Druckschrift 
2 (1843)
Entstehung
Seite
83
Einzelbild herunterladen
 

Guillem Cabestaing u. d. Dame v. Roussillon. 83

das Verbrechen aber, das er zu begehen im Begriffe stand,Ing ihm so sehr in Gedanken, daß er nur wenig.Endlich schickte der Koch das Gedampfte. Herr Guillemließ die Speise vor die Dame setzen, weil er, wie er vor-gab, für den Abend keinen Appetit hatte, und empfahlsie ihr als besonders vorzüglich. Die Dame, der es nichtan Hunger fehlte, versuchte das Gericht und verzehrte es,da sie es wohlschmeckend fand, völlig.

Als der Gemahl sah, die Dame habe die Schüsselleergegessen, sagte er:Frau, was meint Ihr von derSpeise?" Sie entgegnen:Beim Himmel, Herr, siebat mir gut geschmeckt."Das glaub' ich Euch," er-widerte der Ritter,so wahr mir Gott helfe, und sind'es ganz natürlich, daß Ihr an Dem, was Euch lebendigvor allem Andern behagte, auch, nun es todt ist, Be-hagen findet." Die Dame stutzte über diese Worte einenAugenblick, dann aber sagte sie:Und was war es denn,das Ihr mir zu essen gegeben?"Was Ihr gegessen

habt," entgegnen der Ritter,war wahrlich das Herz desHerrn Guillem Cabestaing, das Ihr als ein pflichtver-gessenes Weib geliebt habt. Zweifelt nicht, es war eswirklich; denn ich Hab'es ihm selber, kurz bevor ich zurück-kam, mit diesen meinen Händen aus dem Leibe gerissen."

Wie sehr es die Dame schmerzte, von Dem, den sieüber Alles liebte, diese Nachricht zu erhalten, darf ichEuch nicht erst berichten. Nach einer Weile aber sagtesie:Ihr thatet wie ein ehrloser und niederträchtiger

Ritter; denn, wenn ich, ohne von Cabestaing gezwungenzu sein, ihn zum Gebieter über meine Neigungen erwählthatte und Eurer Ehre dadurch zu nahe getreten war, sokonnte mich, nicht aber ihn dafür Strafe treffen. Dasaber soll, so Gott will, nie geschehen, daß ich eine andere

Speise nach einer so edlen genieße, als das Herz des

Herrn Guillem Cabestaing war, den an Tapferkeit undan Sittenadel kein anderer Ritter übertraf." Mit diesenWorten stand sie auf und stürzte sich, ohne einen Augen-