Madonna Lisetta und der Engel Gabriel. 31
sich allein im Bette nicht fürchten möchte, die gute Frauvom Hause freundliche Gesellschaft geleistet hatte. FrauLifetta aber ging, sobald sie gegessen hatte, in geziemenderBegleitung zum Bruder Alberto, berichtete ihm Neuig-keiten vom Engel Gabriel, erzählte ihm, was sie überdie Herrlichkeit des ewigen Lebens von ihm gehört habe,und wie er aussehe, und fügte zu dem Allen noch dieseltsamsten Fabeln. Bruder Alberto antwortete ihr darauf:„Madonna, ich weiß nicht, was zwischen ihm und Euchvorgefallen ist; wol aber weiß ich, daß, wie er diese Nachtzu mir kam, und ich ihm Eure Bestellung gemacht hatte,er sogleich meine Seele unter so viel Blumen und Rosendavon trug, daß man deren hienieden noch nie so vielebeisammen gesehen hat; da weilte ich denn an einem derentzückendsten Oerter, die je gewesen sind, bis heute frühzum Morgengebct. Was inzwischen aus meinem Körpergeworden ist, davon weiß ich nichts." „Sag' ich Euch'sdenn nicht?" entgegnete die Frau, „Euer Körper hat dieganze Nacht mit dem Engel Gabriel in meinen Armengelegen, und wenn Ihr mir nicht glauben wollt, so sehtEuch nur unter der linken Brustwarze nach, wo ich demEngel solch' einen erschrecklichen Kuß gegeben habe, daßnoch ein paar Tage lang das Maal an Euch zu sehensein wird." Darauf sagte Bruder Alberto: „Nun so willich denn heute Abend Etwas thun, was ich seit gar langerZeit nicht gethan, ich will mich entblößen, um doch nach-zusehen, ob Ihr mir die Wahrheit sagt."
Nach vielem ferneren Geschwatze ging die junge Frauwieder nach Hause, Bruder Alberto aber kehrte in Engels-gestalt noch oft zu ihr zurück, ohne auf irgend ein Hin-dcrniß zu stoßen. Indessen geschah es, daß Madonna
Lisetta, als sie eines Tages mit einer Gevatterin zusam-men war und sich mit dieser über Schönheiten stritt, ihrererwähnten Einfalt zufolge, um ihrer Schönheit den Vor-rang vor allen übrigen zu behaupten, sagte: „Wenn Ihrnur wüßtet, wem meine Schönheit gefallt, so würdet Ihr