II
Ghismonda und Guiscardo.
Sie war von Gesicht und von Gestalt, so schön alsje ein anderes Weib gewesen, und dabei jung, entschlossenund gescheut in höherem Maße, als einer Frau vielleichttaugen mag. Wahrend sie nun bei dem zärtlichen Waterin Ueberfluß und Bequemlichkeiten lebte, wie sie ihremhohen Range geziemten, und gewahr ward, daß der Va-ter vor großer Liebe sich wenig bemühte, sie wieder zuverheirathen, beschloß sie, weil es ihr nicht schicklich bäuchte,ihn um einen zweiten Mann anzusprechen, wenn es ge-
^ schehcn könne, heimlich einen würdigen Geliebten sich zu
verschaffen. So beschaute sie sich denn viel eidliche und
nichtadliche Männer, die am Hofe ihres Vaters, wie wirc das an Höfen geschehen sehen, verkehrten, und beachtetee das Betragen und die Sitten Vieler unter ihnen. Vor
r den Andern aber gefiel ihr ein junger Diener ihres Vaters,
, Namens Guiscardo, der, seiner Abkunft nach, ziemlichl gering, seinen Eigenschaften und seinem Betragen zu Folge' aber mehr als alle Uebrigen adlich zu nennen war, und
> in diesen verliebte sie sich, wie sie ihn öfter sah und an
- seinem Wesen immer größeres Gefallen fand, in allerc Stille auf das inbrünstigste. Auch hatte der junge Mann,
der gleichfalls verständig war, die Gesinnung der Dame
- erkannt und ihr sein Herz in solchem Maße zugewendet,
> daß er alle Gedanken, außer der Liebe zu ihr, aus seinere Seele fast gänzlich getilgt hatte.
- Während nun Beide einander auf solche Weise heim-l sich liebten, und die junge Dame nach nichts so sehr alse nach einer Zusammenkunft mit ihm verlangte, und den-r noch ihre Liebe Niemandem anvertrauen wollte, erdachtec sie sich eine neue List, um ihn mit den Mitteln dazu be-, kannt zu machen. Sie schrieb nämlich einen Brief,, in' welchem sie ihm anzeigte, was er des folgenden Tages zu
- thun hätte, um zu ihr zu gelangen; dann steckte sie diesen
> in die Höhlung eines Rohres, das sie dem Guiscardo
> scherzend mit den Worten übergab: „Daraus magst Duheute Abend Deiner Magd ein Blaserohr zum Feueran-