Druckschrift 
2 (1843)
Entstehung
Seite
187
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Der Geliebte von Mann und Frau. 187

so hätte ich ihn nicht geheirathet. Warum nahm er michaber zur Frau, da er doch wußte, daß ich ein Weib sei,wenn ihm die Weiber zuwider waren? Wahrhaftig, dasist nicht zu ertragen. Hatte ich mich von der Welt zu-rückziehn wollen, so wäre ich ins Kloster gegangen. Nunwollte ich aber in der Welt leben, und lebe darin; sollich jedoch warten, bis dieser Mensch mir Lust und Ver-gnügen gewährt, so werde ich über dem fruchtlosen War-ten wol alt und grau werden. Will ich meine Reue bisdahin verschieben, so werde ich umsonst bejammern, daßich meine Jugend ungenutzt gelassen habe. Ist er mirdoch selbst der beste Lehrmeister, von dem ich abnehmenkann, mit was ich mich zu trösten habe. Er sucht seineVergnügungen eben da, wo auch ich sie zu finden habe,und wo sie für mich löblich, für ihn aber die ärgsteSchmach sind. Folge ich meinem Verlangen, so handleich nur den Gesetzen zuwider, wahrend er die Ordnungder Natur und die Gesetze zugleich Übertritt."

Als das gute Weibchen diese Betrachtungen bei sichangestellt, und vielleicht mehr als einmal wiederholt hatte,zog sie, um insgeheim zur Verwirklichung ihrer Wünsche zu ge-langen, eine ältere Frau ins Vertrauen, die so fromm schien,wie die heilige Verdiana, welche die Schlangen fütterte;denn zu jedem Ablaß ging sie, den Rosenkranz in derHand, und redete nie von etwas Anderm, als von demLeben der heiligen Kirchenväter, oder von den Wunden-malen des heiligen Franciscus. So galt sie denn fastallgemein 'für eine halbe Heilige. Dieser nun eröffneteunser Weibchen, als es ihr an der Zeit schien, ihr Ver-langen ohne allen Rückhalt. Die Alte aber antwortete:Gott, der alle Dinge kennt, weiß, daß Du sehr wohldaran thun wirst. Und wäre es um keines andern Grun-des willen, so müßtest Du, und gleich Dir müßten alleandern jungen Weiber also verfahren, damit Ihr die ZeitEurer Jugend nicht ungenutzt verstreichen laßt. Wahr-lich, für jeden Einsichtigen gibt cs keinen größeren Schmerz,