280 Siebenter Tag. Fünfte Geschichte.
That den Fuß unter keinerlei Vorwand aus dem Hause setzen,ja sie wagte es nicht einmal, sich an einem Fenster zu zeigen,oder um Irgend eines Anlasses willen aus dem Hause zu blik-ken. Ihr Leben war daher äußerst traurig, und um so unge-duldiger trug sie diese Pein, je unschuldiger sie sich fühlte.
Als sie sich daher solches Unrecht schuldlos von ihremMann erweisen sah, so fiel sie endlich darauf, zu ihremeigenen Tröste Mittel zu finden (wenn ein solches irgendzu finden wäre), daß ihr solche Härte wenigstens mit Rechterwiesen würde. An das Fenster durfte sie nicht, und sokonnte sie freilich Niemandem, der über ihre Straße ge-gangen wäre, zu erkennen geben, daß sie mit seiner Hul-digung zufrieden sei; allein sie wußte, daß in dem Hause,welche an das ihre stieß, ein schöner und anmuthiger jun-ger Mann wohnte, und dachte nun, wenn in der Mauer,welche das Haus von dem ihrigen trennte, eine Oeffnungwäre, würde sie so lange dadurch Hinschauen können, bissie den jungen Mann in einer Weise sähe, um ihn spre-chen und ihm ihre Liebe schenken zu können, falls er an-ders sie annehmen wollte, und auf diese Act Mittel finden,mit ihm zusammen zu treffen und so ihr trauriges Lebenzu ertragen, bis ihrem Manne der Satan aus dem Leibeführe, und er zur Einsicht gelangte.
So nun, bald hier bald dort, wenn der Mann nichtzu Hause war, an der Mauer umherspähend, erblickte siezufällig an einer ziemlich versteckten Stelle die Wand voneiner kleinen Spalte durchbrochen. Sie schaute hindurch,und obschon sie wenig von der andern Seite sehen komm,erkannte sie doch, daß es ein Zimmer war, wohin dieSpalre ausging, und sprach zu sich selbst: „wenn diesFilippo's Zimmer wäre" (nämlich des benachbarten jungenMannes), „so hätte ich halb gewonnen." — Und vorsich-tig ließ sie nun von einer Magd, welche Mitleid mit ihrhalte, danach spähen, und erfuhr so, daß der junge Mannwirklich in dieser Kammer ganz allein schlief. Daher be-suchte sie die Spalte dann öfter und warf, wenn sie den