296 Dritter Tag. Siebente Geschichte-
lebt er, und wenn er Eure Gunst wieder erlangt, so gehtes ihm wohl." Die Dame erwiderte: „Habt Acht, wasIhr sagt, ich habe ihn vor meiner Thür mit Messerstichenermordet gesehen; in diesen meinen Armen habe ich ihngehalten und ihm das tobte Angesicht mit vielen Thranenbenetzt, dis vielleicht Schuld an Dem gewesen sind, wasman mir seit der Zeit deswegen Uebles nachgesagt hat."Darauf sagte der Pilger: „Madonna, was Ihr mir auchsagen mögt, ich versichere Euch, daß Tedaldo am Lebenist, und wollt Ihr versprechen und halten, was ich Euchgesagt habe, so hoffe ich, Ihr sollt ihn bald sehen."„Gerne," entgegnete die Dame, „will ich es thun undthue es hiermit; denn nichts könnte mir begegnen, dasmir zu gleicher Freude gereichte, als meinen Mann un-verletzt wieder frei und den Tedaldo lebend zu sehen."
Nun schien es dem Tedaldo Zeit, sich zu offenbarenund die Dame durch sicherere Hoffnung in Betreff ihresMannes zu erfreuen. „Madonna," sagte er deshalb, „umEuch wegen Eures Mannes zu trösten, muß ich Euch einGeheimniß mittheilen, das Ihr Euer Lebelang bewahrenund Niemandem »erreichen werdet."
Die Dame hatte schon vorher das höchste Vertrauenzu der Heiligkeit, die sie dem Pilger beilegte, gefaßt, unddaher hatte sie ihn bereits in ein entferntes und einsamesZimmer geführt; und so zog denn nun Tedaldo einenRing hervor, den er mit der äußersten Sorgfalt bewahrthatte, und den die Dame in der letzten Nacht, die er mitihr zugebracht, ihm geschenkt hatte. Er zeigte ihr ihnund sagte: „Kennt Ihr dies, Madonna?" „Ja wohl,Herr," erwiderte die Dame, als sie den Ring sah undsogleich erkannte; „den schenkte ich einst dem Tedaldo."Darauf richtete der Pilger sich auf, warf Pilgermantelund Hut schnell von sich und sagte in florentinischer Aus-sprache: „Und kennt Ihr mich denn nun?" Als dieDame ihn sah, und erkannte, es sei Tedaldo, erschrak sieheftig und fürchtete sich so sehr vor ihm, wie man sich