Egano, der zufriedene Hahnrei.
297
die Du geschmachtet hast. Damit Du mir aber auchglaubst, so nimm diesen Kuß zum Aufgeld." Dabei schlangsie den Arm um seinen Hals, und küßte ihn voller Liebeund er sie.
Nach diesen Reden verließ Anichino die Dame und,während er einige Geschäfte besorgte, erwartete er mit höch-ster Lust, daß es Nacht werde. Egano kam von der Jagdzurück, und, müde wie er war, ging er nach dem Abend-essen zu Bette, wohin seine Frau ihm folgte und nichtvergaß, ihrem Versprechen gemäß, die Kammerthür offenzu lassen.
Anichino kam zur bestimmten Stunde, und nachdemer leise eingctreten, hinter sich den Riegel zugeschobenhatte, ging er nach der Seite des Bettes, wo die Dame
lag, und fühlte, wie er ihren Busen berührte, sie schlafe
nicht. Sie aber ergriff, als sie Anichino's Ankunft gewahrward, seine Hand mit den ihrigen beiden und, immer ihnsesihaltend, wandte sie im Bette so lange sich hin undwieder, bis Egano, welcher schlief, davon erwachte. Wo-rauf sie also zu ihm sprach: „Gestern Abend wollte ichnicht erst anfangen, denn Du schienst mir müde, aber,Egano, sage mir doch einmal ernsthaft, wen von allenDienern im Hause hältst Du für den besten, den recht-schaffensten und Dir am treusten zugethanen?" Eganoerwiederte: „Frau, was soll's, daß Du mich so fcägst?
weißt Du's denn nicht? Ich habe und hatte nie zu Ei-
nem so viel Vertrauen und Liebe, als zu meinem treuenund lieben Anichino. Aber weshalb fragst Du danach?"
Wie Anichino den Egano wach sah und von sichreden hörte, hatte er oft, aus Furcht, von der Damebetrogen zu sein, verjucht, die Hand zurück zu ziehn,um zu entfliehn, allein sie hielt so fest, daß er aufkeine Weise sich losmachen konnte. Inzwischen antwor-tete sie ihrem Manne: „Das will ich Dir sagen. Ichglaubte, cs verhielte sich wirklich, wie Du sprichst, und ersei Dir treuer, als irgend ein Anderer; aber mich hat er
13 **