330 Dritter Lag. Zehnte Geschichte.
den Einen von ihnen, wie man denn eigentlich Gott die-nen könne, und wie am leichtesten dazu gelange. Dieserantwortete ihr, man diene Gott am besten, je mehr manden weltlichen Angelegenheiten entfliehe, wie es besondersDiejenigen thäten, die in die Einöden der thebaischen Wüstegegangen waren.
Das Mädchen mochte etwa vierzehn Jahr alt seinund war gar einfältig; daher machte sie sich denn, nichtaus vernünftigem Antriebe, sondern aus einer gewissenkindischen Lust, ohne irgend Jemand etwas davon wissenzu lassen, am andern Morgen heimlich und ganz alleinnach der thebaischen Wüste auf den Weg und gelangte,weil ihre Lust anhielt, mit großer Anstrengung nach eini-gen Tagen bis in jene Einöden. Hier ging sie auf dieerste Hütte, die sie aus der Ferne sah, zu und fand einenheiligen Mann an der Thüre stehn, der ganz verwundert,sie hier zu erblicken, sie frug, was sie suchen gehe. Sieantwortete ihm, sie suche, aus Eingebung Gottes, wiesie ihm diene und Jemand finden könne, der sie darinunterrichte. Wie der wackre Mann ihre Jugend undSchönheit betrachtete, fürchtete er, es möge der Teufelihn wol betrügen, wenn er sie bei sich behielte. Darumlobte er ihren guten Vorsatz, gab ihr einige Kräuterwur-zeln, wilde Aepfel und Datteln zu essen und Wasser zutrinken und sagte dann: „Meine Tochter, nicht weit vonhier wohnt ein heiliger Mann, der ein weit besserer Lehr-meister Dessen ist, was Du begehrst, als ich es bin; gehDu zu dem!" und damit brachte er sie auf den Weg.
Wie sie nun zum Zweiten kam und von ihm dieselbeAntwort erhielt, ging sie noch weiter und kam zur Zelleeines jungen Einsiedlers, eines recht frommen und gutenMenschen, der Rusticus hieß, und richtete an ihn dieselbeFrage, die sie schon an die Andern gethan hatte. Rusti-cus dachte eine große Probe seiner Festigkeit anzustellenund schickte sie deshalb nicht wie die Andern weg, sondernbehielt sie bei sich in seiner Zelle und machte ihr, wie es