154 Fünfter Tag. Sechste Geschichte.
den Weg, ging in das Wohngebäude, und trat, nachdemer die Thür leise sich hatte eröffnen lassen, mit einer bren-nenden großen Wachssackel in das Zimmer, in dem dasMädchen, wie er wußte, schlief. Gleich beim ersten Blickauf das Bette aber sah er sie, wie sic nakt und schlafendin Gianni's Armen lag.
Im ersten Augenblick war sein Unmuth und sein Zornüber diese Entdeckung so groß, daß wenig daran fehlte, sohätte er, ohne ein Wort zu sagen, Beide mit einem Messer,das er bei sich trug, auf der Stelle erstochen. Dann aberüberlegte er wieder, wie, zwei Nackende im Schlafe um-zubringen, Jedermann, geschweige denn einen König, schändenwürde, und bezwang sich deshalb, in der Absicht, sie öf-fentlich und zwar durchs Feuer hinrichten zu lassen. „Wasdünkt Dir," sagte er darauf zu dem einzigen Begleiter,der bei ihm war, „was dünkt Dir von diesem verworfe-nen Geschöpfe, auf die ich bisher meine Hoffnung gerich-tet hatte?" Dann fragte er ihn weiter, ob er den jun-gen Menschen kenne, der keck genug gewesen sei, ihm, demKönige, in seinem eigenen Hause Schimpf und Kränkungzuzufügen. Der Gefragte erwiderte indeß, daß er sichnicht erinnere, ihn jemals gesehen zu haben. Darauf ver-ließ der König in großer Erbitterung das Zimmer undbefahl, daß die beiden Liebenden, nackend, wie sie waren,gefangen und gebunden, und, sobald es Heller Tag wäre,nach Palermo geführt würden. Dort solle man sie dannauf dem großen Platze, die Rücken gegeneinandergekehrt,an einen Pfahl binden und, nachdem sie bis zur drittenStunde den Augen Aller in diesem Zustande blosgestelltworden wären, wie sie es verdient hätten, verbrennen.Nachdem er dies Alles angeordnet, kehrte er, noch immergar zornig, nach Palermo in seine Gemächer zurück. Kaumaber war der König fortgegangen, so sielen die Diener desKönigs in Menge über die beiden Liebenden her und er-weckten sie nicht allein aus ihrem Schlafe, sondern singenund banden sie auch alsbald ohne einiges Meiden.