62 Vierter Tag. Sechste Geschichte-
und erzählte ihr ihren Jammer und ihr Elend. Nach-dem sie nun gemeinschaftlich Gabriotto's tobte Züge eineZeitlang mit ihren Thränen benetzt hatten, sagte die Damezur Dienerin: „Da Gott mir ihn genommen hat, sodenke ich auch nicht langer am Leben zu bleiben. Bevorich aber Hand anlege, mich zu tödten, wünschte ich, daßwir ein genügendes Mittel ergriffen, um meine Ehre unddas Geheimniß der zwischen uns bestandenen Liebe zu be-wahren und diesen Körper, von dem die geliebte Seelegeschieden ist, zur Erde zu bestatten."
Darauf entgegnete die Dienerin: „Sage nicht, meineTochter, Du wollest Dir das Leben nehmen; denn, hastDu ihn in dieser Welt verloren, so würde Dein Selbst-mord auch in jener Welt Dich von ihm trennen, weilDu zur Hölle verbannt werden würdest, wo seine Seelegewiß nicht weilt, denn er war ein braver Mensch. Vielbesser ist es also, Du suchst Dich zu trösten, und bemühstDich, sein Heil durch Gebete und andere gute Werke zubefördern, wenn er um etwaniger Sünden willen dessenbedürfen sollte. Was aber sein Begräbnis betrifft, so ha-ben wir dazu hier im Garten die beste Gelegenheit, und,da Niemand weiß, daß er jemals hierher gekommen, wirdauch kein Mensch das Geringste davon erfahren. Ist Dirdas aber nicht genehm, so legen wir die Leiche hier vordem Garten ruhig nieder, dann werden ihn morgen frühdie Leute schon finden und nach Hause schaffen, daß seineAngehörigen ihn begraben lassen."
Trotz der Bitterkeit ihres Schmerzes und ihrer unab-lässigen Thränen hatte die junge Dame auf den Rathihrer Dienerin gehört und antwortete, da dessen erste Hälftenicht nach ihrem Sinne gewesen, nun auf die zweite:„Behüte Gott, daß solch ein trefflicher Mann, den ichso herzlich geliebt und der mein Gatte gewesen, mit mei-nem Willen wie ein Hund verscharrt oder auf die Straßegeworfen werden sollte. Meine Thränen sind ihm ge-worden; so sollen ihm denn auch, so weit es an mir liegt,