212 Sechster Tag. Dritte Geschichte.
eine Base des Messer Alesso Rinucci, und Ihr Alle soll-tet sie wol gekannt haben. Zu jener Zeit nun war sieeine jugendfriche und schöne Frau, die den Mund auf demrechten Flecke hatte und dreisten Sinnes war, auch erstseit Kurzem sich in der Nahe von Porta San Pieroverheirathet hatte. Schon von ferne zeigte der Bischofsie dem Marschall; als sie aber näher gekommen waren,legte ec diesem die Hand auf die Schulter und sagte:„Nonna, was dünkt Dir von Dem hier? Traust DuDich wol, mit ihm fertig zu werden?" Nonna glaubte,daß diese Worte ihre Sittsamkeit einigermaßen antasteten,und geeignet seien, sie in der Meinung Derer, welche siegehört hatten, und es waren deren Viele, zu beflecken.Jndeß hielt sie es für gerathener, nicht sowol jene Makelvon sich abzuwaschen, als Stich auf Stich wiederzuge-ben, und antwortete deshalb sogleich: „Herr, vielleichtmöchte er nicht mit mir fertig werden; jedenfalls aber müßteer mir gutes Geld geben."
Als der Marschall und der Bischof diese Antwortvernahmen, fühlten sie sich Beide getroffen: der Einewegen der Unsittlichkeit, deren er sich gegen die Enkelindes Bruders des Bischofs schuldig gemacht; der Andere,weil ihm diese Schmach 'in der Enkelin des eignen. Bru-ders angethan war. Und so ritten sie denn Beide, ohneeinander anzuschauen, schweigsam und beschämt ihresWeges, ohne während jenes Tages weiter etwas zu reden.
Der jungen Dame aber gereichte es nicht zum Vor-wurf, daß sie, nachdem sie angegriffen war, durch einenbeißenden Einfall den Angriff von sich abwehrte.