5)8 Vierter Tag. Sechste Geschichte.
zukünftige Dinge betrafen, sowie jener vergangene, undvon Denjenigen, die sie geträumt hatten, kaum erzähltwaren, als sie auch Beide schon eintrafen. Ihr müßt
nämlich wissen, liebenswürdige Damen, daß alle lebendenMenschen, vermöge einer gemeinschaftlichen Erregbarkeit,im Traume mancherlei Dinge sehen, die zwar dem Träu-menden, so lange er schläft, vollkommen wahr scheinen,von denen aber, sobald er wieder erwacht, nur einige alswahr, andere als wahrscheinlich und noch andere als allerWahrheit widersprechend erkannt werden. Viele messennun demzufolge jedem ihrer Träume eben so viel Glaubenbei, als den Gegenständen, die sie wachend sehen, undbetrüben oder erfreuen sich über ihre Träume, je nachdemihr Inhalt sie hoffen oder fürchten macht. Umgekehrtgibt es aber auch Manche, die keinem Traume früherglauben, als wenn sie der Gefahr, vor der sie gewarntwurden, bereits erlegen sind. Ich billige weder das Eine,noch das Andere; denn die Träume sind weder immerwahr, noch allemal falsch. Daß sie nicht alle wahr sind,wird wol ein Jeder von uns öfters erfahren haben. Daßsie aber auch nicht alle täuschen, habt Ihr schon aus Phi-lomelen's Geschichte ersehen, und ich denke es Euch jetzt,wie ich schon erwähnte, auch durch die meinige zu bewei-sen. Deshalb meine ich denn, daß man sich durch keinenwidersprechenden Traum bei tugendhaftem Leben und Wandelin Furcht setzen, noch von seinen guten Entschlüssen ab-bringen lassen soll. Ebenso soll man, wie vortheilhaftauch die Träume uns ein schlechtes und widerrechtlichesBenehmen darstellen und uns mit. lockenden Vorspiege-lungen dazu verleiten wollen, ihnen doch keinen Glau-ben beimessen; wol aber im umgekehrten Falle sie allefür wahr halten. Doch, kommen wir nun zu unsererGeschichte.
In der Stadt Brescia lebte vor Zeiten ein Edelmann,Herr Negro von Ponte Carali genannt, der unter mehrenandern Kindern eine Tochter, Namens Andreola, hatte,