Druckschrift 
2 (1843)
Entstehung
Seite
32
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32 Vierter Lag. Zweite Geschichte.

wahrhaftig von den übrigen still sein." Da die Gevat-terin sie schon kannte, so war sie neugierig zu hören, wasda herauskommen würde, und sagte:Madonna, es kannimmer sein, daß Ihr recht habt; so lange man aber nichtweiß, wer es ist, von dem Ihr redet, so lange ändertman auch nicht leicht seine Meinung." Darauf erwidertedie kurzsichtige junge Frau:Gevatterin, man soll nichtdavon reden, aber der Engel Gabriel ist mein Liebster.Der hat mich lieber als sich selbst, denn er sagt, ich seidas schönste Frauenzimmer auf der Welt und an derSee." Die Gevatterin hatte bei diesen Reden wol Lustzu lachen, doch bezwang sie sich, damit Frau Lisetta nochweiter erzählen möchte, und sagte:Nun beim Himmel,wenn der Engel Gabriel Euer Liebster ist und Euch dasversichert, so muß es wol wahr sein; aber ich dachte nicht,daß die Engel solche Geschichten machten."Gevatterin,"sagte die junge Frau,da habt Ihr Euch geirrt. Gottsoll mich strafen, wenn er's nicht besser macht, wie meinMann; auch sagt er mir, sie machen's dort oben so gutwie wir; weil er mich aber für schöner hält als im Him-mel keine ist, da hat er sich in mich verliebt und kommtoft über Nacht zu mir. Habt Jhr's nun begriffen?"

Wie die Gevatterin von Madonna Lisetta fortging,konnte sie's gar nicht erwarten, daß sich Gelegenheit fände,alle diese Geschichten weiter unter die Heute zu bringen.Zu dem Ende rief sie bei einem Feste eine große MengeFrauen zusammen und erzählte diesen ihre Neuigkeiten inguter Ordnung. Die Frauen theilten die Geschichte ihrenMännern und andern Freundinnen mit, diese erzähltensie wieder weiter, und so war ganz Venedig in wenigerals zwei Tagen voll davon. Unter den Andern aber, dievon der Angelegenheit reden hörten, waren auch dieSchwäger der Madonna Lisetta, und diese nahmen sich inaller Stille vor, den Engel kennen zu lernen und zu ver-suchen, ob er auch fliegen könne. Zu dem Ende standensie mehrere Nächte auf der Lauer.