Caterina da Balbona und die Nachtigall. 135
aber begann mit lachendem Munde: „Ihr habt mich fast Alleso oft gescholten, daß meine Aufgabe Geschichten traurigenInhalts, über die Ihr weinen mußtet, herbeigeführt habe,daß ich nun, um Euch einigermaßen für jene Schmerzenzu entschädigen, mir selber auferlegen will, Euch mit Et-was zu unterhalten, das Euer Zwergfell ein wenig erschüt-tere. Zu dem Ende denke ich denn in einem kurzen Ge-schichtchen Euch von einer Liebe zu erzählen, die ohne an-anderes Ungemach als vorübergehende Seufzer und einwenig mit Scham verbundene Angst erfahren zu haben, zufröhlichem Ende gediehen ist.
Es ist nämlich noch nicht gar lange her, Ihr edlenDamen, daß in der Romagna ein gar wackerer und wohl-gesitteter Ritter, Messer Lizio da Valbona genannt, lebte,den Madonna Giacomina, seine Ehefrau, als er schonziemlich bejahrt war, noch mit einer Tochter beschenkte,welche, wie sie heranwuchs, schönerund anmuthiger wurde,als alle anderen Mädchen in der ganzen Umgegend. Auchhatten Vater und Mutter, weil ihnen nur dies einzigeKind geblieben war, sie über die Maßen lieb und werth,und bewachten sie, in der Meinung, dereinst durch sienoch einen gar vornehmen Schwiegersohn zu bekommen,mit unglaublicher Sorgfalt. Nun besuchte ein junger Mannvon schönem und frischem Aussehn, der zu der FamilieManardi in Brettinoro gehörte und Ricciardo hieß, häu-fig das Haus des Herrn Lizio und verweilte oft län-gere Zeit. Vor diesem aber hüteten weder Messer Lizionoch seine Frau das Mädchen mit größerer Vorsicht, alssie es vor ihrem eignen Sohne gethan haben würden.
Der junge Mann indeß wurde, nachdem er das Mädchen,die nun mannbar geworden, einige Male beobachtet hatte,gewahr, wie schön, wie anmuthig, wie gesittet und wohl-erzogen sie sei, und verliebte sich auf das feurigste in sie;hielt jedoch seine Liebe mit der größten Sorgfalt verbor-gen. Dennoch errieth das Mädchen schnell seine Gefühleund entsprach denselben, weit entfernt, sie von sich abzu-