170 Fünfter Tag. Achte Geschichte.
einem vielleicht drei Miglien von der Stadt entlegenenOrte, ließ Gezelte mancher Act herbeibringen und auf-schlagen, und erklärte Denen, die ihm das Geleit gegeben,daß sie, weil er hier zu weilen gesonnen sei, nach Ra-venna heimkehrcn möchten.
Unter diesen Zelten nun führte Nastagio wieder einebenso glanzendes und herrliches Leben als je zuvor, undlud nach alter Gewohnheit bald Diese und bald Jene zumMittag- oder zum Abendessen. Eines Tages aber, ziem-lich um den Anfang des Maimonats und bei wunderschö-nem Wetter, geschah es, daß Nastagio, ganz in Gedankenan die grausame Geliebte versunken, um ungestörter seinemTrübsinn nachhangen zu können, allen seinen Leuten ihnallein zu lassen befahl, und daß er, in solcher Weise ohneZweck und Ziel umherirrend, bis zum großen Pinienwaldegelangte.
Schon war die Mittagsstunde ziemlich herangekommenund Nastagio hatte sich, unbekümmert um Speise, Trankund andre Dinge, wol eine halbe Miglie in den Waldvertieft, als das laute Weinen und das verzweifelte Weh-klagen eines Weibes, die er zu vernehmen glaubte, ihnplötzlich aus seinen süßen Träumereien schreckten. Als ernun aufblickte, ward er nicht allein zu seinem Erstaunengewahr, daß er mitten im Pinienhaine sei, sondern er sahnach wenig Augenblicken auch, wie grade vor ihm auseinem dicht verwachsenem Gebüsch von Strauchwerk undDornen hervor ein wunderschönes nacktes Mädchen, mitfliegenden Haaren und von Stacheln und Aesten zerkratz-tem Leibe im vollen Lauf unter lautem Weinen und Ru-fen um Gnade der Stelle zueilte, an der er sich befand.Zu beiden Seiten folgten ihr zwei ricsenmäßige und wü-thende Jagdhunde auf der Ferse, und packten sie oft undunbarmherzig, wo sie zukamen; hinterher aber jagte ausschwarzem Pferde und in dunkler Rüstung ein Ritter,dessen Gesicht vor Zorn glühte, den Degen in der Hand,und drohte mit entsetzlichen, schmähenden Worten, sie zu morden.