Der Hahnreih im Weinfaß. 261
dem sie einsehen, daß wenn Ihr nur wollt, Ihr sie ebenso hinters Licht zu führen versteht? Darum ist es dennmein Vorsatz, Euch zu berichten, was eine junge Frau,obgleich von niederem Stande, fast in einem Augenblickzu ihrer Rettung ihrem Manne für einen Streich zu spie-len wußte.
Es ist noch nicht lange her, daß in Neapel ein armerMann cine> schöne und anmuthige Jungfrau, NamensPeronella, zum Weibe nahm, und er, mit seinem Ge-werbe, denn er war ein Maurer, sie aber spinnend, ge-wannen nun ziemlich kärglich ihren Lebensunterhalt, underhielten sich, wie sie konnten. Nun geschah cs aber, daßeiner von den galanten jungen Männern der Stadt einstdie Peronella erblickte, großes Wohlgefallen an ihr fand,sich in sie verliebte und auf diese und auf jene Art so insie zu dringen wußte, daß auch sie sich endlich mit ihmbefreundete. Um nun aber öfter zusammen sein zu kön-nen, trafen sie folgende Verabredung unter sich: Da derMann des Morgens früh aufzustehen pflegte, um zurArbeit auszugehen oder solche aufzufuchen, sollte der jungeMann irgendwo verweilen, wo er ihn Weggehen sehenkönnte, und da ihre Straße, welche Avocio hieß, sehr ein-sam war, so sollte er dann zu ihr ins Haus kommen,und auf diese Weife fügte es sich denn auch oft.
Eines Morgens ereignete es sich jedoch, daß, als dergute Mann ausgegangen und Gianello Strignario, so hießder Liebhaber, in das Haus getreten und mit Peronellabeschäftigt war, der Eheherr, welcher sonst den ganzen Tagnicht wiederzukehren pflegte, nach kurzer Weile in dasHaus zurückkam. Er fand die Thür von innen ver-schlossen, klopfte an und begann nach einigem Pochen zusich selbst zu sagen: „Herr Gott, gelobt seist Du immer-dar! Denn hast Du mich gleich zu einem armen Mannegemacht, so hast Du mich wenigstens mit einer guten undehrbaren Frau gesegnet. Sieh nur einer, wie sie gleichhinter mir die Thür verschlossen hat, sobald ich fort war,