Druckschrift 
2 (1843)
Entstehung
Seite
104
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104 Fünfter Tag. Erste Geschichte.

Bäumen umgebenen Wiese, an deren einem Ende eine an-muthige und kühle Quelle entsprang. Neben dieser er-blickte er auf dem grünen Rasen ein reizendes jungesMädchen schlafend, deren feines und durchscheinendes Ge-wand die alabasternen Glieder nur unmerklich verhüllte,während eine leichte und schneeweiße Decke vom Gürtelniederwärts über sie hingebreitek war. Zu ihren Füßenlagen zwei Mädchen und ein Mann, die in den Dienstender jungen Dame standen, und schliefen gleichfalls. BeimAnblick dieser Schönen erstaunte Cimon nicht anders, alsob er nie zuvor ein Frauenbild gesehen hätte, und be-schaute sie sprachlos auf seinen Stab gelehnt, aufmerksamund mit unsäglichem Entzücken. Da fühlte er, wie inseiner rohen Brust, welcher tausendfach wiederholter Unter-richt nicht den mindesten Eindruck edlerer Neigungen hattemittheilen können, plötzlich ein Gefühl erwachte, das sei-nem plumpen und ungebildeten Geiste dies Mädchen alsden schönsten Gegenstand darstellte, den jemals das Augeeines Lebendigen gesehen bätte. Dann betrachtete erdie einzelnen Theile ihres Körpers und bewunderte dieSchönheit ihrer Haare, die ihm golden bäuchten, Slirne,Mund und Nase, Hals und Arme, vor Allem aber denBusen, dessen Hügel sich erst wenig wölbten. Er, derso eben noch in jedem Betracht ein Bauer gewesen war,fällte nun schon ein Urtheil über Schönheit und verlangtesehnlichst, daß sie die Augen, die ein tiefer Schlaf nochverschlossen hielt, aufschlagen möge. Mehrmals wandelteibn die Lust an, sie zu wecken, damit er ihre Augensähe; dann aber schien sie ihm so über allen Vergleichschöner als alle Frauen, die er je zuvor gesehen, daßer sie für eine Göttin zu halten geneigt war, undso viel richtiges Gefühl hatte er doch, daß er erkannte,wie göttliche Dinge mehr Ehrfurcht verdienen als dieirdischen. So gewann er es denn über sich, abzuwar-ten, bis sie von selber aufwachen würde, und so langihm auch ihr Schlaf vorkam, wußte er sich, in das