224 Sechster Tag. Siebente Geschichte.
then, vor dem Podesta, und fragte diesen mit furchtlosemBlicke und fester Stimme, was er von ihr begehre. Alsder Podestä sie ins Auge faßte und gewahr ward, wieschön sie sei, und von wie edlem Anstande, als er zugleichaus ihren Worten entnahm, welch hohen Sinn sie hege,sing er an, Mitleiden für sie zu empfinden und zu be-sorgen, daß sie Dinge bekennen möchte, um derentwillener, wenn er die Ehre nicht einbüßen wollte, genöthigtwäre, sie zum Tode zu verurtheilcn. Deshalb sagte er zuihr, da er doch nicht umhin konnte, sie um Dasjenigezu befragen, was ihr Schuld gegeben war: „Madonna,wie Ihr seht, ist Rinakdo, Euer Mann, hier gegenwärtigund beklagt sich über Euch, die er mit einem anderenManne im Ehebrüche betroffen zu haben behauptet. Erbegehrt nun, daß ich Euch, einem bestehenden Gesetze zu-folge, dafür mit dem Tode bestrafe-, ich kann dies abernur dann thun, wenn Ihr selbst Euch schuldig bekennt.Habet denn also wohl Acht, wie Ihr antwortet, und sa-get mir, ob Das wahr ist, dessen Euer Mann Euch be-schuldigt?"
Hierauf antwortete die Dame, ohne die Fassung irgendzu verlieren, mit heiterer Stimme: „Messers, es beruhtvollkommen in Wahrheit, daß Rinaldo mein Ehemannist, und daß er diese vergangene Nacht mich in Lazza-rino's Armen gefunden hat, in denen ich, wie ich nie-mals leugnen werde, aus wahrer und inniger Liebe, dieich für ihn hege, oftmals geweilt habe. Unbedenklich aberwißt Ihr, daß die Gesetze gemeinsam sein und unter Zu-stimmung Derer beschlossen werden müssen, welche sie be-treffen. So verhält es sich aber nicht mit diesem Gesetze,das allein den armen Weibern Zwang anlegt, obwol siedoch weit besser, als die Männer, Mehren zugleich zu ge-nügen im Stande sind. Außerdem hat, als dieses Gesetzgegeben ward, nicht nur keine Frau ihre Einwilligungdazu gegeben, sondern eben so wenig ist irgend Eine da-rum befragt worden; mit Recht also kann man es aus