Druckschrift 
2 (1843)
Entstehung
Seite
105
Einzelbild herunterladen
 

Cimon und Iphigenie. 105»

Vergnügen ihres Anschauens versunken, doch nicht los«zumachen.

Endlich, obwol nach einer geraumen Zeit, geschah es, daßdie junge Schöne, die Iphigenie hieß, früher als Einer derIhrigen erwachte. Wie sie nun das Haupt emporhob, dieAugen aufschlug und Eimon auf seinen Stab gelehnt vorsich stehen sah, erstaunteste nicht wenig und sagte:Eimon,was suchst Du zu dieser Stunde hier im Holze?" denn seinerschönen Gestalt und seiner Blödsinnigkeit wegen sowol, alswegen des Adels und des Reichthums seines Vaters warEimon fast einem Jeden in der Gegend bekannt. Er aber ant-wortete auf Iphigeniens Worte nicht eine Sylbe, sondernblickte unverwandt in ihre Augen, sobald sie dieselben auf-geschlagen hatte, und glaubte bei sich selber eine von ihnenausgcgangene Süßigkeit zu empfinden, die ihn mit nie ge-kannter Wonne durchdringe. Wie das Mädchen dies seinBetragen gewahr wurde, begann sie zu fürchten, daß er inFolge seiner Roheit von diesem starren Anschauen zu Dingenübergehen möchte, die ihrer Schamhaftigkeit Gefahr drohe-ten. Deshalb rief sie ihren Dienerinnen, erhob sich vomBoden und sagte:Cimon, gehabe Dich wohl." Cimonaber erwiderte sogleich:Ich gehe mit Dir." Und ob-gleich die junge Dame, weil sie fortwährend wegen seinerAbsichten besorgt war, seine Begleitung ablehnte, konntesie ihn doch auf keine Weise eher von sich entfernen, als biser sie zu ihrer Wohnung geleitet hatte.

Von dort ging er sogleich zu seinem Vater und erklärteihm, unter keiner Bedingung auf das Land zurückkehren zuwollen. Freilich war dies nun dem Vater und den übrigenAngehörigen gar nicht gelegen, doch ließen sie ihn in der Stadt,um abzuwarten, wodurch Cimon so umgestimmt worden sei.Dieser aber, dessen jeder guten Lehre unzugängliches HerzIphigeniens Schönheit mit dem Pfeil der Liebe durch-drungen hatte, faßte täglich neue Vorsätze und erregtebinnen Kurzem das Erstaunen seines Vaters, aller seinerVerwandten und überhaupt eines Jeden, der ihn gekannt

5 * *