324 Dritter Lag. Neunte Geschichte.
zu ihnen. Sie fand Mutter und Tochter recht ärmlichausfehend, begrüßte sie und sagte der Ersten, wenn esihr gefiele, wünschte sie mit ihr zu reden. Die Edelfraustand auf und sagte, sie sei bereit zu hören, und so gin-gen sie in eine Nebenstube, wo die Gräfin, als sie sichniedergelassen hatten, so zu sprechen anfing: „Madonna,Ihr gehört, wie mir es scheint, sowol als ich, zu den Fein-dinnen Fortunens; wenn Ihr aber wolltet, so könntet Ihrwol Euch und mich glücklich machen." Die Dame ant-wortete, sie wünsche nichts so sehr, als ihre Lage auf an-ständige Weise zu verbessern. Die Gräfin fuhr fort: „Ichbedarf Eurer Verschwiegenheit. Verlasse ich mich auf sie,und verrathet Ihr mich dennoch, so schadet Ihr Euch ebenso wohl als mir." „Vertrauet mir ruhig," erwiderte dieEdeldame,' „was Euch immer gefällt; gewiß werdet Ihrnie von mir betrogen werden." Darauf erzählte ihr denndie Gräfin auf so bewegliche Weise, wer sie sei und wassich Alles zugetragen habe, seit sie zuerst sich in den Gra-fen verliebte, daß die Edeldame, welche diese Begebenheitenzum Theil schon von Andern gehört hatte, ihren WortenGlauben beimaß und sie zu bemitleiden anfing.
Als die Gräfin mit ihrer Erzählung fertig war, fuhrsie fort: „Ihr habt gehört, was ich, zu meinem übrigenUnglück, für zwei Dinge besitzen muß, wenn ich meinenMann erlangen will. Ist es nun wahr, was ich ver-nehme, daß der Graf Eure Tochter auf das zärtlichsteliebt, so sehe ich ein, daß Niemand außer Euch mir dieseDinge verschaffen kann." Die Edeldame antwortete ihr:„Madonna, ob der Graf meine Tochter liebe, das weißich nicht; aber sein Benehmen ist ganz danach. Waskann ich aber deshalb thun, um Euch zu verschaffen, wasIhr wünschet?" „Madonna," erwiderte die Gräfin, „gleichwill ich es sagen; zuvor aber sollt Ihr hören, was Euchfür ein Vortheil daraus erwachsen wird, wenn Ihr hierinmir dienet. Ich sehe, Eure Tochter ist schön und altgenug zum Heirathen, auch muß ich aus Dem, was ich