Das Dekameron. Eeftev Eheil. Das D e k a m e r o n von Giovanni Boccaccio. Aus dem Italienischen übersetzt von «Karl Witte. Zweite verbesserte Auflage. Erster Th eil. Leipzig: F. A. Brockhaus. ,1 8 4 3 . An Ludwig Treck. Geboren an des Ganges Schilfgestaden, Wiegt die Novelle sich auf Lotosblattern; Dann durch der Wüste Sand, in Sturmeswettern Zieht westwärts sie auf Caravänenpfaden. Die Blüthen, die sie flicht, Scheherasaden Gestalteten sie sich zu Lebensrettern; Hier siehst Du sie um Athos Zinnen klettern, Dort weilt sie an dem Thron der Ommajaden. — Da löst der Uebermuth des Certaldesen Der Stammelnden Organ; zur Geißlerin Wird, die noch jüngst ein thöricht Kind gewesen. In Welfchland buhlt sie dann mit frecher Blöße; — Du aber weckst in ihr den tieften Sinn Und hebst sie auf zu nie geahnter Größe! ü orred e. ^ls in den Jahren 1827—30 die erste Ausgabe dieser Uebersetzung erschien, gehörten davon nur die ersten vier Tage mir. Da bei meinen, mich gerade damals sehr in Anspruch nehmenden, Geschäften die Arbeit nur langsam vorschritt, übertrug die Verlagshandlung im Einverstandniß mit mir die Bearbeitung der sechs letzten Giornaten einem des Italienischen in hohem Grade kundigen und in der deutschen Literatur wohlbekannten Schriftsteller. Jetzt ist das Vcrhaltniß ein anderes geworden: die fünfte und sechste Giornata sind, ausschließlich von mir bearbeitet, neu hinzugekommen, außerdem gehört die siebente Geschichte des siebenten Tages mir an. In Betreff der vier letzten Tage wurde nur eine Revision, welche die etwa übersehenen Jrrthümer tilgen sollte, beabsichtigt. Obwol ich indeß so zu verfahren mehrfach von Neuem angesetzt habe, so bin ich mir immer wieder inconsequent geworden. Ich hatte mich an die Weise, wie ich Boccaccio's eigenthümliche Schreibart nachzuahmen versucht hatte, einmal so sehr gewöhnt, daß ich, fast wider Willen, mich immer aufs Neue verlocken ließ, die frühere Uebersetzung in diesem Sinne umzumodeln, und /> VIII Vorrede. die Arbeit, die mir dadurch erwuchs, ist, da häufig kaum mehr als die Halste des alten Textes stehen blieb, in der That eine größere geworden, als eine eigne Uebertragung mir gemacht haben würde. Es kann eine solche Umgestaltung in sehr verschiedenem Maße geschehen, und ich muß einraumen, daß ich in diesem Maße während der Arbeit wiederholt geschwankt habe. Zu Anfang jedes einzelnen Tages ist das Bestreben, mit meinen Aenderungen sparsam einzugreifen, schwerlich zu verkennen; ebenso wenig aber auch der mit jeder Geschichte wachsende Eifer, es an Dem, was mir nun einmal Verbesserung schien, nicht fehlen zu lassen. Möge meinem, vielleicht nur allzu guten, Willen die Ungleichheit, die dadurch erwachsen sein mag, verziehen werden. Nur die fünf Canzonen, die sich in jenen vier Giornaten befinden, sind völlig unverändert geblieben. Daß ich auch die vier ersten Tage fortwährend und möglichst sorgsam mit dem Originale verglichen und, soweit ich konnte, verbessert habe, bedarf kaum einer Erwähnung. Nur ein probirend hin- und herfahrendes, stückweis immer wieder neu Uebersctzen, wie ich wohl sehe, daß Manche cs bei neuen Auflagen von sich rühmen, scheint mir für Den nicht zu paffen, der von Hause aus wußte, was er wollte, und auch gleich zu Anfang es allerdings an Einsicht, schwerlich aber an Eifer und Sorgfalt hat fehlen lassen. Halle, den 26. April 1843. Karl Witte. Inhalt des ersten Theils. - Seit- Wiovanni Boccaccio.. ^ Dekameron. Vorrede.. i Erster Tag. Einleitung. -1 Erster Tag. Erste Geschichte. Herr Ehapelet täuscht einen heiligen Pater durch falsche Beichte und stirbt. Trotz des schlechten Lebens, das er geführt , kommt er nach seinem Tode in den Ruf der Heiligkeit und wird Sanct Ehapelet genannt. 28 Erster Tag. Zweite Geschichte. Der Jude Abraham geht auf Antrieb des Jeannot von Sevigne nach Rom und kehrt, als er die Schlechtigkeit der Geistlichen dort kennen gelernt, nach Paris zurück, um Christ zu werden. -1-1 Erster Tag. Dritte Geschichte. Der Jude Melchisedech entgeht durch eine Geschichte von drei Ringen einer großen Gefahr, die Saladin ihm bereitet. 19 Erster Tag. tlierte Geschichte. Ein Mönch befreit sich von einer schweren Strafe, die er verwirkt hat, dadurch, daß er seinem Abte dasselbe Vergehen, das er sich hatte zu Schulden kommen lassen, auf geschickte Weise vorhält. 53 X Inhalt des ersten Thcils. Seile Erster Tag. Fünfte Geschichte. Die Markgräfin von Monserrat weist durch eine aus Hühnern bereitete Mahlzeit und durch ein paar seine Worte die thörichtc Liebe des Königs von Frankreich von sich ab. . 58 Erster Tag. Sechste Geschichte. Ein Laie beschämt durch einen guten Einsall die Heuchelei der Mönche. 61 Erster Tag. Siebente Geschichte. Bergamino beschämt auf feine Weise Cangrande dclla Scala wegen einer plötzlichen Anwandlung von Geiz, indem er ihm eine Geschichte von Primasseau und dem Abte von Elugny erzählt.. 64 Erster Tag. Achte Geschichte. Guiglielmo Borsicre straft mit feiner Rede den Geiz des Herrn Ermino Grimaldi. "6 Erster Tag. Neunte Geschichte. Der König von Cypern wird durch den Spott einer Dame aus der Gascognc von einem schwachen zum kräftigen Fürsten. "5 Erster Tag. Zehnte Geschichte. Meister Alberto von Bologna beschämt aus feine Weise eine Dame, die ihn wegen seiner Liebe zu ihr beschämen wollte. 75 Zweiter Tag. Einleitung. 84 Zweiter Tag. Erste Geschichte. Martellino stellt sich lahm und gibt vor, durch den Körper des heiligen Heinrich geheilt zu werden. Sein Betrug wird entdeckt; er wird geschlagen und eingekerkert, und ist in Gefahr, gehangen zu werden; endlich aber kommt er los. 85 Zweiter Tag. Zweite Geschichte. Rinaldo von Asti kommt von Räubern ausgcplnndert nach Eastel Guiglielmo, wo er von einer Witwe beherbergt Inhalt des ersten Lheils. und für seinen Unfall schadlos gehalten wird, und dann unversehrt nach Hause zurückkehrt. 9! Zweiter Tag. Dritte Geschichte. Drei Jünglinge bringen das Ihrige durch und verarmen. Ein Neffe von ihnen kehrt hoffnungslos nach Hause zurück und trifft unterwegs mit einem Abte zusammen. Dieser entdeckt sich als Tochter des Königs von England, heirathet ihn und macht seine Ohme durch Ersatz des Verlorenen wieder wohlhabend. 99 Zweiter Tag. flirrte Geschichte. Landolso Ruffolo verarmt und wird Corsar, dann geräth er in genuesische Gefangenschaft und leider Schiffbruch. Errettet sich auf einem Kasten voll köstlicher Edelsteine, wird in Eorfü von einem armen Weibe beherbergt und kehrt reich in seine Heimat zurück. 119 Zweiter Tag. Fünfte Geschichte. Andreuccio von Perugia kommt nach Neapel, um Pferde zu kaufen, und geräth drei Mal in einer Nacht in Lebensgefahr, welcher er jedoch jedes Mal entgeht und mit einem Rubin in seine Heimat zurückkehrt.i. 117 Zweiter Tag. Sechste Geschichte. Madonna Beritola verliert ihre zwei Söhne, wird dann mit zwei kleinen Rehen auf einer Insel gefunden und geht nach Lunigiana. Hier tritt einer ihrer Söhne bei dem Landesherrn in Dienste, beschläft dessen Tochter und wird gefangen gesetzt. Inzwischen empört sich Sicilien gegen den König Karl, der Sohn wird von seiner Mutter erkannt und heirathet die Tochter seines Herrn; der Bruder findet sich ebenfalls wieder, und Beide werden wieder vornehme Leute. Istli Zweiter Tag. Siebente Geschichte. Der Sultan von Babylon schickt seine Tochter dem König von Algarbien zur Frau, sie aber geräth durch eine Reihe von Ereignissen in Zeit von vier Jahren und an verschiedenen Orten neun Männern in die Hände. Endlich wird sie ihrem Vater zurückgebracht und reist als vorgebliche Jungfrau zum König von Algarbien, um diesen, der ersten Absicht nach, zu heirathen... 159 XII Inhalt des ersten Theils. Seit Zweiter Tag. Ächte Geschichte. Der Graf von Antwerpen geht auf eine fälschliche Beschuldigung ins Exil und läßt seine zwei Kinder an verschiedenen Orten in England. Als er später unerkannt aus Irland zurückkehrt, findet er Beide in glücklicher Lage; er geht als Stallknecht mit dem Heere des Königs von Frankreich; seine Unschuld wird entdeckt, und er erlangt seine frühere Stellung wieder. 176 Zweiter Tag. Neunte Geschichte. Bernabo von Genua verliert durch Ambrogiuolo's Betrug das Seinige und befiehlt, daß seine unschuldige Frau getödtet werde. Sie entkommt und dient in Männerkleidern dem Sultan. Dann entdeckt sie den Betrüger und veranlaßt Bernabo nach Alexandrien zu kommen. Der Betrüger wird bestraft und sie kehrt, wieder in Weibcrkleidern, mit dem Manne reich nach Genua zurück. IW Zweiter Tag. Zehnte Geschichte. Paganino vön Monaco raubt dem Herrn Ricciardo von Chinzica seine Frau. Dieser erfährt, wo sie sei, befreundet sich mit Paganino und fordert sie von ihm wieder. Paga- nino verspricht sie ihm, wenn sie wieder zu ihm wolle. Sie hat aber keine Lust, zu ihm zurückzukehren, und wird nach Herrn Ricciardo'S Tode Paganino's Frau. 214 Dritter Tag. Einleitung. 228 Dritter Tag. Erste Geschichte. Masetto von Lamporecchio stellt sich stumm und wicd Gärtner in einem Nonnenkloster, dessen Bewohnerinnen um die Wette bei ihm schlafen. 232 Dritter Tag. Zweite Geschichte. Ein Stallknecht schläft bei der Gemahlin des Königs Agilulf. Der König bemerkt es im Stillen, findet ihn und schneidet ihm die Haare ab. Der Geschorene thut seinen Cameraden ein Gleiches und entgeht dadurch seinem Unstern. 240 Dritter Tag. Dritte Geschichte. Eine Dame, die in einen jungen Mann verliebt ist, bringt unter dem Borwande der Beichte und großer Gewissen- Inhalt des ersten Theils. XIII Seite Hastigkeit einen gestrengen Mönch dahin, daß er, ohne zu wissen, was er thut, sie selbst an das endliche Ziel ihrer Wünsche führt. 2^16 Dritter Tag. vierte Geschichte. Don Felice lehrt den Bruder Puccio, wie er durch eine Bußübung selig werden kann. Bruder Puccio übernimmt sie und Don Felice vertreibt sich inzwischen mit Lessen Frau die Zeit. 258 Dritter Tag. Fünfte Geschichte. Aima schenkt Herrn Francesco Bergellesi ein schönes Pferd und erhält dafür die Erlaubnis, mit seiner Frau reden zu dürfen; als diese schweigt, antwortet er selbst in ihrem Namen und dann erfolgt auch Alles seinen Antworten gemäß.265 Dritter Tag. Sechste Geschichte. Ricciardo Minutolo liebt die Frau des Filipello Fighi- nolfi. Er erfährt, daß sie eifersüchtig sei, und bringt es dahin, daß sie, weil er ihr »orspiegelt, Filipello werde am andern Tage mit seiner Frau in einem Bade Zusammenkommen, dorthin geht, und während sie der Meinung ist, mit ihrem Manne zusammenzusein, findet cs sich, daß sie dem Ricciardo sich hingegeben hat. 272 Dritter Tag. Siebente Geschichte. Tedaldo verläßt Florenz im Unfrieden mit seiner Geliebten. Nach einiger Zeit kommt er als Pilger gekleidet zurück, spricht mit der Dame, bringt sie zur Erkenntnis ihres Unrechts, befreit ihren Mann vom Tode, der ihm bcvor- stand, weil ihm bewiesen war, Laß er den Tedaldo umgebracht habe, versöhnt ihn dann mit seinen Brüdern und erfreut sich vorsichtig mit seiner Geliebten.. 283 Dritter Tag. Achte Geschichte. Ferondo wird, nachdem er ein gewisses Pulver gegessen hat, für todt begraben; der Abt aber, der sich inzwischen mit seiner Frau ergötzt, holt ihn aus dem Grabe, setzt ihn ins Gefängnis und bildet ihm ein, er sei im Fegefeuer. Dann wird er auferweckt und erzieht einen Sohn, den der Abt mit seiner Frau erzeugt hat, als den seinigen. 364 XIV Inhalt des ersten Theils. Seite Dritter Tag. Neunte Geschichte. Gillette von Narbonne heilt den König von Frankreich von einer Fistel und verlangt dafür Vectra» von Roussillon zum Manne. Dieser heirathet sie wider Willen und geht aus Verdruß nach Florenz. Hier verliebt er sich in ein junges Mädchen, die er zu umarmen glaubt, während er Gillette beschläft. Diese gebiert ihm zwei Söhne, um derentwillen er sie lieb gewinnt und als Frau behandelt. 3N Dritter Tag. Zehnte Geschichte. Alibech wird Einsiedlerin und der Mönch Rusticus lehrt sie, den Teufel in die Hölle hcimschicken. Dann kehrt sie . zurück und wird die Frau des Neerbal. 32!» Giovanni Boccaccio. ^)em Boccaccio di Ehellino '), Sinem mäßig begüterten Florentiner Kaufmann, der aus dem Landstädtchen Certaldo im Elsathal'^) stammte, wurde im Jahr 1313^) ein Sohn, Giovanni, geboren. Die Nachrichten über die Lebensschicksale dieses Letzteren, des verbreitetsten unter allen Novellendichtern und des nach fünf Jahrhunderten noch nicht veralteten Vorbildes italienischer Prosa, namentlich die Nachrichten über die Schicksale seiner Jugend, sind ungenügend und voller Widersprüche. Selbst seine Geburt ist in Dunkel gehüllt. In einem allegorischen Roman (Ameto) erzählt Boccaccio unter erdichteten Namen (Ealeone und Fiam- metta) sein Verhältnis, zu der schönen Maria. Nachdem nun erwähnt worden^), Mariens Mutter sei aus Frankreichgekommen, sagt Ealeone (Boccaccio—S. 11 >): „Nicht gar weit von den Gegenden geboren, aus denen Deine 1) Diminutiv von Michael. 2) Wergl. Boccaccio, de montibus, sxlvis. V. Lisa. 2) Bctoacca, Hpist. senil«« VIII. 1. 4) Die Deputat! zum Dekamcron (Originalausg. v. 1574 p. 136. 37) verlangen, daß Boccacci geschrieben werde; jedoch mit Unrecht, wie das Akrostichon der ^mvros» visions ergibt. -s) Ciccarellische Ausg. S. 106 . XVI Giovanni Boccaccio. (Mariens) Mutter stammte, suchte ich als Kind die hetru- rischen Reiche heim." Da nun bekannt ist, daß Boccaccio di Chellino zweimal (mit Margherita di Gian Donato de' Martoli und mit Bice di Ubaldino Bosticchi) verheira- thet war, keine der beiden Genannten aber des Dichters Mutter ist, so scheint er die Frucht verbotener Liebe, und vermuthlich in Paris geboren zu sein'). In der Genealogie der Götter') erzählt uns Boccaccio, daß er noch vor erreichtem siebenten Jahre, kaum des Lesens und Schreibens kundig, ohne Unterweisung, ja ohne alle Bekanntschaft mit Dichterwerken, kleine poetische Erfindungen in Reimen verfaßt habe. Einigen grammatischen Unterricht ließ ihm nach Filippo Villani's Bericht") der Vater, obwol poetischen Tändeleien abhold, durch Johannes de Strada ertheilen; doch wissen wir aus einem Antwortbriefe des Petrarca ^), daß Boccaccio noch in spaten Jahren sich rühmte, als Knabe, zuerst von Dante's göttlicher Komödie emporgeleitet, nach Höherem gestrebt zu haben. Bald indeß zog unfern Giovanni des Vaters Gebot so lieben Beschäftigungen ab und nöthigte ihn zu kaufmännischer Thätigkeit"). Noch im Knabenalter (sckole- scentiain nonclum intraatem) wurde er einem bedeutenden Kaufmann anvertraut, bei dem er sechs Jahre verweilte, und der ihn (nach Manetti) auf seinen Geschäftsreisen (namentlich auch nach Frankreich) mit sich führte, endlich aber ihn, als der Fähigkeiten und des guten Willens ermangelnd, dem Vater zurücksandte. Nun mußte er auf des Vaters Befehl, mit nicht geringerem Widerwillen, kanonisches Recht (poatikcum sanctioass) studiren, und 1) Mz/itts, Vit» Vmiii-osii 6»I»»I6. p. 66I.XV. LllicleM Vit» äi 6iov. Locc»cci p. 277—80. 2) XV. 10. 3) Vit» e I oder 12 Jahre alt sein. Sechs fernere Jahre führen uns in sein Dies oder I8tes Lebensjahr (1330 oder 31 ). t) Ciccarelli'sche Ausg. der Letter« p. 34. 2 ) v. Savigny, Geschichte des röm. Rechts im Mittelalter VI. 6». 3) Ill-r-rni, Istoria äel ilecnmerone I>. 23. 8cr>t- toei ä'ItalM. Vol. II. I>. 3. p. 1320 IV. 37. Q'anrx!, Vits s mem. >Ii HI. 6ino. H4. 3. p. 90, 143 IV. 50. 4) Elfteres ist Baldelli's, Letzteres Mazuchelli's (p. 1320, 21) Meinung- XVIII Giovanni Boccaccio. Seine Ankunft in Neapel bezeichnet er aber, demgemäß, im Ameko (p. III) als die eta pnbescents 6i nunvo, und weiterhin (p. 114) als seine pueriria; Villa ni's Nachricht (a. a. O. p- 69), daß Boccaccio bei seiner Ankunft in Neapel 28 (nach einer andern Lesart 25) Jahre gezahlt habe (1341), ist also jedenfalls irrig. Nachdem er, wie im Ameto berichtet wird, sechs Jahre hier verweilt (1336 oder 37), hatte er eine zweite Vision, die ihm das Bild der Fiammetla (Maria) vorführte, und 16 Monate spater,, um Ostern (13A8 oder 36), sah er sie zum ersten Male in der Kirche San Lorenzo '). Vor diesem Momente war also für das Studium des canonischen Rechtes offenbar keine Zeit. Nun hat aber Eiampi°) vor einigen Jahren einen Brief des Boccaccio ausgefunden, den er an Andalone del Negro gerichtet glaubt, und in dem der Briefschreiber um ein Exemplar der Thebaide bittet, damit er sich daran von der Langenweile, welche seine „Hecretsliiiin leetores" ihm veranlaßten, erholen könne. Dieser Brief ist datirt sub monte Valerno spuck basta Älaronis Virgilü. .Iiiüi IvsI. IV. Unter dem ülous Vals raus versteht Boccaccio den Posilipo ^). Das gleiche Datum tragen zwei andere Briese, deren einer ^) die Jahrcs- . zahl 1339 (III. l^un. Lpr.) angibt. Filippo Villani berichtet, als Boccaccio auf des Vaters Befehl in Neapel geweilt habe, sei er eines Tages allein nach dem Orte gewandelt, wo die Asche des Maro begraben liege, und als er dies Grabmal unverwandten Blickes nachdenklich betrachtet und dabei erwogen habe, was es in sich schließe, und welcher Ruhm diese Gebeine verherrliche, seien plötzlich Schmerz und tiefe Trauer ob seines Geschickes über ihn gekommen, welches ihn zwinge, geisttötende Geschäfte (Villani sagt: 1) Wergl. auch 15>oco,>o, Ciccarelli'sche Ausg. i>- 4. Das Osterfest wird auch in der Fiammefta angedcutct. 2) iVIonmn. «!> U. 6iov. Lnec. KIU. 1830. p. 308. 3) .Vmeto >'. 103. <> I. a. p. 276. Giovanni Boccaccio. XIX schmuzige Kramerei) zu treiben, und, sofort von der Liebe zu den Musen erfüllt, habe er, heimgekehrt, von seinem bisherigen Treiben sich losgemacht und mit glühendem Eifer allein der Poesie sich ergeben. Wahrscheinlich steht dies Ereigniß im Zusammenhänge mit dem Datum jener Briefe (vom Grabe Virgil's), und gibt man der Lesart bei Villani, welche das 2öste Lebensjahr (l338) angibt, den Vorzug, so trifft auch die Zeit zu, und Villani irrte nur darin, daß er Boccaccio's Ankunft in Neapel mit seinem Entschlüsse, sich nur den Musen zu weihen, verwechselte. Ein gleichfalls sub monts kaierno datirter und von Ciampi aufgefundener Brief beschreibt') Boccaccio's Aufenthalt in oder bei Neapel zwischen Dornen unter dem Schmuze und widrigen Gerüche der Landleute bei schlechter Kost mit den abschreckendsten Farben. Wir dürfen dabei vielleicht an das Fischerdorf der Mergellina denken, wohin sich der den canonistischen Hörsälen Entflohene zurückgezogen (ciuiiiu libertstis oklieiuin secpierer inconcusse). Weiter heißt es alsdann: als er eines Morgens um den Anbruch des Tages längs der feuchten Ufer gegangen, sei ihm bei dem Grabe Virgil's plötzlich, wie ein Blitz aus unbewölktem Himmel, ein heiteres Weib erschienen, dessen Anblick ihn seinem ganzen Wesen nach umgewandelt. Man möchte geneigt sein, beide Begebenheiten zu verbinden, so- daß Virgil's Grabmal nicht nur den Hang zur Poesie in dem strebenden Jüngling geweckt, sondern auch die Muse ihm zugeführt hätte, wenn nicht auf schwer zu erklärende Weise dieser Brief zum größeren Theile mit einem neuer- 1) a. a. O. p. 284. 2) Da derselbe in den Worten amiaus aetate «citulns uc peorsus -u'xutulus vermutlich auf vionixi kobeiti dal Ijorxo
  • . 21 und das Akrostichon von der ^m. Vision«. 3) Im Ameto erwähnt Boccaccio noch ein zweites Begegnen am Ostersonntage in derselben Kirche. Aus eben jenem Büchlein ergibt sich, daß Marie um jene Zeit schon mehre Jahre vermählt war. 4) Ein solches ist mir in Neapel nicht bekannt. — Baldelli paraphrasirt principe äe' celestiaii nccelli wol unrichtig mit Santo spirito. hätte der verwegene Jüngling, als gegen Ende des Jahres Mariens Gemahl nach Capua verreist war, die Einsamschlafende bei nächtlicher Weile überrascht und durch leidenschaftliche Beredtsamkeit sie bewogen, sich ihm zu ergeben. In der Fiammetta dagegen weiß der Liebende, der sich dort den Namen Pamsilo beilegt, zuvörderst die Freundschaft der Verwandten, ja des Gemahles seiner Geliebten zu gewinnen, und gelangt erst nach längerer, erlaubter Vertraulichkeit an das verbotene Ziel seiner Wünsche. Welcher dieser beiden Berichte auch der Wahrheit besser entspreche, jedenfalls blieb Boccaccio's Liebe für Maria weder unerwidert noch unbelohnt und diese Tage des Glückes und des Genusses waren nicht nur flüchtig vorübereilende'). Ueber die weiteren Ereignisse fehlt es uns an genügenden Nachrichten. In dem, mit dem singirten Namen der Geliebten bezeichneten Büchlein (Fiammetta) verlaßt Pamsilo (Boccaccio) zu winterlicher Jahreszeit (!>k>. 2) Fiammetten unter tausend Liebesschwüren und mit dem Versprechen, nach drei oder vier Monaten wiederzukehren, weil der Tod dem bejahrten und unbeweibten Vater alle übrigen Kinder geraubt und nur ihn noch gelassen habe^). Die verabredete Zeit, und noch weit längere vergeht, ohne daß der Geliebte zurückkehrtc. Ein reisender Kaufmann berichtet, Pamsilo sei in der Heimat vermählt (üb. 4). Später ergibt sich zwar, daß nicht Pamsilo, sondern sein Vater die Braut heimgeführt habe^), aber auch die berichtigende Kunde meldet, daß jener sich neuer Liebe ergeben habe (Ick». 5). Noch einmal, um die Zeit, als ein neuer Frühling anbrach, leuchtete der liebenden Fiammetta erneute Hoffnung, den Geliebten wiederkehren zu sehen. Wirklich 1) „<1uantullgiie «is «tato iungo Io spario" sagt er in der Dc- dication der Theseide. 2) Bergl. die Schilderung des traurigen Lebens im väterlichen Hause im Ameto p. 150. Y Latclettr, p. 275. 76. XXII Giovanni Boccaccio. kommt ein Pamsilo von Florenz nach Neapel, aber es ist ein Anderer, als der Geliebte (lid. 6) und so schließt das Buch in Wehmuch und Klagen. — In der Zueignung zur Theseide („An Fiammetten") dagegen klagt der Dichter, daß die Geliebte ungerechter Weise ihm ihre Gunst entzogen, und frühere Hingebung in Zorn und Feindschaft verkehrt habe. Jndeß hofft er die Wiederkehr glücklicher Tage und sendet Fiammetren die Geschichten zweier Liebenden, deren eine seinem Verhältniß zu ihr entspreche; — welche dies sei, will er aus Furcht vor den Neugierigen nicht ver- rathen, und auch uns hat es weder in den Schicksalen des Palamon, noch in denen des Archytas gelingen wollen, den bisher erwähnten Ereignissen Entsprechendes zu entdecken. In der Atanagischen Briefsammlung') trägt diese Zueignung das Datum! Neapel den 15 . April 1341 "), Ein anderer Brief des Boccaccio an den nachmaligen neapolitanischen Großseneschall Niccola Acciajuoli ist in den kross lii Dante s Doccacoin und der Eiccarellischen Ausgabe von Florenz 28 . August 1341 dalirt, sodaß es scheint. 1) Rom 4554 und öfter. Bergl. Samba, Serie (lei testi üi liugua. L!,l>rosa visicms, von denen der erste den König Robert lstirbt >8. Januar 1343) als noch lebend erwähnt und noch außerdem (S. 57) Andeutungen enthält, daß er zwischen 1340 und 50 geschrieben sei''). Mindestens im Jahre 1345 muß Boccaccio wieder in Neapel gewesen sein, da er den Tod der berüchtigten Fi- lippa Catunese H als unter seinen Augen erfolgt beschreibt. Unter den lateinischen Eclogen Boccaccio's handeln die 4te, 5te und 6te von der Vertreibung der Königin Johanna und Ludwigs von Tarent, ihres Gemahls, durch den Ungarkönig Ludwig (Anfang 1348), von der Trauer der Neapolitaner und von der siegreichen Heimkehr der Vertriebenen (August desselben Jahres). BaldelliH schließt hieraus, daß der Dichter während dieser ganzen Zeit in 1) Lloiiumenti p. 588. 2) üllltteo lAtaM III, 9. 3) Lnsus vii'oi-. illrisw. Iil>. IX. 4) Lalctellr p. 49 — 51. 5) Oilüll» vw. j!I. IX. 26. XXIV Giovanni Boccaccio. Neapel geweilt habe. Ein neuaufgefundener Brief') gedenkt aber einer inexiricnlstlis üigs und eines vnlmis exi- tisie, die Boccaccio für den schon erwähnten Acciajuoli erduldet. Vermuthlich nahm er also Theil an der Flucht, auf welcher Acciajuoli Ludwig von Tarent nach Toscana begleitete"). Aller Wahrscheinlichkeit nach hielten ihn die Pest, die er spater so beredt geschildert hat, und der Tod des Vaters auf einige Zeit in der Heimat zurück, wo wir ihn am 26. Jan. 13-19 als Vormund seines Bruders Jacopo handeln sehen ^). Am 15. Mai >3-19 datirt Boccaccio einen Zueignungsbrief (von was für einer Schrift weiß ich nicht zu sagen) an Francesco de' Bardi wieder aus Neapel. Zu Ende desselben Jahres, oder zu Anfang des folgenden finden wir ihn jedoch nicht nur aufs Neue in Toscana einheimisch, sondern in öffentlichen Angelegenheiten beschäftigt. Daß er um diese Zeit im Aufträge der florentinischen Republik zu Francesco degli Ordelaffi in Forlr gereist sei und sich diesem näher befreundet habe, wußten wir schon langes. Nach einem von Ciampi') aufgefundenen Briefe scheint er aber um die Zeit der zweiten Invasion des ungarischen Ludwig (1349. 56) in einem näheren Verhältniß zu diesem Dynasten, den er wiederholt als seinen „«iomimis" bezeichnet, gestanden und dadurch in die, den neapolitanischen Angiovinen feindlichen Parteiungen gezogen zu sein°>. — Noch öfter sehen wir Boccaccio an die Höfe der kleinen Stadtetyrannen der Romagna zurückkehren')-, bemerkens- 1) Oiamz», klonuw. p. 73. 2) 6rov. XII, 111, 15. 2 ) Illanni, Stori» äel äec. p. 21. Vermuthlich ist die Jahreszählung nach florentinischem Gebrauche, dann ist das Jahr 1350 zu verstehen. LalciE p. 276. 4) (llanm, p. 56, 57. Atelcur, V!tr> ^mdrosii Lainalä. x. 6HXVII. Lai-Ieitt p. 105 — 8. 5) Nonum. p. 267. k) Älonum. p. 226 7) kXamxr, p. 495. I4o. b., 505. Giovanni Boccaccio. XXV werth aber ist es, daß sich vom Schluffe eben dieses Jahres (3<>. December >35«) die Nachricht erhalten hat, wie die Capitani von Or San Michele durch Boccaccio's Vermittelung der Tochter ihres größten Mitbürgers, der Beatrice di Dante Allighieri, die Nonne in dem Kloster San Stefano dell' Uliva in Ravenna war, ein Allmosen von I« Goldgülden zukommen ließen'). Nach Neapel ist Boccaccio auch später, und zwar mehrfach, niemals jedoch zu bleibendem Verweilen zurückgekehrt. Die Zeit war verstrichen, wo jener Hof die Fülle der Lust zu bieten und keimende Talente zu wecken vermochte. Die noch übrigen Regierungsjahre der ersten Johanna waren von Kriegen und von Raubzügen der Eon- dottieri, von Händeln und Ranken der Großen ausgefüllt. In Boccaccio's gepriesenem Landsmann, Acciajuoli, hatte der Hochmuth des Emporkömmlings das frühere Wohlwollen und das Interesse für Wissenschaft verdrängt. Anders war es in jenen Zeiten gewesen, wo König Robert am Ende seiner nicht unrühmlichen Regierung, selber in Dichtkunst und Gelehrsamkeit erfahren, einen Kreis von kundigen Männern um sich versammelte, wo er es sich zur Ehre schätzte, Petrarca, der auf dem Capitol die Dichterkrone zu erlangen strebte, drei Tage lang öffentlich zu prüfen. Von solchem Schauspiel, das unter seinen Augen sich zutrug, angeregt, in südlich verzehrender Glut für die selber glühende Königstochter entflammt, fordert; der Kaufmannssohn aus Certaldo von den Musen, daß sie ihm Zutritt zu dem Pallast der Angiovinen gewährten. Ec wurde ihm gewährt'); aber die Liebe Mariens, die mit dem letzten Ziele begann, konnte dem Begünstigten nicht jene übersinnlichen und sorgsam geglätteten Liebesseufzer 1) Mannt p. 34. 2) Einen Brief Boccaccio's an den später Hingerichteten Prinzen (Karl) von Durazzo vom April 7339 hat Ciampi (S.274) neuerdings bekannt gemacht. Dekameron. I. ** XXVI Giovanni Boccaccio. eingeben, über welche Petrarca's Zärtlichkeit für seine Laura durch zwei Jahrzehende nicht hinauskam. Der Hof der wollüstigen Johanna, die gewohnt war, jeder Laune nachzugeben , liebte derbere Kost als die scheue Verehrung deutschen Minnegesangs, und wenn wir im fünften Buche des Filocopo den Florio einem Liebeshvfe beiwohnen sehen, der unter Fiammettens Vorsitz dreizehn spitzfindige Fragen verhandelt, so sind diese Spiele des Scharfsinns sich nicht selber Zweck, sondern ein Aufathmen der gesättigten Lust. Von jenen zweifelhaften Fallen des Liebeshofes der Fiam- metta finden wir mehre spater im Dekameron wieder,,und es ist kaum zu bezweifeln, daß die in diesem Werke vereinten ergötzlichen Geschichten, so wenig sie taugen mögen, von weiblichem Ohr vernommen zu werden, zuerst ausgezeichnet wurden, um der Königin Johanna und ihren Damen Unterhaltung zu gewahren. Rief doch drittehalb Jahrhunderte spater das Wohlgefallen der jungfräulichen Königin des Westens die nicht eben zarteren Späße der lustigen Weiber von Windsor hervor. Eine Frucht von Boccaccio's erstem Aufenthalt in Neapel scheint der Filocopo zu sein, während vermuthlich nach seiner Rückkehr, die ihn mit Fiammetten in alter Liebe verband, das nach ihr benannte Büchlein und der Filostrato, letztere durch eine längere Abwesenheit der Geliebten veranlaßt, entstanden '). Aber §uch zur Erweiterung seiner gelehrten Kenntnisse war für Boccaccio der Aufenthalt in Neapel in hohem Grade förderlich. Sein Zusammentreffen mit Petrarca führte noch zu keiner persönlichen Bekanntschaft. Wohl aber erfreute er sich des näheren Verkehrs mit dem gelehrten Bibliothekar König Robert's, Paolo von Perugia, l) Ucber die ferneren Schicksale Mariens haben wir keine Nachricht; aus einigen Sonetten lBaldelli's Sammlung der Mime Nro. 51. 60. 73. 97) sehen wir indes, das sie vor Boccaccio starb. Giovanni Boccaccio. XXVII aus dessen handschriftlichen Sammlungen er noch in spaten Jahren zu schöpfen hatte, und mit dem vorzüglichsten Astronomen seiner Zeit, Andalone del Negro aus Genua. Daß ein neuerlich entdeckter, vermuthlich an diesen gerichteter Brief ihre nähere Verbindung auf die Zeit zurückführt, wo Boccaccio noch canonisches Recht studirte, ist schon erwähnt worden'), auch wurde unter den Freunden unsers Dichters ein Dritter, Dionigi de' Roberti, bereits genannt °). In diesem Kreise der ausgezeichnetsten Männer ihrer Zeit muß Boccaccio auch vom Griechischen, dessen Kunde damals im Occident gar selten war, wenigstens die Ansangsgründe erlernt haben, wenn ihn gleich erst gegen Ende seines Lebens der gelehrte Leontius Pilatus mit dem Vater der griechischen Dichtkunst genauer bekannt machte. Spuren einer Reise nach Calabrien finden si'ch b); ältere Biographen lassen Boccaccio bis nach Sicilien reisen, um das Griechische zu erlernen. Sicher fehlte es in Neapel selbst nicht an Gelegenheit dazu, und der Eifer für diese Studien, den Boccaccio mit Petrarca theilte, ist nicht das geringste seiner Verdienste. Daß in jener bücherarmen Zeit, wer irgend nach Kenntnissen strebte, suchen mußte, sich selber in den Besitz von Handschriften zu setzen, bedarf keiner Erwähnung. Boccaccio's beschrankte Mittel erlaubten ihm dies nur in geringem Maße, doch wissen wir durch seinen Schüler Benvenuko von Jmola"), 1) Wermuthlich rührt der Brief aus dem Jahre 1339 her, denn er bezieht sich, was Ciampi nicht gesehen hat, auf die Fehde der della Marra und des Niccolö dei Gatti in Barletta. Bergl. Dom. kte Siariina bei M/ratoi-i Secipt. XII. 551. 2) ZanobidaStrada, den später auf Acciajuoli's Fürwort von Karl IV. gekrönten Dichter, preist Boccaccio in dem ersten Briefe an ihn (1350) überschwänglich; sehr verschieden lautet sein späteres Urtheil in einem Briefe von 1373. kime 6i dl. vac- e»cel x. XI.II. XDIII. ») Lat-isüi, p. 255. 56. s) Im Commentar zu Dante'S Paradies XXII. 74. M,ra- tov!,. 4ntig». I. 1296. 2 XXVlll Giovanni Boccaccio- daß er bis nach Monte Eassino reiste, um Manuscripte zu ermitteln, und nach dem Briefe an den Priore de' santi Apostel! (1363) besaß er eine Anzahl von Handschriften, welche die Aufmerksamkeit der Kundigen aus sich zog. Daß er dem V airn cls lingua latina, den auch Petrarca in seiner Jugend gesehen hatte, eifrig nachforschte, erfahren wir aus dem schon erwähnten Briefe an Zanobi da Strada (1350) und noch in spaten Jahren (1369?) sehen wir ihn in Ravenna mit dem Aufsuchen von Manuscripten eifrig beschäftigt'). Wo indeß Boccaccio nicht zu kaufen vermochte, da machte er sich durch seinen Fleiß zu eigen, was ihm von den benutzten Büchern das Wichtigste schien. Solche Auszüge aus den Sammlungen des Paolo von Perugia dienten ihm, wie er selbst erzählt, als reichhaltiges Material zu der Genealogie der Götter^). Ein ähnliches Excerptenheft liLilisldone) scheint das zu sein, das Ciampi vor einiger Zeit in der Magliabecchiani'schen Bibliothek ausgefunden hat 3). Als Mittelpunkt der gelehrten Bestrebungen in Neapel wird von verschiedenen Seiten der florentiner Kaufmann Niccola Acciajuoli geschildert, der durch die Freundschaft der Katharina von Tarent, die sich den lateinischen Kaisertitel beilegte, von Stufe zu Stufe stieg, und, nachdem das ungarische Unwetter verzogen war, zum Groß- seneschall des Reiches ernannt ward. Auch Boccaccio stand zu ihm in näherer Beziehung, wie der Brief von 1341 (richtiger 42), die gemeinsame Flucht, und noch in späten 1) Oiampi Hlonnm. p. 493—506. Auch den übersetzten Homer (vergl. S. XXXII. Anm. 2) und den Augustinus schenkte er dem Petrarca. Bergl. Lessen Lpist. varia« 22. Baseler Ausg. p. 100 . Genfer Ausg. der Briefe IX. 3. Der darauf folgende erwähnt das Geschenk eigenhändiger ExcerPte aus Schriften Barro's und Eicero's. 3) Hloiium. p. 1 —147. Bergl. Warruc/ik>üt p. 1324. x,'o. 59. 60. Latcietti x. 127. 28. Liamxi, Non. p. 211 —16. 252 sg. Giovanni Boccaccio. XXIX Jahren die Zueignung des Buches von den berühmten Frauen an Niccola's Gemahlin Andrea d'Altavilla beweist. Schon frühe scheint indeß dies Verhältnis getrübt zu sein. Ein mit Absicht rathselhaft geschriebener') und von dem Herausgebers gar nicht verstandener Brief, der sicher aus sehr früher Zeit datirt und ein wunderliches Gemisch barbarischen Lateins und vermuthlich jüngst erlernter griechischer Brocken bietet, schilt den Empfänger wegen eines Verra- thes, den er an dem Schreiber geübt, und besonders weil er dem Acciajuoli ein ihm anvertrautss Geheimnis mit- getheilt habe. Ein gleichfalls von Ciampi') herausgegebener Brief an Zanobi da Strada, der seit 1352 unter Acciajuoli's Macenat in Neapel weilte (vom April 1353 ), enthalt lüttere Klagen über die geringschätzige Kargheit des ehrgeizigen Höflings, der neben Jagdhunden und Spaßmachern auch eine Anzahl Gelehrte fütterte, damit sie seine Thaten beschrieben und seine Großmuth in alle Welt verkündeten, und läßt abschreckende Blicke in ein den menschlichen Gefühlen verschlossenes Herz thun. Wenn wir Boccaccio von der Mitte des Jahrhunderts an mit kurzen Unterbrechungen in Florenz heimisch finden, so ist es keinesweges die Vorliebe für den Wohnort seines Vaters, welche ihn hier sesthält. Schon in der Fiammetta sagt die Geliebte, um so geringeren Grund habe er, sie zu verlassen, als er, wie sie wohl wisse, gegen seine Vaterstadt entschiedene Abneigung hege. In dem eben erwähnten 1) „ttatagrapliavi obseure". 2) (trampi, KIvnuin. >>. 277—81. 3) „4eich«:<1i." ries ist Stahl, .4cciajo. Bergl. indes Le Saris Uebers. III. 544. Die Indiskretion bezog sich auf einen balliger gnieiti»,». Unter jenen von Ciampi gedruckten Briefen ist einer (S. 283) mit der Anrede: Navorti» miles ex (sie) trenue, vermuthlich an einen Colonnesen in Avignon. Der Schreiber bewirbt sich darin um die Gunst des Empfängers. Vielleicht geschah dies hinter Acciajuoli's Rücken, dem der in jenem anderen Briefe Angeredete das Geheimnis verrieth. 4) Nonum. p. 72.—81. XXX Giovanni Boccaccio. Briefe an Zanobi da Strada lobt er ein Strafgedicht dieses Letzteren gegen die Florentiner und schilt diese selber wegen ihrer Habsucht und ihres verweichlichenden Luxus so sehr, daß er sich in Zukunft nicht mehr von Florenz, sondern von Certaldo zu benennen verspricht. Im Herbste 1330 berührte Petrarca, auf seiner Reise zum Jubiläum nach Rom, seine Heimat, Florenz. Boccaccio sandte ihm lateinische Verse entgegen und empfing ihn mit dem Ausdruck der Bewunderung, die er seit dem neapolitanischen Schauspiele, neun Jahre zuvor, für ihn hegte. Hier begann eine Freundschaft, die nur der Tod löste, und die, besonders auf Boccaccio's Seite, ein fast rührendes Gepräge hingebender Innigkeit trägt. Nur den Schüler Petrarca's, nicht seinen Genossen, nennt er sich, und wo immer die Anforderung zu einem gelehrten Werke an ihn ergeht, da wünscht er die Aufgabe, welcher er sich nicht gewachsen fühlt, von dem kundigeren Freunde gelöst'). Die kaufmännische Thatigkeit, die begonnenen Studien hatte er verlassen, den Zorn des Vaters sich zugezogen, nur um allein der Poesie zu leben. Dante war ihm das hohe, unerreichbare Vorbild gewesen; aber unter Dante die nächste Stelle, die war das Ziel seines Stre- bens gewesen °). Da sielen ihm Petrarca's Sonette und Canzonen in die Hände, und, schnell überzeugt, daß er nichts diesen Kunstwerken Gleichendes zu schaffen vermöge, warf er die Frucht mehrjährigen Fleißes ins Feuer und wollte noch in späten Jahren es nicht zulassen, daß Petrarca ihn einen Dichter nenne ^). Petrarca nimmt diese überschwänglichen Huldigungen mit ebenso viel Selbstbewußtsein als Freundlichkeit auf, ist aber im Uebrigen ein wohlgesinnter und zur That bereiter Freund. Wieder- 1) Bergt, die Einleitung zu der Genealogie der Götter und zu dem Buche über die Berge u. s. w- 2) Sonett 66 in Baldelli's Sammlung der Lime. 3) Petrarca, sv». V. 3. >>. 793 — 96. der Baseler Ausg. Genfer Ausg. der Lgist. ikam. IX. 5. Giovanni Boccaccio- XXXI holt fordert er den mit steten Geldverlegenheiten Kämpfen den auf, ganz zu ihm zu ziehn, und eine die Sorgen um Rückzahlung tadelnde Aeußerung Petrarca's zeigt uns, daß er dem Boccaccio auch nicht unbeträchtliche Darlehen gemacht hatte'). Im April 1351 ging Boccaccio nach Padua, um Petrarca, dem die bei der Verbannung seines Vaters consiscirten Güter zurückgegeben waren °), nun im Namen des Staates um seine Rückkehr nach Florenz zu bitten. In einem ungedruckten Briefes schildert Boccaccio uns mit lebendigen Farben die schönen Tage, die er bei dem hochverehrten Freunde in wissenschaftlicher Thätigkeit und in begeisterten Gesprächen über Italiens alte Glorie und die Bestrebungen, das Vaterland aus seiner jetzigen Erniedrigung wieder zu erheben, verlebte. Die Hoffnung indeß, das Ziel seiner Gesandtschaft erreicht zu haben, erwies sich bald als ungegründet H. Zwölf Jahre später finden wir Boccaccio noch einmal in Venedig bei seinem berühmten Gastfreunde, bei dem er drei glückliche Monate lang, der um jene Zeit Italien verheerenden Pest entrückt, in Studien und Erholung weilte °). Hier fanden sich der venetianischc Canzler Benintendi de' Ravignani und der gelehrte Donato d'Albanzani') aus Pratovecchio (Appenini- 1) Lpiat. senil. I. 4. p. 745. 2) LaickeM, p. 109. 3) Lolüelir, p. 110. 4) Das Antwortschreiben Petrarca's steht Lpi-a. vor. 4. Baseler Ausg. p. 976. 5) Einen dritten Aufenthalt Boccaccio's bei Petrarca in Mailand (1358) erwähnt De Sade, Uebers. III. 572—74. Bal- delli p. 129. 30 verseht ihn in das folgende Jahr. Bon diesem Besuche handelt Boccaccio's fünfzehnte Ecloge, Alaniri, p. 61 . 62 . Die Einladung Petrarcas steht Lxist. IX. 5. Genfer Ausg. ' k) Petrarca, Lpist. sen. III. 1 (bald nach Boccaccio's Abreise vom 7. September datirt) und 2 (vom 20. desselben Monats). 7) Ihm widmete Boccaccio später seine Ecloge» durch die scchszehnte derselben. ü/E,/, p. 62. XXXIl Giovanni Boccaccio. gena) zu gemeinsamen Gesprächen und Gondelfahrten ein. Noch ein Fünfter nahm indeß an diesen Zusammenkünften Theil, dessen Umgang den Freunden minder willkommen, aber desto lehrreicher war. Ein Calabrese, der sich Leontius Pilatus nannte und seine durch Bar- laam aus Seminara erworbene Kunde der griechischen Literatur in der Levante vervollkommnet hatte, weilte um 1360 in Venedig. Boccaccio, dem es für die eignen Lebensbedürfnisse so oft am Nöthigsten gebrach, eilte, von glühender Begeisterung für das classische Alterthum getrieben, dorthin und bewog den aufgeblasenen und durchaus unliebenswürdigen Mann, mit ihm nach Florenz zu kommen, wo er ihn Jahre lang in seiner dürftigen Wohnung beherbergte. Endlich gelang es seinen oft wiederholten Bitten, dem habsüchtigen Griechen ein Jahrgeld von der Republik zu erwirken und ihn zu bewegen, daß er öffentliche Vorlesungen über Homer hielt. Wenige wohnten ihnen bei. Boccaccio aber ließ nicht ab, bis er von Leontius eine vollständige Uebersetzung der homerischen Gedichte, ja selbst einiger platonischer Schriften erlangt hatte'). Um diese Zeit schrieb Boccaccio im Namen Homer's einen seltsamen Brief an Petrarca, voll Klagen über die Vergessenheit, der seine Gesänge zur Beute geworden seien, und über die Undankbarkeit seiner Nachahmer. Uns ist nur die Antwort des Petrarca (Mailand 9 . October 1360 ) erhalten, und auch diese ist ungedruckt ^). Nicht lange war es indeß Boccaccio geglückt, den unbeständigen und stets unbefriedigten Mann an Florenz zu knüpfen. Plötzlich verschwand er, und erst in Venedig bei dem Freunde sollte Boccaccio ihn Wiedersehen. Auch Petrarca's Gastfreundschaft vermochte indeß Leontius nicht auf die Dauer zu fesseln. Bald nach 1) p. 135—44. 256—69. Bergl. Detvarcn, k'gn-s. üen. VI. 2. 2) De Lacie, Vlömoiren pollr Io vie >Ie IV. Deutsche Uebersetz. Lemgo, 1778. III. 705. Dalckettft p. 258—69. Giovanni Boccaccio. XXXIII Boccaccio's Abreise wandte er sich nach Constantinopel, durch den Vergleich mit dessen Herrlichkeiten er stets bemüht gewesen war, Italien herabzusetzen. Kaum dort angelangt, versank er in tiefes Elend und beschwor Petrarca, ihm die Rückkehr zu ihm zu gestatten. Zwar weigerte sich dieser, doch auch ungerufen schiffte sich der Grieche im Geleite weiterer Manuscripte (des Sophokles und Euripides) wieder ein; im Adriatischen Meere indeß entlud ein schweres Gewitter sich über dem Schiffe, und ein Blitzstrahl tödtete von Allyn, die sich darauf befanden, den Einen Leontius. Nachricht von diesem Allen gibt Petrarca dem Freunde Boccaccio in mehren Briefen '). Mehrfach klagt Petrarca, daß Glück und Freude mit dem Freunde von ihm geschieden seiend; bis zum Tode aber besprachen sich Beide in ausführlichem Briefwechsel über die Dinge, die ihnen jedes Mal zumeist am Herzen lagen. Bald vertraut Petrarca dem Freunde das lange und sorgsam geheimgehaltene Alter ^), bald gesteht er seine Freude, das vielgefürchtete 63ste Jahr überstanden zu haben bald weist er den guten Rath, in seinen alten Tagen sich Ruhe zu gönnen, nicht ohne Empfindlichkeit zurück^), bald beschwert er sich in langen Deklamationen über die ihm entzogene Anerkennung und dankt dann ziemlich vornehm, und als ob die ganze Sache ihm gleichgültig sei, für die von Boccaccio verfaßte Apologie ^), bald endlich beantwortet und widerlegt er des Freundes herbe Klagen über das karge Loos, das ihm zu Theil geworden '). 1) Senil. III. 5. V. 4. in I. VI. 1. 2) Senil. III. 1. XIV. 8. 3) Senil. VIII. 1. (vom 20. Juli 1366.) 4) Senil. VIII. 8. (vom selben Tage 1367.). 5) Senil. XVI. 1. 2. Bergt. De Sade, NeberseH. III. 885>. 86. 98. Der Brief ist vermuthlich aus Petrarcas letztem Lebensjahre. «) Senil. II. I. XIV. 8. Lalclettr, p. 210. 7) Senil. *4- Z XXXIV Giovanni Boccaccio. Von Boccciccio's Briefen an Petrarca sind uns leider die meisten verloren gegangen '); nach Dem aber, was wir davon wissen, waren es im Gegensätze zu den eitelen Selbstbesprechungen dieses Letzteren fast immer höhere Interessen, oder fremde Angelegenheiten, von denen sie handelten. Eine merkwürdige Mittheilung solcher Art werden wir noch zu erwähnen haben (S. XIAI). Höchsten Preises werth ist aber der edleMuth, mit dem er es wagte, zwar in wohlverstandener Würdigung der Eigenthümlichkeit Dessen, an den er schrieb, unter vielfachen und höchsten Lobpreisungen, ja unter Entschuldigungen, aber doch mit dem Bewußtsein der Heiligkeit der Sache, für die er stritt, dem Petrarca Dante's göttliche Komödie sangeblich in eigenhändiger Abschrift mit dem Bemerken zu übersenden, daß die vornehme Geringschätzung, mit welcher der Sänger des Canzoniere bisher dies höchste italienische Gedicht igno- rirt habe, ihm allgemein als unwürdige Misgunst gedeutet werde ^). Petrarca's Antwort ist frostig und geschraubt und verräth alles Andere eher, als Bereitwilligkeit, die maaß- losen Verdienste des Vaters der italienischen Poesie, des vollendetsten Organes der mittelalterlichen Geistesentwickelung, anzuerkennen. Zu den heimischen Verhältnissen Boccaccio's zurückkehrend haben wir mehrer Gesandtschaften zu gedenken, mit denen ihn die Republik betraute. 1352 wurde er, um gegen den Mailänder Giovanni Visconti Hülfe zu suchen, 1) Einen Brief von 1366 (?) theilt De Sade, Uebers. III. 811 — 14, mit. Boccaccio hatte Petrarca in Venedig besuchen wollen, aber nur dessen Schwiegersohn gefunden. Wergl. LatckeUr, I>. 192. 93. 2) Daß die Vatikanische HS. Nro. 3199 eine solche sei, kann nur ein völlig Unkundiger behaupten. s) Boccaccio's Brief ist uns verloren. Die begleitenden Werse sind oft gedruckt, z. B. bei ttsanm, ,>. 25. 26. Die Antwort Petrarca's steht nicht in der Baseler Ausg. der Werke, wohl aber in der (Genfer) Octavausg. der Briese (1691- XII. 12. g. 445—51. Giovanni Boccaccio. XXXV an den Markgrafen von Brandenburg gesandt'). Die italienischen Schriftsteller nennen den baierischen Ludwig; doch kann der Zeit nach nur dessen Bruder, der Römer, gemeint sein, dem seit dem Luckauer Vertrage (24. De- cember 1351) die Mark bereits abgetreten war. Spi- ker^) hat nachzuweisen gesucht, daß Berlin das Ziel dieser Sendung gewesen sein müsse; jedenfalls war der Eindruck, den unsre Heimat auf den Dichter des Dekameron gemacht hat, kein besonders günstiger, denn einige Jahre spater findet er es unerhört, daß Petrarca habe daran denken können, sich von den italienischen Wirren nach Deutschland zurückzuziehen ^). — Daß er entweder auf dieser Reise oder bei dem Römerzuge Karl's IV. diesen Kaiser gesprochen hat, ergibt sich aus dem Briefe an Francesco Nelli. — Nach einem ungedruckten Briefe, dessen Inhalt Baldelli H mittheilt, reiste Boccaccio im Sommer 1353 über Forli zu Bernardino Polenta, der damals über Ravenna herrschte, von wo er Petrarca sein unmuthiges Erstaunen ausdrückte, daß dieser sich in den Dienst des verhaßten Mailänder Erzbischofs (Visconti) begeben. Vermuthlich ist uns auch Petrarca's entschuldigende Antwort erhalten ^). Mehre Gesandtschaften an die noch in Avignon weilenden Papste wurden in den folgenden Jahren Boccaccio aufgetragen. Im Jahr 1354 sollte er erforschen, welches Sinnes Jnnocenz VI. in Betreff der Römerfahrt Karl's IV. sei °). Was auch der Ausgang dieser Sendung gewesen Ausführlich erläutert ist sie von DronrAr, Drepni-nnone istoi-ic» nlln ». eil. rli Dante II. 3 — 28. Er vermuthet (p. 15), dass der Brief um 1360 geschrieben sei. De Sade seht ihn 1303, Uebersetz. III. 574—83. Wergl Laidctti, p. 130—35. 1) ülanni, p. 37. 38. IllaLrucüeür, p. 1326. bien. 73. 74. Lai-tettr, p. 112. 13. 2 ) Nach mündlicher Mittheilung. 3) Tbtracca, Lpist. sen. I. 4. 4) ?. 114 — 18. 5) Senil. VI. 2. 6) ülann?', p. 38. Haictettr, p. 118—20. XXXVI Giovanni Boccaccio. sein möge, so hatte sie für Florenz geringen Erfolg, da die Stadt sich nach hochfahrenden Worten durchaus dem Willen des Kaisers fügte'). Am 20. August >36!; begab Boccaccio sich abermals im Aufträge der Republik nach Avignon, diesmal um die Gunst Urban's V., der Florenz einen großen Theil der Schuld an dem Fortbestehen des Unwesens der Condottieri- banden beimaß'), wiederzugewinnen. Seine nahe Verbindung mit Petrarca bereitete Boccaccio bei Manchen, namentlich bei dem Patriarchen Philipp von Cabassolles, freundlichen Empfang "). Seine Gesandtschaftsberichte sahen noch die Verfasser des Crusca in dem Archiv der Riforma- gioni; gegenwärtig sind sie verloren. Gegen Ende des Jahres kehrte er über Genua') zurück, von wo er dem damals in Pavia weilenden Petrarca schrieb ^). Auch eine Nachricht über die Tagegelder, die Boccaccio wahrend dieser Gesandtschaft bezog, ist auf uns gekommen; sie betrugen zwei Goldgülden täglich. Ein drittes Mal reiste Boccaccio im November 1367 zum Papst, und zwar wieder zu Urban V.; diesmal aber nicht nach Avignon, sondern nach Rom, wohin dieser Kirchensürst sich das Jahr zuvor, freilich nur auf kurze Zeit, begeben hatte °). Noch sind mehre Besuche zu erwähnen, die Boccaccio i) Darüber spottet Boccaccio selbst in der siebenten und neunten seiner Erlogen. Wergl. die Erläuterungen bei Mmni, p. 59. 2 > Wergl. x. 124. S) /'etrai ca, Hpist. «en. V. 1. 4) Wergl. Boccaccio's Erläuterung zu seiner 13ten Erlöge, in dem Briefe an den Maestro Martina da Signa bei Murni, p. 61. 5) Petrarca, 1ss>. sen. I. e. L) ittanirr, p. 40. MaLLiiclrettr , p. 1326 IXro. 71 — 81. LatäkM, p. 190 — 92. Diese Schriftsteller lassen Boccaccio auf seiner Rückkehr von dieser Reise nach Genua kommen Wie irrig dies aber ist, ergibt sich daraus, daß Urban seit dem 16. Dctober in Rom weilte. Giovanni Boccaccio. XXXVII in Neapel machte. Nach dem von Ciampi herausgegebenen Briese an Zanobi da Strada ( 1353 ) muß er seit 1346 noch einmal dort gewesen sein, vermuthlich 1352 . Er erwähnt, mit Zanobi lange keine Briefe gewechselt zu haben, und erinnert ihn an Aeußerungen Acciajuoli's; Zanobi war aber erst seit 1352 in Neapels. Er erklärt, so lange das Glück des Großseneschall enthalten werde, nicht mehr nach Neapel kommen zu wollen ^). Dennoch besitzen wir einen äußerst langen, Venedig, 28 . Juni ( 1363 ) datirten, Brief Boccaccio's an Francesco Nelli, den Prior von Santi Apostoli (den Simonidcs des Petrarca), der nach Zanobi's Beförderung zum päpstlichen Geheimschreiber 1361 in Acciajuoli's Dienste getreten war, erfüllt von bitteren Klagen über die Wortbrüchigkeit, die der Schreiber, nachdem Accia- juoli ihn nach Neapel berufen, dort von ihm erfahren habe, und über die ungastliche Bewirthung und das geringschätzige Betragen, durch welches jener nach wenig Monaten veranlaßt sei, die ihm von den Jugendjahren her liebe Stadt zu verlassen b). Um eine solche Inkonsequenz nicht annehmen zu müssen, hat Ciampi den ganzen Brief für untergeschoben erklärt^) und in der Fehde, die sich hierüber entspann, selbst seine Gegner überzeugt^). Dennoch ist die Aechtheit des Briefes als völlig unzweifelhaft zu betrachten, und nur zuzugestehen, daß nicht das Original, sondern eine italienische Uebersetzung auf uns gekommen ist°). Der Hergang ist im Wesentlichen zu denken: Im Mai 1362 (in 1) De Sade, Deutsche Uebersetz. III. 253. Xmbr. tlamalil. 6X0II. Oiampi, Nonuni. p. 32. vermuthct, Accia- juoli habe den Zanobi an Boccaccio's Platz berufen. 2) „Immotum seilet animo, nnnii»am telioitate klagni tui tiorente, me regnnm Xusonienm revisurum." 3) O'amxi, iVlnilum. >>. 153—209. 4) a. a. D. I>. 358—576. 581—89. 5) 6amba, Serie i>. testi 4i l. Lil. IV. si- 69. iXro. 215. o) So vermuthete schon Salvini, vergl. Q'ami» a. a. O. I>. 566 ff. 485. 86. XXXVIII Giovanni Boccaccio. yuelli cli, clis >1 nostro re I.nilovico moii — 26. Mai) nahm der Priore de' Santi Apostoli in Messinas Gelegenheit, dem Großseneschall von der drückenden Lage Boc- cacio's (bei dem gerade damals Leontius herhergke) zu sprechen. Acciajuoli schrieb einen eigenhändigen Brief voll guter Verheißungen, um Boccaccio zu sich zu laden. Nelli begleitete denselben mit seinen eigenen Bitten. Boccaccio, den frühere Erfahrungen mißtrauisch gemacht hatten, stellte seine Bedingungen und kam erst, als diese bewilligt waren, im November Weder den ersten Willkommen, noch die fernere Aufnahme fand er seinen Erwartungen, ja den bestimmten Zusagen, entsprechend ^), und Boccaccio zog nach einiger Zeit zu seinem Freunde und Landsmann Mai- nardo de' Cavalcanti*). Noch einmal wurde er an den Meerbusen von Baja zu Acciajuoli mit dem Bemerken, daß er seine Manuscripte mitbringen möge, beschicken; aber auch hier erlangte er nur durch die vermittelnde Teilnahme eines besuchenden Neapolitaners ein, menschliches Lager und wurde endlich mit seinen Schätzen allein am wüsten Strande zurückgelassen. In Neapel suchte sich Boc- 1) Dort verweilte er damals; De Sade Uebers. III. 671. 2) Der Brief sagt: I'nore fiesen, k staute pestilenriu. Daß gerade 1362 und 63 die Pest mit erneuerter Heftigkeit wüthetc, was Ciampi ganz übersehen hat, ergibt sich aus Mattoo Vü/nnr XI. 57, und besonders aus Petrarca's sehr lehrreichem Briefe Senil. III. 1. S) Im Gegensätze zu der erniedrigenden Bewirthung Accia- juoli's gedenkt Boccaccio des Wohllebens, das er in seiner Jugend mit Jünglingen von Stande zu Neapel geführt, tllrampr, >>. 55!» —62, findet darin einen Widerspruch mit den früheren Schilderungen seiner Armuth, vergl. Anm. 1 S. XIX). Gewiss konnte er aber, besonders nachdem er mit dem Water ganz gebrochen, vorübergehend Mangel leiden, und dann wieder an dem Glanze von Jo- hannens Hofe Theil nehmen. 4) Ihm widmete er später das Buch von den unglücklichen Berühmten. S. Len Widmungsbrief bei LatckM, p. 388 — 91, vergl. p- 160 ff. Giovanni Boccaccio. XXXIX caccio, da Mainardo abgereist war, andre Herberge bei einem dürftigen Kaufmann, verabschiedete sich bei dem Se- neschall und reiste, ohne Florenz zu berühren, nach Venedig zu Petrarca (Silvano, wie er ihn auch sonst nennt; p. 116. 17). Am 22. April 1-763 sandte ihm Nelli einen begütigenden, aber zugleich vorwurfsvollen Brief nach, in dem er ihn einen Mann von Glas nannte und ihn zurückzukehren bat. Die Antwort darauf ist der Gegenstand des Streites. — Nun finden alle darin vorkommenden geschichtlichen Daten anderweitig volle Bestätigung. So sehen wir namentlich aus dem schon erwähnten, von Ciampi übersehenen Briefe Petrarca's, daß Boccaccio von einem längeren Aufenthalt in Neapel kommend, Juni bis August >363 in Venedig bei ihm zubrachte; wir wissen ferner, daß Boccaccio mit Recht') sagen konnte, daß ersieh wohl erinnere, wie vor etwa 36 Jahren Acciajuoli als kleiner Kaufmann, von einem einzigen Diener begleitet, nach Neapel gekommen sei. Auch ist die ganze Schilderung, so ungünstig sie auch von sonstigen Lobpreisungen absticht, schwerlich ungerecht: in eben diesem Jahre hatte der von Acciajuoli vielgepriesene, und wegen seines universellen Ansehens gewiß auch gefürchtete, Petrarca Anlaß, sich gegen ihn zu beschweren, daß er ihm keine seiner vielen Versprechungen erfüllt habe^). War indeß Boccaccio, wie N S. 182 . 2) üpist. senil. III. I. „äoiebis, guoil, neseio guibus niüs euris, tortnsss ninjoridus, neseio an kt puiebrioribus, llistrnetns, nibil nngnnin pro me teceris, guuin potueris seinper, et sneps promiseris." Später heißt es noch, er habe sein Versprechen inter- positn surissurnnüi reiixione bekräftigt, und Petrarca besitze darüber ebirogrnpbuin non unuin, tuis scriptum llixitis; nicht nur sei Alles unerfüllt geblieben, sondern auf Petrarca's Bitte habe Accia- juoli ne nnieum guillem verbnin, sustuin, bonoritieuin, tegue cÜF- nnin, et tuis in Inküs et in nuridus nullientiuin bonestissiine sn- nituruin (vermuthlich beim Papste) für ihn, iili tuo eleeto et 6 Eklogen eifrig beschäftigt. Diesem Zurückziehen von dem störenden Getreide der Stadt war aber ein anderes merkwürdiges Ereigniß vorhergegangen. Am 26. Mai 1361 starb in der Karthause zu Siena ein frommer Einsiedler, Namens Pietro Petroni, der später selig gesprochen wurde. Vor seinem Tode hieß er seinen Gefährten Gioachinv Ciani, sich mit geheimen Aufträgen zu mehren namhaften Männern der Zeit begeben, um sie von ihrem weltlichen Treiben abzuziehen. Auch Petrarca war von der Zahl. Einer der Ersten aber, die Eiani heimsuchte, war Boccaccio. Nach dem gleichzeitigen Berichte des später ebenfalls seliggesprochenen Giov anni C o lombini ^) verkündete er diesem, wie Christus dem Petroni auf dem Sterbebette erschienen sei und ihm Boccaccio's verborgenste Geheimnisse und dessen zukünftige Schicksale offenbart habe. Nur wenig Jahre habe er noch zu leben, drum möge er in sich gehen und bei Zeiten seinen, der Sinnenlust stöhnenden, 1) Latttellr, Lime 6i Loee. p. XXXVI. 2) Ittarrric/iellr, p. 1326 dlro. 8V. 3) Mim?», p. 85—87. Xl.Il Giovanni Boccaccio. Wandel und die Schriften, die den Samen der Sünde verstreut, durch aufrichtige Reue büßen'). Wesentlich aber sei dazu, daß er den poetischen Studien entsage und einem ganz andern Leben sich ergebe^); wo nicht, möge er erwarten, daß ein schleuniger Tod zugleich seinen profanen Studien und der Möglichkeit seiner Rettung ein Ende mache. — Boccaccio ward durch diese drohenden Worte um sogewaltiger erschüttert, als Ciani ihm zu deren Beglaubigung von einem frühern Ereignisse genauen Bericht gab, von welchem, wie jener glaubte, Niemand auf der Welt Kunde haben konnte. Auch diesmal schüttete er sein stürmisch bewegtes Herz gegen Petrarca aus, der ihm in einem ebenso salbungsvollen als gelehrten Briefe^) viel schöne Sachen von der richtigen Art, dem Tode entgegenzugehen, und von dem Nutzen der Studien und der Poesie schrieb. Es scheint indeß nicht, als ob damit der Eindruck jenes Besuches ausgetilgt sei. Wenn auch aus dem Verkaufe seiner Bibliothek, die Boccaccio dem Freunde angeboren hatte, nichts wurde, so gewinnt doch seine Thatigkeit als Schriftsteller, wie schon angedeutet worden, von nun an einen neuen Charakter, und es fehlt nicht an bestimmten Erklärungen, wie sehr er seine früheren Schriften verdamme. ^). — Spater finden wir ihn auf kurze Zeit (zu Ende des Jahres >370) in dem Karthauser-Kloster S. Stefano, un- 1) leixum eoeeosque simui errores, in «juibus Misere ed eem diem ^eeueret, ed emetorie studie ineumbendo dste§it» in- dieettjue periter. ques peeeendi veeesiones mortelibus obtuierit, suis videüeet vu1§etis lueubr etionibus. Huee edbue seri^te edidisti, instrumenta perinds dieboli sunt» ed instruendes et ellieiendes in Venerem enimes. 2) koetiee Studie ekMies, et exitinlem poetieen iliem de- testetus» quee tibi beetenus fuit impedimento» (juominus veree virtntis eultnrem te ennetis exbikeres, bonestiorem.disei- plinem inees. 3) Senil. I. 4. ... 4) p. 460 — 62. Giovanni Boccaccio. Xinii fern Pizzo in Calabrien, wo er indeß von dem Abte, seinem Freunde Niccol'o di Montefalcone, höchst ungastlich ausgenommen ward, wie er in einem ungedruckten Briefe diesem vorwirft i). Schon glaubte man, er habe das Ordensgewand der Karthauser genommen war dies aber auch voreilig, so scheint er doch, wie besonders aus der erwirkten Dispensation wegen seiner unehelichen Geburt erhellt, geistliche Weihen erhalten zu haben'). So große Pietät auch Boccaccio für den gelehrten Sänger der Laura hegte, so hatte dessen oben erwähnter Brief in keiner Art vermocht, seine Verehrung für Dante zu schmälern, die er schon um die Mitte des Jahrhunderts durch seine Lebensbeschreibung des Dichters bekundet. Wieder und immer wieder warf er den Florentinern die Schmach ihrer Undankbarkeit gegen den größesten ihrer Mitbürger vor, und endlich, am 9. August 1373, wurde beschlossen, zu Gunsten Derer, „die zu den Tugenden aufzustreben wünschten", einen Lehrstuhl für die Erklärung von Dante's göttlicher Komödie zu errichten, „aus welcher auch die Nichtgelehrten unterwiesen werden könnten, sowol die Laster zu meiden und gute Sitten zu erwerben, als auch die Zierde der Beredtsamkeit zu erlernen." Sonntags den 3. October (es muß heißen, den 23. October) begann Boccaccio, dem gegen ein Jahrgeld von 100 Goldgülden dieser ehrenvolle Auftrag ertheilt war, in der Kirche San Stefano seine öffentlichen Erklärungen *). Nicht allein aber mußte er Schmähungen und Spott erfahren, daß er es unternommen, das erhabne Gedicht dem groll öaiciettr, p. 195. 96. 383. 2 ) Bottari's Vorrede zu den Novellen des Franco Sac- chetti, Silvestrische Ausg. p. 19. s) Laiüe/L, p. 164. 65, veral. mit I>. 1327 5D». 88. 1) Chronik des itkvnaicki in den Anmerk, der Deputat! zum Dckameron p. 39. Xl.IV Giovanni Boccaccio. ßen Haufen zu erklären'), sondern schon nach etwa drei Monaten nöthigte ihn schwere Krankheit, seine Vorlesungen zu unterbrechen"). Mannigfache Uebel verbanden sich mit demselben ekelhaften Ausschlage, an dem früher auch sein Freund Petrarca gelitten"), und ein ungedruckter Brief schildert in den grellsten Farben den unleidlichen Zustand, in dem er sich Monate lang befand ^). Gewissensbisse quälten ihn, und voller Schrecken sah er dem Tode entgegen; noch einmal indeß gab ihn entweder seine kräftige Natur, oder die Kunst des Arztes") dem Leben zurück. Außer der körperlichen Schwache aber, welche die Krankheit zurückließ, und die ihn nie mehr verlassen sollte, drückte ein tiefer geistiger Schmerz wahrend des kurzen Restes seines Lebens ihn nieder. In der Nacht vom l 8. zum 19. Juli 1371 war Petrarca in Arquä am Schlage gestorben, und mit Recht schreibt Boccaccio in dem schon erwähnten Briefe an den Schwiegersohn des Verstorbenen: „er hat mich in dieser Welt, wie in einem Schiffe, das ohne Steuermann in einem unruhigen Meere umhergetrieben wird, zurückgelassen""). In seinem Testamente vom 4. April hatte Petrarca seinem Freunde 50 Goldgülden vermacht: „um sich ein Winterkleid zu seinen nächtlichen Studien zu kaufen"'). Boccaccio nahm das Legat dank- 1) Seine Antwortssonette, in denen er selber sein Unternehmen fast bereut, finden sieb in der Baldelli'schen Sammlung der Uime IXeo. VII—XI. p. 4—6 vgl. i>. 118. 2 ) Vergl. den Brief an Franz von Brossano vom 3. November 1314 bei Vitn 4mbr. Vom. p. 66VI. 3) Lpist. sen. III. 4. 4) LaickeUr, p. 199—201. 5) Daß er einen solchen in einer früheren Krankheit (1364) zugezogen, wurde ihm von dem bekannten Feinde der Aerzte, Petrarca (Lpist. sen. V. 4), sehr verdacht. «) De Sade, Uebers. III. 895. i) De Sade, Uebers. III. 830. 31. Giovanni Boccaccio. xuv bar an, obwol er wünschte, in den Umstanden zu sein, daß er es ablehnen könnte. Einen Entwurf zu seinem eigenen Testamente hatte Boccaccio schon am 21 . August >365 (italienisch) gemacht'). Nach Petrarca's Tode ( 28 . August 1374 ) ließ er es zu Florenz in der Kirche S- Felicitä feierlich (lateinisch) durch einen Notar ausnehmend- Zu Erben ernannte er seine Neffen, wahrend der Niesbrauch dieses Vermögens deren Vater, seinem Bruder, bleiben sollte. An Legaten hinterließ er unter Anderem dem Mönchskloster S. Maria di San Sepolcro dal Poggetto (balle Campora)") bei Florenz „alle heiligen Reliquien, die er mit vielem Zeitaufwands und großer Mühe aus verschiedenen Theilen der Welt zusammengebracht", der Kirche S. Jacopo in Cer- taldv einige Kirchengerathe, der Madonna Sandra, Frau des Francesco di Lapo Buonamichi ^), ein Marienbild, und seiner Haushälterin Bruna, der Tochter des Ciango da Montemagno, Betten und Wasche. Außerdem vermachte er seinem Beichtvater und Freunde Martins da Signa im Kloster S. Spirito") seine ganze Bibliothek, jedoch so, daß nach dessen Tode die Bücher dem Kloster zusielen.— In der That wurde die gewiß sehr werthvolle Sammlung fast ein Jahrhundert lang in jenem Kloster verwahrt, und das Zimmer, in dem sie sich befand, von Niccolo Niccoli verziert; als aber in der Nacht vom 22 . zum 23 . Marz 1471 dem Galeazzo Visconti zu Ehren ein geistliches Schauspiel mit Feuerwerk aufgeführt wurde, ward mit dem ganzen Kloster auch Boccaccio's Bibliothek ein Raub der Flammen"). 1) lieber die Ausgaben vergl. e osss dodsnnis. iVlens sedst anto Vsum, meritis ornstu Isdorum Hlortulis vitae. 6lenitor kncoaccins illi, katriu Oertaidum, Studium 1'uit slmu poesis. Eine Tafel an der Seitenwand der Kirche wiederholte diese Inschrift, verbunden mit 12 Versen des Eoluccio Salu- tati, welche die lateinischen Werke Boccaccio's aufzählen und preisen, von den italienischen aber nur sagen: ... De vulgo millo labores kercelebrem faciunt. Im Jahre 15V3 schmückte der Podestä Lattanzio Tedaldi das Denkmal noch weiter aus und fügte ein marmornes Brustbild des Gefeierten, der das Dekameron in der Hand hält, hinzu. Da das toscanische Gesetz vom 19. März 1783 die Begräbnisse in den Kirchen verbot, so glaubte man auch das des Boccaccio mit vandalischem Gehorsam zerstören zu müssen. Die Marmorplatte wurde zertrüm- l) „I.L OanonioL", ds /Vve'da, Del sepolcrv I. 6iov. lineeseci«. (.olle, 1827 p. 3. Giovanni Boccaccio, xuvii wert, und die Gebeine des berühmten Novellendichters wurden wieder ans Licht gezogen Auch eine bleierne (oder blecherne) Kapsel mit >5 (oder 1-3) Pergamenturkunden fand sich in dem Grabe, doch wußte keiner der Anwesenden die Schrift zu lesen. Der Pfarrer (kettare cli 8a» 3pa) nahm Schädel und Pergamente an sich und wies sie noch lange der müßigen Neugier der Fremden vor; seit indeß 10 Jahre spater der Geistliche in das obere Arnothal versetzt worden, weiß man nichts mehr von diesen Reliquien. Wenn Lord Byron sagt'): .evon bis tomb Hptorn, must bsnr Isis liegen» iÜAOt's rvroug, i^o mors nimcist tsis mssner cissci fmcl room, iKor dsim u passinA siZK, becuuss it tolcl kor rvlrom! so irrt er vermuthlich in der Voraussetzung, daß der Haß des Elerus gegen den Verfasser des Dekameron an jener Entweihung Theil gehabt habe; indeß haben jene Verse dazu und die sehr lesenswerthen Erläuterungen, die der Dichter gibt, in Italien eine lebhafte Polemik hervorgerufen"). — Auch das Denkmal an der Wand der Kirche blieb nicht unverschont; seine Theile wurden auseinandergerissen und in einen Winkel verbannt. Das fast verödete Certaldo beherrscht von der Höhe eines Tuffsteinhügels das Elsalhal, dessen Anblick noch heute so freundlich und wohlthuend ist, als Boccaccio ihn vor nun bald fünf Jahrhunderten meisterhaft schilderte^). Mehr als eines seiner mittelalterlichen Hauser ist zu Schutz 1) Odiläe Harold IV. 58. 2) Der EanonicuS Cateni griff Byron in zwei Sendschreiben Sopra In tombn di II. 6rov. Loeoaceio 1825. 26 an. Dagegen schrieb de Vvve'da. 1827 (vergl. d. Anin. S. I.XVI). Noch nahmen De Lngelis und Rosellini an dem Streite Theil. Bergl. auch Vaters, Vovagez distor. et litteraires e» Ikalie Uv. X. cbap. 9. 2) ?istvla a LI. kino de'Rvssi p. 26. Xl,vm Giovanni Boccaccio. und Trutz mit einem Wartthurme versehen. Eines derselben ist es, das Boccaccio von seinen Vorfahren überkommen, und in dem ec Jahre lang den Studien nachhing. Cosmus ll. ließ es durch eine Inschrift bezeichnen; im vorigen Jahrhundert ward es von einer Weberin bewohnt. Zufällig stieß eines Tages die alte Frau an eine übertünchte Blendnische: der verborgene Raum lag nun offen, und sie fand ein umfangreiches Paquet Papiere- Denkt man daran, daß nach Boccaccio's eigner Erzählung die dreizehn Schlußgesange der göttlichen Komödie nach des Dichters Tode in ganz ähnlicher Weise gefunden wurden, so liegt die Vermuthung nahe, daß jene Papiere Bedeutendes enthalten haben mögen. Jndeß hatte jene Alte in seltsamer Furcht, daß Gottloses darin stehen könne, das ganze Paquet dem Feuer übergeben! — Jetzt hat die kunstsinnige Marchesa Carlotta Lenzoni (geborene Medici) das Haus angekauft und ganz im Stvle des 14. Jahrhunderts wiederherstellen und mit Hausgerä- the versehen lassen. Ein Frescobild von Benvenuti's geschickter Hand, welches Boccaccio schreibend darstellt, schmückt dessen Arbeitszimmer, und die alterthümlichen Schränke enthalten eine reiche, nurBoccaccio betreffende, Bibliothek'). Noch lebt im Munde des Volkes der Dichter, der sich nach diesem Städtchen, zu nennen pflegte. Gleich Virgil hat ihn die Sage halb zum Zauberer gestaltet. Eertaldo nahe gegenüber liegt ein regelmäßig abgerundeter anmuthi- ger Hügel, der dem Volke Poggio del Boccaccio heißt*). Allnächtlich, so wird erzählt, bauete Boccaccio sich von Eertaldo nach jenem Hügel, auf dessen Gipfel ec einen reichen und dicht verwachsenen Garten besaß, eine luftige Brücke, 1) in der Florentiner sentoloxü» tleo. 59. >>. 86 ff. l-'aierN a. a. O. 2) Targioni Tozzetti, Reisen durch verschiedene Gegenden des G.-H. Toscana. Auszug von Jagemann. Leipzig, 1787. II. 291. 92. Giovanni Boccaccio. XUIX und zauberte dort in sein umschranktes Gebiet die Geister vergangener Zeiten um sich her., Lerheirathet war Boccaccio nie. Auster der Ehe hatte «r indeß Kinder. Den Tod einer in zartem Alter gestorbenen Tochter, Violante (dort Olympia genannt) beklagt er in der bedeutend spater geschriebenen vierzehnten Ekloge. Noch wenig Jahre vor seinem Tode schildert er seine schmerzliche Bewegung bei dem Anblick von Petrarca's gleichalter Enkelin '). Eine Stelle jenes Gedichtes bezeichnet Neapel als den Wohnort des Kindes, und so liegt die Vermuthung nahe, daß es eine Frucht des verbotenen Umganges mit Marien gewesen sei. Eine andere Stelle scheint auf noch früher verstorbene Geschwister hinzudeuten ch. Indem wir uns nunmehr zu einer Uebersicht von Boccaccio's Schriften wenden, fassen wir zuerst seine EigeN- thümlichkeit als Schriftsteller und Gelehrter im Allgemeinen ins Auge. Zwei verschiedene Richtungen des Geistes kämpfen im Mittelalter, besonders in dem spateren, um die Herrschaft. Auf der einen Seite Begeisterung für das eigene Gut der neueren romantisch-germanischen Welt, für den katholischen Glauben und die sich ihm anschließenden Heiligen- und Heldensagen, für Ritterthum und Minne; auf der andern Seite Bewunderung für die formelle Meisterschaft des Alterthums, für den berechneten Sieg der Idee über den Stoff, für die starre Willenskraft der antiken Welt. War den germanischen Völkern die erste dieser Richtungen angestammt, so lag den romanischen der Rückblick auf die hohen Vorbilder der classischen Zeit von jeher nahe, und seit dem zwölften Jahrhundert wandte ein immer 1) De Sade, Uebersehung III- 813. 2) p. 61. p. 9!). 94. Dekameron. I. I. Giovanni Boccaccio. größer werdender Theii der geistigen Tätigkeit sich der Wiederauffrischung des Besttzthumes zu, das Rom und Griechenland errungen. Hn früherer Zeit wurden die antiken Namen und äußeren Begebenheiten auf das Naivste nur als Nahmen benutzt, um moderne Gesinnung und Anschauungsweise auszusprechen, wie wenn in einem alten Commentar der göttlichen Komödie (lnt'. XXVI. 02) Thetis den Achilles in ein Nonnenkloster bringt, dem Lykomedes vorsteht, oder wenn ein alter Chronist den Catilina am Morgen des Ausbruches seiner Verschwörung in der Domkirche von Fiesole Messe hören und' communiciren laßt. Es bedurfte Jahrhunderte langer Anstrengungen, um die modernen Völker zu lehren, in elastischer Objectivitat sich ihrer eignen Natur zu entaußern, und die mühsamsten Versuche blieben unvollkommen genug. Um wie weit hatte nicht die Zeit des Polizian jene kindische Auffassung der antiken Welt im dreizehnten Jahrhundert zurückgelassen, und dennoch konnten die Tragöden im «isele cke Houis le granti nur geringschatzend auf einen Orfeo oder eine So- fonisbe zurückblicken, während wieder wir im Gedanken an die mit dem Galanteriedegen über das Theater von Versailles schreitenden frisieren griechischen Heroen ein Lächeln schwer zu unterdrücken vermögen. Die antike Bildung nur als eines der Elemente zu erkennen, aus deren wechselseitiger Durchdringung unser geistiges Eigenthum hecvor- gegangen ist, das vermochte nur Dante. Seine wenigen Vorgänger gehören noch, auf niederem Standpunct, der romantischen Richtung an; seine Nachfolger verzehren sich in dem Bestreben, der Sprache und der Gesinnung nach, Römer oder Griechen zu sein. Natürlich trägt dies Letztere den Charakter der Unausführbarkeit an der Stirne und gewinnt dadurch im günstigen Fall eine ergötzliche Färbung von Ironie; im ungünstigeren streift es hart an das Lächerliche, wie wenn wir Petrarca alles Ernstes eine beträchtliche Anzahl von Briefen an die berühmtesten Männer des Alterthums schreiben sehen, oder wenn Cardinal Bembo als Giovanni Boccaccio. ui päpstlicher Geheimschreiber die Jungfrau Maria stets Diana, Christum Apollo und die Nonnen Vestalinnen nennt. Stellen wir nun Petrarca und Boccaccio in dieser Beziehung zusammen, so ist das Ziel, wonach Beide mit Bewußtsein streben, das gleiche. Dem Erstern aber gelingt jene Entäußerung mittelalterlicher Sinnesart in viel höherem Maße, und so löst er dis gestellte Aufgabe weit vollkommener. Die größtentheils in seiner Jugend entstandenen Gedichte des Canzoniere abgerechnet, die ihn wider seinen Willen unsterblich gemacht haben, hat er den bunten Blüthenstaub der Romantik fast vollständig sich abgestreift; in den Sagen, welche das Volk bewahrt, erkennt er nur den Aberglauben des Pöbels, und die Romane von Arthus und von Karl taugen ihm höchstens für die Spinnstube; er ist der entschiedene Rationalist seines Jahrhunderts. Boccaccio ') wäre sicher gern ebenso aufgeklärt; aber das frische Leben des Volkes mit seiner ganzen Anschauungsweise rinnt zu mächtig in seinen Adern, und so sehr es ihm Ernst ist, uns Theseus und die Amazonen, oder die Helden vor Troja im richtigen Costume zu schildern, und so angestrengt er auch zu dem Ende die ganze complicirte mythologische Machinerie arbeiten läßt, so erkennen wir unter der MMe immer wieder bald einen toscanischen Ritter, bald ein Hosfräulein der Johanna. Liegt nun schon hierin ein Anklang von Parodie, so führt das fernere Streben, jene Heroen möglichst edle Gesinnungen nach dem Vorbilde des Livius in volltönenden Worten, künstlich gebaueten Perioden und regelrecht gegliederten Gedanken aussprechen zu lassen, namentlich in den früheren Schriften, nicht selten zu falschem Pathos und ermüdendem Redeschwall. — Später spaltete sich Boccaccio's Tätigkeit in zwei Halsten: in den letzten Lebensjahren waren ihm die classischen Studien zur ausschließlich gelehrten Auf- i) Vergl. zu seiner Charakteristik überhaupt: Friede. Schlegel, Sämmtliche Werke. X. 4—36. Giovanni Boccaccio. Ml gäbe, und er leistete in den lateinischen Werken, die aus ihnen hervorgingen, für seine Zeit Außerordentliches. Vorher aber hatte er es in einer geringen Anzahl von Schriften gewagt, in der durch jene unreiferen Versuche darch- gebildeten Sprache, der lebendigen Gegenwart entnommene Stoffe zu behandeln, ja selbst den Ansprüchen auf antike Redepracht fast ganz zu entsagen, und diese wenigen Schriften, auf welche er sicher geringere Mühe verwandt hat, sind es, um derentwillen er noch heute der erste Meister der italienischen Prosa genannt wird- Die älteste von Boccaccio's Schriften (unter denen hier zuerst die italienischen aufgeführt werden sollen) scheint der Filocopo') zu sein, ein Roman in Prosa, in dem die alte schöne Geschichte von Flos und Blankstes für endlose Allegorien von Tugend und Liebe zum Träger dienen muß. Durch das unablässige Vermengen von Heidnischem und Christlichem, von Antikem und Modernem und durch den völligen Mangel an Jndividualifirung ist der Erzählung jeder historische Hintergrund geraubt, und die überschwenglich tugendhaften Reden mit ihren auseinandergerenkten Perioden langweilen den Leser aufs Aeußerste. Naiv sind einzelne Züge, z. B. wenn (Bd. I. S. 63 der Ciccarelli'schen Ausg.) die weilen Lehrer der beiden an einem Tage geborenen und durch das Geschick für einander bestimmten Kinder, diese, sobald sie die Buchstaben gelernt haben, „das heiligeBuch des Ovid lesen lassen, in dem der große Dichter Unterricht ertheilt, wie die heiligen Feuer der Venus in den kalten Herzen mit Sorgsamkeit zu entzünden seien." Filvcopo heißt das Buch, weil Flos, 1) Latciettt, p. 27 3». Wergl. Graesse, Die großen Sagenkreise des Mittelalters, S. 275. 76. lieber die Ausgaben 8«,ie I>icv. 198. 99. Zur Charakteristik Schlegel, S. 13-1.7 2 ) Ueber die Geschichte selbst vergl. Ferdinand Wolf, Ueber die altfranzösischen Heldengedichte, S. 69 — 72. Giovanni Boccaccio. 1.111 nachdem seine Mutter dem von der Universität (S. 74) Zurückgekehrten verrathen hat, Blankstes sei nicht, wie man ihn glauben machen wollte, gestorben, auszieht, sie zu suchen, und zu dem Ende sich jenen Namen, als Bezeichnung aller der Mühen, die er willig auf sich nehmen will '), beilegt. „ in greco laut» in nostra linFinl lesnitn, cjiinntn /«trau" (l. 290); offenbar muß es 20710 ? heißen, doch findet man im fünften und sechsten Buche überall Filocolo ^). — Eine alte Ueberlieferung behauptet, Boccaccio habe diese seine Arbeit über alle spateren gestellt'); wäre sie begründet, so gäbe sie einen neuen Beweis für die oft gemachte Bemerkung, wie unsicher das Urtheil des Vaters über seine eigenen Kinder ist. — Gabriel Rosselti, ein Schriftsteller, der in bändereichen Werken mit vieler Belesenheit und großem Scharfsinn fast der gesammten Literatur des romanischen Mittelalters den Sinn von Geheimschriften gegenpäpstlicher religiöser und politischer Secten untergelegt hat, findet auch im Filocopo nichts als eine Schilderung der Initiationen in die sieben Grade einer den Tempelherren verwandten ghibellinisch - paterinischen Verbindung''). Seine Deutungen sind um so weniger zu widerlegen, als er in einer oft bei ihm wiederkehrenden Weise, statt sie im Einzelnen aufzustellen und zu begründen, sich daraus beschränkt, in den langen Auszügen, die er aus den fraglichen Schriften macht, die Worte, die nach seiner Ansicht den Schlüssel des Räthsels enthalten, mit ausgezeichneter Schrift drucken zu lassen und dann voraussetzt, daß jeder Leser sie in eben jenem Sinne ver- 1) In der altfranzöstschcn Romanze aus dem 12. Jahrhundert bei Wolf a. a. O, S. 11 nennt er sich: eliante - pleure. 2) Wie Schlegel (den Rosenkranz, Handbuch d. allg. Geschichte der Poesie II. 295, abschrcibt) auf den Namen Filopono verfallen ist, weiß ich nicht zu errathen. 1) p. 1045. dta. 204. 4s 8u!!o kpii'lto nntsimgale, olle In eif«n»n p. 180 — 204. INV Giovanni Boccaccio. stehen werde. Erwähnen will ich nur, daß Rossetti noch außer der Schlußrede (in welcher Boccaccio die großen Schriftsteller, mit denen er'sich nicht zu messen wagt, aufzahlt, und unter ihnen Dante, dem sein Buch coms pjo- eiolo servitors molto lies reversuts seguirs) in dem Filocopo die wunderbarsten Anspielungen auf Dante, als auf das Haupt jener Secte, entdeckt haben will. Zunächst ist ihm, wenn (l- 13.) Quintus Laelius Africa- nus, um seine Ehe mit Julia Topazia mit Kindern gesegnet zu sehen eine Pilgerfahrt zu dem Heiligen unternimmt, um dessenwillen Gallizien besucht wird (Jacob von Compostella), dieser Heilige kein Anderer, als Dante. Wenn ferner Philenus, der später über seine Liebe zu Blankstes zu Grunde geht, aus Marmorina fliehend, durch Ravenna kommt'), so geschieht dies wieder einzig, weil Dante dort begraben liegt. Wenn endlich Blankstes (die, beiläufig gesagt, nach Rossetti die weiße Partei von Florenz — 6ianc>- üors-nra — ist) an einen Admiral von Alexandrien verkauft wird, und dieser sie in einen Thurm von hundert Kammern (ll. 109) sperrt, so ist der Admiral abermals Dante und die hundert Kammern sind die hundert Gesänge der göttlichen Komödie. Ohngefähr gleichzeitig mit dem Filocopo scheint die The sei de ^ entstanden zu sein. Die seltsam componirte Fabel ist im Wesentlichen folgende: Theseus besiegt die Amazonen und heirathet ihre Königin Hippolyte. Bei seiner Heimkehr vernimmt er die Niederlage, welche die Athe- nienser vor Theben erlitten. Er eilt, sie zu rächen, und nimmt Palämon und Archytas gefangen, welche von ihrem Kerker aus sich in Emilie, die Schwester der Hippolyte (nicht des Theseus, wie Schlegel sagt) verlieben. Auf Pirithous' Fürwort befreit Theseus den Archytas, doch I) I. 237. L) p. 30—35. Schlegel, a. a. O. S. II—13. Grässe, a. a. D. S. 433. M'a. 216—20. Giovanni Boccaccio. uv kehrt dieser aus Liebe zu Emilien zurück, worauf ec sich dem Diener des Palamon, Pamphilus, entdeckt. Palamon, von Eifersucht gequält, entflieht dem Gefangniß und trifft mit Archytas, um mit ihm zu kämpfen, zusammen. The- seus und Emilie trennen sie und bestimmen, daß ein feierliches Turnier über den Besitz der Letzteren entscheiden solle. .Nicht nur der Atheniensische Adel, sondern auch viel fahrende Ritter nehmen an diesem festlichen Kampfe Theil, der nach allen Regeln der Courtoisie im Theater gehalten wird, und in den auch die Götter sich einmengen. Archytas bleibt Sieger; weil ihm aber bei der Heimkehr eine von Venus abgeschickte Furie in den Weg kommt, überstürzt sich sein Pferd und verletzt ihn. Das hindert nicht, daß die Verlobung mit Emilien in Freuden und großer Zärtlichkeit gefeiert wird. Nach einigen Tagen aber verkündet der Arzt, daß Archytas nicht am Leben bleiben könne. Emilie pflegt ihn bis zum Tode und nimmt unter Thränen und Küssen rührenden Abschied; dann aber vermählt sie sich nach des Verstorbenen Geheiß mit nicht minderem Aufwand von Glück und Liebe dem Palämon. — Es ist dies Gedicht das erste, das in achtzeiligen Stanzen, einer Form, die spater zur fast ausschließlichen für ähnliche Werke ward, geschrieben ist; völlig irrig ist es, wenn Mazzuchelli') behauptet, Boccaccio bezeichne sich in der 84. Stanze des 12. Gesanges selbst als den Erfinder der ottav» riina, da jene Stelle nichts Anderes sagt, als das Gedicht sei das erste, das in Italien von Kriegsthaten singe ^).— Die Behandlung leidet entschieden an den oben gerügten Fehlern der Jugendarbeiten Boccac- 1) p. 1332 124. 2 ) lieber den Ursprung der Octaven vergl. Untctellr, p. 33 34 I4ro. 1 und 1. lett. itril.. Ucbers. v. /I?rvtt!, UI. 248. Genaueres über diese interessante Frage haben wir in Blanc's hoffentlich bald erscheinender italienischen Grammatik zn erwarten. cio's, doch sind die Verse leicht und angenehm, wenn auch mitunter etwas flüchtig und auch in der Sprache angemessener Würde mitunter ermangelnd. Einzelne Schilderungen, namentlich von Naturscenen, sind anmuthig und geschickt, und ein ausgezeichneter Schriftsteller der neueren Zeit') hat dem ganzen Gedichte das größte, vielleicht ein zu hoch gesteigertes Lob gegeben. — Im sechszehnten Jahrhundert wurde die Theseide in gereimte neugriechische Verse übersetzt"). Der "), dessen Scene Boccaccio, der inzwischen ! von Neapel nach Florenz heimgekehrt war, in das Mugnone- ^ thal am Fuß des Hügels von Fiesole verlegte, schildert j einen Jager (nicht Hirten, wie Schlegel sagt), ein rohes Kind ! der Natur, der durch Liebe und Bewunderung sür Schön- ! heit und Tugend zum Höchsten hingeführt wird. An Allegorien ist auch dies Idyll nur allzureich''), doch sind die frostigen Fictionen in lebenswahren Gestalten und Ge- ^ schichten verkörpert. Die Prosa ist gehaltener und klang- ^ voller, als im Filocopo, und die eingestreuten 19 Capitoli ! in Terzinen bekunden eine größere Herrschaft über die ! Sprache als die Verse der Theseide. ! Die ,Hmorosa visione"^), ein Gedicht in Terzinen, ! in dem die Anfangsbuchstaben der Verse zwei Sonette an I Maria und eine Art Ballette an den Leser bilden, führt ! in wohlklingenden, sorgfältig behandelten Versen den Autor ! zum Tempel des menschlichen Glückes, wo er in einzelnen ! Visionen den Triumph der Weisheit, des Ruhmes, des ! 1) 7'anlrrl, mi tlie i'nnnwtio nneentlve guetezr „s t!>e Itnllnn«. 1>«N? /chio« Venet. 8itt>i«, 1520. 4. 3) Schlegel, S. 17—20. blro. 200—02. Lal- ttelil, i>. 40—52. 4) LEettl, l. 207 — 00 findet in ihnen wieder die Mysterien der Aufnahme unter die Albigenser. 5) LalklkM, I>. 61—04. Schlegel, S. 20. 21. Giovanni Boccaccio. UVII Reichthums, des Glückes und endlich der Liebe sieht, was ihm zu einer Schilderung der schönsten Florentinerinnen und Neapolitanerinnen seiner Zeit Gelegenheit gibt. Bemerkenswerth ist in diesem Gedichte das mit den Farben glühender Begeisterung geschilderte Zusammentreffen mit Dante'). Die „ilHmmettn"') schildert in tönender, zuweilen gekünstelter und überladener Prosa' das Verlangen und den Schmerz des liebenden Weibes über die Trennung von dem Geliebten. Schlegel bezeichnet diese kleine Schrift als das bedeutendste unter Boccaccio's Werken, dem gegenüber alle anderen nur für Annäherungen und Vorbereitungen gelten könnten (S. 32). Ohne indeß den kunstreichen Bau dieser wohllautenden Rede zu verkennen, kann ich nicht umhin, zugleich in ihr eine, an das Zeitalter der Antonine erinnernde, oft preciöse Rethorik zu finden. Ein zweites Gedicht in achtzeiligen Stanzen, „ifiiio- strato"^), ist bestimmt, an dem Exempel der unbeständigen Ehryseis (kriseicls, daraus bei Shakespeare Oessi(la) und der Verzweiflung des Troilus Fiammetten die unheilvollen Wirkungen der Treulosigkeit zu zeigen. Dis Octaven sind leicht und gefällig, nicht ohne Anflug Ario- stischen Scherzes; die Erzählung ist behaglich und breit, mitunter in. einem Tone, der den Glauben an absichtliche Ironie fast gewaltfam ausdrangt. Der Name Philostra- tus soll nach der Widmung an Fiammetten, wunderlich genug, einen Mann bedeuten, der von der Liebe bis zu völliger Machtlosigkeit überwunden ist. In gleichem Versmaas, aber in vielleicht noch elegan- 1) Auch hier findet Rossetti i>. 205 — 7 Anspielungen auf die Geheimbündc. 2 ) p. 35—38. Schlegel, S. 25—27. dauiba, Nro. 195 — 97. 3) LaickeW, 58—61. Schlegel, S. 8—11. Graesse, S. 130. Nro. 221—23. I>VIll Giovanni Boccaccio. teren Octaven gedichtet, ist das „Mmtnle kiosolana"'). Afticus, der Sohn eines Landmannes im Thal unter Fie- sole, sieht unter den der Diana geweihten Nymphen, die ewige Keuschheit gelobt haben, die Mensola und folgt, von ihr unbemerkt, ihr oft in Liebe nach. Endlich mischt er sich auf den Rath der Venus in Frauenkleidung unter die Schaar der jagenden Nymphen. Spater ladet die Hitze des Tages zum Bade, und als die übrigen Nymphen, wie sie gewahr werden, daß Afticus ein Mann sei, entfliehn, gelingt es ihm, Mensola zu halten, und endlich sogar, sie zur Liebe zu bewegen. Sie verspricht, am nächsten Tage zurückzukehren, wird aber von Scham und Reue zurückgehalten, weshalb Afticus verzweifelnd sich den Tod gibt. Mensola gebiert ein Knäblein, das Pruneus genannt wird; Diana aber entdeckt ihre Schande und verwandelt die Fliehende in das Bachlein, das noch heute ihren Namen führt- Pruneus indeß erwachst zur Freude seiner Großeltern, und als Atalan und Elektra (lange vor dem trojanischen Kriege) mit ihrem Astrologen Apollonius ins Land kamen, um Fiesole zu gründen, wird Pruneus ihr Seneschall und bauet die Domkirche von Majano. -—- Die ersten zwei Zeilen einer Strophe (274) stimmen so ganz mit einem Sonette Petrarca's (öene-latto sia'I Aiorno e'I wese s I'snno) überein, daß nothwendig der eine von diesen zwei Freunden den andern abgeschrieben haben muß; — doch wol Boccaccio den Dichter von Vaucluse. — Schlegel (S. 35) hält dafür, daß Boccaccio in diesem Gedichte seine Eigenthümlichkeit am vollständigsten ausgesprochen habe. Nur flüchtige Erwähnung verdient die schmutzige Schmähschrift: „>I 6c>rbaccuc>" auch ,,IHrinto ci'^more" ^) ge- 1) Latckett?', p. 64. 65. Schlegel, S. 21. 22. Samba, Nco. 226—28. 2) LaicieM, p. 121 - 23. Schlegel, S. 22.23. Sambo, Giovanni Boccaccio. i-ix nannt, in welcher Boccaccio (um 1355), freilich im erlesensten Italienisch, an einer Witwe, die seine brieflichen Liebeswerbungen, ohne seincn Namen zu wissen, willig ausgenommen, dann aber den ihr in Jahren schon zu weit vorgeschrittenen Verehrer mit Spott zurückgewiesen, dadurch Rache nimmt, daß er den Geist ihres verstorbenen Mannes erscheinen und sich von diesem, nach vielem Schlimmen, das von den Frauen überhaupt gesagt wird, alle die nicht eben sauberen Mysterien seiner Ehe berichten laßt. — Unerklärlich ist mir, wie Schlegel dazu gekommen sei, Eor- baccio durch Geißel zu erklären. Baldelli sagt, dieWittwe selbst solle mit diesem Worte bezeichnet werden; doch finde ich sie wol Dr.igo, nicht aber tünrbaccia genannt. Ich vermuthe, der Autor habe das Buch, als eine bösartige, mit dem Schnabel hackende Krähe, so nennen wollen. Rühmend zu nennen ist dagegen der Trostbrief an Messer Pino de Rossi'), der, als in die ghibellinische Verschwörung des Jahres 1360 verwickelt, exilirt worden war. Die männliche und edle Sprache, die in wohldurchdachter Ordnung zusammengestellte Reihe von Trostgründen, machen einen durchaus würdigen Eindruck, und das Ganze schließt friedlich und wohlthuend mit der anziehenden Schilderung^ des Landlebens in Certaido. Die übrigen Briefe Boccaccio's, lateinische und italienische, soweit sie gedruckt vorhanden, oder ihrem Inhalte nach bekannt geworden sind, namentlich auch der an Nelli, den Prior von Santi Apostoli °), sind oben in der Biographie zum größten Theile erwähnt. Als Curiosttät kann etwa noch angeführt werden, daß wir auch einen Brief in neapolitanischer Mundart von Boccaccio besitzen. Leider liegt ein beträchtlicher Theil jener Briefe noch ungedruckt in mehren Bibliotheken, besonders in der von Siena; ein 1) DaicieUi, I>. 146—50. Samt,«, r^o. 211—13. 2) Latcieiki, p. 168—70. idiro. 214. 15. Giovanni Boccaccio. LX Mangel, den wir bei Schilderung des Lebens schmerzlich empfunden haben. Zwei glänzende Denkmale, die Boccaccio seiner Verehrung für Dante errichtet hat, mögen hier zusammengenannt werden, obwol sie zu sehr entlegenen Zeiten entstanden sind: das Leben Dante's') und der Com- mentar zu den ersten sechszehn Gesängen der göttlichen Komödie 2). Ueber die Enkstehungszeit des letzteren, der nichts, als Boccaccio's Heft zu seinen Vorträgen in San Stefano ist, wurde schon oben das Nöthige beigebracht (Winter 1373 auf 74); ungewiß ist dagegen das Jahr, in dem die Vita cli Osnts geschrieben ward. Ein Zeugniß, das allerdings viel zu neu ist, um Autorität zu verdienen^), bezeichnet die Schrift als eine Jugendarbeit des Verfassers; doch ist die Sprache unverhältnißmäßig reifer, als im Filocopo und selbst im Ameto, auch ergibt sich aus zwei Stellen mit ziemlicher Sicherheit, daß Boccaccio, als er dies Büchlein schrieb, schon in Ravenna gewesen war. Baldelli^) vermuthet, allerdings auf nicht allzusicheren Grundlagen, daß diese Biographie um l35I verfaßt sei. — Was den Inhalt anlangt, so wird uns hier eine hochwichtige, noch immer nicht ausgenutzte Quelle für das Leben des großen Dichters geboten, und dabei möchten die manchen Excurse und überschwänglichen Declamationen ruhig mit hingehen. Zu beklagen ist nur der gänzliche Mangel an Kritik, mit dem der Verfasser, Visionen und Allegorien zu geschweigen, offenbar häufig die zu berichtenden Thatsachen so modificirt, wie er es für 1) . Latrtetii, p. 101—5. Schlegel, S. 23. 24. 6amda, X,'N.207—10 und ausführlicher in der Vorrede seiner 1)ue illuster pross äi N. 6iov. Louunucio. Von. 1825. p. XXVI. sgg. 2) Jatclctir, p. 202—6. Samba, Xro. 229. 30. 1) /au L^a/rtr bei tltarLuu/reitr p 1323 Xn. 55. in f. 1) x. 43 und 90 der Gamba'schen Ausg. 5) 378. 79. Giovanni Boccaccio. l,XI den poetischen Effect zuträglich findet'). Edel gehalten und von glühendem Eifer ist dagegen die Apostrophe an die Florentiner, daß sie Dante im Exil sterben ließen. Der Commentar ist ein Werk mühsamen Fleißes, bei dem auch die alteren Erklärer- zugezogen sind. Die sprachlichen Bemerkungen sind immer, die geschichtlichen häufig gut; außerdem wird von den Allegorien, am Ende eines jeden Gesanges, sehr ausführlich, aber oft mit gar willkürlichen Deutungen gehandelt, obwol Boccaccio sich gelegentlich gegen ein zu weit getriebenes Allegorisiren erklärt hatte. Die Sprache nimmt nur an einzelnen Stellen den Schwung früherer Zeiten wieder an; doch streift der Eifer einzelner Jnvectiven, z. B. über die Florentinische Man- nertracht, nahe ans Lächerliche. Unter dem Namen „Uostiils" ist ein die ganze göttliche Komödie umfassender kurzer ungedruckter Commentar bis auf die neueste Zeit vielfach dem Boccaccio zugeschrieben'). Daß diese Angabe falsch sei, mußte jedem Kundigen längst einleuchten; Rigolt hat aber zum. Ueberfluß neuerlich nachgewiesen, daß dieser Postillator theils in Boccaccio's Todesjahr, theils noch nach demselben geschrieben hat. Einen abgeschlossenen Canzoniere, wie der des Petrarca ist, besitzen wir von Boccaccio nicht; doch finden sich einzelne Gedichte von ihm zahlreich in Handschriften. Baldelli hat daraus seine Sammlung der Lime H zusammengestellt; außer einem Sonette jedoch noch ein Gels Aus solchen Gründen wird er zu Zeiten sogar gegen seinen eigenen Heroen ungerecht, z. B. wenn er S. 81 sagt: 1>n co- tnntn virtn.teovü ninstissiino Inog« in lnssuiin. — Man steht, der Eertaldcse wünschte seine eigene Leichtfertigkeit durch Las Beispiel des göttlichen Dichters zu entschuldigen. 2 ) Bergl. Laieietti, a. a. O. st. MO—8. teeo. 1. z> l.e/ione lettn neit nllunnnxn >1 1! Diana" bekannt gemacht, welches auch schon von Andern Boccaccio beigelegt war ^). Noch ist ein kleines Büchlein, „IN>>an<>" zu erwähnen, das die Abenteuer eines natürlichen Sohnes des Kaisers Friedrich Barbarossa erzählt und häufig unter Boc- caccio's Namen gedruckt ist. Schon die Urheber des v!- -üonsrio ilella Ousca zweifelten indeß an der Aechtheit, und obwol Ginguene'*) noch in neueren Zeiten sie verfochten hat, kann cs jetzt für ausgemacht gelten, daß Giovanni Buonsi'gnori di Cittä di Castello der wahre Verfasser ist°). Unter Boccaccio's lateinischen Schriften ist bei weitem die bedeutendste die „(UlenealoFia I)eor»m"b), 1) Florenz Illag/lerr 1827—34. 17 Bde. 8. 2) p. 1367 «rv. XXXIV. 3) IVro. 1053. 4) Storia >Ie»a letterat. ital. Neberseh. von IVrotti III. 264. 6) lieber <7eta e Lrrrra vergl. DatäeM, llime I> 171—75. K) Marrncilettr, p. 1336—38. Illanni, 68—70. Lat- ktetti, p. 176—79. Giovanni Boccaccio. I.XIII welche er für den Titularkönig Hugo von Eypern und Jerusalem, der um jene Zeir Denator und Capitano von Rom war, auf Bitten des Donninus von Parma, der in dessen Diensten stand, und als Boccaccio spater in Ravenna weilte, auf fernere Mahnung des Becchino Bellin- cioni, verfaßte. Der Reichthum an Kenntnissen, den der Verfasser in diesem umfangreichen Werke niedergelegt hat, ist für jene Zeit und bei der geringen Bekanntschaft mit griechischer Literatur wahrhaft erstaunenswerth, und bleibt es nicht minder, wenn man sich auch daran erinnert, daß die schon von Paolo da Perugia (der auch den oft angeführten Pseudo-Theodontius zu verantworten hat) gesammelten Materialien benutzt werden konnten. Geschrieben scheint das Buch zu Anfang des siebenten Jahrzehends in jenem Jahrhundert, da in der Schlußfchrift Bellincioni, von dem nach Manni') bis in jenes Decennium Nachrichten vorhanden sind, als lebend genannt wird. Jndeß hielt der Verfasser Jahre lang mit seiner Arbeit an sich, und nach einem ungedruckten Briefe, von dem Baldelli^) berichtet, wurde sie erst im Winter 1372 auf 73 bekannt. Das Buch hat eine außerordentliche Verbreitung genossen und wurde noch im 16. und 17. Jahrhundert sowvl im Original als in Betufsi's italienischer Uebersetzung häufig gedruckt. , Eine Art'Anhang zu der Genealogie der Götter bildet das Büchlein „Os montihiis, s^Iviü, ioiitihus, tluniiniiriis, stagnis, ssu ^aliii1idii8 st . 69. 2) p. 285. 80. 3) p. 1.79—82. LXIV Gbovanni Boccaccio. Frauen, und macht es sich zum Geschäft, die üblen Lehren, welche Boccaccio in seinen früheren Werken den Frauen ertheilt hatte, durch bessere zu ersetzen. Verwandt damit ist das Buch „Vs casilms virorum et j'oemiiulriii» illustrinm"welches von den Unglücksfallen handelt, welche berühmte Personen erlitten, und dadurch Petrarca's bekannte Schrift Vs viris illnstrilnis gewissermaßen ergänzt. Beide Schriften sandte er im Jahre 1374 an Mainardo Cavalcanti; in beiden kommt die Geschichte der Päpstine Johanna vor, und gewiß mit Unrecht ist sie neuerdings für ein späteres Einschiebsel gehalten')-. Der Werth der sechszehn Erlogen^) Boccaccio's, über deren Inhalt größtenteils schon oben berichtet ward, ist seltsam überschätzt worden. Wir würden wenig von ihnen verstehen können, hätte der Dichter sie nicht in dem Briefe an Martine da Signa selbst erläutert. Das „Lompsncliam rnmgiise Iiistorias", das Boccaccio beigelegt ist, könnte leicht der von Ciampi aufgefundene Auszug aus der Geschichte des vunlmus Vsnetus sein^). Von dem Dekameron, als dem Hauptgegenstande unserer Aufgabe, zu handeln, haben wir, mit Beiseitesetzung der historischen Reihenfolge, bis zum Schlüsse dieser Untersuchungen verspart. Unsicher ist zunächst die Zeit der Entstehung. Das Werk beginnt mit der beredten und schwerlich je zu viel gepriesenen Schilderung der Pest, die nach Matteo Vil- lani") vom März bis zum September 1348 ohngefahr drei Fünftheile der Bevölkerung von Florenz hinwegraffte. Jedenfalls also muß es später geschrieben sein. Ferner rhellt aus der Einleitung des vierten Tages, daß die drei I) FatcteL!, p- 182—84. L) Äonum., i>. 529. 3) p. 184. 85. 4) tAainpi, I. o. i>. 4 5) Ironien I. 2. ersten Giornaten damals schon selbständig verbreitet und Gegenstand ungünstiger Beurtheilung geworden waren Man möchte vermuthen, daß die übrigen sieben Tage ebenfalls in zwei Halsten (etwa Tag vier bis sieben, und Tag acht bis zehn) verbreitet worden seien; doch findet sich davon keine Spur. Am Schluffe des ganzen Buches (S. 302) nennt Boccaccio seine Arbeit eine langwierige; es ist also nicht zu bezweifeln, daß das Dekameron erst mehre Jahre nach 1338 vollendet sein kann. Die neueren Schriftsteller nehmen das Jahr 1353 an und citiren Salviati^) dafür als Gewährsmann; dieser sagt aber nur, wenn es anders wahr sei, daß das Dekameron im Jahr >353 vollendet worden, sei der Brief an Pino dei Rosst um 7 bis 8 Jahre jünger. So bleibt denn jene Angabe nur eine annähernde. Als Anlaß der Arbeit erwähnt Boccaccio in dem Briefe an Mainardo Cavalcanti'), er habe majori coacius im^e- rio geschrieben. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist an einen Befehl der Königin Johanna zu denken, an deren Hofe die Mehrzahl dieser Geschichten vermuthlich schon früher erzählt worden war. Die sieben Mädchen und die drei Jünglinge, die der Pest entfliehend in anmuthig ländlicher Einsamkeit sich diese hundert Geschichten erzählen, als historische Personen zu ermitteln, ist mehrfach versucht worden; entschieden aber wol mit Unrecht. Allerdings kommt ein Theil dieser sin- girten Namen schon in Bvccaccio's früheren Schriften vor (Fiammetta, Pamsilo, Filostrato, Dioneo); aber schon in diesen wechselte der Verfasser mit der ihnen beigelegten Be- 1) Es scheint mir nicht unwahrscheinlich, dH Boccaccio diese drei Giornaten dem Francesco dei Bardi mit dem S. XXIV. erwähnten Briefe schon IN4!) zusandte. 2) dsllri. lipAurr II. 12. 3) d. letteint. 1H KIolüü Ln'. 180?. LXVI Giovanni Boccaccio. deutung, wie er denn sich selber bald Pamsi'lo, bald Dio- neo u. s. w. nennt, wahrend umgekehrt in der Theseide Pamsilo der Name eines Dieners ist. Ueberhaupt dürste nur der Charakter des Dioneo als ein festausgeprägter zu erkennen sein. Sowie aber Boccaccio die im Dekamcron redenden Personen bereits in früheren Schriften uns theil- weise vorgeführt hat, so ist auch die ganze Anlage, unter den Genossen eines heiteren Kreises wechselnder, ein gemeinsames Ziel verfolgender Erzählungen von dem Verfasser schon im Filocopo und Ameto, obwol mit unvollkommenerem Erfolge, versucht worden. Einzelne Geschichten sind sogar, wie bereits hervorgehoben ward, dem Filocopo mit dem Dekameron gemeinsam. Wenn in den meisterhaften Naturschilderungen, die wie ein reich geschmückter Rahmen zwischen den Erzählungen zu Anfang und zu Ende der einzelnen Tage sich hinziehen, der heitere Charakter des Florenz zunächst umgebenden Hügellandes nicht zu verkennen ist, so haben die Bewohner jenes glücklichen Thales es auch an sorgsamen Untersuchungen nicht fehlen lassen, um die geschilderten Scenen in der Wirklichkeit spcciell nachzuweisen. Außerhalb der Porta a Pinti, kaum zwei Miglien von der Stadt entfernt, liegt der Poggio Gherardi, der vermuthliche Schauplatz der zwei ersten Giornaten (vier Tage, Mittwoch bis Sonnabend). Wer dagegen von dem San Gallvthor ausgehend den Weg nach Fiesole einschlägt, trifft kurze Zeit, nachdem er aus dem Mugnonethal aufzusteigen begonnen, in der Gegend, wo links im Thal die Badia sichtbar wird, auf einem Vorhügel behaglich ausgebreitet, über bedeutenden Substructionen eine palastähnliche Villa. Dies ist die Villa Tre visi, nach ihren Besitzern Villa Altieri genannt '), wohin die heitere Gesellschaft, wie die Einleitung i) Wergl. die nicht sehr getreue Abbildung bei Laillettr zu I>. 75. Giovanni Boccaccio. LXVIl der dritten Giornate schildert, am Sonntag Morgen zog, und wo sie volle 10 Tage (bis zum Mittwoch Morgenverweilte. Wo endlich dem Fiesolaner Borge gegenüber der Affrico in den Mugnone mündet (unter dem Claustro della Doccia), da erkennt man das am Schluffe der sechsten Giornata so anmuthig beschriebene Frauenthal'). In Handschriften und Ausgaben trägt das Werk einen doppelten Titel an der Spitze: Dekameron, von der Zahl der Tage, an deren jedem zehn Geschichten erzählt werden, und „principe 6s1eottn." Auch bei Dante (1n- t'ernn V. 137) kommt das Wort Oaleoit» in dem Sinne von Kuppler vor; offenbar weil in der Geschichte des Lancelot vom See Galealt es ist, auf dessen Bitte die Königin Ginevra dem Lancelot ihre Liebe zuwendet und ihn küßt. Vermuthlich also wählte Boccaccio diesen Beinamen seines Werkes, um anzudeuten, er sehe voraus, daß ebenso wie Paolo Malatesta, als er mit Franccsca von Rimini die Schilderung der Liebe von Lancelot und Ginevra las, den Muth gewann, seine Francesca, obwol zitternd, zu küssen, auch in Zukunft das Dekameron noch häufig schüchterne Liebeswünsche werde zur kecken That werden lassen. — Anscheinend im Widerspruche mit einem solchen Titel, sogar einem doppelten, steht es, wenn Boccaccio im Eingänge der vierten Giornata sagt, er habe das Buch senra titol» (ohne weitere Bezeichnung) geschrieben, und es hat daher nicht an Solchen gefehlt, welche Dekameron und principe Oaleotto für willkürliche Zusätze der Abschreiber gehalten Habens. Die Deputat! meinen, das serwa tltoln solle nur soviel heißen, als: der Verfasser habe dem Buche seinen Namen nicht vorangestellt, und dem pflichtet Fiacchi') bei. Da indeß Boccaccio am Ende der Genealogie der Götter, nachdem er von der Zueignung des Buches an >> Bergl. die Abbildung bei L-MeW zu p. 284. 2) Osseivniuoin «u> veeunierons. I'ir. 182t. p. 73. 2) a. a. O. I>. 68. LXVltl Giovanni Boccaccio. den König Hugo von Cypern gesprochen hat, sagt: „8tan1 et slia opuscnls, ex rjiiibus nullnin est nllo ünjusmodl titnlo insiAnituin, praeter bucolicmn carmen, c^nod nt sibi intitnlarein pstiit Donatus X^snninigena" so hat Salviati') nebst Anderen daraus geschlossen: sei^s. litolo solle nur soviel heißen, als Niemandem dedicirt. Zur Unterstützung dieser Ansicht ist noch zu erwähnen, daß auch in der vita di Dante Boccaccio intitolare für dedi- ciren gebraucht. — In dem Commentar zur göttlichen Komödie (Inf. IV. Iw) sagt Boccaccio, eine Schrift des Ovid werde von Einigen über Vinornin und von Andern 8ins titnlo genannt (wie denn in der That alte Ausgaben der Vmores, z. B. Rom 1471, De sine titnlo überschrieben sind), auch ließen beide Namen sich rechtfertigen: n'-re tr't^o, percioeeüe cl'alcnna insteria continnats, clalla c^nals si possa intitolare, non lavella; ma alc^nanti versi U'nna, ecl algnanti ll'un' altra, e eosr possiain dir di per^i, dicendo ^rocede. Aus dieser Stelle hat Dio- nisi°) geschlossen, sen?a titnlo solle soviel heißen, als mannigfaltigen Inhaltes. — In dem früher (p. XlX) erwähnten Briefe an einen Mies lVIavortis sagt Boccaccio (wenn jener Brief anders ächt ist), er sei von Unwissenheit umnachtet, roh, träge und ungestaltet sine titnlo vl- vens; was kaum anders verstanden werden kann, als, ohne einen bestimmten höheren Zweck zu verfolgen. Hierdurch scheint Dionisi's Ansicht, der auch Colombo beigetreten ist, bestätigt zu werden, daß der Verfasser mit jener Bezeichnung nur habe sagen wollen, die hundert Geschichten des Dekameron seien, wie zufällig, ohne eine gemeinsame Aufgabe zu verfolgen, aneinandergereiht. — Verschweigen will ich indeß nicht, daß ich, besonders auf Anlaß einer zweiten Stelle des Dante-Commentar's (Inf. IV. in f. p. 25I>) der 1) ^vvertimenti I. 13. 2) ölandimenti kuilodi'i p. 99. 100. Giovanni Boccaccio. LXIX Eiccarellischen Ausgabe) vorübergehend daran gedacht habe, Boccaccio möge binares und sine titulo für synonym gehalten und sein Werk statt: Buch der Liebesgeschichten, als Euphemismus mit renra titalo bezeichnet haben. Von dem Eingänge des Dekameron, von der berühmten Beschreibung der Florentiner Pest, ist oft bebauptet worden, daß er im Wesentlichen aus früheren Schriftstellern entlehnt sei. Namentlich ist in dieser Hinsicht Thu- kydides genannt worden. Daß in jeder Schilderung einer Pestseuche ähnliche Scenen wiederkehren müssen, versteht sich von selbst, und eine solche Verwandtschaft kann gewiß nicht für einen Beweis der Nachahmung gelten. In der That ist aber die Anlage des ganzen Gemäldes bei Thu- kydides und bei Boccaccio so durchaus verschieden (wie denn namentlich die psychologische Seite bei dem Italiener unverhältnismäßig mehr hervortritt, als bei dem Griechen), ja selbst die Krankheitsphänomene, die beide Schriftsteller schildern, sind so unähnlich, daß man versucht wird, zu zweifeln, ob, die jene Nachahmung behaupten, wirklich die Geschichte des peloponnesischen Krieges gelesen haben. Mir ist es im Ganzen nur bei drei Stellen gelungen, eine gewisse Aehnlichkeit zu entdecken: NInic)-ci. il. 50 mit den Worten der Einleitung (S. 6): „Dabei schien es, als ob zur Heilung" u. s. w ; ferner die zweite Hälfte des 51. Ea- pitels mit den Worten der Einleitung (S. 7): „Diese Seuche gewann" u. s. w. und (S. 10): „Obgleich nun" u. s. w.; endlich Capitel 53 mit S. 8 der Einleitung: „Andere aber waren der entgegengesetzten Meinung" u. s. w. Nicht nur sind aber alle diese Parallelen sehr entfernte und offenbar zufällige, sondern es kann als unzweifelhaft gelten, daß Boccaccio den Thukydides überall nicht gekannt hat. — Bekanntlich ahmte Lucrez am Ende seines sechsten Buches den attischen Geschichtsschreiber nach, nicht ohne jedoch einzelne Züge und Ausschmückungen hmzuzufügen. In den letzten siebenzig Versen des Römers finden sich nun allerdings kleine Einzelheiten, die es mir nicht unglaublich machen, daß Boccaccio ihn gekannt und im Gedanken gehabt habe. Aehnlicher Streit ist über die Originalität der einzelnen Novellen geführt worden. Seltsam genug sehen wir aus der Einleitung zur vierten Giornata und aus Boc- cacio's Schlußschrist, daß man beim ersten Erscheinen des Buches dem Verfasser zum Vorwurf machte, jene Geschichten seien nicht wahrhafte, sondern von ihm erfundene oder doch umgestaltete; wahrend man neuerdings ihn deshalb getadelt hat, daß er den Inhalt seiner Erzählungen nicht selbst erfunden, sondern früheren Quellen entlehnt habe. So interessant es nun sein kann, eine vielverbreitete Geschichte durch alle die Umbildungen zu verfolgen, die sie von Land zu Land und von einem zum andern Jahrhundert im Munde der sie Wiederholenden erfahrt, so hatte auf eine solche Uebertragung doch niemals ein Tadel gegründet werden sollen. Unter den unzählbaren Sammlern von Erzählungen, die seit dem ersten Beginn der Literatur und in allen Welttheilen ihre Leser ergötzt haben, macht schwerlich Einer darauf Anspruch, den ganzen Vorrath seiner Geschichten selbst erfunden zu haben. Gerade die Erzählung geht ihrem Wesen nach von Mund zu Munde und wächst und vervollständigt sich bei fortschreitender Ueberlieferung. Wer alsdann die Begebenheiten zuerst zu einem wohlzusammenhängenden und abgeschlossenen Ganzen gerundet hat, wer der ursprünglich dürftigen Anekdote lebensfcische Gestalten als Träger untergelegt und sie mit wohlthuender, angemessener Rede bekleidet hat, der gilt mit vollem Rechte als Eigenthümer. Es ist aber nicht einmal wahr, daß Boccaccio einen beträchtlichen Theil seines Materials aus früheren Erzählungen entlehnt habe. Soll von einer Novelle nicht schon um deswillen fremder Ursprung behauptet werden, weil dieser oder jener in sie verwobene einzelne Zug auch anderwärts vorkommt (z. B. die Kriegslist mit der engen Kerbe der Pfeile, in der zweiten Geschichte des fünften Tages, bei Giovanni Boccaccio. I.XXI Boso da Gubbio oder Giovanni Villani VIII. 35), so ist-die Zahl derjenigen, die in das Dekameron aus andern Quellen übertragen sind, äußerst gering. Der Ursprung einiger Geschichten läßt sich bis in den Orient, ja bis nach Indien verfolgen; natürlich waren sie indeß an Boccaccio nicht nur aus der zweiten Hand, sondern durch eine ganze Kette von Vermittelungen gekommen. Häufig ist sogar dieselbe, ursprünglich orientalische, Geschichte auf mehr als einem Wege nach dem Westen gedrungen, sodnß es in solchem Falle schwer sein kann, zu entscheiden, in welcher Gestalt sie zu Boccaccio's Kunde gelangte. Wenigstens von einer Novelle (VIl. 8) finden sich die Grundzüge schon in dem sanscritischen oder dem Auszuge daraus: 8itä packesa. Bekanntlich wurde diese Fabelsammlung unter dem Namen des Uichwi schon frühe ins Persische, und aus diesem bald darauf unter dem Titel: Kalilall va Oimnall ins Arabische übersetzt. Sowol die griechische Uebersetzung des Simeon Sekhus aus dem letzteren (1100), als die lateinische Version, welche Johannes von Caxua 1202 nach einer hebräischen Ueder- setzung des indischen Originals (vom Rabbi Joel) machte, waren im Occident verbreitet. Auch war die spanische Bearbeitung des arabischen Textes (1251) ins Italienische übertragen und Stücke daraus, wie namentlich das hier in Rede stehende, in französischen Fnbliaux bearbeitet '). Eine andere Novelle derselben Giornata (die sechste) stammt aus dem O»Io>,atllos des sogenannten der wieder durch syrische Vermittelung aus Indien gebracht ist. Syntipas.ist aber bekanntlich die Quelle des weit verbreiteten Buches von den sieben weisen Meistern, das nach i) Görres, Teutsche Volksbücher. S. 163—73. Wal. Schmidt, Anmerk. zum Straparola S. 308. Rosenkranz, Allgem, Geschichte der Poesie, I. 72—74. LklsAstanll cln ltlerll, Histoire 4« 1a poösie Soanäinave p. 354. LXXII Giovanni Boccaccio. der ersten lateinischen Bearbeitung von Dam Jehans de Hauteselve als Volksbuch fast in alle neueren Sprachen überging '), obwol gerade diese Geschichte in den occidenta- lischen Bearbeitungen der weisen Meister fehlt ^). Dagegen steht sie in der I)isLij>Iir>a cleriaulir des Petrus Al- phonsi"), der, wie wir wissen, fast ausschließlich aus morgenländischen Quellen schöpfte, und dessen Buch in der altfranzösischen Uebersetzung (Gimstnieinent cl'u» pore st ron stis) im Westen weit verbreitet war. Aus eben diesem Werke scheint eine zweite Novelle (VI!- 4) entlehnt^), wenn Boccaccio sie nicht unmittelbar aus den sieben weisen Meistern genommen hat''). Endlich findet sich noch eine dritte Geschichte von orientalischem Ursprünge (X. 8) bei Petrus Alphonsi^) wieder; doch konnte Boccaccio sie ebensowol auch aus den Uomanorum entlehnt haben Aus den Oestn Rom-morum können noch zwei andere Novellen geschöpft sein, nämlich >. 3 und X. I. Die erste indeß (von drei Ringen) findet sich schon bei zwei älteren Italienern: dem Xvventurooo Licilisno des Bo- sone da Gubbio^) und dem sogenannten Noveilmn oder 6ento Iiovslio imtiolie aus dem ersten Viertheil des vierzehnten Jahrhunderts ") «die zweite dagegen, oder weit Görres a. a. O. S, 154-63. 2 ) Wal. Schmidt zu Petrus Alphonsi, S. 127. 28. Z) Ausg. von Schmidt, S- 43. 5<>. 4) Bai. Schmidt, a. a. D. S. 17—24. 0) Ausg. von Schmidt, S. 54. 55. «) Bal. Schmidt, S. 135. IÄ». 7) p. 36 — 38. Bergl. I>. 98—161 und. W. Schmidt, Beiträge, S. 116—12. «) Die Achnlichkcit zwischen VIII. 16 nutz Cap. Ist der vinoi- I>Uim ist nur eine ganz entfernte. !>) Ausg. von Nott, S. 347. ui) Novelle 73 der Mailänder Ausg. von 1825. N) Wergl. /.omr, ^ppenllioe irst illn5teario»e islvilcu >. 308 vergl. Schmidt, Beiträge. S. 108. 5) Beiträge S. 63. 103. «) Irrig zählt Du Meril auch VI. 1 hierher. 7) a. a. O. S. 81. 82. Nach Du Morr! p. 354. 55 kommt die Geschichte indcß auch in einem Fabliau vor. 8) Ausg. von Nott, S. 349. g) a. a. O. S. 14. Dekameron. I. l,XXIV Giovanni Boccaccio. Schluß der letzten Geschichte jenes Büchleins steht der zweiten Geschichte des dritten Tages Verwandtes. Den'französischen Quellen haben französische Schriftsteller, wie Ginguene') mit ehrenwerther Aufrichtigkeit anerkennt, viel zu großes Gewicht beigelegt. Außer IV. l), welcher Novelle die proven^alische Biographie des Guillem von Cabestaing, die auch in Lais bearbeitet wurde, zum Grunde liegt ^), und außer V. -1, die aus »larie cle Trance stammt, lassen sich nach Du Me'ril nur Ul. 8, VII. 7, VIII. I, VIII. 4, IX. 6 und IX. 10 (einigermaßen auch IV. 3) auf Fabliaux zurückführen. In welcher Gestalt dagegen die Geschichte der Griseldis (X. 10) in Frankreich verbreitet gewesen, bleibt auch nach den Mittheilungen von Du Me'ril noch zweifelhaft. — Bretonischen Ursprungs wäre nach V. Schmidt ''l die fünfte Geschichte des zehnten Tages. Gewiß die Mehrzahl von Boccaccio's Novellen gründet sich, wie großentheils schon die locale Färbung anzeigt, auf unmittelbare Ueberlieferungen, und wenigstens von IV. 6 ist die geschichtliche Wahrheit durch Manni^) nachgewiesen. Die Forschungen über die Quellen des Dekameron sind von Manni, Lami, Valentin Schmidt und Ede'lestand du Me'ril in den mehrfach erwähnten Schriften mit vielem Fleiße angestellt, doch sind die Materialien ohne Zweifel noch lange nicht in gehörigem Umfange zugänglich und durchforscht, um die Untersuchung für beendigt halten zu können. Alle diese Schriftsteller haben zwei andere Aufgaben mit der von uns ausschließlich berücksichtigten verbunden: nämlich die Erläuterung der im Dekame- 1) 8toria lleiin lett itai. III. 214—18. 2 ) Diez, Leben und Werke der Troubadours, S. 11—90. S) Oeuvres I. 314 4) Beiträge, S. 100. 101. 5) Istoria p. 293. Giovanni Boccaccio. LXXV ron enthaltenen historischen Anspielungen und die Angabe der Schriftsteller, welche jene Geschichten später benutzt und umgearbeitet haben. Die erste dieser Aufgaben ist indeß nur als eine von den mehren zu betrachten, welche ein (leider noch nicht geschriebener) Commentar unsrer Novellensammlung zu verfolgen hätte, und die zweite ist nur durch ein gewisses Interesse der Curiosität mit dem Dekameron verknüpft. Sinnreiche Einfälle und anziehende Geschichten sich erzählen zu lassen, war von jeher eine Lieblingsunterhaltung der Müßigen. Die Schachs im Osten, die Signori im Westen hielten sich dazu eigene Erzähler, die im romanischen Mittelalter Jongleurs, giuilsri, uoniini 6i corte heißen. Das niedere Volk kauert noch heute, dort um das nächtliche Feuer der Wüste, hier auf den Lavafliesen des Molo von Neapel, um den Geschichten seiner Rhapsoden zu lauschen. Ursprünglich genügte eine trocken erzählte Anekdote, am liebsten auf bekannte, im Munde des Volkes lebende Personen bezogen. Bald knüpft sich an das bemerkenswerthe Ereigniß eine moralische Betrachtung, eine Lebensregel; die Geschichten werden zu belehrenden Beispielen. So schon im Orient und in den sieben weisen Meistern, noch mehr aber in den, allegorisch ausgedemeten, kosta Rninanorum und in der Oiscipüiia ciericaüs des Petrus Alphonsi. Noch später wird die bloße Begebenheit zur Novelle, d. h. zum Kunstwerk, in dem wir nicht nur ein Bruchstück des Lebens in scharf gezeichneten Zügen wiedergegeben, sondern zugleich eine Ansicht, eine kecke Behauptung, vielleicht eine Grille des Verfassers durch Handlungen oder durch Worte verfochten sehen. Dieser letzte Schritt ist es nun, den in dem weiten Gebiete der Literatur zuerst Boccaccio gethan hat, und von ihm aus hat die moderne Novelle, bis auf die äußerste Höhe, die sie in Tieck erreicht hat, ihren weiteren Weg genommen. Um zu ermessen, ein wie gewaltiger dieser Schritt war, genügt es, eine der Erzählungen, deren Quellen vor Boccaccio wir LXXVI Giovanni Boccaccio. nachgewiesen, in dieser älteren Gestalt mit derjenigen zu ! vergleichen, die sie im Dekameron gewonnen. Dort haben ^ wir eine mehr oder minder gut erzählte Anekdote, hier ein abgerundetes Kunstwerk, in dem alle Theile wohl berechnet zu dem Gedanken hinleiten, für den das Ganze ein Ausdruck sein sollte. Die weise Oekonomie der erzählten That- sachen und ihre treffliche Gruppirung erweckt unsre um so größere Bewunderung, je vertrauter wir mit dem Autor , werden, und je mehr wir ihn mit der breiten Redseligkeit i und den zerstreuenden Dekailschilderungen der Modernen ^ vergleichen. Meisterhaft ist die dramatische Wahrheit der Reden fast aller im Dekameron auftretenden Personen, wie sie in diesem Grade schwerlich einem der spateren italienischen Novellisten gelungen ist. Die köstliche Dummheit eines Calandrino, oder Ferondo, das frömmelnde Gewäsch des Bruder Puccio, die eitele Einfalt der Madonna Lisetta, die klösterliche Bornirtheit der Nonnen des Masetto, die Prahlereien der Madonna Fiordaliso und die edelmüthigen Phrasen der Jancvsiore, die verschiedenen Abstufungen heuchlerischer Salbung in Chapelet, Rusiicus, Bruder Alberto und Bruder Eipolla, die pedantische Jämmerlichkeit des Ricciardo da Chinzica und Messer Simone sind alle mit wahrhaft wunderbarer Menschenkenntniß und mit einer Herrschaft über die Sprache gezeichnet, wie sie seit Boccaccio keinem Zweiten in Italien zu Gebote gestanden. An anderen Stellen, wie im Tedaldo, im Gentil de^ Carisendi, oder in Titus und Gisippus, erhebt sich dagegen die Sprache zu wahrhaft rednerischem Schwünge; obwol auch nicht gerade selten das Bestreben nach Wohlredenheit, wie in des Verfassers früheren Schriften, in falsche Rhetorik ausartet, und einige Male sogar die kunstreich verschlungenen Perioden, in ihre eigenen Verwickelungen gefangen, den Weg nicht mehr zum Ziele zu finden wissen. Häufiger ! noch zeigt es sich, daß die flüchtig weiter eilende Feder ein Wort, auf dem die früheren Theile des Satzes zu ruhen bestimmt waren, einzufügen vergessen, oder daß sie ein an- Giovanni Boccaccio. I. XXVII deres, welches zuvor schon seinen Platz gefunden, zum Ueberflufse wiederholt'). Wenn im Obigen versucht ist, das Dekameron nach seinen eigentlichen Verdiensten zu bezeichnen, so darf nicht verschwiegen werden, daß es keinesweges ausschließlich, ja nicht einmal vorzugsweise diese sind, um derentwillen man sich gewöhnt hat, die hundert Novellen des Boccaccio als eines der bedeutendsten Werke der italienischen Literatur zu bezeichnen. Drei Eigenschaften sind es hauptsächlich, welchen das Dekameron seine fast beispiellose Verbreitung zu verdanken hat: seine Wichtigkeit für Constituirung des italienischen Sprachkanon, die heftigen Jnvectiven gegen die Geistlichen, besonders gegen die Mönche, und die nicht unbedeutende Zahl schlüpfriger Geschichten, die es enthält. In der ersten Beziehung haben schon Andere, namentlich Foscvlo'), es arge Verkehrtheit genannt, wenn im sechszehnten Jahrhundert der Municipalpatriotismus der Florentiner und die Pedanterei einiger Grammatikenschreiber die gestimmte italienische Prosa unter das Joch des ausschließenden Worlvorrathes und der allein mustergebenden Redeweisen des Dekameron zu zwängen versuchten, sodaß der ernste Geschichtschreiber, oder der öffentliche Redner von Ealandrino und Ferondo die Sprache borgen sollten. Jene Fesseln können in Italien jetzt als in weiterem Umfange gesprengt gelten, sodaß ausführlicher davon zu reden un- nöthig, für den Ausländer sogar vielleicht ungeziemend wäre. Die Geißelhiebe dagegen, mit denen die keckgewordene Novelle unter Boccaccios Händen den Clerus jener Zeit überschüttet, sind auf der einen Seite dem Dekameron zur Quelle ausschweifenden Lobes geworden und haben ihm auf der andern die gefährlichsten Verfolgungen zugezogen. 1) Bergl. überhaupt Fr. v. Schlegel, Werke, IX. 21.22. 32 ff. 2) In dem viseorso »ul tsüto »lei Decnmerons vor der Pick er in g'scheu Ausgabe, besonders i> XIX. si-,. p. I.XXVII sgg. - K- > L / LXXVIIl Giovanni Boccaccio. Inmitten des protestantischen Deutschlands wird es schwerlich einer Rechtfertigung dieser Angriffe auf die im spateren Mittelalter vielfach tief gesunkene Geistlichkeit bedürfen. Wie sehr sie entartet war, weiß, wer immer auch nur mit einzelnen der wahrheitliebenden, edleren Schriftsteller jener Zeit genauer bekannt ist. Ein italienischer Geistlicher des vorigen Jahrhunderts hat selber die Mühe übernommen, nachzuweisen, wie genau Boccaccio's Beschuldigungen mit anderweitigen Zeugnissen Zusammentreffen.') Also dachte die Kirche aber nicht um die Zeit der Reactionen, welche durch die Reformation hecvorgerufen waren. Die Vater des Concils zu Trento hielten dafür, daß schwere Beschuldigungen gegen die Geistlichkeit, begründet oder nicht, indem sie dieser die Achtung des Volkes raubten, zugleich dem Glauben selber Gefahr brächten, und sie nabmen das De- kameron in die Zahl der verbotenen Bücher auf, jedoch mit dem beschrankenden Beisatz: bis es werde gereinigt sein (Loccstü Vccsüss, sivs noveliac centum, quamcliu ex- purgstas non proclierint) Durch dies Verbot geriethen Diejenigen in eigene Verlegenheit, die in dem oben angedeuteten Sinne die Gesetze der italienischen Sprache festzustellen bemüht waren: nur aus einem Buche sollte der zu verwendende Wortschatz geschöpft, nur die Schreibart dieses einen nachgeahmt werden; dies eine aber durfte Niemand lesen, wenn er nicht den Strafen der Inquisition verfallen wollte. Die florentiner Sprachforscher, welche eben damals ihr berühmtes Wörterbuch vorzubereiten anfingen, erwirkten das Fürwort des Großherzogs Eosmus zuerst bei Pius V. und dann bei dem etwas weniger strengen Gregor XIU. Die Sache wurde mit einer diplomatischen Wichtigkeit betrieben, die sich bei einem Buche leichtfertiger Geschichten fast komisch ausnimmt. Der Napster sucri pulatii sandte 1571 ein Exemplar des Dekameron von I) KIvnsixn. 6/ov. IZottai't, I.erion> sopcn il Occnmervne. 1'irenre, 1818. 2 Bde Giovanni Boccaccio. I.XXIX Rom nach Florenz, in dem alle Stellen bemerkt waren, welche ausgemerzt oder umgestaltet werden müßten. In Florenz ernannte der Großherzog auf Vorschlag der Akademie, welche spater den Namen der Erusca annahm, eine Deputation, bestehend aus Vincenzo Borghini, Antonio Benivieni, Agnolo Guicciardini und Bastiano Antinori. Alle Stellen, in denen aufGeist- liche ein ungünstiges Licht siele, sollten getilgt, oder dadurch unschädlich gemacht werden, daß die Mönche in Kaufleute, Soldaten, Zauberer, die Nonnen in ledige Mädchen verwandelt würden und dergleichen. Es ist unglaublich, welche Albernheiten in solcher Weise zu Stande gekommen sind. So ist z. B. in der zehnten Geschichte des dritten Tages Alles gestrichen, was auf die Worte: „und richtete an ihn dieselbe Frage, die sie schon an die Andern gethan hatte" bis: „geschah es, daß in Capsa ein Feuer auskam", folgt, wodurch denn die Geschichte in der That eine mehr als orientalische Einfachheit erhalten hat. Der sslsFister su- cri psiutii, mit dem verhandelt werden mußte, war ein Spanier, Namens Thomas Manrique, und des Italienischen nicht allzukundig; so fand er denn mitunter Scrupel, wo auch nicht der kleinste Grund dazu vorlag '). Besonderes Bedenken erweckte die sechste Geschichte des ersten Tages; sie hatte keinen Sinn, wenn man den Mönchen andere Personen unterstellte. So mußte sie denn wegbleiben, und es wurde ernsthaft darüber verhandelt, ob man nicht neunundneunzig Geschichten füglich als hundert bezeichnen könne. Wohl zu bemerken ist aber, daß bei diesem ganzen, seltsamen Unternehmen die Sittlichkeit auch nicht im Mindesten in Betracht kam. Die Schilderungen der Unkeuschheit und des Ehebruches ließ Monsignor Manrique unangefochten, nur Mönche sollten es nicht sein, 1) I. B. wollte er Len Ausdruck : „beließe eterne rlel eielo" gestrichen wissen, weil der Himmel nicht von Ewigkeit her, sondern geschaffen sei; er verwechselte also etm-n» und perpetuo. LXXX Giovanni Boccaccio. welche darin handelten. — So entstand die Ausgabe der /)e/intatr (Florenz, Giunti, 1573). Weder dem einen, noch dem andern Thsile genügte indeß diese Säuberung. Die Sprachfreunde und Diejenigen, welche das Dekameron j zu ihrem Ergötzen lasen, vermißten viele der schönsten Stellen; die römischen Rigoristen dagegen fanden, daß immer noch viel zu viel mit durchgeschlüpft sei. Diesen letzteren Antrieben gehorsam, unternahm der berüchtigte Widersacher Tafso's, Cavalier Salviati, eine neue, noch viel willkürlichere Umarbeitung, die mit dem vollen Beifalle ! Roms 1582 in zwei Auflagen erschien, aber allgemein als ! unberufene Verunstaltung des Dekameron verworfen ward. I Ohngefahr in dem gleichen Sinne und mit noch minderem Beifall verfuhr Luigi Grotto, der sogenannte Cisco dÄdria (Vensrio Xoppini e k'ari'i, 1588). Fast ein Jahrhundert lang erschien keine unverstümmelte Ausgabe des Dekameron; dann wagte man sich, zuerst in Holland und England, mit einzelnen Abdrücken hervor; noch später setzte man in Italien selbst sich über das Verbot hinweg, und gegenwärtig liefert jedes Jahr ein ganzes oder halbes Dutzend Ausgaben unter den Augen der Kirche, welche zu dem Misbrauche, den sie nicht mehr zu hindern vermag, ein Auge zudrückt. Die schlüpfrigen Erzählungen, deren das Dekameron leider eine nicht geringe Anzahl enthält, haben dem Buche von jeher viele Leser zugeführt. Wie hart schon Pietro Petroni den Verfasser darüber durch Ciani tadelte, und welche Vorwürfe Boccaccio sich in späten Jahren selbst über den lüsternen Inhalt dieser Arbeit machte'), ist be- 1) „ l^osti, quot ibi sint minus deeentin et ndversuntln lio- nestnti, i)uot Veneris inknustne neulei, (jnot in seelns ims-ellen- tin, etirun si sint ferren peetora, rr quilius, est! non nd in- cestuosum aetum illustres impellentur koeminne, et iiotissime quibus sneer pudor ü ontibus insidet, sulreunt tnmen tneito sinssu nestus illeeekrae, et impudiens aniwus odseoenn eoneupiseentine Giovanni Boccaccio. LXXXI reits erwähnt worden. Noch strenger haben Andere ge- urtheilt'), und es ist schwerlich zu leugnen, daß diese, die Sinne kitzelnden Geschichten schon sür Manchen vom nachtheiligsten Einflüsse gewesen sind. Alle die zahlreichen Schriftsteller, die, besonders in Frankreich und theilweis auch in Italien, planmäßig daran gearbeitet, junge Ge- müther durch sittenlose Schilderungen zu vergiften, haben aus dem Dekameron, als einer willkommenen Fundgrube, reichlich geschöpft, und manche von unseren Novellen hat, mit den grellsten Farben frech ausgemalt, in der obscönen Literatur die Runde gemacht. Aeußerst fern liegt mir gewiß eine Apologie der Unzucht; nothwendig scheint es aber, dem Dekameron die richtige Stellung anzuweisen, durch die es alsdann vielleicht minder strafbar erscheinen dürste. Die unerlaubte Geschlechtsliebe, besonders der Ehebruch, hat offenbar neben dem verbrecherischen ein komisches Element, und aus der Vereinigung von Lust und Angst, von hochfliegender Leidenschaft und feigem Schuldbewußtsein entwickeln sich die lächerlichsten Antithesen, und der ausbündigste Scharfsinn muß aufgeboten werden, um das, zwiefache Schande zugleich scheuende, Vergehen vor Entdeckung zu schützen. So kehrt denn dies Element, wenn es nicht durch die Sitte gewaltsam zurückgedrangt wird, überall wieder, wo die Aufgabe verfolgt wird, Beispiele von komischen Verflechtungen der Ereignisse und von schlau gefundenen Auswegen aus schlimmer Verlegenheit zu erzählen; ebenso wie im Dekameron und seinen Nachfolgern, in den älteren französischen tobe nonnunipinin inücinnt irritnntipie." Brief an MainarLo Le' Cavalcanti. t) A. B. Loni/incio llanor-r bei M,LL»c/lkM p. 1335 Nn. 119 1 ,,6Iii potesse contnre, (juante pnttnne Iin sotto >1 Decnmeron del üoecnccio, rlinnrreklie stnpido e senxn senso- 1-er conto dolle inntorie e dolle cnso nnrrnte dn esso in «piel suo Novelliere, non si puü dire, qunnto e lp>nle sin stnto e per- severi tuttnvin ii dnnno die se ne sente." I.XXXII Giovanni Boccaccio. Fabliaux und Contes '). Es ist dies Element für diese Gattung von Literatur ein wesentliches, und man kann es kaum völlig verbannen wollen, ohne dieser Gattung zugleich die reichlichste Lebensader abzuschneiden. In einer zwiefachen Weise kann nun aber dies Element von dem Erzähler verarbeitet werden: entweder so, daß es nur um seines lächerlichen Effectes willen auf die Scene gebracht wird, gerade wie jede sonstige Verwickelung, Schlauheit und dergleichen; oder so, daß der Schriftsteller bei diesem Elemente um seiner selbst willen, weil es ein unzüchtiges ist, wollüstig ausmalend verweilt. Offenbar ist nur die letzte Behandlung die frivole zu nennen. Wir begegnen demselben Gegensatz auch in der bildenden Kunst, nur daß wir in dieser nachsichtiger zu sein gewöhnt sind. Wir werden, wo der an sich nicht frivole Gegenstand das Nackte fordert, dem Maler das Recht zugestehen, es mit aller Meisterschaft uns darzustellen, sollte seine Darstellung auch geeignet sein, sinnlich zu erregen; die Sinnenlust als solche, wie in der Jo und Leda Correggio's, oder in der Danaö Titian's, werden wir aber nie als einen würdigen Gegenstand der Kunst anerkennen, und nur um der Trefflichkeit der Technik willen solche Abirrung entschuldigen können. — Es darf nun behauptet werden, daß Boccaccio, fast ohne Ausnahme, das Unzüchtige nur als nothwendigen Baustein benutzt, um die komische Situation, auf die es ihm eben ankommt, aufzubauen, und daß er eben deshalb oft gar unfein mit derben unverhüllten Worten gleich das Ding beim rechten Namen nennt; während seine frivoleren Nachahmer der Sünde einen lüstern coquettirenden Schleier umwerfen und mit Vorliebe dabei verweilen, ihn immer nach einer andern Seite zu lüften. In weit höherem Grade unsittlich, als jene einzelnen verfänglichen Situationen, finde ich die mehrfachen Versuche, die Unkeuschheit, ja den Ehebruch durch Sophismen zu rechtfertigen, wie i) Rosenkranz, Geschichte d. Poesie. II !>2. »3. Giovanni Boccaccio. LXXXIll z. B. im Tedaldo. Theils aber ist es allerdings die, von Tieck im weitesten Umfange verfolgte, Aufgabe der Novelle, Paradoxes, ja völlig Verkehrtes nach den verschiedensten Richtungen hin scharfsinnig zu verfechten, theils liegen jene Verkettungen von Trugschlüssen gerade unserer Denkweise gewiß zu fern, um von ihnen die mindeste Gefahr besorgen zu können. Zwischen dem Entstehen des Dekameron und den ersten gedruckten Ausgaben') desselben ist wenig mehr als ein Jahrhundert verstrichen. Den vermuthlich ältesten Abdruck (um 1470 ) pflegt man nach den Schlußworten: veo Zrs- tias zu nennen. Die Valdarfer'fche Ausgabe von 1471 (Venedig) genießt bei den Biblivmanen ein von keiner andern typographischen Seltenheit erreichtes Ansehen. Der Marquis Blandford erkaufte ein vollständiges Exemplar von ihr in der Roxburgh'schen Auction im Jabre 1812 für 2260 Pfund Sterling. Dieser Kauf war es, der zu der Errichtung des Roxburghclubs Anlaß gab, in dem die Bibliomanie ex proissso betrieben ward. Schon sieben Jahre später kam indeß dasselbe Exemplar noch einmal unter den Hammer, und wurde von Lord Spencer für 018 Pfund erstanden. — Wie hätte selbst diese letzte Summe genügt, um den Geldverlegenheiten des armen Boccaccio für immer abzuhelfen! — Unter den ziemlich zahlreichen Ausgaben des fünfzehnten Jahrhunderts, die noch außer diesen beiden uns bekannt sind, verdient eine, vom 20. April 1482 bis zum 13. Mai 1483 aus der Druckerei von San Jacopo di Ripoli hervorgegangene, als ein Curiosum Erwähnung. Jene Druckerei gehörte nämlich zu einem Nonnenkloster; die frommen Schwestern setzten, druckten, hefteten selbst, was ihnen von Buchhändlern aufgetragen ward, wie die noch erhaltenen Kloster- I) Wergl- Serie il, testi lXro. 166 sqq. I,XXXIV Giovanni Boccaccio. rechnungen darüber Nachricht geben. Hier war nun der Besteller ein Ser Piero da Pescia, durch Vermittelung eines Giovanni di Nato, und die Auflage betrug 200 Exemplare '). Mir erscheint aber die Situation höchst komisch, wie ehrbare Nonnen in ihrem Ordensgewande, hier die Novelle des Masetto von Lamporecchio setzen, dort die Abdrücke der Geschichte von der Aebtissin mit dem seltsamen Psalterium auf dem Kopfe, nach Druckfehlern spähend, eifrig corrigiren. Bei der Kürze der Zeit, während welcher es handschriftlicher Vervielfältigung des Dekameron bedurfte, und bei der beträchtlichen Anzahl von gedruckten Ausgaben, die schnell auf einander folgten, möchte man vermuthen, daß der uns überlieferte Text jenes Buches hinlänglich gesichert sei. Das ist jedoch nur in minderem Maße der Fall; vielmehr gehören die Handschriften und noch mehr die alten Drucke des Dekameron zu den größten Seltenheiten. Der Grund davon liegt zum Theil in einer merkwürdigen Car- nevalsscene, die sich in den Jahren 1496 und 97 zu Florenz zutrug. Der Geschichtsschreiber Nardi^) erzählt, Fra Domenico da Pescia, der Genosse des Savonarola, habe um jene Zeit, wiewol gelehrter Bildung ermangelnd, mit solcher Frömmigkeit und Salbung gepredigt, daß er in der kurzen Zeit vom Advent bis zum Carneval die Florentiner überredet, alle schlüpfrigen und unsittlichen Bücher und alles Bildwerk oder Gemälde aus ihren Häusern zu schaffen, das geeignet wäre, sinnliche Gedanken zu erwecken. „Zu diesem Ende beauftragte er Kinder, unter der Leitung von Oberen, die aus ihrer Mitte gewählt waren, viertelsweise in die Häuser der Bürger zu gehen und demüthig und sanft von einem Jeden das Anathema (denn so nannten sie alle dergleichen unanständige Dinge), als von Gott und 1) Vr'nc. VoMnr, Verione sopra tue eäirioni ciel sec XV. Vir. 1831. 2 ) Istorie f. 3t der Originalausg. Lyon 1582. Vgl. k 43. Giovanni Boccaccio. I.xxxv von den Kirchengesetzen verflucht, zu erfordern. Wurde ihnen darauf dergleichen verabfolgt, so segneten sie das Haus mit einem eigenen, gar erbaulichen Spruche ein, den ihnen Fra Girolamo zu dem Ende verfaßt hatte. So wurde denn in kurzer Zeit eine erstaunliche Menge ungeziemender Bilder, falsche Locken, allerhand Putzsachen und Wohlgerüche, Brettspiele von erlesener Schönheit, Spielkarten und Würfel, vielerlei musikalische Instrumente, Exemplare von den Werken des Boccaccio und dem klor- gimte msMore, sowie Traum- und Zauberbücher von ihnen zusammengebracht. Alle diese Gegenstände wurden am Carnevalstage auf einem großen Gerüste ausgestellt, das auf dem Domplatze errichtet war. Von einer breiten Unterlage erhob sich dies Gerüst in allmaliger Verjüngung gleich einer Pyramide, auf deren Stufen alle jene Sachen, mit Reisig und anderen brennbaren Stoffen abwechselnd, angeordnet waren. Zu diesem Feste strömte das Volk in Scharen, ohne sich für dies Jahr um die sonst gewohnten Carnevalslustbarkeiten zu kümmern. Die Kinder aber hörten am Morgen in der Domkirche eine feierliche Engelsmesse und zogen am Nachmittage von den einzelnen Vierteln, in denen sie sich unter ihren Oberen versammelt hatten, weiß gekleidet, mit Olivenkcänzen auf dem Haupte und rothen Kreuzlein in den Händen, erst nach der St. Marcuskirche und dann nach dem Domplatze, wo sie in der Loge der städtischen Obrigkeiten Platz nahmen. Dabei sangen sie fortwährend lateinische Psalmen oder italienische Kirchenlieder, bis endlich die vier Oberen mit brennenden Fackeln Herabstiegen und jenes Gerüste anzündeten, welches alsdann mit seinem gelammten Inhalte bei dem Schmettern der Trompeten niederbrannte"'). So waren denn schon zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts correcte Exemplare selten geworden, und ob- i) Bergl. Rudelbach, Hieran. Savonarola und seine Zeit. S. 177. I.XXXVI Giovanni Boccaccio. wol Ni colo Delfine ') sich nm die Berichtigung des Buches Verdienste erwarb, und aus den berühmten Druckereien des Giuntach und Aldo') neue Ausgaben hervorgingen, lag der Text noch sehr im Argen. Da verbanden sich sieben ausgezeichnete junge Florentiner (Ber- nardo Segni, Antonio degli Alberti, Francesco Guidetti, Schiatta Bagnesi, Pier Vet- rori, Ant. Francini und Bartol. dei Cavalcanti) zu einer sorgfältigen Berichtigung des Dekameron, und die Frucht ihrer Arbeit war die berühmte Giuntiner Ausgabe von >527 (die sogenaunte VenUselt-mn)'), deren Trefflichkeit um so mehr anzuerkennen ist, als ihren Urhebern das gleich zu erwähnende vorzüglichste Hülfmittel unzugänglich war. Die Mehrzahl der übrigen, im sechszehnten Jahrhundert erschienenen Ausgaben: von Ant. Brucioli'), von Lod. Dolce"), von Franc. San- sovino'), von Giro!. Ruscelli"), von Franc. Giun- tini?), von Nic. Alunno") u. s. w. ist lediglich als Handelsspeculation zu betrachten, und die in ihnen gemachten Veränderungen des Textes sind fast ohne Ausnahme Entstellungen. Erst die durch den oben erwähnten Beschluß des Tri- dentinsr Eoncils hervorgerufene Nothwendigkeit, das Dekameron umzuarbeiten, wurde Anlaß einer weiteren Berich- I) Venk?,i» 6reg. <1e Oeegvrj. 1516. L) 1'irenre, 1516. 3) Venaria, 1522. 4) Gute Exemplare pflegen nicht unter 30 Louisd'or verkauft zu werden. 5) Voneria, kUolito 1538 und öfter. li) Veneria, 6ioIito 1541 und öfter. Dolce selbst tadelte in jeder seiner späteren Ausgaben die früheren. 7) Vüneria, 6eiüo >549. 8) Veneria, Vnlxeisio 1552. 0) lüonk, liovitliv 1555. 16mv. 10) Veneria, 6>ieraeüo 1557. Giovanni Boccaccio. I.XXXVII ligung des Textes. Baccio Baldini, der Leibarzt des Großherzogs Cosimo, hakte, lange nachdem die Ausgabe von 1527 vollendet war, eine Handschrift wieder aufgefunden, die vermuthlich vor der Revolution von 1494 bereits der Familie Medici gehört hatte, seitdem aber verloren war. Es war diese Handschrift am 13. August 1384 durch Francesco (den Sohn des Amaretto) Mannelli, der, wie wir wissen, ein Taufpathe Boccaccio's war, beendet worden. Darüber, daß dieser äußerst einsichtige Schreiber seinem Originale die größte Autorität beilegte, und daß er es mit der gewissenhaftesten Sorgfalt copirte, kann kein Zweifel obwalten. Daß es indeß, wie die Deputat! und die meisten Spateren angenommen haben, Boccaccio's eigenhändige Urschrift gewesen sei, ist bloße, wenn auch nicht unwahrscheinliche Vermuthung. Dieses Manuscript nun legten die vier Obengenannten ihrer Berichtigung zum Grunde, verglichen aber daneben noch eine große Anzahl von Handschriften und einige ältere Drucke. Die Erwägungen, welche sie bei der Verarbeitung dieser Materialien geleitet hatten, legten die Deputat! in ausführlichen „^nuota^ioni" nieder, die zu dem Besten gehören, was über italienische Philologie jemals geschrieben ist. So entstand die Ausgabe von 1573, die allen Anforderungen genügt haben würde, wenn nicht die von Rom gebotenen Verstümmelungen sie entstellt hätten. Wie neun Jahre später Sal- viati nicht nur noch mehr vom Dekameron Hinwegschnitt, sondern auch mit dem stehen gebliebenen Texte auf das Willkürlichste umsprang, ist schon erwähnt worden. Dabei ging er von der verkehrten Annahme aus, Boccaccio habe zwei von' einander abweichende Manuskripte hinterlassen, zwischen deren Lesarten uns zu wählen freistehe. Zur Rechtfertigung seines Verfahrens sollten die zwei Bande „^vvertimonii" dienen, die bei den italienischen Sprachforschern höchstes Ansehen genießen, in der That aber eine Ausgeburt pedantischer, auf unsichern Grundlagen aufgebauter Sylbenstecherei sind. HXXVItt Giovanni Boccaccio. Die nächsten, für das Dekameron sehr unfruchtbaren 180 Jahre ließen diese Arbeiten der gelehrten Florentiner unberücksichtigt und strebten nur nach Herstellung eines unverstümmelten Textes, den man aus der Veutisettanu zu entlehnen pflegte. Den Anfang machte die zierliche Elzevir'sche Ausgabe von 1665, die mehrmals nach- gemacht wurde. Es folgten der Rolli'fche Abdruck der Giuntiner Ausgabe (London, Edlin 1725) und die Venezianer Contrefa^on') derselben (1720 gedruckt von Pasinello). Die schlechte Ausgabe von Ciccarelli (Neapel, angeblich Amsterdam 1718) verdient aus keinem anderen Grunde Erwähnung, als weil die Erusca in der vierten Ausgabe des Vocubolari» sich ihrer bedient hat. Später wandte sich die Aufmerksamkeit aufs Neue der Mannelli'schen Handschrift zu. Der Marchese Pier Ant. Guadagni ließ, besonders mit Bandini's Hülfe, zu Lucca 1761 einen buchstäblichen Abdruck dieses Manuskriptes ^) veranstalten, dem er eine höchst gewissenhafte Vergleichung der VeiitisottAlia beifügte. Seit dieser Zeit sind alle neanenswertheu Ausgaben auf Guadagni's Arbeit unmittelbar oder zur zweiten Hand gebauet, und es ist stets als das größte Verdienst betrachtet worden, sich so nahe als möglich an den Mannelli'schen Text anzuschlie- 1) Die Kennzeichen zu wissen, an denen man Original und Nachahmung unterscheiden kann, gehört zu dem ABE der Biblio- manen. Gleich am Anfänge des Registers hat das. Original Oento novella, die Contrefa^on aber novkllk u. s. w. 2) Daß die Treue dieses Abdruckes weiterer Prüfung unterworfen wäre, ist mir allerdings nicht bekannt. Eine.Ungenauigkeit läßt sich erkennen, auch ohne die Handschrift selbst zu vergleichen. Nach S. 373 hieße es in der Schlußschrift: all Iiono- rem egrexi simncu spinss, was völlig sinnlos ist. Vergleicht man indeß das im Kupferstich beigefügte Facsimile, so scheint egrvxine et immneulfatne) Vtiesgini» gelesen werden zu müssen. ») Nur wegen der Anmerkungen, nicht in Ansehung des Textes haben die beiden Ausgaben von Martinelli (London 1759 und 1762) einiges Interesse. Giovanni Boccaccio. DXXXIX ßen. Besonders treu haben dies Poggiali (Livorno, angeblich London 1789. 90), Ferraris (Milano, Olassiei 1803) ') und Vitarelli (Venedig, I8II) gethan. Weitaus die vorzüglichste unter allen Ausgaben ist indeß die des Abate Michele Colombo (Parma 1818, 8 Sedez- bande), sowol durch ihre ausgezeichnete Correctheit, als durch die sprachlichen Anmerkungen, die der Herausgeber theils seinen Vorgängern (Ruscelli, Rolli, Martinelli) entlehnt, theils und hauptsächlich selbst hinzugefügt hat^). Die neueren Herausgeber (Molini, Florenz 1820 und 1827. lkino. Ugo Fvscolo, London, Pickering, 1825, 3 Bde. 8vo und der Adruck davon im kuriinssa ltulisno con- tiu'mto, Leipzig 1833 u. s. w.) haben nur das Verdienst, die gleiche Richtung mit größerer oder geringerer Sorgfalt verfolgt zu haben. Am nächsten an Colombo schließt sich der Abdruck in der Moutier'schen Ausgcwe von Boccaccio's sämmtlichen Werken an (Florenz >827), leider sind indeß weder die Anmerkungen vollständig ausgenommen, noch ist der Tert ein irgend correcter zu nennen. Sollte für die Berichtigung des Dekameron, die allerdings an manchen Stellen als Bedürfniß erscheint, noch irgend Erhebliches gethan werden, so käme es auf die Voruntersuchung an, ob sich annehmen lasse, daß uns von Boccaccio's Originalmanuscript noch andere Spuren, als durch Francesco Mannelli erhalten seien. Wir wissen, daß die gesammte Büchersammlung des Verfassers durch Vermächtnis an das Kloster Santo Spirito kam, und da eine Clausel des Testamentes ausdrücklich verlangt, daß jene Manuscripte, selbst zum Abschreiben, frei zugänglich bleiben sollen, so liegt es nahe, zu vermuthen, daß auch anderen Handschriften, oder daß alten Drucken eine solche Benutzung 1) In dieser Ausgabe sind die^nnotarion, der Deputat! wieder abgedruckt. 2) Diese Ausgabe ist der gegenwärtigen Uebcrsetzung zum Grunde gelegt. X6 Giovanni Boccaccio. zum Grunde liege. Allerdings aber erscheint es als zweifelhaft, ob unter den nach Santo Spirito gekommenen Büchern sich überall ein Manuscript des Dekameron befunden. Wie große Gewissensbisse sich Boccaccio in spateren Jahren über die unzüchtigen und gegen die Geistlichkeit gehässigen Stellen des Buches machte, haben wir oben berichtet, und Derjenige, der dies Legat zuerst empfangen sollte, war Boccaccio's Beichtvater! Hatte nicht vielleicht der Verfasser in einer Aufwallung der Reue seine Originalhandschrift verbrannt, oder sie doch von den Büchern ausgeschlossen, die Beichtvater und Kloster erhalten sollten? — Dennoch vermuthe ich das Gegentheil, das bei so vielfachen ähnlichen Inkonsequenzen der Zeit uns nicht füglich überraschen kann. Bemerkenswerth ist nämlich in dieser Hinsicht, daß unter den älteren Ausgaben gerade die beiden ersten, vor dem Brande von Santo Spirito entstandenen, nach Buonamici's') Untersuchungen, den correctesten, mit dem Mannelli'schen genau verwandten Text bieten. Diese Spur dürfte nun, wie mich dünkt, zu verfolgen und zu ermitteln sein, ob jene ältesten Ausgaben nicht eine erhebliche Zahl von Berichtigungen zu geben vermöchten. Ueber setzt ist das Dekameron in die verschiedensten Sprachen. Von manchen Novellen haben wir lateinische Bearbeitungen. Bemerkenswerth ist darunter die der Gri- seldis von Petrarca in doppelter Beziehung. Einmal ist sie von einem Schreiben an Boccaccio begleitet, in dem Laura's gelehrter Verehrer dem Freunde mit sehr vornehmen Wohlwollen schreibt, er habe das Buch der hundert Geschichten zufällig zu sehen bekommen und natürlich nur Zeit gehabt, ganz wenig darin zu lesen, aber Einiges recht hübsch gefunden und Anderes mit der damaligen Jugend des Verfassers entschuldigt. Zweitens hat Petrarca, in dem Glauben, die mangelhafte Arbeit des Verfassers wesentlich zu bessern, sich eine Menge von Veränderungen erlaubt, I) Letter» I^oiulari, 1725^ keplica k.ai'is 1729. Giovanni Boccaccio. xoi die in überraschendem Maße beweisen, wie sehr es ihm an dem richtigen Tacke für Oekonomie und Ton einer solchen Erzählung fehlte. Unter den französischen Uebersetzungen ist die verbreitetste die des königlichen Rathes und Kriegsschahmeisters Antoine Mason'), die durch ihre große Genauigkeit mir auch bei meiner Arbeit nicht selten von Nutzen gewesen ist. Mason wurde getadelt, daß er die Nacktheiten des Boccaccio unverschleiert wiedergegeben ^). Dennoch durfte er es wagen, das Buch der Schwester Franz I., der Königin Margaretha von Navarra, in deren Aufträge er die Uebersetzung unternommen, zuzueignen. Freilich enthalten die berühmten eigenen Lonteo c-t nouvelios dieser Fürstin Geschichten, die den stärksten des Boccaccio wenig nachgeben. Ohne bei den Uebersetzungen in andere Sprachen zu verweilen, möge erwähnt werden, daß das Dekameron schon frühe mehrfach in's Deutsche übertragen ward. Eine Uebersetzung erschien Lucern 1470, eine zweite Augsburg 1490 (später Straßburg 1547, und Augsburg sMes- serschmidt^ 1501). Als verschieden von ihnen bezeichnet Bal. Schmidt^) sowol die Straßburg 1561, als die Frankfurt (Feierabend) 1583 gedruckte. Eine fünfte wäre nach Mazzuchelli (p. 1354) Frankfurt (bei Egenolf Emmele) 1625 und (bei Schönwetter) 1646 herausgekommen. Alle diese Arbeiten kenne ich indeß nicht aus eigener Anschauung. Unter den neueren ist die von Solkau gewiß mit dem meisten Fleiß und mit der größten Sprachkennt- 1) tUarruc/lcM p. 1353 zählt von 1543—1694 achtzehn Ausgaben auf. 2) Die Bemerkung Mazzuchelli'S, daß in den Ausgaben von 1552 an die verfänglichen Stellen gemildert seien, finde ich an der von 1558, die ich besitze, nicht bestätigt. D Beiträge S. XIII. u. 115. XVII Giovanni Boccaccio. niß gemacht'). Außerdem sind mir die Übersetzungen von Schaum, von Röders und von einem Ungenannten (München bei Michaelis) bekannt geworden und häufig verglichen, wenn auch meist nur wegen der Curiosi'taten, an denen es nicht darin fehlt. Die Aufgabe, welche ich mir bei meiner Arbeit gestellt habe, ist dieselbe, die Schleiermacher^) so meisterhaft vorgezeichnet und in ihren Schwierigkeiten und unübsrsteig- baren Schranken charakterisier hat: der Leser sollte durch die Uebersetzung so viel als möglich denselben Eindruck erhalten, den auf den Uebersetzer (dessen genügende Vorbereitung und Umsicht vorausgesetzt) das Original machte. Der Leser sollte also in der deutschen Rede den Laut der fremden Sprache, und zwar djie eigenthümliche Tonart derselben durchklingen hören, die gerade dieser Schriftsteller angeschlagen. Wie leicht ein solches Bestreben zur Schwerfälligkeit führen, ja unverständlich machen kann, ist weder zu verkennen, noch fehlt es in dieser Hinsicht an warnenden Beispielen. Sollte diese Gefahr vermieden werden, so durfte ich einzelne Abweichungen von der Strenge jenes Principes, wie auch Schleiermacher sie zuläßt, nicht scheuen. Der Uebersetzer mußte „die Kenntnis der fremden Welt des Verfassers, die er bei dem Leser nicht voraussehen kann, aus die kürzeste, zweckmäßigste Weise suppliren und überall die größere Leichtigkeit pmd Natürlichkeit des Originals durchleuchten lassen." Hierher gehört die Vertauschung italienischer Witzworte und sprichwörtlicher Reden mit deutschen. — Nur dazu habe ich mich durchaus nicht entschließen 1) Ein ausführlicheres Urtheil habe ich in der Vorrede zur ersten Ausgabe dieses Buches S. VII—IX. ausgesprochen. 2) In der Ankündigung heißt es: „Das Dekameron wurde zwar schon in einigen Uebersehungen dem deutschen Publikum in die Hände gegeben; noch nie aber in einer vollständigen wort- und sinngetreuen, wie hier geschieht." 3) lieber die verschiedenen Methoden des Uebersehens. Giovanni Boccaccio. XON ' können, bei der Uebersetzung zu entfernen, was keuschen Ohren unserer Tage verletzend ist. Bei Boccaccio's Eigen- thümlichkeit, der das Unanständige nicht um sein selbst willen lüstern ausmalt, sondern nur mit aufnimmt, um dadurch zur Pointe der Erzählung zu gelangen, hatte ich fürchten müssen, ähnliche Albernheiten zu Stande zu bringen, wie die Oaputati in der Geschichte von Alibech und Rustico. — 8irit ut sunt, out nun siut. — Ob ich unter solchen Umständen nicht besser gethan hatte, das Buch unübersetzt zu lassen? —- Da bereits neun deutsche Ueber- setzungen im Umlaufe sind, so wäre es dadurch gewiß der Kunde deutscher Leser nicht entzogen. Sicher aber ist der Eindruck des Buches ein günstigerer, wenn der Leser durchgängig gewahr wird, das Ziel des Bearbeiters sei ein ernsteres, ich möchte sagen, wissenschaftliches gewesen, als wenn er sieht, daß es nur darauf ankam, seine Lachlust oder Lüsternheit durch das Nacherzählen schlüpfriger Geschichten anzuregen. Chronologische Aestersicht über Boccaccio's Leben. 1313. Boccaccio wird geboren. 1324 oder 25. Kommt zu einem Kaufmann in die Lehre. 1330 oder 31. Geht nach Neapel, um canonisches Recht zu studiren. 1336 oder 37. Widmet sich der Poesie. 1338 oder 39. Sieht Maria zum ersten Mal. 1339. Datirt: spurt busts Nsrnni«. 1339, 40. Schreibt den Filocvpo und die Theseide. 1341— 42 (zwischen dem 15. April 1341 und 28. August 1342). Kehrt nach Florenz zurück. 1342— 44. Schreibt den ^metu und die ^moross visione. 1345. Ist wieder in Neapel. -(?). Schreibt die Kismrnetts und den Kilostrsto. 1346 (?). Schreibt das Wnksls Kiesolsno. 1348. Geht mit Ludwig von Tarent nach Toscana. - Beginnt das Dekameron. 1349 (15. Mai). Ist in Neapel. 1350 (26. Januar). Ist in Florenz. - Geht zu Francesco Ordelaffi nach Forli. -(im Herbst). Empfangt Petrarca in Florenz. - (30. December). Erhält von der Republik einen Auftrag nach Ravenna. 1351 (April). Wird an Petrarca nach Padua gesandt. - (?). Schreibt das Leben Dante's. 1352. Wird an den Markgrafen Ludwig von Brandenburg gesandt. - (?). Ist wieder in Neapel. Chronologische Uebcrsicht üb. Boccaccio's Leben. xcv 1353 (im Sommer). Geht über Forli nach Ravenna zu Bernardino Polenta. -(?). Beendigt das Dskameron. 1354. Wird an Jnnocenz Vl.nach Avignon gesandt. 1355 (?). Schreibt den Corllaecio. 1350. Geht zu Petrarca nach Mailand. 1360. Führt den Leontius von Venedig nach Florenz. -Wohnt von nun an vorzugsweise in Certaldo. 1361. Wird von Gioachino Ciani besucht. 1362 (November). Geht»wieder nach Neapel. 1363 (Frühjahr). Verläßt Neapel. -lJuni—August). Weilt bei Petrarca in Venedig. -Beginnt die LenaaloAia Oeornm. -Zwischen >363 und 1370 entstehen die Schriften über die Berge u. s. w., über berühmte Frauen und über die Unfälle ausgezeichneter Personen. 1365 <20. August). Wird an Urban V. nach Avignon gesandt. Berührt Genua. - (21. August). Macht sein erstes Testament. 1366 (?). Geht vergeblich nach Venedig, um Petrarca zu besuchen. 1367. Ist OUiaiais ! - -Mi 's! Is i .1 ? . i!,! Erster Tag. Zehnte Geschichte. dennoch nicht mehr Ehre verdienen würde, als einem Esel gebührt. Wol schäme ich mich, dies auszusprechen; denn ich kann wider die Andern nicht reden, ohne zugleich mich selbst zu tadeln. Diese geputzten, bemalten und bunten Frauen stehen entweder stumm und fühllos wie Steinbilder da, oder sie beantworten an sie gerichtete Fragen in solcher Weise, daß es ihnen bester wäre, sie hätten geschwiegen. Dabei wollen sie sich einreden, _iHc U^gMick, mit andern Mädchen oder,gesitteten Männern zu m>en, sei eine Folge ihrer Seelenreinheit, und geben ihrem "Blödsinn den Namen der Sittsamkeit, als ob nur die Frau sittsam zu nennen wäre, die mit Niemand als mit der Magd, der Wäscherin und der Bäckersfrau redet. Wäre dies, wie sie sich einbilden, die Absicht der Natur gewesen, so würde sie anderweitig ihrem leeren Geschwätze Grenzen gesetzt haben. Allerdings indeß soll man hierbei, wie in allen andern Dingen, Zeit und Ort, und mit wem man rede, im Auge haben; denn wol öfter ist es geschehen, daß ein Weib oder ein Mann, in der Meinung, durch scherzhafte Reden Jemand in Verlegenheit zu setzen, weil sie ihre Kräfte denen des Andern gegenüber nicht gehörig anschlugen, die Beschämung, die sie Jenem zugedacht hatten, auf sich selber zurücksallen sahen. Damit Ihr Euch nun davor zu hüten wisset, und damit überdies bei Euch das Sprichwort nicht zutreffe, das in aller Welt Munde ist, „die Weiber ziehen in jedem Dinge den Kürzern," so soll diese letzte der heutigen Geschichten, die es an mir ist zu erzählen, in diesem Punkte Euch zu witzigen dienen, und, wie Ihr durch Adel der Gesinnung Euch von den klebrigen unterscheidet, so werdet Ihr auch durch Feinheit der Sitten Euch vor ihnen auszeichnen. Noch nicht viele Jahre sind verstrichen, seit in Bologna ein trefflicher und fast in der ganzen Welt hochberühmter Arzt, mit Namen Meister Alberto lebte, ja vielleicht lebt er noch heute. Dieser war von so edlem Geiste, daß er noch in seinem hohen Alter von beinahe siebzig Jahren, Meister Alberto. 77 als der Körper bereits fast alle natürliche Warme verloren hatte, den liebevollen Flammen den Eingang in sein Her; nicht verweigerte, als er auf einem Feste eine wunderschöne Witwe sah, die, wie Einige, berichten, Madonna Mar- gharita de' Ghisolieri hieß. In dem Wohlgefallen, das er an ihr fand, nahm er jene Gluth, nicht anders als ein Jüngling, in dis betagte Brust auf, fodaß er keine Nacht ruhig schlafen ^zu'kHnnen glaubte, wenn er an dem vorhergegan- genm Tage 'düs anmuthige und zarte Gesicht der schönen Danie nicht gesehen hatte. Aus diesem Grunde begann er sich bald zu Pferde und bald zu Fuße, je nachdem es sich fügte, vor dem Hause der Dame sehen zu lassen. Diese sowol als mehrere andere Frauen wurden auf solche Weise gewahr, was ihn veranlasse, so häufig dort vorüberzukommen, und oftmals spotteten sie miteinander darüber, daß ein an Jahren und Erfahrungen so reicher Mann verliebt sei, als ob nach ihrer Meinung die holde Leidenschaft der Liebe allein in den thörichten Herzen der Jünglinge und sonst nirgend Raum finden und dort verweilen könne. Meister Alberto fuhr indeß fort, vor dem Hause der Dame vorüberzugehen, und so geschah es, daß an einem Feiertage, wo sie mit andern Frauen vor der Thür saß, sie alle miteinander sich Vornahmen, den Meister Alberto, den sie schon von weitem hatten kommen sehen, zu verweilen und ehrenvoll aufzunehmen, dann aber ihn wegen dieser seiner Liebe zu schrauben. So thaten sie auch wirklich; als er kam, standen sie Alle auf, luden ihn zu sich ein und führten ihn in einen kühlen Hof, wo sie ihn mit feinen Weinen und Backwerk bewirtheten. Zuletzt aber befragten sie ihn mit artigen und wohlgesetzten Worten, wie er sich in diese schöne Dame habe verlieben können, da er wisse, von wie vielen schönen, wohlgesitteten und zierlichen jungen Männern sie geliebt werde. Als der Meister sah, daß man auf feine Weise ihn aufziehe, nahm er eine heitere Miene an und sagte: „Madonna, daß ich liebe und gerade Euch zum Gegenstand 78 Erster Lag. Zehnte Geschichte. dieser Liebe erwählt habe, kann keinen Verständigen in Verwunderung setzen, denn Ihr verdient es. Und obgleich den bejahrten Leuten nach dem Gesetze der Natur die Kräfte entgehen, die zu, den Uebungen der Liebe erforderlich sind, so fehlt es ihnen darum weder an dem guten Willen, noch an der Fähigkeit zu unterscheiden, was der Liebe würdig sei, vielmehr weiß das reife Alter dies um so viel besser zu erkennen, wie die Jugend, als es an Einsicht diese übertrifft. Die Hoffnung, um derentwillen ich in meinem Alter Euch zu lieben wage, die Ihr von vielen Jünglingen geliebt werdet, ist diese: schon öfter bin ich gegenwärtig gewesen, wenn Frauenzimmer zum Vesperbrot Wolfs-Bohnen und Lauch aßen. Ob nun gleich am ganzen Lauch nichts Gutes ist, so ist doch der Knopf daran noch das am Wenigsten Widerwärtige und dem Munde Wohlgefälligste. Dennoch pflegt Ihr Alle, von verkehrter Lust geleitet, den Knopf in der Hand zu behalten und nur die Blätter zu essen, die nicht allein gar nichts werth sind, sondern abscheulich schmecken. Wäre es nun nicht möglich, Madonna, daß Ihr in der Wahl Eurer Liebhaber ebenso verführt? Und wenn Ihr es thätet, so würdet Ihr mich erwählen und alle klebrigen von Euch weisen." Die Edeldame und ihre Gefährtinnen schämten sich ein wenig, dann aber sagte sie: „Meister, Ihr habt unser übermüthiges Beginnen treffend, aber freundlich, gezüchtigt. Glaubt aber, die Liebe eines so verständigen und ehrenwerthen Mannes, als Ihr seid, ist mir theuer. Deshalb gebietet, so weit sich das mit meinem guten Rufe verträgt, über mich, wie über Euer Eigenthum." Der Meister und seine Begleiter erhoben sich, er dankte der Dame und ging, nachdem er sich ihr unter Lachen und Freude empfohlen hatte. So wurde die Dame, weil sie nicht im Auge gehabt hatte, wen sie necke, besiegt, wo sie zu siegen glaubte; wollt Ihr nun vernünftig sein, so werdet Ihr Euch vor gleichem Misgriff hüten. Schluß. 7k) Schon hatte die Sonne sich gegen Westen geneigt und die Hitze größtentheils nachgelassen, als die Erzählungen der jungen Mädchen und der drei Jünglinge zu ihrem Ende gediehen waren. Da redete die Königin voller An- muth also zu ihnen: „Nichts, Ihr lieben Gefährtinnen, bleibt unter meinem Regiments für den heutigen Tag zu thun übrig, als Euch eine neue Königin zu geben, welche nach ihrem Dafürhalten für den folgenden ihre und unsre Lebensweise zu geziemender Erheiterung bestimme. Obgleich man nun den Tag wol noch bis zum Einbrüche der Nacht rechnen möchte, so finde ich doch für gut, weil Niemand, dem nicht einige Zeit zur Vorbereitung bleibt, über die Zukunft gehörige Verfügungen treffen kann, und damit Alles besorgt werden könne, was die Königin für morgen dienlich erachten wird, daß auch die folgenden Tage zur gegenwärtigen Stunde ihren Anfang nehmen. Demzufolge möge denn in der Ehrfurcht vor Demjenigen, auf Den alles Leben sich bezieht, und zur Beförderung unsres Vergnügens am folgenden Tage die verständige -Philomela unser Reich regieren." Mit diesen Worten erhob sie sich, nahm den Lorbeerkranz von ihrem Haupte und setzte ihn Jener ehrerbietig aus. Dann begrüßte sie zuerst, nach ihr die übrigen Mädchen und zuletzt die Jünglinge Philomelen als Königin und boten ihr bereitwillig ihre Dienste an. Diese erröthete zwar ein wenig, als sie sich zur Königin gekrönt sah, dann aber faßte sie, der von Pampineen erst eben gesprochenen Worte eingedenk, um nicht blöde zu scheinen, Muth, bestätigte zuerst alle Aemter, die Pampinea aus- getheilt hatte, verfügte dann, was am andern Morgen und Abend an demselben Orte, wo sie eben verweilten, bereitet werden sollte, und sing hierauf also zu reden an : „Geliebte Freundinnen, obgleich Pampinea ihrer Güte und nicht meinem Verdienste zufolge, mich zu Euer aller Königin ernannt hat, so bin ich doch nicht gesonnen, unsere Lebensweise allein nach meiner Meinung, sondern zugleich 80 Erster Tag. auch nach der Eurigen anzuordnen. Damit Ihr nun im Woraus wisset, was, meiner Ansicht nach, zu lhun sei, und alsdann nach Eurem Gefallen abnehmen oder hinzufügen könnet, will ich mit wenig Worten meine Gedanken Euch mittheilen. Wenn ich mich in meinem Urtheil über das von Pampineen heute befolgte Verfahren nicht betrüge, so hat es sich als ergötzlich und empfehlenswerth bewiesen, und deshalb denke ich auch, so lange es uns nicht durch öftere Wiederholung oder aus anderem Grunde langweilig geworden sein wird, Nichts daran zu andern. Nachdem wir also unsere angefangenen Beschäftigungen völlig geordnet haben werden, mögen wir uns von hier erheben, eine Weile lustwandeln und, wenn die Sonne sich zum Untergange neigen wird, in der Kühlung zu Abend essen; dann aber wird es nach einigen Liedern und anderer Lust sich gehören, daß man schlafen gehe. Morgen früh wollen wir aufstehen, wenn es noch frisch ist, und ebenfalls unserem Vergnügen nachgehen, wohin einen Jeden seine Neigung führen wird. Zur gehörigen Zeit aber wollen wir, sowie wir heute gethan haben, zum Mittagbrote zurückkehren, alsdann tanzen und endlich, wenn unsere Mittagsruhe beendigt ist, werden wir, gleichfalls nach dem heutigen Beispiel, mit Erzählen fortfahren, das, wie mich dünkt, den wesentlichsten Bestandtheil unserer Freuden und Belehrungen ausmacht. Außerdem will ich auch ausführen, was Pampinea, weil sie spät zu ihrer Würde gewählt ward, nicht thun konnte: die Gegenstände unserer Erzählungen nämlich in bestimmte Grenzen einschließen und Euch diese im Voraus angeben, damit ein Jeder Zeit habe, sich auf eine schöne.Geschichte entsprechenden Inhalts zu besinnen. Wenn es Euch nun gefällig ist, so mag es damit so gehalten werden, daß, indem von Anbeginn der Welt an die Menschen vom Glücke durch die verschiedensten Zufälle geführt worden sind und bis an deren Ende es immerdar sein werden, Jeder erzählen soll, Schluß. 81 wie Personen nach dem Kampfe mit Widerwärtigkeiten wider alles Hoffen zu fröhlichem Ende gediehen sind." Damen und Männer lobten gleichmäßig diese Anordnungen und erklärten sich willig, sie zu befolgen. Dioneus allein sagte, als die Andern bereits schwiegen: „Wie alle klebrigen es schon ausgesprochen haben, so sage auch ich, Madonna, Eure Verfügungen seien durchaus zweckmäßig und empfehlenswerth; doch bitte ich, daß mir Eines als besondere Gunst gewahrt und, so lange unsere Gesellschaft bestehen wird, erhalten werde, daß ich nämlich durch die oben getroffene Verfügung nicht genöthigt werde, wider meinen Willen eine Geschichte über den aufgegcbenen Gegenstand zu erzählen, sondern daß mir trotz derselben die Wahl völlig frei bleibe. Damit aber Niemand glaube, ich erbitte mir diese Gunst, weil ich keinen Vorrath von Geschichten zur Hand habe, so bin ich im Voraus er- bötig, unter den Erzählenden immer der letzte zu sein." Da die Königin ihn als einen munteren und unterhaltenden Menschen kannte und daher wohl errieth, er fordere dies nur, um die Gesellschaft, wenn sie des ernsteren Redens müde wäre, mit einer Geschichte zum Lachen wieder zu erheitern, gewahrte sie ihm unter Einwilligung der klebrigen gern die gebetene Gunst. Dann erhob sie sich von ihrem Sitze, und die Mädchen gingen langsamen Schrittes nach einem Bache des klarsten Wassers, das von einem Hügel in ein Thal, welches dichte Bäume beschatteten , zwischen Felsenstücken und grünen Kräutern niederfloß. Hier plätscherten sie mit bloßen Füßen und Armen im Wasser und trieben eine Zeitlang untereinander allerhand Scherze. Als die Essenszeit sich nahete, kehrten sie zum Schlosse zurück und nahmen mit Behagen die Abendmahlzeit ein. Nach Tische ließ die Königin musikalische Instrumente bringen und wollte, daß, von Lauretten aufgeführt, ein Tanz begonnen werde und Emilie, unter Begleitung von ! 82 Erster Tag. Dioneus' Laute, ein Lied dazu singe. Laurette sing, diesem Befehl zufolge, den Tanz sogleich an und leitete ihn, wahrend Emilie mit ihrer zum Herzen dringenden Stimme folgendes Lied sang: Bon meiner Schönheit bin ich so gefangen, Daß neue Liebe nie Mich locken wird mit anderem Verlangen. Wenn ich in eignes Anschaun mich versenke, Erblick' ich, was dem Geiste Ruh' verspricht. Was neu sich zuträgt, wessen ich gedenke, Beraubt mich so geliebter Wonne nicht; So weiß ich denn, es schaut mein Angesicht An fremden Reizen nie, Was mir im Herzen zündete Verlange». Bin ich, um solcher Seligkeit zu pflegen, Mein hohes Glück mir anzuschaun entbrannt, So flieht es nicht und kommt mir selbst entgegen. — In Worte wird die Süßd nicht gebannt, Die es gewährt; es faßt sie der Verstand Sterblicher Wesen nie, Entzündet sie nicht ähnliches Verlangen. Ich fühle stündlich wachsend mich entbrennen, Je mehr ich dorthin wende meinen Blick; Drum weih' ich mich nur ihm, will sein mich nennen. Zwar kostet' ich erst Las versproch'ne Glück; Doch größ're Lust ist, hoff' ich, noch zurück, Sodaß auf Erden nie Empfunden ward so seliges Verlangen. Dieses Tanzerlied, in das Alle freudig eingestimmt hatten, gab durch seinen Inhalt Einigen aus der Gesellschaft viel zu denken. Als es indeß geendet war und man noch ein paar andre Tanze hatte folgen lassen, war bereits ein Theil der kurzen Nacht verstrichen. Deshalb gefiel es der Königin den ersten Tag zu beschließen; sie ließ die Fackeln anzünden und gebot einem Jeden, bis auf den andren Morgen sich zur Ruhe zu begeben. Alle kehrten auf ihre Zimmer zurück und thaten nach dem Befehle. 84 Zweiter Tag. Es schließt des Dekameron erster Tag, und es beginnt der zweite, an welchem unter Philomelens Regiment von Personen geredet wird, die nach dem Kampfe mit mancher Widerwärtigkeit wider alles Hoffen zu fröhlichem Ende gediehen sind. (§chon überallhin hatte die Sonne mit ihren Strahlen den neuen Tag entsendet, und die Vögel gaben durch die fröhlichen Lieder, die sie aus den grünen Aesten sangen, auch den Ohren davon Kunde, als die Mädchen alle und die drei Jünglinge von ihrem Lager ausstanden, in den Garten gingen und sich geraume Zeit damit ergötzten, langsamen Schrittes auf dem thauigen Grase umherzuwandeln und sich schöne Kranze zu winden. Und wie sie am vergangenen Tage gethan hatten, so thaten sie auch heute; sie aßen noch in der Kühle zu Mittag und legten sich nach ein paar Tänzen zur Ruhe. Von dieser erhoben sie sich in der vierten Nachmittagsstunde, kamen, dem Willen ihrer Königin gemäß, auf dem grünen Rasenplatze zusammen und setzten sich um sie her. Die Schönheit ihrer Gestalt und die Anmuth ihrer Züge wurden durch den Lorbeerkranz, mit dem sie gekrönt war, noch gehoben; so schwieg sie einen Augenblick, faßte die ganze Gesellschaft ins Auge und hieß alsdann der Neiphile, die ferneren Erzählungen mit der ihrigen zu eröffnen. Diese wich dem Anträge nicht aus und begann mit heiterer Stimme also zu reden: Martellino und der heil. Heinrich. 85 Erste Geschichte. Martellino stellt sich lahm und gibt vor, Lurch den Körper des heiligen Heinrich geheilt zu werden. Sein Betrug wird entdeckt; er wird geschlagen und eingekcrkert, und ist in Gefahr gehangen zu werden; endlich aber kommt er los. (§chon öfters, Ihr lieben Mädchen, hat es sich zugetra- gm, daß, wer über Andere, besonders aber über sehr würdige Gegenstände spotten wollte, am Ende den Spott und zuweilen auch den Schaden für sich allein behielt. Um den Befehlen der Königin zu gehorchen und durch meine Geschichte die Lösung unserer Aufgabe zu beginnen, denke ich nun als Beispiel davon Euch zu erzählen, was sich mit einem unserer Landsleute anfangs Unglückliches begab, und wie es dann noch über sein Erwarten glücklich ablief. Es ist noch nicht lange Zeit her, daß in Treviso ein Deutscher, Namens Heinrich, lebte, der in seiner Armuth einem Jeden, der ihn darum ansprach, für Geld als Lastträger diente, aber demungeachtet bei Allen für einen Menschen von frommem und tadellosem Lebenswandel galt. Demzufolge geschah es, daß, wie die Trevisaner berichten, mag es übrigens wahr sein oder nicht, in der Stunde seines Todes alle Glocken in der großen Kirche von Treviso, ohne von Jemand angszogen zu werden, zu lauten ansingen. Allgemein galt dies für ein Wunder, Heinrich wurde ein Heiliger genannt, das Volk strömte aus der ganzen Stadt nach dem Hause, wo seine Leiche lag, und trug sie gleich einem heiligen Leichnam in die Domkirche. Lahme, Hinkende, Blinde und andere Kranke, an welchem 86 Zweiter Tag. Erste Geschichte. Uebel oder Gebrechen sie immer leiden mochten, wurden herbeigeführt, um durch die Berührung dieses Körpers wieder gesund zu werden. Es traf sich, daß gerade wahrend dieser Aufregung und dieses Zusammenlaufes drei unserer Landsleute in Treviso anlangten. Der eine hieß Stecchi, der andere Martellino und der dritte Marchese, Leute, welche die Höfe großer Herren besuchten und durch ihr Talent, Gesichter zu schneiden und jedem Menschen tauschend nachzumachen, die Zuschauer ergötzten. Sie waren noch nie in Treviso gewesen und wunderten sich, die ganze Stadt in Bewegung zu sehn. Als man ihnen die Veranlassung mittheilte, bekamen sie Lust, sich das Alles selber anzusehen, und nachdem sie ihre Sachen im Wirthshause abgelegt hatten, sagte Marchese: „Wir wollen doch hingehn und uns den Heiligen ansehn; ich für mein Theil begreife aber noch nicht, wie wir durchkommen wollen; denn, wie ich gehört habe, steht der Platz voller Deutschen und anderem bewaffneten Volke, die der Herr, dem diese Stadt gehört, um Unruhen zu vermeiden, dort aufgestellt hat; überdies ist, wie man sagt, die Kirche so voller Leute, daß beinahe kein Mensch mehr hinein kann." Martellino, der ebenfalls Lust hatte, die Sache mit anzusehn, sagte darauf: „Das soll uns nicht hindern; ich will schon ein Mittel finden, bis an die Leiche zu kommen." „Und wie das?" entgegnete Marchese. „Gib Acht," sagte Martellino, „ich stelle mich, als wäre ich gelahmt; Du von der einen, und Stecchi von der andern Seite, Ihr unterstützt mich, als ob ich nicht allein gehen könnte, und gebt zu erkennen, daß Ihr mich dorthin führen wollt, damit der Heilige mich wieder gesund mache. Auf diese Weise wird uns Keiner sehen, ohne uns Platz zu machen und uns willig durchzulassen." Dem Marchese und dem Stecchi gefiel dieser Plan, und so verließen sie ungesäumt das Gasthaus und begaben sich selbdritt an einen abgelegenen Ort, wo Martellino sich Hände, Finger, Arme und Beine und Martellino und der heil. Heinrich. 87 überdieß noch den Mund, die Augen und das ganze Gesicht solchergestalt verrenkte, daß es greulich anzusehn war, und daß ihn Niemand erblicken konnte, ohne zu behaupten, er sei wirklich am ganzen Leibe verkrüppelt und gelahmt. Mit dem so Entstellten gingen Marchese und Stecchi, die ihn unterstützten, in großer anscheinender Frömmigkeit nach der Kirche zu und baten ganz demüthig einen Jeden, der ihren Weg hinderte, um Gottes Willen ihnen Platz zu machen. Gern willfahrte man ihnen, und da sie Aller Augen auf sich zogen, und fast überall „macht Platz, macht Platz" gerufen wurde, gelangten sie in kurzem dahin, wo der Körper des heil. Heinrich lag. Sogleich nahmen einige Edelleute, die hier Wache standen, den Mar- tellino und legten ihn auf die heilige Leiche, damit er durch sie die Gnade der Gesundheit erlangen sollte. Alles Volk war aufmerksam, was mit ihm geschehen würde, und Martellino, der sich auf dergleichen trefflich verstand, stellte sich nach einer kleinen Weile erst, als ob ein Finger ihm wieder gerade würde, dann streckte er die Hand, dann den Arm aus, und zuletzt wurde der ganze Körper wieder gerade. Wie das Volk dies geschehen sah, brach es zum Lobe des heiligen Heinrich in solchen Lärm aus, daß man keinen Donner gehört haben würde. Nun traf es sich aber, daß ein Florentiner ganz in der Nahe stand, der den Martellino recht gut kannte, doch seine Züge in der Entstellung, wie er hergeführt war, nicht herausgefunden hatte. Wie dieser ihn wieder gerade sah, erkannte er ihn sogleich, sing bei sich zu lachen an und sagte: „Nun den soll doch der Kukuk! hatte nicht Jeder, der ihn kommen sah, schwören müssen, er sei wirklich ganz verkrüppelt?" Diese Worte hörten einige Trevisaner und fragten sogleich: „Wie, der wäre kein Krüppel gewesen?" „Gott behüte," sagte der Florentiner, der war immer so gerade, wie einer von uns; wie Ihr aber Gelegenheit gehabt habt, zu sehen, versteht er sich auf solche Narrheiten, 88 Zweiter Tag. Erste Geschichte. sich zu verstellen, wie mcm's nur haben will, besser denn Einer." Ais die Trevisaner das gehört hatten, war nichts weiter nöthig. Sie drängten sich mit Gewalt durch und riefen laut: „Haltet den Verräther fest, der Gott und Seine Heiligen verspottet und, ohne lahm zu sein, um uns und unserem Heiligen einen Possen zu spielen, hergekommen ist, als war' er lahm." Bei diesen Worten kriegten sie ihn zu packen, zogen ihn bei den Haaren-von der Stelle, wo er gelegen hatte, herunter, rissen ihm die Kleider vom Leibe und singen an, ihn mit Fausten zu schlagen und mit Füßen zu treten, und Keiner glaubte ein ordentlicher Kerl zu sein, der nicht mit geholfen hatte. Martellino schrie um Gottes willen um Gnade und wehrte sich so gut er konnte; das half aber alles nichts; der Haufen kam ihm immer arger auf den Leib. Als Marchese und Stecchi dies sahen, sagten sie sich wohl, wie schlimm die Sache stehe, und wagten, aus Furcht für sich selber, nicht, ihm beizustehn, sondern verlangten, wie die Uebrigen, laut seinen Tod, obgleich sie im Stillen auf ein Mittel sannen, ihn aus den Händen des Volkes zu ziehen, das ohne den Ausweg, den Marchese schnell ergriff, ihn sicher umgebracht haben würde. Da nämlich die ganze Truppe der Stadtobrigkeit dort eben zur Stelle war, suchte Marchese, so schnell er konnte, Den auf, der ihnen im Namen des Podesta Vorstand, und sagte: „Um Gottes Willen, helft mir, hier ist ein Spitzbube, der mir einen Geldbeutel mit wol hundert Goldgulden abgenommen hat. Ich bitte Euch, nehmt ihn fest, damit ich wieder zu meinem Gelds komme." So wie sie das gehört hatten, liefen sogleich ein Dutzend Lanzenknechte dahin, wo der unglückliche Martellino ohne Kamm gezaust wurde, und entrissen ihn zerschlagen und zerstoßen dem Haufen, den sie mit der größten Mühe von der Welt durchbrochen hatten, und führten ihn auf das Stadthaus. Viele von Denen, die sich von ihm beschimpft glaubten, 89 Martellino und der Herl. Heinrich. gingen mit, und, wie sie hörten, daß er als Beutelschneider gefangen sei, sagten sie, in der Meinung, keinen bessern Grund finden zu können, um ihm ein schlimmes Ende zu bereiten, alle miteinander, er habe auch ihnen ihr Geld abgenommen. Als der Richter des Podestä, der ein gestrenger Mann war, diese Beschuldigungen vernahm, führte er ihn sogleich bei Seite und sing ihn über Jene zu befragen an. Martellino aber antwortete mit Spaßen, als ob er die Verhaftung für nichts achtete. Darüber erzürnt, ließ der Richter ihn auf das Seil spannen und, um ihn zum Geständ- niß zu bringen, und nachher hangen lassen zu können, ein paar Mal recht tüchtig anziehen. Als Martellino wieder zu Boden gelassen ward, und der Richter ihn fragte, ob, was Jene wider ihn vorbrächten, wahr sei, antwortete er, da ihm das Leugnen doch nichts half: „Herr, ich bin bereit, die Wahrheit zu gestehn; laßt Euch aber von einem Jeden, der mich beschuldigt, angeben, wann und wo ich ihm sein Geld genommen habe, dann werde ich Euch sagen, was ich gethan habe und was nicht." „Gut," erwiderte der Richter, „ich bin's zufrieden." Nun ließ er Einige rufen. Der Eine versicherte, Martellino habe ihm vor acht Tagen den Geldbeutel gestohlen, ein Andrer vor sechs, ein Andrer vor vier Tagen, und wieder ein Andrer an jenem Tage selbst. Wie Martellino dies vernahm, sagte er, „Herr, nun seht, daß sie alle in ihren Hals hinein lügen! Daß ich aber die Wahrheit sage, wird Euch durchaus einleuchten, daß ich bis vor ein paar Stunden eben so wenig jemals hier war, als ich in meinem Leben diese Stadt gesehen zu haben wünschte. Kaum angekommen, ging ich zu meinem Unglück, mir den heiligen Leichnam anzusehen; und bei der Gelegenheit bin ich so gezaust worden, wie Ihr mir es noch werdet ansehen können. Daß es sich wirklich so verhalte, werden Euch der Beamte, bei dem die Anmeldungen gemacht werden, das Fremdenbuch und mein Wirth bezeugen können. Findet Ihr nun, daß ich Euch die Wahrheit gesagt habe, so bitte ich Euch, mich nicht nach dem Verlangen dieser Bösewichter zu martern und hinzurichten." - Wahrend Martellino's Angelegenheiten also standen, hatten Marchese und Stecchi bereits vernommen, daß der Richter des Podesta strenge gegen ihn verfahren sei und ihn auf das Seil habe spannen lassen. Darum wurde ihnen gar bange, und sie sagten zu einander: „Das haben wir übel angefangen, wir haben ihn aus der Pfanne geholt und in's Feuer geworfen." Und so liefen sie in großer Beforgniß umher und suchten ihren Wirth auf und erzählten ihm, wie Alles zugegangen sei. Der führte sie lachend zu einem gewissen Sandro Agolanti, der damals in Treviso wohnte und bei dem Herrn der Stadt viel galt. Als er diesem der Reihe nach Alles erzählt und ihn gemeinschaftlich mit Jenen gebeten hatte, sich des Martellino anzunehmen, ging Sandro unter vielem Lachen zu dem Herrn und brachte es dahin, daß nach dem Martellino geschickt wurde. Die herrschaftlichen Boten fanden ihn noch im Hemde, voller Furcht und Zittern, vor dem Richter stehn; denn dieser wollte nicht allein nichts zu seiner Entschuldigung hören, sondern, weil er, aus einem zufällig gegen die Florentiner gefaßten Widerwillen, auf das bestimmteste gesonnen war, ihn aufhängen zu lassen, weigerte er sich auch hartnäckig, ihn an den Herrn herauszugeben, bis er zuletzt wider seinen Willen dazu gezwungen ward. Als Martellino dem Herrn gegenüber stand, erzählte er ihm Alles nach der Ordnung und bat sich dann von ihm als höchste Gnade aus, daß er ihn gehen lasse; denn, bis er wieder in Florenz wäre, würde er noch immer den Strick an der Kehle zu fühlen glauben. Der Herr lachte über diese Begebenheit unmäßig und schenkte Jedem von ihnen einen Anzug; sie aber kehrten, aus so großer Gefahr unverhofft gerettet, heil und gesund in ihre Heimat wieder zurück. Zweite Geschichte. Rinaldo von Asti kommt von Räubern ansgeplündert nach Castel Guiglielmo, wo er von einer Witwe beherbergt und für seinen Unfall schadlos gehalten wird, und dann unversehrt nach Hause zurückkehrt. lieber die Schicksale des Martellino, wie Neiphile sie erzählt hatte, lachten die Mädchen unsäglich; unter den Männern aber am meisten Philostratus, dem die Königin, weil er der Neiphile zunächst saß, nun ihr nachzufolgen befahl. Er begann ohne die mindeste Zögerung: „Schöne Damen, eine Geschichte, zusammengesetzt aus Frömmigkeit, Unglück und Liebe, kommt mir eben in den Sinn und will erzählt sein. Sie mit angehört zu haben, wird kaum anders als dienlich sein können, am meisten aber für Die, welche in dem unsichern Reiche der Liebe reisen, wo, wer nicht das Vaterunser des heiligen Julianus gesprochen hat, wenn er auch ein gutes Bette bekommt, dennoch oft schlecht beherbergt ist. Zu der Zeit des Markgrafen Azzo von Ferrara nämlich war ein Kaufmann, Namens Rinaldo von Asti, seiner Geschäfte wegen nach Bologna gekommen und kehrte nun, nachdem er sie beendigt hatte, wieder heim. Da geschah es, daß er, gegen Verona reitend und kaum über Ferrara hinausgekommen, auf eine Anzahl Menschen traf, die ihm Kauflsute zu sein schienen, in der That aber Wegelagerer waren und ein ruchloses Leben führten. Er war unvorsichtig genug, im Gespräche mit ihnen sich an sie anzuschließen; sie aber beschlossen, als sie gewahr wur- 92 Zweiter Lag. Zweite Geschichte. den, er sei ein Kaufmann, in der Voraussetzung, daß er Geld bei sich haben werde, ihn bei der ersten Gelegenheit, die sie ersehen würden, auszuplündern. Zu dem Ende, und damit er keinerlei Verdacht schöpfen sollte, redeten sie mit ihm, wie gesittete Leute von guter Herkunft, nur von anständigen und ehrbaren Dingen und stellten sich, so viel sie nur wußten und konnten, gegen ihn freundlich und bescheiden. Rinaldo dagegen, der mit einem berittenen Diener allein reiste, schätzte es sich zum großen Glücke, sie gefunden zu haben. Wie es nun in den Gesprächen zu geschehen pflegt, so traf es sich, daß sie in der Unterhaltung, die sie während des Reitens führten, von einem Gegenstand auf den anderen verfielen und unter andern auch auf die Gebete zu reden kamen, mit denen sich die Menschen an Gott wenden. Da sagte einer der Wegelagerer, deren dreie waren, zu Rinaldo gewandt: „Und Ihr, werther Herr, was für ein Gebet pflegt denn Ihr unterwegs zu sagen?" „In der That," erwiderte Rinaldo, „ich bin in solchen Dingen einfältig und unerfahren, und weil ich nach alter Weise sachte fortlebe, habe ich nicht viel Gebete zur Hand und lasse den Groschen zwölf Pfennig gelten. Doch habe ich auf der Reise immer die Gewohnheit gehabt, des Morgens, wenn ich das Wirthshaus verlasse, ein Vaterunser und ein Avemaria für die Seele des Vaters und der Mutter des heiligen Julianus zu beten. Und dann bitte ich Gott und diesen Heiligen, mir für die nächste Nacht eine gute Herberge zu geben. Nun bin ich in meinem Leben schon oft genug unterwegs in großer Gefahr gewesen, bin aber immer noch glücklich davon gekommen und am Abend bei ordentlichen Leuten gut beherbergt worden; darum habe ich auch den festen Glauben, daß der heilige Julianus, dem zu Ehren ich jene Gebete spreche, mir diese Gnade von Gott ausgewirkt hat, und ich würde glauben, den Tag über eine schlechte Reise zu haben, und den Abend kein gutes Unterkommen zu finden, hätte ich sie einmal des Morgens nicht gebetet." Darauf sagte Der, welcher ihn gefragt hatte: „Habt Ihr denn auch heute Morgen dies Vaterunser gebetet?" „Gewiß," antwortete Rinaldo. Der Andre aber, der schon wußte, was im Werke war, sprach bei sich selber: „Du wirst's noch brauchen können, denn, wenn uns nichts dazwischen kommt, denke ich, sollst Du doch wol eine schlechte Herberge haben." Dann sagte er laut: „Ich bin doch auch schon viel herumgereist, und, obgleich ich's wol oftmals habe loben hören, habe ich es niemals gebetet; dennoch hat stch's noch nie geschickt, daß ich andere als gute Herberge gehabt hatte, und heute Abend werdet Ihr ja noch sehn, wer besser Herbergen wird, Ihr, da Ihr es gesagt habt, oder ich, da ich es nicht gethan habe. Freilich bediene ich mich statt dessen des ckirupisti oder des intemer^ta, oder auch des de prosnliclis, welche, wie meine Großmutter zu sagen pflegte, von ausnehmender Kraft sind." So sprachen sie im Weiterrciren von allerhand Dingen, und Jene warteten Ort und Zeit ab, um ihren ruchlosen Vorsatz auszuführen. Als es nun schon spat geworden und sie über San Guiglielmo hinaus eben durch einen Fluß zu setzen hatten, sielen die Drei, weil der Ort abgelegen und rings versteckt, auch die Nacht bereits hereingebrochen war, den Rinaldo an, plünderten ihn aus und sagten, als sie ihn zu Fuß und im Hemde zurückließen: „Nun geh und sieh zu, ob Dein heiliger Julianus Dir die Nacht eine gute Herberge geben wird. Unser Heiliger wird uns schon eine verschaffen." Damit setzten sie durch den Fluß und ritten weiter. Als Rinaldo's Diener seinen Herrn angreifen sah, hatte er aus Feigheit nicht allein Nichts gethan, um ihm beizustehn, sondern sogleich sein Pferd umgedreht und im schnellsten Laufe nicht eher angehalten, als bis er in San Guiglielmo angekommen war, wo er, ohne sich sonst um etwas zu bekümmern, da es schon spat war, ruhig einkehrte. Rinaldo, der inzwischen barfuß und im Hemde, wie er war, bei der großen 94 Zweiter Tag. Zweite Geschichte. Kalte und bei anhaltendem Schnee nicht wußte, was er machen sollte, sing, da die Nacht schon herangekommen war und er zitterte und mit den Zahnen klapperte, an, sich ringsumher nach einem Zufluchtsort umzusehn, wo er die Nacht zubringen könnte, ohne Frostes zu sterben. Da aber kurz vorher der Krieg in jenen Gegenden gehaust hatte, und Alles verbrannt worden war, fand er keinen und lief deshalb, von der Kalte getrieben, in vollem Trabe nach Castel San Guiglielmo, wo er, im Falle er nur noch in den Ort hinein könnte, durch Gottes Gnade Hülfe zu finden hoffte, ob ihm gleich unbekannt war, ob sein Diener sich dort, oder wo sonst hin geflüchtet habe. Doch die dunkle Nacht überfiel ihn bereits etwa eine Miglie weit von dem Orte, und, wie er hinkam, waren die Thore verschlossen, und die Zugbrücken aufgezogen. Trostlos und betrübt darüber sah er sich weinend nach einem Orte um, wo er sich, wenigstens, ohne beschneit zu werden, niedersetzen könnte, und zum Glücke fiel ihm ein Haus in die Augen, das über die Mauern des Fleckens ein wenig herausgebaut war, und er entschloß sich schnell, unter diesem Vorbau den Tag abzuwarcen. Dort fand er eine Thür, an deren Schwelle er, obgleich sie verschlossen war, sich auf einiges verdorbenes Stroh, das er in der Nähe zusammengelesen hatte, niedersehte, und sich bitterlich über den heiligen Julianus beklagte und meinte, das heiße dem Vertrauen, das er auf ihn gesetzt habe, schlecht entsprechen. Der heilige Julianus aber hatte ihn nicht vergessen und bereitete ihm schnell eine gute Herberge. In jenem Orte nämlich wohnte eine junge Witwe, von so schöner Gestalt, als nur irgend eine andre, die der Markgraf Azzo wie sein Leben liebte und auf ihren Wunsch hier unterhielt. Diese Witwe nun wohnte eben in jenem Hause, unter dessen Vorbau Rinaldo sich niedergeseht hatte, und zufälliger Weise war gerade den vorhergehenden Tag der Markgraf in der Absicht, die Nacht bei ihr zu schlafen, Das Gebet des heil. Julian. 95 dorthin gekommen und hatte sich auf den Abend ein Bad und eine treffliche Mahlzeit bestellt. Als indeß Alles schon bereitet war, und die Witwe nur noch auf die Ankunft des Markgrafen wartete, kam ein Diener an das Thor und brachte dem Markgrafen Nachrichten, um derentwillen er sogleich fortreiten mußte. So ließ er denn seiner Geliebten sagen, sie möge nicht auf ihn warten, und ritt weiter. Diese jedoch war damit ziemlich unzufrieden und entschloß sich endlich, da sie nichts Besseres zu thun wußte, selber in das für den Markgrafen bereitete Bad zu steir gen, dann zu Abend zu essen und schlafen zu gehn. Wirklich hatte sie das Erste bereits gethan. Dies Bad aber war ganz nahe an der Thür, an die sich Rinaldo außerhalb der Ringmauern anlehnte, und so konnte denn unsre Witwe von dort aus das Weinen und Beben des Rinaldo, der mit den Zähnen klapperte, wie ein Storch, genau vernehmen. Sie rief deshalb ihre Dienerin und sagte ihr: „Geh hinauf und sieh einmal nach, wer außerhalb der Mauer an unsrer Thürschwelle ist, und was er da macht." Die Magd ging hin und sah bei der -Helle, die der Schnee verbreitete, den Rinaldo barfuß und im Hemde, und, wie schon erwähnt, am ganzen Leibe zitternd, unten sitzen. Auf die Frage, wer er sei, antwortete dieser unter solchem Beben, daß er kaum die Worte Vorbringen konnte, und fügte, so kurz als er konnte, hinzu, wie und weshalb er hierher gekommen sei; dann aber bat er sie flehentlich, wenn es möglich wäre, möchte sie ihn nicht vor Frost die Nacht über dort umkommen lassen. Seine Erzählung erbarmte das Mädchen, und sie berichtete Alles ihrer Frau, zu der sie zurückkehrte. Auch diese fühlte Mitleiden, und, da sie sich entsann, daß sie den Schlüssel der Thür habe, die zu Zeiten gedient hatte, den Markgrafen heimlich einzulassen, sagte sie: „Geh und mach ihm sachte auf. Das Abendessen steht ohnehin da, daß wir nicht damit fertig werden können, auch haben wir ja Platz genug, um ihn zu beherbergen." Die Dienerin lobte die mitleidige Gesinnung ihrer Gebieterin gar sehr, ging und machte ihm auf und führte ihn zu der Witwe herein. Als diese sah, wie er fast erfroren war, sagte sie ihm: „Guter Freund, steige in dies Bad, weil es noch warm ist." Rinaldo ließ sich das nicht zwei Mal sagen, und fühlte sich durch die Warme des Bades so gestärkt, daß er vom Tode zum Leben gekehrt zu sein glaubte. Inzwischen ließ ihm die Witwe die Kleider zurechtlegen, die ihr Mann kurz vor seinem Tode getragen hatte, und, wie er sie sich anzog, paßten sie ihm, als waren sie auf seinen Leib gemacht. Wahrend er nun erwartete, was die Frau ihm befehlen werde, dankte er Gott und dem heiligen Julianus, daß sie ihm eine so schlimme Nacht, wie er sie gefürchtet, erspart und ihm ein so gutes Unterkommen, als dies zu sein schien, zugeführt hatten. Nachdem die Witwe eine Weile geruht, ging sie in einen Saal, wo sie ein großes Feuer hatte anzünden lassen, und fragte, wie cs mit dem fremden Manne gehe. „Madonna," antwortete die Dienerin, „er hat sich jetzt angezogen und ist ein hübscher Mann, und, wie es scheint, gar ordentlich und wohlerzogen." „Geh denn," erwiderte die Witwe, „ruf ihn und sag ihm, er solle sich am Feuer zu warmen kommen, und dann wird er zu Abend essen, denn ich weiß ja, daß er noch nicht gegessen hat." Als Rinaldo in den Saal eintrat und seine Wirthin sah, wurde er wohl gewahr, daß sie eine Frau von Stande sei, und so grüßte er sie ehrerbietig und dankte ihr für die erwiesene Wohlthat so sehr, als er es nur immer vermochte. Der Witwe aber schien er seinem Aussehn und seinen Worten nach ganz Dem zu entsprechen, was ihre Dienerin von ihm gesagt hatte, und so empfing sie ihn freundlich, hieß ihn sich vertraulich neben sie ans Feuer setzen und befragte ihn wegen des Unfalls, der ihn yer- gesührt hatte. Jener erzählte ihr Alles der Reihe nach, und, da die Witwe von Rinaldo's Diener gehört hatte, als er im Orte angekommen war, maß sie seinen Worten Das Gebet des heil. Julian. 97 vollkommenen Glauben bei, und sagte ihm, was sie in Betreff seines Dieners wußte, und wie er diesen am andern Morgen leicht werde wiedersinden können. Während der Zeit war angerichtet worden, und, nachdem sich Beide die Hände gewaschen hatten, setzte sich Rinaldo, auf der Dame Geheiß, mit ihr zu Tische. Er war groß und wohlgewachsen, von schönen und wohlgefälligen Gesichtszügen, von artigen und einnehmenden Sitten und in seinen besten Jahren. In unserer Witwe aber war, in der Meinung, daß der Markgraf die Nacht bei ihr zubringen sollte, das Begehrungsvermögen bereits erwacht, und so heftete sie denn oft die Augen auf Rinaldo, fand besonderes Behagen, ihn anzuschauen, und sah es endlich förmlich auf ihn ab. Demzufolge beriech sie sich nach dem Abendessen mit ihrer Dienerin, ob sie nicht, da der Markgraf sie angeführt habe, sich die Gelegenheit zu Nutze machen solle, die das Glück ihr zugesandt habe. Die Dienerin, welche wohl merkte, wie große Lust ihre Gebieterin habe, ermunterte sie nach Kräften, dieser nachzugeben. So kehrte dis Dame denn zurück zum Feuer, wo sie den Rinaldo gelassen, sah ihn mit verliebten Augen an und sagte: „Nun, Rinaldo, warum so nachdenklich? Sind denn das Pferd und die paar Kleidungsstücke, die Ihr eingebüßt habt, so unersetzlich? Gebt Euch zufrieden, seid munter und denket, Ihr seid zu Hause. Ja, ich könnte Euch noch mehr sagen: in den Kleidern, die Ihr da anhabt, und die meinem verstorbenen Manne angehörten, kommt Ihr mir vor, wie er selber, und mich hat heute Abend wol hundert Mal die Lust angewandelt, Euch um den Hals zu fallen und Euch zu küssen; und, wahrhaftig, hätte ich nicht gefürchtet, Euch lästig zu fallen, so hatte ich's auch gethan." Als Rinaldo, der nicht auf den Kopf gefallen war, diese Worte hörte und sah, wie die Augen der jungen Witwe blitzten, ging er mit offenen Armen auf sie zu und sagte: „Madonna, wenn ich, in Erinnerung an den Zustand, aus dem Ihr mich befreien ließet, Dekameron. l. 5 98 Zweiter Lag. Zweite Geschichte. Euch in alle Zukunft mein Leben werde zu danken haben, so wäre cs wol sehr undankbar, wollte ich nicht Alles zu thun mich bestreben, was Euch genehm sein kann. Folgt also immerhin Eurer Lust, mich zu umarmen und zu küssen; denn, was mich betrifft, so werde ich Euch wahrhaftig gerne umarmen und gerne küssen." Weiter bedurfte es keiner Worte. Die Witwe, die vor liebevollem Verlangen ganz entbrannt war, warf sich augenblicklich in seine Arme, und, nachdem sie ihn wol tausend Mal gedrückt und geküßt hatte und eben so oft von ihm geküßt worden war, standen sie miteinander auf- und gingen in die Kammer, wo sie sich, ohne zu verweilen, niederlegten und, bevor der Morgen anbrach, ihren Wünschen volle und öfters wiederholte Befriedigung gewahrten. Als jedoch das Morgenroth zu dämmern ansing, erhoben sie sich auf den Wunsch der Witwe von ihrem Lager, und, damit Niemand erreichen könne, was geschehen sei, gab sie ihm einige schlechte Kleidungsstücke zum Anziehen, füllte ihm den Beutel mit Geld und ließ ihn, mit der Bitte, das Geschehene zu verschweigen, nachdem sie ihm vorher gezeigt hatte, welchen Weg er ein schlagen solle, um seinen Diener wiederzusinden, zu derselben kleinen Thür hinaus, durch welche er hereingekommen war. Sobald es Heller Tag geworden und die Thore geöffnet worden waren, ging er, als ob er von weither käme, in den Ort hinein und suchte seinen Diener auf. Wie er sich nun- wieder mit seinen Sachen, die in dem Mantelsacke geblieben waren, bekleidet hatte und eben auf das Pferd des Dieners steigen wollte, geschah es, wie durch ein göttliches Wunder, daß die drei Wegelagerer, die ihn am Abend vorher ausgeplündert hatten und wegen eines andern von ihnen begangenen Verbrechens bald darauf gefangen waren, in eben jenen Ort eingebracht wurden. So erhielt er denn in Folge ihres eigenen Geständnisses sein Pferd, seine Kleidungsstücke und sein Geld wieder, und er büßte nichts ein, als ein paar Kniebänder, von denen die Räuber nicht wußten, was sie damit gemacht hatten. Voller Dank gegen Gott und den heiligen Julian stieg Ninaldo zu Pferde und kam heil und gesund zu Hause an; die drei Wegelagerer aber gaben schon am andern Tage den Winden Fußtritte. Dritte Geschichte. Drei Zünglinge bringen das Ihrige durch und verarmen. Ein Neffe von ihnen kehrt hoffnungslos nach Hause zurück und trifft unterwegs mit einem Abte zusammen. Dieser entdeckt sich als Tochter des Königs von England, heirathet ihn und macht seine Ohme durch Ersatz des Verlorenen wieder wohlhabend. §)ie Schicksale des Rinaldo von Asti waren von den Mädchen mit Verwunderung angehört worden; sie lobten seine Frömmigkeit und dankten Gott und dem heiligen Julianus, daß sie in seiner größten Nolh seiner sich angenommen hatten. Doch hielten sie deshalb die Witwe, wenngleich sie darüber nur verstohlen sich äußerten, kci- neswcges für thöricht, daß sie das Glück, welches ihr Gott ins Haus gesandt, so gut zu benutzen gewußt hatte. Während noch über die angenehme Nacht, welche ihr zu Theil geworden, gesprochen und gelacht ward, sing Pam- pinea, die, als nächste Nachbarin des Philostratus, vor- aussehte, daß die Reihe sie treffen werde, wie dies auch wirklich der Fall war, bei sich selber an, darüber nachzudenken, was sie reden wollte, und sagte alsdann, nach dem Geheiße der Königin, unbefangen und fröhlich: „Je mehr man über die wechselnden Begebenheiten des Glückes redet, desto mehr bleibt dem Aufmerksamen darüber zu sagen, und daß sich dies also verhalte, wird Niemanden 5 * 100 Zweiter Tag. Dritte Geschichte. verwundern können, der vernünftig berücksichtigt, wie alle die Gegenstände, die wir thörichter Weise unser nennen, in des Glückes Händen liegen und demzufolge von ihm, nach seinem verborgenen Rathschlusse, ohne einigen Stillstand und ohne daß wir das regende Gesetz zu erkennen wüßten, von Einem auf den Andern übertragen werden. Ob sich dies nun gleich uns überall und alltäglich auf das eindringlichste offenbart und auch durch einige der vorigen Geschichten belegt worden ist, werde ich doch, weil nach dem Gefallen der Königin über diesen Gegenstand gesprochen werden soll, vielleicht nicht ohne Nutzen der Hörenden eine Geschichte zu den früheren hinzufügen, die, wie ich hoffe, Beifall finden wird. Es war in unserer Stadt vor Zeiten ein Edelmann, der den Namen Herr Tedaldo führte und, wie Einige vorgeben, zu der Familie der Lamberti, nach der Behauptung Andrer aber zu der der Agolanti gehörte, obgleich die letzte Meinung wol mehr durch das Geschäft, das seine Söhne später betrieben und das bei den Agolanti immer einheimisch war und ist, als durch einen andern Grund veranlaßt ist. Doch ich lasse es dahin gestellt, zu welcher von beiden Familien er gehörte, und sage nur, daß er zu seiner Zeit einer der reichsten Edelleute war, und daß er drei Söhne hatte, von denen der erste Lamberto, der zweite Tedaldo und der dritte Agolante hieß, die bereits zu hübschen und ritterlichen Jünglingen herangewachsen waren, wiewol der älteste noch nicht sein achtzehntes Jahr erreicht hatte, als der reiche Herr Tedaldo starb und ihnen, als seinen rechtmäßigen Erben, seine ganze liegende und fahrende Habe hinterließ. Wie diese sich an baarem Gelbe und an Besitzungen so reich sahen, fingen sie, nur von ihrer eigenen Lust geleitet, an, ihr Geld ohne Maß und Schranken zu verthun, hielten sich große Dienerschaft und auserlesene Pferde, Hunde und Falken, gaben fortwährend öffentliche Bankette, theilten Geschenke aus, hielten Waffenspiele und thaten mit einem Worte, nicht Alessandro und der Lbt- 10t sowol was für Edelleute sich geziemt, sondern was zu thun ihnen in ihren jugendlichen Sinn kam. Dies Leben hatten sie noch nicht lange geführt, als der von ihrem Vater ihnen hinterlassene Schatz sich zu vermindern ansing und sie genöthigt waren, um den begonnenen Aufwand, zu dem die bloßen Einkünfte nicht mehr genügten, sortführen zu können, ihre Besitzungen theilweise zu verkaufen und zu verpfänden. So büßten sie heute die eine und morgen die andre ein, und wurden es kaum eher gewahr, als bis ihnen fast gar nichts mehr übrig geblieben war; da öffnete die Armuth ihre Augen, welche der Reichthum verschlossen hatte. Lamberto rief eines Tages die beiden andern zu sich, erinnerte sie, welch ein ehrenvolles Leben ihr Vater und nachher sie selber geführt hatten, wie ausgedehnt ihr Reichthum gewesen sei; dann schilderte er ihnen die Armuth, in die sie durch ihren ungeregelten Aufwand sich gestürzt, und ermahnte sie so nachdrücklich als er konnte, bevor ihre Dürftigkeit noch offenkundiger würde, gemeinschaftlich mit. ihm das Wenige, das ihnen geblieben war, zu verkaufen und in die Fremde zu gehen. - Und so thaten sie denn auch wirklich; sie verließen Florenz, ohne von Jemand Urlaub zu nehmen, in aller Stille und ruhten nicht eher, als bis sie in England waren. Hier mietheten sie sich in London ein kleines Häuschen und singen, bei der größten Sparsamkeit in ihren Ausgaben, auf argen Wucher Geld zu leihen an, wobei ihnen das Glück so günstig war, daß sie in wenig Jahren sich ein großes Vermögen erübrigten. Darauf reiste bald der Eine, bald der Andre von ihnen nach Florenz zurück; sie brachten ihre ehemaligen Besitzungen zum großem Theile wieder an sich, kauften noch viele andere dazu und verheiratheten sich in ihrer Heimat. Da sie aber immer noch fortfuhren in England zu wuchern, schickten sie einen Neffen von ihnen, Namens Alessandro, dorthin, um ihre Geschäfte zu besorgen. 102 Zweiter Tag. Dritte Geschichte. Sie selber blieben in Florenz und singen, des Zustandes uneingedenk, in welchen sie früher ihr übertriebener Aufwand gestürzt hatte, und obgleich sie jetzt für Frau und Kinder mit zu sorgen hatten, verschwenderischer als je zu leben an, sodaß alle Kaufleute die größte Meinung von ihnen hegten und ihnen jede beliebige Summe anvertraut hatten. Einige Jahre lang half ihnen das Geld, welches Alessandro ihnen schickte, solchen Aufwand zu bestreiten; denn dieser borgte seit einiger Zeit vielen Edelleuten aus ihre Burgen und sonstigen Einkünfte und machte dabei die vortheilhaftesten Geschäfte. Wahrend jedoch die drei Brüder auf solche Weise verschwendeten und, wenn es ihnen an Gelde fehlte, in der festen Hoffnung auf die Sendungen aus England welches aufnahmen, geschah es, daß ln England, was kein Mensch vermuthet hatte, ein Krieg zwischen dem Könige und' einem seiner Söhne ausbrach, der die ganze Insel in zwei Parteien theille, indem die eine es mit dem Vater, und die andre mit dem Sohne hielt. Durch diesen Krieg wurden denn auch dem Alessandro alle Burgen der Barone, dis ihm verpfändet waren, entrissen, und keine der andern Einkünfte gewährte ihm bessere Sicherheit. Da man jedoch von einem Tage zum andern auf den Frieden zwischen Vater und Sohn hoffte, in Folge dessen auch dem Alessandro Alles, sowol Zinsen als Capital, hätte wieder erstattet werden müssen, verließ dieser die Insel nicht, und die drei Brüder, die in Florenz wohnten und ihren großen Aufwand in nichts beschränkten, borgten täglich mehr Geld aus. Als indeß die gehegten Hoffnungen im Verlauf mehrerer Jahre keinen Erfolg hatten, verloren die drei Brüder nicht allein ihren Credit, sondern sie wurden auch auf Verlangen ihrer Gläubiger, die bezahlt sein wollten, gefangen gesetzt und mußten, da ihre Besitzungen nicht genügten, um die Schulden zu decken, wegen des Ueber- restes im Gefängnisse bleiben. Ihre Frauen aber und ihre kleinen Kinder suchten theils auf den Dörfern, theils hier Alessandro und der Abt. 103 und dort, in gar dürftigen Umständen, ihr Unterkommen, ohne für die Zukunft etwas Anderes als Nolh und Elend erwarten zu können. Alessandro hatte inzwischen in England mehrere Jahre lang vergebens auf den Frieden gewartet; als er aber noch immer keine Aussicht dazu sah und sein längeres Verweilen ihm nicht minder lebensgefährlich als unnütz zu sein schien, entschloß er sich, nach Italien zurückzukehren, und machte sich ganz allein auf den Weg. Da traf es sich nun, daß grade zugleich mit ihm ein weißgekleideter Abt von Brüssel abreiste, dem viele Mönche Gesellschaft leisteten und zahlreiche Dienerschaft mit Saumrossen voranzog. Diesen folgten zwei Edelleute von altem und dem Könige verwandtem Stamme, zu denen Alessandro sich, als zu früheren Bekannten, gesellte und willig von ihnen ausgenommen ward. Im Weiterreiten fragte sie Alessandro mit geziemender Bescheidenheit, wer die Mönche wären, die mit so vieler Dienerschaft vorausritten, und wohin sie reisten. „Der Vorderste," erwiderte einer der beiden Edelleute, „ist ein junger Vetter von uns, der kürzlich zum Abte einer der größten Abteien von England erwählt worden ist. Weil er aber jünger ist, als die Gesetze Denen gestatten, welche diese Würde erlangen wollen, gehn wir jetzt mit ihm nach Rom, um den heiligen Vater zu bitten, daß er ihn wegen seines ungenügenden Alters dispensire und dann in seiner Würde bestätige; doch darf davon noch nicht geredet werden." Unterwegs ritt der junge Abt bald vor und bald hinter seiner Dienerschaft, wie wir das täglich geschehn sehn, wenn große Herren über Land reisen, und so bemerkte er denn auch einmal den Alessandro, der zufällig in seine Nähe gekommen war. Alessandro war ein junger Mann von schönem Wüchse und einnehmenden Gesichtszügen und so wohlgesittet und unterhaltend, als man es nur sein kann. In der That gefiel er dem Abte im ersten Augenblicke auf eine so erstaunliche Weise, als ihm nie zuvor etwas Anderes gefal- i 104 Zweiter Tag. Dritte Geschichte. len hatte, und er rief ihn zu sich und fing freundlich mit ihm zu reden an, und fragte ihn, wer er wäre, wohin er käme und wohin er ginge. Alessandro gab ihm auf seine Fragen volle Auskunft, eröffnete ihm unverholen seine ganze Lage und erbot sich, so gering auch seine Kräfte seien, zu jedem Dienste. Wie der Abt diese verständige und wohlgesetzte Antwort hörte, wie er Alessandro's feine Bildung im Einzelnen genauer beobachtete und bei sich selber erwog, daß jener, ungeachtet seines widrigen Geschäftes, dennoch ein Edelmann sei, wurde sein Wohlgefallen an ihm immer lebhafter. Voller Mitleiden mit seinen Unglücksfallen ermunterte er ihn zutraulich und hieß ihm, gute Hoffnung hegen; denn, wenn er nur ein wackrer Mann sei, werde Gott ihn noch an dieselbe Stelle, von der er ihn verstoßen habe, und auch noch höher setzen. Uebrigens bat er ihn, da seine Reise nach Toscana gerichtet sei, und auch er ein gleiches Ziel habe, ihm unterwegs Gesellschaft zu leisten. Alessandro dankte ihm für so freundlichen Zuspruch und erklärte, zu Allem bereit zu sein, was jener ihm befehlen würde. Von neuen Empfindungen innerlich bewegt, setzte der Abt seine Reise weiter fort, und nach einigen Tagen langte die Gesellschaft in einem Dorfe an, das mit Wirthshäu- sern gar spärlich versehen war. Da jedoch der Abt eben hier einkehren wollte, ließ ihn Alessandro in dem Hause eines Wirthes absteigen, mit dem er von früherer Zeit her befreundet war, und sorgte dafür, daß ihm ein Zimmer zubereitet wurde, das unter allen im Hause noch am mindesten unbequem gelegen war. Alessandro war ohnehin eine Art von Haushofmeister des Abtes geworden, und in dieser Eigenschaft brachte er das übrige Gefolge, so gut er konnte, in den benachbarten Häusern, in denen er wohl bekannt war, unter. Als nun der Abt zu Abend gegessen, und es schon so spät in der Nacht geworden war, daß alle Leute sich niedergelegt hatten, fragte Alessandro den Wirth, wo er selber schlafen könne. „Das weiß ich wirk- Alessandro und der Abt- 105 lich nicht," antwortete der Wirth, „Du siehst, Alles ist besetzt, und kannst Dich überzeugen, daß meine Leute auf den Banken schlafen müssen. In der Stube des Abtes waren freilich noch einige Kornladen; da könnte ich Dich hinführen und ein paar Betten drauf legen, und, wenn's Dir recht wäre, könntest Du die Nacht, so gut es gehen will, darauf schlafen." Alessandro entgegnete: „Wie soll ich jetzt noch in des Abtes Stube gehn, die überdies so klein ist, daß keiner seiner Mönche darin hat schlafen können? Hätt' ich's gewußt, ehe die Vorhänge zugezogen wurden, so hätt' ich auf den Kornkasten ein paar Mönche schlafen lassen und wäre selber dahingegangen, wo die jetzt sind." Darauf sagte der Wirth: „Es ist doch nun aber einmal so, und Du findest dort, wenn Du willst, das beste Lager von der Welt. Der Abt schläft, und die Vorhänge find zugezogen; ich bringe Dir in aller Stille ein Kissen, und Du schläfst da." Wie Alessandro sah, daß die Sache sich thun lasse, ohne dem Abte beschwerlich zu fallen, willigte er ein und legte sich, so leise als möglich, zurecht. Der Abt aber schlief noch nicht, sondern hing seinem neuerregten Verlangen leidenschaftlich nach und hatte Alles gehört, was Alessandro und der Wirth miteinander gesprochen und wo jener sich niedergelegt hatte. In seinem Innern darüber hocherfreut, sagte er bei sich selbst: „Gott hat mir Gelegenheit zur Erfüllung meiner Wünsche gegeben. Wenn ich sie vorübergehen lasse, wird auf lange Zeit so leicht keine ähnliche wieder kommen." Entschlossen also sie zu nützen, rief er, sobald ihm Alles im Hause still zu sein schien, den Alessandro mit' leiser Stimme und hieß ihm, sich zu ihm in's Bette legen. Alessandro widerstrebte anfangs, dann aber entkleidete er sich und legte sich nieder. Sogleich schlang der Abt seinen Arm um ihn und umfaßte ihn auf die Weise, wie liebende Mädchen es ihren Geliebten zu thun pflegen- Alessandro war darüber nicht wenig erstaunt und dachte, der 106 Zweiter Tag. Dritte Geschichte. Abt umarme ihn auf solche Weise von schändlicher Liebe getrieben. Dieser errieth indes, entweder aus dem Benehmen des Alefsandro, oder aus eigener Bermuthung sogleich den Verdacht des Letzteren, zog sich deshalb augenblicklich das Hemde aus, das er noch anhatte, ergriff die Hand des jungen Mannes, legte sie auf seine Brust und sagte: „Alefsandro, verbanne Deinen thörichten Wahn und erkenne hier, was ich bisher verbarg." Alessandro's Hand hatte inzwischen auf der Brust des Abtes zwei runde, feste und zarte Hügel entdeckt, die sich nicht anders anfühlen ließen, als seien sie von Elfenbein, und kaum hatte er diese gefunden und sogleich erkannt, sie sei ein Mädchen, so hatte er auch, ohne weitere Aufforderung abzuwarten, sie in den Arm genommen und wollte sie schon zu küssen anfangen, als sie ihn mit folgenden Worten unterbrach: „Ehe Du mir näher kommst, höre erst, was ich Dir sagen will. Ich bin, wie Du Dich überzeugt haben wirst, ein Weib und kein Mann; als Jungfrau habe ich meine Heimat verlassen und reiste in der Absicht zum Papst, daß er mich verheirathen sollte. Zu Deinem Glücke, oder vielleicht zu meinem Unstern bin ich vor einigen Tagen, als ich Dich zum ersten Male sah, in solcher Liebe zu Dir entbrannt, daß nie ein Weib heftiger einen Mann geliebt hat. Deshalb habe ich beschlossen, lieber Dich als irgend einen Andern zum Manne zu nehmen. Willst Du mich aber nicht zur Frau, so verlaß mich augenblicklich und kehre zu Deiner Schlafstelle wieder zurück." Obgleich Alefsandro sie nicht kannte, so schloß er doch, Mt Rücksicht auf die Gesellschaft, in der sie reiste, sie müsse vermögend und vokr gutem Stande sein, und daß sie schön war, sah er selbst. So antwortete er denn, ohne sich eben lange zu besinnen, wenn es ihr gefällig sei, so sei es ihm höchst erwünscht. Darauf richtete sie sich im Bette auf, gab ihm einen Ring in die Hand und hieß ihm, sich ihr vor einem Bilde, das dort hing, und auf welchem unser Heiland abgebildet war, verloben. Dann umarmten Alessandro und der Abt. 107 sie sich und ergötzten sich während des übrigen Theils der Nacht aneinander zu großer beiderseitiger Lust. Als der Lag heranbrach, und nachdem sich Beide über ihr künftiges Betragen verabredet hatten, stand Alessandro auf und verließ die Stube, so wie er hereingekommen war, ohne daß Jemand erfuhr, wo er die Nacht geschlafen hatte. Dann machte der Abt sich hochvergnügt mit seiner Gesellschaft wieder auf den Weg, und nach einer Anzahl Tagereisen kamen sie endlich in Rom an. Kaum hatten sie sich hier einige Tage lang ausgeruht, so wartete der Abt mit den beiden Edelleuten und Alessandro dem Papste auf und sing nach der geziemenden Begrüßung also zu reden an: „Heiliger Vater, Euch muß es besser als irgend einem Andern bekannt sein, daß, wer rechtlich und ehrbar leben will, so viel er kann, jeden Anlaß meiden muß, der ihn anders zu handeln verleiten könnte. Da ich nun gesonnen bin, auf die angegebene Weise zu leben, bin ich, um jener Regel vollkommen zu genügen in der Tracht, in der Ihr mich seht, 'von dem Hofe meines Vaters, des Königs von England, geflohen und habe einen großen Theil seiner Schatze mit mir genommen. Dieser wollte mich nämlich, so jung als ich bin, an den König von Schottland, einen steinalten Herrn, verheira- then; ich aber habe mich hierher auf den Weg gemacht, damit Eure Heiligkeit mich vermählen möge. Auch hat mich nicht sowol das Alter des Königs von Schottland zur Flucht bewogen, als die Furcht, ich könnte in Folge meiner jugendlichen Schwäche, wenn ich an ihn verheira- thet wäre, mich wider die göttlichen Gesetze und wider die Ehre des königlichen Blutes meines Vaters versündigen. Während ich nun in solcher Absicht hierher reiste, hat mir Gott, der allein vollkommen weiß, was einem Jeden Noth thut, nach seiner Barmherzigkeit, wie ich glaube. Den vor die Augen geführt, der nach seinem Willen mein Gemahl sein soll, und das ist dieser junge Mann," dabei zeigte sie auf Alessandro, „den Ihr hier an meiner Seite seht, und dessen edle Sitten und wackeres Benehmen jeder noch so großen Dame würdig sind, wenn auch vielleicht der Adel seines Blutes dem des königlichen nachstehen muß. Ihn also habe ich mir auserlesen, ihn will ich zum Gemahls und nie werde ich einen andern nehmen, was auch mein Vater oder die Welt dazu sagen mögen. Dadurch ist in der That der Hauptgrund, um dessentwillen ich mich auf den Weg gemacht, erledigt worden; dennoch habe ich meine Reise vollenden wollen, theils um die heiligen und ehrwürdigen Oerter zu besuchen, von denen diese Stadt so voll ist, und um Eure Heiligkeit selber zu sehn, theils aber auch, um die zwischen Alessandro und mir bisher allein im Angesichte Gottes geschlossene Ehe Euch und in Folge dessen den übrigen Menschen zu offenbaren. So bitte ich Euch denn flehentlich, was Gott und mir gefallen hat, auch Euch genehm sein lassen zu wollen und Euren Segen uns zu ertheilen, auf daß wir mit ihm, als einem sicheren Unterpfands der Billigung Desjenigen, dessen Statthalter Ihr seid, zu Gottes und zu Eurer Ehre leben und endlich dereinst sterben können." Alessandro erstaunte, als er vernahm, seine Gattin sei die Tochter des Königs von England, und innige aber versteckte Freude erfüllte ihn. Mehr aber noch erstaunten die beiden Edelleute, und sie wurden darüber so unwillig, daß sie, wäre es anderwärts, als dem Papste gegenüber gewesen, sich gegen den jungen Mann und vielleicht auch gegen die Dame thätlich vergangen haben würden. Auf der anderen Seite erstaunte auch der Papst über die Tracht der Dame und über ihren Entschluß; da er jedoch einsah, daß das Geschehene nicht mehr rückgängig gemacht werden könne, beschloß er, ihrer Bitte zu willfahren. Von allen Dingen beruhigte er die beiden Edelleute, deren Unwillen er bemerkt hatte, und stellte ihr gutes Vernehmen mit der Dame und Alessandro wieder her, dann ordnete er an, was ferner geschehen solle. Als der von ihm festgesetzte Tag nun herangekommen war, berief er, in Gegenwart 109 Alessandro und der Abt. sämmtlichec Cardinale und anderer ausgezeichneter Personen, die auf seine besondere Einladung zu einem glanzenden Feste erschienen waren, die Dame, welche, königlich geschmückt, so reizend und so anmuthig erschien, daß sie von Allen verdientes Lob erwarb, und den Alessandro, der, ebenfalls köstlich geschmückt, nicht für einen jungen Mann, der auf Wucherzinsen geliehen, sondern für einen königlichen Prinzen gehalten werden konnte, wie ihm denn in der That von den beiden Edelleuten viel Ehre erwiesen ward. Hier ließ der Papst das Eheverlöbniß aufs neue feierlich begehen, und, nachdem die Hochzeit festlich und prachtvoll begangen war, verabschiedete er sie mit seinem Segen. Alessandro wünschte, und die Dame willigte ein, daß die Rückreise von Rom über Florenz gemacht werde, wohin das Gerücht schon Kunde dieser Begebenheiten gebracht hatte. Von den Einwohnern mit höchsten Ehren ausgenommen, ließ die Dame, nachdem sie alle Gläubiger befriedigt hatte, die drei Brüder befreien und setzte sie und ihre Frauen in die ehemaligen Besitzungen wieder ein. Um dessentwillen von Allen wohlgelitten, verließen Alessandro und seine Frau Florenz, von wo sie den Agolante Mitnahmen. In Paris angelangt, wurden sie von dem König ehrenvoll empfangen. Von dort aus reisten die beiden Edelleute nach England und vermochten soviel über den König, daß er der Tochter seine Liebe wieder zuwandte und sie und seinen Schwiegersohn mit großen Freuden bei sich empfing. Den letzter» machte er bald darauf in besonders ehrenvoller Weise zum Ritter und schenkte ihm die Grafschaft Cornwallis. Dieser aber besaß ein so großes Geschick und gab sich so viel Mühe, daß es ihm gelang, Vater und Sohn wieder zu versöhnen. Daraus erwuchs der Insel ein großer Vortheil, und Alessandro gewann die Liebe und das Wohlwollen des ganzen Volkes. Agolante aber rettete Alles, was die Brüder in England zu fordern hatten, vollständig und kehrte überreich nach Florenz 110 Zweiter Tag. Vierte Geschichte. zurück, nachdem Graf Alessandro ihn zuvor zum Ritter gemacht hatte. Der Graf Alessandro führte mit seiner Dame ein glorreiches Leben und eroberte, wie Einige sagen wollen, theils durch eigne List und Tapferkeit, theils durch die Hülfe des Schwiegervaters, Schottland und wurde als dessen König gekrönt." liierte Geschichte. Lanbclfo Nuffolo verarmt und wird Corsar, dann gcräth er in genuesische Gefangenschaft und leidet Schiffbruch. Er rettet sich auf einem Kasten voll köstlicher Edelsteine, wird in Corfu von einem armen Weibe beherbergt und kehrt reich in seine Heimat zurück. Äls Lauretta, die neben Pampineen saß, diese am rühmlichen Ende ihrer Geschichte sah, begann sie, ohne weitere Aufforderung abzuwarten, also zu reden: „Holdselige Mädchen, nach meinem Dafürhalten kann man die Macht des Glückes in Nichts gewaltiger erkennen, als wenn Jemand, wie wir das in Pampineens Geschichte an Alessandro haben geschehen sehen, vom tiefsten Elende zu königlicher Würde erhoben wird. Weil also wir Alle, die wir ferner im Gebiete unserer Aufgabe zu erzählen haben, genöthigt sein werden, diesseit dieser Grenzen zu bleiben, so schäme ich mich nicht, eine Geschichte vorzutragen, die zwar noch größeres Unglück schildert, dafür aber freilich auch zu keinem so glänzenden Ziele gedeiht. Allerdings also wird sie von Denen, die nur das Letzte im Auge haben, mit minderer Aufmerksamkeit angehört werden; doch wird man mich entschuldigen, da ich, wie gesagt, nicht anders kann. Man hält des Meeres Ufer von Reggio bis Gaeta 111 Landolfo Ruffolo's Schiffbruch. mit für den cinmuthigsten Theil von Italien; hier dehnt sich nicht weit von Salerno eine bergige Küste aus, die das weite Meer überschaut und von den Einwohnern die Küste von Amalsi genannt wird. Sie ist übersäet mit kleinen Städten, bedeckt von Gärten und Springbrunnen und, wie keine andere, voll von Leuten, die sich durch den Handel bedeutenden Reichthum erworben haben. Unter diesen Städten ist eine, Ravello genannt, die zwar noch heute wohlhabende Einwohner hat, doch vor Zeiten einen besaß, der überreich war und Landolfo Ruffolo hieß. Da ihm indeß seine Reichthümer noch nicht genügten und er sie zu verdoppeln trachtete, fehlte wenig daran, daß er nicht allein sie, sondern mit ihnen zugleich das eigne Leben eingebüßt hätte. Er kaufte nämlich, wie Kaufleute das wol zu thun pflegen, auf Grund seiner Berechnungen ein besonders großes Schiff, befrachtete dies vollkommen für sein eignes Geld und fuhr mit ihm nach Eypern. Hier aber fand er andere Schiffe, die mit derselben Art Waaren, die er gebracht hatte, eben dorthin gekommen waren, und mußte deshalb nicht allein, was er mitgeführt hatte, losschlagen, sondern, wollte er seine Ladung irgend verkaufen, sie fast umsonst weggeben, worüber er nahe daran war, sich ein Leides zu thun. In der That nahm er sich das Unglück, in kurzer Zeit von großem Reichthum zum armen Manne geworden zu sein, so zu Herzen, daß er beschloß, entweder zu sterben oder durch Räubereien seinen Verlust zu ersetzen, damit er, während er reich abgereist war, nicht arm nach Hause zurückkehre. Sobald er also zu seinem großen Schiffs einen Abnehmer gefunden, schaffte er sich mit dem Gelds, das er hieraus und aus dem Verkaufe seiner Waaren gelöst hatte, ein kleineres Corsarenfahrzeug an, rüstete dies mit Allem aus, was zu solchen Unternehmungen dienlich ist, und begann, sich fremdes Eigenthum, besonders aber das der Türken, zuzueignen. Das Glück begünstigte ihn bei diesem Handwerke mehr, als es H2 Zweiter Tag. Vierte Geschichte. bei dem Handel gethan hatte. Er plünderte und nahm im Verlauf eines Jahres so viel türkische Schiffe, daß er nicht allein so viel, wie er als Kaufmann verloren, wiedergewonnen, sondern seinen damaligen Besitz noch um Vieles vermehrt hatte. Der Schmerz über sein erstes Unglück indeß hatte ihn so sehr gewitzigt, daß er, um nicht einem zweiten zu unterliegen, mit sich selber einig wurde, was er besitze, müsse ihm, ohne nach Mehrerem Verlangen zu tragen, nun genügen. So entschloß er sich denn, mit dem Erworbenen nach Hause zurückzukehren, und, einmal gegen die Waaren mistrauisch gemacht, wollte er sich auch nicht darauf einlassen, sein Geld anderweitig anzulegen, sondern ruderte mit demselben Fahrzeug, das ihm zu seinem Gewinnste verholfen, gradeswegs nach Hause. Als er indeß schon im Archipel angelangt war, erhob sich eines Abends ein heftiger Sirocco, der nicht allein der Fahrt entgegen war, sondern auch das Meer so hoch trieb, daß Landolfo mit seinem kleinen Schiffe die offne See nicht halten konnte und genöthigt war, sich zum Schutze vor jenem Winde in einen Meerbusen zu flüchten, den eine kleine Insel bildete, um dort besseres Wetter abzuwarten. In dieselbe Bucht flüchteten sich bald darauf mit genauer Noth zwei große genuesische Lastschiffe, die von Con- stantinopel kamen und derselben Gefahr zu entgehen suchten, vor welcher Landolfo geflohen war. Als die Eigen- thümer jener Schiffe das kleine Fahrzeug erblickten und erfuhren, wem es gehöre, beschlossen sie, über Landolfo's Reichthümer bereits durch den Ruf belehrt, ihrer geldgierigen und räuberischen Gesinnung zufolge, sich es zuzueignen. Zum Entfliehen hatten sie ihm bereits den Weg abgeschnitten, und so setzten sie denn Einige von ihrer Mannschaft ans Land und schickten diese, wohl bewaffnet und mit Armbrüsten versehen, an einen Platz, von wo aus sie Allen auf Landolfo's Schiffe, die nicht erschossen sein wollten, das Landen verwehren konnten. Die Last- Landolfo Ruffolo's Schiffbruch. 113 schiffe aber ließen sie theils von den Booten ziehen, theils kam ihnen das Meer selbst zu Hülfe, sodaß sie bis ganz nahe zu dem Fahrzeuge Laudolfo's gelangten und dies mit geringer Mühe und in kurzer Zeit Wegnahmen, ohne von den Rudersclaven, die sich darauf befanden, einen Mann zu verlieren und ohne einigen Widerstand zu finden. Den Landolfo selber brachten sie auf eines ihrer Schiffe, plünderten sein kleines Fahrzeug völlig aus und versenkten es dann, wahrend seinem ehemaligen Eigen- thümer nichts als eine ärmliche Jacke blieb. Den Tag darauf änderte sich der Wind; die Schiffe segelten gegen Westen und verfolgten während des ganzen Tages glücklich ihre Reise; gegen Abend aber erhob sich ein heftiger Sturm, das Meer ging hoch und die beiden Schiffe wurden voneinander getrennt. Von der Gewalt dieses Windes wurde das, auf welchem sich der arme unglückliche Landolfo befand, in der Nähe der Insel Ce- falonia mit größter Heftigkeit auf eine Sandbank geschleudert, daß es nicht anders als ein Glas, das wider die Mauer geworfen wird, gänzlich voneinander ging und zerschellte. Waaren aller Art, Kasten und Breter bedeckten bereits schwimmend das ganze Meer, und so suchte denn, wie es in dergleichen Fällen zu geschehen pflegt, obgleich es finstere Nacht war, wer von den armen Schiffbrüchigen zu schwimmen wußte, einen von den Gegenständen zu ergreifen, die von ohngefähr in seine Nähe kamen. Obgleich nun unser unglücklicher Landolfo Tages zuvor oftmals den Tod gerufen und ihn in seinen Gedanken der Heimkehr als Bettler vorgezogen hatte, so erschrak er doch vor ihm, als er ihn jetzt vor sich sah, und ergriff, gleich den Andern, ein Bret, dessen er habhaft wurde, in der Hoffnung, daß Gott ihm vielleicht, wenn er sich eine Zeitlang vor dem Ertrinken schützen könnte, noch zur Rettung verhelfen werde. So hielt er sich die Nacht hindurch, so gut er konnte, reitend auf dem Brete, während dieses 114 Zweiter Tag. Vierte Geschichte- von Wind und Wellen bald hier und bald dorthin getrieben ward. Als der Tag endlich angebrochen war und Landolfo sich in der Runde herumsah, erblickte er nichts Anderes, als Wolken und Meer und eine Kiste, die zu seinem großen Schrecken ihm mehrmals so nahe kam, daß er fürchtete, sie möchte auf ihn stoßen und ihn verletzen, weshalb er sie auch jedes Mal aus allen Kräften, obwol diese gering waren, mit der Hand von sich stieß. Demohn- geachtet aber geschah es, daß ein Windknoten sich plötzlich in der Lust entwickelte, auf das Meer niederfuhr und die Kiste so gewaltig traf, daß sie, gegen das Bret geschleudert, auf dem Landolfo saß, dieses und mit ihm den Landolfo tief unter das Wasser stieß. Als der Letzte, dem die Furcht neue Kräfte lieh, schwimmend wieder emporkam, sah er sein Bret weit von sich hinweggerissen, sodaß er fürchten mußte, nicht mehr zu ihm gelangen zu können; er wandte sich also zu der Kiste, die ihm ziemlich nahe war, legte sich mit der Brust auf den Deckel derselben und hielt sie, soviel es gehen wollte, mit den Armen aufrecht. In dieser Stellung mußte er, von dem Meere bald hier- und bald dorthin geworfen, ohne Speise, denn wo hatte er sie hernehmen sollen, doch mit mehrerem Trünke, als er wol gewünscht hatte, ohne zu wissen, wo er sich befinde, und ohne etwas Anderes als Meer zu sehen, diesen ganzen Tag und die folgende Nacht aushalten. Den Tag darauf endlich gelangte er durch Gottes Willen, oder durch die Kraft der Winde getrieben, vom Wasser durchdrungen wie ein Schwamm, und die Ränder der Kiste nach Art der Leute, die im Begriffe zu ertrinken, sich an Etwas anhalten, umklammernd, an das Ufer der Insel Corfu, wo zum Glücke ein armes Weib ihr Küchengeschirr eben mit dem Sande und dem salzigen Seewasser wusch und blank machte. Als diese ihn der Küste nahe kommen sah und nicht vermochte, die menschliche Gestalt an ihm zu erkennen, floh sie anfangs schreiend Landolfo Ruffolo's Schiffbruch. 115 und erschrocken; er ober hatte die Sprache ganz und fast auch das Gesicht verloren, konnte ihr also nichts sagen. Dennoch warf ihn das Meer gegen das Land, und die Frau erkannte nun die Gestalt der Kiste; dann blickte sie aufmerksamer hin und ward zuerst die Arme gewahr, die über die Kiste reichten, fand alsdann das Gesicht heraus und errieth endlich die Wahrheit. Sein Zustand erregte ihr Mitleid, sie ging ein paar Schritte in das Meer hinein, das inzwischen sich beruhigt hatte, und zog ihn mit der Kiste bei den Haaren ans Land. Mit Mühe machte sie seine Hände von der Kiste los, lud diese ihrer kleinen Tochter, die bei ihr war, auf den Kops und trug ihn selber, wie ein kleines Kind, nach dem Orte. Hier brachte sie ihn in ein Bad und rieb und wusch ihn so lange mit warmen Wasser, bis die entwichene Warme und ein Theil der verlorenen Kräfte in den Körper wieder zurückkehrten. Wie es ihr Zeit zu sein schien, nahm sie ihn wieder heraus, erquickte ihn mit etwas gutem Wein und Gebackenem und pflegte ihn nach ihrem Vermögen einige Tage lang so gut, daß er wieder Kräfte gewann und sich bewußt wurde, wo er sei. Da glaubte die gute Frau, es sei nun an der Zeit, ihm die Kiste, die ihn gerettet, wiederzugeben und ihm zu sagen, daß er ferner für sich sorgen möge. So that sie denn auch, und Landolfo, der sich an die Kiste nicht mehr erinnerte, nahm sie dennoch an, als die gute Frau sie ihm brachte, und meinte, wenn sie auch noch so wenig werth wäre, könnte sie ihm doch auf einen oder den andern Tag seinen Unterhalt verschaffen. Als er sie aber sehr leicht fand, gab er diese Hoffnung fast wieder auf, bis er eines Tages, als seine Wirkhin nicht zu Hause war, um zu sehen, was in jener enthalten sei, sie aufbrach und darin viele lose und gefaßte Edelsteine fand, deren hohen Werth er sogleich erkannte, da er dergleichen Dinge einigermaßen zu beurtheilen wußte. Da wurde er wieder froh und dankte Gott, daß Er ihn noch nicht ganz 116 Zweiter Lag. Vierte Geschichte. habe verlassen wollen. Weil er aber zwei Mal in kurzer Zeit vom Schicksale so hart getroffen war, beschloß er, wegen eines dritten Males besorgt, besonders vorsichtig zu Werke zu gehen, um diese Kostbarkeiten sicher in seine Heimat bringen zu können. Zu dem Ende wickelte er sie alle, so gut es gehen wollte, in einige Lumpen und sagte zu seiner Wirthin, einer Kiste bedürfe er nicht mehr; wenn sie ihm aber einen Gefallen thun wolle, so möge sie diese behalten und ihm dafür einen Sack schenken. Die gute Frau war dazu gern bereit; er aber dankte ihr, so herzlich er nur wußte und konnte, für die erzeigte Wohlthat, sagte ihr Lebewohl und schiffte, seinen Sack über die Schultern gehängt, in einem Boote nach Brindisi hinüber. Von hieraus ging er, immerfort längs der Küste, bis Trani, wo er einige Tuchhändler fand, die seine Landsleute waren. Diesen erzählte er alle seine Schicksale, nur daß er ihnen nichts von der Kiste berichtete, worauf sie ihn fast um Gottes willen bekleideten und ihm noch überdies ein Pferd liehen und Begleitung verschafften, um nach Ravello, wohin er reisen zu wollen erklärte, zu gelangen. Hier erst glaubte er sich sicher und öffnete, dankbar gegen Gott, der ihn so weit gebracht, seinen Sack und fand bei genauerer Untersuchung seines Inhaltes, als ec sie früher hatte anstellen können, sich im Besitze so vieler und so kostbarer Edelsteine, daß er, bei angemessenem und selbst bei wohlfeilem Verkaufe derselben, mehr als noch einmal so reich war, wie zur Zeit seiner Abreise. Als er Gelegenheit gefunden hatte, dis Steine zu verkaufen, sandte er der guten Frau, die ihn aus dem Meere gezogen, zum Danke für die Wohlthaten, die sie ihm erwiesen, eine bedeutende Summe Geldes nach Corfu; ein Gleiches that er den Kaufleuten, die ihn in Trani bekleidet; den Rest aber behielt er für sich und lebte damit ehrenvoll bis an sein Ende, ohne sich weiter auf Handelsunternehmungen einzulassen. Andreuccio in Neapel. 117 Fünfte Geschichte. Andreuccio von Perugia kommt nach Neapel, um Pferde zu kaufen, und geräth drei Mal in einer Nacht, in Lebensgefahr , welcher er jedoch jedes Mal entgeht und mit einem Rubin in seine Heimat znrückkehrt. „33ei den Edelsteinen, die Landolfo gefunden," begann Fiammetta, welche die Reihe des Erzählens traf, „ist mir eine Geschichte eingefallen, die kaum weniger Gefahren enthält, aber darin von der verschieden ist, die Lauretta uns erzählt hat, daß jene sich vielleicht während mehrer Jahre, diese aber, wie Ihr hören werdet, in dem Zeitraum einer einzigen Nacht zugetragen hat." Es lebte, wie mir erzählt worden ist, in Perugia ein junger Pferdemäkler, Namens Andreuccio di Pietro, der auf die Nachricht, daß in Neapel ein guter Pferdemarkt sei, sich fünfhundert Goldgülden in die Tasche steckte und, ohne je zuvor in der Fremde gewesen zu sein, sich mit mehreren andern Kaufleuten nach jener Stadt auf den Weg machte. An einem Sonntag mit der Dämmerung dort eingetroffen, ging er, nach den Anweisungen, die sein Wirth ihm ertheilte, am andern Morgen auf den Markt, wo er zwar viel Pferde besah, an vielen Gefallen fand und um sie feilschte, dennoch aber über keines Handelseins werden konnte. Um indeß zu zeigen, daß er wirklich zu kaufen gedenke, zog er, unvorsichtig und erfahrungslos wie er war, zu wiederholten Malen vor den Augen Aller, die ab- und zugingen, seine Börse voll Gold heraus. Da traf es sich denn, daß, während er so marktete und feinen Geldbeutel sehen ließ, eine junge Sicilianerin, die zwar 118 ' ' Zweiter Tag. Fünfte Geschichte. wunderschön, aber auch für geringes Geld bereit war, Jedermann zu Willen zu sein, von ihm ungesehen, vvr- überging und seine Börse ins Auge faßte. Sogleich sagte sie bei sich selber: „Wie gut war' ich daran, wenn das Geld mein wäre," und damit ging sie weiter. Nun hatte dies Mädchen eine Alte bei sich, die gleichfalls aus Sici- lien war. Sowie diese den Andreuccio gewahr wurde, ließ sie ihre Herrschaft weiter gehen und lief auf jenen zu, den sie auf das zärtlichste umarmte. Das Mädchen bemerkte dies und wartete, ohne ein Wort zu sagen, in einiger Entfernung das Ende jenes Gespräches ab. Andreuccio hatte inzwischen sich zu der Alten umgewandt, sie erkannt und mit großer Freude begrüßt. Sie versprach ihm, zu ihm in sein Wirthshaus zu kommen, und ging dann nach kurzer Unterhaltung wieder weiter. Er aber fuhr zu feilschen fort, ohne jedoch für den Morgen Etwas einzukaufen. Das Mädchen, das zuerst Andreuccio's vollen Beutel und dann seine Bekanntschaft mit ihrer Alten gesehen hatte, trug sich mit dem Gedanken, ob sie nicht ein Mittel finden könnte, jenes Geld oder wenigstens einen Theil davon zu erlangen, und fragte zu dem Ende die Alte vorsichtig aus, wer der Fremde sei, was er hier suche und woher sie ihn kenne. Diese erzählte ihr Alles, was die Angelegenheiten des Andreuccio betraf, kaum minder genau, als er selber es hätte thun können; denn sie hatte lange Zeit in Sicilien und dann in Perugia bei seinem Vater gedient. Ebenso gab sie über seine Wohnung und den Zweck seiner Reise ihr die nöthige Auskunft. Wie das Mädchen solchergestalt seine ganze Verwandtschaft und deren Namen hinreichend kennen gelernt hatte, bauete sie auf diese Kenntniß eine sinnreiche Erfindung, durch welche sie ihren Zweck zu erreichen dachte. Zu dem Ende gab sie der Alten, sobald sie zu Hause gekommen war, Bestellungen für den ganzen Tag zu thun, damit sie nicht mehr zum Andreuccio gehen sollte, und schickte Andreuccio in Neapel. 119 dann ein kleines Mädchen, das sie zu dergleichen Diensten gar gut angelehrt hatte, gegen Abend in das Wirthshaus, wo Andreuccio wohnte. Die Kleine fand Jenen zum Glücke selber, wie er allein an der Thür stand, und frug ihn nach ihm selbst. Wie er ihr nun sagte, er sei es, zog sie ihn bei Seite und sagte: „Herr, eine Edeldame aus dieser Stadt möchte, wenn es Euch gefällig wäre, gerne mit Euch reden." Andreuccio dachte bei diesen Worten einen Augenblick nach, und, da er sich für einen hübschen Burschen hielt, vermuthete er, die Edsldame werde in ihn verliebt sein, als ob es damals in Neapel keine andern hübschen Leute gegeben hatte. So antwortete er denn schnell, er sei bereit, und fragte nur, wo und wann jene Dame ihn sprechen wolle. „Herr," erwiderte die Kleine, „wenn es Euch gefällig wäre zu kommen, so erwartet sie Euch schon in ihrer Wohnung." Andreuccio versetzte sogleich, ohne auch nur dem Wirthe ein Wort zu sagen: „So geh' denn voraus, ich werde Dir folgen." Auf diese Weise führte die Kleine ihn in das Haus jenes Mädchens, welches in einer Straße, das finstere Loch benannt, gelegen war, deren Anständigkeit schon der Name errathen läßt. Andreuccio freilich wußte und ahnete davon nichts und trat, in der Meinung, an einen völlig ehrbaren Ort und zu einer liebenswürdigen Dame zu gehen, nach dem Vorgänge der Kleinen unbefangen in das Haus ein. Da die Kleine ihrer Gebieterin bereits zugerufen hatte: „Hier kommt Andreuccio," so trat ihm diese, als er Hinaufstieg, oben an der Treppe entgegen. Sie war noch ziemlich jung, schlank gewachsen und von schönem Gesichte, dabei vornehm gekleidet und geschmückt. Als Andreuccio ihr näher kam, ging sie ihm mit offenen Armen auf drei Stufen entgegen, schlang jene fest um ihn und verweilte, wie von ausbündiger Zärtlichkeit übermannt, einige Zeit in dieser Stellung, ohne ein Wort zu sagen. Dann küßte sie ihm weinend die Stirne und sagte mit gerührter Stimme: „O mein Andreuccio, sei mir '.!l 120 Zweiter Tag. Fünfte Geschichte. willkommen." Dieser war über so feurige Liebkosungen ziemlich verwundert und sagte ganz erstaunt: „Madonna, ich freue mich Eurer Bekanntschaft." Sie aber nahm ihn bei der Hand und führte ihn in ihren Saal hinaus, von wo sie, ohne ein Wort zu sprechen, mit ihm in ihre Stube ging, die von Rosen, Orangenblüten und andern Wohlgerüchen auf das köstlichste duftete. Hier sah An- dreuccio ein Bette mit herrlichen Vorhängen, viele Kleider, die nach dem Landesgebrauch auf Rechen umhergingen, und andere schöne und kostbare Geralhe in Menge, um welcher Dinge willen er, als ein Neuling, nicht zweifeln zu dürfen glaubte, daß sie eine gar vornehme Dame sein müsse. Als sie sich nun miteinander auf einen Kasten am Fuße ihres Bettes niedergesetzt hatten, sing sie also zu ihm zu sprechen an: „Andreuccio, ich weiß gewiß, daß, weil Du mich nicht kennst und vielleicht niemals von mir reden gehört hast, Du Dich über die Liebkosungen, mit denen ich Dich empfange, und über meine Thranen gleich sehr verwunderst; noch mehr aber möchtest Du vielleicht über Das erstaunen, was Du jetzt hören wirst, daß ich nämlich Deine Schwester bin. Ich sage Dir aber, seit mir Gott die Gnade erzeigt hat, daß ich vor meinem Tode einen meiner Brüder zu sehen bekommen habe (und was gäb' ich nicht drum, euch Alle zu sehen), werde ich beruhigt aus der Welt gehen, mag ich sterben, wann ich will. Doch von dem Allen hast Du vielleicht in Deinem Leben nichts vernommen, und so will ich Dich denn darüber belehren. Pietro, Dein und mein Vater, lebte, wie Du wol erfahren haben solltest, lange Zeit in Palermo und wurde und wird dort von Allen, die ihn kannten, wegen seiner Herzensgüte und Liebenswürdigkeit sehr geliebt. Doch unter allen Andern, die ihm noch so geneigt waren, liebte ihn meine Mutter, die von adlichem Geschlechts ist und damals verwitwet war, am meisten und wurde, ohne den Zorn ihres Vaters und ihrer Brüder Andreucclo in Neapel. 121 und ihre eigne Ehre zu achten, mit ihm so vertraut, daß ich auf die Welt kam und so geworden bin, wie Du mich siehst. Dann aber traten Umstande ein, um derentwillen Pietro Palermo verließ und nach Perugia zurückkehrte, und so ließ er mich denn als ein kleines Kind mit meiner Mutter zurück und hat sich, so viel mir bekannt geworden ist, seit der Zeit weder um sie noch um mich bekümmert. Ware er nicht mein Water, so würde ich ihn wegen dieses Betragens auf das ernstlichste tadeln, wenn ich, der Liebe zu geschweigen, die er für mich als seine Tochter, welche ihm von keiner Magd und von keinem gemeinen Weibsbilde geboren, hatte hegen sollen, nur seine Undankbarkeit gegen meine Mutter bedenke, die allein von treuer Liebe bewogen, und selbst ohne zu wissen, wer er wäre, sich und zugleich Alles, was ihr gehörte, seinen Händen anvertraute. Doch, was hilft das? Was einmal versehen ist, besonders, wenn es vor langer Zeit geschah, ist viel leichter zu tadeln, als zu bessern. Genug, es war so. Er ließ mich als ein kleines Kind, in Palermo zurück, und da bin ich denn ziemlich so weit herangewachsen, als Du mich siehst, bis meine Mutter mich an einen Gir- gentiner, einen guten Mann von edlem Hause, verheirathete, der, meiner Mutter und mir zu Liebe, auch nach Palermo zog. Weil aber mein Mann sehr guelsisch gesinnt ist, so ließ er sich in geheime Verständnisse mit unsrem König Karl ein. Ehe diese indeß noch zur Ausführung gebracht werden konnten, hatte König Friedrich schon Nachricht davon bekommen, und wir mußten fliehen, wie ich eben dachte, die erste Dame zu werden, die jemals auf jener Insel gelebt hat. So nahmen wir denn das Wenige mit uns, das wir erlangen konnten, denn wenig war es in Vergleich mit dem Vielen, das wir besessen hatten, ließen Herrschaften und Paläste zurück und flüchteten uns hierher, wo König Karl sich gegen uns so dankbar beweist, daß er uns einen Theil des Schadens vergütet, den wir um seinetwillen erlitten, und Landgüter und Hauser in Dckameron. I. 6 122 Zweiter Tag. Fünfte Geschichte. Menge geschenkt hat, wie er denn auch noch fortwährend meinem Manne, Deinem Schwager, so große Einkünfte gewährt, als Du zu sehen Gelegenheit haben wirst. Auf solche Weise bin ich denn hieher gekommen, wo ich es Gott und nicht Dir verdanke, Dich, geliebtester Bruder, gefunden zu haben." Und mit diesen Worten sing sie aufs neue an, ihn zu umarmen und küßte ihm unter Thränen auf das zärtlichste seine Stirn. Wie Andreuccio diese Fabel so zusammenhängend und unbefangen von dem Mädchen vortragen hörte, der freilich niemals ein Wort auf den Lippen erstarb, noch die Zunge versagte, wie er sich ferner erinnerte, sein Vater sei wirklich in Palermo gewesen, und wie er dabei nach eigner Erfahrung die Sitten der Jugend erwog, die gerne zu lieben geneigt ist, wie er endlich die Thränen der Rührung, die Umarmungen und die keuschen Küsse des Mädchens fühlte, maß er ihren Worten den vollkommensten Glauben bei und sagte, sobald sie schwieg: „Madonna, mein Erstaunen kann Euch nicht anders als natürlich erscheinen, wenn Ihr bedenken wollt, daß mein Vater, was immer der Grund davon gewesen sein mag, entweder von Eurer Mutter und von Euch überall nicht geredet hat, oder, wenn er es gethan haben sollte, mir wenigstens nichts davon zu Ohren gekommen ist, sodaß ich von Euch nicht mehr wußte, als wenn Ihr gar nicht auf der Welt gewesen wäret. Je mehr ich aber allein stand, und je weniger ich mich dessen versehen konnte, um desto lieber ist mir nun, in Euch eine Schwester gefunden zu haben. Und wahrlich, ich wüßte nicht, wie Ihr dem Vornehmsten anders als lieb und werth sein könntet; wie viel mehr seid Ihr es also mir, der ich ein geringer Handelsmann bin. Doch über Eins bitte ich Euch, mir noch Aufschluß zu geben, wie habt Ihr erfahren, daß ich hier sei?" Darauf erwiderte sie: „Heute morgen erzählte mir es eine arme Frau, die bei mir ein- und auszugehen pflegt, weil sie, nach ihrer Versicherung, bei unsrem gemeinschaftlichen Andreuccio in Neapel. 123 Vater in Palermo und Perugia lange Zeit gedient hat, und, hatte ich es nicht für ziemlicher gehalten, daß Du zu mir in mein eignes Haus kämest, als ich zu Dir in ein fremdes, so wäre ich längst schon bei Dir gewesen." Nun sing sie an, ihn auf das genaueste nach allen seinen Verwandten namentlich zu befragen, worauf ihr Andreuccio vollen Bescheid gab und um dessentwillen nur immer mehr glaubte, was ihm nicht zu glauben gesünder gewesen wäre. Als diese Gespräche eine Weile gedauert hatten, und die Hitze fortwährend groß war, ließ das Mädchen griechischen Wein und Gebackenes bringen und Andreuccio zu trinken geben. Dazwischen war die Essenszeit herangekommen, und Andreuccio wollte nach Hause gehen; sie aber gab es durchaus nicht zu, stellte sich höchlichst gekränkt darüber, umarmte ihn und sagte: „Ja, nun sehe ich wohl, wie wenig Du Dir aus mir Aermsten machst; Du bist bei Deiner Schwester, die Du in Deinem Leben noch nicht gesehen hast, und in ihrem eignen Hause, wo Du gleich bei Deiner Ankunft hättest-absteigen sollen, und willst sie wieder verlassen, um ins Wirthshaus zum Essen zu gehn. Wenn auch mein Mann nicht zu Hause ist, so leid wie mir's thut, so werde ich doch wol, nach den schwachen Kräften einer Frau, Dir einige Ehre zu erweisen wissen." Andreuccio wußte darauf weiter nichts zu erwidern und sagte: „Ich habe Euch so lieb, als man eine Schwester haben soll; wenn ich aber nicht nach Hause gehe, wird man mich den ganzen Abend zu Tische erwarten und mein Ausbleiben für eine Unhöflichkeit gelten." „Nun, Gottlob," erwiderte sie dagegen, „habe ich denn Niemand in meinem Hause, um sagen zu lassen, daß man auf Dich nicht warten soll? Höflicher aber wäre es gegen mich, und im Grunde nur Deine Schuldigkeit, wenn Du Deinen Gefährten sagen ließest, sie sollten hierher zum Abendessen kommen; dann könntet Ihr nachher, wenn Ihr anders wolltet, in Gesellschaft nach Hause gehn." Andreuccio erwiderte, die Gefährten möchte er für den 6 " 124 Zweiter Tag. Fünfte Geschichte. Abend nicht; da sie es aber einmal so haben wollte, solle sie nach Gefallen über ihn selbst verfügen. Darauf that sie, als ließe sie ins Wirthshaus sagen, daß man ihn nicht zum Essen erwarten möchte, und nach mancherlei andern Gesprächen setzten sie sich zu Tische, wo sie aus das glänzendste mit zahlreichen Schüsseln bedient wurden, und durch die List des Mädchens das Essen bis tief in die Nacht hinein sich ausdehnte. Als sie endlich vom Tische aufgestanden waren und Andreuccio nach Hause gehn wollte, erklärte sie, daß sie das keineswegs zugeben werde. Neapel sei überhaupt nicht, am wenigsten aber für einen Fremden, der Ort, um Nachts darin umherzugehn, und, wie sie habe sagen lassen, daß man ihn nicht zum Essen erwarten solle, habe sie ein Gleiches auch in Betreff des Nachtlagers gethan. Er glaubte nicht allein dies Alles, sondern fand auch in seinem falschen Wahne an der Gesellschaft des Mädchens großen Gefallen und blieb. Auch nach Tische spann sie nicht ohne Absicht mancherlei Gespräche noch lange aus, und erst, als ein bedeutender Theil der Nacht vorüber war, ließ sie Andreuccio mit einem kleinen Kinde, das ihm zeigen sollte, was er etwa brauchen könnte, in der Stube zurück und ging mit ihren Dienerinnen in ein andres Zimmer. Die Hitze war noch immer groß, und deshalb warf Andreuccio, sobald er sich allein sah, die Kleider ab, zog die Hosen aus und legte diese unter das Kopfkissen. Da nun aber die Anforderungen der Natur ihn nöthigten, sich der überflüssigen Last des Leibes zu entledigen, fragte er das Kind, wo er es thun könne, und dieses zeigte ihm eine Thür auf der einen Seite des Zimmers und sagte: „Geht nur dort hinein." Andreuccio schritt unbefangen vorwärts, setzte aber unglücklicherweise den Fuß aus ein Bret, das auf der entgegengesetzten Seite losgegangen war, und siel mit ihm zugleich hinab. So gnädig war ihm aber Gott, daß er sich, wie hoch er auch hinunter- Andreuccio in Neapel. 125 siel, doch im Fallen keinen Schaden that, obgleich er von dem Schmuze, der jenen Ort erfüllte, ganz bedeckt ward. Damit Ihr aber das eben Gesagte, und was ich noch hinzuzufügen habe, besser verstehen möget, will ich Euch naher bezeichnen, wie jener Ort beschaffen war. Es waren in einem engen Gaßchen auf zwei Balken, die, wie wir unter ähnlichen Umstanden es oft geschehen sehn, zwischen den gegenüberstehenden Häusern eingeklemmt waren, einige Breter befestigt und auf diesen die Stelle zum Sitzen angebracht. Eines dieser Breter war es nun, mit dem An- dreuccio Hinuntersiel. Zwar rief er aus der Tiefe des Gäßchens, erschrocken über seinen Unfall, nach dem Kinde, aber cs war, sobald es ihn fallen gehört hatte, zu seiner Gebieterin geeilt und hatte dieser, was geschehen sei, erzählt. Sogleich lief das Mädchen in die Stube, um zu sehn, ob Andreuccio's Kleidungsstücke da seien, und bekümmerte sich, sobald sie diese und mit ihnen den Geldbeutel, den er aus thörichter Besorgniß immer bei sich führte, gefunden und nun den Zweck erreicht sah, um desscntwillen sie, die Palermitanerin, sich zu der Schwester eines Peru- giners gemacht und ihre Schlingen gelegt hatte, nicht mehr um Jenen, sondern schloß die Thür eilends zu, aus welcher er heraustrat, wie er siel. Andreuccio rief inzwischen, da ihm das Kind nicht antwortete, immer stärker, doch half es ihm nichts. Nun erst sing er an, bedenklich zu werden und allzuspät zu erreichen, daß er betrogen worden sei. Er kletterte über die kleine Mauer, welche dies Gäßchen von der Straße trennte, ging an die Hausthür, die ihm noch wohl bekannt war, und klopfte und rüttelte lange daran und rief hinauf, aber Alles vergebens. Jetzt sah er sein Unglück klar ein und weinte und sagte: „Ach, Himmel, in wie kurzer Zeit habe ich eine Schwester und fünfhundert Goldgulden eingebüßt!" In der Weise redete er noch weiter und sing dann wieder an, zu klopfen und zu rufen. So machte er denn einen solchen Lärm, daß viele der nächsten Nachbaren darüber 126 Zweiter Tag. Fünfte Geschichte. erwachten und, als sie's nicht mehr aushalten konnten, aus dem Bette aufstanden. Inzwischen kam eine Magd des Mädchens ans Fenster und stellte sich ganz schläfrig und sagte höhnisch: „Wer pocht denn dort unten?" „Kennst Du mich denn nicht?" sagte Andreuccio, „ich bin ja An- dreuccio, der Bruder der Madonna Fiordaliso." Jene aber antwortete: „Guter Freund, wenn Du zu viel getrunken hast, so geh und schlafe und komm morgen früh wieder. Ich weiß nicht von was für einem Andreuccio Du redest, noch was Du sonst schwatzest; nun geh mit Frieden und sei so gut und laß uns schlafen." „Wie," sagte Andreuccio, „Du weißt nicht, wovon ich rede? Nun, wenn es mit den sicilianischen Verwandtschaften so steht, so gib mir wenigstens die Kleider wieder, die oben geblieben sind, und ich will gerne gehn." Zur Antwort lachte ihm die Magd beinahe ins Gesicht und sagte: „Guter Freund, ich glaube, Du redest im Traume", und dies sagen und sich umdrehen und das Fenster zuschlagen, war Eins. Als dem Andreuccio nun gar kein Zweifel übrig blieb, daß er betrogen sei, ärgerte er sich so sehr, daß sein heftiger Zorn sich fast zur Wuth steigerte, und er beschloß, was er mit Gutem nicht erlangen konnte, mit Gewalt durchzusetzen. Zu dem Ende ergriff er einen großen Stein und sing an, mit viel heftigeren Schlagen als zuvor, gewaltsam an die Thür zu schlagen. Darüber kamen mehrere der Nachbaren, die vorher schon erwacht und aufgestanden waren, in der Meinung, irgend ein ungezogener Mensch wolle mit lügenhaften Worten das arme Frauenzimmer argem, aufgebracht über das Pochen, das er verführte, ans Fenster und schrien, nicht anders als alle Hunde von einer Gasse einen fremden Hund anbellen: „Das ist sehr ungeschliffen, um diese Stunde die armen Weiber mit solchem Geschwatze in ihrem eignen Hause zu stören. Geh mit Gott, guter Freund, und sei so gut und laß uns schlafen, und wenn Du was mit ihr zu thun hast, so komm Du morgen wieder; in der Nacht aber laß uns unge- Andreuccio in Neapel. 127 scheren." Diese Worte mochten es sein, die einen Menschen, der drinnen im Hause war und, ohne daß An- dreuccio ihn zuvor gesehen, bei dem Mädchen Kupplerdienste versah, dreist genug machten, daß er ans Fenster trat und mit einer gewaltigen, wilden und zornigen Stimme herunterrief: „Wer ist da?" Wie Andreuccio bei diesem Rufe in die Höhe blickte, begriff er leicht, so wenig er auch in der Dunkelheit erkennen konnte, daß mit Dem nicht viel zu spaßen sei, solch einen gewaltigen schwarzen Bart hatte er herunterhängen, und dabei gähnte er und rieb sich die Augen, als ob er aus dem Bette und von tiefem Schlafe aufgestanden wäre. Darum antwortete er nicht ohne Furcht: „Ich bin ein Bruder von der Dame, die hier drinne wohnt." Jener aber wartete nicht ab, daß Andreuccio seine Antwort vollendete, sondern rief noch viel grimmiger als zuvor: „Ich weiß nicht, was mich abhält, daß ich nicht hinunterkomme und Dich widerwärtigen, besoffenen Esel, der Du sein mußt, daß Du uns diese Nacht nicht schlafen läßt, so lange durchprügle, als Du noch ein Glied rühren kannst," und mit den Worten drehte er sich herum und schlug das Fenster zu. Ein paar Nachbarn, die über diesen Menschen besser Bescheid wußten, sagten Jenem nun ganz freundlich: „Um Himmels Willen, guter Freund, geh mit Gott und laß Dich hier nicht todtschlagen > es ist zu Deinem Besten, wenn Du gehst." War Andreuccio zuerst über die Stimme und den Anblick des Menschen erschrocken, so bewog ihn jetzt das Zureden dieser Leute, die nur aus Mitleiden so zu sprechen schienen, noch mehr, und er ging verdrießlich, wie ein Mensch es nur sein kann, und außer sich über das verlorene Geld nach der Richtung, von wo er, ohne zu wissen, wohin, am Abende zuvor der Kleinen gefolgt war, um sein Wirthshaus wieder aufzusuchen. Weil ihm aber selbst der Gestank, der von ihm ausging, unerträglich war, bog er, in der Absicht, sich nach dem Meere zu wen- 128 Zweiter Lag. Fünfte Geschichte. den und sich dort zu baden, links in eine Straße ein, die Ruga Catalana genannt wird. Während er so dem höheren Theile der Stadt zugewandt war, sah er zwei Leute, mit einer Laterne in der Hand, ihm in einiger Entfernung entgegenkommen. In der Meinung, daß es vielleicht Häscher oder andere Leute sein möchten, die Böses im Schilde führten, verbarg er sich vor ihnen in ein wüstes Haus, das er in der Nahe sah. Jene aber folgten ihm in eben jenes Gebäude nicht anders auf dem Fuße nach, als wenn sie ausdrücklich dorthin zu gehen beschicken wären. Hier legte der Eine von ihnen allerhand eiserne Werkzeuge, die er auf der Schulter hatte, nieder und sing an, sie mit dem Andern zu besehen und allerhand mit ihm darüber zu sprechen. Während sie noch so redeten, sagte der Eine: „Was das nur zu bedeuten haben muß, ich rieche den abscheulichsten Gestank, der mir in meinem Leben vorgekommen ist." Bei diesen Worten hob er die Laterne ein bischen in die Höhe, und da sahen sie denn Beide den armen Andreuccio und riefen ganz erstaunt: „Wer da?" Andreuccio schwieg; sie aber hielten ihm das Licht näher ins Gesicht und fragten, was er so schmuzig, wie er sei, dort mache. Andreuccio erzählte ihnen nun Alles, was ihm begegnet war, und sie erriethen leicht, wo es ihm so gegangen sein mochte, und sagten zueinander: „Das ist gewiß bei Scarabone Buttafuoco geschehen." Darauf sagte der Eine zu Andreuccio: „Guter Freund, wenn Du gleich Dein Geld verloren hast, so kannst Du dennoch Gott nicht genug dafür danken, daß Du den Fall gethan und in das Haus nicht wieder hast hineinkommen können; denn halte Dich überzeugt, daß, wenn Du nicht gefallen wärest, man Dich umgebracht hatte, sobald Du eingeschlafen warst, und -dann hättest Du Geld und Leben zusammen eingebüßt. Was hilft Dir es aber jetzt, darüber zu weinen? Eben so leicht kannst Du Dir die Sterne vom Himmel herunterholen, als einen Kreuzer von dem Gelde. Todtgeschlagen aber kannst Du werden, wenn er Andreuccio in Neapel. 129 hört, daß Du Jemandem ein Wort davon sagst." Nach diesen Worten besprachen sie sich eine Weile miteinander und sagten dann zu, ihm: „Weißt Du was, Du dauerst uns, und willst Du uns bei Etwas helfen, das wir eben thun wollen, so denken wir, auf Dein Theil soll wol noch viel mehr kommen, als was Du eben eingebüßt hast." Andreuccio antwortete in der Verzweiflung, er sei zu Allem bereit. Nun war an eben jenem Tage der Erzbischof von Neapel, der Filippo Minutolo geheißen hatte, mit kostbaren Kleinodien geschmückt und mit einem Rubin am Finger begraben worden, der über fünfhundert Goldgülden werth war. Diese Leiche wollten Jene berauben und theil- ten jetzt ihre Absicht dem Andreuccio mit. Andreuccio machte sich, mehr der Gewinnsucht als der Vernunft Gehör gebend, mit ihnen auf den Weg. Wahrend sie aber in der Richtung nach der Hauptkirche weiter gingen, sagte der Eine, dem der Gestank zu arg wurde, welchen Andreuccio verbreitete: „Könnten wir denn nicht Rath schaffen, daß sich Der irgendwo ein bischen wüsche und nicht mehr so schrecklich stänke?" Darauf sagte der Andere: „Wir sind hier dicht bei einem Brunnen, an dem gewöhnlich eine Rolle und ein großer Eimer zu hängen pflegen; da können wir hingehe-'l und ihn waschen." Wie sie zu dem Brunnen kamen, fanden sie zwar den Strick, der Eimer aber war weggenommen. Da beschlossen sie denn, ihn an den Strick zu binden und in den Brunnen hinunterzulassen; uncen sollte er sich waschen und, wenn er damit fertig wäre, an dem Stricke schütteln, damit sie ihn wieder heraufzögen. So thaten sie auch wirklich; als sie ihn aber kaum in den Brunnen hinuntergelassen hatten, kamen von ohngefahr ein paar Hascher, die darüber, daß sie Jemandem bei der großen Hitze nachgelaufen waren, Durst bekommen hatten, an jenen Brunnen, um zu trinken. Sobald Andreuccio's neue Gesellen diese erblickten, liefen sie sogleich davon, ohne daß die Hascher, die kamen, 6 ** 130 Zweiter Tag. Fünfte Geschichte. um ihren Durst zu löschen, sie gesehen hätten. Inzwischen hatte sich Ändreuccio gewaschen und zog an dem Stricke, Jene aber legten ihre Schilde, ihre Waffen und Röcke ab und singen, in der Meinung, daß an dem Stricke der volle Eimer befestigt sei, emporzuwinden an. Wie Ändreuccio dem Brunnenrande nahe war, ließ er den Strick los und faßte jenen mit beiden Händen; die Häscher aber erschraken darüber so sehr, daß sie, ohne ein Wort zu sagen, den Strick fahren ließen und, so schnell sie nur konnten, davon liefen. Ändreuccio wußte sich das nicht zu erklären, und, hätte er sich nicht so fest gehalten, so wäre er gewiß hinuntergestürzt und hätte sich ver- muthlich stark beschädigt, wenn er anders mit dem Leben davon gekommen wäre. So aber kletterte er heraus und erstaunte nur noch immer mehr, als er jene Waffen fand, von denen er wußte, daß seine Gesellen dergleichen nicht getragen hatten. In solchen Zweifeln und Ungewißheit schalt er auf sein Schicksal und beschloß, ohne daß er von den Sachen etwas angerührt hätte, den Ort zu verlassen, obgleich er nicht wußte, wohin er gehen sollte. Unterwegs begegneten ihm indeß die beiden Gesellen, die eben zurückkamen, um ihn aus dem Brunnen zu ziehen, und nun, wie sie ihn ansichtig wurden, verwundert ihn fragten, wie er heraus- gekvmmen sei. Ändreuccio sagte ihnen, er wisse es selber nicht, und erzählte ihnen der Reihe nach, was sich zugetragen und was er außerhalb des Brunnens gefunden habe. Dadurch erriechen Jene lachend den Zusammenhang der Sache und sagten ihm, warum sie geflohen wären und wer es gewesen sei, der ihn heraufgezogen. Da inzwischen Mitternacht herangekommen war, gingen sie, ohne mit weiteren Gesprächen sich aufzuhalten, gerades- wegs nach der Hauptkirche, öffneten mit geringer Mühe die Thüren, hoben, bei dem großen marmornen Denkmale angelangt, den Deckel desselben, so schwer er war, mit ihren Brecheisen weit genug in die Höhe, daß ein Andreuccio in Neapel. 131 Mann hineinkriechen konnte, und stützten ihn so dann auf einen eisernen Pflock. Darauf sagte der Eine: „Wer soll denn aber nun hinein?" „Ich nicht," entgegnen der Andere. „Ich mag auch nicht," sagte der Erste; „Andreuccio kann ja hineinkriechen." „Das werde ich wol bleiben lassen," sagte dieser. „Wie?" antworteten die Beiden; „Du hast keine Lust hineinzugehen? Wahrhaftig, Du sollst hinein, oder wir werden Dir mit einer von diesen Eisenstangen soviel auf den Kopf geben, daß Du tobt liegen bleiben sollst." Andreuccio mußte nun aus lauter Furcht wol hineinkriechen; als er aber drinnen war, dachte er bei sich selbst: „Die haben mich hereingeschickt, um mich zu betrügen; denn, sobald ich ihnen Alles hinausgegeben habe, und dann mühsam wieder aus dem Sarge krieche, werden sie hingehen, wohin sie Lust haben, und mir wird gar nichts übrig bleiben." So beschloß er denn, im Voraus für sich selber zu sorgen, und dachte dabei an denkostbaren Ring, von dem er reden gehört hatte. Diesen also zog er der Leiche des Erzbischofs, sowie'er sie erreicht hatte, vom Finger und steckte ihn sich selber auf. Dann gab er Jenen Bischofstab und Mütze und Handschuh, entkleidete dis Leiche bis aufs Hemde, reichte ihnen Alles heraus und sagte, weiter sei nichts da. Die Anderen versicherten, der Ring müsse da sein, und hießen ihn überall suchen, er aber gab vor, ihn nicht zu finden, stellte sich, als suche er ihn, und hielt sie eine Weile hin. Jene aber, die draußen geblieben, waren eben so schlau als er, trieben ihn ferner zum Suchen an und zogen zu gelegener Zeit den Pflock weg, der den Deckel emporhielt, und entflohen dann, wahrend jener in dem Grabmale eingeschlossen blieb. Wie dem Andreuccio dabei zu Muthe wurde, kann sich ein Jeder denken. Zwar versuchte er zu wiederholten Malen, mit Kopf und Schultern den Deckel emporzuheben; doch war alle Müh' umsonst, und er siel endlich, vom Schmerze übermannt, auf den tobten Körper des 132 Zweiter Lag. Fünfte Geschichte. Erzbischofs ohnmächtig nieder, sodaß, wer Beide in diesem Augenblicke gesehen hätte, schwerlich im Stande gewesen wäre zu erkennen, ob der Erzbischof oder er der mehr todte sei. Als er aber wieder zu sich kam, sing er bitterlich zu weinen an, indem ihm einleuchtete, daß für ihn keine andere Aussicht sei, als entweder, wenn Niemand komme, um ihm das Grabmal zu eröffnen, dort vor Hunger und vor Gestank mitten unter den Würmern jener Leiche zu sterben, oder, wenn Jemand dazu komme und ihn dort finde, als Dieb gehangen zu werden. Während er noch gar trübsinnig solcherlei Gedanken nachhing, hörte er in der Kirche gehen und viele Leute miteinander reden, welche, wie er zu seinem Schrecken vermuthete, in derselben Absicht kamen, die ihn und seine Gefährten hergeführt hatte. Als aber Jene das Grabmal eröffnet und aufgestützt hatten, stritten sie miteinander, wer hineinkriechen sollte, und Keiner wollte. Endlich und nach langem Zank sagte ein Pfaffe: „Was fürchtet Ihr Euch denn? Denkt Ihr, er wird Euch fressen? Die Tobten beißen Niemand. Ich will selber hinein." Und mit diesen Worten stützte er die Brust auf den Rand des Sarkopbages und streckte, den Kopf nach außen gewandt, die Beine hinein, um sich dann hinunterzulassen. Als Andreuccio das sah, richtete er sich auf und faßte den Pfaffen bei einem Beine, als ob er ihn niederziehen wollte. Kaum aber fühlte das der Geistliche, so schrie er laut auf und sprang mit einem Satze aus dem Sarge. Darüber erschraken denn wieder die Uebrigen so sehr, daß sie davon liefen, als ob hunderttausend Teufel hinter ihnen drein wären. Wie Andreuccio das gewahr wurde, kroch er, froher, als er je gehofft hatte, aus dem Grabmale, das Jene offen gelassen, sogleich heraus und verließ die Kirche auf demselben Wege, auf welchem er gekommen war. Inzwischen war der Morgen fast herangekommen, und Andreuccio gelangte, den Ring am Finger, an das Meeresufer und von da in sein Wirthshaus, wo seine Gefährten und der Wirth die ganze Nacht über um seinetwillen in Madonna Beritola. 133 Angst gewesen waren. Er erzählte ihnen, was ihm begegnet war, und es ward auf den Rath des Wirthes für gut befunden, daß er Neapel sogleich verlassen sollte. So that er denn auch schleunig und kehrte nach Perugia zurück, nachdem er das Seinige, statt Pferde zu kaufen, wie seine Absicht gewesen, in einem Ringe angelegt hatte. Sechste Geschichte. Madonna Beritola vertiert ihre zwei Söhne, wird dann mit zwei kleinen Rehen auf einer Insel gefunden und geht nach Lunigiana. Hier tritt einer ihrer Söhne bei dem Landcsherrn in Dienste, beschicht dessen Tochter und wird gefangen gesetzt. Inzwischen empört sich Sicilien gegen den König Karl, der Sohn wird von seiner Mutter erkannt und heirathet die Tochter seines Herrn; der Bruder findet sich ebenfalls wieder, und Beide werden wieder vornehme Leute. §)ie Damen und die jungen Männer hatten gleichmäßig über die Abenteuer des Andreuccio, die Fiammetta erzählt hatte, gelacht, und Emilie begann, als die Geschichte beendigt war, auf Befehl der Königin also: „Bitter und beschwerlich sind uns die mannichsachen Wechsel des Glückes, und wir können nicht von ihnen reden hören, ohne daß unsere Seelen von dem Schlummer, in den sie leicht bei seinen Gunstbezeugungen verfallen, erweckt werden. Deshalb meine ich auch, daß Glückliche sowol als Leidende gerne solchen Erzählungen zuhören sollten, welche die Ersten lehre, aus ihrer Hut zu sein und die Letzteren trösten. Und so will ich Euch denn, so Erstaunliches auch von meinen Vorgängern gesagt worden ist, eine Geschichte erzählen, die nicht minder wahr als rührend ist, und in der die Lei- 134 Zweiter Tag. Sechste Geschichte. den so groß und so anhaltend waren, daß ich, wenn ihnen gleich ein frohes Ende folgte, mir doch kaum einreden kann, Jene seien von dem spateren Glücke jemals völlig versüßt worden. Wisset nämlich, liebe Mädchen, daß nach dem Tode Kaiser Friedrich des zweiten Manfred zum König von Sicilien gekrönt ward, und daß bei diesem ein Edelmann aus Neapel, Namens Arrighettv Capece, in hohem Ansehen stand, der mit Beritola Caracciola, einer schönen Neapolitanerin von guter Familie, verheirathet war. Während dem Arrighettv die Regierung der Insel von Manfred anvertraut war, erfuhr er, dieser sei zu Benevent vom König Karl besiegt und getödtet worden, und das ganze Königreich wende sich dem Letztem zu. Da er nun in die unsichere Treue der Sicilianer geringes Vertrauen setzte, und dem Feinde seines Fürsten nicht gehorchen wollte, schickte er sich zur Flucht an. Jndeß bekamen die Sicilianer von seiner Absicht Kunde, setzten schleunig ihn und viele andere Freunde und Diener des Königs Manfred fest und übergaben diese und dann auch den Besitz der Insel dem König Karl. Madonna Beritola, die in so großem Umstürze der Dinge nicht wußte, was aus Arri- ghetto geworden sei, ließ, wegen Dessen, was sich bereits zugetragen, in fortwährender Furcht und besorgt, daß ihre Ehre gekränkt werden könnte, alles ihr Gehörige zurück und floh mit ihrem etwa achtjährigen Sohne Giuffredi auf einem Kahne schwanger nach Lipari, wo sie einen anderen Knaben gebar und diesen Scacciato nannte. Daraus nahm sie eine Amme und bestieg mit Allen ein kleines Schiff, um zu ihren Verwandten nach Neapel zurückzukehren. Doch ging es nicht nach ihrem Wunsche; das Fahrzeug, das nach Neapel bestimmt war, wurde von der Gewalt des Sturmes nach der Insel Ponza getrieben, wo die Schiffer in einen kleinen Meerbusen ein- liesen und günstigeres Wetter abwarteten. Frau Beritola stieg, gleich den Uebrigen, aus der Insel ans Land und Madonna Beritola. 135 suchte sich einen einsamen und abgelegenen Platz aus, wo sie sich ganz allein hinsetzte und ihren Arrighetto beweinte. So that sie jeden Tag, und da geschah es denn, daß, als sie einmal ohne Wissen der Matrosen und anderer Reisegefährten sich in ihre Klagen vertieft hatte, eine Galeere voll Corsaren Jene übersiel und Alle ohne Widerstand gefangen davon führte. Als Frau Beritola ihr tägliches Wehklagen geendet hatte, kehrte sie nach ihrer Gewohnheit zum User und, wie sie glaubte, zu ihren Kindern zurück, aber sie fand Niemand. Anfangs wunderte sie sich darüber, dann aber ahnte sie plötzlich, was geschehen sein könne, blickte hinaus auf das Meer und sah die Galeere, die sich noch nicht weit entfernt hatte, ihr Schiffchen hinter sich herziehen. Da wurde es ihr denn nur allzuklar, daß sie zu dem Manne nun auch die Kinder verloren habe, und hier arm, allein und verlassen, ohne Hoffnung, Jemanden der Ihrigen wiederzusinden, zurückgeblieben sei. Und so siel sie, laut nach Mann und Kindern rufend, 'ohnmächtig am Ufer nieder. Da war aber Niemand, der mit frischem Wasser oder andern Mitteln ihre entschwundenen Kräfte hatte zurückrufen können, und ihre Lebensgeister hatten alle Muße, wohin es ihnen gefiel, in der Irre umherzuschweifen. Als aber ihr unglücklicher Körper mit den Thränen und dem Wehklagen zugleich seine Kräfte wieder gewann, rief sie aufs neue lange nach ihren Kindern und suchte sie in jeder Höhle der Insel. Endlich aber mußte sie selbst ein- sehen, alle ihre Mühe sei umsonst, und als die Nacht herankam, sing sie noch immer hoffend, ohne selber zu wissen, auf was, an, um sich bekümmert zu werden, und verließ das Ufer und barg sich in der Höhle, wo sie zu weinen gewohnt war. Nach einer unter Angst und unsäglichen Thränen verlebten Nacht fühlte sie sich am anderen Morgen, als die Sonne schon seit mehr als drei Stunden am Himmel stand, da sie am vorhergehenden Abende nichts genossen, 136 Zweiter Lag. Sechste Geschichte. vom Mangel genöthigt, nun mit Krautern ihren Hunger zu mildern. Am Ende dieser kümmerlichen Mahlzeit hing sie weinend mancherlei Gedanken über ihr künftiges Leben nach, und, während sie noch so fort sann, sah sie, ganz in ihrer Nähe, ein Reh in eine Höhle gehen und nach einiger Zeit wieder herauskommen und in den Wald laufen. Das machte Frau Beritola neugierig, und sie stand aus und ging dort hinein, wo das Reh herausgekommen war, und fand zwei kleine Rehzicklein, die vielleicht erst an demselben Tage geworfen sein mochten. Sie fand die kleinen Thiere so überaus niedlich und allerliebst, daß sie, weil ihr von der neulichen Niederkunft die Milch noch nicht ausgegangen war, sie zärtlich emporhob und an ihre Brust legte. Die Thierchen verschmähten diese Wohlthat nicht, sondern sogen, wie sie es ihrer Mutter gethan haben würden, und machten auch in Zukunft zwischen dieser und der Dame keinen Unterschied. Der Edeldame dagegen war es nun zu Sinne, als hätte sie an diesem wüsten Orte einige Gesellschaft gefunden; sie aß Kräuter und trank Wasser, weinte, so oft sie sich an Mann und Kinder und an ihr früheres Leben erinnerte, wurde allmälig mit dem Mutter- khiere so vertraut wie mit den Kleinen und beschloß, auf jener Insel zu leben und zu sterben. So lebte die edle Frau, einem wilden Thiere gleich, mehrere Monate lang, bis es endlich geschah, daß ein pisanisches Schifflein ebenfalls wegen Unwetters an derselben Stelle landete, wo einst die Dame gelandet war, und mehrere Tage lang dort verweilte. Auf diesem Fahrzeuge befand sich ein adlicher Herr, Namens Markgraf Currado Malespini, mit seiner tugendhaften und frommen Gemahlin. Sie kamen von einer Wallfahrt, auf der sie alle heiligen Oerter des Landes Puglien besucht hatten, und kehrten nun in ihre Heimat zurück. Eines Tages machte sich der Markgraf, um die üble Laune zu vertreiben, mit seiner Gemahlin und einigen Dienern und Hunden nach dem Innern der Insel auf den Weg, wobei denn die Hunde Currado's nicht gar weit von dem Orte, wo Frau Beritola weilte, die zwei kleinen Rehe verfolgten, die inzwischen herangewachsen waren und grasend umherliefen; die Thiere flohen, von den Hunden gejagt, nirgend anders hin, als in die Höhle, in der sich Frau Beritola befand. Diese aber erhob sich, als sie die Kleinen verfolgt sah, nahm einen Stock und verjagte die Hunde. Darüber kamen Eurrado und seine Gemahlin, die ihren Hunden nachgingen, hinzu und wunderten sich sehr, als sie Frau Beritola erblickten, die braun und hager und struppigen Haares geworden war; diese aber erstaunte noch mehr über jene. Eurrado mußte auf ihr Begehren die Hunde zurückrufen; aber erst nach vielen Bitten konnte sie bewogen werden, zu sagen, wer sie sei und was sie dort für ein Leben führe. Als sie aber ihre ganze Lage und die Schicksale, die sie betroffen, ihnen vollständig erzählt und auch ihren harten Vorsatz ihnen kund gethan hatte, weinte Eurrado vor Mitleid; denn er hatte Arri- ghetto Capece sehr gut gekannt. Dann suchte er sie mit vielen Worten von einem so grausamen Entschlüsse zurückzubringen. Er bot ihr an, sie in ihre Heimat zurückzuführen, oder bei sich aufzunehmen, wo sie wie eine Schwester geehrt werden und so lange verweilen solle, bis Gott ihr ein günstigeres Schicksal bereiten werde. Da die Dame diesen Anerbietungen nicht nachgab, ließ Eurrado sie mit seiner Frau allein und trug dieser auf, daß sie zu Essen bringen lassen und die Fremde, die ganz zerlumpt war, mit ihren Sachen bekleiden und auf alle Weise dahin wirken möge, daß sie mit ihnen komme. Die Edelfrau weinte, als sie sich mit Frau Beritola allein sah, anfangs noch lange mit dieser über deren Mis- gcschicke; dann ließ sie Kleider und Speisen holen und brachte jene nur mit der größten Mühe dahin, die einen anzunehmen und die andern zu genießen. Endlich bewog sie sie auch, da Frau Beritola sich weigerte, irgend wohin zu gehen, wo sie gekannt sei, mit ihnen nach Lunigiana I» 138 Zweiter Lag. Sechste Geschichte. zu reifen. Doch bedang sich Frau Beritola aus, daß die beiden Rehlein und deren Mutter, die inzwischen zurückgekommen war und zu nicht geringer Verwunderung der Edelfrau jene geliebkost hatte, sie begleiten dürften. Sobald nun wieder gutes Wetter ward, ging Frau Beritola mit Currado und seiner Gemahlin zu Schiffe, und mit ihnen wurden auch das Reh und die Kleinen eingeschifft, von denen der Name Cavriuola auf Frau Beritola, deren wahren Namen die Uebrigen nicht wußten, überging. Ein günstiger Wind brachte sie schnell zur Mündung der Magra, wo sie ausstiegen und sich nach den Schlössern des Cur- rado begaben. Hier lebte dann Frau Beritola in Witwentracht, wie eine Untergebene der Gemahlin des Currado, ehrbar, bescheiden und gehorsam, und liebte ihre Rehe und sorgte für deren Futter. Inzwischen waren die Corsaren, die in Ponza das Schiff geraubt hatten, auf welchem Frau Beritola gekommen, mit allen Uebrigen, bis auf sie, welche unbemerkt geblieben war, nach Genua gefahren. Hier war die Beute unter den Eigenthümern getheilt worden, und es hatte sich getroffen, daß unter mehreren andern Stücken die Amme der Frau Beritola mit den beiden Kindern einem Herrn Gasparrin D'Oria zugefallen war. Dieser schickte Amme und Kinder in sein Haus, um sie als geringe Diener zu den täglichen Geschäften zu gebrauchen. Lange weinte die Amme, ebenso sehr über den Verlust ihrer Gebieterin, als über das traurige Loos betrübt, zu dem sie mit den beiden Kindern herabgesunken war. Wie sie aber endlich einsah, daß ihre Thranen zu nichts führten, und sie Magd und jene Knechte waren und blieben, beruhigte sie sich, besonnen und verständig, wie sie, ihrer Armuth ungeachtet, war, zuerst soviel sie vermochte, und überlegte dann, daß den beiden Kindern, in dem Zustande, in welchen sie gerathen waren, ihr wahrer Name, wenn er bekannt würde, leicht einmal nachtheilig werden könnte. Außerdem gab sie die Hoffnung nicht auf, ihr Schicksal Madonna Beritola. 139 werde sich, wann es auch sei, noch einmal ändern, und sie würden, wenn sie nur am Leben blieben, ihre alte Stellung wieder gewinnen können, und beschloß aus diesen Gründen, bis die gelegene Zeit kommen würde, Niemandem zu offenbaren, wer sie seien. Demzufolge sagte sie Allen, von denen sie darum befragt ward, es seien ihre Kinder, und nannte den älteren nicht Giuffredi sondern Giannotto von Prvcida, dem jüngeren dagegen glaubte sie seinen Laufnamen lassen zu dürfen. Ferner machte sie dem Giuffredi mit großer Sorgfalt begreiflich, warum sie ihn anders benannt habe, und welchen Gefahren er ausgesetzt sein könne, wenn er erkannt würde, und begnügte sich nicht damit, ihm dies einmal zu sagen, sondern schärfte ihm dieselben Lehren oft und vielmals ein. Auch fehlte es dem Kinde nicht an Fassungskraft, und es befolgte genau die Vorschriften der verständigen Amme. So lebten die beiden Knaben, schlecht bekleidet und noch schlechter beschuht, mit ihrer Amme mehrere Jahre lang in dem Hause des Herrn Gasparrino, wo sie zu den geringsten Diensten verwandt wurden. Als indessen Giannotto sechszehn Jahre alt geworden und edlere Gesinnungen, als sie einem Diener geziemen, hegte, verließ er den Dienst des Herrn Gasparrino und schiffte sich, seiner niedrigen und knechtischen Lage überdrüssig, auf einer Galeere, die nach Alexandrien bestimmt war, ein. So besuchte er verschiedene Länder und konnte es darum doch nicht weiter bringen. Drei oder vier Jahre verstrichen, seit er Herrn Gasparrino verlassen hatte, und er wuchs inzwischen zu einem stattlichen und wohlgebildeten Manne heran; auch erfuhr er, sein Vater, den er todt geglaubt hatte, lebe noch im Kerker vom König Karl gefesselt und bewacht; da gelangte er endlich auf seinen unsteten Irrfahrten, an seinem Glücke verzweifelnd, nach Lunigiana, und es mußte sich treffen, daß er sich eben bei Currado Malespina in Dienst that und durch sein Geschick und gutes Benehmen sich dessen Zufriedenheit er- 140 Zweiter Tag. Sechste Geschichte. warb. Ob er nun gleich seine Mutter, die mit der Gemahlin des Currado zusammenwohnte, einige wenige Male zu sehen bekam, so erkannte sie doch weder ihn, noch er jemals sie, so sehr hatte den Einen und die Andere das Alter, im Vergleich mit ihrem Aussehen zu der Zeit, wo sie sich zuletzt gesehen, verändert. — Während Giannotto in Currado's Diensten stand, kehrte eine Tochter des Letzteren, mit Namen Spina, die durch den Tod ihres Mannes, eines Niccolo von Grignano, zur Witwe geworden war, in das Haus ihres Vaters zurück. Sie war schön und liebenswürdig und so jung, daß sie wenig über sechszehn Jahre zählte, und da geschah es, daß sie sowol auf den Giannotto, als er auf sie ein Auge warf, und Beide sich auf das glühendste ineinander verliebten. Es blieb diese Liebe nicht lange unbefriedigt, und der vertraute Umgang Beider hatte bereits mehrere Monate gedauert, ehe Jemand etwas davon geahnet hatte. Doch wurden die Liebenden dadurch allzu sicher und benahmen sich unvorsichtiger, als es sich für solche Angelegenheiten ziemt. So entfernte sich denn eines Tages die junge < Witwe mit Giannotto, während man in einem schönen und dicht verwachsenen Gebüsche lustwandeln ging, weit von der übrigen Gesellschaft, und wie Beide den Uebrigen zur Genüge vorangeeilt zu sein glaubten, setzten sie sich an einer rings von Bäumen umschlossenen Stelle auf Kräuter und Blumen und gewährten einander die höchsten Freuden der Liebe. Ob sie nun gleich bereits eine lange Weile also geruht hatten, so ließ die Lust, die sie empfanden, sie dennoch diese Zeit für äußerst kurz halten, und so geschah es, daß sie zuerst von Spina's Mutter und dann von Currado überrascht wurden. Tiefgekränkt durch Das, was er gesehen, ließ Currado, ohne ein Wort zu sagen, dis beiden Schuldigen von dreien seiner Diener ergreifen und gebunden auf eine seiner Burgen führen, und hatte, von Zorn und Unmuth ganz übermannt, im Sinne, sie eines schmählichen Todes Madonna Beritola. 141 sterben zu lassen. Obgleich auch Spina's Mutter über den Fehltritt ihrer Tochter äußerst aufgebracht war und die grausamste Züchtigung derselben nicht für zu hart hielt, konnte sie dennoch Das nicht ertragen, was, wie sie aus einigen Worten Currado's errieth, dieser mit den Beiden zu thun gesonnen war. So folgte sie denn eilig dem erzürnten Gemahls nach und bat ihn, sich in seinem Alter nicht in der Uebereilung des Zornes zum Mörder seiner Tochter zu machen, und seine Hände nicht mit dem Blute eines seiner Diener zu besudeln, sondern eine andere Art zu erdenken, wie er seinem Unmuthe genügen könnte, wie z. B., wenn er Beide gefangen setzen ließe, daß sie im Kerker und im Elend ihren begangenen Fehltritt beweinen könnten. Mit diesen und mit vielen andern Worten redete die fromme Dame ihm so lange zu, daß er den Vorsatz, sie zu tödten, fallen ließ und statt dessen befahl, daß ein jedes von ihnen an einem andern Orte eingekerkert, sorgsam bewacht und so lange bei wenig Speise und vielem Ungemache gehalten werden solle, bis er anders übe« sie verfügen würde. Was für ein Leben die beiden jungen Leute in der Gefangenschaft unter fortwährenden Tlwänen und bei längerem Fasten, als ihnen lieb war, führten, kann sich ein Jeder denken. Wahrend nun Giannotto und Spina so traurige Tage verlebten, und schon ein Jahr verstrichen war, ohne daß Currado sich ihrer erbarmt hatte,' geschah es, daß König Peter von Arragonien durch die Einverständnisse des Herrn Johann von Procida die Insel Sicilien aufwiegelte und dem König Karl entriß, worüber Currado, als eifriger Ghibelline, seine Freude durch Festlichkeiten bezeigte. Dadurch erfuhr auch Giannotto von einem der Leute, die ihn zu bewachen hatten, etwas von dem Ereigniß, .und wie er es hörte, seufzte er laut auf und sagte: „Gerechter Gott, nun sind es vierzehn Jahre, daß ich in der Welt umhcrirre und auf nichts Anderes warte, als eben darauf, und jetzt, wo es geschehen ist, muß ich im Gefängnis sitzen 142 Zweiter Tag. Sechste Geschichte. und darf nicht hoffen, vor meinem Tode wieder heraus zukommen." „Nun," sagte der Gefangenwärter, „was geht denn Dich an, was so große Könige thun? Was hattest Du denn in Sicilien zu schaffen?" Giannotto erwiderte ihm: „Mir. ist, als wollte mein Herz zerspringen, wenn ich daran denke, was mein Vater dort zu sagen hatte; denn, so klein ich auch war, als ich von dort entfliehen mußte, so erinnere ich mich doch noch, gesehen zu haben, wie er zur Zeit des Königs Manfred über die ganze Insel zu befehlen hatte." „Und wer war denn Dein Vater?" entgegnete der Schließer. „Meinen Vater," sagte Jener, „brauche ich jetzt nicht mehr zu verhehlen, da die Gefahr, in die ich zu kommen fürchtete, wenn ich ihn entdeckte, mich nun ohne das betroffen hat. Er hieß und heißt, wenn er anders noch am Leben ist, Arrighetto Capece, und ich nenne mich nicht Giannotto, sondern Giuffredi und zweifle nicht, daß, wenn ich hier heraus und nach Sicilien kommen könnte, ich dort eine der höchsten Stellen einnehmen würde." Der Schließer ließ sich weiter auf nichts ein, sondern berichtete, sobald er Zeit dazu fand, das ganze Gespräch dem Currado. Zwar stellte sich dieser gegen den Gefangenwarter, als ob der Bericht ihm gleichgültig wäre, doch ging er sogleich zu Frau Beritola und fragte sie freundlich, ob sie von Arrighetto einen Sohn, Namens Giuffredi, gehabt habe. Weinend antwortete die Dame, daß, wenn der älteste ihrer beiden Söhne noch am Leben wäre, er so heißen und etwa zwei und zwanzig Jahre alt sein würde. Als Currado dies vernahm, überzeugte er sich, der Gefangene sei es wirklich, und es kam ihm der Gedanke ein, daß er, wenn es sich so verhielte, zu gleicher Zeit ein großes Werk der Barmherzigkeit thun und seine und seiner Tochter Schande tilgen könnte, wenn er diese Jenem zur Frau gäbe. Aus diesem Grunde ließ er- den Giannotto heimlich zu sich rufen und befragte ihn genau über sein vergangenes Leben, und da er auch hierbei manche deut- Madonna Beritola. 143 liche Beweise fand, daß Jener wirklich Giuffredi, der Sohn des Arrighetto Capece, sei, sagte er zu ihm: „Giannotto, Du weißt selber, welche, und eine wie schwere Beleidigung Du mir in meiner eignen Tochter angethan hast, wahrend es Dir, den ich freundlich und gut behandelte, als einem Diener geziemte, meine Ehre und die Ehre alles Dessen, was mir gehört, immer aufrecht zu halten und zu befördern. Wahrlich, Viele würden, wenn Du ihnen gethan hättest, was Du mir thatest, Dich eines schmählichen Todes haben sterben lassen; doch gab mein Mitleiden das nicht zu. Weil Du nun aber wirklich, sowie Du mir sagst, eines edlen Vaters und einer edlen Mutter Sohn bist, so bin ich, wenn Du anders willst, geneigt, Deinen Leiden ein Ende zu machen, Dich aus dem Elende der Gefangenschaft, in der Du Dich befindest, zu befreien und Deine und meine Ehre auf genügende Weise wieder herzustellen. Spina, zu der Du eine liebevolle, obwol für Dich und sie ungeziemende Neigung hegtest, ist, wie Du weißt, Witwe, ihre Mitgift ist bedeutend und stcker; wie ihre Sitten, wer Vater und Mutter seien, ist Dir bekannt, und in welcher Lage Du selber Dich jetzt befindest, darüber schweige ich gänzlich. Dem Allen zufolge bin ich nun, wenn es Dir recht ist, bereit, Spina, welche unehrbarer Weise Dir Freundin war, zu Deiner ehrbaren Frau zu machen, und dann magst Du, wie mein eigner Sohn, hier am Orte mit mir und mit ihr so lange weilen, als es Dir gefallen wird." Allerdings hatte die Gefangenschaft Giannotto's Leib abgemagert, seine adlichen und mit der Geburt ihm vererbten Gesinnungen aber waren um nichts geschwächt worden, und eben so unversehrt hatte sich in ihm auch die Liebe zu seiner Dame erhalten. Obgleich er also auf das lebhafteste Das begehrte, was Eurrado ihm anbot, und obgleich er sich in dessen Gewalt befand, so milderte er um deshalb nichts von Dem, was er nach seinem edlen Stolze sagen zu müssen glaubte. „Eurrado," erwiderte 144 Zweiter Tag. Sechste Geschichte. er, „ich habe weder Deinem Leben, noch Dem, was Dir zugehört, aus Ehrgeiz, Geldgier oder aus irgend einem andern Grunde verratherischer Weise nachgestellt. Deine Tochter liebte ich, liebe sie und werde sie immerdar lieben, weil ich sie meiner Liebe werth halte. Und, wenn ich nach der Meinung des großen Haufens die Ehrbarkeit gegen sie verletzt habe, so habe ich die Sünde begangen, die mit der Jugend untrennbar verbunden ist, und die nur dann getilgt werden könnte, wenn man zugleich die Jugend vertilgte. Wollten aber die Alten sich daran erinnern, daß auch sie einmal jung waren, und wollten sie an die fremden Fehler den Maßstab der eignen legen, und umgekehrt, so würde diese Sünde nicht für eine so schwere gelten, als Du und manche Andere daraus machen. Was ich übrigens gethan habe, das habe ich als Freund und nicht als Feind gethan. Was Du Dich jetzt zu thun erbietest, das habe ich immer gewünscht, und hätte ich glauben können, daß es mir gewährt werden würde, so hätte ick schon vor langer Zeit darum angehalten; nun aber soll es mir um so weither sein, als weniger Hoffnung dazu vorhanden gewesen ist. Solltest Du aber nicht so gesinnt sein, wie Deine Worte mich glauben machen, so nähre mich nicht mit eitler Hoffnung, sondern laß mich in das Gefängniß zurücksühren und dort so vieles Ungemach erleiden, als Dir gefällig sein wird; denn so lange ich Spina lieben werde, eben so lange werde ich um ihrent- willen auch Dich lieben, und was Du mir auch immer anthun magst, Dich in Ehren halten." Eurrado verwunderte sich, als er diese Worte vernahm, und meinte, sie bekundeten eine große Seele und eine glühende Liebe, um derentwillen er ihn nur um so lieber gewann und ihn umarmte und küßte. Darauf ließ er, um weiteren Aufschub zu vermeiden, Spina in der Stille herbeiführen, die im Gefängnisse inzwischen mager, bleich und schwach geworden war, und ebenso, wie auch Gianotto, sich völlig verändert hatte und nicht mehr dieselbe zu sein schien. Beide vollzogen alsdann mit herzlicher Uebereinstimnmng in Currado's Gegenwart ihre Verlobung nach der bei uns üblichen Form. Einige Tage lang verschwieg Currado das Geschehene vor Jedermann und versorgte indessen die Verlobten mit Allem, was sie bedurften, oder sich wünschten. Als es ihm endlich Zeit zu sein schien, die Mutter des jungen Paares an dieser Freude Theil nehmen zu lassen, rief er seine Gemahlin und die Eavriuola zu sich und sprach also zu der letzten: „Was würdet Ihr wol dazu sagen, Madonna, wenn ich Euch Euren ältesten Sohn als den Mann einer meiner Töchter wiederbrachte?" Darauf erwiderte Eavriuola: „Was sollte ich Anderes darauf sagen, als daß ich, wenn es anders möglich wäre, Euch größeren Dank schuldig zu sein, als dies bereits der Fall ist, Euch noch viel dankbarer sein müßte, weil ich von Euch empfangen würde, was ich lieber als mich selber habe? Und wenn Ihr ihn mir so wiedergabet, wie Ihr sagtet, so würdet Ihr die langst erloschene Hoffnung in mir einigermaßen wieder beleben," und als sie das gesagt hatte, weinte sie und schwieg. Da fragte Currado seine Gemahlin: „Was würdest Du denn davon halten, Frau, wenn ich Dir so einen Schwiegersohn schenkte?" „Mir," entgegnen die Frau, „würde nicht nur Einer von ihrem Hause, das ein adeliches ist, sondern der Geringste recht sein, sobald es Euer Wille wäre. „Nun denn," sagte Currado, „so denke ich wol, daß ich Euch in ein paar Tagen solch eine Freude machen will." Als die jungen Leute nach einiger Zeit ihr früheres Aussehen wieder gewonnen hatten, hieß Currado sie. kostbare Kleider anlegen und fragte den Giufsredi: „Würde es wol Deine Freude noch erhöhen können, wenn Du Deine Mutter hier sähest?" „Es scheint mir unglaublich," entgegnete Giufsredi, „daß der Schmerz über ihre Unfälle sie am Leben gelassen haben sollte; wäre es aber dennoch der Fall, so würde meine Freude groß sein, weil ich hauptsächlich durch ihren Rath mein Änsehn in Sicilien zu ge- Dekameron. I. 7 146 Zweiter Tag. Sechste Geschichte. winnen hoffen würde." Darauf ließ Currado die beiden Frauen Hereinrufen und diefe bezeugten den Neuverlvbten ihre herzlichste Freude, ohne sich jedoch erklären zu können, wodurch jener plötzlich so milde gestimmt worden sei, daß er der Spina den Giannotto zum Manne gegeben. Frau Beri- tola faßte indeß, in Folge der früheren Reden Currado's, schnell den Jüngling in's Auge, und eine geheime Kraft weckte in ihr die Erinnerungen der kindlichen Züge ihres Sohnes, daß sie ihn wiedererkannte und, ohne westeren Aufschluß zu erwarten, ihm mit offenen Armen um den Hals siel und vor dem Uebermaße mütterlicher Liebe und Freude kein Wort zu sprechen vermochte, sondern aller Lebenskraft beraubt, gleich einer Tobten an die Brust ihres Sohnes sank. Wohl wunderte sich dieser, daß er sie früher in demselben Schlosse oftmals gesehen und nie gekannt haben sollte, doch regte sich schnell in ihm das Blut, das er von ihr empfangen, und er schalt sich selber wegen seiner früheren Sorglosigkeit, faßte sie weinend in seine Arme auf, und küßte sie auf das zärtlichste. Als Frau Beri- tola unter dem liebevollen Beistand der Gemahlin Currado's und der Spina durch kaltes Wasser und andere Mittel ihre verlorenen Kräfte wieder gefunden hatte, umfaßte sie ihren Sohn unter vielen Thränen und zärtlichen Worten voller mütterlicher Liebe auf's neue und küßte ihn wol tausend Mal, er aber zeigte ihr in Allem die kindlichste Ehrerbietung. Nachdem sie drei Mal oder vier Mal schon voll Zärtlichkeit und Anstand sich umfangen, und die Umstehenden sich des rührenden Schauspiels erfreut hatten, erzählten sie einander Alles, was sich mit ihnen zugetragen. Dann aber sagte Giuffredi zu Currado, der einige seiner Freunde, zu deren großer Zufriedenheit, schon von dem neugeschlossenen Bunde benachrichtigt hatte und eben ein großes und glänzendes Fest veranstaltete: „Currado, Ihr habt mir schon manche Freude gewahrt und lange Zeit meine Mutter ehrenvoll beherbergt. Ich bitte Euch nun, daß Ihr, um nichts ungeschehen zu lassen, was Ihr für uns thun könnt, durch die Gegenwart meines Bruders (den Herr Gaspar- rino D'Oria, welcher, wie ich Euch bereits sagte, ihn und mich zur See geraubt hat, als seinen Diener im Hause halt) meine Mutter und mich erfreun und mein Hoch- zeitfest verherrlichen wollt. Dann aber bitte ich Euch noch, Jemand nach Sicilien zu schicken, damit er sich dort vollständig nach den Verhältnissen und dem Zustande des Landes erkundige und nachforsche, ob mein Vater Arrighetto todt, oder noch am Leben ist, und in was für einer Lage er sich im letzteren Falle befinde, und uns dann über dies Alles vollständigen Bescheid bringe." Dem Eurrado gefiel das Begehren des Giuffredi, und er schickte auf der Stelle zuverlässige Leute nach Genua und nach Sicilien. Der Erste von ihnen, der nach Genua gesandt war, suchte Herrn Gasparrino auf und bat ihn im Namen Currado's inständig, diesem den Scacciato und dessen Amme zuzuschicken, und erzählte dabei der Reihe nach, was Eurrado für Giuffredi und dessen -Mutter bereits ge- than. Herr Gasparrino war über diese Botschaften sehr verwundert und erwiderte darauf: „Gewiß will ich für Eurrado Alles thun, was ihm angenehm sein kann, auch habe ich allerdings vor vierzehn Jahren den Knaben, nach dem Du fragst, mit seiner Mutter ins Haus bekommen, und bin gern bereit, jenem beide zu schicken; doch sage ihm in meinem Namen, er möge sich in Acht nehmen, daß er den Erzählungen des Giannotto, der, wie Du mir sagst, sich jetzt Giuffredi nennen läßt, nicht zuviel Glauben beigemessen habe oder noch beimesse, denn der ist viel durchtriebener, als Eurrado sich einbilden mag." Nach diesen Worten ließ er den Abgesandten ehrenvoll bewirthen, zugleich aber berief er heimlich die Amme zu sich und bc- frug sie sorgsam über die ganze Angelegenheit. Als diese von dem Ausstande in Sicilien hörte, und daß Arrighetto noch am Leben sei, entsagte sie der Furcht, die sie bisher gehegt hatte, und erzählte ihm, wie Alles zugegangen sei, 7 * 148 Zweiter Tag. Sechste Geschichte. und was für Gründe sie, also zu handeln, bewogen hatten. Die genaue Uebereinstimmung der Reden der Amme mit Dem, was der Abgesandte Currado's berichtet, machte, daß Herr Gasparrino ansing, der Sache einigen Glauben beizumessen. So prüfte er denn, seiner großen Schlauheit zufolge, die Angelegenheit von allen Seiten und schämte sich, als er immer neue Beweise für die Wahrheit jener Erzählung fand, der Art, wie er den Knaben behandelt hatte, so sehr, daß er, um es wieder gut zu machen, und in Betracht der hohen Stellung, die Arrighetto eingenommen hatte und noch einnahm, sein elfjähriges schönes Töchterchen mit einer großen Aussteuer dem Scacciato zur Frau gab. Dann fuhr er, nachdem zuvor zu Ehren jener Verbindung ein glänzendes Fest gefeiert worden war, mit dem jungen Manne, mit seiner Tochter, mit dem Abgesandten Currado's und mit der Amme auf einer wohlbewaffneten Galeere nach Lerici, wo er von Currado ehrenvoll empfangen und mit seiner ganzen Gesellschaft auf ein nahgelegmes und zu den bevorstehenden Festlichkeiten bereits eingerichtetes Schloß des Letzteren geführt ward. Wie groß die Freude der Mutter war, als sie ihren Sohn wieder sah, wie groß die der beiden Brüder, wie herzlich die beiden Brüder die treue Amme bewillkommneten, wie freudig alle Herrn Gasparrino und seine Tochter begrüßten, wie dieser Jene, wie endlich Alle sich mit Currado, seiner Gemahlin, seinen Kindern und Freunden zusammen erfreuten, würde sich mit Worten nicht ausdrücken lassen, und darum überlasse ich Euch, Ihr Mädchen, durch Eure Einbildungskraft meine Erzählung zu ergänzen. Damit jedoch die Freude ganz vollständig würde, wollte Gott, der freigebige Spender des Guten, es so anordnen, daß um dieselbe Zeit gute Nachrichten von dem Leben und der glücklichen Lage des Arrighetto Capece anlangten. Denn als bei dem großen Feste Männer und Frauen an den Tischen bewirthet wurden und noch an der ersten Schüssel Madonna Beritola. 149 gegessen ward, kehrte Derjenige zurück, der nach Sicilien gereist war, und erzählte unter Anderm, daß, während Arrighetto vom König Karl gefangen gehalten worden, das Volk, als der Aufstand gegen die Franzofen an jenem Orte ausgebrochen, voller Wuth nach seinem Gefangniß gelaufen sei, die Wachen getödtet, ihn herausgehvlt und als geschwornen Feind des Königs Karl zu ihrem Anführer gemacht und dann unter seinem Befehle die Franzosen verjagt und getödtet habe. Durch dieses Ereigniß sei ihm die Gunst des Königs Peter in hohem Grade zu Theil geworden, und dieser habe ihn in alle seine Besitzthümer und Ehrenstellen wieder eingesetzt, sodaß er jetzt ein Mann von der größten Bedeutung sei. Ihn selber, fügte der Gesandte hinzu, habe Arrighetto auf das ehrenvollste empfangen und die größte Freude über seine Frau und seinen Sohn bezeigt, von denen er seit seiner Gefangennehmung nie das Mindeste gehört, auch habe er ein Schiff und einige Edelleute, die dem Sprechenden auf dem Fuße folgten, mitgesandt, um die Seinigen abzuholen. Der Gesandte war mit allgemeiner Freude und Jubel empfangen und angehört worden, nun aber ging Currado nebst einigen seiner Freunde eilig den Edelleuten entgegen, die um Frau Beritola's und Giuffredi's willen gesandt worden waren, begrüßte sie herzlich und führte sie zu seinem Gastmahle, das noch nicht bis zur Halste gediehen war. Das Vergnügen, das die Dame und Giuffredi, wie auch die Uebrigen alle empfanden, sie zu sehen, hatte nicht seines Gleichen, sie aber dankten, noch bevor sie sich zu Tische setzten, in Arrighetto's Namen Eurrado und seiner Gemahlin so verbindlich, als sie nur wußten und konnten, für die Ehre, welche sie der Frau Beritola und seinem Sohne erwiesen, und forderten sie auf, über Arrighetto und was immer in dessen Vermögen stände, nach Willkür zu verfügen. Dann wendeten sie sich auch zu Herrn Gasparrino, dessen Verdienste um Scacciato ihnen vorher nicht bekannt gewesen waren, und sagten ihm, sie seien 150 Zweiter Tag. Siebente Geschichte. versichert, daß, sobald Arrighetto erfahren werde, was er für Jenen gethan, er ihm eben fo herzlich, wenn nicht noch herzlicher danken werde. Nun erst nahmen sie an der Festmahlzeit der jungen Bräute und Bräutigams den freudigsten Antheil. Doch dauerten die Festlichkeiten, die Currado zu Ehren seines Schwiegersohnes und seiner übrigen Angehörigen und Freunde entstellte, nicht nur diesen sondern noch viele daraus folgende Tage. Als sie endlich aufhörten, meinten Frau Beritola und Giuffredi, gleich den Uebrigen, es sei Zeit aufzubrechen, und so bestiegen sie unter vielen Thränen des Currado, seiner Gemahlin und des Herrn Gasparrino in Gesellschaft der Spina das Schiff, das ihnen Arrighetto geschickt, und sagten Jenen Lebewohl. Ein günstiger Wind brachte sie binnen Kurzem nach Sicilien, wo von Arrighetto Söhne und Frauen alle gleichmäßig in Palermo mit solcher Freude empfangen wurden, daß sie unmöglich geschildert werden kann. Dort sollen sie dann noch lange Zeit glücklich und der empfangenen Wohlthaten eingedenk in Gottes Gnaden gelebt haben. Siebente Geschichte. Der Sultan von Babylon schickt seine Tochter dem König von Algarbicn zur Frau, sie aber geräth durch eine Reihe von Ereignissen in Zeit von vier Jahren und an verschiedenen Orten neun Männern in die Hände. Endlich wird sie ihrem Water zurückgebracht und reist als vorgebliche Jungfrau zum König von Algar- bien, um diesen, der ersten Absicht nach, zu heirathen. §)ie Geschichte der Emilie hätte vielleicht nicht mehr lange dauern dürfen, ohne daß das Mitleiden über die Unfälle Alatiel. 1)1 der Frau Beritola die jungen Damen zu Thranen gerührt hätte. Als jene aber beendigt war, gefiel es der Königin, daß Pamphilus im Erzählen fortsühre, weshalb er gehorsam und willig also begann: „Schwierig ist es für uns, ihr anmuthigen Damen, zu erkennen, was uns gutthut. Denn während Viele, wie man oftmals zu sehen Gelegenheit gehabt, dafür hielten, wenn sie reich waren, würden sie sorgenlos und ruhig leben, und nicht allein Gott inbrünstig um Erreichung dieses Zieles baten, sondern auch keine Mühe und Gefahr fürchteten, um zu ihm zu gelangen, fanden sie, wenn ihre Wünsche gewährt wurden, wegen ihrer Erbschaft in Denen Mörder, die, bevor sie reich wurden, ihr Leben beschützten und liebten. Andere bahnten sich aus dem niedrigen Stande, in dem sie geboren wurden, mitten durch tausend gefährliche Schlachten und durch das Blut ihrer Brüder und Freunde den Weg zu der Hohe des Thrones, in der sie das höchste Glück zu finden wähnten, und mußten, unendliche Furcht und Sorgen, von denen sie sich umgeben sahen, ungerechnet, in ihrem eignen Tode erkennen, daß man an königlichen Tafeln aus gvld- nen Bechern Gift trinkt. Nicht gering ist ferner die Zahl Derjenigen, die körperliche Kraft und Schönheit, wie Andere den Schmuck, mit dem heftigsten Verlangen für sich begehrten und die Verkehrtheit ihres Wunsches nicht eher erkannten, als bis jene Dinge ihnen den Tod oder schwere Betrübniß gebracht. Um aber nicht im Einzelnen die menschlichen Wünsche durchzugehen, versichere ich im Allgemeinen, daß die Sterblichen keinen unter allen mit voll- kommner Umsicht als unabhängig von den Schlägen des Schicksals zu wählen im Stande sind. Deshalb sollten wir also, wenn wir anders richtig verfahren wollten, immer Das hinzunehmen und festzuhalten geneigt sein, was Derjenige uns gibt, Der allein durchschaut, was uns Noch thut, und es uns zu verleihen im Stande ist. Wenn nun gleich die Männer in dieser Hinsicht vielfach durch ihre Wünsche fehlen, so sündigt Ihr, schöne Damen, 152 Zweiter Tag. Siebente Geschichte. doch ganz vorzüglich in dem einen Punkte, daß Ihr schön zu sein wünscht und Euch deshalb nicht einmal mit den Reizen begnügt, welche die Natur Euch gewährt hat, sondern diese durch wunderbare Künste noch zu vermehren bestrebt seid. Um diesem Wunsche zu begegnen, will ich Euch erzählen, wie die Schönheit so sehr das Unglück einer Saracenin machte, daß sie um ihretwillen in Zeit von etwa vier Jahren neun Mal neue Hochzeiten feiern mußte. Schon vor geraumer Zeit war ein Sultan von Babylon, Namens Bonminedab, dem in seinen Tagen gar Mancherlei nach Wunsche ging. Unter mehreren andern Kindern beiderlei Geschlechtes hatte er auch eine Tochter, mit Namen Alatiel, die nach der Aussage Aller, die sie zu sehn bekamen, das schönste Mädchen war, das damals auf der Welt gefunden werden konnte. Diese hatte er wegen eines glänzenden Sieges über eine große Anzahl Araber, die ihn überfallen, zu welchem der König von Algarbien besonders viel beigetragen, dem letzteren, auf dessen besonderes Begehren, zur Frau versprochen, und schiffte sie nun unter ehrenvoller Begleitung von Männern und Frauen mit vielen kostbaren und schönen Geröchen auf einem wohl bewaffneten und ausgerüsteten Fahrzeuge ein, um unter Gottes Schutze zu ihrem Bräutigam zu reisen. Die Matrosen spannten dem Winde die Segel auf, sobald ihnen das Wetter günstig aussah, verließen den Hafen von Alexandrien und hatten mehrere Tage lang eine glückliche Fahrt. Als indeß Sardinien schon hinter ihnen lag, und sie dem Ziele ihrer Reise nahe zu sein glaubten, erhoben sich eines Tages streitende Winde, von denen ein jeder so übermäßig ungestüm war, daß das Schiff, auf dem die junge Fürstin mit den Matrosen sich befand, wild umhergeworfen und von den letzten mehrmals aufgegeben ward. Da diese jedoch in der Schiffahrt große Geschicklichkeit besaßen und alle Kraft und Kunst aufboten, gelang es ihnen, im Kampfe mit dem tobenden Meere, das Schiff zwei Tage lang zu erhalten. Als indeß bei Anbruch der Alatiel. 153 dritten Nacht, seitdem der Sturm begonnen, dieser nicht allein nicht nachließ, sondern noch immer im Zunehmen begriffen war, und die Schiffer nicht mehr wußten, wo sie seien, und (weil der Himmel von dichten Wolken umzogen und wie von dunkler Nacht verfinstert war) weder durch ihre Schifffahrtskunde, noch durch Beobachtungen Auskunft darüber erlangen konnten, wurden sie in der Nahe von Majorca gewahr, daß ihr Schiff auseinanderzugehn anfange. In dieser Lage, die jede Möglichkeit der Rettung vernichtete, dachte ein Jeder an sich selbst und nicht an den Andern, und so sprangen die Schiffsherren in das Boot, das sie schnell ins Meer geworfen hatten, entschlossen, sich lieber diesem, als dem aufgelösten Schiffs anzuvertrauen. Ihnen folgten die übrigen Männer, die im Schiffe waren, ungestüm nach, obgleich die zuerst Eingestiegenen sie mit den Messern in der Hand daran hindern wollten, und wahnend, nur so dem Tode entgehen zu können, wurden sie nur um so schneller seine Beute, denn, weil bei dem widrigen Wetter das Boot nicht so viel Personen ertragen konnte, ging es unter, und Alle, die auf ihm waren, mußten umkommen. Inzwischen wurde das Schiff, auf dem Niemand geblieben war, als die junge Dame und ihre Frauen, die von der Wuth des Sturmes und von ihrer Angst betäubt, wie Todte auf demselben umherlagen, obgleich schon ganz zerschellt und voller Wasser, von dem ungestümen Winde getrieben und im schnellsten Lause an die Küste der Insel Majorca verschlagen. Dabei war die Gewalt des Stoßes so groß, daß das Schiff vielleicht einen Steinwurf vom Ufer entfernt ganz im Sande stecken blieb und, wie sehr es auch die Nacht über von den Fluchen bekämpft ward, sich dennoch nicht mehr von der Stelle bewegen konnte. Als endlich der Helle Tag angebrochen war und der Sturm ein wenig nachgelassen hatte, erhob die junge Dame, die sich dem Tode nahe fühlte, das Haupt und rief, so schwach sie war, bald nach dem Einen und bald nach dem Andern 1 * * 154 Zweiter Tag. Siebente Geschichte. von ihrer Dienerschaft. Doch sie rief vergebens, denn die Gerufenen waren allzuenkfernt, um ihre Stimme zu hören. Wie sie auf ihr Rufen keine Antwort erhielt und keinen der Ihrigen erblickte, erschrak sie gewaltig und wurde von großer Furcht überfallen; doch richtete sie sich so weit auf, als ihre Kräfte es zuließen, und fah die Frauen von ihrer Begleitung und die übrigen Weiber alle am Boden liegen. Nach langem vergeblichen Anfprechen rüttelte sie die eine nach der andern, fand aber nur wenige unter ihnen noch am Leben, denn die meisten waren vor Magenbeschwerden und vor Angst bereits gestorben. Dieser Anblick erschreckte die Dame nur noch mehr; da sie sich jedoch so ganz allein sah und weder wußte noch errathen konnte, wo sie sei, ermunterte sie, guten Rathes bedürftig, wie sie war, die am Leben Gebliebenen so lange, bis sie sich aufrichteten. Wie aber auch diese ihr nicht zu sagen wußten, wo die Männer hingegangen feien, und sie entdeckte, daß das Schiff auf den Strand gelaufen und voller Wasser sei, sing sie gemeinschaftlich mit ihnen bitterlich zu weinen an. Und schon war Mittag seit drei Stunden vorüber, ohne daß sie am Ufer oder sonst in der Nähe Jemand gewahr geworden wären, dessen Mitleid und Beistand sie hätten ansprechen können. Um jene Stunde aber kam ein Edelmann, mit Namen Pericone von Visalgo, auf dem Rückwege von einer seiner Besitzungen mit mehreren seiner Leute zu Pferde dort von ungefähr vorüber. Sobald dieser das Schiff erblickte, errieth er sogleich, was geschehen sei, und befahl einem der Diener, daß er so schnell als möglich suchen möchte, das Wrack zu ersteigen, um ihm dann zu berichten, wie es sich damit verhalte. Es gelang dem Diener, aller Schwierigkeit ungeachtet, dem Befehle feines Herrn nachzukommen, und er fand die junge Dame mit der wenigen Begleitung, die ihr geblieben war, unter dem vorgebauten Vordertheil des Schiffes ganz furchtsam verborgen. Sobald diese ihn erblickten, flehten sie ihn weinend Alatiel. lö'i um Mitleid an und suchten, als sie sahen, sie würden so wenig verstanden, wie sie ihn verstehen konnten, ihm ihr Unglück durch Zeichen begreiflich zu machen. Der Diener bemerkte Alles, so gut er konnte, und erzählte dann dem Pericone, was er auf dem Schiffe gesehen. Dieser ließ sogleich die Frauen und die kostbarsten Sachen, die sich auf dem Wrack befanden und erreicht werden konnten, ans Land bringen und ging mit ihnen auf sein Schloß, wo er sie durch Ruhe und durch Speise erquickte. Dabei erriech er denn aus den kostbaren Gerüchen, die Dame, die er gefunden, müsse von gar vornehmer Abkunft sein, und erkannte sie auch bald vor den Uebrigen an der Ehre, die diese ihr allein erwiesen. Auch schienen ihm, ihrer Blasse und des Uebelbesindens ungeachtet, welche das Ungemach des Meeres in ihr hervorgebracht, die Formen ihres Körpers von großer Schönheit zu sein, weshalb er augenblicklich bei sich den Entschluß faßre, sie zur Frau zu nehmen, wenn sie noch keinen Mann haben sollte, und, wenn sie nicht seine Frau werden könnte, ihre Freundschaft zu gewinnen. Pericone war ein Mann von kräftigem Aussehen und gewaltigem Gliederbau. Als er die Dame einige Tage lang auf das beste hatte bewirthen lassen und sie sich bereits vollkommen wieder erholt hatte, fand er sie noch um Vieles schöner, als er vermachet, und gab sich deshalb, von ihrer Schönheit auf das leidenschaftlichste entflammt, obgleich sie, zu seinem großen Bedauern, weder ihn, noch er sie verstehen konnte, alle Mühe, sie durch Liebkosungen und zuthuliches Benehmen dahin zu bewegen, daß sie ohne Widerstreben ihm zu Willen wäre; doch blieben alle seine Versuche ganz vergeblich. Je mehr sie indeß seine Vertraulichkeiten von sich wies, desto mehr entflammte > sich Pericone's Gluth. Als die junge Dame dies gewahr wurde und im Verlaufe ihres mehrtägigen Aufenthalts an den Gebräuchen der Leute auch schon bemerkt hatte, daß sie Christen seien, leuchtete ihr wohl ein, daß sie mit 156 Zweiter Tag. Siebente Geschichte. der Zeit durch Güte oder durch Gewalt den verliebten Anforderungen des Pericone werde nachgeben müssen, und daß ihr unter diesen Umstanden, selbst wenn sie sich hatte verständlich machen können, nichts daran liegen konnte, gekannt zu werden. Demzufolge beschloß sie, mit festem Muthe ihrem widerwärtigen Schicksale entgegen zu treten, und befahl ihren Begleiterinnen, deren ihr nur drei geblieben waren, Niemandem jemals zu offenbaren, wer sie seien; es wäre denn, daß sich ihnen dadurch sichere Rettung darböte. Außerdem ermunterte sie sie auf das nachdrücklichste, ihre Keuschheit zu bewahren, und versicherte, daß sie selber fest entschlossen sei, sich Niemandem, als ihrem Gemahle hinzugeben. Die Mädchen priesen ihren Entschluß und versprachen den Befehlen nach Kräften zu gehorchen. Pericone aber entbrannte täglich um so mehr, je näher er sich dem geliebten Gegenstände sah und je mehr ihm alle Gunst verweigert ward, sodaß er endlich, als alle seine Aufmerksamkeiten vergeblich blieben, sich entschloß, Schlauheit und Künste anzuwenden, um erst im äußersten Fall zu der Gewalt seine Zuflucht zu nehmen. Nun hatte er ein paar Mal bemerkt, daß die junge Dame, die dem Verbote ihrer Religion zufolge des Weines ungewohnt war, an diesem besonder» Gefallen fand, und hoffte deshalb sie durch den Wein, als einen Diener der Venus, zu fangen. Zu diesem Ende stellte er sich, als nähme er auf ihre Ungefügigkeit keine Rücksicht, und ordnete eines Tages ein kostbares und festliches Abendessen an, zu dem die Dame auch wirklich erschien. Die Tafel war in aller Weise glänzend bestellt, Pericone aber hatte Demjenigen, der der Dame aufwartete, den Befehl gegeben, ihr mehrerlei Weine zusammenzumischen, und dieser vollzog den erhaltenen Auftrag auf das beste. Die Dame, die dessen kein Arges hatte und von dem Wohlgeschmäcke des Getränkes verleitet ward, genoß davon mehr, als ihrer Ehrbarkeit gut that. Der Wein machte sie mit der Zeit so lustig, daß sie alle ihr vergangenes Ungemach vergaß und, Alatiel. 157 wie sie einige Mädchen nach der Weise von Majorca tanzen sah, selber nach alexandrinischem Brauche zu tanzen anfing. Als Pericone das bemerkte, glaubte er sich dem Ziele seiner Wünsche nahe und verlängerte unter fortwährendem Ueberflusse von Speisen und Getränken die Tafel bis tief in die Nacht hinein. Endlich entfernten sich die Gäste, und Pericone ging allein mit der Dame in deren Zimmer, wo sie vom Weine mehr aufgeregt, als von der Sittsamkeit im Zaume gehalten, sich in Pericone's Gegenwart, völlig ohne Scham und Scheu, als ob er eine ihrer Frauen wäre, entkleidete und zu Bette legte. Dieser zögerte nicht, ihr zu folgen, sondern löschte alle Lichter aus, legte sich dann eilig auf der andern Seite neben ihr nieder, umfing sie mit seinen Armen und begann, ohne Widerstand von ihrer Seite, die Früchte der Liebe zu pflücken. Als Alatiel, die zuvor nicht gewußt hatte, was für Hörner die Männer zum Stoßen haben, das einmal empfunden, that es ihr fast leid, sich gegen Pericone's Bitten so lange gesträubt zu- haben, und in Zukunft lud sie sich, ohne weitere Aufforderungen abzuwarten, oftmals selber, zwar nicht mit Worten, denn mit denen konnte sie sich nicht verständigen, wol aber durch die That zu so süßen Nächten ein. Doch es genügte dem Schicksale noch nicht, sie von der Braut eines Königs zur Bettgenossin eines Burgherrn gemacht zu haben, und ihre und Pericone's Freuden wurden durch eine grausamere Leidenschaft unterbrochen. Pericone hatte nämlich einen Bruder, Namens Marato, der fünf und zwanzig Jahre alt und schmuck und frisch wie eine Rose war. Dieser nun hatte, sobald er Alatiel gesehen, das größte Gefallen an ihr gefunden und an ihren Geberden zu bemerken geglaubt, daß er wohl bei ihr angeschrieben sei. So meinte er denn, daß allein die strenge Aufsicht, unter der Pericone sie hielt, ihn daran hinderte, von ihr die Erfüllung seiner Wünsche zu erlangen, und verfiel dadurch auf einen ruchlosen Vorsatz, dem die schänd- 158 Zweiter Tag. Siebente Geschichte. liehe That auf dem Fuße folgte. Es traf sich, daß eben um jene Zeit im Hafen der Stadt ein Schiff vor Anker lag, das mit Waaren beladen, unter Leitung zweier junger Genuesen, denen es gehörte, nach Clarenza in Romania absegeln sollte. Schon waren die Segel aufgezogen, um, sobald der Wind günstig würde, abreifen zu können. Mit diesen Schiffern kam Marato überein und verabredete, wie sie in nächster Nacht ihn nebst der jungen Dame einnehmen sollten. Nachdem diese Anordnungen getroffen waren, und es Nacht zu werden ansing, ging Marato, der sich bereits ausgesonnen, was er thun wollte, mit ein paar zuverlässigen Gefährten, deren Hülfe er zu der beabsichtigten That angesprochen, unerkannt in Pericone's Haus, der sich, dergleichen nicht versah, und versteckte sich nebst ihnen, ein Jeder an dem verabredeten Platze, in verschiedenen Theilen des Hauses. Als schon ein Theil der Nacht verstrichen war, öffnete Marato seinen Gefährten das Zimmer, wo Pericone mit seiner Schönen schlief, und so tödte- ten sie diesen im Schlafe. Als die Dame erwachte und zu weinen ansing, droheten sie ihr mit dem Tode, wenn sie das mindeste Geräusch machte, und brachten sie nebst einem großen Theile der bedeutendsten Kostbarkeiten Pericone's, ohne von Jemandem bemerkt zu werden, eilig an das Ufer. Hier bestiegen Marato und die Dame das Schiff, und seine Gefährten kehrten zurück, die Schiffer aber spannten vor dem günstigen frischen Winde die Segel auf und reisten ab. Die Dame beklagte sich anfangs bitterlich, so- wol über ihr erstes Unglück, als über dieses zweite; Marato aber wußte sie, den heiligen Crescentius, den uns Gott geschenkt hat, in der Hand, solchergestalt zu trösten, daß sie zahm gegen ihn wurde und den Pericone vergaß. Schon glaubte sie wieder gut daran zu sein, als das Schicksal, dem die vorigen Unfälle noch nicht genügten, ihr neues Ungemach bereitete. Die beiden jungen Schiffsherren verliebten sich in ihre, wie schon öfters berichtet worden ist, wunderschöne Gestalt und in ihr äußerst feines Alatiel. 159 Betragen dergestalt, daß sie alles Andere darüber vergaßen und nur bemüht waren, ohne daß Marato den Grund davon gewahr werden konnte, ihr zu dienen , und ihr Gefälligkeiten zu erweisen. Da sie bald gegenseitig ihre Leidenschaft bemerkten, besprachen sie sich darüber insgeheim und beschlossen, den Gegenstand ihrer gemeinsamen Liebe, als ob Liebe dergleichen vertrüge, wie eine Kaufmannswaare oder wie einen Gewinn miteinander zu erwerben. Weil aber Marato sie auf das eifersüchtigste bewachte und so ihren Absichten entgegentrat, gingen sie eines Tages, wahrend das Fahrzeug besonders schnell segelte, Beide in Uebereinstim- mung auf Jenen, der am Hintertheile stand und, ohne sich von ihnen etwas Arges zu vermuthen, ins Meer sah, zu, faßten ihn plötzlich von hinten und warfen ihn ins Meer. So fuhren sie denn weiter als eine Miglie, ohne daß Jemand gewahr wurde, Marato sei ins Meer gefallen. Als es aber endlich die junge Dame erfuhr, sing sie abermals auf dem Schiffe zu weinen und zu klagen an- Sogleich eilten die beiden Liebenden, sie zu trösten, und redeten ihr, so wenig sie davon verstand, mit süßen Worten und großen Versprechungen auf das eindringlichste zu, obgleich sie weniger den verlorenen Gemahl als ihr Misgeschick beweinte. Als sie nach langen und zu verschiedenen Zeiten gepflogenen Reden sie einigermaßen beruhigt zu haben meinten, besprachen sie sich untereinander, wem von ihnen sie zuerst zufallen sollte. Da nun aber ein Jeder von Beiden der erste sein wollte und kein Mittel zur Einigung zu finden war, geriethen sie in heftigen Wortwechsel und erhitzten sich dabei so sehr, daß sie endlich zu den Messern griffen, wüthend übereinander Hersielen und, ohne daß die klebrigen, die sich auf dem Schiffe befanden, sie zu trennen vermocht hatten, sich so gefährliche Stöße beibrachten, daß der Eine auf der Stelle todt niedersiel und der Andere zwar am Leben blieb, aber an mehreren Theilen des Körpers schwere Wunden davontrug. Die junge Dame bedauerte dies Ereigniß gar sehr; denn 160 Zweiter Tag. Siebente Geschichte. nicht nur fand sie sich nun allein und ohne Rathgeber auf dem Schiffe, sondern sie besorgte auch, der Zorn der Freunde und Angehörigen der beiden Schiffsherren möchte sich gegen sie wenden. Doch die Bitten des Verwundeten und die baldige Ankunft in Clarenza befreiten sie von der letztem Gefahr. Kaum war sie an diesem Orte angelangt und mit dem Verwundeten in demselben Haufe eingekehrt, als sich auch das Gerücht von ihrer großen Schönheit durch die Stadt verbreitete und bis zu den Ohren des Fürsten von Morea drang, welcher damals in Clarenza verweilte. So wurde er begierig, sie zu sehen, und verliebte sich, wie er sie gesehen und noch weit schöner, als das Gerücht sie schilderte, gefunden hatte, so heftig in sie, daß er an nichts Anderes zu denken im Stande war. Als er die Art, wie sie nach Clarenza gekommen war, erfuhr, schöpfte er Hoffnung, daß er sie werde erlangen können, und wirklich schickten die Angehörigen des Verwundeten sie dem Fürsten ohne Weiteres zu, sobald sie dessen Lust erfahren, während dieser noch darüber nachdachte, wie er sie gewinnen wollte. Die Freude des jungen Fürsten war groß, aber auch der Dame war dies Ereigniß, durch welches sie sich von einer großen Gefahr gerettet glaubte, erwünscht. Der Fürst errieth aus den königlichen Sitten, die sie noch außer der Schönheit schmückten, ob er gleich keine andere Nachricht über sie erlangen konnte, daß sie von edlem Stamme sein müsse. Und dadurch steigerte sich seine Liebe zu ihr in solchem Maße, daß er sie in allen Stücken nicht als Bettgenossin behandelte, sondern als rechtmäßige Gemahlin ehrte. Durch diese Behandlung schöpfte die Dame, die ihre jetzige angenehme Lage mit ihren früheren Unfällen verglich, neuen Muth; ihre frühere Munterkeit kehrte wieder und ihre Reize gewannen wieder solche Frische, daß man in ganz Romania von nichts Anderem reden hörte. Dadurch bekam der Herzog von Athen, ein schöner, junger Herr von einnehmendem Wesen, der mit dem Fürsten verwandt und befreundet war, Lust, sie zu sehen. Zu dem Ende gab er vor, er wolle, wie er das wol zuweilen zu thun pflegte, seinen Vetter besuchen, und kam in erlesener und ehrenvoller Begleitung nach Clarenza, wo er mit Freuden und Auszeichnungen' empfangen ward. Nach einigen Tagen brachte der Herzog die Rede auf die Schönheit der Dame und fragte den Fürsten, ob sie denn wirklich so erstaunlich sei, als man erzählen wollte. Darauf antwortete der Fürst: „Sie ist viel schöner, als man von ihr sagt, allein, nicht meine Worte, sondern Deine Augen sollen Dich davon überzeugen." Der Herzog trieb den Fürsten zur Erfüllung dieses Versprechens, und so gingen sie miteinander dahin, wo die Dame sich aufhielt. Diese empfing sie zuvorkommend und höflich, und mußte sich zwischen Beiden niedersetzen, obgleich sie das Vergnügen, mit ihr zu reden, nicht genießen konnten, weil sie von der Sprache jenes Landes wenig oder nichts verstand. So konnten denn die Beiden sie nur gleich einem Wunder bestaunen, und besonders that dies der Herzog, der sich kaum zu überreden vermochte, daß sie ein sterbliches Wesen sein sollte. Glaubte er indeß durch das Beschauen seine Lust zu stillen, so verwickelte er sich selbst in deren Fesseln, indem er zugleich das Gift der Liebe mit den Augen einsog und in heftiger Glut für die Dame entbrannte. Als er aber dann mit dem Fürsten von ihr gegangen war und Muße hatte, sich mit sich selber zu besprechen, erachtete er diesen für glücklich vor allen Andern, daß er sich des vollen Besitzes einer solchen Schönheit freuen dürfe. Mancherlei Gedanken stiegen in ihm auf, endlich aber überwog die Glut der Liebe die Rechtlichkeit, und er beschloß, was immer daraus werden sollte, dem Fürsten dieses Glück zu entreißen und selber dessen zu genießen. Er glaubte die Ausführung dieses Vorsatzes beschleunigen zu müssen und sann, der Vernunft und der Gerechtigkeit zum Trotz, aus nichts als Trug und List. So ließ er 162 Zweiter Tag. Siebente Geschichte. denn eines Tages, zufolge der schändlichen, von ihm mit einem vertrauten Diener des Fürsten, der Kyriakos hieß, getroffenen Verabredung, seine Pferde und sein Gepäck in aller Stille zur Abreise bereiten. Die Nacht darauf öffnete Kyriakos ihm und einem Gefährten, Beide bewaffnet, leise das Zimmer des Fürsten, der, um der großen Hitze willen, wahrend die Dame schlief, sich ganz nackt an ein Fenster gegen das Meer hinaus gelegt hakte, um sich an dem leichten Winde, der von dort herüberkam, etwas zu kühlen Der Herzog, der seinen Begleiter im Voraus von Dem unterrichtet hatte, was zu thun wäre, ging sachte durch das Zimmer hindurch bis ans Fenster und stieß, ehe der Fürst ihn bemerken konnte, diesem ein Messer so tief in die Seite, daß es auf der andern Seite wieder heraus kam. Dann ergriff er schnell die Leiche und stürzte sie zum offenen Fenster hinaus. — Es war der Palast hoch gegen das Meer hinausgebaut, und das Fenster, an dem der Fürst gestanden, hatte die nächste Aussicht auf ein paar Hauser, die von der Gewalt des Meeres zusammengefallen waren und daher selten oder niemals betreten wurden. So geschah es denn, daß, wie der Herzog sich dessen im Voraus versehen hatte, Niemand es gewahr wurde oder gewahr werden konnte, als die Leiche des Fürsten hinunterstürzte. Sobald der Begleiter des Herzogs sah, was geschehen, warf er, unter dem Scheine ihn zu liebkosen, dem Kyriakos einen Strick um den Hals und zog diesen so fest an, daß er keinen Lärm zu machen im ? Stande war, bis der Herzog dazu kam; worauf sie ihn erdrosselten und eben dahin warfen, wohin sie den Fürsten bereits geworfen. Nachdem dies Alles vollbracht war und der Herzog sicher sein konnte, daß weder die Dame noch sonst Jemand etwas davon bemerkt habe, nahm er ein Licht in die Hand, ging damit an das Bett und deckte die Dame, die noch ruhig schlief, leise völlig auf. Ihre Formen, die er nun enthüllt sah, schienen ihm von vollendeter Schön- heit, und, hatte sie bekleidet ihm gefallen, so entzückte sie ihn nackt über alle Maßen. Dieser Anblick entzündete in ihm neue Glut, und die Scheu des eben begangenen Verbrechens hielt ihn nicht ab, mit noch blutigen Händen sich neben sie zu legen und sie, die im halben Schlummer ihn für den Fürsten hielt, zu' beschlafen. Als er eine Meile mit dem größten Vergnügen an ihrer Seite zugebracht, erhob er sich wieder und ließ von einigen der Seinen, die er herbeirief, mit Vermeidung alles Geräusches, die Dame durch eine verborgene Thür, durch welche er hereingekommen, davontragen; draußen mußte sie sich zu Pferde sehen, und die ganze Gesellschaft machte sich eilig und so still als möglich auf den Weg und kehrte gegen Athen zurück. Weil aber der Herzog verheirathet war, führte er die mehr als je betrübte Dame nicht nach Athen selber, sondern nach einem schönen Landhause, das er unweit der Stadt und nahe am Meere besaß, und hielt sie dort verborgen, wahrend sie auf das anständigste mit Allem versehen ward, was sie bedurfte. Am Tage nach jener Thal warteten die Höflinge des Fürsten bis nach der Mittagsstunde, daß er aufstehen sollte. Da er sich aber noch immer nicht regte, stießen sie die Thüren, die nur zugeklinkt waren, auf; doch sie fanden Niemand und bekümmerten sich, in der Vermuthung, daß er mit seiner schönen Dame auf ein paar Tage zu seinem Vergnügen heimlich verreist sein möchte, nicht weiter darüber. In dieser Ungewißheit warteten sie noch, als am anderen Tage ein Narr, der in die verfallenen Häuser gelaufen war, in denen die Leichen des Fürsten und des Kyriakos lagen, die letztere bei dem Stricke herauszog und hinter sich herschleppte. Mehrere Leute erkannten diese Leiche mit Erstaunen und schmeichelten dem Narren so lange, bis er sie binführte, wo er jene herausgeholt hatte, und wo sie nun zum großen Schmerze der ganzen Stadt den Körper des Fürsten fanden, der alsbald ehrenvoll begraben ward. Darauf spürte man dem Thäter eines so 164 Zweiter Lag. Siebente Geschichte. großen Verbrechens nach und vermuthete, da der Herzog von Athen nicht mehr anwesend, sondern heimlich abge- rcist war, er möchte, wie er es wirklich gethan hatte, den Fürsten erschlagen und die Dame mit sich geführt haben. , In Folge dieses dringenden Verdachtes wurde schnell ein Bruder des Verstorbenen an dessen Stelle gesetzt und von den Seinigen auf das nachdrücklichste zur Rache angespornt. Dieser fand die Meinung der klebrigen noch von mehreren Seiten bestätigt, forderte daher seine Freunde, Verwandten und Untergebenen in verschiedenen Landschaften zur Hülfe und brachte in kurzem ein ansehnliches, mächtiges und wohlgewaffnetes Heer zusammen, mit dem er gegen den Herzog von Athen in den Krieg zog. ' Auch der Herzog rüstete sich indeß, sobald er von den jenseitigen Schritten Kunde erhielt, nach allen Kräften zur ' Verlheidigung, und viele Herren kamen zu seiner Hülfe i herbeigezogen; namentlich schickte der Kaiser von Konstantinopel seinen Sohn Konstantin, und Manuel, seinen Neffen, I mit zahlreichen und schönen Truppen. Der Hevzog, noch ! mehr aber die Herzogin, die des Erstem Schwester war, I empfingen sie auf das ehrenvollste. Inzwischen rückte der I Krieg auf alle Weise immer naher heran, und die Her- I zogin ergriff eines Tages die Gelegenheit, ließ Bruder und I Vetter zu sich rufen, erzählte ihnen mit Thranen und aus- I jährlichen Worten die ganze Geschichte und den Anlaß des I Krieges und beschwerte sich über die Beschimpfung, die der I Herzog ihr dadurch anthue, daß er jenes Frauenzimmer, I , seiner Meinung nach unbemerkt, unterhalte. Aufgebracht I ' und verletzt, forderte sie sie auf, zur Herstellung der Ehre I des Herzogs und zu ihrer Genugthuung, was in ihren I Kräften stehe, zu unternehmen. Da indeß die beiden I Jünglinge bereits wußten, wie sich Alles zugetragen hatte, I so hielten sie die Herzogin nicht weiter mit Fragen auf, I sondern suchten sie, so weit sie es vermochten, zu beruhi- I gen, und gaben ihr, wegen ihres Verlangens, die beste I! ' Hoffnung; darauf entfernten sie sich, nachdem sie zuvor noch über den Aufenthaltsort der Schönen unterrichtet worden waren. Nun hatten sie schon früher oftmals die wunderbare Schönheit jener Dame rühmen hören und verlangten daher sehr danach, sie zu sehen, und baten den Herzog, er möchte sie ihnen zeigen. Dieser sagte es ihnen, Dessen uneingedenk, was dem Müssten deshalb widerfahren war, weil er sie ihm gezeigt hatte, zu, und ließ in dem reizenden Garten, der zu dem Landhause gehörte, das die Dame bewohnte, ein prächtiges Mittagsessen bereiten, wohin er sie am folgenden Tage mit wenigen andern Bekannten zur Tafel führte. Bei dieser Mahlzeit mußte Konstantin, der mit ihr zu Tische saß und sie voller Verwunderung betrachtete, sich gestehen, nie eine solche Schönheit gesehen zu haben, und den Herzog sowol als jeden Andern, der, um ein so schönes Wesen zu besitzen, einen Verrath oder sonstige Schlechtigkeit beginge, in Gedanken entschuldigen. Wie er sie nun ein Mal über das andere sich ansah und sie jedes Mal nur schöner fand, ging es ihm nicht anders, als es dem Herzog gegangen war. Er schied von ihr verliebt, dachte nicht mehr an den Krieg, sondern allein daran, wie er sie dem Herzog entreißen wolle, und verhehlte dabei seine Liebe vor Jedermann auf das beste. Wahrend er aber in solchem Feuer entbrannte, kam die Zeit heran, gegen den Fürsten, der sich schon dem Gebiete des Herzogs nahte, ins Feld zu rücken. Demzufolge zogen der Herzog und Konstantin und die Uebrigen alle nach der getroffenen Anordnung aus Athen und gegen die Grenze, um den Fürsten am weiteren Vordringen zu hindern. Hier verweilte man mehrere Tage; Konstantin aber hatte indessen Herz und Gedanken nur bei jener Dame und meinte, jetzt, wo der Herzog ihr nicht mehr nahe sei, möchte es ihm leichter werden, ans Ziel zu gelangen. Um nun Gelegenheit zu haben, nach Athen zurückzukehren, stellte er sich krank und nahm vom Herzoge Urlaub, nachdem er zuvor dem Manuel seine Macht 166 Zweiter Lag. Siebente Geschichte. übertragen hatte. In Athen bei seiner Schwester angelangt, brachte er nach einigen Tagen das Gespräch auf die Kränkung, welche der Herzog, ihrer Meinung nach, durch seine Leidenschaft für jene Fremde ihr anthue, und sagte, wenn sie anders wolle, könne er leicht ihren Beschwerden dadurch abhelfen, daß er Jene ihrem Aufenthaltsorte entreiße und anders wohin führe. Die Herzogin billigte, in dem Wahne, dies Alles geschehe nur ihr, nicht aber der Fremden zu Liebe, diesen Plan vollkommen, wenn anders so dabei zu Werke gegangen würde, daß der Herzog nie zu erfahren bekomme, sie habe in die Sache gewilligt. Konstantin sagte ihr das auf das bestimmteste zu, und die Herzogin gab nun ihre Zustimmung, daß Jener verfahren möchte, wie cs ihm am besten dünken würde. Darauf ließ Konstantin ein kleines Fahrzeug in der Stille bewaffnen und schickte dies eines Abends mit mehreren der Seinigen bemannt, die er zuvor von Dem, was sie zu thun hätten, unterrichtet, in die Nähe des Gartens, wo die Dame verweilte. Dann begab er selbst mit einigen Andern sich nach dem Schlosse der letzteren und wurde dort sowol von Denen, die zu ihrem Dienste bestimmt waren, als von ihr selber freundlich empfangen. Auf seinen Wunsch ging sie, von ihren eignen Dienern und von Konstantin's Gefährten begleitet, mit ihm in den Garten, er aber führte die Dame, als ob er im Namen des Herzogs mit ihr zu reden habe, allein nach einer Thür zu, die auf das Meer hinauswies. Diese war inzwischen schon von einem der Seinigen eröffnet, das Fahrzeug erschien auf das verabredete Zeichen sogleich, und die Dame wurde schnell ergriffen und hineingetragen. Hierauf wandte sich Konstantin zu ihrer Dienerschaft und sagte: „Keiner, der nicht des Todes sein will, wage es, sich zu bewegen, oder einen Laut von sich zu geben; denn ich bin nicht gesonnen, dem Herzog seine Geliebte zu rauben, sondern nur, die Schande zu tilgen, die er meiner Schwester anthutA Alaticl. 167 Niemand unterstand sich, darauf etwas zu antworten, und Konstantin stieg mit den Scinigen zu Schiffe, setzte sich neben die Dame, die noch immer weinte, und hieß die Ruder auswerfen und vom Lande stoßen. Die Schiffer schienen nicht zu rudern, sondern zu fliegen und waren bald nach Anbruch des andern Tages bereits in Aegina angelangt. Hier ging man ans Land, um auszuruhen; Konstantin aber genoß die Reize der Dame, die ihre unselige Schönheit beweinte. Dann ging es wieder zu Schiffe, und nach wenigen Tagen ward Ehios erreicht, wo Konstantin aus Furcht vor dem Zorne des Vaters und vor den Versuchen, die gemacht werden könnten, ihm die Dame zu entreißen, als an einem sicheren Orte, zu verweilen beschloß. Mehrere Tage lang beweinte die Dame noch ihr Misgeschick, endlich aber gab sie den Tröstungen Konstantins Gehör und begann nach gerade sich an Dem zu freuen, was das Glück ihr eben bot. Wahrend sich indeß dies Alles auf die angegebene Weise zutrug, kam Osbeck, der damals König der Türken war und mit dem Kaiser in fortwährendem Kriege lebte, von ohngefahr nach Smyrna und erfuhr dort, wie Konstantin, ohne einige Sicherheitsmaßregeln aus Ehios, mit einem Mädchen, das er geraubt habe, ein wollüstiges Leben führe. Demzufolge schiffteer eines Nachts mit einigen bewaffneten Fahrzeugen hinüber, drang mit seinen Leuten in den Ort ein und nahm, bevor die Griechen den Einfall der Feinde gewahr wurden, deren eine große Anzahl in ihren Betten gefangen. Andere, die zuletzt erwacht und zu den Waffen gelaufen waren, wurden getödtet, der Ort niedcrgebrannt, und Beute und Gefangene zu Schiffe gebracht und nach Smyrna abgeführt. Hier angelangt, erfuhr Osbeck, der noch jung und kräftig war, beim Durchmustern der Beute, die schöne Dame sei dieselbe, die mit Konstantin schlafend im Bette gefangen worden war, und machte sie, hocherfreut über ihren Anblick, sogleich zu seiner Gemahlin, voll- 168 Zweiter Lag. Siebente Geschichte- zog feierlich die Hochzeit und genoß mehrere Monate lang wohlgemuth mit ihr die Freuden der Liebe. Schon vor diesen Ereignissen hatte der Kaiser mit Basanus, dem König von Kappadocien, unterhandelt, daß dieser von der einen Seite mit seiner Macht über Osbeck herfallen sollte, wahrend der Kaiser von der andern ihn mit der seinigen angriffe; doch waren diese Unterhandlungen wegen gewisser Ansprüche, die Basanus machte, und die dem Kaiser ungelegen waren, noch immer nicht zu Stande gekommen. Als nun der Letzte das Schicksal seines Sohnes vernahm, betrübte er sich außer Maßen und that sogleich, was der König von Kappadocien von ihm verlangte, rüstete sich selber zum Angriff gegen Osbeck und trieb Jenen, so viel er konnte, daß er von der andern Seite her den Türkenkönig überfalle. Sobald Osbeck davon Kunde erhielt, sammelte er sein Heer, ging, bevor ihn zwei so mächtige Fürsten in ihre Mitte nehmen möchten, dem König von Kappadocien entgegen und ließ inzwischen seine Schöne unter der Aufsicht eines treuen Dieners und Freundes in Smyrna. In der That kam es bald zwischen ihm und dem König von Kappadocien zu einem Gefecht, in dem sein Heer geschlagen und zerstört, er selbst aber getödtet wurde. In Folge dieses Sieges rückte Basanus dreist gegen Smyrna vor, und auf dem Wege gehorchte alles, Volk ihm als dem Sieger. Wahrend dieser Zeit hatte sich Antiochus, denn so hieß der Diener, dem Osbeck die Dame anvertraut hatte, seines Alters ungeachtet, und ohne der Treue zu gedenken, die er seinem Gebieter und Freunde schuldig war, um ihrer großen Schönheit willen in sie verliebt. Da er ihre Sprache wußte, war sein Umgang auch der Dame lieb geworden, die nun schon mehrere Jahre lang gleich einer Taubstummen hatte leben müssen, ohne Jemanden zu verstehen, oder von Jemandem verstanden zu werden. So wußte er denn, von der Liebe gespornt, in wenig Tagen ihre Vertraulichkeit in solchem Maße zu gewinnen, daß ihr Alatiel. 169 gemeinsamer Herr, der in den Waffen und im Felde war, vergessen ward, die Neigung von einer freundschaftlichen in eine verliebte sich verwandelte, und Beide zwischen den Bettlaken sich auf das beste miteinander unterhielten. Als sie nun vernahmen, daß Osbeck besiegt und getödtet sei, und daß Basanus Alles auf dem Zuge sich zueigne, beschlossen sie gemeinschaftlich, ihn nicht abzuwarten, sondern nahmen einen großen Theil der dort befindlichen Reich- thümer des Osbeck an sich und gingen heimlich nach Rhodus. Hier hatten sie noch nicht lange geweilt, als Antiochus todtkrank wurde. Da geschah es, daß ein Kaufmann aus Eypern, der von Antiochus sehr geliebt und genau mit ihm befreundet war, bei ihm einkehrte, weshalb dieser, als er sein Ende kommen sah, seine Sachen und die geliebte Dame diesem Freunde zu hinterlassen beschloß. Schon dem Tode nahe, rief er Beide zu sich und sprach: „Ich sehe, daß ich ohne Hülfe sterben muß, und bin betrübt darüber, weil ich niemals so gern lebte, als eben jetzt. Zugleich sterbe ich aber auch zufrieden, weil ich in den Armen der Beiden sterbe, die ich mehr, als sonst Jemanden auf der Welt liebe; in den Deinigen, theurer Freund, und in denen dieses Weibes, die ich, seit ich sie gekannt, mehr, als mich selbst geliebt habe. Allerdings schmerzt es mich, daß sie fremd, wie sie in diesem Lande ist, ohne Hülfe und ohne Rath bei meinem Tode Zurückbleiben soll, und noch mehr würde es mich schmerzen, wüßte ich nicht, daß Du, mein Freund, hier bist, zu dem ich das Vertrauen hege, daß Du um meinetwillen eben so viel,Sorge für sie tragen wirst, als Du für mich selbst haben würdest. Darum bitte ich Dich denn auf das inständigste, Dich, wenn ich wirklich sterben muß, meines Vermögens sowol als ihrer anzunehmen und über Beide so zu verfügen, wie Du glauben wirst, daß es zur Beruhigung meiner Seele dienen könne. Dich aber, geliebtes Weib, bitte ich, nach meinem Tode mich nicht zu Dekameron. I. 8 170 Zweiter Lag. Siebente Geschichte. vergessen, damit ich noch jenseit mich rühmen könne, daß mich bier das schönste Weib, das jemals von der Natur geformt ward, geliebt habe. Wollt Ihr mir diese beiden Dinge verheißen, so werde ich sicher beruhigt diese Welt verlassen." Der Kaufmann sowol als die Dame weinten bei diesen Worten, sprachen ihm, als er ausgeredet hatte, Muth zu und versprachen ihm auf ihr Wort, im Falle er sterben sollte, nach seinen Wünschen zu thun. Nicht lange darauf verschied er und wurde ehrenvoll von ihnen begraben. Einige Tage später hatte auch der cyprische Kaufmann seine Geschäfte in Rhodus vollendet und war im Begriff, auf einem catalonischen Schiffe, das dort vor Anker lag, nach Cypern zu reisen; doch fragte er zuvor die schöne Dame, was sie zu thun beschlossen, indem er jetzt in seine Heimat zurückkehren müsse. Die Dame erwiderte ihm, sie werde, wenn er anders nichts dagegen habe, ihn gerne begleiten, da sie voraussetze, daß er sie, dem Antiochus zu Liebe, als eine Schwester ansehen und behandeln werde. Der Kaufmann erklärte mit Allem, was ihr gefällig sein würde, zufrieden zu sein und gab, um sie vor aller Verunglimpfung auf der Reise nach Cypern zu schützen, sie für seine Frau aus. Auf dem Schiffe wurde ihnen ein Kämmerchen im Hintertheile angewiesen, und sie schliefen, um nicht durch die That ihren Worten zu widersprechen, in einem kleinen Bettchen Beide miteinander. So geschah denn, was bei der Abreise von Rhodus weder des Einen noch des Andern Absicht gewesen war; Nacht, Gelegenheit und die Warme des Bettes, deren erregende Kräfte nicht gering sind, ließen sie die Freundschaft für den verstorbenen Antiochus vergessen, und sie schlossen, von ähn- ; licher Lust gezogen und gleichzeitig einander anregend, noch > ehe sie nach Baffa, dem Wohnorte des Cypriers, gelangten, miteinander Schwagerschaft. Als nun die Dame in Baffa noch einige Zeit bei dem Kaufmanns gewohnt hatte, kam glücklicher Weise ein Alatkel. 171 Edelmann, Namens Zlntigonus, nach Baffa, der mit einem hohen Alter und noch höherem Geiste geringe Reich- thümer verband, weil ihm das Glück in mancherlei Unternehmungen, die er im Dienste des Königs von Cypern gemacht, stets zuwider gewesen war. Dieser ging eines Tages, als der cyprische Kaufmann eben mit Waaren nach Armenien gereist war, vor dem Hause vorüber, in welchem die schöne Dame wohnte, und sah diese auch zum Glück gerade an einem der Fenster stehen. Da sie nun so schön war, wurde Antigonus aufmerksam und bettachtete sie genauer und glaubte sich zu erinnern, daß er sie schon anderwärts gesehen habe; wo das aber geschehen sei, darauf konnte er sich durchaus nicht besinnen. Die Dame, die so lange ein Spielball des Schicksals gewesen, war nun dem Zeitpunkte nahe, der ihre Unfälle beschließen sollte, denn sie erinnerte sich, sobald sie Antigonus ins Gesicht faßte, ihn zu Alexandrien im Dienste ihres Vaters einst in guten Umständen gesehen zu haben. Aus diesem Grunde faßte sie augenblicklich die Hoffnung, jetzt, wo ihr Kaufmann abwesend war, ihren königlichen Rang vielleicht noch durch den Rath des Antigonus wieder gewinnen zu können, und ließ diesen, sobald es anging, zu sich rufen. Als er gekommen war, fragte sie ihn schüchtern, ob er, wie sie glaubte, Antigonus von Famagosta sei. Antigonus bejahte die Frage und fügte hinzu: „Madonna, ich sollte Euch kennen und kann mich doch auf keine Weise besinnen, wo ich Euch gesehen habe; so bitte ich Euch denn, mich, im Falle es Euch nicht lästig ist, zu erinnern, wer Ihr seid." Als die Dame hörte, er sei es wirklich, schlang sie laut weinend um ihn ihre Arme und fragte nach einer Weile den höchlich Verwunderten, ob er sie jemals in Alexandrien gesehen habe. Kaum hatte Antigonus diese Frage vernommen, so erkannte er sie als Alatiel, des Sultans Tochter, die, wie man glaubte, im Meere umgekommen war, und wollte ihr seine Verehrung in der schuldigen Form beweisen; sie aber ließ es nicht zu, son- 8 * 172 Zweiter Tag. Siebente Geschichte. dern bat ihn, sich ein wenig zu ihr niederzusetzen. An- tigonus gehorchte ihr und fragte sie dann voller Ehrerbietung, wie, wann und woher sie nach Baffa gekommen sei, wahrend man im ganzen Lande Aegypten es für ausgemacht hielte, daß sie schon vor mehreren Jahren im Meere ertrunken sei. Die Dame antwortete ihm: „Wollte Gott, ich wäre es wirklich, statt solch ein Leben führen zu müssen, als ich es gemußt habe; und, wenn mein Vater es jemals erfahrt, so wird er gewiß ebenso sprechen," und mit diesen Worten sing sie aufs neue gar erbärmlich an zu weinen. Darauf sagte ihr Antigonus: „Madonna, verliert nur den Muth nicht eher, als Ihr dazu wahren Anlaß habt. Wenn es Euch beliebt, so erzählt mir Eure Unfälle, und was für ein Leben Ihr habt führen müssen. Immer möglich, daß Alles noch so abgelaufen ist, um mit Gottes Hülfe einen genügenden Ausweg finden zu lassen." „Antigonus," erwiderte die Schöne, „als ich Dich erblickte, war mir's nicht anders, als sähe ich meinen Vater, und die Liebe und die Zärtlichkeit, die ich ihm schuldig bin, machten, daß ich mich Dir entdeckte, während ich mich verborgen halten konnte. In der That wüßte ich Wenige, mit denen zusammenzutreffen mir so lieb gewesen wäre, als es mir ist, Dich zuerst und vor allen Uebrigen gesehen und erkannt zu haben; und so will ich denn Dir, wie einem Vater, Das entdecken, was ich während meiner Mißgeschicke immer sorgfältig verborgen habe. Siehst Du alsdann, nach Dem was Du sogleich erfahren wirst, irgend ein Mittel, mich in meine frühere Lage zurückzubringen, so bitte ich Dich, es anzuwenden; siehst Du aber keines, dann bitte ich Dich, Niemandem zu sagen, daß Du mich gesehen oder das Mindeste von mir gehört habest." Nach dieser Einleitung berichtete sie ihm unter fortdauernden Thränen, was ihr von dem Tage an, wo sie bei Majorca gestrandet, bis zu dem Augenblick, in dem sie erzählte, begegnet war. Auch Antigonus mußte bei diesem Berichte vor Mitleid weinen; dann aber sagte er I nach kurzem Besinnen: „Madonna, da wahrend Eurer » Unfälle Euer Name und Euer Stand immer verborgen W geblieben sind, so will ich es dahin bringen, daß Euer D Vater Euch lieber haben soll, als je zuvor, und der König D von Algarbien Euch zur Gemahlin nimmt." Auf ihre L Frage, wie das geschehen solle, setzte ^er ihr Alles der Ord- U nung nach auseinander und kehrte dann, um andern Hin- I dernissen vorzubeugen, sogleich nach Famagosta zurück. 7 Hier wartete er dem Könige auf und sagte: „Mein Ge- > bieter, wenn es Euch beliebte, könntet Ihr zu gleicher Zeit für Euch selbst große Ehre einlegen, und mir, der ich in ^ Eurem Dienste arm geworden bin, einen ansehnlichen Nu- k tzen bereiten." Der König fragte, wie, und Antigonus I antwortete ihm: „Die junge und schöne Tochter des Sülls tans, von der so lange Zeit gesagt wurde, sie sei ertrun- » ken, ist jetzt nach Baffa gekommen und hat, um ihre r jungfräuliche Ehe zu bewahren, lange so großes Ungemach L erlitten, daß sie jetzt, wo sie zu ihrem Vater zurückzukehren begehrt, sich in dürftigen Umstanden befindet. Wenn es Euch nun beliebte, sie unter meiner 'Obhut dem Vater zuzuschicken, so würde das Euch große Ehre, mir aber bedeutenden Vortheil bringen, und ich bin überzeugt, daß der Sultan einen solchen Dienst nie vergäße." Der König gab mit fürstlichem Sinne sogleich seine Zustimmung, ließ i die Dame durch eine ehrenvolle Gesandtschaft nach Famagosta führen und empfing sie nebst seiner Gemahlin mit der größten Auszeichnung. Aus die Frage», die König und Königin wegen ihrer Schicksale an sie richteten, antwortete sie mit einer Erzählung, die Antigonus sie vorher gelehrt hatte. l Nach Verlauf von einigen Tagen sandte sie dann der ^ König auf ihre Bitte mit ehrenvoller und erlesener Gesellschaft von Männern und Frauen unter Antigonus' Fühle rung an den Sultan zurück. Wie groß die Freude bei ihrer Ankunft war, wird mich wol Niemand erst fragen; ^' aber auch Antigonus und seine ganze Gesellschaft wurden 174 Zweiter Tag. Siebente Geschichte. nicht weniger freundlich ausgenommen. Kaum hatte sich indeß die junge Fürstin ein wenig ausgeruht, so wollte der Sultan von ihr hören, wie sie am Leben geblieben sei, und wo sie so lange Zeit über sich aufgehalten habe, ohne ihm jemals von ihrem Zustande einige Kunde zu geben. Darauf Hub die Dame, die des Antigonus Unterricht vollkommen aufgefaßt hatte, also zu ihrem Vater zu reden an: „Es mochte etwa am zwanzigsten Tage nach meiner Abreise von Euch, mein Vater, sein, als ein fürchterlicher Sturm unser Schiff zerschellte und Nachts gegen eine Küste im Westen, nahe bei einem Orte trieb, der Aigues Mortes genannt wird. Was aus den Männern geworden sei, die sich auf dem Schiffe befanden, habe ich niemals erfahren und erinnere mich nur, daß, wie ich mit dem andern Tage mich gleichsam von den Tobten erwacht fühlte, ich nebst zweien meiner Begleiterinnen von den Bewohnern jenes Landes, die das gestrandete Schiff inzwischen bemerkt hatten und von allen Seiten zusammengelaufen waren, um es zu berauben, erst ans Land getragen wurde, und dann mehrere junge Männer, jeder Eine von uns ergriffen und nach verschiedenen Richtungen mit ihr davon eilten. Von jenen Beiden habe ich nie etwas Weiteres vernommen. Mich aber hatten, trotz meines Widerstandes zwei Männer ergriffen und zogen mich, unter meinen Thränen, bei den Haaren hinter sich her. Da geschah es, daß vier Ritter, als Jene mich über eine Heerstraße weg eben in einen dichten Wald schleppen wollten, desselben Weges gezogen kamen. Sobald meine Räuber jene Viere sahen, ließen sie mich plötzlich los und begaben sich auf die Flucht. Die vier Ritter, die von ehrbarem und gesetztem Aussehen waren, kamen, als sie Jene fliehen sahen, auf mich zu und fragten mich Vielerlei, auch sprach ich viel zu ihnen, doch verstanden sie mich eben so wenig als ich sie. Darauf hielten sie lange miteinander Rath und hoben mich endlich auf eines ihrer Pferde und führten mich in ein nach ihren Religionsgesetzen eingerichtetes 175 Alatiel. Frauenkloster. Was 'die Ritter dort gesagt haben mögen, weiß ich nicht, genug ich wurde mit vielem Wohlwollen ausgenommen und immer mit Achtung behandelt, wahrend ich mit den Klosterfrauen den heiligen Crescentius in Tiefenthal, den die Weiber dort zu Lande sehr lieb haben, auf das inbrünstigste verehrte. AlH ich nun schon einige Zeit mit ihnen gelebt und ihre Sprache schon einigermaßen erlernt hatte, fragten sie mich, wer und woher ich wäre. Ich überlegte aber, wo ich mich befand, und fürchtete, wenn ich die Wahrheit sagte, könnten sie mich leicht als eine Feindin ihres Glaubens verstoßen, und antwortete deshalb, ich sei die Tochter eines angesehenen Edelmannes in Cypern und habe, vom Sturme weit verschlagen, auf der Fahrt zu meinem verlobten Gemahl in Creta, Schiffbruch gelitten. In dieser Zeit mußte ich aus Furcht vor größerem Schaden manche ihrer Gebräuche mitmachen. Als mich aber einmal die Erste unter diesen Klosterfrauen, die man Aebtissin nennt, fragte, ob ich nach Eypern zurückzukehren wünsche, antwortete ich, daß mich nach nichts so sehr verlange. Jndeß wollte sie mich aus Besorgniß für meine Ehre Niemandem anvertrauen, der nach Cypern reiste, bis endlich, jetzt vor zwei Monaten, einige gesetzte Männer, von denen der Eine mit der Aebtissin verwandt war, mit ihren Frauen aus Frankreich in jene Gegend kamen. Als dis Aebtissin hörte, daß Jene nach Jerusalem reisten, um das Grab zu besuchen, in das Derjenige (nachdem die Juden ihn getödtet) gelegt wurde, den sie dort für einen Gott halten, empfahl sie mich ihnen an und bat sie, mich in Cypern meinem Vater zu überbringen. Wie gütig diese Edclleute mich als Reisegefährtin aufnahmen, und wie viel Ehre sie nebst ihren Frauen mir anthaten, würde weitläufig sein zu erzählen. Genug wir gingen zu Schiffe und gelangten in einiger Zeit nach Baffa. Hier angekommen, ohne irgend Jemand zu kennen, wußte ich nicht, was ich jenen Edelleuten sagen sollte, die in Folge des Auftrages der ehrwürdigen Frau mich meinem Vater zu- 176 Zweiter Tag. Siebente Geschichte. führen wollten; doch führte mir Gott, der vielleicht Erbarmen für mich hegte, in dem Augenblick, wo wir in Baffa ausstiegen, Antigonus am Ufer entgegen. Sogleich rief ich ihn an und sagte ihm in unserer Sprache, damit die Edelleute und ihre Frauen mich nicht verstehen sollten, er möge mich als seine Tochter aufnehmen. Er begriff mich im Augenblick, bezeigte mir die größte Freude und bewirthete meine Reisegefährten und ihre Frauen, so gut als es irgend in seinen geringen Kräften stand. Dann führte er mich zum König von Cypern, der mich so ehrenvoll ausgenommen und Euch zugesandt hat, als ich nicht im Stande bin, es Euch zu berichten. Sollte noch etwas zu sagen übrig sein, so mag Antigonus es nachtragen, der diese meine Schicksale schon oft von mir hat erzählen hören." Darauf wandte sich Antigonus zu dem Sultan und sagte: „Mein Gebieter, Eure Tochter hat Euch Dasselbe erzählt, was ich oftmals, sowol aus ihrem Munde, als aus dem der Edelleute, mit denen sie nach Cypern kam, vernommen habe. Nur Eines hat sie zu sagen unterlassen, und das mag sie, wie ich glaube, gethan haben, weil es sich nicht ziemt, daß sie es selber erzähle. Ich meine nämlich, was mir jene Edelleute und Damen, mit denen sie gereist war, von dem ehrbaren Leben, das sie mit den frommen Frauen geführt, und von ihren Tugenden und guten Sitten berichtet haben, und wie Männer und Frauen weinten und klagten, als sie sie bei mir zurücklassen und sich von ihr trennen mußten. Wollte ich Euch Alles wiederholen, was Jene mir über diesen Punkt gesagt haben, so würde nicht allein der gegenwärtige Tag, sondern auch die kommende Nacht nicht zureichen. Nur soviel will ich hinzufügen, daß Ihr nach den Berichten jener Leute und nach Dem, was ich durch eigne Beobachtung habe wahrnehmen können, Euch rühmen dürft, unter allen Herren, die eine Krone tragen, die schönste, sittsamste und trefflichste Tochter zu besitzen." Ueber dies Alatiel. 177 Alles freute der Sultan sich unbeschreiblich und bat Gott mehr als einmal, ihm die Gnade zu erzeigen, daß er Jedem, der sich um seine Tochter verdient gemacht, besonders aber dem König von Cypern, der sie ihm auf so ehrenvolle Weise zurückgesendet, angemessenen Dank beweisen könne. Einige Tage darauf 'ließ er dem Antigvnus äußerst kostbare Geschenke reichen, erlaubte ihm, nach Cypern zurückzukehren, und dankte dem König brieflich und durch besondere Gesandte auf das verbindlichste für Alles, was er an seiner Tochter gethan. Nach alle Diesem wünschte der Sultan den ursprünglichen Vorsatz verwirklicht und Alatiel an den König von Algarbien vermahlt zu sehen. Zu dem Ende schrieb er diesem die ganze Geschichte und forderte ihn auf, wenn er sie noch zu nehmen wünsche, nach ihr zu schicken. Dem König von Algarbien waren diese Nachrichten sehr willkommen; er ließ sie auf das ehrenvollste abholen und empfing sie voller Freuden. Dann legte sie, die von acht Menschen vielleicht zehntausend Mal beschlafen worden war, sich als Jungfrau neben ihn nieder, machte ihn glauben, sie sei es wirklich, und lebte als Königin lange Zeit mit ihm glücklich. Darum sagt man noch heute: „Neumond und geküßter Mund sind gleich wieder hell und frisch und gesund." 8 ». 178 Zweiter Lag. Achte Geschichte. Achte Geschichte. Der Graf von Antwerpen geht auf eine fälschliche Beschuldigung ins Exil und läßt seine zwei Kinder an verschiedenen Orten in England. Als er später unerkannt aus Irland zurückkehrt, findet er Beide in glücklicher Lage; er geht als Stallknecht mit dem Heere des Königs von Frankreich; seine Unschuld wird entdeckt, und er erlangt seine frühere Stellung wieder. §6ei Anhörung der mannigfachen Schicksale, welche die schöne Alatiel betroffen, seufzten die Damen häufig; wer weiß aber, was die Ursache jener Seufzer war? Leicht möglich, daß die Eine oder die Andere aus Verlangen nach eben so zahlreichen Hochzeiten nicht minder als aus Mitleiden seufzte. Ohne mich indeß für jetzt bei jener Untersuchung zu verweilen, sage ich, daß die Königin, als die letzten Worte des Pamphilus, aus denen sie entnahm, das Ende seiner Erzählung sei gekommen, von Allen belacht worden waren, zu Elisen gewandt, dieser mit einer neuen Geschichte in der bisherigen Ordnung fortzusahren auftrug. Elise war dazu gerne bereit und begann also: „Wir ergehen uns heute auf einem Kampfplatze vom weitesten Umfange, auf dem wol ein Jeder nicht nur eine, sondern zehn und mehrere Lanzen ohne Mühe zu brechen vermöchte, so reichen Vorrath an unerwarteten und harten Fällen bietet uns das Schicksal. Aus dieser ungezählten Menge hebe denn auch ich eine Geschichte aus und sage. Daß, als das römische Kaiserreich von den Franzosen auf die Deutschen übergegangen war, zwischen dem einen und anderen Volke große Feindschaft und anhaltende und Der Graf von Antwerpen. 179 erbitterte Kriege entstanden. In Folge dieser stellten einmal der König von Frankreich und sein Sohn, theils zur Vertheidigung des eigenen Landes, theils aber auch, um das fremde anzugreifen, mit aller Anstrengung des Reiches und mit Unterstützung aller Freunde und Verwandten, die deren bieten konnten, ein großes -Heer gegen den Feind ins Feld. Bevor sie aber zum Heere abreisten, verord- neten sie, um das Reich nicht ohne Führung zu lassen, den Grafen Walther von Antwerpen, einen Mann von edlem Hause und großer Einsicht, der ihnen, wie sie wußten, besonders treu, ergeben und befreundet war, zum allgemeinen Reichsverweser. Denn, obgleich dieser in der Kriegskunst wohl erfahren war, so glaubten sie ihn dennoch mehr zu dem weichen Hofleben als zu den Anstrengungen des Feldes geeignet. So fing denn Walther mit Verstand und Umsicht das ihm übertragene Amt zu führet ans und zog dabei jedes Mal die Königin und ihre Schwiegertochter zu Rathe, welche er Beide, wenn sie gleich seiner Aufsicht und Lenkung anvertraut waren, immer als seine Obern und Gebieterinnen behandelte. Walther war ein schöner Mann zu nennen; er mochte vielleicht vierzig Jahre alt sein und war so wohlgesittet und so unterhaltend, als ein Edelmann es nur immer sein kann. Dabei war er der sauberste und zierlichste Ritter seiner Zeit und zeichnete sich durch reichgeschmückten Anzug vor allen Andern aus. Seine Frau war ihm bereits gestorben und ihm von ihr nur ein Sohn und eine Tochter geblieben, die Beide klein waren, und so geschah es, daß, während der König von Frankreich und sein Sohn den erwähnten Krieg verfolgten, und Walther deshalb den Hof der beiden Frauen oft besuchte und über die Angelegenheiten des Reiches mit ihnen sprach, die Gemahlin des Königssohnes ein Auge auf ihn warf, seine Gestalt und seinen Sitten mit leidenschaftlicher Vorliebe betrachtete und im Verborgenen in glühender Liebe für ihn entbrannte. Da sie sich nun bewußt war, jung und hübsch zu sein, 180 Zweiter Lag. Achte Geschichte- und es ihm an einer Frau fehlte, meinte sie mit leichter Mühe zur Erfüllung ihres Wunsches zu gelangen und entschloß sich, da derselben, nach ihrem Dafürhalten, allein ihre Scham im Wege stand, diese völlig abzuthun und sich ihm ganz zu offenbaren. In dieser Absicht schickte sie eines Tages, als sie eben allein war, und die Zeit ihr zu ihrem Vorhaben gelegen schien, nach ihm, als ob sie über andere Dinge mit ihm zu reden habe. Der Gras, dessen Gesinnung von den Wünschen der Dame weit entfernt war, gehorchte augenblicklich diesem Befehle. Schon hatte er sich auf ihr Geheiß in einem Gemache, in welchem er sich mit ihr allein befand, neben sie auf ein Ruhebette gesetzt und sie zu zweien Malen, ohne Antwort zu erhalten, nach der Ursache gefragt, um derentwillen sie ihn habe kommen lassen, als sie endlich von der Liebe überwältigt, obwol vor Scham mit Purpurröthe überzogen, zitternd und mit unterbrochener Rede also zu sprechen begann: „Theurer und geliebter Freund, dem ich angehöre, Euch, als einem so verständigen Manne, ist die Gebrechlichkeit, der Männer sowol als der Frauen, obgleich ihr aus verschiedenen Gründen die eine mehr als die andere unterliegt, sicher nicht unbekannt. Mit Rücksicht auf sie wird ein gerechter Richter dieselbe Sünde nach Verschiedenheit der Personen nicht mit derselben Strafe belegen. Und wer könnte denn wol leugnen, daß ein armer Mann, oder ein armes Weib, die sich mit dem eignen Schweiße verdienen müssen, was sie zu ihres Lebens Unterhalte bedürfen, weit mehr zu tadeln wären, wenn sie sich von der Liebe verlocken ließen und ihren Reizungen folgten, als wenn eine Frau es thut, die in Reichthum und Muße sich nichts von Dem zu versagen gewohnt ist, wonach sie ein Verlangen empfindet? Mich dünkt, gewißlich Niemand. So glaube ich denn, daß die erwähnten Umstände zur Entschuldigung Derjenigen, für welche sie eintreten, großes Gewicht haben müssen, wenn sie sich so weit vergißt, der Liebe Gehör zu geben. Hat aber die Liebende noch außerdem sich einen verständigen und ehrenwerthen Geliebten erkoren, so meine ich, vollendet dies ihre Entschuldigung. Nun trifft nicht allein Beides, wie mich dünkt, in mir zusammen, sondern mich verleiten noch überdies manche anders Ursachen zur Liebe, wie zum Beispiel, meine Jugend und die Abwesenheit meines Gemahls. Alles Dies möge also jetzt verbunden auftreten, um mich in Euren Augen wegen meiner glühenden Liebe zu entschuldigen; und gelingt dies Bestreben, wie es bei einem verständigen Manne gelingen muß, so bitte ich Euch, mir Euren Rath und Eure Hülfe zu gewähren. Ich gestehe Euch nämlich, daß ich, unfähig, während der Abwesenheit meines Gemahls den fleischlichen Lüsten und der Gewalt der Liebe Widerstand zu leisten, welche beide so mächtig sind, daß die stärksten Männer, geschweige denn zarte Frauen von ihnen oftmals überwältigt wurden und noch täglich werden, in dem Wohlleben und in der Muße, in denen ich, wie Ihr seht, mich befinde, schwach genug gewesen bin, .dem Verlangen der Liebe nachzuhängen und in verliebter Gluth mich zu entzünden. Ob ich nun gleich wohl weiß, daß diese meine Schwachheit, wenn sie bekannt würde, für unziemlich gelten müßte, (während sie mir, so lange sie verborgen ist und bleibt, kaum in irgend etwas den Anstand zu verletzen scheint), so ist mir Amor doch in so weit günstig gewesen, daß ec mir in der Wahl des Geliebten die gehörige Einsicht nicht genommen, sondern mir deren vielmehr reichlich verliehen hat, indem er mir Euch als Den gezeigt hat, der die Liebe einer Dame meinesgleichen verdient. Bin ich nicht von Täuschung verblendet, so seid Ihr der schönste, liebenswürdigste, artigste und verständigste Ritter, der im Königreiche Frankreich gefunden werden kann. Außerdem seid Ihr ebenso ohne Frau, wie es mir jetzt am Gemahls fehlt. So bitte ich Euch denn bei der heißen Liebe, die ich für Euch im Herzen trage, mir die Eurige nicht vorzuenthalten und mit meiner Jugend Mitleid zu haben, die 182 Zweiter Tag. Achte Geschichte. sich in Wahrheit um Euretwillen wie das Eis am Feuer völlig verzehrt." Diesen Worten folgte ein solches Uebermaß von Thronen, daß die Dame, die noch fernere Bitten hinzusügen wollte, nicht im Stande war, weiter zu reden, sondern das Haupt niederbeugte und, wie vom Gefühle überwältigt, weinend damit an die Brust des Grafen sank. Der Graf dagegen schalt, als ein durchaus rechtlicher Ritter, so thörichte Liebe, stieß die Dame, die ihm schon um den Hals fallen wollte, zurück und versicherte sie mit den heiligsten Schwüren, sich lieber viertheilen lassen zu wollen, als an sich oder an Andern solch ein Vergehen gegen die Ehre seines Herren zu dulden. Kaum hatte die Dame das vernommen, so war ihre Liebe schon vergessen und in den wüthendsten Haß verwandelt. „Plumper Ritter," rief sie, „soll ich denn auf solche Weise wegen meines Antrages von Euch verhöhnt werden? Da sei doch Gott für, daß ich, weil Ihr mich tobten wollt, nicht Euch statt dessen ums Leben bringen oder aus der ganzen Welt vertreiben sollte." Und während sie noch so sprach, fuhr sie mit den Händen in die Haare, zerraufte und verwirrte sie sich ganz und gar, riß sich die Kleider auf, zerschlug sich den Busen und schrie so laut sie konnte, „zu Hülfe, zu Hülfe, der Graf von Antwerpen will mir Gewalt anthun." Als der Graf dies Benehmen sah, fürchtete er sich mehr vor dem höfischen Neide, als dis Reinheit seines Gewissens ihm Schutz gewähren konnte; er ahnete, daß jener der Bosheit der Fürstin größeren Glauben verschaffen werde, als seiner Unschuld, und erhob sich deshalb und mied, so schnell er konnte, das Zimmer und den Palast und floh in seine Wohnung. Hier hob er, ohne sich weiter zu besinnen, seine beiden Kinder zu Pferde, stieg selber ebenfalls auf und eilte, so sehr es sich thun ließ, nach Calais. Inzwischen liefen auf das Geschrei der Dame viele Leute herbei und glaubten, als sie sie in dem beschrie- Der Graf von Antwerpen. 183 benen Zustande trafen, nicht allein dem von ihr angegebenen Grunde ihres Schreiens, sondern fügten noch hinzu, die Artigkeit und das zierliche Wesen des Grafen seien allein, um zu diesem Ende zu gelangen, so geraume Zeit von ihm geübt worden. So lief denn Alles wüthend nach dem Hause des Grafen, um ihn "zu verhaften, und plünderte und zerstörte es, als er nicht mehr gefunden ward, bis es der Erde gleich war. Auch kam die Neuigkeit, entstellt, wie sie zu Paris erzählt wurde, in das Heer des Königs und seines Sohnes; und diese verurtheilten, hocherzürnt über solchen Frevel, den Grafen und seine Nachkommen zu ewiger Verbannung und versprachen einem Jeden, der sie lebend oder todt einbrächte, die größten Geschenke. Es betrübte den Grafen, daß er, seiner Unschuld ungeachtet, durch die Flucht den Schein der Schuld auf sich geladen, doch ließ er darum nicht von seiner Eile nach, kam unerkannt mit seinen Kindern nach Calais, schiffte von dort eilig nach England hinüber und machte sich in ärmlicher Kleidung nach London auf den Weg. Bevor er indeß in diese Stadt eintrat, unterwies er seine beiden Kinder ausführlich, besonders aber in zwei Punkten: erstens, daß sie die dürftige Lage, in welche das Schicksal ohne ihre Schuld sie gemeinschaftlich gestürzt, geduldig ertragen möchten, dann aber, daß sie, so lieb ihnen ihr Leben sei, mit der möglichsten Sorgfalt vor Jedermann verborgen halten möchten, woher und wessen Kinder sie seien. Der Sohn hieß Ludwig und zählte etwa neun Jahre, dis Tochter, die Vivlante hieß, hatte deren ohnge- fähr sieben, und beide faßten, soweit ihr zartes Alter es zuließ, die Unterweisungen ihres Vaters wohl auf, wie das später der Erfolg bewies. Damit indeß der Zweck leichter erreicht werden könne, glaubte der Vater die Namen der Kinder verändern zu müssen und nannte den Knaben Pierrot und das Mädchen Jeannette. Als sie nun in ärmlicher Tracht nach London gekommen waren, 184 Zweiter Lag. Achte Geschichte. fingen fie an, in der Weife nach Almosen umherzugehen, wie wir es täglich die französischen Bettler thun sehen. Da geschah es denn, daß, wie sie eines Morgens in gleicher Absicht eine Kirche heimgesucht, eine vornehme Dame, welche mit einem der Marschalle des Königs von England vermahlt war, den Grafen und seine beiden Kinder gewahr wurde, als sie eben um Almosen baten. Die Dame fragte ihn, woher er sei, und ob die Kinder ihm zugehörten. Er erwiderte, er sei aus der Picardie und habe der Verbrechen seines ungerathenen älteren Sohnes wegen mit diesen beiden, die allerdings die seinigen seien, fliehen müssen. Es hatte die Dame ein gar mitleidiges Herz und sie warf ein Auge auf die Kleine, die ihr wohl gefiel, weil sie hübsch und manierlich und zuthulich war, und sie sagte: „Guter Freund, wenn Du nichts dawider hast, mir Dein Töchterchen zu lassen, so will ich sie um ihres günstigen Aussehens willen gerne nehmen, und wenn dann ein ordentliches Mädchen aus ihr wird, so werde ich sie zur geziemenden Zeit angemessen verheirathen." Dem Grafen war das Begehren höchst willkommen, er sagte sogleich „ja" dazu, übergab der Dame mit Thränen das Kind und empfahl es ihr auf das dringendste. Wie nun der Graf das Töchterchen untergebracht hatte und in guten Händen wußte, beschloß er nicht länger dort zu bleiben, sondern durchstrich bettelnd die Insel und gelangte mit Pierrot, von der ungewohnten Anstrengung der Fußreise äußerst ermüdet, endlich nach Wales. Hier wohnte ein anderer königlicher Marschall, der ein großes Hauswesen und eine zahlreiche Dienerschaft hielt, und an dessen Hofe der Graf und sein Sohn, um eine Mahlzeit zu erhalten, häufig ansprachen. Es hatte dieser Marschall einen Sohn, der mit den Kindern anderer Edelleute, nach Art der Kinder, körperliche Uebungen im Laufen und Springen und mehr dergleichen vornahm, zu denen Pierrot sich gesellte und in allen ihren Uebungen es einem jeden der Andern gleich, oder auch zuvorthat. Einige Male sah der Marschall diesen Spielen zu, und das Betragen des Knaben gefiel ihm so sehr, daß er fragte, wer er sei. Man erwiderte, es sei der Sohn eines armen Mannes, der zu Zeiten komme, um sich ein Almosen zu fordern. Darauf ließ der Marschall den Vater um den Knaben ansprechen, und dieser, der Gott um nichts mehr gebeten hatte, willigte gerne ein, so leid es ihm auch that, sich von dem Knaben trennen zu sollen. Als nun der Graf Sohn und Tochter versorgt sah, gedachte er nicht langer in England zu verweilen, sondern sah, wie er nach Irland hinüber kam. Hier angekommen, verdung er sich in der Nähe vom Stamford bei einem Grafen auf dem Lande als Knecht, verfah sämmt- liche Geschäfte, die einem Knechte oder Pferdejungen obliegen, und blieb dort unter vielem Ungemach und großer Mühe lange Zeit, ohne von irgend Jemandem erkannt zu werden. Inzwischen nahm Violante, die jetzt Jeannette hieß, bei der Edeldame in London an Jahren und an Schönheit zu und gewann die Gunst der Dame, ihres Gemahles, jedes Andern im Hause und Aller, die sie sonst noch kannten, ,in einem erstaunlichen Maße. Denn es war Niemand, der nicht gestehen mußte, ihr Betragen und ihre Sittsamkeit seien der höchsten Auszeichnung und des schönsten Lohnes würdig. Demzufolge hatte die Dame, die sie von dem Vater erhalten und über ihre Abkunft nie etwas Anderes hatte erfahren können, als was sie von diesem selber gehört, sich bereits vorgenommen, sie dem Stande gemäß, den sie ihr beilegte, gut zu verheirathen. Gott aber, der die Verdienste der Menschen mit einem gerechten Auge durchschaut, erwog ihre adliche Geburt und wie schuldlos sie für fremde Sünde büße, und lenkte es anders; denn wir müssen glauben, daß Seine Gnade Das, was sich nun ereignete, zuließ, um das Mädchen nicht in niedrige Hände gerathen zu lassen. Die Edelfrau, welche Jeannetten zu sich genommen, 186 Zweiter Tag. Achte Geschichte. hatte von ihrem Manne einen einzigen Sohn, den sowol sie als der Water, nicht allein weil er ihr Sohn war, sondern auch wegen seiner Tugenden und Verdienste, auf das innigste liebten; denn er war wohlgesittet, tapfer und schön von Gestalt und von adelicher Gesinnung, wie kein Anderer. Dieser nun mochte etwa sechs Jahre alter sein, als Jeannette, und ihre Schönheit und Anmuth machten solchen Eindruck auf ihn, daß er sich auf das heftigste in sie verliebte und nur sie vor Augen hatte. Weil er sie aber von geringer Abkunft glaubte, wagte er nicht allein nicht, sie von seinen Eltern zur Frau zu begehren, sondern er verbarg, aus Furcht, man werde ihn tadeln, daß er seiner Liebe einen so niedrigen Gegenstand erwählt, diese so viel er konnte. Dies Bestreben indeß regte seine Flammen um Vieles mehr an, als wenn er sie offenbart hatte, und so geschah es, daß ec von übermäßiger Leidenschaft verzehrt, in eine schwere Krankheit verfiel. Viele Aerzte wurden berufen, um ihn zu heilen; so viel sie aber auch dis Zeichen der Krankheit beobachteten, so vermochten sie doch ihren wahren Grund nicht zu erkennen und mußten ihn endlich insgesammt aufgeben. Die Betrübniß der Eltern des jungen Mannes über diesen Ausspruch konnte nicht größer gedacht werden und oftmals baten sie ihn auf das zärtlichste, ihnen die Ursache seines Uebels zu entdecken, er aber antwortete ihnen nur mit Seufzern, oder sagte, er fühle sich innerlich verzehrt. Da traf es sich, daß eines Tages, als ein junger, aber in seine Wissenschaft tiefeingedrungener Arzt neben dem Kranken saß und dessen Arm an der Stelle hielt, wo die Kunstverständigen nach dem Pulse zu fühlen pflegen, Jeannette, die ihn der Mutter zu Gefallen sorgfältig pflegte, in das Zimmer kam, wo der Kranke lag, um etwas für ihn zu besorgen. Sobald der Jüngling sie gewahr ward, fühlte er, obwol er kein Wort redete und die Miene nicht veränderte, in seinem Herzen die liebevolle Gluth heftiger aufflammen, sodaß der Puls stärker als zuvor zu schlagen begann. Der Arzt bemerkte das sogleich und verwunderte sich darüber; doch schwieg er, um zu sehen, wie lange diese Verstärkung des Pulses anhalten werde. Nun hatte Jeannette das Zimmer kaum wieder verlassen, als der Puls sich auch beruhigte. Da vermuthete der Arzt, der Ursache jener Krankheit auf die Spur gekommen zu sein, und ließ nach einiger Zeit, wahrend er den Arm des Kranken noch immer in der Hand hielt, Jeannetten unter dem Vorwände, daß er sie nach etwas zu fragen habe, wieder Hereinrufen. Sie gehorchte sogleich und war nicht sobald in das Zimmer eingetreten, als der Puls des jungen Mannes zunahm, wie er nachließ, als sie das Zimmer wieder verließ. Nun glaubte der Arzt seiner Sache vollkommen gewiß zu sein, stand auf und nahm Vater und Mutter des Kranken bei Seite und sagte ihnen: „Die Gesundheit Eures Sohnes ist nicht in der Aerzte, sondern in Jeannettens Händen. Sichere Zeichen haben mich überzeugt, daß Euer Sohn sie auf das feurigste liebt, obgleich sie, soviel ich bemerke, nichts davon ahnet. Jetzt wißt Ihr, was Ihr zu thun habt, wenn'sein Leben Euch am Herzen liegt." Der Edelmann und seine Gemahlin waren erfreut über diese Nachricht, weil sie nun doch wenigstens eine Aussicht zu seiner Heilung entdeckten, wie hart es ihnen auch ankam, Das zu thun, was ihnen unvermeidlich schien, nämlich die Jeannette ihrem Sohne zur Frau zu geben. So gingen sie denn, nachdem sie den Arzt entlassen, zu dem Kranken, und die Mutter sagte: „Mein Sohn, ich hätte nie gedacht, daß Du mir einen Deiner Wünsche verhehlen, am wenigsten aber, daß Du dies thun würdest, wo Dein unerfülltes Verlangen Dich innerlich völlig verzehrt. Du durftest und darfst ja mit Sicherheit darauf zählen, daß ich, um Dich zufrieden zu stellen, Alles, was ich nur vermag, selbst wenn es minder ziemlich sein sollte, ganz so wie für mich selber thun würde. Weil Du aber dennoch nicht offen gegen mich gewesen bist, hat unser 188 Zweiter Tag. Achte Geschichte- Herrgott größeres Mitleid für Dich bezeigt, als Du selber es gethan hast, und, damit diese Krankheit Dir nicht todt- lich werde, mir die Ursache Deines Uebels entdeckt, welche in nichts Anderem besteht, als in übergroßer Liebe, die Du für ein Mädchen, deren Namen ich jetzt dahin gestellt sein lasse, empfindest. Warum scheutest Du Dich aber, mir dies zu entdecken? Bringt es Dein Alter nicht mit sich, und müßte ich Dich nicht gar gering schätzen, wenn Du nicht verliebt wärest? So fürchte Dich denn nicht länger vor mir, mein Sohn, sondern entdecke mir dreist alle Deine Wünsche. Verscheuche den Trübsinn und die Bedenken, die Du hegst und die Dir allein diese Krankheit zugezogen haben. Fasse Muth und halte Dich überzeugt, daß Du Nichts von mir fordern kannst, was ich nicht, um Dich, den ich mehr als mein Leben liebe, zufriedenzustellen, so weit es in meinen Kräften steht, gerne thäte. Verbanne Deine Scheu und Deine Besorgnis, sage mir, ob ich Deine Liebe in etwas fördern kann, und halte mich für die grausamste Mutter, die jemals einen Sohn geboren, findest Du mich nicht auf das eifrigste bemüht, Dich zum Ziele zu führen." Als der Jüngling diese Worte seiner Mutter vernahm, erröthete er anfangs darüber, daß sein Geheimnis entdeckt sei. Als er aber bedachte, daß Niemand besser als sie im Stande sei, seinem Verlangen Gewährung zu verschaffen, überwand'er seine Scheu und sagte: „Madonna, um keiner andern Ursache willen habe ich meine Liebe vor Euch verborgen gehalten, als weil ich bemerkt habe, daß die meisten Menschen, wenn sie zu Jahren gekommen sind, sich nicht mehr daran erinnern wollen, daß auch sie einmal jung waren. Weil ich aber Euch hierin so verständig finde, leugne ich Euch nicht allein nicht, daß es sich wirklich so verhalte, wie Ihr vermuthet, sondern ich will Euch auch offenbaren, wen ich liebe, vorausgesetzt, daß Ihr Euer Versprechen nach Euren Kräften erfüllt, denn nur dadurch könnt Ihr mich wieder gesund machen." D>r- Graf von Antwerpen. 189 Di- Dame erwiderte, im Vertrauen darauf, daß ihr gei-ngen werde, was wenigstens in der Weife, wie sie dachte, ihr nicht gelang, zuversichtlich, er möge ihr seine Wünsche ohne Bedenken eröffnen und sie werde sich sogleich bemühen, seinem Verlangen Gewährung zu verschaffen. Darauf sagte der Jüngling: „Madonna, die hohe Schönheit und das musterhafte Betragen unserer Jeannette, die Unmöglichkeit, ihr meine Liebe bemerkbar zu machen, geschweige denn sie zum Mitleiden zu bewegen, und meine eigne Scheu, die mich gehindert hat, zu irgend Jemandem von meiner Liebe zu sprechen, haben mich in den Zustand versetzt, in dem Ihr mich seht. Und sollte aus was immer für einem Grunde Das, was Ihr mir versprochen habt, unterbleiben, so haltet Euch überzeugt, daß mein Leben in Kurzem enden wird." Die Dame, die wohl fühlte, es sei jetzt an der Zeit, den jungen Mann zu ermuthigen, nicht aber ihm Vorwürfe zu machen, antwortete lächelnde „Darum also hast Du Dich krank gegrämt? Nun, wenn das ist, so sei nur guten Muthes und laß mich sorgen, sobald Du wieder gesund bist." Der Jüngling, der jetzt voll der besten Hoffnung war, gab in Kurzem Zeichen der entschiedenen Besserung, und die Dame dachte nun, hocherfreut über den glücklichen Erfolg, daran, wie sie das dem Sohne gegebene Versprechen erfüllen wollte. Zu dem Ende rief sie eines Tages Jeannetten und fragte sie unter freundlichen Scherzen, ob sie einen Geliebten habe. Jeannettens ganzes Gesicht überzog sich bei dieser Frage mit Röthe und sie erwiderte: „Gnädige Frau, für ein armes, von Hause verstoßenes Mädchen, wie ich, die, wie ich, in anderer Leute Diensten steht, ziemt es sich nicht, mit der Liebe sich abzugeben." Darauf sagte die Dame: „Wenn Ihr denn keinen Liebhaber besitzt, so wollen wir Euch einen verschaffen, an dem Ihr Eure Freude haben und Eure Schönheit erst recht 190 Zweiter Tag. Achte Geschichte. genießen sollt; denn es ist ja unerlaubt, daß so «in schönes Mädchen, wie Ihr, ohne Liebhaber sei." „Gnädige Frau," sagte darauf Jeannette, „Ihr habt mich aus der Armuth meines Vaters gerissen und wie Eure Tochter auferzogen und darum wäre es meine Pflicht, Alles zu thun, was Ihr verlangt. In diesem Einen aber kann ich Eurem Willen nicht gehorchen und glaube daran recht zu thun. Wenn es Euch gefällig ist, mir einen Mann zu geben, so werde ich den lieben, aber keinen Andern; denn mir ist von der Erbschaft meiner Vorfahren nichts geblieben, als die Sittsamkeit, und so will ich denn die bewahren und an ihr halten, so lange mein Leben währt." Diese Worte dünkten der Dame dem Plane sehr entgegen, den sie sich ersonnen hatte, um das Versprechen zu erfüllen, das sie ihrem Sohne gegeben, obwol sie, verständig wie sie war, in ihrem Herzen das Mädchen um so höher achten mußte, und sie sagte: „Wie aber, Jean- nette, wenn unser gnädigster König, der ein junger Herr ist, wie Du ein schönes Mädchen bist, von Deiner Liebe eine Gunst begehrte, würdest Du sie ihm abschlagen?" Sogleich erwiderre jene: „Gewalt könnte mir der König anthun, aber mit meinem Willen würde er nie von mir etwas Anderes erlangen, als was der Sittsamkeit gemäß ist." Die Dame sah nun wohl, wie ihre Gesinnungen beschaffen waren, sparte deshalb weiteres Reden und dachte darauf, durch die That sie auf die Probe zu stellen. Demzufolge sagte sie zu ihrem Sohne, sie werde, sobald er genesen sei, das Mädchen mit ihm in Eine Stube bringen, dann möge er selber an das Ziel seiner Wünsche zu gelangen suchen, da es, wie sie sagte, ihr unziemlich scheine, wenn sie für ihren Sohn wie eine Kupplerin gute Worte geben und ein Mädchen in ihrem Dienste bitten sollte. Der junge Mann war mit diesem Antrag keinesweges zufrieden und wurde alsbald wieder um Vieles kränker. Der Mraf von Antwerpen. 191 Ais die Mutter das sah, eröffnete sie der Jeannette ihre Wünsche vollständig, fand aber diese noch standhafter als zuvor. Nun erzählte sie Alles, was sie bisher gethan, ihrem Gemahls und so entschlossen sie sich, so hart es ihnen auch vorkam, dennoch gemeinsam, die Jeannette ihrem Sohne zur Frau zu geben, da siettmmer noch lieber den Sohn mit einer Frau, die sich nicht für ihn ziemte, lebendig, als ohne Frau todt sehen wollten. Und so thaten sie denn nach vielem Hin- und Herreden wirklich. Jeannette freute sich dessen innigst und dankte Gott aus vollem Herzen, daß Er sie nicht vergessen habe, sagte aber dem Allen ungeachtet nicht anders, als, sie sei die Tochter eines Pi- carden. Der junge Mann genaß, feierte seine Hochzeit fröhlich wie kein Anderer und genoß die Freuden, welche die Liebe ihm gewährte. Inzwischen hatte Pierrot, der in Wales bei dem andern Marschall des Königs von England zurückgeblieben war, wie er heranwuchs, die Gunst seines Herrn erworben und war schön von Gestalt und wacker, wie kein Anderer auf der ganzen Insel, geworden, sodaß in Kampfspielen und Turnieren Niemand unter den Einheimischen sich der Waffen so mächtig bewies, als er. So war er denn unter dem Namen Pierrot der Picards, den sie ihm beigelegt, überall gekannt und geehrt. Wie aber Gott seine Schwester nicht vergessen hatte, so zeigte sich bald, daß Er auch seiner gedachte. Es kam über jene Gegenden eine verheerende Seuche, die fast die Hälfte der Bevölkerung hinwegraffte, zu geschweigen, daß auch von den klebrigen ein so großer Theil in ferne Landschaften floh, daß das Land völlig verlassen zu sein schien. In dieser allgemeinen Sterblichkeit kamen nun auch Pierrot's Herr, der MarschaU, dessen Gemahlin und Sohn nebst mehreren anderen Brüdern, Neffen und Verwandten des Hauses um, sodaß Niemand übrig blieb, als eine schon mannbare Tochter, Pierrot und einige andere Diener. Wie die Seuche ein wenig nachgelassen hatte, entschloß sich die 192 Zweiter Tag. Achte Geschichte. junge Dame auf den Rath und zur Freude einiger am Leben gebliebenen Nachbaren, Pierrot, als einen tapferen und tüchtigen Menschen, zum Manne zu nehmen, und machte ihn zum Herrn über Alles, was ihr durch Erbschaft zugefallen war. Auch dauerte es nicht lange, so vernahm der König von England den Tod des Marschalls und ernannte darauf Pierrot den Picarden, dessen Tüchtigkeit ihm bereits bekannt geworden war, an der Stelle des Verstorbenen zu dessen Nachfolger in jener Würde. Dieses ist denn in Kurzem, was sich mit den beiden unschuldigen Kindern des Grafen von Antwerpen zutrug, die er für verloren zurückgelassen hatte. So waren schon achtzehn Jahre verstrichen, seit der Graf von Antwerpen Paris auf flüchtigem Fuße gemieden hatte, als er nach mancherlei Leiden und gar dürftigem Leben Lust bekam, Irland, wo er sich bis dahin aufgzhal- ten, zu verlassen, um nun, weil er alt geworden, wo möglich zu vernehmen, was aus seinen Kindern geworden sei. Er sah wohl, daß er in der Zeit seine Gestalt völlig verändert hatte, auch war er durch die langen körperlichen Anstrengungen rüstiger geworden, als er es gewesen, während er in Muße lebte, und so verließ er denn, arm und schlecht gekleidet wie er war, den Herrn, bei dem er lange Zeit gelebt, und fuhr nach England hinüber. Zunächst -ging er an den Ort, wo er Pierrot gelassen, und fand ihn als einen großen Herrn und königlichen Marschall wieder und sah, daß er gesund und kräftig und schön von Gestalt geworden war. Zwar freute er sich darüber herzlich, doch zu erkennen wollte er sich ihm nicht eher geben, als bis er über Jeannetten Auskunft erhalten hätte. Zu dem Ende machte er sich auf den Weg und gönnte sich unterwegs keine Ruhe, bis er in London angekommen war. Hier fragte er vorsichtig nach der Dame, welcher er seine Tochter gelassen, und nach ihren Umständen und erfuhr, daß Jeannette die Frau ihres Sohnes geworden sei. Seine Freude darüber war so groß, daß er alles Der Graf von Antwerpen. 193 vergangene Ungemach gering achtete, weil er die Kinder lebendig und in glücklicher Lage wieder gefunden. Voller Verlangen die Tochter wiederzusehen, ging er nun täglich in der Nahe ihres Hauses betteln. Hier sah ihn eines Tages Jacob Lamiens, denn so hieß der Gemahl Jeannet- tens, und es erbarmte ihn des armen, alten Mannes und er hieß einem seiner Diener, ihn in das Haus führen und ihm zu Essen geben. Der Diener that willig, wie ihm geboten. Jeannette aber hatte dem Jacob schon mehrere Kinder geboren, von denen der älteste nicht mehr als acht Jahre zahlte und die sämmtlich die hübschesten und artigsten Kinder von der Welt waren. Als diese den Grafen essen sahen, waren sie gleich alle um ihn her und thatcn schön mit ihm, als ob sie von verborgener Kraft gezogen, erkannt hätten, daß er ihr Großvater sei. Der Graf wurde bald gewahr, daß es seine Enkel seien, und herzte und liebkoste sie; weshalb denn die Kinder, so viel auch Derjenige, der zu ihrer Aufsicht bestimmt war, sie rufen mochte, nicht von ihm lassen wollten. Jeannette hörte das und kam aus einem anstoßenden Gemache in das Zimmer, wo der Graf sich befand, und drohte den Kindern nachdrücklich mit Schlägen, wenn sie nicht thäten, was ihr Lehrer ihnen befehle. Da singen die Kinder zu weinen an und sagten, sie wollten bei dem wackern Manne bleiben, der sie lieber hätte als ihr Lehrer, worüber Graf und Gräfin herzlich lachen mußten. Inzwischen war der Graf von seinem Sitze aufgestanden, nicht um die Tochter als Vater zu begrüßen, sondern um ihr, wie ein armer Mann einer vornehmen Dame, seine Ehrfurcht zu beweisen, und hatte sich über ihren Anblick im Stillen unsäglich gefreut. Sie aber erkannte ihn weder damals, noch späterhin, so sehr hatte er sich im Vergleich mit seinem früheren Aussehen verändert; denn alt und grau und bärtig, mager und braun von Farbe, wie er war, glich er eher einem Wildfremden als dem Grafen von Antwerpen. Wie die Dame sah, daß die Dekameron. I. 9 194 Zweiter Tag. Achte Geschichte. Kinder nicht von ihm lassen wollten, sondern weinten wenn man ihnen zu gehen befahl, sagte sie dem Lehrer', er möge sie nur eine Weile lassen. Wahrend aber die Kinder noch bei dem wackern Manne verweilten, kam Jacob's Vater von ungefähr nach Hause und erfuhr von dem Lehrer das Geschehene. Nun war ihm Jeannette ohnehin zuwider und so sagte er zu dein Lehrer: „Laßt sie beim Henker, der sie holen mag, wenn er Lust hat; sie zeigen ihre Abkunft in ihrem Benehmen. Bettelkinder sind es von mütterlicher Seite und da ist es denn kein Wunder, wenn sie am liebsten bei Bettlern sind." Der Graf hörte die Rede und fühlte sich schwer gekrankt, doch zuckte er die Achseln und trug diesen Schimpf geduldig, wie so manchen andern. Jacob dagegen hatte die Kinder so lieb, daß er, nachdem er gesehen, wie freundlich sie gegen den wackern Mann gewesen, ob es ihm gleich nicht gelegen war, doch, um sie nur nicht weinen zu sehen, diesem sagen ließ, wenn er im Hause einen Dienst annehmen wolle, werde er willkommen sein. Der Graf antwortete, er wolle gerne bleiben, doch verstehe er sich auf weiter nichts, als die Pferde zu warten, was er sein lebelang gethan. Darauf wurde ihm ein Pferd angewiesen, und sobald er das besorgt hatte, scherzte und spielte er mit den Kindern. Wahrend das Schicksal auf die bisher geschilderte Weise den Grafen und seine Kinder umhergesührt hatte, war der König von Frankreich, nachdem er mit den Deutschen mehrmals Waffenstillstand geschlossen, gestorben und an seiner Stelle sein Sohn gekrönt worden, dessen Gemahlin die Ursache gewesen, um derentwillen der Graf vertrieben war. Als der letzte Waffenstillstand mit den Deutschen abgelaufen war, sing der junge König den Krieg mit neuer Erbitterung an, und der König von England sandte ihm zu dem Ende, als sein neuer Vetter, zahlreiche Hülfsvölker unter der Führung seines Marschalls Pierrot und des Jacob Lamiens, des Sohnes seines andern Marschalls. In dem 7 Der Graf von Antwerpen. 195 Gefolge des Letztem zog dann auch der wackere Mann, nämlich der Graf, ohne von Jemandem erkannt zu werden, mit, lebte geraume Zeit im Lager als Pferdeknecht und bewirkte hier, in Folge seines Verstandes und seiner Erfahrung, durch Rath und That viel mehr Gutes, als für seine Lage sich schickte. Während dieses Krieges nun wurde die Königin von Frankreich von einer schweren Krankheit befallen. Und wie sie fühlte, daß sie dem Tode nahe sei, bereute sie alle ihre Sünden und beichtete sie zerknirscht dem Erzbischof von Rouen, der allgemein für einen besonders frommen und wohlmeinenden Mann gehalten wurde. Diesem erzählte sie denn unter andern Sünden auch das schwere Unrecht, das sie dem Grafen von Antwerpen zugefügt, und begnügte sich nicht damit, dies dem Bischöfe zu beichten, sondern wiederholte den ganzen Hergang der Sache in Gegenwart vieler anderer angesehener Personen und bat diese, bei dem Könige sich dahin zu verwenden, daß der Graf selber, wenn er noch am Leben-sei, wo nicht, aber seine Nachkommen in ihren früheren Stand wieder eingesetzt würden. Nicht lange nach diesem Geständnisse starb die Königin und ihre Leiche ward ehrenvoll begraben. Als dem König das Bekenntnis seiner Gemahlin hinterbracht ward, beseufzte er zuerst das schwere Unrecht, das er einem so wackern Manne angethan, dann aber ließ er in dem ganzen Heere und sonst noch weit und breit im Lande ausrufen, daß, wer den Grafen von Antwerpen oder eines seiner Kinder nachzuweisen wisse, für einen Jeden auf das nahmhafteste belohnt werden solle, denn der König habe aus den Geständnissen seiner Gemahlin entnommen, daß der Graf des Vergehens, um dessentwillen er verbannt worden, unschuldig sei, und er beabsichtige ihn nun in die alten Ehren und Würden wieder einzusetzen und ihm noch größere zu verleihen. Diesen Aufruf hörte auch der Graf, als Stallknecht, und da er wohl wußte, daß sich wirklich Alles so verhalte, 9 * 196 Zweiter Tag. Achte Geschichte. ging er sogleich zu Jacob und bat diesen, ihn mit Pierrot zusammenzubringen, denn er wolle dem König Nachweisen, was er suche. Wie sie nun alle drei beisammen waren, sagte der Graf zu Pierrot, der schon selbst sich zu entdecken geneigt war; „Pierrot, Jacob, der hier steht, hat Deine Schwester zur Frau, ohne jemals eine Mitgift bekommen zu haben. Damit aber Deine Schwester nicht ohne Aussteuer sei, so will ich, daß er und Niemand anders die große Belohnung erhalte, die der König Dem verspricht, der Dich anzuzeigen weiß. So möge er denn Dich als den Sohn des Grafen von Antwerpen angeben, seine Frau, als Violante, Deine Schwester, und mich, Euren Vater, als den Grafen von Antwerpen." Bei diesen Worten blickte Pierrot dem Redenden genauer ins Gesicht und erkannte ihn plötzlich, warf sich ihm weinend zu Füßen, umarmte ihn und sagte: „Vater, seid tausend Mal willkommen." Jacob aber war zuerst von der Rede des Grafen und dann von dem Benehmen Pierrot's so verwundert und so freudig überrascht, daß er anfangs gar nicht wußte, was er thun solle. Doch maß er bald den Worten des Grafen vollen Glauben bei und schämte sich der harten Reden sehr, die er gegen jenen als Pferdeknecht wol verführt, und sank weinend zu seinen Füßen nieder, um für das Geschehene demüthig die Verzeihung von ihm zu erbitten, die der Graf ihm willig ertheilte, indem er ihn aufstehen hieß. Als sich alle drei ihre verschiedenen Schicksale unter vielen Thranen und eben so viel Freude gegenseitig erzählt hatten, wollten Pierrot und Jacob den Grafen mit neuen Kleidern versehen. Er gab es indeß auf keine Weise zu, sondern bestand darauf, daß Jacob, nachdem ihm die Belohnung zuvor gesichert wäre, ihn im Knechtsgewande dem Könige vorführe, um diesen desto mehr zu beschämen. So ging denn Jacob, dem der Graf und Pierrot in einiger Entfernung folgten, vor den König und versprach ihm, den Grafen und dessen Kinder zu bringen, wenn er ihn anders dem ergangenen Ruse gemäß belohnen wolle. Der Graf von Antwerpen. 197 Sogleich ließ der König die für einen Jeden bestimmten Belohnungen, über deren Größe Jacob sich nicht genug wundern konnte, herbcibringen und hieß ihm, diese hin- nehmcn, wenn er wirklich, seinem Versprechen zufolge, den Graf und dessen Kinder nachzuweisen wüßte. Darauf wandte Jacob sich herum und ließ den Grafen, seinen Knecht, und Pierrot vortreten und sagte: „Gnädigster Herr, hier sind Vater und Sohn; die Tochter, die meine Gemahlin ist, ist zwar nicht zur Stelle, doch sollt Ihr sie mit Gottes Hülfe baldigst sehen." Als der König das hörte, blickte er den Grafen an, und so sehr dieser auch gegen sein früheres Aussehen entstellt war, erkannte er ihn doch, nachdem er ihn eine Weile betrachtet hatte, wieder, und hob den Knienden, fast mit Thra- nen in den Augen, zu sich empor und küßte und umarmte ihn. Auch den Pierrot empfing er freundschaftlich und befahl, daß der Graf sogleich mit Kleidern, Dienerschaft, Pferden und Gerüchen, so reichlich, als es seinem hohen Range gezieme, versehen werde. Alsobald wurde dieser Befehl vollzogen. Dann erwies der' König dem Jacob ebenfalls vielfache Ehre und verlangte von ihm die Erzählung der vorhergegangenen Begebenheiten. Als aber Jacob die Belohnungen wegtragen ließ, die er für die Auskunft über den Grafen und dessen Kinder erhalten, sagte dieser: „Nimm das als ein gnädiges Geschenk unseres Herrn, des Königs, und vergiß nicht Deinem Vater zu sagen, daß Deine Kinder, seine wie meine Enkel, nicht von mütterlicher Seite Bettlerkinder sind." Jacob nahm die Geschenke und ließ die Frau und deren Schwiegermutter nach Paris kommen. Auch Pierrot's Frau wurde herbeigeführt und alle lebten in großen Freuden mit dem Grafen zusammen, den der König in alle seine Güter wieder eingesetzt und mit größeren Würden begabt hatte, als je zuvor. Dann beurlaubte sich ein Jedes und kehrte an seinen Wohnort zurück; er aber lebte noch viel ruhmvoller als vorher bis an sein Ende in Paris." 198 Zweiter Lag. Neunte Geschichte. ! Neunte Geschichte. Bcrnabo von Genua verliert durch Ambrogiuolo's Betrug das Seinige und befiehlt, daß seine unschuldige Frau getödtet werde. Sie entkommt und dient in Männerklcidcrn dem Sultan. Dann entdeckt sie den Betrüger und veranlaßt Bernabd nach Alexandrien zu kommen. Der Betrüger wird bestraft und sie kehrt, wieder in Wciberkleidern, mit dem -Manne reich nach Genua zurück. Äls Elise durch die rührende Geschichte ihrer Pflicht Genüge geleistet, nahm die Königin Philomena, die schon und von schlanker Gestalt war und deren Gesichtszüge durch Anmuth und Freundlichkeit vorzugsweise sich auszeichneten, einen Augenblick sich zusammen und sagte dann: „Wir müssen dem Dioneus schon Wort halten, und so will ich denn, da nur er und ich noch zu erzählen haben, meine Geschichte zuerst sagen und er mag, wie er sich es ausgebeten, der letzte sein, der für heute uns erzählt." Als sie so gesprochen, begann sie: „Man pflegt im Volke oft sprüchwörtlich zu sagen, wer Andern eine Grube grabt, fallt selbst hinein. Ob dies Sprüchwort aber wahr sei, können wir nur daran erkennen, wenn es im Leben wirklich so zugeht. Demzufolge ist mir eingefallen, Euch, Ihr lieben Mädchen, ohne mich von der allgemeinen Aufgabe zu entfernen, an einem Beispiele zu zeigen, daß es sich wirklich, so wie man sagt, verhalte. Laßt es Euch denn nicht gereuen, meine Geschichte zu hören, aus der Ihr lernen könnt, wie man sich vor Betrügern zu hüten hat. Es waren ein Mal in einem Wirthshaus zu Paris eine Anzahl italienischer Großhändler beisammen, die nach der Weise ihres Standes um verschiedener Geschäfte willen an jenen Ort gekommen waren. Diese geriethen eines Abends nach fröhlich beendigtem Essen auf allerhand Gespräche. Das Eine brachte sie auf das Andere und so kamen sie endlich auf ihre Frauen zu reden, die sie daheim gelassen. Da sagte Einer lachend' „Was meine thut, das weiß ich nicht, so viel weiß ich aber wohl, daß, wenn mir hier ein Mädel nach meinem Geschmacks in den Wurf kommt, ich die Liebe zu meiner Frau auf der einen Seite liegen lasse und Alles mitnehme, was ich von Jener kriegen kann." Darauf sagte ein Anderer: „Ich mach' es ebenso. Denn bilde ich mir ein, daß meine Frau sich derweile einen Zeitvertreib sucht, so thut sie's; bilde ich's mir nicht ein, so thut sie's doch. Also besser, man rechnet miteinander ab; wie der Esel in den Wald schreit, so schalt es wieder 'raus." Die Meinung des Dritten kam aus dasselbe hinaus und mit einem Worte, die Anwesenden schienen alle darin übereinzustimmen, daß ihre zurückgelassenen Frauen die Zeit schwerlich ungenutzt lassen möchten. Nur ein Einziger, Namens Bernabo Lomellino aus Genua, sagte das Gegentheil, und versicherte, durch Gottes besondre Gnade eins Frau zu besitzen, der alle Tugenden, die einem Weibe, und mit wenig Ausnahmen auch diejenigen, die einem Ritter oder Knappen geziemten, in solchem Grade eigen seien, wie vielleicht in ganz Italien keiner Andern. Denn sie sei schön von Gestalt und noch bei jungen Jahren, körperlich geschickt und rüstig und es gebe keinerlei weibliche Arbeit, wie Seidenwirken und mehr dergleichen, die sie nicht besser zu machen wisse, als irgend eine Andere. Ja es sei noch überdies kein Knappe und kein Diener zu finden, was Namen er auch haben möge, der besser und aufmerksamer als sie eine herrschaftliche Tafel zu bedienen wisse, denn sie sei in allen Dingen wohl erzogen, umsichtig und verständig. Endlich rühmte er noch von ihr, daß sie besser zu Pferde sitze und den Falken 200 Zweiter Tag. Neunte Geschichte. halte, besser zu lesen, zu schreiben und zu rechnen wisse, als ob sie ein Kaufmann wäre. Von diesem und vielem andern Lobe kam er dann auf den Gegenstand des vorhergegangenen Gespräches und versicherte bei seinem Eide, daß keine sittsamere und keine keuschere Frau zu finden sei. Darum, fügte er hinzu, vertraue er fest daraus, daß, möchte er zehn Jahre lang oder für immer vom Hause entfernt sein, sie sich niemals mit einem andern Manne auf dergleichen Geschichten einlassen würde. Unter den Kaufleuten, die also miteinander redeten, war ein junger Mann, Ambrogiuolo von Piacenza genannt, der über das Lob, das Bernabo seiner Frau zuletzt ertheilt, überlaut zu lachen anfing und ihn höhnend fragte, ob denn der Kaiser nur ihm vor allen Ändern solch ein Vorrecht ertheilt habe. Bernabo erwiderte nicht ohne Empfindlichkeit, Gott, der etwas mehr vermöge als der Kaiser, und nicht dieser, habe ihm solche Gnade verliehen. Darauf sagte Ambrogiuolo: „Bernabo, ich zweifle nicht daran, daß Du selber die Wahrheit zu sagen glaubst. Mich dünkt aber, Du hast den Lauf der Dinge nicht gehörig ins Auge gefaßt; denn hättest Du es gethan, so halte ich Dich nicht für kurzsichtig genug, daß Du nicht Mancherlei wahrgenommen haben solltest, was Dich veranlassen müßte, über dergleichen Dinge mit minderer Zuversicht zu reden. Damit Du aber einsehen mögest, daß wir, die wir uns vorhin über unsere Frauen so duldsam aussprachen, darum nicht der Meinung sind, wir hätten deren schlechtere, oder anders geschaffene, als die Deinige ist, sondern daß wir nur aus besserer Kenntniß der menschlichen Natur so gesprochen haben, will ich über diesen Gegenstand ein wenig mit Dir reden. Ich habe immer gehört, der Mann sei das edelste unter den sterblichen Wesen, die Gott geschaffen, und erst nach ihm das Weib; und in der That zeigt auch die Erfahrung, daß die allgemeine Meinung wahr und der Mann vollkommner ist. Besitzt er nun aber größere Vollkommenheit, so muß er ohne Zweifel auch mehr Festigkeit und Beständigkeit haben; denn die Weiber sind in Allem veränderlicher und dafür ließen sich mancherlei natürliche Gründe angeben, die ich aber für jetzt bei Seite lassen will. Hat nun der Mann größere Festigkeit und kann er sich dennoch nicht enthalten, nach einer Jeden zu verlangen, die ihm gefällt, geschweige denn, Einer, die ihn bittet, zu willfahren, und, außer diesem Verlangen, Alles was in seinen Kräften steht, zu thun, um in ihren Besitz zu gelangen, und begegnet ihm dies nicht ein Mal im Monat, sondern täglich taufend Mal, wie willst Du von einem Weibs, die von Natur veränderlich ist, erwarten, daß sie den Bitten, den Schmeicheleien, den Geschenken und tausend andern Mitteln widerstehen werde, die ein erfahrener Mann, wenn er in sie verliebt ist, anwenden wird? Glaubst Du wirklich, sie kann Stand halten? Wenn Du mich es auch versicherst, so glaube ich dennoch nicht, daß Du es glaubst. Gestehst Du doch selber ein, daß Deine Frau ein Weib ist und wie die andern aus Fleisch und Bein besteht. Ist dem aber also, so muß sie dieselben Gelüste fühlen und hat nur dieselben Kräfte wie die Andern, um jenen natürlichen Antrieben zu widerstehen. Du siehst mithin, daß, so sittsam sie auch sein mag, es darum immer möglich ist, daß sie thut, was die Andern thun. Etwas Mögliches soll man aber niemals so hartnäckig verneinen, oder das Umgekehrte behaupten, wie Du es thust." Bernabö entgegnete ihm darauf: „Ich bin ein Kaufmann und kein Philosoph, kann Dir also auch nur als Kaufmann antworten. So sage ich denn, daß ich wohl einsehe, wie es den Einfältigen, die kein Gefühl für Scham haben, so gehen kann, wie Du da beschreibst. Die Verständigen aber sind um ihre Ehre so besorgt, daß sie in diesem Punkte starker werden als die Männer, die darin ein loses Gewissen haben. Und zu denen gehört meine Frau." „Wahrhaftig," sagte Ambrogiuolo, „wenn den Weibern für jedes Mal, das sie sich auf derlei Geschichten einlassen, 202 Zweiter Tag. Neunte Geschichte. ein Horn aus der Stirn wüchse, das ein Zeugniß ihrer That wäre, so möchten sich wenige damit abgeben. Nun aber wachst ihnen kein Horn und wenn sie klug sind, ist keine Spur zu finden. Scham und Entehrung entstehen nur aus Dem, was offenbar wird; so thun die Weiber denn, was sie im Verborgenen thun können, oder unterlassen es aus Albernheit. Darum Halts Dich überzeugt, nur Die ist keusch, die entweder von Niemand gebeten worden, oder, wenn sie selber gebeten hat, nicht erhört worden ist. So genau ich übrigens aus natürlichen und aus andern Gründen weiß, daß sich dies Alles so verhalten müsse, wie ich Dir sage, so würde ich doch nicht mit solcher Zuversicht darüber sprechen, wenn ich nicht schon so oft und so Manche auf die Probe gestellt hatte. Deshalb sage ich Dir denn: wäre ich nur bei Deiner so ausbündig sittsamen Frau; ich wollte sie wol in kurzer Zeit zu Dem bringen, wozu ich schon so manche Andere gebracht habe." Bernabo antwortete verdrießlich: „Dies Herumstreiten mit Worten möchte sich etwas in die Länge ziehen. Du würdest sagen und ich würde sagen, und am Ende käme doch nichts heraus. Weil Du aber doch meinst, daß jede Frau so nachgiebig und Dein Geschick so groß sei, so bin ich bereit, um Dich von der Sittsamkeit meiner Frau zu überführen, mir den Kopf abschneiden zu lassen, wenn Du sie jemals dazu bewegen kannst, Dir in dieser Art irgend zu Willen zu sein. Gelingt es Dir aber nicht, so verlange ich von Dir weiter nichts, als eine Buße von tausend Goldgulden." Ambrogiuolo, der sich bei der Angelegenheit schon erhitzt hatte, erwiderte: „Bernabo, ich weiß nicht, was ich mit Deinem Blute machen sollte, wenn ich die Wette gewönne. Hast Du aber Lust, von Dem, was ich Dir gesagt habe, die Probe zu sehen, so setze gegen meine tausend Goldgulden fünftausend andere, die Dir doch wol minder werth sein müssen, als Dein Kopf. Dann will ich, während Du mir keine Zeit vorgeschrieben hast, nach Genua reisen und binnen drei Monaten, von dem Tage meiner Abreise aus Paris angerechnct, von Deiner Frau meinen Willen erreicht haben. Und zum Zeugniß will ich Dir Dinge mitbringen, die sie besonders werth halt, und Dir so viel Umstande und Anzeichen berichten, daß Du selber an der Wahrheit nicht mehr Weiseln sollst. Dabei bedinge ich mir nur das Eine aus, daß Du wahrend dieser Zeit weder nach Genua kommst, noch ihr irgend etwas über diese Angelegenheit schreibst." Bernabo versicherte damit völlig zufrieden zu sein, und so sehr die übrigen Kaufleute, die gegenwärtig waren, weil sie das große Uebel erkannten, das daraus entstehen konnte, sich bemühten, die Sache zu verhindern, so hatten sich jene Beiden die Köpfe doch so erhitzt, daß sie sich wider den Willen der Andern in fömlichen eigenhändigen Urkunden gegeneinander verpflichteten. Nachdem diese Verschreibung gemacht war, reiste Am- brogiuolo so schnell er konnte nach Genua, während Bernabo in Paris zurückblieb. Jener hatte aber kaum einige Tage in Genua zugebracht und sich mit vieler Vorsicht unter der Hand nach dem Namen der Straße und nach den Sitten der Frau erkundigt, als er ganz dasselbe, ja noch mehr Gutes von ihr hörte, als was Bernabo ihm gesagt hatte, und deshalb sein Unternehmen für vorwitzig erkennen mußte. Nichtsdestoweniger verschaffte sich Am- brogiuolo die Bekanntschaft eines armen Weibes, die häufig in jenes Haus zu kommen pflegte und bei Bernabo's Frau besonders wohlgelitten war. Da diese sich zu keinen weiteren Diensten verstehen wollte, bestach er sie endlich dahin, daß sie ihn in einer Kiste, die er künstlich zu seinen Zwecken eingerichtet, nicht allein in das Haus, sondern in das Schlafzimmer der Frau selbst tragen ließ. Das arme Weib mußte nämlich vorgeben, sie wolle über Land reifen, und jener die Kiste für einige Tage zum Aufbewahren empfehlen. Als die Kiste in dem Zimmer stehen geblieben und dis 204 Zweiter Tag. Neunte Geschichte. Nacht gekommen war, öffnete Ambrogiuolo sie zu der Stunde, wo ec vermuthen konnte, die Frau werde schlafen, durch den Druck einiger Federn und trat sachte in das Zimmer ein, das von einer Lampe erhellt ward. Nun betrachtete er die Form des Gemaches, die Malereien, welche es schmückten, und was sonst darin bezeichnend schien, auf das Genaueste und prägte Alles seinem Gedächtnisse ein. Darauf näherte er sich dem Bette und, da er bemerkte, daß die Frau sowol als ein kleines Töchterlein, das neben ihr lag, fest schliefen, deckte er sie völlig auf und sah, daß sie nackt eben so schön zu nennen war, M bekleidet. Doch wußte er an dem Körper kein anderes Abzeichen zu entdecken, das er dem Manne ansühren könnte, als ein Maal unter der linken Brust, um das ein Paar goldgelbe Härchen standen. Sobald er dies gesehen, deckte er sie leise wieder zu, so großes Verlangen sich auch bei dem Anblick ihres schönen Körpers in ihm regte, sein Leben daran zu wagen und sich zu ihr zu legen. Da er aber gehört, daß sie in solchen Geschichten so übermäßig streng und ungefüge sei, wollte er es doch nicht darauf ankommen lassen. So verweilte er denn den größten Theil der Nacht über nach seiner Bequemlichkeit in dem Zimmer, nahm sich aus einem Schreine noch eine Tasche, ein Staatskleid und ein paar Ringe und Gürtel, that dies Alles in seine Kiste und verschloß diese ganz wie zuvor, nachdem er sich selber hinein begeben hatte. Dasselbe wiederholte er die folgende Nacht, ohne daß die Frau das Mindeste bemerkt hätte. Am dritten Tage kam das arme Weib, nach der getroffenen Verabredung, wieder, um ihre Kiste abzuholen, und trug sie dorthin zurück, wo sie sie hergebracht hatte. Ambrogiuolo aber stieg sogleich heraus, belohnte das Weib seinem Versprechen gemäß und kehrte mit den genommenen Sachen noch vor der bestimmten Frist nach Paris zurück. Hier rief er die Kaufleute zusammen, die bei dem Streite und der abgeschlossenen Wette zugegen gewesen, und erklärte Frau Gincvra Lomellkno. 205 in Bernabö's Gegenwart, er habe die Summe, um welche sie damals gewettet, gewonnen, und ausgeführt, was er zu thun sich gerühmt hatte. Zum Beweise bezeichnet« er die Gestalt des Zimmers und die Malereien in demselben und zeigte dann auch die Sachen vor, die ec mitgebracht, und von denen er behauptete, daß sie sie ihm geschenkt habe. Bernabo gestand, daß das Zimmer wirklich so aussehe, wie Jener es beschrieben, auch erkannte er jene Sachen als solche, die seiner Frau zugehört haben, doch meinte er, Ambrogiuolo könne leicht von einem der Dienstboten des Hauses die Beschreibung des Zimmers und auf gleichem Wege auch die Sachen erhalten haben. Deshalb halte er sich durch das Vorgebrachte, wenn Jener nicht noch Anderes hinzufüge, keineswegs für besiegt. Ambrogiuolo sagte darauf: „Wahrlich, Du solltest Dich damit begnügen; weil Du aber einmal verlangst, ich soll noch mehr sagen, so will ich es thun. So sage ich Dir denn, Frau Ginevra, Deine Gattin, hat unter ihrer linken Brust ein kleines Maal, um das wol sechs goldgelbe Härchen herumstehen." Als Bernabo das hörte, war es ihm wie ein Messerstich durch das Herz, und die plötzliche Blasse seines Gesichtes hatte auch ohne Worte die Wahrheit Dessen, was Ambrogiuolo gesagt, deutlich bekundet. Doch nach einigen Augenblicken sagte er: „Ihr Herren, was Ambrogiuolo berichtet, ist wahr; so hat er denn gewonnen und mag sich, wann es ihm beliebt, die Zahlung abholen." Wirklich wurde Ambrogiuolo schon am folgenden Tage vollständig bezahlt. Bernabo aber verließ Paris und zog voll bösen Blutes gegen seine Frau gen Genua. Als er der Stadt nahegekommen war, wollte er nicht hinein, sondern blieb wol zwanzig Meilen weit davon auf einer ihm gehörigen Besitzung und sandte einen Diener, dem er besonders vertraute, mit zwei Pferden und einem Briefe an seine Frau nach Genua, in dem er ihr schrieb, wie er zurückgekehrt sei, und wie sie mit jenem ihm entgegen kommen 206 Zweiter Tag. Neunte Geschichte. solle. Dem Diener aber ertheilte er heimlichen Befehl, sobald er mit der Frau an einem Orte wäre, der ihm gelegen dünkte, ohne Erbarmen sie zu ermorden und dann zu ihm zurückzukehren. Als der Diener in Genua angelangt war, den Brief abgegeben und seine Aufträge ausgerichtet hatte, empfing ihn die Frau mit herzlicher Freude. Am andern Morgen stieg sie mit ihm zu Pferde und verfolgte den Weg nach jener Besitzung, bis sie unter mancherlei Gesprächen, die sie im Reiten miteinander führten, in ein tiefes, einsames Thal gelangten, das Bäume und hohe Felfenwände rings umschlossen. Das schien dem Diener der gelegene Ort, um die Befehle seines Herrn mit Sicherheit vollführen zu können, und er zog sein Messer heraus und faßte die Frau beim Arme und sagte: „Madonna, empfehlt unserm Herrgott Eure Seele; denn hier müßt Ihr sterben und dürft nicht mehr von der Stelle." Wie die Frau das Messer sah und des Dieners Worte hörte, rief sie voll Entsetzen: „Um Gottes Willen, Gnade! Eh' Du mich umbringst, sage mir, was ich Dir gethan habe, daß Du mich morden willst?" „Madonna," sagte der Diener, „mir habt Ihr nichts zu Leide gethan; worin Ihr aber Euern Gemahl beleidigt habt, das weiß ich weiter nicht, als daß er mir befohlen, Euch auf diesem Wege ohne einiges Erbarmen zu tödten, und, wenn ich es nicht thäte, hat er mir gedroht, mich aufhangen zu lassen. Ihr wißt wohl, wie viel ich ihm verdanke und wie ich mich nicht weigern darf, zu thun, was er bestehlt. Weiß es Gott, mir ist es Leid um Euch; was will ich aber machen?" Darauf antwortete die Frau unter Thränen: „Ach, um Gottes Willen, Gnade! Wolle doch nicht um eines Andern willen an mir zum Mörder werden, die ich Dir niemals etwas zu Leide gethan. Gott, der Alles kennt, ist mein Zeuge, daß ich Nichts verübt habe, was mir solche Strafe von meinem Manne verdienen könnte. Doch, das beiseite. Du aber kannst Dich, wenn Du willst, um Frau Grncvra Lomellino. 207 Gott, um Deinen Herrn und um mich zugleich verdient machen. Nimm hier meine Kleider und schenke mir dafür nur Deine Jacke und Deinen Mantel. Kehre mit jenen zu meinem und Deinem Herrn zurück und sage, Du habest mich umgebracht. Ich schwöre Dir, bei meinem Leben, das ich von Dir zum Geschenke erwarte, ich will verschwinden, ich will in ein anderes Land gehen, und weder er noch Du sollen in diesen Gegenden je das Mindeste von mir hören." Der Diener, der sie ohnehin nicht gerne morden wollte, wurde leicht zum Mitleiden bewogen. Er nahm ihre Kleider, gab ihr seine alte Jacke und seinen Mantel, ließ ihr das wenige Geld, das sie bei sich hatte, und, nachdem er sie zuvor gebeten, jene Gegenden zu meiden, ließ er sie zu Fuß in dem Thals zurück. Dann eilte er zu seinem Herrn und sagte ihm, er habe seinen Befehl nicht nur vollzogen, sondern über ihren Leichnam mehrere Wölfe herfallen sehen. Einige Zeit darauf kam Bernabo-wieder nach Genua, man erfuhr, was er gethan, und tadelte ihn darüber allgemein. Inzwischen war die Frau einsam und trostlos zurückgeblieben und bei einbrechender Nacht möglichst entstellt in einer benachbarten Bauernhütte eingekehrt. Hier bekam sie von einer Alten, was sie bedurfte, um die Jacke nach ihrer Gestalt zu kürzen und zurecht zu machen. Aus ihrem Hemde nahte sie sich Hosen, scher sich die Haare, gab sich überhaupt das Ansehen eines Matrosen und ging in solcher Gestalt dem Meere zu. Da traf sie von ohn- gefähr auf einen spanischen Edelmann, der Herr Encarache genannt ward, und aus einem ihm gehörigen Schiffe, das in geringer Entfernung vor Anker lag, bei Alba ausgestiegen war, um sich an einer Quelle zu erfrischen. Mit diesem sing sie zu reden an, verdung sich bei ihm als Diener und bestieg das Schiff, wo sie sich Sicurano aus Finale nennen ließ. Der Edelmann versah sie nun mit 208 Zweiter Tag. Neunte Geschichte. besseren Kleidern; sie aber wußte ihm in Allem so gut aufzuwarten, daß der neue Diener ihm über die Maßen lieb ward. Nicht lange darauf schiffte der Spanier mit einer Waarenladung nach Alexandrien und nahm unter Anderm auch mehrere seltene Falken mit, die er dem Sultan zum Geschenk machte. Darauf lud ihn der Sultan einige Male zu Tische und wurde, weil Sicurano immer mitbediente, auf dessen geschicktes Benehmen dabei aufmerksam und fand daran solchen Gefallen, daß er ihn von dem Spanier forderte, was denn dieser, so leid es ihm that, nicht ab- schlagen konnte. Sicurano gewann in Kurzem durch sein gutes Betragen die Gunst und Liebe des Sultans nicht minder, als er die des Spaniers früher besessen. Da geschah es denn im Verlaufe der Zeit, daß ein großer Zusammenfluß von christlichen und saracenischen Kaufleuten stattsinden sollte, der zu einer bestimmten Jahreszeit wie eine Art Messe in Acre gehalten wurde. Zu diesem Markte pflegte der Sultan, unter dessen Hoheit Acre lag, außer mehreren andern Beamten, zur Sicherheit der Kaufleute und ihrer Waaren jedes Mal einen seiner Großen und eine Anzahl Bewaffneter zu senden. Als nun dies Mal dis Zeit herankam, beschloß er den Sicurano, der bereits der Sprache vollkommen mächtig geworden war, zu diesem Geschäfte zu bestimmen, und wirklich führte er diesen Vorsatz aus. So wurde denn Sicurano Befehlshaber von Acre und der vom Sultan zum Schutze der Kaufleute und ihrer Waaren dorthin gesandten Wache; und während er sein Amt auf das beste und sorgfältigste versah und zu dem Ende achtsam umherging, traf er auf viele Kaufleute aus Sicilien, Pisa, Genua, Venedig und aus andern Gegenden Italiens, und ließ sich in der Erinnerung an sein Vaterland gern mit ihnen in trauliche Gespräche ein. Da traf es sich unter Andern ein Mal, daß er in einem Kaufhause der Venetianer, wo er einen Augenblick eintrat, neben mancherlei anderm Schmucke eine Tasche und einen Gürtel gewahr ward, dis er schnell und voller Verwunderung als die seinigen wiedererkannte. Doch verbarg er sein Erstaunen und fragte freundlich, wem sie gehörten, und ob sie zu verkaufen waren. Ambrogiuolo von Piacenza nämlich war auf einem venetianer Schiffe mit vielen Waaren zu dieser Messe gekommen und trat jetzt, als er den Befehlshaber der Wache fragen hörte, wem jene Sachen gehörten, lächelnd vor und sagte: „Herr, die Dinger gehören mir und sind nicht zum Verkauf. Findet Ihr aber Gefallen daran, so mache ich sie Euch gerne zum Geschenk." Wie Sicurano ihn lächeln sah, fürchtete er schon, Jener möchte seine Züge wiedererkannt haben; doch hielt er sein Gesicht vollkommen in seiner Gewalt und sagte: „Du lachst wol, daß ein Kriegsmann, wie ich, nach solchem Weiberzeuge fragt?" „Herr," entgegnete Ambrogiuolo, „ich lache nicht darüber, sondern nur über die Art, wie ich zu den Sachen gekommen bin." Darauf sagte Sicurano: „Nun, beim Himmel, wenn nichts Unziemliches dabei ist, so möchte ich doch, Du erzähltest uns die Geschichte." „Herr," sagte Jener, „die Dinger, die Ihr da seht, und noch ein paar andere schenkte mir ein Mal eine genueser Dame, Frau Ginevra genannt, die Frau des Bernabö Lomellino, weil ich eine Nacht bei ihr geschlafen, und bat mich, sie ihr zu Liebe zu behalten. Nun mußte ich aber lachen, weil ich an Bernabv's Albernheit dachte, der dumm genug war, fünftausend Goldgulden gegen tausend zu setzen, daß ich von seiner Frau meinen Willen nicht erlangen würde. Sie gewährte mir aber Alles, und ich gewann diese Wette, und Bernabö, der lieber sich für seine Dummheit, als die Frau dafür hätte bestrafen sollen, daß sie gethan, was alle Weiber thun, reiste von Paris nach Genua zurück und hat sie, wie ich späterhin vernommen, umbringen lassen." Wie Sicurano dies vernommen, erkannte er alsbald den Grund von Bernabö's Zorne gegen sie, und daß 210 Zweiter Lag. Neunte Geschichte. Ambrogiuolo die einzige Ursache aller ihrer Leiden sei, und dachte darauf, diesem seinen Betrug nicht ungestraft durchgehen zu lassen. Deshalb stellte sich denn Sicurano, als ob jene Geschichte ihm vielen Spaß gemacht, und wußte mit Ambrogiuolo in Kurzem so vertraulich zu werden, daß dieser am Ende der Messe ihn mit Sack und Pack zu seinem Vergnügen nach Alexandrien begleitete. Hier richtete ihm Sicurano ein Kaufhaus ein und vertraute ihm von seinem eignen Gelds bedeutende Summen an, sodaß Ambrogiuolo in Folge des großen Nutzens, der ihm aus seinem Aufenthalte erwuchs, gern in Alexandrien verweilte. Sicurano, der in alle dem nichts Anders vor Augen hatte, als Bernabö von ihrer Unschuld überzeugen zu können, ließ nicht eher nach, als bis sie ihn durch Vermittelung einiger angesehenen genuesischen Kaufleute, die in Alexandrien wohnten, unter allerhand Vorwänden bewogen hatte, dorthin zu kommen. Da Bernabö in ziemlich ärmlichen Umstanden anlangte, ließ Sicurano ihn, bis ihm die Zeit zur Ausführung seiner Pläne gelegen dünken würde, von einem seiner Freunde in der Stille beherbergen. Inzwischen hatte Sicurano den Ambrogiuolo schon veranlaßt, seine Geschichte vor dem Sultan zu erzählen und diesen angenehm dadurch unterhalten, x Wie nun aber Bernabö angelangt war, meinte ec, seine Unternehmung nicht weiter aufschieben zu dürfen, und nahm die gelegene Zeit wahr, um vom Sultan die Er- laubniß zu erhalten, Ambrogiuolo und Bernabö vor ihn führen zu dürfen, damit in Gegenwart des Letztem Ambrogiuolo, wo nicht in Güte, mit Gewalt genöthigt würde, zu bekennen, wie es sich in Wahrheit mit Dem verhalten habe, dessen er sich in Betreff der Frau Bernabö's rühmte. Wie nun Ambrogiuolo und Bernabö gekommen waren, befahl der Sultan in Gegenwart Vieler dem ersten mit ungnädigem Gesichte, der Wahrheit gemäß zu gestehen, wie er von Bernabö die fünftausend Goldgulden gewonnen habe. Ambrogiuolo sah den Sicurano, auf den er am meisten Zutrauen setzte, gegenwärtig; doch auch dieser drohete ihm mit noch weit zornigerer Miene die größten Martern an, wenn er die Wahrheit nicht gestände. So sah sich denn Ambrogiuolo, von der einen wie von der andern Seite verschüchtert, ja mit Zwang bedroht, in Bernabö's und vieler Andern Gegenwart genöthigt, den ganzen Hergang der Sache klar und einfach zu erzählen. Ambrogiuolo meinte dadurch höchstens zur Erstattung der fünftausend Gulden und der genommenen Sachen verpflichtet zu werden; Sicurano aber wandte sich als ein vom Sultan berufener Richter sogleich zu Bernabö und sagte: „Was thatest denn Du Deiner Frau in Folge dieser Lüge?"' Bernabo erwiderte: „Vom Zorne über das verlorene Geld und von Scham über die Schande bewältigt, die meine Frau mir, wie ich glauben mußte, angethan, ließ ich sie durch einen meiner Diener tödten, und, wie dieser mir berichtet, ward ihr Leichnam von vielen Wölfen zerrissen." Alle diese Verhandlungen wurden in Gegenwart des Sultans gepflogen und vollkommen von ihm verstanden, ohne daß er darum gewußt hätte, zu welchem Ende Sicurano dies Alles veranstaltet habe. Darauf sprach indeß der Letzte folgendermaßen: „Mein Gebieter, Ihr seht nun wol klar genug ein, was für eines Liebhabers und was für eines Mannes die gute Frau sich zu rühmen gehabt. Der Liebhaber bringt zu gleicher Zeit sie durch die schmählichsten Lügen um ihre Ehre und stürzt ihren Mann ins Unglück, und der Mann mißt den fremden Unwahrheiten größeren Glauben bei, als der Wahrheit, die er durch lange Erfahrung selber zu erkennen Gelegenheit gehabt, und läßt sie tödlen und von Wölfen verzehren. Und noch überdies ist die Liebe, die Liebhaber und Ehemann für sie empfinden, so groß, daß Beide lange Zeit mit ihr Zusammenleben, ohne sie wiederzuerkennen. Wollt Ihr aber, der Ihr nün deutlich erkennt, welche Strafe jeder von Beiden verdient, mir zur besondern Gnade gewähren, daß 212 Zweiter Tag. Neunte Geschichte. der Betrüger bestraft, dem Betrogenen aber verziehen werde, so will ich die arme Frau selber vor Eure und vor Jener Augen führen." Der Sultan, der in dieser Angelegenheit allein dem Sicurano gefällig zu sein wünschte, erklärte sich damit zufrieden und sagte, Jener möge die Frau nur kommen lassen. Bernabö wunderte sich über diese Reden nicht wenig, da er seine Frau mit Gewißheit todt glaubte. Am- brogiuolo ahnte zwar schon sein Unglück und fürchtete Schlimmeres, als die Erstattung des Geldes; auch wußte er nicht, was er von dem Erscheinen der Frau hoffen oder fürchten sollte; doch waltete auch bei ihm Neugierde und Verwunderung in Betreff ihrer Ankunft vor.' Wie nun der Sultan dem Sicurano seine Bitten gewährt, warf dieser sich weinend vor ihm auf die Kniee und veränderte in dem Augenblick, wo sie für keinen Mann mehr gelten wollte, die bisher männliche Stimme und sagte: „Mein Gebieter, ich bin die elende, unglückliche Ginevra und bin nun schon sechs Jahre lang in männlicher Kleidung durch die Welt umhergeirrt, seit dieser Ver- räther Ambrogiuolo mich fälschlich, aber nur allzufühlbar beschimpft, und seit mein grausamer und ungerechter Mann hier mich von einem seiner Diener hat umbringen und den Wölfen vorwerfen lassen wollen." Bei diesen Worten zerriß sie ihre Kleider, zeigte ihren Busen und bewies dadurch dem Sultan und allen Andern, die gegenwärtig waren, daß sie ein Weib sei. Dann aber wandte sie sich gegen Ambrogiuolo und fragte ihn im höchsten Zorne, wann er jemals, wie er sich gerühmt, bei ihr geschlafen habe. Ambrogiuolo erkannte sie wohl und fühlte sich so beschämt, daß er schwieg, nicht anders, als wäre er stumm geworden. Der Sultan, der sie immer für einen Mann gehalten, gerieth bei diesen Worten und diesem Anblick in solches Erstaunen, daß er mehrmals, was er sah und was er hörte, nicht für wahr, sondern für einen Traum halten wollte-. Endlich aber legte sich sein Staunen; er er- 213 Frau Ginevra Lomellino. kannte die Wahrheit und überhäufte die Lebensweise, die Standhaftigkeit, die guten Sitten und die Tugenden Gi- nevra's, die bis dahin Sicurano genannt worden war, mit den höchsten Lobsprüchen. Dann ließ er ihr anständige, weibliche Kleidungsstücke bringen, versah sie, nach ihrer Bitte, mit Frauen, die ihr Gesellschaft leisteten, und schenkte dem Bernabö sein verwirktes Leben. Dieser aber hatte sie kaum erkannt, als er sich weinend zu ihren Füßen warf und sie um Verzeihung bat, die sie ihm denn auch, so wenig er sie verdient hatte, freundlich gewährte, ihn aufstehen hieß und zärtlich ihn als ihren Gemahl umarmte. Darauf befahl der Sultan sogleich, daß Ambrogiuolo an einen erhabenen Platz der Stadt geführt, dort in der Sonne nackend an einen Pfahl gebunden und mit Honig bestrichen werde, um nicht eher von dort wieder losgebunden zu werden, als bis seine Gebeine von selber aus den Banden sielen. Als dieser Befehl des Sultans vollzogen war, ließ er Alles, was bisher dem-Ambrogiuolo gehört, als ein Geschenk der Frau überantworten, und es fand sich, daß dieses nicht weniger als zehntausend Doublonen betrug. Dann ordnete er ein herrliches Fest an, bei welchem er den Bernabö als den Mann der Frau Ginevra, diese aber als ein Muster trefflicher Frauen ehrte und ihr an Schmuck, goldenen und silbernen Gefäßen und baarem Gelds mehr denn zehntausend Doublonen an Werth schenkte. Als das Fest ein Ende genommen, rüstete er ein Schiff aus und beurlaubte sie, nach Gefallen auf diesem nach Genua zurückzureisen. So kehrten sie denn reich und froh in ihre Heimat und wurden dort auf das ehrenvollste empfangen; besonders aber Frau Ginevra, die von Allen todt geglaubt worden war, und nun, so lange sie lebte, wegen ihrer Tugenden und ihres Verstandes allgemein gerühmt ward. Ambrogiuolo war noch am selben Tage an den Pfahl gebunden und mit Honig bestrichen worden und hatte nicht 214 Zweiter Tag. Zehnte Geschichte. allein mit unsäglichen Schmerzen unter den Stichen der Fliegen, Wespen und Bremsen, deren sich in jenem Lande besonders viele finden, seinen Geist aufgeben müssen, sondern sein Leichnam ward auch bis auf die Knochen von ihnen verzehrt. So blieben die weißen Gebeine, von den Sehnen zusammengehalten, noch lange Zeit unangerührt dem Vorübergehenden ein Aeugniß von Ambrogiuolv's Bosheit, und so bewährte sich das Sprüchwort: wer Andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Zehnte Geschichte. Paganino von Monaco raubt dem Herrn Ricciardo von Chinzica seine Frau. Dieser erfährt, wo sie sei, befreundet sich mit Paganino und fordert sie von ihm wieder. Paganino verspricht sie ihm, wenn sie wieder zu ihm wolle. Sie hat aber keine Lust, zu ihm zurückzukehren, und wird nach Herrn Ricciardo's Tode Pa- ganino's Frau. -Feder von der werthen Gesellschaft rühmte die Geschichte, welche die Königin erzählt, als besonders schön; vor Allen aber Dioneus, dem für den heutigen Tag die Mühe des Erzählens allein noch oblag. Sv begann er denn nach einem ausführlichen Lobe seiner Vorgängerin also zu reden: „Schöne Damen, eine Stelle in der Geschichte der Königin hat mich veranlaßt, eine, die mir im Sinne lag, jetzt beiseite zu lassen und dafür eine andere zu erzählen. Ich meine nämlich die durch den glücklichen Ausgang nicht gemilderte Dummheit des Bernabo, daß er sich einreden konnte, wie manche Andere es mit ihm thun, während sie in der Welt herumreisen und sich bald mit dieser und bald mit jener die Zeit vertreiben, werden ihre Ricciardo von Chinzica. 215 Frauen zu Hause die Hände in den Schoß legen; als ob wir, die wir unter den Frauen auf die Welt kommen und groß werden, nicht wüßten, wonach sie Verlangen tragen. So will ich Euch denn in meiner Geschichte zu gleicher Zeit die Thorheit solcher Leute und die noch größere einiger Andern bemerklich machen, di? sich für vermögender halten, als die Natur selber, und mit fabelhaftem Geschwatze bewirken zu können glauben, was nicht in ihrer Macht liegt, und nach ihrer Constitution-, die Anderen völlig widerstrebt, diese umformen wollen. In Pisa nämlich lebte einmal ein Richter, der mehr mit Kenntnissen als mit körperlicher Kraft begabt war und Herr Ricciardo von Chinzica genannt ward. Dieser mochte sich wol einbilden, daß einer Frau dieselben Fähigkeiten genügen, die zum Lehramt erfordert werden, und suchte sich im Vertrauen auf seinen ansehnlichen Reichthum mit allem Eifer eine schöne und junge Frau; wahrend er doch, wenn er sich selbst so gut zu berathen gewußt hätte, wie Fremde, das Eine sowol als das Andere sorgfältig hatte vermeiden sollen. Jndeß wurden seine Wünsche erfüllt. Herr Lotto Gualandi gab ihm eine seiner Töchter, Namens Bartolomea, eines der hübschesten und muntersten Mädchen in Pisa, zur Frau, wo doch die meisten so niedlich und so flink sind wie die Eidechsen. Der Richter holte sie mit den größten Festlichkeiten ein und feierte eine glänzende und prachtvolle Hochzeit. Auch setzte er in der Brautnacht ernstlich darauf an, die Ehe zu vollziehen; doch fehlte wenig daran, so wäre er wenn nicht matt, doch patt geworden, und am andern Morgen mußte er sich, mager und ausgedörrt und kraftlos wie er war, mit rothem Wein und stärkendem Gebäck und andern Aufregungsmitteln wieder einigermaßen ins Leben zurückcufen. Durch diese nächtlichen Erfahrungen lernte der Herr Richter seine Kräfte richtiger anschlagen, als er es zuvor gethan, und er begann in Folge dessen, seiner Frau einen Kalender vorzutragen, der den Schulkindern wol gefallen 216 Zweiter Tag. Zehnte Geschichte. haben möchte und ursprünglich vielleicht in Ravenna gemacht sein mochte. Denn nach seinen Erklärungen gab es keinen Tag, an dem nicht mehrere Feste zusammen, geschweige denn eines, getroffen hatten, denen zu Ehren man, wie der Mann der Frau auseinandersetzte, aus mancherlei triftigen Gründen sich dergleichen fleischlicher Vermischungen enthalten mußte. Zu diesen Festen kamen noch die Quatember, die heiligen Abende der Apostel- und tausend anderer Heiligen Tage, die Freitage und die Sonnabende, der Sonntag, als Tag des Herrn, die ganze Fastenzeit, gewisse Mondphasen und eine Menge anderer Ausnahmen, für welche alle er im Bette seiner Frau gleiche Ferien in Anspruch nehmen zu dürfen glaubte, als er sich deren in den Processen, die er führte, manchmal bediente. Auf diese Weise fuhr er zum großen Verdrusse seiner Frau, an die es solchergestalt kaum ein Mal im Monate kam, lange Zeit fort, und hatte dabei immer sorgfältig darauf Acht, daß nicht etwa ein Anderer sie mit den Werkeltagen bekannt machen möge, wie er ihr die Festtage gelehrt hatte. Da kam einmal zur Zeit der großen Hitze dem Herrn Ricciardo die Lust an, sich auf einem schönen Landgute, das ihm in der Nähe des Monte Nero gehörte, zu erholen und während des Aufenthalts von einigen Tagen frische Luft zu schöpfen. Seine schöne Frau mußte ihn begleiten; und um sie in der Zeit, während sie dort verweilten, einigermaßen zu unterhalten, ließ er eines Tages eine Fischerei anstellen. Auf dem einen Kahne fuhr er mit hen Fischern, auf dem andern sie mit mehreren Frauen; so sahen sie dem Fischfang zu, und das Wohlgefallen an diesem Schauspiele lockte sie, ohne daß sie es gewahr wurden, mehrere Meilen in das Meer hinaus. Wahrend sie aber noch auf die Fische achteten, näherte sich ihnen plötzlich eine Galeere, des Paganino vom Meere, der damals ein berühmter Seeräuber war. Wie dieser die Kähne bemerkte, machte er Jagd auf sie, und sie konnten nicht Ricciardo von Chinzica. 217 schnell genug entfliehen, daß Paganino nicht den Kahn erreicht hatte, auf dem die Frauen sich befanden. Hier fiel sein Blick sogleich auf die schöne Dame, und, ohne irgend etwas Anderes zu begehren, nahm er sie, unter Herrn Ricciardo's Augen, der bereits gelandet war, auf seine Galeere und fuhr davon. Ob der Herr Richter, der so eifersüchtig war, daß er sich vor jeder Luft fürchtete, über diesen Anblick betrübt war, brauche ich Euch nicht erst zu sagen. Er beklagte sich in und außerhalb Pisa über die Ruchlosigkeit der Seeräuber und wußte darum doch nicht, wem seine Frau in die Hände gefallen, oder wohin sie gebracht worden sei. Paganino aber fand an der Schönheit der jungen Frau Gefallen und schätzte sich glücklich, sie gewonnen zu haben. Da er selber unbeweibt war, nahm er sich vor, sie für immer bei sich zu behalten, und tröstete sie auf das freundlichste, da er sie heftig weinen sah. Wie nun die Nacht kam, setzte er, der keinen Kalender bei sich führte und alle Fest- und Fasttage längst vergessen .hatte, seinen Trost, da ihm die Worte den Tag über wenig gefruchtet, durch Thaten nachdrücklicher fort, und er wußte sie solchergestalt zu beruhigen, daß, bevor sie noch in Monaco anlangten, der Richter und seine Gesetze dem Gedächtniß der guten Frau völlig entfallen waren, sie dagegen mit Paganino bereits das fröhlichste Leben von der Welt angefangen hatte. In Monaco gewährte ihr der letzte, außer dem Vergnügen, das er ihr Tag und Nacht bereitete, noch die ehrenvollste Behandlung, wie, wenn sie seine rechtmäßige Gemahlin wäre. Inzwischen war nach dem Verlaufe einiger Zeit dem Herrn Ricciardo zu Ohren gekommen, wo seine Frau sich befinde, und er entschloß sich, in der Meinung, daß kein Anderer alles Erforderliche zu thun im Stande sein würde, selber ihr nachzureisen, und war bereit, jede Summe, die für ihre Auslösung verlangt werden sollte, willig zu bezahlen. Darauf begab er sich zu Schiffe und fuhr nach Dekameron. I. 10 218 Zweiter Lag. Zebntc Geschichte- Monaco, wo er bald die Frau zu sehen bekam. Aber auch sie hatte ihn bemerkt; sagte es noch am selben Abend dem Paganino und kündigte diesem im Voraus ihren Entschluß an. Am andern Morgen begegnete Herr Ricciardo dem Paganino, machte sich an ihn und bewarb sich eifrig um dessen Vertraulichkeit und Freundschaft; Paganino aber stellte sich, als kenne er ihn nicht, und war dabei voller Neugierde, wo das hinauslaufen wolle. Ricciardo nahm eine Zeit wahr, die er für gelegen hielt, und entdeckte dem Paganino in so wohlgesetzten und freundlichen Worten, als er zu finden wußte, den Grund seiner Reise und bat ihn inständigst, gegen beliebigen Ersatz, ihm die Frau wiederzugeben. Paganino erwiderte darauf ganz freundlich: „Herr, zunächst seid mir willkommen. Was das Andere betrifft, so antworte ich Euch mit kurzen Worten. Allerdings habe ich eine junge Frau im Hause, von der ich nicht weiß, ob sie Euer, oder eines Andern Frau ist, denn Euch kenne ich überall nicht, sie aber erst seit der kurzen Zeit, daß sie mit mir zusam- menwvhnt. Seid Ihr nun ihr Mann, so will ich Euch, als einen artigen und wackeren Mann, wofür ich Euch halte, zu ihr führen und zweifle nicht daran, daß sie Euch erkennen wird. Sagt sie dann Dasselbe, was Ihr mir jetzt gesagt, und will sie mit Euch heimkehren, so bin ich, Eurer Artigkeit wegen, zufrieden, daß Ihr mir als Lösegeld für sie gebet, was Ihr selber für recht halten werdet. Sollte Dem aber nicht so sein, so wäre es unziemlich von Euch, wenn Ihr sie mir entreißen wolltet; denn ich bin noch ein junger Mann und kann mir so gut als ein Anderer ein Frauenzimmer halten, vor Allen aber eben diese, die die liebenswürdigste unter Allen ist, die ich je gesehen habe." Darauf sagte Herr Ricciardo: „Wahrhaftig, sie ist meine Frau, und wenn Du mich nur zu ihr führst, so wirst Du schon sehen, wie sie mir gleich um den Hals Ricciardo von Chinzica. 219 fallen wird. Drum verlange ich's auch nicht anders, als wie Du selber gesagt hast." „Gut," entgegnete Paganino, „so wollen wir gehn." Darauf gingen sie miteinander nach Paganino's Wohnung, und, wie sie in einen Saal eingetreten, ließ Paganino die Frau herbeirufen. Sie kam alsbald angeklei- det und geschmückt aus einem anstoßenden Zimmer in den Saal, wo die beiden Männer sich befanden; doch sagte sie zu Herrn Ricciardo weiter nichts, als was sie zu jedem andern Fremden, der mit Paganino zu Hause gekommen wäre, gesagt haben würde. Darüber konnte sich denn der Richter, der geglaubt hatte, sie werde ihn mit der größten Freude empfangen, also an diesem Tage unsere sonstige Lebensweise gleichfalls nicht werden beobachten können, halte ich es für gut, daß wir auch mit unfern Erzählungen feiern. Dann sind wir aber schon vier Tage lang an diesem Orte gewesen; wollen wir mithin vermeiden, daß keine neuen Gäste uns beunruhigen, so erachte ich es für zweckmäßig, daß wir unfern Aufenthalt wechseln und anderswohin ziehn, wie ich denn schon für einen solchen Ort bedacht gewesen bin und gesorgt habe. Wenn wir dort am Sonntage nach dem Mittagsschlafe versammelt sein werden, habt Ihr theils zum Nachdenken hinlängliche Zeit gehabt, theils aber wird es nach dem weiten Spielräume, der uns heute für unsere Erzählungen gestattet war, zweckmäßig sein, die Freiheit in der Wahl der Geschichten ein wenig zu beschranken und über eine der mancherlei Thätigkeiten des Schicksals besonders zu reden. Und so denke ich, daß wir uns die Schicksale Derjenigen zur Aufgabe nehmen, die durch Scharfsinn erwarben, was sie sehr verlangten, oder Verlorenes wieder gewannen. Hierüber mag dann ein Jeder, dem Vorrecht des Dioneus unbeschadet, eine Geschichte vortragen, die der Gesellschaft nützlich oder wenigstens ergötzlich sein kann." Alle lobten die Rede und den Vorschlag der Königin und es wurde festgesetzt, den letzten in Allem zu befolgen. Darauf ließ die Königin ihren Seneschall rufen und gab ihm genau an, wo er am Abend die Tafeln decken und was er sonst während der Zeit ihrer Regierung thun solle. Dann erhob sie sich nebst der ganzen Gesellschaft und be- 10 ** 226 Zweiter Tag. urlaubte Jeden, seinem Vergnügen nachzugehn. Damen und Männer schlugen den Weg nach einem kleinen Garten ein und aßen, nachdem sie sich dort eine Weile ergötzt, wie die Tischzeit gekommen war, froh und vergnügt zu Abend. Dann erhoben sie sich, und Emilie führte, auf den Wunsch der Königin, einen Tanz auf, zu dem Pampinea folgendes Lied sang und die klebrigen im Chore einsielen: Welch Mädchen sänge wol, wollt' ich nicht singen, Der alle Wünsche nur Befried'gung bringen? So komm denn, Amor, Ursach meiner Freuden, Jeglicher Hoffnung, jeglicher Gewährung- Laß singen uns zusammen, Nicht von den Seufzern noch den bittern Leiden, Die ich empfind' als deiner Lust Vermehrung; Nein, von den Hellen Flammen, Aus deren Gluth mir Fest und Freude stammen, Weil meine Huldigungen zu dir dringen. Du führtest, Amor, mir zur ersten Stunde, Als ich von deinem Flammenkelche schlürfte, So holden Mann entgegen, Daß sich an Schönheit, Muth und tiefer Kunde Wol Keiner ihm vergleichbar finden dürfte, Gcschweig', ihm überlegen. In ihn entbrannt' ich so, daß seinetwegen Froh mein' und Leine Lieder rings erklingen. Doch ist die höchste aller meiner Wonnen, Daß Amor seine Liebe mir beschicken, Wie ich nur ihm mich weihe. So Hab' ich denn hienieden schon gewonnen, Was ich gewünscht, und hoffe dort auf Frieden, Und daß, um meiner Treue Zu lohnen, Gott von Strafen uns befreie, Wenn wir empor zu seinem Reich uns schwingen. Schluß. 227 Nach, diesem Liede wurden noch mehrere andere gesungen, mancherlei Tanze wurden aufgeführt und verschiedene Instrumente gespielt. Als aber die Königin meinte, daß es Zeit sei, sich schlafen zu legen, ging ein Jedes mit vorgetragenen Fackeln auf sein Zimmer. Die beiden folgenden Tage blieben den Beschäftigungen gewidmet, welche die Königin vorher erwähnt, und Alle erwarteten verlangend den Sonntag. 228 Dritter Lag. Es schließt des Dekameron zweiter Tag und es beginnt -er -ritte, an welchem unter Reiphilcn's Regiment von Denen gehandelt wird, die durch Scharfsinn erwarben, was sie sehr verlangten, oder Verlorenes wieder gewannen. (§chon begann Äurora beim Herannahen der Sonne ihre Rothe mit glühendem Golde zu wechseln, als am Sonntag die Königin ausstand und ihre ganze Gesellschaft erweckte. Bereits hatte der Seneschall dienliche Sachen in Menge, und Leute, die geschickt waren, das Nöthige zu bereiten, um Vieles voraus an den bestimmten Ort gesandt, und nun, als er die Königin schon auf dem Wege sah, ließ er schnell alles Uebrige aufladen und eilte mit dem Gepäcks und der bei Damen und Herren verbliebenen Dienerschaft weiter, gleich als wäre ein Lager an jener Stelle abgebrochen. Die Königin also verfolgte langsamen Schrittes, im Geleit ihrer Gefährtinnen und der drei Jünglinge, nach der Musik, welche der Gesang von vielleicht zwanzig Nachtigallen und andern Vögeln machte, einen wenig betretenen Fußsteig, der sie über grünende Wiesen und über Blumen führte, die bei der aufsteigenden Sonne alle ihre Kelche zu eröffnen begannen, gegen Westen; und noch waren sie schwatzend, neckend und lachend nicht zweitausend Schritte gegangen, noch hatte die Sonne kaum eine Stunde lang geschienen, als dis Königin sie schon zu einem schönen.und reichen Palast geführt hatte, der ein wenig über die Ebene erhaben auf einem kleinen Hügel stand. Als die Gesellschaft in ihn eingetreten war und überall in den sauberen und geschmückten Zimmern sich umgethan hatte, die mit Jedwedem, was zur Wohnlichkeit dient, reichlich versehen waren, lobten ihn Alle höchlich und pachteten seinen Besitzer für begütert und prachtliebend. Als sie dann niedergestiegen waren und den ausgedehnten und freundlichen Hof gesehen, die Keller voll trefflicher Weine und das Wasser, das in Ueberfluß hervorsprudelte, eiskalt gefunden hatten, stieg ihre Bewunderung noch um Vieles. Hierauf erstiegen sie, der Ruhe gleichsam bedürftig, eine Terrasse, die den ganzen Hof beherrschte und mit Laubwerk und Blumen, wie die Jahreszeit sie bot, reichlich geschmückt war; und kaum hatten sie sich niedergelassen, so erschien der sorgsame Seneschall und erquickte sie mit dem feinsten Backwerk und trefflichem Weine. Dann ließen sie sich einen Garten eröffnen, traten in ihn, der rings mit einer Mauer umgeben-war, ein, und da er ihnen gleich bei den ersten Schritten von wunderbarer Schönheit dünkte, fingen sie an, aufmerksamer seine Theile zu betrachten. Rings umher und auch mitten hindurch führten viele geräumige und schnurgerade Wege, die mit Laubengängen von Wein überwölbt, für dies Jahr Trauben in Menge zu bieten versprachen; denn unzählige Reben verbreiteten so starken Wohlgeruch durch den Garten hin, daß er im Verein mit viel anmuthigen Düften unsere Gesellschaft glauben machte, sie befinde sich in mitten aller Spezereien, die je im Orient wuchsen. Die Seiten jener Gänge waren mit Hecken von weißen und rothen Rosenbüschen und von Jasmin fast ganz umschlossen, so daß man, nicht am Morgen nur, sondern auch, wenn die Sonne am höchsten stand, ohne von ihren Strahlen getroffen zu werden, dort unter wohlriechendem und gefälligem Schatten lustwandeln konnte. Allzulanger Erzählung bedürfte es, um zu berichten, was für Pflanzen, in wel- 230 Dritter Tag. eher Menge und wie vertheilt sie in diesem Garten sich vorfanden; gewiß aber gebührt keiner, die unser Klima verträgt, einiges Lob, die dort nicht im Ueberflusse zu finden gewesen wäre. Gewiß nicht geringem, sondern noch viel höhern Beifall, als alles Uebrige verdiente es, daß sich in der Mitte dieses Gartens eine Wiese von ganz kurzem und so dunkelgrünem Grase befand, daß es beinahe schwarz zu sein schien. Tausenderlei bunte Blumen schossen aus ihm hervor und rings umher standen grünende, kräftige Orangen- und Limvnienbäume, die mit ihren reifen und grünen Früchten und mit ihren Blüthen, nicht dem Auge nur wohlthätigen Schatten boten, sondern auch durch ihren würzigen Duft den Geruchssinn erfreuten. In der Mitte dieses Rasenplatzes war ein Wasserbecken vom weißesten, wunderbar mit Bildhauer - Arbeiten gezierten Marmor. Aus ihm erhob sich auf einer Säule eine Gestalt, welche, ich weiß nicht ob einen natürlichen oder künstlichen Wasserstrahl, von solcher Mächtigkeit, daß ein geringerer eine Mühle zu treiben vermocht hätte, hoch gegen den Himmel empor sandte, worauf er dann nicht ohne ergötzliches Plätschern in den klaren Behälter zurücksiel. Dies Wasser, so viel nämlich, als überfließend in dem Becken nicht"mehr Raum fand, floß in verborgenen Rinnen unter dem Rasen hin und zog sich außen wieder hervorrieselnd, in gar schönen und künstlich angelegten Gräben, rings um die Wiese her, worauf es dann fast nach jeder Richtung in ähnlichen Bächen den Garten durchfloß und endlich an einer Stelle wieder vereint, diese schönen Räume verließ, um sich krystallhell ins Thal zu ergießen, vorher aber, zu nicht geringem Vortheil des Besitzers, noch zwei Mühlen in Bewegung zu setzen. Der Anblick dieses Gartens, seine schönen Anlagen, die Pflanzen und der Springbrunnen, mit den Bächen, die aus ihm abflossen, behagten jeder der Damen und den drei Jünglingen so sehr, daß Alle versicherten, wäre 231 Elnleitun es möglich, auf Erden das Paradies darzustellen, so wüßten sie nicht, wie man ihm eine andere, als die Gestalt dieses Gartens geben, und was für eine Schönheit man irgend den hier verwirklichten hinzufügen könnte. Wie sie nun voller Freuden hier lustwandelten und beim Gesang der Vögel, der wol in" zwanzigerlei Weifen, gleich einem Wettstreit der Einen mit den Andern, erscholl, aus verschiedenem Laubwerk sich dis zierlichsten Kranze flochten, wurden sie einen ergötzlichen Vorzug dieses Gartens gewahr, den sie bisher, von den übrigen befangen, unbemerkt gelassen hatten. Sie fanden nämlich, es enthalte der Garten wol hundert verschiedene Thierarten, und wie erst Einer den Andern aufmerksam gemacht hatte, sahen sie hier Kaninchen Hervorkommen, dort Hasen lausen, hier Rehe liegen und dort weidende junge Hirsche. Außerdem nahmen sie noch gar viele arglose Thiere wahr, die, wie zahm, sich umherlaufend erfreuten; und so fanden sie denn hieran zu dem schon bekannten noch ein neues und größeres Vergnügen. Aber als sie, bald das Eine und bald das Andere beschauend, zur Genüge ge- lustwandelt waren, ließen sie, dem schönen Wasserbecken nahe, die Tafel decken und gingen, nachdem sie sechs Lieder gesungen und ein wenig getanzt hatten, wie es der Königin gefiel, zu Tische. Hier wurden sie mit großen, schönen und gemächlichen Zurüstungen bedient, wobei denn die guten und auserlesenen Gerichte sie nur noch mehr erheiterten, sodaß sie nach aufgehobener Tafel von Neuem mit Spiel, Gesang und Tanz so lange sich ergötzten, bis die Königin, wegen der wachsenden Hitze, erachtete, es sei Zeit, daß, wem es gefiele, zu ruhen gehe. Die Einen gingen; die Andern, hingerissen von der Schönheit des Ortes, zogen es vor, zu verweilen; wo dann Einige mit Romanelesen, Andere mit Schach- oder Bretspiel, die Zeit, wahrend welcher Jene schliefen, sich vertrieben. Als'aber in der vierten Nachmittagsstunde aufgestanden ward und die Schläfer sich das Gesicht mit kaltem Wasser erfrischt » l - 232 Dritter Tag. Erste Geschichte. hatten, versammelten sich, nach dem Befehl der Königin, Alle bei dem Springbrunnen, und, nachdem sie hier in der gewohnten Weise sich niedergelassen hatten, erwarteten sie, wie es einen Jeden treffen würde, über den von der Königin aufgegebenen Gegenstand Geschichten zu erzählen Der Erste, dem solcher Auftrag ertheilt ward, war Phi- lostratus, und er begann folgendermaßen: Erste Geschichte. Mafttto von Lamporccchio stellt sich stumm und wird Gärtner in einem Nonnenkloster, dessen Bewohnerinnen um die Wette bei ihm schlafen. „schöne Damen, gar viele Leute gibt es, Männer, wie Weiber, die thöricht genug sind, sich fest überzeugt zu halten, sobald man einem Mädchen den weißen Schleier übergehangen und die schwarze Kutte angezogen habe, höre sie nicht minder auf, ein Weib zu sein, als wäre sie im Augenblick, wo sie Nonne ward, in einen Stein verwandelt worden. Hören sie alsdann gegen diesen ihren Wahn irgend eine Widerrede, so erzürnen sie sich, als habe man eine ungeheure und gottvergessene Sünde gegen die Natur begangen; wollen aber weder sich selbst betrachten, die sie auch in voller Freiheit, ihrem Gefallen nachzuleben, dennoch ihre Begierde nicht zu sättigen im Stande sind, noch die große Gewalt der Muße und der Einsamkeit erwägen. Ebenso sind auch wieder Viele, die mit nicht minderer Gewißheit dafür halten, Hacke und Sparen, grobe Speisen und Mühseligkeiten befreien die Bauersleute ganz von fleischlichen Lüsten und geben ihnen einen plumpen Verstand und geringe Einsichten. Wie sehr diese Alle sich be- 233 Masetto von Lamporecchio. trügen, denke ich, da die Königin mir also befohlen hat, ohne von unserer Aufgabe mich zu entfernen, in einem kleinen Gefchichtchen Euch zu beweisen. Hier in unserer Gegend stand einmal und steht noch heute ein Nonnenkloster, das ich Euch, um seinem Ansehen in keinerlei Weise Abbruch zm thun, nicht nennen will, in großem Rufe der Heiligkeit. Vor Kurzem, als außer der Aebtissin nur acht Nonnen, die sammtlich noch jung waren, darin verweilten, wollte der gute Mann, der ihren schönen Garten pflegte, mit seinem Lohn sich nicht mehr begnügen, und kehrte deshalb, nachdem er mit dem Klostermeier abgerechnet hatte, in seine Heimat Lamporecchio zurück. Unter den Andern, die ihn bewillkommten, fragte hier ein junger, starker und kräftiger Bauer, für einen Dörfler von hübschem Aussehen, Namens Masetto, wo er so lange gewesen sei. Der gute Mensch, der Nuto hieß, gab ihm die gewünschte Auskunft. Masetto erkundigte sich, was er für das Kloster zu thun gehabt habe. Nuto antwortete: „Ich mußte ihren schönen großen Garten in Ordnung halten, ging zu Zeiten in den Wald, Holz holen, trug Wasser und hatte noch mehrere solche kleine Verrichtungen. Aber die Nonnen gaben mir so schlechten Lohn, daß kaum herauskam, was ich an Schuhen zerriß. Dazu sind sie Alls miteinander jung und stellen sich an, als hatten sie den Teufel im Leibe; denn nichts in der Welt kann man ihnen recht machen. Manchmal, wenn ich im Garten arbeitete, kam Die und sagte: „Mach das so," und dann kam Jene und sagte: „Mach das anders." Dann nahm mir wieder Eine die Hacke aus der Hand und sagte: „So taugt's nicht." Auf die Art plagten sie mich, bis ich, der Arbeit überdrüssig, zum Garten 'raus ging, und am Ende war's Eine wie's Andere dran Schuld, daß ich's nicht mehr aushielt und nun wieder hier bin. Wie ich sortging, da bat mich ihr Meier auch noch, wenn mir Einer unter die Hände käme, der sich dazu schickte, sollte ich ihn Hinweisen. Hab's ihm auch versprochen; 234 Dritter Lag. Erste Geschichte. paßt er aber auf Einen, den ich ihm schicke oder schaffe, so kann er lange warten." Als Masetto Nuto's Erzählung hörte, kriegte er solche Lust zu den Nonnen zu kommen, daß er's gar nicht ab- warten konnte; denn er mochte aus Nuto's Worten wohl merken, daß es ihm dort nach Wunsche gehen könnte. Weil er aber meinte, Alles könne ihm verdorben werden, wenn er sich gegen Nuto verriethe, so antwortete er ihm: „Da hast Du einmal recht daran gethan. Wie soll ein Mann mit den Weibsbildern durchkommen? Da möchte ich ja lieber bei so viel Teufeln dienen. Wissen sie ja doch unter sieben Malen nicht ein Mal, was sie selber wollen." Kaum waren sie auseinander gegangen, so sing Masetto an, nachzudenken, was ec machen solle, um bei ihnen anzukommen. Was die Arbeiten betraf, so war ihm freilich nicht bange; denn auf die Dienste, die Nuto ihm genannt hatte, verstand ec sich so gut, wie Einer; aber er fürchtete, man möchte ihn seiner Jugend und seines hübschen Aussehens wegen nicht nehmen wollen. Und so dachte er denn, nachdem ihm Mancherlei durch den Kopf gegangen war: „Das Kloster ist weit von hier, und dort kennt mich kein Mensch; wenn ich mich stumm zu stellen weiß, so nehmen sie mich gewiß." Diesen Entschluß hielt er fest und ging, die Axt auf der Schulter, ohne Jemandem ein Wort zu sagen, in arrkilicher Kleidung, zum Kloster. Gleich beim Eintreten fand er den Meier auf dem Hofe und gab ihm durch Zeichen und Geberden, nach der Art der Taubstummen, zu verstehen, er möge ihm aus Barmherzigkeit zu essen geben, und er wolle ihm dafür Holz hacken. Der Meier gab ihm gern zu essen und dann einige Klötze zu spalten, die Nuto nicht hatte bezwingen können, die aber der kräftige Masetto bald klein gemacht hatte. Auch in den Wald, wo der Meier nun zu thun hatte, nahm er den Masetto mit, ließ ihn Holz schlagen, stellte den Esel vor ihn hin und deutete ihm durch Zeichen cm, er solle das Holz nach Hause besorgen. Wie er sich auch dazu sehr gut anstellte, behielt ihn der Meier zu mancherlei vorkommenden Arbeiten mehrere Tage bei sich. So kam es, daß die Aebtissin ihn eines Tages sah und den Meier fragte, wer es sei. „Madonna," antwortete der Meier, „es ist ein armer Taubstummer, der vor ein paar Tagen um ein Almosen kam; das habe ich ihm gegeben und habe ihn dann Mancherlei thun lassen, was gerade geschehen mußte. Wenn er sich auf Gärtnerei verstände und wollte sonst bleiben, so glaub' ich, würden wir gut bedient werden; denn es thut uns Einer Noch, und der ist stark; auch könnte man ihn brauchen, wozu man wollte, und hätte nicht zu fürchten, daß er sich mit Euern Mädchen aufs Spaßen einließe." „Wahrhaftig," sagte die Aebtissin, „Du hast Recht. Sieh zu, ob er gärtnern kann, und dann mache, daß er da bleibt. Gib ihm etwa ein Paar Schuhe und einen alten Mantel, geh' ihm um den Bart und gib ihm gut zu essen." Der Meier versprach, so zu thun. Masetto war nicht weit; während «er sich aber stellte, als fegte er unbekümmert den Hof, hörte er jede Sylbe und sagte im Stillen: „Wenn Ihr mich nur gewähren laßt, so will ich Euch Euern Garten bearbeiten, wo er bis heute brache gelegen hat." Wie nun der Meier sich überzeugt hatte, daß ec sich auf die Arbeit gut verstand, fragte er ihn durch Zeichen, ob er da bleiben wollte. Masetto antwortete auf dieselbe Weise, er sei bereit zu thun, was man verlange, und so führte ihn Jener in den Garten und zeigte ihm, wo er graben solle; dann besorgte er andere Klosterangelegenheiten und ließ ihn allein. Wie er nun Tag für Tag arbeitete, singen die Nonnen ihn zu plagen und mancherlei Unfug mit ihm zu treiben an; dann sagten sie ihm, wie's die Leute manchmal mit den Taubstummen machen, die schamlosesten Worte ins Gesicht, weil sie meinten, er könne kein Wort hören. Die Aebtissin schien zu glauben, ihm seien andere Glieder so gut als die Zunge gelähmt, 236 Dritter Tag. Erste Geschichte. und bekümmerte sich um diese Neckereien wenig oder gar nicht. Einmal traf sich's aber, daß zwei junge Nonnen bei Masetto, der nach vieler Arbeit sich zum Ausruhen ein wenig niedergelegt hatte, wahrend sie im Garten lustwandelten, vorüberkamen. Sie betrachteten ihn eine Weile, er aber stellte sich, als schliefe er. „Höre," sagte die Eine, die etwas verwegen war, „wüßte ich, daß man Dir trauen könnte, so möchte ich Dir was sagen, was mir schon hundert Mal eingefallen ist, und was Dir vielleicht auch zu Gute kommen könnte." „Sage nur getrost," antwortete Jene, „gewiß ich werd' es Niemandem verrathen." Darauf begann die Dreiste: „Ich weiß nicht, ob Du wol schon darüber nachgedacht hast, wie wir so streng gehalten werden, und wie sich kein Mann hierher trauen darf, außer unserm alten Meier und diesem Stummen. Und doch Hab' ich wol öfter von Weibern, die zu uns gekommen sind, gehört, daß alles Vergnügen auf der Welt eine Lumperei ist gegen die Wollust, wenn Einen ein Mann beschlaft. Und so Hab' ich mir schon oft gedacht, da ich doch keinen Andern dazu kriegen kann, wollte ich mit dem Stummen da Prokuren, ob das wahr ist. Er schickt sich auch am besten auf der Welt dazu; denn, wenn er auch wollte, könnte er es doch Niemandem wieder- erzahlen. Du siehst, es ist ein dummer Tölpel, der über den Verstand hinausgewachsen; und nun sprich, was meinst Du?" „Schäme Dich," antwortete die zweite, „was führst Du da für Reden! Weißt Du nicht, daß wir unsere Jungfrauschaft dem lieben Herrgott versprochen haben?" „Ei, was," versetzte Jene, „man verspricht alle Tage wol Mancherlei, und kein Mensch denkt daran, es zu halten. Haben wir sie ihm versprochen, so wird sich wol die Eine oder die Andere finden, von der er sie statt unser kriegt." „Mein Himmel," sagte die Gefährtin, „wenn wir nun aber schwanger würden, was sollte dann werden?" Die erste erwiderte: „Nun denkst Du gar ans Unglück, noch eh' es da ist. Wenn's erst so gekommen ist, dann ist immer noch Zeit, sich auf guten Rath zu besinnen. Es werden sich auch noch Mittel genug finden, daß kein Mensch was davon erfahrt, wenn wir's ihm nicht selber sagen." Wahrend dieser Rede verlangte die Hörerin schon mehr noch als die andere danach, zu Prokuren, was für ein Thier ein Mann sei. „Gut," sagte sie'; „wie wollen wir's aber anfangen?" „Du siehst," antwortete die Erste, „schon ist es drei Uhr; die Schwestern, denk' ich, werden, bis auf uns, alle schlafen sein. Wir wollen uns noch umsehen, ob Niemand im Garten ist; und finden wir Niemand, nun, dann brauchen wir ihn ja nur bei der Hand zu nehmen und in die Hütte zu führen, die für den Regen gebaut ist. Dann bleibt die Eine mit ihm drinnen, und die Andere steht Schildwache. Er ist ja so dumm, daß er mit uns vornimmt, was wir nur wollen." Masetto hörte diese ganze Unterredung und erwartete, willig zu gehorchen, nur, daß Eine-ihn bei der Hand nehmen sollte. Die Nonnen sahen sich inzwischen überall sorgfältig um, und als sie sich überzeugt hatten, daß sie von keiner Seite bemerkt werden könnten, näherte sich ihm Die, welche zuerst gesprochen hatte, und weckte ihn. Masetto stand sogleich auf; die Schwester nahm ihn bei der Hand und führte ihn unter vielen Liebkosungen von ihrer und unter albernem Gelachter von seiner Seite in die Hütte, wo er sich nicht lange bitten ließ, zu thun, was von ihm begehrt wurde. Die Nonne war ehrlich genug, als sie ans Ziel ihrer Wünsche gekommen war, ihrer Freundin Platz zu machen, und Masetto, der noch immer blödsinnig that, fand sich zu Allem bereitwillig. So wollten denn Beide, eh' sie heimkehrten, mehr denn ein Mal untersuchen, wie der Stumme sich auf die Reitkunst verstehe, und auch nachher sagten sie oft zueinander, die Sache gewahre gewiß so viel Vergnügen und mehr, als ihnen davon erzählt worden war. 238 Dritter Tag. Erste Geschichte. Daher wußten sie denn auch fernerhin ihre Zeit wahrzunehmen und erfreuten sich gar oft mit ihrem Stummen. Eines Tages aber begab es sich, daß eine Klosterschwester aus dem Fenster ihrer Zelle dem ganzen Hergang der Sache zusah und noch zwei Andere dazu rief. Zuerst war davon die Rede, die Schuldigen bei der Aebtifsin verklagen zu wollen; dann aber änderten sie ihren Entschluß, wurden mit Jenen einig und zugleich mit ihnen derReich- thümer des Mafetto theilhaftig. Durch mancherlei Zufalle kamen allmalig auch die Uebrigen drei dahin, ihnen Gesellschaft zu leisten. Zuletzt fand die Aebtifsin, die von diesen Geschichten noch immer nichts bemerkt hatte, eines Tages, als sie bei großer Hitze allein im Garten umherging, den Mafetto, den die Gartenarbeiten bei Tage und die Reitübungen bei Nacht ganz erschöpft hatten, unter dem Schatten eines Mandelbaumes hingestreckt schlafen. Der Wind hatte ihm die Kleider vorne ganz zurückgeweht, fodaß er blos dalag und die Frau Aebtifsin Dinge sehen ließ, die in ihr die nämliche Lust, als in ihren Klosterjungfrauen, erregten. Da sie sich allein sah, weckte sie den Mafetto, führte ihn auf ihr Zimmer und behielt ihn dort mehrere Tage lang, wahrend die Nonnen sich bitter beschwerten, daß der Gärtner ihren Garten so lange unbestellt lasse. Die Frau Aebtifsin aber kostete inzwischen zu vielen Malen jene Freuden, die sie bisher an Andern immer verdammt hatte. Endlich schickte sie ihn in feine Wohnung zurück; wie sie ihn aber oft wieder begehrte und mehr als ihren Antheil von ihm forderte, der so Viele zugleich nicht zu befriedigen vermochte, däuchte es dem Mafetto, sein erdichtetes Stummsein könne ihm, wenn er noch länger dabei bleibe, zu großem Unheil gereichen. Deshalb löste er in einer Nacht, die er bei der Aebtifsin zubrachte, das Band seiner Zunge und sprach: „Madonna, wol habe ich gehört, daß ein Hahn auf zekm Hühner vollkommen genug ist; man hat mir aber auch gesagt, daß zehn Männer kaum oder gar nicht im Stande sind, ein Weib zu sättigen, wo ick doch ihrer neune bedienen muß. Das halte ich für kein Geld in der Welt mehr aus, und ich bin durch meine bisherigen Dienste schon so weit heruntergekommen, daß ich weder viel noch wenig mehr leisten kann. Drum laßt mich entweder in Frieden weiter gehen, oder helft der Sache auf eine andere Weise ab." Als die gute Frau den vermeintlich Stummen reden horte, erschrak sie nicht wenig und sagte: „Was Geier," ick dachte, „Du wärest stumm." „Madonna," antwortete Masetto, „ich war es, aber nicht von Geburt. Eine Krankheit benahm mir die Sprache, und erst diese Nacht fühle ich sie mir wiedergegeben und lobe Gott dafür von ganzem Herzen." Sie glaubte ihm und fragte, was er mit den Neunen sagen wolle, die er zu bedienen habe. Masetto erzählte die ganze Geschichte. Die Aebtissin lernte durch sie, daß sie keine Nonne habe, die nicht viel schlauer sei, als sie, und so entschloß sie sich (denn verständig war sie), mit ihren Mädchen übereinzukommen, ohne den Masetto fortzulassen und dadurch den Ruf des Klosters zu gefährden. Da nun der Meier in jenen Tagen gestorben war, eröffneten sie sämmtlich einander, was bisher unter ihnen allen geschehen war, und verabredeten dann gemeinschaftlich, die umwohnenden Leute glauben zu machen, Masetto habe durch ihr Gebet und durch die Gnade des Heiligen, dem das Kloster geweiht war, nach langem Stummsein den Gebrauch seiner Zunge wiedererlangt. Dann machten sie ihn zu ihrem Meier und vertheilten seine Anstrengungen solchergestalt, daß er sie auszuhalten vermochte. Auch betrieben die Nonnen diese Angelegenheit so vorsichtig, daß, obgleich sie von ihm erzeugte Mönchlein in Menge zur Welt brachten, dennoch Niemand deswegen Verdacht faßte. Erst nach dem Tode der Aebtissin bekam Masetto, der einstweilen nach gerade alt geworden war, Lust, mit dem erworbenen Reichthum nach Hause zu ziehen, was ihm denn auch leicht gewährt ward. So kehrte Masetto be- 240 Dritter Tag. Zweite Geschichte- jahrt, reich und, ohne die Beschwerde und die Kosten, den Kindern Brot schaffen zu müssen, zum Vater geworden, nachdem er schlauer Weise seine Jugend gut zu benutzen gewußt hatte, in eben die Heimat zurück, von der er, die Axt auf der Schulter, ausgegangen war, und pflegte zu sagen, so verfahre Gott mit Denen, die ihm Hörner aufsetzen. Zweite Geschichte. Ein Stallknecht schläft bei der Gemahlin des Königs Agilulf. Der König bemerkt es im Stillen, findet ihn und schneidet ihm die Haare ab. Der Geschorene thut seinen Kameraden ein Gleiches und entgeht dadurch seinem Unstern. Ästs die Geschichte des Philostratus, über welche die Damen zuweilen erröthet waren, Andere aber auch gelacht hatten, zu Ende war, gefiel es der Königin, daß Pam- pinea zu erzählen fortfahre. Sie begann mit Lächeln folgendermaßen: „Einige sind unverständig genug, zeigen zu wollen, daß sie merken und kennen, was ihnen nicht zu wissen dient, und oftmals vermehren sie alsdann ihre Schande um Vieles, wenn sie unbemerkte Sünde an Andern rügen, während sie eben dadurch jene zu mildern dachten. Wie wahr dies sei, möge Euch der entgegengesetzte Weg, den ein großer König einzuschlagen so verständig war, in folgender Geschichte beweisen, in der Ihr zugleich von der Schlauheit eines Menschen erfahren werdet, den Ihr vielleicht geringer haltet, als Masetto. Agilulf, König der Lombarden, verweilte, wie seine Vorgänger gethan, mit seinem Hofe in der lombardischen Stadt Pavia. Er war mit Theodelinden, der Witwe des König Agilulf's Stallknecht. 241 Königs Autherik, einer sehr schönen, sittsamen und verständigen Frau, vermählt, die nur mit einem Liebhaber einmal übel ankam. Als nämlich Agilulss Tapferkeit und Verstand die Angelegenheiten der Lombarden um Vieles gefördert und die Ruhe hergestellt hatten, geschah es, daß ein Stallknecht der Königin, ein Mensch von der niedrigsten Abkunft, der übrigens für scir gemeines Handwerk viel zu hohen Sinn hatte und schon und groß von Gestalt wie der König selber war, sich außer Maßen in die Königin verliebte. Da sein niedriger Stand ihm nicht die Einsicht benommen hatte, diese seine Liebe streite gegen alle Sitte, war er verständig genug, sie gegen Niemand zu offenbaren; ja, er wagte nicht einmal, gegen die Königin durch Blicke sich zu verrathen. Obgleich er nun ohne einige Hoffnung, ihr je zu gefallen, lebte, war er doch stolz darauf, seinen Gedanken ein so hohes Ziel gesetzt zu haben, und, ganz vom Feuer der Liebe entzündet, that er, weit mehr als einer seiner Cameraden, mit dem größten Fleiß Alles, wovon er glaubte, daß es der Dame lieb sein könnte. So geschah es, daß die Königin, wenn sie auszureiten hatte, lieber als irgend ein anderes das von ihm besorgte Pferd bestieg. So oft sich dies zutrug, meinte er, es sei ihm die höchste Gnade widerfahren; er wußte nicht vom Steigbügel zu lassen, und er bäuchte sich glücklich, wenn er nur ihre Kleider berührt hatte. Wie es aber nur zu oft geschieht, daß die Liebe um so mehr zunimmt, je geringer die Hoffnung wird, so vermochte auch dieser arme Stallknecht sein immer wachsendes Verlangen nicht mehr im Verborgenen zu ertragen und beschloß, da keine Hoffnung ihm Hülfe versprach, und da er von dieser Liebe sich loszumachen nicht im Stande war, vielmals bei sich selber, sich den Tod zu geben. Bei weiterem Nachdenken, wie er seinen Entschluß ausführen wolle, setzte er sich vor, auf eine Weise zu sterben, welche geeignet wäre, seinen Tod als Folge der großen Liebe darzustellen, die ihn für die Königin durchdrungen hatte und noch durchdrang. Dekameron. I. 'II 242 Dritter Lag. Zweite Geschichte. Diese Weise glaubte er nun am paßlichsten in einem Versuche zu finden, ganz oder zum Theile an das Ziel seiner Wünsche zu gelangen. Zu diesem Endzweck unternahm er es nun nicht etwa, zur Königin von seiner Liebe zu reden, oder sich schriftlich ihr zu entdecken; denn er wußte, daß Reden wie Schreiben vergeblich sein würden; vielmehr wollte er versuchen, ob er nicht durch List im Stande sein werde, eine Nacht bei der Königin zuzubringen. Mittel und Wege zu diesem Unternehmen waren indeß nicht anders zu finden, als wenn es ihm gelang, unter der Verkleidung des Königs, ,, von dem er wußte, daß er nicht jede Nacht bei ihr schlief, in ihr Zimmer und bis zu ihr selbst zu dringen. Deshalb verbarg er sich, um zu erfahren, auf welche Weise und in welchem Anzuge der König seine Frau besuche, zu mehreren Malen Nachts in dem großen Saale des Palastes, der die Gemächer des Königs und der Königin voneinander trennte. In einer dieser Nächte sah er endlich den König, in einen großen Mantel gehüllt, eine brennende Kerze in der einen, in der andern -Hand eine Gerte, aus seinem Zimmer treten, auf das der Königin zugehen und, ohne ein Wort zu reden, ein oder ein paar j Mal mit der Gerte an die Thür schlagen. Dann öffnete sich alsbald die Thür, und dem Könige wurde die Kerze aus der Hand genommen. Als unser Stallknecht ihn so hatte eintreten und auf ähnliche Weise zurückkehren gesehen, dachte er ihm genau nachzuahmen und wußte sich in dieser Absicht einen Mantel, der dem des Königs glich, eine Kerze und eine Ruthe zu verschaffen, und wusch sich dann im Bade, so sorgfältig er nur konnte, damit der Stallgeruch die Königin nicht beschwere, oder sie den Betrug gewahr werden lasse. Hierauf verbarg er sich nach gewohnter Weise im großen Saale, und, als er sich überzeugte, Alles schlafe bereits, und es sei nun die Zeit gekommen, entweder seine Wünsche zu verwirklichen, oder auf würdige Weise dem ersehnten ^ König Agilulf's Stallknecht. 243 Tode entgegenzugehen, schlug er mit Stahl und Stein, die er bei sich führte, ein wenig Feuer, zündete seine Kerze an und ging, nachdem er den Mantel zusammengeschlagen und sich ganz darin eingehüllt hatte, auf die Kammerthür zu, und klopfte zwei Mal mjt seiner Ruthe an. Eine Kammerfrau machte ihm noch ganz verschlafen die Thür auf, nahm ihm die Kerze aus der Hand und that sie bei Seite, worauf er dann sogleich den Vorhang zurückschlug, den Mantel ablegte und in das Bette stieg, in welchem die Königin ruhte. Er umschlang sie verlan- " gend mit seinen Armen, stellte sich aber verdrießlich; denn der König hatte es an der Art, wenn er verdrießlich war, nichts mit sich reden zu lassen, und erkannte so, ohne daß er oder sie ein Wort geredet hatten, zu wiederholten Malen die Königin. Wie schwer es ihm auch ward, zu scheiden, so erhob er sich doch endlich aus Furcht, zu langes Verweilen möchte es nach sich ziehen, daß genossene Lust in Leiden sich verwandele, nahm Mantel und Kerze, ging, ohne den Mund zu öffnen, und köhrte, so schnell er konnte, in sein Bette zurück. , Kaum mochte er indeß dort angelangt sein, so stand 1 der König auf und ging in das Schlafzimmer der Königin, die über diesen zweiten Besuch nicht wenig sich verwunderte. Als er zu ihr ins Bette gestiegen war und sie freundlich begrüßt hatte, faßte sie um dieser Freundlichkeit willen Muth und sagte: „Mein Herr und Gemahl, was ist das heute Nacht für eine Neuigkeit? Kaum seid Ihr von mir gegangen und kehrt nun, nachdem Ihr über Eure gewohnte Weise Euch mit mir ergötzt habt, so schnell zu mir zurück? Habt Acht, was Ihr thut." , Als der König diese Worte hörte, vermuthete er sogleich, die Königin sei durch ähnliche Gestalt und Kleidung betrogen. Dann beschloß er in seiner Weisheit, da weder die Königin, noch sonst Jemand es gewahr wor- , den war, auch ihr nichts davon merken zu lassen. Viele ! wären thöricht genug gewesen, das nicht zu thun, sondern 2^4 Dritter Tag. Zweite Geschichte. zu sagen: „Ich bin hier nicht gewesen; wer war da? Wie ist es zugegangen? Was ist daraus geworden?" wodurch sie sich denn vielerlei Unheil zugezogen hatten. Denn die Frau wäre dadurch unverschuldet beschimpft, und ihr überdies Veranlassung geboten worden, aufs neue zu begehren, was sie schon einmal genossen hatte, und der König selbst, der durch Schweigen der Schande völlig entging, hatte durch Reden seine eigne Schmach herbeigeführt. Deshalb antwortete er ihr denn, mehr innerlich, als dem Aussehen oder den Worten nach, erzürnt: „Frau, denkst Du denn, ich sei nicht Mann's genug, um wieder- kommcn zu können, wenn ich auch erst bei Dir war?" Hierauf erwiderte die Königin: „Wohl, mein Herr, dem- ohngeachtet bitte ich Euch aber, auf Eure Gesundheit Acht zu haben." „Gut," entgegneke der König, „so will ich Deinen Rath befolgen und dies Mal umkehren, ohne Dich weiter zu plagen." Und so nahm er voller Unmuth und Zorn über den nur zu wohl erkannten Schimpf, der ihm widerfahren war, seinen Mantel und verließ das Zimmer mit der Absicht, im Stillen den Thater zu erforschen, von dem er sich überzeugt hielt, er müsse zum Hause gehören und habe, wer er auch immer sein möge, noch nicht entschlüpfen können. Zu diesem Ende eilte er, eine Laterne mit einem kleinen Lichtchen in der Hand, nach einem langen Saale seines Palastes, in dem, oberhalb der Pferdestalle, fast seine ganze Dienerschaft in einer Menge Betten schlief. Er war überzeugt, wer das gethan hatte, wovon die Königin erzählt hatte, dem könne sich Puls und Herzklopfen von der erlittenen Anstrengung noch nicht gelegt haben, und fühlte deshalb von einem Ende an der Reihe nach einem Jeden mit der Hand auf die Brust, um das Schlagen des Herzens zu erproben. Ob nun gleich alle Uebrigen fest schliefen, so wachte doch Der, welcher bei der Königin gewesen war, noch immer, und eine heftige Furcht befiel ihn, da ec den König kommen sah und wohl errieth, König Agilulf's Stallknecht. 245 was er suche. Deshalb vermehrte sich sein Herzklopfen, das die körperliche Aufregung veranlaßt hatte, vor Furcht noch um Vieles, und er zweifelte nicht, der König werde ihn auf der Stelle tödten, sobald er es nur gewahr würde. Gingen ihm nun auch allerhand Plane durch den Kopf, so entschloß er sich doch zuletzt, als 'er den König ohne Waffen sah, sich schlafend zu stellen und abzuwarten, was Jener thun werde. Der König fand unter den Vielen, die er untersuchte, Keinen, den er für den Thater gehalten hatte, bis er endlich zu diesem kam, und als er dessen Herz so heftig schlagen fühlte, sagte er bei sich selbst: Der ist es. Da er aber von Dem, was er thun wollte, Niemand Anderes etwas wissen zu lassen beabsichtigte, that er ihm nichts, als daß er mit einer Scheere, die er bei sich führte, ihm auf der einen Seite von den Haaren, die man damals sehr lang zu tragen pflegte, einen Theil abschnitt, um an diesem Zeichen ihn am andern Morgen erkennen zu können, und kehrte dann sogleich in seine Zimmer zurück. Unser Knecht hatte wohl gefühlt, was der König mit ihm vorgenommen, und war verschlagen genug, einzusehen, zu welchem Ende er so gezeichnet worden sei. Drum zögerte er keinen Augenblick aufzustehen und schnitt mit einer Scheere, deren zufällig zur Bedienung der Pferde mehrere zur Hand waren, leise unter seinen Schlafgesellen von Einem zum Andern gehend, Allen auf gleiche Weise an einem Ohre die Haare ab; worauf er sich, ohne daß Jemand ihn gehört hatte, wieder schlafen legte. Als der König am Morgen aufgestanden war, hieß er, bevor noch die Thore des Palastes geöffnet wurden, seine ganze Dienerschaft vor ihm erscheinen. Als diesem Befehl Genüge geleistet war, und nun Alle entblößten Hauptes vor ihm standen, blickte er, um Den zu erkennen, den er selbst geschoren hatte, unter ihnen umher. Wie er aber die Mehrzahl unter ihnen mit gleichmäßig verschnittenen Haaren sah, da verwunderte er sich und sagte bei sich 2^6 Dritter Tag. Dritte Geschichte. selbst: „Der, welchen ich suche, bewahrt, seinem niedrigen Stande zum Trotz, wahrlich hohen Verstand." Dann entschloß er sich, überzeugt, nicht ohne großes Aufsehen zu seinem Ziele gelangen zu können, und gewillt, nicht kleiner Rache wegen große Schmach zu erwerben, ihn nur mit einem Worte zu erinnern und ihm zu zeigen, er wisse, was geschehen sei, und sagte zu Allen gewandt: „Wer es gethan hat, thue es nicht wieder, und so geht mit Gott." Ein Anderer hatte sie allesammt köpfen, foltern, fragen und examiniren lassen und dadurch bekannt gemacht, was Jeder bemüht sein muß, zu verhüllen. Hatte er dann auch den Thater entdeckt und vollständige Rache an ihm genommen, so würde seine Schmach dadurch nicht vermindert, sondern um Vieles vermehrt, die Ehre seiner Gemahlin aber für immer befleckt worden sein. Diejenigen, welche die Worte des Königs hörten, wunderten sich und untersuchten lange miteinander, was er damit habe sagen wollen, Keiner aber wußte sie zu verstehen, den Einzigen ausgenommen, den sie wirklich angingen. Der war aber klug genug, bei Lebzeiten des Königs Niemandem etwas davon zu entdecken und sein Leben nicht wieder an ein solches Wagstück zu setzen." Dritte Geschichte. Eine Dame, die in einen jungen Mann verliebt ist, bringt unter dem Borwande der Beichte und großer Gewissenhaftigkeit einen gestrengen Mönch dahin, daß er, ohne zu wissen, was er thut, sie selbst an Las endliche Ziel ihrer Wünsche führt. (§chvn hatte Pampinea geendigt, und war die Kühnheit und Vorsicht des Stallknechts, wie auch die Weisheit des Kö- Dcr Beichtvater als Kuppler. 247 nigs, von den Meisten bewundert worden, als die Königin, zu Philomela gewandt, ihr fortzufahren befahl. Philomela gehorchte und begann mit Anmuth also zu reden: „Ich denke Euch einen Streich zu erzählen, den eine schöne Frau einem gestrengen Mönche wirklich gespielt hat, und der einen Laien um so mehr ergötzen muß, weil diese Pfaffen, die meistens herzlich albern und von ungeschliffenen Sitten und Betragen sind, Alles besser verstehen und machen wollen, als andere Leute, wahrend sie doch viel geringer zu halten sind, als Jene, da sie aus Niedrigkeit ihrer Gesinnung sich nicht getrauen, wie andere Menschen sich selbst durchs Leben zu helfen, sondern, den Schweinen gleich, dahin flüchten, wo sie ohne Arbeit zu essen bekommen. Ich erzähle Euch, freundliche Mädchen, diese Geschichte, nicht nur, weil die Reihe mich eben trifft, sondern auch um Euch zu zeigen, wie selbst die Pfaffen, zu denen wir in übermäßiger Leichtgläubigkeit allzugroßes Vertrauen haben, von unser einer, geschweige denn von Männern, mit einiger Schlauheit gehörig angeführt werden können und werden. Vor wenig Jahren lebte in unserer Stadt, die an Betrügereien reicher ist, als an Güte und Redlichkeit, eine Edeldame, welche die Natur nicht minder als irgend eine andere mit Schönheit geschmückt und mit hohem Sinn und feinem Verstände begabt hatte. Ich verschweige ihren mir wohlbekannten Namen, wie auch die Uebrigen, die in diese Geschichte verflochten sind; denn noch sind Mehrere am Leben, die sich vor Zorn darüber nicht würden zu lassen wissen, während der Vorfall doch nur belacht zu werden verdient. Diese Dame nämlich, die ihrer vornehmen Abkunft ohnerachtet an einen Wolleweber verhei- rathet war, konnte nie verwinden, wie kränkend es ihr sei, einen Handwerker zum Manne zu haben; denn wer zum Bürgerstande gehörte, dünkte ihr immer, wenn er auch noch so reich war, einer adlichen Frau unwürdig. Die gemeinen Beschäftigungen ihres Mannes, der, mit 248 Dritter Tag. Dritte Geschichte. allem seinem Reichthum, es nie weiter brachte, als sich aufs Sortiren, auf Einschlag und Aufzug zu verstehen, oder mit den Spinnerinnen sich um die Gebinde zu zanken, bestärkten sie in ihrem Vorsatze, seinen Umarmungen, so weit es sich thun ließe, aus dem Wege zu gehen, wofür sie dann bei Jemandem, der ihr würdiger als der Wolleweber schiene, sich Entschädigung zu suchen dachte. Wirklich verliebte sie sich dergestalt in einen ganz wackeren Edelmann von mittleren Jahren, daß sie Nachts nicht schlafen konnte, wenn sie ihn den Tag über nicht gesehen hatte. Der gute Mann aber, der keine Ahnung davon hatte, bekümmerte sich nicht um sie, und sie war zu vorsichtig, um durch weibliche Botschafter oder Briese, die ihre Gesinnungen enthalten hatten, möglichen Gefahren sich aussetzen zu wollen. Dagegen hatte sie bemerkt, daß er häufig mit einem Pfaffen umging, der, so einsaitig und ungebildet er war, wegen seines strengen Lebens doch bei den Meisten für einen ganz besonderen Pater galt. Die Dame hielt dafür, dieser Geistliche könne zwischen ihr und ihrem Geliebten am besten den Mittelsmann abgeben, und ging deshalb, nachdem sie mit sich über die Art ihres Benehmens einig geworden war, in die Kirche, zu welcher er gehörte, ließ ihn rufen und sagte, sie wünsche, wenn es ihm gefällig sei, bei ihm zu beichten. Der Pfaffe zeigte sich sogleich bereitwillig; denn er sah ihr an, sie müsse eine Frau von Stande sein. Nach der Beichte sagte die Dame: „Ehrwürdiger Herr, noch muß ich Euch um Rath und Hülfe in einer Angelegenheit bitten, von der ich Euch unterrichten will. Ihr kennt aus meiner eignen Beichte meine Familie und meinen Mann. Er liebt mich mehr als sein Leben, und kaum äußere ich irgend einen Wunsch, so erfüllt er ihn, wie er das vermöge seines Reichthums wol vermag, auf der Stelle. Dafür liebe ich ihn denn auch mehr als mich selbst, und wenn ich nur eines Gedankens, geschweige denn einer Handlung fähig wäre, die seiner Ehre oder Der Beichtvater als Kuppler. 249 seinem Gefallen zuwiderliefe, so verdiente gewiß keine arge Hexe den Scheiterhaufen so sehr, als ich. Nun werde ich aber von einem jungen Manne, dessen Namen mir in der Thal nicht bekannt ist, der aber von Stande zu sein scheint, hübsch und groß von Gestalt ist, gewöhnlich feines braunes Tuch tragt und, wenn ich mich nicht irre, viel mit Euch umgeht, vielleicht weil er mich anderen Sinnes glaubt, als ich bin, förmlich belagert. Ich kann vor keine Thür und an kein Fenster treten, oder gar aus dem Hause gehen, ohne daß er gleich bei der Hand wäre; mich wundert's nur, daß er nicht schon hier ist. Mir ist aber die ganze Sache äußerst unlieb; denn solch ein Benehmen kann auch die anständigste Frau in üblen Ruf bringen. Ich hatte mir schon vorgenommen, es ihm durch meine Brüder sagen zu lassen; dann habe ich aber wieder bedacht, wie Männer solche Bestellungen so auszurichten pflegen, daß die Antwort übel aussällt. Es gibt einen Wortwechsel, und von den Worten kommt es am Ende zu Tätlichkeiten. Darum habe ich still geschwiegen, um Unglück und Aergerniß zu vermeiden, und habe mich entschlossen, mit Euch zu reden, theils weil Ihr sein Freund zu sein scheint, theils weil es sich für Euch schickt, über dergleichen Dinge auch fremde Leute, wie vielmehr denn Euren Freund, zu ermahnen. Und so bitte ich Euch denn um Gottes willen, ihm über sein Benehmen einen Verweis zu geben und ihn zu bitten, daß er sich dessen in Zukunft enthalte. Es gibt andere Weiber genug, die wol an solchen Geschichten Gefallen finden. Die werden sich freuen, wenn er ihnen nachgafft und ihnen den Hof macht. Mir aber, die ich zu solchen Thorheiten keineswegs aufgelegt bin, ist dergleichen im höchsten Grade zur Last." Als sie dies gesagt hatte, senkte sie den Kopf, als träten ihr die Thränen in die Augen. Unser Heiliger erriech alsbald, sie rede von Dem, den sie wirklich meinte, lobte sie wegen ihres heilsamen Entschlusses und versprach II" 250 Dritter Tag. Dritte Geschichte. ihr, von der Wahrheit ihrer Erzählungen vollkommen überzeugt, es schon dahin zu bringen, daß dieser Mensch ihr nicht mehr lästig fallen solle. Da er wußte, sie sei reich, empfahl er ihr ferner noch Almosen und gute Werke und trug ihr seine eignen Bedürfnisse vor. Die Dame erwiderte: „Ich bitte Euch um Gottes willen, thut, wie Ihr gesagt habt, und sollte er etwa leugnen wollen, so sagt ihm nur, ich selbst hätte Euch Alles gesagt und mich gegen Euch beschwert." Wie nun die Beichte vorbei war und der Mönch ihre Bußen bestimmt hatte, da gedachte sie an die Ermahnungen zu guten Werken, die er ihr ertheilt hatte, drückte ihm ein reichliches Geschenk in die Hand und bat ihn, für ihre verstorbenen Angehörigen ein paar Seelenmessen zu lesen. Darauf erhob sie sich vom Beichtstuhl und ging nach Hause. ssticht lange darauf kam der Edelmann nach seiner Gewohnheit zu unserem ehrwürdigen Herrn, der ihn, nachdem sie einige Augenblicke über dies und jenes gesprochen hatten, bei Seite nahm und ganz höflich wegen der Aufmerksamkeit und der verliebten Blicke zur Rede stellte, mit denen er, nach ihrer eignen Erzählung, jene Dame von ihm verfolgt glaubte. Der Edelmann, der ihr niemals nachgesehen hatte und sehr selten vor ihrem Hause vorübergegangen war, wunderte sich nicht wenig und fing an, sich zu vertheidigen. Der Pater aber ließ ihn nicht zu Worte kommen und sagte: „Stell Dich nur nicht so verwundert und verliere Deine Worte nicht, um zu leugnen, was Du doch nicht leugnen kannst; ich rede keinem Nachbargeklatsche nach; denn sie hat, mit vielen Klagen über Dich, mir Alles selber erzählt. Und obgleich sich solche Laffereien überall nicht für Dich schicken, so will ich Dir nur so viel sagen, daß, wenn Einer diese Albernheiten zuwider sind, so sind sie's ihr. Drum rath' ich Dir zu Deiner eignen Ehre und ihr zu Gefallen, bleib davon und laß sie in Frieden." Der Beichtvater als Kuppler. 251 Der Edelmann, der etwas schärfer sah, als der gute Pater, errieth bald genug die Schlauheit der Dame, that also etwas beschämt und versprach, sich nicht weiter auf die Sache einzulassen. Dann verließ er den Mönch und eilte zum Hause der Dame, die noch immer an einem kleinen Fenster aufmerksam verweilte', um ihn zu sehen, wenn er etwa vorüberginge. Als sie ihn nun erblickte, bezeigte sie sich gegen ihn so freundlich und gefällig, daß er wohl einsehen konnte, er habe die Worte des Mönchs richtig verstanden. Und so ging er denn von diesem Tage an zu seinem eignen Vergnügen und zu großer Freude und Beruhigung der Dame, vorsichtig, als ob andere Geschäfte ihn dorthin führten, täglich jene Straße entlang. Die Dame indeß hatte sich bald überzeugt, daß sie ihm eben so wohl, als er ihr gefalle, und, voller Verlangen, ihn noch mehr zu entflammen und ihm ein sicheres Zeichen ihrer Liebe zu ihm zu geben, nahm sie die Gelegenheit wahr, zum ehrwürdigen Klosterbruder zurückzukehren, und kaum hatte sie ihm zu Füßen sich niedergelassen, so sing sie bitterlich zu weinen an. Als der Geistliche sie in Thränen sah, fragte er voller Theilnahme, was sie Neues bringe. Die Dame antwortete: «Hochwürdiger, ich habe keine andern Neuigkeiten, als von Eurem verwünschten Freunde, über den ich schon neulich mich beschwerte. Wahrlich ich glaube, er ist geboren, um mich zu plagen und mich zu Dingen zu verlocken, um derentwillen ich mir ewig. Vorwürfe machen und nie wieder wagen würde, vor Euch zu erscheinen." „Wie," sagte der Pater, «hat er denn nicht aufgehört, Dich zu belästigen?" «Gewiß nicht," erwiderte die Dame, «vielmehr kommt er, seit ich gegen Euch mich beschwerte, gleichsam mir zum Trotz, und weil er mir übel genommen, daß ich über ihn Klage geführt habe, für ein Mal, das er sonst vor meinem Hause vorüberging, jetzt wenigstens sieben Mal vorbei. Und, wollte Gott, er wäre beim Vorübergehen und Heraufgucken stehen geblieben; aber so verwe- 252 Dritter Tag. Dritte Geschichte. gen, so unverschämt ist er gewesen, daß er mir erst gestern ein Frauenzimmer mit Botschaften von ihm und mit verliebtem Geschwatze ins Haus geschickt und mir einen Gürtel und eine Tasche geschenkt hat, als ob ich nicht selber Gürtel und Taschen genug hatte. Das Hab' ich ihm aber so übel genommen und nehm' es ihm auch noch so übel, daß ich ihm den Teufel über den Hals geschickt haben würde, hatte ich mich nicht der Sünde gefürchtet und Euch zu Liebe an mich gehalten. So Hab' ich mir denn am Ende noch Gewalt angethan und nichts thun und nichts sagen wollen, ohne Euch zuvor davon zu benachrichtigen. Dem Frauenzimmer übrigens hatte ich Gürtel und Tasche, die sie mir gebracht hatte, schon zurückgegeben, daß sie ihm Beides wiederbringen sollte, ihr auch sonst bösen Bescheid ertheilt, als mir entfiel, sie könnte vielleicht gar die Geschenke für sich behalten und ihm erzählen, ich hätte sie angenommen; denn solche Weiber sollen dergleichen wol thun. Darum rief ich sie denn noch zurück und nahm ihr die Sachen voller Verdruß wieder aus der Hand und habe sie nun zu Euch mitgebracht, auf daß Ihr sie ihm wiedergebt und ihm sagt, ich brauche seine Geschenke nicht; denn, Gott und meinem Manne sei es gedankt, Gürtel und Taschen habe ich noch so viel, daß ich ihn darunter ersticken könnte. Dann aber bitte ich Euch, denn ich ehre Euch wie einen Vater, um Verzeihung, wenn ich, sobald er mir nun keine Ruhe mehr laßt, es meinem Mann und meinen Brüdern sage, mag daraus werden, was da will. Ergeht es ihm dann übel, nun so soll mirs immer noch viel lieber sein, als wenn ich durch ihn in schlechte Nachrede komme, und damit gut!" Wie sie das gesagt hatte, zog sie, ohne ihre Thränen zu unterbrechen, eine äußerst schöne und reichgestickte Tasche nebst einem zierlichen kostbaren Gürtel unter dem Mantel hervor und warf sie dem Mönche in den Schoß. Dieser glaubte noch immer an die Wahrheit ihrer Erzäh- Der Beichtvater als Kuppler. 253 lungen, nahm die Geschenke voller Zorn und sagte: „Mein Kind, ich wundre mich nicht, wenn diese Vorfälle Dich betrüben, und kann Dich deswegen nicht tadeln; vielmehr lobe ich an Dir, daß Du dabei meinen Rathschlagen Folge geleistet hast. Ich habe ihn neulich zur Rede gesetzt; er hat aber schlecht gehalten, was er mir damals versprach, und so denke ich ihm denn um dessentwillen, wie auch wegen seiner neuen Vergehen, dermaßen den Kopf zu waschen daß es ihm vergehen soll, Dich ferner zu beunruhigen. So lieb Dir aber Gottes Segen ist, so laß Dich vom Zorne nicht überwältigen, Einen der Deinigen von dieser Angelegenbeit zu unterrichten; es könnte zu viel Unglück daraus werden. Uebrigens sei wegen Deines Rufes unbesorgt, denn ich werde Deine Unschuld immerdar, vor Gott wie vor den Menschen, unwandelbar bezeugen." Die Dame schien sich etwas zu beruhigen, und, von dem Geize dieses wie der andern Mönche wohl unterrichtet, lenkte sie das Gespräch von jenem Gegenstände ab und sagte: „Ehrwürdiger Herr, diese letzten Nachte sind mir mehrere meiner Verwandten erschienen, die wol große Qualen erdulden müssen und nichts verlangen als Almosen; vor allen aber meine selige Mutter, die so betrübt und elend aussi'eht, daß es ein wahrer Jammer ist. Ich glaube gewiß, daß es ihr bitter weh thut, mich von diesem bösen Feinde so versucht zu sehn, und darum wünschte ich, Ihr laset mir für ihre Seelen die vierzig Gregoriusmessen und sagtet dazu Eure Gebete, damit Gott sie aus den Feuerqualen befreie." Und mit diesen Worten drückte sie ihm einen Goldgulden in die Hand. Der ehrwürdige Pater nahm ihn voller Freuden, bekräftigte mit guten Worten und mit vielen Beispielen ihre Frömmigkeit und entließ sie dann mit seinem Segen. Als die Dame fortgegangen war, schickte er, immer noch ohne zu ahnen, daß man ihn zum Besten habe, nach seinem Freunde, der, als er bei seinem Eintritt den Mönch zornig sah, schnell errieth, er werde Neuigkeiten 254 Dritter Tag. Dritte Geschichte- von seiner Dame hören, und abwartete, was jener ihm sagen werde. Der Mönch wiederholte, was er ihm schon früher gesagt hatte, und schalt ihn besonders mit vielen zornigen und harten Worten wegen Dessen, was er, den Reden der Dame zufolge, gethan haben sollte. Der Edelmann, der noch nicht durchschauen konnte, wo der Mönch eigentlich hinwolle, leugnete ziemlich lau, Gürtel und Tasche geschickt zu haben, damit er Jenem, wenn die Dame ihm etwa die Geschenke gegeben hatte, nicht den Glauben daran benähme. Aber der Pater sagte ganz aufgebracht: „Du schlechter Mensch, wie kannst Du das leugnen? Da sieh her; mit vielen Thränen hat sie selber sie mir gebracht, und nun sage, ob Du sie erkennst." Der Edelmann that gar sehr beschämt und sagte: „Freilich kenne ich diese Geschenke und bekenne, daß ich Unrecht gethan habe; schwöre aber auch, weil ich sie also gesinnt sehe, daß Ihr von dieser Sache nie wieder ein Wort hören sollt." Nun wurde noch viel hin und hergeredet. Endlich aber gab Bruder Einfalt Gürtel und Tasche an den Freund heraus und entließ ihn dann nach langen Strafpredigten und Bitten, solcher Dinge in Zukunft sich zu enthalten. Der Edelmann ging, hocherfreut über die Gewißheit, die er in Betreff der Liebe seiner Dame erlangt zu haben glaubte, wie über das schöne Geschenk, sobald er den Mönch verlassen hatte, mit Vorsicht an einen Ort, wo er der Dame bemerklich machen konnte, er habe das Eine wie das Andere erhalten. Der Dame war dies um so lieber, als sie nun an dem glücklichen Fortgange ihres Planes nicht mehr zweifelte. Wahrend sie nun, um ans Ziel ihrer Wünsche zu gelangen, nichts als eine gelegentliche Abwesenheit ihres Mannes erwartete, traf es sich, daß wenig später, gewisser Geschäfte willen, ihr Mann genöthigt war, nach Genua zu reisen. Kaum war er des Morgens zu Pferde gestiegen und. fortgeritten, so ging unsere Dame auch schon 255 Der Beichtvater als Kuppler. zum gestrengen Pater und sagte unter Schluchzen und Thränen: „Würdiger Vater, nun erkläre ich Euch, ich kann's nicht langer aushalten. Aber, weil ich Euch neulich versprochen habe, nichts zu unternehmen, ohne Euch zuvor davon zu sagen, so komme ich, um mich zu recht- fertigen. Damit Ihr indeß einscht, wie viel Recht ich habe, zu weinen und mich zu beklagen, so will ich Euch nur erzählen, was Euer guter Freund oder vielmehr der Teufel aus der Holle, mir heute Morgen kurz vor der Frühmesse gemacht hat. Ich weiß nicht was für ein böser Geist ihm gesagt hat, daß mein Mann gestern früh nach Genua gereist ist; genug, heute morgen, um die Zeit, die ich Euch gesagt habe, kommt er in meinen Garten und klettert auf einem Baume bis an das Fenster meiner Schlafstube, die nach dem Garten hinausgeht. Schon hatte er das Fenster aufgemacht und wollte in die Kammer hereinsteigen, als ich noch aufwache und sogleich aus dem Bette springe. Eben sing ich an zu schreien und gewiß, ich hätte geschneit, wenn er nicht, unter Nennung seines Namens, mich noch von außen um Gottes und um Euretwillen um Gnade gebeten hätte. Euch zu Liebe schwieg ich still, lief aber nakt, wie ich auf die Welt gekommen bin, ans Fenster und schlug es ihm ins Gesicht zu. Ich glaube, er ist zum Teufel gegangen, denn ich habe ihn dann nicht weiter gehört. Nun sagt mir selbst, ob das ein anständiges Benehmen ist und ob man das wol leiden darf; ich meines Theils denke es nicht mehr so zu ertragen, denn ich habe Euch zu Liebe nur zu viel mit angesehn." Als der Mönch dies hörte, wurde er über die Maßen zornig und wußte nichts zu erwidern, als daß er sie mehrere Male fragte, ob sie denn auch gewiß gesehen habe, daß es jener Edelmann und kein Anderer gewesen sei. „Nun Gottlob," antwortete die Dame, den kann ich wol noch von einem Andern unterscheiden. Ich sage Euch, er war's; und sollte er's leugnen, so glaubt ihm nur nicht." „Meine ! ! 256 Dritter Lag-' Dritte Geschichte. Tochter," sagte darauf der Mönch, „dazu kann ich nichts sagen, als daß es eine übermäßige Frechheit und eine abscheuliche Missethat ist. Du thatest Deine Pflicht, daß Du ihn fortschicktest. Aber nun will ich Dich noch gebeten haben, daß Du, weil Gott Dich vor Schande bewahrte, wie Du schon zwei Mal meinen Rath befolgt hast, es noch dies Mal thun, und, ohne gegen Deine Angehörigen Dich zu beklagen, mir überlassen mögest, zu versuchen, ob ich diesen Teufel, der aus der Hölle entsprungen scheint, und den ich für einen Heiligen gehalten hatte, denn nicht zu bändigen im Stande bin. Gelingt es mir, ihn von seinem viehischen Betragen abzubringen, dann ist es gut; wo nicht, so gebe ich Dir jetzt mit meinem Segen das Versprechen, daß ich Dich nicht weiter hindern will, zu thun, was Dir in Deinem Sinne gut dünkt." „Nun wohl" sagte die Dame, „ich will Euch für dies Mal weder erzürnen, noch Euch ungehorsam sein; aber nun sorgt dafür, daß er sich hüte, mich ferner zu plagen; denn, wahrlich, zu Euch komme ich in dieser Angelegenheit nun nicht wieder." Und damit ging sie ohne weiter etwas zu sagen, als wäre sie aufgebracht, von dannen. Kaum hatte sie die Kirche verlassen, so kam auch der Edelmann des Weges. Der Mönch rief ihn an, nahm ihn bei Seite, sagte ihm die größten Grobheiten, die man jemals einem Andern zu hören gegeben hat, und nannte ihn einen Schelmen, einen Meineidigen und einen Verräther über den andern. Dieser aber hatte schon zwei Mal erfahren, was das Schelten des Paters zu bedeuten habe, und suchte deswegen durch halbe Antworten ihn zum Reden zu bringen. „Würdiger Herr," sprach er, „was soll dieser Zorn? Habe ich denn Christum gekreuzigt?" „Ueber den Unverschämten!" antwortete der Geistliche, „nun höre mir Einer, wie er thut; redet er doch wahrhaftig nicht anders, als wäre es ein oder paar Jahre her und als könnte er sich der langen Zeit wegen auf seine Schändlichkeiten und schlechten Der Beichtvater als Kuppler. 257 Streiche nicht mehr besinnen. Ist es Dir von heute morgen bis jetzt schon entfallen, wen Du beleidigt hast? Nun, wo warst Du heute kurz vor Tage?" „Was weiß ich, wo ich gewesen bin," erwiderte der Edelmann; „Ihr müßt aber schnelle Boten haben." Freilich" sagte der Mönch, „ist die Botschaft mir schon zugekommen; aber ich merke schon, Du dachtest, weil der Mann nicht zu Hause ist, würde die gute Frau Dich nur so mit offenen Armen empfangen. Hoh», der ehr- und tugendsame Herr ist ein Nachtwandler, ein Gartenschleicher, ein Baumklett- rer geworden. Denkst Du denn durch Deine Unverschämtheit die Heiligkeit dieser Dame zu besiegen, daß Du ihr in der Nacht auf den Baumen ins Fenster kletterst? Nichts auf der Welt ist ihr so durchaus zuwider, als Du es bist, und doch probirst Du's immer aufs Neue. Ich will gar nicht davon reden, daß sie Dir's vielfach an den Tag gelegt hat; aber wahrhaftig, meine Ermahnungen hast Du Dir besonders zu Gemüthe gezogen. Das will ich Dir indeß hiermit gesagt haben, bis jetzt hat sie, nicht etwa aus Liebe zu Dir, sondern meinem Fürwort zu Gefallen, von Deinem Benehmen geschwiegen; nun wird sie aber nicht mehr schweigen. Ich habe es ihr ganz frei gestellt, wenn Du noch irgend etwas thust, das ihr mis- fallig ist, ganz nach ihrem Belieben zu verfahren; und, was willst Du machen, wenn sie's ihren Brüdern sagt?" Der Edelmann hatte nun Alles, was er brauchte, zur Genüge erfahren; er besänftigte daher den Pater nach bestem Wissen und Vermögen mit reichlichen Versprechungen und sagte ihm dann Lebewohl. Als aber in nächster Nacht die Zeit der Frühmesse herangekommen war, schlich er sich in den Garten, erkletterte den Baum und eilte durch das offene Fenster in die Arme seiner schönen Dame, die ihn nach sehnsüchtigem Erwarten sreudigst mit den Worten empfing: „Großen Dank dem Herrn Pater, der Dir den Weg zu mir so schön gezeigt hat." Nun genossen sie einander und konnten unter Späßen und vielem 258 Dritter Tag. Vierte Geschichte. Gelächter über die Einfalt des Bruder Rindvieh und unter Spott über Spuhlräder, Kämme und Wollkratzer ihrem Ergötzen kein Ziel setzen. Dann aber wußten sie es so einzurichten, daß sie, ohne der Hülfe des gestrengen Pfaffen ferner zu bedürfen, in gleicher Freude noch viele Nächte verbringen konnten, zu welchem Glücke ich Gott bitte, daß er auch mir und allen andern Christenseelen, die Verlangen danach tragen, in seiner heiligen Barmherzigkeit bald verhelfe." liierte Geschichte. Don Felicc lehrt den Bruder Puccio, wie er durch eine Bußübung selig werden kann. Bruder Puccio übernimmt sie und Don Fclice vertreibt sich inzwischen mit dessen Frau die Zeit. Äls Philomela am Ende ihrer Geschichte war und schwieg, lobte Dioneus den Verstand der Dame nachdrücklich und mit schönen Worten, nicht minder aber auch das Schlußgebet der Philomela, worauf die Königin lächelnd sich zum Pamphilus wandte und sprach: „Wohlan denn, Pamphi- lus, fahre fort, durch ein lustiges Späßchen uns zu ergötzen." Pamphilus erwiderte sogleich, er sei gern bereit, und begann: „Madonna, viele Leute gibt es, die, während sie selbst sich bemühen, das Paradies zu erreichen, Andern unbewußt dazu verhelfen. Daß es einer unserer Nachbarinnen vor nicht gar langer Zeit so ergangen ist, werdet Ihr vernehmen können. Wie man mir erzählt hat, wohnte nicht weit von San Pancrazio ein guter und wohlhabender Mann Namens Puccio di Rinieri, der, als er später sich ganz den Bruder Puccio. 259 geistlichen Dingen ergab, zur Brüderschaft des heiligen Franciscus trat und Bruder Puccio genannt ward. Sein Hauswesen beschrankte sich auf seine Frau und eine Magd, und, da er deshalb nicht nöthig hatte, irgend ein Geschäft zu treiben, war er viel in der Kirche. Er war ein unwissender Mensch von grobem Teige und so betete er denn seine Paternoster ab, ging in die Predigten, hörte Messen und blieb gewiß nie zu Hause, wenn die Laienbrüder liUucies zu singen hatten. Außerdem fastete er und geißelte sich, denn man wollte allgemein wissen, daß er zu den Flagellanten gehöre. Seine Frau, die Donna Jsabetta hieß und erst 28 bis 30 Jahr alt, dabei munter, hübsch und roth wie ein Wachsapfel war, mußte wegen der Frömmelei und vielleicht auch wegen des Alters ihres Mannes gar sehr oft länger Diät halten, als sie gewünscht hätte. Und wenn sie schlafen oder sich mit ihm ergötzen wollte, erzählte er ihr das Leiden Christi, die Predigten des Bruder Anastasius, die Reue der Magdalena, oder andere ähnliche Geschichten. Um diese Zeit kam ein Mönch, Namens Don Felke, der in San Pancrazio Ordensgeistlicher war, ein ziemlich junger und schön gestalteter Mann von großem Scharfsinn und tiefen Kenntnissen, aus Paris zurück und wurde bald mit Bruder Puccio genauer bekannt. Weil diesem nun der Mönch alle seine Zweifel auf das beste zu lösen wußte und außerdem, sobald er die Gesinnung Puccio's kennen gelernt hatte, äußerst gottesfürchtig sich bewies, begann Bruder Puccio, ihn zuweilen mit nach Hause zu nehmen und ihm, wenn sich's traf, mitunter ein Mittagbrod, oder Abendessen vorzusetzen. Auch war Puccio's Frau, ihm zu Liebe, gegen den Mönch freundlich und that ihm gerne eine Ehre an. Wie dieser nun längere Zeit in Bruder Puccio's Hause aus und ein ging und das runde und frische Aussehen der Frau beobachtete, errieth er wohl, was für ein Ding es sein möchte, an dem sie am meisten Mangel litte, und beschloß, um Bruder 260 Dritter Tag. Vierte Geschichte. Puccio die Mühe abzunehmen, ihr, wenn er könnte, damit beizuspringen. Er wußte sie einige Male gar pfiffig anzusehn und brachte es endlich dahin, daß sich in ihrem Herzen das gleiche Verlangen entzündete. Wie er dies gewahr wurde, sagte er ihr bei der ersten Gelegenheit sein Begehren. So sehr er sie aber auch zur Ausführung aufgelegt fand, so schwer war es doch, Mittel und Wege dazu zu finden, denn nirgends in der Welt getraute sie sich mit dem Mönche zusammenzukommen, als nur in ihrem Hause. In ihrem Hause ging es aber wieder nicht, weil Bruder Puccio niemals verreiste, worüber denn der Mönch sich sehr betrübte. Nach langer Zeit erdachte er aber doch ein Mittel, sich, ohne Verdacht zu erregen, in dem eigenen Hause der Frau und sogar in Bruder Puccio's Anwesenheit, mit ihr zu ergötzen. Als nämlich Bruder Puccio ihn eines Tages besuchen gekommen war, sagte er zu ihm folgendermaßen: „Ich habe schon oft wahrgenommen, Bruder Puccio, daß Dein ganzes Verlangen dahin gerichtet ist, selig zu werden. Mir kommt es aber vor, als ob Du zu diesem Ziele auf einem weiten Wege gehest, wahrend es doch einen ganz kurzen gibt, den der Papst und seine obersten Prälaten recht wohl kennen, sich seiner auch bedienen. Sie wollen aber nicht, daß man ihn den Leuten weise; denn auf der Stelle wäre der geistliche Stand, der doch großentheils von Almosen lebt, zu Grunde gerichtet, und die Laien würden ihm weder Geschenke noch sonst etwas mehr zuwenden. Weil Du aber mein Freund bist und mir viel Ehre angethan hast, so lehrte ich Dich wol jenen Weg, wenn ich nur wüßte, daß Du ihn befolgtest und keinem Menschen -auf der Welt etwas davon sagtest." Bruder Puccio, der höchst begierig nach dieser Sache geworden war, sing zuerst an, ihn mit großem Nachdruck zu bitten, daß er sie ihn lehren möchte; dann schwor er, daß er niemals Jemandem mehr davon entdecken würde, Bruder Puccio. 2lil als was jener ihm selbst zuvor erlaubt hätte, und versicherte, wenn er irgend im Stande dazu sei, wolle er gewiß diesen Weg ein schlagen. „Nun," sagte der Mönch, „wenn Du mir das versprichst, so will ich Dich's lehren. Du mußt wissen, die heiligen Kirchenvater halten dafür, daß, wer selig werden will, folgende Buße thun muß. Aber verstehe mich recht; ich sage nicht, daß Du nach der Buße nicht eben sowohl, wie jetzt, ein Sünder sein werdest; sondern es wird ge- schehn, daß die Sünden, die Du bis zur Zeit der Buße schon begangen hast, alle abgewaschen und Dir wegen dieser vergeben werden; die Sünden aber, die Du nachher begehst, werden Dir nicht zur Verdammung angerechnet, sondern mit dem Weihwasser abgewaschen werden, wie das jetzt bei den erlaßlichen Sünden der Fall ist. Vor allen Dingen also mußt Du mit größter Gewissenhaftigkeit Deine Sünden beichten und damit nimmt diese Buße ihren Anfang. Dann mußt Du strenge zu fasten und große Enthaltsamkeit zu üben beginnen und das vierzig Tage lang, und in der Zeit nicht ein Mal Deine eigene Frau, geschweige denn ein fremdes Weib anrühren. Außerdem mußt Du Dir in Deinem Hause einen Ort suchen, wo Du Nachts den Himmel sehn kannst: da mußt Du denn um die Zeit des Abendgebetes hingehn und dort ein großes Brett in Bereitschaft halten, das so eingerichtet ist, daß Du aufrecht stehend Dich mit dem Rücken daran anlehnen kannst. Dann stellst Du Dich mit den Füßen auf den Boden, streckst die Arme wie ein Gekreuzigter nach beiden Seiten aus, wobei Du Dich, wenn Du sonst willst, an ein paar Pflöckchen anhalten kannst, und verharrst in dieser Stellung bis zur Frühmesse. Verstandest Du lateinisch, so müßtest Du inzwischen eine Anzahl Gebete hersagen, die ich Dir auch gerne geben würde; da Du dies nun aber nicht kannst, so mußt Du dreihundert Paternoster und dreihundert Avemaria zu Ehren der Dreieinigkeit hersagen, dabei den Himmel ansehen und immer 262 Dritter Tag. Vierte Geschichte. in Gedanken haben, daß Gott Himmel und Erde geschaffen hat, und wahrend Du in derselben Stellung verweilst, wie Christus am Kreuze, Dich immer an sein Leiden erinnern. Sobald es dann zur Frühmesse lautet, kannst Du, wenn Du Lust hast, angezogen wie Du bist, Dich aufs Bett werfen und ein wenig schlafen, vor Tische aber mußt Du noch in die Kirche gehn und wenigstens drei Messen hören, fünfzig Paternoster und eben so viel Avemaria sagen. Dann kannst Du, wenn dergleichen Vorkommen, mit gehöriger Ehrbarkeit Deine Geschäfte verrichten und zu Mittag essen; zur Vesper aber mußt Du wieder in der Kirche sein und gewisse Gebete, die ich Dir aufschreiben werde, Herfagen, denn ohne die geht es nun ein Mal nicht, und mit der Nacht kehrst Du wieder an Deinen Platz zurück. Thust Du dies Alles, wie ich es denn schon gethan habe, und thust Du's mit gehöriger Andacht, so hoffe ich, Du wirst, noch bevor Du ans Ende dieser Buße gelangst, wunderbare Dinge von der ewigen Seligkeit verspüren." Bruder Puccio sagte daraus: „Nun das ist gar so schwer nicht und dauert auch gar nicht so lange; das muß sich recht gut thun lassen, und so will ich denn in Gottes Namen nächsten Sonntag anfangen." Darauf verließ er den Mönch, ging nach Hause und sagte, wie jener ihm erlaubt hatte, der Frau sein ganzes Vorhaben. Diese errieth aus dem unbeweglichen Stillestehen bis an den Morgen, auf das beste, was der Mönch eigentlich beabsichtige, und erwiderte deshalb, dieser Weg scheine ihr besonders gut zu sein, auch sei sie hiermit, so wie mit allem Andern, was er zum Heil seiner Seele thate, völlig zufrieden und wolle, damit Gott seine Buße ihm gedeihen lasse, zur Gesellschaft mitfasten, die andern Uebungen aber nickst mit übernehmen. Wie sie nun hierüber sich geeinigt hatten und der Sonntag herangekommen war, sing Bruder Puccio seine Buße an; der Herr Pater aber besuchte die Frau zu Stunden, wo man Bruder Puccio. 263 ihn nicht sehen konnte und aß meistens mit ihr zu Abend von den guten Speisen und Getränken, die er jedesmal mitbrachte. Dann ging er mit ihr zu Bette und stand erst um die Zeit der Frühmesse auf, wenn Bruder Puccio sich schlafen legte. Der Ort, den Bruder Puccio zu" seinen Bußübungen erwählt hatte, war neben der Kammer, in der die Frau schlief, und von dieser durch nichts als eine dünne Wand getrennt. Als daher der Pater ein Mal mit der Frau und sie mit ihm gar zu unbändig schäkerte, kam es dem Bruder Puccio so vor, als höre er die Dielen einigermaßen knacken, weshalb er nach dem ersten Hundert seiner Paternoster innehielt und, ohne sich zu bewegen, die Frau fragte, was sie denn treibe. Die Frau, die zu Späßen sehr aufgelegt war und vielleicht eben den Gaul des heiligen Benedict oder Johann Gualbertus -reiten mochte, antwortete: „Mann, ich sage Euch, ich rühre mich aus Leibeskräften." Bruder Puccio sagte daraus: „Wie rührst Du Dich denn? Wozu st>ll denn das Rühren?" Die Frau erwiderte lachend und vergnügt, denn sie war ein verwegenes Weib und mochte auch eben Grund zum Lachen haben: „Nun, wißt Ihr denn nicht, was das sagen will? Hab ich doch tausend Mal von Euch gehört: Wer fastet und wen Hunger plagt, rührt sich im Bett die ganze Nacht." Bruder Puccio glaubte nun, das Fasten sei Schuld, daß seine Frau nicht schlafe und sich deshalb im Bette herumwälze, und sagte zu ihr ganz treuherzig: „Frau, ich habe Dir's gleich gesagt, Du solltest nicht fasten, aber weil Du's nun ein Mal so gewollt hast, so denke nicht weiter dran und sieh, daß Du schläfst. Du wirthschaftest ja in dem Bette, daß die ganze Stube schüttert." Darauf sagte die Frau: „Kümmert Euch doch darum nicht; ich weiß allein, wie ich mich zu benehmen habe. Thut Ihr nur Eure Schuldigkeit, ich werde mich schon angreifen und mein Möglichstes thun." Und so war denn Bruder Puccio stille und nahm seine Paternoster > ; i 264 Dritter Tag. Vierte Geschichte. wieder zur Hand; die Frau aber und der Herr Pater ließen sich von dieser Nacht an in einer andern Gegend des Hauses ein Bett machen und schliefen darin, so lange Bruder Puccio's Bußzeit dauerte, mit großem gegenseitigen Ergötzen bis zum Morgen, wo dann der Mönch nach Hause ging, die Frau sich aber in ihr Bett legte, um dort Bruder Puccio, wenn er von seiner Buße käme, zu erwarten. Wahrend dieser nun auf solche Weise seine Bußübungen, die Frau aber und der Mönch ihr Vergnügen fortsetzten, sagte sie wohl öfter im Scherze zu dem Letzten: „Du laßt Bruder Puccio Buße thun und dadurch sind wir ins Paradies gekommen." Uebrigens gab ihr der Mönch alle Ursache zur Zufriedenheit, sodaß sie sich an sein Futter gewöhnte und, weil der Mann so lange sie hatte fasten lassen, auch als seine Buße zu Ende ging, sich die Gelegenheit suchte, anderwärts mit dem Mönche sich satt zu essen, und lange Zeit vorsichtig mit ihm sich zu ergötzen wußte. So geschah es denn, damit die letzten Worte der Geschichte sich von den ersten nicht entfernen, daß Bruder Puccio, während er durch seine Buße sich ins Paradies zu bringen meinte, zwei Andre hineinbrachte: den Mönch, der ihm den nächsten Weg dahin gezeigt hatte, und die Frau, die großen Mangel an Dem litt, womit der Herr Pater sie nun aus christlicher Liebe reichlich versorgte." Zima und seine Dame. 265 Fünfte Geschichte. Zinm schenkt Herrn Francesco Vergeltest ein schönes Pferd und erhält dafür die Erlaubnis, mit seiner Frau reden zu dürfen; als diese schweigt, antwortet er selbst in ihrem Namen und dann erfolgt auch Alles seinen Antworten gemäß. Aamphilus hatte nicht ohne Lächeln der Damen die Geschichte des Bruder Puccio vollendet, als die Königin gebieterisch Elisen fortzufahren hieß. Sie begann in der spöttischen Weife, die nicht sowol in ihrem eigenen Wesen, als in alter Gewohnheit lag, folgendermaßen: „Viele, die viel wissen, denken, andere Leute feiern ganz unwissend, und sehen sich dann manchmal, wahrend sie Andre anzuführen denken, dem Erfolge nach selber angeführt. Darum halte ich es denn für eine große Thorheit, wenn man ohne Noth sich darauf einlaßt, die Starke des fremden Verstandes auf die Probe zu stellen. Weil aber vielleicht nicht ein Jeder meiner Meinung sein dürfte, so will ich, die für unsere Geschichten festgesetzte Ordnung befolgend, Euch erzählen, was einem Pistojeser Edelmann begegnet ist. Zu Pistoja war in der Familie der Vergessest ein Edelmann, Namens Francesco, der bei großem Reichthum, bei vieler Erfahrung und Hellem Verstände über die Maßen geizig war. Als dieser nun in Mailand zum Podesta erwählt war, hatte er sich mit Allem, was er dazu bedurfte, anständig versehen; nur fehlte es ihm noch an einem Pferde, das gut genug für ihn gewesen wäre, und als er immer keines finden konnte, war er darüber in einiger Dekameron. I. 12 266 Dritter Tag. Fünfte Geschichte. Verlegenheit. Nun lebte damals in Pistoja ein Jüngling, Namens Ricciardo, der zwar von geringer Familie, aber äußerst reich war und so geschmückt und sorgfältig gekleidet ging, daß man ihn allgemein nur den Stutzer (Zima) nannte. Dieser hatte seit langer Zeit die Frau des Herrn Francesco, die von großer Schönheit und Tugend war, geliebt und ihr ohne Erfolg den Hof gemacht. Zima aber hatte eines der schönsten Pferde in Toscana, das er auch seiner Schönheit wegen sehr werth hielt, und da es offenkundig war, daß er sich um die Frau des Herrn Francesco bemühte, rieth irgend ein guter Freund dem letzten, er möge den Zima um sein Pferd ansprechen und gewiß werde dieser es ihm aus Liebe zur Frau schenken. Herr Francesco ließ sich vom Geize verleiten, den Zima zu sich rufen zu lassen, und bat ihn alsdann, das Pferd ihm zu verkaufen, in der Hoffnung, Zima werde es ihm zum Geschenke anbieten. Als Zima den Antrag hörte, freute er sich und sagte zu dem Edelmann: „Herr, schenktet Ihr mir Euer ganzes Vermögen, so wäre mir mein Pferd darum nicht verkäuflich. Wenn Jhr's aber zum Geschenke von mir annehmen wollt, so könnt Jhr's haben; doch unter der Bedingung, daß ich, ehe Ihr das Pferd erhaltet, mit Eurer Erlaubniß und in Eurer Gegenwart mit Eurer Frau (so weit jedoch von Jedermann entfernt, daß Niemand außer Ihr selbst mich hören kann) einige Worte reden darf." Der Edelmann antwortete, vom Geize bestochen und in der Hoffnung, jenen anzuführen, er sei es zufrieden und Zima möge reden, so viel er wolle. Und so ließ er ihn im großen Saale seines Palastes, und suchte seine Frau in ihrem Zimmer auf. Hier erzählte er ihr, wie wohlfeil er zu Zima's Pferde gelangen könne, hieß sie mit ihm kommen, um Zima anzuhören, befahl ihr aber auch, sich wohl zu hüten, auf was immer Zima sagen möchte, wenig oder viel zu antworten. Die Frau misbilligte diesen Handel sehr; da sie aber einmal Zima und seine Dame. 267 den Wünschen ihres Mannes folgen mußte, fand sie sich endlich bereit und folgte ihm in den Saal, um zu hören, was Zima ihr zu sagen hatte. Als dieser den Vertrag mit dem Edelmann noch ein Mal richtig gemacht hatte, setzte er sich mit der Dame, fern von den Leuten, an das eine Ende des Saales und sagte: „Verehrte Dame, unzweifelhaft scheint es mir, daß Ihr in Eurer Einsicht schon seit langer Zeit im Stande gewesen seid, zur Genüge zu bemerken, wie so große Liebe für Euch Eure Schönheit, die unfehlbar jede andere, die ich in meinem Leben gesehen habe, um Vieles übertrifft, in mir entzündet hat. Dabei erwähne ich noch nicht einmal Eure untadlichen Sitten und so viele besondere Vorzüge, die Ihr in solchem Maße besitzt, daß der hochgesinnteste Mann nicht im Stande wäre, ihnen zu widerstehen. Und so ist es denn unnöthig, daß ich Euch mit Worten erkläre, wie diese meine Liebe die größeste und glühendste ist, die je ein Mann für seine Dame empfunden hat. Auf gleiche Weise werde ich aber auch gewiß so lange fortfahren, Euch zu lieben, als mein armes Leben diese Glieder noch aufrecht erhalten wird; ja, wenn man auch jenseits so wie hier liebt, so werde ich auch in der Ewigkeit Euch ebenso lieben. Darum könnt Ihr Euch denn überzeugt.halten, daß Ihr nichts besitzt, sei es Euch theuer, oder von Euch gering geschätzt, das Ihr so Euer eigen nennen und auf das Ihr unter allen Umstanden so zählen könntet, als auf mich (wie gering auch mein Werth sein möge) und auf Alles, was mir gehört. Um Euch einen klaren Beweis davon zu geben, versichere ich Euch, daß ich es für eine größere Gnade halten würde, wenn Ihr mir in Etwas, das ich zu thun im Stande wäre, und das Euch gefiele, Eure Befehle ertheilen wolltet, als wenn die ganze Welt meinen Geboten unweigerlich gehorchte. Bin ich nun so sehr Euer eigen, wie Ihr es hört, so darf ich nicht ohne Ursache meine Bitten zu Eurer Hoheit erheben, da Ihr allein und nichts außer Euch, im 12 * 268 Dritter Tag. Fünfte Geschichte. Stande seid, meinen Frieden, mein Glück und mein Heil mir zu verleihen. Und so bitte ich denn, als Euer demü- thigster Diener, Euch, mein theures Kleinod, einzige Hoffnung meiner Seele, (die im Feuer der Liebe nur durch Hoffen sich noch erhalt) daß Ihr mir gewogen sein und die Harte, die Ihr bisher mir bewiesen habt, erweichen möget, (denn ich gehöre ja nur Euch zu) auf daß ich, von Eurem Mitleiden erquickt, sagen könne, Eure Schönheit habe mich zwar in Liebe entzündet, dann aber auch das Leben mir wiedergegebcn; ein Leben, das ohnfehlbar verlöschen wird, wenn Euer stolzer Sinn meinen Bitten nicht nachgibt, und als dessen Mörderin Ihr dann nach meinem Tode erscheinen werdet. Gereichte mein Tod aber auch nicht, wie er es thut, Euch zu geringer Ehre, so glaube ich doch, Euer Gewissen würde Euch zu Zeiten Vorwürfe machen; Ihr würdet bedauern, so hart gewesen zu sein und wol ein Mal in freundlicherer Gesinnung sagen: wie übel that ich doch, mit meinem Zima kein Mitleid gehabt zu haben. Dann aber würde Eure Reue zu nichts führen und Euch nur um so mehr betrüben. So laßt denn, damit Eure Reue nicht zu spät komme, sie im Voraus Euch zum Erbarmen bewegen, wahrend Ihr mir noch Hülfe gewahren könnt; denn bei Euch allein steht es, mich zum fröhlichsten und zum betrübtesten Menschen auf der Welt zu machen. Ich hoffe, Eure Huld wird groß genug sein, um es nicht zuzulassen, daß ich als Lohn für so heiße und so lange Liebe den Tod empfange; vielmehr werdet Ihr mit freundlicher und liebevoller Antwort meine Lebensgeister beruhigen, die ganz erschrocken sind und bei Eurem Anblicke zittern." Hierauf schwieg Zima und während er auf eine Antwort der edlen Dame wartete, folg en seinen tiefen Seufzern einige Thränen, die von den Augen niederflossen. So wenig sie nun seine langen Bemühungen, seine Waf- fcnspiele, die Ständchen und die vielen andern Dinge, die Zima ihr zu Liebe unternommen, zu bewegen vermocht Zima und seine Dame. 269 hatten, so ergriffen sie doch diese liebevollen Worte, die der leidenschaftliche Liebhaber zu ihr sprach, und sie begann zu fühlen, was sie nie zuvor gefühlt hatte, was nämlich die Liebe sei. Ob sie nun gleich, um den Befehlen ihres Mannes Folge zu leisten, schwieg, konnten nichts desto weniger ihre verstohlenen Seufzer nicht verbergen, was sie gern in Worten dem Zima offenbart haben würde. Als Zima der Antwort einige Zeit gewartet hatte und immer noch keine erfolgte, wunderte er sich; dann aber begann er die List zu errathen, deren sich der Edelmann gegen ihn bedient hatte. Wie er nun ferner seiner Dame ins Gesicht schaute und ihre Augen mehr als einmal bei seinem Anblick liebevoll erglänzen sah, auch der Seufzer achtete, die sie nur mit gedampfter Kraft aus ihrer Brust emporsteigen ließ, faßte er wieder einige Hoffnung und entschloß sich mit deren Hülfe zu einem andern Versuche. Er sing nämlich Namens der Dame und während sie selbst ihm zuhörte, sich in folgenden Worten zu antworten an: „Mein Zima, wahrlich schon seit llanger Zeit bin ich inne geworden, Deine Liebe zu mir sei sehr feurig und edler Art; nun erkenne ich es in Deinen Worten in noch höherem Maße und freue mich dessen, wie cs Recht ist. Bin ich Dir übrigens bisher hart und grausam erschienen, so wünsche ich nicht, daß Du glaubest, ich sei im Herzen eben so gesinnt gewesen, als ich im Gesichte mich bezeigt habe. Ich habe Dich vielmehr immer vor allen andern Männern geliebt und werthgehalten, mußte mich aber aus Furcht vor jemand Anderm und aus Vesorgniß für meinen Ruf benehmen, wie ich es that. Jetzt aber kommt die Zeit, wo ich Dir deutlich werde zeigen können, ob ich Dich liebe, und wie ich für die Liebe, die Du zu mir gefühlt hast und noch fühlest, Dich zu belohnen im Stande bin. So freue Dich denn und sei guter Hoffnung; denn Herr Francesco ist, wie Du weißt, im Begriff, in wenig Tagen als Podesta nach Mailand zu gehn, wozu Du ihm ja selber mir zu Liebe Dein schönes Pferd geschenkt 270 Dritter Tag. Fünfte Geschichte. hast. Sobald er abgereist sein wird, verspreche ich Dir unfehlbar bei meiner Ehre und bei der warmen Liebe, die ich für Dich empfinde, daß Du in wenig Tagen mit mir allein sein sollst und daß wir alsdann unsere Liebe zu völligem und ergötzlichem Ziele führen wollen. Und damit ich nicht nöthig habe, noch ein anderes Mal dieser Sache wegen Dich zu beschicken, so sage ich Dir jetzt, sobald Du eines Tages zwei ausgebreitete Handtücher am Fenster meiner Schlafstube, die nach dem Garten hinausgeht, hangen stehst, so komm den Abend, wenn es dunkel ist, mit großer Vorsicht, ja von Niemand gesehen zu werden, durch die Gartenthür zu mir herauf. Dann sollst Du mich finden; ich werde Deiner schon warten und wir werden Beide die ganze Nacht über Freude und Vergnügen an einander haben, wie wir es nur wünschen." Als Zima im Namen der Dame also gesprochen hatte, sing er wieder an, für sich zu reden und antwortete: „Vielgeliebte Dame, das unendliche Entzücken über Eure gute Antwort hat alle meine Kräfte so besangen, daß ich kaum vermag, zum schuldigen Dank, den ich Euch sagen möchte, die Worte zu finden. Könnte ich aber reden, wie ich es wünschte, so ist keine Frist weit genug, um den vollen Ausdruck des Dankes, meinem Gefühl und meiner Pflicht entsprechend, in sich zu fassen. So muß ich es nun Eurem verständigen Ermessen überlassen, Das zu erkennen, was ich trotz meiner Wünsche in Worten nicht zu sagen vermag. Nur das erwidre ich Euch: wie Ihr mir anbefohlen habt, so denke ich unfehlbar zu thun, und wenn ich dann vielleicht mehr beruhigt bin, werde ich mir Mühe geben, für das unaussprechliche Geschenk, das Ihr mir gewährt habt, Euch nach Kräften so sehr zu danken, als ich nur immer weiß. Nun habe ich für jetzt nichts weiter zu sagen und darum, meine geliebteste Dame, gebe Gott Euch die schönste Freude und das beste Glück, die Ihr Euch nur wünscht, und lebet wohl." Zu alle Dem sagte die Dame kein Wort; weshalb Zima und seine Dame- 271 Zima nun aufstand und zu dem Edelmanne zurückkehrte. Als dieser die Sitzung aufgehoben sah, ging er ihm entgegen und sagte lachend: „Nun was meinst Du, Hab' ich mein Versprechen gut gehalten?" „Nein, Herr," antwortete Zima, „Ihr verspracht mir, mich mit Eurer Frau reden zu lassen und ich habe zu einer Marmor-Statue sprechen müssen." Diese Rede war dem Edelmann äußerst willkommen; denn, wie gut auch seine Meinung von der Frau gewesen war, so wurde sie doch hierdurch noch vermehrt. „Genug," sagte er, „das Pferd gehört nun mir, das bisher Dein war," worauf Zima antwortete: „Freilich, Herr; hatte ich aber gedacht, daß die Gunst, die Ihr mir gestattet habt, solche Früchte tragen würde, wie sie es gethan hat, so hatte ich, ohne sie mir erst zu erbitten, Euch lieber gleich das Pferd geschenkt. Wollte nun Gott, ich hätte so gehandelt; denn jetzt habt Ihr den Gaul gekauft, ich habe ihn aber nicht verkauft." Der Edelmann lachte darüber und reiste nun, da er ein Pferd hatte, wenige Tage später ab und ging.nach Mailand, Po- destä zu werden. Als die Dame nun im Hause ihre eigene Herrin war, sagte sie wol, wenn sie an die Worte des Zima, an seine große Liebe zu ihr und an das Pferd dachte, das er um ihretwillen weggeschenkt hatte, und wenn sie ihn dann wieder so oft vor ihrem Hause vorübergchen sah, bei sich selber: „Was thue ich? Warum verliere ich meine Jugendzeit? Der ist nach Mailand gegangen und kommt die nächsten sechs Monate nicht wieder. Wann wird er sie mir je ersetzen? Etwa wenn ich alt bin? Und überdies, werde ich wol irgend einen Verehrer, wie Zima, finden? Ich bin allein und brauche mich vor Niemand zu fürchten. Ich weiß nicht, warum ich die guten Tage, die ich mir machen kann, mir soll entgehen lassen. Ich werde nicht immer die Freiheit haben, die ich jetzt habe. Niemand wird etwas davon erfahren, und käme es am Ende !l 272 Dritter Tag. Sechste Geschichte. doch heraus, so ist es immer besser, Genossenes zu bereuen, als zu bereuen, daß man nichts genossen hat." Als sie nun mit sich selber sich berathen hatte, hangte sie eines Tages, wie Zima es gesagt hatte, zwei Handtücher zum Gartensester hinaus. Zima, hocherfreut, als er sie sah, ging, sobald die Nacht angebrochen war, heimlich und allein zur Thür des Gartens seiner Dame. Er fand sie offen und als er schnell hindurchgegangen war, erwartete die Edeldame ihn schon an der Hausthüre. Wie sie ihn kommen sah, ging sie ihm entgegen und empfing ihn mit dem Ausdruck der größten Freude; er aber folgte ihr unter hunderttausend Umarmungen und Küssen die Treppe hinauf. Hier gingen sie, ohne ferner zu zögern, zu Bette und eilten das letzte Ziel der Liebe zu erreichen. Dies Mal war aber nicht, wie es das erste gewesen war, das letzte; denn so lange der Edelmann in Mailand war und auch nach seiner Rückkehr, besuchte Zima zu großem Vergnügen beider Theile seine Dame noch vielmals." Sechste Geschichte. Ricciardo Minutolo liebt die Frau des Filippello Fighinolfi. Er erfährt, daß sie eifersüchtig sei, und bringt es dahin, daß sie, weil er ihr »orspiegelt, Filippello werde am andern Tage mit seiner Frau in einem Bade zusammenkommen, dorthin geht, und während sie der Meinung ist, mit ihrem Manne zusammenzusein, findet sich es, daß sie dem Ricciardo sich hingegeben hat. Elise hatte nichts mehr zu sagen, als die Königin, nachdem sie die Schlauheit des Zima gelobt hatte, der Fiam- metta mit einer andern Geschichte fortzufahren gebot. Mit Ricciardo Minutolo und Eatella. 273 freundlichem Lächeln erwiderte diese: „Gern, Madonna," und begann: „Wir wollen uns ein wenig von unserer Stadt entfernen, die, wie an allen andern Dingen, so auch an Beispielen jeder Art reich ist, und, wie schon Elise es gethan hat, mit den Geschichten, die in der übrigen Welt sich zugetragen haben, uns etwas beschäftigen. So will ich mich denn nach Neapel versetzen und Euch erzählen, wie eine von den Betschwestern, die so spröde gegen die Liebe thun, durch die Schlauheit ihres Liebhabers dahin gebracht ward, eher die Früchte der Liebe zu kosten, als sie ihre Blüthen erkannt hatte. Diese Geschichte wird Euch zugleich für mögliche zukünftige Fälle vorsichtig machen und in Betreff der vergangenen Euch ergötzen. In der uralten Stadt Neapel, die wol eben so an- muthig oder anmuthiger als irgend eine andere in Italien ist, lebte einst ein junger Mann, dem seine edle Abkunft Ansehen und seine großen Reichthümer Glanz gewährten, Namens Ricciardo Minutolo. Obgleich dieser nun selbst eine sehr schöne und liebenswürdige junge Frau hatte, verliebte er sich doch in eine Andere, die nach allgemeinem Dafürhalten an Schönheit alle Neapolitanerinnen um Vieles übertraf. Sie hieß Eatella, war äußerst sittsam und mit einem jungen Manne vermählt, der Filippello Fighi- nolsi hieß, ebenfalls von Adel war und sie über Alles liebte und werth hielt. Ricciardo Minutolo, der in seiner Liebe zur Eatella alles Mögliche that, wodurch man im Stande zu sein pflegt, die Neigung einer Dame zu erwerben, und doch Nichts erlangen konnte, das seinen Wünschen entsprochen hätte, war der Verzweiflung nahe und wußte, da ihm Geschick oder Kraft, von dieser Liebe sich loszumachen, fehlten, weder zu sterben, noch freute es ihn zu leben. Während er nun in dieser Stimmung sich befand, geschah es, daß einige Frauen, die mit ihm verwandt waren, ihn nachdrücklich ermahnten, er möge diese Liebe aufgeben; seine Mühe sei doch umsonst, denn nichts auf der 274 Dritter Tag. Sechste Geschichte. Welt sei der Catella außer dem Filippello werth, den sie so eifersüchtig liebe, daß sie von dem Vogel in der Luft fürchte, er möge ihn ihr entreißen. Kaum hatte Ricciardo von Catella's Eifersucht gehört, so faßte er in Betreff seiner Wünsche sogleich einen neuen Entschluß. Er begann sich nämlich zu stellen, als gebe er die Liebe zur Catella nun auf und als habe er sein Herz statt dessen einer andern Edeldame geschenkt, der zu Ehren er denn auch Waffenübungen und Turniere und alles Andre, was er sonst zu Ehren der Catella gethan hatte, anstellte. Er hatte auch nicht lange dergleichen gethan, als bereits ganz Neapel, und Catella ebenfalls, der Meinung war, daß er nicht mehr diese, sondern jene andere Dame auf das feurigste liebte. In diesem Benehmen verharrte er so lange, bis diese Meinung von Allen für unfehlbar gehalten wurde, und Andrer zu geschweige», ließ Catella selbst von einer gewissen Sprödigkeit, die sie wegen der Liebe, die er ihr zu bezeigen pflegte, angenommen hatte, nach und grüßte ihn als ihren Nachbarn, wie sie Andere grüßte, freundlich, wenn sie ging oder kam. Nun geschah es, daß während der großen Hitze viele Gesellschaften von Rittern und von Damen nach neapolitanischer Sitte an dem Meeresufer spazierten, um sich dort zu ergötzen und Mittag oder Abendbrot zu genießen. Sobald Ricciardo wußte, Catella sei mit ihrer Gesellschaft dorthin gegangen, ging er mit einigen seiner Bekannten an denselben Ort. Hier wurde er nun zur weiblichen Gesellschaft der Catella eingeladen-, doch nahm er die Aufforderung erst an, nachdem er sich lange hatte bitten lassen, wie wenn er keine besondere Lust hätte, dortzubleiben. Bald singen die Damen und unter ihnen namentlich auch Catella, an, wegen seiner neuen Liebe ihn aufzuziehn; er aber stellte sich gar sehr entflammt und gab ihnen dadurch nur neuen Anlaß zu spaßen. Als man indessen weiter spazierte, verlor sich, wie es an jenem Ufer Ricciardo Minutolo und Catella. 275i zu geschehen pflegt, die eine Dame dahin und die andre dorthin. Wie zuletzt Ricciardo sich bis auf wenige Andre mit Catella allein sah, ließ er gegen sie ein Wort von einer gewissen Liebschaft ihres Mannes Filippello fallen, das sogleich ihre Eifersucht erweckte und sie vor Begierde, zu hören, was Ricciardo ihr zu sagen hatte, innerlich ganz entbrennen ließ. Eine Zeitlang suchte sie sich zu halten, endlich aber vermochte sie es nicht mehr, und beschwor den Ricciardo bei seiner Liebe zu der Dame, die ihm am theuersten sei, sie über Das, was er vom Filippello gesagt habe, gefällig aufzuklaren. Jener antwortete: „Ihr habt mich bei etwas so Wer- them beschworen, daß ich Euch nicht zu verweigern weiß, was Ihr von mir fordert. Und so bin ich denn bereit, Euch Auskunft zu geben, wenn Ihr mir anders zuvor versprechet, daß Ihr weder gegen Euren Mann, noch gegen sonst Jemand ein Wort darüber sagen wollt, bevor Ihr Euch nicht durch die That überzeugt haben werdet, was ich Euch erzählen werde, sei wahr; und begehrt Ihres, so will ich Euch zum Letzten Gelegenheit geben." Der Dame gefiel die Forderung des Ricciardo, um derentwillen sie seine Reden für desto wahrer hielt, und sie schwor ihm, niemals davon zu reden. Nachdem sie nun, um von Andern nicht gehört zu werden, auf die Seite gegangen waren, begann Ricciardo also zu sprechen: „Madonna, liebte ich Euch noch, so wie ich einst Euch geliebt habe, so hatte ich nicht den Muth, Euch Etwas zu sagen, wovon ich glaubte, es werde Euch zum Verdrusse gereichen. Nun aber, da jene meine Liebe vorüber ist, werde ich weniger ängstlich sein, Euch in Allem die Wahrheit zu eröffnen. Ich weiß nicht, ob den Filippello jemals die Liebe, die ich für Euch empfand, verdrossen haben mag, oder ob er sich eingebildet hat, ich sei irgend einmal von Euch geliebt worden; wie dem auch sein mag, gegen mich selbst hat er sich nie etwas der Art merken lassen. Jetzt aber vielleicht, nachdem er so 276 Dritter Tag. Sechste Geschichte. lange gewartet hat, bis er glauben mochte, ich werde am ersten unbesorgt sein, laßt er deutlich die Absicht blicken, mir Das anzuthun, was, wie ich kaum zweifle, er voraussetzt, ich habe es ihm gethan, meine Frau nämlich zu seinem Willen zu haben. Meinen Nachrichten zufolge hat er seit nicht gar langer Zeit sie ganz insgeheim häufig mit Anträgen beschickt. Ich habe sie alle sogleich erfahren, und sie hat ihm Alles geantwortet, was ich selbst ihr ausgetragen hatte. Diesen Morgen erst, ehe ich hierherkam, fand ich zu Hause ein Weib heimlich mit meiner Frau reden und dachte mir gleich, sie müsse sein, was sie hernach wirklich war. Darum rief ich denn meine Frau und fragte sie, was jene haben wolle. „Es ist wieder, das Geplage von dem Filippello, den Du mir mit Deinem Antwortmachen und Hoffnunggeben auf den Hals geladen hast, und nun sagt er, er will durchaus wissen, was ich zu thun denke; wenn ich wolle, könne er es einrichten, daß ich heimlich mit ihm in einem hiesigen Bade zusammen- komms, und darum bittet er mich nun gar sehr. Hättest Du mich aber nicht, Gott weiß warum, gezwungen, auf diesen Handel mich einzulassen, so hätte ich ihn mir schon auf eine Weise vom Halse geschafft, daß er nie wieder nach mir hätte Hinsehen sollen." Das schien mir denn doch etwas zu weit zu gehn und sich nicht mehr dulden zu lassen, weshalb ich auch beschloß, es Euch zu sagen, damit Ihr erführet, wie Eure aufrichtige Treue, um derentwillen ich einst dem Tode nahe war, belohnt wird. Damit Ihr aber nickt etwa glauben möchtet, das seien nur Worte und Fabeln, sondern im Stande wäret, im Falle Zhr dazu Lust bekämet, die Wahrheit offenbar zu sehen und mit Händen zu greifen, hieß ich meine Frau, der Botin, die auf sie wartete, zur Antwort ertheilen, sie wäre bereit, morgen Nachmittag, wenn die Leute schliefen, in das Bad zu kommen, worauf denn diese in größter Zufriedenheit zurückkehrte. Nun denke ich, Ihr werdet wol nicht glauben, ich werde sie hinschicken; wäre ich aber an Eurer Stelle, so würde ich's so einrichten, daß er mich an der Stelle Derjenigen fände, die er dort zu finden glaubt, und wäre ich dann eine Zeitlang mit ihm zusammen gewesen, so würde ich ihm zeigen, wen er umarmt habe, und ihm die Artigkeiten sagen, die ihm gebühren. Thatet Ihr das, dann glaube ich, ^ würde er so sehr sich schämen müssen, daß der Schimpf, den er Euch, und den er mir anthun will, zu gleicher Zeit gerächt sein würden." Als Catella das hörte, glaubte sie auf der Stelle den Worten Ricciardo's, nach Art der Eifersüchtigen unbekümmert um Denjenigen, der es ihr erzählte, und den Betrug, der von ihm zu erwarten war, und war sogleich geschäftig, gewisse kleine Ereignisse, die früher vorgefallen waren, hiermit zusammenzureimen. So antwortete sie denn, von plötzlichem Zorne entflammt, daß sie gewiß so thun werde, daß es ihr gar nicht so viel Ueberwindung koste, so zu thun, und daß, wenn er hinkomme, sie ihn sicher aus eine Weise beschämen wolle, daß es ihm sein Lebelang, so oft er ein Frauenzimmer zu sehen bekäme, wieder einfallen solle. Ricciardo war damit sehr zufrieden, und, überzeugt, sein Plan sei gut und finde den besten Fortgang, bestärkte er sie noch mit vielen andern Worten in ihrem Vorhaben und vermehrte dadurch ihren Glauben noch ferner. Zugleich aber bat er sie, niemals zu sagen, daß sie es von ihm erfahren habe, was sie ihm denn auch bei ihrer Ehre versprach. Den folgenden Morgen ging Ricciardo zu dem dienstfertigen Weibe, das die Bäder, die er der Catella genannt hatte, hielt, sagte ihr seine Absicht und bat sie, in dieser Sache ihm so hülfreich als möglich zu sein. Diese Frau, die ihm vielen Dank schuldig war, versicherte es gerne thun zu wollen und verabredete nun mit ihm, was zu thun und zu sagen sei. Nun hatte sie in ihrem Badehause ein sehr dunkles Zimmer, dem es an einem Fenster oder andern Lichtloch gänzlich fehlte. Dieses machte die gute Frau nach der Anweisung des Ricciardo zurecht 278 Dritter Lag. Sechste Geschichte- und stellte ein Bette, so gut sie es austreiben konnte, hinein, in welches Ricciardo, nachdem er gegessen hatte, um die Dame zu erwarten, sich legte. Diese aber war, als sie die Worte Ricciardo's gehört und ihnen mehr Glauben, als sie verdienten, beigemessen hatte, voller Zorn nach Hause zurückgekehrt. Zufällig kam Filippello, gerade an dem Abend gleichfalls mit andern Gedanken beschäftigt, nach Hause und that deshalb vielleicht nicht ganz so freundlich mit ihr, als er sonst zu thun gewohnt war. Wie sie das bemerkte, wurde ihr Verdacht noch um Vieles stärker, als er es schon zuvor gewesen war, und sie sagte bei sich selbst: „Wahrhaftig, Der hat nur das Weib in Gedanken, mit dem er morgen sich Lust und Vergnügen verspricht; daraus soll aber gewiß nichts werden." Mit solchen Gedanken und mit Ueber- legungen, was sie ihm sagen wolle, nachdem sie sich von ihm habe umarmen lassen, beschäftigte sie sich beinahe die ganze Nacht. Um es kurz zu machen, als es drei Uhr war, rief Catella ihre Dienerin und ging, ohne ihren Vorsatz irgend zu ändern, nach dem Bade, das Ricciardo ihr bezeichnet hatte. Hier fand sie jene gute Frau und fragte, ob Filippello an dem Tage schon da gewesen sei. Die Frau, die von Ricciardo unterrichtet worden war, antwortete: „Seid Ihr die Dame, die Herkommen soll, um mit ihm zu reden?" Catella erwiderte: „Ja, die bin ich." „Nun," sagte die gute Frau, „so geht nur zu ihm hinein." Catella, die suchte, was sie lieber nicht gefunden hätte, ließ sich zu der Stube, in der Ricciardo sich befand, führen, trat mit verschleiertem Haupte ein und schloß die Thür hinter sich zu. Als Ricciardo sie kommen sah, stand er freudig auf, nahm sie in seine Arme und sagte leise: „Willkommen, mein liebes Herz." Catella, die sich noch für eine andere, als sie wirklich war, gehalten wissen wollte, umarmte und küßte ihn und erwies ihm die größten Zärtlichkeiten, jedoch ohne ein Wort zu reden; denn sie fürchtete, Ricciardo Minutolo und Catella. 279 wenn sie spräche, von ihm erkannt zu werden. Das Zimmer war äußerst dunkel, womit denn beide Theile sehr zufrieden waren, und selbst durch längeren Aufenthalt gewannen die Augen darin nicht größere Kraft. Ricciardo führte sie zum Bette, und, ohne die Stimme zum Ver- räther werden zu lassen, verweilten sie hier zu größerer Lust und Vergnügen des Einen als wie der Andern, eine geraume Zeit. Als es aber endlich der Catella Zeit zu sein schien, ihren gefaßten Groll loszulassen, fing sie, von glühendem Zorne entbrannt, also zu reden an: „Ach, wie elend ist doch das Geschick der Frauen, und mit welchem Unrecht wenden Viele ihre Liebe ihren Männern zu. Ich Unglückliche, acht Jahre find es nun, seit ich Dich mehr als mein Leben liebe, und Du Bösewicht, Du schändlicher Mensch, Du glühest und verzehrest Dich nun, wie ich eben erfahren habe, in der Liebe zu einem fremden Frauenzimmer. Wen denkst Du denn umarmt zu haben? Die hast Du umarmt, die Du schon seit lange mit falschen Schmeichelreden und erheuchelter Liebe betrogen hast, während Du eine Andere liebtest. Ich bin Catella, Du ruchloser Verräther, und nicht Ricciardo's Frau. Ich bin es ganz gewiß, und Du wirst mich an der Stimme wohl erkennen. Ich kann es aber nicht abwarten, daß wir im Hellen sind, um Dich geilen, räudigen Hund zu beschämen, wie Du es verdienst. Ach, ich unglückliches Weib, wem habe ich nun so viele Jahre lang so treue Liebe bewahrt? Diesem ruchlosen Hunde, der mir jetzt, da er ein fremdes Frauenzimmer zu umarmen dachte, in den wenigen Augenblicken, die ich mit ihm zusammen war, mehr Liebkosungen und Schmeicheleien angethan hat, als während der ganzen Zeit, daß ich seine Frau bin. Ja, Du abtrünniger Hund, heute hast Du Dich angreifen können, und zu Hause bist Du gewohnt, Dich so schwächlich, so matt und unbrauchbar zu stellen. Aber Gottlob, Du hast nicht fremden Acker, wie Du dachtest, sondern 280 Dritter Tag. Sechste Geschichte. Deinen eignen gepflügt. Nun wundere ich mich nicht, daß Du mich diese Nacht nicht anrührtest; Du dachtest Deine Ladung anderwärts abzusetzen und wolltest gern als ein wackerer Ritter ins Feld rücken. Aber, Gott und meiner Klugheit sei es Dank, diesmal ist der Fluß noch in seinem rechten Bette geblieben. Nun, was antwortest Du nicht, Du schändlicher Mensch? Warum bringst Du keine Sylbe vor? Bist Du stumm geworden bei meinen Worten? Wahrhaftig, ich weiß nicht, was mich abhält, Dir mit den Nägeln ins Gesicht zu fahren und Dir die Augen auszureißen. Du dachtest mir diesen Streich gar heimlich zu spielen, aber, bei Gott, was Einer weiß, erfährt der Andere, und so ist Dir's nicht gelungen. Ich hatte bessere Hunde auf Deiner Fährte, als Du Dir denken mochtest." Ricciardo freute sich innerlich über diese Worte und küßte und umarmte sie immerfort, ohne ein Wort zu sagen, und that mit ihr nur noch viel schöner als zuvor. Deshalb fuhr sie in ihrer Rede fort und sagte: „Du denkst wol, mit Deinen erlogenen Liebkosungen mich zu bestechen, Du widerwärtiger Hund; Du denkst mich wol zu beruhigen und wieder gut zu machen? Da irrst Du Dich aber. Nicht eher werde ich Dich mit dieser Geschichte zufrieden lassen, als bis ich öffentlich in Gegenwart aller unsrer Verwandten, Nachbaren und Freunde Dich ausgeschimpft habe. Und bin ich denn etwa nicht eben so schön, als Ricciardo Minutolo's Frau? Bin ich nicht von eben so guter Familie? Warum antwortest Du nicht, Du garstiger Hund? Was hat sie denn vor mir voraus? Weg mit Dir, und unterstehe Dich nicht mehr, mich anzurühren; Du hast Dich heute schon zu sehr angestrengt. Ich weiß nun doch ja nur zu genau, daß Du Dir Gewalt anthun müßtest, wenn Du mit mir was anfangen wolltest, seit Du mich erkannst hast. Aber, so wahr mir Gott helfen soll, ich werde Dich noch nach mir hungern lassen. Ich weiß auch nicht, was mich abhält, mir den Ricciardo Minutolo und Catella. 281 Ricciardo holen zu lassen, der mich mehr als sich selbst geliebt hat und sich nicht hat rühmen können, daß ich ihn ein Mal angesehen hatte. Wahrlich, Niemand würde mich drum tadeln können. Du aber hast gedacht, seine Frau hier zu genießen, und was Dich und Deinen Willen betrifft, so ist es so gut, als "ob es geschehen wäre. Du hattest also gewiß kein Recht, mir was vorzuwerfen, wenn ich mich mit ihm einließe." Auf solche Weise redete die Dame lange und beschwerte sich sehr; endlich aber bedachte Ricciardo, wie großes Nebel daraus entstehen könnte, wenn er sie in dieser Meinung gehen ließe, und so entschloß er sich, ihr sich zu entdecken und sie aus dem Jrrthume, in dem sie sichstefand, zu reißen. Nachdem er sie also wieder in den Arm genommen hatte und so fest umschlungen hielt, daß sie sich nicht losmachen konnte, sagte er: „Zürnt nicht, mein liebes Leben; was ich durch Liebe allein von Euch nicht erlangen konnte, hat Liebe mit List gepaart mich gewinnen lassen; ich bin Euer Ricciardo." Als Catella das hörte und an der Stimme ihn erkannte, wollte sie sogleich aus dem Bette springen, konnte sich aber nicht losmachen. Dann wollte sie schreien, aber Ricciardo verschloß ihr mit der einen Hand den Mund und sagte: „Madonna, es ist nun einmal unmöglich, Das, was geschehen ist, ungeschehen zu machen, wenn Ihr auch Euer ganzes Leben lang schriet. Wollt Ihr aber doch schreien, oder sonst auf irgend eine Weise irgend Jemand mittheilen, was zwischen uns vorgefallen ist, so wird das zwei Folgen haben. Die erste, und sie kann Euch unmöglich gleichgültig sein, ist, daß Eure Ehre und Euer guter Ruf zu Grunde gehen. Denn, wenn Ihr auch immerbin sagt, ich habe Euch durch List hierher gelockt, so behaupte ich, es sei nicht wahr, Ihr seied um Geld und um Geschenke, die ich Euch versprochen habe, hierher gekommen, und Ihr habet diesen Lärm und diesen Zank nur deshalb erhoben, weil Ihr zornig geworden seied, daß 282 Dritter Tag. Sechste Geschichte. ich Euch jene Geschenke nicht in dem Maße gegeben, in dem Ihr sie Euch gedacht habet. Und da Ihr wißt, daß die Leute immer bereiter sind, das Böse als das Gute zu glauben, wird man vielmehr meinen, als Euren Worten vertrauen. Außerdem wird aber zwischen Eurem Mann und mir eine tödtliche Feindschaft daraus entstehen, und es könnte sich leicht treffen, daß ich eben so bald ihn umbrachte, als er mich, was Euch dann wieder weder Freude noch Vortheil gewahren dürfte. Und so bitte ich denn Euch, mein liebes Herz, nicht zugleich Euch selbst zu beschimpfen und Euren Mann und mich in Gefahr und Streit zu bringen. Ihr seid nicht die Erste und werdet auch nicht die Letzte sein, die betrogen wird. Auch habe ich Euch nicht betrogen, um Euch das Eurige zu nehmen, sondern aus übermäßiger Liebe, die ich zu Euch trage und immer als Euer demüthiger Diener zu tragen wünsche. Denn obgleich schon seit gar langer Zeit ich und Alles, was mir gehört und was ich gelte und vermag, Euch zugehört und Eurem Dienste gewidmet ist, so denke ich doch, dies Alles soll von nun an noch vielmehr als je zuvor der Fall sein. Ihr seid in andern Dingen so verständig; gewiß, Ihr werdet es auch hier sein." Eatella weinte, während Ricciardo diese Worte sprach, heftig; so erzürnt sie aber war, und so sehr die Sache sie verdroß, so war sie doch vernünftig genug, den wahren Worten des Ricciardo Raum zu geben und einzusehen, cs könne gar leicht sich so zutragen, wie er ihr voraus sagte. Deshalb erwiderte sie denn: „Ricciardo, ich weiß bei Gott nicht, wie ich es ansangen soll, den Schimpf und den Betrug zu ertragen, die Du mir angethan hast. Hier, wo mich meine Einfalt und übermäßige Eifersucht hergeführt haben, will ich nun nicht weiter Lärm machen; aber davon halte Dich überzeugt, daß ich nicht eher wieder froh werde, als bis ich auf die eine oder andere Weise mich für den Streich, den Du mir gespielt hast, gerächt sehe. Darum laß mich nun endlich los und halte mich Ledaldo Ellsei und Ermellina. 283 nicht mehr. Du hast Deinen Zweck erreicht und mich übel genug zugerichtet. Nun ist es Zeit, daß Du mich laßt, und ich bitte Dich, laß mich los." Ricciardo sah sie in diesen Worten noch sehr gegen sich aufgebracht; er aber hatte sich vorgesetzt, sie nicht eher loszulassen, als bis sie sich zli Gute gegeben hatte. Deshalb sing er wieder mit den besten Worten ihr zuzureden an und sprach und bat so lange und beschwor sie so sehr, daß sie endlich nachgeben und mit ihm Frieden machen mußte. Darauf blieben sie noch, jetzt mit beiderseitigem Willen und großem Vergnügen, eine gute Weile beisammen. Wie nun die Dame bei dieser Gelegenheit sich überzeugte, wie viel wohlschmeckender die Küsse des Geliebten, als die des Gemahls seien, verwandelte sie ihre Harte gegen den Ricciardo in süße Liebe, wandte ihm von diesem Tage an ihr ganzes Herz zu und wußte es mit 'vieler Vorsicht so einzurichten, daß sie noch viele Male ihrer Liebe sich erfreuen konnten. Gott gewähre uns die Freuden der unsrigen." - Siebente Geschichte. Tedaldo verläßt Florenz im Unfrieden mit seiner Geliebten. Nach einiger Zeit kommt er als Pilger gekleidet zurück, spricht mit der Dame, bringt sie zur Erkenntnis ihres Unrechts, befreit ihren Mann vom Tode, der ihm bevorstand, weil ihm bewiesen war, daß er den Tedaldo umgebracht habe, versöhnt ihn dann mit seinen Brüdern und erfreut sich vorsichtig mit seiner Geliebten. (§chon schwieg Fiammetta, und ihre Geschichte ward von Allen gelobt, als die Königin, um keine Zeit zu verlieren, schnell Emilien das Erzählen übertrug, worauf diese also 284 Dritter Lag. Siebente Geschichte. begann: „Mir beliebt es in unsere Stadt, von der meine beiden Vorgängerinnen sich zu entfernen für gut fanden, wieder zurückzukehren und Euch zu berichten, wie einer unserer Mitbürger seine verlorene Geliebte wieder gewonnen hat. Es lebte nämlich in Florenz ein junger Mann von Adel, Namens Tedaldo degli Elisei, der in eine Dame, die Monna Ermellina hieß und einen gewissen Aldobran- dino Palermini zum Manne hatte, über die Maßen verliebt war und durch sein musterhaftes Betragen auch wirklich, wie er es verdient hatte, an das Ziel seiner Wünsche gelangte. Diesen Freuden widersetzte sich indeß das den Glücklichen feindliche Schicksal. Was auch immer der Grund davon sein mochte, die Dame, die zuvor mit ihrer Gunst gegen Tedaldo freigebig gewesen war, weigerte sich durchaus, ihm ferner zu Willen zu sein, und wollte sogar keinerlei Botschaft ferner von ihm anhören oder annehmen. Er verfiel darüber in tiefen und mislaunigen Trübsinn; so sehr aber war seine Liebe verborgen geblieben, daß Niemand die wahre Ursache seiner Traurigkeit erriech. Als er sich nun nach Kräften vielfach bemüht hatte, die Liebe wieder zu gewinnen, die er ohne seine Schuld verloren zu haben glaubte, und alle seine Anstrengungen ohne Erfolg bleiben sah, beschloß er die Welt zu fliehen, um Derjenigen, welche die Schuld seines Unglücks trug, nicht dis Freude zu gewähren, ihn allmälig sich verzehren zu sehen. Zu dem Ende raffte er an Gelds zusammen, was er konnte, und verließ Florenz insgeheim, ohne irgend einem Freunde oder Verwandten, einen Vertrauten ausgenommen, dem er Alles mittheilte, von seinem Vorhaben ein Wort zu sagen. So gelangte er unter dem angenommenen Namen Filippo von Sandoleccio nach Ancona, wo er sich mit einem reichen Kaufmann einigte, sich als Diener bei ihm verdung und auf seinem Schiffe mit ihm nach Cppern fuhr. Sein gutes Betragen und seine einnehmenden Sit- Tedaldo Elisei und Ermcllina. 285 ten gefielen dem Kaufmann so wohl, daß er ihm nicht nur einen bedeutenden Lohn ausfetzte, sondern ihn zu seinem Handlungsgenossen machte und ihm überdies einen großen Theil feiner Geschäfte ganz übergab. Dieser Angelegenheiten nahm sich Tedaldo wieder mit solchem Eifer und so vielem Glücke an, daß er nach wenig Jahren ein geschickter, reicher und berühmter Kaufmann ward. Ob er nun gleich bei seinen neuen Geschäften oftmals an seine grausame Dame zurückdachte und sich noch immer schwer von der Liebe verwundet fühlte, auch sehnsüchtig sie wiederzusehen begehrte, so war er doch standhaft genug, sieben Jahre lang siegreich diesen Kampf zu bestehen. Als es aber eines Tages sich zutrug, daß er in Cypern ein Lied singen hörte, das er früher gedichtet hatte, und in dem die Liebe zu seiner Dame und ihre zu ihm und die Freuden, die sie miteinander genossen, geschildert wurden; da däuchte es ihm unmöglich, daß sie ihn vergessen haben sollte, und er entbrannte in solchem Verlangen, sie wieder zu sehen, daß er es nicht länger ertrugen konnte und sich entschloß,. nach Florenz zurückzukehren. Und so reiste er denn, nachdem er alle seine Angelegenheiten in Ordnung gebracht hatte, mit einem einzigen Diener nach Ancona, von wo aus er seine Sachen sämmtlich nach Florenz an einen Freund seines anconitaner Handelsgenoffen sendete, selbst aber heimlich in der Tracht eines vom heiligen Grabe kehrenden Pilgers mit seinem Diener desselben Weges zog. Wie sie in Florenz angelangt waren, kehrte er in einem kleinen Gasthofe ein, der zwei Brüdern gehörte und ganz nahe an dem Hause seiner Dame war. Nicht eher aber wollte er irgend sonst wohin gehen, bis er nicht vor ihrem Hause gewesen und sie zu sehen versucht hatte. Er fand indeß Thüren und Fenster und Alles verschlossen und besorgte, sie möchte ausgezogen, oder gar gestorben sein. Nachdenklich hierüber wandte er sich nach'der Wohnung seiner Brüder und fand sie daselbst alle vier in Trauerkleidern vor der Thür sitzen. Da ihn dies sehr verwun- 286 Dritter Tag. Siebente Geschichte. derte, und da ihm bekannt war, seine Gestalt und seine Tracht seien gegen die, welche man vor seiner Abreise an ihm gewohnt war, so sehr verändert, daß er nicht leicht wieder erkannt werden könne, ging er dreist an einen Schuhmacher heran und fragte ihn, weshalb Jene schwarz gingen. Der Schuster antwortete ihm: „Die gehen schwarz, weil es noch nicht vierzehn Tage her ist, daß einer ihrer Brüder, der lange fortgewesen war und Tedaldo hieß, ermordet worden ist. Und wenn mir Recht ist, so habe ich gehört, sie hätten vor Gericht bewiesen, daß Einer, Namens Aldobrandino Palermini, der auch gefangen sitzt, ihn umgebracht habe, weil jener seiner Frau gut war, und, um bei ihr sein zu können, unerkannt zurückgekommen war." Tedaldo wunderte sich ausnehmend, daß Jemand so sehr ihm gleichen solle, daß er für ihn gehalten worden sei, und bedauerte das Unglück des Aldobrandino. Wie er nun noch erfahren hatte, seine Dame sei am Leben und gesund, kehrte er, als es schon Nacht geworden war, den Kopf voll mancherlei Gedanken in das Wirths- haus zurück, und, nachdem er mit seinem Diener zu Abend gegessen hatte, wurde ihm im obersten Stocke des Hauses seine Schlafstelle angewiesen. Theils aber, weil viele Gedanken ihn beunruhigten, theils wegen des schlechten Bettes, vielleicht auch, weil das Abendessen sehr spärlich gewesen war, konnte er, als schon die Hälfte der Nacht vorüber war, immer noch nicht einschlafen. Wie er nun so wachte, glaubte er vom Dache her Leute in das Haus einsteigen zu hören, und gleich darauf sah er durch die Ritzen der Kammerthür ein Licht die Treppe heraufßommen. Er stand leise auf und legte das Auge an eine Spalte, um zu sehen, was das sagen wolle. Da erblickte er, wie ein recht schönes junges Mädchen das Licht in Händen hielt, und wie drei Männer, die vom Dache heruntergestiegen waren, auf sie zukamen. Nach gegenseitiger freundlicher Bewillkommnung sagte der Eine zu dem Mädchen: „Gottlob, nun können wir ruhig sein; denn wir wissen mit - > Tedaldo Elisei und Ermellina. 287 Gewißheit, daß der Mord des Tedaldo Elisei von dessen Brüdern dem Aldobrandino Palermini bewiesen und von diesem eingestanden, das Urtheil auch schon ausgesertigt ist. Das hindert aber nicht, daß wir noch ferner schweigen müssen; denn erführe man jemals, wir seien es gewesen, so hatten wir Dasselbe zu fürchten, was jetzt dem Aldobrandino bevorsteht." Nach diesen Worten, über die das Mädchen die größte Freude bezeigte, stiegen sie die Treppe herunter und gingen schlafen. Tedaldo aber wurde bei Dem, was er gehört hatte, aufmerksam darauf, wie vielfach und wie groß die Jrrthümer seien, denen der menschliche Verstand ausgesetzt ist. Zuerst dachte er daran, wie seine Brüder einen Fremden statt seiner beweint und begraben, dann wie sie des irrigen Verdachtes wegen einen Unschuldigen angeklagt und durch falsche Zeugen dessen bevorstehenden Tod herbeigeführt hatten. Ferner aber dachte er der blinden Strenge der Gesetze und der Richter nach, welche oft im Eifer, die Wahrheit zu erforschen, so erstarren, daß sie das Falsche sich beweisen lassen und, während sie sich Diener Gottes und der Gerechtigkeit nennen, in der That der Unbilligkeit und des Teufels Schergen sind. Zuletzt aber richtete er seine Gedanken darauf, wie er den Aldobrandino retten könne, und beschloß, was er zu diesem Ende thun wolle. Wie er am andern Morgen aufgestanden war, ließ er seinen Diener zurück und ging, sobald es ihm Zeit schien, allein zum Hause feiner Dame. Zufällig fand er die Thür offen, und wie er eintrat, sah er in einem Vorsaal zu ebener Erde die Dame auf dem Boden in tausend Thränen und großer Traurigkeit sitzen. Fast hätte er selbst vor Mitleid geweint; er trat aber zu ihr und sagte: „Madonna, härmt Euch nicht, der Trost ist nahe." Als die Dame diese Worte hörte, erhob sie das Gesicht und sagte weinend: „Guter Freund, Du scheinst mir ein fremder Pilger; was weißt Du von Trost und von meiner Be- trübniß?" „Madonna," erwiderte darauf der Pilger, „ich 288 Dritter Tag. Siebente Geschichte. bin eben aus Constantinopel angelangt, von Gott hierher gesandt, Eure Thränen in Lachen zu verkehren und Euren Mann vom Tode zu befreien." „Wie?" sagte die Dame, „bist Du aus Constantinopel und trafest erst eben hier ein, wie kannst Du wissen, wer ich bin und wer mein Mann ist?" Der Pilger begann nun die ganze Geschichte von Aldobrandino's Unfällen von Anfang an zu erzählen und sagte ihr auch ihren eignen Namen, wie lange sie verheirathet sei und eine Menge anderer ihm gar wohlbekannter Umstände, die sie betrafen. Die Dame verwunderte sich sehr darüber, hielt ihn für einen Propheten, warf sich vor ihm auf die Knie und bat ihn um Gottes willen, wenn er zu Aldobrandino's Rettung gekommen sei, möge er sie beschleunigen; denn die Zeit sei kurz. Der Pilger, der sich als ein besonders frommer Mann geberdete, sagte: „Madonna, stehet auf und weinet nicht. Merkt vielmehr auf Das, was ich Euch sagen werde. Hütet Euch aber wohl, Jemandem etwas davon wiederzusagen. So viel Gott mir offenbart hat, ist das Trübsal, das Ihr erduldet, Euch um einer Sünde willen auferlegt worden, für die Gott Euch zum Theil durch diese Eure Unfälle hat bestrafen wollen, und die Ihr im Uebrigen vollständig abbüßen müßt, wollt Ihr nicht in noch größeres Unglück verfallen." Darauf sagte die Dame: „Lieber Herr, ich habe der Sünden viele begangen und weiß nicht, welche es ist, von der Gott vorzugsweise verlangt, daß ich sie abbüßen soll. Darum sagt mir's, wenn Ihr es wißt, und ich will thun, was ich vermag, um die Buße zu vollenden." „Madonna," erwiderte der Pilger, „ich weiß gar wohl, was für eine Sünde es ist, und frage Euch nicht, um es von Euch besser zu erfahren, sondern nur um Eure Gewissensbisse durch Euer Bckenntniß zu vermehren. Doch ich will zur Sache kommen. Sagt mir, erinnert Ihr Euch, jemals einen Liebhaber gehabt zu haben?" Als die Dame dies hörte, seufzte sie tief auf und ver- F Ledaldo Elisei und Ermcllina. 289 wunderte sich sehr; denn sie glaubte nicht, daß Jemand etwas von dieser Liebe erfahren hätte, obwol dergleichen Reden in den Tagen, wo der vermeintliche Tedaldo ermordet war, sich wegen einiger unvorsichtiger Worte, die der Vertraute Tedaldo's, der um das Geheimniß wußte, hatte fallen lassen, in der Stadt verbreitet hatten. Sie erwiderte: „Wahrlich, ich sehe, daß Gott Euch die Geheimnisse der Menschen offenbart, und so bin ich denn auch nicht gesinnt, die meinigen Euch vorzuenthalten. Es ist wahr, ich habe in meiner Jugend den Unglücklichen, dessen Tod meinem Manne zur Last gelegt wird, aus das zärtlichste geliebt und habe auch jetzt meinem Schmerze über diesen seinen Tod ganz freien Lauf gelassen. Denn so streng und unfreundlich ich vor seiner Abreise mich auch gegen ihn bewies, so haben doch weder die Trennung noch seine lange Abwesenheit, noch selbst sein unglücklicher Tod, in meinem Herzen sein Bild vertilgen können." Der Pilger entgegnete hierauf: „Nicht den unglücklichen Jüngling, der jüngst getödtet ward, habt Ihr je geliebt, sondern Tedaldo Elisei; sagt mir aber, was war der Grund, um dessentwillen Ihr Euch gegen ihn erzürntet? Beleidigte er Euch denn jemals?" „Nein," sagte die Dame, „beleidigt hat er mich wahrlich nie. Meine Entfremdung wurde aber durch die Worte eines verdammten Pfaffen veranlaßt, bei dem ich einmal zur Beichte ging. Denn als ich ihm von meiner Liebe zum Tedaldo und von unserer Vertraulichkeit erzählte, machte er mir einen Lärm und ein Aufhebens, daß ich mich noch davor fürchte, und sagte mir, wenn ich das nicht sein ließe, würde ich in den Abgrund der Hölle und in die Feuerqualen, dem Teufel in den Rachen fahren. Darüber erschrak ich nun so sehr, daß ich mich fest entschloß, die Vertraulichkeit Tedaldo's nicht mehr zu leiden, und um der Versuchung zu entgehen, wollte ich auch keine Botschaft und keinen Brief mehr von ihm annehmen, obgleich ich vermuthe, daß, wenn er ausgehalten hätte, statt, Dekameron. I. 13 290 Dritter Tag. Siebente Geschichte. wie ich glauben muß, verzweifelt davon zu gehen, und wenn ich ihn dann wie den Schnee an der Sonne sich hätte verzehren sehen, ich meinen harten Entschluß aufgegeben haben würde, weil ich doch zu nichts in der Welt so großes Verlangen trug, als zu ihm.,, Der Pilger sagte darauf: „Madonna, dies ist die einzige Sünde, um derentwillen Ihr Trübsal erleidet. Ich weiß gewiß, daß Euch Tedaldo auf keine Weise zur Liebe gezwungen hat. Als Ihr ihn lieb gewännet, thatet Ihr es von freien Stücken, weil er Euch wohl gefiel. Dann kam er, Eurem eignen Willen gemäß, zu Euch und wurde mit Euch vertraut, und Ihr erzeigtet ihm in Eurem fernem Umgänge in Worten und Thaten so viel Freundlichkeit, daß, wenn er Euch schon früher lieb hatte, seine Liebe sich nun wol tausendfach vermehrte. Verhielt es sich nun so, und ich weiß, daß es sich so verhalten hat, was für ein Grund durfte im Stande sein, Euch dahin zu bewegen, daß Ihr Euch so feindlich ihm entzöget? Ueber diese Dinge hättet Ihr im Voraus Nachdenken und, glaubtet Ihr, sie als ein Verbrechen bereuen zu müssen, sie ganz unterlassen sollen. Ihr wurdet die Seinige, wie er der Eurige wurde. Ihr konntet, wie mit allem Andern, das Euch gehört, es allerdings nach Eurem Belieben dahin bringen, daß er nicht mehr der Eurige war, aber Euch ihm, dem Ihr gehörtet, entreißen zu wollen, das war ein Raub und ein unziemliches Benehmen, wenn er nicht seinen Willen dazu gegeben hatte." „Nun müßt Ihr wissen, ich bin selbst ein Geistlicher und kann daher, Euch zum Frommen, etwas ausführlicher über die Sitten der Geistlichen mich auslassen; für mich ist es nicht, wie es für einen Andern sein würde, unschicklich, und ich sage gern etwas darüber, damit Ihr für die Zukunft eine richtigere Meinung von ihnen haben möget, als Ihr sie bisher gehabt habt." „Einst waren allerdings Mönche und Geistliche gar heilige und wackere Leute; aber, die man heute so nennt, Ledaldo Elisei und Ermellina. 291 und die dafür gelten wollen, die haben nichts vom Mönche als die Kutte. Aber selbst die ist keine rechte Mönchskutte; denn, wahrend diese von den Stiftern der Orden eng und ärmlich und von schlechtem Zeuche bestimmt wurde, um einer Seele zu entsprechen, welche die weltlichen Dinge geringschätzte, als der Körper sich in so niedriges Gewand hüllte, — machen die jetzigen Mönche ihre Kutten weit und reichlich von feinem glänzenden Zeuche, geben ihnen dabei eine erlesene und hohepriesterliche Form und entblvden sich dann nicht, in Kirchen und auf den Straßen und Platzen darin, wie die Weltleute in ihren Kleidern, herum zu stolziren. Und wie der Fischer sich bestrebt, im Flusse so viel Fische als möglich mit seinem Netze zu fassen, so sind auch sie bedacht, in die Franjen ihrer weiten Gewänder recht viele Betschwestern, Witwen und andere thörichte Weiber und Männer zu verwickeln, und kennen außer diesem keine anderen Sorgen, keinen andern Beruf. Darum haben denn diese Leute in der That nicht mehr Mönchskutten, sondern nür noch die Farben der Kutten. Während ehemals die Geistlichen danach strebten, die Menschen zur Seligkeit anzulciten, streben die jetzigen nur nach Weibern und Reichthümern und verwenden ihre ganze Sorgfalt schon seit lange nur darauf, durch Lärmen und durch Schreckbilder die Gemüther der Thoren zu entsetzen und ihnen vorzureden, daß die Sünden durch Almosen und Messelesen gebüßt werden, damit ihnen (die sie nicht aus Frömmigkeit, sondern allein aus niedriger Gesinnung ihre Zuflucht vor Arbeit und Mühe darin gesucht haben, Pfaffen zu werden), der Eine Brot, der Andere Wein bringe, und der Dritte für die Seelen der Verstorbenen Mahlzeiten spende. Nun ist es freilich vollkommen wahr, daß Almosen und Gebete uns helfen, die Sünden abzubüßen; sähen oder wüßten aber Diejenigen, die sich ihrer befleißigen, wem sie zu Gute kommen, so würden sie viel lieber ihre Geschenke behalten, oder sie eben so viel Säuen vorwerfen." 292 Dritter Lag. Siebente Geschichte- „Weil diese Mönche aber ferner recht wohl wissen, dass je geringer die Anzahl der Besitzer eines großen Vermögens ist, desto reichlicherer Antheil einem Jeden zufallt, so geben sie sich alle Mühe, durch ihr Geschrei und durch ihre Drohungen die Andern von Dem entfernt zu halten, was sie mit Niemandem zu theilen wünschen. Sie schelten vor den Leuten die Wollust, damit diese ihr entsagen, und die Weiber ihnen allein bleiben mögen. Sie verdammen Wucher und schlechten Erwerb, damit man ihnen auftragen möge, das übel Gewonnene wiederzuerstatten, auf daß sie sich bequemere Kutten, Bisthümer und einträglichere Prälaturen mit dem Gelbe erkaufen können, von dem sie versicherten, daß es seine Besitzer nothwendig ins Verderben stürze." „Wirft man ihnen nun dies und was sie sonst noch Unrecht thun, vor, so bilden sie sich ein, durch die Antwort, „handelt nach unfern Worten und nicht nach unfern Thaten" sich vollkommen ihrer großen Schuld zu entladen, als ob es den Schafen leichter fiele, Stand zu halten und den Feind zu schlagen, als wie dem Hirten. Auch wissen die Meisten unter ihnen recht gut, wie Viele von denen, die sie mit einer solchen Antwort abfcrtigen wollen, dieselbe ganz anders verstehen, als sie gemeint war. Die Pfaffen von heut zu Tage wollen nämlich, nach der Meinung dieser letzten, daß man nach ihren Reden thue, das heißt, man soll ihnen die Beutel mit Geld anfüllen, ihnen seine Geheimnisse anvertrauen, Keuschheit bewahren, geduldig sein, Beleidigungen vergeben und des üblen Leumundes sich enthalten: lauter gute, schöne und fromme Sachen; aber warum soll man so handeln? Darum, daß sie th u'n können, was ihnen nicht gewahrt werden würde, wenn die Laien ebenso thaten. Wem ist unbekannt, daß die Faullenzerei ohne Geld nicht bestehen kann? Gibst Du nun selbst das Geld zu Deinem Vergnügen aus, so wird der Pfaffe in seinem Kloster nicht faullenzen können. Bist Du nicht geduldig und vergibst Ledaldo Elisei und Ermellina. 293 Du nicht Beleidigungen, so wird sich der Mönch nicht in Dein Haus wagen, um die Ehre Deiner Familie anzutasten. Wozu soll ich erst Alles ausführen? Gewiß, so oft sie diese Entschuldigung verbringen, klagen sie im Auge der Verständigen sich dadurch an. Warum bleiben sie nicht zu Hause und in der Welt, wenn sie sich für unfähig halten, heilig und enthaltsam zu leben? Wollen sie aber einmal dem geistlichen Stande sich widmen, warum befolgen sie dann nicht das heilige.Wort des Evangeliums: „Jesus sing an Beides, zu thun und zu lehren?" Mögen sie denn erst thun und dann Andere belehren. Ich habe in meinem Leben gewiß Tausend gesehen, die den Hof machen, sich verlieben, und nicht nur weltliche, sondern auch Klosterfrauen besuchen, und dabei auf der Kanzel gerade den ärgsten Lärm machen. Solchen Menschen sollten wir nachleben? Nun, wer Lust hat, der mag's thun; Gott weiß aber, ob er wohl daran thut." „Aber, auch angenommen, der Mönch, der Euch schalt, habe Recht gehabt, wenn er sagte, d.ie eheliche Treue zu brechen sei eine sehr große Sünde, so frage ich, ob Jemand zu bestehlen nicht eine viel größere ist? Ob es nicht eine viel größere Sünde ist, ihn zu tödten, oder ihn voller Jammer in die Welt hinauszustoßen? Das wird gewiß ein Jeder zugcben. Der vertrauliche Umgang eines Mannes und einer Frau ist eine naturgemäße Sünde; aber rauben, tödten und verjagen, das entspringt aus der Bösartigkeit des Gemüthes. Daß Ihr den Tedaldo beraubtet, wenn Ihr Euch, die Ihr freiwillig sein geworden wäret, ihm wieder entzöget, ist Euch schon oben einleuchtend gemacht worden. Dann sage ich aber, daß Ihr ihn mordetet; denn an Euch, die Ihr Euch immer grausamer gegen ihn bezeigtet, hat es nicht gelegen, wenn er sich nicht mit eigenen Händen umgebracht hat; die Gesetze aber bestimmen, daß, wer an einem geschehenen Nebel Schuld ist, Demjenigen gleichsteht, der es durch seine eigne Thal vollbracht hat. Daß Ihr ferner an seinem Exil und 294 Dritter Tag. Siebente Geschichte- an seinem siebenjährigen unglücklichen Umherirren Schuld seid, das laßt sich gar nicht leugnen. Und so -habt Ihr denn in einem jeden dieser drei Dinge eine viel größere Sünde begangen, als indem Ihr ihm Euren Umgang gewahrtet." „Noch aber fragt sich, ob Tedaldo nicht vielleicht eine solche Behandlung verdiente. Gewiß that er es nicht. Ihr selbst habt das schon gestanden, und ich weiß auch außerdem, daß er Euch mehr als sich selbst liebte. Niemals ist ein Gegenstand so geehrt, so erhoben und so gefeiert worden, wie er es vorzugsweise vor allen andern Damen mit Euch that, wenn der Ort es ihm erlaubte, frei und ohne Verdacht zu erwecken, von Euch zu reden. Sein ganzes Glück, seine Ehre, seine Freiheit waren allein in Eure Hände von ihm niedergelegt worden. War er nicht ein adlicher Jüngling? War er nicht schön vor den Andern Seinesgleichen? War er nicht wacker in Allem, was für junge Leute sich ziemt? War er nicht geliebt, hielt man ihn nicht werth, sah ihn nicht Jedermann gerne? Auch hierauf werdet Ihr mir nicht Nein antworten. Wie konntet Ihr also um des Geschwätzes eines dummen, gemeinen und neidischen Pfäffleins willen gegen ihn einen grausamen Entschluß fassen?" „Ich weiß nicht, in was für einem seltsamen Jrr- thum die Weiber sich befinden, wenn sie die Männer verschmähen und geringschatzen, während sie doch, wollten sie nur bedenken, was sie sind, und wie großer und hoher Adel vor allen andern Geschöpfen von Gott dem Manne gegeben ist, sich glücklich preisen sollten, wenn sie von Einem geliebt werden. Ueber Alles sollten sie ihn werth halten, und mit aller ihrer Sorgfalt sollten sie sich bestreben, ihm gefällig zu sein, damit er sie zu lieben nie aufhöre. Was Ihr dagegen aus die Worte eines Pfaffen hin thatet, der gewiß auch so ein Topfgucker und Pasteten- sresser war, das wißt Ihr selbst. Vielleicht hatte er Lust, Tedaldo Elisei und Ermellina. 295 den Platz einzunehmen, von dem er sich so viel Mühe gab, einen Andern zu verdrängen." „Dies also ist die Sünde, welche die göttliche Gerechtigkeit, dis mit rechter Wage allen Handlungen ihre Folgen zutheilt, nicht hat unbestraft lassen wollen; und so ist denn auch.Euer Mann um Tedaldo's willen ebenso ohne seine Schuld in Gefahr und Ihr in Angst, wie Ihr dem Tedaldo ohne dessen Schuld Euch zu entziehen bemühtet. Wollt Ihr nun aus dieser Noch befreit sein, so müßt Ihr mir Folgendes versprechen, noch vielmehr aber dereinst danach thun: Geschieht es ja, daß Tedaldo von seiner langen Verbannung wieder zurückkehrt, so müßt Ihr ihm Eure Gunst, Eure Liebe, Euer Wohlwollen und Euren vertraulichen Umgang wieder gewahren und ihn ganz wieder an den Platz setzen, den er einnahm, bevor Ihr dem albernen Mönche, thöricht genug, Glauben beimaßet." Der Pilger hatte seine Rede beendigt, und die Dame seine Worte auf das sorgsamste in .sich ausgenommen; sie hielt die Gründe, die er vorgebracht hatte, für vollkommen wahr, und, wahrend sie ihn reden hörte, glaubte sie mit Bestimmtheit, sie erdulde ihre Trübsale um dieser Sünde willen, und sagte nun: „Freund Gottes, ich erkenne wohl, was Ihr zu mir gesagt habt, sei die Wahrheit, und die Geistlichen, die ich bisher für Heilige gehalten habe, seien so, wie Eure Worte sie mir schildern. Auch sehe ich deutlich ein, daß ich in meinem Benehmen gegen Tedaldo sehr gefehlt habe, und, würde es mir jemals möglich, so wollte ich diesen Fehler gern auf die Weise, die Ihr mir angegeben habt, wieder gut machen. Wie soll das aber geschehen? Tedaldo kann nie mehr wiederkommen; denn er ist todt. Und so sehe ich nicht ein,, warum ich Euch versprechen soll, was doch unmöglich bleiben muß." Hierauf antwortete der Pilger: „Madonna, Tedaldo ist, wie Gott mir offenbart, durchaus nicht todt, vielmehr 296 Dritter Tag. Siebente Geschichte- lebt er, und wenn er Eure Gunst wieder erlangt, so geht es ihm wohl." Die Dame erwiderte: „Habt Acht, was Ihr sagt, ich habe ihn vor meiner Thür mit Messerstichen ermordet gesehen; in diesen meinen Armen habe ich ihn gehalten und ihm das tobte Angesicht mit vielen Thranen benetzt, dis vielleicht Schuld an Dem gewesen sind, was man mir seit der Zeit deswegen Uebles nachgesagt hat." Darauf sagte der Pilger: „Madonna, was Ihr mir auch sagen mögt, ich versichere Euch, daß Tedaldo am Leben ist, und wollt Ihr versprechen und halten, was ich Euch gesagt habe, so hoffe ich, Ihr sollt ihn bald sehen." „Gerne," entgegnete die Dame, „will ich es thun und thue es hiermit; denn nichts könnte mir begegnen, das mir zu gleicher Freude gereichte, als meinen Mann unverletzt wieder frei und den Tedaldo lebend zu sehen." Nun schien es dem Tedaldo Zeit, sich zu offenbaren und die Dame durch sicherere Hoffnung in Betreff ihres Mannes zu erfreuen. „Madonna," sagte er deshalb, „um Euch wegen Eures Mannes zu trösten, muß ich Euch ein Geheimniß mittheilen, das Ihr Euer Lebelang bewahren und Niemandem »erreichen werdet." Die Dame hatte schon vorher das höchste Vertrauen zu der Heiligkeit, die sie dem Pilger beilegte, gefaßt, und daher hatte sie ihn bereits in ein entferntes und einsames Zimmer geführt; und so zog denn nun Tedaldo einen Ring hervor, den er mit der äußersten Sorgfalt bewahrt hatte, und den die Dame in der letzten Nacht, die er mit ihr zugebracht, ihm geschenkt hatte. Er zeigte ihr ihn und sagte: „Kennt Ihr dies, Madonna?" „Ja wohl, Herr," erwiderte die Dame, als sie den Ring sah und sogleich erkannte; „den schenkte ich einst dem Tedaldo." Darauf richtete der Pilger sich auf, warf Pilgermantel und Hut schnell von sich und sagte in florentinischer Aussprache: „Und kennt Ihr mich denn nun?" Als die Dame ihn sah, und erkannte, es sei Tedaldo, erschrak sie heftig und fürchtete sich so sehr vor ihm, wie man sich Tedaldo Eli sei und Ermellina. 297 > vor den Leichnamen fürchtet, wenn man sie nach Art der Lebendigen herumgehen sieht. Daher eilte sie auch nicht, ' ihn wie den von (Zypern zurückgekehrten Tedaldo zu be- j willkommnen, sondern vor ihm wie vor dem aus dem Grabe Erstandenen zu fliehen. Tedaldo hielt sie aber zurück, indem er sagte: „Madonna, "zweifelt nicht, ich bin ' Euer Tcdaldo, lebendig und gesund, starb nicht und war i noch niemals todt, was Ihr und meine Brüder auch glauben möget." Die Dame faßte ein wenig mehr Muth, und als sie seine Stimme erkannte, ihn etwas langer betrachtete und sich selber überzeugte, er sei es wirklich, siel sie ihm weinend um den Hals, küßte ihn und sagte: „Mein süßer Tedaldo, Gottlob, daß Du wieder da bist." Als Tedaldo Kuß und Umarmung erwidert hatte, sagte er: „Madonna, zu einem herzlicheren Empfange ist jetzt nicht Zeit. Ich will nun gehen und dafür sorgen, daß Euch Euer Aldobrandino wiedergegeben werde. Ich hoffe, Ihr sollt vor Morgen Abend erwünschte Neuigkeiten darüber hören. Habe ich indessen, wie. ich wol denke, gute Nachrichten wegen seiner Rettung, so sollt Ihr mich diese Nacht zu Euch kommen lassen, damit ich sie Euch mit größerer Bequemlichkeit erzähle, als ich es jetzt thun könnte." Damit bekleidete er sich wieder mit Pilgermantel und Hut, küßte die Dame noch ein Mal und ging, nachdem er sie mit guten Hoffnungen getröstet hatte, dahin, wo Aldobrandino gefangen saß und mehr der Furcht des bevorstehenden Todes als der Hoffnung der Rettung nachdachte. Tedaldo trat als ein geistlicher Tröster mit Zustimmung der Gefangenwarter ein, setzte sich neben ihn und sagte: „Aldobrandino, ich bin Dein Freund; von Gott, dessen Mitleid Deine Unschuld erweckt hat, gesandt, um Dich zu retten, und so sollst Du denn, wenn Du anders aus Ehrfurcht vor ihm ein kleines Geschenk, das ich von Dir fordern werde, mir gewahren willst, vor Morgen Abend, wo Du Dein Todesurtheil erwartest, Deine Lossprechung hören." „Wackrer Mann," erwiderte 13 ** 298 Dritter Tag. Siebente Geschichte. Jener, „weil Du zu meiner Rettung Dich beeiferst, so mußt Du, ob ich Dich gleich nicht erkenne und mich nicht erinnere, Dich je gesehen zu haben, mein Freund sein, wie Du sagst. In der That, die Sünde, um welcher willen, wie die Leute sagen, ich zum Tode verurtheilt werden soll, habe ich nie begangen; wol aber andere genug, die mir vielleicht meinen jetzigen Zustand von Gott zugezogen haben. Aber ich sage Dir, hat Gott jetzt ein Erbarmen mit mir, so will ich gern aus Ehrfurcht vor ihm das Größte, wie viel mehr ein Geringes, übernehmen, geschweige denn versprechen; darum fordere nur, was Dir beliebt, und unfehlbar werde ich mein Wort halten, wenn ich glücklich davon komme." Der Pilger erwiderte darauf: „Ich verlange nichts weiter, als daß Du den vier Brüdern des Tedaldo vergeben sollst, daß sie Dich in dem Glauben, Du seiest an dem Tode ihres Bruders schuld, in eine solche Lage gebracht haben, und daß Du sie, wenn sie Dich um Verzeihung bitten, als Deine Freunde und Brüder behandeln sollst." Aldobran- dino antwortete ihm: „Niemand weiß, wie süß die Rache ist, und wie sehnlich man nach ihr verlangt, als wer selbst beleidigt worden ist; demohngeachtet aber will ich, damit Gott meine Rettung bewirke, ihnen gerne vergeben und vergebe ihnen hiermit. Auch will ich, wenn ich erst lebendig aus diesem Gefängniß heraus bin und aller Gefahr entgehe, in dieser Angelegenheit mich so benehmen, wie es Dir belieben svird." Diese Antwort war dem Pilger genügend, und, ohne ihm weitere Auskunft zu er- theilen, bat er den Aldobrandino nachdrücklich, guten Mu- thes zu sein; denn gewiß solle er, noch ehe der nächste Tag zu Ende gehe, die bestimmtesten Nachrichten über seine Befreiung erhalten. Darauf verließ er ihn, um auf die Signorie zu gehen, wo er insgeheim dem Edelmann, in dessen Händen sie sich an dem Tage befand, Folgendes sagte: „Gnädiger Herr, ein Jeder soll mit Freuden dazu wirken, daß der wahre Hergang der Sache erkannt werde, vor Allen aber Tedaldo Elisei und Ermcllina- 299 sollen es Diejenigen, die den Platz einnehmen, auf den Ihr gestellt seid, damit die Strafe nicht die Unschul- > s digen, sondern die Schuldigen treffe. Damit dies also ; s zu Eurer Ehre und zum Unheil Derer, die es verdient ^ haben, geschehe, bin ich hieher gekommen. Ihr wißt, wie 1 ! hart man gegen Aldobrandino Pakermini verfahren ist, j i und Ihr glaubt nun, in Wahrheit gefunden zu haben, j > er sei es gewesen, der den Tedaldo Elisei umgebracht hat, und seid im Begriffe ihn zu verurtheilen. Gewiß aber ist Eure Meinung falsch, wie ich Euch noch vor Mitternacht vollständig zu beweisen und die wahren Mörder Euch in ' die Hände zu liefern denke." Der treffliche Mann, der s mit Aldobrandino großes Mitleid hatte, lieh den Worten j des Pilgers ein williges Ohr und ließ, nachdem er sich mit ihm genauer darüber besprochen hatte, auch von ihm - in jenes Haus eingeführt worden war, im ersten Schlafe die beiden Brüder, die Gastwirthe waren, und ihren Diener ohne Widerstand gefangen setzen. Er wollte, um den ^ wahren Hergang der Sache zu erfahren, sie foltern lassen, ^ aber sie ließen es nicht dazu kommen, sondern bekannten ; Alle einzeln, und ebenso nachher gemeinschaftlich, unver- - ! holen, sie seien es gewesen, die Tedaldo Elisei, ohne ihn j zu kennen, getödtet hätten. Als sie um die Ursache gefragt wurden, antworteten sie, weil er die Frau des Ei- E nen von ihnen, wahrend sie nicht zu Hause gewesen seien, sehr geplagt und mit Gewalt habe nöthigen wollen, ihm zu Willen zu sein. § Als der Pilger dies erfahren hatte, entfernte er sich, j nicht ohne bei dem Herrn von der Signorie sich zu be- ' Urlauben, und schlich sich heimlich in das Haus der Ma- ^ donna Ermellina. Hier waren alle Andere, bis auf die Dame, bereits schlafen gegangen; sie aber erwartete ihn i mit gleichem Verlangen, gute Nachrichten in Betreff ihres j Mannes zu hören, als mit ihrem Tedaldo nun völlig f sich wieder zu versöhnen. Gleich beim Eintreten sagte er s zu ihr: „Freue Dich, mein liebstes Herz, denn gewiß ji 300 Dritter Tag. Siebente Geschichte- sollst Du morgen Deinen Aldobrcindino heil und gesund wieder hier haben," und um sie vollständiger davon zu überzeugen, erzählte er ihr nun ausführlich, was er ge- than habe. Die Dame fühlte sich über zwei so unerwartete Ereignisse, als es waren, ihren Tedaldo lebendig wieder zu besitzen, den sie als unzweifelhaft todt beweint zu haben glaubte, und Aldobrandino außer Gefahr zu sehen, dessen Tod sie in wenig Tagen beweinen zu müssen dachte, unaussprechlich glücklich, und umarmte und küßte ihren Tedaldo mit der herzlichsten Liebe. Dann gingen sie miteinander schlafen und schlossen, während sich Eines am Andern erfreute, ergötzlichen und anmuthigen Frieden. Wie der Morgen sich nahte, erhob sich Tedaldo, der der Dame schon erklärt, was er ferner zu thun gedenke, ihr zugleich aber aufs neue empfohlen hatte, dies ja völlig geheim zu halten, und verließ, noch immer in Pilgerkleidern, ihr Haus, um, wenn es Zeit sei, die Angelegenheiten Aldobrandino's wahrnehmen zu können. Die Signorie glaubte hinlänglich über das Verbrechen aufgeklärt zu sein; sie befreite daher gleich am Morgen den Aldobrandino und ließ wenige Tage darauf den Miffe- thätern, an der Stelle, wo sie den Mord begangen hatten, den Kopf abschlagen. Wie nun Aldobrandino, zu seiner Frauen und aller Freunde und Verwandten großer Freude, frei geworden war, und Alle deutlich einsahen, nur durch die Bemühungen des Pilgers sei dies gelungen, baten ihn die beiden Eheleute, so lange es ihm gefallen würde in der Stadt zu verweilen, in ihrem Hause zu wohnen, und hier konnten Beide nicht satt werden, ihm Liebe und Ehre anzuthun, besonders aber die Frau, die wohl wußte, wen sie vor sich hatte. Dem Tedaldo aber schien es nach einigen Tagen Zeit zu sein, seine Brüder mit Aldobrandino wieder zu versöhnen; denn er hörte, sie fühlten sich nicht allein durch dessen Freilassung beschimpft, sondern hätten sich auch aus Furcht bewaffnet, und so erinnerte er denn den Aldobran- Tedaldo Elisei und Ermellina. 301 dino an die Erfüllung seines Versprechens, zu welcher dieser sich auch gern bereit erklärte. Der Pilger hieß ihn darauf, zum folgenden Tage ein schönes Gastmahl bereiten, bei dem er verlangte, daß Aldobrandino mit seinen Vettern und den weiblichen Familiengliedern die vier Brüder und deren Frauen bewirthen sollte; er selbst, fügte er hinzu, werde sie sogleich im Namen des Ersten zum Gastmahl und zur Versöhnung cinladen. ' Aldobrandino war mit Allem zufrieden, was der Pilger wünschte; dieser ging alsbald zu den vier Brüdern und brachte es nach vielem Hin- und Widerreden, wie es zu ihrer Aufklärung nöthig war, am Ende mit unbesiegbaren Gründen ziemlich leicht dahin, daß sie sich bereit erklärten, um Verzeihung zu bitten und Aldobrandino's Freundschaft wieder zu suchen. Darauf lud er sie sammt ihren Weibern auf den andern Tag zum Mittagsessen bei Aldobrandino ein, und sie nahmen im Vertrauen auf ihn die Einladung willig an. Am andern Morgen um die Essensstunde gingen zuerst die vier Brüder des Tedaldo, in Trauer wie sie waren, mit einigen ihrer Freunde in das Haus des Aldobrandino, der sie erwartete; hier warfen sie in Gegenwart Aller, die von Aldobrandino geladen waren, ihnen Gesellschaft zu leisten, die Waffen auf den Boden und lieferten sich selbst dem Aldobrandino aus, indem sie ihn zugleich wegen alles Dessen, was sie gegen ihn unternommen hatten, um Verzeihung baten. Aldobrandino war zu Thränen gerührt und nahm sie liebevoll auf; er küßte einen Jeden auf den Mund und vergab mit wenig Worten jede ihm widerfahrene Beleidigung. Hierauf kamen ihre Schwestern und ihre Frauen, Alle in Trauer, und wurden von Madonna Ermellina und den andern Damen auf das freundlichste empfangen. Bei Tische wurden Alle, Männer sowie Damen, auf das anständigste bewirthet, und nichts bei diesem Gastmahl war anders als löblich; allein eine gewisse Schweigsamkeit abgerechnet, welche der noch neue Schmerz veranlaßte, der sich in den dunklen Kleidern der Angehöri- 302 Dritter Lag. Siebente Geschichte. gen Tedaldo's aussprach. Um dieser Trauer willen war auch das ganze Unternehmen des Pilgers, sammt dem Gastmahl von Mehreren getadelt worden, wie er dies selbst recht wohl bemerkt hatte. Als es ihm aber Zeit schien, diese Trauer, wie er schon früher bei sich beschlossen hatte, zu vertreiben, stand er auf, während die Uebrigcn noch die Früchte genossen, und sagte: „Nichts hat uns gefehlt, um dies Gastmahl fröhlich zu machen, als Tedaldo, den ich Euch nun zeigen will, da Ihr ihn so lange unter Euch gehabt habt, ohne ihn zu kennen." Und damit warf er Pilgermantel und was sonst zur Pilgertracht gehörte von sich und stand nun in einem Jäckchen von grünem Zin- deltaffet vor ihnen. Sie aber betrachteten ihn mit großer Verwunderung lange Zeit, und erkannten ihn erst all- mälig, ehe Einer sich unterstand, zu glauben, er sei es wirklich. Wie Tedaldo dies bemerkte, erzählte er ihnen ausführlich von ihrer Verwandtschaft, von einer Menge sie betreffender Vorfälle und von seinen eignen Schicksalen. Da eilten die Brüder und übrigen Männer unter Freu- denthränen ihn zu umarmen, und auch die Frauen, verwandte wie fremde, Donna Ermellina allein ausgenommen, thatcn ein Gleiches. Als Aldobrandino dies bemerkte, sagte er: „Was soll das, Ermellina, warum bezeigst Du nicht, wie die andern Frauen, dem Tedaldo Deine Freude über seine Rückkehr?" Die Dame aber antwortete ihm vor allen Anwesenden: „Keine unter Allen hätte ihn lieber freundlich bewillkommt, als ich, die ich ihm mehr als Eine Dank schuldig bin, weil ich durch seine Hülfe Dich wiedererlangt habe; aber das unschickliche Gerede, mit dem man sich getragen hat, als wir Den beweinten, den wir für Tedaldo hielten, hält mich davon ab." Aldobrandino erwiderte ihr: „Ei, was; denkst Du denn, ich werde den Kläffern glauben? Dadurch, daß er meine Rettung bewirkt hat, hat er deutlich genug die Unwahrheit jenes Geschwätzes, an das ich ohnedies nicht glaubte, bewiesen. Steh nur aus und mach schnell, daß Tedaldo Elisei und Ermellina. 303 Du ihn umarmest." Die Dame, die nichts Anderes wünschte, zögerte nicht, ihrem Manne hierin Folge zu leisten, vielmehr erhob sie sich sogleich und umarmte ihn und hieß ihn willkommen, wie die Andern es gethan hatten. Dieses adelige Benehmen des Aldobrandino gefiel den Brüdern Tedaldo's und allSn andern gegenwärtigen Männern und Frauen gar sehr, und jeder kleine Makel, der wegen der früheren Reden etwa noch in dem einen oder andern Gemüthe gehaftet hatte, wurde dadurch völlig getilgt.' Während nun Jeder dem Tedaldo seine Freude bezeigte, riß er selbst seinen Brüdern die schwarzen und seinen Schwestern und Schwägerinnen die braunen Gewänder vom Leibe und verlangte, daß sie gleich sich andere Kleidungsstücke kommen lassen sollten. Wie sie nun Alle sich umgekleidet hatten, ergötzten sie sich mit Gesang und Tanz und andern Lustbarkeiten gar lange Zeit, sodaß dies Gastmahl, das einen stillen Anfang gehabt hatte, laut und fröhlich endete. Dann gingen sie, voller Freuden wie sie waren, Alle in Tedaldo's Haus und aßen dort zu Abend; die Feste aber dauerten auf gleiche Weise noch mehrere Tage lang fort. Die Florentiner betrachteten den Tedaldo geraume Zeit lang, wie einen von den Tobten erstandenen Menschen, als ein Wunder, und Viele, sogar die Brüder selbst, zweifelten innerlich noch einigermaßen, ob er es denn auch sei, oder nicht. Sie hielten es noch immer nicht für gewiß und hätten so vielleicht noch eine Weile gethan, hätte nicht ein Vorfall sich zugetragen, der sie darüber aufklärte, wer der Ermordete gewesen sei, und das war folgender: Soldaten aus der Gegend von Luni gingen eines Tages vor Tedaldo's Hause vorbei, und als sie diesen vor der Thür stehen sahen, gingen sie auf ihn zu und sagten: „Möge es Dir wohlgehen, Faziuolo." Tedaldo antwortete ihnen in Gegenwart der Brüder, „Ihr verwechselt mich mit einem Andern." Wie dis Soldaten ihn W 304 Dritter Lag. Achte Geschichte. reden hörten, schämten sie sich und baten ihn um Verzeihung: „Wahrlich," sagten sie, „Ihr gleicht, mehr als wir je zwei Leute sich gleichen sahen, einem Cameraden von uns, Namens Faziuolo aus Pontremoli, der vor ohngefahr vierzehn Tagen, oder nicht viel längerer Zeit hierher gekommen ist, ohne daß wir irgend weiter hätten erfahren können, was aus ihm geworden sei. Freilich wunderten wir uns wol über Euren Anzug; denn Jener war Soldat, wie wir es sind." Der älteste Bruder des Tedaldo trat bei diesen Worten vor und fragte sie, wie Faziuolo gekleidet gewesen sei. Sie gaben darüber Auskunft, und es fand sich, daß ihre Beschreibung dem Anzuge des Ermordeten genau entsprach, wodurch sie denn, in Verbindung mit andern Zeichen, sich überzeugten, dieser sei Faziuolo und nicht Tedaldo gewesen, und so schwand denn jeder Verdacht aus der Seele der Brüder. Tedaldo aber, der nun sehr reich geworden war, fuhr in seiner Liebe fort, ohne sich je wieder mit seiner Dame zu veruneinigen; vielmehr genossen sie bei vorsichtigem Benehmen noch lange ihrer Neigung. Gott gewähre uns die Freuden der unsrigen." Achte Geschichte. FeronLo wird, nachdem er ein gewisses Pulver gegessen hat, für todt begraben; der Abt aber, der sich inzwischen mit seiner Frau ergötzt, holt ihn aus dem Grabe, setzt ihn ins Gefängnis und bildet ihm ein, er sei im Fegefeuer. Dann wird er auferwcckt und erzieht einen Sohn, den der Abt mit seiner Frau erzeugt hat, als Len seinigen. (§o lang die Geschichte der Emilie gewesen war, so hatte sie um dessentwillen doch Niemandem misfallen, vielmehr hielten Alle dafür, Emilie habe in Betracht der Mannich- saltigkeit der vorgetragenen Ereignisse noch sehr kurz erzählt. Nun aber bezeigte die Königin der Lauretta ihr Verlangen durch einen bloßen Wink und veranlaßte sie dadurch, also zu beginnen: „Ihr lieben Mädchen, ich besinne mich eben auf eine wahre Geschichte, die ich Euch zu erzählen Lust habe, die aber, so wenig sie es ist, doch gar sehr einer Lüge gleich sieht. Sie' ist mir wieder eingefallen, weil.ich eben hörte, wie Einer für den Andern betrauert und begraben worden ist, während ich Euch erzählen werde, wie ein Lebender für todt begraben ward, und wie er sich nachher selbst, mit vielen Andern, nicht für fortlebend, sondern für erweckt von den Tobten und aus dem Grabe erstanden, gehalten hat, wie aber Derjenige, der um deswillen eher als ein Schuldiger hätte verdammt werden sollen, gleich einem Heiligen angebetet worden ist. In Toscana nämlich war, und ist noch heutzutage, eins Benedictinerabtei, sowie man deren viele sieht, an einem wenig besuchten Orte gelegen, in der ein Mönch zum Abte geworden war, der in jeder Beziehung, allein den Umgang mit Weibern abgerechnet, ein sehr heiliger Mann genannt werden konnte. Diesen Umgang aber wußte er so insgeheim zu betreiben, daß bei seinem Rufe der Strenge und Heiligkeit beinahe Niemand dergleichen ahnete, geschweige denn erfahren hätte. Nun traf es sich, daß ein besonders reicher Bauer, Namens Ferondo, mit dem Abte näher bekannt ward und bei seiner unmäßigen Einfalt und Albernheit, vom Abte, der sich zuweilen an seinen Narrheiten ergötzen mochte, gern gesehen ward. Inzwischen wurde indeß der Abt gewahr, daß Ferondo ein wunderschönes Weib zur Frau habe, und verliebte sich so sehr in diese, daß er bei Tag und bei Nacht an nichts Anderes dachte und fast verzweifeln wollte, als er erfuhr, Ferondo, der in allem Uebrigen so thöricht und so dumm war, sei vollkommen vernünftig, sobald es sich darum handele, seine Frau zu lieben und zu bewachen. Dennoch 306 Dritter Tag. Achte Geschichte. war er geschickt genug, den Ferondo so weit zu bringen, daß er zuweilen mit seiner Frau heraufkam, sich im Klostergarten einige Zeit zu ergötzen. Hier sprach er ihnen dann mit vieler Salbung von der Seligkeit, vom ewigen Leben und von den heiligen Werken vieler verstorbener -Männer und Weiber so lange vor, bis die Frau Lust bekam, bei ihm zur Beichte zu gehen, und die Erlaubniß dazu von ihrem Manne, wie sie ihn darum ansprach, sogleich erhielt. Zu großer Freude des Abtes kam die Frau nun wirklich ihm zu beichten, setzte sich zu seinen Füßen und begann, noch ehe sie etwas Anderes redete: „Hochwürdiger Herr, hatte mir Gott einen andern oder auch gar keinen Mann gegeben, so würde es mir vielleicht nicht schwer fallen, unter Eurer Anleitung den Weg, der nach Euren Reden den Menschen zum Paradiese führt, zu gewinnen. Wenn ich aber bedenke, was Ferondo für ein Mensch und wie übermäßig seine Albernheit ist, so muß ich in dieser Hinsicht mich eine Witwe nennen, wahrend ich doch wieder verheirathet bin, insofern ich bei seinen Lebzeiten keinen andern Mann nehmen darf. Dabei ist er nun in seiner Einfalt, ohne irgend einen Grund, so übertrieben eifersüchtig auf mich, daß ich um dessentwillen nicht anders, als in Noch und Elend, mit ihm leben kann. Deshalb bitte ich denn, bevor ich zur ferneren Beichte schreite, Euch auf das demüthigste, mir in dieser Sache mit einigem Rathe gefällig sein zu wollen; denn erlange ich dadurch nicht erst die Möglichkeit gut zu thun, so wird übrigens das Beichten so wenig helfen als dis Buße." Diese Rede gefiel dem Abte in seiner Seele gar wohl, und ihn bäuchte, das Glück habe ihm den Weg, seinen sehnlichsten Wunsch zu erlangen, bereits gebahnt. „Meine Tochter," antwortete er, „wohl glaube ich, daß es einer so schonen und gefühlvollen Frau, wie Ihr es seid, sehr lästig sein mag, einen Verrückten zum Manne zu haben. Noch beschwerlicher aber muß ein Eifersüchtiger fallen; da 307 Ferondo im Fegefeuer. Ihr nun zugleich den Einen und den Andern habt, so glaube ich Euch gerne, was Ihr von Euren Leiden erzählt. Für diese aber weiß ich, grade herausgesagt, nur einen Rath und nur ein Mittel: nämlich ihn von seiner Eifersucht zu heilen. Die Arzenei, die ihn zu heilen vermag, weiß ich recht wohl zu machen; wenn Ihr Euch nur, getraut, was ich Euch sagen werde, gewißlich geheim zu halten." Die Frau erwiderte: „Zweifelt nicht, ehrwürdiger Vater, eher will ich mein Leben lassen, als ich Jemandem das wiedersagte, was Ihr mir zu sagen verboten habt. Wie sollte das aber geschehen?" „Wollen wir," antwortete der Abt, daß er geheilt werde, so muß er noth- wendig ins Fegefeuer." „Wie," sprach die Frau, „kann er denn bei lebendigem Leibe dahin kommen?" Der Abt sagte: „Er muß sterben und so hinkommen; wird er dann so viel Qualen erlitten haben, daß er von dieser seiner Eifersucht geheilt ist, so werden wir in gewissen Gebeten den lieben Gott bitten, daß er ihn wieder lebendig macht, und das wird dann auch geschehen." „Soll ich denn eine Witwe werden?" entgegnete die Frau. „Ja," sagte der Abtz „auf einige Zeit, während welcher Ihr Euch aber wohl hüten müßt, Euch an Niemand anders verheirathen zu lassen; Gott würde es Euch sehr übel nehmen, und Fe- rvndo, wenn er wiederkame, und Ihr dann zu ihm zurück müßtet, eifersüchtiger sein, als je zuvor." Die Frau antwortete: „Wird er nur von diesem Uebel befreit, und brauche ich nur dann nicht immer wie im Gefangniß zu sitzen, so bin ich mit Allem zufrieden. Thut nach Eurem Gefallen." „So will ich's denn übernehmen," sagte der Abt; „wodurch wollt Ihr mich aber für einen solchen Dienst belohnen?" „Hochwürdiger Herr," erwiderte die Frau, „fordert, was Ihr wollt, wenn ick) es anders zu leisten vermag. Was kann aber ein armes Weib, wie ich bin, einem so vornehmen Herrn anbieten, das seiner würdig 308 Dritter Tag. Achte Geschichte. wäre?" Darauf sagte der Abt: „Madonna, Ihr könnt für mich nichts Geringeres thun, als was ich für Euch zu unternehmen im Begriffe stehe. Denn, sowie ich zu Eurem Glück und zu Eurer Zufriedenheit zu wirken denke, so seid Ihr im Stande, mein Leben und meine Ruhe mir wiederzugeben." „Ist das der Fall," cntgegnete die Frau, „so bin ich bereit." „Wohl denn," sagte der Abt, „so schenkt mir Eure Liebe und gewährt mir Euren Leib; denn nur für Euch glühe ich und verzehre mich im Feuer." Als die Frau diese Worte hörte, sagte sie voller Schrecken: „Um Gottes Willen, ehrwürdiger Water, was begehrt Ihr da von mir. Ich dachte, Ihr wäret ein Heiliger. Ziemt sich's nun wol für heilige Männer, die Frauen, die sich bei ihnen Raths zu erholen kommen, um dergleichen Dinge anzusprechen?" Der Abt antwortete ihr: „Mein süßes Herz, verwundert Euch nicht darüber; die Heiligkeit wird darum nicht geringer; denn sie wohnt in der Seele, und das Verlangen, das ich Euch entdeckt habe, ist eine Sünde des Körpers. Wie Dem aber auch sei, Eure holde Schönheit übt solche Gewalt über mich aus, daß die Liebe mich zwingt, zu thun, wie ich gethan habe. Dabei könnt Ihr Euch denn Eurer Schönheit mehr als andere Weiber rühmen, wenn Ihr bedenken wollt, daß sie den Heiligen wohlgefällt, die doch gewohnt sind, die Schönheiten des Himmels zu betrachten. Uebrigens bin ich 'ein Mensch, wie sehr ich auch Abt bin, und wie Ihr seht, noch nicht alt. Und so soll es Euch denn nicht leid sein, zu thun, wie ich Euch gesagt habe, vielmehr sol<,t Ihr es selber wünschen; denn während Ferondo im Fegefeuer ist, werde ich Euch Nachts Gesellschaft leisten und Euch die Unterhaltung gewähren, die er Euch zu bieten hätte. Auch wird es niemals Jemand gewahr werden; denn ein Jeder denkt von mir so gut und vielleicht noch besser, als Ihr es eben vorhin thatet. Verschmähet nicht die Gnade, die Euch von Gott geboten wird; denn Viele sind, die sehnlich begehren, was Ferondo im Fegefeuer. 309 Ihr Huben könnt und Huben werdet, wenn Ihr vernünftig genug seid, meinem Ruthe zu vertrauen. Ueberdies Hube ich München schönen und kostburen Schmuck, der meinem Willen nach Niemund unders uls Euch gehören soll. So thut denn, süße Hoffnung meines Herzens, für mich, was ich gerne für Euch thue." Die Frau schlug die Augen nieder und wußte nicht, wie sie dem Abt seine Bitte abschlagen sollte; sie ihm zu gewähren, schien ihr aber nicht gut gethun. Als dieser bemerkte, sie zögere mit der Antwort, nachdem sie ihn doch ungehört hatte, glaubte er sie schon halb bekehrt, und wirklich gelang es ihm, durch viele Worte, die er den ersten noch hinzufügte, noch ehe er ausgeredet hatte, ihr in den Kopf'zu setzen, was er verlange, sei wohlgethan. Deshalb sagte sie ihm denn ganz verschämt, sie sei bereit, jedem seiner Befehle zu gehorchen; früher aber könne sie nicht, uls bis Ferondo im Fegefeuer sein würde. Der Abt erwiderte ihr voller Freuden: „Nun so wollen wir ihn denn gleich hinschicken; richtet es nur ein, daß er morgen, oder in diesen Tagen zum Besuche zu mir heraufkomme." Mit diesen Worten drückte er ihr verstohlen einen wunderschönen Ring in die Hand und entließ sie. Die Frau war vergnügt über das Geschenk; denn sie hoffte, daß noch andere folgen sollten, und nachdem sie ihre Freundinnen wieder ausgesucht hatte, erzählte sie ihnen auf dem Heimwege Wunderdinge von der Frömmigkeit des Abtes. Wenige Tage darauf ging Ferondo ins Kloster. Sobald der Abt ihn zu sehen bekam, nahm er sich vor, ihn ins Fegefeuer zu schicken.? Zu diesem Ende suchte er ein Pulver von wunderbarer Kraft hervor, das er im Orient von einem mächtigen Fürsten mit der Versicherung erhalten hatte, der Alte vom Berge pflege sich desselben zu bedienen, wenn er Jemand im Schlaf in sein Paradies oder wieder herausbringen wolle, auch schlaffe es, in größerer oder geringerer Menge gegeben, Denjenigen, der es genieße, ohne ihm irgend zu schaden, auf kürzere oder 310 Dritter Tag. Achte Geschichte. längere Zeit dermaßen ein, daß, so lange seine Kraft daure, Niemand einem Solchen einen Funken von Leben beimefsen könne. Von diesem Pulver nahm er so viel als nöthig war, um einen dreitägigen Schlaf hervorzubringen, und gab es dem Ferondo, mit einem Glase jungen und noch trüben Weines, in welches er dasselbe unbemerkt gethan hatte, auf seiner Zelle zu trinken. Dann führte er ihn in den Klostergang und sing an, mit einigen andern Mönchen an seinen Thorheiten sich zu ergötzen. Es dauerte indeß nicht lange, so wirkte das Pulver und den Ferondo überfiel eine so plötzliche und unüberwindliche Müdigkeit, daß er noch im Stehen einschlief und schlafend umsicl. Der Abt stellte sich erschrocken über den Vorfall, ließ ihm die Kleider lösen und 'kaltes Wasser bringen, um ihn damit zu bespritzen; auch versuchte er noch viele andere Mittel, wie wenn er glaubte, die Lebensgeister, die von üblen, aus dem Magen oder sonst aufgestiegenen Dünsten eingenommen seien, auf die Weise mit dem Bewußtsein zurückzurufen.. Als nun der Abt und die Mönche sahen, daß er bei alle Dem sich nicht erholte, und als sie den Puls, nach dem sie ihm fühlten, regungslos fanden, zweifelte Keiner mehr daran, daß er todt sei. Deshalb ließ man es seiner Frau und seinen Angehörigen sagen, die Alle schnell herbeikamen und ihn eine Weile gemeinschaftlich beweinten, worauf der Abt ihn, angezogen wie er war, in eine Gruft beisetzen ließ. Die Frau kehrte heim und erklärte, von einem Kinde, das er mit ihr erzeugt hatte, sich nie trennen zu wollen, und so blieb sie im Hause, allein beschäftigt, dem Vermögen, das Ferondo hinterlassen hatte, und der Erziehung ihres Söhnleins vorzustehen. Der Abt indessen stand des Nachts mit einem bo- logneser Mönch, der an selbem Tage angekommen war, und zu dem er großes Vertrauen hatte, in aller Stille auf; Beide nahmen den Ferondo aus seinem Begräbniß und legten ihn in ein anderes Gewölbe, worin man gar Ferondo im Fegefeuer. 311 kein Licht sah, und das zum Strafgefangniß für die Mönchs bestimmt war. Hier zogen sie ihm seine Kleider aus, kleideten ihn statt dessen wie einen Mönch, setzten ihn auf ein Bündel Stroh und ließen ihn allein, bis er wieder zu sich kommen würde. Inzwischen wartete der bologneser Mönch, der vom Abte gehörig unterrichtet war, ohne. Mitwissen irgend eines Andern, daß Ferondo sich erholen sollte. Der Abt ging am andern Tage mit einigen seiner Mönche wie zum Besuche in das Haus der Frau, die er ganz in Trauerkleidern und sehr betrübt fand. Nachdem er sie eine Weile getröstet hatte, erinnerte er sie leise an ihr Versprechen. Da die Frau sich nun frei und weder von Ferondo noch sonst von Jemand belästigt fühlte, auch an des Abtes Finger schon einen zweiten schönem Ring bemerkt hatte, sagte sie, sie sei bereit und verabredete mit ihm, daß er die nächste Nacht kommen solle. Wirklich ging er denn auch, sobald es Nacht geworden war, in den Kleidern des Ferondo und von seinem Mönche begleitet zu der Frau, bei der er bis zum Morgen unter Scherz und Freuden verweilte, bevor er zu seiner Abtei zurückkehrte. Oft genug machte er denselben Weg in gleicher Absicht und wurde von Einigen, die beim Kommen oder. Gehen ihm begegneten, für den Geist des Ferondo gehalten, der, um Buße zu thun, in jener Gegend umgehen müßte. Darüber erzählten denn die abergläubischen Leute in dem Dörfchen viele Geschichten, die auch zu den Ohren der Frau kamen, welche indeß wohl wußte, was es damit für eine Bewandniß habe. Der bologneser Mönch aber trat, als Ferondo in dem dunklen Gefängnis erwachte, ohne zu wissen, wo er sich befinde, mit einer fürchterlichen Stimme hinein und gab ihm mit einigen Ruthen, die er in der Hand hielt, eine gute Tracht Schläge. Ferondo fragte unter Weinen und Schreien in Einem fort: „Wo bin ich?" „Du bist im Fegefeuer," antwortete der Mönch. „Wie," sagte Ferondo, 312 Dritter Tag. Achte Geschichte. „so bin ich denn todt?" „Ja wohl," erwiderte der Mönch. Darauf begann Ferondo, sich selbst, seine Frau und sein Söhnlein bitterlich zu beweinen und sagte dabei die unerhörtesten Albernheiten. Indessen brachte ihm der Mönch etwas zu essen und zu trinken. Als Ferondo das sah, rief er aus: „Mein Himmel, essen denn die Tobten?" „Ja," sagte der Mönch, „und was ich Dir jetzt bringe, ist dasselbe Essen, welches die Frau, die ehemals Dir zugehörte, heute Morgen der Kirche geschickt hat, um für Deine Seele eine Messe lesen zu lassen. Das kommt Dir nun, auf unsers Herrgottes Befehl, hier zu Gute." Darauf sagte Ferondo: „Ach, Du meine Güte! Na, Gott gebe ihr ein vergnügtes Jahr. Ich bin ihr freilich vor meinem Tode immer gar zu gut gewesen und Hab' sie immer die ganze Nacht im Arm gehabt und habe nichts Anderes gethan als sie, geküßt und habe auch was Anderes gethan, wenn ich die Lust kriegte." Dann sing er, hungrig und durstig wie er war, zu essen und zu trinken an. Da ihm aber der Wein nicht allzu gut vorkam, sagte er wieder: „Herrgott, gib ihr Unglück, sie hat dem Priester doch nicht von dem Fasse an der Wand geschickt." Als er nun gegessen und getrunken hatte, kriegte ihn der Mönch wieder vor und schlug ihn mit denselben Ruthen aufs neue ganz mürbe. Nachdem Ferondo lange genug gejammert hatte, sagte er zu ihm: „Mein Gott, warum thust Du denn das?" Der Mönch sagte: „Darum, weil unser Herrgott befohlen hat, daß dies alle Tage zwei Mal so geschehe. „Aus was für einer Ursache denn?" sagte Ferondo. Der Mönch erwiderte: „Weil Du eifersüchtig wärest, obgleich Du das beste Weib zur Frau hattest, die weit und breit zu finden ist." „Ach Gott ja," sagte Ferondo, „und das honigsüßeste, viel verzuckerter als Marzipan. Aber ich wußte nicht, daß unser Herrgott es übel nähme, wenn ein Mann eifersüchtig ist; sonst wäre ich's nicht gewesen." Der Mönch antwortete: „Das hättest Du bedenken und Dich bessern sollen, wahrend Du 313 Ferondo im Fegefeuer. noch in jener Welt wärest. Und sollte sich's treffen, daß Du wieder hinkämst, so gib nur Acht, daß Du in Gedanken behälst, was ich Dir jetzo anthue, und daß Du nie wieder eifersüchtig bist." „Ei," sagte Ferondo, „kommt denn jemals Einer zurück, der gestorben ist?" „Freilich," entgegnete der Mönch, „wen Gott wieder hinbringen will!" „Ach Gott" sagte Ferondo „wenn ich jemals zurückkäme, so wollte ich der beste Mann von der-Welt sein; ich wollte sie niemals schlagen, niemals schelten, außer wegen des Weines, den sie heut Morgen geschickt hat. Sie hat aber auch kein bischen Licht gegeben und ich habe im Dunkeln essen müssen." Der Mönch antwortete: „Wohl hat sie geschickt, aber man hat es zu den Seelenmessen verbrannt." „Ja" sagte Ferondo, „da wirst Du recht haben. Und gewiß, wenn ich wieder hinkomme, da will ich sie thun lassen, wozu sie Lust hat. Aber, sag mal, wer bist Du denn, der Du so mit mir umgehst?" Der Mönch erwiderte: „Ich bin auch todt, und war aus Sardinien, und weil ich im Leben meinen Herren wegen seiner Eifersucht häufig gelobt habe, bin ich von Gott zu der Strafe ver- urtheilt, daß ich Dir so lange zu essen und zu trinken geben und Dich solcher Weise schlagen muß, bis Gott über Dich und mich anders beschließen wird." Ferondo sagte: „Ist denn Niemand hier, als nur wir Beide?" „Ja wohl" sagte der Mönch, „zu Tausenden, aber Du kannst sie so wenig hören und sehen, als sie Dich." Darauf sagte Ferondo: „Wie weit sind wir denn wohl von uns zu Hause?" „Oho" antwortete der Mönch, „Du bist hier noch Meilen weit hinter Schän-Kackenhausen." „Ei der Kuckuk!" sagte Ferondo, „das ist ein Mal weit; meinem Bedrucken nach ist das so weit, daß wir schon aus der Welt raus sein sollten?" Unter solchen und ähnlichen Gesprächen wurde Ferondo bei Essen und Schlägen an die zehn Monate gehalten, wahrend welcher der Abt, der sich gar glücklich fühlte, oft genug die hübsche Frau besuchte und sich mit ihr den schön- Dekameron. I. 14 314 Dritter Lag. Achte Geschichte. sten Zeitvertreib von der Welt machte. Wie aber die Unfälle mitunter zu kommen pflegen, so wurde die Frau schwanger und sagte es dem Abt, da sie es noch früh genug gemerkt hatte. Darum schien es denn nun Beiden gerathen, daß Ferondo unverzüglich vom Fegefeuer zurückkommen und wieder ins Leben gerufen werden solle, auf daß sie, nachdem sie wieder beisammen gewesen waren, vorgeben könne, von ihm schwanger zu sein. Zu diesem Ende ließ der Abt in der nächsten Nacht den Ferondo in seinem Kerker mit verstellter Stimme anrufen und ihm Folgendes sagen: „Ferondo, sei guten Muthes, Gott beliebt es, Dich in die Welt zurückzuschicken. Wenn Du wieder hingekommen bist, wird Deine Frau Dir einen Sohn gebaren, den sollst Du Benedict nennen; denn Gott erzeigt Dir diese Gnade um der Gebete Deines heiligen Abtes und Deiner Frau willen und aus Liebe zum heiligen Benedict." Als Ferondo das hörte, wurde er sehr froh und sagte: „Na, das ist mir lieb; Gott möge es unserm Herrngott lohnen und dem Abte und dem heiligen Benedict und meiner honigsüßen, candirten, mit Käse bestreuten Frau ebenfalls." Darauf ließ ihm der Abt im Weine, den er ihm zu trinken gab, so viel von jenem Pulver reichen, daß er etwa vier Stunden lang davon schlafen mußte und legte ihn, nachdem er wieder mit den alten Kleidern angethan war, mit Hülfe seines Mönches aufs neue in die Gruft, in welche er zuerst begraben worden war. Am andern Morgen kam Ferondo, wie der Tag anbrach, wieder zu sich und sah durch einige Spalten der Gruft das Licht wieder, das er wol seit zehn Monaten nicht gesehen hatte. Da es ihm nun so vorkam, als sei er lebendig, so fing er an zu rufen: „Macht auf, macht auf," und stemmte sich selbst mit solcher Kraft gegen die Decke der Gruft, daß er, weil sie leicht zu heben war, sie lüftete. Er war noch damit beschäftigt, sie ganz abzuwerfen, als einige Mönche, die eben ihr Morgengebet ge- 315 Ferondo im Fegefeuer. sprachen hatten, herbeiliefen, die Stimme des Ferondo erkannten und ihn aus dem Grabe steigen sahen. Voller Schrecken über die unerhörte Begebenheit entflohen sie und eilten zum Abte. Dieser that, als stände er eben vom Gebete auf, und sagte: „Kinder, fürchtet Euch nicht. Nehmet Kreuz und Weihwasser und "folgt mir nach, damit wir, sehen, was die göttliche Allmacht uns offenbaren will." Und so thaten sie. Ferondo war indessen, ganz bleich von der langen Zeit, während welcher er den Himmel nicht gesehen hatte, aus der Gruft herausgestiegen. Sobald er den Abt erblickte, eilte er zu seinen Füßen und sagte: „Ehrwürdiger Vater, Eure Gebete nebst denen des heiligen Benedict und meiner Frau haben mich, wie mir offenbart worden ist, den Strafen des Fegefeuers entnommen und ins Leben zurückgerufen. Ich bitte Gott, daß er Euch dafür ein gutes Jahr und gute Tage heute und allezeit bescheren möge." Der Abt antwortete: „So sei denn die göttliche Allmacht gelobt! Gehe, mein Sohn, da Gott Dich -zurückgesandt hat, und tröste Deine Frau, die, seitdem Du von hinnen schiedest, immer in Thränen geschwommen hat, gehe und sei von nun an Gottes Freund und Diener." Ferondo sagte: „Hochwürdiger Herr, so ist mir wol gesagt worden. Laßt mich nur machen; denn wie ich hinkomme, küsse ich sie auch gleich, so gut bin ich ihr." Der Abt blieb mit seinen Mönchen zurück und bezeigte eine große Verwunderung über diese Begebenheit, weswegen er denn auch in großer Demuth das Nigrers singen ließ. Ferondo kehrte indeß ins Dorf zurück, wo Jeder, der ihn sah, vor ihm floh, wie man es vor ent- setzenswerthen Dingen zu thun pflegt. Er aber rief sie zurück und versicherte, er sei auferweckt worden. Die Frau fürchtete sich ebenfalls vor ihm, bis endlich die Leute etwas mehr Zutrauen zu ihm faßten, sich überzeugten, daß er lebendig sei, und ihm um Vielerlei aus jener Welt befragten. Er antwortete Allen, als ob er vernünftiger zurück- 316 Dritter Tag. Achte Geschichte. gekehrt sei, erzählte ihnen Neuigkeiten von den Seelen ihrer Angehörigen und erfand sich selber die schönsten Fa- - beln von der Welt über die Einrichtungen des Fegefeuers; auch erzählte er vor allem Wolke die Offenbarung, die ihm durch den Mund des Erzbengel Gabelgürg vor seiner Wiedererweckung gemacht worden sei. Unterdessen kehrte er mit der Frau in sein Haus zurück, nahm von seinem Vermögen wieder Besitz und schwängerte sie, wenigstens seiner Meinung nach. Zum Glücke traf es sich, daß die Frau, nach der Meinung der Thörichten, welche sich einbilden, daß die Weiber genau neun Monate lang die Kinder im Leibe tragen, gerade zur rechten Zeit von einem Knaben genas, der Benedict Ferondo getauft ward. Die Rückkehr Ferondo's und seine Reden vermehrten dem Abte seinen Geruch der Heiligkeit um Vieles; denn fast Jedermann glaubte, Jener sei wirklich vom Tode erweckt. Ferondo aber, der wegen seiner Eifersucht so viele Schläge bekommen hatte, war nun gänzlich von ihr geheilt und plagte, wie der Abt versprochen hatte, von nun an die Frau nie mehr damit. Die letzte war darüber sehr erfreut und lebte wie zuvor mit ihm in allen Ehren, ohne jedoch zu versäumen, wenn es sich schicklich thun ließ, mit dem heiligen Abte sich zu sehen, der so gut und so sorgfältig sie in den wichtigsten Angelegenheiten bedient hatte," Gillette und Bertran von Roussillon. Z17 Neunte Geschichte. Gillette von Narbonne heilt den König von Frankreich von einer Fistel und verlangt dafür Bertran von Roussillon zum Manne Dieser heirathct sie wider Willen und geht aus Werdruß nach Florenz. Hier verliebt er sich in ein junges Mädchen, die er zu umarmen glaubt, während er Gillette beschläft. Diese gebiert ihm zwei Söhne, um derentwillen er sie lieb gewinnt und als Frau behandelt. §)a die Königin dem Dioneus sein Vorrecht nicht rauben wollte, so kam die Reihe des Erzählens, als Lauret- tens Geschichte geendigt war, an Niemand anders als an sie. Desalb begann sie denn, ohne eine Aufforderung der klebrigen abzuwarten, fröhlich also zu reden: „Wer kann nun eine Geschichte erzählen, die Beifall gewänne, nachdem wir die von Lauretten gehört haben? Wahrlich es ist gut für uns, daß sie nicht die erste war, sonst würden wenige der andern uns gefallen haben. Denen, die heute noch mitgetheilt werden sollen, wird es, wie mich dünkt, nun freilich so ergehen; wie dem aber auch sei, will ich immerhin erzählen, was mir in Bezug auf den vorgeschriebenen Gegenstand eben einfällt. Im Königreich Frankreich lebte ein Edelmann, Namens Jsnard Graf von Roussillon, der, weil er kränklich war, immer einen Arzt bei sich hatte, der Gerard von Narbonne hieß. Der genannte Graf hatte einen einzigen kleinen Sohn, mit Namen Bertran, der äußerst schön und unterhaltend war. Mit ihm wurden mehrere Kinder seines Alters erzogen, unter denen sich eine Tochter des er- 318 Dritter Tag. Neunte Geschichte. wähnten Arztes, Namens Gillette, befand. Diese fühlte für den jungen Bertran eine unendliche Liebe, die viel glühender war, als es für ihr zartes Alter gehörte. Bertran aber mußte, als der Graf gestorben war und ihn den Händen des Königs anvertraut hatte, nach Paris ziehen, worüber das junge Mädchen unbeschreiblich trostlos war. Wie nun bald darauf auch ihr Vater starb, so wäre sie, wenn sie einen schicklichen Vorwand gewußt hätte, gar gerne auch nach Paris gegangen, um Bertran wiederzufehen. Da sie aber um des Reichthums willen, der ihr nun allein geblieben war, von Vielen beachtet ward, so wußte sie keine anständige Auskunft. Inzwischen hatte sie, bereits zu mannbaren Jahren gekommen, da sie noch immer den Bertran nicht vergessen konnte, ohne den Grund davon anzugeben, schon Viele, mit denen ihre Verwandten sie hatten verheirathen wollen, zurückgewiescn. Nun geschah es, daß sie, mehr als je in Liebe zu Bertran entbrannt, der, wie ihr berichtet ward, ein schöner Jüngling geworden war, zufällig vernahm, der König von Frankreich sei in Folge eines Geschwüres, das er auf der Brust gehabt hatte und das von den Aerzten schlecht geheilt war, mit einer Fistel behaftet, die ihm große Unbequemlichkeit und heftige Schmerzen verursache. Auch habe sich noch kein Arzt gefunden, so viele sich schon daran versucht hätten, der im Stande gewesen wäre, ihn zu heilen, vielmehr hätten Alle das Uebel verschlimmert. Darum wolle denn der König, der jetzt an der Heilung verzweifele, von Niemandem mehr Rath oder Hülfe annehmen. Das Mädchen war hocherfreut hierüber; denn sie glaubte nun nicht nur einen genügenden Vorwand gesunden zu haben, um nach Paris zu reisen, sondern sie hoffte auch, wenn diese Krankheit wirklich dieselbe wäre, die sie vermuthete, es leicht dahin bringen zu können, daß sie Bertran zum Manne bekomme. Deshalb fertigte sie denn, von ihrem Vater in ärztlichen Dingen vielfach belehrt, aus gewissen Kräutern, die für die Krankheit dienlich waren, Gillette und Vertrau von Roussillon. 319 welche sie beim Könige voraussetzte, ein Pulver an, stieg damit zu Pserde und reiste nach Paris. Hier war ihr erstes Geschäft, daß sie Bertran zu sehen suchte, und erst als ihr dies gelungen war, trat sie vor den König und bat es sich von ihm als Gnade aus, daß er sein Uebel ihr zeige. Der" König konnte es bei ihrer Jugend, Schönheit und Anmuth ihr nicht abschlagen und zeigte ihr seinen Schaden. Sobald sie ihn gesehen hatte, faßte sie ein festes Zutrauen, ihn heilen zu können, und sagte: „Gnädiger Herr, wenn es Euch beliebt, so hoffe ich zu Gott, ohne Euch irgend Schmerzen oder Beschwerde zu machen, in acht Tagen von dieser Krankheit Euch befreit zu haben." Der König lachte im Stillen über ihre Worte und sagte zu sich: „Wie sollte ein junges Mädchen zu bewirken wissen, was dis größten Aerzte der Welt nicht vermocht und nicht verstanden haben?" Darum dankte er ihr für ihren guten Willen, antwortete aber, er habe bei sich beschlossen, keinen ärztlichen Rath weiter zu befolgen. Darauf erwiderte das Mädchen: „Gnädiger Herr, Ihr verschmäht meine Kunst, weil ich ein Weib und noch jung bin. Ich erinnere aber dagegen, daß ich nicht durch meine Wissenschaft, sondern durch Gottes Beistand und durch die Wissenschaft des Meisters Gerard von Narbonne, der mein Vater und ein berühmter Arzt war, zu heilen verstehe." Der König sagte darauf in seinen Gedanken. „Vielleicht ist dies Mädchen mir von Gott gesandt; warum versuche ich nicht, was sie zu thun weiß, da sie mir doch verspricht, mich ohne Beschwerde in kurzer Zeit zu heilen?" Und so sprach er, entschlossen, es zu versuchen: „Jungfrau, wenn Ihr uns nicht heilt, im Falle wir um Euretwillen unserm Entschlüsse zuwider handelten, was wollt Ihr dann, daß mit Euch geschehe?" „Gnädiger Herr," erwiderte das Mädchen, „laßt mich bewachen und, wenn ich Euch in acht Tagen nicht heile, so laßt mich verbrennen. Was soll ich aber für Lohn erhalten, wenn ich Euch ^1 LI I 320 Dritter Tag. Neunte Geschichte. heile?" Darauf antwortete der König: „Ihr scheint uns noch unverheirathet. Wenn Ihr das thut, so werden wir Euch einen guten und angesehenen Mann geben." „Gnädiger Herr," sagte das Mädchen „wahrlich, mir ist es lieb, wenn Ihr mich verheirathen wollt; ich begehre aber Den zum Mann, den ich mir von Euch erbitten werde, wobei ich keinen Eurer Söhne und Keinen aus dem königlichen Hause fordern will." Der König versprach ihr alsbald, es zu thun. Das Mädchen begann nun ihre Heilung und hatte binnen Kurzem, noch vor der bestimmten Frist, den König wiederhergestellt. Wie sich dieser nun geheilt fühlte, sagte er: „Jungfrau, Ihr habt Euch einen Mann wohl verdient." „Gut, gnädiger Herr" sagte das Mädchen, „so habe ich denn Bertran von Roussillon verdienet, den ich schon in meiner Kindheit zu lieben ansi'ng und seit der Zeit immer von ganzem Herzen geliebt habe." Dem König schien es ein Großes, ihr diesen geben zu sollen; da er es aber einmal versprochen hatte und sein Wort nicht brechen wollte, so ließ er ihn sich rufen und sprach zu ihm: „Bertran, Ihr seid nun erwachsen und hinlänglich gebildet. Wir wollen, daß Ihr nun zurückkehrt, Eure Grafschaft selbst zu regieren; auch sollt Ihr ein Mädchen mit Euch heimführen, das wir Euch zur Frau bestimmt haben." Bertran antwortete: „Und wer ist das Mädchen, gnädiger Herr?" „Dieselbe" antwortete der König, „die mit ihren Heilmitteln unsre Gesundheit wiederhergestellt hat." Bertram hatte sie bereits gesehen und erkannt, und obwol auch er sie für schön hielt, sagte er dennoch in dem Gefühle, daß sie von keinem Geschlechts sei, das seinem hohen Adel gezieme, ganz zornig: „Gnädiger Herr, wollt Ihr mir eine Quacksalberin zur Frau geben? Das möge doch Gott verhüten, daß ich mir jemals solch ein Frauenzimmer nehme." Der König antwortete: „So wollt Ihr denn, daß wir unserm Worte untreu werden, welches wir, um unsere Gesundheit wieder zu erlangen, dem Mädchen Gillette und Vertrau von Roussillon. 321 gaben, das nun Euch, als Lohn, zum Manne begehrt hat?" „Gnädiger Herr," sagte Bertran, „Ihr könnt mir Alles nehmen, was ich besitze, und mich als Euren Vasallen verschenken, an wen es Euch beliebt; das aber versichere ich Euch, daß ich mich wegen dieser Heirath niemals zufriedengeben werde." „Ihr werdet schon," sagte der König; „denn das Mädchen ist hübsch und verständig und liebt Euch sehr. Deshalb hoffen wir denn, daß Ihr mit ihr viel glücklicher leben werdet, als Ihr es mit einer Dame von höherer Abkunft gethan haben würdet." Bertran schwieg und der König ließ große Zurüstungen zum Hochzeitfeste machen. Als nun der festgesetzte Tag herangekommen war, vermählte sich Bertran, so ungern er es auch that, in Gegenwart des Königs mit dem Mädchen, das ihn mehr als sich selbst liebte. Sobald dies aber geschehen war, beurlaubte er, wie er schon zuvor bei sich beschlossen hatte, sich beim Könige unter dem Vorwände, daß er in seine Grafschaft zurückkehren und dort erst die Ehe vollziehen wolle. Damit stieg er zu Pferde und reiste nicht in seine Grafschaft, sondern kam nach Toscana. Als er hier vernahm, daß die Florentiner mit den Sienesern im Kriege begriffen seien, entschloß er sich, zu ihren Gunsten am Streite Theil zu nehmen. Er ward mit großer Freude und Ehrenbezeugungen von ihnen empfangen, und, als sie ihn zum Anführer einer Abtheilung ihrer Kriegsleute gemacht und bedeutenden Sold ihm ausgesetzt hatten, blieb er in ihren Diensten eine gute Weile. Die junge Frau war über diese Begebenheit nicht sehr erfreut, reiste indeß in der Hoffnung, durch ihr gutes Benehmen ihn in seine Grafschaft zurückzurufen, wieder nach Roussillon und ward daselbst von Allen als ihre Gebieterin ausgenommen. Weil nun während der langen Abwesenheit des Grafen alle Geschäfte verwahrlost waren, brachte sie dieselben, vermöge ihres großen Geschickes, mit vieler Mühe und Fleiß wieder in die beste Ordnung, worüber die Unterthanen sich gar sehr freuten und ihr besonders 14 ** 322 Dritter Lag. Neunte Geschichte. zugethan wurden, auch den Grafen, dem sie nicht recht war, lebhaft tadelten. Als sie nun Alles im Lande wieder in guten Stand gesetzt hatte, gab sie dem Grafen durch zwei Edelleute Nachricht davon und bat ihn, wenn er um ihretwillen zögere, in seine Grafschaft zu kommen, so möge er sie davon unterrichten und sie werde alsdann, ihm zu Gefallen, die Gegend verlassen. Der Graf antwortete ihnen äußerst hart: „Mag sie thun, wozu sie Lust hat; was mich aber betrifft, so werde ich nicht eher heimkehren, um mit ihr zu leben, als bis sie diesen Ring am Finger und ein Kind, das ich mit ihr gezeugt habe, auf dem Arme trägt." Eben den Ring nun hielt er sehr werth und trennte sich auch wegen einer gewissen Kraft, die, wie man ihn überredet hatte, demselben beiwohnte, niemals von ihm. Die Edelleute fühlten wol die Härte der Bedingung, die von zwei fast unmöglichen Dingen abhängig gemacht war; da sie aber sahen, daß sie ihn durch ihre Worte von seinem Vorsatze nicht abbringen konnten, so kehrten sie zu der Dame zurück und erzählten ihr des Grasen Antwort. Sie wurde darüber gar sehr betrübt, entschloß sich indeß nach langer Ueberlegung, zu versuchen, ob sie nicht vielleicht jene Forderungen erfüllen könne. Um nun auf solche Weise in Zukunft ihren Gemahl wiederzugewinnen, versammelte sie, sobald sie mit sich einig geworden war, was sie thun solle, einige der ältesten und tüchtigsten Männer aus der Grafschaft und erzählte ihnen ganz der Ordnung nach, mit kläglichen Worten, was sie Alles aus Liebe zum Grafen gethan und was für einen Lohn sie dafür erhalten habe. Zuletzt eröffnete sie- ihnen ihre Absicht, nicht durch ihr längeres Verweilen des Grafen ewiges Exil zu veranlassen, sondern vielmehr den Rest ihres Lebens allein zu Pilgerfahrten und mitleidigen Werken zum Heil ihrer Seele zu verwenden. Deshalb bat sie denn jene Männer, daß sie Wache und Verwaltung der Grafschaft übernehmen und den Grafen in Kunde setzen möchten, wie sie Gillette und Vertrau von Roussillon. 323 den Besitz frei und ledig gelassen habe und in der Absicht, nie wieder nach Roussillon zu kommen, fortgezogen sei. Wahrend sie also sprach, vergossen die guten Leute viele Thränen und baten sie dringend, ihren Entschluß aufzugeben und bei ihnen zu bleiben. Alles war indeß vergebens. Die Dame empfahl sie dem göttlichen Schutze und trat in Begleitung eines ihrer Vettern und einer Dienerin in Pilgerkleidern und mit Geld und kostbaren Steinen wohl versehen, ohne daß Jemand gewußt hätte, wohin sie gingen, die Reise an, und verweilte auch nicht eher, als bis sie in Florenz angelangt war. Hier kehrte sie, vom Zufall geleitet, in einem kleinen Gasthof ein, der einer guten Witwe gehörte, und gab sich, voller Verlangen, von ihrem Herrn Nachricht zu erhalten, für eine arme Pilgerin aus. Nun traf es sich, daß sie schon am andern Tage den Bertran mit seinem Gefolge vor dem Gasthofe vorüberreiten sah. Obgleich sie ihn gar wohl erkannte, fragte sie doch die gute. Wirthin, wer es sei. Diese erwiderte: „Er ist ein fremder Edelmann, der sich Graf Bertran nennt, ein gefälliger, freundlicher Herr, den man in unserer Stadt ausnehmend gerne sieht und der in eine meiner Nachbarinnen, ein armes Edelfräulein, über alle Maßen verliebt ist. Das ist ein gar sittsames und wackeres Mädchen, die nur um ihrer Armut!) willen noch nicht verheirathet ist und mit ihrer Mutter, einer verständigen und wackeren Frau, zusammenlebt. Aber wer weiß, was sie diesem Grafen nicht schon zu Gefallen gethan hätte, wenn ihre Mutter nicht wäre?" Die Gräfin nahm den Inhalt dieser Worte sorgfältig in sich auf, erkundigte sich noch genauer nach allen Umstanden und faßte ihren Entschluß, sobald sie von Allem unterrichtet war. Zu diesem Ende ließ sie sich Namen und Wohnung jener Frau und ihrer Tochter, in welche der Graf verliebt war, bezeichnen und ging eines Tages, ohne Jemand etwas davon zu sagen, in Pilgerkleidung 324 Dritter Lag. Neunte Geschichte. zu ihnen. Sie fand Mutter und Tochter recht ärmlich ausfehend, begrüßte sie und sagte der Ersten, wenn es ihr gefiele, wünschte sie mit ihr zu reden. Die Edelfrau stand auf und sagte, sie sei bereit zu hören, und so gingen sie in eine Nebenstube, wo die Gräfin, als sie sich niedergelassen hatten, so zu sprechen anfing: „Madonna, Ihr gehört, wie mir es scheint, sowol als ich, zu den Feindinnen Fortunens; wenn Ihr aber wolltet, so könntet Ihr wol Euch und mich glücklich machen." Die Dame antwortete, sie wünsche nichts so sehr, als ihre Lage auf anständige Weise zu verbessern. Die Gräfin fuhr fort: „Ich bedarf Eurer Verschwiegenheit. Verlasse ich mich auf sie, und verrathet Ihr mich dennoch, so schadet Ihr Euch eben so wohl als mir." „Vertrauet mir ruhig," erwiderte die Edeldame,' „was Euch immer gefällt; gewiß werdet Ihr nie von mir betrogen werden." Darauf erzählte ihr denn die Gräfin auf so bewegliche Weise, wer sie sei und was sich Alles zugetragen habe, seit sie zuerst sich in den Grafen verliebte, daß die Edeldame, welche diese Begebenheiten zum Theil schon von Andern gehört hatte, ihren Worten Glauben beimaß und sie zu bemitleiden anfing. Als die Gräfin mit ihrer Erzählung fertig war, fuhr sie fort: „Ihr habt gehört, was ich, zu meinem übrigen Unglück, für zwei Dinge besitzen muß, wenn ich meinen Mann erlangen will. Ist es nun wahr, was ich vernehme, daß der Graf Eure Tochter auf das zärtlichste liebt, so sehe ich ein, daß Niemand außer Euch mir diese Dinge verschaffen kann." Die Edeldame antwortete ihr: „Madonna, ob der Graf meine Tochter liebe, das weiß ich nicht; aber sein Benehmen ist ganz danach. Was kann ich aber deshalb thun, um Euch zu verschaffen, was Ihr wünschet?" „Madonna," erwiderte die Gräfin, „gleich will ich es sagen; zuvor aber sollt Ihr hören, was Euch für ein Vortheil daraus erwachsen wird, wenn Ihr hierin mir dienet. Ich sehe, Eure Tochter ist schön und alt genug zum Heirathen, auch muß ich aus Dem, was ich Gillette und Bcrtran von Roussillon. 325 gehört Habs und selbst zu bemerken glaube, schließen, daß Ihr sie nur aus Mangel an anständiger Ausstattung noch im Hause behaltet. So denke ich denn zum Dank des Dienstes, den Ihr mir leisten sollt, Eurer Tochter von meinem Gelbe eine Mitgabe auszusehen, wie Ihr selbst sie angemessen glauben werdet, um sie ehrenvoll zu verheira- then." Der Dame, die bedürftig war, gefiel das Anerbieten sehr, dennoch aber antwortete sie zufolge ihrer eidlichen Gesinnung: „Madonna, sagt mir, was kann ich für Euch thun? Ziemt es sich für mich, so soll es gern ge- schehn, und Ihr mögt nachher thun, was Euch belieben wird." Darauf sagte die Gräfin: „Zu meinen Absichten ist es nöthig, daß Ihr durch Jemand, auf den Ihr Euch verlassen könnt, dem Grafen, meinem Manne, sagen laßt, Eure Tochter sei gesonnen, ihm allen Willen zu thun, wenn sie nur gewiß sei, daß er sie wirklich so lieb habe, wie er vorgibt. Das könne sie aber nicht anders glauben, als wenn er ihr den Ring schickenden er immer am Finger trägt und der ihm, wie sie gehört habe, so theuer sei. Schickt er ihr den Ring, so werdet Ihr ihn mir geben und dem Grafen sagen lassen daß Eure Tochter bereit sei, alle seine Wünsche zu erfüllen. Dann müßt Ihr ihn heimlich hierherkommen lassen, und mich unvermerkt anstatt Eurer Tochter ihm zur Seite legen. Vielleicht gewährt mir Gott die Gnade, daß ich von ihm empfange, und dann werde ich, seinen Ring am Finger und sein Kind auf dem Arme, ihn wiedergewinnen und mit ihm leben können, wie es Mann und Frau geziemt, und das werde ich dann Euch verdanken." Der Edeldame schien es ein bedenkliches Ding und sie fürchtete sehr, daß große Schande für ihre Tochter daraus entspringen könne. Wie sie aber wieder bedachte, es sei löblich, dazu mitzuwirken, daß die gute Frau ihren Mann wiederbekomme, und es sei auch eine löbliche Absicht, die sie also zu thun bewog, versprach sie nicht nur, im Ver- 326 Dritter Lag. Neunte Geschichte. trauen auf ihre gute und ehrbare Gesinnung, das Gewünschte zu thun, sondern sie erhielt auch auf dem angegebenen Wege in wenig Tagen mit geheimer Vorsicht jenen Ring, obgleich es dem Grafen schwer siel, sich von ihm zu trennen, und legte mit großer Geschicklichkeit die Gräfin statt ihrer Tochter dem Grafen zur Seite. In diesen ersten Vereinigungen, die vom Grafen inbrünstig gewünscht waren, empfing, nach Gottes Willen, die Dame zwei männliche Kinder, wie sich zur gehörigen Zeit bei der Entbindung zeigte. Auch gewährte die Edelfrau der Gräfin die Umarmuagen ihres Gemahles nicht nur ein, sondern viele Male, wobei sie so vorsichtig zu Werke ging, daß nichts von diesem Verhältnisse verlautete und der Gras fortwährend der Meinung war, nicht seine Frau, sondern die, welcher er liebte, genossen zu haben. Deshalb schenkte er ihr denn auch Morgens, wenn er sie zu verlassen hatte, schöne und kostbare Edelsteine in Menge, welche die Gräfin sämmtlich sorgsam verwahrte. Als diese von ihrer Schwangerschaft überzeugt war, wollte sie der Edeldame nicht weiter mit diesen Diensten beschwerlich fallen, sondern sagte ihr: „Madonna, Gott und Euch sei Dauk, ich habe erlangt, was ich wünschte, und so ist es Zeit, daß ich nun nach Eurem Verlangen thue, um dann wieder abzureisen." Die Edelfrau erwiderte, es sei ihr lieb, wenn die Gräfin irgend etwas nach ihren Wünschen erreicht hätte. Was sie aber gethan habe, sei nicht in Hoffnung irgend eines Lohnes geschehen, sondern allein weisi sie gemeint habe, sie müsse so handeln, wenn sie Gutes thun wolle. „Madonna" erwiderte die Gräfin „ich lobe diese Gesinnung an Euch und denke selber nicht, was Ihr von mir verlangen werdet, Euch als einen Lohn zu schenken, sondern allein um Gutes zu thun, wie man meiner Meinung nach es thun soll." Hierauf bat die Edeldame nothgedrungen und voller Scham um hundert Gulden zur Ausstattung ihrer Tochter. Die Gräfin bemerkte wohl ihre Sckam und die Bescheidenheit ihrer Gillette und Bertran von Roussillon. 327 Bitte und schenkte iht deshalb fünfhundert Gulden nebst schönem und kostbarem Geschmeide, das leicht eben so viel werth sein mochte. Die Edelfrau war darüber hocherfreut und dankte der Gräfin, wie sie nur immer wußte und konnte. Diese aber verließ sie und kehrte in ihren Gasthof zurück. Um für die Zukunft dem Bertran allen Anlaß zu nehmen, ihr Haus zu beschicken, oder zu besuchen, zog die Edelfrau bald darauf nebst ihrer Tochter zu ihren Anverwandten aufs Land. Bertran kehrte indeß, von den Seinigen zurückberufen, wie er erfuhr, die Gräfin sei davon gegangen, selbst in seine Heimat zurück. Die Gräfin war sehr erfreut, als sie hörte, er sei von Florenz abgereist und in feine Grafschaft heimgekehrt, und verweilte in Florenz noch bis zu ihrer Niederkunft, in der sie von zwei Knaben, die ihrem Vater äußerst ähnlich sahen, entbunden ward. Sie ließ die Kinder mit vieler Sorgfalt stillen, machte sich, als es ihr Zeit zu sein schien, auf den Weg und langte, ohne von Jemand erkannt zu sein, glücklich in Montpellier an. Hier ruhete sie sich einige Tage lang aus und erfuhr in Folge ihrer Erkundigungen nach dem Grafen und seinem Aufenthalt, er werde am nächsten Allerheiligen-Tage in Roussillon ein großes Gastmahl für Damen und Ritter geben. Zu diesem ging sie nun, immer noch in ihrer gewohnten Pilgertracht, und eilte, ohne sich umzukleiden, ihre beiden Kinder im Arm, hinauf in den Saal des gräflichen Palastes, wo, wie sie hörte, Damen und Ritter versammelt waren, um zu Tische zu gehn. Mitten durch die Leute drängte sie sich dahin, wo sie den Grafen sah, warf sich ihm zu Füßen und sagte weinend: „Mein Gebieter, ich bin Deine unglückliche Gattin, die, um Dich Deiner Heimath zurückzuführen und zu erhalten, lange Zeit im Elend umhergegangen ist. Ich beschwöre Dich bei Gott, daß Du mir jetzt die Bedingungen hältst, die Du mir durch die zwei Edelleute auferlegt 328 Dritter Tag. Neunte Geschichte hast. Siehe hier in meinen Armen nicht ein, sondern zwei Deiner Kindern und siehe hier Deinen Ring. Nun ist es nach Deinem eignen Versprechen Zeit, daß ich als Deine Frau von Dir ausgenommen werde." Als der Graf dies hörte, erschrak er sehr; denn er erkannte den Ring und die Kinder, so ähnlich waren sie ihm: doch sagte er: „Wie sollte denn das geschehen sein?" Hierauf erzählte die Gräfin zu großer Verwunderung des Grafen und aller klebrigen, die gegenwärtig waren, der Ordnung nach, was und wie es sich zugetragen hatte. Wie der Graf sich nun hierdurch überzeugte, sie rede die Wahrheit, und wie er ihre Ausdauer und ihren Verstand bedachte und dann auch wieder die zwei schönen Kinder sah, legte er seinen hartnäckigen Stolz, nicht nur um seinem Worte treu zu bleiben, ab, sondern auch den Seinigen, Männern wie Frauen, zu Gefallen, die ihn Alle baten, er möge sie nun als seine rechtmäßige Gattin aufnehmen und ehren. So hieß er denn die Gräfin aufstehen, küßte und umarmte sie, erkannte sie als seine rechtmäßige Gemahlin und die Kinder als die seinigen an. Dann ließ er sie mit Gewändern, die ihrem Stande geziemten, bekleiden und feierte zu großer Freude aller Gegenwärtigen, wie auch seiner sämmtlichen Vasallen, die es erfuhren, nicht nur diesen, sondern noch mehrere andere Tage lang ein glänzendes Fest und liebte sie von dem Tage an mit aller seiner Gattin und Ehefrau gebührenden Achtung auf das herzlichste.,, Alibech in der Lhebalde. 329 Zehnte Geschichte. Alibcch wird Einsiedlerin und der Mönch Rusticus lehrt sie, den Teufel in die Hölle heinischicken. Dann kehrt sie zurück und wird die Frau des Neerbal. §)ioneus, der die Erzählung der Königin mit vieler Aufmerksamkeit angehört hatte, Hub, als sie vollendet war und er einsah, daß ihm allein noch zu reden obliege, ohne einen Befehl abzuwarten, lächelnd also zu sprechen an: „Holde Damen, Ihr hörtet vielleicht noch niemals, wie man den Teufel in die Hölle heimschickt, und so will ich es Euch denn erzählen, ohne mich groß von der Aufgabe zu entfernen, von der Ihr heute den ganzen Tag über geredet habt. Wenn Ihr es gelernt habt, könnt Ihr dadurch vielleicht noch einmal Eure Seele retten; auch werdet Ihr aus dieser Geschichte erfahren, daß die Liebe, wenn sie gleich lieber die heiteren Paläste und die wollüstigen Gemächer bewohnt, es dennoch nicht verschmäht, zuweilen ihre Kräfte auch in den dichten Wäldern, den starren Alpen und den Hälen der Wüste fühlbar zu machen. Daraus läßt sich denn entnehmen, daß ein jegliches Ding ihr unterworfen ist. Um nun zur Sache zu kommen, sage ich, daß in der Stadt Capsa in der Berberei vor Zeiten ein gar reicher Mann lebte, der unter mehreren andern Kindern eine schöne und wohlgestaltete Tochter hatte, die Alibech hieß. Weil sie nun keine Christin war und von den vielen Christen, die in der Stadt lebten, den christlichen Glauben und Gottesdienst sehr loben hörte, fragte sie eines Tages 330 Dritter Lag. Zehnte Geschichte. den Einen von ihnen, wie man denn eigentlich Gott dienen könne, und wie am leichtesten dazu gelange. Dieser antwortete ihr, man diene Gott am besten, je mehr man den weltlichen Angelegenheiten entfliehe, wie es besonders Diejenigen thäten, die in die Einöden der thebaischen Wüste gegangen waren. Das Mädchen mochte etwa vierzehn Jahr alt sein und war gar einfältig; daher machte sie sich denn, nicht aus vernünftigem Antriebe, sondern aus einer gewissen kindischen Lust, ohne irgend Jemand etwas davon wissen zu lassen, am andern Morgen heimlich und ganz allein nach der thebaischen Wüste auf den Weg und gelangte, weil ihre Lust anhielt, mit großer Anstrengung nach einigen Tagen bis in jene Einöden. Hier ging sie auf die erste Hütte, die sie aus der Ferne sah, zu und fand einen heiligen Mann an der Thüre stehn, der ganz verwundert, sie hier zu erblicken, sie frug, was sie suchen gehe. Sie antwortete ihm, sie suche, aus Eingebung Gottes, wie sie ihm diene und Jemand finden könne, der sie darin unterrichte. Wie der wackre Mann ihre Jugend und Schönheit betrachtete, fürchtete er, es möge der Teufel ihn wol betrügen, wenn er sie bei sich behielte. Darum lobte er ihren guten Vorsatz, gab ihr einige Kräuterwurzeln, wilde Aepfel und Datteln zu essen und Wasser zu trinken und sagte dann: „Meine Tochter, nicht weit von hier wohnt ein heiliger Mann, der ein weit besserer Lehrmeister Dessen ist, was Du begehrst, als ich es bin; geh Du zu dem!" und damit brachte er sie auf den Weg. Wie sie nun zum Zweiten kam und von ihm dieselbe Antwort erhielt, ging sie noch weiter und kam zur Zelle eines jungen Einsiedlers, eines recht frommen und guten Menschen, der Rusticus hieß, und richtete an ihn dieselbe Frage, die sie schon an die Andern gethan hatte. Rusticus dachte eine große Probe seiner Festigkeit anzustellen und schickte sie deshalb nicht wie die Andern weg, sondern behielt sie bei sich in seiner Zelle und machte ihr, wie es Alibech in der Lhcbaide. 331 Nacht ward, ein Bettchen von Palmenlaub und hieß ihr, sich darauf niederzulegen. Als dies geschehen war, säumten die Versuchungen nicht eben lange, die Standhaftigkeit des Einsiedlers zu bekämpfen. Wie dieser sich aber von jener gar bald völlig im Stiche gelassen sah, wandte er, ohne viel Angriffe abzuwarten, dem Feinde den Rücken und ergab sich als besiegt. So ließ er denn die heiligen Gedanken, die Gebete und Geißelungen ganz bei Seite liegen und rief sich dafür die Jugend und die Schönheit des jungen Mädchens ins Gedächtnis und sing zugleich an, darüber nachzudenken, was für Mittel und Wege er ergreifen solle, um zum Ziele zu gelangen, damit sie nicht gewahr werde, er strebe, als ein unkeuscher Mensch, nach Dem, was er von ihr begehrte. Zu dem Ende richtete er allerhand Fragen an sie, durch die er erfuhr, sie habe noch nie einen Mann gekannt und sei so einfältig, als sie aussah. Deshalb beschloß er, unter dem Scheins des Gottesdienstes sie seinen Wünschen folgsam zu machen. Zuerst setzte er ihr nun mit vielen Worten auseinander, ein wie arger Feind des lieben Gottes der Teufel sei, und wie man durch nichts Gott so lieb werden könne, als wenn man den Teufel heim in die Hölle schicke, in die unser Herrgott ihn verbannt habe. Das Mädchen fragte ihn, wie man das anfange. Rusticus antwortete ihr darauf: „Das sollst Du bald erfahren und darum thue, was Du mich thun siehst." Und damit sing er an, die wenigen Kleidungsstücke, die er trug, sich auszuziehn, und warf sich, als er ganz nakt war, während das Mädchen ihm in Allem nachahmte, auf die Knie, als wolle er beten. Das Mädchen ließ er sich gegenüber knien, und wie er in dieser Stellung verweilend beim Anblick ihrer entblößten Schönheiten mehr als je in seiner Begierde entbrannte, zeigte sich die Auferstehung des Fleisches. Als Alibech diese gewahr ward, wunderte sie sich und sprach: „Rusticus, was ist denn das für ein Ding, was ich an 332 Dritter Tag. Zehnte Geschichte- Dir so vorne 'raus kommen sehe und das ich gar nicht habe?" „Ach, meine Tochter", sagte Rusticus, „das ist eben der Teufel, von dem ich Dir gesprochen habe. Siehst Du, jetzt gerade plagt er mich so sehr, daß ich es kaum aushalten kann." „Nun Gott sei Lob" sagte das Mädchen darauf, „so sehe ich, daß mir's besser geht, als Dir, denn ich für mein Theil habe keinen solchen Teufel." Rusticus sagte: „Du sprichst die Wahrheit, Du hast aber ein anderes Ding, das ich wieder nicht habe, und das ist eben so schlimm." „Warum nicht gar!" sagte Alibech. Rusticus antwortete ihr: „Du; hast die Hölle, und ich sage Dir, ich glaube, Gott hat Dich zum Heil meiner Seele hierher gesandt; denn wenn Du Dich meiner erbarmen und mir erlauben willst, daß ich, so oft dieser Teufel mich so sehr plagt, ihn in die Hölle hineinschicken darf, so wirst Du mir große Erleichterung gewahren, Gott aber einen ausbündigen Dienst und Gefallen erzeigen, wenn Du anders in der Absicht, die Du mir gesagt hast, hierhergekommen bist." Die Dirne erwiderte in gutem Glauben: „Ehrwürdiger Vater, da ich einmal die Hölle habe, so kann's geschehen wenn Ihr wollt." Darauf antwortete Rusticus: „Sei gesegnet, meine Tochter; so laß uns denn gehen und ihn heimschicken, auf daß er künftig mich in Frieden lasse." Und mit diesen Worten führte er das Mädchen zu dem einen ihrer Betten und lehrte sie, wie man sich stellen müsse, um diesen Verfluchten Gottes einzukerkern. Die Dirne, die noch niemals einen Teufel heim in die Hölle geschickt hatte, spürte beim ersten Male einiges Ungemach und sagte deshalb zum Rusticus: „Wahrlich, mein Vater, der Teufel muß ein abscheuliches Ding und ein rechter Gottesfeind sein, denn er thut selbst der Hölle, geschweige denn andern Dingen weh, wenn er hineinkommt." Rusticus sagte: „Meine Tochter, das wird nicht immer so sein." Und um es dahin zu bringen, schickten sie, bevor sie sich vom Bettchen erhoben, ihn an sechs Mal heim in 333 Alibech in der Lhebalde- die Hölle, sodaß sie ihm für dies Mal den Hochmuth aus dem Kopfe brachten und er ruhig in Frieden blieb. Als er sich aber später dennoch öfters wieder in Stolz erhob und das Mädchen sich immer willig zeigte, ihn zu demüthigen, geschah es, daß si'e^an dem Spiele Gefallen fand und zum Rusticus also sagte: „Nun sehe ich wohl, daß die wackeren Leute in Capsa recht hatten, wenn sie sagten, Gott zu dienen sei ein so süßes Ding. Denn wahrlich ich erinnere mich nicht, je Etwas gethan zu haben, das mir so viel Lust und Vergnügen gewahrt hätte, als den Teufel in die Hölle heimzuschicken. Und so halte ich dafür, daß Jeder, der sich nicht anstrengt Gott zu dienen, ein unvernünftiges Thier ist." Aus diesem Grunde kam sie oft zum Rusticus und sagte: „Ehrwürdiger Vater, ich bin hierher gekommen, um Gott zu dienen und nicht um müßig zu gehn; so kommt denn und laßt uns den Teufel heim in die Hölle schicken." In dieser Beschäftigung sagte sie auch wol zuweilen: „Rusticus, ich weiß gar nicht, warum der Teufel aus der Hölle wieder 'rausgeht; denn wäre er so gerne drinne, als die Hölle ihn gern ausnimmt und festhalt, so würde er immer drinne bleiben." Wahrend die Dirne auf solche Weise den Rusticus oft zum Gottesdienste einlud und ermunterte, hatte sie ihm allmälig die Wolle so aus der Jacke gezupft, daß er fror, wenn ein Anderer geschwitzt hätte. Deshalb sagte er denn nachgerade zu dem Mädchen, man müsse den Teufel nur dann züchtigen und in die Hölle heimschicken, wenn er sein Haupt in Hochmuth erhöbe. „Wir aber," fügte er hinzu, „haben ihn durch Gottes Hülfe so entlarvt, daß er Gott bittet, in Frieden bleiben zu dürfen." Dadurch brachte er das Mädchen auf einige Zeit zum Schweigen; da sie aber sah, wie Rusticus sie gar nicht weiter aufforderte, den Teufel in die Hölle heimzuschicken, sagte sie ihm eines Tages: „Rusticus, ist Dein Teufel nun abgestraft und plagt er Dich nicht mehr, so läßt mich 334 Dritter Tag. Zehnte Geschichte. meine Hölle nicht in Ruhe. Und darum wirst Du ein gutes Werk thun, wenn Du mit Deinem Teufel die Wuth meiner Hölle bändigen hilfst, wie ich mit meiner Hölle geholfen habe, Deinem Teufel den Stolz zu vertreiben." Rusticus, der von Krauterwurzeln lebte, war ge- nöthigt, in diefem Spiele oft zu passen, und sagte ihr, um die Hölle zu beschwichtigen, brauche man einen ganzen Haufen Teufel; doch wolle er für sie thun, was er irgend im Stande sei. So erfüllte er denn zuweilen noch ihre Wünsche; doch geschah es so selten, daß es nicht mehr sagen wollte, als wenn man einem Löwen eine Bohne in den Rachen wirft. Auch war die Dirne, die Gotte nicht ihren Wünschen gemäß zu dienen glaubte, damit gar nicht zufrieden. Wahrend aber dieser Streit zwischen dem Teufel des Rusticus und der Hölle der Alibech wegen übermäßigen Verlangens und geringer Kräfte noch fortdauerte, geschah es, daß in Capsa ein Feuer auskam, und Alibech's Vater mit allen seinen Kindern und sonstiger Familie im eigenen Hause verbrannte, so daß nun Alibech die Erbin des ganzen Vermögens ward. Deshalb begab sich auch ein junger Mann, Namens Neerbal, der alle sein Geld in Groß- thuereien durchgebracht hatte, wie er hörte, sie sei noch am Leben, auf den Weg, sie zu suchen, und fand sie zu Rusticus großer Freude, noch bevor die Gerichte das Vermögen, das ihrem Vater gehört hatte, als erbloses Gut eingezogen hatten. Er führte sie gegen ihren Willen nach Capsa zurück, heirathete sie und nahm mit ihr das ganze Vermögen hin. Als aber die Frauenzimmer sie, bevor sie noch bei Neerbal geschlafen hatte, befragten, wodurch sie denn in der Wüste Gott gedient habe, antwortete sie, durch Heimschicken des Teufels in die Hölle, und Neerbal habe eine große Sünde begangen, sie solcher Verrichtung zu entziehen. Die Weiber fragten, wie man denn den Teufel heim in die Hölle schicke, und die Dirne zeigte es ihnen 335 Alibech in der Thebalde. halb mit Worten und halb mit Zeichen. Darüber mußten jene so sehr lachen, daß sie gar nicht aushören konnten, und sie sagten: „Liebes Kind, sei deshalb unbesorgt, das kann man auch hier bei uns recht gut thun und Neerbal wird auf dieselbe Weise unserm Herrgott fleißig mit Dir dienen." Dann erzählte Eine der Andern in der Stadt die Geschichte und es wurde dort zum Sprüchwvrt, der lustigste Gottesdienst sei, den Teufel heim in die Hölle zu schicken. So ist denn diese Redensart übers Meer gekommen und dauert noch heute fort. Drum, meine jungen Damen, müßt auch Ihr, denen die Gnade Gottes gar Noch thut, lernen, wie man den Teufel in die Hölle heimschickt, denn solche Hebungen sieht der liebe Gott gerne, die Parteien ergötzen sich daran, und vieles Gute kann dadurch erzeugt werden und auf die Welt kommen." Tausend Mal und öfter hatte'die Geschichte des Div- neus die sittsamen Mädchen zum Lachen erregt, so spaßhaft kamen ihnen seine Worte vor. Als er aber zum Schluffe kam und die Herrschaft der Königin nun ihr Ende erreicht hatte, nahm sie sich den Lorbeerkranz vom Haupt, setzte ihn mit vieler Anmuth dem Philostratus aus und sagte: „Nun werden wir sehen, ob der Wolf besser verstehen wird, die Schafe zu führen, als bisher Schafe die Wölfe geführt haben." Als Philostratus dies hörte, sagte er lächelnd: „Wäre es auf mich angekommen, so hätten die Wölfe den Schäflein eben so gut gelehrt, den Teufel in die Hölle heimschicken, als Rusticus der Alibech. Und so nennt uns denn nicht Wölfe, da Ihr Euch nicht als Schafe benommen habt. Da mir indeß das Regiment übertragen wird, so will ich mein Reich regieren." Nei- phile antwortete ihm: „Höre, Philostratus, statt uns belehren zu wollen, hättet Ihr lieber, wie Masetto aus Lam- porecchio, von den Nonnen Klugheit lernen und die Spra- 336 Dritter Tag. che nicht eher wiederbekommm sollen, als bis die Knochen ohne Lehrmeister pfeifen gelernt hätten." Philostra- tus merkte wohl, daß für jeden seiner Pfeile eine Sichel zur Hand war, er gab deshalb das Witzeln aus und begann statt dessen, sich mit der Regierung des nun ihm übertragenen Reiches zu beschäftigen. Deshalb ließ er sich den Seneschall rufen und sich von ihm berichten, wie weit Alles gediehen sei; dann ordnete er mit vielem Verstände für die Dauer seiner Herrschaft an, was ihm ziemlich und für das Vergnügen der Gesellschaft förderlich erschien, und wandte sich, als dies geschehen war, mit folgenden Worten zu den Damen: „Liebevolle Damen, seitdem ich Gut und Böse zu unterscheiden wußte, war ich zu meinem Unglück, wegen der Schönheit der Einen oder Andern unter Euch, dem Amor immer unterworfen. Daß ich demüthig und gehorsam war und in Allem, was ich wußte, aus vollen Kräften seiner Weise nachlebtc, hat mir nichts geholfen, vielmehr hat man mich zuerst um eines Andern willen verlassen, und nachher ist es mit immer scheelst und schlechter gegangen und so wird es mir auch wol gehen bis an meinen Tod. Deshalb will ich denn, daß nichts Anderes der Gegenstand unsrer morgenden Geschichten sei, als was meinem Schicksale entspricht, nämlich, die Begebenheiten Derjenigen, deren Liebe üblen Ausgang hatte. Denn auch den Ausgang der mcinigen erwarte ich, wenn es lange so fortdauert, höchst betrübt, und allein um dessentwillen hat mir Einer, der wohl wußte, was er that, den Namen beigelegt, bei dem Ihr mich ruft." Mit diesen Worten stand er auf und beurlaubte einen Jeden bis zum Abendessen. Der Garten war so schön und so ergötzlich, daß Keiner aus der Gesellschaft es vorzog ihn zu verlassen, um anderwärts größeres Vergnügen zu finden. Vielmehr unterhielten sie sich, da die schon kühlere Sonne sie nicht mehr daran hinderte, den Rehen, Kaninchen und andern Schluß. 337 Thieren nachzueilen, die, wahrend sie saßen, mehr als hundert Mal zwischen ihnen durchgesprungen waren und sie gestört hatten, nun damit, das eine oder andere derselben zu verfolgen. Dioneus und Fiammetta singen an, von Wilhelm und der Dame von Verju zu singen. Philomena und Pamphilus spielten Schach und so vertrieben sie sich der Eine hiermit, der Andere damit die Zeit, bis, kaum erwartet, die Stunde des Abendessens herankam. Die Tafeln waren bei dem schönen Springquelle gedeckt und sie aßen in großer Fröhlichkeit zu Abend. Darauf forderte Philostratus, um nicht von Denen abzuweichen, die vor ihm Königinnen gewesen waren, Lauretten auf, einen Tanz zu beginnen und ein Lied zu singen. „Herr" erwiderte sie, „fremde Lieder weiß ich nicht und von den meinigen kann ich keines auswendig, das einer so fröhlichen Gesellschaft hinlänglich entspräche. Wollt Ihr es aber, wie ich es habe, so will ich gerne eines sagen." Der.König antwortete darauf: „Nichts, was Du gemacht hast, kann anders, als schön und gut sein, und deshalb sage uns eins, wie Du es im Gedächtnis hast." Da sing Laurette mit gar sanfter Stimme und in etwas schwermüthiger Weise während die Uebrigen antworteten, also an: Niemand hat Leid empfunden, Mit so viel Grund zu klagen, Als ich, die ich von Schmerzen bin umwunden. Der Herr, auf dessen Wink die Himmel weichen, Hat mich zu seiner Lust gemacht, So schön, anmuthig, reizend ohne Gleichen, Daß, wer hienieden himmelwärts gedacht, Der Schönheit säh' ein Zeichen, Die droben stets vor seinem Auge lacht; Allein die Erdennacht Begriff nicht meine Reize, Hat mich verschmäht und nimmer schön gefunden. Wohl war ein Jüngling einst, der voll .Verlangen, Dckameron. I. 338 Dritter Lag. Weil zart ich war und klein, Mit Arm und mit Gedanken mich umfangen: Aus meinen Augen sog er Flammen ein; Die Zeit, die schnell vergangen, Verwandt' er nur, gefällig mir zu sein. Hingebend ward ich sein lind fand ihn meiner würdig; Jetzt aber, ach, ist solches Glück entschwunden. Drauf hat ein Andrer liebend mich erkoren, Voll keckem Uebermuth, Weil er sich tapfer dünkt und hochgeboren. Der hält voll Eifersucht mich streng in Hut, Leiht falschem Wahn die Ohren; Ich aber fühl', in herber Thrävcnflut, Verzweifelnd nur zu gut, Daß ich, zum Heile Vieler Geboren, nun an Einen mich gebunden. Mein widriges Geschick muß ich verklagen, Das mich bethöret, ach, Des Kleiderwechsels willen, ja zu sagen. Im dunklen Kleid' einst froh, muß Ungemach Ich nun im Hellen tragen Und überdies des bösen Leumund Schmach. O, arger Hochzeitstag, Was bin ich nicht gestorben, Bevor ich deine Bitterkeit empfunden! Geliebter Freund, den ich mit Lust besessen, Der keine jemals glich, Du weilst dort oben, in dem Anschaun Dessen, Der uns erschaffen hat; erbarme dich Der Frau, die zu vergessen Dich nie vermag, und überzeuge mich, Die Flamm' entzünde sich Auf's neu', in der ich glühte; Wo nicht, so kürze dieses Lebens Stunden. Schluß. 339 Hier endete Laurette ihr Lied, das von Allen überdacht, von Verschiedenen aber verschiedentlich verstanden ward. Die Einen meinten, es komme auf das Mailandische Sprichwort hinaus: besser eine fette Sau, als wie eine schöne Frau; Andre aber erkannten darin einen erhabneren, tieferen und richtiger aufgefaßten Sinn, von dem indeß zu reden jetzt nicht an der Zeit ist. Dann wurden auf des Königs Befehl Wachsfackeln in Menge angezündet und auf dem Rasen und den Blumen mehr andere Lieder noch gesungen, bis alle Sterne sanken, die im Aufsteigen gewesen waren. Nun erst meinte der König, eS sei Schlafenszeit, und hieß deshalb einen Jeden mit der Gukennacht sich in sein Zimmer zurückziehen. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.