimlich rufen und schloß ihn auf so lange in ihre Stube ein, bis gewisse Leute, die zu dem Hauswesen gehörten, zu Bette gegangen sein würden. Wahrend Ruggieri die Dame noch in ihrem Zimmer erwartete, überfiel ihn entweder in Folge der Anstrengungen des Tages, oder weil er Gesalzenes gegessen, oder vielleicht auch aus Gewohnheit des Trinkens ein unmäßiger Durst; weshalb er denn, da ihm auf dem Fensterbret die Flasche mit Wasser in die Augen siel, die der Arzt für den Kranken bereitet hatte, in der Meinung, es sei Trinkwasser, sie an den Mund setzte und völlig leer trank. Natürlich dauerte es gar nicht lange, so überfiel ihn unsägliche Müdigkeit, und er schlief ein. Die Frau des Arztes kam, sobald es ihr möglich war, in dasselbe Zimmer und rührte den Ruggieri, als sie ihn schlafend fand, zuerst nur leise an und sagte ihm halblaut, daß er ausstehen möge. Da dies aber gar nichts fruchtete, und er weder antwortete noch sich bewegte, rüttelte die Dame ihn ziemlich unwillig mit aller Kraft und sagte: „Nun, Siebenschläfer, so wach' auf. Wenn Du 88 Vierter Tag. Zehnte Geschichte. schlafen wolltest, mußtest Du zu Hause gehen und nicht zu mir kommen." Von diesem Rütteln siel Ruggieri von dem Kasten, auf dem er gesessen, zu Boden und gab dabei nicht mehr Lebenszeichen von sich, als der Körper eines Tobten gethan haben würde. Darüber erschrak die Dame ein wenig und schüttelte ihn, als sie ihn wieder aufgerichtet, noch heftiger als zuvor, kniff ihn an der Nase und zupfte ihn am Bart; aber Alles war umsonst, denn er hatte den Gaul an einen guten Pflock gebunden. Die Dame sing nachgerade zu fürchten an, er möge todt sein; doch ließ sie sich dadurch nicht abhalten, ihn nach Kräften zu zwicken und mit einem Lichte zu brennen. Als er sich aber noch immer nicht regte, glaubte die gute Frau, die trotz der ärztlichen Kenntnisse ihres Mannes keine Heilkundige war, nicht mehr zweifeln zu dürfen, daß Ruggieri todt sei. Wie sehr sie sich darüber betrübte, darf ich nicht erst sagen, da sie ihn über Alles lieb hatte. So Hub sie denn, da sie kein Geräusch zu machen sich getraute, ihn in aller Stille zu beweinen und über ein so herbes Schicksal sich zu beklagen an. Nach einiger Zeit aber bedachte sie, daß sie ihrem Unglücke nicht noch Schande hinzufügen dürfe, und fühlte wol, daß sie zu dem Ende ohne Verzug ein Mittel finden müsse, den Tobten sich aus dem Haufe zu schaffen. Da sie sich aber selber keinerlei Rath dazu wußte, rief sie insgeheim ihre Dienerin, zeigte ihr das Misgeschick, das sie betroffen, und sprach sie um ihren Beistand an. Die Dienerin erschrak nicht wenig und sagte, nachdem sie ihn ebenfalls vergebens gezogen und gezwickt hatte, sowol als ihre Gebieterin, daß er ohne allen Zweifel todt sei. Auch hielt sie, wie Jene, dafür, man müsse ihn aus dem Hause bringen. Die Dame entgcgnete: „Wo sollen wir ihn aber hinschaffen, daß nicht bei Denen, die ihn morgen früh finden werden, der Verdacht entstehe, er sei aus' unserem Hause herausgetragen?" Das Mädchen erwiderte jedoch: „Madonna, ich sah erst heute Abend spät, 89 Scheintod des Ruggicri von Jeroli. der Werkstätte unseres Nachbaren, des Tischlers, gegenüber, einen Kasten von mäßiger Größe stehen, der, wenn der Meister ihn nicht wieder in sein Haus genommen hat, uns zu unserem Vorhaben trefflich zu Statten kommen wird. Da können wir ihn Hineinthun, ihm zwei oder drei Messerstiche versetzen und ihn dann ruhig liegen lassen. Wer ihn alsdann dort finden wird, kann unmöglich einen Grund haben zu glauben, daß er von hieraus und nicht anderswoher dahingebracht sei; sondern wird vielmehr voraussetzen, daß einer seiner Feinde ihn, als einen übermü- thigen Menschen, auf bösen Wegen betroffen, ermordet und dann in einen Kasten gethan habe." Die Dame billigte den Rath der Dienerin, bis auf die Messerstiche, die diese ihm geben wollte; denn das zu thun, sagte sie, würde sie um nichts in der Welt über sich gewinnen können. So ließ sie denn die Dienerin Nachsehen, ob der Kasten noch dastehe, worauf diese eine bejahende Antwort zurückbrachte. Dann nahm die Magd, die jugendkrästig war, den Ruggieri auf die Schultern, wobei ihr die Dame behülflich war und nun vorausging, um Acht zu haben, ob Jemand käme. So brachten sie den vermeintlichen Tobten zu dem Kasten, thaten ihn hinein und ließen ihn, nachdem sie jenen wieder verschlossen, ruhig darin zurück. Nicht weit von eben diesem Hause waren seit einigen Tagen ein paar junge Männer eingezogcn, die auf wu- cherliche Zinsen liehen, und im Verlangen, viel zu gewinnen und wenig auszugeben, als sie den Tag zuvor jenen Kasten gesehen, sich miteinander verabredet hatten, ihrem Bedürfnisse nach Hausgeräthe abzuhelfen und ihn, wenn er die Nacht über dort bliebe, in ihr Haus zu tragen. Als nun Mitternacht gekommen war, schlichen sie sich aus ihrem Hause und nahmen den Kasten, den sie noch an seinem Platze fanden, ob er ihnen gleich ein wenig schwer vorkam, dennoch, ohne sich auf weitere Untersuchung einzulassen, eilig mit zurück und stellten ihn neben der Kammer, 90 Vierter Tag. Zehnte Geschichte. wo ihre Frauen schliefen, auf. Dabei nahmen sie sich denn nicht einmal die Zeit, ihn gehörig zurechtzurückm und zu' befestigen, sondern ließen ihn stehen, wie er eben stand, und gingen schlafen. Als Ruggieri nun schon gar lange geschlafen, das Getränk verdauet und dessen Kraft besiegt hatte, erwachte er kurz vor dem Frühgeläute. Und obgleich ihn der Schlaf verlassen und die Sinne ihre Thatigkeit wieder gewonnen hatten, blieb ihm doch eine Betäubung im Gehirn zurück, die ihn nicht allein in dieser Nacht, sondern noch während mehrer folgender Tage verwirrte. Wie er also jetzt die Augen austhat und nichts sah und beim Umhertappen mit den Händen sich in den Kasten eingeschlossen fand, besann er sich hin und wieder und sagte bei sich selber: „Was will das nur bedeuten? Wo bin ich? Schlaf' ich, oder wach' ich? Ich erinnere mich doch noch, daß ich heut' Abend in das Zimmer meiner Geliebten kam, und jetzt ist mir, als wär' ich in einem Kasten. Wie in aller Welt hängt das zusammen? Sollte der Arzt zurückgekommen sein, oder sonst etwas sich zugetragen haben, um dessentwillen die Frau mich, während ich schlief, hier hereingesperrt hätte? So denk' ich's mir, und so ist es ganz gewiß." In Folge dieser Vermuthung hielt er sich nun ganz ruhig und horchte nur, ob er was vernähme. Als er aber eine geraume Zeit in einer, wegen der Kleinheit des Kastens ziemlich unbequemen Stellung zugebracht hatte, und die Seite, auf der er lag, ihn sehr zu schmerzen anfing, wollte er sich auf die andere umwenden und stellte sich dabei so geschickt an, daß er durch einen Stoß mit der Hüfte gegen die eine Seite des Kastens, der auf etwas ungleichen Boden gestellt war, diesen erst ins Schwanken brachte und nachher völlig umwarf. Es machte dieser Fall einen solchen Lärm, daß die Frauenzimmer, die ganz in der Nähe schliefen, davon aufwachten, zugleich aber auch vor lauter Furcht ganz stille blieben. Scheintod des Ruggieri von Jeroli. 91 Ruggieri war über das Umstürzen des Kastens gewaltig erschrocken; da er aber gewahr wurde, es sei derselbe von dem Falle aufgesprungen, zog er es vor, auf allen Fall sich lieber draußen, als dort drinnen betreffen zu lassen. Weil er nun nicht recht wußte, wo er sei, und das Eine durch das Andere brachte, sing er an im Hause umherzutappen, um zu sehen, ob er keine Treppe oder Thür zum Entwischen finde. Die Frauenzimmer, die noch wach waren, horten dies Tappen und riefen: „Wer da?" Ruggieri gab aber, da er die Stimmen nicht erkannte, keine Antwort. Nun riefen die Weiber den beiden jungen Männern; doch diese schliefen, weil sie lange aufgeblieben waren, gar fest und vernahmen von allem diesen Lärmen nichts. Dadurch wurden denn die Frauenzimmer noch furchtsamer und sprangen auf und liefen ans Fenster und schrien: „Diebe, Diebe!" Ueber das Geschrei kamen die Nachbaren auf verschiedenen Wegen, der Eine über das Dach, der Eine hier und der Andere dort herum in das Haus gelaufen, und auch die jungen Männer wachten über dem Lärm nun gleichfalls auf. Da nahmen sie denn den Ruggieri, der, vor Verwunderung, sich in jenem Haufe zu befinden, fast die Besinnung verloren hatte und keinen Ausweg sah, auf dem er hätte entfliehen können oder sollen, gefangen und übergaben ihn den Lanzenknechten des Statthalters von Salerno, die über dem Auflaufe bereits herbeigeeilt waren. Diese führten ihn vor ihren Gebieter, der dem Ruggieri, weil er allgemein für einen gar ruchlosen Menschen galt, sogleich die Tortur geben ließ. Ruggieri gestand auch, er habe sich in das Haus der Wucherer geschlichen, um dort zu stehlen, und der Statthalter war gesonnen, ihn ohne lange Zögerung aufhangen zu lassen. Inzwischen verbreitete sich noch wahrend des Vormittags die Nachricht, daß Ruggieri im Haufe der Wucherer über dem Stehlen betroffen worden sei, durch ganz Salerno und drang auch zu den Ohren der Dame und 92 Vierter Tag. Zehnte Geschichte. ihrer Dienerin. Diese aber waren darüber so erstaunt und betroffen, daß sie fast im Begriffe standen, sich selber zu überreden, was sie in der vorigen Nacht gethan, hatten sie nicht wirklich gethan, sondern nur zu thun geträumt, zugleich aber betrübte sich die Dame über die Gefahr, in der Ruggieri schwebte, auf solch eine Weise, daß nicht viel daran fehlte, so hatte sie den Verstand darüber verloren. Jndeß waren noch nicht viel mehr als anderthalb Stunden seit Sonnenaufgang, verstrichen, als der Arzt von Amalsi zurückkehrte und, da er nun die Operation mit dem Kranken vörzunehmen dachte, nach dem bereiteten Wasser verlangte. Als er aber das Fläschchen leer fand, zankte er gewaltig, daß er nichts im Hause in seiner rechten Ordnung erhalten könne. Die Frau, der anderer Gram durch den Kopf ging, antwortete verdrießlich: „Meister, was würdet Ihr erst über eine Sache von Bedeutung sagen, wenn Ihr über ein Fläschchen Wasser schon solchen Lärm verführt, als ob in der ganzen Welt kein Wasser mehr zu haben wäre." Darauf erwiderte der Arzt: „Frau, Du bildest Dir ein, das sei reines Wasser gewesen. So verhält es sich aber keineswegs; vielmehr war das ein Wasser, das bereitet war, um Jemand schlafen zu machen," und damit erzählte er ihr, wozu es ihm habe dienen sollen. Als die Frau diesen Aufschluß erhalten, erriech sie wol, daß Ruggieri dies Wasser getrunken habe und deshalb von ihnen für todt angesehen worden sei. Darum sagte sie denn zu ihrem Manne: „Meister, das haben wir nicht gewußt, und so bereitet es Euch nun noch einmal." In der That.ließ der Wundarzt, da er sah, daß kein anderes Mittel war, den Schlaftrunk aufs neue bereiten. Bald darauf aber kehrte die Dienerin, die auf Befehl der Dame ausgegangen war, um zu hören, was über Ruggieri gesagt werde, heim und erzählte ihr Folgendes: „Madonna, von Ruggieri hört man überall nichts Gutes, Scheintod des Ruggieri von Jeroli. 93 und, so viel ich erfahren habe, ist weder Freund noch Verwandter für ihn aufgestanden, noch ist Hoffnung, daß es in Zukunft geschehen werde. So glaubt man denn mit Gewißheit, der Blutrichtcr werde ihn morgen hangen lassen! Außerdem will ich Euch aber eine Neuigkeit erzählen, aus der ich zu errathen glaube, wie er in das Haus der Wucherer gekommen ist. Damit verhalt es sich nämlich so: Ihr kennt ja den Tischler, vor dessen Hause der Kasten stand, in den wir den Ruggieri thaten. Diesen nun traf ich eben in dem heftigsten Wortwechsel mit einem Andern, dem der Kasten vermuthlich gehören muß. Der verlangte das Geld für den Kasten, der Meister aber antwortete, er habe ihn nicht verkauft, sondern er sei ihm die vorige Nacht gestohlen worden. Daraus entgegnete Jener wieder: „Das lügst Du; denn Du hast ihn an die zwei Wucherer verkauft, wie sie mir selber heute früh erzählt haben, als ich ihn bei Ruggieri's Festnehmung in ihrem Hause sah." Der Tischler erwiderte: „Da lügen sie, und ich habe ihn nicht an sie verkauft, wol aber mögen sie ihn diese Nacht bei mir gestohlen haben. Darum wollen wir gleich zu ihnen hingehen." Und so gingen sie friedlich miteinander in das Haus der Wucherer, ich aber eilte nach Hause. So scheint mir denn, wie auch Ihr schon durchschaut haben werdet, klar, auf welche Weise Ruggieri in jenes Haus gebracht ist, in dem er gefangen wurde; wie er aber dort auserstanden ist, das weiß ich noch nicht zu begreifen." Die Dame erkannte indeß nun den ganzen Zusammenhang der Sache vollkommen und erzählte auch der Dienerin, was sie von ihrem Manne gehört hatte; dann aber bat sie dieselbe inständig, zu Ruggieri's Rettung mitzuwirken, da sie, wenn sie wollte, zu gleicher Zeit Ruggieri's Leben und die Ehre ihrer Gebieterin erhalten könne. Die Magd erwiderte: „Madonna, sagt mir nur wie, und ich will ja gern Alles thun." Die Dame, der das Messer an der Kehle saß, hatte 94 Vierter Tag. Zehnte Geschichte. in der Schnelligkeit einen Plan gefaßt, wie Alles wieder ins Gleiche zu bringen wäre, und theilte diesen der Dienerin ausführlich mit. Demzufolge ging dann die Letztere zu dem Arzte und sagte ihm weinend: „Ach, Herr, ich habe Euch wegen eines argen Vergehens, das ich gegen Euch begangen, um Verzeihung zu bitten." „Und was wäre das?" entgegnete der Meister. „Herr," sagte die Magd, ohne darum im Weinen einzuhalten, „Ihr wißt ja, was für ein Mensch der Ruggieri von Jeroli ist; nun der hat ein Aug' auf mich geworfen, und da habe ich, halb aus Furcht und halb aus Liebe, Heuer wol seine Liebste werden müssen. Und als er gestern Abend erfahren, daß Ihr aus wäret, hat er mir so viel vorgeredet, daß ich ihn am Ende mit in Euer Haus und in meine Kammer nahm, um ihn über Nacht bei mir zu behalten. Wie er nun solchen Durst kriegte, und ich in der Eile nicht wußte, wo ich Wein oder Wasser sonst hernehmen wollte (denn Eure Frau war im Saale, und vor der wollte ich mich nicht sehen lassen), da siel mir ein, daß ich in Eurem Zimmer ein Fläschchen mit Wasser hatte stehen sehen. Geschwinde holt' ich's ihm, er trank es aus, und ich setzt' es wieder hin, wo ich's gefunden hatte. Nun habt Ihr darüber so schrecklich gescholten, und gewiß, ich habe Unrecht gethan; wer vergeht sich aber nicht zuweilen? Ich Hab' es auch schon bitterlich bereut, und zwar nicht allein um dessentwillen, sondern in Folge der Geschichte soll Ruggieri nun auch noch sein Leben einbüßen. Darum bitt' ich Euch denn, so hoch ich nur kann, vergebt mir, und erlaubt mir hinzugehen und, insofern ich es vermag, dem Ruggieri zu helfen." Als der Arzt diese Erzählung vernommen, antwortete er, seines Aergers ungeachtet, mir einem Spaße: „Nun Du hast Dir die Buße selber auferlegt; denn während Du Dir einen Bettgenvssen versprachst, der Dir die Glieder wacker durchschütteln sollte, hattest Du einen Siebenschläfer. So gehe denn für jetzt ^ nur und rette Deinen Liebsten vom Galgen; in Zukunft Scheintod des Ruggicri von Jeroli. 95 aber laß ihn mir aus dem Hause, denn, traf' ich ihn wieder an, so solltest Du mir für dies Mal noch mit bezahlen." Die Dienerin meinte, der erste Wurf sei ihr nicht übel gelungen, und begab sich nun in aller Eile nach dem Gefängnisse, wo Ruggieri saß. Dort wußte sie dem Schließer so viel vorzureden, daß er sie mit dem Gefangenen sprechen ließ. Sobald sie ihn zur Genüge über Das, was er, um loszukommen, dem Richter sagen solle, belehrt, ging sie selber zum Letzteren und kam auch wirklich vor ihn. Da das Mädchen ein frisches und derbes Ding war, so fand der Herr Richter für gut, bevor er ihr weiteres Gehör gäbe, die mitleidige Fürbitterin genauer zu sondiren, was sie sich denn auch, zu besserer Förderung ihres Anliegens, gern gefallen ließ. Als sie mit dieser Untersuchung fertig geworden waren, sagte sie: „Herr, Ihr habt den Ruggieri von Jeroli für einen Spitzbuben gefangen, Ihr thut ihm aber Unrecht." Und damit erzählte sie ihm die alte Geschichte wieder von Anfang bis zu Ende: wiesle seine Liebste sei, wiesle ihn über Nacht in des Arztes Haus geführt, wie sie ihm, ohne es zu wissen, den Schlaftrunk zu trinken gegeben und ihn für tobt in den Kasten gethan habe. Dann berichtete sie ihm auch die Reden, die sie zwischen dem Tischlermeister und dem Eigenthümer des Kastens mit angehört, und machte ihm dadurch be- merklich, auf welche Weise Ruggieri in das Haus der Wucherer gekommen sei. Der Richter sah wol ein, daß es nicht schwer sei, in dieser Angelegenheit die Wahrheit zu entdecken, und fragte zu dem Ende zunächst den Arzt, ob es sich mit dem Schlaftrunk wirklich so verhalte. Dann ließ er den Tischler, den Eigenthümer des Kastens und die Wucherer kommen und brachte nach vielem vergeblichen Gerede wirklich heraus, daß die Letzten in der vergangenen Nacht den Kasten gestohlen und in ihr Haus gebracht hätten. Endlich schickte er auch nach dem Ruggieri und fragte ihn, 96 Vierter Tag. wo er die letzte Nacht zugebracht habe. Dieser erwiderte, wo er sie wirklich zugebracht habe, das wisse er nicht, wol aber erinnere er sich, zur Magd des Meisters Mazzeo in der Absicht gegangen zu sein, die Nacht über dort zu bleiben. Auch besinne er sich noch, vor übermäßigem Durste dort Wasser getrunken zu haben; von Dem aber, was nachher aus ihm geworden, wisse er weiter nichts, als daß er bei seinem Erwachen im Hause der Wucherer sich in einem Kasten befunden habe. Der Richter war über das Zusammentreffen dieser Aussagen gar sehr erfreut und ließ sie sich von der Dienerin, von Ruggieri, von dem Tischler und den Wucherern mehr als ein Mal wiederholen. Dann ließ er den Ruggieri, den er nun als vollkommen unschuldig erkannte, frei und verurtheilte die Wucherer, di« den Kasten gestohlen hatten, in zehn Unzen Goldes. Wie sehr Ruggieri sich über diesen Ausgang freute, wäre überflüssig zu sagen, aber auch seiner Dame war er kaum minder erwünscht. Lange Zeit noch lachte und scherzte sie darüber mit ihm und ihrer lieben Dienerin, die ihm die Messerstiche hatte versetzen wollen, und förderte ihre Liebe und ihre Lust noch Jahre lang vom Guten zum Besseren. So wollt' ich denn, geschähe auch mir, ohne jedoch in den Kasten gesperrt zu werden." Hatten die früheren Geschichten die Herzen der Damen betrübt, so erregte diese letzte des Dioneus, und besonders seine Beschreibung, wie der Blutrichter die Magd mit der Sonde untersucht habe, wieder ein solches Lachen bei ihnen, daß dies wol als Ersatz für ihre Betrübniß über die vorhergehenden gelten konnte. Wie nun der König sah, daß die Sonne sich goldig zu färben ansing und das Ende seines Regimentes herbeiführte, entschuldigte er sich zunächst mit gar artigen Worten bei den schönen Damen wegen seines Verfahrens, in Folge dessen über einen so betrübenden Gegenstand, als die Unglücksfälle der Liebenden sind, hatte geredet werden Schluß. 97 müssen. Dann aber stand er auf, nahm sich den Lorbeerkranz vom Kopfe und setzte ihn, wahrend die Damen neugierig erwarteten, wem er ihn übergeben werde, mit folgenden Worten auf das goldig glänzende Haupt der Fiammetta: „Dir übertrag' ich diese Krone, denn Du wirst besser als irgend eine andere unsere Gefährtinnen durch den morgenden Tag für den Kittern zu entschädigen wissen, den sie heute erleben mußten." Fiammetta's langes, lockiges, goldenes Haar siel ihr anmuthig auf die weißen, sammtenen Schultern, das rundliche Gesicht schimmerte in lebendigen Farben weißer Lilien und purpurner Rosen. Die Augen leuchteten darin wie die eines ungezähmten Falken, und das kleine Mündchen prangte mit ein paar Lippen, die zwei dunklen Rubinen glichen. Jetzt aber antwortete sie lächelnd: „Wohl denn, Philostratus; willig nehme ich Deine Krone an, und um Dich vollkommener von der Verkehrtheit Deines heutigen Verfahrens zu überzeugen, will und befehle ich alsbald, daß Jeder sich auf morgen von den Glücksfällen zu erzählen rüste, die nach widrigen und betrübten Ereignissen Liebende betroffen haben." Allen gefiel die Aufgabe; sie aber ließ sich den Sene- schall kommen, traf mit ihm einige nothwendige Verabredungen und entließ alsdann, indem sie gleich den klebrigen sich erhob, die ganze Gesellschaft fröhlich bis zum Abendessen. Diese nun gingen zum Theil innerhalb des Gartens, dessen Schönheiten man nicht sobald überdrüssig bekommen konnte, zum Theil auf dem Wege nach den Mühlen, die außerhalb desselben belegen waren, der Eine hier und der Andere dort, je nach den verschiedenen Neigungen, bis zur Stunde des Abendessens verschiedenerlei Vergnügen nach. Sobald diese aber gekommen war, vereinigten sie sich Alle nach früherer Gewohnheit in der Nähe der schönen Quelle und aßen heiter und wohlbedient zu Nacht. Als die Tafel aufgehoben war, ergötzten sie sich, gleich- Dckameron. II. 5 98 Vierter Tag. falls nach dem Gebrauche der vorigen Tage, unter Philomelens Vortritt mit Tanz und mit Gesang. Dann aber sagte die Königin: „Philostratus, ich denke von meinen Vorgängern nicht abzuweichen, sondern beabsichtige, sowie sie es gethan haben, ein Lied singen zu lassen. Weil ich aber überzeugt bin, daß Deine Lieder sein werden wie Deine Erzählungen, so wünsche ich, daß Du, um nicht noch andere Tage durch Deine Leidensgeschichten zu verstimmen, uns gleich heute ein Lied singst, wie es Dein Geschmack Dir eingeben wird." Philostratus erklärte sich gern bereit und begann ohne Verzug folgendermaßen zu singen: Des Herzens Klagegründe, Weil es Werrath in Amor's Dienst gewann, » Künd' ich mit tausend Thränen Jedermann. Als Amor in mein Herz zuerst getragen Das Bild der Ursach' meiner jetz'gen Schmerzen, Für die ich Trost nicht ahne, Erschien Sie mir im liebevollen Wahne So voller Huld, daß ich für Sie im Herzen Gern jede Qual getragen; Doch nun fühl' ich nur Plagen, Und welch ein Truggebild ich mir ersann, Erkenn' ich jetzt mit bittcrn Schmerzen an. Daß ich von Ihr, in deren schönen Armen Ich alles Glück mir träumte, ward verlassen, Ließ nw'nen Wahn verdunsten; Denn, als ich schon von Ihrer Huld und Gunsten Das letzte Ziel bald hoffte zu erfassen, Sah ich, wie, ohn' Erbarmen Mit mir auf ewig Armen, In Ihrer Brust sich neue Lieb' entspann, Und über mich verhängte herben Bann. Schluß. 99 Als ich mich so Vortrieben nun erkannte, Beklagte sich mein Herz ob seiner Qualen, Und noch brennt seine Wunde. Oft auch verwünsch' ich Lag' sowol als Stunde, Wo ich zuerst Ihr Antlitz sah, Las Strahlen Won Schönheit ringsum sandte Und hold in Glut entbrannte. Ob Glauben, Lieb' und Hoffnung fluchet dann Die Seele, die zu sterben schon begann. Wie leer an Trost die Schmerzen, die ich leide, Weißt Du, o Herr, an meiner Stimme Klange, Mit der ich oft Dich rufe. So sag' ich denn, ich steh' auf solcher Stufe, Daß ich zur Linderung den Tod verlange. Drum komm', o Tod, zerschneide Mein Leben voller Leide Durch Deinen Schlag. Wo immerhin ich dann Auch gehe, glücklich, wenn ich hier entrann. Nichts kann mir mehr in meinen Leiden frommen Als nur der Tod, nur er kann Hülfe geben; Drum send' ihn mir, o sende Ihn, Amor, schnell, als meines Jammers Ende, Befrei das Herz von so betrübtem Leben. Er ist mir ja willkommen, Denn Glück ist mir benommen. Erfreu' Sie denn durch meinen Tod, Tyrann, Wie neue Liebe Sie durch Dich gewann. Mein Lied, laß es geschehn, wenn, weil du kläglich, Dich Niemand lernen mag; es kann ja Keiner Dich sowie ich betonen. Drum sollst du mir nur in dem Einen stöhnen: Geh' hin zu Amor und, sobald allein er, 5 * 100 Vierter Tag. Sag' ihm, wie unerträglich Mir dieses Leben täglich. Dann rufe flehentlich um Hülf ihn an, Der in der Ruhe Port uns führen kann. Des Herzens Klagegründe u. s. w. Die Worte dieses Liedes schilderten den Gemüthszu- stand des Philostratus und die Ursache desselben deutlich genug. Noch deutlicher würden indeß die Geschichtszüge eines der Mädchen, die an dem Tanze Theil nahmen, die letztere vielleicht bezeichnet haben, wenn die Dunkelheit der inzwischen angebrochenen Nacht die Rothe, die in ihre Wangen getreten war, nicht verhüllt hätte. Als nun das Lied vollendet war, wurden bis zur Stunde des Schlafengehens noch viele andere gesungen; dann zog sich auf Befehl der Königin ein Jeder auf sein Zimmer zurück. Einleitung. IVI Es schließt deS Dekameron vierter Tag, und es beginnt der k ü n t t e, an dem unter FiammettenS Regiment von den Glücksfällen erzählt wird, die nach widrigen und betrübenden Ereignissen Liebende betrafen. Echon stand der Osten in weißem Glanze, und schon erhellten die Strahlen der ausgehenden Sonne unsere ganze Halbkugel, als Fiammetta von den süßen Gesängen der Vögel, die des Tages erste Stunde mit frohen Kehlen von Baumen und Strauchern verkündeten, erwachte und, wahrend sie selber aufstand, die übrigen Mädchen und die drei Männer rufen ließ. Langsamen Schrittes gingen sie dann auf das niedrig gelegene Feld hinaus und lustwandelten unter mancherlei Gesprächen in der weiten Ebene auf thauigem Grase, bis die Sonne schon ziemlich hoch am Himmel stand. Als aber die Sonnenstrahlen schon zu brennen ansingen, wandte die Königin ihre Schritte nach dem Saale zurück, wo die Gesellschaft sich auf ihr Geheiß zuerst mit trefflichem Weine und mit Gebackenem von der geringen Anstrengung erholte, die sie sich gemacht, und alsdann in dem anmuthigen Garten bis zur Essenszeit ihrem Ergötzen nachging. Inzwischen bereitete der verständige Seneschall die Tafel, und als die Stunde herangekommen war, und man noch ein Zitherlied und ein oder ein paar Tänzerliedchen gesungen hatte, setzten auf der Königin Anordnung Alle fröhlich sich zum Essen. Während der Tafel walteten Anstand und Munterkeit; nach 102 Fünfter Tag. Erste Geschichte. Tische aber gedachte man des Herkommens, zu tanzen, und führte mit Instrumenten und Gefangen mehrere kleine Tanze auf. Dann beurlaubte die Königin einen Jeden, bis die Schlafenszeit vorüber sein werde. Auch legten Einige sich wirklich schlafen; Andere aber verweilten zu ihrer Lust in dem schönen Garten. Nicht lange nach der dritten Nachmittagsstunde aber versammelten sie sich Alle bei der Quelle, wie die Königin ihnen befohlen. Und kaum hatte die Letzte als Vorsitzerin sich niedergelassen, als sie auch schon mit einem Blick auf Pamphilus diesem den Auftrag gab, die heiteren Geschichten zu beginnen. Pamphilus gehorchte willig dem Besehle und sprach also: Erste Geschichte. Cimon wird durch Liebe vernünftig und raubt Iphigenie, seine Geliebte, zur Sec. In Rhodus verhaftet, befreit ihn Lysimachus, und Beide gemeinschaftlich entführen Iphigenie und Kassandra von ihrem Hochzeitsfeste. Sie fliehen nach Kreta und heirathen dort ihre Geliebten, mit denen sie endlich in die Heimat zurückberufen werden. „ÄRancherlei Geschichten wüßte ich, o holdselige Damen, deren Mittheilung einen so fröhlichen Abend, als der heutige zu werden verspricht, schicklich eröffnen würde. Eine unter ihnen sagt mir aber am meisten zu, weil Ihr nicht allein in ihr den fröhlichen Ausgang wahrnehmen werdet, von dem zu erzählen wir eben anfangen wollen, sondern zugleich auch erkennen könnt, wie heilig, wie gewaltig und wie segensreich die Kräfte der Liebe sind, die Viele, ohne selber zu wissen, was sie reden, mit großem Unrechte tadeln und verdammen. Und da Ihr, wenn ick mich nicht betrüge, sämmtlich verliebt seid, so kann Euch diese Einsicht nicht anders als willkommen sein. Cimon und Iphigenie. 103 Nach Dem nämlich, was ich vor Zeiten in den alten Geschichten der Cyprier gelesen habe, lebte auf jener Insel ein Mann von edlem Geschlechts, der Aristipp hieß und an Reichthum in zeitlichen Dingen alle seine Landsleute um Vieles übertraf, so daß er, wenn das Schicksal ihm nicht in einem Punkte feindlich gewesen wäre, sich vorzugsweise glücklich hätte erachten können. Er hatte aber unter seinen übrigen Kindern einen Sohn, der an Größe und körperlicher Schönheit zwar die übrigen jungen Männer übertraf, doch zugleich fast albern und blödsinnig zu nennen war. Sein wahrer Name war Galesus; weil aber weder die Bemühungen der Lehrer noch Zureden oder Schläge des Vaters, noch endlich der Scharfsinn irgend eines Anderen im Stande gewesen waren, ihm von Kenntnissen oder guten Sitten das Mindeste beizubringen, und vielmehr seine Stimme plump und mißtönend, sein Betragen aber mehr einem Viehs als einem Menschen geziemend geblieben waren, so nannten ihn Alle spottweise nur den Cimon, was in der dortigen Sprache so viel heißen will, als auf deutsch ein Rindvieh. Das nichtige Leben des Sohnes ging dem Vater gar sehr zu Herzen, und als er in Betreff seiner endlich alle Hoffnung aufgegeben, befahl er ihm, um den Anlaß seines Grames nicht immer vor Augen zu haben, auf das väterliche Landgut zu gehen und dort mit den Ackerknechten zu leben. Mit dieser Bestimmung war denn auch Cimon, dem die Sitten und Gebräuche der gemeinen Leute viel besser zusagten als die feineren, ausnehmend zufrieden. Während er nun auf dem Lande sich mit den Angelegenheiten des Landbaues ausschließend beschäftigte, ging er eines Tages bald nach Mittag, seinen Stock auf der Schulter, von einem Vorwerk zum andern und durch- schnitt dabei ein Gebüsch, das, weil es eben Mai war, ein dichtes Laubdach bildete und an jener Stelle gerade seine volle Schönheit zeigte. Hier führte ihn dann sein glückliches Schicksal zu einer kleinen, rings von hohen 104 Fünfter Tag. Erste Geschichte. Bäumen umgebenen Wiese, an deren einem Ende eine an- muthige und kühle Quelle entsprang. Neben dieser erblickte er auf dem grünen Rasen ein reizendes junges Mädchen schlafend, deren feines und durchscheinendes Gewand die alabasternen Glieder nur unmerklich verhüllte, während eine leichte und schneeweiße Decke vom Gürtel niederwärts über sie hingebreitek war. Zu ihren Füßen lagen zwei Mädchen und ein Mann, die in den Diensten der jungen Dame standen, und schliefen gleichfalls. Beim Anblick dieser Schönen erstaunte Cimon nicht anders, als ob er nie zuvor ein Frauenbild gesehen hätte, und beschaute sie sprachlos auf seinen Stab gelehnt, aufmerksam und mit unsäglichem Entzücken. Da fühlte er, wie in seiner rohen Brust, welcher tausendfach wiederholter Unterricht nicht den mindesten Eindruck edlerer Neigungen hatte mittheilen können, plötzlich ein Gefühl erwachte, das seinem plumpen und ungebildeten Geiste dies Mädchen als den schönsten Gegenstand darstellte, den jemals das Auge eines Lebendigen gesehen bätte. Dann betrachtete er die einzelnen Theile ihres Körpers und bewunderte die Schönheit ihrer Haare, die ihm golden bäuchten, Slirne, Mund und Nase, Hals und Arme, vor Allem aber den Busen, dessen Hügel sich erst wenig wölbten. Er, der so eben noch in jedem Betracht ein Bauer gewesen war, fällte nun schon ein Urtheil über Schönheit und verlangte sehnlichst, daß sie die Augen, die ein tiefer Schlaf noch verschlossen hielt, aufschlagen möge. Mehrmals wandelte ibn die Lust an, sie zu wecken, damit er ihre Augen sähe; dann aber schien sie ihm so über allen Vergleich schöner als alle Frauen, die er je zuvor gesehen, daß er sie für eine Göttin zu halten geneigt war, und so viel richtiges Gefühl hatte er doch, daß er erkannte, wie göttliche Dinge mehr Ehrfurcht verdienen als die irdischen. So gewann er es denn über sich, abzuwarten, bis sie von selber aufwachen würde, und so lang ihm auch ihr Schlaf vorkam, wußte er sich, in das Cimon und Iphigenie. 105» Vergnügen ihres Anschauens versunken, doch nicht los« zumachen. Endlich, obwol nach einer geraumen Zeit, geschah es, daß die junge Schöne, die Iphigenie hieß, früher als Einer der Ihrigen erwachte. Wie sie nun das Haupt emporhob, die Augen aufschlug und Eimon auf seinen Stab gelehnt vor sich stehen sah, erstaunteste nicht wenig und sagte: „Eimon, was suchst Du zu dieser Stunde hier im Holze?" denn seiner schönen Gestalt und seiner Blödsinnigkeit wegen sowol, als wegen des Adels und des Reichthums seines Vaters war Eimon fast einem Jeden in der Gegend bekannt. Er aber antwortete auf Iphigeniens Worte nicht eine Sylbe, sondern blickte unverwandt in ihre Augen, sobald sie dieselben aufgeschlagen hatte, und glaubte bei sich selber eine von ihnen ausgcgangene Süßigkeit zu empfinden, die ihn mit nie gekannter Wonne durchdringe. Wie das Mädchen dies sein Betragen gewahr wurde, begann sie zu fürchten, daß er in Folge seiner Roheit von diesem starren Anschauen zu Dingen übergehen möchte, die ihrer Schamhaftigkeit Gefahr drohe- ten. Deshalb rief sie ihren Dienerinnen, erhob sich vom Boden und sagte: „Cimon, gehabe Dich wohl." Cimon aber erwiderte sogleich: „Ich gehe mit Dir." Und obgleich die junge Dame, weil sie fortwährend wegen seiner Absichten besorgt war, seine Begleitung ablehnte, konnte sie ihn doch auf keine Weise eher von sich entfernen, als bis er sie zu ihrer Wohnung geleitet hatte. Von dort ging er sogleich zu seinem Vater und erklärte ihm, unter keiner Bedingung auf das Land zurückkehren zu wollen. Freilich war dies nun dem Vater und den übrigen Angehörigen gar nicht gelegen, doch ließen sie ihn in der Stadt, um abzuwarten, wodurch Cimon so umgestimmt worden sei. Dieser aber, dessen jeder guten Lehre unzugängliches Herz Iphigeniens Schönheit mit dem Pfeil der Liebe durchdrungen hatte, faßte täglich neue Vorsätze und erregte binnen Kurzem das Erstaunen seines Vaters, aller seiner Verwandten und überhaupt eines Jeden, der ihn gekannt 5 * * 106 Fünfter Tag. Erste Geschichte. hatte. Zuerst bat er den Vater, ihn im Anzugs und in allem Andern ebenso geschmückt, wie seine Brüder einhergehen zu lassen, und der Vater that es mit Freuden. Dann suchte er den Umgang wackerer junger Leute und erforschte von ihnen, was für Sitten adlichen Männern, besonders aber den Verliebten geziemen, und lernte zu Jedermanns größter Verwunderung in gar kurzer Zeit nicht allein die Ansangsgründe der Wissenschaften, sondern machte sich auch die Weltweisheit auf das vollkommenste zu eigen. Wie die Liebe, welche er für Iphigenien empfand, ihn zu dem Allen geführt hatte, so verwandelte sie auch ferner seine rauhe und bäurische Stimme in eine wohlklingende und gebildete und ließ ihn des Spieles und des Gesanges wohl erfahren und im Reiten und den Waffenübungen zu Wasser und zu Lande geübt und tapfer werden. Kurz, um nicht alle seine Geschicklichkeiten im Einzelnen aufzählen zu müssen, noch war seit dem Tage, an dem er sich zuerst verliebt hatte, das vierte Jahr nicht verstrichen, als er schon alle junge Männer, die auf der Insel Cypern zu finden waren, an Artigkeit, guter Sitte und vorzüglichen Eigenschaften übertraf. Wie sollen wir, o holde Damen, uns nun wol diese Erscheinung erklären? Gewiß, wir können es nur dadurch, daß wir voraussetzen, ein neidisches Geschick habe die hohen Anlagen, mit denen der Himmel Eimon's Seele ausgestattet hatte, in den engsten Raum seines Herzens zusammengedrängt und dort mit den festesten Banden so lange gefesselt und verschlossen, bis der gewaltigere Amor alle jene Ketten sprengte und zerbrach, die schlummernden, von trauriger Betäubung umnachteten, Lebensgeister erweckte und mit seiner Kraft an das Helle Licht zog, um dadurch zu offenbaren, aus welcher Dunkelheit er die ihm ergebenen Geisteskräfte durch seine Strahlen zum vollen Glanze zu führen vermöge. Ob Eimon nun wol nach der gewöhnlichen Art verliebter Jünglinge bei seiner Liebe für Iphigenien in einigen Dingen 107 Cimon und Iphigenie- das Maß überschritt, so ertrug Aristipp dergleichen nicht allein mit Geduld, sondern ermunterte ihn auch, in Betracht, daß ja Liebe ihn vom Thiere zum Menschen verwandelt hatte, selber, in dieser Rücksicht ganz seinem Gefallen nachzuleben. Cimon, der im Andenken, daß Iphigenie ihn so genannt, diesen Namen behalten und nicht mehr.Galesus genannt sein wollte, hielt indeß, um seine Wünsche geziemend erfüllt zu sehen, bei Iphigeniens Vater, Cypseus, wiederholt um die Hand des Mädchens an. Cppseus aber erwiderte, daß er sie bereits dem Pasimundas, einem jungen rho- diser Edelmann, zugesagt habe und gegen diesen sein Wort nicht brechen wolle. Als nun die Zeit, wo Iphigenie in Folge dieses Versprechens vermählt werden sollte, herangekommen war, und der Bräutigam auch schon nach ihr gesandt hatte, sagte Cimon bei sich selbst: „Nun, o Iphigenie, ist es an der Zeit zu beweisen, wie sehr ich Dich liebe. Schon bin ich durch Dich zum Menschen geworden; gelingt es mir, Dich zu besitzen, so werde ich dadurch zweifelsohne glorreicher werden, als einer der Götter; und gewiß, besitzen werde ich Dich oder sterben." Als er so bei sich gesprochen, bat er in der Stille einige junge Edelleute, mit denen er befreundet war, um ihren Beistand, rüstete heimlich ein Schiff mit Allem aus, das zu einem Seegefechte nöthig ist, und ging dann mit seinen Gefährten in See, um das Fahrzeug zu erwarten, auf dem Iphigenie zu ihrem Bräutigam nach Nhodus gebracht werden sollte. Der Vater des Mädchens hatte inzwischen den Freunden ihres Bräutigams viel Ehre an- gethan, und nun steuerten die letzten mit ausgespannten Segeln auf Rhodus zu. Cimon aber schlief nicht, sondern erreichte sie des andern Tages und rief ihnen von der Spitze seines Schiffes mit lauter Stimme zu: „Haltet an, streichet die Segel, oder seid gewärtig besiegt und in den Grund gebohrt zu werden!" Cimon's Gegner hatten indeß ihre Waffen schon auf das Verdeck gebracht und rüsteten sich zur Dertheidigung. Cimon aber ergriff nach 108 Fünfter Tag. Erste Geschichte. jenen Worten sogleich einen großen eisernen Enterhaken, zog damit das Schiff der Rhodier, die aus allen Kräften weiter segelten, gewaltsam an das seine und sprang mit dem Muthe eines Löwen, ohne daß ein Anderer ihm gefolgt wäre, hinüber, als ob er die Rhodier alle für gar nichts achtete. Die Liebe lieh ihm Kräfte, und so stürzte er sich, ein Messer in der Hand, mit wunderbarer Gewalt mitten unter die Feinde und schlachtete gar Viele, bald hier und bald dorthin stoßend, gleich Schafen ab, sodaß die Rhodier endlich, voller Schrecken, ihre Waffen von sich warfen und mit Einer Stimme sich als Gefangene ergaben. Eimon dagegen sagte zu ihnen: „Junge Männer, weder aus Verlangen nach Beute, noch aus Haß, den ich gegen Euch hegte, bin ich von Cypern gesegelt, um Euch hier mitten im Meere mit bewaffneter Hand zu überfallen. Was mich so zu thun bewogen hat, dessen Eroberung ist für mich das Höchste, Ihr aber könnt es mir gar leicht, auch friedlich überlassen: das ist nämlich Iphigenie, die ich über Alles liebe, und die, mir mit den Waffen feindlich von Euch zu erkämpfen, da ihr Vater sie mir nicht als Freund mit Gutem überlassen wollte, die Liebe mich gezwungen hat. So will ich ihr denn sein, was Euer Pasimundas ihr werden sollte; gebt sie mir, und dann ziehet im Namen Gottes." Die Jünglinge überließen, mehr von der Noch als von gutem Willen bewogen, die Dame weinend dem Cimon. Er aber sagte, als er sie weinen sah, zu Iphigenien: „Betrübe Dich nicht, o holde Dame; ich bin Dein Eimon und habe Dich durch meine lange Liebe besser verdien! als Pasimundas durch gelobtes Versprechen." Iphigenien hatte er, ohne von dem Gut der Rhodier das Mindeste zu berühren, inzwischen schon in sein Schiff steigen lassen, und nun kehrte er selbst zu seinen Gefährten wieder zurück und hieß Jene weiter ziehen. Hocherfreut" über den Erwerb einer so theurcn Beute, verwandte Cimon die erste Zeit, um die Weinende, so viel er konnte, zu trö- 10S Cimon und Iphigenie. sten, und überlegte dann mit seinen Geführten, ob es nicht allzugefährlich sein möchte, für jetzt nach Cypern zurückzukehren. Wirklich beschlossen sie gemeinschaftlich, den Lauf ihres Schiffes lieber nach Greta zu lenken, wo sie sich insgesammt, besonders aber Cimon, wegen alter und neuer Verbindungen und vieler Freundschaft mit Iphigenien sicher glaubten. Das Glück aber, das die Erbeutung der Dame freundlich dem Cimon gewahrt hatte, verwandelte jetzt in seiner Unbeständigkeit die überschwängliche Freude des liebenden Jünglings plötzlich in bittere, schmerzliche Thränen. Noch waren nicht vier Stunden vergangen, seit Cimon die Rhodier verlassen hatte, als mit derselben Nacht, von der Cimon sich die höchste, nie empfundene Seligkeit versprochen hatte, ein stürmisches Wetter Heraufstieg, das den Himmel mit Wolken und das Meer mit verheerenden Winden überzog. So sehr wüthete der Sturm, daß Niemand zu erkennen vermochte, was man thun und wohin sich wenden sollte, ja daß man nicht einmal sich aufrechtzulialten und einige Hülfe zu leisten im Stande war. Wie sehr Cimon darüber sich betrübte, bedarf nicht erst der Rede; es dünkte ihm, die Götter hätten ihn an das Ziel seiner Wünsche nur gelangen lassen, damit er den Tod, der ihm vorher gar gleichgültig gewesen wäre, um so schmerzlicher empfinden solle. Es beklagten sich auch die Gefährten; vor Allen aber jammerte Iphigenie, weinte laut und schreckte bei jedem Wellenstoße neu zusammen. Mit harten Worten verwünschte sie unter ihren Thränen Cimon's Liebe und schalt aus seine Keckheit; denn nur darum, sagte sie, sei dies stürmische Unwetter entstanden, weil die Götter, weit entfernt, zu gestatten, daß Cimon, der sie wider ihren Willen zur Gattin begehrte, seiner verwegenen Lüste froh würde, ihn vielmehr, nachdem er sie zuvor habe sterben sehen, selber elendiglich umkommen lassen wollten. Unter solchen und noch heftigeren Klagen ward das Schiff, das die Seeleute auf keine Weise zu lenken vermochten, von 110 Fünfter Lag. Erste Geschichte. dem immer heftiger tobenden Sturme in die Nähe der Insel Rhodus geführt. Da nun aber die Schiffer nicht wußten, daß es Rhodus sei, bemühten sie sich, um ihr Leben zu retten, aus allen Kräften, dort, wo möglich, Land zu gewinnen. In der That war ihnen das Glück behülflich dazu und führte sie in einen kleinen Meerbusen, in welchen kurz vorher auch die Rhodier, die Eimon freigelassen, mit ihrem Schiffe cingelaufen waren. Nicht eher aber erkannten sie, daß sie nach Rhodus verschlagen worden seien, als bis sie bei dem Dämmerlicht, das am andern Tage das aufsteigende Morgenroth über den etwas anfgehellten Himmel verbreitete, etwa in der Entfernung eines Bogenschusses, das Schiff gewahr wurden, das sic Tages zuvor verlassen hatten. Cimon, der die Gefahr schon drohen sah, die ihn nachher wirklich betraf, erschrak darüber unsäglich und befahl, daß alle Kräfte aufgebo- ten würden, um nur von dort wieder zu entkommen und dann sich treiben zu lassen, wohin cs immer dem Schicksal gefallen möchte, da sie ja doch nirgend schlimmer aufgehoben sein könnten, als eben dort. Die Schiffer ließen nichts unversucht, um hinauszukommen; aber Alles war vergeblich. Der Wind blies so heftig in der entgegengesetzten Richtung, daß sie, weit entfernt, sich aus jener kleinen Bucht herausarbeiten zu können, alles Widerstrebens ungeachtet auf das Land getrieben und kaum dort angelangt, von den rhodischen Seeleuten, die ihr Schiff inzwischen verlassen hatten, erkannt wurden. Sogleich lief einer der letzten nach einem nahegelegenen Landgute, wohin die jungen rhodiser Edelleute schon vorausgegangen waren, berichtete diesen, wie Eimon mit Iphigenien, gleich ihnen, dort mit ihrem Schiffe zu landen, vom Unwetter gezwungen worden sei. Die Edelleute eilten, hocherfreut über diese Nachricht, mit einer Menge Menschen vom Gute an das Meer, wo sie Eimon, der mit den Seinigen schon ausgestiegen war und in einen benachbarten Wald zu flüchten gedachte, nebst Iphigenien Cimon und Iphigenie. 111 und allen Uebrigen gefangen nahmen und sie insgesammt nach jenem Landhause führten. Als aber Pasimundas von Dem, was sich zugetragen, Kunde erhalten hatte, beklagte er sich bei dem Senate von Rhodus, und auf dessen Beschluß kam Lysimachus, der in jenem Jahre die höchste Würde bei den Rhodiern bekleidete, mit einem großen Geleite von Kriegsmännern aus der Stadt hinaus und führte Cimon und seine Gefährten ins Gefängniß. Auf solche Weife verlor der arme, liebende Cimon seine Iphigenie, die er kurz zuvor erst gewonnen, ohne ihr mehr als einen Kuß genommen zu haben. Iphigenien dagegen empfingen viel edle rhodifche Damen, sprachen ihr Trost wegen der erlittenen Gefangenschaft und der auf dem stürmischen Meere ausgestandenen Angst zu und behielten sie bis zu dem Tage, auf den die Hochzeit bestimmt war, bei sich. Dem Cimon und seinen Gefährten wurde indeß aus Rücksicht, daß sie Tages zuvor die jungen Rhodier steigelassen, trotz der Bemühungen des Pasimundas, ihr Todesurtheil zu bewirken, das Leben geschenkt; freilich aber wurden sie zu ewiger Gefangenschaft verurtheilt, und wie traurig, wie ohne Hoffnung, je wieder eine Freude zu erfahren, sie diese ertrugen, ist wol leicht zu denken. Während indeß Pasimundas die Vorbereitungen zur bevorstehenden Hochzeit so viel als möglich beschleunigte, bereitete das Glück, als wäre ihm das Unrecht wieder Leid geworden, das es dem Cimon so plötzlich angethan, ein neues Ereigniß zu seiner Rettung. Pasimundas hatte einen, wenn zwar an Jahren, doch nicht an Tugenden jüngeren Bruder, Namens Hormisdas, der sich lange Zeit um die Hand eines schönen und redlichen Mädchens jener Stadt, welche Cassandra hieß, und die Lysimachus auf das feurigste liebte, beworben hatte, doch war die Verbindung mehrerer Umstände willen verschiedene Male schon wieder auseinander gegangen. Wie nun Pasimundas jetzt das große Fest bedachte, mit dem er seine Hochzeit würde feiern müssen, hielt er für räthlich, um glei- 112 Fünfter Tag. Erste Geschichte- chen Kosten und Gastereien für die Zukunft zu entgehen, den Dormisdas, wo möglich, zugleich mit heirathen zu lassen. Zu dem Ende knüpfte er die Unterhandlungen mit Cas- sandra's Eltern wieder an und führte sie so weit zum Ziele, daß an demselben Tage, an dem Pasimundas mit Iphigenien sich verbände, auch Hormisdas seine Hochzeit mit Cassandren feiern sollte. Dem Lystmachus misfiel dieser Entschluß, der ihm alle seine Hoffnungen zu rauben schien, ausnehmend, denn bisher hatte er fortwährend gedacht, wenn Hvrmisdas sie nicht erhalte, werde sie ihm noch zu Theil werden. Verständig aber, wie er war, hielt er seinen Unmuth innerlich verborgen und dachte vielmehr darüber nach, wie er die Ausführung jener Pläne vielleicht noch hindern könne; doch wußte er keinen möglichen Ausweg zu erkennen, als nur den einen, sie zu rauben. Dies zu thun, schien ihm nun freilich vermöge seines Amtes besonders leicht; auf der anderen Seite dünkte es ihm aber auch gerade wegen jener Würdk desto unziemlicher. Endlich trug indeß nach langem inneren Kampfe die Liebe über die Ziemlichkeit den Sieg davon, und er beschloß, was immer daraus entstehen möchte, Cassandren zu rauben. Und während er über die Gehüsten, die er sich erwählen mußte, und über die An der Ausführung nachdachte, erinnerte er sich des Cimon, den er mit seinen Gefährten im Gefängniß hielt, und es leuchtete ihm ein, daß er in dieser Angelegenheit keinen besseren und treueren Gehülfen, als eben den Eimen würde finden können. Zu dem Ende berief er ihn in der nächsten Nacht insgeheim auf sein Zimmer und Hub folgendermaßen zu ihm zu reden an: „Cimon, wie die Götter ihre Gaben gütig und freigebig an die Menschen vertheilen, so wissen sie auch die Tugenden der Menschen auf das genaueste zu prüfen und würdigen alsdann Diejenigen, die sie bei allem Wechsel des Schicksals standhaft und unerschütterlich finden, ihres höheren Werthes wegen, auch der Gelegenheit, sich noch höhere Verdienste zu er- Cimon und Iphigenie. 113 werben. Demnach haben sie denn auch von Deinen Tugenden gewichtigere Proben verlangt, als Du innerhalb der Mauern Deines väterlichen Hauses, das, wie ich höre, an Reichthümern Ueberfluß hat, deren abzulegen im Stande gewesen sein würdest. Zu Anfang haben sie Dich, wie man sagt, durch die stechenden Schmerzen der Liebe vom unvernünftigen Thiere zum Menschen gemacht; dann aber prüften sie, ob erst die Unglücksfälle und nun der plagende Kerker Deinen Muth gegen die Zeit, wo Du für kurze Zeit Deiner gewonnenen Beute froh wärest, herabstimmen könnten. Bist Du nun aber noch, der Du wärest, so sind sie jetzt bereit, Dir zu schenken, wogegen Alles, was sie bisher Dir gewahrten, verschwindet; und was dies sei, das will ich, damit Du Deine gewohnte Kraft wieder gewinnest und gutes Muthes werdest, jetzt Dir sagen: Derselbe Paflmundas, dessen höchste Freude Dein Unglück ist, und der mit aller Mühe Dir den Tod zu bereiten gesucht hat, beschleunigt jetzt, so sehr er kann, seine Verbindung mit Deiner Iphigenie, um der Beute froh zu werden, die das Glück Dir erst freundlich gewährt hatte und dann im schnellen Wechsel seiner Laune Dir wieder entzog. Wie sehr das Dich aber schmerzen muß, wenn Du anders so, wie ich es glaube, liebst, das empfinde ich an mir selber, dem des Pasimundas Bruder HormisdaS in der Person der Cassandra, die ich über Alles liebe, an demselben Tage gleiche Kränkung anthun will. Um nun so hartem Geschicke und so schwerem Unrechte zu entgehen, hat das Glück uns, wie mich dünkt, nur den Einen Weg offen gelassen, den die Tapferkeit unseres Muthes und unserer Rechten uns mit dem Schwerte Dir zu dem zweiten, mir aber zu dem ersten Raube unserer beiderseitigen Damen bahnen soll. Ist Dir also, ich sage nicht Deine Freiheit, denn ich vermuthe, daß Dir, ohne Iphigenien zu besitzen, wenig daran gelegen sein mag, wol aber Deine Dame lieb, so haben die Götter jetzt Dein Schicksal, wenn Du Dich an mein Unternehmen anschließen willst, in Deine eignen Hände gelegt" 114 Fünfter Lag. Erste Geschichte. Diese Worte gaben dem Cimon seinen verlorenen Muth vollkommen wieder, und er antwortete ohne sich lange zu besinnen: „Lysimachus, wenn ich auf diesem Wege Das erlangen soll, wovon Du mir sprichst, so kannst Du zu Deinem Unternehmen weder einen muthi- geren noch einen zuverlässigeren Gefährten finden. Bestimme mir also nur, was Du mir zu übertragen für gut finden wirst, und Du sollst sehen, daß ich es mit mehr als natürlicher Kraft ausführen werde." Darauf erwiderte Lysimachus: „Uebermorgen werden die Neuvermählten Frauen ihren ersten Einzug in das Haus ihrer Männer halten. Wir aber werden uns gegen Abend, Du mit den Deini- gen und ich mit einer Anzahl völlig zuverlässiger Gefährten, beiderseits bewaffnet, dort einschleichen, die beiden Bräute mitten von dem Gastmahl rauben und sie zu dem Schiffe führen, das ich heimlich schon habe zurüsten lassen: Jeder aber, der sich uns zu widersetzen wagt, ist des Todes." Cimon war mit diesen Anordnungen zufrieden und kehrte bis zu der bestimmten Zeit ruhig in sein Gefängnis zurück. Glänzend und kostbar war am Hochzeitstage das Gepränge und überall im Hause der beiden Brüder herrschte festliche Heiterkeit. Als die Zeit nun dem Lysimachus gelegen schien, vertheilte er den Cimon und dessen Gefährten, sowie seine eigenen Freunde, die sämmtlich unter den Kleidern Waffen trugen, nachdem er sie zuvor mit vielen Worten zur Unternehmung angefeuert hatte, in drei Haufen. Den einen hieß er sich vorsichtig im Hafen aufstellen, damit Niemand, wenn es dazu gekommen wäre, sie hindern könnte das Schiff zu besteigen. Den zweiten ließ er an der Hausthür, um sich zu versichern, daß sie nicht etwa eingeschlossen, oder ihnen der Ausgang verwehrt würde. Er selbst endlich ging mit Cimon und den Uebrigen die Treppe hinauf, grade in den Speisesaal, wo sich die beiden Bräute mit noch viel anderen Damen schon in geziemender Ordnung zu Tische niedergelassen hatten. Unsere beiden jungen Männer aber traten dreist heran, stürzten die Tische um, nahmen 115 Cimon und Ephigenie. ein jeder die Seinige und übergaben sie den Armen ihrer Gefährten, daß diese sie augenblicklich auf das segelfertige Schiff brachten. Die beiden Braute Huben zwar an zu weinen und zu schreien, und die übrigen Damen und Diener nicht minder, sodaß das ganze Haus alsbald voller Lär- mens und voller Klagen war. Cimon und Lysimachus aber zogen ihre Schwerter und bahnten sich so, ohne daß Jemand ihnen zu widerstehen gewagt hatte, den Weg zu der Treppe. Als sie nun diese hinunterstiegen, begegnete ihnen Pasimundas, der, einen großen Stock in der Hand, auf den Lärmen herbeieilte. Cimon traf ihn indeß mit seinem Schwerte so gewaltig auf den Kopf, daß er ihn wol halb herunterhieb und Pasimundas ihm todt zu Füßen siel. Ebenso tödtete den armen Hormisdas, der seinem Bruder zu Hülfe eilte, ein zweiter Hieb des Cimon, und noch mehrere Andere, die herbeispringen wollten, wurden von des Lysimachus und des Cimon Gefährten siegreich zurückgeschlagen. Diese aber gelangten von dem Hause, das sie voller Blut, Geschrei, Wehklagen und Trauer hinter sich ließen, dicht zusammengedrängt und ohne auf ein Hindernis zu stoßen, mit ihrer Beute glücklich zu dem Schiffe, hießen ihre Damen schnell hineinsteigen, folgten ihnen selber mit allen den Ihrigen nach und ruderten dann aus allen Kräften im Angesicht zahlreicher Bewaffneten, die sich schon am Ufer gesammelt hatten, um die Damen wieder zu befreien, glücklich ihren Hoffnungen entgegen. In Creta, wo sie von ihren vielen Freunden und Verwandten auf das beste empfangen wurden, feierten sie schnell unter großen Festlichkeiten die Verbindung mit ihren beiderseitigen Damen und genossen dann freudig ihrer schönen Beute. In Cypern und in Rhodus wurde noch lange Zeit viel Lärmens über diese kecke That gemacht, und an beiden Orten hatten sie ernstliche Unruhen zur Folge. Endlich aber legten sich hier sowol als dort die beiderseitigen Freunde und Verwandten ins Mittel und brachten es glücklich dahin, daß nach einigen Jahren des Exiles Cimon Zweite Geschichte Fünfter Lag sowol mit Iphigenien nach Eppern, als Lysimachus mii Cassandra nach Rhodus zurückkehren durfte, wo dann beide Paare lange noch glücklich miteinander in ihrer Heimat lebten/' Zweite Geschichte. Eostanza liebt Martuccio Gomito und überläßt sich auf die Nachricht von seinem Tode verzweifelnd und allein einem Kahne, de» der Wind nach Susa führt. In Tunis findet sic ihn lebendig wieder und giebt sich ihm, der durch die Rathschläge, die er dem Könige ertheilt, inzwischen dessen Gunst erworben hatte, zu erkennen. Er heirathet sie und kehrt als reicher Mann mit ihr nach Lipari zurück. ÄlS die Königin gewahr ward, die Geschichte des Pani- philus sei beendigt, sagte sie viel zu ihrem Lobe und trug alsdann Emilien auf mit Erzählung einer andern fortzufahren. Diese aber begann folgendermaßen: „Billigerweise soll ein Jeder sich über die Ereignisse freuen, in denen er den Wünschen ihren Lohn entsprechend folgen sieht. Da nun aber die Liebe aus die Dauer Freude vielmehr als Betrübnis verdient, so werde ich durch meine Erzählung über den jetzt aufgegeben Gegenstand viel lieber der Königin gehorchen, als ich es in meiner vorigen dem Könige that. Wisset denn, o zärtliche Mädchen, daß nicht weit von Sicilien eine kleine Insel, Lipari benannt, gelegen ist, aus welcher vor noch nicht gar langer Zeit eine wunderschöne Jungfrau lebte, die Costanza hieß und angesehener Leuti Tochter war. In diese nun verliebte sich ein junger Mann von derselben Insel, Namens Martuccio Gomito, der mit feinen Sitten und gefälligem Benehmen große Geschicklichkeit in seinem Gewerbe verband. Nicht minder war aber 117 Costanza und Martuccio. auch das Mädchen für ihn entbrannt, sodaß sie keinen glücklichen Augenblick hatte, als wenn sie ihn sah. Martuccio, der Sie zur Frau begehrte, ließ bei ihrem Vater um ihre Hand anhalten, dieser antwortete indeß, er sei arm, und darum wolle er sie ihm nicht geben. Tiefgekrankt, daß er seine Armuth wegen verschmäht worden sei, verschwor Martuccio sich nun mit einigen Freunden und Verwandten, nie anders als reich nach Lipari zurückzukehren. So segelte er denn von seiner Heimat ab und ging an den Küsten der Berberci gegen einen Jeden, der schwächer war als er, auf Seeräuberei aus. Dabei wäre ihm dann auch das Glück gar günstig gewesen, hätte er es nur über sich gewinnen können, seinen Erfolgen ein Ziel zu setzen. Weil er sich aber, so wenig als die Seinigen, mit den erworbenen großen Schätzen begnügen wollte und übermäßigen Reichthum zu gewinnen begehrte, so geschah es, daß sie eines Tages von mehreren saracenischen Fahrzeugen überfallen und nach langem Widerstande sämmtlich gefangen wurden. Die Mehrzahl wurde von den Sara- cenen ins Meer geworfen und das Schiff versenkt, Martuccio selber aber nach Tunis geführt und dort in langem Elende gefangen gehalten. Inzwischen kam die Nachricht, daß Alle, die sich mit Martuccio auf jenem Schiffe befunden, ertränkt worden seien, nicht etwa nur durch eine oder ein paar Personen, sondern auf vielen verschiedenen Wegen nach Lipari. Das Mädchen aber, die schon über die Abreise ihres Geliebten außermaßen traurig gewesen war, weinte nun, als sie vernahm, daß er mit den Andern umgekommen sei, lange Zeit und beschloß, nicht länger zu leben. Da es ihr jedoch an Mulh fehlte, sich selber auf irgend eine Weise gewaltsam umzubringen, erdachte sie ein neues Mittel, sich den Tod zu geben. Eine Nacht nämlich schlich sie sich heimlich aus dem Hause ihres Vaters nach dem Hafen hin, wo sie zufällig in einiger Entfernung von den übrigen einen Fischerkahn fand, der, weil seine Besitzer ihn nur eben erst verlassen hatten, mit Mast, 118 Fünfter Tag. Zweite Geschichte. Segel und Rudern noch vollständig versehen war. Diesen bestieg sie sogleich und spannte, sobald sie sich mit den Rudern ein wenig in das Meer hinausgearbeitet hatte, vermöge der Geschicklichkeit im Schiffen, die sie mit der Mehrzahl der Bewohnerinnen jener Insel einigermaßen thcilte, die Segel auf, warf Steuer sowol als Ruder fort, und überließ sich dann dem Winde mit der Ueberzeu- gung, daß das unbelastete und lenkungslose Fahrzeug noth- wcndig entweder Umschlagen, oder auf einen Felsen geworfen und zerschmettert werden würde, wo sie dann, selbst wenn sie sich retten wollte, es zu thun nicht vermöchte, sondern in aller Weise ertrinken müßte. Darauf hüllte sie den Kopf in ihren Mantel und legte sich weinend auf den Boden des Nachens nieder. Alles dies aber trug sich anders zu, als sie cs sich vorgestellt hatte. Da nämlich der Wind gerade aus Norden blies und ziemlich schwach war, auch das Meer durchaus nicht hoch ging, so blieb das Schiffchen unversehrt und wurde an dem Tage, der auf die Nacht, wo das Mädchen vom Lande gestoßen war, folgte, gegen Abend wol hundert Meilen über Tunis nicht weit von einer Stadt, Namens Susa, ans Land getrieben. Costanza, die die ganze Zeit ihr Haupt um keinerlei Anlaß erhoben hatte und auch ferner so zu thun gedachte, wurde nicht gewahr, daß sie nun wieder am Lande statt auf der See sei. Zufällig war aber, gerade als der Kahn ans Ufer stieß, dort ein armes Weib am Strande, das die zum Trocknen ausgebreiteten Netze der Schiffer, denen sie angehörte, wieder auflas. Wie diese den Kahn erblickte, wunderte sie sich, daß man ihn mit aufgezogenem Segel habe ans Land laufen lassen. Da sie jedoch vermuthete, die Fischer darin möchten wol schlafen, ging sie hin, sie aufzuwecken. Sie fand aber Niemand als das Mädchen, die im festen Schlafe lag und erst nach vielem Rusen wieder zu sich kam. Inzwischen hatte das Fischerweib Costanzen schon an ihren Kleidern für eine Christin erkannt und fragte sie deshalb auf Cosranza und Martuccio. 119 italienisch, wie sie so allein in dem Nachen dort angekommen sei. Als das Mädchen die italienischen Worte vernahm, fürchtete'sie, der Wind möchte sich gewandt und sie nach Lipari zurückgeführt haben. Schnell richtete sie sich auf, blickte umher, und wie sie nun sich am Lande sah und dennoch die Gegend nicht kannte, fragte sie das gute Weib, wo sic denn sei. „Meine Tochter, Du bist nicht weit von Susa in der Berberei," entgegnete die Alte. Das Mädchen betrübte sich bei dieser Nachricht sehr, daß Gott ihr nicht den Tod habe senden wollen. Zugleich fürchtete sie sich aber auch vor Schande, und so setzte sie sich in völliger Rathlosigkeit bei ihrem Kahne nieder und weinte. Das gute Weib erbarmte dieser Anblick, und sie redete dem Mädchen so lange zu, bis diese ihr in ihre kleine Hütte folgte und ihr dort nach vielem , Bitten erzählte, auf welche Weise sie an jenes Ufer gekommen sei. Da sie nun durch diese Erzählung erfuhr, jene sei noch nüchtern, trug sie ihr von ihrem harten Brote und ein wenig Fisch und Wasser auf, und brachte es durch langes Zureden endlich dahin, daß sie ein wenig davon zu sich nahm. Dann fragte Costanza das gute Weib, wer sie sei, daß sie so italienisch rede. Diese antwortete, sie sei von Trapani, heiße Carapresa und bediene hier einige christliche Fischer. So betrübt das Mädchen war, und so wenig sie selber über das Gefühl sich Rechenschaft zu geben vermochte, nahm sie doch den Namen Carapresa, sobald sie ihn gehört hatte, für ein gutes Zeichen, und sing, ohne zu wissen worauf, doch wieder zu hoffen an und ließ in ihrem Todesverlangen ein wenig nach. Dem gutem Weibe entdeckte sie indeß weder wer, noch woher sie sei, sondern bat sie nur auf das herzlichste, um Gottes Willen Erbarmen mit ihrer Jugend zu haben und ihr Rath zu geben, wie sie den Beschimpfungen, denen sie ausgesetzt sei, entgehen könne. Carapresa, die ein wackeres Weib war, ging nach diesen Worten, während das Mädchen in der Hütte blieb, schnell die Netze heimzuholen und führte dann so- 120 Fünfter Tag. Zweite Geschichte. gleich Costanzen, die sich in einen Mantel der Alten ganz einhüllen mußte, nach Susa. Hier angelangt, sagte sie: „Constanza, ich werde Dich in das Haus einer trefflichen Saracenin bringen, die mir gar oft allerhand Besorgungen auftragt. Sie ist alt und mitleidigen Gemü- thcs. Ihr werde ich Dich empfehlen, so sehr als ich nur weiß und kann, und ich bin gewiß, daß sie Dich mit Freuden aufnehmen und gleich einer Tochter behandeln wird. Du aber mußt, so lange Du bei ihr sein wirst, nach Kräften Dich bemühn, ihre Zuneigung durch Deine Dienste zu gewinnen, bis Gott Dir einst ein bessres LooS bereitet." Das gute Weib that, wie sie gesagt. Als die Saracenin, die nachgerade bei Jahren war, ihre Worte vernommen, betrachtete sie die Züge des Mädchens und Hub zu weinen an. Dann küßte sie Costanza's Stirn, ergriff sie bei der Hand und führte sie in ihr Haus ein, in welchem sie mit mehr andern Frauenzimmern ohne männliche Gesellschaft wohnte und gemeinschaftlich mit jenen mancherlei Handarbeiten in Seide, Palmenblättern und Leder verfertigte. In wenig Tagen eignete sich das Mädchen diese Fertigkeiten an, sodaß sie an den Arbeiten der klebrigen Theil nehmen konnte, und nicht allein gewann sie sich die Zuneigung und die herzliche Liebe der Andern in erstaunlichem Maße, sondern sie lernte auch, von ihren Gefährtinnen unterwiesen, in kurzer Zeit die Sprache des Landes. Während nun das Mädchen, das man inzwischen in Lipari schon als verloren und gestorben beweint hatte, noch in Susa verweilte, geschah es, daß ein junger Fürst , von Granada, der mit großen eigenen Hülfsmitteln eine I angesehene Verwandtschaft verband, unter dem Vorgeben, k daß das Königreich Tunis ihm zukomme, ein äußerst zahlreiches Heer rüstete und mit diesem den damals regierenden König von Tunis, der Mariabdela hieß, um i ihn aus seinem Reiche zu vertreiben, kriegerisch überzog, j Als diese Kunde dem Martuccio Gomito, der die Sprache, der Barbaresken wohl verstand, in seinem Gefängnisse zu i Costanza und Martuccio. 121 Ohren kamen, und als er vernahm, wie große Zurüstungen der König von Tunis zu seiner Vertheidigung machte, sagte er zu einem der Leute, die ihn und seine Leidensgefährten bewachten: „Könnte ich nur mit dem Könige reden, so getraute ich mich wohl, ihm einen Rath zu geben, der ihn in diesem Kriege zum Sieger machen sollte." Der Gefangenwächter sagte diese Worte seinem Befehlshaber und dieser berichtete sie alsbald dem Könige. Der König aber befahl, daß Martuccio dessentwegen vor ihn gebracht werde, und fragte ihn alsdann, was für einen Rath ec zu ertheilen habe. „Herr," erwiderte dieser, „habe ich zu andren Zeiten, als ich schon hier in Eurem Lande mich umgethan habe, Eure Art zu kämpfen wohl gefaßt, so wendet Ihr in Euren Schlachten Bogenschützen mehr als eine andere Waffe an. Könnte man nun also ein Mittel ausfindig machen, daß die Schützen Eures Feindes Mangel an Pfeilen litten, während die Eurigen noch hinreichend damit versehen waren, so meine ich müßte die Schlacht für Euch gewonnen werden." „Ohne Zweifel," entgegnete der König, „würde ich, wenn das sich bewerkstelligen ließe, mich des Sieges für gewiß halten." Darauf antwortete Martuccio: „Mein Gebieter, wenn Ihr wollt, läßt sich das allerdings erreichen, und vernehmt nur wie: Ihr müßt für Eure Schützen die Bogensehnen um Vieles dünner machen lassen, als sie sonst allgemein gebräuchlich sind. Dazu laßt Ihr dann Pfeile anfertigen, deren Kerben sich nur bei so dünnen Sehnen gebrauchen lassen. Das Alles muß aber so geheim geschehen, daß Euerem Feinde nichts davon zu Ohren kommt, und er daher keine Vorkehrungen treffen kann. Der Zweck aber, den ich durch diese Anstalten erreichen will, ist folgender: Wenn die Schützen Eures Feindes ihre Pfeile abgeschoffen haben werden, und ebenso Eure die ihrigen, müssen, wie Ihr wißt, im ferneren Verlause der Schlacht die Feinde die Geschosse auf- sammcln, dis die Eurigen versandt haben, und dagegen die Eurigen die Pfeile der Feinde. Dann aber werden Dckameron. It. t> 122 Fünfter Tag. Zweite Geschichte. Eure Gegner die Pfeile, die die Euren abgeschossen haben, nicht gebrauchen können, weil die dicken Sehnen ihrer Bogen, die kleinen Kerben Eurer Pfeile, nicht zu fassen im Stande sind, während umgekehrt den Euri- gen bei ihren feinen Sehnen die weitgekerbten Pfeile der Feinde treffliche Dienste leisten werden. So werden dann also Eure Schützen reichliches Geschoß haben, wenn die Andren schon gänzlichen Mangel daran leiden." Dem Könige, der ein verständiger Herr war, leuchtete der Rath des Martuccio ein, und in der That trug er auch durch dessen völlige Befolgung den Sieg über seine Feinde davon. Natürlich gelangte Martuccio dadurch in seine besondere Gunst und gewann Ansehen und Reichthümer. Das Gerücht von diesen Ereignissen ging durch das Land und auch zu Eostanza's Ohren kam die Nachricht, daß Martuccio, den sie lange für todt gelaubt hatte, noch am Leben sei. Da entzündete sich die Liebe für ihn, die in ihrem Herzen schon minder heftig zu brennen angefangen hatte, Plötzlich zu neuen gewaltigeren Flammen und erweckte die schon verblichene Hoffnung aus ihrem Todesschlaf. So entschloß sie sich denn, der trefflichen Frau, bei der sie wohnte, ihr ganzes Schicksal vollständig zu eröffnen, und sagte ihr dabei, wie sie nach Tunis zu reisen wünsche, um dort die Augen an dem Anblick zu sättigen, zu dem durch die vernommenen Kunden die Ohren ihr Verlangen aufs Neue geweckt hätten. Die wackere Dame billigte vollkommen ihren Entschluß, machte sich mit der Sorgsamkeit einer Mutter zu Schiffe mit ihr auf den Weg nach Tunis und Beide wurden dort in dem Hause einer Verwandtin ehrenvoll ausgenommen. Kaum angelangt sandte Costanza die Carapresa, von der sie ebenfalls sich hatte begleiten lassen, aus, um Nachrichten über Mar- tuccio einzuziehen, worauf diese schnell die Kunde von seinem Leben und dem großen Ansehen, in dem er stehe, zurückbrachte. Die edle Saracenin ließ es sich nicht nehmen, dem Costanza und Martuccio. 123 Martuccio die erste Nachricht zu geben, daß seine Costanza, ihn zu suchen, nach Tunis gekommen sei. So ging sie denn eines Tages in die Wohnung des jungen Mannes und sagte zu ihm: „Martuccio, einer von Deinen Dienern, der aus Lipari kommt, ist bei mir eingekehrt und wünscht insgeheim mit Dir zu reden. Und weil ich, seinen Wünschen gemäß, es Niemand Anderem anvertrauen wollte, bin ich selber gekommen, Dir die Nachricht zu bringen." Martuccio dankte ihr für ihre Gefälligkeit und suchte sie bald darauf in ihrer Wohnung aus. Als das Mädchen ihren Geliebten wiedersah, fehlte wenig, daß sie nicht vor Freuden gestorben wäre. Ihrer selbst nicht mehr mächtig, siel sie ihm mit offenen Armen um den Hals. Das Nachgefühl der vergangenen Leiden und das gegenwärtige Glück machte sie stumm, daß sie in einen Strom von Thränen ausbrach. Auch der Jüngling schwieg bei dem Anblick des Mädchens vor Erstaunen eine Weile, dann aber sagte er mit einem Seufzer: „Ach, meine Costanza, so bist Du denn noch am Leben! Schon lange Zeit ist es her, seit ich horte, Du seiest verschwunden, und man wisse auch in unserer Heimat nicht, was aus Dir geworden sei." Und mit diesen Worten umarmte und küßte er sie unter heißen Thränen. Costanza erzählte ihm darauf alle ihre Schicksale und mit welcher Aufmerksamkeit sie von der Dame, bei der sie die Zeit über gewohnt habe, behandelt worden sei. Sobald Martuccio sich endlich nach langem Gespräche von seiner Geliebten getrennt hatte, ging er zu dem Könige, seinem Herrn, berichtete ihm Alles, was so- wol ihm als dem Mädchen begegnet war, und fügte hinzu, wie er, seine Beistimmung vorausgesetzt, sie nach christlichem Gebrauche zu heirathen gesonnen sei. Der König ließ, nicht wenig über die vernommenen Ereignisse erstaunt, das Mädchen zu sich rufen, und als sie ihm die Erzählung des Martuccio völlig bestätigte, sagte er: „Nun so 6 * 124 Fünfter Lag. Zweite Geschichte. hast Du Dir ihn dann wol zum Manne verdient." Darauf mußten, seinem Befehle zufolge, köstliche und erlesene Geschenke herbeigebracht werden, die er unter Martuccio und Costanza vertheilte und zugleich beiden freie Hand gab, über ihre fernere Bestimmung nach Wohlgefallen zu verfügen. Martuccio erwies der trefflichen Dame, die Costanza fo lange bei sich beherbergt hatte, noch viel Ehrerbietung und dankte ihr für alle Freundschaft und Liebe, die sie dem Mädchen erwiesen, theils durch Worte und theils durch Geschenke, wie sie sich für sie ziemten, worauf diese nicht ohne viele Thränen von Costanza Abschied nahm. Dann bestiegen sie mit des Königs Urlaub und von Ca- rapresa begleitet, ein kleines Schiff und kehrten mit günstigem Winde heim nach Lipari, wo sie mit größerer Freude ausgenommen wurden, als sich in Worten würde beschreiben lassen. Hier feierte Martuccio bald seine Vermahlung mit großen Festlichkeiten; dann aber genossen Beide in Friede und in Freude noch lange die Seligkeit ihrer Liebe." Pietro Boccamazza und Agnolella. 125» Dritte Geschichte. Pietro Boccamazza flicht mit Agnolella und stößt auf Räuber. Das Mädchen flüchtet sich in einen Wald und wird von dort nach einer Burg geführt. Pietro fällt gefangen in die Hände der Räuber, entgeht ihnen aber wieder und gelangt endlich, nachdem er noch andere Gefahren übcrstanden, in dieselbe Burg, wo Agnolcila sich schon befindet. Dort vermählt er sich mit ihr, und Beide kehren nach Rom zurück. deiner war in der ganzen Gesellschaft, der nicht über Emiliens Geschichte seinen Beifall ausgesprochen hatte; die Königin aber wandte sich, als sie jene am Ziele sah, zu Elisen und gebot ihr fortzufahren. Elise gehorchte willig und begann also: „Holde Damen, ich entsinne mich einer traurigen Nacht, die ein junges Paar durch seinen Leichtsinn sich zugezvgen; weil ihr aber dann viel frohe Tage nachfolgten, will ich Euch die Geschichte, als unserer Aufgabe entsprechend, kurz erzählen. Vor Kurzem lebte in Rom, das, wie es einst das oberste Haupt der Welt war, so jetzt ihr niedrigstes Ende ist, ein junger Mann, Namens Pietro Boccamazza, der zu einer der angesehenem römischen Familien gehörte. Dieser verliebte sich in ein wunderschönes und reizendes Mädchen, die Agnolella hieß und die Tochter eines gewissen Gigliuozzo Saullo war, der, wenngleich von geringer Herkunft, doch bei den Römern äußerst beliebt war. Auch wußte der Verliebte sich auf so gefällige Weise um ihre Gunst zu bewerben, daß das Mädchen ihn nicht weniger zu lieben begann, als sie von ihm geliebt ward. Endlich fühlte sich 126 Fünfter Tag. Dritte Geschichte- Pietro von seiner glühenden Liebe so überwältigt, daß er sich unfähig glaubte, den Qualen des Verlangens nach dem Gegenstände seiner Leidenschaft ferner zu widerstehn, und um die Hand des Mädchens anhielt. Als aber seine Verwandten Nachricht von diesem Schritt erhalten, bestürmten sie ihn alle und tadelten ihn laut wegen seines Entschlusses. Auf der andern Seite aber ließen sie auch dem Gigliuozzo Saullo sagen, er solle den Worten des Pietro auf keine Weise Gehör geben, und wenn er es dennoch thue, würden sie ihn niemals als ihren Freund oder Verwandten anerkennen. Als Pietro sich auf solche Weise den Weg verschlossen sah, auf dem er allein an das Ziel seiner Wünsche kommen zu können geglaubt hatte, wünschte er sich vor Gram den Tod. Gerne würde er, wenn nur Gigliuozzo eingewilligt hatte, dessen Tochter auch gegen den Wunsch aller seiner Anverwandten geheirathet haben. Aber, selbst ohne das, nahm er sich vor, wenn nur das Mädchen wollte, zu erreichen, was er begehrte; und als er durch einen Dritten erforscht hatte, das Mädchen willige ein, verabredete er sich mit ihr, aus Rom zu entfliehen. Nachdem Alles zu dem Ende vorbereitet war, verließ Pietro eines Morgens lange noch vor Tage seine Wohnung und schlug mit seiner Geliebten, als Beide zu Pferde gestiegen waren, den Weg nach Anagni ein, wo Pietro Freunde hatte, auf die er sich gänzlich verlassen zu können glaubte. Unterwegs ließ ihnen die Furcht, daß man sie verfolgen möchte, keine Zeit, ihre Hochzeit zu vollziehen, und so konnten sie denn, unter fortwährenden Gesprächen über ihre Liebe, nichts thun, als zuweilen einander küssen. Nun geschah es aber, daß, weil Pietro mit dem Wege nicht allzubekannt war, sie, nachdem sie vielleicht acht Meilen von Rom aus zurückgelegt hatten, wo sie sich rechts hatten halten sollen, einen Weg nach linkshin einschlugen. Und kaum waren sie auf diesem weiter als zwei Meilen geritten, so befanden sie sich in der Nähe eines befestigten Gebäudes, von welchem aus man sie nicht sobald gesehen Pietro Boccamazza und Agn stella. 127 hatte, als auch schon ein Dutzend Bewaffneter herauskam, um ihnen den Weg zu versperren. Das Mädchen, das sie zuerst, doch aber nicht eher gewahr ward, als bis sie ihnen schon ganz nahe waren, rief laut: „Pietro, retten wir uns, wir werden überfallen," und mit diesen Worten trieb sie ihr Pferd so schnell, als sie nur konnte, nach einem benachbarten großen Wald zu, und drückte dabei, wahrend sie mit beiden Händen sich fest an den Sattelknopf hielt, dem Rosse die Sporen so tief in den Leib, daß dieses sie vom Schmerz beflügelt, im schnellsten Laufe durch den Wald dahin trug. Da indeß Pietro seine Augen mehr auf die Züge der Geliebten als auf den Weg gerichtet, so hatte erden bewaffneten Haufen, der auf jene zukam, nicht sobald erblickt als jene, und wurde daher, während er sich noch umsah, von welcher Seite die Räuber denn kamen, von ihnen überfallen, gefangen und seines Pferdes beraubt. Als er nun auf ihre Frage sich ihnen genannt hatte, hielten sie untereinander Rath über ihn und der Eine sagte zum Andern: „Der gehört zu den Freunden unserer Feinde; was können wir Besseres mit ihm anfangen, als daß wir seine Kleider und das Pferd behalten und ihn dann den Orsini's zum Verdruß an eine dieser Eichen henken?" Alle stimmten mit diesem Vorschlag überein und befahlen daher dem Pietro, sich zu entkleiden. Während aber dieser in der Todesangst sich anschickte, ihren Befehlen zu gehorchen, geschah es, daß ein Hinterhalt von wol einem Viertelhundert Bewaffneter plötzlich mit dem Rufe: „Ihr seid des Todes!" über jene ersten herfiel. Diese nun ließen im Schrecken wegen des Ueberfalls den Pietro los und wandten sich gegen die Angreifenden, vor deren offenbarer Ueberzahl sie jedoch alsbald die Flucht ergriffen, auf der jene sie verfolgten. Als Pietro sich auf diese Weise frei sah, suchte er sich seine Sachen wieder zusammen, bestieg sein Pferd und jagte, so schnell er konnte, nach der Seite hin, wo er das Mädchen hatte verschwinden sehn. Da er aber in dem Walde weder 128 Fünfter Lag. Dritte Geschichte. Weg noch Pfad, noch auch Huftritte eines Pferdes entdecken konnte, sing er, sobald er sich sowol den Händen Derer, die ihn gefangen, als der Andern, die jene überfallen hatten, erst sicher entronnen glaubte, über alle Maßen traurig, daß er sein Mädchen nicht wieder finde, zu weinen an. In allen Richtungen durch den Wald hin rief er nach ihr, doch Niemand gab ihm Antwort. Zurückzukehren getraute er sich nicht, und doch wußte er auch nicht, wohin er gerathen könne, wenn er vorwärts ginge. Zugleich aber erschreckten ihn die wilden Thiere, die in den Wäldern zu weilen Pflegen, um seiner selbst und um seines Mädchens willen, die er in Gedanken jeden Augenblick von einem Bären oder Wolfe erwürgt werden sah. So trieb der unglückliche Pietro sich den ganzen Tag über unter Rufen und Wehklagen in dem Walde umher, wobei es denn oft geschah, daß er in der Richtung, woher er gekommen war, zurückkehrte, während er vorwärts zu gehen wähnte. Endlich fühlte er sich von dem lauten Rufen, von dem Weinen, der ausgestandenen Angst und dem langen Fasten so angegriffen, daß er nicht mehr von der Stelle konnte. Als nun auch die Nacht anbrach, stieg Pietro, der sich auf keinerlei Weise anders zu rathen und zu helfen wußte, von dem Pferde, band dies an eine hohe Eiche und kletterte dann, um nur nicht von den wilden Thieren zerrissen zu werden, auf die Aeste. Bald darauf ging der Mond auf und der Himmel war schön und hell; Pietro aber enthielt sich, aus Furcht, herunterzustürzen, des Schlafes, obgleich ihn auch in der sichersten und bequemsten Stellung sein Gram und seine Sorgen um das Mädchen nicht hatten schlafen lassen, und so verbrachte er unter Seufzern, Thränen und Verwünschungen seines Misgeschickes wachend die ganze Nacht. Inzwischen war das Mädchen, wie wir schon oben erzählt haben, ohne einer andern Richtung zu folgen, als der, auf welcher sie das Pferd nach eigner Lust davontrug, so weit in den Wald geflohen, daß sie die Stelle, wo sie hineingekommen war, nicht mehr erkennen konnte. Und so verbrachte denn Pietro Boccamazza und Agnolclla. auch sie, bald verweilend und bald umherirrend, bald rufend und bald ihr Unglück mit tausend Thränen beweinend, den ganzen Tag in dieser waldigen Wildniß. Wie sie nun, da es schon Abend ward, Pietro immer noch nicht kommen sah, schlug sie einen kleinen Pfad ein, den sie gewahr worden war. Das Pferd verfolgte die Spur, und als sie etwas über zwei Meilen weit geritten war, erblickte sie von Ferne ein kleines Häuschen. Sie eilte dies so schnell als möglich zu erreichen, und fand es von einem wackern Manne, der hoch in Jahren war, und von seiner ebenfalls betagten Frau bewohnt. Als diese sahen, daß sie allein sei, sagten sie: „Ach Tochter, was thust Du um diese späte Stunde so allein auf dem Felde?" Das Mädchen erwiderte weinend, wie sie ihren Gefährten im Walde verloren habe, und fragte dann, wie weit cs noch bis Anagni sei. „Meine Tochter," antwortete der gute Mann, „hier geht der Weg nach Anagni nicht vorüber, und es sind mehr als ein Dutzend Meilen bis hin." Darauf sagte das Mädchen: „Sind denn nicht wenigstens Häuser hier in der Nähe, wo man beherbergt werden kann?" Der gute Mann aber entgegnete: „Keines so nahe, daß Du es noch bei Tage erreichen könntest." „Wenn ich denn nirgend anders Unterkommen kann," erwiderte das Mädchen, „würdet Ihr denn wol so freundlich sein, mich diese Nacht aus Barmherzigkeit bei Euch zu behalten?" Darauf antwortete der gute Mann: „Mein Kind, es soll uns lieb sein, wenn Du diese Nacht bei uns bleibst, doch wollen wir Dir im voraus bemerken, daß übelgesinnte Heerhaufen der einen wie der andern Partei bei Tage und bei Nacht diese Gegenden zu durchstreifen pflegen und uns gar häufig großen Schaden und Verdruß anthun. Würden wir nun zum Unglück, während Du hier bist, von einer solchen Bande heimgesucht, so würden sie Dir um Deiner Schönheit und Jugend willen gewiß Schaden und Schande anthun, ohne daß wir Dich im mindesten zu schützen vermöchten. Das haben wir Dir im voraus sagen wollen, ti" 130 Fünfter Lag. Dritte Geschichte. damit Du, wenn es wirklich geschehen sollte, Dich nachher nicht über uns beschweren könnest." So sehr die Worte des alten Mannes das Mädchen erschreckten, so sagte sie dennoch in Betrachtung der späten Stunde: „Gott wird, wenn es Ihm gefällt, Euch und mich vor solchem Unglück schützen. Ist es aber über uns verhängt, so ist es immer noch besser von den Menschen mishandelt, als im Walde von den wilden Thieren zerrissen zu werden." Mit diesen Worten stieg sie vom Pferde, trat in das Haus des armen Mannes ein und theilte das spärliche Abendessen der guten Leute. Dann legte sie sich, angekleidet wie sie war, mit ihnen auf ihr Bettchen und fand die ganze Nacht über kein Ende zu seufzen und neben ihrem eigenen Unglück das des Pietro zu beweinen, für den sie sich ja auch nichts Anderes als das Schlimmste denken konnte. Als es schon gegen Morgen war, hörte sie die Tritte von einer Menge Leute immer näher kommen. Besorgt vor der drohenden Gefahr, erhob sie sich still von ihrem Lager, ging in den weiten Hofraum, der hinter dem Häuschen belegen war, und verbarg sich dort in einen großen Heuhaufen, den sie in dem einen Winkel liegen sah, um, wenn jene Leute auch dorthin kommen sollten, doch nicht sobald von ihnen gesunden zu werden. Kaum hatte sie sich indeß versteckt, als jene, die einen großen Heerhaufen bösen Raubgesindels bildeten, auch schon bei dem Häuschen angelangt waren und sich die Thüre öffnen ließen. Wie sie nun eintraten und das Pferd des Mädchens noch völlig gesattelt und gezäumt fanden, fragten sie, wer denn da sei. Da der gute Mann das Mädchen nicht mehr sah, antwortete er: „Niemand, als wir selber. Jenes Pferd aber, das der Himmel weiß wem entlaufen sein mag, hat sich gestern Abend hier eingefunden und da haben wir es denn ins Haus geführt, damit die Wölfe es nicht fressen sollten." „Wenn es denn keinen Herrn hat," sagte der Aelteste von jenem Gesindel, „so wird es gut für uns sein." Nach diesen Worten vertheilten sie sich, das Pietro Boccamazza und Agnolella. 131 ganze kleine Haus zu durchsuchen; Andere besichtigten den Hof und legten der großem Bequemlichkeit wegen Lanzen und Schilder ab. Dabei geschah es aber, daß Einer, ohne zu wissen, was er that, seine Lanze in jenen Heuhaufen warf und dadurch bei einem Haare den Tod des verborgenen Mädchens, oder doch wenigstens ihre Entdeckung herbeigeführt hätte, denn die Lanze drang noch mit solcher Kraft bis in die Gegend ihrer linken Brust, daß die eiserne Spitze ihr die Kleidungsstücke zerriß, und das arme Mädchen, vor Furcht, verwundet zu werden, schon im Begriff war, einen lauten Schrei zu thun, als sie noch zur rechten Zeit bedachte, wo sie sei, und sich hinlänglich zusammennahm, um still zu schweigen. Als nun das Gesindel, der Eine hier, der Andere da, ihre Zicklein und allerlei anderes Fleisch gebraten und dann gegessen und getrunken hatten, gingen sie ihren ferneren Unternehmungen nach und führten das Roß des Mädchens mit sich hinweg. Erst nachdem sie schon eine gute Strecke entfernt waren, fragte der gute Mann seine Frau: „Was ist denn aber nur aus dem Mädchen, die gestern Abend bei uns einkehrte, geworden? Ich habe sie doch heute Morgen, seit wir aufgestanden sind, nicht mehr gesehen." Die Frau erwiderte, sie wisse es nicht, und ging, sich nach ihr umzuthun; das Mädchen aber, die sich inzwischen überzeugt, daß jene abgezogen seien, machte sich aus dem Heu wieder hervor. Der gute Mann freute sich sehr, daß sie dem Gesindel nicht in die Hände gefallen war, und sagte, da es schon zu dämmern begann: „Nun der Tag anbricht, wollen wir, wenn es Dir recht ist, Dich zu einer Burg geleiten, die nicht weiter als fünf Meilen von hier gelegen ist und Dir völlige Sicherheit gewahren wird. Du wirst den Weg aber schon zu Fuße machen müssen, da das böse Volk, das eben hier war, Dein Pferd mitgehen geheißen hat." Das Mädchen beruhigte sich leicht über diesen Verlust und bat die guten Leute um Gotteswillen, sie nach jener Burg zu führen, und so machten sie sich denn 132 Fünfter Tag. Dritte Geschichte. auf den Weg und langten noch vor der zweiten Tagesstunde dort an. Die Burg gehörte aber einem Anver- verwandten der Orsini, Namens Liello von Campo di Fiore, und es traf sich, daß seine Frau, eine vortreffliche und fromme Dame, eben um jene Zeit dort war. Als diese das Mädchen erblickte, erkannte sie sie sogleich, empfing sie auf das Freundlichste und verlangte den ganzen Zusammenhang der Ereignisse zu hören, die sie dorthin geführt hatten. Das Mädchen erzählte ihr Alles, und die Dame, der auch Pietro als ein Freund ihres Mannes bekannt war, betrübte sich über diesen Unfall, da sie aus der Beschreibung des Ortes, wo er gefangen worden, mit Gewißheit schließen zu müssen glaubte, daß man ihn umgebracht haben werde. Deshalb sagte sie denn zu dem Mädchen: „Da Du nun doch nicht weißt, was aus Pietro geworden ist, so bleibe hier bei mir, bis ich Gelegenheit finde, Dich auf sichere Weise nach Rom zu schicken." Während indeß Pietro in grenzenloser Betrübniß noch auf seiner Eiche saß, sah er um die Zeit, als andere Leute kaum eingeschlafen zu sein pflegen, wol zwanzig Wölfe durch den Wald herankommen, welche sich sammtlich an sein Pferd machten, sobald sie es gewahr geworden waren. Als das Pferd sie witterte, zerriß es gewaltsam die Zügel, mit denen es angebunden war, und suchte zu entfliehen. Da die Wölfe es aber von allen Seiten umringten und die Flucht ihm abschnitten, vertheidigte es sich eine lange Weile mit Husen und mit Zahnen, bis es endlich dennoch von ihnen zu Boden geworfen, erwürgt und sogleich in Stücke zerrissen ward. Die Wölfe verschlangen das Fleisch, ohne etwas Anderes als Knochen zurückzulassen, und liefen dann wieder weiter. Pietro, der das Pferd als seinen Leidensgefährten, der ihm seine Mühseligkeiten erleichtern half, betrachtet hatte, entsetzte sich nicht wenig über diesen Anblick und gab nach gerade alle Hoffnung auf, aus diesem Walde wieder hinauszukommen. Wie er sich nun immer forschend nach allen Seiten umsah, erblickte er, Pietro Boccamazza und Agnolclla- 133 schon gegen die Morgendämmerung, in der Entfernung von etwa einer Meile ein großes Feuer. Kaum erwartete er nach dieser Entdeckung den Hellen Tag, um, nicht ohne große Angst, von seiner Eiche herabzusteigen und die Richtung des Feuers zu verfolgen. Als er es endlich erreicht hatte, fand er Hirten ringsumher gelagert, die ihr Frühstück fröhlich verzehrten und ihn mitleidig aufnahmen. Sie hießen ihn mitessen und sich warmen, worauf er ihnen denn sein Misgeschick und wie er allein dorthin gerathen sei, erzählte, und sie fragte, ob denn kein Landgut, oder keine Burg in der Nähe sei, wohin er sich wenden könne. Die Hirten sagten ihm, daß etwa drei Meilen von dort entfernt eine Burg des Liello von Campo di Fiore sei, auf der die Frau des Besitzers sich eben befinde. Erfreut über diese Nachricht, bat Pietro, daß Jemand von ihnen ihn bis zu der Burg begleiten möge, und sogleich fanden zwei sich gern dazu bereit. Während nun Pietro, sobald er auf der Burg angelangt war, durch ein paar Bekannte,die er dort antraf, noch zu bewirken suchte,daß das Mädchen in dem Walde gesucht würde, ließ die Frau des Hauses ihn zu sich rufen. Er verfehlte nicht sogleich zu gehorchen, und unbeschreiblich groß war seine Freude, als er Agnolella bei ihr fand. Kaum wußte er sich zu bezwingen, daß er ihr nicht gleich um den Hals siel, und nur die Scheu vor der Dame vermochte ihn daran zu hindern. War er aber voller Freude, so fühlte sich das Mädchen nicht weniger glücklich. Als nun die Dame ihn mit vieler Höflichkeit bei sich ausgenommen und Alles, was sich zugetragen, von ihm vernommen hatte, tadelte sie ihn sehr, daß er sich gegen den Willen seiner Angehörigen vermählen wolle. Wie sie jedoch gewahr ward, daß er durch das Alles in seinem Entschlüsse durchaus nicht wankend war, und daß auch das Mädchen gleiche Wünsche hegte, sagte sie: „Was geb'ich mir da viel Mühe? Sie lieben sich, sie kennen sich, Beide sind gleichmäßig mit meinem Manne befreundet, ihre Wünsche sind 134 Fünfter Lag. Vierte Geschichte. der Sittsamkeit nicht zuwider, und ich muß wol glauben, daß Gott Seinen Willen dazu gegeben hat, da Er den Einen vom Galgen, die Andere vom Lanzenstiche, und Beide von den wilden Thieren gerettet hat. So möge es denn in Gottes Namen geschehen." Darauf fügte sie, zu jenen Beiden gewandt, hinzu: „Ist es denn noch immer Euer Wille, Mann und Frau zu werden, so gebe ich auch den meinigen darein, und die Hochzeit soll hier auf Liello's Kosten gefeiert werden. Dann werde ich Euch auch mit Euren Angehörigen schon wieder versöhnen." Pietro war entzückt über diesen Entschluß und Agnolella war es wo möglich noch mehr. Die Hochzeit, zu der die edle Dame die Festlichkeiten so gut veranstaltet hatte, als es sich dort im Gebirge nur irgend thun ließ, wurde auf der Burg gefeiert, wo denn die beiden Liebenden mit unbeschreiblicher Lust die ersten Freuden der Liebe kosteten. Einige Tage darauf stieg die Dame mit den Beiden zu Pferd und sie ritten unter guter Bedeckung zusammen nach Rom zurück, wo sie die Angehörigen Pietro's zwar über Alles, was er gethan hatte, sehr erzürnt fand, dennoch aber bald dazu gelangte, den Frieden wieder herzustellen. Und von der Zeit an lebte Pietro mit seiner Agnolella in Ruhe und in Freuden bis zu ihrem beiderseitigen Alter." vierte Geschichte. Ricciardo Manardi wirb von Messer Lizio da Balbona bei der Tochter des Letzteren betroffen. Er heirathet indes Las Mädchen und söhnt sich mit ihrem Water wieder aus. Ä-ls Elise schwieg und den Lobsprüchen zuhörte, welche die Gefährtinnen ihrer Geschichte ertheilten, hieß die Königin den Philostratus mit einer andern forlfahren. Dieser Caterina da Balbona und die Nachtigall. 135 aber begann mit lachendem Munde: „Ihr habt mich fast Alle so oft gescholten, daß meine Aufgabe Geschichten traurigen Inhalts, über die Ihr weinen mußtet, herbeigeführt habe, daß ich nun, um Euch einigermaßen für jene Schmerzen zu entschädigen, mir selber auferlegen will, Euch mit Etwas zu unterhalten, das Euer Zwergfell ein wenig erschüttere. Zu dem Ende denke ich denn in einem kurzen Ge- schichtchen Euch von einer Liebe zu erzählen, die ohne ananderes Ungemach als vorübergehende Seufzer und ein wenig mit Scham verbundene Angst erfahren zu haben, zu fröhlichem Ende gediehen ist. Es ist nämlich noch nicht gar lange her, Ihr edlen Damen, daß in der Romagna ein gar wackerer und wohlgesitteter Ritter, Messer Lizio da Valbona genannt, lebte, den Madonna Giacomina, seine Ehefrau, als er schon ziemlich bejahrt war, noch mit einer Tochter beschenkte, welche, wie sie heranwuchs, schönerund anmuthiger wurde, als alle anderen Mädchen in der ganzen Umgegend. Auch hatten Vater und Mutter, weil ihnen nur dies einzige Kind geblieben war, sie über die Maßen lieb und werth, und bewachten sie, in der Meinung, dereinst durch sie noch einen gar vornehmen Schwiegersohn zu bekommen, mit unglaublicher Sorgfalt. Nun besuchte ein junger Mann von schönem und frischem Aussehn, der zu der Familie Manardi in Brettinoro gehörte und Ricciardo hieß, häufig das Haus des Herrn Lizio und verweilte oft längere Zeit. Vor diesem aber hüteten weder Messer Lizio noch seine Frau das Mädchen mit größerer Vorsicht, als sie es vor ihrem eignen Sohne gethan haben würden. Der junge Mann indeß wurde, nachdem er das Mädchen, die nun mannbar geworden, einige Male beobachtet hatte, gewahr, wie schön, wie anmuthig, wie gesittet und wohlerzogen sie sei, und verliebte sich auf das feurigste in sie; hielt jedoch seine Liebe mit der größten Sorgfalt verborgen. Dennoch errieth das Mädchen schnell seine Gefühle und entsprach denselben, weit entfernt, sie von sich abzu- 136 Fünfter Tag. Vierte Geschichte. lehnen, zu Ricciardo's größter Freude durch gleiche Gegenliebe. Oftmals hatte er schon von seiner Liebe zu ihr sprechen wollen, und immer hatte er aus Scheu doch wieder geschwiegen. Endlich nahm er eines Tages seine Zeit wahr, faßte sich ein Herz und sagte zu ihr: „Caterina, ich bitte Dich, laß mich nicht vor Liebe sterben." Das Mädchen antwortete sogleich: „Wollte Gott, Du thätest mir es nicht noch arger an." Diese Antwort freute und er- muthigte den Ricciardo so sehr, daß er erwiderte: „An mir soll es gewiß nie liegen, Alles zu thun, was Dir willkommen ist. Du aber vermagst die Mittel auszu- sindcn, die unS Beiden das Leben wicdergeben können" „Ricciardo," entgegnete das Mädchen, „Du siehst wohl, wie sehr ich bewacht werde. Ich weiß nicht, wie es an- zustcllen wäre, daß Du zu mir kommen könntest; weißt Du aber ein Mittel, wie cs ohne meine Schande geschehen könnte, so will ich gerne thun, was Du verlangst" Ricciardo hatte zu dein Ende schon allerhand überdacht und antwortete nun sogleich: „Meine süße Caterina, auch ich weiß kein Mittel, als wenn Du auf dem Erker, der nach dem Garten Deines Vaters hinausgeht, schlafen, oder wenigstens Nachts dorthin kommen könntest. Wüßte ich dann, daß Du da wärest, so würde ich, so hoch es auch hinauf ist, doch auf allen Fall schon sehen, daß ich hinkommen könnte." Darauf erwiderte Caterina: „Wenn Du Dich denn getraust hinaufzukommen, so denke ich, es soll mir schon gelingen, daß ich dort schlafen darf." Nachdem Ricciardo das noch einmal bejaht hatte, küßten sie sich ein einziges Mal gar flüchtig und trennten sich alsdann. Nun war der Mai schon nahe und am andern Tage sing das Mädchen an, sich gegen ihre Mutter gewaltig zu beklagen, daß sie die vergangene Nacht vor übermäßiger Hitze nicht habe schlafen können. „Wie, meine Tochter," erwiderte die Mutter, „warm wäre es gewesen? Im Gegentheil, es war ja eher kühl." Caterina aber antwortete: „Mutter, Ihr solltet lieber reden wie ich, und dann würdet Ihr wol Catcrina da Balbano und die Nachtigall. 137 die Wahrheit sagen; auf allen Fall aber solltet Ihr bedenken, daß junge Mädchen mehr innere Warme haben, als bejahrte Frauen." Darauf sagte die Mutter: „Darin hast Du freilich recht, mein Kind, ich kann nun aber doch einmal warm und kalt nicht nach Belieben machen, wie es Dir vielleicht anständig wäre. Das Wetter muß man schon ertragen, wie die Jahreszeit es eben mit sich bringt. Möglich, daß es auf die nächste Nacht kühler wird und dann wirst Du ja besser schlafen." „Wollte Gott," entgegnen Cakerina, „aber es pflegt nicht grade zu geschehen, daß die Nächte gegen den Sommer hin kühler werden." „Was verlangst Du denn aber, daß man thun soll?" sagte die Mutter. Cakerina erwiderte: „Wenn es meinem Vater und Euch nicht unlieb wäre, ließe ich mir gerne auf dem Erker, der an seine Stube stößt und nach seinem Garten hinausgeht, ein Bettchen machen und schliefe da. Gewiß da hätt' ich es, beim Gesänge der Nachtigall und bei größerer Kühle, viel besser als in Eurem Schlafzimmer." Darauf sagte die Mutter: „So beruhige Dich denn meine Tochter, ich werde es Deinem Vater sagen, und was der beschließen wird, das werden wir thun." Als indeß Messer Lizio, der vielleicht wegen seines Alters etwas eigensinnig war, diese Dinge vernahm, sagte er: „Was ist das für eine Nachtigall, bei deren Gesänge sie schlafen will? Ich will sie lehren, beim Gesänge der Heuschrecken einschlafen." Die nächste Nacht schlief Cakerina, weniger vor Hitze, als vor Aerger über die abschlägige Antwort ihres Vaters nicht allein selber nicht, sondern ließ auch, unter beständigen Klagen über die Wärme, ihre Mutter zu keinem Schlafe kommen. Am Morgen nach dieser übel verbrachten Nacht suchte die Mutter Messer Lizio auf und sagte zu ihm: „In der That, mein Gemahl, Ihr scheint unsere Tochter nicht besonders lieb zu haben. Was kann es Euch denn verschlagen, wenn sie die Nacht auf dem Erker schläft? Sie hat sich diese ganze Nacht vor Hitze nicht zu lassen gewußt. Und wie könnt Ihr Euch 138 Fünfter Lag. Vierte Geschichte. mir wundern, daß sie Gefallen daran findet, die Nachtigall singen zu hören? Ist sie doch noch ein halbes Kind, und junge Leute, ergötzen sich einmal an den Dingen, die ihnen gleichen." Als Messer Lizio diese Vorwürfe mit angehört hatte, sagte er: „Nun meinetwegen, so laß ihr denn ein Bette zurecht machen, das klein genug ist, um aus dem Erker Platz zu finden, sorge auch dafür, daß Vorhänge herum sind, und dann mag sie in Gottes Namen dort schlafen und die Nachtigall singen hören, so viel es beliebt." Sobald das Mädchen die Einwilligung ihres Vaters vernommen hatte, ließ sie sich sogleich ihr Bette auf dem Erker aufschlagen, um schon die nächste Nacht dort schlafen zu können, und lauschte dann so lange, bis sie den Mcciardo zu sehen bekommen und ihm das unter ihnen beiden verabredete Zeichen, das er auch sogleich verstand, gemacht hatte. Als Messer Lizio nun am Abend hörte, das Mädchen sei zu Bette gegangen, verschloß er die Thür, die von seinem Zimmer aus auf jenen Erker führte, und legte sich dann gleichfalls schlafen. Ricciardo aber erkletterte, sobald Alles im ganzen Hause still geworden war, vermittelst einer Leiter zuerst eine Mauer; dann arbeitete er sich an den einzelnen vorstehenden Steinen einer andern anstoßenden Mauer mit unsäglicher Mühe und mit großer Gefahr für den Fall, daß er heruntergestürzt wäre, bis zu dem Erker, wo sein Mädchen ihn in aller Stille, aber voller Entzücken empfing. Dann legten Beide sich nach tausend ausgetauschten Küssen nieder, und genossen fast die ganze Nacht hindurch alle Lust, die Liebende einander gewähren können, wobei sie denn natürlich die Nachtigall gar vielmals schlagen ließen. Da indeß ihre Freuden groß, die Nächte aber kurz waren, geschah es, daß sie, wie der Tag, was sie nicht vermutheten, schon nahe war, Beide, von der warmen Luft sowol als von den miteinander getriebenen Liebesspielen erhitzt, ohne einige Bedeckung einschliefen, und daß Caterina, die den rechten Catcrina da Valbona und die Nachtigall. 139 Arm unter Ricciardo's Arm gelegt hatte, mit der linken Hand das Ding festhielt, das Ihr Mädchen Euch vor Männern zu nennen besonders zu scheuen pflegt. Während sie solchergestalt noch fortschliefen, überfiel sie der Tag, ohne sie zu wecken. Inzwischen war Messer Lizio aufgestanden, und da ihm eben beifiel, daß seine Tochter auf dem Erker schlafe, sagte er bei sich selber: „Wir müssen doch einmal zusehn, ob die Nachtigall diese Nacht Ea- terina besser hat schlafen machen." Damit ging er sachte auf den Erker zu, hob den Vorhang auf, der um das Bett gehangen war, und erblickte sie nackt und bloß mit Ricciardo umarmt in der beschriebenen Weise schlafen. Sobald Messer Lizio sich vollkommen überzeugt hatte, daß es Ricciardo sei, schlich er sich wieder fort, ging in das Schlafgemach seiner Frau und weckte diese mit folgenden Worten: „Hurtig, Frau, steh auf und komm geschwinde, Dir mit anzusehen, wie Deine Tochter an der Nachtigall so viel Wohlgefallen gefunden, daß sie sie gefangen hat und noch in Händen halt." „Wie wäre denn das aber zugegangen?" sagte die Frau. „Komm nur schnell," erwiderte Messer Lizio, „und Du wirst schon selber sehn." Madonna Giacomina zog sich in aller Eile an und folgte dann stillschweigend ihrem Gemahls zu dem Bette ihrer Tochter, wo sie dann allerdings, als dieser die Vorhänge auseinander schlug, deutlich genug sah, wie Eaterina die Nachtigall, die sie so gern singen hörte, gefangen hatte und noch festhielt. Hocherzürnt, daß Ricciardo sie so hintergangen, wollte Madonna Giacomina schon Lärm machen und den jungen Mann schelten; Messer Lizio aber hielt sie zurück und sagte: „Frau, so lieb Dir meine Neigung ist, so hüte Dich den Mund aufzuthun; denn wahrlich, da sie ihn nun einmal eingesangen hat, so soll sie ihn auch haben. Ricciardo ist von gutem Hause und dabei ein wohlhabender junger Mann, die Verwandtschaft mit ihm kann uns nur Ehre bringen. Und will er in Gutem aus meinem Hause entlassen werden, so muß er sich zuvor mit ihr versprechen, 140 Fünfter Tag. Vierte Geschichte. damit er dann die Nachtigall in seinen eigenen und nicht in einen fremden Bauer gethan habe." Madonna Giacomina beruhigte sich, als sie ihren Man» so wenig über das Geschehene erzürnt sah, und war am Ende ganz zufrieden, daß ihre Tochter eine schöne Nacht gehabt, gm geschlafen und die Nachtigall gefangen habe. Auch dauerte es nach diesem Gespräche nicht mehr lange, so erwachte Ricciardo und hielt sich, als er sah, der Helle Tag sei schon gekommen, für verloren, rief die Eaterina und sagte: „Was soll nun aus uns werden, mein Leben? Der Tag ist schon gekommen und hat mich hier betroffen." Bei diesen Worten trat Messer Lizio hinzu, hob den Vorhang auf und sagte: „Wir werden schon machen." Wie Ricciardo Den erblickte, war es ihm nicht anders, als würde ihm das Herz aus dem Leibe gerissen. Sogleich setzte er sich im Bette auf und sagte: „Ach Herr, um Gotteswillen, ich bitte Euch um Gnade. Ich erkenne, daß ich als ein nichtswürdiger, böser Mensch den Tod verdient habe, macht also mit mir, was Euch immer beliebt. Dennoch aber bitte ich Euch, wenn es sein kann, mir das Leben aus Gnade zu schenken und mich nicht umzubringen." Darauf antwortete Messer Lizio: „Ricciardo, das 'Hab' ich mit der Liebe und mit dem Vertrauen, die ich zu Dir hegte, nicht um Dich verdient. Da es nun aber einmal so ist, und Deine Jugend Dich zu einem solchen Vergehen verleitet hat, so nimm nun, um Dich vom Tode, mich aber von der Schande zu retten, die Eaterina zu Deiner gesetzmäßigen Frau und denn mag sie, wie sie diese Nacht über die Deine gewesen ist, so ihr ganzes Leben über es bleiben. Auf diese Weise allein kannst Du mich wieder versöhnen und Dir selbst Dein Leben retten; bist Du aber nicht gesonnen, also zu thun, so eile, Deine Seele Gott zu befehlen." Während dieses Gespräches hatte Eaterina die Nachtigall fahren lassen und sich zugedeckt; nun aber weinte sie bitterlich und bat eines Theils ihren Vater, er solle Caterina da Valbano und die Nachtigall. 141 dem Ricciardo vergeben, und andern Theils auch den letztem, daß er thun möchte, was Messer Lizio verlangte, damit sie dann noch lange dergleichen Nachte in allem Frieden genießen könnten. Zndeß bedurfte es dazu nicht erst vieler Bitten; denn theils die Scham wegen des begangenen Fehltritts und der Wunsch, ihn wieder gut zu machen, theils die Furcht vor dem Tode und das Verlangen der Rettung, theils endlich die glühende Liebe und die sehnliche Lust, den geliebten Gegenstand zu besitzen, bewogen ihn insgesammt, sich von freien Stücken und ohne einiges Besinnen zu Allem, was Messer Lizio begehrte, bereit zu erklären. Darauf ließ der letztere sich von Madonna Giacomina einen Ring leihen, mit dem Ricciardo in Beider Gegenwart gleich am Orte sich der Caterina ehelich verloben mußte. Erst nachdem dies geschehen war, ließen Messer Lizio und seine Gemahlin die Neuverlobten mit den Worten allein: „Ruht Euch nun aus, denn das möchte Euch vielleicht wohler thun, als aufzustehn." Kaum waren jene Beiden fortgegangen, so umarmten die jungen Leute sich aufs neue und fügten, zum Beschluß der ersten Tagereise den sechs Meilen, die sie während der Nacht zurückgelegt hatten, bevor sie aufstanden, noch zwei andere hinzu. Nachdem darauf Ricciardo sich mit Messer Lizio noch ausführlicher besprochen hatte, vermahlte er sich wenige Tage spater in herkömmlicher Weise und in Gegenwart der Freunde und Anverwandten abermals mit Ca- terina, führte sie mit vielen Festlichkeiten in seine Heimat, wo er eine prächtige, ehrenvolle Hochzeit ausgerichtet, und ging dann in Ruhe und in Freuden bei Tage und bei Nacht so viel es ihm nur beliebte lange noch mit ihr auf die Nachtigallenjagd." 142 Fünfter Lag. Fünfte Geschichte. Funkte Geschichte. Guidotto von Eremona vertraut dem Eiacvmino von Pavia sterbend seine Pflegetochter an. Giannole di Severino und Minghino di Mingole verlieben sich zu Faenza beide in sie und werden darüber miteinander handgemein. Endlich wird entdeckt, daß das Mädchen eine Schwester des Giannole ist und Minghino erhält sic zur Frau. lieber die Geschichte von der Nachtigall hatten die Mädchen, wahrend Philostratus erzählte, so sehr gelacht, daß sie auch, nun er aufgehört hatte zu reden, des Lachens kein Ende finden konnten. Nachdem sie aber ihrer Lachlust eine Weile freien Lauf gelassen hatten, sagte endlich die Königin: „Wahrlich, betrübtest Du uns gestern, so hast Du heute unser Zwergfell so gekitzelt, daß sich Keine mit gutem Grunde mehr über Dich beschweren kann." Darauf richtete sie ihre Worte an Neiphile und gebot ihr fortzufahren. Diese aber begann mit freundlichem Munde also zu reden: „Da Philostratus uns in seiner Geschichte nach Ro- magna geführt hat, so beliebt es auch mir, in meiner Erzählung jene Landschaft lustwandelnd ein wenig zu durchstreifen. Wisset nämlich, daß vor Zeiten in der Stadt Fans zwei Lombarden, Guidotto von Eremona und Giacomino von Pavia genannt, wohnten, die jetzt zwar beide schon bejahrt waren, in ihrer Jugend aber fast beständig das Waffenhandwerk als rüstige Krieger betrieben hatten. Als nun Guidotto sterben wollte und weder einen Sohn, noch sonst einen Freund oder Verwandten besaß, dem er mehr getraut hätte, als dem Giacomino, so hinterließ er diesem, Giannole di Severins entführt seine Schwester. 143 nachdem er ihm noch Mancherlei über seine Angelegenheiten gesagt hatte, nebst Allem, was er besaß, seine etwa zehnjährige Tochter und starb alsdann. Um dieselbe Zeit geschah es aber, daß die Stadt Faenza, die lange Zeit von Krieg und Misgeschick heimgesucht worden war, sich einigermaßen wieder erholte und daß allen Denen, die wieder dorthin zurückkehren wollten, freie Be- fugniß dazu ertheilt ward. Dessentwegen zog denn auch Giacomino, der früher dort gewohnt hatte, und dem der Aufenthalt gefiel, mit Allem, was ihm gehörte, wieder nach Faenza und nahm dabei das Mädchen, die Guidotto ihm hinterlassen und die er gleich seiner eignen Tochter liebte und pflegte, mit hinüber. Wie das Mädchen allmalig heranwuchs, wurde sie ausnehmend schon, wie damals kaum eine andere in jener Stadt zu finden war, und mit ihrer Schönheit hielten ihre Sittsamkeit und ihr Anstand gleichen Schritt. Da fanden sich denn natürlich manche Liebhaber ein, unter denen jedoch vorzüglich zwei Jünglinge, die beide wohlerzogen und gut geartet waren, ihr gleichmäßig die innigste Liebe zuwandten und darüber aus Eifersucht gegeneinander den bittersten Haß faßten. Von diesen jungen Leuten hieß der Eine Giannole di Severino und der Andere Minghino di Minzöle und keiner von ihnen beiden würde, als das Mädchen 15 Jahr alt war, wenn anders ihre Angehörigen es zugelassen hatten, einen Augenblick angestanden haben, sie zur Frau zu nehmen. Da sie aber sahen, man setze ihren Wünschen Gründe entgegen, die sie nicht zu beseitigen vermochten, beschloß ein Jeder von ihnen, sich auf was immer für eine Weise in ihren Besitz zu setzen. Nun hatte Giacomino eine alte Magd und einen Diener im Hause, der Crivello hieß und ein lustiger und gar umgänglicher Kautz war. Mit diesem befreundete sich Giannole und entdeckte ihm, als er glaubte, daß es an der Zeit sei, seine Liebe mit der Bitte, ihm dazu zu verhelfen, daß er seine Wünsche erreiche; wofür er ihm auf 144 Fünfter Tag. Fünfte Geschichte. den Fall seiner Willfährigkeit große Belohnungen versprach. Darauf erwiderte ihm Crivello: „Ich sehe nicht, wie ich si Dir in dieser Angelegenheit anders behülflich sein könnte, si als dadurch, daß ich Dich selber, sobald Giacomino einmal ist zum Abendessen ausgehn sollte, in ihre Zimmer führe; stst denn, wollte ich ihr nur das Mindeste von Dir sagen, st so würde sie mir gewiß kein Gehör geben. Ist Dir nun k damit gedient, so verspreche ich es Dir und werde mein l Wort halten; dann sieh Du aber selber zu, was Du thun st willst, um zu Deinem Ziele zu gelangen." Giannole ver- st sicherte, weiter nichts zu verlangen, und mit dieser Verab- st redung gingen sie voneinander. ! Auf der andern Seite hatte Mingole die alte Magd st gewonnnen und so sehr sich geneigt gemacht, daß sie schon j mehrmals Bestellungen an das Mädchen besorgt und diese ! beinahe für Mingole entflammt hatte. Ucberdies aber hatte st, sie ihm auch versprochen, daß sie ihn zu seiner Geliebten st führen wolle, sobald Giacomino einmal einen Abend au- ^ ßerhalb Hauses zubringen würde. st Nun geschah es aber, nicht gar lange nachdem die st verschiedenen Parteien auf solche Weise sich verabredet hat- st ren, daß Giacomino auf Veranstaltung des Crivello ein- st mal bei einem seiner Freunde zu Abend aß. Der Diener . ermangelte nicht, es dem Giannole wissen zu lassen, und verabredete mit ihm, daß er auf ein gewisses Zeichen kom- st men und die Hausthür offen finden solle. Zugleich un- st terrichtete aber auch die Magd, die von dem Allen nichts st wußte, den Minghino, daß Giacomino nicht zu Hause esse, und sagte ihm, er möge sich nur in der Nahe des ff Hauses bereit halten, um, sobald er ein Zeichen erblicken st werde, das sie mit ihm verabredete, sogleich kommen zu i können und zu seiner Geliebten zu gehen. st Als der Abend heran kam, zogen die beiden Verlieb- st ten, ohne voneinander zu wissen, obgleich ein Jeder den st Andern wegen seiner Absichten in Verdacht hatte, beide st mit bewaffneter Begleitung aus, um von dem Gegenstände ; ^ Giannole di Scverino entführt seine Schwester- 145 ihrer Wünsche Besitz zu ergreifen. Minghino versteckte sich mit den Seinigcn in das nahe gelegene Haus eines seiner Freunde, um dort das Zeichen der Magd abzuwar- ' ten. Giannole dagegen hielt sich mit seinen Gefährten in , einiger Entfernung von dem Hause. Inzwischen suchten Crivello und die Magd, sobald I Giacomino fortgegangen war, Einer den Andern auf alle » Weise zu entfernen. Erivello sagte zur Magd! „warum ^ gehst Du denn noch nicht schlafen? Was in aller Welt hast Du nur, Dich noch im Hause herumzutreiben?" „Ich möchte nur wissen," entgegnete die Magd, „Warum Du Deinen Herrn nicht holen gehst? Warum wartest Du denn, nun Du gegessen hast?" Und so gelang es Keinem, den Andern von der Stelle zu bringen. Als aber endlich die Stunde herangekommen war, die Giannole mit Crivello verabredet hatte, sagte dieser bei sich selbst: „Was Hab' ich mich um die Alte zu kümmern? Will sie nicht still sein, so kann sie auch noch ihr Theil abkriegen." Damit machte er das verabredete Zeichen und ging, die ! Thür zu öffnen. Sogleich traten Giannole, der schon berbeigekommen war, und zwei seiner Begleiter in das Haus ein und ergriffen das Mädchen, die sie im Saale fanden, um sie fortzuschleppen. Das Mädchen wehrte sich und schrie, was sie nur konnte, und die Magd nicht minder. Minghino vernahm das Geschrei und eilte mit den Seinigcn gleich dahin, von wo er es kommen hörte. Wie diese nun das Mädchen schon zur Thüre herausschlep- ' pen sahen zogen sie sammtlich ihre Schwerter und riefen: ^ „Ihr Verrather, Ihr seid des Todes! das soll Euch nicht gelingen! was ist das für ein Unfug!" Mit diesen Worten schlugen sie auf jene los, und über den Lärm kamen denn auch die Nachbarn mit Lichtern und mit Waffen . herbeigelaufen und tadelten nicht allein den versuchten Frevel, sondern standen auch dem Minghino thätig bei. So gelang es dem Letzteren nach langem Kampfe, das Mädchen dem Giannole wieder abzunchmen und sie zurück in die Dekameron. II. " 146 Fünfter Tag. Fünfte Geschichte. Wohnung des Giacomino zu bringen. Das Handgemenge hatte aber nicht eher ein Ende, als bis die Lanzenknechte des Stadthauptmanns dazu gekommen waren und viele der Anwesenden und unter diesen namentlich den Minghino, den Giannole und den Crivello festnahmen und ins Ge- fängniß brachten. Erst, nachdem der ganze Lärm vorüber war, kam Giacomino nach Hause und war im Anfang äußerst ungehalten über das Geschehene. Als er aber bei genauerer Untersuchung, wie sich Alles zugetragen, sich überzeugte, das Mädchen sei dabei außer aller Schuld, beruhigte er sich ein wenig und nahm sich im Stillen vor, damit dergleichen sich nie mehr wiederholen könne, sie sobald als immer möglich zu verheirathen. Wie die Angehörigen des einen und des andern Thei- les am andern Morgen der Wahrheit gemäß gehört hatten, was geschehen war, sahen sie wohl ein, wie üble Folgen die Sache für die beiden jungen Leute haben konnte, wenn Giacomino diejenigen Schritte that, zu denen er völlig berechtigt war. Deshalb gingen sie zu ihm und baten ihn mit gar guten Worten, daß er weniger auf dis Beleidigung sehen möge, welche die jungen Männer in ihrer Unbesonnenheit ihm zugesügt hätten, als auf die Liebs und das Wohlwollen, das er, wie sie glaubten, für sie, die Bittenden hege, wobei sie denn noch überdies sowol sich selbst, als jene beiden Anstifter des Unfuges zu jeder Buße erboten, die es ihm belieben würde zu fordern Giacomino, der in seinen Tagen gar Mancherlei erlebt hatte und ein Mann von wohlmeinender Gesinnung war, erwiderte mit wenig Worten: „Wcrlhe Herren, wäre ich hier in meiner Heimat, wie ich in der Eurigen bin, ft würde ich doch viel zu viel Freundschaft für Euch hegen, um in dieser Sache anders, als nach Euren Wünschen zu verfahren. Um so mehr aber muß ich mich Eurem Verlangen fügen, da Ihr durch das Geschehene Niemand als Euch selbst zu nahe getreten seid. Wisset nämlich, daß Giannole di Severinv entführt seine Schwester. 147 das Mädchen, um die es sich handelt, nicht, wie die Meisten glauben mögen, aus Cremona oder aus Pavia gebürtig, sondern daß sie eine Faentinerin ist, wenn auch weder ich, noch sie selbst, noch Der, von dem ich sie erhalten habe, anzugeben wissen, wessen Tochter sie sei. Darum soll denn in der Angelegenheit, um derentwillen Ihr mich bittet, Alles so geschehn, wie Ihr selbst bestimmen werdet." Als dis guten Männer vernahmen, das Mädchen sei aus Faenza, wunderten sie sich nicht wenig und baten deshalb den Giacomino, nachdem sie ihm zuvor für seine wohlwollende Antwort gedankt hatten, daß er ihnen doch sagen möge, wie das Mädchen in seine Hände gekommen sei und wie er erfahren, daß sie aus Faenza stamme. Giacomino erwiderte ihnen: „Guidotto von Cremona, der mein Freund und Waffcngefährte gewesen ist, sagte mir auf seinem Todbette, daß er, als diese Stadt von Kaiser Friedrich eingenommen und dabei geplündert wurde, mit einigen seiner Gefährten in ein Haus gedrungen sei, das sie zwar voller Sachen, aber von den Einwohnern verlassen gefunden haben. Nur ein Kind von etwa zwei Jahren sei zurückgeblieben, und habe, wie er die Treppen hinausgekommen sei, ihm „Vater" cntgegengerufen. Dadurch zum Mitlciden bewogen, habe er denn das kleine Mädchen nebst den übrigen Sachen, die er dort im Hause vorgefunden, mit sich nach Fano genommen. Dasselbe Mädchen nun hinterließ er mir bei seinem Tode mit Allem, was er hatte, und trug mir auf, sie, wenn es an der Zeit sein würde, zu verheirakhen, und ihr alsdann Alles, was Sein gewesen wäre, zur Mitgift zu geben. Alt genug wäre sie zwar wol um zu heirathen; noch habe ich aber Keinen gefunden, der mir genehm gewesen wäre; doch thäte ich gerne bald dazu, damit Vorfälle, wie die von gestern Abend, sich nicht mehr wiederholen könnten." Unter den Anwesenden war ein gewisser Guglielmo 148 Fünfter Lag. Fünfte Geschichte. aus Medicina, der sich genau erinnerte, was für ein Haus es gewesen sei, das Guidotto ausgeplündert hatte. Und da er den Eigenthümer desselben ebenfalls dort gegenwärtig sah, trat er zu ihm und sagte: „Bernnbuccio, hörst Du wol, was Giacomino da sagt?" „Feilich," erwiderte Ber- nabuccio, „und eben bedenke ich mir die Sache genauer; denn ich erinnere mich sehr wohl, daß ich in der damaligen Verwirrung eine Tochter, gerade von dem Alter, das Giacomino angab, verlor." „Gewiß, das muß sie sein," entgegnete Guglielmo, „denn ich habe selber einmal den Guidotto beschreiben hären, wo er zu jener Zeit geplündert habe, und daraus ganz deutlich entnommen, daß es Dein Haus gewesen sei. Besinne Dich also, ob Du sie an keinem Zeichen wieder zu erkennen weißt, und dann schicke nach ihr und Du wirst ohne Zweifel finden, daß sie Deine Tochter ist." Bernabuccio sann eine Weile nach und entsann sich am Ende wirklich, daß sie über dem linken Ohre eine kreuzförmige Narbe haben müsse, die davon entstanden war, daß er ihr kurz vor jenem Ereigniß dort ein kleines Gewächs hatte ausschneidcn lassen. So zögerte er denn nicht weiter, sondern ging auf Giacomino, der noch gegenwärtig war, zu und bat ihn, daß er ihn mit sich nach Hause nehmen und ihm das Mädchen zeigen möge. Giacomino war gern bereit dazu und ließ das Madcken rufen, sobald sie nach Hause gekommen waren. Wie Bernabuccio sie aber zu sehen bekam, war es ihm, als sähe er die Züge der Mutter, die noch eine schöne Frau zu nennen war, leibhaftig vor sich. Ohne sich indeß damit zu beruhigen, bat er Giacomino um die Erlaubnis, ihr die Haare über dem linken Ohre ein wenig aufhebcn zu dürfen, was dieser auch bewilligte. So trat denn Bernabuccio zu dem Mädchen, die verlegen und beschämt dastand, und hatte ihr kaum mit der rechten Hand die Haare ein wenig gelüftet, als er auch schon das Kreuz erblickte, und durch das Zeichen sich völlig überzeugte, daß sie wirklich seine Tochter Giannole di Severins entführt seine Schwester. 149 fei. Sogleich umarmte er sie unter vielen Thränen, so sehr sie sich auch sträuben mochte, und sagte zu Giacomino gewandt: „Theuerster Bruder, das Mädchen ist meine Tochter; das Haus, das Giacomino geplündert hat, war das meinige, indem meine Frau bei dem plötzlichen Schrecken das Kind vergessen hatte, und bis heute haben wir Alle geglaubt, sie sei an jenem Tage, wo mein Haus verbrannte, ebenfalls ein Raub der Flammen geworden." Wie das Mädchen diese Worte vernahm, maß sie theils, da sie ihn schon bei Jahren sah, seinen Worten Glauben bei, theils regte sich auch in ihrem Herzen eine verborgene Stimme, und sie sing, von nicht minderer Rührung ergriffen, gleichfalls zu weinen an. Bernabuccio schickte sogleich nach ibrer Mutter und nach den andern Verwandtinnen, so wie nach den Schwestern und Brüdern, zeigte sie ihnen Allen und erzählte ihnen, was geschehen war, und führte sie dann nach tausend Umarmungen unter großen Festlichkeiten und mit voller Zustimmung des Giacomino in sein Haus. Als diese Neuigkeiten dem Stadthauptmann, der ein wohlgesinnter Mann war, bekannt wurden, beschloß er, weil Giannole, den er noch gefangen hielt, als Ver- nabuccio's Sohn, des Mädchens leiblicher Bruder war, dessen Vergehen für dies Mal ungestraft hingehen zu lassen. Zu dem Ende redete er dem Bernabuccio wie dem Giacomino zu und brachte es glücklich dahin, daß dem Giannole wie dem Minghino verziehen und dem Letzteren zu großer Freude der Anverwandten das Mädchen, die Agncsa hieß, verlobt wurde, worauf er dann auch den Crivello und die Andern, die um der gleichen Angelegenheit willen eingesperrt worden waren, mit ihnen zugleich freiließ. Minghino aber feierte bald darauf mit' vielem Aufwand fröhliche Hochzeit, führte seine Braut heim und lebte noch viele Jahre mit ihr glücklich und in Frieden." 150 Fünfter Tag. Sechste Geschichte. Sechste Geschichte. Gian von Procida wird bei seiner Geliebten, die inzwischen dem König Friedrich geschenkt worden war, überrascht und mit ihr an einen Pfahl gebunden, um dort verbrannt zu werden. Ruggieri Lcll'Oria erkennt und rettet ihn aber und er heirathct sie. Ä-ls die Geschichte der Neiphile, die den Damen sehr Wohlgefallen hatte, beendigt war, befahl die Königin der Pampinea, daß sie sich rüsten möge, eine neue zu erzählen. Pampinea erhob ihr klares Antlitz, und begann sofort also: „Gewaltig, Ihr muntern Mädchen, sind die Kräfte der Liebe, und zu den kühnsten Unternehmungen, zu übermäßigen und unglaublichen Gefahren leihen sie den Liebenden Muth, wie das aus mehreren der Beispiele entnommen werden kann, die heute und an den vorigen Tagen bereits erzählt worden sind. Dennoch aber bin ich gesonnen, Euch in der Geschichte eines verliebten jungen Mannes einen neuen Beweis davon zu geben. Jschia ist eine Insel nahe bei Neapel, auf der vor einiger Zeit unter andern ein gar schönes und munteres Mädchen lebte, die Restituta hieß und die Tochter eines Edelmannes von jener-Insel, Namens Marin Bolgaro, war. Diese nun liebte ein junger Mann, von der benachbarten kleinen Insel Procida, der Gianni genannt wurde, mehr als sein Leben und sie ihn nicht minder. Nicht allein daß er bei Tage nach Jschia zu kommen und, um sie zu sehn, sich dort zu verweilen pflegte, war er schon oftmals auch bei Nacht, wenn er eben keinen Kahn gefunden hatte, von Procida bis nach Jschia hinüberge- Gian von Procida und Rcstituta. 151 schwömmen, um, wenn auch nichts weiter, doch wenigstens die Mauern ihrer Wohnung zu erblicken. Wahrend aber diese glühende Liebe noch bestand, geschah es, daß das Mädchen, als sie eines Tages zur Sommerszeit ganz allein am Meeresufer lustwandelte und mit einem Messer Seemuscheln von den Steinen losbrach, sich von Fels zu Fels bis zu einer zwischen Klippen verborgenen Bucht verflieg, wo sich eben eine Anzahl junger Si- cilianer, die von Neapel zurückkamen, - angelockt von dem kühlen Schatten und von der Annehmlichkeit einer eiskalten Quelle, mit ihrem Ruderschiffchen ausruhtcn. Als diese die Schönheit des Mädchens sahen und zugleich gewahr wurden, daß sie allein sei und sie noch nicht bemerkt habe, beschlossen sie, sie festzuhalten und mit sich fortzusühren. Dem Entschlüsse folgte die Ausführung auf dem Fuße; so viel das Mädchen auch schreien mochte, schleppten sie sie doch in ihr Fahrzeug und fuhren mit ihr davon. Als sie indeß in Calabrien anlandeken und miteinander zu verhandeln ansingsn, wem sie zufallen solle, begehrte, um es kurz zu sagen, jeder Einzelne sie für sich allein. Wie sie sich nun gar nicht einigen konnten und wohl sahen, daß sie um des Mädchens willen noch miteinander in üble Händel kommen und ihre übrigen Angelegenheiten zu Grunde richten könnten, kamen sie endlich dahin überein, daß sie sie dem König Friedrich von Sicilien, der um jene Zeit noch jung war und an schönen Frauen großes Gefallen fand, zum Geschenke machen wollten. Und so tha- len sie auch wirklich, sobald sie nach Palermo gekommen waren. Der König fand sie schön und nahm das Geschenk mit Freuden an. Da er aber eben ein wenig kränkelte, befahl er, daß sie, bis er sich wieder kräftiger fühlen würde, ein gar schönes Gebäude in einem königlichen Garten, der Cuba genannt wird, beziehen, und dort gehörig gepflegt werden solle. Und so wurde denn auch gethan. Inzwischen war ganz Jschia wegen des geraubten 152 Fünfter Lag. Sechste Geschichte- Mädchens in der größten Bewegung, und was ihre Angehörigen dabei noch am meisten schmerzte, war, daß sie nicht erforschen konnten, wer die Räuber gewesen seien. Gianni indeß, dem mehr als einem Andern daran gelegen war, genügende Auskunft zu erlangen, wollte nicht ab- warten, bis der Zufall ihm in Jschia Nachrichten zuführen würde, sondern rüstete, sobald er erfahren, nach welcher Seite jenes Fahrzeug sich gewandt habe, selber ein Schiff aus und befuhr auf diesem, so schnell er konnte, die ganze Küste vom Minerva-Vorgebirge bis nach Sca- lea in Calabrien. Ueberall forschte er nach Kunde von seiner Geliebten, und wirklich wurde ihm in Scalea berichtet, wie sicilianische Schiffer sie nach Palermo geführt hätten. Sogleich schiffte Gianni nach Palermo und suchte lange Zeit nach seinem Mädchen; als er aber endlich erfuhr, sie sei dem Könige geschenkt worden und werde für diesen in der Cuba bewacht, betrübte er sich gar sehr und gab fast alle Hoffnung auf, sie nur einmal wiederzusehn, geschweige denn, jemals zu besitzen. Dennoch aber von der Liebe festgehalten, schickte ec sein Schiffchen heim, und ging, da er sicher war, von Niemandem gekannt zu sein, bei seinem längeren Verweilen häufig vor der Cuba vorüber. Da traf es sich denn eines Tages so glücklich, daß er seine Restituta an einem Fenster erblickte, und sie ihn ebenfalls gewahr wurde, worüber Beide sich unsäglich freuten. Gianni aber, welcher sah, wie einsam und abgelegen die Gegend war, näherte sich dem Fenster so viel er konnte, redete seine Geliebte an, und ging nicht eher wieder von dannen, als bis sie ihm gesagt hatte, wie er es anzustcllcn habe, um mehr in der Nähe mit ihr zu sprechen, und er selber sich die Gelegenheit des Ortes auf das genaueste betrachtet hatte. Wie nun die Nacht gekommen und schon ein Theil derselben verstrichen war, kehrte er zurück und kletterte über eine Mauer, die so glatt war, daß kein Specht sich Gian vo» Procida und Restituta. 153 daran hatte festhalten können, glücklich hinüber in den Garten. Hier fand er eine Stange, stützte sie bei dem Fenster, welches das Mädchen ihm bezeichnet hatte, an die Mauer und gelangte auf diese Weise ziemlich leicht hinauf. Das Mädchen aber meinte bei sich selbst, ihre Ehre, um derentwillen sie bis dahin gegen ihren Geliebten ein wenig strenge gewesen war, sei nun doch verloren und sie könne sich wenigstens Niemandem ergeben, der ihrer würdiger sei, als eben er. Auch hoffte sie ihn zu bewegen, daß er sie mit sich fortführe, und aus allen diesen Gründen hatte sie, entschlossen, ihm Alles zu gewahren, was er von ihr wünschen könnte, das Fenster offen gelassen, damit er gleich ohne Weiteres in das Zimmer gelangen könne. So schlüpfte denn Gianni leise durch das offene Fenster ins Zimmer und legte sich sofort zu dem Mädchen, die noch wachte, nieder. Bevor sie jedoch etwas Weiteres Vornahmen, offenbarte ihm Restituta alle ihre Wünsche und bat ihn auf das inständigste, daß er sie von dort befreien' und sie mit sich hinwegführen möge. Gianni erwiderte ihr darauf, daß ihm selber nichts erwünschter sein könne, und daß ec in keinem Fall ermangeln werde, sobald er sie jetzt verlassen habe, Alles auf solche Weise vorzubereiten, daß er sie mit sich führen könne, wenn er das nächste Mal wieder zu ihr komme. Nachdem sie diese Verabredungen miteinander getroffen, umarmten sie sich voller Entzücken und genossen das Vergnügen, das Amor selbst durch kein größeres zu überbieten vermag. Einige Male wiederholten sie diese Genüsse und schliefen endlich, ohne es selber gewahr zu werden, Einer in des Andern Armen ein. Inzwischen erinnerte sich der König an das Mädchen, die ihm gleich beim ersten Anblick besonders Wohlgefallen hatte, und beschloß, da er sich wieder vollkommen wohl fühlte, obgleich es schon gegen Morgen war, sich eine Weile mit ihr zu ergötzen. So machte er sich denn, von einigen seiner Diener begleitet, in aller Stille nach der Euba auf 154 Fünfter Tag. Sechste Geschichte. den Weg, ging in das Wohngebäude, und trat, nachdem er die Thür leise sich hatte eröffnen lassen, mit einer brennenden großen Wachssackel in das Zimmer, in dem das Mädchen, wie er wußte, schlief. Gleich beim ersten Blick auf das Bette aber sah er sie, wie sic nakt und schlafend in Gianni's Armen lag. Im ersten Augenblick war sein Unmuth und sein Zorn über diese Entdeckung so groß, daß wenig daran fehlte, so hätte er, ohne ein Wort zu sagen, Beide mit einem Messer, das er bei sich trug, auf der Stelle erstochen. Dann aber überlegte er wieder, wie, zwei Nackende im Schlafe umzubringen, Jedermann, geschweige denn einen König, schänden würde, und bezwang sich deshalb, in der Absicht, sie öffentlich und zwar durchs Feuer hinrichten zu lassen. „Was dünkt Dir," sagte er darauf zu dem einzigen Begleiter, der bei ihm war, „was dünkt Dir von diesem verworfenen Geschöpfe, auf die ich bisher meine Hoffnung gerichtet hatte?" Dann fragte er ihn weiter, ob er den jungen Menschen kenne, der keck genug gewesen sei, ihm, dem Könige, in seinem eigenen Hause Schimpf und Kränkung zuzufügen. Der Gefragte erwiderte indeß, daß er sich nicht erinnere, ihn jemals gesehen zu haben. Darauf verließ der König in großer Erbitterung das Zimmer und befahl, daß die beiden Liebenden, nackend, wie sie waren, gefangen und gebunden, und, sobald es Heller Tag wäre, nach Palermo geführt würden. Dort solle man sie dann auf dem großen Platze, die Rücken gegeneinandergekehrt, an einen Pfahl binden und, nachdem sie bis zur dritten Stunde den Augen Aller in diesem Zustande blosgestellt worden wären, wie sie es verdient hätten, verbrennen. Nachdem er dies Alles angeordnet, kehrte er, noch immer gar zornig, nach Palermo in seine Gemächer zurück. Kaum aber war der König fortgegangen, so sielen die Diener des Königs in Menge über die beiden Liebenden her und erweckten sie nicht allein aus ihrem Schlafe, sondern singen und banden sie auch alsbald ohne einiges Meiden. Glan von Procida und Reftituta. 155 Wie erschrocken und traurig die Liebenden bei alle Dem waren, was sie mit sich geschehen sahen, und wie sehr sie unter Thranen und Wehklagen für ihr Leben zitterten, das erkennt wol Jeder, ohne daß ich davon sage. Wie der König besohlen hatte, so wurden sie nach Palermo geführt und auf dem Platze an einen Pfahl gebunden. Dann ward vor ihren Augen Scheiterhaufen und Feuer gerüstet, um sie zu der vom Königs angeordneten Stunde zu verbrennen. Binnen Kurzem zog die Neugier, die beiden Liebenden zu sehen, alle palermitaner Männer sowol als Weiber aus jenen Platz. Die Männer strömten herbei, um den Anblick des Mädchens zu genießen und ebenso, wie sie ihre vollkommene und in allen Theilen gleiche Schönheit priesen, versicherten die Frauen, die alle herbeikamen, um den jungen Mann zu sehn, einstimmig, daß auch er durchaus schön und wohlgebaut sei. Die unglücklichen Liebenden aber standen, beide voller Scham, in steter Erwartung des grausamen Feuertodes mit gesenktem Haupte und beweinten ihr Misgeschick. Während sie aber noch also bis zur bestimmten Stunde ausgestellt dastanden, und ihr Vergehen von Mund zu Munde ging, gelangte die Nachricht auch zu Ruggieri bell' Oria, einem Manne von unschätzbarer Tapferkeit, der damals Admiral des Königs war. Gleich den klebrigen ging auch er an den Platz, wo sie gebunden standen, und beschämte, wie er dort angelangt war, zuerst das Mädchen und lobte ihre Schönheit gar sehr. Als er aber darauf den jungen Mann betrachtete, erkannte er ihn mit leichter Mühe und trat deshalb näher zu ihm heran und fragte ihn, ob er Gianni von Procida sei. Wie Gianni das Gesicht erhob und den Admiral erkannte, erwiderte er: „Mein guter Herr, wol war ich Der, um den Ihr mich befragt, bald aber werde ich aufgehört haben, es zu sein." Darauf fragte ihn der Admiral, was ihn denn in solche Lage gebracht habe, und Gianni antwortete ihm: „Die Liebe und des Königs Zorn." Der Admiral ließ sich die 156 Fünfter Tag. Sechste Geschichte- ganze Geschichte ausführlicher erzählen, und wollte, wie er Alles gehört hatte, von dannen gehn; Gianni aber rief ihn zurück und sagte ihm: „Ach! mein werther Herr, wenn es Euch möglich ist, so erwirkt mir Eine Gnade von Dem, um desscntwillen ich also hier stehen muß." Ruggieri fragte, was für eine? Gianni aber antwortete: „Ich sehe wohl, daß ich hier und binnen Kurzem sterben muß. Nun erbitte ich mir aber zur Gnade, daß, ebenso wie ich jetzt mit dem Rücken gegen das Mädchen gewandt bin, die ich mehr als mein Leben geliebt habe, und sie mich nicht minder, wir mit den Gesichtern gegeneinandergekehrt werden mögen, auf daß ich noch im Tode in dem Anblick ihrer Züge Trost und Frieden finden möge." Ruggieri erwiderte lächelnd: „Das will ich gerne thun und will es schon dahin bringen, daß Du sie noch bis zum Ucberdrufse sehn sollst." Damit verließ er ihn, und gebot Denjenigen, die beauftragt waren, jene Hinrichtung ins Werk zu setzen, daß sie, bevor sie nicht neue Befehle vom Könige erhalten haben würden, nichts Weiteres thun sollten. Dann aber ging er gerades Weges zum Könige und scheute sich, so sehr er ihn auch erzürnt sah, nicht, ihm über Das, was er so eben erfahren hatte, unverholen seine Meinung zu sagen. „Mein König," begann er, „wodurch hat das junge Paar, das auf Deinen Befehl dort unten auf dem Platze verbrannt werden soll, Dich beleidigt?" Der König gab ihm Auskunft und Ruggieri fuhr darauf also fort: „Das Vergehen, dessen sie sich schuldig gemacht, verdient allerdings solche Ahndung, nicht aber von Dir; denn, wie den Missethaten Strafen gebühren, so auch den Wohlthaten Belohnungen; von Gnade und von Erbarmen gar nicht einmal zu reden. Weißt Du denn auch, wer die Beiden sind, die Du verbrennen lassen willst?" „Nein," erwiderte der König. „So sollst Du es denn erfahren, sagte Ruggieri darauf, „damit Du erkennen mögest, wie wohlgethan es war, von den Aufwallungen Deines Zornes solchergestalt Dich Hinreißen zu Gian von Procida und Restltuta. 157 lassen. Der junge Mann ist ein Sohn des Landolfo von Procida, der selber ein leiblicher Bruder eben des Messer Gian von Procida ist, durch dessen Hülfe Du König dieser Insel bist. Das junge Mädchen aber ist eine Tochter des Marin Bolgaro, dessen Ansehen Du es allein zu danken hast, wenn Deine Herrschaft über Jschia noch anerkannt wird. Ueberdies sind das ein paar junge Leute, die sich schon seit lange untereinander lieben und nur von der Gewalt der Liebe bezwungen, keineswegs aber um Deine Majestät zu kranken, sich jenes Vergehens (wenn anders ein Vergehen genannt werden kann, wozu die Liebe junge Leute führt) schuldig gemacht haben. Warum also schickst Du Die zum Tode, die Du mit erlesenen Aufmerksamkeiten und Geschenken ehren solltest?" Wie der König diese Rede vernahm und deutlich erkannte, daß Ruggieri die Wahrheit sagte, stellte er nicht allein sein grausames Verfahren ein, sondern bereute auch, was er bis dahin gethan hatte. Alsbald befahl er, daß die beiden jungen Leute vom Pfahle losgebunden und vor ihn gebracht werden sollten; und so geschah es. Dann aber dachte er darauf, wie er, da ihm nun alle ihre Umstande bekannt geworden waren, durch Ehrenbezeigungen und Geschenke das ihnen angethane Unrecht wieder gut machen könnte. Zu dem Ende ließ er sie zunächst auf das anständigste wieder bekleiden und feierte dann, da er hörte, daß Beide in ihren Wünschen übereinstimmten, die Verlobung zwischen Gianni und dem jungen Mädchen. Doch erst als er ihnen prachtvolle Geschenke gegeben hatte, schickte er sie zu ihrer großen Zufriedenheit in ihre Heimat zurück, in der sie mit lautem Jubel empfangen wurden und dann noch lange in Lust und Freuden miteinander lebten." 158 Fünfter Tag. Siebente Geschichte. Siebente Geschichte. Theodor verliebt sich in Biolante, die Tochter seines Herrn, des Messer Amcrigo, schwängert sie und wird deshalb zum Strange verurtheilt. Während er aber mit Gcißclhicbcn zur Hinrichtung geführt wird, erkennt und befreit ihn sein Vater und er heirathct Biolante. Äls die Damen, die mit Bangigkeit erwartet hatten, ob die beiden Liebenden verbrannt werden würden, oder nicht, vernahmen, wie sie gerettet worden seien, dankten sie Gott dafür und freuten sich alle. Die Königin aber übertrug, als die Geschichte geendet war, Lauretta die Pflicht, weiter zu erzählen, und diese begann fröhlichen Muthes also: „Schöne Damen, zu der Zeit, als der gute König Wilhelm Sicilien beherrschte, wohnte auf jener Insel ein Edelmann, Namens Amcrigo Abate von Trapani, der unter andern zeitlichen Gütern auch mit Kindern reichlich gesegnet war. Weil er nun deshalb einer zahlreichen Dienerschaft bedurfte, kaufte er, als eines Tages genuesische Corsaren auf ihren Galeeren aus der Levante zurückkamen, wo sie, an den Küsten Armeniens kreuzend, viele Kinder gefangen hatten, einige von diesen, indem er sie für Türken hielt. Unter diesen befand sich aber ein Knabe, Namens Theodor, der, wahrend die übrigen alle Hirtenkinder zu sein schienen, sich durch ein ausgezeichneteres und eidliches Aussehen von ihnen unterschied. Wie dieser mit der Zeit alter wurde, wuchs er, obgleich er für einen Knecht galt, dennoch im Hause mit des Messer Amerigv Kindern aus, Theodor und Violantc. 15,9 und nahm dabei, mehr von seiner inner» Natur, als von der Lage, in welche der Ausall ihn versetzt hatte, geleitet, ein so gefälliges Betragen und so gute Sitten an, daß Messer Amerigo ihn wegen des Wohlgefallens, das er an ihm fand, aus der Knechtschaft freiließ. Dann ließ er ihn auch, in der Voraussetzung, daß er ein Türke sei, mit dem Namen Pietro taufen, machte ihn zu seinem Haushofmeister und verließ sich vollkommen auf ihn. Wahrend aber die übrigen Kinder des Messer Amerigo heranwuchsen,, kam auch eine seiner Töchter, die Violante genannt ward und ein gar schönes und zierliches Mädchen war, zur Reife, und da der Vater eine Weile anstand, sie zu verheirathen, wollte der Zufall, daß sie sich in Pietro verliebte. So sehr sie ihn aber auch liebte und so hohe Meinung sie von seinen Sitten und seiner Tapferkeit hegte, so scheute sie sich dennoch, ihre Neigung ihm zu offenbaren. Binnen Kurzem indeß that Amor es an ihrer Stelle. Denn nachdem auch Pietro sie einige Male aufmerksamer betrachtet, hatte er sich ebenfalls solchergestalt in sie verliebt, daß er sich unglücklich fühlte, so lange er nicht mit ihr zusammen war, doch fürchtete auch er sich, daß irgend Jemand diese Liebe, die er selber für eine unerlaubte hielt, gewahr werde. Das Mädchen aber erriech, weil sie ihm wohl wollte, bald seine Gesinnung und zeigte sich ihm daher, um ihm Much zu machen, wie sie es auch wirklichwar, über seineAufmerksamkeiten ausnehmend erfreut. So wahrte es denn lange Zeit, daß sie Beide, so großes Verlangen sie auch danach trugen, dennoch sich nicht getrauten, das Mindeste über ihre Neigung zu einander zu sagen. Endlich wußte das Ohngefähr, während sie Beide noch gleichmäßig in den Flammen der Liebe entbrannt, sich verzehrten, als wenn es alle Umstände absichtlich zu dem Ende herbeige- tührt hätte, Mittel und Wege zu finden, durch welche sie über die scheue Furcht, die sie besangen machte, hinwegkamen. 160 Fünfter Lag. Siebente Geschichte- Messer Amerigo hatte, kaum eine Meile von der Stadt entfernt, eine gar schöne Besitzung, welche seine Frau mit ihrer Tochter und mit andern Damen und Weibern oft zu ihrer Erholung zu besuchen Pflegte. Als sie nun eines Tages, wo sie den Pietro mit sich genommen hatten, hier verweilten, traf es sich, wie wir es häufig im Sommer geschehn sehn, daß der Himmel sich plötzlich mit finstern Wolken umzog. Um von dem Unwetter nicht dort draußen überfallen zu werden, machte die Dame sich mit ihrer Gesellschaft sogleich und so eilig, als sie nur konnten, auf den Rückweg nach Trapani. Pietro aber und das Mädchen überholten, weil sie Beide jung waren, die Mutter und die andern Gefährtinnen, die bei ihr blieben, um Vieles, und vielleicht war es eben sowol als die Furcht vor dem Gewitter, die Liebe, welche ihre Schritte beflügelte. Schon mochten die beiden jungen Leute vor der übrigen Gesellschaft so weit voraus sein, daß sie kaum mehr gesehn werden konnten, als es so heftig zu donnern und so dichter und schwerer Hagel zu fallen begann, daß die Dame mit ihrer Begleitung nur eben noch im Stande war, sich in das Haus eines Landmannes zu flüchten. Pietro und das Mädchen aber suchten, weil sie in der Eile keinen andern Zufluchtsort finden konnten, in einem alten und fast ganz verfallenen Hause, das von Niemandem mehr bewohnt ward, Schutz. Das Dach dieses Hauses war so beschädigt, daß nur ein kleiner Theil davon noch vorhanden war und die beiden jungen Leute, die sich unter diesen Rest flüchteten, durch die Enge dieses geschützten Raumes einander zu berühren genöthigt wurden. So nahe Berührung ermuthigte die Liebenden, sich ihre liebevollen Wünsche zu gestehn, und Pietro begann zuerst: „Wollte nur Gott, daß dieser Hagel nie ein Ende nähme, wenn ich, so lange er dauert, so wie jetzt, bleiben dürfte." „Ach, das wär ich wol auch zufrieden," sagte darauf das Mädchen; und von solchen Reden gingen sie Theodor und Violantc. 161 dazu über, einander bei der Hand zu nehmen und zu drücken, dann umarmten, dann küßten sie sich und derweilen hagelte es noch immer fort. Um aber nicht Alles einzeln zu erzählen, sage ich nur, daß das Wetter sich nicht sobald aufgeheitert hatte, als sie sich bereits gegenseitig die höchsten Freuden der Liebe kennen gelehrt und auch schon verabredet hatten, wie sie in Zukunft heimlich miteinander sich erfreuen wollten. Inzwischen verzog sich das schlechte Wetter; die beiden jungen Leute aber warteten am Eingänge der Stadt, bis wohin sie nicht mehr weit hatten, die Mutter ab, und gingen dann mit ihr nach Hause. Hier kamen sie später unter wohlgetroffenen Vorsichtsmaßregeln und zu ihrer großen Lust mehr als einmal ganz im Verborgenen zusammen, und so geschah es am Ende, daß das Mädchen schwanger ward. Freilich war das beiden Theilen nichts weniger als lieb, weshalb sie es denn auch nicht an allerhand Mitteln fehlen ließ, um gegen die Ordnung der Natur ihrer Leibesfrucht ledig zu werden; doch Alles blieb umsonst. Da glaubte sich nun Pietro seines Lebens auch nicht mehr sicher und sagte seiner Geliebten, daß er zu fliehen gedenke. Sie aber antwortete ihm: „Wenn Du mich verlaßt, so thue ich mir wahrhaftig ein Leides an." Pietro war dem Mädchen von ganzer Seele gut und sagte: „Liebes Herz, wie kannst Du nur wollen, daß ich bleiben soll? Deine Schwangerschaft wird unfern Fehltritt ans Licht bringen. Du erhältst dann wol leicht Vergebung, ich Armer aber werde zugleich für Deine und für meine Schuld die Buße tragen müssen." Das Mädchen erwiderte: „Pietro, mein Vergehen, das wird freilich an den Tag kommen; das Deinige aber, verlasse Dich darauf, das soll gewiß Niemand erfahren, dem Du es nicht selber sagst." „Wohlan denn," entgegnete Pietro, „weil Du mir das gelobst, so will ich bleiben; denke mir aber an Dein Versprechen." Ob nun gleich das arme Mädchen ihren Zustand so 162 Fünfter Tag. Siebente Geschichte. längs es nur immer möglich gewesen, verborgen gehalten hatte, so fühlte sie doch am Ende selbst, wie das Anschwellen ihres Leibes fernere Heimlichkeit unmöglich machte, und gestand eines Tages unter raufend Thränen und Bitten, Erbarmen mit ihr zu haben, ihrer Mutter den Zustand, in dem sie sich befand. Die Mutter kannte sich kaum vor Zorn, und verlangte mit den härtesten Worten, daß sie ihr gestehen solle, wie Alles sich zugetragen. Um indes ihrem Pietro keine Ungelegenheiten zu bereiten, erfand das Mädchen sich eine Fabel, die sie der guten Dame anstatt der Wahrheit aufband. Diese glaubte denn auch wirklich, was ihr erzählt ward, und schickte die Tochter, um ihren Fehltritt geheim zu halten, fort auf eines ihrer Güter. Wie nun aber die Zeit der Niederkunft herangekommen war, und die Wöchnerin nach Weiber Art eben in den Wehen schrie, traf es sich, daß, wo die Mutter es sich am wenigsten versah, Messer Amerigo, der dies Landhaus bis dahin fast noch niemals besucht hatte, auf der Heimkehr vom Vogelstellen an dem Zimmer vorüberritt, wo seine Tochter kreischend lag und voll Erstaunen über ihr Geschrei, plötzlich eintrat, um nach der Ursache davon zu fragen. Als die Mutter sich nun so von ihrem Manne überrascht sah, erhob sie sich betroffen und erzählte ihm, was sich mit ihrer Tochter zugetragen. Messer Amerigo aber antwortete, minder leichtgläubig als seine Frau gewesen war, das könne nicht an dem sein, daß das Mädchen nicht wissen sollte, von wem sie schwanger sei. Er verlange durchaus die Wahrheit zu wissen, aufrichtiges Bekenntnis sei das einzige Mittel zur Verzeihung; ohne das könne sie sicher sein, daß sie ohne Barmherzigkeit sterben müsse. Zwar gab die Mutter sich alle Mühe, ihrem Manne die Fabel, die sie ihm erzählt hatte, einzureden, doch half ihr das zu nichts. Vielmehr stürzte er im höchsten Zorne mit bloßem Degen über das Mädchen her, die, während die Mutter ihn noch mit Worten hingehalten, Theodor und Violante- 163 von einem Knaben entbunden worden war, und rief: „Gestehe, wer des Kindes Vater ist, oder stirb auf der Stelle!" Da machte die Todesfurcht Violante wortbrüchig gegen ihren Pietro, und sie bekannte Alles, was unter ihnen Beiden vorgefallen war. Der Ritter gerieth über diesen Bericht in so unmäßige Wuth, daß er sich kaum enthalten konnte, die Tochter umzubringen. Als er ihr aberAlles gesagt hatte, was der Zorn ihm eingab, ritt er eilig nach Trapani wieder zurück und verklagte den Pietro bei Messer Currado, dem königlichen Hauptmanne, wegen des Schimpfes, den jener ihm ange- than. Der Hauptmann ließ Pietro, der sich nichts dergleichen versah, alsbald gefangen nehmen und brachte ihn auf der Folter schnell zum völligen Gestandniß, worauf er denn nach wenig Tagen verurtheilt ward, erst durch die ganze Stadt gepeitscht und dann gehangen zu werden. Damit nun dieselbe Stunde dem Leben der beiden Liebenden und dem ihres Kindes ein Ende mache, mischte Messer Amerigo, dessen Zorn durch das Todesurtheil, das er dem Pietro bereitet, noch nicht abgekühlt war, Gift und Wein in einem Becher zusammen. Dann gab er ihn nebst einem blanken Messer und mit folgenden Worten einem seiner Diener: „Geh' mit diesen Dingen zur Violante und sag' ihr von meinetwegen, sie solle sich schnell zu einer von den beiden Todesartcn, Dolch oder Gift, entschließen, widrigenfalls würde ich sie, wie sie es verdient hat, Angesichts aller Einwohner unserer Stadt verbrennen lassen. Wenn Du das besorgt hast, so nimm den Jungen, den sie vor wenig Tagen zur Welt gebracht, schleudre ihn mit dem Hirnschädel an die Wand und wirf ihn dann den Hunden zum Fräße vor." Diesen grausamen Befehl des lieblosen Vaters nahm der Diener nicht eben mit milderen Gesinnungen entgegen und machte sich auf den Weg. Wie nun inzwischen der zum Tode verurtheilte Pietro zum Galgen gepeitscht ward, kam er, weil die Henkersknechte, die an der Spitze des Zuges standen, ihn zufällig 164 Fünfter Lag. Siebente Geschichte. also führten, vor einem Gasthause vorüber, in welchem drei Edelleute aus Armenien wohnten. Es waren nämlich diese Drei von dem Könige von Armenien als Gesandten nach Rom geschickt, um mit dem Papste wichtige Angelegenheiten wegen eines neu zu unternehmenden Kreuzzuges zu verhandeln. Jetzt aber hatten sie sich einige Tage lang in Trapani verweilt, um sich auszuruhen und zu starken, und waren von den vornehmeren Einwohnern der Stadt, besonders aber von Messer Amerigo, auf das ehrenvollste ausgenommen und bewirthet worden. Wir nun die drei Edelleute den Zug vorübergehn hörten, in dem Pietro gebracht ward, traten sie ans Fenster, um zuzusehen. Pietro war vom Gürtel an völlig entkleidet und hatte die Hände auf den Rücken gebunden, und so konnte denn der Eine dieser drei Abgesandten, der Phi- neus hieß und ein bejahrter Mann von großem Ansehen war, deutlich auf des jungen Mannes Brust einen große» brennend rochen Fleck wahrnehmen, der nicht von vorübergehender Färbung herrührte, sondern von Natur der Haut selber inwohnte, der mit andern Worten ein Muttermahl war, wie wir es zu nennen pflegen. Beim ersten Anblick dieses Mahles gedachte PhincuS aber sogleich seines Sohnes, der ihm nun bereits vor 15 Jahren an dem Strande von Lajazzo durch die Corsaren geraubt worden war, ohne daß er je weitere Nachricht von ihm erhalten hätte; und wenn er das Alter des Unglücklichen, der da gepeitscht, ward, überschlug, so däuchte es ihm, daß sein Sohn, wenn er noch am Leben wäre, jetzt in denselben Jahren fein müßte. Dies Alles bestärkte ihn in der Vermuthung, die jenes Mahl zuerst in ihm erregt hattte; weil er aber dafür hielt, daß wenn es wirklich sein Sohn sei, dieser sich gewiß seines eignen sowol als des väterlichen Namens und der armenischen Sprache erinnern werde, so rief er, als der Verurtheilte ihm ganz nahe gekommen war: „Theodor!" Kaum hatte Pietro diesen Namen vernommen, so blickte er auf; Phineus aber fragte ihn auf Armenisch; Theodor und Violantc. 16 ', „Woher stammst Du und von welchem Vater?" Die Gerichtsdiener hielten aus Rücksicht für den angesehenen Frager inne, so daß Pietro antworten konnte: „Ich stamme aus Armenien, mein Vater hieß 'mit Namen Phineus, und als kleines Kind ward ich, von was für Volke weiß ich nicht, hiehergeschleppt." Als Phineus diese Antwort vernahm, erkannte er in dem jungen Manne zuverlässig den einst verlorenen Sohn. So eilte er denn weinend mit seinen Gefährten die Treppe hinab und umarmte sein Kind mitten unter den Henkersknechten. Dann aber hüllte er ihn in den Mantel von kostbarem Stoffe, mit dem er selber bekleidet war, und bat den Schergen, der ihn zum Tode führen sollte, daß er ihm zu Liebe so lange verstehn möge, bis ihm befohlen würde, den Verurtheilten weiter zu führen. Der Gerichtsdiener war gern bereit zu verziehen, und weil Phineus durch das Gerücht, das sich über die ganze Stadt verbreitet, schon zuvor erfahren hatte, um welcher Ursach willen der junge Mann zum Tode geführt werde, begab er sich nun mit seinen Gefährten und mit ihrer ganzen Dienerschaft alsbald zu Messer Currado und sprach zu ihm also: „Herr, der Mensch, den Ihr da als einen Knecht zum Tode schickt, ist ein freier Mann und ist mein Sohn. Auch ist er gern bereit, das Mädchen, die er, wie man sagt, ihrer Jung- ftauschaft beraubt hat, zu seiner Frau zu nehmen. Wollet denn also die Hinrichtung so lange verschieben lassen, bis man Erkundigung eingezogen haben wird, ob das Mädchen ihn zum Manne haben will. Denn, weigertet Ihr Euch dieser Zögerung, und sie erklärte sich nachher bereit, so hättet Ihr den Gesetzen zuwider gehandelt." Die Nachricht, daß der Verurtheilte ein Sohn des Phineus sei, überraschte Messer Currado nicht wenig und er schämte sich, daß der Zufall ihn einen so harten Spruch hatte thun lassen. Da er aber gestehn mußte, daß Phi- neus in Dem, was er behauptete, recht habe, hieß er ihn sogleich zu Hause gehn und berichtete dann dem Messer Ame- 166 Fünfter Lag. Siebente Geschichte- rigo, dm er inzwischen zu sich berufen, was er so eben erfahren. Messer Amerigo, der nicht anders glaubte, als Tochter und Enkel seien schon umgebracht, bereute seine Grausamkeit über alle Maßen, denn es leuchtete ihm wol ein, daß ohne jenen Mord alles Geschehene wieder hätte gut gemacht werden können. Nichtsdestoweniger sandte er aber in der größten Eile hinaus zu der Tochter, damit seine Befehle, wenn es anders nicht schon zu spat sei, nicht mehr vollzogen werden sollten. Der Bote fand den Diener, den Messer Amerigo zuvor hinausgesandt, wie er Vielanten, weil sie sich nicht sobald hatte entschließen können, zwischen Gift und Dolch, die er vor sie hingestellt hatte, zu wählen, die härtesten Dinge sagte, und mit Gewalt sie nöthigen wollte, mit dem Einen von beiden ihrem Leben ein Ende zu machen. Kaum aber hatte er nun den Willen seines Herrn vernommen, so ließ er das Mädchen in Ruhe und kehrte zu jenem zurück, um ihm über den Hergang der Sache Bericht zu erstatten. Voller Freuden über diese Kunde suchte Messer Amerigo alsbald den Phineus auf, entschuldigte sich fast unter Thranen, so gut er es nur wußte und konnte, wegen deS Geschehenen, und versicherte, daß, wenn Theodor seine Tochter zur Frau nehmen wolle, er gern bereit sei, sie ihm zu geben. Phineus nahm jene Entschuldigungen willig auf, und erwiderte dann: „Meine Meinung ist, daß mein Sohn Eure Tochter zur Frau nehmen soll, und daß, im Fall er cs nicht thun wollte, das über ihn gefällte Urtheil voll- stceckt werden müßte." Wie nun auf solche Weise Phineus und Messer Amerigo übereingekommen waren, suchten sie zusammen den Theodor am Orte seiner einstweiligen Verwahrung auf, wo er noch zugleich vor Todesfurcht zitterte und sich freute, den Vater wiedergefunden zu haben. Als sie ihn darauf fragten, was er in jener Angelegenheit zu thun gedenke, war seine Freude, daß Violante, wenn er wolle, nun seine Frau werden würde, so groß, daß es ihm nicht anders Theodor und Violante. 1«7 dünkte, als sei ec aus der Hölle ins Paradies gesprungen, und sie Beide versicherte, daß, wenn sie es nur zufrieden seien, cs für ihn das größte Glück sein werde. So schickte man denn auch zu Violante, um ihren Willen zu erfahren, und als diese vernahm, was sich mit Theodor zugetragen, und was ferner noch in Erfüllung gehn sollte, wo sie in beispielloser Traurigkeit nichts als den Tod vor Augen sah, maß sie den Worten nach geraumer Zeit erst einigen Glauben bei und konnte sich doch nur halb freun. Dann aber sagte sie, wenn ihre Wünsche wahr werden sollten, dann könne sie freilich nichts glücklicher machen, als Theodor's Frau zu sein. In allem Falle aber werde sie thun, was ihr Vater befehle. So wurde denn des Mädchens Verlobung mit allgemeiner Einstimmung gefeiert und dabei zu großer Freude der Einwohner von Trapani glanzende Festlichkeit angerichtet. Violante ward ihres Lebens wieder froh und ließ ihren Knaben von einer Amme stillen, und so dauerte es auch nicht lange, daß sie wieder schöner ward, als je zuvor. Als die Zeit ihrer Wochen vorüber und Phineus auch von Rom wieder zurückgekehrt war, bezeigte sie ihm alle Ehrfurcht, die einem Vater gebührt. Er aber feierte, hocherfreut über eine so schöne Schwiegertochter, unter Jubel und Festlichkeiten ihre Hochzeit und nahm sie damals und fernerhin gleich einer eigenen Tochter an. Wenige Tage daraus bestieg er mit dem Sohne, ihr und dem kleinen Enkel eine Galeere, auf der sie glücklich insgesammt in Lajazzo anlangten und die beiden Liebenden, so lange sie am Leben blieben, ruhig und friedlich sich aneinander erfreuten." 168 Fünfter Tag. Achte Geschichte. Achte Geschichte. Nastagio degli Onesti bewirbt sich um die Liebe einer Dame aus dem Hause Traversari, und bringt, ohne Gegenliebe zu finden, dabei sein ganzes Vermögen durch. Lus die Bitten der Seinigen geht er eines Tages nach Ehiassi und sieht daselbst, wie ein junges Mädchen ro» einem Ritter gejagt, getödtet und dann von zweien Hunden gefressen wird. Darauf ladet er seine Familie so- wol als die der Dame zu einem Mittagsessen dorthin, und der Anblick des zerfleischten Mädchens und die Furcht vor ähnlichem Schicksal erschrecken die Spröde so sehr, daß sie den Nastagio zum Manne nimmt. Äls Laurette schwieg, Hub Philomela auf der Königin Geheiß also zu reden an: „Nicht minder, Ihr holden Damen, als mitleidige Gesinnung an uns gelobt wird, ahndet die göttliche Gerechtigkeit die grausame auf das strengste, wo sie dergleichen unter uns antrifft. Um Euch davon ein Beispiel zu geben, und dadurch Euch zu bewegen, daß Ihr der Hartherzigkeit völlig entsagt, bin ich gesonnen, Euch eine Geschichte zu erzählen, die nicht weniger Euer Mitgefühl erwecken, als Euch ergötzen wird. In Ravenna, einer uralten Stadt der Romagna, lebten einst adliche und vornehme Leute in Menge, unter .welchen ein junger Mann, Namens Nastagio degli Onesti durch den Tod seines Vaters und eines Onkels über allen Glauben vermögend geworden war. Dieser nun verliebte sich, da er unverheirathet war, wie den jungen Leuten zu geschehen pflegt, in die Tochter des Messer Paolo Traver- sari, und hoffte deren Gunst, obgleich ihre Familie von Dic gespenstische Mädchcnjagd. 160 viel älterem und besserem Geschlechts war, als die seinige, durch seine Bemühungen, ihr zu dienen, dennoch allmälig sie zu gewinnen. So unermüdlich, lobenswerth und großartig aber auch diese letztem waren, nützten sie ihm dem- ungeachtet nicht allein nichts, sondern es schien vielmehr, als ob sie ihm Schaden brachten, so hart, so unfreundlich und widerwillig bewies sich ihm das geliebte Mädchen, die vielleicht um ihrer vorzüglichen Schönheit, oder um ihres Adels willen so hochmüthig und ungefüge geworden, daß sie weder ihn, noch was ihm irgend lieb war, leiden konnte. Diese Gesinnung der Geliebten wußte Nasiagio so wenig zu ertragen, daß er nach vielen Klagen mehr als einmal im Begriffe war, vor Schmerz das Leben sich zu nehmen. Wenn er sich aber dennoch solch einer That enthielt, so setzte er dann sich oftmals vor, sie völlig aufzugeben, oder wo möglich sie eben so zu hassen, wie er von ihr gehaßt ward. Alle diese Vorsätze indeß blieben eitel, denn es war nicht anders, als ob seine Liebe um so mehr wüchse, jemehr die Hoffnung verschwand. Wie nun der junge Mann auf solche Weise beharrlich seine Liebe verfolgte, und in seinen übermäßigen Ausgaben fortfuhr, dünkte es einigen seiner Angehörigen und Freunde, daß er dabei sich selbst und sein Vermögen bald verzehrt haben werde. Deshalb riethen sie ihm denn mehrmals, und baten ihn, daß er Ravenna verlassen und auf einige Zeit an irgend einem andern Orte sich aufhalten möge, weil, wie sie meinten, auf solche Weise seine Liebe sowol als seine Ausgaben abnehmen würden. Nastagio spottete zwar öfters über diesen Rath; da er aber auf ihre vielen Ermahnungen doch nicht füglich immer mit nein antwortenkonnte, sagte er es ihnen endlich zu, und ließ auch in der That nicht geringere Reisevorkehrungen treffen, als ob er nach Frankreich, Spanien oder sonst einem entfernten Lande hätte ziehen wollen. Als er aber endlich zu Pferde gestiegen war, und, begleitet von seinen zahlreichen Freunden, Ravenna verlassen hatte, ritt er nach Chiassi, Dekamcron. II. 8 170 Fünfter Tag. Achte Geschichte. einem vielleicht drei Miglien von der Stadt entlegenen Orte, ließ Gezelte mancher Act herbeibringen und auf- schlagen, und erklärte Denen, die ihm das Geleit gegeben, daß sie, weil er hier zu weilen gesonnen sei, nach Ravenna heimkehrcn möchten. Unter diesen Zelten nun führte Nastagio wieder ein ebenso glanzendes und herrliches Leben als je zuvor, und lud nach alter Gewohnheit bald Diese und bald Jene zum Mittag- oder zum Abendessen. Eines Tages aber, ziemlich um den Anfang des Maimonats und bei wunderschönem Wetter, geschah es, daß Nastagio, ganz in Gedanken an die grausame Geliebte versunken, um ungestörter seinem Trübsinn nachhangen zu können, allen seinen Leuten ihn allein zu lassen befahl, und daß er, in solcher Weise ohne Zweck und Ziel umherirrend, bis zum großen Pinienwalde gelangte. Schon war die Mittagsstunde ziemlich herangekommen und Nastagio hatte sich, unbekümmert um Speise, Trank und andre Dinge, wol eine halbe Miglie in den Wald vertieft, als das laute Weinen und das verzweifelte Wehklagen eines Weibes, die er zu vernehmen glaubte, ihn plötzlich aus seinen süßen Träumereien schreckten. Als er nun aufblickte, ward er nicht allein zu seinem Erstaunen gewahr, daß er mitten im Pinienhaine sei, sondern er sah nach wenig Augenblicken auch, wie grade vor ihm aus einem dicht verwachsenem Gebüsch von Strauchwerk und Dornen hervor ein wunderschönes nacktes Mädchen, mit fliegenden Haaren und von Stacheln und Aesten zerkratztem Leibe im vollen Lauf unter lautem Weinen und Rufen um Gnade der Stelle zueilte, an der er sich befand. Zu beiden Seiten folgten ihr zwei ricsenmäßige und wü- thende Jagdhunde auf der Ferse, und packten sie oft und unbarmherzig, wo sie zukamen; hinterher aber jagte aus schwarzem Pferde und in dunkler Rüstung ein Ritter, dessen Gesicht vor Zorn glühte, den Degen in der Hand, und drohte mit entsetzlichen, schmähenden Worten, sie zu morden. 171 Die gespenstische Mädchenjagd. Nastagio wurde bei diesem Anblick zugleich von Staunen und Abscheu ergriffen; dann aber erregte das Mitleiden mit dem unglücklichen Weibe den Wunsch in ihm, ' wenn er es irgend vermöchte, ihre Qualen zu endigen und sie dem Tode zu entreißen. So griff er denn in Ermangelung der Waffen zu einem Baumast, mit dem er, statt eines Stockes, den Hunden und dem Ritter entgegen ging. Der Ritter aber rief ihm, sobald er dies gewahr ward, von weitem zu: „Laß ab, Nastagio, und überlasse mir und meinen Hunden, daß wir vollbringen, was dies ruchlose Weib verdient hat." Und als er so gesprochen, packten die Hunde das Mädchen aus aller Kraft in die Weichen und hielten sie fest; wahrend aber der Ritter hinzu kam und vom Pferde sprang, trat auch Nastagio heran, ^ und sagte: „Wenn ich gleich nicht weiß, wer Du bist, der Du mich so wohl zu kennen scheinst, so kann ich Dir doch soviel sagen, daß es eine höchst schmähliche That ist, wenn ein gewaffnetec Ritter ein nackendes Weib ermorden will und sie von den Hunden packen läßt, als wäre sie ein wildes Thier; darum werde ich sie denn ver- lheidigen, so lang' ich irgend kann." Darauf erwiederte der Ritter: „Nastagio, ich stammte mit Dir aus einer Stadt, und Du warst noch ein kleines Kind, als ich, den man Messer Guido degli Anastagi nannte, in dies Mädchen hier wahrlich noch viel verliebter war, als Du jetzt in die Traversari bist. Ihr Hochmuts, aber und ihre Härte stürzten mich in solches Unglück, daß ich endlich mit dem Degen, den Du hier in meiner Hand siehst, mich als ein Verzweifelter entleibte, und deshalb zu den ewigen Qualen verdammt bin. Nicht lange Zeit verging darauf, so starb auch sie, die sich unmäßig über meinen Tod gefreut hatte, und ward und ist wegen der Sünde ihrer Hartherzigkeit und der Lust an meinen Martern, welche sie, im Wahne, nichts Ungerechtes, sondern Verdienstliches gethan zu haben, nie bereute, gleichfalls zu den Strafen der Hölle verurtheilt. Als sie nun dort- 8 * H2 Fünfter Lag. Achte Geschichte- hin gelangte, wurde ihr und mir die Strafe auferlegt, daß sie vor mir fliehen, ich aber sie, die sonst so heiß geliebte, nicht wie den Gegenstand meiner Liebe, sondern wie meine Todfeindin verfolgen muß. So oft ich sie alsdann erreiche, so oft durchbohre ich sie mit diesem selben Degen, mit dem ich einst mich umgebracht, öffne, wie Du sogleich gewahren wirst, mit dem Messer ihr die Seite, reiße das harte, kalte Herz, in das weder Liebe noch Mitleiden den Eingang zu finden wußten, stimmt den übrigen Eingeweide» aus ihrem Leibe, und werfe cs den Hunden hier zum Fräße vor. Dann vergehn nur wenig Augenblicke und sie ersteht, nach Gottes gerechtem Rathschluß, durch seine Allmacht nicht anders vom Boden, als ^ ob sie nie getödtet wäre, und alsbald beginnen 'die klägliche Flucht, der Hunde und meine eigne Verfolgung von neuem. Da geschieht cs denn, daß ich sie jeden Freitag um die jetzige Stunde an diesem Platz einhole, und, so wie Du sehn wirst, sie mishandle; doch wahne ja nicht, daß wir die andern Tage ruhen, sondern wisse, daß ich sie dann auf andern Punkten, an denen sie Grausamkeiten gegen mich ersann oder vollführte, verfolge und erreiche. Weil ich nun aus einem zärtlich Liebenden ihr Feind geworden bin, muß ich eben so viel Jahre sie i» dieser Weise verfolgen, als sie Monate lang hartherzig gegen mich gewesen ist. Laß mich also den Befehl der göttlichen Gerechtigkeit vollziehen, und versuche keinen Widerstand gegen Das, was Du nicht hindern kannst." Von diesen Worten ganz verschüchtert, trat Nastagio, dem sich jedes Haar am Leibe sträubte, die Augen auf das unglückliche Mädchen gewendet, zurück, und harrte angstvoll, was der Ritter vornehmen werde. Dieser aber stürzte beim Ende seiner Rede gleich einem wüthenden Hunde auf das Mädchen los, welche, von den zwei Rüden festgehalten, auf ihren Knien um Gnade rief, und stieß ihr mit aller Macht den Degen, den er in der Hand hielt, mitten durch die Brust, daß ec zum Rücken wieder Die gespenstische Mädchenjagd. 173 herausfuhr. Weinend und winselnd siel die Accmste von diesem Stoß zu Boden; der Ritter aber griff zu einem Messer, klappte es auf und öffnete Jener damit die Seite. Dann weidete er ihr das Herz und was um dieses her lag, aus, und warf es den Hunden vor, die cs heißhungrig verschlangen. Wieder aber dauerte es nicht lange, so erhob sich das Mädchen, als sei nichts von dem Allen geschehn, und begann nach der Richtung des Meeres ihre Flucht aufs neue. Hinter ihr her stürmten abermals die Hunde, die nicht abließen, sie zu zerfleischen. Auch der Ritter saß, den Degen in der Faust, wieder zu Pferde, und so schnell stürmten Flucht und Verfolgung dahin, daß nach wenig Augenblicken Nastagio nichts mehr von Allem gewahr ward. Noch lange, nachdem dies Schauspiel an ihm vorübergezogen war, weilte er zwischen Mitleiden und Furcht getheilt; dann aber gedachte er plötzlich, wie dies Ereigniß, da es alle Freitage sich wiederhole, geeignet sei, ihn in seinen Wünschen wesentlich zu fördern. So merkte er sich denn die Stelle, und ließ, zu seinem gewöhnlichen Aufenthalte heimgekehrt, mehre seiner Angehörigen und Freunde aus Ravenna zu sich entbieten. „Wohlan," sagte er zu ihnen, als sie gekommen waren, „schon lange seid Ihr in mich gedrungen, daß ich von der Liebe zu jener meiner Feindin erblassen und in meisten übermäßigen Ausgaben einhalten möge. Jetzt bin ich bereit, es zu thun; jedoch unter der Bedingung, daß Ihr zuvor noch Messer Paolo Tcaversari dazu bewegt, in Begleitung seiner Frau und Tochter und aller ihrer Verwandtinnen am nächsten Freitag mit Euch und den andern Damen, die Ihr wählen möget, das Mittagsessen hier bei mir einzunehmen. Warum ich dies verlange, werdet Ihr alsdann erfahren." Jene achteten dies Begehren für kein großes, und so luden sie denn, nach Ravenna zurückgekehrt, als es ihnen an der Zeit schien, die im Voraus verabredeten Personen. War es nun auch nichts Leichtes, das von Nastagio 174 Fünfter Tag. Achte Geschichte. geliebte Mädchen zur Einwilligung und Theilnahme zu bestimmen, so kam sie doch mit den Uebrigen zum Feste. Nastagio ließ verschwenderisch zum Mittagsmahle Herrichten, und die Tafeln unter den Pinienbäumcn rings um die Stelle ordnen, wo er die Strafe des hartherzigen Weibes mit angesehn hatte. Dann wieß er Männern und Frauen ihre Plätze an, wobei er den Sitz seiner Geliebten so gewählt hatte, daß der Fleck, an dem er die Wiederholung jenes Schauspiels erwartete, ihr grade gegenüber war. Schon war man bis zum letzten Gerichte gediehen, als das Geschrei des gejagten Mädchens zu Aller Ohren zu dringen begann. Alle befremdeten jene angstvollen Laute, Jeder frug, woher sie rührten, aber Keiner vermochte Auskunft zu geben. Aufgeschreckt erhoben sich Alle und schauten unverwandt nach der Seite, von der das Geräusch kam; da gewahrten sie das jammernde Mädchen, den Ritter und die Hunde, und alsbald waren diese Alle mitten unter den Gästen. Mit heftigen Scheltworten wehrten diese sowol dem Ritter als den Hunden, und Viele traten vor, um dem Mädchen beizustehn. Die Erzählung des Ritters, die er ihnen fast in denselben Worten wiederholte, mit denen er früher zu Nastagio gesprochen hatte, machte sie indeß nicht nur von ihrem Vorhaben abstehn, sondern erfüllte sie mit Staunen und Entsetzen. Unter den anwesenden Damen waren viele dem wehklagenden Mädchen, andre dem Ritter verwandt, und erinnerten sich seiner Liebe und seines Todes; alle aber weinten, als dieser sein grausames Beginnen, so wie neulich, vollführte, eben so bitterlich, als wäre das Gleiche ihnen selber geschehn. Als nun Alles zu Ende gebracht und der Ritter verschwunden war, sprachen Diejenigen, die dem Schauspiel zugesehn hatten, noch viel und mancherlei darüber. Am meisten aber vor den Andern hatte Nastagio's spröde Geliebte sich entsetzt; denn im Andenken an die Grausamkeit, 175 Die gespenstische Mädchenjagd. die sie stets gegen jenen geübt hatte, fühlte sie wol, daß, was sie mit Auge und Ohr deutlich wahrgenommen, keinen der Anwesenden naher angehe, als eben sie, und es war ihr nicht anders, als jage jener sie schon ergrimmt durch den Wald, und die Rüden packten sie in die Weichen. Und so groß war die Furcht vor diesem Schicksal, welche sich ihrer bemächtigt hatte, daß sie in schnellem Wechsel von Haß zu Liebe die Zeit nicht erwarten konnte (und noch am selben Abend bot sich Gelegenheit), eine vertraute Dienerin insgehejm an Nastagio zu senden und ihn um seinen Besuch bitten zu lassen, da sie Alles, was ihm gefallen werde, zu thun bereit sei. Darauf ließ ihr Nastagio ecwiedern, diese Botschaft sei ihm hochwillkommen; er gedenke aber, wenn cs ihr gefalle, nur in Ehren an das Ziel seiner Wünsche zu gelangen, indem er sich ehelich mit ihr vermahle. Die junge Dame wußte wol, wie es nur an ihr gelegen, daß sie nicht schon Nastagio's Frau geworden, und so antwortete sie denn, sie sei dessen wohlzufrieden. Dann meldete sie, als ihre eigne Botin, ihrem Vater und ihrer Mutter, daß sie jetzt den Nastagio zu heirathen bereit sei. Beide waren darüber hocherfreut, und schon am nächsten Sonntag wurde das junge Paar feierlich verlobt. Dann hielten sie Hochzeit und lebten miteinander noch lange Jahre glücklich. Es hatte aber jenes Ereigniß nicht nur diese eine glückliche Folge, sondern alle Ravennatinnen wurden dadurch so eingeschüchtert, daß sie gegen die Wünsche der Männer seitdem um Vieles fügsamer geworden sind, als zuvor." 176 Fünfter Tag. Neunte Geschichte. Neunte Geschichte. Fedcrigo bcgli Alberighi liebt, ohne Gegenliebe zu finden. Er verzehrt in ritterlichem Aufwand sein ganzes Vermögen, sodass ihm nur ein einziger Falke bleibt. Diesen seHt er, da er nichts Andres hat, seiner Dame, die ihn zu besuchen kommt, zum Essen vor. Sie aber ändert, als sie dies vernommen, ihre Gesinnung, nimmt ihn zum Manne und macht ihn reich. ^chon hatte Philomela zu reden aufgehört, und, da die Königin wahrnahm, daß außer dem Dioneus, in Folge seines Vorrechtes, Niemand mehr zu reden hätte, begann sie mit heiterem Gesichte: „So ist es denn nun an mir zu erzählen, und ich genüge gern meiner Pflicht, indem ich Euch, ihr lieben Mädchen, eine Geschichte mittheile, die der vorigen einigermaßen ähnlich ist. Ich thue dies, nicht allein, damit Ihr erkennet, welche Macht Eure An- muth über edle Herzen üben könne, sondern damit Ihr abnehmet, wie Ihr Eure Gunstbezeugungen, da wo es sich geziemet, von selbst gewähren, nicht aber Euch vom Glücke leiten lassen solltet, welches nicht nach verständiger Wahl, sondern, wie es sich eben trifft, in den meisten Fällen ohne rechtes Maß seine Gaben zu verleihen pflegt. So sollet Ihr denn wissen, daß in jüngst verwichcner Zeit ein Mann, Namens Coppo di Borghese Domenichi in unserer Stadt lebte und vielleicht heute noch lebt, der bei Allen eines großen und ehrenvollen Ansehens genoß, und weit mehr noch als wegen des Adels seines Blutes und seiner Tugenden und erlesenen Sitten willen gefeiert und allgemeinen Ruhmes würdig war. Dieser fand nun in seinen späten Jahren Gefallen daran, sowol seinen Federigo degli Alberighi und sein Falke. 177 Nachbarn als auch Fremden von vergangenen Ereignissen oftmals zu erzählen, wie er denn solches geordneter, mit größerem Redeschmuck und treuerem Gedächtniß als irgend ein Andrer zu thun verstand. - Unter andern schönen Geschichten pflegte er namentlich auch zu erzählen, daß einst in Florenz ein junger Edelmann, Federigo di Messer Filippo Alberti genannt, gewesen sei, den man in ritterlichen Uebungen und adlichen Sitten höher gehalten habe als irgend einen seiner Standesgenossen in Toscana. Wie es nun edlen Jünglingen zu widerfahren pflegt, so verliebte sich auch Federigo in ein adliches Fräulein, Namens Monna Giovanna, welche zu jener Zeit für eine der holdseligsten und schönsten in Florenz gehalten ward, und um ihre Liebe zu gewinnen, scheute er in Turnieren und Kampsspielen keinerlei Aufwand, richtete Feste her und theilte Geschenke aus, ohne seines Vermögt irgend zu achten. Die Dame aber, welche eben so sittsam war, als schön, kümmerte sich so wenig um dies Alles, das ihr zu Ehren geschah, als um Denjenigen, von dem es ausging. Da Federigo jedoch über seine Kräfte hinaus große Summen verthat und nichts erwarb, verfiel er in Kurzem in solche Armuth, daß er von allen seinen Besitzthümern nichts behielt, als ein kleines Bauerngut, dessen Einkünfte ihm kümmerlichen Unterhalt gewährten, und einen Falken, wie es kaum einen edleren auf der Welt geben mochte. Inzwischen war seine Liebe zwar nur noch glühender geworden, als zuvor; da er jedoch als Städter nicht mehr so wie er es gewünscht hätte, leben zu können glaubte, zog er sich auf das Land zurück, und ertrug dort, wo sein Gütchen belegen war, ohne Jemandes Hülfe anzusprechen, unter Vogelstellen geduldig seine Armuth. Während nun Federigo's Vermögensumstände sich so sehr verschlechtert hatten, geschah cs, daß der Gemahl der Monna Giovanna schwer erkrankte; und als er gewahr ward, daß es mit ihm zu Ende gehe, machte er ein Te- 8 " 178 Fünfter Tag. Neunte Geschichte. stammt, in welchem er sein schon ziemlich herangewachsenes Söhnlein zum Erben aller seiner großen Reichthümer ernannte, und auf den Fall, daß der Knabe unbeerbt versterben sollte, diesem die Monna Giovanna, welche er auf das Zärtlichste geliebt hatte, substicuirte. Bald darauf starb er, und die Hinterbliebene Witwe zog, sowie es unter den hiesigen Frauen üblich ist, für den Sommer dieses Jahres auf das Land nach einer ihrer Besitzungen, welche Federigo's Gütchen ziemlich nahe gelegen war. So trug eS sich denn zu, daß jener Knabe, der an Hunden und Vögeln seine Freude hatte, mit Federigo vertraut ward. Als er nun dessen Falken öfters hatte fliegen sehn, fand er an ihm so überschwänglichen Gefallen, daß er ihn zu besitzen höchlichst begehrte; doch traute er sich nicht darum zu bitten, da er wohl sah, wie werth er dem Fe- decigo sei. Um diese Zeit ereignete es sich, daff der Knabe erkrankte. Die Mutter, die nur dies eine Kind hatte und es von ganzer Seele liebte, betrübte sich unsäglich, und wie sie den ganzen Tag um den Kranken geschäftig war, sprach sie ihm guten Muth ein, und fragte ihn, unter dringenden Bitten, es ihr zu sagen, ob er denn nicht vielleicht nach irgend etwas Verlangen hege; sie wolle ja, wenn es nur irgend möglich sei, sicher Sorge tragen, daß sie cs ihm verschaffe. Schon mehrmals hatte der kranke Knabe diese Anerbietungen vernommen, als er endlich antwortete: „Mutter, könnt Ihr machen, daß ich Federigo's Falken erhalte, so glaube ich in Kurzem wieder gesund zu werden." Eine Zeillang, nachdem sie diese Worte vernommen, blieb die Edeldame in sich gekehrt, und erwog, was sie thun solle. Sie wußte wohl, daß Federigo sic lange geliebt hatte, ohne von ihr jemals auch nur einen Blick zu erlangen; daher sagte sie bei sich selber: „Wie darf ich zu Federigo wegen dieses Falkens senden, oder gar selbst deshalb zu ihm gehn, da, wie ich höre, dieser Falke der edelste ist, der je einem Jäger diente, und da Federigo degli Alberighi und sein Falke- 179 er noch überdies seinem Herrn in solcher Weise den Lebensunterhalt gewährt? Und wie könnte ich so rücksichtslos sein, einem Edelmann, dem sonst keine Freude mehr geblieben ist, diese seine einzige rauben zu wollen?" Obgleich sie nun sicher war, den Falken zu erhalten, sobald sie darum bäte, antwortete sie doch, von jenen Gedanken bestrickt, nichts auf das Verlangen ihres Söhnlcins und schwieg. Endlich aber trug die Liebe zu dem Knaben dennoch den Sieg davon, und, um ihn zufrieden zu stellen, entschloß sie sich, was auch immer die Folge davon sein würde, nicht zu Federigo zu senden, sondern selber zu ihm zu gehn, um den Falken zu holen. Deshalb sagte sie: „Mein Kind, gicb Dich zufrieden, und sorge nur, daß Du gesund wirst; denn ich verspreche Dir, daß morgen früh mein erster Gang wegen des Falken sein wird, und gewiß, ich werde ihn Dir bringen." Schon diese Antwort erfreute den Knaben so sehr, daß noch an demselben Abend einige Besserung an ihm zu bemerken war. Am nächsten Morgen nahm Monna Giovanna eine andre Dame zum Geleite und lustwandelte mit dieser bis zu Federigo's kleinem Häuschen. Zum Vogelstellen war es nicht die Zeit, und schon seit mehren Tagen war er nicht deshalb ausgegangen; so verweilte er denn, als sie nach ihm frug, in seinem Garten und, ließ dort gewisse kleine Arbeiten besorgen. Wie er vernahm, daß sie an seiner Thür sei und nach ihm verlange, erstaunte er höchlich und eilte ihr mit ehrfurchtsvollem Gruße freudig entgegen; sie aber erhob sich, ihn mit freundlicher Anmuth zu begrüßen, und sprach: „Guten Morgen, Federigo!" Dann fügte sie hinzu: „Ich bin gekommen, Dir für alle das Ungemach Ersatz zu leisten, das Du seither um meinetwillen erduldet hast, weil Du mich leidenschaftlicher liebtest, als Dir dienlich gewesen wäre; der Ersatz aber besteht darin, daß ich mit dieser meiner Begleiterin heute vertraulich bei Dir zu Mittag zu essen gedenke." Hier- 180 Fünfter Tag. Neunte Geschichte. auf antwortete Federigo inDemuth: „Madonna, ich weiß von keinem Ungemach, das mir je durch Euch zu Theil geworden wäre; wol aber von so vielem Heile, daß, wenn jemals an mir irgend etwas Lob verdiente, ich dies nur Eurer Trefflichkeit und meiner Liebe zu Euch verdanke. Und wahrlich dieser Euer Besuch, den Ihr aus freier Güte mir gewahrt, ist mir, wenn gleich Ihr zu einem dürftigen Wirthe gekommen seid, unendlich viel lieber, als wenn mir die Mittel zurückgegeben waren, die ich zu der Zeit besaß, wo ich einst den größten Aufwand machte." Nach diesen Worten führte er sie schüchtern in sein Haus und von diesem in den Garten. Weil er aber sonst Niemanden hatte, der ihr hier Gesellschaft hatte leisten können, sagte er: „Madonna, da kein Andrer hier ist, so wird dies gute Weib, die Frau des Mannes, der hier meinen Acker bestellt, während ich den Tisch besorgen lasse, Euch zur Gesellschaft bleiben. Wie groß nun auch seine Armuth war, so war er bis dahin eigentlich noch nicht gewahr worden, wie sein ungeordnetes Verschwenden der frühem Reichthümer ihn Mangel leiden ließ. Diesen Morgen aber, als es ihm an Allem gebrach, um die Dame zu ehren, der zu Liebe er einst so Unzählige bewirthet und geehrt hatte, erkannte er zuerst seine Dürftigkeit. In der peinlichsten Herzensangst lief er wie außer sich hin und wieder, und verwünschte sein Schicksal, als er weder Geld noch irgend etwas, das er hätte versetzen können, vorfand. Inzwischen war die Stunde schon vorgerückt, und so groß auch sein Verlangen war, die edle Dame einigermaßen wenigstens zu ehren, so konnte er sich doch nicht entschließen, irgend Jemand, nicht einmal seinen Gartenarbeiter, um etwas anzusprechen. Da siel ihm sein guter Falke in die Augen, der im Eßzimmer auf seiner Stange saß, und wie er sonst nirgends eine Aushülse zu entdecken vermochte, faßte er ihn, und erachtete das edle Thier, als er es fett fand, für eine würdige Speise solch edler Dame. Und ohne sich weiter zu Federigo degli Alberighi und sein Falke. 181 besinnen, drehte er ihm den Hals um, und ließ ihn dann eilig von seiner Magd gerupft und hergerichtet an den Spieß stecken und sorgsam braten. Dann breitete er schneeweiße Tücher, deren ihm noch einige geblieben waren, über den Tisch, und ging mit frohem Gesichte wieder hinaus zu seiner Dame, um ihr zu sagen, daß das Mittagseffen, so gut er es zu bieten vermöge, bereit sei. So erhoben sich denn die Dame und ihre Begleiterin, gingen zu Tische und verzehrten, ohne zu wissen, was sie äßen, mit Federigo, der sie mit größter Sorgfalt bediente, den guten Falken. Als sie darauf von Tische aufgestanden waren, und noch einige Zeit in freundlichen Gesprächen mit ihm verbracht hatten, schien es der Dame an der Zeit, Das zu sagen, um dessentwillen sie gekommen war, und freundlichen Blickes zu Federigo gewandt, begann sie also: „Federigo, gedenkst Du Deiner frühem Schicksale und meiner Sittenstrenge, welche Du vecmuthlich für Harte und Grausamkeit erachtet hast, so zweifle ich nicht, daß Du über meine Dreistigkeit erstaunen wirst, wenn Du vernimmst, warum eigentlich ich hierher gekommen bin. Hättest Du aber Kinder, oder hattest Du deren besessen, sodaß Du die Liebe, die man für sie hegt, zu kennen vermöchtest, so glaube ich mit Zuversicht, daß ich Dir wenigstens zum Theil entschuldigt erscheinen würde. Du besitzest deren nicht; ich aber, die ich einen Sohn habe, vermag mich dem Gesetze, dem alle Mütter unterliegen, nicht zu entziehn, und sehe mich, zufolge seines Gebotes, genöthigt, gegen meine Neigung, ja gegen Anstand und Pflicht, Dich um ein Geschenk zu bitten, von dem ich weiß, wie theuer es Dir ist. Auch hast Du .allen Grund, es so werth zu halten, da die Ungunst des Schicksales Dir keine andre Freude, keine Zerstreuung, keinen Trost, als diesen einen gelassen hat. Dieses Geschenk aber ist Dein Falke, nach dem mein Knabe so unmäßiges Verlangen trägt, daß ich fürchten muß, die Krankheit, an 182 Fünfter Tag. Neunte Geschichte. welcher er darnieder liegt, werde sich, wenn er ihn nicht erhält, um Vieles verschlimmern, und eine Wendung nehmen, in Folge deren ich ihn verliere. So beschwöre ich Dich denn, nicht bei der Liebe, die Du für mich hegst (denn um derentwillen hast Du gegen mich keinerlei Verpflichtung), sondern bei Deiner adligen Gesinnung, welche Du in Hofsitte und Freigebigkeit mehr als irgend ein Andrer bewahrt hast, daß es Dir gefallen möge, mir Deinen Falken zu schenken, damit ich sagen könne, Du habest mir durch diese Gabe das Leben meines Sohnes erhalten, und damit er Dir immerwahrenden Dank schuldig bleibe." Als Fedcrigo vernahm, was die Dame begehre, und sich dabei bewußt war, ihr nicht genügen zu können, da er ihr den Falken zur Mahlzeit vorgesetzt hatte, Hub er in ihrer Gegenwart, bevor er noch ein Wort der Antwort Vorbringen konnte, bitterlich zu weinen an. Anfangs glaubte die Dame, diese Thranen gölten dem Schmerze, sich von dem guten Falken trennen zu sollen, und schon war sie im Begriff, zu sagen, daß sie ihn lieber nicht haben wolle; doch bezwang sie sich und erwartete Federigo's Antwort, welcher, nachdem er seine Thränen bemeistert, also sprach: „Madonna, seit es Gott gefallen hat, daß ich Euch meine Liebe zuwendete, habe ich bei vielen Gelegenheiten das Schicksal mir feindlich gesunden und über seine Ungunst mich zu beschweren gehabt; dies Alles aber war nur gering im Vergleich mit Dem, was mir jetzt widerfährt. Denn wie sollte ich wol mit meinem Geschicke je mich wieder aussöhnen, wenn ich bedenke, daß ich durch seine Tücke, nun Ihr zu meinem verarmten Hause gekommen seid, welches Ihr, so lange cs ein reiches war, nie Eures Besuches gewürdigt, außer Stande gesetzt bin, Euch das kleine Geschenk, das Ihr begehret, zu geben. Warum ich dies aber nicht vermag, will ich Euch kurz berichten: Als ich vernahm, Ihr wolltet. Dank sei cs Eurer Güte, bei mir zu Mittag essen, glaubte ich, im Federigo degli Alberighi und sein Falke. 183 Gedanken an Euren Adel und Eure Trefflichkeit, es sei würdig und angemessen, so weit meine Kräfte reichten, Euch durch eine werthvollere Speise zu ehren, als diejenigen sind, mit welchen man andre Menschen zu bewirthen pflegt. Da gedachte ich des Falken, den Ihr jetzt von mir begehrt, und wie vorzüglich er sei, und hielt ihn für eine Speise, Euer würdig; so habt Ihr ihn denn heute Mittag gebraten auf der Schüssel gehabt, und ich glaubte, ihm die beste Statte bereitet zu haben- Nun ich aber sehe, daß Ihr in andrer Weise seiner begehrtet, ist mein Schmerz, Euren Wunsch nicht erfüllen zu können, so heftig, daß ich nicht glaube, mich je wieder darüber beruhigen zu können." Nach diesen Worten ließ er zum Beweise des Gesagten ihr Federn, Fänge und Schnabel des Falken vorzeigen. Als die Dame dies Alles hörte und sah, tadelte sie ihn anfangs, daß er zur Bewirthung eines Weibes so edlen Falken getödtet habe; dann aber bewunderte sie im Stillen die Größe seiner Gesinnung, welche die bittere Armuth weder abzustumpfen vermocht hakte, noch gegenwärtig vermochte. Da ihr jedoch alle Hoffnung, den Falken zu besitzen, geraubt war, und die Befürchtungen wegen der Genesung ihres Knaben nun in ihr aufstiegen, schied sie voller Betrübniß, und kehrte zurück zu ihrem Sohne. War es nun die Wirkung des Verdrusses, daß ihm der Falke nicht gewährt werden konnte, oder war die Krankheit von der Art, daß sie auch ohne das zu solchem Ende führen mußte, genug, nur wenig Tage verstrichen, als er zum größten Leidwesen seiner Mutter aus diesem Leben schied. In Folge dieses Verlustes blieb sie zwar geraume Zeit in Thränen und Traurigkeit; da sie jedoch noch jung und in den Besitz eines glänzenden Vermögens gelangt war, drängten ihre Brüder sie vielfach, zu einer zweiten Ehe zu schreiten. Obwol sie sich nun dessen am liebsten enthalten hätte, so gedachte sie doch bei solchem 184 Fünfter Lag. Neunte Geschichte. Andringen Federigo's Trefflichkeit und des letzten Beweises seiner hochherzigen Gesinnung, den er ihr gegeben, indem er einen solchen Falken, allein um sie zu ehren, getödtet hatte. Darum sagte sie zu ihren Brüdern: „Am liebsten ließe ich, wolltet Ihr es gestatten, meinen Witwenstuhl unvcrrückt; ist es aber Euer Begehren, daß ich zu einer zweiten Ehe schreite, so werde ich wahrlich keinem Andern mich vermahlen, wenn ich Federigo degli Alberighi nicht erhalte.^ Auf diese Rede verhöhnten sie ihre Brüder und sprachen: „Thörichte, was schwatzest Du da; wie kannst Du ihn nehmen wollen, der nichts auf der Welt hat?" Sie aber antwortete: „Meine Brüder, wol weiß ich, daß cs sich also verhalt, wie Ihr sagt; ich aber ziehe dm Mann vor, der des Vermögens entbehrt, als das Vermögen, das eines Mannes entbehrt." Wie die Brüder diese ihre Gesinnung vernahmen, und sich überzeugten, daß Federigo, trotz seiner Armuth, ein höchst ehrenhafter Mann sei, gewahrten sie sie ihm, nach Giovanna's Wünschen, sammt allen ihren Reichthümern. Er aber beschloß, im Besitz einer so trefflichen und so überschwenglich von ihm geliebten Gattin, und noch überdies in dem eines außerordentlichen Vermögens, nach langen Jahren freudig seine Tage." - Der Geliebte von Mann und Frau. 185 Zehnte Geschichte. Pietro da Binciolo geht aus, um anderwärts zu Nacht zu essen- Seine Frau läßt ihren Buhlen kommen; Pietro kehrt aber heim, und die Frau versteckt den Liebhaber unter einem Hühnerkorbe. Pietro erzählt, daß in dem Hause des Ercolano, bei dem er zu Nacht gegessen, ein junger Mensch, Len die Frau verborgen hatte, gesunden sei; worüber Pietro's Frau die des Ercolano heftig tadelt. Jum Unglück tritt ein Esel dem Burschen unter dem Korbe auf die Finger, sodaß er schreien muß. Pietro läuft hinzu, sieht ihn und erkennt die Falschheit seiner Frau, ist aber niederträchtig genug, sich am Ende doch wieder mit ihr auszusöhnen. §)ie Erzählung der Königin war zu ihrem Ende gediehen und Alle hatten Gott gepriesen, daß ec dem Fcdecigo würdigen Lohn verliehn, als Dioneus, der einen Befehl nicht erst zu erwarten pflegte, also begann: „Ich weiß nicht, ob ich es einen fremdartigen Fehler nennen soll, der erst in Folge spaterer Sittenverderbniß die Sterblichen befallen hat, oder ob es in der ursprünglichen Natur des Menschen liegt, daß wir lieber schlechte Streiche belachen, als über gute Werke uns freuen, und ersteres vorzugsweise so lange, als wir nicht selbst davon betroffen werden. Weil nun aber einmal die Bemühung, der ich mich schon früher unterzogen habe, und der ich jetzt mich aufs Neue zu unterstehn im Begriff stehe, keinen andern Zweck hat, als Eure üble Laune zu zerstreuen und Euch zu Lachen und Freude zu bewegen, so will ich die nachfolgende Geschichte, die Euch, Ihr liebevollen Mädchen, Ergötzen zu bereiten geeignet ist,' immerhin erzählen, ob- wol sie mitunter nicht eben anständig genannt werden 186 Fünfter Tag. Zehnte Geschichte. kann. Ihr aber möget, indem Ihr dieselbe mit anhört, verfahren, wie Ihr in den Garten zu thun pflegt, welche Ihr besuchet, in denen Ihr die Rosen brechet und die Dornen unberührt laßt. So überlasset denn auch hier den ehrenlosen Ehemann seiner eigenen Schmach und seinem Unheil, belachet in Heiterkeit den verliebten Trug seiner Frau, und heget, wo sich der Anlaß dazu bietet, Mitleid mit fremdem Unglück. In Perugia lebte vor nicht gar langer Zeit ein reicher Mann, Namens Pietro da Vinciolo, welcher, weit mehr wol um Andre zu tauschen und den üblen Ruf zu mindern, in dem er bei allen Peruginern stand, als aus innerem Verlangen darnach, ein Weib nahm. Dabei gab ihm das Schicksal eine Ehegenossin, die seinen Neigungen nicht sonderlich entsprach. Das Weibchen, das er freite, war ein untersetztes junges Ding von rothem Haar und warmem Blut, die am liebsten zwei Männer auf einmal genommen hatte, während sie nun einem Menschen in die Hände gerieth, der zu ganz andern Dingen Lust hatte, als sie zu umarmen. Daß es sich so verhielt, wurde sie nur allzubald gewahr, und wenn sie dann daran dachte, wie jung und frisch sie sei, und sich dabei voller Kraft und Lebenslust fühlte, so übermannte sie Anfangs nicht selten der Zorn, und es gab häufig anzügliche Reden gegen ihren Mcsnn, immer aber schlechtes Vernehmen. Als sie sich indessen überzeugte, daß sie auf diesem Wege eher sich selber verzehren, als der'Abscheulichkeit ihres Mannes irgend steuern werde, sagte sie bei sich selber: „Dieser Elende kümmert sich nicht um mich, weil er in seiner Ruchlosigkeit nur säen will, wo sich nicht ackern läßt; so will ich denn sorgen, daß ein Andrer das Erdreich bestelle, wo es locker ist. Ich habe ihn zum Manne genommen und ihm gute Mitgift zugebracht, weil ich voraussetzte, daß er ein Mann sei, und daß er begehre, wonach Verlangen zu tragen die Männer von Natur angewiesen sind. Hätte ich ihn nicht für einen Mann gehalten, wahrlich, Der Geliebte von Mann und Frau. 187 so hätte ich ihn nicht geheirathet. Warum nahm er mich aber zur Frau, da er doch wußte, daß ich ein Weib sei, wenn ihm die Weiber zuwider waren? Wahrhaftig, das ist nicht zu ertragen. Hatte ich mich von der Welt zu- rückziehn wollen, so wäre ich ins Kloster gegangen. Nun wollte ich aber in der Welt leben, und lebe darin; soll ich jedoch warten, bis dieser Mensch mir Lust und Vergnügen gewährt, so werde ich über dem fruchtlosen Warten wol alt und grau werden. Will ich meine Reue bis dahin verschieben, so werde ich umsonst bejammern, daß ich meine Jugend ungenutzt gelassen habe. Ist er mir doch selbst der beste Lehrmeister, von dem ich abnehmen kann, mit was ich mich zu trösten habe. Er sucht seine Vergnügungen eben da, wo auch ich sie zu finden habe, und wo sie für mich löblich, für ihn aber die ärgste Schmach sind. Folge ich meinem Verlangen, so handle ich nur den Gesetzen zuwider, wahrend er die Ordnung der Natur und die Gesetze zugleich Übertritt." Als das gute Weibchen diese Betrachtungen bei sich angestellt, und vielleicht mehr als einmal wiederholt hatte, zog sie, um insgeheim zur Verwirklichung ihrer Wünsche zu gelangen, eine ältere Frau ins Vertrauen, die so fromm schien, wie die heilige Verdiana, welche die Schlangen fütterte; denn zu jedem Ablaß ging sie, den Rosenkranz in der Hand, und redete nie von etwas Anderm, als von dem Leben der heiligen Kirchenväter, oder von den Wundenmalen des heiligen Franciscus. So galt sie denn fast allgemein 'für eine halbe Heilige. Dieser nun eröffnete unser Weibchen, als es ihr an der Zeit schien, ihr Verlangen ohne allen Rückhalt. Die Alte aber antwortete: „Gott, der alle Dinge kennt, weiß, daß Du sehr wohl daran thun wirst. Und wäre es um keines andern Grundes willen, so müßtest Du, und gleich Dir müßten alle andern jungen Weiber also verfahren, damit Ihr die Zeit Eurer Jugend nicht ungenutzt verstreichen laßt. Wahrlich, für jeden Einsichtigen gibt cs keinen größeren Schmerz, 188 Fünfter Lag. Zehnte Geschichte. als den, seine Zeit verloren zu haben, und, zum Geier, wenn wir einmal alt sind, zu was sind wir dann noch auf der Welt zu gebrauchen, als etwa die Asche in der Kohlenpfanne zu hüten? Ich weiß davon mitzureden, wenn keine Andere es könnte oder wollte; denn, nun ich alt bin, erkenne ich mit schwerer und bitterer, leider aber vergeblicher, Reue, wie schlecht ich meine Zeit genutzt habe. Zwar habe ich die Zeit meiner Jugend nicht so ganz und gar verloren (denn ich wünschte nicht, daß Du glaubtest, ich sei eine Gans gewesen); doch that ich bei Weitem nicht, was ich hatte thun können. Sehe ich mich nun an, wie ich gegenwärtig aussehe, daß kein Mensch mehr zu bewegen wäre, mir Feuer zu schlagen, und erinnere ich mich, - was ich versäumt habe, so weiß Gott am besten, wie sehr ich mich grame. Mit dm Männern ist das anders Die Männer sind zu tausenderlei Dingen bestimmt, nicht blos zu diesem einen, und die Mehrzahl taugt im Alter viel mehr, als in der Jugend. Wir Weiber aber kommen nur zu diesem Zwecke, und um Kinder zu gebären, auf die Welt; nur um des- sentwillen hält man uns werth. Vermöchtest Du dies aus nichts Anderm zu erkennen, so müßte es Dir schon dadurch klar werden, daß wir Weiber jeden Augenblick zu jener Sache bereit sind, während das bei den Männern keinesweges der Fall ist. Ucberdies kann ein Weib zehn Männer von Kräften bringen; noch so viele Männer aber vermögen nicht, ein Weib zu ermüden. Du siehst also, wir sind dazu geboren, und so wiederhole ich Dir denn, daß Du ganz recht thust, wenn Du mit dem Maße, mit dem Dein Mann Dir gemessen, ihm wieder missest; enthülst Du Dich dessen, so mußt Du fürchten, daß einst im Alter Deine Seele dem Fleische über das Versäumte Vorwürfe mache. Von dieser Welt hat ein Jeder grade so viel, als er sich davon zu Nutze macht. Das gilt mehr noch als von den Andern, von uns Weibern, und so müssen wir denn die Gelegenheit, so lange sie sich uns Der Geliebte von Mann und Frau. 180 bietet, weit sorglicher wahrnehmen, als die Männer. Siehe doch nur selber, wie es geht: sind wir erst alt geworden, so mag weder Ehemann noch sonst Jemand uns vor Augen haben. In die Küche jagen sie uns, damit wir die Katze unterhalten, oder uns mit dem Zahlen von Töpfen und Schüsseln die Zeit vertreiben. Ja, was noch schlimmer ist, sogar zum Spotte werden wir; da heißt es: „den Jungen Eonfect und Wein; den Alten das Zipperlein", und was solcher schlechten Reden noch mehr sind. Doch, was soll ich Dich jetzt mit Worten langer Hinhalten. Soviel kann ich Dir sagen: Du konntest Niemandem Deine Gesinnung offenbaren, der besser als ich Dir zum Ziele zu helfen vermocht hätte; denn kein Mann ist so eitel und geschniegelt, daß ich mich nicht getraute, ihm das Nöthige zu sagen, und keiner so ungehobelt und töl- pisch, daß ich ihn nicht kirre zu machen und wohin ich ihn haben will, zu bringen wüßte. So bezeichne mir nur, Wen Du willst, und überlasse dann mir das Weitere. Um Eins aber muß ich Dich noch bitten, meine Tochter: vergiß mich nicht, und bedenke, daß ich eine arme Frau bin; dafür sollst Du aber auch von heute an Theil haben an jedem Ablasse, den ich bekomme, und jedem Paternoster, das ich sage, damit der liebe Gott sie als Kerzen und Lampen für Deine verstorbenen Angehörigen aufnehme." Mit diesen Worten schloß die Alte; das junge Weibchen aber einigte sich mit ihr dahin, daß wenn sie einen jungen Menschen zu sehen kriegte, der öfters durch jene Straße käme, und den sie ihr nach vielen Merkmalen genau bczeichnete, sie das Ihrige thun werde. Dann gab sie ihr ein Stück gesalzenen Fleisches und entließ sie mit Gott. Erst wenig Tage waren seitdem vergangen, als die Alte ihr auch schon den jungen Menschen, den sie ihr bezeichnet hatte, heimlich in die Kammer brachte, und bald darauf einen zweiten und sofort, je nachdem der 190 Fünfter Lag. Zehnte Geschichte. jungen Frau ein neues Gelüste ankam. Diese aber ließ, wiewol sie sich fortwährend vor ihrem Manne fürchtete, keine Gelegenheit, die sich in solcher Beziehung ihr darbot, ungenutzt. So geschah es denn, daß eines Tages das Weibchen, als ihr Mann bei einem seiner Freunde, mit Namen Ercolano, zu Abend essen sollte, der Alten austrug, einen jungen Burschen zu ihr zu bestellen, der zu den schönsten und muntersten von Perugia gehörte. Diese that alsbald, wie ihr geheißen war. Kaum aber hatten das Weibchen und der junge Bursche sich zu Tische gesetzt, um das Abendbrot zu verzehren, als Pietro an der Hausthüre rief, daß ihm aufgemacht werde. Das Weibchen hielt sich für verloren, als sie seine Stimme erkannte; doch wollte sie, wenn immer möglich, gern ihren Buhlen verbergxn.'^Jntzß hatte sie nicht Besinnung genug, ihn fortzuschaffen, oder bester zu verstecken; so hieß sie ihn also,' sich auf dem Hausflur, der an das Zimmer, in dem ste speisten, anstieß, unter einen Hühnerkorb ducken. Dann warf sie die Leinwand von einer Matratze, die sie an demselben Tage hatte ausleeren lasten, darüber, und als' auch dies geschehn war, ließ sie dem Manne eiligst die Thüre auf- machen. „Nun," sagte sie, als er in das Haus getreten war, „Ihr habt ja das Abendessen gewaltig schnell heruntergeschluckt." „Wir haben es gar nicht einmal gekostet," antwortete Pietro. „Wie ist denn das zugegangen?" sagte die Frau. Darauf erwiederte Pietro: „Das will ich Dir sagen: Ercolano, seine Frau und ich, wir saßen schon bei Tische, da hören wir plötzlich ganz in unserer Nähe niesen. Das erste und das zweite Mal kümmerten wir uns nicht darum; als aber jener Unsichtbare ein drittes, ein viertes und noch viele andre Male zu niesen fortfuhr, wunderten wir uns Alle. Ercolano war ohnedem auf seine Frau nicht gut zu sprechen, weil sie uns, ohne auf- zuthun, eine lange Weile vor der Thür hatte stehen lasten. Der Geliebte von Mann und Frau. 191 So sagte er denn in größter Heftigkeit: „Was will das heißen? Wer ist das, der hier so niest?" und damit sprang er vom Tische auf und ging auf eine Treppe zu, die dort in der Nähe war. Unter dem ersten Absatz dieser Treppe war ein Bretterverschlag, um dort vorkommenden Falls etwas aus der Hand zu legen, wie man dergleichen zur Bequemlichkeit der Bewohner alle Tage in den Hausern Herrichten sieht. Zn diesem Bretterverschläge nun war ein Thürchen, und kaum hatte Ercolano, der das Niesen in dieser Richtung vernommen zu haben glaubte, dieselbe aufgerissen, als auch der unleidlichste Schwefelqualm daraus hervordrang. Schon früher hatten wir diesen Schwefelgeruch empfunden und uns darüber beschwert, worauf die Frau uns gesagt hatte, sie habe ihre Schleier vorhin mit Schwefel gebleicht, und die Kohlenpfanne, auf die sie ihn zum Rauchern gestreut habe, , unter jene Treppe gestellt, sodaß der Geruch sich noch von dorther verbreite. Als Ercolano nun das Thürchen i geöffnet, und nachdem der Qualm sich ein wenig verzogen hatte, hineinkukle, sah er Denjenigen, der geniest hatte, und, weil der Schwefeldampf ihn in die Nase biß, noch immerfort nieste. Noch nieste er zwar; doch hatte ihm der Schwefel die Luftröhre schon so zusammengezogen, daß es, nur ein paar Augenblicke spater, mit dem Niesen und mit allem Andern auf immer für ihn vorbei gewesen wäre. Als Ercolano ihn gewar ward, rief er: „Weib, nun sehe ich wol, warum Du eben zuvor, als wir kamen, uns so lange, ohne aufzuthun, vor der Thür hast stehn lassen; aber ich will doch nie wieder froh wer- . den, wenn ich Dich nicht gründlich dafür bezahle." Bei diesen Worten entfloh die Frau, die ihr Vergehen entdeckt sah, ohne zu ihrer Entschuldigung ein Wort zu sagen, von der Mahlzeit, und was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Ercolano aber, der die Flucht seiner Frau gar nicht bemerkt hatte, hieß dem Niesenden wiederholt herauskommen; Der aber war in solchem Zustande, daß 192 Fünfter Tag. Zehnte Geschichte. er, was Ercolano auch redete, sich nicht zu regen vermochte. Da faßt dieser ihn bei einem Beine und zog ihn heraus, und lief dann nach einem Messer, um ihn todt zu stechen. Weil ich aber in Folge dieser Geschichte am Ende selber in Untersuchung zu kommen fürchtete, sprang ich auf, und litt nicht, daß er ihn tödtete, oder ihm sonst ein Leides zufügte; vielmehr vertheidigte ich ihn, und schrie so lange, bis Nachbarcn herbeikamen und den jungen Menschen, der sich schon ganz verloren gab, aus dem Haufe, wohin, weiß ich nicht, fortbrachten. So war denn unser Abendessen gestört, und ich habe es, wie ich Dir sagte, nicht einmal gekostet, geschweige denn, wie meine Absicht war, zu mir genommen." Als das Weibchen diese Geschichte vernahm, erkannte sie wol, daß auch andre Frauen nicht minder verständig seien, als sie; daß aber auch hin und wieder einmal ein. Unglück dazwischen komme. So hatte sie denn die Frau des Ercolano wol gerne mit deutlichen Worten verthei- digt; da sie indeß durch den Tadel eines fremden Fehltrittes von dem ihrigen den Verdacht besser abzulenken gedachte, begann sie folgendermaßen zu reden: „Nun, das sind mir schöne Geschichten! Eine rechte Tugendheldin und saubere Heilige muß ja das sein! So kann man sich auf den Schein der Ehrbarkeit verlassen! Ware ich doch selber bei ihr zur Beichte gegangen, so fromm und sittsam konnte sie thun. Und was noch schlimmer ist, nachgrade ist sie schon bei Jahren und gibt den Jüngeren solch ein Beispiel! So soll doch die Stunde vermaledeit sein, wo sie zur Welt kam, und sie selbst nicht minder, daß sie in ihr fortlebt, als solch ein ehrvergessenes, verworfenes Geschöpf, als eine gemeinsame Schmach und Schande für alle Frauen in dieser ganzen Stadt! Den Anstand tritt sie mit Füßen und alle Ehre vor der Welt, und bricht die Treue, die sie ihrem Manne gelobt hat, einem wackern Manne und ehrenwerthcn Bürger, der so gut gegen sie war, und scheut sich nicht, wegen Der Geliebte von Mann und Frau. 193 solch eines Kerles sich selbst zu brandmarken, und zugleich auch noch ihren Mann. So wahr mir Gott helfe, mit solchen Weibsbildern sollte man gar kein Mitleiden haben; tobt machen sollte man sie und ganz lebendig mitten ins Feuer stecken, bis sie zu Asche verbrannt waren." Inzwischen gedachte sie aber wieder ihres Liebhabers, den sie dort ganz nahe unter dem Hühnerkorbe versteckt hatte, und darum sing sie an, dem Pietro zuzureden, daß er doch zu Bett gehen möge, da es schon Schlafenszeit sei. Pietro jedoch hatte mehr Lust zum Esten, als zum Schlafen, und frug sic deshalb, ob nichts zum Abendbrote da sei. Die Frau aber antwortete: „Abendbrot! Da hat sich was von Abendbrot! Als ob wir gewohnt waren, Abendessen zu besorgen, wenn Du nicht daheim bist! Ja, wenn ich Ercolano seine Frau wäre! Geh nur, geh, und sieh für heut Abend, daß Du einschläfst; da wirst Du besser daran thun." Nun traf es' sich, daß an eben jenem Abend einige Arbeitsleute des Pietro mit Sachen für ihn vom Lande gekommen waren, und ihre Esel, ohne ihnen zu saufen zu geben, in einen Stall neben jenem Hausflur eingestellt hatten. Einer dieser Esel, der an unmäßigem Durste litt, hatte indessen den Hals aus der Schlinge gezogen und den Weg aus dem Stall nach dem Flure gefunden, wo er jetzt Alles beroch, ob er nicht vielleicht Wasser fände. Bei dieser Gelegenheit stieß er auch auf den Korb, unter dem der junge Bursche steckte. Dieser mußte auf allen Vieren kauern, sodaß die Finger seiner einen Hand ein wenig unter dem Korbe hervorkamen. Zu seinem Glück, oder Unglück, wie wir es nehmen wollen, geschah cs nun, daß der Esel ihm auf die Finger trat, weshalb er über den heftigen Schmerz, den er empfand, laut aufschrie. Als Pietro das hörte, wunderte er sich und erkannte wohl, daß dies im Hause gewesen sei. Während indeß Jener nicht aufhörte zu wehklagen, da der Esel ihm den Fuß noch immer nicht von den Fingern weggenommen Dekameron. II. 9 194 Fünfter Lag. Zehnte Geschichte. hatte, sondern sie fortwährend heftig quetschte, ging Pietro mit dem Rufe: „Wer ist da?" aus dem Zimmer grade auf den Hühnerkorb los. Wie er diesen cmporhob, sah er den jungen Burschen, der jetzt noch außer dem Schmerz seiner Finger, welche der Esel ihm gequetscht hatte, vor Furcht zitterte, daß Pietro ihm ein Leides anthun möchte. Pietro hatte ihn indeß als einen von Denen erkannt, welchen er vermöge seiner ruchlosen Neigungen lange Zeit nachgegangen war, und so fragte er blos: „Was machst Du hier?" worauf der junge Mensch nichts antwortete, sondern nur um Gottes willen bat, daß er ihm nichts thun möge. Pietro erwiderte: „Steh auf und fürchte nicht, daß ich Dir irgend etwas zu Leide thue; sage mir aber, wie und zu welchem Ende bist Du hierher gekommen?" Der junge Mensch sagte ihm Alles; Pietro war aber so freudig, ihn angetroffen zu haben, als die Frau betrübt. So führte er ihn denn bei der Hand in das Zimmer, in welchem die Frau ihn mit der größten Angst von der Welt erwartete; dann setzte ec sich ihr gegenüber und sagte: „Erst eben verwünschtest Du die Frau des Erco- lano und meintest, man müsse sie, als eine Schande für Euch Alle, verbrennen. Warum sagtest Du denn nicht das Gleiche von Dir selber? Oder, wenn Du dazu nicht geneigt warst, wie konntest Du Dich erfrechen, auf sie zu schelten, wenn Du Dir bewußt wärest, das Gleicht, wie sie, gethan zu haben? Wahrlich, nichts Andres bewog Dich dazu, als daß ihr Eine so schlecht seid, wie die Andre, und daß Jede ihren Fehler mit fremder Schuld zu verdecken strebt. So möchte doch Feuer vom Himmel fallen, um Euch Alle zu verzehren, Ihr ruchlose Brut, die Ihr seid." Als das Weibchen gewahr ward, daß der Mann ihr auf den ersten Anlauf weiter nichts zu Leide gethan halte, als daß er schimpfte, und zu bemerken glaubte, daß er sich vor Kitzel, einen so hübschen Burschen bei der Hand Der Geliebte von Mann und Frau. 195 zu haben, nicht zu lassen wußte, faßte sie Muth und sagte: „Freilich glaube ich. Du wünschtest, daß ein Feuer vom Himmel siele und uns Alle verzehrte; denn ich weiß wohl, Du hast uns Weiber so lieb, wie der Hund den Knüttel. Aber beim Kreuze Gottes, so gut soll Dir's nicht werden. Willst Du aber einmal Rechnung machen, so möchte ich doch wissen, über was Du Dich beschweren kannst. Willst Du mich mit Ercolano's Frau vergleichen, so kann ich mir das wol gefallen lassen. Das ist eine alte Betschwester und Heuchlerin, und ihr Mann gewahrt ihr, was sie haben will, und halt sie, wie eine Frau zu halten ist. Mit mir aber verhalt es sich anders. Gesetzt auch, ich wäre gut bekleidet und beschuht, so weißt Du selbst am besten, wie es um das Andre steht, und wie lange es her ist, daß Du nicht bei mir gelegen hast. Lieber wollte ich doch in Lumpen gehn und barfuß, wenn ich nur im Bette gut von Dir behandelt würde, als das Alles haben und von Dir behandelt werden, wie Du es thust. Vernimm aber, was ich Dir sage, Pietro: ich bin ein Weib so gut als die Andern, und habe die gleiche Lust, wie diese. Sorge ich also, ihr Genüge zu schaffen, wenn Du es nicht thust, so trifft mich darum kein Vorwurf. Wenigstens halte ich noch insoweit auf Deine Ehre, daß ich mich nicht mit Straßenbuben und Grind- köpsen einlasse." Pietro sah wol ein, daß es mit solchen Reden die ganze Nacht kein Ende nehmen würde, und überdies war es ihm gar wenig um sie zu thun; drum sagte er: „Frau, nun schweige still davon. Ich sage Dir, daß ich Dich in dieser Sache schon zufriedenstellen will. Von Dir aber würde es recht gefällig sein, wenn Du sorgen wolltest, daß wir was zum Nachtessen bekämen, da ich vcr- muthe, daß dieser junge Mensch so wenig als ich zu Abend gegessen hat." „Freilich nicht," sagte die Frau, „freilich hat er noch kein Abendbrot erhalten; denn als Du zu ungelegener Stunde nach Hause kamst, hatten 9 * 196 Fünfter Lag. wir uns eben zu Tisch gesetzt, um zu essen." „Nun, so geh denn," erwiderte der Mann, „und sorge für unser Nachtessen. Nachher will ich in dieser Sache schon Einrichtungen treffen, daß Du keinen Grund haben sollst, Dich zu beschweren." Als das Weibchen ihren Mann begütigt sah, stand sie auf und ließ den Tisch gar schnell wieder Herrichten und das Essen auftragen, das sie früher bereitet hatte. Dann speiste sie mit ihrem sündhaften Manne und dem jungen Menschen heiter zur Nacht. Was Pietro nach dem Abendessen ersonnen hat, um alle drei Theile zufriedenzustellen, das habe ich vergessen. Nur so viel weiß ich, daß am andern Morgen auf seinem Heimwege der junge Bursche bis auf den Markt noch nicht mit sich einig geworden war, ob die Frau oder der Mann ihm eifriger Gesellschaft geleistet. Drum, werthe Damen, sag' ich Euch zum Schluß: § „Was Dir Einer thut, das thu' ihm wieder, und geht's l nicht gleich, so merke Dir's, bis es einmal geht, damit > es dabei bleibe: wie man in den Wald schreit, so schallt es wieder heraus."" Als nun die Geschichte des Dioneus beendigt und von den Damen nicht aus Mangel an Vergnügen, sondern allein aus Schamhaftigkeit weniger belacht worden war, erkannte die Königin, daß das Ziel ihres Regimentes gekommen sei. Drum erhob sie sich von ihrem Sitze, nahm die Lorbeerkrone ab und setzte sie mit Anmuth auf Elisens Haupt, indem sie dabei sagte: „Madonna, nun ist es an Euch, zu befehlen." Elise that, nachdem die Würde an sie gediehn war, wie ihre Vorgängerinnen ge- than hatten. Sie ertheilte also dem Seneschall zunächst alle Aufträge, die für die Zeit ihrer Herrschaft erforderlich waren; dann aber sagte sie unter Beistimmung der ganzen Gesellschaft: „Wir haben bisher schon vielfach ver- Schluß. 197 nommen, wie es durch gute Einfälle, treffende Antworten und schleunige Entschlüsse gar Manchen gelungen ist, fremden Zahnen ein verdientes Gebiß anzulegen und sie stumpf zu machen, oder drohende Gefahren zu verscheuchen. Da dies nun ein schöner Gegenstand ist und auch zum Nutzen gereichen kann, so will ich, daß morgen unsre Geschichten mit Gottes Hülfe auf diesem Gebiete sich bewegen, das heißt, daß von Denen erzählt werde, die durch ein geschicktes Wort fremde Neckereien abgelehnt, oder durch sofortige Erwiderung und schnellen Entschluß einem Verluste, einer Gefahr oder Kränkung entgangen sind." Diese Aufgabe wurde von Allen sehr gelobt; die Königin aber erhob sich und entließ sie sämmtlich bis zur Stunde des Abendessens. Als die ehrenwerthe Gesellschaft ihre Königin aufgestandcn sah, erhoben auch sie sich, und nach der bisher gebräuchlichen Weise unternahm ein Jeder Das, wovon er sich am meisten Vergnügen versprach. Nachdem aber die Heuschrecken aufgehört hatten, zu singen, wurden Alle zusammen gerufen und man ging zu Tische. Am Schluffe der Mahlzeit, bei der festliche Heiterkeit geherrscht hatte, begannen Alle zu singen und zu spielen. Emilie führte mit dem Wunsche der Königin einen Tanz auf, und dem Dioneus wurde befohlen, ein Lied dazu zu singen. Sofort Hub er an: „Frau Trude, Frau Trude, Schließt zu Eure Bude; Was Großes Hab' ich zu berichten." Die Damen lachten Alle, am meisten aber die Königin, die ihm befahl, ein andres Lied zu singen. Dioneus sagte: „Hätt' ich nur ein Tamburin, so sang' ich: „Hebt auf die Röcke, MonngLappa", oder: „Unterm Oelbaum ist ein Rasen"; oder sollt' ich vielleicht singen: „Ach, wie macht des Meeres Welle Mir so übel und so schlimm"? Ich habe nun aber einmal kein Tamburin; drum müßt Ihr schon sehn, was Euch sonst für eines ge- . fallt. Möchtet Ihr etwa: „Kommst Du 'raus, ich hau Dich um, wie den Maibaum in dem Busche"?" „Nein 198 Fünfter Tag. doch," sagte die Königin; „sing' uns ein andres Lied." „So werd' ich denn singen: „Monna Simona füllt ein, füllt ein, Und noch ist es nicht Kelterzeit"," sagte Dioneus. Die Königin antwortete lachend: „Ei, zum Geier, sing' uns ein ordentliches Lied; denn das mögen wir auch nicht." Dioneus sprach: „Gut, Madonna, werdet nur nicht böse, und wählt nach Eurem Belieben; denn ich weiß mehr wie tausend. Wollt Ihr: „Mein Schneckchen ist wol klein; Doch will's gekitzelt sein", oder: „Mach's nur sachte, liebes Männchen", oder „Für hundert Liren kaust' ich einen Hahn"?" Obwol die Andren alle lachten, wurde die Königin jetzt doch etwas ungehalten und sagte: „Dioneus, laß Deine Späße und singe uns ein hübsches Lied, sonst möchtest Du erfahren, daß ich ernstlich böse werden kann." Als Dioneus dies vernahm, hörte er auf mit jenen Dummheiten und Hub also zu singen an: Amor, das holde Licht, Das mir aus ihrem schönen Auge lacht, Hat mich zum Knecht von Dir und ihr gemacht. Aus ihrem Auge leuchtete der Strahl, Der Deine Flamm' in mir zuerst entzündet, Als ihn die meinen sahn. — Wie Du so reich an Preisen ohne Zahl, Ihr holdes Angesicht hat mir's verkündet. — Wol ist's um mich gethan; Denn ihr nur unterthan Ist jede Kraft, wenn ich an Sie gedacht, Die neue Seufzer.in mir angefacht. So bin ich denn von Deiner Macht gefangen, O theurer Herr, erwarte nur von Dir, Daß Lohn mich einst erfreue. — Ist aber wol mein glühendes Verlangen, Schluß. 199 Das Du entzündet hast, gekannt von ihr, Und jene feste Treue, Die einzig ihr ich weihe? Verschmäh ich doch, weil ganz in ihrer Macht, Sogar den Frieden, Len nicht Sie gebracht. Kennt sie es nicht, o süßer Herr, so bitt' ich, Daß Du's ihr schilderst, und ein Fünkchen Glut Ihr leihst, mit mir im Bunde. Du weißt es ja, mich selbst verzehrend litt ich Schon lange herbe Qual; es rinnt mein Blut Aus immer offner Wunde. Und dann zu guter Stunde Sei ihr mich zu empfehlen Du bedacht! — Wie gern hätt' ich den Weg mit Dir gemacht! Als das Schweigen des Dioneus anzeigte, sein Lied sei beendet, ließ die Königin zwar noch viele andre singen; ertheilte aber dem des Dioneus großes Lob. Inzwischen war schon ein Theil der Nacht verstrichen, und weil die Königin wahrnahm, daß über die Warme des Tages nunmehr die Nachtfrische den Sieg davon getragen habe, befahl sie, daß bis zum andern Tage ein Jeder nach Gefallen zur Ruhe gehe. 20 » Sechster Tag. Es schließt des Dekameron fünfter Tag, und es beginnt der sechste, an dem unter Elisens Regiment von Denen erzählt wird, die durch ein geschicktes Wort fremde Neckereien abgelehnt, oder durch sofortige Erwiderung und schnellen Entschluß einem Verluste, einer Gefahr oder Kränkung entgangen sind. ^er Mond, der an des Himmels Mitte stand, hatte seine Strahlen verloren, und schon erhellte der beginnende neue Tag unsre Welt in jedem ihrer Theile, als die Königin, die sich von ihrem Lager erhoben und ihre Gesellschaft , hatte zusammenrufen lassen, mit ihnen Men auf dem thauigen Grase lustwandelnd, sich unter verschiedenen, bald diesen und bald jenen Gegenstand berührenden Gesprächen von dem schönen Hügel langsamen Schrittes ein wenig entfernte. Bald stritten sie über den größeren oder geringeren Werth der erzählten Geschichten, bald belachten sie auf's Neue die verschiedenen Zufälle, die in jenen berichtet worden waren. Weil aber inzwischen die Sonne schon hoch gestiegen war und die Wärme beschwerlich zu werden anfing, schien es ihnen rathsam, wieder heimzukehren, und die rückwärts gewandten Schritte führten sie bald nach ihrem Aufenthaltsorte zurück. Hier fanden sie die Tische bereits gedeckt und den Fußboden mit wohlriechenden Kräutern und schönen Blumen ganz übersäet, worauf sie nach dem Geheiß der Königin sich, bevor die Hitze noch weiter zunahm, alsbald zum Essen setzten. Als dieses unter Einleitung. 201 Heiterkeit beendigt war, und die Gesellschaft noch ein paar schöne und ergötzliche Licdlein gesungen hatte, legte der Eine sich schlafen, der Andere vertrieb sich mit Schach - oder Bretspiel die Zeit, Dioneus aber und Lauretta Huben miteinander von Troilus und Chryseis zu singen an. Zu der Stunde, um welche man sich wieder zu versammeln pflegte, ließ dann die Königin einen Jeden herbeirufen, und Alle setzten sich in der gewohnten Weise rings um die Quelle. Eben wollte die Königin den Befehl zum Beginn der ersten Geschichte crtheilen, als geschah, was noch niemals sich zugetragen hatte: von der Küche her drang nämlich zu Aller Ohren ein gewaltiger Lärm, den die Mägde und Diener miteinander verführten. Der Seneschall, der herbeigerufen und über die Ursach jenes Lärmes befragt ward, sagte, es sei ein Zank zwischen Lycisca und Tyndarus; doch wisse ec den Grund selber nicht anzugeben, da er, um Ruhe zu gebieten, erst eben hinzugekommen sei, als er den Befehl erhalten, vor der Gesellschaft zu erscheinen. Die Königin hieß ihm, die Lycisca und den Tyndarus herbeikommen zu lassen, und fragte Beide, nachdem sie erschienen waren, nach der Ursach ihres Zankes. Tyndarus wollte antworten; Lycisca aber, die nicht mehr jung und ziemlich unverträglich war, auch über dem Streite sich etwas erhitzt hatte, fiel ihm mit einem verächtlichen Blicke, den sie ihm zuwarf, also in die Rede: „Seht mir. doch den unverschämten Gesellen, der sich untersteht, wo ich bin, vor mir sprechen zu wollen. Schweige und laß mich reden"! Dann aber sagte sie, zur Königin gewandt: „Madonna, dieser Mensch will mich die Frau des Syko- phantes kennen lehren, und gerade, als ob ich nie mit ihr verkehrt hätte, mir weis machen, in jener Nacht, wo Sykophantes das erste Mal bei ihr geschlafen, sei Herr Mauernbrecher nur mit Gewalt und Blutvergießen in Schwarzburg eingedrungen; ich aber sage, daß das gelogen ist, und daß er seinen Einzug ganz friedlich und mit vollem g * * 202 Einleitung. Einverständniß der Besatzung gehalten hat. Solch ein Einfaltspinsel ist Tyndarus, daß er sich einbildet, die Mädchen seien dumm genug, ihre Zeit zu verlieren, und auf die Erlaubnis ihrer Väter und Brüder zu warten, die unter sieben Malen sechs Mal ihre Verheiratung drei oder vier Jahr länger verschieben, als sie sollten. Mein Schatz, da wäre schön für sie gesorgt, wenn sie so lange zögern wollten. Nein wahrlich, beim wahrhaftigen Glauben, und wenn ich schwöre, dann weiß ich, was ich rede, von allen meinen Bekanntinnen ist auch nicht eine, die als Jungfrau in's Ehebett gestiegen wäre, und wie oft, und wie arg die Verheirateten ihren Männern Hörner aufsetzen, davon weiß ich auch ein Lied zu singen. Dieses Erzschas aber will mich Weiber kennen lehren, als ob ich erst gestern auf die Welt gekommen wäre." Während Lycisca noch also redete, verführten die Damen solch lautes Gelächter, daß man ihnen bequem sämmt- liche Zähne hätte ausziehen können. Wol sechs Mal gebol die Königin der Schwatzenden Stillschweigen; doch war cs umsonst, und sie ruhte nicht eher, als bis sie Alles, was sie sagen wollte, gesagt hatte. Nachdem sie aber endlich von selber zu reden aufgehört hatte, sagte die Königin, lächelnd zu Dioneus gewendet: „Dioneus, das ist Deine Sache; sorge denn also, wenn unsere Geschichten für heute beendigt sein werden, dafür, daß Du unter den Streitenden eine Endentscheidung fällest." Hierauf antwortete Dioneus sofort: „Madonna, der Urtheilsspruch ist gefällt, ohne daß ich Weiteres zu hören brauchte; denn ich erkläre, daß Lycisca recht hat, und halte dafür, daß Tyndarus, ganz so, wie sie gesagt hat, ein Einfaltspinsel ist." Sobald Lycisca diese Entscheidung vernahm, begann sie zu lachen und sagte, zu Tyndarus gewendet: „Geh, geh mit Gott, guter Freund; Du denkst Dich klüger, als ich bin, und bist noch nicht hinter den Ohren trocken? Nun, Gott sei Dank, umsonst habe ich nicht gelebt,"... und hätte die Königin ihr nicht zürnenden Blickes Stillschwei- Die Gesch-, d. macht, d. man z. reiten glaubt. 203 gen auferlegt und weiteres Lärmen und Gerede bei Strafe des Staubbefens verboten, so hätten sie den ganzen Tag nichts Anderes thun können, als ihr Geschwätz anhören. So aber hieß sie Beide sich entfernen, und als sie gegangen waren, gebot sie Philomelen mit Erzählen zu beginnen, und diese Hub fröhlich also zu reden an: Erste Geschichte. Ein Edelmann sagt zu Madonna Oretta, er wolle ihr eine Geschichte erzählen, Laß sie glauben solle, sie sitze zu Pferde. Als er sie darauf ungeschickt vorträgt, bittet sie ihn, daß er sie wieder absteigen lasse. „Ä8ie in Hellen Nächten die Sterne der Schmuck des Himmels, und im Frühjahr die Blumen der der grünen Wiesen und die neubelaubten Gebüsche der Schmuck der Hügel sind, so, ihr jungen Mädchen, gereichen glückliche Einfälle den lobenswcrthen Sitten und verständigen Reden zu besonderer Zier. Weil aber ein Witzwort seiner Natur nach kurz ist, so kleidet es uns Frauen in eben dem Maße bester, als die Männer, in welchem viel zu sprechen den Frauen weniger als den Männern ziemt. Wahr ist es freilich, daß zur gemeinsamen Schande für uns Alle (möge nun die Schuld in der Dürftigkeit unseres Verstandes oder in einer besonder« Ungunst der Gestirne zu suchen sein, die über unser Jahrhundert verhängt ist) jetzt nur wenig Frauen, ja vielleicht keine zu finden ist, die zur rechten Zeit einen guten Einfall zu sagen, oder wenn ein Anderer dergleichen gehabt hat, ihn gehörig aufzufassen vermöchte. Weil indeß Pampinea diesen Gegenstand schon früher hinlänglich besprochen hat, so denke ich nichts weiter 204 Sechster Lag. Erste Geschichte. darüber zu sagen; wol aber will ich, um Euch zu zeigen, wie viel Hübsches in einem guten Einsall zur rechten Stunde liegt, Euch berichten, wie eine Dame geschickt einem Edelmann Stillschweigen zu gebieten wußte. Noch ist es nicht lange Zeit her, daß, wie Manche von Euch aus eigner Erfahrung wissen, oder doch von Anderen vernommen haben können, in unserer Stadt eine Edeldame weilte, die von erlesenen Sitten und der Rede kundig war. Da ihre rühmlichen Eigenschaften nicht verdienen, daß ihr Namen verschwiegen werde, will ich Euch berichten, daß sie Madonna Oretta hieß und des Messer Geri Spina Gemahlin war. Nun geschah es zufällig, als sie einmal, so wie wir eben auch thun, auf dem Lande verweilte, daß sie mit mehren anderen Damen und Edelleuten, welche sie an jenem Tage bewirthet hatte, zu ihrem Vergnügen von einem Orte zum anderen lustwandelte. Da indeß die Entfernung von dem Platze, von welchem sie auszegangen waren, zu dem Ziele, welches sie sammtlich zu Fuß zu erreichen beabsichtigten, vielleicht etwas groß war, so sagte ein Edelmann aus der Gesellschaft: „Madonna Oretta, beliebt es Euch, so will ich Euch einen großen Theil des Weges, den wir noch vor uns haben, durch eine wunderschöne Geschichte so sehr verkürzen, daß Ihr glauben sollt, Ihr säßet zu Pferde." Darauf antwortete die Dame: „Nicht nur beliebt es mir; sondern ich bitte Euch gar sehr darum, und es soll mir höchst willkommen sein." Der Herr Ritter, der seinen Degen vielleicht auch nicht besser zu führen wußte, als zum Erzählen seine Zunge, fing nach dieser Erlaubniß eine Geschichte an, die an sich in der That gar schön war, die er aber auf das jämmerlichste verdarb, indem er bald das gleiche Wort vier oder sechs Mal wiederholte, bald auf das schon Gesagte zurückkam, bald sich mit dem Ausruf: „Nein, das Hab' ich falsch erzählt," unterbrach, bald endlich die Namen falsch sagte, oder untereinander verwechselte; zu geschweige«, Cisti, des Bäckers, weißer Wern. 205 daß seine Worte weder dem Charakter der Personen noch den erzählten Ereignissen irgend entsprachen. Der Madonna Oretta brach über dieses Erzählen der Angstschweiß aus, und es wurde ihr beklommen ums Herz, als ob sie krank wäre. Endlich aber konnte sie es nicht mehr aushalten, und da sie gewahr ward, daß der Edelmann in die Tinte geralhen war und sich nicht wieder heraus fand, sagte sie scherzhaft: „Messers, Euer Pferd ist ein schlimmer Harttraber; drum bitte ich Euch, lasset mich wieder absteigen." Der Edelmann, der zum Glück geschickter im Verstehen, als im Erzählen war, fühlte den Stachel und kehrte ihn zu Scherz und Heiterkeit; dann aber wandte er sich zu anderen Geschichten und ließ die eine, die er begonnen und schlecht ausgeführt hatte, unbeendigt." Zweite Geschichte. Eisti, der Bäcker, bringt durch eine beißende Antwort Herrn Geri zur Einsicht wegen eines unbescheidenen Begehrens. Großes Lob erthcilte jedes der Mädchen und jeder der jungen Männer dem Einfall der Madonna Oretta; die Königin aber gebot Pampineen in gleicher Weise fortzufahren, worauf diese also begann: „Ich für mein Thcil wüßte nicht zu entscheiden, ihr schönen Mädchen, welche von Beiden größerer Tadel trifft, ob die Natur, wenn sie einer edelen Seele einen misgestalten Körper bereiter, oder Fortuna, wenn sie einem Körper, in welchem eine edle Seele wohnt, ein niedriges Gewerbe überweist, wie wir das Letzte an unserem Mitbürger Cisti und an manchen Anderen sich zutragen zu sehen Gelegenheit gehabt haben. Obgleich nämlich Cisti mit einem hohen Sinne 206 Sechster Tag. Zweite Geschichte. begabt war, hatte Fortuna ihn doch nur zum Bäcker gemacht. In der That ich würde deshalb die Natur und Fortuna gleichmäßig verwünschen, wüßte ich nicht sonst, daß die Natur in allen Dingen verständig ist, und daß Fortuna, wenngleich die Thörichten sie blind vorzustellen pflegen, dennoch tausend Augen hat. So glaube ich denn, daß Beide in jenem Falle sehr weise, nicht anders zu Werke gehen, als auch die Sterblichen oftmals thun, indem sie nämlich wegen der Ungewißheit der zukünftigen Ereignisse, zu besserer Sicherheit ihre werthvollsten Sachen an den unscheinbarsten Orten ihres Hauses, als den unverdächtigsten, vergraben, um sie alsdann bei dringenden Bedürfnissen hervorzuholen, wo dann jener verachtete Ork besser zur Verwahrung diente, als das schönste Gemach gethan shaben würde. Ebenso verbergen auch die beiden Dienerinnen der Welt häufig ihre werthvollsten Gegenstände unter den Schatten der am niedrigsten geachteten Gewerbe, damit ihr Glanz, wenn jene sie, wo es Noch thut, zu Tage bringen, um so leuchtender erscheine. Wie Eisti, der Bäcker, dies in einer geringfügigen Sache bewährt, und Herrn Geri Spina die Augen vernünftiger Einsicht eröffnet habe, gedenke ich Euch in einem kleinen Geschichtchen zu erzählen, das mir bei der eben von Madonna Oretta mitgetheilten in den Sinn kam, weil diese die Gemahlin jenes Geri war. Ich sage also, daß, als Papst Bonifaz wegen gewisser Angelegenheiten von großer Bedeutung einige Edelleute als seine Gesandten nach Florenz geschickt hatte, und diese im Hause des Messer Geri Spina, der bei dem Papste in vorzüglich großem Ansehen stand, abgestiegen waren und mit ihm über die Geschäfte ihres Machtgebers verhandelten, aus was immer für einem Grunde es geschah, Messer Geri mit diesen Abgesandten des Papstes, sämmtlich zu Fuße, fast jeden Morgen vor der Kirche Santa Maria Ughi vorübergingen, neben welcher Eisti, der Bäcker, seine Backstube hatte und in eigner Person seinem Handwerke oblag. Eisti, des Bäckers, weißer Wein. 207 Obgleich nun Fortuna diesem Manne ein gar bescheidenes Gewerbe beschicken, so war sie doch insofern ihm günstig gewesen, daß er überreich geworden war, und deshalb, ohne sein Geschäft gegen irgend ein anderes vertauschen zu wollen, mit erheblichem Aufwands lebte. Insbesondere aber führte er, neben anderen guten Dingen, stets die besten weißen und rothcn Weine, die in Florenz oder in der Umgegend nur irgend zu finden waren. Wie nun Cisti jeden Morgen Messer Geri und die Gesandten des Papstes vor seiner Thür vorübergehen sah, meinte er, daß es bei der damaligen großen Hitze eine willkommene Aufmerksamkeit wäre, wenn er ihnen von seinem guten Weißwein zu trinken gäbe; zugleich aber gedachte er des Unterschiedes zwischen seinem Stande und dem des Messer Geri, und so schien es ihm wieder nicht ziemlich, daß ec sich herausnehme, ihnen zu Trinken anzubieten. Daher ersann er sich ein Mittel, das Messer Geri bewegen sollte, sich selber einzuladen. Zu dem Ende setzte er sick jeden Morgen gegen die Stunde, zu welcher er Messer Geri mit den Gesandten erwarten zu können glaubte, mit einer schneeweißen Jacke und einer frisch gewaschenen Schürze bekleidet, sodaß er eher einem Müller, als einem Bäcker ähnlich sah, vor seine Hausthür und ließ einen neuen verzinnten Eimer voll frischen Wassers und ein kleines, gleichfalls neues, Krüglein seines guten weißen Weines nebst zwei Bechern, so blank, daß sie von Silber schienen, vor sich hinstellen. Wenn er sie dann kommen sah, begann er, nachdem er ein oder zweimal den Mund sich nusgespült hatte, mit solchem Ausdrucke des Behagens von diesem seinen Weine zu trinken, daß er wol selbst einem Tobten Appetit gemacht hätte. Nachdem Messer Geri dies den ersten und den zweiten Morgen mit angesehen hatte, sagte er am dritten: „Nun Cisti, wie ist er; ist er gut?" Cisti erhob sich sogleich und antwortete: „Herr, gut ist er; wie gut aber, kann ich Euch nicht deutlich machen, wenn Ihr 208 Sechster Tag. Zweite Geschichte. ihn nicht versuchen wollt." Sei es nun, daß die Beschaffenheit des Wetters in Messer Gen Durst erweckt hatte, oder daß eine mehr als gewöhnliche Anstrengung, oder auch das behagliche Trinken, das er den Cisti verführen sah, die Ursache sein mochte, genug, er sagte, zu den Botschaftern gewandt, mit Lächeln: „Ihr Herren, es wird gut sein, daß wir den Wein dieses wackern Mannes versuchen; vielleicht finden wir ihn von solcher Beschaffenheit, daß wir es nicht zu bereuen haben." Und somit gingen sie gemeinsam zum Cisti. Dieser aber ließ aus der Backstube eine saubere Bank herbeibringen und lud sie zum Sitzen. Zu ihren Dienern indeß, die sich schon darüber her machen wollten, die Becher zu waschen, sagte er: „Cameraden, bleibt mir davon weg und überlaßt mir es, diesen Dienst zu besorgen. Ich verstehe mich ebenso gut darauf, Wein in die Becher zu schenken, als Brot in den Ofen zu schieben; Euch aber hat Niemand Hoffnung gemacht, einen Tropfen zu kosten." Wahrend er so sprach, schwenkte er selbst vier schöne und neue Becher aus, ließ ein kleines Krüglein seines guten Weines bringen und schenkte Herrn Geri und seinen Gefährten fleißig zn Trinken ein. Alle erkannten den Wein für den besten, den sie seit langer Zeit getrunken hatten, und lobten ihn aus alle» Tönen; weshalb denn auch Messer Geri, so lange die Gesandten verweilten, fast jeden Morgen dorthin zum Trinken ging. Als aber diese ihre Geschäfte beendet hatten und wieder abreisen sollten, richtete Messer Geri noch ein glänzendes Festmahl her, zu dem er viele der angesehensten Bürger zu kommen bat. Auch den Cisti hatte er laden lassen; doch wollte dieser auf keine Weise der Einladung folgen. Da hieß Messer Geri einen seiner Diener, um eine Flasche jenes Weines (sodaß auf jeden Gast ein halbes Glas voll käme, das beim ersten Gerichte gereicht werden sollte) zum Cisti gehen. Der Diener, den es vielleicht verdrießen mochte, daß er noch nie von dem Cisti, des Bäckers, weißer Wein. 209 Weine zu trinken gekriegt hatte, nahm eine große Flasche auf den Weg. Als Cisti diese gewahr ward, sagte er: „Mein Sohn, Messer Geri schickt Dich nicht zu mir." Zwar versicherte der.Diener wiederholentlich, daß es sich wirklich so verhalte; da ec indeß von Cisti keine andere Antwort erlangen konnte, kehrte er zu Messer Geri zurück und berichtete ihm Cisti's Worte. Messer Geri erwiderte: „Gehe nur noch einmal hin und sage, daß ich allerdings Dich schicke, und wenn er Dir dann wieder so antwortet, so frage ihn, wohin er denn sonst glaubt, daß ich Dich schicke." Zu Cisti zurückgekommen, sagte der ,Diener: „Gewiß, Cisti, Messer Geri schickt mich doch zu Dir." Darauf antwortete Cisti: „Gewiß, mein Sohn, er thut es nicht." „Nun," sagte der Diener, „wohin schickt er mich denn sonst?" „Zum Arno," entgegnete Cisti. Der Diener berichtete diese Antwort dem Messer Geri, und sobald dieser sie vernahm, gingen ihm die geistigen Augen auf, und er sagte zum Diener: „Laß mich doch die Flasche sehen, die Du hingetragen hast." Als er sie gesehen hatte, fügte er hinzu: „Cisti spricht die Wahrheit." Dann schalt er den Diener und hieß ihn eine angemessenere Flasche nehmen. Kaum erblickte Cisti diese, so sprach er: „Nun sehe ich wohl, daß er Dich zu mir schickt," und füllte sie ihm bereitwillig. Noch an demselben Tage aber ließ ec ein Faßlein voll ähnlichen Weines füllen und dies in der Stille dem Messer Geri ins Haus tragen. Bald darauf ging er dann selber zu ihm und sagte: „Herr, ich wünschte nicht, daß Ihr glaubtet, die große Flasche von heut Morgen habe mich erschreckt. Es schien mir nur, als ob Ihr vergessen hättet, was ich Euch durch meine kleinen Krüglein früher angedeutet hatte, nämlich, daß dies kein Wein für Bediente sei, und darum wollte ich Euch heut früh daran erinnern. Weil ich aber nicht mehr der Wächter meines Weines 210 Sechster Tag. Dritte Geschichte. zu sein gedenke, habe ich ihn Euch alle hergeschickt; nun thut damit hinfüro, wie es Euch beliebt." Messer Geri hielt das Geschenk des Cisti äußerst werth; er dankte ihm so angelegentlich, als es solcher Gabe geziemte, und achtete ihn von da an stets als Ehrenmann und Freund." Dritte Geschichte. Monna Nonna de' Pulci gebietet durch eine treffende Antwort den unziemlichen Reden des Bischofs von Florenz Stillschweigen. Äls Pampinea ihre Geschichte beendet hatte, und sowol die Antwort, als die Freigebigkeit des Cisti von Allen höchlichst gelobt worden waren, beliebte cs der Königin, daß Lauretta in der Reihenfolge des Erzählens fortfahre; diese aber begann freudigen Muches also zu reden: „Ihr holdseligen Mädchen, sowie früher Philomela, so hat jetzt eben Pampinea sehr wahr gesprochen, wenn sie Beide unfern Mangel an Fähigkeit und das Verdienst glücklicher Einfälle hervorhoben. Wenn deshalb hierauf zurückzukehren, nicht mehr nöthig erscheint, so will ich zu Dem, was über die Witzworte bereits gesagt ist, nur noch das Eine Euch in Erinnerung bringen, daß sie für den Hörer zwar beißend sein müssen; aber nur in der Art, wie ein Lamm, nicht wie ein Hund beißt; denn bissen sie gleich einem Hunde, so wären sie nicht mehr ein Witzwort, sondern eine Grobheit. Diesem Erforderniß genügten vollkommen sowol die Worte der Madonna Orctta, als die Entgegnung des Cisti. Wird indessen ein solcher Einfall als Antwort gesagt, so scheint der Antwortende, der gleich einem Hunde beißt, alsdann nicht zu tadlen, wenn er zuvor, wie von Ronna de' Pulci u> d. Bischof v. Florenz. 211 einem Hunde gebissen war, obwol ihn Tadel getroffen haben würde, wenn er ohne solchen Anlaß in gleicher Weise geredet hätte. Darum soll man wohl Acht haben, wie, wann und mit Wem, nicht minder aber auch, wo man sich auf Scherzreden einläßt. Diese Rücksichten beachtete einst ein Prälat unserer Stadt so wenig, daß er keinen geringeren Stich empfing, als er austheilte, wie ich Euch dies in einer kleinen Geschichte erzählen will. Um die Zeit, als Messer Antonio d'Orso, ein weiser und ehrenwerther Kirchenfürst, Bischof von Florenz war, kam ein catalonischer Edelmann, -Messer Diego della Ratta genannt, als Marschall des Königs Robert nach Florenz. Schön von Gestalt, wie er war, und dabei ein arger Weiberjäger, fand er, unter andern florcntiner Frauen, besonders an einer Behagen, die ein schönes Weib und die Enkelin des Bruders jenes Bischofs war. W er nun vernahm, daß ihr Mann, obwol aus gutem Hause, von schmuzigem Geize und niedriger Gesinnung sei, einigte er sich mit ihm, daß er ihm fünfhundert Goldgüldcn geben, dieser ihn aber dafür eine Nacht bei seiner Frau schlafen lassen solle. Obwol cs nun wider den Willen der Frau geschah, so schlief er doch bei ihr; dann aber gab er dem Manne fünfhundert Silbergroschen, wie sie damals in Umlauf waren, die er inzwischen hatte vergolden lassen. In Kurzem kam dies zu Aller Kunde, und jener elende Wicht hatte Schaden und Spott zugleich zu tragen; der Bischof aber, als ein verständiger Mann, stellte sich, als ob er nichts von der Geschichte wisse. Inzwischen verkehrten der Bischof und der Marschall viel miteinander, und so geschah es, daß an einem Johannistage, als Beide auf der Straße, wo das Wettrennen gehalten wird, nebeneinander herritten und die Damen beschauten, der Bischof eine junge Frau gewahr ward, welche die gegenwärtige Pest erst vor Kurzem uns geraubt. Ihr Name war Monna Nonna de' Pulci, 212 Sechster Tag. Dritte Geschichte. eine Base des Messer Alesso Rinucci, und Ihr Alle solltet sie wol gekannt haben. Zu jener Zeit nun war sie eine jugendfriche und schöne Frau, die den Mund auf dem rechten Flecke hatte und dreisten Sinnes war, auch erst seit Kurzem sich in der Nahe von Porta San Piero verheirathet hatte. Schon von ferne zeigte der Bischof sie dem Marschall; als sie aber näher gekommen waren, legte ec diesem die Hand auf die Schulter und sagte: „Nonna, was dünkt Dir von Dem hier? Traust Du Dich wol, mit ihm fertig zu werden?" Nonna glaubte, daß diese Worte ihre Sittsamkeit einigermaßen antasteten, und geeignet seien, sie in der Meinung Derer, welche sie gehört hatten, und es waren deren Viele, zu beflecken. Jndeß hielt sie es für gerathener, nicht sowol jene Makel von sich abzuwaschen, als Stich auf Stich wiederzugeben, und antwortete deshalb sogleich: „Herr, vielleicht möchte er nicht mit mir fertig werden; jedenfalls aber müßte er mir gutes Geld geben." Als der Marschall und der Bischof diese Antwort vernahmen, fühlten sie sich Beide getroffen: der Eine wegen der Unsittlichkeit, deren er sich gegen die Enkelin des Bruders des Bischofs schuldig gemacht; der Andere, weil ihm diese Schmach 'in der Enkelin des eignen. Bruders angethan war. Und so ritten sie denn Beide, ohne einander anzuschauen, schweigsam und beschämt ihres Weges, ohne während jenes Tages weiter etwas zu reden. Der jungen Dame aber gereichte es nicht zum Vorwurf, daß sie, nachdem sie angegriffen war, durch einen beißenden Einfall den Angriff von sich abwehrte. Der einbeinige Kranich. 213 liierte. Geschichte. Ehichibio, der Koch des Currado Giafigliazzi, verwandelt zu seinem Heile, durch einen schnellen Einfall, den Zorn des Currado in Gelächter und rettet sich von dem filnbeil, mit dem Currado ihn schon bedroht hatte. Echon schwieg Lauretta, und die Nonna war von Men auf das höchste gelobt worden, als die Königin der Nei-' phile fortzufahren gebot; diese aber begann also zu sprechen: „Ihr liebevollen Mädchen, obwol ein schneller Verstand oft dem Redenden je nach den Umstanden treffende und kluge Einfälle an die Hand gibt, so kommt doch auch das Glück zu Zeiten den Furchtsamen zu Hülfe und legt ihnen plötzlich Worte auf die Zunge, welche der Sprechende in ruhigen Augenblicken nie zu ersinnen vermocht hätte. Davon denke ich Euch durch meine Geschichte ein Beispiel zu geben. Currado Giafigliazzi war, wie Jede von Euch gesehen und gehört haben kann, stets ein gar freigebiger und gastfreier Edelbürger unserer Stadt, der, seiner wichtigeren Leistungen für jetzt zu geschweigen, ein ritterliches Leben führte und fortwährend sich mit Hunden und Jagdvögeln vergnügte. Als dieser nun eines Tages unfern von Pe- retola mit einem seiner Falken einen Kranich getödtet und diesen jung und fett gefunden hatte, schickte er ihn seinem guten Koche, der Ehichibio hieß und ein Venezianer war, und ließ ihm sagen, daß er ihn zum Abendessen braten und wohl zubereiten solle. Ehichibio, der aussah wie ein leichtsinniger Geselle und ein solcher auch wirklich war, rupfte den Kranich, steckte ihn an den 214 Sechster Lag. Vierte Geschichte. Spieß und begann ihn sorgsam zu braten. Fast war er schon gar und verbreitete einen starken Dust, als eine Dirne aus der Umgegend, die Brunetka genannt ward und in die Chichibio gewaltig verliebt war, in die Küche trat. Kaum roch sie den Dust des Bratens und sah den Kranich am Spieße, so gab sie dem Chichibio die besten Worte, daß er ihr einen Schenkel davon abschneiden möchte. Chichibio antwortete singend: „Ihr kriegt ihn nicht, Donna Brunetta, Ihr kriegt ihn nicht von mir." Darüber wurde denn die Dirne ganz zornig und sagte: „Nun, so wahr wie Gott lebt, gibst Du mir nicht einen Schenkel, so kriegst Du von mir nie das Kleinste, wozu Du Lust hast." Am Ende löste Chichibio, um sein Mädchen nicht böse zu machen, wirklich einen Schenkel ab und gab ihn ihr. Als indcß dem Currado und seinen paar Gästen der Kranich ohne Schenkel vorgesetzt ward, ließ Jener voller Erstaunens den Chichibio rufen und frug ihn, was mit dem andern Schenkel geworden sei. Der lügenhafte Venezianer antwortete sogleich: „Herr, die Kraniche haben nur einen Schenkel und ein Bein." Zornig erwiderte Currado: „Was zum Teufel, sie hatten nur einen Schenkel und ein Bein? Als ob das der erste Kranich wäre, den ich zu sehen bekomme!" Chichibio aber blied dabei und sprach: „Herr, es ist so, wie ich Euch sage, und beliebt es Euch, so werde ich es Euch an den Lebendigen zeigen." Currado wollte, aus Rücksicht auf die Fremden, die er bei sich hatte, ven Wortwechsel nicht weiter fortsetzen; darum antwortete er: „Weil Du denn sagst, daß Du mir an den Lebendigen zeigen willst, was ich allerdings noch nie gesehen, oder von Andern gehört habe, so will ich morgen früh die Sache mir ansehen; aber beim Leibe Christi schwöre ich Dir zu, wenn eS sich nachher anders findet, so lasse ich Dich in einer Weift zurichten, daß, so lange Du lebst, Du meines Namens zu Deinem Unheil gedenken sollst. Der einbeinige Kranich. 215 So endete der Streit für diesen Abend; am andern Morgen aber erhob sich Currado, den der Aerger nicht hatte schlafen lassen, mit Tagesanbruch noch gar zornig und gebot, daß die Pferde vorgeführt würden. Dann ließ er den Chichibio auf ein Rößlein aufsitzen und ritt mit ihm nach einer Niederung, wo man am Flußufer in der Morgenfrühe Kraniche anzutreffen pflegte; im Reiten aber sagte er: „Nun werden wir ja sehen, wer gestern gelogen hat: ich, oder Du." Als Chichibio gewahr ward, daß Currado's Zorn noch fortdauerte und daß er seiner Lüge überführt werden sollte, ohne daß er sich zu rechtfertigen gewußt hatte, ritt er in der größten Angst von der Welt hinter Currado her und wäre, wenn es sich hatte thun lassen, gern geflohen. Da sich aber dazu keine Gelegenheit bot, blickte er bald vor- und bald rückwärts, und bald zu den Seiten, und Alles, was ihm vor die Augen kam, sah ihm aus, wie Kraniche, die auf zwei Beinen ständen. Endlich, als sie schon in die Nähe des Flusses gelangt waren, erblickte er, früher, als Einer der Uebrigen, am Ufer wol ein Dutzend Kraniche, die sämmtlich, wie diese Vögel schlafend zu thun pflegen, aus einem Beine standen. Da zeigte er sie schleunig dem Messer Currado und rief: „Herr, nun könnt Ihr deutlich erkennen, das; ich Euch gestern Abend die Wahrheit sagte, wenn ich behauptete, die Kraniche hätten nur einen Schenkel und ein Bein. Seht nur die alle, die dort stehen." Wie Currado sie gewahr ward, sagte er: „Warte nur; ich will Dir schon zeigen, daß sie ihrer zweie haben." Und indem er ein wenig näher heranritt, rief er: „Oh, oh!" — Aufgeschreckt durch diesen Ruf, ließen die Kraniche alsbald den andern Fuß nieder und flogen nach wenigen Schritten alle davon. Da wandte Currado sich zu Chichibio und sprach: „Nun, Du Näscher, was dünkt Dir; glaubst Du nun, daß sie zwei Beine haben?" Chichibio war ganz bestürzt, und ohne selbst zu wissen, woher die Antwort ihm komme, entgegnete er: „Freilich, Herr, 216 Sechster Tag. Fünfte Geschichte. freilich; aber dem Kranich von gestern habt Ihr nicht „Oh, oh" zugerufen; hattet Ihr cs gethan, sicherer würde das andere Bein ebenso ausgestreckt haben, wie vorhin diese hier thaten." Den Currado ergötzte diese Antwort so sehr, daß alle sein Zorn sich in Scherz und Lachen verkehrte und er antwortete: „Chichibio, Du hast Recht, das hätte ich freilich thun sollen." So also entging Ehichibio durch eine schnelle und scherzhafte Erwiderung seinem Unheil und wandte den Zorn seines Herrn von sich ab." Funkte Geschichte. Messer Forese La Rabatt» und Meister Giotto, der Maler, die beide von Mugello zurückkommen, machen sich gegenseitig über ihr unscheinbares Aeußere lustig. Äls Neiphile schwieg, und die Damen an der Antwort des Chichibio noch vieles Gefallen geäußert hatten, begann Pamphilus nach dem Gebot der Königin also zu reden: „Oft geschieht es, daß, wie Fortuna, nach Dem, was Pampinea erst eben uns gezeigt hat, zu Zeiten die größten Schätze der Fähigkeit und des Verstandes unter schlechten Gewerben verbirgt, so auch die Natur die erstaunlichsten Geistesgaben mit den abschreckendsten Körpersor- men paart. Deutlich erhellt dies an zweien unserer Mitbürger, von denen ich Euch kürzlich zu erzählen gedenke. Der Eine von ihnen, der Messer Forese Rabatta zerranne ward, war von so kleinem und misgestaltcten Kör- pcrwuchse, und hatte ein so plattgedrücktes Gesicht, mit aufgeworfener Nase, daß der Häßlichste unter den Baronci Giotto und Foresc. 217 es für eine Schmach gehalten haben würde, mit ihm zu tauschen; dennoch aber war er von so tiefer Einsicht in rechtlichen Dingen, daß er von vielen kundigen Männern eine Fundgrube des bürgerlichen Rechtes genannt ward. Der Name des Anderen war Giotto, und mit so vorzüglichen Anlagen war er begabt, daß die Natur, welche die Mutter aller Dinge ist, und deren fortwährendes Gedeihen durch das unablässige Kreisen der Himmel vermittelt, nichts hervorbringt, das er nicht mit Griffel, Feder oder Pinsel dem Urbilde so ähnlich darzustcllen gewußt hätte, daß es nicht als ein Abbild, sondern als die Sache selbst erschienen wäre; weshalb denn der Gesichtssinn der Menschen nicht selten irre geleitet ward und für wahr hielt, was nur gemalt war. Mit Recht kann man ihn als einen der ersten Sterne des florcntiner Ruhmes bezeichnen; denn Er ist es gewesen, welcher die Kunst, die Jahrhunderte lang unter den Jrrthümern Derer wie begraben lag, die durch ihr Malen mehr die Augen der Unwissenden zu kitzeln, als der Einsicht der Verständigen zu genügen, bestrebt waren, zu neuem Lichte wieder erhoben hat; und um so mehr kann man es, mit je größerer Bescheidenheit er jenen Ruhm sich erwarb, indem er, obwol ein Meister aller Derer, die in dieser Beschäftigung lebten, dennoch standhaft, Meister genannt zu werden, ablehnte. Mit um so hellerem Glanze schmückte ihn aber diese Bezeichnung, mit je größerer Gier Diejenigen sie sich anmaßten, die viel weniger von der Kunst verstanden, als er, oder seine Schüler. So groß nun aber auch seine Kunst war, so war er dennoch der Gestalt und den Gesichtszügen nach um nichts schöner, als Messer Foresc. Um jedoch auf meine Geschichte zu kommen, sage ich: Messer Forese sowol als Giotto hatte seine Besitzungen im Mugello. Nun war Jener um die Zeit, da die Gerichte des Sommers Ferien haben, dorthin gereist, um die seinigen in Augenschein zu nehmen, und als er zufällig auf einem unscheinbaren Rößlein heimwärts ritt, Dekameron. II. 10 218 Sechster Tag. Fünfte Geschichte. traf er auf den schon gedachten Giotto, der gleichfalls seine Güter besichtigt hatte und nun nach Florenz heim- kehrte. Giotto aber war in keinem Stücke besser beritten oder bekleidet als Jener, und so setzten sie denn, wie cs zwei bejahrten Leuten geziemt, langsamen Schrittes miteinander ihre Reise fort. Da geschah es, wie wir dies im Sommer oftmals geschehen sehn, daß ein plötzlicher Regen sie überfiel, sodaß sie, so schnell sie vermochten, sich in das Haus eines Landmannes flüchteten, der mit jedem von ihnen bekannt und befreundet war. Inzwischen gewahrte der Regen keine Hoffnung, Nachlassen zu begehren, und da Beide noch denselben Tag nach Florenz wollten, liehen sie sich von dem Bauer zwei alte Mäntel, wie man sie in der Romagna trägt, und da keine bessern zu haben waren, auch noch zwei Hüte, die vor Alter ganz abgetragen waren, und mit diesen machten sie sich auf den Weg. Nachdem sie eine Weile geritten waren, hatte der Regen sie völlig durchnäßt, auch waren durch das Spritzen, das bei nassem Wetter die Pferde durch ihre Fußtritte verführen, ihre Anzüge ganz beschmuzt, und so- wol dieses, als jenes trug nicht dazu bei, ihren Aufzug anständiger erscheinen zu lassen. Inzwischen aber hatte das Wetter sich ein wenig aufgehellt, und so begannen sie, nachdem sie lange Zeit schweigsam nebeneinander hergeritten waren, miteinander Gespräche zu pflegen. Als nun Messer Forest des Weges ritt und dem Giotto zuhörte, der trefflich zu reden wußte, betrachtete er ihn seitwärts von Haupt zu Füßen und um und um, und wie ec ihn in allen Stücken so unscheinbar und übelaussthend fand, begann er, ohne zu bedenken, welche Figur er selber machte, zu lachen und sagte: „Giotto, wenn jetzt ein Fremder, der Dich nie gesehen hätte, uns hier entgegen käme, kannst Du Dir wol denken, daß der Dich für den ersten Maler der Welt, wie Du es doch bist, erkennen würde?" Sofort antwortete Giotto: „Messer, Der Adel der Baronci- 219 wol glaube ich, daß er mich dafür erkennen würde, sobald er, nachdem er Euch angesehen, cs für möglich hielte, daß Ihr das A B C könntet." Messer Forese erkannte aus dieser Antwort sein Unrecht, und sah sich mit einer Münze bezahlt, die der Waare, die er verkauft hatte, völlig entsprach." Sechste Geschichte. Michele Scalza beweist einigen jungen Leuten, daß die Baronci das üblichste Geschlecht in der Welt und in der Maremma sind, und gewinnt damit eine Mahlzeit. 9!och lachten die Damen über Giotto's treffende Antwort, als die Königin der Fiammetta fortzufahren gebot, und diese folgendermaßen zu reden begann: „Daß Pam- philus vorhin die Baronci erwähnte, welche Ihr, lieben Mädchen, vielleicht nicht kennet, hat mir eine Geschichte in Erinnerung gebracht, welche, ohne von unserer Aufgabe abzugehn, darthut, wie alt ihr Adel sei, und welche ich Euch zu erzählen gedenke: Noch ist es nicht gar lange her, daß in unserer Stadt ein junger Mann, mit Namen Michele Scalza, lebte, der der spaßhafteste und ergötzlichste Gesell von der Welt war und immer die neuesten Geschichten bei der Hand hatte. Deshalb sahen denn die jungen Florentiner, so oft sie eine muntere Gesellschaft veranstalteten, es besonders gern, wenn sie ihn dafür gewinnen konnten. Als er nun eines Tages mit einigen Andren zu Mont' Ughi war, geschah cs, daß sich unter ihnen ein Streit entspann, welches unter den florentincr Geschlechtern wol das edelste und älteste sei. Einige sagten, die Ubcrti, Andere die Lamberti; Dieser 10 * 220 Sechster Tag. Sechste Geschichte. nannte die eine Familie und Jener eine andere, ein Jeder nach seinem Verständnis Wahrend Scalza ihnen zuhörte, Hub er zu lächeln an und sagte: „Geht doch, geht, Ihr Tröpfe, die Ihr seid; Ihr wißt Alle nicht, was Ihr redet. Das edelste Geschlecht und das älteste, nicht nur in Florenz, sondern in der ganzen Welt und auch noch in der Maremma sind die Baronci, und darüber sind die Physiolophen und jeder Andere, der sie kennt, so wie ich sie kenne, schon lange einig. Damit Ihr aber nicht etwa denkt, ich rede von Jemand anders, so sage ich Euch, daß ich die Baronci von Santa Maria maggiore meine, die Eure Nachbarn sind." Die jungen Leute hatten wirklich geglaubt, daß er etwas Anderes sagen wollte; bei diesen letzten Worten aber lachten sie ihm alle ins Gesicht und sprachen: „Du willst uns zum Narren haben; als ob wir die Baronci nicht so gut kennten, wie Du." „Nein," sagte Scalza, „bei den heiligen Affenkehlien, das will ich nicht. Ich sage die Wahrheit, und wenn Einer unter Euch Lust hat, und will eine Mahlzeit wetten für sechs Mann, die, wer gewinnt, sich aussuchen kann nach Belieben, so setze ich gern dagegen. Und noch mehr will ich thun: ich will mich dem Ausspruch von Jedwedem unterwerfen, den Ihr haben wollt." Da sagte Einer von den Anderen, der Neri Mannini hieß: „Nun, ich bin's zufrieden, die Mahl- zu gewinnen." Hierauf einigten sich Beide, daß Piero di Fiorentino, in dessen Hause sie sich eben befanden, Schiedsrichter sein solle, und gingen sofort zu ihm hin; die Anderen aber folgten ihnen Alle, um zu sehen, wie Scalza die Wette verlieren würde und ihn dann zum Besten zu haben. Nachdem sie dem Piero ihre Wette erzählt hatten, hörte dieser, der ein verständiger junger Mann war, zuerst, was Neri vorzubringen hatte, und wandte sich sodann mit den Worten zum Scalza: „Nun, wie willst Du jetzt beweisen, was Du behauptest?" Scalza antwortete: „Wie? Mit Der Adel der Baronci. 221 solchen Gründen will ich es beweisen, daß nicht nur Du, sondern Jener, der es jetzt leugnet, selber zugestehen soll, daß ich die Wahrheit sage. Ihr wisset, daß je alter die Geschlechter sind, um so adlicher sind sie, und das war ja auch vorhin Euer Aller Meinung. Sind nun die Baronci alter als irgend ein anderes Geschlecht, so sind sie auch am eidlichsten. Wenn ich Euch also beweise, daß sie die älteste Familie sind, so habe ich ohne Zweifel die Wette gewonnen: Ihr müßt wissen, daß unser Herrgott die Baronci zu einer Aeir gemacht hat, wo er erst angefangen hatte, malen zu lernen; alle anderen Menschen sind aber erst geschaffen, als unser Herrgott das Malen schon konnte. Um zu sehn, daß ich die Wahrheit sage, so gebt nur einmal auf die Baronci und auf andere Leute Achtung. Wahrend Ihr alle Andern mit wohlgebildeten Gesichtern und richtigem Verhaltniß der Theile seht, könnt Ihr wahrnehmen, daß von den Baronci der Eine ein übermäßig langes und schmales Gesicht hat, und dafür das des Andern über alle Maßen breit ist. Dieser hat eine gewaltig lange Nase, Jener eine kurze; das Kinn eines Dritten steht weit vor und ist nach oben gekrümmt, die großen Kinnbacken aber gleichen denen eines Esels. Ja, es gibt deren, die ein großes und ein kleines Auge haben, und das eine höher stehend, als das andere; kurz, ihre Gesichter sehn ganz so aus wie die, welche die Kinder machen, wenn sie erst eben anfangen zeichnen zu lernen. So ergibt sich denn, wie ich Euch sagte, gar deutlich, daß unser Herrgott sie gemacht hat, als er erst malen lernte. Daraus folgt aber, daß sie älter sind, als die anderen Geschlechter: also auch adlicher." Daß die Baronci wirklich so. aussehn, war sowvl dem Piero, der Schiedsrichter sein sollte, als dem Neri, der um die Mahlzeit gewettet hatte, und Jedem der Anderen erinnerlich. Daher singen sie denn bei dem spaßhaften Grunde, den Scalza vorbrache, sämmtlich zu lachen an, 222 Sechster Lag. Siebente Geschichte. und versicherten mit einem Munde, Scalza habe Recht, die Mahlzeit gebühre ihm, und die Baronci seien unbe- zweifelt das adlichste und älteste Geschlecht, das man nicht nur in Florenz, sondern in der ganzen Welt, oder in der Maremma finden könne. Mit gutem Grunde sagte also Pamphilus vorhin, als ec die Mißgestaltung von Messer Forese's Gesicht bezeichnen wollte, daß er selbst im Vergleich mit einem derBa- ronci noch für häßlich gegolten haben würde." Siebente Geschichte. Madonna Filippa wird vor Gericht gefordert, weil ihr Alan» sic mit ihrem Geliebten betroffen; durch ihre geschickte und scherzhafte Antwort kommt sie aber frei und veranlaßt eine Abänderung des Stadtrechtes. ^iammetta schwieg bereits und noch lachte ein Jeder über den wunderlichen Grund, durch welchen Scalza den Adel der Baronci über alle anderen erhoben hatte, als die Königin dem Philostratus zu erzählen gebot. Dieser aber begann also zu reden: „Gut reden zu können, Ihr ehren- werthen Damen, ist bei jeder Gelegenheit ein schönes Ding; am schönsten aber dünkt mich diese Redegabe, wenn sie sich da bewährt, wo die Nothwendigkeit sie bringend erfordert. Dieses Geschick besaß eine Edelfrau, von der ich Euch zu erzählen denke, in solchem Maße, daß sie nicht nur in ihren Zuhörern Lachen und Heiterkeit erweckte, sondern, wie Ihr vernehmen werdet, sich selber von den Schlingen eines schimpflichen Todes erlöste. In der Stadt Prato bestand einst das in Wahrheit eben so grausame als tadelnswerthe Gesetz, daß eine Ehe- Die Strafe des Ehebruchs in Prato. 223 stau, welche ihr Mann im Ehebrüche mit einem Geliebten betroffen hätte, ohne den geringsten Unterschied ganz ebenso verbrannt werden sollte, wie Diejenige, die dabei ertappt wäre, daß sie sich dem Ersten, Besten für Geld preisgegeben hätte. Während dieses Gesetz noch in Kraft war, geschah, es, daß eine adliche und schöne Frau, die Madonna Filippa hieß, und verliebter war, als irgend eine Andere, eines Nachts in ihrer eigenen Kammer von Rinaldo bei Pugliesi, ihrem Manne, in den Armen des Lazzarino de Guazzagliotci, eines jungen und schönen Edelmannes aus derselben Stadt, betroffen ward, den sie liebte, wie ihr eigenes Leben. Bei diesem Anblick gerieth Ninaldo so außer sich, daß er sich kaum bezwingen konnte, nicht über sie herzufallen und sie zu tödten; und wäre er nicht wegen der Folgen besorgt gewesen, so hätte er dem Ungestüm seines Zornes gehorcht und also gethan. So aber enthielt er sich zwar dieses Verlangens, nicht aber davon, daß er, was ihm selbst zu vollstreckcn verboten war, von dem grausamen prateser Gesetze begehrte, nämlich den Tod seiner Frau. Da er nun ziemlich ausreichendes Zeugniß hatte, um den Fehltritt der Frau zu beweisen, verklagte er, ohne bestem Rath anzunehmcn, sie, sobald es Tag geworden war, und ließ sie vor das Gericht fordern. Die Frau, die, wie man dies bei Allen zu finden pflegt, welche in wahrhafter Liebe entbrannt sind, gar kühnen Muthes war, beharrle, so nachdrücklich ihr auch von vielen Freunden und Verwandten abgeredet ward, bei dem Vorsatz, zu erscheinen, und lieber mit dem Geständniß der Wahrheit starken Geistes zu sterben, als auf feiger Flucht wegen ihres Ausbleibens in der Verbannung zu leben, und sich dadurch eines so edlen Geliebten unwerth zu bekennen, als Derjenige war, in dessen Armen sie die vorige Nacht verbracht hatte. So erschien sie denn in stattlicher Begleitung von Frauen und Männern, welche sämmtlich ihr zu läugnen rie- 224 Sechster Tag. Siebente Geschichte. then, vor dem Podesta, und fragte diesen mit furchtlosem Blicke und fester Stimme, was er von ihr begehre. Als der Podestä sie ins Auge faßte und gewahr ward, wie schön sie sei, und von wie edlem Anstande, als er zugleich aus ihren Worten entnahm, welch hohen Sinn sie hege, sing er an, Mitleiden für sie zu empfinden und zu be- sorgen, daß sie Dinge bekennen möchte, um derentwillen er, wenn er die Ehre nicht einbüßen wollte, genöthigt wäre, sie zum Tode zu verurtheilcn. Deshalb sagte er zu ihr, da er doch nicht umhin konnte, sie um Dasjenige zu befragen, was ihr Schuld gegeben war: „Madonna, wie Ihr seht, ist Rinakdo, Euer Mann, hier gegenwärtig und beklagt sich über Euch, die er mit einem anderen Manne im Ehebrüche betroffen zu haben behauptet. Er begehrt nun, daß ich Euch, einem bestehenden Gesetze zufolge, dafür mit dem Tode bestrafe-, ich kann dies aber nur dann thun, wenn Ihr selbst Euch schuldig bekennt. Habet denn also wohl Acht, wie Ihr antwortet, und saget mir, ob Das wahr ist, dessen Euer Mann Euch beschuldigt?" Hierauf antwortete die Dame, ohne die Fassung irgend zu verlieren, mit heiterer Stimme: „Messers, es beruht vollkommen in Wahrheit, daß Rinaldo mein Ehemann ist, und daß er diese vergangene Nacht mich in Lazza- rino's Armen gefunden hat, in denen ich, wie ich niemals leugnen werde, aus wahrer und inniger Liebe, die ich für ihn hege, oftmals geweilt habe. Unbedenklich aber wißt Ihr, daß die Gesetze gemeinsam sein und unter Zustimmung Derer beschlossen werden müssen, welche sie betreffen. So verhält es sich aber nicht mit diesem Gesetze, das allein den armen Weibern Zwang anlegt, obwol sie doch weit besser, als die Männer, Mehren zugleich zu genügen im Stande sind. Außerdem hat, als dieses Gesetz gegeben ward, nicht nur keine Frau ihre Einwilligung dazu gegeben, sondern eben so wenig ist irgend Eine darum befragt worden; mit Recht also kann man es aus Die Strafe des Ehebruchs in Prato. 225 diesen Gründen ein arges Gesetz nennen. Wollt Ihr indes, meinem Leben und Eurem Gewissen zum Schaden, Euch dazu hergeben, dessen Vollstrecker zu sein, so steht dies in Eurem Belieben; bevor Ihr jedoch weiter vorschreitet und irgend ein Urtheil fallet, ersuche ich Euch, daß Ihr mir die kleine Gunst erzeiget, meinen Mann zu fragen, ob ich jedes Mal, und so oft es ihm beliebte, ohne einmal nein zu sagen, ihm seine volle Lust an mir gewährt habe, oder nicht?" Ohne die Frage des Podesta abzuwarten, antwortete Rinaldo hierauf alsbald, daß die Frau ihm allerdings auf jedes Begehren volle Befriedigung seiner Wünsche gestattet habe. „Wohlan denn," fuhr sogleich die Dame fort, „so frage ich Euch, Herr Podesta was ich, wenn er zu jeder Zeit sich genommen hat, wessen ec bedurfte und wessen ihn gelüstete, mit Dem machen sollte oder noch soll, das ec übrig laßt? Soll ich es vielleicht den Hunden vorwerfen? Oder ist es nicht besser, es einem Edelmann zu gewahren, der mich mehr liebt, als sich selber, statt es verloren gehen und umkommen zu lassen?" Es waren zu diesem Verhöre einer so ausgezeichneten und namhaften Dame fast sammtliche Bewohner von Prato herbeigekonimen; Alle aber riefen, als sie diese ergötzliche Frage vernahmen, nach vielem Gelachter, wie aus einem Munde, daß die Dame Recht habe und wohl spreche. Bevor sie also noch von dort sich entfernten, veränderten sie auf Anrathen des Podesta jenes unbillige Gesetz und bestimmten, daß es in Zukunft nur von den Frauen verstanden werden solle, welche für Geld sich gegen ihre Män- vergingen. So verließ denn Rinaldo, beschämt über sein thörichtes Unternehmen, das Gericht; die Dame aber kehrte fröhlich und frei, als wäre sie vom Scheiterhaufen erstanden, siegreich in ihr elterliches Haus zurück." 10 " 226 Sechster Tag. Achte Geschichte. Achte Geschichte. Fresco räth seiner Richte, niemals in den Spiegel zu sehen, wenn, unausstehliche Leute zu sehn, ihr so widerwärtig sei, als sie sage. i^)ie Geschichte, die Philostratus erzählt hatte, regte in den Herzen der zuhörenden Mädchen anfangs ein wenig Scham, wovon die sittsame Rothe, mit der ihre Wangen sich färbten, Zeugniß gab; allmälig aber schielte Eine nach der Anderen, und sie hörten dem Verlauf der Geschichte lächelnd zu, des lauten Lachens nur mit Mühe sich enthaltend. Als endlich der Erzähler zum Schlüsse gediehen war, wendete die Königin sich zu Emilien und gebot ihr, sortzufahren. Diese aber begann tiefaufathmend, nicht anders, als ob sie erst eben vom Schlafe erwachte: „Ihr holden Mädchen, da eine Reihe von Gedanken, die gar Vieles in sich begreifen, mich eine lange Weile fern von hier entführt hat, so werde ich, unserer Königin gehorchend, mit einer viel kürzeren Geschichte mich meiner Schuld entledigen, als ich vielleicht gethan haben würde, wenn mein Geist hier gegenwärtig gewesen wäre. In dieser Geschichte aber will ich Euch die thörichte Verkehrtheit eines Mädchens berichten, die durch einen beißenden Einfall ihres Onkels gehörig wäre gestraft worden, wenn sie nur hinlängliche Einsicht gehabt hätte, um ihn zu verstehn. Ein Mann also, welcher Fresco da Celatico hieß, hatte eine Nichte, die man abkürzungsweise nur Cesca zu nennen pflegte. Obwol nun diese recht hübsch von Gestalt und von Gesichtszügen war, so konnte man sie doch nicht zu jenen Engclsbildern zählen, denen wir nicht selten be- Cesca und ihr Spiegel- 227 gegnen; sie aber hielt sich so hoch und so erlesen, das es ihr zur Gewohnheit geworden war, Männer und Frauen, und was immer ihr vor die Augen kam, zu tadeln, ohne daß sie dabei sich selber nach rechtem Maße gewürdigt hätte. Dadurch wurde sie denn mehr als irgend eine Andere unbequem, widrig und übcrlästig, da es unmöglich war, irgend etwas ihr recht zu machen. Bei dem Allen war sie so hochmüthig, daß selbst, wenn sie zum Stamme Karl's des Großen gehört hätte, es dennoch zu viel gewesen wäre. Und wenn sie über die Straße ging, war ihr jeden Augenblick irgend Was nicht gelegen, so daß sie nicht aufhörte, die Nase zu rümpfen, als ob von Jedem, den sie sähe, oder der ihr begegnete, unleidlicher Gestank sie an- wehete. So manche ihrer mißliebigen und widerwärtigen Manieren zu geschweige», geschah es indeß eines Tages, daß sie voll von ihren Unleidlichkeiten nach Hause zurückkehrte und, während sie sich dort neben Fresco niedersetzte, in Einem fort vor Aerger schnaufte. Darum sagte Fresco: „Was hat das zu bedeuten, Cesca, daß, während heute Festtag ist, Du schon so frühe nach Hause gekehrt bist?" Sie aber antwortete mit der albernsten Ziererei: „Ja freilich bin ich früh gekommen; denn ich glaube sicherlich, daß in dieser Stadt noch niemals so viel widerwärtige und unausstehliche Männer und Frauen beisammen gewesen sind, als ich deren heute getroffen habe. Da geht doch auch nicht Einer über die Straße, der mir nicht zuwider wäre, wie das böse Wesen. Weil ich aber fest überzeugt bin, daß in der ganzen Welt keine Frau ist, der es so verhaßt wäre, unausstehliche Leute zu sehn, als mir, bin ich, um diesem Anblick zu entgehn, so früh nach Hause gekommen." Fresco, dem das hochfahrige Betragen seiner Nichte auf das äußerste verhaßt war, antwortete: „Mein Kind, wenn die unausstehlichen Leute Dir so widerwärtig sind, als Du sagst, so besieh Dich, wenn Du Deines Lebens 228 Sechster Tag. Neunte Geschichte. froh werden willst, ja niemals im Spiegel." Sie aber, die hohler war, als ein Schilfrohr, und an Weisheit dem Salomo zu gleichen vermeinte, begriff den Stich des Fresco nicht besser, als ein Widder gethan haben würde, und erwiderte, sie gedenke sich ebenso gut im Spiegel zu befehlt, als die Anderen. So verharrte sie denn ferner in ihrer Einfalt und thut es heute noch." Neunte Geschichte. Guido Cavalcanti sagt einigen florentiner Edelleuten, die ihn überrascht hatten, in versteckter Weise die Wahrheit. Als die Königin gewahr ward, daß Emilie sich ihrer Pflicht bereits entledigt halte, und daß mit Ausnahme Dessen, der das Vorrecht genoß, seine Geschichten bis zuletzt zu »ersparen, nur ihr noch zu erzählen oblag, begann sie also zu reden: „Obgleich mir von Euch, Ihr anmu- thigen Mädchen, heute schon zwei oder mehr Geschichten weggenommen sind, von denen ich die eine oder andere zu erzählen gedachte, so ist mir doch eine noch übrig geblieben, deren Schluß ein bitteres Wort enthält, wie bis jetzt vielleicht noch keines von so tiefem Sinn mitgetheilt ward. Ihr müße nämlich wissen, daß vor Zeiten in unserer Stadt gar manche schöne und lobenswerthe Gebräuche bestanden, von denen uns leider kein einziger geblieben ist, weil sie von dem Geize, der sich bei uns mit den Reich- thümern fortwährend gemehrt hat, einer nach dem andern vertrieben sind. So war es unter Anderem gebräuchlich, daß an verschiedenen Orten von Florenz die angeseheneren Guido Cavalcanti bei den Gräbern. 229 Bürger der umliegenden Straßen sich versammelten und untereinander eine Gesellschaft von bestimmter Anzahl bildeten. Dabei hatte man Acht, nur Solche aufzunehmen, welche die Kosten füglich bestreiten konnten, und heute richtete der Eine für die ganze Gesellschaft eine Mahlzeit aus, morgen der Andere, und so der Reihe nach weiter, daß Jeden sein Tag traf. Häufig erwiesen sie bei diesen Zusammenkünften auch ausgezeichneten Fremden eine Ehre, wenn deren nach Florenz kamen, oder sie luden auch wol Einheimische dazu. Auch hielten sie wenigstens einmal im Jahre gleichförmig gekleidet einen Umzug, und ritten an den vorzüglichsten Tagen gemeinsam durch die Stadt. Zu Zeiten veranstalteten sie Waffenfpiele; so namentlich an den Hauptfestcn, oder wenn die Nachricht von einem Siege, oder einem sonstigen frohen Ereigniß eingekroffen war. Unter diesen Gesellschaften war auch die des Messer Betto Brunelleschi, in welche sowol Messer Betto als seine Gefährten Guido, den Sohn des Messer Eavalcante de' Eavalcanti, zu ziehn, vielfach und nickt ohne Grund sich bemüht hatten. Zu geschweige» nämlich, daß Guido einer der besten Denker auf der Welt war, und ein vorzüglicher Kenner der natürlichen Philosophie, Eigenschaften, um welche die Gesellschaft sich wenig kümmerte, war er ein ergötzlicher Gesellschafter von den besten Sitten und vorzüglicher Redegabe, und was sich immer für einen Edelmann zu thun geziemte, das wußte er auch, wenn er cs unternahm, besser zu machen, als irgend ein Anderer. Dabei war er äußerst reich, und von Wem er sich überzeugt halte, daß er es werth sei, den wußte er zu ehren, mehr als sich mit Worten sagen läßt. Dem Messer Betto hatte es i'ndeß nie gelingen wollen, ihn für ihre Gesellschaften zu gewinnen, und Betto, wie seine Gefährten, suchten den Grund davon darin, daß Guido, nicht selten ganz in seine Gedanken vertieft, den Umgang mit den Menschen mied. Und weil er sich ein wenig zu der Mei- 230 Sechster Lag. Neunte Geschichte. nung der Epikuräcr hinneigte, sagten die gemeinen Leute, alle sein Nachdenken habe blos zum Ziel, auszumitteln, ob sich nicht finden lasse, daß kein Gott sei. Eines Tages war nun Guido von Orto San Michele ausgegangen, hatte den Corso degli Adimari, wie dies öfters sein Weg zu sein pflegte, bis San Giovanni verfolgt, und weilte nun zwischen einigen großen Marmorgrabmalern (deren einige jetzt in Santa Reparata sind, viele andere aber noch um San Giovanni stehn), zwischen den dort befindlichen Porphyrsaulen und zwischen der Pforte von San Giovanni, welche damals verschlossen war. Da kam von ungefähr Messer Betto mit seiner Gesellschaft zu Pferde über den Platz der Santa Reparata, und wie sie den Guido unter jenen Grabmalern gewahr wurden, sagten sie zueinander: „Gehen wir, ihm ein wenig zuzusetzen." Mit diesen Worten gaben sie ihren Pferden die Sporen, und nach Art eines scherzhaften Ueberfalles, waren sie, fast ehe er sie bemerkt hatte, um ihn her und begannen zu ihm zu sagen: „Guido, Du verschmähst es, an unserer Gesellschaft Theil zu nehmen; wenn Du nun aber herausgebracht hast, daß kein Gott sei, was wirst Du dann davon haben?" Sofort antwortete Guido, der sich ganz von ihnen i ' eingeschlossen sah: „Ihr Herren, in Eurem Hause muß ich mir gefallen lassen, daß Ihr mir sagt, was Euch gutdünkt." Und mit diesen Worten stützte er die Hand auf eines jener Grabmäler von beträchtlicher Größe, und leicht i wie ec war, schwang er sich mit einem Satz auf die andere Seite und eilte, einmal ihnen entschlüpft, schnell von dannen. Jene Zurückgebliebenen sahen sich eine Weile Einer den Andern an und sagten, Guido müsse wol nicht recht bei sich gewesen sein; denn was er ihnen da geantwortet habe, komme auf gar nichts heraus. Wo sie jetzt eben seien, hätten sie ja kein Haar mehr zu sagen, als alle anderen Bürger, und Guido nicht weniger, als irgend Einer von Bruder Cipolla u. d. Kohlen d. h. Laurentius. 231 ihnen. Messer Netto aber wandte sich zu ihnen und sagte: „Ihr seid es, die nicht recht bei sich sind, wenn Ihr ihn nicht verstanden habt; denn in wenig Worten, und ohne den Anstand zu verletzen, hat er uns die größte Grobheit von der Welt gesagt. Diese Grabmaler sind ja, wenn Ihr wohl aufmerken wollt, die Hauser der Tobten; denn in sie legt man die Tobten, und in ihnen weilen sie. Diese nun nennt er unsere Wohnung, um anzudeuten, daß wir und alle anderen ungelehrten und kenntnißlosen Leute im Vergleich mit ihm und den übrigen in den Wissenschaften erfahrenen Männern, für schlimmer als Tobte zu achten sind. Darum sagte er, wenn wir uns hier befänden, seien wir zu Hause." Nun erst verstand ein Jeder, was Guido hatte sagen wollen, und beschämt dadurch, sielen sie ihm nie wieder zur Last; den Messer Netto aber hielten sie in Zukunft für einen einsichtigen und klugen Edelmann." Zehnte Geschichte. Bruder Eipolla verspricht den Bewohnern einer Landstadt, ihnen -ine Feder des Engel Gabriel zu zeigen; da er aber an deren Stelle Kohlen findet, sagt er, sie seien von denen, mit welchen der heilige Laurentius geröstet ward. Äls ein Jeder von der Gesellschaft sich seiner Geschichte entledigt hatte, erachtete Dioneus, daß cs nun an ihm sei, zu erzählen. Ohne daher eine feierliche Aufforderung lange zu erwarten, gebot er Denen Stillschweigen, welche die tiefsinnige Antwort des Guido noch zu loben fortfuhren, und begann mit folgenden Worten: „Obgleich, Jkr reizenden Damen, mir das Vorrecht gewährt ist, wovon 232 Sechster Tag. Zehnte Geschichte. cs mir gefallt, zu erzählen, so gedenke ich mich doch heute nicht von dem Gegenstände zu entfernen, den Ihr sämmt- lich in Euren Geschichten gar angemessen besprochen habt; vielmehr will ich, in Eure Fußtapfen eintretend, erzählen, wie geschickt einer der Mönche des heiligen Antonius durch eine schnell ersonnene Auskunft der Verhöhnung entging, die zwei junge Leute ihm zu bereiten gedachten. Laßt es Euch dabei nicht verdrießen, wenn ich, um die Geschichte gehörig zu erzählen, mich im Reden etwas ausführlicher ergehe; denn, wollt Ihr nach der Sonne sehn, so werdet Ihr bemerken, daß sie noch auf halber Höhe steht. Wie Ihr vielleicht gehört haben werdet, ist Certaldo ein Burgflecken der florentiner Landschaft, im Elsathal belegen, und öbwol cs an Umfang nur klein ist, war es doch einst von eidlichen und bemittelten Leuten bewohnt. Weil er nun hier vorzügliche Weide traf, pflegte ein Mönch des heiligen Antonius, welcher Bruder Cipolla hieß, lange Zeit hindurch jährlich einmal hier vorzusprechen, um das Allmosen einzusammeln, das die Kurzsichtigen jenen Mönchen gewähren; und vielleicht war er nicht weniger um seines Namens willen, als wegen sonstiger Frömmigkeit willkommen, da die Umgegend jenes Städtchens Zwiebeln hervorbringt, welche durch ganz Toscana berühmt sind. Bruder Cipolla war untersetzter Gestalt, röthlichen Haares und munteren Gesichtes; dabei der abgefeimteste Spitzbube von der Welt, und obwol er keinerlei Unterricht genossen, wußte er doch trefflich uzid ohne langes Besinnen zu sprechen, sodaß wer ihn nicht kannte, ihn nicht allein für einen großen Redekünstler gehalten, sondern ihn dem Tullius selber, oder dem Quinctilian an die Seite gesetzt haben würde. Auch war er von Allen in der Umgegend Gevatter, oder Freund, oder guter Bekannter. — Eines Males nun, als er im Augustmonat, seiner Gewohnheit zufolge, nach Eertaldo gekommen, und alle guten Männer und Weiber der umliegenden Dörfer zur Bruder Cipolla u. d. Kohlen d. h. Laurentius. 233 Messe in der Hauptkirche versammelt waren, trat er, als es ihm an der Zeit schien, hervor und sagte: „Ihr Herren und Ihr Frauen, wie Ihr wisset, ist es Euer Brauch, alljährlich den armen Dienern des hoch- adlichen Heiligen Herrn Antonius von Eurem Korn und von Eurem Walzen, der Eine wenig, der Andere viel, je nach dem Vermögen und der Frömmigkeit eines Jeden, zu spenden, damit dieser gebenedeite Heilige Eure Ochsen und Eure Esel, Eure Schweine und Eure Schafe in seinen Schutz nehme. Außerdem pfleget Ihr, insbesondere aber pflegen Diejenigen unter Euch, welche in unsere Brüderschaft eingeschrieben sind, den kleinen Beitrag zu entrichten, den man einmal im Jahre zu bezahlen hat. Um nun das Eine und das Andere einzufordern, bin ich von meinem Oberen, nämlich dem Herrn Abte, hierher gesandt. So möget Ihr denn zu diesem Ende unter dem Segen Gottes heute Nachmittag nach drei Uhr, wenn Ihr die Glöcklein lauten hört, hier außerhalb der Kirche Euch versammeln, woselbst ich Euch die gewohnte Predigt halten und Euch das Kreuz zum Kusse reichen werde. Außerdem aber will ich, da mir bekannt ist, wie inbrünstige Verehrer des hochadlichcn Heiligen Herrn Antonius Ihr Alle seid, Euch zu besonderer Gunst eine schöne und hochheilige Reliquie zeigen, die ich vor Zeiten selber aus dem heiligen Lande jenseits des Meeres hergebracht habe. Dieses ist nämlich eine der Federn des Erzengel Gabriel, welche derselbe in der Stube der Jungfrau Maria verloren hat, als er nach Nazareth zu ihr kam, um ihr zu verkündigen." Mit diesen Worten schwieg er und las seine Messe weiter. Unter den vielen Andern, die sich, während Bruder Cipolla diese Sachen vorbrachte, in der Kirche befanden, waren auch ein Paar junge Leute, von denen der Eine Giovanni del Bragoniera, der Andere aber Biagio Pizzini genannt ward: beides durchtriebene Käuze. Als diese nun über die Reliquie des Bruders Eipolla eine Weile mit- 234 Sechster Tag. Zehnte Geschichte. einander gelacht hatten, setzten sie sich vor, dem Mönche, obwol sie gut mit ihm befreundet waren und viel mit ihm verkehrten, in Betreff dieser Feder einen Streich zu spielen. Sie hatten erfahren, daß Bruder Cipolla an jenem Morgen auf der Burg bei einem seiner Freunde speiste; sobald sie ihn also bei Tische wußten, gingen sie hinunter nach der Landstraße, wo das Wirthshaus lag, in dem jener abgestiegen war. Hier sollte nach ihrer Abrede Biagio sich mit dem Diener des Bruder Cipolla in ein Gespräch einlaffen, wahrend Giovanni unter den Sachen des Mönches nach der Feder suchen und sie, was immer für ein Ding es auch sein möchte, mitnehmen wollte, damit sic sahen, wie er sich nachher vor dem Volke herausreden würde. Bruder Cipolla hatte einen Diener, den Einige Guc- cio Trampelthier, Andere Guccio Schmuzsink, noch Andere aber Guccio Sauigel nannten. Dieser war nun ein so jämmerlicher Wicht, daß es nicht wahr ist, wenn man sagt, Lippo Topo habe jemals ebenso einfältige Streiche gemacht. Bruder Cipolla spaßte oft über ihn gegen seine Bekannten, und dann pflegte er wol zu sagen: „Mein Diener hat neun Eigenschaften solcher Art, daß wenn eine von ihnen, gleichgültig welche, sich an Salomo, Aristoteles, oder Seneca fände, sie hinreichen würde, um deren Tugenden, Weisheit und heiligen Wandel völlig wecthlos zu machen. Denkt Euch also, welch ein Mensch Der sein muß, in welchem sich, obwol er weder Tugend, noch Weisheit, noch heiligen Wandel besitzt, jene Eigenschaften alle neun beieinander befinden." Da man ihn nun nicht selten frug, was für neun Eigenschaften das denn seien, so hatte er einen Vers daraus gemacht, der also lautete: > Ein Lügenmaul Ist er und faul, Werbest in Trutz Und reich an Schmuz; Bruder Cipolla u. d. Kohlen d. h. Laurentius. 235 Stets voll Verdacht Und unbedacht; Ein Feind der Pflicht, Ein grober Wicht, Und was er soll, das thut er nicht. „Außerdem," pflegte Bruder Cipolla zu sagen, „hat er noch einige andere Fehlerchen; doch die wollen wir mit dem Mantel der christlichen Liebe zudecken. Was indeß an seinen seltsamen Manieren das Spaßhafteste ist: in jedem Dorfe, wohin er geräth, will er ein Weib nehmen und ein Haus miethen, und, so lang und schwarz und schmuzig auch sein Bart ist, bildet er sich dennoch ein, so schön und so anmuthig zu sein, daß seiner Meinung nach alle Frauenzimmer, die ihn zu Gesichte kriegen, sich in ihn verlieben, und ließe man ihn gewähren, so liefe er Allen nach und verlöre Gürtel und Kragen. Einraumen muß ich indeß, daß er mir vielfach sehr behülflich ist; denn, so geheim auch Jemand mit mir zu reden habe, so ist er immer auf dem Platze, um sich sein Theil davon abzuhorchcn; und wenn ich vorkommenden Falles um etwas gefragt werde, so ist er so besorgt, ob ich auch auf die Antwort gerüstet sei, daß er jedes Mal sich vordrängt und alsbald ja, oder nein für mich antwortet, wie es ihm eben gut dünkt." Diesen hatte Bruder Cipolla im Wirthshaus zurückgelassen und ihm angelegentlich anbefohlen, darauf zu wachen, daß Niemand seine Sachen, besonders aber seinen Quersack anrühre, weil sich darin heilige Gegenstände befänden. Guccio Schmuzsink indeß weilte überhaupt lieber in der Küche, als die Nachtigall auf grünem Zweige; am liebsten aber, wenn er dort irgend eine Magd witterte. Nun hatte er in der Wirthsküche solch ein Frauenzimmer zu sehn bekommen, die dick un fett und klein und misgestaltet war, ein Paar Brüste hatte, wie zwei Mist- 236 Sechster Tag. Zehnte Geschichte. körbe, ein Gesicht, als gehörte sie zur Familie der Ba- ronci, und dabei schwitzig war, und schmierig und eingeräuchert. An diese nun machte er sich heran, nicht anders wie der Geier an das Aas, und ließ die Stube des Bruder Cipolla und dessen sammtliche Sachen im Stich. Obwol es August war, setzte er sich zu ihr, die Nuta hieß, ans Feuer, und sing ein Gespräch mit ihr an, und sagte ihr, daß er ein Edelmann sei im Auftrag, und daß er Gulden hatte, mehr wie lügenmaltauscnd, die noch nicht einmal gerechnet, die er Andern schuldig sei, deren eher mehr wären, als weniger, und daß er so viel könne und so viel verstehe, daß den Kuckuk und den Geier nicht einmal. Obwol nun seine Capuze so schmierig und eingesalbt war, daß sie auf den großen Suppenkessel von Al- topascio zur Würze gelangt hatte, obwol sein Wams zerrissen und geflickt war, und um den Hals und unter den Achseln so glänzend vor Schmuz, mit Flecken von so vielerlei Farben übcrsäet, daß tartarische und indische Stoffe nie buntere Farben zeigten, obwol endlich seine Schuhe völlig zerrissen und seine Strümpfe vielfach durchlöchert waren, so kümmerte ihn dies Alles nicht im Mindesten; vielmehr versicherte ec der Magd, nicht anders, als wäre ec der gnädige Herrn von Castiglione, daß er sie neu bekleiden und ausstatten, und jener Knechtschaft, wo sie fremden Leuten dienen müsse, ohne sich groß etwas erwerben zu können, entheben und ihr Aussichten auf glücklichere Umstände eröffnen wolle. Mit so vielem Nachdruck er aber auch dies Alles und noch viel Anderes vorbrachte, so war es doch, wie es immer mit seinen Unternehmungen zu geschehen pflegte, nicht anders, als hätte er in den Wind gesprochen, und seine Beredsamkeit blieb ohne Erfolg. Die zwei jungen Leute fanden sonach den Guccio Sauigel mit der Nuta beschäftigt. Höchlich zufrieden darüber, da sie nun halbe Mühe zu haben glaubten, gingen sie, ohne von Jemand angehalten zu werden, nach Bru- Bruder Cipolla u. d. Kohlen d. h. Laurentius. 237 der Cipolla's Zimmer, welches offen stand, und das Erste, worüber sie sich hermachten, um es zu durchsuchen, war der Quersack des Mönches, in dem die Feder stecken mußte. Wirklich fanden sie denn auch hier in einem großen, vielfach mit Zindeltaffend umwickelten, Bündel ein kleines Kästchen, und in diesem, nachdem sie es geöffnet hatten, eine der Schwanzfedern eines Papageien, von der sie mit Recht vermutheten, daß es dieselbe sein werde, die er den Certaldcsen zu zeigen versprochen hatte. In der That konnte er zu jener Zeit dergleichen vem Volke wohl weiß machen; denn noch waren die glanzenden Spielereien aus Aegypten nur zu einem kleinen Theil nach Toscana herübergebracht, wahrend sie spater zum größesten Unheil von ganz Italien in unzähliger Menge bei uns eingeführt sind. Waren sie aber damals überhaupt noch wenig bekannt, so wußten die Bewohner jenes Landstadtchens so gut als nichts von ihrem Dasein, und so lange die anspruchslose Einfalt unserer Altvordern bestand, hatte dort wol die große Mehrzahl nie den Namen eines Papageien nennen gehört, geschweige denn einen solchen geschn. Zufrieden, die Feder gefunden zu haben, nahmen die zwei jungen Leute sie zu sich, und füllten das Kästchen, um es nicht leer zu lassen, mir einigen Kohlen an, die sie in einer Ecke des Zimmers liegen sahen. Dann verschlossen sie es, brachten Alles wieder in denselben Zustand, wie sie es gefunden hatten, und kehrten, ohne von Jemand bemerkt zu sein, mit ihrer Feder vergnügt nach Hause, wo sie voller Neugier erwarteten, was Bruder Cipolla sagen werde, wenn er Kohlen statt der Feder fände. Inzwischen gingen die Männer und die einfältigen Weiblein, die in der Kirche gewesen, und vernommen hatten, daß sie Nachmittags drei Uhr eine Feder des Engel Gabriel zu sehn bekommen sollten, nach beendeter Messe wieder heim, und ein Nachbar theilte seinem Nachbarn, eine Gevatterin der andern die Nachricht mit. So strömten 238 Sechster Lag. Zehnte Geschichte. denn, nachdem Me zu Mittag gegessen hatten, im sehnsüchtigen Verlangen, die Feder zu sehn, so viel Männer und Weiber in dem Burgflecken zusammen, daß sie kaum darin Platz fanden. Bruder Cipolla erhob sich indeß, nachdem er gut zu Mittag gegessen und demnächst ein wenig geschlafen hatte, bald nach drei Uhr von seinem Lager und ließ, auf die Nachricht, daß schon eine große Menge von Landleuten hecbeigeströmt sei, um die Feder zu sehn, dem Guc- cio Schmuzsink sagen, er möge mit den Glöcklein hinaufkommen und den Qucrsack mitbringen. Nur mit Mühe vermochte dieser sich von der Küche und dcr Nuta loszureißen; doch that er es, und langte keuchend und außer Athem mit den begehrten Gegenständen oben an, weil das viele Wassertrinken ihm den Leib so aufgetrieben hatte. Dann stellte er sich auf das Geheiß des Bruder Cipolla an die Kirchthür und läutete seine Glöcklein nach Kräften. Bruder Cipolla aber begann, wie ec alles Volk beisammen sah, ohne irgend zu bemerken, daß Jemand über seinen Sachen gewesen war, die Predigt und sagte gar Vielerlei, das ihm für seine Absichten dienlich schien. Als es nun endlich so weit war, daß er die Feder des Engel Gabriel zeigen sollte, sprach er zuerst mit großer Feierlichkeit das Consiteor, dann ließ er zwei Wachsfackeln anzünden, nahm sich die Capuze ab, wickelte langsam den Taffent auf und zog das Kästchen hervor. Hierauf sagte er noch einige Worte zum Lob und Preise des Engel Gabriel und seiner Reliquie und öffnete alsdann das Kästchen. Wie er dies mit Kohlen gefüllt sah, siel ihm nicht etwa ein, daß Guccio Trampelthier ihm das gethan haben könnte; denn er wußte zu wohl, daß Der zu so etwas nicht den Witz halte. Auch verwünschte er ihn nicht, daß er das Kästchen nicht besser vor den Händen Anderer, von denen dieser Streich ausgegangen war, gewahrt hatte; auf sich selbst aber fluchte er im Stillen, daß er die Obhut seiner Sachen dem Guccio anvertraut hatte, von dem er doch selber wußte, wie er war: „Unbedacht, ein Feind Bruder Cipolla u. d. Kohlen d- h. Laurentius. 239 der Pflicht, ein fauler Wicht, und was er soll, das thut er nicht." — Ohne indeß die Farbe zu wechseln, erhob Bruder Cipolla Äugen und Hände gen Himmel und sagte, so, daß ihn Alle vernahmen: „O Gott, gepriesen sei immerdar Deine Allmacht!" Dann machte er das Kästchen wieder zu und sagte, zum Wolke gewendet: „Ihr Herren und Ihr Frauen, Ihr muffet wissen, daß ich zu einer Zeit, wo ich noch sehr jung war, von meinem Oberen in jene Länder geschickt wurde, wo die Sonne aufgeht. Dabei war mir der ausdrückliche Auftrag ertheilt, den Porzellanprivilegien nachzuforschen, welche stempeln zu lassen zwar nichts kostet, die aber dennoch anderen Leuten von weit größerem Nutzen sind, als uns. Zu diesem Ende machte ich mich von Venedig aus auf den Weg, passirte die Vorstadt Griechenland und ritt dann durch das Königreich Algarbien über Bagdad nach Parierte, von wo ich nicht ohne beträchtlichen Durst nach Sardellien gelangte. Doch zu was soll ich Euch die Länder, die ich durchreist habe, einzeln aufzählen? Genug, ich setzte über den Arm des heiligen Georg und kam nach Lügeland und Trügeland, welche Gegenden von zahlreichen Völkern dicht bewohnt sind. Von hieraus erreichte ich Täuschcnhausen, woselbst ich viele von unseren Kloster- geistlichen und eine Menge von Mönchen anderer Orden antraf, welche sämmtlich die Beschwerden um Gottes willen mieden, und so lange sie nur ihren Vortheil dabei fanden, sich um fremde Mühseligkeiten wenig kümmerten, auch in jenen Ländern nie anderes Geld ausgaben, als ungeprägtes. Demnächst gelangte ich in das Land der Abruzzen, wo Männer und Frauen in Holzschuhen auf die Berge klettern und' die Schweine mit ihren eigenen Kaldaunen bekleiden. Nur wenig weiterhin traf ich Leute, welche das Brod an Stöcken und den Wein in Säcken trugen. Von diesen kam ich dann in das Wurmgebirge, wo alles Wasser abwärts fließt, und in Kurzem drang ich dort so weil vorwärts, daß ich nach pastinakisch In- 240 Sechster Tag. Zehnte Geschichte. dien kam, wo, wie ich Euch bei dem Gewände zuschwöre, das ich trage, ich das Federvieh in der Luft fliegen sah, was allerdings für Jeden, der es nicht selbst gesehn hat, kaum glaublich ist. Daß ich Euch indeß darin keine Um Wahrheit sage, das kann mir Maso del Saggio bezeugen, der ein großer Kaufmann ist, und den ich dort antraf, wie er Nüsse knackte und die Schalen nach der Elle verkaufte." „Da ich indeß nicht finden konnte, was ich eigentlich suchte, indem man von dort aus zu Wasser weiter reisen muß, so kehrte ich wieder um und kam in jenes heilige Land, wo das alte Brot in einem Sommerjahre vier Heller gilt, das frische aber umsonst gegeben wird. Hier fand ich den ehrwürdigen Vater Messer Thumirnichts Wenns- beliebtius, den verdienstvollen Patriarchen von Jerusalem. Dieser wollte, aus Ehrerbietung für das Gewand des hochadlichen Heiligen Messer Antonius, das ich von jeher getragen, mich alle die heiligen Reliquien sehen lassen, die er bei sich führte. Deren war nun so viel, daß, wenn ich sie Euch alle herzählen wollte, ich auf mehre Meilen weit nicht fertig würde. Um Euch indeß durch mein Schweigen nicht zu sehr zu betrüben, will ich Euch wenigstens von einigen berichten. Zuvörderst zeigte er mir den Finger des heiligen Geistes, der noch so frisch und unverwest war, als je zuvor. Sodann die Locken des Se- raph's, der dem heiligen Franciscus erschien, den Fingernagel eines Cherub's, und eine der Rippen des Heiligen Loo est poious. Ferner einige Kleidungsstücke des Heiligen Katholischenglaubens, ein Paar Strahlen des Sternes, der den drei Weisen im Morgenland erschien, ein Fläschchen von dem Schweiß, den der Heilige Michael vergossen, als er mit dem dem Teufel kämpfte, eine Kinnbacke des Todes, an dem der Heilige Lazarus gestorben ist, und noch viel andere." „Weil ich mich nun gefällig gegen ihn bewies und ihm einen der Abhänge des Monte Morello in italienischer Bruder Cipolla u. d. Kohlen d. h. Laurentius. 241 Übersetzung und einige Capitel des Capreti'um, die er schon lange zu haben gewünscht hatte, abließ, so thcilte er auch mir von seinen heiligen Reliquien mit. Er schenkte mir einen der Zahne des heiligen Kreuzes, ferner in einem zierlichen Fläschchen ein wenig Glockenklang vom Salamo- nischen Tempel, sodann die Feder des Engel Gabriel, von der ich Euch schon gesagt habe, einen der Holzschuhe des heiligen Gherardo von Villamagna, den ich erst ganz vor Kurzem in Florenz dem Gherardo von Donsi, der eine große Ehrfurcht davor hegt, gegeben habe. Endlich aber schenkte er mir einige von den Kohlen, mit denen der hochheilige Märtyrer Sanct Laurentius geröstet ward." „Alle diese heiligen Gegenstände führe ich nun andächtig bei mir, und habe sie auch sämmtlich hier am Orte. Indessen hat mein Oberer bis jetzo und bis ihre Aechtheit nicht dargelhan wäre, mir niemals gestattet, sie vorzuweisen. Jetzt aber hat er sich theils durch einige Wunder, die sie bewirkt haben, und theils durch Briefe, die er von dem Patriarchen empfangen, überzeugt, daß sie sind, wofür sie mir gegeben wurden, und mir deshalb die Erlaubniß ertheilt, sie zu zeigen. Und so sehr bin ich besorgt, sie einem Anderen anzuvertrauen, daß ich sie überall mithinnehme; namentlich verwahre ich die Feder des Engel Gabriel, damit sie keinen Schaden nehme, in einem Kästchen, und die Kohlen, mit denen der heilige Laurentius gebraten ward, in einem anderen. Nun sind diese beiden Kästchen einander so ähnlich, daß ich schon öfter das eine mit dem andern verwechselt habe, und so ist mir denn auch heute geschehn. Während ich glaubte, das Kästchen mitgebrachl zu haben, in dem sich die Feder befindet, habe ich das andere, mit den Kohlen des heiligen Laurentius, ergriffen. Aber ich halte dafür, daß dies keinesweges ein zufälliger Jrrthum, sondern daß cs vielmehr sicherlich cine Fügung Gottes gewesen sei, welcher meine Hände das Kästchen mit den Kohlen ergreifen ließ, um mich dadurch zu erinnern, daß in zweien Tagen das Fest des heiligen Dekameron. II. 11 242 Sechster Tag. Zehnte Geschichte. Laurentius falle. Darum nämlich ließ Gott mich statt der Feder, die ich mit mir nehmen wollte, die gebenedeiten Kohlen ergreifen, die durch den Saft ausgelöscht wurden, der von jenem hochheiligen Leibe niedertroff, weil es seine Absicht war, daß, indem ich Euch die Kohlen vorzeige, mit denen er einst geröstet ward, ich in Euren Herzen die fromme Verehrung neu entzünde, die Ihr diesen Märtyrer schuldig seid." „Drum, meine Kinder, die Gott segnen möge, nehmt Eure Mützen ab, und tretet in Ehrfurcht und Andacht Alle heran, diese Kohlen zu schauen. Vorher aber sollt Ihr wissen, daß Wer mit diesen Kohlen in dem Zeichen des Kreuzes berührt ist, während des ganzen folgenden Jahres sicher ist, daß kein Feuer ihm auch nur so viel anhaben kann, daß er cs fühle." Nachdem er also gesprochen und einen Lvbgesang auf den heiligen Laurentius gesungen, öffnete er das Kästchen und zeigte die Kohlen. Eine Zeit lang beschattete sie die einfältige Menge mit ehrfurchtsvollem Erstaunen; bald aber drängten sie sich ungestüm um den Bruder Eipolla, und verlangten, unter viel größeren Opfern, als sie sonst zu geben gewohnt waren, inständig daß er einen Jeden mit den heiligen Kohlen berühre. In Folge dieser Bitten nahm Bruder Eipolla eine jener Kohlen nach der anderen zur Hand, und malte ihnen auf ihre Jacken und weißen Kamiföler, und den Weibern auf ihre Kopftücher so große Kreuze, als nur irgend darauf Platz hatten. Dabei versicherte er. sie, daß, wie er schon oftmals erfahren, eben so viel als von diesen Kohlen durch das Aufmalen der Kreuze abgerieben werde, in dem Kästchen von selbst wieder nachwachse. So machte Bruder Eipolla nicht ohne seinen erheblichen Nutzen die Bewohner, von Certaldo zu Kreuzesritkern; Denjenigen aber, die ihm, einen Possen zu spielen gedachten, indem sie seine Feder ihm Wegnahmen, spielte er durch seine Geistesgegenwart einen eben so großen. Beide Schluß. 243 waren in der Predigt, und als sie hörten, wie geschickt er sich aus der Verlegenheit zu ziehen wußte, und wie weit er dazu ausholte, und mit was für Redensarten, ge- riethcn sie in ein solches Lachen, daß sie die Maulsperre bekommen zu muffen glaubten. Nachdem aber die Volksmenge sich verlaufen, gingen sie zu ihm, und entdeckten ihm unter dem größten Jubel von der Welt, was sie ge- than hatten, und erstatteten ihm seine Feder. Diese trug ihm demnächst im folgenden Jahre nicht weniger ein, als Heuer die Kohlen. Es hatte diese Geschichte der ganzen Gesellschaft ausnehmendes Vergnügen und Ergötzen gewahrt, und allgemein hatte man über den Bruder Eipolla und besonders über seine Pilgerreise und über die Reliquien gelacht, die er theils gesehn und thcils mitgebracht hatte. Als aber die Königin wahrnahm, daß die Geschichte, und mit dieser ihr Regiment ein Ende genommen habe, erhob sie sich von ihrem Sitze, nahm sich die Krone vom Haupte, und setzte sie mit den Worten lächelnd auf das des Dioncus: „Zeit ist es, o Dioneus, daß Du aus eine Weile erfahrest, was es heißen will, Weiber lenken und regieren zu müssen. Sei denn nun König, und führe Dein Regiment also, daß wir, auch bei seiner Endschaft, es loben können." — Lachend empfing Dioneus die Krone und antwortete: „Wcr- there Könige, als ich bin, werdet Ihr freilich schon manchmal gesehn haben, auch die Schachkönige mit eingerechnet. Warlich aber, wolltet Ihr mir gehorchen, wie es, einem wahren Könige zu gehorchen Pflicht ist, so wollte ich Euch Freuden genießen lassen, ohne welche jeder Lustbarkeit etwas zum vollen Ergötzen fehlt. Besser indeß, ich schweige davon-, genug ich will regieren, so gut ich vermag." Hierauf ließ er, dem bisherigen Gebrauche zufolge, den Senefchall herbeikommen, und gebot ihm in der gehörigen ll * 244 Sechster Tag. Reihenfolge, was er, so lange dies Regiment dauern werde, zu thun habe; denn aber sagte er: „Schon in verschiedenen Weisen, Ihr verehrten Damen, ist von dem menschlichen Scharfsinn und von den mannigfachen Geschicken D gesprochen worden, so daß ich fürchten muß, wäre nicht Frau Lpcisca vor Kurzem hiehergckommen, und hätte sie mir nicht durch ihr Gerede einen für die morgenden Erzählungen zu bestimmenden Gegenstand an die Hand gegeben, so würde ich lange Zeit gebraucht haben, um eine solche Aufgabe zu finden. Wie Ihr vernommen, behauptete sie, daß keine ihrer Bekanntinnen als Jungfrau zu ihrem Manne gekommen sei, und ferner fügte sie hinzu, daß sie wohl wisse, wie zahlreich und wie arg die Streiche seien, die auch die Eheweiber ihren Männern spielen. Wenn wir nun auch die erste Hälfte dieser Behauptung auf sich beruhen lassen, denn das sind nur Kindereien, so halte ich doch dafür, daß über die zweite ergötzlich zu sprechen sei. Aus diesem Grunde ist denn mein Wille, daß, weil Frau Lycisca uns einmal darauf gebracht hat, morgen von den Streichen erzählt werde, welche, sei es aus Liebe, oder um sich aus einer Verlegenheit zu ziehn, die Frauen ihren Männern gespielt haben, mögen nun diese es gewahr geworden sein, oder nicht. Einige von den Damen meinten, es passe sich schlecht für sie, solch einen Gegenstand in ihren Erzählungen zu besprechen, und baten daher den König, daß er die bereits gestellte Aufgabe wieder abändere. Er aber antwortete ihnen: „Damen, wie meine Aufgabe beschaffen sei, weiß ich nicht minder als Ihr, und die Gründe, die Ihr gegen sie anführt, können mich nicht bewegen, davon wieder abzugehn; denn ich bin der Ueberzeugung, daß unter den jetzigen Zeitumständen den Männern wie den Frauen, wenn sie nur Acht haben, in ihren Handlungen sich ehrbar zu erweisen, gestattet ist, zu reden, was ihnen beliebt. Wisset Ihr etwa nicht, daß in Folge der bösen Geißel, Schluß. 245 die uns heimsucht, die richterlichen Beamten ihre Gerichtsstätten verlassen haben; daß die göttlichen sowohl als die menschlichen Gesetze schweigen, und Jedem die Bcfugniß, sein Leben selbst zu schützen, im weitesten Umfange gewährt ist. Wenn also Eure Sittsamkeit jetzt in den Gesprächen ein wenig von ihrer Strenge nachläßt, kcinesweges um darauf hin, in Handlungen die kleinste Unziemlichkeit zu gestatten, sondern allein, um sowohl Euch selber, als Anderen Unterhaltung zu gewähren, so sehe ich nicht ein, mit welchem irgend zuzugestehenden Grunde Euch deshalb in Zukunft Jemand tadeln könnte. Ueberdies hat diese Eure Gesellschaft vom ersten Tage bis zur gegenwärtigen Stunde die strengste Ehrbarkeit bewahrt, und sich, was immer auch der Inhalt der Erzählungen gewesen sein möge, nicht durch die kleinste Unziemlichkeit befleckt, wie sie dies auch in Zukunft mit Gottes Hülfe nicht thun wird. Und Wem wäre denn Eure Sittsamkeit nicht zur Genüge bekannt, welche weder die heiteren Gespräche, noch, wie ich überzeugt bin, die Schrecken des Todes auf Abwege zu leiten vermöchten? Die Wahrheit zu sagen, glaube ich vielmehr umgekehrt, daß, wolltet Ihr Euch weigern, an solchen Scherzreden gelegentlich Theil zu nehmen, ein Böswilliger eher den Verdacht äußern könnte, daß Ihr Euch in solchen Dingen schuldig fühltet, und um deswillen, davon zu reden Euch scheutet. Endlich würde es mir zu schlechter Ehre gereichen, wenn, nachdem ich jedem meiner Vorgänger gehorsam gewesen bin, Ihr mich zwar zum Könige machen, und mir dadurch die Beftigniß, Euch Gesetze zu geben ertheilen, dann aber dennoch Euch weigern wolltet, so zu erzählen, wie ich es verordnet habe. Lasset also jene Besorgniß fahren, die schuldbewußten Gemüthern besser geziemt, als den Euren, und sorget vielmehr eine Jede, , wenn das Glück gut ist, uns eine recht schöne Geschichte zu erzählen." Als die Damen Dieses vernommen, sagten sie, so möge es denn bleiben, wie ihm beliebte. Der König aber 246 Sechster Tag. «erstattete Jedwedem, bis zur Stunde des Abendessens seinem Vergnügen nach Gutdünken nachzugehn. Da indes die Erzählungen des heutigen Tages besonders kurz gewesen, stand die Sonne noch hoch am Himmel; als daher Dioneus mit den zwei andern jungen Männern sich zum Brettspiel niedergesetzt hatten, rief Elisa die übrigen Damen bei Seite und sagte zu ihnen: „Schon so lange, als wir hier sind, habe ich gewünscht, Euch nach einem, gar nicht weit von hier entlegenen, Platze zu führen, an dem, so viel ich vermuthe, noch Keine von Euch jemals gewesen ist, und der das Frauenthal heißt. Bis jetzt konnte ich noch keine geeignete Zeit dazu finden; heute aber steht die Sonne noch hoch. Beliebt es Euch also, mit mir zu kommen, so zweifle ich nicht, daß, wenn Ihr erst dort gewesen seid, es Euch keinesweges gereuen wird." Die Damen erwiederten, sie seien bereit, und so machten sie sich, ohne den Männern das Geringste zu sagen, nur von einer Dienerin, die sie hcrbeigerufen, begleitet, auf den Weg. Nach einem Wege von wenig mehr als einer Miglie gelangten sie zu dem Frauenthal, zu welchem ein ziemlich enger Fußpfad, auf dessen einer Seite ein krystallhellec 'Bach ihnen entgegenrieselte, den Eintritt gewährte. Es erschien ihnen dies Thal an sich schon, und besonders zu jener Tageszeit, wo die Hitze noch sehr groß war, so ergötzlich und schön, als man zu erdenken nur immer vermag. Wie Eine jener Damen später mir berichtet hat, war die Ebene, die den Boden des Thales ausmachte, so rund, als wäre sie mit dem Cirkel abgemessen, obwol man leicht erkannte, daß sie ein Kunstwerk der Natur, nicht aber menschlicher Hände sei; der Umkreis jener Ebene aber war von wenig mehr als einer halben Miglie, und rings umher erhoben sich sechs Hügel von mäßiger Höhe, .auf dem Gipfel eines jeden von welchem ein Landhaus zu sehn war, dessen Gestalt der einer schönen Burg fast zu vergleichen war. Die Abhänge dieser Hügel stiegen in solchen Schluß. 247 Abstufungen zu der Ebene nieder, wie wir in den Theatern die Sitzreihen von der höchsten Umkränzung bis zu der niedrigsten angeordnet sehen, so nämlich, daß ihre Weite nach unten sich stets vermindert. So weit diese Gesenke nach der Mittagsseite absielen, waren sie von Weinreben, Oliven, Mandel- und Kirschbäumen, Feigen und vielen anderen fruchtbringenden Bäumen ganz überdeckt, ohne daß auch nur eine Spanne unbebaut geblieben wäre. Die Abhänge aber, welche den mitternächtigen Wagen anschauten, strotzten und grünten so dicht, als es der Raum nur zuließ, von Eichen-, Eschen- und allerlei anderem Gebüsch. Die Thalebene dagegen, die, außer dem einen, auf dem die Damen gekommen waren, keinen anderen Eingang hatte, war von Edeltannen, Eypressen, Lorbeerbäumen und einigen dazwischen vertheilten Pinien in so wohl vertheilten und geordneten Gruppen bewachsen, als hätte der erste Künstler für solche Anlagen sie gepflanzt. Durch dieses Laubdach vermochten die Strahlen der Sonne, auch wenn diese hoch stand, entweder gar nicht, oder doch nur sehr sparsam auf den Boden zu dringen, der eine einzige Wiese des kürzesten grünen Grases bildete, zwischen dem unzählige purpurfarbene und andere Blumen sprossen. Was aber außerdem nicht minder erfreute, als alles klebrige, war ein Bächlein, das aus einem Thale, welches zwei jener Hügel trennte, über mehrere Felsenabsätze niederfloß, im Fallen ein dem Ohre angenehmes Rauschen hervorrief, und in so glänzenden Wasserstaub sich zerschlug, daß man von Ferne Quecksilber zu sehen glaubte, welches in Folge eines Druckes in kleinen Tröpfchen aus einem Behällniß hervorspritzt. Auf dem Boden des kleinen Thaies angelangt, vereinigte sich das Wasser in einem schmalen Bette, durch welches es eilig bis zur Mitte der Ebene dahinfloß, um dort ein kleines Teichlein zu bilden, nicht größer als die Wasserbehälter sind, welche die Städter, wo die Gelegenheit sich dazu bietet, in ihren Gärten einzurichten pflegen. Es war dieser kleine Teich nicht tiefer. 248 Sechster Lag. als um einem Manne bis an die Brust zu reichen, und da das Wasser von der leisesten Trübung frei war, gestattete es in feiner Klarheit, genau zu erkennen, daß der Grund aus dem feinsten Kiese bestand, dessen einzelne Steinchen, wer die Muße dazu gehabt hatte, füglich zu zahlen im Stande gewesen wäre. Aber nicht nur den Boden sah, wer auf das Wasser blickte, sondern zugleich so unzählige hin und wieder schlüpfende Fische, daß es, neben dem Vergnügen, Staunen erregte. Kein anderes Ufer umschloß dies Wasserbecken, als allein der Rand jener Wiese, die um so schöner grünte, je näher sie sich zu dem Teiche niederscnkte, und je mehr sie von dessen Feuchtigkeit erfrischt war. Alles Wasser, das in dem Umfange dieses Beckens keinen Raum fand, wurde von einem zweiten Canal ausgenommen, durch welchen es aus dem Thale geleitet, in das tiefer gelegene Land abfloß. Als die jungen Damen nun hier angelangt waren, und nach allen Richtungen sich umhergeschaut hatten, lobten sie zuerst auf das lebhafteste die Schönheit des Ortes; dann aber weckte die große Hitze und der Anblick des kleinen Sees, der vor ihnen lag, da sie sicher waren, von Niemand belauscht zu werden, in ihnen die Lust sich zu baden. So befahlen sie denn ihrer Dienerinn, auf dem Wege, durch den man in das Thal gelangt, Wache zu halten, und im Falle Jemand sich nähern sollte, ihnen ein Zeichen zu geben, und entkleideten sich dann alle sieben. Das Wasser, in das sie nun niederstiegen, verbarg ihre schneeweißen Körper nicht mehr als ein zartes Glas eine Rose verbergen würde. Auch wurde das klare Wasser durch ihre Bewegungen nicht im Mindesten getrübt, so daß sie Gefallen daran fanden, den Fischen, die sich nirgends zu verstecken wußten, nachzujagen, so gut es gelang, und zu versuchen, ob sie deren mit den Händen zu sangen vermöchten. Wirklich erhaschten sie unter allgemeinem Jubel ein Paar; als sie aber eine Zeit lang im Wasser geweilt hatten, stiegen sie wieder heraus und kleideten sich an. Schluß. 249 Zu dem Lobe, das sie diesem schönen Orte bereits er- theilt hatten, noch größeres hinzuzusügen, vermochten sie nicht; da es ihnen indeß an der Zeit schien, nach Hause zu kehren, machten sie sich langsamen Schrittes, unter Gesprächen über die Schönheit dieses Spazierganges auf den Weg. Ziemlich frühe bei dem Palaste wieder angelangt, fanden sie die jungen Männer noch, wie sie sie verlassen hatten, bei dem Spiele beschäftigt. Pampinea sagte lächelnd zu ihnen: „Heute haben auch wir Euch angeführt." „Wie?" antwortete Dioneus, „fangt Zhr damit an zuthun, wovon Ihr nachher erzählen sollt?" „Allerdings, Herr König," cntgegnete Pampinea, und erzählte ihm ausführlich, woher sie kämen, wie jener Ort beschaffen und wie wenig entfernt er sei, und was sie dort vorgenommen hätten. Die Erzählung von der Schönheit jenes Platzes erregte in dem Könige das Verlangen ihn zu sehn; er ließ daher schnell das Abendessen auftragen, und nachdem dies in gemeinsamer Heiterkeit beendet war, verließen die drei jungen Männer die Damen und gingen mit ihren Dienern nach dem Thale, das auch von ihnen noch Keiner zuvor betreten hatte. Aufmerksam betrachteten sie alle seine Schönheiten, und erklärten cs für eine der an- muthigsten Stellen auf der Welt. Dann badeten sie sich, kleideten sich aber bald wieder an, und kehrten, weil es schon spät war, nach Hause zurück, wo sie die Damen zu einem Liede, das Fiammetta sang, einen Ringelceigen tanzend fanden. Nach dem Ende des Tanzes unterhielten sie sich mit den Damen von der Schönheit des Frauen- thales, und sagten viel zu dessen Lobe. Daher ließ denn der König den Seneschall Herbeirusen, und befahl ihm, Sorge zu tragen, daß am nächsten Morgen einige Betten hergerichtet und dort aufgestellt würden, im Fall der Eine oder Andere vielleicht Gefallen fände, dort während der Mittagsstunden zu schlafen, oder auszuruhen. Dann aber ließ er Lichter, Wein und Zuckerwerk hcrbeibringen, und gebot der Gesellschaft, nachdem sie sich ein wenig erquickt ll ** 250 Sechster Tag. hatte, sich zum Tanze zu rüsten. Pamphilus führte auf sein Verlangen den Tanz auf; der König aber sagte, zu Elisa gewandt, freundlich: „Schönes Mädchen, Du übertrügest mir heute die Ehre der Krone; so will ich Dir denn für diesen Abend die des Liedes übertragen. Singe uns also eines, wie es Dir am besten gefällt." Elisa er- wiederte lächelnd, daß sie gern dazu bereit sei, und begann mit süßer Stimme in folgender Weise: Kann, Amor, ich mich Deiner Klan' entwinden, So hoff' ich sicherlich, Kein andrer Hamen soll mich fürder binden. Als Kind schon ward ich Dein mit Leib und Blut, . Denn Frieden, dacht' ich, solltest Du mir spenden, Und, wie bei völligstem Wertraun man thut, Warf alle Waffen selbst ich aus den Händen. Doch, Du Tyrann, wie eiltest Du, zu wenden Die Waffen gegen mich, Und mich mit schwerer Kette zu umwinden! Kaum aber, daß sie mich gefesselt hat, Giebst Du mich auch, an Thränen fast erstickend, Dem Mann, der mir zum Tod ins Leben trat, Und der mir noch gebeut, den Sinn berückend. — So schwer ist seine Tyrannei, so drückend, Daß sie kein Haar breit wich Den Seufzern, die mein Leid, verzehrend, künden. Mein Flehen all, die Winde streun's umher, ^ Er hört's nicht; horcht' ihm nicht, wenn sie's ihm böten. Drum wächst mein Leiden auch je mehr und mehr; Das Leben haß' ich, weiß mich nicht zu tödten. Erbarm' Dich meiner, Herr, in diesen Röthen; Du kannst es ja, nicht ich. Laß mich, von Dir für mich besiegt, ihn finden. Schluß. 251 Verweigerst Du mir Lies, so wolle nun Das Band, Las Hoffnung einst geknüpft, zerhauen. Inständig bitt' ich, Herr, Dich, das zu thun! Thust Du's, so heg' ich sicheres Vertrauen, So schön mich avieder, als ich war, zu schauen, Und froh zu sehn, wie sich Die Rosen meiner Wangen neu entzünden. Als Elisa ihr Lied mit einem gar kläglichem Seufzer beendet hatte, wunderten sich zwar Aste über diese Worte; Keiner unter ihnen vermochte aber zu entdecken, was sie für einen Anlaß habe, also zu singen. Inzwischen ließ der König, der in der besten Laune war, den Tyndarus herbeirufen und befahl ihm, seine Sackpfeise zu bringen, bei deren Klange nach seiner Anordnung noch zahlreiche Tanze aufgeführt wurden. Erst als ein beträchtlicher Theil der Nacht bereits verstrichen war, hieß ec einen Jeden schlafen gehn. 252 Siebenter Lag. Es schließt des Dekamcron sechster Tag, und es beginnt -er siebente, an dem, unter Dioneus Regierung von den Streichen erzählt wird, welche, sei es aus Liebe, oder um sich aus einer Werlegenheit zu ziehen, die Frauen ihren Männern gespielt haben, mögen nun Liese es gewahr geworden sein, oder nicht. (§chon war jeder Stern im Osten verschwunden, den ausgenommen, welchen wir den Lichtbringer nennen und der allein noch durch den weißlichen Schimmer der Morgen- röthe glanzte, als der Seneschall sich erhob und mit schwerer Ladung sich in das Frauenthal verfügte, um hier alles nach dem vom Gebieter erhaltenen Auftrag und Befehl einzurichten. Nach diesem Ausbruch zögerte auch der König nicht länger, sich zu erheben, als ihn das Geräusch der Ausladenden und ihrer Saumthiere erweckt hatte, und kaum war er auf, als ec auch die Frauen und die jungen Männer alle wecken ließ. Noch waren die Strahlen der Morgensonne nicht ganz hervorgebrochen, als die ganze Gesellschaft sich auf den Weg begab, und nie hatte ihnen der fröhliche Gesang der Nachtigallen und der übrigen Bögel so reizend gedünkt als an diesem Morgen. Von ihren Liedern begleitet erreichten sie das Thal der Frauen, wo sie von viel andern Sängern solcher Art empfangen wurden, welche sich ihrer Ankunft zu freuen schienen. Sie durchstcichen das Thal, sahen Alles von Neuem genau an, und es schien ihnen um so Einleitung. 253 viel schöner, wie den Tug zuvor, als die jetzige Tagesstunde seiner Schönheit entsprechender war. Nachdem sie nun mit dem trefflichen Wein und dem Backwerk sich »ernüchtert hatten, singen sie, um im Gesang von den Vögeln des Waldes nicht übertroffen zu werden, auch ihren Gesang an, und das Thal mit ihnen, welches immer dieselben Lieder wiederholte, die sie anstimmten: ein Wettgesang, dem die Vögel, gleichsam als wollten sie nicht besiegt sein, neue süßere Töne hinzufügten. Als die Tafelstunde gekommen war, deckte man die Tische unter grünen Bäumen und anderm schönen Laubwerk, nahe am See und nahm in der Reihe Platz, wie es dem König beliebt hatte, unter dem Essen die Fischlein betrachtend, welche in großen Scharen durch den See dahin schwammen. Dies gab Anlaß, wie zum Schauen, so auch zum Sprechen. Doch als das Ende des Imbisses gekommen und Speisen und Tafel wieder entfernt waren, nahm man noch fröhlicher wie vorhin den Gesang wieder auf. Dann, während an mehren Stellen in dem kleinen Thal Ruhebetten ausgerichtct waren, die von dem verständigen Seneschall mit französischem Serge und Vorhängen umgeben und geschloffen waren, konnte Jeder, dem es gefiel, mit Erlaubniß des Königs sich zur Ruhe niederlegen; wer aber nicht schlafen wollte, nach seinem Gefallen den übrigen gewohnten Lustbarkeiten nachgehen. Als indeß die Stunde gekommen war, wo Alle sich erhoben, und es Zeit zum Beginn der Erzählungen schien, wurden, wie der König wollte, nicht fern von dem Ort, wo man gespeist hatte, auf dem Grase Teppiche aus- gcbreitet, und sobald man sich zur Seite des Sees niedergesetzt, gebot der König Emilien den Anfang zu machen. Diese begann heiter und lächelnd folgendermaßen zu reden: 254 Siebenter Tag. Erste Geschichte. Erste Geschichte. Gianni Lotteringhi hört des Nachts an seine Thür klopfen, weckt seine Frau und läßt sich von dieser weiß machen, es sei ein Gespenst: Beide machen sich daran, dies mit einem Gebet zu beschwören und das Klopfen hört auf. „Es wäre mir, mein Gebieter, allerdings lieb gewesen, wenn es Euch beliebt hätte, daß eine Andere als ich, mit einem so schönen Stoff, wie der ist, von dem wir heute reden sollen, den Anfang gemacht hätte; doch da es Euch gefällt, daß ich meinen Genossinnen Muth einflößen soll, so will ich es gern thun. Und zugleich will ich mir denn Mühe geben. Euch, Ihr werthen Mädchen, etwas zu erzählen, das Euch für die Folge nützlich sein könnte; denn (wenn alle so furchtsam sind wie ich, und besonders vor Gespenstern, von denen ich, Gott weiß, nicht verstehe, was sie sind, wie ich denn auch noch Niemand getroffen habe, der es versteht, obgleich wir uns alle vor ihnen fürchten) um solche zu verscheuchen, wenn sie Euch einmal erscheinen, könnt Ihr, wenn Ihr meine Geschichte wohl merkt, eine gar heilige und treffliche Beschwörungsformel lernen, die zu diesem Zweck fürwahr äußerst wirksam ist. Es lebte also einst in Florenz in der Straße des heiligen Pancratius ein Wollkrämpler, welcher Gianni Lotteringhi hieß, ein Mann, viel erfahrener in seiner Kunst, als gescheut in anderen Dingen. Denn er schlug etwas in die Gattung fcommgläubiger Pinsel über, war häufig Anführer der singenden Brüder von Santa Maria Novell» und hatte die Aufsicht über ihren Betsaal und an- Der Ehebrecher als Gespenst. 255 dere ähnliche Aemtchen, die ihn nicht wenig mit sich selbst zufrieden machten. Alles dies geschah aber, weil er als ein wohlhabender Mann den Mönchen häufig gute Mahlzeiten gab; die nun wieder, weil der Eine Strümpfe, der andere einen Mantel, der dritte ein Scapulier von ihm bekamen, ihn mancherlei gute Gebete dafür lehrten, ihm das „Vater Unser" übersetzt gaben und das Lied vom heiligen Alexius, den Klaggesang des heiligen Bernhard, das Loblied der Donna Mathilda und anderes ähnliches Gewäsch, das er sehr hoch hielt und zum Heil seiner Seele äußerst sorgfältig aufhob. Dieser Mann nun hatte eine schöne und reizende Frau, welche Monna Tessa genannt wurde, und die Tochter des Mannuccio della Euculia war, eine äußerst gescheite und umsichtige Frau. Die Einfalt ihres Mannes war ihr bekannt, und da sie in Fcderigo di Neri Pegolotti, einen schönen und blühenden Jüngling, so wie er in sie, verliebt war, so richtete sie es mit einer Dienerin ein, daß Federigo sich zum Zwiesprach mit ihr an einem gar schönen Ort einfand, welchen besagter Gianni in Eamerata befaß, und wo sie sich den ganzen Sommer über aufhielt, wahrend Gianni hier zuweilen zum Essen und zur Herberge erschien und am Morgen wieder zu seinem Laden und bisweilen zu seinen Sangbrüdern zurückkehrte. Federigo, dem dies über die Maßen erwünscht kam, ergriff eines Tages die Zeit, die ihm vorgefchrieben war, und verfügte sich gegen Abend hinauf, wo er, da Gianni die ganze Nacht nicht erschien, gemächlich und in großer Lust mit der Geliebten speiste und bei ihr herbcrgte, indeß sie in seinem Arme ruhend ihm die Nacht hindurch wohl sechs von den Lobgesängen ihres Mannes lehrte. Doch da sie nicht die Absicht hatte, daß dies so das letzte Mal sei, wie es das erste gewesen war, und Federigo eben so wenig, so verabredeten sie, um nicht jedes Mal die Magd nach ihm ausschicken zu dürfen, folgendes Verhalten unter einander: er solle nämlich jeden Tag, wenn 256 Siebenter Tag. Erste Geschichte. er nach einer seiner Besitzungen, die etwas höher hinauf lag, ginge oder davon zurückkehrte, in einem Weinberg, der zur Seite ihres Hauses lag, auf den Schädel eines Esels Acht geben, den er auf einem jener Weinpfähle bemerken würde. Wenn dieser alsdann mit der Schnauze nach Florenz sähe, solle ec ihm andeuten, daß er sicher und ohne Fehl die folgende Nacht zu ihr kommen könne; fände er alsdann die Thür nicht offen, so möge er dreimal leise anpochen, worauf sie ihm sogleich öffnen würde. Sähe ec aber die Schnauze des Esels nach Fiesolc gewendet, so sollte er nicht kommen, weil dann Gianni dort sein würde. Auf diese Weise fanden sie sich denn oft und häufig zusammen. Doch unter andern Malen geschah es auch einst, daß, während Federigo mit Frau Tefsa, welche zwei fette Eapaunen hatte bereiten lassen, speisen wollte, Gianni, der nicht erscheinen sollte, ganz spät doch noch cintraf. Die Frau war trostlos hierüber, und er und sie speisten nun etwas Salzfleisch, das sie nebenher hatte kochen lassen, indeß sie von der Magd in einem weißen Tafeltuch die beiden gesottenen Kapaunen, nebst vielen frischen Eiern und einer Flasche guten Weins in den Garten tragen ließ, in den man gelangen konnte, ohne das Haus zu berühren, und wo sie gewohnt war, bisweilen mit Federigo zu essen. Alles dies befahl sie ihr, am Fuß eines Pfirsichbaumes, der neben einer kleinen Wiese stand, niederzusetzen. Und so heftig war der Zorn, den sie empfand, daß fie nicht daran dachte, der Magd zu befehlen, so lange zu warten bis Federigo erschiene, und ihm zu sagen, daß Gianni gekommen sei, und daß er diese Sachen im Garten zu sich nehmen möchte. Deshalb waren sie und Gianni denn kaum zu Bette gegangen und die Magd gleichermaßen, als Federigo ins Haus kam, und leise einmal an die Thür pochte, welche ihrer Schlafkammer so nah war, daß Gianni es augenblicklich vernahm und die Frau ebenso; doch um in Gianni Der Ehebrecher als Gespenst. 257 wo möglich keinen Argwohn zu erwecken, lhat sie, als schliefe sie fest. Fedecigo wartete einen Augenblick und klopfte dann zum zweiten Mal. Gianni hierüber verwundert, stieß die Frau ein wenig und sprach: „Tessa, hörst Du es denn nicht auch? es scheint man pocht an unsere Thür." Die Frau, die das Pochen noch besser gehört hatte, that als erwache sie aus tiefem Schlafe, und antwortete: „Was sprichst Du?" — „Ich sage," crwiederte Gianni, „daß es mir schien, als werde an unsere Thür gepocht." — „Gepocht?" fragte die Frau, „Weh mir, liebster Gianni, weißt Du nicht, was das ist? Das Gespenst ist es, vor dem ich alle diese Nachte her die größte Furcht gehabt habe, die man nur haben kann, so daß ich, sobald ich es hörte, sogleich den Kopf unter die Decke steckte und nicht den Muth gehabt habe, ihn hervor zu ziehen, als bis es Heller lichter Tag war." — „Gehe," entgegnete Gianni hieraus, „wenn das auch ist, so darfst Du nicht Furcht haben/ Frau. Ich habe vorhin das Iuo>8" und „lntainei'utn" gesprochen, und viele andere gute Gebete, als wir zu Bette gingen, und habe das Belte auch von einer Ecke zur andern im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes gesegnet, und darum hast Du nichts zu fürchten; denn, was das Gespenst auch vermögen mag, uns kann es nicht schaden." — Die Frau, um Federigo nicht zu anderm Argwohn Anlaß zu geben und sich so vielleicht mit ihm zu Überwerfen, überlegte, daß cs das Beste sei, aufzustehen und ihm bemerklich zu machen, daß Gianni da sei, und deshalb sprach sie zu dem Mann: „Gut, Du magst Deine Gebete sagen, ich aber halte mich nicht eher für sicher und gerettet, als bis wir es beschworen haben, da Du einmal bei mir bist."— „Und wie beschwört man das Gespenst?" fragte Gianni. — „Die Beschwörung verstehe ich;" antwortete die Frau, „denn als ich vorgestern nach Fiesole zur Jndulgenz ging, hat eine jener Eindsiedlerinnen (und 258 Siebenter Tag. Erste Geschichte. das, liebster Gianni, sind doch die heiligsten Wesen auf der Welt, und Gott mags Dir für mich sagen), als sie mich so furchtsam sah, mir eine heilige und treffliche Beschwörungsformel gelehrt, und mir versichert, daß sie sie oft erprobt habe, che sie Einsiedlerin geworden, und daß sie ihr immer genützt. Aber Gott weiß, ich allein würde nie den Muth gehabt haben, sie zu versuchen; doch jetzt, wo Du hier bist, laß uns gehen und das Gespenst beschwören." Gianni erwiederte, cs wäre ihm recht, und nachdem sie nun aufgestanden waren, schlichen sie sich beide leise zu der Thür, wo Federigo, schon etwas argwöhnisch, draußen noch wartete. Hier angekommen, sprach die Frau zu Gianni: „Jetzt mußt Du ausspucken, wenn ich es Dir sagen werde." — „Gut," sagte Gianni, und nun begann die Frau die Beschwörung und sprach: „O Nachtgespenst, o Nachtgespenst, das Du des Nachts umwandelst; mit steifem Schweife kämest Du, mit steifem Schweif gehst Du weg von hier; geh in den Garten; am Psirsichbaum, da findest Du ein fett Gericht und hundert Stuhlgänge meiner Henne: die Flasche setze an den Mund und hebe Dich fort, und lhue mir nichts und meinem liebsten Gianni." Dies gesagt, sprach sie zu dem Mann: „Nun spucke, Gianni," und Gianni spuckte. Federigo, welcher draußen stand und dies hörte, war mit einem Mal aller Eifersucht ledig, und fühlte trotz seines Trübsinns so herzliche Lust zum Lachen, daß er sich nicht halten konnte, und als Gianni ausspuckre, sprach er leise: „Spuck die Zähne aus!"— Als die Frau das Gespenst auf diese Weise dreimal beschworen hatte, kehrte sie mit ihrem Manne zu Belt zurück. Federigo, der mit ihr zu speisen gehofft und darum nichts gegessen hatte, verstand die Worte der Beschwörungsformel wohl, ging in den Garten, und fand am Fuß des großen Psi'rsichbaums die beiden Kapaune, den Wein und die Eier, die er mit sich nach Hause nahm und dort gemächlich verzehrte. Dann Der Ehebrecher als Gespenst. 259 aber, wenn er sich zu anderen Malen mit der Frau zusammen fand, lachte er noch viel über diese treffliche Beschwörung. Wahr ist es indeß, daß einige behaupten, die Frau habe den Schädel des Esels wohl nach Fiesole gewendet; aber ein Arbeiter, der durch den Weinberg ging, habe mit einem Stock darauf geschlagen und ihn so umwenden gemacht, daß er nach Florenz zu stehen geblieben sei, und Federigo, sich gerufen wähnend, erschienen sei, die Frau aber die Beschwörungsformel auf diese andere Weise angestimmt habe: „Geh fort, Gespenst, das in der Nacht umgeht; Den Eselskopf, den Hab ich nicht gedreht. Wer cs gethan, den möge Gott bestrafen. Laß mich und Gianni nunmehr weiter schlafen." Hierauf sei er denn fortgegangen und ohne Obdach und ohne Abendbrod geblieben. Aber eine meiner Nachbarinnen, eine schon sehr bejahrte Frau, versichert mich, das eins so richtig sei wie das andere, wie sie dies schon als Kind erfahren habe; doch daß die letzte Geschichte nicht dem Gianni Lotteringhi, sondern einem Anderen, der Gianni di Nello hieß und am Sanct Petersthor wohnte, widerfahren sei, einem nicht weniger einfältigen Pinsel, wie unser Gianni selbst war. Und darum, Ihr werthen Frauen, steht es denn in Eurer Wahl, von den beiden Formeln die anzunehmen, die Euch zumeist gefallt, oder wollt Ihr auch, beide. Ihre Wirkung ist in solchen Fällen erprobt, wie ihr aus meiner Erzählung gehört habt; lernt sie drum, und sie können Euch noch nützen. 260 Siebenter Tag. Zweite Geschichte. Zweite Geschichte. Peronella verbirgt ihren Liebhaber in einem Bottich, als ihr Man» plötzlich nach Hause kömmt, und da dieser das Faß verkauft verkauft hat, so macht sie ihm weiß, sie habe es an einen Ander» verhandelt, der darin sei, um zu sehen, ob es auch fest scheine. Dieser spingt heraus, läßt den Bottich von dem Manne ausschabe» und ihn dann nach Hause bringen. Ä)!it großem Gelachter war Emiliens Erzählung angehört, und von Allen wurde ihre Beschwörungsformel für gut und heilig gepriesen. Als sie geendet war, befahl der König dem Philostratus soctzufahren, welcher nun in folgender Art begann: „Theuerste Damen: der Streiche, welche die Männer Euch spielen, sind so viele, vor allen aber die der Ehemänner, daß Ihr nicht allein damit zufrieden sein müßt, wenn einmal eine Frau ihrem Manne einen solchen spielt, daß dies geglückt ist, und nicht allein erfreut, es wieder zu erfahren und es weiter erzählen zu.hören; sondern, daß Ihr selbst eilen müßt, cs zu verbreiten, damit die Männer erkennen, daß, wenn sie verschlagen sind, auch die Frauen darauf auszugehen wissen; eine Erkenntniß, die Euch nur nützlich sein kann, da, sobald man weiß, daß der andere Theil auch nicht auf den Kopf gefallen ist, man sich nicht mehr so leicht beigehen läßt, ihn betrügen zu wollen. Wer zweifelt also daran, daß das, was wir heute über diesen Gegenstand vortragen, wenn es die Männer wieder erfahren, ihnen nicht zum großen Anlaß gereiche, sie davon zurückzuhalten, Euch zu hintergehen, in- Der Hahnreih im Weinfaß. 261 dem sie einsehen, daß wenn Ihr nur wollt, Ihr sie eben so hinters Licht zu führen versteht? Darum ist es denn mein Vorsatz, Euch zu berichten, was eine junge Frau, obgleich von niederem Stande, fast in einem Augenblick zu ihrer Rettung ihrem Manne für einen Streich zu spielen wußte. Es ist noch nicht lange her, daß in Neapel ein armer Mann cine> schöne und anmuthige Jungfrau, Namens Peronella, zum Weibe nahm, und er, mit seinem Gewerbe, denn er war ein Maurer, sie aber spinnend, gewannen nun ziemlich kärglich ihren Lebensunterhalt, und erhielten sich, wie sie konnten. Nun geschah cs aber, daß einer von den galanten jungen Männern der Stadt einst die Peronella erblickte, großes Wohlgefallen an ihr fand, sich in sie verliebte und auf diese und auf jene Art so in sie zu dringen wußte, daß auch sie sich endlich mit ihm befreundete. Um nun aber öfter zusammen sein zu können, trafen sie folgende Verabredung unter sich: Da der Mann des Morgens früh aufzustehen pflegte, um zur Arbeit auszugehen oder solche aufzufuchen, sollte der junge Mann irgendwo verweilen, wo er ihn Weggehen sehen könnte, und da ihre Straße, welche Avocio hieß, sehr einsam war, so sollte er dann zu ihr ins Haus kommen, und auf diese Weife fügte es sich denn auch oft. Eines Morgens ereignete es sich jedoch, daß, als der gute Mann ausgegangen und Gianello Strignario, so hieß der Liebhaber, in das Haus getreten und mit Peronella beschäftigt war, der Eheherr, welcher sonst den ganzen Tag nicht wiederzukehren pflegte, nach kurzer Weile in das Haus zurückkam. Er fand die Thür von innen verschlossen, klopfte an und begann nach einigem Pochen zu sich selbst zu sagen: „Herr Gott, gelobt seist Du immerdar! Denn hast Du mich gleich zu einem armen Manne gemacht, so hast Du mich wenigstens mit einer guten und ehrbaren Frau gesegnet. Sieh nur einer, wie sie gleich hinter mir die Thür verschlossen hat, sobald ich fort war, 262 Siebenter Lag. Zw eite'Geschichte. damit Niemand hereinkommen könne, der ihr zu schaffen machte." Peronella, die den Mann hörte (denn sie kannte ihn schon an der Art des Klopfens) rief aus: „Weh mir, mein Gianello, ich bin verloren; da ist mein Mann, den Gott verderbe, der heimkehrt, und ich weiß nicht, was das bedeuten soll; denn im Leben kehrt er sonst nicht zu dieser Stunde heim, und vielleicht hat er Dich gar gesehen, als Du eintratcst. Aber um Gotteswillen, wie es damit auch sei, verbirg Dich in diesem Bottich, den Du dort siehst, und ich will ihm aufmachen, und wir wollen dann' sehen, was es mit diesem Heimkehren so früh am Morgen zu bedeuten hat." Gianello war flink in den Bottich, Peronella aber ging zur Thür, öffnete dem Mann und sagte mit zorniger Miene zu ihm: „Nun, was ist das für eine Neuigkeit, daß Du heute Morgen so früh nach Hause kommst? Wie es scheint, hast Du heute nicht Lust, irgend etwas zu thun, da ich Dich mit Deinem Werkzeug in der Hand zurückkommen sehe. Wenn Du es so machst, wovon sollen wir leben, wo wollen wir Brot hernehmen? Glaubst Du, ich werde ja dazu sagen, daß Du mir meinen Nock versetzest und meine übrigen armen Kleider? Ich, die ich Tag und Nacht nichts thue, als spinnen und spinnen, so daß ich mir das Fleisch schon von den Fingern weggesponnen habe, um wenigstens so viel Oel zu haben, daß unsere Lampe davon brennen kann. O Mann, Mann, keine Nachbarin ist umher, die sich nicht darüber wundert und mich zum Besten, hat, über die Beschwerniß und Mühe, die ich trage, und nun kehrst Du mir nach Hause zurück mit baumelnden Händen, während Du an der Arbeit 'sein solltest." Und dies gesagt sing sie an zu weinen und rief von Neuem: ,;Wehe mir, Unglücklichen, weh mir Betrübten, die ich zu übler Stunde geboren bin und die ich zu meinem Unglück hieher gerietst! Einen Jüngling von Stand und Vermögen hätte ich haben können, und ich Der Hahnreih im Weinfaß. 263 verschmähet ihn, um zu diesem zu kommen, der nicht daran denkt, wen er in sein Haus geführt hat. Andere leben gute Zeit mit ihren Liebhabern, und Keine ist weit und breit, die nicht ihrer zwei oder drei hatte, und froher Dinge sind sie, und machen dem Mann ein T für ein U vor, und ich Unglückliche, weil ich so gut bin und mit solchen Geschichten mich nicht befasse, lebe schlechte Tage und im Elend. Fürwahr, ich weiß nicht, warum ich mir nicht auch solch einen Liebhaber nehme, wie alle Andere cs machen. Glaube nur, mein Schatz, wenn ich es wollte, ich würde schon meinen Mann finden: denn es gibt gar zierliche Leutchen, die mich lieb haben und mir wohl wollen und die mir viel Geld haben anbieten lassen, oder wenn ich lieber wollte, Kleider und Geschmeide; aber mein Herz hat es nimmer zugegeben, denn ich bin keines Weibes Kind dafür, und nun kehrst Du mir nach Hause zurück, indeß Du an der Arbeit sein solltest." „Um Gottes Willen, Frau," erwiederte der Mann, „gieb Dich darum nicht der Trübsal hin. Du kannst glauben, daß ich weiß, wer Du bist, und erst heute Morgen habe ich das wieder zum Theil eingesehen. Wahr ist's, daß ich vorhin aus Arbeit ausging; aber ich sehe, daß Du es eben so wenig gewußt hast, als ich selbst; es ist heute St. Ga- leonssest, und Arbeit gibt es nicht, und darum kehre ich zu dieser Stunde zurück. Aber dessenungeachtet habe ich vorgesocgt und Mittel gefunden, daß wir Brot haben für länger als für einen Monat hintereinander; denn ich habe diesem Mann, den Du hier bei mir siehst, den Bottich verkauft, den Du kennst und der uns schon so lange nur im Hause zur Last ist, und er gibt mir fünf Lilienducaten dafür." Hierauf entgegnen Peronella: „Alles das ist blos zu meinem Aerger; Du, der Du ein Mann bist und umher gehest und von den Dingen der Welt wissen solltest, hast einen Bottich für fünf Dukaten verkauft, den ich als Frau, die fast nimmer vor die Thür kommt, weil er uns im 264 Siebenter Lag. Zweite Geschichte. Hause doch nur zur Last ist, für sieben Ducaten an einen guten Mann verkauft habe, der eben, als Du zurückkehrtest, da hinein gekrochen ist, um zu sehen, ob er auch fest wäre." Als der Mann dies hörte, war er mehr als zufrieden, und sagte zu dem, der wegen des Fasses gekommen war: „Geh mit Gott, guter Mann, denn Du hörst, daß meine Frau es für sieben verkauft hat, da Du mir nur fünf Dukaten geben wolltest." — „In Gottes Namen," sagte der Mann und ging davon. Peronella aber sprach zu ihrem Mann: „Komm nun herein, da Du einmal da bist, und mache nun selbst mit ihm unsere Sache ab." Gianello, der mit gespitzten Ohren auf der Lauer stand, um zu vernehmen, ob er irgend etwas zu fürchten oder vorzukchrcn habe, hatte Peronella's Worte kaum vernommen, als er sich flink aus dem Bottich machte, und, als hatte er nichts von der Rückkehr des Mannes gehört, zu rufen begann: „Wo bist Du, gute Frau." — Der Mann, der eben eintrat, antwortete: „Hier bin ich, was begehrst Du?" Hierauf sprach Gianello: „Wer bist denn Du? Ich suche die Frau, mit der ich den Handel wegen des Fasses schloß." — „Mach es nur mit mir sicher," sagte der Andere, „denn ich bin ihr Mann."— „Der Bottich scheint mir gut," crwiederte Gianello darauf, „aber es scheint, Ihr habt Hefen darin gehabt, denn er ist drinnen ganz mit etwas so Festem überzogen, daß ich cs nicht mit den Nageln abkratzen kann: und darum nehme ich ihn nicht, ehe ich ihn nicht ganz rein sehe." — „Nun" sprach Peronella, „darum braucht der Handel nicht zurück zu gehen; mein Mann wird ihn Euch rein machen." „Ja wohl," entgegnete der Mann; darauf legte er sein Werkzeug nieder, zog sich bis aufs Hemd aus, ließ ein Licht anzünden, sich eine Trogscharce geben, schlüpfte dann hinein und sing an zu schaben. Peronella aber, als wollte sie sehen, was er machte, steckte den Kopf in die 265 Die Besprechung der Würmer. Oeffnung des Bottichs, die nicht allzu groß war, und einen Arm und die Schulter mit ihm, und rief ihm zu: „Kratze, hier und hier, und dann dort, lieber Mann; sieh hier ist noch ein Bischen geblieben!" Wahrend sie so stand und den Mann erinnerte und ermahnte, machte Gianello, der diesen Morgen sein Verlangen noch nicht vollkommen befriedigt hatte, als der Ehemann erschien, sich daran, da er sah, daß er nicht konnte, wie er wollte, seine Sache abzuthun, wie cs ging, und auf die Frau zutretend, die die ganze Oeffnung des Bottichs verschlossen hielt, brachte ec aus dieselbe Art, wie in den weiten Steppen die zügellosen und brünstigen Rosse über die Stuten Parthiens herzufallen pflegen, seinen jugendlichen Wunsch zur Ausführung, und vollendete ihn fast in demselben Augenblicke, als der Bottich ausgeschabt war; dann machte er sich zurück, Peronella zog den Kopf aus dem Faß, und ihr Mann trat heraus. Nun sprach die Frau zu Gianello: „Nimm dies Licht, guter Mann, und sieh zu, ob es jetzt nach Deinem Gefallen rein ist." Gianello sah hinein und sagte, es sei gut und er wäre zufrieden; dann bezahlte er die sieben Dukaten und ließ den Bottich nach seinem Hause tragen." Dritte Geschichte. Bruder Rinaldo schläft bei seiner Gevatterin: der Mann überrascht sie in ihrer Kammer, und man macht ihm weiß, daß Jener seinem Pathen die Würmer beschwöre. H)hilostratus hatte nicht so dunkel von den parthischen Rossen sprechen können, daß die scharfsichtigen Damen ihn nicht sollten verstanden und, indem sie thaten, als lachten Dekameron. II. l 2 266 Siebenter Tag. Dritte Geschichte. sie über etwas Anderes, darüber sollten gelocht haben. Doch als der König seine Erzählung geendet sah, befahl er Elisen weiter zu reden; diese, zu gehorchen bereit, begann sogleich: „Anmuthige Mädchen, die Beschwörung von Emiliens Gespenst hat mir eine andere Beschwörungsgcschichte ins Gedächtniß zurückgerufen, die ich, obgleich sie so schön nicht ist, als jene war, Euch doch, da mir nicht gleich eine andere Erzählung über unfern Stoff einfällt, vortragen will. Ihr müßt also wissen, daß in Siena einst ein junger Mensch, hübsch und von angesehener Familie, lebte, welcher Rinaldo hieß. Dieser liebte eine äußerst schöne Dame seiner Nachbarschaft, die Frau eines reichen Mannes, und da ec hoffte, wenn er sie nur einmal ohne Verdacht zu sprechen Mittel fände, von ihr gewinnen zu können, was ec wünschte, so beschloß er, da er keinen andern Weg hierzu sah, und die Frau eben guter Hoffnung war, ihr Gevatter zu werden. Er machte sich daher an ihren Mann, trug ihm dies auf die Weise, die ihm die anständigste dünkte, vor, und cs geschah. Als Rinaldo nun so der Gevatter der Frau Agnese geworden war und nun einen scheinbaren Vorwand besaß, mit ihr zu verkehren, so faßte er Muth und ließ seine Wünsche durch Worte erkennen, wie sie schon lange vorher in dem Ausdruck seiner Augen sie erkannt hatte. Doch anfangs nützte ihm das wenig, obgleich der Dame nicht zu misfallen schien, was sie von ihm gehört hatte. Nicht lange darauf ereignete sich, was auch die Ursache davon sein mochte, daß Rinaldo Mönch wurde, und, mochte er nun seine Rechnung dabei finden oder nicht, ec blieb es. Einigermaßen mochte er nun wvl um die Zeit, wo er Geistlicher wurde, die Liebe zu seiner Gevatterin und zu gewissen andern Nichtigkeiten bei Seite gesetzt haben, allein im Verlauf der Zeit, und ohne sein Gewand darum abzulegen, nahm er diese doch alle wieder aus, fing Die Besprechung der Würmer. 267 wieder wie sonst an, sich an glanzender Kleidung und feinen Stoffen zn gefallen, in allen seinen Sachen zierlich und geschmückt zu erscheinen, Canzonen, Sonetten und Balkaren zu dichten, Lieder zu singen und lauter ähnliche Dinge zu treiben. Doch was rede ich von unserm Bruder Rinaldo, von dem wir hier sprechen? Wo sind die Mönche, die es nicht ebenso treiben? O Schmach unserer verdorbenen Welt! Sie scheuen sich nicht mehr, dick und fett und hochroth im Gesicht zu erscheinen, weichlich in ihren Kleidern und in allen übrigen Dingen auszutreten, und nicht wie Tauben, sondern wie stolze Hahne mit erhobenem Kamme und aufgeblasener Brust einher zu schreiten, und was noch schlimmer ist, (denn wir wollen hier übergehen, daß sie ihre Zellen voll von Krügen mit Latwergen und Salben, voll von Schachteln mit mancherlei Confect, voll Caraffen und Phiolen mit wohlriechenden Wassern und Oelen, mit Flaschen voll Malvasier, griechischen und andern kostbaren Weinen haben, sodaß diese weniger -Mönchszellen, als Spezerei- und Salbenläden gleichen, wenn man sie so ansieht), ja, was schlimmer ist als dies, sie scheuen sich nicht mehr, daß Andere es erfahren, daß sie die Gicht haben, und glauben zuversichtlich, kein Mensch wisse, daß die Fasten, die einfachen und mäßigen Speisen und das nüchterne Leben den Menschen mager, beweglich und meistens gesund halten, und daß, wenn er ja davon krank wird, er wenigstens nicht an der Gicht leide, der man als Kur die Enthaltsamkeit und Alles, was sonst zu der Lebensweise eines bescheidenen Mönchs gehört, vorzuschreiben Pflegt. Sie glauben nicht, die Welt wisse, daß, außer der Mäßigkeit, auch die langen Nachtwachen, das Gebet und die Geißelung den Menschen blaß und niedergeschlagen machen, und daß wahrlich weder Sanct Dominicus noch Sanct Franciscus vier Kappen für eine besaßen, und sich nicht in hochfeine und köstlich gefärbte Tücher kleideten, sondern in solche von grober Wolle und natürlicher Farbe, 12 * 268 Siebenter Tag. Dritte G-schichre. nicht um zu glänzen, sondern blos um die Kälte abzuwehren. Allen diesen Verirrungen möge Gott steuern, wie es der Seele der Thoren, die sie nähren, Noth thut. So war denn unser Bruder Rinaldo wieder zu seinen frühem Wünschen zurückgekchrt, sing wieder an, die Gevatterin häufig zu besuchen und, als ihm der Muth wuchs, mit heftigerem Dringen als zuvor, sie um Das zu ersuchen, was er von ihr wünschte. Die gute Frau, welche sich nun so bedrängt sah, und der Bruder Rinaldo jetzt vielleicht hübscher schien als zuvor, flüchtete eines Tages, als sie sich wieder sehr von ihm verfolgt sah, zu Dem, wohin alle Diejenigen flüchten, welche den Wunsch haben, Das zu bewilligen, warum sie gebeten werden, und sprach: „Wie, Bruder Rinaldo, thun denn auch) Mönche dergleichen?" — Hierauf entgegncte der Pater: „Madonna, werfe ich nur die Kappe von mir, was ich ganz leicht vermag, so scheine ich Euch gewiß ein Mensch wie jeder Andere und wahrlich kein Mönch mehr." Die Frau spitzte den Mund, als wollte sie lachen, und erwiderte: „Weh mir Armen, Ihr seid ja mein Gevatter, wie ginge das an? Das Unrecht wäre zu groß, und ich habe oft gehört, daß auch die Sünde allzu schwer ist, und fürwahr, wenn das nicht wäre, so thäte ich, was Ihr wollt." — „Ihr seid eine Thörin," entgegncte Rinaldo hierauf, „wenn Ihr es darum nicht thun wollt. Ich sage nicht, daß es nicht sündlich sei; aber größere Fehler vergibt Gott, wenn man sie bereut. Nun aber sagt mir, wer ist näher mit Eurem Sohne verwandt, ich, der ich ihn über die Taufe hielt, oder Euer Mann, der ihn erzeugte?" Die Frau erwiderte: „Allerdings ist mein Mann ihm näher verwandt." — „Ihr sagt richtig," erwiderte der Mönch; „und wie, schläft nun Euer Mann etwa nicht bei Euch?" — „Allerdings," erwiderte die Frau. „Nun denn," sprach der Mönch, „so kann auch ich, der ich mit Eurem Sohn viel weniger verwandt bin, als Euer Mann, bei Euch schlafen, so gut wie dieser." 269 Die Besprechung der Würmer. Die Frau, welche wenig Logik verstund und überdies nur noch geringer Ueberredung bedurfte, glaubte oder that wenigstens, als glaube sie, was der Mönch sagte, und erwiderte: „Wer wüßte wol auf Eure weisen Reden zu antworten?" — Dann aber, der Gevatterschaft zum Trotz, ergab sie sich darein, zu thun, was er begehrte und nicht für einmal blos fingen sie damit an, sondern von dem Deckmantel der Gevatterschaft gemächlich geschützt, da der Argwohn hierdurch geringer ward, fanden sie sich dann mehr und öfter zusammen. Doch einmal unter andern geschah es, daß, als Bruder Rinaldo zu dem Hause der Frau kam und Niemand dort erblickte, als eine kleine Magd derselben, hübsch und freundlich genug, er seinen Begleiter mit dieser nach dem Taubenschlag schickte, um ihr das Paternoster zu lehren, während er mit der Frau, die ihren kleinen Sohn an der Hand hatte, in eine Kammer trat, sich darinnen verschloß und auf einem Ruhebette, das dort stand, mit ihr seinen Scherz zu treiben anfing. So noch verweilend, begab es sich, daß der Gevatter heimkehrte und, ohne von Jemand gehört zu sein, die Kammerthür erreichte, dort anklopfte und seine Frau rief. Als Frau Agnese dies hörte, rief sie aus: „Ich bin verloren! Da ist mein Mann, und jetzt wird er ohne Zweifel erkennen, was die Ursache unserer Vertraulichkeit ist." — Bruder Rinaldo war entkleidet, das heißt ohne Kaputze und Scapulier, in kurzer Unterkutte. „Ihr habt recht," entgegnete er, als er dies hörte; „wäre ich nur angekleidet, so fänden wir wol Mittel; doch öffnet Ihr ihm, und er findet mich so, so gibt es keine Ausflucht." — Die Frau, von einem plötzlichen Einsall erleuchtet, erwiderte: „Zieht Euch nur an, und wenn Ihr damit fertig seid, nehmt Euren Pathen in den Arm und gebt wohl Acht auf Das, was ich ihm sagen werde, sodaß Eure Reden mit den meinen übereinstimmen; dann aber laßt mich nur machen." — 270 Siebenter Lag. Dritte Geschichte. Der gute Manu hatte noch nicht aufgehört zu pochen, als die Frau ihm antwortete: „Ich komme ja schon." Dann stand sie auf, trat mit einem freundlichen Gesicht an die Thür der Kammer, öffnete sie unb sprach: „Liebster Mann, ich sage Dir, unser Gevatter, Bruder Rinaldo, ist hergekommen und gewiß von Gott uns zugeschickt; denn wahrhaftig, wäre er nicht dazu gekommen, heute hätten wir unfern lieben Sohn verloren." — Als der gute Pinsel dies hörte, wollte er fast vergehen und rief: „Wie sagst Du?"— „Ja, lieber Mann," sprach die Frau, „aber vorher siel ec mir in eine solche Ohnmacht, daß ich glaubte, er wäre mausetodt; und ich hätte nicht gewußt, was zu thun, oder zu sagen, wenn unser Gevatter Rinaldo nicht dazu gekommen wäre und ihn um den Hals genommen und gesagt hätte: „„Gevatterin, das sind blos Würmer, die ec im Leibe hat, die ihm an das Herz hinaufsteigen und ihn leichtlich umbringen könnten; aber besorget nichts; ich will sie ihm besprechen und sie alle todt machen, und ehe ich von hinnen gehe, sollt Ihr Euren Sohn wieder so gesund sehen, wie jemals;"" und weil Du uns denn fehltest, um einen Theil der Beschwörung zu sprechen, und die Magd Dich nicht zu finden wußte, so ließ er seinen Kameraden an die höchste Stelle unseres Hauses hinaufsteigen und dort beten, und er und ich traten hier hinein. Und weil kein Anderer als die Mutter deS Kindes dabei sein darf, so schloffen wir uns hier ein, damit uns Niemand störe, und Du siehst, noch hat er unser Kind im Arm. Ich denke, er wartet nur, daß sein Kamerad mit Beten fertig ist, und das muß ec wol sein, denn der Knabe ist schon wieder bei sich." Der arme Pinsel glaubte alle diese Dinge, und so umstrickte ihn die Liebe zu dem Kinde, daß er keine Ahnung von der List hatte, welche die Frau gegen ihn spielen ließ; vielmehr stieß er einen mächtigen Seufzer aus aus und sprach: „Laß mich gehen ihn zu sehen."— Bei Die Besprechung der Würmer. 271 nur verderben, was gut gemacht ist; doch warte, ich will sehen, ob Du kommen kannst, dann will ich Dich rufen." Pater Rinaldo, der Alles mit angehört und sich ganz gemächlich wieder angezogen hatte, nahm nun das Kind in den Arm, als Alles wieder in gehöriger Ordnung war, und rief: „Frau Gevatterin, höre ich nicht den Herrn Gevatter dort?" „Ja wohl, Herr," erwiderte der Pinsel. „Nun," sprach der Mönch," so kommt dock) her!" — Der einfältige Geselle trat ein. „Hier, nehmt Euren Sohn," sprach Pater Rinaldo zu ihm, „den die Gnade des Herrn wieder gesund gemacht hat, indeß ich noch eben erst glaubte, Ihr würdet ihn vor Abend verblichen sehen; und nun macht und laßt eine Statue von Wachs, von derselben Größe wie er, zum Lobe des Herrn vor der Bildsäule des heiligen Herrn Ambrosius, um dessen Verdienstes willen der Himmel Euch diese Gnade erwiesen hat, aufstellen." Als der Knabe den Vater erblickte, lief er auf ihn zu und liebkosete ihn, wie kleine Kinder zu thun pflegen. Dieser nahm ihn auf den Arm, vergoß Freudenthränen, nicht anders, als wenn er ihn eben aus dem Grabe gezogen hätte, und sing dann an ihn zu küssen und seinem Gevatter, der ihn ihm geheilt hatte, zu danken. Bruder Ninaldo's Kamerad (der der kleinen Magd unterdeß nicht ein, sondern vielleicht mehr als vier Paternoster gelehrt und ihr eine kleine Börse von weißem Zwirn, welche ihm eine Nonne geschenkt, verehrt, auch sie zu seinem Beichtkindc gemacht hatte), hatte den gläubigen Pinsel nicht sobald an der Thür rufen hören, als er leise dahin herbeikam, von wo er Alles sehen und hören konnte, was vorging und geschah. Als er die Sache in gutem Gleise sah, kam er herab, trat in die Kammer und sprach: „Bruder Rinaldo, die vier Gebete, die Ihr mir aufgege- bcn habt, habe ich alle gesprochen." — „Mein Bruder," entgegnete der Pater hierauf, „Du mußt einen guten Athem haben und hast Deine Sache wohl gemacht. Ich meiner 272 Siebenter Tag. Biert'e Geschichte. Seits hatte erst zwei gesagt, als der Gevatter kam; aber der Herr hat uns um Deiner und meiner Anstrengung willen Gnade erwiesen, und der Knabe ist geheilt." — Der betrogene Kauz ließ nun guten Wein und Backwerk herbeibringcn und erwies seinem Gevatter und dessen Kameraden die größte Ehre mit Stärkungen, wonach sie größeres Bedürfniß hatten, als nach irgend etwas Anderem. Dann begleitete er sie aus dem Hause und empfahl sie dem Himmel. Ohne Aufschub aber ließ er das Wachsbild machen und dies neben den andern vor der Bildsäule des heiligen Ambrosius, doch nicht vor der zu Mailand, aufhängen." liierte Geschichte. Tofano sperrt seine Frau eine Nacht vor dem Hause aus, und da diese aus ihre Bitten keinen Einlaß erhalten kann, so thut sie, als stürze sie sich in einen Brunnen, indem sie einen großen Stein hineinwirft; Tofano kommt hierauf aus dem Hause, die Frau schleicht sich hinein und sperrt nun ihn aus, indeß.sie ihn zugleich ausschilt und verhöhnt. Äls der König Elisens Geschichte geendet sah, wandte ec sich ohne Zögern zu Lauretta, und zeigte ihr dadurch, daß er wünsche, daß sie erzähle; weshalb diese denn ohne anzustehen, also begann: „O Liebe, wie groß und gewaltig ist deine Macht! Wie fein dein Rath und wie sinnreich deine Erfindungen! Welcher Weise, welcher Künstler könnte jemals solche Listen erfinden, solche Ausflüchte ersinnen, solche Eingebungen liefern, wie du Denen, die deinen Spuren folgen, plötzlich darbietest? Fürwahr, jede andere Unterweisung Der Brunnen des Tofano. 273 ist langsam und schwerfällig im Vergleich zu der deinen, wie Jeder aus den Geschichten ersehen kann, die Euch hier vorgetragen wurden. Zu diesen, Ihr liebenswürdigen Frauen, will auch ich nun noch eine List hinzufügen, zwar von einer einfachen Frau angewendet, aber der Art, daß ich nicht wüßte, wer anders als die Liebe ihr diese hätte eingeben können. In Arezzo lebte also einst ein reicher Mann, welcher Tosano hieß, und welcher eine sehr fchöne Frau, deren Name Monna Ghita war, zum Weibe erhalten hatte, auf die er denn auch bald genug und ohne zu wissen warum höchst eifersüchtig wurde. Hierüber erzürnte sich die Frau endlich, und nachdem sie ihn mehrmals um die Gründe zu seiner Eifersucht gefragt, und er keine anderen anzuführen gewußt hatte, als ganz allgemeine und schlechte, kam ihr der Entschluß ein, ihn an dem Uebel wirklich erkranken zu lasten, vor dem er ohne Grund solche Furcht hatte. Sie hakte bemerkt, daß ein junger Mann, nach ihrer Meinung sehr achtbar, sie mit liebendem Auge beobachtete, und sing nun vorsichtig an, sich mit ihm zu verständigen. Schon waren die Sachen zwischen ihm und ihr so weit gediehen, daß nichts mehr übrig war, als mit der That den Verabredungen Wirkung zu geben, da dachte die Frau darauf, wie sie auch hierzu Mittel fände. Unter den Übeln Angewöhnungen ihres Mannes hatte sie erkannt, daß er an dem Trünke sehr großes Vergnügen fand, und fing nun an, ihm diesen nicht allein zu empfehlen, sondern ihn auch gar häufig auf listige Weise zum Trinken herauszufordern. Und dies ward denn bald so sehr Gewohnheit bei ihm, daß sie ihn fast jedes Mal, wenn es ihr genehm war, bis zum Rausch verleitete, sobald sie ihn betrunken sah, ihn zu Bette schickte, und sich alsdann zuvörderst mit ihrem Liebhaber zusammensand, später aber sicher und häufig diese Zusammenkünfte fortsetzte. Ihr Vertrauen auf seinen Rausch war so groß, daß sie nicht 12 ** 274 Siebenter Tag. Vierte Geschichte. allein den Muth hatte, den Geliebten in ihr Haus zu führen, sondern selbst zuweilen einen großen Theil der Nacht in dem seinigen zubrachte, welches von dem ihren gar nicht weit entfernt war. Indem nun das verliebte Weib in dieser Weise zu leben fortfuhr, bemerkte ihr jämmerlicher Gemahl doch einst, daß sie bei aller Aufforderung zum Trinken selbst niemals trank. Hieraus schöpfte er Verdacht, es könne wohl so sein, wie es wirklich war, daß nämlich die Frau ihn nur berauscht machen wolle, um dann ihrem Vergnügen nachzugchen, während er schliefe. Entschlossen, zu erproben, ob dem so wäre, stellte er sich eines Abends, ohne am Tage getrunken zu haben, in Sprache und Betragen als der betrunkenste Mensch, der jemals auf der Welt war. Die Frau glaubte dies, und indem sie annahm, daß er nicht mehr zu trinken brauche, um gut zu schlafen, eilte sie, ihn schnell ins Bett zu stecken. Dies gcthan, machte sie sich, wie sie schon öfter zu thun gewohnt war, aus dem Hause und zu dem ihres Liebhabers hin, wo sie bis zur Mitternacht verweilte. Als Tofano seine Frau nicht mehr im Hause sah, stand er schnell auf, ging zur Thür hin, schloß diese von inwendig zu und begab sich nun ans Fenster, um sie zurückkehrcn zu sehen und ihr dann zu zeigen, daß er ihre Kunstgriffe durchschaut habe. Und so lange blieb er nun hier, bis die Frau heimkehrte. Als diese an das Haus kam und sich ausgeschlossen sah, war sie sehr bestürzt und begann zu versuchen, ob sie die Thüre mit Gewalt öffnen könne. Nachdem Tofano dies nun eine Zeit lang mit angesehen halte, rief er hinab: „Frau, Du mühest Dich umsonst, denn hier hinein kommst Du nicht; geh und kehre dahin zurück, wo Du bis jetzt jetzt gewesen bist, und sei überzeugt, Du kommst hier nimmer wieder herein, bis ich Dir dieserwegen in Gegenwart Deiner Verwandten und Nachbarn diejenige Ehre erwiesen habe, die Du so sehr Der Brunnen des Tofano. 275 verdienst." Nun fing die Frau cm, ikrn um Gottes Liebe willen zu bitten, daß er so gut sein möchte, ihr aufzumachen; denn sie käme nicht von daher, von wo er glaubte, sondern sie habe bei einer Nachbarin gewacht, die in den langen Nachten nicht schlafen könne und auch nicht allein im Hause wach bleiben. Ihre Bitten halfen ihr jedoch nichts, denn jener rohe Tölpel war entschlossen, daß alle Einwohner von Arezzo ihre Schmach erfahren sollten, welche bis dahin Niemand gewußt hatte. Als die Frau sah, daß das Bitten nichts half, nahm sie zum Drohen ihre Zuflucht und sprach: „Machst Du mir nicht auf, so will ich Dich zum unglücklichsten Menschen machen, der am Leben ist." — „Was kannst Du mir thun?" entgegnete Tofano hierauf.— Die Frau, welcher Amor bereits mit seinen Rathschlagen den Geist geschärft hatte, erwiderte ihm: „Ehe ich die Schmach dulde, die Du mir unverdient erweisen willst, eher stürze ich mich in diesen Brunnen, der hier nahe bei ist, und wenn ich dann hier todt gefunden werde, so wird Niemand anders glauben, als daß Du in Deiner Trunkenheit mich hineingestürzt habest; dann wirst Du entweder fliehen müssen und verlieren, was Du besitzest, und in der Verbannung leben, oder man wird Dir als meinem Mörder, wie Du es dann wirklich gewesen sein wirst, den Kopf abschlagen." — Doch auch diese Worte entfernten den Tofano nicht von seinem thörichten Entschluß. Deshalb rief die Frau denn aus: „Nun sieh, ich kann Dein widerwärtiges Beginnen nicht länger ertragen. Gott verzeihe Dir: laß meinen Wecken wegnehmen, ich lasse ihn hier." Dies gesagt, ging sie durch die Nacht, welche so finster war, daß man sich kaum einander auf der Straße sehen konnte, zu dem Brunnen hin, ergriff einen mächtigen Stein, der unten an der Einfassung lag, rief noch einmal: „Gott verzeihe mir!" und ließ den Stein dann in den Brunnen hinabfallen. Dieser machte, indem er das Wasser erreichte, ein gewaltiges Geräusch, das Tofano 276 Siebenter Lag. Vierte Geschichte. nicht sobald vernahm, als er auch zuversichtlich glaubte, sie habe sich wirklich hineingestürzt; schnell ergriff er daher den Eimer und den Strick, eilte aus dem Hause, um sie zu retten, und rannte zu dem Brunnen hin. Die Frau, welche sich unterdeß nahe an der Thür des Hauses versteckt hielt, schlüpfte, sobald sie ihn auf den Brunnen zueilen sah, leise in das Haus, schloß sich darinnen ein, trat dann selbst an das Fenster und sprach zu sich selbst: „Wasser soll man zugießen, so lange man trinkt; nicht hinterdrein in der Nacht." Als Tofano sie hörte, erkannte er den Possen, den sie ihm gespielt, und kehrte zu der Thür zurück; hier konnte er jedoch nicht hinein und fing nun an, von der Frau zu begehren, daß sie ihm öffnen möchte. Sie aber hörte jetzt auf, leise wie sie bis dahin gethan hatte, zu sprechen, und erwiderte ihm mit lauter Stimme und fast schreiend: „Gottes Kreuz, widerwärtiger Trunkenbold, Du kommst diese Nacht nicht ins Haus. Ich kann Deine Manieren nicht länger dulden, und Jedermann muß ich zeigen, wes Geistes Kind Du bist, und daß Du erst um diese Stunde nach Hause kommst." Tosano seiner Seits, nicht wenig hierüber erzürnt, sing an zu lärmen und ihr Schmähungen zuzurufen. Die Nachbarn hörten den Lärm, Männer und Frauen standen auf, stürzten an die Fenster und fragten, was das für ein Lärmen wäre. Nun sing die Frau an zu weinen und rief: „Nichts anders, als dieser schändliche Mensch ist es, der mir jeden Abend betrunken nach Hause kommt, oder in den Kneipen ausschläst und dann zu dieser Stunde heimkehrt; lange habe ich es verschmerzt, und es hat mir nichts geholfen; jetzt habe ich es nicht länger tragen können und habe ihm die Schande machen müssen, ihn aus- zusperren, um zu sehen, ob das ihn vielleicht bessern wird." — Der Tölpel Tofano von der andern Seite erzählte, wie die Sache gewesen war, und drohte ihr heftig. Aber die Frau rieft ihren Nachbarn zu: „Nun seht Der Brunnen des Tofano. 277 nur, was das für ein Mensch ist! Was würdet Ihr sagen, wenn ich so auf der Straße stände wie er, und er im Hause wäre, wie ich? Gottestreu, ich zweifle nicht, Ihr würdet glauben, er sagte die Wahrheit. Daran aber könnt Ihr seinen Sinn erkennen. Gerade behauptet er, daß ich gethan hätte, was er begangen hat, wie ich mir denke. Er wollte mich schrecken, indem er, ich weiß nicht was, in den Brunnen warf; aber wollte Gott, er hätte sich nur wirklich hineingestürzt und wäre darin ertrunken, damit wenigstens der Wein, den er zuviel getrunken hat, gehörig mit Wasser gemengt worden wäre." Nun singen die Nachbarn, Männer und Frauen, an, alle auf Tofano zu schelten und ihm Unrecht zu geben und ihn laut wegen Dessen zu schmähen, was er gegen seine Frau vorbrachte; und kurz, so gewaltig wuchs der Lärm von Nachbar zu Nachbar an, daß er endlich bis zu den Verwandten der Frau gelangte. Diese eilten herbei und, nachdem sie die Sache von einem und dem andern Nachbar vernommen, nahmen sie den armen Tofano in die Mitte und theilten ihm so viel Püffe mit, daß sie ihm fast die Glieder zerbrachen. Dann traten sie in das Haus, nahmen die Sachen der Frau, führten diese mit sich hinweg und drohten dem Tofano noch Schlimmeres. Tofano sah nun wohl, daß er übel angekommen sei, und erkannte, wohin seine Eifersucht ihn geführt; mit Mühe gewann er, da er seine Frau von Herzen liebte, noch einige vermittelnde Freunde und brachte es endlich dahin, daß ec in Frieden die Frau in sein Haus zurückbekam. Dieser gelobte er nun, nie wieder eifersüchtig zu sein, und »erstattete ihr überdieß, ganz ihrem Vergnügen nachzugehen, jedoch so vorsichtig, daß er es nicht gewahr ^ würde. Und so verfuhr er nach dem Sprichwort: „Der » dumme Bauersmann nimmt erst die Prügel und verträgt » sich dann." Unter uns aber lebe die Liebe und es sterbe I der Krieg mit der ganzen Sippschaft!" 278 Siebenter Tag. Fünfte Geschichte. Fünt'te Geschichte. Ein Eifersüchtiger Hort, als Priester verkleidet, seine Frau zur Beichte, welche ihm weiß macht, daß sic einen Pater liebe, der jede Nacht zu ihr komme, und während der Eifersüchtige nun diesem au der Thür verborgen auflaucrt, läßt die Frau ihren Liebhaber über das Dach zu sich kommen, und verweilt mit ihm. Äaurctta hatte ihre Erzählung geendet, und Jeder lobte die Frau, daß sie recht gethan und dem Schächer erwiesen habe, was ihm gebühre, als der König, um keine Zeit zu verlieren, sich gegen Fiammetta wandte und das Amt des Erzählens freundlich aus sie übertrug; weshalb diese denn auch folgendermaßen begann: „Sehr edle Damen, die vorhergehende Geschichte legt mir gleichsam die Pflicht auf, gleichermaßen von einem Eifersüchtigen zu erzählen, indem ich der Meinung bin, daß, was die Frauen gegen Solche ausüben, besonders aber, wenn Jene ohne Ursache eifersüchtig sind, ganz recht geschehe und ihnen wohl anstehe. Ja hätten die Gesetzgeber Alles wohl betrachtet, so glaube ich, daß sie hier für die Frauen keine andere Strafe ausgemacht haben würden, als sie Dem bestimmt haben, der einen Andern verletzt, indem er sich selbst vertheidigt. Denn in der That sind die Eifersüchtigen Nachsteller und Feinde des Lebens ihrer ungen Frauen und unablässige Vermittler ihres Todes. Die ganze Woche sitzen die Aermsten eingeschlossen, und mit den Bedürfnissen des Hauswesens und der Familie beschäftigt, verlangend, wie Jeder lhut, wenigstens an Festtagen einige Freude, einige Ruhe zu haben> und auch 279 Der Eifersüchtige als Beichtvater. ihrer Seits ein Vergnügen zu genießen, wie die Arbeiter des Feldes, die Handwerker in den Städten und die Lenker der Höfe es genießen! ja, wie Gott selbst cs genoß, der am siebenten Tage von allen seinen Mühen auscuhete, V und wie die heiligen und bürgerlichen Gesetze cs verlan- I gen, die zur Ehre Gottes und zum allgemeinen Besten I Aller die Tage der Arbeit von denen der Ruhe unterschieden haben. Allem Diesen widersetzen sich aber die Eifersüchtigen; ja sie wählen sogar die Tage aus, welche für alle Anderen Tage der Freude sind, um ihre Frauen, die sie dann nur noch fester verschlossen und cingckerkert halten, desto unglücklicher und trostloser zu machen. Wie traurig und welcher Gipfel des« Unglücks dies aber für die Aermsten sei, das können nur Die wissen, die es selbst erfahren haben. Darum, zum Schluß, sollte man gewiß , Das, was eine Frau ihrem mit Unrecht eifersüchtigen Gemahl zum Possen thut, nicht verdammen, sondern ihm vielmehr Beifall zollen. So lebte denn also in Rimini einst ein Kaufmann, an Besitzungen und Geld sehr reich, welcher, indem er ! eine gar schöne Frau zur Gattin hatte, auf diese über die Maßen eifersüchtig ward. Hierzu hatte er jedoch keinen andern Grund, als den, daß er sie sehr liebte, sie sehr schön fand und wußte, daß sie sich alle ihr mögliche Mühe gab, ihm zu gefallen. Eben darum meinte er aber auch, daß jeder Andere sie lieben müsse wie er, daß sie auch jedem Andern so schön erscheinen müsse wie ihm, und endlich, daß sie sich auch jedem Andern zu gefallen ebenso bemühe, wie ihm: die Schlußfolge eines schlechten Eemüths und ein Beweis von geringem Verstaube. Eifersüchtig, wie er nun war, hütete und hielt er sie so enge, daß es vielleicht Viele gibt, die zur Todesstrafe verdammt sind und doch von den Gefangenwärtern minder gehütet werden, als sie cs war. Die Arme, abgesehen davon, daß sie weder jemals zu einer Hochzeit, noch zu einem Fest oder in die Kirche gehen durste, durste in der 280 Siebenter Tag. Fünfte Geschichte. That den Fuß unter keinerlei Vorwand aus dem Hause setzen, ja sie wagte es nicht einmal, sich an einem Fenster zu zeigen, oder um Irgend eines Anlasses willen aus dem Hause zu blik- ken. Ihr Leben war daher äußerst traurig, und um so ungeduldiger trug sie diese Pein, je unschuldiger sie sich fühlte. Als sie sich daher solches Unrecht schuldlos von ihrem Mann erweisen sah, so fiel sie endlich darauf, zu ihrem eigenen Tröste Mittel zu finden (wenn ein solches irgend zu finden wäre), daß ihr solche Härte wenigstens mit Recht erwiesen würde. An das Fenster durfte sie nicht, und so konnte sie freilich Niemandem, der über ihre Straße gegangen wäre, zu erkennen geben, daß sie mit seiner Huldigung zufrieden sei; allein sie wußte, daß in dem Hause, welche an das ihre stieß, ein schöner und anmuthiger junger Mann wohnte, und dachte nun, wenn in der Mauer, welche das Haus von dem ihrigen trennte, eine Oeffnung wäre, würde sie so lange dadurch Hinschauen können, bis sie den jungen Mann in einer Weise sähe, um ihn sprechen und ihm ihre Liebe schenken zu können, falls er anders sie annehmen wollte, und auf diese Act Mittel finden, mit ihm zusammen zu treffen und so ihr trauriges Leben zu ertragen, bis ihrem Manne der Satan aus dem Leibe führe, und er zur Einsicht gelangte. So nun, bald hier bald dort, wenn der Mann nicht zu Hause war, an der Mauer umherspähend, erblickte sie zufällig an einer ziemlich versteckten Stelle die Wand von einer kleinen Spalte durchbrochen. Sie schaute hindurch, und obschon sie wenig von der andern Seite sehen komm, erkannte sie doch, daß es ein Zimmer war, wohin die Spalre ausging, und sprach zu sich selbst: „wenn dies Filippo's Zimmer wäre" (nämlich des benachbarten jungen Mannes), „so hätte ich halb gewonnen." — Und vorsichtig ließ sie nun von einer Magd, welche Mitleid mit ihr halte, danach spähen, und erfuhr so, daß der junge Mann wirklich in dieser Kammer ganz allein schlief. Daher besuchte sie die Spalte dann öfter und warf, wenn sie den Der Eifersüchtige als Beichtvater. 281 Jüngling dort hörte, kleine Steine oder Holzstückchen so lange dort hindurch, bis der Jüngling, um zu sehen, was dies wäre, einst hecbeikam. Ganz leise ries sie ihn nun beim Namen, und er, der ihre Stimme erkannte, antwortete ihr. Nun hatte sie Gelegenheit, und in der Kürze eröffnete sie ihm ihr ganzes Gemüth. Der Jüngling, hierüber äußerst erfreut, sorgte dafür, daß von seiner Seite das Loch größer gemacht wurde, immer jedoch so, daß Niemand es bemerken konnte; und hier sprachen sie sich denn nun häufig und reichten sich die Hände; allein weiter konnten sie bei der strengen Wache des Eifersüchtigen nicht gelangen. Das Weihnachtsfest nahete jetzt heran, und die Frau sagte zu ihrem Manne, wenn es ihm gefalle, wolle sie am Morgen des Festtages in die Kirche gehen, beichten und communicicen, wie alle übrigen Christen es thäten." — „Und was für Sünden hast Du denn begangen," entgegnete ihr der Eifersüchtige hieraus, „daß Du beichten willst?" — „Wie?" erwiderte die Frau, glaubst Du, ich sei eine Heilige, weil Du mich so eingekerkert hälst? Du weißt, ich habe meine Sünden so gut wie jeder Andere, der auf Erden lebt; aber Dir will ich sie nicht sagen, denn Du bist kein Priester." Aus diesen Worten schöpfte der Eifersüchtige Argwohn und dachte nun darüber nach, wie er erforschen könnte, was für Sünden sie begangen hätte, bis ec auf ein Mittel verfiel, wie ihm dies gelingen möchte, und er jerwiderte, daß ec damit zufrieden sei; allein er wolle nicht, daß sie zu einer andern Kirche gehe, als zu ihrer Kapelle, und zwar den Morgen ganz früh, um bei ihrem Kapellan, oder einem andern Priester, den der Kapellan ihr zuwiese, zu beichten, bei keinem Dritten aber, und daß sie dann sogleich nach Hause zurückkehce. Die Frau glaubte ihn zur Hälfte verstanden zu haben, und versprach, ohne etwas Anderes zu entgegnen, daß sie cs so halten wolle. Als der Morgen des hohen Festes erschien, stand die 282 Siebenter Tag. Fünfte Geschichte. Frau mit der Morgencöthe auf, kleidete sich an und verfügte sich zu der ihr vom Manne bezeichnten Kirche. Anderer Seits stand auch der Eifersüchtige auf und begab sich zu derselben Kirche, wo ec vor ihr eintraf, und da er mit dem dortigen Priester schon verabredet hatte, was er thun wolle, warf er sich schnell eines der Gewänder des Priesters um, welches eine große Kaputze mit Backen hatte, wie wir die Priester tragen sehen, zog sich dieses möglichst vorne über und setzte sich dann in dem Chor nieder. Als die Frau die Kirche betrat, ließ sie nach dem Priester fragen. Dieser kam, und als er von der Frau hörte, sie wolle beichten, sagte ec ihr, er könne ihr jetzt nicht Beichte hören; aber er würde ihr einen seiner Genossen schicken: dann ging er fort und schickte ihr den eifersüchtigen Mann zu seinem Unstern. Dieser erschien gravitätisch, und, obschon es noch nicht Heller Tag war, und er sich die Kaputze ganz über die Augen gezogen hatte, so konnte er sich doch nicht so verbergen, daß er von der Frau nicht augenblicklich erkannt worden wäre. Als diese ihn so sah, sprach sie bei sich selbst: „Gott sei Dank, der ist nun aus einem Eifersüchtigen zum Priester geworden! Doch laß nur, ich will ihm schon geben, was ec sucht." Sie that daher, als kenne sie ihn nicht, und setzte sich sogleich ihm zu Füßen nieder. Mein Herr Eifersüchtiger hatte sich einige kleine Steine in den Mund gesteckt, damit ihn diese etwas am Sprechen hinderten, so daß er daran von seiner Frau nicht erkannt würde, indeß er in allen übrigen Stücken sich so völlig entstellt glaubte, daß er auf keine Weise es für möglich hielt, von ihr erkannt zu werden. Als sie nun zur Beichte kam, sagte die Frau, welche ihm schon vorher berichtet hatte, daß sie verheirathet sei, unter andern Dingen, die sie ihm bekannte, auch, daß sie in einen Geistlichen verliebt sei, welcher sie jede Nacht besuchte und bei ihr schliefe. Der Eifersüchtige als Beichtvater. 283 Als der Eifersüchtige dies hörte, dünkte cs ihm, als würde sein Herz von einem Messerstiche durchbohrt, und hätte ihn nicht der Wunsch gefessellt, mehr zu hören, so hatte er Beichte Beichte sein lassen und wäre davon gerannt. Allein so hielt er sich und fragte die Frau: „Wie? schläft denn Euer Mann nicht bei Euch?" — „Ja wohl, Herr," erwiderte die Frau. „Nun," sagte der Eifersüchtige, „wie kann denn auch der Priester bei Euch liegen?" „Herr," entgegnete die Frau, „mit welcher Zauberei er es treibt, weiß ich nicht; aber im ganzen Hause ist keine so fest verschlossene Thür, die sich nicht öffnete, sobald er sie berührte, und wenn er dann zu meiner Kammerthür kommt, so spricht er, wie er mir sagt, ehe er sie öffnet, gewisse Worte, auf welche mein Mann sogleich in tiefen Schlaf verfällt, und wenn er ihn dann schlafen hört, öffnet er die Thür, tritt hinein und verweilt bei mir — und das trügt nie." „Nun," erwiderte der Eifersüchtige, „Madonna, das ist sehr übel gethan, und durchaus müßt Ihr davon lassen." — „Herr," erwiderte ihm die Frau, „das glaube ich nimmer zu können, denn nur zu sehr liebe ich ihn." — „Dann," sprach der Eifersüchtige, „kann ich Euch auch nicht absolviren."— „Das betrübt mich sehr," entgegnete die Frau. „Ich kam nicht hierher, Euch Unwahrheiten vorzusagen, und wenn ich glaubte, ich sei im Stande zu thun, was Ihr verlangt, so würde ich es Euch sagen." — „In Wahrheit, Madonna," sprach der Eifersüchtige hierauf, „Ihr thut mir leid, denn ich sehe Euch bei dieser Geschichte Eure Seele in's Verderben stürzen; doch will ich zu Eurem Dienst keine Mühe scheuen und meine besonder» Gebete in Eurem Namen zum Himmel schicken; vielleicht, daß sie Euch helfen. Und zugleich will ich von Zeit zu Zeit einen meiner Chorknaben zu Euch senden, dem Ihr sagen möget, ob sie Euch geholfen haben oder nicht, und wenn sie Euch dann Beistand geleistet, so wollen wir weiter zusehen." Hierauf antwortete 284 Siebenter Lag. Fünfte Geschichte. die Frau: „Herr, thut das bei Leibe nicht, daß Ihr mir Jemand in's Haus schicket; denn, wenn das mein Mann erführe, der ist so eifersüchtig, daß er um der ganzen Welt willen den Gedanken nicht aufgeben würde, daß jener um unlauterer Gründe willen käme, und im ganzen Jahre würde ich keine leidliche Stunde mehr bei ihm haben." — „Madonna, fürchtet das nicht," entgegnete der Eifersüchtige hierauf; „denn ich will schon Mittel und Wege finden, daß Ihr darüber nie ein Wort von ihm hören sollt." — „Nun," sprach die Frau, „wenn Ihr das zu machen über Euch nehmt, so bin ich zufrieden." Und als sie nun die Beichte geschlossen, die Buße übernommen, und wieder aufgestanden war, ging sie fort, die Messe zu hören. Der Eifersüchtige aber, schnaubend über sein Mißgeschick, eilte die Priesterkleider abzulegen, und kehrte dann nach Hause zurück, begierig, Mittel zu finden, den Geistlichen und die Frau beisammen zu treffen, um dem Einen, wie der Andern böses Spiel zu machen. Als die Frau von der Kirche heimkehrte, sah sie wohl an den Mienen des Mannes, daß sie ihm ein schlimmes Festgeschcnk gemacht hatte; er aber gab sich Mühe, so gut er konnte, ihr zu verbergen, was er gethan hatte und was er zu wissen sich cinbildete. Bei sich selbst aber hatte er inzwischen schon beschlossen, die folgende Nacht an der Straßenthür seinen Posten cinzunehmen und zu warten, bis der Priester käme, und deshalb sagte er denn zu seiner Frau: „Ich muß diesen Abend zum Essen und zur Herberge auswärts sein; Du wirst daher die Straßcnthür, so wie die auf der Mitte der Treppe und die Stubenthüc wohl verschließen, und wenn cs Dir Zeit dünkt zu Bett gehen." — „In Gottes Namen," antwortete die Frau; und sobald sie nun Zeit hatte, ging sie an die Spalte und gab das gewohnte Zeichen, worauf Filippo, als er dies wahrnahm, sogleich herbeikam. Ihm erzählte sie nun, was sie diesen Morgen gemacht, und was der Mann ihr nach dem Essen gesagt hätte, und fügte dann hinzu: „Ich 285 Der Eifersüchtige als Beichtvater. bin gewiß, daß er nicht aus dem Hause gehen, sondern unten die Thür hüten wird, und darum suche Du diese Nacht über das Dach herüber zu kommen, sodaß wir uns zusammenfinden." Der Jüngling, mit diesem Beginnen sehr zufrieden, sprach: „Laßt mich nur machen, Madonna." Als nun die Nacht kam, schlich der eifersüchtige Mann sich heimlich mit seinen Waffen in ein Zimmer des Erdgeschosses, und nachdem die Frau alle Thüren und besonders die auf der Milte der Treppe wohl hatte verschließen lassen, sodaß ihr »Mann durchaus nicht zu ihr kommen konnte, kam der Jüngling seiner Scits vorsichtig und verstohlen zu ihr herüber, und sie begaben sich miteinander zu Bette, Einer des Andern sich freuend, bis der Tag gekommen war, wo der junge Mann wieder in sein Haus zurückkehrte. Unser Eifersüchtiger, trostlos und ohne Abendessen und halb todt vor Frost, wartete die ganze Nacht neben der Thür, harrend, ob der Priester nicht kommen würde, und erst, als der Tag nahe war und ec nicht langer wachen konnte, legte er sich in seinem Erdgeschoß zum Schlafen nieder. Von hier erhob er sich erst um die neunte Morgenstunde und als die Hausthüc schon geöffnet war; that dann, als käme er wo anders her, schlüpfte in sein Haus und frühstückte. Nicht lange daraus ließ er einen kleinen Knaben kommen, gleichsam als wäre dies der Ehorknabe des Priesters, der seine Frau zur Beichte gehört, und schickte ihn zu ihr, sie zu fragen, ob Der, den sie wüßte, wiedergekommen sei. Die Frau, die den Boten wohl kannte, antwortete ihm, diese Nacht wäre er nicht gekommen, und wenn er so sortsühre, könnte er ihr vielleicht aus dem Sinn kommen, vbschon sie gar nicht wünschte, daß dies geschähe. Was soll ich Euch nun noch weiter erzählen? Der eifersüchtige Thor brachte viele Nächte damit hin, den Priester am Eingang ertappen zu wollen, und die Frau 286 Siebenter Tag. Fünfte Geschichte. unterdessen damit, daß sie sich mit ihrem Liebhaber fort und fort gute Zeit machte. Endlich konnte jedoch der Eifersüchtige dies nicht langer ertragen, und mit erzürnter Miene fragte ec einst die Frau, was sie dem Priester am Morgen ihrer Beichte bekannt habe. Die Frau antwortete ihm, sie wolle ihm das nicht sagen, denn das sei weder recht noch geziemend. „Abscheuliche Frau," erwiderte der Eifersüchtige hierauf, „Dir zum Trotz habe ich erfahren, was Du ihm bekannt hast, und ich muß nun durchaus wissen, wer der Priester ist, in den Du so verliebt bist, und .der» mittelst seiner Zauberkünste jede Nacht bei Dir schlaft — oder fürwahr, ich will Dir den Hals abschneiden." — Hierauf entgegnete die Frau, es sei gar nicht wahr, daß sie in einen Priester verliebt sei. „Wie?" sprach der Eifersüchtige, „sagtest Du nicht so und so zu dem Priester, der Dir Beichte hörte?" Da antwortete die Frau: „Er braucht es Dir nicht wieder gesagt zu haben; es wäre mir ganz recht, wenn Du selbst zugegen gewesen wärest; ja, allerdings habe ich ihm das gesagt." — „Nun also," sprach der Eifersüchtige, „sag' mir, wer dieser Priester ist, und das auf der Stelle." Jetzt sing die Frau an zu lachen und sagte: „Mich kann cs freuen, wenn ein kluger Mann von einer einfachen Frau am Narrenseil geführt wird, wie man einen Hammel bei den Hörnern zur Schlachtbank führt; obschon Du nicht solch ein kluger Mann bist und cs auch von der Stunde an nicht wärest, wo Du Dir diesen bösen Geist der Eifersucht in die Brust dringen ließest, ohne zu wissen warum, und je thörichter und je tölpischer Du bist, je mehr vermindert sich mein Verdienst. Glaubst Du, mein lieber Mann, daß ich mit den leiblichen Augen blind bin, wie Du es mit den geistigen bist? Für- wahr nicht! Ich sah und erkannte, wer der Priester war, der mir Beichte hörte, und ich weiß, daß Du dieser warst. Aber ich nahm mir vor, Dir zu geben, was Du suchtest, Der Eifersüchtige als Beichtvater. 287 und ich habe Dir's treulich gegeben. Doch wärest Du so weise gewesen, wie Du Dich dünktest, so hättest Du auf diese Weise nicht die Geheimnisse Deiner guten Frau zu erforschen gesucht, und ohne falschen Verdacht zu hegen, hättest Du bemerken können, daß Das, was sie Dir beichtete, die Wahrheit war, ohne daß sie darum noch in irgend etwas gefehlt hätte. Ich sagte Dir, ich liebte einen Priester, und hattest Du, den ich so unverdient liebe, Dich nicht zum Priester gemacht? Ich sagte Dir, daß keine Thür in unserm Hause vor ihm verschlossen zu halten wäre, wenn er bei mir schlafen wollte, und welche Thür wurde Dir je in Deinem Hause versperrt, wenn Du dahin kommen wolltest, wo ich war? Ich sagte Dir, daß der Priester jede Nacht bei mir schliefe, und wann hattest Du das nicht gethan? Und so oft Du Deinen Chorknaben zu mir schicktest, weißt Du nicht, daß ich jedes Mal, wenn Du nicht bei mir wärest, Dir antworten ließ, der Priester sei nicht bei mir gewesen? Welcher noch so Gedankenlose außer Dir, der sich von Eifersucht verblenden ließ, hätte alles Das nicht verstanden? Und Du hast Dich im Hause versteckt, um die Thür zu hüten, und mich wähntest Du glauben zu machen, Du seiest wo anders zum Esten und zur Herberge ausgegangen! Sieh nun Deine Verirrungen ein und werde wieder der Mann, der Du zu sein pflegtest, und laß Dich nicht von Denen auslachen, die Deine Weise keinen, wie ich, und vor Allem unterlaß diese strenge Huth, die Du ausübtest: denn ich schwöre Dir beim Himmel, wenn mir der Wunsch ankäme, Dir Hörner aufzusetzen, und hättest Du hundert Augen, wie Du deren nur zwei hast, so würde ich mich getrauen, meinen Wunsch zu erlangen, und zwar so, daß Du es durchaus nicht gewahr würdest." Der eifersüchtige Pinsel, welcher bis dahin glaubte, das Geheimnis seiner Frau auf eine gar schlaue Weise erkundet zu haben, hörte dies nicht sobald, als er sich betrogen erkannte. Ohne etwas zu entgegnen, hielt ec von 288 Siebenter Lag. Sechste Geschichte. nun an seine Frau für gut und verständig, und gerade jetzt, wo ihm Eifersucht Noth that, legte ec sie ebenso ad, wie er sie angethan hatte, da sie ihm nöthig war. Daher konnte denn die kluge Frau sich jetzt ihren Wünschen fast gänzlich überlassen, ohne ihren Liebhaber weiter über das Dach kommen zu lassen, wie die Katzen thun, ihn mit Vorsicht durch die Thür einsühren und sich noch oft mit ihm eine frohe Stunde und ein heitres Leben bereiten." Sechste Geschichte. Madonna Jsabella verweilt mit Lionctto und wird von Hem Lambertuccio, der sie liebt, besucht; auch ihr Mann kehrt zurück, und sie schickt den Lambertuccio nun mit einem Messer in der . Hand aus dem Hause, worauf der Mann den Lionctto freundlich nach Hause begleitet- ^iammetta's Erzählung hatte Allen wunderbar gefallen, und Jeder behauptete, die Frau habe recht gcthan und wie es einem so thorichten Manne geziemte; als sie jedoch beendet war, befahl der König Pampineen fortzufahren. Diese begann: „Es gibt Viele, welche einfältig genug behaupten, daß die Liebe den Menschen seiner vollen Ueberlegung beraube und den Liebenden kopflos und unbedacht mache. Dies scheint mir eine thörichte Meinung, und die schon vorge- tragencn Geschichten zeigen dies hinreichend; dennoch will auch ich Euch dies zu beweisen versuchen. In unserer Stadt, die an allen Gütern reich ist, lebte eine anmuthige, junge und schöne Frau, die Gattin eines tapfern und achtbaren Ritters. Und wie es denn häufig geschieht, daß der Mensch nicht immer mit einer Speise Mad. Jsabella und ihre zwei Liebhaber. 289 zufrieden ist, und unterweilen zu wechseln begehrt, so verliebte sich diese Frau, der ihr Mann nicht ganz genügte, in einen jungen Menschen, welcher Lionetto hieß, anmu- lhig und gesittet war, obgleich keinesweges von hoher Geburt, und er sich gleichermaßen in sie. Und wie Ihr wißt, daß, was beide Theile wollen, selten unausgeführt bleibt, so währte es denn auch nicht lange, daß sie ihrem Liebeswunsche Erfüllung zu geben eilten. Zugleich aber geschah es auch, daß in diese schöne und reizende Frau ein Ritter, Namens Lambertuccio, sich heftig verliebte, ein Mann, der ihr jedoch so unangenehm und widerwärtig dünkte, daß nichts in der Welt sie vermögen konnte, ihm ihre Neigung zu schenken. Umsonst verfolgte er sic mit Gesandtschaften, und da diese ihm nichts halsen, er aber ein mächtiger Mann war, so sing er an, ihr zu drohen, er wolle sie öffentlich beschimpfen, wenn sie seinen Wünschen nicht genügte. Dies fürchtete die Frau über Alles, und da sie ihn kannte, wie er war, so ergab sie sich endlich darin, ihm in seinem Verlangen zu willfahren. Diese Dame nun, welche Madonna Jsabella hieß, war, wie es unsere Gewohnheit im Sommer ist, zu einer gar schönen Besitzung auf dem Lande hinausgezogen, wo es eines Morgens geschah, daß, als ihr Mannn irgend wohin ausgeritten war und mehrere Tage wegbleiben sollte, sie nach Lionetto schickte, damit ec unterdeß zu ihr komme. Dieser begab sich unverweilt und fröhlich dahin. Herr Lambertuccio, der indeß vernommen hatte, daß der Gemahl seiner Geliebten fort sei, stieg ganz allein zu Pferde, eilte zu ihr und klopfte an die Thür. Die Magd der Frau hatte ihn gesehen, eilte nun sogleich zu ihr, die mit Lionetto im Schlafzimmer war, ries sie und sprach: „Madonna, unten ist Herr Lambertuccio ganz allein!" Als die Frau dies hörte, dünkte sie sich das unglücklichste Weib der Erden; allein so sehr fürchtete sie ihn, daß sie Dekameron. II. I!j 290 Siebenter Tag. Sechste Geschichte. Lionetto bat, er möge es nicht übel nehmen, und sich nur einen Augenblick hinter die Gardine des Bettes verbergen, bis Herr Lambertuccio wieder fort sei. Lionetto, der nicht geringere Furcht vor ihm hatte, als die Frau, versteckte sich eilig, und nun befahl sie der Magd, zu gehen und dem Lambertuccio zu offnen. Als diese ihm ausgemacht, und er im Hofe von seinem Pferde abgestiegen, dies an einer Krampe festgebunden hakte, kam er schnell hinauf. Die Frau machte ihm ein freundliches Gesicht, kam ihm bis an den Anfang der Treppe entgegen, empfing ihn so gut sie konnte, mit freundlichen Worten und fragte ihn, was er mache. Der Ritter umarmte und küßte sie und sprach: „Mein süßes Leben, ich hörte, daß Euer Mann nicht hier ist, und bin gekommen, etwas bei Euch zu verweilen." Und dies gesagt, traten sie in die Kammer, verschlossen sich darin und Lambertuccio fing an, sich mit ihr zu vergnügen. So noch verweilend, ereignete es sich, daß, ganz wider alles Vermuthen der Frau, ihr Mann plötzlich zurückkehrte. Als die Magd diesen nahe bei dem Schlosse sah, lief sie schnell zu der Kammer ihrer Gebieterin und rief: „Madonna, der Herr ist zurück; ich glaube, er ist schon unten im Hofe." — Wie die Frau dies vernahm und nun bedachte, daß sie zwei Männer im Hause habe, von denen der Ritter, seines Pferdes wegen, das im Hofe stand, auf keine Weise zu verbergen sei, hielt sie sich für verloren. Nichts desto weniger sprang sie augenblicklich aus dem Bette auf die Erde, faßte ihren Entschluß und sprach zu Herrn Lambertuccio: „Herr, wenn Ihr mich 'nur irgend lieb habt und vom Tode erretten wollt, so thut, was ich Euch sagen werde. Nehmt Euer entblößtes Jagdmesser in die Hand und eilt mit zornigem und wü- thendem Gesicht die Treppe hinunter und ruft: „Bei Gott gelobe ich, ich will ihn anderswo fassen." Und wenn mein Mann Euch aufhalten wollte, oder irgend etwas fragen, so erwidert ihm durchaus nichts Anders, als Mab. Jsabella und ihre zwei Liebhaber. 291 was ich Euch gesagt habe; dann schwingt Euch rasch auf Euer Pferd und verweilt Euch auf keine Weise mit ihm." Herr Lambertuccio sagte dies gerne zu; schnell zog er sein Messer und ganz entslammt im Gesicht, theils von der bestandenen Anstrengung, theils vor Zorn über die Heimkehr des Ritters, spielte er seine Rolle ganz so, wie die Frau ihm befohlen hatte. Ihr Mann, im Hofe ab- gestiegcn, wunderte sich über das Pferd, und indem ec nun die Treppe hinausgehcn wollte, sah er Lambertuccio wü- thend herabsteigen und, erstaunt über seine Worte und sein zorniges Gesicht, rief er ihm zu: „Was bedeutet das, Herr?"— Doch Lambertuccio setzte den Fuß in den Steigbügel, schwang sich hinauf und erwiderte nichts Anderes als: „Beim Kreuze Gottes, ich will ihn anderswo treffen" und damit jagte er davon. Untcrdeß stieg der Herr Gemahl die Treppe hinauf und fand seine Frau an deren oberem Ende ganz erschreckt und zitternd vor Furcht. „Was ist das?" sprach er zu ihr. „Wen sucht Herr Lambertuccio so ivüthend und so drohend?" Die Frau zog sich sacht gegen die Kammer zurück, damit Lionctto sie hören könne, und erwiderte dann: „Herr, in meinem Leben habe ich keine solche Furcht ausgestanden. Seht nur: ein junger Mensch, den ich nicht kenne, flüchtet sich hier herein und Herr Lambertuccio verfolgt ihn mit dem Messer in der Hand; er aber findet zufällig diese Kammer offen und redet mich zitternd an: „Madonna, um Gotteswillen rettet mich, daß ich nicht in Euren Armen umgcbracht werde." Ich richte mich auf, und wie ich ihn noch fragen will, wer er wäre und was ec vor hätte, siche, da stürzt Herr Lambertuccio herein und ruft: „Wo bist Du, Verrather?" Ich trete ihm an der Kammerthür entgegen und halte ihn auf, während er einzutreten strebt; endlich ist er so artig, da ec sicht, daß cs mir nicht gefällt, ihn hier hinein zu lassen, daß er, nachdem ec Vielerlei gesagt hatte, davon eilt, wie Ihr unten gesehen habt." !3* 292 Siebenter Tag Sechste Geschichte. Hierauf sprach ihr Ma-nn: „Du hast recht gethan, Frau; die Schmach wäre auch zu groß gewesen, wenn irgend Jemand hier im Hause ermordet worden wäre, und Herr Lambcrtuccio hat mich sehr beleidigt, daß er Jemand, der hier herein flüchtete, auf diese Art verfolgt." Dann fragte er, wo der junge Mensch wäre. „Herr," erwiderte die Frau, „ich weiß nicht, wo er sich verborgen hat." — Nun rief der Ritter: „Wo bist Du, komm nur guten Muths hervor." Lionetto, der alles Dies mit angehört hatte, trat ganz zagend, wie er denn wirklich Furcht genug gehabt hatte, aus dem Ort hervor, wo er sich versteckt gehalten. Jetzt sprach der Ritter zu ihm: „Was hast Du mit Herrn Lambertuccio vor?" — „Herr," entgegnete der Jüngling, „nichts in der Welt, das ich wüßte, und darum glaube ich fest, daß er entweder nicht recht bei sich ist, oder daß er mich mit irgend Jemand verwechselt haben muß. Denn als er mich nicht fern von Eurem Schloß auf der Landstraße erblickte, legte er sogleich die Hand ans Schwert und rief: „Vcrräther, Du bist verloren!" Ich hatte nicht Zeit zu fragen, warum, sondern sing an zu fliehen, so schnell ich konnte, und gelangte hierher, wo ich, Gott und dieser edlen Dame sei es gedankt, Rettung fand." — „Nun denn," sprach der Ritter hierauf, „so leg Deine Furcht ab, ich werde Dich gesund und sicher in Dein Haus bringen, und Du magst dann zu erforschen suchen, was er mit Dir vor hat." Als sie darauf zusammen gegessen hatten, ließ er ihn ein Pferd besteigen, führte ihn nach Florenz und setzte ihn vor seinem Hause ab. Der Jüngling aber sprach noch denselben Abend nach der Anweisung, welche er von der Frau erhalten hatte, heimlich mit Herrn Lambertuccio und einigte sich so mit ihm, daß, so viel auch nachher hiervon gesprochen wurde, der Ritter niemals hinter den Streich kam, welchen die Frau ihm gespielt hatte." Egano, der zufriedene Hahnrei. 293 Siebente Geschichte. Lodovico offenbart der Madonna Beatrice die Liebe, die er für sie hegt. Sie schickt den Egano, ihren Mann, in ihren Kleidern in den Garten, während Lodovico sie beschläft. Dann steht dieser aus und prügelt im Garten den Egano. «Aeder in der Gesellschaft fand den Ausweg, den nach Pampineens Erzählung Madonna Isabella ersonnen, bewundernswürdig. Philomela aber, der der König fortzufahren geboten hatte, sprach: „Irre ich mich nicht, so werde ich Euch eine List erzählen, die nicht weniger geschickt ersonnen war. Hört nur selbst: Ihr müsset wissen, daß einst in Paris ein flocentiner Edelmann lebte, der aus Armuth Kaufmann geworden und in seinen Unternehmungen so glücklich gewesen war, daß er bald großen Reichthum gesammelt hatte- Von seiner Frau besaß er einen einzigen Sohn, der Lodovico hieß. Damit dieser nun nach dem Adel, und nicht nach dem Kaufmannsstande des Vaters sich bilde, hatte er ihn in keinen Laden thun wollen, sondern zu andern Edclleuten in den Dienst des Königs von Frankreich gegeben, wo der junge Mann denn auch feine Sitten und andere gute Dinge in Menge lernte. Um diese Zeit begab es sich, daß, als Lodovico und seine Gefährten eines Tages über französische, englische und andere Schönheiten aus allen Weltgegenden sprachen, einige Cavaliere, die eben von dem heiligen Grabe heimgekehrt waren, dazu kamen und Einer von ihnen, nachdem er dem Gespräche eine Zeiklang zugehört hatte, sagte: 294 Siebenter Lag. Siebente Geschichte. so weit er auch in der Welt herum gekommen sei, und so viel Frauen er auch gesehen, so habe er doch keine erblickt, deren Schönheit der der Gattin des Egano de' Ga- luzzi in Bologna, Madonna Beatrice geheißen, irgend geglichen hatte. Alle seine Gefährten, die mit ihm in Bologna gewesen waren, stimmten ihm völlig bei. Als Lodovico, der noch niemals ein Weib geliebt hatte, dies Alles vernahm, entbrannte er von solchem Verlangen, sie zu sehen, daß er unfähig war, an Anderes zu denken. Völlig entschlossen, um ihretwillen nach Bologna zu gehen und, wenn sie ihm gefalle, dort zu verweilen, gab er gegen den Vater vor, er wolle das heilige Grab besuchen und erlangte mit vieler Mühe die Erlaubnis dazu. So kam er denn unter dem angenommenen Naiven Anichino nach Bologna und war glücklich genug, schon am folgenden Tage bei einem Feste jene Dame zu sehen, die ihm in der Wirklichkeit unendlich schöner erschien, als er sich eingebildet hatte. Auf das glühendste in sie verliebt, beschloß ec Bologna nicht zu verlassen, bevor ec nicht ihre Liebe erworben hätte. Indem er nun bei sich überlegte, welchen Weg er zu seinem Ziele einschlagen sollte, verwarf er alle übrigen, und meinte, was er begehrte, möchte sich wol am besten schicken, wenn er Diener ihres Mannes, welcher deren viele hielt, werden könnte. In dieser Absicht verkaufte er seine Pferde, brachte seine Leute schicklich unter und befahl ihnen, sich zu stellen, als kennten sie ihn nicht. Dann besprach er sich mit seinem Wicthe und sagte ihm, daß er gern bei einem anständigen Herrn, wenn er ihn zu finden wüßte, als Diener unterkäme. Worauf der Wirth erwiderte: „Du solltest einem Edelmann hier in Bologna, Namens Egano, zum Diener eben willkommen sein; denn er hält ihrer viele, und jeder muß gut aussehcn, wie Du es thust. Ich werde ihm von Dir reden." Wie gesagt so gethan; noch ehe der Wirth Egano verließ, hatte er den Anichino Egano, der zufriedene Hahnrei. 295 bei ihm angebracht, worüber denn dieser sich unsäglich freute. Wie er nun im Hause weilte und seine Geliebte sehen konnte, so oft er immer wollte, da wußte er Alles dem Egano so zu Sinne zu machen, daß dieser ihm überaus gut ward, nichts ohne ihn thun mochte und sich und älle seine Angelegenheiten nur von ihm leiten ließ. Eines Tages begab cs sich, daß wahrend Egano auf die Jagd gegangen und Anichino zurückgeblieben war, Madonna Deatcice, die seine Liebe noch nicht wahrgenommen, obgleich sie, ihn und seine gute Sitten oft beachtend, ihn im Stillen gelobt und an ihm Gefallen gefunden hatte, mit ihm zum Schachspiele sich nieder- sctzte. Anichino ließ, im Verlangen, sie zu erfreuen, auf sehr geschickte Weise sich besiegen, und die schöne Frau war ganz glücklich darüber. Da die Dienerinnen Beatcice's, wie sie Beide spielen sahen, sich entfernt und sie allein gelassen hatten, stieß Anichino einen lauten Seufzer aus. Die Schöne sah ihn an und sagte: „Was fehlt Dir, Anichino, ist Dir's so leid, daß ich gewinne?" „Mavonna," antwortete Anichino, „viel Ernsteres als dies war es, um das ich seufzte." „Nun," erwiderte sie, „so sage mir's, wenn Du mich lieb hast." Wie Anichino sich von Der, welche er über alles Andere liebte, bei seiner Liebe zu ihr beschwören hörte, da seufzte er wol noch lauter als zuvor. Die Dame bat ihn aufs Neue, ihr zu sagen, was der Grund seiner Seufzer sei. Anichino antwortete aber: „Madonna, ich fürchte sehr, wenn ich es sage, möchte es Euch misfallen, und dann sorge ich, ob Ihr cs sonst wem wiedererzahlen würdet." Die Dame erwiderte: „Gewiß ich nehme Dir es nicht übel auf, und darüber sei ruhig, was Du mir auch sagst, davon erfahrt durch mich Niemand mehr als Du wünschest." „Wohlan denn," sagte Anichino, „weil Ihr mir das versprecht, so will ich es Euch gestehen." Und nun er- 296 Siebenter Lag. Siebente Geschichte- zählte ec ihr, fast mit Thränen in den Augen, wer er sei, was er von ihr gehört, wo und wie ec sich in sie verliebt habe, und warum er ihres Mannes Diener geworden sei. Dann aber bat er sie demülhig, wenn sie cs irgend über sich gewinnen könne, möge cs ihr gefallen, Mitleid für ihn zu haben und sein geheimes und glühendes Verlangen zu erfüllen. Sollte sie das aber nicht wollen, so möge sie ihm dennoch erlauben, so wie bisher zu bleiben, und gestatten, daß er sie liebe. O wunderbare Huld des bolognesischen Blutes, wie warst Du immerdar in solchen Drangsalen zu preisen! Nie begehrtest Du nach Seufzern und Thranen. Au allen Zeiten warst Du für Bitten empfänglich und ergäbest Dich willig den Wünschen der Liebe. Genügte mein Lob, um Dich würdig zu preisen, nie würde meine Zunge von ihm aufhören. Wahrend Anichino redete, blickte die schöne Frau ihn an, und im vollen Vertrauen auf die Wahrheit seiner Worte, empfing sie von seinen Bitten im Herzen die Liebe zu ihm mit so plötzlicher Macht, daß nun sie zu seufzen begann und nach einigem Seufzen sagte: „Mein süßer Anichino, sei guten Mukhes. Niemals vermochten Geschenke, oder Versprechen, oder Liebeswerben von Rittern und Herren und von wem sonst immer, denn viele trugen und tragen ihre Liebe mir an, so viel über mich, daß ich je Einen von ihnen geliebt hatte; aber wahrend der kurzen Dauer Deiner Worte bin ich vielmehr Dein als mein eigen geworden. Ich erkenne, daß Du meine Liebe zur Genüge verdient hast, und so schenke ich sie Dir, und verspreche ihre Früchte Dir zu gewahren, noch che die nächste Nacht ganz vergangen ist. Und damit wirklich so geschehe, so richte Dich ein, daß Du um Mitternacht in meine Kammer kommst. Die Thür werde ich offen lassen; auf welcher Seite im Bett ich liege, weißt Du; dahin komme, und sollte ich schlafen, so rühre mich nur, bis ich wache, und dann will ich Dich trösten über die lange Zeit, Egano, der zufriedene Hahnrei. 297 die Du geschmachtet hast. Damit Du mir aber auch glaubst, so nimm diesen Kuß zum Aufgeld." Dabei schlang sie den Arm um seinen Hals, und küßte ihn voller Liebe und er sie. Nach diesen Reden verließ Anichino die Dame und, während er einige Geschäfte besorgte, erwartete er mit höchster Lust, daß es Nacht werde. Egano kam von der Jagd zurück, und, müde wie er war, ging er nach dem Abendessen zu Bette, wohin seine Frau ihm folgte und nicht vergaß, ihrem Versprechen gemäß, die Kammerthür offen zu lassen. Anichino kam zur bestimmten Stunde, und nachdem er leise eingctreten, hinter sich den Riegel zugeschoben hatte, ging er nach der Seite des Bettes, wo die Dame lag, und fühlte, wie er ihren Busen berührte, sie schlafe nicht. Sie aber ergriff, als sie Anichino's Ankunft gewahr ward, seine Hand mit den ihrigen beiden und, immer ihn sesihaltend, wandte sie im Bette so lange sich hin und wieder, bis Egano, welcher schlief, davon erwachte. Worauf sie also zu ihm sprach: „Gestern Abend wollte ich nicht erst anfangen, denn Du schienst mir müde, aber, Egano, sage mir doch einmal ernsthaft, wen von allen Dienern im Hause hältst Du für den besten, den rechtschaffensten und Dir am treusten zugethanen?" Egano erwiederte: „Frau, was soll's, daß Du mich so fcägst? weißt Du's denn nicht? Ich habe und hatte nie zu Einem so viel Vertrauen und Liebe, als zu meinem treuen und lieben Anichino. Aber weshalb fragst Du danach?" Wie Anichino den Egano wach sah und von sich reden hörte, hatte er oft, aus Furcht, von der Dame betrogen zu sein, verjucht, die Hand zurück zu ziehn, um zu entfliehn, allein sie hielt so fest, daß er auf keine Weise sich losmachen konnte. Inzwischen antwortete sie ihrem Manne: „Das will ich Dir sagen. Ich glaubte, cs verhielte sich wirklich, wie Du sprichst, und er sei Dir treuer, als irgend ein Anderer; aber mich hat er 13 ** 298 Siebenter Lag. Siebente Geschichte. besser belehrt; denn heute, während Du auf der Jagd warst, blieb er hier, und als die Zeit ihm gelegen schien, scheute er sich nicht, von mir zu begehren, daß ich ihm zu Willen sei. Damit ich Dir nun diese Geschichte nicht erst lange zu beweisen brauchte und sie Dich mit Händen greifen lassen könnte, antwortete ich ihm, ich sei's zufrieden und wollte diese Nacht nach zwölfen ihn in unseren Garten unter dem Pinienbaum erwarten. Ich für mein Theil denke eben nicht hinaus zu gehen; aber, wenn Du sonst Lust hast^ die Treue Deines Dieners kennen zu lernen, so kannst Du's leicht haben. Du brauchst Dir nur einen Obercock von mir anzuziehen, einen Schleier umzuthun und dort unten abzuwarten, ob er kommt; denn ich wette, er thut es." Wie Egano dies hörte, sprach er: „Nun wahrlich, das muß ich sehen," und so stand er auf und zog sich, so gut es im Dunkeln gehen wollte, einen Oberrock von seiner Frau an, that einen Schleier über den Kopf, ging hinunter in den Garten und sing an, unter der Pinie aus Anichino zu warten. Wie aber die Dame Egano aufstehen und fortgehen gehört hatte, stieg sie aus dem Bett und riegelte innen die Thür ab. Anichino, der in der ganzen Zeit die schrecklichste Angst ausgestanden und aus allen Kräften sich gemüht hatte, den Händen der Dame zu entgehen, hatte zu Anfang wol hunderttausend Mal sie und seine Liebe und sich selbst verwünscht, daß er so übereilt gewesen sei, ihr zu glauben, als er aber hernach sah, wie sie zuletzt that, dünkte er sich auch der glücklichste aller Menschen. Wie nun seine Geliebte wieder ins Bett gestiegen war, zog er nach ihrem Willen gleich ihr sich aus, und Beide genossen an einander eine gute Weile alle Lust und Freude. Als die Schöne endlich glaubte, Anichino dürfe nicht langer verweilen, hieß sic ihn aufstehen und sich wieder entkleiden, und sprach: „Nun geh, mein süßes Herz, in den Garten hinunter, und nimm einen tüchtigen Stock mit; Egano, der zufriedene Hahnrei. 299 thue als hättest Du nur Versuchungswelse mich angegangen, schimpfe den Egano aus, als hieltest Du ihn für mich, und laß auch den Stock wacker auf seinen Rücken tanzen; das soll uns noch unmäßige Freude und Ergötzen bereiten." Als Egano den Anichino, der, nachdem er aufgestanden, mit einem Weidenstock in der Hand, herunter in den Garten gekommen war, von Ferne erblickte, erhub er sich und ging, ihn freundlich zu empfangen, ihm einige Schritte entgegen. Anichino aber rief: „O Du verworfenes Weib, bist Du also wirklich gekommen, und hast glauben können, ich wollte also an meinem Herrn freveln? Alles Unheil tausendmal in Deinen frechen Hals!" Und damit hob er den Stock auf und sing an, den Egano zu verarbeiten. Wie dieser jene Rede hörte und den Stock sah, lief er, ohne ein Wort zu sagen, davon, Anichino in- deß war hinter ihm her und rief immer fort: „Lauf, Du liederliches Weibstück, und alle Teufel über Dich; morgen früh aber erzähle ich wahrhaftig Alles Deinem Manne." Egano lief, was er konnte, nach der Kammer zu; erwischte aber doch, bevor er sic erreichte, einige wohlgesalzene>. - Hiebe. Die Schöne fragte ihn, ob Anichino in den Garten gekommen sei. Egano antwortete: „Wäre er lieber nicht; denn weil er mich für Dich hielt, hat er mit seinem Stocke mich ganz geschlagen und mich ärger gescholten, als je eine schlechte Dirne ausgeschimpft ward. Darum wunderte ich mich auch so über ihn, daß ec mir zur Unehre derlei Reden gegen Dich geführt haben sollte; aber weil er Dich immer so aufgeweckt und scherzend steht, hat er Dich einmal prüfen wollen." „Nun Gottlob," sagte die Dame, „daß er mich nur mit Worten und Dich mit der That geprüft hat, und ich glaube, er wird mir nachrühmen, daß ich die Worte geduldiger ertrage, als Du die That. Aber weil er Dir denn so treu ist, so wird man ihn nun wol lieb haben und ihm Ehre anthun 300 Siebenter Tag. Achte Geschichte. müssen." *Egano sagte: „wahrlich Du sprichst wahr," und auf den Grund dieses Ereignisses glaubte er fest die keuscheste Frau und den treuesten Diener zu haben, die je ein Edelmann besessen. Anichino aber und seine Dame, obgleich sie noch oft über diesen Vorfall lachten, verdankten ihm-, so lange es dem ersten gefiel, bei Egano in Bologna zu verweilen, größere Freiheit, zu thun, woran sie Lust und Gefallen fanden, als ihnen sonst vermuthlich gewahrt worden wäre. —" Achte Geschichte. Ein Mann wird auf seine Frau eifersüchtig, und diese wickelt sich einen Bindfaden um die Zehe, um zu fühlen, wenn ihr Liebhaber kommt; der Mann wird dessen gewahr, und während er den Liebhaber verfolgt, legt die Frau eine Andere an ihrer Stelle ins Bett, die der Mann schlägt und der er die Locken abschneidet; dann eilt er zu ihren Brüdern, die, als sie finden, Laß Alles unwahr sei, ihn heftig ausschelten. Eon erlesener Bosheit schien Allen der Streich der Donna Beatrice gegen ihren Gemahl, und Jeder versicherte, daß Anichino's Furcht fürwahr nicht gering gewesen sein müsse, als er, von der Dame festgehalten, sie erzählen hörte, wie er ihr Liebesanträge gemacht habe. Doch als der König Philomelen schweigen sah, wandte er sich gegen Neiphilen und sprach: „Nun fahret Ihr fort." Diese, nachdem sie ein wenig zuvor gelachelt, begann: „Schöne Mädchen, ich habe keine geringe Last auf mir, wenn ich Euch mit einer eben so schönen Geschichte befriedigen will, wie die waren, welche Euch bis jetzt ec- Der Bindfaden der Monna Sismonda. 301 zahlt wurden; doch mit Gottes Hülfe hoffe ich mich dieser Last wohl zu entledigen. Ihr müßt also wissen, daß in unserer Stadt einst ein reicher Kaufmann, Namens Arriguccio Berlinghieri lebte, ein Mann, der thörichter Weise, wie wir noch heute alle Tage von Kaufleuten thun sehen, durch eine Frau zum Edelmann zu werden hoffte und daher ein adliges Fraulein, welches schlecht zu ihm paßte, und deren Name Monna Sismonda war, zur Gattin nahm. Diese, da ihr Gemahl, wie die Kaufleute pflegen, viel auswärts war und wenig bei ihr verweilte, verliebte sich in einen jungen Mann, Namens Ruberto, welcher ihr schon lange den Hof gemacht hatte. Nachdem sie nun mit ihm vertraut geworden, und (weil sie außerordentliches Vergnügen daran fand), sich dabei vielleicht nicht allzu vorsichtig benommen hatte, geschah es, daß Arriguccio, mochte er nun etwas davon gemerkt haben, oder wie es sonst zuging, der eifersüchtigste Mensch von der Welt wurde, sein Umherwandern und alle seine Geschäfte aufgab, fast seine ganze Sorgfalt nur darauf richtete, sie wohl zu hüten, und nimmer eher eingeschlasen wäre, ehe er sie nicht in das Bett hätte kommen hören. Hierüber nun fühlte die Frau großes Leidwesen, weil sie jetzt aus keine Weise mehr mit ihrem Nuberto zusammen sein konnte. Doch nachdem sie vielerlei Überlegungen angestellt, Mittel zu finden, um mit ihm zusammen zu ftin, und auch er sie heftig darum anging, fiel es ihr endlich ein, folgenden Weg dazu einzuschlagen. Da ihre Kammer an der Straße lag und sie oft bemerkt hatte, daß Arriguccio zwar schwer einschlief, allein dann auch um so fester schliefe; so erdachte sie, den Ruberto um die Mitternacht an die Hausthüre kommen zu lassen, ihm diese dann leise zu öffnen und etwas mit ihm zu verweilen, während der Mann fest schliefe. Und um nun zu machen, daß sie es bemerkte, wenn er käme, ohne daß irgend jemand sonst cS gewahr würde, beschloß sie, einen Bind- 302 Siebenter Tag. Achte Geschichte. faden durch das Fenster der Kammer zu ziehen, der mit dem einen Ende auf die Erde herabhinge, mit dem andern aber über den Fußboden weg, bis zu ihrem Bette reichte, wo er unter den Linnen versteckt, wenn sie das Bett bestiegen hatte, an ihre große Fußzehe befestigt werden sollte. Dies nun ließ sie dem Ruberto melden und befahl ihm, wenn er käme, an dem Faden zu ziehen, worauf sie, wenn der Mann schliefe, ihn loslassen und ihm zu öffnen eilen würde; schliefe er aber nicht, so würde sie ihn fest- halten und ihn an sich ziehen, damit er nicht zu warten brauche. Diese Einrichtung gefiel dem Ruberto überaus, und oft ging er hin, und bisweilen gelang es ihm, mit ihr zusammen zu sein, bisweilen aber auch nicht. Zuletzt jedoch, nachdem sie dies Kunststück lange genug fortgesetzt hatten, begab es sich in einer Nacht, daß, als die Frau schlief und Arriguecio den Fuß in dem Bett ausstreckte, er diesen Faden entdeckte. Sogleich griff er mit der Hand darnach, und als er ihn an den Fuß der Frau befestigt fand, sagte er zu sich selbst: „Das muß irgend ein Trug sein." Und als er nun bemerkte, daß der Faden zum Fenster hinausging, hielt er sich davon überzeugt, schnitt deshalb den Faden leise von der Zehe der Frau ab, befestigte ihn an die seinige und wartete nun aufmerksam, zu sehen, was dies zu bedeuten haben würde. Nicht lange hatte ec geharrt, als Ruberto erschien; er zog den Faden, wie er gewohnt war, Arriguecio fühlte es; allein da er ihn nicht wohl angeknüpft hatte und Ruberto stark zog, sodaß der Faden ihm in die Hand kam, so glaubte er warten zu müssen, und that dies auch. Arri- guccio indessen stand schnell auf, ergriff seine Waffen und eilte zu der Thür, um zu sehen, wer er wäre und um ihm übles Spiel zu bereiten. Arriguecio, trotz dem, daß er Kaufmann war, war ein heftiger und starker Mann; als er daher an die Thür kam, und sie nicht so leise öffnete, wie die Frau zu thun pflegte, argwöhnte Ruberto, Der Bindfaden der Monna Sismonda. 303 welcher draußen wartete und ihn hörte, was es sein möchte, nämlich, daß Arriguccio es wäre, der ihm öffnete, und ergriff nun aufs schnellste die Flucht und Arriguccio hinter ihm her. Zuletzt jedoch, nachdem Rubecto eine große Strecke geflohen und Jener ihn zu verfolgen nicht aushörte, zog auch er, da er gleichfalls bewaffnet war, das Schwert, wandte sich um und sie begannen nun, der Eine anzugceifen, der Andere sich zu vertheidigen. Jndeß war die Frau, als Arriguccio die Kammer öffnete, erwacht, und da sie den Faden vom Fuß abgeschnit- ten fand, gewahrte sie sogleich, daß ihr Trug entdeckt sei. Da sie errieth, daß Arriguccio den Ruberto verfolge, stand sie schnell auf und nachdem sie erkannt, was daraus erfolgen könne, rief sie ihre Magd, die um Alles wußte, und redete auf diese so lange ein, bis sie sich statt ihrer in das Bett legte, wobei sie sie bat, ohne sich zu erkennen zu geben, die Streiche ruhig zu ertragen, die Arriguccio ihr geben möchte, indem sie ihr dafür eine solche Vergeltung versprach, daß sie sich darüber nicht sollte zu beschweren haben. Dann löschte sie das Licht aus, das in der Kammer brannte, verließ diese, und verbarg sich in einem andern Lheile des Hauses, erwartend, was nun geschehen würde. Unterdeß ging der Handel zwischen Arriguccio und Ruberto fort, sodaß ihn die Anwohner der Straße hörten, sich erhoben und ihnen allerhand Uebles zu sagen anfingen; Arriguccio, aus Furcht, erkannt zu werden, sah sich endlich genöthigt, ohne zu erfahren, wer der junge Mensch wäre, oder ihn auf irgend eine Art verletzen zu können, zornig und wüthend, ihn zu verlassen, und nach. Hause zurückzukehren. Hier wieder in seine Kammer gelangt, rief er Zorn sprühend aus: „Wo bist Du, abscheuliches Weib? Du hast das Licht ausgelöscht, damit ich Dich nicht finde, aber Du hast Dich betrogen!" — Und nun trat er an das Bett, ergriff die Magd, in welcher er seine Frau zu ergreifen glaubte, und gab ihr. 304 Siebenter Lag. Achte Geschichte. so gut er Hände und Füße nur rühren konnte, so viel Püffe und Tritte, daß er ihr das ganze Gesicht verunstaltete. Zuletzt schnitt er ihr gar die Haare ab, indem er ihr die größten Schmähredcn sagte, die einem schlechten Weibsbilde je gesagt wurden. Die Magd weinte heftig, wie sie denn dazu auch Anlaß genug hatte, und obschon sie einige Male auscief: „Weh mir, Gnade, um Gotteswillen st' oder „Höre aus!" so wurde ihre Stimme von dem Weinen doch so erstickt, oder Arriguccio von seinem Zorn so betäubt, daß ec nicht erkannte, daß dies die Stimme einer Andern sei, als seiner Frau. Nachdem er sie so nach Herzenslust zerbläuct, und ihr, wie wir sagten, die Haare abgeschnitten hatte, sprach er: „Weiter will ich Dich nicht mehr anrühren, Du verräthe- risches Weib, sondern zu Deinen Brüdern will ich gehen und ihnen Deine schönen Lhaten erzählen, und dann mögen sie Dich holen und mit Dir machen, was sie glau- . den, daß ihre Ehre erheischt, und Dich fortführen; denn fürwahr, in diesem Hause sollst Du nimmermehr bleiben." Und dies gesagt, verließ er die Kammer, verschloß diese von außen und ging ganz allein davon. Als Monna Sismonda, die Alles mitangchört hatte, den Mann entfernt sah, öffnete sie die Kammer, zündete das Licht wieder an und fand nun ihre Magd ganz zer- bläuet und heftig weinend. Diese tröstete sie so gut sie konnte und schaffte sie in ihre Kammer, wo sie sie still bedienen und pflegen ließ und sie auf Arriguccio's eigene Kosten so reichlich schadlos hielt, daß das Mädchen ganz zufrieden war. Sobald sie nun die Magd in deren Kammer eingerichtet, eilte sie das Bett in ihrer eignen wieder zurecht zu machen und Alles darin so in Ordnung zu bringen, als wenn diese Nacht kein Mensch darin geschlafen hätte; zündete dann die Lampe an, kleidete sich an und machte sich das Haar zurecht, als wenn sie noch gar nicht zu Bette gegangen wäre, nahm ein brennendes Licht und ihre Linnen, setzte sich damit oben an die Treppe und fing nun Der Bindfaden der Monna Sismonda. 305 an zu nahen und zu erwarten, wohin diese ganze Geschichte endlich ausgchen werde. Arriguccio hatte indessen sein Haus verlassen, eilte so schnell er konnte zu dem der Brüder seiner Frau und klopfte hier so lange, bis er gehört wurde und man ihm öffnete. Die Brüder der Frau, deren drei waren, und ihre Mutter hörten kaum, daß es Arriguccio wäre, als sie Alle aufstanden, Lichter anzünden ließen und zu ihm kamen, um zu fragen, was er zu dieser Stunde und so allein begehre. Diesen nun erzählte Arriguccio von dem Faden an, den er an der Zehe der Monna Sismonda befestigt gefunden, bis zu dem Letzten, was er entdeckt und gethan hatte, Alles, und um ihnen diese Thatsachen vollständig zu beweisen, überreichte er ihnen die Haare, welche er der Frau abgeschnitten zu haben glaubte, indem er hinzufügte, sie möchten nun zu ihr kommen und mit ihr machen, was sie ihrer Ehre angemessen glaubten; denn er seinerseits wolle sie nicht länger in seinem Hause dulden. Die Brüder der Frau, heftig erzürnt über Alles, was sie gehört hatten, und, da sie dies für gewiß hielten, sehr erbittert gegen ihre Schwester, ließen Fackeln anzünden und begaben sich mit Arriguccio auf den Weg und gingen in der Absicht, ihr ein böses Spiel zu machen, mit ihm zu seinem Hause. Als ihre Mutter dies sah, begann sie ihnen weinend zu folgen, bald diesen, bald jenen beschwörend, sie möchten doch alles dies nicht sogleich glauben, ohne andere Beweise zu sehen und zu erkunden; denn der Mann könne ja aus andern Gründen gegen sie erzürnt sein, ihr Unrecht gethan haben und ihr jetzt zu seiner Entschuldigung dies Schuld geben, indem sie noch hinzusetzte, sie wundere sich, wie das sollte zugegangen sein, da sie ihre Tochter wohl kenne, die sie von klein auf erzogen habe, und vieles Aehnliche. Zu Arriguccio's Hause gelangt und eingetreten, begannen sie die Treppe hinauf zu steigen. Als Monna Sis- 306 Siebenter Tag. Achte Geschichte. monda sie kommen hörte, rief sie aus: „Wer ist da?" — Einer der Brüder antwortete hierauf: „Das wirst Du wohl wissen, schuldiges Weib, wer da ist." — Hierauf cntgegnete Monna Sismonda: „Was soll das bedeuten? Herr, steh uns bei!" — Dann stand sie auf und sprach: „Meine Brüder, seid mir willkommen! Was begehrt Ihr zu dieser Stunde von mir, alle drei?" Als diese sie so beim Nahen sitzen sahen, und ohne irgend eine Spur im Gesicht, geschlagen zu sein, wahrend Arriguccio doch erzählt hatte, daß ec sie ganz zerbläuet hatte, wunderten sie sich gleich beim ersten Eintritte etwas, und zügelten den Ungestüm ihres Zorns einigermaßen. Darauf fragten sie sie, wie das zugegangen sei, worüber Arriguccio sich beklage, und drohten ihr heftig, wenn sie ihnen nicht Alles genau sage. „Ich weiß nicht" sprach die Frau nun, „was ich Euch sagen soll, noch worüber Arriguccio sich beklagt haben kann." — Arriguccio sah sie jetzt an und betrachtete sie nun, wie ein Blödsinniger; er erinnerte sich wohl, ihr vielleicht tausend Faustschläge ins Gesicht gegeben, sie zerkratzt und ihr alles crsinnliche Uebel von der Welt zugefügt zu haben, und jetzt sah er sie vor sich, als wenn gar nichts von alle dem vorgefallen wäre. Die Brüder indeß theilten ihr in der Kürze mit, was Arriguccio ihnen erzählt hatte, von dem Faden, den Schlagen und alles Uebrige. Nun sprach die Frau, zu Arriguccio gewendet: „Wehe mir, Mann, was muß ich hören? Warum gibst Du mich vor Andern zu Deiner eignen Schmach für ein verworfenes Weib aus, was ich nicht bin, warum stellst Du Dich selbst schlechter und grausamer, als Du bist? Und wann warst Du denn diese Nacht zu Hause, geschweige denn bei mir? Wann schlugst Du mich? Ich besinne mich auf nichts." — „Wie," begann Arriguccio nun, „Schändliche, gingen wir nicht mitsammen zu Bett? Kehrte ich nicht dahin zurück, nachdem ich hinter Deinem Der Bindfaden der Monna Sismonda. 307 Liebhaber her gewesen war? Gab ich Dir nicht so viele Faustschlage und schnitt ich Dir die Haare nicht ab?" — „In diesem Hause," antwortete die Frau, „hast Du seit gestern Abend nicht geschlafen. Doch lassen wir alles Andere, das ich doch nur durch meine wahrhaftigen Worte beweisen könnte, und kommen wir zu Dem, was Du von dem Schlagen und Abschneiden der Haare sagst. Mich hast Du nicht geschlagen, und ihr Alle, die Ihr hier seid, Du selbst mit, seht mich an, ob ich an meinem ganzen Körper irgend ein Zeichen von Schlagen habe. Auch wollte ich es Dir nicht rathen, so verwegen zu sein, daß Du Hand an mich legtest; denn beim Kreuze Gottes, ich kratzte Dir die Augen aus. Auch kein Haar hast Du mir abgeschnitten, daß ich es gefühlt oder gesehen hätte; oder hast Du es vielleicht gethan, ohne daß ich es bemerkt? Laß sehen, ob meine Haare abgeschnitten sind, oder nicht." Und nun hob sie ihren Schleier vom Haupt und zeigte Allen, daß ihr Haar nicht beschnitten, sondern unversehrt war. Als die Brüder und die Mutter dies Alles sahen und hörten, begannen sie zu Acriguccio: „Was soll das Alles bedeuten, Acriguccio? Das paßt fürwahr nicht zu Dem, was Du uns erzähltest, daß Du gethan, und wir wissen nun nicht, wie Du das Uebrige beweisen willst." Arri- guccio stand wie ein Träumender und wollte reden; aber da er sah, daß selbst Das, was er beweisen zu können glaubte, nicht so war, so wagte er kein Wort mehr vorzubringen. Die Frau aber wandte sich nun zu ihren Brüdern und sprach: /,Jch sehe, lieben Brüder, daß mein Mann danach gestrebt hat, daß ich thue, was ich niemals thun wollte, nämlich, daß ich Euch seinen schnöden Lebenswandel und seine Schlechtigkeit erzähle, und so will ich es denn auch thun. Ich glaube fest, daß ihm Das, was er Euch erzählt hat, wirklich begegnet ist, und er cs so gethan hat, und höret nun, wie. — Dieser Ehrenmann, dem Ihr » 308 Siebenter Tag. Achte Geschichte. - zu meinem Unglück mich zur Gattin gabt, der sich einen Kaufmann nennt, und auch für einen solchen gelten will, und der mäßiger wie ein Geistlicher und gesitteter wie ein Mädchen sein sollte, dieser Mann versäumt selten einen Abend, daß er sich nicht in Weinhäusern betränke, sich dann mit dieser oder jener schlechten Weibsperson einließe und mich bis Mitternacht, zuweilen auch bis zum frühen Morgen, in der Weise, wie Ihr mich gesunden habt, auf sich warten ließe. Nun bin ich überzeugt, daß er, wieder stark betrunken, sich zu irgend einer seiner Weibsbilder ins Bett legte und, bei ihr erwachend, den Faden am Fuß fand, darauf alle die Heldenthatcn verübte, die er erzählte, noch einmal zurückkehrte, sie schlug und ihr die Haare abschnitt, und dann von seinem Rausch noch nicht ganz erwacht, sich cinbildete und sich gewiß noch jetzt einbildet, alles Dies mit mir vorgenommen zu haben; und seht Ihr ihm nur recht ins Gesicht, so werdet Ihr erkennen, daß er noch jetzt halb betrunken ist. Doch jedenfalls, was er auch von mir gesagt habe, Ihr dürft dies nur als von einem Trunkenbold kommend betrachten, und wenn ich es ihm vergebe, so vergebt auch Ihr es ihm-" Als ihre Mutter diese Worte hörte, fing sie an Lärm zu machen und zu sagen: „Beim Kreuze Gottes, mein Kind, das sollte nicht geschehen; eher sollten wir diesen widerwärtigen und undankbaren Hund todtschlagen, der wahrhaftig nicht werth war, ein Mädchen zu haben, wie Du bist. Schon gut, mein Schatz; das wäre wol recht, wenn er Dich aus dem Schmuz aufgerafft hätte! Die Pest über ihn, wenn Du armes Kind Dir die faulen Reden solch eines Eselsabschaums gefallen lassen sollst, solch eines Krämers, der nur vom Lande her und, wer weiß, von welcher Beutelschneiderbande hcreingekommen ist, in Grobtuch gekleidet, mit baumelnden Pumphosen, die Feder auf dem Hintern, eines von Denen, die, wenn sie drei Dreier besitzen, gleich die Töchter von Edelleutcn und Der Bindfaden der Monna Sismonda. 309 von vornehmen Damen zu Frauen haben wollen, und sich Wappen zulegen und sprechen: „Ich bin aus dem und dem Hause, und die Vorfahren meines Geschlechts haben es so und so gemacht!" Traun, ich wollte nur, meine Söhne waren meinem Rath gefolgt und hatten Dich, wie sie konnten, in der Familie der Grafen Guidi bei einem guten Stück Brot versorgt; aber sie wollten Dich nun einmal diesem Ausbund von Trefflichkeit überliefern, der sich nicht scheut, Dich, die Du das beste und keuscheste Weib in Florenz bist, um Mitternacht eine Metze zu schelten, als wenn wir Dich gar nicht kennten! Aber bei Gottes Treue, ging es nach mir, sie gaben ihm dafür eine solche Züchtigung, daß es ihm davon in den Leib führe." Dann zu den Söhnen gewandt, fuhr sie fort: „Ich sagte es Euch wohl, meine Kinder, daß das nicht sein konnte. Habt Ihr nun wohl gehört, wie Euer trefflicher Schwager Eure Schwester behandelt; so ein Winkelkrämer von vier Hellern, wie er ist? Und wäre ich wie Ihr, und er hätte von Ihr gesagt, was er gesagt hat, und machte es so, wie er es macht, wahrhaftig ich wäre nicht ^ zufrieden und beruhigt, bis ich ihn aus der Welt geschafft hätte; und wäre ich ein Mann, wie ich ein Weib bin, ich ließe fürwahr keinen Andern sich damit befassen. Herr Gott, lasse es ihm heimkommen, dem jämmerlichen Trunkenbold, der keine Scham und Schande im Leibe hat." Die Jünglinge, welche alles Dies sahen und hörten, wandten sich nun an Arriguccio und gaben ihm die schmähligsten Reden zu hören, die je einem schlechten Manne gesagt wurden. Zuletzt aber sprachen sie: „Wir verzeihen Dir diesen Streich, als einem Trunkenen; aber nimm Dich von jetzt an bei Deinem Leben in Acht, daß wir nicht wieder solche Geschichten von Dir hören; denn wahrlich, wenn uns je wieder etwas Dergleichen zu Ohren kömmt, so sollst Du uns für diese und für jene mit bezahlen." — Und so gesagt, gingen sie davon. — 310 Siebenter Lag. Neunte Geschichte. Arriguccio stand da, als hatte er den Kopf verloren, ohne selber zu wissen, ob Das, was er gethan, wirklich geschehen sei, oder ob er cs nur geträumt habe, und ließ nun, ohne ein Wort weiter darüber zu reden, die Frau in Frieden. Diese aber entging durch ihren sinnreichen Einfall nicht allein der ihr bevorstehenden Gefahr, sondern öffnete sich auch damit die Bahn, für die Zukunft Alles, was sie wünschte, thun zu können, ohne irgend eine Furcht vor ihrem Manne." Neunte Geschichte. Lydia, die Frau des Nikostratus, liebt den Pyrrhus, welcher, um es glauben zu können, drei Dinge von ihr fordert, die sie alle vollbringt; überdies aber ergötzt sie sich mit ihm in Gegenwart des Nikostratus und spiegelt diesem vor, es sei nicht wahr, was er mit Augen gesehen. Ä^ciphilens Geschichte hatte Allen so gefallen, daß die Damen nicht aufhören konnten, sie zu belachen und darüber zu sprechen, obschon der König mehre Male Stillschweigen auferlegt und dem Pamphilus geboten hatte, seine Geschichte vorzutragen. Als sie jedoch endlich schwiegen, begann Pamphilus folgendermaßen. „Ich glaube nicht, verehrte Damen, daß cs irgend Etwas gebe, wie schwer und bedenklich es auch sei, das der feurig Liebende nicht zu unternehmen wagen sollte. Obschon uns dies nun in gar vielen Geschichten nachgewiesen worden, so glaube ich es Euch doch noch vielmehr in einer Erzählung zeigen zu können, die ich Euch vorzutra- gcn denke. Hier werdet Ihr von einer Frau hören, die allerdings bei ihrem Beginnen mehr gutes Glück, als bedächtigen 311 Der verzauberte Birnbaum. Verstand hatte, und darum möchte ich auch keiner von Euch rathen, den Fußtapfen Deren zu folgen, von der ich Euch zu erzählen denke; denn nicht immer ist das Glück so wohl aufgelegt, und nicht alle Männer in der Welt sind so verblendet, wie dieser war. In Argos also, einer sehr alten Stadt in Achaja, weit mehr durch ihre alten Könige berühmt, als groß, lebte einst ein edler Mann, welcher Nikostratus hieß, und dem, schon dem Alter nahe, das Glück eine angesehene Frau, nicht weniger unternehmend, als schön, Namens Lydia, als Gattin zuführtc. Es hielt dieser als ein edler und reicher Mann eine zahlreiche Dienerschaft, mit Hunden und Vögeln, und vergnügte sich häufig an der Jagd. Unter seinen übrigen Dienern nun hatte er einen anmu- thigen Jüngling, zierlich und schön von Gestalt und geschickt zu Allem, was er unternehmen wollte, welcher Pyr- rhus hieß. Diesen liebte Nikostratus vor allen andern und vertraute ihm mehr als Jedem. Eben in diesen verliebte sich auch Lydia so, daß sie weder Tag noch Nacht ihre Gedanken anderswohin richten konnte, als auf ihn; und sei es nun, daß Pyrrhus diese Liebe nicht bemerkte, oder sie nicht bemerken wollte, genug er zeigte sich unbekümmert darum. Dies füllte die Seele der Frau mit unerträglichem Schmerz, und durchaus entschlossen, ihm ihre Liebe zu offenbaren, rief sie eine ihrer Frauen, Namens Lusca, zu sich, der sie gänzlich vertraute, und sprach zu ihr: „Lusca, die Wohlthaten, die Du von mir empfangen hast, müssen Dich mir gehorsam und treu machen, und darum hüte Dich, daß Das, was ich Dir jetzt sagen werde, Nie- and erfährt als Der, für den ich Dir den Auftrag geben werde. Du siehst, Lusca, ich bin jung und frisch und reichlich mit Allem versehen, was ein Weib begehren kann; kurz, einen Punkt abgerechnet, kann ich mich über nichts beklagen; und dieser ist, daß mein Mann zu viel Jahre zählt, wenn Du sie gegen die meinigen hältst. Deshalb 312 Siebenter Lag. Neunte Geschichte. lebe ich denn in Betreff Dessen, was junge Frauen vor Allem vergnügt, wenig zufrieden; allein, indem ich danach Begehren trage, wie alle Andere, habe ich mir schon lange vorgesetzt, wenn das Glück mir darin weniger ungünstig gewesen ist, daß es mir einen so alten Mann gegeben, doch nicht so meine eigne Feindin sein zu wollen, daß ich keinen Weg zu meinem Vergnügen und zu meinem Heil zu finden wüßte. Und um meine Wünsche hierin ebenso gewahrt zu sehen, wie sie es in allen andern Stücken sind, habe ich beschlossen, daß unser Pyrrhus, als vor Allen der würdigste dazu, sie mit seinen Umarmungen erfülle. So groß ist meine Liebe zu ihm, daß ich mich nicht wohl fühle, wenn ich ihn nicht sehe oder nicht an ihn denke, und finde ich mich nicht bald und ohne Aufschub mit ihm zusammen, so fürchte ich in der That, daran zu sterben. Darum, wenn mein Leben Dir lieb ist, entdecke ihm auf die Weise, die Dir die beste scheint, meine Liebe, und bitte ihn in meinem Namen, daß er zu mir kommen möge, wenn ich Dich nach ihm schicken werde." Die Dienerin sagte dies gern zu, und sobald ihr zuerst Zeit und Ort dazu gelegen schienen, zog sie den Pyrrhus bei Seite und richtete ihm die Bestellung ihrer Gebieterin aus, so gut sie konnte. Als Pyrrhus sie vernahm, erstaunte ec heftig, weil er in der That noch nie etwas davon gewahr worden war, und fürchtete, die Frau ließe ihm dies nur sagen, um ihn zu versuchen. Deshalb erwiderte er sofort in barschem Tone: „Lusca, ich kann nicht glauben, daß diese Worte von meiner Gebieterin kommen, und deshalb siche wohl zu, was Du sagst. Ja, kamen sie auch von ihr, so kann ich nicht glauben, daß sie ihr von Herzen kamen, und wäre auch dies der Fall, so erweist mir mein Herr mehr Ehre, als ich verdiene, und bei meinem Leben möchte ich ihm nicht eine solche Schmach anthun. Aus allen diesen Ursachen hüte Dich, mir je wieder ein Wort von solchen Dingen zu sagen." — Doch Der verzauberte Birnbaum. 313 Lusca, nicht erschreckt von seiner rauhen Rede, entgegnen ihm: — „Pyrrhus, hievon, wie von jedem andern Dinge, das meine Gebieterin mir austrägt, werde ich Dir so oft sprechen, als sie es mir befiehlt, mag es Dir nun zur Freude oder zum Leide gereichen. Doch Du bist ein Tölpel."- > Etwas bestürzt über die Worte des Pyrrhus, kehrte sie damit zu ihrer Gebieterin zurück, welche, als sie sie vernahm, zu sterben verlangte. Einige Tage darauf sprach sie jedoch wieder zu der Dienerin davon und sagte: „Du weißt, Lusca, daß aus den ersten Streich die Eiche nicht stürzt; darum dächte ich, daß Du noch einmal zu Dem zurückkehrtcst, der zu meinem Verderben aus eine ganz neue Weiie sich pflichtgetreu zeigen will, und daß Du ihm zu einer gelegenen Zeit meine ganze Gluih offenbartest und auf alle Weise Dich bemühtest, daß die Sache Erfolg habe; denn, wenn dies nicht geschähe, so müßte ich gewißlich sterben; er aber würde sich betrogen glauben und Haß würbe erfolgen, wo wir seine Liebe begehrten." Die Dienerin sprach der Frau Trost zu, suchte den Pyrrhus auf, fand ihn fröhlich und guter Dinge und sprach zu ihm: „Vor wenig Tagen, Pyrrhus, sagte, ich Dir, wie Deine und meine Gebieterin von der Liebe, die sie für Dich fühlt, verzehrt werde, und jetzt bezeuge ich Dir dies noch einmal, damit Du, wenn Du bei der Härte, die Du mir neulich bewiesest, verbleibst, gewiß sein könnest, daß ihr Leben von kurzer Dauer sein wird, und darum bitte ich Dich, gib ihr Gewährung für ihr Verlangen; denn bliebest Du länger bei Deinkr Widerspenstigkeit, so müßte ich Dich, wie ich bisher Dir große Klugheit beimaß, für einen entschiedenen Narren erachten. Welch ein Ruhm muß es Dir sein, daß eine solche Dame, so schön, so anmuthig, Dich über alles Andere liebt? Dann aber, wie verpflichtet mußt Du Dich dem Glück fühlen, wenn Du überlegst, welch eine Gabe es Dir biete, wie den Wünschen Deiner Ju- Dekameron. II. 14 314 Siebenter Tag. Neunte Geschichte. gend zusagend, und welch eine Hülssquellc für alle Deine Bedürfnisse? Welchen Deiner Genossen weißt Du, der auf dem Wege des Vergnügens in bessere Lage gelangt wäre, als Du gelangen wirst, wenn Du verständig bist? Welcher An- dere würde mit Waffenschmuck, mit Rossen, Kleidern und Vermögen so gut versehen sein, als Du es sein wirst, wenn Du ihr Deine Liebe bewilligen willst? Oeffne also meinen Worten Dein Herz und besinne Dich; erinnere Dich, daß einmal, und dann nie wieder, das Glück uns mit heiterer Miene und offenem Schooße entgegen zu treten pflegt, und daß Der, welcher es alsdann nicht aufzuneh- men weiß, wenn er sich nachher arm und entblößt sieht, sich über sich allein, und nicht über jenes zu beklagen hat. Was überdem die Treue angeht, welche zwischen Herrn und Diener zu beobachten ist, so ist dies nicht die, welche zwischen Freunden und Verwandten gilt; vielmehr haben die Diener ihre Herren, insoweit sie es können, ebenso zu behandeln, wie sie von diesen Herren behandelt werden. Glaubst Du aber, wenn Du eine schöne Frau, Mutter, Tochter oder Schwester besaßest, die dem Nikostratus ge- siele, daß er dann der Treue nachgehcn würde, die Du ihm in Ansehung seiner Frau bewahren willst? Ein Thor bist Du, wenn Du das glaubst! Sei vielmehr gewiß, daß, wenn Bitten und Schmeichelworte nicht ausreichten, was Dir auch davon dünken möchte, er Gewalt anwenden würde. Behandeln wir also sie und die Ihrigen, wie sie uns und die Unsrigen behandeln. Benutze die Gabe des Glücks und verscheuche es nicht, sondern geh' ihm entgegen und empfange es, wenn es kommt, und fürwahr, thust Du das nicht, so wird auch, abgesehen von dem Tode Deiner Gebieterin, der ohne Zweifel daraus erfolgen wird. Deine Sprödigkeit Dich später noch so oft gereuen, daß auch Du wirst sterben wollen." Pyrrhus, der schon öfter über Das, was ihm Lusca gesagt, nachgedacht, hatte sich bereits bestimmt, ihr, wenn sie wieder zu ihm käme, eine andere Antwort zu ertheilen Der verzauberte Birnbaum. 315 und den Wünschen seiner Gebieterin in aller Weise Gehör zu geben, wenn er sich nur vergewissern könnte, daß er nicht versucht würde. Deshalb erwiderte er denn: „Sich, Luska, Alles, was Du mir sagst, erkenne ich für wahr an; auf der andern Seite kenne ich aber auch meinen Herrn als klug und umsichtig, und da er mir alle seine Angelegenheiten in die Hände gegeben hat, so besorge ich sehr, daß Lydia mit seinem Rath und Willen alles Dies nur thue, um mich zu prüfen. Will sie also, damit ich Sicherheit erlange, drei Dinge thun, die ich von ihr begehren werde, so soll sie mir nachher nichts mehr gebieten, das ich nicht zu vollbringen bereit wäre. Diese drei Dinge aber, die ich verlange, sind folgende: erstlich, daß sie in Gegenwart des Nikostratus seinen besten Falken tödte; dann, daß sie mir eine Locke aus dem Bart des Nikostratus schicke, und zuletzt einen von seinen Zahnen, und zwar einen von den besten." Diese Forderungen, welche der Luska hart erschienen, dünkten ihrer Gebieterin noch harter; doch die Liebe, welche eine so treffliche Ermuthigerin und eine so große, Meisterin in Anschlägen ist, ließ sie beschließen, sie zu erfüllen, und ihre Dienerin mußte ihm bestellen, daß, was er gefordert habe, vollständig erfüllt werden sollte und bald; überdies aber noch, da er den Nikostratus doch für so klug halte, wolle sie sich in seiner Gegenwart mit Pycrhus ihrer Liebe freuen und jenen glauben machen, daß dies nicht wahr sei. So begann denn Pyrchus zu erwarten, was die Edeldame beginnen würde. Diese, als Nikostratus einige Tage darauf ein großes Gastmahl gab, wie er häufig gewissen Edelleuten zu geben pflegte, und die Tische schon aufgehoben waren, kleidete sich in ein Kleid von grünem Sammet, schmückte sich reich und stieg, nachdem sie ihre Kammer verlassen, in den Saal hinab, wo jene versammelt waren, ging vor Pyrrhus und aller Andern Augen zu der Bogelstange, auf welcher der Falke saß, der von Nikostratus so sehr geschätzt wurde, machte ihn los, als wollte sie ihn auf die Hand nehmen, ergriff ihn 14 * 316 Siebenter Tag. Neunte Geschichte. bei den Fesseln und schlug ihn gegen die Mauer, bis er todt war. Als Nikostratus ihr nun zurief: „Wehe, Weib, was hast Du gethan?" antwortete sie ihm nicht, sondern wandte sich zu den Edclleuten, die mit ihm gegessen hatten, und sprach: „Ihr Herren, wie sollte ich mich wol an einem König rachen, der mir Schmach erwiese, wenn ich uicht den Muth hätte, meine Rache an einem Falken zu nehmen? Ihr müßt wissen, daß dieser Vogel mir schon lange alle die Zeit geraubt hat, welche von den Männern dem Vergnügen ihrer Frauen gewidmet sein sollte; denn, so wie nur die Morgenröthe erscheint, steht Nikostratus aus, steigt zu Pferde und eilt mit seinem Falken auf der Hand in die weiten Ebenen hinaus, um ihn fliegen zu sehen, und ich, wie Ihr mich hier sehet, werde einsam und traurig in meinem Bette zurückgelassen. Darum habe ich denn auch schon öfter den Vorsatz gehabt, Das auszuführen, was ich jetzt gethan habe, und nichts Anderes hat mich davon zurückgehalten, als der Wunsch, es in Gegenwart von Männern zu thun, die gerechte Richter meiner Beschwerde sein könnten, wie ich glaube, daß Ihr es sein werdet/' Die Edelleutc, die dies hörten und die sich überzeugt stielten, daß ihre Liebe zu Nikostratus nicht anders beschaffen sei, als ihre Worte tönten, lachten Alle, und zu Nikostratus, der etwas verwirrt dastand, gewandt, begannen sie: „O wie recht hat die Dame gethan, ihre Kränkung mit dem Tode des Falken zu rachen!" — Und mit verschiedenen Scherzen über diesen Vorfall verwandelten sie, als die Dame schon längst in ihre Kammer zurückgekehrt war, auch des Nikostratus Zorn in Lachen. — Pyrrhus, der dies mit ansah, sagte nun zu sich selbst: Einen schönen Anfang zu beglückter Liebe hat die Dame mir gegeben; wolle nur Gott, daß sie ausharre. Nachdem Lydia nun so den Falken getödtct hatte, verstrichen nur wenig Tage, daß sie, als sie einst mit Niko- Der verzauberte Birnbaum. 317 stratus zusammen in ihrer Kammer war und ihn liebkoste, mit ihm zu schwatzen anstng, wobei sie, da er zum Scherz sie etwas an den Haaren zog, Veranlassung fand, Pyc- rhus' zweite Forderung in Erfüllung zu bringen. Schnell ergriff sie nämlich einen kleinen Schopf von seinem Bart, und lachend zog sie so stark daran, daß sie ihn ganz aus dem Kinne riß. Als sich Nikostratus hierüber beklagte, sprach sie: „Nun, was hast Du denn, daß Du ein solches Gesicht machst? Doch nicht, weil ich Dir vielleicht sechs Haare aus dem Bart gezogen habe? Du hast lange nicht so viel gefühlt, als ich, da Du mich eben an den Haaren zogst." — Und so von einer Rede in die andere ihren Scherz fortsetzend, hob die Frau die Locke, welche sie ihm aus dem Bart gezogen hatte, sorgfältig auf und schickte sie noch denselben Tag ihrem theucrn Geliebten zu. Ueber die dritte Forderung hatte die Frau mehr Sorge; doch von großem Geiste, wie sie war, und durch die Liebe noch mehr gewitzigt, hatte sie bereits ausgefunden, welchen Weg sie einzuschlagen habe, um ihr Erfüllung zu geben. Nikostratus hatte nämlich zwei Knaben bei sich, welche ihm von ihren Vätern übergeben worden waren, damit, weil sie aus adliger Familie stammten, sie in seinem Hause gute Sitten lernen möchten, und von denen der Eine, wenn Nikostratus aß, ihm vorschnitt, der Andere aber ihm zu trinken reichte. Diese Beiden ließ sie rufen, machte ihnen weiß, daß sie aus dem Munde röchen, und wies sie an, wenn sie Nikostratus bedienten, den Kopf so weit zurück zu ziehen,, als sie könnten, dies aber keinem Menschen zu sagen. Die Knaben, welche ihr glaubten, singen nun an, die Weise zu beobachten, welche sie ihnen gezeigt hatte. Sie selbst aber fragte einst den Nikostratus? „Hast Du bemerkt, was jene Knaben thun, wenn sie Dich bedienen?" — „Freilich," sprach Nikostratus; „auch habe ich sie schon fragen wollen, warum sie dies thäten." — „Thue dies ja nicht," antwortete ihm die Frau, „denn ich kann es 318 Siebenter Tag. Neunte Geschichte. Dir sagen, und schon lange habe ich es Dir verschwiegen, um Dir nicht wehe zu khun; doch jetzt, da ich sehe, daß auch Andere es zu bemerken ansangen, darf ich Dir es nicht länger verbergen. Dies geschieht blos deswegen, weil Du gewaltig aus dem Munde riechst, und ich weiß nicht, was die Ursache davon sein mag, da es sonst nicht so zu sein pflegte. Das aber ist sehr häßlich für Dich, der Du mit adligen Männern umzugehen hast, und darum müssen wir sehen, wie dem abzuhelfen ist." — Nun sprach Ni- kostratus: „Was aber könnte dies sein? Sollte ich vielleicht einen verdorbenen Zahn im Munde haben?" — „Vielleicht ja," antwortete Lydia. Somit führte sie ihn an ein Fenster und ließ ihn den Mund aufmachen, und nachdem sie aus der einen Seite und der anderen umhergesehen, rief sie: „O Nikostratus, wie hast Du dies nur so lange ausgehalten? Hier auf dieser Seite hast Du einen, der, so viel mir scheint, nicht blos angegangen, sondern ganz faul ist, und gewiß, wenn Du ihn langer im Munde behältst, verdirbt er Dir, die auf der Seite stehen; darum rathe ich Dir, wirf ihn hinaus, ehe die Sache weiter gehr." — „Da es Dir so scheint," antwortete Nikostratus darauf, „so bin ich es zufrieden; man sende ohne weiteren Aufschub zu einem Meister, der ihn mir ausziehe." Hierauf entgegnete die Frau jedoch: „Das wolle Gott nicht, daß darum ein Meister herkomme; er scheint mir so zu stehen, daß ich ihn selbst ohne Meister sehr gut ausziehen kann. Und andererseits sind diese Leute bei ihrem Geschäft so grausam, daß mein Herz es auf keine Weise ertragen könnte, Dich unter den Händen Eines derselben zu sehen oder zu wissen. Darum will ich jedenfalls es selber thun; denn wenigstens kann ich, wenn es Dich zu sehr schmerzt, Dich sogleich loslassen, was der Meister nicht thun würde." Nachdem sie sich also die Werkzeuge zu einem solchen Dienst hatte kommen lassen und jeden aus dem Zimmer fortgeschickt hatte, mit Ausnahme der Lusca, welche sic Der verzauberte Birnbaum- 319 allein bei sich behielt, verschloß sie sich von innen, hieß den Nikostratus sich der Länge lang auf einen Tisch nie- derlegcn, steckte ihm die Zange in den Mund, ergriff einen seiner Zahne, und mochte er nun vor Schmerz auch schreien so stark er wollte, er wurde von der Einen fest- gehalten, so lange bis ihm die Andere mit aller Gewalt einen Zahn hcrausgezogen hatte. Diesen hob Lydia auf und nahm einen andern ganz verfaulten hervor, welchen sie schon in der Hand hielt und dem wehklagenden, beinahe halbtodten Manne zeigte, indem sie sprach: „Siehe, was Du nun schon so lange in Deinem Mund gehabt hast!" >— Dieser glaubte es, und obschon er gewaltige Schmerzen ausgestanden und noch immerfort viel jammerte, so dünkte er sich doch, nachdem der Zahn einmal heraus war, wie geheilt; und durch einige stärkende Mittel erquickt, verließ ec, als der Schmerz anfing, geringer zu werden, das Gemach; die Dame aber nahm den Zahn und schickte ihn alsbald ihrem Geliebten. Dieser, ihrer Liebe nun gewiß, erklärte sich zu jedem ihrer Wünsche bereit. Die Dame, in dem Verlangen, ihn noch mehr zu vergewissern, wollte, da jede Stunde ihr tausend dünkten, bis sie mit ihm zusammen käme, nun auch noch Das erfüllen, was sie ihm zuletzt versprochen hatte, und stellte sich zu diesem Ende krank. Und als sie nun Nikostratus eines Tages nach dem Essen besuchte, und sie Niemand weiter als Pyrrhus bei ihm sah, bat sie ihn, daß sie ihr zur Erleichterung ihres Zustandes helfen möchten, in den Garten hinabzusteigen. Deshalb nahm sie denn Nikostratus an der einen und Pyrrhus an der andern Seite, und trugen sie in den Garten, wo sie sie auf einer kleinen Wiese am Fuße eines schönen Birnbaums niedersetzten. Als sie hier eine Weile gesessen, sagte die Dame, welche den Pyrrhus schon von Dem unterrichtet hatte, was er zu thun habe: „Pyrrhus, ich fühle großes Verlangen, von diesen Birnen zu haben; steig darum hinauf und 320 Siebenter Lag. Neunte Geschichte. wirs uns einige herunter."— Flink sprang Pyrrhus hinauf und fing an, Birnen herunter zu werfen; doch wahrend er so warf, begann er mit einem Mal zu rufen: „Herr, he, was macht Ihr denn? Und Ihr, Madonna, schämt Ihr Euch denn gar nicht, das in meinem Beisein zu dulden? Glaubt Ihr vielleicht, ich sei blind? Noch eben erst wäret Ihr so krank; wie seid Ihr nun so schnell genesen, daß Ihr solche Dinge treibt? Wollt Ihr nun einmal so was vornehmen, so habt Ihr doch wahrlich schöne Kammern genug; warum geht Ihr nicht in eine derselben, um solche Geschichten zu machen? Es wäre doch anständiger, als dergleichen in meiner Gegenwart zu thun!" Nun wandte sich die Frau zu ihrem Manne und sprach: „Was schwatzt der Pyrchus? Ist ec toll?" „Ich bin nicht toll," erwiderte Pyrrhus hierauf; „Madonna, glaubt Ihr denn, ich sehe nicht?" — Nikostcatus wunderte sich nun auch und sagte: „Ick glaube wahrhaftig, Pyrrhus, Du träumst!" — „Herr," entgegnete ihm dieser hieraus, „ich träume ganz und gar nicht, und Ihr wahrhaftig auch nicht, vielmehr rührt Ihr Euch so trefflich, daß, wenn sich dieser Birnbaum so schüttelte, wie Ihr, keine einzige Birne darauf bliebe." Nun sprach die Frau: „Was kann das sein? Sollte es wahr sein, daß er zu sehen glaubt, was er sagt? Gott weiß es, wäre ich gesund, wie ich sonst war, ich müßte hinauf, um zu sehen, was das für Wunder sind, die dieser zu sehen versichert." Pyrrhus aus dem Birnbaum fuhr indeß fort zu reden und erzählte immer weiter von diesen Geschichten. Endlich ries Nikostcatus ihm zu: „Steig' herab!" und er stieg herab. Nun fragte er ihn: „Was sagst Du, daß Du sähest?" — „Ich glaube," sprach Pyrrhus, „daß Ihr mich für toll oder für schlaftrunken haltet. Sah ich Euch denn nicht auf Eurer Frau, da ich es doch gerade heraus sagen soll, und sah ich nicht, daß Ihr, als ich Herabstieg, Der verzauberte Birnbaum. 321 aufstandet und Euch dahin setztet, wo Ihr jetzt sitzet?" — „Gewiß," sprach Nikostratus, „warst Du hierin toll; denn wir haben uns, seit Du auf den Birnbaum stiegest, nicht mehr gerührt, als wie Du uns eben jetzt siehst. Hierauf entgegnen Pyrrhus: „Was streiten wir darüber? Ich habe Euch doch gesehen; und sah ich Euch, so sah ich Euch auf dem Eucigen." Immer mehr wunderte sich nun Nikostratus, bis er endlich sprach: „Nun wohl, so will auch ich sehen, ob dieser Birnbaum behext ist und ob Der, der darauf ist, Wunder sieht." — Und somit stieg er hinauf. Als er oben war, fingen die Frau und Pyrrhus an, sich miteinander zu ergötzen. Als Nikostratus dies sah, begann er zu rufen: „Wehe, schändliches Weib, was machst Du da ? Und Du, Pyrrhus, auf den ich so vertraute?" Und so rufend, fing er an, wieder hinabzusteigen. — „Wir sitzen hier ganz still," sprachen die Frau und Pyrrhus, und da sie ihn herabsteigen sahen, kehrten sie schnell zu ihren Sitzen zurück, wie sie sie verlassen hatten. Als Nikostratus unten war und sie wieder da fand, wo er sie verlassen hatte, fing er an sie zu schmähen. Hierauf entgegnete Pyrrhus: „Nikostratus, jetzt bekenne ich, daß ich, wie Ihr sagtet, falsch sah, als ich auf dem Birnbaum war; und an nichts Anderem erkenne ich das, als daran, daß ich sehe und weiß, auch Ihr habet falsch gesehen. Und daß ich wahr spreche, das zeigt sich Euch dadurch, wenn Ihr daran denkt und erwäget, daß sich kein Grund absehen laßt, warum Eure Gattin, die die ehrbarste Frau und verständiger als irgend eine andere ist, wenn sie Euch solchen Schimpf erweisen wollte, sich entschlossen haben sollte, es vor Euren Augen zu thun. Von mir will ich nicht reden, da ich mich eher vierthcilen ließe, als nur daran zu denken, geschweige denn, es in Eurer Gegenwart zu thun. Darum gewißlich muß die Hexerei dieses Jrrsehens von dem Birnbaum ausgehen; denn die ganze Welt hatte mir nicht ausgeredet, daß Ihr I.t * * 322 Siebenter Tag. Neunte Geschichte. hier nicht fleischlich bei Eurer Frau läget, hätte ich Euch nicht behaupten hören, daß es Euch erschienen, als thäte ich eben Das, was ich eben so gewiß weiß, nicht einmal gedacht, geschweige denn gcthan zu haben." — Nun erhob sich auch die Frau, die fast zornig geworden war, und sprach: „Daß Dich der Himmel strafe, wenn Du mich für so einfältig gehalten hast, daß ich, wenn ich mich mit solchen Schlechtigkeiten befassen wollte, wie Du gesehen zu haben behauptest, sie vor Deinen Augen begehen würde. Sei gewiß, daß, wenn mir das Verlangen darnach auf- stiege, ich fürwahr nicht hierher kommen, sondern es in einer unserer Kammern zu erfüllen wissen würde, und zwar auf eine Weise, daß es wunderlich zugehen müßte, wenn Du es jemals wieder erführest." Nikostratus, der für richtig hielt, was der Eine wie die Andere ihm betheuerten, daß sie sich nie zu einer solchen Handlung vor seinen Augen würden haben verleiten lassen, stand nun von Rede und Vorwürfen dieser Art ab und sing an, von der neuen Erscheinung und dem Wunder dieses Gesichts, das Den, der hier hinaufstieg, so betrog, zu reden. Doch die Frau, noch immer sich verletzt zeigend von der Meinung, welche Nikostratus von ihr gehabt hatte, sprach: „Wahrlich, dieser Birnbaum soll dergleichen Schande weder mir, noch einer andern Frau mehr bereiten, wenn ich's hindern kann; und darum, Pyrrhus, eil' und hol' ein Beil, und rache Dich und mich zugleich an ihm, indem Du ihn abhauest, obgleich es besser wäre, dem Nikostratus damit auf den Kopf zu schlagen, der sich ohne irgend eine Rücksicht so leicht die Augen des Verstandes verblenden ließ. Denn wenn Dir auch schien, mit den leiblichen Augen zu sehen, was Du behauptest, so hättest Du doch nimmer in der Erwägung Deines Geistes darin einstimmen und annehmen sollen, daß dem so wäre." Pyrrhus lief nun eilig nach dem Beile und hieb den Birnbaum nieder. Als ihn die Frau darnieder sah, sprach Tingocciv's Nachrichten aus dem Fegfeuer. 323 sie zu Nikostratus: „Nun, da ich den Feind meines guten Rufes gefallt sehe, ist auch mein Zorn verschwunden," und freundlich verzieh sie ihm, der sie darum beschwor, nun seine Schuld, indem sie ihm auferlegte, daß er nie wieder von Der, die ihn mehr als sich selber liebte, eine solche Sache glauben solle. — So kehrte denn der arme Gemahl, verhöhnt, mit ihr und ihrem Liebhaber in den Palast zurück, wo später Pyrrhus an Lydia, und diese an Jenem noch oft mit größerer Gemächlichkeit Freude und Vergnügen fand. — Der Himmel möge uns Allen ähnliche bescheeren! — —" Zehnte Geschichte. Zwei Sieneser lieben eine Frau, die des Einen Gevatterin ist; der Gevatter stirbt und erscheint, seinem Versprechen gemäß, dem Gefährten und berichtet ihm nun, wie er sich jenseits befindet. ^>ie Pflicht zu erzählen blieb nun dem König nur noch allein übrig, und als dieser die Damen, welche sich über den abgehauenen Birnbaum, welcher keine Schuld gehabt hatte, in Klagen ergossen, etwas beruhigt sah, begann er folgendermaßen: „Es ist offenbar, daß jeder gerechte König der erste Hüter der von ihm gegebenen Gesetze sein soll; denn thut er anders, so muß man ihn für einen der Strafe würdigen Sklaven, nicht aber für einen König erkennen. In diese Schuld und diesen Tadel zu verfallen sehe ich mich, der ich Euer König bin, fast genöthigt. Es ist wahr, daß ich erst gestern unsern heutigen Erzählungen das Gesetz vorschrieb, mit der Absicht, mich an diesem Tage meines Vorrechts nicht bedienen zu wollen, sondern mit Euch 324 Siebenter Tag. Zehnte Geschichte. Allen zugleich mich jenem zu unterwerfen, und von Dem zu sprechen, wovon Ihr Alle gesprochen habt. Allein nicht blos ist Das, was ich selbst zu erzählen gedachte, bereits erzählt worden, sondern man hat darüber auch so viel Anderes uno Schöneres vorgebracht, daß ich, so viel ich auch mein Gedächtniß durchsuche, mich doch auf nichts besinnen kann, was ich Euch über diesen Gegenstand noch vortragen könnte, das dem schon Erzählten gleich käme. So muß ich denn gegen das von mir selbst gegebene Gesetz sündigen und erbiete mich dafür, als der Strafe würdig, im Voraus zu jeder Buße, die mir auferlegt wird. Jndeß aber kehre ich zu meinem gewohnten Vorrecht zurück und sage Euch, daß die von Elisen erzählte Geschichte vom Gevatter und der Gevatterin, und nächstdem die Albernheit der Sieneser so viel Gewalt über mich ausübcn, daß ich, vielgeliebte Damen, die Streiche bei Seite lassend, welche thörichten Männern von ihren verständigen Frauen gespielt wurden, mich gemüßigt sehe, Euch eine Geschichte zu erzählen, die, obgleich sie in sich viel von Dem hat, was man nicht glauben soll, nichtsdestoweniger zum Theil angenehm zu hören sein wird. Es lebten also einst in Siena zwei Jünglinge aus den Volksständen, von denen der Eine Tingoccio Mini und der Andere Meuccio di Tura hieß, die am Salaja- Thore wohnten und fast mit Niemand umgingen, als mit einander, und dem Anschein nach einander sehr liebten. Sie gingen, wie es die Menschen machen, zusammen in die Kirchen und in die Predigten und hatten hier oft von der Glorie und von dem Elend, wie sie den Seelen der Verstorbenen in der andern Welt nach ihren Verdiensten zugetheilt würden, gehört. Hierüber begehrten sie nun außerordentlich eine sichere Kunde zu haben, und da sie keinen andern Weg dazu fanden, so gelobten sie sich unter einander, daß Der, welcher von ihnen zuerst stürbe, Dem, der lebend zurückbliebe, wenn er könnte, erscheinen und ihm die Nachrichten bringen sollte, nach denen er so Tingoccio's Nachrichten aus dem Fegfeuer. 325 sehr verlangte; und dies betheuerten sie sich mit einem Eidschwur. Nach diesem Gelöbniß fuhren sie fort, miteinander, wie wir gesagt haben, zu verkehren, und es geschah, daß Tin- goccio der Gevatter eines gewissen Ambrosia Anselmini, der in Campo Reggi wohnte, wurde, der von seiner Frau, Namens Monna Mita, einen Sohn hatte. Da nun Tin- goccio zusammen mit Meuccio zuweilen die Gevatterin besuchte, die eine gar schöne und reizende Frau war, so verliebte ec sich, ungeachtet der Gevatterschaft, in sie, und eben so Meuccio, dem sie gleichermaßen sehr gefiel, und der sie von Tingoccio so viel rühmen hörte. Diese Flamme jedoch verbargen sie Einer dem Andern sehr sorgfältig, wenn gleich nicht aus einem und demselben Grunde. Tingoccio hütete sich, sie dem Meuccio zu entdecken, um der Sünde willen, der er sich schuldig zu machen glaubte, wenn er seine Gevatterin liebte, und die er sich geschämt haben würde, irgend Jemand wissen zu lassen. Meuccio aber schwieg nicht deshalb, sondern weil er schon bemerkt hatte, daß sie dem Tingoccio gefiel. „Entdecke ich ihm dies," sprach er zu sich selbst, „so wird er eifersüchtig auf mich werden, und da er ihr, als ihr Gevatter, so oft er wünscht, nahen kann, so wird er mich bei ihr nach Kräften verhaßt machen, und ich werde nie etwas von ihr erlangen, was ich mir wünsche." Wie nun diese beiden Jünglinge auf die erzählte Art sortliebten, geschah es, daß Tingoccio, welcher mehr Gelegenheit hatte, der Geliebten seine Wünsche zu offenbaren, mit Thaten und mit Worten cs so weit zu bringen wußte, daß er sein Verlangen endlich von ihr erfüllt sah. Dies ward Meuccio wohl gewahr; allein so unlieb es ihm auch war, so stellte er sich doch, in der Hoffnung, auch seiner Seits dereinst zum Ziele seiner Wünsche zu gelangen, und damit Tingoccio nicht Ursache und Anlaß hätte, ihm dies zu verderben und ihm darin hinderlich zu sein, als bemerkte ec nichts. So liebten denn diese beiden Genossen, der 326 Siebenter Lag. Zehnte Geschichte. Eine glücklicher, als der Andere, und Tingoccio, der in den Besitzungen der Gevatterin das Erdreich angenehm zu bestellen fand, grub und arbeitete so lange, bis eine Krankheit daraus erfolgte, die nach wenigen Tagen so schwer wurde, daß er sie nicht bestehen konnte und aus diesem Leben schied. Den dritten Tag- nachdem er gestorben, erschien er, weil er vielleicht nicht eher gekonnt hatte, seinem Versprechen gemäß, in einer Nacht in Meuccio's Kammer und rief diesen, der in tiefem Schlafe lag. Meuccio erwachte und sprach: „Wer bist Du?" Jener antwortete: „Ich bin Tingoccio, der, nach dem Versprechen, was ec Dir gab, zu Dir zurückkehrt, um Dir Kunde aus der andern Welt zu bringen." Etwas erschrak nun>Meuccio wohl, als er ihn sah, doch faßte er sich und sagte: „Sei mir willkommen, Bruder," und dann fragte er ihn, ob er verloren sei. — „Verloren," antwortete Tingoccio hierauf, „sind die Dinge, die man nicht wiedcrsinden kann, und wie könnte ich denn hier sein, wenn ich verloren wäre?" — „Ach," sagte Meuccio, „ich meine nicht so, sondern ich frage Dich, ob Du unter den verdammten Seelen im peinigenden Feuer der Hölle bist?" — Hierauf antwortete ihm Tingoccio: „Das nicht, aber wohl befinde ich mich um meiner begangenen Sünden willen in großer Qual und Angst." Nun fragte Meuccio den Freund ausführlich, welche Strafe für jede einzelne der hier begangenen Sünden dort gegeben würde, und Tingoccio beschrieb sie ihm alle. Dann begehrte Meuccio zu wissen, ob er diesseits irgend etwas für ihn thun könne, und Tingoccio antwortete ihm, ja, und dies wäre, daß er Messen für ihn lesen ließe, Gebete spräche und Almosen gäbe. Alles Dinge, welche den Seelen dort sehr nützlich wären. Meuccio versprach, daß er dies gern thun wolle, und eben, als Tingoccio nun von ihm scheiden wollte, erinnerte ec sich der Gevatterin, und den Kopf etwas emporhebend, sprach cr: „Gut, Tingoccio, daß mir die Gevatterin einsällt, bei der Du oft Tingoccio's Rachrich en aus dem Fcgfeuer. 327 schliefest, als Du noch hier warst-, welche Buße ist Dir dafür zuerkannt?" Hierauf erwiderte Tingoccio: „Bruder, als ich dort ankam, traf ich auf Einen, der alle meine Sünden auswendig zu wissen schien, und der mir an einen Ort zu gehen befahl, wo ich in großer Pein meine Schuld beweinte und wo ich gar viele Gefährten fand, zu derselben Buße verurtheilt, als ich. Als ich nun so unter ihnen weinte und an Das, was mit der Gevatterin geschehen war, dachte, erwartete ich immer eine noch viel größere Strafe, als mir zuertheilt war, und obschon ich mich in einem großen und sehr brennenden Feuer befand, so zitterte ich doch vor Furcht. Als dies Einer, der mir zur Seite stand, sah, sprach er: „„Was hast Du mehr als die Andern, die hier sind, gethan, daß Du mitten im Feuer zitterst?"" — „O, sprach ich, lieber Freund, ich habe so große Furcht vor dem Nichterspruche, den ich erwarte, einer sehr großen Sünde wegen, die ich einst beging." — Nun fragte er mich, was das für eine Sünde sei. — „Sie war der Art, antwortete ich ihm, daß ich bei meiner Gevatterin schlief, und das so lange, daß ich mich zu Grunde richtete." Hierauf verlachte ec mich und sagte: „„Geh, Du Narr, und fürchte nichts, denn hier hält man keine Rechnung über die Gevatterinnen."" Als ich dies hörte, beruhigte ich mich." Dies gesagt, sprach er, da der Tag heran nahete: „Leb wohl, Meuccio, ich kann nicht länger bei Dir weilen," und sogleich verschwand er. Wie Meuccio nun gehört hatte, daß man dort keine Rechnungen über die Gevatterinnen halte, fing er an, sich über seine Thor- heit auszulachen, mit der er schon von mehreren derselben abgelassen hatte, und wurde auch hierin, nachdem er seine Unwissenheit verabschiedet, von nun an klüger. Hätte dies Alles aber unser Bruder Rinaldo gewußt, so hätte er nicht nöthig gehabt, zu allerhand Trugschlüssen zu greifen, um seine gute Gevatterin zu seinen Wünschen zu bekehren." 328 Siebenter Tag. Der Zephyr hatte sich bereits vor der dem Abend nahe gerückten Sonne erhoben, als der König, nachdem er seine Erzählung geschlossen, und Niemand zum Erzählen weiter übrig blieb, sich den Kranz vom Haupte nahm, ihn Lau- retta auf die Stirne setzte und sprach: „Madonna, ich kröne Euch mit dem Euch eigenen Lorbeer zur Königin unserer Gesellschaft. Was Ihr glaubt, das zum Vergnügen und zur Freude Aller gereichen könne, das gebietet nun als Herrscherin." Dann setzte er sich wieder nieder. Lametta, die nun Königin geworden war, ließ den Scneschall rufen und befahl ihm, in dem anmuthigen Thale etwas früher, als zur gewohnten Stunde, die Tische aufzustellen, damit man nachher mit Gemächlichkeit zum Schloß zurückkehren könne, und darauf bczeichnete sie ihm, was er Alles zu thun habe, so lange ihre Herrschaft dauere. Dann wieder zur Gesellschaft gewandt, sprach sie: „Dioneus gebot uns gestern, heute von den Streichen zu sprechen, welche die Frauen ihren Männern spielen, und wäre es nicht, daß ich mich nicht als zum Geschlecht der Mopshunde gehörend zeigen will, die sich immer auf der Stelle rächen wollen, so würde ich gebieten, daß wir morgen von den Streichen sprächen, welche die Männer ihren Frauen spielen; doch ich lasse dies bei Seite und fordere nur, daß Jeder daran denke, von solchen Possen zu erzählen, wie sie alle Tage eine Frau dem Mann oder ein Mann der Frau, oder auch ein Mann dem andern spielt, und hoffe, daß es dabei nicht weniger Angenehmes zu berichten geben wird, als wir heute gehabt haben." Dies gesagt, stand sie aus und beurlaubte die Gesellschaft bis zur Essensstunde. Frauen und Männer erhoben sich nun gleicher Weise; Einige von ihnen begannen mit abgelegten Schuhen durch das klare Wasser zu gehen und Andere ergötzten sich, unter den schönen und schlanken Bäumen auf dem grünen Wiesengrunde umher zu spazieren. Dioneus und Fiammetta sangen lange zusam- Schluß. 329 men von Archytas und Palämon, und so brachten sie in vielfachen und verschiedenen Ergötzlichkeiten die Zeit bis zum Abendessen heiter und vergnügt hin. Als diese gekommen war, und sie nun längs dem kleinen See an ihren Tischen saßen, unter dem Gesang von tausend Vögeln, und stets von einer milden Abendlust befachelt, welche von den Bergen umher herabwehete, und von keiner Mücke gestört, speisten sie ruhig und fröhlich. Als die Tafeln abgehoben und das anmuthige Thal noch etwas durchirrt war, begab man sich, wie die Königin befahl, während die Sonne noch hoch am Abend stand, langsamen Schrittes auf den Weg nach der gewöhnlichen Wohnung, scherzend und schwatzend über tausend Dinge, sowol von denen, welche heute erzählt worden waren, als auch über andere, und gelangte spat gegen die Nacht hin zu dem schönen Palaste zurück. Hier, nachdem man die Mühe des kleinen Weges mir kühle» Weinen und Vackwerk verscheucht, begab man sich sofort zum Tanz um den schönen Springbrunnen her, bald Reigentänze nach dem Ton von Tyndarus' Schalmei, bald nach andern Melodien aussührend. Endlich aber gebot die Königin der Philomela, einen Gesang anzustimmen, und diese begann folgendermaßen: Wie freudlos bist du, armes Leben! Werd ich denn nimmer, nimmer wiederkehren, Bon wo die trübe Lrennungsstunde mich geschieden? Fürwahr, ich weiß es nicht, so glühendes Verlangen Trag' ich in meinem Busen, dort zu sein, Wo ich Berlassne einst beglückt mich wähnte. D holdes Gut, nach dem ich stets muß langen, Das stets mein Herz verdammt zu herber Pein, Sag' du es mir; denn wenn ich auch mich sehnte, Au fragen wagt nicht die Berhöhnte. Drum laß, o Herr, die Hoffnung wiederkehren, Laß du mein traurend Herz mit Trost sich nähren. Zwar weiß ich nicht zu sagen, welche Wonnen, Die so mein ganzes Sein entflammt, Daß ich nicht Ruhe finde Tag und Nacht, ich fühlte. Denn Ohr und Auge, der Empfindung Sonnen, Mit einer Macht, die Keinem angestammt, Entzündeten die Gluth, die nichts mir kühlte, In der ich brennend so mich wühlte, Daß nichts mit Trost mich kann ernähren, Nichts die erschreckte Kraft macht wiederkehren. O sprich, wird's jemals wol und wann geschehen, Daß ich mich wiederfinde, dort, Wo ich die Augen küßte, dir mich straften? O theures Gut, geliebte Seele, laß mich's sehen, Wenn du erscheinst an diesem Ort. O sprich'S, laß Trost an deinem Worte haften: Mach, daß die Stunden sich entrafften, Und laß sie weilen dann und wiederkehren; Seit Amor mich verletzt, kann ich die Zeit nicht ehren. Doch, ach, geschieht cs jä, daß ich dich halte, Werd ich so thöricht wieder sein, Als ich einst war, dich fort von mir zu lassen? Rein, fest umschließ' ich dich, das Schicksal walte! Am süßen Munde dein Muß ich den heißen Wunsch erst ganz erfassen. Das Andre dann sei mir erlassen; Drum eile nur, in meinen Arm zu kehren, Denn denk' ich's nur, kann ich dem frohen Sang nicht wehren! Das Lied ließ die ganze Gesellschaft erkennen, daß Philomela von einer neuen und anmuthigen Liebe gefesselt werde; und weil ihre Worte zu vercathen schienen, daß sie mehr als den bloßen Anblick gekostet hatte, so hielt man sie für glücklich, und Einige, die gegenwärtig waren, beneideten sie darum. Doch als ihr Gesang geschlossen war, Schluß. 331 nahm die Königin, die sich eben erinnerte, daß der folgende Tag ein Freitag sei, das Wort und sprach freundlich zu Allen: „Ihr wißt, edle Damen und Ihr, Herren, daß morgen der Tag ist, der dem Leidensandenken unseres Heilandes gewidmet ist, ein Tag, den wir, wenn Ihr Euch recht erinnert, andächtig feierten, als Neiphile unsere Königin war, indem wir unsere heiteren Erzählungen aussetzten, und das Gleiche thaten wir an dem darauf folgenden Sonnabend. Deshalb will ich denn auch dem guten Beispiel, das Neiphile uns gab, folgen, und halte dafür, daß es geziemend sei, daß wir uns morgen und den folgenden Tag unseres ergötzlichen Erzählens enthalten, und uns dafür an Das erinnern, was an diesen Tagen zum Heile unserer Seelen geschah." Allen gefiel die fromme Rede ihrer Königin, und als sie nun, von dieser beurlaubt, erkannten, daß ein großer Theil der Nacht bereits verstrichen war, ging Jedermann zur Ruhe. — Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig-